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Bibliodiversität im Kontext des französischen Ehrengastauftritts Francfort en français auf der Frankfurter Buchmesse 2017

2023
978-3-3811-0212-9
Gunter Narr Verlag 
Luise Hertwig
10.24053/9783381102129

Der französische Ehrengastauftritt auf der Frankfurter Buchmesse 2017 rückte statt der Literatur Frankreichs die französische Sprache in den Fokus, und erklärte, "ein internationales Schaufenster der Literatur in französischer Sprache in ihrer größten Vielfalt" sein zu wollen. Die Studie setzt sich mit dem Konzept der Bibliodiversität - kultureller Vielfalt bezogen auf das Buchwesen - und seiner Bedeutung im Kontext von Francfort en francais auseinander. Sie klärt, wie Bibliodiversität bei der Umsetzung des Auftritts berücksichtigt wurde, und untersucht dessen Folgen für die Akteur:innen in den beteiligten frankophonen und deutschsprachigen literarischen Feldern sowie für die Diversität von Übersetzungen aus dem Französischen auf dem deutschsprachigen Buchmarkt. Die Studie stellt eine der wenigen bisher existierenden, umfassenden und empirischen Untersuchungen zur Bibliodiversität dar.

lendemains Luise Hertwig Bibliodiversität im Kontext des französischen Ehrengastauftritts Francfort en français auf der Frankfurter Buchmesse 2017 Die ganze Vielfalt des Publizierens in französischer Sprache? edition lendemains 51 Bibliodiversität im Kontext des französischen Ehrengastauftritts Francfort en français auf der Frankfurter Buchmesse 2017 edition lendemains 51 herausgegeben von Wolfgang Asholt (Osnabrück), Hans Manfred Bock (Kassel) † und Andreas Gelz (Freiburg) Luise Hertwig Bibliodiversität im Kontext des französischen Ehrengastauftritts Francfort en français auf der Frankfurter Buchmesse 2017 Die ganze Vielfalt des Publizierens in französischer Sprache? Zugl. Diss. Europa-Universität Flensburg 2022 Die Dissertation entstand im Rahmen des DFG-geförderten Forschungsprojekts „Buch‐ messen als Räume kultureller und ökonomischer Verhandlung“ (Projektnummer 317687246). DOI: https: / / www.doi.org/ 10.24053/ 9783381102129 © 2023 · Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Überset‐ zungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Alle Informationen in diesem Buch wurden mit großer Sorgfalt erstellt. Fehler können dennoch nicht völlig ausgeschlossen werden. Weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen übernehmen deshalb eine Gewährleistung für die Korrektheit des Inhaltes und haften nicht für fehlerhafte Angaben und deren Folgen. Diese Publikation enthält gegebenenfalls Links zu externen Inhalten Dritter, auf die weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen Einfluss haben. Für die Inhalte der verlinkten Seiten sind stets die jeweiligen Anbieter oder Betreibenden der Seiten verantwortlich. Internet: www.narr.de eMail: info@narr.de CPI books GmbH, Leck ISSN 1861-3934 ISBN 978-3-381-10211-2 (Print) ISBN 978-3-381-10212-9 (ePDF) ISBN 978-3-381-10213-6 (ePub) Umschlagabbildung: picture alliance / Sven Simon / Elmar Kremser Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http: / / dnb.dnb.de abrufbar. www.fsc.org MIX Papier aus verantwortungsvollen Quellen FSC ® C083411 ® 9 1 11 1.1 14 1.2 19 1.3 27 2 31 2.1 31 2.1.1 32 2.1.2 52 2.1.3 59 2.2 69 2.2.1 69 2.2.2 81 2.2.3 92 2.3 100 2.3.1 101 2.3.2 112 2.3.3 119 2.4 123 Inhalt Abkürzungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Stand der Forschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Forschungsdesign, Material und Methodik . . . . . . . . . . . . . . . . Aufbau der Arbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bibliodiversität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Entstehung des Konzeptes und seine Bedeutung . . . . . . . . . . . Strukturwandel im Buchwesen als Prämisse des Konzeptes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Diskurse zur Vielfalt im Buchwesen und zum Schutz kultureller Diversität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Interpretationen des Konzeptes Bibliodiversität . . . . . . Indikatoren und Messbarkeit von Bibliodiversität . . . . . . . . . . Multidimensionales Analysemodell nach Benhamou und Peltier (2006) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Unabhängige Verlage und Übersetzungen als „Garanten der Bibliodiversität“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Weitere Indikatoren der Bibliodiversität . . . . . . . . . . . . Kulturpolitische Rahmenbedingungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Buchpolitik zur Förderung kultureller Vielfalt . . . . . . . Fokus Übersetzungsförderung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Weitere kulturpolitische Empfehlungen zur Förderung der Bibliodiversität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Internationale Buchmessen und Bibliodiversität . . . . . . . . . . . 3 133 3.1 133 3.1.1 136 3.1.2 143 3.2 156 3.2.1 156 3.2.2 166 3.3 180 3.3.1 181 3.3.2 186 4 191 4.1 192 4.1.1 192 4.1.2 197 4.2 202 4.2.1 202 4.2.2 209 4.3 212 4.3.1 212 4.3.2 220 4.3.3 228 5 233 5.1 233 Interaktionen literarischer Felder und die Frankfurter Buchmesse . . . . . . Die Frankfurter Buchmesse als Raum ökonomischer und kultureller Verhandlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Internationalität und Vielfalt der Frankfurter Buchmesse im 20.-Jahrhundert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ehrengastmodell und Diversitätsbemühungen der Frankfurter Buchmesse heute . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Interaktion in und zwischen literarischen Feldern . . . . . . . . . . Das frankophone literarische Feld . . . . . . . . . . . . . . . . . Der deutsch-französische Literaturaustausch . . . . . . . . Der Ehrengastauftritt Frankreichs auf der Frankfurter Buchmesse 1989 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Selbstverständnis und zeitgeschichtlicher Kontext . . . . Umsetzung der Gastlandpräsentation Frankreichs 1989 Francfort en français 2017 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Genese des französischen Ehrengastauftritts . . . . . . . . . . . . . . „L’histoire d’une patate chaude“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Francfort en français als Projekt der französischen Außenkulturpolitik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Selbstverständnis und zeitgeschichtlicher Kontext . . . . . . . . . Die französische Sprache: Symbol der französischen kulturellen Identität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Deutsch-französische Beziehungen und Blick nach Europa . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Umsetzung des französischen Ehrengastauftritts . . . . . . . . . . . Organisationsstrukturen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ein Ehrengastpavillon ohne Grenzen . . . . . . . . . . . . . . . Programm und Veranstaltungsformate . . . . . . . . . . . . . Francfort en français und Bibliodiversität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Französische Übersetzungsförderung im Vorfeld des Ehrengastauftritts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6 Inhalt 5.2 244 5.3 257 6 265 6.1 265 6.1.1 265 6.1.2 273 6.2 283 6.2.1 284 6.2.2 289 6.3 293 7 299 7.1 299 7.1.1 299 7.1.2 303 7.2 313 7.2.1 313 7.2.2 339 8 355 8.1 355 8.2 367 379 i. 379 ii. 392 ii.i 392 ii.ii 397 „Autoren, die auf Französisch träumen, schreiben und zeichnen“: Analyse der offiziellen Delegation frankophoner Autorinnen und Autoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Auswahl von Büchern im Ehrengastpavillon: Kontroverse Bücherspende . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Rezeption und Effekte von Francfort en français . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Francfort en français und das deutschsprachige literarische Feld . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Deutsche Buchhandlungen und Francfort en français . . Deutschsprachige Verlage und Francfort en français . . Francfort en français und das frankophone literarische Feld . . Akteurinnen und Akteure in Frankreich . . . . . . . . . . . . Akteurinnen und Akteure im frankophonen literarischen Feld außerhalb Frankreichs . . . . . . . . . . . . Rezeption von Francfort en français in deutsch- und französischsprachigen Medien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bibliodiversität von Übersetzungen aus dem Französischen auf dem deutschsprachigen Buchmarkt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Untersuchungsdesign . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Variablen der Analyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Methodisches Vorgehen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Analyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Angebotene Bibliodiversität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Konsumierte Bibliodiversität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Nachwirkungen von Francfort en français . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Debatten um Realität und Entwicklung des frankophonen literarischen Feldes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zusammenfassung und Ausblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Forschungsliteratur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Quellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gedruckte Quellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Internetquellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Inhalt 7 413 453 457 Anhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Abbildungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Tabellenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 Inhalt Abkürzungsverzeichnis AIEI Alliance internationale des éditeurs indépendants ASDEL Association Suisse des Diffuseurs, Éditeurs et Libraires BIEF Bureau international de l’édition française BNF Bibliothèque Nationale de France Börsenverein Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V. CNL Centre national du livre DDC Dewey Decimal Classification DFG Deutsche Forschungsgemeinschaft DNB Deutsche Nationalbibliothek États généraux États généraux du livre en langue française dans le monde FCE Field-Configuring Event GfK Gesellschaft für Konsumforschung HHI Herfindahl-Hirschman-Index IF Institut français ISBN Internationale Standardbuchnummer OiF Organisation internationale de la Francophonie UNESCO United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization SNE Syndicat national de l’édition WBI Wallonie-Bruxelles International 1 Einleitung Notre participation à la Foire du livre de Francfort est tournée vers la jeunesse, l’innovation et la langue française : nous avons souhaité que ‹Francfort en français› soit une vitrine internationale d’une littérature d’expression française dans sa plus grande diversité. (Le Drian 2017) Im Jahr 2017 war Frankreich zum zweiten Mal Ehrengast der Frankfurter Buch‐ messe. Während der französische Gastlandauftritt 1989 noch von einer eher nationalen Herangehensweise geprägt war, stellte das Organisationskomitee des Gastlandauftritts Francfort en français im Jahr 2017 nicht die Literatur Frankreichs, sondern die französische Sprache in den Mittelpunkt. Ziel des Ehrengastauftritts war es dem damaligen französischen Außenminister Jean- Yves Le Drian zufolge also, die kulturelle Vielfalt der Literatur in französischer Sprache zu zeigen. Diese kulturelle Vielfalt bezogen auf das Buchwesen wird auch als Bibliodiversität bezeichnet. Die vorliegende Studie widmet sich der Frage, wie Bibliodiversität im Kontext des französischen Ehrengastauftritts auf der Frankfurter Buchmesse 2017 und in der Interaktion der beteiligten literarischen Felder einzuordnen und zu bewerten ist. Aufgrund der Entscheidung Frankreichs, die Einladung der Frankfurter Buchmesse auf die französische Sprache auszuweiten, gehörte zu den beteiligten literarischen Feldern neben dem deutschsprachigen (mit der Buchmesse als Gastgeberin) und dem französischen auch das frankophone literarische Feld. Das Projekt Francfort en français präsentierte auf der Frankfurter Buchmesse unter anderem eine Vielzahl von Autorinnen und Autoren mit unterschiedlicher Herkunft, die aber alle das Französische als ihre Literatursprache teilten. Auf institutioneller Ebene wurden die frankophonen Gebiete der Schweiz, Luxem‐ burgs und Belgiens sowie die Organisation internationale de la Francophonie (OiF) am Auftritt beteiligt. Die Frankfurter Buchmesse legt wie auch andere internationale Buchmessen jedes Jahr den Schwerpunkt auf ein anderes Land oder eine Region mit einer eigenen Präsentation auf der Messe, kulturellen Begleitveranstaltungen und häufig intensiver Medienberichterstattung. Damit möchte sie dem anwesenden Publikum sowie der Gesellschaft einen neuen Zugang zum jeweiligen Gastland und seiner Literatur ermöglichen und den kulturellen Dialog zwischen den beteiligten Akteurinnen und Akteuren der Buchbranchen unterstützen (vgl. Website Frankfurter Buchmesse, „Informationen rund ums Thema Ehrengast“). So verfolgt die Buchmesse mit dem Ehrengastkonzept neben ökonomischen Zielen und der Absicht, Sichtbarkeit für die Buchmesse zu generieren, auch die Intention, Bibliodiversität zu begünstigen. Das Konzept der Bibliodiversität, ihre Indikatoren und Messbarkeit wurde bisher kaum erforscht, gerade auch in internationaler Perspektive. Um auch in Zukunft die Vielfalt im internationalen Buchwesen zu erhalten und Möglich‐ keiten zu ihrer Stärkung auszuloten, ist es gerade angesichts der bevorstehenden Transformation der Buchmessen durch die Effekte der Covid19-Pandemie von großem Interesse, zu untersuchen, ob und inwieweit Ehrengastauftritte auf internationalen Buchmessen zur Demonstration, Erhaltung und Förderung der kulturellen Vielfalt im Buchwesen beitragen können. Diese Forschungsarbeit bietet daher eine erste größere empirische Studie zur Bibliodiversität im Kontext des Phänomens der Ehrengastauftritte auf der Frankfurter Buchmesse am Beispiel von Francfort en français sowie im Teilbereich der Übersetzungen aus dem Französischen auf dem deutschsprachigen Buchmarkt. Die Studie klärt erstens, wie Bibliodiversität bei der Umsetzung des Ehren‐ gastauftritts Francfort en français berücksichtigt wurde, das heißt insbesondere in der Integration verschiedener Akteurinnen und Akteure in dieses Projekt. Zweitens analysiert sie das Projekt Francfort en français und seine Folgen für die Akteurinnen und Akteure der beteiligten Buchmärkte im deutsch- und franzö‐ sischsprachigen Raum. Entsprechend der Orientierung des Ehrengastauftritts hin zur Frankophonie ist es besonders wichtig, auch die Perspektive der Akteurinnen und Akteure anderer frankophoner Länder bzw. die Auswirkungen des Projekts für die Bibliodiversität im frankophonen literarischen Feld zu betrachten. Drittens untersucht sie, wie es um die Bibliodiversität von Überset‐ zungen aus dem Französischen auf dem deutschsprachigen Buchmarkt in einem längeren Zeitraum, von 2007 bis 2019, bestellt ist, und welche Auswirkungen der Ehrengastauftritt von 2017 auf den Literaturtransfer vom frankophonen ins deutschsprachige literarische Feld hatte. Unter Bibliodiversität wird in dieser Studie die Fähigkeit des Buchwesens verstanden, in allen Stufen des Entstehungs- und Verbreitungsprozesses von Literatur bis hin zu ihrer Lektüre Vielfalt zu produzieren (vgl. Galliand 2011b, 3). Bibliodiversität wird vor allem durch die Vielfalt der Akteurinnen und Akteure, die in den literarischen Feldern (inter-)agieren, aufrechterhalten. Eine besondere Rolle für die Bibliodiversität spielen kleine, unabhängige Verlage, die entgegen der Tendenz größerer Verlagsgruppen, Bestseller zu produzieren 12 1 Einleitung und sich insbesondere auf Übersetzungen aus den anglophonen Buchmärkten zu konzentrieren, mit ihren Veröffentlichungen von Stimmen abseits des Mainstreams und Übersetzungen aus diversen Sprachräumen ein vielfältiges Literaturangebot schaffen (vgl. Hawthorne 2017 und Bourdieu 1999). Die Vielfalt und das Gleichgewicht im ökosozialen System des Buchwesens sind zunehmend durch ökonomische Effekte der Globalisierung der Buchmärkte gefährdet. Durch Konzentrationsprozesse und international agierende Kon‐ zerne, die auch im Buchwesen in Erscheinung treten, nehmen Homogenisie‐ rungserscheinungen auf den Buchmärkten zu (vgl. Schiffrin 1999). Es besteht die Herausforderung, kulturelle Vielfalt und freie Meinungsäußerung zu erhalten und zu stärken. Die Globalisierung birgt für das internationale Buchwesen neben den Risiken aber auch Chancen. So erleichtert etwa die zunehmende Digitalisierung neue Interaktionsformen zwischen Akteurinnen und Akteuren unterschiedlicher literarischer Felder. Diese fördern die Entstehung sozialer Netzwerke, welche im Verlagswesen unter anderem in Form von internatio‐ nalen Interessensgemeinschaften wie der Alliance internationale des éditeurs indépendants (AIEI) in Erscheinung treten. Die Entscheidung, die Einladung zur Frankfurter Buchmesse auf die franzö‐ sische Sprache auszuweiten, statt eine Nationalliteratur Frankreichs darstellen zu wollen, war für das Organisationsteam des Ehrengastauftritts Francfort en français unumstritten (vgl. Hertwig 2018a), und wurde grundsätzlich auch als positiv und in der heutigen Zeit als selbstverständlich aufgenommen. Dennoch handelte es sich bei Francfort en français um ein hauptsächlich vom Institut fran‐ çais (IF) organisiertes und damit vom französischen Staat finanziertes Projekt der Außenkulturpolitik, in dem die wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Interessen verschiedenster Akteurinnen und Akteure aus dem politischem, dem literarischen sowie weiteren Feldern ausgehandelt werden mussten. Der vorliegenden Untersuchung der Bibliodiversität im Kontext des französischen Gastlandauftritts auf der Frankfurter Buchmesse 2017 liegt daher folgende Hypothese zugrunde: Francfort en français repräsentierte vor allem diejenigen Akteurinnen und Akteure, die bereits eine starke Position im frankophonen bzw. französischen literarischen Feld innehatten. Die Studie geht davon aus, dass das Projekt Francfort en français, indem es die französische Sprache anstatt der Literatur Frankreichs in den Mittelpunkt stellte, zwar die Darstellung der ganzen Vielfalt des Publizierens in französi‐ scher Sprache anstrebte. In der konkreten und praktischen Umsetzung stand aber die französische Verlagswirtschaft im Mittelpunkt, was sich auch in der zentralen Rolle des Syndicat national de l’édition (SNE) als Mitorganisator des Auftritts manifestierte. Verlage außerhalb Frankreichs erlebten im Vorfeld und 1 Einleitung 13 während des Ehrengastauftritts kaum spürbare Effekte im Hinblick auf die internationale Anerkennung und das Interesse an ihrer Literatur. Deutschspra‐ chige Verlage, die anlässlich der Ehrengastauftritte der Frankfurter Buchmesse üblicherweise einen Fokus auf Übersetzungen aus der jeweiligen Landessprache legen, konnten im Jahr des französischen Ehrengastauftritts in besonderer Weise profitieren, da das Interesse an dem Nachbarland allgemein sehr groß ist und Französisch ohnehin eine etablierte Übersetzungssprache im deutschsprachigen Verlagswesen darstellt. So konnten deutschsprachige Verlage besonders viele Anknüpfungspunkte an das Ehrengastprojekt Francfort en français finden. Dennoch spricht die Studie dem Projekt Francfort en français und den ausgelösten Diskussionen um die ungleichen Chancen französischsprachiger Autorinnen und Autoren sowie Verlage im globalen Norden und Süden positive Veränderungen zu. Francfort en français rückte die bestehenden asymmetrischen Machtverhältnisse stärker ins Bewusstsein der Akteurinnen und Akteure auch der französischen Buchbranche, und die Entstehung von Netzwerken und Initiativen zur Änderung des Status Quo hatten mit der Veranstaltung der États généraux du livre en langue française dans le monde (États Généraux) auch politische Folgen. Die vorliegende Studie stellt zunächst eine punktuelle Studie zur Bibliodi‐ versität im Kontext des französischen Ehrengastauftritts auf der Frankfurter Buchmesse dar. Darüber hinaus wird über einen längeren Zeitraum zu unter‐ suchen sein, wie Francfort en français die Bibliodiversität in den beteiligten literarischen Feldern langfristig beeinflusst, beispielsweise ob der Ehrengastauf‐ tritt die Anzahl und die Nachfrage an Übersetzungen aus dem Französischen und insbesondere von Literatur aus Territorien außerhalb Frankreichs auf dem deutschen Buchmarkt nachhaltig erhöht. Vor allem regt die Studie zu weiterer Forschung zum Konzept der Bibliodiversität an, welches gerade im deutschen Sprachraum noch vergleichsweise wenig Beachtung gefunden hat. 1.1 Stand der Forschung Trotz der schon Jahrhunderte währenden Bedeutung der Buchmessen als Warenumschlagplätze und Orte des jährlichen, persönlichen Zusammentreffens aller an Produktion, Vertrieb und Verkauf von Büchern beteiligten Akteurinnen und Akteuren für die Entwicklung des internationalen Buchwesens, ist die Forschungslage zum Phänomen der Buchmessen und der Frankfurter Buch‐ messe im Speziellen noch recht überschaubar. Unter anderem durch zwei internationale Forschungsprojekte hat die Zahl der Publikationen in den letzten 14 1 Einleitung 1 Siehe die Website des Forschungsprojekts, Europa-Universität Flensburg, „Book Fairs as Spaces of Cultural and Economic Negotiation: Cultural Policies of International Book Fairs and Their Guests of Honour“. 2 Peter Weidhaas veröffentlichte mit Und kam in die Welt der Büchermenschen auch einen weiteren Band zu seinen persönlichen Erinnerungen als Buchmessedirektor, vgl. Weidhaas 2007. Jahren jedoch zugenommen. Diese Studie entstand im von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Forschungsprojekt Buchmessen als Räume kultureller und ökonomischer Verhandlung an der Europa-Universität in Flensburg (2017-2020). 1 Ebenso wie das vom spanischen Bildungsministerium geförderte Projekt Nuevas estrategias de promoción cultural. Las ferias interna‐ cionales del libro y la condición de invitado de honor von Carmen Villarino Pardo an der Universidad de Santiago de Compostela (seit 2018) untersuchte es verschiedene Aspekte gegenwärtiger Buchmessen insbesondere im deutsch-, spanisch- und portugiesischsprachigen Raum, und legte dabei den Fokus auf das Konzept der Ehrengastauftritte. Die bisherige Forschung zur Frankfurter Buchmesse ist insbesondere im Be‐ reich der Buch-, Medien- und Literaturwissenschaften sowie der Sozialforschung angesiedelt. Eine Geschichte der Frankfurter Buchmesse seit ihren Anfängen im 15. Jahrhundert stammt von Peter Weidhaas (vgl. Weidhaas 2003). Darin legt der langjährige Direktor der Buchmesse den Schwerpunkt auf ihre Entwicklung seit der Neugründung nach dem Zweiten Weltkrieg und auf den persönlichen Bericht aus der Zeit seiner Messeleitung. 2 Auch dem Thema der Ehrengastauft‐ ritte widmet sich Peter Weidhaas: Er führte als Reaktion auf den Vorwurf der deutschen Presse, der Buchhandel und auch die Buchmesse seien nur noch auf den ökonomischen Erfolg ausgerichtet, in den 1970er Jahren zunächst die Themenschwerpunkte und ab 1988 Länderschwerpunkte ein (vgl. Weidhaas 2003, S. 255f). Die Gastlandauftritte wurden daraufhin in der Tat ein beliebtes Thema in der Medienberichterstattung zur Buchmesse (siehe hierzu Kapitel 3.1). Mit historischen sowie ökonomischen Aspekten beschäftigt sich auch eine Studie zum Funktionswandel der Frankfurter Buchmesse über die Jahrhunderte und zur Bedeutung für die Akteurinnen und Akteure des gegenwärtigen Buchwesens (vgl. Niemeier 2001). Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der gegenwärtigen Frank‐ furter Buchmesse erschien der von Stephan Füssel herausgegebene Sammelband, der Untersuchungen einzelner Phänomene dieser Bücherschau zusammenführt (vgl. Füssel 1999a), darunter eine Darstellung der ersten Gastlandauftritte Italiens und Frankreichs Ende der 1980er Jahre sowie der Reaktionen der Presse und des Publikums darauf (vgl. Rütten 1999). Aktueller und stärker auf die Gegenwart der Frankfurter Buchmesse ausgerichtet ist die Studie von Beth Driscoll und 1.1 Stand der Forschung 15 Claire Squires, die unter anderem mit kreativen Methoden der teilnehmenden Beobachtung und Interviews in den Jahren 2017 bis 2019 die Entstehung von internationalen Bestsellern im Rahmen der Buchmesse untersuchte (vgl. Driscoll und Squires 2020). Speziell zu den Ehrengastauftritten auf der Frankfurter Buchmesse existieren einige weitere Beiträge mit medienanalytischen, kulturpolitischen und literatur‐ soziologischen Ansätzen. Corinna Norrick-Rühl widmet sich den Effekten der Ehrengastauftritte und vergleicht die Anzahl von Belletristik-Übersetzungen aus der Sprache des jeweiligen Gastlandes ins Deutsche für den Zeitraum 2009 bis 2018. Dabei betrachtet sie - wo möglich - Übersetzungszahlen für jeweils zwei Jahre vor und bis zu fünf Jahre nach dem jeweiligen Ehrengastauftritt. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass die Menge an Belletristik-Übersetzungen und der Status der Gastlandsprache unter Übersetzungen ins Deutsche im Jahr des Auftritts auf der Frankfurter Buchmesse einen deutlichen Höhepunkt erreichen, die Ehrengastauftritte jedoch keinen langanhaltend positiven, quan‐ titativ messbaren Effekt für die Übersetzungstätigkeit der deutschsprachigen Verlage in Bezug auf diese Sprache haben (vgl. Norrick-Rühl 2020). In einer umfassenden Arbeit zum finnischen Ehrengastauftritt 2014 betrachtet Helmi- Nelli Körkkö das Finnland-Image in den deutschen Medien (vgl. Körkkö 2017). Weitere Aufsätze zu einzelnen Ehrengastauftritten in Frankfurt widmen sich dem Litauen-Bild in den deutschen Medien während des Auftritts 2002, der Rolle der Übersetzerinnen und Übersetzer im Rahmen der Präsentation Neuseelands im Jahr 2012, dem Auftritt Argentiniens in kulturpolitischer Hinsicht sowie dem Konzept der Ausstellung im argentinischen Ehrengastpavillon 2010 (vgl. Eidukevičiené 2005; Kölling 2014; Dujovne und Sorá 2011; Pedota 2015). Der französische Ehrengastauftritt auf der Frankfurter Buchmesse 2017, das zentrale Thema dieser Studie, hat ebenfalls bereits Eingang in die For‐ schungsliteratur gefunden. Ein Beitrag von Marco Thomas Bosshard arbeitet die Kontroversen um die Bewerbungen Mexikos und Frankreichs als Gastland der Buchmesse in Frankfurt für das Jahr 2017 mit Blick auf die Einflussnahme des politischen auf das literarische Feld auf (vgl. Bosshard 2019). Eine Untersuchung zu staatlich gefördertem Literaturexport im Vorfeld der Ehrengastauftritte auf der Frankfurter Buchmesse vergleicht die Zusammensetzung der mithilfe von Übersetzungsförderung ins Deutsche übertragenen argentinischen Literatur vor dem Auftritt 2010 mit der französischsprachigen Literatur im Vorfeld von Francfort en français 2017 (vgl. Hertwig 2020). Außerdem ist insbesondere ein Dossier der Zeitschrift Lendemains zu nennen, welches sich Francfort en français widmet (vgl. Bosshard, Brink und Hertwig 2018). Eine vergleichende Analyse der Ehrengastauftritte Frankreichs auf der 16 1 Einleitung Frankfurter Buchmesse 1989 und 2017 zeigt, dass sich beide Auftritte auf das Leitwort „Vielfalt“ beziehen, die zugrundeliegenden Konzepte jedoch 1989 einen eher nationalen Ansatz hatten, während man 2017 eine transnationale Perspektive wählte (vgl. Hertwig 2018b). Hinsichtlich der Vielfalt der ausge‐ stellten Literatur und der Sichtbarkeit ihrer Produzentinnen und Produzenten im Ehrengastpavillon analysiert Matteo Anastasio die ästhetische Gestaltung des französischen Gastlandpavillons und kommt zu dem Schluss, dass der Auftritt Frankreichs sich auf die Darstellung der Produktion von Literatur und den Charakter des Französischen als eine sich fortwährend entwickelnde Sprache fokussierte (vgl. Anastasio 2018). Weitere Beiträge des Dossiers in Lendemains beschäftigen sich mit der Betei‐ ligung europäischer frankophoner Länder am französischen Ehrengastauftritt und seiner Rezeption in den Medien, in der französischsprachigen Schweiz (vgl. Hunkeler 2018a), in Belgien (vgl. Houscheid und Letawe 2018), in Frankreich sowie auch in der deutschen Presse (vgl. Hethey und Struve 2018). Jan Rhein erweitert die frankophone Perspektive auf das Projekt Francfort en français mit seiner Funktionsanalyse des unter anderem vom Bureau International de l’édition française (BIEF) organisierten Gemeinschaftstands, zu dem Verlege‐ rinnen und Verleger aus subsaharischen Ländern und Haiti eingeladen wurden (vgl. Rhein 2018). Marco Thomas Bosshards Untersuchung zur Rezeption des französischen Auftritts beim Publikum der Buchmesse, bei Buchhändlerinnen und Fachbesuchern, die auf quantitativen Befragungen beruht (vgl. Bosshard 2018), wurde in dieser Forschungsarbeit aufgegriffen und um eine qualitative Studie zur Bedeutung und Auswirkungen des Ehrengastauftritts für Akteu‐ rinnen und Akteure auf dem deutschsprachigen Buchmarkt ergänzt. Im Hinblick auf die Bedeutung des Ehrengastauftritts für Verlage auf dem deutschen Buch‐ markt existiert eine weitere Studie darüber, wie diese mit dem Bezug zum Gastland Argentinien im Jahr 2010 in ihren Verlagsvorschauen für argentinische Literatur werben (vgl. Bosshard und Gieseker 2015). Marco Thomas Bosshard und Sarah Gieseker ziehen darin das Fazit, dass die Verlage Suhrkamp, Insel, S. Fischer, Klaus Wagenbach und Berenberg in ihren Vorschauen eine Art der Literaturvermittlung wählen, die auf Stereotypen und der Vorstellung einer homogenen Nationalliteratur beruht. Die vorliegende Forschungsarbeit ergänzt unter Rückgriff auf einzelne Aspekte der bereits vorhandenen Literatur zu Ehrengastauftritten in Frankfurt und Francfort en français im Speziellen eine Untersuchung zu den Strategien von verschiedenen unabhängigen Verlagen und Buchhandlungen, mit denen die Akteurinnen und Akteure über das Gast‐ landkonzept eine erhöhte Sichtbarkeit generieren. Damit liefert die Studie auch 1.1 Stand der Forschung 17 3 Siehe Website AIEI, Alliance internationale des éditeurs indépendants, „Observatoire de la bibliodiversité“. einen neuen Ansatz zur Untersuchung der Auswirkungen der Ehrengastauft‐ ritte auf den deutschsprachigen Buchmarkt. Viele Publikationen zur Bibliodiversität, zu Veränderungen im Verlagswesen, und der Rolle unabhängiger Verlage stammen von Akteurinnen und Akteuren der Buchbranche selbst. Es sind wertvolle Zeugnisse aus der Praxis. Es ist aber gleichzeitig zu berücksichtigen, dass es in ihrer Natur liegt, dass sie von per‐ sönlichen Erfahrungen, Wertungen, Meinungen und partieller Wahrnehmung der unmittelbar Involvierten geprägt sind (vgl. auch Thompson 2012, 24-25). Zu ihnen gehören etwa L’édition sans éditeurs des Verlegers André Schiffrin (vgl. Schiffrin 1999) und Publikationen wie Des paroles et des actes pour la bibliodiversité, Zeugnisse der Mitglieder der AIEI (vgl. Des paroles et des actes pour la bibliodiversité 2006). Die AIEI mit Sitz in Paris leistet dennoch mit dem Observatoire de la bibliodiversité, welches die internationale Forschung zum Thema zusammenträgt, einen wichtigen Beitrag zur wissenschaftlichen Erforschung der Diversität im Buchwesen. 3 Sie gibt in größeren Abständen die Zeitschrift Bibliodiversity heraus. Für das vorliegende Thema sind insbesondere jene Ausgaben dieser Zeitschrift relevant, welche Beiträge zu den Indikatoren der Bibliodiversität und zur Wechselwirkung von Übersetzung und Globalisie‐ rung versammeln (vgl. Galliand 2011a und Sapiro 2014a). Die französischen Ökonominnen Françoise Benhamou und Stéphanie Peltier veröffentlichten in dieser Zeitschrift eine wichtige Studie mit dem Titel „How should cultural diversity be measured? An application using the French publishing industry“ zur Messbarkeit kultureller Diversität im Buchwesen (vgl. Benhamou und Peltier 2011). Sie definieren Bibliodiversität darin als ein multidimensionales Konzept und stellen - in Anlehnung an die Forschung zur Biodiversität - drei Kriterien der Vielfalt heraus: Auswahl, Gleichgewicht und Verschiedenheit. Für die Bibliodiversität gilt: „The greater the variety, the balance and the disparity of a system, the larger its diversity“ (Benhamou und Peltier 2011, 14). In ihrer Studie zur Vielfalt im französischen Verlagswesen zwischen 1990 und 2003 untersuchen Françoise Benhamou und Stéphanie Peltier nicht nur die Vielfalt des Angebots (supplied diversity), welche den Leserinnen und Lesern zur Verfügung steht, sondern setzen dieses auch in Beziehung zur tatsächlichen Nutzung, gemessen etwa durch Verkaufszahlen von Büchern sowie Platzierungen auf Bestsellerlisten (consumed diversity). Dieses Analysemodell diente in der vorliegenden Studie - nach Anpassung an die bestehenden Möglichkeiten der Datenerhebung - als Basis für die Untersuchung der Bibliodiversität im Transfer frankophoner Literatur auf 18 1 Einleitung den deutschsprachigen Buchmarkt im zeitlichen Umfeld des Ehrengastauftritts Francfort en français. Übersetzungsströme, literarische und kulturelle Austauschprozesse zwischen möglichst vielen beteiligten Sprachen, Literaturen und Akteurinnen und Ak‐ teuren sind ein wichtiger Faktor für die Produktion von Vielfalt im Buchwesen. In ihren Leitlinien zur Bibliodiversität nennt Susan Hawthorne Netzwerke, und damit Interaktionsmöglichkeiten, als Voraussetzung, „damit Kulturen gedeihen können“ (Hawthorne 2017, 95). Buchmessen stellen solch einen Raum für die Etablierung und Vertiefung dieser (internationalen) Netzwerke dar, welche Bib‐ liodiversität begünstigen können. Inwiefern das Konzept von Bibliodiversität im Kontext von Francfort en français berücksichtigt wurde, und welche Auswir‐ kungen der Ehrengastauftritt auf den Literaturtransfer und die Akteurinnen und Akteure des deutschsprachigen und frankophonen literarischen Feldes hat, untersucht diese Forschungsarbeit. Im Folgenden wird dargestellt, welche Materialien dazu herangezogen und welche Methodik angewendet wurde. 1.2 Forschungsdesign, Material und Methodik Zu den Herausforderungen bei einer wissenschaftlichen Untersuchung der Frankfurter Buchmesse schreiben Beth Driscoll und Claire Squires: The Buchmesse is a compressed, intense layering of social, technological, cultural and commercial transactions, and its scale and organisational complexita pose a methodological challenge for book culture researchers. […] The Fair is multilingual, multicultural and literally multilevel with intersecting experiences across parallel, never quite touching worlds. (Driscoll und Squires 2020, 7-8) Die Feststellung Robert Darntons in Bezug auf die historische Buchforschung, dass „Bücher weder sprachliche noch nationale Grenzen“ respektieren und „sich auch dagegen [wehren], in die Schranken einer einzelnen Disziplin gebannt zu werden“, weshalb „die Geschichte des Buches vom Format her international und von den Methoden her interdisziplinär sein“ (Darnton 1998, 96) müsse, gilt auch für die Gegenwart des Buchwesens. Auch die Untersuchung der Bibliodiversität im Kontext von Francfort en français erfordert daher aufgrund ihrer kulturpolitischen, literatur- und übersetzungssoziologischen sowie ökonomischen Aspekte sowohl quantitative als auch qualitative Forschungsmethoden. Durch die Triangulation sollen die Schwächen der spezifischen Methoden ausgeglichen und die Ergebnisse durch das voneinander unabhängige Vorgehen bei den verschiedenen Teilunter‐ suchungen abgesichert werden. Den theoretischen Rahmen dieser Arbeit bildet 1.2 Forschungsdesign, Material und Methodik 19 die Forschung zu literarischen Feldern nach Pierre Bourdieu (vgl. u. a. Bourdieu 1992, Bourdieu 1999 und Bourdieu 2004). Elemente der Theorie werden an jenen Stellen näher erläutert, an denen darauf zurückgegriffen wird bzw. an denen die von Pierre Bourdieu geprägten Begriffe angewendet werden. Die Studie gliedert sich in drei zentrale Teiluntersuchungen: Erstens zur Bibliodiversität im Vorfeld und während des Ehrengastauftritts Francfort en français, zweitens zu den Auswirkungen des französischen Ehrengastauftritts auf die Vielfalt im deutschsprachigen sowie im frankophonen literarischen Feld, sowie drittens zur Bibliodiversität im Hinblick auf Übersetzungen frankophoner Literatur auf dem deutschsprachigen Buchmarkt und mögliche Effekte von Francfort en français hierauf (siehe Abbildung 1). Abb. 1: Skizze zum Forschungsdesign der Studie 20 1 Einleitung 4 Wenn in der Folge in dieser Arbeit der Begriff Interview verwendet wird, sind die Expertinnen- und Experteninterviews gemeint. Im ersten Schritt wurde analysiert, inwiefern das Konzept der Bibliodiversität bei der Realisierung des Projektes Francfort en français berücksichtigt wurde (Kapitel 4 und 5). Mithilfe von rekonstruierenden Expertinnen- und Expertenin‐ terviews 4 mit den Mitgliedern des französischen Organisationskomitees sowie offiziellen Publikationen des Projektes wurde dazu zunächst der französische Ehrengastauftritt mit seinen Zielen und seinem Selbstverständnis kartogra‐ phiert, um anschließend verschiedene Aspekte des Auftritts hinsichtlich der Bib‐ liodiversität zu untersuchen. Mittels einer Analyse der Daten zur französischen Übersetzungsförderung des Centre national du livre (CNL) sowie des Institut français (IF) wurde ermittelt, welche deutsch- und französischsprachigen Ver‐ lage, Autorinnen und Autoren sowie Genres im Vorfeld des französischen Ehrengastauftritts von dieser Maßnahme, die als Instrument zur staatlichen Förderung der Bibliodiversität verstanden werden kann, profitiert haben. Eine Analyse der offiziellen Delegation der Autorinnen und Autoren hinsicht‐ lich der darüber vertretenen Genres und Verlage, der Herkunft, des Alters und des Geschlechts der Schriftstellerinnen und Schriftsteller ermöglichte es, das Verständnis des Projektes von Diversität in dieser Hinsicht zu beleuchten. Auch die Betrachtung der Gestaltung des Ehrengastpavillons auf der Messe erlaubte Schlüsse bezüglich des Verständnisses von Vielfalt: Auch wenn es in Rahmen dieser Arbeit nicht möglich war, die mehr als 43.000 ausgestellten Bücher nach Autorinnen und Autoren, Genres und Verlagen zu katalogisieren, konnte jedoch die Schwerpunktsetzung der Ausstellungen sowie die Ankündigung der Spende der ausgestellten Bücher an Länder im globalen Süden im Hinblick auf ihre möglichen Auswirkungen für die Bibliodiversität in diesen Ländern diskutiert werden. In einem zweiten Schritt wurden die Auswirkungen des französischen Eh‐ rengastauftritts auf die Vielfalt im deutschsprachigen sowie im frankophonen literarischen Feld erforscht (Kapitel 6). Mittels eines standardisierten Online- Fragebogens wurde untersucht, welche Bedeutung der Ehrengastauftritt Frank‐ reichs insbesondere für unabhängige Akteurinnen und Akteure im deutsch‐ sprachigen literarischen Feld hatte. Dabei wurde Fragen nachgegangen wie: Inwiefern nutzen Buchhändlerinnen und Buchhändler die Gastlandauftritte auf der Frankfurter Buchmesse für Aktivitäten zur Kundinnen- und Kundenbindung und Verkaufsförderung? Welchen Einfluss haben die Auftritte auf den Verkauf in der jeweiligen Buchhandlung? 1.2 Forschungsdesign, Material und Methodik 21 Eine weitere standardisierte Online-Befragung unter Fachbesucherinnen und Fachbesuchern sowie zusätzliche Interviews verdeutlichten, dass der Ehrengas‐ tauftritt auf der Buchmesse die Buchproduktion beeinflusst. Kleinere, unabhän‐ gige Verlage wenden unterschiedliche Strategien an, um die Gastlandauftritte auf der Frankfurter Buchmesse regelmäßig als Möglichkeit wahrzunehmen, auf sich und ihre Aktivitäten aufmerksam zu machen. Schließlich wurden die Auswirkungen des Projektes Francfort en français auf die Vielfalt im franko‐ phonen literarischen Feld analysiert. Mithilfe eines standardisierten Online-Fra‐ gebogens wurden französischsprachige Fachbesucherinnen und Fachbesucher zu ihrer Wahrnehmung des französischen Ehrengastauftritts befragt. Vertieft wurden diese Aussagen exemplarisch mittels Interviews mit frankophonen Verlegerinnen und Verlagsmitarbeitern aus Frankreich, der Schweiz, dem Li‐ banon und Tunesien. Auch dabei wurde der Fokus auf die Erforschung der Auswirkungen des französischen Ehrengastauftritts auf die Bibliodiversität und die (Macht-)Beziehungen im frankophonen literarischen Feld gelegt. Mittels einer Analyse von Medienberichten und politischen Reden wurden außerdem die Folgen von Francfort en français untersucht, wie sie sich in der auswärtigen Kulturpolitik des französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron in seiner Strategie für die weltweite Stärkung der französischen Sprache und Neudefini‐ tion der Frankophonie (verkündet am Internationalen Tag der Frankophonie am 20. März 2018) manifestieren. Mit der daraus resultierenden Einberufung der États généraux hatte Francfort en français indirekt auch Effekte auf die Diversität und Kooperation im frankophonen literarischen Feld. Im dritten Schritt wurden die Bibliodiversität der Übersetzungen franko‐ phoner Literatur auf dem deutschsprachigen Buchmarkt und mögliche kurzfris‐ tige Effekte von Francfort en français analysiert (Kapitel 7). Dazu wurde zunächst eine Liste französischsprachiger Literatur in aktueller deutscher Übersetzung auf Basis der Daten der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) erstellt. Als Zeitraum wurden die Jahre 2007 bis 2019 gewählt - somit konnten ein zehn‐ jähriger Entwicklungszeitraum bis zum Ehrengastauftritt 2017 sowie darüber hinaus zwei Jahre nach dem Ehrengastauftritt betrachtet werden. An dieser Stelle ist bereits anzumerken, dass eine längere Beobachtung im Anschluss an diese Forschungsarbeit wünschenswert ist. Angesichts der Tatsache, dass die Vorbereitung von Übersetzungen oftmals bis zu zwei Jahre in Anspruch nimmt, sowie dass, rein quantitativ betrachtet, die Anzahl der Übersetzungen nach Ehrengastauftritten auf der Frankfurter Buchmesse in den Folgejahren in den meisten Fällen zunächst abnimmt (vgl. Norrick-Rühl 2020), wurden in diesem kurzen zweijährigen Zeitraum nach dem Ehrengastauftritt zunächst keine deutlichen Effekte auf die Vielfalt der Übersetzungen beobachtet. 22 1 Einleitung Für die angestrebte Analyse des Zustands der Bibliodiversität bei Überset‐ zungen aus dem Französischen ins Deutsche hinsichtlich der konsumierten Diversität wurden außerdem Daten zur consumed diversity, also Verkaufszahlen und Bestsellerplatzierungen, benötigt. Da viele Verlage Verkaufs- und Absatz‐ zahlen nicht herausgeben und veröffentlichen möchten, war eine Korrelierung solcher Daten zur Gesamtheit des Korpus in dieser Arbeit nicht möglich. Zum Ausgleich wurde daher in diesem Teil der Analyse mit den anonymisierten Daten zweier Beispielverlage unterschiedlicher Größe gearbeitet. Material und Methodik In vielerlei Hinsicht war für die Entstehung dieser Studie der Besuch der Verfasserin auf der Frankfurter Buchmesse 2017 und die teilnehmende Beobach‐ tung des französischen Ehrengastauftritts Francfort en français von zentraler Bedeutung. Nicht nur wurde während der Buchmesse und der Teilnahme an ihren Veranstaltungen ein Feldtagebuch geführt, die Eröffnungsfeier mit ihren politischen Reden, Ausstellungen im französischen Ehrengastpavillon sowie das Veranstaltungsprogramm dokumentiert und diverse Materialien der offiziellen Projektkommunikation gesammelt. Es wurden außerdem standardi‐ sierte Befragungen des Publikums sowie bereits erste Interviews durchgeführt, deren Methodik später in diesem Abschnitt erläutert wird, bzw. wurden die Kontakte für deren spätere Durchführung geknüpft. Viele Verantwortliche des französischen Ehrengastauftritts sowie frankophone Verlagsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter standen aufgrund ihrer begrenzten zeitlichen Kapazität in Frankfurt im Oktober 2017 erst während eines Besuchs der Buchmesse Livre Paris im März 2018 für Interviews zur Verfügung. Besuche der Frankfurter Buchmesse in den Folgejahren 2018 und 2019 ermöglichten die Nachverfolgung der Effekte von Francfort en français sowie Vergleiche zu späteren Ehrengas‐ tauftritten. Während zusätzlicher Aufenthalte in Frankfurt wurden Recherchen zum Ehrengastauftritt Frankreichs 1989 im Büro der Buchmesse selbst sowie im Frankfurter Stadtarchiv durchgeführt, und die Leiterin des Ehrengastpro‐ gramms bei der Buchmesse interviewt. Im Folgenden wird das Vorgehen bei den standardisierten (Online-)Befra‐ gungen sowie bei den leitfadengestützten Interviews erläutert, da auf die Ergebnisse dieser Befragungen in verschiedenen Kapiteln der Studie Bezug ge‐ nommen wird. Dem methodischen Vorgehen bei der Erfassung und Auswertung von Daten zur französischen Übersetzungsförderung sowie bei der Ausgestal‐ tung des Untersuchungsdesigns zur Bibliodiversität im Hinblick auf Angebot und Nachfrage frankophoner Literatur in deutscher Übersetzung zwischen 2007 1.2 Forschungsdesign, Material und Methodik 23 5 Eine übergreifende Auswertung der im Rahmen des Flensburger DFG-Projekts durch‐ geführten Befragungen im Zusammenhang mit der Frankfurter Buchmesse 2017 findet sich bei Bosshard 2018. und 2019 wird dagegen in Kapitel 5.1 bzw. in Kapitel 7 jeweils eine eigene, ausführliche Darstellung gewidmet. Die Studie greift an verschiedenen Stellen auf standardisierte Befragungen zurück, die im Rahmen des von der DFG geförderten Forschungsprojektes „Buchmessen als Räume kultureller und ökonomischer Verhandlung“ an der Eu‐ ropa-Universität Flensburg anlässlich der Frankfurter Buchmesse 2017 durch‐ geführt wurden. 5 Drei verschiedene Zielgruppen wurden mittels verschiedener standardisierter Fragebögen, die sich in einigen Fragen überschnitten, zu ihren Erfahrungen mit der Frankfurter Buchmesse, den Ehrengastauftritten und speziell zu Francfort en français befragt. Gemeinsam mit dem sich auf der Buchmesse bewegenden Publikum füllten studentische Interviewerinnen und Interviewer vor Ort Papier-Fragebögen aus, während im Anschluss an die Buchmesse deutsche Buchhändlerinnen und Buchhändler sowie die bei der Frankfurter Buchmesse registrierten teilnehmenden Unternehmen wie Verlage und Literaturagenturen aus dem deutschsowie dem französischsprachigen Raum mittels eines Online-Fragebogens kontaktiert wurden. Während der Frankfurter Buchmesse 2017 wurden vor Ort an vier Tagen (Donnerstag, 12. Oktober bis Sonntag, 15. Oktober 2017) 368 Personen an verschiedenen Orten auf der Buchmesse, auch im Umfeld des französischen Ehrengastpavillons, befragt. Bei den ersten beiden Tagen handelte es sich um Fachbesuchertage, an denen sich das Laufpublikum der Branchenveranstaltung größtenteils aus deutschsprachigen und internationalen Fachbesucherinnen und -besuchern zusammensetzte. An den Wochenendtagen wird die Frankfurter Buchmesse auch für das allgemeine Publikum geöffnet, so dass an diesen Tagen vorrangig diese Zielgruppe an der Befragung teilnahm. Nachdem im Jahr 2017 insgesamt 286.425 Menschen die Frankfurter Buchmesse besuchten (vgl. Frankfurter Buchmesse 2017b), ermöglicht die Befragung der nur 368 zufällig ausgewählten Besucherinnen und Besuchern keine repräsentativen Aussagen. Es handelte sich dabei jedoch um die maximal erreichbare Anzahl an Interviewpartnerinnen und -partnern unter den gegebenen organisatorischen sowie finanziellen Möglichkeiten des Forschungsprojekts: Zwölf Studierende der Europa-Universität Flensburg führten an den vier Tagen in Zweiergruppen die Befragungen durch. Die Ergebnisse erlauben es, in der vorliegenden Arbeit Tendenzen der Meinungen und Wertungen des Fachbesucherinnensowie Laienpublikums zu Francfort en français darzustellen. 24 1 Einleitung 6 Vgl. Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.-V. 2018, 43. Für die Verbreitung der Online-Befragung der Fachbesucherinnen und Fach‐ besucher aus dem deutschsowie dem französischsprachigen Raum wurden die Kontaktdaten des Ausstellerkatalogs der Frankfurter Buchmesse 2017 genutzt. 1.060 Verlage und Literaturagenturen aus Deutschland, Österreich und der deutschsprachigen Schweiz sowie 288 registrierte Unternehmen aus Frankreich, Québec, den französischsprachigen Regionen der Schweiz und Belgiens sowie aus Haiti erhielten im November 2017 per E-Mail eine Einladung zur Teilnahme an der Befragung. Den deutschen Online-Fragebögen füllten 192 Personen aus; aus Frankreich und den anderen genannten frankophonen Ländern und Regionen trafen 91 bearbeitete französischsprachige Online-Fragebögen ein. Damit lag die Rücklaufquote unter den kontaktierten Verlagen und Literatur‐ agenturen deutlich höher als diejenige der Buchhändlerinnen und Buchhändler. Aufgrund vorheriger Erfahrung mit wenig zufriedenstellenden Rücklaufquoten bei der Online-Befragung von Buchhändlerinnen und Buchhändlern wurde neben dem Versand einer Einladung zur Teilnahme an der Umfrage über den Newsletter des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels e. V. (Börsenverein) an seine Mitglieder eine nach Unternehmensform, Standort und Größe reprä‐ sentative Auswahl an deutschen Buchhandlungen getroffen, die persönlich angeschrieben wurden. Insgesamt gingen daraufhin nur 40 beantwortete Fra‐ gebögen (online sowie solche in Papierform von den direkt kontaktierten Buchhandlungen) ein, und damit eine sehr geringe Anzahl angesichts von circa 2.850 im Börsenverein organisierten Buchhandlungen. 6 Aufgrund der höheren Rücklaufquote von 25 Prozent in der Gruppe der direkt kontaktierten und nach repräsentativen Kriterien ausgewählten Buchhandlungen ergibt sich hier dennoch „zumindest ein gewichtetes Stimmungsbild“ (Bosshard 2018, 28). Da es keine andere Datengrundlage zu den Erfahrungen verschiedener Akteurinnen und Akteure auf der Frankfurter Buchmesse 2017 gibt, beschreiben die Ergeb‐ nisse der quantitativen Befragungen in dieser Arbeit Tendenzen, und werden teilweise durch eigens geführte qualitative Interviews und weitere Materialien ergänzt. Die Auswertung aller in den verschiedenen quantitativen Befragungen gesammelten Daten erfolgte mithilfe der Statistik-Software SPSS. Die für diese Arbeit relevanten Ergebnisse werden insbesondere in Kapitel 6 zu den Effekten und der Rezeption von Francfort en français unter Akteurinnen und Akteuren im deutschsprachigen sowie dem frankophonen literarischen Feld dargestellt. Um die in den standardisierten Befragungen gewonnenen Informationen zu vertiefen, aber auch um in der Vergangenheit liegende Ereignisse wie die Organisation von Francfort en français und den französischen Ehrengastauftritt 1.2 Forschungsdesign, Material und Methodik 25 von 1989 rekonstruieren zu können, wurden Expertinnen- und Expertenin‐ terviews durchgeführt. Die Interviews erlaubten es, diese Rekonstruktionen vergangener Ereignisse und die sozialen Mechanismen bei der Organisation der Ehrengastauftritte und ihrer Bewertung durch die Akteurinnen und Akteure in den verschiedenen literarischen Feldern zu erforschen. Dem Vorteil, dass die Interviews als qualitative Methode es überhaupt erst ermöglichen, sich diesen Aspekten, über die Analyse öffentlich gemachter Dokumente hinaus, zu nähern, steht die Problematik gegenüber, dass die Interviews persönliche Perspektiven, Wahrnehmungen und Wertungen der Befragten abbilden, also als anekdotische Evidenz eingestuft werden müssen (vgl. Gläser und Laudel 2010, 71 und Allington 2010, 11). Um dieser Problematik zu begegnen, wurden mehrere Personen, teilweise auch aus derselben Organisationsstruktur, zu denselben Themen befragt, und die jeweils von persönlichen Situationen beeinflusste Färbung bei der Beantwortung von Fragen bei der Analyse so weit erkennbar be‐ rücksichtigt (vgl. Allington 2010, 13). Außerdem wurde die Repräsentativität der Aussagen auch über die Auswahl der verschiedenen Befragten gewährleistet. Die für diese Arbeit geführten Interviews können in zwei Kategorien einge‐ teilt werden: einerseits Interviews zur Rekonstruktion zurückliegender Ereig‐ nisse, andererseits Interviews, in denen nach Deutungen und Wertungen der Akteurinnen und Akteure gefragt wurde. Auch wenn die Grenzen zwischen beiden Formen teilweise fließend sind, zählen zu den eher rekonstruierenden Interviews insbesondere jene mit den Beteiligten an der Organisation des ersten Ehrengastauftritts Frankreichs auf der Frankfurter Buchmesse 1989 sowie an Francfort en français 2017, aber auch mit den Vertreterinnen und Vertre‐ tern der Institution Frankfurter Buchmesse. Es wurden dabei Personen aus verschiedenen Hierarchieebenen befragt, da diese nicht nur über verschiedene Informationen, sondern Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter etwa auch über mehr Zeit verfügten als die Projektleitung und in gewisser Weise über kritische Aspekte offener sprechen konnten. Die Auswahl der Interviewpartnerinnen und -partner stand nicht im Vorhinein fest - durch die Weiterempfehlung und zusätzliche Kontakte erweiterte sich die Liste der Befragten noch während des Befragungsprozesses (sogenanntes Schneeballprinzip). Mit einer Perspektive von außerhalb blickten Vertreterinnen und Vertreter von französischen und deutschen Verlagen sowie von Verlagen aus verschiedenen frankophonen Ländern wie der Schweiz, Tunesien und dem Libanon auf das Ehrengastprojekt Francfort en français und seine Auswirkungen auf das deutsch‐ sprachige sowie das frankophone literarische Feld. Vor dem Hintergrund der Bedeutung, die unabhängige Akteurinnen und Akteure für die Bibliodiversität haben, sollten bei der Auswahl vorrangig unabhängige Verlage in die Befragung 26 1 Einleitung 7 Eine Übersicht der geführten Interviews sowie die Transkriptionen der wichtigsten Interviews finden sich im Anhang. mittels Interviews einbezogen werden. In der Praxis gelang dies im Hinblick auf die Vertreterinnen und Vertreter aus französischen Verlagen weniger gut. Auf Anfragen an Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus den Lizenzabteilungen der Verlage, von denen angenommen wurde, dass sie auf der Frankfurter Buchmesse 2017 mit Sicherheit anwesend sein würden, reagierten insbesondere Personen aus den größeren Verlagshäusern. Aufgefangen werden konnte dies durch die Berücksichtigung dieses Umstands bei der Auswertung sowie durch die Tatsache, dass die drei betroffenen Verlage - Gallimard, Plon und Groupe Libella - dennoch unterschiedliche Positionen im literarischen Feld besetzen. Die Interviews wurden in allen Fällen auf der Grundlage von Leitfäden durch‐ geführt. Damit wurde gewährleistet, dass alle im Voraus geplanten Themen angesprochen wurden, aber gleichzeitig ausreichend Freiraum für die Wahl der Gesprächsthemen durch die Interviewpartnerinnen und -partner bestand. Außerdem konnten auf diese Weise Personen mit ähnlichen Rollen dieselben Fragen gestellt werden, und deren Antworten verglichen werden. Größtenteils konnten die Interviews bei persönlichen Treffen auf der Buchmesse selbst oder bei Besuchen in den Verlagen bzw. Institutionen durchgeführt werden. Bei ter‐ minlichen Schwierigkeiten oder zu großer Distanz wurde auf eine telefonische Befragung ausgewichen, und in zwei Fällen eine schriftliche Beantwortung von Fragen realisiert. Insgesamt wurden für die Studie 34 Interviews geführt. Für die Auswer‐ tung der stets aufgezeichneten Interviews wurden Transkriptionen erstellt. 7 Aussagen zu sich überschneidenden Themen wurde mithilfe eines Kategorien‐ system eingeordnet und anschließend analysiert. Die Interviews halfen nicht nur zu einem besseren Verständnis der Thematik und flossen in das Hinter‐ grundwissen ein, sondern wurden insbesondere für die Kartographierung der französischen Ehrengastauftritte 1989 und 2017 in Kapitel 3.3 und 4 sowie die Analyse der Rezeption und der Effekte von Francfort en français in Kapitel 6 herangezogen. 1.3 Aufbau der Arbeit Um den zentralen Forschungsgegenstand „Bibliodiversität“ einzuordnen und zu definieren, wird in Kapitel 2 zunächst eine historisch-theoretische Kontex‐ tualisierung vorgenommen. Kapitel 2.1 beschäftigt sich mit der Entstehung des 1.3 Aufbau der Arbeit 27 Konzeptes Bibliodiversität und seiner Bedeutung. Einführend wird als Prämisse des Konzeptes der Strukturwandel im internationalen Buchwesen der vergan‐ genen Jahrzehnte dargestellt, bevor ein Überblick über die historischen Diskurse zu den Themen Vielfalt im Buchwesen und Schutz kultureller Diversität gegeben wird, da diese die Akteurinnen und Akteure des Buchwesens schon vor Ent‐ stehen des Konzeptes Bibliodiversität beschäftigt haben. Außerdem werden verschiedene Interpretationen des Konzeptes vorgestellt. In Kapitel 2.2 werden Indikatoren und die Messbarkeit von Bibliodiversität diskutiert. Dabei wird das multidimensionale Analysemodell von Françoise Benhamou und Stéphanie Peltier präsentiert (vgl. Benhamou und Peltier 2006) und der Einfluss von unabhängigen Verlagen sowie Übersetzungen auf die Bibliodiversität diskutiert. Als weiterer Indikator für Bibliodiversität wird die Einbeziehung marginalisierter Gruppen in das Buchwesen definiert. Mit einem Fokus auf die in Frankreich und Deutschland existierende Buchpo‐ litik werden in Kapitel 2.3 die kulturpolitischen Rahmenbedingungen für Biblio‐ diversität behandelt. Für das Thema der vorliegenden Arbeit, der Bibliodiversität im Kontext des Ehrengastauftritts Francfort en français, ist speziell die Überset‐ zungsförderung als Element staatlicher Buchpolitik relevant, weshalb darauf detaillierter eingegangen wird. Die insbesondere von der AIEI herausgegebenen kulturpolitischen Empfehlungen zur Förderung von Bibliodiversität werden ebenfalls in diesem Kapitel thematisiert. Kapitel 2.4 widmet sich abschließend der Rolle internationaler Buchmessen bei der Förderung und Verbreitung des Konzeptes Bibliodiversität. Um den französischen Ehrengastauftritt auf der Frankfurter Buchmesse 2017 zu situieren, wird in Kapitel 3 die Entwicklung der Internationalität der Buchmesse im 20. Jahrhundert sowie die Konstituierung des Ehrengastmodells nachgezeichnet. Die Frankfurter Buchmesse wird dabei als Raum ökonomi‐ scher und kultureller Verhandlungen zwischen Akteurinnen und Akteuren verschiedener literarischer Felder beschrieben (Kapitel 3.1). Die einleitenden Ausführungen geben einen Einblick in die Entwicklung der Buchmesse in Frankfurt mit einem besonderen Fokus auf ihren internationalen Charakter ab der Neugründung im 20. Jahrhundert, bevor das heutige Ehrengastkonzept als integrales Element dieses Aufeinandertreffens ökonomischer und kultureller Interessen mit seinen Motiven und seiner Bedeutung für die Gastländer und für die Akteurin „Buchmesse“ analysiert wird. Kapitel 3.2 beschäftigt sich mit den Interaktionen in und zwischen literari‐ schen Feldern. Da für das Projekt Francfort en français die Beziehungen zwischen Akteurinnen und Akteuren aus dem Buchwesen verschiedener französischspra‐ chiger Territorien von besonderem Interesse sind, wird hier zunächst das 28 1 Einleitung transnationale frankophone literarische Feld charakterisiert. Dem gegenwär‐ tigen Literaturaustausch des deutsch- und französischsprachigen literarischen Feldes ist das darauffolgende Unterkapitel gewidmet. Schließlich wird mit einer Analyse des ersten Gastlandauftritts Frankreichs 1989 in Kapitel 3.3 mit Blick auf das Selbstverständnis, den zeitgeschichtlichen Kontext sowie die konkrete Umsetzung die Voraussetzung des Projektes Francfort en français und gleichzeitig sein Vergleichsmoment dargestellt. In Kapitel 4 wird der französische Ehrengastauftritt anhand seiner wich‐ tigsten Parameter kartographiert. Seine Vorgeschichte und die Entscheidungs‐ findung sowie die Einordnung des Ehrengastauftritts als Projekt der fran‐ zösischen Außenkulturpolitik demonstrieren die Verflechtungen und die Einflussnahme von Akteurinnen und Akteuren des politischen im literarischen Feld. In Kapitel 4.2 wird mit einer Betrachtung der Wahl des Mottos Francfort en français das Selbstverständnis des Ehrengastprojekts analysiert, bevor es in den zeitgeschichtlichen Kontext der deutsch-französischen Beziehungen sowie in die gegenwärtige Situation innerhalb Europas eingeordnet wird. In Kapitel 4.3 wird die Umsetzung des Auftritts Francfort en français hinsichtlich seiner Organisationsstrukturen, der Gestaltung des Ehrengastpavillons sowie der Ausrichtung des Programms und der Veranstaltungen betrachtet. Methodische Grundlage der Darstellung ist neben der eigenen Beobachtung die Auswertung von rekonstruierenden Interviews mit Mitgliedern der Organisationskomitees, offizieller Publikationen wie Programmheften und Pressedossiers sowie der Medienberichterstattung. Die verschiedenen Teilanalysen in Kapitel 5 beleuchten Fragen der Bibliodi‐ versität vor und während des französischen Ehrengastauftritts. Bevor darin die konkrete Umsetzung des Projektes Francfort en français analysiert wird, wird die dem Ehrengastauftritt vorangegangene französische Übersetzungsförderung untersucht: In Kapitel 5.1 wird betrachtet, inwieweit die Programme des CNL und des IF mit ihrer Wahl von förderungswürdigen Übersetzungsprojekten einen Einfluss auf die Bibliodiversität der Übersetzungen aus dem Französi‐ schen auf dem deutschsprachigen Buchmarkt ausüben. Die Existenz dieser Übersetzungen wiederum stellte die Grundlage für die Einladung frankophoner Schriftstellerinnen und Schriftsteller zur Frankfurter Buchmesse 2017 und die thematische Schwerpunktsetzung des französischen Ehrengastauftritts dar. Das Ziel, während des französischen Ehrengastauftritts die ganze Vielfalt des Publizierens in französischer Sprache abzubilden, strebten die Organisatorinnen und Organisatoren auch über die Auswahl frankophoner Autorinnen und Autoren, die in die offizielle Delegation eingeladen wurden, an. Kapitel 5.2 untersucht daher deren Zusammensetzung unter anderem hinsichtlich der 1.3 Aufbau der Arbeit 29 Kriterien Geschlecht, Alter und Herkunft der eingeladenen Repräsentantinnen und Repräsentanten frankophoner Literatur. Die Ausstellung Frankreichs im Forum der Buchmesse war als „Ehrengast‐ pavillon ohne Grenzen“ konzipiert. Kritik rief dabei die Ankündigung der Organisatorinnen und Organisatoren von Francfort en français hervor, die mehr als 40.000 Bücher, mit denen der Ehrengastpavillon als bibliothèque éphémère bestückt war, als Spende an Bildungseinrichtungen in Ländern des globalen Südens zu übergeben. Der konkrete Fall und die möglichen negativen Effekte solcher Bücherspenden für die Bibliodiversität im lokalen Buchwesen werden in Kapitel 5.3 diskutiert. In Kapitel 6 wird die Bedeutung des französischen Ehrengastauftritts für die Akteurinnen und Akteure sowie für die Vielfalt im deutschsprachigen sowie im frankophonen literarischen Feld untersucht. In Kapitel 6.1 werden dazu die Strategien von und Auswirkungen für Buchhandlungen und unabhängige Verlage im deutschsprachigen Raum betrachtet, während sich Kapitel 6.2 den Folgen von Francfort en français für Akteurinnen und Akteure des frankophonen literarischen Feldes widmet. Dabei wird unterschieden zwischen der Wahrneh‐ mung der befragten Akteurinnen und Akteure in Frankreich sowie in anderen französischsprachigen Territorien. Kapitel 6.3 analysiert die Berichterstattung über Francfort en français in den deutsch- und französischsprachigen Medien. Der längerfristigen Entwicklung der Bibliodiversität von Übersetzungen frankophoner Literatur auf dem deutschsprachigen Buchmarkt und möglichen ersten Effekten des Ehrengastauftritts Francfort en français auf diese Vielfalt ist Kapitel 7 gewidmet. Die Festlegung der Variablen der Analyse in Anlehnung an Françoise Benhamou und Stéphanie Peltier (vgl. Benhamou und Peltier 2006 sowie Benhamou und Peltier 2007) sowie das methodische Vorgehen bei der Erfassung der benötigten Daten werden in Kapitel 7.1 beschrieben, bevor in Kapitel 7.2 die Ergebnisse der Analyse dargestellt werden. Im abschließenden Kapitel 8 werden schließlich die Nachwirkungen von Francfort en français untersucht. Dazu werden Stellungnahmen von Vertreter‐ innen und Vertretern aus dem frankophonen literarischen Feld in den Debatten um den Zustand desselben sowie die auswärtige Kulturpolitik des französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron etwa in seiner Strategie für die weltweite Stärkung der französischen Sprache und Neudefinition der Frankophonie analy‐ siert, welche auch Effekte auf die Diversität und Kooperation im frankophonen literarischen Feld haben könnte. Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfas‐ sung der Ergebnisse und einem Ausblick auf mögliche langfristige Folgen von Francfort en français für die Bibliodiversität und das frankophone literarische Feld. 30 1 Einleitung 8 Die Begriffe Bücher und Buchprodukte schließen in ihrer Verwendung in dieser Arbeit immer auch andere Veröffentlichungsformen wie digitale Publikationen ein. 9 Im deutschen Sprachraum fand der Begriff Bibliodiversität ab etwa dem Jahr 2016 häu‐ figere Verwendung, und verbreitete sich in Diskussionen innerhalb der Buchbranche insbesondere nach der Veröffentlichung der deutschsprachigen Übersetzung des Ma‐ nifestes Bibliodiversität von Susan Hawthorne 2017, sowie nach dem Beitritt der Kurt Wolff Stiftung zur AIEI im Jahr 2017. 10 Ein Großteil der Mitgliedsverlage der AIEI stammt aus arabisch-, französisch-, per‐ sisch-, portugiesisch- oder spanischsprachigen Gebieten; weitere Verlage anderer 2 Bibliodiversität 2.1 Entstehung des Konzeptes und seine Bedeutung Der Begriff Bibliodiversität als Schlagwort für den Schutz kultureller Vielfalt im Buchwesen entstand in den 1990er Jahren und wurde von unabhängigen Verlagen geprägt. Mindestens zwei Gruppierungen reklamieren die Schöpfung des Neologismus für sich. Sicher ist, dass er als bibliodiversidad aus dem spani‐ schen Sprachraum stammt. Verlegerinnen und Verleger in Chile verwendeten ihn Ende der 1990er Jahre anlässlich ihres Zusammenschlusses zum Kollektiv Editores independientes de Chile (vgl. Pinhas 2011, 30). Etwa zur selben Zeit gründete die Asociación de Editores de Madrid eine Zeitschrift mit dem Titel Bibliodiversidad, welche bis heute mehrmals jährlich erscheint und zum Ziel hat, die Buchproduktion unabhängiger Verlage der Stadt bekannt zu machen. Bibliodiversität beschreibt zunächst einmal die Fähigkeit des Buchwesens, in allen Herstellungs- und Verbreitungsstufen ihrer Buchprodukte 8 bis hin zum Lesen Vielfalt zu generieren (vgl. Galliand 2011b, 3), sowie das Bestreben nach einer Erhaltung der kulturellen Vielfalt im Buchsektor angesichts ihrer Gefährdung durch eine neoliberale Form der Globalisierung. Aufgrund seiner Eingängigkeit verbreitete sich der Begriff schnell über die internationalen Netzwerke der Verlage, zunächst in mehrere romanische Sprachen, aber bald auch darüber hinaus. 9 Besonderen Anteil an der Bekannt‐ machung der Bibliodiversität hat die Alliance internationale des éditeurs indépendants (AIEI), deren Ziel es ist, neben ihrer Verbreitung die Idee der Bibliodiversität in einem Netzwerk aus heute mehr als 550 unabhängigen Verlagen aus sechs Sprachräumen 10 und mithilfe wissenschaftlicher Studien zu einem verlegerischen und kulturpolitischen Konzept zu schärfen. Sprachen werden neben den anglophonen im englischsprachigen Netzwerk zusammen‐ gefasst. 11 Zum Ungleichgewicht und dem Einfluss spanischer Verlagsunternehmen in Lateiname‐ rika, vgl. Enríquez Fuentes 2008. Neuere Daten zum iberoamerikanischen Buchmarkt und seinen Beziehungen zum spanischen Verlagswesen finden sich in Cerlalc 2019. Welche Entwicklungen forcierten die Entstehung einer Idee und eines Kon‐ zeptes wie Bibliodiversität um die Jahrtausendwende? Im Folgenden werden die wesentlichen Umbrüche im internationalen Buchwesen der vergangenen Jahr‐ zehnte und die Risiken, aber auch möglichen Chancen, die die Globalisierung des Buchwesens für seine Vielfalt mit sich bringt, aufgezeigt, bevor vorangegangene Diskurse um kulturelle Vielfalt und eine Auslegung des Konzeptes Bibliodiver‐ sität vorgestellt werden. 2.1.1 Strukturwandel im Buchwesen als Prämisse des Konzeptes Verbände unabhängiger Verlage wie die Editores independientes de Chile und andere Zusammenschlüsse in Lateinamerika und auf internationaler Ebene, die auf die schützenswerte kulturelle Vielfalt im Buchwesen aufmerksam machten, entstanden unter anderem als Reaktion auf den zunehmenden Einfluss trans‐ nationaler Verlagsunternehmen aus dem globalen Norden in den Buchmärkten vor allem Lateinamerikas ab Ende der 1980er Jahre. 11 Die Entstehung international agierender Verlagskonzerne sowie die radi‐ kalen Veränderungen infolge der ökonomischen Globalisierung des Buchwe‐ sens beschreibt der US-amerikanische Verleger André Schiffrin wie folgt: Jusqu’à une époque récente, l’édition était fondamentalement une activité artisanale, souvent familiale, de petite échelle, qui se satisfaisait de modestes profits provenant d’un travail qui était encore en liaison avec la vie intellectuelle du pays. Ces dernières années, les maisons d’édition ont été achetées les unes après les autres par de grands groupes internationaux. (Schiffrin 1999, 9-10) Das Aufkommen transnational operierender Medienkonzerne, welche häufig auch in der Unterhaltungsindustrie tätig waren und deren Gewinnvorgaben auf das Buchgeschäft übertrugen (vgl. Schiffrin 1999, 66), veränderte laut André Schiffrin nicht nur die Machtstrukturen im Verlagswesen sowie die Arbeitsbe‐ dingungen in den Verlagen - neben Entlassungen und anderen Rationalisie‐ rungsmaßnahmen auch veränderte Entscheidungsprozesse und zunehmender Einfluss der Marketingabteilungen auf die Verlagsprogramme -sondern hatte auch inhaltliche Konsequenzen hinsichtlich des Buchangebots zur Folge: 32 2 Bibliodiversität 12 Hier wird aus der deutschen Ausgabe zitiert, da die französische und die deutsche Ausgabe des Buches in diesem Abschnitt voneinander abweichen. Beides sind Über‐ setzungen eines Originalmanuskripts von André Schiffrin aus dem amerikanischen Englisch. Eine nochmals veränderte englischsprachige Version des Buches erschien als The Business of Books bei Verso, vgl. Schiffrin 2000a. Damit sie diese neuen Erwartungen erfüllen können, haben die Verleger den Zuschnitt ihres Programms drastisch umgebaut. Die ‘kleineren’ Titel - anspruchsvolle Literatur, Kunstgeschichte, Theorie - kurz alle Titel, die in der Regel mit zarten Erstauflagen starten-, sind aus den Katalogen der Großverlage mittlerweile so gut wie vollständig verschwunden, und zwar selbst in den Häusern, die sich mit ihrer Arbeit in diesen Bereichen einen Namen gemacht haben. Statt dessen [sic! ] setzen die Verlage ihre Hoffnungen mehr und mehr auf Megaseller […]. (Schiffrin 2000b, 73) 12 Über den sich vollziehenden Wandel referiert André Schiffrin anschaulich aus langjähriger Erfahrung als unabhängiger Verleger in den USA; im Vordergrund stehen jedoch seine persönliche Haltung und Kritik an der westlichen Konsum‐ gesellschaft und den Marktverhältnissen: „La bataille se déroule également sur le terrain du livre, qui devient peu à peu un simple appendice de l’empire des médias, offrant du divertissement léger, de vieilles idées, et l’assurance que tout est pour le mieux dans le meilleur des mondes“ (Schiffrin 1999, 93). Die Evolution des Verlagswesens der vergangenen Jahrzehnte nachzuvoll‐ ziehen, um die Logik und die Dynamiken des anglo-amerikanischen literari‐ schen Feldes zu Beginn des 21. Jahrhunderts zu analysieren, ist das Ziel einer soziologischen Studie von John B. Thompson (vgl. Thompson 2012, 14). Da die Buchmärkte in den USA und Großbritannien aufgrund ihrer Dominanz im internationalen Buchwesen Entwicklungen in anderen Ländern häufig vorwegnehmen oder direkt beeinflussen und nicht zuletzt europäische Medien‐ unternehmen wie Bertelsmann, Holtzbrinck und Hachette Livre/ Lagardère auf dem anglo-amerikanischen Buchmarkt eine zentrale Rolle einnehmen, werden hier John B. Thompsons allgemeine Erkenntnisse dargestellt, bevor signifikante Unterschiede und spezifische Aspekte der Konsolidierung in den deutsch- und französischsprachigen Buchmärkten aufgezeigt werden. Der Soziologe John B. Thompson bezieht sich in seiner Untersuchung auf die Feldtheorie von Pierre Bourdieu und ihre Begrifflichkeiten, um das Verhältnis der Akteurinnen und Akteure zueinander sowie die Dynamiken des Feldes zu charakterisieren, welche er wie folgt definiert: It is also a set of processes and preoccupations that has a certain self-referential, selfreinforcing character, in the sense that the key players in the field are locked together in a system of reciprocal interdependency such that the actions of each, pursuing what 2.1 Entstehung des Konzeptes und seine Bedeutung 33 they perceive as their own interests (or those of their clients), tend to elicit a certain pattern of action from other players in the field. (Thompson 2012, 294) John B. Thompson zufolge haben folgende drei Hauptentwicklungen seit den 1960er Jahren das heutige anglo-amerikanische Buchwesen maßgeblich geprägt und bei den anderen Akteurinnen und Akteuren des Feldes entsprechende Re‐ aktionen hervorgerufen: das Aufkommen von Buchhandelsketten, der Aufstieg der literarischen Agenturen sowie die Entstehung von Verlagskonzernen. Das Aufkommen von großen Buchhandlungen und Buchhandelsketten in den 1960er Jahren in den USA (vgl. Thompson 2012, 26-36) stand im Zusam‐ menhang mit der Eröffnung von Einkaufszentren in den Vorstädten. Dort sowie auch in den attraktiven sogenannten book superstores in den guten Lagen der Innenstädte wurden Bücher für viele US-Amerikaner leichter zugänglich; die großen Ketten verwandelten den Buchkauf jedoch gleichzeitig „into a consumer experience like any other“ (Thompson 2012, 35). Die Filialen der großen Buch‐ handelsketten öffneten häufig dort, wo die demographischen Bedingungen für den Handel mit Büchern vorteilhaft und oftmals bereits kleinere, unabhängige Buchhandlungen ansässig waren. Dem Konkurrenzdruck angesichts dem viel größeren Titelangebot und aggressiven Rabattaktionen der Buchhandelsketten konnten die kleineren Buchhandlungen nicht standhalten. Viele von ihnen mussten ihr Geschäft aufgeben (vgl. dazu auch Schiffrin 1999, 77-79). Die Tat‐ sache, dass Bücher zunehmend wie jede andere Ware behandelt wurden und den Prinzipien des Einzelhandels unterlagen, sowie steigende Immobilienpreise und die Konkurrenz um Ladengeschäfte in guter Lage zwangen Buchhandelsketten dazu, sich auf den Absatz schnell verkäuflicher Buchtitel bekannter Autorinnen und Autoren zu konzentrieren. Dies gereichte Büchern mit sich langsamer einstellendem Verkaufserfolg und den Backlist-Titeln der Verlage zum Nachteil. Die in den Buchhandlungen vorrätigen Titel zirkulierten immer schneller. Zusätzliche Konkurrenz entstand für die Buchhandlungen - für die Ketten ebenso wie für die unabhängigen - durch den Buchverkauf im Internet, insbe‐ sondere durch den Online-Buchhändler Amazon, der nach seinem Eintritt in den Markt innerhalb von drei Jahren zum drittgrößten Buchhandelsunternehmen der USA wurde. Mit seinem umfassenden Titelangebot, der Annehmlichkeit der ständigen Zugänglichkeit und des Versands nach Hause sowie seinem aggres‐ siven Rabattverhalten bot Amazon vielen Buchkäuferinnen und Buchkäufern gegenüber physischen Buchhandlungen enorme Vorteile (vgl. Thompson 2012, 42) - und wurde somit auch zu einem der wichtigsten Kunden der Verlage. Für viele Verlage war der Online-Buchhandel zunächst eine willkommene Ergänzung der Verkaufskanäle, nachdem die Buchhandelsketten ihre steigende Marktmacht bei den Verhandlungen um Konditionen mit den Verlagen zu 34 2 Bibliodiversität nutzen wussten und viele unabhängige Buchhandlungen als Absatzorte wegge‐ fallen waren. Es zeigte sich, dass der Online-Buchhandel besonders für den Verkauf von Backlist-Titeln, Bücher zu Nischenthemen und Werke von noch unbekannten Autorinnen und Autoren von Vorteil war. Zudem orientierte sich auch der stationäre Buchhandel an den im Internet erfolgreich verkauften Titeln. Insbesondere Amazon wurde so zu einer Referenz (vgl. Thompson 2012, 44). Gleichzeitig bereitete dieser Umstand den Verlagen zunehmend Schwierig‐ keiten, da es Amazon eine starke Verhandlungsposition ermöglicht: Leserinnen und Leser ebenso wie Autorinnen und Autoren prüften die Verfügbarkeit von Büchern auf der Website des Online-Buchhändlers, weshalb es für die Verlage von Nachteil sei, wenn die eigenen Titel nicht bei Amazon gelistet seien (vgl. Thompson 2012, 45-46). Die Ausbreitung der großen Buchhandelsketten trug auch zum Aufstieg der Literaturagenturen in den USA und Großbritannien bei. Indem in den Buchhandlungen in den Einkaufszentren und den book superstores in den 1960er und 1970er Jahren immer mehr Kundinnen und Kunden der Zugang zu Büchern ermöglicht und vereinfacht wurde, konnte eine viel höhere Menge an Büchern abgesetzt werden. Insbesondere die Bestseller waren in einem solchen Maße kommerziell erfolgreich, dass die Agentinnen und Agenten für ihre Autorinnen und Autoren bei den Verlagen immer bessere Konditionen aushandelten, von denen letztendlich die Literaturagenturen selbst profitierten und so ihr Geschäft ausbauen konnten. Zudem gewann die zusätzliche Verwertung von Rechten an Werken wie etwa für Verfilmungen und Übersetzungen an Bedeutung. Dieses Lizenzgeschäft behielten sich Agentinnen und Agenten in den Verträgen mit den Verlagen oftmals ein, auch um damit ihre Rolle zu stärken (vgl. Thompson 2012, 62). Schriftstellerinnen und Schriftsteller wandten sich immer häufiger an Agenturen, da die Bindungen zu ihren Lektorinnen und Lektoren aufgrund des Wandels durch Aufkäufe und Zusammenschlüsse im Verlagswesen und der Mobilität der Verlagsangestellten zunehmend weniger stabil waren (vgl. Thompson 2012, 73). Auf diese Weise nahmen sowohl die Anzahl der Literatur‐ agenturen auf dem anglo-amerikanischen Buchmarkt als auch deren Bedeutung stark zu. John B. Thompson plädiert dafür, die Verlage als Zwischenhändler und den Aufstieg der Verlagskonzerne in diesem Kontext zu betrachten: Large publishing houses may seem to be the major players and to have a great deal of power (and, indeed, they do); but in the book supply chain, the publisher is in many ways just another intermediary, a player in the middle, and the power of the publishing house, however large it is, is always hemmed in by and traded off against the power of two other key players in the field: the power of the retailers, on the one 2.1 Entstehung des Konzeptes und seine Bedeutung 35 hand, who largely control access to the customers, that is, the readers; and the power of the agents, on the other, who largely control access to the content and the creators of content, that is, the authors. (Thompson 2012, 101) Die erste Phase der zunehmenden Verbreitung von Verlagskonzernen zwischen etwa Ende der 1950er und den 1980er Jahren war laut John B. Thompson auf der einen Seite gekennzeichnet von der Suche der damaligen Verlegerinnen und Verleger nach einer Nachfolgeregelung und damit Zukunftssicherung für ihre Verlage bei ihrem Eintritt in den Ruhestand, sowie dem Interesse großer Firmen an Investitionen in das Verlagswesen auf der anderen Seite. Dabei handelte es sich vor allem um US-amerikanische Unternehmen, die bereits bedeutende Beteiligungen an Firmen anderer Sektoren wie der Informations-, Unterhaltungs-, Bildungs- oder aufkommenden Computerindustrie hatten, und sich Synergien zwischen verschiedenen Medienformaten sowie der technischen Ausstattung und den im Verlagswesen vorhandenen Inhalten erhofften (vgl. Thompson 2012, 105). Die in den 1980er Jahren beginnende, weiter andauernde Phase der Zusam‐ menschlüsse und Aufkäufe im Verlagswesen charakterisiert John B. Thompson als Wachstumsphase. Unabhängige Verlage konnten unter anderem aufgrund von gestiegenen Forderungen bezüglich der Vorschusssummen - als Folge des Bedeutungsaufstiegs der Literaturagenturen - im Wettbewerb um Autorinnen und Autoren und ihre Inhalte nicht mehr mithalten und wurden aus dem Markt gedrängt. Der Verkauf des Verlags an einen Konzern wurde zu einem Mittel des Überlebens in der Branche. Auf der anderen Seite stellten einige der Unternehmen angesichts nicht erfüllter Rendite- und Synergieziele die zuvor zugekauften Verlagshäuser wieder zum Verkauf. In Anbetracht eingeschränkter Wachstumsmöglichkeiten auf den heimischen Märkten sowie der Bedeutung der anglo-amerikanischen Verlagsbranche stieg zu diesem Zeitpunkt das Kauf‐ interesse international agierender Medienkonglomerate auf dem US-amerika‐ nischen Buchmarkt. Auf diese Weise wurden europäische Unternehmen wie beispielsweise Bertelsmann, Holtzbrinck, Lagardère und Pearson zu zentralen Akteuren im globalen Buchwesen (vgl. Thompson 2012, 108-9). Ohne die Auswirkungen der Konzentrationsprozesse im Buchwesen und die Probleme der großen Marktmacht einzelner Unternehmen abzuschwächen, relativiert John B. Thompson gängige Klischees über die Verlagskonzerne, die vor allem deren Umgang mit Inhalten betreffen: it does mean that the suggestion that there is a straightforward trade-off between quality and sales, and that the drive for growth and profit in the large corporations will necessarily eliminate all quality publishing from their programmes, is much too simple 36 2 Bibliodiversität 13 John B. Thompson beschreibt dazu den Fall eines Buchtitels bei HarperCollins im Kon‐ zern News Corporations, in dem der Autor Kritik an der chinesischen Regierung übte. Dessen Eigentümer Rupert Murdoch ließ vermutlich die Veröffentlichung aufgrund seiner finanziellen Interessen in China zurückziehen, vgl. Thompson 2012, 141-42. and doesn’t do justice to the complex reality of life inside the worlds of corporate publishing. (Thompson 2012, 396) So hätten auch Verlagskonzerne ein Interesse daran, qualitativ hochwertige Bücher und nicht ausschließlich kommerzielle Bestseller zu veröffentlichen. Auch qualitätsvolle literarische Werke und anspruchsvolle Sachbücher ließen sich erfolgreich und vor allem langfristig verkaufen. Ein ausgeglichenes Ver‐ lagsprogramm bedeute außerdem ein diversifiziertes Risiko. Nicht zuletzt hätten auch Verlagskonzerne das Ziel, nicht nur ihr ökonomisches, sondern auch ihr symbolisches Kapital etwa durch die Verleihung von Literaturpreisen an ihre Autorinnen und Autoren zu vermehren (vgl. Thompson 2012, 141). Hinsichtlich des Vorwurfs einer Zensur durch die großen Medienkonzerne räumt John B. Thompson ein, dass es vorgekommen sei, dass der Eigentümer eines Medienkonzerns Einfluss auf eine inhaltliche Programmentscheidung genommen habe; 13 diese Form der direkten Einflussnahme sei jedoch selten. Weitaus häufiger handele es sich vermutlich um eine Art der Selbstzensur der verantwortlichen Lektorinnen und Lektoren, sich mit der Auswahl der Themen und Werke nicht gegen die Interessen des Konzerns zu stellen (vgl. Thompson 2012, 141-42). John B. Thompson argumentiert, dass große Verlagsunternehmen, anders als oftmals behauptet wird, zwar kein generelles Desinteresse an der Veröffent‐ lichung noch unbekannter Schriftstellerinnen und Schriftsteller hätten, jedoch diesen keine Möglichkeit böten, sich auf dem Buchmarkt zu etablieren, sofern sich kein kurzfristiger Erfolg einstellte (vgl. Thompson 2012, 143). Der Autor stellt fest, dass sich der Prozess über die Entscheidung der zu veröffentlichenden Bücher von einem eher linearen Modell, ausgehend von der alleinigen Entschei‐ dung einer Verlegerin oder eines Lektors, hin zu einem Modell entwickelt habe, welches stärker auf Beratung und Dialog mit anderen Beteiligten wie der Marketingabteilung oder den Buchhandelsvertreterinnen und -vertretern setze. Dies sei eine auch in kleineren, unabhängigen Verlagen mittlerweile verbreitete Praxis (vgl. Thompson 2012, 143). Die Folge des Strukturwandels der Buchbranche ist insbesondere eine starke Polarisierung des Sektors, mit einigen Verlagskonzernen im Machtzentrum - John B. Thompson zählt vier bis fünf im anglo-amerikanischen Feld -, wenigen mittelgroßen Verlagsunternehmen und einer Vielzahl kleinerer, unabhängiger 2.1 Entstehung des Konzeptes und seine Bedeutung 37 14 Zu den hohen Gewinnvorgaben für Verlage in Mischkonzernen, vgl. auch Schiffrin 1999, 66. Verlage (vgl. Thompson 2012, 292). Insgesamt sind es dennoch gerade die klei‐ neren, unabhängigen Verlage und Buchhandlungen, welche von den negativen Konsequenzen des Strukturwandels besonders betroffen sind. Einige dieser konkreten Auswirkungen auf die Buchproduktion und den Buchhandel werden im Folgenden benannt. Die Gewinn- und Wachstumsvorgaben der Verlagskonzerne bringen die integrierten Imprints dazu, die Veröffentlichung schnell zu produzierender, po‐ tenzieller Bestseller anzustreben, für die üblicherweise hohe Vorschüsse gezahlt werden. 14 Daraus könne man keinen allgemeinen Verzicht der Verlagskonzerne auf literarische und inhaltliche Qualität ableiten. Dennoch ließe sich feststellen, dass it is also undoubtedly the case that a short-termist mentality leads to plenty of bad publishing. You don’t have to be a cultural snob to see that a good number of the books that are put together in great haste […] and published quickly in the hope that they will help to fill a budget gap are not books that add much to the cultural wellbeing […] of the human race. (Thompson 2012, 380) Die Konzentration der großen Verlagskonzerne und Buchhandelsketten auf den Verkauf der Werke der als Marken gehandelten Bestsellerautorinnen und -autoren, oftmals aus dem Bereich kommerzieller Belletristik, führten zu einer Standardisierung des Angebots: The preoccupation with sales tends to produce a degree of homogenization within the field, since editors, publishers and agents are constantly scrutinizing sales figures and bestseller lists to see what is doing well and are quick to jump on the bandwagon of the latest success - many people in the industry bemoan what they call ‘me-toopublishing’. (Thompson 2012, 395) Diese „Nachahmerprodukte […], die gelungene Innovationen imitieren, um an deren Erfolg zu partizipieren“ (Huse 2013, 154), sind sowohl in der Buchausstat‐ tung wie der Covergestaltung als auch auf der inhaltlichen Ebene zu finden - so sind auf dem deutschsprachigen Kinder- und Jugendbuchmarkt mittler‐ weile unzählige Kopien des Buchcovers der im Carlsen Verlag veröffentlichten Biss-Reihe von Stephenie Meyer sowie nach dem Erfolg von Suzanne Collins‘ Die Tribute von Panem zahlreiche weitere dystopische Romane erschienen (vgl. Vogel und Norrick-Rühl 2016). Die Buchwissenschaftlerinnen Anke Vogel und Corinna Norrick-Rühl führen die Tendenz zu Nachahmerprodukten und 38 2 Bibliodiversität deren Erfolg beim Publikum auch darauf zurück, dass es sich bei Büchern um Erfahrungsgüter handelt, deren Entsprechung mit ihren Erwartungen die Konsumentinnen und Konsumenten erst während oder nach der Nutzung beurteilen können (vgl. Vogel 2011, 109), weshalb die Verlage analoge Merkmale einsetzen, um bei der Kaufentscheidung eine bekannte Qualität zu signalisieren (vgl. Vogel und Norrick-Rühl 2016). Lange Zeit bestimmte Mischkalkulation die Programmplanung der Verlage, also das Prinzip, dass die Titel, die ein gutes Verkaufsergebnis erzielt haben, jene Werke mitfinanzieren, die sich weniger gut verkaufen lassen. Diese Quer‐ subventionierung erlaubt den Verlagen, auch solche Bücher zu veröffentlichen, die ein größeres ökonomisches Risiko darstellen. Durch die verstärkte Suche nach Bestsellern und die Erwartung, dass jeder Buchtitel sich selbst finanzieren muss, wird das Prinzip der Mischkalkulation teilweise außer Kraft gesetzt. So wird es immer schwerer, neue Schriftstellerinnen und Schriftsteller auf dem Buchmarkt durchzusetzen und mit ihnen langfristigen (Verkaufs-)Erfolg aufzubauen, gerade auch im Hinblick auf die abnehmende Zahl unabhängiger Buchhandlungen, die sich traditionellerweise über einen längeren Zeitraum durch die persönliche Empfehlung an Kundinnen und Kunden für die Etab‐ lierung der von ihnen geschätzten, unbekannteren Autorinnen und Autoren und einzelner Werke engagierten (vgl. Thompson 2012, 268). Für unabhängige Verlage kommt hinzu, dass die von ihnen aufgebauten Autorinnen und Autoren zu einem bestimmten Zeitpunkt ihres Erfolgs - häufig im Zuge der Forderung nach höheren Vorschusssummen, die die unabhängigen Verlage nicht zahlen können - zu einem Imprint eines Verlagskonzerns wechseln, und sie somit nicht langfristig von dem zu Beginn der Karriere einer Autorin oder eines Autors eingegangenen Risiko profitieren können (vgl. Thompson 2012, 165-66). Insgesamt hat die Anzahl der Neuerscheinungen auf dem anglo-amerika‐ nischen wie anderen westlichen Buchmärkten über viele Jahre stetig zuge‐ nommen, so dass diese einen hohen Grad an Sättigung aufweisen (vgl. u. a. Thompson 2012, 241-42). Der steigenden Produktion an Buchtiteln steht zudem die Reduktion des Raums für Rezensionen in den traditionellen Medien wie Zeitungen, Radio und Fernsehen gegenüber, so dass John B. Thompson konsta‐ tiert: „In many ways it is the struggle to get your books seen, heard about, talked about - in short, made visible in an increasingly crowded and noisy marketplace - that is where the real battle in publishing is taking place today“ (Thompson 2012, 238-39). Als weiterem Ort der Konstituierung von Sichtbarkeit für Bücher zeigt sich in den Buchhandlungen oftmals ihre geringe Lebensdauer: die Verweildauer im Sortiment wird immer geringer. Wie bereits erwähnt, sind viele Buchhandlungen zum Erreichen ihrer Geschäftsziele auf Buchtitel mit 2.1 Entstehung des Konzeptes und seine Bedeutung 39 schnellem Verkaufserfolg angewiesen. John B. Thompson bezeichnet diesen Druck als die „six-week rule“ (Thompson 2012, 266), welche Backlist-Titel und die Werke unbekannteren Autorinnen und Autoren benachteiligt. In der Folge nimmt auch die Anzahl der Bücher, die als Remittenden an die Verlage zurückgeschickt werden, stetig zu - John B. Thompson spricht von 30 Prozent als durchschnittlichem Wert, je nach Buchtitel sowie Buchhandlung könnten es aber auch bis zu 90 Prozent der ausgelieferten Bücher sein -, was für die Verlage mit hohen Kosten verbunden ist (vgl. Thompson 2012, 285-91). Gleichzeitig konkurrieren nicht nur die Verlage mit ihren verschiedenen Publikationen untereinander um die Aufmerksamkeit potenzieller Kundinnen und Kunden, sondern auch Bücher und das Lesen ganz allgemein mit anderen Medienprodukten und Freizeitangeboten. Angesichts „many other flashier, noisier, brasher products of the electronic age” (Thompson 2012, 243) ist das Buch in diesem Wettbewerb nicht besonders gut aufgestellt, wie für den deutschsprachigen Buchmarkt zum Beispiel die Studie des Börsenvereins und der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) mit dem Titel „Buchkäufer - quo vadis? ” aus dem Jahr 2018 zeigte, nach der der deutsche Buchmarkt in den Jahren 2013 bis 2017 6,4 Millionen Buchkäuferinnen und Buchkäufer verlor. Unter ihnen waren vor allem die 20bis 49-Jährigen stark vertreten, die angaben, in ihrer Freizeit vermehrt andere digitale Medien zu konsumieren (vgl. Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.-V. 2018, 35-36). In seinem Fazit zum Zustand des Buchwesens zu Beginn des 21. Jahrhunderts widmet sich John B. Thompson auch dem Thema Vielfalt. Er unterscheidet zwischen „diversity of output“ und „diversity in the marketplace“ (Thompson 2012, 397). Demnach sei die Diversität der von Verlagskonzernen, mittelgroßen und kleinen Verlagen veröffentlichten Titel, gemessen an ihrer reinen Anzahl, sehr groß und in den letzten Jahrzehnten gewachsen. Problematisch sei dagegen die Vielfalt des tatsächlich auf dem Markt wahrgenommenen Angebots: Publishing organizations of various kinds may be producing a diverse range of books but this diversity is not necessarily reflected in the space of the visible. And given the focus of some retail chains […] on bestsellers, brand-name authors and fast-moving titles, there is a tendency for success to breed success and for the most successful titles to crowd out others. (Thompson 2012, 397) Beide Arten von Diversität hingen allerdings zusammen, so dass die verminderte Sichtbarkeit und damit die Wahrnehmung, der Kauf und das Lesen eines vielfäl‐ tigen Buchangebots - und dabei insbesondere dasjenige kleinerer, unabhängiger Verlage - langfristig auch die Produktion dieser Vielfalt reduzieren könnte: 40 2 Bibliodiversität 15 Die folgende Darstellung der Konzentrationsprozesse auf dem französischen Buch‐ markt folgt Mollier 2007b. Zu den Entwicklungen bis in die 1990er Jahre, vgl. außerdem Piault 1998; eine grundlegende Geschichte des französischen Verlagswesens vom Mittelalter bis ins 20.-Jahrhundert in vier Bänden bieten Chartier und Martin 1991. If publishers find it harder and harder to get certain kinds of books or certain authors noticed, they could find themselves under growing pressure to stop publishing them. […] A marketplace becoming more constricted, with more power concentrated in the hands of fewer and fewer buyers whose decisions become ever more consequential for the fate of individual titles and authors, may eventually take its toll on the productive output of the industry. (Thompson 2012, 401) Die Bedenken hinsichtlich der Diversität im Buchwesen infolge der Tendenz zur Konzentration im herstellenden sowie im verbreitenden Buchhandel sind ein weltweit zu beobachtendes Phänomen. Im Folgenden wird nun spezifischer auf die Entwicklungen und aktuelle Situation des französischen sowie des deut‐ schen Buchmarkts, welche für die nachfolgende Analyse zur Bibliodiversität im Kontext des französischen Ehrengastauftritts auf der Frankfurter Buchmesse besonders relevant sind, eingegangen. Konzentrationsprozesse im französischen Buchmarkt Wie der anglo-amerikanische Buchmarkt sowie auch andere Kulturindustrien zeichnet sich das französische Verlagswesen derzeit durch eine Struktur aus, die als „oligopole à frange“ bezeichnet wird. Es koexistieren viele kleinere Einheiten und einige große Gruppen, die zueinander in einem Verhältnis aus Konflikt und Kooperation stehen: Quelques grandes entreprises dominantes, parfois implantées de longue date, maîtrisant les réseaux de distribution, constituent le noyau de l’oligopole; à sa périphérie, une nébuleuse de petites ou de moyennes sociétés, dépendantes des plus grandes en matière de distribution, en forment la frange concurrentielle. Les firmes les plus importantes tendent à laisser une large part de l’innovation à la charge des entreprises de la frange concurrentielle tout en aidant parfois à la création d’entreprises. Attentives toutefois aux nouveautés de la création, elles cherchent à les récupérer une fois le marché créé. (Benhamou 2017, 70) Gegenseitige Übernahmen von Verlagen, also insbesondere horizontale Kon‐ zentrationsprozesse, fanden in Frankreich schon über die Dauer des gesamten 20. Jahrhunderts statt. 15 Der Aufkauf von Verlagen verursacht zwar hohe Kosten, ist aber ein schnelles und risikoarmes Mittel zum Wachstum und zur Erweiterung eines Verlagsprogramms um eine zusätzliche Backlist, um so 2.1 Entstehung des Konzeptes und seine Bedeutung 41 16 Vgl. hierzu Mollier 2015. die eigene Position für einen bestimmten Bereich zu stärken oder um sich neue Märkte zu erschließen (vgl. Rouet 2013, 30-31). Etwa ab den 1980er Jahren weitete sich der Strukturwandel auf dem französischen Buchmarkt zu vornehmlich vertikalen Konzentrationsprozessen und zunehmendem Einfluss von Medienkonglomeraten aus. Verlagsunternehmen verfolgten immer stärker das Ziel, über ihre Kerntätigkeit hinaus die vorangehenden und nachfolgenden Aktivitäten in der Wertschöpfungskette zu beherrschen, das heißt auch ihre Bezugsquellen und den Vertrieb ihrer Produkte zu kontrollieren (vgl. Rouet 2013, 30). Diese Strategie verfolgte auch das seit langem das französische Buchwesen dominierende Verlagsunternehmen Hachette. Während andere Verlagshäuser ihre familiären Strukturen zunächst beibe‐ hielten, verwandelte sich der von Louis Hachette 1826 gegründete Verlag nach einer Umstrukturierung schon in den 1850er Jahren in ein großes Unternehmen, das von einer Monopolstellung im Schulbuchmarkt und in der Verbreitung der erfolgreichen bibliothèques de gares profitierte. 16 Ab dem Jahr 1914 übernahm Hachette unter anderem folgende angesehene und traditionsreiche Verlage: Éditions Hetzel (1914), La Pléiade (1930), Tallandier (1932), Grasset (1954), Fayard (1958), Fasquelle (1959) sowie Stock (1961). In den 1950er und 1960er Jahren nahm die Zahl der Aufkäufe im französischen Verlagswesen auch durch andere Verlage zu; so erwarb etwa Gallimard die Verlage Denoël (1951) und Mercure de France (1958). Ausgehend von den 1943 gegründeten Presses de la Cité wurde eine weitere große Verlagsgruppe aufgebaut: Innerhalb der Holding CEP-Communications/ Havas entstand die Groupe de la Cité, die in den 1990er Jahren zur umsatzstärksten Verlagsgruppe Frankreichs wurde. Auf diese Weise dominierten Hachette Livre, seit 1981 Teil der Groupe Lagardère und damit ebenfalls eines Medienkonglomerats, und die Groupe de la Cité, 2000 von Vi‐ vendi Universal aufgekauft, als Duopol das französische Verlagswesen. Ab Ende der 1980er Jahre tätigten beide Verlagskonzerne internationale Aufkäufe; Ha‐ chette Livre übernahm etwa Salvat in Spanien, Grolier in den USA sowie Orion, Cassell und Octopus in Großbritannien, während sein Konkurrent Groupe de la Cité unter anderem Houghton Mifflin erwarb und die Kooperation mit dem deutschen Medienunternehmen Bertelsmann hinsichtlich des Buchclubs France Loisirs ausbaute. Um das Jahr 2000 entstand so der Eindruck, dass sich der französische Buchmarkt stabilisiert habe und sich die beiden mächtigsten französischen Akteure - Hachette Livre und Vivendi Universal Publishing, die gemeinsam zwei Drittel des französischen Buchmarktes kontrollierten - auf Wachstums‐ 42 2 Bibliodiversität 17 Das amerikanische Verlagsunternehmen Houghton Mifflin war nicht Teil dieses Ver‐ kaufs, vgl. Mollier 2007b, 33. 18 Editis wurde 2008 vom spanischen Verlags- und Kommunikationskonzern Grupo Planeta übernommen, bevor Vivendi die Verlagsgruppe im Jahr 2018 wieder akquirierte, vgl. Vulser 2018. 19 Es handelt sich hierbei nicht um den Gesamtumsatz des französischen Verlagswesens, sondern um jenen der 200 umsatzstärksten französischen Verlagsunternehmen; das entspricht 5,833 Milliarden Euro. Davon haben die zehn größten Unternehmen 5,186 Milliarden Euro erwirtschaftet. prozesse außerhalb Frankreichs konzentrierten, um sich im Wettbewerb der Medienunternehmen im globalen Buchwesen zu engagieren (vgl. Mollier 2007b, 32-33). 2002 verkaufte allerdings Vivendi Universal aufgrund eines drohenden Bankrotts die Buchsparte Vivendi Universal Publishing an Lagardère 17 , wo‐ raufhin sich Proteste anlässlich der Vormachtstellung von Hachette Livre im französischen Verlagswesen regten. Nach einer Entscheidung der Europäischen Kommission 2004 konnte Lagardère 40 Prozent der Teile von Vivendi Universal Publishing behalten, aus den übrigen Teilen entstand die bis heute zweitgrößte Verlagsgruppe Frankreichs, Editis. 18 Derzeit ist Hachette Livre mit Abstand die umsatzstärkste Verlagsgruppe im französischen Buchmarkt (siehe Abbildung 2), und war dem Global 50. The World Ranking of the Publishing Industry 2020 zufolge nach Umsatz im Jahr 2019 weltweit der sechstgrößte Verlagskonzern sowie - hinter Bertelsmann/ Penguin Random House - der zweitgrößte für Bücher für den allgemeinen Publikums‐ markt (vgl. Wischenbart 2020). Mit Hachette UK ist der Konzern auf Platz 2 in Großbritannien, mit Hachette España auf Platz 3 in Spanien sowie mit der Hachette Book Group auf Platz 4 der umsatzstärksten Verlagsgruppen in den USA. Die Konzentration im französischen Verlagswesen schritt auch in den letzten Jahren noch weiter voran; so rückte die Gruppe Média Participations mit dem Aufkauf von La Martinière Groupe im Dezember 2017 auf den dritten Platz vor. Eine Auflistung der 200 umsatzstärksten französischen Verlage zeigt, dass diese zu nur 104 Verlagsgruppen gehören bzw. unabhängige Verlage sind, während es im Jahr zuvor noch 111 verschiedene Unternehmen waren. Auch die Umsatzverteilung konzentriert sich immer stärker: 2017 lag der Anteil der zehn umsatzstärksten Verlagsgruppen (siehe Abbildung 2) am Gesamtumsatz dieser 104 Verlagsgruppen und unabhängigen Verlagen bei 88,9 Prozent. 19 Zum Vergleich: im Jahr 2012 lag ihr Anteil noch bei 77,1 Prozent (vgl. Piault 2018b, 19). 2.1 Entstehung des Konzeptes und seine Bedeutung 43 20 Die zentrale Position der französischen Verlage sowie anderer französischer Akteu‐ rinnen und Akteure im frankophonen literarischen Feld wird in Kapitel 3.2 näher beleuchtet. 21 Vgl. hierzu Piault 2018a. Abb. 2: Umsatz der zehn größten Verlagsgruppen in Frankreich 2017 in Millionen Euro (eigene Darstellung nach Piault 2018b) Die französischen Verlage sind in zunehmendem Maße eingebunden in das Ge‐ flecht international agierender Verlagskonzerne. Nicht nur sind transnationale Unternehmen im französischen Buchsektor tätig, wie die franko-belgische Ver‐ lagsgruppe Média Participations und der britische Medienkonzern RELX Group (Reed Elsevier), sondern auch die französischen Verlagsgruppen verfolgen ihre Interessen in ausländischen Buchmärkten, speziell in frankophonen Ländern. Dazu gehören Exportinteressen (Direktvertrieb), Rechtehandel und Koediti‐ onen ebenso wie strategische (Vertriebs-)Partnerschaften, Unternehmensbetei‐ ligungen und die Eröffnung von eigenen Filialen. 20 Mit Blick auf die vertikale Konzentration im französischen Buchmarkt zeigt sich, dass jede größere Verlagsgruppe ein eigenes Distributionsunternehmen besitzt, deren Dienstleistungen auch von anderen Verlagen genutzt werden: Hachette mit Hachette Distribution, Editis mit Interforum, Madrigall mit Sodis und Union Distribution, Média Participations mit MDS sowie Albin Michel mit Dilisco. 21 Anders als im anglo-amerikanischen Buchmarkt entsteht in Frankreich die Konkurrenz für unabhängige Buchhandlungen weniger durch große Buchhan‐ delsketten - überregional existieren noch Gibert Joseph und die Bahnhofs‐ 44 2 Bibliodiversität 22 Hervorhebung im Original. presse- und -buchhandlungen Relay von Lagardère - als vielmehr durch die sogenannten grandes surfaces culturelles wie Fnac, cultura und Leclerc, Buchabteilungen in großen Supermärkten sowie den stetig wachsende Online- Buchhandel. Es existiert dennoch ein im Vergleich breites Netz an unabhän‐ gigen Buchhandlungen in Frankreich, nicht zuletzt aufgrund der speziellen Fördermaßnahmen des französischen Staates (siehe Kapitel 2.3). Schätzungen verschiedener Institutionen in den vergangenen 30 Jahren haben eine Zahl von 2.500 bis 3.000 Buchhandlungen in Frankreich ermittelt, die sowohl unabhän‐ gige Buchhandlungen als auch Verkaufsstellen einer größeren Einheit wie den Buchhandelsketten, den grandes surfaces culturelles oder den Buchabteilungen in den Supermärkten umfasst (vgl. Rouet 2013, 106-7). Ein eklatanter Unterschied des französischen zum anglo-amerikanischen Buchwesen in ihrer Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte besteht in der geringeren Bedeutung von Literaturagenturen, wenn auch diese in den vergangenen Jahren schließlich auch für den Literaturbetrieb in Frankreich gewachsen ist. Literaturagentinnen und -agenten wurden lange - und werden von einigen Akteurinnen und Akteuren auch heute noch - als Eindringlinge in der in Frankreich traditionell sehr engen persönlichen Beziehung zwischen Autorinnen und Autoren und ihren Verlegerinnen und Verlegern gesehen. Neben der Tatsache, dass das Verlegen von Literatur nicht gerne mit kom‐ merziellen Zielen in Verbindung gebracht werde, beobachtete Dorothee Risse zu den Gründen der Verzögerung in der Etablierung des Agenturwesens in Frankreich Folgendes: Die Szene konzentriert sich in Paris oder besser gesagt in Saint-Germain-des-Prés, wo die meisten Verlage ihren Sitz haben. Man kennt sich, man weiß, wer dazugehört und wer nicht, man schottet sich in einer Art huis clos ab, in dem die exception culturelle française lange gegen Einflüsse und Eindringlinge von außen verteidigt werden konnte. Und dass diese Eindringlinge in Form von Agenten mit Amerika assoziiert werden, hat bei dem traditionell ausgeprägten Antiamerikanismus vieler französischer (Links-)Intellektueller sicher seinen Teil dazu beigetragen, das Agen‐ tenwesen als Feindbild zu konturieren. 22 (Risse 2009, 30) Ein Wandel hin zu einer etwas größeren Aufmerksamkeit und Akzeptanz für die Vermittlungsarbeit von Literaturagenturen erfolgte zögerlich seitdem sich einige Bestseller-Autorinnen und -Autoren wie Michel Houellebecq von Agentinnen und Agenten vertreten lassen, seitdem im Jahr 2006 Gallimard das Manuskript zu Les Bienveillantes des späteren Goncourt-Preisträgers Jonathan 2.1 Entstehung des Konzeptes und seine Bedeutung 45 23 Vgl. dazu auch Snaije 2009 und Richebois 2016. 24 Vgl. Ministère de la Culture, Service du Livre et de la lecture 2001, Ministère de la Culture, Service du Livre et de la lecture 2009 und Ministère de la Culture, Service du Livre et de la lecture 2019. Der starke Anstieg ist vermutlich auch durch einen Wechsel der zugrundeliegenden Datenbasis zu erklären: Während für die Zahl der Neuerscheinungen im Jahr 2000 noch die Buchhandelsdatenbank Électre herangezogen wurde, beziehen sich die Angaben späterer Jahre auf die Daten der Bibliothèque Nationale de France (BNF). Littell von dem englischen Agenten Andrew Nurnberg annahm 23 sowie durch Agentinnen und Agenten wie zum Beispiel Pierre Astier (Astier-Pécher Literary & Film Agency), die sich durch langjährige Erfahrung im französischsprachigen Literaturbetrieb den Gepflogenheiten anpassen und seltener als Eindringlinge wahrgenommen werden. Abgesehen von den genannten Unterschieden zum anglo-amerikanischen literarischen Feld hinsichtlich der Rolle der Buchhandelsketten und Litera‐ turagenturen zeigen sich auch in Frankreich die oben beschriebenen Auswir‐ kungen der Konzentrationsprozesse. Dazu gehört die industrielle Produktion einer populären Literatur für eine breite Leserschicht, die zunehmende Bedeu‐ tung von Bestsellern sowie, bei gleichzeitigem Sinken der jeweiligen Auflagen‐ höhe, der starke zahlenmäßige Anstieg der publizierten Buchtitel, wodurch eine immer stärkere Konkurrenz der Titel untereinander und damit der Akteurinnen und Akteure generiert wird (vgl. Rouet 2013, 13). Die Titelproduktion französi‐ scher Verlage ist in den vergangenen 20 Jahren deutlich gewachsen. Waren es noch 39.422 Neuerscheinungen, die 2000 auf den Markt kamen, wurden 2007 63.761 und 2017 bereits 68.199 Titel in Frankreich veröffentlicht. 24 Für diesen Anstieg der Titelproduktion macht der Kulturwirtschaftswissenschaftler Fran‐ çois Rouet sowohl externe als auch brancheninterne Faktoren aus: Zum einen hätten sich gerade zwischen 1960 und 1980 aufgrund des außergewöhnlichen Wirtschaftswachstums, des steigenden allgemeinen Bildungsniveaus und des großen Zulaufs an den Universitäten die Bedürfnisse der Buchkäuferinnen und Buchkäufer stark verändert und gesteigert. Auf der anderen Seite wurde die Vielzahl der Neuerscheinungen durch die Erkenntnis, dass ein erfolgreiches Buch den Weg für Nachfolgetitel bereiten kann, die Sorge, dass Autorinnen und Autoren zu Konkurrenzverlagen abwandern könnten, sowie die Wiederentde‐ ckung der Backlist, die zahlreiche Neuausgaben zur Folge hatte, angeregt (vgl. Rouet 2013, 26-27). Die Auflagenhöhen verringerten sich François Rouet zufolge auf dem fran‐ zösischen Buchmarkt zwischen 1980 und den 1990er Jahren um ein Drittel, unter anderem da sich etwa die Möglichkeit zum Nachdruck technisch verein‐ fachte, der Wunsch nach einer Reduzierung der Lagerkosten existierte und 46 2 Bibliodiversität ein Großteil der Buchtitel insgesamt geringere Verkaufszahlen erzielten. Im Zusammenhang zwischen der sinkenden Auflagenhöhe und der zunehmenden Titelproduktion sieht François Rouet eine Tendenz zur „‘individuation de masse’ de la consommation, à laquelle la production répond avec une diversification de ses produits et la distribution par celle de ses références“ (Rouet 2013, 28). Auf der einen Seite stellt die hohe Titelproduktion ein wünschenswertes Zeichen für die Vielfalt des Buchangebots dar, bedeutet jedoch auf der anderen Seite ein ökonomisches Problem für die Verlage sowie auch für den Buchhandel: Da der Gesamtumsatz sowie die durchschnittlichen Preise der Buchtitel stagnieren, bringen die aus dem höheren Titelangebot resultierenden sinkenden Verkaufs‐ zahlen pro Titel eine Verschlechterung der Rendite mit sich - ein Prozess, der sowohl Verlage als auch den Buchhandel immer stärker unter Druck setzt (vgl. Lucius 2014, 48). Konzentrationsprozesse im deutschen Buchmarkt Im deutschen Buchwesen existieren größtenteils ähnliche kulturpolitische Rah‐ menbedingungen wie in Frankreich (siehe Kapitel 2.3), so dass auch der deutsch‐ sprachige Buchmarkt als (noch) vergleichsweise vielfältig gilt. Im Nachwort zur deutschen Übersetzung von André Schiffrins L‘édition sans éditeurs erläutert der Verleger Klaus Wagenbach, dass es im Unterschied zum US-amerikanischen Buchmarkt dank der Buchpreisbindung auch in Deutschland ein relativ weit‐ verzweigtes Netz unabhängiger Buchhandlungen gebe. Dennoch seien als Folge der Konzentrationsprozesse auch im deutschen Verlagswesen die Forderung nach Gewinnmaximierung und die Bereitschaft, große Vorschusssummen zu zahlen, weit verbreitet (vgl. Schiffrin 2000b, 114-19.) Auch in Deutschland wirkte sich der Strukturwandel auf die Titelproduktion aus. In den vergangenen Jahrzehnten ist die Anzahl der im deutschen Buchmarkt publizierten Bücher stetig gewachsen. Gemessen an seiner Einwohnerzahl hat Deutschland eine sehr hohe Buchproduktion und liegt darin etwa vor den USA, Frankreich und China; einzig in Großbritannien ist die Zahl der publizierten Bücher pro Einwohner noch höher (vgl. Lucius 2014, 48). In den Jahren 2007 und 2011 wurden Spitzenwerte von 96.479 bzw. 96.273 Neuerscheinungen im deutschen Buchmarkt gezählt. Seitdem ist allerdings die Neigung zu einer „vor‐ sichtigeren Programmplanung“ (vgl. Börsenverein des Deutschen Buchhandels e. V. 2018, 81) der deutschen Verlage zu beobachten, was sich insbesondere in der Reduktion der Zahl von Neuauflagen, also Büchern aus der Backlist der 2.1 Entstehung des Konzeptes und seine Bedeutung 47 25 Dabei handelte es sich um 72.499 Erstsowie 10.137 Neuauflagen. Angesichts von hier teilweise nicht erfassten E-Books und Print-on-Demand-Produktionen, die im Selfpub‐ lishing-Bereich von hoher Bedeutung sind, dürfte die Zahl der Neuerscheinungen jedoch weitaus höher liegen. 26 Genreübergreifend auf das gesamte Verlagswesen bezogen ist die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck aufgrund ihrer Anteile an Springer Nature Deutschlands größter Buchkonzern. Verlage, äußert. 2017 wurden noch 82.636 Neuerscheinungen veröffentlicht (vgl. Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.-V. 2018, 81). 25 Zwischen den Jahren 1997 und 2017 ist die Anzahl der im Börsenverein organisierten Verlage von 2.109 auf 1.644, also um ca. 22 Prozent gesunken; die Anzahl der Buchhandlungen verringerte sich sogar um rund 39 Prozent von ehemals 4.670 auf 2.844 Buchhandlungen im Jahr 2017 (vgl. Börsenverein des Deutschen Buchhandels e. V. 1997, 25 und Börsenverein des Deutschen Buchhandels e. V. 2018, 43). Wenn auch nicht alle in Deutschland existierenden Verlage und Buchhandlungen Mitglied im Börsenverein sind, illustrieren diese Zahlen den Rückgang der Unternehmenstätigkeit im Buchwesen. Auch im deutschen Buchmarkt haben Konzentrationsprozesse dazu geführt, dass sich die Anzahl der Verlage reduziert hat und sich die Dominanz einiger Verlagsgruppen gefestigt hat. Das Ranking der umsatzstärksten Verlage wird in Deutschland von Fachverlagen angeführt (siehe Abbildung 3); als einziger reiner Publikumsverlag ist die zu Bertelsmann gehörende Verlagsgruppe Pen‐ guin Random House unter den zehn größten Verlagsunternehmen vertreten. Betrachtet man gesondert die umsatzstärksten Verlagsgruppen im Bereich der Bücher für ein generelles Lesepublikum (siehe Abbildung 4), scheint Penguin Random House mit 309,3 Millionen Euro Umsatz im Jahr 2019 nur auf den ersten Blick den Markt sehr stark zu dominieren: So hatte die Ver‐ lagsgruppe Georg von Holtzbrinck im Jahr 2019 im Publikumssegment mit den Verlagen Rowohlt, S. Fischer, Droemer Knaur, Kiepenheuer & Witsch, dem Hörbuchverlag Argon und dem Geschenkbuchverlag Groh einen Umsatz von immerhin 246,5 Millionen Euro. 26 Die deutsche Tochtergesellschaft der schwedischen Bonnier-Gruppe erreichte mit ihren Verlagen, zu denen u. a. Carlsen, Ullstein, Piper, arsEdition, Thienemann-Esslinger, Hörbuch Hamburg und die Münchner Verlagsgruppe gehören, einen Umsatz von 252,8 Millionen Euro (vgl. buchreport 2020). 48 2 Bibliodiversität Abb. 3: Umsatz der zehn größten Buchverlage in Deutschland 2019 in Millionen Euro (eigene Darstellung nach buchreport 2020) Abb. 4: Umsatz der zehn größten Publikumsverlage in Deutschland 2019 in Millionen Euro (eigene Darstellung nach buchreport 2020) Der Grad der Konzentration im deutschen Buchmarkt wird deutlich, wenn man die Zahl der finanzstärksten Verlage und ihren Anteil am Gesamtumsatz des Verlagswesens betrachtet: Gab es 2007 noch 62 Verlage mit einem Umsatz von mehr als 25 Millionen Euro, die einen Anteil von 72,6 Prozent am Gesamtumsatz erwirtschafteten, waren es 2018 nur noch 42 Verlage mit einem gestiegenen An‐ 2.1 Entstehung des Konzeptes und seine Bedeutung 49 27 2007 gab es 2.836 steuerpflichtige Verlage, die einen Gesamtumsatz von 11.395.889.000 Euro erwirtschafteten, vgl. Börsenverein des Deutschen Buchhandels e. V. 2012, 40 und 45. 2018 lag der Umsatz von 1.918 steuerpflichtigen Verlagen bei 8.472.957.000 Euro, vgl. Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.-V. 2020, 48 und 53. teil von 78,9 Prozent (siehe Tabelle 1). 27 Anders ausgedrückt: „Gut zwei Prozent der Unternehmen erwirtschaften damit fast 80 Prozent aller Verlagsumsätze“ (Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.-V. 2020, 54). - Anzahl Buchverlage mit mehr als 25 Mio. Euro Umsatz Umsatz dieser Ver‐ lage (in 1.000 €) Anteil am Gesamt‐ umsatz des deutschen Verlagswesens in Pro‐ zent 2018 42 6.684.907 78,9 2007 62 8.223.588 72,6 Tab. 1: Anteil der umsatzstärksten Verlage am Gesamtumsatz des deutschen Verlagswe‐ sens (vgl. Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.-V. 2012 und 2020) Chancen der Globalisierung und Digitalisierung Den Effekten der Konzentrationsprozesse und anderen Auswirkungen der derzeit existierenden Form der Globalisierung, welche eine Gefährdung für die kulturelle Vielfalt darstellen, stehen Entwicklungen unter anderem techno‐ logischer Art gegenüber, die einen positiven Einfluss auf die Diversität im Buchwesen haben können. Der Strukturwandel der Buchbranche wurde vor allem durch die beschriebenen ökonomischen und sozialen Prozesse vorange‐ trieben; aber auch die zeitgleich verlaufende technologische Revolution der Digitalisierung trug dazu bei. Sie beeinflusste das Verlagswesen auf mehreren Ebenen: in der Einführung von IT-Systemen zur Informationsverwaltung und Kommunikation, der Digitalisierung des Produktionsprozesses, an dessen Ende (auch) ein digitales Produkt steht, das Phänomen der Trennbarkeit von Inhalt und Form (content delivery), sowie der Entstehung des Online-Buchhandels und des Digitalmarketings, das den direkten Kontakt zwischen Verlagen bzw. Autorinnen und Autoren und den Leserinnen und Lesern ermöglicht (vgl. Thompson 2012, 326-35). Nach der „Long-Tail“-These von Chris Anderson versetzen die Möglichkeiten des Online-Handels mit (digitalen) kulturellen Produkten, wie zum Beispiel die geringeren Lagerkosten, diese Unternehmen in die Lage, Nischenprodukte anzubieten, mit denen sie auch einen großen Anteil ihres Umsatzes machen. Gleichzeitig erhöhe sich die Nachfrage der Kundinnen und Kunden, die wissen, 50 2 Bibliodiversität 28 Eine empirische Studie zur Anwendbarkeit der „Long-Tail“-These im Zusammenhang mit der Vielfalt im französischen Buchwesen und dem Online-Buchhandel findet sich bei Moreau und Peltier 2011, siehe auch Kapitel 2.2.1 dieser Arbeit. 29 Auch Pierre-Jean Benghozi und Françoise Benhamou äußern sich kritisch zur Allge‐ meingültigkeit der „Long-Tail“-Theorie, vgl. Benghozi und Benhamou 2008. dass die Vertriebsplattformen im Internet viele Nischenprodukte anbieten und sie über die vereinfachten Suchfunktionen viele dieser Produkte finden können. So führe der Online-Handel insgesamt zu einem vielfältigeren kulturellen Angebot, welches auch nachgefragt werde (vgl. Anderson 2006). 28 Durch das erhöhte Angebot verschiebe sich das Geschäft von Bestsellern zu Backlist- Titeln. Von diesem Phänomen könnten gerade auch unabhängige Verlage beim Verkauf ihrer Bücher profitieren. Allerdings weisen Michel Clement et al. darauf hin, dass der „Long-Tail“-Effekt vor allem für den Online-Buchhandel gelte und die Veröffentlichung von Starautorinnen und -autoren weiterhin höhere Gewinne generiere als Nischenprodukte. Dies sei der Grund dafür, dass „große Verlage sich noch stärker auf Bestsellerautoren fokussieren und es unbekannten Autoren in Zukunft wahrscheinlich sehr schwer haben werden, bei einem großen Verlag unter Vertrag genommen zu werden“ (Clement, Blömeke und Sambeth 2009, 20), und sich somit die Bedingungen im Buchmarkt durch den Online-Buchhandel kaum verändern dürften. 29 Die Tatsache, dass trotz der Auswirkungen des ökonomischen Strukturwan‐ dels weiterhin eine große Anzahl an unabhängigen Verlagen existiert, ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass die Eintrittsbarrieren in das Verlagsge‐ schäft aufgrund eines geringen finanziellen Aufwands und wenigen benötigten Fachkenntnissen traditionell relativ niedrig sind. Im Rahmen der Digitalisie‐ rung haben sich diese Eintrittsschranken weiter verringert (vgl. Thompson 2012, 155). Anders als Verlagskonzerne, die aus ihrer Größe Vorteile ziehen, können unabhängige Verlage teilweise von Bedingungen profitieren, die John B. Thompson als „economy of favours“ (Thompson 2012, 156) bezeichnete. Dazu gehören die grundsätzliche Sympathie und Unterstützung ihrer Arbeit, die sich beispielsweise in geringeren Kosten für die Inanspruchnahme von Ver‐ lagsdienstleistungen (zum Beispiel beim Coverdesign) ausdrücken könne, sowie auch die Solidarität der kleineren Akteurinnen und Akteure untereinander, die ihr Wissen, ihre Kontakte und Empfehlungen austauschen. Dies resultiert nicht selten im Aufbau gemeinsamer Aktivitäten, etwa in Vertriebskooperationen (vgl. Thompson 2012, 179-82). Digitale Kommunikation erleichtert es, transnationale Netzwerke und Ver‐ einigungen zu schließen, die dem professionellen Austausch, der Kooperation 2.1 Entstehung des Konzeptes und seine Bedeutung 51 30 Zu Zusammenschlüssen und Netzwerken unabhängiger Verlage, vgl. Colleu 2006, 135-42. 31 Zur Rolle von Buchmessen im Engagement für Bibliodiversität, siehe Kapitel 2.4. 32 Zur Bedeutung von Übersetzungen für die Bibliodiversität im internationalen Buch‐ wesen, siehe Kapitel 2.2.2. sowie der gemeinsamen Interessenvertretung dienen. 30 Dazu tragen auch die durch die erhöhte Mobilität vereinfachten persönlichen Treffen zwischen Ver‐ lagen, Literaturagenturen und anderen Akteurinnen und Akteuren des Buch‐ wesens auf der Vielzahl an regionalen, nationalen sowie auch internationalen Buchmessen, die in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend etabliert wurden, bei. 31 Die immer stärkere Vernetzung durch die erleichterte Kommunikation und die Etablierung persönlicher Beziehungen auf Buchmessen sowie der zuneh‐ mende freie Austausch von Waren und Dienstleistungen führen dazu, dass die Anzahl von Koeditionen und der Übersetzungen zwischen verschiedenen Sprachen steigt - laut Gisèle Sapiro bei den Übersetzungen weltweit um 50 Prozent zwischen 1980 und 2000 -, wenn auch gleichzeitig die Dominanz der Übersetzungen aus dem Englischen weiter wächst (vgl. Sapiro 2009, 281-82). 32 Als Reaktion auf die beschriebenen Umbrüche, die als Folge der Liberalisierung der Märkte nicht nur im Buchwesen zutage traten, ihre Risiken, aber auch Chancen, intensivierte sich die Debatte um den Schutz kultureller Vielfalt - der für den Buchsektor um den Begriff und das Konzept der Bibliodiversität erweitert wurde. 2.1.2 Diskurse zur Vielfalt im Buchwesen und zum Schutz kultureller Diversität Die Sorge um die Diversität im Buchwesen hat seit jeher - lange vor dem Auf‐ kommen des Begriffs Bibliodiversität - die Akteurinnen und Akteure der Buch‐ branche beschäftigt. Das aktuelle Konzept der Bibliodiversität schließt daher an öffentliche Diskurse zur Erhaltung der Vielfalt an, die in der Vergangenheit unter anderem im Buchwesen Frankreichs und Deutschlands insbesondere im Rahmen der Forderungen nach der Einführung eines festen Ladenpreises für Buchprodukte geführt wurden. In Deutschland begann die Debatte um die Vorteile einer festen Preisregelung zum Schutz der Vielfalt im Buchhandel gegen Ende des 18. Jahrhunderts, als sogenannte „Schleuderer“ vor allem an den zentralen Buchhandelsorten Leipzig und Berlin durch ihre Rabattaktionen die Existenz von Buchhändlerinnen 52 2 Bibliodiversität 33 Zu den Anfängen der Buchpreisbindung in Deutschland, vgl. auch Kühnert 2009. 34 Zu den Kritikpunkten der Gegnerinnen und Gegner der Buchpreisbindung, vgl. auch Emmerich 2004. und Buchhändlern in entlegeneren Gebieten bedrohten. 33 Buchhändlerinnen und Verleger zeigten schon 1802 die Risiken auf, die durch das Fehlen einer Preisbindung im Buchmarkt entstünden. Zu diesen Risiken gehörten mangelnder Innovationsschutz für neue Autoren und Themen, fehlender Mut und Bereitschaft der Verleger, durch Mischkalkulationen auch Minderheitenliteratur an‐ zubieten, Verbilligung einzelner gut gängiger Titel bei genereller Verteuerung des allgemeinen Marktes, Rückgang von wohlsortierten Buchhandlungen, insbesondere fern von Ballungsgebieten […]. (Füssel 1997, 90) Die Befürworterinnen und Befürworter einer Preisregelung argumentierten also, dass eine Festsetzung des Preises die Vielfalt sowohl der Strukturen als auch der Inhalte im Buchwesen stärken könne. Die Einführung einer festen Preisstruktur für Bücher erfolgte zunächst als vereinsinterne Absprachen zwi‐ schen Verlagen und Buchhandlungen durch die Reformen des Vorstehers des Börsenvereins Adolf Kröner zwischen 1878 und 1888. Es folgten im 20. Jahrhun‐ dert Regelungen wie das Sammelrevers-System, mit dem Buchhandlungen sich verpflichteten, den Kundinnen und Kunden die von den Verlagen festgesetzten Preise in Rechnung zu stellen, bevor die Buchpreisbindung in Deutschland 2002 gesetzlich verankert wurde. Zum Ziel der Buchpreisbindung heißt es im Gesetzestext in § 1: Das Gesetz dient dem Schutz des Kulturgutes Buch. Die Festsetzung verbindlicher Preise beim Verkauf an Letztabnehmer sichert den Erhalt eines breiten Buchangebots. Das Gesetz gewährleistet zugleich, dass dieses Angebot für eine breite Öffentlichkeit zugänglich ist, indem es die Existenz einer großen Zahl von Verkaufsstellen fördert. (zitiert nach Wallenfels, Russ und Franzen 2018, 9) Gegnerinnen und Gegner der Buchpreisbindung kritisieren, dass sie den freien Wettbewerb und die unternehmerische Autonomie beschränke. Sie sei „ein staatlich gefördertes Kartell zu Lasten der Verbraucher […], unter dessen Schutz der Buchhandel trotz ineffizienter Strukturen und überhöhter Preise gedeihen könne“ (Wallenfels, Russ und Franzen 2018, 12-13). 34 Die Monopolkommission empfiehlt der deutschen Bundesregierung immer wieder, so etwa auch im Mai 2018, die Abschaffung der Buchpreisbindung, da sie einen „schwerwiegenden Markteingriff “ (Monopolkommission 2018) darstelle. Auch in Frankreich wurde der feste Ladenpreis für Bücher kontrovers diskutiert. Lange Zeit bestanden ebenfalls brancheninterne Regelungen in Form 2.1 Entstehung des Konzeptes und seine Bedeutung 53 35 Zur Geschichte der Loi Lang, einer Beurteilung durch die an ihrer Realisierung Beteiligten sowie einer Sammlung der relevanten Dokumente zu ihrer Entstehungsge‐ schichte, vgl. Corpet 2006. Wenige Jahre nach der Einführung der Buchpreisbindung in Frankreich zeigten sich sowohl die Vertreterinnen und Vertreter der Buchbranche (von denen einige vorher gegen den festen Buchpreis waren) als auch der Verbraucher‐ verbände zufrieden mit der gesetzlichen Regelung. Vor dem erneut großen Wandel durch die Konkurrenz des Online-Handels und die Veränderung der Lesegewohnheiten konnten sich die Umsätze unabhängiger Buchhandlungen stabilisieren, das Titelan‐ gebot der Verlage nahm stetig zu und der Buchpreis lag zwischen den leicht und schwerer verkäuflichen Buchtiteln nicht so stark auseinander wie in Ländern, die keine Buchpreisbindung hatten, vgl. Gerlach 2003, 56-58. von Empfehlungen der Verlage zu den Preisen ihrer Bücher, an die sich die Buchhandlungen auch hielten, bis Mitte der 1970er Jahre die Handelskette Fnac mit der Gewährung eines Rabattes von 20 Prozent auf den von den Verlagen empfohlenen Preis einen Preiskampf im Buchhandel auslöste und zu hohen Verlusten der traditionellen Buchhandlungen führte. Zusätzlich beeinflusst von der zunehmenden Konzentration im französischen Verlagswesen, die ebenfalls als Bruch mit den Traditionen wahrgenommen wurde, begannen einige Verle‐ gerinnen und Verleger sowie Buchhändlerinnen und Buchhändler sich unter dem Slogan „Le livre n’est pas un produit comme les autres“ für eine gesetzliche Regelung eines festen Buchpreises zu engagieren (vgl. Surel 2006). Nach dem Verbot der Veröffentlichung von Richtpreisen durch die Verlage 1979 erlebte die Branche zudem, welche Auswirkungen die fehlenden Preisempfehlungen auf den Buchhandel hatten: Viele Buchhandlungen gerieten in eine Existenzkrise. Bestseller wurden günstiger angeboten, während sich allgemein die Buchpreise deutlich erhöhten. Des Weiteren konzentrierten sich die Buchhandlungen darauf, die schnell verkäuflichen Titel vorrätig zu haben, so dass sich das Angebot zumindest in den Verkaufsstellen schon innerhalb kürzester Zeit verringerte (vgl. Wallenfels, Russ und Franzen 2018, 46). Daraufhin wurde bald nach den Präsidentschaftswahlen 1981 eine gesetzliche Grundlage für die Buchpreisbindung in Frankreich geschaffen. 35 Ihre Notwendigkeit begründete der damalige Kulturminister der Sozialistischen Partei Jack Lang, nach dem das entsprechende Gesetz Loi Lang benannt wurde, 1981 vor der Assemblée Nationale wie folgt: Ce régime dérogatoire est fondé sur le refus de considérer le livre comme un produit marchand banalisé et sur la volonté d’infléchir les mécanismes du marché pour assurer la prise en compte de sa nature de bien culturel qui ne saurait être soumis aux seules exigences de rentabilité immédiate. Le prix unique du livre doit permettre: 54 2 Bibliodiversität • l’égalité des citoyens devant le livre, qui sera vendu au même prix sur tout le territoire national; • le maintien d’un réseau décentralisé très dense de distribution, notamment dans les zones défavorisées; • le soutien au pluralisme dans la création et l’édition en particulier pour les ouvrages difficiles. ( Jack Lang, zitiert nach Ministère de la Culture, Service du Livre et de la lecture, „Le prix du livre, mode d’emploi“) Auch im französischen Buchwesen sowie in der Kulturpolitik entstand ange‐ sichts ökonomischer Effekte der Konzentration im Verlagswesen und Buch‐ handel also der Appell, die Bedeutung des Buches als Kulturgut sowie die bis dahin existierende Vielfalt sowohl in der Entstehung von Buchinhalten selbst als auch in den Strukturen ihrer Herstellung und Verbreitung anzuerkennen. Diskurse über die bedrohte Vielfalt im Buchwesen vor der Entstehung des Terminus Bibliodiversität führten also in beiden Ländern zu einer konkreten kulturpolitischen Maßnahme, der Buchpreisbindung. Das Aufkommen des Begriffs Bibliodiversität ist sowohl zeitlich als auch inhaltlich insbesondere in die übergeordneten Diskurse zum Schutz kultureller Vielfalt einzuordnen, die im Rahmen der UNESCO zur Verabschiedung der Konvention über den Schutz und die Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucks‐ formen im Jahr 2005 führten. Die Entstehung des Konzeptes von kultureller Vielfalt und die Entwicklung der UNESCO-Konvention resultiert aus dem Spannungsverhältnis der Handelsliberalisierung und der Forderung nach dem Schutz der Kultur angesichts der die kulturellen Ausdrucksformen beeinflus‐ senden neuen Informationstechnologien, multilateraler Handelspolitik und der neoliberalen Form der Globalisierung. Das Fundament des Konzeptes kultureller Vielfalt bildet allerdings die Ent‐ wicklung des Kulturbegriffs im Rahmen der UNESCO (vgl. Uibeleisen 2012, 28-60). Verstand die UNESCO unter dem Begriff der Kultur zunächst eine auf künstlerischen Wert setzende Hochkultur, erweiterte sich das Verständnis stetig. Kultur und ihren Produkten wurde zunehmend eine wichtige Funktion für die Individuen wie auch für die Gesellschaft zugeschrieben, als „Ausdruck von Identitäten, Lebensformen, Grundrechten, Wertesystemen, Traditionen und Glaubensrichtungen“ (Uibeleisen 2012, 60), gerade auch im Zusammenhang mit den Erfahrungen zu Beginn der Unabhängigkeit ehemaliger Kolonialstaaten und vor dem Hintergrund der Handelsliberalisierung. Es setzte sich die Über‐ zeugung durch, dass kulturelle Vielfalt, d. h. auch die sie transportierenden kulturellen Erzeugnisse und Dienstleistungen, setze man sie ungeschützt den ökonomischen Gesetzmäßigkeiten des Freihandels aus, gefährdet sei und „die Entstehung einer von den westlichen, wirtschaftlich starken Kulturindustrien 2.1 Entstehung des Konzeptes und seine Bedeutung 55 dominierten Einheitskultur“ (Uibeleisen 2012, 61) zu erwarten sei. Minderheiten könnten so um ihre identitätsfördernde und eine nachhaltige Entwicklung un‐ terstützende Kultur gebracht werden. Die UNESCO misst der Kultur auch eine essenzielle Bedeutung für Frieden und internationalen Austausch, Demokratie und Entwicklung bei. Diese Funktionen von Kultur und ihre Vielfalt galt es durch eine internationale Vereinbarung zu schützen. Konkret entwickelte sich das Konzept der kulturellen Vielfalt im zeitlichen Umfeld der Uruguay-Runde des General Agreement on Tariffs and Trade (GATT) von 1986 bis 1994 und in der Folge ihres Scheiterns hinsichtlich der Forderung der Europäischen Gemeinschaft unter Führung Frankreichs nach einer kulturellen Bereichsausnahme, der sogenannten exception culturelle, im internationalen Handelsrecht. Der von der Ausnahme audiovisueller Kultur‐ produkte aus den Verpflichtungen der Handelsliberalisierung ausgehende Ruf nach einer exception culturelle entstand aus dem Wunsch, durch Förderung und Quoten die europäischen Kulturindustrien vor einer übermächtigen Kon‐ kurrenz durch US-Produkte schützen zu können. Dieser Streitpunkt zwischen der Europäischen Gemeinschaft und Kanadas einerseits sowie andererseits vor allem den USA gründete auf einer unterschiedlichen Einschätzung des kultur‐ ellen Werts von Film- und Fernsehproduktionen: Die USA stuften diesen Bereich als Unterhaltungs- und nicht als Kulturprodukte ein und bezweifelten deren Funktion für die europäische Kultur und Identität. In den kulturpolitischen Maßnahmen europäischer Staaten und Kanadas sahen sie daher eine Form des Protektionismus, die den Übereinkünften und Vorteilen des Freihandels entgegenstünde. Die Entwicklung des Konzeptes kultureller Vielfalt war dennoch „zu keiner Zeit bloße Reaktion auf die internationale Handelsliberalisierung oder Globali‐ sierung“ (Uibeleisen 2012, 143), sondern war auch das Ergebnis der jahrzehnte‐ langen Diskussionen um die Bedeutung der Kultur, und dies nicht nur innerhalb der UNESCO: Für den Schutz der kulturellen Vielfalt engagierten sich auch viele Akteurinnen und Akteure aus der Zivilgesellschaft, einzelne Staaten sowie zwischenstaatliche Regierungsorganisationen, darunter die Organisation internationale de la Francophonie (OiF), die ihre Forderungen an die UNESCO herantrugen. Ziel war es, eine Vereinbarung zum Schutz kultureller Vielfalt auf internationaler Ebene zu treffen, die einen Kompromiss zwischen dem Postulat des Kulturschutzes und liberalen Handelsinteressen darstellte, in deren Rahmen die Legitimität staatlicher kulturpolitischer Maßnahmen anerkannt werden und die gleichberechtigt neben den Vereinbarungen der Welthandelsorganisation stehen könne. 56 2 Bibliodiversität 36 Zu den Entwicklungen und Standpunkten zum Konzept der kulturellen Diversität vor dem Hintergrund der (kulturellen) Globalisierung, vgl. Regourd 2004. 37 Zum Entstehungsprozess der Konvention und der Rolle seiner Akteurinnen und Akteure aus deutscher Perspektive, vgl. auch Schorlemer 2006. Ein erster Schritt auf dem Weg zu einer entsprechenden Übereinkunft war die völkerrechtlich nicht bindende Allgemeine Erklärung zur kulturellen Vielfalt der UNESCO aus dem Jahr 2001. Dabei handelte es sich um eine erste Formulierung des Konzeptes kultureller Vielfalt, welche die kulturellen Rechte als Teil der Menschenrechte verortete und die Globalisierung in der Präambel zwar als Herausforderung für die kulturelle Vielfalt, aber gleichzeitig auch als Bedingung für den internationalen kulturellen Dialog definierte. Die Allgemeine Erklärung bezeichnete die kulturelle Vielfalt als „gemeinsames Erbe der Menschheit“ (Ar‐ tikel 1, zitiert nach Allgemeine Erklärung zur kulturellen Vielfalt 2006, 105) und verglich ihre Bedeutung für den Menschen mit der Bedeutung der Biodiversität für die Natur. Zwar war die Erklärung auf die Gesamtheit der kulturellen Vielfalt etwa in Lebensformen, Wertesystemen und Traditionen ausgerichtet, die die Identität, den sozialen Zusammenhalt und friedlichen Dialog bestimmen, statt sich auf die kulturellen Ausdrucksformen zu beschränken. Die Allgemeine Erklärung zur kulturellen Vielfalt legte aber mit den Feststellungen in den Artikeln 8 bis 10, dass kulturelle Güter und Dienstleistungen nicht als gewöhnliche Waren betrachtet werden könnten und, im Weiteren daraus folgernd, Staaten zum Zweck der Förderung dieser Kulturprodukte zur Definition einer eigenen Kulturpolitik berechtigt seien, den Grundstein für die später ausgearbeitete Konvention über den Schutz und die Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen. So vollzog sich in den 1990er Jahren ein Wandel von der negativ formulierten kulturellen Ausnahme im Zuge der Liberalisierung des Welthandels zu einem positiv formulierten Konzept zum Schutz der kulturellen Vielfalt und ihrer Ausdrucksformen (vgl. Uibeleisen 2012, 149). 36 Der Allgemeinen Erklärung folgte im Rahmen der UNESCO im Oktober 2005 die Unterzeichnung der Konvention über den Schutz und die Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen, welche das Sujet Kultur erstmals im Völkerrecht verankerte und somit die Möglichkeit schuf, Angelegenheiten der kulturellen Vielfalt in das internationale Handelsrecht zu integrieren und so zur Entschärfung des Spannungsverhältnisses zwischen dem Schutz der Kultur und der Liberalisierung des Welthandels beizutragen (vgl. Uibeleisen 2012, 21). 37 Anders als die Allgemeine Erklärung beschränkt sich die Konvention von 2005, statt das Gesamtkonzept kultureller Vielfalt zu regeln, auf die Vielfalt kultureller Ausdrucksformen. Damit ging man in der Konvention von der erfolgten Aus‐ 2.1 Entstehung des Konzeptes und seine Bedeutung 57 arbeitung des Konzeptes kultureller Vielfalt zurück zur Reglementierung einer kulturellen Bereichsausnahme für handelsrechtlich relevante kulturelle Güter und Dienstleistungen, da die UNESCO diesen Aspekt des Gesamtkonzepts als speziell von der Globalisierung gefährdet und daher besonders relevant für die vertragliche Fixierung ansah (vgl. Uibeleisen 2012, 166). Von einer Regelung in der Konvention ausgenommen wurden damit Dimensionen kultureller Vielfalt wie Urheberrechte, kulturelle Rechte sowie Multikulturalität. Diese Einschrän‐ kung findet ihren Ausdruck - neben der Formulierung des Titels der Konvention - in der Definition des Begriffs kultureller Vielfalt in Artikel 4 der Konvention: ‘Diversité culturelle’ renvoie à la multiplicité des formes par lesquelles les cultures des groupes et des sociétés trouvent leur expression. Ces expressions se transmettent au sein des groupes et des sociétés et entre eux. La diversité culturelle se manifeste non seulement dans les formes variées à travers lesquelles le patrimoine culturel de l’humanité est exprimé, enrichi et transmis grâce à la variété des expressions culturelles, mais aussi à travers divers modes de création artistique, de production, de diffusion, de distribution et de jouissance des expressions culturelles, quels que soient les moyens et les technologies utilisés. (UNESCO 2005, 14) Damit berücksichtigt die Definition kultureller Vielfalt in der Konvention nicht nur unterschiedliche Stationen in der Wertschöpfungskette kultureller Güter und ihre Marktsituationen, sondern stellt zukunftsweisend - in Anbetracht technologischer Neuerungen - ihren Inhalt unabhängig von seiner Trägerform unter den Schutz der Konvention. Oberste Ziele der Konvention, in Artikel 1 a) festgelegt, sind der Schutz und die Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen, unter die sich die weiteren angestrebten Punkte des Artikels subsumieren, da sie teilweise als Mittel und Instrumente angesehen werden können, das namensgebende Ziel der Konvention zu erreichen. Mehrere Punkte zielen auf die Schaffung geeigneter Bedingungen für die freie Entfaltung der einzelnen Kulturen sowie für den interkulturellen Dialog in gegenseitigem Respekt und im Streben nach nachhaltiger Entwicklung. Mit der Anerkennung des Doppelcharakters von kulturellen Gütern und Dienstleistungen in Artikel 1 g) als „porteurs d’identité, de valeurs et de sens“ (UNESCO 2005, 8) legitimiert die Konvention die Sonderstellung kultureller Ausdrucksformen, auch für das internationale Handelsrecht. Diese bildet gleichzeitig die Grundlage für die Anerkennung der Legitimität der Staaten in Artikel 1 h), geeignete Maßnahmen zum Schutz und zur Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen zu definieren und umzusetzen, also eine nationale Kulturpolitik zu betreiben (vgl. Artikel 1 in UNESCO 2005, 7-8). 58 2 Bibliodiversität Mit der Aushandlung der Konvention wurde die Debatte um kulturelle Vielfalt, die mit dem Streit um die exception culturelle anfänglich zwischen Staaten des globalen Nordens (Europa, Kanada und USA) mit Blick auf ihre jeweiligen Kulturindustrien geführt wurde, zu einer Angelegenheit, die auch den globalen Süden mit einbezog (vgl. Benhamou 2006, 277). Schon in der Präambel bestätigt die Konvention noch einmal die Chance der Globalisierung, eine bessere Interaktion zwischen den Kulturen zu bewirken. Sie betont aber auch die Gefahr von sich verstärkenden Ungleichgewichten zwischen reichen und armen Ländern. Artikel 14 der Konvention hält die unterzeichnenden Staaten dazu an, sich gemeinsam auf internationaler Ebene für eine nachhaltige Entwicklung und die Bekämpfung der Armut, insbesondere für die Entstehung eines starken Kultursektors in den Entwicklungsländern einzusetzen. Dazu sollen die dortigen Kulturindustrien gestärkt werden, indem ihren kulturellen Gütern und Dienstleistungen der Zugang zu den internationalen Märkten und Vertriebswegen erleichtert wird, es ermöglicht wird, lebensfähige lokale und regionale Märkte aufzubauen, die kreative Arbeit und Mobilität von Künstler‐ innen und Künstlern unterstützt wird, ein Wissens-, Erfahrungs-, Kompetenz- und Technologietransfer im privaten und öffentlichen Sektor stattfindet, um geeignete Kulturpolitiken und Strategien für die Förderung und den Vertrieb von Kulturgütern und -dienstleistungen zu etablieren, sowie außerdem auch finanzielle Mittel für die Kooperation und Förderung kultureller Vielfalt gerade in Entwicklungsländern bereitgestellt werden. Zusätzlich verlangt Artikel 16 von stärker entwickelten Ländern, Künstlerinnen und Künstler, Kulturschaf‐ fende sowie kulturelle Güter und Dienstleistungen der Entwicklungsländer im kulturellen Austausch bevorzugt zu behandeln (vgl. UNESCO 2005). Auf diese Weise sollen die negativen Effekte der weltweiten Verflechtungen der Kulturwirtschaft abgemildert und auf die Globalisierung im Bereich der Kultur im Sinne des Erhalts und der Förderung kultureller Vielfalt Einfluss genommen werden. 2.1.3 Interpretationen des Konzeptes Bibliodiversität Definition und Engagement der AIEI Während des Prozesses, der zur Annahme der UNESCO-Konvention zum Schutz kultureller Ausdrucksformen führte, wurde 2002 die Alliance internationale des éditeurs indépendants gegründet, die bis 2008 zusätzlich die Ergänzung „pour une autre mondialisation“ im Namen trug. Die AIEI setzt sich unter dem Begriff Bibliodiversität für die Anwendung des Konzeptes kultureller Vielfalt und der UNESCO-Konvention auf das Buchwesen und das Buch als kultureller 2.1 Entstehung des Konzeptes und seine Bedeutung 59 38 Die bei der Konferenz vorgetragenen Stellungnahmen der Verlegerinnen und Verleger können in der Veröffentlichung Des paroles et des actes pour la bibliodiversité nachge‐ lesen werden, vgl. Des paroles et des actes pour la bibliodiversité 2006. Ausdrucksform ein. Als Interessenvertretung betont die AIEI in ihrer Definition von Bibliodiversität entsprechend die besondere Rolle ihrer Mitglieder, der unabhängigen Verlage. Der AIEI zufolge ist Bibliodiversität die Anwendung des Konzeptes von kultureller Vielfalt auf das Buchwesen und bezieht sich auf „une nécessaire diversité des productions éditoriales mises à la disposition des lecteurs“ (Website Alliance internationale des éditeurs indépendants, „Bibliodiversité“). Wenn auch die großen Verlagsgruppen mit ihren Titelmengen zu dieser Vielfalt beitragen, so könne auf diese Weise nicht die Bibliodiversität garantiert werden, da sich diese nicht allein an der Menge der verfügbaren Buchtitel messen lasse. Zur Erhaltung der Bibliodiversität brauche es die von unabhängigen Verlagen veröffentlichten Inhalte: Les éditeurs indépendants, bien qu’ils se soucient de l’équilibre économique de leur maison d’édition, sont avant tout préoccupés par les contenus qu’ils publient. Leurs ouvrages peuvent apporter un autre regard et une autre voix, à côté de l’offre éditoriale plus standardisée des grands groupes. La production éditoriale des éditeurs indépendants, et les moyens de diffusion qu’ils privilégient (librairies indépendantes notamment) pour la porter aux lecteurs, sont ainsi indispensables pour préserver et enrichir la pluralité et la diffusion des idées. (Website Alliance internationale des éditeurs indépendants, „Bibliodiversité“) Im Rahmen einer Konferenz mit dem Titel „Les éditeurs indépendants du monde latin et la bibliodiversité“ anlässlich der Buchmesse in Guadalajara in Mexiko im Jahr 2005, die von der AIEI mit anderen Partnerinstitutionen organisiert wurde, verabschiedeten 70 unabhängige Verlegerinnen und Verleger aus 23 vorwiegend romanischsprachigen Ländern Afrikas, Amerikas und Europas eine gemeinsame Erklärung zur Bibliodiversität. 38 Darin legten die Teilnehmenden unter Bekräftigung der schwerwiegenden Auswirkung der Konzentrationspro‐ zesse im Buchwesen als Folge der ökonomischen Globalisierung und der ihnen, den unabhängigen Verlagen, - auch selbst - zugeschriebenen Bedeutung für die Entwicklung und Demokratisierung der Gesellschaften ihr Engagement für die Bibliodiversität dar. Die Erklärung ruft unabhängige Verlage dazu auf, sich auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene zu vernetzen, um die gemeinsamen Interessen zu verteidigen und auf die Kulturpolitik Einfluss nehmen zu können. In ihrer klaren Forderung nach nationalen Buchpolitiken, zusammengesetzt aus Elementen wie Urheberrecht, Buchpreisbindung, Lese‐ 60 2 Bibliodiversität 39 Siehe Kapitel 2.3.3 sowie vgl. Website Alliance internationale des éditeurs indépendants, „80 recommandations & outils en faveur de la bibliodiversité”. förderung und Bekämpfung der Piraterie, beziehen sich die Vertreterinnen und Vertreter unabhängiger Verlage auf die zeitgleich verhandelte Konvention zum Schutz und zur Förderung kultureller Ausdrucksformen der UNESCO, welche staatliche Kulturpolitik im internationalen Handelsrecht legitimiert. Die Vernetzung unabhängiger Verlage biete auch die Möglichkeit, gemeinsam im Verbund gegenüber großen Vertriebsstrukturen vorteilhaftere Bedingungen für den Vertrieb der eigenen Verlagserzeugnisse durchzusetzen. Die unabhän‐ gigen Verlage bekunden außerdem ihre Solidarität mit anderen Akteurinnen und Akteuren der Wertschöpfungskette im Buchmarkt, insbesondere mit unab‐ hängigen Buchhandlungen, „sans qui ne peut exister une réelle bibliodiversité“ (Déclaration des éditeurs indépendants du monde latin 2006). Zu den weiteren Prinzipien, die sich die unabhängigen Verlegerinnen und Verleger in der Erklärung geben, gehören die Vermeidung einer Überproduk‐ tion, welche die vorhandenen Machtverhältnisse im Buchwesen begünstige, die Stärkung des Austausches zwischen Verlagen im globalen Süden und globalen Norden mittels Vertriebskooperationen, Übersetzungen und Koeditionen auf der Basis von solidarischen Verträgen, die Veröffentlichung von Werken, die der sprachlichen Vielfalt im jeweiligen Land gerecht werden, sowie Solidarität mit Verlegerinnen und Verlegern in Ländern, in denen die Meinungsfreiheit eingeschränkt ist (vgl. Déclaration des éditeurs indépendants du monde latin 2006). Die Erklärung von 2006 ist von zentraler Bedeutung für die Verbreitung des Begriffs Bibliodiversität, auch im Kontext der UNESCO, welche die Konferenz in Guadalajara finanziell sowie ideell unterstützte. Bei weiteren Treffen der AIEI wurden in verschiedenen Workshops zu den Themen Digitales, staatliche Buch‐ politik, ökonomische Modelle unabhängiger Verlage, Kinder- und Jugendbuch, Buchspenden, Veröffentlichen in nationalen und lokalen Sprachen, sowie soli‐ darische Verlagskooperationen und nachhaltiges Publizieren das Konzept von Bibliodiversität ausgeführt und Empfehlungen zu ihrer Förderung erarbeitet. 39 Insgesamt versteht sich die AIEI als Vertretung der Interessen unabhängiger Verlage weltweit gegenüber politischen Organisationen und sieht diese in der Verantwortung, sich für ein Verlagswesen einzusetzen, welches Menschen‐ rechte und die Umwelt respektiert und welches im Sinne der Demokratie der Verantwortung gegenüber Leserinnen und Lesern sowie denjenigen, die bisher keinen oder kaum Zugang zu Bildung haben, gerecht wird (vgl. Alliance internationale des éditeurs indépendants 2014). 2.1 Entstehung des Konzeptes und seine Bedeutung 61 Seit ihrer Gründung ist die Zahl der Mitglieder der AIEI stetig gewachsen, dazu gehören einzelne Verlage ebenso wie regionale oder nationale Verlagsnet‐ zwerke. Mit dem Beitritt der deutschen Vertretung unabhängiger Verlage, der Kurt Wolff Stiftung, und der Schweizer SWIPS (Swiss Independent Publishers) zur AIEI im Jahr 2017 sowie der Veröffentlichung der deutschsprachigen Übersetzung des Manifestes Bibliodiversität von Susan Hawthorne (Hawthorne 2017) fand das Konzept Bibliodiversität schließlich auch im deutschsprachigen Raum größere Verbreitung. Bibliodiversität nach Susan Hawthorne In ihrem gleichnamigen Manifesto for Independent Publishing definiert die aust‐ ralische Autorin und feministische Verlegerin Susan Hawthorne Bibliodiversität als „a complex self-sustaining system of story-telling, writing, publishing and other kinds of production of orature and literature. […] Bibliodiversity contributes to a thriving life of culture and a healthy eco-social system” (Hawthorne 2014, 2). So wie Biodiversität Ausdruck der Lebendigkeit und Vielfalt eines funktionierenden Ökosystems ist, kann Bibliodiversität als In‐ dikator für eine funktionierende Literatur- und Verlagslandschaft gesehen werden. Bibliodivers ist das Buchwesen dann, wenn die Buchproduktion sowohl strukturell als auch inhaltlich von Vielfalt geprägt ist - im Sinne der Präsenz unterschiedlicher Organisationsformen zwischen kleinen, unabhängigen und großen, konzerneigenen Verlagen sowie in Form von exotischen Themen, (sprachlich) unkonventionellen Texten, Veröffentlichungen von Minderheiten und Übersetzungen kleinerer Sprachgruppen, welche mit Werken koexistieren, die Susan Hawthorne dem Mainstream zuordnet: „Books that do not threaten the status quo, that do not question either politically or imaginatively, the mainstream view“ (Hawthorne 2014, 14-15). So wie in einem funktionierenden Ökosystem ein dynamisches Gleichge‐ wicht dafür sorgt, dass „one species is not overrunning and dominating others to their exclusion“ (Hawthorne 2014, 3), so ist dieses Gleichgewicht auch für das Buchwesen essenziell. Hier garantiert es, dass unterschiedliche Medien die Äußerungen diverser Akteurinnen und Akteure in die Öffentlichkeit tragen. Für Susan Hawthorne basiert diese Meinungsvielfalt wiederum on respect for others, on dynamic balance in society, and on a rejection of monocultures. Pornography, racism, sexism, homophobia, as well as discrimination based on religion, ethnicity, dis/ ability, age, caste, class and sexuality, all spring from disrespect and -at its strongest- hatred of the other. Under such a regime, dynamic balance can never be achieved. (Hawthorne 2014, 38) 62 2 Bibliodiversität 40 Vgl. McLellan 2010. Wird die Literatur- und Verlagslandschaft jedoch vom Mainstream der Konzern‐ verlage zu stark dominiert und werden Bücher nur noch als Produkte betrachtet, kippt das System um zu einer literarischen Monokultur, deren Homogenisierung Susan Hawthorne wie folgt beschreibt: A few authors receive large advances, and the income of others not in that category shrivel. […] Homogenisation of publishing produces a few star authors, most of whom write about a distorted and popularised version of a tenor twentyor fifty-year-old idea, but the idea is watered down, made palatable for the generalised taste of the uninformed reader. […] Gradually, customers’ expectations are changed. Readers stop demanding well-edited, thoughtfully argued, imaginatively structured books. Instead, they get abstruse, murky, mistake-ridden texts that are meaningless and inaccessible. At the other end of the market are books that are clichéd, shallow, predictable and simplistic. (Hawthorne 2014, 15) Für Susan Hawthorne ist Bibliodiversität vor allem gekennzeichnet durch „production of local and marginal knowledges outside the mainstream. The producers of bibliodiversity inhabit the margins: socially, politically and often geographically and linguistically” (Hawthorne 2014, 21). Repräsentiert werden diese Autorinnen und Autoren oftmals von unabhängigen Verlagen, die sich ebenfalls an den Außengrenzen (des literarischen Feldes) bewegen und oftmals „have a knack for anticipating cultural shifts“ (Hawthorne 2014, 54). Indem Susan Hawthorne das Konzept der Bibliodiversität mit der Idee der freien und fairen Meinungsäußerung verbindet, wird auch ihre feministische und gesamtgesellschaftliche Perspektive deutlich. Meinungsfreiheit bedeute „often nothing more than the ability of the powerful to speak their views very loudly and forcefully, and thereby drown out the views, the opinions and the free speech of those they do not wish to hear” (Hawthorne 2014, 45). Frauen, ebenso wie den Angehörigen von Minderheiten, fehle häufig diese Macht, frei sprechen zu können, weshalb ihre Stimmen oftmals nicht gehört würden (vgl. Hawthorne 2014, 33). Daher ergänzt die Autorin die gesellschaftlichen Bedingungen für Bibliodiversität um das Konzept der fairen Meinungsäußerung von Betty McLellan 40 : Faire Meinungsäußerung sowie fairer Handel bewirken - anders als freie Meinungsäußerung und Freihandel -, dass Macht dezentralisiert, Gerechtigkeit gefördert, das Allgemeinwohl geachtet werden, und „highlights the importance of life over profit“ (Hawthorne 2014, 46). Dafür, dass faire Meinungsäußerung ermöglicht wird, sorgen in erster Linie die unabhängigen Verlage: „Independent publishers, who are truly independent 2.1 Entstehung des Konzeptes und seine Bedeutung 63 and not in receipt of support from corporate, educational, religious or other forms of sponsorship tied to what they can say, publish the risky, the innovative, the controversial, the marginal and the imaginative voices” (Hawthorne 2014, 46). Zu den Marginalisierten zählt Susan Hawthorne neben Frauen auch Men‐ schen, die in der Vergangenheit daran gehindert wurden, ihre Stimmen hör- und lesbar zu machen, wie beispielsweise Arbeiterinnen und Arbeiter sowie Bewohnerinnen und Bewohner ehemaliger Kolonien (vgl. Hawthorne 2014, 47-48). Sie greift den Begriff der Rekolonisation auf, um den zunehmenden Einfluss der Verlagskonzerne und großen Buchhandelsketten aus dem globalen Norden auf den Buchmärkten des globalen Südens sowie die Marktmacht von Unternehmen wie Amazon weltweit zu kritisieren (vgl. Hawthorne 2014, 51-57). Demnach ist Bibliodiversität auch verknüpft mit der Überwindung des Nord- Süd-Gefälles. Die Autorin zeigt nicht zuletzt die Verbindung zwischen freier sowie fairer Meinungsäußerung und Zensur sowie Selbstzensur auf. Eine fehlende Akzep‐ tanz freier und fairer Meinungsäußerung führe nicht nur zu Zensur als „the straightforward culling and banning of the words of writers and artists, and the imprisonment, torture or killing of those who utter rebellious words. It also ventures into the realm of social conditioning” (Hawthorne 2014, 47), führe also zur Selbstzensur, mit der die Betroffenen das eigene Leben vor psychologischer und physischer Gewalt zu schützen versuchen. Als logische Konsequenz ihrer Übernahme von Metaphern aus der Natur und den Vergleichen zwischen der Biodiversität und der Vielfalt im Buchwesen in ihrem Manifest betont die Autorin schließlich auch die Notwendigkeit des öko‐ logisch nachhaltigen Publizierens und beruft sich dabei auf die Forderung der AIEI, im Kampf für die Rechte der unabhängigen Verlage auch der eigenen Ver‐ antwortung in kultureller, sozialer und ökologischer Hinsicht nachzukommen (vgl. Hawthorne 2014, 50). In wiederholter Anlehnung an Prinzipien, die in ökologischen Systemen gelten, entwickelt Susan Hawthorne Leitlinien und Strukturen, welche die Erhaltung der Bibliodiversität begünstigen können, ohne aber konkrete Hand‐ lungsempfehlungen zu geben oder Maßnahmen vorzuschlagen (vgl. Hawthorne 2014, 69-71). Zu diesen Strukturen gehören zunächst einmal Netzwerke, unter denen die Autorin Beziehungsnetzwerke und den Austausch von Ideen etwa auch zwischen unabhängigen und konzerneigenen Verlagen, aber auch die reziproke Inspiration zwischen Kunstwerken verschiedener Epochen und Gat‐ tungen versteht. Das Buchwesen ist außerdem eingegliedert in eine Struktur der verschachtelten Systeme. So ist beispielsweise ein Verlag Teil eines Systems auf lokaler Ebene, das Texte produziert, sowie ein Element einer spezifischen 64 2 Bibliodiversität (lokalen) Kultur, aber gleichzeitig auch Teil der weltweiten Textproduktion. Zwischen lokalen, regionalen und globalen Systemen bestehen Kreisläufe, die den Austausch von Ideen und Texten ermöglichen. Als Beispiel für die Existenz von Abläufen in jeder Kultur beschreibt Susan Hawthorne, wie Eltern ihren Kindern vorsingen und Geschichten erzählen, über die die Kinder das Sprechen lernen und schließlich „tell their own stories“ (Hawthorne 2014, 71). Jeder Kultur ist außerdem die Entwicklung inhärent: „Stories build by accretion, variation, new interpretation, as well as new media for representation, for example: orature to literature (papyrus, palm leaf, hand-copied manuscripts); the printed book to the digital book” (Hawthorne 2014, 71). Für zentral für die Bibliodiversität hält Susan Hawthorne das bereits erwähnte dynamische Gleichgewicht. Auch wenn es in der ökosozialen Gesellschaft wie in der Kultur einen stetigen Wandel gibt, existieren Mechanismen, die die Autorin als „feedback loops“ (Hawthorne 2014, 71) bezeichnet, die das System in einem Gleichgewicht halten. Bezogen auf das Buchwesen zeige sich dies zum Beispiel daran, dass Konzernverlage, die aufhören, ein bestimmtes Genre wie etwa Lyrik zu publizieren, während unabhängige Verlage dies weiterhin tun, an einem bestimmten Punkt dazu zurückkehren, ebenfalls Gedichte zu veröffentlichen, wenn dieses Vorgehen Erfolg verspricht. Susan Hawthorne bezeichnet dieses dynamische Gleichgewicht auch als „basis of cultural resilience“ (Hawthorne 2014, 71). Viele Aspekte, die Susan Hawthorne in ihrem Manifest für unabhängiges Publizieren und im Hinblick auf Bibliodiversität beschreibt, gründen auf den Beobachtungen und Erfahrungen der Verlegerin im anglophonen bzw. aust‐ ralischen Buchmarkt, in dem das dynamische Gleichgewicht zwischen unab‐ hängigen Verlagen und Buchhandlungen sowie Konzernunternehmen bereits stärker verloren gegangen ist als etwa auf den Buchmärkten in Europa. Doris Hermanns stellt im Nachwort zu ihrer deutschen Übersetzung des Manifestes von Susan Hawthorne fest, dass im deutschsprachigen Raum eine lebendige Szene unabhängiger Verlage bestehe - auch aufgrund anderer kulturpoliti‐ scher Rahmenbedingungen. Doch auch sie müssen mit den Auswirkungen der Chancen und Risiken der Globalisierung für das Buchwesen umgehen und sind teilweise in ihrer Existenz gefährdet. Über die die Bibliodiversität prägende faire Meinungsäußerung und Hörbarkeit marginalisierter Stimmen in Europa urteilt Doris Hermanns daher: Trotzdem fehlen auch hier Stimmen: Bücher aus außereuropäischen Ländern er‐ scheinen nur selten, meist in den gleichen Verlagen, eher sind es EuropäerInnen die über Außereuropäisches schreiben, es ist der Blick von außen, die Stimmen der Menschen von dort können also kaum gehört bzw. gelesen werden. […] Es gibt 2.1 Entstehung des Konzeptes und seine Bedeutung 65 Ausnahmen, natürlich, die gibt es immer und überall. Aber es fehlen uns Stimmen, die hier wenig bis gar nicht gehört werden, deren Texte noch nicht oder nur in Ausnahmefällen veröffentlicht werden. (Hawthorne 2017, 117) Zwischenfazit und Einordnung für die vorliegende Studie: Was Bibliodiversität bedeutet Das Konzept von Bibliodiversität ist von Multidimensionalität geprägt. Es greift angesichts negativer ökonomischer Auswirkungen der Globalisierung, wie sie sich etwa in der Marktkonzentration äußern, die Sorge um den Verlust der ak‐ tuell bestehenden Vielfalt auf dem Buchmarkt hinsichtlich seiner Akteurinnen und Akteure und veröffentlichten Inhalte auf, also seines Istzustandes in einem spezifischen Moment. Indem durch den ökonomischen, aber auch sozialen Strukturwandel das ökosoziale System des Buchwesens aus dem Gleichgewicht gerät, wird in der Folge auch der allgemeine Status quo von Kultur, Bildung und Demokratie als gefährdet angesehen. Daneben berücksichtigt die vorliegende Arbeit vor allem das Verständnis von Bibliodiversität als Idealzustand des internationalen Buchwesens, der gerade mit Blick auf (post-)koloniale Macht‐ strukturen und die Marginalisierung bestimmter Gruppen bisher nie existiert hat. Dieser Idealzustand soll unter anderem im fairen kulturellen Austausch der Literaturen zwischen globalem Norden und globalem Süden erreicht werden. Über die Beschreibung eines Zustandes hinaus fungiert Bibliodiversität als Sammelpunkt und Kommunikationsraum für unabhängige Verlage, die unter diesem Begriff Netzwerke der Kooperation und des gemeinsamen Engagements bilden. In seiner Forderung nach (kultur-)politischem Handeln zugunsten der Vielfalt drückt Bibliodiversität auch einen politischen Akt aus, und kann zu einem Akt des Widerstandes oder zu einer „identité de combat“ (Galliand 2011c, 104) werden, wenn es um den Kampf für Meinungsfreiheit oder auch nur um das eigene wirtschaftliche Überleben geht. Entsprechend der Allgemeinen Erklärung zur kulturellen Vielfalt der UNESCO kann schließlich auch Bibliodi‐ versität, analog zur kulturellen Vielfalt, als kulturelles Menschenrecht gedeutet werden. Von diesem Standpunkt aus ergibt sich daraus die Verpflichtung für die unterzeichnenden Staaten, geeignete politische Rahmenbedingungen für den Schutz und die Förderung des Kulturgutes Buch zu schaffen. Das Konzept kultureller Vielfalt spiegelt sich in dem der Bibliodiversität zum einen in dem Bestreben, das Buch als kulturelle Ausdrucksform zu fördern, zum anderen in der Berücksichtigung sozialer Aspekte, der Multikulturalität und der kulturellen Rechte der Menschen wider. In einigen Fällen wird Bibliodiversität schließlich auch - ohne inhaltliche Tiefe - als reines Kommunikationsmittel auf die Ästhetik des Wortspiels reduziert. 66 2 Bibliodiversität 41 Siehe ausführlicher zur aktuellen Argumentation Kapitel 2.3.1. 42 Einführend hat zum Beispiel der Literaturwissenschaftler Stefan Neuhaus das Thema Kanonisierung behandelt, vgl. Neuhaus 2009, 43-60. Die Förderung der Bibliodiversität gilt grundsätzlich als erstrebenswert für die Gesellschaft und als politisch gewollt. Über geeignete Instrumente zum Schutz des Kulturgutes Buch wird gestritten, wie die Debatte um die Buchpreisbindung zeigt. 41 Aus marktzentrierter Sichtweise besteht Kritik an der Subventionierung einer Vielfalt, die nicht den vorherrschenden Konsumin‐ teressen der Buchkäuferinnen und -käufer entspricht, nach dem Credo: „Was niemand kaufen möchte, braucht auch niemand“. Diese Perspektive berücksichtigt jedoch nicht, dass es sich beim Buchmarkt um einen sozialen Markt handelt. Da es sich bei Büchern um Erfahrungsgüter handelt, besteht bei den Buchkäuferinnen und -käufern eine hohe Entschei‐ dungsunsicherheit. Sie nutzen daher bei der Kaufentscheidung Informationen aus ihrem sozialen Umfeld und orientieren sich an der Produktpopularität, welche über Mundpropaganda und die Sichtbarkeit der Bücher in den Medien, Verkaufsstellen oder auf Bestsellerlisten erkennbar wird. Wenigen Bestsellern steht eine geringe Nachfrage bei der Mehrheit der Buchprodukte gegenüber. Der Erfolg von Büchern hängt in hohem Maße von der Position der Akteurinnen und Akteure, also insbesondere der Autorinnen und Autoren sowie ihren Verlagen, im literarischen Feld je nach ihrem ökonomischen und symbolischen Kapital ab. Zu den wichtigsten Erfolgsfaktoren zählen die Bekanntheit der Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die Qualität, die Steigerung des Verkaufs durch positive Informationseffekte wie reichweitenstarke Buchbesprechungen und Literaturpreise (dabei kann jede Art von Aufmerksamkeit die Nachfrage erhöhen), Mundpropaganda (dazu gehören auch Kundenrezensionen bei On‐ line-Buchhandlungen), Verfilmungen, sowie das Image und die Bedeutung des Verlags - großen, vertriebsstarken Verlagen werden grundsätzlich höhere Verkäufe zugeschrieben (vgl. Keuschnigg 2012, 190-96). All dies bedeutet für die Akteurinnen und Akteure des Buchwesens eine hohe Planungsunsicherheit, die einerseits zu einer Orientierung an vorangegangenen Erfolgstiteln (Nachahmerprodukte), sowie andererseits zu einer hohen Anzahl verschiedener Veröffentlichungen führt. Diese unterliegen der literarischen Wertung, welche sich im Laufe der Zeit verändert, und sind kontextabhängig, etwa je nach symbolischem Kapital der Autorin bzw. des Autors und des Verlags, so dass Büchern auch Jahre nach ihrer Veröffentlichung Relevanz (und damit Aufmerksamkeit) zugeschrieben werden, diese zu Bestsellern werden und in den Literaturkanon aufgenommen werden können. 42 Die Relevanz und Förderungswürdigkeit von Büchern und ihrer Vielfalt entscheidet sich daher 2.1 Entstehung des Konzeptes und seine Bedeutung 67 nicht zeitgebunden über die jeweils aktuell dominierenden Kaufinteressen der Leserinnen und Leser. Zu konstatieren ist die Entstehung und Verbreitung des Konzeptes der Bibliodiversität im Umfeld unabhängiger Verlage und die Selbstreferenzialität unabhängiger Verlage in dieser Ordnung. Sie sehen sich selbst als „garants de la pluralité et de la diffusion des idées, les véritables acteurs et défenseurs de cette diversité culturelle adaptée au livre“ (Alliance internationale des éditeurs indépendants 2007, 2) und interpretieren Bibliodiversität auch als verlegerisches Konzept. Ihr Verlagsprogramm richten sie nach Gesichtspunkten aus, die den Voraussetzungen der Bibliodiversität gerecht werden, wie der Berücksichtigung marginalisierter Literatur, der Überwindung des Nord-Süd-Gefälles, Sensibilität für Gender und Herkunft sowie ökologisches Bewusstsein. Das Selbstverständnis unabhängiger Verlage als Wahrende der Bibliodiver‐ sität ruft auch Kritik hervor. José Ignacio Padilla konstatiert, dass nicht nur die großen Verlage zur Homogenisierung des Buchmarktes beitragen, sondern auch die Publikationen und Programme unabhängiger Verlage austauschbar seien - untereinander, sowie auch mit Verlagen, die Teil eines Medienkonzerns sind (vgl. Padilla 2015, 108). Er kritisiert, dass unabhängige Verlage sich nicht mehr allein auf ästhetische Kriterien berufen, um die Notwendigkeit ihrer Existenz zu begründen. Vielmehr nutzten sie das Konzept der Bibliodiversität auch strategisch, um ihre kulturpolitischen Forderungen zu legitimieren: Das Konzept der Bibliodiversität nimmt Bezug auf das der Biodiversität, das in sich schon eine Mischung aus ökologischen Anliegen und Kapitalismus darstellt: die Biodiversität als verwertbare strategische Ressource. Die Bibliodiversität ist ein Kapital, das durch ein Streben nach Multikulturalität ergänzt wird. (Padilla 2015, 109) José Ignacio Padilla hält es für wichtiger, anstatt Maßnahmen zum Schutz einer Kultur umzusetzen, deren Kriterien zur Selektion und Anerkennung einer Minderheit entstammen, die Lebensbedingungen der Menschen vor allem durch Bildung so zu verändern, dass sie in der Lage sind, „die Produkte der Multikul‐ turalität nicht nur selbständig [zu] konsumieren, sondern auch her[zu]stellen und [zu]vertreiben“ (Padilla 2015, 109). Die Kritik am Selbstverständnis der unabhängigen Verlegerinnen und Ver‐ leger, die das Konzept Bibliodiversität maßgeblich prägen, erfordert eine Be‐ stimmung der Bedeutung unabhängiger Verlage für ein vielfältiges Buchwesen, welche im Folgenden, ergänzend zu der Argumentation Susan Hawthornes, erläutert wird. Zunächst wird jedoch der Frage nachgegangen, ob und wie sich der Zustand der Vielfalt im Buchwesen tatsächlich messen lässt. 68 2 Bibliodiversität 43 Die Studie von Françoise Benhamou und Stéphanie Peltier erschien zuerst 2006 auf Französisch sowie anschließend in veränderter Fassung in englischer Übersetzung, welche das methodische Vorgehen ausführlicher erläutert. Daher wird im Folgenden in dieser Hinsicht häufiger auch auf die englischsprachige Version verwiesen. 2.2 Indikatoren und Messbarkeit von Bibliodiversität 2.2.1 Multidimensionales Analysemodell nach Benhamou und Peltier (2006) Wie in anderen Bereichen der Kreativwirtschaften war die Beurteilung der kulturellen Vielfalt auch im Buchwesen über lange Zeit auf die Betrachtung einer Variablen beschränkt, das heißt rein quantitativ auf die Anzahl der publizierten Buchtitel (vgl. Benhamou und Peltier 2006, 318). Deren Anstieg im Laufe der letzten Jahrzehnte konnte somit als Zeichen für die Zunahme der Vielfalt auf einigen Buchmärkten gewertet werden, während aber zeitgleich vor einer Standardisierung des Buchangebots angesichts des zunehmenden Einflusses großer Medienunternehmen gewarnt wurde (vgl. u. a. Schiffrin 1999). Die Ungenauigkeit der bis dahin verwendeten Definition kultureller Vielfalt nahmen die französischen Ökonominnen Françoise Benhamou und Stéphanie Peltier zum Ausgangspunkt, deren eindimensionale Betrachtungsweise zu hin‐ terfragen und ein multidimensionales Modell für die Analyse der Vielfalt im Buchwesen zu entwickeln (vgl. Benhamou und Peltier 2006 und Benhamou und Peltier 2007). 43 Vorüberlegungen des multidimensionalen Analysemodells In Anlehnung an die Forschung zur Biodiversität stützt sich das Modell auf drei Dimensionen von Vielfalt: Auswahl (variety), Gleichgewicht (balance) und Verschiedenheit (disparity). Nur die zusammenhängende Betrachtung aller drei Dimensionen ermöglicht Aussagen über den Zustand der Diversität (vgl. Ben‐ hamou und Peltier 2006, 319). Auswahl bezieht sich auf die Anzahl an Kategorien, in die eine Menge geteilt werden kann, während Gleichgewicht die Verteilung der Menge auf die entsprechenden Kategorien meint. Verschiedenheit schließlich bezieht sich auf die Ausgestaltung des Kategoriensystems und den Grad, zu welchem sich die jeweiligen Kategorien voneinander unterscheiden (siehe Abbildung 5). Insgesamt gilt: „The greater the variety, the balance and the disparity of a system, the larger its diversity” (Benhamou und Peltier 2007, 88). 2.2 Indikatoren und Messbarkeit von Bibliodiversität 69 Variety Number of elements in mix Disparity Degree of differences Balance Evenness in contributions Increasing diversity Abb. 5: Drei Dimensionen der Vielfalt nach Andrew Stirling: Auswahl (variety), Gleich‐ gewicht (balance) und Verschiedenheit (disparity) (eigene Darstellung nach Moreau und Peltier 2011, 15) Bezogen auf den Buchsektor schlagen Françoise Benhamou und Stéphanie Peltier drei Analyseeinheiten für die Untersuchung der drei Dimensionen von Vielfalt vor: die Buchtitel selbst, die Genres sowie die Originalsprachen. Die einseitige Bewertung der Vielfalt anhand der Titelanzahl lässt sich auf diese Weise durch die Betrachtung des Grades der Offenheit des Verlagswesens für verschiedene Genres, Stile und Herkunftssprachen der Literatur differenzieren. Demnach wächst die Vielfalt im Hinblick auf die erste Analyseeinheit ‚Buchtitel‘ mit ihrer Anzahl (Auswahl), sofern den einzelnen Buchtiteln ein vergleich‐ barer Platz im Verkauf bzw. eine vergleichbare Sichtbarkeit eingeräumt wird (Gleichgewicht) und sie einen geringen Grad an Standardisierung aufweisen (Verschiedenheit). Betrachtet man die zweite Analyseeinheit ‚Genre‘, vergrößert sich die Vielfalt durch die Anzahl vorhandener Genres, wie etwa Belletristik, Reiseführer, Schulbücher, Comics, Kunstbücher etc. (Auswahl), die gleichmäßige Verteilung der Buchtitel über diese Genres (Gleichgewicht) und den möglichst hohen Grad der Abweichung der unterschiedlichen Genres voneinander (Ver‐ schiedenheit). Ausgehend von der Annahme, dass die Übersetzung von Literatur aus vielen unterschiedlichen Sprachen die Vielfalt eines Buchmarktes erhöht, zeigt sich im Hinblick auf die Analyseeinheit ‚Originalsprache‘ eine größere Vielfalt anhand der Anzahl der Fremdsprachen, aus denen Bücher übersetzt 70 2 Bibliodiversität 44 Noch spezifischer wäre es, die konsumierte Vielfalt als gekaufte oder erworbene Vielfalt zu bezeichnen, da über den tatsächlichen Konsum, also die Nutzung des erworbenen Buchproduktes, keine Aussagen getroffen werden können. werden (Auswahl), deren vergleichbare Verfügbarkeit (Gleichgewicht) sowie die jeweilige Besonderheit und Abweichung der Originalsprachen voneinander (Verschiedenheit) (vgl. Benhamou und Peltier 2006, 320). Ein weiteres entscheidendes Element des Modells von Françoise Benhamou und Stéphanie Peltier ist die Berücksichtigung der Tatsache, dass bei der Produktion kultureller Güter eine Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage herrscht: Um die Chancen auf einen Erfolg zu erhöhen, werden im Verlagswesen deutlich mehr verschiedene Buchtitel produziert als abzusetzen zu erwarten ist. Daraus resultiert die zusätzliche Unterscheidung zwischen der angebotenen und tatsächlich konsumierten Diversität im Analysemodell (vgl. Benhamou und Peltier 2006, 321). 44 Ausgehend von diesen Vorüberlegungen ihrer Studie zur Vielfalt auf dem französischen Buchmarkt beschreiben die Autorinnen kulturelle Vielfalt im Buchwesen als „possibilité pour les consommateurs d’accéder à une large offre (du point de vue quantitatif) de biens diversifiés (en termes de genres et de provenance linguistique), correspondant à des ensembles de taille relativement proche et aussi distincts que possible“ (Benhamou und Peltier 2006, 321). Methodik des Analysemodells Für die Analyse der kulturellen Vielfalt ergibt sich aus der Kombination der drei Dimensionen Auswahl, Gleichgewicht und Verschiedenheit und Analyseein‐ heiten ‚Buchtitel‘, ‚Genre‘ und ‚Originalsprache‘ mit den beiden Strukturele‐ menten ‚angebotene‘ und ‚konsumierte‘ Diversität eine Matrix mit Indikatoren, die sich, wie Françoise Benhamou und Stéphanie Peltier feststellen, für das Buchwesen nicht problemlos mit passenden bzw. substanziellen Daten ver‐ vollständigen lässt (vgl. Benhamou und Peltier 2007, 90). Die Anwendung des Modells für ihre Studie der kulturellen Vielfalt auf dem französischen Buchmarkt in den Jahren 1990 bis 2003 berücksichtigt daher aufgrund fehlender Untersuchungsmethoden oder der mangelnden Verfügbarkeit des benötigten Datenmaterials nicht alle Variablen der Matrix (vgl. Benhamou und Peltier 2007, 90-93) (siehe Abbildung 6). 2.2 Indikatoren und Messbarkeit von Bibliodiversität 71 45 Die Anzahl der im französischen Buchmarkt vorhandenen ‚Genres‘ ist festgelegt und wird daher nicht untersucht. Dimensions Variety Balance Disparity Forms of categorization Supplied Consumed Supplied Consumed Supplied Consumed Title Number of newly published books and new editions Number of copies sold - (Data unavailable) Market share of top 10 novels and essays over the top 50 -(Methodology unavailable) Concentrations of authors in bestseller lists Source SNE (1990-2003) SNE (1990-2003) Livres Hebdo (1998-2004) Livres Hebdo (1992-2004) Genre - (The number of different genres is given) - (The number of different genres is given) HHI calculated on distribution of newly published books and new editions HHI calculated on distribution of books sold Qualitative Approach (No quantitative measure possible) Qualitative Approach (No quantitative measure possible) Source SNE (1990-2003) SNE (1990-2003) Original language Number of different languages from which new books are translated - HHI calculated on distribution of total acquired titles and of titles in literature by original language HHI calculated on distribution of the top 50 sales of novels by original language Average linguistic distance of the rights acquired - (Data unavailable) Source SNE (1997-2003) SNE (1997-2003) Livres Hebdo (1998-2004) Abb. 6: Variablen und Datenmaterial der Analyse der kulturellen Vielfalt auf dem französischen Buchmarkt bei Françoise Benhamou und Stéphanie Peltier 2007 (nach Benhamou und Peltier 2007, 94) Mit Blick auf die Dimension Auswahl werden die Analyseeinheiten ‚Buchtitel‘ und ‚Originalsprache‘ untersucht. 45 Die ‚angebotene Vielfalt‘ misst sich hin‐ sichtlich der ‚Buchtitel‘ anhand der jährlich veröffentlichten Titelzahl, die ‚kon‐ sumierte Vielfalt‘ anhand der Anzahl der pro Titel verkauften Exemplare. Für die Einheit ‚Originalsprache‘ kann aufgrund fehlender Daten aus dem Buchabsatz nur die ‚angebotene Vielfalt‘ auf der Basis der Anzahl an Originalsprachen, aus denen im entsprechenden Zeitraum Bücher ins Französische übersetzt wurden, betrachtet werden. Im Bereich der Dimension Gleichgewicht werden alle drei Analyseeinheiten untersucht. Im Hinblick auf die ‚Buchtitel‘ und ‚konsumierte Vielfalt‘ wird die Verteilung der verkauften Exemplare von Bestsellern anhand des Verhältnisses des Marktanteils der ersten zehn Titel an den Gesamtverkäufen der TOP 50 der Jahresbestsellerlisten (romans und essais) analysiert. Hieran lässt sich ablesen, ob der Verkauf stark konzentriert ist oder sich im Gegenteil die Menge der verkauften Exemplare gleichmäßig über die entsprechenden Buchtitel verteilt. Für die Analyse der ‚Genres‘ und ‚Originalsprachen‘ hinsichtlich ‚angebotener‘ 72 2 Bibliodiversität sowie ‚konsumierter Vielfalt‘ verwenden Françoise Benhamou und Stéphanie Peltier den Herfindahl-Hirschman-Index (HHI), der in den Wirtschaftswissen‐ schaften zur Messung des Grades der Konzentration eines Marktes verwendet wird. In ihrem Modell kann über den HHI bestimmt werden, wie hoch der Konzentrationsgrad der veröffentlichten sowie verkauften Bücher hinsichtlich der Genres und Originalsprachen ist, wobei gilt: Je höher der Wert des HHI, desto schwächer das Gleichgewicht. Die Analyse der Verschiedenheit stellt sich Françoise Benhamou und Sté‐ phanie Peltier zufolge am problematischsten dar. Zunächst muss dazu eine Systematik entwickelt werden, die die Einteilung einer Menge in eindeutige und klar voneinander abgegrenzte Kategorien ermöglicht. Diese Systematik sollte es erlauben, die Entfernung oder den Abstand zwischen verschiedenen Büchern hinsichtlich ihrer Buchtitel, Genres und Originalsprachen zu beurteilen. Für die Analyseeinheit ‚Buchtitel‘ kann aufgrund der unumgänglichen Sub‐ jektivität der Herangehensweise nicht die Entfernung der Inhalte voneinander beurteilt werden. Françoise Benhamou und Stéphanie Peltier wählen daher die Neigung von Konsumentinnen und Konsumenten, Bücher einer kleinen Gruppe von Autorinnen und Autoren zu kaufen, als Indikator für die Verschiedenheit von Buchtiteln, und messen diese anhand der Konzentration von Autorinnen und Autoren in Bestsellerlisten in einem festgelegten Zeitraum. Die Verschie‐ denheit der ‚angebotenen Vielfalt‘ an ‚Originalsprachen‘ messen die Autorinnen - unter Zuhilfenahme eines Modells zur linguistischen Entfernung indoeuro‐ päischer Sprachen - anhand der durchschnittlichen linguistischen Distanz des Französischen zu den Fremdsprachen, aus denen französische Verlage Über‐ setzungsrechte erwerben. Aufgrund eines bisher fehlenden methodischen An‐ satzes zur Messung der Distanz unterschiedlicher ‚Genres‘ zueinander wählen Françoise Benhamou und Stéphanie Peltier eine qualitative Herangehensweise. Auf der Basis der Unterscheidung zwischen Büchern, die als Nachschlagewerke dienen und solche, die tatsächlich gelesen werden, sowie auf einer weiteren Ebene zwischen vorgeschriebenen Büchern und spontaneren Buchkäufen und unter Berücksichtigung der Leserschaft nehmen die Ökonominnen eine Seg‐ mentierung des Buchmarktes in fünf Gruppen vor, um die Verschiedenheit der Genres abzubilden: Gruppe 1 beinhaltet Ratgeber, Gruppe 2 Schul- und Fachbücher, Wörterbücher und Nachschlagewerke, Gruppe 3 Belletristik und Sachbuch, Gruppe 4 Kinder- und Jugendliteratur sowie Comics, Gruppe 5 „untergeordnete Genres“ wie Religion, Spiritualität und Kunstbuch. 2.2 Indikatoren und Messbarkeit von Bibliodiversität 73 46 Die Autorinnen stellten aber auch fest, dass dieser Marktanteil der meistverkauften Bücher in den betrachteten Jahren schwankt, und etwa die starke Zunahme im Jahr 2004 bei den Romanen durch den Megaseller Da Vinci Code von Dan Brown beeinflusst wurde. Ergebnisse der Studie zur kulturellen Vielfalt des französischen Buchmarkts Die Anwendung des Analysemodells auf die entsprechenden Daten des franzö‐ sischen Buchmarkts aus den Jahren 1990 bis 2003 ergab, dass die Betrachtung der verschiedenen Variablen unterschiedliche Aussagen über den Zustand der Vielfalt im Buchwesen zulässt, was das Erfordernis eines mehrdimensionalen Modells zur Untersuchung der Bibliodiversität bestätigt. Dies soll anhand einiger Ergebnisse aus der Studie demonstriert werden. Es zeigte sich, dass etwa in Bezug auf die Auswahl von angebotenen und tatsächlich konsumierten Buchtiteln eine Divergenz besteht: Im betrachteten Zeitraum nahm die produzierte Titelzahl um 38,7 Prozent zu, während die Anzahl der verkauften Buchexemplare nur um 20 Prozent anstieg (vgl. Ben‐ hamou und Peltier 2007, 93). In dieser Hinsicht übersteigt also - trotz des beide Elemente betreffenden Wachstums der Diversität - die angebotene die faktisch konsumierte Vielfalt. Im Hinblick auf das Gleichgewicht der tatsächlich konsumierten Buchtitel demonstriert die Analyse des Marktanteils der zehn meistverkauften Romane wie auch der Sachbücher an den Gesamtverkäufen der 50 ersten Titel der Bestsellerlisten die zunehmende Konzentration der Verkäufe auf wenige Bücher und damit die Abnahme der Vielfalt - der Anteil der zehn meistverkauften Romane an diesen Gesamtverkäufen wuchs von 42,6 Prozent im Jahr 1998 auf 47,1 Prozent im Jahr 2004, 46 der Anteil der zehn meistverkauften Sachbücher von 34 Prozent im Jahr 1998 auf 41,8 Prozent im Jahr 2004 (vgl. Benhamou und Peltier 2007, 93). Damit ging auch ein geringes Niveau an Abwechslung bezüglich der auf den Bestsellerlisten vertretenen Autorinnen und Autoren einher, ein Faktum, welches die wenig ausgeprägte Verschiedenheit der Buchtitel verdeutlicht (vgl. Benhamou und Peltier 2007, 93 und 96). Das angebotene Gleichgewicht der Publikationen auf dem französischen Buchmarkt nach Genres ist im untersuchten Zeitraum leicht gewachsen. Auch wenn die Anzahl der publizierten Titel in allen Genres gestiegen ist, war die Zunahme besonders hoch in den Bereichen Ratgeber, Kinder- und Jugendlite‐ ratur sowie Comics in der von Françoise Benhamou und Stéphanie Peltier zur Beurteilung der Verschiedenheit erstellten Systematik. Als Konsequenz dieser Beobachtung schlussfolgern die Ökonominnen deshalb: „Even if the number of literature or school and university books is still increasing in absolute terms, the 74 2 Bibliodiversität fall in their share creates a stronger competition that can threaten their chances of reaching consumers” (Benhamou und Peltier 2007, 96). Hinsichtlich der Auswahl an Originalsprachen des Buchangebots auf dem französischen Buchmarkt schwankte die Anzahl in den Jahren 1997 bis 2003 zwi‐ schen 23 und 34. Das angebotene Gleichgewicht evaluieren Françoise Benhamou und Stéphanie Peltier anhand des Anteils der Anzahl der von französischen bei ausländischen Verlagen erworbenen Übersetzungsrechte an der jeweils im selben Jahr publizierten Gesamttitelmenge. Trotz großer Schwankungen in diesen Jahren fiel die durchschnittliche Anzahl der erworbenen Übersetzungs‐ lizenzen zwischen 1997 und 2003 um 23-Prozent, was die Autorinnen mit Blick auf die Entwicklung der Vielfalt wie folgt kontextualisieren: „This fall in the market share of works of foreign origin in the French publishing supply is even more striking when we consider that it took place at a time when the total number of new books being published was rising strongly“ (Benhamou und Peltier 2007, 99). Bezüglich der Originalsprachen stellen die Autorinnen fest, dass der Rück‐ gang im Erwerb von Übersetzungslizenzen nicht alle Fremdsprachen gleicher‐ maßen betraf. Von einem zeitweiligen Rückgang der Lizenzkäufe aus dem Englischen zwischen 1997 und 2002 profitierte der Erwerb von Übersetzungs‐ rechten aus anderen Sprachen: „[T]he loss of influence of the English-speaking world is immediately expressed by an increase in the diversity of the languages of origin of translated books, and vice versa“ (Benhamou und Peltier 2007, 102). Der Rückgang der Übersetzungslizenzen aus dem Englischen wurde nicht von einer anderen Sprache, sondern von einer vielfältigen Gruppe anderer Sprachen kompensiert. Hinsichtlich der Verschiedenheit der Originalsprachen im Angebot von Übersetzungen auf dem französischen Buchmarkt bemerken Françoise Benhamou und Stéphanie Peltier, dass die durchschnittliche linguis‐ tische Entfernung der erworbenen Buchtitel zur Übersetzung im betrachteten Zeitraum sank, insbesondere aufgrund des Anstiegs der eingekauften Lizenzen aus den dem Französischen sehr nahen Sprachen Italienisch, Portugiesisch und Spanisch. Den geringen Anteil des Erwerbs von Übersetzungslizenzen aus Territorien außerhalb des indoeuropäischen Sprachraums, so etwa aus Japan oder Asien allgemein, bewerten die Autorinnen als enttäuschend für die Entwicklung der Vielfalt im untersuchten Zeitraum (vgl. Benhamou und Peltier 2007, 102). Bei der Untersuchung des Gleichgewichts der tatsächlich konsumierten Buchtitel aus verschiedenen Sprachen konnten die Ökonominnen anhand der Zusammensetzung der sprachlichen Herkunft der Titel auf den Bestsellerlisten zwischen 1998 und 2004 eine große Stabilität ausmachen: Im Bereich Belletristik 2.2 Indikatoren und Messbarkeit von Bibliodiversität 75 dominierten Werke französischsprachiger Herkunft mit einem Anteil von um die 65 Prozent die Bestsellerlisten, gefolgt von 30 Prozent englischsprachiger Herkunft sowie fünf Prozent andere Sprachen. Trotz des insgesamt eher ge‐ ringen Anteils von Übersetzungen zeigt die Untersuchung, dass die tatsächlich konsumierte Vielfalt höher war als die angebotene: Zwischen 1998 und 2003 machte der durchschnittliche Anteil französisch(sprachig)er Belletristik 89,9 Prozent der angebotenen Buchtitel, aber nur weniger als zwei Drittel der Verkäufe aus, während Übersetzungen nur zehn Prozent des Titelangebots, aber 35-Prozent der Verkäufe darstellten (vgl. Benhamou und Peltier 2007, 102-3). In ihrer abschließenden Diskussion der Ergebnisse bemerken Françoise Benhamou und Stéphanie Peltier, dass sich die Zweckmäßigkeit der Anwendung eines mehrdimensionalen Modells für die Analyse der kulturellen Diversität im Buchwesen bestätigt habe. Die ausschließliche Betrachtung nur der ersten Dimension von Vielfalt, der Auswahl, anhand der angebotenen Titelzahl hätte zu der Annahme geführt, dass die Vielfalt im untersuchten Zeitraum im französi‐ schen Buchmarkt gewachsen sei. Mit der Untersuchung anderer Variablen lässt sich dieser Befund differenzieren. Es zeige sich, dass im Buchwesen kein Gleichgewicht zwischen verschie‐ denen Werken erreicht sei, und dass die Aneignung eines immer größeren Marktanteils durch wenige Bücher eine Gefährdung für die Sichtbarkeit der angebotenen Vielfalt und damit für eine souveräne Kaufentscheidung der Konsumentinnen und Konsumenten darstellt (vgl. Benhamou und Peltier 2007, 103). Die zunehmende Standardisierung sehen die Autorinnen auch im Zusam‐ menhang mit dem Charakteristikum von Büchern als Erfahrungsgütern. Als Beispiele nennen sie drei der im untersuchten Zeitraum auf den französischen Bestsellerlisten präsentesten Autorinnen und Autoren, Mary Higgins Clark, Pat‐ ricia Cornwall und Christian Jacq, welche standardisierte Bücher produzieren, „with predictable norms for the subjects covered, the lengths of the texts and the chapters, the presentation and jacket, etc., which help to create or accentuate a feeling of familiarity in buyers” (Benhamou und Peltier 2007, 103). Insgesamt beobachten Françoise Benhamou und Stéphanie Peltier eine Tendenz, sowohl im Angebot wie auch in der Nachfrage, zu einem höheren Marktanteil von Ratgebern und leichter zugänglichen Büchern, wie Jugendliteratur und Comics, zum Nachteil von literarischen Werken sowie Schul- und Fachbüchern. Abschließend nennen die Autorinnen als Desiderate für die weitere For‐ schung insbesondere die Modifikation der Untersuchungsmethoden für die Di‐ mension Verschiedenheit, transnational vergleichende Analysen der kulturellen Vielfalt im Buchwesen - hier weisen sie jedoch auf die bisherige Uneinheitlich‐ keit statistischer Daten hin, die den direkten Vergleich erschweren und dessen 76 2 Bibliodiversität Ergebnisse fraglich erscheinen lassen -, sowie die Erweiterung des Modells um Faktoren wie Demographie, Bildungsgrad und Marktstrukturen (vgl. Benhamou und Peltier 2007, 105). Die multidimensionale Analyse der Vielfalt im Buchwesen kann nach Mei‐ nung der Ökonominnen eine wichtige Entscheidungsgrundlage für die Ausrich‐ tung einer staatlichen Buchpolitik sein, die bisher zumeist auf der Betrachtung und entsprechenden Förderung einzelner Dimensionen beruhe. Als Beispiel nennen die Autorinnen das kulturpolitische Instrument der Übersetzungsförde‐ rung: „[I]n terms of the linguistic origin of books, it seems that public support for the translation of books from rare linguistic origins is coherent with the idea of promoting disparity offered, but it is not sure that this would increase diversity consumed“ (Benhamou und Peltier 2007, 105). Basis einer Kulturpolitik, die die Bibliodiversität erfolgreich fördert, müsse also ein Instrumentarium an Maßnahmen sein, welches sowohl die angebotene als auch die konsumierte Vielfalt in den Blick nimmt. Adaptionen und Rezeption des Analysemodells von Benhamou und Peltier Das multidimensionale Analysemodell kultureller Vielfalt im Buchwesen von Françoise Benhamou und Stéphanie Peltier ist mehrfach aufgegriffen worden. Julien Denieuil fügt seiner Darstellung der Konzentrationsprozesse im franzö‐ sischen Verlagswesen unter Anwendung des Modells ergänzend eine Untersu‐ chung der Diversität des französischen Buchmarkts in den Jahren 2004 bis 2009 hinzu, wobei die Analyse aufgrund fehlenden Datenmaterials nicht analog zu derjenigen von Benhamou und Peltier durchgeführt werden konnte (vgl. Denieuil 2012). François Moreau und Stéphanie Peltier erweitern in ihrer Studie der kul‐ turellen Vielfalt in der französischen Buchindustrie hinsichtlich der Dimensi‐ onen Auswahl, Gleichgewicht und Verschiedenheit ebenfalls den untersuchten Zeitraum, auf die Jahre 2003 bis 2007, konzentrieren sich dabei aber auf Daten zum Buchverkauf der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK), womit sie ihren Fokus auf die tatsächlich konsumierte Vielfalt legen (vgl. Moreau und Peltier 2011). Außerdem beschränken sie sich auf eine Betrachtung der Genres Belletristik, Comics sowie Kinder- und Jugendliteratur. Ausgehend von Debatten um Überproduktion angesichts der stetig ansteigenden Anzahl an Neuveröffentlichungen in der französischen Buchbranche vermuten sie, dass mit der wachsenden Titelanzahl keine Diversifizierung des Buchkonsums einhergeht: [A]n increase in literary production may reduce diversity of consumption, as, faced with an overabundance of available books, as [sic! ] it is harder to make a choice. 2.2 Indikatoren und Messbarkeit von Bibliodiversität 77 47 Vgl. Anderson 2006. 48 So sind im Jahr 2007 durchschnittlich 69.760 verschiedene Buchtitel pro Monat über das Internet verkauft worden und damit 41.000 mehr als 2003. Eine höhere konsumierte Titelauswahl hatten nur die grandes surfaces culturelles aufzuweisen, die im betrach‐ Thus, consumers purchases end up concentrating on a more limited number of titles, focusing on those which are promoted or falling back on past consumer experience. (Moreau und Peltier 2011, 3) Zusammengefasst stellen François Moreau und Stéphanie Peltier in ihrer Unter‐ suchung fest, dass im entsprechenden Zeitraum hinsichtlich der Auswahl zwar neben der Anzahl der Neuveröffentlichungen auch die Summe der verkauften Bücher gestiegen ist, dies jedoch kein Indiz für das allgemeine Wachstum der Vielfalt ist: Betrachtet man das Gleichgewicht, wird deutlich, dass der Marktanteil der zehn meistverkauften Bücher an den Verkäufen der TOP 100 Titel weiter angestiegen ist. Im Hinblick auf die Verschiedenheit zeigen sich Abweichungen bei der Betrachtung der einzelnen Genres. Hierzu untersuchten François Moreau und Stéphanie Peltier unter anderem den Marktanteil großer Verlagsgruppen bzw. unabhängiger Verlage. Während im Segment der Belletristik die Dominanz der vier größten Verlagsgruppen Hachette, Editis, Gallimard und Flammarion un‐ angefochten ist, nimmt in den Bereichen Comics sowie Kinder- und Jugendbuch der Anteil dieser Verlagsgruppen an den Buchverkäufen zugunsten kleinerer Verlage in der betrachteten Periode sogar kontinuierlich ab, was die Verfasserin und der Verfasser der Studie - gemäß der Annahme, dass Verlagskonzerne und unabhängige Verlage jeweils eher dazu tendieren, Mainstream-Inhalte bzw. Nischenprodukte zu publizieren - als Indikator für die Abnahme der Standardisierung in diesen Segmenten interpretieren (vgl. Moreau und Peltier 2011, 9). François Moreau und Stéphanie Peltier gehen außerdem der Frage nach dem Einfluss der Digitalisierung auf die kulturelle Vielfalt nach: „Does it prompt higher sales of best-sellers, or does it extend the life of books with low print runs, in accordance with Chris Anderson’s long tail theory? ” (Moreau und Peltier 2011, 2). 47 Dazu betrachten sie die Online-Verkäufe im Vergleich zu den anderen Vertriebskanälen wie Buchhandlungen, grandes surfaces culturelles und Buchabteilungen in Supermärkten. Die Autoren bescheinigen dem Internet eine bedeutende Rolle bei der Zunahme der konsumierten Anzahl von verschiedenen Buchtiteln (Auswahl) zwischen 2003 und 2007, was zunächst einmal in den Kontext der starken Steigerung des Online-Buchhandels insgesamt in dieser Zeit einzuordnen sei (vgl. Moreau und Peltier 2011, 11). 48 78 2 Bibliodiversität teten Zeitraum jedoch nur um 10.500 Titel auf monatlich durchschnittlich 83.670 verschiedene Buchtitel (2007) anstieg, vgl. Moreau und Peltier 2011, 11. Im Hinblick auf die Konzentration der Buchverkäufe (Gleichgewicht) ist der Einfluss des Online-Buchhandels gegensätzlich zu beurteilen. Entsprechend der These von Chris Anderson zeigt auch die Analyse von François Moreau und Stéphanie Peltier, dass im Internet die besten Verkäufe über mehr Buchtitel verteilt sind und die Verkaufszahlen auch noch am Ende der Vertriebskurve höher sind. Mit der Entwicklung des sogenannten ‚long tail‘ geht aber parallel eine Stärkung der Position von Bestsellern einher, was sich in der Untersuchung des französischen Buchmarkts in einer stärkeren Konzentration äußert, konkret in einer abnehmenden Titelzahl, welche jeweils die Hälfte der Gesamtverkäufe ausmacht (vgl. Moreau und Peltier 2011, 12). Hinsichtlich der Verschiedenheit wird deutlich, dass sich die Bestseller zwi‐ schen stationärem und Online-Buchhandel kaum unterscheiden. Dagegen ist die Verkaufssituation von Autorinnen und Autoren, deren Werke sich wenig verkaufen, im Internet besser: Betrachtet man die Gesamtumsätze, haben über alle Vertriebskanäle zusammengenommen etwa zwei Drittel der Autorinnen und Autoren einen Anteil von nur einem Prozent, im Online-Buchhandel sind es weniger als 20 Prozent der Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die einen Anteil von nur einem Prozent an den Verkäufen haben (vgl. Moreau und Peltier 2011, 12). Mit Blick auf den Marktanteil größerer Verlagsgruppen im Online- Buchhandel stellen François Moreau und Stéphanie Peltier fest, dass dieser in allen drei betrachteten Genres - Belletristik, Comics sowie Kinder- und Jugendliteratur - geringer ausfällt als im stationären Buchhandel. Abschließend sehen François Moreau und Stéphanie Peltier daher die ‚Long-Tail‘-These von Chris Anderson und den positiven Einfluss des Online-Handels auf die Vielfalt des Buchmarkts bestätigt (vgl. Moreau und Peltier 2011, 13). Mit der Einbeziehung der Verlagsstrukturen - Verlagskonzerne und ihnen ge‐ genüber unabhängige Verlage - gehen François Moreau und Stéphanie Peltier in ihrer erweiterten Studie zur Vielfalt im französischen Buchmarkt auf einen As‐ pekt ein, den auch der französische Buch- und Kommunikationswissenschaftler Luc Pinhas in seiner Kritik des Analysemodells von Françoise Benhamou und Stéphanie Peltier als wichtig erachtet (vgl. Pinhas 2011). Wenngleich Luc Pinhas die Studie und ihren Pioniercharakter als „éminemment précieuse“ (Pinhas 2011, 35) würdigt, weist er dennoch darauf hin, dass die Analyse aufgrund ihrer Abhängigkeit von verfügbaren Daten nur unvollständig bleiben könne. Er schlägt daher, ohne jedoch ein methodisches Vorgehen zu entwickeln, einige Aspekte zu ihrer Ergänzung vor. 2.2 Indikatoren und Messbarkeit von Bibliodiversität 79 Angesichts der zunehmenden Einflussnahme von (zumeist) aus dem globalen Norden stammenden Verlagskonzernen auf diversen Buchmärkten gehört dazu die Untersuchung des Gleichgewichts von Akteurinnen und Akteuren zwischen Nord und Süd: Le nombre relatif d’éditeurs rapporté à la population d’un territoire, leur classement en catégories (selon leur chiffre d’affaires mais aussi le nombre de titres annuellement publiés et les domaines éditoriaux concernés), paraissent ainsi devoir mériter considération, du côté de l’offre comme de celui de la consommation. Il faudrait au demeurant y ajouter un indicateur prenant en compte la proportion, sur un marché national ou régional donné, des livres effectivement conçus et produits localement, - variable qui serait rapportée aux ouvrages proposés par des éditeurs étrangers (y compris à travers des filiales locales qui ‹contextualisent› des contenus mis au point par la maison-mère). (Pinhas 2011, 36) Hinsichtlich der Analyse der Originalsprachen erscheint es Luc Pinhas essen‐ ziell, nicht nur die Herkunftssprache der erworbenen Übersetzungslizenzen an sich zu berücksichtigen, sondern auch die territoriale Herkunft des die Über‐ setzungsrechte anbietenden Verlags. Deren Aussagekraft für das in manchen Sprachen herrschende Ungleichgewicht zeigt das Beispiel der von französischen Verlagen 2008 eingekauften Lizenzen zur Übersetzung aus dem Englischen: sur 580 achats de droits en provenance de l’anglais en 2008, 531 proviennent des États-Unis et de Grande-Bretagne (respectivement 260 et 271), ce qui laisse une part congrue à l’ensemble des autres pays anglophones (Inde, Australie, etc.) ou utilisant partiellement l’anglais comme langue d’édition (Pays-Bas, Israël, etc.). (Pinhas 2011, 36) Luc Pinhas stellt zur Diskussion, ob die Analyse der angebotenen, das heißt produzierten Vielfalt nicht vielmehr um die Untersuchung der tatsächlich den Leserinnen und Lesern bzw. Konsumentinnen und Konsumenten informationell und physisch zugänglichen Vielfalt ergänzt werden müsse. Gerade auf dem französischen Buchmarkt, der durch eine starke vertikale Konzentration zwi‐ schen Verlagsgruppen und Vertriebsunternehmen gekennzeichnet ist, welche unabhängigen Verlagen die Möglichkeit einer zufriedenstellenden Verbreitung ihrer Buchprodukte erschwert, sollte auch der Zustand der Vermittlungsposition des Vertriebs zu einer Analyse der Bibliodiversität gehören (vgl. Pinhas 2011, 36-37). Im Hinblick auf die den Buchkäuferinnen und Buchkäufern zugäng‐ liche Information in den Medien wird allgemein für Bestsellertitel von einer „surexposition médiatique renouvelée“ ausgegangen, „tandis que les éditeurs critiques éprouvent le plus grand mal à bénéficier de médiations pour accéder à 80 2 Bibliodiversität l’espace public“ (Pinhas 2011, 37). Hinsichtlich der informationellen Verbreitung und Sichtbarkeit wäre Luc Pinhas zufolge daher eine umfassende quantitative Analyse der Medienpräsenz von Autorinnen und Autoren, ihren Werken und Verlagen wünschenswert. Aufgrund ihrer Leistungen für die Bekanntmachung von Autorinnen und Autoren und ihren Verlagen, denen in den Medien und den großen Vertriebsstrukturen wenig Raum gewährt wird, schlägt Luc Pinhas als weiteren Indikator für Bibliodiversität die Anzahl der in einem bestimmten Territorium vorhandenen Buchhandlungen vor (vgl. Pinhas 2011, 37). 2.2.2 Unabhängige Verlage und Übersetzungen als „Garanten der Bibliodiversität“ Die Bedeutung unabhängiger Verlage für die Vielfalt im Buchwesen Der Verleger und Autor der Studie Éditeurs indépendants: de l’âge de raison vers l’offensive? , Gilles Colleu, definiert unabhängige Verlage als „des promoteurs naturels de la bibliodiversité“ (Colleu 2006, 94). Um diese Aussage zu reflek‐ tieren, folgt neben einer Verortung im literarischen Feld eine Charakterisierung unabhängiger Verlage und eine Betrachtung ihrer daraus resultierenden Ver‐ dienste für die Bibliodiversität. Nach Pierre Bourdieus Theorie des literarischen Feldes lassen sich unabhän‐ gige Verlage am Pol der eingeschränkten Kulturproduktion verorten. Parallel zum Doppelcharakter des Buches als Kulturgut und Ware zeichnet sich das literarische Feld durch seine dualistische Struktur aus. Der kommerzielle Pol, der Bereich der Massenproduktion, wird bestimmt von Verlagen, qui, faisant du commerce des biens culturels un commerce comme les autres, confèrent la priorité à la diffusion, au succès immédiat et temporaire, mesuré par exemple au tirage, et se contentent de s’ajuster à la demande préexistante de la clientèle. (Bourdieu 1992, 202) Im Gegensatz dazu stufen Verlage im Umfeld der eingeschränkten Produktion am literarischen Pol ästhetische Kriterien und die Anerkennung von anderen Akteurinnen und Akteuren des Feldes als wichtiger ein als die Zustimmung durch breite Publikumsschichten und hohe Verkaufszahlen. Die Position der Verlage im Feld zwischen diesen beiden extrem gezeichneten und daher absolut nicht besetzten Polen bestimmt ihren Grad an Autonomie gegenüber dem Ökonomischen sowie ihre Programmausrichtung. Kleine und mittlere Verlage mit geringerem ökonomischem Kapital, die Pierre Bourdieu dem literarischen Pol zuordnet, besetzen mit ihrer Programmausrichtung Nischen und entdecken neue Autorinnen und Autoren. Sie lassen sich bei der Auswahl ihrer Buchtitel 2.2 Indikatoren und Messbarkeit von Bibliodiversität 81 eher von ästhetischen Kriterien leiten. Diese Publikationen verkaufen sich zu Beginn meist weniger häufig, tragen aber zum Aufbau einer Backlist bei, aus der sich langfristig, auch nach der Konsekration, der Zuschreibung von symbolischem Kapital für diese Autorinnen und Autoren, und durch die Kano‐ nisierung ihrer Werke, Longseller entwickeln können. Somit kann auch für kleinere Verlage aus über einen längeren Zeitraum erworbenem symbolischem Kapital langfristig ökonomisches Kapital entstehen (vgl. Bourdieu 1992, 211). In seiner Studie Une révolution conservatrice dans l’édition (Bourdieu 1999) analysiert Pierre Bourdieu die damalige französische Verlagslandschaft und ihre Entwicklung unter Berücksichtigung des symbolischen Kapitals von 61 Literaturverlagen. Faktoren wie die Dauer des Bestehens des Verlags, seine geographische Lage, die Anzahl an Literaturpreisträgerinnen und -preisträgern unter den publizierten Autorinnen und Autoren sowie ein eigens für die Unter‐ suchung angelegter Indikator, der die Zitierungen von Schriftstellerinnen und Schriftstellern in wichtigen Publikationen zur zeitgenössischen französischen Literatur zählte und den Verlagen dieser viel zitierten Autorinnen und Autoren eine entsprechend positive Bewertung zumisst, werden als Indikatoren für das symbolische Kapital der Verlage verwendet. Pierre Bourdieu stellt insbesondere die Opposition zwischen den großen, alten und ehrwürdigen Verlagen wie Gallimard, die über alle Arten des ökonomischen und symbolischen Kapitals verfügen, sowie den neuen, unerfahrenen Verlagen ohne nennenswertes Kapital heraus, wobei er letzteren durchaus ein gewisses Maß an symbolischem Kapital in Form der Bewunderung durch eine kleine Anzahl von informierten Leser‐ innen und Buchhändlern, Kritikerinnen und Autoren der Avantgarde attestiert (vgl. Bourdieu 1999, 14). Für Pierre Bourdieu verkörpern diese Verlage am literarischen Pol, die immer wieder für Veränderungen im System sorgen, die Ideale des literarischen Feldes: „Ces petits éditeurs novateurs, s’ils pèsent très peu sur l’ensemble du jeu, lui fournissent néanmoins sa raison d’être, ses justifications d’exister et son ‹point d’honneur spirituel›“ (Bourdieu 1999, 11). Um die pauschalisierende Unterscheidung zwischen dem „guten“ kleinen, unabhängigen Verlag und dem „schlechten“ Verlag, der etwa Teil eines Konzerns ist, zu vermeiden, verwendet Gilles Colleu - und mit ihm die AIEI - nicht den Begriff unabhängiger Verlag, sondern spricht vom éditeur indépendant de création, dessen Definition zusätzlich zu ökonomischen auch qualitative und ethische Kriterien berücksichtigt: L’éditeur indépendant, tel que défini par les éditeurs de l’Alliance, est un éditeur de création : à travers ses choix éditoriaux souvent innovants, sa liberté d’expression, ses prises de risque éditoriales et financières, il participe au débat d’idées, à l’émancipation 82 2 Bibliodiversität et au développement de l’esprit critique des lecteurs. (Website Alliance internationale des éditeurs indépendants, „L’éditeur indépendant de création“) Gilles Colleu entwickelt ein Kategoriensystem, nach dem sich Verlage zur Cha‐ rakterisierung ihres Grades der Unabhängigkeit und kreativer Schöpfungskraft einordnen lassen. Zu den Kategorien gehören Fragen nach der Strukturierung des Kapitals, nach der Zusammenstellung des Verlagsprogramms, nach der Art der Verbreitung und des Vertriebs von Buchprodukten sowie nach seiner Ethik und seines Engagements (vgl. Colleu 2006, 94-97). Im Hinblick auf Letzteres etwa beschreibt Gilles Colleu das Verhalten und Handeln eines idealen schöpferischen, unabhängigen Verlags folgendermaßen: [I]l cherche les alliances sans écraser les autres, il ne cherche pas à voler les auteurs des autres éditeurs, il respecte les droits des auteurs et des traducteurs, il ne fait pas des stagiaires une main-d’œuvre exploitée, il contractualise ses salariés et ne les rémunère pas en droits d’auteur, il respecte la loi sur le prix unique lorsqu’elle existe. (Colleu 2006, 85) Zu den Charakteristiken der schöpferischen unabhängigen Verlage, mittels derer sie in besonderem Maße zur Bibliodiversität beitragen, gehört jedoch ins‐ besondere ihr Selbstverständnis bezüglich der Zusammenstellung des Verlags‐ programms. Laut Gilles Colleu geben schöpferische unabhängige Verlage bei der Entscheidung für einen Buchtitel der Qualität statt der finanziellen Rentabilität den Vorzug. Mittels einer verantwortungsvollen Geschäftsführung begrenzen sie die Überproduktion. Zwischen Neuerscheinungen und der Backlist stellen sie ein kommerzielles sowie finanzielles Gleichgewicht her. Schöpferische un‐ abhängige Verlage wenden das Prinzip der Mischkalkulation an; kommerzielle Erfolge führen zu einer Reinvestition in andere Buchtitel. Sie engagieren sich für die Neuentdeckung von Autorinnen und Autoren und für die Produktion ungewöhnlicher Bücher, für deren Publikation sie bereit sind, ein finanzielles Risiko einzugehen. Ihr Verlagsprogramm folgt der Logik des Angebots und nicht ausschließlich der Logik der Nachfrage. Mit der Zusammensetzung des Programms und seiner allgemeinen Verlagspolitik tragen diese Verlage zur öffentlichen Debatte und zur Pluralität von Ideen und Meinungen, und damit zur Bibliodiversität, bei (vgl. Colleu 2006, 95-96). Mit der Veröffentlichung innovativer, umstrittener sowie marginalisierter Stimmen und Positionen erhalten schöpferische unabhängige Verlage die lite‐ rarische Vielfalt abseits des Mainstreams. Sie spezialisieren sich auf wenige, bestimmte Genres, auch um von den Buchhandlungen sowie von Leserinnen und Lesern leichter identifiziert werden zu können, und wenden sich somit zunächst einmal an ein Nischen- oder auch regionales Publikum. Langfristig 2.2 Indikatoren und Messbarkeit von Bibliodiversität 83 49 Zur Bedeutung der Beziehung zwischen Autorinnen und Autoren sowie ihren Lekto‐ rinnen und Lektoren und der Berufsgeschichte der Lektorin/ des Lektors in literarischen Verlagen, vgl. Schneider 2005. gewinnen ihre Buchtitel aber häufig Bedeutung über diese Zielgruppen hinaus. Ihre Beziehung zu den Leserinnen und Lesern ist oftmals geprägt von der Figur der Verlegerin oder des Verlegers, deren Auswahl einer Autorin oder eines Autors für das Verlagsprogramm als Ausdruck des eigenen Stils und der eigenen Persönlichkeit sowie damit als Qualitätsmerkmal wahrgenommen wird (vgl. Legendre 2007, 77-78). Schöpferische unabhängige Verlage weisen erfahrungsgemäß mehr unter‐ nehmerischen Mut und Risikobereitschaft für die Publikation von „kleinen“ Titeln und neuen Autorinnen und Autoren auf. Zu ihren Schriftstellerinnen und Schriftstellern pflegen diese Verlage außerdem eine andere Art der Beziehung als größere Verlage. Die Karriere einer Autorin bzw. eines Autors langfristig zu begleiten, hat häufig in kleineren, unabhängigen Verlagen höhere Priorität. 49 Sie können ihrem bzw. seinem Werk eine höhere persönliche Aufmerksamkeit ent‐ gegenbringen als größere Verlage, in denen ein Buchtitel allein schon aufgrund der zumeist höheren Titelanzahl mit diversen anderen Werken konkurriert, so dass auch bereits etablierte Schriftstellerinnen und Schriftsteller einzelne Titel kleineren, unabhängigen Verlagen anvertrauen oder eine langfristige Zusammenarbeit mit ihnen anstreben (vgl. Legendre 2007, 76). Die Verlegerin des uruguayischen Verlags Trilce, Anna Danieli, betont die Bedeutung unabhängiger Verlage für die Entwicklung einer lokalen Kultur und sieht in ihnen Orte der Begegnung, der Diskussion und des Austauschs einer Gesellschaft, ihrer Wissenschaftlerinnen und Autoren. Entscheidend sei der Faktor Zeit: Statt auf kurzfristigen Erfolg zu setzen, böten unabhängige Ver‐ lage ihren Schriftstellerinnen und Schriftstellern Entwicklungsmöglichkeiten, ebenso wie sie einzelnen Werken Zeit ließen, sich von einer möglicherweise weniger beachteten Neuerscheinung zu einem anerkannten Backlist-Titel zu entwickeln und sich auf dem Buchmarkt langfristig durchzusetzen (vgl. Danieli 2006, 131). Da größere und weniger flexible Verlage immer wieder neue Ideen, Kompetenzen und Personal von den schöpferischen unabhängigen Verlagen übernehmen, sorgen diese für Innovationen und die Förderung der Bibliodiver‐ sität auf dem jeweiligen Buchmarkt. Die Bedeutung von Übersetzungen für die Vielfalt im Buchwesen Bei seiner Untersuchung der 61 französischen Literaturverlage (Bourdieu 1999) berücksichtigt Pierre Bourdieu auch die Bedeutung, welche die Veröffentlichung von Übersetzungen für sie spielt, und konstatiert, dass sich die Verlagstypen 84 2 Bibliodiversität insbesondere mit Blick auf ihre Strategie bei der Publikation von Übersetzungen unterscheiden: Von den kleineren, weniger traditionsreichen und unabhängigen Verlagen wie Climats, Viviane Hamy und Zulma übersetzten viele nicht oder jedenfalls nicht ausschließlich aus dem Englischen, obwohl Übersetzungen einen Anteil von bis zu einem Viertel ihrer Verlagsprogramme ausmachten, während die größeren, etablierten Verlage deutlich weniger Übersetzungen, und diese vor allem aus dem Englischen und westeuropäischen Sprachen, publizierten (vgl. Bourdieu 1999, 11). Verlage, die Teil einer finanzkräftigen Verlagsgruppe sind, können im in‐ ternationalen Lizenzgeschäft mitbieten, die Rechte an weltweiten Bestsellern erwerben und ihre Übersetzungen anschließend so erfolgreich vermarkten, dass sie trotz der hohen Kosten aus der Publikation Gewinn erzielen. Verlage am kommerziellen Pol des literarischen Feldes erwägen bei der Selektion von Titeln für ihr Verlagsprogramm vorwiegend positive ökonomische Auswirkungen und produzieren zumeist aus dem Englischen übersetzte Bestseller mit kurzfristigen Erfolgsaussichten, wobei sie sich auf die Vermittlung internationaler, häufig anglo-amerikanischer Literaturagentinnen und -agenten sowie Scouts verlassen (vgl. Bourdieu 1999, 24). Verlage am Pol der eingeschränkten Kulturproduktion sorgen dagegen für Innovationen und Vielfalt, in dem sie häufig Übersetzungen aus semi-peri‐ pheren oder peripheren Sprachräumen und damit weniger bekannten und prestigeträchtigen Literaturen veröffentlichen. Sie verfolgen damit auch die Strategie der Besetzung von Nischen mit geringerer Konkurrenz. Die Veröffent‐ lichung von Übersetzungen hat für kleinere unabhängige Verlage außerdem den Vorteil, dass sie ein geringeres verlegerisches Risiko darstellen, da sie bereits in ihren Herkunftsländern einem Selektionsprozess ausgesetzt waren und in den meisten Fällen einen sichtbaren Erfolg zu verzeichnen hatten (vgl. Bourdieu 1999, 23). Für neu entstehende Verlage sind Übersetzungen zum Aufbau eines Programms insofern nützlich, als dass der internationale Übersetzungsmarkt eine breitere Auswahl an geeigneten Texten bietet als nur die nationale Ebene (vgl. Ganne und Minon 1992, 71). Eine von Gisèle Sapiro geführte Studie zum Übersetzungsmarkt in Frankreich (Sapiro 2008a) kommt dementsprechend zu dem Ergebnis, dass die Zahl der Sprachen, aus denen übersetzt wird, am Pol der eingeschränkten Kulturproduk‐ tion sehr viel höher ist als am kommerziellen Pol des literarischen Feldes. Auch Gisèle Sapiro bezeichnet Übersetzungen als Indikator für die kulturelle Vielfalt, das heißt Bibliodiversität, und als Zeichen der Offenheit einer Gesellschaft (vgl. Sapiro 2008b, 15). Kulturelle Vielfalt ist nach Definition der UNESCO insbesondere eine Frage der Erhaltung und Förderung der Sprachenvielfalt (vgl. 2.2 Indikatoren und Messbarkeit von Bibliodiversität 85 etwa Website UNESCO), zu der Übersetzungen von Literatur einen Beitrag leisten. Das Vorhandensein bzw. Fehlen von Übersetzungen aus verschiedenen Sprachen auf den jeweiligen Buchmärkten ist auch Ausdruck bestehender Machtverhältnisse, denn der internationale Übersetzungsmarkt ist geprägt von ungleichmäßigen Übersetzungsströmen und einem asymmetrischen Literatur‐ austausch zwischen den verschiedenen Sprachräumen. Johan Heilbron beschreibt das globale Übersetzungssystem als eine hierar‐ chische Struktur, in der die Sprachen entsprechend ihrer Zentralität, gemessen an ihrem Anteil an den weltweit angefertigten Buchübersetzungen, eine Rolle als hyper-zentrale, zentrale, semi-periphere oder periphere Sprache einnehmen (vgl. Heilbron 1999, 433). Bei seiner Analyse, welche unter anderem die welt‐ weiten Übersetzungszahlen des Index Translationum der UNESCO einbezieht, stellt Johan Heilbron für die 1990er Jahre die augenfällige Dominanz des Englischen mit 55 bis 60 Prozent aller Übersetzungen im internationalen Über‐ setzungssystem und sogar bis zu 70 Prozent auf dem europäischen Kontinent fest (vgl. Heilbron 1999, 434). Diese Vorherrschaft des Englischen im Austausch von Buchübersetzungen erklärt Esther Allen mit dem Status der USA als wirt‐ schaftliche und militärische Supermacht sowie der „scheinbar unendliche[n] Anziehungskraft der Kulturerzeugnisse der USA auf dem globalen Markt“ (Allen 2007b, 18). Als Grund für die Tatsache, dass internationale Bestseller in den meisten Ländern Übersetzungen aus dem Anglo-Amerikanischen sind, führt Markus Kessel außerdem die umfassenden englischen Sprachkenntnisse, aber auch Präferenzen der Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger in den Verlagen, die erfolgreiche internationale Vernetzung englischsprachiger Literaturagenturen, aber auch die Attraktivität der angloamerikanischen Er‐ zähltradition an (vgl. Kessel 2009, 427). Mit einem Anteil zwischen zehn und zwölf Prozent an den gesamten weltweit angefertigten Übersetzungen folgen - allerdings weit hinter dem Englischen - heute zwei weitere als „zentral“ einzustufende Sprachen: Französisch und Deutsch (vgl. Heilbron 1999, 434). Laut Norbert Bachleitner und Michaela Wolf tragen „[d]ie lange und reiche Tradition deutschsprachiger Literatur, die intensive Übersetzungstätigkeit, der auch im Weltmaßstab relativ große Buchmarkt und die Ausstrahlung der Frankfurter Buchmesse“ (Bachleitner und M. Wolf 2010, 17) dazu bei, Übersetzungen aus dem Deutschen und ins Deutsche zu legitimieren. Noch stärker ist die Legitimität und Legitimationskraft von Übersetzungen aus dem und ins Französische (vgl. Casanova 2002). In der hierarchischen Struktur des globalen Übersetzungsmarktes sind Spra‐ chen wie Spanisch, Italienisch und Russisch mit einem Anteil von einem bis drei Prozent an den weltweit geleisteten Übersetzungen als semi-peripher zu 86 2 Bibliodiversität 50 Die Begriffe Intraduktion (Import von Übersetzungen) und Extraduktion (Export von Übersetzungen) wurden schon von Ganne und Minon 1992 verwendet und sind mittlerweile weit verbreitet, vgl. z.-B. Jurt 1999 und Sapiro 2008a. bezeichnen. Alle weiteren Sprachen sind mit einem Beitrag von nur bis zu einem Prozent am globalen Literaturaustausch an der Peripherie des Systems einzuordnen. Hier findet sich zum Beispiel bisher auch die chinesische Sprache wieder, die demonstriert, dass die Anzahl der Sprecherinnen und Sprechern keinen Einfluss auf die Position einer Sprache im weltweiten System der Übersetzungen hat (vgl. Heilbron 1999, 434). Johan Heilbron stellt einen Zusammenhang zwischen der Zentralität einer Sprache im globalen System und dem Anteil an Übersetzungen in diese Sprache, die Intraduktionen, 50 auf dem jeweiligen Buchmarkt her. Demnach ist, je zent‐ raler eine Sprache ist, die Übersetzungsquote in diese Sprache umso geringer: “The more central the cultural production of a country is, the more it serves as an example to other countries, and the less it is itself concerned with the cultural production from other countries.” (Heilbron 1999, 439) Großbritannien und die USA wiesen mit um die fünf Prozent die geringste Intraduktionsquote auf, gefolgt von Ländern wie Frankreich und Deutschland mit einem Anteil der Übersetzungen von etwa zehn bis zwölf Prozent an der gesamten Buchproduktion. In Staaten mit peripheren Sprachen wie Schweden oder den Niederlanden machten Übersetzungen hingegen sogar ein Viertel aller Titelneuerscheinungen aus (vgl. Heilbron 1999, 439). Übersetzungsströme fließen stärker vom Zentrum in die Peripherie als an‐ dersherum. In der Folge haben Übersetzungen in zentrale Sprachen für Verlage aus Ländern semi-peripherer und peripherer Sprachen eine große Bedeutung als Mittler zu anderen Buchmärkten: Once a book is translated into a central language by an authoritative publisher, it immediately catches the attention of publishers in other parts of the globe. The simple fact that an American or English publisher will publish an author from a semiperipheral language is used extensively by the original publisher, because it is the best recommendation for publishers elsewhere to acquire the translation rights. (Heilbron 1999, 436) In Bezug auf die Diversität der Übersetzungen weist Johan Heilbron auf die Wechselwirkung der Zentralität einer Sprache im weltweiten Übersetzungs‐ system und der Auswahl an Genres hin: The more central a language is in the international translation system, the more types of books are translated from this language. […] Centrality, in other words, implies 2.2 Indikatoren und Messbarkeit von Bibliodiversität 87 variety. Since the small number of books translated from peripheral languages is generally concentrated in very few categories, the opposite also holds true: book translations from peripheral languages lack the variety that increases with the degree of centrality. (Heilbron 1999, 438) Als Beispiele führt Johan Heilbron Übersetzungen ins Niederländische an: Aus dem Englischen existierten Übersetzungen in allen 33 Genres, die in niederländischen Buchstatistiken aufgeführt werden, aus dem Deutschen in 28, aus dem Französischen in 22 und aus dem Italienischen in zehn verschiedene Genres (vgl. Heilbron 1999, 438). Bei der Struktur des globalen Übersetzungsmarktes handelt es sich nicht um ein statisches, sondern um ein dynamisches System. So war Französisch lange Zeit die zentralste Sprache, verzeichnete aber seit Ende des 18. Jahrhunderts aus geopolitischen und geokulturellen Gründen einen Bedeutungsrückgang. Dagegen wurde das Englische seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges zur immer stärker dominierenden Sprache im weltweiten Übersetzungssystem (vgl. Heilbron 1999, 434-35). Zu den jüngsten Veränderungen des Systems gehört der Abstieg des Russischen von einer zentralen Sprache mit einem Anteil von rund zehn Prozent zu einer semi-peripheren Sprache mit einem heutigen Prozentsatz von einem bis drei Prozent in Folge des Untergangs der Sowjetunion (vgl. Heilbron 1999, 435). Auch für Pascale Casanova ist die heutige asymmetrische Struktur des globalen Übersetzungsmarktes ein aus der Geschichte gewachsenes Konstrukt, welches sich dynamisch verändert (vgl. Casanova 1999). Wie in den einzelnen Feldern der Länder herrsche auch im globalen literarischen Raum, welchen die Autorin als République mondiale des lettres bezeichnet, ein Kampf um literarische Legitimität. Die Position der jeweiligen nationalen literarischen Felder darin hängt auch von ihrer Tradition und der Dauer ihres Bestehens ab. Ihr literarisches Kapital setzt sich aus verschiedenen Faktoren zusammen: […] du prestige, de la croyance proprement littéraire attachée à une langue, de la valeur qui lui est accordée littérairement et qui tiennent à son ancienneté, au prestige de sa poésie, au raffinement des formes littéraires élaborées dans cette langue, aux traditions, aux ‹effets› littéraires liés notamment aux traductions et à leur nombre, etc.. (Casanova 2002, 8) Die Anerkennung einer Nationalliteratur hängt also in großem Maße von der Reputation ihrer Sprache ab (vgl. Casanova 1999). Daraus folgt, dass es in der République mondiale des lettres sogenannte „dominierte“ Sprachen gibt - Pascale Casanova verwendet die Opposition „dominiert“ versus „dominant“ statt peripher versus zentral, um die Machtverhältnisse stärker zum Ausdruck 88 2 Bibliodiversität zu bringen -, die sich durch geringes symbolisches Kapital, wenig internationale Anerkennung und eine niedrige Zahl an Übersetzungen aus dieser Sprache auszeichnen, wohingegen dominierende Sprachen aufgrund ihres Prestiges und der Menge an als Weltliteratur geltender Texte ein hohes literarisches Kapital besitzen. Sprachen mit großer Verbreitung sind nicht automatisch Sprachen mit hohem kulturellen Prestige (vgl. Casanova 1999, 36). Das literarische Kapital einer Sprache kann je nach Genre unterschiedlich ausgeprägt sein: Gisèle Sapiro nennt hierzu als Beispiele das hohe symbolische Kapital französischer Belletristik sowie deutschsprachiger Werke der Philosophie (vgl. Sapiro 2008d, 159). Durch die Zuschreibung von literarischem Kapital, dem Prozess der Kon‐ sekration unter anderem durch literarische Institutionen, Kritikerinnen und Literaten im Ausland, etablieren sich Nationalliteraturen im internationalen lite‐ rarischen Feld und damit auf dem Übersetzungsmarkt. Entscheidend sind dafür „[e]in differenziertes Gattungsprofil, international anerkannte ‚Klassiker‘, re‐ nommierte Verlage, eine stabil-dynamische Literatursprache und ein gebildetes Lesepublikum“ (Prunč 2011, 317-18). Viele Kulturen, dazu gehören indigene Gemeinschaften in Südamerika und in Teilen Afrikas, können neben diesen fehlenden kulturellen und institutionellen Ressourcen (wie Einrichtungen des Bildungssystems, Buchhandlungen, Verlagen, Zeitungen oder Theatern) auch aufgrund der nicht kodifizierten Sprache am Literaturaustausch mittels Über‐ setzungen nicht teilnehmen (vgl. Škrabec 2007, 134-35). Um internationale Übersetzungsströme zu verstehen, muss also auch das literarische Kapital der beteiligten Sprachen betrachtet werden. Sowohl die französische als auch die deutsche Sprache sind traditionsreiche Literatursprachen sowie Sprachen, aus denen viele international als „Klassiker“ bezeichnete literarische Werke hervor‐ gingen; beide sind also mit umfassendem literarischem Kapital ausgestattet. Die République mondiale des lettres ist polyzentrisch strukturiert: Mehrere Zentren können literarischen Werken und ganzen Literaturen durch Überset‐ zungen Konsekration verleihen, zu den wichtigsten zählen aktuell London und New York, aber auch Paris, das Pascale Casanova als „la capitale de l’univers littéraire, la ville dotée du plus grand prestige littéraire du monde“ (Casanova 1999, 41) bezeichnet. Zum Erwerb von Anerkennung und literarischem Kapital orientieren sich Autorinnen und Autoren dominierter Sprachen und Literaturen daher an internationalen literarischen Zentren. Dies gelte zum Beispiel auch für die sprachlich, kulturell und ökonomisch von ihren großen Nachbarstaaten 2.2 Indikatoren und Messbarkeit von Bibliodiversität 89 51 Siehe dazu auch Kapitel 3.2. Deutschland und Frankreich „dominierten“ Länder Österreich, die Schweiz und Belgien. 51 Die Auswirkungen der Globalisierung auf den weltweiten Übersetzungs‐ markt und seine Vielfalt untersucht Gisèle Sapiro (vgl. u. a. Sapiro 2008c und Sapiro 2014b). Der internationale Übersetzungsmarkt, wie er heute existiert, ist in den 1950er und 1960er Jahren entstanden, als die UNESCO in einem För‐ derprogramm speziell die Übersetzung von nicht-westlichen Werken vor allem aus asiatischen und lateinamerikanischen in europäische Sprachen förderte. Bis dahin war der internationale Literaturaustausch mehr oder weniger auf Europa und Nordamerika beschränkt: „Thus, a true world market of translations came about“ (Sapiro 2014b, 35). Unter anderem wirtschaftliche Interessen und die Einführung von Übersetzungsförderprogrammen haben in den vergan‐ genen Jahrzehnten dazu geführt, dass der internationale kulturelle Austausch zwischen verschiedenen Buchmärkten und die Gesamtzahl an Übersetzungen gestiegen ist, von 50.000 im Jahr 1980 auf über 75.000 im Jahr 2000. Daraus lässt sich aber nicht ableiten, dass generell die Übersetzungsvielfalt größer geworden ist: „[F]ar from favoring diversity, globalization has reinforced the domination of English” (Sapiro 2014b, 37). Aus den Daten des Index Translati‐ onum der UNESCO lässt sich ablesen, dass der Anteil der Übersetzungen aus dem Englischen in andere Sprachen in den 1980er Jahren bei 45 Prozent, in den 1990er Jahren bereits bei zwei Dritteln aller Übersetzungen lag. Vom Rückgang des Einflusses des Russischen auf dem internationalen Übersetzungsmarkt hat außerdem insbesondere die englische Sprache profitiert. So konstatiert Gisèle Sapiro: Furthermore, contrary to what could be expected in the era of globalization, the overall share of the peripheral languages decreased from almost 20 % to 14 %, and the average number of books translated every year from other languages was smaller in the 1990s than in the 1980s. Thus, quantitatively speaking, diversity has diminished. (Sapiro 2014b, 37) Die französische Soziologin beobachtet allerdings hinsichtlich der Anzahl an verschiedenen Sprachen, aus denen Werke ins Französische übersetzt wurden, eine Diversifizierung: Zwischen 1997 und 2002 waren es dem französischen Verlegerverband SNE zufolge zwischen 25 und 42 Sprachen, aus denen jedes Jahr Übersetzungen ins Französische entstanden, anschließend bis ins Jahr 2005 sogar bis zu 55 verschiedene Sprachen (vgl. Sapiro 2008c, 67). In der deut‐ schen Statistik Buch und Buchhandel in Zahlen wird die Anzahl der Sprachen, 90 2 Bibliodiversität aus denen ins Deutsche übersetzt wird, nicht erfasst. Bezüglich des Anteils sogenannter „sonstiger Sprachen“, die nicht zu den wichtigsten 20 Sprachen für die Übersetzungen ins Deutsche gehören, an den gesamten Übersetzungen deutscher Verlage lässt sich jedoch eine gegenteilige Entwicklung, d. h. eine immer stärkere Konzentration, feststellen: Der bis 2007 stetig gewachsenen Anteil von Übersetzungen aus dem Englischen (2007: 67 Prozent aller Titel) geht zu Lasten des Anteils von Übersetzungen aus den sogenannten „sonstigen Sprachen“ vor allem von außerhalb Europas (vgl. Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.-V. 2008, 75-76). In ihrem Werk Why Translation Matters zeigt die US-amerikanische Überset‐ zerin spanischer und lateinamerikanischer Literatur Edith Grossman die Bedeu‐ tung von Übersetzungen auf verschiedenen Ebenen auf (vgl. Grossman 2010). Dazu gehört zunächst einmal die persönliche Entwicklung von Leserinnen und Lesern, die übersetzte Literatur rezipieren: Translation expands our ability to explore through literature the thoughts and feelings of people from another society or another time. It permits us to savor the transformation of the foreign into the familiar and for a brief time to live outside our own skins, our own preconceptions and misconceptions. It expands and deepens our world, our consciousness, in countless, indescribable ways. (Grossman 2010, 14) Für Schriftstellerinnen und Schriftsteller haben Übersetzungen in zweierlei Hinsicht eine hohe Bedeutung. Zum einen erlauben es die Übersetzungen ihrer Werke in andere Sprachen, dass Autorinnen und Autoren eine deutlich größere Leserschaft erreichen können (vgl. Grossman 2010, 14). Mit Blick auf die Vielfalt an vorhandener Literatur mit Bezug auf Stile und Themen ist aber gerade die gegenseitige Beeinflussung und Inspiration durch Übersetzungen hervorzuheben: Translation is, in fact, a powerful, pervasive force that broadens and deepens a writer’s perception of style, technique, and structure by allowing him or her to enter literary worlds not necessarily found in one national or linguistic tradition. […] The more books from more places that are available to fledgling authors, the greater the potential flow of creative influence, the more irresistible the spark that ignites literary imaginations. Translation plays an inimitable, essential part in the expansion of literary horizons through multilingual fertilization. (Grossman 2010, 21-22) Edith Grossman stellt aber auch heraus, dass die Existenz von übersetzter Literatur als ein Zeichen des freien Austauschs von Ideen ohne Zensur, also der Meinungsfreiheit, sowie des gegenseitigen Verständnisses zu interpretieren ist: 2.2 Indikatoren und Messbarkeit von Bibliodiversität 91 I am speaking […] of our own society’s willingness to embrace-at least give a hearing to-other attitudes and perspectives, other ways of looking at the world. This kind of reasoned approach to a broad range of diversified opinion represents a mode of thought that increasingly seems to be a wistful fantasy or a dream of the gleaming city on the hill, but I believe it can be defended, facilitated, and enhanced through the value we place on translation. (Grossman 2010, 54) Die Betrachtung der internationalen Übersetzungsströme zeigt, dass die Domi‐ nanz bzw. das Fehlen von Übersetzungen aus bestimmten Sprachräumen in den verschiedenen Buchmärkten Ausdruck eines asymmetrischen Machtsystems der Nationalliteraturen, Sprachen und Übersetzungen ist. Das Vorhandensein möglichst vieler Übersetzungen aus diversen Sprachräumen, ihr Gleichgewicht und ihre Verschiedenheit ist daher ein wichtiger Indikator für die Bibliodiver‐ sität eines Buchmarktes. 2.2.3 Weitere Indikatoren der Bibliodiversität Unter Berücksichtigung nicht nur der Anzahl und thematischen Vielfalt der vertriebenen Buchtitel in einem bestimmten Land, sondern auch des Gleichge‐ wichts zwischen verschiedenen Akteurinnen und Akteuren auf dem Buchmarkt und den Zugangsmöglichkeiten von Buchkäuferinnen und Buchkäufern zu diesem Angebot, entwickelte Daniela Allerbon ein weiteres Modell, um Bibli‐ odiversität messbar zu machen. Ziel des Modells ist unter anderem die inter‐ nationale Vergleichbarkeit der Situation der Bibliodiversität in verschiedenen Ländern, weshalb Variablen definiert wurden, für die entsprechende Daten in vielen Staaten erhoben werden (vgl. Allerbon 2011, 66). Es richtet sich insbe‐ sondere auf die Buchmärkte spanischsprachiger Länder, in denen transnationale Medienunternehmen viel Macht haben und entsprechend die Vielfalt und die Publikationschancen lokaler Schriftstellerinnen und Schriftsteller beeinflussen. Die Variablen zur Erstellung dieses Indexes der Bibliodiversität beziehen sich einerseits auf die Produktion von Buchtiteln, andererseits auf ihren Vertrieb und ihre Vermarktung. Aufgrund fehlender oder nicht verlässlicher Daten wie Verkaufszahlen verzichtet Daniela Allerbon auf die Berücksichtigung des tatsächlichen Konsums von Buchtiteln (vgl. Allerbon 2011, 67). Der Index setzt sich aus folgenden Aspekten zusammen, wobei sich die ersten fünf Variablen auf die Produktion und zwei weitere auf den Buchvertrieb beziehen: Basierend auf der Annahme, dass eine gleichmäßige Verteilung der Titelanzahl über die aktiven Verlage eine große Diversität in der Buchproduk‐ tion belegt, ermittelt die Variable A die Aufteilung des Buchmarktes hinsichtlich der durchschnittlichen Anzahl an veröffentlichten Titeln pro Verlag. Variable B 92 2 Bibliodiversität 52 Eine Buchhandelskette wird hier definiert als ein Unternehmen, welches Filialen in mehr als drei Orten besitzt, vgl. Allerbon 2011, 71. ermittelt den Anteil von Titeln lokaler Autorinnen und Autoren sowie lokaler Themen bei Verlagen mit ausländischem Kapital an der Gesamttitelzahl dieser Verlage, denn: Para preservar la diversidad en este sentido es fundamental que los autores locales tengan la mayor participación posible en el mercado editorial y no se encuentren con trabas derivadas de las economías de escala de explotación de títulos exitosos en la mayor cantidad de países posibles por parte de las empresas de capital extranjero. (Allerbon 2011, 68) Hinsichtlich der thematischen Vielfalt der Buchproduktion ist die Situation der Bibliodiversität umso besser, je gleichmäßiger sich die produzierten Buchtitel über die in Bibliotheken verwendeten Kategorien der Dewey-Dezimalklassifi‐ kation verteilen (Variable C). Variable D berücksichtigt die Konzentration des jeweiligen Buchmarktes und misst die Beteiligung von Verlagen mit ausländi‐ schem Kapital, um zu ermitteln, welcher Konkurrenz die lokalen Verlage im Vertrieb der Werke von lokalen Urheberinnen und Urhebern ausgesetzt sind. Mittels der Anzahl an produzierten Buchtiteln pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner reflektiert der Indikator E die Breite des Buchangebots, auf die Fak‐ toren wie die Entwicklung und die Tradition des jeweiligen Buchmarktes ebenso Einfluss haben wie die sozioökonomische Entwicklung, der Bildungsgrad und die Lesegewohnheiten. Die vertriebsorientierten Indikatoren F und G widmen sich den Verkaufskanälen: der Zugangsmöglichkeit der Leserinnen und Leser zum Buchangebot in der Anzahl an Einwohnerinnen und Einwohner pro Buch‐ handlung (Variable F) sowie dem Anteil von Filialen von Buchhandelsketten an der Gesamtzahl der Buchhandlungen (Variable G). 52 Das Modell von Daniela Allerbon zur quantitativen Messbarkeit und Ver‐ gleichbarkeit der Bibliodiversität stellt auch für die vorliegende Arbeit eine ge‐ winnbringende Ergänzung hinsichtlich der Wahl der Dewey-Dezimalklassifika‐ tion als Variable für die Analyse der thematischen Vielfalt der Buchproduktion dar. Mit seinem Fokus auf die Existenz ausländischen Kapitals ist es im Ganzen für die vorliegende Untersuchung allerdings weniger relevant als etwa das Modell von Françoise Benhamou und Stéphanie Peltier (Benhamou und Peltier 2006, siehe Kapitel 2.2.1), da die hier betrachteten Buchmärkte weniger von internationalen Medienunternehmen aus anderen Staaten beeinflusst werden wie die in Daniela Allerbons Studie untersuchten spanischsprachigen Länder Lateinamerikas. 2.2 Indikatoren und Messbarkeit von Bibliodiversität 93 „Editoriales independientes para el ecosistema literario“ - ECOEDIT Ebenfalls aus dem spanischsprachigen Raum stammt die Initiative ECOEDIT (vgl. Website Proyecto ECOEDIT de la Universidad de Granada und Gallego Cuiñas 2021) - sie ist bisher auch ausschließlich auf diesen ausgerichtet. Ziel dieses Projektes an der Universidad de Granada war das Kartografieren unabhängiger, literarischer Verlage in Nord- und Südamerika sowie in Europa, die in spanischer Sprache publizieren. ECOEDIT versteht unabhängige Verlage als wesentliches Element, um die Bibliodiversität zu erhalten. Diese Verlage betreiben in unterschiedlichem Ausmaß ecoedición. Damit ist gemeint, dass sie als Gegengewicht zu den großen Verlagsgruppen mit deren Strategie zur Konzentration des Kapitals eine alternative Ökonomie und ein nachhaltigeres Geschäftsmodell verfolgen, das auf weniger kommerzielle Genres, neue Auto‐ rinnen und Autoren, qualitativ hochwertige Übersetzungen und auf den mittel- und langfristigen Aufbau ihrer Verlagsprogramme ausgerichtet ist. Unabhängige Verlage im spanischsprachigen Raum wurden in einer Studie anhand verschiedener Variablen und schließlich auf einer online verfügbaren Weltkarte erfasst. Ausgehend von den Variablen - dazu gehörten unter anderem Ausrichtung des Verlagsprogramms, durchschnittliche Auflagenhöhe, Präsenz von Frauen, Debütautorinnen und -autoren sowie Übersetzungen im Programm, Herkunft des ökonomischen Kapitals, staatliche Subventionen, Vertriebswege, Anteil von Büchern in jedem literarischen Genre, Anteil lokaler und internati‐ onaler Autorinnen und Autoren - wurden die Verlage nach ihrem Erreichen der zehn Kriterien der ecoedición bewertet und katalogisiert (siehe Tabelle 2). 1. Verlagsprofil 2. Publikation von „kleineren“ literarischen Genres 3. Publikation von Werken weiblicher Autorinnen (≥40%) 4. Publikation von Debütautorinnen und -autoren (≥30%) 5. Publikation von Übersetzungen (≥30%) 6. Privates Kapital (≥50%) 7. Direktvertrieb oder alternative Vertriebswege 8. Vertrieb im Ausland / als e-book 9. Teilnahme an Buchmessen / Vereinigungen von Verlagen 10. Sichtbarkeit in sozialen Netzwerken Tab. 2: Die zehn Kriterien der ecoedición nach ECOEDIT (Gallego Cuiñas 2021, 76-77) 94 2 Bibliodiversität 53 Im Original wird der in Großbritannien verbreitete Begriff BAME (black, Asian and minority ethnic) verwendet. ECOEDIT vereint damit ebenfalls mehrere der bereits thematisierten Indika‐ toren der Bibliodiversität. Über die auch von ECOEDIT einbezogene Frage hinaus, inwieweit schriftstellerisch tätige Frauen sowie Debütautorinnen und -autoren in Verlagsprogrammen und im Literaturbetrieb Berücksichtigung finden, ist ein weiterer Indikator für Bibliodiversität, folgt man der Interpre‐ tation von Susan Hawthorne (Hawthorne 2014), die Einbeziehung weiterer marginalisierter Gruppen in das Buchwesen. Einbeziehung marginalisierter Gruppen in das Buchwesen Studien in mehreren Ländern untersuchen die Beteiligung von Akteurinnen und Akteuren unterschiedlichen Geschlechts, ihrer Herkunft bzw. ethnischer Zugehörigkeit, ihres Alters etc. in den verschiedenen Stufen des Entstehungs- und Verbreitungsprozesses von Büchern sowie in den Mechanismen, die den Akteurinnen und Akteuren Konsekration verleihen, wie der Literaturkritik und der Vergabe von Literaturpreisen. Insbesondere in Großbritannien und den USA wird aktuell die Diversität des Personals in den Verlagen diskutiert. Die Verlegervereinigung Publishers Asso‐ ciation ermittelte in einer Umfrage unter 6.432 Angestellten aus 42 britischen Verlagsunternehmen, dass sich nur 11,6 Prozent der Befragten den Ethnien Schwarze, Asiatinnen und Asiaten sowie anderen Minderheiten zuordneten (vgl. Flood 2019). 53 Ihr Anteil liegt somit unter jenem in der gesamten britischen Bevölkerung von vierzehn Prozent sowie unter dem Anteil dieser Minderhei‐ tengruppen in der Hauptstadt London von 40,2 Prozent, was speziell vor dem Hintergrund, dass ein Großteil der britischen Verlage in London ansässig ist, zu kritisieren sei. Auch die regionale Diversität unter der Mitarbeiterschaft britischer Verlage wird beanstandet, da ein Großteil von ihnen aus London oder dem Südosten des Landes stammt. Diese Situation könne auch Einfluss auf die Vielfalt der Buchproduktion haben: For someone seeking a job in publishing, an internship involves having to find accommodation in London for several weeks, or having contacts in the city. It becomes an impossibility for someone from a working class background with no family connections. […] The trickle-down effect is that the publishing business is run by employees from the south east, or from privileged backgrounds, [who are] then therefore, broadly speaking, less able to relate to creative content that differs wildly from their lived experience. (Autor Ben Myers zitiert nach Flood 2019) 2.2 Indikatoren und Messbarkeit von Bibliodiversität 95 54 Diese Datenbank der Übersetzungen ins Englische wurde 2008 von den Organisationen Open Letters und Three Percent an der University of Rochester gegründet und wird mittlerweile vom Branchenmagazin Publishers Weekly betreut, vgl. Website Publisher’s Weekly, „Translation Database”. Sie beinhaltet die englischen Übersetzungen fremd‐ sprachlicher Werke, die sowohl in den USA als auch in Großbritannien vertrieben werden, nicht aber solche, die ausschließlich in Großbritannien erhältlich sind. Betrachtet man die Diversität der in den britischen Verlagen veröffentlichten Autorinnen und Autoren, setzt sich die Unterrepräsentation der ethnischen Minoritäten wenigstens im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur fort: In diesem Segment stammten zwischen 2007 und 2017 weniger als zwei Prozent der Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus den genannten ethnischen Gruppen, im Vergleich zu ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung von vierzehn Prozent (vgl. Ramdarshan Bold 2019, 24). Immer wieder wird auch die Geschlechtergerechtigkeit in den Konsekrations‐ mechanismen verschiedener literarischer Felder kritisiert. Übersetzungen sind als ein solches Mittel der Konsekration anzusehen. Autorinnen und Autoren, deren Werke in eine andere Sprache und speziell ins Englische übersetzt werden, wird dadurch ein Zugewinn an symbolischem Kapital im nationalen wie im internationalen literarischen Feld zugesprochen. Diese Konsekration durch Übersetzungen ins Englische wird männlichen Schriftstellern häufiger zuteil. Eine Analyse der Übersetzungsdatenbank 54 der Organisation Three Percent an der University of Rochester in den USA ergab, dass zwischen 2008 und 2018 nur 28,7 Prozent der dort registrierten Übersetzungen fremdsprachlicher Belletristik und Lyrik von Autorinnen verfasst wurden - anders gesagt: weniger als ein Drittel des ohnehin schon geringen Anteils an Übersetzungen auf dem USamerikanischen Buchmarkt von (den Namen der Organisation Three Percent prägenden) 3-Prozent (vgl. Post 2017). Von den späteren Literaturnobelpreisträgerinnen und -trägern waren bemerkenswerterweise die Werke vieler Autorinnen vor der Preisvergabe noch nicht ins Englische übersetzt, diejenigen eines Großteil der männlichen Schriftsteller hingegen schon, weshalb die Journalistin Sian Cain konstatiert, dass dieses Ungleichgewicht nicht allein damit begründet werden könne, dass englischsprachige Verlage generell kein Interesse an Übersetzungen fremdsprachlicher Literatur und zu wenig Informationen über internationale Literatur hätten: „The tougher hurdle to leap is the systematic dismissal of female writers that has insidiously affected everyone agents, editors, publicists, readers” (Cain 2017). Aufgrund ihrer Sichtbarkeit und der Zuerkennung von symbolischem Kapital durch andere Mitglieder des literarischen Feldes in den zugehörigen Jurys haben 96 2 Bibliodiversität Literaturpreise eine große Bedeutung für die Etablierung von Autorinnen und Autoren im literarischen Feld. Eine Untersuchung (Griffith 2015) der sechs wichtigsten US-amerikanischen und britischen Literaturpreise Pulitzer Prize, Man Booker Prize, National Book Award, NBCC, Hugo Award Best Novel und Newbery Medal der Jahre 2000 bis 2015 zeigte nicht nur, dass diese Preise häufiger an Männer verliehen werden, sondern betrachtete auch die inhaltliche Ebene der gewürdigten Werke und stellte einen Zusammenhang zwischen dem Geschlecht des Autors bzw. der Autorin und jenem der Hauptfiguren fest: Romane, in denen aus einer männlichen Perspektive erzählt wird, scheinen demnach eine größere Chance zu haben, einen Literaturpreis zu gewinnen. Der Man Booker Prize wurde in diesem Zeitraum zum Beispiel an neun männliche Autoren, die über Männer bzw. Jungen schrieben, an drei Frauen, die über Männer bzw. Jungen schrieben, an zwei Frauen, die über Frauen bzw. Mädchen schrieben, sowie an eine Frau, die sowohl über Männer als auch über Frauen schrieb, verliehen. Dass Autoren aus der Perspektive von Frauen bzw. Mädchen erzählten, kam innerhalb der mit dem Man Booker Prize ausgezeichneten Werke nicht vor; bei den anderen untersuchten Literaturpreisen nur bei der Newbery Medal, welcher im Genre Kinder- und Jugendliteratur vergeben wird. Die Schriftstellerin und Verfasserin der Untersuchung Nicola Griffith bemerkte dazu: It’s hard to escape the conclusion that, when it comes to literary prizes, the more prestigious, influential and financially remunerative the award, the less likely the winner is to write about grown women. Either this means that women writers are self-censoring, or those who judge literary worthiness find women frightening, distasteful, or boring. Certainly the results argue for women’s perspectives being considered uninteresting or unworthy. […] The literary establishment doesn’t like books about women. Why? […] The answer matters. Women’s voices are not being heard. Women are more than half our culture, if half the adults in our culture have no voice, half the world’s experience is not being attended to, learnt from, or built upon. (Griffith 2015) In Frankreich ist der Anteil der Gewinnerinnen der wichtigsten Literaturpreise - Goncourt, Goncourt des lycéens, Renaudot, Femina, Décembre, Interallié, Prix du roman fnac, Prix des libraires, Médicis, Prix du livre Inter, Grand Prix RTL-Lire, Prix des lectrices de Elle, Prix des maisons de la presse - zwar wischen 2010 und 2018 im Vergleich zum vorangegangenen Zeitraum 2000 bis 2009 von durchschnittlich 25 Prozent auf durchschnittlich 41 Prozent deutlich angestiegen; eine Parität ist dennoch noch nicht erreicht (vgl. Ministère de la Culture 2019, 49). 2.2 Indikatoren und Messbarkeit von Bibliodiversität 97 Gleiches gilt für den deutschen Literaturbetrieb: Wie eine Auswertung der Süddeutschen Zeitung zu den 50 wichtigsten deutschen Literaturauszeichnungen in den Jahren 2007 bis 2018 zeigte, lag der Frauenanteil in diesem Zeitraum durchschnittlich bei 37 Prozent (vgl. Stephan 2018). Da in den Jahren 2015 und 2017 der Anteil der Preisträgerinnen bei 50 Prozent lag, und im betrachteten Zeitraum mit Sibylle Lewitscharoff und Terézia Mora zwei Frauen an der Spitze der erfolgreichsten Autorinnen und Autoren standen - sie gewannen je acht, Lutz Seiler sechs, Christoph Ransmayr und Lukas Bärfuss je fünf Literaturpreise zwischen 2007 und 2018 -, resümiert der Verfasser des Artikels in der Süddeutschen Zeitung, Felix Stephan: „Obwohl der deutsche Literaturbetrieb also in dem Ruf steht, strukturell konservativ und maskulin zu sein, ist er zumindest in demografischer Hinsicht ausgeglichener als die meisten anderen gesellschaftlichen Bereiche“ (Stephan 2018, 14). Betrachtet man den Bereich der Literaturkritik als weiteren Mechanismus der Konsekration und damit des Erfolgs im literarischen Feld, kann man dieser Perspektive jedoch nicht uneingeschränkt zustimmen. Im Hinblick auf die Gendergerechtigkeit in Literaturmagazinen und der Literaturkritik wertet der VIDA Count seit 2010 jährlich das Verhältnis der Beiträge von Autorinnen und Autoren aus 15 renommierten, gedruckten, englischsprachigen Literaturmagazinen aus (vgl. Website VIDA Women in Literary Arts). Der VIDA Count 2017 stellt etwa fest, dass in nur zwei dieser Literaturmagazine, Granta und Poetry, 50 Prozent oder mehr der Beiträge von Autorinnen stammen, in fünf von ihnen zwischen 40 Prozent und 49,9 Prozent, sowie in den übrigen acht Literaturmagazinen unter 40 Prozent, in der New York Review of Books sogar nur 23,3 Prozent (vgl. VIDA Women in Literary Arts 2018). Diese Verhältnisse lassen sich auch im deutschen Literaturbetrieb bestätigen. In Deutschland will das langfristig angelegte Forschungsprojekt #Frauenzählen (vgl. Website #Frauenzählen), welches unter anderem vom PEN-Zentrum Deutschland und dem Netzwerk Bücherfrauen e. V. - Women in publishing realisiert wird, umfassende Datenreports zur Sichtbarkeit von Autorinnen in der Literaturkritik, bei der Vergabe von Literaturpreisen, in Verlagsprogrammen, in schulischen Lehrmate‐ rialien, in Jurys oder bei der Stipendienvergabe zusammenstellen. Die fortgesetzten Analysen sollen strukturelle Probleme, ihre Ursachen und Wirkungen aufdecken, sowie zur Erarbeitung konstruktiver Vorschläge beitragen, um die Geschlechterge‐ rechtigkeit im Literaturbereich zu erhöhen. (#Frauenzählen 2018, 3) 98 2 Bibliodiversität Die Studie „Sichtbarkeit von Frauen in Medien und im Literaturbetrieb“ (#Frauenzählen 2018) untersuchte im März 2018 2.036 Rezensionen in 69 verschiedenen deutschen Medien (Printmedien, Radio und Fernsehen) nach folgenden Fragen: Lassen sich Unterschiede in der medialen Präsenz, in der Häufigkeit und im Umfang der Besprechungen von Autorinnen im Vergleich zu Autoren ausmachen? Existieren hierbei spezifische Merkmale, die auf das Geschlecht der Rezensierenden zurückzu‐ führen sind? Welche Genres werden in welchem Umfang vom wem besprochen? Lassen sich darin wiederum Signifikanzen in der Geschlechtsverteilung (besprochene Autorin/ Autor, Kritiker/ Kritikerin) feststellen? (#Frauenzählen 2018, 3) Wie die Verfasserinnen der Studie feststellten, werden Werke von männlichen Schriftstellern in allen Medienformaten häufiger und ausführlicher bespro‐ chen. Zwei Drittel der in den untersuchten Literaturkritiken besprochenen Bücher wurden von Männern geschrieben. Nur in Frauenzeitschriften war das Verhältnis nahezu umgekehrt. Die Mehrheit der Literaturkritiken (57 Pro‐ zent) wurde von männlichen Rezensenten verfasst, und diese besprachen überwiegend, nämlich zu drei Vierteln, die Werke von männlichen Autoren. Kritikerinnen besprachen Werke von Frauen und Männern dagegen ähnlich häufig. Besonders interessant ist der Zusammenhang zwischen dem Geschlecht der Rezensierenden sowie den Genres der besprochenen Autorinnen und Autoren: Beim Genre Sachbuch war nur jedes fünfte von einem männlichen Kritiker ausgewählte Werk von einer Frau verfasst; bei der Kriminalliteratur lag der Anteil der männlichen Autoren, die von männlichen Rezensenten ausgewählt wurden, mit 82 Prozent sogar noch darüber. Ausgeglichen war das Verhältnis der Auswahl männlicher Kritiker nur bei der Kinder- und Jugendliteratur. Die Ver‐ fasserinnen der Studie resümieren dazu: „[D]ie als intellektuell oder ‚maskulin‘ empfundenen Genres wie Sachbuch und Kriminalliteratur werden von Autoren wie Kritikern vereinnahmt“ (#Frauenzählen 2018, 4). Das Verhältnis zwischen Autorinnen und Autoren war unter den weiblichen Kritikerinnen in allen Genres mit Ausnahme der Kriminalliteratur, in der auch Frauen überwiegend männliche Autoren besprachen, ausgewogener. Die Autorinnen der Studie räumen ein, dass es aufgrund nicht vorhan‐ dener Daten nicht möglich war, zu prüfen, ob die Zahlen und Verhältnisse zwischen Gender und Genres in den Rezensionen das tatsächliche Publikati‐ onsaufkommen in deutschen Verlagen widerspiegeln. Dieser Vergleich sowie Untersuchungen zu Geschlechterverhältnissen in Verlagsprogrammen sowie 2.2 Indikatoren und Messbarkeit von Bibliodiversität 99 55 Für eine Bestimmung der Buchkultur im internationalen Vergleich, vgl. Kurschus 2015. bei der Vergabe von Literaturpreisen sollen folgen (vgl. #Frauenzählen 2018, 5). Unter dem Hashtag #vorschauenzählen wurde auf Twitter und in anderen sozialen Medien im Herbst 2019 dazu aufgerufen, das Verhältnis von Autorinnen und Autoren in den Frühjahrsprogrammen 2020 der literarischen deutschspra‐ chigen Verlage zu untersuchen. Bei einem Verhältnis von 60 zu 40 zugunsten männlicher Autoren konstatieren die Initiatorinnen: „Je höher das literarische Prestige eines Verlages, desto mehr scheint er auf Männer im Programm zu setzen“ (B.-Glanz und Seifert 2019). Beeinflusst von den Produktionsbedingungen und Konsekrationsmecha‐ nismen hat die Repräsentation von marginalisierten Gruppen vor allem auf inhaltlicher Ebene der Literatur eine große Bedeutung für die gesellschaftliche Akzeptanz von Diversität. Beispielhaft für den Faktor Verschiedenheit für die Bibliodiversität auf inhaltlicher Ebene seien hier Fragen zur Vermittlung von Geschlechterrollen und Identifikationsangebote für ethnische Minderheiten in der Kinder- und Jugendliteratur genannt (vgl. Hamilton et al. 2006, Brunner et al. 2019, Burghardt und Klenk 2016, Myers 2014). Wie der vorangegangene Überblick zeigen konnte, ist die Repräsentation von marginalisierten Akteurinnen und Akteuren in den Entstehungs-, Verbreitungs- und Konsekrationsprozessen von Büchern von gesellschaftlicher Relevanz und wird daher in der vorliegenden Studie als weiterer Indikator der Bibliodiversität verwendet. 2.3 Kulturpolitische Rahmenbedingungen Mit dem Ziel, die Vielfalt des Buchwesens zu erhalten und zu fördern, haben zahlreiche Staaten kulturpolitische Maßnahmen eingeführt. Die dem Buch zugeschriebenen Werte für die heutige Wissens- und Informationsgesellschaft, darunter seine Förderung einer nationalen Kultur und Identität, der Meinungs‐ freiheit und -vielfalt sowie seine Bedeutung für öffentliche und politische Debatten, stellen trotz aktueller Herausforderungen seines Status durch digitale Medienkonkurrenz für viele demokratische Staaten die Grundlage der Unver‐ zichtbarkeit einer lebendigen Buchkultur dar. 55 Im Folgenden werden verbrei‐ tete Instrumente der Buchpolitik wie die Buchpreisbindung und Maßnahmen der Literaturförderung sowie die ihnen zugeschriebenen positiven Effekte für die Vielfalt im Buchwesen dargestellt. Ein Fokus wird dabei auf eine Sonderform 100 2 Bibliodiversität der Subventionierung von Literatur, die Übersetzungsförderung, gelegt, der im internationalen Literaturaustausch anlässlich von Ehrengastauftritten auf Buchmessen eine besondere Bedeutung zugemessen wird. Schließlich werden ergänzend kulturpolitische Empfehlungen hinsichtlich der Bibliodiversität auf internationaler Ebene erläutert, die zum Ausbau eines bibliodiversen Buchwe‐ sens in Staaten, in denen bisher keine Buchpolitik betrieben wird, sowie zur Überwindung des Ungleichgewichts zwischen globalem Süden und globalem Norden beitragen können. 2.3.1 Buchpolitik zur Förderung kultureller Vielfalt Maßnahmen der staatlichen Buchpolitik zur Förderung kultureller Vielfalt im Buchwesen lassen sich in die Kategorien Marktregulierung und gesetz‐ liche Regelungen (z. B. reduzierter Mehrwertsteuersatz, Buchpreisbindung und Regelungen zum Urheber- und Verlagsrecht) sowie direkte oder indirekte Subventionen an individuelle Akteurinnen und Akteure zur Förderung des kreativen Schaffens, der Buchwirtschaft bzw. der Buchkultur (z. B. Autoren- und Autorinnen-, Verlags- und Übersetzungsförderung) einteilen. Die folgenden Ausführungen widmen sich aufgrund ihrer Relevanz für die Erhaltung der Bibliodiversität insbesondere der Buchpreisbindung sowie Instrumenten der staatlichen Literaturförderung. Buchpreisbindung Der feste Ladenpreis für Buchprodukte hat zum Ziel, die Existenz eines breiten Titelangebots sicherzustellen, welches mittels einer großen Zahl von Verkaufs‐ stellen vielen Menschen zugänglich ist. Mit der gesetzlichen Regelung der Buchpreisbindung erkennt der Gesetzgeber den herausragenden Beitrag an, den Bücher zum heutigen Stand der Kultur in unserer Gesellschaft geleistet haben. Er geht davon aus, dass die Preisbindung entscheidend dazu [beiträgt], dass eine große Titelvielfalt besteht, dass eine Fülle kleinerer und mittlerer Verlage existiert, dass kulturell wertvolle Bücher trotz kleiner Auflagen zu erschwinglichen Preisen erscheinen und dass die Versorgung der Bevölkerung durch ein engmaschiges Netz von Buchhandlungen nicht nur in größeren Städten gewährleistet ist […]. Der Gesetzgeber stellt die kulturelle Vielfalt damit vor wirtschaftliche Erwägungen. (Wallenfels, Russ und Franzen 2018, 10) Kritikerinnen und Kritiker des festen Ladenpreises für Bücher sehen in ihr einen Eingriff in den freien Markt, „ein staatlich gefördertes Kartell zu Lasten der 2.3 Kulturpolitische Rahmenbedingungen 101 Verbraucher […], unter dessen Schutz der Buchhandel trotz ineffizienter Struk‐ turen und überhöhter Preise gedeihen könne“ (Wallenfels, Russ und Franzen 2018, 12-13). Markus Gerlach wendet dagegen ein, dass das Buchwesen kein Sektor sei, für den die Kartellbildung typisch sei, da trotz der Konzentrations‐ prozesse eine große Anzahl an Unternehmen im Buchhandel und Verlagswesen existiere und dem Zugang zum Buchmarkt vergleichsweise geringe Barrieren entgegenstünden. Als Bestätigung dafür könne die mittlerweile ungeteilte Unterstützung der Buchpreisbindung in Deutschland und Frankreich durch die Mehrheit der Marktteilnehmenden gelten, von den unabhängigen Verlagen und Buchhandlungen bis zu den großen Konzernen wie Hachette, Penguin Random House, Fnac und Hugendubel (vgl. Gerlach 2003, 46-47). Trotz der Buchpreis‐ bindung bestehe Wettbewerbsdruck, bei Verlagen ein Preiswettbewerb um den Endverkaufspreis sowie ein Leistungswettbewerb bei den Buchhandlungen hinsichtlich des angebotenen Service (vgl. Gerlach 2003, 50). Eine Abschaffung des festen Ladenpreises für Buchprodukte hätte laut Markus Gerlach negative Konsequenzen für alle Akteurinnen und Akteure des Buchwesens und in der Folge für die Vielfalt der Strukturen und Inhalte. Buchhandelsketten böten hohe Rabatte auf einige Bücher an, vor allem auf die Bestseller. Damit kleine und mittlere Buchhandlungen nicht Gefahr liefen, dass etwa bei ihnen der Beratungsservice in Anspruch genommen würde, die Käufe aber in den Buchhandelsketten oder im Online-Handel getätigt würden, müssten sie vergleichbare Rabatte anbieten, die ihnen die finanziellen Mittel entzögen, ein vielfältiges Buchangebot mit vielen Neuerscheinungen aufrechtzuerhalten. Die Buchhändlerinnen und Buchhändler müssten so ihr Buchangebot reduzieren und sich auf das Geschäft mit den meistverkauften Titeln konzentrieren, welches es ihnen aber trotzdem nicht erlaubte, mit den großen Buchhandelsketten zu konkurrieren. Daher führte diese Entwicklung zu einem Verschwinden einer großen Zahl von traditionellen unabhängigen Buchhandlungen. Während schnell und leicht verkäufliche Bücher also zu geringen Preisen angeboten würden, verlören beispielsweise Fachbücher, anspruchsvolle Titel sowie Neuerscheinungen noch unbekannter Autorinnen und Autoren ihre Sichtbarkeit in den unabhängigen Buchhandlungen. Die Vermittlungs- und Förderungsfunktion der Buchhandlungen ist aber eine Leistung von essen‐ zieller Bedeutung gerade für kleinere Verlage. Der Rückgang der Anzahl unabhängiger Buchhandlungen hätte eine Verringerung der angebotenen Titelvielfalt zur Folge: Das Problem der Verlage, angesichts fehlender Ver‐ kaufsstellen ihre Bücher sichtbar zu halten, könnte auch bei ihnen zu einer 102 2 Bibliodiversität 56 Hierzu muss des Weiteren angemerkt werden, dass die Zahl der Buchhandlungen aufgrund anderer ökonomischer und gesellschaftlicher Herausforderungen im selben Zeitraum auch in Ländern mit der Preisbindung gesunken ist. Verringerung ihrer Titelproduktion oder Veränderung der Programmzusam‐ mensetzung führen. Auch die Verlage konzentrierten sich also zunehmend darauf, Bestseller zu produzieren, indem sie nur die Werke bereits etablierter Schriftstellerinnen und Schriftsteller publizierten (für die höhere Vorschüsse gezahlt werden müssten), von diesen Titeln hohe Auflagen herstellten und umfassendes Marketing betrieben. Dies könnten sich aber nur die großen Verlagsgruppen finanziell leisten, so dass vermutlich auch viele kleinere Verlage schließen oder sich den Verlagsgruppen anschließen müssten, womit auch im Verlagswesen die Konzentration zunähme. Für die Leserinnen und Leser bedeutete die gesamte Entwicklung auch: Während die Preise für die meistverkauften Bücher stark sinken dürften, würden die große Mehrheit der Werke sich deutlich verteuern (vgl. Gerlach 2003, 51-54). Dieter Wallenfels et al. stellen fest: Am Ende dieser Entwicklung könnte eine Buchhandelslandschaft stehen, in der einige wenige Buchhandelsketten und Internet-Händler bestimmen, zu welchen Themen und zu welchen Preisen Bücher verkauft werden. […] Vieles könnte nicht mehr verlegt werden: Denn dort, wo die Gesetze des Marktes vorherrschen, kann das Besondere, das Geistreiche, das Skurrile nur noch schwer gedeihen. (Wallenfels, Russ und Franzen 2018, 14) Die möglichen Konsequenzen einer Abschaffung der Buchpreisbindung fasst François Rouet in einem Schaubild zusammen (vgl. Rouet 2013, 200, siehe Abbildung 7). In Großbritannien war nach der Abschaffung der Preisbindung für Bücher 1995 zwar ein starker Rückgang unabhängiger Buchhandlungen zu verzeichnen, angesichts der weiterhin hohen Zahl publizierter Titel existiert aber nach Meinung der Kritikerinnen und Kritiker noch immer ein breites Buchangebot. 56 2.3 Kulturpolitische Rahmenbedingungen 103 Abb. 7: Die möglichen Konsequenzen einer Abschaffung der Buchpreisbindung (Rouet 2013, 200) Die ökonomischen und kulturellen Vorteile der Buchpreisbindung bleiben also weiter umstritten, und bei der Beurteilung ihrer Effektivität sind sicherlich die Gegebenheiten des jeweiligen Buchmarktes wie der Grad der Konzentration, die Existenz anderer Fördermöglichkeiten für unabhängige Verlage und Buch‐ handlungen und wirtschaftspolitische Präferenzen (Ist seitens der Akteurinnen und Akteure ein Einmischen des Staates gewünscht? ) einzubeziehen. In der Buchindustrie Frankreichs und Deutschlands herrscht allerdings zurzeit Kon‐ 104 2 Bibliodiversität 57 Zur Rolle privater Literaturförderung im Literaturbetrieb und ihren Beweggründen, vgl. Vandenrath 2006. sens darüber, die Buchpreisbindung beibehalten zu wollen. Die AIEI empfiehlt die Einführung dieses kulturpolitischen Instruments außerdem denjenigen Ländern, in denen es bisher keine Regelung dazu gibt, sowohl für gedruckte als auch digitale Buchprodukte, „[pour] mettre fin aux distorsions de concurrence entre les grandes surfaces (et les chaînes de librairies), et les librairies indépendantes“ et pour „empêcher les grandes plateformes numériques d’abuser de leur position dominante pour tirer le prix des ouvrages à la baisse, privant les éditeurs de toute latitude commerciale“. („80 recommandations & outils en faveur de la bibliodiversité“, Alliance internationale des éditeurs indépendants, 4) Instrumente der Literaturförderung An der Literaturförderung sind in vielen Ländern neben der öffentlichen Hand, deren Maßnahmen der Buchpolitik zuzurechnen sind und die eine gewisse Kontinuität anstreben, auch Stiftungen und privatwirtschaftliche Unternehmen beteiligt. Deren vorrangige Intentionen sind jedoch oftmals der Imagegewinn für die eigene Institution und, mittels der Verbindung zum Feld der Kultur, die Akkumulation von symbolischem Kapital. Sie fördern deshalb häufig Literatur und Veranstaltungen, die ein großes Publikum erreichen und bei denen sie sich wirksam inszenieren können. 57 Die folgende Darstellung konzentriert sich daher auf staatliche Förderinstrumente als Teil der Buchpolitik. Von ihnen wird angenommen, Literatur um der Literatur und ihrer Vielfalt willen unterstützen zu wollen. Kulturpolitik wie Literaturförderung gehen „heutzutage von einem ‚weiten‘ Kulturbegriff aus[…], der der kulturellen Vielfalt in einer modernen Gesell‐ schaft entsprechen will“ (Plachta 2008, 149), und wenden sich daher über die sogenannte Hochkultur hinaus zahlreichen, möglichst vielfältigen Projekten zu. Literaturförderung und die Umsetzung ihrer Maßnahmen rufen immer wieder Kritik hervor, unter anderem aufgrund intransparenter Vergabepraxis und Ungleichgewichten in ihrer Gewährung, der Überschneidung von Förder‐ maßnahmen, mangelnder Effizienz und zu geringen Fördersummen, etwa um damit als Autorin oder Autor den Lebensunterhalt finanzieren zu können, sowie aus der Sicht von Verlagen und Buchhandlungen aufgrund des hohen bürokra‐ tischen Aufwands der Beantragung von Förderbeihilfen (vgl. u.a Kurschus 2014, 17). Dennoch resümiert Steffen Richter: 2.3 Kulturpolitische Rahmenbedingungen 105 Doch wird Literaturförderung in ihrer Gesamtheit […] keineswegs überflüssig. Schließlich ist sie ein wichtiges Regulativ. Es sorgt dafür, dass nicht ausschließlich der Markt bestimmt, was Literatur sein soll. Deswegen bleibt Förderung als Garant literarischer Vielfalt unverzichtbar. (Richter 2011, 48) Die Förderung einer vielfältigen Literatur kann in allen Stufen der Produktion, Veröffentlichung und Distribution sowie Rezeption ansetzen. Zu den Formen der Unterstützung der Produktion von Literatur gehören Stipendien für Auto‐ rinnen und Autoren und Literaturpreise, die häufig dotiert sind. Bezüglich ihrer Funktionen stellt Steffen Richter fest, dass sie - mit unterschiedlichen Gewichtungen - Aufmerksamkeit erzeugen oder konzentrieren, eine Hierarchisierung von Autoren im literarischen Feld betreiben, Kanonisierungsprozesse in Gang setzen oder verstärken, als Werbeargumente für den Buchverkauf verwendet werden können, sowie zur ökonomischen Sicherung des Autorendaseins, also zur Professionalisierung des Schriftstellerberufs beitragen. Es geht in erster Linie um symbolisches, aber auch um ökonomisches Kapital […]. (Richter 2011, 43) Insbesondere die ökonomische Existenzsicherung von bis dahin zumeist unbe‐ kannten Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die sich im literarischen Feld noch nicht durchgesetzt haben, ist im Rahmen der Förderung von Bibliodiver‐ sität von Bedeutung, da sie das Schaffen von neuen, vielfältigen Formen der Literatur ermöglicht, die vom Markt (bisher) nicht honoriert werden. Dasselbe gilt für die Förderung von anderen Kreativschaffenden, die zum kreativen Prozess der Buchproduktion beitragen, wie Übersetzerinnen und Übersetzern sowie Illustratorinnen und Illustratoren. Die Publikation und Distribution von Büchern kann durch die Förderung der Veröffentlichung einzelner Titel ebenso gefördert werden wie durch Formen der Verlags- und Buchhandlungsförderung. Mit der als klassisch geltenden Förderung von individuellen Publikationen werden Verlage in die Lage versetzt, Buchtitel zu veröffentlichen, die allgemein als schwierig gelten, das heißt: Sie erscheinen zumeist mit geringer Auflage, und man erwartet niedrige Verkaufszahlen. Das wichtigstes Ziel dieser Publikationsförderung ist damit die Erhöhung der Vielfalt im Hinblick auf die Titelauswahl, indem qualitativ hochwertige und anspruchsvolle Literatur unterstützt wird (vgl. Kurschus 2015, 306). Publikationsbeihilfen können auf die Deckung der Kosten einer Übersetzung, auf die gesamten Herstellkosten eines Buchtitels oder auf die finanzielle Unterstützung von Maßnahmen des Marketings und der Distribution ausgerichtet sein. Wie Stephanie Kurschus bemerkt, können Verlage ebenso wie Autorinnen und Autoren auch indirekt von Publikationsbeihilfen profitieren: 106 2 Bibliodiversität Authors benefit from being granted access to a publisher who may take on a second title. Publishers benefit at the same time from the coverage of cost (while being able to pocket the proceeds if it turns out that the title sells well) and from the image cultivation of developing a program of quality titles. (Kurschus 2015, 306) Dem Thema Übersetzungsförderung als Unterkategorie der finanziellen Un‐ terstützung von Veröffentlichungen wird aufgrund seiner Relevanz für die vorliegende Untersuchung der Bibliodiversität im Rahmen des französischen Ehrengastauftritts auf der Frankfurter Buchmesse der folgende Abschnitt 2.3.2 gewidmet. Die Subvention von Buchhandlungen ist mit Blick auf die Bibliodiversität der Förderung des Konsums der angebotenen Vielfalt zuzuordnen. Die Förderungs‐ würdigkeit von unabhängigen Buchhandlungen mit qualifiziertem Personal, etwa mittels Auszeichnungen, zinslosen Darlehen und Subventionen für Eröff‐ nungen sowie finanzieller Unterstützung von besonderen Distributionsplatt‐ formen und Projekten für ein vielfältiges Titelangebot, beschreibt Stephanie Kurschus anhand der Verdienste der Buchhandlungen wie folgt: A quality distribution network communicates a diverse range of titles to its customers. As such, the booksellers function as pearl divers who swim through their overview of the available books. The algorithms of the online booksellers have yet to master the complexity of human selection and opinion; often, they suggest similar titles, thereby limiting the customer. To encourage diversified consumption, independent booksellers are essential. (Kurschus 2015, 309) Zur Förderung der Rezeption von Literatur zählt insbesondere die Leseförde‐ rung, also „das Bemühen, zum Lesen anzuregen, wobei es heute vorrangig darum geht, die Lesesozialisation von Kindern und Jugendlichen positiv zu beeinflussen. Das kann wiederum nur gelingen, wenn man sie fürs Lesen zu begeistern vermag und dabei langfristige Lesemotivationen erzeugt“ (Bittkow 2005, 202). Traditionell sind Schulen, Bibliotheken, Buchhandlungen sowie etwa seit den 1950er Jahren spezielle Einrichtungen Akteurinnen und Akteure dieser Leseförderung, deren Programme teilweise vom Staat gefördert werden. Aber auch Veranstaltungen wie Literaturfestivals und Buchmessen werden mit dem Ziel, das öffentliche Bewusstsein für qualitativ hochwertige Literatur und somit die Inanspruchnahme der angebotenen Vielfalt im Buchwesen zu erhöhen, finanziell gefördert. Lesen „ist eine wesentliche Voraussetzung für den Erwerb von Bildung, für lebenslanges Lernen sowie für die Teilnahme am kulturellen und politischen Leben“ und daher „Schlüsselkompetenz in der modernen Informationsgesellschaft“ (Bittkow 2005, 197). 2.3 Kulturpolitische Rahmenbedingungen 107 Im Folgenden sollen nun die deutsche und französische Buchpolitik und insbesondere Elemente ihrer Literaturförderung verglichen werden. In Frank‐ reich haben ausführliche Diskussionsrunden mit zahlreichen Vertreterinnen und Vertretern aus allen Bereichen der Buchbranche in den Jahren 2006 und 2007 unter der Schirmherrschaft der Direction du livre et de la lecture des französischen Kulturministeriums zur Veröffentlichung des Rapport Livre 2010 - Pour que vive la politique du livre (Barluet 2007) geführt, welcher angesichts der Umbrüche im Buchsektor 50 Maßnahmen für das Buch und das Lesen vorschlug. Zu den diskutierten Themen und Vorschlägen, die teilweise bereits umgesetzt wurden, gehörten hinsichtlich der Buchhandlungen die Einführung eines Gütesiegels für den Buchhandel sowie Förderprogramme zur direkten Subventionierung und steuerlichen Unterstützung von unabhängigen Buch‐ handlungen, hinsichtlich der Verlage die Einrichtung eines Zentrums für die Beratung und Unterstützung der kleinen Verlage sowie die Verbesserung ihrer Vertriebswege und ihrer Präsenz im Ausland, mit Blick auf die Autorinnen und Autoren sowie Übersetzerinnen und Übersetzer Steuerbefreiungen, die Etablierung eines neuen Verhaltenskodexes zwischen ihnen und den Verlagen sowie das Thema soziale Absicherung. Als zweiter großer Themenbereich wurden Vorschläge zum Ausbau der Digitaltechnologie im Buchwesen erar‐ beitet. Weitere Vorschläge galten dem Bibliothekswesen sowie der Erhaltung des Buchkulturerbes. Einige Forderungen waren schließlich direkt auf die Stärkung und Modernisierung der wichtigsten Institution der Buchpolitik, des Centre national du livre (CNL), ausgerichtet. Wie der Buchwissenschaftler Ernst Fischer feststellt, wären in Deutschland derart umfassende Forderungen der Akteurinnen und Akteure des Buchwesens nach Eingriffen und Subventionierungen des Staates aufgrund historischer Erfahrungen während der Zeit des Nationalsozialismus und der DDR nicht denkbar. Angesichts anderer Erfahrungen mit der nationalen Buchpolitik und mit dem zentralistischen System sowie der Tatsache, dass die Konzentration der Buchbranche, wie in Kapitel 2.1.1 beschrieben, in Frankreich stärker ausgeprägt ist, wird jedoch der französische Staat unter den Akteurinnen und Akteuren des Buchsektors als einzige Institution wahrgenommen, welche das Überleben unabhängiger Buchhandlungen und Verlage garantieren könne (vgl. Fischer 2008, 123). Staatliche Literaturförderung hat in Frankreich eine lange Tradition. Die Vorgängerorganisation des heutigen CNL, die Caisse Nationale des Lettres, existierte formell seit 1946 und führte seit 1957 eine auf Autorinnen und Autoren sowie Verlage ausgerichtete praktische Literaturförderung aus. 1993 wurde sie in Centre national du livre umbenannt. Heute besteht die Funktion des dem 108 2 Bibliodiversität 58 Zu weiteren politischen Maßnahmen zur Erhaltung des Netzes unabhängiger Buch‐ handlungen in Frankreich wie Verminderungen von Mieten in bestimmten Stadtvier‐ teln, vgl. auch Schiffrin 2010, 52-59. Kulturministerium unterstellten CNL darin, Literatur in französischer Sprache in allen Stufen der Entstehung, Veröffentlichung, auch internationalen Verbrei‐ tung sowie Rezeption zu fördern. Die literarischen Aktivitäten von Schriftstel‐ lerinnen und Schriftstellern, Illustratorinnen und Illustratoren, Übersetzerinnen und Übersetzern werden mithilfe von Arbeits- und Aufenthaltsstipendien un‐ terstützt. Zur Veröffentlichung von Literatur erhalten französische Verlage Subventionen. Laut François Rouet bezieht sich die Förderungswürdigkeit auf üblicherweise Verlust bringende Genres wie Drama und Lyrik, die ohne die Subventionierung des französischen Staates vermutlich auf dem Buchmarkt seltener existieren würden, aber auch ökonomisch weniger riskante Projekte etwa aus den Bereichen fremdsprachliche Literatur, wissenschaftliche Werke, Kunst, Philosophie, Kinder- und Jugendliteratur sowie Comics. Die Literatur‐ förderung Frankreichs ist also zu sehen als eine „démarche de promotion de la qualité des contenus et de mise en valeur de l’excellence, et prend la forme d’une participation à la prise de risque financier de l’éditeur“ (Rouet 2013, 189). Über die Förderungswürdigkeit aller einzelnen Anträge auf Subventionen und Stipendien entscheiden thematisch gruppierte Kommissionen des CNL, die sich aus insgesamt mehr als 300 für je drei Jahre ernannte Expertinnen und Experten des französischen Buchwesens zusammensetzen (vgl. Website Centre national du livre, „Organisation“). Die finanzielle Förderung von Verlagen und Buchhandlungen hat ebenso zum Ziel, die wirtschaftliche Entwicklung des Buchsektors zu unterstützen, wie die Qualität des Buchvertriebsnetzwerkes zu erhalten. Neben finanziellen Hilfen, die auch für frankophone Buchhandlungen im Ausland gelten, können sich unabhängige Buchhandlungen beim CNL um die Verleihung des Gütesiegels Librairie indépendante de référence (LIR) bewerben, welches jeweils für drei Jahre verliehen wird und das wichtige Engagement und die Arbeit unabhängiger Buchhändlerinnen und Buchhändler würdigen und unterstützen soll. Zu den Vorteilen gehören die Wiedererkennung und Aufwertung unter Buchkäufer‐ innen und Buchkäufern sowie Institutionen, die Möglichkeit, bei zuliefernden Unternehmen vorteilhafte Konditionen zu erhalten, sowie steuerliche Vorteile und besondere Fördermaßnahmen des CNL in Anspruch nehmen zu können. Die Einführung dieses Gütesiegels war ein direktes Resultat des genannten Rapport Livre 2010. 58 In internationaler Perspektive fördert das CNL mit dem Ziel „de contribuer à la diffusion et au rayonnement du livre français“ (Website Centre national 2.3 Kulturpolitische Rahmenbedingungen 109 59 Vgl. Website “Partir en Livre”. du livre, „Missions“) etwa auch die Arbeit des Bureau international de l’édition française (BIEF), welches sich als Vertretung der französischen Verlage um den Buchexport, weltweite Partnerschaften und den internationalen Lizenzhandel bemüht. Mit ihrer Ausrichtung auf internationale Buchmärkte und dem Be‐ streben, über die Literatur die französische Sprache und Kultur zu fördern, sind CNL und BIEF damit auch Akteurinnen und Akteure der französischen Außenkulturpolitik. Im Bereich der Leseförderung unterstützt der französische Staat über das CNL Literaturprojekte und -veranstaltungen, die sich an ein breites Publikum richten und Autorinnen und Autoren oder weitere Akteurinnen und Akteure der Buchbranche einbeziehen, und organisiert in ganz Frankreich das jährliche Literaturfest „Partir en livre“ für Kinder und Jugendliche. 59 Hing die Finanzierung des CNL vormals von einer steuerlichen Abgabe beim Verkauf von Kopiergeräten und -material sowie einer Abgabe der größten Verlage mit einem bestimmten jährlichen Gewinn ab, wird seine Arbeit seit 2019 direkt vom französischen Staat finanziert. Die 2019 vergebenen Fördermittel von etwa 19 Millionen Euro wurden über 22 Förderprogramme an 2.344 verschie‐ dene Projekte verteilt (vgl. Website Centre national du livre, „Missions“). Ernst Fischer konstatierte 2008, dass gerade im Vergleich mit der umfas‐ senden staatlichen Buch- und Förderpolitik Frankreichs deutlich werde, dass eine solche in Deutschland aus historischen Gründen nicht existiere und daher aus Sorge vor Eingriffen des Staates in das Buchwesen auch nicht gewünscht sei. Allerdings stellte er die Frage in den Raum, inwieweit diese Haltung beibehalten werden könne, da die Selbstregulierungskräfte des Buchhandels […] an Grenzen [stoßen]. Der Expan‐ sion von potenten Marktteilnehmern und den dabei angewandten Methoden […] wird durch staatliche Maßnahmen sicherlich nicht Einhalt geboten werden können, aber die unerwünschten Nebenwirkungen werden auf irgendeine Weise aufgefangen werden müssen, will man eine Verödung der Buchhandelslandschaft verhindern. (Fischer 2008, 135) Tatsächlich sind in den vergangenen Jahren die Stimmen derjenigen, die eine Ausweitung der staatlichen Literatur- und insbesondere Verlagsförderung in Deutschland einfordern, lauter geworden. Im politischen System der Bundesre‐ publik wird der Bereich Kultur als Ländersache aufgefasst, weshalb ein natio‐ nales Kulturministerium nicht existiert, ebenso wenig eine dem französischen CNL vergleichbare staatliche Institution für das Buchwesen. Literaturförderung 110 2 Bibliodiversität 60 Vgl. Website „Deutscher Buchhandlungspreis“, Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien. existiert durchaus, aber auf mehreren Ebenen, im Bund, in den Bundesländern und Kommunen, sowie innerhalb diverser mit staatlichen Mitteln unterstützter Organisationen und Stiftungen wie zum Beispiel hinsichtlich der Förderung von Autorinnen und Autoren und Übersetzerinnen und Übersetzern der Deut‐ sche Literaturfonds und der Deutsche Übersetzerfonds sowie für das Thema Pflege und Bewahrung des literarischen Erbes das Deutsche Literaturarchiv in Marbach. Für den Bereich der Leseförderung ist insbesondere die Stiftung Lesen, für die Übersetzungsförderung das Goethe-Institut zu nennen. Im Bereich der Verlagsförderung wurde im Jahr 2000 die Kurt Wolff Stiftung zur Förderung einer vielfältigen Verlags- und Literaturszene von unabhängigen Verlagen mit der Unterstützung des damaligen Beauftragten der Bundesregie‐ rung für Kultur und Medien Michael Naumann gegründet. Sie wird auch weiterhin von dieser Stelle finanziell gefördert. Als Interessenvertretung unab‐ hängiger Verlage in Deutschland vergibt die Stiftung neben anderen Aktivitäten jedes Jahr den „Kurt Wolff Preis für das Lebenswerk, für das Gesamtschaffen oder das vorbildhafte Verlagsprogramm eines deutschen oder in Deutschland ansässigen unabhängigen Verlages“ (Website Kurt Wolff Stiftung). Angesichts der aus vielen Gründen zunehmend schwierigen ökonomischen Situation der unabhängigen Verlage in Deutschland in den vergangenen Jahren wünschten sich einige Akteurinnen und Akteure der Buchbranche allerdings nach dem Vorbild anderer Länder weiterführende Fördermaßnahmen für das Buchwesen. Analog zu dem seit 2015 von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien verliehenen Deutschen Buchhandlungspreis 60 forderte die Düsseldorfer Erklärung unabhängiger Verlage im Februar 2018 eine entspre‐ chende Auszeichnung für unabhängige Verlage, da diese in ihren Augen „die künstlerische und thematische Vielfalt unserer kulturellen Landschaft zur Stär‐ kung der Weltoffenheit, Demokratie und Vielheit unserer Gesellschaft“ (zitiert nach BuchMarkt. Das Ideenmagazin für den Buchhandel 2018) garantieren. Im Jahr darauf führte die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Monika Grütters, den Deutschen Verlagspreis ein. In dessen Rahmen werden seit 2019 jährlich im Oktober dotierte und undotierte Gütesiegel an Verlage vergeben, die nicht zu einem Konzern gehören und ein kontinuierliches Verlagsprogramm aufweisen. Bis zu drei Verlage werden mit dem Spitzenpreis von jeweils 60.000 Euro ausgezeichnet, bis zu 60 weitere Verlage können eine Prämie von 15.000 Euro erhalten. Drei Verlage, deren durchschnittlicher Jahresumsatz der letzten drei Jahre mehr als drei Millionen Euro betrug, können 2.3 Kulturpolitische Rahmenbedingungen 111 die Auszeichnung ohne Dotierung erhalten. Der Verlagspreis möchte den Beitrag unabhängiger Verlage zu einer vielfältigen und lebendigen Buchkultur anerkennen und „diese hohe gesellschaftliche und kulturelle Bedeutung wür‐ digen, bundesweit sichtbarer machen und dazu beitragen, die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit kleiner, unabhängiger Verlage in Deutschland zu stärken“ (Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien 2020, 1). Das im Herbst 2018 in Folge der drohenden Insolvenz des Verlags Klöpfer & Meyer veröffentlichte Tübinger Memorandum: Wider das Sterben der Verlage, für Diversität der Literatur und Buchkultur zeigt, dass auch Autorinnen und Autoren über die Situation unabhängigen Publizierens in Deutschland besorgt sind. Sie fordern über den Verlagspreis hinaus langfristige, strukturelle Förder‐ aktivitäten seitens der Kulturpolitik. Als Vorbild für die Einführung werden neben Frankreich häufig auch die Verlagsförderkonzepte Österreichs (seit 1992) und der Schweiz (seit 2016) genannt. Die Anzahl der publizierten Buchtitel, also die Vielfalt hinsichtlich der Auswahl, hat in Österreich seit der Einführung der kontinuierlichen Verlagsförderung zugenommen. Ernst Fischer sieht angesichts der Dominanz der deutschen Verlage für den kleineren österreichischen Buch‐ markt auch keine Alternative zu dieser strukturellen Subventionierung: Österreich befindet sich in einer ähnlichen Situation wie andere kleine Länder, die Teil eines größeren Sprachraums sind und deshalb Vorkehrungen zum Schutz eines eigenständigen Publikationswesens treffen müssen, das Bedingung für die Bewahrung einer literarischen und intellektuellen Binnenkultur ist. (Fischer 2008, 129) Abschließend sei hier noch erwähnt, dass es auch im deutsch-französischen Kontext einige gemeinschaftliche Projekte der Literaturförderung insbesondere durch Preisverleihungen gibt, die teilweise staatliche Förderung erhalten. Dazu gehören der Deutsch-Französischer Jugendliteraturpreis (Stiftung für die deutsch-französische kulturelle Zusammenarbeit), der Eugen-Helmlé-Über‐ setzerpreis (Stiftung ME Saar, Saarländischer Rundfunk und Stadt Sulzbach), der Franz-Hessel-Preis (Stiftung Genshagen und Villa Gilet) sowie der Nerval- Goethe-Preis (Goethe-Institut Paris, Délégation générale à la langue française et aux langues de France, Verein Défense de la langue française und Sorbonne). 2.3.2 Fokus Übersetzungsförderung Übersetzungen stellen als Zeichen der Offenheit einer Gesellschaft und in der Erhaltung sprachlicher Vielfalt einen wichtigen Beitrag für die Bibliodiversität dar. Da die Vielfalt von Übersetzungen - in vielen Buchmärkten wird sie ausschließlich dem Markt überlassen - durch die asymmetrisch verlaufenden 112 2 Bibliodiversität 61 Für Informationen zur in der vorliegenden Arbeit nicht thematisierten Übersetzerför‐ derung sowie allgemein zu Institutionen und Tendenzen der Übersetzungsförderung in Deutschland, vgl. Rude-Porubská 2014. Ströme vorrangig von den zentralen in die (semi-)peripheren Sprachen des weltweiten Übersetzungssystems beschränkt ist, wird die Förderung von Über‐ setzungen von staatlicher Seite als Maßnahme zur Sicherung der Bibliodiversität empfohlen. Übersetzungsförderung wird als „Bereitstellung finanzieller Mittel, Sach‐ mittel oder Dienstleistungen für Personen und Institutionen definiert, die für die Produktion, Distribution und Vermittlung von Übersetzungen zuständig sind“ (Rude-Porubská 2014, 38). Darunter fällt also sowohl die Subventionierung von Verlagen, welche die finanziellen Risiken, die die Veröffentlichung einer Über‐ setzung aufgrund höherer Kosten für die Übertragung in die jeweilige Sprache und eventuell anfallender Lizenzgebühren mit sich bringt, abschwächen soll, als auch die Unterstützung von Übersetzerinnen und Übersetzern durch Stipen‐ dien, die Ermöglichung von Arbeitsaufenthalten im Ausland oder ähnlichen Unterstützungsleistungen. 61 Mittels der Übersetzungsförderung im Speziellen - wie auch mithilfe der Literaturförderung im Allgemeinen - verfolgen Staaten das Ziel, „der Gefahr der Standardisierung und Uniformität des Titelangebots auf dem Buchmarkt“ (Rude-Porubská 2014, 38) entgegenzuwirken. Daneben ist die Übersetzungsförderung als Instrument der Außenkulturpolitik einzuordnen, „als Korrektiv, um Übersetzungen zu begünstigen, die aus finanziellen Gründen nicht durchgeführt würden, jedoch sinnvoll zu einem Kulturaustausch beitragen und symbolisches Kapital schaffen könnten“ (Montero Küpper 2019, 452). Da Übersetzungen sowohl ökonomische und politische Funktionen als auch eine kulturelle Funktion in der Konsekration einer Nationalliteratur im welt‐ weiten literarischen Feld erfüllen, richten viele Länder ein Förderprogramm für die Verbreitung ihrer Literatur in Form von Übersetzungen ein. In einigen Fällen entstehen solche Übersetzungsförderungsprogramme direkt in der Vor‐ bereitung von Ehrengastauftritten auf internationalen Buchmessen, wie im Fall Argentiniens mit dem Programa Sur und Georgiens anlässlich der Frankfurter Buchmesse in den Jahren 2010 und 2018. Am Beispiel des Goethe-Instituts zeigt Daniela Reimann die Eingliederung der Übersetzungsförderung in die deutsche Außenkulturpolitik (vgl. Reimann 2015). Das Goethe-Institut und andere kulturelle Mittlerorganisationen, die vom Auswärtigen Amt finanziert werden, sind in ihrer konkreten Kulturarbeit, zu der auch die Vermittlung und finanzielle Unterstützung der Extraduktion von deutscher Literatur gehört, grundsätzlich unabhängig. Dennoch unterstützt das Goethe-Institut auch mit seiner Übersetzungsförderung aktiv die Ziele der 2.3 Kulturpolitische Rahmenbedingungen 113 deutschen Außenpolitik, indem es ein aktuelles Bild des Landes, seiner Kunst und Kultur vermittelt, sowie auf inhaltlicher Ebene, Texte vorrangig fördert, die sich mit Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und der (kulturellen) Einigung Europas beschäftigen (vgl. Reimann 2015, 164). Zu den vom Goethe-Institut geförderten Genres gehören aktuelle Werke der Gegenwartsliteratur, Kinder- und Jugendbücher, wissenschaftliche Literatur sowie Sachbücher. Seit seinem Bestehen wurde mithilfe des Förderprogramms die Übersetzung von ungefähr 6.000 Werken in 45 Sprachen finanziell unterstützt (vgl. Website Goethe-Institut, „Übersetzungsförderung“). Im Jahr 2008 konnte das Goethe-Institut etwa 240 Übersetzungen in 38 verschiedene Sprachen mit einer Gesamtsumme von 509.351 Euro fördern, also mit durchschnittlich 2.122 Euro pro Titel. Einen Großteil des Förderbudgets ging dabei an Verlage in europäischen Ländern, fast drei Viertel aller geförderten Titel erschienen in Südwest-, Mittelost-, Südostsowie Nordwesteuropa. Mehr als die Hälfte aller durch das Goethe-Institut geförderter Übersetzungen aus dem Deutschen stammte aus dem Segment Belletristik (vgl. Rude-Porubská 2014, 142-44). Indem Übersetzungsförderung die finanziellen Risiken der Verlage mindert, Übersetzungen von Werken aus einer bestimmten (National-)Literatur zu ver‐ öffentlichen, kann die Anzahl der übertragenen Werke dieser Literatur in andere Sprachen gesteigert werden. Dies allein wird schon als Indiz dafür gesehen, dass die internationale Bedeutung und Sichtbarkeit dieser (National-)Literatur, des entsprechenden Landes und seiner Kultur wächst. Der Erfolg einer Über‐ setzung für die wachsende Wertschätzung einer (National-)Literatur hängt aber auch von Faktoren wie der Qualität der Übersetzung, der Wahl der Übersetzerin oder des Übersetzers, der Position des ausländischen Verlages sowie der Sprache, in die übersetzt wird, ab. Indem Übersetzungsförderpro‐ gramme selbst definierte Qualitätskriterien für die Selektion von zu fördernden Werken, wie die Festlegung auf bestimmte Genres, Autorinnen und Autoren, Bedingungen zur Bezahlung der Übersetzerinnen und Übersetzer, die Prüfung von Probeübersetzungen etc., anwenden, kann Einfluss auf die Qualität und die Publikationskontexte genommen werden (vgl. Plachta 2008, 166). Wie Silvia Montero Küpper bemerkt, sind die Einflussmöglichkeiten dennoch durch die den Förderungsanträgen zugrundeliegende Literaturauswahl der ausländischen Verlage eingeschränkt. Mit Blick auf die Übersetzungsförderung Spaniens der Jahre zwischen 2014 und 2018 kritisiert sie die mangelhafte Widerspiegelung der Vielfalt des spanischen Buchmarktes hinsichtlich der Einbeziehung bestimmter Gattungen wie Essays und Lyrik, von Autorinnen sowie der Sprachen Spaniens abseits des Kastilischen. Silvia Montero Küpper fordert daher ein stärkeres Ein‐ greifen der öffentlichen Institutionen der Kulturpolitik, z. B. durch Anwendung 114 2 Bibliodiversität 62 Wie es um die Bibliodiversität der durch den französischen Staat geförderten Überset‐ zungen im Vorfeld des Ehrengastauftritts Francfort en français bestellt ist, wird in Kapitel 5.1 analysiert. einer Gattungs- oder Frauenquote unter den zu fördernden Werken, um mehr Vielfalt unter den publizierten Übersetzungen in verschiedenen Buchmärkten - oder im konkreten Fall bei der Internationalisierung spanischer Literatur - herbeizuführen (vgl. Montero Küpper 2019, 456). 62 Als Akteur der französischen Außenkulturpolitik bietet das Institut français (IF) in Paris internationalen Verlagen Unterstützung beim Lizenzerwerb zu Werken französischer Verlage aller Genres, mit Ausnahme von Schul- und Lehrbüchern (vgl. Website Institut français d’Allemagne, „Aide à l’acquisition de droits - Programme Institut français Paris“). Indem das IF die in Lizenzverträgen ausgehandelte Lizenzgebühr vollständig oder auch anteilig übernimmt, fördert es letztlich auch die Bemühungen französischer Verlage, Nutzungsrechte an ihren Werken in andere Sprachen zu verkaufen, und damit ihren ökonomischen Erfolg. Zusätzlich zu dem in Paris verwalteten Lizenzerwerbsförderprogramm können internationale Verlage bei den IF in ihren jeweiligen Ländern eine Über‐ setzungsförderung beantragen, die bis zu 50 Prozent der Übersetzungskosten abdecken kann. In diesen Förderprogrammen, die nach berühmten Schriftstel‐ lerinnen oder Schriftstellern der entsprechenden Länder benannt werden, wurden zwischen 1990 und 2013 Übersetzungen in 83 Staaten unterstützt. In Deutschland können mithilfe des Rilke-Programms Übersetzungen aus dem Französischen in den Bereichen Belletristik und Sachbuch gefördert werden. Als Selektionskriterien nennt das IF sehr unspezifisch formuliert „[l]a qualité et la pertinence des projets soumis“ (Website Institut français d’Allemagne, „Aide à la traduction - Programme Rilke“). Mit der Förderung der Extraduktion französischer Literatur stellt der Staat sicher, dass die ausgeweitete Präsenz der eigenen Literatur und Kultur im Ausland die soft power Frankreichs stärkt sowie Anreize für internationale Verlage geschaffen werden, wirtschaftliche Beziehungen zu französischen Verlagsunternehmen aufzunehmen. Ergänzend zur allgemeinen Subventionierung einzelner Publikationen oder Großprojekte der französischen Verlage ist in Frankreich das CNL im Bereich der Übersetzungsförderung in zweierlei Hinsicht tätig: Gefördert werden Über‐ setzungen aus dem Französischen in diverse Sprachen (Extraduktion) ebenso wie die Übersetzung fremdsprachlicher Literatur durch französische Verlage (Intraduktion). Ziel der staatlichen Förderung der Intraduktion fremdsprachlicher Werke ins Französische durch das CNL ist es, 2.3 Kulturpolitische Rahmenbedingungen 115 […] de proposer au public français des œuvres du monde entier, représentatives de la diversité littéraire et scientifique, dans une traduction de qualité. Il s’agit par là d’accompagner les éditeurs prenant des risques économiques dans le cadre d’une production éditoriale qualitative, diversifiée et accessible au plus grand nombre. (Website Centre national du livre, „Subvention aux éditeurs pour la traduction d’ouvrages en langue française“) Die finanzielle Unterstützung der Intraduktion soll also sowohl die Vielfalt auf dem Buchmarkt fördern als auch die wirtschaftlichen Risiken, welche die inländ‐ ischen Verlagsunternehmen mit der Veranstaltung von Übersetzungen durch zusätzlich anfallende Lizenzgebühren und Bezahlung der Übersetzerinnen und Übersetzer eingehen, abschwächen. Wie Gisèle Sapiro bemerkt, richtet sich diese Förderung von Übersetzungen aus kleineren Sprachen auch gegen die Dominanz des Englischen im internationalen Übersetzungssystem (vgl. Sapiro 2014b, 37). Seit der Einführung des Programms 1989 wurden Übersetzungen aus mehr als 30 Sprachen ins Französische gefördert, im Jahr 2017 neben größeren Sprachen unter anderem aus dem Isländischen, dem Litauischen, dem Mongolischen und der Khmer-Sprache (Kambodscha). Die Auswahl der geförderten Genres entspricht derjenigen der Extraduktion. Das CNL fördert die Intraduktion von fremdsprachlichen Werken auf den französischen Buchmarkt ebenso wie die Extraduktion französischer Werke in andere Sprachen in einer Höhe von zwischen 40 und 60 Prozent sowie in Ausnahmefällen bis zu 70 Prozent der Übersetzungskosten, aber insgesamt höchstens 35.000 Euro (vgl. Website Centre national du livre, „Aide aux éditeurs pour la traduction d’ouvrages français en langues étrangères“). Im Jahr 2017 wurde im Bereich Intraduktion die Übersetzung von 272 Werken ins Französische mit einem Budget von 1.231.970 Euro, im Bereich Extraduktion die Übersetzung von 227 Werken aus dem Französischen in andere Sprachen mit einem Budget von 627.380 Euro gefördert (vgl. „Bilan des aides 2017“, Centre national du livre, 82 und 97). Eine systematische staatliche Förderung der Intraduktion existiert in Deutschland nicht. Der bei der Frankfurter Buchmesse angesiedelte Verein Lit‐ prom e. V. bezuschusst die Übersetzung belletristischer Werke aus Afrika, Asien, Lateinamerika, der arabischen Welt und der Türkei ins Deutsche, darunter etwa auch Literatur aus den frankophonen Gebieten dieser Kontinente. Dieses Über‐ setzungsförderungsprogramm mit dem Ziel, „den literarischen Kulturaustausch an[zu]regen und [zu] verstärken sowie die Veröffentlichung wichtiger Werke zeitgenössischer Autor*innen aus den genannten Weltregionen [zu] befördern“ (Website Litprom), wird aus den Mitteln des deutschen Auswärtigen Amtes sowie des Schweizer SüdKulturFonds finanziert. 116 2 Bibliodiversität Das Subventionssystem des französischen CNL mit den beiden Bereichen Extraduktion und vor allem auch der Intraduktion gilt als vorbildhaft für die Förderung der Bibliodiversität, auch aufgrund dessen, dass ein vorzulegender Vertrag mit der Übersetzerin bzw. dem Übersetzer eine angemessene Bezahlung derbzw. desselben garantiert (vgl. „80 recommandations & outils en faveur de la bibliodiversité“, Alliance internationale des éditeurs indépendants, 5). Theo‐ retisch sind die Förderprogramme des CNL auch offen für frankophone Verlage aus anderen Ländern. Da es allerdings zu den Förderbedingungen gehört, über einen stabilen Vertrieb in Frankreich zu verfügen (vgl. „Règlement des aides. Janvier - Décembre 2020“, Centre national du livre), ist die Möglichkeit für nicht-französische Verlage aus der Frankophonie, von den Förderprogrammen des CNL zu profitieren, ausgesprochen gering. Im Programm zur Förderung der Intraduktion, also der Übersetzung fremdsprachlicher Werke ins Französische, gehörten daher zum Beispiel im Jahr 2017 nur einige wenige Verlage aus den frankophonen Gebieten Belgiens, der Schweiz und Kanadas zu den Empfängern der Übersetzungsförderung des CNL (vgl. „Bilan des aides 2017“, Centre national du livre). Die Regierungen dieser französischsprachigen Länder bzw. Regionen bieten auch eigene Übersetzungsförderungsprogramme an. In Belgien übernimmt der Service de la Promotion des Lettres des Ministeriums der Fédération Wallonie- Bruxelles 75 Prozent der Übersetzungskosten internationaler Verlage für die Übersetzung eines belgischen literarischen Werkes (Belletristik, also Romane und Erzählungen, Lyrik, Theater und literarische Essays) aus dem Französischen (vgl. Website Fédération Wallonie-Bruxelles---Promotion des lettres). Das luxemburgische Kulturministerium fördert sowohl die Extraduktion als auch die Intraduktion der Literatur in ihre Amtssprachen Französisch, Deutsch und Lëtzebuergesch. Es werden nicht nur die literarischen Werke (Prosa, Lyrik, Drama, Kinder- und Jugendliteratur, literarische Essays und Literaturantholo‐ gien) von luxemburgischen, sondern auch von solchen Schriftstellerinnen und Schriftstellern gefördert, die in Luxemburg wohnhaft sind. Übersetzungskosten werden vollständig oder anteilig übernommen. Die Unterstützung der Veröf‐ fentlichung von Übersetzungen durch luxemburgische Verlage hat zum Ziel, „[de] valoriser l’édition luxembourgeoise en subventionnant des traductions d’auteurs étrangers destinées à être éditées au Luxembourg afin de stimuler la coopération culturelle avec d’autres pays“ (Website Le Gouvernement du Grand- Duché de Luxembourg). Die Schweizer Organisation Pro Helvetia unterstützt literarische Überset‐ zungen zwischen ihren Landessprachen Französisch, Deutsch, Italienisch sowie Rätoromanisch untereinander, aber auch Übersetzungen Schweizer Literatur 2.3 Kulturpolitische Rahmenbedingungen 117 63 Untersucht wurde die Buchpolitik in Benin, Burkina Faso, Kamerun, der Elfenbeinküste, Guinea, Mali, Niger, Ruanda, der Demokratischen Republik Kongo, im Senegal, in Togo und Madagaskar. 64 Vgl. hierzu auch die Website, welche die Ergebnisse der Studie von Luc Pinhas sowie einer Studie zur Situation der staatlichen Buchpolitik in Lateinamerika veranschaulicht, „Cartographie des politiques publiques du livre“, Alliance internationale des éditeurs indépendants. weltweit, mit dem Ziel, die Vielfalt und die nationale und internationale Aus‐ strahlung des Schweizer literarischen Schaffens zu erhöhen. Gefördert werden zeitgenössische literarische Texte aller Genres, darunter Kinder- und Jugend‐ literatur, Illustration, Comics, Graphic Novels und Theaterstücke. Schweizer Übersetzerinnen und Übersetzer können auch bei der Intraduktion internatio‐ naler Literatur finanziell unterstützt werden (vgl. Pro Helvetia 2009). Außerhalb Europas existiert im kanadischen Québec ein aus öffentlichen Geldern finanziertes Programm zur Förderung von Übersetzungen zwischen dem Englischen und Französischen, sowie in andere Sprachen. Die Regierungs‐ behörde Société de développement des entreprises culturelles (SODEC) des Kulturministeriums Québecs bietet eine finanzielle Unterstützung der Verlage bei der Veröffentlichung von Übersetzungen der Werke von Autorinnen und Autoren aus Québec von 75 Prozent der Übersetzungskosten an, maximal aber 12.500 kanadische Dollar. Zu den geförderten Genres gehören Lyrik, Theater, Romane, Bilderbücher für Kinder, Kunstbücher, Comics, geisteswissenschaft‐ liche Essays und Liederbücher (vgl. SODEC Québec 2020, 20-22). Wie Luc Pinhas beispielhaft in seiner Studie zur Buchpolitik in zwölf franko‐ phonen subsaharischen Ländern Afrikas erläutert (vgl. Pinhas 2019), 63 stellt sich die Situation außerhalb des globalen Nordens noch immer komplett anders dar: Akteurinnen und Akteure des Buchwesens sehen sich dort hinsichtlich einer staatlichen Literaturförderung und Buchpolitik mit ganz anderen Herausforde‐ rungen und Themen konfrontiert, wie der Zensur, dem Engagement für die Wahrung des Urheberrechts und die Bekämpfung von Piraterie, mit der Abwe‐ senheit reduzierter Mehrwertsteuersätze (etwa in Mali und Togo, mit Ausnahme von Schulbüchern), einer teils immens hohen Besteuerung des Imports von Papier und anderen Materialien, die zur Buchproduktion benötigt werden, eines fehlenden festen Ladenpreises, sowie kaum existierenden Ausbildungsmöglich‐ keiten für die Berufe des Buchwesens. 64 Zwar resümiert Luc Pinhas, dass in den vergangenen zwanzig Jahren große Fortschritte bei der Einführung einer nationalen Buchpolitik gemacht wurden, und stellt viele ihrer Aspekte dar. Zum Erfolg habe insbesondere der Druck unabhängiger Verlage geführt, die sich in 118 2 Bibliodiversität dieser Zeit vermehrt, professionalisiert und zusammengeschlossen hätten (vgl. Pinhas 2019, 119). Staatliche Stellen zur Förderung des Buches und des Lesens, sofern existent, berücksichtigten bei ihrem Vorgehen aber kaum die Wertschöpfungskette des lokalen Buchwesens, so dass der Aufbau eines solchen erschwert ist. Viele Verlegerinnen und Verleger in den subsaharischen Ländern verließen sich daher eher auf die Unterstützung internationaler Institutionen, insbesondere auf französische wie das IF, als auf die nationalen Organisationen. Zwar wurde in vielen dieser Ländern eine finanzielle Förderung von Kultur eingeführt, aber: „le fossé peut être grand entre l’instauration sur le papier de mesures de soutien et leur réalisation effective sur le terrain, de sorte que les programmes effectifs et lisibles d’aides sont bien plus souvent l’exception que la règle“ (Pinhas 2019, 114). Zudem profitierten andere Kulturbereiche wie die Musik stärker von finanzieller Unterstützung als der Buchsektor. Eine nachhaltige Literaturförderung, ganz zu schweigen von einer Förderung des Exports der eigenen Buchproduktion in Form einer Übersetzungsförderung existieren zurzeit in vielen Ländern des globalen Südens noch nicht. Allgemein besteht Kritik an der Politik der Übersetzungsförderung, die als Instrument der Außenkulturpolitik insbesondere wohlhabenden Staaten zur Verfügung steht. Auf diese Weise können diese Staaten die Sichtbarkeit und den Einfluss ihrer Literatur und Kultur weiter stärken, womit das Ungleichgewicht im internationalen Literaturaustausch zementiert wird. 2.3.3 Weitere kulturpolitische Empfehlungen zur Förderung der Bibliodiversität Die AIEI hat in ihrem Engagement für die Förderung der weltweiten Bibli‐ odiversität eine Reihe von Empfehlungen ausgesprochen, die größtenteils als Instrumente einer staatlichen Kulturpolitik zugeordnet werden können (vgl. „80 recommandations & outils en faveur de la bibliodiversité“, Alliance internationale des éditeurs indépendants). Diese Empfehlungen richten sich daher einerseits speziell an Staaten, die bisher keine bzw. eine schwach ausgeprägte Buchpolitik im Sinne der Bibliodiversität betreiben, sowie an‐ dererseits an die Staatengemeinschaft und Akteurinnen und Akteure des internationalen Buchwesens mit dem Ziel, den gleichberechtigten interna‐ tionalen Austausch zu intensivieren und bestehende Abhängigkeits- und Machtverhältnisse zu durchbrechen. Die Vorschläge beziehen sich aufgrund der Provenienz aus dem Netzwerk unabhängiger Verlage vor allem auf die Verbesserung der Bedingungen im Verlagswesen, auch wenn diese eng 2.3 Kulturpolitische Rahmenbedingungen 119 verknüpft sind etwa mit der Situation unabhängiger Buchhandlungen. Eine Auswahl dieser Vorschläge zur Förderung der Bibliodiversität wird in diesem Unterkapitel vorgestellt. Neben den Regelungen zu einer Preisbindung für gedruckte und digitale Buchprodukte, die nach Ansicht der AIEI die unfaire Konkurrenz zwischen lokalen unabhängigen Buchhandlungen einerseits sowie den Buchhandels‐ ketten und den großen digitalen Verkaufsplattformen andererseits beschränken können, empfiehlt sie es, die Dauer des Urheberrechts zu überdenken, um ein Gleichgewicht zu schaffen zwischen den Rechten der Urheberinnen und Urhebern und dem berechtigten Interesse der gesamten Gesellschaft an Wissen, Information und künstlerischem Schaffen. Zu anderen Ideen und Forderungen für die Bibliodiversität aus dem Bereich der Marktregulierung und gesetzli‐ chen Regelungen zählt die Besteuerung des Buchverkaufs. In einigen Staaten, darunter in Frankreich und in Deutschland, besteht bereits ein reduzierter Mehrwertsteuersatz auf Bücher und andere Kulturgüter mit dem Ziel, die Pro‐ duktion, den Kauf und die Verbreitung kultureller Waren und Dienstleistungen anzukurbeln (vgl. Kurschus 2015, 259-60). Zu den weiteren Empfehlungen der AIEI für den öffentlichen Sektor gehört die Steuerung von Wettbewerbsbedingungen. In einigen Staaten besteht ein un‐ fairer Wettbewerb zwischen staatlichen und privaten Verlagen. In Mexiko bei‐ spielweise sind 60 Prozent der nationalen Buchproduktion vom Staat abhängig, weshalb die privaten Verlage aufgrund der Konkurrenzsituation in ihren Ent‐ wicklungsmöglichkeiten stark eingeschränkt sind (vgl. „80 recommandations & outils en faveur de la bibliodiversité“, Alliance internationale des éditeurs indépendants, 4). Die Einführung von Ausbildungsprogrammen für die Berufe des Buchwe‐ sens können der AIEI zufolge dazu beitragen, dass neben der notwendigen Professionalisierung der Buchbranche in vielen Ländern durch den Kompetenz‐ erwerb aktueller und zukünftiger Verlagsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter die Arbeit gerade unabhängiger Verlage aufgewertet wird. Reisestipendien und Programme zur Förderung des (internationalen) Austauschs zwischen unab‐ hängigen Verlagen könnten die gegenseitige Weiterbildung, die Etablierung von Netzwerken und ganz konkret die Verabredung von Koeditionen und Übersetzungen fördern. Diese sollten durch Übersetzungsförderprogramme für die Extraduktion der eigenen Literaturproduktion wie auch für die Intraduktion fremdsprachlicher Literatur in den heimischen Buchmarkt, nach dem Vorbild der Programme des französischen CNL, unterstützt werden. Im Fall, dass mehrere Sprachen in einem Land offiziell anerkannt sind, ist insbesondere die Förderung von Übersetzungen zwischen den verschiedenen lokalen Sprachen 120 2 Bibliodiversität 65 Reflexionen aus der Praxis über die Vorteile und Herausforderungen der Veranstal‐ tung von internationalen Koeditionen sowie ihrer Nachhaltigkeit finden sich bei Umar 2004, Richard 2006 sowie Bellemare 2006. zu unterstützen, damit das lokale Verlagswesen und die Vielfalt der Literatur in wenig repräsentierten Sprachen gefördert werden können. Zur Bedeutung des Verlagswesens in lokalen und nationalen Sprachen für die jeweilige Gesellschaft konstatiert die AIEI: L’édition en langues locales et nationales est marginalisée, sous-estimée et peu reconnue alors qu’elle joue un rôle essentiel dans l’éducation, le développement social durable, le patrimoine culturel et la construction d’un vivier littéraire. („80 recommandations & outils en faveur de la bibliodiversité“, Alliance internationale des éditeurs indépendants, 17) Die Erhaltung der Sprachenvielfalt ist, wie im Konzept der kulturellen Vielfalt der UNESCO, auch für die Bibliodiversität ein zentraler Faktor. Die AIEI richtet dementsprechend konkrete Handlungsempfehlungen an die betrof‐ fenen Verlegerverbände und Angehörigen der Buchbranche, an staatliche In‐ stitutionen sowie internationale Entwicklungshilfeorganisationen, darunter die Schaffung eines Buchangebots in lokalen Sprachen zu bezahlbaren Preisen für das entsprechende Publikum, die Anerkennung der Mehrsprachigkeit als positives Element für die Entwicklung der Gesellschaft etwa durch die Förderung schulischer Bildung in lokalen Sprachen sowie die technische und finanzielle Unterstützung von Programmen, die das Verlegen von Literatur und Schulbüchern in lokalen Sprachen fördern (vgl. „80 recommandations & outils en faveur de la bibliodiversité“, Alliance internationale des éditeurs indépendants, 17-19). Für wünschenswert hält die AIEI auch bi- oder multinationale Angebote zur Subventionierung von Koeditionen zwischen Verlagen aus dem globalen Norden und dem globalen Süden oder Verlagen des globalen Südens unter‐ einander. Koeditionen, also die gleichzeitige Herausgabe eines Buchtitels von zwei oder mehreren Verlagen, ermöglicht es den beteiligten Verlagen, anfallende Kosten wie Autorinnen- und Autorenhonorare, Lizenzgebühren, Übersetzungskosten, sowie Kosten für Layout, Druck und Marketing zu teilen. 65 Die Praxis der Herausgabe von Koeditionen hat nicht nur für die kooperierenden Verlage Vorteile - dazu gehören ein breiter gefächertes Ver‐ lagsprogramm mit wichtigen Autorinnen und Autoren und ihren Texten, ein Zugewinn an Bekanntheit und symbolischem Kapital sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene, sowie der Austausch von Wissen und Praxiserfahrungen -, sondern wirken sich auch positiv auf die Bibliodiversität 2.3 Kulturpolitische Rahmenbedingungen 121 66 Vgl. u.-a. Rosi 2005, Zell 2015 und Thierry 2015 sowie Kapitel 5.3 dieser Arbeit. aus: Neben den Kosten werden auch die Risiken geteilt, so dass Buchprojekte entstehen können, die ein einzelner Verlag allein nicht umsetzen würde. Koeditionen begünstigen die Veranstaltung von Übersetzungen, deren Kosten häufig ebenfalls das Budget einzelner Verlage übersteigen, und von Ausgaben in kleineren Sprachen wie etwa solchen, die in mehreren afrikanischen Ländern gesprochen werden, da Koeditionen zwischen Verlagen aus verschie‐ denen Ländern häufig leichter und kostengünstiger durchzuführen sind als der Im- und Export von Büchern über Staatsgrenzen. Des Weiteren erleichtern Koeditionen den Zugang von Leserinnen und Le‐ sern zu Büchern, da sie es ermöglichen, den Buchpreis an die lokale Kaufkraft anzupassen. Indem sie bei der Herausgabe eines konkreten Werkes zusam‐ menarbeiten, entstehen häufig nachhaltige Beziehungen zwischen unabhän‐ gigen Verlagen, aber auch zwischen unabhängigen und Verlagen aus größeren Gruppen aus dem globalen Süden und dem globalen Norden, so dass insgesamt die Hemmungen zu Kooperationen schwinden. Für die umstrittene Praxis von Buchspenden 66 bieten Koeditionen eine Alternative: Institutionen, die Buchspenden organisieren, könnten zum Beispiel transnationale afrikanische Koeditionen erwerben, anstatt im Norden produzierte Werke in die jeweiligen Buchmärkte zu schicken (vgl. „80 recommandations & outils en faveur de la bibliodiversité“, Alliance internationale des éditeurs indépendants, 27). Ein zentrales Thema der Empfehlungen zur Förderung der Bibliodiversität sind Maßnahmen zur verbesserten Zirkulation und Verbreitung von Buchpro‐ dukten, um das verfügbare Buchangebot etwa in Buchhandlungen abgelege‐ nerer Orte oder über Ländergrenzen hinweg zu erhöhen. Auf regionaler und nationaler Ebene helfen Sondertarife mit den jeweiligen Postunternehmen oder anderen Mobilitätsdienstleistungsunternehmen den Transport und die Verbreitung von Büchern zu erleichtern. Internationale Abkommen zu Buch‐ exporten und -vertrieb zwischen den Ländern einer Region oder solchen, die dieselbe Sprache teilen, könnten Abhängigkeiten und Asymmetrien auflösen, „pour favoriser des échanges équitables et empêcher le maintien des logiques coloniales“ („80 recommandations & outils en faveur de la bibliodiversité“, Alliance internationale des éditeurs indépendants, 5) - etwa zwischen La‐ teinamerika und Spanien, dem frankophonen Afrika und Frankreich, sowie zwischen einigen Ländern Asiens und Großbritannien. Zur gleichmäßigeren Verbreitung und Sichtbarkeit der Buchproduktion unabhängiger Verlage gerade aus dem globalen Süden kann auch ihre Teilnahme an nationalen und internationalen Buchmessen beitragen, weshalb die finanzielle Unterstützung 122 2 Bibliodiversität ihres Besuchs und ihrer Beteiligung an Gemeinschaftsständen unabhängiger Verlage ebenfalls von der AIEI angeregt wird. Zur Frage einer gesteigerten Verbreitung der Buchtitel von unabhängigen Verlagen gehört außerdem ihre Präsenz im digitalen Raum. Finanzielle Hilfen zur Digitalisierung von Backlist-Titeln können unabhängige Verlage unterstützen, ihre Sichtbarkeit und Reichweite zu erhöhen. Im Hinblick auf die Konkurrenz für unabhängige Buchhandlungen durch transnational agierende digitale Verkaufsplattformen wie Amazon fordert die AIEI die Gleichbehandlung, etwa, dass diese Groß‐ unternehmen der gleichen Besteuerung unterliegen sollten wie lokale Buch‐ handlungen. Ein weiteres großes kulturpolitisches Thema für die Bibliodiversität sieht die AIEI in der Leseförderung. Staatliche Institutionen sollten sicherstellen, dass in den öffentlichen, Schul- und Universitätsbibliotheken Literatur in lokalen Sprachen, verschiedener koexistierender Kulturen eines Landes und lokaler unabhängiger Verlage repräsentiert ist, damit möglichst viele Men‐ schen Zugang zur Vielfalt der Buchproduktion des jeweiligen Landes erhalten (vgl. „80 recommandations & outils en faveur de la bibliodiversité“, Alliance internationale des éditeurs indépendants, 6). Im kulturpolitischen Ziel, eine pluralistische Meinungsbildung innerhalb der Bevölkerung und kulturelle Teil‐ habe unterstützen zu wollen, überschneiden sich die Leseförderung und die Förderung der Bibliodiversität, denn: „Lesen kann nur dann seine Funktion erfüllen, wenn der Leser aus einem qualitativ hochwertigen und diversifizierten Angebot wählen kann“ (Kurschus 2014, 9). 2.4 Internationale Buchmessen und Bibliodiversität Mit den Erklärungen von Dakar 2003 (Declaration of unitiy amongst Independent Publishers) und Guadalajara 2005 (Déclaration des éditeurs indépendants du monde latin) zur Gründung des Netzwerks AIEI fand die programmatische Setzung der Bibliodiversität im Kontext von internationalen Buchmessen statt. Dieser Zusammenhang von Bibliodiversität und Buchmessen wirft folgende Fragen auf: Welche Rolle spielten und spielen Buchmessen in der Entwicklung und Verbreitung des Konzeptes Bibliodiversität? Inwiefern ging die Diskussion zu Bibliodiversität von den Buchmessen aus, und welche Rückwirkung hatte sie wiederum auf die Buchmessen? Zur Klärung dieser Fragen ist es erforderlich, zunächst die Funktion von Buchmessen im internationalen Literaturbetrieb zu ermitteln. 2.4 Internationale Buchmessen und Bibliodiversität 123 Seit Ende des Zweiten Weltkrieges sind in vielen Städten der Welt inter‐ nationale Buchmessen entstanden (vgl. Moeran 2009, 8). Sie bestimmen die Abläufe im Buchwesen weltweit und stehen teilweise in Konkurrenz zuei‐ nander. Unterschiedliche Buchmessen haben jeweils andere Schwerpunkte. So widmen sich die Buchmessen in Frankfurt, Bologna (Kinderbuch), London und Guadalajara insbesondere dem internationalen Rechtehandel, während sich etwa die BookExpo America in verschiedenen US-amerikanischen Großstädten auf Vertriebsrechte spezialisiert hat. Andere Buchmessen wie die Leipziger Buchmesse oder Livre Paris sind - neben internationalen Elementen - in erster Linie auf die lokalen Endkundinnen und Endkunden, d. h. Leserinnen und Leser ausgerichtet. Buchmessen sind sowohl zeitlich - in der Dauer von wenigen Tagen zu einer festgelegten Zeit des Jahres -, räumlich - in einer bestimmten Stadt und oftmals auch einem spezifischen Veranstaltungsort - sowie sozial - in einem mehr oder weniger eingeschränkten Kreis von Teilnehmerinnen und Teilnehmern, nämlich den Akteurinnen und Akteuren der Buchbranche und einigen weiteren betroffenen Personengruppen, - gebunden. Ihren Funktionen nach sind sie jedoch ungebunden (vgl. Moeran und Strandgaard Pedersen 2009, 3). Wie Sabine Niemeier exemplarisch für die Funktionen der Frankfurter Buch‐ messe beobachtet, hat sich diese „zum ökonomisch disfunktionalen Branchen‐ treff “ (Niemeier 2001, 37) entwickelt, da der Handel mit physischen Büchern, der ursprüngliche Zweck der Messen, mittlerweile außerhalb und unabhängig vom Messegeschehen stattfindet. Sabine Niemeier definiert die Buchmesse als eine „komplexe[…] Multifunktionsveranstaltung“ (Niemeier 2001, 37); Gustavo Sorá spricht, speziell bei der Frankfurter Buchmesse, von „una feria con múltiples ferias en su interior” (Sorá 2013, 114). Verschiedene Akteurinnen und Akteure verfolgen auf Buchmessen unterschiedliche wirtschaftliche, politische oder kulturelle Ziele. Entsprechend erfüllen diese für ihre Teilnehmerinnen und Teilnehmer verschiedene Funktionen. Zu den Besucherinnen und Besuchern von Buchmessen gehören laut Brian Moeran folgende Gruppen aus dem litera‐ rischen Feld: „publishers, agents, booksellers, librarians, academics, illustrators, service providers, film producers, translators, printers, professional and trade associations, artists, authors, antiquarians, software and multimedia suppliers“ (Moeran 2009, 9). Abbildung 8 zeigt eine Auswahl der wichtigsten fachbezo‐ genen Besucherinnen und Besucher von Buchmessen, die hier zwar gleichwertig dargestellt sind, deren Bedeutung aber je nach Ausrichtung der jeweiligen Buchmesse variiert. 124 2 Bibliodiversität Abb. 8: Akteurinnen und Akteure des literarischen Feldes auf der Buchmesse Für die Akteurinnen und Akteure der Buchproduktion ist die Buchmesse ein Ort der Recherche und Information, und „Trendbarometer für Buchinhalte, Buchästhetik und -gestaltung, technische Innovationen mitsamt ihren Auswir‐ kungen auf die Vertriebsstrukturen etc.“ (Niemeier 2001, 79). Buchproduzen‐ tinnen und -produzenten nutzen die Buchmessen einerseits zur Akquise von neuen Buchprojekten (Verlage), andererseits für ihre Lizenzgeschäfte (Verlage und Literaturagenturen). Für die Buchdistribution hat die Bedeutung der Buch‐ messen abgenommen, seit diese sich von Bestellzu Lizenzmessen gewandelt haben. Aber auch Buchhändlerinnen und Buchhändler profitieren von den Angeboten zu Weiterbildung, Innovation und Information, sowie vom Image der Veranstaltung und dem Werbeeffekt für die Kundenbindung (vgl. Niemeier 2001, 73-74). Im Feld der Buchrezeption bieten die Buchmessen den Leserinnen und Lesern als Schlüsselfunktion Erlebnis und Unterhaltung, zum Beispiel bei Veranstal‐ tungen und Signierstunden mit Autorinnen und Autoren. Infolge ihres Angebots diverser Themen sind Buchmessen attraktiv für Journalistinnen sowie Blogger. Über die Integration dieser Medien schaffen Buchmessen Öffentlichkeit und 2.4 Internationale Buchmessen und Bibliodiversität 125 dienen als „(Re-)Präsentationsort für verschiedene Akteure, die sich zeigen und an ein öffentliches Publikum wenden wollen“ (Niemeier 2001, 80). Dieses Forum zur Repräsentation nutzen oftmals auch Vertreterinnen und Vertreter des politischen Feldes: Politiker sind nicht zwingend auf die Institution Buchmesse angewiesen, sondern nutzen sie vielmehr als eine Möglichkeit - unter vielen - zur Imagepflege und Selbst‐ inszenierung. […] Die Multifunktionalität der Buchmesse, die zu großer öffentlicher Aufmerksamkeit über den wirtschaftlichen Rahmen hinaus führt, ermöglicht die Verknüpfung politischer Interessen mit kulturellen Idealen. (Niemeier 2001, 103) In der Möglichkeit zum persönlichen Gespräch (face-to-face-Kommunikation) und „darin, in der sich immer stärker globalisierenden Welt die unterschiedli‐ chen Literaturen füreinander zu öffnen“, sieht nicht nur der ehemalige Direktor der Frankfurter Buchmesse Peter Weidhaas die zentrale Funktion der Buch‐ messen: Bücher brauchten den Diskurs, die persönliche Kenntnis des fremden Büchermachers und dessen gesellschaftlichen und kulturellen Hintergrund, um vom einen zum anderen Verleger zu wandern. […] Es bedurfte der dahinterstehenden Menschen, die sich trafen, sich kennenlernten, Vertrauen ineinander fassten, viel miteinander redeten. Das gab den Messen als Medium für den Handel und die Verbreitung des Buches einen Sinn. (Weidhaas 2007, 156) Sabine Niemeier erkennt daher auch eine Kompensationsfunktion der Buch‐ messen: „Die Messe ist eine Gelegenheit zur Re-Personifizierung des weitgehend entpersonifizierten Branchenalltags“ (Niemeier 2001, 83). Buchmessen stellen einen Raum dar, in dem die Akteurinnen und Akteure des Buchwesens sich durch Sichtbarkeit und gegenseitige Anerkennung der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft vergewissern, womit die Buchmessen angesichts des bereits beschriebenen Strukturwandels der „Repräsentation - oder Simulation - von Stärke und Stabilität des Buchsystems[,] und zwar nach innen und außen“ (Niemeier 2001, 84) dienen (vgl. hierzu auch Moeran 2009, 21 und Driscoll und Squires 2020). Brian Moeran nennt drei Gründe für die große Bedeutung von Buchmessen für das internationale Buchwesen und darüber hinaus. Erstens strukturieren sie den Zyklus des Publizierens weltweit. Verlage tendieren dazu, die wichtigsten Neuerscheinungen in einem halbjährlichen Rhythmus herauszubringen, um diese auf den zwei bedeutenden Buchmessen, der London Book Fair im April, und der Frankfurter Buchmesse im Oktober zu präsentieren bzw. dort deren Rechte anbieten und verkaufen zu können. Zweitens bringen sie alle Akteu‐ 126 2 Bibliodiversität rinnen und Akteure der Lieferkette des Buchwesens zusammen und bieten ihnen die Möglichkeit zur direkten, persönlichen Kommunikation. Drittens bilden sie komprimiert die Netzwerke des Literaturbetriebs ab: Book fairs give a visible structure to the publishing field, thereby reinforcing that structure, while making visible the various resources (economic, human, symbolic and intellectual capital) commanded by different publishers in the structured space of positions in which they operate. (Moeran 2009, 6) Buchmessen als Orte der Repräsentation und als Referenzfaktoren für die verschiedenen Akteurinnen und Akteure des Buchwesens bilden das literarische Feld und seine Machtverhältnisse ab. Dies wird unter anderem deutlich, wenn man die Buchmesse als Raum versteht, um anhand der Position, Größe und Nachbarschaft der repräsentativen Stände die Machtposition der jeweiligen Akteurinnen und Akteure und ihre Beziehungen zueinander abzulesen, wie Gustavo Sorá am Beispiel der Frankfurter Buchmesse zeigt (vgl. Sorá 2013, 110-12). Auch Beth Driscoll und Claire Squires kamen durch ihre Feldforschung mit kreativen Methoden der Partizipation auf der Frankfurter Buchmesse in den Jahren 2017 bis 2019 zu dem Ergebnis, dass die Frankfurter Buchmesse die globale Buchindustrie und ihre Machtstrukturen abbildet (vgl. Driscoll und Squires 2020). Dies betrifft einerseits die Rolle der Frankfurter Buchmesse bei der Entstehung von globalen Bestsellern durch den Buzz um gewisse Titel, für die die Rechte auf der Buchmesse gehandelt werden. Andererseits lässt die physische Anordnung der Stände nach Kriterien, die die nationale und sprachliche Zugehörigkeit zum Ausdruck bringen, Linien der Inklusion und Exklusion entstehen. Diese transportieren ebenso wie das soziale Verhalten der Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch nationale Stereotype, neokoloniale Praktiken und Rassismus. Im Fall der Frankfurter Buchmesse ist auch die Frage nach der geographischen Lage Frankfurts in Europa zu bedenken, die für einige Verlage günstiger ist als für andere. Für Beth Driscoll und Claire Squires ist daher auch die Frage der Nicht-Sichtbarkeit interessant, da es sich zum Beispiel viele Verlage etwa aus Afrika, Australien, Indien und China nicht leisten können, zur Frankfurter Buchmesse zu reisen. Sie bezeichnen dies als „non-displays of power“ (Driscoll und Squires 2020, 51). Für anwesende kleinere, unabhängige Verlage, die seltener an den hoch dotierten internationalen Lizenzgeschäften beteiligt sind, für die etwa die Frankfurter Buchmesse steht, erfüllen Buchmessen dennoch auch die Funktion der gegenseitigen Anerkennung, Repräsentation, Förderung der eigenen Sicht‐ 2.4 Internationale Buchmessen und Bibliodiversität 127 barkeit und Möglichkeit zur persönlichen und direkten Kommunikation sowie Netzwerkbildung: El argumento que predomina cuando se le pregunta a los pequeños editores por las razones de su presencia, se centra en una cuestión pedagógica: aprender, lo cual puede querer decir aprender para conocer tendencias, conectarse, renovarse, para crecer etc. En el caso de los editores independientes la intensión también se orienta a la asociación colectiva para planificar políticas e instituciones que permitan lograr de manera colectiva lo que ningún caso singular alcanzaría de modo individual. (Sorá 2013, 116) In diesem Raum der Buchmessen als Versammlungs- und Entstehungsorte von Netzwerken unabhängiger Verlage zur gemeinsamen Interessenvertretung fand die programmatische Setzung der Bibliodiversität statt. Nach der formellen Gründung der AIEI 2002 in Paris trafen sich anlässlich der Buchmesse in Dakar im Dezember 2003 Vertreterinnen und Vertreter von 60 unabhängigen Verlagen aus 35 Ländern weltweit und unterzeichneten die Declaration of unity amongst Independent Publishers. Angesichts wirtschaftlichen Drucks infolge der Globalisierung und der Marktmacht von international tätigen Verlagskon‐ zernen erklärten sie die Solidarität zwischen Verlagen des globalen Südens und Nordens sowie ihr gemeinsames Engagement für das Buch als bedeutendes Ele‐ ment „in enriching imaginative and educational processes, social development and in building citizenship“ (Alliance of independent publishers for another globalization 2003) sowie für die Vielfalt des Buchwesens, im Dokument als „cultural diversity“ und „bookdiversity“ (Alliance of independent publishers for another globalization 2003) bezeichnet. Im Titel der anlässlich der internationalen Buchmesse in Guadalajara im November 2005 veranstalteten Konferenz mit 70 unabhängigen Verlagen aus der lateinischen, d. h. romanischsprachigen Welt Afrikas, Amerikas und Europas und der zugehörigen Erklärung tauchte dann der Begriff „bibliodiversité” auf (vgl. “Déclaration des éditeurs indépendants du monde latin” 2005). Zur in Paris als Gründungsort der AIEI veröffentlichten International Declaration of Indepen‐ dent Publishers for the protection and promotion of bibliodiversity 2007 war das Netzwerk bereits auf 75 unabhängige Verlage aus 45 Ländern angewachsen. Im Anschluss flossen die Ergebnisse thematischer Workshops auf verschiedenen Buchmessen in die von 400 Verlagen aus 45 Ländern unterzeichnete Erklärung der AIEI zur Bibliodiversität 2014 von Kapstadt (Südafrika) ein, die das klare 128 2 Bibliodiversität 67 Die Themen der Workshops in Guadalajara (Mexiko), Paris (Frankreich), Bologna (Italien), Ouagadougou (Burkina Faso), Frankfurt (Deutschland) und Abu Dhabi (Ver‐ einigte Arabische Emirate) waren folgende: Guadalajara 2012 „La bibliodiversité en marche dans l’espace hispanophone“, Paris 2013 „Le don de livres : un système à repenser? “, Bologna 2013 „La littérature jeunesse africaine : quelle visibilité sur le marché international? “, Ouagadougou 2013 „Les langues locales et nationales : quelles opportunités pour l’édition? “ und „Le livre équitable : un réel enjeu pour demain“, Frankfurt 2013 „Diffusion des ouvrages de sciences humaines et sociales : quelles stratégies innovantes pour tirer son épingle du jeu? “, Abu Dhabi 2014 „Le numérique, quels enjeux pour la bibliodiversité dans le monde arabophone? “. Ziel verfolgt „d’agir ensemble pour défendre et promouvoir la bibliodiversité“ (Alliance internationale des éditeurs indépendants 2014). 67 Neben der Funktion von Buchmessen als Ort der Netzwerkbildung und international ausgerichtetem persönlichem Treffpunkt kann die Einordnung von Buchmessen als Field-Configuring Events (FCEs) einen zusätzlichen Erklä‐ rungsansatz zum Zusammenhang zwischen Bibliodiversität und Buchmessen liefern (vgl. Lampel und Meyer 2008 und Moeran und Strandgaard Pedersen 2009). Das aus der Managementlehre stammende Konzept definiert FCEs als „arenas in which networks are constructed, business cards are exchanged, reputations are advanced, deals are struck, news is shared, accomplishments are recognized, standards are set, and dominant designs are selected” (Lampel und Meyer 2008, 1026). Joseph Lampel und Alan D. Meyer beschreiben sechs Charakteristiken von FCEs, welche auch auf Buchmessen zutreffen. Dazu zählen die begrenzte Dauer, die Zurverfügungstellung eines Versammlungs‐ ortes für Akteurinnen und Akteure diverser beruflicher, organisatorischer und geographischer Herkunft sowie von face-to-face-Interaktion, zeremonieller Aktivitäten und der Gelegenheit zum Informationsaustausch. Insbesondere aber haben Akteurinnen und Akteure im Rahmen von FCEs die Möglichkeit, soziale Ressourcen zu generieren und sich eine Reputation zu erwerben, die auch in anderen Zusammenhängen genutzt werden können (vgl. Lampel und Meyer 2008, 1027). FCEs gelten als strukturierende Mechanismen und stehen in einer Wechsel‐ beziehung mit den Entwicklungen des zugehörigen Feldes: Die Evolution der Felder prägen die Entstehung und Ausgestaltung von FCEs, während die FCEs wiederum die normativen und sozialen Strukturen des Feldes formen (vgl. Lampel und Meyer 2008, 1028). In der ersten Phase der Entstehung eines Feldes erfüllt ein FCE zumeist die Funktion, Standards zu setzen, ein Fachvokabular festzulegen, Praktiken zu definieren sowie das betroffene Feld zu anderen Feldern und Institutionen zu positionieren. Sobald sich sowohl das Feld als auch das FCE etabliert haben, ändert sich die Rolle des FCE zu einer der Reproduktion 2.4 Internationale Buchmessen und Bibliodiversität 129 68 Für den Fall der Frankfurter Buchmesse siehe auch Kapitel 3.1 zur Gegenbuchmesse und der Entwicklung des Ehrengastmodells. des Feldes, zur Ausweitung und zur Stärkung des Feldes gegenüber anderen Feldern: More attention is therefore paid to creation of field‐specific social capital, to activities that protect and reinforce field identity and boundaries, and to ceremonies that legitimate dominant norms and logics. (Lampel und Meyer 2008, 1029) Schon seit Jahrzehnten entwickelten sich auf den Buchmessen in ihrer heutigen Form die Konventionen des literarischen Feldes. Buchmessen als FCEs dieses Feldes sind soziale Phänomene, die deren Strukturen abbilden. Die auf den Buchmessen stattfindenden sozialen Interaktionen wirken sich selbst wiederum auf die (Re-)Konfiguration des Feldes, deren Teil die Buchmessen sind, aus (vgl. Moeran und Strandgaard Pedersen 2009, 3). Insbesondere die Möglichkeit für unabhängige Akteurinnen und Akteure, im Rahmen der Buchmessen ihre sozialen Ressourcen zu stärken und sich eine Reputation zu erwerben, die auch außerhalb der Buchmesse im literarischen Feld eingesetzt werden können, halfen dabei, die im Kontext der Buchmessen ins Leben gerufene Diskussion zur Bibliodiversität darüber hinaus zu verbreiten und das für Teile des lite‐ rarischen Feldes identitätsbildende Konzept gegenüber anderen Akteurinnen und Akteuren des literarischen sowie anderer Felder, wie dem politischen, zu positionieren. Welche Rückwirkung hatte die Diskussion zur Bibliodiversität wiederum auf die Buchmessen? Als Veranstaltungen mit ökonomischen Zielen und der Repräsentation von Machtstrukturen des literarischen Feldes waren und sind Buchmessen auch der Kapitalismuskritik ausgesetzt. Kritisiert wird die Aus‐ richtung der Buchmessen auf kommerzielle, gut verkäufliche Literatur des Mainstreams und international tätige Verlagskonzerne, und damit einherge‐ hend, die eingeschränkten Möglichkeiten kleinerer, weniger finanzkräftiger Verlage sich angesichts hoher Standmieten und Kosten für die Teilnahme an der Buchmesse in diesem Umfeld ebenfalls sichtbar dem Publikum zu präsentieren. In Anbetracht der Etablierung von „Gegenveranstaltungen“ zu den jeweils offiziellen Buchmessen 68 (z. B. Gegen-Buchmesse in Frankfurt vor allem in den 1970er Jahren, heutige ContraFIL in Guadalajara sowie L’Autre Salon und L’Autre Livre in Paris) bemühen sich diese, verschiedene Programme und Aktivitäten zu entwickeln, um die Diversität auf der Buchmesse sowie im literarischen Feld zu fördern und zu erhalten, und alle Akteurinnen und Akteure des Feldes in den Raum der Buchmesse zu integrieren. Zu diesen Programmen gehört 130 2 Bibliodiversität die Förderung kleinerer Verlage und der internationalen Vernetzung durch reduzierte Standmieten und Einladungsprogramme für internationale unabhän‐ gige Verlegerinnen und Verleger, Weiterbildungsangebote, Diskussionen und Veranstaltungen zu diesen Themen etc., und nicht zuletzt die Einladung von Städten, Regionen oder Ländern als Ehrengäste, um die Aufmerksamkeit auf die Vielfalt von Literatur zu lenken. 2.4 Internationale Buchmessen und Bibliodiversität 131 69 Da die historische Realität in der Anfangszeit des Buchdrucks und Verlagswesens so aussah, dass die Handelnden nahezu ausschließlich Männer waren und Frauen der Zugang zu diesen Berufen verwehrt blieb, wird in diesem historischen Überblick auf die Verwendung der weiblichen Form verzichtet. 70 Zur Geschichte der Frankfurter Buchmesse vom 15. bis ins 18. Jahrhundert siehe unter anderem Weidhaas 2003; Skala 1991; R. Wittmann 2011 und Niemeier 2001. Zu den buchhändlerischen Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland, etwa der Partnerstädte Lyon und Frankfurt, siehe Glocke 1962. 3 Interaktionen literarischer Felder und die Frankfurter Buchmesse 3.1 Die Frankfurter Buchmesse als Raum ökonomischer und kultureller Verhandlung Die Frankfurter Buchmesse, die heute die weltweit größte Buch- und Medien‐ messe ist, knüpfte bei ihrer Neugründung im Jahr 1949 an die jahrhundertelange Tradition eines internationalen Handelsplatzes für Druckwerke und Bücher an. Schon in ihren Anfängen im 15. Jahrhundert war die Frankfurter Buchmesse ein Ort, an dem das Spannungsverhältnis des Buches zwischen Kulturgut und ökonomischer Ware in besonderer Weise zum Ausdruck kam. Parallel zu ihrer Etablierung als wichtigstem Handelsplatz für gedruckte Bücher entwickelte sich die Messe zu einem internationalen Interaktionsraum, in dem sich Buchdrucker, Verleger, Buchhändler, Autoren und Wissenschaftler 69 verschiedener literari‐ scher Felder zum intellektuellen Austausch trafen und in dem über Inhalte diskutiert wurde. 70 Neben Frankfurt waren es Druckorte wie Lyon, Straßburg, Basel und Leipzig, die sich zu wichtigen europäischen Absatzzentren und Buchmessen entwi‐ ckelten. Die wechselseitigen Buchhandelsbeziehungen sind insbesondere für die beiden späteren Partnerstädte Frankfurt und Lyon im 16. Jahrhundert beschrieben (vgl. Glocke 1962). Aber nicht nur zwischen Lyon und Frank‐ furt entwickelten sich rege Buchhandelsbeziehungen. Literarische Erzeugnisse wurden ausgetauscht und Übersetzungen zwischen Französisch und Deutsch erstellt. Frankfurt gehörte bis etwa 1590 zu den führenden Verlags- und Dru‐ ckereistädten Europas. Dazu trug auch der Pariser Buchdrucker André Wechel (lateinisch Andreas Wechelus) bei, der während der Angriffe auf französische Protestantinnen und Protestanten in der sogenannten Bartholomäusnacht 71 Zur Etablierung André Wechels als Verleger in Frankfurt, vgl. Maclean 1988. 72 Zu den Messkatalogen der Frankfurter Buchmesse, vgl. Weidhaas 2003, 46-47 sowie Weidhaas 2003, 85-86, Glocke 1962, 95-99 und R.-Wittmann 2011, 64-68. 73 Die Werke in französischer Sprache waren in dem nach Sachbereichen gegliederten Messkatalog in den Kategorien geschichtlich-wissenschaftliche (16 Titel), protestanti‐ sche (6 Titel), katholische (1 Titel), poetische und naturwissenschaftliche (je 5 Titel) sowie musiktheoretische (2 Titel) Bücher zu finden, vgl. Glocke 1962, 97. 1572 aufgrund seiner Tätigkeit als Verleger reformatorischer Schriften fliehen musste und sich anschließend in Frankfurt niederließ. 71 Indem André Wechel viele wichtige Autoren aus dem französischsprachigen Raum mitbrachte, die daraufhin auch auf der Frankfurter Buchmesse präsent waren, trug er zur Internationalisierung der Buchmesse bei (vgl. Weidhaas 2003, 42-43). Einen guten Einblick in die Internationalität der Frankfurter Buchmesse hinsichtlich der Ausstellenden sowie der angebotenen Titel geben die Messkata‐ loge. Diese stellen zwar keine Gesamtverzeichnisse der teilnehmenden Verleger dar; sie sind aber dennoch eine der wichtigsten Quellen für das heutige Wissen über den europäischen Buchmarkt im 16. und 17. Jahrhundert. Den ersten bekannten Messkatalog mit 256 Titeln erstellte der Augsburger Verleger Georg Willer 1564 mit der Absicht, seine Kunden über die eigenen Drucke sowie die in Frankfurt erworbenen Bücher zu informieren. In der Folgezeit wurden seine Messkataloge, die als Verkaufs- und Einkaufshilfe dienten, zunehmend ausführlicher, wenn auch gewisse Titel aufgrund ihrer religiösen Tendenz von der Aufnahme ausgeschlossen waren. Ab 1592 gab der Drucker Nicolaus Bassée eine Gesamtausgabe aller bis dahin veröffentlichten Messkataloge heraus. 1598 verbot der Frankfurter Rat diese privaten Initiativen und übernahm selbst die Herausgabe eines Messkatalogs, die ihm gleichzeitig als Möglichkeit zur Zensur diente. 72 Die Betrachtung des Messkatalogs von 1577 gibt Auskunft über den Zustand der Internationalität der Frankfurter Buchmesse zu jener Zeit: Verzeichnet sind dort 31 deutsche und 20 internationale Ausstellende. Dabei mussten sich jedoch einige Unternehmen zusammengeschlossen haben, denn im Messkatalog waren Titel aus 51 deutschen und 50 ausländischen Druckereien vertreten - somit ein sehr ausgeglichenes Verhältnis zwischen in- und ausländischen Verkäufern. Dem Messkatalog zufolge präsentierten die auswärtigen Ausstellenden in jenem Jahr insgesamt 129 Titel (33 aus Antwerpen, 30 aus Lyon, 27 aus Paris, 21 aus Genf sowie 18 aus Venedig). Schon damals wurden neben lateinischen und deutschsprachigen Büchern auch 35 Werke in französischer Sprache angeboten (vgl. Glocke 1962, 97). 73 134 3 Interaktionen literarischer Felder und die Frankfurter Buchmesse 74 Die heute nach Johann Wolfgang von Goethe benannte Stiftungsuniversität wurde erst 1914 als Königliche Universität zu Frankfurt am Main gegründet. 75 Vgl. Sinety 2017. Frankfurt war aber nicht nur führender internationaler Handelsplatz für Bücher, sondern auch geistiges Zentrum von etwa 1450 bis 1764 - obwohl die Stadt die meiste Zeit über keine Bedeutung als Druckort und über keine Universität verfügte. 74 Sabine Niemeier identifiziert eine gestärkte kulturelle Funktion als Charakteristikum der Buchmesse zum Ende des 16. Jahrhunderts infolge des Rückgangs des Lateinischen als Gelehrtensprache und damit der Publikation lateinischsprachiger Werke: Die Bildungs- und Begegnungsmög‐ lichkeiten gewannen an Relevanz für die Besucher der Büchermesse (vgl. Niemeier 2001, 15). Dies wird auch anhand der Lobschrift Francofordiense Emporium sive Francofordienses Nundinae des Pariser Verlegers Henri Estienne aus dem Jahr 1574 deutlich. In der dem Frankfurter Rat gewidmeten Eloge der Buchmesse brachte Henri Estienne seine Bewunderung für die Stadt Frankfurt und ihre Messe als Ort des Handels und der Kultur zum Ausdruck. Nach einer lobenden Beschreibung der allgemeinen Warenmesse heißt es: Ich komme zu der zweiten Messe, die man gleichsam als eine Ergänzung und Erweiterung der bisher besprochenen betrachten kann, obwohl sie nichts mit ihr gemeinsam hat, gehe also […] zu der Messe der Musen über, die ich freilich wohl besser als eine Art Akademie der Musen in Messeform bezeichnen würde. Denn die Musen rufen zu der Messe ihre Buchdrucker und Buchhändler alle gleichzeitig nach Frankfurt hin und heißen sie die Dichter, Redner, Geschichtsschreiber und Philosophen mit sich bringen. (zitiert nach Ziehen 1919, 36-37) Aufgrund der Möglichkeit, sich an diesem Versammlungsort mit Gelehrten und Autoren auszutauschen, bezeichnet Henri Estienne die Buchmesse sogar als „Frankfurter Athen“ (zitiert nach Ziehen 1919, 37). Auf Henri Estienne und diese ihm zugeschriebene Beschreibung der Frankfurter Buchmesse als „Messe der Musen“ bezieht sich Jahrhunderte später auch das Projekt Francfort en français. 75 Mit der Zunahme der Publikationen in deutscher Sprache in der Folge der Reformation verlor die Messe in Frankfurt gleichzeitig aufgrund ihrer Orientierung zum romanischen Sprachraum und zum katholischen Süden zunehmend an Bedeutung, während diese Umstände für die deutschsprachignational ausgerichtete Leipziger Büchermesse von Vorteil waren. Nachdem auch die holländischen Verleger Leipzig den Vorzug gaben, verlor Frankfurt seine Internationalität nahezu vollständig (vgl. Skala 1991, 200). Die Tradition der Frankfurter Buchmesse endete vorläufig im Jahr 1764, als der berühmte 3.1 Die Frankfurter Buchmesse als Raum ökonomischer und kultureller Verhandlung 135 76 Zu den Bemühungen der Wiederbelebung der Frankfurter Buchmesse nach dem Ersten Weltkrieg, vgl. Weidhaas 2003, 133-43 sowie Niemeier 2001, 33-37. 77 Zur Neugründung der Frankfurter Buchmesse und ihren Anfangsjahren, vgl. Bernhart- Haag 1990 und Bernhart-Haag 1991. Leipziger Buchhändler Philipp Erasmus Reich zum letzten Mal zur Ostermesse nach Frankfurt reiste. Dort überzeugte er die norddeutschen und auch einige teilnehmenden Drucker, Verleger und Buchhändler aus Süddeutschland, in Zukunft lieber an der Leipziger Buchmesse teilzunehmen. Anschließend kom‐ mentierte er: „In der letzten Messe habe ich und verschiedene andere Fremde von Frankfurth am Mahn [sic! ] Abschied genommen und die Buchhändler- Messen, so zu sagen, daselbst begraben“ (zitiert nach Goldfriedrich 1909, 11). Daraufhin wurde die Frankfurter Buchmesse im Laufe der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu einer rein regionalen Veranstaltung, bevor sie im 19.-Jahrhundert ihre Bedeutung als Handelsplatz völlig verlor. Im Folgenden wird nachgezeichnet, wie sich die Frankfurter Buchmesse im 20.-Jahrhundert wieder als zentraler Ort der Interaktion literarischer Felder etablierte - nicht zuletzt mit der Einführung des Ehrengastkonzeptes. 3.1.1 Internationalität und Vielfalt der Frankfurter Buchmesse im 20.-Jahrhundert Schon nach dem Ende des Ersten Weltkriegs versuchte man in Frankfurt, den früheren Handelsplatz als moderne Mustermesse wiederzubeleben. Bis zur Weltwirtschaftskrise 1929 fanden dort jeweils im Frühling und im Herbst allgemeine Messen statt, zu denen zwischen 1921 und 1925 auch eine Buchmesse gehörte. Mithilfe der 1919 gegründeten Deutschen Gesellschaft für Auslands‐ buchhandel wollte man eine internationale Buchmesse etablieren - mit circa 80 Ausstellenden aus dem west- und süddeutschen Raum behielt sie in diesen Jahren allerdings nur regionalen Charakter. 76 Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich die Frankfurter Buchmesse dagegen schnell zu einer Veranstaltung von hoher Bedeutung für das interna‐ tionale Buchwesen. 77 Im Herbst 1949 von einigen Mitgliedern des Hessischen Landesverbandes des Buchhandels neu gegründet, lag schon der ersten Buch‐ messe neben pragmatischen Zielen wie der Belebung des Buchmarktes auch eine politische Idee zugrunde, wie der Frankfurter Buchhändler und Verleger sowie Mitinitiator der neuen Buchmesse, Heinrich Cobet, erklärte: „Die Grün‐ dungsmitglieder [der Messe] beseelte der Gedanke einer Internationalität der Literatur ohne nationale Zensur, Freiheit der Meinungsbildung als Grundlage der Demokratie“ (zitiert nach Schulz 1988, 2460-61). Für Heinrich Cobet war 136 3 Interaktionen literarischer Felder und die Frankfurter Buchmesse 78 Zu den deutsch-französischen Literaturbeziehungen in der unmittelbaren Nachkriegs‐ zeit, vgl. auch Jurt 2008. ein wichtiges Bestreben der Buchmesse, „durch internationalen Austausch von Literatur auch eine Internationalisierung des Bewußtseins“ (Bernhart-Haag 1990, B136) zu erreichen. Für den internationalen Charakter der ersten Frankfurter Buchmesse in der Paulskirche im September 1949 sorgte insbesondere eine Buchausstellung des französischen Syndicat des éditeurs, welche zeitgleich in den gegenüberlie‐ genden Hallen des Frankfurter Römers stattfand. Die Kulturverantwortlichen des Haut Commissariat de la République Française en Allemagne in Baden- Baden hatte dem Vorschlag Heinrich Cobets zugestimmt, die sowieso geplante Bücherschau im Rahmen der Buchmesse im September 1949 in Frankfurt zu zeigen. Im Römer wurden etwa 4.000 Bücher französischer Verlage aus diversen Fachgebieten präsentiert. In seiner Rede zur Eröffnung betonte der Hohe Kommissar der französischen Besatzungszone André François-Poncet den völ‐ kerverbindenden Charakter des Mediums Buch. Die französische Bücherschau in Frankfurt sei „die beste Garantie für eine Verständigung zwischen Frankreich und Deutschland“ (“Zur Ausstellung französischer Bücher in Frankfurt/ Main” 1949, 8). 78 Diese parallel zur eigentlichen Buchmesse stattfindende Präsentation von Bü‐ chern aus Frankreich, von der sich die französischen Verlegerinnen und Verleger nach der kurz zuvor erfolgten Wiederaufnahme wirtschaftlicher Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich intensivierte Kontakte zum deutschen Buchhandel erhofften, war ein wichtiger Schritt für die Internationalisierung der Frankfurter Buchmesse. In seinen Erinnerungen an die Anfänge der Messe bemerkte Heinrich Cobet: Vielleicht war der Einwand nicht ganz ungerechtfertigt, daß in der amerikanischen Zone höchstens ein Amerikaner hätte auftreten dürfen, aber wir haben damals den Kritikern entgegengehalten: Es gibt überhaupt kein besseres Mittel, um auch die Amerikaner und Engländer an der Messe zu interessieren, als die Teilnahme der Franzosen. (Cobet 1981, 2717) Mit den 205 beteiligten Verlagen, circa 14.000 privaten Besucherinnen und Besuchern sowie vielen Buchhändlerinnen und Buchhändlern, die aus ganz Deutschland anreisten, wurde die erste Frankfurter Buchmesse 1949 ein großer Erfolg. Anhand der ausländischen Beteiligung wurde schon im darauffolgenden Jahr 1950 auch das internationale Interesse an der Buchmesse in Frankfurt 3.1 Die Frankfurter Buchmesse als Raum ökonomischer und kultureller Verhandlung 137 79 Auf die Teilnahme der vielen ausländischen Verlage bezogen erklärte Carl Hanser, der Vorsteher des Börsenvereins, bei der Eröffnungsfeier der Buchmesse am 20.09.1950: „Mit besonderer Freude dürfen wir feststellen, daß in diesem Jahr eine so große Zahl ausländischer Verleger sich an unserer Buchmesse beteiligt hat. Wir glauben, darin ein Zeichen sehen zu dürfen, daß die Schranken, die eine böse Zeit um Deutschland gelegt hat, langsam beseitigt werden, und hoffen nur, daß auch die handelspolitischen Schwierigkeiten, die einem freien Buchverkehr noch immer im Wege stehen, nicht mehr allzulange [sic! ] bestehen bleiben“ (Hanser 1950, 325). 80 Zur Übersicht der Entwicklung der Ausstellendenzahlen in den ersten Jahrzehnten der Buchmesse wurde hier der Zeitraum bis 1988 gewählt, da die jährliche Ausgabe der Publikation Buch und Buchhandel in Zahlen des Börsenvereins nur bis 1988 die Einzel- und Gemeinschaftsaussteller zusammengefasst angibt. Ab 1989 wird in Buch und Buchhandel in Zahlen nur noch die Zahl der Einzelaussteller aufgelistet. deutlich. Die Strategie der Verknüpfung der französischen Buchausstellung mit der Messe deutscher Verlage war erfolgreich gewesen: Es lag wohl auch an der Berichterstattung über die 1. Frankfurter Buchmesse in Frankreich und der Schweiz, die den Buchhandel in anderen Ländern auf diese Messe aufmerksam machte. Denn ohne irgendeine Werbeanstrengung gesellten sich zur 2. Frankfurter Buchmesse - sehr zur Überraschung ihrer Organisatoren - bereits 100 ausländische Aussteller zu den nunmehr 360 deutschen. (Weidhaas 2003, 152) In der beachtlichen ausländischen Beteiligung sahen die veranstaltenden Insti‐ tutionen - mittlerweile hatte der Börsenverein des Deutschen Buchhandels e. V. in Westdeutschland die Organisation übernommen - auch ein Zeichen dafür, dass die Isolierung Deutschlands nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges bald beendet sein würde. 79 Anlässlich des Erfolgs der Buchmesse von 1950 urteilte die deutsche Wochenzeitung Die Zeit: Was Größe der Ausstellung und Zahl der Verleger und den internationalen Cha‐ rakter betrifft, hat die Frankfurter Buchmesse zur Zeit in Europa keine Parallele. […] Die Frankfurter Buchmesse hat als internationale Begegnung von Verlag und Sortiment nach den ersten Erfolgen bedeutende Möglichkeiten für die Zukunft. (Die Zeit 1950) Ab 1950 nahm die Anzahl ausländischer Ausstellender kontinuierlich zu. Schon 1953 nahmen mehr internationale als deutsche Verlage - aus BRD und DDR - an der Frankfurter Buchmesse teil (siehe Abbildung 9). 80 138 3 Interaktionen literarischer Felder und die Frankfurter Buchmesse 81 Eine wichtige Rolle nahmen bei der Internationalisierung die nach 1933 aus Deutsch‐ land geflohenen Verlegerinnen und Verleger sowie Buchhändlerinnen und Buchhänd‐ lern ein, vgl. Fischer 1999b. Abb. 9: Anzahl der Einzel- und Gemeinschaftsausstellenden auf der Frankfurter Buch‐ messe 1949 bis 1988 (eigene Darstellung nach Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.-V. 2018, 90) Parallel zu der immer größer werdenden Anzahl ausländischer Ausstellender entwickelte sich die Frankfurter Buchmesse in den folgenden Jahren zu einer Lizenzmesse, bei der der internationale Rechtehandel zwischen Verlagen immer mehr an Bedeutung gewann. Die Frankfurter Buchmesse setzte sich stark dafür ein, ein weltweites Netzwerk aufzubauen und die Buchmesse als Forum des internationalen Buchhandels zu etablieren. 81 Von großer Bedeutung war dafür das Neutralitätsprinzip, welches auch heute noch angewendet wird: „Nur unter Wahrung dieses Prinzips war und ist es möglich, jedem Besucher und Aussteller die Sicherheit zu geben, unabhängig von einer Nationalität und seinen weltanschaulichen Bindungen, in Frankfurt willkommen zu sein“ (Bernhart-Haag 1991, B37). Mit der zunehmenden Politisierung der Buchmesse in den 1950er und 1960er Jahren war dieser Grundsatz stets sehr präsent. 1957 bildete sich der erste internationale Konflikt auf der Buchmesse ab, als die Volksrepublik China sich für fast zwanzig Jahre weigerte, auf der Buchmesse auszustellen, nachdem die Leitung der Buchmesse der Teilnahme der Republik China auf Taiwan zugestimmt hatte (vgl. Weidhaas 2003, 179). Auch innerhalb Deutschlands wurde die Frankfurter Buchmesse immer mehr zum Spiegel gesellschaftlicher und politischer Themen. Neben Diskussionen 3.1 Die Frankfurter Buchmesse als Raum ökonomischer und kultureller Verhandlung 139 82 Zu den Ereignissen im Zusammenhang mit der Studentenbewegung auf der Frankfurter Buchmesse in den Jahren 1967 bis 1969, vgl. Seyer 2007 und Schneider 1999. um die Repräsentation von Verlagen aus der DDR waren es insbesondere die Ereignisse von 1968, die die Buchmesse in den Mittelpunkt des Interesses der Öffentlichkeit stellten. 82 Die Frankfurter Buchmesse war insofern prädestiniert als Ort des Protests der Studentenbewegung, als dass sie eine Verknüpfung zwischen Literatur, Medien und Politik darstellte. Das Ziel der Studentenbe‐ wegung, Gegenöffentlichkeit herzustellen, konnte im Kommunikationsforum „Buchmesse“ realisiert werden. Die Anwesenheit internationaler Verlegerinnen und Verleger bot eine gute Gelegenheit, auf gesellschaftspolitische Probleme außerhalb Deutschlands und Europas aufmerksam zu machen. Auch hatte die zunehmende Internationalisierung und das starke Wachstum der Buchmesse in den Anfangsjahren nach dem Krieg die kulturpolitische Bedeutung zugunsten ökonomischer Werte in den Hintergrund gedrängt, so dass nun „das Konsumverhalten der Käufer wie auch das Profitstreben der Branche besonders deutlich hervortr[a]ten“ (Schneider 1999, 91-92). Auch dagegen richtete sich die Studentenbewegung. Während sich die Studentinnen und Studenten bei ihren Demonstrationen auf der Buchmesse 1967 vor allem gegen den Springer-Konzern wendeten, riefen sie 1968 zu Protesten gegen die Vergabe des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an den senegalesischen Staatspräsidenten Léopold Sédar Senghor auf. Dieser wurde in der Frankfurter Paulskirche für seine Verdienste als Vermittler zwischen afrikanischer und europäischer Kultur sowie als Dichter geehrt; die Kritikerinnen und Kritiker warfen ihm jedoch seine den Neokolonialismus und Rassismus fördernden theoretischen Werke und Politik vor. Die Demonstrationen eskalierten zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Studierenden und der Polizei, so dass die Buchmesse von 1968 später als „Polizeimesse“ bekannt wurde. Der spätere Messedirektor Peter Weidhaas resümierte die Ereignisse wie folgt: „Die ‚Kulturrevolution‘ der Achtundsechziger hatte die Messe verändert, hatte sie von einem jährlichen Branchenfest zu einem gesellschaftspolitischen Ereignis verwandelt. Aber das hatte ihrer kommerziellen Attraktivität keinen Abbruch getan“ (Weidhaas 2003, 254). Das Spannungsverhältnis von Kultur und Markt und die Kritik an der Kommerzialisierung sowohl der Buchbranche als auch der Messe selbst, die zunehmend von großen Marketingaktionen und Auftritten von Bestsellerauto‐ rinnen und -autoren beherrscht wurde, führte in den 1960er und 1970er Jahren zur Gründung von alternativen Veranstaltungen, die parallel zur Frankfurter Buchmesse stattfanden. Anders als die Gegen-Buchmesse mit linken Literatur‐ 140 3 Interaktionen literarischer Felder und die Frankfurter Buchmesse zeitschriften und Kleinverlagen, zu der der Sozialistische Deutsche Studenten‐ bund und die Außerparlamentarische Opposition im Rahmen ihrer Proteste 1968 im Sinne eines Boykotts der „bürgerlichen Geschäftemacherei“ aufriefen, war die von der Arbeitsgemeinschaft Alternativer Verlage und Autoren ab 1977 organisierte Gegen-Buchmesse weniger programmatisch: „Wir wollen eine Alternative zur Buchmesse des Börsenvereins sein. Wir wollen aufmerksam machen auf die literarische Produktion, die sich außerhalb des kommerziellen Verlagswesens abspielt und die sich noch verlegerische Experimente leistet“ (zitiert nach Füssel 1999b, 115-16). Die Gegen-Buchmesse lud alle Verlage ein, die sich die Standgebühren auf der traditionellen Buchmesse nicht leisten konnten; sie selbst wurde von der Stadt Frankfurt finanziell unterstützt. Sie fand ab 1977 jährlich statt und hatte ihren Höhepunkt im Jahr 1982, als 14.000 Besucherinnen und Besucher die Ausstellung der 200 dort teilnehmenden Verlage besuchten. Als Reaktion richtete die Frankfurter Buchmesse jedoch ab 1984 Gemeinschaftsstände ein, die es auch den kleineren Verlagen ermöglichten, in Kooperation mit anderen auf der offiziellen Buchmesse auszustellen. In der Folge, sowie auch aufgrund fehlender „linker“ Themen, die das Publikum motivieren konnten, wurde die Gegen-Buchmesse 1984 wieder eingestellt (vgl. Füssel 1999b, 118). Eine Folge der Protestaktionen der 1960er Jahre war die steigende Anzahl anwesender Journalistinnen und Journalisten auf der Buchmesse und damit die Herstellung einer Medienöffentlichkeit. Schrieben 1965 noch circa 100 Journalistinnen und Journalisten ausschließlich über Themen der Branche, besuchten 1968 schon 1.000 Medienvertreterinnen und -vertreter die Messe, um über die Entwicklungen zu informieren. Bis Mitte der 1970er Jahre stieg die Zahl der anwesenden internationalen Pressevertreterinnen und -vertreter auf 5.000 an (vgl. Weidhaas 2007, 51). Nach den Ereignissen im Jahr 1968 kehrte die Buchmesse jedoch weitestgehend zur Normalität einer Handelsmesse zurück, die nur bei wenigen Themen Anlass zur Berichterstattung gab. Das Interesse der Öffentlichkeit an der Frankfurter Buchmesse bestand aber weiterhin, wenn es ihr auch nicht um den Buchhandel an sich, sondern um die auf der Buch‐ messe verhandelten Inhalte ging. Journalistinnen und Journalisten warfen der Buchmesse vor, eine reine Interessenvertretung zu sein, und berichteten sehr kritisch über die Kommerzialisierung des Buchhandels und der Buchmesse, welche sich beispielsweise in den Bestseller-Marketingkampagnen nach USamerikanischem Vorbild zeigten, die die großen Verlage in den 1970er Jahren für die Biographien von Prominenten realisierten. Die Frankfurter Buchmesse erkannte das Imageproblem und die Notwendigkeit, den Medien sowie den Besucherinnen und Lesern inhaltliche Angebote zu präsentieren, die nicht 3.1 Die Frankfurter Buchmesse als Raum ökonomischer und kultureller Verhandlung 141 83 Zum Lateinamerika-Schwerpunkt, vgl. Weidhaas 2003, 256-62. 84 Zum Umgang des Suhrkamp Verlags mit dem Messeschwerpunkt Lateinamerika, vgl. Einert 2015. ausschließlich den Interessen der ausstellenden Verlage und der Buchmesse selbst dienten, um die Öffentlichkeit aktiv zu beteiligen (vgl. Weidhaas 2007, 52-53). Die Messeleitung unter Peter Weidhaas reagierte auf die Kritik mit der Einführung sogenannter inhaltlicher Schwerpunktthemen. Dabei ging es darum, die Interessen einer Ausstellergruppe oder des Publikums an[zu]sprechen. Rein intel‐ lektuelle Themen ohne direkten Bezug zum Geschehen auf der Buchmesse waren für die dort Versammelten bedeutungs- und somit erfolglos. […] Es war zugleich unsere Aufgabe, den von draußen kommenden Interessierten und der Presse eine Schau zu präsentieren. Es sollte ein Fenster geöffnet werden zu dem, was auf dieser Messe geschah, mit welchen Inhalten hier gehandelt wurde. Und die in ihren Interessen Betroffenen sollten in die Angebote hineingezogen werden. (Weidhaas 2007, 157) 1976 fand der erste Schwerpunkt zum Thema „Lateinamerikanische Literatur“ statt. 83 Im Vorfeld erschienen in deutschsprachigen Verlagen viele neue Überset‐ zungen. Insbesondere der Suhrkamp Verlag nahm sich der lateinamerikanischen Literatur verstärkt an und veröffentlichte viele Bücher von Autorinnen und Autoren, deren Werke in anderen Verlagen nicht mehr lieferbar waren, sowie neue Übersetzungen. 84 30 Autorinnen und Autoren aus Lateinamerika wurden zur Buchmesse eingeladen. Der in Deutschland bereits bekannte Schriftsteller Gabriel García Márquez hatte allerdings eine Teilnahme abgelehnt, da er in der Buchmesse eine rein kapitalistische Veranstaltung sah, die für die lateinamerikanische Kultur nichts ausrichten könne. Neben einer Fotosowie einer Kunstausstellung fanden auf der Messe selbst zwei Diskussionsverans‐ taltungen zur lateinamerikanischen Literatur mit Expertinnen und Experten bzw. den lateinamerikanischen Autorinnen und Autoren selbst statt. Parallel organisierte das Institut für Auslandsbeziehungen ein Kolloquium zur Rezeption der Literatur Lateinamerikas in Deutschland und das kommunale Kino eine lateinamerikanische Filmwoche. Die Presse griff das inhaltliche Angebot der Buchmesse beim ersten Schwer‐ punktthema umgehend auf und berichtete ausführlich über das Programm zur lateinamerikanischen Literatur. Das Thema bekam eine sehr positive Resonanz. Zwar wurden insbesondere die Diskussionsveranstaltungen kritisiert, aber der Literatur wurde in allen Medien viel Aufmerksamkeit entgegengebracht: in Rezensionen, Autorenporträts und Berichten über die Situation in Lateiname‐ 142 3 Interaktionen literarischer Felder und die Frankfurter Buchmesse 85 Zu den Schwerpunktthemen ab 1978, vgl. Weidhaas 2003, 262-77. rika. In der Folge des Schwerpunktthemas konsolidierte sich der Boom der lateinamerikanischen Literatur auch im deutschsprachigen Raum. Nach dem Erfolg des Lateinamerika-Schwerpunktes organisierte die Buch‐ messe in den folgenden Jahren Präsentationen zu den Themen „Kind und Buch“ (1978), „Schwarzafrika“ (1980), „Religionen“ (1982), „George Orwell“ (1984) und „Indien“ (1986). 85 Einige dieser Schwerpunkte konnten wichtige gesellschaft‐ liche Diskussionen anstoßen, wie etwa „Kind und Buch“ zum Thema Rassismus in Kinderbüchern; die umfassende Kritik am Indien-Schwerpunkt - kritisiert wurden die Art und Weise, wie die Organisatorinnen und Organisatoren der Buchmesse versuchten, die von ihnen selbst ausgewählte nahezu unbekannte Literatur zu vermitteln sowie der Umgang mit den eingeladenen indischen Autorinnen und Autoren - verdeutlichte den Verantwortlichen jedoch, dass das Konzept der Schwerpunktthemen einer Überarbeitung bedurfte. 3.1.2 Ehrengastmodell und Diversitätsbemühungen der Frankfurter Buchmesse heute Das Konzept, ein Land als Ehrengast zur Frankfurter Buchmesse einzuladen, damit es einem internationalen Publikum seine Literatur und den aktuellen Buchmarkt präsentieren kann, entstand aus der Initiative des ersten Gastlandes Italien 1988. Wie Peter Weidhaas in seinen Erinnerungen festhält, sprach sich der damalige italienische Botschafter in Deutschland, Luigi Vittorio Ferraris, dafür aus, „nach Indien nun im Alphabet fortzufahren und Italien zum Schwer‐ punktthema 1988 zu ernennen“ (Weidhaas 2007, 233). Der Vorschlag wurde aufgegriffen; aufgrund der Erfahrungen, die die Frankfurter Buchmesse bei den letzten Schwerpunktthemen gemacht hatte - die Kritik an der inhaltlichen Bearbeitung des Themas im Fall Indiens sowie der hohe zeitliche wie finanzielle Aufwand der Organisation -, übertrug die Messeleitung die Verantwortung für die Kosten und die Gestaltung des literarischen wie kulturellen Programms nun auf den Ehrengast. Im Gegenzug bot die Frankfurter Buchmesse die Räumlichkeiten, übernahm die PR und Werbung und organisierte eine parallel stattfindende Buchausstellung „Bücher über Italien“ (vgl. Weidhaas 2007, 233- 34). Dazu rief man deutsche und internationale Verlage auf, Bücher über Italien und Übersetzungen italienischer Literatur einzusenden. Diese Ausstellungen („Books on…“) finden seitdem jährlich im Ehrengastpavillon statt und werden dem Gastland nach dem Auftritt als Geschenk überreicht. 3.1 Die Frankfurter Buchmesse als Raum ökonomischer und kultureller Verhandlung 143 Die Vorteile des neuen Modells für die Frankfurter Buchmesse lagen auf der Hand: Die grundsätzlich erfolgreiche Idee, dem Publikum und den Medien über die Schwerpunktthemen ein inhaltliches Programm zu bieten, konnte fortgeführt werden; gleichzeitig konnte man die Verantwortung für die Finan‐ zierung und die Organisation an das Gastland übergeben. Seit 1988 wurden nun jährlich Staaten - bzw. in manchen Jahren auch (transnationale) Regionen wie 2004 die arabische Welt und 2007 die katalanische Kultur - als Ehrengäste eingeladen (siehe Abbildung 10). Auf das erste Gastland Italien folgte schon im darauffolgenden Jahr 1989 Frankreich, welches den Ehrengastauftritt in die Reihe der feierlichen Veranstaltungen zum 200-jährigen Jubiläum der Französi‐ schen Revolution stellte (siehe Kapitel 3.3). Abb. 10: Logos der Ehrengäste auf der Frankfurter Buchmesse 1988 bis 2022 (Archiv Frankfurter Buchmesse) 144 3 Interaktionen literarischer Felder und die Frankfurter Buchmesse Die Ehrengastpolitik der Frankfurter Buchmesse Als zentrales Motiv für die Einladung eines Ehrengasts nennt die Frankfurter Buchmesse die Chancen der Buchbranche des jeweiligen Landes, sich durch den Gastlandauftritt „international stärker zu vernetzen, seine Literatur inter‐ national bekannt zu machen und die Anzahl von Übersetzungen aus dem Land zu steigern“ (Website Frankfurter Buchmesse, „Informationen rund ums Thema Ehrengast“). Im Vorfeld wird der Lizenzhandel speziell mit deutschsprachigen, aber auch anderen internationalen Verlagen angekurbelt, die anlässlich des Auftritts häufig vermehrt Übersetzungen der Literatur des Ehrengasts in ihr Programm nehmen. Übersetzungsförderungsprogramme, die die Frankfurter Buchmesse für die Teilnahme als Gastland voraussetzt, sollen diesen Prozess auch über das Ehrengastjahr hinaus unterstützen. Des Weiteren werde die Ver‐ lagsbranche des Gastlandes in diesem Jahr stärker auf der Buchmesse wahrge‐ nommen und könne die Bekanntheit der mitreisenden Autorinnen und Autoren international fördern. Wie es Peter Weidhaas schon für die Schwerpunktthemen bemerkte (vgl. Weidhaas 2003, 329), bietet das Konzept des Ehrengasts den aus dem Gastland stammenden Autorinnen und Autoren ein geeignetes internati‐ onales Forum: Ihre Werke werden im Rahmen des Veranstaltungsprogramms gesondert präsentiert und thematisiert. So werden ihre Sichtbarkeit und inter‐ nationale Bekanntheit auf der vorrangig als Fachveranstaltung und Ort des Lizenzhandels etablierten Messe, die nur am Wochenende für das allgemeine Publikum öffnet und den Schriftstellerinnen und Schriftstellern vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit schenkt, erhöht. Weitere Gründe für das Gastlandkonzept, die über die vorwiegend ökono‐ mischen Interessen der Buchbranche hinausgehen, erläutert die Frankfurter Buchmesse folgendermaßen: Für die Leser und die breite Öffentlichkeit eröffnet der Ehrengastauftritt einen neuen Zugang zur Literatur und Kultur des Landes. In den Medien erfährt das Land ein im‐ menses Interesse (Erwähnung in rund 5.000 Medienberichten). Der Ehrengastauftritt setzt Impulse für eine intensive Auseinandersetzung mit dem Land - es entsteht eine große Aufmerksamkeit für Politik, Geschichte und Gegenwart des Landes. (Website Frankfurter Buchmesse, „Informationen rund ums Thema Ehrengast“) Diese Funktion des Ehrengastmodells knüpft an die ursprünglichen Ziele der früheren Schwerpunktthemen ab Mitte der 1970er Jahre an: Dem Publikum und internationalen Medien im Rahmen der Fachmesse auch ein inhaltliches Thema anzubieten. Heutzutage berichten von den mehr als 9.000 akkreditierten Journa‐ 3.1 Die Frankfurter Buchmesse als Raum ökonomischer und kultureller Verhandlung 145 86 So Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse seit 2005, im Gespräch am 2. Juli 2018 in Hamburg, ab Minute 53: 27. 87 Zu den Effekten der Ehrengastauftritte auf der Frankfurter Buchmesse für die Akteu‐ rinnen und Akteure des deutschsprachigen literarischen Feldes siehe auch Kapitel 6.1. listinnen und Journalisten 60 Prozent überwiegend über den Ehrengastauftritt. 86 Das Gastlandmodell generiert dabei nicht nur Medienaufmerksamkeit für das Gastland, sondern immer auch für die Buchmesse selbst. Mit seinem umfassenden Angebot an (kulturellen) Veranstaltungen auf der Buchmesse sowie zeitgleich in der Stadt Frankfurt trägt der Ehrengast außerdem in besonderer Weise zur inhaltlich-kulturellen Legitimation der Handelsmesse bei: Von den insgesamt etwa 4.000 Veranstaltungen, die im Veranstaltungska‐ lender der Buchmesse im Jahr 2017 registriert wurden, standen 457 mit dem französischen Gastlandauftritt in Verbindung. Wie Sabine Niemeier feststellt, bietet das Ehrengastmodell somit eine für beide Seiten - die Buchmesse und das Gastland - vorteilhafte Konstellation: Während die Schwerpunktländer ein international beachtetes Forum mit sehr gutem Image vorfinden, vor dessen Publikum die eigene Nation positiv repräsentiert werden kann, profitiert die AuM [Anm. der Verfasserin: Ausstellungs- und Messe GmbH, heute Frankfurter Buchmesse GmbH] in erheblichem Maße von der finanziellen und organisatorischen Eigenleistung der Gastländer. […] Die Akquisition eines kos‐ tenlosen kulturellen Rahmenprogramms sowie die Bereicherung der Messe um eine Vielzahl von Events, die ihre Attraktivität für die Medien erheblich steigert, gehören jedoch mindestens genauso zu den Zielen und Funktionen der Länderschwerpunkte. (Niemeier 2001, 106) Für die Frankfurter Buchmesse selbst sind vermutlich die ökonomischen Effekte des Ehrengastmodells insgesamt nicht zu unterschätzen. Als eine der wenigen internationalen Buchmessen finanziert sich die Frankfurter Buchmesse GmbH als Wirtschaftsunternehmen und Tochter des Börsenvereins größtenteils über die Vermietung der Messestände an die Ausstellenden sowie über weitere eigene Aktivitäten, ohne staatliche oder sonstige institutionelle Subventionie‐ rung zu erhalten. Das Ehrengastmodell garantiert der Buchmesse ökonomische Vorteile etwa durch die erhöhte Anzahl an ausstellenden Unternehmen aus dem Gastland. Von den genannten Vorteilen für die Ehrengäste wie der erhöhten Sichtbarkeit der Literatur und ihrer Autorinnen und Autoren sowie der obliga‐ torischen Übersetzungsförderung profitiert außerdem in besonderem Maße der deutschsprachige Buchmarkt, den die Frankfurter Buchmesse als Tochter des Börsenvereins vertritt. 87 146 3 Interaktionen literarischer Felder und die Frankfurter Buchmesse 88 Zu den im Folgenden dargelegten Auswahlkriterien für Ehrengäste äußerten sich Juergen Boos im Gespräch am 2. Juli 2018 in Hamburg, ab Minute 27: 51, sowie die Leiterin des Ehrengastprogramms, Simone Bühler, im Gespräch am 4. Juli 2018 in Frankfurt, ab Minute 34: 06. 89 Vgl. zu den Konflikten um den Ehrengastauftritt Chinas 2009 u. a. Geyer 2009 und Pamperrien 2009. Indem der Ehrengast Fachveranstaltungen für Akteurinnen und Akteure des Kultursektors verschiedener Länder anbietet, werden auch der kulturelle Austausch und der internationale Dialog gefördert. Profitieren können von dem Buchmesseauftritt je nach Schwerpunktsetzung des Programms auch andere Wirtschaftszweige des Gastlandes; in dieser Hinsicht nennt die Frankfurter Buchmesse auch den Tourismus (vgl. Website Frankfurter Buchmesse, „Infor‐ mationen rund ums Thema Ehrengast“). Dem Direktor der Frankfurter Buchmesse Juergen Boos zufolge bildet das Ehrengastprogramm die wesentlichen Merkmale der Frankfurter Buchmesse im Kleinen ab: Wie die Buchmesse selbst hat auch das Ehrengastmodell politische, kulturelle und wirtschaftliche Dimensionen. Die Auswahl der Gastländer steht daher auch mit politischen, kulturellen und ökonomischen Interessen sowie den allgemeinen Zielen der Frankfurter Buchmesse in Verbindung. 88 Buchmessen haben immer auch eine politische Komponente, sei es als Spiege‐ lung gesellschaftlicher Diskurse, aufgrund der genuin politischen Natur von Bü‐ chern, oder als Bühne für Politikerinnen und Politiker, die mit dem den Büchern anhaftenden Intellektuellen in Verbindung gebracht werden möchten. Die Wahl ihres Gastlandes trifft die Frankfurter Buchmesse grundsätzlich unabhängig von Akteurinnen und Akteuren des politischen Feldes. Mit dem Auswärtigen Amt der Bundesrepublik Deutschland, mit dem aufgrund der Aktivitäten der Frankfurter Buchmesse bei der Vermittlung deutscher Autorinnen und Autoren sowie Büchern ins Ausland Beziehungen bestehen, tauscht sich die Messeleitung gegebenenfalls über die Kandidatenländer für die Rolle des Ehrengasts aus. Ein entscheidendes politisches Kriterium ist die Achtung der Meinungsfreiheit im potenziellen Gastland, welches der Frankfurter Buchmesse insbesondere im Falle der Einladung Chinas 2009 diplomatische Schwierigkeiten und Kritik der Öffentlichkeit einbrachte. 89 Des Weiteren versteht die Frankfurter Buchmesse die Einladung von Ehrengästen in gewisser Weise als Mission, positive Entwick‐ lungen eines Staates in politischer, kultureller und wirtschaftlicher Hinsicht durch die zumeist vorteilhafte internationale Wirkung eines Ehrengastauftritts zu unterstützen. Die mit dem Buchmessenauftritt einhergehende Internationa‐ lisierung des Verlagswesens und Vernetzung junger Verlegerinnen und Verleger stellen nach Meinung Juergen Boos‘ eine Möglichkeit zur Verhinderung jeder 3.1 Die Frankfurter Buchmesse als Raum ökonomischer und kultureller Verhandlung 147 90 So Juergen Boos im Gespräch am 2. Juli 2018 in Hamburg, ab Minute 48: 10. Art von Totalitarismus dar. Politische Überlegungen dieser Art können daher die Wahl des Gastlandes beeinflussen. In kultureller Hinsicht ist das wichtigste Auswahlkriterium die Existenz einer interessanten, das heißt freien und innovativen Literaturszene im potenziellen Gastland. Nach Möglichkeit sollten bereits einige Übersetzungen ins Deutsche vorliegen sowie (kulturelle) Kooperationen mit Partnerinstitutionen in Deutsch‐ land existieren, auf die im Rahmen des Auftritts aufgebaut werden kann. An der Grenze zwischen kulturellen und ökonomischen Auswahlkriterien entscheidet die Existenz oder die geplante Einführung eines Übersetzungsförderungspro‐ gramms über die Teilnahme als Ehrengast. Ohne ein solches Förderprogramm lässt sich nach Ansicht der Frankfurter Buchmesse das Ziel des Modells, den Transfer der Literatur des Gastlandes in andere Sprachen und Länder zu stärken, weniger nachhaltig realisieren. Die Frankfurter Buchmesse versteht als ihre Kernfunktion den internationalen Handel mit Lizenzen. Die Buchbranche des Gastlandes sollte daher die Gelegenheit nutzen können und wollen, sich zu internationalisieren, Kontakte und Kooperationen einzugehen sowie Inhalte in diverse Sprachen und Medien zu verkaufen. Zwar gilt das angestrebte Budget für den Auftritt nicht als ausschlaggebendes Kriterium der Entscheidung; dennoch muss der Ehrengast in der Lage sein, ein umfassendes kulturelles Rahmenprogramm zu finanzieren, um dem deutschen und internationalen Publikum Aspekte seiner Kultur näherzubringen. Neben diesen politischen, kulturellen und ökonomischen Voraussetzungen können aber auch persönliches Interesse und direkte Beziehungen der Messe‐ leitung zu Vertreterinnen und Vertretern der Buchbranche eines potenziellen Ehrengasts die Entscheidung beeinflussen. Mit ihren Wunschkandidaten tritt die Buchmesse von sich aus in Kontakt, um die Möglichkeiten eines Auftritts in Frankfurt auszuloten. Die Dramaturgie der Abfolge von Gastländern unterliegt grundsätzlich dem Wunsch nach Abwechslung und größtmöglicher Vielfalt: beispielsweise sollte einem größeren ein kleineres, einem europäischen ein Land außerhalb Europas folgen. Die Frankfurter Buchmesse habe derzeit großes Interesse, afrikanische oder asiatische Länder als Ehrengäste einzuladen; diese Bemühungen schei‐ terten jedoch häufig an einem „fehlenden Gegenüber“, an nicht vorhandenen Strukturen, mit denen die Buchmesse in Verhandlungen treten könnte. 90 Eine langfristig ausgewogene Liste der Gastländer wird außerdem durch teilweise mehrere Jahre dauernde Verhandlungen sowie durch Verzögerungen aufgrund von politischen Wechseln in den Ländern erschwert. 148 3 Interaktionen literarischer Felder und die Frankfurter Buchmesse Aus diesen Umständen und den Zusagen der Wunschkandidaten der Buch‐ messe mit starkem Buchmarkt resultiert eine Liste der aktuellen Gastländer - Kanada pandemiebedingt 2020 und 2021, Spanien 2022, Slowenien 2023 und Italien 2024 -, die mit der Konzentration westlich privilegierter und größtenteils europäischer Länder dem Prinzip der Abwechslung und Vielfalt bei der Wahl der Ehrengäste widerspricht. Wie schon zuvor die Niederlande und Frankreich handelt es sich auch in den Fällen Spaniens und Italiens um den zweiten Ehrengastauftritt in der Geschichte der Frankfurter Gastländer. Dieser Eurozentrismus und die damit einhergehende Abwendung von der ursprünglichen Idee, mittels der Schwerpunktthemen die Aufmerksamkeit der Medien und des Publikums auf marginale Themen zu lenken, wurde schon in früheren Jahren kritisiert: Hinter der Wahl traditionsreicher Buchnationen als Ehrengäste der Buchmesse vermutet Sabine Niemeier die ökonomischen Interessen der deutschen Buchbranche sowie den Wettbewerb der Gastländer untereinander hinsichtlich der für den Auftritt zur Verfügung gestellten Budgets (vgl. Niemeier 2001, 54). Nach Pierre Bourdieu lässt sich feststellen, dass die Auswahl der Gastländer der Frankfurter Buchmesse auf ihrem kulturellen, sozialen, ökonomischen sowie symbolischen Kapital beruht. Die potenziellen Gastländer bewerben sich mit einem vorläufigen Konzept, dem sogenannten Bid Book, für die Teilnahme als Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse. Auf Grundlage dieses Bid Books sowie zusätzlichen Recherchen und Empfehlungen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erfolgt die endgültige Entscheidung im Aufsichtsrat der Frankfurter Buchmesse. Ihr folgen Verhand‐ lungen zu vertraglichen Vereinbarungen zwischen der Buchmesse und - in den meisten Fällen - dem Kulturministerium des Gastlandes als Vertragspartner. Nachdem im Anschluss an das Auswahlverfahren üblicherweise circa drei Jahre vor dem Ehrengastauftritt eine vertragliche Vereinbarung getroffen wurde (vgl. Website Frankfurter Buchmesse, „Informationen rund ums Thema Eh‐ rengast“), ernennt der Ehrengast ein Organisationskomitee, das zumeist an eine staatliche Institution wie das Kulturministerium sowie den nationalen Verlegerverband angegliedert ist. Seitens der Frankfurter Buchmesse stehen dem Organisationskomitee derzeit die Leiterin des Ehrengastprogramms sowie eine Projektmanagerin und eine Volontärin beratend zur Seite. In dieser Zeit vor der eigentlichen Präsentation im Herbst auf der Buchmesse wird ein kulturelles Rahmenprogramm vorbereitet, welches üblicherweise im Frühjahr des Auftrittsjahres startet: Nicht nur auf der Buchmesse im Oktober, sondern schon einige Monate im Voraus bietet das Gastland in Frankfurt sowie an vielen anderen Orten Deutschlands jährlich etwa 300 literarische Veranstaltungen, Diskussionsrunden zu Literatur, Politik und Zeitgeschehen, 3.1 Die Frankfurter Buchmesse als Raum ökonomischer und kultureller Verhandlung 149 91 Die literarische Rednerin bzw. der literarische Redner für die Eröffnungszeremonie wurde zunächst von der Frankfurter Buchmesse selbst ausgewählt und eingeladen. Da das komplette Programm vom Ehrengast organisiert wird, behielt es sich die Buchmesse auf diese Weise vor, im Rahmen der Buchmesse auch kritische und unabhängige Stimmen sicht- und hörbar zu machen. Fachveranstaltungen der Buchbranche sowie diverse andere Veranstaltungsfor‐ mate aus den Bereichen Kunst, Musik, Film, Theater, Tanz und Kulinarik. Zudem tragen Lesereisen von Autorinnen und Autoren dazu bei, dass das Gastland in den (deutschsprachigen) Medien thematisiert wird, so dass „schon vor der eigentlichen Präsentation auf der Buchmesse ein differenziertes Bild der Literatur und Kultur des Gastlandes vermittelt und die Neugier für den großen Auftritt in Frankfurt geweckt“ (Website Frankfurter Buchmesse, „Informationen rund ums Thema Ehrengast“) wird. Auf der Buchmesse ist das Gastland bereits mit einer literarischen Rednerin oder einem literarischen Redner bei der feierlichen Eröffnungszeremonie prä‐ sent. 91 Zudem sind häufig Vertreterinnen und Vertreter des politischen Feldes des Gastlandes wie die Kultur- und Außenministerinnen bzw. -minister oder die Staatsoberhäupter bei der Eröffnung anwesend - ein Zeichen für die Bedeutung und Symbolkraft des Ehrengastauftrittes, der immer auch als politische Bühne und Instrument der soft power genutzt wird. Im Anschluss an die Eröffnungsfeier wird auch der zentrale Ort des Gast‐ landes auf der Buchmesse eingeweiht: der Ehrengastpavillon. Die Frankfurter Buchmesse stellt dem Gastland für seine kulturelle Ausstellung eine Fläche von etwa 2.300 m 2 zur Verfügung, die sich im Forum der Messe befindet. Er ist der Veranstaltungsort des Ehrengasts auf der Buchmesse und bietet ihm die Möglichkeit, eine Ausstellung zu zeigen, die viel darüber aussagt, „cómo el país quiere ser visto por el exterior“ (Boix García 2019, 229). Der Pavillon ist auch das wichtigste Forum der durchschnittlich etwa 50 Autorinnen und Autoren, die das Gastland zur Buchmesse einlädt (vgl. Website Frankfurter Buchmesse, „Informationen rund ums Thema Ehrengast“). Hinsichtlich des Ziels, die Verlagsbranche und die kulturellen Institutionen des Gastlandes international stärker zu vernetzen, bietet die Frankfurter Buch‐ messe im Vorfeld und parallel zum Ehrengastauftritt Fachveranstaltungen an, die unter anderem den internationalen Rechtehandel intensivieren sollen. Zu den weiteren Projekten der Frankfurter Buchmesse, die den Erfolg des Gastlandauftritts unterstützen sollen, gehören die bereits erwähnte internati‐ onale Buchausstellung „Books on…“ mit etwa 500 bis 1.000 Buchtiteln von ca. 300 Verlagen aus 25 Ländern im Pavillon (vgl. Boix García 2019, 227-28), die Veröffentlichung einer Neuerscheinungsliste der in deutscher Übersetzung 150 3 Interaktionen literarischer Felder und die Frankfurter Buchmesse 92 Befragt wurden im Jahr 2017 368 Besucherinnen und Besucher, im Jahr 2018 378 Personen und im Jahr 2019 309 Personen. Bei einer Gesamtbesucherzahl der Buchmesse von 286.425 Personen im Jahr 2017 handelte es sich hierbei um eine nicht-repräsentative Umfrage, aber die Befragung von insgesamt über 1.000 Personen in den drei Jahren ist bereits sehr aussagekräftig. 93 Vgl. etwa Knapp 2007. 94 So Juergen Boos im Gespräch am 2. Juli 2018 in Hamburg, ab Minute 57: 50. erschienenen Literatur aus dem Gastland, ein Wettbewerb zur thematischen Gestaltung eines Schaufensters zum Ehrengast für deutsche Buchhandlungen, ein Plakatwettbewerb für junge Gestalterinnen und Gestalter sowie die Orga‐ nisation einer Veranstaltung mit strikt kulturellem Charakter am letzten Tag der Buchmesse, bei der der aktuelle Ehrengast dem Gastland des nächsten Jahres in einer feierlichen Zeremonie die sogenannte „GastRolle“ übergibt. Dabei handelt es sich um ein eigens entworfenes Objekt, welches jedes Jahr um einen literarischen Beitrag aus dem folgenden Gastland ergänzt wird. Das Ehrengastmodell der Frankfurter Buchmesse gilt sowohl bei den Gast‐ ländern selbst als auch bei den Medien und dem Publikum als ein beliebtes Format, welches bei den Besucherinnen und Besuchern der Buchmesse bereits gut etabliert zu sein scheint: Einer Befragung des Publikums auf der Frank‐ furter Buchmesse 2017 zufolge waren 85 Prozent der befragten Personen über die Präsenz Frankreichs als Ehrengast auf der Buchmesse informiert, und 63 Prozent hatten bereits im Vorfeld aus den Medien Informationen über das Gastland erhalten. In den Folgejahren 2018 und 2019 waren weniger Befragte über die Anwesenheit der Ehrengäste Georgien und Norwegen informiert. Im Durchschnitt der drei Jahre lässt sich aber feststellen, dass immer noch vier von fünf Besucherinnen und Besucher auf der Frankfurter Buchmesse deren jeweiliges Gastland benennen können. 92 Allerdings gaben auf die Frage nach ihrer Präferenz für einen jährlichen Schwerpunkt der Buchmesse im Mittel der drei Jahre umfassenden Publikumsbefragung 42 Prozent der befragten Personen einen nicht unbedingt geographisch und weiter gefassten Themenschwerpunkt an, während 28 Prozent das Gastlandkonzept als ihr Lieblingsformat bezeich‐ neten (weitere 16 Prozent sprachen sich für eine transnationale Perspektive sowie je sieben Prozent für eine Stadt oder Persönlichkeit als Ehrengast aus). Einzelne Aspekte des bestehenden Konzepts sowie das Gastlandmodell an sich sind immer wieder der Kritik in den Medien und in der Buchbranche selbst ausgesetzt. 93 Die Frankfurter Buchmesse ist jedoch überzeugt vom Erfolg ihres Konzeptes und zieht aufgrund der Vielzahl an Bewerbungen und der Festlegung der Ehrengäste für mehrere Jahre im Voraus zurzeit keine grundsätzliche Änderung des Modells in Betracht. 94 3.1 Die Frankfurter Buchmesse als Raum ökonomischer und kultureller Verhandlung 151 95 So Simone Bühler im Gespräch am 4. Juli 2018 in Frankfurt am Main, ab Minute 33: 10. 96 So Simone Bühler, ab Minute 32: 08. 97 Hier muss allerdings berücksichtigt werden, dass die Zahl zusätzlich online veröffent‐ lichter Medienbeiträge zwischen 2008 und 2013 deutlich angestiegen sein dürfte und daher ein differenzierterer Vergleich nötig wäre. 98 Die Neuerscheinungslisten sind zu finden auf der Website der Frankfurter Buchmesse, vgl. Website Frankfurter Buchmesse, „Ehrengast Rückschau“. Die Evaluation des Erfolgs eines einzelnen Ehrengastauftritts gestaltet sich problematisch, da die Messbarkeit von Zielen wie der Steigerung der Bekannt‐ heit der Kultur und Literatur des Landes und der Intensivierung der Internatio‐ nalisierung der Buchbranche des Gastlandes begrenzt ist. Eine interdisziplinäre Untersuchung des Ehrengastauftritts Finnlands 2014 von Helmi-Nelli Körkkö analysiert exemplarisch die Strategie eines Gastlands auf der Frankfurter Buch‐ messe und evaluiert ihren Erfolg (vgl. Körkkö 2017). Simone Bühler, die Leiterin des Ehrengastprogramms der Frankfurter Buchmesse, ist der Ansicht, dass ein nachhaltiger Auftritt insbesondere auf einem überzeugenden Konzept, einer guten Zusammenarbeit mit Partnerinnen und Partnern in Deutschland sowie einer differenzierten Strategie im Umgang mit den Medien basiert. 95 Einige messbare Faktoren, zu denen seitens der Frankfurter Buchmesse jedoch nicht systematisch Daten erhoben werden, könnten Auskunft über den Erfolg und die Rezeption eines Ehrengastauftritts geben. Zu den nicht regelmäßig erfassten quantitativen Angaben gehört die Anzahl der Besuche‐ rinnen und Besucher im Ehrengastpavillon der Buchmesse. Diese wird seitens der Frankfurter Buchmesse auf durchschnittlich zwischen 60.000 und 80.000 Personen geschätzt. 96 Als Indikator für den Erfolg gilt außerdem die weltweite Medienresonanz. Die erfolgreiche Platzierung des Gastlandauftritts in den Medien hängt allerdings von den Pressemaßnahmen des Organisationskomitees ebenso ab wie von den Prioritäten der Journalistinnen und Journalisten. So konnte etwa Brasilien 2013 im Vergleich zu der Türkei als Gastland 2008 deutlich mehr Pressebeiträge generieren (4.300 im Vergleich zu 12.700 Berichten) (vgl. Boix García 2019, 234). 97 Eine weitere Kennzahl, an der der Erfolg eines Ehrengastauftritts gemessen wird, ist die Anzahl an anlässlich des Auftritts veröffentlichten (Neu-)Überset‐ zungen der Literatur des Ehrengasts ins Deutsche. Die Frankfurter Buchmesse veröffentlicht anlässlich der Ehrengastauftritte auf ihrer Website Neuerschei‐ nungslisten, welche in deutschsprachigen Verlagen veröffentlichte Überset‐ zungen und zusätzlich teilweise auch Literatur über das Gastland aus dem Jahr des Auftritts sowie aus dem Vorjahr auflisten. 98 Die Neuerscheinungslisten verzeichnen für die letzten Jahre: 195 Übersetzungen aus dem Finnischen 152 3 Interaktionen literarischer Felder und die Frankfurter Buchmesse 99 Diese Angaben stammen aus Buch und Buchhandel in Zahlen, Ausgaben 2008-2019 (vgl. Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.-V. 2008 etc.). (Finnland 2014), 60 Übersetzungen aus dem Indonesischen (Indonesien 2015, nicht alle in deutschsprachigen Verlagen veröffentlicht), 370 Übersetzungen aus dem Niederländischen und Flämischen (Flandern & Niederlande 2016), 572 Übersetzungen aus dem Französischen (Frankreich 2017), 157 Übersetzungen aus dem Georgischen (Georgien 2018) sowie 296 Übersetzungen aus dem Norwegischen (Norwegen 2019). Wie die Angaben aus Buch und Buchhandel in Zahlen für das finnische Bei‐ spiel zeigen - 2007: 35 Übersetzungen aus dem Finnischen, 2008: 54, 2009: keine Angabe, da nicht in den TOP 20 aufgelisteten Sprachen für Übersetzungen ins Deutsche, 2010: 36, 2011: 37, 2012: 36, 2013: 47, 2014: 81, 2015: 33, 2016: 39, 2017: 44, 2018: 38 99 -, führte der Ehrengastauftritt Finnlands 2014 zu einem deutlichen Anstieg der Gesamtzahl der Übersetzungen aus dem Finnischen in diesem Jahr. Im Anschluss pendelte sich die Anzahl der übersetzten Werke jedoch auf demselben Niveau wie vor der finnischen Gastlandpräsentation ein. Langfristige und vergleichende Studien zu den Auswirkungen der Gastlandauftritte auf die Entwicklung der Übersetzungszahlen auf dem deutschsprachigen Buchmarkt fehlen jedoch. Für die französische Sprache soll dies in der vorliegenden Arbeit mit der quantitativen Betrachtung der Übersetzungen französischer Werke ins Deutsche in Kapitel 3.2.2 sowie einer quantitativen und qualitativen Analyse dieser Übersetzungen zwischen 2007 und 2019 in Kapitel 7 angestoßen werden. Diversitätsbemühungen der Frankfurter Buchmesse In ihrer Geschichte spielte die Abbildung eines von Vielfalt geprägten Buch‐ wesens stets eine wichtige Rolle für die Frankfurter Buchmesse. Neben dem Prinzip der Neutralität gegenüber Nationalitäten und Weltanschauungen wen‐ dete die Frankfurter Buchmesse auch bei der ersten Veranstaltung 1949 schon einen weiteren Grundsatz an, der die Messe für einige Jahre prägen sollte: das Prinzip der Gleichbehandlung der ausstellenden Unternehmen. Zunächst begründet durch die Platzverhältnisse in der Paulskirche waren die Stände auf der Messe in den ersten Jahren in zwei verschiedenen Größen erhältlich, aber einheitlich gestaltet. Dazu gehörte auch die Beschilderung der Stände, wie der erste Messedirektor Wilhelm Müller erklärte, um „keinen Wettbewerb der Dekorateure, sondern einen Wettbewerb ausschließlich des Buches zu ver‐ anstalten“ (W. Müller 1949, 300). Mit dieser Einheitlichkeit sollte auch erreicht werden, dass „die kleinen Verlage nicht von den marktbeherrschenden Firmen in ein Schattendasein abgedrängt wurden“ (Weidhaas 2003, 302). Das Prinzip 3.1 Die Frankfurter Buchmesse als Raum ökonomischer und kultureller Verhandlung 153 100 Zu den Auseinandersetzungen mit US-amerikanischen Verlagen bezüglich der Platzie‐ rung, vgl. Weidhaas 2003, 302-24. 101 Zu den Angeboten und Preisen für die Messestände, vgl. Website Frankfurter Buch‐ messe, „Ausstellen: Messestand“. der Gleichbehandlung und der Wunsch, kleinere Verlage ins Messegeschehen zu integrieren, prägten auch nach dem Umzug aufs Messegelände 1951 noch die Anordnung der Stände auf der Buchmesse - man mischte sowohl die verschiedenen Unternehmensgrößen als auch die starken mit den schwächeren Buchhandelsnationen. Dieses Ordnungsprinzip hinter der Platzierung verschie‐ dener Verlage hatte bis in die 1990er Jahre Bestand, bis die Buchmesse aufgrund des starken Wachstums immer wieder neu geordnet werden musste und insbe‐ sondere die englischsprachigen Ausstellenden die getrennte Aufteilung nicht mehr akzeptierten. 100 Auch mit der Preisgestaltung für die Stände gelang es, dass die Teilnahme kleinerer Verlage durch die größeren subventioniert wurde (vgl. Weidhaas 2003, 302). Die Einführung von preisgünstigeren Gemeinschafts‐ ständen als Reaktion auf die Abwanderung auf die Gegen-Buchmessen in den 1970er und 1980er Jahren führte auch dazu, dass kleinere Verlage sich auf der Buchmesse etablieren konnten. Auch heute versucht die Frankfurter Buchmesse mit verschiedenen Maß‐ nahmen, kleineren Verlagen die Teilnahme an der Messe zu ermöglichen. Dazu gehören Gemeinschaftsstände, die Standpreisgestaltung sowie spezielle Angebote für Erstausstellende. 101 Dennoch sorgen die Standmiete und die Vielzahl an Begleitausgaben, die der Messebesuch mit sich bringt, wie etwa die enormen Hotelkosten, dafür, dass die Teilnahme an der Messe gerade für kleinere Verlage eine starke finanzielle Belastung darstellt. Aufgrund der Tatsache, dass auf der Buchmesse mit Ausnahme des letzten Tages bisher keine Verkäufe gestattet waren und generell keine Rabatte an die Buchkäuferinnen und Buchkäufer erlaubt sind, ist es unmöglich, die Kosten direkt auszugleichen. Seit dem Jahr 2019 ist der Buchverkauf auch am Buchmesse-Samstag erlaubt (vgl. Frankfurter Buchmesse 2019). Dessen Auswirkungen auf den Ausgleich der Teilnahmekosten auch für kleinere Verlage sind noch nicht abzusehen. Die Teilnahme ist daher vor allem als Marketingaktivität zur Steigerung der Sichtbarkeit zu werten, die sich viele kleinere Verlage nicht leisten können. Auf internationaler Ebene hat die Frankfurter Buchmesse ein Einladungspro‐ gramm eingerichtet, um die Vielfalt an ausstellenden Verlagen zu erhöhen. Dieses zu gleichen Teilen von der Frankfurter Buchmesse und dem deutschen Auswärtigen Amt finanzierte Programm richtet sich an kleinere, unabhängige Verlage aus Afrika, Asien, Lateinamerika, der arabischen Welt, der Karibik sowie Zentral- und Osteuropa. Die ausgewählten Bewerberinnen und Bewerber 154 3 Interaktionen literarischer Felder und die Frankfurter Buchmesse 102 Roanna Gonsalves etwa untersucht, wie indische Verlage als Newcomer und Außen‐ seiter auf der Frankfurter Buchmesse mittels Freundlichkeit ihre Position zu verhandeln und sich zu etablieren suchen: „through friendly-consolidation and friendly-venturing by those in power, in order to create new relations and to maintain and build on existing relations, as well through friendly-resistance by those in dominated positions to create new positions in the field“ (Gonsalves 2015, 441). aus jährlich etwa zwanzig Verlagen erhalten einen Messestand, an dem sie ihre Literatur präsentieren können, sowie die Reisekosten, die Unterbringung und ein Seminar im Vorfeld der Buchmesse. Diesen Verlagsmitarbeiterinnen und -mitarbeitern „aus sich entwickelnden Buchnationen“ (Website Frankfurter Buchmesse, „Das Einladungsprogramm der Frankfurter Buchmesse“) soll somit die Teilnahme an der Frankfurter Buchmesse ermöglicht werden, denn für sie „ist die Globalisierung ein zweischneidiges Schwert: Auf der einen Seite scheint der Zugang zum Weltmarkt durch grenzenlose Kommunikation einfacher denn je. Auf der anderen Seite haben es die kleineren Verlage immer schwerer auf internationalem Terrain zu agieren“ (Website Frankfurter Buchmesse, „Das Einladungsprogramm der Frankfurter Buchmesse“). 102 Die UNESCO führt das Einladungsprogramm der Frankfurter Buchmesse als gutes Beispiel aus der Praxis zur Förderung kultureller Vielfalt (vgl. Kapoor 2009). Mit diesem politisch gewollten und unterstützten Programm versuchen die Verantwortlichen also, die kulturelle Diversität auf der Buchmesse zu erhalten und zu fördern - und dabei gleichzeitig auch neue Verlage als ausstellende Unternehmen zu gewinnen. Vor dem Hintergrund der Covid19-Pandemie bleibt abzuwarten, wie sich die Frankfurter Buchmesse mit ihrem Ehrengastkonzept nach einer rein digitalen Veranstaltung im Jahr 2020 und einer verkleinerten und hybriden Form der Buchmesse im Jahr 2021 in den Folgejahren neu aufstellen wird. Ob alle Akteurinnen und Akteure der internationalen Buchbranche nach Ende der Pandemie weiterhin physisch an der bisher größten internationalen Buchmesse teilnehmen werden, ist nach den Erfahrungen mit virtuell abgehaltenen Li‐ zenzterminen und anderen Businessmeetings und den einhergehenden Kosten‐ ersparnissen durch den Verzicht auf die Reise und physische Teilnahme in Frankfurt fraglich. Fest steht, dass die Frankfurter Buchmesse in Pandemiezeiten sowie danach vor großen Herausforderungen und einer Transformation steht. 3.1 Die Frankfurter Buchmesse als Raum ökonomischer und kultureller Verhandlung 155 103 Auch Dominique Wolton erkennt selbstverständlich die problematische Vergangenheit der Verbreitung der französischen Sprache durch die Kolonialisierung an. Er fordert dazu eine neue, sogenannte dritte Frankophonie. In französischsprachigen Ländern außerhalb Frankreichs, von denen die Impulse für die institutionelle Frankophonie ausgegangen seien, sei das Vertrauen in die Frankophonie größer. Auch müssten die Französinnen und Franzosen verstehen, dass die französische Sprache ihre globale 3.2 Interaktion in und zwischen literarischen Feldern 3.2.1 Das frankophone literarische Feld In Anbetracht der ökonomischen Globalisierung und ihren Herausforderungen etwa bezüglich sozialer Ungleichheit wird vielen Menschen bewusst, dass sie Globalisierung nur unter der Bedingung akzeptieren wollen, dass diese nicht zum Verlust der eigenen Identität und Kultur führt. Kulturelle Diversität wird ange‐ sichts der wachsenden Sorge vor Standardisierung zu einer wichtigen politischen Forderung. Gerade die frankophonen Staaten haben nach Ansicht des Kommuni‐ kationswissenschaftlers und Soziologen Dominique Wolton in ihrer Zusammen‐ arbeit das Thema und die UNESCO-Konvention zum Schutz kultureller Diversität von 2005 vorangetrieben. Die Frankophonie, der Verbund frankophoner wie auch nicht-frankophoner Staaten, habe die Stärke, dass sie im Unterschied zu anderen internationalen Organisationen nicht auf ein geographisches, politisches, wirtschaftliches oder kulturelles Kriterium gründe, sondern auf einer Sprache, die in unterschiedlichem Maße geteilt werde. Die französische Sprache existiere innerhalb der Gemeinschaft aber immer neben anderen Sprachen, daher sei es möglich, die Besonderheiten der einzelnen Länder zu bewahren und so die kulturelle Vielfalt zu fördern. Denn Dominique Wolton sieht in der Anerkennung der Vielfalt der Sprachen die Voraussetzung für kulturelle Diversität, „car il n’y a pas de culture sans langue“ (Wolton 2006, 18). Eine neue, gestärkte Frankophonie könne dazu beitragen, eine Form der Globalisierung zu fördern, die nach der Politik und der Wirtschaft die Identität, Kultur und Kommunikation in den Mittelpunkt stellt und in der die franzö‐ sische Sprache über die humanistischen und demokratischen Werte, die sie transportiert, zu einer anderen, menschlicheren Globalisierung beiträgt (vgl. Wolton 2006, 22). Dominique Wolton zufolge herrschen aber gegenüber der Frankophonie viele Vorurteile, die er folgendermaßen zusammenfasst: Le reste de l’empire colonial et de la grandeur de la France. Nostalgie d’une vision mondiale qui n’existe plus. En fait une forme de néocolonialisme qui, sous couvert de défendre la langue, souhaite conserver une influence dépassée. 103 (Wolton 2006, 15) 156 3 Interaktionen literarischer Felder und die Frankfurter Buchmesse Bedeutung und Frankreich seinen Status in der Welt nur dank der Frankophonie behalten könne, vgl. Wolton 2006, 16 und Wolton 2006, 18. 104 Zur Frage der Rolle des Buches im Diskurs über die Frankophonie, vgl. Pinhas 2002. 105 Pierre Bourdieu, „Existe-t-il une littérature belge. Limites d’un champ et frontières politiques“, dans Étude de lettres, 1985, vol. III, pp. 3-6, hier zitiert nach Einfalt 2006 und Jurt 2008. Dominique Wolton merkt an, dass die Frankophonie für viele in diesem Sinne eine Institution des 20. Jahrhundert sei. Nur im Bereich Literatur scheine der Austausch über die Frankophonie vielen weiterhin als sinnvoll und erlebbar (vgl. Wolton 2006, 15). 104 Doch wie steht es tatsächlich um den literarischen Austausch zwischen französischsprachigen Staaten und um das frankophone literarische Feld? Im Unterschied zur weltweiten englisch- und spanischsprachigen Literatur wurde die französischsprachige Literatur von außerhalb Frankreichs dort wie auch international lange Zeit kaum wahrgenommen. Die Teilung zwischen französischer und frankophoner Literatur, die zum Beispiel auch in den Buch‐ handlungen in Frankreich sichtbar war und ist, war üblich. Erst seit wenigen Jahren wird die französische Literatur von ihren eigenen Akteurinnen und Akteuren zögerlich als Teil der frankophonen Literatur betrachtet. Bevor der Frage nach dem Verhältnis zwischen französischer und frankophoner Literatur nachgegangen wird, werden im Folgenden zunächst Interaktionen im und die Strukturen des frankophonen literarischen Feldes charakterisiert. Dass Pierre Bourdieu seine Theorie des literarischen Feldes zunächst für Frankreich entwickelte und viele der ersten Studien, die sich an seinem Konzept orientierten, dem literarischen Feld Frankreichs galten, liegt laut Joseph Jurt „an der starken institutionellen Dimension dieses Ansatzes. Die Konsekrations‐ instanzen, das Bildungssystem, das Verlagswesen waren in Frankreich sehr national geprägt“ ( Jurt 2008, 196). Die Genese des literarischen Feldes im 19. Jahrhundert erfolgte fraglos in Europa zunächst im Zusammenhang mit der Entstehung von Nationalstaaten und Nationalliteraturen (vgl. Einfalt 2006, 182). Literarische Felder sind jedoch nicht unbedingt durch nationale Grenzen definiert, sondern oftmals eher mit Sprachräumen gleichzusetzen. Dieser Frage widmet sich Pierre Bourdieu unter anderem in seinem Aufsatz „Existe-t-il une littérature belge. Limites d’un champ et frontières politiques“ (vgl. Bourdieu 1985). 105 Auch wenn es in Belgien eigene Institutionen wie Akademien, Uni‐ versitäten und literarische Zeitschriften gebe, die Einfluss auf die literarische Produktion nehmen würden, stehe die französischsprachige Literatur Belgiens - wie etwa auch diejenige der frankophonen Schweiz und Québecs - doch 3.2 Interaktion in und zwischen literarischen Feldern 157 in einem eindeutigen Abhängigkeitsverhältnis zum französischen literarischen Feld und seinem Zentrum Paris. Michael Einfalt sieht in den Überlegungen Pierre Bourdieus zur Frage nach einem eigenständigen literarischen Feld Belgiens und dessen Verneinung eine Bestätigung von Pierre Bourdieus Theorie, „erweisen sie doch die weitgehende Autonomie des literarischen Feldes vom politischen Feld, indem es die politi‐ schen Grenzen ignoriert und seine Ausdehnung nach seinen eigenen Normen festlegt“ (Einfalt 2005, 261). Pierre Bourdieu betrachte die Frage dabei vom literarischen Feld Frankreichs und der Attraktion des Zentrums her: Je größer die Anerkennung eines belgischen Schriftstellers am dominanten Pol des französischen Feldes ist, desto eher wird er sich selbst als Akteur in diesem literarischen Feld und sein Werk im Kontext der französischen Literatur betrachten. Umgekehrt deuten Autoren, die auf die belgische Eigenständigkeit bestehen, die Verweigerung ihrer Anerkennung seitens des Feldes in eine bewusste Distanznahme ihrerseits um. (Einfalt 2006, 185) Im Hinblick auf die Unabhängigkeit der literarischen Felder frankophoner Territorien außerhalb Frankreichs wendet sich Pierre Bourdieu in einem spä‐ teren Beitrag den internen Machtstrukturen der literarischen Felder zu und spricht von „colonisations symboliques“ (Dubois und Bourdieu 1999, 13), welche literarische Autonomiebestrebungen auslösen könnten. Man könne zwei Arten von Autonomiebestrebungen unterscheiden: jene gegenüber politischen und ökonomischen Einflüssen sowie jene gegenüber dominanten Kräften innerhalb des literarischen Feldes, also das Streben der Peripherie nach Emanzipation vom Zentrum: L’intention d’autonomie (la littérature autonome) peut s’affirmer par rapport aux forces économiques et politiques d’une part ou par rapport aux forces spécifiques, c’est à-dire proprement littéraires, dominantes. Ce sont deux choses tout à fait différentes : les littératures de petits pays subissent très fortement la domination du littéraire mais elles peuvent sous certaines conditions […] s’appuyer sur l’autonomie politique pour faire des subversions littéraires. (Dubois und Bourdieu 1999, 15-16) Hier weist Pierre Bourdieu auch darauf hin, dass der Literaturbetrieb der Peripherie teilweise Unterstützung aus dem politischen Feld erhält, um gegen‐ über dem dominanten Zentrum unabhängiger zu werden. Zur Abgrenzung werden etwa eigene Produktions- und Konsekrationsinstanzen gegründet, „oft durch moralische, religiöse oder politische Kriterien motiviert, oder sie ist eine Reaktion auf die Abgeschlossenheit des Zentrums für die Autoren der Peripherie“ ( Jurt 2008, 198-99). Dadurch sind diese literarischen Felder jedoch 158 3 Interaktionen literarischer Felder und die Frankfurter Buchmesse weniger autonom gegenüber den dominanten Kräften im eigenen nationalen sozialen Raum. Diese Beobachtungen gelten zum Beispiel für die Literaturen der französisch‐ sprachigen Schweiz, Belgiens und Québecs, in denen durch staatliche Förde‐ rungen ein lokales Verlagswesen existiert, dessen Akteurinnen und Akteure dennoch immer in hierarchischen Beziehungen und einem Gefüge aus Attrak‐ tion und Unabhängigkeitsbemühungen zum französischen literarischen Feld und seinem Zentrum Paris stehen. Der Status der Literatursprache Französisch ermöglicht es, dass auch in kleine Bevölkerungen wie in den französischspra‐ chigen Gebieten der Schweiz und Belgiens Literatur entsteht, die von einem größeren Publikum wahrgenommen werden kann und wird. Luc Pinhas nennt unter anderem die aus Belgien stammenden Jean-Philippe Toussaint und Amélie Nothomb, die vollständig ins französische literarische Feld integriert seien. Andere wallonische Autorinnen und Autoren wählten für die Veröffentlichung von Romanen ganz selbstverständlich Paris als Publikationsort, während sie Werke anderer, dominierterer Genres wie Lyrik, Erzählungen und Dramen im - von staatlichen Institutionen subventionierten - frankophonen literarischen Feld Belgiens publizierten (vgl. Pinhas 2005, 44). Historisch hat sich die starke Dominanz des französischen literarischen Feldes im frankophonen Sprachraum über die Anziehungskraft des Zentrums Paris gebildet. Schon während des Ancien Régime konzentrierte sich in der französischen Hauptstadt das kulturelle und literarische Leben; Paris war aber gleichzeitig auch Zentrum der politischen und ökonomischen Macht. Dort tauschten sich die politischen und intellektuellen Eliten aus, lebten die meisten Schriftstellerinnen und Schriftsteller, etablierten sich Konsekrationsinstanzen wie die Akademie, Universitäten, literarische Zirkel und Zeitschriften, und dort befanden sich auch die meisten Verlage. Später übte das französische literarische Feld aufgrund der Meinungsfreiheit, der etablierten Konsekrationsinstanzen und seines hohen sozialen Ansehens eine starke Anziehungskraft auf viele internationale Autorinnen und Autoren aus (vgl. u.-a. Jurt 2008, 195). Vor diesem Hintergrund beschreibt Pascale Casanova die Konsekrationsme‐ chanismen der französischen Hauptstadt: Paris n’est pas seulement la capitale de l’univers littéraire, il est aussi, de ce fait, la porte d’entrée du ‹marché mondial des biens intellectuels›, comme le disait Goethe, le lieu consacrant majeur du monde de la littérature. La consécration parisienne est un recours nécessaire pour les auteurs internationaux de tous les espaces littéraires dominés : traductions, lectures critiques, éloges et commentaires sont autant de jugements et de verdicts qui donnent valeur littéraire à un texte jusque-là tenu hors des limites de l’espace ou non perçu. […] Paris, qu’on a décrit plus haut comme ‹banque 3.2 Interaktion in und zwischen literarischen Feldern 159 106 Zu den wichtigsten zeitgenössischen Theoretikerinnen und Theoretikern des Post‐ kolonialismus für den französischsprachigen Raum gehören unter anderem Achille Mbembe, siehe unter anderem J.-A. Mbembe 2010, J.-A. Mbembe 2013, sowie insbeson‐ dere zur postkolonialen frankophonen Literatur Alain Mabanckou, siehe unter anderem Mabanckou 2017 und Mabanckou 2020. centrale› de ‹crédit› littéraire est aussi, de ce fait, un haut lieu de consécration: il peut ‹créditer›, ‹donner du crédit›. (Casanova 1999, 180-81) Die internationale Konsekration von Literatur erfolgt zwar mittlerweile vor‐ rangig im englischen Sprachraum in den literarischen Zentren London und New York (vgl. Sapiro 2016, 12); für das frankophone literarische Feld behält Paris jedoch seine zentrale Bedeutung. Das frankophone literarische Feld besteht also aus Teilfeldern in den fran‐ zösischsprachigen Regionen, über die das französische literarische Feld eine starke Dominanz ausübt, und darin wiederum das Zentrum Paris. Anders als in Belgien, der Schweiz, Luxemburg und Québec, kommt zu der literarischen in den französischsprachigen Regionen Afrikas, des Maghreb und der Karibik eine historische und noch im 20. oder sogar 21. Jahrhundert bestehende poli‐ tische Abhängigkeit von Frankreich hinzu. Die Situation im Literaturbetrieb ist nicht unabhängig von anderen gesellschaftspolitischen Zusammenhängen zu betrachten, mit denen sich der Postkolonialismus auseinandersetzt. 106 In den genannten Gebieten ist das Verhältnis zur französischen Sprache notwen‐ digerweise zwiespältig, da es sich nicht um die traditionelle Landessprache, sondern um diejenige des Kolonisators Frankreich handelt. Dennoch bietet sich Französisch als Literatursprache an, da Französisch in vielen ehemaligen Kolonien auch im Bildungssystem dominiert (vgl. Einfalt 2006, 191). Anders als in den europäischen frankophonen Gebieten und in Québec kann sich dort mangels staatlicher Unterstützung jedoch kein unabhängiges literarisches Teilfeld ausbilden, da es laut Michael Einfalt keine offizielle Kulturpolitik gibt, die danach strebt, sich mit der Stärkung eigener Institutionen von der Dominanz des französischen literarischen Feldes abzugrenzen (vgl. Einfalt 2006, 189-90). Michael Einfalt beschreibt die Widersprüche der französischsprachigen Li‐ teratur des Maghreb, für die mit der arabischen Sprache eine alternative Literatursprache bestehe, in ihrer Anziehung und Repulsion des französischen literarischen Feldes: Die französischsprachige Literatur des Maghreb, insbesondere der Roman als die bedeutendste Gattung, ist von Beginn an von einer Reihe konstitutiver Widersprüche geprägt. Sie möchte den Maghreb repräsentieren und verzichtet doch auf die Sprache des Maghreb. Sie möchte eine Literatur des Volkes sein und wendet sich an das 160 3 Interaktionen literarischer Felder und die Frankfurter Buchmesse 107 Hervorhebung im Original. 108 Zur Situation im Kamerun schreibt Edmond Mfaboum Mbiafu: „Il faut pourtant bien intégrer la posture économique de l’écrivain camerounais devant ses œuvres littéraires pour saisir l’enjeu que représente le ‹public de raison› pour lui. Il est aisé de comprendre französische Bildungsbürgertum. Sie postuliert die eigene Tradition, benutzt dazu aber die importierte Gattung des Romans und positioniert sich durch die Veröffentlichung in Frankreich innerhalb des französischen literarischen Feldes. Sie tritt für nationale Unabhängigkeit ein, die meisten Autoren sehen sich aber zur Emigration nach Frankreich gezwungen. 107 (Einfalt 2005, 263) Ähnliches gilt auch für die frankophone Literatur der Antillen. Einige Auto‐ rinnen und Autoren der créolité publizieren in französischer Sprache, versu‐ chen Elemente des Kreolischen zu übertragen und erklären diese Kreolismen gleichzeitig für ein französisches Lesepublikum. Die Attraktivität, über das Französische eine möglichst große Leserschaft zu erreichen steht dabei im Kontrast zum eigentlichen Anliegen, der créolité und der kolonialen Emanzi‐ pationsbestrebung, und damit der Abgrenzung gegenüber dem französischen literarischen Feld (vgl. Einfalt 2006, 191-92). Die Zerrissenheit frankophoner Schriftstellerinnen und Schriftsteller bezüg‐ lich ihres Lesepublikums benennt auch Edmond Mfaboum Mbiafu in seinem Beitrag „Sauf indication contraire, le lieu d’édition est Paris“ für den Fall Kameruns: Comme beaucoup de leurs confrères africains, les auteurs camerounais se tournent vers Paris, recherchant une plus grande liberté d’expression, une meilleure visibilité et des conditions économiques plus avantageuses. Entre ‹public de raison› et ‹public de cœur›, ils hésitent…et choisissent Paris. (Mfaboum Mbiafu 2004, 33) Der Versuch bzw. die Entscheidung frankophoner Autorinnen und Autoren, in französischen Verlagen zu veröffentlichen, hat zur Folge, dass sie in Frankreich und in Europa oftmals bekannter sind als in ihrer Heimat, dass sich neue Ab‐ hängigkeiten herausbilden, und dass das frankophone literarische Teilfeld ihrer Heimat die Möglichkeit verliert, über die Konsekration ihrer Schriftstellerinnen und Schriftsteller symbolisches Kapital aufzubauen (vgl. Veldwachter 2012, 20). Zu den Problemen, mit denen Autorinnen und Autoren sowie Verlage in einigen frankophonen Gebieten außerhalb Frankreichs und Europas zu kämpfen haben, gehören unter anderem weniger Leserinnen und Leser aufgrund des ver‐ breiteten Analphabetismus, hohe Transportkosten, weniger effektiver Vertrieb aufgrund des Mangels an Buchhandlungen, schlecht ausgestattete Bibliotheken und die geringe Kaufkraft der Menschen. 108 Diese Voraussetzungen haben zur 3.2 Interaktion in und zwischen literarischen Feldern 161 que de nos jours, les auteurs veuillent s’extraire du costume trop étroit d’‹écrivain camerounais› pour devenir des écrivains tout court, et rechercher un public réel qui achète leurs livres, avec qui ils puissent échanger en restant autant que faire se peut dans la sphère de l’art, du symbolique. Au Cameroun, le livre est devenu un produit de luxe réservé à une couche de la société qui le consomme sans sérénité. Comment acheter pour 20 000 FCFA (30,49 €) de livre par trimestre, alors qu’on a du mal à mettre autant d’argent pour soigner une malaria? “ (Mfaboum Mbiafu 2004, 35). Folge, dass sich nur schwer eine bezüglich Umfang und Qualität angesehene lo‐ kale Buchproduktion etablieren kann (vgl. Veldwachter 2012, 19). Hinzu kommt, dass lokale Verlage kaum vom rentablen Geschäft der Schulbuchproduktion mit ihren hohen Auflagenzahlen profitieren können. Schulbücher machen etwa zwischen 75 und 90 Prozent des gesamten afrikanischen Buchmarktes aus, aber nur 1 Prozent der Bücher wird lokal produziert (vgl. Colleu 2006, 49). Stattdessen werden diese Aufträge häufig von internationalen Verlagsgruppen übernommen. Gilles Colleu kritisiert deren Einflussnahme bei gleichzeitiger staatlicher Unterstützung der reichen Länder des globalen Nordens (vgl. Colleu 2006, 42-44). Nach Ansicht von Gilles Colleu hat diese Praxis nicht nur direkt den Verlust finanzieller Einnahmen zur Folge, sondern verhindert zusätzlich eine nachhaltige Entwicklung und Professionalisierung des lokalen Verlagswe‐ sens: Le savoir-faire nécessaire à la réalisation de ces livres permettrait de professionnaliser les salariés du secteur, et les fournisseurs (compositeurs, photograveurs, imprimeurs, etc.). Grâce au livre scolaire, les éditeurs nationaux pourraient initier et financier des projets plus difficiles dans tous les autres domaines de l’édition (littérature, sciences humaines, art, etc.). En laissant cette activité rentable au seul bénéfice des groupes, ces pays se coupent d’un savoir-faire et d’une autonomie dans leurs systèmes éducatifs. (Colleu 2006, 49) Des Weiteren nehmen internationale Verlagsgruppen Einfluss auf die jewei‐ lige lokale Buchbranche im globalen Süden, indem sie den Autorinnen und Autoren deutlich höhere Vorschüsse und den Zugang zu einem internationalen Lesepublikum anbieten können. Gerade kleinere unabhängige Verlage können in diesem Wettbewerb nicht mithalten und verlieren ihre lokal wichtigen Schriftstellerinnen und Schriftsteller (vgl. Colleu 2006, 44). Mit seiner Studie Éditer dans l’espace francophone veröffentlichte Luc Pinhas eine vergleichende Einführung in die Situation des Verlagswesens, des Vertriebs von Buchprodukten, der rechtlichen Grundlagen und staatlichen Buchpolitik in verschiedenen Gebieten des französischen Sprachraums zu Beginn des 21. Jahr‐ hunderts (vgl. Pinhas 2005). Zu den Hindernissen für die Buchproduktion im 162 3 Interaktionen literarischer Felder und die Frankfurter Buchmesse 109 Für eine aktuellere Studie zur staatlichen Buchpolitik im frankophonen Afrika, vgl. Pinhas 2019 und die Website „Cartographie des politiques publiques du livre“, Alliance internationale des éditeurs indépendants. 110 Vgl. dazu auch Pinhas 2012. 111 Zu den Vorteilen von Koeditionen für das lokale Verlagswesen (nicht nur) des globalen Südens sowie für die Bibliodiversität siehe Kapitel 2.3.3. frankophonen globalen Süden wie der bereits genannte Analphabetismus und die geringe Kaufkraft der lokalen Bevölkerung, aber auch fehlende Bankkredite für Verlegerinnen und Verleger, extrem hohe Steuern auf Materialien zur Buchproduktion wie Papier, mangelnde Qualität lokaler Druckereien, fehlende Ausbildungsmöglichkeiten in der Buchbranche und ganz allgemein eine na‐ hezu nicht existente Buchpolitik in diesen Ländern 109 kommt das Problem des Buchvertriebs nach Frankreich und in andere Gebiete. Abgesehen von hohen Transportkosten, Steuern und Zöllen sowie einer längeren Lieferdauer mangelt es an Sichtbarkeit für die Werke anderer frankophoner Verlage: Ohne Vertriebsstrukturen, Vertreterreisen und entsprechendes Werbebudget sei es schwierig, in den französischen Buchhandlungen und Medien präsent zu sein. 110 So konstatiert Luc Pinhas: La circulation du livre dans l’espace francophone ne s’effectue aujourd’hui encore trop souvent que dans un seul sens : du centre que constitue l’Hexagone français, et plus précisément de sa capitale, vers la périphérie plus ou moins lointaine que représentent les autres régions francophones. (Pinhas 2005, 277) Die Übermacht der französischen Verlage zeige sich insbesondere anhand der Buchexporte bzw. -importe zwischen Frankreich und allen anderen franko‐ phonen Ländern und Regionen (vgl. Pinhas 2005, 242-46). Die asymmetrischen literarischen Austauschbeziehungen gelten aber nicht nur zwischen Frankreich und den anderen frankophonen Regionen, sondern auch für die französisch‐ sprachigen Gebiete außerhalb Frankreichs untereinander. Den Beobachtungen von Denis Saint-Jacques, dass es wenig materiellen Austausch von Büchern frankophoner Territorien außerhalb Frankreichs untereinander gebe und dass sich auch inhaltlich nur mit der Literatur des Zentrums auseinandergesetzt werde (vgl. Saint-Jacques 1990/ 1991), stehen Initiativen neueren Datums gegen‐ über, die diese Situation verändern wollen. Insbesondere im Kontext der AIEI fordern Verlegerinnen und Verleger auf internationaler Ebene die Stärkung und Förderung von Lizenzausgaben und Koeditionen zwischen frankophonen Verlagen sowohl aus dem globalen Süden als auch Norden. 111 Basis dafür müsse „la négociation d’accords commerciaux en vue d’une édition ‹solidaire› plutôt que ‹prédatrice›“ (Veldwachter 2012, 20) sein. 3.2 Interaktion in und zwischen literarischen Feldern 163 112 Dem Zeitungsartikel folgte eine Publikation mit Beiträgen der unterzeichnenden frankophonen Schriftstellerinnen und Schriftsteller bei den Éditions Gallimard, vgl. Le Bris und Rouaud 2007. Ein Fall wie jener des algerischen Autors Kamel Daoud, der mit seinem Roman Meursault, contre-enquête 2014 auf der Shortlist des Prix Goncourt stand und ein Jahr später den Prix Goncourt du premier roman erhielt, nachdem der Roman 2013 zunächst beim unabhängigen Verlag Barzakh in Algier erschienen und 2014 als Lizenzausgabe bei Actes Sud ins Programm übernommen worden war, gilt aber immer noch als Ausnahme. Vor dem Hintergrund dieses Falls erkennt die AIEI jedoch Veränderungen in der Begegnung französischer Verlegerinnen und Verleger mit ihren Kolleginnen und Kollegen aus dem globalen Süden - „la littérature éditée au Sud est peu à peu reconnue au Nord, les éditeurs africains sont identifiés et sont de réels interlocuteurs pour les éditeurs du Nord“ („80 recommandations & outils en faveur de la bibliodiversité“, Alliance internationale des éditeurs indépendants, 26) -, kritisiert aber auch, dass viele französische Verlage, unter dem Vorwand finanzieller Verluste durch verhin‐ derte Buchexporte, noch nicht bereit seien, Lizenzen für eigene Ausgaben lo‐ kaler Verlage in Afrika zu vergeben (vgl. „80 recommandations & outils en faveur de la bibliodiversité“, Alliance internationale des éditeurs indépendants, 26). Lizenzen werden häufig nicht einmal für die Werke von aus der jeweiligen Re‐ gion stammenden Autorinnen und Autoren vergeben, die über erschwingliche Ausgaben lokaler Verlage ihr heimatliches Lesepublikum erreichen könnten. Stattdessen fordern französische Verlage von den Autorinnen und Autoren oftmals die Einräumung der Nutzungsrechte für die französische Sprache mit weltweitem Vertrieb, um dann auch in ihren Herkunftsländern die französische Ausgabe zu verkaufen, die für die dortige Bevölkerung aber völlig überteuert ist. So ist häufig die jeweilige Literatur, also Werke von ursprünglich aus der Region stammenden Autorinnen und Autoren, die auch international rezipiert werden, nicht zugänglich für die lokalen Leserinnen und Leser. Eine weitere Initiative für den praktischen Austausch sowie auch die the‐ oretische Betrachtung frankophoner Literatur ist das internationale Festival Étonnants Voyageurs im französischen Saint-Malo, aus dessen Umfeld das viel beachtete Manifest „Pour une ‚littérature-monde‘ en français“ hervorging. Das Manifest erschien zunächst am 15. März 2007 in Le Monde des livres (vgl. Le Monde des livres 2007). 112 Zum Verständnis der zentralen Forderung nach einer littérature-monde en français - „Fin de la francophonie. Et naissance d’une littérature-monde en français“ (Le Monde des livres 2007) - muss die Wahrnehmung frankophoner Literatur betrachtet werden. Im Gegensatz zur nahezu gleichberechtigten Li‐ 164 3 Interaktionen literarischer Felder und die Frankfurter Buchmesse teratur in englischer Sprache unterschiedlichen geographischen Ursprungs bemerkt Pascale Casanova zur französischsprachigen Literatur von außerhalb Frankreichs: Paris ne s’est jamais intéressé aux écrivains issus de ses territoires coloniaux; mieux, il les a longtemps méprisés et (mal)traités comme des sortes de provinciaux aggravés, trop proches pour que leurs différences puissent être reconnues ou célébrées, mais trop lointains pour être seulement perceptibles. […]. Les rares prix littéraires nationaux qui ont été décernés à des écrivains issus de l’ex-Empire français ou des marges de l’aire linguistique ont bénéficié de considérations néo-coloniales évidentes. (Casanova 1999, 174) Im Manifest heißt es dazu: Combien d’écrivains de langue française, pris eux aussi entre deux ou plusieurs cultures, se sont interrogés alors sur cette étrange disparité qui les reléguait sur les marges, eux ‘francophones’, variante exotique tout juste tolérée, tandis que les enfants de l’ex-empire britannique prenaient, en toute légitimité, possession des lettres anglaises ? (Le Monde des livres 2007) Zum Verhältnis der französischen zur sogenannten frankophonen Literatur als Ausdruck der Hierarchisierung zwischen Zentrum und Peripherie fragte sich auch der kongolesische Schriftsteller und Unterzeichner des Manifests Alain Mabanckou: Pendant longtemps, ingénu, j’ai rêvé de l’intégration de la littérature francophone dans la littérature française. Avec le temps, je me suis aperçu que je me trompais, la littérature francophone est un grand ensemble dont les tentacules enlacent plusieurs continents. […] La littérature française apparaît comme une littérature nationale: à elle de savoir si elle veut ou non entrer dans ce vaste ensemble. (Mabanckou 2006) Wie der Literaturwissenschaftler Kian-Harald Karimi feststellt, sollte die Aufnahme in den Kreis der frankophonen Literatur auch jene Autorinnen und Autoren würdigen, die geographisch nicht zur Metropole Frankreich gehörten. Gleichzeitig führte diese frankophone Zuschreibung in eindeutiger Trennung zur französischen Literatur auch dazu, dass es diesen Autorinnen und Autoren nicht gelang, in den Kanon der französischen Literatur aufge‐ nommen zu werden, was wiederum einigen nicht-französischen Schriftstel‐ lerinnen und Schriftstellern mit vorrangig europäischem Hintergrund aber zuteil wurde. Als Beispiele nennt Kian-Harald Karimi Eugène Ionesco, Samuel Beckett und Milan Kundera. Er urteilt daher: „Aus dieser Sicht erweist sich die 3.2 Interaktion in und zwischen literarischen Feldern 165 113 Zur zentralen Rolle des Faktors Exotik in der Vermarktung literarischer Werke von aus vermeintlichen Peripherien stammenden Autorinnen und Autoren, die Verlage ihren Leserinnen und Lesern als exotische und authentische Literatur anbieten, vgl. Huggan 2001. Frankophonie nur als Fortsetzung des Kolonialismus mit adäquaten Mitteln“ (Karimi 2009, 16-17). Der Literaturwissenschaftler folgt damit den Unterzeichnerinnen und Un‐ terzeichnern des Manifests - „Personne ne parle le francophone, ni écrit en francophone“ (Le Monde des livres 2007) -, die sich der kolonialen Zuschrei‐ bungen entledigen wollen, um eine Weltliteratur zu bilden, die ohne Zentrum und Peripherie auskommt. Das Manifest verteidigt die Idee einer Literatur in französischer Sprache, die eben nicht von einem Territorium oder einer Nation abhängt, sondern überall zum Ausdruck kommt: Le centre relégué au milieu d’autres centres, c’est à la formation d’une constellation que nous assistons, où la langue libérée de son pacte exclusif avec la nation, libre désormais de tout pouvoir autre que ceux de la poésie et de l’imaginaire, n’aura pour frontières que celles de l’esprit. (Le Monde des livres 2007) Damit fordern die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner „une antifrancophonie ou du moins la fin d’une francophonie héritée de l’empire colonial, discriminatoire pour une variante d’écrivains jugés ‹exotiques›“ (Veldwachter 2012, 120-21). 113 Wie noch zu zeigen sein wird, erkannte das französische Ehrengastpro‐ jekt zehn Jahre nach Veröffentlichung die Ideen des Manifests mit seiner Schwerpunktwahl Francfort en français und der literarischen Beratertätigkeit des Mitunterzeichners Alain Mabanckou an. Dies darf jedoch nicht über die weiter bestehenden Machtstrukturen im frankophonen Feld mit der Dominanz Frankreichs und Paris hinwegtäuschen. 3.2.2 Der deutsch-französische Literaturaustausch Die Interaktion zwischen literarischen Feldern und der Literaturaustausch sind als eine Form des Kulturtransfers zu definieren, weshalb die in diesem Abschnitt vorgenommene quantitative Betrachtung des Transfers von Literatur zwischen den deutsch- und französischsprachigen Räumen zur Einführung mit einigen Leitgedanken aus der Kulturtransferforschung kontextualisiert wird. Da, wie Michel Espagne feststellt, „Kulturtransfer […] kaum jemals in einer einzigen Richtung vollzogen“ (Espagne und Greiling 1996, 12) wird, wird in diesem Kapitel zur Einführung trotz des Schwerpunktes dieser Arbeit auf dem 166 3 Interaktionen literarischer Felder und die Frankfurter Buchmesse Transfer französischsprachiger Literatur auf den deutschen Buchmarkt der Literaturaustausch in beide Richtungen betrachtet. Der Austausch von Kunst und Literatur - einzelner Werke sowie von An‐ sichten, Stilen und künstlerischen Techniken - über nationale Grenzen hinweg hat in Europa bereits eine jahrhundertelange Tradition. Voraussetzung für den intensivierten Kulturaustausch war, dass die europäischen Gesellschaften „sich aufgrund eines universellen, humanistischen Bildungsanspruches fremden Kulturen […] öffne[te]n“ (Stühring 2013, 38). Die Aufnahme fremder Ideen wurde zunehmend als Bereicherung der eigenen Kultur wahrgenommen. Die Interferenzen zwischen der französischen und deutschsprachigen Kultur wurden umfassend erforscht, und so liegen die traditionsreichen kulturellen Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich auch am Ursprung der Transferforschung, wie sie seit den 1980er Jahren entwickelt wurde (vgl. Espagne und Werner 1988). Ausgehend von den deutsch-französischen Kulturbeziehungen definierte Hans-Jürgen Lüsebrink den Begriff des Kulturtransfers als „die Übertragung von Ideen, kulturellen Artefakten, Praktiken und Institutionen aus einem spezi‐ fischen System gesellschaftlicher Handlungs-, Verhaltens- und Deutungsmuster in ein anderes“ (Lüsebrink 2016, 143). Die Kulturtransferforschung geht nicht von der Vorstellung einer homogenen Nationalkultur aus, sondern ermittelt „hinter der scheinbaren Homogenität einer bestimmten Kultur die verwischten Spuren der Fremdkultur“ ( Jurt 2008, 202). Sie richtet ihren Fokus auf die Kontextualisierung dieser übertragenen kulturellen Elemente im jeweiligen Ausgangs- und Aufnahmesystem. Da der Kulturtransfer nicht zwischen ganzen Nationalkulturen stattfindet, sondern immer zwischen einzelnen Institutionen, Medien, Gruppen und Personen, konzentriert sich die Kulturtransferforschung auf den Transferprozess, die Vermittlerinnen und Vermittler sowie den Trans‐ ferkanal (vgl. Keller 2011, 107). Der Transferprozess lässt sich in drei Stufen gliedern: Selektion, Transport und Integration (vgl. Kortländer 1995). Zu übertragende kulturelle Elemente werden nach verschiedenen qualitativen Kriterien selektiert. Hans-Jürgen Lüsebrink nennt hierbei den „ästhetischen Wert, das vermutete Publikums‐ interesse, kulturelle Trends oder auch politische und soziale Erwartungshal‐ tungen“ (Lüsebrink 2016, 145-46). Transferprozesse können auch einen poli‐ tisch und ideologisch geprägten Hintergrund haben, wie das Engagement der staatlichen Kulturinstitute bei der Verbreitung der Sprache, Nationalkultur und Literatur im Rahmen der Übersetzungsförderung zeigt. Zudem spielen beim Kulturtransfer auch emotionale Faktoren eine große Rolle, wie etwa Faszination oder aber Ressentiments und Ablehnung (vgl. Lüsebrink 2016, 3.2 Interaktion in und zwischen literarischen Feldern 167 156). Diese emotionale Haltung der einzelnen Vermittlerinnen und Vermittler kann den Transport ebenso befördern oder aber behindern wie die kollektive Erwartungshaltung im Aufnahmesystem, die aus „nationale[n] Stereotypen, aber auch kulturellen Traditionen, Sitten und Gebräuchen“ (Kortländer 1995, 9) resultiert. Die Betrachtung des Transferprozesses kann nicht von der Rezeption in der Aufnahmekultur getrennt werden, denn „[d]as Fremde wird dann auch immer zu etwas Eigenem, weil es eingeführt wird, um eine spezifische Funktion im eigenen Kultursystem wahrzunehmen“ ( Jurt 2008, 202). Bei der Integration von übertragenen kulturellen Elementen existieren verschiedene Formen der Rezeption. Im Hinblick auf den Literaturtransfer sind die möglichst original‐ treue Übertragung bei einer Übersetzung sowie die kulturelle Adaption von besonderer Bedeutung. Kulturelle Adaption meint die Anpassung an Spezi‐ fika der Aufnahmekultur, beispielweise bezüglich anderer Wertmaßstäbe und ästhetischer Leitbilder. So werden bei Literaturübersetzungen häufig die verle‐ gerischen Paratexte wie der Buchtitel, Klappentexte und Coverabbildungen an vermutete Erwartungen und Vorlieben des Lesepublikums adaptiert (vgl. Lüsebrink 2016, 147-50). Rebecca L. Walkowitz stellt auch Anpassungen bereits im Schreibprozess fest. Als „born translated” bezeichnet sie Romane, die für Übersetzungen und Leserinnen und Leser mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen geschrieben werden: In born-translated novels, translation functions as a thematic, structural, conceptual, and sometimes even typographical device. These works are written for translation, in the hope of being translated, but they are also often written as translations, pretending to take place in a language other than they have, in fact, been composed. Sometimes they present themselves as fake or fictional editions: subsequent versions (in English) of an original text (in some other language), which doesn’t really exist. They are also frequently written from translation. Pointing backwards as well as forward, they present translation as a spur to literary innovation, including their own. (Walkowitz 2015, 4) Um den Transferprozess in seinem gesamten Spektrum abzubilden, führte Rolf Reichardt in seiner historischen Betrachtung der Übersetzungen von Schriften der französischen Revolution den Begriff der Transferkette mit den Akteu‐ rinnen und Akteuren „Autor“, „Übersetzer“, „Verleger“, „Buchhändler“, „Bib‐ liothek“, „Leser“ und „Lesegesellschaft“ ein (vgl. Reichardt 1988). Im Literatur‐ betrieb der Gegenwart spielen weitere Vermittlungsinstanzen eine wichtige Rolle für den internationalen Literaturaustausch: Literaturagenturen, Scouts, staatliche und private kulturelle Organisationen, Literaturkritikerinnen und 168 3 Interaktionen literarischer Felder und die Frankfurter Buchmesse 114 Vgl. Website Frankfurter Buchmesse, „Das Goldschmidt-Programm…“ und Website Frankfurter Buchmesse, „Das Paris-Frankfurt Fellowship“. -kritiker im klassischen Sinn sowie Vermittlungsmechanismen in digitalen und sozialen Medien. Das Zusammenwirken der Akteurinnen und Akteure stellt sich allerdings weniger als horizontale Transferkette denn als Netzwerk dar. Im Hinblick auf den deutsch-französischen Literaturaustausch beurteilt der Leiter der Goethe-Institute in Lyon und Marseille, Joachim Umlauf, das Netz an kulturellen Beziehungen zwischen den beiden Ländern heute als intensiver denn je zuvor (vgl. Netz 2018). Aus den traditionell guten Bezie‐ hungen zwischen Mitgliedern des Buchwesens, die auch auf den Buchmessen gepflegt wurden und werden, hat sich ein aktives Netzwerk entwickelt, auf das auch Akteurinnen und Akteure des politischen Feldes Einfluss nehmen, etwa über die Förderung von Übersetzungen oder von Stipendien- und Austausch‐ programmen wie dem Georges-Arthur-Goldschmidt-Programm für junge Literaturübersetzerinnen und -übersetzer aus der Schweiz, Frankreich und Deutschland oder dem Paris-Frankfurt-Fellowship für junge Beschäftigte in Buchhandlungen und Verlagen dieser drei Länder. 114 Zahlreiche gemeinsame Literatur- und Übersetzerpreise von staatlichen und privaten Kulturorganisa‐ tionen sollen den wechselseitigen Literaturtransfer und seine Akteurinnen und Akteure weiter unterstützen. Dennoch wird immer wieder ein Ungleichgewicht im deutsch-französischen Literaturaustausch beklagt (vgl u. a. Papouschek 2009, Binal, Lünsmann und Schenck 2013 und Netz 2018). Französische Verlage seien weitaus weniger an gegenwärtigen deutschsprachigen Büchern interessiert als deutsche Verlage an Übersetzungen französischsprachiger Literatur. Deutschsprachige Literatur er‐ reiche in Frankreich nur geringe Auflagenhöhen und Verkaufszahlen, während es in Deutschland noch regelmäßig aus dem Französischen übersetzte Bestseller gebe. In ihrer Analyse der kulturellen Hindernisse für den Literaturaustausch in Form von Übersetzungen nennt Gisèle Sapiro an erster Stelle mangelnde Sprach‐ kenntnisse der Beschäftigten in Verlagen (vgl. Sapiro 2012b, 42). Entscheidend ist aber auch das Bild eines Landes und seiner Literatur für einen erfolgreichen Transfer. Bezüglich der deutschsprachigen Literatur existieren in Frankreich sowie andernorts im Ausland verfestigte Klischees. Sie galt lange Zeit in Frank‐ reich als tiefsinnig und schwermütig und so wie ihre bekannten literarischen 3.2 Interaktion in und zwischen literarischen Feldern 169 115 Diese Vorstellungen folgen einer langen Tradition, wie ein Blick in die Geschichte zeigt: Bereits zur Zeit der Aufklärung herrschte diese Auffassung von der deutschsprachigen Literatur, vgl. Nies 2009, 171-85. Figuren, wie etwa Goethes Werther, als selbstquälerisch. 115 Zudem hatte die deutschsprachige Literatur das Image, ernst, schwerfällig und langatmig sowie wegen der philosophischen Bezüge schwer verständlich zu sein (vgl. Nies 1996). Auf der anderen Seite hat sich im deutschsprachigen Raum das Klischee gefestigt, „die Franzosen seien Experten in Liebesdingen und Weltmeister in Sachen Erotik, und ihre Literatur spiegele diesen nationalen Charakterzug auf faszinierende Weise“ (Nies 1996, 343). Wie der selbstquälerische Werther die Wahrnehmung der deutschen Literatur geprägt habe, stünden literarische Figuren wie Madame Bovary und die lebensfreudigen Drei Musketiere sowie Titel wie Der Liebhaber von Marguerite Duras, Salz auf unserer Haut von Benoîte Groult und neueren Datums Das sexuelle Leben der Catherine M. von Catherine Millet sinnbildlich für die französische Literatur. Hinsichtlich der Thematik hätten viele französische Leserinnen und Leser die Erwartungshaltung, gegenwärtige Literatur aus Deutschland setze sich immer mit der Aufarbeitung der eigenen Geschichte im 20. Jahrhundert auseinander. Béatrice Durand spricht diesbezüglich sogar von einem „voyeurisme français pour l’histoire allemande“ (Durand 2010, 10). Dank des Erfolgs deutscher Erzählerinnen und Erzähler wie etwa Daniel Kehlmann, Juli Zeh und Wolfgang Herrndorf auch im Ausland wandelt sich das Bild deutschsprachiger Belletristik langsam. Oftmals wurde die Hoffnung einer Änderung des Deutschlandbildes im Ausland durch exportierte Literatur geäußert. Ihre Bedeutung bei der Völkerverständigung ist nicht zu vernachlässigen, doch ihr Einfluss wird meist erst langfristig bemerkt (vgl. Lance 2000, 86). Auch der Deutsche Buchpreis, dessen Ziel es unter anderem ist, der deutsch‐ sprachigen Literatur im Ausland Aufmerksamkeit zu verschaffen, soll dazu beitragen, dass sich traditionelle Stereotypen und das Image wandeln. Karin Houscheid zeigt jedoch, dass es im Fall der Übersetzung des preisgekrönten Romans Die Mittagsfrau von Julia Franck in Frankreich nicht gelungen ist, die Klischees der Schwere und Geschichtsversessenheit zu korrigieren: Indem die Übersetzerin und der Verlag Flammarion Julia Franck als typisch deutsche Au‐ torin beschreiben, die die Dramatik der deutsche Geschichte selbst erlebt habe, und die Übersetzung La femme de midi mit erklärenden Fußnoten versehen, verdeutlichen sie den französischen Leserinnen und Lesern, dass deutsche Literatur tatsächlich schwerfällig und dunkel ist und eines Lektüre‐ schlüssels bedarf. La Femme de midi dient nicht mehr nur dem Lesegenuss, sondern 170 3 Interaktionen literarischer Felder und die Frankfurter Buchmesse 116 Vgl. hierzu auch Sapiro 2012b, 50, Ganne und Minon 1992, 61 sowie Sapiro 2012c. 117 So Martina Wachendorff zitiert nach Rüdenauer und Witthöft 2012. dem Gedenken an die Schrecken des Zweiten Weltkrieges und der Belehrung der Leser. (Houscheid 2014) Die relativ hohen Verkaufszahlen und einige Leserkommentare auf Amazon zeigten, dass mit der Übersetzung von Die Mittagsfrau der Erwartungshaltung der französischen Leserinnen und Leser gegenüber deutschsprachiger Literatur entsprochen wird (vgl. Houscheid 2014). Ein weiterer Erklärungsversuch der Schwierigkeit der Vermittlung deutschsprachiger Belletristik nach Frankreich ist das fehlende Interesse beim Lesepublikum. Dies zeige sich an den geringen Auflagenhöhen und Verkaufszahlen deutschsprachiger Literatur, und sei ver‐ mutlich auf die bestehenden Vorurteile zurückzuführen. Iris Papouschek stellt in einem Vergleich von Titelgebung, Covergestaltung und Reihenzugehörigkeit deutschsprachiger Literatur fest, dass französische Verlage bei der Vermarktung keinen Bezug zu Deutschland als Herkunftsland herstellen und die Übersetzungsleistung nicht vermitteln (vgl. Papouschek 2009, 89). Dies erschwert es dem Lesepublikum, deutschsprachige Werke als solche zu erkennen. Eine erfolgreiche Vermarktung der Bücher, die heutzu‐ tage vor allem über die Inszenierung der Persönlichkeit der Autorin oder des Autors in den Medien gelingt, ist für Übersetzungen insofern schwierig, als dass Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus dem deutschen Sprachraum in den Medien in Frankreich wenig präsent sind. Ihnen fehlen oftmals französi‐ sche Sprachkenntnisse, und die fehlende Bereitschaft der Medien zum simul‐ tanen Dolmetschen erschweren Radio- und Fernsehauftritte. 116 Auch Martina Wachendorff, Lektorin bei Actes Sud, bestätigt dies: „Wir haben zum Beispiel für Daniel Kehlmann und Juli Zeh […] mehrere Radiosendungen gehabt, aber das sind dann sehr spezielle Sendungen für ausländische Literatur, die nicht so wahnsinnig viele Leute hören“ (zitiert nach Rüdenauer und Witthöft 2012). Ein großes Problem für die Sichtbarkeit der deutschsprachigen Bellet‐ ristik sei die fehlende Rezeption in der Literaturkritik. Die Rezensentinnen und Rezensenten konzentrierten sich auf anglo-amerikanische Literatur und auch ihnen fehlten deutsche Sprachkenntnisse sowie das Wissen über die Literaturtradition, um deutschsprachige Werke zu beurteilen (vgl. Glaubitz 2001). Deutschsprachige Literatur werde hauptsächlich von Germanistinnen und Germanisten besprochen, die als freie Kritikerinnen und Kritiker tätig seien. Mit Übersetzungen direkt in den Redaktionen der wichtigen Literatur‐ zeitschriften und -beilagen Interesse zu wecken, sei keine leichte Aufgabe für die Verlage. 117 Zudem nimmt der Umfang von Literaturbesprechungen in den 3.2 Interaktion in und zwischen literarischen Feldern 171 118 Vgl. zu diesem Thema unter anderem Krekeler 2012. 119 Gemeint ist hier der Essay Indignez-vous! von Stéphane Hessel aus dem Jahr 2010. In der deutschen Übersetzung erschien das Buch im Ullstein Verlag, vgl. Hessel 2011. traditionellen Medien und auch deren Einfluss bei den Kaufentscheidungen immer weiter ab. Das Image französischsprachiger Literatur ist unter deutschen Leserinnen und Leser grundsätzlich ein positives. Wie die Lektorin und spätere Ver‐ lagsleiterin des Arche Literatur Verlags, Ulrike Ostermeyer, beobachtet, sei dieses insbesondere geprägt von der sogenannten „Eiffelturm-Literatur“. Damit gemeint sind „Unterhaltungsromane aus Frankreich, die mit gefälligen französischen Klischees deutsche Leser locken“ (Wüllenkemper 2012). Diese positive Erwartungshaltung deutscher Leserinnen und Leser wird insofern ausgenutzt, als dass deutsche Verlage Bücher von vermeintlich französischen Autorinnen oder Autoren publizieren, bei denen es sich jedoch um von Lektoren oder Verlegerinnen selbst geschriebene und unter Pseudonym ver‐ öffentlichte Titel handelt, die häufig mit Klischees wie Liebe, der vermeintlich romantischen Atmosphäre der Stadt Paris, Abbildungen des Eiffelturms auf dem Buchcover und der Attraktivität der bei Deutschen beliebten französi‐ schen Urlaubsregionen wie der Bretagne oder der Provence spielen. Beispiele hierfür sind die Spiegel-Bestsellerautoren Nicolas Barreau (vermutetes Pseu‐ donym der Verlegerin Daniela Thiele) sowie Jean-Luc Bannalec (Pseudonym des ehemaligen verlegerischen Geschäftsführers der S.-Fischer Verlage Jörg Bong). 118 Nach der Erfahrung von Ulrike Ostermeyer gilt dieses Interesse deutscher Leserinnen und Leser jedoch nicht automatisch für die französische Gegenwartsliteratur: Es geht weniger darum, dass die deutschen Leser sich sagen: Oh, da ist was aus Frankreich, sondern darum, dass es einen bestimmten Nerv trifft. Und auch, wenn es nicht Literatur, sondern ein Sachbuch ist, ist Stéphane Hessel ein sehr gutes Beispiel. Es ist letzten Endes egal, woher Stéphane Hessel kommt. Er hat den Nerv getroffen. Er hat ein Thema, das ihm persönlich am Herzen liegt und das er mit einer Verve und einem Charme vertreten kann. Ich glaube, um was es im Wesentlichen geht, ist, dass er ein Thema getroffen hat, das die Menschen bewegt. Und das geht über die Grenzen hinweg. 119 (Ulrike Ostermeyer zitiert nach Wüllenkemper 2012) Wie es um die Literaturbeziehungen beider Länder mit Blick auf die reine Exis‐ tenz von Übersetzungen zwischen den beiden Buchmärkten bestellt ist, zeigt die folgende Darstellung der quantitativen Entwicklung des gegenwärtigen Literaturaustauschs zwischen Deutschland und Frankreich, für die verschiedene Quellen herangezogen wurden. Auf französischer Seite wurden Daten des SNE 172 3 Interaktionen literarischer Felder und die Frankfurter Buchmesse 120 Zum Vergleich: 2018 erschienen 8.833 Übersetzungen aus dem Englischen und 1.726 aus dem Japanischen in Frankreich, d. h. 64 Prozent respektive 12 Prozent, während Übertragungen aus dem Deutschen 6-Prozent der gesamten Übersetzungen darstellen. aus dem Bericht Repères statistiques France et International zu den Lizenzver‐ käufen und zum Erwerb von Übersetzungsrechten aus einer Befragung seiner Mitgliedsverlage verwendet. Das Defizit dieser Daten liegt darin, dass die Umfrage trotz einer in den letzten Jahren gestiegenen Anzahl an teilnehmenden Verlagen nicht repräsentativ ist; beispielweise gaben für das Jahr 2012 nur 125 der damals 580 SNE-Mitgliedsverlage über ihren Lizenzverkauf und sogar nur 81 über den Erwerb von Übersetzungsrechten Auskunft. Der Börsenverein zieht für seine Analyse der Veröffentlichungen von Über‐ setzungen in deutschen Verlagen in Buch und Buchhandel in Zahlen das Ver‐ zeichnis lieferbarer Bücher sowie die Deutsche Nationalbibliographie heran. Bezüglich der ins Ausland verkauften Lizenzen deutscher Verlage führt auch der Börsenverein jährlich eine Lizenzumfrage unter seinen Mitgliedern durch, wobei keine Angaben zur Anzahl der teilnehmenden Verlage gemacht werden und deren Repräsentativität daher nicht einzuschätzen ist. Bezüglich der Dokumentation der Anzahl von Übersetzungen aus dem Deut‐ schen ins Französische berücksichtigt der SNE erst seit dem Jahr 2015 (Daten für das Jahr 2014) die Angaben der Bibliothèque Nationale de France (BNF) zu den Übersetzungszahlen. Vor 2015 zog der SNE die nicht-repräsentative Umfrage zur Akquise von Übersetzungsrechten unter seinen Mitgliedsverlagen heran, die aufgrund mangelnder Aussagekraft für diese überblicksartige Darstellung nicht berücksichtigt wird. Übersetzungen machen grundsätzlich einen Anteil von etwa 16 bis 17 Pro‐ zent aller Neuerscheinungen auf dem französischen Buchmarkt aus (2018: 17 Prozent, 2017: 16,5 Prozent). In den vergangenen Jahren veröffentlichten französische Verlage kontinuierlich am meisten Übersetzungen aus dem Engli‐ schen, dem Japanischen sowie dem Deutschen. Wie aus Abbildung 11 ersichtlich unterlag die Gesamtzahl der Übersetzungen ins Französische zwischen 2014 und 2018 nur leichten Schwankungen. Die Zahl der Übersetzungen aus dem Deutschen hat im selben Zeitraum zugenommen: Waren es 2014 noch 710 Übertragungen von deutschsprachigen Werken (davon 159 Belletristik-Titel und 100 Werken der Kinder- und Jugendliteratur), waren es 2018 insgesamt knapp über 800 Bücher. 120 3.2 Interaktion in und zwischen literarischen Feldern 173 Abb. 11: Übersetzungen in französischen Verlagen 2014 bis 2018 (eigene Darstellung nach Repères statistiques France et international (SNE)) Diese Zahlen liegen deutlich über denjenigen des Börsenvereins zu den Li‐ zenzvergaben deutscher Verlage nach Frankreich im vergleichbaren Zeitraum 2014-2018 (siehe Abbildung 12). Dabei ist aber neben der Unvollständigkeit der Angaben aus der Mitgliederbefragung des Börsenvereins zu berücksich‐ tigen, dass das tatsächliche Erscheinen eines übersetzten Buches aufgrund der längeren Bearbeitungszeit durch die Übersetzung oftmals weit über ein Jahr nach dem Einkauf der Lizenz erfolgt. Außerdem werden in den Angaben der BNF selbstverständlich auch jene übersetzten älteren Bücher inkludiert, für die aufgrund der Gemeinfreiheit keine Lizenzen zu erwerben waren. Trotz mangelnder Repräsentativität der Angaben zu den Lizenzvergaben der Bör‐ senverein-Mitgliedsverlagen lässt sich bezüglich der Genres der verkauften Übersetzungslizenzen eine Tendenz ablesen: In den Jahren 2014 bis 2018 fielen jeweils circa ein Drittel der lizensierten Werke auf die Bereiche Belletristik sowie Kinder- und Jugendbuch; das übrige Drittel setzte sich aus allen übrigen Buchgenres zusammen (vgl. Börsenverein des Deutschen Buchhandels e. V., Buch und Buchhandel in Zahlen, Ausgaben 2015 bis 2019). 174 3 Interaktionen literarischer Felder und die Frankfurter Buchmesse 121 Hierbei sind auch Schwankungen bei der Teilnahme der Mitgliedsverlage des SNE an der Lizenzumfrage zu berücksichtigen. Laut dem SNE nehmen mittlerweile jährlich etwa 180 Verlage an der Umfrage teil, vgl. Syndicat national de l’édition 2019, 19, für das Jahr 2003 waren es noch 106 Verlage, vgl. Syndicat national de l’édition 2003. Die Anzahl der SNE-Mitgliedsverlage lag im November 2019 bei 720, vgl. Website Syndicat national de l’édition, „Le SNE, la force d’un réseau“. Abb. 12: Lizenzvergaben deutscher Verlage nach Frankreich 2014 bis 2018 (eigene Darstellung nach Buch und Buchhandel in Zahlen (Börsenverein)) Angaben zu den Lizenzvergaben französischer Verlage sind durch die Mitglie‐ derbefragung des SNE ab dem Jahr 2002 verfügbar. Im Zeitraum bis 2018 hat sich die Anzahl der weltweiten Lizenzverkäufe französischer Verlage mehr als verdoppelt, von 5.956 im Jahr 2003 auf 13.785 im Jahr 2018. 121 Im selben Zeitraum hat sich auch die Anzahl der von deutschsprachigen Partnern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz bei französischen Verlagen einge‐ kauften Übersetzungsrechte von 327 auf 758 mehr als verdoppelt. Die Quantität der vergebenen Lizenzen unterliegt neben vielen individuellen Faktoren des entsprechenden Angebots und der wirtschaftlichen Situation der einzelnen Ver‐ lage auch den allgemeinen wirtschaftlichen Konjunkturphasen. Die weltweite Wirtschaftskrise im Jahr 2008 hatte daher auch deutlichen Einfluss auf das Lizenzgeschäft in der Buchbranche. Schwankungen zeigen sich auch bei den Lizenzvergaben französischer an deutschsprachige Verlage, die im betrachteten Zeitraum zwischenzeitlich sogar auf mehr als das Dreifache des Ausgangswertes angestiegen waren (Angaben 2011 im Vergleich zu 2003, siehe Abbildung 13). 3.2 Interaktion in und zwischen literarischen Feldern 175 Abb. 13: Lizenzvergaben französischer Verlage 2003 bis 2018 (eigene Darstellung nach Repères statistiques France et international (SNE)) Auch beim Lizenzeinkauf deutscher Verlage aus Frankreich ist die Belletristik eines der wichtigsten Genres. Besonders bemerkenswert ist jedoch die im be‐ trachteten Zeitraum zwischen 2003 und 2016 immense Zunahme beim Einkauf von Übersetzungsrechten für Comics und Graphic Novels (siehe Abbildung 14). Während dieses Genre auf dem französischen Buchmarkt schon seit jeher eine große Vielfalt und hohes Ansehen verzeichnet, hat seine Bedeutung in Deutsch‐ land erst in den vergangenen Jahren zugenommen. In der Vergangenheit wurde der Comic auf dem deutschen Buchmarkt als reines Kinder- und Jugendmedium, „als kommerzielle Kunst für die Massen, die ihre eigene Trivialität kultivierten“ (Schikowski 2018, 14) wahrgenommen. Das Genre hat sich insbesondere durch seine Diversifizierung im Hinblick auf neue Themen, komplexere Erzählweisen und unterschiedliche Stile verändert. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurden Comics zunächst zu einer Subkultur. Nachdem sich die traditionellen Comickulturen der USA, Frankreichs und Belgiens sowie Japans fast vollständig isoliert voneinander entwickelt hatten, sorgten der Austausch unter anderem durch Übersetzungen für Innovationen und eine erzählerische und grafische Vielfalt abseits des Mainstream (vgl. Schikowski 2018, 229). Neben den traditionellen Comic-Reihen haben sich Manga, Autorinnencomics, Graphic Novels und Webcomics etabliert. Es gibt eine Vielzahl von Subgenres wie zum Beispiel Superheldencomics, Science-Fic‐ tion, Thriller, Sachcomics, Autobiographien, Literaturadaptionen und Romance- Geschichten. Gerade die Form der Graphic Novel als eine in sich abgeschlossene Comic-Geschichte im Vergleich zum Seriencharakter klassischer Comics sowie 176 3 Interaktionen literarischer Felder und die Frankfurter Buchmesse andere Inhalte mit vermeintlich höherem literarischem sowie ästhetischem An‐ spruch führten in den letzten Jahren dazu, dass Comics eine größere Akzeptanz beim deutschsprachigen Lesepublikum und in den Feuilletons erreichten. Daran wirkten sicherlich auch die ansteigenden Übertragungen französischsprachiger Comickunst mit. Abb. 14: Lizenzvergaben französischer an deutsche Verlage: Genres 2003 bis 2016 (eigene Darstellung nach Repères statistiques France et international (SNE)) 3.2 Interaktion in und zwischen literarischen Feldern 177 Wie die Abbildungen 15 und 16 zeigen, verzeichnen Übersetzungen aus dem Französischen auf dem deutschen Buchmarkt nach einem Wachstum in den 2000er Jahren seit 2009 sehr stabile Zahlen. Der noch einmal deutliche Anstieg der Übersetzungszahlen aus dem Französischen zwischen 2008 und 2009 ist auf die veränderte Datenerfassung zurückzuführen: Bis 2009 erfassten die Statistiken des Börsenvereins nur Erstauflagen der Übersetzungen, seit 2009 Erstsowie Neuauflagen. Seitdem machen die Übersetzungen aus dem Französischen um circa zehn Prozent aller Übersetzungen ins Deutsche aus. Zwischen einem Viertel und einem Drittel dieser Übersetzungen aus dem Französischen sind jeweils dem Genre Belletristik zuzuordnen. Dass die Über‐ setzungszahlen anlässlich des französischen Ehrengastauftritt im Jahr 2017 zwar leicht, aber weniger signifikant als bei den Ehrengastauftritten anderer Länder angestiegen sind (vgl. Norrick-Rühl 2020), zeigt, dass Übersetzungen aus dem Französischen auf dem deutschsprachigen Buchmarkt bereits fest etabliert sind. Abb. 15: Übersetzungen ins Deutsche 2003 bis 2018 (eigene Darstellung nach Buch und Buchhandel in Zahlen (Börsenverein)) 178 3 Interaktionen literarischer Felder und die Frankfurter Buchmesse 122 Daten für die Anzahl der Belletristik-Übersetzungen aus dem Französischen für die Jahre 2006 bis 2008 sind nicht verfügbar. Abb. 16: Übersetzungen aus dem Französischen ins Deutsche 2003 bis 2018: Anteil Belletristik (eigene Darstellung nach Buch und Buchhandel in Zahlen (Börsenverein)) 122 Beim Vergleich der Zahlen zur Literatur des jeweiligen Nachbarlandes in wechselseitiger Übersetzung zeigt sich, dass der deutsch-französische Litera‐ turaustausch für die deutschsprachigen und französischen Verlage durchaus von hoher Relevanz ist. Betrachtet man die absolute Anzahl der übersetzten Titel, lagen die deutschsprachigen Verlage 2018 mit 1.008 französischsprachigen Werken (9,88 Prozent aller Übersetzungen, insgesamt 10.201) vor den französi‐ schen Verlagen mit 801 Übersetzungen aus dem Deutschen (5,75 Prozent aller Übersetzungen, insgesamt 13.932). Diese geringe Anzahl relativiert sich jedoch etwas, wenn man in Betracht zieht, dass es auf dem französischen Buchmarkt auch insgesamt weniger Neuerscheinungen gibt: 2018 waren 1,29 Prozent aller Neuerscheinungen (Erst- und Neuauflagen: 61.831 Titel) auf dem französischen Buchmarkt Übersetzungen aus dem Deutschen. Auf dem deutschen Buchmarkt lag der Anteil von Übersetzungen aus dem Französischen mit 1,26 Prozent aller Neuerscheinungen (Erst- und Neuauflagen: 79.916) sogar leicht darunter. Die Daten des Börsenvereins erlauben es leider nicht, zu differenzieren, ob die in deutschen Verlagen veröffentlichten Übersetzungen aus dem Französischen von Verlagen aus Frankreich oder aus anderen frankophonen Ländern lizensiert wurden. Die Datenlage zu Lizenzverkäufen anderer frankophoner, insbesondere außereuropäischer Länder ist insgesamt als schlecht zu bezeichnen, da hier 3.2 Interaktion in und zwischen literarischen Feldern 179 123 Vgl. hierzu etwa Pinhas 2005, 46. 124 Teile dieses Kapitels 3.3 wurden - in veränderter und gekürzter Form eines direkten Vergleichs der Ehrengastauftritte Frankreichs in den Jahren 1989 und 2017 - bereits in der Zeitschrift Lendemains veröffentlicht, vgl. Hertwig 2018b. kaum Buchmarktdaten erhoben werden. 123 Die geographische Herkunft der aus dem Französischen ins Deutsche übersetzten Werke berücksichtigt unter anderem die Analyse der Übersetzungen aus dem Französischen zwischen 2007 und 2019 in Kapitel 7, die wie die Zahlen des Börsenvereins auf den Daten der Deutschen Nationalbibliografie der DNB basiert. Weitere, vom Börsenverein in Buch und Buchhandel in Zahlen nicht berücksichtigte bibliografische Angaben aus der Deutschen Nationalbibliografie bieten die Möglichkeit, die Diversität der Übersetzungen aus dem Französischen hinsichtlich verschiedener Parameter zu untersuchen. 3.3 Der Ehrengastauftritt Frankreichs auf der Frankfurter Buchmesse 1989 124 Anlässlich des ersten französischen Ehrengastauftritts auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober 1989 veröffentlichte der franko-marokkanische Autor Tahar Ben Jelloun in der deutschen Wochenzeitung Die Zeit einen Beitrag, in dem er das Verhältnis von Autorinnen und Autoren nichtfranzösischer Herkunft zur französischen Sprache thematisierte: Lange Zeit war die französische Sprache ein großes Haus mit offenen Fenstern und Türen. Dichter, Philosophen und Erzähler aus anderen Ländern machten Halt und ließen sich nieder. Man fand es normal. […] Sie schreiben auf französisch [sic! ], und das stellt niemanden vor Probleme. […] Vielleicht nehmen nicht alle Franzosen sie auf - die französische Sprache tut es. (Ben Jelloun 1989) Damit antizipierte Tahar Ben Jelloun ein Motiv, das fast dreißig Jahre später zum Leitgedanken des zweiten französischen Ehrengastauftritts auf der Frankfurter Buchmesse werden sollte: die Gastfreundschaft der französischen Sprache. Im offiziellen Rahmen der Ehrengastpräsentation von 1989 wurde französischspra‐ chige Literatur von Schriftstellerinnen und Schriftstellern nichtfranzösischer Herkunft vorerst nur am Rande thematisiert. Stattdessen war der Gastland‐ auftritt Frankreichs im Jahr des 200-jährigen Jubiläums der Französischen Revolution eher von nationalen Symboliken und einem Fokus auf den traditio‐ nellen literarischen Kanon geprägt. Im Folgenden werden das Selbstverständnis, der zeitgeschichtliche Kontext und die Umsetzung des ersten französischen 180 3 Interaktionen literarischer Felder und die Frankfurter Buchmesse 125 Besonderer Dank gilt dem ehemaligen Direktor des IF in Frankfurt und Leiter des Gast‐ landprojekts Alain Lance sowie seinem damaligen Mitarbeiter Pierre Monnet und der damaligen Programmkoordinatorin Micheline Bouchez für ihre Gesprächsbereitschaft zum französischen Ehrengastauftritt 1989 (siehe Auflistung der geführten Interviews im Anhang 1). 126 Der französische Auftritt von 1989 mit seiner Veranstaltungsorganisation, Ausstel‐ lungselementen und zeitgleich publizierten deutschen Übersetzungen französischspra‐ chiger Literatur wurde - ausführlich und mit geringerem zeitlichen Abstand - von Heiner Wittmann und Marion Rütten beschrieben, vgl. H. Wittmann 1989 und Rütten 1999. 127 Zum deutschen Auftritt auf dem Pariser Salon du livre im Mai 1989, vgl. insbesondere H.-Wittmann 1989. 128 Zu den Motiven für die Einführung der Schwerpunktthemen und später der Einladung von Ländern als Ehrengäste zur Frankfurter Buchmesse, siehe Kapitel 3.1.2. Ehrengastauftritts auf der Frankfurter Buchmesse 1989 dargestellt, bei dem das französische und das deutschsprachige literarische Feld zum ersten Mal in diesem Format auf der Buchmesse interagierten. Neben offiziellen Publika‐ tionen und der Medienberichterstattung wurde für die folgende Darstellung insbesondere auf Interviews mit den an dieser Gastlandpräsentation beteiligten Akteurinnen und Akteuren zurückgegriffen. 125 3.3.1 Selbstverständnis und zeitgeschichtlicher Kontext Das Jahr 1989 stand für Frankreich ganz im Zeichen des 200-jährigen Jubiläums der Französischen Revolution. Dieser nationale Gedenkmoment wurde auch zum Anlass genommen, sich als Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse zu präsentieren. 126 Die Entscheidung dafür war eine politische: Während eines Kulturgipfels in Frankfurt 1986 beschlossen François Mitterand und Helmut Kohl, 1989 zum Jahr der deutsch-französischen Literaturbeziehungen zu ma‐ chen, in dem sich Deutschland unter dem Motto L’Allemagne par ses livres im Frühjahr als Schwerpunktthema auf dem Pariser Salon du Livre präsen‐ tierte und Frankreich im Herbst nach Frankfurt eingeladen wurde. 127 Damit war Frankreich nach Italien das zweite Gastland der Frankfurter Buchmesse nach der Einführung dieses Formates im Jahr zuvor. 128 Neben der Präsenz auf der Buchmesse mit einem eigenen Pavillon gehörten zum Begleitprogramm des französischen Gastlandauftritts 1989, dem Automne Français, kulturelle Veranstaltungen im Frankfurter Raum sowie in den IF in ganz Deutschland, zum Beispiel Kunstausstellungen wie die Hommage an André du Bouchet in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt, Lesungen der eingeladenen Autorinnen und Autoren, Filmvorführungen, Konferenzen sowie Buchausstellungen. Orga‐ nisiert wurde der französische Ehrengastauftritt vom IF in Frankfurt unter der 3.3 Der Ehrengastauftritt Frankreichs auf der Frankfurter Buchmesse 1989 181 129 Pierre Monnet im Gespräch am 3. April 2018, ab Minute 09: 21, Anhang 2b. Leitung des damaligen Direktors Alain Lance. Er erhielt dabei Unterstützung des französischen Verlegerverbandes SNE, des französischen Außensowie Kulturministeriums sowie der französischen Botschaft in Bonn. Zur Begründung seiner politischen Sonderstellung in der Staatengemein‐ schaft, der viel zitierten exception française, beruft sich die französische Au‐ ßenkulturpolitik traditionell auf die besondere Ausstrahlung französischer Kultur, Literatur und Sprache, den rayonnement culturel, sowie auf die Errun‐ genschaften der Aufklärung und der Revolution von 1789 (vgl. Steinkamp 2012). Das Jubiläum der Französischen Revolution als Anlass für den Ehrengastauftritt auf der Frankfurter Buchmesse zu nehmen, schien insofern konsequent, als dass die Vorstellung von der Heimat der universellen Menschenrechte, der patrie des droits de l’homme nicht nur dem Selbstbild der Französinnen und Franzosen, sondern auch der internationalen sowie der Fremdwahrnehmung in Deutsch‐ land entspricht. So gehört die Revolution von 1789 „zum festen Bestandteil des sozialen Wissens der Bundesbürger“ (Lüsebrink 1990, 304) und prägt das Bild des republikanischen und freiheitlichen Frankreichs mit entsprechender politischer Vorbildfunktion, insbesondere bei deutschen linksliberalen Intellektuellen (vgl. Lüsebrink 1990, 305). Für die französische auswärtige Kulturpolitik stellte der Ehrengastauftritt auf der Frankfurter Buchmesse 1989 mit der einhergehenden internationalen Medi‐ enpräsenz eine Initiative dar, um nach dem Bedeutungsverlust Frankreichs nach der Epoche der Dekolonisation auf politischer und dem Verschwinden großer Intellektueller der französischen Nachkriegszeit wie etwa Jean-Paul Sartre und Michel Foucault auf kultureller Ebene dem französischen rayonnement culturel wieder mehr Bedeutung zu verschaffen. Anders als im Jahr 2017 spielte bei der französischen Selbstdarstellung in Frankfurt die Frankophonie im französischen Verständnis der 1980er Jahre nur eine untergeordnete Rolle als Indiz für die weltweite kulturelle und politische Ausstrahlungskraft Frankreichs. Pierre Monnet zufolge, damals Mitarbeiter des IF Frankfurt und heutiger Leiter des Institut franco-allemand IFRA / IF Frankfurt, wählte man für den französischen Gastlandauftritt 1989 eine „approche encore assez nationale avec évidemment derrière la francophonie comme instrument de rayonnement de la présence française dans le monde“. 129 Das politische, gesellschaftliche und kulturelle Umfeld des ersten Ehrengas‐ tauftritts Frankreichs im Jahr 1989 war von einer neuen Ausrichtung und aktuellen Herausforderungen für die europäische Integration, der Förderung der deutsch-französischen Beziehungen bei abnehmendem Interesse an der 182 3 Interaktionen literarischer Felder und die Frankfurter Buchmesse 130 Außerdem wurde von der Buchmesse umfassend über den Ausschluss iranischer Ver‐ lage berichtet, nachdem der Schriftsteller Salman Rushdie infolge der Veröffentlichung seines Werkes Die satanischen Verse vom damaligen Staatschef des Iran Ayatollah Chomeini mit dem Todesurteil der Fatwa belegt worden war. Trotzdem war auch der französische Ehrengastauftritt in den Medien präsent. Von etwa 5.000 Pressemel‐ dungen, die die Frankfurter Buchmesse im Jahr 1989 verzeichnete, beschäftigten sich immerhin über 130 deutsche, über 100 internationale Berichte sowie zusätzlich weitere Artikel in der deutschen und internationalen Fachpresse ausschließlich mit dem französischen Auftritt, vgl. Ausstellungs- und Messe-GmbH des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels - Frankfurter Buchmesse 1989b. 131 Zu den deutsch-französischen Kulturbeziehungen nach 1945, vgl. Defrance 2013. jeweils anderen Sprache, dem Thema kultureller Vielfalt und der Rolle fran‐ zösischer beziehungsweise europäischer Kultur in einer globalisierten Welt geprägt. Die Entwicklungen im Osten Europas und in der DDR bestimmten im Herbst 1989 die öffentlichen Debatten. In den Medien stand der französische Ehrengastauftritt daher in Konkurrenz mit den Berichten über diese Umbrüche und den Ereignissen auf der Buchmesse selbst. Dazu gehörte unter anderem die ausführliche Berichterstattung über den Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, des tschechischen Dissidenten Václav Havel, der zur Entgegennahme der Auszeichnung nicht nach Frankfurt ausreisen durfte. 130 Die Entwicklungen in den Ostblock-Staaten konnten selbstverständlich zum Zeitpunkt der Planung des französischen Ehrengastauftritts in Frankfurt nicht vorausgesehen werden. Die Simultaneität der commémoration und der im Herbst 1989 aktuellen Umbrüche verlieh der Buchmesse einen außergewöhnlichen Charakter und prägte die politischen Reden zu ihrem offiziellen Beginn, insbe‐ sondere jene von Bundeskanzler Helmut Kohl (vgl. Kohl 1989), der gemeinsam mit dem französischen Kulturminister Jack Lang die Buchmesse eröffnete. Schon im Vorfeld des Auftritts von 1989 visierte man eine Stärkung des kulturellen Austauschs zwischen beiden Ländern an. Beim deutsch-französi‐ schen Kulturgipfel in Frankfurt im Oktober 1986 wurde in diesem Sinne in der Gemeinsamen Erklärung über kulturelle Zusammenarbeit vom 28. Oktober 1986 die Gründung verschiedener Institutionen wie dem Deutsch-Französischen Kulturrat, des deutsch-französischen Kultursenders Arte und der Deutsch- Französische Hochschule angekündigt, welche in den 1990er Jahren erfolgte und den deutsch-französischen Kulturbeziehungen eine neue Dynamik verlieh. 131 Bezüglich der Literaturbeziehungen zwischen Frankreich und Deutschland heißt es in der Gemeinsamen Erklärung: Durch vermehrte Schriftsteller-, Übersetzer- und Verlegertreffen, die Förderung zweisprachiger Ausgaben, die Vergabe eines jährlichen Übersetzerpreises und die Abhaltung einer deutsch-französischen Literaturtagung 1987/ 88 wird eine gemein‐ 3.3 Der Ehrengastauftritt Frankreichs auf der Frankfurter Buchmesse 1989 183 132 Um zum besseren Verständnis „der Unterschied[e] der historischen Erfahrungen, der sozialen Mentalitäten und also auch der Kulturen“ (Die Zeit 1989) beizutragen, arbeitete Die Zeit zu besonderen Anlässen wie den Gastlandpräsentationen 1989 und später dem 50-jährigen Jubiläum des Élysée-Vertrags 2013 mit der französischen Zeitung Le Monde zusammen. 133 Waren zehn Jahre früher, 1979, noch 14,1 Prozent aller Übersetzungen ins Deutsche Übertragungen aus dem Französischen, so war der Anteil bis 1989 auf 13 Prozent zurückgegangen. Die absolute Zahl der Übersetzungen aus dem Französischen war im gleichen Zeitraum jedoch von ursprünglich 899 auf 958 Titel gestiegen (vgl. Börsenverein des Deutschen Buchhandels e. V. 1980 und Börsenverein des Deutschen Buchhandels e. V. 1990), so dass die Klage des Börsenvereinvorstehers nicht mit Zahlen belegt werden kann. same Politik zur Verbreitung der Literatur des Partnerlandes betrieben. (Deutsch- Französischer Kulturrat, 4) Die wechselseitigen Präsentationen als Gastland der Buchmessen waren bereits Ausdruck des Vorhabens, die Literatur des jeweils anderen im Nachbarland bekannter zu machen. Zum Auftakt des französischen Ehrengastauftritts be‐ merkte Die Zeit, dass Kulturaustausch, und dazu gehörten auch Übersetzungen, nicht per se „zum gegenseitigen Verständnis der Kulturen“ (Die Zeit 1989) beitrage. „Die deutsch-französische Freundschaft, damals, als Adenauer und de Gaulle sie proklamierten, eine politische Sensation, hat die Kenntnis des Nachbarlandes und vor allem die Kenntnis der Nachbarsprache nicht wesentlich vergrößert“ (Die Zeit 1989). 132 Diesem Urteil über den Zustand der deutschfranzösischen Beziehungen schloss sich auch Günther Christiansen, Vorsteher des Börsenvereins, an. In seiner Rede zur Eröffnung der Buchmesse beklagte er den Rückgang der aus dem Französischen ins Deutsche übersetzten Buchtitel sowie den schwachen Import französischer Bücher nach Deutschland: Und doch, so scheint es, hat die deutsch-französische Versöhnung eine Art literari‐ sches Vakuum geschaffen, das das Aufeinander-Zugehen gelegentlich erschwert. […] Diese Entwicklung muß uns alle nachdenklich stimmen, wenn man sich erinnert, wie stark sich die beiden Literaturen der Nachkriegsjahre noch gegenseitig geprägt haben. Der Rhein, so scheint es, ist stellenweise tiefer geworden. (Christiansen 1989, 3375) Diese pessimistische Einschätzung begründet sich möglicherweise mit dem Blick auf langfristigere Entwicklungen des Anteils von Übersetzungen aus dem Französischen auf dem deutschen Buchmarkt 133 und in einer Abnahme des Interesses deutscher Verlage an französischsprachiger Literatur infolge der „Krise“ derselben aufgrund des Fehlens einer neuen literarischen Strömung nach dem Ende des Nouveau roman. Von den wechselseitigen Besuchen als Eh‐ rengäste auf den Buchmessen im Jahr 1989 erhoffte man sich daher nachhaltige 184 3 Interaktionen literarischer Felder und die Frankfurter Buchmesse 134 Pierre Monnet im Gespräch am 3. April 2018, ab Minute 25: 25, Anhang 2b. 135 Da der Bundeskanzler bei der Eröffnung der Buchmesse zu einer Versammlung von Vertreterinnen und Vertretern des literarischen Feldes sprach, gehörte an dieser Stelle auch dazu, dass er sich für die Gestaltung und Erhaltung optimaler Bedingungen für kulturelles Schaffen wie die Buchpreisbindung, den reduzierten Mehrwertsteuersatz und das Urheberrecht auch im europäischen Rahmen aussprach, vgl. Kohl 1989. Impulse für den deutsch-französischen Literaturaustausch. Die Auswirkungen der gegenseitigen Ehrengastauftritte wurden im Nachhinein nicht nur für den Literaturaustausch positiv beurteilt. Als ein Baustein für die verstärkten deutsch-französischen Kulturbeziehungen in den 1990er Jahren hätten sie nach Einschätzung von Pierre Monnet dazu beigetragen, „de donner encore un peu plus de corps au traité de l’Élysée de 1963 qui a un aspect évidemment politique, linguistique et diplomatique mais pas vraiment culturel“. 134 In seiner Rede zur Eröffnung der Buchmesse betonte der deutsche Bundes‐ kanzler Helmut Kohl die Notwendigkeit zur Förderung des Spracherwerbs, um das gegenseitige Verständnis zu verbessern. Mit Blick auf die Umbrüche im Osten Europas und die Erwartungen der dort für ihre Freiheit demonstrierenden Völker sprach er von der Aufgabe Deutschlands und Frankreichs, die kulturelle Dimension der europäischen Einigung voranzubringen und zu festigen: Die Europäische Gemeinschaft, wie wir sie verstehen, ist auch und vor allem eine Werte- und Kulturgemeinschaft. Dies zum Ausdruck zu bringen, ist mehr denn je auch eine Aufgabe deutsch-französischen Zusammenwirkens. Frankreich und die Bundesrepublik Deutschland haben ihre enge Freundschaft seit jeher in den Dienst Europas gestellt, und sie haben dabei oft genug als Motor der europäischen Entwicklung gewirkt. Unsere Partnerschaft muss sich auch als wegweisend bewähren, wenn es um kulturellen Austausch geht - untereinander und in Europa. 135 (Kohl 1989, 3372) Ähnlich positiv über die Errungenschaften der deutsch-französischen Bezie‐ hungen äußerte sich auch der französische Kulturminister Jack Lang. Für ihn stellte der Empfang Frankreichs als Gastland auf der Frankfurter Buchmesse „in diesem Jahr zugleich ein[en] Höhepunkt der deutsch-französischen Zusam‐ menarbeit“ (Lang 1989, 3374) dar. Er thematisierte in seiner Rede außerdem den Einfluss der Globalisierung auf die Kultur und übte Kritik an der zunehmenden Dominanz amerikanischer Kulturproduktion. Gleichzeitig rief er mittels der Metapher eines Hauses für das kulturelle Europa zu Offenheit für den kultur‐ ellen Austausch und für Vielfalt aus: „Die Fenster dieses Hauses sollen weit geöffnet sein gegenüber allen friedlichen und wohltätigen Einflüssen, ob sie nun vom Atlantik kommen oder aus dem Osten, aus dem Norden, aus dem Süden“ 3.3 Der Ehrengastauftritt Frankreichs auf der Frankfurter Buchmesse 1989 185 (Lang 1989, 3373-74). Jack Lang sah die Aufgabe Deutschlands und Frankreichs darin, auf europäischer Ebene ein neues Modell für die Kultur in Zeiten der Globalisierung zu schaffen (vgl. Lang 1989, 3373-74). 3.3.2 Umsetzung der Gastlandpräsentation Frankreichs 1989 Das französische Veranstaltungsprogramm anlässlich des Ehrengastauftritts 1989 war ebenfalls beeinflusst vom bicentenaire der Französischen Revolution. Auf der Buchmesse fanden politische Podiumsdiskussionen mit den Titeln „Menschenrechte, Frauenrechte? “ und „Demokratie in der Antike, Demokratie in der Moderne“ statt. Eine Ausstellung in Frankfurt präsentierte Plakate internationaler Kampagnen für Menschenrechte, und im begleitenden Automne Français, dem französischen Programm kultureller Ereignisse in mehreren Städten der Bundesrepublik, wurden Ausstellungen zur Revolution von 1789 in den IF in München, Essen und Köln gezeigt. Dennoch standen das Buch, die Literatur und das Lesen in allen Bereichen im Zentrum des französischen Ehrengastauftritts: Laut Alain Lance war es das Ziel, das Buch in „seiner unersetzbaren Rolle als Kulturmittler“ (Institut français 1989) zu präsentieren. Über den Pavillon bleu, Frankreichs Ausstellungsbereich in der Kongresshalle der Messe, schreibt Marion Rütten in ihrer vergleichenden Darstellung des italienischen und französischen Auftritts Ende der 1980er Jahre: „Auf alles, was von den Büchern und der Literatur ablenken konnte, wurde bewusst verzichtet“ (Rütten 1999, 146). Wie die Bezeichnung Pavillon bleu schon ausdrückt, dominierte im Ehren‐ gastpavillon die Farbe Blau: an den Wänden, an den Präsentationskästen der Exponate in Form überdimensionaler Bücher sowie auf dem mit Konjugationen des französischen Verbs lire (lesen) bedruckten blauen Teppich. Wie Michel Pastoureau in seiner kulturgeschichtlichen Abhandlung über die Farbe Blau zeigt, entwickelte sich das Blau über die Jahrhunderte, schon vor der Einführung der Trikolore in den Tagen nach dem Sturm der Bastille während der Revolution von 1789, zur Nationalfarbe Frankreichs: Il y a ainsi au fil des siècles une continuité du bleu ‚français‘ […] parce que cet azur des armoiries royales est devenu dès le XIIIe siècle la couleur de la monarchie, puis à la fin du Moyen Âge, celle de l’État et du gouvernement, et enfin à l’époque moderne, celle de la Nation. […] C’est la Révolution qui en fait définitivement la couleur nationale. (Pastoureau 2000, 143-44) Frankreich wird insbesondere im Rahmen von Sportveranstaltungen - mit der Bezeichnung Les Bleus für seine Mannschaften -, aber auch darüber hinaus mit 186 3 Interaktionen literarischer Felder und die Frankfurter Buchmesse 136 Pierre Monnet im Gespräch am 3. April 2018, ab Minute 14: 30, Anhang 2b. der Farbe Blau assoziiert, und dies möglicherweise sogar stärker im Ausland als von den Französinnen und Franzosen selbst (vgl. Pastoureau 2000, 141), weshalb die Gestaltung des französischen Pavillons in der Nationalfarbe auf der international ausgerichteten Frankfurter Buchmesse 1989 als adäquate Lösung erschien. In der Erinnerung von Pierre Monnet handelte es sich beim Pavillon bleu um einen „espace assez ouvert, pas de compartimentage […] beaucoup d’espace de convivialité avec des tables basses, des fauteuils bas etc.“. 136 Wie von Journalis‐ tinnen und Journalisten mehrfach kommentiert, wurde dieser offene, in blaues Licht getauchte Raum auf der ansonsten hektischen Buchmesse als „Wohltat“ (Nürnberger Zeitung 1989) und „angenehmer, kühler Gegenpol“ (Haase 1989) wahrgenommen. Die verschiedenen Ausstellungen im französischen Pavillon widmeten sich insbesondere der Gegenwartsliteratur und Werken der Geistes- und Sozial‐ wissenschaften. Präsentiert wurden aktuelle Verlagsprogramme renommierter französischer Verlagshäuser, Literatur der petite édition ebenso wie die Ge‐ schichte der französischen Verlagslandschaft anhand einzelner Akteurinnen und Akteure. Dabei durften auch bedeutende Institutionen wie die Imprimerie Nationale sowie die BNF mit der Präsentation eines Modells des von Staatsprä‐ sident François Mitterrand 1988 angekündigten Bibliothekneubaus nicht fehlen, um das Prestige des französischen literarischen Feldes abzubilden. Mit derselben Intention lässt sich auch die Ausstellung von Gipsbüsten großer literarischer Persönlichkeiten wie Rabelais, Racine, Voltaire, Mirabeau, Balzac, Hugo, aber auch Jeanne d’Arc und Napoleon einordnen. Offiziell unterlag der französische Gastlandauftritt von 1989 den Prinzipien von Vielfalt und Aktualität eher als der Abbildung von Traditionen (vgl. Institut français 1989). Den Verantwortlichen ging es nicht darum, „ein ‚Ereignis Frank‐ reich‘ darzustellen“ (zitiert nach “Kultur geht eigene Wege” 1989, 2549), womit sie sich auch vom Auftritt Italiens im Jahr zuvor abgrenzen wollten. Während Angehörige der italienischen Buchbranche die „Showkultur und den Kitsch in der Gestaltung des italienischen Pavillons“ (Rütten 1999, 143) kritisierten, nahmen Publikum und Presse die aufwendige Selbstdarstellung Italiens mit Konstruktionselementen aus der Literaturverfilmung des Bestsellers Der Name der Rose von Umberto Eco größtenteils begeistert auf. In der Folge wurde der französische Ehrengastauftritt von der deutschen Presse als kälter, strenger, aber auch intellektueller rezipiert. Die Journalistinnen und Journalisten deklarierten den Auftritt als „eher konventionell“ (Kronsbein 1989), „bescheiden klein, ja 3.3 Der Ehrengastauftritt Frankreichs auf der Frankfurter Buchmesse 1989 187 137 Ähnlich äußerten sich auch Haase 1989 und Nürnberger Zeitung 1989. trist“ (Kinner 1989) und maßen ihm einen „Hauch von Harmlosigkeit“ (Nürn‐ berger Zeitung 1989) bei. Andere lobten die Konzentration der Ausstellung auf das Thema Literatur: „Wort und Schrift, nicht Bilderflut und kulinarische Kultur, standen im Vordergrund“ (Markgraf 1989). 137 Der Pavillon böte „kein[en] Star‐ kult, keine literarische Leistungsshow, sondern genaue Information“ (Campe 1989). Das vornehmlich intellektuelle Programm des französischen Ehrengastauft‐ ritts richtete sich im Wesentlichen an ein deutsches Publikum der ausgehenden 1980er Jahre, das Frankreich schätzte und gut kannte. Mehrere Generationen der deutschen Besucherinnen und Besucher der Buchmesse hatten Verbin‐ dungen nach Frankreich, sei es durch eigene Erfahrungen noch während des Krieges oder aber durch die entschiedene Jugendaustausch- und Städtepart‐ nerschaftspolitik der vorangegangenen Jahrzehnte. Aufgrund der besonderen Beziehungen zwischen den beiden Ländern bezeichnete man den Auftritt der Franzosen daher auch mit dem Stichwort Besuch der „Verwandten“ (Neue Ruhr Zeitung 1989). Viele Besucherinnen und Besucher der Buchmesse brachten Sprach- und entsprechende Vorkenntnisse zur französischen Literatur und Kultur mit. Wenn sich auch der Auftritt der Aktualität des französischen Literaturschaffens verpflichtet hatte, so war doch die Erinnerung an die großen Namen und geistig-literarischen Strömungen der Nachkriegszeit wie Existen‐ tialismus, Theater des Absurden und der Nouveau roman verantwortlich für die Attraktivität der französischen Präsentation für das deutsche und auch internationale Publikum. Die 63 anwesenden französischsprachigen Autorinnen und Autoren standen auf der Frankfurter Buchmesse 1989 im Mittelpunkt des gesamten Gastlandauft‐ ritts. Ihre Auswahl unterlag den Prinzipien von Aktualität und Vielfalt, um dem deutschen und internationalen Publikum neue literarische Strömungen vorstellen zu können. Die Werke etwa der Hälfte der eingeladenen Schriftstel‐ lerinnen und Schriftsteller waren bis dahin noch nicht ins Deutsche übersetzt. Alain Lance begründete die Auswahl folgendermaßen: „Wir setzen nicht auf Sensationen, sondern auf unbekannte Gesichter“ (zitiert nach Rehn 1989). So wollte man das Interesse der deutschen Buchbranche und des Publikums an aktueller französischer Literatur wecken und Übersetzungen ins Deutsche an‐ regen. Vom möglicherweise durch den Gastlandstatus ausgelösten gesteigerten Interesse profitierten allerdings weniger jene, die als „unbekannte Gesichter“ auf der Buchmesse präsent gewesen waren: Vor 1989 waren die Werke von 28 der eingeladenen 63 Schriftstellerinnen und Schriftsteller ins Deutsche übersetzt; 188 3 Interaktionen literarischer Felder und die Frankfurter Buchmesse 138 Anders als andere Podiumsdiskussionen aus dem französischen Programm wie etwa jene zu den Frauenrechten wurde diese Veranstaltung von der deutschen Presse in ihrer Berichterstattung nicht berücksichtigt, weshalb das Thema, Literatur und Frankophonie, über die Werke der einzelnen Schriftstellerinnen und Schriftsteller hinaus zum Zeitpunkt des Gastlandauftritts Frankreichs in der deutschen Öffentlichkeit wohl auch kaum Beachtung fand. eine Recherche im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek zeigte, dass in den Jahren nach dem Ehrengastauftritt 1989 die Werke von nur zehn weiteren der in Frankfurt anwesenden französischsprachigen Autorinnen und Autoren auf Deutsch veröffentlicht wurden. Zu den im deutschsprachigen Raum noch „unbekannten Gesichtern“ ge‐ hörten auch Schriftsteller und eine Schriftstellerin mit Wurzeln außerhalb Frankreichs, denn in der Programmplanung wurde dieser Aspekt auch beim französischen Ehrengastauftritt 1989 nicht ignoriert. Unter anderem war auch Tahar Ben Jelloun eingeladen, welcher frankophone Literatur von nicht fran‐ zösischen Schreibenden damals schon für in Frankreich allgemein anerkannt hielt: „Was halten die Franzosen von diesen Einflüssen? Gewiß nehmen sie diese Literatur mit Interesse und Sympathie auf “ (Ben Jelloun 1989). Dennoch spiegelte die Liste der nach Frankfurt Eingeladenen, die die fran‐ zösische Literatur repräsentieren sollten, wider, dass Themen wie Diversität, Literatur frankophoner Autorinnen und Autoren von außerhalb Frankreichs und auch Geschlechtergleichstellung bei der Auswahl der Repräsentantinnen und Repräsentanten noch weniger Berücksichtigung fanden. Nur ein Fünftel der Eingeladenen waren Frauen - zwölf -, im Vergleich zu 51 Schriftstellern. Zwölf Schreibende, die außerhalb Frankreichs geboren wurden und aus verschiedenen biographischen Gründen Französisch als ihre Literatursprache gewählt hatten, waren zur Frankfurter Buchmesse eingeladen, ohne dass dies im Rahmen des Auftritts explizit thematisiert worden wäre. Dies waren Tahar Ben Jelloun (Marokko), Édouard Glissant (Martinique), Jean Daive und Pierre Mertens (Bel‐ gien), Alfred Grosser und Joseph Rovan (Deutschland), Marek Halter (Polen), Edmond Jabès (Ägypten), Albert Memmi (Tunesien), Jean Métellus (Haiti) sowie als einzige weibliche Autorin mit außerfranzösischen Wurzeln Leslie Kaplan (USA). Wie die übrigen Eingeladenen veranstalteten sie Lesungen auf der Buchmesse oder an anderen Orten in Frankfurt. Einige von ihnen nahmen an der Podiumsdiskussion „Literatur und Frankophonie“ im Pavillon teil. 138 Wie aus der Aufzählung ersichtlich, stammte ein Großteil von ihnen - abgesehen von jenen aus westlich privilegierten Ländern - aus den traditionellen, gerade de‐ kolonisierten Gebieten, in denen Frankreich noch starke strategische Interessen 3.3 Der Ehrengastauftritt Frankreichs auf der Frankfurter Buchmesse 1989 189 verfolgte. Welch andere Herangehensweise an den Ehrengastauftritt fast 30 Jahre später gewählt wurde, wird nun in Kapitel 4 analysiert. 190 3 Interaktionen literarischer Felder und die Frankfurter Buchmesse 139 Ebenso wie Teile des Kapitels 3.3 wurden auch Teile des 4. Kapitels bereits in der Zeitschrift Lendemains veröffentlicht, vgl. Hertwig 2018b. 140 Zum Projekt Francfort en français auf der Frankfurter Buchmesse 2017 und seine Voraussetzungen gab der commissaire général Paul de Sinety Auskunft, vgl. Hertwig 2018a und die Transkription des Interviews im Anhang 2a (gekürzt). Hintergrundge‐ spräche zum französischen Ehrengastauftritt 2017 wurden außerdem unter anderem mit folgenden an der Organisation beteiligten Personen geführt: Louis Presset, Josselin Dufort, Capucine Valois, Ruedi Baur, Angelika Salvisberg, Valérie Meylan, Ludivine Jehin, Silvie Philippart de Foy, sowie mit Pierre Astier und Yannick Poirier zum Zustandekommen des Ehrengastauftritts (siehe Auflistung der geführten Interviews im Anhang 1). 4 Francfort en français 2017 139 Im Jahr 2017, beim zweiten französischen Ehrengastauftritt auf der Frank‐ furter Buchmesse, stellte das Organisationskomitee des Auftritts unter dem Motto Francfort en français die französische Sprache und damit auch Literatur von außerhalb Frankreichs in den Mittelpunkt. In diesem Kapitel wird nach einer Betrachtung des von Konflikten begleiteten Zustandekommens des zweiten französischen Gastlandauftritts (Kapitel 4.1) das Selbstverständnis des Projektes Francfort en français sowie der zeitgeschichtliche Kontext erläutert (Kapitel 4.2). Der internationale Charakter der Frankfurter Buchmesse als wichtigste Ver‐ anstaltung ihrer Art für den weltweiten Lizenzhandel bietet dem Gastland dank großer Medienaufmerksamkeit die Möglichkeit, einer breiten Öffentlichkeit auf internationaler Ebene und über die Akteurinnen und Akteure der Buchbranche hinaus ein Bild seiner Literatur und Kultur und damit des Landes zu vermitteln. Ausdruck findet dieses Bild in den Elementen, die einen Ehrengastauftritt bestimmen: in den Organisationsstrukturen, in der Gestaltung des Pavillons, in der Programmplanung (Kapitel 4.3) sowie in der Einladung von Autorinnen und Autoren in die offizielle Delegation, welche in Kapitel 5.2 ausführlich betrachtet wird. Neben eigener Beobachtung, offiziellen Publikationen und der Medien‐ berichterstattung stützen sich die Ausführungen dieses Kapitels insbesondere auf Interviews mit den an Francfort en français beteiligten Akteurinnen und Akteuren. 140 141 Formulierung von Beuve-Méry 2014. 4.1 Genese des französischen Ehrengastauftritts 4.1.1 „L’histoire d’une patate chaude“ 141 Wie bereits in Kapitel 3.1.2 beschrieben, basiert der Selektionsprozess der Frankfurter Buchmesse bezüglich ihrer Gastländer in den meisten Fällen auf den Bewerbungen oder Interessensbekundungen der jeweiligen Verlegerverbände oder staatlicher Institutionen. Dagegen wurde der Ehrengastauftritt Frankreichs 2017 seitens der Frankfurter Buchmesse vorangetrieben. Auf Wunsch der Mes‐ seleitung wurden Möglichkeiten eines zweiten französischen Gastlandauftritts sondiert und im Juli 2013 eine offizielle Einladung an die damalige französische Regierung unter Staatspräsident François Hollande sowie den französischen Verlegerverband SNE für eine Teilnahme als Ehrengast im Jahr 2017 ausgespro‐ chen. Die Frankfurter Buchmesse beabsichtigte, auf diese Weise „ein neues, verändertes Frankreich [zu] präsentieren, zusammen mit den Stimmen aus der gesamten Frankophonie und aus den Vorstädten, der Banlieue“ (Börsenblatt 2014). Lange Zeit erhielt die Messedirektion jedoch weder seitens der französischen Politik noch seitens des SNE eine Antwort auf die Einladung, bis sich der Pariser Buchhändler Yannick Poirier, der von der Angelegenheit erfahren hatte, am 9. September 2014 in einem offenen Brief im französischen Branchenmagazin Livres Hebdo an die Öffentlichkeit wandte. Yannick Poirier bezeichnete die Tat‐ sache, dass Frankreich der Frankfurter Buchmesse eine Antwort schuldig bleibe, als „triste affaire“ und begründete seine Veröffentlichung der Angelegenheit mit der Hoffnung, „[d‘]éviter une honte supplémentaire sur la scène internationale“ (Poirier 2014). Dem Geschäftsführer der Pariser Traditionsbuchhandlung Tschann zufolge biete die Teilnahme Frankreichs als Gastland auf der Frankfurter Buchmesse die Möglichkeit, die Vielfalt der französischen Buchproduktion zu zeigen, gerade einem jüngeren Publikum in den Bereichen Kinder- und Jugendliteratur und Comics, die für den internationalen Lizenzhandel französischer Verlage die umsatzstärksten Genres sind. Die Einladung der Buchmesse anzunehmen, bedeute außerdem, die deutsch-französischen Beziehungen als Basis für die Kooperation in Europa zu festigen. Vor allem könne Frankreich seinen Status als einzigartige Kulturnation bestätigen: 192 4 Francfort en français 2017 Se présenter à Francfort pendant la Foire du livre c’est rappeler et affirmer qu’en France le livre et l’écrit tissent avec nos institutions, notre culture et son peuple une histoire singulière et unique qui sont des facteurs majeurs d’unité et de rayonnement. Cette histoire singulière continue d’être exemplaire aux yeux de beaucoup d’autres pays européens, à commencer par l’Allemagne. […] Éclairer les qualités de notre pays à la lumière de l’écrit, c’est donner à l’Europe et au monde le signe de notre singularité dans le concert des nations. (Poirier 2014) Wie noch gezeigt wird, nahm Yannick Poirier mit seiner Argumentation zur Relevanz des französischen Ehrengastauftritts mit den Themen Kinder- und Jugendliteratur sowie Comics, den deutsch-französischen Beziehungen und Europa einige zentrale Achsen des Projektes Francfort en français vorweg, und betonte auch die Vorteile eines solchen Auftritts für die Außenwirkung und damit für die politischen Interessen Frankreichs. Aufgrund der ausbleibenden Reaktion auf die Einladung der Buchmesse vermutete Juergen Boos, dass „niemand in Frankreich bereit [sei], die Führung in Sachen Gastlandauftritt zu übernehmen. Es fehlt die wirkliche Begeisterung, die das Projekt voranbringen könnte“ (zitiert nach Börsenblatt 2014). Auch Yannick Poirier warf den zuständigen Institutionen - Élysée, Außen- und Kul‐ turministerium, aber auch dem Verlegerverband SNE - mangelnde Abstimmung vor (vgl. Poirier 2014). In ihrer Analyse der Angelegenheit in Bibliobs, der Literaturbeilage des wöchentlich erscheinenden Nachrichtenmagazins L’Obs, stellten Grégoire Leménager und Odile Benyahia-Kouider zwei Gründe für das Zögern auf französischer Seite heraus: Die Annahme des Ehrengastauftritts für das Jahr 2017 habe erstens für die aktuelle Regierung keinen politischen Gewinn zur Folge, da der Auftritt erst nach den nächsten Präsidentschaftswahlen in Frankreich im Frühjahr 2017 stattfinden sollte. Zweitens bestehe das Problem der Finanzierung einer solchen Gastlandpräsentation. Die Kosten für den Auftritt lägen bei 4 bis 8 Millionen Euro - in einer Zeit, in der insbesondere das Kulturministerium großangelegte Sparmaßnahmen durchführen musste (vgl. Leménager und Benyahia-Kouider 2014a). Nach den Recherchen von Grégoire Leménager und Odile Benyahia-Kouider seien die beiden Verbände SNE und BIEF um ihre Einschätzung gebeten worden. Diese hätten eine eher ablehnende Haltung eingenommen und ihre Bedenken geäußert, dass die Kosten für den Auftritt an anderer Stelle bei den staatlichen Fördermitteln für die Buchbranche eingespart werden könnten, sowie außerdem die positiven wirtschaftlichen Auswirkungen des Gastlandstatus für das franzö‐ sische Verlagswesen bezweifelt, da die französischen Verlage bereits jedes Jahr sehr stark auf der Frankfurter Buchmesse vertreten seien und die Lizenzverkäufe 4.1 Genese des französischen Ehrengastauftritts 193 nach Deutschland immer auf hohem Niveau stabil blieben (vgl. Leménager und Benyahia-Kouider 2014a und Börsenblatt 2014). Yannick Poirier kritisierte, dass der SNE davon ausgegangen sei, dass unter den französischen Verlagen aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage in den Vorjahren kein Interesse an dem Auftritt bestünde, und dass der Verband weder die eigenen Mitglieder noch andere Akteurinnen und Akteure der Buch‐ branche wie die Autorinnen und Autoren zu ihrer Haltung gegenüber dem Gast‐ landauftritt befragt habe (vgl. Poirier 2014). Dies bestätigen auch die Recherchen von Grégoire Leménager und Odile Benyahia-Kouider, nach denen sich wichtige Persönlichkeiten der französischen Buchbranche wie der Verleger Antoine Gallimard über die Situation verärgert gezeigt und den Präsidenten des SNE und des BIEF mangelnde Weitsicht vorgeworfen hätten. Andere Stimmen aus dem Verlagswesen äußerten sich demnach zuversichtlich, dass eine Teilfinanzierung des Ehrengastprojektes durch Sponsoring keine Hürde darstelle sowie die zu erwartenden positiven wirtschaftlichen Effekte eines Gastlandauftritts ein minimales Engagement seitens der Verlage berechtigt erscheinen ließen (vgl. Leménager und Benyahia-Kouider 2014a und Leménager und Benyahia-Kouider 2014b). In seinem offenen Brief appellierte Yannick Poirier an die französischen Verlegerinnen und Verleger daher, sich für eine Annahme der Einladung nach Frankfurt einzusetzen und die Politik zur Umsetzung aufzufordern. Es ließen sich geeignete Maßnahmen auf den Weg bringen, auch aus der Wirtschaft und Zivilgesellschaft Partnerorganisationen zu gewinnen, die aufgrund ihres eigenen Interesses an der Präsentation Frankreichs als Ehrengast gemeinsam mit staatlichen Institutionen für die Kosten des Auftritts aufkommen könnten (vgl. Poirier 2014). Als Reaktion auf den offenen Brief Yannick Poiriers und die anschließende öffentliche Diskussion veröffentlichte der SNE eine Pressemitteilung, die die Ehre der Einladung und die positive Einstellung des Verbandes gegenüber einem französischen Gastlandauftritt zum Ausdruck brachte, jedoch jede Ent‐ scheidungsfähigkeit und jeden Finanzierungsbeitrag von sich wies und die zuständigen Ministerien zum Handeln aufrief: Ils [les éditeurs] espèrent que l’Etat appréciera à sa juste valeur cette prestigieuse invitation et qu’il y répondra favorablement, en décidant d’attribuer des moyens exceptionnels à cet évènement, qui contribuerait au rayonnement culturel de la France et de la francophonie. (Syndicat national de l’édition 2014) Die französische Tageszeitung Le Monde bezeichnet die Situation als peinlich für das Verhältnis zu Deutschland und urteilt über die Verantwortlichkeiten: „C’est l’histoire d’une patate chaude que les pouvoirs publics et les éditeurs 194 4 Francfort en français 2017 essaient tant bien que mal de se repasser“ (Beuve-Méry 2014). Auch die Frank‐ furter Allgemeine Zeitung berichtete über das „immer grotesker werdende[…] deutsch-französische[…] Psychodrama über die seit Monaten unbeantwortete Einladung an Frankreich, 2017 als Gastland zur Buchmesse nach Frankfurt zu kommen“ (Altwegg 2014, 11) und vermutete einen Zusammenhang zu den aktuellen generellen Unstimmigkeiten zwischen beiden Ländern bezüglich ihrer Wirtschaftspolitik. Aufgrund der ausbleibenden Antwort rechnete die Frankfurter Buchmesse im September 2014 schon mit der Absage Frankreichs für 2017 und der Verschie‐ bung eines möglichen französischen Auftritts auf ein späteres Jahr. Zum selben Zeitpunkt waren daher die Verhandlungen mit mexikanischen Institutionen für einen Gastlandauftritt Mexikos im Jahr 2017 bereits weit fortgeschritten. In einem Interview mit Bibliobs bat Juergen Boos am 17. September 2014 im Interesse anderer Kandidaten, das heißt Mexikos, und mit dem Hinweis auf die benötigte minimale dreijährige Vorbereitungszeit eines Auftritts um eine rasche endgültige Antwort Frankreichs: Nous avions laissé ouvert 2017 pour laisser le temps à la France de réfléchir. Nous avons cependant besoin d’un signal fort très prochainement, nous devons avancer. Si la France dit non, ce ne sera pas un drame, car nous avons d’autres candidats. Par respect pour eux ce serait bien d’avoir une réponse. (zitiert nach Benyahia-Kouider 2014) Die endgültige und schließlich doch positive Antwort Frankreichs ließ nach den öffentlichen Debatten nicht lange auf sich warten: Während seines Antrittsbe‐ suchs bei der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel am 24. September 2014 in Berlin nahm der französische Premierminister Manuel Valls die Einladung offiziell an und erklärte: „[l]a France accept[e] avec enthousiasme d’être l’invitée d’honneur de la Foire du Livre de Francfort en 2017. […] C’est un rendezvous important pour la France“ (zitiert nach Leménager und Benyahia-Kouider 2014b). In diesem Fall hatte sich also die Entscheidung der Frankfurter Buchmesse über ihre Gastländer auf höchste politische Ebene verschoben, und veranschau‐ licht auf diese Weise ein weiteres Mal die Verflechtungen des politischen mit dem literarischen Feld. Die letztliche Unvermeidbarkeit einer Zusage Frankreichs für den Gastlandauftritt in Frankfurt war nach den öffentlichen Debatten nicht nur in der Gesichtswahrung der französischen Seite im Hin‐ blick auf die deutsch-französischen Beziehungen begründet, sondern auch in dem Erfordernis für das sogenannte Tandem Frankreich und Deutschland, angesichts zunehmender Spannungen auf europäischer Ebene Verbundenheit 4.1 Genese des französischen Ehrengastauftritts 195 142 Zu den mexikanischen Reaktionen auf die Absage der Frankfurter Buchmesse, vgl. Bosshard 2019. zu demonstrieren. Diese Verknüpfung von Politik und Kultur wurde auch unter den Akteurinnen und Akteuren des internationalen literarischen Feldes wahrgenommen. Befragt nach seiner Einschätzung der Gründe für den Vorzug Frankreichs als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2017 und die Absage an Mexiko stellte der Präsident des mexikanischen Verlegerverbandes Cámara Nacional de la Industria Editorial Mexicana (CANIEM), Carlos Anaya, im Rückblick dazu fest: Teníamos muy claro que, aunque habíamos sido invitados, al final las ferias del libro se vuelven espacios políticos y que indudablemente el que Francia apareciera, tenía un interés al primer nivel. Osea, a Angela Merkel, al presidente de Francia […] porque tenían que dar una imagen. […] Aunque se decidió antes de la salida de Gran Bretaña […], hay que hablar de esto. […] México no cabía en ese espacio, no tenía ningún discurso por el cual fuera importante la participación de México. Ésa fue la razón. 142 (zitiert nach Bosshard 2019, 101) Wie Marco Thomas Bosshard konstatierte, nutzte Manuel Valls die Ankündi‐ gung, Frankreich werde die Einladung der Buchmesse annehmen, auch für seine Person, um sich bei seinem ersten internationalen Auftritt als französischer Premierminister als neuer Akteur im politischen Feld zu positionieren und seinen Vorteil aus dem symbolischen Kapital der Frankfurter Buchmesse als Institution der internationalen Kulturbeziehungen zu ziehen (vgl. Bosshard 2019, 100). Die Diskussion über den Nutzen des Auftritts für das französische Verlags‐ wesen und seine Finanzierung hielt aber auch nach der Zusage des Premiermi‐ nisters an: Pour l’édition française, c’est sûrement une bonne nouvelle. Pour les éditeurs, il y en a cependant une moins bonne: c’est que le Premier ministre, n’ayant pas voulu dire quelle serait la participation de l’Etat dans l’affaire, compte bien sur leur contribution pour financer le tout. (Leménager und Benyahia-Kouider 2014b) Bezüglich der Finanzierung schlug der französische Literaturagent Pierre Astier vor, den Auftritt auf die französische Sprache auszuweiten: Dans ce cas la Suisse, la Belgique et beaucoup de pays d’Afrique pourraient aussi participer financièrement. Le marché s’organise par langue aujourd’hui, plus seulement par pays. Quand l’Allemagne participe à un salon, elle le fait souvent avec la Suisse et l’Autriche. (zitiert nach Leménager und Benyahia-Kouider 2014b) 196 4 Francfort en français 2017 143 Zur Reform der französischen Außenkulturpolitik im Jahr 2010, vgl. zum Beispiel Lane 2016 und Malinas 2012. Jean Mattern, zu jenem Zeitpunkt verantwortlich für fremdsprachige Literatur bei Gallimard, warnte ebenfalls davor, den Ehrengastauftritt in Frankfurt auf seine deutsch-französische Dimension zu beschränken. Wirtschaftlich profi‐ tieren könne die französische Buchbranche darüber hinaus auch auf interna‐ tionaler Ebene: „Francfort est une vitrine internationale, avec des milliers d’exposants venus du monde entier“ (zitiert nach Leménager und Benyahia- Kouider 2014b). Im Juni 2015 bekräftigte Frankreich schließlich formell die Teilnahme als Gastland auf der Frankfurter Buchmesse 2017. In Anwesenheit politischer Repräsentantinnen und Repräsentanten - Frankreichs damalige Ministerin für Kultur und Kommunikation Fleur Pellerin sowie Olaf Scholz, zu jener Zeit Bevollmächtigter der Bundesrepublik Deutschland für deutsch-französische Kulturbeziehungen - unterzeichneten Anne Tallineau als Vertreterin der ver‐ antwortlichen Organisation, des IF, und Juergen Boos, Direktor der Buchmesse, den Vertrag über die Teilnahme Frankreichs als Ehrengast. Gleichzeitig gaben sie die Einrichtung eines Organisationskomitees unter Leitung von Paul de Sinety bekannt, der als commissaire général das Projekt inhaltlich gestalten und die Beteiligung verschiedener Partnerinstitutionen koordinieren sollte (vgl. Börsenblatt 2015). Die Anwesenheit der politischen Repräsentantinnen und Repräsentanten aus dem Bereich der Kultur und der deutsch-französischen Kooperation betonte die aktive Zusammenarbeit der beiden Staaten in der Kulturpolitik - darunter besonders in der Buchpolitik -, welche sich etwa in der auf europäischer Ebene gemeinsam vertretenen Haltung zum Beispiel in Fragen des Urheberrechts und der Besteuerung von ebooks manifestiere. Der französische Ehrengastauftritt in Frankfurt sollte diese Kooperation festigen (vgl. Börsenblatt 2015). 4.1.2 Francfort en français als Projekt der französischen Außenkulturpolitik Die Wahl des IF als ausführende Institution des französischen Ehrengastauftritts erklärt sich bei der Betrachtung seiner Funktion und Verortung in der Außenkul‐ turpolitik Frankreichs. Infolge einer Reform der Strukturen der französischen auswärtigen Kulturpolitik im Jahr 2010 wurde das übergeordnete IF in Paris als Kulturagentur mit der Aufgabe gegründet, die strategische Ausrichtung der Außenpolitik umzusetzen. 143 Angesiedelt unter der Kontrolle des Außensowie 4.1 Genese des französischen Ehrengastauftritts 197 144 Diese Institutionalisierung begann mit der Gründung der Alliance française 1883 mit dem Auftrag, die französische Sprache zu verbreiten und zu fördern. Eine kurze Zusammenfassung der Geschichte der französischen diplomatie culturelle vom 16. bis zum Beginn des 21.-Jahrhunderts findet sich bei Lane 2016, 15-26. des Kulturministeriums ist das IF ein Instrument der sogenannten diplomatie d’influence Frankreichs. Diese wird als „[f]orme de diplomatie privilégiant le pouvoir de convaincre et utilisant tous types de réseaux et de relations personnelles“ (Legifrance 2012) definiert und beschreibt - analog zur soft power, begrifflich geprägt von Joseph S. Nye für die Außenpolitik der USA (Nye 2004) - Maßnahmen, die auf die positive Wahrnehmung eines Staates im internationalen Kontext und damit die Verteidigung seiner Interessen zielen, um auf diese Weise den möglichen Verlust von hard power, das heißt politischer und insbesondere militärischer Macht, zu kompensieren. Über die klassische Kulturdiplomatie hinaus handelt es sich bei der diplomatie d’influence um ein breiteres Ensemble an Aktivitäten, welches den Zuständen der internationalen Beziehungen in Zeiten der Globalisierung Rechnung tragen und etwa auch Informations- und Kommunikationstechnologien sowie die Wissenschaft ein‐ beziehen müsse (vgl. Lane 2016, 10). Die gegenwärtige französische diplomatie d’influence steht in der langen Tradition der Kulturdiplomatie des französischen Staats seit der Zeit des Ancien Régime und ihrer Institutionalisierung im 19. Jahrhundert. 144 Bis in die 1970er Jahre spielte der Austausch mit anderen Kulturen darin keine Rolle. Über diesen Austausch definiert sich heute aber das IF als Akteur der französischen diplomatie d’influence, dessen generelle Funktion es ist, „[de] contribue[r] au rayonnement de la France à l’étranger dans un dialogue renforcé avec les cultures étrangères et répond[re] à la demande de France dans une démarche d’écoute, de partenariat et d’ouverture“ (Website France Diplomatie). Der Be‐ griff influence ist dabei nicht als einseitiges Handeln gedacht, sondern impliziert immer auch Dialog, Solidarität und Empathie, so dass sich die französische diplomatie d’influence als Alternative zur angloamerikanischen kulturellen Do‐ minanz in Zeiten der Globalisierung und die französische kulturelle Produktion als Gegenangebot zum amerikanischen Kulturimperialismus versteht (vgl. Pam‐ ment 2013, 15). Der Begriff rayonnement culturel ist dagegen im französischen Diskurs weiterhin gebräuchlich und drückt den Anspruch Frankreichs aus, als bedeutender globaler Akteur wahrgenommen zu werden, indem Kultur als wichtigster Faktor für die Sicherung des Einflusses eingesetzt wird (vgl. Steinkamp 2012, 134). Nach eigener Darstellung gehören zu den konkreten Zielen des IF unter anderem Aktivitäten, welche internationalen künstlerischen Austausch und 198 4 Francfort en français 2017 kulturellen Dialog fördern, französische geistige Werke verbreiten, die Verbrei‐ tung und das Erlernen der französischen Sprache fördern, sowie im Sinne und für die kulturelle Vielfalt zu handeln, insbesondere auf europäischer Ebene und gemeinsam mit europäischen Partnern (vgl. Website Institut français, „Nos Actions“). Diesen Aktivitäten konnte der französische Ehrengastauftritt auf der Frankfurter Buchmesse 2017 zugerechnet werden. Weitere dem IF zugeordnete Aufgaben stehen im Zusammenhang mit Elementen, die über diese primär gesamtfranzösischen Interessen hinausreichen und ebenfalls in das Projekt des Gastlandauftritts integriert wurden: Dazu gehörten die Bestrebungen, die Aktivitäten französischer Gebietskörperschaften auf internationaler Ebene zu koordinieren und zu fördern sowie die Entwicklung des Kultursektors der Länder im globalen Süden zu unterstützen (vgl. Website Institut français, „Nos Actions“). Für die Umsetzung seiner Aktivitäten kooperiert das IF mit dem kultur‐ ellen Netzwerk im Ausland aus den jeweiligen lokalen IFs und den Alliances françaises. So war auch beim Ehrengastauftritt auf der Frankfurter Buchmesse das IF d’Allemagne - dieses wiederum der Französischen Botschaft in Berlin unterstellt - mit seinen lokalen Einrichtungen stark in die Planung und Koor‐ dination des Programms eingebunden. Die zentrale Organisation des franzö‐ sischen Ehrengastauftritts durch das übergeordnete IF in Paris verdeutlicht jedoch die Wahrnehmung seiner Bedeutung als Instrument der diplomatie d‘influence und als kulturelles Prestigeprojekt. Ein einzelnes Kulturinstitut hätte für dessen Umsetzung auch kaum die finanziellen und personellen Kapazitäten zur Verfügung stellen können (zumal das lokale Institut in Frankfurt kein IF im klassischen Sinne ist, sondern das Forschungszentrum Institut Franco-Allemand de Sciences Historiques et Sociales): Francfort en français galt als das „wichtigste und größte Kulturprojekt, das Frankreich jemals mit Partnern in Deutschland umgesetzt hat“ (Frankfurter Buchmesse 2017b). Ein Jahr vor dem Auftritt, im Oktober 2016, besuchte der französische Premierminister Manuel Valls die Frankfurter Buchmesse. Im Rahmen dieses Besuchs fand die erste Präsentation des Projektes Francfort en français statt, bei der die Entscheidung, die französische Sprache und die französischsprachige Literatur in den Mittelpunkt des Auftritts zu stellen, sowie die Leitthemen Innovation, Französisch als Sprache des Wissensaustauschs und der Gastfreund‐ schaft sowie Belebung des deutsch-französischen Kulturaustauschs über die Jugend bekanntgegeben wurden (vgl. Frankfurter Buchmesse 2016). Manuel Valls konzentrierte sich in seiner Rede vor der Presse, aber auch vor anwesenden deutschen sowie französischen politischen Vertreterinnen und Vertretern darauf, die Bedeutung des französischen Ehrengastauftritts 4.1 Genese des französischen Ehrengastauftritts 199 für Deutschland und Frankreich herauszustellen. Er sprach sich insbesondere für die Notwendigkeit aus, die Begeisterung für den deutsch-französischen kulturellen Austausch und die europäische Idee bei der Jugend neu zu entfachen: Et je crois qu’il faut redonner envie de France à la jeunesse allemande… et envie d’Allemagne à la jeunesse française. Car la force des liens qui unissent nos Nations vient de là, de cet intérêt mutuel, de cette conscience d’un patrimoine partagé, d’une culture commune et d’une création qui nous rapproche. Et si nous n’y prenons pas garde, nos sociétés, nos peuples, nos jeunesses peuvent s’éloigner. Bien sûr, la relation politique, la relation économique sont essentielles, mais elles ne suffiront pas à promouvoir, à garder la force du couple franco-allemand, s’il n’y a pas ce travail de rapprochement des peuples, de nos cultures, et d’abord de nos jeunesses. (Service d’information du Gouvernement de la France 2016) In seiner mehrstufig aufgebauten Argumentation zeigte Manuel Valls zunächst die Vorteile des Projektes Francfort en français für Frankreich und seine Verlags‐ branche auf, um dann seine zu erwartende positive Wirkung für die deutschfranzösische Kooperation in Fragen der Kultur, am Beispiel konkreter Projekte, aber auch erneut im Hinblick auf gemeinsame Positionen hinsichtlich der EU- Gesetzgebung zum Urheberrecht oder zum Umgang mit Online-Vertriebsplatt‐ formen, zu loben (vgl. Service d’information du Gouvernement de la France 2016). Entgegen des - zunächst in seiner das Verlagswesen betreffenden ökonomi‐ schen Konsequenz formulierten - Einwandes Jean Matterns, den französischen Ehrengastauftritt auf eine deutsch-französische Perspektive zu reduzieren, veranschaulichte die Rede Manuel Valls‘ die eindeutige Priorisierung dieses Topos für das politische Feld. Trotz der zeitlich unmittelbar vorausgegangenen Präsentation des Ehrengastprojektes mit seinem Motto Francfort en français und seiner Ausrichtung auf frankophone Literatur, nahm diese, ebenso wie die politische Dimension der Frankophonie, keinerlei Raum in Manuel Valls‘ Rede ein (vgl. Bosshard 2019, 103). Eine Bemerkung des französischen Premierministers zur Bedeutung der Investition in die Kultur birgt angesichts der anfänglichen Konflikte um die Finanzierung des Ehrengastauftritts, die ebenfalls Ausdruck der Zurückstellung kultureller Projekte waren, eine gewisse Ironie: Nous voyons bien qu’il y a toujours cette tendance face à l’urgence du moment, aux crises géopolitiques, économiques, sociales, à reléguer la culture au second plan. A court terme, les conséquences ne sont pas visibles … quoi que ! Mais ce qui est sûr, c’est que ne pas investir dans la culture, c’est, à long terme, nous appauvrir, nous assécher. La culture - c’est tellement évident - est un besoin vital pour les individus, 200 4 Francfort en français 2017 un besoin d’abord d’émotions, de découverte, d’évasion, de rencontre avec soi-même, mais surtout avec les autres. (Service d’information du Gouvernement de la France 2016) Schließlich setzte sich das Budget des Kulturprojektes Francfort en français zu 70 Prozent aus Staatsgeldern zusammen, größtenteils aus Beiträgen des franzö‐ sischen Ministeriums für Kultur und Kommunikation sowie des französischen Außenministeriums. Außerdem wurde der Ehrengastauftritt durch Sponsoring, dem sogenannten Club des partenaires unter dem Vorsitz der französischen Großbank BNP Paribas, und durch weitere französische (u. a. collectivités territoriales) sowie auch internationale institutionelle Partner frankophoner Regionen finanziell unterstützt. Wie Paul de Sinety, commissaire général des Projektes, gegenüber L’Express erklärte, entsprach das Budget von unter fünf Millionen Euro „à un budget raisonnable par rapport à l’importance de l’invitation et des programmations culturelles prévues. Le Brésil ou la Chine ont dépensé trois, voire quatre fois plus. On est plutôt dans la fourchette basse“ (zitiert nach Payot 2016). Corinna Norrick-Rühl stellt einen Vergleich der Budgets sowie Ausgaben für Überset‐ zungsförderung der Ehrengastauftritte 2009 bis 2019 auf (vgl. Norrick-Rühl 2020). Demnach lag das durchschnittliche Budget der Gastländer zwischen 2011 und 2019 (im direkten Vergleich ohne Berücksichtigung der Inflation) bei ca. 6,5 Millionen Euro. Brasilien gab mit zehn Millionen US-Dollar für seinen Auftritt 2013 und mit 35 Millionen US-Dollar für ein Übersetzungsförderungsprogramm bis ins Jahr 2020 in absoluten Zahlen am meisten aus. Die staatlichen Ausgaben der einzelnen Länder für Übersetzungsförderung anlässlich ihrer Auftritte auf der Frankfurter Buchmesse direkt zu vergleichen, gestaltet sich schwierig, da unterschiedliche oder gar keine Angaben über den Verteilungszeitraum oder die Summe der Förderung gemacht werden. Auffällig ist, dass das Budget bei Ländern wie Brasilien und etwa auch einem kleinen Land wie Georgien relativ hoch liegt, was möglicherweise damit begründet werden kann, dass diese Länder für den Ehrengastauftritt auf der Frankfurter Buchmesse eigens Strukturen und Institutionen schaffen, wie im Fall Georgiens das Georgian National Book Center (GNBC). Ein Beispiel soll an dieser Stelle noch genannt werden, um Ähnlichkeiten westeuropäischer Länder aufzuzeigen: Finnland gab für die Planung seiner Gastlandpräsentation 2014 vier Millionen Euro aus und stellte 720.000 Euro für die Förderung von Übersetzungen im Vorjahr des Auftritts zur Verfügung. Frankreichs Budget bestand aus 4,8 Millionen Euro. Die Summe der Übersetzungsförderung des CNL lag im Jahr des Auftritts 2017 bei 627.380 Euro (dazu addieren sich allerdings noch die Fördersummen der ebenfalls staatlichen Förderprogramme des IF) (vgl. „Bilan des aides 2017“, Centre national du livre). 4.1 Genese des französischen Ehrengastauftritts 201 In der Folge der Klärung der Finanzierung und der Vorstellung des Konzeptes zu Francfort en français ein Jahr vor der Umsetzung erklärte Paul de Sinety be‐ züglich der konfliktreichen Vorgeschichte des französischen Ehrengastauftritts: „Ça, c’est de l’histoire ancienne. C’est même oublié en France, tous les acteurs sont très mobilisés et enthousiastes“ (zitiert nach Payot 2016). 4.2 Selbstverständnis und zeitgeschichtlicher Kontext Die Diskussion um eine Teilnahme Frankreichs als Gastland auf der Frankfurter Buchmesse 2017 und die Vorbereitung des Auftritts fielen in eine Zeit, die geprägt war von globalen und europäischen Herausforderungen, wie sie auch Manuel Valls in seiner Rede auf der Frankfurter Buchmesse im Vorjahr des Auf‐ tritts benannte: terroristische Bedrohung, Migrationsbewegungen, das Brexit- Referendum, das Wiedererstarken des Nationalismus sowie Konfrontationen zwischen globalem Süden und globalem Norden (vgl. Service d’information du Gouvernement de la France 2016). Im Folgenden wird das Selbstverständnis und Gesamtkonzept des Ehrengastauftritts Francfort en français auf der Frankfurter Buchmesse 2017 charakterisiert und in seinen zeitgeschichtlichen Kontext eingeordnet. 4.2.1 Die französische Sprache: Symbol der französischen kulturellen Identität Im Zusammenhang mit dem ersten Ehrengastauftritt Frankreichs auf der Frank‐ furter Buchmesse schrieb Tahar Ben Jelloun bereits 1989 von der Bereicherung, die die französische Sprache und Literatur durch französischsprachige Auto‐ rinnen und Autoren aus anderen (frankophonen) Regionen erfahre: Das Französische wird reicher, weil es in seltsame Erinnerungen aus Verzweiflung und Ruin eintaucht, Erinnerungen, die durch Elendsviertel, düstere Gelände und dunkle Gassen, das Meer des Mangels und der Hoffnung streifen. Diese jungen Dichter sorgten für neuen Schwung, frisches Blut, führten es der französischen Sprache und Literatur mit Ungestüm und Großzügigkeit zu, die von der Suche des Nouveau roman schier ausgetrocknet war. (Ben Jelloun 1989) Anlässlich des Ehrengastauftritts 2017 entschieden sich die Organisatorinnen und Organisatoren, diesen Reichtum und die Vielfalt der Literatur in französi‐ scher Sprache zu würdigen und dies ganz zentral im Motto, Francfort en français und nicht etwa La France à Francfort, auszudrücken. 202 4 Francfort en français 2017 Der französische Ehrengastauftritt von 2017 verknüpfte kulturelle, politische und ökonomische Ziele. Es gab zunächst einmal das Anliegen, die deutschfranzösischen Beziehungen im Kulturbereich zu erneuern, hinsichtlich neuer Wege des Austauschs und der Einbeziehung neuer Generationen von Kultur‐ schaffenden und Intellektuellen. Außerdem sollte Francfort en français die französische verlegerische Vielfalt und Innovation würdigen und sie bewerben, denn mit der Präsentation auf der Frankfurter Buchmesse verbanden sich selbst‐ verständlich auch ökonomische Interessen der französischen Verlagsbranche. Dazu gehörte die akzentuierte Präsentation junger, innovativer Verlagszweige wie Comics und Graphic Novels sowie Kinder- und Jugendliteratur - Bereiche der französischen Verlagslandschaft, die speziell seit dem ersten Auftritt in Frankfurt 1989 eine rasante Entwicklung und internationale Anerkennung erfahren hatten. Dafür sprachen schon die ökonomischen Erfolge dieser Sparten im Lizenzverkauf für Übersetzungen, der auf der Frankfurter Buchmesse eine große Rolle spielt. Darüber hinaus hatte das Projekt die Intention, die Einladung zur Buchmesse auf die französische Sprache auszuweiten, [pour] interroger cette langue française à partir des questions d’hospitalité et d’accueil, et promouvoir l’extraordinaire richesse éditoriale qui existe aujourd’hui dans le domaine de l’édition avec des auteurs francophones venus du monde entier, pour faire découvrir au public en Allemagne et à l’international l’exceptionnelle diversité éditoriale francophone d’aujourd’hui. (Paul de Sinety zitiert nach Hertwig 2018a, 131) Diese transnationale Ausrichtung des Projektes war für die Organisatorinnen und Organisatoren unumstritten: „C’était une évidence“ (Paul de Sinety zitiert nach Hertwig 2018a, 131). Zur Darstellung der Vielfalt des französischspra‐ chigen Verlagswesens gehörte es auch, den Ehrengastauftritt nicht allein den mächtigsten Akteurinnen und Akteuren des französischen literarischen Feldes zu überlassen. Für Paul de Sinety war es wichtig, „[d‘]éviter de faire de cette invitation un festival germanopratin“ (zitiert nach Hertwig 2018a, 131), indem Akteurinnen und Akteure aus anderen Regionen sowie Vertreterinnen und Vertreter weniger klassischer Genres wie etwa dem Comicsektor in das Projekt eingebunden wurden. Zum erhöhten Bewusstsein für das Thema Literatur in französischer Sprache und die Wahrnehmung ihrer Verbundenheit hatte in den fast dreißig Jahren zwi‐ schen den französischen Gastlandauftritten unter anderem die Veröffentlichung 4.2 Selbstverständnis und zeitgeschichtlicher Kontext 203 145 Siehe hierzu Kapitel 3.2.1. des Manifestes Pour une littérature-monde en français im Jahr 2007 geführt. 145 Francfort en français stützte sich nicht in seiner offiziellen Kommunikation auf das Manifest, ernannte aber beispielsweise seinen prominenten Unterzeichner Alain Mabanckou als einen der literarischen Berater des Projektes. Eines der zentralen Leitworte des französischen Ehrengastauftritts war hos‐ pitalité, Gastfreundschaft, „action de recevoir et d’héberger qqn. chez soi, par charité, liberalité, amitié“ (Lambrechts 2003, 733), mit deren Motiven sich das Projekt identifizierte: Wie Frédéric Boyer, der zweite literarische Berater des Projektes erklärte, sollte Francfort en français unter dem Leitgedanken der Gast‐ freundschaft eine „signification généreuse, d’ouverture, d’accueil des cultures et des langues entre elles“ (Boyer 2017, 7) erhalten. Als Gastland definierte Frank‐ reich sich als Gast (und dankte der Frankfurter Buchmesse und Deutschland für diese Ehre und ihre Gastfreundschaft, vgl. Le Drian 2017), gleichzeitig aber die französische Sprache und das Projekt Francfort en français auch als Gastgeber - für beides steht im Französischen der polysemantische Begriff hôte. Mit der Erweiterung der Einladung auf die französische Sprache und auf Französisch verfasster Literatur ermöglichte es Francfort en français nicht nur frankophonen Autorinnen und Autoren mit einer anderen Nationalität als der französischen nach Frankfurt zu kommen, sondern lud auch andere frankophone Länder bzw. Regionen dazu ein, sich am Ehrengastauftritt zu beteiligen. So wurde Francfort en français selbst zu einer Art Gastgeber. Diese Einladung nahmen die frankophone Schweiz, das Großherzogtum Luxemburg, das französischspra‐ chige Belgien sowie die OIF an. In Aussicht auf den geplanten (und schließlich aufgrund von COVID-2019 verschobenen) Ehrengastauftritt Kanadas auf der Frankfurter Buchmesse 2020 beteiligte sich die frankophone Region Québec nicht an diesem Kulturprojekt. Insgesamt waren auf institutioneller Ebene somit fast ausschließlich frankophone Gebiete Europas offiziell vertreten. Über die Symbolisierung von Gastfreundschaft und Weltoffenheit hinaus hatte die transnationale Ausrichtung von Francfort en français vermutlich auch ökonomische Motive. Indem man die Einladung auf die Literatur in französi‐ scher Sprache ausweitete, konnten sich auch finanzkräftige frankophone Länder wie die Schweiz, Belgien und Luxemburg an den Kosten des Auftritts beteiligen, wie Marco Thomas Bosshard mit Blick auf die zögerliche Entscheidung Frank‐ reichs für den Ehrengastauftritt konstatierte (vgl. Bosshard 2018, 26-27 und ausführlicher Bosshard 2019). Um daran zu erinnern, dass die französische Sprache allen gehört und sich durch den Kontakt mit anderen Sprachen verändert und bereichert wird, berief 204 4 Francfort en français 2017 146 Zu den Unterzeichnerinnen und Unterzeichnern gehören einige, die bereits das Mani‐ fest Pour une littérature-monde en français aus dem Jahr 2007 unterstützt hatten, wie Alain Mabanckou, Boualem Sansal, Abdourahman A. Waberi, und JMG Le Clézio, sowie Autorinnen und Autoren, die im Rahmen des Ehrengastauftritts an der Frankfurter Buchmesse teilnahmen, aber auch solche, die an dem Projekt Francfort en français nicht direkt beteiligt waren, vgl. Francfort en français 2017b, 9. sich das Projekt Francfort en français unter anderem auf den Philosophen Paul Ricœur: „Hospitalité où le plaisir d’habiter la langue de l’autre est compensé par le plaisir de recevoir chez soi, dans sa propre demeure d’accueil, la parole de l’étranger“ (Ricœur 2004, 20). Auf dieses Zitat von Paul Ricœur nahm auch eine im Rahmen des Ehrengastauftritts im offiziellen Pressedossier ver‐ öffentlichte Erklärung von 52 auf Französisch schreibenden Autorinnen und Autoren Bezug. 146 Die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner erklärten, in ihrem Umgang mit der französischen Sprache deren Gastfreundschaft ehren zu wollen: [N]ous nous sentons invités à dire aujourd’hui que la langue française appartient à tous, et qu’elle n’existe que des emprunts, des traductions qu’elle a pu faire, autant que de tous les autres qu’elle a pu rencontrer et qui l’ont fait grandir. Nous nous sentons invités à prendre et accueillir dans nos mots, dans nos langues imparfaites et inachevées, tout ce que les autres ont pu dire et écrire, comme tout ce qui est écrit aujourd’hui et qui reste encore à écrire. (Francfort en français 2017b, 9) Die einleitenden Worte im Pressedossier zu Francfort en français gaben der Erklärung eine zusätzliche politische Konnotation, indem erklärt wurde, dass der französische Ehrengastauftritt auch eine Gelegenheit darstelle, „über Will‐ kommenskultur, gegenseitiges Verständnis und über die Werte und Konflikte von Gesellschaften […], denen Demokratie oder Freiheit vorenthalten werden“ (Francfort en français 2017b, 9) zu diskutieren. Damit lässt sich die Erklärung - ob von den Schriftstellerinnen und Schriftstellern so intendiert oder nicht - auch als Aufruf zur Gastfreundschaft der französischen bzw. europäischen Gesellschaft, als Kommentar zum Erstarken des Rechtspopulismus und dessen Ablehnung von Migrantinnen und Migranten in Europa, lesen. Francfort en français interpretierte auch das Übersetzen als Ausdruck von Gastfreundschaft und widmete dem Thema viel Raum: La langue française y est généreusement accueillie [Anm. d. Verf.: à Francfort], comme ses mots ont pu l’être, tout au long de sa longue histoire, par d’autres langues. Et elle n’a cessé d’accueillir des mots venus d’ailleurs, comme sa littérature accueille la diversité des cultures du monde, qu’elle essaime à son tour dans d’autres langues, grâce à la traduction. C’est donc dans la double articulation d’une langue hospitalière, 4.2 Selbstverständnis und zeitgeschichtlicher Kontext 205 147 Für eine ausführlichere Darstellung der Thematik Übersetzung im Ehrengastpavillon und dem Veranstaltungsprogramm, siehe Kapitel 4.3 dieser Arbeit sowie vgl. Anastasio 2018. tout à la fois accueillante et accueillie, qu’a été conçu l’ensemble des manifestations prévues. (North 2017a, 9) Das Thema Übersetzung fand sich daher einerseits in einigen Ausstellungen im Ehrengastpavillon sowie im Programm unter anderem in den Veranstaltungs‐ reihen „Les ateliers de traduction“ und „Begegnungen der Übersetzer*innen/ Di‐ alog der Ideen“ wieder. 147 Andererseits war der gesamte französische Eh‐ rengastauftritt darauf ausgerichtet, die Anzahl der Übersetzungen aus dem Französischen in andere Sprachen, insbesondere ins Deutsche, zu steigern - als eines der zentralen Anliegen, welches die Frankfurter Buchmesse und ihr jewei‐ liges Gastland mit dem Auftritt bezwecken (vgl. Website Frankfurter Buchmesse, „Informationen rund ums „Thema Ehrengast“). Im Vorfeld des Auftritts wurden die vom BIEF, IF und Goethe-Institut organisierten Begegnungen zwischen deutschen und französischen Verlagsmitarbeiterinnen und Verlagsmitarbeitern intensiviert. So fanden in den Jahren 2015 und 2016 verschiedene Treffen zu den Themen Kinder- und Jugendliteratur und Comics in Berlin, Belletristik und Sachbuch in München und Berlin, Kunstbuch und Bildband in Berlin sowie Geistes- und Sozialwissenschaften in Paris statt, bei denen - in einer ruhigeren Atmosphäre als auf den Buchmessen - die Möglichkeit zum Austausch über ak‐ tuelle Herausforderungen sowie zum Handel mit Übersetzungsrechten bestand. Indem der französische Ehrengastauftritt die französische Sprache in den Mittelpunkt stellte, war vor allem das Französische als „langue de préférence“ (North 2017a, 9) gemeint. Dieser Status als Wahlsprache finde Ausdruck in der Entscheidung vieler Autorinnen und Autoren aus nicht-frankophonen Ge‐ bieten, deren Muttersprache nicht Französisch ist, ihre Werke in französischer Sprache zu verfassen. Nach Ansicht von Xavier North, Berater des Projektes Francfort en français bezüglich der französischen Sprache, sollte der Ehrengas‐ tauftritt all diejenigen ehren, „qui, dans leur travail d’écriture, ont fait de la langue française leur patrie (pour reprendre le mot d’Albert Camus)“ (North 2017a, 9). Die Globalität der französischen Sprache sei historisch begründet, heute aber vor allem Ausdruck des intellektuellen und literarischen Erfindungs‐ reichtums derjenigen Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die sich das Franzö‐ sische als erste oder zweite Fremdsprache angeeignet hätten (vgl. North 2017a, 9). In diesem Verständnis klammerte der französische Ehrengastauftritt das historische Erbe des Französischen als Kolonialsprache weitgehend aus, und konzentrierte sich darauf, eine aktuelle Perspektive auf das Französische als 206 4 Francfort en français 2017 Literatursprache zu präsentieren. Dies könnte auch erklären, warum im Vorfeld des Auftritts keinerlei öffentliche Auseinandersetzung mit dem Thema der französischen Sprache als kolonialem Erbe stattgefunden hat, wie es auch Marco Thomas Bosshard kritisierte (vgl. Bosshard 2019, 103). Für die sogenannten transfuges (de la langue) ließen sich laut Xavier North in der gesamten internationalen Literatur über das Französische hinaus nur wenige Beispiele finden. Kaum ein französischsprachiger Autor oder eine französisch‐ sprachige Autorin habe eine andere Sprache als literarische Ausdrucksform gewählt. Dagegen existiere eine große Anzahl an Autorinnen und Autoren, die sich - nach den wichtigen Literaten des 20. Jahrhunderts Eugène Ionesco, Emil Cioran, Samuel Beckett und Julien Green - ebenfalls das Französische angeeignet hätten, um ihre Werke in dieser Sprache zu verfassen. Dazu listet Xavier North viele aktuelle Beispiele auf, darunter Nancy Huston (Kanada), Atiq Rahimi (Afghanistan), Zoé Valdés (Kuba) und François Cheng (China) (vgl. North 2017b, 35). Das Phänomen der transfuges wird somit ein weiteres Beispiel, mit der Francfort en français die Sonderstellung des Französischen begründet, und auf dem das Selbstverständnis des französischen Ehrengastauftritts aufbaut. Hier versäumte Francfort en français die Chance, sich erneut mit jener Thematik auseinanderzusetzen, die Tahar Ben Jelloun 1989 kritisch hinterfragt hatte: Er unterschied in seinem Artikel in Die Zeit zwischen jenen Autorinnen und Au‐ toren, die die französische Sprache frei als Literatursprache wählten und deren Werke anerkannt und der französischen Literatur zugerechnet würden, wie Guillaume Apollinaire, Eugène Ionesco, Emil Cioran, Samuel Beckett und Julien Green, sowie jenen Schriftstellerinnen und Schriftstellern aus frankophonen Territorien, die sich mit und in der französischen Sprache als Erbe der Koloni‐ alzeit auseinandersetzten, und es ungleich schwerer hätten, in der französischen Gesellschaft rezipiert und akzeptiert zu werden (vgl. Ben Jelloun 1989). Wie Gespräche mit Akteurinnen und Akteuren des französischen Verlagswesens ergaben, werde heute etwa bei der Klassifizierung in Publikationsreihen, aber auch in der Rezeption keinerlei Unterschied mehr zwischen französischer und frankophoner Literatur gemacht, dennoch hätte im Rahmen des Ehrengastpro‐ jektes die Möglichkeit bestanden, dieses Thema auf internationaler Ebene zu diskutieren und verschiedene Perspektiven darauf zu zeigen. Als mögliche Motive für die Wahl des Französischen als Literatursprache nennt Xavier North als Berater für Francfort en français folgende (die sich jedoch auch auf die Wahl fast jeder anderen Fremdsprache übertragen lassen): Mit einer fremden Sprache vor sich selbst fliehen. Oder sich bei einer Suche nach einer möglichst präzisen Ausdrucksweise den strengen Regeln der französischen Sprache 4.2 Selbstverständnis und zeitgeschichtlicher Kontext 207 148 Zur Bedeutung von Sprache und Literatur für die französische nationale Identität, vgl. Jurt 2014. zu unterwerfen. Durch die Wahl einer anderen Sprache als die der Muttersprache die Perspektivenvielfalt auf unserer Welt tiefer nachzuspüren. Mithilfe einer Sprache, derer man sich ermächtigt, ein Instrument der Emanzipation machen. (North 2017b, 35) Xavier North, bis 2014 délégué général à la langue française et aux langues de France im französischen Kulturministerium, erklärt die Beliebtheit des Fran‐ zösischen bei nicht-muttersprachlich Autorinnen und Autoren auch damit, dass es eine Alternative zur globalen Sprache Englisch und zur Vorherrschaft der anglo-amerikanischen Kultur darstelle (North 2017a). Wie er im Atlas de l’influence française au XXIe siècle (Foucher und Orcier 2013) näher erläutert, stelle Französisch als stärkste der von der Globalsprache Englisch dominierten Sprachen ein Gegengewicht zu ihr dar. Die Stärke des Französischen begründe sich nicht aufgrund seiner Sprecherzahlen (in dieser Hinsicht belege Französisch im weltweiten Vergleich Platz 8), sondern aufgrund seiner Verbreitung über fünf Kontinente, seiner historischen Verbindung zu den kulturellen Werten des Westens, und der Attraktivität, die es weiterhin ausübe. Xavier North definiert das Französische daher als „l’‘autre’ langue“ (North 2013, 20), die andere Sprache, die die Sprache der kulturellen Vielfalt sein könne, da sie Ausdruck der „résistance à la standardisation culturelle, le refus de l’affadissement des identités, l’encouragement de la liberté de chacun de créer et de s’exprimer dans sa propre culture“ (Aussage des ehemaligen französischen Premierministers Lionel Jospin, zitiert nach North 2013, 20) sei. Die Verbreitung über die fünf Kontinente mache Französisch ebenfalls zu einer globalen Sprache; sie sei aber aufgrund dieser Lokalisationen ständig im Austausch und mit anderen Sprachen konfrontiert, und könne daher im Dialog der Kulturen eine vermittelnde Rolle einnehmen (vgl. North 2013, 20). Mit Bezug auf die Bedeutung des Französischen im internationalen Übersetzungssystem lässt sich zu den Argumenten von Xa‐ vier North noch dessen Rolle als Transfersprache ergänzen: Ein in französischer Sprache verfasster oder in diese Sprache übersetzter Text hat im internationalen System des Literaturaustauschs erhöhte Chancen auf eine weitere Verbreitung in diverse andere Sprachen (vgl. Heilbron 1999, 436). Vor dem Hintergrund der Bedeutung, die die französische Sprache für die kulturelle Identität der Französinnen und Franzosen darstellt, 148 kann ihre Würdigung auf der Buchmesse außerdem in einer nationalen Lesart auch als Ausdruck des Wunsches und der Suche nach einer außenpolitischen Strategie zur Erhaltung des rayonnement culturel gesehen werden. 208 4 Francfort en français 2017 4.2.2 Deutsch-französische Beziehungen und Blick nach Europa Die Frankfurter Buchmesse 2017 bot eine geeignete Plattform für die deutschfranzösischen Beziehungen, die der französische Staatspräsident Emmanuel Macron und die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Eröffnungs‐ feier für ihre erste gemeinsame Inszenierung vor einem größeren deutschen Publikum nach Emmanuel Macrons Amtsantritt im Mai 2017 nutzten. Mit der Auswahl von (fast ausschließlich männlichen) deutschsprachigen und franzö‐ sischen Autoren und einer Autorin sowie den Beziehungen zwischen ihnen - darunter die Bewunderung Paul Ricœurs für Edmund Husserl - zeigte der französische Staatspräsident in der Eröffnungsrede seine Kenntnis der deutschfranzösischen Literaturbeziehungen, und sprach über den Spracherwerb als Basis für die Lebendigkeit des kulturellen Austauschs. Dies waren zwei Aspekte seiner Rede, die ihm große Sympathien unter den bei der Eröffnungsfeier anwesenden Vertreterinnen und Vertretern des deutschen literarischen Feldes einbrachten. Ebenso entsprach er damit der Erwartungshaltung der Franzö‐ sinnen und Franzosen an ihre Regierenden: Nach dem Vorbild Charles de Gaulles setzt die französische Gesellschaft literarische Bildung und Ambitionen ihrer Staatsoberhäupter voraus (vgl. Weck 1989, 205). Darin manifestiert sich einmal mehr die Bedeutung der Literatur für die französische nationale Identität. Die politisch-gesellschaftlichen Verhältnisse im Umfeld des zweiten franzö‐ sischen Ehrengastauftritts waren außerdem geprägt von Emmanuel Macrons Visionen für eine Erneuerung Europas - „refondation“ (Élysée 2017a) - nach Herausforderungen wie dem Brexit und anhaltender Migrationsbewegungen. Diese hatte er kurz zuvor an der Pariser Sorbonne und am Tag der Eröffnung der Buchmesse auch vor einem deutschen Publikum an der Frankfurter Goethe-Uni‐ versität präsentiert. Wie Marco Thomas Bosshard feststellte, nutzte Emmanuel Macron seine Rede zur Eröffnung der Buchmesse, um „die europäische Kohäsion im Zeichen der Krise neu [zu beschwören] und die europäische Identität von anderen Identitäten mit Büchern als ideologischen Multiplikatoren“ (Bosshard 2018, 27) abzugrenzen. Zu Beginn würdigte Emmanuel Macron die französische Sprache als offene und allen zugängliche Ausdrucksform, und wandte sich dabei direkt an den libanesisch-kanadischen Schriftsteller und Theaterregisseur Wajdi Mouawad, der als literarischer Eröffnungsredner vor ihm gesprochen hatte: ce que vous avez exprimé est ce qui fait la langue française. Elle n’appartient pas à celles et ceux qui sont nés Français, elle appartient à celles et ceux qui, décidant d’en prendre les mots, décident de dire de ce qu’ils ont vu, vécu, imaginé et décident qu’ils 4.2 Selbstverständnis und zeitgeschichtlicher Kontext 209 149 „Je ne suis pas persuadé que ce soit un véritable présent que de devoir parler après vous avoir entendu. […] j’imagine que pour chacune et chacun ayant ressenti chacune et chacun a sa façon la force de ce que vous venez de dire et de nous montrer, reprendre le fil des discours n’est pas chose aisée mais je vais essayer de revenir aux mots“ (Élysée 2017a). n’aboieront plus pour dire dans cette langue, même si c’est la langue d’un refuge (Élysée 2017a). In seiner vorangegangenen Performance hatte Wajdi Mouawad als Anklage des Kriegs die Geschichte von Hekabe aus Homers Ilias und Ovids Metamorphosen nacherzählt, die sich nach dem Verlust ihrer Kinder und ihres Mannes im Krieg um die Eroberung Trojas und ihrer Demütigung als Sklavin in eine Hündin verwandelt hatte. Die Trauer, Wut, Verzweiflung und Sprachlosigkeit angesichts eines solchen Leids demonstrierte Wajdi Mouawad in der Folge mit der Projektion eines Videos, in dem er, wie in einen Hund verwandelt, bellend, diesen Emotionen starken Ausdruck verlieh. Wajdi Mouawad präsentierte damit zwar keinen kritischen Diskurs, der sich direkt auf die anwesenden Vertreterinnen und Vertreter aus der Politik bezog, wie in früheren Jahren die li‐ terarischen Rednerinnen und Redner aus den jeweiligen Gastländern, aber doch einen Antidiskurs (vgl. Bosshard 2019, 105), dessen beklemmender Wirkung sich insbesondere der französische Staatspräsident stellen musste: Emmanuel Macron schien es sichtlich Unbehagen zu bereiten, nach dem eindrücklichen Auftritt Wajdi Mouwads zum Protokoll überzugehen und seine Ansprache zu halten. 149 Mittels einer Würdigung sprachlicher Vielfalt - „Mais la langue française n’est forte que dans le multilinguisme“ (Élysée 2017a) - leitete Emmanuel Macron in seiner Rede über zu seiner Vision einer Erneuerung Europas, hier bezüglich eines Europas der Sprachen, welches er unter anderem durch die Förderung des Spracherwerbs und der Einrichtung europäischer Universitäten zu erreichen suchte. Emmanuel Macron zelebrierte die Frankfurter Buchmesse als zentralen Mo‐ ment zwischen Deutschland und Frankreich. Dabei stellte er die ökonomischen und anderen Funktionen der Messe als nebensächlich dar: Et cette Foire du Livre qui nous réunit aujourd’hui n’est pas un salon professionnel, n’est pas une occasion commerciale ni une entreprise diplomatique […]. C’est le lieu central essentiel où se manifeste ce qui nous unit. Ce que vous honorez de votre présence, c’est ce moment où nos deux pays se regardent pour ce qu’ils sont, deux nations vivantes qui pensent le monde, qui regardent autour d’elles, qui interrogent, qui construisent un regard nécessairement divers et pluriel et qui 210 4 Francfort en français 2017 partagent, échangent, discutent, choisissant pour cela encore et toujours et je dirais même envers et contre tout le livre. (Élysée 2017a) Insgesamt konzentrierte sich Emmanuel Macrons Ansprache auf die deutschfranzösischen (Literatur-)Beziehungen. Trotz der gleich zu Beginn geäußerten Zustimmung zur Einladung all derer, die entschieden hätten oder die das Leben dazu gebracht habe, auf Französisch zu schreiben (vgl. Élysée 2017a), stellte der französische Staatspräsident in seiner Rede keinerlei Bezüge zur französischsprachigen Literatur oder zu Realitäten von außerhalb Frankreichs oder Europas her. Frankreich und die Frankophonie existierten in seiner Rede als voneinander abgegrenzte Räume: „Vous accueillez aujourd’hui la France et vous accueillez avec elle la Francophonie“ (Élysée 2017a). Emmanuel Macrons Rede ist im Ganzen auch Ausdruck des europäischen Kulturimperialismus (vgl. auch Bosshard 2019, 108), wenn er beispielweise keine anderen literarischen Traditionen anerkennt oder vom „Kampf “ für die (europäische) Kultur spricht: Mais parce que ce qu’il y a dans nos livres, dans nos langues, c’est un peu de cette civilisation européenne qui est la nôtre. C’est un peu de cette liberté que nous défendons, c’est cette part d’Europe irréductible, c’est pour cela que je crois au combat pour la culture. Parce que nous ne pouvons pas abandonner notre combat, ni aux Américains, ni aux Chinois, ni aux Russes, ni aux Africains, ni aux Sud-Américains, quelle que soit l’amitié que nous leur portons! Parce qu’il y a en Europe cette espèce de modèle unique où nous croyons dans la démocratie, les libertés individuelles, l’économie de marché, la justice sociale, et ce partage de langue. C’est cela l’Europe. Et donc dans chacune de nos langues, dans chacun de nos livres, il y a un peu de cela. (Élysée 2017a) Angela Merkel würdigte in ihrer Rede zur Eröffnung der Buchmesse im An‐ schluss an Emmanuel Macron ebenfalls die Rolle der Literatur, der Bücher und des Übersetzens für den Dialog zwischen verschiedenen Ländern, insbesondere zwischen Frankreich und Deutschland. In Zeiten eines immer schneller statt‐ findenden Wandels könnten uns Autoren mit ihrem jeweils eigenen Blick auf diese Welt zeigen, wie sie sie ver‐ stehen. Wir brauchen sie als Seismografen aktueller und denkbarer Entwicklungen. Wir brauchen sie als Ideengeber und auch als Brückenbauer in einer Welt, in der wir sehen, dass das Wohl einzelner Länder immer stärker voneinander abhängt, aber in der wir auch sehen, dass teilweise Menschen sich immer weiter in ihrem eigenen Land und ihrer eigenen Welt verkriechen. (Die Bundesregierung 2017) Entgegen dieser nationalistischen Tendenzen, auf die Angela Merkel anspielte, sei die Aufgabe der Politik, gemeinsame europäische Lösungen zu finden, 4.2 Selbstverständnis und zeitgeschichtlicher Kontext 211 um „die Globalisierung menschlich zu gestalten und unser Europa stärker zu machen“ (Die Bundesregierung 2017), wofür sie sich auch Impulse vom deutsch-französischen Austausch auf der Buchmesse erhoffte. Als konkretes Beispiel für die Suche nach gemeinsamen Antworten bestätigte Angela Merkel den anwesenden Vertreterinnen und Vertretern insbesondere des deutschen literarischen Feldes ihre Auffassung des Buches als Kulturgut (in Abgrenzung zu anderen Wirtschaftsgütern) und geeigneter Rahmenbedingungen für Kunst und Kultur, für die sich die aktuelle Bundesregierung und die Regierung Frankreichs in gemeinsamen Positionen auf internationaler Ebene engagierten (vgl. Die Bundesregierung 2017). Auch wenn zwischen den beiden französischen Ehrengastauftritten auf der Frankfurter Buchmesse fast 30 Jahre lagen, so lassen sich durchaus Parallelen in ihrem zeitgeschichtlichen Kontext und ihrer politischen Dimension feststellen. Wie die Reden der politischen Vertreterinnen und Vertreter zeigten, nutzten diese den jeweiligen Gastlandauftritt Frankreichs, um die Relevanz der deutschfranzösischen Beziehungen für Europa vor dem Hintergrund der Umbrüche im Osten 1989 beziehungsweise der Krise der Europäischen Union nach dem angekündigten Austritt Großbritanniens zu betonen und sich - wieder einmal - für ihre Stärkung auszusprechen. Zentral für die politische Dimension der Ehrengastauftritte war die Inszenierung gegenseitiger Verbundenheit Deutsch‐ lands und Frankreichs und die Versicherung gemeinsamer Positionen in Fragen der Kulturpolitik sowie angesichts globaler Herausforderungen. Inhaltlich dominierte bei beiden französischen Ehrengastauftritten das Schlagwort ‚Vielfalt‘ - so wie es im Übrigen im Zusammenhang von Gastland‐ auftritten oftmals verwendet wird. 1989 hieß dies noch insbesondere Vielfalt der literarischen Formen und auch der Produktionsstätten von Literatur (siehe Kapitel 3.3). Als Basis für die Analyse der Berücksichtigung des Konzeptes der Bibliodiversität beim französischen Ehrengastauftritt Francfort en français soll nun im Folgenden dessen Umsetzung dargestellt werden. 4.3 Umsetzung des französischen Ehrengastauftritts 4.3.1 Organisationsstrukturen Für die große Reichweite des Kulturprojektes Francfort en français sorgten unter anderem die Veranstaltungen der begleitenden saison culturelle in der gesamten Bundesrepublik, bei deren Planung sich das Organisationskomitee des IF auf das umfangreiche Netzwerk französischer kultureller Institutionen in 212 4 Francfort en français 2017 150 Im Deutschen sind für diesen Prozess im Marketing Begriffe wie Kennzeichnung, Zertifizierung, Prädikat, Qualitätssiegel oder Labeling gebräuchlicher. Deutschland stützen konnte - eine Voraussetzung, die Frankreich im Vergleich zu anderen Gastländern der Frankfurter Buchmesse im Hinblick auf die Vielfalt der Programmplanung und die Sichtbarkeit einen großen Vorteil verschaffte. Um die Veranstaltungen verschiedener Organisationen zum französischen Ehrengastauftritt zu koordinieren und in das eigene Programm zu integrieren, nutzte Francfort en français das Prinzip der sogenannten labellisation oder, wie es in der Kommunikation des Projektes ins Deutsche übertragen wurde, Labelisierung. 150 Labellisation wird definiert als „fait d’attribuer un label, marque spéciale introduite par une organisation professionnelle pour identifier et pour garantir l’origine et un niveau de qualité“ (Website Encyclopædia Univer‐ salis). Deutsche und französische Organisatorinnen und Organisatoren diverser Veranstaltungen und Projekte aus den Bereichen Literatur, darstellende und bildende Kunst, Musik, Film, Wissenschaft, Wirtschaft, Tourismus etc. konnten eine labellisation ihrer ab Januar 2017 stattfindenden Projekte beantragen und somit Teil der „programmation pluridisciplinaire“ (Website Francfort en français, „Labellisation“) von Francfort en français werden. Dies bedeutete die Kennzeichnung der Zugehörigkeit durch die Verwendung des Logos von Franc‐ fort en français in allen Materialien des ausgewählten Projekts. Auswahlkriterien des Organisationskomitees für die labellisation waren die Vereinbarkeit der Projekte mit den Leitthemen des Ehrengastauftritts wie Vielfalt der französi‐ schen Sprache, Innovation und Jugend sowie die unabhängige Finanzierung der Projekte und Veranstaltungen. Ziel dieser Vorgehensweise sei es, „de mettre en valeur le dynamisme et la diversité des relations franco-allemandes, sur les plans culturel et politique“ (Website Francfort en français, „Labellisation“). Durch die labellisation profitierten die Veranstalterinnen und Veranstalter von der professionellen Vermittlung über die Kanäle des Auftritts Francfort en français wie etwa die offizielle Homepage sowie von der generell erhöhten Me‐ dienaufmerksamkeit in Bezug auf Themen des französischen Gastlandauftritts (vgl. Website Francfort en français, „Labellisation“). Auf diese Weise kamen dem Pressedossier zu Francfort en français zufolge schon vor der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse im Oktober für das Jahr 2017 etwas mehr als 500 gekennzeichnete Veranstaltungen in über 40 deutschen Städten zusammen, an denen 200 eingeladene Autorinnen und Autoren sowie 10.000 Schülerinnen und Schüler teilnahmen (vgl. Francfort en français 2017b, 8). Das Prinzip der labellisation bedeutete für Francfort en français die Zusammenstellung eines um‐ fassenden und interdisziplinären Begleitprogramms zum französischen Gast‐ 4.3 Umsetzung des französischen Ehrengastauftritts 213 151 Die konkreten Kriterien für die Auswahl der Autorinnen und Autoren, die im Rahmen von Francfort en français die französischsprachige Literatur repräsentierten, werden identifiziert, wenn in Kapitel 5.2 die Zusammensetzung der Delegation der franko‐ phonen Autorinnen und Autoren diskutiert und diese angekündigte Vielfalt analysiert wird. landauftritt, bei denen - möglicherweise ohnehin geplante - Veranstaltungen ohne zusätzliche Kosten für das Organisationskomitee das Ehrengastprojekt bewarben und aufwerteten - medial vermittelt und symbolisch durch die Teilnahme renommierter Institutionen. Als Beispiele solcher Institutionen auf deutscher Seite seien an dieser Stelle das Deutsche Filminstitut in Frankfurt, das Staatsballett Berlin sowie die Freie Universität Berlin genannt. Das Organisationskomitee des IF, das sogenannte commissariat général unter der Leitung von Paul de Sinety, setzte sich aus einem kleinen Kernteam zur Koordination und Administration zusammen und wurde ergänzt durch externe Beraterinnen und Berater für einzelne Themen. Zu ihnen gehörten: Ruedi Baur als Leiter Design, die beiden literarischen Berater Alain Mabanckou und Frédéric Boyer, Evelyn Prawidlo für die literarische Programmkoordination, Sylvie Vassalo als Beraterin für Jugendbuch, Mathieu Diez für Comics, Vincent Carry für Innovation und Digitales, Xavier North für die französische Sprache sowie Pascale Le Thorel für Kunst (vgl. Francfort en français 2017b, 26). Seine Aufgabe als literarischer Berater sowie die damit verbundenen Herausforde‐ rungen beschrieb zum Beispiel Frédéric Boyer, Autor, Übersetzer und seit 2018 Verleger der éditions P.O.L., wie folgt: Als literarischer Berater achte ich darauf, dass die französischsprachige Literatur in ihrer ganzen Vielfalt präsentiert wird: in der Vielfalt der Autor*innen, der literarischen Gattungen, der Formen, der Intentionen, aber auch der Kulturen, der Kontinente und der Nationen. […] Meine Arbeit ist zwangsläufig mit einer gewissen Frustration verbunden: Da man niemals alle einladen kann, besteht die wichtigste Aufgabe darin, eine (Aus-)Wahl zu treffen. 151 (Boyer 2017, 6) Die weiteren Beraterinnen und Berater übernahmen ebenfalls konzipierende Funktionen in der Programmgestaltung oder bezüglich der Ausstellungen im Ehrengastpavillon. Neben dem IF als hauptverantwortlicher Institution gehörten das BIEF, das CNL und das SNE zu den mitorganisierenden Einrichtungen. Sie trugen in Vertretung der französischen Buchbranche mit der Organisation von Fachver‐ anstaltungen, Teilprojekten und Ausstellungen zu Francfort en français bei. Mit der Vergabe der Übersetzungsförderung spielte das CNL insbesondere im Vorfeld eine große Rolle für den Ehrengastauftritt (siehe dazu Kapitel 5.1). 214 4 Francfort en français 2017 Das BIEF organisierte, wie auf vielen Buchmessen weltweit und regelmäßig in Frankfurt, auch 2017 einen Gemeinschaftsstand französischer Verlage in Halle 5.1, in jenem Jahr auf einer größeren Fläche und unter Beteiligung von weiteren, insbesondere kleineren, unabhängigen und Regionalverlagen, die sich üblicherweise keinen eigenen Platz an diesem Stand leisteten bzw. leisten konnten, und die für die Teilnahme von den Fördermaßnahmen im Rahmen des französischen Ehrengastauftritts profitierten. Ein Novum der Frankfurter Buchmesse 2017 stellte die Organisation eines Gemeinschaftsstandes und Programms für 20 frankophone Verlage aus Haiti und der Subsahara dar (vgl. hierzu Rhein 2018). Die Bereitstellung des Standes, an dem die Publikationen dieser teilnehmenden Verlage ausgestellt wurden, ging auf eine Reihe von Institutionen zurück: Finanziert wurde er vom CNL (und damit indirekt vom französischen Kulturministerium) und der OiF, organisiert vom BIEF in Kooperation mit der AIEI und dem Verein Afrilivres. Ziel des Projektes war laut der Präsidentin des BIEF, Vera Michalski-Hoffmann, die Etablierung einer „coopération en matière de création en langue française […], des réels partenariats qui s’inscrivent dans une logique du partage et d’une écoute de la diversité des différentes économies du livre dans les différents territoires où le français est pratiqué“ (zitiert nach Rhein 2018, 118). Wie bereits erwähnt, interpretierten die Verantwortlichen des Projektes Francfort en français das Motiv der Gastfreundschaft auch in der Hinsicht, dass kulturpolitische Vertretungen anderer französischsprachiger Länder eingeladen wurden, sich an der Organisation des Auftritts, an der Zusammensetzung der offiziellen Delegation der Autorinnen und Autoren und Teilen der Ausstellung im Ehrengastpavillon, zu beteiligen. Die Zweifel der frankophonen Regionen der Schweiz, Belgiens und Luxemburgs angesichts der Initiative Frankreichs und ihrer Rolle im Ehrengastprojekt fasste Thomas Hunkeler, Präsident der Fachkommission für die Literatur der Französischen Schweiz bei Pro Helvetia, - für die frankophone Schweiz - wie folgt zusammen: Alors que se passe-t-il lorsque l’autre voisin, la France, est l’invité d’honneur de la Foire du livre de Francfort, et que ce voisin habituellement si centré sur lui-même décide tout à coup d’étendre cette invitation, pour la première fois dans l’histoire déjà longue de la Foire, à d’autres pays, à la Belgique, à la Suisse, au Luxembourg? […] Décision qui n’est simple qu’en apparence, car les peurs sont nombreuses: quelle sera la marge de manœuvre de chaque pays? Quelle visibilité? Ne risque-t-on pas de passer inaperçu à côté du rouleur compresseur français? Mais d’autre part, peut-on vraiment refuser cette participation à un pays ami, tant du point de vue politique que culturel? Ne serait-ce pas passer à côté d’une belle occasion d’affirmer haut et fort l’existence d’une littérature suisse de langue française, qui entretient des rapports intenses avec 4.3 Umsetzung des französischen Ehrengastauftritts 215 152 So Angelika Salvisberg im Gespräch am 13. Oktober 2017 auf der Frankfurter Buch‐ messe, ab Minute 00: 10. 153 So Angelika Salvisberg, ab Minute 02: 10. 154 Valérie Meylan im Gespräch am 11. Oktober 2017 auf der Frankfurter Buchmesse, ab Minute 06: 44. la littérature française sans pour autant s’y réduire? Pourra-t-on faire entendre cette différence, saura-t-on la faire comprendre, en France comme en Allemagne? (Hunkeler 2018a, 90) Die Frage nach der Sichtbarkeit der eigenen Identität beschäftigte auch die Organisatorinnen und Organisatoren der Beiträge Luxemburgs und Belgiens. Dennoch ergriffen schlussendlich alle drei Länder die Gelegenheit, an der Seite Frankreichs auf der Buchmesse ihre je eigene Literatur zu präsentieren - eine Entscheidung, die sie auch mit ihrer Lage „am Kreuzungspunkt der beiden großen deutschen und französischen Sprachgebiete“ (Francfort en français 2017b, 31), welche sich auf der Frankfurter Buchmesse 2017 begegnen sollten, begründeten. Mit der Organisation des schweizerischen Beitrags war Pro Helvetia beauf‐ tragt, die als gesamtschweizerische, aber autonome Kulturstiftung für den Kulturaustausch und die Förderung kultureller Projekte innerhalb der Schweiz verantwortlich zeichnet. Angelika Salvisberg, Leiterin des Fachbereichs Lite‐ ratur und Gesellschaft bei Pro Helvetia, berichtet, dass ihrem Eindruck nach die Entscheidung der Verantwortlichen in Frankreich, die anderen frankophonen Länder bzw. Regionen in Europa am Frankfurter Ehrengastauftritt zu beteiligen, in erster Linie eine kulturelle, und erst in zweiter Linie auch eine ökonomische war. 152 Die Entscheidung über die Teilnahme der Romandie an Francfort en français wurde nach einer Befragung und Beratung mit dem frankophonen Verlegerverband der Schweiz, der Association Suisse des Diffuseurs, Éditeurs et Libraires (ASDEL), dessen Mitgliedern sowie Autorinnen und Autoren ge‐ troffen. Die Stimmen für die Beteiligung hätten nach vielen Diskussionen über‐ wogen. 153 Das Ziel der Teilnahme der Romandie beschreibt Valérie Meylan, die Verantwortliche für die Umsetzung und das Programm, mit folgenden Worten: „Le but c’est quand même de faire que la littérature romande ne soit pas de la littérature romande mais de la littérature francophone“ 154 und „Le point essentiel pour moi était de montrer aux Français que la littérature romande existe! “ (Hunkeler 2018b, 133). Die Darstellung der französischsprachigen Schweizer Literatur richtete sich also nicht nur an das deutsche Publikum der Frankfurter Buchmesse, sondern auch an Vertreterinnen und Vertreter des frankophonen bzw. französischen literarischen Feldes. 216 4 Francfort en français 2017 155 Angelika Salvisberg im Gespräch am 13. Oktober 2017 auf der Frankfurter Buchmesse, ab Minute 18: 51. 156 Angelika Salvisberg, ab Minute 19: 13. 157 Ludivine Jehin, Conservatrice am Centre national de littérature/ Lëtzebuerger Litera‐ turarchiv, im Gespräch am 14. Oktober 2017 auf der Frankfurter Buchmesse, ab Minute 09: 14. Hinsichtlich der Organisation reichte es nicht aus, „ein sogenanntes Eintritts‐ ticket“ 155 an Frankreich für die Beteiligung zu zahlen - neben der Einladung von luxemburgischen, belgischen und schweizerischen frankophonen Autorinnen und Autoren in die offizielle Delegation und der Möglichkeit, Elemente der Ausstellung im Ehrengastpavillon zu gestalten waren die eingeladenen franko‐ phonen Länder auch gefordert, ein eigenes Programm „auf die Beine [zu] stellen und sicher[zu]stellen […]. Weil die Franzosen auch sehr mit sich selbst, also mit den großen Dingen beschäftigt waren“. 156 Diese Erfahrung machte man auch im Zusammenhang mit der luxembur‐ gischen Beteiligung. Im Großherzogtum Luxemburg waren ebenfalls zwei offizielle Stellen an der Koordination des luxemburgischen Beitrags beteiligt: die Verantwortlichen im Bereich Literatur im Kulturministerium sowie das Centre national de littérature/ Lëtzebuerger Literaturarchiv. Auch für die Luxemburger war es das Ziel der Beteiligung an Francfort en français mehr Sichtbarkeit für die Luxemburger Literatur in französischer Sprache zu schaffen. Ludivine Jehin vom Centre national de littérature beschreibt die Vielfalt der Luxemburger Literatur, die über den Ehrengastauftritt transportiert werden sollte: Die Luxemburger Literatur lässt sich nicht so einfach definieren wie in anderen Ländern, aus verschiedenen Gründen: Diese geografische Lage zeichnet sie aus, weil sie einfach viele Einflüsse hat, sei es aus Deutschland, aus Frankreich, aus Belgien, weil eigentlich die Migration sehr groß ist, sei es Exilmigration, sei es Menschen, die hier herkommen. Viele Nationalitäten treffen aufeinander, viele verschiedene Sprachen, viele verschiedene Formen. […] Ein Luxemburger Autor [ist] eigentlich nicht derjenige, der die Luxemburger Nationalität unbedingt hat oder in Luxemburg lebt. Für uns ist ein Luxemburger Autor auch jemand, der durchaus zum Beispiel ein Franzose ist, der dreißig Jahre lang in Luxemburg gelebt hat und über Luxemburg schreibt. 157 Grundsätzlich begrüßten es die Organisatorinnen und Organisatoren sehr, dass Luxemburg als Partner in der Frankophonie zur Teilnahme eingeladen wurde, da es bis dahin wenig bekannt gewesen sei, dass in Luxemburg so viel Französisch gesprochen werde und es eine aktive Szene frankophoner Schriftstellerinnen und Schriftsteller gebe. Gleichzeitig haben sich die Luxemburger Organisato‐ 4.3 Umsetzung des französischen Ehrengastauftritts 217 158 Ludivine Jehin, ab Minute 28: 05. 159 Silvie Philippart de Foy im Gespräch am 19. März 2018 bei Livre Paris, ab Minute 02: 25. 160 Silvie Philippart de Foy, ab Minute 05: 15. rinnen und Organisatoren für die Präsenz und Wahrnehmbarkeit der Elemente ihrer Beteiligung im Rahmen von Francfort en français stark einsetzen müssen: Aber natürlich ist es so, man ist Partner… und auch nicht. […] Ob das Interesse an Luxemburger Literatur […] reell ist, das kann ich […] nicht sagen. […] Man musste schon relativ investieren, das wird nicht einfach so geschenkt, dass man denkt: ‚Oh, Luxemburg will man unbedingt haben, die Autoren müssen unbedingt jetzt auf der Bühne stehen‘. Man musste sich schon ein bisschen dafür engagieren, das spürt man schon. 158 Die Koordination der belgischen Beteiligung war direkt bei der Regierung der Französischen Gemeinschaft Belgiens, seit 2011 Fédération Wallonie-Bruxelles, im Service général des Lettres et du Livre des Kulturministeriums sowie bei der Agentur für internationale Beziehungen der Gemeinschaft, Wallonie-Bruxelles International (WBI), angesiedelt. Die Ambivalenz der Einladung an das fran‐ kophone Belgien und des Verhältnisses zu Frankreich im Ehrengastprojekt beschreibt Silvie Philippart de Foy vom Service général des Lettres et du Livre der Fédération Wallonie-Bruxelles folgendermaßen: Il faut savoir que sans la France on aurait jamais, jamais pu être mis à l’honneur à Francfort parce que ça coûte trop cher. Donc on était à la fois tout à fait redevable à la France et en même temps une de nos demandes était de ne pas perdre notre identité et notre visibilité. 159 Für das Publikum der Buchmesse, in der Wahrnehmung der ganzen Welt, sei Frankreich das Gastland gewesen. Die besonderen Beziehungen zwischen dem belgischen und dem französischen Literaturbetrieb und die Tatsache, dass viele belgische Autorinnen und Autoren bei französischen Verlagen publizieren und ihre belgische Nationalität darüber vollständig in den Hintergrund rückt, wurde auch bei der Diskussion über die Einladung belgischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller in die offizielle Delegation manifest: „En fait, il y a une partie des auteurs belges qui avait de toute façon été invitée par la France. Par exemple Amélie Nothomb […] vient de toute façon […], pas parce qu’elle est belge mais parce que c’est Amélie Nothomb“. 160 Die Abgrenzung und Herausstellung des belgischen Beitrags im Ehrengastpavillon stand ebenso zur Debatte: „On s’est dit: Bon, soit on ait des petits drapeaux belges, et on dit ‘Venez voir les 25 m2 de la Belgique‘, soit on met un projet très originel en avant. Et on avait envie d’être 218 4 Francfort en français 2017 161 Silvie Philippart de Foy, ab Minute 08: 54. 162 Siehe dazu auch Kapitel 4.3.2. 163 So etwa Silvie Philippart de Foy, ab Minute 11: 27. 164 So Ludivine Jehin, ab Minute 38: 31. 165 So Silvie Philippart de Foy, ab Minute 11: 09 und ab Minute 07: 30. Für eine Bilanz der Organisatorin des Schweizer Beitrag, Valérie Meylan, im Anschluss an die Frankfurter Buchmesse 2017, vgl. Hunkeler 2018b. un peu impertinent pour montrer notre identité“. 161 Man entschied sich dafür, das Projekt „Shapereader“ des griechisch-belgischen Künstlers und Autors Ilan Manouach zu präsentieren - eine innovative Gestaltung des Ausstellungsraums, die jedoch in keiner Weise als belgischer Beitrag im Pavillon zu erkennen war. 162 Alle drei Vertreterinnen der Organisation des belgischen, des Schweizer sowie des luxemburgischen Beitrags kritisierten die Kurzfristigkeit der Beteili‐ gung an Francfort en français. Die Einladung durch Frankreich und die teils langwierige Abstimmung im eigenen Land mit den eigenen Verlegerverbänden und Kulturinstitutionen hätten es nicht möglich gemacht, etwa zusätzliche Veranstaltungen für die lokalen sowie deutsche Verlage für den Lizenzhandel zu organisieren, so dass sich im Vorfeld des Auftritts etwa keine Effekte auf die Anzahl der Übersetzungen der eigenen frankophonen Literatur ins Deutsche ergeben hätten. 163 Dennoch ziehen die Verantwortlichen eine positive Bilanz der Beteiligung Luxemburgs, Belgiens und der Schweiz an Francfort en français - nicht nur in inhaltlicher, sondern auch darüber hinaus in teils ganz unterschiedlicher Hinsicht. Die Luxemburger Verlage seien etwa vor 2017 fünf Jahre lang nicht mit einem eigenen Stand auf der Frankfurter Buchmesse präsent gewesen, und hätten die Beteiligung am französischen Ehrengastauftritt auch genutzt, um für einen zukünftigen eigenen Stand Netzwerke und Strukturen zu etablieren sowie Reaktionen beim Publikum zu testen. 164 Silvie Philippart de Foy zeigte sich zufrieden, dass durch die wallonische Beteiligung an Francfort en français mehr frankophone Verlage für eine Präsenz auf der Frankfurter Buchmesse mobilisiert werden konnten, was zu deren Professionalisierung beitragen könne. Des Wei‐ teren seien durch die Präsenz von Vertreterinnen und Vertretern aus der Politik - neben der belgischen Königin war unter anderem auch die Kulturministerin anwesend und nahm an Treffen mit belgischen Autorinnen und Autoren sowie Verlegerinnen und Verlegern teil - die Themen und Herausforderungen des belgischen Verlagswesens ins Bewusstsein der Politikerinnen und Politiker gerückt. 165 4.3 Umsetzung des französischen Ehrengastauftritts 219 166 Pierre Monnet im Gespräch am 3. April 2018, ab Minute 35: 49, Anhang 2b. 4.3.2 Ein Ehrengastpavillon ohne Grenzen Im Pavillon, dem „Herz“ (Website Frankfurter Buchmesse, „Informationen rund ums „Thema Ehrengast“) der Gastlandauftritte, setzen die Ehrengäste der Frankfurter Buchmesse jeweils ganz unterschiedliche Akzente. Anhand der Gestaltung des Pavillons wird etwa das abweichende Selbstverständnis der Gastlandpräsentation Frankreichs im Jahr 2017 im Vergleich zu derjenigen des Jahres 1989 (siehe Kapitel 3.3.1 und 4.2.1) deutlich. 2017 übte der französische Ehrengastauftritt erneut eine große Anziehungs‐ kraft auf das deutsche Publikum aus. Nach „Verwandten“ kamen nun „Freunde“ zur Buchmesse nach Frankfurt: „Ziemlich beste Freunde“ titelte die Frankfurter Allgemeine Zeitung (Kegel 2017a) in Anspielung an den auch in Deutschland erfolgreichen französischen Kinofilm (2011, Französisch: Intouchables) und im Verweis auf die offiziell oftmals als deutsch-französische Freundschaft bezeich‐ nete Staatenbeziehung. An anderer Stelle war ebenfalls die Rede vom „Freund zu Besuch“ (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 2017). Umfragen auf der Buchmesse 2017 zeigen, dass Frankreich und andere französischsprachige Länder nicht nur immer noch beliebte Reiseziele sind, sondern auch mehr als die Hälfte der befragten Besucherinnen und Besucher über wenigstens elementare Sprachsowie mehr als ein Drittel von ihnen auch über Kenntnisse über französischsprachige Autorinnen und Autoren verfügen (vgl. Bosshard 2018, 30). Pierre Monnet beobachtete, dass Frankreich in den 1990er Jahren in den Augen vieler Menschen etwas altmodisch geworden war, „un petit coup de vieux“ 166 bekommen hatte, so wie es sich auch 1989 in Frankfurt eher als traditionelles Land dargestellt hatte. Mit einer Demonstration seiner Modernität und Innovationsfähigkeit (im Verlagswesen) sollte dieses Bild nun revidiert werden. Junge Menschen standen dabei besonders im Fokus der Selbstdarstellung. Dem Thema Jugend wurde im Pavillon 2017 daher mit einer großen Ausstel‐ lung zum Kinder- und Jugendbuch (Salon du livre et de la presse jeunesse en Seine-Saint-Denis) sowie einer ebenfalls umfassenden Präsentation von Comics und Graphic Novels (Cité internationale de la bande dessinée et de l’image d’Angoulême) viel Platz eingeräumt - ihnen war etwa ein Drittel der Ausstellungsfläche gewidmet. Einerseits konnte in diesen „jungen“ Genres die Innovativität des französischen Buchmarktes, auch im Hinblick auf multime‐ diale Erzählformen über das Buch hinaus, gezeigt werden. Auf der anderen Seite sollte es mit der Ausstellung dieser Themen gelingen, junge Menschen anzusprechen, die weniger frankreichaffin sind, um sie über neue kulturelle 220 4 Francfort en français 2017 167 Die grundlegende Idee des Pavillons geht zurück auf den Entwurf einer Gruppe Studierender an der École supérieure d’art et de design in Saint-Étienne. Zur Konzeption des Pavillons, vgl. Baur 2017, für eine umfassendere medial-ästhetische Analyse, vgl. Anastasio 2018. Entwicklungen für Frankreich und die französische Sprache zu interessieren. Ein weiteres Drittel der Pavillonfläche nahm der offenere Bereich der großen Bühne, des Literaturpodiums und des Cafés ein, während die übrigen, kleineren Teilausstellungen zwischen diesen beiden Bereichen in der Mitte des Pavillons angesiedelt waren (siehe Abbildung 17). Abb. 17: Plan des Ehrengastpavillons Francfort en français (Francfort en français 2017a, 12-13) Ruedi Baur, Berater für Design, entwarf den Pavillon mit seinen vielen mit Bü‐ chern gefüllten Holzregalen als labyrinthische Bibliothek und sich im Entstehen befindliches Bauprojekt. 167 Ausgestattet wurde diese bibliothèque éphémère neben den zu den jeweiligen Teilausstellungen gehörenden Werken mit mehr als 40.000 Büchern, die zu diesem Anlass von der Buchspenden-Organisation 4.3 Umsetzung des französischen Ehrengastauftritts 221 168 Zur Auswahl der Bücher im französischen Ehrengastpavillon und dem Thema Buchs‐ pende siehe Kapitel 5.3. 169 Der Online-Auftritt des Projektes „PingPong“ ist zu finden auf der Website zu Francfort en français, vgl. Website Francfort en français, „Ping-Pong“. Biblionef zur Verfügung gestellt wurden. 168 Die vielen unsystematisch angeord‐ neten Bücher waren als „zum Kontext der Buchmesse passende Kulisse, die […] durch die optische Darstellung von Büchern diverser Art, Genres, Formate und typographischer Vorlagen“ (Anastasio 2018, 53) die Vielfalt des Verlegens in französischer Sprache zum Ausdruck bringen sollte, gedacht. Dem Anlass entsprechend bestanden auch einige Teilausstellungen explizit aus Büchern als Exponate: Etwa die Kunstbuchausstellung auf der Rückseite des Literatur‐ podiums, der Kinderbuchbereich und die Ausstellung „Mille et une Überset‐ zungen“, in der das IF eine Auswahl der mit seiner finanziellen Förderung in diverse Sprachen übersetzten französischsprachigen Werke präsentierte. Auch die Frankfurter Buchmesse trug selbst mit der traditionell beigesteuerten „Books on…“-Ausstellung für die Gastländer, in diesem Falle „Books on France“, zum großen Angebot an Büchern, in denen die Besucherinnen und Besucher blättern konnten, bei. Durch die sehr präsente Beschilderung in mehreren Sprachen - vor allem Deutsch und Französisch, teilweise auch Englisch - sollte der Pavillon einem Stadtzentrum ähneln. Die zahlreichen Aktivitäten und ihre digitale Verbreitung im Digitalatelier sollten für die Atmosphäre einer lebendigen Stadt beziehungs‐ weise eines FabLabs sorgen: Im Projekt „Ping-Pong“ zeichneten beispielweise Comickünstlerinnen und -künstler vor Ort Szenen von der Buchmesse, die dann auch auf der offiziellen Webseite von Francfort en français präsentiert wurden. 169 Im Ganzen war der Pavillon als Kommunikationsraum zu verstehen, der die Beziehungen zwischen der französischen, der deutschen sowie anderen Sprachen abbildete. Wie Matteo Anastasio in seiner ästhetisch-semiotischen Analyse der Ausstellungsstrategie des französischen Ehrengastpavillons fest‐ stellte, wies dieser, gerade im Vergleich zu 1989, eine „Verschiebung des Fokus von symbolischen Selbstrepräsentationsformen mittels der Literatur und des literarischen Erbes hin zur vielschichtigen Prozessualität von Praktiken der Sprache sowie der technischen Erzeugung von Literatur“ (Anastasio 2018, 68) auf. Indem man auf eindeutige Zuordnungen zur Kultur des Landes mittels in der Öffentlichkeit bekannter Bilder und Symbole sowie narrativer Strukturen und einer damit einhergehenden Hierarchisierung der Teilausstellungen ver‐ zichtete, erhielten die Besucherinnen und Besucher „die Möglichkeit, Inhalte in verschiedenen Formen selbst einzuordnen und eigene Erlebnisse in einem großen, kreativen Stadtraum der Literatur über mehrere Wahrnehmungssinne 222 4 Francfort en français 2017 170 Eggert Schröder wies in seiner Kritik des französischen Pavillon Bleu im Börsenblatt des deutschen Buchhandels darauf hin, dass sich „der politische Diskurs einer solchen sprachgeschichtlichen Schautafel“ dem deutschen Publikum wohl nicht so ohne Weiteres erschlossen habe, den französischen Besucherinnen und Besuchern aber verdeutlichen konnte, dass die „französische Sprache keine nationale Schöpfung ist, sondern Produkt aus dem friedlichen oder auch kriegerischen Austausch mit anderen Völkern“ (Schröder 1989, 3260). zu erweitern“ (Anastasio 2018, 68). Mit seinen verschiedenen Veranstaltungs‐ formaten und der Präsentation vielfältiger literarischer Formen im Pavillon - littérature générale, Kunstbücher, Comics, Graphic Novels, Kinder- und Jugend‐ literatur sowie multimediale Erzählformen -, setzte Francfort en français darauf, diverse Zielgruppen zu erreichen. Über seinen Zweck als Ausstellungsraum hinaus erfüllte der Pavillon auch diverse andere Funktionen. Mehrere Bühnen inklusive Sitzgelegenheiten, eine Brasserie und eine integrierte Buchhandlung machten aus dem Pavillon auch einen Veranstaltungs-, Verkaufs-, Erholungs- und Begegnungsraum. Schon beim ersten Gastlandauftritt Frankreichs hatte es im Pavillon Bleu eine Schautafel gegeben, in dem ein Text des Autors Jean Duché die Offenheit der französischen Sprache für die Beiträge aus anderen Sprachen demonst‐ rierte, in dem darin die sprachlichen Einflüsse aus verschiedenen Sprachen hervorgehoben wurden. 170 Die Leitgedanken des Projektes Francfort en français, die Gastfreundschaft der französischen Sprache, Offenheit und Austausch, spiegelten sich im Gesamtkonzept des Pavillons insofern wider, als dass dem Thema Übersetzung vor allem in zwei Ausstellungen ein wichtiger Platz ein‐ geräumt wurde, bei der bereits erwähnten Ausstellung des IF „Mille et une Übersetzungen“ und bei der von der französischen Philosophin Barbara Cassin kuratierten Installation „Les routes de la traduction“. Der digitale, mit audiovi‐ suellen Elementen ausgestattete, interaktive Atlas inklusive Enzyklopädie bot die Möglichkeit, den weltweiten Kulturaustausch anhand von Übersetzungen nachzuvollziehen. So konnten die Benutzerinnen und Benutzer auf einer Welt‐ karte die verschiedenen Verläufe von Übersetzungen der Werke von Aristoteles, Luthers Bibelübersetzung, dem Kapital von Karl Marx, aber auch Hergés Les aventures de Tintin et Milou über die Jahrhunderte und verschiedene Kontinente verfolgen. „Les routes de la traduction“ verdeutlichte die Intention des ganzen Ehrengastauftritts Francfort en français sowie des Pavillons, das Französische „jenseits fester, erkennbarer Identitätsbilder [darzustellen], indem die Sprache als ein in sich und für das Publikum offenes System in Bewegung inszeniert wurde“ (Anastasio 2018, 62), als eine sich im Prozess befindliche Baustelle der Sprache und Literatur. 4.3 Umsetzung des französischen Ehrengastauftritts 223 Außerdem sollte der Pavillon der französischsprachigen Literatur Grenzen vermeiden oder überwinden: Weder zwischen den literarischen Formen und damit Leserschaften sollten Abgrenzungen aufgebaut werden noch zwischen Ausstellungsbereichen aus Frankreich und seinen Regionen sowie aus den offiziell beteiligten Partnerregionen in der Schweiz, Belgien und Luxemburg. Da im transnational gedachten Pavillon auf eine explizite Kennzeichnung verzichtet wurde, waren die offiziell von der Schweiz, Belgien und Luxemburg gestalteten Elemente nicht in allen Fällen als solche erkennbar. In der Nähe des Zentrums des Pavillons erregte ein Ausstellungsobjekt aus der französischsprachigen Schweiz besondere Aufmerksamkeit: Die Nach‐ bildung der Gutenberg-Druckerpresse aus dem Schweizerischen Museum für Papier, Schrift und Druck in Basel. Sie stand im Pavillon im Bereich „Innovation“, um zu verdeutlichen, „dass die Erfindung des Buches eine noch junge Revolution und eng mit der deutsch-französischen Kultur verbunden ist“ (Francfort en français 2017b, 15). Mit der Kontrastierung der Gutenberg-Druckerpresse zum direkt nebenan installierten Digitalatelier bezweckten die Verantwortlichen eine „‘Überlappung‘ von geschichtlich abwechselnden Formen der Schriftkultur gegen die Idee einer progressiven Entwicklung“ (Anastasio 2018, 58). Mit derselben Intention fügte sich auch eine typographische Performance von Kalligraphiekünstlerinnen und -künstlern der Pariser École Estienne an den Fensterscheiben des Pavillons in die „Ausstellung im Werden“ (Anastasio 2018, 58) ein, sodass im Ehrengastpavillon Gedrucktes, Digitales und Handschriftli‐ ches als gleichberechtigte und sich gegenseitig ergänzende Schrifttechniken koexistierten. Nicht zuletzt symbolisierte die Druckerpresse im Verweis auf ihren Schöpfer Johannes Gutenberg als zwischen dem heutigen Deutschland (Mainz) und Frankreich (Straßburg) Wandelnder den deutsch-französischen Kulturaustausch und den Übergang Europas in die Neuzeit durch die grenzüber‐ schreitende Revolution des Buchdrucks. Gleich zur Eröffnung der Buchmesse wurde die Gutenberg-Druckerpresse zum Instrument eines Aktes deutsch-französischer Symbolpolitik: Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron und die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel druckten auf ihr gemeinsam die Allgemeine Erklärung der Menschen‐ rechte aus dem Jahr 1948 in deutscher und französischer Sprache (siehe Abbildung 18). Auch in den darauffolgenden Tagen war die Druckerpresse ein Anziehungspunkt im Pavillon, druckten auf ihr doch die eingeladenen Autorinnen und Autoren jeweils die erste Seite ihres aktuellen Werkes auf Deutsch und Französisch. In diesen Performances, die die Produzentinnen und Produzenten der Literatur in den Mittelpunkt stellten und sie für das Publikum physisch greifbar machten, manifestierte „sich zum einen der Schöpfer-Gestus 224 4 Francfort en français 2017 der écriture, welcher den Text mit dem Siegel seines Autors stempelte, zum anderen aber auch die Benjaminsche technische Reproduzierbarkeit des Kunst‐ werkes, welche die materielle Seite des Literarischen zum Vorschein brachte“ (Anastasio 2018, 56). Abb. 18: Angela Merkel und Emmanuel Macron im Ehrengastpavillon auf der Frankfurter Buchmesse 2017 (© Ralph Orlowski/ Reuters) Eine wichtige Rolle spielte die Materialität auch in der Ausstellung „Shapereader“ des Comickünstlers Ilan Manouach als Ausstellungsbeitrag der Fédération Wallonie-Bruxelles, welche Menschen mit und ohne Sehbehinderung eine Leseer‐ fahrung durch Berührung von Platten aus geschnitztem Holz bot. Leicht verständ‐ liche unterschiedliche Formen versinnbildlichten Orte, Personen, Handlungen und Gefühle und sollten über die Berührung in den Köpfen der Besucherinnen und Besucher Geschichten entstehen lassen. Auch dieses Projekt symbolisierte ein zentrales Anliegen des Ehrengastauftritts: die Überwindung von Grenzen. Der Beitrag Luxemburgs bestand darin, dem Publikum an ausgelegten Tablets die Konsultation des „Dictionnaire des auteurs bilingue du Luxembourg“ und des Katalogs der Nationalbibliothek des Großherzogtums anzubieten, und war unter dem Titel „Wissen verbreiten“ an eine ähnliche Präsentation der BNF angegliedert. Im Falle Luxemburgs war der Beitrag durch die Namens‐ gebung Nationalbibliothek des Großherzogtums Luxemburg gekennzeichnet, aber in den anderen Fällen war die Zugehörigkeit der Ausstellungsbereiche zu den frankophonen Partnern nicht offensichtlich. Zwar wurden an Schauta‐ feln oder auf Bildschirmen die kuratierenden Einrichtungen genannt. Aber erst auf den zweiten Blick war zu erkennen, dass außerdem in den Re‐ galen um diese Hauptausstellungen (Gutenberg-Druckerpresse, „Shapereader“, Bibliothèque Nationale du Grand-Duché) herum ausschließlich Bücher luxem‐ burgischer, schweizerischer bzw. belgischer Autorinnen und Autoren, im Falle 4.3 Umsetzung des französischen Ehrengastauftritts 225 171 Eine ausführliche Analyse des Projektes „Walden“ findet sich bei Anastasio 2018, 62-67. 172 Zu den Befragungen des Publikums zum französischen Ehrengastpavillon auf der Frankfurter Buchmesse 2017, vgl. Bosshard 2018 und Anastasio 2018, 54. der Schweizer auch fotografische Porträts zu finden waren. Eine Ausweisung durch die ansonsten im Pavillon sehr prominente Beschilderung existierte nicht. Als Beispiele für Ausstellungen, in denen die Besucherinnen und Besucher die Möglichkeit hatten, die angebotenen Inhalte um die Wahrnehmung von Literatur über verschiedene Sinne und eigene Erlebnisse zu erweitern, seien „La cabine L.I.R. (Livre In Room)“, eine digitale Installation von kleinen Szenen aus der Literatur, welche über die Verbindung von Inszenierung, Bild und Ton vor den Augen der Zuschauerin oder des Zuschauers entstehen, sowie das Virtual-Reality-Projekt „Walden“ genannt. Hier konnten sich die Besucherinnen und Besucher - in Anlehnung an Henry David Thoreaus Walden or Life in the Woods - in einen ruhigen, virtuellen Wald zurückziehen und, dort umher‐ wandernd, Texte, Biographien und Zitate frankophoner Schriftstellerinnen und Schriftsteller akustisch und visuell entdecken. 171 Eine eher klassisch aufgebaute Ausstellung mit Schautafeln und in Glaskästen ausgestellten Exponaten zeigte die über zweihundert Jahre alte Geschichte des französischen Verlagswesens, kuratiert vom Institut Mémoires de l’édition contemporaine (IMEC). Auf ähnliche Weise wie 1989 bildete diese Ausstellung, zusammen mit der Darstellung des umfassenden Katalogs und digitaler Ange‐ bote der BNF, das Prestige des französischen literarischen Feldes ab. Die Reaktionen des Publikums auf den französischen Ehrengastpavillon waren geteilt. Wie Matteo Anastasio beobachtete, wurde die Symbolik einer Baustelle der Literatur und Sprache im französischen Ehrengastpavillon und die Abwendung von der klassischen Selbstrepräsentation nicht von allen Be‐ sucherinnen und Besuchern erkannt und geschätzt. In Umfragen wurde die labyrinthische Holzregalstruktur als „leider etwas unübersichtlich“ und „nicht sinnlicher wie [sic! ] eine Bücherei“ beschrieben. 172 Vielen Besucherinnen und Besuchern schien eine eindeutige Wiedererkennbarkeit des Gastlandes anhand kultureller Stereotype zu fehlen: So gehörten zu den häufigen Feststellungen der Besucherinnen und Besucher Aussagen wie „erinnert eher an Schweden“ (entsprechend der ästhetischen Beurteilung als „Ikea-Optik“), „keine Inspiration für Urlaub“, „nicht typisch Französisch“ und „keine Repräsentation von Frank‐ reich“; sie vermissten die Farben der „französische[n] Flagge“, „viele Klassiker“ oder das typisch „französische Flair“. Entsprechend wurden als eindeutig mit Frankreich assoziierte Elemente die Gastronomie im Café des Pavillons, Comics und auch die starke Präsenz der französischen Sprache genannt. Positiv wurde unter anderem die Vielfalt der Präsentation bewertet: „interessante[n] Darstel‐ 226 4 Francfort en français 2017 lung verschiedener Aspekte der französischen Literatur“ und „sehr innovativ, viele verschiedene Angebote“ (alle Aussagen des befragten Publikums zitiert nach Anastasio 2018, 54). In den deutschsprachigen Medien wurde der Ehrengastpavillon gegensätzlich bewertet. Dem Rezensenten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung drängte sich beim Anblick des Pavillons das Bild von „Bücher[n] hinter Gittern“ (Hierholzer 2017) auf, wohl wissend, dass die Intention der schlichten Holzregale eine andere war. Während es ihm dennoch gelang „in eine Gedankenwelt zu entfliehen, die zwischen zwei Buchdeckeln zur Verfügung gestellt wird, und sich darüber zu freuen, dass der deutsch-französische Austausch noch fruchtbar ist“ (Hierholzer 2017), beklagte der Rezensent der Neuen Zürcher Zeitung das genaue Gegenteil: Diese Arte-povera-Installation wirkt nicht einladend und schafft auch keine Atmo‐ sphäre der Konzentration oder Kontemplation. Da entsteht kein Denkraum und auch kein Bücher- oder Wörterlabor, eher wähnt man sich in der Werkstatt des Hobbygärtners oder im Lagerraum eines Baumarktes. Kaum einer mag da lesen, auch wenn die Bücher zu Hunderten herumliegen. (Bucheli 2017) Andere Rezensenten lobten die Gestaltung des Pavillons mit Begriffen und Beschreibungen wie „schlicht und transparent“ (Ebel 2017), „gelungenes Ge‐ samtkunstwerk“ und „vielstimmige Präsentation, deren Architektur, Design und funktionale Gestaltung überzeugen“ (Roesler-Graichen 2017). Wie schon 1989 wurde positiv hervorgehoben, dass man sich, statt den Auftritt für Tou‐ rismuswerbung zu nutzen, auf die Literatur konzentrierte: „für einmal kein Schnickschnack, kein ‚Abholen‘ der Laufkundschaft mit Landschaftsbildern oder exotischen Speisen; der Akzent liegt auf den Büchern“ (Ebel 2017). Wie die Badische Zeitung nicht negativ feststellte, verstieß die Gestaltung des französischen Ehrengastpavillons gegen die „romantischen Vorstellungen der Frankophilen“ (Schulte 2017) in Deutschland. Sabine Kinner von der Frankfurter Neuen Presse schien, wie viele Besucherinnen und Besucher, eine an Stereotypen orientierte Selbstdarstellung Frankreichs erwartet zu haben: Man wird sich doch nicht im Raum geirrt haben? Statt Pariser Eleganz, entweder kühl minimalistisch oder boudoirhaft pompös, tut sich enttäuschende Kargheit auf. […] Als hätte der Designer eines schwedischen Möbelherstellers einen schlechten Tag gehabt und lustlos eine beliebige Stadtteilbücherei entworfen. […] ‚L’Esprit de la lettre‘, der Geist der Buchstaben, schwebt über den Köpfen. Viel mehr als in der öden Ausstattung aber vernimmt man ihn in den französischen Wortwechseln der Besucher, die sich im Pavillon treffen. […] In Anbetracht solcher Lebhaftigkeit wirkt die triste literarische Selbstpräsentation des diesjährigen Gastlandes umso schmerzlicher. ‚Frankreich, wo bist du? ‘, möchte man rufen. (Kinner 2017) 4.3 Umsetzung des französischen Ehrengastauftritts 227 173 Aussagen von Besucherinnen und Besuchern des Ehrengastpavillons aus der Umfrage des DFG-Projektes auf der Frankfurter Buchmesse 2017. Für Erläuterungen zur Um‐ frage, vgl. Bosshard 2018. Die Vermittlung des Mottos Francfort en français, der Idee, statt einer nationalen Selbstdarstellung Frankreichs die Einladung auf die französische Sprache und somit Literatur auf Französisch auszuweiten, sowie die entsprechende Umset‐ zung im Ehrengastpavillon schien den Verantwortlichen nicht vollumfänglich gelungen zu sein. 4.3.3 Programm und Veranstaltungsformate Dem Organisationskomitee des französischen Ehrengastauftritts war es wichtig, die Vielfalt ihrer Veranstaltungsformate zu betonen, bei denen die Besucherinnen und Besucher den eingeladenen Autorinnen und Autoren be‐ gegnen konnten. Mit folgenden Formaten wollte man die verschiedenen Ziel‐ gruppen, vage unterteilt in das Fachpublikum der Buchmesse und die allgemeine Öffentlichkeit, erreichen: „Dialoge, Wissensaustausch, Begegnungen, Debatten, Lesungen, Konzerte, Ausstellungen, Installationen sowie Aufführungen fürs Auge und fürs Ohr, sogar für die Geschmacksnerven“ (Francfort en français 2017b, 18). Bemerkenswert im Vergleich zu anderen Ehrengästen war, dass die Veran‐ staltungen überwiegend, das heißt inklusive der Moderation, in französischer Sprache stattfanden. Grund dafür war vermutlich der Wunsch, gemäß dem Motto Francfort en français die französische Sprache zu würdigen, ihr im Pavillon die Hauptrolle einzuräumen und sie präsent zu halten, aber auch die Er‐ wartungshaltung, dass das Publikum über ausreichende Französischkenntnisse verfügte. Simultanübersetzungen ins Deutsche und teilweise auch ins Englische waren über Kopfhörer zwar vorhanden, dennoch ergaben sich dadurch Ver‐ ständnisschwierigkeiten, wie die Kommentare einiger befragter Besucherinnen und Besucher zeigen: „hohe Sprachbarriere“, „Leute ohne Französischkennt‐ nisse kommen im Pavillon zu kurz“, „alles auf Französisch“, „Für Menschen, die nicht fließend Französisch sprechen, schwierig! “, „schwer, weil viel Französisch“ und „als nicht-französischer Bürger [Gefühl eines] Außenseiter[s]“. 173 Durch die Umsetzung von Veranstaltungsreihen im Ehrengastpavillon, die sich über die fünf Öffnungstage der Buchmesse wiederholten und an denen gleichzeitig mehrere Schriftstellerinnen und Schriftsteller teilnahmen, sollte sichergestellt werden, dass jede Autorin und jeder Autor aus der offiziellen De‐ legation im Veranstaltungsprogramm berücksichtigt wurde. Dazu gehörte ins‐ besondere die Reihen „Autor*innen drucken/ Impressions d‘auteurs“ - gedruckt 228 4 Francfort en français 2017 174 „Mit dem Franz-Hessel-Preis werden jedes Jahr eine deutsch- und eine französischspra‐ chige Autorin oder ein Autor ausgezeichnet, die im Nachbarland noch nicht bekannt sind und deren Werke weitestgehend noch nicht übersetzt wurden. Der Preis trägt dazu bei, herausragende Literatur über die Grenzen hinweg bekannt zu machen und regt den literarischen und intellektuellen Dialog zwischen Deutschland und Frankreich an. […] Er wurde in Deutschland von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) und in Frankreich vom Ministère de la Culture initiiert und wird von ihnen finanziert“ (Stiftung Genshagen 2017). wurde auf der Gutenberg-Druckerpresse im Pavillon die erste Seite des aktuellen Werkes auf Deutsch und auf Französisch, „INCIPIT! “ - Diskussionsrunden über erste Sätze von eigenen sowie großen Werken der Weltliteratur, „Wir bewundern/ Exercices d’admiration“ - Austausch von Autorinnen und Autoren über Texte und Werke, die ihnen wichtig sind, etwa die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Walden von Henry David Thoreau oder das Werk Tomi Ungerers, „Begegnungen der Übersetzer*innen/ Le rendez-vous des traducteurs“ - Übersetzerinnen und Übersetzer berichteten von den Herausforderungen ihrer Arbeit in verschiedenen Genres, sowie „Autor*innenduo/ Duo d’auteurs“ - Begegnungen von Kinder- und Jugendbuchautorinnen und -autoren mit Schulklassen des französischen Gymnasiums Frankfurt. Die Einbeziehung von Kindern und Jugendlichen im Ehrengastpavillon erfolgte auch durch Workshops für verschiedene Altersklassen mit Schriftstellerinnen und Schriftstellern bzw. Illustratorinnen und Illustratoren, die vom Entstehungsprozess von Büchern berichteten und die Fragen des jungen Publikums beantworteten. Ein ähnliches Format für Erwachsene waren die literarischen Masterclasses: Der Sender France Culture verlegte die Aufzeichnung dieser seit 2017 im Radio ausge‐ strahlten Sendereihe in den Ehrengastpavillon, in deren Frankfurter Ausgaben Marie NDiaye und Atiq Rahimi auftraten. Die Nutzung des Ehrengastpavillons oder der Buchmesse als Kulisse für die Aufzeichnung von Fernseh- oder Radiosendungen war allgemein beliebt: So widmete sich die vom ZDF produzierte Literatursendung „Das Literarische Quartett“ in seiner Oktoberausgabe 2017 auch französischsprachiger Literatur und wurde auf der großen Bühne des französischen Pavillons aufgezeichnet. Auch andere Institutionen verlegten ihre Berichterstattung oder Veranstal‐ tungen auf die Buchmesse: eine ihrer Sitzungen ließ die Jury des Prix Goncourt in Frankfurt stattfinden, um dann in einer Diskussionsrunde mit ihren zehn Mit‐ gliedern auf der großen Bühne des Pavillons die zweite Auswahlrunde des Prix Goncourt 2017 bekanntzugeben. Mehrere Preisverleihungen fanden im Pavillon statt, darunter die Verleihung des von der OiF ins Leben gerufenen Prix des cinq continents de la francophonie an den tunesischen Schriftsteller Yamen Manai, die Vergabe des Franz-Hessel-Preises 174 durch die französische Kulturministerin 4.3 Umsetzung des französischen Ehrengastauftritts 229 Françoise Nissen und die deutsche Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien Monika Grütters an Philippe Forest und Christine Wunnicke, die Vergabe des Francomics und des Prix des Lycéens allemands in Anwesenheit der Schüler und Schülerinnen, sowie die Verkündigung der Shortlist für den Deutsch-Französischer Jugendliteraturpreis 2018. Zum Programm von Francfort en français gehörten die Auftritte von in Deutschland weniger bekannten Persönlichkeiten ebenso wie die Anwesenheit von Literaturstars. Großen Andrang verzeichneten etwa die Begegnung mit den Autoren von Asterix und Obelix, Jean-Yves Ferri und Didier Conrad am bereits für das allgemeine Publikum geöffneten Buchmesse-Samstag im Ehrengastpavillon sowie die gemeinsam vom Literaturhaus und Schauspielhaus Frankfurt organisierten Auftritte von Michel Houellebecq und Yasmina Reza am Mittwochbzw. Freitagabend im ausverkauften Schauspielhaus und die im Literaturhaus stattfindende Veranstaltung mit Emmanuel Carrère am Vorabend der Eröffnung der Buchmesse. Außerhalb des Pavillons waren französischsprachige Autorinnen und Au‐ toren insbesondere bei den Veranstaltungen deutschsprachiger Medien präsent. Das Team des beim Publikum beliebten Blauen Sofas (ZDF, Deutschlandfunk Kultur, 3sat, Bertelsmann) lud Didier Eribon, Alain Mabanckou, Édouard Louis, Achille Mbembe, Leïla Slimani, Marie NDiaye und Aya Cissoko zum Gespräch ein. Am Stand des deutsch-französischen Kultursenders ARTE waren Amélie Nothomb, Didier Fassin, Sylvain Prudhomme, Jean-Philippe Toussaint, Kamel Daoud, Leïla Slimani, Marie NDiaye, Frédéric Boyer und Guy Delisle zu Gast. Darüber hinaus trug ARTE als Medienpartner von Francfort en français mit Beteiligungen an Projekten im Pavillon (dem Digitalatelier und der Virtual- Reality-Spiel SENS nach dem Comic von Marc-Antoine Mathieu), dem Eröff‐ nungskonzert mit dem Orchestre philharmonique de Strasbourg in der Alten Oper in Frankfurt sowie Veranstaltungen am eigenen Messestand wie der Über‐ tragung von Dokumentarfilmen zur gegenwärtigen frankophonen Literatur und dem deutsch-französischen Literaturaustausch bei. Viele Veranstaltungen konnten den übergeordneten Leitthemen des französi‐ schen Ehrengastauftritts zugeordnet werden. Dem Schwerpunkt Comics waren neben den einzelnen Begegnungen mit Comickünstlerinnen und Comickünst‐ lern im Pavillon Diskussionsrunden etwa zum Spezialthema Doku-Comics („Schwere Themen, leichte Lektüre? “) gewidmet, sowie auch Veranstaltungen außerhalb der Buchmesse, zum Beispiel die Ausstellung Marc-Antoine Mathieus im Museum Angewandte Kunst und ein Abend im Frankfurter Mousonturm zum Thema „Comic und Elektro“ mit live vorgenommenen Zeichnungen. 230 4 Francfort en français 2017 Für das Leitthema Innovation und zur Demonstration der Innovativität der französischen Buchbranche wurden französische Start-Ups des Verlagswesens eingeladen, gemeinsam mit deutschen Gründerinnen und Gründern ihre Ideen der Öffentlichkeit und dem Fachpublikum der Buchmesse vorzustellen und an Networking-Veranstaltungen teilzunehmen. Der Buchmesse-Freitag im Ehrengastpavillon stand ganz im Zeichen des Themas Europa und der Rolle Deutschlands und Frankreichs in der interna‐ tionalen Politik. Im Ehrengastpavillon entstand das Forum „European Lab/ Großkonferenz: Neuerfindung eines demokratischen, nach außen orientierten Europas“, welches den teilnehmenden französischsprachigen Intellektuellen die Möglichkeit bot, „[de] débattre du rôle de la culture et de la connaissance dans la reconquête démocratique et de la revalorisation citoyenne du projet européen“ (Francfort en français 2017a, 37). Einzelne frankophone Autorinnen und Autoren vermittelte Francfort en français als Diskussionsteilnehmerinnen und -teilnehmer an den „Weltempfang“, dem „Zentrum für Politik, Literatur und Übersetzung“ der Frankfurter Buchmesse, der jährlich unter einem anderen Thema internationale Begegnungen und Fachdebatten beherbergt: 2017 disku‐ tierten dort Leïla Slimani und Fouad Laroui zum Thema „Der Maghreb und Europa - eine Beziehung in der Krise? “ und Gaël Faye über „Vergessene huma‐ nitäre Krisen“ wie jene im Heimatland des Autors, Burundi. Der Weltempfang bot außerdem den Raum für die Diskussionsrunde „Publizieren in Afrika“, die ebenso wie andere Fachveranstaltungen im Ehrengastpavillon („Quel avenir pour le marché du livre francophone? “, Networking- und Business-Events) und der Gemeinschaftsstand für 20 frankophone Verlage aus Haiti und der Subsahara des BIEF zur besseren Vernetzung des Verlagswesens in den verschiedenen französischsprachigen Ländern beitragen sollte. Die Schweiz, Luxemburg und Belgien brachten sich über Veranstaltungen an eigenen Ständen (zum Beispiel „30 Minuten bei den Welschen/ 30 minutes chez les Welsches“ am Stand des Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verbandes (SBVV)) ein, mit denen sie den eingeladenen Autorinnen und Autoren aus ihren Territorien zusätzliche Begegnungen mit dem Publikum ermöglichten. Pro Helvetia und Wallonie-Bruxelles International gestalteten gemeinsam den Mittwochabend im Frankfurter Mousonturm unter dem Titel „Rythmes et diversité“, bei dem sie dem Publikum Poetry Slam, Performances, Livemusik, DJs und kulinarische Spezialitäten aus beiden Ländern - Schokolade und Bier - präsentierten. Kulinarik spielte auch bei den sogenannten „Happy Hours/ Heures joyeuses“ abends ab 17 Uhr im französischen Ehrengastpavillon eine große Rolle, bei der sich die Suisse romande genauso wie die französischen Regionen Grand Est und Nouvelle-Aquitaine mit regionalen gastronomischen 4.3 Umsetzung des französischen Ehrengastauftritts 231 Spezialitäten sowie besonderen Projekten vorstellten. Die französische Region Grand Est unterstützte außerdem das Projekt „Passerelles d’Europe - Brücken für Europa“. Dabei machte das literarische Hausboot L’Ange Gabriel, Unterkunft für Schriftstellerinnen und Schriftsteller, auf seiner Reise auf Flüssen und Kanälen zwischen Frankreich, Belgien, der Niederlande und Deutschland in der Woche der Buchmesse in Frankfurt Station und wurde so zum Veranstaltungsort für Lesungen und Diskussionen auf dem Main. Auch die Wissenschaft war in das Projekt Francfort en français eingebunden. Ein deutsch-französisches sprachwissenschaftliches Kolloquium im Haus des Buches, dem Sitz des Börsenvereins und der Frankfurter Buchmesse in Frank‐ furt, beleuchtete am Tag vor der Eröffnung der Buchmesse das Thema „Unser Bezug zur Sprache - Sprachkultur in Frankreich und Deutschland. Unterschiede, Berührungen, Grenzgänge“. An der renommierten Frankfurter Goethe-Univer‐ sität fanden am Mittwoch- und Freitagabend vom Institut franco-allemand de sciences historiques et sociales organisierte Vorträge der französischen Intellektuellen Patrick Boucheron und Julia Kristeva zu den Themen „Écrire aujourd’hui l’histoire nationale“ bzw. „Existe-t-il une culture européenne? “ statt. Viele Museen in Frankfurt und Umgebung nutzten die Gelegenheit, anläss‐ lich des französischen Ehrengastauftritts Sonderausstellungen mit Bezug zur Kunst und Kultur aus französischsprachigen Gebieten zu zeigen. Zu diesen mit viel symbolischem Kapital ausgestatteten Einrichtungen gehörten das Städel- Museum mit einer Schau zu den Künstlern Henri Matisse und Pierre Bonnard, die Schirn Kunsthalle mit der Ausstellung „Diorama. Erfindung einer Illusion“, das Deutsche Filmmuseum mit „Abgedreht! Die Filmfabrik von Michel Gondry“, aber auch kleinere Institutionen wie das Struwwelpeter Museum mit einer Ausstellung zu Struwwelpeter-Interpretationen frankophoner Illustratorinnen und Illustratoren („Struwwelpeter recoiffé“). Wie die vorangegangene Darstellung zeigte, konnte Francfort en français ein umfassendes (Begleit-)Programm zum französischen Ehrengastauftritt um‐ setzen. Die Diversität der Veranstaltungsformate war dabei insbesondere der Vielfalt an deutsch- und französischsprachigen Institutionen zu verdanken, die ihre Aktivitäten in das Veranstaltungsprogramm integrierten bzw. bereits existierende Projekte auf die Buchmesse und in den Ehrengastpavillon als Veranstaltungsorte verlegten. 232 4 Francfort en français 2017 175 Inhalte dieses Unterkapitels zur französischen Übersetzungsförderung sind bereits in veränderter Form und in englischer Sprache in einem Sonderheft des Journals Mémoires du livre erschienen, vgl. Hertwig 2020. 176 Vgl. Website Centre national du livre, „Données clés“. 177 Beim CNL reichen die französischen bzw. frankophonen Verlage die Anträge auf Über‐ setzungsförderung für ihre deutschsprachigen Lizenznehmerinnen und Lizenznehmer ein, beim Rilke-Programm stellen die deutschsprachigen Verlage den Antrag. 5 Francfort en français und Bibliodiversität 5.1 Französische Übersetzungsförderung im Vorfeld des Ehrengastauftritts 175 Welche Autorinnen und Autoren, welche französisch- und deutschsprachigen Verlage, aber auch: welche Genres profitierten im Vorfeld des Ehrengastauftritts 2017 in besonderer Weise von der Übersetzungsförderung des französischen Staates? Die staatlichen Übersetzungsförderungsprogramme Frankreichs werden vom CNL sowie von den IF in den jeweiligen Ländern organisiert. Im Folgenden werden nun die Daten zunächst des CNL und anschließend des Rilke-Programms des IF d’Allemagne zur Übersetzungsförderung französischsprachiger Bücher bei Veröffentlichung in Verlagen im deutschsprachigen Raum ausgewertet. Der Zeitraum, der in dieser Teilanalyse im Vorfeld von Francfort en français betrachtet werden konnte, wurde auch durch die Verfügbarkeit der Daten des CNL und des IF definiert. Das CNL veröffentlicht auf seiner Website alle Angaben zu geförderten Übersetzungsprojekten unter anderem in der Publikationsreihe Bilan des aides seit 2010, 176 und konnte auf Anfrage darüber hinaus Daten zur Förderung von Übersetzungen in die deutsche Sprache seit 2001 zur Verfügung stellen. Die Daten des IF zur Übersetzungsförderung im Rilke-Programm werden nicht online veröffentlicht und umfassen in dieser Studie die auf Anfrage zusam‐ mengestellten Daten für den Zeitraum 2008 bis 2018. Das Rilke-Programm wird vom IF d’Allemagne organisiert; es finden sich aber auch österreichische Verlage unter jenen, die eine Übersetzungsförderung erhielten. Ein Referent des Übersetzungsförderungsprogramms für die Extraduktion des CNL, der namentlich nicht genannt werden wollte, erläuterte, dass alle frankophonen Verlage die Möglichkeit haben, beim CNL die Förderung von Übersetzungen ihrer Veröffentlichungen in Fremdsprachen zu beantragen. 177 Die Bedingung, einen konstanten und verlässlichen Vertrieb ihrer Bücher 178 So der Referent des CNL im Gespräch am 23. März 2018 in Paris, ab Minute 16: 10. 179 Siehe Kapitel 2.3.2. 180 So etwa Silvie Philippart de Foy im Gespräch am 19. März 2018 bei Livre Paris, ab Minute 11: 27. in den Buchhandlungen Frankreichs anzubieten, schließt jedoch Verlage von außerhalb der frankophonen Regionen Belgiens, der Schweiz, Luxemburgs und Québecs aus logistischen Gründen weitgehend aus. 178 Auch wenn frankophone Staaten und Regionen wie die französischsprachige Schweiz, Québec und die Wallonie eigene Programme zur Übersetzungsförderung anbieten, 179 werden diese Daten in der Analyse zur Übersetzungsförderung im Vorfeld von Francfort en français nicht berücksichtigt. Die Ankündigung Frank‐ reichs, den Gastlandauftritt auszuweiten und andere frankophone Gebiete an der Organisation mitwirken zu lassen, erfolgte für diese Gebiete und ihre Institutionen der Literatur- und Übersetzungsförderung angesichts der benötigten Vorberei‐ tungszeit zur Veröffentlichung von Übersetzungen zu spät, als dass spezielle Projekte zur Frankfurter Buchmesse 2017 angestoßen werden konnten. 180 Die Förderung der Extraduktion durch das CNL soll es einem globalen Publikum ermöglichen, Zugang zu ausgewählten Werken auf Französisch oder in einer der Sprachen Frankreichs verfassten Literatur in einer qualitativ hochwertigen Übersetzung zu erhalten (vgl. Website Centre national du livre, „Aide aux éditeurs pour la traduction d’ouvrages français en langues étrangères“). Folgende Kriterien berücksichtigen die Expertenjurys bei der Entscheidung über die Förderungswür‐ digkeit der Übersetzung eines Werkes aus dem Französischen: [Q]ualité de l’ouvrage dans sa version originale; pertinence de la traduction, ou, le cas échéant, de la retraduction dans la langue et le pays concernés par la demande; difficulté du projet; qualité de l’échantillon de traduction; politique éditoriale de l’éditeur étranger et respect, d’une façon générale, de ses engagements envers les éditeurs français; risques commerciaux pris par l’éditeur et, le cas échéant, ventes des titres du même auteur précédemment traduits; tirage prévu; montant de l’à-valoir; rémunération du traducteur au regard des pratiques en vigueur dans le pays du demandeur; avis des services culturels de l’ambassade de France dans le pays concerné; aides publiques déjà obtenues. (Website Centre national du livre, „Aide aux éditeurs pour la traduction d’ouvrages français en langues étrangères“) Nicht gefördert werden vom CNL unter anderem Ratgeber, Reiseführer, Schul- und Lehrbücher, wissenschaftliche Werke wie Abschlussarbeiten und Sammelbände, technische und juristische Fachbücher, Werke zur Gegenwartskunst, Spielbücher, Wörterbücher und Lexika, Musikpartituren und esoterische Bücher. 234 5 Francfort en français und Bibliodiversität 181 Die Übernahme von bis zu 70 Prozent von Übersetzungskosten erfolgt regelmäßig zeitlich begrenzt zu bestimmten Anlässen für festgelegte Sprachen, so etwa anlässlich von sogenannten saisons oder années culturelles, in denen Frankreich einen besonderen Austausch mit anderen Staaten pflegt, zum Beispiel bei der Année de la France au Brésil (2009). Auf Wunsch des französischen Kulturministeriums wird zwischen 2017 und 2020 auch die Intraduktion sowie Extraduktion zwischen der französischen und arabischen Sprache in dieser besonderen Weise gefördert, um den Literaturaustausch zwischen den beiden Sprachen zu stärken. So der Referent des CNL, ab Minute 18: 20. 182 So der Referent des CNL, ab Minute 05: 20. Im Jahr 2017 förderte das CNL die Übersetzung von 227 französischspra‐ chigen Werken in 33 Fremdsprachen und 41 Länder mit einem Budget von 627.380 Euro (vgl. „Bilan des aides 2017“, Centre national du livre, 97). Übli‐ cherweise erhalten internationale Verlage bei erfolgreichen Anträgen 40 bis 60 Prozent der Übersetzungskosten durch das CNL erstattet. In Vorbereitung des französischen Ehrengastauftritts auf der Frankfurter Buchmesse 2017 erhöhte das CNL den Anteil der Rückerstattung von Übersetzungskosten auf 70 Prozent für die Übertragung französischsprachiger Werke ins Deutsche in den Jahren 2016 und 2017. 181 In konkreten Zahlen bedeutete dies, dass deutschsprachige Verlage im Jahr 2017 durchschnittlich 4.487 Euro Übersetzungsförderung des CNL erhielten, während andere internationale Verlage mit durchschnittlich 2.764 Euro subventioniert wurden. So wendete das CNL mehr als ein Viertel seines Budgets für die Förderung von Extraduktionen aus dem Französischen ins Deutsche auf, während der Anteil von Übersetzungen ins Deutsche an den insgesamt geförderten Titeln bei weniger als zehn Prozent lag. Da das CNL nicht das insgesamt zur Verfügung stehende Budget für Extraduktionen erhöhte, gingen die höheren Fördersummen für Übersetzungen ins Deutsche zulasten anderer internationaler Verlage und ihrer Übersetzungsprojekte. Dennoch er‐ höhte sich im Vorfeld des französischen Gastlandauftritts auch die tatsächliche Anzahl der durch das CNL geförderten Titel von 16 im Jahr 2015 auf 24 im Jahr 2016 und 36 im Jahr 2017. Wie der Referent des CNL beobachtete, verzeichnete das CNL auch eine deutliche Steigerung der Anzahl an Anträgen auf Förderung bezüglich Übersetzungen ins Deutsche im Vorfeld des Auftritts, die jedoch zur letzten Sitzung der Entscheidungskommission für das Jahr 2017 im Oktober desselben Jahres wieder merklich abnahm. 182 Um eine längerfristigere Entwicklung aufzeigen zu können, betrachtet die fol‐ gende Analyse die Förderung des CNL hinsichtlich der Übersetzung von Büchern aus dem Französischen ins Deutsche zwischen 2001 und 2017. In diesem Zeitraum veröffentlichten deutsche, österreichische und Schweizer Verlage 539 Werke aus dem Französischen mit Übersetzungsförderung des CNL. Ein Großteil davon betraf zeitgenössische Literatur (457 Titel), welche für diese Auswertung als Literatur 5.1 Französische Übersetzungsförderung im Vorfeld des Ehrengastauftritts 235 von Schriftstellerinnen und Schriftstellern definiert wurde, die zum Zeitpunkt des Erscheinens der deutschsprachigen Übersetzung gelebt haben. Bezüglich der Genres überwogen unter den geförderten Titeln eindeutig Werke, die dem Bereich Non-Fiction zugeordnet werden können (siehe Abbildung 19). Abb. 19: Verteilung der 539 vom CNL geförderten Übersetzungen ins Deutsche 2001 bis 2017 nach Genre (eigene Darstellung nach Daten des CNL) Innerhalb der insgesamt 539 geförderten Übersetzungen dominieren eindeutig Werke von männlichen Autoren: 445 von ihnen stammten aus der Feder eines Schriftstellers, 79 aus der Feder einer Autorin. 15 Werke wurden von mehreren Autorinnen und Autoren verfasst, davon vier von einem rein männlichen Autoren‐ team, ein Titel von einem Autorinnenteam. Insgesamt waren an dem geförderten Transfer französischsprachiger Literatur auf den deutschsprachigen Buchmarkt 271 Autoren, 67 Autorinnen und 15 verschiedene Teams aus Autorinnen und Autoren beteiligt. Auch wenn man unter allen ins Deutsche übersetzten Büchern die Mehrfachförderung einzelner Autorinnen und Autoren betrachtet, tauchen auf den ersten Plätzen ausschließlich männliche Autoren aus dem Bereich Non- Fiction und darunter speziell Geisteswissenschaftler, Philosophen und Soziologen auf: Gefördert wurden vierzehn Werke von Jacques Rancière, zehn von Alain Badiou, jeweils neun von Michel Foucault und Jean-Luc Nancy, jeweils acht von Georges Didi-Huberman und Jean-Claude Kaufmann, sowie jeweils sieben Werke von Pierre Bourdieu, Jacques Derrida und François Jullien. In dieser Hinsicht wird deutlich, dass das Übersetzungsförderungsprogramm des CNL den Fokus auf jene Werke zu legen scheint, deren Übersetzung in 236 5 Francfort en français und Bibliodiversität 183 Diese Kategorisierung basiert auf Piault 2018a. besonderem Maße zur weiteren Konsekration der französischen Geistes- und Sozialwissenschaften und dem symbolischen Kapital der französischen Intellektu‐ ellen beitragen. Hier soll aber noch einmal angemerkt werden, dass die Auswahl der Titel, die Übersetzungsförderung erhalten, natürlich von den eingehenden An‐ trägen deutschsprachiger Verlage (und ihrer französischsprachigen Lizenzgeber) abhängt. Es ist jedoch davon auszugehen, dass die Verlage sich immer dann beson‐ ders um Übersetzungsförderung bemühen, wenn der Anspruch der Übersetzung und die in diesem Zusammenhang entstehenden Kosten für die Übersetzung in keinem Verhältnis zu den erwarteten kommerziellen Erfolgen stehen - wie es in den Geistes- und Sozialwissenschaften vermutlich der Fall ist. Mit Blick auf die involvierten Akteurinnen und Akteure ist festzuhalten, dass jene französischen Verlage den vom CNL geförderten Literaturtransfer domi‐ nieren, die eine starke Position im französischen literarischen Feld innehaben - sowohl im Hinblick auf literarisches als insbesondere auf das ökonomische Kapital der großen Verlagsgruppen. Im Zeitraum zwischen 2001 und 2017 haben die Werke von 106 verschiedenen französischen Verlagen mit Hilfe der Über‐ setzungsförderung des CNL ihren Weg in den deutschen Buchmarkt genommen. Fast 60 Prozent der 539 geforderten Titel waren zuvor bei den größten französi‐ schen Verlagsgruppen - Hachette Livre, Editis, Média Participations, Madrigall, Albin Michel, RELX Group - veröffentlicht worden. Die übrigen Bücher er‐ schienen bei kleineren Verlagsgruppen wie Actes Sud und Groupe Libella, oder bei gänzlich unabhängigen Verlagen. 183 An der Spitze stehen zwei Verlage mit hohem literarischen, symbolischen aber auch ökonomischen Kapital, nämlich Éditions Gallimard (70 Werke, Groupe Madrigall) und Éditions du Seuil (67 Titel, Média Participations). Wie bereits erwähnt sind die Förderprogramme des CNL zumindest in der Theorie zugänglich für frankophone Verlage, die ihren Sitz außerhalb Frankreichs haben. Unter den geförderten Übersetzungen ins Deutsche sind jedoch nur wenige, die ursprünglich außerhalb Frankreichs, und um genauer zu sein, auch außerhalb von Paris, publiziert wurden. Sie erschienen in verschiedenen belgischen Verlagen, und auch je ein Verlag aus Québec und La Réunion profitierten von der Übersetzungsförderung des CNL. Die Situation stellt sich ganz anders dar, wirft man einen Blick auf die am geförderten Literaturtransfer beteiligten deutschsprachigen Verlage. Hier zeigt sich, dass nur zehn Prozent der vom CNL geförderten Übersetzungen innerhalb der Verlagsgruppen mit dem höchsten Umsatz im deutschen Sprachraum - Springer Nature, Haufe, Klett Gruppe, Penguin Random House, Westermann Gruppe, Wolters Kluwer, Bonnier, Cornelsen, Georg von Holtzbrinck, C.H. Beck 5.1 Französische Übersetzungsförderung im Vorfeld des Ehrengastauftritts 237 184 Die Klassifizierung der deutschsprachigen Verlagsgruppen mit dem höchsten Umsatz im Jahr 2019 basiert auf Wilking 2020. 185 Siehe hierzu Kapitel 2.1.1. 186 Von den 46 im Suhrkamp Verlag verlegten Werken erscheinen allein 20 (auch) in der Reihe suhrkamp taschenbuch wissenschaft, die als eine Konsekrationsinstanz des deutschsprachigen literarischen Feldes gilt. - veröffentlicht wurden. 184 Dies kann unter anderem damit erklärt werden, dass Verlage in größeren Verlagsgruppen weniger stark auf die Subventionierung von Übersetzungen durch die Übernahme eines Teils der Übersetzungskosten angewiesen sind als kleinere, unabhängige Verlage. Hinzu kommt die Tatsache, dass der deutschsprachige Buchmarkt weniger stark konzentriert ist als der französische. 185 Außerdem ermöglicht es die Veröffentlichung von übersetzter Literatur den kleineren, unabhängigen Verlagen, eine Nische zu finden und sich darüber im literarischen Feld zu etablieren. In Übereinstimmung mit der hohen Anzahl an vom CNL geförderten Übersetzungen im Genre Non-Fiction zeigt sich, dass viele dieser aus dem Französischen übersetzten Werke bei Verlagen veröffentlicht werden, die sich im Feld der Geistes- und Sozialwissenschaften allgemein spezialisiert haben, und von denen einige einen besonderen Schwer‐ punkt ihres Verlagsprogramms auf Übersetzungen aus dem Französischen legen, wie der Schweizer Diaphanes Verlag, der Passagen Verlag in Wien sowie Matthes & Seitz Berlin (siehe Tabelle 3). 1. Suhrkamp 46 Werke 186 2. Diaphanes 39 Werke 3. Passagen 30 Werke 4. UVK Verlagsgesellschaft 19 Werke 5. Edition Nautilus und Turia + Kant 18 Werke 6. Matthes & Seitz Berlin 17 Werke 7. C.H. Beck 14 Werke 8. Rotpunktverlag und Wilhelm Fink 13 Werke Tab. 3: Die am häufigsten geförderten deutschsprachigen Verlage im Programm des CNL 2001 bis 2017 Für das Rilke-Programm des IF konnten Daten zur Übersetzungsförderung für die Jahre 2008 bis 2018 berücksichtigt werden. In der Vorbereitung des Ehrengastauftritts Frankreichs 2017 stieg die Zahl der in diesem Programm 238 5 Francfort en français und Bibliodiversität 187 Anzahl der zwischen 2008 und 2018 vom IF geförderten Übersetzungen ins Deutsche: 2008: 18 Werke, 2009: 18, 2010: 24, 2011: 17, 2012: 23, 2013: 25, 2014: 28, 2015: 22, 2016: 36, 2017: 40, 2018: 24. geförderten Übersetzungen aus dem Französischen ins Deutsche deutlich an, sank aber im Jahr nach dem Auftritt zunächst wieder. 187 Zu der Frage, ob die Anzahl dank eines höheren Budgets des IF in Deutschland gesteigert wurde, wurden seitens des IF keine Angaben gemacht. Insgesamt förderte das Rilke-Programm in diesem Zeitraum 275 Übersetzungen ins Deutsche. Davon waren 233 Werke, die nach der zugrundeliegenden Definition noch lebender Autorinnen und Autoren zum Erscheinen der deutschen Übersetzung zur Gegenwartsliteratur zählen. Im Gegensatz zum CNL wird der klare Fokus des IF auf die Förderung von Belletristik-Übersetzungen ins Deutsche sichtbar (siehe Abbildung 20). Abb. 20: Verteilung der 275 im Rilke-Programm des IF geförderten Übersetzungen ins Deutsche 2008 bis 2018 nach Genre (eigene Darstellung nach Daten des IF) Interessant ist auch, dass Comics und Kinder- und Jugendliteratur seltener Übersetzungsförderung sowohl vom CNL als auch im Rilke-Programm des IF erhalten, obwohl - oder gerade weil - diese die erfolgreichsten Genres für den Lizenzverkauf französischer Verlage darstellen und den Comics sowie Kinder- und Jugendbüchern im Rahmen von Francfort en français Schwerpunkte insbesondere in der Ausstellung im Ehrengastpavillon gewidmet waren. Dies mag auch darin begründet liegen, dass in diesen Genres die Menge des Textes 5.1 Französische Übersetzungsförderung im Vorfeld des Ehrengastauftritts 239 und auch dessen Komplexität begrenzt ist und sich damit die Kosten für die Übersetzung im Rahmen halten. Auch im Rilke-Programm überwiegen die Übersetzungen von Büchern männlicher Autoren, auch wenn der Anteil der Werke von Autorinnen hier immerhin fast ein Viertel aller geförderten Übersetzungen darstellt, im Vergleich zu nur 14,6 Prozent aller vom CNL subventionierten Titel. Wie an anderer Stelle dieser Arbeit bereits angemerkt wurde, ist es aufgrund fehlender Daten nicht möglich, diese Prozentanteile unter den geförderten Übersetzungen zu einer Betrachtung der Geschlechterverhältnisse auf den gesamten deutschen und französischen Buchmärkten in Beziehung zu setzen. Die geringere Repräsentation und Sichtbarkeit von von Frauen verfasster Literatur insbesondere in der als anspruchsvoll angesehenen Non-Fiction wird jedoch deutlich, und dies mag auch einer der Gründe sein, warum der Frauenanteil im Rilke-Programm mit seinem Fokus auf Belletristik höher liegt. Auch die Profile der deutschsprachigen Verlage, die am häufigsten von einer Übersetzungsförderung im Rilke-Programm profitierten, spiegeln diesen Belletristik-Fokus wider. Viele der insgesamt 275 geförderten Übersetzungen wurden von kleineren, unabhängigen Verlagen mit Schwerpunkt in Literatur und Drama veröffentlicht. Mit Reprodukt auf Platz 1 und dem avant-Verlag gehörten jedoch auch zwei Comic-Verlage zu den am häufigsten geförderten Verlagen im Rilke-Programm (siehe Tabelle 4). 1. Reprodukt 29 Werke 2. Matthes & Seitz Berlin 24 Werke 3. Passagen 17 Werke 4. Verlag Klaus Wagenbach 14 Werke 5. Edition Nautilus, avant-Verlag, Theater der Zeit 10 Werke Tab. 4: Die am häufigsten geförderten deutschsprachigen Verlage im Rilke-Programm des IF 2008 bis 2018 Diese Auflistung zeigt deutlich, dass unabhängige Verlage den subvention‐ ierten Transfer französischsprachiger Literatur dominieren. Insgesamt waren im betrachteten Zeitraum 192 deutschsprachige Verlage im Rilke-Programm vertreten. Nur ungefähr sieben Prozent aller geförderten Werke wurden dabei von den zehn bereits genannten umsatzstärksten Verlagsgruppen (Stand 2019) veröffentlicht. Diese haben also einen noch geringeren Anteil an der Über‐ 240 5 Francfort en français und Bibliodiversität 188 Zum methodischen Vorgehen bei der Erstellung der genannten Liste siehe Kapitel 7.1.2. Da nicht alle Übersetzungen, die den Daten des CNL und des IF zufolge geför‐ dert wurden, im Datensatz der DNB zu finden waren, wurden hier nur diejenigen geförderten Belletristik-Übersetzungen berücksichtigt, die auch in der auf den Daten der DNB basierten Liste enthalten waren (17 von insgesamt 103 geförderten Bellet‐ ristik-Übersetzungen konnten nicht zugeordnet werden). 189 Die 25 größten Publikumsverlage nach Umsatz 2019 sind zu finden in Wilking 2020, 9. setzungsförderung des IF als im Programm des CNL. Mehr als die Hälfte der im französischen Original veröffentlichten Werke wurde in den großen Verlagsgruppen in Frankreich veröffentlicht (144 der 274 Titel) - dies lässt sich soweit eingrenzen, da zwischen 2008 und 2018 keine Verlage von außerhalb Frankreichs am Rilke-Programm beteiligt waren. Unter den 89 beteiligten fran‐ zösischen Verlagen wurden am häufigsten die zugehörigen Lizenzen von den renommierten Verlagen Gallimard (29 Übersetzungen), Fayard (11), Flammarion (10), dem unabhängigen Verlag Éditions de Minuit (12), und Éditions du Seuil (12) vergeben. Im Folgenden wird abschließend die Frage vertiefend beleuchtet, ob die französischen Übersetzungsförderungsprogramme des CNL und des IF zur Bibliodiversität beitragen, indem sie in besonderer Weise kleinere, unabhängige Verlage fördern. Dazu wurde der Fokus auf die Förderung von Belletristik-Über‐ setzungen gelegt. Welchen Anteil haben die kleineren, unabhängigen Verlage im deutschsprachigen Raum an den veröffentlichten belletristischen Werken aus dem Französischen mit und ohne Übersetzungsförderung, im Vergleich zu den größeren Publikumsverlagen, die häufig Teil einer Verlagsgruppe sind? Zur Beantwortung dieser Frage wurde zusätzlich zu den Daten der Übersetzungs‐ förderung von CNL und IF eine Liste der aus dem Französischen übersetzten Belletristik-Titel der Jahre 2014 bis 2017 basierend auf den Daten der DNB herangezogen. 188 Rund die Hälfte der Belletristik-Übersetzungen aus dem Französischen er‐ schienen in den Jahren 2014 bis 2017 bei einem der 25 größten deutschspra‐ chigen Publikumsverlage (siehe Tabelle 5). 189 Der Anteil der Belletristik-Über‐ setzungen, die bei einem dieser größten Publikumsverlage erschienen sind und Förderung des CNL oder des IF erhalten haben, lag dagegen im Durchschnitt desselben Zeitraums nur bei einem Sechstel. 5.1 Französische Übersetzungsförderung im Vorfeld des Ehrengastauftritts 241 Anzahl Belletristik- Übersetzungen davon bei einem der 25 größten Publi‐ kumsverlage erschienen Anzahl der von CNL und IF geförderten Belletristik- Übersetzungen davon bei einem der 25 größten Publi‐ kumsverlage erschienen 2014 293 153 19 3 2015 275 137 14 1 2016 249 106 16 3 2017 345 144 37 7 Tab. 5: Von CNL und IF geförderte Belletristik-Übersetzungen aus dem Französischen in den 25 größten deutschsprachigen Publikumsverlagen 2014 bis 2017 Daraus lässt sich ablesen, dass Übersetzungen belletristischer Werke aus dem Französischen zu ähnlichen Teilen bei kleineren, unabhängigen Verlagen sowie bei den größten Publikumsverlagen im deutschsprachigen Raum erscheinen. Die Übersetzungsförderung des CNL und des IF kommt dagegen größtenteils bei den kleineren, unabhängigen Verlagen an, die mit dieser finanziellen Unterstüt‐ zung eine Vielfalt an Übersetzungen aus dem Französischen realisieren können. Die größeren Verlage sind für ihre Programmplanung möglicherweise gar nicht oder zumindest weniger auf Übersetzungsförderung angewiesen, oder aber ihren Anträgen wird - eventuell auch aufgrund inhaltlicher Selektionskriterien - seltener stattgegeben. Indem die Übersetzungsförderungsprogramme die größeren Verlage andererseits aber auch nicht kategorisch von der Förderung ausschließen, tragen sie zur Bibliodiversität der Übersetzungen aus dem Fran‐ zösischen auf dem deutschsprachigen Buchmarkt bei. Zwischenfazit: Übersetzungsförderung Die vorangegangene Analyse hat gezeigt, dass Übersetzungsförderung im Literaturtransfer vom Französischen ins Deutsche zu mehr Vielfalt bei den veröffentlichten Übersetzungen beiträgt, da vor allem Übersetzungen von Werken und Genres unterstützt wurden, die nicht vordergründig aus kom‐ merziellen Gründen realisiert werden. Mithilfe der Programme des CNL und des IF wurde insgesamt eine sehr große Anzahl an verschiedenen deutschspra‐ chigen Verlagen unterstützt; zwischen 2007 und 2019 waren es nur für die Belletristik-Übersetzungen etwa 71 verschiedene deutschsprachige Verlage, die Übersetzungsförderung erhielten. Insbesondere kleinere, unabhängige Verlage profitierten von der Übersetzungsförderung und konnten auf diese Weise in 242 5 Francfort en français und Bibliodiversität ihren Bestrebungen unterstützt werden, sich zu spezialisieren und sich im literarischen Feld zu etablieren. In der Vorbereitung von Francfort en français sind mithilfe der beiden Programme des CNL und des IF insbesondere im Jahr des Auftritts 2017 deutlich mehr Übersetzungen finanziell unterstützt worden: Seit der Ankündigung des französischen Ehrengastauftritts förderten CNL und IF 2015 insgesamt 38, 2016 60 und 2017 schließlich 76 Übersetzungen ins Deutsche. Darüber hinaus konnten die deutschsprachigen Verlage sich in der Vorbereitung ihres Programms für den französischen Ehrengastauftritt auf höhere Fördersummen einstellen, welche möglicherweise die eine oder andere zusätzliche Übersetzung erlaubten. Da die französischen Übersetzungsförderungsprogramme seit langer Zeit bestehen, sind diese unter deutschsprachigen Verlagen bekannt und ein etablierter Teil des Literaturtransfers. Dies hat offensichtlich dazu geführt, dass im Vorfeld von Francfort en français auch deutlich mehr Anträge auf Übersetzungsförderung bei den Verantwortlichen eingegangen sind. Positive Effekte der Übersetzungsförderung auf die Bibliodiversität müssen schließlich vor dem Hintergrund eingeordnet werden, dass der Auswahl durch die Programmverantwortlichen viele Selektionsstufen vorausgehen: Die Zu‐ sammenstellung der Übersetzungen, die die Programmverantwortlichen für förderungswürdig halten, basiert auf den Bewerbungen der internationalen Ver‐ lage, die bereits entschieden haben, bestimmte Werke aus der Originalsprache übersetzen und veröffentlichen zu wollen. Die Entscheidung der internationalen Verlage wiederum kann - in den allermeisten Fällen - nur auf Basis von bereits von den Originalverlagen angenommenen bzw. veröffentlichten Werken ge‐ troffen werden. Da weder CNL noch IF Informationen über abgelehnte Anträge auf Übersetzungsförderung veröffentlichen, ist es schwierig, bis ins letzte Detail zu beurteilen, inwieweit die Förderinstitutionen unter diesen Voraussetzungen Einfluss auf die Vielfalt der geförderten Werke nehmen können, etwa im Hinblick auf die Genres, die Autorinnen und Autoren, ihr Geschlecht und die beteiligten Verlage. Auch für den Bereich der Übersetzungsförderung gilt, dass eine gezielte Bemühung um die Unterstützung marginalisierter Stimmen die Bibliodiversität kultivieren kann. Eine wünschenswerte Erhöhung des Anteils der geförderten Übersetzungen von Werken aus der Feder von weiblichen Autorinnen ist nur ein Beispiel dafür. Generell kann die Analyse, wie viele Übersetzungen aus der Sprache des Gastlandes mit sowie ohne Übersetzungsförderung jeweils vor und nach einem Ehrengastauftritt auf der Frankfurter Buchmesse realisiert werden, als Indikator für dessen Erfolg gewertet werden. Mithilfe einer solchen Analyse kann festge‐ stellt werden, ob der Ehrengastauftritt bewirken konnte, dass das Interesse der 5.1 Französische Übersetzungsförderung im Vorfeld des Ehrengastauftritts 243 190 Formulierung von Paul de Sinety, Sinety 2017, 4. 191 Siehe Kapitel 3.2.1. deutschsprachigen Verlage an Literatur aus der jeweiligen Sprache nachhaltig erhöht wurde, so dass diese die zusätzlichen Kosten, die Übersetzungen mit sich bringen, auch ohne finanzielle Unterstützung aus Übersetzungsförderungspro‐ grammen in Kauf nehmen. Für Literatur aus weniger dominanten Sprachen ist dies ein lohnender Ansatz, um den Einfluss von Übersetzungsförderung sowie der Ehrengastauftritte auf die Bibliodiversität zu untersuchen. Im Falle Frankreichs und der französischen Sprache ist dies jedoch kein geeigneter Weg, um den Erfolg von Francfort en français zu beurteilen: Französisch ist bereits seit langer Zeit eine der Sprachen, aus denen am meisten ins Deutsche übersetzt wird. Die Anzahl der Übersetzungen aus dem Französischen, die auf dem deutschsprachigen Buchmarkt publiziert werden, schwankt seit Jahren nur leicht (siehe auch Kapitel 3.2.2), und auch der Anteil der Übersetzungen, die mithilfe von Übersetzungsförderung realisiert werden, bleibt weitgehend konstant. Wichtiger für die Beurteilung des Erfolgs des französischen Ehrengas‐ tauftritts, das mit dem Motto Francfort en français den Fokus auf die Vielfalt des Publizierens in französischer Sprache legte, ist eine längerfristige Untersuchung der Bibliodiversität der Übersetzungen aus dem Französischen ins Deutsche bezüglich der Herkunft der Autorinnen und Autoren und der Frage, ob ihre Werke im Original in einem Verlag in Frankreich oder außerhalb Frankreichs erschienen sind. Der Grundstein für diese erstrebenswerte, längerfristige Un‐ tersuchung wird in Kapitel 7 gelegt. 5.2 „Autoren, die auf Französisch träumen, schreiben und zeichnen“ 190 : Analyse der offiziellen Delegation frankophoner Autorinnen und Autoren Die intensivierten Debatten um kulturelle Vielfalt und Genderfragen sowie um die Veröffentlichung des Manifestes Pour une littérature-monde en français  191 nach der Jahrtausendwende prägten die Liste der Autorinnen und Autoren, die im Rahmen von Francfort en français zur Frankfurter Buchmesse 2017 eingeladen wurden. Gingen die Verantwortlichen anfangs noch von etwa 75 ins offizielle Programm einzuladenden Schriftstellerinnen und Schriftstellern aus (vgl. Frankfurter Buchmesse 2017a), erwiesen sich das Interesse und die Ansprüche der französischsprachigen, aber auch der deutschsprachigen Verlage als so groß, dass sich die Zahl der anwesenden frankophonen Autorinnen und 244 5 Francfort en français und Bibliodiversität 192 So Paul de Sinety im Gespräch am 15. März 2018 in Paris, ab Minute 29: 14. 193 Zum Vergleich: Die Gastländer der Buchmesse laden üblicherweise circa 70 Autorinnen und Autoren nach Frankfurt ein (vgl. Frankfurter Rundschau 2013), Finnland 2014: 60 (vgl. Körkkö 2017, 169), Niederlande und Flandern 2016: 72 (36 flämische, 36 holländische) (vgl. Roesler-Graichen 2016), Georgien 2018: 71 (vgl. Georgia. Made by Characters 2018). 194 Siehe Liste der 138 offiziell eingeladenen Autorinnen und Autoren im Anhang 3. Autoren schließlich mehr als verdoppelte. 192 Für die Verlage ergab sich mit der Einladung ihrer Schriftstellerinnen und Schriftsteller nicht nur die Möglichkeit, die Sichtbarkeit und damit den Absatz ihrer Werke zu erhöhen, sondern auch für die Autorinnen und Autoren einen Schritt zu ihrer Konsekration in den jewei‐ ligen literarischen Feldern zu erwirken. Diese große Anzahl der Eingeladenen stellte sich als Herausforderung dar, den einzelnen Autorinnen und Autoren im Veranstaltungsprogramm eine angemessene Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. 193 Die folgende Analyse der Zusammensetzung der Delegation basiert auf den Angaben im Pressedossier des Ehrengastauftritts, welches zur einführenden Pressekonferenz am 10. Oktober 2017 veröffentlicht wurde. Dort werden 138 offiziell eingeladene Autorinnen und Autoren aus den Genres Belletristik und Sachbuch (zusammengefasst als littérature générale), Comics sowie Kinder- und Jugendbuch aufgelistet, sowie zusätzlich weitere 45 frankophone Schrift‐ stellerinnen und Schriftsteller genannt, die auf Einladung eines Verlages, als Mitglied einer Jury oder aus anderen Motiven an der Buchmesse teilnahmen (vgl. Francfort en français 2017b, 10-11). 194 Francfort en français hatte nicht nur im Hinblick auf die literarischen Genres das Ziel, eine vielfältige Auswahl zu präsentieren. Auch die Beziehung der Autorinnen und Autoren zur französischen Sprache sollten berücksichtigt werden. Präsentiert werden sollten Schriftstellerinnen und Schriftsteller, „die auf Französisch träumen, schreiben und zeichnen“ (Sinety 2017, 4). Interpretiert man diese angestrebte Vielfalt im Verständnis der Bibliodiver‐ sität nach Susan Hawthorne (Hawthorne 2014), hieße dies, bei der Auswahl der einzuladenden Autorinnen und Autoren auf Geschlechtergleichheit und die Einbeziehung von im literarischen Feld eher marginalisierten Stimmen hinzuzielen. Anhand der folgenden Analyse der offiziellen Delegation der frankophonen Autorinnen und Autoren wird die der vorliegenden Arbeit zu‐ grundeliegende Hypothese zur Berücksichtigung der Bibliodiversität im Projekt Francfort en français geprüft, nach der das französische Ehrengastprojekt vor allem diejenigen Akteurinnen und Akteure repräsentierte, die bereits eine starke Position im frankophonen literarischen (und teilweise auch im politischen) 5.2 Analyse der offiziellen Delegation frankophoner Autorinnen und Autoren 245 Feld innehatten. Mit Blick auf die Delegation der offiziell auf die Buchmesse eingeladenen frankophonen Autorinnen und Autoren bedeutet dies, dass eine Zusammensetzung aus überwiegend männlichen Autoren im fortgeschrittenen Alter ohne Migrationsgeschichte erwartet wurde, die ihre Werke bei den renommiertesten nicht frankophonen, sondern rein französischen Verlagen publizieren und deren Übersetzungen in ebenfalls anerkannten, im deutschspra‐ chigen literarischen Feld etablierten Verlagen erscheint. Zur Überprüfung dieser Hypothese wurde die Zusammensetzung der offi‐ ziellen Delegation hinsichtlich der Geschlechter- und Altersverteilung, der Herkunft der Autorinnen und Autoren, der Genres, in denen sie veröffentlichen, sowie der Verlage und Publikationsorte auf französischsprachiger und auf deutschsprachiger Seite untersucht. Für diese quantitative Betrachtung wurde „Herkunft“ mit dem Geburtsort gleichgesetzt, ohne einzelne Biographien oder qualitative Fragen zu Migration, Nationalität, Identität und Zugehörigkeit zu berücksichtigen. Im Gegensatz zum ersten französischen Gastlandauftritt galt 2017 für die Einladung derjenigen, die Frankreich beziehungsweise die Literatur in franzö‐ sischer Sprache in Frankfurt repräsentieren sollten, als Voraussetzung, dass sie eine relativ aktuelle deutsche Übersetzung eines ihrer Werke vorweisen konnten. Damit lag ein erstes und entscheidendes Selektionskriterium für die Einladung in die Delegation der Autorinnen und Autoren außerhalb der Entscheidungsmacht der Organisatorinnen und Organisatoren des Ehrengas‐ tauftritts. Obwohl es sich in Frankfurt um eine internationale Buchmesse handelt, richtet sich die Präsentation des Ehrengastes hauptsächlich an ein deutsches Publikum, dem durch eine deutsche Übersetzung der Werke der auf der Buchmesse anwesenden Autorinnen und Autoren ein unmittelbarer Zugang zur Literatur des Gastlandes möglich sein soll. Damit hatten die Akteu‐ rinnen und Akteure des deutschsprachigen Verlagswesens mit der Auswahl von Übersetzungen im Vorfeld des französischen Ehrengastauftritts indirekt einen großen Einfluss auf die Einladung von Autorinnen und Autoren zur Buchmesse. Aufgrund dieser Vorgabe, eine aktuelle Übersetzung ins Deutsche vorweisen zu können, war die Anzahl jener Autorinnen und Autoren ohne eine deutsche Publikation vor dem Jahr 2017 gering. Zu ihnen gehörten Frédéric Boyer, der zeitgleich als Mitglied des Organisationskomitees fungierte, Olivier Cadiot, der mit einem aktuellen Werk zur Geschichte der Gegenwartsliteratur als Experte für frankophone Literatur in Diskussionsrunden eingeladen war, Pierre-Damien Huyghe (als Teilnehmer einer Diskussionsrunde), Ananda Devi und Monique Ilboudo (Mitglieder der Jury des Prix des cinq continents de la Francophonie 2017), Eva Kavian und Jean-Christophe Tixier (Teilnahme an der Preisverleihung Prix 246 5 Francfort en français und Bibliodiversität 195 So etwa Paul de Sinety im Gespräch am 15. März 2018 in Paris, ab Minute 28: 50, sowie für die Schweizer Beteiligung Angelika Salvisberg, Pro Helvetia, im Gespräch am 13. Oktober 2017 auf der Frankfurter Buchmesse, ab Minute 13: 30. 196 Capucine Valois im Gespräch am 14. März 2018 in Paris, ab Minute 53: 20. des Lycéens allemands), Erwann Surcouf (als Teilnehmer an der Performance „Ping-Pong: Die Zeichner*innen ‚skizzieren‘ die Messe“) und David Vander‐ meulen, dessen Werke in der Comic-Ausstellung im Ehrengastpavillon zu sehen waren. Als weitere Voraussetzungen für die Einladung nannten die Verantwortlichen sowohl das Vorhaben des Projektes, die Vielfalt frankophoner Autorinnen und Autoren hinsichtlich Genres, Geschlecht und Biographie vorzustellen, als auch persönliche Kriterien wie die Reisebereitschaft, aber auch die charakterliche Voraussetzung und den Willen zu publikumswirksamen, öffentlichen Auftritten auf einer Buchmesse. 195 Zu anderen Überlegungen innerhalb des Projektes bezüglich der Vielfalt hinsichtlich von Verlagen als auch Autorinnen und Autoren, die eher am literarischen bzw. kommerziellen Pol des literarischen Feldes einzuordnen sind, äußert sich Capucine Valois, Mitarbeiterin im Projekt Francfort en français folgendermaßen: Et après, bien entendu, quand on agit avec les éditeurs, il fallait qu‘il y ait des représentants de toutes les grandes maisons d’édition, donc ça c’était important aussi […] pour l’équilibre de notre opération. On ne pouvait pas vexer des éditeurs. […] Et avoir aussi quelques auteurs d’éditeurs indépendants, pas que les gros groupes justement. […] Et après, effectivement, avoir des auteurs dont le français n’était pas la langue maternelle, qui avaient choisi d’écrire en français, et des auteurs issus de pays d’origine différentes […] Et après, il y a eu la question [d’inviter des auteurs comme] Guillaume Musso, Marc Levy, qui vendent le plus en Allemagne comme en France d’ailleurs, mais dont on ne défend pas forcément la qualité littéraire. […] Enfin ça c’est vraiment des critères subjectifs […] même si on peut bien sûr se dire qu’on va plutôt inviter des auteurs qui ont eu des prix […]. On a peut-être pas invité Guillaume Musso et Marc Levy parce qu’ils sont assez riche pour aller tout seul à Francfort, mais avoir aussi des auteurs même si ce n’est pas l’élite de la jolie littérature mais avoir des auteurs représentatifs pour différents types de lecteurs aussi. 196 Von den insgesamt 138 Eingeladenen waren etwas mehr als ein Drittel weiblich. 99 der Autorinnen und Autoren publizierten in den Kategorien littérature générale (Belletristik und Sachbuch), sowie, passend zu den Schwerpunkten des 5.2 Analyse der offiziellen Delegation frankophoner Autorinnen und Autoren 247 197 Der Analyse der Genres lag, sofern vorhanden, das zuletzt ins Deutsche übersetzte Werk, bzw. das letzte in französischer Sprache veröffentlichte Werk zugrunde. Ehrengastauftritts, 21 im Bereich Kinder- und Jugendbuch sowie 18 im Bereich Comics (siehe Abbildungen 21 und 22). 197 Abb. 21: Anzahl der zu Francfort en français 2017 eingeladenen frankophonen Autorinnen und Autoren nach Geschlecht (eigene Darstellung) Abb. 22: Anzahl der zu Francfort en français 2017 eingeladenen frankophonen Autorinnen und Autoren nach Genres (eigene Darstellung) 248 5 Francfort en français und Bibliodiversität 198 Siehe auch Kapitel 2.2.3. 199 Die in Kapitel 2.2.3 vorgestellte Studie #Frauenzählen bezieht sich allerdings ausschließ‐ lich auf den deutschen Buchmarkt. Betrachtet man die Geschlechterverteilung in den einzelnen Genres, bleibt dieses Verhältnis im Bereich Belletristik und Sachbuch (37 Autorinnen gegen‐ über 62 Autoren) gleich. Unter den Comic-Künstlerinnen und -Künstlern waren dagegen weniger als ein Viertel Frauen (4 Frauen gegenüber 14 Männern), während allein in der Kategorie Kinder- und Jugendbuch geringfügig mehr Schriftstellerinnen als Schriftsteller eingeladen wurden (12 gegenüber 9: 57 zu 43-Prozent). Diese Verteilung spiegelt die Realität der Buchbranche in vielen Ländern wider. 198 Allein im Bereich Kinder- und Jugendliteratur sind Frauen oft überre‐ präsentiert. In diesem Genre, das als weniger intellektuell und maskulin gilt, ist die Akzeptanz von Frauen als Schriftstellerinnen am größten (vgl. #Frauen‐ zählen 2018, 4). 199 Zu der Frage, in welchem Zusammenhang das Verhältnis von weiblichen und männlichen Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die zu Francfort en français eingeladen wurden, zu den realen Gegebenheiten auf dem französischen sowie anderen frankophonen Buchmärkten steht, können keine Angaben gemacht werden, da keine verlässliche Zahlen zum Geschlechterver‐ hältnis der tatsächlich auf diesen Buchmärkten publizierenden oder auch nur literarisch tätigen Autorinnen und Autoren existieren. Die Altersverteilung der anwesenden Autorinnen und Autoren erstreckt sich über einen Zeitraum von 60 Jahren. Die älteste Autorin wurde 1929 geboren und war damit beim französischen Ehrengastauftritt fast 90 Jahre alt, die jüngste war knapp 30 Jahre alt (geboren 1989). Abbildung 23 zeigt die Altersverteilung von 137 der eingeladenen Autorinnen und Autoren; bei einem Autor war keine Altersangabe zu ermitteln. Dem Durchschnitt nach wurden die eingeladenen Schriftstellerinnen und Schriftsteller 1964 geboren, waren also zum Zeitpunkt des Ehrengastauftritts etwa 53 Jahre alt. Geht man davon aus, dass ein Großteil der Autorinnen und Autoren etwa im Alter von Mitte 20 anfängt, zu veröf‐ fentlichen, und die durchschnittliche Lebenserwartung in der EU 81,3 Jahre beträgt (vgl. Statista 2021), handelt es sich damit also vermutlich um einen repräsentativen Durchschnitt der aktiven Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Anhand der Altersverteilung lässt sich ein interessanter Zusammenhang zwi‐ schen Alter und Genre feststellen: Unter den jüngeren Autorinnen und Autoren, also denjenigen mit einem Lebensalter von unter 40 Jahren, veröffentlichen überdurchschnittlich viele in den Genres Kinder- und Jugendliteratur sowie Comics, weniger in der „ernsten“ littérature générale. Um in den Bereichen Belletristik und Sachbuch, die generell ein hohes Ansehen genießen, erfolgreich 5.2 Analyse der offiziellen Delegation frankophoner Autorinnen und Autoren 249 zu sein, benötigt man ein höheres Lebensalter bzw. längere Zeit, um sich auf dem Buchmarkt durchzusetzen. Abb. 23: Altersverteilung der zu Francfort en français 2017 eingeladenen frankophonen Autorinnen und Autoren (eigene Darstellung) Abb. 24: Herkunft der zu Francfort en français 2017 eingeladenen frankophonen Auto‐ rinnen und Autoren (eigene Darstellung) Bezüglich der Herkunft wurde der jeweilige Geburtsort der 138 frankophonen Autorinnen und Autoren ermittelt. Wie aus Abbildung 24 ersichtlich, stammen diese aus 26 verschiedenen Ländern. Eine Recherche ihrer Biographien zeigte je‐ 250 5 Francfort en français und Bibliodiversität 200 Vgl. die Kurzbiographie des Autors auf der Website des Verlags, Grasset. 201 Vgl. die Kurzbiographie der Autorin auf der Website des Verlags, Luchterhand Verlag. 202 Vgl. die Kurzbiographie des Autors auf der Website des Verlags, Éditions du Seuil. 203 Vgl. die Kurzbiographie der Autorin auf der Website des Verlags, Fayard. doch, dass nahezu alle diese Schriftstellerinnen und Schriftsteller zum Zeitpunkt des französischen Ehrengastauftritts in Frankreich lebten und teilweise im Laufe ihres Lebens die französische Nationalität angenommen haben. Beispielhaft stehen dafür die fünf im Folgenden kurz dargestellten Biographien, die nach dem Prinzip der anekdotischen Evidenz typische Migrationsgeschichten von frankophonen Autorinnen und Autoren aufzeigen. • Der französisch-ruandische Schriftsteller und erfolgreiche Musiker Gaël Faye stammt ursprünglich aus Burundi. Mit 13 Jahren floh er mit seiner Familie vor dem Bürgerkrieg in Burundi nach Frankreich. Er lebte und arbeitete später zeitweise in London. Für den 2016 bei Grasset erschienenen Roman Petit pays erhielt er zahlreiche Literaturpreise, darunter den Prix Goncourt des lycéens. Mittlerweile lebt er in Bujumbura und Paris. 200 • Leïla Slimani, geboren 1981 im marokkanischen Rabat und dort aufge‐ wachsen, studierte an der Pariser Eliteuniversität Sciences Po. Für den Roman Chanson douce (Gallimard) wurde ihr 2016 der renommierte Prix Goncourt zuerkannt. Sie lebt in Paris und ist seit 2017 vom französischen Staatspräsidenten Macron ernannte Botschafterin für die Frankophonie. 201 • Der kongolesische Schriftsteller Alain Mabanckou kam Ende der 1980er Jahre ebenfalls zum Studium nach Frankreich. Er ist Professor für franko‐ phone Literatur an der Universität in Los Angeles und erhielt zahlreiche literarische Auszeichnungen für seine größtenteils bei den Éditions du Seuil veröffentlichten Werke. Alain Mabanckou lebt zwischen Santa Monica, USA, und Paris. Für das Projekt Francfort en français wurde er zum literari‐ schen Berater ernannt. 202 • Julia Kristeva, Literaturtheoretikerin, Psychoanalytikerin und Autorin, wurde 1941 in Bulgarien geboren und erhielt ein Stipendium, mit dem sie ab 1965 ihr Studium in Paris fortsetzen konnte. Dort begann Julia Kristeva ihre Universitätskarriere, gründete das Centre Roland Barthes und wurde zu einer bedeutenden französischen Intellektuellen, die auch für ihr literarisches Schaffen mit vielen Preisen ausgezeichnet wurde. 203 • Die indisch-französische Autorin und Dolmetscherin Shumona Sinha ver‐ körpert für die Verantwortlichen des Ehrengastprojekts vielleicht am besten die Idee von Francfort en français: Für sie sei weder Indien noch Frankreich ihre Heimat, sondern die französische Sprache (vgl. Prioul 2014). Shumona 5.2 Analyse der offiziellen Delegation frankophoner Autorinnen und Autoren 251 204 Vgl. die Kurzbiographie der Autorin auf der Website des Verlags, Éditions de l’Olivier. 205 Damit wurden jene neun bereits genannten Schriftstellerinnen und Schriftsteller ohne jede deutsche Übersetzung vor 2017 sowie zwei weitere Autoren (Étienne François und Lambert Schlechter), von denen einige Publikationen ausschließlich auf Deutsch erschienen, in diesem Teil der Untersuchung ausgenommen. Sinha, geboren 1973 in Kalkutta, lebt seit 2001 in Paris, wo sie französische Literaturwissenschaft an der Sorbonne studierte und für die französische Migrationsbehörde dolmetschte. Diese Arbeit inspirierte sie zur Veröffent‐ lichung des von der Literaturkritik hochgelobten Romans Assommons les pauvres! bei den Éditions de l’Olivier 2011, in dem sie das französische Asylsystem kritisierte. 204 Neben vielen aus Frankreich stammenden Autorinnen und Autoren (58,7 Pro‐ zent der Eingeladenen) und denjenigen mit Migrationsbiographien, für die die fünf soeben beschriebenen Personen beispielhaft stehen, waren aufgrund der Tatsache, dass einige frankophone europäische Länder als Mitorganisatoren den französischen Ehrengastauftritt unterstützten, auch zwölf Autorinnen und Autoren aus der Schweiz, zehn aus Belgien und zwei aus Luxemburg in der offiziellen Delegation vertreten. Die Vermutung, dass die belgischen Autorinnen und Autoren vor allem im Genre Comic - von höchster Bedeutung in Belgien und international anerkannt - publizieren, hat sich nicht bestätigt: Unter den Eingeladenen aus Belgien war nur ein Comickünstler, so dass hier kein Zusammenhang zwischen der Herkunft der Autorinnen und Autoren und einem bestimmten Genre festgestellt werden konnte. Im Folgenden wird, ausgehend von der Hypothese, dass die Werke der zu Francfort en français eingeladenen Autorinnen und Autoren bei den renommier‐ testen, nicht frankophonen, sondern rein französischen Verlagen und deren Übersetzungen in ebenso etablierten Verlagen des deutschsprachigen literari‐ schen Feldes veröffentlicht werden, die Zusammensetzung der Delegation der Autorinnen und Autoren nach Verlagszugehörigkeit untersucht. Dazu wurde zu der jeweils aktuellen deutschen Übersetzung, die die frankophonen Autorinnen und Autoren in Frankfurt präsentierten, jeweils der französischsowie der deutschsprachige Verlag dieses Titels ermittelt. Es wurden für diesen Teil der Analyse nur die 127 Autorinnen und Autoren berücksichtigt, die eine deutsche Übersetzung zur Frankfurter Buchmesse 2017 vorweisen konnten. 205 Die in Frankfurt vorrangig präsentierten Werke der 127 Eingeladenen erschienen bei 59 verschiedenen frankophonen Verlagen. Je eine(r) der Au‐ torinnen und Autoren veröffentlichten in einem in Algerien, Kanada und Luxemburg ansässigen Verlag, zwei in einem belgischen, neun in einem 252 5 Francfort en français und Bibliodiversität Schweizer und 113 in einem französischen Verlag. In Frankreich publizierten die Eingeladenen bei Verlagen an zehn verschiedenen geographischen Standorten, wobei festgehalten werden muss, dass 93 der Autorinnen und Autoren ihre aktuellen Werke bei Verlagen in Paris und seinen Vororten veröffentlichten. Dies bedeutet, dass 89 Prozent der zu Francfort en français offiziell eingeladenen frankophonen Schriftstellerinnen und Schriftsteller in Frankreich, und sogar 73 Prozent von ihnen in der französischen Hauptstadt und seinem Einzugsgebiet verlegt wurden (siehe Abbildung 25). Abb. 25: Standorte der 59 frankophonen Verlage, in denen die Werke der 127 eingela‐ denen Autorinnen und Autoren erschienen (eigene Darstellung) Zudem muss angemerkt werden, dass anlässlich des Ehrengastauftritts das Debüt von Dany Laferrière, Comment faire l’amour avec un nègre sans se fatiguer, erstmals ins Deutsche übersetzt wurde. Dieses Werk erschien 1985 bei einem kanadischen Verlag in Montréal, nachdem der Autor aus Haiti nach Kanada ausgewandert war. Seine neuesten Werke publiziert Dany Laferrière bei verschiedenen kanadischen und französischen Verlagen. Auch der algerische Autor Kamel Daoud veröffentlichte seinen ersten Roman Meursault, contre-enquete zunächst bei den Éditions Barzakh in Algier, bevor jedoch der französische Verlag Actes Sud eine Lizenz für Frankreich erwarb. Dort hatte der Roman großen Erfolg. Kamel Daoud erhielt dafür unter anderem den Prix des cinq continents de la francophonie und den Prix Goncourt du premier roman, woraufhin der Roman auch international stark rezipiert wurde. In der Folge wurden Kamel Daouds weitere Werke ebenfalls sowohl von den 5.2 Analyse der offiziellen Delegation frankophoner Autorinnen und Autoren 253 Éditions Barzakh als auch von Actes Sud publiziert; ein weiteres Buch des Autors, Le peintre dévorant la femme, erschien 2018 ausschließlich in einer besonderen Reihe bei Stock in Frankreich. Es bleibt abzuwarten, ob Kamel Daouds Werke weiterhin in verschiedenen Ausgaben auf dem algerischen sowie auf dem französischen Buchmarkt erscheinen werden. Bezogen auf die Anzahl der Autorinnen und Autoren aus den jeweiligen Verlagsprogrammen stand Gallimard mit elf Eingeladenen an der Spitze. Es folgen Actes Sud mit neun, Éditions du Seuil mit acht, École des loisirs mit fünf, Bayard, Flammarion und POL mit je vier, Albin Michel, Dargaud, Les Éditions de Minuit, Fayard, Grasset, Éditions de l’Olivier, Mercure de France und Stock mit je drei, sowie Au diable vauvert, Buchet/ Chastel, Delcourt, Éditions Noir sur Blanc, Zulma, Julliard, La Découverte, La joie de lire, Les Éditions Albert René, Sabine Wespieser Éditeur, Sarbacane, Verdier, Verticales und Zoé mit je zwei Autorinnen und Autoren. 30 weitere Verlage hatten je eine Autorin bzw. einen Autor im Programm. Die Kategorisierung der beteiligten französischsprachigen Verlage in jene, die als unabhängig gelten, sowie jene, die Teil einer Verlagsgruppe sind, erfolgte hier erneut nach der Einteilung des Branchenmagazins Livre Hebdo von Oktober 2018 (vgl. Piault 2018a). Nach dieser Zuordnung publizierten 34 von 127 Autorinnen und Autoren bei unabhängigen Verlagen, das heißt mit 26,8 Prozent weniger als ein Drittel aller Eingeladenen. Mit den meisten Schriftstellerinnen und Schriftstellern war die Verlagsgruppe Madrigall vertreten (27), gefolgt von Média Participations (16), Hachette Livre (14), Actes Sud (12) sowie Libella und Editis (je sechs). Interessant ist, dass nicht die größten, umsatzstärksten Verlagsgruppen Editis und Hachette Livre die meisten Autorinnen und Autoren bei Francfort en français stellten. Diese Verlagskonzerne haben in ihren Reihen viele Verlage, die in den Bereichen Ratgeber und Bildungsmedien aktiv sind und dabei hohe Umsätze generieren. Zu den Verlagsgruppen Madrigall und Média Participations gehören dagegen viele renommierte Literaturverlage, weshalb es nicht verwundert, dass diese beiden Gruppen bei der Anzahl der in die offizielle Delegation eingeladenen Schriftstellerinnen und Schriftsteller vorne liegen. Im deutschen Sprachraum wurden die 127 Autorinnen und Autoren bei 68 verschiedenen Verlagen verlegt. Damit verteilen sie sich bei der Veröffentli‐ chung einer deutschen Übersetzung über mehr Verlage als im französischen Sprachraum, sowie auch stärker geographisch: Zwar haben auch die Verlage in Deutschland mit 104 Autorinnen und Autoren ein starkes Übergewicht gegenüber denjenigen aus Luxemburg (ein Autor), Österreich (fünf) sowie der Schweiz (17 Autorinnen und Autoren) (siehe Abbildung 26). Die Werke der Eingeladenen wurden jedoch an 17 verschiedenen Verlagsorten in Deutschland 254 5 Francfort en français und Bibliodiversität publiziert, darunter auch so kleine wie Hildesheim, Mannheim und Trier, während sich in Frankreich fast alles in Paris konzentriert. Hier wird auch in Bezug auf die jeweilige Verlagsbranche der Unterschied eines zentralistischen zu einem föderalen System deutlich. Abb. 26: Standorte der 68 deutschsprachigen Verlage, in denen die Werke der 127 eingeladenen Autorinnen und Autoren erschienen (eigene Darstellung) Mit jeweils neun eingeladenen Autorinnen und Autoren waren der Suhrkamp Verlag und der Carlsen Verlag am häufigsten vertreten. Außerdem konnte der Matthes & Seitz Verlag seinen Leserinnen und Lesern auf der Frankfurter Buch‐ messe 2017 sechs französischsprachige Autorinnen und Autoren präsentieren, der Moritz Verlag fünf, dtv, Hanser, Reprodukt und Ullstein je vier, Das Wun‐ derhorn, Edition Nautilus, Egmont, Kiepenheuer & Witsch, Secession und der Wagenbach Verlag je drei. Je zwei Schriftstellerinnen und Schriftsteller wurden beim avant-verlag, bei btb, Deuticke, Diogenes, Dumont, der Frankfurter Ver‐ lagsanstalt, Knesebeck, Liebeskind, Nagel & Kimche und Piper publiziert. 44 weitere Verlage wurden im Projekt Francfort en français von je einem Autor bzw. einer Autorin vertreten. Zu den deutschsprachigen Verlagsgruppen, die bei den Einladungen von frankophonen Autorinnen und Autoren am stärksten berücksichtigt wurden, gehörten Bonnier (17) sowie Hanser, Holtzbrinck und Penguin Random House mit je fünf eingeladenen Schriftstellerinnen und Schriftstellern. Insgesamt waren jedoch die Werke von nahezu zwei Dritteln der Autorinnen und Autoren Teil der Verlagsprogramme unabhängiger Verlage (79 von 127, das heißt 62,2 Prozent). 5.2 Analyse der offiziellen Delegation frankophoner Autorinnen und Autoren 255 206 Zu den Territorien außerhalb Frankreichs zählen in dieser Betrachtung auch Martinique und La Réunion, die offiziell jedoch Teil des französischen Staates sind. Ist dies die Bestätigung, dass vor allem unabhängige Verlage für Bibliodiver‐ sität und für Übersetzungen aus anderen Sprachen als dem Englischen, hier aus dem Französischen, sorgen? Beim Vergleich des Anteils an unabhängigen Verlagen auf deutschsprachiger und französischsprachiger Seite in dieser Un‐ tersuchung muss zunächst einmal berücksichtigt werden, dass die Konzentra‐ tionsprozesse im französischen Verlagswesen stärker vorangeschritten sind als im deutschen. Außerdem sind Übersetzungen aus dem Französischen auf dem deutschsprachigen Buchmarkt etabliert, anders etwa als Literatur aus kleineren Sprachräumen. Aber dennoch gilt: Viele kleine unabhängige Verlage suchen sich Schwerpunkte in anderen Sprachräumen, unter anderem weil sie die Summen, die zum Beispiel für Übersetzungsrechte aus dem Englischen gefordert werden, nicht zahlen können. Von den beteiligten unabhängigen deutschsprachigen Verlagen sind außerdem einige in frankophoner Literatur spezialisiert, so zum Beispiel Matthes & Seitz, Das Wunderhorn, der Wagenbach Verlag, der Unionsverlag Zürich (internationale Literatur, z. B. aus dem Maghreb) sowie litradukt mit einem Fokus auf Literatur aus der Karibik und speziell Haiti. Zwischenfazit: Delegation der Autorinnen und Autoren Es hat sich bestätigt, dass die Zusammensetzung der offiziellen Delegation die Funktionsweise und die Beschaffenheit des frankophonen literarischen Feldes mit der Dominanz Frankreichs und der Hauptstadt Paris abbildet. Während Literatinnen und Literaten nahezu jeden Alters für das Projekt Francfort en français eingeladen waren - zwischen der ältesten und der jüngsten Schrift‐ stellerin lagen 60 Jahre -, war die Bilanz des Frauen- und Männeranteils in der Delegation zwar ausgeglichener als noch im Jahr 1989, spiegelte aber mit einem Verhältnis von einem Drittel zu zwei Dritteln die noch immer bestehende Vorherrschaft des männlichen Geschlechts im Literaturbetrieb wider. Von den offiziell eingeladenen 138 Autorinnen und Autoren kamen immerhin 57 ur‐ sprünglich aus Territorien außerhalb Frankreichs. 206 Aufgrund der besonderen Partnerschaft des Projektes mit der Schweiz, Belgien und Luxemburg stammten viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus diesen frankophonen Regionen. Darüber hinaus waren aber auch Autorinnen und Autoren vertreten, die mit der Sprache der ehemaligen Kolonialmacht aufwuchsen, sowie jene, die sich für Französisch als Sprache ihres kreativen Schaffens entschieden. Das Publikum der Frankfurter Buchmesse 2017 war somit laut dem Leiter des Organisations‐ komitees, Paul de Sinety, zum einen mit Französisch als „der Sprache als Erbe 256 5 Francfort en français und Bibliodiversität 207 Zur Gestaltung des Ehrengastpavillons siehe auch Kapitel 4.3.2. 208 Die Verfasserin erhielt Einblick in die Liste der von der Frankfurter Buchhandlung Land in Sicht für den Messeverkauf bestellten französischsprachigen Bücher in deut‐ scher Übersetzung. Siehe auch die Auswertung des Interviews mit der zuständigen Buchhändlerin in Kapitel 6.1. des Kolonialismus, zum anderen mit der gewählten Sprache, der nachhaltigen Sprache, der Sprache des Leidens, der Sprache der Liebe und der Sprache der Freiheit“ (zitiert nach Kammann 2017) konfrontiert. Frankophone Autorinnen und Autoren aus aller Welt streben weiterhin danach, in den renommierten französischen und Pariser Verlagen zu veröffentlichen, die eine Konsekration im literarischen Feld versprechen. Die Zusammensetzung der Delegation der Autorinnen und Autoren mit dem großen Anteil von Verlagsgruppen und der deutlichen Prägung durch die traditionellen Verlage wie Gallimard und Éditions du Seuil bezeugt die vorangeschrittene Konzentration des französischen Ver‐ lagswesens einerseits, sowie andererseits die Machtposition der renommierten Literaturverlage im französischen literarischen Feld. 5.3 Die Auswahl von Büchern im Ehrengastpavillon: Kontroverse Bücherspende Neben den Büchern, die Teil der thematischen Ausstellungen im Ehrengastpa‐ villon waren und dafür von den Verantwortlichen ausgewählt wurden, 207 trugen auch die von der Frankfurter Buchhandlung Land in Sicht organisierte Buch‐ verkaufsabteilung sowie die traditionell von der Frankfurter Buchmesse beige‐ steuerte „Books on…“-Ausstellung für das jeweilige Gastland, hier also „Books on France“, zu der Menge an ausgestellten Büchern, welche die Besucherinnen und Besucher betrachten und teilweise kaufen konnten, bei. Der in den Pa‐ villon integrierte Buchverkaufsraum präsentierte mehrheitlich Bücher der von Francfort en français eingeladenen Autorinnen und Autoren in ihrer deutsch‐ sprachigen Übersetzung. Dies waren insgesamt 188 verschiedene Buchtitel, die die Buchhandlung Land in Sicht passend zu den Autorenveranstaltungen des Ehrengastprogramms ausgewählt hatte. Von einigen im deutschsprachigen Raum bereits bekannten Schriftstellerinnen und Schriftstellern sowie gut ver‐ käuflichen Titeln insbesondere aus dem Kinderbuchbereich wurden teilweise mehrere Werke einer Autorin oder eines Autors angeboten. 208 Im Jahr 2017 bestand „Books on France“ aus insgesamt 852 für die Ausstellung angemeldeten Büchern aus den Genres Belletristik, Sachbuch, Kinderbuch, Fachbuch Geschichte, Gesellschaft, Politik sowie Graphic Novels. 213 verschie‐ 5.3 Die Auswahl von Büchern im Ehrengastpavillon: Kontroverse Bücherspende 257 209 Eine Liste der für die Ausstellung „Books on France“ angemeldeten Buchtitel wurde der Verfasserin von der Frankfurter Buchmesse zur Verfügung gestellt. In den frühen Jahren der Gastlandauftritte wurde jeweils eigens eine Publikation der ausgestellten Bücher der „Books on…“-Präsentationen veröffentlicht, so zum Beispiel Bücher aus, Bücher über Frankreich (vgl. Ausstellungs- und Messe-GmbH des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels - Frankfurter Buchmesse 1989a). dene internationale Verlage, davon die Mehrheit aus dem deutschsprachigen Raum, reichten ihre aktuellen Publikationen mit mehr oder weniger direktem Bezug zu Frankreich sowie Übersetzungen aus dem Französischen zur Präsen‐ tation im Ehrengastpavillon ein. So fand sich in der Teilausstellung eine Vielfalt von Büchern in zwölf verschiedenen Sprachen aus 16 verschiedenen Ländern. 209 An der weiteren Ausstattung des Pavillons, der als bibliothèque éphémère geplant war, mit circa 40.000 Büchern der Buchspenden-Organisation Biblionef entfachte sich eine Kontroverse. Die französische Nichtregierungsorganisation Biblionef wurde zu Beginn der 1990er Jahre gegründet, um Spenden von neuen, das heißt ungebrauchten sowie aktuelle Themen behandelnden Büchern an Kinder und Jugendliche in benachteiligte Regionen von Entwicklungsländern zu organisieren. Ziel von Biblionef ist es nicht nur, über die Beschäftigung mit Büchern den Betroffenen eine Kindheitserfahrung zu ermöglichen, sondern auch die Neugier und den Lernwillen von Kindern und Jugendlichen zu fördern sowie die Alphabetisierungsrate zu erhöhen. Für die Erfüllung dieser Ziele ist Biblionef von Spenden und Sponsoring abhängig, um neue Bücher zusam‐ menzutragen und diese in die Regionen insbesondere des globalen Südens zu transportieren. Zu diesem Zweck kooperiert die Vereinigung auch mit einer Vielzahl an französischen Verlagen. Im Vorfeld des französischen Ehrengastauftritts 2017 traten die Organisato‐ rinnen und Organisatoren von Francfort en français an Biblionef mit der Bitte heran, 30.000 Bücher für die Ausstattung des französischen Gastlandpavillons auszuleihen, welche im Anschluss an Bildungseinrichtungen im globalen Süden gespendet werden könnten. Wie die Direktorin von Biblionef mitteilte, empfand sie die Partnerschaft mit dem IF und dem Organisationskomitee von Francfort en français als große Ehre und als Anerkennung des Buchspenden-Vereins im Jahr seines 25-jährigen Bestehens (vgl. “Biblionef: l’étendard de la France à Francfort” 2017). Gleichzeitig konnte die Organisation mit ihrer Teilnahme an Francfort en français Sichtbarkeit auf der Buchmesse und auf internationaler Ebene gewinnen, wodurch es ihr ermöglicht wurde, weitere Partner unter den französischen Verlagen zu akquirieren. In gleichem Maße profitierte das Organisationskomitee des französischen Ehrengastauftritts von der Kooperation mit Biblionef. Diese lässt sich als Chance 258 5 Francfort en français und Bibliodiversität interpretieren, die gewünschte Ausstattung des Pavillons als bibliothèque éphé‐ mère mit einer hohen Quantität an Büchern für die Ausstellung in kurzer Zeit, mit geringem Aufwand für das Organisationskomitee und kostengünstig zu realisieren, da auch die Logistik und der Aufbau der Bücher vor Ort auf der Frankfurter Buchmesse in der Hand des Vereins Biblionef lag. Damit passte diese Zusammenarbeit mit Biblionef zur Strategie des französischen Ehrengastauftritts, für die Präsenz auf der Frankfurter Buchmesse hinsichtlich ihrer Organisation und Finanzierung auf die Kooperation mit einer Vielzahl von Partnern zu setzen. Im Gegenzug lancierte der französische Verlegerverband SNE im Auftrag der Verantwortlichen von Francfort en français einen Aufruf an seine Mitgliedsverlage, für die Ausstattung des Ehrengastpavillons neue Bücher an Biblionef zu spenden, welche Biblionef im Anschluss an den Auftritt auf der Frankfurter Buchmesse an ihre Projekte im globalen Süden weiterverteilen konnte (vgl. Syndicat national de l’édition 2017). Für Francfort en français stellte die Kooperation mit Biblionef außerdem die Gelegenheit dar, ein positives Image des Ehrengastauftritts entstehen zu lassen. Die allgemeine Öffentlichkeit im globalen Norden, also auch das Publikum der Frankfurter Buchmesse empfindet die Praxis, Bücher an Kinder in benachtei‐ ligten Regionen der Erde für gewöhnlich als solidarisch und vorteilhaft. Aus der Perspektive der Bibliodiversität ist die Einbeziehung von Buchspenden in den globalen Süden ohne kritische Reflexion des Themas jedoch ein Haupt‐ kritikpunkt an Francfort en français. Bevor die Kritik an diesem speziellen Fall der Buchspenden im Zusammenhang mit Francfort en français betrachtet wird, werden im Folgenden einige Überlegungen zu den Auswirkungen von Buchspenden auf die lokalen Buchmärkte des globalen Südens angestellt. Spenden von Büchern in den globalen Süden werden seit Jahrzehnten vorgenommen. Ein Großteil der Spenderinnen und Spender kommt aus den englisch- und französischsprachigen Ländern des globalen Nordens. Sie stellen die gespendeten neuwertigen, aber häufig auch gebrauchten Bücher zumeist Bildungseinrichtungen in ehemaligen Kolonien und Ländern, in denen Englisch und Französisch zu den offiziellen Sprachen gehören, zur Verfügung. Mit ihren Aktivitäten verfolgen sie das Ziel, Menschen zum Lesen zu ermutigen und die Alphabetisierung voranzubringen. Sie begründen ihr soziales Engagement damit, dass es in den betroffenen Regionen keine Buchbranche gebe oder dass diese nicht die Fähigkeit habe, die Bedürfnisse der lokalen Leserinnen und Leser zu erfüllen. Eine weitere Annahme ist, dass die Menschen und lokalen Bibliotheken es sich finanziell nicht leisten können, die zumeist aus den Ländern des globalen Nordens importierten, aber auch die lokal produzierten Bücher zu erwerben (vgl. Zell 2015, 13-14). 5.3 Die Auswahl von Büchern im Ehrengastpavillon: Kontroverse Bücherspende 259 Allerdings resultieren Buchspenden nicht nur aus philanthropischen Beweg‐ gründen. In der Vergangenheit wurden oftmals veraltete oder nicht mehr benötigte Publikationen aus den Bibliotheken des globalen Nordens an Emp‐ fängerorganisationen im Süden versendet. Heutzutage spenden die meisten Organisationen nur noch komplett neuwertige Bücher. Für Verlage kann es eine finanziell interessante Option sein, an Buchspendeprogrammen teilzunehmen, um den Kosten für die Makulatur von nicht mehr verkäuflichen Buchtiteln zu entgehen. Im Übrigen trägt dies zu einem gestärkten Image von sozialer und ökologischer Verantwortung des Medienunternehmens bei (vgl. Zell 2015, 4-5). Es ist davon auszugehen, dass Buchspende-Organisationen mit guten Absichten handeln, aber ihnen fehlt häufig ausreichend Information über die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung und über die Situation der Buchbranche in den betreffenden Regionen und Ländern des globalen Südens. Dies ist der Grund, warum auch gut gemeinte Spenden unbeabsichtigte und negative Folgen haben können. Unangemessene Inhalte von gespendeten Büchern sind weiterhin ein Problem. Bücher, die ohne Rücksprache mit den Empfängerorganisationen geschickt werden, sind häufig unpassend. Ihre Inhalte, Bildsprache oder sogar das Material entsprechen teilweise nicht den Erwartungen, Bedürfnissen und Alltagserfahrungen der lokalen Leserinnen und Leser. Auch wenn Sprachen wie Englisch und Französisch zu den offiziellen Sprachen gehören, sind diese nicht unbedingt die Sprachen, in der Kinder und Jugendliche in den jeweiligen Emp‐ fängerregionen das Lesen lernen. Aufgrund dieser problematischen Aspekte sollten Buchspendenprogramme berücksichtigen, dass jeder Buchtitel eine spezifische Leserschaft und damit geeignete Empfängerinnen und Empfänger hat. Daher ist es notwendig, die Bedürfnisse spezieller Rezipientinnen und Rezipienten der Buchspenden sowie die Inhalte und Bildsprache der für die Spenden zur Verfügung stehenden Buchtitel zu analysieren (vgl. Zell 2015, 19-23 und Rosi 2005). Ein weiteres Problem von Buchspenden ist, dass einige Spendenorganisationen den Prozess nicht bis zu seinem Ende begleiten. Für die Rezipientinnen und Rezipienten der Buchspenden können so Kosten etwa für den Erhalt von Paketen entstehen. Logistik und Lagerung von Buchspenden werden oft im Vorfeld nicht bedacht. So können die Empfängerorganisationen wie Bibliotheken und Bildungseinrichtungen mit Problemen bezüglich der Lagerung, dem Auslegen von Büchern und geeignetem Personal zur Verwaltung von Buchspenden konfrontiert werden (vgl. Hugues und Razafintsalama 2014). Mit Blick auf die Bibliodiversität ist es insbesondere der Einfluss auf die lokalen Buchmarktteilnehmerinnen und -teilnehmer, der zu den negativen Effekten von Buchspenden zählt. Große Mengen kostenloser Bücher, die die 260 5 Francfort en français und Bibliodiversität lokalen Buchmärkte überschwemmen, haben schädliche Auswirkungen und stellen eine unfaire Konkurrenz für das lokale Buchwesen dar. Buchspenden können auch die Dominanz zum Beispiel der französischen Buchindustrie innerhalb des frankophonen literarischen Feldes erhöhen. Das folgende Beispiel demonstriert die Marktdominanz französischer Bü‐ cher. Raphaël Thierry, Spezialist für das französischsprachige afrikanische Buchwesen, analysierte 2015 die gegenwärtige Situation von Buchspenden in frankophonen Ländern Afrikas und stellte folgende Hypothese auf: Zahlen des französischen Ministère des Finances et des Comptes Publics belegen, dass Frankreich zwischen Mai 2014 und April 2015 Bücher und andere Publikationen im Wert von 71,879 Millionen Euro nach Afrika exportierte, während das europäische Land Bücher im Wert von nur 1,47 Millionen Euro aus dem gesamten Kontinent Afrika importierte. Nach den Angaben des SNE exportieren französische Verlage jährlich Bücher im Wert von etwa 40 Millionen Euro über ihre Vertriebskanäle nach Afrika. Daher kommt Raphaël Thierry zu dem Schluss, dass französische Institutionen und Nichtregierungsorganisationen die Differenz von 31 Millionen Euro als Buchspenden in frankophonen Ländern Afrikas verteilen (vgl. Thierry 2015, 52). Unter diesen Umständen und mit dieser Art des unfairen Wettbewerbs ist die Entwicklung und der Ausbau eines lokalen Verlagswesens eine erhebliche Herausforderung. In der Folge wird deutlich, dass Buchspenden zu einer Abhän‐ gigkeit von ärmeren Ländern des globalen Südens von reichen, industrialisierten Ländern des globalen Nordens beitragen können. Raphaël Thierry kommentiert dies wie folgt: Le don de livre en Afrique est, de mon point de vue, le symptôme le plus évident d’un déséquilibre des plus fondamentaux: l’édition africaine est une grande oubliée au sein du marché international du livre, et la principale victime d’un processus de dévalorisation culturelle. Le ‘mieux’ est ailleurs. L’aide vient d’ailleurs. Ce qui est fait sur place ‘doit être aidé pour continuer à exister’; mais hélas pas au point de se développer assez pour contester des monopoles étrangers. (Thierry 2015, 9) Um das Jahr 2000 nahm die Kritik an Buchspenden zu. Nach einer Reihe von Beratungen mit Partnern in globalen Süden, darunter Ministerien, öffent‐ liche Institutionen und Bibliotheken (unter ihnen aber keine lokalen Verlage, Buchvertriebsunternehmen oder Buchhandlungen) initiierten französische Or‐ ganisationen eine Charta für Buchspenden, die von der UNESCO übernommen wurde (vgl. Rosi 2005, 58-67). Die Charta definiert in Artikel 1 einige grund‐ legende Prinzipien, deren Einhaltung Buchspendenprogramme gewährleisten sollten: 5.3 Die Auswahl von Büchern im Ehrengastpavillon: Kontroverse Bücherspende 261 knowing and involving the partner body in all the stages of the programme; preferring quality to quantity; expanding the knowledge of the readerships to be served; fostering the development of a culture of writing; and, in the case of donations of new books, cooperating to the greatest extent possible with publishers and booksellers in the two countries concerned; and contributing to the local production of books by supporting limited editions of works. (zitiert nach Rosi 2005, 61) Die UNESCO Buchspenden-Charta richtet ihr Augenmerk also bereits auf die Kooperation von spendenden Organisationen mit Partnern aus dem jeweiligen lokalen Buchwesen. Trotzdem ist dies noch keine Selbstverständlichkeit und wird nicht ausreichend eingehalten. Der französische Verein Biblionef gehörte bereits zu den Gründungsmitgliedern der UNESCO Buchspenden-Charta und gibt auf der Website Auskunft zu den Prinzipien der Charta und zu seinem methodischen Vorgehen bei der Vergabe von Buchspenden. Dennoch wurde es von Seiten des Vereins Biblionef sowie des Organisationskomitees von Francfort en français anlässlich des französischen Ehrengastauftritts auf der Frankfurter Buchmesse 2017 versäumt, Probleme und Grenzen von Buchspenden zu thema‐ tisieren. Dies ist insbesondere vor dem Hintergrund, dass der Ehrengastauftritt das Publizieren in französischer Sprache in den Mittelpunkt stellte und entspre‐ chend auch Verlegerinnen und Verleger aus den von den Auswirkungen von Buchspenden betroffenen Regionen eingeladen wurden, bedauerlich. Der Aufruf des Verlegerverbandes SNE an die Verlage in Frankreich im Juli 2017, für den Auftritt Francfort en français Bücher an Biblionef zu spenden, beinhaltete keinerlei Reflexion über die Verantwortung und Bedenken hinsicht‐ lich Buchspenden an Einrichtungen im globalen Süden. C’est pourquoi nous faisons appel à vous afin que cette Bibliothèque soit pour l’édition française, la vitrine et le symbole de sa richesse et de sa diversité. Nous laissons à votre appréciation le choix et le nombre de titres que vous accepteriez de nous fournir tout en vous suggérant, pour plus de visibilité, de fournir entre 5 et 40 exemplaires de chacun d’entre eux. (Syndicat national de l’édition 2017) Bei ihrem Aufruf gaben die Verantwortlichen keinerlei Auswahlkriterien für die Bücher an, die im Pavillon ausgestellt und anschließend an Projekte im globalen Süden gespendet werden sollten. Ziel des Organisationskomitees blieb es auch in diesem Detail des Ehrengastprojektes, den Reichtum und die Diversität des französischen Verlagswesens abzubilden. Indem sie Sichtbarkeit im Ehrengastpavillon versprachen, appellierten sie an die Aufmerksamkeit und Motivation der Verlage, zu diesem Zweck Buchspenden zur Verfügung zu stellen. 262 5 Francfort en français und Bibliodiversität Der unreflektierte Spendenaufruf des SNE weist durchaus, wenn nicht kul‐ turimperialistische oder -propagandistische Züge, so doch mindestens Aspekte auf, die Kurt Düwell in seiner historischen Einordnung der Handlungsformen auswärtiger Kulturpolitik dem Realtyp der kulturellen Expansion zuordnet: Eine mehr oder weniger bewusst von der Überlegenheit der eigenen Kultur ausgeh‐ ende und auf ihre Ausbreitung bedachte, planmäßig werbende Vorstellung eigener kultureller Güter, verbunden mit einer gewissen, aber eingeschränkten Bereitschaft, die Wünsche der anderen Nationen oder anderer Ethnien nach Vorstellung von deren eigenen Kulturgütern zu berücksichtigen und ihnen nur in diesem begrenzten Rahmen kulturelle Zusammenarbeit und Einflussmöglichkeiten zu bieten. (Düwell 2015, 70) Sowohl der Aufruf des SNE als auch die Veranstaltung Francfort en français selbst wären geeignete Anlässe gewesen, die Chancen und Risiken von Buch‐ spenden einem breiteren (Fach-)Publikum zu erläutern. Die AIEI kritisierte, dass ein Austausch mit Partnerinnen und Partnern aus dem globalen Süden nicht stattgefunden habe, obwohl das Projekt Francfort en français anstrebte, Verlegerinnen und Verleger aus dem globalen Süden einzubeziehen und etwa 20 frankophone Verlage aus Haiti und dem Sub-Saharischen Afrika zur Buchmesse nach Frankfurt eingeladen habe. Dazu bemerkt die AIEI in einem Plädoyer: [Les dons de livres] représentent aussi une hégémonie culturelle violente s’ils ne sont pas précautionneusement pensés avec les professionnels du livre des régions destinataires qui sont les relais et médiateurs auprès des lecteurs. Nous appelons ainsi à la responsabilité de chacun: pouvoirs publics, associations et professionnels, pour que ces dons soient faits en concertation avec les éditeurs africains présents mais aussi en dialogue avec les libraires locaux africains. Il s’agit des conditions élémentaires pour des échanges équilibrés et respectueux de l’environnement des acteurs. (Website Alliance internationale des éditeurs indépendants, „Francfort en français : appel à la cohérence pour plus de bibliodiversité“) In ihrem internationalen Netzwerk entwickelt die AIEI Empfehlungen für Buchspenden im Einklang mit der Bibliodiversität. Dazu gehören unter anderem die Themen Kauf lokaler Bücher sowie die Notwendigkeit von wechselseitigen Beziehungen zwischen globalem Süden und Norden. Jede Art von Buchspende sollte nach Ansicht der AIEI darauf abzielen, das lokale Buchwesen zu stärken. Daher ist es unerlässlich, Bücher von lokalen Verlagen in Buchspenden-Programme aufzunehmen. Dies könne nicht nur dazu beitragen, alle Mitglieder der lokalen Buchkette, von den Autorinnen und Autoren über die Verlage, Vertriebsunternehmen, Buchhandlungen bis zur Bibliothek und zu den Leserinnen und Lesern zu ermutigen. Darüber hinaus 5.3 Die Auswahl von Büchern im Ehrengastpavillon: Kontroverse Bücherspende 263 kann auf diese Weise garantiert werden, dass die Inhalte und die Bildsprache an die Bedürfnisse lokaler Leserinnen und Leser angepasst sind. Wenn Organisationen aus dem globalen Norden Bücher an Bibliotheken und Bildungseinrichtungen im globalen Süden spenden, ist es empfehlenswert, dass dafür im Austausch Bibliotheken aus den reichen Industrienationen Bücher, die in ärmeren Regionen veröffentlicht werden, erwerben. Somit würde nicht nur das Buchwesen in den jeweiligen Ländern gestärkt, sondern es könnte auch eine Diversifizierung des Angebots von Bibliotheken im Norden garantiert und so die Bibliodiversität gefördert werden (vgl. Hugues und Razafintsalama 2014). Zwischenfazit: Bücherspende Mit Blick auf eine Stärkung der Bibliodiversität und der wechselseitigen Bezie‐ hungen zwischen dem Verlagswesen des globalen Südens und Nordens hätte das Projekt Francfort en français die Chance zum Austausch und zur Aufklärung über dieses Thema ergreifen können. Während mögliche positive Effekte von Buchspenden bezüglich Bildungsbemühungen nicht grundsätzlich abzustreiten sind, stellen sie doch ein Risiko für die Entwicklung und den Ausbau von Organisationen im jeweiligen lokalen Buchwesen der Länder des globalen Südens und eine Gefahr der Abhängigkeit von Verlagen und Institutionen des globalen Nordens dar. Mauro Rosi, Spezialist für Buchpolitik im Bereich Kultur der UNESCO vergleicht in dieser Hinsicht Buchspenden mit Medikamenten: Like medication, the donation can help cure, but only it is if perfectly suited to the beneficiary and taken advisedly at the specified time, in a fitting context and in the right quantity. If the book donation programme becomes permanent, serious questions should be raised about its utility and purpose. (Rosi 2005, 14) Ein öffentlicher Diskurs über Buchspenden auf der Frankfurter Buchmesse 2017 hätte möglicherweise nicht den zugrundeliegenden Interessen des Projektes Francfort en français entsprochen. Die Kooperation mit Biblionef war in erster Linie als Bestreben einzuordnen, den organisatorischen Aufwand bei der Aus‐ stattung des als bibliothèque éphémère konzipierten französischen Ehrengastpa‐ villons mit Tausenden von Büchern möglichst gering zu halten. Die Intention, im Pavillon die Vielfalt des Verlegens in französischer Sprache zum Ausdruck zu bringen, konnte vor dem Hintergrund der sich beim Thema Buchspenden manifestierenden Dominanz der frankophonen Verlage des globalen Nordens nicht erfüllt werden. 264 5 Francfort en français und Bibliodiversität 6 Rezeption und Effekte von Francfort en français 6.1 Francfort en français und das deutschsprachige literarische Feld Für die folgende Analyse wurden Befragungen von Personen aus Buchhand‐ lungen, Verlagen und Literaturagenturen aus dem deutschsprachigen Raum mittels standardisierter Online-Fragebögen sowie mittels Interviews mit drei ausgewählten unabhängigen Verlagen herangezogen. Sie ließen Rückschlüsse auf die Auswirkungen des französischen Ehrengastauftritts auf Buchproduktion und -verkauf im deutschsprachigen literarischen Feld zu. Darüber hinaus wurden ebenfalls mittels Interviews die Strategien einer Buchhandlung sowie zweier kleinerer, unabhängiger Verlage untersucht, die die Gastlandauftritte auf der Frankfurter Buchmesse regelmäßig als Möglichkeit wahrnehmen, um auf sich und ihre Aktivitäten aufmerksam zu machen. 6.1.1 Deutsche Buchhandlungen und Francfort en français Die Umfrage unter Buchhändlerinnen und Buchhändlern ermöglichte es, he‐ rauszufinden, welche Bedeutung der Ehrengastauftritt Frankreichs sowie die Gastlandauftritte insbesondere für unabhängige Buchhandlungen im deutschen literarischen Feld haben. Inwiefern nutzen Buchhändlerinnen und Buchhändler die Buchmesse und ihre Gastlandauftritte für Aktivitäten zur Kundenbindung und Verkaufsförderung? Welchen Einfluss hat die Gastlandpräsentation auf den Verkauf in der jeweiligen Buchhandlung? Wie wurde Francfort en français wahrgenommen und in dieser Hinsicht beurteilt? Zwar ist aufgrund der Teilnahme von nur 40 deutschen Buchhandlungen an der Befragung, wie bereits in Kapitel 1.2 erläutert, keine Repräsentativität der Antworten gegeben. Die folgenden Ausführungen zeigen dennoch ein Stim‐ mungsbild gerade in unabhängigen Buchhandlungen, da es sich bei 87-Prozent der Unternehmen, die teilgenommen haben, um inhabergeführte, unabhängige Buchhandlungen handelte. Da aufgrund der geringen Teilnehmerzahl jedoch kein nennenswerter Unterschied zwischen den Antworten unabhängiger Buch‐ handlungen und Filialen eines größeren Buchhandelsunternehmens festgestellt 210 Vgl. auch die Auswertung der Umfrage unter Buchhändlerinnen und Buchhändlern in Bosshard 2018. werden konnte, wurde in der folgenden Auswertung keine Trennung der beiden Unternehmensformen vorgenommen. 210 Auch wenn 15 der befragten Buchhändlerinnen und Buchhändler (37,5 Prozent) die Frankfurter Buchmesse im Jahr 2017 nicht persönlich besucht haben, scheint diese grundsätzlich für viele Buchhandlungen ein wichtiges Ereignis im Jahresver‐ lauf zu sein: Drei Viertel der Befragten veranstalten anlässlich der Buchmesse besondere Aktionen oder haben spezielle Angebote für ihre Kundinnen und Kunden. Einige nannten spezielles Marketing mit Hinweisen auf Relevantes zur Buchmesse, zum Beispiel in einem Newsletter. Besonders beliebt ist das Angebot, eine gemeinsame Fahrt nach Frankfurt zur Buchmesse mit Kundinnen und Kunden zu organisieren. Die Buchhändlerinnen und Buchhändler gestalten außerdem Thementische und Schaufenster, etwa zu verschiedenen Literaturpreisen, die an und um den Messetermin herum vergeben oder publik gemacht werden: zu den Nominierten des Deutschen Buchpreises, zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels sowie zum Literaturnobelpreis. Insbesondere wird in den Buchhandlungen aber Literatur aus dem jeweiligen Gastland in den Vordergrund gerückt: 63 Prozent der Befragten gaben an, immer ein besonderes Angebot zum Ehrengast zu haben, 34 Prozent haben dies manchmal. Anlässlich des französischen Ehrengastauftritts gestalteten 25 der befragten Buchhandlungen einen Büchertisch mit passender französischspra‐ chiger Literatur, 24 zeigten diese auch im Schaufenster der Buchhandlung (siehe Abbildungen 27 und 28). 266 6 Rezeption und Effekte von Francfort en français Abb. 27: Büchertisch der Buchhandlung Daub in Menden zu Francfort en français 2017 (© Buchhandlung Daub) Abb. 28: Schaufenstergestaltung der Buchhandlung Hintzen in Kleve zu Francfort en français 2017 (© Buchhandlung Hintzen GmbH & Co. KG) 6.1 Francfort en français und das deutschsprachige literarische Feld 267 211 Eine weitere Person beantwortete diese Frage nicht. 212 Zum Vergleich: Im Falle des Auftritts der Niederlande und Flanderns im Vorjahr hatten diesen Eindruck weniger Befragte (10 Personen „ja“, 15 „eher ja“). Zu diesem Ehrengastauftritt waren zwar weniger Büchertische und Schaufenster gestaltet, aber mehr Veranstaltungen mit Autorinnen und Autoren in den befragten Buchhandlungen angeboten worden. Auch im Jahr zuvor, zum Gastlandauftritt der Niederlande und Flanderns hatten ähnlich viele Buchhandlungen einen Thementisch zusammengestellt und ein Schaufenster dekoriert. Zu beiden Ehrengastauftritten wurden auch von fünf bzw. sieben Befragten Veranstaltungen und Autorenlesungen angeboten. Im Falle Frankreichs waren das Treffen mit Autorinnen und Autoren, Lesungen, Buchvorstellungen mit kulinarischem Angebot sowie ein Vortrag zu Tendenzen der französischsprachigen Gegenwartsliteratur. Auf die Frage zur Bedeutung, die die Buchhändlerinnen und Buchhändler dem jeweiligen Gastlandauftritt auf der Frankfurter Buchmesse beimessen, antwor‐ teten mehr als die Hälfte (52,5 Prozent) mit „Er ist ein wichtiges Element der Buchmesse“. 12,5 Prozent halten ihn sogar für das „zentrale Element“. 30 Prozent finden ihn weniger wichtig, und nur eine Person (2,5 Prozent) unwichtig. 211 Wie noch gezeigt werden wird, ist die Akzeptanz des Ehrengastformats der Frank‐ furter Buchmesse damit unter Buchhändlerinnen und Buchhändlern um einiges größer als unter anderen Akteurinnen und Akteuren des deutschsprachigen literarischen Feldes. Dies könnte daran liegen, dass drei Viertel der Befragten meinen, der Ehren‐ gastauftritt habe einen direkten Einfluss auf die Nachfrage der Kundinnen und Kunden (9 Personen sagen „ja“, 21 „eher ja“). Zwei Drittel der Befragten (67,5 Prozent) konnten entsprechend auch feststellen, dass die Aktivitäten und Angebote ihrer Buchhandlung zum französischen Ehrengastauftritt den Buchverkauf beeinflusst haben (9 Personen „ja“, 18 „eher ja“). 212 Nach eigener Auskunft stellten die befragten Buchhändlerinnen und Buch‐ händler ihre Literaturempfehlungen für Kundinnen und Kunden anlässlich des französischen Ehrengastauftritts nach verschiedenen Kriterien zusammen (siehe Tabelle 6). 268 6 Rezeption und Effekte von Francfort en français Besprechungen im Feuilleton Aktualität Inhalt vermutete Verkäuflichkeit Relevanz Empfehlungen von Kolleginnen und Kunden persönlicher Leseeindruck Erfolg im Heimatland Bekanntheit der Autorinnen und Autoren Vielfalt der Auswahl (Genres und auch regionale Bezüge innerhalb des Gastlands) Unterhaltungswert literarische Qualität Marketingumfang der Verlage gute Zusammenarbeit mit dem Verlag spezielle Paketangebote der Verlage eigene Kundinnen und Kunden als passende Zielgruppe Preise in Frankreich (z.-B. Prix Goncourt) Lieferbarkeit passend zu den selbst veranstalteten Lesungen „sie müssen uns inhaltlich und sprachlich gefallen“ Tab. 6: Von befragten Buchhändlerinnen und Buchhändlern genannte Kriterien bei der Auswahl von Literatur zum Ehrengastauftritt Francfort en français 2017 Einige Buchhändlerinnen und Buchhändler betonten dabei, dass die Auswahl der Gastlandliteratur nach denselben Kriterien vorgenommen wird wie die des gesamten Sortiments, nämlich nach Verkäuflichkeit, Qualität, eigenem Eindruck durch Leseexemplare und Tipps der Vertreterinnen und Vertreter. Tabelle 7 zeigt die Liste frankophoner Autorinnen und Autoren sowie Buchtitel, welche die befragten Buchhändlerinnen und Buchhändler ihren Kundinnen und Kunden zu Francfort en français besonders empfohlen haben. Diese besteht in einer recht eingeschränkten Auswahl an Autorinnen und Autoren, zu denen 6.1 Francfort en français und das deutschsprachige literarische Feld 269 sogenannte Klassiker, preisgekrönte und etablierte Gegenwartsautorinnen und -autoren sowie gut verkäufliche Titel aus dem Bereich der Unterhaltungslite‐ ratur zählen. Autorin / Autor, Buchtitel und deutschsprachiger Verlag Anzahl der Nen‐ nungen Leïla Slimani, Dann schlaf auch du (Luchterhand) 5 Didier Eribon, Rückkehr nach Reims und Gesellschaft als Urteil (Suhrkamp) 5 Édouard Louis, Im Herzen der Gewalt (S.-Fischer) 4 Pierre Lemaître, Drei Tage und ein Leben (Klett-Cotta) 3 Virginie Despentes (Kiepenheuer&Witsch) 3 Tristan García, Faber (Wagenbach) 3 Antoine Laurain, Die Melodie meines Lebens (Atlantik) 3 Annie Ernaux, Die Jahre (Suhrkamp) 2 Lorraine Fouchet (Atlantik) 2 Grégoire Hervier, Vintage (Diogenes) 2 Michel Houellebecq (Dumont) 2 Pascale Hugues, Deutschland à la française (Rowohlt) 2 Karine Tuil, Die Zeit der Ruhelosen (Ullstein) und Die Gierigen (Aufbau) 2 Isabelle Autissier, Herz auf Eis (mare) 1 Nathalie Azoulai, An Liebe stirbt man nicht (Secession) 1 Clémentine Beauvais, Die Königinnen der Würstchen (Carlsen) 1 Jean-Philippe Blondel (Deuticke) 1 Christophe Boltanski, Das Versteck (Hanser) 1 Emmanuel Carrère (Matthes & Seitz Berlin) 1 Diverse, Blau weiß rot. Frankreich erzählt (dtv) 1 Mathias Énard (Hanser Berlin) 1 Gaël Faye, Kleines Land (Piper) 1 David Foenkinos, Charlotte (Deutsche Verlags-Anstalt) 1 270 6 Rezeption und Effekte von Francfort en français 213 Zusätzlich fanden 15 Prozent die französischsprachige Literatur anlässlich des Ehren‐ gastauftritts 2017 nicht ausreichend in den Medien repräsentiert; die übrigen Befragten gaben keine Antwort auf diese Frage. Alain-Fournier, Der große Meaulnes (diverse Verlage) 1 Guy de Maupassant (diverse Verlage) 1 Yasmina Reza (Hanser) 1 Mathieu Riboulet (Matthes & Seitz Berlin) 1 Olivia Rosenthal, Überlebensmechanismen in feindlicher Umgebung (Matthes & Seitz Berlin) 1 Françoise Sagan (Ullstein) 1 Tanguy Viel, Selbstjustiz (Wagenbach) 1 Tab. 7: Von befragten Buchhandlungen empfohlene französischsprachige Autorinnen und Autoren, Buchtitel und Verlage (nach Häufigkeit der Nennung sortiert) Die Auswahl der hinter den Empfehlungen der Buchhändlerinnen und Buch‐ händler stehenden deutschsprachigen Verlagen war mit mehr als 21 recht groß und zeigt, dass viele verschiedene Verlage mindestens anlässlich des Ehrengastauftritts Übersetzungen französischsprachiger Titel im Programm hatten. Die Buchhändlerinnen und Buchhändler empfahlen gleich mehrere Werke von auf Übersetzungen aus dem Französischen spezialisierten Verlagen sowie von Verlagen, die im unabhängigen Buchhandel als sehr beliebt gelten. Dazu zählten etwa Matthes & Seitz Berlin, Hanser, Suhrkamp und Wagenbach. Das Argument der guten Verkäuflichkeit mag dagegen eher der Grund gewesen sein, den Kundinnen und Kunden unterhaltende Bücher von Antoine Laurain und Lorraine Fouchet aus dem Atlantik Verlag zu empfehlen. Überraschend ist, dass hier nur vier Buchhändlerinnen und Buchhändler Rezensionen als Orientierung für die Auswahl an Buchtiteln aus dem Gastland angaben - an anderer Stelle der Umfrage nannten 90 Prozent der Befragten die Presse und Besprechungen in Zeitungen und Zeitschriften als wichtiges (35 Personen) oder sogar zentrales (eine Person) Element für den Buchverkauf. 57,5 Prozent der befragten Buchhändlerinnen und Buchhändler befanden schließlich aber, dass die französischsprachige Literatur anlässlich Francfort en français in den Medien genügend Aufmerksamkeit erhielt. 213 Dazu bemerkten sie zum Beispiel: „Allein der erste Abend in allen Zeitungen“, „Beilagen aller wichtigen Zeitungen“, „Die Buchmesse und der Ehrengast waren dieses Jahr besonders 6.1 Francfort en français und das deutschsprachige literarische Feld 271 214 Zur Rezeption von Francfort en français in den Medien siehe Kapitel 6.3.1. 215 Die folgenden Informationen stammen aus dem Gespräch mit der zuständigen Buchhänd‐ lerin Susanne Petzel am 16. März 2018 bei der Pariser Buchmesse Livre Paris. 216 Susanne Petzel, ab Minute 05: 26. stark in den Medien vertreten. Weiter so“, „In jeder Literatursendung wurde auf das Gastland hingewiesen“ und „viele Titel wurden ausgiebig rezensiert“. 214 Eine Buchhandlung, die in besonderer Weise mit den Ehrengastauftritten ver‐ bunden ist, ist die Buchhandlung Land in Sicht aus Frankfurt. 215 Seit dem Finnland- Auftritt 2014 gibt es einen Buchverkauf im bzw. vor dem Ehrengastpavillon auf der Frankfurter Buchmesse, der von Land in Sicht organisiert wird. Die Buchhandlung wurde von Gastland zu Gastland weitervermittelt, und war daher auch für das Projekt Francfort en français mit dem Verkauf von Büchern beauftragt. Da der Buchverkauf auf der Frankfurter Buchmesse offiziell nur am Sonntag bzw. seit 2019 auch am Samstag erlaubt ist, hat die Buchhandlung am Ehrengastpavillon eine Sondergenehmigung. Damit dürfen während der gesamten Buchmesse Bücher der Autorinnen und Autoren aus dem Gastland verkauft werden, die bei Veranstaltungen im Ehrengastpavillon anwesend sind. So können die Besuche‐ rinnen und Besucher sich diese Bücher signieren lassen. Bei jeweils ca. 70 bis 90 Autorinnen und Autoren im Ehrengastprogramm bedeutet dies, dass die Buch‐ handlung etwa 120 bis 150 verschiedene Buchtitel im Ehrengastpavillon anbietet. Im Fall des französischen Ehrengastauftritts fand der Buchverkauf draußen vor dem Eingang zur Ausstellung, aber auch in einem abgeteilten Bereich im Pavillon selbst statt. Die zuständige Buchhändlerin Susanne Petzel sieht die Buchhandlung damit durchaus als „Teil des Pavillons, aber schon [eher als] Dienstleister“. 216 Sie werde vom Organisationskomitee über das jeweilige Programm informiert, um passend dazu die Auswahl der Bücher zu treffen, aber sei nicht weiter an den Ehrengastprojekten beteiligt. Wirtschaftlich lohne sich die Betreuung der Ehrengast-Buchhandlung für Land in Sicht immer. Von Vorteil sei es für die Buchhandlung, wenn die deutschsprachigen Verlage mit ihren Autorinnen und Autoren aus dem Gastland Signierstunden organisieren. Dies war bei Francfort en français vor allem mit dem Autor und Illustrator Benjamin Lacombe und dem Verlagshaus Jacoby & Stuart erfolgreich. Als Buchhändlerin im Ehrengastpavillon bekommt Susanne Petzel außerdem einen direkten Eindruck von den Reaktionen des Publikums auf den Ehrengastauftritt. Im Fall des französischen Auftritts beschrieb sie diese wie folgt: Also wir waren tatsächlich sehr positiv überrascht. Wir hatten gedacht: ‚Na, da ist ja schon so viel bekannt. Mal gucken, ob sich die Leute für die Bücher interessieren.‘ Ist ja viel übersetzt aus Frankreich, war ja schon immer viel übersetzt. Das ist dann 272 6 Rezeption und Effekte von Francfort en français 217 Susanne Petzel, ab Minute 10: 47. so anders als zum Beispiel Georgien oder Indonesien, wo klar ist, die Länderliteratur ist noch kaum bekannt. Extra für die Gastlandgeschichte gibt es plötzlich ganz viele Übersetzungen, und dann stehen die Leute da und sagen: ‚Toll, das habe ich ja alles nicht gewusst, noch nie gesehen, noch nie gehört! ‘ Bei den französischen Sachen waren natürlich viele bekannte Namen dabei, also einfach Namen, die wir alle schon seit Jahren kennen. Da war ich aber total überrascht, dass die Leute total neugierig waren und einfach unheimlich in Entdeckerlaune. 217 Insgesamt ist aus der Betrachtung des Umgangs von (unabhängigen) Buchhand‐ lung mit dem Ehrengastkonzept der Frankfurter Buchmesse folgendes Fazit zu ziehen: Die Strategie der Frankfurter Buchmesse, mithilfe des Gastlandkonzepts nicht zuletzt Verkäufe der jeweiligen Übersetzungen im heimischen deutsch‐ sprachigen Buchmarkt anzukurbeln, scheint aus Sicht der Buchhändlerinnen und Buchhändler aufzugehen. Zwar bieten das Konzept sowie die Buchmesse selbst vor Ort selten einen Mehrwert für Buchhändlerinnen und Buchhändler, die nur gelegentlich die Buchmesse in Frankfurt besuchen. Über die Tatsache, dass Medienvertreterinnen und -vertreter das Gastland-Thema gern aufgreifen, um über die Buchmesse zu berichten, und über die einhergehende Präsenz der Ehrengast-Literatur in den Medien wird aber das Interesse der Leserinnen und Leser geweckt. Diese werden dadurch möglicherweise häufiger zu einem Einkauf in den Buchhandlungen angeregt. Über zusätzliche Aktivitäten zum jeweiligen Gastlandauftritt, seien es Thementische, Schaufensterdekorationen oder Veranstaltungen, gelingt es den Buchhandlungen, das Interesse weiter zu fördern, so dass diese Aktivitäten nach dem Eindruck der Buchhändlerinnen und Buchhändler einen nachhaltigen Effekt auf den tatsächlichen Buchverkauf und die Aufmerksamkeit für die Literatur des Ehrengasts im Anschluss an den jeweiligen Auftritt haben. 6.1.2 Deutschsprachige Verlage und Francfort en français Mithilfe einer quantitativen Umfrage unter deutschsprachigen Fachbesuche‐ rinnen und Fachbesuchern aus den ausstellenden Verlagsunternehmen und Literaturagenturen konnte untersucht werden, ob und wenn ja, inwiefern der Ehrengastauftritt auf der Buchmesse die Arbeitsweise der Akteurinnen und Akteure beeinflusst. Von den 1.060 bei der Frankfurter Buchmesse 2017 registrierten Verlagen und Agenturen aus Deutschland, Österreich und der deutschsprachigen Schweiz nahmen 192 Personen an der Umfrage teil. 6.1 Francfort en français und das deutschsprachige literarische Feld 273 Marco Thomas Bosshard hat bereits eine vergleichende Analyse dieser Umfrageergebnisse vorgenommen (vgl. Bosshard 2018). Demnach betrachten fast zwei Drittel der befragten Fachbesucherinnen und Fachbesucher den Ehrengastauftritt grundsätzlich als „unwichtiges“ oder „weniger wichtiges“ Element der Buchmesse. Zwar sprechen die Befragten den Gastlandauftritten mehrheitlich einen Einfluss auf den Buchverkauf und den internationalen Lizenzhandel zu; es stellt sich jedoch heraus, dass die Ehrengastauftritte für einen Großteil der Befragten aufgrund der spezifischen Schwerpunkte ihres Verlags oder ihrer Agentur nicht relevant sind und diese entsprechend das Arbeitsvorhaben auf der Frankfurter Buchmesse von mehr als drei Vierteln der an der Umfrage teilnehmenden Personen nicht beeinflussen (vgl. Bosshard 2018, 34). Bezogen auf den französischen Ehrengastauftritt 2017 stellte daher auch die Hälfte der Personen, die auf die Frage „Fühlen Sie sich und Ihr eigenes Angebot an französischsprachigen Autorinnen und Autoren im Rahmen des Ehrengastauftritts auf der Buchmesse gut vertreten? “ antworteten, fest, dass dies aufgrund eines nicht vorhandenen Angebots von Übersetzungen aus dem Französischen auf sie nicht zuträfe. Die andere Hälfte begründete ihren Eindruck, im Rahmen von Francfort en français gut vertreten gewesen zu sein, mit der Einladung ihrer Autorinnen und Autoren in die offizielle Delegation und der Präsentation der eigenen Publikationen - in teilweise bemerkenswerter Anzahl und Auswahl - in der Ausstellung im Ehrengastpavillon. Negativ wurde in den begründeten offenen Kommentaren vermerkt, dass wissenschaftliche Publikationen und Sachbuchthemen im Kontext von Ehrengastauftritten - und damit das eigene Angebot der Befragten - weit weniger stark wahrgenommen würden als Belletristik, dass die Präsentation von Gastlandliteratur an den Ver‐ lagsständen und damit außerhalb des Ehrengastpavillons für die Besucherinnen und Besucher keine Rolle spiele, sowie dass speziell frankophone Autorinnen und Autoren aus dem Maghreb auch bei diesem Auftritt, der die französische Sprache in den Mittelpunkt stellte, „unter den Tisch“ fielen. Der Umgang mit dem französischen Ehrengastauftritt 2017, möglichen Er‐ wartungen und einer Bilanz seiner Auswirkungen wurde anhand von Interviews mit drei unabhängigen Verlagen näher untersucht. Dazu wurden drei Verlage verschiedener Größe und Bestandsdauer ausgewählt, die frankophone Literatur zu ihren Schwerpunkten zählen oder vollständig auf die Publikation von Werken französischer und frankophoner Autorinnen und Autoren ausgerichtet sind: der Verlag Klaus Wagenbach in Berlin, gegründet 1964, der „Literatur, Geschichte, Kunst- und Kulturgeschichte, Politik aus den uns geläufigen Sprachen: Italie‐ nisch, Spanisch, Englisch, Französisch und natürlich Deutsch“ (Website Verlag Klaus Wagenbach) veröffentlicht, der seit 2011 bestehende austerbank verlag 274 6 Rezeption und Effekte von Francfort en français 218 Donata Kinzelbach im Gespräch am 5. Juli 2018 in Mainz, bei Minute 01: 28 und Minute 07: 07. 219 Donata Kinzelbach, ab Minute 08: 42. in München für „preisgekrönte französischsprachige Literatur der Gegenwart in deutscher Erstübersetzung“ (Website austernbank verlag) sowie der Donata Kinzelbach Verlag in Mainz, der seit den 1990er Jahren auf Literatur aus dem Maghreb spezialisiert ist. Donata Kinzelbach (Verlegerin des gleichnamigen Verlags), Bettina Deininger (Verlegerin des austernbank verlags) und Annette Wassermann (Verlagslektorin Wagenbach) hatten ganz unterschiedliche Erwartungen an das Projekt Francfort en français und kamen abschließend zu sehr unterschiedlichen Bewertungen des Auftritts. Nachdem die Verlegerin Donata Kinzelbach bereits nach dem Schwerpunkt zur Arabischen Welt auf der Frankfurter Buchmesse 2004 fest‐ stellen musste, dass die Einbeziehung eines kleinen, unabhängigen Verlags und seiner maghrebinischen Autorinnen und Autoren in das Ehrengastprogramm nicht gewollt schien, zeigte sie sich auch im Hinblick auf die Auswirkungen des Ehrengastauftritts Francfort en français, der mit seiner Themenwahl zur französischen Sprache durchaus Anknüpfungspunkte für die frankophonen Autorinnen und Autoren des Verlags hätte bieten können, resigniert: „Es ist alles eine geschlossene Gesellschaft“ und „die Großen profitieren vom Ehren‐ gastkonzept“. 218 Wie in anderen Jahren beteiligte sich Donata Kinzelbach mit einem eigenen, kleinen Stand auf der Buchmesse, insbesondere um die Kontakte zu Leserinnen und Lesern zu pflegen; aufgrund der fehlenden Verkaufsmög‐ lichkeiten an den Buchmessetagen mit Ausnahme des Sonntags stellt sich die Teilnahme an der Frankfurter Buchmesse für sie jedoch als Verlustgeschäft dar. Die Nachhaltigkeit der Wirkung des Ehrengastkonzepts für die Sichtbarkeit der jeweiligen Literatur des Gastlands beurteilte sie ebenso kritisch: In den Medien ist das natürlich ein Hype, aber das sind auch Strohfeuer. Das ist in dem Moment interessant. Nach drei Tagen, ich glaube, wenn man da eine Umfrage machen würde: ‚Wer war das Gastland? ‘, sagt jeder: ‚Keine Ahnung! ‘. 219 Ein gestiegenes Interesse an ihrem Verlagsprogramm in der Folge des französi‐ schen Ehrengastauftritts konnte die Verlegerin nicht feststellen. Anders bewertete Bettina Deininger, Verlegerin des austernbank verlags, ihre Teilnahme an der Frankfurter Buchmesse 2017 sowie das französische Ehrengastprojekt. Die Ankündigung, dass Frankreich in jenem Jahr unter dem Motto Franfort en français Ehrengast der Frankfurter Buchmesse sein würde, war für die Verlegerin Anlass, zum ersten Mal überhaupt als noch recht junger, unabhängiger Verlag mit einem eigenen kleinen Stand an der Buchmesse 6.1 Francfort en français und das deutschsprachige literarische Feld 275 220 So Bettina Deininger im telefonischen Gespräch am 11. Juni 2018, ab Minute 06: 06. 221 Bettina Deininger, ab Minute 15: 14. 222 Bettina Deininger, ab Minute 09: 15. teilzunehmen, um den Verlag und seinen Schwerpunkt französischsprachiger Literatur, u. a. von Autorinnen und Autoren aus Frankreich und Tunesien, einem größeren Publikum, den Buchhändlerinnen und Journalisten zu präsentieren. 220 Sie zog trotz der hohen Stand- und Folgekosten eine positive Bilanz von ihrer Teilnahme. Ihr Stand war ihrem Eindruck nach sehr gut positioniert in der Nähe des etablierten Secession Verlags sowie gegenüber dem Stand des deutsch-französischen Fernsehsenders Arte, wodurch ein passendes und interessiertes Zielpublikum auf den Verlag und ihre Publikationen aufmerksam werden konnte. Nach Meinung der Verlegerin bot die „sehr intellektuelle Präsentation“ 221 des französischen Ehrengasts keinen leichten Zugang zur gegenwärtigen frankophonen Literatur. Wie Bettina Deininger am Beispiel der Verleihung des Prix des cinq continents de la francophonie an den von ihr erstmals ins Deutsche übersetzten tunesischen Autor Yamen Manai erlebte, schien das Thema des Auftritts, die französische Sprache in den Mittelpunkt zu stellen, nicht besonders gut transportiert worden zu sein. Der angesehene, im Jahr 2011 von der OiF ausgerufene Literaturpreis wird jährlich für einen erzählenden Text in französischer Sprache vergeben. Die Verleihung des Preises an Yamen Manai war 2017 auf die Frankfurter Buchmesse verlegt worden. Bettina Deininger zufolge war bei der gut besuchten Veranstaltung zum Auftakt der Buchmesse kein einziges deutsches Medium zur Berichterstattung anwesend, weshalb sie von diesem besonderen Moment als Verlegerin des preisgekrönten Autors kaum profitieren konnte. Dennoch zog die Verlegerin daraus eine große Motivation für ihre weitere Verlagsarbeit: Diese Frankfurter Buchmesse hat mir gezeigt, wie groß noch die Möglichkeiten sind, weil man im deutschsprachigen Raum gar nicht so sehr daran denkt, dass Französisch eine Weltspreche ist, und auf allen fünf Kontinenten gesprochen wird, und dass es da noch sehr viel zu entdecken gibt und zu vermitteln. Also vielen Lesern in Deutschland ist gar nicht klar, dass Französisch in vielen afrikanischen Ländern eine Literatursprache ist, dass viele Menschen in Afrika zweisprachig sind, und das Französische als offizielle, als Wissenschafts- und Literatursprache verwenden, ebenso in Vietnam und in einigen Staaten in Südamerika. Das ist einfach nicht so präsent und da gibt es einfach sehr viel zu entdecken. Natürlich auch für mich. 222 Insgesamt hat Bettina Deininger über das Ehrengastprojekt und Begegnungen mit Verlegerinnen und Verlegern aus anderen frankophonen Ländern auf der Frankfurter Buchmesse 2017 viele neue Impulse für das eigene Verlags‐ 276 6 Rezeption und Effekte von Francfort en français 223 So Bettina Deininger, ab Minute 24: 00. 224 Annette Wassermann im Gespräch am 14. Mai 2018 in Berlin, ab Minute 28: 53. 225 So Annette Wassermann, ab Minute 04: 34. programm erhalten, und sieht sich darin bestärkt, weiterhin die Werke von französischsprachigen Autorinnen und Autoren zu veröffentlichen, die nicht in Frankreich beheimatet sind. Mit Ausnahme von Yamen Manai, der zur Preisverleihung nach Frankfurt eingeladen wurde, aber nicht Teil der offiziellen Delegation der Autorinnen und Autoren war, hatte keine bzw. keiner der Auto‐ rinnen und Autoren von Bettina Deininger die Möglichkeit, auf der Frankfurter Buchmesse 2017 am Programm des Ehrengastprojekts oder in der offiziellen Delegation an Francfort en français teilzunehmen. Durch das ganze Bündel an Maßnahmen, das die Verlegerin zur Vorbereitung auf die Frankfurter Buchmesse 2017 getroffen hat, nämlich die Miete eines Standes, intensivierte Pressearbeit, Online-Werbung und Social-Media-Aktivitäten konnte sie aber trotzdem die Aufmerksamkeit für den eigenen Verlag und auch die Buchverkäufe deutlich steigern. 223 Ihr besonderes Engagement in Kombination mit der Gelegenheit, an die Aktivitäten des Ehrengastprojekts Franfort en français anknüpfen zu können, hat die Sichtbarkeit ihres unabhängigen Verlags erhöht. Den Eindruck, dass der traditionsreiche Wagenbach Verlag mit seinen Über‐ setzungen aus dem Französischen vom französischen Ehrengastauftritts im Hinblick auf seine Sichtbarkeit und die Buchverkäufe besonders profitieren konnte, hatte Annette Wassermann, dort Lektorin für die französische Sprache, nicht: Also was das für Auswirkungen hat für Wagenbach, keine Ahnung. Wir haben weiterhin wichtige Autoren und unwichtige Autoren, wir haben manchmal Glück und manchmal nicht so Glück mit unseren Entdeckungen aus Frankreich oder der Frankophonie. […] Richtig entscheidend anders ist es nicht. Das war sehr sichtbar, aber das sind wir sonst auch. 224 Das Programm des Wagenbach Verlags werde ihrer Ansicht nach immer gut in der Presse wahrgenommen und rezensiert. Ihre Erwartung, dass der Wagenbach Verlag der französischsprachigen Literatur um den Ehrengastauf‐ tritt Frankreichs herum im eigenen Verlagsprogramm mehr Platz einräumen würde, um die bereits übersetzten Autorinnen und Autoren anders sichtbar zu machen, sowie dass man damit aber keine zusätzlichen Buchkäuferinnen und Buchkäufer gewinnen könne, hat sich für Annette Wassermann dagegen bestätigt. 225 Solange die Literatur des jeweiligen Gastlands grundsätzlich bereits zum Profil des Wagenbach Verlags gehöre, beteilige sich der Verlag an Aktivi‐ täten zum jeweiligen Ehrengastauftritt. Meist gebe es eine Aktion, bei der in der 6.1 Francfort en français und das deutschsprachige literarische Feld 277 226 Annette Wassermann, ab Minute 10: 18. 227 So Annette Wassermann, ab Minute 13: 31 und Minute 23: 50. 228 Annette Wassermann, ab Minute 24: 20. 229 So Annette Wassermann, ab Minute 25: 09. 230 So Donata Kinzelbach, ab Minute 01: 35. 231 So Bettina Deininger, ab Minute 36: 20. Taschenbuchreihe bereits übersetzte Werke zum Gastlandauftritt neu sowie ein Sammelband, wie im Falle Frankreich der Band „L’amour toujours - toujours l’amour? Junge französische Liebesgeschichten“, herausgegeben von der Lek‐ torin, angeboten werden. Dazu kamen im Jahr 2017 einige Neuerscheinungen französischer Autorinnen und Autoren im Hardcoverprogramm. Somit präsen‐ tierte der Verlag „ein[en] Strauß, bei dem für jede Zielgruppe etwas enthalten ist“. 226 Vom Programm des Ehrengasts konnte der Wagenbach Verlag insofern profitieren, als dass - aufgrund des frühen Engagements der Lektorin Annette Wassermann sowie ihrer persönlichen Beziehungen zu den Organisatorinnen und Organisatoren des Auftritts - alle Autorinnen und Autoren des Verlags Teil der offiziellen Delegation waren, die bei gut besuchten Veranstaltungen auf der Buchmesse sowie an anderen Orten innerhalb Frankfurts auftreten konnten. 227 Die Entscheidung, die französische Sprache in den Mittelpunkt des Auftritts zu stellen statt einer nationalen Darstellung Frankreichs hielt Annette Wassermann für unumgänglich: Anders hätten sie sich auf eine Weise angreifbar gemacht, die hätte auch keiner mitgetragen. […] Es gibt ja auch viele Impulse, die aus der Frankophonie kommen in die französische Literatur […] Es wäre total grotesk gewesen, das auszublenden. 228 Auch die Umsetzung des Mottos beurteilte die Lektorin positiv. Das Organisa‐ tionskomitee habe eine Vielzahl von Autorinnen und Autoren eingeladen, die auch hinsichtlich der vertretenen Genres die Vielfalt des Buchmarkts abgebildet hätten. 229 In einem Punkt waren sich alle drei Verlagsvertreterinnen einig: Sie kriti‐ sierten das System der Übersetzungsförderung, ganz grundsätzlich oder speziell im Kontext von Francfort en français. Während von der Übersetzungsförderung laut Donata Kinzelbach vor allem große Verlage profitieren könnten, deren Werke für die Förderung ausgewählt würden, 230 kritisierte Bettina Deininger den zeitlichen Aufwand für die Bewerbung um Übersetzungsförderung als viel zu hoch für einen kleinen, unabhängigen Verlag und den Vorgang als sehr bürokratisch. 231 Nach der Erfahrung von Annette Wassermann habe es im Rahmen des Ehrengastauftritts von Seiten der französischen Förderinstitu‐ 278 6 Rezeption und Effekte von Francfort en français 232 So Annette Wassermann, ab Minute 18: 50. 233 Die folgenden Informationen und Einblicke stammen aus dem Gespräch mit der Verlegerin Susanna Rieder am 21. September 2017 in München. 234 Susanna Rieder, Teil 1 des Interviews ab Minute 07: 35. tionen außerdem Ankündigungen und Zusagen für höhere Fördersummen gegeben, die dann später nicht eingehalten wurden. 232 Über die Auswirkungen des konkreten Ehrengastauftritts Francfort en fran‐ çais hinaus wurde mithilfe von zwei weiteren Interviews mit unabhängigen Verlagen untersucht, welche Strategien deren Akteurinnen und Akteure im Umgang mit den Gastlandpräsentationen auf der Frankfurter Buchmesse entwi‐ ckelt haben, um ihre Sichtbarkeit in den Medien, in der deutschen Buchbranche und darüber hinaus zu erhöhen. Die Idee des seit 2008 existierenden Susanna Rieder Verlags in München ist es, klassische Kinderbücher aus dem vornehmlich europäischen Ausland zu veröffentlichen und im deutschsprachigen Buchmarkt bekannter zu machen. 233 Der kleine, unabhängige Verlag für Kinder- und Jugendliteratur sucht dabei bewusst nach Literatur aus kleineren Sprachräumen, um die Vielfalt Europas darzustellen, aber auch, um der Konkurrenzsituation um teure Lizenzen aus dem englischsprachigen Ausland zu entgehen. Über dieses Konzept ist auch ein besonderes Interesse an der Gastlandpraxis vor allem der Frankfurter Buchmesse entstanden. Im Vorfeld des Ehrengastauftritts Finnlands 2014 veröffentlichte Susanna Rieder die Kinderbuchreihe Nunnu der finnischen Autorin und Illustratorin Oili Tanninen. Diese fand laut der Verlegerin viel Beachtung in der Presse, wenn auch die Verkaufszahlen sich trotz des Ehrengastauftritts nicht nachhaltig positiv entwickelten. Die Möglichkeit, sich mit einer zum Gastland passenden Übersetzung auf der Frankfurter Buchmesse zu präsentieren, beurteilte Susanna Rieder als sehr positiv. Die Aufmerksamkeit der Rezensentinnen und Rezen‐ senten sei automatisch gegeben, wenn der Verlag mit einem Titel im häufig vom Ehrengast und/ oder der Frankfurter Buchmesse herausgegebenen Katalog der Neuübersetzungen aus der Sprache des Gastlandes und in der Ausstellung „Books on…“ im Ehrengastpavillon vertreten sei. Die Medien seien auf der Suche nach diesen Titeln, und die Buchhandlungen würden diese auf den Büchertischen zum Gastlandauftritt präsentieren, ohne dass die Vermarktung für den Verlag einen gesonderten Aufwand bedeute: „[Davon] profitiert man extrem“. 234 Über die Beachtung in der Presse beobachtete Susanna Rieder auch verkaufsfördernde Effekte: [Der Faktor] Gastland [wirkt] nur, wenn man Presse hat. Also nur weil man einen Gastland-Titel hat, zieht es nicht unbedingt an. Aber wenn man einen Gastland-Titel 6.1 Francfort en français und das deutschsprachige literarische Feld 279 235 Susanna Rieder, Teil 1 des Interviews ab Minute 17: 03. 236 Susanna Rieder, Teil 2 des Interviews ab Minute 01: 00. 237 Susanna Rieder, Teil 1 des Interviews ab Minute 33: 21. hat, und dadurch die Presse, dann zieht es eben an. Und Presse ist für uns mega wichtig, weil wir keine Anzeigen schalten können als kleiner Verlag. 235 Der Susanna Rieder Verlag verfolgt die Ankündigungen der jeweiligen Gast‐ länder auf der Frankfurter Buchmesse, um ihr Verlagsprogramm zu planen. Im Fall von Francfort en français waren die Übersetzungsrechte an dem Titel Der Bandit mit dem goldenen Colt von Simon Roussin schon vor längerer Zeit eingekauft worden. Die Veröffentlichung der Übersetzung wurde dann passend zum Ehrengastauftritt für das Herbstprogramm 2017 festgelegt. Die Veröffentlichung von Übersetzungen aus dem Gastland ist für Susanna Rieder aber kein Automatismus. Wirtschaftliche und inhaltlich-programmati‐ sche Überlegungen stehen im Vordergrund: „Ich kann nicht was machen, was sich dann null verkauft. Das geht nicht, das kann ich mir nicht leisten, und das will ich ja auch nicht, nur um des Gastlands willen“. 236 So entschied sich die Verlegerin dafür, im Fall des indonesischen Ehrengastauftritts die Gastland-Übersetzungen pausieren zu lassen: Was wir ausgelassen haben, was wir eigentlich unbedingt machen wollten, war Indonesien. Da haben wir einfach nichts gefunden. Das ist so ein anderer Buchmarkt. Die Bilder waren total lustig, aber völlig verschroben, das hätten wir hier einfach nicht verkaufen können. 237 Besonders profitieren konnte der Susanna Rieder Verlag, als anlässlich des Ehrengastauftritts der Niederlande und Flanderns 2016 die Autorin Bette Westera sowie der Autor Ted van Lieshout in die offizielle Delegation des Ehrengastprojektes Dies ist, was wir teilen eingeladen wurden. Damit war die Aufmerksamkeit der Medien für die Autorin und den Autor und ihre Bücher aus dem Susanna Rieder Verlag noch einmal höher, und der Verlag profitierte von der Möglichkeit, bei Veranstaltungen die Autorin bzw. den Autor und die aktuellen Neuerscheinungen dem Frankfurter Buchmessepublikum zu präsen‐ tieren. Nicht nur entstanden dem Verlag durch die Übernahme der Reisekosten für Bette Westera und Ted van Lieshout keine zusätzlichen Kosten; auch die Organisation war dadurch vereinfacht, dass sie Teil der offiziellen Delegation der Autorinnen und Autoren waren. Der Mehraufwand bei der Betreuung von Autorinnen und Autoren während der Buchmesse, bei der gleichzeitig der Messestand beaufsichtigt werden müsse, sei jedoch für einen Verlag, der im Wesentlichen aus zwei Personen bestehe, nicht zu unterschätzen. 280 6 Rezeption und Effekte von Francfort en français 238 Susanna Rieder, Teil 1 des Interviews ab Minute 27: 40. 239 Susanna Rieder, Teil 1 des Interviews ab Minute 27: 01. 240 Die folgenden Informationen und Einblicke stammen aus dem schriftlichen Interview mit dem mairisch Verleger Daniel Beskos im Juli 2018. 241 Vgl. mairisch Verlag 2016 und mairisch Verlag 2017. 242 Daniel Beskos im schriftlichen Interview im Juli 2018. Zu den positiven Effekten des Gastland-Konzepts gehört für Susanna Rieder nicht zuletzt die von den Gastländern verpflichtend angebotene Übersetzungs‐ förderung. Diese sei generell ein wichtiges finanzielles Mittel für den kleinen, unabhängigen Verlag: „Ich kann meine Titel auch nur damit machen“. 238 Im Fall der französischen Übersetzungsförderung berichtete die Verlegerin zwar von einer „undurchschaubar[en]“ 239 Praxis und mühsamen Bewerbungsverfahren. Für ihre Übersetzungen anlässlich der anderen Ehrengastauftritte habe sie die Förderung aber schon oft erfolgreich beantragt. Der kleine, unabhängige mairisch Verlag aus Hamburg ist mit einem anderen Konzept im Zusammenhang mit den Ehrengastauftritten auf der Frankfurter Buchmesse aufgefallen: In den Jahren 2016 und 2017 verlegten der Verleger Daniel Beskos und sein Team im Vorfeld der Auftritte Niederlande & Flanderns und Frankreichs ihre Büros für eine gewisse Zeit in die wichtigsten Verlagsstädte der Gastländer, nach Amsterdam bzw. Paris. 240 Über ihren Umzug ins Gastland berichtete das Team im Blog des Verlags 241 , der auch über die Buchbranche und die Branchenpresse hinaus verfolgt wurde. Im mairisch Verlag kam die Idee einer gemeinsamen Reise ins Gastland erstmals Ende des Jahres 2015 auf. Da die Niederlande und Flandern der nächste Ehrengast waren, und Amsterdam zudem vom Verlagssitz in Hamburg auch geographisch verhältnismäßig nah liegt, wurde die Idee im Februar 2016 schnell realisiert. Für dieses Projekt hatte das mairisch-Team mehrere Beweggründe. Zunächst stand dahinter der Wunsch, das eigene Netzwerk über die deutschsprachige Buchbranche hinaus zu erweitern und als junger, unabhängiger Verlag von anderen zu lernen: „Wir wollten gerne kennen lernen, wie Verlage in anderen Ländern arbeiten, welche Themen sie haben, wie sie Bücher machen usw.“. 242 Ziel war es auch, ein entstehendes internationales Netzwerk zu nutzen, um Übersetzungsrechte zu erwerben und eigene Lizenzen ins Ausland zu verkaufen. Für den mairisch Verlag war es außerdem von Interesse, durch das Verlassen des Hamburger Büroalltags eigene Erfahrungen zum Thema mobiles Arbeiten zu machen. Vom Gastland-Konzept der Frankfurter Buchmesse ist Verleger Daniel Beskos sehr überzeugt. Grund für den Wunsch, den Verlagssitz selbst kurzzeitig ins Gastland zu verlegen, war aber, 6.1 Francfort en français und das deutschsprachige literarische Feld 281 243 Daniel Beskos im schriftlichen Interview im Juli 2018. 244 Daniel Beskos im schriftlichen Interview im Juli 2018. dass man die jeweiligen Gastländer der Frankfurter Buchmesse zwar auf der Messe kurz und intensiv beobachten kann, aber die Hintergründe im jeweiligen Land dann doch eher nicht kennen lernt. Interessanter für uns schien es, einmal ins jeweilige Land selbst zu reisen, um zu schauen, wie Land, Leute und Buchbranche dort ticken. 243 Natürlich konnte der Verlagsumzug auch als Marketingaktion genutzt werden, um Aufmerksamkeit für die eigene Arbeit und das eigene Verlagsprogramm zu erhalten. Dies gelang nicht nur über den Blog, sondern auch über Berichte in anderen Medien, die im Rahmen der Ehrengast-Berichterstattung über die Aktion des mairisch Verlags berichteten. Auf diese wurde im Vorfeld über Pressemeldungen und insbesondere über die Verbreitung der Nachricht in den sozialen Medien hingewiesen. Zur Vorbereitung des vierwöchigen Aufenthalts in Amsterdam im Februar und März 2016 recherchierte das Team des mairisch Verlags mögliche Themen, Aktionen und Gesprächspartnerinnen und -partner, mit denen ein Interview zur Veröffentlichung im Blog geführt werden sollte. Die Liste der gewünschten Ge‐ sprächspartnerinnen und -partner setzte sich aus Verlagslektorinnen, Autoren, Übersetzerinnen, Grafikern, Zeichnerinnen, Buchgestaltern, Buchhändlerinnen und Veranstaltern zusammen. Das Interesse der Kolleginnen und Kollegen aus der niederländischen und flämischen Buchbranche an der Aktion des mairisch Verlags war sehr groß, und sie waren für die Interviews sehr offen - zumal die Berichterstattung im Blog auch für sie eine Bewerbung ihrer Arbeit im Vorfeld des Ehrengastauftritts darstellte. Ziel des Blogs war es, deutschsprachigen Leserinnen und Lesern, in ausführlichen Interviews und Artikeln Protagonisten der niederländischen Litera‐ turszene vor[zu]stellen […]. Außerdem wollen wir berichten, was sich kulturell sonst dort tut, was es mit Belgien, Flandern und dem Sprachengewirr auf sich hat, welche Kneipen, Cafés und Veranstaltungsorte wir entdecken und welches Bier aus Belgien jetzt nun wirklich das beste ist. (mairisch Verlag 2016) Mit der Wirkung und den Rückmeldungen zu der Aktion zeigte sich Daniel Beskos sehr zufrieden: In den sozialen Medien (damals v. a. Facebook, Twitter und ein wenig Instagram) haben wir sehr viele schöne Kommentare bekommen, von Lesern und von Kollegen aus der Branche. Überhaupt hatten wir das Gefühl, dass die meisten anderen Verlags‐ menschen in Deutschland und den Niederlanden die Aktion mitbekommen hatten. 244 282 6 Rezeption und Effekte von Francfort en français 245 „In Paris haben wir, glaube ich, nur einen kleinen Einblick in die doch sehr große französische Buchwelt bekommen. Da müssten wir noch viel mehr Zeit investieren, um da ähnliche viele gute Kontakte zu haben“ (Daniel Beskos im schriftlichen Interview im Juli 2018). Für den mairisch Verlag war die Verlegung des Verlagssitz nach Amsterdam auch deshalb sehr erfolgreich, weil dadurch viele gute und nachhaltige Kon‐ takte entstanden sind, so dass mit der deutschsprachigen Ausgabe von Das Magazin (ein Best-Of der jungen Gegenwartsautorinnen und -autoren aus den Niederlanden und Flandern) im Herbst 2016 ein sichtbares Ergebnis des Amsterdam-Aufenthalts erschienen ist und der mairisch Verlag selbst auch erste Übersetzungslizenzen in die Niederlande verkauft hat. Im Folgejahr reisten zwei Personen aus dem Team des mairisch Verlags statt vier Wochen diesmal nur für zehn Tage im Mai 2017 nach Paris und berichteten von dort aus nach einem ähnlichen Konzept aus der französischen Buchbranche. Auch wenn „der Zugang in Amsterdam wesentlich leichter“ und der Aufenthalt in Paris kürzer war, 245 fanden die Aktion und der Blog auch im zweiten Jahr viel Beachtung unter den Followern des Verlags sowie in der deutschen und der französischen Buchbranche. Aus verschiedenen - auch finanziellen und organisatorischen Gründen - führte der mairisch Verlag seine Gastland-Verlagsreisen bei den weiteren Ehrengästen der Frankfurter Buchmesse bisher nicht fort. Aufgrund des großen Erfolgs der Aktion kann sich der Verleger Daniel Beskos aber weitere Gastlandreisen in der Zukunft vorstellen. 6.2 Francfort en français und das frankophone literarische Feld Wie wurde das Projekt Francfort en français im frankophonen literarischen Feld wahrgenommen, und welche Auswirkungen hatte es für dessen Akteurinnen und Akteure? Zur Beantwortung dieser Fragen wurde zunächst die standardi‐ sierte Online-Befragung französischsprachiger Fachbesucherinnen und -besu‐ cher, also auch der ausstellenden Unternehmen aus dem französischsprachigen Raum ausgewertet. Insgesamt 91 ausgefüllte Fragebögen wurden für die vor‐ liegende Fragestellung herangezogen. Davon waren 52 der Personen, die an der Befragung teilnahmen, aus Frankreich, 10 aus Kanada/ Québec, 8 aus der Schweiz, 7 aus Belgien, 3 aus Kamerun, 2 aus Marokko sowie je 1 aus Haiti und Guinea. In sieben Fällen wurde keine Ortsangabe gemacht. Vertieft wurden die Antworten aus der standardisierten Befragung exemplarisch mittels Interviews 6.2 Francfort en français und das frankophone literarische Feld 283 mit Vertreterinnen und Vertretern frankophoner Verlage aus Frankreich, der Schweiz, dem Libanon und Tunesien. Bei der Auswertung der standardisierten Befragung sowie der Interviews lag der Fokus jeweils auf der Wahrnehmung und den Effekten von Francfort en français für die Akteurinnen und Akteure, auf die Bibliodiversität und die (Macht-)Beziehungen im frankophonen literari‐ schen Feld. 6.2.1 Akteurinnen und Akteure in Frankreich Der Analyse des konkreten Falls „Frankreich als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2017“ sei zur Einordnung der Ergebnisse der standardisierten Befra‐ gung folgende Beobachtung vorangestellt: Weniger als ein Drittel der befragten frankophonen Fachbesucherinnen und -besucher halten die Präsenz eines Gast‐ landes für ein zentrales oder wichtiges Element von Buchmessen; die übrigen Befragten aus Frankreich und dem französischsprachigen Raum betrachten das Ehrengastkonzept als weniger wichtig (28,6 Prozent) oder unwichtig (37,4 Prozent). Dennoch sieht immerhin die Hälfte der befragten Personen einen Einfluss der Präsentation eines Gastlandes auf den Verkauf - sei es für den Lizenzverkauf oder den Buchverkauf an Leserinnen und Leser. Begründet wurde dies häufig mit der Sichtbarkeit, die die Literatur des Gastlandes durch einen Auftritt auf der Buchmesse gewinne. Unter Verweis auf die Ehrengastauftritte auf der Frankfurter Buchmesse wurde in der Befragung mehrfach festgestellt, dass diese nur für den deutschen Buchmarkt Effekte habe. Außerdem könnten nicht alle Genres gleichermaßen profitieren: Der Zugewinn im Lizenz- und Buchverkauf bezöge sich auf belletristische Titel, während die Gastlandauftritte nahezu keinen Einfluss auf den Verkauf von Comics, Kinder- und Jugendbücher, Sachbücher und Bücher zu religiösen Themen hätten. Während eine Person aus Frankreich bemerkte, dass die Aufmerksamkeit für das eigene Verlags‐ programm französischer Titel im Zusammenhang mit Francfort en français durchaus gestiegen sei, konnten zwei Befragte ebenfalls aus Frankreich einen verkaufsfördernden Effekt nur für die großen Verlagsgruppen mit ihren bereits etablierten literarischen Persönlichkeiten ausmachen, auf denen der Fokus von Francfort en français gelegen habe - für kleine oder mittelgroße Verlage habe sich der Ehrengastauftritt im Hinblick auf den Lizenz- und Buchverkauf nicht positiv ausgewirkt. Nach ihren Eindrücken vom Besuch des französischen Ehrengastpavillons befragt waren es insbesondere die französischen Besucherinnen und Besucher, die die Ausstellung deutlich kritisierten (vgl. auch Bosshard 2018, 41-42). Die Inhalte des Pavillons wurden als „pas représentatif de la diversité créative de la 284 6 Rezeption und Effekte von Francfort en français France“ bezeichnet, und es wurde auch hier bemerkt, dass kleinere, unabhängige Verlage speziell in der Übersicht der historischen Entwicklung des französischen Verlagswesens nicht aufzufinden gewesen seien. Genau die Hälfte der befragten Personen aus Frankreich fühlte sich mit dem eigenen Verlagsangebot im Rahmen von Francfort en français gut repräsentiert. Dies wurde mit einer guten Sichtbarkeit, mit der großen Vielfalt des Auftritts, der umfangreichen Delegation der Autorinnen und Autoren, die verschiedene Bereiche repräsentierte, sowie der Arbeit und dem sichtbaren Stand des BIEF begründet. Nicht für alle schien jedoch der französische Ehrengastauftritt einen Unterschied zu machen: „Que la France soit le pays invité ou non, les éditeurs et la littérature francophone en général m’ont toujours semblé très bien mis en valeur“. Die andere Hälfte der französischen Fachbesucherinnen und -besucher sah ihren Verlag, ihre Genres oder Themen aus unterschiedlichen Gründen bei Francfort en français dagegen nicht ausreichend vertreten. Neben einer allgemeinen Kritik am Pavillon und dem Programm wurde angemerkt, dass es keine Angebote für kleinere, unabhängige Verlage gegeben habe, französische Agenturen sowie jüngere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des französischen Verlagswesens nicht einbezogen worden seien, das Kinder- und Jugendbuch sowie Genre-Literatur nicht oder nicht ausreichend berücksichtigt worden sei und man keinen Zugang zur offiziellen Delegation oder der Teilnahme am Eh‐ rengastprogramm bekommen habe. Auch kamen Zweifel an der Repräsentation von frankophoner Literatur von außerhalb Frankreichs bei den französischen Befragten zum Ausdruck: „Francophone ou française? J’ai le sentiment que les pays francophones n’étaient pas mis en avant“. Vertiefend wurden als Vertreterinnen des französischen Verlagswesens die Lizenzverkäuferinnen von Gallimard, der Groupe Libella sowie des Verlags Plon zu ihrer Wahrnehmung und der Auswirkungen von Francfort en français befragt. Mit der Auswahl von Gallimard aus der Verlagsgruppe Madrigall, Plon aus der Gruppe Edi 8/ Editis und Libella als „petit groupe indépendent“ mit zugehörigen Verlagen in Polen, der Schweiz und Frankreich herrschte bei der Befragung der Expertinnen in Frankreich ein deutliches Übergewicht bei den größeren, konzernzugehörigen Verlagen, was bei der Einordnung der Antworten berücksichtigt werden muss. Diese Auswahl lag in der Beantwor‐ tung von Interviewanfragen durch die angeschriebenen französischen Verlage begründet; für Interviews vor Ort mit kleineren, unabhängigen Verlagen ergab sich anlässlich der Frankfurter Buchmesse im Oktober 2017 sowie von Livre Paris im März 2018 keine Gelegenheit. Wie Anne-Solange Noble, Rights Director von Gallimard, betonte, seien die französischen Verlage jedes Jahr auf der Frankfurter Buchmesse sehr präsent, 6.2 Francfort en français und das frankophone literarische Feld 285 246 So Anne-Solange Noble im Gespräch am 22. März 2018 in Paris, ab Minute 01: 35 (Teil 1). 247 Anne-Solange Noble, ab Minute 00: 40 (Teil 1). 248 So Anne-Solange Noble, ab Minute 07: 27 (Teil 1). 249 Anne-Solange Noble, ab Minute 21: 20 (Teil 1). 250 So Anne-Solange Noble, ab Minute 06: 38 (Teil 1). 251 Anne-Solange Noble, ab Minute 19: 58 (Teil 2). da diese auch für sie die wichtigste Buchmesse für den internationalen Lizenz‐ handel sei. 246 Sie relativierte die Ehrengasteinladung der Frankfurter Buchmesse an Frankreich. Ihrer Wahrnehmung nach sind die französischen Verlage daran gewöhnt, dass Frankreich aufgrund seiner kulturellen Anziehungskraft auf diversen Buchmessen weltweit regelmäßig als Ehrengast eingeladen werde: „la France est souvent invitée d’honneur dans les foires internationales du Livre car elle est vue à l’étranger comme un pays très culturel et à la production éditoriale prolifique“. 247 Da die Frankfurter Buchmesse damit rechne, dass sich jedes Jahr ein Gastland präsentiere und dieses Gastland die Kosten seines Auftritts selbst trage, sei es keine Frage der Ehre, Ehrengast der Buchmesse zu sein. 248 Anne-Solange Noble stellte auch das Konzept der Frankfurter Buchmesse, nur Gastländer einzuladen, die den Auftritt selbst finanzieren können, in Frage: Donc les [les petits pays] aider à venir en les faisant invités d’honneur, c’est intéressant pour nous, Français et Allemands, ça nous permet de les rencontrer. Mais dans ce cas il faut les aider financièrement car ils n’ont pas les moyens de payer ces coûts exorbitants pour eux. Mais c’est une occasion exceptionnelle de découvrir d’autres littératures que les nôtres, provenant de plus petits pays, mal connus. Seulement, comme les petits pays ne peuvent pas payer on a tendance à ne pas vouloir les inviter, bref on tourne en rond…. 249 Stattdessen bezeichnete sie es als Ehre, dass die französischen Verlage jedes Jahr auf der Frankfurter Buchmesse präsent seien - und die hohen Kosten, die die Teilnahme an der Buchmesse jedes Jahr mit sich bringe, aufwenden würden. 250 Die Frage der Finanzierung des Auftritts sei auch der wichtigste Grund für das Zögern der französischen Verlage im Vorfeld von Francfort en français gewesen. Die Rechteverkäuferin von Gallimard ist der Meinung, dass ein Land wie Frankreich sowie ein Verlag wie Gallimard einen Ehrengastauftritt auf der Frankfurter Buchmesse nicht nötig gehabt hätten: „Pas besoin de dire: ‘Bonjour, est-ce que vous connaissez un pays qui s’appelle la France? Il y a un prix Nobel qui s’appelle Patrick Modiano.’“. 251 Für kleinere, unbekanntere Länder böte die zusätzliche Aufmerksamkeit für das Land und seine Literatur dagegen viele Chancen. Aufgrund seiner Bekanntheit bei deutschen wie auch 286 6 Rezeption und Effekte von Francfort en français 252 Anne-Solange Noble, ab Minute 04: 20 (Teil 2). 253 So Anne-Solange Noble, ab Minute 13: 11 (Teil 1). 254 Anne-Solange Noble, ab Minute 06: 00 (Teil 2). 255 So Barbara Angerer im Gespräch am 22. März 2018 in Paris, ab Minute 37: 10 (Teil 2). internationalen Verlagen - „Je ne peux pas imaginer un éditeur allemand qui n’a jamais entendu parler Gallimard“ 252 - habe der Ehrengastauftritt Frankreichs auch den Rechteverkauf im Vorfeld nicht beeinflusst. Gallimard schließe auch unter normalen Umständen eine Vielzahl an Lizenzverträgen für Übersetzungen ins Deutsche ab. Anne-Solange Noble habe schon früh betont, dass es für einen Ehrengastauftritt essenziell sei, dass die Übersetzungen zur betreffenden Buchmesse bereits vorlägen, damit die anwesenden Autorinnen und Autoren ihre Werke dort präsentieren können. Dazu benötige es einer Vorbereitungszeit von zwei Jahren. Die meisten Lizenzverträge im Vorfeld von Francfort en français seien daher im Jahr 2016 abgeschlossen worden. 253 Auch wenn ein Ehrengastauftritt für einen Verlag wie Gallimard kaum mess‐ bare Effekte habe, könne er doch positive Auswirkungen für die Autorinnen und Autoren haben: le grand plaisir de cette invitation a été qu’un certain nombre de nos auteurs (traduits en allemand) ont été invités à cette occasion, et que leurs éditeurs allemands s’en sont formidablement bien occupé : c’était tout à leur avantage de mettre en avant nos auteurs auprès du lectorat allemand, au cours de rencontres sur leur stand ou en ville ou à la télévision, comme pour Marie NDiaye ou Leïla Slimani. Ils ont très bien fait cela, de façon très professionnelle, cela nous a fait très plaisir pour nos auteurs. 254 Die deutschsprachige Kollegin in der Lizenzabteilung bei Gallimard, Barbara Angerer, zeigte sich jedoch verwundert, dass positive Effekte des Ehrengastauft‐ ritts für die Verkäufe der Bücher französischsprachiger Autorinnen und Autoren nicht offensichtlich gewesen seien: auf den Spiegel-Bestsellerlisten seien in den Wochen rund um die Frankfurter Buchmesse 2017 nur Virginie Despentes und Leila Slimani mit ihren aktuellen Übersetzungen vertreten gewesen. 255 Anne- Solange Noble kam trotz aller Kritik zu einem positiven Fazit von Francfort en français und brachte ihre Freude und ihren Stolz auf den französischen Ehrengastauftritt zum Ausdruck: l’événement a eu lieu et il a été très réussi, avec un beau pavillon français, beaucoup d’écrivains présents, beaucoup de livres : les éditeurs français ont vraiment joué le jeu et formidablement bien participé. Les Allemands peuvent se sentir honorés 6.2 Francfort en français und das frankophone literarische Feld 287 256 Anne-Solange Noble, ab Minute 06: 02 und 15: 49 (Teil 1). 257 Anne-Solange Noble, ab Minute 12: 35 (Teil 2). 258 So Christine Bonnard Legrand im Gespräch am 13. Oktober 2017 auf der Frankfurter Buchmesse, ab Minute 15: 05 und 17: 21. 259 Christine Bonnard Legrand, ab Minute 03: 18. 260 Florence Maletrez im Gespräch am 14. Oktober 2017 auf der Frankfurter Buchmesse, ab Minute 25: 47. de la participation française, autant que les Français peuvent se sentir honorés de l’invitation allemande. 256 Auch den Ehrengastpavillon beurteilte sie sehr positiv: „un pavillon d’honneur magnifique, à la fois esthétique et intellectuellement stimulant, on était heureux et fier“. 257 Das anerkennende Fazit des französischen Ehrengastauftritts teilten auch die Lizenzverkäuferinnen von Libella, Christine Bonnard Legrand, und von Plon, Florence Maletrez. Christine Bonnard Legrand hielt sowohl den Ehrengastpa‐ villon als auch die Auswahl der Autorinnen und Autoren für die offizielle Delegation für eine gute Repräsentation des französischen Verlagswesens. Sie hatte den Eindruck, dass auch die kleineren, unabhängigen Verlage sowie sowohl etablierte als auch Debutautorinnen und -autoren im Programm von Francfort en français ihren Platz gefunden hätten. Damit habe sie sich mit der Groupe Libella im Ehrengastprojekt gut repräsentiert gefühlt. 258 Christine Bon‐ nard Legrand konnte für die kleinere, unabhängige Verlagsgruppe Libella aber auch Effekte für den Lizenzverkauf und für ihre Anerkennung im französischen literarischen Feld ausmachen. Sie habe wahrgenommen, dass deutschsprachige Verlage, die vorher keine französischen Autorinnen und Autoren im Programm hatten, vermehrt Rechte einkauften, um anlässlich der Buchmesse 2017 einen oder mehrere französische Schriftstellerinnen und Schriftsteller präsentieren zu können. Libella habe dadurch neue Kontakte zu deutschsprachigen Verlagen etablieren können und im Jahr 2016 mehr Verträge als üblich für Übersetzungen ins Deutsche abgeschlossen. Gleichzeitig sei aber durch Francfort en français auch der Literaturaustausch in die Gegenrichtung gestärkt worden. Die Ver‐ öffentlichung einer ersten Übersetzung eines Werkes des deutschsprachigen Autors Christian Kracht beim Libella-Imprint Phébus im Oktober 2017 habe mehr Aufmerksamkeit erhalten, „vu qu’il y avait cette invitation et ce coup de projecteur sur les échanges franco-allemands“. 259 Auch Florence Maletrez äußerte ihren Stolz angesichts des französischen Ehrengastauftritts. Ihr persön‐ licher Eindruck von der Frankfurter Buchmesse 2017 im Vergleich zu den Vorjahren war folgender: „Je me sens encore plus accueillie“. 260 Insbesondere die Anwesenheit des französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron habe sie 288 6 Rezeption und Effekte von Francfort en français 261 So Florence Maletrez, ab Minute 26: 05. 262 So Anne-Solange Noble, ab Minute 37: 50 (Teil 2). 263 Anne-Solange Noble, ab Minute 39: 39 (Teil 2). 264 So Anne-Solange Noble, ab Minute 40: 05 (Teil 2). als Anerkennung der Arbeit der Kolleginnen und Kollegen im Verlagswesen für den Austausch der Kulturen wahrgenommen. 261 Im Hinblick auf die Frage der Repräsentation der Frankophonie in dem Pro‐ jekt Francfort en français war die Einordnung der Gallimard-Vertreterin Anne- Solange Noble interessant. Sie begrüßte den Umstand, dass viele Menschen über die Entscheidung, Literatur in französischer Sprache in den Mittelpunkt zu stellen, entdecken konnten, dass es auch außerhalb Frankreichs Autorinnen und Autoren gebe, die auf Französisch schreiben. 262 Für Gallimard sei dies seit Jahren selbstverständlich, wie die Publikation von Autorinnen und Autoren wie Patrick Chamoiseau von Martinique, Tahar Ben Jelloun aus Marokko und Boualem Sansal aus Algerien beweise. Auch den Französinnen und Franzosen, die in einer vielfältigen und multikulturellen Gesellschaft lebten, sei dies bewusst. 263 Die Wahl des Fokus auf die französische Sprache sei also etwas sehr Französisches gewesen. 264 Hierbei wird das Selbstverständnis des französischen Verlagswesens sowie auch des gesamten Ehrengastprojekts deutlich, das als eine Angelegen‐ heit Frankreichs, des französischen Literaturbetriebs sowie der französischen Gesellschaft eher als eine Angelegenheit der Frankophonie angesehen wurde. Es war nicht das Ziel, über die in Frankreich publizierte Literatur in französischer Sprache hinaus in die Realität und Vielfalt des frankophonen Verlagswesens zu blicken und diese zu repräsentieren. Bezeichnenderweise sprach Anne-Solange Noble während des gesamten Interviews von dem Ehrengastprojekt als „La France à Francfort“. 6.2.2 Akteurinnen und Akteure im frankophonen literarischen Feld außerhalb Frankreichs Die im Anschluss an die Frankfurter Buchmesse 2017 befragten Akteurinnen und Akteure aus frankophonen Regionen außerhalb Frankreichs - aus der Schweiz, Belgien, Kanada (Québec), aus Marokko, Guinea, Kamerun und Haiti - zeigten sich mehrheitlich im Rahmen des Fokus von Francfort en français auf Literatur in französischer Sprache mit dem eigenen Literaturangebot gut vertreten. 20 Personen stimmten der Aussage zu, sie hätten sich gut repräsentiert gefühlt, während 10 Befragte dies verneinten. Insbesondere die Befragten aus der Schweiz waren zufrieden mit der Präsenz ihrer Bücher im Pavillon, der „belle exposition“ und dem im Vergleich zu den Vorjahren größeren Stand des 6.2 Francfort en français und das frankophone literarische Feld 289 265 So Yannick Stiassny im Gespräch am 12. Oktober 2017 auf der Frankfurter Buchmesse, ab Minute 01: 30. 266 So Yannick Stiassny, ab Minute 04: 48. 267 So Yannick Stiassny, ab Minute 08: 40. Verbandes der Schweizer frankophonen Buchbranche, ASDEL. Eine Person aus der Schweiz kritisierte jedoch das Engagement der Verlage: „Les éditions de la Suisse Romande n’ont pas assez investi“. Im direkten Interview bestätigte Yannick Stiassny, Mitarbeiter des unabhän‐ gigen Schweizer Verlags Zoé, dass es durch den Ehrengastauftritt Frankreichs im Vorfeld der Buchmesse insbesondere aus Deutschland ein stärkeres Interesse an französischsprachiger Literatur gegeben habe, von dem auch Verlage der Romandie profitieren konnten. Francfort en français sei für die Éditions Zoé eine gute Gelegenheit gewesen, neue Kontakte und Netzwerke entstehen zu lassen. 265 Insbesondere die Anwesenheit der Autorinnen und Autoren des Verlags auf der internationalen Lizenzmesse bedeutete die einmalige Chance, ausländischen Verlagen, die an einem Rechtekauf interessiert seien, den direkten Austausch mit den Autorinnen und Autoren zu ermöglichen, deren Persönlichkeit kennen‐ zulernen sowie sie und ihre Texte etwa bei Lesungen live zu erleben. 266 Eine gewisse Distanz gegenüber Francfort en français als Vertreter des Schweizer frankophonen Verlagswesens wurde dennoch deutlich: „Une édtion particulère [de la foire]? Peut-être pas comme si on était français. Quand-même il y a une attention plus importante sur l’édition francophone. On est très content qu’il y aie cette possibilité-là, mais c’est pas un focus qui nous implique directement“. 267 In Belgien waren die Meinungen innerhalb der nachträglichen Online-Be‐ fragung geteilt. Positiv wurde die erhöhte Sichtbarkeit eines Verlags hervorge‐ hoben, der sich als Teil der französischen Verlagsgruppe am Stand von Madrigall präsentieren konnte. Andere belgische Befragte kritisierten, dass man das frankophone Belgien vernachlässigt habe - wobei nicht deutlich wurde, ob sich diese Kritik an das Organisationskomitee von Francfort en français oder an die wallonischen Institutionen und den Verlegerverband richtete. Negativ hervorgehoben wurde auch ein Mangel an Kommunikation mit Vertreterinnen und Vertretern der französischen Buchbranche. Schließlich kam auch hier zum Ausdruck, dass nur die großen Verlage von einem Ehrengastauftritt profitieren könnten: „Trop petite maison d’édition, ne répondant pas à la quête fébrile de best-sellers“. Erstaunlicherweise zeigten sich auch die Befragten aus Québec mit der Re‐ präsentation mehrheitlich zufrieden, auch wenn Québec sich in Erwartung des kanadischen Ehrengastauftritts 2020 gar nicht an Francfort en français beteiligt 290 6 Rezeption und Effekte von Francfort en français 268 Vgl. zum frankophonen Gemeinschaftsstand auf der Frankfurter Buchmesse 2017 auch Rhein 2018. 269 Patricia Moukarzel im schriftlichen Interview im Juli 2018. hatte. So bemerkte eine Verlegerin aus Montréal: „Comme nous publions en langue française, notre présence a été d’autant plus remarquée“. Eine kamerunische Verlegerin stellte fest, dass das Verlagswesen Kameruns mit vier anwesenden Verlagen gut vertreten gewesen sei, was vermutlich im Vergleich zu den Vorjahren tatsächlich eine hohe Anzahl war. Ein anderer Ver‐ leger aus Kamerun hob die Sichtbarkeit des Stands positiv hervor - es ist davon auszugehen, dass damit der Gemeinschaftsstand für 20 frankophone Verlage aus dem subsaharischen Afrika und Haiti gemeint war, der vom BIEF, der OiF und dem CNL in Kooperation mit der Frankfurter Buchmesse erstmals 2017 organisiert wurde. Auch ein Verleger aus Haiti beurteilte die Unterstützung des BIEF für die Repräsentation seines Verlagsangebots positiv. Nur ein Verleger aus Marokko fasste zusammen: „insuffisante représentation des maisons d’éditeurs non francaises et insuffisante […] de la programmation“. Die größtenteils positiven Reaktionen der französischsprachigen Besuche‐ rinnen und Besucher der Frankfurter Buchmesse 2017 von außerhalb der europäischen Frankophonie und Québecs bezüglich ihrer Repräsentation im Rahmen von Francfort en français und der Buchmesse muss auch vor dem Hintergrund betrachtet werden, dass viele von ihnen durch das in der Vorberei‐ tung des französischen Ehrengastauftritts angestoßene Einladungsprogramm für frankophone Verlegerinnen und Verleger aus dem subsaharischen Afrika und Haiti - möglicherweise zum ersten Mal - an der Frankfurter Buchmesse teilnehmen konnten. 268 Zwei vertiefende Interviews mit der Verlegerin Elisabeth Daldoul von den Éditions Elyzad aus Tunesien und mit Patricia Moukarzel, zur Zeit der Befragung Mitarbeiterin bei der Éditions Tamyras aus dem Libanon, zeigten ein weniger positives Bild der Effekte von Francfort en français für das frankophone Verlags‐ wesen außerhalb Europas. Beide waren ebenfalls auf der Frankfurter Buchmesse 2017 anwesend: Elisabeth Daldoul als Verlegerin des tunesischen Autors Yamen Manai, der den Prix des cinq continents de la francophonie verliehen bekam, Patricia Moukarzel als Teilnehmerin des Einladungsprogramms der Frankfurter Buchmesse für „Verlage aus sich entwickelnden Buchnationen“. Patricia Moukarzel hat für sich und die frankophonen libanesischen Verlage keinerlei Effekte von Francfort en français feststellen können, und fühlte sich auch nicht repräsentiert vom französischen Ehrengastprojekt: „Je ne me suis pas sentie concernée“. 269 Andere internationale Verlage hätten nach ihrem Eindruck keinen Zusammenhang zwischen der Éditions Tamyras und Francfort 6.2 Francfort en français und das frankophone literarische Feld 291 270 Patricia Moukarzel im schriftlichen Interview im Juli 2018. 271 Elisabeth Daldoul im telefonischen Gespräch am 25. Juli 2018, ab Minute 07: 51 (Teil 2). 272 So Elisabeth Daldoul, ab Minute 02: 59 (Teil 2). 273 Elisabeth Daldoul, ab Minute 13: 20 (Teil 1) und Patricia Moukarzel im schriftlichen Interview im Juli 2018. 274 Patricia Moukarzel im schriftlichen Interview im Juli 2018. en français hergestellt, so dass Patricia Moukarzel kein gestiegenes Interesse an ihrem Verlagsprogramm bemerkt hat. Sie sei auf der Frankfurter Buchmesse 2017 die einzige Vertreterin eines frankophonen Verlags aus dem Libanon ge‐ wesen. Grundsätzlich beschrieb sie das Verhältnis zwischen den frankophonen libanesischen Verlagen und französischen Verlagen, die ihre Publikationen in den Libanon exportieren, als wenig kooperativ: „Il me semble que les éditeurs francophones libanais perçoivent les français comme compétiteurs, et gardent donc leur distance“. 270 Auch Elisabeth Daldoul antwortete auf die Frage nach Effekten des französi‐ schen Ehrengastauftritts für die Éditions Elyzad und die französischsprachigen Verlage in Tunesien mit einem deutlichen „Non“. 271 Sie sei kurzfristig zur Preisverleihung an ihren Autor Yamen Manai eingeladen worden und habe ihre Bücher in keiner Weise auf der Buchmesse präsentieren können. Ihrem Eindruck nach beschränkte sich der Beitrag von Francfort en français für frankophone Verlage außerhalb Frankreichs ausschließlich auf die Organisation des Gemeinschaftsstandes und Programms für Verlegerinnen und Verleger aus dem subsaharischen Afrika und Haiti. 272 Die Wahl des Themas Francfort en français begrüßten jedoch beide und bezeichneten es als „juste“, „judicieux“, „normal“, und „nécessaire, à un moment où la langue française perd du terrain“. 273 Patricia Moukarzel kritisierte jedoch die Umsetzung des Mottos auf der Frankfurter Buchmesse 2017 und betonte, dass die Unterstützung des frankophonen Verlagswesens für Frankreich strategisch wichtig sein müsse: Malheureusement, justement à cause de cette régression, les Français faisaient plus leur propre promotion que celle des pays francophones, alors qu’ils ont besoin plus que jamais de ces derniers pour la dissémination de la langue. […] La France devrait mieux soutenir les pays francophones, surtout quand des éditeurs défendent une langue qui n’est pas la leur. Je trouve que c’est tout à leur honneur, ces éditeurs francophones, et qu’il faut leur apporter les outils nécessaires pour qu’ils poursuivent leur défense de la langue française. 274 Elisabeth Daldoul erwartete im Hinblick auf das Thema Francfort en français, keine Unterscheidung zwischen Publikationsorten zu machen: „Que ce soit 292 6 Rezeption und Effekte von Francfort en français 275 So Elisabeth Daldoul, ab Minute 06: 11 (Teil 2). 276 Bei anderen Gastländern und Ereignissen auf der Buchmesse dominierten dagegen andere Nachrichtenfaktoren: Im Falle des Gastlands China 2009 stand die Buchmesse in den Medien hinsichtlich ihres Umgangs mit dem Ehrengast, der durch Zensur und Missachtung der Meinungsfreiheit auffiel, in der Kritik (Nachrichtenfaktor Negativität), während als besonders auffällige Ereignisse die teils gewaltsamen Konfrontationen zwischen rechten Verlagen und ihren Unterstützerinnen und Unterstützern sowie dagegen protestierenden Besucherinnen und Besucher viel Raum in der Medienbe‐ richterstattung über die Frankfurter Buchmesse 2017 einnahmen (Nachrichtenwert publié en France ou au Haïti, c‘est écrit en français. Ça me semblait légitime que cette fête de la langue française soit représentée par la diversité des lieux de publication“. Auch wenn sichtbare Effekte für das frankophone Verlagswesen ausgeblieben seien, sah Elisabeth Daldoul den Vorzug von Francfort en français, sowie für sie persönlich auch die Verleihung des Prix des cinq continents de la francophonie an ihren Autor Yamen Manai, als Anerkennung der Leistungen für das Publizieren in französischer Sprache, die das frankophone Verlagswesen auch außerhalb Frankreichs übernehme. 275 6.3 Rezeption von Francfort en français in deutsch- und französischsprachigen Medien Als vermittelnde Instanzen sorgen Medien mit ihrer Berichterstattung über die Buchmesse dafür, dass bestimmte Themen, Autorinnen und Autoren sowie ihre Werke in das Zentrum der Aufmerksamkeit von Leserinnen und Lesern gerückt werden - und können somit dazu beitragen, dass die angebotene zu einer tatsächlich konsumierten Bibliodiversität werden kann. Im Folgenden wird daher ein Überblick über die Rezeption von Francfort en français in den Medien gegeben. Francfort en français erhielt im Vergleich zu anderen Gastlandauftritten be‐ sonders viel Resonanz in den Medien. Anke Vogel wies auf den Zusammenhang zwischen dem Umfang der Berichterstattung über die jeweiligen Gastländer der Frankfurter Buchmesse und Nachrichtenwerte hin: Als „Elite-Nation“ gene‐ rierte Frankreich automatisch viel Aufmerksamkeit und entsprechend stand der gemeinsame Auftritt der Elite-Persönlichkeiten Angela Merkel und Emmanuel Macron - die Frankfurter Allgemeine Zeitung bezeichnete ihn etwa als den „Star auf der Buchmesse“ (Wolff 2017) - bei der Eröffnungsfeier mit der einhergehenden politischen Agenda des Treffens im Zentrum der medialen Berichterstattung (vgl. Vogel 2019, 100). 276 6.3 Rezeption von Francfort en français in deutsch- und französischsprachigen Medien 293 Schwellenfaktor und Aktualität nach dem Einzug der rechtsgerichteten AfD in den deutschen Bundestag bei den Wahlen im September 2017), vgl. Vogel 2019, 100-101. Im Vorfeld des französischen Ehrengastauftritts veröffentlichten vor allem die renommiertesten deutschen Zeitungen - Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung und Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Die Zeit, taz - spezielle Beilagen oder Sonderseiten zur Buchmesse, beziehungsweise wid‐ meten sie diese ausschließlich dem Thema „Frankreich auf der Buchmesse“. Wie Meike Hethey und Karen Struve in ihrer Analyse der Veröffentlichungen zum Gastlandauftritt Frankreichs in der deutschen und französischen Presse deutlich machten, handelte es sich bei dieser deutschen Berichterstattung grundsätzlich um eine „Hommage an den geschätzten, doch mitunter immer noch unverstandenen Nachbarn“ (Hethey und Struve 2018, 76). Statt sich nur mit den Themen Literatur und Buchmarkt zu beschäftigen, wurde der französische Ehrengastauftritt zum Anlass für eine Bewertung der aktuellen deutsch-französischen Beziehungen vor allem auf politischer Ebene genommen. Besonders häufig wurde das Engagement Emmanuel Macrons für die von ihm propagierte Neugründung Europas aufgegriffen: Es scheint, als wolle das deutsche Feuilleton angesichts der eher zurückhaltenden Re‐ aktionen aus der deutschen Politik explizit französischen Stimmen zur europäischen Idee eine Plattform bieten, um diese zugleich als ein Deutschland und Frankreich verbindendes Element zu betonen. (Hethey und Struve 2018, 78) Als Charakteristikum der französischen Geisteslandschaft hoben viele Beiträge die gesellschaftspolitische Rolle der französischen Intellektuellen hervor (vgl. Hethey und Struve 2018, 80). Viel Beachtung in den Medien und auf der Buchmesse selbst erhielt daher auch der in Deutschland vor allem mit seinem Buchtitel Rückkehr nach Reims bekannt gewordene Soziologe Didier Eribon (vgl. Eribon 2016). In seinem Gastbeitrag „Das ist nicht mein Präsident“ in der Süddeutschen Zeitung kurz vor Beginn der Buchmesse erklärte Didier Eribon, warum er der Rede Emmanuel Macrons und damit der Eröffnungsfeier der Buchmesse fernbleiben wolle: Die neoliberale Wirtschaftspolitik und „repres‐ sive Politik“ (Eribon 2017, 11) des französischen Staatspräsidenten ließen es ihm „undenkbar [erscheinen], einer Zeremonie beizuwohnen, in deren Verlauf Emmanuel Macron den französischen Pavillon in Frankfurt am Main eröffnet, während jede seiner Reformen alles das bedroht, was zum Fundament einer europäischen Kultur gehört“ (Eribon 2017, 11). Didier Eribon kritisierte die „großen, mystisch-lyrischen Höhenflüge“ (Eribon 2017, 11) Emmanuel Macrons, welche seine tatsächliche Politik überdeckten, eine Politik, die in vielem das 294 6 Rezeption und Effekte von Francfort en français Gegenteil dessen, was er sage, umsetze. Zu jenen „Höhenflügen“ zählte Di‐ dier Eribon mit Sicherheit auch die Rede des französischen Staatspräsidenten bei der Eröffnungsfeier der Frankfurter Buchmesse 2017, welche mit seiner Kenntnis weniger geläufigerer literarischer Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland insbesondere das deutsche Publikum und einige Journalis‐ tinnen und Journalisten in der Tat faszinierte (vgl. u. a. Kaube 2017, Steinfeld 2017, Fanizadeh 2017). Mit dem Gastbeitrag Didier Eribons, wie auch weiterer politischer Positionierungen der anwesenden Autorinnen und Autoren, etwa von Édouard Louis, rückte in der Berichterstattung noch einmal stärker die politische Dimension des französischen Ehrengastauftritts in den Vordergrund. Zwar berichteten die Medien von der Vielfalt der aktuellen französischspra‐ chigen Literatur und ihrer Übersetzungen ins Deutsche; die Rezensentinnen und Rezensenten unterschiedlicher Zeitungen wählten jedoch, wie Meike Hethey und Karen Struve beobachteten, weitgehend dieselben Bücher zur Besprechung aus, insbesondere folgende Titel: Die Jahre von Annie Ernaux, Im Herzen der Gewalt von Édouard Louis, Traumhafte Kindheit von Catherine Millet, Gesell‐ schaft als Urteil von Didier Eribon, Faber von Tristan Garcia, In Schopenhauers Gegenwart von Michel Houellebecq (vgl. Hethey und Struve 2018, 81). Genauso wurden in der Berichterstattung wiederholt dieselben wenigen Autorinnen und Autoren als die „Repräsentant_innen der Frankophonie“ (Hethey und Struve 2018, 81) benannt, nämlich Leïla Slimani, Alain Mabanckou, Yasmina Reza, Kaouther Adimi und Gaël Faye. Im Vorfeld der Buchmesse schrieb Sandra Kegel in der Frankfurter Allge‐ meinen Zeitung, die Präsentation französischsprachiger Literatur aus der ganzen Welt sei ein „Fanal“ (Kegel 2017b), Frankreich habe damit „das nationalstaatlich angelegt Gastlandkonzept so elegant wie subtil unterwandert. […] Schöner kann man Derridas Diktum nicht beherzigen, wonach eine Sprache niemandem gehöre, schon gar nicht einer Nation“ (Kegel 2017b). Diese Entscheidung Frank‐ reichs und ihre Umsetzung im Ehrengastprojekt wurden dagegen während oder nach der Buchmesse in den Medien kaum noch diskutiert. Der französische Auftritt als Ganzes wurde in den deutschsprachigen Medien vor allem mit dem Pavillon gleichgesetzt und in dieser Hinsicht einer subjektiven, ästhetischen Bewertung unterzogen (siehe Kapitel 4.3.2). In ihrer Berichterstattung mussten Meike Hethey und Karen Struve zufolge sowohl die deutschen als auch die französischen Medien den „Spagat zwischen der Betrachtung von Akteure_innen, Literaten, Verlegern sowie der Literatur selbst, und einer Reflexion des Europagedankens als verbindendem Element angesichts gegenwärtiger Herausforderungen“ (Hethey und Struve 2018, 87) bewältigen. Zwar berichtete die französische Presse etwa auch über die ökono‐ 6.3 Rezeption von Francfort en français in deutsch- und französischsprachigen Medien 295 mischen Hintergründe der Buchmesse, wie das Lizenzgeschäft französischer mit deutschen Verlagen (vgl. zum Beispiel Payot 2017). Unter dem Titel „En Allemagne, les auteurs français font forte impression“ ging eine Autorin der Libération im Gespräch mit deutschsprachigen Verlegerinnen und Verlegern dem Erfolg beziehungsweise dem Misserfolg französischer Literatur auf dem deutschsprachigen Buchmarkt nach (vgl. Roussel 2017). Berichte über die literarischen Werke französischsprachiger Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die in Frankfurt präsentiert wurden, nahmen schon aufgrund der Tatsache, dass diese aufgrund der für die jeweilige Übersetzung ins Deutsche benötigten Vorlaufzeit für die französischen Leserinnen und Leser keinen Neuigkeitswert hatten, geringeren Raum in der französischen Berichterstattung über die Buch‐ messe ein. Im Fokus standen dagegen auch in französischen Medien die gemeinsame Präsenz des Staatspräsidenten Emmanuel Macron mit der deutschen Bundes‐ kanzlerin Angela Merkel und der französischen Kulturministerin Françoise Nissen in Frankfurt (vgl. Hethey und Struve 2018, 83-85). Den Leserinnen und Lesern französischer Zeitungen wurde das Bild von der Buchmesse als einem „Ort der europapolitischen Statements und der Beteuerung der deutschfranzösischen Freundschaft“ (Hethey und Struve 2018, 84) vermittelt. Neben der ausführlichen inhaltlichen Berichterstattung von Emmanuel Macrons Rede anlässlich der Eröffnungsfeier gehörten dazu die Fotos mit starker Symbolwir‐ kung, welche der französische Staatspräsident und die deutsche Bundeskanz‐ lerin beim gemeinsamen Druck der ersten Seite der Menschenrechtserklärung an der Gutenberg-Druckerpresse im französischen Ehrengastpavillon zeigten und in vielen französischen wie auch in deutschen Medien verbreitet wurden (vgl. Hethey und Struve 2018, 84, siehe Abbildung 18). In Belgien fiel der Umfang der Berichterstattung über Francfort en français im Vergleich zum Vorjahr, in dem die belgische Region Flandern als gleichgestellter Partner den Ehrengastauftritt der Niederlande - Dies ist, was wir teilen - mitgestaltet hatte, wesentlich geringer aus (vgl. Houscheid und Letawe 2018, 97-99). Neben einigen Berichten sowohl in deutschals auch in französisch‐ sprachigen belgischen Medien (u. a. Grenz Echo sowie die Boulevardzeitungen L’Avenir und La Dernière Heure), die sich auf den Besuch der belgischen Königin Mathilde auf der Frankfurter Buchmesse und am Stand belgischer Kinder- und Jugendliteratur konzentrierten, erschienen in der Zeitung La Libre Belgique und in der Zeitschrift Le Vif/ L’Express ausführlichere Artikel über die Buchmesse. Diese widmeten sich eher dem dortigen allgemeinen Geschehen wie dem Lizenzgeschäft sowie der durch den Besuch internationaler Politikerinnen und Politiker und der belgischen Königin verstärkten politischen Dimension der 296 6 Rezeption und Effekte von Francfort en français Buchmesse, und berichteten nur am Rande über die Beteiligung belgischer Autorinnen und Autoren am französischen Ehrengastauftritt: Die dort vertretenen wallonischen Autoren werden, wenn überhaupt, nur am Rande erwähnt und nur dann, wenn sie bereits international anerkannte Größen sind. Offenbar wird hier die Idee internalisiert, die eigene Literatur werde erst dann relevant genug, wenn sie durch Übersetzung ‚geadelt‘ wird und sich im Ausland gut verkauft. (Houscheid und Letawe 2018, 99) Wie Thomas Hunkeler beobachtete, informierte in der Suisse romande unter den gedruckten Medien nur die Tageszeitung Le Temps etwas ausführlicher über die Frankfurter Buchmesse 2017, anders als im deutschsprachigen Teil der Schweiz etwa die Neue Zürcher Zeitung mit mehreren Beiträgen (vgl. Hunkeler 2018a, 91-92). Le Temps brachte einen Artikel über die konkrete Beteiligung der französischsprachigen Schweiz, ihren Schriftstellerinnen und Schriftstellern und Verlagen am französischen Ehrengastauftritt sowie ein In‐ terview mit dem commissaire général, Paul de Sinety, welches die Perspektive der den Ehrengastauftritt veranstaltenden Organisationen näher beleuchtete. Die Kulturjournalistin Lisbeth Koutchoumoff beschäftigte sich außerdem in ihrem kurzen Beitrag auf der Titelseite von Le Temps mit der Kernidee von Francfort en français: Unter dem Titel „La langue, ce pays des écrivains“ charakterisierte sie die Wahl Frankreichs, die französische Sprache in den Mittelpunkt zu stellen als „d’une importance symbolique considérable“ (Koutchoumoff 2017). Die Sprache sei das einzige abgesteckte Feld im Literaturbetrieb: „Que sont les frontières nationales face aux flots de l’imaginaire? Que sont les limites des Etats-nations face à l’internationale des poètes qui fécondent une même langue, aux quatre coins du monde? “ (Koutchoumoff 2017). Die Journalistin betonte zwar die ungleichen Beziehungen und Chancen französischsprachiger Autorinnen und Autoren im globalen Norden und Süden. In dieser Hinsicht habe es aber gerade durch die Digitalisierung positive Entwicklungen gegeben, die durch den französischen Ehrengastauftritt zusätzlich vorangebracht würden. Lisbeth Koutchoumoff vertrat sogar die Meinung, dass es hinsichtlich des gleichberech‐ tigten Literaturaustauschs zwischen Frankreich, seinen ehemaligen Kolonien und anderen frankophonen Gebieten wie der Suisse romande „un avant et un après Francfort 2017“ (Koutchoumoff 2017) geben werde. 6.3 Rezeption von Francfort en français in deutsch- und französischsprachigen Medien 297 277 Hier orientiert sich die Untersuchung an Allerbon 2011. 7 Bibliodiversität von Übersetzungen aus dem Französischen auf dem deutschsprachigen Buchmarkt 7.1 Untersuchungsdesign 7.1.1 Variablen der Analyse Für die Analyse der Bibliodiversität von Übersetzungen aus dem Französi‐ schen auf dem deutschsprachigen Buchmarkt wurde ein Untersuchungsde‐ sign in Anlehnung an das Modell von Françoise Benhamou und Stéphanie Peltier entwickelt (vgl. Benhamou und Peltier 2006). Im Folgenden wird dargestellt, welche Variablen zur Bestimmung und Entwicklung der angebo‐ tenen Bibliodiversität von Übersetzungen aus dem Französischen auf dem deutschsprachigen Buchmarkt mithilfe welcher Daten untersucht werden können. Wie bereits in Kapitel 2.2.1 ausführlich dargelegt wurde, nutzten Françoise Benhamou und Stéphanie Peltier für ihre Untersuchung der Vielfalt auf dem französischen Buchmarkt hinsichtlich der drei Dimensionen Aus‐ wahl, Gleichgewicht und Verschiedenheit die drei Analyseeinheiten ‚Buchtitel‘, ‚Genre‘ und ‚Originalsprache‘. Die Analyseeinheiten ‚Buchtitel‘ und ‚Genre‘ können auch für die vorliegende Untersuchung übernommen werden, wobei zur Bestimmung der Vielfalt der Genres anders als bei Françoise Benhamou und Stéphanie Peltier die Dewey-Dezimalklassifikation als Instrument heran‐ gezogen wird. 277 Da bei der Betrachtung der Bibliodiversität von Übersetzungen aus dem Französischen auf dem deutschsprachigen Buchmarkt die Originalsprache Fran‐ zösisch bereits gegeben ist, soll diese dritte Analyseeinheit in folgender Hin‐ sicht differenziert werden: Untersucht wird die ‚Nationalität der frankophonen Autorinnen und Autoren‘, deren Werke ins Deutsche übersetzt wurden. Zur Bestimmung der Diversität mit Blick auf das Thema Geschlechtervielfalt wird als weitere Analyseeinheit das ‚Geschlecht‘ dieser Autorinnen und Autoren herangezogen. 278 Zu den Indikatoren der Bibliodiversität siehe Kapitel 2.2. Als weiterer Indikator für Bibliodiversität wurde außerdem der Faktor Ver‐ lage, ihre Größe nach Umsatz und ihre Zugehörigkeit zu Verlagsgruppen oder -konzernen bzw. ihre Publikationsorte definiert, weshalb die vorliegende Un‐ tersuchung zur Bibliodiversität von Übersetzungen aus dem Französischen ins Deutsche als zusätzliche Analyseeinheiten sowohl die ‚französischsprachigen Verlage‘ der Originalpublikation als auch die ‚Verlage der deutschsprachigen Übersetzung‘ einbezieht. 278 Analog zur Studie von Françoise Benhamou und Stéphanie Peltier wurden folgende Annahmen vorausgesetzt: Mit Blick auf die Analyseeinheit ‚Buchtitel‘ wächst die Vielfalt mit ihrer Anzahl (Auswahl), sofern den einzelnen Buchtiteln eine vergleichbare Sichtbarkeit eingeräumt wird (Gleichgewicht) und sie einen geringen Grad an Standardisierung aufweisen (Verschiedenheit). Hinsichtlich der Analyseeinheit ‚Genre‘ vergrößert sich die Vielfalt durch die Anzahl vor‐ handener Genres, d. h. hier Klassen der Dewey-Dezimalklassifikation (Auswahl), die gleichmäßige Verteilung der Buchtitel über diese Klassen (Gleichgewicht) und den möglichst hohen Grad der Abweichung der unterschiedlichen Klassen voneinander (Verschiedenheit). Nach einer Untersuchung des gesamten Titelkorpus bei den Analyseein‐ heiten ‚Buchtitel‘ und ‚Genre‘ wurde in der vorliegenden Arbeit aufgrund der benötigten umfangreichen Recherche zusätzlicher Daten für alle übrigen Variablen eine Einschränkung auf Belletristik-Übersetzungen vorgenommen. Als Genre, das mit seiner Medienpräsenz sowie Literaturpreisen zu den sicht‐ barsten gehört, sowie in vielen lokalen Buchmärkten und im internationalen Lizenzgeschäft zu den meistverkauften, sollte die Belletristik auch im Hinblick auf Diversitätsfragen Entwicklungen aufzeigen, die in der Folge den gesamten Buchmarkt betreffen. Daher ist der gewählte Fokus auf die Belletristik in diesem Teil der Analyse, in dem es um ‚Nationalität‘ und ‚Geschlecht‘ der Autorinnen und Autoren sowie ihre ‚Verlage‘ geht, ein sinnvoller Ansatz. Ausgehend von der Annahme, dass die Übersetzung von Literatur nicht nur aus vielen unterschiedlichen Sprachen, sondern auch Sprachvarianten und geographischen Herkunftsorten der Autorinnen und Autoren die Vielfalt eines Buchmarktes erhöht, zeigt sich im Hinblick auf die Analyseeinheit ‚Nationalität‘ eine größere Vielfalt anhand der Anzahl der Nationalitäten der Schriftstellerinnen und Schriftsteller, deren Werke übersetzt werden (Auswahl), deren vergleichbare Verfügbarkeit (Gleichgewicht) sowie die je‐ weilige geographische Abweichung der Nationalitäten bzw. Herkunftsorte voneinander (Verschiedenheit). Bezüglich der Analyseeinheit ‚Geschlecht‘ ist 300 7 Bibliodiversität von Übersetzungen aus dem Französischen 279 Wie im folgenden Unterkapitel 7.1.2 näher erläutert wird, beziehen sich die Angaben zum Geschlecht auf die Daten der BNF, die nur die Unterscheidung ‚maskulin‘ und ‚feminin‘ verwendet. Die Verschiedenheit ist bei nur zwei Ausprägungen daher ebenfalls festgelegt. die Anzahl durch die vorhandenen Daten auf zwei, d. h. maskulin und feminin, festgelegt (Auswahl); die Diversität wächst mit der gleichmäßigen Verteilung der übersetzten Werke zwischen weiblichen Autorinnen und männlichen Autoren (Gleichgewicht). 279 Im Hinblick auf die Auswahl wird bei den Analyseeinheiten ‚Deutschsprachige Verlage‘ und ‚Frankophone Verlage‘ die Anzahl der verschiedenen beteiligten Verlage ermittelt. Die Verteilung der Belletristik-Übersetzungen auf die verschiedenen beteiligten Verlage lässt Aussagen über das Gleichgewicht zu. Hinsichtlich der Verschiedenheit wird eine Untersuchung der Größe dieser beteiligten Verlage nach Umsatz sowie zu ihrer Zugehörigkeit zu Verlagsgruppen oder -konzernen bzw. ihrer Publikationsorte herangezogen. Damit kann auch in einem größeren Maßstab geprüft werden, ob kleinere, oftmals unabhängige Verlage für das Angebot der Übersetzungen als ein die Bibliodiversität fördernder Faktor auftreten. In der Adaption des Modells von Françoise Benhamou und Stéphanie Peltier und unter Einbeziehung der beschriebenen Variablen ergibt sich nun folgende Matrix für die Untersuchung der Bibliodiversität der Übersetzungen aus dem Französischen ins Deutsche im Zeitraum 2007 bis 2019 (siehe Tabelle 8). Alle bisher genannten Variablen betreffen die angebotene Bibliodiversität von Übersetzungen aus dem Französischen. Mit der Einbeziehung von Daten zum Absatz und der Platzierung dieser Übersetzungen auf Bestsellerlisten findet auch die konsumierte Vielfalt in dieser Analyse Berücksichtigung. Damit können auch einige Hinweise darauf gegeben werden, wie die angebotene Bibliodiversität an Übersetzungen aus dem Französischen von Buchkäuferinnen und Buchkäufern tatsächlich angenommen wird. Die Methodik bei der Erhe‐ bung und Auswertung der Daten zur konsumierten Diversität wird nach einer Beschreibung des methodischen Vorgehens im Zusammenhang mit der Analyse der angebotenen Bibliodiversität erläutert. 7.1 Untersuchungsdesign 301 Auswahl Gleichgewicht Verschieden‐ heit Ü B E R S E T Z U N G E N A U S D E M F R A N ZÖ S I S C H E N : A L L E G E N R E S 2007 B I S 2019 ‚Buchtitel‘ Anzahl der Überset‐ zungen aus dem Fran‐ zösischen pro Jahr - - ‚Genre‘ Anzahl der Klassen der Dewey-Dezimal- Klassifikation, in die sich die Über‐ setzungen einteilen lassen Verteilung der Über‐ setzungen über die Klassen der Dewey-Dezimal- Klassifikation (HHI) Qualitative Beurteilung Ü B E R S E T Z U N G E N A U S D E M F R A N ZÖ S I S C H E N : B E L L E T R I S T I K 2007 B I S 2019 ‚Autorinnen und Autoren‘ Anzahl der verschie‐ denen Autorinnen und Autoren Verteilung der Bellet‐ ristik-Übersetzungen auf die verschiedenen Autorinnen und Au‐ toren - ‚Geschlecht der Auto‐ rinnen und Autoren‘ Feminin / Maskulin (gegeben) Verteilung der Bellet‐ ristik-Übersetzungen nach Geschlecht - ‚Nationalität der Auto‐ rinnen und Autoren‘ Anzahl der verschie‐ denen Nationalitäten der Autorinnen und Autoren Verteilung der Au‐ torinnen und Au‐ toren sowie der Bellet‐ ristik-Übersetzungen nach Nationalitäten (HHI) Qualitative Beurteilung ‚Deutschspra‐ chige Verlage‘ Anzahl der verschie‐ denen beteiligten deutschsprachigen Verlage Verteilung der Bellet‐ ristik-Übersetzungen auf die verschiedenen beteiligten deutsch‐ sprachigen Verlage (HHI) Qualitative Beurteilung ‚Frankophone Verlage‘ Anzahl der verschie‐ denen beteiligten fran‐ kophonen Verlage Verteilung der Bellet‐ ristik-Übersetzungen auf die verschie‐ denen beteiligten fran‐ kophonen Verlage (HHI) Qualitative Beurteilung Tab. 8: Variablen der Analyse von Übersetzungen aus dem Französischen ins Deutsche 2007 bis 2019: Angebotene Bibliodiversität 302 7 Bibliodiversität von Übersetzungen aus dem Französischen 7.1.2 Methodisches Vorgehen Datenerhebung Angebotene Bibliodiversität Als Basis für die Zusammenstellung des Korpus an Übersetzungen aus dem Französischen ins Deutsche wurde der Katalog der DNB gewählt. Dem Gesetz über die Deutsche Nationalbibliothek (DNBG) zufolge, § 2 Aufgaben, Befugnisse, hat die DNB die Aufgabe, die ab 1913 in Deutschland veröffentlichten Medienwerke und […] die ab 1913 im Ausland veröffentlichten deutschsprachigen Medienwerke, Übersetzungen deutsch‐ sprachiger Medienwerke in andere Sprachen und fremdsprachigen Medienwerke über Deutschland im Original zu sammeln, zu inventarisieren, zu erschließen und bibliografisch zu verzeichnen, auf Dauer zu sichern und für die Allgemeinheit nutzbar zu machen sowie zentrale bibliothekarische und nationalbibliografische Dienste zu leisten. (Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz 2006) Entsprechend der Ablieferungspflicht müssen deutsche Verlage der DNB zwei Exemplare jeder veröffentlichten Publikation zusenden. Außerdem sammelt die DNB im Ausland erschienene deutschsprachige Werke, das heißt auch Publika‐ tionen aus der Schweiz und aus Österreich. Damit lässt sich der Katalog der DNB als bestmögliches Instrument für die Erfassung nahezu aller Übersetzungen aus dem Französischen ins Deutsche nutzen. Anders als das Verzeichnis lieferbarer Bücher (VLB), das insbesondere im Buchhandel genutzt wird, sind im Katalog der DNB auch diejenigen Werke erfasst, die zum Zeitpunkt der Erfassung schon nicht mehr lieferbar sind. Auch der Börsenverein verwendet für die jährlich in Buch und Buchhandel in Zahlen veröffentlichten Statistiken die Daten der Deutschen Nationalbibliografie der DNB. Zur Zusammenstellung der Daten wurden im Katalog der DNB folgende Suchkriterien verwendet: Für die einzelnen Jahre von 2007 bis 2019 wurde unter „Materialarten“ jeweils ausschließlich „Bücher“ sowie unter „Standorte“ sowohl „Frankfurt“ als auch „Leipzig“ ausgewählt, um die Ergebnisse auf tat‐ sächlich erschienene und abgelieferte physische Buchexemplare einzugrenzen. Zum einen konnten auf diese Weise reine Ankündigungen von Publikationen ausgeschlossen werden. Zum anderen ist die Veröffentlichung von Werken als sogenannte e-onlys in Publikumsverlagen auf dem deutschen Buchmarkt noch recht selten. Da insbesondere im zweiten Schritt der Analyse der Fokus auf die Belletristik-Übersetzungen aus dem Französischen gelegt wurde, wurden rein digital publizierte Werke, die vorrangig im Bereich Wissenschaft und Fachbuch relevant sind, an dieser Stelle ausgeschlossen. Damit konnte die Titelmenge auf Veröffentlichungen in Publikumsverlagen reduziert und die 7.1 Untersuchungsdesign 303 280 Zu diesem Zeitpunkt enthielt die Titelliste also zusätzlich zu den Übersetzungen aus dem Französischen all jene deutschsprachigen Titel, die als Übersetzungen ins Französische in frankophonen Verlagen erschienen, und nach § 2 Aufgaben, Befugnisse DNBG ebenfalls zum Sammelgebiet der DNB gehören. Diese mussten aus der Liste entfernt werden. 281 Diese Übertragungen, die von der bereits erfolgten deutschen Übersetzung ausgehen, erfreuen sich besonders bei den Bänden der Asterix-Comics sowie bei dem Titel Der kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry großer Beliebtheit. Handhabung der Daten vereinfacht werden. Unter den „Sachgruppen“ wurde im ersten Schritt der Datenzusammenstellung aus dem DNB-Katalog keine Einschränkung vorgenommen. Bezüglich der Auswahl der Sprachen besteht über die Suchkriterien im Katalog der DNB keine Möglichkeit, die Suche explizit auf die Parameter „Originalsprache: Französisch“ und „Sprache der Übersetzung: Deutsch“ fest‐ zulegen. 280 Stattdessen wurde über das Suchfeld „Codierte Angaben“ folgende Eingrenzung vorgenommen: „ger“ und „fre“ und nicht „ita“ und nicht „eng“. Über die Verneinung von Publikationen in englischer und italienischer Sprache konnte die Aufnahme von mehrsprachigen Ausgaben wie Kunst- und Ausstel‐ lungskataloge in die Übersetzungsliste im Vorfeld weitgehend ausgeschlossen werden. Im Anschluss wurde die auf diese Weise generierte Titelliste bereinigt. Dazu wurden zunächst über die Angabe der Internationalen Standardbuchnummer (ISBN), die eine eindeutige und internationale Kennzeichnung von Buchpro‐ dukten sicherstellt, alle in der Titelliste erfassten Publikationen ohne eine solche ISBN oder mit einer anderen als „978-3-…“, welche für Publikationen in deutscher Sprache steht, entfernt. Über die Angabe „language“ wurden alle anderen Einträge, die nicht die Codierung „ger“ für die deutsche Sprache trugen, ebenfalls aus der Liste entfernt. Mithilfe der Angabe „country“ konnte schließlich auch sichergestellt werden, dass die Publikationsorte der in der Liste verbleibenden Titel ausschließlich in Deutschland, Österreich und der Schweiz liegen. Des Weiteren wurden nach den im Folgenden dargelegten Kriterien im Einzelfall Entscheidungen getroffen, Titel aus der Liste zu entfernen. Zunächst einmal wurden Schulbücher und Sprachlehrwerke für die französische Sprache identifiziert und entfernt. Nach der Vorgabe, dass es sich um Übersetzungen ins Deutsche handeln soll, wurden auch Übertragungen in diverse deutsche Dialekte und Mundarten eliminiert. 281 In den vergangenen Jahrhunderten war Französisch in ganz Europa Sprache der Aristokratie, des gehobenen Bürger‐ tums und der (Geistes-)Wissenschaft. Übersetzungen historischer Quellen sowie von Tagebüchern und Briefwechseln deutscher Intellektueller und Angehöriger 304 7 Bibliodiversität von Übersetzungen aus dem Französischen des Adels aus dem Französischen wurden ebenfalls aus der Liste gestrichen, da der Fokus der Analyse auf den Werken zeitgenössischer französischsprachiger Schriftstellerinnen und Schriftsteller liegen soll. Mittels der ursprünglichen Auswahl der Suchkriterien im DNB-Katalog konnten nicht alle mehrsprachigen Tagungsbände, Aufsatzsammlungen und Ausstellungskataloge ausgeschlossen werden, bei denen es sich nicht um eine (vollständige) Übersetzung aus dem Französischen handelte. Diese wurden identifiziert und im Einzelfall geprüft. Bei Unklarheit, ob das komplette Werk eine Übersetzung aus dem Französischen ist oder der französische Text neben einer vollständigen deutschen Übersetzung steht, half ein Blick in das über den Katalog der DNB zugängliche Inhaltsverzeichnis des Titels bei der Entschei‐ dung. Manuell wurden auch Titel entfernt, bei denen es sich um das Phänomen handelt, dass ein Werk als Übersetzung aus dem Französischen ausgegeben wird, aber offensichtlich keine ist: So wurden Einzelfälle wie etwa die Romane des vermeintlich französischen Schriftstellers Nicolas Barreau und der vermeintlich französischen Schriftstellerin Rosalie Tavernier entfernt, da diese bekannter‐ maßen von einer deutschen Verlegerin in deutscher Sprache verfasst und unter dem Pseudonym veröffentlicht werden, um von den im Genre des Liebesromans positiven Assoziationen gegenüber einem französischen Autorinnennamen zu profitieren. Problematisch gestaltete sich die Unterscheidung von Erstauflagen und weiteren Auflagen einer Übersetzung - eine eindeutige Kennzeichnung existiert nur in wenigen Fällen im Katalog der DNB. Zudem fehlen Angaben, ob es sich jeweils um die erste existierende Übersetzung eines Buchs ins Deutsche, um einen Nachdruck einer früheren bzw. auch historischen Ausgabe oder um eine vollständige Neuübersetzung handelt. Ebenfalls nicht konsequent gekenn‐ zeichnet sind Lizenzvergaben für Sonderausgaben (z. B. Weltbild, Reader՚s Digest, Die ZEIT-Editionen), Buchclubausgaben (z. B. Der Club Bertelsmann bis 2015, Büchergilde Gutenberg, Wissenschaftliche Buchgesellschaft), Mehr‐ fachverwertungen eines Titels in verschiedenen Ausgabeformaten bei ein und demselben Verlag (z. B. Hardcover, Broschur, Taschenbuch) oder klassische Taschenbuchlizenzvergaben an andere Verlage. In all diesen Fällen wäre eine eindeutige Feststellung des Jahrs der Erstauflage (und daraufhin Entfernen weiterer Auflagen) und die Kennzeichnung der zusätzlichen Verwertungen von erstmalig erschienenen Übersetzungen nur mit erheblichem Rechercheaufwand sowie einer Erweiterung der Liste in die Jahre vor 2007 möglich gewesen. Daher wurde die Entscheidung getroffen, alle Ausgaben und Auflagen in der 7.1 Untersuchungsdesign 305 282 Betrachtet man die Ebene einzelner Buchtitel, kann die Quantität der verschiedenen Ausgaben eines Titels wiederum ein Indikator dafür sein, wie relevant eine Übersetzung auf dem deutschsprachigen Buchmarkt ist. Liste zu belassen. Hier gibt es im finalen Datensatz also Verzerrungen durch Dopplungen, die nicht umgangen werden konnten. 282 Aus diesem ermittelten Korpus aller Übersetzungen aus dem Französischen ins Deutsche wurden zur Betrachtung eines einzelnen Genres schließlich alle Belletristik-Übersetzungen mithilfe der Filterung nach der Dewey-Nebensach‐ gruppe „B Belletristik“ isoliert. Für detailliertere Analysen der Bibliodiversität dieses Genres wurden zu den einzelnen Übersetzungen zusätzliche Daten recherchiert, die im Katalog der DNB nicht erfasst werden. Dazu gehört der frankophone Originalverlag (Verlag des erstmaligen Erscheinens) und dessen Publikationsort, sowie die Herkunft bzw. Nationalität, das Geschlecht und die Lebensdaten der Autorinnen und Autoren. Vorrangig wurde für die Recherche der Katalog der französischen BNF genutzt, ergänzt um Angaben aus den Natio‐ nalbibliotheken der Schweiz und Kanadas für die in diesen Ländern publizierten Werke. Auch die Online-Buchhandlung Amazon konnte hierbei aufgrund des dortigen umfassenden Titelangebots einige ergänzende Erkenntnisse liefern. Die Wahl der BNF als Ausgangspunkt der Recherche muss allerdings problema‐ tisiert werden: Im Katalog der BNF sind zwar auch Publikationen von Verlagen aus anderen frankophonen Ländern zu finden, für diese besteht jedoch keine Ablieferungspflicht, so dass bei der BNF die Publikationen französischer Verlage dominieren. Damit lässt sich anhand der Einträge nicht eindeutig ablesen, ob den Publikationen von Autorinnen und Autoren aus Regionen außerhalb Frankreichs bei französischen Verlagen eine Publikation desselben Werks im Heimatland oder bei einem anderen als dem im Katalog der BNF genannten französischen Verlag vorausgegangen ist. Im Einzelfall wurde dies mithilfe der Datenbanken anderer Nationalbibliotheken geprüft. Der Analyse der Vielfalt der ‚Genres‘, in denen Übersetzungen aus dem Französischen veröffentlicht werden, liegt die international in Bibliotheken am häufigsten genutzte Klassifikation zugrunde: die Dewey-Dezimalklassifikation (DDC). Ursprünglich aus dem angloamerikanischen Raum stammend, wurde sie Anfang der 2000er Jahre ins Deutsche übersetzt (vgl. Alex 2018). Die DNB nutzt die Klassifikation seit 2004. Die Dewey-Dezimalklassifikation wurde nach ihrem Entwickler Melvil Dewey benannt und beruht auf dem System, Bücher nach den darin enthaltenen Themen zu ordnen. Die DDC ist ein hierarchisches System, mit dem Wissen nach Fachgebieten strukturiert werden kann, wobei es vom Allgemeinen zum Speziellen hin aufgebaut wird. Die DDC verwendet dafür die Dezimalziffern 0 bis 9. Auf der ersten Ebene existieren zehn Hauptklassen, 306 7 Bibliodiversität von Übersetzungen aus dem Französischen die wiederum in jeweils zehn Unterklassen geteilt werden können, und so weiter. Jede Notation besteht aus mindestens drei Ziffern. Anschließend folgt der sogenannte Dewey-Punkt, sowie gegebenenfalls weitere Spezifizierungen (siehe Abbildung 29). Die komplette Auflistung der 100 Sachgruppen der ersten und zweiten Ebene, wie sie von der DNB auf Grundlage der DDC verwendet werden, findet sich im Anhang dieser Arbeit. Abb. 29: Beispiel der Dewey-Dezimalklassifikation (gekürzt übernommen aus Alex 2018, 68-69) Darüber hinaus hat die DNB drei zusätzliche Sachgruppen für Schulbücher (Sachgruppe S), Kinder- und Jugendliteratur (Sachgruppe K) sowie Belletristik (Sachgruppe B) eingeführt. Nach der strikten Anwendung der DDC wären Werke dieser Gruppen über zahlreiche Sachgruppen verstreut. Die Einführung dieser Sachgruppen erlaubt eine gezieltere Recherche, und diente auch in dieser Arbeit als Instrument, um im Vorfeld Schulbücher mithilfe der Sachgruppe S zu eliminieren und aus der so entstandenen Datensammlung der Übersetzungen aus dem Französischen die Belletristik-Übersetzungen mithilfe der Sachgruppe B herauszufiltern. Mit dem Ziel, Bücher im Katalog möglichst gut auffindbar zu machen, besteht bei der DNB die Möglichkeit neben einer Hauptsachgruppe bis zu zwei Nebensachgruppen zu vergeben, die das Thema des Buches spezifi‐ zieren. Entsprechend wird auch in der folgenden Analyse der Übersetzungen aus dem Französischen die erstgenannte Sachgruppe als Hauptsachgruppe 7.1 Untersuchungsdesign 307 283 Dazu gehörten etwa die Erfassung der Anzahl verschiedener Buchtitel insgesamt sowie speziell der Belletristik-Übersetzungen, die Anzahl der verschiedenen Dewey-Klassen und Dewey-Notationen, die Anzahl der verschiedenen Autorinnen und Autoren, und der Anzahl der den einzelnen Personen zugeordneten Belletristik-Übersetzungen, die Anzahl weiblicher Autorinnen und männlicher Autoren, die Anzahl der verschiedenen Nationalitäten sowie der verschiedenen beteiligten deutschsprachigen und franko‐ phonen Verlage. angesehen. Die Anzahl der verschiedenen angewendeten Kombinationen aus Haupt- und Nebensachgruppen ist ein weiterer Indikator, mit dem die Vielfalt der Übersetzungen beurteilt wird. Datenauswertung Angebotene Bibliodiversität Die auf die hier beschriebene Weise entstandenen Datensammlungen der aus dem Französischen ins Deutsche übersetzten Bücher zwischen 2007 und 2019 sowie der Belletristik-Übersetzungen aus dem Französischen ins Deutsche im selben Zeitraum wurden anschließend hinsichtlich der in Tabelle 8 aufgezeigten Variablen ausgewertet. Während die Untersuchung der Dimension Auswahl vorrangig die Erfassung von Gesamtzahlen voraussetzte, 283 wurde zur Analyse des Gleichgewichts, wo möglich, die Verteilung und der Grad der Konzentration nach dem Vorbild des Modells von Françoise Benhamou und Stéphanie Peltier der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) berechnet. Mithilfe des HHI lässt sich bestimmen, wie sich eine gesamte Merkmals‐ summe auf die einzelnen Merkmalsträger aufteilt. Der HHI lässt sich als Summe der quadrierten Anteile der Merkmalsträger berechnen. Dabei gilt: Je höher der Wert des HHI, desto höher der Grad der Konzentration, also desto schwächer das Gleichgewicht. Der maximale Wert des HHI ist 1, der minimale Wert entspricht 1/ N, wobei N die Anzahl der Merkmalsträger ist (vgl. Bleymüller, Weißbach und Dörre 2020, 244-46). In der vorliegenden Arbeit wurde der HHI zur Beur‐ teilung des Konzentrationsgrads hinsichtlich der Verteilung der veröffentlichten Übersetzungen über die Dewey-Hauptgruppen (‚Genres‘) sowie der Verteilung der Belletristik-Übersetzungen auf die verschiedenen ‚Autorinnen und Autoren‘ (auch zu ihrer jeweiligen ‚Nationalität‘) und auf die verschiedenen beteiligten ‚Verlage‘ berechnet. Bei der Betrachtung des Gleichgewichts im Hinblick auf die Beteiligung von Autorinnen und Autoren und die Verteilung der Bellet‐ ristik-Übersetzungen auf das jeweilige ‚Geschlecht‘ eignet sich die Berechnung des HHI dagegen nicht: In diesem Fall gibt es nur die Merkmalsträger ‚maskulin‘ und ‚feminin‘ sowie ‚Teams aus Autorinnen und Autoren‘ und ‚Geschlecht nicht ermittelbar‘. Bei zwei bzw. vier Merkmalsträgern liegt der HHI damit bei einem minimalen Wert von 0,5 bzw. 0,25. In der wirtschaftswissenschaftlichen 308 7 Bibliodiversität von Übersetzungen aus dem Französischen 284 Diese Werte gibt etwa das U.S. Department of Justice als Richtlinien für die Beurteilung von Mergers und Acquisitions an, vgl. U.S. Department of Justice and the Federal Trade Commission 2010. 285 Die Liste basiert auf den Geschäftszahlen des Jahres 2019. Literatur wird für die Beurteilung des Wettbewerbs zwischen Unternehmen in verschiedenen Märkten ein HHI von 0,15 als Grenzwert zwischen unkonzent‐ rierten, d.-h. fairen Märkten, und Märkten mit leichter Konzentration genannt. Ab dem Wert des HHI von 0,25 spricht man von stark konzentrierten Märkten. 284 Überträgt man diese Grenzwerte auf den vorliegenden Fall, liegt automatisch eine starke Konzentration vor. Daher werden in diesem Teil der Untersuchung prozentuale Angaben genutzt. Die Untersuchung der Verschiedenheit stellt eine besondere Herausforderung dar, wie auch Françoise Benhamou und Stéphanie Peltier am Beispiel des Vergleichs der Verschiedenheit eines französischen zu einem italienischen oder eines italienischen zu einem koreanischen Buch feststellten (vgl. Benhamou und Peltier 2011, 16-17). Da oftmals geeignete Taxonomien fehlen, wurde eine qualitative Beurteilung der Verschiedenheit angesetzt, die bei der Betrachtung der ‚Genres‘ und ‚Nationalitäten der Autorinnen und Autoren‘ auf der Unter‐ scheidung eines Zentrums sowie zwei weiterer, sich inhaltlich vom Zentrum entfernender Ebenen beruht (Erläuterungen siehe direkt bei der Analyse in Kapitel 7.2.2). Zur Kategorisierung der beteiligten deutschsprachigen Verlage und ihrer Verschiedenheit wurde, wie auch in anderen Teilanalysen dieser Arbeit, die Publikation Die größten 100 Buchverlage 2020 herangezogen (vgl. buchreport 2020). Als Grundlage für die Einteilung der Verlage, die zwischen 2007 und 2019 Übersetzungen aus dem Französischen veröffentlichten, diente die Auflistung der 25 größten Publikumsverlage nach Umsatz (vgl. buchreport 2020, 9). 285 Mangels einer systematischen Erfassung deutschsprachiger Verlage wurden entsprechend ökonomische Aspekte als alleiniges Kriterium für die Unterschei‐ dung der Verlage in größere, umsatzstarke Verlage auf der einen und kleinere Verlage auf der anderen Seite angewendet. Zwar gehört ein Großteil der 25 größten Publikumsverlage entweder zu den Verlagsgruppen bzw. -konzernen Penguin Random House, Bonnier Media Deutschland, Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck, ist selbst im Besitz von diversen Tochtergesellschaften, ist als Aktiengesellschaft organisiert, oder gehört zu internationalen Verlagsgruppen. Allerdings sind in der Liste ebenso umsatzstarke Verlage zu finden, die nicht Teil eines Konzerns sind und damit in dieser Hinsicht als unabhängig gelten können. Auf der anderen Seite sind unter den kleineren, weniger umsatzstarken Verlagen natürlich auch solche, die zu einer Verlagsbzw. Mediengruppe, zu anderen 7.1 Untersuchungsdesign 309 Unternehmen, zu Vereinen, politischen Bewegungen etc. gehören, und damit nach der in Kapitel 2.2.2 dargelegten Definition nicht zu den schöpferischen unabhängigen Verlagen gehören. Auch die Beurteilung der Zugehörigkeit der Verlage zu Verlagskonzernen wurde auf Basis von Die größten 100 Buchverlage 2020 vorgenommen. Damit wird der Stand der Eigentumsverhältnisse aus dem Jahr 2020 rückwirkend für alle Jahre der Untersuchung angelegt, auch wenn sich diese erst zwischen 2007 und 2019 geändert haben sollten. Die Entschei‐ dung für das rein ökonomische Kriterium zur Beurteilung der Verschiedenheit der deutschsprachigen Verlage fiel mangels einer alternativen Taxonomie - eine Erfassung und Systematik der deutschsprachigen Verlage, welche weitere Kriterien über die Zugehörigkeit zu den größten Publikumsverlagen hinaus berücksichtigt, ist ein Desiderat der deutschsprachigen buchwissenschaftlichen Forschung. Bei der Untersuchung der frankophonen Verlage, denen die Originalpubli‐ kationen der ins Deutsche übersetzten Belletristik-Titel zugeordnet werden können, wurde eine Einschränkung auf diejenigen Titel vorgenommen, die nach dem Jahr 1900 bei frankophonen Verlagen erschienen sind. Bei den frü‐ heren Veröffentlichungen sind Verlagsangaben und Publikationsorte oftmals unvollständig. Eine Anwendung von ökonomischen oder organisatorischen Kriterien wie Größe nach Umsatz und Zugehörigkeit zu Verlagsgruppen oder -konzernen ist nicht sinnvoll, da sich die Zeitpunkte der Veröffentlich‐ ungen über das gesamte 20. und den Beginn des 21.-Jahrhunderts erstrecken. In diesem langen Zeitraum hat sich die französische und frankophone Ver‐ lagslandschaft durch aufkommende Konzentrationsprozesse, Neugründungen und Geschäftsaufgaben sehr stark gewandelt. Vielmehr wird hier bei der Analyse der Verschiedenheit der frankophonen Verlage der Fokus auf die Publikationsorte gelegt. Ausgehend von einem Aufbau des frankophonen literarischen Feldes um das Zentrum Paris herum, wird davon ausgegangen, dass hinsichtlich der Verschiedenheit bei den frankophonen Verlagen eine höhere Vielfalt existiert, je mehr Verlage einen Publikationsort außerhalb des Zentrums Paris haben. Daher wurde neben dem Verlag der französischen Originalpublikation auch dessen Sitz erfasst, und die Liste der in jedem Jahr der Untersuchung jeweils beteiligten frankophonen Verlage nach deren Publikationsorten ausgewertet. Datenerhebung und -auswertung Konsumierte Bibliodiversität In der Analyse des Zustands der Bibliodiversität bei Übersetzungen aus dem Französischen ins Deutsche wurden wie im Modell von Françoise Benhamou und Stéphanie Peltier auch Daten zur consumed diversity, also der tatsächlich 310 7 Bibliodiversität von Übersetzungen aus dem Französischen konsumierten Bibliodiversität berücksichtigt. Da die tatsächliche Lektüre und Nutzung der Werke durch Leserinnen und Leser schwer zu erfassen ist, wird hier stattdessen davon ausgegangen, dass bereits der Verkauf als Konsum der angebotenen Vielfalt der Bücher anzusehen ist. Zu dessen Messung wurden Ver‐ kaufszahlen und Bestsellerplatzierungen der aus dem Französischen übersetzten Bücher erhoben und ausgewertet. Da die Herausgabe und Veröffentlichung von Verkaufszahlen von vielen Verlagen nicht gewünscht wird, ist es nicht möglich, eine Analyse der tatsächlichen Verkäufe aller in dieser Arbeit erfassten Übersetzungen aus dem Französischen oder auch nur die der Belletristik- Werke vorzunehmen. Stattdessen konnten dank der Unterstützung zweier deutscher Verlage unterschiedlicher Größe für den Zeitraum 2007 bis 2018 die Verkaufszahlen originalsprachlicher Publikationen sowie von Übersetzungen aus verschiedenen Sprachen berücksichtigt werden. Beide Verlage gelten als unabhängige Publikumsverlage, da sie keiner Ver‐ lagsgruppe angehören. Während ersterer zu den 25 größten Publikumsverlagen in Deutschland (nach Wilking 2020, 9) gehört und neben gehobenerer Literatur und Sachbüchern auch sogenannte Unterhaltungsliteratur anbietet (Verlag A), legt der kleinere der beiden Verlage seinen Fokus auf Übersetzungen aus den ro‐ manischen Sprachen und verfolgt ein Programm sogenannter anspruchsvollerer Belletristik und Sachbücher (Verlag B). Für die vorliegende Analyse wurden je‐ doch nur die Absatzzahlen der belletristischen Werke berücksichtigt. Bei beiden Verlagen erschienen einzelne Titel in verschiedenen Ausgabeformen (z. B. eine Erstausgabe und eine spätere Neuausgabe, sowie Hardcover, Taschenbuch und im Falle von Verlag A auch e-books), deren einzelne Absatzzahlen zu einem Gesamtabsatz kumuliert wurden. Erfasst wurden die Gesamtabsatzzahlen der zwischen 2007 und 2018 erschienenen Veröffentlichungen beider Verlage vom Zeitpunkt des jeweiligen Erscheinens bis zum Sommer 2020 (Stichtag Verlag A 1.9.2020, Stichtag Verlag B 12.7.2020). Die Erfassung der Gesamtabsatzzahlen wurde auf die in den Jahren 2007 bis 2018 erschienenen Titel begrenzt und der Zeitraum damit nicht analog zur Un‐ tersuchung der angebotenen Bibliodiversität bis einschließlich des Jahres 2019 festgelegt, da auf diese Weise realistischere Verkaufszahlen ermittelt werden konnten: Aufgrund der Tatsache, dass deutschsprachige Buchhandlungen ein Remissionsrecht haben, kann davon ausgegangen werden, dass eine Vielzahl der Exemplare, die in den Buchhandlungen nicht verkauft werden konnten, häufig im Folgejahr an die Verlage zurückgeschickt werden. So wurden viele nicht verkaufte Bücher, die im Jahr 2018 erschienen sind, vermutlich bis Ende 2019 an die Verlage zurückgeschickt, so dass diese Remittenden noch in die im Sommer 2020 erfassten Gesamtabsatzzahlen einflossen, während dies für 7.1 Untersuchungsdesign 311 286 Eine Analyse derselben Absatzzahlen der beiden Verlage A und B findet sich auch in Marco Thomas Bosshards Aufsatz zu den Verkaufszahlen von fremdsprachlicher Literatur in deutscher Übersetzung im Zusammenhang mit unterschiedlichen Ehren‐ gastauftritten der Frankfurter Buchmesse zwischen 2007 und 2018, vgl. Bosshard 2022. Bei der hier vorliegenden Untersuchung der Absatzzahlen wurde jedoch ein anderes Vorgehen gewählt, weshalb die Ergebnisse leicht abweichen: Verkaufszahlen von Titeln, die im betrachteten Zeitraum in einer neuen Ausgabe im selben Verlag (auch mit einer neuen ISBN) erschienen, wurden kumuliert und dem ersten Jahr des Erscheinens zugerechnet. Davon betroffen waren auch Absatzzahlen von e-book-Ausgaben von Verlag A, die in der Analyse bei Bosshard 2022 ausgenommen wurden. die im Jahr 2019 erschienenen Titel nicht mehr möglich gewesen wäre. Aus technischen Gründen konnten bei Verlag B nur die Verkäufe in Deutschland und der Schweiz, ohne Österreich, berücksichtigt werden, während es bei Verlag A keine territorialen Einschränkungen bei der Erfassung gab. 286 Um die Frage nach den tatsächlichen Verkäufen von Übersetzungen aus dem Französischen über die Daten der zwei Beispielverlage hinaus betrachten zu können, wurden außerdem für die Jahre 2015 bis 2019 alle Übersetzungen aus dem Französischen, in der Belletristik sowie im Sachbuch, mit Ausnahme des Kinder- und Jugendbuchs, ermittelt, die aufgrund der hohen Verkäufe auf den Spiegel-Bestsellerlisten gelandet sind. Die Wahl des Betrachtungszeitraums wurde von der Zugänglichkeit aufbereiteter Daten für die Jahre 2015 bis 2019 beeinflusst, so dass der Untersuchungszeitraum der konsumierten nicht direkt dem der angebotenen Bibliodiversität entspricht. Die Spiegel-Bestsellerlisten werden wöchentlich in Kooperation mit dem Marktforschungsunternehmen Media Control mithilfe einer elektronischen Abfrage in den Warenwirtschaftssystemen von 9.000 stationären und E-Commerce-Buchverkaufsstellen im gesamten deutschsprachigen Raum er‐ mittelt. Davon sind 6.550 in Deutschland angesiedelt. Zu den Verkaufsstellen ge‐ hört der Sortimentsbuchhandel ebenso wie Onlineshops, Bahnhofsbuchhandel, Kauf- und Warenhäuser sowie Nebenmärkte (z. B. Drogerie- und Elektronik‐ fachmärkte mit Buchangebot) (vgl. Website buchreport, „Wie die Bestsellerlisten erhoben werden“). Berücksichtigt wurden die wöchentlich veröffentlichten und nach Ausgabeformat sortierten Listen Hardcover Belletristik, Hardcover Sachbücher, Taschenbuch Belletristik, Taschenbuch Sachbücher, Paperback Belletristik sowie Paperback Sachbücher. Die vier erstgenannten umfassen wöchentlich je 50 Plätze, während die Paperback-Bestsellerlisten aus je 20 Plätzen bestehen. Für die Übersetzungen aus dem Französischen, die zwischen 2015 und 2019 auf den Spiegel-Bestsellerlisten standen, wurden folgende Informati‐ onen erfasst: Autorin bzw. Autor, Titel und Ausgabeformat, Verlag, welche 312 7 Bibliodiversität von Übersetzungen aus dem Französischen 287 Der jeweilige Anteil der Übersetzungen aus dem Französischen an alle veröffentlichten Übersetzungen im betrachteten Zeitraum war folgender: 2007: 9,8%, 2008: 11,5%, 2009: 10,2%, 2010: 10,2%, 2011: 10,4%, 2012: 10,2%, 2013: 10,4 %, 2014: 10,4%, 2015: 12-%, 2016: 10,8%, 2017: 11,5%, 2018: 10,3%, 2019: 10,7% (Angaben aus Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V.: Buch und Buchhandel in Zahlen, Ausgaben 2008-2020). Spiegel-Bestsellerliste, Anzahl der Platzierungen auf der Bestsellerliste insge‐ samt, sowie die beste Platzierung. Anschließend wurde die Liste dieser 111 er‐ fassten Übersetzungen nach den Kriterien für Bibliodiversität wie Geschlecht und Nationalität der Autorin bzw. des Autors sowie den deutschsprachigen Verlagen ausgewertet. 7.2 Analyse 7.2.1 Angebotene Bibliodiversität ‚Buchtitel‘: Auswahl Im Hinblick auf die angebotene Bibliodiversität wird zunächst die Analyse‐ einheit ‚Buchtitel‘ untersucht. Hier wächst die Vielfalt mit der Anzahl der übersetzten Bücher (Auswahl). Im betrachteten Zeitraum blieb die Anzahl aller Übersetzungen sowie von Belletristik-Übersetzungen aus dem Französischen weitgehend stabil (siehe Abbildung 30). Die jeweilige Anzahl war nur leichten Schwankungen ausgesetzt, unter denen sich auch der französische Ehrengas‐ tauftritt von 2017 bemerkbar macht: Auch auf Basis dieser Daten zeigt sich, dass zu diesem Anlass zwar nicht die höchste Titelanzahl an Übersetzungen aus dem Französischen, aber die höchste Anzahl an Belletristik-Übersetzungen erreicht wurde. Mit den Belletristik-Übersetzungen erhofften sich die Verlage wahrscheinlich eine erhöhte Sichtbarkeit für ihre Bücher im Umfeld von Franc‐ fort en français. Der französische Ehrengastauftritt hat also in dieser Hinsicht kurzfristig für eine höhere Vielfalt gesorgt. Im Vergleich zu Übersetzungen aus anderen Sprachen bleibt die Anzahl der Übersetzungen aus dem Französischen seit langer Zeit auf einem konstant hohen Niveau. Deren Anteil an den insgesamt auf dem deutschsprachigen Buchmarkt publizierten Übersetzungen lag seit dem Jahr 2008 konstant über zehn Prozent und lag in den Jahren der Vorbereitung von Francfort en français am höchsten. 287 Allein auf das Kriterium Auswahl bei den ‚Buchtiteln‘ bezogen, zeigt sich also eine konstant hohe Vielfalt der Übersetzungen aus dem Französischen. 7.2 Analyse 313 288 Die Nebensachgruppe B Belletristik wird nie an erster Stelle genannt, da sie nur als zusätzliche Sachgruppe zu den Hauptsachgruppen 800 bis 890 vergeben werden kann. Belletristik-Übersetzungen verteilen sich daher hier über die Sachgruppen verschie‐ dener Literaturen (800-891.8). Hier wird im Übrigen auch deutlich, dass die Qualität der vorhandenen Daten von der einheitlichen und logischen Erfassung der Werke durch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der DNB sowie in den Verlagen abhängt: So ist es zum Beispiel nicht nachvollziehbar, warum viele offensichtlich aus dem Französischen übersetzten Werke die Kategorie 830 Deutsche Literatur aufweisen. Französisch ist eine etablierte Sprache für Übersetzungen auf dem deutschspra‐ chigen Buchmarkt. Abb. 30: Angebotene Bibliodiversität von Übersetzungen aus dem Französischen: ‚Buch‐ titel‘ - Auswahl (eigene Darstellung) ‚Genre‘: Auswahl, Gleichgewicht und Verschiedenheit Zur Beurteilung der Bibliodiversität von Übersetzungen aus dem Französischen im Hinblick auf die Vielfalt der ‚Genres‘ wird die Kategorisierung der Werke in die Sachgruppen der Dewey-Dezimalklassifikation herangezogen. Hier erhöht sich die Vielfalt mit der Anzahl der verschiedenen Sachgruppen, in die sich die Übersetzungen einteilen lassen. Die Sachgruppe, die das Werk am besten beschreibt, wird als Hauptsachgruppe an erster Stelle genannt. Im Katalog der DNB werden neben einer Hauptsachgruppe bis zu zwei Nebensachgruppen vergeben, die das Thema des Buches spezifizieren. 288 314 7 Bibliodiversität von Übersetzungen aus dem Französischen 289 Sofern dieselbe Kombination der Dewey-Notationen vorlag, diese aber in unterschied‐ licher Reihenfolge angegeben wurden, wurden dies als eigene Kombination gewertet. Als Hauptsachgruppen wurden im Zeitraum 2007 bis 2019 insgesamt 87 der 100 insgesamt existierenden Sachgruppen der zweiten Ebene sowie zusätzlich die Sachgruppe K für Kinder- und Jugendliteratur und vier weitere Dewey-Notationen, die über die Sachgruppen der zweiten Ebene hinausgehen, angegeben. Am häufigsten wurden die Werke den belletristischen Hauptsach‐ gruppen 741.5 Comics (4.250 Titel), 840 Französische Literatur (3.855 Titel) in Kombination mit B Belletristik, und K Kinder- und Jugendliteratur (1.987 Titel) zugeordnet. Anschließend folgten Übersetzungen in den Bereichen Ratgeber und Sachbuch mit den Hauptsachgruppen 640 Hauswirtschaft und Familienleben (658 Titel, hierunter fallen insbesondere auch Kochbücher), 100 Philosophie (455 Titel), 230 Theologie, Christentum (340 Titel) und 300 Sozialwissenschaften (339 Titel). Des Weiteren wurden im betrachteten Zeitraum zur Kategorisierung der Werke innerhalb der Haupt- und Nebensachgruppen insgesamt 100 verschie‐ dene Dewey-Notationen verwendet. Die Anzahl der verschiedenen angewen‐ deten Kombinationen dieser Dewey-Notationen ist ein weiterer Indikator, mit dessen Hilfe die Vielfalt der Übersetzungen beurteilt werden kann. Dabei wurden im gesamten Zeitraum 805 verschiedene Kombinationen aus mindes‐ tens einer und, inklusive der Nebensachgruppe B für Belletristik, bis zu vier Dewey-Notationen angegeben. 289 Die Auswertung in Tabelle 9 zeigt, dass sowohl die Anzahl der verschiedenen Sachgruppen, die als Hauptsachgruppe ausgewählt wurden, als auch die Anzahl der verschiedenen angegebenen Dewey-Notationen zwischen 2007 und 2019 tendenziell leicht abnimmt. Die Anzahl verschiedener Kombinationen der Dewey-Notationen weist größere Schwankungen auf, wobei diese Schwank‐ ungen mit 154 Kombinationen im Jahr 2016, 143 im Jahr 2017, 170 im Jahr 2018 und 123 im Jahr 2019 besonders stark ausfallen. Bemerkenswert ist, dass alle drei Größen 2017 den niedrigsten oder einen der niedrigsten Werte aufweisen. Im Jahr des französischen Ehrengastauftritts ist die Auswahl, und damit die Vielfalt der angebotenen Genres, also geringer als in den anderen Jahren. Vermutet wird, dass die Verlage sich mit ihren Veröffentlichungen auf die Genres und damit Sachgruppen konzentrieren, die im Zusammenhang mit dem Auftritt am meisten Aufmerksamkeit erfahren: Dies betrifft für ein breites Publikum leicht zugängliche Genres wie Belletristik-Übersetzungen, aber aufgrund der Themensetzung von Francfort en français auch Comics und Graphic Novels sowie Kinder- und Jugendliteratur. 7.2 Analyse 315 Zur Beurteilung des Gleichgewichts bei der Verteilung der Übersetzungen aus dem Französischen über die verschiedenen Hauptsachgruppen der DDC wurde für jedes Jahr der HHI berechnet. Wie aus Tabelle 9 ersichtlich, ist der HHI zwischen 2007 und 2019 angestiegen. Nach 2009 lag dieser konstant über 0,15. Wendet man die bereits vorgestellte Einteilung der Grenzwerte aus der wirtschaftswissenschaftlichen Literatur nun analog auf das Gleichgewicht der Übersetzungen aus dem Französischen hinsichtlich der Genres an, kann man ab 2009 von einer leicht konzentrierten Verteilung der Übersetzungen auf die Hauptsachgruppen der DDC sprechen, die jedoch nie die Grenze zu einer starken Konzentration überschritt. Im Jahr des französischen Ehrengastauftritt hatte der HHI den zweithöchsten Wert, was ebenfalls darauf zurückzuführen ist, dass die Verlage zu diesem Anlass den Fokus auf die im Kontext des Auftritts sichtbarsten belletristischen Genres legten. 316 7 Bibliodiversität von Übersetzungen aus dem Französischen Ü B E R S E T Z U N G E N A U S D E M F R A N ZÖ S I S C H E N 2007 B I S 2019: ‚G E N R E ‘ - 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 Anzahl verschiedener Hauptsach‐ gruppen - 62 61 59 62 64 62 60 60 53 58 50 58 55 Anzahl verschiedener Dewey-Notationen - 67 67 65 70 70 69 69 72 61 64 60 66 61 Anzahl verschiedener Kombinationen Dewey-Notationen - 148 163 149 164 165 168 167 149 148 154 143 170 123 Verteilung der Übersetzungen über Hauptsachgruppen: HHI - 0,137 0,142 0,150 0,155 0,159 0,176 0,174 0,167 0,174 0,162 0,175 0,173 0,170 Tab. 9: Angebotene Bibliodiversität von Übersetzungen aus dem Französischen: ‚Genre‘ - Auswahl und Gleichgewicht 7.2 Analyse 317 Die inhaltliche Verschiedenheit der Genres wurde qualitativ beurteilt. Unter der Annahme, dass die (größtenteils) belletristischen Dewey-Hauptsachgruppen B Belletristik, K Kinder- und Jugendliteratur und 741.5 Comics sich an ein breites, allgemeines Publikum wenden, stehen diese auch für Übersetzungen aus dem Französischen im Zentrum des Buchmarktes (Gruppe A). Sie stehen Werken näher, die den Geistes- und Sozialwissenschaften zugeordnet werden können (Gruppe B), als schließlich Werken, die den Dewey-Hauptsachgruppen zu Naturwissenschaften und Technik angehören, auf der äußeren Ebene (Gruppe C, siehe Abbildung 31). Abb. 31: Angebotene Bibliodiversität von Übersetzungen aus dem Französischen: ‚Genre‘ - Verschiedenheit (eigene Darstellung) Wie zu erwarten war, gehören durchschnittlich zwei Drittel der im betrach‐ teten Zeitraum erschienenen Übersetzungen aus dem Französischen zu den nach dieser Einordnung zentralen Dewey-Hauptsachgruppen B Belletristik, K Kinder- und Jugendliteratur und 741.5 Comics. Ein Viertel der Titel gehört demnach zu den Dewey-Hauptsachgruppen der Gruppe B und nur ca. neun Prozent zu den Dewey-Hauptsachgruppen der Gruppe C. Die leichte Zunahme des Anteils der in den Dewey-Hauptsachgruppen der Gruppe C veröffentlichten 318 7 Bibliodiversität von Übersetzungen aus dem Französischen Titel nach 2014 scheint grundsätzlich ein gutes Zeichen für die Vielfalt, da diese Titel stärker von den dominierenden Genres abweichen. Diese Zunahme geht allerdings zulasten der zu Gruppe B zugehörigen geistes- und sozialwissen‐ schaftlichen Werke, nicht zulasten der im Zentrum des Buchmarkts stehenden und dem allgemeinen Publikum am leichtesten zugänglichen Dewey-Haupt‐ sachgruppen B Belletristik, K Kinder- und Jugendliteratur und 741.5 Comics. ‚Autorinnen und Autoren‘ und ihr ‚Geschlecht‘: Auswahl und Gleichgewicht Im betrachteten Zeitraum sind insgesamt 3.829 Belletristik-Übersetzungen aus dem Französischen auf dem deutschsprachigen Buchmarkt veröffentlicht worden. Diese Werke stammten von 1.202 verschiedenen französischsprachigen Autorinnen und Autoren. Abbildung 32 zeigt die jährliche Entwicklung der Beteiligung unterschiedlicher Autorinnen und Autoren an den Übersetzungen aus dem Französischen. Ihre Anzahl folgt derselben Wellenbewegung wie die Anzahl an Belletristik-Übersetzungen: Steigt die Zahl der übersetzten Werke, ist an diesem Literaturtransfer auch eine größere Anzahl an Autorinnen und Autoren beteiligt. So ging auch im Jahr des Ehrengastauftritts die höchste Anzahl von Belletristik-Übersetzungen in diesem Zeitraum mit der höchsten Anzahl an ver‐ schiedenen Autorinnen und Autoren einher, stieg also die Vielfalt als Folge von Francfort en français kurzfristig leicht an. Dabei war auch die durchschnittliche Titelanzahl pro Autorin bzw. pro Autor 2016 und 2017 mit 1,28 und 1,34 am niedrigsten, während sie im gesamten Zeitraum zwischen 1,28 und 1,55 schwankte (siehe Tabelle 10). Abb. 32: Angebotene Bibliodiversität von Belletristik-Übersetzungen aus dem Französi‐ schen 2007 bis 2019: ‚Autorinnen und Autoren‘ - Auswahl (eigene Darstellung) 7.2 Analyse 319 B E L L E T R I S T I K -Ü B E R S E T Z U N G E N A U S D E M F R A N ZÖ S I S C H E N 2007 B I S 2019: ‚A U T O R I N N E N U N D A U T O R E N ‘ - 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 Anzahl Belletristik-Überset‐ zungen - 302- 343- 326- 260- 313- 286- 267- 293- 275- 249- 345- 294- 276 Anzahl verschiedener Autorinnen und Autoren - 206- 222- 206- 194- 221- 202- 176- 209- 193- 194- 258- 200- 178 Durchschnittliche Titelanzahl pro Autorin bzw. Autor - 1,47 1,55 1,5 1,34 1,42 1,42 1,52 1,40 1,42 1,28 1,34 1,47 1,55 Verteilung über Autorinnen und Autoren: HHI - 0,0076 0,0168 0,0210 0,0074 0,0102 0,0083 0,0110 0,0089 0,0162 0,0074 0,0057 0,0147 0,0397 Tab. 10: Angebotene Bibliodiversität von Belletristik-Übersetzungen aus dem Französischen 2007 bis 2019: ‚Autorinnen und Autoren‘ - Auswahl und Gleichgewicht 320 7 Bibliodiversität von Übersetzungen aus dem Französischen Insgesamt wurden von 2007 bis 2019 mit Abstand am meisten Belletristik- Werke von Georges Simenon (207 Titel, 5,4 Prozent aller Titel), Antoine de Saint-Exupéry (116 Titel, 3 Prozent aller Titel) und Jules Verne (66 Titel, 1,7 Prozent aller Titel) übersetzt. Die Liste der 30 meistübersetzten frankophonen Autorinnen und Autoren zwischen 2007 und 2019 findet sich im Anhang 5. Auch für die Verteilung der Belletristik-Übersetzungen auf die verschiedenen Autorinnen und Autoren wurde der HHI berechnet. Bei der jährlichen Betrach‐ tung handelt es sich hier nach der oben genannten Festlegung der Grenzen für leicht bzw. stark konzentrierte Märkte oder Bereiche um eine gleichmäßige Verteilung ohne nennenswerte Konzentration auf einzelne Autorinnen und Autoren. Hinsichtlich des Gleichgewichts für die Analyseeinheit ‚Autorinnen und Autoren‘ lässt sich also resümieren, dass die Verteilung der Belletristik- Werke auf geringem Niveau schwankt, wobei auch hier zu erkennen ist, dass der französische Ehrengastauftritt zu einem kurzfristigen Anstieg der angebotenen Bibliodiversität beitrug, da der HHI im Jahr 2017 den geringsten Wert hat. Mög‐ licherweise haben die deutschsprachigen Verlage zu diesem Anlass nicht nur mehr Belletristik-Übersetzungen von einer höheren Anzahl von verschiedenen, sondern auch erstmals in ihr Verlagsprogramm aufgenommenen Autorinnen und Autoren publiziert. Bei der Betrachtung des Geschlechts der beteiligten Autorinnen und Autoren wird deutlich, wie stark der Literaturtransfer von Belletristik-Übersetzungen aus dem Französischen ins Deutsche von männlichen Autoren dominiert wird. Über den gesamten Zeitraum waren jeweils circa zwei Drittel (oder sogar mehr) der Beteiligten männlichen Geschlechts (siehe Tabelle 11). Trotz des minimal zunehmenden Anteils von weiblichen Autorinnen in den letzten zwei Jahren der Untersuchung kann man sicher noch nicht von einer Veränderung der Situation und einer ausgeglichenen Verteilung sprechen. Abgesehen davon war durch die Kategorisierung der Autorinnen und Autoren im Katalog der BNF in die Ausprägungen ‚feminin‘ und ‚maskulin‘ auch keinerlei Betrachtung von selbst zugeschriebenen Zugehörigkeiten zu anderen Geschlechtsidentitäten möglich. Bei der Untersuchung, wie sich die Belletristik-Übersetzungen auf die Schrift‐ stellerinnen und Schriftsteller - in den Ausprägungen Autorinnen (f), Autoren (m), Teams aus Autorinnen und Autoren (ff, fm/ mf, mm) sowie Urheberinnen bzw. Urheber, deren Geschlecht nicht ermittelbar war - verteilten, zeigte sich eine nahezu identische Verteilung bzw. dasselbe Un-Gleichgewicht: Auch hier bestand das Verhältnis von zwei Dritteln der Titel von männlichen Autoren zu einem Drittel der Titel von weiblichen Autorinnen fort. Die Titelanzahl von Teams aus mehreren Autorinnen bzw. Autoren sowie von jenen Schriftsteller‐ innen und Schriftstellern, deren Geschlecht nicht ermittelbar war, fiel zahlen‐ 7.2 Analyse 321 mäßig kaum ins Gewicht. Zusätzlich überstieg der Anteil der Übersetzungen von männlichen Autoren in den meisten Fällen auch ihren Anteil an der Gesamtzahl verschiedener Schriftstellerinnen und Schriftsteller - ein deutliches Zeichen dafür, dass es zwischen 2007 und 2019 weitaus mehr männlichen frankophonen Autoren gelang, gleich mehrere ihrer Titel ins Deutsche übersetzen zu lassen. Im gesamten Zeitraum 2007 bis 2019 war unter den 10 Schriftstellerinnen und Schriftstellern mit den meisten Übersetzungen, d. h. 31 Titel oder mehr, keine Frau. Diese 10 männlichen Autoren allein vereinten 640 der 3.829 Übersetzungen auf sich, also ein Sechstel aller Übersetzungen. Unter den ersten 30 Autorinnen und Autoren mit 16 oder mehr Übersetzungen waren nur sechs Frauen: Fred Vargas (Platz 13), Irène Némirovsky (Platz 15), Anna Gavalda (Platz 17), Yasmina Reza (Platz 18), Marie-Sabine Roger (Platz 20), Amélie Nothomb (Platz 24). Diese 30 meistübersetzten Autorinnen und Autoren vereinten mehr als ein Viertel aller Belletristik-Übersetzungen auf sich. Der geringere Frauenanteil lag zum einen auch darin begründet, dass zu den meistübersetzten eine ganze Reihe von sogenannten „klassischen“ französischen Autoren, vorrangig des 19. Jahrhunderts, gehörten, wie Jules Verne, Honoré de Balzac, Alexandre Dumas, Gustave Flaubert und weitere. Werden nur Autorinnen und Autoren des 20. und 21. Jahrhunderts berücksichtigt, gehörten mit Fred Vargas und Irène Némirovsky zum anderen zwar immerhin zwei Frauen zu den 10 meistüber‐ setzten. Dennoch entspricht dieser Anteil an den Meistübersetzten noch nicht einmal dem bereits geringen Anteil von einem Drittel weiblicher Autorinnen, die am Literaturtransfer von Belletristik-Übersetzungen aus dem Französischen in deutschsprachige Verlage beteiligt waren. 322 7 Bibliodiversität von Übersetzungen aus dem Französischen B E L L E T R I S T I K -Ü B E R S E T Z U N G E N A U S D E M F R A N ZÖ S I S C H E N 2007 B I S 2019: ‚G E S C H L E C H T ‘ - 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 Anzahl Belletristik-Über‐ setzungen 302 343 326 260 313 286 267 293 275 249 345 294 276 Anzahl verschiedener Autorinnen & Autoren* 206 222 206 194 221 202 176 209 193 194 258 200 178 Davon: - Autoren (m) 140 (68-%) 150 (68-%) 145 (70-%) 138 (71,1%) 149 (67 %) 142 (70 %) 115 (65 %) 150 (72 %) 136 (70 %) 128 (66 %) 175 (67,8%) 123 (62 %) 114 (64-%) - Autorinnen (f) 66 (32-%) 72 (32-%) 61 (30-%) 55 (28,4%) 72 (33 %) 60 (30 %) 61 (35 %) 59 (28 %) 57 (30 %) 66 (34 %) 82 (31,8%) 77 (38 %) 64 (36-%) - Geschlecht nicht ermit‐ telbar 0 0 0 1 (0,5%) 0 0 0 0 0 0 1 (0,4%) 0 0 Titelanzahl Autor (m) & entsprechender Anteil an allen Belletristik-Über‐ setzungen 204 67,55% 252 73,47% 244 74,85% 181 69,62% 210 67,09% 205 71,68% 188 70,41% 216 73,72% 201 73,09% 168 67,47% 234 67,83% 208 70,75% 192 69,57% Titelanzahl Autorin (f) & entsprechender An‐ teil an allen Bellet‐ ristik-Übersetzungen 85 28,15% 83 24,20% 74 22,70% 66 25,38% 91 29,07% 72 25,17% 75 28,09% 70 23,89% 69 25,09% 77 30,92% 102 29,57% 80 27,21% 81 29,35% Titelanzahl Autor: innen- Teams & entsprechender Anteil an allen Belletristik-Überset‐ zungen 8 2,65% 7 2,04% 4 1,23% 6 2,31% 4 1,28% 4 1,40% 0 0% 2 0,68% 1 0,36% 2 0,80% 3 0,87% 5 1,70% 3 1,09% 7.2 Analyse 323 Titelanzahl Autor: innen/ Geschlecht nicht ermit‐ telbar & entsprechender Anteil an allen Belletristik-Über‐ setzungen 5 1,66% 1 0,29% 4 1,23% 7 2,69% 8 2,56% 5 1,75% 4 1,50% 5 1,71% 4 1,45% 2 0,80% 6 1,74% 1 0,34% 0 0% * Namentlich bekannt. Teams aus Autorinnen und Autoren wurden hier als ein Autor bzw. eine Autorin gewertet -es wurde also auch nur das Geschlecht des erstgenannten Autors bzw. der erstgenannten Autorin gezählt. Tab. 11: Angebotene Bibliodiversität von Belletristik-Übersetzungen aus dem Französischen 2007 bis 2019: ‚Geschlecht‘ - Auswahl und Gleichgewicht 324 7 Bibliodiversität von Übersetzungen aus dem Französischen ‚Nationalität der Autorinnen und Autoren‘: Auswahl, Gleichgewicht und Verschiedenheit Die Belletristik-Übersetzungen aus dem Französischen stammten im ganzen betrachteten Zeitraum von Autorinnen und Autoren mit 68 verschiedenen Nationalitäten bzw. Kombinationen von Nationalitäten, d. h. auch inklusive doppelter Staatsbürgerschaften wie zum Beispiel Frankreich-USA. Bezüglich der Auswahl zeigt Tabelle 12, dass die Anzahl der verschiedenen Nationalitäten zwischen 2007 und 2019 - mit jeweils 17 im ersten wie im letzten Jahr der Untersuchung - schwankte, und dass Francfort en français mit seiner spezifischen Themensetzung zur Vielfalt von Literatur in französischer Sprache bis dahin keinerlei Einfluss auf die Herkunft der Autorinnen und Autoren der Übersetzungen frankophoner Belletristik ins Deutsche zu haben schien: Weder in der Vorbereitung noch im direkten Anschluss an den Ehrengastauftritt war die Anzahl der verschiedenen Nationalitäten unter den frankophonen Schriftstellerinnen und Schriftsteller im Vergleich zu den Vorjahren erhöht. Eher hat die Anzahl der verschiedenen Nationalitäten im Vergleich zu den Vorjahren im Jahr 2019 wieder abgenommen - dies ist aber möglicherweise ein kurzzeitiger Effekt aufgrund der Sättigung des Buchmarkts im Hinblick auf Übersetzungen aus dem Französischen im Anschluss an das Ehrengastjahr. Blickt man noch einmal auf den gesamten Zeitraum, ist festzustellen, dass unter den ersten 10 Autoren mit den meisten Übersetzungen (31 oder mehr) nur ein Autor zu finden ist, der nicht aus Frankreich stammt: Der Belgier Georges Simenon war der meistübersetzte frankophone Autor zwischen 2007 und 2019. Unter den ersten 30 Autorinnen und Autoren mit 16 oder mehr Übersetzungen sind nur drei Autorinnen und Autoren nicht ausschließlich französischer Herkunft: neben Georges Simenon aus Belgien auch Amélie Nothomb, ebenfalls Belgierin, sowie der französisch-mauritische Schriftsteller Jean-Marie Gustave Le Clézio, der 2008 den Literaturnobelpreis erhielt. Damit liegt ihr Anteil in dieser Gruppe der meistübersetzten Schriftstellerinnen und Schriftsteller bei zehn Prozent - und damit noch einmal deutlich unter den Werten von 16 bis 26 Prozent, zwischen denen der Anteil der Autorinnen und Autoren von außerhalb Frankreichs im Laufe der Jahre 2007 bis 2019 schwankte. Wie zu erwarten waren Französinnen und Franzosen stets die mit Abstand größte Gruppe unter den vertretenen Nationalitäten. Zu den am stärksten repräsentierten Nationalitäten unter den Autorinnen und Autoren gehörten außerdem die anderen größeren westlichen frankophonen Länder Kanada, Belgien und die Schweiz. Selten war auch Algerien sowie in einem Jahr auch Haiti unter den TOP 3 Nationalitäten (Haiti 2013 mit gerade einmal vier von 7.2 Analyse 325 insgesamt 176 Autorinnen und Autoren). Aufgrund des immens hohen Anteils von Autorinnen und Autoren aus Frankreich ist es nicht verwunderlich, dass hinsichtlich des Gleichgewichts der Autorinnen und Autoren bei den Nationalitäten der HHI stets deutlich über 0,25, dem Grenzwert für starke Konzentration, liegt. Nach besonders hohen Werten des HHI in den Jahren 2008 und 2011 wurden seitdem niedrigere Werte gemessen. Die Bibliodiver‐ sität hat also im Hinblick auf die Verteilung der Autorinnen und Autoren auf verschiedene Nationalitäten insgesamt im betrachteten Zeitraum leicht zugenommen. Im Jahr 2017 war der HHI im Vergleich zu den Vorjahren allerdings leicht erhöht, so dass Francfort en français offensichtlich keinen deutlichen, positiven Effekt auf die Verteilung der Autorinnen und Autoren auf verschiedene Nationalitäten hatte. Wenn man die Verteilung der Anzahl der Belletristik-Übersetzungen über die verschiedenen Nationalitäten betrachtet, zeigt sich ein ähnliches Bild. Der französische Ehrengastauftritt hatte auch hier einen eher negativen Effekt auf das Gleichgewicht, wie der in Jahr 2017 höchste Wert des HHI im gesamten Zeitraum verdeutlicht. Offensichtlich konzentrierten sich die Belletristik-Über‐ setzungen 2017 am stärksten auf Autorinnen und Autoren aus Frankreich. Der HHI lag auch hier beständig im stark konzentrierten Bereich. Im letzten Jahr der Untersuchung unterschritt der HHI mit 0,49 immerhin erstmals die 0,5-Marke. Ob dies möglicherweise eine Trendwende, eventuell als Folge von Francfort en français, darstellte und die Bibliodiversität mit Blick auf das Gleichgewicht bei den Belletristik-Übersetzungen und ihrer Verteilung über die verschiedenen Nationalitäten zunimmt, muss eine längerfristige Untersuchung der Entwicklung nach 2019 zeigen. Zunächst einmal ist festzustellen, dass, abgesehen von Frankreich, die frankophonen europäischen Länder Belgien und die Schweiz die Anzahl der jeweils auf die verschiedenen Nationalitäten entfallenen Belletristik-Übersetzungen deutlich dominieren. 326 7 Bibliodiversität von Übersetzungen aus dem Französischen B E L L E T R I S T I K -Ü B E R S E T Z U N G E N A U S D E M F R A N ZÖ S I S C H E N 2007 B I S 2019: ‚N A T I O N A L I TÄT E N ‘ - 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 Anzahl Belletristik-Überset‐ zungen 302 343 326 260 313 286 267 293 275 249 345 294 276 Anzahl verschiedener Autorinnen & Autoren 206 222 206 194 221 202 176 209 193 194 258 200 178 Anzahl verschiedener Natio‐ nalitäten 17 22 19 22 20 25 23 21 19 21 21 22 17 TOP 3 Nationalitäten nach An‐ zahl der Autorinnen & Autoren F: 166 CA: 8 CH: 7 F: 186 CH: 7 CA: 5 F: 167 CH: 9 BE: 8 F: 151 CH: 10 CA: 5 F: 183 CH: 7 AL & BE: je 5 F: 150 BE & CH: je 8 CA: 5 F: 135 CH: 12 HTI & BE: je 4 F: 163 CH: 11 AL & BE: je 5 F: 153 CH: 10 CA: 6 F: 154 CH: 8 AL: 6 F: 208 CH: 12 BE: 7 F: 158 CH: 11 CA: 6 F: 140 CH: 13 BE & CA: je 5 Verteilung Autorinnen & Au‐ toren über Nationalitäten: HHI 0,6535 0,7042 0,6616 0,6106 0,6885 0,5567 0,5949 0,6133 0,6337 0,6344 0,6540 0,6293 0,6261 TOP 3 Nationalitäten nach Anzahl Belletristik-Überset‐ zungen F: 242 BE: 14 CA: 9 F: 251 BE: 38 F/ MS: 12 F: 244 BE: 46 CH: 9 F: 198 CH: 13 BE: 8 F: 237 BE: 25 AL & CH: 8 F: 213 BE: 20 CH: 11 F: 208 BE: 15 CH: 13 F: 236 CH: 14 AL & BE: 6 F: 222 CH: 11 BE: 8 F: 202 CH: 9 AL: 7 F: 283 CH: 14 BE: 9 F: 229 BE: 25 CH: 12 F: 185 B: 57 CH: 13 7.2 Analyse 327 Verteilung der Bellet‐ ristik-Übersetzungen über Na‐ tionalitäten: HHI 0,6469 0,5503 0,5814 0,5854 0,5824 0,5625 0,6133 0,6528 0,6557 0,6612 0,6763 0,6164 0,4948 Verteilung der Bellet‐ ristik-Übersetzungen über Na‐ tionalitäten/ Kontinente 1.) Frankreich* 2.) Europa 3.) Nordamerika 4.) Afrika 5.) Asien & Naher Osten 6.) Mittel- & Südamerika 1.) 242 2.) 30 3.) 10 4.) 9 5.) 3 6.) 3 1.) 264 2.) 50 3.) 13 4.) 8 5.) 4 6.) 2 1.) 246 2.) 59 3.) 5 4.) 8 5.) 4 6.) 0 1.) 200 2.) 28 3.) 5 4.) 13 5.) 6 6.) 1 1.) 238 2.) 37 3.) 7 4.) 18 5.) 2 6.) 3 1.) 215 2.) 38 3.) 7 4.) 18 5.) 6 6.) 4 1.) 209 2.) 33 3.) 3 4.) 10 5.) 3 6.) 5 1.) 236 2.) 22 3.) 5 4.) 15 5.) 8 6.) 2 1.) 223 2.) 21 3.) 8 4.) 11 5.) 4 6.) 4 1.) 203 2.) 16 3.) 4 4.) 17 5.) 3 6.) 5 1.) 286 2.) 26 3.) 6 4.) 15 5.) 2 6.) 4 1.) 229 2.) 43 3.) 6 4.) 7 5.) 4 6.) 4 1.) 185 2.) 73 3.) 8 4.) 6 5.) 2 6.) 2 *inkl. doppelter Staatsbürgerschaften, Frankreich plus eine weitere Nationalität / Legende: F: Frankreich, AL: Algerien, BE: Belgien, CA: Kanada/ Québec, CH: Schweiz, HTI: Haiti, MS: Mauritius Tab. 12: Angebotene Bibliodiversität von Belletristik-Übersetzungen aus dem Französischen 2007 bis 2019: ‚Nationalitäten‘ - Auswahl und Gleichgewicht 328 7 Bibliodiversität von Übersetzungen aus dem Französischen 290 Berücksichtigt wurden hier nur Belletristik-Übersetzungen, für deren Autorin bzw. Autor die Nationalität ermittelt werden konnte. Für die Belletristik-Übersetzungen und die Nationalitäten der jeweiligen Au‐ torinnen und Autoren wird angenommen, dass deren Verschiedenheit größer ist, wenn diese zu verschiedenen Kontinenten gehören. Während davon aus‐ zugehen ist, dass Autorinnen und Autoren aus Europa und Nordamerika einen leichteren Zugang haben, im direkten Transfer bei der Übersetzung ins Deutsche, oder häufig im ersten Schritt auf den französischen und im zweiten dann auf den deutschsprachigen Buchmarkt, müssen die Werke von Autorinnen und Autoren mit einer Herkunft aus den anderen Kontinenten, nämlich Afrika, Asien und dem Nahen Osten, Mittel- und Südamerika eine größere geographische, möglicherweise auch eine größere inhaltlich-kulturelle, und mit Sicherheit auch eine größere Entfernung im Hinblick auf sowohl ökonomisches als auch symbolisches Kapital überwinden. Entsprechend gibt es drei Ebenen mit Autorinnen und Autoren, die aus Paris bzw. Frankreich stammen, im Zentrum, gefolgt von europäischen und nordamerikanischen Na‐ tionalitäten, sowie schließlich, weiter entfernt von diesem Zentrum, Autorinnen und Autoren aus Afrika, Asien, dem Nahen Osten sowie Mittel- und Südame‐ rika (siehe Abbildung 33). Es wird angenommen, dass die Bibliodiversität der Übersetzungen höher ist, je mehr Werke von Autorinnen und Autoren mit einer Nationalität von außerhalb Frankreichs, Europas und Nordamerikas übersetzt werden. Im Durchschnitt der untersuchten dreizehn Jahre stammten 78,6 Prozent der ins Deutsche übersetzten Belletristik-Werke von Autorinnen und Autoren mit der französischen Nationalität (Gruppe A), 14,9 Prozent von Autorinnen und Autoren aus Europa und Nordamerika (Gruppe B) sowie 6,5 Prozent von Autorinnen und Autoren aus Afrika, Asien, dem Nahen Osten sowie Mittel- und Südamerika. 290 Die Bibliodiversität hinsichtlich der Verschiedenheit der Belletristik-Übersetzungen mit Blick auf die Nationalitäten der Autorinnen und Autoren war dabei zeitweise höher als ganz zu Beginn und zum Ende des betrachteten Zeitraums: In der Vorbereitung von Francfort en français stammte immerhin jede zehnte Übersetzung von einer Autorin bzw. einem Autor mit einer unter der Gruppe C gefassten Nationalität. Diese Zunahme ging dann aber eher zulasten der Werke von Autorinnen und Autoren mit Nationalitäten der Gruppe B als zulasten der die Belletristik-Übersetzungen dominierenden Schriftstellerinnen und Schriftsteller mit französischer Nationalität. 7.2 Analyse 329 Abb. 33: Angebotene Bibliodiversität von Belletristik-Übersetzungen aus dem Französi‐ schen 2007 bis 2019: ‚Nationalitäten‘- Verschiedenheit (eigene Darstellung) ‚Deutschsprachige Verlage‘: Auswahl, Gleichgewicht und Verschiedenheit Im betrachteten Zeitraum haben insgesamt 433 verschiedene deutschsprachige Verlage und Imprints Belletristik-Übersetzungen aus dem Französischen veröf‐ fentlicht. Darunter waren 57 Verlage bzw. Imprints, die zu den 25 größten Publikumsverlagen gehören (vgl. buchreport 2020, 9). Betrachtet man die jähr‐ liche Entwicklung, hat die Anzahl der beteiligten Verlage zwischen 2007 und 2019 und damit deren Auswahl und Vielfalt leicht zugenommen, insbesondere in der Vorbereitung und im Jahr des französischen Ehrengastauftritts (siehe Tabelle 13). Hinsichtlich der Verteilung der Belletristik-Übersetzungen über die verschiedenen Verlage wies der HHI im betrachteten Zeitraum geringe Werte auf; es lag also keine Konzentration vor. Gerade im Umfeld und im Jahr des französischen Ehrengastauftritts war das Gleichgewicht zwischen den Verlagen, die Belletristik-Übersetzungen aus dem Französischen veröffentlichten, beson‐ ders gut ausgeprägt. 330 7 Bibliodiversität von Übersetzungen aus dem Französischen Die Verschiedenheit der beteiligten Verlage wird in dieser Untersuchung anhand ihrer Zugehörigkeit zu den 25 größten Publikumsverlagen beurteilt. Es wird also hier das ökonomische Kapital als Kriterium der Unterscheidung herangezogen. Über den gesamten Zeitraum lag der Anteil der Verlage, die mit den 25 größten verbunden sind, relativ konstant bei etwas weniger als einem Drittel aller beteiligten Verlage. In den ersten Jahren der Untersuchung bis 2009 erschienen noch knapp zwei Drittel aller Belletristik-Übersetzungen in diesen Verlagen. Vor dem Hintergrund, dass die größeren, finanzkräftigeren Verlage insgesamt auch deutlich mehr Neuerscheinungen publizieren, ist dies einleuchtend. Anschließend sank jedoch deren Anteil, so dass zunächst nur noch die Hälfte der Übersetzungen aus dem Französischen von diesen umsatz‐ stärksten Verlagen veröffentlicht wurden, im Jahr nach dem Ehrengastauftritt sogar nur noch ein Drittel. Anlässlich von Francfort en français veröffentlichten nicht nur die meisten größeren Verlage, sondern auch deutlich mehr kleinere Verlage mindestens eine Übersetzung aus dem Französischen, um von der erhöhten Sichtbarkeit im Umfeld von Francfort en français zu profitieren: Mit 136 beteiligten Verlagen lag die Anzahl 2017 wie zu erwarten am höchsten. Im Jahr direkt nach dem französischen Ehrengastauftritt, 2018, war jedoch die Vielfalt der beteiligten Verlage mit Blick auf ihre Verschiedenheit am größten. Die um‐ satzstärksten Verlage hatten den geringsten Anteil an allen beteiligten Verlagen (27,3 Prozent) und publizierten gleichzeitig nur ein Drittel aller belletristischen Werke aus dem Französischen, und damit die geringste Anzahl an Titeln im betrachteten Zeitraum. Auch 2019 zeigte sich ein ähnliches Bild. Daraus lässt sich ableiten, dass sich gerade die größten Publikumsverlage im Anschluss an Francfort en français mit der Veröffentlichung von Übersetzungen aus dem Französischen zurückhielten. Möglicherweise wandten sich diese stärker der Literatur des nächsten Gastlands der Frankfurter Buchmesse zu, was aufgrund der höheren Titelanzahl stärker ins Gewicht fiel als die Auswahl kleinere Verlage, die weiterhin - vermutlich zusätzlich zu einzelnen Übersetzungen aus der Literatur des Ehrengasts des Folgejahrs - Übertragungen aus dem Französischen anboten. Tabelle 13 zeigt auch die Verlage an, die im jeweiligen Jahr die meisten Titel veröffentlichten. Diese gehören mehrheitlich zu den größten Publikums‐ verlagen. Besonders hohe Titelzahlen von Diogenes in den Jahren 2008 und 2009 und dem kleineren, unabhängigen Kampa Verlag 2018 und 2019 sind auf ein und demselben Autor zurückzuführen: Es handelt sich um die Werke von Georges Simenon, der im betrachteten Zeitraum mit insgesamt 207 Titeln der meistübersetzte Autor war, und dessen Rechte für die deutsche Übersetzung 2018 an den neu gegründeten Kampa Verlag übergingen. 7.2 Analyse 331 B E L L E T R I S T I K -Ü B E R S E T Z U N G E N A U S D E M F R A N ZÖ S I S C H E N 2007 B I S 2019: ‚D E U T S C H S P R A C H I G E V E R L A G E ‘ - 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 Anzahl Bellet‐ ristik-Überset‐ zungen 302 343 326 260 313 286 267 293 275 249 345 294 276 Anzahl verschie‐ dene deutsch‐ sprachige Verlage 95 96 98 109 115 104 110 123 108 116 136 121 101 davon Verlage unter den 25 größten deut‐ schen Publi‐ kumsverlagen 33 (34,7%) 33 (31,7%) 32 (32,7%) 31 (28,4%) 35 (30,4%) 32 (30,8%) 33 (30,0%) 38 (30,9%) 34 (31,5%) 33 (28,4%) 38 (28-%) 33 (27,3%) 31 (30,7%) Titelanzahl in Verlagen unter den 25 größten deutschen Publi‐ kumsverlagen 182 (60,3%) 223 (65,0%) 200 (61,3%) 122 (46,9%) 158 (50,5%) 148 (51,7%) 130 (48,7%) 153 (52,2%) 137 (49,8%) 107 (43-%) 144 (41,7%) 98 (33,3%) 109 (39,5%) Verteilung der Belletristik- Übersetzungen über deutsch‐ sprachige Ver‐ lage: HHI 0,026 0,038 0,044 0,018 0,021 0,023 0,021 0,018 0,018 0,017 0,016 0,017 0,029 332 7 Bibliodiversität von Übersetzungen aus dem Französischen TOP 3 Deutsch‐ sprachige Verlage mit den meisten Belletristik- Übersetzungen aus dem Franzö‐ sischen DIO: 19 PIP: 17 dtv, Bastei Lübbe: 15 DIO: 48 FISCH: 19 dtv: 15 DIO: 55 dtv: 20 PIP: 13 FISCH & PIP: 12 dtv: 11 RO, Distel, DIO: 8 DIO: 23 PIP: 17 BLA: 14 RE: 20 BLA, DIO, PIP: 14 Insel, M & S: 10 dtv: 18 DIO: 15 PIP: 12 SU: 15 RE: 13 PIP: 12 dtv: 17 PIP: 10 RE, arsE‐ dition: 9 dtv: 12 At‐ lantik, PIP, SU: 9 FISCH, GO, Uni‐ ons‐ verlag, WAG: 7 SU: 16 dtv: 15 WAG: 12 Kampa: 16 Edi‐ tion dià: 13 PIP: 10 Kampa: 27 At‐ lantik: 23 FISCH, SU: 11 Legende: BLA: Blanvalet, DIO: Diogenes, FISCH: S. Fischer, Go: Goldmann, M & S: Matthes & Seitz, PIP: Piper, RE: Reclam, RO: Rowohlt, SU: Suhrkamp, WAG: Wagenbach Tab. 13: Angebotene Bibliodiversität von Belletristik-Übersetzungen aus dem Französischen 2007 bis 2019: ‚Deutschsprachige Verlage‘ - Auswahl, Gleichgewicht und Verschiedenheit 7.2 Analyse 333 ‚Frankophone Verlage‘: Auswahl, Gleichgewicht und Verschiedenheit Für die Analyse der frankophonen Verlage, die im betrachteten Zeitraum am Transfer von Belletristik-Übersetzungen in deutschsprachige Verlage beteiligt waren, wurde eine Einschränkung auf diejenigen französischen Originalwerke vorgenommen, die nach dem Jahr 1900 veröffentlicht wurden. Damit wurde die teils unübersichtliche Lage bezüglich der Verlage bzw. Druckereien und deren Publikationsorte bei den Veröffentlichungen vor 1900 vermieden. Diese französischen Originalausgaben, deren deutsche Übersetzung zwischen 2007 und 2019 veröffentlicht wurden, erschienen bei insgesamt 376 verschiedenen frankophonen Verlagen. Ausgehend von noch 71 beteiligten Verlagen im Jahr 2007 nahm deren Zahl über die Jahre zu, mit einem deutlichen Höhepunkt im Jahr des französischen Ehrengastauftritts 2017 (siehe Tabelle 14). Francfort en français hatte auch hier einen positiven Effekt auf die Auswahl hinsichtlich der frankophonen Verlage und damit die Bibliodiversität der Übersetzungen. Nach bisher vorhandener Datenlage scheint dies jedoch ebenfalls zunächst nur ein kurzfristiger Effekt gewesen zu sein. Unter den TOP 3 Verlagen mit den meisten Belletristik-Übersetzungen ins Deutsche sticht sehr deutlich der Pariser Traditionsverlag Gallimard hervor. Auch die anderen Verlage, die die meisten Übersetzungen ins Deutsche zu verzeichnen hatten, gehören zu den lange etablierten und anerkannten franzö‐ sischen Literaturverlagen. Die meisten von ihnen sind heute Teil einer der großen Verlagsgruppen in Frankreich: Grasset, Fayard, Stock und JC Lattès (alle Hachette Livre), Robert Laffont und Presses de la Cité (Editis), Flammarion (wie Gallimard Groupe Madrigall), Éditions du Seuil (Média Participations) sowie Albin Michel (in der gleichnamigen eigenen und unabhängigen Verlagsgruppe). Die hier verzeichnete große Titelanzahl von Presses de la Cité und dem New Yorker Verlag Reynal & Hitchcock ist insbesondere auf die Werke zweier Autoren zurückzuführen: Presses de la Cité veröffentlichte die Werke von Georges Simenon, Reynal & Hitchcock 1943 die erste Ausgabe von Der kleine Prinz des Autors Antoine de Saint-Exupéry in französischer (sowie englischer) Sprache. Auch wenn diese genannte französischen Verlage mit relativ vielen Belletristik-Übersetzungen ins Deutsche auffallen, zeigen die niedrigen Werte des HHI hinsichtlich der Verteilung der Werke auf die Verlage insgesamt keinerlei Konzentration und ein stabiles Gleichgewicht. Im Vorfeld von Francfort en français ist auch hinsichtlich dieser Variablen die Diversität leicht und kurzfristig angestiegen. Zur Beurteilung der Verschiedenheit der Verlage, die das Originalwerk zu den ins Deutsche übertragenen Belletristik-Titel veröffentlicht haben, wurde deren Verlagssitz und damit der Publikationsort ermittelt. Es wird angenommen, dass 334 7 Bibliodiversität von Übersetzungen aus dem Französischen die Bibliodiversität der Übersetzungen steigt, an je mehr verschiedenen Orten die Originalwerke insbesondere außerhalb Paris und Frankreichs erscheinen. Wie die Auflistung in Tabelle 14 zeigt, sind nur wenige der frankophonen Verlage, die an diesem Literaturtransfer beteiligt sind, außerhalb von Frankreich bzw. von Paris angesiedelt. Die deutschsprachigen Verlage wenden sich bei der Suche nach Literatur und beim Erwerb von Lizenzen offensichtlich stark den französischen oder höchstens noch Verlagen in den frankophonen Ländern des globalen Nordens zu. Die Auswertung zeigt einmal mehr die Dominanz des Zentrums Paris bei der Publikation und Vermittlung von französischsprachigen Autorinnen und Autoren im und über das frankophone literarische Feld hinaus: Auch wenn die Autorinnen und Autoren, deren Belletristik-Werke ins Deutsche übersetzt wurden, durchaus eine größere Vielfalt an verschiedenen Nationa‐ litäten aufweisen, wurden ihre Werke in französischen Verlagen publiziert und über diese an die deutschsprachigen Verlage vermittelt. Im Jahr vor dem Ehrengastauftritt war die Verschiedenheit der Verlage und damit die Vielfalt insofern am größten, als dass die Originalwerke in französischer Sprache bei der größten Anzahl an Verlagen außerhalb Frankreichs erschienen waren. Im‐ merhin Werke aus vier verschiedenen Verlagen aus vier verschiedenen Ländern des afrikanischen Kontinents wurden ins Deutsche übersetzt. 2017 hatte sich diese Vielfalt aber schon wieder stark reduziert, was die Veröffentlichung der Originalwerke in einer geringen Anzahl an ausschließlich westlichen Ländern des globalen Nordens demonstriert. 7.2 Analyse 335 B E L L E T R I S T I K -Ü B E R S E T Z U N G E N A U S D E M F R A N ZÖ S I S C H E N 2007 B I S 2019: ‚ F R A N K O P H O N E V E R L A G E ‘ - 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 Anzahl Bellet‐ ristik-Übersetzungen - Original nach 1900 237 278 269 218 253 219 204 236 225 216 295 241 248 Anzahl verschiedener frankophoner Verlage 71 83 87 84 84 83 75 84 82 90 113 91 78 TOP 3 Franko‐ phone Verlage mit den meisten Bellet‐ ristik-Übersetzungen ins Deutsche (Legende 1) GA: 31 AM: 23 Grasset: 13 GA: 38 Fayard: 21 Ro‐ bert Laf‐ font: 19 PC 39 GA: 31 AM: 15 GA: 44 AM: 19 Stock: 10 GA: 51 AM: 16 Seuil: 12 GA: 21 AM: 18 Grasset & PC: 11 GA: 26 Seuil: 14 PC: 12 GA: 35 AM: 14 Grasset: 11 GA: 27 R & H: 23 AM: 16 GA: 28 AM: 14 FL: 11 GA: 38 AM: 18 JC Lattès: 14 GA: 35 AM: 16 PC: 13 GA: 40 PC: 28 AM & FL: 16 Sitz der Verlage und ihre jeweilige Anzahl (Legende 2) P: 49 F: 8 CA: 7 CH: 5 LU, MC: 1 P: 64 F: 10 CA, CH: 3 MC: 1 USA: 2 P: 63 F: 10 AL, MC, USA: 1 CA, k.A.: 2 CH: 7 P: 58 F: 13 AL, RUS, USA: 1 CA: 4 CH: 6 P: 62 F: 10 AL, BE, TN: 1 CA, USA: 2 CH: 5 P: 59 F: 11 CA: 3 CH: 6 SN, USA, DE, NL: 1 P: 51 F: 14 BE, HTI, USA: 1 CA: 2 CH: 5 P: 61 F: 9 AL: 2 CA: 3 CH: 7 MA, USA: 1 P: 54 F: 13 BE: 2 CA, CH: 5 TN: 1 USA: 2 P: 59/ F: 10 AL, BE, CI, MA, MC, SN, USA: 1 CA: 4 CH: 8 DE: 2 P: 84 F: 14 CA: 3 CH: 9 DE: 1 USA: 2 P: 63/ F: 12 CA: 4 CH: 5 DE, SN, MAR: 1 BE, USA: 2 P: 57 F: 11 CA: 3 CH: 5 DE, USA: 1 336 7 Bibliodiversität von Übersetzungen aus dem Französischen Verteilung der Bel‐ letristik-Übersetzungen frankophone Verlage: HHI 0,045 0,044 0,048 0,060 0,059 0,033 0,039 0,041 0,043 0,036 0,033 0,041 0,058 Legende 1: AM: Albin Michel, FL: Flammarion, GA: Gallimard, PC: Presses de la Cité, R&H: Reynal & Hitchcock Legende 2: P: Paris & Île-de-France, F: Übriges Frankreich, AL: Algerien, BE: Belgien, CA: Kanada/ Québec, CH: Schweiz, CI: Elfenbeinküste, HTI: Haiti, LU: Luxemburg, MA: Marokko, MAR: Martinique, MC: Monaco, RUS: Russland, SN: Senegal, TN: Tunesien, USA, k.A.: keine Angabe Tab. 14: Angebotene Bibliodiversität von Belletristik-Übersetzungen aus dem Französischen 2007 bis 2019: ‚Frankophone Verlage‘ - Auswahl, Gleichgewicht und Verschiedenheit 7.2 Analyse 337 Fazit: Angebotene Bibliodiversität Die Analyse der Bibliodiversität von Übersetzungen aus dem Französischen auf dem deutschsprachigen Buchmarkt im zeitlichen Umfeld des französischen Ehrengastauftritts auf der Frankfurter Buchmesse hat erneut bestätigt, dass es sinnvoll ist, mehrere Dimensionen von Vielfalt zu betrachten, da dies ein differenzierteres Bild der Entwicklung der Bibliodiversität ermöglicht. Während die sowieso bereits stabile Anzahl an Übersetzungen aus dem Französischen - sichtbar auch an ihrem relativ hohen und stabilen Anteil an allen Übersetzungen ins Deutsche im Vergleich zu anderen Sprachen - mindestens im Hinblick auf Belletristik-Werke durch Francfort en français noch gesteigert wurde, hat die Vielfalt der Genres, gemessen an der Auswahl und dem Gleichgewicht der Ver‐ teilung der Übersetzungen über die Dewey-Hauptsachgruppen, im betrachten Zeitraum eher leicht abgenommen. Der auf die Belletristik-Übersetzungen gelegte Fokus verdeutlicht, dass die Anzahl und damit Auswahl der verschiedenen Autorinnen und Autoren der Anzahl der übersetzten Titel in seinen leichten Schwankungen folgt. Die über‐ setzten Werke konzentrieren sich nicht auf wenige Autorinnen und Autoren. Dies bestätigt sich auch durch die durchschnittliche Titelanzahl pro Autorin bzw. pro Autor, die in der Vorbereitung von Francfort en français noch ein wenig gesunken ist. Ein starkes Un-Gleichgewicht besteht dagegen bezüglich des Geschlechts der Autorinnen und Autoren. Die Anzahl der männlichen Autoren lag im gesamten Zeitraum deutlich höher als diejenige der Autorinnen, und ihnen wurde auch ein entsprechender höherer Anteil der Belletristik-Titel zugeordnet. Der französische Ehrengastauftritt hatte in dieser Hinsicht im Vorfeld keinerlei sichtbaren Einfluss. Ein leichter Anstieg der Beteiligung von Autorinnen in den Folgejahren von Francfort en français, deren Nachhaltigkeit erst noch untersucht werden muss, wäre vermutlich auch weniger auf das Ehrengastprojekt als auf das allgemein wachsende Bewusstsein der Verlage für die Notwendigkeit einer diverseren Literaturauswahl zurückzuführen. Mit Blick auf die Nationalitäten ist im untersuchten Literaturtransfer eben‐ falls eine starke Konzentration auf Autorinnen und Autoren mit französischer Staatsbürgerschaft zu erkennen, die im zeitlichen Umfeld des französischen Ehrengastauftritts eher noch zugenommen hat. Ob die Wahl des Themas Franc‐ fort en français und die Betonung des Projektes, dass Literatur in französischer Sprache an vielen Orten der Welt entsteht, bei den deutschsprachigen Verlagen angekommen ist und zu einer Orientierung hin zu Übersetzungen von Werken frankophoner Autorinnen und Autoren von außerhalb Frankreichs führt, bleibt abzuwarten. 338 7 Bibliodiversität von Übersetzungen aus dem Französischen Mit einer hohen Anzahl an Belletristik-Übersetzungen, die sich über eine gestiegene Anzahl von beteiligten deutschsprachigen Verlagen verteilten und dabei zu einem geringeren Anteil den 25 größten Publikumsverlagen zugeordnet werden, hat Francfort en français hinsichtlich der beteiligten deutschsprachigen Verlage zu einer mindestens kurzfristigen erhöhten Bibliodiversität geführt. Gleiches gilt auch für die Zusammensetzung der beteiligten Verlage, die die jeweiligen französischen Originalwerke veröffentlicht haben. Allerdings zeigt die geringe Verschiedenheit, das heißt die geringe Beteiligung von Verlagen von außerhalb des literarischen Zentrums Frankreich und Paris deutlich, dass vor den Akteurinnen und Akteuren noch ein langer Weg hin zu einer stärkeren Mitwirkung und einem ausgewogeneren Gleichgewicht im frankophonen lite‐ rarischen Feld sowie im Engagement deutschsprachiger Verlage für die Vielfalt von Übersetzungen aus dem Französischen liegt. 7.2.2 Konsumierte Bibliodiversität Verkaufszahlen zweier unabhängiger Verlage unterschiedlicher Größe Mit Blick auf ihre Vielfalt wurden die zwischen 2007 und 2018 bei den beiden unabhängigen Verlagen A und B veröffentlichten Belletristik-Titel sowie ihre Verkaufszahlen ausgewertet. Bevor anhand der Verkaufszahlen jeweils der Ein‐ fluss des französischen Ehrengastauftritts auf die konsumierte Bibliodiversität analysiert wird, erfolgt zunächst die Darstellung des Angebots der beiden Verlage A und B im Hinblick auf die Vielfalt der Originalsprachen, aus denen übersetzt wird, sowie des Geschlechts der Autorinnen und Autoren. Der Fokus liegt dabei auf den Übersetzungen aus dem Französischen. Verlag A veröffentlichte in seinen beiden sogenannten Programmbereichen „Literatur“ und „Unterhaltung“ im betrachteten Zeitraum insgesamt 2.292 Werke, wobei die Mehrzahl der Titel dem Programmbereich Literatur zuge‐ ordnet wird. Wie aus Abbildung 34 ersichtlich, nahm die jährlich veröffent‐ lichte Titelanzahl zwischen 2007 und 2018 ab. Deutsche originalsprachliche Publikationen machen jeweils ca. die Hälfte der jährlich publizierten Titel aus, während Übersetzungen aus dem Englischen zwischen einem Viertel und einem Drittel aller Belletristik-Werke des Verlags A entsprechen, wobei deren Anteil im betrachteten Zeitraum stetig zunimmt. Bei den übrigen Titeln handelt es sich um Übersetzungen aus insgesamt 27 weiteren Sprachen. Mit je 21 verschiedenen Sprachen war die sprachliche Vielfalt in den Jahren 2008 und 2013 am höchsten; in den Jahren 2016, 2017 und 2018 war sie mit dreizehn bzw. vierzehn verschiedenen Sprachen am niedrigsten. 7.2 Analyse 339 291 Insgesamt sechs Titel, davon immerhin zwei aus dem argentinischen Spanisch über‐ setzt. Abb. 34: Verlag A. Titelanzahl gesamt, Originalsprache Deutsch und Übersetzungen aus dem Englischen 2007 bis 2018 (eigene Darstellung) Übersetzungen aus dem Französischen bilden nach den deutschen Originaltiteln und den Übersetzungen aus dem Englischen die nächstgrößere Titelmenge (siehe Abbildung 35). Zusammenhänge der Titelanzahl und -vielfalt mit den Ehrengastauftritten der Frankfurter Buchmesse sind im Programm des Verlags A als leichte Tendenzen sichtbar. So veröffentlichte der Verlag A im Jahr des Ehrengastauftritts Argentiniens 2010 die höchste Anzahl an Übersetzungen aus dem Spanischen, 291 2011 mit drei Titeln die höchste Anzahl an Übersetzungen aus dem Isländischen, 2013 zum Ehrengastauftritt Brasiliens die einzigen drei Übersetzungen aus dem brasilianischen Portugiesisch zwischen 2007 und 2018, vermutlich zur Vorbereitung des finnischen Ehrengastauftritts 2014 im Vorjahr desselben die höchste Anzahl an Übersetzungen aus dem Finnischen (vier Titel), sowie bei der stets vergleichsweise hohen Anzahl an Übersetzungen aus dem Französischen im Jahr 2017 mit dreizehn Werken immerhin mehr Titel als im Vor- und im Folgejahr des Auftritts Francfort en français. In den meisten Jahren des betrachteten Zeitraums stammten jeweils ca. ein Drittel der Belletristik- Werke des Verlags A von Autorinnen und ca. zwei Drittel von Autoren. Nur im Jahr 2016 war die Titelverteilung exakt ausgeglichen. 340 7 Bibliodiversität von Übersetzungen aus dem Französischen Abb. 35: Verlag A. Titelanzahl Übersetzungen aus ausgewählten Sprachen 2007 bis 2018 (eigene Darstellung) Mit Fokus auf die Übersetzungen aus dem Französischen wurde auch analysiert, wie sich die Titel hinsichtlich des Geschlechts und der Herkunft der Autorinnen und Autoren zusammensetzen, welchem der beiden Programmbereichen „Li‐ teratur“ und „Unterhaltung“ sie zugeordnet wurden, und ob diese Aspekte möglicherweise eine Bedeutung für die jeweiligen Verkaufszahlen der aus dem Französischen übersetzten Werke hatten. Auch der Einfluss des französischen Ehrengastauftritts auf die Verkaufszahlen dieser Übersetzungen des Verlags A wurde untersucht, im Vergleich zu den Verkaufszahlen von Titeln aus anderen Sprachen, die im betrachteten Zeitraum während eines Ehrengastauftritts auf der Frankfurter Buchmesse im Mittelpunkt des Interesses standen. Verlag A veröffentlichte zwischen 2007 und 2018 142 Übersetzungen aus dem Französischen, von denen 124 Titel im Programmbereich „Literatur“ und 18 im Programmbereich „Unterhaltung“ erschienen. Zum Vergleich: Auch aus den an‐ deren großen und zentralen Sprachen des internationalen Übersetzungssystems erschienen im Verlag A mehr sogenannte Literaturals Unterhaltungstitel - das 7.2 Analyse 341 292 Anthologien wurden im Folgenden nicht berücksichtigt. 293 3 von 16 Titeln von Autorinnen und Autoren von außerhalb Frankreichs sind der Unterhaltung zugeordnet (18 Prozent), bei den Autorinnen und Autoren aus Frankreich sind es 15 von 114 Titeln (13-Prozent). Literaturprogramm ist insgesamt größer als das Unterhaltungsprogramm. Über‐ setzungen aus dem Französischen und Italienischen waren in 86 bzw. 81 Prozent der Fälle literarische Titel, während deren Anteil bei den Übersetzungen aus dem Englischen und den deutschen Originaltiteln 60 Prozent gegenüber 40 Prozent unterhaltenden Titeln ausmachten. Bei den Übersetzungen aus dem Spanischen war die Anzahl an Literatur- und Unterhaltungstiteln fast ausgeglichen. Der besonders hohe Anteil an literarischen Titeln aus dem Französischen und Italienischen ist vermutlich auf das Ansehen der beiden Sprachen als klassische Literatursprachen zurückzuführen. Die aus dem Französischen übersetzten Werke wurden von 67 verschie‐ denen Autorinnen (15) und Autoren (52) verfasst. 292 Diese Autorinnen und Autoren hatten größtenteils die französische Nationalität; neun von ihnen stammten von außerhalb Frankreichs (ein Autor und zwei Autorinnen aus Kanada, einer aus der Schweiz, einer aus den USA, eine aus Belgien, eine aus Albanien/ Schweiz, einer aus Algerien, einer aus dem Libanon), bei einem Autor konnte keine Angabe gemacht werden. Mit dreizehn Prozent war dieser Anteil bei Verlag A also geringer als derjenige von Autorinnen und Autoren von außerhalb Frankreichs an allen auf dem deutschen Buchmarkt erschienenen Belletristik-Übersetzungen aus dem Französischen zwischen 2007 und 2019 (zwischen 16 und 26 Prozent). Auch das Ungleichgewicht mit Blick auf das Geschlecht der Autorinnen und Autoren war im Vergleich zu den insgesamt aus dem Französischen ins Deutsche übertragenen belletristischen Werke noch stärker ausgeprägt: Insgesamt stammten mehr als drei Viertel der 2007 bis 2018 von Verlag A aus dem Französischen übersetzten Werke von Autoren und nur etwas weniger als ein Viertel von Autorinnen (gegenüber zwei Dritteln zu einem Drittel bei allen Belletristik-Übersetzungen aus dem Französischen, siehe Kapitel 7.2.1). Ein Zusammenhang zwischen der Herkunft der Autorinnen und Autoren und der Wahl der Programmbereiche „Literatur“ oder „Unterhaltung“ ist nicht zu erkennen; 293 bezüglich des Geschlechts der Autorinnen und Autoren lässt sich aber eine leichte Tendenz ablesen: Übersetzungen aus dem Französischen von Frauen sind häufiger im Unterhaltungsals im Literaturprogramm zu finden - 9 von 29 Titeln aller weiblichen frankophonen Autorinnen sind der „Unterhal‐ tung“ zugeordnet (31 Prozent), gegenüber 9 von 101 Titeln aller männlichen 342 7 Bibliodiversität von Übersetzungen aus dem Französischen 294 Für eine wirklich aussagekräftige Analyse zum Zusammenhang beider Aspekte Her‐ kunft und Geschlecht bei der Einordnung in die Programmbereiche ist die jeweilige Titelanzahl zu gering. Einer von vier Titeln frankophoner Autoren mit Herkunft außer‐ halb Frankreichs erschien in der „Unterhaltung“, bei den frankophonen Autorinnen war es eine von fünf Übersetzungen. Die Vermutung, dass bei Übersetzungen frankophoner Autorinnen und Autoren mit einer anderen Nationalität als der französischen die Entscheidung grundsätzlich häufiger zugunsten literarischer Titel als zugunsten von Werken ausfällt, die dem Genre Unterhaltung zugerechnet werden, müsste durch weitere Untersuchungen nachgewiesen bzw. widerlegt werden. 295 Siehe hierzu den Abschnitt zur Einbeziehung marginalisierter Gruppen in das Buch‐ wesen in Kapitel 2.2.3. 296 Der durchschnittliche Verkauf bei allen Übersetzungen (inklusive Anthologien) aus dem Französischen lag bei 17.283 Exemplaren pro Titel. frankophonen Autoren (9 Prozent). 294 Dass Werke von Autorinnen eher im Unterhaltungsprogramm veröffentlicht werden, gilt noch deutlicher für die deutschen Originaltitel (66 Prozent der Titel von Autorinnen und 27 Prozent der Titel von Autoren in der Unterhaltung) und Übersetzungen aus dem Englischen (51 Prozent der Titel von Autorinnen und 38 Prozent der Titel von Autoren in der Unterhaltung). Dies spiegelt wider, dass gerade im Genre der prestigeträchtigen anspruchsvollen Literatur offensichtlich männlichen Autoren noch immer der Vorzug gegeben wird. 295 Betrachtet man nun die Verkaufszahlen, das heißt den tatsächlichen Konsum der Übersetzungen aus dem Französischen bei Verlag A, ist interessant, dass über den gesamten Zeitraum 2007 bis 2018 der durchschnittliche Verkauf von Titeln von Autorinnen pro Titel wesentlich höher lag (50.295 Exemplare pro Titel) als der von Autoren (11.207 Exemplare pro Titel). 296 Dies ist im Wesentlichen auf zwei Bestseller des Verlags A aus dem Französischen in den Jahren 2008 und 2011 zurückzuführen, die von Autorinnen stammen. Diese beiden besonders stark konsumierten Werke waren nicht, wie man vielleicht vermuten könnte, im Un‐ terhaltungssondern im Literaturprogramm erschienen. Generell verzeichnen dem Genre Unterhaltung zugeordnete Bücher häufig höhere durchschnittliche Verkaufszahlen. Abbildung 36 zeigt die jährlichen durchschnittlichen Verkaufszahlen für alle von Verlag A veröffentlichten Titel im Vergleich zu denen der Übersetzungen aus verschiedenen einzelnen Sprachen. Darin wird auch deutlich, wie sehr durchschnittliche Verkaufszahlen von einzelnen Bestsellern beeinflusst werden, wie etwa bei den Werken der beiden französischen Autorinnen 2008 und 2011, bei gleich zwei Übersetzungen aus dem Niederländischen im Jahr 2008 oder bei mehreren Bestsellern deutscher Autorinnen aus dem Unterhaltungsprogramm 2016. 7.2 Analyse 343 Abb. 36: Verlag A. Durchschnittlich verkaufte Exemplare pro im jeweiligen Jahr erschie‐ nenem Titel: alle Titel sowie ausgewählte Sprachen 2007 bis 2018 (eigene Darstellung) Bei der Betrachtung des Einflusses von Francfort en français auf die Verkaufs‐ zahlen von Verlag A kommt man zu einem ernüchternden Ergebnis: Über den gesamten Zeitraum wurden durchschnittlich von den im jeweiligen Jahr erschienenen und aus dem Französischen übersetzten Titel 17.283 Exemplare verkauft. Bei den Titeln, die im Jahr des französischen Ehrengastauftritts 2017 erschienen, waren es nur 3.602 Exemplare. Selbst wenn man die in den beiden Bestseller-Jahren 2008 und 2011 erschienen Übersetzungen aus dem Französi‐ schen als spezielle Phänomene nicht berücksichtigt, wurden dennoch über den gesamten Zeitraum noch durchschnittlich 11.371 Exemplare pro Titel verkauft. Die anlässlich von Francfort en français veröffentlichten Übersetzungen aus dem Französischen verzeichneten also nur ca. ein Drittel der im Durchschnitt üblichen Verkäufe. Bei der Untersuchung der anderen Ehrengastauftritte der Frankfurter Buchmesse und ihrem Einfluss auf die Verkaufszahlen des Verlags A bei den Übersetzungen aus der jeweiligen Sprache kommt man in den meisten Fällen zu derselben Feststellung (siehe Abbildung 37). 344 7 Bibliodiversität von Übersetzungen aus dem Französischen 297 Argentinien Ehrengast 2010: Verkaufte Exemplare nur Titel argentinischer Autoren Abb. 37: Verlag A. Durchschnittlich verkaufte Exemplare aller zwischen 2007 bis 2018 veröffentlichten Übersetzungen der jeweiligen Sprache sowie die durchschnittlich verkauften Exemplare der im jeweiligen Ehrengastjahr veröffentlichten Titel (eigene Darstellung) 297 Mit Ausnahme der Ehrengastauftritte von China und Island gingen die durch‐ schnittlichen Verkäufe bei den im Jahr des Gastlandauftritts veröffentlichten Übersetzungen immer zurück. Die Tatsache, dass die Ehrengastauftritte für erhöhte Übersetzungsaktivitäten bei vielen deutschsprachigen Verlagen sorgen, führte offensichtlich für Verlag A zu einer hohen Konkurrenz für die Titel, so dass die durchschnittlichen Verkaufszahlen pro übersetztem Titel eher stag‐ nierten oder sogar, wie im Falle von Francfort en français, stark zurückgingen. Nach einer Analyse des Angebots des zweiten, unabhängigen Verlags B wird geprüft, ob diese Feststellung in gleichem Maße für Verlag B gilt. Verlag B hat ein wesentlich kleineres Programm als Verlag A. Mit zwischen 19 und 30 Belletristik-Titeln (im Jahr 2012 bzw. 2018) pro Jahr erschienen hier im betrachteten Zeitraum insgesamt 287 Bücher, im Vergleich zur mehr als siebenfachen Menge bei Verlag A (2.125 Titel) (siehe Abbildung 38). Dennoch veröffentlicht der kleinere der beiden Verlage mit deutschen Originaltiteln und Übersetzungen aus insgesamt dreizehn verschiedenen Sprachen eine in dieser Hinsicht hohe Vielfalt an Büchern. Im Jahr 2018 war nicht nur die Gesamttite‐ lanzahl mit 30 Büchern am höchsten, sondern auch deren Diversität mit zehn 7.2 Analyse 345 verschiedenen Originalsprachen. Zu Beginn des untersuchten Zeitraums waren es 2007 dagegen nur vier verschiedene Sprachen. Abb. 38: Verlag B. Titelanzahl gesamt, Originalsprache Deutsch und Übersetzungen aus ausgewählten Sprachen 2007 bis 2018 (eigene Darstellung) Auch bei Verlag B scheinen die Ehrengastauftritte der Frankfurter Buchmesse einen Einfluss auf das Verlagsprogramm zu haben: Im Jahr 2010 wurden elf Übersetzungen aus dem Spanischen publiziert (neun davon aus dem Argenti‐ nischen), 2013 acht aus dem brasilianischen Portugiesisch, 2016 zum ersten Mal und gleich insgesamt sieben Übersetzungen aus dem Niederländischen, und 2017 die Höchstzahl von elf Übersetzungen aus dem Französischen. 2008 346 7 Bibliodiversität von Übersetzungen aus dem Französischen erschien die einzige Übersetzung aus dem Türkischen zum Ehrengastauftritt der Türkei, und auch anlässlich des georgischen Auftritts erschien 2018 die zweite von insgesamt nur zwei Übersetzungen aus dem Georgischen zwischen 2007 und 2018. Bei der Verteilung der Titel über weibliche und männliche Autorinnen bzw. Autoren zeigte sich beim Verlag B eine Entwicklung hin zu einem größeren Gleichgewicht. Im ersten Jahr der Untersuchung, 2007, waren noch 24 Titel von Autoren, nur je einer von einer Autorin verfasst bzw. eine Anthologie, während das Geschlechterverhältnis bezogen auf die veröffentlichten Werke 2017 nahezu ausgeglichen war. In den Jahren dazwischen konnte jeweils ein Viertel bis zu einem Drittel der Titel Autorinnen zugeordnet werden, während neben einigen wenigen Anthologien die deutliche Mehrheit der Werke dennoch weiterhin von männlichen Schriftstellern verfasst war. Im Vergleich zum Geschlechterverhältnis bei allen von Verlag B veröffent‐ lichten Werken sowie zur Gesamtliste aller Belletristik-Übersetzungen aus dem Französischen in deutschsprachigen Verlagen war das Geschlechterver‐ hältnis bei den Übersetzungen aus dem Französischen bei Verlag B deutlich ausgeglichener (bei Verlag B im betrachteten Zeitraum 52 Prozent der Titel von frankophonen Autorinnen, im Vergleich zu nur ca. einem Drittel der Werke von frankophonen Autorinnen im vergleichbaren Zeitraum bei allen deutschsprachigen Verlagen, siehe auch Kapitel 7.2.1). Insgesamt veröffentlichte der Verlag B zwischen 2007 und 2018 46 Übersetzungen aus dem Französi‐ schen. Darunter waren vier Anthologien, 24 Titel von Autorinnen und 18 Titel von Autoren. Vier der insgesamt 28 verschiedenen frankophonen Autorinnen und Autoren stammten (auch) von außerhalb Frankreichs (je eine Autorin aus Frankreich/ Marokko, Frankreich/ Bulgarien, Frankreich/ Rumänien, und ein Autor aus Benin/ Kanada). Mit vierzehn Prozent war der Anteil von Autorinnen und Autoren von außerhalb Frankreichs bei Verlag B also wie bei Verlag A auch etwas geringer als bei allen auf dem deutschen Buchmarkt erschienenen Belletristik-Übersetzungen aus dem Französischen zwischen 2007 und 2019 (zwischen 16 und 26-Prozent). Bezüglich des durchschnittlichen Verkaufs sind bei Verlag B anders als bei Verlag A die Verkaufszahlen der Übersetzungen frankophoner männlicher Autoren höher als die der weiblichen Autorinnen, und zwar um fast ein Drittel: Von den Titeln von Autorinnen wurden im gesamten Zeitraum durch‐ schnittlich 2.472 Exemplare, von den Titeln von Autoren 3.841 Exemplare und von den aus dem Französischen übersetzten Anthologien 3.784 Exemplare verkauft. Mit Ausnahme der einzigen 2015 publizierten Übersetzung einer frankophonen Autorin, die man im Vergleich zu den anderen Werken aus 7.2 Analyse 347 298 Ein aus dem Englischen übersetzter Mega-Bestseller aus dem Jahr 2008 wurde hier bei den im Durchschnitt verkauften Exemplaren herausgerechnet, da er mit über 300.000 verkauften Exemplaren das Gesamtbild deutlich verzerrt hätte. 299 In den durchschnittlichen Verkaufszahlen aller Titel und der Übersetzungen aus dem Englischen: ohne einen aus dem Englischen übersetzten Mega-Bestseller-Titel 2008. dem Französischen zwischen 2007 und 2018 als Bestseller bezeichnen könnte, sowie eines weiteren Titels derselben Autorin, wurden die meistverkauften Übersetzungen (7 Titel mit mehr als 6.000 verkauften Exemplaren) von männlichen Autoren verfasst. Wie aus Abbildung 39 ersichtlich, sind bei Verlag B im Vergleich zu dem etwas größeren Verlag A - mit einer durchschnittlich deutlich höheren Zahl verkaufter Exemplare pro Titel - die Schwankungen bei den durchschnittlichen Verkaufszahlen weniger stark ausgeprägt und auf einem niedrigeren Niveau relativ stabil. Aber umso besser lässt sich auch hier der Einfluss von einzelnen Bestsellern erkennen, wie eine Übersetzung aus dem Englischen 2010, ein deutscher Originaltitel 2012, ein aus dem Italienischen übersetzter und 2018 veröffentlichter Roman oder auch der 2015 veröffentlichte Titel einer franko‐ phonen Autorin verdeutlichen. 298 Abb. 39: Verlag B. Durchschnittlich verkaufte Exemplare pro im jeweiligen Jahr erschie‐ nenem Titel: alle Titel sowie ausgewählte Sprachen 2007 bis 2018 (eigene Darstellung) 299 Das bei Verlag A beobachtete Phänomen, dass die Ehrengastauftritte eine eher sinkende durchschnittliche Verkaufszahl der jeweiligen Übersetzungen zur Folge hatten, zeigte sich vergleichbar bei Verlag B, wenn auch in einem weniger 348 7 Bibliodiversität von Übersetzungen aus dem Französischen 300 *Argentinien Ehrengast 2010: Verkaufte Exemplare nur Titel argentinischer Autorinnen und Autoren. deutlichen Ausmaß. Auch bei den in den Jahren der Gastlandauftritte Brasiliens 2013 und Frankreichs 2017 veröffentlichten Übersetzungen aus dem Portugie‐ sischen und aus dem Französischen konnten leicht gesunkene durchschnittliche Verkaufszahlen festgestellt werden. Von den zum Ehrengastauftritt der Nieder‐ lande und Flanderns 2016 publizierten Titeln wurden dagegen im Durchschnitt ähnlich viele Exemplare verkauft, und die Verkaufszahlen zu den Übersetzungen von Werken argentinischer Autorinnen und Autoren stiegen im Vergleich zu den durchschnittlich verkauften Übersetzungen aus dem Spanischen 2010 im Ehrengastjahr Argentiniens sogar leicht an (siehe Abbildung 40). Trotzdem ist die Bilanz des Einflusses der Ehrengastauftritte auf die konsumierte Diversität auch bei Verlag B insgesamt eher negativ. Abb. 40: Verlag B. Durchschnittlich verkaufte Exemplare aller zwischen 2007 bis 2018 veröffentlichten Übersetzungen der jeweiligen Sprache sowie die durchschnittlich verkauften Exemplare der im jeweiligen Ehrengastjahr veröffentlichten Titel (eigene Darstellung) 300 Übersetzungen aus dem Französischen auf den Spiegel-Bestsellerlisten 2015 bis 2019 Zwischen 2015 und 2019 waren 111 aus dem Französischen übersetzte Bü‐ cher von 37 verschiedenen deutschsprachigen Verlagen auf den untersuchten Spiegel-Bestsellerlisten zu finden (Hardcover Belletristik, Hardcover Sachbü‐ cher, Paperback Belletristik, Paperback Sachbücher, Taschenbuch Belletristik, 7.2 Analyse 349 301 Eine Auflistung der Übersetzungen aus dem Französischen auf den Spiegel-Bestseller‐ listen 2015 bis 2019 findet sich im Anhang 6. 302 Im betrachteten Zeitraum erreichten insgesamt 19 Titel eine Platzierung unter den Top 10, da sowohl Michel Houellebecqs Unterwerfung als auch Laetitia Colombanis Der Zopf jeweils mit der Hardcoversowie mit der Taschenbuchausgabe auf den vorderen Plätzen rangierten. Taschenbuch Sachbücher). 301 Dem tatsächlichen Angebot an Übersetzungen aus dem Französischen entsprechend, die größtenteils der Belletristik, dem Kinder- und Jugendbuch sowie Graphic Novels und Comics zuzuordnen sind (siehe auch Kapitel 7.2.1), waren die meisten Bestseller frankophoner Autorinnen und Autoren auf den Belletristik-Bestsellerlisten: Hardcover Belletristik: 58 Titel, Hardcover Sachbücher: 13 Titel, Paperback Belletristik: 7 Titel, Paperback Sach‐ bücher: 2 Titel, Taschenbuch Belletristik: 24 Titel, Taschenbuch Sachbücher: 7 Titel. Es handelte sich um 95 verschiedene Werke sowie 16 Übersetzungen, die neben der Erstausgabe auf einer der Hardcover- oder Paperback-Listen auch als Zweitverwertung unter den Taschenbuch-Bestsellern zu finden waren. Von den 111 Platzierungen waren 73 männlichen Autoren und 38 weiblichen Autorinnen zuzuordnen. Insgesamt tauchten 63 verschiedene frankophone Autorinnen und Autoren mit ihren Werken auf den Spiegel-Bestsellerlisten auf, davon nur 22 Frauen und entsprechend 41 Männer. Damit entspricht diese Verteilung bei der konsumierten Diversität hinsichtlich des Geschlechts derjenigen der ange‐ botenen Diversität der Belletristik-Übersetzungen: So wie ca. zwei Drittel der angebotenen Übersetzungen aus dem Französischen von männlichen Autoren stammen, so sind auch zwei Drittel der meistverkauften Bücher von Männern verfasst (siehe Kapitel 7.2.1). Zwei Übersetzungen aus dem Französischen erreichten im betrachteten Zeitraum Platz 1 der Bestsellerlisten. Beide stammten von Michel Houellebecq: Unterwerfung und Serotonin waren in den Jahren 2015 bzw. 2019 zeitweise die meistverkauften Bücher auf dem deutschsprachigen Buchmarkt (Houellebecq 2015 und Houellebecq 2019). Weitere 15 Werke frankophoner Autorinnen und Autoren erreichten zwischen 2015 und 2019 die beste Platzierung unter den Top 10 der wöchentlich erfassten meistverkauften Bücher. 302 Bemerkenswert ist, dass zwar im Jahr des französischen Ehrengastauftritts auf der Frankfurter Buchmesse 2017 im Vergleich zu den anderen Jahren am meisten Titel auf den Spiegel-Bestsellerlisten platziert waren (Anzahl der Platzierungen pro Jahr: 2015: 22, 2016: 22, 2017: 28, 2018: 18, 2019: 21), im selben Jahr jedoch am wenigsten Titel eine Platzierung unter den Top 10 der meistverkauften Bücher erreichten (2015: 4 Titel, 2016: 5 Titel, 2017: 3 Titel, 2018: 3 Titel, 2019: 4 Titel). 350 7 Bibliodiversität von Übersetzungen aus dem Französischen 303 Vgl. etwa franceinfo: culture 2018. Die Autoren, deren Bücher sich im betrachteten Zeitraum am häufigsten auf den Spiegel-Bestsellerlisten wiederfanden und sich entsprechend insgesamt gut verkauft haben dürften, waren der auch in Frankreich zu den meistver‐ kauften Schriftstellern gehörende Guillaume Musso mit neun verschiedenen Werken sowie Patrick Modiano, Literaturnobelpreisträger aus dem Jahr 2014, mit vier Büchern (siehe Tabelle 15). 303 Mit insgesamt 163 Wochen hat sich unter den Übersetzungen aus dem Französischen Laetitia Colombanis Der Zopf am längsten auf den Spiegel-Bestsellerlisten gehalten (Colombani 2018, Hard‐ cover 46 Wochen, Taschenbuch 117 Wochen), gefolgt von Unterwerfung von Michel Houellebecq mit 90 Wochen (Houellebecq 2015, Hardcover 59 Wochen, Taschenbuch 31 Wochen), und Das Kapital im 21. Jahrhundert von Thomas Piketty mit 77 Wochen (Piketty 2014, Hardcover 64 Wochen, Taschenbuch 13 Wochen). Betrachtet man nur die Bestseller auf den Belletristik-Listen und setzt diese in Bezug zu den insgesamt auf dem deutschsprachigen Buchmarkt publizierten Übersetzungen aus dem Französischen, fällt auf, dass sich in den Jahren 2015 bis 2017 jeweils fünf bis sieben Prozent dieser insgesamt publi‐ zierten Belletristik-Werke so gut verkauften, dass sie zu Spiegel-Bestsellern wurden. Bezüglich der Nationalitäten fällt auf, dass der Anteil derjenigen franko‐ phonen Autorinnen und Autoren mit Platzierungen auf den deutschen Best‐ sellerlisten, die aus Frankreich stammen, mit 87 Prozent noch einmal etwas höher liegt als etwa der durchschnittliche Anteil der französischen Schrift‐ stellerinnen und Schriftsteller an den ins Deutsche übersetzten Belletristik- Veröffentlichungen in den Jahren 2015 bis 2019 mit 79 Prozent. Ausschließlich auf die meistverkauften Bücher bezogen war die konsumierte Bibliodiversität der Herkunft der frankophonen Autorinnen und Autoren also noch etwas geringer als die angebotene Bibliodiversität in diesem Bereich. Neun Bestseller- Autorinnen und -Autoren mit nicht-französischer Nationalität stammten aus Algerien (zwei Autoren), Belgien, Italien, Kamerun, Kanada, Polen und der Schweiz (zwei Autoren). 7.2 Analyse 351 304 Anzahl der Platzierungen der verschiedenen Verlage: Argument 1, Atlantik 6, Aufbau 1, Blanvalet 3, btb 2, C.H. Beck 5, Copress Sport 1, Diana 2, Diogenes 1, dtv 5, Dumont 5, DVA 2, S. Fischer 7, Goldmann 1, Hanser 7, Hanser Berlin 2, Heyne 1, Insel 6, Kiepenheuer & Witsch 4, Klett-Cotta 1, Knaur 1, Limes 2, Luchterhand 2, Malik 1, mare 1, Matthes & Seitz 2, Merlin 1, Mohrstadt 1, Pendo 6, Penguin 2, Piper 13, Rowohlt 4, Rütten & Loening 1, Suhrkamp 7, Tropen 1, Ullstein 2, Wagenbach 1. 9 verschiedene Werke Guillaume Musso 4 verschiedene Werke Patrick Modiano 3 verschiedene Werke Christelle Dabos, Virginie Despentes, Joël Dicker, David Foenkinos, Michel Houellebecq, Antoine Laurain, Leïla Sli‐ mani 2 verschiedene Werke Grégoire Delacourt, Annie Ernaux, Anna Gavalda, Édouard Louis, Thomas Piketty, Yasmina Reza, Fred Vargas Jeweils ein Werk Vincent Almendros, Marc Augé, Isabelle Autissier, Jean- Philippe Blondel, Olivier Bourdeaut, Emmanuel Carrère, Sorj Chalandon, Stéphane Charbonnier, Catherine Charrier, François Cheng, Adélaïde de Clermont-Tonnerre, Emanuele Coccia, Marie Cochard, Laetitia Colombani, Kamel Daoud, Jean-Paul Didierlaurent, Roger-Pol Droit, Mathias Énard, Di‐ dier Eribon, Christine Féret-Fleury, Lorraine Fouchet, Martin Fourcade, Françoise Frenkel, Olivier Guez, Grégoire Hervier, Stéphane Hessel, Pascale Hugues, Milan Kundera, Karine Lambert, Philippe Lançon, Antoine Leiris, François Lelord, Marceline Loridan-Ivens, Emmanuel Macron, Dominique Manotti, Frédéric Martel, Nicolas Mathieu, Achille Mbembe, Marie NDiaye, René Prêtre, Raymond Queneau, Boualem Sansal, Jocelyne Saucier, Michel Serres, Karine Tuil, Nicolas Vanier, Éric Vuillard Tab. 15: Frankophone Autorinnen und Autoren mit Platzierungen auf den Spiegel-Bestel‐ lerlisten 2015 bis 2019 (in alphabetischer Reihenfolge) Die 111 aus dem Französischen übersetzten Titel, die zwischen 2015 und 2019 auf den Spiegel-Bestsellerlisten zu finden waren, erschienen in 37 verschiedenen deutschsprachigen Verlagen. Von diesen 37 Verlagen gehören 24 zu den 25 größten deutschen Publikumsverlagen bzw. sind Teil dieser Verlagsgruppen (vgl. buchreport 2020, 9). 304 Auch bei der Betrachtung der beteiligten deutsch‐ sprachigen Verlage wird deutlich, dass die konsumierte Bibliodiversität geringer ausfällt als die angebotene Bibliodiversität: Während nur ca. ein Drittel der deutschsprachigen Verlage, die Belletristik-Übersetzungen aus dem Französi‐ schen publizieren, zu den umsatzstärksten 25 Publikumsverlagen gehörten, stellen diese Verlage zwei Drittel aller Verlage dar, die ihre Bücher so erfolg‐ 352 7 Bibliodiversität von Übersetzungen aus dem Französischen reich verkaufen können, dass diese auf den Spiegel-Bestsellerlisten landen. 80 Prozent der auf den Bestsellerlisten platzierten Übersetzungen aus dem Fran‐ zösischen (89 von 111) erschienen in den umsatzstärksten Publikumsverlagen. Dies spiegelt erneut die Strategien und das Selbstverständnis von größeren, teils in Verlagsgruppen organisierten Publikumsverlagen auf der einen sowie kleineren, unabhängigen Verlagen auf der anderen Seite wider. Bei den größeren Publikumsverlagen fällt einerseits schon beim Erwerb der Buchrechte die Wahl möglicherweise eher auf Werke, die für eine größere Leserschaft attraktiv sind und welche für gut verkäuflich gehalten werden, sowie verfügen sie andererseits eher über das entsprechende Budget, ein Buch durch entsprechendes Marketing erst zu einem Bestseller zu machen, während kleinere, unabhängige Verlage mit ihrer Buchauswahl eher dazu tendieren, Nischen besetzen. Fazit: Konsumierte Bibliodiversität Durch die Verfügbarkeit von Verkaufszahlen zu den Veröffentlichungen zweier unabhängiger deutscher Verlage unterschiedlicher Größe war es möglich, die beiden Verlagsprogramme mit den Ergebnissen der Analyse der angebotenen Vielfalt aller Übersetzungen aus dem Französischen auf dem deutschsprachigen Buchmarkt zwischen 2007 und 2018 zu vergleichen und dabei auch den tatsäch‐ lichen Konsum dieses Angebots zu betrachten. Um repräsentative Daten zur konsumierten Bibliodiversität treffen zu können, boten die Verkaufszahlen der beiden Verlage jedoch zu wenige Daten. Aufgrund einzelner Bestseller mit stark abweichenden Verkaufszahlen waren die Ergebnisse daher weniger aussage‐ kräftig als erwartet. Eine Erweiterung der Untersuchung um die Verkaufszahlen weiterer Verlage wäre daher wünschenswert. Die Untersuchung der Platzierungen von aus dem Französischen übersetzten Werken auf den Spiegel-Bestsellerlisten lässt Annahmen zu, nach denen die kon‐ sumierte Bibliodiversität in mancherlei Hinsicht geringer ist als die angebotene Bibliodiversität. Bei der Geschlechterverteilung der meistverkauften Bücher entspricht die konsumierte der angebotenen Vielfalt: Jeweils zwei Drittel sind von männlichen Autoren verfasste Werke. Die Chancen von frankophonen Au‐ torinnen und Autoren, dass ihre Bücher nicht nur ins Deutsche übersetzt werden sondern auch noch zu Bestsellern werden, sind aber für Autorinnen und Autoren aus Frankreich noch einmal höher als für diejenigen aus anderen frankophonen Gebieten. Aus verschiedenen Gründen sind die zu den 25 umsatzstärksten gehörenden Publikumsverlage erfolgreicher darin, ihre Übersetzungen aus dem Französischen zu den meistverkauften Büchern werden zu lassen - sie haben einen höheren Anteil an den Bestsellerplatzierungen als es ihrem Anteil bei 7.2 Analyse 353 den insgesamt angebotenen Übersetzungen aus dem Französischen entsprechen würde. Die Analyse sowohl der Verkaufszahlen als auch der Spiegel-Bestsellerlisten hat gezeigt, dass die Ehrengastauftritte den tatsächlichen Konsum der angebo‐ tenen Vielfalt nicht unbedingt positiv beeinflussen. Nicht nur bei Francfort en français gehörten die bei den beiden untersuchten Verlagen anlässlich des Auftritts auf der Frankfurter Buchmesse publizierten Titel aus den jeweiligen Gastländern im Hinblick auf die durchschnittlich verkauften Exemplare nicht zu den verkaufsstärksten Übersetzungen. Im Jahr des französischen Ehrengas‐ tauftritts waren zwar mehr Übersetzungen aus dem Französischen auf den Bestsellerlisten zu finden, was angesichts des höheren Titelangebots nicht verwunderlich ist. Jedoch erreichten 2017 weniger Übersetzungen aus dem Französischen eine Platzierung unter den Top 10 der meistverkauften Bücher als in anderen Jahren. Damit bestätigte sich, was auch Marco Thomas Bosshards Untersuchung der Verkaufszahlen der zwei unabhängigen deutschen Verlage A und B hinsichtlich der Literatur aus verschiedenen Gastländern der Frankfurter Buchmesse feststellen konnte: Die ökonomische Wirkung der Ehrengastauft‐ ritte auf der Frankfurter Buchmesse scheint ambivalent zu sein. Zwar erhöhen sie die Sichtbarkeit, das Prestige und das symbolische Kapital der Autorinnen und Autoren des Gastlandes bzw. der Gastsprache; das Überangebot der Überset‐ zungen anlässlich des Ehrengastauftritts führt jedoch offensichtlich dazu, dass sich die einzelnen Übersetzungen weniger gut verkaufen und durchschnittliche Verkaufszahlen stagnieren oder sogar sinken (vgl. Bosshard 2022). 354 7 Bibliodiversität von Übersetzungen aus dem Französischen 305 Kennzeichnend war dafür unter anderem Emmanuel Macrons programmatische Rede an der Universität in Ouagadougou in Burkina Faso am 28. November 2017, vgl. Élysée 2017c. 8 Nachwirkungen von Francfort en français 8.1 Debatten um Realität und Entwicklung des frankophonen literarischen Feldes Schon im ersten Jahr seiner Präsidentschaft stand für Frankreichs Staatspräsi‐ dent Emmanuel Macron die Stärkung der französischen Sprache und erneuerter Beziehungen innerhalb der Frankophonie, insbesondere mit den Ländern des afrikanischen Kontinents, im Fokus. 305 Kurz nach dem französischen Ehrengas‐ tauftritt auf der Frankfurter Buchmesse ernannte Emmanuel Macron im No‐ vember 2017 die aus Marokko stammende französischsprachige Schriftstellerin Leïla Slimani als seine persönliche Repräsentantin für die Frankophonie. Ihre Aufgabe in dieser Funktion sei es, „[de porter] au plus haut le rayonnement et la promotion de la langue française et du plurilinguisme, ainsi que des valeurs que les membres de la Francophonie ont en partage“ (Élysée 2017b). Als ständige Vertreterin Frankreichs im Conseil permanent de la Francophonie innerhalb der OiF repräsentiere Leïla Slimani eine „offene und aktive“ Frankophonie-Politik, die sich auf die vom französischen Staatspräsidenten priorisierten Themen wie Bildung, Kultur, Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern, berufliche Integration und Mobilität von jungen Menschen, Bekämpfung des Klimawan‐ dels sowie Digitalisierung konzentriere (vgl. Élysée 2017b). Ihre Ernennung begründete ein Berater des Präsidenten folgendermaßen: „Leïla Slimani incarne le visage de la francophonie ouverte sur un monde pluriculturel. Et c’est une femme engagée […]. Elle fait partie d’une nouvelle génération que le président veut faire émerger“ (Djamshidi 2017). Eine ähnliche Einladung, „de contribuer aux travaux de réflexion que vous [le Président Macron] souhaitez engager autour de la langue française et de la Francophonie“ (Mabanckou 2018), erhielt nach eigener Auskunft auch der kongolesische Autor Alain Mabanckou. In seinem in BibliObs veröffentlichten offenen Brief an Emmanuel Macron begründete Alain Mabanckou seine Ableh‐ nung einer Teilnahme an einem solchen Projekt (vgl. Mabanckou 2018). Seiner Ansicht nach werde die Frankophonie auch heutzutage als Weiterführung der Außenpolitik Frankreichs in den ehemaligen Kolonien wahrgenommen. Die Frankophonie zu überdenken, „repenser la Francophonie“, eines der politischen Ziele Emmanuel Macrons, sei nicht darauf beschränkt, die französische Sprache schützen und fördern zu wollen, zumal dies gar nicht notwendig sei: „la langue française […] n’est pas du tout menacée comme on a tendance à le proclamer dans un élan d’auto-flagellation propre à la France. La culture et la langue françaises gardent leur prestige sur le plan mondial“ (Mabanckou 2018). Alain Mabanckou kritisierte auch die nicht-inklusive Bezeichnung der französischen Literatur in Frankreich, die die bereichernden Einflüsse einer „imaginaire-monde en français“ (Mabanckou 2018) von außerhalb nicht aner‐ kenne - während es beispielweise an nordamerikanischen Universitäten mit großer Selbstverständlichkeit „départements de littérature française et d’études francophones“ gebe. Der kongolesische Schriftsteller wiederholte in dem offenen Brief seine Kritik, die er in einem persönlichen Austausch mit dem französischen Präsi‐ denten auf der Frankfurter Buchmesse bereits angeführt hatte. Öffentlich sprach er von diesem Austausch und seiner Ablehnung der Wortwahl des französischen Präsidenten in einem Interview in der Sendung L’Invité des frankophonen Fernsehsenders TV5 Monde, aus dem französischen Ehrengastpavillon am 15. Oktober 2017 (vgl. TV5Monde 2017). Emmanuel Macron habe in seiner Rede bei der Eröffnungsfeier der Frankfurter Buchmesse betont, „que ‚l’Allemagne accueillait la France et la Francophonie‘, comme si la France n’était pas un pays francophone! “ (Mabanckou 2018). Alain Mabanckou forderte - nicht nur von Emmanuel Macron - einen bewussteren Umgang mit dem Begriff frankophoner Literatur: Parce que si vous n’arrivez pas à régler la question selon laquelle la France est un pays francophone, eh bien on continuera toujours à qualifier la littérature sous deux degrés. […] Si j’avais écrit le discours du président, j’allais dire: ‚L’Allemagne invite la France et la langue française…‘, comme ça l’ensemble des pays serait à l’intérieur de la langue française. (Mabanckou in der Sendung L’Invité, TV5Monde 2017) Trotz des Mottos Francfort en français nannte Emmanuel Macron in seiner um‐ fangreichen Rede voller literarischer Bezüge bei der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse 2017 keine frankophonen Autorinnen und Autoren von außerhalb Frankreichs (und mit Ausnahme von Madame de Staël im Übrigen auch keine Frau): „On n’a entendu ni le nom d’Aimé Césaire, ni ceux de Léopold Sédar Senghor, Ahmadou Kourouma, Édouard Glissant ou Maryse Condé, des voix qui ont pourtant porté l’imaginaire en français au-delà des frontières de la Gaule“ (Mabanckou und A.-Mbembe 2018). 356 8 Nachwirkungen von Francfort en français 306 Hervorhebung im Original. Insbesondere missbilligte Alain Mabanckou jedoch die Tatsache, dass die existierende institutionelle Frankophonie sowie die Vorgänger Emmanuel Mac‐ rons im Amt des französischen Staatspräsidenten sich mit den Diktatoren in afrikanischen Ländern verbündeten, ohne kritisch auf autokratische Regime, manipulierte Wahlen und fehlende Meinungsfreiheit hinzuweisen: Dass „[…] des monarques qui s’expriment et assujetissent leurs populations en français“ 306 (Mabanckou 2018) bei den französischen Regierungen keine Empörung hervor‐ riefen, bezeichnete Alain Mabanckou als Makel, weshalb er sich nicht innerhalb der aktuell existierenden Frankophonie an dem „Erneuerungsprojekt“ des Präsi‐ denten beteiligen könne. Zunächst müsse Emmanuel Macron der afrikanischen Jugend, die er bei seiner Grundsatzrede an der Universität Ouagadougou angesprochen habe, beweisen, „que vous [le Président Macron] êtes d’une autre génération, que vous avez tourné la page et qu’ils ont droit, ici et maintenant, à ce que la langue française couve de plus beau, de plus noble et d’inaliénable: la liberté“ (Mabanckou 2018). Auf Alain Mabanckous offenen Brief an den französischen Staatspräsidenten reagierten diverse Repräsentantinnen und Repräsentanten des frankophonen literarischen Feldes mit Stellungnahmen in verschiedenen französischen Zei‐ tungen. Die ivorische Schriftstellerin Véronique Tadjo widersprach Alain Ma‐ banckou bezüglich der Situation des Französischen auf dem afrikanischen Kontinent. Angesichts des sinkenden Niveaus der französischen Sprache und den damit einhergehenden niedrigeren Bildungschancen der Jugend sprach Véronique Tadjo von einer „situation désastreuse“ (Tadjo 2018) und mahnte dringend notwenige Reformen des Bildungssystems in französischer Sprache an. Dazu gehörten - mit Blick auf das Buchwesen - auch die Behebung des Mangels an pädagogischen Lehrwerken und die Einrichtung von „bibliothèques dignes de ce nom“ (Tadjo 2018). Obwohl die ivorische Autorin der von Alain Mabanckou geäußerten Kritik an der institutionellen Frankophonie zustimmte, die es nicht geschafft habe, auf die Bedürfnisse der aus den Kolonien hervorgegangenen Länder einzugehen, sieht sie in der Frankophonie dennoch weiterhin einen „espace de solidarité“ (Tadjo 2018). Für weltweite Probleme könne nur durch internationale Koopera‐ tion eine nachhaltige Lösung gefunden werden. Bezogen auf die Literatur in französischer Sprache urteilte Véronique Tadjo, es sei höchste Zeit, dass die westliche frankophone Welt die Literatur des Südens wahrnehme. Diese müsse sich jedoch nicht auf die französische Literatur berufen, sondern ihre eigenen Besonderheiten und Leistungen in den Vordergrund rücken: „Les écrivains 8.1 Debatten um Realität und Entwicklung des frankophonen literarischen Feldes 357 africains, tout en partageant la même langue, ont des préoccupations et une vision du monde qui leur sont particulières. […] C’est cette différence qu’il faut célébrer avant tout, car là se trouve la vraie francophonie débarrassée de son passé colonial“ (Tadjo 2018). Als Literaturagent arbeitet Pierre Astier von der Pariser Agentur Astier- Pécher mit Verlagen und Autorinnen und Autoren aus der ganzen Welt. In seiner Stellungnahme in Le Monde bezeichnete er die Frankophonie als „grand désert éditorial“ (Astier 2018), welche auf eine imperialistische Weise von Frankreich bzw. seinem Zentrum Paris dominiert werde. Pierre Astier schloss sich dem Urteil an, dass die französische Sprache dann lebendig gehalten werden könne, wenn sie gesprochen, gelesen und unterrichtet werde. Besonders wichtig sei jedoch, dass in französischer Sprache publiziert werde, da es keine Bildung, keine Kultur und keine wirtschaftliche Entwicklung ohne Bücher geben könne. Die Produktion von Büchern im von französischen Verlagen dominierten frankophonen Raum sei jedoch „somme toute dérisoire“ (Astier 2018). Damit unterscheide sich die Frankophonie vom internationalen Buchmarkt in engli‐ scher Sprache, an dem trotz der Dominanz der USA und Großbritanniens auch die Buchbranchen in asiatischen und afrikanischen Ländern partizipieren und auf diese Weise expandieren könnten. Grund dafür seien vor allem flexiblere Verlagsverträge sowie eine weitverbreitete Praxis von Koeditionen und Lizenz‐ vergaben. Verlagen, die in englischer Sprache publizieren, attestierte Pierre Astier „une puissante volonté de coopérer“ (Astier 2018), während er genau diese fehlende Kooperationsbereitschaft französischer bzw. Pariser Verlage kritisierte: „La coopération avec les éditeurs de France est quasi inexistante ou se fait dans un rapport de dominant à dominé que beaucoup qualifient d’insupportable“ (Astier 2018). In der Praxis bemächtigten sich die französischen bzw. Pariser Verlage der weltweiten Nutzungsrechte frankophoner Autorinnen und Autoren und sträubten sich dagegen, es Verlagen in den jeweiligen Herkunftsländern mittels Lizenzvergaben zu ermöglichen, die Werke ebenfalls zu publizieren, zugunsten der teureren Buchimporte. Pierre Astier kritisierte außerdem das fehlende Engagement der OiF für das Publizieren in französischer Sprache sowie eine verpasste Chance, im Rahmen von Francfort en français die Existenz aller frankophonen Verlage zunächst zu erfassen und die Kooperation zu fördern (vgl. Astier 2018). In einem Kommentar zur Diskussion, veröffentlicht in Le Monde Afrique, bezogen sich Vertreterinnen und Vertreter der AIEI, also unabhängiger Verlage, sowohl auf die Stellungnahmen der genannten Personen als auch auf ein im Januar 2018 lanciertes Projekt des französischen Kultursowie Außenministe‐ riums: Mon idée pour le français, eine großangelegte Online-Befragung aller 358 8 Nachwirkungen von Francfort en français 307 Vgl. auch die Kritik des Schriftstellers Abdourahman Waberi an dem Projekt Mon idée pour le français, Waberi 2018. Französischsprachigen weltweit zu ihren Ideen zur Förderung der französischen Sprache und zur globalen Sprachenvielfalt. 307 Die AIEI kritisierte, dass dieser vom französischen Staat ausgehende Aufruf zur Innovation in der Frankophonie verstanden werden könnte als Ausdruck dessen, dass bis dahin nichts erreicht worden sei und keine Zusammenarbeit existiere, sowie dass ohne den Impuls Frankreichs keine Initiativen ergriffen würden (vgl. Le Monde Afrique 2018b). Die AIEI hob dagegen das Engagement von Vertreterinnen und Vertretern des Buchwesens sowie von Leserinnen und Lesern hervor, die gemeinsam Methoden für einen solidarischen Austausch entwickelten, auch angesichts eines Mangels an Maßnahmen der öffentlichen Hand. Die Vereinigung unab‐ hängiger Verlage wies auch auf einen kurz zuvor veröffentlichten Artikel zu den aktuellen Herausforderungen des Verlagswesens in Afrika von Kidi Bebey in Le Monde Afrique hin. Darin berichtete Kidi Bebey über die unterschiedliche Wahrnehmung: Die in Europa vorherrschende Berichterstattung peut donner le sentiment que là où l’on ne regarde pas, il ne se passe pas grand-chose, ou alors rien de bien intéressant. […] Car les littératures produites sur le continent africain existent bel et bien, ainsi que des acteurs du livre allant des auteurs aux libraires, en passant par les éditeurs, qui, pour certains, affichent des ambitions très fortes malgré d’importantes difficultés. (Bebey 2018) In der Stellungnahme der AIEI wurde außerdem eine Vielzahl von Aktivitäten und Initiativen aufgelistet, die sich für mehr Kooperation im Bereich des frankophonen Buchwesens einsetzen (z. B. Africultures, Afrilivres, l’Oiseau indigo als übergreifende Vertriebsorganisation im frankophonen Raum, diverse Buchmessen, etc.), und als deren Teil sich auch die AIEI selbst versteht. Als ihre eigenen Beiträge nannten die Vertreterinnen und Vertreter der AIEI unter anderem das Experimentieren mit sogenannten solidarischen Koeditionen zur besseren Verbreitung von Büchern vor allem im frankophonen Afrika, Emp‐ fehlungen an die öffentliche Hand zur Förderung von Bibliodiversität, die wiederholte Kritik an der Dominanz insbesondere großer französischer Verlage im Bereich der Schulbuchproduktion sowie von Buchspenden, die das lokale Verlagswesen bedrohen und zur kulturellen Hegemonie Frankreichs beitragen. Insofern demonstrierte die AIEI, das nicht nur in ihren Reihen Frankophonie im Buchwesen gelebt werde. Andererseits bestätigten die unabhängigen fran‐ kophonen Verlegerinnen und Verleger der AIEI aber auch, „que les relations éditoriales entre les pays d’Afrique francophone et la France ne pourront 8.1 Debatten um Realität und Entwicklung des frankophonen literarischen Feldes 359 exister dans un rééquilibrage des flux économiques, culturels, sans une volonté politique de part et d’autre…et avant tout sans un changement de prismes“ (Le Monde Afrique 2018b). Den politischen Willen, „[de] décloisonner les milieux de l’édition francophone“ (Élysée 2018b, 8) äußerte Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron in seiner Strategie für die französische Sprache und die Sprachenvielfalt (Une ambition pour la langue française et le plurilinguisme). Diese Strategie präsentierte Emmanuel Macron anlässlich des Internationalen Tags der Fran‐ kophonie am 30. März 2018 im Rahmen einer Rede im Institut de France vor den Mitgliedern der Académie française sowie geladenen Gästen (vgl. Élysée 2018a und Élysée 2018b). Vor dem Hintergrund der Online-Befragung von Bürgerinnen und Bürgern im Projekt Mon idée pour le français und einer inter‐ nationalen Konferenz im Februar 2018 in Paris entstand ein Strategiepapier für die Promotion der französischen Sprache, welches der Staatspräsident in einer weiteren „discours fondateur“ (Élysée 2018b, 1) vorstellte. Als Grundsatzrede wurde die Rede im Strategiepapier deshalb bezeichnet, da ihr ein offenes, vielfältiges und dezentraleres Konzept der Frankophonie zugrunde liege. In seiner Rede voller literarischer Referenzen definierte Emmanuel Macron sein Verständnis der Frankophonie wie folgt: Ce qu’on appelle francophonie aujourd’hui ce n’est pas cet espace incertain à la périphérie de la France laquelle en serait le centre, c’est la langue française elle-même qui est devenue le centre de toutes les nations et de tous les peuples où elle a fait souche dans sa variété étourdissante. C’est cela la francophonie, ce continent humain qui admet comme Constitution une grammaire partagée, comme articles de loi une syntaxe, comme code civil un vocabulaire. (Élysée 2018a, 2) Ziel der Strategie sei es, der französischen Sprache ihren Platz und ihre Rolle in der Welt zurückzugeben, um aus ihr eine der großen Weltsprachen und einen Vorteil im Umfeld einer globalisierten Welt zu machen (vgl. Élysée 2018b, 1). Das Strategiepapier umfasst 33 mehr oder weniger konkrete Maßnahmen in den drei Feldern Apprendre, Communiquer und Créer en français. Wie andere Bereiche der Kultur fällt auch das Buchwesen in das Feld Créer en français. Eine Maßnahme, die ganz eindeutig das Verlagswesen betrifft, ist das Ziel einer Organisation der États généraux de l’édition en français, um das Trennende zwi‐ schen den verschiedenen Teilen des frankophonen Verlagswesens abzubauen sowie Lizenzvergaben innerhalb desselben zu begünstigen. Nach dem Vorschlag des Strategiepapiers sollten die États généraux de l’édi‐ tion en français erstmals während des Literaturfestivals Étonnants Voyageurs 360 8 Nachwirkungen von Francfort en français im Mai 2018 im französischen Saint-Malo stattfinden (vgl. Élysée 2018b, 8). Emmanuel Macron erklärte folgende Ziele der Initiative: C’est en ouvrant notre marché de l’édition aux littératures en français dans toute leur pluralité aussi que nous permettrons de former ce grand ensemble de langue française et de faire que nos enfants, nos lycéens à l’école ou en bibliothèque auront accès à ces littératures en langue française sans savoir totalement les distinguer. (Élysée 2018a, 10) Neben weiteren angekündigten, teils erwartbaren Maßnahmen zur Förderung der französischen Sprache, etwa die Kulturdiplomatie Frankreichs, den Export französischer Kulturerzeugnisse, die Förderung kultureller, künstlerischer und universitärer Mobilität betreffend, ist bemerkenswert, dass andere Vorhaben im dritten Feld, Créer en français, auf der einen Seite konkret auf die Unterstützung von Kulturindustrien in frankophonen Ländern ausgerichtet sind, auf der anderen Seite auf ein verstärktes Zugehörigkeitsgefühl der Französinnen und Franzosen zur Frankophonie zielen. Dazu gehört, dass der frankophonen Kultur eine größere Beachtung im französischen Bildungssystem eingeräumt werden soll. Auf Französisch verfasste Literatur von Autorinnen und Autoren, die nicht aus Frankreich stammen, solle daher verstärkt im Unterricht gelesen werden, und der 20. März, der internationale Tag der Frankophonie, solle in den Schulen der Kenntnis von Literatur in französischer Sprache gewidmet sein (vgl. Élysée 2018a, 5). Im Mai 2018 fand, wie im Strategiepapier vorgeschlagen, unter dem Namen Les Assises du livre en français eine erste Versammlung während des Festivals Étonnants Voyageurs in Saint-Malo statt. Autorinnen und Autoren, Vertreter‐ innen und Vertreter aus Verlagen aus der ganzen frankophonen Welt, aus Literaturagenturen, aus Vereinen wie AIEI und aus den Institutionen OiF, CNL, IF, BIEF und dem französischen Kulturministerium diskutierten dort zur Vorbereitung der weiterführenden États généraux de l’édition en français Themen wie Modelle der Kooperation zwischen Verlagen, Lizenzvergaben und den Verkauf von französischsprachigen Büchern in allen frankophonen Gebieten (vgl. Étonnants Voyageurs 2018). Die schließlich als États généraux du livre en langue française dans le monde bezeichnete abschließende Generalversammlung nach einer Reihe von vorberei‐ tenden Workshops und Konferenzen sollte ursprünglich im September 2020 in Tunis stattfinden und seine Schlussfolgerungen und Forderungen im Dezember 2020 beim Gipfel der frankophonen Staatschefs der Politik übergeben werden; diese Versammlung mit 300 bis 400 Akteurinnen und Akteuren aus dem Buch‐ wesen von fünf Kontinenten wurde aber aufgrund der Covid-19-Pandemie um 8.1 Debatten um Realität und Entwicklung des frankophonen literarischen Feldes 361 ein Jahr verschoben (vgl. Website Les États généraux du livre en langue française dans le monde). Die Probleme, mit denen sich die vorbereitenden Workshops und die États généraux beschäftigen sollten, wurden wie folgt definiert: • Ein unausgeglichener und asymmetrischer Buchmarkt im frankophonen Raum mit einer Übermacht des globalen Nordens, bzw. Frankreichs und Paris, ein schwieriger Zugang zum französischen Markt, und ein zersplit‐ terter und schwacher Buchmarkt im globalen Süden. • Ein sehr begrenzter Zugang zu Büchern in den Ländern des globalen Südens aufgrund der für diese Regionen oftmals zu hohen Buchpreise sowie des Fehlens von Vertriebsstrukturen. • Eine erschwerte Sichtbarkeit und Verbreitung von Autorinnen und Autoren des globalen Südens in ihrem eigenen Land (da ihre bei französischen Ver‐ lagen publizierten Werke aufgrund der hohen Buchpreise für die Mehrheit der Menschen unzugänglich bleiben). Dies verhindert unter anderem, dass das jeweilige Land und sein Literaturbetrieb vom Kapital der entsprech‐ enden Autorinnen und Autoren profitieren können, um das Interesse am Lesen und Schreiben zu steigern sowie die Entwicklung und den Fortbestand des Verlagswesens zu sichern. • Die Notwendigkeit, das Buchwesen in vielen Ländern des globalen Südens zu strukturieren und zu professionalisieren, um seine Entwicklung zu unterstützen, die Verbreitung von Büchern im gesamten frankophonen Raum auszuweiten und Piraterie zu verhindern. • Die Notwendigkeit, die Aufmerksamkeit der jeweiligen Regierungen auf die Herausforderungen des Buchwesens zu lenken, um ein angemessenes Um‐ feld für die Förderung literarischen Schaffens, den Zugang zum Buch und zum Lesen und die Entwicklung des Buchwesens in vielen frankophonen Ländern zu schaffen. (vgl. Website Les États généraux du livre en langue française dans le monde, „Questions fréquentes“) Das Projekt der États généraux verfolgt vier Kernziele. Erstens soll daran gearbeitet werden, dass allen Französischsprachigen auf allen Kontinenten der Zugang zur Vielfalt an Publikationen in französischer Sprache ermöglicht wird. Zweitens soll ein verbundenes, dynamisches frankophones Verlagswesen etabliert werden, das auf den Grundsätzen von Kooperation und Austausch beruht. Drittens sollen Mobilität und die Entstehung von Netzwerken zwischen den im frankophonen Verlagswesen tätigen Personen gefördert werden, um den Austausch, die Zusammenarbeit und die Verbreitung von sich als positiv erweisenden Praktiken zu unterstützen. Schließlich streben die États généraux auch an, einen Fokus auf die Vorteile des Digitalen für die gemeinsamen Ziele 362 8 Nachwirkungen von Francfort en français zu legen (vgl. Website Les États généraux du livre en langue française dans le monde, „Questions fréquentes“). Bei den États généraux handelt es sich um ein Projekt, welches vom Staats‐ präsidenten Frankreichs initiiert wurde. Die Verantwortung dafür liegt beim französischen Kulturministerium, welches wiederum das IF mit der Umsetzung beauftragt hat. Zwar ist das Projekt „par nature un projet multilatéral. Il concerne tous les pays qui ont la langue française en partage et tous les acteurs du livre en langue française dans le monde“ (Website Les États généraux du livre en langue française dans le monde, „Questions fréquentes“). Ebenso liegt es jedoch in der Natur der Sache, dass in einem vom Élysée initiierten und von einer französischen Struktur wie dem IF realisierten Projekt auch vor dem Hintergrund des derzeitigen Zustands des frankophonen Buchwesens die bereits existierenden, auf die betreffenden Themen spezialisierten, starken Institutionen und Strukturen aus Frankreich dominieren. Zwar setzt sich das sogenannte comité de pilotage, das mit der Vorbereitung der États généraux betraut ist, aus 40 verschiedenen Strukturen aus 22 Ländern zusammen. Die über 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind Vertreterinnen und Vertretern aus Politik, aus kulturellen und buchnahen Institutionen, aus der Buchbranche sowie Autorinnen und Autoren. Allerdings sind allein jeweils fünf Vertreterinnen und Vertreter aus dem französischen Kulturministerium und dem IF Frankreich sowie drei aus dem französischen Außenministerium darunter. Dazu kommen Akteurinnen und Akteure aus den vermutlich primär im französischen Interesse agierenden Institutionen CNL, BIEF, BNF, SNE, Agence Française de Développement (AFD) und die ebenfalls französische und vormals beim SNE beschäftigte Leiterin des Projekts als commissaire générale, Sylvie Marcé. Aus anderen Ländern ist in den meisten Fällen im comité de pilotage nur eine Person vertreten, nur aus Tunesien als Veranstaltungsort der États généraux sowie den offiziellen staatlichen Partnern Québec (Kanada) und der Elfenbeinküste sind drei bis vier Akteurinnen und Akteure Teil des comité de pilotage (vgl. Website Les États généraux du livre en langue française dans le monde, „Comité de pilotage“). Trotzdem ist das Projekt insgesamt bemüht, allen von den Themen der États généraux Betroffenen die Partizipation zu ermöglichen. Im Herbst 2019 ging eine kollaborative Plattform online, um einerseits über das Projekt zu informieren sowie andererseits interaktiv Beiträge und Vorschläge zu den Problemstellungen zu sammeln und zu diskutieren (vgl. Website Les États généraux du livre en langue française dans le monde). Die Vorbereitung der États généraux und die eingereichten Vorschläge und Beiträge wurden entlang von vier Achsen klassifiziert: 1. Rendre visible les acteurs du livre en langue 8.1 Debatten um Realität und Entwicklung des frankophonen literarischen Feldes 363 française, 2. Projeter les enjeux économiques du développement du marché éditorial francophone, 3. Lever les freins identifiés pour dynamiser, décloisonner, équilibrer le marché éditorial francophone und 4. Développer la lecture et la conscience de la diversité dans l’espace francophone auprès des jeunes en associant Éducation et Culture. Neben den Vorschlägen über die kollaborative Plattform und zu diversen Themen organisierten Workshops, die bereits an verschiedenen Orten in frankophonen Territorien teilweise anlässlich von Buchmessen stattgefunden haben, wurden zur Vorbereitung der États généraux auch wissenschaftliche Studien etwa bezüglich der zu erwartenden ökonomischen Entwicklung des frankophonen Verlagswesens bis 2030 respektive 2050 sowie eine Kartogra‐ phierung aller aktiven Akteurinnen und Akteure im globalen frankophonen Buchwesen unternommen. Mit den Beiträgen von über 600 Akteurinnen und Akteuren des frankophonen Buchwesens wurde so im Vorfeld der États généraux ein sogenanntes Cahier de propositions mit dem Titel „Pour une nouvelle dynamique du livre en langue française“ erstellt (vgl. Institut français 2021), welches mit 50 vorgeschlagenen Maßnahmen zu unterschiedlichen Bereichen die öffentliche Hand, Vertreter‐ innen und Vertreter öffentlicher Institutionen sowie private Akteurinnen und Akteure zum Handeln aufrief. Die États Généraux in Tunis am 23. und 24. Sep‐ tember 2021 fanden aufgrund der Covid-19-Pandemie schließlich als hybride Veranstaltung statt. Etwa 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer nutzten die Partizipationsmöglichkeit per Online-Zuschaltung, während fast 250 Personen vor Ort an den Diskussionsrunden und Workshops teilnahmen. Zu ihnen gehörten Autorinnen und Autoren, Vertreterinnen und Vertreter von Verlagen, Distributionsunternehmen, Buchhandlungen, Bibliotheken, Verbänden, öffent‐ lichen Stellen und privaten Vereinen, die in der Förderung des Buches im engeren und weiteren Sinne engagiert sind. Ein schriftlich fixiertes Ergebnis der États généraux war die Auswahl von zehn Empfehlungen aus den zuvor 50 vorgeschlagenen Maßnahmen des Cahier de propositions, denen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die höchste Priorität beimaßen (vgl. États généraux du livre en langue française dans le monde 2021a). Diese zehn Empfehlungen lassen sich nach unterschiedlichen Themen oder nach vorrangig betroffenen Adressatinnen und Adressaten auf mehreren Ebenen kategorisieren, wobei sie sich in vielen Punkten auch überschneiden (siehe Abbildung 41). Mit einer gemeinsamen Erklärung drückten die Vertreterinnen und Vertreter - insbesondere Ministerinnen und Minister der Kultur - der an den États généraux beteiligten Staaten Burkina Faso, Schweiz, Elfenbeinküste, Tunesien, Frankreich, Vietnam, Madagascar, Belgien (Wallonie-Bruxelles) und Kanada 364 8 Nachwirkungen von Francfort en français (Québec) ihre Absicht zur Umsetzung der Empfehlungen der États généraux aus. Sie erklären außerdem den Wunsch, die nächsten États généraux nach Ablauf von zwei Jahren stattfinden zu lassen (vgl. États généraux du livre en langue française dans le monde 2021b). Diese Absichtserklärung sollte außerdem beim ebenfalls in Tunesien, in Djerba, stattfindenden Gipfel der Frankophonie mit 88 beteiligten Staaten bzw. Regierungen im November 2021 anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der institutionellen Frankophonie wiederaufgenommen werden. In der Folge der États généraux kommt es darauf an, wie die priorisierten Projekte in der Praxis konkret angegangen und umgesetzt werden. Mit der Veranstaltung der États généraux und der Verbreitung ihrer Ergebnisse ist für das frankophone Buchwesen jedoch vielleicht ein erster Schritt gemacht im Hinblick auf die Lenkung der Aufmerksamkeit der Verantwortlichen in Politik und der Akteurinnen und Akteure in den Buchbranchen auf die asymmetrischen Machtbeziehungen zugunsten französischer Unternehmen im frankophonen li‐ terarischen Feld, auf die bessere Vernetzung und den Austausch auf Augenhöhe sowie schließlich auf die Etablierung einer littérature-monde en français. 8.1 Debatten um Realität und Entwicklung des frankophonen literarischen Feldes 365 Recommandation 1. Au sein de la Francophonie, inciter et accompagner les États dans la mise en œuvre de politiques publiques du livre et de la lecture, et mettre en place des lieux d’échanges (physiques et numériques) en vue de stimuler et de fédérer les actions autour du livre et de la lecture. Recommandation 2. Dans chaque État, aménager un cadre législatif et fiscal favorable à l’industrie du livre, et soutenir la structuration et la professionnalisation de la filière du livre (papier et numérique). Recommandation 3. Faire de la jeunesse une cible prioritaire des politiques publiques du livre et de la lecture, à toutes les échelles, et renforcer le rôle de l’école pour développer une culture du livre. Recommandation 4. Faciliter la mise en relation des acteurs du livre en langue française, via une plateforme numérique francophone, et multiplier les occasions de rencontres et de formations professionnelles (physique ou numérique) pour développer la confiance entre les acteurs. Recommandation 5. Encourager les partenariats éditoriaux, coéditions ou cessions de droits du français au français, entre les éditeurs francophones. Recommandation 6. Développer et encourager les formations au numérique et le partage de l’innovation; développer des outils professionnels partagés (normes, standards, référencement, catalogues...), des outils collaboratifs et des lieux numériques d’échanges professionnels au service d’une meilleure diffusion dans l’espace francophone. Recommandation 7. Ouvrir les opportunités du marché français à tous les acteurs francophones. Recommandation 8. Soutenir et développer les lieux de vente du livre en langue française dans le monde et adapter les prix de vente des livres en langue française aux réalités locales. Recommandation 9. Rapprocher la fabrication des livres des lieux de vente, et réduire les délais et les coûts de livraison à l’export. Recommandation 10. Améliorer la situation des auteurs et renforcer la promotion locale des auteurs sur leur propre territoire. Buchpolitik und Leseförderung Austausch, Kooperation und Professionalisierung der Buchbranchen in frankophonen Ländern Buchdistribution, Marktöffnung und verbesserte Zugangsmöglichkeiten für Leserinnen und Leser zu Werken lokaler Autorinnen und Autoren Förderung (lokaler) Autorinnen und Autoren Staat Institutionelle Frankophonie Buchnahe öffentliche und private Vereinigungen Einzelne Akteurinnen und Akteure (Buchhandlungen, Verlage etc.) Abb. 41: Kategorisierung der zehn priorisierten Empfehlungen der États Généraux nach Themen sowie nach vorrangig betroffenen Adressatinnen und Adressaten 366 8 Nachwirkungen von Francfort en français 8.2 Zusammenfassung und Ausblick Ausgehend von der Definition der Bibliodiversität als kultureller Vielfalt bezogen auf das Buchwesen widmete sich die vorliegende Studie der zent‐ ralen Forschungsfrage, wie die Bibliodiversität im Kontext des französischen Ehrengastauftritts Francfort en français auf der Frankfurter Buchmesse 2017 einzuordnen und zu bewerten ist. Mittels ihrer Teiluntersuchungen unter An‐ wendung verschiedener Untersuchungsmethoden konnte die Studie das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten. Im Vorfeld der Analyse wurden verschiedene Indikatoren von Bibliodiver‐ sität auf Basis des mehrdimensionalen Analysemodells zur kulturellen Vielfalt im Buchwesen von Françoise Benhamou und Stéphanie Peltier (Benhamou und Peltier 2006) mit den drei Dimensionen der Vielfalt, nämlich Auswahl, Gleichgewicht und Verschiedenheit festgelegt. Insgesamt wurde die Existenz von Übersetzungen - im vorliegenden Fall Übersetzungen aus dem Französischen ins Deutsche - als förderlich für die Bibliodiversität eines Buchmarktes definiert. Zu den weiteren Indikatoren gehörten die Vielfalt der Werke hinsichtlich ihrer Genres, der am Litertaturtransfer beteiligten (deutsch- und französisch‐ sprachigen) Verlage, deren Organisationsstruktur bzw. Zugehörigkeit zu Ver‐ lagsgruppen, sowie ihre Publikationsorte. Die Studie folgte dabei auch der Einordnung vor allem der unabhängigen Verlage als „promoteurs naturels de la bibliodiversité“ (Colleu 2006, 94). Vor dem Hintergrund, dass die Einbeziehung von marginalisierten Stimmen als vorteilhaft für die Bibliodiversität gilt, wurden mit Blick auf die Vielfalt der Autorinnen und Autoren und die vorhandenen Daten ihr Geschlecht, ihr Alter sowie ihre Nationalität bzw. ihre Herkunft berücksichtigt. Zunächst wurde das Ehrengastprojekt Francfort en français im Hinblick auf die Bedeutung der Ehrengastauftritte auf der Frankfurter Buchmesse, dem Vergleich zum ersten französischen Gastlandauftritt 1989 sowie der Interak‐ tionen zwischen deutschsprachigem und frankophonem literarischem Feld theoretisch eingeordnet. Nach den anfänglichen Abstimmungsschwierigkeiten um sein Zustandekommen und seine Finanzierung - in der Zeitung Le Monde als „l’histoire d’une patate chaude“ (Beuve-Méry 2014) bezeichnet - war sich Frankreich der Erwartungen an einen zeitgemäßen Ehrengastauftritt auf der Frankfurter Buchmesse 2017 offensichtlich bewusst. Mit der Entscheidung für das Motto Francfort en français setzte man in der offiziellen Kommunikation ganz auf das Thema Vielfalt der Literatur in französischer Sprache. Beim ersten Gastlandauftritt Frankreichs auf der Frankfurter Buchmesse 1989 meinte das Schlagwort Vielfalt in nationaler Deutung dagegen noch insbesondere 8.2 Zusammenfassung und Ausblick 367 die Diversität der literarischen Formen und auch der Produktionsstätten von Literatur, und die Frankophonie spielte im Verständnis der 1980er Jahre nur eine untergeordnete Rolle als Indiz für die weltweite kulturelle und politische Ausstrahlungskraft Frankreichs. Dahingegen standen bei Francfort en français 2017 die transnationale Ausrichtung des Auftritts, die Themen Übersetzung, Offenheit und Austausch sowie die französische Sprache als Sprache der kul‐ turellen Diversität und ihre Gastfreundschaft im Zentrum. Bibliodiversität im Vorfeld und bei der Realisierung von Francfort en français Der erste Teil der Analyse widmete sich der Frage, inwiefern das Konzept der Bibliodiversität bei der Vorbereitung und Umsetzung des Projektes Francfort en français berücksichtigt wurde. Als Instrument der staatlichen Förderung von Bibliodiversität und eine der Anforderungen der Frankfurter Buchmesse an ihre Gastländer stand bei der Vorbereitung des französischen Ehrengastauftritts die Übersetzungsförderung des CNL sowie des IF im Fokus. Es wurde untersucht, welche Verlage, Autorinnen und Autoren sowie Genres im Vorfeld des franzö‐ sischen Ehrengastauftritts von dieser Maßnahme profitiert haben. Übersetzungsförderung im Literaturtransfer vom Französischen ins Deutsche trägt insofern zu mehr Vielfalt bei den veröffentlichten Übersetzungen bei, als dass CNL und IF vor allem Übersetzungen von Werken und Genres fördern, die nicht vordergründig aus kommerziellen Gründen realisiert werden. Mithilfe der Förderprogramme des französischen Staates wurde in der Vergangenheit insgesamt eine große Anzahl an verschiedenen deutschsprachigen Verlagen un‐ terstützt; zwischen 2007 und 2019 waren es allein bei Belletristik-Übersetzungen etwa 71 verschiedene deutschsprachige Verlage. Dabei profitierten von der Übersetzungsförderung insbesondere jene kleineren, unabhängigen Verlage, denen ein positiver Einfluss auf die Bibliodiversität zugeschrieben wird. Im Vorfeld von Francfort en français nahm die Anzahl der mit Hilfe der beiden Programme des CNL und des IF aus dem Französischen ins Deutsche übersetzten Werke deutlich zu: Seit der Ankündigung des französischen Eh‐ rengastauftritts wurden 2015 insgesamt 38, 2016 60 und 2017 schließlich 76 Übersetzungen ins Deutsche von CNL und IF gefördert. Da die Förderinstituti‐ onen die jeweiligen Fördersummen für Übersetzungen ins Deutsche anlässlich von Francfort en français zeitweise erhöht hatten, ist davon auszugehen, dass dadurch möglicherweise zusätzliche Übersetzungen angeregt wurden, was eine höhere Bibliodiversität der Übersetzungen begünstigt haben könnte. Bei der Wahrnehmung der Ehrengastauftritte auf der Frankfurter Buchmesse spielen vor allem die anwesenden Autorinnen und Autoren aus dem Gastland 368 8 Nachwirkungen von Francfort en français eine wichtige Rolle. Zu der offiziellen Delegation von Francfort en français gehörten 138 Autorinnen und Autoren. Als Indikatoren für ihre Bibliodiversität wurde die Zusammensetzung der Delegation mit Blick auf die darin vertretenen Genres, die Herkunft, das Alter und das Geschlecht der Schriftstellerinnen und Schriftsteller sowie ihre Zugehörigkeit zu frankophonen und deutschsprachigen Verlagen analysiert. Es zeigte sich, dass die Delegation in vielerlei Hinsicht den gegenwärtigen Zustand des frankophonen literarischen Feldes abbildete. Francfort en français lud als Repräsentantinnen und Repräsentanten der aktuellen Vielfalt von Literatur in französischer Sprache Autorinnen und Au‐ toren nahezu jeden Alters zwischen 30 und 90 Jahren nach Frankfurt ein. Zwischen dem Alter der Autorinnen und Autoren und den Genres, in denen sie veröffentlichen, wurde insofern ein Zusammenhang festgestellt, als dass die Zusammensetzung der offiziellen Delegation verdeutlichte, dass in den Genres Kinder- und Jugendbuch sowie bei Comics offensichtlich jüngere Auto‐ rinnen und Illustratoren bzw. Zeichner stärker akzeptiert und hinsichtlich ihres Lebensalters früher etabliert zu sein scheinen als in der als seriöser betrachteten littérature générale. Der Anteil der Frauen und Männer in der Delegation der Autorinnen und Autoren war zwar ausgeglichener als noch im Jahr 1989, spiegelte aber mit einem Verhältnis von einem Drittel zu zwei Dritteln die noch immer bestehende Dominanz männlicher Autoren im Literaturbetrieb wider. Von den offiziell eingeladenen 138 Autorinnen und Autoren kamen immerhin 57 ursprünglich aus Regionen außerhalb Frankreichs. Allerdings stammte ein Großteil von ihnen aufgrund der institutionellen Einbeziehung der Schweiz, Belgiens und Luxemburgs in das Ehrengastprojekt aus diesen frankophonen Regionen. Darüber hinaus waren auch Schriftstellerinnen und Schriftsteller Teil der Delegation, die mit dem Französischen als Sprache der ehemaligen Koloni‐ almacht Frankreich aufgewachsen waren, aber auch solche, die Französisch als Sprache ihres kreativen Schaffens frei gewählt hatten. Dass frankophone Autorinnen und Autoren aus aller Welt weiterhin danach streben, in den renommierten französischen und Pariser Verlagen zu veröffent‐ lichen, die eine Konsekration im literarischen Feld versprechen, wurde auch anhand der Delegation von Francfort en français sichtbar. Ihre Zusammenset‐ zung mit frankophonen Autorinnen und Autoren, die überwiegend in großen französischen und in der deutlichen Mehrheit in traditionellen Verlagen wie Gallimard und Seuil publizieren, bezeugt die Machtposition der renommierten Pariser Literaturverlage im frankophonen literarischen Feld und die vorange‐ schrittene Konzentration des französischen Verlagswesens. Wie die Teiluntersuchung zur Umsetzung von Francfort en français zeigte, konnte das französische Ehrengastprojekt auf ein umfassendes kulturelles 8.2 Zusammenfassung und Ausblick 369 Begleitprogramm setzen. Dabei war die hohe Diversität der begleitenden saison culturelle mit den unterschiedlichsten Veranstaltungsformaten insbesondere dem bestehenden Netzwerk deutsch- und französischsprachiger Institutionen zu verdanken. Durch die sogenannte labellisation bewarben diverse über das Gastlandjahr und ganz Deutschland verteilte Veranstaltungen ohne zusätzliche Kosten für die Organisation das Ehrengastprojekt Francfort en français. Die Teilnahme renommierter Institutionen an der labellisation wertete dieses zu‐ sätzlich auf. Auch während der Buchmesse selbst basierte die Vielfalt des Programms darauf, dass viele Akteurinnen und Akteure ihre Aktivitäten in das Veranstaltungsprogramm von Francfort en français integrierten bzw. bereits existierende Projekte auf die Buchmesse und in den Ehrengastpavillon als Veranstaltungsorte verlegten. Der Ehrengastpavillon, das „Herz“ (Website Frankfurter Buchmesse, „Infor‐ mationen rund ums „Thema Ehrengast“) der Gastlandauftritte der Frankfurter Buchmesse, wurde mit seinen vielen mit Büchern gefüllten Holzregalen als labyrinthische Bibliothek, als bibliothèque éphémère gestaltet. Die vielen Bücher diverser Genres und Formate sollten die Vielfalt des Verlegens in französi‐ scher Sprache ausdrücken. Außerdem sollte der Pavillon die Überwindung von Grenzen in der französischsprachigen Literatur symbolisieren. Weder zwischen den literarischen Formen und ihren Leserinnen und Lesern sollten Abgrenzungen aufgebaut werden noch zwischen Ausstellungen aus Frankreich und seinen Regionen sowie aus den offiziell beteiligten frankophonen Regionen Belgiens, Luxemburgs und der Schweiz. Die Ankündigung, die mehr als 40.000 im Pavillon ausgestellten Bücher im Anschluss an den Ehrengastauftritt an Institutionen in Länder des globalen Südens spenden zu wollen, rief jedoch Kritik hervor. Die Chance einer Dis‐ kussion und Aufklärung über die möglichen negativen Auswirkungen dieser Buchspenden für die Bibliodiversität, auf die Entwicklung und den Ausbau des jeweiligen lokalen Buchwesens und die Gefahr der Dominanz von franko‐ phonen Verlagen und Institutionen des globalen Nordens wurde anlässlich von Francfort en français bedauerlicherweise nicht ergriffen. Auswirkungen von Francfort en français auf die Bibliodiversität in den beteiligten literarischen Feldern Im zweiten Analyseteil der Studie wurden die Folgen von Francfort en français für die Akteurinnen und Akteure sowie die Vielfalt im deutschsprachigen sowie im frankophonen literarischen Feld untersucht. Bei den Befragungen stellte sich heraus, dass die Akzeptanz des Konzepts der Ehrengastauftritte auf der Frankfurter Buchmesse bei den Buchhandlungen - ein Großteil der befragten 370 8 Nachwirkungen von Francfort en français waren kleinere, unabhängige Unternehmen - besonders hoch ist. Sie können positive Effekte der Ehrengastauftritte für den Buchverkauf von Literatur aus dem und zum jeweiligen Gastland beobachten. Gleichzeitig bieten die Frankfurter Buchmesse und der jeweilige Ehrengast Anknüpfungspunkte für Aktivitäten zur Kundinnen- und Kundenbindung. Der gesteigerte Buchverkauf und das erhöhte Interesse der Leserinnen und Leser galt umso mehr für den fran‐ zösischen Ehrengastauftritt Francfort en français mit seiner Medienpräsenz und der generellen Beliebtheit des Nachbarlandes beim deutschen Lesepublikum. Die Strategie der Frankfurter Buchmesse, mithilfe des Gastlandkonzepts nicht zuletzt die eigenen Mitglieder, die Buchhandlungen, zu unterstützen, scheint aus Sicht der Buchhändlerinnen und Buchhändler aufzugehen und fördert damit die Bibliodiversität im Hinblick auf den Erhalt eines weitverzweigten Netzes an (unabhängigen) Buchhandlungen. Vertreterinnen und Vertreter deutschsprachiger Verlage bewerten die Gast‐ landauftritte grundsätzlich etwas weniger positiv als die Buchhandlungen. Dies liegt unter anderem daran, dass im Rahmen der Ehrengastauftritte der Fokus in jeder Hinsicht vor allem auf belletristische Übersetzungen gelegt wird, und auch hier teilweise der Eindruck bestehe, dass nur die großen, etablierten Verlage in die Ausstellung im Pavillon, die Delegation der Autorinnen und Autoren und das Veranstaltungsprogramm einbezogen würden. Als besonders positiv erweist sich der jeweilige Ehrengastauftritt demnach für die Verlage, wenn ihre Autorinnen und Autoren Teil der offiziellen Delega‐ tion sind, weil diese dann eine erhöhte Sichtbarkeit auf der Buchmesse und in den Medien haben und möglicherweise Kosten und Organisation der Reisen und Veranstaltungen vom Ehrengast übernommen werden. Wie die untersuchten Beispiele des Susanna Rieder Verlags, des mairisch Verlags und des austernbank Verlags zeigten, gelingt es aber gerade kleineren, unabhängigen Verlagen mit viel Engagement unterschiedliche und teils ungewöhnliche Strategien anzuwenden, um im Zusammenhang der Gastlandauftritte auf der Frankfurter Buchmesse auf sich und ihre Aktivitäten aufmerksam zu machen. Unter französischen Verlagen werden die Ehrengastauftritte als weniger wichtiges Element der Buchmessen angesehen. Gerade Vertreterinnen größerer französischer Verlage zeigten sich allerdings zufrieden mit Francfort en français, sowohl was die Leistung Frankreichs in diesem Zusammenhang betraf als auch die Verstärkung des Lizenzverkaufs, der mit deutschsprachigen Verlagen ohnehin grundsätzlich sehr stark ausgeprägt ist. Nur die Hälfte der befragten Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Frankfurter Buchmesse 2017 aus Frank‐ reich fühlte sich aber bei Francfort en français gut repräsentiert. Teilweise wurde auch hier der Fokus nur auf belletristische Literatur genannt, teilweise gaben 8.2 Zusammenfassung und Ausblick 371 gerade kleinere unabhängige Verlage an, weniger Chancen gehabt zu haben, am Ehrengastauftritt zu partizipieren: Es sei schwierig gewesen, mit den eigenen Autorinnen und Autoren an der offiziellen Delegation sowie am Programm von Francfort en français teilzunehmen. Auch aus Frankreich kam schließlich Kritik nicht an der Wahl, aber an der Umsetzung der Idee, die französische Sprache in den Mittelpunkt des Auftritts zu stellen: Frankophone Literatur und Verlage von außerhalb Frankreichs seien bei der Realisierung zu wenig beachtet worden. Während die Vertreterinnen und Vertreter von Verlagen aus der Schweiz die Schweizer Beteiligung und ihre Integration in das französische Ehrengastpro‐ jekt noch überwiegend positiv beurteilten, gab es aus Belgien häufiger die Kritik, dass nur größere Verlage, die mit den großen französischen Verlagsgruppen verbunden sind, von der Teilnahme profitieren konnten. Verlegerinnen und Verleger aus anderen frankophonen Regionen bewerteten zum Beispiel die Sichtbarkeit des Gemeinschaftsstands von BIEF, OiF und CNL und die Möglich‐ keit ihrer Teilnahme über das spezielle Einladungsprogramm der Frankfurter Buchmesse als sehr gut, aber auch unter ihnen gab es viele Stimmen, die kriti‐ sierten, dass Verlage von außerhalb Frankreichs gar nicht in das französische Ehrengastprojekt eingebunden und nicht im Programm vertreten waren. Diese Perspektive bestätigten auch vertiefende Interviews mit zwei Verlegerinnen aus Tunesien und dem Libanon. Für sie habe der französische Ehrengastauftritt hinsichtlich ihrer internationalen Wahrnehmung und ihre konkrete Arbeit überhaupt keine Rolle gespielt, auch wenn die Wahl des Mottos Francfort en français als „richtig“, „notwendig“ und mit langfristig vorteilhaften Folgen für die Literatur in französischer Sprache auch von außerhalb Frankreichs angesehen wurde. Vor dem Hintergrund, dass in der Wahrnehmung der deutschen wie interna‐ tionalen Öffentlichkeit trotz der Bemühungen, die französische Sprache und frankophone Literatur in den Mittelpunkt zu stellen, Frankreich der Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2017 war, war es die besondere Herausforderung von Beteiligten von außerhalb Frankreichs, die Sichtbarkeit der eigenen Identität, Vielfalt und Eigenheiten der jeweiligen Literatur innerhalb des Ehrengastpro‐ jektes zu transportieren. Die Reaktionen des befragten Publikums auf den Ehrengastauftritt und seinen Pavillon sowie die wenig präsente Diskussion des Themas in den Medien nach Beginn des Ehrengastauftritts lassen Zweifel bestehen, wie nachhaltig es Francfort en français gelungen ist, gerade auch dem allgemeinen deutschen Buchmessepublikum überhaupt ins Bewusstsein zu rufen, dass Literatur in französischer Sprache auch an anderen Orten als in Frankreich und Paris entsteht. 372 8 Nachwirkungen von Francfort en français Bibliodiversität von Übersetzungen frankophoner Literatur auf dem deutschsprachigen Buchmarkt In jedem Fall muss nun langfristig beobachtet werden, ob sich der Ehrengas‐ tauftritt in einer erweiterten angebotenen und tatsächlich konsumierten Bibli‐ odiversität der ins Deutsche übersetzten frankophonen Literatur niederschlägt. Die Untersuchung des Angebots der Übersetzungen zwischen 2007 und 2019 auf Basis der Daten der DNB und in Anlehnung an das Analysemodell von Françoise Benhamou und Stéphanie Peltier (Benhamou und Peltier 2006) im dritten Teil dieser Studie hat erneut bestätigt, wie wichtig es ist, ein mehrdimensionales System für die Beurteilung der Bibliodiversität anzuwenden, um ein differenz‐ ierteres Bild zu erhalten. Französisch hat im Vergleich zu allen anderen Sprachen, aus denen Bücher ins Deutsche übersetzt werden, stets einen relativ hohen und stabilen Anteil an allen auf dem deutschsprachigen Buchmarkt veröffentlichten Übersetzungen. Diese Vielfalt im Hinblick auf die Auswahl konnte zumindest bei den Bellet‐ ristik-Übersetzungen und zumindest kurzfristig durch Francfort en français noch gesteigert werden. Anders sieht es hingegen beim Blick auf die Diversität der Genres der aus dem Französischen übersetzten Werke aus: Deren Auswahl und Gleichgewicht der Verteilung über die Dewey-Hauptsachgruppen hat über den gesamten betrachten Zeitraum und damit auch im Ehrengastjahr 2017 eher leicht abgenommen. Beim anschließenden auf die Belletristik-Übersetzungen gelegten Fokus der Analyse wurde deutlich, dass die Anzahl und damit Auswahl der verschiedenen Autorinnen und Autoren entsprechend der Anzahl der übersetzten Titel leicht schwankt. Es besteht grundsätzlich keine Konzentration bei der Verteilung der übersetzten Werke auf verschiedene Autorinnen und Autoren, wie die durchschnittliche Titelanzahl pro Autorin bzw. pro Autor bestätigt, die in der Vorbereitung von Francfort en français sogar noch ein wenig gesunken ist. Bezüglich des Geschlechts der Autorinnen und Autoren besteht dagegen eine starke Dominanz männlicher Autoren. Ihre Anzahl lag im gesamten Zeitraum deutlich höher als diejenige der Autorinnen, und ihnen wurde auch ein ent‐ sprechender höherer Anteil der Belletristik-Titel zugeordnet. Darauf hatte auch Francfort en français im Vorfeld keinerlei sichtbaren Einfluss. In den Folgejahren zeigte sich zwar ein leichter Anstieg der Beteiligung von Autorinnen bei den Belletristik-Übersetzungen ins Deutsche. Deren Nachhaltigkeit muss jedoch erst noch in einem längeren Zeitraum untersucht werden. Mit Blick auf die Herkunft der Autorinnen und Autoren ist im untersuchten Literaturtransfer eine starke Konzentration auf Autorinnen und Autoren mit französischer Nationalität zu erkennen. Diese hat im zeitlichen Umfeld des fran‐ 8.2 Zusammenfassung und Ausblick 373 zösischen Ehrengastauftritts eher noch zugenommen. Der Fokus von Francfort en français auf Literatur in französischer Sprache hat zumindest im Vorfeld und in der kurzfristigen Folge wohl noch nicht dazu geführt, dass die deutsch‐ sprachigen Verlage sich stärker der Übersetzung und Veröffentlichung von Werken von frankophonen Autorinnen und Autoren von außerhalb Frankreichs zuwenden. Hinsichtlich der Beteiligung von deutschsprachigen Verlagen bei der Publikation von Belletristik-Übersetzungen aus dem Französischen hat der französische Ehrengastauftritt jedoch bewirkt, dass sich die erhöhte Anzahl der Belletristik-Übersetzungen über mehr Verlage verteilten und dabei zu einem geringeren Anteil den 25 größten Publikumsverlagen zugeordnet wurden - somit wurde hier die Bibliodiversität mindestens kurzfristig gestärkt. Auch die Anzahl der beteiligten Verlage, die die jeweiligen französischen Originalwerke veröffentlichten, stieg an. Allerdings zeigte deren geringe Verschiedenheit - nur wenige Verlage von außerhalb des literarischen Zentrums Frankreich und Paris waren beteiligt - deutlich, dass vor den Akteurinnen und Akteuren noch ein langer Weg hin zu einem ausgewogeneren Gleichgewicht im frankophonen literarischen Feld sowie im Engagement deutschsprachiger Verlage für die Vielfalt von Übersetzungen aus dem Französischen liegt. Hinsichtlich der tatsächlich konsumierten Bibliodiversität von Überset‐ zungen aus dem Französischen war es mittels der Untersuchung der Verkaufs‐ zahlen zweier unabhängiger Verlage möglich, die beiden Verlagsprogramme mit den Ergebnissen der Analyse der angebotenen Vielfalt aller Übersetzungen aus dem Französischen auf dem deutschsprachigen Buchmarkt zwischen 2007 und 2018 zu vergleichen und dabei auch den tatsächlichen Konsum dieses Angebots zu betrachten. Darüber hinaus wurden die Platzierungen von Übersetzungen aus dem Französischen auf den deutschen Spiegel-Bestsellerlisten der Jahre 2015 bis 2019 nach den Indikatoren für Bibliodiversität Geschlecht, Nationalität und Verlagszugehörigkeit der Autorinnen und Autoren analysiert. Die beiden Teiluntersuchungen ergaben, dass die Ehrengastauftritte der Frankfurter Buchmesse den tatsächlichen Konsum der angebotenen Vielfalt von Übersetzungen nicht unbedingt positiv beeinflussen. Im Jahr des französi‐ schen Ehrengastauftritts waren zwar insgesamt mehr Übersetzungen aus dem Französischen auf den Spiegel-Bestsellerlisten zu finden, jedoch erreichten 2017 weniger aus dem Französischen übersetzte Werke eine Platzierung unter den Top 10 der meistverkauften Bücher als in anderen Jahren der Untersuchung. Übersetzungen aus dem Französischen, die die beiden untersuchten unabhän‐ gigen Verlage, anlässlich von Francfort en français 2017 veröffentlichten, hatten einen geringeren durchschnittlichen Verkauf als alle aus dem Französischen übersetzten Titel der beiden Verlage im gesamten Zeitraum der Untersuchung. 374 8 Nachwirkungen von Francfort en français Diese Beobachtung wiederholte sich auch für die Auftritte anderer Gastländer der Frankfurter Buchmesse. Die große Konkurrenz der Verlage mit ihren Über‐ setzungen anlässlich der Ehrengastauftritte untereinander führt offensichtlich dazu, dass sich die einzelnen Titel weniger gut verkaufen. Die Untersuchung der Platzierungen von aus dem Französischen übersetzten Werken auf den Spiegel-Bestsellerlisten lässt vermuten, dass die konsumierte Bibliodiversität in mancherlei Hinsicht generell geringer ist als die angebotene. Hinsichtlich des Geschlechts der Autorinnen und Autoren, die mit ihren Werken auf den Spiegel-Bestsellerlisten stehen, gibt es einen direkten Zusammenhang zur Verteilung, wie sie bei allen Belletristik-Übersetzungen aus dem Französi‐ schen festgestellt wurde: Jeweils zwei Drittel sind von männlichen Autoren verfasste Werke. Die Chancen von frankophonen Autorinnen und Autoren, dass ihre Bücher nicht nur ins Deutsche übersetzt werden, sondern auch noch zu Bestsellern werden, sind aber für Autorinnen und Autoren aus anderen frankophonen Gebieten noch einmal niedriger als für diejenigen aus Frankreich. Es zeigte sich auch, dass diejenigen deutschsprachigen Verlage, die zu den 25 umsatzstärksten Publikumsverlage gehören, mehr Erfolg darin haben, ihre Übersetzungen aus dem Französischen auf den Bestsellerlisten zu platzieren. Nicht nur können sie vermutlich die Strategie verfolgen, Übersetzungslizenzen für diejenigen frankophonen Titel einzukaufen, die sich bereits in anderen Buchmärkten als Bestseller erwiesen haben, sondern sie können sich auch erfolgversprechendes Marketing für ihre Bücher leisten. So haben die umsatz‐ stärksten Verlage einen höheren Anteil an den Spiegel-Bestsellerplatzierungen als es ihrem Anteil bei den insgesamt angebotenen Übersetzungen aus dem Französischen entsprechen würde. Die Ergebnisse der drei Analyseteile der Studie konnten ihre Hypothese bestätigen: Sowohl beim Ehrengastprojekt Francfort en français als auch im Transfer frankophoner Literatur auf den deutschsprachigen Buchmarkt do‐ minierten jene Akteurinnen und Akteure, die eine starke Position im fran‐ kophonen literarischen Feld innehaben. Mit Blick auf die Autorinnen und Autoren repräsentierten insbesondere männliche, ältere und aus Frankreich stammende Schriftsteller das Projekt. Bezogen auf beteiligte Verlage bedeutete dies, dass vorrangig in Frankreich und Paris beheimatete und etablierte Verlage, hinter denen oft größere Verlagsgruppen stehen, mit ihren Publikationen sowie Autorinnen und Autoren die Literatur in französischer Sprache bei Francfort en français repräsentierten. Gerade weil sie auch den Transfer frankophoner Literatur ins Deutsche dominieren, waren sie auf der Frankfurter Buchmesse 2017 so stark vertreten. 8.2 Zusammenfassung und Ausblick 375 308 Österreich versuchte mittels des Ehrengastauftritts in Frankfurt 1995 explizit, seine Wahrnehmung im Ausland zu verändern und einen Imagegewinn zu erzielen - nachdem der anstehende Auftritt Anlass für öffentliche Debatten zur nationalen Identität geworden war, vgl. Fischer 1999a. Ausblick: Neue Impulse für die Bibliodiversität nach Francfort en français Die Journalistin der Schweizer Zeitung Le Temps, Lisbeth Koutchoumoff, brachte mit ihrer Einschätzung, dass es bezüglich eines gleichberechtigten Lite‐ raturaustauschs zwischen Frankreich, seinen ehemaligen Kolonien und anderen frankophonen Gebieten „un avant et un après Francfort 2017“ (Koutchoumoff 2017) geben werde, ihre hohen Erwartungen an den französischen Ehrengas‐ tauftritt zum Ausdruck. Zwar kann ein fünftägiger Ehrengastauftritt auf der Frankfurter Buchmesse nicht alles verändern und jahrzehntealte (Macht-)Struk‐ turen aufbrechen, aber es besteht Hoffnung, dass Francfort en français das Bewusstsein der politisch Verantwortlichen und der Akteurinnen und Akteure der Buchbranche für die Probleme im frankophonen literarischen Feld gestärkt und für die Bibliodiversität etwas bewegt hat. Wie Ernst Fischer feststellte, kann ein Ehrengastauftritt auf der Frankfurter Buchmesse „nicht nur zum Schauplatz nationalen Selfmarketings [werden], sondern mitunter auch zum Katalysator ernsthafter nationaler Selbstfindungs‐ prozesse“ (Fischer 1999a, 161-62). 308 Mit dem Besuch des französischen Staats‐ präsidenten Emmanuel Macron auf der Frankfurter Buchmesse 2017 und seiner Ankündigung einer neuen Strategie für die französische Sprache und der États généraux du livre en langue française dans le monde kann Francfort en français dazu beigetragen haben, neue „Selbstfindungsprozesse“ im Selbstverständnis der Außenkulturpolitik Frankreichs im Umgang mit der Frankophonie und der Idee der littérature-monde en français anzustoßen. Die während der États généraux erarbeiteten Empfehlungen richten sich einerseits an die in der Politik Verantwortlichen der frankophonen Länder, eine geeignete Buchpolitik für einen verbesserten und weniger asymmetrischen Austausch zwischen den Buchbranchen in der Frankophonie zu schaffen. Die an den États généraux beteiligten Akteurinnen und Akteure forderten außerdem staatliche Leseförderung für Kinder und Jugendliche, eine entspre‐ chende Bildungspolitik, die Förderung lokaler Autorinnen und Autoren sowie die Öffnung der Buchmärkte, insbesondere des französischen Buchmarkts für alle frankophonen Akteurinnen und Akteure des Verlagswesens und Vertriebs‐ unternehmen. Andererseits sind auch das Bewusstsein und Engagement der einzelnen Akteurinnen und Akteure gefragt, einen Austausch auf Augenhöhe zwischen den Verlagen in verschiedenen frankophonen Ländern zu fördern und die 376 8 Nachwirkungen von Francfort en français Buchbranchen besser zu vernetzen - etwa durch verstärkte Netzwerke zur Weiterbildung, Austausch über Innovationen und Möglichkeiten digitalen Pub‐ lizierens sowie vermehrte Partnerschaften für Koeditionen und Lizenzvergaben. Die Forderung insbesondere an französische Verlage nach mehr Bemühungen um Lizenzvergaben vom Französischen ins Französische als Ergebnis der États généraux ist ein Thema, das auch bereits am Rande des Auftritts Francfort en français zwischen frankophonen Verlegerinnen und Verlegern von außerhalb Frankreichs diskutiert wurde (vgl. Rhein 2018), um auf die asymmetrischen Machtbeziehungen zugunsten französischer Verlage im frankophonen literari‐ schen Feld aufmerksam zu machen. Wie Beiträge in Le Monde und The Guardian zeigen, entwickelt sich in dieser Hinsicht unter frankophonen afrikanischen Autorinnen und Autoren eine neue Haltung und ein neues Selbstbewusstsein gegenüber französischen Verlagen (vgl. Le Monde Afrique 2019 und Snaije 2020): Sie fordern mittlerweile immer erfolgreicher ein, dass sie die Rechte für Territorien auf dem afrikanischen Kontinent behalten können, um ihre Werke, teils mittels Koeditionen, auch ihren lokalen Leserinnen und Lesern in lokal produzierten, erschwinglichen Ausgaben zugänglich machen zu können. Gerade dabei forderte der Literaturagent Pierre Astier im Zusammenhang mit den in der Folge der Veröffentlichung eines offenen Briefs des kongolesischen Schriftstellers Alain Mabanckou an Staatspräsident Emmanuel Macron ent‐ brannten Diskussionen in französischen Medien mehr Kooperationsbereitschaft der französischen Verlage. Die Beiträge von frankophonen Autorinnen und Au‐ toren und Vertreterinnen aus der Buchbranche zu dieser Diskussion ebenso wie die États généraux unterstreichen die Forderung, dass zwar die Politik geeignete Rahmenbedingungen schaffen müsse, es aber ebenso Aufgabe der Akteurinnen und Akteure ist, den Austausch auf Augenhöhe zwischen den Buchbranchen verschiedener frankophoner Länder und damit die Bibliodiversität fördern. Wie die vorliegende Studie zeigen konnte, sind bei der Untersuchung des Zustands der Bibliodiversität nicht nur bei einem spezifischen Ereignis wie dem französischen Ehrengastauftritt Francfort en français auf der Frankfurter Buch‐ messe 2017, sondern auch im Hinblick auf die Bewertung der Bibliodiversität im Allgemeinen jeweils mehrere Dimensionen und verschiedene Indikatoren zu berücksichtigen. Zur Förderung der Bibliodiversität braucht es daher auch ein ganzes Instrumentarium, um eine größtmögliche Vielfalt in allen Stufen des Entstehungs- und Verbreitungsprozesses von Literatur, das heißt sowohl bei der angebotenen als auch der tatsächlich konsumierten Vielfalt, zu erreichen. Dieses reicht von der Förderung von Autorinnen und Autoren über die Unterstützung von Verlagen und konkreten Publikationsprojekten wie Übersetzungen bis hin zur Leseförderung. 8.2 Zusammenfassung und Ausblick 377 Um geeignete Fördermaßnahmen für die Bibliodiversität zu entwickeln, wird weiterführende grundlegende Forschung benötigt. So hat etwa die Studie festgestellt, dass bei der Repräsentation von weiblichen Autorinnen und männ‐ lichen Autoren im Ehrengastprojekt Francfort en français sowie im Literatur‐ transfer frankophoner Literatur auf den deutschsprachigen Buchmarkt ein Ungleichgewicht vorliegt, das auf eine strukturelle Voreingenommenheit des Literaturbetriebs hinweist, wie auch diverse andere Studien zu Geschlechterver‐ hältnissen im Literaturbetrieb ergaben (vgl. #Frauenzählen 2018). Ein Vergleich zum tatsächlichen Publikationsaufkommen für das frankophone im ersten bzw. das deutschsprachige Verlagswesen im zweiten Fall war jedoch nicht möglich, da entsprechende Daten bisher nicht vorliegen. Die Frankfurter Buchmesse mit ihrem Ehrengastkonzept versteht sich als Spiegel gesellschaftlicher Diskussionen mit politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Aspekten. Aber auch das Büchermachen an sich ist ein „microcosme de la société dont elle [l’édition] fait partie, reflétant ses grandes tendances et façonnant dans une certaine mésure ses idées, ce qui fait son intérêt“ (Schiffrin 1999, 7). Fragen nach der Bibliodiversität betreffen daher auch immer die Gesellschaft an sich, und wie sehr diese bereit ist, ihre Vielfalt und Gleichberechtigung voranzubringen. 378 8 Nachwirkungen von Francfort en français Literaturverzeichnis i. Forschungsliteratur Alex, Heidrun. 2018. „Die Dewey-Dezimalklassifikation (DDC).“ In Klassifikationen in Bibliotheken, hrsg. von Heidrun Alex, Guido Bee und Ulrike Junger, 65-110. Berlin/ Boston: De Gruyter Saur. Allen, Esther, Hrsg. 2007a. Übersetzt werden oder nicht: Bericht des PEN / IRL über die internationale Lage der Literaturübersetzung. Barcelona: Institut Ramon LLull. Allen, Esther. 2007b. „Übersetzung, Globalisierung und Englisch.“ In Allen 2007a, 17-35. 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