Latinisierende Syntax im Französischen des 16. Jahrhunderts
Der Accusativus cum Infinitivo in Jean Calvins Institution de la religion chrestienne und zeitgenössischen Texten
0825
2025
978-3-381-10772-8
978-3-381-10771-1
Gunter Narr Verlag
Sebastian Ortner
10.24053/9783381107728
Kaum eine Konstruktion steht so emblematisch für die klassisch-lateinische Syntax wie der Accusativus cum Infinitivo (AcI). Sebastian Ortner untersucht anhand eines digitalen Korpus lateinisch-französischer Paralleltexte, wie dieser gelehrte Latinismus die Entwicklung der französischen Schriftsprache im 16. Jahrhundert, im Zeitalter des Humanismus und der Reformation, prägt.
Im Zentrum steht Jean Calvins mehrfach überarbeitetes Hauptwerk, die lateinisch-französische Selbstübersetzung Institution de la religion chrestienne (1539/1541-1559/1560). In einer formalen, funktionalen und soziohistorischen Perspektive erweitert die Monographie unser Verständnis syntaktischer Latinismen. Die Analyse zeigt, wie Calvin und seine Zeitgenossen Rabelais und Montaigne den AcI präzise adaptierten und damit über eine bloße Imitation der prestigeträchtigen Kultursprache hinausgingen.
9783381107728/9783381107728.pdf
<?page no="0"?> Sebastian Ortner Latinisierende Syntax im Französischen des 16. Jahrhunderts Der Accusativus cum Infinitivo in Jean Calvins Institution de la religion chrestienne und zeitgenössischen Texten <?page no="1"?> Latinisierende Syntax im Französischen des 16. Jahrhunderts <?page no="2"?> Studia philologica Monacensia Edunt Andreas Dufter et Bernhard Teuber Volumen 26 · 2025 Comité scientifique - Advisory Board - Wissenschaftlicher Beirat Lina Bolzoni (Scuola Normale Superiore di Pisa) Anthony Cascardi (University of California at Berkeley) Pedro Cátedra (Universidad de Salamanca) Victoria Cirlot (Universitat Pompeu Fabra, Barcelona) Marie-Luce Démonet (Université François Rabelais, CESR, Tours) Carlos Garatea Grau (Pontificia Universidad Católica del Perú, Lima) Barbara Kuhn (Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt) Frank Lestringant (Université Paris-Sorbonne) María Jesús Mancho Duque (Universidad de Salamanca) Wolfgang Matzat (Eberhard-Karls-Universität Tübingen) Paulo de Sousa Aguiar de Medeiros (University of Warwick) Wolfram Nitsch (Universität zu Köln) Uli Reich (Freie Universität Berlin) Maria Selig (Universität Regensburg) Elisabeth Stark (Universität Zürich) Collegium consultorum <?page no="3"?> Sebastian Ortner Latinisierende Syntax im Französischen des 16. Jahrhunderts Der Accusativus cum Infinitivo in Jean Calvins Institution de la religion chrestienne und zeitgenössischen Texten <?page no="4"?> Die vorliegende Arbeit wurde im Wintersemester 2022/ 2023 von der Fakultät für Sprach- und Literaturwissenschaften der Ludwig-Maximilians-Universität München als Dissertation angenommen. Gedruckt mit Unterstützung der Graduate School Language & Literature Munich. DOI: https: / / doi.org/ 10.24053/ 9783381107728 © 2025 · Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Alle Informationen in diesem Buch wurden mit großer Sorgfalt erstellt. Fehler können dennoch nicht völlig ausgeschlossen werden. Weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen übernehmen deshalb eine Gewährleistung für die Korrektheit des Inhaltes und haften nicht für fehlerhafte Angaben und deren Folgen. Diese Publikation enthält gegebenenfalls Links zu externen Inhalten Dritter, auf die weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen Einfluss haben. Für die Inhalte der verlinkten Seiten sind stets die jeweiligen Anbieter oder Betreibenden der Seiten verantwortlich. Internet: www.narr.de eMail: info@narr.de Druck: Elanders Waiblingen GmbH ISSN 2365-3094 ISBN 978-3-381-10771-1 (Print) ISBN 978-3-381-10772-8 (ePDF) ISBN 978-3-381-10773-5 (ePub) Umschlagabbildung: Jean Calvin im Alter von 53 Jahren. Gravur von René Boyvin. Foto: LWL-Museum für Kunst und Kultur, Westfälisches Landesmuseum, Münster. Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http: / / dnb.dnb.de abrufbar. <?page no="5"?> Vorwort Die vorliegende Studie ist eine überarbeitete und gekürzte Fassung meiner im Wintersemester 2022/ 2023 an der Ludwig-Maximilians-Universität München angenommenen Inaugural-Dissertation. Die letzte am Romanischen Seminar der LMU München angefertigte sprachwissenschaftliche Promotionsschrift zu Jean Calvin wurde 1922 von Josef Bachofner auf Anraten von Professor Karl Voßler mit dem Titel Satzverbindung bei Calvin verfasst. Auch meine Arbeit verdankt ihren Ausgangsimpuls dem wissenschaftlichen Interesse des heutigen Lehrstuhlinhabers. Professor Andreas Dufter gilt daher mein größter Dank für die Anregung zur Untersuchung syntaktischer Latinisierung im 16. Jahrhundert. Ohne seine wegbereitenden Schritte und seine Unterstützung als mein Doktorvater wäre dieses Projekt in dieser Form nicht zustande gekommen. Zu besonderem Dank bin ich außerdem meiner Zweitbetreuerin, Professorin Maria Selig (Universität Regensburg), verpflichtet. Bereits frühzeitig, im Rahmen des ANR/ DFG-Projektes Le passage du latin à l’ancien français (PaLaFra), zeigte sie mir auf, dass es sich lohnt, den diachronen und sprachübergreifenden Zusammenhang nie aus den Augen zu verlieren. Professor Ulrich Detges (1958-2021) war mir seit der ersten Stunde meines Studiums an der LMU München, in der Einführungsvorlesung in die Romanische Sprachwissenschaft, ein hervorragender Lehrer. Auch ihm verdankt die vorliegende Studie wesentliche Anregungen. Professor Olav Hackstein danke ich ebenfalls sehr für seine wertvollen Beiträge zur Dissertation sowie für seine Mitwirkung bei der Disputation. Meinen Kolleginnen und Kollegen des Instituts für Romanische Philologie danke ich ebenfalls sehr herzlich. Die regelmäßigen Gespräche und konstruktiven Rückmeldungen in unserem wöchentlichen Oberseminar waren für den Fortschritt meiner Arbeit von großem Wert. Der wissenschaftliche Austausch in mehreren Oberseminaren außerhalb von München, u. a. in Berlin, Erlangen, Regensburg, Stuttgart und Tübingen, hat mein Dissertationsprojekt in wichtigen Punkten bereichert. Für die dort erhaltenen Impulse und Rückmeldungen danke ich den beteiligten Kolleginnen und Kollegen sehr. Die intensiven Diskussionen über Calvins AcI-Konstruktionen mit Elisabeth Reichle (Universität Regensburg/ Leipzig) haben meine Perspektive auf die Korpusauswertung entscheidend geprägt, sodass die Arbeit ohne ihre wertvollen Anmerkungen nicht in ihrer vorliegenden Form entstanden wäre. Für wichtige <?page no="6"?> vi Hinweise zu Teilen meines Manuskripts danke ich außerdem Jochen Hafner, Patricia de Crignis, Maximilian Schmerbeck und Katharina Günther. Für ihre Freundschaft während dieser langen Phase meiner wissenschaftlichen Untersuchung danke ich herzlichst Andreas, Elisabeth, Katharina, Martin, Roland und Maximilian. Schließlich gilt mein größter Dank meiner Familie - insbesondere Claudia, die mich in all meinen Zielen bestärkt hat, sowie meinen Großeltern und Jörg für ihre stetige Unterstützung. Ich möchte zudem Prof.es Andreas Dufter und Bernhard Teuber für die freundliche Aufnahme in die Reihe Orbis Romanicus danken. Mein Dank gilt ebenso Kathrin Heyng vom Narr Verlag für die hervorragende Kommunikation und Unterstützung während des gesamten Veröffentlichungsprozesses. Dem LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster danke ich für die großzügige Bereitstellung der Bildrechte zu Calvins Profilansicht, einem Kupferstich von René Boyvin (entstanden um 1562), für das Cover dieser Publikation. Der Class of Language des strukturierten Promotionsprogramms der Graduate School Language & Literature an der LMU München danke ich für die finanzielle Förderung von Tagungsreisen sowie der Drucklegung dieser Publikation. München, im Juni 2025 <?page no="7"?> Inhalt 1 Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 1.1 Gegenstand der Studie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 1.2 Fragestellung und Vorgehensweise der Studie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 1.3 Forschungsüberblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10 1.4 Aufbau der Arbeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 1.5 Lesehinweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18 2 Syntaktische Latinisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19 2.1 Das Französische im 16. Jahrhundert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20 2.1.1 Sprachgeschichtliche Einordnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20 2.1.2 Intensiver und extensiver Ausbau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22 2.2 Syntaktischer Transfer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25 2.2.1 Sprachkontakt, -wandel und Interferenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25 2.2.2 Das Konzept borrowing . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26 2.2.3 Transfer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28 2.2.4 Einflussfaktoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30 2.2.5 Positionierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32 2.3 Stil, Register und Norm . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33 2.3.1 Stil im 16. Jahrhundert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34 2.3.2 Einordnung latinisierenden Stils . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37 2.3.3 Abgrenzung ‘Stil’ zu ‘Register’ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40 2.3.4 Stil und das Verhältnis zur Norm . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41 2.4 Terminologie, Anwendungsbereich und Typen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45 2.4.1 Prestigesprache Latein und ihre Auswirkungen . . . . . . . . . . . . 46 2.4.2 Der Begriff der (Re-)Latinisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56 2.4.3 Konzept der Latinisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58 2.4.4 Identifizierung syntaktischer Latinismen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66 2.4.5 Anwendungsbereiche syntaktischer Latinisierung . . . . . . . . . 69 2.4.6 Typen syntaktischer Latinismen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71 2.5 (Selbst-)Übersetzung und der Grad der Latinisierung . . . . . . . . . . . . . . . 74 2.5.1 Einfluss und Grenzen der Übersetzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75 2.5.2 Selbstübersetzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79 2.5.3 Übersetzungsprinzipien im 16. Jahrhundert . . . . . . . . . . . . . . . . . 82 <?page no="8"?> viii Inhalt 3 Die Sprachkompetenz Jean Calvins . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89 3.1 Stationen in Calvins Biographie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89 3.1.1 Noyon und der Wechsel nach Paris . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90 3.1.2 Rechtsstudium in Orléans und Bourges . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94 3.1.3 Kommentar zu Senecas De clementia . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96 3.1.4 Genf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101 3.2 Calvins Arbeit an der Institution . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111 3.2.1 Theologische Texte in der Übersetzungspraxis des 16. Jahrhunderts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112 3.2.2 Thesen zu Latinisierung und Stil der Institution . . . . . . . . . . . . 119 3.2.3 Zielleserschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128 4 Grammatik und Gebrauch des Accusativus cum Infinitivo . . . . . . . . . . . . . . . . . 133 4.1 Grammatikalische Grundlagen des lateinischen AcI . . . . . . . . . . . . . . . . . 134 4.1.1 Übergeordneter Satz: regierendes Verb (V 1 ) . . . . . . . . . . . . . . . . . 134 4.1.1.1 Traditionelle Perspektive auf das V 1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134 4.1.1.2 ‘Eigentlicher’ und ‘uneigentlicher’ AcI . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137 4.1.2 Die Rolle des AcI in einem funktional-semantischen Ansatz 143 4.1.2.1 Einfluss der Semantik des V 1 (Cuzzolin 1994) . . . . . . . . . . . . 143 4.1.2.2 Conceptual Approach (Cristofaro 2005) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145 4.1.2.3 Complementation Scale (Givón 2001, Noonan 2007) und Semantic Integration Scale (Cristofaro 2005) . . . . . . . . . . . . . . 147 4.1.3 Untergeordneter Satz: Accusativus cum Infinitivo (S 2 / V 2 ) . 152 4.1.3.1 Koreferentielle und ausgelassene Subjektsakkusative (S 2 ) 152 4.1.3.2 Infinitiv des AcI (V 2 ) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156 4.1.3.3 Accusativus cum Participio (AcP) und Nominativus cum Infinitivo (NcI) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 158 4.2 Grammatikalische Charakteristika des französischen AcI . . . . . . . . . . 160 4.2.1 Regierendes Verb (V 1 ) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 160 4.2.1.1 Einteilung der Verbklassen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 160 4.2.1.2 Semantik des regierenden Verbs (V 1 ). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 162 4.2.1.3 Syntaktische Abhängigkeit des AcI vom Prädikat . . . . . . . 170 4.2.2 Subjekt zum Infinitiv (S 2 ) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 174 4.2.2.1 Terminologie und Identifizierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 174 4.2.2.2 Koreferentialität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175 4.2.2.3 Relativpronomen in der Funktion des S 2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 178 4.2.3 Infinitiv (V 2 ) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 180 4.2.3.1 Tempus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 180 4.2.3.2 Diathese . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 182 4.2.3.3 Die Rolle der Kopula als V 2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 182 <?page no="9"?> Inhalt ix 4.3 Mittelalterlicher und frühneuzeitlicher AcI im Latein . . . . . . . . . . . . . . . 184 4.3.1 Das Verhältnis des lt. AcI zu quod -Sätzen im Mittelalter . . 185 4.3.2 Der AcI im humanistischen Latein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 187 4.4 ‘Ererbter’ und ‘gelehrter’ AcI im Französischen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 190 4.4.1 Traditionelle Unterscheidung nach Verbklassen . . . . . . . . . . . . 191 4.4.2 Abgrenzung des ‘ererbten’ Typus vom ‘gelehrten’ Typus . 194 4.4.3 ‘Gelehrter’ Typus im Altfranzösischen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 197 4.4.4 ‘Gelehrter’ AcI im Mittelfranzösischen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 200 4.4.5 ‘Gelehrter’ Typus des AcI im 16. Jahrhundert . . . . . . . . . . . . . . . 204 4.5 Parallelentwicklungen in anderen Sprachen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 208 5 Empirische Aufbereitung des Textkorpus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 215 5.1 Jean Calvin: Institution de la religion chrestienne (1541-1560) . . . . . . 216 5.1.1 Überblick über Calvins publizierte und übersetzte Ausgaben 216 5.1.2 Auswahl der Drucke und Editionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 221 5.2 Weitere Texte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 227 5.2.1 Jean Calvin: Briefkorrespondenzen und Predigten . . . . . . . . . 228 5.2.2 Jean Calvin: Traktate . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 231 5.2.3 Michel de Montaigne: Essais (1572-1592) und François Rabelais: Pantagruel (1532-1564) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 232 5.3 Digitale Aufbereitung der Daten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 235 5.3.1 Textaufbereitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 235 5.3.2 Digitaler Paralleltext der Institution . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237 5.3.3 Digitales Untersuchungskorpus der AcI-Konstruktionen . 239 5.4 Kriterien und Verfahren zur Untersuchung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 242 5.4.1 Analysekategorien und Subkorpora in der Institution . . . . . 242 5.4.2 Annotationskriterien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 244 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 247 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 247 6.1.1 Der lateinische AcI in der Übersetzungsgrundlage . . . . . . . . . 248 6.1.2 Quantitative Ergebnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 252 6.1.2.1 Vergleich: LT1539/ FR1541 und LT1559/ FR1560 . . . . . . . . . . . 252 6.1.2.2 Mittlere Verwendungshäufigkeit des AcI . . . . . . . . . . . . . . . . . . 257 6.1.2.3 Distribution des AcI in FR1541 und FR1560 . . . . . . . . . . . . . . . 258 6.1.3 Regierendes Verb (V 1 ) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 260 6.1.3.1 Ergebnisse der quantitativen Auswertung . . . . . . . . . . . . . . . . 261 6.1.3.2 Verben des Sagens/ Erklärens ( verba dicendi/ declarandi ) 265 6.1.3.3 Verben des Denkens ( verba cogitandi ). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 286 6.1.3.4 Verben des Meinens ( verba sentiendi ) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 293 6.1.3.5 Verben des Erkennens/ Verstehens ( verba intellegendi ) . . 309 <?page no="10"?> x Inhalt 6.1.3.6 Verben der physischen Wahrnehmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 327 6.1.3.7 Verben der Gefühlsverfassung ( verba affectuum ). . . . . . . . . 330 6.1.3.8 Unpersönliche Verben ( verba impersonalia ) . . . . . . . . . . . . . . . 330 6.1.3.9 Verben des Wollens ( verba voluntatis ) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 331 6.1.3.10 Verben des Zulassens/ Veranlassens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 336 6.1.3.11 Morphosyntaktische Eigenschaften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 339 6.1.3.12 Subjekt des regierenden Verbs (S 1 ) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 341 6.1.4 Subjektsakkusativ (S 2 ) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 342 6.1.4.1 Quantitative Ergebnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 343 6.1.4.2 Lexikalische Subjekte des Infinitivs (NP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 348 6.1.4.3 Anaphorische und kataphorische S 2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 355 6.1.4.4 Objektklitika . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 360 6.1.4.5 Reflexiva . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 362 6.1.4.6 Demonstrativa . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 370 6.1.5 Infinitiv des AcI (V 2 ) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 374 6.1.5.1 Ergebnisse der quantitativen Auswertung . . . . . . . . . . . . . . . . 374 6.1.5.2 Tempus (Vor- und Gleichzeitigkeit) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 378 6.1.5.3 Infinitiv Passiv . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 380 6.1.5.4 Negation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 383 6.1.5.5 V 2 ̸= estre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 384 6.1.5.6 V 2 = estre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 386 6.1.6 Verwandte Konstruktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 389 6.1.6.1 Doppelter Akkusativ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 389 6.1.6.2 Nominativus cum Infinitivo (NcI) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 392 6.1.7 Autolatinismus: französischer AcI ohne lateinisches Modell 396 6.1.8 Syntaktische Position des AcI . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 399 6.1.8.1 Interne Position: Stellung der Konstituenten . . . . . . . . . . . . . 399 6.1.8.2 Position des V 1 +AcI im Haupt- und Nebensatz . . . . . . . . . . 400 6.1.8.3 Position des AcI im Text . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 401 6.1.8.4 Bibelstellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 402 6.1.9 Zentrale Resultate aus der Institution . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 403 6.1.9.1 Ergebnisse zum V 1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 403 6.1.9.2 Ergebnisse zum S 2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 406 6.1.9.3 Ergebnisse zum V 2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 410 6.1.9.4 Weitere Auffälligkeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 413 6.2 Abgleich mit weiteren Texten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 415 6.2.1 Briefe, Predigten und Traktate Calvins . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 415 6.2.1.1 Advertissement contre l’astrologie (1549) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 415 6.2.1.2 Des scandales (1550) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 416 6.2.1.3 Sermons (1558) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 418 6.2.1.4 Lettres à Monsieur et Madame de Falais (1543-1554) . . . . . 420 <?page no="11"?> Inhalt xi 6.2.2 Texte zeitgenössischer Autoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 421 6.2.2.1 Rabelais: Pantagruel (1532/ 1542) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 421 6.2.2.2 Rabelais: Le Quart Livre (1552) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 422 6.2.2.3 Montaigne: Essais (Buch 3, 1592) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 426 6.3 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 428 6.3.1 Häufigkeit des AcI . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 428 6.3.2 Zusammenfassende Beobachtungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 432 7 Diskussion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 435 7.1 Funktionsweise der gelehrten Form des AcI . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 435 7.1.1 V 1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 435 7.1.2 S 2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 441 7.1.3 V 2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 448 7.1.4 Gesamtzusammenhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 452 7.2 Einordnung der latinisierenden AcI-Konstruktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 457 7.2.1 Verortung des AcI in Sprachkontaktsituationen . . . . . . . . . . . . 457 7.2.2 Latinisierender oder modernisierender Sprachgebrauch . . 462 7.2.3 Der AcI im Französischen des 16. Jahrhunderts . . . . . . . . . . . . . 466 7.2.4 Ausblick auf die Entwicklung ab dem 17. Jahrhundert . . . . 473 8 Schlussbetrachtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 477 Bibliographie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 487 1 Korpus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 487 2 Wörterbücher . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 488 3 Grammatiken des Französischen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 488 4 Grammatiken des Lateinischen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 489 5 Kartenmaterial. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 490 6 Software . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 491 7 Datenbanken und Online-Repositorien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 491 8 Primärliteratur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 491 9 Sekundärliteratur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 496 Abkürzungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 533 Abbildungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 535 Tabellenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 537 Register . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 539 <?page no="13"?> 1 Einführung 1.1 Gegenstand der Studie Das 16. Jahrhundert gilt als Phase eines stark beschleunigten Sprachwandels, der in Schüben verläuft und den Übergang vom Mittelfranzösischen hin zum modernen Französischen markiert. Das späte Mittelfranzösische, frühe Neufranzösische, Französische der Renaissance oder auch français préclassique muss sich einerseits gegenüber dem starken Einfluss des auf das Klassische Latein (KL) rekurrierenden Humanismus behaupten, drängt andererseits aber immer mehr in die bislang dem Latein vorbehaltenen Domänen ein. 1 Das 16. Jahrhundert darf für das Französische als Hochphase des gelehrten, humanistischen Spracheinflusses gelten. Es handelt sich um eine Sprachkontaktsituation, die sich vor allem in distanzsprachlichen Texten manifestiert - häufig in Form von Übersetzungen bzw. Selbstübersetzungen aus dem KL, das seit der Antike den Schriftbereich dominierte, oder aus dem humanistischen Latein. Zahlreiche Gelehrte dieser Epoche beherrschen Latein derart gut, dass sie geradezu als bilingual gelten dürfen. So ist es nicht abwegig, die Zweitsprache Latein für einige humanistische Autoren, wie den Reformator Jean Calvin (*1509- † 1564), auch als eine Art „Vatersprache“ (lt. sermo patrius , Pörnbacher 2018) zu betrachten. 2 Die Auseinandersetzung mit Texten dieser Zeit offenbart eine kontinuierliche Spannung im Wechsel zwischen romanischen grammatischen Strukturen und aus dem Latein entlehnten Konstruktionen, den Latinismen. Diese Spannung hat in der linguistischen Forschung immer wieder zu der Kritik geführt, humanistischen Autoren mangelndes Sprachgefühl und eine zu starke Fokussierung auf die Implementierung lateinischer Strukturen in der Zielsprache zu Ungunsten der Vernakularsprachen vorzuwerfen. Es gilt also unvoreingenommen zu prüfen, wie stark diese Eingriffe im Französischen tatsächlich ausfallen, und gleichzeitig zu beurteilen, ob durch den Einsatz eines Latinismus die Sprache im Einzelfall stilistisch auf- oder abgewertet wird. 1 Vgl. Kap. 2.1.1 sowie Eckert (1990) zum Epochenbegriff und der nicht unumstrittenen Bezeichnung des Französischen dieser sprachgeschichtlichen Entwicklungsstufe. 2 Der Begriff der Vatersprache wird in einem Aufsatz des Schweizer Historikers Wolfram von den Steinen (1957: 1-4) eingeführt. Er bezieht sich mit dem Terminus explizit auf das Mittellateinische und grenzt den Zustand des sermo patrius , insbesondere in der Mündlichkeit, von der späteren Praxis der Humanisten ab. Mit Pörnbacher (2018: 266) lässt sich stärker das Erlernen des Lateins als Zweitsprache betonen und damit auch auf humanistische Autoren anwenden. <?page no="14"?> 2 1 Einführung Die Beobachtung latinisierenden Einflusses auf die französische Syntax im 16. Jahrhundert ist also kein Novum. Im Gegenteil kommt kaum eine ältere wie auch neuere sprachgeschichtliche Darstellung des Französischen ohne einen Hinweis hierauf und auf die besonders starke Präsenz dieser syntaktischen Latinismen bei humanistisch geprägten Autoren aus. Doch gelang es gleichzeitig seit den anfänglichen Bemerkungen der Sprachwissenschaft im 19. Jahrhundert nicht, diesen spezifischen Einfluss der Prestigesprache Latein in einer umfassenden Analyse quantitativ zu belegen. Ansätze zur Differenzierung verschiedener syntaktischer Latinismen liegen zwar vor, doch sie lassen den konkreten Effekt der Übersetzungspraxis weitgehend unberücksichtigt und die unterschiedlichen Subtypen eines Latinismus in Texten eines einzelnen Autors oder auch mehrerer Autoren im Vergleich bleiben nur vage beschrieben. Die vorliegende Studie zielt daher darauf ab, diesen Zusammenhang sowohl in qualitativer als auch quantitativer Hinsicht zu erhellen und eine Basis für künftige Studien in diesem Forschungsbereich zu schaffen. Müsste sodann eine syntaktische Konstruktion benannt werden, die charakteristisch und prägnant dem Klassischen Latein zugeordnet werden kann, wäre es sicherlich die Subordinationsform des Accusativus cum Infinitivo (AcI), welcher neben Partizipialkonstruktionen und anderen sprachlichen Phänomenen als gelehrter Latinismus unter dem Einfluss humanistischer Strömungen in die sich im Ausbau befindlichen europäischen Volkssprachen im 15. und 16. Jahrhundert verstärkt übertragen wird. Der Verlust der Akkusativmarkierung bei den französischen Substantiven im AcI qualifiziert diese Konstruktion in ihrer Übertragung aus dem Klassischen Latein besonders zur Untersuchung, da so die syntaktischen und semantischen Besonderheiten sowie Dynamiken solcher schriftsprachlichen Sprachkontaktprozesse stärker verdeutlicht werden können, als bei weniger komplexen Konstruktionen. Der AcI ist eine lateinische Satzstruktur mit unterordnendem Charakter, die mindestens aus einem Prädikat im Hauptsatz sowie einem nachfolgenden Infinitiv und dazugehörigem Subjektsakkusativ besteht. Ein Minimalbeispiel hierfür lautet in (1): (1) Dico prs-1sg sage-ich Marcum akk Markus venire. inf kommen ‘Ich sage, dass Markus kommt.’ Sie steht im Klassischen Latein regelmäßig mit Prädikaten bestimmter Verbklassen (z. B. verba dicendi, sentiendi, intellegendi etc.). Im Spätlatein steht der AcI in stärkerer Konkurrenz zu der unterordnenden Konjunktion quod , sodass sich die <?page no="15"?> 1.1 Gegenstand der Studie 3 Zahl der Okkurrenzen verringert, aber die Konstruktion weiterhin frequent bleibt. Der in der Renaissance aufkommende Humanismus knüpft, v. a. mit Lorenzo Valla, am klassisch-lateinischen Sprachzustand an, sodass auch der AcI wieder an Bedeutung gewinnt. Der AcI avanciert dadurch zu einer prestigeträchtigen Konstruktion, die zentrale Eigenschaften der klassisch-lateinischen Sprache reflektiert und die grundsätzlich, aber auch im Unterschied zu Objektsätzen mit quod , eine inhaltliche Verdichtung bei geringem Umfang erlaubt. Mancherorts wird sie daher für ihre Klarheit und ihr „Streben nach Deutlichkeit“ (Hofmann/ Szantyr 2 1972: 355) als Vehikel der humanistischen Ideen hervorgehoben. Der AcI, so wie er im KL gebraucht wird, ist als gelehrter Latinismus im Französischen des 16. Jahrhunderts anzutreffen. Ein weiteres Minimalbeispiel ist daher in (2a): (2) a. (*)Je 1sg ich dis prs sage Marie nomen Marie venir. inf kommen ‘Ich sage, dass Marie kommt.’ b. Je 1sg ich dis prs sage que konj dass Marie nomen Marie vient. prs-3sg kommt Die Konstruktion ist im modernen Französisch ungrammatisch und ausschließlich der Objektsatz mit que richtig (vgl. 2b). Im Mittelfranzösischen und Französischen des 16. Jahrhunderts ist hingegen eine ansteigende Frequenz der gelehrten AcI-Konstruktion belegt, bevor sie ab dem 17. Jahrhundert sukzessive in ihrer Verwendung reduziert wird. Auffällig ist in der Übertragung des Latinismus, dass die Akkusativendung des lt. Nomens im Französischen nicht fortgeführt wird und so die Konstruktion aufgrund ihrer Satzstellung und syntaktisch-funktionalen Relation zum regierenden Verb im Matrixsatz bewertet werden muss. Der syntaktische Status wurde in der Forschung vielfach diskutiert und bringt eine kritische Reflexion des Begriffs Akkusativ mit Infinitiv mit sich. Aufgrund der klassisch-lateinischen Wurzeln und des humanistischen Diskurses ist es weithin gerechtfertigt, den Terminus zu verwenden, es sollte aber auch der (scheinbar) neutralere französische Begriff der proposition infinitive beachtet werden, der jedoch zu missverständlichen Verwendungen mit anderen Arten des Infinitivsatzes führen kann. 3 Daher verwende ich im Folgenden weiterhin den Begriff des Accusativus cum Infinitivo bzw. AcI, um in einer sprachhistorischen Perspektive zu signalisieren, dass unabhängig vom Grad des gelehrten Einflusses der Ursprung im Latein liegt. 3 Vgl. Riegel/ Pellat/ Rioul ( 6 2016: 832-833) zur proposition infinitive im modernen Französisch. <?page no="16"?> 4 1 Einführung Die Identifizierung des latinisierenden AcI wird jedoch auch durch die Präsenz einer an der Oberfläche ähnlichen Konstruktion erschwert, die mit den Perzeptionsverben steht und die sich bis in das heutige Französisch erhält. Sie wird von Stimming (1915) als „ererbte“ Form des AcI von der „gelehrten“ unterschieden und in die Gesamtbetrachtung des AcI miteinbezogen werden. Ein Minimalbeispiel für den ererbten AcI lautet in (3): (3) J’entends 1sg prs ich höre Marie nomen Marie chanter. inf singen ‘Ich höre, dass Marie singt.’ / ‘Ich höre Marie singen.’ In diesem Fall ergibt die syntaktische Bewertung, dass Marie funktional nicht nur Subjekt des untergeordneten Satzes ist, sondern auch als direktes Objekt in Akkusativfunktion aufgefasst wird, und daher als ererbte bzw. „volkstümliche“ Form (vgl. Albrecht 2007: 1099) gelten kann. 4 Der gelehrte AcI erlaubt hingegen nicht, dass das nach dem Prädikat stehende Nomen als direktes Objekt aufgefasst werden kann. Es ist ausschließlich Subjekt zum Infinitiv und steht zusammen mit diesem in der Objektposition. Dies ist ein grundlegender Unterschied in der Bewertung, der in der Untersuchung weiter herausgearbeitet wird, jedoch, wie gezeigt wird, nicht das einzige Charakteristikum des gelehrten AcI ist. In besonders intensivem Maß verwendet der französische Reformator Jean Calvin, welcher über zwei Jahrzehnte hinweg im schweizerischen Genf predigt und literarisch tätig ist, diesen syntaktischen Latinismus. Er steht geradezu paradigmatisch für diese sprachliche Praxis der frühneuzeitlichen Humanisten und nimmt aufgrund seiner intellektuellen Leistungen eine zentrale Rolle in der französischen Sprachgeschichte ein. Der 1509 in Noyon in der französischen Pikardie geborene Calvin hinterlässt der Nachwelt zum Zeitpunkt seines Todes im Jahr 1564 ein äußerst umfangreiches literarisches Œuvre. Zentraler Schaffenskern ist dabei die lateinische Institutio christianae religionis (1536-1559), welche er selbst mehrfach überarbeitet und in das Französische mit dem Titel Institution de la religion chrestienne (1541-1560) übersetzt. Ich wähle zur Untersuchung jeweils zwei Ausgaben aus, die miteinander verglichen werden: Es handelt sich um die zweite lateinische Ausgabe aus dem Jahr 1539 (LT1539) und die letzte zu Lebzeiten Calvins veröffentlichte lateinische Ausgabe von 1559 (LT1559) sowie um die französische 4 Die ererbte Form des AcI wurde bereits früh vom Bonner Romanisten Diez ( 3 1872: 252-253) beobachtet. Ihm zufolge besteht eine enge Verbindung zwischen den AcI-Realisierungen im Lateinischen und in den romanischen Sprachen, denn er spricht von einer „Umprägung lateinischer Constructionen in romanische vermittelst des Inf.“, vgl. auch Kap. 4.4.2. <?page no="17"?> 1.1 Gegenstand der Studie 5 Erstübersetzung aus dem Jahr 1541 (FR1541) und die letzte Übersetzung von 1560 (FR1560). Diese Auswahl begründe ich ausführlich in Kapitel 5. Mit der Publikation in den Sprachen Latein und Französisch gehen zwei sehr unterschiedliche Leserschaften einher. Das Hauptwerk Calvins dient sowohl dem Gelehrten als auch dem gläubigen Laien in der Frühen Neuzeit als Leitfaden zum Leben der christlichen Religion nach Calvins reformatorischen Vorstellungen. Dabei schlagen sich die Unterschiede der Adressatengruppen auch in der sprachlichen Gestaltung des Quelltextes und seiner Übersetzung nieder. Beiden sprachlichen Ausarbeitungen, also dem lateinischen Modelltext und der französischen Übersetzung, sind zwei Aspekte gemeinsam: Zum einen werden sie im Umfang über die Jahre hinweg wesentlich erweitert und zum anderen verfügen sie über einen jeweils beachtlich großen Rezipientenkreis im lateinischsprachigen Gelehrtenmilieu sowie im französischsprachigen grenzübergreifenden Raum. Es wäre jedoch zu kurz gefasst, die Persönlichkeit Calvins allein auf ihr reformatorisches Wirken zu begrenzen, denn in seinen jungen Jahren verfolgte Calvin in Paris, Bourges und Orléans juristische Studien sowie die kritische Auseinandersetzung mit klassisch-lateinischen Texten in humanistischer Tradition, welche ihn später in seinem Ausdrucksstil und seiner Arbeitsweise prägen sollten. Der Arbeitseifer (vgl. Gilmont 1997: 177) sowie die Sorgfalt, die er seinen Texten zukommen lässt, ist außergewöhnlich und zeigt sich auch darin, dass Calvin - ganz in humanistischer und zugleich reformatorischer Manier - gleich zu Beginn der Institution die Bedeutung einer korrekten Rezeption und Interpretation der Heiligen Schrift herausstreicht, die für ihn als Hauptquelle die Autorität des Wortes Gottes widerspiegelt (vgl. FR1560, I, 7, 1: 92). Der Reformator gehört damit zu den bedeutendsten Vertretern seiner Zeit und wirkt aus dem Genfer Exil in der heutigen französischsprachigen Schweiz weit über die Stadttore hinaus bis nach Frankreich. 5 Sein literarisches Œuvre ist nicht nur in theologischer und historischer Perspektive von großer Bedeutung, sondern stellt auch sprachlich einen Meilenstein in der Entwicklung der französischen Sprache im 16. Jahrhundert dar. Die Singularität der Institution ergibt sich dabei aus Calvins Willen, sein Werk in der Vernakularsprache durch das Mittel der Selbstübersetzung einem 5 Zu Lebzeiten Calvins (*1509- † 1564) sind bereits fremdsprachige Übersetzungen seines Hauptwerks publiziert worden. So ist in Genf von Giulio Cesare Paschali (vgl. Calvino 1557) eine Übersetzung der Institution im Jahr 1557 erschienen, die sich unter anderem an die italienische Migrationsgemeinschaft richtet (vgl. Colussi 2012) und in London 1561 eine englischsprachige Übersetzung von Thomas Norton (vgl. die spätere Auflage, Calvin 1578). Peter (1987: 17) weist zudem auf eine flämische Ausgabe hin, die 1560 entstanden sein soll. Postum sind unter anderem die spanischsprachige Übersetzung von Cipriano de Valera (vgl. Calvino 1597) zu nennen sowie die deutschsprachige Ausgabe mit dem Titel Institutio Christianae Religionis, Das ist/ Underweisung inn Christlicher Religion (vgl. Calvinus 1572). <?page no="18"?> 6 1 Einführung breiten Publikum zugänglich zu machen und dabei durch zahlreiche Überarbeitungsschritte eine nach seinen Vorstellungen inhaltliche wie auch sprachlich vollkommene Abhandlung zu veröffentlichen: Qu’un auteur de langue française écrive un traité de religion en latin, il n’y a là rien de plus fréquent dans la première moitié du seizième siècle. Mais voici que cet auteur, afin de contribuer à la diffusion de ses idées, s’avise de traduire son propre ouvrage dans la langue maternelle et que, après l’avoir remanié et augmenté à plusieurs reprises, il continue de présider à la traduction de ces éditions ou révisions. (Marmelstein 1921: 1) Ein prägnantes Beispiel für Calvins stete Bestrebungen zur Optimierung seines Werks ist im folgenden lateinisch-französischen Textbeispiel anhand des latinisierenden gelehrten AcI zu sehen, die in der vorliegenden Untersuchung im Französischen Calvins untersucht werden soll. In (4) entsprechen sich die lateinischen Paralleltextstellen LT1539 und LT1559, doch die französischen Ausgaben FR1541 und FR1560 weichen eklatant voneinander ab. (4) a. Percurre, fortissime Rex, omnes causae nostrae partes, [...] quia hanc credimus esse vitam aeternam , nosse unum verum Deum [...] (LT1539, [0.2]: 262) b. Considere, o Roy Très vertueux, toutes les parties de nostre cause, [...] pourtant que nous croyons ceste estre la vie eternelle , congnoistre un seul vray Dieu [...] (FR1541, [0.2]: 149 [I]) c. Percurre, fortissime Rex, omnes nostrae causae partes, [...] quia hanc credimus esse vitam aeternam , nosse unum verum Deum [...] (LT1559, I, [0.2]: -) d. Sire, toutes les parties de nostre cause [...] pourtant que nous croyons que c’est la vie éternelle de cognoistre un seul vray Dieu [...] (FR1560, I, [0.2]: 32, id-par-465) Während in FR1541 ein gelehrter AcI zu beobachten ist, wird dieser in FR1560 in eine finite mit der Konjunktion que untergeordnete Satzsstruktur aufgelöst. Da Calvins Hauptwerk jedoch eine Übersetzung aus seiner eigenen Feder ist, muss ein etwaiger Einfluss durch den Translationsprozess angemessen berücksichtigt werden. Welche Charakteristika des hier gezeigten gelehrten AcI nun auf den Einfluss der Übersetzung zurückgehen, wird unter anderem Gegenstand der Arbeit sein. Ich werde daher, aber auch um einen breiteren Blick auf die AcI-Verwendung im 16. Jahrhundert zu ermöglichen und zum kritischen Vergleich der später gewonnenen Resultate, weitere Texte Calvins sowie der zeitgenössischen Autoren François Rabelais und Michel de Montaigne heranziehen. Eine diachrone Verortung des gelehrten AcI des 16. Jahrhunderts erfolgt in einer Bestandsaufnahme existierender Studienergebnisse (vgl. Kap. 4) sowie in der abschließenden Diskussion (vgl. Kap. 7). <?page no="19"?> 1.2 Fragestellung und Vorgehensweise der Studie 7 1.2 Fragestellung und Vorgehensweise der Studie Die vorliegende Studie hat sich zum Ziel gesetzt, die gelehrte Form des Accusativus cum Infinitivo im Französischen des 16. Jahrhunderts zu untersuchen. Die Konstruktion orientiert sich an der klassisch-lateinischen Form und wird daher gemeinhin als latinisierender Transfer in die sich im Ausbau befindliche französische Volkssprache im Zuge des humanistischen Einflusses und seiner Rückbesinnung auf die Antike bewertet. Lateinisch-französische Übersetzungen bieten dabei die Möglichkeit, solche Transfers in voraussichtlich stärkerem Ausmaß zu beobachten als in nicht-übersetzten Texten. Eine wichtige Frage ist dabei, inwieweit das grundsätzlich in der humanistischen Textkultur vorherrschende Prestige unabhängig von der Quelltextvorlage und generell des Übersetzungskontextes die Latinisierung der Sprache beeinflusst. Meine Arbeit wird daher den gelehrten AcI im Hauptwerk des Juristen, Humanisten und Reformators Jean Calvin, die Institution de la religion chrestienne , in ihren beiden wichtigsten französischen Ausgaben (die erste im Jahr 1541 und die letzte im Jahr 1560) untersuchen sowie diese in Bezug zu ihrem lateinischen Quell- und Modelltext setzen. Die zahlreichen und umfangreichen Überarbeitungen Calvins führen sodann zur Disambiguierung von reinen Übersetzungspassagen und veränderten Textabschnitten (Latein zu Französisch und Französisch zu Französisch), die inhaltlich nicht mehr oder nur noch wenig miteinander korrespondieren. Dies ermöglicht die Herausarbeitung übersetzungsunabhängiger AcI-Konstruktionen, die dennoch, aufgrund des Prestiges oder textueller Faktoren im Französischen eingeführt werden. Um ein genaueres Bild der Resultate zu skizzieren, wird diese Selbstübersetzung seines Hauptwerks mit einer weiteren Übersetzung Calvins sowie Texten unterschiedlicher Genres (Brief, Traktat und Predigt) abgeglichen. Schließlich werte ich zentrale Werke Montaignes und Rabelais’ aus, um die individuelle Verwendungsweise zu charakterisieren. Dabei analysiere ich sowohl quantitativ die Okkurrenzmenge als auch qualitativ die gelehrten AcI-Belege. Der AcI im Französischen wird erstmalig von Stimming (1915) detaillierter umrissen und die gelehrte Form konsequent als solche charakterisiert. Ich werde aufzeigen, dass es Hinweise in der Forschungsliteratur der letzten Jahrzehnte gibt, die weitere noch zu determinierende Eigenschaften andeuten. Ein zentrales Anliegen meiner Arbeit ist es daher, den gelehrten AcI mit den heutigen syntaktischen und funktional-semantischen Mitteln zu untersuchen und weitere interne Kriterien für sein verstärktes Auftreten im 16. Jahrhundert zu identifizieren. Die Studie versteht sich als explorativ-deskriptive Forschungsarbeit, die dazu beiträgt, die interne Verwendung der gelehrten AcI-Form im Französischen <?page no="20"?> 8 1 Einführung tiefgehender zu verstehen und erstmals eine systematische Verbindung zwischen Struktur, Gebrauch und externen Einflussfaktoren wie der Übersetzungspraxis herzustellen. Die Grenzen meiner Untersuchung ergeben sich dabei aus der gewählten Schwerpunktsetzung sowie dem Umfang des zugrunde liegenden Korpus. Das Hauptaugenmerk liegt auf der Untersuchung und detaillierten Charakterisierung des gelehrten AcI anhand des Hauptwerks Calvins, welches aufgrund der mannigfaltigen Umarbeitungsprozesse und seines enormen Umfangs eine außergewöhnliche und singuläre Möglichkeit zur Analyse des (gelehrten) AcI im Spannungsfeld der Übersetzungspraxis, des klassisch-lateinischen Prestigeeinflusses sowie des sich im Ausbau befindlichen Französischen gibt. Daher wird die alternative Objektsatzstruktur mit que nur von untergeordneter Bedeutung sein können und stellenweise zum Vergleich mit dem AcI herangezogen werden. Eine umfangreiche Analyse des Verhältnisses zwischen AcI und que -Satz bleibt dabei einer zukünftigen Betrachtung vorbehalten, denn es ist der zunächst erkenntnisreichere Schritt, den AcI genauer zu umreißen und anschließend einen übergreifenden Vergleich mit einer weiteren, z. B. unmarkierten Konstruktion vorzunehmen. Das Forschungsdesign der vorliegenden Studie folgt den von Fehling (1980: 378-379) formulierten methodologischen Grundpfeilern diachroner Untersuchungen. Es wird (1) die Analyse des französischen AcI sinnvoll mit den Erkenntnissen aus der oben bereits zitierten Forschung zu anderen romanischen Sprachen und, da es sich bei dem Humanismus um ein gesamteuropäisches Phänomen handelt, zum Englischen und Deutschen verglichen. Die untersuchten Texte werden (2) chronologisch genau im 16. Jahrhundert verortet und dieses wiederum mit dem Mittelfranzösischen und Neufranzösischen in Beziehung gesetzt. Ich gehe (3) auf die generellen Entwicklungen im Französischen der Renaissance ein und skizziere Calvins Sprachkompetenz, um ein fundiertes Verständnis der anschließenden Analyse zu ermöglichen. Schließlich nimmt (4) die Paralleltextanalyse das humanistisch geprägte Latein bzw. Klassische Latein als sprachliche Referenzpunkte für die Übertragung von Latinismen in den Blick. Mit dieser Aufstellung wird ein Defizit in der sprachhistorischen Forschung aufgegriffen, das jüngst Greco (2019: 22-23) hervorhebt: Entweder konzentrieren diese sich ausschließlich auf die strukturelle Analyse einer bestimmten Konstruktion oder sie treffen historisch-soziolinguistische Annahmen auf Basis metalinguistischer bzw. kultureller Überlegungen ohne ausreichende Berücksichtigung sprachlicher Primärdaten. Daher ist es in meiner Untersuchung von zentraler Bedeutung, diese beiden Ebenen methodisch zusammenzuführen. <?page no="21"?> 1.2 Fragestellung und Vorgehensweise der Studie 9 Bereits in den späten 1960er Jahren bemängelt Lorian in Bezug auf die Erforschung syntaktischer Latinismen das Fehlen umfassender quantitativer Daten, die sich vergleichen ließen. Dabei streicht Lorian (1968: 1274-1275) heraus, dass es weniger um statistischen Aberglauben („superstition de la statistique“) als vielmehr um eine verlässliche Datengrundlage zur Vermeidung unpräziser Bezeichnungen gehe, die letztlich auf subjektiv geprägten Beobachtungen basieren. Gerade deshalb ist eine quantitative Auswertung notwendig und in Form des Textkorpus der verschiedenen Ausgaben der Institution verlässlich durchführbar. Denn es ermöglicht aufgrund seines enormen Textumfangs für diese Zeitepoche (z. B. FR1560: vier Bücher mit insgesamt 83 Kapiteln) die Gewinnung belastbarer Ergebnisse. Moderne computerlinguistische Verfahren werden so für die digitale Textgenese und Auswertung unter philologischen Gesichtspunkten fruchtbar gemacht. Neben den bereits erwähnten vier Ausgaben der lateinischen Institutio und der in das Französische übersetzten Institution , LT1539/ FR1541 und LT1559/ FR1560, werden vier weitere Texte von Calvin ( Lettres à Monsieur et Madame de Falais , 1543; Advertissement contre l’astrologie , 1548; Des scandales , 1550; Sermons , 1558) sowie ein Teil der Hauptwerke von Rabelais ( Pantagruel , 1532/ 1542; Le Quart Livre , 1552) und Montaigne ( Essais , 1592) untersucht (vgl. Tab. 6 in Kap. 5). Auf einer übergeordneten Ebene stellen sich zunächst die folgenden Fragen: Wie manifestieren sich syntaktische Entlehnungen in älteren Texten? Was bedeutet syntaktische Latinisierung bzw. Relatinisierung? Welchen Einfluss hat die Übersetzungspraxis? Welche Formen syntaktischer Latinismen sind innerhalb und außerhalb von Übersetzungen zu beobachten? Welche Rolle spielt der Stilbegriff in der Beurteilung der Anwendung einer gelehrten Konstruktion? Über welche Sprachkompetenz verfügt Calvin und welche Zielleserschaft ist mit der lateinischen und französischen Ausgabe der Institutio(n) verbunden? In Bezug auf den gelehrten AcI ist schließlich zu fragen, wie er sich in Anschluss an Stimming (1915) vom ererbten AcI abgrenzt und ob Alleinstellungsmerkmale vorliegen, die auf den Einfluss des Translationsprozesses oder des klassisch-lateinischen Prestiges zurückzuführen sind. Vielfach wurde beobachtet (vgl. Huguet [1894] 1967; Stimming 1915), dass in Calvins Institution relativ viele latinisierende Konstruktionen anzutreffen sind. Ein bis dato offenes Desiderat ist es, diese unbestimmte Menge zu quantifizieren und sie in der Verwendung mit anderen Texten intra- und interindividuell abzugleichen. So lässt sich präziser bestimmen, in welchem Maß die Übersetzungspraxis den Gebrauch des AcI prägt - auch im Vergleich zu den bereits in der Forschung dokumentierten mittelfranzösischen Strukturen. <?page no="22"?> 10 1 Einführung Es gilt zudem, die Bandbreite des AcI zu erfassen, der als klassisch-lateinische Prestigekonstruktion im Französischen ebenfalls mit bestimmten Verbklassen (V 1 ) steht (vgl. Gougenheim 2 1974). Wird innerhalb des AcI, also in Bezug auf das Subjekt (S 2 ) und den Infinitiv des untergeordneten Satzes (V 2 ), die volle Funktionalität in Anschluss an die Klassische Latinität gewährleistet oder sind Einschränkungen zu beobachten? Zum besseren Verständnis des Verhältnisses zwischen über- und untergeordnetem Satz wird zusätzlich zur syntaktischen Betrachtung, die die AcI-Forschung dominiert, eine funktionale Perspektive eingenommen (vgl. Blumenthal 2001; Lyons 1977a,b; Schøsler 2001; Willems 1983), um etwaige Unterschiede in der semantischen Integrationskraft auszumachen (in Anlehnung an Cristofaro 2 2005, 2008; Givón 2 2001a,b; Noonan 2 2007). Der umfangreiche Textvergleich der Institution als Paralleltext mit zwei lateinischen und zwei französischen Ausgaben ermöglicht, wie oben skizziert, die Erfassung und Charakterisierung des Einflusses durch die Übersetzung und des klt. Prestiges. Dabei werde ich die folgende Annahme qualitativ und quantitativ überprüfen: In der ersten fr. Ausgabe FR1541 werden aus noch zu bestimmenden Gründen besonders viele latinisierende syntaktische Konstruktionen verwendet. Sie werden in der jüngeren und letzten zu Calvins Lebzeiten veröffentlichten Ausgabe FR1560 in ihrer Zahl reduziert und gegebenenfalls vereinfacht, modernisiert oder gegen unmarkierte Alternativkonstruktionen ersetzt. Dennoch wird auf Basis einiger Belege in der Forschungsliteratur angenommen (vgl. v. a. Gougenheim 2 1974; Huguet [1894] 1967; Stimming 1915), dass auch in FR1560 noch eine solide Anzahl an AcI-Konstruktionen präsent ist. Im Zuge des Vergleichs der vier Ausgaben wird auch untersucht werden, ob der lateinische Text tatsächlich die Grundlage für einen klaren prägnanten Sprachstil im Französischen (vgl. Gilmont 1997: 173) mithilfe des AcI-Transfers schafft. 1.3 Forschungsüberblick Die Auseinandersetzung mit der Person Jean Calvins ist Gegenstand zahlreicher Untersuchungen verschiedener Disziplinen wie der Theologie, Geschichtswissenschaft oder Literaturwissenschaft. Auch sein schriftliches Œuvre ist Teil umfassender Betrachtungen, sodass ich mich zur Orientierung auf wenige Hinweise entsprechender weiterführender Werke beschränke. Zum Calvinismus und der Reformation lassen sich in jüngerer Zeit Dingel (2009), Dingel/ Selderhuis (2011), Leppin (2005), Merten (2009) und Zinguer/ Yardeni (2004) anführen, bibliographische Betrachtungen Calvins werden unter anderem von Backus/ Benedict (2011), Duffield (1966), Gordon (2009, 2016), Maag (2010), Mackinnon (1936), <?page no="23"?> 1.3 Forschungsüberblick 11 Millet (2008a), Neuser (2009), Selderhuis (2009), Staedtke (1969) und Strohm (2009a) mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung vorgenommen. Inhaltlich spezifischer setzen sich mit seinen Texten die Arbeiten folgender Autoren auseinander: Crouzet (2004), Holder (2010), Kort (2013), Spierling (2015), Strohm (2009b) und Varet (2012). Da Jean Calvin als herausragender Vertreter seiner Zeit und des nach ihm benannten protestantischen Zweigs des Calvinismus gelten darf, sind die an dieser Stelle zitierten Werke daher bei Weitem nicht exhaustiv. 6 Die Editionsgeschichte der Institutio(n) sowie die Textgeschichte des literarischen Gesamtwerks Calvins wird einführend und übersichtlich bei Greef (2008) sowie Gilmont (1997, 2003) präsentiert. Hier sind zahlreiche Angaben zu Entstehung und auch zum Umfang einzelner Werke zu entnehmen. Die Frage nach bzw. Hypothese einer Erstveröffentlichung einer möglicherweise abhandengekommenen französischen Ausgabe der Institution im Jahr 1537 wurde insbesondere von Barth (1928), Pannier (1928) und Peter (1987) besprochen und von Letzterem überzeugend verworfen. Unumgänglich zur Konsultation der editorischen Details der Titelblätter der einzelnen Werke Calvins ist die dreibändige Bibliotheca Calviniana von Gilmont/ Peter (1991, 1994, 2000). Eine lateinisch-französische Synopse der unterschiedlichen Ausgaben der Institutio(n) ist bis dato nicht existent. Für die vorliegende Arbeit wurde daher eine Parallelansicht der AcI-Stellen in der ältesten (FR1541) und jüngsten (FR1560) französischen Ausgabe der Institution mit ihren lateinischen Entsprechungen (LT1539 und LT1559) erstellt. Zur Anfertigung einer entsprechenden Konkordanztabelle erweisen sich vor allem zwei Werke besonders nützlich. Zum einen handelt es sich für das Lateinische (LT1539/ LT1559) um die Calvini Opera , welche die Inhaltsverzeichnisse der lateinischen (! ) Ausgaben von 1536 bis 1559 synoptisch vergleichend darstellen und die älteren Textpassagen typographisch kennzeichnet. 7 Dies erlaubt die großen Textumsetzungsprozesse im lateinischen Text nachzuvollziehen. Zwar wird der jüngere und zuletzt erschienene französische Text der Institution (FR1560) in den Calvini Opera (Bd. 3, = CO3) im Jahr 1865 bereits editiert und mit Hinweisen auf die älteren Textausgaben versehen. Die offenbar schwere Zugänglichkeit und Verfügbarkeit der Calvini Opera in der damaligen Zeit sowie die mangelnde flüssige Lesbarkeit der ältesten Ausgabe veranlassen Lanson (1894) jedoch am Ende des 19. Jahrhunderts zu schwerwiegender Kritik. Letztlich ist es die neu herausgegebene Edition von Benoît (1957), die mit noch größerer Präzision und Klarheit die mannigfaltigen Überarbeitungs- 6 Vgl. hierzu die jährlich herausgegebene Bibliographie im Calvin Theological Journal , die die aktuelle reformatorische Forschungsliteratur referenziert. 7 Die Calvini Opera sind in digitalisierter Form über die Genfer Universitätsbibliothek zugänglich: https: / / archive-ouverte.unige.ch/ unige: 650. <?page no="24"?> 12 1 Einführung schritte Calvins seit der Erstausgabe 1541 herausarbeitet. Diese Erstausgabe der Institution wurde u. a. von Pannier 1911 in einer modernen und von der Ausgabe FR1560 unabhängigen Form publiziert (vgl. Calvin [1541] 1911). Äußerst nützlich ist die in jüngerer Zeit erschienene Edition der Ausgabe 1541 von Millet (2008c), die meiner Untersuchung zugrunde liegt. Auf die Textgeschichte, die Auswahl der Texte und Editionen sowie die notwendigen methodischen Schritte gehe ich weiter in Kapitel 5 ein. In Bezug auf den Stil Calvins in der Institution liegen zahlreiche literaturwissenschaftlich geprägte Arbeiten vor, insbesondere die der Autoren Gilmont (1997, 2003), Higman (1967, 1970, 1982, 1987, 2004, 2010, 2011, 2012) und Millet (1985, 1992, 1995, 1997, 2008a,c, 2010, 2011, 2012b,c). Einzelne ältere Studien runden die stilistische Einschätzung der Sprache Calvins ab (vgl. Plattard 1939; Wencelius 1937). Zusammen bilden die Arbeiten einen wertvollen Grundstock zur Annäherung und Beschäftigung mit dem spezifischen sprachlichen Stil, den Calvin im Lateinischen und im Französischen pflegt. In linguistischer Perspektive wurden bereits im 19. Jahrhundert sowohl die Qualität des Französischen in der Institution als auch seine Abhängigkeit vom lateinischen Quelltext hervorgehoben. Es ist seitdem ein kontinuierliches sprachwissenschaftliches Interesse an der Person Calvins zu beobachten, das sich in den Arbeiten zahlreicher Forscher widerspiegelt. Herauszustellen ist dabei, dass der Fortschritt in der Forschung ganz wesentlich von der editorischen Erfassung der Druckausgaben aus dem 16. Jahrhundert abhängt. Dies wurde bereits früh von Günther (1853) bemängelt und kann mit der Erscheinung der ersten drei Bände der Calvini Opera (1863, 1864 und 1865), die die Institutio(n) edieren, als behoben gelten. Kurz darauf bewertet Brachet (1867: 55) den sprachlichen Ausdruck der ältesten Ausgabe als „complètement mûr“ und steht damit im Gegensatz zu der Ansicht Baums (1867: XIV), welcher eine starke Beeinflussung durch den Stil der lateinischen Institutio sieht (vgl. Kap. 3.2.2). Mit der Verfügbarkeit der beiden wichtigsten französischen Ausgaben der Institution , der ersten und letzten (FR1541/ FR1560), entstehen noch im 19. Jahrhundert die ersten Bemühungen, die Texte einander gegenüberzustellen und kritisch zu vergleichen. An erster Stelle ist hier ein Aufsatz von Lanson (1894) zu erwähnen, welcher anhand einer partiellen, exemplarischen Textsynopse die oben erwähnte Kritik an den Calvini Opera rechtfertigt. Dieser komparative Ansatz wurde sodann von Châtelain (1909) in einer linguistischen Stilanalyse aufgegriffen und schließlich vom Niederländer Marmelstein (1921) in Form einer Dissertation umfangreich und thematisch breit mit Berücksichtigung unter anderem der Lexik, der Syntax und des sprachlichen Stils ausgearbeitet. Sie stellt einen exzellenten Ausgangspunkt zum Auffinden sprachlicher Auffälligkeiten in <?page no="25"?> 1.3 Forschungsüberblick 13 Calvins Institution dar und berücksichtigt den Einfluss potentieller Latinismen im Wortschatz und in der Grammatik. Hierzu entwickelt sich parallel ein Forschungsstrang, der die Syntaxanalyse und die Auseinandersetzung mit dem AcI bei Calvin privilegiert. Die erste umfangreiche Syntaxuntersuchung, die neben Rabelais auch einige Auffälligkeiten bei Calvin signalisiert, ist die Monographie Huguets ([1894] 1967), welcher selbst zu Beginn darauf hinweist, wie jung die historische Syntaxforschung zu diesem Zeitpunkt noch ist (vgl. u. a. Brunot [1906] 3 1947: 14). In diese Linie stellt sich auch die Dissertation von Grosse (1888), die dezidiert die Syntax bei Calvin untersucht. Sie wird wiederum von Haase (1890) kurz darauf schwerwiegend kritisiert. Beide Arbeiten sind jedoch für die Untersuchung des AcI von geringem Interesse, da die Verwendung des Infinitivs nur angeschnitten wird. Die in der Reihe Beihefte zur Zeitschrift für romanische Philologie publizierte Dissertation von Stimming (1915) hat hingegen wesentliche Bedeutung für meine Untersuchung. Zwar wird die Institution von Calvin fast ausschließlich in Form von Belegstellen thematisiert, doch stellt sie den AcI-Gebrauch in einen diachronen Gesamtzusammenhang in der französischen Sprachentwicklung und adressiert dezidiert die gelehrte Verwendung im Mittel-, Renaissance- und Neufranzösischen. Darüber hinaus wird die noch in altfranzösischer Zeit einsetzende Übersetzungspraxis berücksichtigt und die ererbte bzw. gelehrte Form des AcI einer Beschreibung ihrer bestimmenden Charakteristika zugeführt. Sie ist damit ein Referenzpunkt für die vorliegende Studie, die sich nicht nur darum bemüht, den AcI-Gebrauch bei Calvin detailliert zu untersuchen, sondern auch die gewonnenen Ergebnisse in einem breiteren sprachgeschichtlichen Kontext zu verankern. Eine Reihe weiterer Dissertationen beschäftigen sich mit unterschiedlichen Aspekten, die thematisch das Bild zum AcI arrondieren, aber auch teils weit entfernt hiervon liegen. Zu nennen ist die Münchener Arbeit Bachofners (1922), die die Satzverbindung bei Calvin untersucht und auch den intensiven Gebrauch des AcI dort in aller Kürze thematisiert. Außerdem untersucht der Niederländer Veerman (1943) die Sprache Calvins auf rhetorische Stilmittel und der Schweizer Walch (1960a,b) geht in seiner Studie schließlich auf lexikalische Besonderheiten in einem Vergleich der Ausgaben der Institution ein. Weitere Erkenntnisse zur Sprachkompetenz Calvins sind den biographischen Darstellungen zu entnehmen und werden detailliert in Kapitel 3 besprochen. Neben den Forschungsarbeiten zu der syntaktischen Konstruktion des AcI und den Studien, die einen Vergleich der verschiedenen Ausgaben der Institutio(n) Calvins zum Ziel haben, ist der dritte Zweig der Latinisierung bzw. Relatinisierung zu nennen. Hier wird auf einer breiten sprachwissenschaftlichen Basis, die <?page no="26"?> 14 1 Einführung sowohl die Grammatik als auch die Lexikologie umfasst, der Transferprozess sprachlichen Materials aus der lateinischen Quellsprache in die romanischen Volkssprachen, aber auch in andere indoeuropäische Sprachen, im Zuge gelehrten und zumeist humanistischen Einflusses untersucht. Einen point de départ und eine unumgängliche Referenz zu der Untersuchung der Latinisierung bilden dabei die Beiträge, die im Rahmen eines Kopenhagener Kongresses zusammengetragen wurden. Die Autoren Blatt (1957a,b), Nykrog (1957) und Sørensen (1957) besprechen hier den lateinischen (gelehrten) Einfluss auf die europäische und insbesondere englische sowie französische Syntax. 8 Die Studien Lorians (1961, 1967, 1968, 1973) in den folgenden beiden Jahrzehnten bilden eine profunde Ergänzung der Untersuchung von syntaktischen Latinismen im Französischen des 16. Jahrhunderts, indem sie die Terminologie um Subtypen erweitern (z. B. „pseudo-latinisme“ vs. „vrai latinisme“, vgl. Lorian 1967: 164) oder sich um eine klare Definition bemühen (vgl. Lorian 1968: 1263). In Kapitel 2.4 führe ich diese Punkte genauer aus und gehe mit Bezug auf syntaktische Transfers auch auf eine Abgrenzung der Termini Latinisierung von Relatinisierung ein. Von zentraler Bedeutung für die Betrachtung der (Re-)Latinisierung in den romanischen Sprachen ist hierbei ein Aufsatz Raibles (1996), welcher in romanistischer Perspektive zeigt, auf wie vielen sprachlichen Ebenen das Phänomen nachweisbar ist, vor allem in der Graphie, Lautung, Morphologie, Syntax und Lexik, sowie deutlich macht, dass der Einfluss der zugrunde liegenden Diskurstraditionen einen wesentlichen Anteil daran hat. 9 Die Erforschung des Bereichs der syntaktischen Latinisierung ist dabei lange Zeit sehr kurz geraten (vgl. Gougenheim 1934: 55; Raible 1996: 125; Stein 1997: 3). Seit dem Zeitpunkt dieses Aufsatzes sind jedoch einige neue Forschungsarbeiten entstanden, die syntaktische Latinisierung zumindest auf einzelsprachlicher Ebene untersuchen. Auf die romanische und germanische Syntaxforschung gehe ich dezidiert in Kapitel 4.5 ein. Hervorzuheben sind jedoch an dieser Stelle für das Italienische die Dissertation von Mastrantonio (2017), die infinite Verbkonstruktionen wie Partizipien oder den AcI im Italienischen des 13. Jahrhunderts untersucht, sowie für das Spanische die Arbeiten von Pons Rodríguez (2007, 2008) und Pountain (1998) zum AcI im Kastilischen der Renaissance. Die Dissertation und Einzelstudien von Del Rey Quesada (2015a,b,c, 2016a,b,c,d, 2017a,b, 2019, 2022) bewegen sich dabei besonders nah am Thema der vorliegenden Arbeit. Sie decken die Untersuchung des AcI, der syntaktischen gelehrten Latinisierung sowie des Ein- 8 Vgl. hierzu Blatt (1957b: 53), der auf die außergewöhnliche Beherrschung sowohl des Französischen als auch des Klassischen Lateins bei Autoren wie Calvin und Montaigne hinweist. 9 Vgl. Winter-Froemel/ Posth (2023: 436-438) für einen Überblick zu jüngeren Studien, die sich der Untersuchung von Diskurstraditionen im Kontext der fr. Sprachgeschichte widmen. <?page no="27"?> 1.3 Forschungsüberblick 15 flusses aus der Übersetzungspraxis in der spanischen Renaissanceepoche ab. Aus einer gesamtromanischsprachigen Perspektive ist die Habilitationsschrift Steins (1997) hervorzuheben, die sich der Verbalsyntax der Liviusübersetzungen in das Französische, Italienische, Katalanische, Spanische, Portugiesische und Rumänische widmet und die dringende Notwendigkeit einer quantitativen Auswertung komparativer Übersetzungsstudien erkennt. Die Auswirkungen gelehrter Latinisierungen beschränken sich nicht auf die romanischen Sprachen. Auch in den älteren Sprachstufen des Deutschen (vgl. Speyer 2001) und Englischen (vgl. Fischer 1989, 1990, 1992; Timofeeva 2010, 2012) sind sie nachgewiesen, wobei das Englische eine deutlich größere Bandbreite regierender Verben für den AcI zulässt, die sich teilweise bis heute erhalten hat. Mit Bezug auf die unterschiedlichen Sprachstufen des Lateinischen (von der Phase der Klassischen Latinität bis hin zum Spätlatein) sowie auf das sich je nach Zeit, Text und Autor wandelnde Verhältnis zwischen dem AcI und der alternativen Objektsatzstruktur mit quod sind die Dissertationen von Cuzzolin (1994b) und Greco (2007) von zentraler Bedeutung. Diese werden durch weiterführende Arbeiten zu Einzelaspekten ergänzt, etwa zur Konjunktion quia oder Partizipialkonstruktionen nach Perzeptionsverben (vgl. Cuzzolin 1994a, 2013, 2014; Greco 2008a,b, 2013a,b, 2016). Der jüngst erschienene Sammelband Latin influence on the syntax of the languages of Europe (Drinka/ Cornillie 2019) schließt an die Kopenhagener Bemühungen der späten 1950er Jahre an und bildet eine Momentaufnahme der in den letzten Jahren verstärkten historischen Erforschung syntaktischer Latinismen (zum AcI vgl. Da Milano/ Cuzzolin 2019). 10 Dieser Forschungsüberblick zeigt eine Vielzahl von Einzelstudien zum AcI oder zur latinisierenden Syntax im Französischen auf, aber zugleich auch ein Desiderat. Denn es fehlt an einer Studie, welche (1) die unterschiedlichen lateinischen und französischen Ausgaben der Institution Calvins wie Marmelstein (1921) vergleicht, sich dabei jedoch (2) dezidiert dem AcI zuwendet, wie es Stimming (1915) epochen- und textübergreifend macht, und zugleich (3) den Textpassagen ein besonderes Augenmerk verleiht, die übersetzungsbedingt oder auch unabhängig vom Quelltext einen syntaktischen Latinismus aufweisen (vgl. Del Rey Quesada 2015a). Zudem existieren kaum quantitative Auswertungen (vgl. für das Spanische Pons Rodríguez 2007) zum realen Gebrauch der gelehrten Form des AcI und auch der übersetzungsunabhängigen Form, die außerhalb übersetzter Texte wie bei Rabelais oder Montaigne nachgewiesen ist (vgl. Huguet [1894] 10 Auf die Literatur zu der Konstruktion des AcI selbst, im Latein und Französischen, gehe ich in syntaktischer und funktional-semantischer Perspektive ausführlich in Kap. 4 ein. Außerdem wird die Forschungsliteratur zur (Selbst-)Übersetzungspraxis, Stilistik und dem Französischen im 16. Jh. zuvor in den Kapiteln 2 und 3 aufgearbeitet. <?page no="28"?> 16 1 Einführung 1967; Stimming 1915). Die Notwendigkeit solcher Untersuchungen ist evident und wurde in Bezug auf verschiedene Aspekte unter anderem von Blatt (1957b), Brucker (1977), Del Rey Quesada (2017a, 2022), Lorian (1968) und Pountain (1998) betont. 1.4 Aufbau der Arbeit Meine Arbeit gliedert sich in einer Zusammenführung der zuvor vorgestellten thematischen Hauptlinien wie folgt: In Kapitel 2 werden zunächst nach einer kurzen Einführung zum Französischen im 16. Jahrhundert (vgl. 2.1) Grundlagen des syntaktischen Transfermechanismus in einer Sprachkontaktsituation vorgestellt und eine Positionierung bezüglich des verwendeten Modells vorgenommen (vgl. 2.2). Anschließend möchte ich im Unterkapitel 2.3 den häufig mit Calvin in Verbindung gebrachten Stil einer theoretischen Fundierung zuführen, ihn vom Register abgrenzen und auch auf die Einordnung in Norm und Ausbau eingehen. Der Abschnitt 2.4 thematisiert den Einfluss der Prestigesprache Latein in Form der Latinisierung und des Einsatzes unterschiedlicher Typen syntaktischer Latinismen. Das Kapitel schließt mit einem Blick auf die Übersetzungspraxis, insbesondere die der Selbstübersetzung, die bei vielen gelehrten Autoren im 16. Jahrhundert anzutreffen ist (vgl. 2.5). Die Übersetzung stellt in dieser Epoche eine zentrale Quelle der wirksamen Textproduktion in den Volkssprachen wie dem Französischen dar. Kapitel 3 geht auf die Sprachkompetenz des französischen Reformators Jean Calvin ein, der im Zentrum dieser Untersuchung steht. Dabei erschließe ich in Unterkapitel 3.1 seine Vita aus dezidiert sprachwissenschaftlicher Perspektive, was bislang ein Forschungsdesiderat ist. Dies umfasst in Abschnitt 3.2 eine vertiefte Auseinandersetzung mit seinem Hauptwerk, unter Berücksichtigung theologischer Texte im Kontext der Übersetzungspraxis sowie der Zielleserschaft. In Kapitel 4 behandle ich den Accusativus cum Infinitivo aus theoretischer Sicht. Hierzu werden zunächst die grammatikalischen Grundlagen des klassischlateinischen und französischen AcI betrachtet sowie die traditionelle Perspektive um eine funktional-semantische Einordnung erweitert (vgl. 4.1-4.2). Anschließend wird der strukturelle Gebrauch des AcI im mittelalterlichen sowie frühneuzeitlichen Latein und Französisch beleuchtet. Insbesondere werden die Konkurrenz zum Objektsatz mit lt. quod (vgl. 4.3) und das Verhältnis zwischen ‘ererbtem’ und ‘gelehrtem’ französischen AcI sowie die zeitliche Verortung der gelehrten Form betrachtet (vgl. 4.4). Abschließend werden Parallelentwicklungen in den europäischen Sprachen betrachtet (vgl. 4.5). Das beschriebene Vorgehen bildet <?page no="29"?> 1.4 Aufbau der Arbeit 17 die Grundlage dafür, die komplexe Konstruktion des AcI in den Forschungsdaten systematisch zu erschließen und zu bewerten. Kapitel 5 geht auf die empirische Aufbereitung meines Untersuchungskorpus ein. Dabei widmet sich der erste Abschnitt dem Hauptuntersuchungskorpus (vgl. 5.1), also den aus der Institution gewonnenen Paralleltextstellen, und der zweite (vgl. 5.2) weiteren Texten Calvins (Briefe, Predigten und Traktate) sowie seiner Zeitgenossen Michel de Montaigne ( Essais ) und François Rabelais ( Pantagruel ). In Abschnitt 5.3 skizziere ich die Maßnahmen, die zur digitalen Aufbereitung notwendig sind, um ein vollständig digitales und partiell annotiertes Paralleltextkorpus der Institution zu gewinnen, und stelle tabellarisch das Gesamtuntersuchungskorpus zur Auswertung des AcI vor. Abschließend werden Kriterien und Verfahren für die anschließende Analyse vorgestellt und das meinem Korpus zugrunde liegende System der Identifikationsnummern einzelner Subkorpora erläutert (vgl. 5.4). In Kapitel 6 folgt schließlich die Analyse und Auswertung der erhobenen Forschungsdaten. Dabei gehe ich zunächst in aller gebotenen Kürze auf den lateinischen AcI in der Institutio ein (vgl. 6.1.1), welcher der französischen Konstruktion in zahlreichen Fällen zugrunde liegt. Anschließend werte ich den französischen AcI nach quantitativen (vgl. 6.1.2) und qualitativen Gesichtspunkten (vgl. 6.1.3-6.1.5) aus. Die Gliederung orientiert sich dabei an der Struktur der Konstruktion. Zunächst wird das übergeordnete Matrixverb (V 1 ) behandelt, anschließend das Subjekt des untergeordneten Satzes (S 2 ) sowie der darin eingebettete Infinitiv (V 2 ). Ich werde auch auf ähnliche Konstruktionen wie den ‘doppelten Akkusativ’ eingehen sowie auf die Positionierung des AcI im Satz und im Textverlauf (vgl. 6.1.6-6.1.8). Der Überblick über die Ergebnisse aus der Institution in Abschnitt 6.1.9 ermöglicht sodann den Vergleich mit weiteren Texten des Untersuchungskorpus (vgl. Kap. 6.2). Dort werden ausgewählte Briefe, Predigten und Traktate von Jean Calvin besprochen (vgl. 6.2.1) und anschließend Texte der oben genannten zeitgenössischen Autoren (vgl. 6.2.2). Ich beende das Analysekapitel mit einer Zusammenfassung und einem Überblick über die insgesamt gewonnenen Ergebnisse (vgl. Kap. 6.3). In Kapitel 7 werden darauf aufbauend die Ergebnisse zum gelehrten AcI im Französischen Calvins und seiner Zeitgenossen diskutiert (vgl. Kap. 7.1) und bezüglich ihrer Bedeutung für den Sprachzustand im 16. Jahrhundert kritisch besprochen (vgl. Kap. 7.2). Ich schließe die Untersuchung mit einem Resümee in Kapitel 8 ab, in dem ich aufzeige, welche neuen Erkenntnisse aus der komparativen Paralleltextanalyse der Institutio(n) und der Untersuchung weiterer französischsprachiger Texte des <?page no="30"?> 18 1 Einführung 16. Jahrhunderts mit Hinblick auf die latinisierende Konstruktion des Accusativus cum Infinitivo gewonnen werden können. 1.5 Lesehinweise Einige wenige, aber für die unmissverständliche Lektüre unverzichtbare Hinweise möchte ich noch geben. Abkürzungen werden, insofern sie nicht im Text einmalig eingeführt werden, im Abkürzungsverzeichnis aufgeschlüsselt. Hier sind auch die Glossierungssiglen für die Sprachbeispiele angegeben. Die Sprachbeispiele zeigen entweder Einzelbelege oder parallelisierte Belege. Letztere bilden sog. Quadrupel, wenn alle vier Ausgaben der Institutio(n) 11 zitiert werden, oder Satzpaare, wenn nur zwei Ausgaben der Institutio(n) zitiert werden. Ich gebe bezüglich der alignierten Belege stets den Ursprung eines Satzes in Klammern an (z. B. LT1539, FR1560 etc.). In zahlreichen Belegstellen entsprechen die Sätze der beiden lateinischen (oder auch französischen) Ausgaben einander, da sie nicht von den Änderungsprozessen Calvins betroffen sind. In diesen Fällen gibt die vorangestellte Ausgabe die zitierte Ausgabe an und die nachgestellte deutet auf einen äquivalenten Wortlaut in der anderen Ausgabe hin: z. B. bedeutet LT1539 ˆ = LT1559 , dass LT1539 wörtlich zitiert wird, in der Ausgabe LT1559 jedoch eine sehr ähnliche Entsprechung vorliegt. Meist unterscheiden sie sich in der Graphie und Orthographie in geringem Umfang. Wenn nichts anderes angegeben ist, bezieht sich ein einzelner Quellennachweis mit seiner Identifikationsnummer (z. B. id-par-1) auf die gesamte Beispielgruppe. Kursivierungen und Unterstreichungen dienen zur Hervorhebung der AcI-Konstruktion in den Sprachbeispielen und stammen von mir. Ein Komplementsatz meint in dieser Studie im Regelfall einen Objektsatz mit que . Wenn von einem AcI gesprochen wird, ist in der Regel das Subjekt (S 2 ) und der Infinitiv (V 2 ) des untergeordneten Satzteils gemeint und wenn die AcI-Konstruktion bezeichnet wird, dann ist in der Regel auch zusätzlich das regierende Verb (V 1 ) des übergeordneten Satzes mit eingeschlossen. 11 Ich verwende die Schreibweise Institutio(n) zur Bezeichnung der lt. und fr. Ausgabe. Falls nur eine der beiden Ausgaben gemeint ist, schreibe ich lt. Institutio bzw. fr. Institution . <?page no="31"?> 2 Syntaktische Latinisierung Syntaktische Latinisierung ist als Prestigewerkzeug ein wesentlicher Bestandteil im distanzsprachlichen Ausbauprozess des Französischen. In Kap. 2.1 führe ich daher knapp in das Französische des 16. Jahrhunderts ein und beleuchte die Rolle des intensiven und extensiven Ausbaus. Kap. 2.2 stellt aktuelle Positionen der Sprachkontaktforschung vor, um die Grundlage syntaktischer Transferprozesse zwischen Latein und Französisch, die als Latinisierung gelten, zu erläutern. Es geht hierbei um die Abgrenzung vom Sprachwandel und die Klärung geeigneter Begriffe im Zuge syntaktischer Einflüsse und Transfererscheinungen. Bei der Analyse latinisierender Strukturen sind nicht nur Grammatik und Lexikologie zu berücksichtigen, sondern auch stilistische Entscheidungen des Sprechers als Autor oder Übersetzer (vgl. Kap. 2.3). Sie rücken im 15. und 16. Jahrhundert prägnant in den Vordergrund des humanistisch gelehrten Bewusstseins. Die stilistischen Eingriffe bzw. grundsätzliche Einstellung zur Sprache sind genauer zu definieren und von anderen Disziplinen abzugrenzen. Schließlich wird das Verhältnis von Stil zu Register und ihre Einordnung in das Rede-Norm- System-Modell nach Coseriu beleuchtet. In Kap. 2.4 zur syntaktischen Latinisierung wird zunächst vom Prestige des Lateins im Humanismus die Rede sein. Es bildet die Grundlage für die weitere Definition des Begriffes sowie für den gelehrten Latinismus. Ich fokussiere dabei auch auf die Identifizierung unterschiedlicher Typen syntaktischer Latinisierung mit besonderer Berücksichtigung der Anwendungsbereiche und des spezifischen Kontextes der Übersetzung. Die Auswirkung der Übersetzungspraxis auf den Grad der Latinisierung ist eine in diesem ohnehin komplexen System nicht einfach zu bestimmende Variable (vgl. Kap. 2.5). Grundsätzlich wäre anzunehmen, dass sich Selbstübersetzungen eng am Original orientieren. Doch auch dies hängt stark von der Textsorte, dem Zeitraum der Bearbeitung und der Sprachkompetenz des Übersetzers ab. <?page no="32"?> 20 2 Syntaktische Latinisierung 2.1 Das Französische im 16. Jahrhundert 2.1.1 Sprachgeschichtliche Einordnung Das 16. Jahrhundert gilt für die Sprachentwicklung des Französischen als eine „époque charnière“ (Trotter in Vachon 2010: XIII), die den Übergang vom ausklingenden Mittelalter zur (Frühen) Neuzeit markiert. Es ist eine Epoche, in welcher die Sprache aufgrund bislang fehlender Standardisierung besonders offen für fremdsprachlichen Einfluss ist. Neben den im Französischen präsenten Italianismen im Kulturwortschatz und zu beobachtenden sprachlichen Interferenzen in französischsprachigen Briefkorrespondenzen italienischer Einwanderer (vgl. Scharinger 2018) nimmt Latein eine herausragende Stellung in der nahezu gesamten Textproduktion der Renaissance ein. Die dominante Stellung bedingt sich, wie weithin bekannt ist, durch die humanistische Rückbesinnung auf den Sprachzustand des Klassischen Latein. Die stilistische Reorientierung an klassisch-lateinischen Autoren wie Cicero, Seneca oder Vergil ergibt sich aus der Wahrnehmung einer fortschreitenden Entfernung der lateinischen Sprache von diesem Sprachzustand während des Mittelalters. Die Textproduktion findet bis in die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts überwiegend in lateinischer Sprache statt (vgl. Fragonard/ Kotler 1994: 9), bevor und währenddessen die Volkssprachen bzw. Vernakularsprachen wie Französisch in der Renaissance einen intensiven Ausbau des distanzsprachlichen Bereichs erfahren. Zusätzlich wird dieser Prozess durch den Buchdruck beschleunigt, der es nun möglich macht, rasch zahlreiche Kopien eines Werkes anzufertigen. Damit geht auch eine verstärkte Reflexion der französischen Sprache einher, die sich anhand der entwickelnden Grammatikographie und Vorwörter der Druckleger (insbesondere der Familie Estienne) beobachten lässt. La Deffence, et illustration de la langue françoyse von Du Bellay (1549) ist ein eindrucksvolles Ergebnis dieser kritischen Reflexion und der Verteidigung der Volkssprache (vgl. Fragonard/ Kotler 1994: 14-15). Die zahlreichen Einflüsse auf die französische Sprachentwicklung in einer Phase des Wandels haben in der sprachwissenschaftlichen Literatur zu verschiedenen Bezeichnungen für das Französische dieser Zeit geführt. Diese reichen vom Französischen des 16. Jahrhunderts über das Französische einer Übergangsepoche oder der Renaissance bis hin zu spezifischeren Termini wie „préclassique, néo-stoicien, attique, cicéronien, anticicéronien, baroque“ (Lorian 1973: 22). Die in der Regel damit einhergehende Wertung, die auch Lorian kritisiert, wird in Bezug auf den Sprachzustand in meiner Studie durch die Verwendung des Begriffs Französisch des 16. Jahrhunderts vermieden. Allerdings ist dies, wenngleich weniger, ebenso problematisch, da damit einhergehend eine fixe Grenzziehung <?page no="33"?> 2.1 Das Französische im 16. Jahrhundert 21 zwischen 1500 und 1599 verstanden werden könnte. Dies kann weder in Bezug auf kulturelle, historische noch sprachliche Zusammenhänge zielführend sein. Der in der französischsprachigen Forschung geläufige Begriff des français préclassique bezeichnet ebenfalls in Abgrenzung zum vorausgehenden moyen français und nachfolgenden français classique einen Entwicklungszeitraum. Mancherorts wird dieser von 1500 bis 1650 bzw. von 1480 bis 1640 angesetzt und damit, an epochalen und kulturellen Umbrüchen orientiert, weit gefasst. 1 Sprachwissenschaftlich wird der Zeitraum hingegen häufig erst ab 1550 verortet (vgl. Caron 2002; Combettes/ Marchello-Nizia 2010), da sich um diese Zeit morphosyntaktische Veränderungen systematisch verdichten. 2 Wie Ayres-Bennett/ Caron (2016: 344, 386) und Caron (2002) zeigen, manifestiert sich ein Bruch gegen 1620 bzw. 1630, der von Zeitgenossen mehrfach als ein schneller Wandel der französischen Sprache wahrgenommen wird. Meine Studie umfasst Werke der Autoren Jean Calvin, Michel de Montaigne sowie François Rabelais, die ihre maßgebliche Schaffenszeit innerhalb des 16. Jahrhunderts hatten. Ich werde daher, ohne Intention starrer Epochengrenzen, im Folgenden von einem Französischen des 16. Jahrhunderts bzw., da alle drei Autoren humanistisch gebildet sind, von einem humanistisch geprägten Französisch sprechen. Sowohl der Humanismus mit der Ausrichtung am Klassischen Latein als auch die Dynamik der Weiterentwicklung des Französischen sind bestimmende Kräfte im 16. Jahrhundert. Doch Französisch und Latein sollten nicht in Opposition zueinander gesehen werden, denn dies entspräche, wie Rey/ Duval/ Siouffi (2007: 158) klar machen, nicht der sprachlichen Realität, da es in dieser Zeit bilinguale Sprecher gibt. Latein ist derart präsent, dass es an zahlreichen Orten wie Ausbildungsstätten gesprochen wird. Der aus dem Périgord stammende Michel de Montaigne wächst in seinen ersten Lebensjahren sogar mit Latein auf (vgl. Chomarat 1997: 21; Reinhardt 2023: 40-41). Davon unterrichtet uns der Humanist selbst in seinen Essais : 3 Quant à moy, j’avois plus de six ans avant que j’entendisse non plus de François ou de Perigordin que d’Arabesque. Et, sans art, sans livre, sans grammaire ou precepte, sans fouet et sans larmes, j’avois appris du latin, tout aussi pur que mon maistre d’eschole 1 Vgl. die Zeitschrift der Forschungsgruppe Groupe Renaissance Âge Classique (GRAC, IHRIM, https: / / grac.hypotheses.org/ ). 2 Combettes (2011) gibt einen Überblick älterer Periodisierungsvorschläge und betont die Notwendigkeit, syntaktische Veränderungen sprachgeschichtlich in einer soziolinguistischen Perspektive zu untersuchen. 3 Reinhardt (2023: 41-43) nimmt schlüssig an, dass Montaigne mit dem Gaskognischen durchaus vor seinem sechsten Lebensjahr im Umfeld des Schlosses in Kontakt gekommen sein muss und dessen Erzählung einer isolierten lateinischen Erziehung Teil seines raffinierten Selbstportraits wäre. Vgl. Dotoli (2006: 391-399) zu Montaignes Mehrsprachigkeit und auch zu Entlehnungen aus dem Gaskognischen. <?page no="34"?> 22 2 Syntaktische Latinisierung le sçavoit: car je ne le pouvois avoir meslé ny alteré. Si, par essay, on me vouloit donner un theme, à la mode des colleges, on le donne aux autres en François; mais à moy il me le falloit donner en mauvais Latin, pour le tourner en bon. (Montaigne [1592] 1965: 173-174) Dieses Beispiel soll verdeutlichen, dass Latein im Kreis gebildeter Französischsprecher auch jenseits schriftlich fixierter Texte in dieser Epoche allgegenwärtig ist. Die Sprachkontaktsituation besteht aus einer wechselseitigen, aber unausgeglichenen Beziehung. Da das Klassische Latein, welches die Humanisten propagieren, eine referenzwürdige Prestigesprache ist, werden zahlreiche sprachliche Elemente in die Volkssprachen transferiert. Umgekehrt sind auch Gallizismen bzw. französische Interferenzerscheinungen im Latein zu beobachten, jedoch in deutlich geringerem Umfang (vgl. Rey/ Duval/ Siouffi 2007: 159; Schøsler 2015: 101). Im Schriftbereich erfasst das Französische nun Bereiche, die bislang dem Latein vorbehalten waren. Hieraus entsteht Clerico (1999: 158-159) zufolge eine paradoxale Situation. Obwohl die Volkssprachen versuchen, sich gegen die Prestigesprache (und auch den italienischen kultursprachlichen Einfluss) abzugrenzen, gar zu verteidigen, werden stilistisch markante Strukturen und Konstruktionen mit Achtung vor der Antike transferiert: das Französische wird folglich in der Lexik und Grammatik latinisiert, um es aufzuwerten. 2.1.2 Intensiver und extensiver Ausbau Das Französische drängt in vielen Bereichen, und im 16. Jahrhundert insbesondere im wissenschaftlichen Bereich, das Lateinische im Bereich der Distanzsprache zurück. Der Einschnitt in die Sprachentwicklung ist massiv und fördert den extensiven und intensiven Ausbau des Französischen weit stärker als noch im vom Latein geprägten Mittelalter. 4 Der Ausbau des Französischen im distanzsprachlichen Bereich wird durch die Rückbesinnung der Humanisten auf das Klassische Latein insofern befördert, als dass eine beachtliche Bevölkerungsgruppe, die Latein auf nicht sehr elaboriertem literarischen Niveau beherrscht, sich folglich dem Französischen zuwendet. Rey/ Duval/ Siouffi (2007: 259) nennen sie „semi-lettrés“. Ein besonders elitärer Bereich der Sprachproduktion ist zu diesem 4 Die Unterscheidung des extensiven und intensiven Ausbau geht auf Koch/ Oesterreicher ( 2 2011) zurück, die den Verschriftlichungsprozess anhand dieser Terminologie weiter spezifizieren und terminologisch den Begriff des Ausbaus nach Kloss (1967, 1993) präzisieren. Vgl. die knappe Erklärung bei Frank-Job (2008: 587) „Der extensive Ausbau betrifft das Phänomen, dass ein Idiom in die Diskurstraditionen des Distanzbereichs einer Kommunikationsgemeinschaft einrückt und damit schließlich immer weitere kommunikative Funktionen übernimmt. Der dazu komplementäre intensive Ausbau betrifft dagegen den Prozess der Bereitstellung der für die konzeptionelle Schriftlichkeit erforderlichen sprachlichen Ausdrucksmittel in der Einzelsprache“. <?page no="35"?> 2.1 Das Französische im 16. Jahrhundert 23 Zeitpunkt die christliche Religion. 5 Zwar gibt es bereits im 14. Jahrhundert einige französische Bibelübersetzungen, die der alphabetisierten Bevölkerung einen erweiterten Zugang zur Heiligen Schrift möglich machen, doch weichen sie von einem sprachlichen Grundprinzip der aufkommenden Reformationsbewegung, nämlich Verständlichkeit ab. So schickt sich der aus Savoyen stammende Sébastien Castellion dazu an (vgl. Clerico 1999: 162; Rey/ Duval/ Siouffi 2007: 178), eine eigene protestantische Bibelübersetzung 1555 zu veröffentlichen, die im sprachlichen Stil des Volks, auch unter Berücksichtigung regionaler Ausdrücke, verfasst ist (vgl. Skupien Dekens 2017b: 198, 2008, 2009, 2013a). Diese allzu liberale sprachliche Haltung wird scharf von den Humanisten Henri Estienne oder Théodore de Bèze kritisiert. Calvin, der größte Gegner Castellions, pflegt selbst einen verständlichen, jedoch wortgetreueren Stil gegenüber dem Originaltext. Dieses Prinzip Calvins lässt sich besonders gut in seinem Hauptwerk, der Institution de la religion chrestienne , beobachten. Sie ist keine Bibelübersetzung - eine entsprechende Translation wird von seinem Cousin Pierre-Robert Olivétan im Jahr 1535 angefertigt - sondern ein Leitfaden zum (Calvins Ansicht nach) korrekten Praktizieren der christlichen Religion. In diesem Umfang ist weder von einem Katechismus noch einem theologischen Traktat mehr zu sprechen. Calvin begründet eine neue Textsorte und die Institution avanciert durch seine Wirkkraft weit über die Grenzen seines Exils in Genf hinaus zu einem reformatorischen Referenzwerk im frankophonen Raum. Auch in anderen Bereichen lässt sich im gleichen Zeitraum eine bemerkenswerte Weiterentwicklung beobachten. So entsteht im Jahr 1530, im Zuge einer politischen Heirat der Schwester des englischen Königs Heinrich VIII., die zweisprachige französische Grammatik Lesclarcissement de la langue françoyse des Engländers John Palsgrave (vgl. Baddeley in Palsgrave [1530] 2003; Stein 1985: 122). Zwanzig Jahre später erscheint dann auf Französisch Le tretté de la grammere françoéze (1550) von Louis Meigret sowie 1572 eine Grammatik von Pierre de La Ramée. 1539 veröffentlicht Robert Estienne ein französisch-lateinisches Wörterbuch. Ein erstes, sich nur auf das Französische konzentrierende Wörterbuch folgt jedoch erst 1606 durch Nicot und später, 1694, durch die Académie française . Erste Bestrebungen einer Kodifizierung sowie die Diskussionen der Pléiade im Rahmen der question de la langue sind Vorboten der Standardisierung, die dann im 17. Jahrhundert einsetzt. Sie zeigen auch die starke Dynamik, die der extensive Ausbau des Französischen maßgeblich durch den Buchdruck erlebt: 5 In diesem Zusammenhang ist das Konzil von Tours (813) wegweisend für die mittellateinische Textproduktion im kirchlich-gelehrten Bereich, da es eine Differenzierung zwischen gelehrten, lateinischen Dokumenten und volkssprachlichen, nicht-gelehrten Texten befördert. <?page no="36"?> 24 2 Syntaktische Latinisierung Zunächst bleibt das Latein im Distanzbereich absolut beherrschend, es erhält jedoch in immer mehr Diskurstraditionen ‘volkssprachliche Konkurrenz’ und weicht, vor allem ab der Renaissance und den von ihr initiierten kulturellen Veränderungen, sukzessive zurück. Hier kann die Bedeutung der neuen medialen Technik des Buchdrucks nicht überschätzt werden, der sich aus ökonomischen Gründen der Volkssprache zuwendet und durch die Erschließung neuer Leserschichten zu einem entscheidenden kulturpolitischen Faktor wird. Hand in Hand mit dieser Entwicklung wird der extensive Ausbau der romanischen Distanzsprachen vorangetrieben, so dass nun die romanischen Nähesprachen eine romanische [und eben nicht mehr ausschließlich lateinische, S. O.] Überdachung bekommen. (Koch/ Oesterreicher 2 2011: 140, Fettdruck entfernt) Koch/ Oesterreicher ( 2 2011: 136) geht es beim intensiven Ausbau vor allem darum, dass „den universalen Anforderungen des Distanzsprechens“ umfänglich Rechnung getragen wird. Die Aufwertung der Vernakularsprachen mittels lexikalischer und syntaktischer Latinismen im schriftsprachlichen Bereich der Renaissance nimmt dabei eine zentrale Stellung ein und trägt zu einem zumindest zeitlich befristeten, ausbauinduzierten Sprachwandel bei. 6 Dies ist vor dem Hintergrund zu betonen, dass Sprachwandel in der Regel nähesprachlichen Ursprungs ist. Mit der Fokussierung auf den Ausbau in der Distanzsprache verbindet sich im 15./ 16. Jahrhundert sodann ein von einer sehr gebildeten Schreibergruppe ausgehender „Wandel von oben“ (vgl. Frank-Job 2008: 586). Es gibt kaum einen Autor, dessen Rezeption in jener Zeit vergleichbar groß war und der zugleich, wie Jean Calvin, als gelehrter Schreiber „von oben“ den Anspruch verfolgte, sich auf Französisch ebenso sorgfältig auszudrücken wie auf Latein. Seine Institution darf als herausragendes Beispiel hierfür gelten. Bereits früher, im 14. Jahrhundert, gibt es durch Nicolas Oresme wichtige wissenschaftliche Spracharbeit, die als „Wegbereiterin für eine französische Schriftsprache“ (Frank-Job 2008: 597) fungiert. 7 Doch geht es hier, rund 200 Jahre später, um die explizite Beteiligung der breiten Bevölkerung und um die Erschließung eines weitgehend neuen Bereichs der französischen Distanzsprache, nämlich des bis dato dem Latein vorbehaltenen christlich-theologischen Diskurses. So lässt sich auch für Calvins Arbeiten bereits an dieser Stelle eine große Schnittmenge extensiver und intensiver Ausbauverfahren feststellen, die im Zeichen innovativer und „bewusste[r] Spracharbeit“ stehen (vgl. Frank-Job 2008: 596). Solche Verfahren können eben auch im Transfer syntaktischer Latinismen (vgl. 2.4) liegen, um beispielsweise Lücken in der Zielsprache weiter oder ganz zu schließen. Ich werde daher auch auf die Unterscheidung in das funktional motivierte Register und den ästhetisch charakterisierten Stil in Unterkapitel 2.3 6 Vgl. für einen Überblick Clerico (1999: 187-217). 7 Vgl. zur Textarbeit Oresmes neben Frank-Job (2008) auch Stempel (1987). <?page no="37"?> 2.2 Syntaktischer Transfer 25 eingehen. Dabei geht es nicht um den funktionalen oder ästhetischen Ursprung, sondern um die tatsächliche Anwendung des Latinismus in der Zielsprache. Ein syntaktischer Latinismus, der markant und charakteristisch für das Latein wie der Accusativus cum Infinitivo ist, wird aus Prestigegründen, zur Aufwertung der Zielsprache, in die Vernakularsprachen transferiert. Dabei spielt er für die humanistischen Gelehrten eine ästhetische Rolle, da er als dem Latein genuine und konzise Konstruktion des untergeordneten Satzes stilistisch attraktiv erscheint. Dies schließt jedoch nicht aus, dass der AcI auch in funktionaler und kommunikativer Hinsicht entscheidende Vorteile mit sich bringt, die eine Einordnung im Bereich des Registers notwendig machen. Im Fortgang dieser Studie wird die Zu- oder Abnahme der AcI-Konstruktion in den überarbeiteten Editionen Calvins eine Schlüsselrolle spielen, da so geklärt werden kann, ob sich die Konstruktion als funktional notwendig im Register dauerhaft festsetzt oder nur eine vorübergehende, ästhetisch motivierte Rolle in einer spezifischen Autoren- oder Textgruppe spielt. 8 2.2 Syntaktischer Transfer In diesem Kapitel werden die grundlegenden Mechanismen und Voraussetzungen vorgestellt, die es erlauben, latinisierende Strukturen in der französischen Sprache abzubilden. Hierzu gehört im Folgenden eine Übersicht über die in der Literatur teilweise nicht eindeutig unterschiedenen zugrunde liegenden Phänomene der Interferenz, des Einflusses, des Kontakts zwischen zwei Sprachen, der Entlehnung, des Transfers sowie ihre jeweiligen englischen und französischen Entsprechungen. 2.2.1 Sprachkontakt, -wandel und Interferenz Bevor überhaupt eine Entlehnung eines Lexems oder der Transfer einer grammatikalischen Struktur stattfinden kann, müssen mindestens zwei Sprachen miteinander über mindestens einen Sprecher 9 in Kontakt gekommen sein. 10 8 Den engen Zusammenhang zwischen Ausbau/ Abstand und Register sieht auch Pountain (2006a,b) für syntaktische Transfers in das Spanische gegeben. Vgl. Folena (1991) für die Rolle der Prestigesprache Latein in Bezug auf das Italienische zwischen dem 13. und 15. Jh. 9 Der Autor ist sich der Unterrepräsentanz weiblicher und diverser Personen in der deutschen und französischen Sprache bewusst. Aus Gründen der Lesbarkeit wird im Text das generische Maskulinum verwendet. 10 Der Einfluss aus einer anderen Sprache in einer Sprachkontaktsituation ist einer der beiden Möglichkeiten eines Sprechers, sprachlich kreativ zu sein. Ohne die Präsenz einer weiteren <?page no="38"?> 26 2 Syntaktische Latinisierung Dies kann also sowohl interals auch intraindividuell stattfinden. Unter der Voraussetzung, dass der Sprecher zumindest teilweise mit einer anderen Sprache vertraut ist (vgl. Campbell/ Harris 1995: 51), kann es zu einem Sprachkontaktszenario kommen. In dieser Situation wird eine Überführung sprachlichen Materials möglich, welche ferner zu einem grammatikalischen Sprachwandel führen kann (vgl. Kuteva 2017: 163-164). 11 Aufgrund der Sprachkontaktsituation spricht die anglophone Literatur deshalb auch von „contact-induced linguistic transfer“ (Kuteva 2017: 163). Der auf Weinreich ([1953] 9 1979) zurückgehende englische Begriff ‘interference’, welcher ihn als Abweichung von der Norm definiert, wird von Winford (2003) abgelehnt. Die potentielle Missverständlichkeit von Interferenz wie auch breite Bedeutung lassen ihn hiervon Abstand nehmen und lieber von kontaktinduziertem Wandel oder auch dem absichtlich weit gefassten Terminus „crosslinguistic influence“ sprechen (Winford 2003: 12). Doch wenn Weinreich sich auf die Norm bezieht, verlassen wir die Ebene der parole , die Winford hier unter diversen Einflüssen stehend sieht. Kabatek (1996: 12-14) weist zu Recht darauf hin, dass die beiden Ebenen immer wieder in Bezug auf Interferenz vermischt wurden, jedoch voneinander getrennt werden können, wenn Interferenz als Produkt von Kreativät und Innovation betrachtet wird, welches sich primär als „ Rede ereignis“ auf der Ebene der parole manifestiert (Kabatek 1996: 14-15). Die Auswirkung der Interferenzerscheinung zeigt sich dann in der Missachtung der Norm , doch nicht zwingend des Systems wie Kabatek bemerkt. Erst durch die nachhaltige Veränderung des Systems wiederum ist von einem Wandel der Sprache zu sprechen. Wir bewegen uns also im Folgenden, wenn es um die Untersuchung von Transfer-, Interferenz- oder Entlehnungserscheinungen geht, zunächst auf der parole -Ebene zweier Einzelsprachen mit besonderer Berücksichtigung ihrer zugrunde liegenden Normen. 2.2.2 Das Konzept borrowing Unter borrowing wird nicht selten ein „general mechanism of syntactic innovation“ (Wurff 1992: 63) verstanden, sodass das weit gefasste Konzept zunächst als ein Träger latinisierender Strukturen in der Zielsprache Französisch in Frage kommt. Jüngere Ansätze des 21. Jahrhunderts charakterisieren sich durch eine Sprache kann er zudem auf individueller Ebene mittels des Repertoires seines Sprachsystems „innersprachlich“ kreativ werden (vgl. Kabatek 1996: 11-12). 11 Diese Grundannahme Kutevas (2017), basierend auf Kuteva/ Heine (2012) und im Einklang mit Campbell/ Harris (1995), ist ferner im Zusammenhang der Grammatikalisierungsdiskussion und der Rolle des Sprachkontakts als sprachverändernde Kraft zu sehen. <?page no="39"?> 2.2 Syntaktischer Transfer 27 gewisse Zurückhaltung gegenüber dem häufig verwendeten Terminus ‘Entlehnung’ bzw. borrowing . 12 Dies hat terminologische wie auch strukturelle Gründe, die unter anderem bei Kuteva (2017), Matras ( 2 2020) und Matras/ Sakel (2007) thematisiert werden und die ich nachstehend kurz skizziere. Es geht grundsätzlich um den Transfer sprachlicher Elemente von einer Sprache in die andere (Kuteva 2017: 165). Hierbei wird jedoch nichts von jemanden oder etwas aus seinem Besitz ‘entliehen’ und anschließend ‘zurückgegeben’, wie es im Deutschen und Englischen die Termini Entlehnung und borrowing suggerieren. 13 Daher handelt es sich, wie Matras ( 2 2020: 158) zu Recht feststellt, um eine Metapher, die nicht präzise genug umreißt, was gemeint ist. Die inkludierten Subjekte werden ferner als en. donor und recipient bezeichnet, welche ebenfalls das Besitzverhältnis nur weiter forcieren. Geeigneter und akzeptiert scheint die Verwendung von source und recipient zu sein, also ‘Quell-’ und ‘Empfängersprache’ (vgl. Weinreich [1953] 9 1979; Winford 2003). Der Typus des Tansfers jener „linguistischen Elemente“ wird in dieser Definition von borrowing , die Kuteva als traditionelle bzw. als weite Sichtweise auffasst, nicht weiter präzisiert (vgl. Kuteva 2017: 165). Funktional wird jedoch die lexikalische von der strukturellen Entlehnung unterschieden. Erstere betrifft Lehnwörter und Lehnübersetzungen bzw. „calques“, zweiteres phonetisch/ phonologische, morphologische und syntaktische Eigenschaften (vgl. Kuteva 2017: 165). 14 Die borrowing scale nach Thomason/ Kaufmann (1988: 74-75), adaptiert von O’Shannessy (2011: 81) und Winford (2003: 23), hierarchisiert den Transfer lexikalischer Konstruktionen vor strukturellen Entlehnungen. Ein Hauptproblem dieser Ansicht ist, dass damit 12 Ansätze für eine Klassifizierung sind in unterschiedlichen Studien zu finden; so unter anderem die Lehnterminologie bei Betz ( 3 1974) zum Vor- und Frühdeutschen. Außerdem unterscheidet Gómez Capuz (1997) zum borrowing nach der sprachwissenschaftlichen Zugehörigkeit der „foreign elements“: „formal (both graphic and phonetic), morphological, semantic, lexical, syntactic, phraseological, and pragmatic.“ Die Unterteilung ist bereits sehr detailliert, doch weist Gómez Capuz (1997: 90) selbst auf ein Hauptproblem bei Etablierung des Terminus ‘phraseological borrowing’ hin, nämlich die äußerst schwierige Abgrenzung des überwiegend lexikalischen Lehens zu syntaktischen und pragmatischen Interferenzen. Die Begrifflichkeiten blieben insgesamt lange eher undurchsichtig und spiegeln das grundlegende Problem der bestehenden Forschung fehlender universell anwendbarer Kriterien zu diesem Zeitpunkt wider. Im Hinblick auf den lexikalischen Transfer sind neben den oben erwähnten Arbeiten auch auf das sprachübergreifende Handbuch Loanwords in the World’s Languages von Haspelmath/ Tadmor (2009) sowie die Monographie von Winter-Froemel (2011) zum französischen Sprachwandel ausgewählter Lexeme hinzuweisen. 13 Die dt. Wörter ‘lehnen’ wie auch ‘be-’ und ‘entlehnen’ meinen ‘zu Lehen geben’ oder im breiteren Sprachgebrauch ‘leihen’ (vgl. Lehnwort , in: Pfeifer [1993] 2020). 14 Calque lässt sich u. a. als spezifisches Phänomen des Translationsprozesses aufgreifen (vgl. Grand Robert , Rey 2024), wenn die Terminologie von Haugen (1950: 214) zugrunde gelegt wird. <?page no="40"?> 28 2 Syntaktische Latinisierung starre Grenzen gezogen werden, die nicht zwangsläufig bestehen und der Dynamik des Übertragungsvorgangs laut Matras ( 2 2020: 158) nicht gerecht werden. 15 Gänzlich gegen die Existenz von syntactic borrowing argumentiert Silva- Corvalán (1998), die einen Mechanismus des lexical borrowing für ihre Korpusdaten ausmacht, welcher in einem zweiten Schritt von syntaktischen Veränderungen betroffen sein kann. Sie schließt damit in den Bereich des lexical borrowing auch Elemente der Grammatik, insbesondere der Syntax, wie Konjunktionen und Präpositionen ein (vgl. Silva-Corvalán 1998: 240). Syntaktische Veränderungen in der Empfängersprache kommen ihr zufolge durch die Übertragung semantischer und pragmatischer Eigenschaften der jeweiligen Konstruktion zustande, die an die im Zielsystem bestehenden und strukturell eng verwandten syntaktischen Mittel geknüpft werden (Silva-Corvalán 1998: 242). Dieser Ansatz, der sich von einem rein syntaktischen Entlehnungsprozess abwendet und mehr auf die transferierte Struktur und ihre hierauf festzustellenden soziokulturellen Einflüsse fokussiert, steht in einer Entwicklungslinie mit den neuen Ansätzen, die sich in den vergangenen zwanzig Jahren in den Arbeiten der Autoren Heine/ Kuteva (2006), Kuteva (2017), Matras (1998, 2 2020) und Matras/ Sakel (2007) entwickelt haben. 2.2.3 Transfer Um der Universalität einer Theorie des kontaktinduzierten Wandels näher zu kommen, wird zunächst borrowing rein auf den Transfer von phonologischem Material und morphologischen bzw. morphosyntaktischen Strukturen reduziert (vgl. Kuteva 2017: 166; Matras/ Sakel 2007: 829). Es wird bei Matras/ Sakel (2007: 829-830) von einer „replication of linguistic matter “, kurz „ MAT “, gesprochen. Davon wird als weitere Form struktureller Replikation die „ pattern replication “, kurz „ PAT “, unterschieden. 16 Bei dieser handelt es sich um einen sprachinternen 15 Kuteva (2017: 166) bemängelt zudem, dass die in der borrowing scale dargestellten Stufen zu sehr Anspruch auf Universalität erheben und allenfalls Tendenzen aufzeigen können. 16 Die Grundunterscheidung zwischen MAT und PAT ist in ihrer Klarheit den jüngsten Arbeiten zu verdanken, aber findet sich in Ansätzen bereits deutlich früher. Vgl. Matras ( 2 2020: 256): „Haugen (1950) speaks of the ‘importation’ of form versus ‘calque’, a term which has become widespread to denote pattern replication especially at the level of single-word semantics, but also at the phrase and clause level. Gołąb (1956, 1959) separates ‘substance’ from ‘form’, while Johanson (2002) speaks of ‘global copies’ and ‘selective copies’. Weinreich (1953) too describes two distinct modes of interference. The first involves borrowing from a ‘source’ language to a ‘recipient’ language and is compatible with our notion of matter replication. The second is described by Weinreich as a change in the function of morphemes which takes place in a ‘replica language’, inspired by a ‘model language’. The latter were referred to by Weinreich as ‘cases of convergent development’ (see also Rozencvejg 1976). The term ‘convergence’ has since been used almost synonymously with ‘calque’ and ‘pattern transfer’ (see Heath 1984: 367).“ <?page no="41"?> 2.2 Syntaktischer Transfer 29 Umformungsprozess, der in seinem Kern, was das rein sprachliche Material anbelangt, lediglich mit Formen arbeitet, die bereits in der Sprache vorhanden sind, also ererbt wurden (vgl. Matras 2 2020: 257-258). Gefördert wird dies durch die Konvergenz zweier Sprachen. Konvergenz meint allgemein die „Tendenz zur gegenseitigen Annäherung zweier Elemente“ (Glück/ Rödel 5 2016: 367), die in einem Austausch bzw. einer Transfersituation münden kann. Umso größer also die typologische Nähe und Konvergenz zweier Sprachen ist, desto wahrscheinlicher wird die vermehrte Übertragung struktureller Schlüsselmerkmale der Quellsprache in die Zielsprache unter Verwendung ihrer ererbten sprachlichen Möglichkeiten. Intensive Sprachkontaktsituationen, wie sie zwischen dem Lateinischen und dem Französischen besonders in der humanistischen Epoche bestehen, fördern also Konvergenz und strukturelle Replikation. Wenn PAT zutrifft, folgt ein die Kommunikation optimierender Prozess, der darauf abzielt, die Konstruktion der Quellsprache effizient mit Mitteln der Empfängersprache wiederzugeben. Hierzu wird aus einer unbegrenzten Anzahl an grundlegenden Merkmalen bzw. „Schlüsselmerkmale[n]“ (Riehl 2019: 1126), in Wiedergabe des bei Matras ( 2 2020: 260-264) zentralen Begriffs „pivotal features“ bzw. „pivot matching“, die Konstruktion gezielt unter Berücksichtigung geltender Bildungs- und Kombinationsregeln (vgl. Matras 2 2020: 262) ausgewählt. Dieser Vorgang entspricht dem, was Wurff (1992: 75) für seine Daten des Mittelenglischen wie auch in mehreren Werken der klassischen Sprachkontaktforschung (vgl. u. a. Thomason/ Kaufmann 1988; Weinreich [1953] 9 1979) beobachtet: Elemente werden selektiv und nicht immer vollständig transferiert (sog. selective borrowing ). 17 Denn direkte Entsprechungen in Form und Funktion müssen bei der pattern replication nicht gegeben sein (vgl. Matras/ Sakel 2007: 836), sodass Einschränkungen (en. constraints ) im Transferprozess gelten können. 18 Die Erfüllung des kommunikativen Ziels unter kontext-adäquater Berücksichtigung des Sprachinventars der Empfängersprache, ist der Auswahl geeigneter 17 Sein Erklärungsansatz des sog. „network models“ beruht auf zufälligen Entwicklungen in der Sprachperformanzphase, die auf einem vorhergehenden kurzen und schwachen Kontakt zwischen beiden Sprachen basieren. Die Integration „isolierter Satzmuster“ führt dann zu einer von der Quellsprache abweichenden Konstruktionsbildung in der Zielsprache. Wurff (1992: 75) bemerkt selbst, dass diese Erklärung nur in Teilen funktioniert, und lässt ebenso den Bereich intensiven Sprachkontakts offen. 18 Vgl. Matras/ Sakel (2007: 836) mit Verweis auf Matras (1998): „a. Identify constructions with parallel functions in the two languages; b. Identify a functional ‘pivot’ on which the model construction rests; c. Identify a parallel ‘pivot’ in the recipient language; d. Identify their functional scope and its necessary extension; e. Identify features that cannot be compromised (constraints); f. Accommodate accordingly“. <?page no="42"?> 30 2 Syntaktische Latinisierung Schlüsselmerkmale übergeordnet. 19 Dies setzt eine hohe Bereitschaft des Sprechers bzw. Autors eines Textes voraus, dass der Hörer bzw. Leser auch verstehen soll, was gesagt bzw. geschrieben wird. Gerade im Kontext der Übersetzung, welche ein einschränkender Faktor bezüglich der Kommunikationseffizienz sein kann, muss hinterfragt werden, bis zu welchem Grad der Übersetzer bereit ist, eine maximale Verständlichkeit beim Leser zu erreichen. Es ist plausibel, dass dieses Bemühen im Falle der Selbstübersetzung besonders ausgeprägt ist. Unterschiedliche Bildungshintergründe, die in früherer Zeit weniger leicht, mangels fehlendem Bildungszugang zu Bibliotheken, Internet etc., auszutarieren waren, führen potentiell zu einer größeren Verständnislücke zwischen Autor/ Übersetzer und Leser. Es ist davon auszugehen, dass einige Autoren geschrieben haben, ohne sich eben solche Gedanken um Verständlichkeit und damit Effizienz in der Kommunikation zu machen. Sprachhistoriker stehen daher vor dem besonderen Problem, nachzuweisen, dass eine Bemühung um sprachliche Verständlichkeit und guten Stil bei einem bestimmten Autor vorliegt. Gleichzeitig legt dies offen, dass der jeweilige soziale Hintergrund von Sender und Empfänger eine wesentliche Rolle spielt. 20 2.2.4 Einflussfaktoren Die Übertragung einer Struktur in die Zielsprache wird wesentlich durch das zugrunde liegende Prestige der L2 bestimmt (vgl. Matras 2 2020: 245, 257). Prestige ist eine Eigenschaft, die zumeist der Quellsprache oder einer mehrheitlich gesprochenen Sprache in einem nationalen Kontext zugeschrieben wird (vgl. Matras 2 2020: 46, 161). Dass Letzteres nicht für das ungleiche Sprachenpaar Latein-Französisch im 16. Jahrhundert gelten kann, ist offensichtlich, da Latein nur von einer humanistisch gelehrten Minderheit intensiv verwendet wird und von der breiten Bevölkerung hingegen französische Dialekte (und andere, wie die des Okzitanischen). 21 Das Prestige des Klassischen Lateins manifestiert sich in Form bestimmter Charakteristika, die Grundlage für zahlreiche lexikalische und grammatikalische Transfers sind. Es beschränkt sich nicht ausschließlich auf MAT, sondern ist auch in PAT involviert, da es eine übergeordnete, außersprachliche Eigenschaft ist (vgl. Matras 1998: 326, 2 2020: 166). Im Zusammenhang mit 19 Vgl. für eine Visualisierung des Transferprozesses adäquater Schlüsseleigenschaften das von Matras ( 2 2020: 263) weiterentwickelte Modell (vgl. Matras 1998; Matras/ Sakel 2007). 20 Vgl. hierzu vertieft Kapitel 3. 21 Matras’ Beobachtung der mehrheitlich gesprochenen Sprache trifft auch auf die Epoche des français préclassique zu, etwa im Rahmen der Diglossie zwischen dem sich herausbildenden, prestigebehafteten ‘Nationalfranzösisch’ und den zahlreichen primären Dialekten. Der Begriff wird im Sinne von Ferguson (1959: 334) verwendet. <?page no="43"?> 2.2 Syntaktischer Transfer 31 Prestige wird auch die Möglichkeit der Füllung etwaiger Leerstellen in einem sprachlichen System diskutiert (vgl. Campbell/ Harris 1995: 129; Matras 2009: 146-153): Die Tendenzen des Systems sind ja eigentlich nichts anderes als die Tendenzen einer gewissen Finalität des Sprechers, Inkohärenzen des Systems auszugleichen. Als solche können sie im Widerspruch stehen etwa zu einer vorherrschenden Neigung zur Übernahme von Elementen aus einer bestimmten Kontaktsprache. Dennoch sind auch bei einer solchen Neigung diejenigen Interferenzen besonders für die Produktivität prädestiniert, die gleichzeitig dazu dienen können, „Lücken“ eines Systems zu füllen. (Kabatek 1996: 24-25) Auch hier ist es vorstellbar, dass solche Lücken sowohl für MATals auch PAT- Replikation gelten, da beides, Materie und Struktur, eine ebensolche Lücke in einem System schließen kann. Inwieweit dies für den AcI als konkurrierende Struktur zum Komplementsatz mit lt. quod und fr. que relevant ist, wird noch zu klären sein. Ferner stellt sich die Frage, ob diese Prozesse des Transfers stets auf Systemebene, also in Saussures langue , stattfinden (vgl. Saussure 1967: 30). Offenkundig ist, dass die individuelle Realisierung auf Ebene der parole die Grundlage bildet und von dort aus in Generalisierung der transferierten Struktur in einer Sprechergemeinschaft auf die Systemebene übertragen wird. Matthews (2006: 10) zeigt zwei Dinge auf: zum einen, dass trotz unterschiedlicher individueller Ausprägung und Realisierung eines Interferenzphänomens dennoch eine bis zu einem gewissen Grad stattfindende Normierung zu beobachten ist („habitualized“). Sie gilt nicht systemweit, aber doch auf einer mittleren Abstraktionsebene zwischen parole und langue , der Ebene der ‘Norm’ im Sinne von Coseriu ( 3 1979). Zum anderen wird klar, dass die dem Sprecher innewohnenden Eigenschaften steuernde Faktoren in einer Sprachkontaktsituation sind. Die Bedeutung soziolinguistischer Einflüsse heben auch Matras ( 2 2020) und Silva- Corvalán (1998) hervor. Unter anderem kann dies das Geschlecht, den sozialen Status, die kommunikative Situation und das Register betreffen (vgl. Gómez Capuz 1997: 30). Ein weiterer constraint in Bezug auf strukturelle Übertragungen von der Quellsprache in die Zielsprache ist die Häufigkeit einer bestimmten Konstruktion in der sozial dominanten Sprache - auch hier zeigt sich die zentrale Rolle des Prestiges einer Sprache. Denn eine fest verankerte Konstruktion in der Quellsprache erhöht auch die Verwendungsfrequenz in der Zielsprache und lässt vermehrt Erweiterungen der zielsprachlichen Konstruktion zu (vgl. Silva-Corvalán 1998: 228). 22 22 Interessant an Silva-Corvaláns (1998) Beobachtungen für das Spanische von Los Angeles ist, dass diese Parallelstrukturen jedoch nicht die gesamte Funktionalität der Quellsprache <?page no="44"?> 32 2 Syntaktische Latinisierung Darüber hinaus gilt es, die nicht unerhebliche Grundbedingung in PAT-Situationen zu beachten, dass eine Konstruktion nicht transferiert wird, wenn sie keine ausreichende Akzeptabilität beim Hörer bzw. Leser findet, d. h. sie muss verstanden werden können. Bei MAT kann durch den Kontext das notwendige Verständnis für den Hörer bzw. Leser erreicht werden, dies ist bei einer strukturellen Replikation jedoch ungleich komplexer. Beispielsweise könnte eine Änderung der Wortstellung durch Transfer im Zweifelsfall zu einer Ungrammatikalität der Proposition und damit zum Scheitern der Kommunikationssituation führen, wenn sie entweder zu komplex ist oder der Hörer das Wissen über die Struktur in der Quellsprache benötigt, die unter Umständen nur der Sprecher kennt. Es ist daher in der Zielsprache nach bereits bestehenden, ererbten Strukturen zu suchen, die das Verständnis durch Analogiebildung erleichtern können. Direkt hiermit verknüpft ist die variable Kreativität des Sprechers, die als „underlying process“ (Matras/ Sakel 2007: 854) zu verstehen ist, sowie die bereits angesprochene Konvergenz zweier Sprachen (vgl. Haugen 1950: 213). Die typologische Ähnlichkeit unterstützt den Transfer insofern, als dass selbst weniger intensiver Sprachkontakt bereits ausreichen kann, um den Transferprozess auszulösen (vgl. Schöntag 2 2009: 92; Thomason 2001: 71). 2.2.5 Positionierung Die vorliegende Arbeit, die latinisierende Einflüsse im Französischen des 16. Jahrhunderts untersucht, stützt sich, wie bereits ersichtlich geworden ist, auf das Konzept des PAT nach Matras (1998, 2 2020) und Matras/ Sakel (2007). Es soll an dieser Stelle auf den Umstand hingewiesen werden, dass solche Sprachkontaktszenarien überwiegend auf Basis gesprochener Sprachen entwickelt werden. Dennoch ist die Schriftsprache nicht hiervon auszunehmen. Es gilt, dass „die beim Sprachkontakt beobachteten Phänomene positiver und negativer Interferenz [...] sich auch beim Textkontakt [finden].“ (Kabatek 2015: 57). 23 Dies kann teilweise so weit gehen, dass der Transfer einer Konstruktion aus einer Prestigesprache wie dem Klassischen Latein ausschließlich in der Schriftsprache stattfindet (vgl. Kaufmann/ Thomason 1991: 78 für lateinischen Einfluss auf die englische Syntax). Hierbei macht sich vor allem das Gewicht der Planbarkeit der Schriftproduktion gegenüber der spontansprachlichen Äußerung bemerkbar (vgl. Kabatek 1996: 29). Prestigeträchtige Konstruktionen werden, so muss angenommen werden, in Schrifttexten absichtlich übertragen. Zum einen wird widerspiegeln, sondern in ihrer Komplexität beschränkt sind. Dies deckt sich mit Matras’ Anschauung von PAT, bei der nur zentrale Schlüsselmerkmale strukturell übertragen werden. 23 Vgl. zu den unterschiedlichen Typen der Interferenz bei Kabatek (1996) Abschnitt 2.4.6. <?page no="45"?> 2.3 Stil, Register und Norm 33 die Tendenz zum Transfer durch ähnliche Textsorten verstärkt, da sprachliche Interferenz nach Kabatek (1996: 20-21) „textspezifisch“ ist, zum anderen zeichnet sich eine erhöhte Intensität im Ausbauprozess bestimmter Texttraditionen ab. Ebendiese Situation liegt mit dem Hauptwerk Calvins, der Institution , vor. In theologischen Schriften dominierte über Jahrhunderte Latein. Calvin setzte sich nicht nur inhaltlich, sondern auch sprachlich der katholischen Kirche entgegen, indem er, wohlgemerkt nach einer ersten Abfassung auf Latein, seine Gedanken mit einer Übersetzung einem breiten französischsprachigen Publikum zugänglich macht. Kürzere Traktate 24 gab es bereits auf Französisch, doch mit der Institution entstand eine mehrbändige Abhandlung. Textspezifität hat also Auswirkungen auf die Übertragungswahrscheinlichkeit, sie ist jedoch nicht der alleinige kausale Ausgangspunkt für einen Transfer. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass eine Identifizierung von syntactic borrowing auf Grundlage der bestehenden Terminologie begrifflich irreführend sein kann. Die Differenzierung in MAT und PAT replication scheint im Ansatz insofern vielversprechend zu sein, als dass über das sogenannte pivot matching , also dem Auswählen geeigneter Schlüsselmerkmale, vor dem soziolinguistischen und außersprachlichen Hintergrund des Senders (Sprecher und Schreiber) und der Akzeptanz des Empfängers (Hörer und Leser), eine Erklärung des jeweiligen Transferprozesses möglich ist. Ob dieser Transfer verstärkt aufgrund der sprechereigenen Kreativität, zum Beispiel in Wechselwirkung mit dem Textgenre, oder im Kontext einer Übersetzung zustande kommt, ist noch zu klären. 2.3 Stil, Register und Norm Der vorherige Abschnitt beleuchtete syntaktische Veränderungen aus der Perspektive der Sprachkontaktforschung. Dabei spielen verschiedene Faktoren eine Rolle, die auf sozioindividuelle Aspekte zurückzuführen sind und das Individuum - den Sprecher bzw. Autor eines Textes - in den Mittelpunkt der linguistischen Betrachtung rücken. Bei der Untersuchung grammatikalischer Abweichungen im individuellen Sprachgebrauch von der gesellschaftlich implizit oder explizit akzeptierten Norm ist es unumgänglich, sich auch mit Äußerungen zu befassen, die auf ‘stilistische Variation’, ‘individuellen Stil’ oder im Transfer bestimmter sprachlicher Strukturen auf ‘prestigeträchtigen Stil’, ‘gelehrten Stil’ oder gar ‘(re-)latinisierenden Stil’ abstellen. Sie sind nicht selten in der älteren Forschungsliteratur zu Calvin zu finden (vgl. Autin 1929; Châtelain 1909; Marmelstein 1921; Plattard 1939): 24 Vgl. z. B. Jean Gerson ([ca. 1400] 1537), Doctrinal de la foy catholique [...] (Higman 1998b: 517). <?page no="46"?> 34 2 Syntaktische Latinisierung [. . . ] Calvin dont le style indique à chaque phrase qu’il pensoit habituellement en latin (Baum 1867: XIV; vgl. Doumergue 1902: II, 154) Was ‘Stil’ genau meint, bleibt meist im Unklaren, soll aber in Form einer Arbeitsdefinition im Folgenden geklärt werden. 2.3.1 Stil im 16. Jahrhundert Die humanistische Geistesströmung prägt im 16. Jahrhundert maßgeblich das Verständnis von Stil in der Sprachverwendung. 25 Dabei fungieren Texte der Antike als zentrale Refenzgröße und Grundlage zur Etablierung einer humanistisch gedachten Rhetorik. Neben der Befolgung von Regeln, Übungen und Exemplifizierungen ist die imitatio und æmulatio , die (wetteifernde) Nachahmung, zentraler Bestandteil des antiken Rhetorikunterrichts. Eine Übertragung lateinischer Satzstrukturen ist vor dem Hintergrund dieses Motives zu sehen, jedoch gleichzeitig darauf hinzuweisen, dass es sich nicht um die bloße Nachbildung handelt, „sondern [...] der Ausprägung der kreativen, individuellen stilistischen Kompetenz“ dient (Mayer 2009a: 2). Erweiterungen und Veränderungen des Modells sind folglich durch Kreativität des Autors zulässig und zu erwarten. Nach diesem Verständnis ist das kritische Studium antiker Rhetorikvorbilder daher Voraussetzung ebenso wie die Vermeidung sprachlicher Fehler. Daraufhin erfolgt die Ausrichtung des Textes in Bezug auf Klarheit und Angemessenheit. 26 Die Übersetzung gewinnt hierbei besondere Bedeutung, da Quintilian davon überzeugt ist, dass sie ein vortreffliches Mittel zur Schulung des eigenen Sprachgefühls sei (vgl. Mayer 2009a: 6). Ferner lassen Quintilians Worte einen Vorläufer des heutigen Stilbegriffs erkennen, wie Mayer herausstreicht: „nunc vero innumerabiles sunt modi plurimaeque eodem viae ducunt“ (nun gibt es aber unzählige Arten, und sehr viele Wege führen zum gleichen Ziel). Mit dieser Feststellung bekräftigt Quintilian die moderne stiltheoretische Auffassung, Stil komme nicht durch Abweichung vom gewöhnlichen Sprachgebrauch, sondern durch die Wahl aus einem Spektrum an Möglichkeiten zustande. (Mayer 2009a: 7) 25 Der Begriff Stil und die damit verbundene Disziplin der Stilistik ist Gegenstand zahlreicher Definitionsansätze. Ein Hauptproblem ist die Weitläufigkeit dieses „alltagssprachlichen“ Begriff (vgl. Gauger 1995: 208). Im Englischen findet sich zumindest eine Differenzierung zweier Teildisziplinen: so spricht die Literaturwissenschaft von stylistics und die Sprachwissenschaft von style (Biber/ Conrad 2 2019: 23). Hier ließe sich im Deutschen allenfalls durch qualifizierende Adjektive wie ‘linguistische Stilistik’ und ‘literaturwissenschaftliche Stilistik’ genauer unterscheiden. 26 Diese Wesensbestandteile der Stilistik gehen auf das dritte Buch der Rhetorik von Aristoteles zurück. Vgl. hierzu Mayer (2009a: 2-4). <?page no="47"?> 2.3 Stil, Register und Norm 35 Humanistische Strömungen halten am traditionellen Rhetorikbild grundsätzlich fest. Dies zeigt sich bei Melanchthon wie auch Erasmus, welcher in De ratione studii (1511) davon ausgeht, dass die Lektüre stilistisch ausgefeilter Texte zum Erwerb eines eigenen guten Stils zwingend notwendig ist (vgl. Mayer 2009b: 12). 27 Weniger durch den Rezeptionsprozess als vielmehr die zahlreichen Textproduktionen, die durch die Erfindung und Verbreitung des Buchdruckverfahrens eine rasch einsetzende Dynamisierung erfahren, wandelt sich die Einstellung zum Erwerb von Wissen und sprachlichem Bewusstsein in dieser Zeit fundamental. Das „geistige [...] Ringen“ (Kalverkämper 2009: Sp. 32-33) um den richtigen Sprachstil, insbesondere im Zuge der kirchlichen Erneuerungsbewegung, ist in dieser Zeit stark ausgeprägt. Auch Calvin sieht sich in diesem Spannungsfeld, wenn er den Rückgriff auf hebräische Quelltexte im Original vehement vor den lateinisch- und griechischsprachigen Gelehrten verteidigt. Sie würden zu Unrecht die Sprache als grob, simpel und unhöflich abtun, da sie sich gemäß ihrer Ausbildung einem „reinen und eleganten Stil“ verschrieben haben. Seiner Ansicht nach ist die Sprache, wie sie in der hebräischen Bibel verwendet wird, jedoch „nicht weniger eloquent und höflich“. 28 Die Wahl des richtigen Stils wird in der Renaissance immer wichtiger und zur fundamentalen Frage. 29 In der deutschsprachigen Reformation ist eine ähnliche 27 Vgl. zu Erasmus von Rotterdam sein zentrales Werk der Stilregeln: De utraque verborum ac rerum copie , 1512. Die Imitation als zentrales stilistisches Erziehungsziel hielt sich noch bis in das 18. Jh. im deutschsprachigen Humanismus (Mayer 2009b: 17-18). 28 Vgl. die Positionierung Calvins in seinem Werk Des scandales : „ Scandale prins du style simple de l’escriture [.] Pour commencer donc selon l’ordre que nous avons mis, il fait mal à gens enflez et addonnez à ostentation que le sainct Esprit use en l’escriture saincte d’un langage grossier et simple. Ceulx aussi qui ont esté instruicts aux sciences humaines et sont accoustumez à un style pur et elegant rejettent ou mesprisent ceste façon de parler, comme trop rude et mal polie. Je n’ameneray icy la response qu’ont faict sur ce poinct aucuns hommes sçavans : c’est que tel mespris procede d’ignorance, c’est que Moyse et plusieurs des Prophetes ne sont moins eloquens et poliz en leur langue hebraique que les autheurs grecs et latins en la leur, soyent Orateurs ou Philosophes, lesquels on tient en grande estime.“ (c-sca: 64-65). In Calvins Institution findet sich hingegen kein Beleg für das Wort style/ stile , in den Scandales fünf Belege; einer entfällt noch auf einen Brief. Um textgenrespezifische Schlüsse zu ziehen, sind die Belege in den Texten des 16. Jh. in Frantext zu wenig. Dennoch ist es bemerkenswert, dass Calvin Stellung hierzu bezieht, und untermauert die Bedeutung des Sprachstils in dieser Zeit. 29 Vgl. zur Geschichte des Wortes Stil Gaugers (1995: 189-190) Monographie Über Sprache und Stil : „Das Wort ‘Stil’, ein ausgesprochen kulturelles Wort, ist in jeder Hinsicht ein Sonderfall; es gehört zu den wenigen Wörtern dieser Art des Lateinischen, die nicht vom Griechischen kommen, die keine griechische Vorlage haben, das Wort ist keine Lehnübersetzung, kein calque . ‘Stilus’ im Sinne von ‘Schreibart’ ist eine rein lateinische Prägung.“ Als ursprüngliche Bedeutung von stilus ist „jeder aufrechtstehende spitze Körper“ (Georges [1913/ 1918] 8 1998: II, 2800-2801) zu verstehen (vgl. auch Du Cange 1883-1887). Daraus ergeben sich dann unter anderem die Bedeutungen von „Griffel zum Schreiben“, „das schriftliche Abfassen“, „die Ausdrucksweise, Schreibart, der Stil“, „das Schriftentum“, aber auch „die Sprache“ wie „Romanus stilus“. Bemerkenswert ist die Feststellung Gaugers, dass im Mittellatein die Bedeutung als ‘Schreibart’ <?page no="48"?> 36 2 Syntaktische Latinisierung Entwicklung zu beobachten, die die Divergenzen offen zu Tage treten lässt: Es kam zu der paradoxen Situation, dass einige Laien eine komplexe Syntax schrieben, Lateinisches unübersetzt ließen (Schönichen) bzw. latinisiertes Deutsch schrieben (Füßli), sich derber Lexik enthielten (Ziegler), während umgekehrt geistliche Autoren sich bemühten, verständlich (Luther [...]), sogar übertrieben einfach zu schreiben (Peringer), und teilweise derbe Lexik verwendeten (Murner, Müntzer, am stärksten Luther). (Schwitalla 2001: 468) Die Ausfügung, also das „Sich-Abheben von einem Vorgegebenen“, lässt sich Gauger (1995: 215) zufolge in folgendem Zitat Montaignes über seinen eigenen persönlichen Stil beobachten und ist zugleich Marker für die moderne Sprache, die nicht mehr auf Einfügung, sondern auf individuelle Abweichung von bestehenden Normen setzt: J’ay naturellement un stile comique et privé, mais c’est d’une forme mienne, inepte aux negotiations publiques, comme en toutes façons est mon langage: trop serré, desordonné, couppé, particulier; et ne m’entens pas en lettres ceremonieuses, qui n’ont autre substance que d’une belle enfileure de paroles courtoises. (Kap. XL, Considération sur Cicéron , Montaigne [1592] 1965: 252) Es zeichnet sich also in aller Deutlichkeit ab, dass zum einen unter Stil zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche Dinge verstanden werden und zum anderen Stil mit Wertigkeit verbunden ist, da er mit Prestige assoziiert wird. Guter Stil ist erstrebenswert und im Kontext aufstrebender Volkssprachen, die sich inmitten eines intensiven Ausbauprozesses befinden, besonders wichtig, wie Du Bellay in seinem Manifest zur Verteidigung der französischen Sprache festhält: 30 gänzlich fehlte und ‘Sitte’, ‘Gewohnheit’ und ‘Brauch’ darunter verstanden wurde ( consuetudo, mos ). Eine neuere Entwicklung, die neben dem Lateinischen vor allem auch im Französischen stattfand, war die Bedeutungsübertragung auf „die Art der Anlage von Gerichtsakten oder von Akten überhaupt“ (Gauger 1995: 190-191). Im Italienischen wurde im gelehrten Kreis hingegen sehr wohl (weiterhin) ‘Schreibart’, ‘Redeart’ oder ‘Dichtungsart’ verstanden. Die Erweiterung auf andere Disziplinen erfolgt laut Gauger frühestens im 17. Jh. Er unterscheidet hier für die Gegenwart drei Varianten von Stil: „Individualstil“, „Gattungsstil“ und „Epochenstil“ (Gauger 1995: 191-194). Vgl. hier zum „Textsorten-Stil“ Göttert (2004: 18-19, 37). 30 Guter Stil ist positiv konnotiert, schlechter Stil steht für einen negativen Wert. Wenn ein Stil weder ‘gut’ noch ‘schlecht’ ist, ist jedoch nicht von Stil zu sprechen, sondern von „stilistisch neutrale[n] Elementen, die in allen kommunikativen Kontexten funktionieren können“ (Hesselbach 2019: 42). Dennoch scheint es der deutschsprachigen Stilistik weithin an einer konsensfähigen Systematik innerhalb der Sprachwissenschaft zu mangeln, wie vielerorts in der Forschungsliteratur erkennbar wird; vgl. hierzu Mayer (2009b: 22). Vereinzelt lassen sich Ansätze zur Differenzierung in einen einfachen, gelehrten oder latinisierenden Stil finden (vgl. Schwitalla 2001: 465, 467-468). Auch „syntaktische Archaismen“ (Holly 2001: 431) könnte man unter den Stilbegriff fassen. 1973 versucht Sanders eine (Teil-)Theorie des Sprachstils zu entwickeln und betont, wie wichtig es für die Disziplin der Linguistik ist, hierbei „exakt“ vorzugehen, auch wenn dies in einem Teilbereich schwierig ist, der „im Zustande der Diskussion, nicht der Lösung kontroverser Probleme steht“ (Sanders 1973: 9). <?page no="49"?> 2.3 Stil, Register und Norm 37 pour ce, que j’ay tousjours estimé notre poësie Françoyse estre capable de quelque plus hault, et meilleur Style, que celuy, dont nous sommes si longuement contentez. (Du Bellay [1549] 2007: 121) 2.3.2 Einordnung latinisierenden Stils Das vorangegangene Verständnis von ‘Stil’ beschreibt den Gestaltungsprozess, es übergeht jedoch die Frage nach der varietätenlinguistischen Zuordnung des Stils im Sprachgefüge. 31 Dass die Notwendigkeit zur Klärung besteht, wird an der Verwendung der Bezeichnung relatinisierender bzw. latinisierender Stil 32 erkennbar, welcher sich nicht ausschließlich auf einzelsprachlicher oder individueller Ebene bewegt. Das Phänomen tritt regelmäßig in einer bestimmten Phase der Sprachgeschichte in spezifischen Sprechergruppen und in mehreren Vernakularsprachen auf. Einzig die Quellsprache Latein wird dabei explizit als Konzept angenommen, sodass ein latinisierender Stil zunächst ungewiss lässt, um welche Empfängersprache es sich handeln könnte. Gemeinsam ist diesem Stil, dass er in bestimmten Textgattungen, bevorzugt solchen distanzsprachlicher Orientierung, sprachübergreifend vorkommen soll und bei humanistischen Autoren, den Partizipanden einer geistigen Strömung, die von den tre corone in Italien begründet wurde und bald darauf Frankreich, Spanien und schließlich Deutschland (neben anderen Ländern) erfasste, anzutreffen ist. Genauso wie es Koch (1997b: 45) „unerläßlich“ scheint, „Coserius Modell auf der historischen Ebene zu doppeln“, ist es ihm und mir nicht weniger wichtig, den Stilbegriff gemäß dieser Doppelung aufzuteilen. Das Resultat aus diesem Eingriff in das bestehende Modell sprachlicher Ebenen nach Coseriu (1988) ist, dass auf der historischen Ebene nun die Diskurstradition oberhalb der Einzelsprache liegt (vgl. Weidenbusch 2002: 21). 33 Wenn also von latinisierendem Stil in den romanischen 31 Ostheeren (2009: 56-57) schreibt, dass im anglophonen Raum bereits früh eingesehen wurde, dass das „komplexe [...] Gefüge [...]“ Sprache kein „geschlossenes homogenes System“ darstellt, „sondern [...] ein [...] nach Raum, Zeit, soziokultureller Schicht etc. differenziertes und differenzierbares heterogenes <Diasystem>, das sich in situationsgebundene Subsysteme gliedert“. Seinen Ursprung findet der Ansatz jedoch bei dem norwegischen Forscher Flydal (1951) und wird dann durch Coseriu (1973) aufgenommen und weiter differenziert. Siehe hierzu Wunderlis (2005: 65-67) prägnante Zusammenfassung des varietätenlinguistischen Ansatzes Coserius auf Basis des 1951 erschienen Aufsatzes von Leif Flydal Remarques sur certains rapports entre le style et l’état de langue . Ein Vorläufer des variationslinguistischen Modells findet sich jedoch bereits zu Beginn des 20. Jh. bei Charles Bally: „so etwas wie der Gründervater der modernen Stilistik“ (Wunderli 2005: 74) - welcher die unterschiedlichen Dimensionen zwar erkennt, aber weder „verfolgt“, noch „systematisiert“ (Wunderli 2005: 63-64). Stil ist diesem Verständnis nach im einzelsprachlichen, diaphasischen Kontext zu finden. 32 Zum Begriff der (Re-)Latinisierung vgl. das anschließende Kapitel 2.4.2. 33 Vgl. Winter-Froemel (2023) für einen rezenten und prägnanten Überblick der beiden wesentlichen Auffassungen von Diskurstradition nach Coseriu und Koch. Sie zeigt zudem auf (41-45), <?page no="50"?> 38 2 Syntaktische Latinisierung Sprachen des 15./ 16. Jahrhunderts gesprochen wird, so lässt sich festhalten, dass damit der Stil auf der Ebene der Diskurstradition gemeint ist: Unter einem ‘Stil’ stellt man sich sicherlich in erster Linie einen bestimmten, historisch gegebenen Duktus des Sprechens, aber gerade auch des Schreibens vor. Stile in diesem Sinne sind weitgehend von einer Einzelsprache in die andere übersetzbar. Es kann sich somit nicht um spezifisch einzelsprachliche Traditionen handeln, sondern um Diskurstraditionen. [...] Gattungen sind Diskurstraditionen speziellerer Art, Stile sind allgemeinere, die Gattungen übergreifende und durchdringende Diskurstraditionen [...]. (Koch 1997b: 51-52) Durch ihre Unterordnung lassen sich mehrere Textgattungen unter einen Stil subsumieren. So können Traktat und Katechismus trotz unterschiedlicher Textkonzeption einen vergleichbaren theologischen und latinisierenden Stil aufweisen, während private Briefkorrespondenzen dies nicht tun. Mit Koch (1997b: 59) ist festzustellen: „Die ‘Relatinisierung’ der romanischen Sprachen läßt sich als ein Prozeß begreifen, der sich primär über diskurstraditionelle Kanäle vollzieht“. 34 Es zeigt sich insgesamt, dass der diskurstraditionelle Ansatz ein in verschiedener Hinsicht übergreifender Bereich 35 ist, der zugleich eine interdisziplinäre Brücke zwischen Sprach- und Literaturwissenschaft 36 schlägt und als „Bindeglied zwischen der externen und internen Sprachgeschichte“ (Koch 1997b: 58) fungieren kann. Bei der systematischen Untersuchung und Analyse von Sprache steht jedoch die Einzelsprache (oder mehrere Einzelsprachen im Vergleich) im Vordergrund (vgl. Koch 1997b: 56) - diskurstraditionelle Aspekte gehen dennoch Hand in Hand mit den dazugehörigen Beobachtungen und dürfen daher nicht außer Acht gelassen werden. Zwar ist die „Abgrenzung von Diskurstraditionen und diaphasischen Varietäten als besonders dornig“ (Koch 1997b: 51, vgl. auch 49) einzuschätzen, dennoch kann und muss Stil in beide Dimensionen differenziert werden. Der von Koch ins Feld geführte Stilbegriff auf Diskursebene muss folglich dass diese in weiten Teilen komplementären Konzepte weniger gegensätzlich sind, sondern vielmehr auf unterschiedlichen Erkenntnisinteressen abzielen - auf einer historischen bzw. individuellen Ebene. 34 Vgl. hierzu Raible (1996: 126-127). 35 Winter-Froemel (2023: 53) betont das Potential des in der romanischen Philologie viel diskutierten Ansatzes der Diskurstradition als „basic paradigm of linguistic research that highlights the historical dimension of language and the interplay of internal and external aspects of language“ und seine Anwendungsmöglichkeiten auch über die Fachgrenzen hinaus. 36 Lorian fasst die Stilistik als eine Methode auf und lehnt eine strikte Trennung der Stilistik in Sprachwissenschaft und andere Disziplinen wie der Literaturwissenschaft strikt ab. Dies ist im diskurstraditionellen und einzelsprachlichen Verständnis von Koch (1997b) auch nicht notwendig. Lorian (1973: 10) schreibt: „C’est avertir en même temps que la méthode employée ici sera essentiellement celle de la stylistique linguistique . Je dis bien ‚méthode‘, car je ne crois pas à l’existence de deux stylistiques différentes, l’une linguistique, l’autre génétique (ou anthropologique, ou littéraire); mais seulement à l’existence de plusieurs procédés d’investigation“. <?page no="51"?> 2.3 Stil, Register und Norm 39 vom einzelsprachlichen Stilbegriff „streng“ unterschieden werden. 37 Dies schließt natürlich nicht aus, dass beide Stilbegriffe, Stil im Sinne der Diskurstradition und (Sprach-)Stil im Sinne der Diaphasik, aufeinander in einem gemeinsamen Kontext bezogen werden. 38 Latinisierender Stil, aufgefasst als Bestandteil des diskurstraditionellen Bereichs, bestimmt sich mittels der linguistischen Identifizierung von lexikalischen und syntaktischen Transferprozessen aus der Quellsprache Latein in die europäischen Empfängersprachen wie Französisch, aber auch Spanisch, Italienisch oder Deutsch. 39 In Bezug auf die Syntax können stellvertretend die Partizipialkonstruktionen und der Accusativus cum Infinitivo angeführt werden (vgl. Lorian 1968). Diese syntaktischen Latinismen, die aufgrund ihres gelehrten Charakters dem Distanzbereich zugeschrieben werden können, werden in unterschiedlichsten schriftsprachlichen Textgattungen in die französische Sprache integriert. Diese Art von (diskurstraditionell geprägtem) Stil ist nun präzise vom Sprachstil zu unterscheiden, welcher sich auf der Ebene der Einzelsprache des Individuums in unterschiedlicher Intensität manifestiert. Die stilistische Ausprägung variiert beispielsweise in den involvierten Textgattungen, aber auch in der Anzahl und Art der Latinismus-Typen. Denn es muss angenommen werden, dass sich der AcI bei Calvin anders konstituiert als bei Rabelais oder Montaigne, aber in der Gesamtschau als Konstruktion einer latinisierenden Diskurstradition erscheint. Daher ist die konkrete stilistische Erscheinung unter Umständen auch dem diaphasischen Bereich zuordenbar. 37 In diesem Punkt scheinen sich Hesselbach (2019) und Koch (1997b) beinahe wörtlich zu widersprechen: „Hierbei wird nochmals deutlich, dass die Begriffe ‚Diskurstradition‘ und ‚Stil‘ eng miteinander verwoben sind bzw. man sie nur schwer trennen kann.“ (Hesselbach 2019: 55) versus die zuvor von Koch etablierte Ansicht „[...] sind Einzelsprachliches und Diskurstraditionelles zwar vielfältig miteinander verwoben, aber dennoch streng zu trennen.“ (Koch 1997b: 49). Dabei stellt Koch (1997b: 52) heraus, dass „‘Stil’ als Begriff einer Varietätenlinguistik [...] für diaphasische Varietäten einer Einzelsprache [steht] und [...] damit eine klar einzelsprachliche Größe dar[stellt]“. Hiervon grenzt Koch den Begriff des Stils als Diskurstradition ab. Vor diesem Hintergrund erscheint Hesselbachs (2019: 54) Einschätzung, dass der „Begriff des ‚(funktionalen) Stils‘ eine breitere Anwendungsmöglichkeit für empirische Untersuchungen [hat], da in ihm auch Diskurstraditionelles ausgedrückt werden kann“, theoretisch unscharf. Diese funktionale Weitung des Stilbegriffs, gestützt auf Havránek (1964), unterläuft letztlich die von Koch geforderte systematische Trennung. 38 Interessant ist Weidenbuschs (2002: 28) Überlegung, „dass Diskursregeln Zuordnungen zwischen Diskurstraditionen und Varietäten enthalten müssen, wobei die Wahl einer Varietät mit der Anknüpfung an bestimmte Gattungstraditionen zusammenhängt.“ Dies geht ihr zufolge auf eine Arbeit von Wilhelm (1996: 348) zurück, welcher die beiden Bereiche Einzelsprache und Diskurstradition, die sich auf der historischen Ebene befinden, aufeinander bezieht. 39 Vgl. hierzu Kap. 4.5. <?page no="52"?> 40 2 Syntaktische Latinisierung 2.3.3 Abgrenzung ‘Stil’ zu ‘Register’ Von ‘Stil’ ist der Begriff ‘Register’ zu unterscheiden. Dass dies nicht immer einfach ist und ebenso wie die Diskussion um den Terminus Stil zu größeren Unstimmigkeiten in der Forschung führt, wurde mehrfach festgestellt (vgl. Berruto 2010: 234-235; Hesselbach 2019: 45-48). Als „Sprachregister“ fasst beispielsweise Coseriu (1988: 25) „die sehr allgemeinen Typen zusammengehöriger Stile auf, die weiten Aspekten des Lebens und der Kultur und zusammengehörigen Typen von Umständen entsprechen (z. B. ‚gesprochene Sprache‘, ‚Schriftsprache‘, ‚Literatursprache‘)“. In Ansätzen ist hier bereits der diskurstraditionell orientierte Stilbegriff zu sehen, der später von Koch (1997b) als eine Möglichkeit unterschieden wird. 40 Als Beispiel kann folgende Aussage von François Garasse aus dem 17. Jh. angeführt werden, in der er Calvins energischen Aufruf, einen Bürger aus Genf zu verjagen, als ‘Wirtsstil’ empfindet: Calvin neantmoins avec un style de tavernier , dit que ce gros ministre de Catalanus prenoit les vessies pour lanternes, et que pour tout potage il estoit un gros rustre, qui fut contraint de plier ses quilles, et sortir de Geneve. Telles sont les parolles de Calvin. (Garasse 1623: 511, Hervorh. S. O.) Die andere von Koch unterschiedene Auffassung von Stil berücksichtigt wie oben gesehen die diaphasisch markierte Realisierung auf Ebene der Einzelsprache (vgl. Koch 1997b: 52). Auf dieser Ebene lässt sich sodann das Register abgrenzen. Hilfreich ist dazu der Ansatz von Biber/ Conrad ( 2 2019: 2), die Register, Genre und Stil voneinander präzise abgrenzen. Genre beschreibt dabei die Konventionen, die zur Abfassung des Textes auf einzelsprachlicher Ebene zugrunde liegen. Sie sind also nicht mit der Diskurstradition zu verwechseln, die übereinzelsprachliche Textcharakeristika beinhaltet. Stil und Register beziehen sich beide auf die Untersuchung grammatikalischer und lexikalischer Konstruktionen. Der entscheidende Unterschied liegt den Autoren zufolge im Anwendungszweck. Während Phänomene, die dem Register zugeordnet werden, aufgrund ihrer Funktion für die Kommunikation und die jeweilige Kontextsituation verwendet werden, ist das Auftreten von Konstruktionen, die dem Stilbereich zugehörig sind, durch individuell und zeitlich geprägte „ästhetische Präferenzen“ („aesthetic preferences“) motiviert (vgl. Biber/ Conrad 2 2019: 2, 18). 40 Vgl. Koch/ Oesterreicher ( 2 2011: 5): „[...] zweitens sind hier aber auch die von Einzelsprachen unabhängigen Diskurstraditionen zu berücksichtigen, die prinzipiell in verschiedenen Sprachgemeinschaften praktiziert werden können: Gattungen (Rätsel, Volkslied, Novelle, Sonett, Gesetzestext, Essay, Trauerrede etc.), Gesprächsformen (höfische Konversation, Beichtgespräch, Wegauskunft, Verkaufsgespräch etc.), Stile (Manierismus; genus humile/ mediocre/ sublime; trobar clus; dolce stil novo ; etc.)“. Koch (1997b: 59) definiert in diesem Sinn Diskurstraditionen als „Regelkomplexe mit geschichtlichem Charakter“, die zugleich „historisch-wandelbar“ sind. <?page no="53"?> 2.3 Stil, Register und Norm 41 In diesem Zusammenhang muss gefragt werden, wie Ästhetik sprachlicher Konstruktionen überhaupt entsteht respektive wahrgenommen wird. Ein gängiger Konsens diesbezüglich ist, dass in Texten sowohl neutrale, unmarkierte Konstruktionen als auch stilistisch hervorstechende, markierte Elemente vorliegen (vgl. Enkvist u. a. 1972: 28; Riffaterre 1971, 1973; Wunderli 2005). Der Kontrast aus „Auffälligkeit und Nichtauffälligkeit“ (Wunderli 1980a: 80-81) führt sodann zur Perzeption der ästhetischen Eigenschaft. Dabei darf der neutrale Ausdruck nicht fälschlicherweise als ‘nicht relevant’ verstanden werden, sondern eben als unauffällig oder unmarkiert. Durch die Inbeziehungsetzung des neutralen und markierten Ausdrucks entsteht also die wahrgenommene ästhetische Komponente, die sich hinter dem Begriff Stil verbirgt. Erst wenn der Sprecher realisiert, dass ein formellerer Kontext in der Sprache Formulierungen beinhaltet, die einen gehobenen gesellschaftlichen Status symbolisieren, erfährt der Ausdruck die Aufwertung des Ästhetischen. Umgekehrt wäre es denkbar, dass beispielsweise ein Rapper (unabhängig vom Bildungsgrad) den informellen Kontext für attraktiver hält, weil dessen charakteristische Formulierungen für ihn eben nicht derart ‘hochgestochen’ oder ‘hochnäsig’ klingen wie die Äußerungen eines Regierungspolitikers. Entscheidend ist im zweiten Schritt auch, wie der Empfänger die Aussage bewertet: ob er sie bezüglich ihres ästhetischen Wertes akzeptiert oder verwirft. Am Beispiel der latinisierenden Konstruktion des Accusativus cum Infinitivo würde dies bedeuten, dass sie aufgrund ästhetischer Merkmale von einer spezifischen französischen Sprechergruppe in distanzsprachlich markierten Texten ausgewählt und anstelle des neutralen, unmarkierten Objektsatzes mit que verwendet wird. Dabei setzt dies voraus, dass der Leser zum einen die Konstruktion versteht, da sie grammatikalisch von gegebenen Strukturen abweicht, aber auch, dass er den gewünschten Stileffekt erkennt, der sich aufgrund des dem Klassischen Latein zugeordneten Prestigewertes ergibt. Die Akzeptabilität einer Konstruktion beim Sprecher und Leser hängt fest mit der zugrunde liegenden Norm zusammen, die nachfolgend betrachtet wird. 2.3.4 Stil und das Verhältnis zur Norm Aus der vorherigen Einordnung ist hervorgegangen, dass Stil als fester, aber nicht obligatorisch zu realisierender Bestandteil der Sprache zu interpretieren ist, da dieser von der ästhetisch motivierten Bewertung durch den Autor bzw. Leser abhängt (vgl. Biber/ Conrad 2 2019; Sanders 1973: 67). 41 Es ist daher richtig 41 Dass Stil kein außersprachlicher Faktor ist, wurde auch an anderer Stelle schon thematisiert. Vgl. hierzu Sanders (1977: 66): „Alle Stilelemente sind notwendigerweise Sprachelemente, aber <?page no="54"?> 42 2 Syntaktische Latinisierung in der Akzeptabilität eine zentrale Bedeutung für den Auswahlprozess einer zu transferierenden Konstruktion zu sehen. Schließlich setzt sie Grammatikalität, das richtige Verständnis beim Empfänger, Klarheit und Situationsadäquatheit voraus (vgl. Göttert 2004: 153). Basierend auf dieser Annahme lässt sich der Umgang mit dem Gegenstand Sprache wie folgt interpretieren: Stil ist also das Ergebnis von Auswahl (Selektion) und Anordnung (Kombination) sprachlicher Mittel - und damit eben das, was Rhetoriklehrer wie Quintilian von jeher ihren Schülern in Form von einschlägigen Übungen aufgetragen und nahegelegt haben zu trainieren, zu entwickeln und zu beherrschen. (Mayer 2009b: 22) Die Selektion dieser sprachlichen Mittel findet vor dem Hintergrund eines personenübergreifenden Konsens, also in einer Sprechergemeinschaft statt. Da diese Übereinstimmung bezüglich der Verwendung einer bestimmten Konstruktion in einer anderen Gruppe nicht mehr vorliegen muss, bewegt sich der durch ästhetische Gesichtspunkte motivierte Auswahlprozess innerhalb der Grenzen eines Normgefüges. Nach Coseriu (1952, 3 1979: 209-210) ordnet sich die Norm zwischen der Ebene der langue als System und der parole als Rede ein. Von zentraler Bedeutung ist die Veränderlichkeit und Multiplizität der Norm: In Wirklichkeit ist die Norm veränderlich, entsprechend den Grenzen der betrachteten Gemeinschaft, und diese Grenzen bilden sich durch Konventionen. Einem einzigen System kann daher eine ganze Reihe von Normen entsprechen. Darüber hinaus kann zwischen das konkrete Sprechen und die soziale Norm als Zwischenstufe die individuelle Norm treten [...]. (Coseriu 3 1979: 208) Gerade die Möglichkeit einer individuellen Norm ist im Rahmen des intensiven Sprachausbaus im 16. Jahrhundert von besonderem Interesse. Denn es werden in der vorliegenden Studie, ausgehend von einem einzelnen Autor, syntaktische Transferprozesse anhand der AcI-Konstruktion aus dem Lateinischen in das Französische analysiert werden, die Aufschluss über deren Verankerung in einer zunächst individuellen Norm geben. Sodann wird zu prüfen sein, inwieweit diese „individuelle Norm“ als eine „soziale“, also von mehreren Schreibern verwendete, kollektive Norm, die die in einer Sprache regulär realisierten und akzeptierten Möglichkeiten widerspiegelt (vgl. Kabatek 1996: 10-11), gelten kann. Vorbedingung für die Ausbildung sozialer Normen ist jedoch die partielle Übereinstimmung mehrerer individueller Normen. Die individuelle Norm bildet sich wiederum aus der charakteristischen Häufung bestimmter Konstruktionen umgekehrt sind nicht alle Sprachelemente gleichzeitig auch Stilelemente“. Er versteht Stil als „ein Epiphänomen, d. h. eine zusätzliche Wirkmöglichkeit der Sprache, nicht die Sprache selbst“ (Sanders 1973: 32). <?page no="55"?> 2.3 Stil, Register und Norm 43 auf der Ebene der parole aus. Denn nicht jede, zum Teil einmalig, realisierte Möglichkeit der Rede (aus Gründen der Sprachperformanz oder Sprecherkreativität) findet Eingang in die individuelle Norm. Sprachstil verortet sich eben hier, auf der individuellen und konkreten parole -Ebene, die beispielsweise in Texten untersucht werden kann (vgl. Stein 1997: 22). 42 Gerade dies erschwert es jedoch, die Grenzen der Akzeptabilität zu bestimmen, da die individuellen Normen bei Autor und Leser hochgradig variabel sein können (vgl. Abraham/ Braunmüller 1971: 13) und zudem ein „kompetenter Sprecher-Hörer [...] auch semi-grammatische Sätze interpretieren“ kann, „eben weil er die Art dieser Verstöße erkennt“ (Abraham/ Braunmüller 1971: 20). Die Verwendung der Konstruktion kann auf der parole -Ebene funktional motiviert sein, wenn sie bestehende Lücken schließt. Sie würde nach Biber/ Conrad ( 2 2019) als Register aufgefasst werden oder eben durch Prestige bzw. ästhetische Merkmale als Form des Stils. Die Festsetzung in individuellen und sozial gültigen Normen zeugt sodann von der gewonnenen Akzeptanz. Zur Identifizierung dieser Grenzen tragen also auch soziokulturelle Faktoren bei, denen ästhetisch motivierte Grundeinstellungen zu sprachlichen Mitteln, wie Prestige, zugrunde liegen (vgl. Schøsler 2001: 100). 43 Wenngleich die Identifizierung erschwert ist, fungiert die Häufung bestimmter Konstruktionen als zentraler Indikator (vgl. Stein 1997: 18) für die Bestimmung der in einer Sprechergemeinschaft gültigen Norm, da so die Abgrenzung zunächst zwischen einzelnen Sprechern und dann auch Sprechergruppen möglich wird. Dies steht im Einklang mit Coserius ( 3 1979: 56) Idee von der individuellen Norm, in welcher die „ganz okkasionellen Elemente“ nicht mehr beinhaltet sind. Erst durch mehrfache Realisierung auf Ebene der parole ist eine Festsetzung in der individuellen Norm zu erwarten. Die Etablierung einer sprecherübergreifenden, also kollektiven Norm im Sprachrepertoire ist von anderen Sprechern und ihrer Akzeptanz hinsichtlich der neuartigen Konstruktion abhängig. 42 Ähnlich ist auch die Ansicht von Abraham/ Braunmüller (1971: 10), die „idiosynkratische [...] stilistische [...] Ausdrucksformen“ als einen untergeordneten Bestandteil einer sogenannten „Stilmatrix“ oder „Erwartungsnorm“ auffassen. Die Autoren korrelieren mit der Erwartungsnorm verschiedene „Indexe“, die sich teilweise in diastratische und diaphasische Kategorien überführen ließen. In Anlehnung an das bekannte Diasystem Coserius bringt Stein (1997: 23) die Entstehung von auf Stil bezogenen Eigenschaften mit dem Auftreten in „bestimmten Verwendungsbereichen“ in Verbindung. Hierbei macht er klar, dass nur die diastratische (entspricht ‘Personalstil’) und die diaphasische Ebene (entspricht ‘Gattungsstil bzw. -register’) für eine stilistische Funktion, also auf der Ebene der parole , in Frage kommt und diatopische (‘sprachbedingte Unterschiede’) und diachronische (‘zeitbedingte Unterschiede’) Merkmale dem System bzw. der Norm vorbehalten sind. 43 Mit den Worten Kochs ließe sich ergänzend formulieren: „In dieser Hinsicht ist eine Norm d eine historisch-sozial begrenzt gültige sprachliche Tradition innerhalb einer Sprache d (die ihrerseits historisch begrenzt ist).“ (Koch 1988: 330). <?page no="56"?> 44 2 Syntaktische Latinisierung Hilfreich ist in diesem Zusammenhang auch die Differenzierung bei Koch (1988: 328-329) zwischen deskriptiver und präskriptiver Norm. Letztere bildet das ab, was nach der Standardisierungsphase als Norm erachtet wird, es entspricht dem „ Standard als Hochsprache/ Schriftsprache“. Entscheidend ist außerdem, dass diese Identifikation einer solchen Norm „zu einem bestimmten Zeitpunkt der Sprachgeschichte“ auf der Korrelation mit „Sprechregeln der Distanz“ beruht (vgl. Koch 1988: 341). Damit rücken syntaktische Latinismen, die in der Schriftsprache zu beobachten sind, in den Vordergrund eines sich im Gang befindlichen, also dynamischen Standardisierungsprozesses im 16. Jahrhundert. Auf deskriptiver Ebene sind hingegen alle „Ausprägungen und Varietäten“ der „historischen Einzelsprache“ abgebildet. Diese deskriptiven Normen können verschiedene Teile der Sprache abbilden und sich überlappen - sie existieren also nicht parallel nebeneinander. Wenn wir bei diesen Überlegungen nun die zeitliche Dimension stärker gewichten, ergeben sich zwei Gedankengänge auf individueller und interindividueller (also sozialer) Ebene. Erstens muss auf der Ebene des Sprechers angenommen werden, dass dieser während seiner Lebenszeit nicht immer gleich spricht. Dies umfasst die Änderung von Konstruktionen, aber auch die Neuaufnahme in das Sprachrepertoire. Auch wenn Konstruktionen nur im Fall des Vergessens das Repertoire wieder verlassen, ist es plausibel, dass sie zuvor inaktiv werden und ggf. bleiben (z. B. passiver Wortschatz). Dies sind also Kennzeichen von spontanem und vorübergehenden Sprachgeschehen, welche gleichzeitig von den okkasionellen Elementen der spontanen Sprachproduktion zu differenzieren sind. Da dies nicht allzu oft graduelle Prozesse sind, muss hier auch in zeitlicher Dimension von Überlappungen einzelner Phasen ausgegangen werden. Was spricht nun gegen eine Betrachtung als eine individuelle Norm, die in sich gestaffelt ist? So könnten beispielsweise einzelne Texte eines Autors als getrennte Räume der Sprachproduktion verstanden werden. Gewiss bieten Diskurstraditionen, wie wir zuvor gesehen haben, einen Rahmen zur Realisierung bestimmter Stile. Gleichzeitig ist aber davon auszugehen, dass Individualstile in verschiedenen Texten eines Autors abweichen können. Die zeitliche Dimension impliziert, dass ein Autor in einem Text A, den er z. B. im Jahr 2000 beginnt und 2003 beendet, trotz gleicher Textgattung und zugrunde liegender Diskurstradition einen anderen Individualstil entwickelt als in einem Text B, den er im Jahr 2017 beginnt und 2020 fertigstellt. Dies bedingt sich beispielsweise dadurch, dass neue Erfahrungen aus der sozialen Umgebung auf ihn einwirken und gleichzeitig die Arbeit am Text als ein zusammengehörender Raum erfahren wird. Die Textproduktion bildet in dieser Annahme Räume, die Variation und Flexibilität <?page no="57"?> 2.4 Terminologie, Anwendungsbereich und Typen 45 abbilden. Diese können aber aufgrund ihrer Unterschiedlichkeit und zeitlichen Graduierbarkeit nicht eine einzelne individuelle Norm bilden. 44 Zweitens ergibt sich auf kollektiver, sozialer Normebene, dass auch hier eine Parallelisierung von (deskriptiven) Normen nicht zielführend ist. Es ist sinnvoll, ein Gefüge zeitlich versetzter und überlappender Normen anzunehmen, welches schließlich spontanes Normgeschehen in der sprachlichen Interaktion überhaupt erlaubt. Heterogenität ist zudem viel häufiger der Fall als Homogenität, beispielsweise bei der Umsetzung einer Normvorgabe nach einer Standardisierung, wie die zahlreichen Anmerkungen von Sprachakademien zum „guten/ korrekten“ Stil bezeugen, die zwischen zwei Varianten eine präferieren und die andere, die meist ebenfalls von einer breiten Sprechergemeinschaft realisiert wird, ausschließen. Mit Hinblick auf die vorliegende Untersuchung ist die Anerkennung eines offenen in seiner Zeit verorteten Normgeschehens wesentlich, da nur so eine Einordnung der untersuchten Konstruktionen auch auf kollektiver Ebene ermöglicht wird und eine Aussage über die Autoren- und Epochenspezifizität einer Konstruktion getroffen werden kann. Schließlich umfasst die Idee eines solchen offenen und spontanen Normgeschehens auch die Möglichkeit, dass eine sich zeitweise etablierte Norm wieder aufgegeben wird, also perspektivisch aus der Sprachgeschichte wieder verschwindet. Es ist daher zu konstatieren, dass eine dichotomische Unterscheidung zwischen einer präskriptiven einzigen Norm und einem vorangehenden, nicht-standardisierten Sprachzustand keinen Halt findet, da eine offene historische Normiertheit es mit sich bringt, dass stets mehrere Normen auf individueller und kollektiver Ebene versetzt und überlappend in Verbindung stehen. 2.4 Terminologie, Anwendungsbereich und Typen In diesem Abschnitt geht es um den lateinischen Einfluss auf das Französische des 16. Jahrhunderts. Dabei stehen als treibende Kraft der Latinisierungswelle das Prestige der lateinischen Sprache im Humanismus und seine Auswirkungen auf die Vernakularsprachen im Mittelpunkt (vgl. 2.4.1). In 2.4.2 werden die Anwendungsbereiche der Begriffe Latinisierung und Relatinisierung in der deutsch-, englisch- und romanischsprachigen Forschung skizziert und deren Verwendung in 2.4.3 kritisch reflektiert. Anschließend gebe ich einen Überblick über die methodischen Möglichkeiten zur Identifizierung syntaktischer Latinismen (vgl. 2.4.4) und zeige syntaktische Anwendungsbereiche auf (vgl. 2.4.5). Übersetzte 44 Die Idee der Graduiertheit findet sich auch bei Campbell/ Harris (vgl. 1995: 49), welcher graduelle Prozesse bei syntaktischem Wandel annimmt. <?page no="58"?> 46 2 Syntaktische Latinisierung Texte geben einen profunden Einblick in die Textarbeit eines Autors, indem sie die Anwendungsgrenzen der fremdsprachlichen Konstruktion in der Zielsprache aufzeigen. Es wird daher auf eine jüngst etablierte Klassifizierung syntaktischer Latinismen im Übersetzungskontext eingegangen (vgl. 2.4.6), um eine adäquate begriffliche Grundlage für die später folgende Analyse zu schaffen. 2.4.1 Prestigesprache Latein und ihre Auswirkungen Im 16. Jahrhundert sind die Kultursprache Latein und das aufstrebende Französisch auf enge und vielfältige Weise miteinander verknüpft. Eine nicht kleine Sprechergruppe gebildeter Schriftsteller arbeitet gründlich am Ausbau der Volkssprache im Distanzbereich, der bis dato dem Latein vorbehalten war. Dieser Ausbau verläuft jedoch nicht ungeachtet jeglicher Einflüsse der bislang dominierenden Kultursprache. Im Gegenteil kommt es zu einer kooperativ-produktiven Situation, in der Elemente der Prestigesprache in das Französische übertragen werden. Zudem pflegt im Nähebereich nur ein elitärer Kreis humanistischer und geistlicher Gelehrter das als L2 erlernte Latein in der mündlichen Konversation (z. B. an Universitäten) und die breite Bevölkerung spricht ihre lokal beheimateten primären Dialekte sowie ein noch nicht standardisiertes Französisch. Um den Sprachzustand zu erfassen, der dem Latein als Quellsprache für Latinismen im Französischen des 16. Jahrhunderts zugrunde liegt, wird auf die Sprachentwicklung rekurriert. Dies dient auch dazu, aufzuzeigen, dass es sich nicht um homogene und stabile Gefüge handelt, sondern um stets stärker oder schwächer ausgeprägte Varietätenbündel. Nach den Anfängen im vorliterarischen Latein und dem Altlatein wird die Zeit des Klassischen Lateins, deren Autoren den Humanisten als zentrale Orientierungspunkte ihrer schriftlichen Produktion und ihres Stilbilds dienen, als Goldene Latinität bezeichnet (ca. 100 v. Chr.-14 n. Chr.). Es folgen das Nachklassische Latein respektive die Silberne Latinität (14 n. Chr.-117 n. Chr.), das Spätlatein (2.-5. Jh.), Mittellatein (ca. 500-1500) und Neulatein ab etwa 1500 (vgl. Wolf/ Hupka 1981: 1). Eine erste literarische Blütephase erfährt die Sprache, wie die Bezeichnung Goldene Latinität zu verbildlichen versucht, im sogenannten Klassischen Latein. Die schriftlichen Überlieferungen, die heute von Cicero, Seneca, Vergil usw. vorliegen, sind Zeugnis einer an die griechische Antike anknüpfenden stark elaborierten Schriftproduktion, die rhetorisch ausgefeilt ist und zuweilen als „highly artificial construct“ (Coleman 4 2012: 796) wirkt. Es muss also mit Berschin/ Berschin (1987: 19), Coleman ( 4 2012: 796) und Sidwell (2015: 14-15) darauf hingewiesen werden, dass das geschriebene Latein des Distanzbereichs in dieser Zeit sehr stark von der gemeinhin wertungsfrei als Vulgärlatein bezeichneten <?page no="59"?> 2.4 Terminologie, Anwendungsbereich und Typen 47 Nähesprache abweicht. 45 Dies lässt sich unter anderem anhand der pompejanischen Graffitiüberlieferungen nachvollziehen (vgl. Hunink 2 2013). Dabei ist auch nicht zu vernachlässigen, dass das Klassische Latein einen „ausgeprägt normative[n] Charakter“ (Berschin/ Berschin 1987: 19) aufweist, sodass sich die Variation in der Schriftsprache weniger auf die diatopische als vielmehr auf eine diaphasische Dimension konzentriert. Dies ändert sich mit Einsetzen der Silbernen Latinität und später mit dem Spätlatein. Die Stilhöhe des literarischen Lateins nimmt sukzessive ab und das scheinbar einheitliche Erscheinungsbild erhält neue Facetten, die auf die außerordentliche Präsenz der Nähesprache in den sich regional weiter ausgliedernden Varietäten des Vulgärlateins zurückgeht. 46 Die Entwicklung des Christentums, vor allem die sogenannte Kirchenväterzeit, trägt in nicht unerheblichem Maße dazu bei, dass sich das Schriftlatein überhaupt hält (vgl. Sidwell 2015: 16), wenn die überlieferte Schriftproduktion in einem quantitativen Maßstab zugrunde gelegt wird (vgl. Abb. 1). Die Zeit der Merowinger wird häufig, auch bei Berschin, mit einem spürbaren Verlust der Stilhöhe in Verbindung gebracht und nicht selten wird aufgrund zahlreicher Abweichungen in der Grammatik von einem ‘verwahrlosten’ oder ‘korrumpierten’ Latein gesprochen. Neuere Studien stellen dieses „allzu idealisierte [...] Bild der lateinischen Sprachgeschichte“ (Buchner u. a. 2017: 137) in Frage. Zwar wird die Karolingische Reform als sprachliche Zäsur zum vorherigen Sprachzustand verstanden, doch bedeutet dies nicht, dass die sprachlichen ‘Abweichungen’ im merowingisch geprägten Latein gänzlich ungeordneter Natur wären. 47 In der Ottonenzeit, in der sich die nordgalloromanischen Varietäten bereits ausgegliedert haben, erreicht die überlieferte Textproduktion des Vulgärlateins schließlich beinahe den „Nullpunkt“ (Berschin/ Berschin 1987: 16-17). 45 Vgl. Coseriu/ Bertsch (2008: 106-129) zum Begriff und zur Definition des Vulgärlateins . 46 Vgl. zur Mündlichkeit im Latein in der Phase des Übergangs zu den galloromanischen Varietäten Banniard (1992, 2003, 2018). 47 Eine solche Systematizität beobachten Buchner u. a. (2017) bei der Nominaldeklination, wo „sich ein Bestand an Flexionsendungen etabliert hat, der auf ein neues System mit nur noch zwei (teilweise auch drei) Kasus verweist, das korrekt angewendet wird“. Das zugrunde liegende Untersuchungskorpus der Münzaufschriften ist laut den Autoren nicht hinreichend groß, um generalisierende Aussagen treffen zu können. Deutlich wird jedoch, dass die retrospektive Beobachtungshaltung, die das merowingische Latein als korrumpierte Sprachstufe ansieht, als überholt gelten dürfte und vielmehr die kontinuierliche Weiterentwicklung der schriftsprachlichen Norm in den Fokus der Forschung genommen werden müsste. Um diesem Desiderat Rechnung zu tragen und eine Plattform für solche Forschungsansätze zu schaffen, wurde im Rahmen eines DFG/ ANR-Pojektes ein digitales Korpus aufgebaut, das spätlateinische und frühaltfranzösische Texte umfasst: PaLaFra - Le passage du latin au français: constitution et analyse d’un corpus numérique latino-français , http: / / www.palafra.org. <?page no="60"?> 48 2 Syntaktische Latinisierung Abb. 1 - Diachronischer Schnitt der Stilhöhe und Quantität des literarischen Latein (Berschin/ Berschin 1987: 18) <?page no="61"?> 2.4 Terminologie, Anwendungsbereich und Typen 49 Während die Textproduktion ab dem 11. Jahrhundert stetig bis in die vom Humanismus geprägte Zeit Calvins zunimmt, gilt dies nicht zwingend für die Qualität der Sprache. Man spricht in diesem Zusammenhang von zwei ‘Renaissancen’ im 12. Jahrhundert und 15./ 16. Jahrhundert, die einen Rekurs auf antike Vorbilder implizieren. Während der ersten ‘Renaissance’ sind auch erste, noch sehr mechanisch anmutende Übertragungen syntaktischer Latinismen in die französische Sprache im Zuge von Übersetzungen festzustellen. Durch eine Zunahme fehlerhafter Verwendungen des Mittellateins wurde aus Sicht der Humanisten eine im 15. Jahrhundert zunächst in Italien einsetzende erneute ‘Renaissance’ der klassisch-lateinischen Sprache notwendig. Berschin/ Berschin (1987) arbeiten anhand ihrer geschichtlichen Nachzeichnung der Sprachentwicklung das Kernproblem in der Beschäftigung mit der lateinischen Sprache heraus, welches sich durch den Transfer von Latinismen indirekt auch auf die Empfängersprachen dieser Übertragungen auswirkt: Die ‘Renaissancen’, die ständige Bindung des Lateins an die Antike und die immer latent vorhandene Möglichkeit, auf ein antikes Vorbild-Niveau zurückzukehren, machen die Problematik der lateinischen Sprachgeschichte aus. Es gab und gibt Latinisten, die behaupten, das Lateinische habe nach Tacitus (Ammianus Marcellinus, Boethius...) keine Geschichte mehr. Danach gebe es nur richtiges oder falsches Latein. (Berschin/ Berschin 1987: 17-19) Im Zuge der humanistischen Strömung ist eine recht enge Auswahl an Autoren der klassisch-lateinischen Zeit zu beobachten (vgl. Berschin/ Berschin 1987: 18), die sich vor allem auf den Wirkkreis um Seneca und Cicero beschränkt. Insbesondere der italienische Humanist Lorenzo Valla (1406-1457) plädiert früh für eine Rückkehr zu Ciceros sprachlicher Eleganz. Latein soll nach einer destruktiven Phase im Mittelalter seit dem 7. Jahrhundert mittels sprachkorrigierender Eingriffe wieder zu altem Glanz zurückgeführt werden (vgl. Sidwell 2015: 14). Die mehrfachen ‘Renaissancen’ führen zu einer immer wiederkehrenden Ausrichtung am römisch-antiken Sprachvorbild. Hieraus ergibt sich eine ganz wesentliche Herausforderung in der Sprachbetrachtung, die nicht bestände, wenn die Sprache ‘sich selbst überlassen’ wäre, ohne jegliche normative Eingriffe. Sie verstellt nicht allzu selten den Blick darauf, dass in humanistischer Zeit, ungeachtet der ‘hohen’ Qualität, ein eigener Sprachzustand anzutreffen ist, welcher seit der Goldenen Latinität rund 1500 Jahre Entwicklung erfahren hat und das Latein der Humanisten nicht eine 1: 1-Kopie des Klassischen Latein sein kann. Zwar wird an Schulen und Universitäten Klassisches Latein (KL) unterrichtet, doch werden auch Werke studiert, die in späterer Zeit entstanden sind. Im theologischen Bereich sind es die Werke der Kirchenväter und die mittelalterliche Vulgata-Fassung sowie im juristischen Bereich verschiedene Versionen des Römischen Rechts. Den Einfluss <?page no="62"?> 50 2 Syntaktische Latinisierung dieser postantiken Schriften zu ignorieren, wäre ein nur zu einseitiges Verständnis der ‘Renaissancebewegung’ wie auch Blatt mit Hinblick auf den Transfer von Latinismen bemerkt: En parlant d’influence latine il ne faut jamais oublier qu’il y a plusieurs latins comme il y a plusieurs français, anglais etc.: latin classique, latin vulgaire, latin archaique [! ], latin chrétien, latin écrit, latin parlé. C’est le latin de Cicéron et de Sénèque, de la Vulgate et de St. Augustin et non le sermo plebeius qui nous occupera — les auteurs chrétiens étaient obligés de s’exprimer dans une langue littéraire pour être compris par les milieux qui donnaient le ton. Donc la plupart des prédicateurs louaient le Christ sinon dans le langage de Cicéron au moins dans un langage ordonné, lumineux et simple. — A part les langues romanes l’influence syntaxique du latin s’excerce surtout dans le plan écrit. Et même pour les langues romanes c’est dans la syntaxe des textes savants qu’on trouvera les latinismes d’ordre européen. (Blatt 1957a: 224) Neben der Fixierung auf den Sprachgebrauch Ciceros herrscht im christlichen Latein der Kirchenväter der Gedanke des geordneten und verständlichen Stils vor. Neulatein ist in dieser Zeit längst nicht so homogen und strikt an einem einzigen Sprachideal orientiert, wie es teilweise erscheinen mag. Die Einflüsse, die vom Latein auf die im Distanzbereich aufstrebenden Vernakularsprachen zu beobachten sind, sind nicht bloß unidirektional. Durch die sich immer weiter ausprägende Konkurrenzsituation zwischen dem KL und den romanischen Sprachen entstehen Interferenzen, die auch auf lateinischer Seite zu beobachten sind (vgl. Deneire 2017: 51). 48 Allerdings ist dies vor allem auf die Zeit nach 1600 zurückzuführen, denn zuvor ist die humanistische Bewegung noch zu stark, um markante Einflüsse in beide Richtungen zu erlauben. Die Eleganz der lateinischen Sprache, orientiert an der klassisch-lateinischen Norm, richtig und stilistisch ausgefeilt zum Ausdruck zu bringen, ist das zentrale Motiv der humanistischen Bewegung (vgl. IJsewijn/ Sacré 2 1998: 378), welches auf die nicht unumstrittene Schrift De elegantiis Latini sermonis Lorenzo Vallas zurückgeht. Die Sprache der Gelehrten im 16. Jahrhundert galt durch ihre reflexive Stilbetrachtung und Anknüpfung an die römische Antike als auf ihrem Höhepunkt angekommen. Sie füllte den Distanzbereich im Bereich der gelehrten Sprache nahezu vollständig aus. Erst mit Nicolas Oresme waren frühe wissenschaftlich orientierte Bestrebungen in französischer Sprache zu beobachten. Das 48 Vgl. die weiterführenden Überlegungen Deneires (2017: 51) hierzu: „In the end, we can conclude that the juxtaposition of neo-Latin and vernacular literatures in the early modern era produces a similar tension, where both literatures compete for cultural priority, which challenges our ideas of the study of neo-Latin texts as a singular and stable literature. In this respect, one can only stress the great importance for those reading neo-Latin literature of remaining attentive to the processes of stratification, canonization, interference and transfer, both on an intra-systemic and an inter-systemic level, and extending in the latter case as far as other literatures or other cultural systems such as politics, society and religion“. <?page no="63"?> 2.4 Terminologie, Anwendungsbereich und Typen 51 verstärkte Vordringen des Französischen in den Distanzsektor der Textbereiche, die bislang dem Latein vorbehalten waren, wird mit der Erfindung des Buchdrucks massiv dynamisiert (vgl. Kammerer/ Müller 2015: 107-123; Koch/ Oesterreicher 2 2011: 140). Die Volkssprache beansprucht einerseits zunehmend, ein vollwertiger Ersatz zu sein, sucht andererseits aber weiterhin nach Mitteln zum sprachlichen Ausbau. Nichts liegt näher als sich am sprachlichen Baukasten des prestigeträchtigen Lateins zu bedienen, um Lücken funktionaler und ästhetischer Art zu schließen. Das Lexikon wird früh von einer Welle von Relatinisierungen erfasst, sodass Konzepte beschrieben werden können, für die zuvor Wörter fehlten. Auch Calvin bedient sich in der Institution dieses Mittels, um den christlichen Wortschatzbereich ausfüllen zu können (vgl. Walch 1960a,b). Auch die Syntax erfährt zahlreiche Latinisierungen, auf die später noch eingegangen wird. An dieser Stelle soll festgehalten werden, dass das von den Humanisten hochgehaltene KL eine zentrale, prestigereiche Referenzgröße im sich wandelnden diglossischen Kontinuum zwischen Latein als high-variety und Französisch als low-variety einnimmt (vgl. Deneire 2014: 276). Trotz des sukzessiven Vordringens der Vernakularsprachen in den Distanzbereich bestimmter, bislang vom Latein dominierter Disziplinen, ist Latein ein derartiger Bezugspunkt, dass es in der Frühen Neuzeit lange die Verkehrssprache Europas geblieben ist (vgl. IJsewijn 2007: 1429). 49 Jedoch auch dadurch, dass Latein im 16. Jahrhundert nur in höheren Bildungseinrichtungen einer „rather small élite“ (IJsewijn 2007: 1429) zugänglich ist, gerät es ab jenem Zeitpunkt in Rückstand, als die Volkssprachen beginnen, den Distanzbereich auszubauen. Die high-variety verliert gegenüber der low-variety kontinuierlich an Boden. 50 Dass es polyglotte Gelehrte gibt, die neben ihrer volkssprachlichen Varietät auch Klassisches Latein, Altgriechisch und teils auch Hebräisch beherrschen (vgl. Verbeke 2015: 28), darf nicht dazu verleiten, an eine bilinguale Situation zu denken, die für eine breite Bevölkerung eben nicht gegeben war. Dabei muss zudem beachtet werden, dass das diglossische Verhältnis beider Sprachen sich nicht gleichmäßig über das französischsprachige Gebiet des Königreichs und angrenzender Fürstentümer sowie über alle Disziplinen hinweg 49 Latein blieb bis zu einem gewissen Grad auch nach dem Aufstieg der Vernakularsprachen wichtiger Bestandteil interlingualer Kommunikation als lingua franca . Über 1100 Übersetzungen wurden zw. 1500 und 1799 mindestens in (! ) das Lateinische angefertigt (vgl. Sidwell 2015: 28). Diese stabile Position hängt vorrangig mit dem Prestige der Sprache und ihrer Verankerung in einer spezifischen, den Buchdruck domininerenden Bevölkerungsschicht zusammen, zu der Gelehrte und Kleriker zählen. 50 Dennoch kann ein sich im 16. Jh. neu etablierendes Medium wie der Buchdruck nicht die Ausbreitung des Französischen in der Distanzsprache derart befördern, dass es im Ausmaß die gleiche Größe wie das Lateinische über mehrere Jahrhunderte im Mittelalter (und in der Antike) erhält (vgl. Koch/ Oesterreicher 2 2011: 140). <?page no="64"?> 52 2 Syntaktische Latinisierung wandelte. Eine besondere Stellung nimmt dabei der durch Calvin als Leitfigur initiierte und gelenkte französischsprachige Protestantismus in Genf ein. Durch den Aufbau einer organisierten Bildungs- und Kirchenstruktur sorgt er für eine stabile Umgebung, die zahlreichen französischen, religiös verfolgten Bürgern als Exil dient. Von hier aus führen die protestantischen Kontakte in andere, der reformatorischen Idee nahestehende Städte wie Angoulême oder Nantes. Dies heißt jedoch auch, dass sich sprachliche Innovationen, die sich im Bereich der Distanzsprache ebenso wie in der Nähesprache manifestieren können, von hier in die französischsprachige Welt ausbreiten. Paris ist, zumindest die christliche Religion betreffend, nicht mehr alleiniges Zentrum, sondern bekommt durch Genf Konkurrenz. Der wichtigste Beitrag Calvins, vor allen sprachlichen Innovationen, besteht sicherlich in der Öffnung eines bislang dem Latein vorbehaltenen Textgenres für die französische Sprache und, sofern vorhanden, für das alphabetisierte, jedoch nicht gelehrte Bürgertum. 51 Durch den Ausbau des Schulwesens in Genf und Umgebung trägt der Humanist maßgeblich dazu bei, dass der christliche Diskurs einer zunehmend breiteren französischsprachigen Öffentlichkeit zugänglich wird (vgl. 3.1.4). Im romanischsprachigen Raum stellt dies eine singuläre Entwicklung dar, die weder Italien noch Spanien in gleicher Weise erfasst (vgl. Oesterreicher 1996: 145). Dennoch legt Calvin großen Wert darauf, dass in den Schulen Latein als Zweitsprache gelehrt wird, um einen nicht zuletzt profunderen Zugang zur Heiligen Schrift zu erreichen. Im Gegensatz zur katholischen Kirche, die ihre Schriften in lateinischer Sprache veröffentlicht, ist es Calvin ein ernstes Anliegen, wichtige Ideen in der französischen Volkssprache zu kommunizieren. 52 So ist es auch unter diesem Gesichtspunkt nachzuvollziehen, dass die mittelalterliche lateinische Bibelfassung der Vulgata nicht mehr den Ansprüchen der französischsprachigen Protestanten genügt (vgl. Backus 2015: 329), sodass neue Übersetzungen wie von Théodore de Bèze (*1519-†1605), dem wichtigsten Weggefährten Calvins in Genf, oder Cal- 51 Die Alphabetisierungsrate wird von Koch/ Oesterreicher ( 2 2011: 149) auf „insgesamt nicht mehr als 1% der Gesamtbevölkerung von etwa 20 Mio.“ geschätzt. Zudem konzentriert sich das Beherrschen der Schriftsprache auf die Île-de-France und städtische Zentren wie beispielsweise Orléans und Bourges, wo Calvin seine schulische sowie universitäre Ausbildung erfährt. Vgl. dazu nachfolgend Kapitel 3.1. 52 Dies schließt jedoch nicht französischsprachige Antworten katholischer Theologen auf die Schriften der Reformatoren aus. Allerdings, und dies widerspricht wie Higman (1998b: 515-530) feststellt, gegebenenfalls der ersten Intuition, wären nur wenige kritische Bemerkungen zum französischen Sprachgebrauch zu finden - sowohl bei den Katholiken, als auch bei den Reformatoren. Der Gebrauch der Volkssprache wurde innerhalb kürzester Zeit auch in bislang dem Latein vorbehaltenen Textsorten wie den Traktaten von katholischen Autoren als akzeptabel empfunden. <?page no="65"?> 2.4 Terminologie, Anwendungsbereich und Typen 53 vins Cousin Pierre Robert Olivétan (*1506-†1538) entstehen. 53 Die humanistische Ausrichtung zeigt sich unter anderem bei Autoren wie Erasmus von Rotterdam, der Cicero als klassisch-lateinisches Vorbild betrachtete. 54 Die Notwendigkeit neuer Bibelkonzeptionen ergibt sich primär aus ästhetischen Gesichtspunkten, die gemäß den beiden bestimmenden sprachlichen Leitmotiven der Eleganz und der Klarheit den Sprachduktus im 16. Jahrhundert bestimmen. 55 Dabei ist die neuentstandene Übersetzung nicht zwangsläufig akkurater als der Text der Vulgata, wie Backus (2015: 329) anmerkt. Latein ist und bleibt in dieser Zeit also Dreh- und Angelpunkt einer sprachlichen Stilausrichtung, die in derartiger, stilistischer Kompetenz nur von einer vergleichsweise kleinen, bevorrechtigten Bevölkerungsgruppe gelehrter Personen beherrscht wird und als Korrektiv herangezogen wird (vgl. Blatt 1957b: 35-36). Gleichzeitig verhält sich die französische Autorenschaft dem Neulatein gegenüber „ambivalent“, wie White (2015: 411) festhält, indem er auf das starke Bedürfnis dieser Autoren verweist, ihre „own national language“, im Normalfall also die Erstsprache, entschieden zu fördern. 56 Diese scheinbar divergente Entwicklung wird durch Ciceros Zuwendung zur gesprochenen römischen Varietät zudem positiv fundiert und erlaubt es in humanistischer Sicht, die Vernakularsprachen weiter zu Kultursprachen auszubauen (vgl. Deneire 2014). Zur Aufwertung werden, wie bereits angedeutet wurde, lateinische Elemente des Wortschatzes und der Syntax in die französischen Texte transferiert. Kennzeichen für den Zwiespalt, den so mancher Autor hierbei empfindet, sind Äußerungen wie von Claude de Seyssel, welcher mit Nachdruck darauf hinweist, dass er absichtlich den als elegant konnotierten lateinischen Stil nachahme: 57 53 Vgl. Raitt (1980) für eine kompakte Übersicht zum Leben von Théodore de Bèze. 54 Vgl. Del Rey Quesada (2015b: 106-115) zu den sprachlichen Charakteristika von Erasmus von Rotterdam. 55 Vgl. hierzu auch Wirth-Poelchau (1977: 98-99). 56 Für diese Zeit ist es nicht unproblematisch von einer Nationalsprache zu sprechen. Im Frankreich des 16. Jh. herrscht das hegemoniale Königtum vor. Für ein Verständnis von national im Sinne einer Staatsnation ist es noch zu früh, da das Konzept einen selbstständigen Zusammenschluss der Bürger voraussetzt. Das heute dahinter verstandene Konzept kommt erst mit der Französischen Revolution (1789) zum Tragen. Auch eine Definition als Kulturnation scheint eher in die Moderne zu passen, sodass das Konzept einer Volksnation Anwendung finden könnte. Da das Wort lange in seiner eigentlichen Bedeutung, nämlich als Herkunftsort, im Französischen, auch im religiösen Kontext, verstanden wird, ließe sich auch eine Gruppierung von Menschen verstehen, die das Bewusstsein einer gemeinsamen Einheit teilen (vgl. Rey 2024: nation, national ). 57 Auf dieses Zitat weist in einer ähnlichen Einschätzung auch Albrecht (2006: 1387) hin, jedoch mit falscher Referenz. Es handelt sich um das Vorwort zu Iustin und nicht um die „Vorrede zu seiner bekannten Übersetzung der Anabasis von Xenophon (fr. Histoire du voyage de Cyrus, Paris, 1529 )“. Vgl. Albrecht (1995: 24) mit Verweis auf Larwill (1934: 39). <?page no="66"?> 54 2 Syntaktische Latinisierung Et pareillement, ſ i ie vay imitant le ſ tyle du Latin, ne pen ſ ez point, que ce ſ oit par faute que ne l’eu ſſ e peu coucher en autres termes plus v ſ itez, à la facon des Hi ſ toires Françoi ſ es: mais ſ oyez cetain, Sire, que le langage Latin de l’aucteur a ſ i gr-de venu ſ té & elegance, que dautant qu’on l’en ſ uit plus de pres, il en retient plus gr-de partie. Et c’e ſ t le vray moyen de communicquer la langue Latine auec la Françoi ſ e. ( Prologue zu Iustin , in Iustinus 1559: aa iij [verso]) In einer weiteren Übersetzung ( Histoire dv Voyage , Xenophon 1529: a iij) verweist Seyssel im Zusammenhang mit der prestigereichen lateinischen Sprache auf die Schwierigkeit, den Stil in gleicher Weise in Übersetzungen hochzuhalten - mehr noch sagt er, dass jene Texte, wie Froissarts Chroniken, die in spätmittelalterlicher Zeit entstanden sind, von sich aus einen bereits sehr gefälligen Sprachduktus hätten, also ohne jeglichen Einfluss des Lateins. Französisch wird demnach bereits als vollwertige Sprache wahrgenommen, während aber gleichzeitig erkannt wird, dass es an literarischer Bereicherung mangelt, die man im Vorbild antiker Autoren sieht. Letztlich rechtfertigt Seyssel die schwierige Übersetzung damit, dass sie einen singulären Charakter hat, da es keine Translation aus dem Griechischen in das Französische sei. Der „gute Stil“ ist also zentraler Maßstab für französischsprachige Autoren, kann jedoch hintanstehen, wenn es um die Bereicherung der Sprache durch die Überführung prestigeträchtiger Literatur aus der Antike geht. Das sprachliche Vermögen des Übersetzers ist an dieser Stelle entscheidend. So ist es bei einem als bilingual zu charakterisierenden Autor wie Calvin nahezu ausgeschlossen, dass er den Übersetzungsprozess zulasten des Stils sieht. People like Calvin and Montaigne knew Latin as well as French, they were able to express the same thought by different words, but keeping the same trend; a more intimate contact (‘symbiose’) between two languages is not imaginable. (Blatt 1957b: 53) IJsewijn/ Sacré ( 2 1998) bilanzieren, dass die Autoren dieser Zeit zudem über keine detaillierten Stilbücher als Referenzmittel verfügten (sehr wohl aber über diverse Grammatiken). Es ist also nicht unerheblich für das 16. Jahrhundert, eine vielfältige sprachliche Variation sowohl für Latein als auch Französisch anzunehmen. 58 Dies gilt bereits für die Auffassung vom KL, welche den Grundstock für ein humanistisches Latein bildet: In matters of syntax Neo-Latin authors do not, generally speaking, depart fundamentally from classical Latin, or rather what they thought or knew to be classical Latin. [...] Generally striking features are: — the revival of the AcI-construction (Infinitive 58 Vgl. zur Variation des humanistischen Lateins IJsewijn/ Sacré ( 2 1998) direkt, aber auch Bufano (1961), Del Rey Quesada (2015b: 106-109), Miller (2012: 207-208) und Plesner Horster (2016). <?page no="67"?> 2.4 Terminologie, Anwendungsbereich und Typen 55 clause) instead of quod and the indicative in the literary language (which amounts to saying that Cicero chased the Vulgate); [...] (IJsewijn/ Sacré 2 1998: 410) Der AcI wird somit bereits innerhalb des humanistischen Lateins (HL) zum syntaktischen Aushängeschild einer klassisch-lateinischen Ausdrucksweise. Es ist wenig darüber in der Literatur gesagt worden, inwiefern auch Konstruktionen wie der partizipiale ablativus absolutus wieder häufiger werden. Dennoch zeichnet sich ein Trend dahingehend ab, dass logische Ausdrücke, die für die Textargumentation von Bedeutung sind und gleichzeitig Klarheit und Eleganz ausstrahlen, bevorzugt entlehnt werden (vgl. Blatt 1957b: 68-69). 59 Mit Blick auf den AcI ist festzuhalten, dass eine gewisse, bislang nicht auf breiter Basis quantifizierte Variation im neulateinischen AcI gegeben war. Sie ist auf Basis der klassisch-lateinischen Grammatik vor allem stilistischer Natur, indem der AcI gegenüber der subordinierenden Konjunktion quod bevorzugt wird. Da die Normierung des Französischen erst in dieser Zeit verstärkt einsetzt, aber noch gut ein Jahrhundert von einer Fixierung entfernt ist, sowie die Dynamik der humanistischen Bewegung erst gegen Ende des Jahrhunderts abflacht, ist zum einen das Prestige des humanistischen Lateins als Gelehrtensprache hoch und zum anderen auch sein Wirkungsgrad auf die Vernakularsprachen, deren Ausbau die Autoren im 16. Jahrhundert aktiv verfolgen. Inwieweit die lateinischen Prestigemuster der Syntax als fixe Ausdrücke, wie Muysken (1996: 122) es andeutet, übertragen werden, ist offen und ebenso Teil der Untersuchung. Es ist folglich zu konstatieren, dass der Wille, das Prestige der lateinischen Sprachen in die eigene Sprache zu integrieren, sich aus drei Gründen konstituiert. Erstens beschränkt sich die Verwendung des Lateins auf eine eng umgrenzte Sprechergruppe gelehrter Personen. Latein fungiert somit als high-variety im Distanzbereich und die Integration erkennbarer lateinischer Strukturen in die Zielsprache mündet in einen prestigeträchtigen Wiedererkennungswert. Zweitens ergibt sich durch die Verwendung ein ‘besserer’ Stil. Die Prinzipien entstehen aus der konsequenten und massiven Rückkehr zum klassisch-lateinischen Sprachzustand, der auf Ästhetik in Form von Eleganz und Klarheit setzt. Drittens, und dies hängt zwangsläufig mit den ersten beiden Gründen zusammen, besteht im französischen Distanzbereich eine Art Lücke, die es anhand der Transfers zu schließen gilt. Nur so gelingt die Aufwertung und der Ausbau als high-variety . Dies kann nur unter der Prämisse ablaufen, dass die eigene Sprache in bestimmten Textgenres ohne Vorläufer und Tradition als unvollkommen empfunden wird. 59 Blatt (1957b: 68-69) verweist zudem auf die Weglassung doppelter Negationspartikel im Deutschen und Englischen als Beispiel für die Auswirkungen der an Logik orientierten Stilistik der Humanisten. <?page no="68"?> 56 2 Syntaktische Latinisierung 2.4.2 Der Begriff der (Re-)Latinisierung Im vorherigen Unterkapitel fiel bereits der Begriff Relatinisierung im Zuge lexikologischer Transfererscheinungen. Nun soll die terminologische Gültigkeit für den syntaktischen Bereich geprüft werden, bevor er in der vorliegenden Studie Anwendung findet. Lorian (1968) weist neben der proposition infinitive , dem gelehrten AcI, weitere häufige syntaktische Latinismen im Französischen des 16. Jahrhunderts aus. Besonders gängig ist dabei die Bildung von comme mit dem Subjonctif anstelle des Indikativs, in Anlehnung an die klassisch-lateinische, kausale Ausdrucksform cum mit Konjunktiv (vgl. 5a). (5) a. comme ainsi soit que (Lorian 1968: 1268) b. lesquelz [mots], Ciceron autheur, faut éviter de mesme soin que le Pilote fuit le rocher en mer. (Lorian 1968: 1271) c. Luy arrivé, visita la playe du bon chevalier (Lorian 1968: 1272) Einschübe wie in (5b) zeugen vom Einfluss des lt. ablativus absolutus . Partizipien erfreuen sich ebenfalls großer Beliebtheit und finden sich als absolute wie auch semi-absolute Konstruktionen in latinisierenden Wendungen wieder (vgl. 5c). 60 Da der Begriff insgesamt in sehr unterschiedlichen Bereichen der Sprache verwendet wird, 61 bestimmen wir nachfolgend seine Bedeutung bezüglich der aus dem humanistischen Latein in das Französische des 16. Jahrhunderts transferierten syntaktischen Konstruktionen und prüfen zugleich die Berechtigung des Präfixes re- . Der Einfluss der lateinischen Sprache im Mittelalter und zu Beginn der Frühen Neuzeit wird in der Literatur als Latinisierung oder Relatinisierung bezeichnet, wobei die Differenzierung beider Begriffe häufig nicht deutlich wird. Zum einen kann der Einfluss gelehrter oder übersetzungsbedingter Natur sein, zum anderen kommen diverse Zeitpunkte in der Diachronie der romanischen Sprachen in Frage. Auch spielen sprachspezifische Unterschiede sowie verschiedene Schwerpunktbildungen in der Forschung für die Auffassung des Konzepts der (Re-)Latinisierung eine Rolle. 62 Inhaltliche und sprachübergreifende Einigkeit 60 Für weitere syntaktische Latinismen in romanischen Sprachen, insbesondere im Bereich der Partizipialkonstruktionen, vgl. Raible (1996) und Stein (1997). 61 Anzuführen sind neben der in der Forschung breit behandelten Lexik, die Phonetik, die Morphologie und die Syntax (vgl. Coseriu/ Bertsch 2008: 185-198). Vgl. ebenso Raible (1996: 123-126), der anstelle der Phonetik noch auf die Semantik eingeht. Belege der Auswirkungen durch lexikalische Relatinisierung sind „zahlreiche Wortpaare mit derselben lateinischen Grundlage, von denen das eine ein altes, ererbtes Wort ist, das andere ein jüngerer Latinismus [...]: chose - cause, douer - doter, poison - potion “ (Coseriu/ Bertsch 2008: 186) etc. Die gemeinsame lateinische Ausgangsbasis erlaubt es, im lexikalischen Bereich von einer Re latinisierung zu sprechen. 62 Del Rey Quesada (2015b: 85) weist darauf hin, dass sich in der spanischsprachigen Forschung neben latinísmo sintáctico (Bustos Tovar 1974: 27) auch der Ausdruck cultismo sintáctico bei <?page no="69"?> 2.4 Terminologie, Anwendungsbereich und Typen 57 gibt es bei dem Begriff Latinismus , welcher die latinisierte syntaktische Konstruktion bzw. das latinisierte Wort bezeichnet. 63 Nähern wir uns nun also dem Wort (Re-)Latinisierung und dem zugrunde liegenden Verb (re-)latinisieren , welches den Prozess bzw. den Umstand des Transfers einer Konstruktion/ eines Wortes einer einflussnehmenden Quellsprache in die Zielsprache ausdrückt. Sprachübergreifend sind zwei Dinge zu beobachten. Während im Französischen ( latinisation/ relatinisation, latiniser ), Spanischen ( latinización/ relatinización, latinizar ) und Englischen ( latinization/ re-latinization, to latinize ) entsprechende Lexeme vorliegen, gilt dies nicht für das Italienische ( latineggiamento/ ∅ , latineggiare ) und das Rumänische ( ∅ / ∅ , latinizare/ relatinizare ). Bei Letzterem verwundert dies nicht, da eine Relatinisierung erst im 19. Jahrhundert einsetzt, sodass sie für uns hier nicht von Bedeutung ist (vgl. Coseriu/ Bertsch 2008: 179; Hristea 2008; Raible 1996: 127). Das Italienische verwendet im Forschungsdiskurs zwar latineggiamento , aber nicht relatineggiamento . Überhaupt scheinen nur die englisch-, deutsch- und französischsprachige Forschungsliteratur einen Schwerpunkt bei dem Terminus Relatinisierung zu bilden. Dies sollte jedoch in der Betrachtung der beiden dominanten Bereiche der Lexik und der Syntax noch weiter präzisiert werden. Einen Überhang an Nennungen gibt es im Bereich des Wortschatzes (vgl. Coseriu/ Bertsch 2008: 185-189; Lüdtke 1995; Stefenelli 1992: 199-218). 64 Bereits im 19. und frühen 20. Jahrhundert wird der Begriff für die Lexik verwendet (vgl. Hahnel 1934: 15; Liebermann 1899: 269; Rheinfelder [1933] 1982: 147). Im 20. Jahrhundert ist der in zahlreichen Werken einschlägige Aufsatz von Gougenheim (1959) zur „relatinisation du vocabulaire français“ insofern zentral, als er den Clavería (1991: 24) findet. Letzterer muss eine terminologische Ausdehnung aus dem bezüglich Kultismus wesentlich häufiger anzutreffenden Bereich lexikologischer Studien sein. Coseriu fasst Kultismus ebenfalls eng auf den Wortschatz begrenzt auf: es handle sich um „jedes Wort, das bestimmte regelmäßige allgemeine phonetische Veränderungen nicht aufweist“ (Coseriu/ Bertsch 2008: 183). Latinismen bilden danach eine mögliche Erscheinungsform, vgl. patience statt der lautgeschichtlich regulären Entwicklung *paisence . Coseriu verweist auf die schwierige und bislang fehlende Methode zur „sichere[n]“ Identifizierung der Kultismen. Für eine kritische Einordnung des Kultismus in der Lexikologie romanischer Sprachen vgl. den Aufsatz zur „Relatinisierung“ von Raible (1996: 123-124). Zu lexikalischen/ morphologischen Kultismen im Spanischen vgl. auch Azofra Sierra (2002, 2009) respektive zu lexikalischen/ syntaktischen Latinismen im Übersetzungskontext Azofra Sierra (2006). 63 Die Bezeichnung lautet im Französischen latinisme , im Spanischen latinismo , im Italienischen latinismo , im Rumänischen latinísm und im Englischen latinism . 64 Vgl. die weiterführenden Literaturhinweise zur Relatinisierung im Wortschatz in der von Bertsch kommentierten Ausgabe von Coserius Vorlesungen und Abhandlungen (Coseriu/ Bertsch 2008: 185-189). Für das Spanische vgl. Bustos Tovar (1974) und Dworkin (2010). Beide unterscheiden in lexikalische Latinismen, die generell in die Schriftsprache eingeführt werden (um beispielsweise fehlende Lücken im Wortschatz zu schließen), und solche, die zusammen mit bereits existierenden Formen vorkommen (z. B. Dubletten) (vgl. Dworkin 2010: 175, 177). <?page no="70"?> 58 2 Syntaktische Latinisierung Neologismus für die französischsprachige Lexikologie prägt (vgl. Duval 2009: 36). 65 Bezüglich der Syntax zeichnet sich in älteren Studien ein anderes Bild ab. Haase (1890), Huguet ([1894] 1967), Marmelstein (1921) und Stimming (1915) verwenden wie auch später Blatt (1957a), Nykrog (1957) und Rasmussen (1958) nur den Begriff fr. latinisme . Lorian (1968) geht ebenso vor, weicht jedoch einmal mit fr. „relatinise“ ab, ebenso wie Bengtsson (2014) mit latinisation/ relatinisation . Der Parallelbegriff fr. latinisation wird von Flydal (1951), Guiraud (1966), Huchon (1988) und Rasmussen (1958) verwendet. Die deutsche Entsprechung Relatinisierung ist bei Albrecht (1995, 2016), Raible (1996) und Schmitt (1988, 2 2000) zu finden und die englischen Formen re-latinization/ re-latinisation bei Del Rey Quesada (2017a) und Fehling (1980). Fehling bezieht sich explizit auf die zuvor genannten Arbeiten von Blatt und Nykrog und führt für sich den Terminus „re-Latinization“ ein. Ob es sich hierbei um den Erstbeleg im Jahr 1980 in Zusammenhang mit syntaktischen Transfererscheinungen handelt, kann nicht vollends geklärt werden. Insgesamt scheint es aber einen verstärkten Gebrauch des Terminus in der deutschsprachigen Romanistik seit den späten 1990er Jahren zu geben, nicht zuletzt durch Raibles (1996) wegweisenden Aufsatz zur Relatinisierung in Grammatik und Lexik. 66 2.4.3 Konzept der Latinisierung Der lateinische Einfluss auf die romanischen Sprachen ist laut Raible (1996: 127) in drei Phasen ihrer Diachronie besonders stark zu bemerken. Er unterscheidet die Phase der Verschriftlichung vom 9. bis zum 13. Jahrhundert, die Phase des Humanismus (die in den romanischen Sprachen zeitlich versetzt vonstattengeht) und schließlich die Phase der Gegenreformation. 67 Die natürlichen 65 Vgl. bspw. Vachon (2010: 13), die den Begriff bzgl. der Lexik in jüngerer Zeit erwähnt. 66 Da (syntaktische) Relatinisierung als Begriff vor allem in den letzten Jahren zu finden ist, ist es nicht frappierend, dass sich hierzu nur wenige Wörterbucheinträge finden lassen. Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) respektive der Duden kennen lediglich das Verb relatinisieren in der Bedeutung ‘wieder in lateinische Sprachform bringen’. Latinisierung leitet der Duden von latinisieren ab, erklärt wird Letzteres mit ‘in lateinische Sprachform bringen’. Vgl. die Einträge im Duden <https: / / www.duden.de/ rechtschreibung/ relatinisieren> bzw. DWDS <https: / / www.dwds.de/ wb/ relatinisieren>. Demnach könnte sich Relatinisierung nur auf Sprachen beziehen, die aus dem Latein hervorgegangen sind, und Latinisierung (auch) auf Sprachen, die anderen Ursprungs sind. Warum Relatinisierung einige konzeptuelle Nachteile mit sich bringt, wird im anschließenden Kapitel geklärt werden. 67 Fehling (1980: 373) ignoriert scheinbar diese frühe, aber wichtige Phase des Latinisierungsprozesses im 12. Jahrhundert: „I call this process [...] the re-Latinization of modern languages. It began in the fifteenth century, but it seems to have had onother [! ] peak about 1700 under the auspices of the French cultural hegemony and the ideas of the ‚Querelle des anciens et des <?page no="71"?> 2.4 Terminologie, Anwendungsbereich und Typen 59 Wechselwirkungen, die sich im frühmittelalterlichen Ausgliederungsprozess der romanischen Varietäten ergeben, werden ab dem 9. Jh. dazugezählt. 68 Auch Chaurand (1999: 77) sieht dies so, wenn er gelehrte Entlehnungen im Kontext der Re latinisierung seit altersher in der Sprache beobachtet. 69 Der Zeitpunkt, ab dem sich von Transfererscheinungen sprechen lässt, kann wegen des Einflusses der Karolingischen Reform auf das 9. Jahrhundert festgelegt werden. Erst ab diesem Zeitpunkt konstituiert sich eine Wahrnehmung beim Sprecher, die es erlaubt, aufgrund eines ausreichend großen Abstands zwischen vulgärlateinischer Varietät und frühesten altfranzösischen Varietäten, nicht mehr von ein und derselben Sprachstufe auszugehen (Coseriu/ Bertsch 2008: 179). In der nachfolgenden Zeit gewinnen lateinischsprachige Vorlagen für die französische Schriftproduktion an Bedeutung. Frühe syntaktische Latinismen lassen sich in Rechtsdokumenten wie Urkunden finden (vgl. Duval 2009: 60), da die römisch-lateinische Schrifttradition die Voraussetzung direkter Übertragungen schafft. Auch in der Übersetzung der Dialoge Gregors von Tours Ende des 12. Jahrhunderts sind zahlreiche Latinismen zu beobachten, die erneut aufgrund der Textnähe zum lateinischen Modell zustande kommen. Erste Auswirkungen unabhängigerer sowie komplexerer syntaktischer Latinismen machen sich in französischsprachigen Texten des 14. Jahrhunderts bemerkbar. Vor dieser Zeit finden sich syntaktische Latinismen nur vereinzelt (vgl. Lorian 1968: 1265). 70 Begründet wird „l’âge d’or du latinisme“ durch frühe Übersetzer wie Pierre Berchoire (*ca. 1290-†1362) oder Nicolas Oresme (*1322-†1382), deren Bedeutung Albrecht (1995, 2007) und Stempel (1987) herausstreichen. Einen deutlichen Schub erfährt die latinisierende Textproduktion schließlich im 15. und im für das Französische so wichtigen 16. Jahrhundert. Es zeichnet sich also in dieser etwa modernes‘, when the idea gained ground that modern civilization could be of equal rank with the ancient one, and that a modern language could compete with Latin for logical quality.“ 68 Gerade Sprachelemente, die textspezifisch sind, können aus diskurstraditioneller Motivation heraus stark lateinisch anmuten. Dies lässt sich in der Eulaliasequenz beispielsweise anhand der Lexeme clementia oder rex beobachten, aber auch syntaktisch, morphologisch und lexikalisch in den Straßburger Eiden (vgl. Raible 1996: 122-123; Rey/ Duval/ Siouffi 2007: 70). Im Sermon sur Jonas zeigt sich wiederum, wie der Autor trotz lateinischsprachiger Orientierung an der Bibel die Volkssprache bei der Niederschrift spontaner Ideen verwendet (vgl. Rey/ Duval/ Siouffi 2007: 71; Zink 2 1982: 103). 69 So schreibt er: „le va-et-vient entre la langue mère et celle qui en est issue est fréquent. Les relatinisations [...] en témoignent. Les emprunts savants sont aussi anciens que la langue elle-même“ (Chaurand 1999: 77). 70 Dadurch, dass die Verschriftung erst im Hohen Mittelalter einen Schub bekommt und es auch nicht sicher ist, wie viele Texte tatsächlich aus den verschiedenen Epochen überliefert werden, muss sich der Sprachhistoriker darüber bewusst sein, dass quantitativen Aussagen stets mit Vorsicht zu begegnen ist. <?page no="72"?> 60 2 Syntaktische Latinisierung dreihundertjährigen Phase eine beständige Präsenz an Latinismen ab, die stark vom gegebenenfalls humanistischen Ausbildungsprofil des Autors abhängt. Es ist in Abschnitt 2.4.2 sichtbar geworden, dass bezüglich Latinisierung und Relatinisierung kein klares terminologisches Bild gezeichnet werden kann. Diese Feststellung muss um das zugrunde liegende Konzept erweitert werden, denn oft ist in der Literatur nicht greifbar, worin der Unterschied verborgen liegt. Dies zeigt sich unter anderem in einer nahezu parallelen Verwendung beider Begriffe bei Chaurand (1999) 71 und Bengtsson (2014: 86, 144). 72 Mit Relatinisierung der Vernakularsprachen, sei es nun Französisch, Spanisch, Englisch oder auch Deutsch, wird gemeinhin die Idee verbunden, dass humanistische Gelehrte gezielt und bewusst lateinischsprachige Ausdrücke in die Volkssprache einbinden, um sie, weil sie weniger prestigeträchtig und reich an Literatur, Wortschatz und Wendungen wären, aufzuwerten. Dies wird am präzisesten von Fehling auf Grundlage von Blatt (1957a) und Nykrog (1957) beschrieben: The Humanists abolished the medieval „Monks’ Latin“ and reinstated the classical, Ciceronian Latinity as the only acceptable form of this language. All those „popular“ medieval linguistic habits, which, as we have seen, had come from the Near East, were relentlessly rooted out. This process, however, had to some extent its parallel in the vernaculars. The same things which the Humanist resented and abolished in Latin were found in them, too. And this meant that he resented them there, too, and did his best to abolish them. So a great many of widespread medieval modes of speech, of which ours is a good example, were eliminated from the modern languages [...]. Of course there was a limit to the possible. The Humanists could ban the Biblical and medieval dico quod , but they could not prescribe that the corresponding expressions in the vernaculars also had to be replaced by an accusative and infinitive construction which had never been known in them. But they took their revenge by creating the notion that modern languages are helplessly inferior to Latin. I call this process, which I have learnt to understand from the above [...] mentioned papers of Blatt and Nykrog, the re-Latinization of modern languages. (Fehling 1980: 373) Die Kritik, die an dieser Auffassung geäußert werden kann, betrifft die durch das Präfix reausgedrückte vermeintliche Rückkehr oder Wiederholung in „re- 71 Chaurand (1999) und auch Clerico (1999) unterscheiden die Begrifflichkeiten nicht dezidiert. Clerico spricht von der „latinisation de syntaxe“ (215), einem Wortschatz, der „latinisant“ (206) ist, sowie von einer „relatinisation“ in Bezug auf „graphies latinisantes“ (106). Chaurand verwendet latinisation im Zuge der Romanisierung (23) und „relatinisation“ für den Wortschatz (77-78), den Bereich der Syntax sowie die „nouveaux champs de la communication“ (137). 72 Bengtsson (2014: 86) deutet eine Unterscheidung der Begriffe nur an: „Visiblement formées d’après le modèle latin, ces constructions nous fournissent encore un indice du facteur de latinisation, ou de relatinisation, qui est à même d’expliquer l’abondance des propositions participiales dans les textes en moyen français.“ sowie „Mais peut-être sa naissance est-elle due à la latinisation ou plutôt à la relatinisation pendant cette période, où le style de la chancellerie peut partiellement expliquer le nombre si élevé de ces constructions“ (Bengtsson 2014: 144). <?page no="73"?> 2.4 Terminologie, Anwendungsbereich und Typen 61 Latinization“. Die Rückkehr zu einem höherwertigen und reineren („plus pures“, Vachon 2010: 13) Sprachzustand mag für die romanischen Sprachen, die aus dem Latein hervorgegangen sind, noch am ehesten nachzuvollziehen sein, aber wie lässt sich dies auf germanische Sprachen übertragen, die Fehling explizit miteinschließt? Lorians (1968: 1263) Definition des syntaktischen Latinismus sieht darin eine „régression syntaxique“, die weniger als Zurückweichen gemeint ist, sondern vielmehr als Rückkehr zu einer vormals bestehenden und nun nicht mehr existenten syntaktischen Konstruktion. 73 Sie fokussiert auf den Umstand, dass es in der Fortführung bestimmter Konstruktionen einen Bruch in der sprachgeschichtlichen Entwicklung des Französischen gegeben haben muss. Hierbei ist das Frühe Mittelalter als Entstehungszeitraum der romanischen Sprachen für einen möglichen Transferzeitraum ausgeschlossen. 74 Es müsste also zeitlich mindestens bis zu einem lateinischen Sprachzustand unmittelbar vor Ausgliederung der romanischen Sprachen zurückgegangen werden - einem Zustand, der beispielsweise den Gebrauch des AcI noch in lebhafter Weise kennt. Dies verkennt in Bezug auf den AcI die sprachliche Realität des Lateinischen im Mittelalter. Neuere Studien zeigen (vgl. Cuzzolin 1994b; Greco 2008a,b, 2013a; Pinkster 2021: 202), dass der AcI nicht gänzlich aus dem Mittellateinischen verschwindet, sondern im Gegenteil in bestimmten Texten, wie der christlicher Autoren, weiterhin stark in Verwendung bleibt. 73 Der Latinismus ist eng mit der Latinisierung verknüpft. Es ist schließlich die Konstruktion, die im Zuge des Latinisierungsprozesses aus dem Lateinischen in die Zielsprache übertragen wird. Lorian (1968: 1263) definiert den Begriff selbst, da ihm zufolge die bestehenden Wörterbucheinträge für eine grammatikalische Beschreibung zu vage sind. Der Eintrag für latinisme im Grand Robert ist auch heute noch unverändert. Im Grand Larousse sind drei Bedeutungen aufgeführt, die dem Transferprozess, insbesondere dem des AcI, aus der Modellsprache Latein, Rechnung tragen. U. a. wird die proposition infinitive als „construction calquée, dans une autre langue, sur le modèle d’une construction latine“ genannt (vgl. Guilbert/ Lagane/ Niobey 1989: Bd. 4, 2903-2904). 74 Sowohl dt. Latinisierung als auch fr. latinisation bezeichnen darüber hinaus den starken Einfluss der lateinischen Eroberersprache auf die Substratsprachen im Zuge der Romanisierung. Dabei geht es jedoch um eine völlig andere Sprachkontaktsituation, da die Eroberersprache die Substratsprache, beispielsweise die gallischen Varietäten, verdrängt und Transfererscheinungen in umgekehrter Richtung auf die sich regional ausbildenden vulgärlateinischen Varietäten, die später in unterschiedlichen scriptae zu beobachten sind bzw. zur Ausbildung eigener romanischer Sprachbündel (Okzitanisch, Frankoprovenzalisch etc.) führen, festzustellen sind. Man denke hier nur an die keltischen Ursprünge mancher französischer Orts- und Städtenamen, wie Caen (Normandie) < lt. Cadomum < kelt. * Catúmagus , die keine lateinischspachige Ersetzung erfahren haben. Vgl. zur Latinisierung in Gallien und weiterführende Literaturhinweise Duval (2009: 20-24). Manche Autoren wie Vachon (2010: 2, 13) verwenden den Terminus latinisation als Gradmesser für die Ausbreitung des Lateins in der Romanisierungsbewegung des 2. und 3. Jh. n. Chr. und relatinisation für die im Humanismus häufig zu beobachtenden lexikalischen Transferprozesse in das Französische. <?page no="74"?> 62 2 Syntaktische Latinisierung Es scheint nun evident, das dem Transfer von Latinismen zugrunde liegende Konzept der Latinisierung nachfolgend zu erläutern, um eine solide Grundlage für die Analyse des syntaktischen Latinismus Accusativus cum Infinitivo im Französischen des 16. Jahrhunderts zu schaffen. In diesem Kontext werden Gründe, die gegen die Verwendung des Begriffs Relatinisierung im Bereich der Syntax und für ein Verständnis von Latinisierung als prozeduralem (und nicht punktuellem) Einfluss sprechen, angeführt. In der Konzeptualisierung wird bislang der spezifischen Ausgliederungssituation des Französischen auf Basis des nähesprachlichen Vulgärlateins zu wenig Rechnung getragen. Das in Abb. 2 gezeigte Modell soll daher den Einflussprozess von Latinisierung auf den Nähe- und Distanzbereich im diachronen Verlauf der lateinischen und französischen Sprachentwicklung deutlich machen. KVL D MWL D ML D HL D NL D < 1. Jh. v./ n. Chr. 3.-5. Jh. 5.-8. Jh. 9. Jh. 14.-16. Jh. 17.-21. Jh. VL N FR N FR D KL D Latinisierung VL: Vulgärlatein KL: Klassisches Latein KVL: Kirchenväterlatein MWL: Merowingerlatein ML: Mittellatein HL: Humanistenlatein NL: Neulatein FR: Französisch : Einfluss der Nähesprache auf die Distanzsprache : Einfluss der Distanzsprache auf die Nähesprache N : Nähebereich D : Distanzbereich Abb. 2 - Latinisierender Einfluss im Nähe-Distanz-Spektrum Die Abstände der horizontal verlaufenden Entwicklungslinien des Nähe- und Distanzpols sowie der chronologischen Orientierungspunkte auf der untersten Achse sind schematisch zu verstehen; dies bedeutet, dass eine exakte Ableitung <?page no="75"?> 2.4 Terminologie, Anwendungsbereich und Typen 63 in Bezug auf ihren jeweiligen Abstand nicht möglich ist. Es wird jedoch über die sich teilweise voneinander entfernenden Linien dem Aspekt der sukzessiven Entfernung des distanzsprachlichen Lateins vom nähesprachlichen Vulgärlatein Rechnung getragen. Die Entwicklung des distanzsprachlichen Merowingerlateins wie auch Mittellateins wird mithilfe von Wellenlinien dargestellt. Dies impliziert keinesfalls eine Abwertung des sprachlichen Zustandes, im Gegenteil ist eine noch größere Entfernung durch eine partielle Regularisierung zu beobachten (vgl. Buchner u. a. 2017: 137), die einen Ausbruch der Linie nach unten rechtfertigen würde. Hier soll jedoch auf den Aspekt abgestellt werden, dass das mittelalterliche Latein in Form der Wellenlinie vom vorhergehenden klassischlateinischen und folgenden Humanistenlatein markant abweicht, gar eine Zäsur zu beobachten ist. Mit den horizontalen Linien ist auch jeweils ein dahinterstehendes Varietätenbündel zu verstehen, ähnlich wie es Coseriu/ Bertsch (2008: 127) für die Ausbildung der romanischen Sprachen aus dem gesprochenen Latein skizzieren. Sie werden hier nicht visualisiert, um das Schema nicht graphisch zu überlasten. Koch/ Oesterreicher ( 2 2011) stellen den Nähe-/ Distanzbereich als ein Kontinuum dar. In Bezug auf das oben gezeigte Modell lassen sich die äußeren horizontalen Linien des VL N sowie KL D als Extrempunkte dieses Spektrums verstehen. Die textuelle Variation, die im Nähe-/ Distanzkontinuum zu verorten wäre, ist derart divers, dass sie nicht ohne eine größere, dritte Dimension visualisierbar wäre. Außerdem wird mittels der blauen Vertikalpfeile die Einflussrichtung zwischen Nähe- und Distanzpol symbolisiert. Dabei ist davon auszugehen, dass der Nähebereich als „Primat der gesprochenen Sprache“ (Koch/ Oesterreicher 1986: 25-26) stärker den Distanzbereich beeinflusst als umgekehrt. Dies geschieht zeitlich kontinuierlich und in unterschiedlich starkem Ausmaß. In klassisch-lateinischer Zeit gibt es beispielsweise eine Phase, in welcher die Distanzsprache die Nähesprache maßgeblich beeinflusst, da die Patrizier das der schriftlichen Distanzsprache anhaftende Prestige als Ideal für die nähesprachliche Volkssprache auffassen (vgl. Stolz/ Debrunner/ Schmid 4 1966: 94). Die gewissermaßen natürliche Wirkung der Nähesprache in Richtung der Distanzsprache kann, wenn sie ausbleibt, eine Initialzündung für andere sprachliche Einflüsse werden. Sobald im Nähebereich Lexeme oder grammatikalische Konstruktionen fehlen, kann, wenngleich nicht obligatorisch, eine Lücke vom Sprecher wahrgenommen werden. Latinismen können zur Befüllung dieser Lücken und, im Falle des AcI und der parallelen Komplementsatzstruktur besonders <?page no="76"?> 64 2 Syntaktische Latinisierung relevant, zur „adäquaten“ (Dworkin 2010: 177) Schließung funktionaler und stilistischer Lücken in die Zielsprache transferiert werden. 75 Die klassisch-lateinische AcI-Konstruktion wird im 16. Jahrhundert in mehrere Volkssprachen, darunter das Französische, transferiert. Es geht hierbei um einen Wirkprozess im Kontext der Latinisierung. Nicht immer liegt dem Transferprozess ein klassisch-lateinischer Quelltext zugrunde (bspw. in Übersetzungen), sondern die entsprechende Distanznorm wurde zuvor durch humanistische Bildung erworben. Häufig erfolgte die Rezeption frei, d. h. ohne Vorlage eines konkreten lateinischen Quelltextes, oder einzelne sprachliche Elemente wurden nach eigenem Empfinden angewendet. Somit kann es sich nicht um einen direkten Wirkprozess vom KL über das HL in die französische Distanzsprache handeln (siehe rot gestrichelte Linien). Selbst bei Übersetzungen muss, so zeigt es die Übersetzungswissenschaft, stets auch die Übersetzerpersönlichkeit mit ihrem individuellen Sprachwissen berücksichtigt werden. Ein humanistisch geprägter Gelehrter des 16. Jahrhunderts beherrscht durch die Lektüre eine spezielle Norm des KL (die Ausrichtung erfolgt in der Regel an Cicero). So divers wie Charaktere sind, sollte auch Diversität im Sprachwissen angenommen werden. Ein humanistisch und zugleich theologisch interessierter Gelehrter, wie Calvin es ist, liest über die klt. Autoren hinausgehend natürlich auch die Werke der spätantiken Kirchenväter. Es kann demzufolge nicht jeglicher andere Einfluss, der nach der Zeit des KL entsteht, ausgeschlossen werden. Zwar weichen Merowingerlatein und auch Mittellatein massiv vom klassischen Ideal ab und das HL kehrt zum KL in Ersuchung stilistischer Eleganz zurück, doch spielt die mittelalterliche Sprachentwicklung insofern eine Rolle, als dass das HL hieraus zeitlich stringent hervorgeht. Auch wenn die Beeinflussung marginal sein mag, muss aus sprachtheoretischer Perspektive dieser Entwicklungsgeschichte Rechnung getragen werden. Der Begriff Relatinisierung suggeriert einen direkten, gar unveränderten Wirkprozess in Bezug zu einem vorherigen Sprachzustand. Dies ist aber nicht der Fall. Latinisierung konstituiert sich durch den starken Einfluss des KL und ggf. in geringem Umfang des KVL sowie das HL per se, welches sich aus den vorherigen (mittelalterlichen) Sprachzuständen entwickelt. Die Abweichung zwischen nähesprachlichem Vulgärlatein und distanzsprachlichem Klassischen Latein ist bereits in der Antike deutlich spürbar. Die als Latinismus in Frage stehende Konstruktion muss zwischen diesen Nähe-/ Distanzpolen verortet werden. Den ‘weitesten’ Weg legt der Latinismus zurück, der in der Nähesprache aber eben auch in der verschriftlichten Distanzsprache 75 Dworkin (2010: 177) formuliert in Bezug auf lexikalische Latinismen: „Latinisms that were introduced into the written language to express (usually abstract) concepts and notions for which the spoken vernacular still lacked adequate linguistic expression“. <?page no="77"?> 2.4 Terminologie, Anwendungsbereich und Typen 65 verwendet wird, und den ‘kürzesten’ Weg ein solcher, der ausschließlich in der Distanzsprache verwendet wird. Es fehlt an Studien und erhobenen Belegen für diese Zeit der Latinität, um den AcI präzise im Kontinuum verorten zu können. 76 Ein weiteres gewichtiges Argument spricht gegen die Sichtweise einer Re latinisierung. Vor dem Hintergrund des konzeptionellen Nähe-Distanzbereichs müsste eine Rück kehr zu einem vorherigen Sprachzustand oder auch Wiederholung eines solchen über den Nähebereich verlaufen. Das gesprochene, nähesprachliche Vulgärlatein ist der Ausgangspunkt der Ausgliederung in die heutigen romanischen Sprachen, welche zu unterschiedlichen Zeitpunkten verschriftlicht wurden. 77 Die Distanzsprache ist in ihrer Extremität also Produkt des vulgärlateinischen, protoromanischen und schließlich frühaltfranzösischen Nähebereichs. Die Wirkrichtung der Latinisierung funktioniert indes so nicht, da die Humanisten eben Texte des distanzsprachlichen KL als Grundlage heranziehen. Zwar wäre es denkbar, dass überlieferte nähesprachliche Texte wie verschriftlichte Theaterstücke oder Graffiti als Einflussgrundlage fungieren, doch ist dies nicht der Kern der Latinisierungsbewegung. Der Humanismus weist explizit die stark distanzsprachlich markierte Textsprache Ciceros als Prestigereferenz aus. Es wird also Distanzsprache aus Distanzsprache heraus latinisiert und nicht Distanzsprache aus Nähesprache. Insgesamt zeigt sich, dass der Begriff der Relatinisierung vor dem Hintergrund des konzeptionellen Nähe-Distanz-Kontinuums nach Koch/ Oesterreicher ( 2 2011) nur eingeschränkt zu rechtfertigen wäre und daher Latinisierung der für die Studie geeignetere Terminus ist. Außerdem klingt in der Betrachtung der syntaktischen Latinisierung an, dass Prestige nicht der einzige Faktor für den Einsatz sein kann (vgl. Nykrog 1957: 91). Die überwiegende Anzahl der Transfers wird als notwendig erachtet, um die Satzkomplexität klassisch-lateinischer orientierter Sätze möglichst gut wiedergeben zu können. Auch die Erschließung funktionaler Lücken der Volkssprache spielt dabei eine übergeordnete Rolle (vgl. Albrecht 2007: 1093; Lodge 1993; Vachon 2010: 13). Die Reichweite des lateinischen Einflusses ist so extensiv, dass sie „alle Ebenen der Sprachen“ (Schmitt 2 2000: 1072) erfasst und sämtliche europäischen Sprachen betrifft, wodurch deren sprachlicher Duktus maßgeblich geprägt wird (vgl. Blatt 1957b: 47, Mastrantonio 2017: 24). 78 76 Dennoch gibt es wichtige Studien in diesem Bereich, die einen Anhaltspunkt bezüglich der ausgeprägten Distanzsprachlichkeit des AcI geben, vgl. u. a. Calboli (1997) und Cuzzolin (1994b). 77 Gemeinhin wird dieser Zeitraum zwischen ca. 750 nach Christus und 880 angesetzt, gemessen an der Entwicklung beim Konzil von Tours (813) sowie an den ältesten überlieferten Sprachzeugnissen: den Reichenauer Glossen (ca. 750), den Straßburger Eiden (14.2.842) und der Eulaliasequenz (ca. 880). Vgl. hierzu das Überblickswerk von Rey/ Duval/ Siouffi (2007: 57-74). 78 Mastrantonio (2017: 24) verweist auf Buck und Pfister, die vor allem das Italienische als besonders von der syntaktischen Latinisierung betroffen sehen: „Il latineggiamento sintattico <?page no="78"?> 66 2 Syntaktische Latinisierung Doch darf wiederum nicht erwartet werden, Latinismen dieser Art in jeder denkbaren Textsorte anzutreffen, da sie, wie eingangs in Kapitel 2.1 festgestellt, von der schreibenden Bevölkerung, die in der Minderheit ist, verwendet werden (vgl. Blatt 1957a: 230). Syntaktische Latinismen sind, und dies verwundert nicht vor dem oben festgestellten distanzsprachlichen Hintergrund der Quelltexte, folglich größtenteils der konzeptionellen Schriftlichkeit vorbehalten (vgl. Blatt 1957a: 224) und sie sind neben Dokumenten monarchischer Herkunft auch im religiösen Umfeld anzutreffen. Dies ist aufgrund der jahrhundertelangen starken Stellung der katholischen Kirche vom Mittelalter bis in die Neuzeit hinein nicht verwunderlich (vgl. Blatt 1957b: 47, 231). Wie noch zu sehen sein wird, kommt der christlichen Übersetzungspraxis eine zentrale Rolle bei der Latinisierung zu. Blatt (1957a: 232) weist zu Recht darauf hin, dass ihre Einbettung in die im Entstehen befindlichen Grammatiken über die Bedeutung des direkten Einflusses der Übersetzungen hinausgeht. Diese Übernahme lateinischer Prinzipien in die Grammatik steuert die weitere Textproduktion und ermöglicht daran anschließende, indirekte Latinisierungen durch Personen, die nicht im einschlägigen Kreis Gelehrter etc. stehen. 2.4.4 Identifizierung syntaktischer Latinismen Der Identifizierung syntaktischer Latinismen wurde in mehreren Arbeiten Beachtung geschenkt. Dabei wurden teilweise übereinstimmende Kriterien zum Auffinden solcher Konstruktionen ausgemacht. Denn neben der häufig unauffälligen Oberflächenrepräsentation - ein Infinitiv im AcI wird in gleicher graphischer Weise repräsentiert wie ein Infinitiv, der präpositionslos ein Prädikat erweitert - erschwert das enge Verwandtschaftsverhältnis zwischen Latein und den romanischen Sprachen die Identifizierung insofern, als dass ausbleibende Abweichungen, die beispielsweise in germanischen Sprachen zu beobachten sind, nicht als Merkmal herangezogen werden können. Dies stellen auch Blatt (1957b: 42) respektive Nykrog fest: L’étroite parenté entre le latin et le français rend très difficile, parfois, de distinguer ce qui est héritage roman d’avec ce qui est apport savant secondaire. Le critère le plus sûr est la chronologie : une construction qui ne s’emploie qu’à partir d’une certaine époque et qui peut être modelée par emprunt, par calque ou par traduction, sur une construction latine, a toutes le chances d’être due à une influence latine savante, surtout si on la rencontre d’abord, ou de préférence, chez les auteurs savants. (Nykrog 1957: 92) interessa tutte lingue europee, vista la loro secolare esposizione al latino; tuttavia il fenomeno assume tratti più marcati per l’area italiana, come ricordano Buck/ Pfister (1978: 48)“. <?page no="79"?> 2.4 Terminologie, Anwendungsbereich und Typen 67 Die zeitliche Einordnung der in Frage stehenden Konstruktion ist demnach ein zentrales Kriterium, zur Identifizierung von Latinismen, da diese per definitionem nicht zu jeder Zeit in der Sprache vorhanden sind. Daher ist es, erstens, unerlässlich alle Epochen gleichmäßig zu betrachten (vgl. Fehling 1980: 379), denn der Einfluss der klassisch-lateinischen Distanzsprache ist punktuell oder auf einen bestimmten Zeitraum begrenzt. Dies entspricht der Unterscheidung, die Stimming (1915) bezüglich der AcI-Konstruktion einführt. Die „ererbte“ Variante ist demnach in der gesamten sprachgeschichtlichen Entwicklung nachzuweisen und kein Latinismus. Die „gelehrte“ Variante hingegen wird von dem des Lateinischen mächtigen Gelehrten zu einem spezifischen Zeitpunkt in die französische Sprache eingeführt. 79 Nicht unerheblich ist dabei laut Nykrog (1957: 92) der Übertragungsweg, den die Konstruktion (typischerweise) „par emprunt, par calque ou par traduction“ in die Zielsprache nimmt. 80 Dieser entscheidet maßgeblich über den Grad der Plausibilität des gelehrten lateinischen Einflusses. Vielleicht ließe sich gar so weit gehen, einen bestimmten Grad der Latinisierung zu messen, um Abstufungen innerhalb der Latinisierungen zu erfassen. Beispielsweise ist eine geradezu mechanisch anmutende Wort-für-Wort-Übersetzung von solchen Übertragungen zu unterscheiden, die sich am Sinn und an einer grammatikalisch ähnlichen Einpassung in die Zielsprache orientieren. Zweitens geht mit der chronologischen Einschätzung auch die Erfassung kulturgeschichtlicher Hintergrundaspekte einher. Es muss die jeweilige Epoche, welcher der Text entstammt, bewertet und außerdem gefragt werden, ob Latinismen in dieser Zeit üblich oder besonders frequent sind und herausragende Strömungen wie der Humanismus bzw. die Renaissance einen signifikanten Einfluss auf die Sprachentwicklung ausüben. Damit ist meist die Kenntnis der Quellsprache, häufig griechische oder klassisch-lateinische Texte des Distanzbereichs, und wiederum die Autorenschaft eng verknüpft: [...] le caractère savant. Ces latinismes sont introduits en français par des écrivains érudits, par des humanistes et par des clercs latinistes, dans les officines des traducteurs, dans les chancelleries et au Palais. (Lorian 1968: 1264) Dementsprechend finden sich Latinismen in Übersetzungen und anderen gelehrten Schriftzeugnissen. Eine hohe Frequenz im Quellsowie Zieltext ist dabei ein 79 Vgl. für eine ähnliche Sichtweise Corcuera Manso (1985: 158): „no es [...] consecuencia de un proceso evolutivo, sino que se caracteriza por su aparicón repentina“. Das plötzliche Auftreten des Latinismus beschreibt auch Lorian (1968: 1263) als Grundsatzmerkmal: „Le premier signe distinctif serait donc la réapparition plus ou moins subite de la construction latine“. 80 Kritisch sieht Nykrog (1957) darüber hinaus, dass recht viele Texte benötigt und analysiert werden müssen, um der breiten Zeitspanne gerecht zu werden. Die heute zugängliche, korpusgestützte digitale Untersuchung ermöglicht es nun, dieses Desideratum anzugehen. <?page no="80"?> 68 2 Syntaktische Latinisierung sehr deutliches Zeichen für eine vorliegende Latinisierung. Blatt (1957b: 38-39) weist jedoch zu Recht daraufhin, dass man auch bei einer geringen Häufigkeit im Originaltext einen Latinismus in der Zielsprache vermuten muss, wenn zu der Zeit der Verwendung allgemein viele Konstruktionen durch klassisch-lateinischen Einfluss übertragen werden. 81 Dies führt drittens zum Kriterium der strukturellen Isolation des Latinismus (vgl. Lorian 1968: 1264) respektive des „außergewöhnlichen Charakters“ des Latinismus (Blatt 1957b: 38), welcher sich unter Beibehaltung seiner spezifischen Charakteristika in gewisser Weise an das zielsprachliche System anpasst (vgl. Corcuera Manso 1985: 159) oder mit bestehenden Regeln inkompatibel (Blatt 1957a; Lorian 1968) ist. 82 Viertens kontrastieren (Lorian 1968) und konkurrieren (Blatt 1957b; Corcuera Manso 1985) Latinismen mit bestehenden Konstruktionen, bedingt durch eine „manque d’originalité, [...] simple calque [...] ou [...] ‚calcul‘ stylistique“ (Lorian 1968: 1264). In der Regel verdrängen sie jedoch nicht die zielsprachliche Parallelkonstruktion („construction parallèle autochtone“, Lorian 1968: 1264). Die Umstände, unter denen die neu eingeführten Konstruktionen zumindest in bestimmten Textgenres erfolgreich sein können, muss Gegenstand der Analysen sein (vgl. Blatt 1957b; Corcuera Manso 1985: 159). Die Konkurrenz und Durchsetzung syntaktischer Latinismen zeugt von ihrem funktionalen und ästhetischen Gewicht für die Sprecher. Dies kann so weit gehen, dass bislang wenig verwendete Konstruktionen durch Latinisierung verstärkt verwendet werden und das Anwendungsfeld „geweitet“ (Blatt 1957b) wird. 81 Blatt (1957b: 38-39) gibt als Beispiel das Partizip Präsens an sowie die Einführung des Plusquamperfekts und vollendete Zukunftsform im Alt- und Neuenglischen. 82 Gleichwohl verschwimmen die Grenzen bei der Frage nach der zeitlichen Dauer der Isolation eines Latinismus. Während Lorian (1968: 1264) die Auffassung vertritt, dass syntaktische Latinismen im Französischen nur wenige Jahrhunderte präsent bleiben und darüber hinaus allenfalls als Teil eines spezifischen Sprachgebrauchs in einer Minderheit fortwähren können, stellt Del Rey Quesada (2017a: 678) zu Recht fest, dass im Spanischen (! ) absolute Partizipialkonstruktionen bis heute in nicht kleiner Zahl vorhanden sind. Diese Problematik hängt zweifelsohne damit zusammen, ab welchem Zeitpunkt nicht mehr von einem Latinismus zu sprechen ist (vgl. Lorian 1968: 1264) und eine vollständige Integration in die Empfängersprache stattgefunden hat. Dies ist in hohem Maße von einzelsprachlichen Einschränkungen und Entwicklungen abhängig. Dies betrifft im Übrigen auch die Bezeichnung des Accusativus cum Infinitivo für die proposition infinitive im Französischen. Da der Akkusativ nicht mehr morphologisch markiert wird, ist ein berechtigtes Zögern bei der Verwendung des Begriffs festzustellen, sodass dieser für die ererbte Form des AcI im modernen Französisch in der Regel nicht verwendet wird. Unter der Prämisse, dass es sich um ein terminologisches Etikett zur Bezeichnung der Konstruktion handelt, lässt es sich aber im diachronen Kontext verwenden. <?page no="81"?> 2.4 Terminologie, Anwendungsbereich und Typen 69 2.4.5 Anwendungsbereiche syntaktischer Latinisierung Bislang fehlt es an einem einzelsprachlichen wie auch sprachübergreifend vergleichenden Katalog der Formen syntaktischer Latinisierung im Französischen. Um einen Überblick über die Vielfalt syntaktischer Latinismen zu erhalten, sind die Aufsätze von Blatt (1957b) und Lorian (1968) maßgebliche Referenzen. Blatt (1957b: 53-68) stellt in einer grundsätzlichen und mit anderen Sprachen vergleichenden Herangehensweise Latinismen u. a. in der Koordination von Hauptsätzen und in der Subordination fest. Vor allem Letztere sei in den europäischen Sprachen Zeugnis gelehrten Einflusses, da so Komplexität und präzise Beziehungen ausgedrückt werden können (vgl. Blatt 1957b: 55-56). Deutlich pointierter fällt die Übersicht bei Lorian (1968: 1268-1273) aus, der neben Partizipien und AcI den Subjonctif -Gebrauch in den Vordergrund rückt, die lateinimitierende Verbletztstellung oder gewisse „latinismes ‚snobs‘ du XVI e siècle“. In der GGHF wird bei Combettes/ Glikman (2020: 1447-1448) u. a. auch auf das Fehlen eines vorangehenden Pronomens oder auf einen Relativsatz im Anschluss an eine Adjektivphrase wie in Il est fils [. . . ] / Et digne qui jadis ait succé la mamelle / D’une tygre inhumaine (Du Bellay, Combettes/ Glikman 2020: 1451) hingewiesen. Eine wichtige Entwicklung, die unter starkem Verdacht lateinischen Einflusses steht und bereits im Altfranzösischen einsetzt, ist die Setzung von Einschüben im Satzgefüge. Nykrog (1957: 103) macht deutlich, dass sie besonders häufig in juristischer Sprache vorkommen. In Übersetzungen aus dem Latein erlauben die Einschübe zudem m. E. deutlich flexibler mit langen und komplexen Sätzen umzugehen. Infinite Verbkonstruktionen stehen ganz im Zeichen der Latinisierung und sind bestens geeignet, um diesen Entwicklungsprozess zu untersuchen, da beispielsweise die Häufigkeit von Infinitivkonstruktionen „in der Diachronie aller Sprachen kontinuierlich zu[nimmt], während diejenige der Satzkonstruktionen entsprechend abnimmt“ (Stein 1997: 127). Dies gilt laut Stein insbesondere für das Französische. Aber es sind nicht nur Infinitive als Kern der ursprünglich klassisch-lateinischen AcI-Konstruktion anzutreffen, sondern auch Partizipial- und Gerundivkonstruktionen sind im 16. Jahrhundert zahlreich (vgl. Lecointe 1997; Lorian 1968: 1271-1272; Stimming 1915: 39-40). 83 Teilweise verfestigen sich absolute Partizipialausdrücke wie vu que oder ceci dit zu fixen Wendungen, die auch heute noch Anwendung finden. Der Grund für ihren Erfolg während 83 In Anlehnung an den lateinischen Ablativus Absolutus lassen sich im Altfranzösischen absolute Gerundivkonstruktionen finden, teils sogar ohne explizite Nennung der infiniten Verbform. Außerdem weist Lorian (1968: 1271-1272) neben den absoluten Partizipialkonstruktionen auch auf den semi-absoluten Typus hin, welcher sich ebenfalls teilweise im modernen Französisch hält. <?page no="82"?> 70 2 Syntaktische Latinisierung des Humanismus liegt, laut Lorian (1968: 1271) nicht nur an ihrem eleganten Prestige, wie es auch beim AcI zu finden ist, sondern vielmehr an der Möglichkeit, auf kompakte Weise weitere Informationen in den Text einzubinden. Der stilistische Wunsch nach einem kompakten Satzbau mag dabei keine unwesentliche Rolle spielen, wenn man bedenkt, dass gerade die lateinischen infiniten Verbkonstruktionen eine Verkürzung der Satzlänge bei gleichbleibendem Sinngehalt ermöglichen (vgl. Higman 1970: 9). Dieses Mittel zur Erzeugung einer größeren Kompaktheit wird zudem sprecherspezifisch, beispielsweise bei Montaigne aber auch bei Calvin in der Institution (vgl. Marmelstein 1921: 112), in verstärktem Maße eingesetzt. Diesbezüglich ist es interessant, dass Brucker (1977: 335) eine Verbindung zwischen syntaktischer Latinisierung und der Tendenz zur Nominalisierung des Verbs in Form von Partizipial- und Gerundivkonstruktionen sowie des AcI anstelle finiter Teilsätze herstellt. Auch Blatt (1957b) und Nykrog (1957) gehen auf die infinite Strukturen wie das Partizip Präsens und absolute Partizipialkonstruktionen dezidiert ein. Mittels des participe présent und des gérondif lassen sich komplexe Satzverkettungen erzeugen, die während des Humanismus erwünscht sind. Im Streben nach mehr Mündlichkeit und Natürlichkeit in der Schriftlichkeit wird laut Lecointe (1997: 14) eben dieser „style en -ant “ gegen Ende des 16. Jahrhunderts sukzessive verworfen, doch so lässt sich diese Phase der infiniten Satzverkettung im 16. Jahrhundert als maßgeblicher Katalysator für die anschließende Kehrtwende zu einem „style coupé“ im französischen Satzbau verstehen. 84 Der Infinitiv im AcI ersetzt, anders als die Partizipialkonstruktionen, z. B. keine Temporal- oder Kausalsätze. Die typischen Verbklassen stehen mit dem AcI in Alternanz zum Komplementsatz mit que . Wie bei den Partizipialkonstruktionen besteht daher in den meisten Fällen keine „direkte Konkurrenzsituation“ (Stein 1997: 120). Dennoch lässt sich für den AcI in Anspruch nehmen, dass die Konstruktion einen kompakteren Satzbau als der unmarkierte Objektsatz erzeugt. Es lassen sich auch hier humanistische Motive erkennen (vgl. Blatt 1957b: 47-48, 68; Albrecht 1995: 9; Stefenelli 1992: 205), wie das Dringen auf Klarheit und Logik, also textstrukturelle Merkmale, die gegebenenfalls noch nicht in der Vernakularsprache sprachlich abgebildet sind und damit den Text in funktionaler und stilistischer Hinsicht massiv beeinflussen können. Die breite Anwendung syntaktischer Latinismen im Verbalbereich unterstreicht hierbei die Bedeutung für den distanzsprachlichen Ausbau des Französischen. 84 Vgl. zu den französischen Partizipial- und Gerundivkonstruktionen die Arbeiten von Bausch (1978), Havu/ Pierrard (2016), Lambertz (1987), Marchello-Nizia (1979: 339-341), Müller-Lancé (1994), Skupien Dekens (2008) und Verjans (2008, 2009, 2013); vgl. für die romanischen Sprachen insgesamt Gil (1995) und für das Spanische vgl. Azofra Sierra (2006). <?page no="83"?> 2.4 Terminologie, Anwendungsbereich und Typen 71 2.4.6 Typen syntaktischer Latinismen Der syntaktische Latinismus Accusativus cum Infinitivo wird mindestens seit Stimming (1915) in „ererbte“ und „gelehrte“ Konstruktionen unterschieden. 85 Dieser Begrifflichkeit begegnet man später in ähnlicher Weise bei Lorian (1968: 1274), welcher nur die gelehrte Form, unter Einfluss des Klassischen Lateins, als „le vrai latinisme“ auffasst. Die stets in der Sprache vorhandene Konstruktion, in Nachfolge zum volkssprachlichen Latein, wird hingegen von ihm als „pseudolatinisme“ bezeichnet. Die Möglichkeit die gelehrte gegenüber der ererbten Form abgrenzen zu können, ist zugleich ein zentrales Identifikationsmerkmal des lateinischen Einflusses, sodass eine komplementäre Betrachtung, gerade beim AcI, erfolgen muss. 86 Mastrantonio (2017: 22-23, 250-251) weist einen weiteren Typus aus: die ‘Teilentlehnung’ (it. „calco parziale“). Hierbei findet eine funktionale Ausweitung aufgrund des lateinischen Einflusses statt, jedoch liegt eine romanische Innovation zugrunde. 87 Dies ist beim gelehrten AcI nicht der Fall, da die Konstruktion ausschließlich aufgrund lateinischen Einflusses Eingang in das Französische findet. Wie Del Rey Quesada (2017a) zeigt, ergibt sich im spezifischen Kontext der Übersetzung eine Notwendigkeit, die gelehrte Form des Latinismus gegenüber weiteren parallel gelagerten Konstruktionen abzugrenzen. Die Übersetzung, im Besonderen die Selbstübersetzung eines einzelnen Autors, ermöglicht Rückschlüsse darauf, ob ein Latinismus im Zieltext ein Modell im Quelltext kennt und transferiert wird, ausgelassen wird, gar verändert wird oder durch eine alternative Konstruktion ersetzt wird. Diese Erkenntnis systematisiert Del Rey Quesada, indem er eine einheitliche Begriffsterminologie auf Basis des Interferenzansatzes von Kabatek (1996, 1997) anlegt: 1) Latinism : this term describes here the occurrence of a Latinate morphosyntactic construction in the TT [target text] which can be manifestly ascertained as deriving from the ST [source text], i.e. it is a direct calque from the structure or phenomenon in question [...]. 2) Anti-Latinism : my use of the term Anti-Latinism refers to the appearance of a 85 Die Begriffe werden in Kap. 4.4.2 wiederaufgegriffen und syntaktisch näher erläutert. 86 Vgl. zu diesem Punkt auch die neuere Studie Mastrantonios zu latinisierendem Einfluss im älteren Italienisch: „L’attenzione per le Relatinisierungstendenzen (Raible 1996), si colloca in una prospettiva di ricerca antitetica allo studio della formazione delle lingue romanze e del loro maggiore o minor grado di continuità rispetto alla lingua madre. Ma, come si accennava, i due procedimenti sono in realtà complementari, anche dal punto di vista del metodo: per poter attribuire un determinato fenomeno sintattico alla pressione del latino occorre infatti escludere al tempo stesso che quel fenomeno sia ereditario o riconducibile esclusivamente a fattori interni di sviluppo“ (Mastrantonio 2017: 23). 87 Als Beispiel führt Mastrantonio (2017: 22-23) das periphrastische Passiv an, welches im Italienischen mit „ essere da + infinito“ wiedergegeben wird. <?page no="84"?> 72 2 Syntaktische Latinisierung (more) vernacular morphosyntactic schema in the TT when there is a morphosyntactic phenomenon in the ST that might have provoked a calque (or Latinism) [...]. 3) Hyper-Latinism : my coinage of the term Hyper-Latinism has as its aim to highlight the appearance of a structure or Latinate phenomenon in the TT when no direct correspondence exists with the schema in the translated ST [...]. 4) Hetero-Latinism : although this type appears far more sporadically, the term Hetero- Latinism applies here to those cases in which a Latinate structure or syntactic feature in the TT corresponds to a Latinate syntactic phenomenon of a different nature in the ST [...]. (Del Rey Quesada 2017a: 679) Wenn die hier formulierten Begrifflichkeiten auf den zu untersuchenden AcI angewendet werden, ergibt sich, dass Punkt 1 die Überführung eines (klassisch-)lateinischen AcI in einen französischen AcI bedeutet (vgl. 6): (6) a. [...] sed ipsius stuporem rideamus, qui Deum S 2 naturae dominum & praesidem ∅ V 2 non agnoscat V 1 [...] (LT1559, IV, 14, 18: 347 ˆ = LT1539, 10, 18: 951) b. [...] mais nous pourrons reprendre son ignorance, en ce qu’ il ne recognoist V 1 point Dieu S 2 estre V 2 le Seigneur de nature [...] (FR1560, IV,14, 18: 308 ˆ = FR1541, 10: 1235 [II], id-par-240) Nach Punkt 2 wird der lt. AcI nicht als fr. AcI wiedergegeben, sondern als unmarkierter Komplementsatz mit que (vgl. 7): (7) a. Fateor V 1 quidem pie hoc posse dici, modo à pio animo proficiscatur, Naturam esse V 2 Deum S 2 [...] (LT1559, I, 5, 5: 7) b. Je confesse V 1 bien sainement que Dieu est nature , moyennant qu’on le dise en révérence et d’un coeur pur [...] (FR1560, I, 5, 5: 73-74) In Punkt 3 kann eine beliebige Konstruktion im lateinischen Quelltext vorliegen, welche nicht als Vorlage für einen Latinismus gewertet und (dennoch) als französischer AcI wiedergegeben wird (vgl. 8): (8) a. Quum ergo ad eas ceremonias sollicite observandas adigerentur, quae paedagogiae servituti similis symbola erant , & chirographa, quibus se peccati reos faterentur, ab obligatione non solverent: [...] (LT1559, II, 11, 9: 117 ˆ = LT1539, 7, 37: 825) b. Puis donc qu’ainsi est, qu’ils estoyent contraints d’observer les cérémonies, lesquelles estoyent comme enseignes de la pédagogie que S 2 sainct Paul dit V 1 estre V 2 semblable à servitude , pareillement scédules par lesquelles ils se confessoyent estre coulpables devant Dieu [...] (FR1560, II, 11, 9: 226 ˆ = FR1541, 7: 1011 [II], id-par-66) Der Heterolatinismus in Punkt 4 hingegen bezieht sich wie in den vorherigen Punkten 1 und 2 auf eine mögliche Konstruktion, die als Modell für einen Latinismus in der Zielsprache fungieren kann, jedoch nicht in entsprechender Weise im Französischen umgesetzt wird, sondern mit einem anderen Latinismus. Alternative latinisierende Modelle in der Quellsprache wären der Doppelte Akkusativ <?page no="85"?> 2.4 Terminologie, Anwendungsbereich und Typen 73 (vgl. Kap. 6.1.6.1) oder der ablativus absolutus . Die Ersetzung durch einen AcI wird zu einem späteren Zeitpunkt geprüft werden. Diese unterschiedlichen Typen an Latinismen fügen sich in eine Systematik der Konvergenz und Divergenz bzw. positiven und negativen Interferenz ein. Negative Interferenzphänomene lassen sich in Übersetzungskontexten häufig beobachten, finden jedoch meistens keine entsprechende Beachtung (vgl. Del Rey Quesada 2020: 215). In Bezug auf den AcI sind positive Interferenzphänomene zu erwarten, wie z. B. Transfer im Sinne der Konvergenz und „Hypercharacterization“ im Sinne der Divergenz (vgl. Del Rey Quesada 2020: 230). Von Transfer kann man insbesondere für jene Varianten sprechen, die markiert sind. Es ließe sich in der Terminologie von Del Rey Quesada (vgl. Abb. 2 in 2020: 220) somit auch von einer „trans-position“ sprechen. Markierung meint dabei nicht nur diaphasisch oder diastratisch niedrig markierte Konstruktionen, sondern auch solche, die als hoch bewertet werden, beispielsweise aufgrund eines Prestigeeinflusses (vgl. Del Rey Quesada 2020: 212, 2021: 218). Dem von Del Rey Quesada geprägten Terminus Hyper-Latinism liegt der Begriff der Hyperkorrektheit zugrunde. Kabatek (1996: 19) stellt diesbezüglich terminologische Schwierigkeiten fest. Ein zentraler Kritikpunkt ist demnach die mitschwingende „Steigerung des Begriffes ‚korrekt‘ “ (vgl. auch Del Rey Quesada 2020: 222), was meiner Ansicht nach ebenso bei der Bezeichnung Hyperlatinismus kritisch berücksichtigt werden sollte. Das Konzept des Hyperlatinismus ist zweifellos klar nachvollziehbar und für den Anwendungsbereich, der Übertragung des AcI in die Volkssprachen, geeignet, jedoch bleibt ein Zweifel bezüglich des Terminus zurück, der kurz betrachtet wird. Das griechische Präfix hyperbedeutet wörtlich ‘über’ oder ‘in übertriebenem Maße’. Nun wird aber der in die Zielsprache eingeführte Latinismus nicht besonders stark oder eben übertrieben markiert, sondern die Sprachkontaktsituation zeichnet sich trotz des fehlenden Modells in der Quellsprache durch eine Einführung der latinisierenden Konstruktion aus. Dies bedeutet nicht, dass es eine funktionale Lücke in der Quellsprache gibt. Es wird lediglich die lateinische Konstruktionsentsprechung nicht genannt. Ist es ‘übertrieben’, wenn ein Übersetzer mit Textmodell oder gar ein Autor ohne Textmodell eine latinisierende Konstruktion aufgrund seiner eigenen sprachlichen Kreativität benutzt? Es besteht bei der Verwendung von ‘hyper-’ die Gefahr, die Konstruktion auf Grundlage dessen zu stigmatisieren, das zielsprachliche Ergebnis des Hyper-Latinism als Über reaktion des Textautors in einer Menge weiterer Latinismen zu sehen. Doch gerade in der selbstständigen Verwendung des Latinismus ohne ein direktes Modell lässt sich die Ausweitung der sprecherindividuellen Sprachnormen beobachten, indem ein neuer ästhetischer Verwendungsbereich erschlossen wird. Dieses Beispiel des Ausbaus wird <?page no="86"?> 74 2 Syntaktische Latinisierung im Folgenden in Anlehnung an seinen selbstständigen, autonomen Charakter im Rahmen der Sprecherkreativität als Autolatinismus bezeichnet. 88 Zuletzt soll mit Bezug auf den Ausbau und einer möglichen Typologie syntaktischer Latinismen auf das von Greco (2023) rezent vorgeschlagene, graduelle Kontinuum hingewiesen werden: es reicht von (a) linearen Entwicklungen der romanischen Sprachen, über (b) romanische Einfügungen zum Latein gleichwertiger Strukturen, über (c) romanische Innovationen, die sich auf Randstrukturen des Systems stützen, bis hin zu (d) Nachahmungen lateinischer Modelle unter Nutzung der Randmöglichkeiten des Systems. Typ (d) käme Greco (2023: 315) zufolge im Italienischen beispielsweise für die bereits angesprochenen Partizip-Präsens-Konstruktionen in Frage und Typ (b) für das Gerundium dicendo in spätlateinischen Texten. Typ (a) bildet Strukturen wie den ererbten AcI ab, Typ (c) hingegen solche Innovationen, wie sie beim gelehrten AcI anzutreffen sind. Inwiefern die Randmöglichkeiten des französischen Sprachsystems ausgeschöpft werden, wird Teil meiner Analyse sein. 2.5 (Selbst-)Übersetzung und der Grad der Latinisierung Syntaktische Latinisierung ist in vielen Fällen im 16. Jahrhundert im Kontext der Übersetzungspraxis zu beobachten. So basiert auch Calvins französischsprachige Institution auf einem lateinischen Text. Hinzu kommt, dass Calvin nicht den Text eines anderen Autors übersetzt, sondern seinen eigenen - ein Beispiel für die in dieser Zeit nicht ungewöhnliche Praxis der Selbstübersetzung. Bemerkenswert ist jedoch der Umstand, dass Calvin sein Werk über zwei Jahrzehnte hinweg kontinuierlich in beiden Sprachfassungen überarbeitet. Die sprachlichen Veränderungen fallen dabei erwartungsgemäß im französischen Text stärker aus, sodass diese im Fortlauf der Arbeit noch eingehend analysiert werden. Im Folgenden richtet sich der Blick auf das Verhältnis zwischen Selbstübersetzung und dem Grad der syntaktischen Latinisierung, um die Auswirkungen auf den Transfer gelehrter AcI-Konstruktionen zu verstehen. Den Anfang macht Abschnitt 2.5.1 zum Einfluss und zu den Grenzen der Übersetzung. Anschließend gehe ich auf den spezifischen Typus der Selbstübersetzung in 2.5.2 ein, bevor ich in 2.5.3 die Übersetzungsprinzipien des 16. Jahrhunderts behandle. 88 Der Begriff betont damit stärker den „latenten“ Charakter der Konstruktion im Sprachsystem, den Brucker (1977) bereits festgestellt hat: „une tendance latinisante peut être considérée comme une sorte d’exagération révélatrice d’un état latent“. <?page no="87"?> 2.5 (Selbst-)Übersetzung und der Grad der Latinisierung 75 2.5.1 Einfluss und Grenzen der Übersetzung Die Übersetzung ist ein zentraler, wenngleich nicht der alleinige (vgl. Albrecht 1995: 4), Bestandteil der Beobachtung latinisierender Effekte im Französischen (vgl. Albrecht 2016: 657). 89 Es liegt auf der Hand, dass Übersetzungen ebenso wie Verschriftlichung von Sprache zeitgenössischen Prinzipien unterliegen. Solche Leitlinien werden bereits im 16. Jahrhundert von Étienne Dolet (1540) formuliert. 90 Der Übersetzungsprozess fügt sich in die oben besprochene Sprachkontakttheorie als Mechanismus des „interlingualen Transfers“ (Stolze 6 2011) ein. Der mögliche Einfluss, der hieraus in der Übertragung von Konstruktionen aus der Quellin die Zielsprache resultiert, mag evident erscheinen, doch wurde er lange Zeit negiert. Denn diese „Einwirkung ‘von oben’, die über das Medium der Schrift erfolgt“, wird, so konstatiert Albrecht (2006: 1386) „von den Vertretern der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft nur ungern eingestanden“. Dies führt zur grundlegenden Unterscheidung der modernen Translationswissenschaft zwischen horizontaler und vertikaler Übersetzung (vgl. Pöckl 2016: 15), in welcher das Klassische Latein als diaphasisch höhergelegene Kulturbzw. Prestigesprache einer niedriger situierten Volkssprache vertikal gegenübersteht. Die Prestigesprache manifestiert sich im 16. Jahrhundert im geschriebenen distanzsprachlichen Bereich. Dies führt eher dazu, dass eine normalerweise diesem Bereich vorbehaltene sprachliche Konstruktion in einer Übersetzung, die ebenfalls im Schriftbereich stattfindet, mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit übertragen wird (vgl. Albrecht 2007: 1089). Das Prestige der Klarheit, die im lateinischen Ausdruck liegt, wird bei Albrecht nachvollziehbar als Hauptmotivation für den Übersetzungstransfer ausgemacht. Diese Klarheit des lateinischen Referenztextes wird (noch) der Idiomatizität im volkssprachlichen Ausdruck vorgezogen (vgl. Albrecht 2007: 1091). Dies muss vor dem Hintergrund der zugrunde liegenden Norm(en) gesehen werden, nämlich insofern, als dass die mit der Norm eng verknüpfte Akzeptabilität des sprachlichen Ausdrucks stets gegeben sein muss (vgl. Albrecht 1995: 1). Denn eine unverständliche Konstruktion führt zu einem Bruch in der Akzeptabilität des Textes. Im Unterschied zum Mittelalter, in welchem wörtliche Übersetzungen, insbesondere 89 Im Französischen ist das Phänomen der Latinisierung in Übersetzungen der sogenannten „vulgarisateurs“ (Albrecht 2016: 657) im Vergleich zu anderen romanischen Sprachen besonders stark ausgeprägt: „Die Übersetzer haben nicht wenig zur ‘Relatinisierung’ des Französischen im Bereich des Wortschatzes und der Syntax beigetragen, eine Erscheinung, die in den übrigen romanischen Sprachen geringere sprachtypologische Konsequenzen hatte als im Französischen“ (Albrecht 2006: 1395). 90 Zu den Übersetzungsprinzipien des 16. Jh. siehe Abschnitt 2.5.3. Die moderne Übersetzungswissenschaft versteht sich auch heute noch in ähnlicher Weise wie Dolet darin, eine Methode für die gelungene Übersetzung zu entwickeln (vgl. hierzu Bocquet 2012: 137-138). <?page no="88"?> 76 2 Syntaktische Latinisierung der Bibel, begrüßt wurden (vgl. Fleischer/ Schallert 2011: 42), fokussieren frühneuzeitliche Texte auf den Sinn und die Respektierung stilistischer Wendungen des Quelltextes. Dennoch bedeutet dies keine völlige Abkehr vom Originalwortlaut, insbesondere bei dem Reformator Calvin. Es stehen daher zwei unterschiedliche Verständnisweisen vom lateinischen Prestige hinter den Latinismen, die beide die Übertragung begünstigen. Die geltenden Übersetzungsprinzipien werden noch dezidiert beleuchtet werden. Festzustellen ist jedoch, dass die Transparenz im Ausdruck im weiteren Sprachwandel der Idiomatizität weicht. Ob sich diese Veränderung auch bei einem einzelnen Autor wie Jean Calvin beobachten lässt, der sein Werk über Jahre intensiv, aber auf lange Sicht in sehr kurzer Zeit, überarbeitete, soll in der vorliegenden Arbeit geklärt werden. Strebt ein sprachbewusster Autor des 16. Jahrhunderts im Zuge der Revision eine stärkere Idiomatizität an (als ein Teil des Sprachausbaus), kann dies dazu führen, dass entweder die aus dem Latein transparente Struktur ‘verbessert’ wird oder eine als stilistisch störend empfundene Latinisierung entfernt wird. Die überlieferten Überarbeitungen Calvins geben damit einen einzigartigen Einblick in einen übersetzungsgesteuerten Ausbauprozess im Distanzbereich des Französischen des 16. Jahrhunderts, der sich zwischen den Polen der prestigeträchtigen Quellsprache und der zielsprachlichen Idiomatizität bewegt. Paralleltexte, also die geordnete Nebeneinanderstellung von Quell- und mindestens einem Zieltext, eignen sich Kabatek (2018: 28) zufolge in exzellenter Weise zur Erforschung von bislang nicht Vermutetem sowie zur Identifizierung (syntaktischer) Innovationen. 91 Der Textvergleich erlaubt es, die graduelle Ausprägung der, so wie es Kabatek nennt, „dignificación lingüística“ (‘Erlangung sprachlicher Erhabenheit’) zu beschreiben. Dies meint den spezifischen kulturellen Ausdrucksgehalt, welchen Sprachen in unterschiedlichen Ausbaustufen, neben ihrer Funktion eines Kommunikationsmittels, transportieren (vgl. Kabatek 2018: 30-31). Diese Ansicht steht in einer Linie mit den Befunden von Cano Aguilar ( 8 2015: 196) und darauf aufbauend von Del Rey Quesada (2016a: 76-78), welcher die „traducción como catalizador de los procesos de elaboración“ sieht. Die Übersetzung ist somit Mittel und zugleich Ausdruck einer Elaborierung, die nach Kabatek (2018: 31) als ein Aufwertungsprozess im Sinne einer ‘Dignifizierung’ zu verstehen ist. Hierhinter steht der zentrale Gedanke einer zwischen den Sprachen (und Varietäten) vorhandenen Hierarchie, die es überhaupt erst 91 Bei Paralleltexten können auch mehrere zielsprachliche Texte in unterschiedlichen oder in der gleichen Sprache einen gemeinsamen Quelltext, der der Übersetzung zugrunde liegt, haben. Als Beispiel lassen sich die Liviusübersetzungen anführen, die Stein (1997) ausführlich untersucht. Auch volkssprachliche Bibelübersetzungen wären als Paralleltext denkbar. <?page no="89"?> 2.5 (Selbst-)Übersetzung und der Grad der Latinisierung 77 ermöglicht, dass im Falle eines „offenen“ 92 Prestigeeinflusses die Ausrichtung einer Sprache an einer anderen aufgrund von Norm, Korrektheit oder Adäquatheit erfolgt (Kabatek 2018: 40). Dass eine gehobene Schriftnorm des Französischen als solche bereits im 16. Jahrhundert von den Sprechern wahrgenommen wird, ist gut an metasprachlichen Äußerungen wie in La deffence, et illustration de la langue françoyse (1549) zu sehen. Du Bellay argumentiert darin, dass die Römer ebenfalls ihre Zeit und Aufmerksamkeit auf die Sprache richten mussten, ehe eloquente Schriften von Autoren wie Cicero entstanden sind (Du Bellay [1549] 2003: 45-46). In der Sprache selbst lägen die Mittel zur Aufwertung des Stils bereit, um letztlich die „dignité“ der Sprache zu wahren (Du Bellay [1549] 2003: 75). Die Anwendung der Volkssprache ist für ihn eine natürliche Sache, die sich auch an der Nähesprache orientieren soll, und die zudem die antiken Prestigesprachen Latein und Griechisch sowie das Italienische der Renaissance (mit Verweis auf Bembo) erfahren haben sollen (vgl. Du Bellay [1549] 2003: 75-78). Allerdings erkennt Du Bellay ([1549] 2003: 42) auch an, dass zumindest Kenntnisse des Lateinischen, wenn nicht des Griechischen, zur Erreichung des guten Stils unabdingbar seien. Dies manifestiert sich an einer geringen, aber merkbaren Anzahl an AcI-Konstruktionen, die Du Bellay an verschiedenen Textstellen, nicht selten im Zusammenhang mit antiken Gelehrten verwendet: (9) a. Je n’estime pourtant nostre vulgaire , tel qu’il est maintenant, estre si vil , & abject , comme le font ces ambicieux admirateurs des Langues Greque, & Latine [...] (Du Bellay [1549] 2003: 25) b. [...] voir en une mesme Langue une telle Immitation, comme celle d’aucuns Scavans mesmes, qui s’estiment estre des meilleurs , quand plus ilz ressemblent un Heroet, ou un Marot. (Du Bellay [1549] 2003: 32) c. [...] pour ce, que j’ay tousjours estimé notre Poësie Francoyse estre capable de quelque plus hault, & meilleur Style, que celuy, dont nous sommes si longuement contentez. (Du Bellay [1549] 2003: 48) d. Je ne doute point que tous les Peres cryroint la honte estre perdue [...] (Du Bellay [1549] 2003: 48) e. [...] qu’on voit estre deprisées de tous. (Du Bellay [1549] 2003: 58) f. [...] qui voulait plus tost la venerable puissance des Loix estre rompue [...] (Du Bellay [1549] 2003: 58) Zwei Prozesse begleiten also die sprachliche Aufwertung (vgl. Kabatek 2018: 40): Zum einen muss im Auswahlprozess entschieden werden, welche Elemente der 92 Vgl. für die Unterscheidung zwischen offenem und verdecktem Prestige in der spanischen Soziolinguistik die Definition bei Moreno Fernández (1998: 38): „el prestigio encubierto es aquel que está asociado a unos usos que no son cultos, mientras que el prestigio abierto está asociado a lo correcto, adecuado a lo normativo“. <?page no="90"?> 78 2 Syntaktische Latinisierung prestigeträchtigen Texttraditionen übernommen und welche ausgeschlossen werden. 93 Zum anderen lässt der Innovationsprozess Neuschöpfungen, Anpassungen des Modells oder Nachbildungen mit eigenen Sprachmitteln zu. 94 Ein weiterer Faktor in der Betrachtung der Übersetzung Calvins und seiner Zeitgenossen ist die Frage nach dem Zielpublikum. Neben der Tatsache, dass neue textuelle Diskursbereiche und ihre fachspezifischen Inhalte einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden, ist es gerade das Publikum, das sich doch bezüglich der Quelltextsprache und der Zielsprache unterscheidet. Während bei lateinischen Texten zwangsläufig gelehrte Personen Schreiber und Leser zugleich sind, verhält sich dies bei der Übersetzung anders. Das Zielpublikum, welches nun ins Auge gefasst wird, ist alphabetisiert, genießt grundlegende Ausbildungsmöglichkeiten und ist nicht selten rein französischsprachig. Dennoch wird es in den wenigsten Fällen mit antiken lateinischen oder griechischen Texten im Originalwortlaut tiefgehender vertraut sein. Die sprachlichen Register bzw. Stile, die im Quell- und Zieltext angewendet werden, unterscheiden sich. Um nicht fremdartig zu wirken, sondern idiomatisch, ist auch eine verstärkte Anpassung der Zielsprache im Bereich des Stils und Registers notwendig. Dies könnte beispielsweise die Auflösung eines AcI-Satzes in einen Objektsatz mit que sein, welcher unter anderem durch die Finitheit idiomatischer wirkt. In der Untersuchung einer Übersetzungstätigkeit stellt sich ziemlich schnell die Frage, ob sich der Übersetzer selbst seiner stilistischen oder gar inhaltlichen Änderungen durch die entsprechende Wort- und Konstruktionswahl ‘bewusst’ ist. Während auch hier ohne ein direktes Gespräch mit dem Übersetzer in diachronen Untersuchungen nie ein ‘Beweis’ erbracht werden kann und eher von Plausibilität zu sprechen ist (vgl. Albrecht 1995: 1388), weist Kabatek zu Recht darauf hin, dass eine unbewusste Übersetzung nicht möglich ist, da Sprechen (und eine Form ist die schriftliche Abfassung eines Textes) stets bewusst abläuft. Sprechen konstituiert unser Bewusstsein. Im Zweifelsfall müsse von einer „nicht reflektierten Aktivität“, einer „impliziten Aktivität“ oder einer „nicht metalinguistisch thematisierten Aktivität“ gesprochen werden (Kabatek 2018: 29). 93 Vgl. Albrecht (2006: 1388), der darauf hinweist, dass es „ ‚übersetzungsresistente [...]‘ Bereiche“ in der Sprache gibt, die nur geringem oder keinem quellsprachlichen Einfluss unterliegen: z. B. die Syntax des einfachen, aber eben nicht des komplexen Satzes. Für weitere allgemein gehaltene Einteilungen vgl. Blatt (1957a,b), Lorian (1968) und Nykrog (1957). 94 Letzteres ist nicht neu und findet sich im Wesentlichen auch in den Begriffen Lehnsyntax vs. Übersetzungssyntax wieder, wobei gegen den Begriff Lehnsyntax einige Punkte sprechen. Zur Lehnterminologie, die für den syntaktischen Bereich wenig geeignet ist, siehe Abschnitt 2.2.2, aber auch jüngst kritisch bei Varga (2017: 58). Ähnlich verhält es sich mit den auf Lippert (1974: 31) zurückgehenden Begriffen heterogene und homogene Entlehnungen , die „fremdartige syntaktische Gebilde“ bzw. „neue Varianten einer den heimischen Sprachen zumindest ansatzweise und in verwandter Form bekannte Konstruktion“ meinen (vgl. Fleischer/ Schallert 2011: 45). <?page no="91"?> 2.5 (Selbst-)Übersetzung und der Grad der Latinisierung 79 2.5.2 Selbstübersetzung Das Sprecherbewusstsein ist zu jedem Zeitpunkt der Übersetzung konstituiert. Die Reflexion der eigenen Übersetzungsarbeit unterliegt hingegen starker Variation und so ist es von elementarer Bedeutung zu erfahren, welche Person die Translation vorgenommen hat. Diese unterliegt dem individuellen Einfluss durch Sprachkompetenz und der gesellschaftlich-kulturellen Haltung, die, wenn Autor und Übersetzer zwei Personen sind, sehr unterschiedlich sein können. Mindestens genauso interessant sind auch die Fälle, in denen dieser letzte Faktor ausgeschlossen wird: wenn es sich bei Autor und Übersetzer um die gleiche Person handelt, die sogenannte Selbstübersetzung (fr. autotraduction ). 95 Cordingley bedient sich einer Spiegelmetapher, um die Prozesse, die der Selbstübersetzung zugrunde liegen, zu erläutern. A self-translation, just like any translation, is also another text, derived from a former original and, consequently, its reflected image [...] But the self-translated text is not something alien to the original from which it derives, nor does it come from the hand of another author we call the translator : in self-translations both original and translated text are brought forth by one and the same hand, and therefore the hopedfor faithful, specular image may appear as deformed and distorted as the author may fancy. Only the author retains the right to change, alter, deform or distort the reflected image of the original, and we could not in any way accuse the author the mistakes or inaccuracies, because the ‘mirror’ is not something foreign to him or her: the author is, de facto , the ‘mirror’ in which the original looks at itself. (Cordingley 2013: 28) Die Verzerrung des Textes in Form eines gespiegelten Bildes beruht demzufolge einzig auf den Verformungen durch den Autor selbst. Er habe das Recht, das widergespiegelte Bild weiter zu verformen. Dies bedeutet in der Konsequenz für Cordingley, dass jegliche Abweichungen, die bei einem Übersetzer als ‘Fehler’ oder ‘Ungenauigkeiten’ eingeordnet würden, nicht negativ bewertet werden dürfen, da das Original ihm zu eigen ist. Das von Cordingley gezeichnete Bild umfasst folglich auch die Ergebnisse aus bedingt beeinflussbaren Faktoren wie z. B. Zeitdruck beim Abfassen der Übersetzung. Dies begünstigt unter Umständen Fehler und Ungenauigkeiten, die auch einem versierten Literaten unterlaufen können. Jedenfalls ist festzuhalten, dass Selbstübersetzungen keinesfalls eine augenscheinlich ‘perfekte’ Übersetzung ergeben, die in ihrem sprachlichen und literarischen Wert über einer Übersetzungssituation mit zwei beteiligten Perso- 95 Im Spanischen spricht man in der Regel von auto-traducción und im Englischen entweder analog von auto-translation bzw., ähnlich zum Deutschen, von self-translation . Definieren lässt sich der Begriff der Selbstübersetzung wie folgt: „The terms auto-translation and self-translation refer to the act of translating one’s own writings or the result of such an undertaking“ (Fettdruck im Original, hier entfernt, Grutman 1998: 17). Eine äquivalente Definition liegt auch von Popovič (1976: 19) vor, die bei Santoyo (2005) zitiert wird. <?page no="92"?> 80 2 Syntaktische Latinisierung nen stünde. Vielmehr eröffnen sie einen Zugang zu den individuellen Umstände und Denkprozesse des Selbstübersetzers. Manche auffällig freie Übersetzungen gehen auf „bold shifts“ (Perry 1981: 181) in Selbstübersetzungen zurück, also Passagen, die wagemutiger übersetzt und nur vom Autor des Textes selbst als ‘adäquat’ bewertet werden. Zudem bemerkt Perry zu Recht, dass bei regelmäßiger Verwendung Rückschlüsse auf aktive Normen gezogen werden können. Dies liegt im Fall der gelehrten Form des AcI vor, welcher nicht die reguläre Übersetzungsvariante ist (sondern ein Komplementsatz mit que ) und nicht nur von Calvin häufig verwendet wird. Inwieweit Calvins Zeitgenossen jedoch außerhalb der Selbstübersetzung sich derart freier Transfers bedienen, bleibt an dieser Stelle offen und wird im weiteren Verlauf der Arbeit geklärt. Im vorherigen Abschnitt wurde bereits beleuchtet, dass durch die Erschließung neuer Bereiche in der Zielsprache teils auch neue Diskurs- und Schreibtraditionen für die Sprache erschlossen werden. Bei der Selbstübersetzung fällt diese Aufgabe ebenfalls ein und derselben Person zu, welche sich zugleich deutlich weiter vom Quelltext entfernen kann, als ein fremder Übersetzer es zulassen würde (vgl. Grutman 1998: 18). Die sprachlichen Mittel, die also maßgeblich für den internen Ausbauprozess verantwortlich sind, lassen sich über die linguistische Untersuchung von Selbstübersetzungen sichtbar machen. Selbstübersetzungen erfreuen sich im 16. Jahrhundert großer Beliebtheit, die von einigen Autoren im Forschungsdiskurs unabhängig von der Epoche lange verkannt wurden, wie Santoyo (2004, 2005) eruiert. Erste Versuche sind bereits im ausgehenden Mittelalter bei dem Wegbereiter des französischen Wissenschaftstextgenres Nicolas Oresme zu verzeichnen, doch eine Vervielfachung der Selbstübersetzungen aus der Kultursprache Latein in die europäischen Vernakularsprachen ist sodann im 16. und 17. Jahrhundert zu verzeichnen. 96 Neben Jean Calvin sind selbstübersetzende Autoren u. a. für das Französische Michel de Boteauville, Étienne Dolet sowie Joachim Du Bellay, für das Italienische Pietro 96 Vgl. Stempel (1987: 13): „Von Interesse ist im vorliegenden Zusammenhang in erster Linie, daß Oresme zwei seiner lateinisch geschriebenen Traktate später in französischer Bearbeitung vorlegte, den Livre de divinacions und, in erweiterter Fassung, den erwähnten Traité de la monnaie , und daß er darüber hinaus einige Schriften des Aristoteles übersetzte und kommentierte. Das letzte dieser Werke, der Livre du ciel et du monde (1377), ist wohl Oresmes größtes wissenschaftliches Werk in der Volkssprache, insofern hier nicht nur der Anteil des eigenen Beitrags (der schon in den Livres de Ethiques und Politiques beträchtlich war) hier weit über den Umfang des eigentlichen Übersetzungstextes hinausreicht, sondern auch so etwas wie eine Synthese von Oresmes naturphilosophischem Denken erblickt werden kann“. <?page no="93"?> 2.5 (Selbst-)Übersetzung und der Grad der Latinisierung 81 Bembo, für das Spanische Pedro Simón Abril, für das Portugiesische Pedro Nunes und für das Englische Thomas More (vgl. Santoyo 2005: 861-862). 97 Calvin erscheint es geradezu selbstverständlich, sein Hauptwerk, das die Lektüre der Heiligen Schrift begleiten soll, selbst zu überarbeiten und zu übersetzen, um es einem breiteren, frankophonen Personenkreis zugänglich zu machen (vgl. Peter 1987: 18; Santoyo 2005: 862). Dies bemerkt er selbst im Vorwort zur Institution de la religion chrestienne (1541): Voyant donc que c’estoit une chose tant necessaire que d’ayder en ceste façon ceux qui desirent d’estre instruictz en la doctrine de salut, je me suis efforcé, selon la faculté que le Seigneur m’a donnée, de m’employer à ce faire, et à ceste fin j’ay composé ce present livre. Et premierement l’ay mis en latin à ce qu’il peust servir à toutes gens d’estude, de quelque nation qu’ilz feussent ; puis après, desirant de communiquer ce qui en povoit venir de fruict à nostre Nation Françoise, l’ay aussi translaté en nostre langue. Je n’ose pas en rendre trop grand tesmoignage, et declairer combien la lecture en pourra estre proffitable, de peur qu’il ne semble que je prise trop mon ouvrage ; toutesfois je puis bien promettre cela, que ce pourra estre comme une clef et ouverture pour donner accès à tous enfans de Dieu à bien et droictement entendre l’Escriture saincte. (Calvin [1541] 2008: 109) Ein ähnliches Motiv wird im Vorwort zu L’avant-Naissance de Claude Dolet formuliert: 98 Lisant depuis quelque temps vng certain œuure de Estienne Dolet, intitulé Genethliacvm Clavdii Doleti, filz dudict Dolet, ie me suis bien voulu exercer de le traduire de langue latine en langue francoyse. Et ce non pour ostentation de ma rithme, mais pour le proffit que chascun prendra par la traduction d’vng liure tant plein de doctrine, et prudence necessaire à la vie commune. (Dolet 1539: 3-4) Die (Selbst-)Übersetzer des 16. Jahrhunderts streben also erkennbar danach, die vom Autor als besonders wichtig erachteten Inhalte möglichst zugänglich zu machen. Eine Reflexion des Übersetzungsprozesses als solchen sucht man jedoch häufig vergeblich, wie García Barrera/ Mounier (2015: 169-170) für Calvin und Dolet feststellen. Vielmehr rückt dort die bekannte Opposition der beiden Prinzipien worttreuer und idiomatischer Übersetzung in den Fokus. So mancher Autor sieht sich wie Henri Estienne zur Selbstübersetzung veranlasst, aufgrund der Befürchtung, dass eine inadäquate Übersetzung des eigenen Werks durch 97 Vgl. Fournel/ Paccagnella (2022) für weitere Selbstübersetzungen, z. B. von Joseph Duchesne, und grundsätzlich zu Übersetzungen in der Renaissance. 98 Die wissenschaftliche Kontroverse um die Identität des anonymen Übersetzers wird bei Santoyo (2005: 861) nicht angesprochen. Worth (1988: 62-68), auf die bei Santoyo verwiesen wird, legt überzeugend dar, dass es sich beim Autor und Übersetzer beide Male um Dolet handelt. Damit liegt mit großer Wahrscheinlichkeit eine Selbstübersetzung vor, was bemerkenswert ist, angesichts der Tatsache, dass aus der Textproduktion Dolets lediglich zwei Werke ins Französische übersetzt wurden (vgl. Worth 1988: 62). <?page no="94"?> 82 2 Syntaktische Latinisierung eine andere Person entstehen könnte. Es ist ein fundamentales Problem, welchem sich jeder Autor zu stellen hat und das sich auch in heutiger Zeit nicht von dem Wirken in der Zeit des 16. Jahrhunderts unterscheidet. Zu resümieren ist, dass mit der Selbstübersetzung im Vergleich zur herkömmlichen Übersetzungspraxis eine Reihe von Vorteilen verbunden ist, die für den Übersetzer des 16. Jahrhunderts sicherlich von großer Bedeutung sind: Erstens kann der Inhalt des Quelltextes nicht missverstanden werden und er wird, wenn nicht anders intendiert, inhaltsgetreu übersetzt. Zweitens erfolgt die Selbstübersetzung in aller Regel zeitnaher als eine Fremdübersetzung. Drittens bedarf der Text eines geringeren geographischen und gesellschaftlichen Radius, ehe er übersetzt wird, denn der Text ist dem Übersetzer ja bereits bestens bekannt. Viertens kann der Autor sich im 16. Jahrhundert dessen gewiss sein, dass sein auf Latein veröffentlichter Text von allen gelehrten Zeitgenossen verstanden wird - unabhängig der Nationalität wie Calvin selbst schreibt. Zudem erreicht die Übersetzung in die Vernakularsprache den alphabetisierten Teil der Bevölkerung und durch mündlichen Vortrag sogar noch Dritte. Dadurch vergrößert die Selbstübersetzung unter Umständen die Leserschaft bei Texten, die ansonsten in der Quellsprache nur wenig rezipiert werden würden. Fünftens ist aufgrund der Autorschaft anzunehmen, dass Selbstübersetzungen tendenziell eher überarbeitet werden als ‘reguläre’ Übersetzungen. 2.5.3 Übersetzungsprinzipien im 16. Jahrhundert Den tiefgreifenden Einschnitt, den der Humanismus und die damit verbundene Übersetzungspraxis für die Vernakularsprachen bedeuteten, verdeutlicht ein kurzer Rückblick auf das Mittelalter. 99 Noch bis ins 13. Jahrhundert wird, wie Albrecht (2006: 1393) festhält, weitgehend „wahllos“ und vor allem wortgetreu übersetzt - teils so strikt, dass bei griechisch-lateinischen Übersetzungen die Kenntnis des Originals erforderlich bleibt (vgl. IJsewijn 2007: 1434). Den Beobachtungen von Buridant (1997: 141-142, 2003) zu lexikalischen Latinismen im Mittelfranzösischen zufolge fällt es etwa Jean de Vignay im 14. Jahrhundert schwer, komplexere Texte zu übersetzen, sodass zwangsläufig, erkennbar an der Zunahme der Latinismen, eine größere Nähe zum lateinischen Original entsteht. Zugleich entstehen in dieser Zeit aber französischsprachige Fachtexte, die die textuelle Grundlage für spätere Werke, auch Übersetzungen, schaffen. Stempel (1987: 33) gewichtet hierbei Nicolas Oresmes Leistung für das Französische als 99 Vgl. zur Geschichte der Übersetzung im Mittelalter den Beitrag von Bertrand (2015) in einem umfassenden Sammelband zur Übersetzung im 15. und 16. Jh. <?page no="95"?> 2.5 (Selbst-)Übersetzung und der Grad der Latinisierung 83 Wissenschaftssprache besonders stark und deutet an, dass dessen Werk den ein Jahrhundert später einsetzenden Humanismus bereits ankündigt. 100 In den Übersetzungen des 15. Jahrhunderts besteht weiterhin eine direkte und zugleich starke Abhängigkeitsbeziehung zum Quelltext. Diese Feststellung wird als „langue conditionnée de traduction“ von Rychner (1964: 167) bezeichnet und bei Bianciotto (1979: 51) aufgegriffen. Dennoch sieht Bianciotto (1979: 73) erste sprachliche Veränderungen, wie sie später den Humanismus prägen sollen. Die Vernakularsprachen wurden zu dieser Zeit nicht als ebenbürtig empfunden, was sich laut Pöckl (2016: 15) etwa in der Adressierung an die Zielgruppe, den „illettrés“, erkennen lässt. So bleibt Latein den Gelehrten vorbehalten. Dies soll sich mit dem Beginn des 16. Jahrhunderts für das Französische ändern 101 , indem das an übergeordneter Bedeutung gewinnende Prinzip der Klarheit (vgl. IJsewijn 2007: 1434) die Verständlichkeit der übersetzten Texte maßgeblich verbessert und prestigeträchtige lateinische Konstruktionen zur Aufwertung der französischen Vernakularsprache aktiv transferiert werden. Der Diplomat und humanistische Gelehrte Claude de Seyssel (1450-1520) überführt wie einige seiner Zeitgenossen antike Ausgaben ins Französische und betont, „dass die Nachahmung der Struktur des Lateinischen im französischen Zieltext nicht etwa auf seine Unfähigkeit zurückzuführen, sondern durchaus beabsichtigt sei“ (Albrecht 2006: 1387). Dies hängt mit der Wahrnehmung des Lateinischen als klarer, gut strukturierter Sprache zusammen und begünstigt entsprechende Transfers. Wie Skupien Dekens (2009: 101) treffend formuliert, entspricht die „opposition latin / langues vernaculaires“ der „opposition savant / populaire“. Dabei fungiert Latein als länderübergreifende und mehrere Kulturräume umspannende Verkehrssprache und ermöglicht den regen Austausch von Gelehrten und Studenten an den europäischen Universitäten (vgl. Demaizière 2 2008: 301). Dieses Verhältnis ist jedoch nicht statisch, denn zu Beginn des 16. Jahrhunderts verschiebt sich das konträre Verhältnis zwischen der Gelehrten- und Volkssprache bis zur Jahrhundertmitte zunehmend zugunsten des Französischen: En définitive, au milieu du XVI e siècle, et surtout chez les Réformés, la distinction traditionelle qui se faisait entre le latin - langue savante - et le français - langue populaire - n’a plus de raison d’être: le français est désormais une langue compréhen- 100 Gleichwohl gibt Stempel (1987: 33) zu bedenken, dass nicht selten Oresme „einseitig in die Tradition der philosophischen und theologischen Schulen von Paris“ eingeordnet wird und die intellektuelle Leistung des Autors, die humanistisch anmutet, verkannt wird. Überhaupt fällt Russell (1985: 61-62) zufolge die Einordnung einer Übersetzung als mittelalterlich, prähumanistisch, humanistisch oder ‘prärinascimental’ („prerrenacentistas“) häufig sehr schwer. 101 Der Zeitpunkt des Wechsels ist für das Französische verhältnismäßig spät anzusetzen und in Abhängigkeit von den vorausgegangenen humanistischen Bewegungen in Italien und auch Spanien zu sehen. <?page no="96"?> 84 2 Syntaktische Latinisierung sible pour tous, du moins en théorie, et les écrits à caractère religieux, s’ils peuvent ou même doivent être écrits en vernaculaire, doivent cependant respecter la dignité de la matière traitée, sans tenir compte du niveau culturel du lecteur potentiel. (Skupien Dekens 2009: 105) In diese Phase des dynamischen Wandels fallen auch die Entstehung von Calvins französischsprachiger Institution im Jahr 1541 und die fortlaufenden Überarbeitungen bis 1560. Estienne Dolet vergegenwärtigt den gewaltigen Umwälzungsprozess im Bereich der Übersetzung, der die lateinischen und griechischen auctoritates der Antike hinter sich lässt (vgl. Duché 2015: 41-42; Menini/ Worth- Stylianou 2015: 423). 102 Patriotismus und die Eleganz der eigenen Muttersprache (nach dem Vorbild der Griechen und Römer) sind für ihn die bestimmenden Gründe für die Verwendung des Französischen (vgl. Dolet 1540: 3-4). Das Französische setzt sich dabei nicht nur als Kultur-, sondern auch als Verwaltungssprache durch, wie es spätestens mit dem Edikt von Villers-Cotterêts im Jahr 1539 augenfällig wird. 103 Mit dem Schwinden der strikten Opposition zwischen Latein als Gelehrtensprache und Französisch als reine Volkssprache entstehen neue Möglichkeiten in der Übersetzungspraxis. Nun dienen auch andere Vernakularsprachen, wie das in der zweiten Jahrhunderthälfte sehr populär werdende Italienisch (vgl. Balsamo 1998: 90; Schreiber 2015: 697), als Quellsprache. 104 In Italien ist Latein Kernbestandteil der Bildungspläne (vgl. Denton 2007b: 1416) und auch in Frankreich verfügen Humanisten über umfassende Kenntnisse klassisch-lateinischer Autoren wie Cicero, Seneca oder Vergil, sowie klt. Übersetzungen griechischer Autoren wie Plutarch. Die Kenntnisse variieren jedoch europaweit deutlich (vgl. Denton 2007b: 1391). Auf individueller Ebene muss sich auf unterschiedliche Vorkenntnisse und literarische Handapparate der 102 Für eine nicht exhaustive Liste zu den wichtigsten Übersetzungen klassischer Werke vgl. Rickard (1968: 10). 103 Brunot misst dieser Entscheidung noch erhebliche Bedeutung zu: „L’ordonnance de Villers- Cotterets est la première des ordonnances législatives; c’est plus qu’un réglement de justice, c’est une ébauche de ce code unique auquel on commençait à penser. Or un code unique supposait une langue unique, et l’intérêt de l’État commandait que cette langue fût le français.“ (Brunot 1894: 37). Millet führt darüber hinaus die Zurückdrängung der Dialekte in Nordfrankreich an sowie die reiche Literaturlandschaft, die die Etablierung des Französischen als Landessprache begünstigen (Millet 1992: 775). Dennoch geht die Etablierung des Französischen im Süden nicht abrupt vonstatten, wie Foucault (2012: 30-31) bemerkt: Latein dominiert zunächst die gehobene Schriftsprache in Toulouse. Gleichwohl stellt Clerico (1999: 151) fest, dass im provenzalischen Sprachgebiet das Französische bereits einige Zeit vor dem Edikt in der schriftlichen Verwaltungssprache stark verankert war. Dessì Schmid/ Hafner/ Marzo (2021: 20) präzisieren die Auffassung, dass die Ordonnance „weder der erste Angriff auf das Lateinische war, noch isoliert als Symbol betrachtet werden kann“. 104 Vgl. Scharinger (2018) zum italienisch-französischen Sprachkontakt im 16. Jh. und zu Übersetzungen aus dem Italienischen. <?page no="97"?> 2.5 (Selbst-)Übersetzung und der Grad der Latinisierung 85 Autoren eingestellt werden. Wie Denton (2007a: 1392) herausstellt, ist es aber keineswegs selten, dass in dieser Epoche Autoren wie Shakespeare die römische Antike nur über Übersetzungen kennen und sich auf inhaltliche Übertragungen beschränken. Umso bemerkenswerter ist es, wenn Autoren wie Montaigne und Calvin unter anderem Seneca im Original konsultieren und sich stilistisch an seinen Werken orientieren. Neben dem Klassischen Latein, welches in den Übersetzungen antiker Autoren wie Cicero und Seneca die Quellsprache ist, muss im 16. Jahrhundert das Augenmerk (neben den Vernakularsprachen) auf das Neulatein gerichtet werden. 105 Auch dieses fungiert als Quelle für französische Übersetzungen, wurde aber lange weniger beachtet. Gründe hierfür sind das erst in jüngerer Zeit gewachsene Forschungsinteresse am Neulatein sowie sein meist kleinerer Leserkreis (vgl. Worth 1988: 31). Dies gilt nicht für alle neulateinisch-französischen Übersetzungen, die häufig Selbstübersetzungen sind. Denn gerade Calvins Institution soll, dies ist der vom Autor in den Arguments formulierte Anspruch, einen weiten Leserkreis erreichen und stellt auch in dieser Hinsicht keine gewöhnliche Publikation des 16. Jahrhunderts dar. Der Zweck und das Ziel der (Selbst-)übersetzungen in die Vernakularsprachen werden in dieser Zeit, hier von Calvin, formuliert. Die Übersetzungspraxis bewegt sich damit nicht im reflexionsfreien Raum und erste Leitlinien werden für eine gute Praxis formuliert. Es ist Estienne Dolet, der erstmals von „traduction“ in seinem für die erste Jahrhunderthälfte so wichtigen Werk La manière de bien traduire d’une langue en aultre (1540) spricht. 106 Als gesichert gilt im Übrigen, dass das Verb „traduire“ in der Bedeutung ‘übersetzen’ erst zu Beginn des 16. Jahrhunderts in die französische Sprache, also nach dem Neulateinischen, Italienischen und Spanischen, Eingang findet. 107 Dolets klare und knapp formulierte Regeln für gute Übersetzungen machen ihn zum „premier théoricien de la traduction“ 105 Cicero ist einer der am häufigsten übersetzten Autoren (vgl. Worth 1988: 13) und dies nicht zuletzt durch seine Kommentare zum richtigen Schreiben und Reden, welche die Humanisten in ihren Bann ziehen. 106 Neben Estienne Dolets weit rezipiertem Werk traten spätestens um die Mitte des Jahrhunderts, wie Worth (1988: 51) feststellt, andere Autoren in den Vordergrund, u. a. Thomas Sébillet mit seiner Art poétique françois (1548) sowie Joachim Du Bellay mit der daran anknüpfenden Défense et illustration de la langue française (1549). 107 Pöckl (2016: 21) zufolge ist der Erstbeleg 1520 in einem von Françoys Dassy übersetzten Text zu finden. Ein im juristischen Sinne zu verstehender früherer Beleg von traduire (1480) ist hiervon zu unterscheiden. Dies steht im Widerspruch zu einer späteren Datierung in einem Text des Humanisten Robert Estienne durch Cary (1963: 6), welchem der Text von Dassy wohl noch bekannt war: „C’est en 1539 que l’humaniste, lexicographe et traducteur Robert Estienne a lancé le vocable ‚traduire‘; l’année suivante, Etienne Dolet enchaînait sur ‚traduction‘ et ‚traducteur‘.“ Vgl. für weitere Datierungen Pöckl (2016), der die ersten Belege für die Wortfamilie im Italienischen ca. 1420 und im Spanischen in den 1440er Jahren sieht. <?page no="98"?> 86 2 Syntaktische Latinisierung (Schreiber 2015: 697; vgl. Skupien Dekens 2009: 130) und markieren Abgrenzung der frankophonen humanistischen Übersetzungspraxis vom Mittelalter: En premier lieu, il fault, que le traducteur entende parfaictement le ſ ens, & matiere de l’autheur, qu’il traduict: car par ce ſ te intelligence il ne ſ era iamais ob ſ cur en ſ a traduction [...] La ſ econde cho ſ e, qui est requi ſ e en traduction, c’e ſ t, que le traducteur ait parfaicte congnoi ſſ ance de la langue de l’autheur,qu’il traduict: & ſ oit pareillement excellent en la langue, en laquelle il se mect a traduire. [...] Le tiers poinct e ſ t, qu’en tradui ſ ant il ne ſ e fault pas a ſſ eruir iu ſ ques à la, que lon rende mot pour mot. Et ſ i aulcun le faict, cela luy procede de pauureté,& deffault d’e ſ prit. [...] La quatrie ſ me reigle, que ie ueulx bailler en ce ſ t endroict, e ſ t plus à ob ſ eruer en langues non reduictes en art, qu’en aultres. I’appelle langues non reduictes encores en art certain, & repceu: comme est la Francoy ſ e, l’Italienne, l’He ſ paignole, celle d’Allemaigne, d’Angleterre, & aultre uulgaires. S’il aduient dõcques, que tu tradui ſ es quelcque Liure Latin en ycelles (me ſ mement en la Francoy ſ e) il te fault garder d’u ſ urper mots trop approchants du Latin,& peu u ſ ités par le pa ſ sé: mais cõtente toy du commun, sans innouer aulcunes dictions follement& par curio ſ ité repreh ˜ e ſ ible. [...] car on ſ cait bien, que la langue Grecque, ou latine e ſ t trop plus riche en dictions, que la Francoy ſ e. Qui nous contrainct ſ ouuent d’u ſ er de mots peu frequentés. Mais cela ſ e doibt faire a l’extreme nece ſ sité. [...] Venons maintenant à la cinquie ſ me reigle, que doibt ob ſ eruer ung bon traducteur. Laquelle e ſ t de si grand’uertu, que ſ ans elle toute compo ſ ition e ſ t lourde,& mal plai ſ ante. Mais qu’e ſ t ce, qu’elle contient. Rien aultre cho ſ e, que l’ob ſ eruation des nombres oratoires: c’e ſ t a ſſ cauoir une liai ſ ons,&a ſſ emblement des dictions auec telle doulceur, que non ſ eulement l’ame s’en contente, mais au ſ si les oreilles en ſ ont touts rauies,& ne ſ e ſ a ſ chent iamais d’une telle harmonie de langage. [...] (Dolet 1540: 11-15) Die Übersetzungsregeln Dolets sind in der Konkurrenzsituation des Lateins gegenüber den Vernakularsprachen im 16. Jahrhundert bemerkenswert, da sie weder für die Quellnoch die Zielsprache Partei ergreifen. Vielmehr zielt die gesamte Beschreibung auf eine „harmonie de langage“ ab, die beide Sprachen gleichermaßen respektiert. Beginnend damit, dass profunde Sprachkenntnisse in Quell- und Zielsprache vorhanden sein müssen, verwirft Dolet in der dritten Regel das zentrale mittelalterliche Prinzip der Wort-für-Wort-Übersetzung, welchem nun nicht mehr zu folgen sei. Die vierte Regel thematisiert die ‘Gefahr’ durch Latinismen: man solle sich davor hüten Wörter zu verwenden, die dem Latein zu nah stehen. Ganz im Bewusstsein, dass die französische Schriftsprache noch nicht den Status wie Griechisch oder Latein besitzt, empfiehlt Dolet, auf ausgefallene Ausdrücke zu verzichten und sich auf den Baukasten der französischen Sprache zu beschrän- <?page no="99"?> 2.5 (Selbst-)Übersetzung und der Grad der Latinisierung 87 ken. 108 Dies ist eine zentrale Absage an Latinismen, die 1540 von Dolet gefordert wird - ein Jahr vor Calvins Publikation der französischen Institution . Es ist anzunehmen, dass Calvin während seiner ersten Übersetzung im Exil noch keine Kenntnis von Dolets in Lyon veröffentlichten Leitlinien hatte. Bezüglich späterer Übersetzungen (vgl. Kap. 5) könnte jedoch ein Einfluss auf den Reformator erfolgt sein. Abschließend streicht Dolet in der fünften Regel die Bedeutung der sprachlichen Idiomatizität heraus, ohne die eine Übersetzung schwerfällig wirke. Die „Freiheit zur Paraphrasierung“ (Worth 1988: 53-54, 57) nimmt eine zentrale Rolle in seinen Überlegungen ein und insgesamt wirken Dolets wegweisende Regeln auch heute keineswegs überholt. Trotz dieser Absage an Latinismen und der Rezeption von Dolets Werk bei seinen Zeitgenossen darf nicht außer Acht gelassen werden, dass die Autorität klassischer Autoren ein starker Ankerpunkt im humanistischen Denken ist, der sich in der Textgestaltung und in Übersetzungen niederschlägt. Häufig, mitunter sogar ausschließlich, wird Cicero gewählt - bei Sébastien Castellion etwa finden sich zahlreiche Imitationen des antiken Schriftstellers wieder (vgl. Skupien Dekens 2009: 134, 136; vgl. zu Cicero Worth 1988: 57). Horaz, der Heilige Paulus und der Heilige Hieronymus werden darüber hinaus, wie Guthub (2015: 186) feststellt, in Vorworten nicht nur als Orientierung, sondern zur Rechtfertigung eines freieren Übersetzungsstils angeführt. Die stilistische Imitation antiker Quelltexte bleibt für alle Humanisten zentral. 109 Der Zwiespalt zwischen originalgetreuer und idiomatischer Übersetzung, zwischen Angleichung und Abweichung, prägt den Übersetzungsdiskurs des 16. Jahrhunderts. So verteidigt Seyssel (zeitlich vor Dolet) regelrecht den imitierende lateinischen Stil und postuliert ihn als einzig angemessene Vermittlung zwischen Latein und Französisch: Si je vay imitant le style du latin, ne pensez point que ce soit par faute que ne l’eusse peu coucher en autres termes plus usitez, à la façon des histoires françoises; mais soyez certain, sire, que le langage latin de l’auteur a si grande vénusté et elegance que d’autant qu’on l’ensuit de plus près, il en retient plus grande partie. Et c’est le vray moyen de communiquer la langue latine avec la françoise. (Claude de Seyssel, 1450-1520, zit. n. Bocquet 2012: 139) 108 Dolet zeichnet das gängige Bild der lt. Prestigesprache und einer lexikalisch ärmeren Volkssprache (vgl. Denton 2007a: 1393). Guillaume Michel bzw. Michel de Tours übersetzt bspw. zwischen 1516 und 1542 zahlreiche (klassisch-)lateinische Werke, darunter Sallust und Cicero (vgl. Armstrong 1969: 257-258). Für Letzteren merkt Worth (1988: 32) an, dass der lt. AcI in indirekter Rede beinahe wörtlich in das Französische übertragen wird. 109 Montaigne hat sich zur Ähnlichkeit und Nachahmung antiker Texte in seinen Essais (mon, III: 1065) selbst geäußert. Vgl. hierzu Worth (1988: 218). <?page no="100"?> 88 2 Syntaktische Latinisierung Insgesamt zeigt sich also eine Spaltung in zwei Lager (vgl. Skupien Dekens 2009: 136): Auf der einen Seite stehen die Anhänger Ciceros, die die Nachahmung des Originals betonen, auf der anderen Seite jene wie Joachim Du Bellay, die Idiomatizität und den Reichtum der Vernakularsprachen fördern wollen. Skupien Dekens verweist zu Recht darauf, dass die Entscheidung für Castellion im protestantischen Diskurs besonders gewichtig ist: Il faut faire un choix. En ce qui concerne la traduction biblique, le débat prend une tournure beaucoup plus tragique, puisqu’il s’agit de savoir où se trouve la révélation. Dieu parle-t-il aussi à travers les caractéristiques propres de la langue source, auquel cas il faut traduire au plus près du texte source? Dieu parle-t-il dans le „ton“, dans l’esprit du texte, auquel cas, il faut rendre ce souffle particulier par le génie propre de la langue cible? C’est ce que pense Castellion. (Skupien Dekens 2009: 136) Auch wenn Calvin selbst nicht die Bibel übersetzt (dies übernimmt sein Cousin Olivétan im Jahr 1535), formuliert er in der Institution ein Leitbild zum Praktizieren der christlichen Religion. Das Werk verweist häufig auf die Bibel und auf Quelltexte der Kirchenväter wie Augustinus. Die Bibel rückt zudem im protestantischen Diskurs noch stärker ins Zentrum der Reflexion, da das Prinzip sola scriptura der Heiligen Schrift unangefochtene Autorität zuschreibt. Wie bei Castellion (vgl. Skupien Dekens 2009: 137) stellt sich die Frage, inwieweit Calvins Syntax vom lateinischen Modell, in diesem Fall sogar von seinem eigenen lateinischen Text, beeinflusst wird. Um dies zu beantworten, muss zunächst ein soziolinguistisches Profil des bedeutendsten Reformators des französischsprachigen Raums gezeichnet werden. <?page no="101"?> 3 Die Sprachkompetenz Jean Calvins In Kap. 2 wurden unterschiedliche Faktoren, die das Bild und die Bewertung syntaktischer Latinisierung bestimmen, herausgearbeitet. Von zentraler Bedeutung sind dabei im 16. Jahrhundert der Bildungshintergrund des Autors und seine kulturelle und religiöse Orientierung, aber auch die spezifischen Textcharakteristika und ein möglicher Übersetzungskontext. Da die vorliegende Studie sich auf die Untersuchung des Accusativus cum Infinitivo im Hauptwerk Jean Calvins konzentriert, trage ich im Folgenden seiner Persönlichkeit als dem bedeutendsten Reformator des französischsprachigen Raums sowie seiner über viele Jahre überarbeiteten Selbstübersetzung Institution de la religion chrestienne Rechnung. Ziel ist es, zu bestimmen, wie viel Raum das Lateinische in der Sprachkompetenz des exilierten Pikarden Calvin einnimmt, um die analysierten Okkurrenzen des französischen AcI später präziser im Sprachkontaktphänomen der syntaktischen Latinisierung verorten zu können. Hierzu wird in Kap. 3.1 Calvins Vita skizziert und wichtige Etappen seiner Ausbildung in den Blick genommen. Kap. 3.2 knüpft mit einer Betrachtung seiner Arbeit an der Institutio(n) an. 3.1 Stationen in Calvins Biographie Der folgende Abschnitt nähert sich Jean Calvins bewegtem und in historischer, theologischer sowie literaturwissenschaftlicher Hinsicht bereits beleuchtetem Lebenslauf aus linguistischer Sicht. Es wird dabei um die Einordnung einiger Aussagen zu seinem Sprachgebrauch gehen, die bislang kaum systematisch eingeordnet wurden, aber dennoch das Bild dieser prägenden Persönlichkeit der französischsprachige Reformation im 16. Jahrhundert mitbestimmen. Die Ausführungen werden geleitet von den Fragen, welche Sprachen Calvin erworben hat, welche, insofern es sich bestimmen lässt, dominant war und wie sie sich auf seine Schriftproduktion auswirkte. 1 1 Vgl. Millet (1992) zu Calvin in einer umfassenden literaturwissenschaftlichen Perspektive. Zu Beginn geht er auf seine Calvins Bildungsjahre ein (27-55) und thematisiert die Frage, wie dieser bereits als Jugendlicher in Kontakt mit einer humanistisch geprägten Ausbildung kam. <?page no="102"?> 90 3 Die Sprachkompetenz Jean Calvins 3.1.1 Noyon und der Wechsel nach Paris Die Überlieferungslage historischer Quellen, die Auskunft über die erste Lebensphase Calvins geben, ist überschaubar, jedoch nicht grundsätzlich knapp. 2 Jean Cauvin bzw. Chauvin 3 wurde am 10. Juli 1509 in Noyon (vgl. Strohm 2009a: 16) im pikardischen Sprachgebiet geboren. 4 Seinen Namen trug er später in Pariser Zeit in latinisierter Variante ‘Ioannes Calvinus’ und regalliziert als der heute bekannte ‘Jean Calvin’ (vgl. Greef 2008: 3). Eine Schlüsselstelle in Calvins Curriculum Vitae ist die Entscheidung des Vaters, eines viel beachteten Rechtsanwalts, ihn, kurz nach dem Tod der Mutter, in die Hände kirchlicher Erzieher und Ausbilder zu geben: Nachweisbar ist hingegen der starke Einfluss, den die gemeinsame Schulbildung mit den Söhnen der bischöflichen Familie d’Hangest auf Calvin ausgeübt hat. Der Vater nutzte seine guten Beziehungen zum Bischof und zu den Mitgliedern des Domkapitels, um seinem Sohn diese Bildungsmöglichkeiten zu eröffnen. Mit den jugendlichen 2 Vgl. für die frühe Kindheitsphase den Quellenüberblick von Neuser (2009: 20-27). Er verweist u. a. auf einen sechsjährigen Briefwechsel, Predigtenentwürfe, Vorreden, Widmungsschreiben sowie auf den der Institution vorangestellten Brief an François I er . „Hauptquelle jeder Calvinbiographie [...] insonderheit der des jungen Calvin“ sollte Neuser (2009: 23) zufolge die Vita Calvini von Théodore de Bèze sein. Dennoch sprach Calvin selbst manche Themen kaum an. Strohm führt das Schweigen Calvins zum Tod seiner früh verstorbenen Mutter, Jeanne Lefranc[e], im Jahr 1515 an, um die „spätere, charakteristische Härte sich selbst gegenüber“ (Strohm 2009a: 18) zu rechtfertigen. Auf jeden Fall war es ein erster harter Schicksalsschlag für den jungen Calvin. Deutlich später, mit 22 Jahren, verliert Calvin auch seinen Vater, Gérard Calvin, am 26. Mai 1531 (vgl. Neuser 2009: 21). Besonders spärlich ist die Forschungslage für Calvins Schulzeit (vgl. Millet 1992: 27), wenngleich dies in dieser Zeit jedoch aufgund fehlender Selbstbeschreibungen üblich ist (vgl. Neuser 2009: 27; Strohm 2009a: 6-7). 3 Die Schreibung variiert, neben <Cauvin> lässt sich auch <Chauvin> finden, z. B. in der Beschreibung des Geburtshoroskops Calvins durch Florimond de Ræmond (*1540-†1601), welcher für den 10. Juli 1509 die erstaunlich exakte Geburtszeit 13: 27 Uhr angibt, wohl jedoch durch Berechnung und Schätzung der Planetenkonstellation (vgl. Engammare 2004: 179-183). 4 Die Stadt Noyon liegt geographisch an der südlichen Grenze der Picardie. Die Grenzziehung und auch die Darstellung der realen Proportionen erfolgt in kartographischem Material im 16. Jh. (vgl. Anonymus ca. 1500-1599; Jolivet ca. 1500-1569) noch nicht so präzise wie es später auf einer Karte von Bonne (1771) zu sehen ist. Dort gehört Noyon allerdings nicht zur Picardie. Heute wird Noyon im nordöstlichen Gebiet des département Oise verortet, welches im Süden der Region Hauts-de-France liegt. Villers-Cotterêts liegt rund 40 km südlich von Noyon. Es scheint schlüssig, dass sich Noyon der Picardie zugehörig fühlt (vgl. für das 19. Jh. den folgenden Autor aus Noyon: Mélicocq 1841) und picard dort auch im 16. Jh. gesprochen wird. Demaizière ( 2 2008: 9-16) führt die unsichere Provinzeingrenzung auf das Fehlen einer pikardischen Grafschaft im Mittelalter zurück. Andere Grafschaften teilten sich das Gebiet auf. Dies und auch die unterschiedlichen Beschreibungen von Zeitgenossen zum Ausmaß des Gebiets, die eine sogenannte grande Picardie bis zum Rhein hierunter verstanden, machen Demaizières Definition des Sprachgebiets schlüssig und auch, indem sie darauf verweist, dass Pikardisch von denen gesprochen wird, die sich als solche diesem Sprachgebiet zugehörig gefühlt haben. Starre Grenzen für Sprachen gab es noch nie, wenngleich sie durch geographische oder politische Faktoren begünstigt werden. Dies gilt auch für das 16. Jh. <?page no="103"?> 3.1 Stationen in Calvins Biographie 91 Studienkameraden Joachim und Yves d’Hangest, den Söhnen des Bruders des Bischofs und Grundherren von Monmor, Louis d’Hangest, sowie einem weiteren von dessen Söhnen namens Claude hat Calvin wohl auch in den Pariser Studienjahren seit 1523 Kontakt gehalten. Als Calvin sein erstes Buch, den Kommentar zu Senecas Schrift De Clementia/ Über die Milde zum Druck brachte, widmete er es jenem Claude d’Hangest. Der erste Ertrag seiner Studien sei ihm aus gutem Grund zugeeignet: [...] Und noch über 25 Jahre später hat sich Calvin an seine engen Beziehungen zur Familie d’Hangest-Monmor erinnert (vgl. CO 12, 586f.). Es ist durchaus plausibel, dass man den aristokratischen Zug und den ausgeprägten Sinn für Hierarchie, die Calvins Werk trotz aller demokratisierenden Tendenzen in der Kirchenordnung und seiner umstürzenden Wirkung auf das herkömmliche Kirchenwesen kennzeichnen, auf diesen frühen Umgang zurückgeführt hat. (Strohm 2009a: 18-19) Calvin erwarb in Noyon am Collège des Cappettes erste basale Kenntnisse der lateinischen Sprache (1516-1523/ 24) (vgl. Millet 1992: 27; Strohm 2009a: 19). 5 In dieser Zeit ist es nicht unüblich, dass die Kinder bereits mit sieben Jahren Latein erlernen. Dadurch, dass er sich auf einer Privatschule befand, kann er, so erkläutert Neuser überzeugend, einige Zeit früher als Schüler öffentlicher Schulen an eine weiterführende Schule wechseln. Nach dem Collège des Cappettes in Noyon geht Calvin 1523 oder bereits 1520-1521, beide Datierungen werden in der Forschungsliteratur vertreten (vgl. Millet 1992: 28; Neuser 2009: 29), nach Paris an das Collège de La Marche , welches ihm durch Einkünfte aus Pfründen ermöglicht wird (Strohm 2009a: 17). 6 Der Wechsel an die Pariser Schule war sprachlich ein einschneidendes Erlebnis, wie Calvin selbst vermittelt, indem er seinem Lateinlehrer Marthurin Cordier (lt. Maturinus Corderius) in einem späteren Widmungsbrief (1550) begleitend zum ersten Thessalonicherbrief (vgl. CO/ 13: 525; Engammare 2015b: 143; Greef 2008; Neuser 2009: 21; Strohm 2009a: 20) öffentlich dankt und ihn zudem 1536 als geschätzten Pädagogen nach Genf bzw. Lausanne holt (vgl. CO/ 21: 349; Greef 2008: 3; Strohm 2009a: 20). 7 5 Zur Datierung des Bildungswegs vgl. Neuser (2009: 29), welcher die unterschiedlichen Lebensläufe in der Kindheits- und Jugendphase von Luther, Zwingli, Melanchthon, Bullinger rekapituliert und sie in einer Synopse Calvin zum Abgleich gegenüber stellt. Dies erlaubt einen Einblick in den Spracherwerb um die Jahrhundertwende. Nach sieben Jahren Kindheitsphase wurde Calvin in die erste Schule geschickt, um dort sofort (! ) Latein zu erlernen. Neuser hebt hervor, dass Calvins Privatschule im Vergleich zu den öffentlichen Lateinschulen kürzer dauerte. Es ergibt sich laut Neuser folgende Datierung für Calvins früheste Lebensphase: Frühe Kindheit 1509-1516, Lateinschule 1516-1523/ 24, Artistenfakultät 1523/ 24-1528 sowie Universitätsgrade Baccalaureus 1526 und Magister art. 1528. 6 Hierfür musste Calvin keinen pastoralen Dienst leisten: „eine Art kirchliches Stipendium, für das der Vater gesorgt hatte“ (Strohm 2009a: 17). 7 Seine Zeit in Genf wurde bereits drei Jahre später durch die Vertreibung aus der Stadt (gemeinsam mit Calvin und Farel) und einer Anstellung in Neuchâtel und Lausanne unterbrochen, bevor er 1559 wieder hier tätig wurde (vgl. Spijker 2001: 110). Nach Lausanne wechselte Cordier <?page no="104"?> 92 3 Die Sprachkompetenz Jean Calvins Eximiae pietatis et doctrinae viro Maturino Corderio Lausannensis scholae moderatori. Te quoque in partem laborum nostrorum venire aequum est: cuius ductu in literarum stadium ingressus huc saltem usque progressus sum ut ecclesiae Dei aliquid prodessem. Quum puer, gustatis duntaxat latinae linguae rudimentis, Lutetiam a patre missus essem, mihi divinitus ad exiguum tempus oblatus fuisti praeceptor, qui veram discendi rationem sic traderes, ut deinde possem aliquanto melius proficere. [...] sic tamen institutione tua deinde fui adiutus, ut progressus, qualescunque sequuti sunt, tibi merito acceptos feram. 8 (CO/ 13: 525) Die quellennahe Forschungsliteratur hält an der Auffassung fest, dass Cordiers Wirken „wichtige Grundlagen für das ausgezeichnete Latein des späteren Autors Calvin“ (Strohm 2009a: 20) gelegt haben muss. Wie dies genau gemeint ist, so hebt Millet kritisch hervor, ist nicht bekannt. Jedoch gibt es Belege für das Wechselspiel und die Gewichtung des Lateinischen im Vergleich zum Französischen: Si Cordier souhaite que les jeunes gens parlent latin „même avec leurs mères“, il n’a pas négligé pour autant la langue vernaculaire de ses élèves, mais s’est au contraire appuyé sur elle pour leur inculquer ses leçons de bon style latin. (Millet 1992: 29) Zieht man Les colloques von Cordier (1583) selbst heran, das als Lehrwerk für französischsprachige Lateinlernende gedacht ist und 1564 kurz vor seinem Tod veröffentlicht wurde, ist festzustellen, dass das Vorwort sowie die darin gelehrten Alltagsdialoge in französischer und lateinischer Sprache in alignierter Form parallel übersetzt sind. Französisch wird also nicht abgelehnt oder negativ bewertet, sondern dient vielmehr als Zweck zur reflektierten Erlernung der Fremdsprache Latein. 9 Zusammenfassend sieht Millet in Cordiers Lateinunterricht jedoch die Vermittlung von Klarheit und Einfachheit im sprachlichen Ausdruck an Cal- 1545 als Schuldirektor. Für mögliche Gründe, warum Calvin ihn nicht schon vor 1559 zurück nach Genf holen konnte, vgl. Crousaz (2012: 236-239). Vgl. außerdem Le Coultre (1926). 8 ‘An den Mann von herausragender Frömmigkeit und Gelehrsamkeit, Mathurin Cordier, Schulleiter von Lausanne. Es ist recht und billig, dass auch Du an unseren Arbeiten Anteil hast: unter deiner Führung in das Studium der Literatur eingetreten, bin ich wenigstens so weit fortgeschritten, dass ich der Kirche Gottes einigermaßen nützlich bin.’ und weiter „Als mich, einen Knaben, der erst die Anfangsgründe der lateinischen Sprache gelernt hatte, mein Vater nach Paris schickte, wurdest Du durch göttliche Fügung mir für kurze Zeit als Lehrer angeboten und brachtest mir eine gute Art des Lernens bei, dass ich dann besser als früher weiterkam. ... Doch half mir Dein Unterricht so sehr, dass ich auch die Fortschritte, die ich später machte, mit Recht Dir auf Rechnung setze.“ (Strohm 2009a: 20). 9 Im Unterschied zur Unterrichtspraxis in früheren Zeiten erkennt Cordier, der wie alle Humanisten das antike Latein hochhielt, dass seine Schüler im ersten Lernjahr in den wenigsten Fällen Lateinkenntnisse vorweisen können und sie sich im Privatumfeld in ihrer Muttersprache Französisch unterhalten (vgl. Le Coultre 1926: 428). Vgl. zur Unterrichtsweise Cordiers Le Coultre (1926) sowie Baddeley/ Debrosse (2015: 308): „Sa méthode est la suivante: il donne d’abord une mauvaise traduction latine d’une phrase française, obtenue en traduisant mot à mot et en faisant des calques lexicaux: par exemple Noli crachare super me (‚ Ne crache pas sur moi ‘), puis le fait suivre de plusieurs bonnes traductions latines tirées ou inspirées d’auteurs <?page no="105"?> 3.1 Stationen in Calvins Biographie 93 vin, also zentrale Kennzeichen der humanistischen Strömung, die sein weiteres literarisches Schaffen prägen sollen (vgl. Millet 1992: 29). Der letzte Abschnitt seiner Ausbildung findet nach einem Wechsel 1523/ 1524 an das „ebenso berühmte wie berüchtigte Collège de Montaigu“ (Strohm 2009a: 20) statt. An der hiesigen faculté des arts wurden bereits Rabelais, Erasmus von Rotterdam sowie dessen Freund Hector Boece und John Mair, und Ignatius von Loyola unterrichtet (vgl. Kitanov/ Slotemaker/ Witt 2015: 369; Strohm 2009a: 21). Im Gegensatz zu Erasmus und auch Rabelais beschwert sich Calvin an keiner Stelle (Strohm 2009a: 21). 10 Dies wird häufig als Zeichen dafür gesehen, dass Calvin ein besonders guter Schüler gewesen sein muss. Die Gründe für Calvins Wechsel sind unklar (vgl. Strohm 2009a: 20), jedoch ist gewiss, dass Calvin trotz der theologischen Nähe des collège zur Diözese von Noyon dort keine Theologiestudien verfolgte, sondern sich der Grammatik und den Artes widmete. Hier kommt der Einfluss einer weiteren Persönlichkeit zum Tragen: Noël Bédier, der bereits zuvor an der Sorbonne einen stark antireformatorischen Kurs pflegte. Strohm (2009a: 20-21) kommt zu dem Schluss, dass die klare Positionierung Calvins gegen die Reformation auf diese Zeit zurückzuführen sei, in der er sich trotz eines anderen Studienfachs wohl auch mit den Kirchenvätern wie dem Heiligen Augustinus auseinandergesetzt hat (vgl. Millet 1992: 30). Inwieweit François Du Bois den jungen Calvin unterrichtet hat, ist nicht bekannt. Dennoch ist die Stelle, die Millet (1992) aus einem Vorwort Du Bois’ ( Progymnasmatum in artem oratoriam , 1522) zusammenfasst, aus sprachwissenschaftlicher Perspektive bemerkenswert: Dans la Préface de ses Progymnasmata , il se plaint du latin francisé de ses élèves, dont la langue maternelle déforme l’expression, et de l’indifférences des professeurs de dialectique à la latinité. Il préférerait encore le français (dont l’emploi est interdit à Montaigu), sermo vernaculus , à ce parler grossier, rusticus . (Millet 1992: 32) Hieran und ebenso an der konsequenten Miteinbeziehung der französischen Sprache durch Cordier (vgl. Baddeley/ Debrosse 2015: 308) ist zu sehen, dass der Korrektheit des Lateins eine hohe Bedeutung zukommt und Französisch als Erstsprache (L1) derartig stark ist, dass dies zu regelmäßigen Interferenzen mit der Zweitbzw. Fremdsprache (L2) Latein führt. Deshalb bevorzugt Du Bois sogar die Vernakularsprache für die geordnete, mündliche Kommunikation. Dies anciens [...], le but étant aussi de souligner la richesse des variations stylistiques potentielles d’une locution donnée“. 10 Vgl. Renaudet (1916: 267-268) für eine französischsprachige Übersetzung der Leidenszeit Erasmus’ am Collège de Montaigu . Erasmus berichtet von unhaltbaren Zuständen, die allerlei schwere Krankheiten bei den Bewohnern verursachten: von kaltem und verdrecktem Brunnenwasser, über verfaulte Eiern bis hin zu verdorbenem Wein. <?page no="106"?> 94 3 Die Sprachkompetenz Jean Calvins führt aber auch vor Augen, dass Latein stets die L2 von zumeist männlichen Schülern aus der Oberschicht war (vgl. IJsewijn 2007: 1429) und Varianz bzw. Fehler in der Sprachproduktion inkludierte. 3.1.2 Rechtsstudium in Orléans und Bourges Die Calvin-Forschung bewertet Calvins Wechsel nach dem abgeschlossenen Pariser Theologiegrundstudium nach Orléans und Bourges als Wendepunkt bzw. als weitere Schlüsselstelle seiner Vita (vgl. Millet 1992: 35; Strohm 2009a: 22). Der in Noyon im „Schatten einer Kathedrale“ aufgewachsene junge Student der Philosophie sollte eigentlich, so war es der väterliche Wille, theologisch ausgebildet werden. 11 Calvin selbst begründet jedoch einige Lebensjahre später den Fachwechsel zu Jura unter dem Gesichtspunkt, dass sein Vater sich für die besseren Einkommensverhältnisse als Rechtsanwalt aussprach. Es ist ein einschneidendes Erlebnis, welches zentrale Bedeutung erlangt, wenn schließlich die „subita conversio“ zur Theologie einige Jahre später erfolgt (vgl. 3.1.4): „Aber für Calvin ist wichtig, dass der Vater ihn ursprünglich für die Theologie bestimmt hatte. Gott greift nach Calvins Ansicht ein und führt ihn zum Ausgangspunkt, zur Theologie, zurück“ (Neuser 2009: 39). 12 An dieser Stelle wird nicht weiter auf diese Gedankengänge eingegangen, da sie nicht Gegenstand dieser Arbeit sind. Es sei jedoch darauf hingewiesen, dass mit dem Wechsel des Studienfachs und der anschließenden Hinwendung zum Humanismus und zur Theologie auch eine veränderte Literaturlektüre einhergeht. Calvin erschließt sich dabei neue Fachdisziplinen und neue Textgenres. Ein literarischer Perspektivwechsel wirkt sich, so muss angenommen werden, auf die prozedurale wie auch reflexive Schreibkompetenz und das damit verbundenen Repertoire einzelsprachlicher Ausdrucksmöglichkeiten aus. Dieser Gedanke findet sich analog bei Battles/ Hugo (1969: 15*), welcher den Einfluss des Rechtsstudiums insbesondere in den späteren theologischen Schriften Calvins verankert sieht. Neuser (2009: 48) erläutert den Studienortwechsel nach Orléans damit, dass sich an der Pariser Sorbonne bedingt durch eine traditionell-konservative Grundhaltung (vgl. Strohm 2009a: 23) ausschließlich das Kirchenrecht der römisch-katholischen Kirche studieren ließ, in Orléans hingegen auch das 11 Calvin betont später in Des scandales (1550), wie wichtig ihm der Ortswechsel im Kontext seiner Zuwendung zur reformatorischen Idee war, da er sich in Noyon nie vor den Priestern der röm.-kath. Kirche hätte frei äußern können: „Helas que seroit ce si j’estoye maintenant à Noyon, où je n’oseroy ouvrir la bouche pour confesser franchement ma foy, encor que les prestres et moines desgorgeassent à l’entour de moy tous leurs blasphemes! “ (c-sca: 49). 12 Und so ist subito auch als ‘unerwartet’ und nicht ‘plötzlich’ auftretend zu verstehen (vgl. Oberman 2010: 287-288). <?page no="107"?> 3.1 Stationen in Calvins Biographie 95 wirtschaftlich ertragreichere Zivilrecht. 13 Hier hat Calvin das Doktorat erworben und begonnen, selbst zu lehren (vgl. Millet 1992: 38; Strohm 2009a: 25). Der Besuch des Unterrichts bei dem Italiener Andrea Alciato in Bourges erklärt sich damit, dass dieser als herausragender Jurist seiner Zeit gilt. Wie oben erwähnt, befand sich das Rechtssystem in jener Zeit in einer massiven Umbruchphase, die maßgeblich auf humanistisches Wirken zurückgeht. Bis zu Calvins erstem Studienjahr 1528 wurde neben dem Corpus Iuris noch die Glossa Magna von Accursius in Orléans gelehrt. Rabelais griff die Juristen alter Schule hart an, indem er ihnen vorwarf, sie hätten von den römischen Texten nichts verstanden. Das Römische Recht wurde nun in akademischer, humanistischer, literarischer und historischer Hinsicht zur wesentlichen Instanz (Battles/ Hugo 1969: 20*-21*). Guillaume Budé hat hierzu wichtige Grundlagenarbeit geleistet, indem er versuchte, das römische Recht in seiner ursprünglichen Form zu erfassen und kontextualisieren (vgl. Strohm 2009a: 24) - so wie auch mit zahlreichen Übersetzungen antiker Autoren in humanistischer Praxis in dieser Epoche verfahren wurde. Drei Positionen sind hier besonders markant: Das Bestreben, das römische Recht unter Zuhilfenahme philologisch-historischer Mittel zu erläutern, war ein Schwerpunkt der Arbeit humanistischer Juristen. Das zweite Anliegen der humanistischen Jurisprudenz war es, die ethische Dimension des römischen Rechts zu erfassen. Die Philosophie wurde als Quelle des Rechts und die Jurisprudenz selbst als ein Teil der Moralphilosophie angesehen. [...] Ebenfalls pädagogisch motiviert war das dritte Anliegen der humanistischen Jurisprudenz, die Grundbegriffe und Grundgedanken des römischen Rechts herauszuarbeiten. Ziel der neuen Lehrmethode, des mos gallicus , war es, den Studenten die spitzfindigen Distinktionen und weitschweifigen Kommentierungen der traditionellen Lehrweise, des mos italicus , zu ersparen und statt der detaillierten Erklärung einzelner Texte einen umfassenderen Überblick zu bieten. (Strohm 2009a: 24) Hier können bereits Parallelen zur späteren Arbeit an der Institution erkannt werden. Das Pendant zu den „philologisch-historischen Mittel[n]“ wären die zahlreichen Quellenverweise auf die Primärliteratur der Kirchenväter und der Heiligen Schrift, die Calvin dem interessierten Leser in der Institution glossiert 13 Die konservative katholische Haltung der Pariser Sorbonne führte auch nach Calvins Studienjahren noch zu Auseinandersetzungen. So antwortete Calvin umgehend auf eine Publikation der theologischen Fakultät der Sorbonne aus dem Jahr 1543 zur Untermauerung der Glaubensgrundsätze der römisch-katholischen Kirche. Der Reformator reagierte 1544 mit den Articuli facultatis pariensi cum antidoto sowie ihrer französischen Übersetzung Les articles de la Faculté de théologie de Paris [...] und dem Advertissement sur la censure de Sorbonne auf den Pariser Vorstoß. Calvins Autorenschaft hieran gilt durch die Briefkorrespondenzen mit Farel und Viret als gesichert (vgl. im Detail Bibliotheca Calviniana , Gilmont/ Peter 1991: 149-157). Darüber hinaus hat die Sorbonne Zensurkataloge protestantischer Werke von u. a. „Luther, Melanchthon, Bucer, Œcolampade, Farel, Calvin“ und „Olivétan“ (Fatio/ Rapin 1984: 8-9) veröffentlicht, die nicht verlegt werden sollten. Vgl. hierzu vertiefend Higman (1979). <?page no="108"?> 96 3 Die Sprachkompetenz Jean Calvins mit an die Hand gibt. Der spezifisch pädagogische Hintergrund, der auch auf Cordier zurückgehen soll, wird hier bereits in ersten Ansätzen deutlich. Die inhaltliche Materie soll im „Kontext der Moralphilosophie bzw. Ethik zu verstehen“ (Strohm 2009a: 24) sein. Auch hier spiegelt sich die spätere Schreibpraxis wider. Der Leitfaden zum Praktizieren der christlichen Religion, die Institution , fasst genau dies zusammen und gibt konkrete Orientierung in Bezug auf die Bibel. Die Rückschlüsse der Forschungsarbeiten, die auf diese Zeit rekurrieren, sind zahlreich. So führt Battles/ Hugo (1969: 14*-15*) Calvins strengen Führungsstil und das damit einhergehende Verantwortungsbewusstsein auf das Studium des Römischen Rechts zurück. Andere sehen in der traditionellen Ausrichtung des Professors de l’Estoile (Orléans) „ein[en] wichtige[n] Hintergrund des autoritären Zuges in Calvins Theologie und seines auf die Autorität des Textes fixierten Bibelverständnisses“ (Strohm 2009a: 26). Strohm plädiert jedoch aufgrund mehrfacher Erwähnung Guillaume Budés in Calvins Texten für dessen starke Orientierung an ihm. Die Begegnung mit einem weiteren Juristen (und zugleich Philologen) bestimmte Calvins sprachlichen Lebenslauf: es war der Deutsche Melchior Volmar, der ihm als zweite Fremdsprache Griechisch beibrachte (Strohm 2009a: 26). Sogar das Hebräische der Bibel studierte Calvin intensiv und gehörte, wie Engammare (2015b: 165) anmerkt, zu einer ersten Generation an „étudiants ‚institutionnels‘ en hébreu“, da ihre Lehrer zuvor noch Hebräisch direkt von den Rabbinern lernten. Diese umfangreichen Sprachkenntnisse werden Calvin in der Beschäftigung mit der reinen Lehre der Heiligen Schrift in der Lektüre der Originaltexte noch sehr hilfreich sein. 3.1.3 Kommentar zu Senecas De clementia Bevor die reformatorisch geprägte Phase in Calvins Leben betrachtet wird, muss auf ein weder juristisch noch theologisch ausgerichtetes Werk des Gelehrten eingegangen werden. Es handelt sich hierbei um den heute berühmten Kommentar zu De clementia von Seneca. 14 Diesen Kommentar begann Calvin 1530 noch in seiner Zeit an der Universität in Bourges zu schreiben, wo er sich aufhielt, um eine von der Sorbonne unabhängige Lehre in Teildisziplinen wie Griechisch, Hebräisch und Mathematik zu hören (vgl. Battles/ Hugo 1969: 3*). 15 Das Schriftstück 14 Für eine moderne Textedition mit englischsprachiger Übersetzung vgl. Braund (2009). 15 Der Abfassungsort ist - wir verfügen über einen Bericht von Bèze - mit einiger Sicherheit Paris (vgl. CO/ 21: 122; Neuser 2009: 64). Neuser weist auch auf den Ausarbeitungszeitraum hin, der ihm zufolge in die Phase nach dem Tod von Calvins Vater vom 26. Mai 1531 bis zum 4. April 1532 fällt. Das Werk nimmt mit dem Veröffentlichungsjahr 1532 die zweite Position in der Liste der veröffentlichten Texte Calvins ein. Zuvor steht noch das Vorwort zur Antapologia von N. Du Chemin, die aber einen weit geringeren Umfang (ca. 600 Wörter) aufweist. Der Kommentar <?page no="109"?> 3.1 Stationen in Calvins Biographie 97 war zunächst nicht zur Publikation gedacht (Battles/ Hugo 1969: 10*), aber durch Ermutigung der Korrekturleser aus seinem universitären Umfeld, so schätzt Battles, gelang die Schrift in den Druck und sollte somit zum Erstlingswerk des jungen, bald zwanzigjährigen Calvins werden, mit welchem er sich im humanistischen Bereich profilieren wollte. 16 Das Vorwort stellt bereits eine regelrechte „Kriegserklärung“ an die gelehrte Welt dar (Battles/ Hugo 1969: 12*-14*) und fand dennoch wenig Resonanz (Strohm 2009a: 27-28), wenngleich dies bei der humanistischen Elite auf Widerstand gestoßen ist. Die sprachwissenschaftliche Bedeutung des Werks liegt für dieses Vorhaben in der Beurteilung und Einschätzung von Calvins Latein in direkter Nähe zur antik-römischen Textquelle Senecas. Dazu muss sich vergegenwärtigt werden, welche Autoren ein französischer Humanist wie Calvin zu jener Zeit liest und im Original bzw. in Handbüchern konsultiert. Diese nicht immer vorhandene Möglichkeit, sich einen Eindruck von der Handbibliothek eines Autors zu verschaffen, wird hier über die zahlreichen Querverweise, ganz in humanistischer Praxis, eröffnet. Battles (1966: 40) zählt „74 lateinische und 22 griechische Autoren“, die er systematisch den Bereichen Jura, Philosophie, Rhetorik, Medizin, Mathematik, Dichtung sowie Geschichte zuordnet. 17 1530 verfügte Calvin noch nicht über ausreichende Griechischkenntnisse, um Platon, Aristoteles oder den im Kommentar zu Seneca zitierten Euclid zu lesen. Lateinische Übersetzungen waren hier und bei anderen griechischsprachigen Autoren für Calvin ein Mittel, um Zugang zu den antiken Quellen zu erhalten. Wie zu erwarten hat er jedoch eine ganze Reihe an lateinischsprachigen Autoren im Original konsultiert. Hierzu zählen Cicero und Seneca, mit einer vermutlich zu jener Zeit starken Präferenz für Letzteren. 18 Neben der Lektüre der Texte in der Originalsprache oder in Übersetzungen konsultiert Calvin auch maßgebliche Schriften, humanistische Handbücher seizu De Clementia ist demnach auch in Hinblick auf die Wortanzahl (ca. 58.000 Wörter) die erste größere Veröffentlichung Calvins (vgl. Gilmont 1997: 371). 16 Es hängt maßgeblich mit dem Tod des Vaters zusammen, dass Calvin die Juristerei zurückstellte und sich so, befreit vom Pflichtgefühl ein guter Rechtsanwalt zu werden, der Philosophie wieder zuwenden konnte. Zum einen wich die akademische Praxis (humanistischer Umschwung zur Neuauffassung des Römischen Rechts) von der realen Anwaltspraxis ab, welche sich noch stark an den mittelalterlichen Gebräuchen und dem Salischen Recht orientierte. Calvin schreibt zudem selbst, dass er sich für den Beruf des Juristen aufgrund seines weichen Charakters nicht berufen fühle: „Ainsi, combien que ie me recognoy estre timide, mol et pusillanime de ma nature“ bzw. „Ego, qui natura timido, molli et pusillo animo me esse fateor“ (vgl. CO/ 31: 25-26; Battles/ Hugo 1969: 15*). 17 Greef (2008) zählt zwar ebenso viele griechische Verweise, jedoch 75 statt 74 auf lateinischsprachige Autoren. Die Abweichung erscheint mir zu gering, um sie hier diskutieren zu müssen. 18 Ebenso bewundert Montaigne Seneca (Battles/ Hugo 1969: 36*-38*), aber auch die Historiker Sueton, Tacitus und Livius sowie die Scriptores Rei Augustae (vgl. Battles 1966: 39, 52-54). <?page no="110"?> 98 3 Die Sprachkompetenz Jean Calvins ner Zeit, um deren Perspektive auf die Antike zu berücksichtigen und, wie im Falle Seneca-Kommentars, zu ergänzen bzw. zu korrigieren. Freilich geht mit der Betrachtung der Texte antiker Autoren auch eine Bewertung der Sprache einher, die im humanistischen Bereich unbestritten mit Lorenzo Valla (*1407-†1457) beginnt. Gut 100 Jahre vor den Lebzeiten Calvins und Montaignes sowie rund ein halbes Jahrhundert vor dem Wirken von Erasmus von Rotterdam legte Valla die Grundsteine für die später geborenen Humanisten. Neben seinen beiden Textarbeiten Emendationes Sex Librorum T. Livii de Secundo Bello Punico (1442) und Annotationes in Novum Testamentum (1444) ist seine wichtigste Arbeit die grammatikalische Auseinandersetzung mit der lateinischen Sprache, die Elegantiarum linguae latinae libri sex (1449). 19 Die enorme Bedeutung des Werks lässt sich leicht an der Auflagenanzahl ablesen, denn bis 1536 sind es beeindruckende 59 Auflagen (Battles/ Hugo 1969: 28*). Hauptmerkmale der stilistischen Beobachtungen Vallas sind Plesner Horster (2016: 41) zufolge die zahlreichen Bemerkungen zur grammatikalischen Korrektheit nach klassisch-lateinischer Norm sowie der zeitlich und textuell abweichende Gebrauch bestimmter Konstruktionen. Diese Anmerkungen Vallas fundieren sodann die Arbeiten von Erasmus von Rotterdam, Andreas Alciato oder Guillaume Budé (vgl. Battles/ Hugo 1969: 28*). Vor allem die 1521 in Straßburg erschienene De ratione studii ac legendi interpretandique auctores Erasmus’ (vgl. Greef 2008: 66) ist ein bedeutender Referenzpunkt für den jungen, angehenden Humanisten Calvin: It is fairly obvious what Calvin’s choice was. If one glances at any of his Tractatus Minores , or at the Institutes , and remarks there the beautiful Ciceronian periods set off by terse little Senecan sentences, and the wealth of patristic and scholastic Christian terminology varied with picturesque, often playful, idioms and metaphors and proverbs taken from classical mythology and history, then one need hardly ask in what school he had learnt this amazing art. It was the school of Erasmus. (Battles/ Hugo 1969: 43*) Ein ausgeprägter Wille zur Verbesserung und Korrektur veranlasst Calvin zur Kommentierung von Senecas De Clementia (vgl. Greef 2008: 66; Battles 1966: 41). Interessant ist hierbei, dass ihm ein eigenständiges Werk gelungen ist, welches ohne weitreichende Zitate aus Erasmus’ Adagia auskommt. Die Adagia ist eine humanistische Sammlung unterschiedlichster Phraseologismen seit der Antike, 19 Vgl. weiterführend Ax (2006: 131-152) zu diesem „höchst erfolg- und einflußreichen grammatischen Hauptwerk“ Vallas sowie zu dessen Entstehung. Darüber hinaus ist in jüngster Vergangenheit die Arbeit zum fünften Buch der Elegantia von Marsico (2013) zu nennen sowie die linguistische Studie zum Verhältnis von quia und quod bei Plesner Horster (2016). <?page no="111"?> 3.1 Stationen in Calvins Biographie 99 die beispielsweise von Montaigne fortwährend als Referenz benutzt wird (vgl. Battles/ Hugo 1969: 38*). 20 Diese Eigenständigkeit und relative Unabhängigkeit von humanistischen Autoritäten zeichnet Calvins Werk also bereits in seinen jungen Jahren aus. Dies passt zudem zur Auffassung Erasmus’, welcher ebenso eine zeitgemäße, nicht wortwörtliche Verwendung der antiken Zitate befürwortet (Battles/ Hugo 1969: 44*). Gerade die Klarheit des ciceronischen Sprachduktus ist die Basis für Erasmus’ als auch für Calvins Streben nach Verständlichkeit. 21 Dies ist etwas, das sich in Calvins gesamtem schriftstellerischen Leben immer wieder zeigt und vor allem, wie wir noch sehen werden, in der Institution zum Tragen kommt. 22 Ciceros Texte sind vielen Humanisten, wie beispielsweise Étienne Dolet, der sich an Ciceros De optimo genere oratorum orientierte (vgl. Bocquet 2012: 139-140), zum Vorbild geworden. 23 Calvin betrachtet sowohl den zuvor angesprochenen Humanisten Valla als auch Alciat als verdiente Repräsentanten der (Klassischen) Latinität, wenngleich er sehr genau hinsieht und einige Wendungen bei Valla als nicht ciceronisch identifiziert (vgl. Millet 1992: 77). Umso bemerkenswerter ist es, dass Calvin in seinem Kommentar zu Senecas De clementia keinerlei Abweichungen sehen mag. Dies geschieht laut Millet (1992: 76) wohl mit dem Ziel, ihn als Autor der „bonne latinité“ zu präsentieren. Das ist vor dem Hintergrund interessant, dass Calvin nicht nur Vallas Ausführungen korrigiert, sondern auch mehrfach und streng bei Texten seiner Zeitgenossen vorgeht und damit Seneca ähnelt, der „an outstanding censurer of vices“ seiner Zeit ist (Battles/ Hugo 1969: 40*). Calvin bedient sich bei der Kommentierung von Senecas Schrift einer äußerst großen Bandbreite an Korrekturmitteln. Dies reicht von inhaltlichen Aspekten 20 Dies zeigt sich auch in einem zeitgenössischen Textvergleich, in welchem Calvins weithin unbeachteter Kommentar zu Senecas Text von einem Mitarbeiter Erasmus’ „extensively plagiarised“ und in einer Ergänzung zur Adagia umfangreich verarbeitet wird (vgl. Battles 1966: 41-42). 21 Erasmus stellt sich klar in die Linie Ciceros, indem er im Vorwort zu von ihm editierten Werken Senecas schreibt: „Haec atque his similia non reprehendo, neque damno, tantum judico non esse Tulliani candoris“ (Seneca 1580: [3], De Seneca Iudicium ). Vgl. auch den Hinweis hierauf bei Battles/ Hugo (1969: 44*). 22 Battles/ Hugo (1969: 40*-41*) heben hervor, dass Calvin bereits zu Lebzeiten als entschiedener Verfechter eines korrekten Sprachgebrauchs gilt und sich dabei (auch noch als er schon in Genf war, vgl. De Luxu , 1546) bevorzugt auf Seneca beruft. Er verstand sich sehr gut darauf, insbesondere vor einfachem Publikum, in aller Klarheit und Direktheit zu predigen. 23 Bereits Quintilian sah in Cicero ein großes Vorbild für seine Arbeit: „The dominant ancient authority in formal Renaissance educational contexts [...] was Quintilian. His work was a manual for orators [...] and translation [...] was presented as a major didactic tool for increasing vocabulary and improving style, a practice that had the stamp of approval of his predecessor Cicero“ (Denton 2007b: 1418). <?page no="112"?> 100 3 Die Sprachkompetenz Jean Calvins über orthographische Eingriffe für eine bessere Lesbarkeit 24 und über lexikologische Fragen zur Etymologisierung bis hin zu grammatikalischen Eingriffen bzw. zur Kommentierung. Battles/ Hugo (1969: 85*-86*) sehen eine wachsende Konzentration auf die, nach rinascimentalen Vorstellungen, richtige Verwendung sprachlicher Mittel zum korrekten Ausdruck des Inhalts und der Bedeutung des Geschriebenen - Prinzipien, welche sich letztlich in der von Calvin studierten theologischen und juristischen Disziplin widerspiegeln. Die Sprache Calvins im Widmungsschreiben zum Seneca-Kommentar wird von Millet als „relativement classique“ bewertet, da sie durchaus post-ciceronianische Wendungen aufweist, entsprechend einer „vulgate humaniste d’une bonne latinité“ (Millet 1992: 77). Eine gewisse Liberalität ist bei allem klassischlateinischen Purismus in ciceronischer Manier darin zu sehen, dass Calvin die Vernakularsprache, also seine Muttersprache Französisch, in der Kommentierung keineswegs außen vor lässt. 25 So stellt Millet (1992: 78) die fruchtbare Beziehung beider Sprachen zueinander fest: „Le latin correct s’adosse à la langue vulgaire, loin de l’ignorer.“ Dies muss in die Betrachtung der Sprachkompetenz des Humanisten mit einbezogen werden: Par ailleurs, Calvin ne partage pas, ou en tout cas n’exprime pas, le mépris qu’un humaniste de cette époque pouvait entretenir à l’égard de la langue vernaculaire. Le latin est, et reste, une langue „plus soignée“ ( accuratius ) sous sa plume, mais jamais le thème de l’infériorité de la langue française n’est invoqué chez lui en tant que tel. (Millet 1992: 786) Neben den rein latinistisch orientierten Humanisten gibt es also auch solche wie Calvin, die einen gerechtfertigten Einsatz der Vernakularsprache, in Abhängigkeit vom Verwendungskontext, sehen. Außerdem gibt es auch jene wie Meigret ([1550] 1888: 195/ f.143r,v), die von der Überlegenheit des französischen Stils überzeugt sind und den, dem natürlichen Sprachgebrauch widerstrebenden, lateinischen Stil ablehnen. 26 24 Die Interpunktion ist ein nicht zu vernachlässigender Aspekt in der Überarbeitungspraxis des jungen Humanisten. So bemüht er sich, auch die Edition seines Vorbilds Erasmus durch kürzere Sätze leserfreundlicher zu gestalten. 25 Der Purismus bleibt zu dieser Zeit gemäß den ciceronischen Vorgaben erhalten: „Au total, si la langue de Sénèque est ‚illustrée‘ au moyen des ‚bons auteurs‘ (Cicéron), la conception calvinienne de la latinité est assez large, et ne trahit aucun purisme“ (Millet 1992: 78). Millet verweist auf Veerman (1943), der zeigt, dass das Vokabular der Institutio sich gänzlich unter christlichen Gesichtspunkten verändert. 26 Vgl. die Originalpassage bei Meigret ([1550] 1888: 195/ f.143r,v): „[...] car je ſ uys a ſſ euré q’une bone partie de çeus qi ſ ’e ¸n mé ¸let, ſ ont ſ i frians de ſ uyure le ſ tile Latin, e ¸ d’abandoner le notre, qe combien qe leur’parolles ſ oé ¸t nayueme ¸nt Françoe ¸zes: la maoue ¸z’ ordonançe re ¸nt toutefoe ¸s le ſ e ¸ ns ob ſ cur, au e ¸ q vn gran’ mecont e ¸ ntem e ¸ nt de l’or e ¸ lle du lecteur, e ¸ de l’a ſſ it e ¸ nçe. [...] e ¸ ſ i nou’ con ſ iderons bien l’ordre de nature, nou’ trouuerons qe le ſ tile Françoe ¸s ſ ’y ranje beaocoup <?page no="113"?> 3.1 Stationen in Calvins Biographie 101 3.1.4 Genf Calvin, der lange Zeit in Paris und Zentralfrankreich seinen Studien nachgeht, kommt zum ersten Mal nach Genf auf Einladung von Guillaume Farel (*1489- †13.9.1565). Nach einem kurzen Zwischenaufenthalt in Straßburg lässt sich Calvin 1541 bis zu seinem Tod im Jahr 1564 dauerhaft in der Stadt nieder. Er wechselt damit die Sprachräume, nachdem er in seinen frühen Lebensjahren in der pikardischen Sprachgemeinschaft aufwächst, dann bereits früh in Paris die weiterführende Schule besucht und später ebendort sowie in Bourges und Orléans höhere Studien verfolgt. Die Unterrichtssprache ist Latein, doch die Schüler- und Studentenschaft spricht französische Varietäten und es steht außer Zweifel, dass sich der französische Schriftgebrauch Calvins unter Anleitung seines Lateinlehrers Cordier weiterentwickelt (vgl. Millet 1992: 776; Pannier 1931: 14). Wie stark die pikardische Varietät in Calvins Französisch verankert ist, wurde nur stellenweise untersucht, jedoch kann dies in Bezug auf die Nähesprache nicht gering sein, denn es finden sich in den distanzsprachlichen Schrifttexten regelmäßig Pikardismen. Diesbezüglich fehlt es an einer umfangreichen Untersuchung, die auch Änderungen von Sekretären oder Drucklegern berücksichtigt. 27 Dennoch ist mit Millet (1992: 776) festzuhalten, dass Calvin bereits sehr früh „perfekt zweisprachig“ (Latein/ Französisch) ist. Seine anschließende dreijährige Zeit in Straßburg ist zu kurz, um einen tiefergehenden Einfluss auszuüben. Doch sein fast zwei Jahrzehnte umfassendes Wirken in Genf lässt die Formulierung der Frage zu, ob dort ansässige Varietäten oder Sprachen ihn beeinflussen. Genf liegt als eine der größeren Städte zentral im Sprachgebiet des Frankoprovenzalischen. Umgeben von Lausanne und Neuchâtel im Nordosten, Grenoble im Süden sowie im Südwesten Lyon bis hin nach St. Etienne (welches beinahe so weit entfernt ist wie das angrenzende Turin im Piemont) wird das Gebiet mieus qe le Latin. [...]“. Meigret schließt außerdem mit einem Bsp. zur Wortstellung an, die der „ordre de nature“ seiner Muttersprache gegenläufig sei. 27 Dass Calvin ein franko-picard (vgl. Millet 1992: 776) spricht und schreibt, ist zweifelsohne festgestellt worden: „son vocabulaire présente le même mélange de mots savants et de mots populaires; de latinismes et de picardismes“ (Guerlain de Guer 1937: 304). Die Beobachtungen von Guerlin de Guer bezüglich lexikalischer Transfers und morphologischer Auffälligkeiten sind interessant und würden eine tiefergehende Studie verdienen, um den nicht merkbaren Einfluss in Abhängigkeit der bei Calvin verwendeten Textsorten zu verifizieren. Ob der Einfluss tatsächlich so groß wie der der lexikalischen (und syntaktischen) Latinismen ist, sei ohne weitere quantitative Aussagen dahingestellt und scheint weniger plausibel. Insgesamt schließen die Beobachtungen gewiss nicht aus, dass Calvin auch Textpassagen ohne merkbaren pikardischen Einfluss verfasst. Millet ist daher zu Recht skeptisch bezüglich der Aussage Panniers, dass „les passages sans picardismes (qui seraient moins authentiques) témoigneraient de l’intervention d’un secrétaire“ (Millet 1992: 775). Ein Einfluss eines Schreibers (vgl. Millet in Calvin [1541] 2008: 107) oder humanistischer Druckleger (vgl. Kristol 2023: 316-318) ist dennoch nicht ausgeschlossen. Vgl. zum Pikardischen Flutre (1970) und Lusignan (2012). <?page no="114"?> 102 3 Die Sprachkompetenz Jean Calvins vom heutigen Staatsgebiet Frankreichs und der Schweiz umfasst (vgl. die Karte in Abb. 3). Diese politische Trennung führt teilweise zu einem zu begrenzten Abb. 3 - Karte des frankoprovenzalischen Sprachgebiets nach Kristol (2015: 304) von Tuaillon (1972: 337) methodologischen Suchradius und lässt gegebenenfalls Ländergrenzen übergreifende Sprachveränderungsprozesse nicht gebührend in den Vordergrund rücken (vgl. Scharinger 2018: 193-194). Genf gelangt im 16. Jahrhundert jedoch durch den enormen Zuzug, den es in dieser Zeit aufgrund französisch-italienischer Handelsbeziehungen und der protestantischen Reformationsbewegung erlebt, zu überregionaler Bedeutung. Dies prädestiniert Genf zu einem sprachlichen Mittelpunkt, einem Drehkreuz zwischen mindestens den Sprechern der Varietäten der langue d’oïl , des Italienischen und des ‘beheimateten’ Frankoprovenzalischen. Wie unlängst Pierno (2018: 1-18) für die Gemeinschaft italienischer Exilanten in Genf feststellt, fügt sich die Stadt nicht nur in ein „immenses Mosaik“ des außerhalb von Italien praktizierten Italienischen ein, sondern sie darf als „geo-religiöses Zentrum“ gelten, welches sprachlich weit über die Stadtgrenzen hinaus wirkt. 28 Die französische Reformbewegung Calvins ist dabei das Leitbild 28 Im Originalwortlaut schreibt Pierno (2018: 16, 18): „la posizione primatizia che la città occupava all’interno del network europeo della riforma di lingua italiana, e cioè una centralità geo-religiosa già messa in rilievo a alcuni storici“ sowie „nell’immenso mosaico dell’italiano dell’esilio religioso nel Cinquecento“. Für weiterführende Literatur vgl. Kap. 1 in Pierno (2018) und insbesondere Kap. 2 zur italienischen Gemeinschaft in Genf. <?page no="115"?> 3.1 Stationen in Calvins Biographie 103 im schriftlichen Sprachgebrauch, beispielsweise in Übersetzungen von Psalmen aus dem Französischen in das Italienische (vgl. Pierno 2018: 33). Die Herrschaft über Genf, bedingt durch die strategisch günstig exponierte Lage am südlichen Zipfel des halbmondförmigen lac Léman bzw. lac de Genève , war in der Geschichte mehrfach umstritten. 29 Die Bezeichnung ‘Genfersee’ verweist auf die Bedeutung der Stadt für den zweitgrößten See Mitteleuropas und umgekehrt. So war Genf bis zu den Burgunderkriegen (1474-1477) dem Herzogtum Savoyen (fr. Savoie ) zugehörig (vgl. HLS 2018). Doch die Eidgenossen (fr. Eidguenots ) erlangten zunehmend Einfluss in der Stadt, unter anderem durch einen Städtebund mit Bern und Freiburg. Ein Burgrechtsvertrag (fr. combourgeoisie ) zwischen diesen Städten im Jahr 1526 ist als entscheidender Schritt in Richtung der Selbstständigkeit und Abgrenzung zu Savoyen und Burgund zu sehen. Die maßgebliche Einführung der Reformation durch Guillaume Farel 1530 (vgl. Kristol 2023: 243) profitierte in nicht geringem Maße hiervon, sodass 1535 die katholische Messfeier verboten werden konnte (vgl. LexMa 1977-1999: 1230- 1231) und es nun nur noch an einer Führungsfigur fehlte, die der „prédicateur passionné“ Farel in Jean Calvin fand (vgl. Higman 2006). 30 Das Frankoprovenzalische ist, wie Kristol mehrfach betont und es der Name vielleicht vermuten ließe, weder eine Mischung aus Französisch und Provenzalisch noch eine einzelne Varietät (vgl. Kristol 2015, 2016a). 31 Dadurch, dass es nie standardisiert wurde, ist es als diatopisches Varietätenbündel in der Romania zu behandeln (vgl. Greub/ Chambon 2009: 2499), denn es fehlt schon im Mittelalter an einer größeren Anzahl an schriftlichen Dokumenten und einer gemeinsamen frankoprovenzalischen Skripta für einen möglichen Ausbauprozess (vgl. Kristol 2015: 303). 32 In Bezug auf die französischsprachigen Protestanten in Genf hat dies weitreichende Folgen: „le domaine francoprovençal ne forme pas, sociolinguistiquement parlant, un ensemble séparé de l’oïl“, sodass eine Überdachung der mündlichen frankoprovenzalischen Varietäten möglich wird (Greub/ Chambon 29 Vgl. Bergier (2009) zur historisch wechselnden Bezeichnung des „Léman“. Auch die Stadt Lausanne fungierte zeitweise als Namensgeberin. 30 Farel wurde in Gap geboren und war Sprecher des (Alpen-)Provenzalischen. Allerdings ist nicht davon auszugehen (vgl. Kristol 2023: 253), dass er diese okzitanische Varietät in seinen Predigten verwendete - schlicht deshalb, um von der Bevölkerung verstanden zu werden. 31 Zur Entstehungsdebatte um das Frankoprovenzalische vgl. Jablonka (2014: 518-519), aber auch Kristol (2015: 303) und Varet (2012: 111), die auf die Genese und Diskussion des Begriffs bei Ascoli (1893) hinweisen. 32 Das Frankoprovenzalische gilt in der Bewertung seines Status als „pomme de discorde“ (Jablonka 2014: 510). Es herrscht u. a. Uneinigkeit darüber, ob es als eigene Sprache oder als Dialekt bezeichnet wird. Vgl. Greub/ Chambon (vgl. 2009: 2499), die darauf hinweisen, dass die Standardisierungskritierien von Haugen nicht erfüllt seien (anders als das Okzitanische, bei welchem es zumindest Versuche einer Standardisierung gab, vgl. Kremnitz 1981: 39-41). <?page no="116"?> 104 3 Die Sprachkompetenz Jean Calvins 2009: 2512-2513). Dies wird im Schriftbereich, in welchem die Standardisierung des Frankoprovenzalischen ebenfalls nie erfolgreich voranschreitet (vgl. Kristol 2015: 303), zunächst durch das Lateinische, später, spätestens seit dem 16. Jahrhundert, durch die „langue d’importation“ (Kristol 2016a: 179) Französisch geleistet. Zwar gewinnt das savoyard ebenfalls an Bedeutung in der Schriftproduktion, doch ist zunächst bis zum 14./ 15. Jahrhundert ein „quasi monopole“ (Skupien Dekens 2013b: 265) des Lateinischen zu beobachten 33 und danach, nach einem unmittelbaren Umbruch (vgl. Kristol 2016b: 179), insgesamt eine „sporadische“ und eher auf das Individuum zentrierte Schreibkultur, die den code graphique des Französischen wiedergibt (Kristol 2015: 304). Das Frankoprovenzalische nimmt im Distanzbereich eine schwache Stellung neben der, parallel zum Zuzug exilierter Franzosen, zunehmenden Verwendung des Französischen ein. Besonders anschaulich wird der politische Einfluss auf die Sprachwahl im direkten Vergleich Genfs mit Neuchâtel und Freiburg, welche beide im Spätmittelalter ihre Unabhängigkeit von Frankreich in Form einer Grafschaft sicherstellen können und so zunächst der Volkssprache Frankoprovenzalisch Vorrang verschaffen. Im 16. Jahrhundert ändert sich die Situation und das Französische gewinnt auch im Schriftbereich die Oberhand (vgl. Kristol 2009: 74; Skupien Dekens 2013b: 265). Ebenso verändert sich in engem Zusammenhang mit der reformatorischen Praxis die Situation in der Nähesprache. Der Schulunterricht und die Predigt, zwei Kernbereiche des öffentlichen Lebens, werden nun zunehmend auf Französisch abgehalten, sodass sich, wie Skupien Dekens (2013b: 269) schlussfolgert, auch der soziolinguistische Einflusskreis ändert und die breite Bevölkerung zunehmend erfasst wird. Dies bedeutet, dass sich die Sprecher in dieser Zeit neben ihrer frankoprovenzalischen Varietät auch aktiv eine französische Varietät aneignen. Die passive Beherrschung mag in einer diatopischen Perspektive von französischen Varietäten angrenzender Regionen wie der Franche-Comté beeinflusst worden sein, doch scheint es schlüssig anzunehmen, dass die aktive Aneignung durch die Scholarisierung stark von einer zentralfranzösischen Varietät geprägt wird. 34 Dieser Gedanke lehnt sich an die zweite Beobachtung von Skupien Dekens an, welche feststellt, dass die zuvor in einer Skripta Ostfrankreichs verfassten Dokumente nun immer häufiger Charakteristika der Schreibtradition Zentralfrankreichs, also der der Reformatoren, aufweisen. Die Stärke dieses Einflusses 33 Die starke Verankerung lateinischer Schreibkultur wird, wie auch in anderen Schreibzentren, durch die Nutzung des römischen Rechts sowie überregional ausgebildeter Angestellter begünstigt. Skupien Dekens (2013b: 265) verweist hier auf die Ausbildungsstätten Turin, Bologna und Südfrankreich. 34 Zu Recht weist Skupien Dekens (2013b: 273) darauf hin, dass „Nous ne savons rien des pratiques de la population, de ses réelles compétences linguistiques, outre le fait qu’il n’y avait apparemment aucun problème de compréhension“. Vgl. ferner Lusignan (2012: 15-43). <?page no="117"?> 3.1 Stationen in Calvins Biographie 105 und die Etablierung der zentralfranzösischen Schreibtradition, ausgeübt von einer „élite de la région“ lässt sich am stetigen Verschwinden von Regionalismen im Schriftfranzösischen erkennen (vgl. Skupien Dekens 2013b: 273). Daraus ist zu schließen, dass die lange Zeit weithin akzeptierte Auffassung, dass die romanischsprachige Schweiz der Konfession gemäß in einen Teil „urbaine et francophone, protestante“ und einen anderen Teil „plutôt rurale et patoissante, catholique“ eingeteilt werden könne, nicht haltbar ist (Kristol 2005: 151; vgl. Skupien Dekens 2013b: 263). Die linguistische Situation ist weitaus komplexer und als bestimmender Faktor für den sprachlichen und inhaltlichen Erfolg Calvins im frankophonen Raum verantwortlich. In Genf lässt sich im 16. Jahrhundert die Sprachausübung des Frankoprovenzalischen, Französischen, Italienischen und sogar Türkischen (sowie des Lateinischen im Unterricht höherer Bildungsstätten) nachweisen. 35 Es muss sich folglich nach der Bedeutung des Französischen in dieser multilingualen Umgebung, die sich bei einer Vielzahl von Sprecher: innen manifestierte, gefragt werden, und ebenso danach, wie stark externe Spracheinflüsse von den Genfern akzeptiert wurden. Die Akzeptanz der Bevölkerung muss hierbei eine zentrale Rolle spielen, sodass vielleicht sogar ein Innovationszentrum außerhalb der Grenzen des französischen Königreichs für die Sprache bilden kann. Um den möglichen Einfluss des Frankoprovenzalischen auf das Französische im Genf des 16. Jahrhunderts einschätzen zu können, scheint es konsequent, zunächst auf die Auswirkungen bei frankoprovenzalischen Sprecher: innen zu verweisen. Es ist anzunehmen, dass dieser Einfluss größer ist als bei einem französischen Exilanten, der Frankoprovenzalismen in sein Sprachrepertoire der L1 übernimmt. Kristol (2016b) untersucht in einem Beitrag das schriftliche Französisch einer zeitgenössischen Chronistin Calvins aus dem Genfer Raum, Jeanne de Jussie (*1503-†1561). 36 Er kommt zu dem Schluss, dass die Frankoprovenzalismen nicht „extrêment fréquents“ (vgl. Kristol 2016b: 186) sind. Dies zeigt wie im Fall von Neuchâtel, dass das Französische im Schriftgebrauch zu dieser Zeit bereits etabliert ist und als eigenständiges Sprachsystem im Schriftgebrauch anerkannt wird. Abweichungen in der Graphie offenbaren zwei Dinge, zum einen, dass der Text klar im „Modus der Schriftlichkeit“ gedacht wurde und zum anderen, dass einige Merkmale dennoch Aufschluss über die lokale Aussprache geben können (vgl. Kristol 2016b: 184-185). Im Fall von Jeanne de Jussie zeigt das Regionalfranzösische eine insgesamt weniger starke Markierung, wie es aufgrund der Präsenz der frankoprovenzalischen Nähesprache vielleicht erwartbar wäre. 35 Vgl. Scharinger (2018: 195) zum Verhältnis zwischen italienischer und türkischer Gemeinde. 36 Vgl. auch jüngst Kristol (2023: 230) zu Jeanne de Jussie und François Bonivard. <?page no="118"?> 106 3 Die Sprachkompetenz Jean Calvins Nicht nur in Genf war das Französische im Schriftbereich gut etabliert, ebenso gilt dies auch für das gut einhundert Kilometer nördlich gelegene Neuchâtel (vgl. Kristol 2023: 253-254). Der Zuzug studierter Reformatoren, Humanisten und Drucker aus Paris, Bourges, Orléans und der Picardie führt zwangsläufig dazu, dass etwaige Regionalismen sowohl des Frankoprovenzalischen, aber auch des ‘importierten’ Pikardischen, wie Kristol (2016b: 192) bemerkt, aus den Texten entfernt oder Schriftstücke gar nicht erst verlegt werden. Die zentralfranzösische bzw. Pariser Norm setzt sich zusammen mit der Bewegung auf dem Gebiet der romanischsprachigen Schweiz durch (vgl. Kristol 2023: 311-325). Jeanne de Jussie hatte nicht nur sehr gute Kenntnisse des Französischen im Schriftbereich, sondern es ist auch bekannt, dass sie über ausgeprägte Bibel- und damit einhergehend basale Lateinkenntnisse verfügte (vgl. Kristol 2016b: 181). Dieses Wissen ist auf die Schulbildung in Genf zurückzuführen (vgl. Kristol 2023: 232) und ebenso wie die Predigt ein Schlüsselelement im Erwerb des schriftlichen und nun auch des im 16. Jahrhundert gesprochenen Französischen (vgl. Skupien Dekens 2013b: 269). Die Alphabetisierung, solide Bibel- und Lateinkenntnisse sowie der Erwerb der zentralfranzösischen bzw. Pariser Varietät bieten einen idealen Nährboden für das reformatorische Wirken. Umso weniger verwundert es, dass die zum Zeitpunkt der Reformation seit etwa 80 Jahren in Neuchâtel existierende Schulausbilung einen hohen Stellenwert zur Vermittlung der christlichen Lehre bei den Genfer Reformatoren genießt (vgl. Marinoni 2013: 181-182). Die Auswahl guter Ausbilder ist daher entscheidend. Dies hat Farel, aber auch später Calvin erkannt, der seinen ehemaligen Lehrer Cordier in den Raum Genf holte. Marinoni (2013: 189, 196) konstatiert, dass das Französische mit der Schulausbildung „omniprésent“ wurde, dennoch stellt sich ihrer Argumentation zufolge eine Diglossiesituation zwischen dem zu Hause gesprochenen Frankoprovenzalischen und dem im Unterricht ausschließlich verwendeten Französischen ein. Sie begründet dies durch die in schriftlichen Abhandlungen fehlende Thematisierung etwaiger Verständigungsprobleme. Das ist nachvollziehbar, wenn die gesammelten Schriftzeugnisse in den Calvini Opera betrachtet werden. Nicht eine Textstelle konnte ich hier in Bezug auf das romand bzw. Frankoprovenzalische finden, jedoch einige zur Rolle der lingua gallica . Das Französische wird zweifelsfrei als Ausbildungssprache in der Vermittlung der lateinischen Sprache verwendet. So setzt Cordier dies in Les colloques um, einer Art lateinischem Lehrbuch mit fiktiven Dialogen. Das Ausbleiben von massiven Problemen in der Verständigung (vgl. Skupien Dekens 2013b: 273) zeigt, dass „les enfants apprenaient la langue de l’instituteur - proche de leur langue maternelle - de manière inconsciente“ (Marinoni 2013: 192). <?page no="119"?> 3.1 Stationen in Calvins Biographie 107 Der Ordre du collège de Genève (1559) vermittelt einen tiefgehenden Einblick in das höhere Schulwesen der damaligen Zeit (vgl. CO/ 10: 65-90). Insbesondere die Lehrpläne der siebten und sechsten Klasse, der hier ersten beiden absteigend angegebenen Lernjahre, zeigen das Verhältnis der Muttersprache zum Latein: LES LOIX PARTICULIERES DE LA VII. CLASSE. Qu’on y enseigne les enfans a cognoistre leurs lettres et a assembler les syllabes selon l’Abc Latin-françois: [...] et puis a lire couramment. En la fin qu’on les accoustume a prononcer en Latin, leur baillant pour patron le Catechisme Latin-françois. Que ceulx qui seront en aage, commencent aussi d’apprendre a escrire. Les loix de la sixième classe. Qu’on y enseigne es six premiers mois de l’an les premiers rudimens des declinaisons et coniugaisons, en la plus grande simplicité que faire se pourra. En l’autre demi an qu’il se face declaration rude et familiere de toutes les parties d’oraison, avec leurs accessoires, comparant tousiours le François avec le Latin: et conioignant les exercitations pueriles de la langue Latine. Que les enfans soyent avancez et confermez a bien former leurs lettres, et soyent aussi duits et accoustumez a parler Latin. (CO/ 10: 76-77) Während im ersten Jahr der lateinische Spracherwerb in Lesen und Aussprache im Abgleich mit der französischen Muttersprache ansteht, werden im zweiten Jahr die ersten Nominal- und Verbalkategorien der Grammatik vermittelt. Auch hier gilt es, das Gelernte mit dem Französischen stetig zu vergleichen. In den nachfolgenden Lernjahren wird sukzessive in die Syntax eingeführt, zunächst mit den Eklogen Vergils, später mit umgangssprachlichen Briefen Ciceros. Daraufhin folgt noch in der vierten Klasse die Einführung in das Griechische, dessen Grammatik in der dritten Klasse vertieft wird und mit dem Latein abgeglichen werden soll. In der zweiten Klasse steht die Geschichte der Antike auf Latein (Livius) und Griechisch (Xenophon, Polybios, Herodian) an sowie die Erlernung dialektischer Argumentationsstrukturen. Am Ende der Ausbildung am collège , in der ersten Klasse, steht die Lehre von der Ausschmückung der Sprache sowie die Übung des individuellen Stils eines jeden Schülers. Es ist dezidiert festzuhalten, dass das Französische nicht vernachlässigt wird, indem es vor allem in den unteren Schuljahren kommunikative Stütze des Fremdsprachenunterrichts ist. Darüber hinaus ist der Lehrplan sowohl auf Französisch als auch auf Latein abgefasst. Dies untermauert den gleichwertigen Status der beiden Sprachen in der Ausbildung. Zwar geht es im collège um besonders gute Fremdsprachenkenntnisse und auch Calvins Textarbeit zeugt von einem unbedingten, humanistischen Willen zu sprachlicher Eleganz, doch ist es auch für Calvin bezeichnend, dass er als Protestant Imperfektion akzeptiert. In einer Predigt geht er auf den natürlichen <?page no="120"?> 108 3 Die Sprachkompetenz Jean Calvins Sprachgebrauch ein, wie er einem von Gott gegeben werde und der sich auch im Schriftgebrauch abzeichnen dürfe: Quant à ce que sainct Matthieu exprime, qu’il a ouvert sa bouche , c’est une façon de parler de la langue Hebraique. Vray est qu’il n’a pas escrit en Hebrieu, comme on le peut facilement iuger: mais combien que tous ayent escrit en Grec, si est-ce qu’ils ont tousiours retenu le naturel de leur langue. Et on verra cela en toutes autres nations. Car si un François ou un Allemand n’est pas fort stylé en la langue Latine, tousiours il aura des traits de ce qu’il a apprins en son enfance: et Dieu a voulu qu’ainsi fust, afin que nous sceussions à la vérité que ceci n’a point este escrit par gens estranges: mais par ceux qui avoyent este nourris au pays, qui estoyent gens rudes et idiots, et qui ne sçavoyent rien plus que leur langue, et ce que leurs mères ou nourrices leur avoyent appris: c’est à dire qui n’avoyent point este en quelques escholes subtiles pour apprendre hautes sciences. Par ainsi c’est autant comme s’il estoit dit que nostre Seigneur Iesus Christ a commencé de parler. (CO/ 2: 773) Die sich in mangelnder Fremdsprachenkompetenz offenbarenden Fehler spiegelten ohnehin nur wider, was man in der Kindheit als Sprache erworben habe, ohne dass man weiterführende Schulen besucht habe. Die Muttersprache, im wortwörtlichen Sinne, sei nicht verwerflich, denn so argumentiert Calvin mit Bezug auf die Bibel, habe auf diese Weise auch Christus sprechen gelernt. Das Französische in Genf genießt einen exzellenten Ruf in den nicht französischsprachigen Gebieten des Protestantismus. Dies bringt unter anderem ein Brief Sevenus’ an Calvin zum Vorschein (vgl. CO/ 12: 447-448), der die qualitativ hochwertige Konzeption des Schulwesens bestätigt. Diese Tragweite darf nicht verkannt werden, denn Poulain de la Barre berichtet, dass die Schüler bis aus England, Polen, Deutschland und sogar aus Dänemark und Schweden kommen, um Französisch zu lernen. Kristol (2019: 124) wagt die Vermutung anzustellen, dass „la norme du ‚bon français‘ a été propagée dans toute l’Europe protestante depuis Genève“. Zwar lässt sich an dieser Stelle kein exakter Nachweis führen, doch ist das gezeichnete Bild, wie weit das Werk Calvins in der frankophonen, protestantischen Welt rezipiert worden sein muss, eindrucksvoll. Das Französische wird erst in der Schule von Kindern, die Frankoprovenzalisch als L1 erwerben, erlernt. Die Unterrichtssprache ist Französisch (vgl. Marinoni 2013: 189), also nicht mehr Latein, wie es noch einst in Calvins Schulausbildung der Fall war und wohl im Pariser Raum auch blieb. Es war für die Reformatoren keine Frage, in welche Sprache die Bibel zu übersetzen war: nicht in das Frankoprovenzalische, sondern in das Französische. Erneut wird die im Nähebereich dominante, als L1 erworbene Varietät von einer Prestigesprache verdrängt, die einen höheren Ausbaugrad aufweist. Wie Marinoni (2013: 189) zu Recht bemerkt, ist die Durchsetzung des Französischen widersprüchlich zum <?page no="121"?> 3.1 Stationen in Calvins Biographie 109 Gedanken, dass die Reformation eigentlich in der Sprache des Volkes die Heilige Schrift lesen will. Demnach wäre eine frankoprovenzalische Übersetzung der Bibel zu erwarten gewesen. Dies relativiert sich vor dem Hintergrund, dass 1542, nur sieben Jahre nach dem Zeitpunkt der Veröffentlichung, immer mehr Franzosen in Genf Exil suchen (vgl. Perrenoud 1979: 1979) und das Französische im Distanzbereich bereits etabliert ist. Der Zuzug bringt freilich auch die Notwendigkeit mit sich, die Kinder französischsprachiger Eltern zu unterrichten, sodass unter der ‘langue du peuple’ eindeutig das Französische zu verstehen ist. Der Übersetzer, Olivétan, ist der Cousin Calvins und ebenso in der Pikardie aufgewachsen. Eine frankoprovenzalische Übersetzung wäre für ihn gar nicht möglich und auch nicht im Sinne der Genfer Reformatoren, die das Französische zur Prestige- und Kommunikationssprache ihrer Sprachgemeinschaft erheben. 37 Burdy (2018) macht zahlreiche regionale Formen und Zeugnisse des frankoprovenzalischen Einflusses in den spontansprachlichen Mitschriften der Genfer Notare aus. Jedoch beschränkt sich dies nur auf den spontanen Gebrauch, denn jegliche schriftsprachlichen Erzeugnisse, die in reflektierter Art und Weise verfasst werden, lassen diesen Einfluss vermissen. Ebenso finden sich beispielsweise in den der Nähesprache näheren sermons von Calvin keine Einflüsse. Wie für Neuchâtel bereits festgestellt, etabliert sich in der gesprochenen Sprache eine Diglossie mit der low-variety frankoprovenzalischer Varietäten und der high-variety eines Französisch aus Zentralfrankreich. 38 Ohne Zweifel dominiert in der Schriftlichkeit hingegen bereits das Französische der Humanisten und Reformatoren. Calvin findet bei seiner Ankunft in Genf eine Stadt im reformatorischen Umbruch, für die Farel eine Person mit viel organisatorischem und kommunikativem Geschick benötigt. Calvin stabilisiert Genf und etabliert eine Ordnung nach seinen eigenen Vorstellungen. Das Consistoire de Genève wird gleich bei seiner Rückkehr 1541 eingerichtet und dient der „sittliche[n] Überwachung der Gemeindemitglieder sowie [der] Unterdrückung des alten Glaubens“ (Burdy 2018: 368). Die politischen Umstände in Frankreich begünstigen die Verbreitung der französischen Sprache in Genf wie Smith (1993: 43) argumentiert. Das Wirken Calvins und Farels zog derart viele Franzosen an, dass mancher Autor die 37 Vgl. zur Bibelübersetzung Olivétans und der Sprachwahlfrage Millet (1992: 778): „Mais Olivétan, qui mentionne ces deux auteurs (ibidem), s’appuie sur Sylvius aussi bien que sur Bovelles lorsqu’il insiste sur l’irrégularité du français (état de fait également reconnu par le premier), ce qui ne l’empêche pas de s’être lancé dans l’entreprise d’une Bible française accessible à tous, Vaudois des vallées alpines (parlant un dialecte franco-provençal) qui l’avaient commanditée et lecteurs francophones en général. Ses déclarations sont donc à prendre également comme une possible précaution vis-à-vis de ses ‚clients‘ vaudois, qui voulaient une Bible française“. 38 Vgl. Fishman (1967: 30) zur Erweiterung des Diglossie-Begriffs nach Ferguson (1959). <?page no="122"?> 110 3 Die Sprachkompetenz Jean Calvins Metapher von sich vermehrenden Mäusen in einer Scheune aufführt oder von einer wahren Flut an Ankömmlingen spricht (vgl. Perrenoud 1979: 40-42). Die erste Welle an Flüchtlingen in den Jahren zwischen 1550 und 1560 war besonders stark und verdoppelte die Einwohnerzahl Genfs auf 22.400 Menschen. Interessant ist, dass es danach, noch vor dem Eintreffen der Pest (1568), laut Perrenoud zu einem stärkeren Rückgang kommt. Es liegt nahe, dass mit dem Ableben Calvins am 27. Mai 1564 eine tiefgreifende Zäsur im reformatorisch-gesellschaftlichen Leben Genfs eintritt und die reformatorische Strahlkraft darunter leidet. Insgesamt lässt sich für 1541, dem Jahr der Rückkehr Calvins nach Genf und zugleich Veröffentlichungsjahr der französischen Übersetzung der Institution sagen, dass das Französische Zentralfrankreichs den Schriftbereich dominiert, Frankoprovenzalismen vereinzelt (bei frankoprovenzalischen Schreibern) zu verzeichnen sind und im Nähebereich die Domänen der Predigt und des Schulwesens vom Französischen dominiert werden. 39 Das schriftliche Französisch bildet dann ab dem 17. Jahrhundert die „Grundlage des gesprochenen Regionalfranzösisch“ (Burdy 2018: 377). Neben Paris und Lyon ist Genf eine wichtige Metropole des Buchdrucks. 40 Gerade mehrsprachige Wörterbücher und Werke von exilierten Protestanten wie Henri Estienne und eben Jean Calvin lassen sich hier vermehrt finden. 41 An dieser Stelle sei die Rolle der Drucker hervorgehoben, die zum Teil ihre ganz eigenen, humanistischen Vorstellungen eines bon français umzusetzen gedenken und beispielsweise pikardische Elemente aus Calvins Texten entfernen: Or, tout comme les imprimeurs parisiens installés à Genève au XVI e siècle (Robert Estienne en tête) censuraient les régionalismes picards de la langue de Calvin et empêchaient que les auteurs locaux - tels que l’humaniste François Bonivard - soient publiés, on sait qu’au XX e siècle encore, de nombreux auteurs de France, de Na- 39 In der nähesprachlichen Diglossiesituation zwischen den frankoprovenzalischen Varietäten und dem sich etablierenden Französisch Zentral- und Nordfrankreichs sind sprachliche Interferenzen anzunehmen, wie sie auch in der italienischen Gemeinschaft zu beobachten sind. Scharinger (2018) verweist darauf, dass der Einfluss der italienischen Gemeinschaft in Genf derart groß ist, dass diese eine Art françois italianizé sprechen. Mit der Durchsetzung des Französischen geht ein zunehmender Rückgang diatopisch markierter Formen einher (vgl. auch Varet 2012: 110). 40 Vgl. hierzu Engammare (2015a: 361-365): Von 1536 bis etwa 1550 verlegte Jean Girard in Genf „quasiment seul toute la production réformée genevoise“ (361). Anschließend setzten sich die Pariser Drucker Crespin, Badius und Estienne durch und verwarfen teils die zuvor eingeführten orthographischen Innovationen (349). 41 Henri Estienne ging wie sein Vater nach Genf ins Exil (1551 Paris verlassen; bis 1579), wo er sich „am längsten aufhielt“ (Scharinger 2018: 188, 193). „Auffällig sei im Übrigen, dass die [polyglotten] Wörterbücher insbesondere in solchen Gegenden entstanden (Genf, Lyon, Paris), in denen zahlreiche italienische Immigranten, meist verfolgte Protestanten, anzutreffen waren“ (Scharinger 2018: 45). <?page no="123"?> 3.2 Calvins Arbeit an der Institution 111 varre (et de Suisse romande) se sont fait corriger par leurs imprimeurs lorsqu’ils osaient utiliser des termes régionaux non conformes à l’idéal mythique d’un français « parisien » invariable ... (Kristol 2016b: 192) Es konnte festgestellt werden, dass frankoprovenzalische Transfer-Einflüsse bei einem französischen Schreiber eher unwahrscheinlich sind. Die Untersuchungen von Burdy (2018) sowie Kristol (2016b, 2023) belegen einige Frankoprovenzalismen bei Schreibern aus Genf, die überwiegend im Bereich des Lexikons zu verorten sind und weniger im Bereich der Syntax. Beide führen einige wenige verbalmorphologische Beobachtungen auf. Am ehesten lässt sich bei Jeanne de Jussie die fehlende Unterscheidung zwischen comme und comment anführen, die jedoch bei Calvin reibungslos funktioniert. Es ist also von Bedeutung, die Sprecher nach ihrer L1 zu unterscheiden, um etwaigen Einfluss, wenngleich er gering sein mag, im Genf des 16. Jahrhunderts ausmachen zu können. Analog hierzu bietet es sich an, bei Olivétan, Calvin etc. nach Pikardismen in ihrem französischen Schriftgebrauch zu suchen, wenngleich sie bei Calvin eher spärlich auftreten. 3.2 Calvins Arbeit an der Institution In seiner Zeit in Genf ist Calvin sowohl ein sehr produktiver Redner, der eine große Anzahl an Predigten 42 hinterlässt, als auch ein für die damalige Zeit außergewöhnlich produktiver und zügig 43 arbeitender Autor und Übersetzer theologischer Traktate und Kommentare. 44 Hiervon unterscheidet sich sein Hauptwerk, die Institution de la religion chrestienne (1541), in struktureller, inhaltlicher und sprachlicher Hinsicht substanziell. Die französische Übersetzung, die auf der lateinischen Fassung 1536 bzw. 1539 fußt, wird von dem Reformator über Jahre seines Wirkens in Genf hinaus stetig im Detail, aber auch in größeren Abschnitten teils stark überarbeitet. So sind heute über 27 überlieferte Ausgaben verfügbar, die 42 Greef (2008: 93-100) gibt einen hilfreichen Überblick über nicht-überlieferte sowie überlieferte Predigten von Calvin: darunter sind u. a. in den Calvini Opera 874 Predigten, davon 107 in Latein und 670 Predigten in den Supplementa . Dies sind also allein bereits über 1.500 Predigten, die über die Calvini Opera zugänglich sind. Higman (2004) errechnet auf Basis der Wirkjahre Calvins eine sehr hohe Zahl. Selderhuis (2009: 158-159) geht davon aus, dass etwa 2.300 der rund 5.000 von Calvin gehaltenen Predigten von einer Gruppe um den Protokollanten Denis Raguenier mitgeschrieben wurden. Vgl. hierzu Kap. 5.2.1. 43 Gilmont (1997: 169) errechnet aus einer Angabe Calvins, dass dieser etwa 2.000 Wörter pro Tag verfasste. An anderer Stelle macht sich Calvin gar lustig über die langsamen Übersetzungen mancher Zeitgenossen. Vgl. Gilmont für die Originaltextstellen. 44 Vgl. für eine Textübersicht Greef (2008: 233-237) sowie Gilmont (1997: 371-373). <?page no="124"?> 112 3 Die Sprachkompetenz Jean Calvins ein markantes Zeugnis der Schaffenskraft Calvins in seiner zweiten Lebenshälfte darstellen. 45 Für den Humanisten Calvin ist es in den 1530er Jahren eine Selbstverständlichkeit, sein reformatorisches Hauptwerk für ein gelehrtes Publikum zunächst in Latein zu schreiben. Die anschließende Übersetzung für eine weniger gebildete Leserschaft positioniert sich in einem spezifischen Kontext protestantischhumanistischer Übersetzungspraxis, die in Kap. 3.2.1 beleuchtet wird, bevor in Abschnitt 3.2.2 die vielfältigen, häufig älteren Aussagen zu Calvins Sprachstil zusammengetragen werden, die einen ersten Eindruck der Stärke der Latinisierung in der französischen Fassung der Institution geben. Die Zielleserschaft steht zweifellos im Mittelpunkt der Sprachwahlfrage zum Zeitpunkt der Abfassung der lateinischen Ausgabe im Jahr 1539 (LT1539) und der französischen im Jahr 1541 (FR1541). Inwiefern sich hier eine Änderung vollzieht, wird Gegenstand des Kap. 3.2.3 sein. 3.2.1 Theologische Texte in der Übersetzungspraxis des 16. Jahrhunderts Die Betrachtung und Analyse syntaktischer Transferkonstruktionen in einer Sprachkontaktsituation erfordert die Berücksichtigung der zugrunde liegenden Textsorte. Dies gilt insbesondere für das 16. Jahrhundert, als bestimmte Textsorten in den Vernakularsprachen erstmalig verwendet werden und dem Sprachausbau weiter Vorschub leisten. Um mit Kabatek zu sprechen, gilt es also die Interferenzerscheinungen „textspezifisch“ einzuordnen und typische Elemente der jeweiligen Kontaktsituation zu identifizieren. Syntaktische Transfers geschehen nicht in jedem Text in gleicher Intensität und nicht zu jeder Zeit in der diachronen Sprachentwicklung. Auch ist es wichtig zu sehen, dass die „Ausbreitung textspezifischer Elemente innerhalb einer historischen Sprache [...] durch erneute, ‚innersprachliche‘ Interferenz und Wandel und [...] auch ohne neuen Kontakt zur ursprünglichen Gebersprache [...], also indirekt zustande kommen“ kann (Kabatek 1996: 20-21). Dies ließe sich in Übersetzungen besonders gut identifizieren und unter Umständen auch plausibel vertreten. Nun steht mit Calvins Institution ein singuläres Textzeugnis seiner Zeit zur Verfügung. Bei dem Werk handelt es sich um einen theologischen Leitfaden zum Praktizieren der reformierten christlichen Religion, welcher einen sehr großen Umfang aufweist und damit jeden traicté seiner Zeit in den Schatten stellt. Insgesamt vier Bände veröffentlicht Calvin in der letzten Ausgabe dieses Werkes. Inhaltlich hat der Text die Bibel als Referenzwerk im Blick, auf die im 45 Vgl. Kap. 5.1 zum Aufbau und der Druckbzw. Editionsgeschichte. <?page no="125"?> 3.2 Calvins Arbeit an der Institution 113 Druck in wissenschaftsähnlicher Praxis in glossierten Kurzverweisen auf das Neue oder Alte Testament hingewiesen wird. Ergänzt werden die Bibelstellen um Verweise auf die Kirchenväter. Calvin übersetzt sein Werk regelmäßig (zwischen 1541 und 1560) in die französische Volkssprache und überarbeitet es stetig in seiner Genfer Zeit über zwei Jahrzehnte hinweg. Als solches ist die Institution als umfangreiche und fortwährend überarbeitete Selbstübersetzung also einzigartig. Da das Werk dem theologisch-reformatorischen Bereich zuzuschreiben ist, lohnt sich ein Blick auf die Entwicklung der Bibel(übersetzungen) im Frankreich des 16. Jahrhunderts, die einige Parallelen zur Institution offenbart. 46 Zunächst einmal ist der Rezipientenkreis ähnlich, wie auch das nachfolgende Kapitel zur Zielleserschaft (vgl. 3.2.3) aufzeigt. Auch ist es auffällig, dass zwei wichtige Übersetzer der Bibel ebenso wie Calvin aus der Pikardie stammen. Zum einen handelt es sich um Jacques Lefèvre d’Étaples (lt. Faber Stapulensis, ca. *1455-†1536), ebenfalls einen Humanisten, der als Erster 1530 eine französische, bis dahin noch katholisch orientierte Übersetzung der Bibel, basierend auf der lateinischen Vulgata, vorlegt (vgl. Bedouelle 1982; Kunze 1935: 10-11; Raeder 4 2007). Zum anderen beeinflusst diese Übersetzung maßgeblich die Übersetzungsarbeit anderer Reformatoren. Zum Beispiel zieht Calvins Cousin Pierre Robert Olivétan (*1505-†1538, vgl. Engammare 2009; Raeder 4 2007) als Übersetzungsgrundlage griechische und hebräische Vorlagen heran (vgl. Rickard 1968: 9). 47 Die 1535 bei Pierre de Zingle (ebenfalls Pikarde) in Serrières bei Neuchâtel erschienene erste protestantische Bibel wurde zum Grundlagenwerk. Calvin verfasste für Olivétans Bibelübersetzung nicht nur das Vorwort, sondern betreute auch eine zweite Auflage, die 1540 in Genf publizierte wurde (vgl. Greef 2008: 42; Rickard 1968: 9). Sie zeugt laut Brunot von „qualités merveilleuses de clarté“ (Brunot [1906] 3 1947: 21), die er der „influence directrice“ Calvins zuschreibt. Hervorzuheben ist die Klarheit als ein Charakteristikum, das Calvin bereits in Bezug auf die Struktur seiner Predigten und im Kommentar zu Seneca zugeschrieben wird. 48 46 Für einen literaturwissenschaftlichen, historischen bzw. theologischen Blick auf die Sprache in der Bibel vgl. den Sammelband La Bible de 1500 à 1535 (Dahan/ Noblesse-Rocher 2018), insbesondere die Aufsätze Millets und Noblesse-Rochers zu Olivétan und Übersetzung. 47 So standen die Humanisten vor der Wahl, die mittelalterliche Vulgata, selbst eine Übersetzung aus dem Griechischen (vgl. Brunhölzl 2020), auf drei Arten zu behandeln: Überarbeitung der ältesten lt. Handschriften, Verbesserung mithilfe der griechischen und hebräischen Ursprungstexte oder eine komplette Neuübersetzung auf Basis eben dieser ursprünglich entstandenen Texte (vgl. Eskhult 2012: 169). 48 Doumergue (1899: 121) widerspricht dem nicht, wenn er den sprachlichen Stil Olivétans eher an Rabelais als an Calvin orientiert sieht: „Et déjà, dans cette modestie même, d’une sincérité si touchante, la Bible de 1535 nous révèle cet humour naïf, qui a fait d’Olivétan un des fondateurs de la langue française, entre Rabelais et Calvin, plus près de Rabelais pour le style, plus près de Calvin pour la pensée“. <?page no="126"?> 114 3 Die Sprachkompetenz Jean Calvins Brunot weist zudem auf den Umstand hin, dass nicht das Frankoprovenzalische für die Übersetzung gewählt wird, sondern weil der Übersetzer den erforderlichen Weitblick habe, eben das Französische (vgl. Brunot [1906] 3 1947: 21). Mit Rückblick auf Kapitel 3.1.4 ließe sich sogar sagen, dass Calvin das vorhandene Potential des aktuellen französischen Sprachzustands in Genf erkennt und weiter ausbaut. An einer anderen Stelle gibt Brunot eine Einschätzung des Einflusses, der vom Latein ausgeht, aber auch der Notwendigkeit der Übersetzer, vor allem Olivétan und Castellion, sich hiervon loszusagen und volkssprachliche Lexeme zum Ausdruck reformatorischer Ideen zu verwenden (vgl. Brunot [1906] 3 1947: 218). Sébastien Castellion bzw. Sebastian Castellio (*1515-†1563), zu dessen Sprache eine umfassende Studie von Skupien Dekens (2009) vorliegt, gilt als Widersacher Calvins. 49 Seine Wortwahl, die jegliche Latinismen meidet, zeugt von einem volksnahen und innovativen Sprachstil. 50 Im 16. Jahrhundert ist es üblich, dass die Übersetzer ihre Leitmotive beim Überführen der Quellsprache in die Zielsprache in einem Vorwort kurz darlegen. Besonders bezeichnend für die starke Auseinandersetzung mit dem Quelltext, der sich die Übersetzer aussetzen, ist folgender Passus aus dem Vorwort von Castellions Bibel: Ego operam dedi, ut fidelis et latina, et perspica esset haec translatio, quoad ejus fieri posset, ne quem deinceps orationis obscuritas, aut horriditas, aut etiam interpretationis infidelitas, ab horum librorum lectione revocaret. Sed perspicuitatis et fidelitatis potissimam reationem duximus. Nam quod ad latinitatem attinet, est oratio nihil aliud quam rei quaedam quasi vestis, et nos sartores sumus. 51 (Castellion, in Anonymus 2013: 434) Castellion plädiert für eine treue und klare Übersetzung gemäß humanistischer Ideale, jedoch betrachtet er das Lateinische als flexibles Material, welches während des Übersetzungsprozesses geformt werden kann. Die Trennung beider Sprachen sieht Castellion, Skupien Dekens zufolge, eher konservativ, da sie eine 49 Vgl. für einen kurzen Abriss zu Castellions Leben den Eintrag im HLS von Guggisberg (2003). Das bewegte Leben Castellions gab in der Vergangenheit auch in der Prosaliteratur Anlass zur Verarbeitung, vgl. hierzu Zweig ([1936] 16 2012). 50 Vgl. Brunot ([1906] 3 1947: 218): „Castellion est allé plus loin encore, traduisant tout, inventant, quand les mots vulgaires lui manquaient, des termes nouveaux, mais français ceux-là, dont il est obligé de donner la liste en appendice, ne craignant pas de parler de rogner les cœurs et d’appeler la cène du Seigneur un souper “. 51 Vgl. die französische Übersetzung von Gomez-Géraud (2007: 3): „[J]’ai mené le travail en sorte que cette traduction soit fidèle, en bon latin et limpide, autant qu’il est possible, afin que l’obscurité du discours, sa rudesse ou même une interprétation infidèle ne viennent détourner de la lecture de ces livres. Mais c’est surtout à la clarté et à la fidélité que nous avons songé. En effet, pour ce qui concerne le beau latin, le discours n’est rien d’autre, en quelque sorte, qu’un vêtement, et nous sommes les tailleurs“. <?page no="127"?> 3.2 Calvins Arbeit an der Institution 115 „diglossie traditionelle“ beinhaltet „qui voit dans le français une langue avant tout populaire, coexistant avec les langues anciennes, pour les érudits“ (Skupien Dekens 2009: 105). Da Castellion, selbst Sohn eines Bauern aus Savoyen, für ein einfaches Publikum schreibt, meidet er konsequent gelehrte Wörter und Konstruktionen im Französischen oder passt sie in ihrer Schreibung an (vgl. Skupien Dekens 2009: 105). Im Lateinischen hingegen weiß Castellion sich an Cicero in Stil und Sprache zu orientieren und untermauert, dass er beides voneinander getrennt beherrsche (vgl. Eskhult 2012: 180; Skupien Dekens 2009: 136). Somit ist festzuhalten, dass bei der Entstehung französischer Texte, unabhängig davon, ob es sich um eine Übersetzung handelt, der Einfluss der lateinischen Sprache je nach humanistischem Schwerpunkt eines Schreibers differiert. Die Übersetzung ist insofern maßgeblich, als dass der Quelltext ein breites Repertoire an textspezifischen Lexemen und Konstruktionen zur Verfügung stellt, aus welchem der Übersetzer in Form von Transfers schöpfen kann, aber eben, wie bei Castellion zu sehen ist, nicht muss (vgl. Gomez-Géraud 2007: 2). Ein bestimmender Faktor dieser „double nature“ ist die Zielleserschaft. Da das Textgenre in dieser Zeit noch neu ist, entsteht nicht nur die Notwendigkeit, den Sinn der quellsprachlichen Wörter und Konstruktionen zu übertragen, sondern auch das Verständnis des Lesers nicht zu verlieren (vgl. Gomez-Géraud 2007: 5). Es ist ein schmaler Grat, auf dem sich Autoren und Übersetzer wie Calvin befinden, wenn sie mit zwei Sprachenrepertoires an einem Text arbeiten. Andere wiederum, wie Castellion, trennen klar beides voneinander, um nicht den Wortlaut Opfer einer Missinterpretation werden zu lassen. Der grundlegende Bezug zur Olivétan-Bibel in Calvins Hauptwerk ist bereits deutlich geworden, denn Bogaert spricht sogar vom „Rückgrat reformierter Übersetzungen“ (Bogaert 1991: 249). Doch keine der französischen Bibelübersetzungen erlangt in den französischsprachigen Gebieten den gleichen Einfluss und die historische Bedeutung wie Luthers Bibel (1534) im deutschsprachigen Raum (vgl. Bogaert 1991: 249; Schreiber 2015: 698). 52 Das bestimmende reformatorische Werk auf Französisch ist Calvins Institution de la religion chrestienne , da es die Lesart der Heiligen Schrift vorgibt und den Leser im Praktizieren der christlichen Religion unterrichtet. Da es im Umfang weit größer als ein gewöhnlicher Katechismus ist, hat es singulären Charakter. Zwischen der Institution und den Arbeiten Luthers besteht laut Selderhuis (2017: 401, 409) eine zweifelsohne 52 Vgl. Seyferth (2011: 2385): „‚Die Übersetzungsleistung Luthers wird mit Recht als bedeutsame Tat gefeiert [...], weil die deutsche Bibel nicht ein sprachliches Kunstwerk blieb, sondern zum Volksbuch wurde. [...]‘ (Oberman 1987, 317) Wie ambitioniert Luther lebenslang an Übersetzungsformulierungen redigierte, zeigen Untersuchungen zu sprachlichen Varianzen innerhalb von vier ausgewählten Bearbeitungsstufen in Luthers Römerbriefübersetzungen“. <?page no="128"?> 116 3 Die Sprachkompetenz Jean Calvins enge inhaltliche Verknüpfung, die sich dem Laien nicht sofort aufdrängt und nur indirekt erschlossen werden kann. Obwohl zwischen Calvin und Luther 26 Jahre Altersunterschied liegen, sie beide die Muttersprache des anderen jeweils nicht sprechen (jedoch über die gelehrte Verkehrrsprache Latein kommunizieren könnten) und sich nie in Person begegnet sind, wussten die beiden Reformatoren voneinander. Mehr noch, Calvin studiert die Arbeiten Luthers intensiv und schätzt seine Ansichten, auch wenn er sich bezüglich des sich in der Sprache ausdrückenden Temperaments Luthers kritisch äußert (vgl. Selderhuis 2017: 401-407). Und auch umgekehrt ist in mindestens sieben Fällen eine direkte, wohlwollende Äußerung Luthers über Calvin und vor allem seiner zweiten Ausgabe der Institutio (in einem Brief vom 14. Oktober 1539 kurz nach der Veröffentlichung) bekannt (vgl. Selderhuis 2017: 402). Der Einfluss Luthers auf Calvin ist nicht zu unterschätzen und so geht es, wie Selderhuis schlussfolgert, zum einen Calvin keinesfalls um eine simple Nachahmung, sondern um eine sinnvolle Weiterentwicklung der reformatorischen Idee, und zum anderen um die Erkennung der Tragweite, die Luthers Lehre durch eine weltweit zu beobachtende calvinistische Bewegung in der Zeit danach erfährt (vgl. Selderhuis 2017: 415). Martin Luthers Arbeit, der eben aus dem Aramäischen (Altes Testament) und Altgriechischen (Neues Testament) seine frühneuhochdeutsche Version der Bibel übersetzte, ist ein interessantes und, wie oben gesehen, einflussreiches zeitgenössisches Beispiel, um Rückschlüsse auf die Übersetzungspraxis bei Calvin ziehen zu können. Seyferth (2011) hat sich intensiv mit der Übersetzungspraxis Luthers beschäftigt. Bezüglich der beleuchteten Übersetzungsprinzipien für das Französische im 16. Jahrhundert stellt er bei Luther eine gleichmäßige Verwendung dreier Methoden fest: „die wortnahe, die sinngemäße und die umschreibende und [er] wählt der theologischen Semantik entsprechend jeweils die ihm adäquat erscheinende bewußt aus“ (Seyferth 2011: 2386). Trotz der Bevorzugung der nicht wortnahen Methode durch die Humanisten des 16. Jahrhunderts scheint es einleuchtend, im Einklang mit dem Original anzunehmen, dass es in solch langen Texten wie der Bibelübersetzung oder auch der Institution von Calvin zur Anwendung aller drei Methoden kommt. Allerdings ließe sich die Hypothese formulieren, dass Calvin sich in französisch-humanistischer Tradition einer sinngemäßen, aber durch seine akribische, theologische Arbeit mit dem Wort Gottes dennoch einer wortnahen Übersetzungsmethode mehrheitlich verschreibt. Ähnlich wie Calvin überarbeitete Luther „ambitioniert“ und „lebenslang“ (Seyferth 2011: 2385) seine Übersetzungsformulierungen. Der Wunsch nach Perfektion des Inhalts schlägt sich sprachlich nieder, denn so stellt Seyferth (2011: 2385) außerdem fest, dass „[b]eide späten Versionen (1534/ 45) [...] im Gegensatz zu den Frühbearbeitungen vorrangig im Syntaxbereich häufig sprachökonomischer <?page no="129"?> 3.2 Calvins Arbeit an der Institution 117 gestaltet [sind], indem redundante Lexeme ausgelassen sind“. Auch hier muss die Arbeitshypothese lauten, dass eine verstärkte Sprachökonomie im Werk Calvins syntaktisch nachzuweisen ist. Es verwundert daher nicht, dass beide Autoren als maßgebliche Einflussgrößen der Sprachentwicklung ihrer Zeit betrachtet werden. 53 Am Beispiel Luthers weist Seyferth im Übrigen nach, dass jener in nicht unerheblichem Maße von den lateinischen Texten Erasmus’ beeinflusst wird. Dies streicht erneut heraus, wie wichtig es ist, Kenntnis über das individuelle Wissensrepertoire eines Übersetzers zu haben. Außerdem zeigt sich durch diesen Vergleich mit Luther, dass die Übersetzungspraxis ähnlichen Motiven folgt, die einem übergeordneten gemeinsamen Einfluss zuzuordnen sind, nämlich dem Humanismus. Denn da der jüngere Calvin kein Deutsch beherrscht und der ältere Luther kein Französisch, ist es ausgeschlossen, dass eine Imitation des Übersetzungs- und Überarbeitungsstils vorliegt. Es ist daher anzunehmen, dass Calvins Motivation zur Textüberarbeitung unter anderem in der sorgfältigen (humanistischen) Ausarbeitung des Kommentars zu Senecas Schrift begründet liegt. Ein weiterer Aspekt darf nicht außer Acht gelassen werden, der ein erhöhtes Aufkommen von Latinismen bei Calvin erwarten lässt: die Selbstübersetzung Calvins lässt einen weit größeren Gestaltungsspielraum zum Transfer quellsprachlicher Konstruktionen zu als die Übersetzung eines fremden Textes. Die Auflagenstärke der Institution ist nicht genau bekannt, jedoch muss der schätzbare Rezipientenkreis, mit dem Calvin weite Teile der frankophonen Gesellschaft erreichen konnte, beachtlich sein. Ein Vergleichspunkt ist die 1562 nach Frankreich versandte Psalmenauflage von Marot und Bèze mit 27.000 Exemplaren (Greef 2008: 115). Auch vor dem Hintergrund der zügig vergriffenen ersten lateinischen Ausgabe der Institutio (1536, vgl. Greef 2008: 9, 184), der vielen, teilweise stark überarbeiteten Auflagen sowie der zahlreichen Übersetzungen, die zu Lebzeiten und postum erschienen sind, lässt sich ein umfassender Eindruck gewinnen. Dies zeigt in welcher bereits zu Lebzeiten sprach- und länderübergreifenden Bandbreite das Werk Calvins angenommen wurde (vgl. Kap. 5.1). Bevor dieses Unterkapitel zur Übersetzungspraxis theologischer Texte abgeschlossen wird, werden Motive präsentiert, die aus der Sicht von Calvin die Übersetzung in die französische Volkssprache unabdingbar machen. An mehreren Stellen der in den Calvini Opera festgehaltenen Briefkorrespondenzen oder Vorworten rechtfertigt der Reformator sein Vorgehen. 53 Vgl. für eine frühe Nennung beider Autoren Günther (1853: 436). <?page no="130"?> 118 3 Die Sprachkompetenz Jean Calvins In einem Vorwort zu den „anciennes bibles genevoises“ weist Calvin auf drei wichtige Punkte hin (CO/ 9: 823-826). 54 Erstens ginge es darum, inhaltlich die große Bedeutsamkeit der Heiligen Schrift als einzig wahren Weg in Gottes Reich zu erkennen. Zweitens müsse der Leser eine gewisse Offenheit zeigen, um überhaupt Nutzen hieraus ziehen zu können. Drittens und in ähnlicher Ausführlichkeit wie in den vorherigen Argumentationspunkten geht Calvin auf die Übersetzung ins Französische ein, denn nur mit ihr sei die Erkenntnis der ersten beiden Punkte für viele Genfer sprachlich möglich. 55 Durch die enorme Bedeutung, die der Heiligen Schrift beigemessen wird, ist es für Calvin eine „berührende“ Angelegenheit, sie in das Französische übersetzt zu sehen. Er betont zudem die Leistung seines Cousins Pierre Robert Olivétan 56 , dem es nicht zur Last gelegt werden dürfe, dass in einem so umfangreichen Werk Fehler durch die Übersetzungsarbeit unentdeckt blieben. Calvin geht darauf ein, dass während der Übersetzung Dinge missverständlich aufgefasst oder nur schwer verständlich wiedergegeben werden und sich daraus eine Notwendigkeit zur wohlwollenden Überarbeitung ergibt. 57 Calvin berichtet im Jahr 1546 in einem Brief an Théodore 54 Die Calvini Opera spezifizieren nicht, zu welchem Werk das Vorwort gehören soll. Wie Greef (2008: 74) präzisiert, gehört das Vorwort zu einer Überarbeitung der Bibelübersetzung Olivétans (1535) im Jahr 1546. In einer 1561 erschienenen Bibelausgabe wurde das Vorwort offensichtlich vom Lyoner Druckleger De Tournes mit anderen Bemerkungen entfernt (Cartier 1937-1938: 513-514), ebenso zuvor in den Ausgaben 1555 und 1560 in gekürzter oder getilgter Form (vgl. Greef 2008: 74). In der Ausgabe von 1565 ist das Vorwort wieder enthalten (Millet 1995: 51-56). 55 Calvin schreibt: „Le troisiesme poinct ne requiert pas si long propos. C’est touchant la translation de la saincte Bible: ie dy en la langue Françoyse. Entre ceux qui ont travaillé apres, feu maistre Pierre Robert, en son vivant fidèle serviteur de l’Eglise Chrestienne, et maintenant, après son trespas, de bonne et heureuse memoire, s’y est porté en sorte que son labeur est digne de grande louange. Et de faict il n’y a homme de sain iugement, qui ne luy donne ce loz. Toutesfois il ne se faut pas esbahir s’il luy estoit eschappé beaucoup de fautes en un tel ouvrage : i’entens si long et si difficile. Premièrement donc, pource qu’en sa translation le langage estoit rude et aucunement eslongné de la façon commune et receue, il s’est trouvé homme qui a mis peine de l’adoucir, non seulement en le polissant, mais aussi l’accommodant à une plus grande facilité, pour estre mieux entendu de tous. Secondement, quant au sens, selon la faculté que Dieu luy a donnée, et le iugement qu’il a peu acquérir par le long et continuel exercice qu’il a en l’Escriture, il s’est diligemment employé à restituer en son entier ce qui avoit esté mal prins, ou corrompu, ou trop obscurément translaté. Comment il en est venu à bout, et combien son labeur a esté profitable, on en pourra iuger en le lisant“ (CO/ 9: 825-826). 56 Die Herausgeber der Calvini Opera sehen in der Namensnennung <Pierre Robert> die Bestätigung, dass <Robert> der Familienname ist und <Olivétan> bzw. <Olivetanus> ein schriftstellerischer Zusatz (CO/ 9: 826). 57 Der Druckleger Jean Crespin betont in seinem Vorwort zu Calvins Préface de „La Somme“ de Melanchthon (1546), wie behutsam er den französischen Text überarbeitet habe, welcher aufgrund obscurément übersetzter Textpassagen an Verständlichkeit leide (vgl. CO/ 9: LXVIII). Neben den fehlenden fachwortschatzlichen Entsprechungen im Französischen bemängelt er mit Hinblick auf den kompakten Satzbau „un style assez serré“. Die Motivation zur Überarbeitung liege in dem Wunsch, die Kirche Gottes voranzubringen und zugänglich zu machen. <?page no="131"?> 3.2 Calvins Arbeit an der Institution 119 de Bèze von seiner Befürchtung, dass einer seiner Texte eine qualitativ schlechtere Übersetzung durch jemand anderen erfahre. Quo maiorem tibi gratiam habeo, quia mihi scrupulum omnem exemeris. Libellum etiam meum de coena tibi non displicuisse vehementer gaudeo. Scriptus gallice fuerat ante annos decem. Quum me inscio a duobus iam in latinam linguam versus foret, permisi tandem ut ederetur, veritus scilicet ne deterior aliqua versio locum occuparet. (CO/ 12: 315-317) 58 In diesem Fall geht es jedoch nicht um die Übersetzung in die Volkssprache, sondern um das 1541 auf Französisch erschienene Petit traicté de la saincte cène , das vier Jahre später von Nicolas Des Gallars mit Calvins Genehmigung in das Lateinische übersetzt wird. Es ist eine bemerkenswerte Stelle, denn sie zeigt deutlich, was zu erwarten ist. Calvin ist sowohl im Lateinischen mit gelehrtem Zielpublikum als auch im Französischen mit einem protestantischen ‘einfacheren’ Publikum um die korrekte Interpretation seiner Worte in höchstem Maße besorgt. Bei der Betrachtung seiner Texte ist daher von einer stark reflexiven Sprachkompetenz auszugehen, welche die Wahl eigener Formulierungen in Quell- und Zieltexten hinterfragt. 3.2.2 Thesen zu Latinisierung und Stil der Institution Durch die außergewöhnliche reformatorische Bedeutung, die die Institution im französischsprachigen und später auch nicht-französischsprachigen Raum erfährt, sind früh einige Sprachwissenschaftler auf Calvins Hauptwerk aufmerksam geworden (Brunot [1906] 3 1947; Diez 3 1872; Doumergue 1899; Grosse 1888; Günther 1853; Haase 1890; Lanson 1894). So finden sich unterschiedliche Aussagen zum Stil des Werks und zum latinisierenden Einfluss auf das Französische, die im folgenden Textabschnitt näher beleuchtet werden. Bislang fehlen umfassende linguistische Untersuchungen der Grammatik Calvins, insbesondere auch zu syntaktischen Konstruktionen, welchen latinisierender Einfluss zugeschrieben werden könnte. 59 Breiter angelegte Studien, die zumindest Hinweise auf eine mögliche Latinisierung geben können, da sie 58 Dt. Übersetzung: ‘Ich danke dir umso mehr, weil du mir meine ganzen Bedenken genommen hast. Ich freue mich, dass auch mein Büchlein über das Abendmahl nicht missfallen hat. Es war auf Französisch vor 10 Jahren geschrieben worden. Weil es ohne mein Wissen schon von zweien in die lateinische Sprache übersetzt worden ist, habe ich endlich erlaubt, dass es herausgegeben wird, da ich freilich gefürchtet habe, dass irgendeine Version einen schlechteren Platz einnehmen könnte’. 59 Kleinere linguistische Studien, die sich mit bestimmten grammatikalischen Teilbereichen in der Institution beschäftigen, sind die in neuerer Zeit entstandenen Aufsätze von Becker (2012) und Schøsler (2015). Älteren Datums ist die Betrachtung der Syntax bei Rabelais von Huguet ([1894] 1967), welche auch dem AcI bei Calvin in kurzer aber prägnanter Form Rechnung trägt. <?page no="132"?> 120 3 Die Sprachkompetenz Jean Calvins zumeist eine größere Auswahl an Phänomenen oder untersuchte Texte abdecken, sind häufiger vertreten (vgl. Gougenheim 2 1974; Marmelstein 1921; Stimming 1915). Zwar gibt dieser Studientyp einen exzellenten Überblick und Anhaltspunkte für sprachwissenschaftlich interessante Fragestellungen, doch kann er nicht detailliert den Transfermechanismus einer komplexen syntaktischen Konstruktion wie der des AcI abbilden. So beabsichtigt die vorliegende Studie, diese Lücke anhand der Analyse des AcI bei Calvin zu schließen. Die erste Untersuchung, die sich aus sprachwissenschaftlicher Perspektive in der Moderne mit Jean Calvin befasst, ist ein früher Beitrag von Günther aus dem Jahr 1853; dem gleichen Jahr, in welchem Friedrich Diez’ Etymologisches Wörterbuch der romanischen Sprachen publiziert wurde. Aufgrund der zum damaligen Zeitpunkt zu beklagenden Quellenarmut, vor allem bezüglich zahlreicher in diversen Schweizer Archiven lagernder Briefkorrespondenzen, beschränkt Günther (1853) sich auf Notizen zu der bereits gut zugänglichen Institution . Die Aufarbeitung der Archivbestände ist kurz darauf weitestgehend mit Erscheinen der 59 Bände umfassenden Calvini Opera (1863-1900) abgeschlossen. Bis heute ist die Reihe aufgrund ihrer Größe eine Referenz für die Arbeiten Calvins. Die sprachwissenschaftliche Auswertung der nähesprachlich gekennzeichneten Briefkorrespondenz Calvins ist hingegen weiterhin ein Desiderat, das in der vorliegenden Arbeit zumindest in Teilen geschlossen werden soll. 60 Gegen Ende des 19. Jahrhunderts befasst sich erstmalig Lanson (1894) mit den Unterschieden in den Editionen von 1541 sowie 1560 und berücksichtigt dabei auch latinisierenden Einfluss. Eine ganze Reihe von Beobachtungen fasst er kompakt zusammen: On voit par tous ces rapprochements qu’en 1560 Calvin supprime nombre de mots empruntés du latin et les remplace tantôt par des synonymes, tantôt par des locutions composées, tantôt par des verbes, qu’il remplace la proposition infinitive par l’indicatif précédé de que ; qu’il change la construction du relatif pour se rapprocher de l’usage actuel; qu’en fin il est tout à fait moderne par la façon dont il réduit le plus possible les inversions, tantot par substitution de l’actif au passif, et notamment avec l’indéfini on , tantôt par l’emploi de cette locution commode: c’est ... que . Évidemment, tous ces changements qui rendent sa phrase plus nette et plus coulante, c’est le résultat et du progrès de la langue et de son progrès, à lui, pendant vingt années. (Lanson 1894: 74) An seine Beobachtungen zur Lexik Calvins schließt eine Studie von Walch (1960a,b) an. Eine Reihe auffälliger syntaktischer Phänomene werden noch im 19. Jahrhundert bei Grosse (1888) und Haase (1890) signalisiert. 61 1921 wird vom 60 Vgl. Kap. 5.2.1 und in einer literaturwissenschaftlichen Perspektive Higman (2004). 61 Auf diese erste Studie hat bereits Châtelain (1909: 664), der Herausgeber zusammen mit Lefranc und Pannier einer Edition der Institution (Calvin [1541] 1911), in einer Fußnote hingewiesen, <?page no="133"?> 3.2 Calvins Arbeit an der Institution 121 Niederländer Marmelstein eine umfangreiche, komparatistisch angelegte Dissertation der beiden Versionen FR1541/ FR1560 vorgelegt. Der hier interessierende AcI, la proposition infinitive , findet ebenfalls als Latinismus Erwähnung. Calvin veröffentlicht 1539 die zweite lateinische Ausgabe seines Textes, die als Grundlage für die französische Fassung 1541 gilt. Publiziert wird die französische Ausgabe kurz nach Calvins Rückkehr nach Genf im September 1541 (vgl. Greef 2008: 187; Strohm 2009a: 55). Beide Texte entstehen demnach in seiner dreijährigen Straßburger Zeit (1538-1541), also zwischen seinen beiden Genf-Aufenthalten. Dies ist eine relativ kurze, wenngleich „ausgesprochen[...] fruchtbare Zeit“ (Strohm 2009a: 55), um zum einen ein Werk im Umfang zu verdoppeln (vgl. LT1536/ LT1539) und zum anderen noch selbst zu übersetzen (vgl. LT1539/ FR1541). Es drängt sich also die Überlegung auf, ob Calvin in Eile gewesen sein könnte. Die hohe Geschwindigkeit in der Übersetzungsarbeit könnte wörtlicheren, direkteren Transferphänomenen Vorschub leisten. Die Forschung belegt, dass Calvin nicht plötzlich nach Genf zurückgeht. Der über zwei Jahre fortwährende Versuch von Vertretern Genfs, v. a. durch Farel, Calvin zurückzuholen, gelingen schließlich (Strohm 2009a: 58-59). Mit dem Wissen um bevorstehende Aufgaben und Verpflichtungen in der Genfer Gemeinde ist es also plausibel anzunehmen, dass Calvin sich wünscht, die französische Übersetzung der Institution , die ihm als Grundlage seiner Arbeit in Genf dienen soll, rechtzeitig abzuschließen. 62 Außerdem fällt die Veröffentlichung in eine Zeit, in der die zu Beginn liberale Haltung des französischen Königs François I er in das Gegenteil umschlägt und die Anhänger der Reformation nun konsequent verfolgt werden. Für die Verbreitung seiner reformatorischen Ideen ist für Calvin also eine zügige Publikation entscheidend. In Frankreich werden bereits ab 1542 die Besitzer von Calvins Institution bestraft (vgl. Greef 2008: 187). Die Ordonnance sur le fait de la justice (auch Ordonnance de Villers-Cotterêts , 1539), die Französisch als Verwaltungs- und Justizsprache festlegt, sowie die zuvor angeführten Argumente müssen auf den versierten Juristen, Humanisten und Reformator Calvin wie ein Katalysator auf seine Übersetzungsarbeit wirken. Trotz der gebotenen Eile ist Calvin in der Bearbeitung nach eigenen Angaben sehr „gewissenhaft“ (Büsser 1950: 143), sodass keine groben Übertragungsfehler zu erwarten sind. ebenso wie auf die sehr kritischen Bemerkungen Haases, welcher Grosse zum einen methodische Probleme vorwirft sowie zum anderen die Vernachlässigung entscheidender Aspekte der Wortstellung. 62 Farel, der maßgeblich dazu beiträgt, dass Calvin nach Genf zurückkehrt, ebnet ihm den Weg: „il a conseillé à ses lecteurs de lire l’ Institution de Calvin plutôt que ses propres écrits“ (Higman 2010: 78). <?page no="134"?> 122 3 Die Sprachkompetenz Jean Calvins Auf die Bedeutung der Textspezifizität und der Erschließung neuer diskurstraditioneller Bereiche durch die Volkssprachen wurde bereits hingewiesen. Die Institution de la religion chrestienne wird schon früh als erstes theologisches Traktat des Französischen erkannt (vgl. Darmesteter/ Hatzfeld 3 1889: 2; Lanson 1894: 68). 63 Weiterhin ist zu bedenken, dass die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts noch recht wenig Werke dieser Größe bereithält. Calvin begründet mit seiner Übersetzung eine im Französischen neue Textsorte, die bislang dem Latein vorbehalten war. Bis Mitte der 1530er Jahre veröffentlichte und schrieb Calvin auf Latein, erst nach seinem Wechsel nach Genf und Straßburg beschäftigt er sich intensiv mit der Theologie. Dies betitelt Strohm (2009a: 46) plakativ mit „Calvin wird zu Calvin“ und meint damit den Transformationsprozess zu jener Persönlichkeit, mit der Calvin in der Nachwelt gemeinhin assoziiert wird. Im Folgenden werden die in der älteren und neueren Literatur vertretenen Positionen vorgestellt, die eine Bewertung von Calvins sprachlicher Leistung in seinem Hauptwerk vornehmen. Ohne jeden Zweifel gibt es keinen Autor, der die grundsätzliche Bedeutung der Institution für Calvins Vita sowie für die französische Sprache in Frage stellt. Wie noch in 5.1 im Detail vorgestellt wird, sind aus der Vielzahl an erschienenen Ausgaben zum einen die LT1539 und FR1541 sowie zum anderen die LT1559 und FR1560 von größter Relevanz. Die langjährigen inhaltlichen und sprachlichen Übersetzungs- und Korrekturarbeiten des Reformatoren an der Institution führen dazu, dass sich unterschiedliche Meinungen über die einzelnen Ausgaben herausbilden. Außerdem sind retrospektive Verzerrungen durch nationalphilologische Äußerungen des 19. Jahrhunderts zu berücksichtigen: Le français, tel qu’il nous apparaît dès 1535 dans le célèbre manifeste de Calvin (l’ Institution de la Religion chrétienne ), est déjà complétement mûr: c’est là un excellent instrument pour toutes les nuances de l’expression; il semble que notre idiome est fixé, et si la langue française était restée dans cet état, il est clair que le dix-septième siècle et Malherbe n’auraient rien eu à reprendre; mais elle fut gâtée et compromise par une invasion extravagante de mots étrangers, empruntés à l’italien, au grec et au latin. (Brachet 1867: 55) Für den französischen Romanisten Auguste Brachet ist die Sprache Calvins bereits Ende der 1530er Jahre „komplett reif “, welche danach durch Wörter aus dem Italienischen, Griechischen und Lateinischen (! ) „verdorben und kompromittiert“ 63 Vgl. Darmesteter/ Hatzfeld ( 3 1889: 2): „Le premier traité de théologie écrit en français est l’ Institution de la religion chrétienne de Jean Calvin. Ce livre, qui fait époque dans l’histoire de notre littérature, est un des chefs d’œuvre de la prose française au seizième siècle“. <?page no="135"?> 3.2 Calvins Arbeit an der Institution 123 wurde. 64 Doch es lassen sich gleichwohl einige Hinweise in der Literatur darauf finden, dass der Einfluss des Lateinischen auf Calvin bei Abfassung seiner ersten französischen Ausgabe 1541 groß war (vgl. Baum 1867: XIV; Doumergue 1902: II, 154). 65 Baum zufolge würde sich Calvin in ganz erheblicher Weise vom ansprechenderen französischen Ausdruck Farels unterscheiden, dessen lateinischer Stil wiederum unzumutbar sei. Dies könnte bereits ein Indiz dafür sein, dass Calvin aufgrund seiner lateinischen Hochschulausbildung mehr als seine Zeitgenossen, die Latein zuletzt als Kind in der Schule erlernten, dazu neigt, lateinische Konstruktionen aus Prestigegründen zu transferieren. Die Nähe der Ausgabe von 1541 zum Latein ist eine charakteristische und akzeptierte Forschungsposition: „En 1541 la traduction française, grave et simple, suit littéralement le texte de 1539“ (Pannier 1928: XXIII), ebenso Lefranc: Il est aisé de constater que le texte français suit de très près et même calque à beaucoup d’égards le texte latin, rendant l’original de 1539 phrase pour phrase et avec une telle fidélité, qu’il risque de devenir obscur en certains endroits pour le lecteur peu familiarisé avec la construction latine. (Lefranc [1914] 1969: 330) An dieser Stelle ist zum einen der Einfluss des Lateinischen durch den Übersetzungsvorgang an sich und zum anderen durch sein Prestige in der humanistischen Epoche zu unterscheiden. Pannier und Lefranc stellen heraus, dass die direkte Übersetzungsnähe Latinismen in der Zielsprache begünstigt. Lanson stellt dies für FR1541 ebenso fest und zugleich, dass die spätere Ausgabe FR1560 die Sprache in idiomatischerer Weise verwendet, indem sie sich vom lateinischen Modelltext sprachlich loslöst: En 1541, le latin le soutenait; en 1560, le latin le gênait, du moins il s’en affranchissait; il allait à l’ésprit, non à la lettre; il achevait sa pensée presque sans regarder son texte, et il trouvait sans peine des mots qui ne devaient rien au latin, et parfois n’y ressemblaient guère. (Lanson 1894: 64) Dies offenbart zudem einen weiteren Aspekt, denn zum Zeitpunkt der Abfassung bzw. Übersetzung der Institutio(n) fehlt es an vergleichbaren Texten im Französischen, sodass Calvin zum Pionier auf dem Gebiet der französischsprachigen Theologie wird: On a fait plusieurs fois à Calvin l’honneur de le considérer comme ayant eu le premier l’idée d’écrire en français un traité de théologie, et d’avoir compris que seule la langue vulgaire pouvait porter la doctrine de l’Eglise réformée à travers la masse des fidèles 64 Die lateinische Institutio wurde erst 1536 zum ersten Mal in Basel publiziert, die französische Ausgabe 1541; hier gab es lange Zeit Streit darum, ob eine frühere Version existiert. Brachet datiert folglich zu früh. 65 Vgl. zuvor, zu Beginn des Kapitels 2.3, das Zitat von Baum (1867: XIV). <?page no="136"?> 124 3 Die Sprachkompetenz Jean Calvins non humanistes. [...] Grâce à la situation prise par Calvin, grâce aussi à sa valeur propre, l’ Institution , écrite dans une langue si voisine de notre langue scientifique qu’elle semble avancer de cent ans sur la plupart des ouvrages contemporains, eut un immense retentissement, et il est hors de doute que la nécessité de répondre à Calvin et aux autres protestants dans un idiome qui fût, comme le leur, compris de tous, contribua puissamment à faire accepter le français, même des théologiens catholiques. (Brunot [1906] 3 1947: 14-15) Brunot ist davon überzeugt, dass es sich hier in sprachlicher Hinsicht um ein herausragendes Werk handelt, was nicht zuletzt dadurch begründet werden kann, dass Calvin dem Französischen ein ganzes Textgenre neu erschließt. Denn die Institution stellt sich „dans une langue si voisine de notre langue scientifique“ (vgl. Brunot oben) deutlich länger als beispielsweise Traktate dar. Lanson sieht Latein als maßgeblich unterstützende Sprache dafür verantwortlich, um diesen Sprachzustand zu erreichen. Zugleich ist hinzuzufügen, dass dies nur einem mehrsprachigen Autor wie Calvin mit entsprechend ausgeprägter Kenntnis der Quell- und Zielsprache gelingen kann. Mit anderen Worten beweist der Autor, nicht nur über ein exzellentes Wissen des Lateinischen zu verfügen, sondern auch über ein stattliches Sprachvermögen im Französischen (vgl. Millet 1992: 854). Nur auf dieser sprachlichen Grundlage ist es dem versierten Übersetzer möglich, wenn die lateinische Syntax sich schon nicht direkt übertragen lässt, so doch die volkssprachliche Version in ähnlich konziser Weise zu konzipieren wie sie im Quelltext vorliegt. Die Tragweite der „consequente[n] Satzgliederung“ erkennt bereits Günther (1853: 436) 66 und die sprachliche Bedeutung der Institution , die Calvin mit etwa 32 Jahren neben dem Katechismus und anderen kleineren Texten als Grundlage seiner reformatorischen Idee schafft (vgl. Gordon 2009: 185), kommt in dieser Zeit, wie Millet (1992: 855) schreibt, einem „miracle“ gleich. Sowohl der lateinische Text, der als strukturelle Vorlage für die französische Übersetzung von zentraler Bedeutung ist, als auch die frühe Erstübersetzung von 1541 beeinflussen den späteren, teils als idiomatischer empfundenen Stil der Ausgabe von 1560 (vgl. Higman 1970: 10-11). Nun handelt es sich bei der Institution um keine gewöhnliche Selbstübersetzung, wie sie häufig im 16. Jahrhundert in den europäischen Vernakularsprachen auf Grundlage lateinischer Texte zu finden ist. Calvin schickt sich nach LT1539/ FR1541 recht schnell an, sein Werk weiter zu überarbeiten. Dies geschieht, ganz im Geiste seiner humanistischen Ausbildung, stets zunächst in 66 In der Aussage Günthers lassen sich Ideen nationaler Identität erkennen, die Luther zur Leitfigur der deutschen Sprache erhöhen: „daß während der höher begabte, sprudelndere, phantasiereichere Luther den gesammten Umfang der deutschen Sprache durchdrang und gewissermaßen damit eine neue Sprache schuf, Calvin mehr nur das logische Element des Französischen, namentlich die consequente Satzgliederung, fixirte“ (Günther 1853: 436). <?page no="137"?> 3.2 Calvins Arbeit an der Institution 125 der jeweiligen Version der Institutio , bevor dann die dazugehörige französische Übersetzung in Angriff genommen wird. 67 Der französische Text ist daher nie, auch nicht in seiner letzten Fassung 1560, unabhängig vom Quelltext zu sehen. Es gilt jedoch zu prüfen, ob es der Institution nicht doch gelingt, sich sprachlich, wenngleich nicht inhaltlich, bis zu einem gewissen Grad von der lateinischen Ausgabe zu lösen. Um mit Millet (1992: 853) zu sprechen: „Avec l’ Institution de 1560, les questions se compliquent“. Aufgrund Calvins gesundheitlicher Probleme in seinen letzten Lebensjahren (vgl. Nijenhuis 1981: 578) war lange nicht klar, ob die letzte bekannte Fassung FR1560 überhaupt, vor allem aufgrund der inhaltlich und sprachlich starken Veränderungen, von ihm stammt. Die aktuelle Forschung geht mit großer Wahrscheinlichkeit davon aus, dass Calvin diese Ausgabe zugeschrieben werden kann. Die teilweise stark nähesprachlichen Elemente von FR1560 gegenüber FR1541 legen nahe, dass Calvin seine Überarbeitungswünsche für die Ausgabe FR1560 wohl größtenteils vom Krankenbett aus seinem Sekretär diktiert (vgl. Mackinnon 1936: 220; Marmelstein 1921: 113). 68 Millet (1992: 857) stellt fest, dass viele der grammatikalischen Veränderungen schon in frühen Ausgaben ab 1545 belegt sind, d. h. bereits vier Jahre nach Erscheinen der ersten französischen Ausgabe. Dies weist darauf hin, dass Calvin ein Bedürfnis der (sprachlichen) Überarbeitung verspürt haben muss. Erklärlich ist dies vor dem Hintergrund, dass die Ausgabe 1541 in großer Eile publiziert werden muss, um die Botschaft an das reformierte, nicht zwingend latinistisch orientierte Publikum zu vermitteln. Nach Millet ist für diese später erschienenen, überarbeiteten Ausgaben ein zunehmend stärkerer Einfluss der Mündlichkeit charakteristisch: Les passages remaniés (en latin et en français) confirment l’impression produite ici et là par la toilette générale du texte français, et par l’évolution qui commence en 1543- 1545. Ils éclairent rétrospectivement une tendance orale, qui substitue aux qualités oratoires du styliste, écrivain et traducteur, les accents d’un „parleur de profession“ qui s’adresse de façon plus directe et animée à son public et cherche l’effet immédiat, qu’il soit suggestif, insistant ou fulgurant. (Millet 1992: 869) Die „tendance orale“ in diesem stark distanzsprachlichen Text ist in der jahrelangen Tätigkeit Calvins als Prediger zu suchen (vgl. Châtelain 1909: 668), durch die Calvin über die Jahre an Flüssigkeit in der Vermittlung theologischer Gedanken 67 Vgl. Kap. 5.1 zur Editionsgeschichte. 68 Vgl. Mackinnon (1936: 220), der auch auf die unterschiedlich gelagerten Interessen der einzelnen Fachdisziplinen hinweist: „From the literary point of view the translation of 1541 is preferred by the critics to that of 1560. The 1560 version is also less exact and for the more important passages it should be compared with the Latin original. Calvin dictated it and had not time to revise it sufficiently. Even so, it may be regarded as the mature fruit of his religious thought“. <?page no="138"?> 126 3 Die Sprachkompetenz Jean Calvins gewinnt (vgl. Higman 1970: 13). Es ist auch bekannt, dass Calvin vor seiner Ankunft in Genf bereits Erfahrung im Predigen in Frankreich sammelte und es kein vollständig neues Unterfangen für ihn ist. Der mündliche Ausdruck kann sich also auch auf die Distanzsprache auswirken, gerade wenn sich diese noch in der metastabilen Phase des sprachinternen Ausbauprozesses befindet. Marmelstein (1921: 98-99) betont bei aller Unsicherheit im sprachlichen Ausdruck („cela veut très souvent dire hésiter“), dass die Ausgabe FR1560 geradezu nach Anpassung an die Sprachaktualität („se moderniser“) und Verfestigung („se régulariser“) sucht und dadurch erst ihre Ecken und Kanten einer ungelenken Übersetzung („s’assouplir“) verliert sowie an Genauigkeit („se préciser“) hinzugewinnt. Daneben stehen die Latinismen, die durch ihre Entnahme aus dem Quelltext eine starke Distanzsprachlichkeit repräsentieren. Grundsätzlich beobachtet Millet in Bezug auf lexikalische Latinismen 1560 einen Abbau. Doch im Zweifelsfall werden sie nicht entfernt, um die notwendige Klarheit im Ausdruck sicherzustellen (vgl. Millet 1992: 857). Eine analoge Beobachtung für den syntaktischen Bereich liegt nicht vor, doch wäre dies gerade mit Hinblick auf die subordinierende Konstruktion des AcI denkbar. Prestige ist nur einer der Faktoren, die lateinischen Einfluss auf das Französische möglich werden lassen. Neben wenig reflektiertem Transfer des Übersetzers (‘unbewusst’) ist die Notwendigkeit anzuführen, Lücken im auszubauenden Sprachsystem bzw. Textgenre zu füllen. Es wird in den nachfolgenden Kapiteln dieser Frage nachgegangen werden, um zu determinieren, auf welche Art und Weise der AcI stilistische oder funktionale Lücken im Französischen schließen kann, aber auch inwieweit er als Prestigebzw. Übersetzungskonstruktion transferiert wird. Seit langem beobachten Forscher Unterschiede in Calvins Texten zu denen anderer Autoren wie Rabelais, welcher mit Calvin zusammen als ein bedeutsamer Vertreter der französischen Schriftproduktion des 16. Jahrhunderts angesehen wird (vgl. Brunot [1906] 3 1947; Higman 1970: 5; Lanson 1894: 75). So hält Lanson beispielsweise Calvins komplexen und ernsthaften sprachlichen Textstil geradezu für singulär in dieser Zeit, insbesondere im Vergleich zu den deutlich humorvolleren Texten Rabelais’, welcher in ironischem Tonfall mit dem „excessive transfer“ lateinischer Strukturen (Higman 1970: 11; Millet 1992: 849) oder der Verwendung von Archaismen auffällt (vgl. Marmelstein 1921: 99). Dennoch schafft es aber Calvin bereits 1541, sich im direkten Vergleich mit der Teilübersetzung von Pierre de la Place vom lateinischen Quelltext deutlich zu lösen. 69 69 Pierre de la Place übersetzt das 17. Kapitel der lateinischen Institutio etwa zur gleichen Zeit wie Calvin ins Französische und hält sich dabei sehr viel genauer an den Originalwortlaut. Gordon (2009: 187) kommentiert dies wie folgt: „Whereas de la Place’s attempt to translate the text literally came to a lamentable end in long-winded sentences, Calvin was much freer, choosing <?page no="139"?> 3.2 Calvins Arbeit an der Institution 127 Millet (1992: 835, 849) bescheinigt Calvin zudem eine bessere Wahrnehmung lateinischer Strukturen (als Pierre de la Place), die die französische Zielsprache entscheidend aufwerten können. In diesem Sinn zeigen die zahlreichen Erläuterungen altgriechischer oder althebräischer Wörter, die sich in der Institutio und anderen Traktaten Calvins finden lassen, seinen ausgesprochen geschulten Blick für fremdsprachliche Strukturen im Kontext seiner reflexiven Textarbeit. Zusätzlich wird teilweise zur lateinischen Paraphrasierung noch eine, Calvin zufolge, äquivalente französische Wendung hinzugefügt: [...] sensum hune admittit lingua hebraicae proprietas, ut Facere consilia tantundem valeat atque perficere quod quis statuit. Gallice dicimus, venir à bout de ses entreprinses . Videmus autem haec duo connecti, vias suas ex animi voto disponere, vel secundare, et facere consilia. (CO/ 31: 370) Der Humanist und Reformator nimmt Mehrsprachigkeit konzeptuell wahr und wendet sie auf Ebene der Meta- und Objektsprache an, indem er lexikalische Verbindungen zwischen den Sprachen aufzeigt. Es wird deutlich, dass die reflexive Sprachkompetenz in Calvins universitären Jahren massiv ausgebaut wird und eine argumentative Grundlage für Arbeiten in der darauffolgenden Straßburger und Genfer Zeit schafft. Die Forschung bewertet die Entwicklung seiner französischen Sprache mehrheitlich als positiv. 70 Zwar ist der lateinische Text sowohl 1539 als auch 1559 die Basis des literarischen Schaffens Calvins, jedoch in einer für seine Zeit herausragenden Souveränität. Es darf daher nicht außer Acht gelassen werden, dass auch der Text FR1560 dem Quelltext LT1559 sehr nahe steht (vgl. Millet 1992: 849), an manchen Stellen ist er ihm sogar näher als die Erstausgabe (vgl. Marto adapt the Latin to a suitably comprehensible French style. Calvin sought a French version of the Latin, not identical but faithful to the ideas.“ Dies ist ein prägnantes Beispiel dafür, wie weit sich ein Selbstübersetzer im Vergleich zu einer Übersetzung durch eine zweite Person vom Modell entfernen kann, ohne Gefahr zu laufen, den Inhalt fehlerhaft in die Zielsprache zu transferieren. Für weitere Hinweise zu sprachlichen Auffälligkeiten sowie zur Handschrift, die in der Stadtbibliothek von Poitiers liegt, vgl. Millet (1992: 829-849). 70 Vergleiche hier auch die Einschätzung des Mitherausgebers der 1911 erschienen Edition der Institution (Calvin [1541] 1911): „Tout balancé, les cas où Calvin substitue à une syntaxe lente une syntaxe plus rapide sont les plus nombreux, et la différence est sensible en particulier en ce qui concerne les particules conjonctives. Elles sont d’ordinaires moins massives en 1560 qu’en 1541.“ (Châtelain 1909: 666), aber auch „Le latin jusqu’ici paraissait la vraie langue de Calvin, mais après vingt ans de prédication de travaux écrits, il devient plus maître des ressources de la langue française“ (Châtelain 1909: 666) sowie „On s’accorde généralement à reconnaître que Calvin a un style net, sobre et précis. Les corrections de 1560 attestent qu’en rajeunissant les termes et les constructions syntaxiques, il a réalisé une rédaction plus claire, plus simple, plus analytique; mais que s’il a atteint une exactitude plus rigoureuse de traduction, la concision s’est trouvée quelquefois sacrifiée.“ (Châtelain 1909: 668). <?page no="140"?> 128 3 Die Sprachkompetenz Jean Calvins melstein 1921: 115), jedoch mit dem Ziel, Unachtsamkeiten in der Übersetzung auszubessern. Die Übersetzung scheint folglich bei Calvin Mittel zum Zweck zu sein, denn er äußert sich nie im Detail zu übersetzungstechnischen Problemen in seinen Texten (vgl. Millet 1992: 771-772). Dennoch verfolgt er das Ziel allzu schwerfällige (latinisierende) Konstruktionen und Ausdrücke vor dem Hintergrund der richtigen Erfassung und Wiedergabe des Quelltextes zu vermeiden (vgl. Millet 1992: 834). In einer Predigt vom 7. Juni 1555 betont Calvin an einem Beispiel die Notwendigkeit, nicht immer idiomatische Konstruktionen zugunsten einer treuen Wiedergabe der Worte Gottes zu verwenden: 71 Advisons donc d’estre bons escoliers, et diligens, cependant que Dieu nous fait la grace de nous instruire par sa parolle. Et voila pourquoy aussi Moyse dit qu’il l’a proposé en leurs aureilles . Il est vray que ceste façon de parler seroit dure en nostre langage: mais elle emporte que Dieu ne parle pas un langage obscur, ou estrange à nous: mais qu’il se declaire privément tant qu’il est requis. (CO/ 26: 240) Diese Rückschlüsse sind für die Konstruktion des französischen AcI in besonderem Maße interessant. So scheint die Konstruktion im Blick des zeitgenössischen Laien syntaktisch recht komplex, doch in der Sprachreflexion des mehrsprachigen Calvin muss sie in vielen Fällen auf Anhieb verständlich, präzise und/ oder elegant wirken. In der Analyse wird zu klären sein, ob, wann und aus welchen Gründen Calvin in der späteren Ausgabe von 1560 auf sie verzichtet und stattdessen auf den Komplementsatz mit que zurückgreift. 3.2.3 Zielleserschaft Es kann festgehalten werden, dass das Französische im distanzsprachlichen Sektor der Schriftsprache nach und nach stark ausgebaut und so möglicherweise teilweise unverständlich für das einfache Volk wird. Diese Annahme ergibt sich daraus, dass zwar Estienne, Calvin und andere Humanisten an einem prestigeträchtigen Ausbau der Sprache interessiert waren, um ein möglichst hohes 71 Im gleichen Zeitraum (4.6.1555) begründet er den gewählten Sprachgebrauch erneut am Beispiel Moses (vgl. CO/ 26: 208). Die ‘Heftigkeit’ („une telle vehemence“) Gottes Wort dient Calvin zufolge wortwörtlich Bilder zu erzeugen und ist nicht durch leichteren Stil zuerzeugen. Hierauf macht er in einer weiteren Predigt wenige Wochen zuvor entschieden aufmerksam: „Apprenons donc que ce n’est point une chose de petite importance, que de retenir la religion pure, et telle que Dieu l’approuve: car ce langage ne conviendroit point s’il estoit licite, ou bien que ce fust une faute petite et legere, que de faire des images: Dieu ne parleroit point avec une telle vehemence comme il fait.“ (CO/ 26: 147). Und an anderer Stelle streicht Calvin die Kraft und Bedeutung des ausgewählten, wenngleich manchmal ‘heftigen’ Sprachgebrauchs heraus: „Et voila pourquoy S. laques use d’une telle vehemence, quand il parle des mauvais propos: il dit que la langue qui est une petite portion, un petit morceau de chair, allumera un tel feu, que ce seroit pour brusler les plus grosses forests du monde.“ (CO/ 26: 369). <?page no="141"?> 3.2 Calvins Arbeit an der Institution 129 Niveau zu erlangen, doch gilt dies nicht, wie die Studie von Skupien Dekens (2009) zeigt, für Sébastien Castellion. Er beschränkt die französische Sprache auf das nicht-gelehrte Publikum, da er sie primär als die Sprache des Volkes ansieht. Eine Adressierung an Gelehrte wird nicht verfolgt und es scheint für ihn somit die bekannte Diglossiesituation zwischen Französisch und Latein vorzuliegen (vgl. Skupien Dekens 2009: 105), ohne dass er sich zur Anreicherung jedoch Elemente der vermeintlichen Prestigesprache bedient. Somit vermeidet Castellion aber auch Verständnisprobleme beim Leser. Estienne geht ihn deshalb scharf für seine Bibelübersetzung an und attestiert dem Französischen ausdrücklich einen breiteren Anwendungsbereich (vgl. hierzu Skupien Dekens 2009: 103), da es sowohl ein gelehrtes als auch nicht-gelehrtes Publikum adressieren könne. Auch an dieser Stelle setzt sich das Französische, rückblickend betrachtet, im Sinne Estiennes durch und erschließt im Ausbauprozess sowohl den diastratisch hohen, als auch den niedrig markierten Bereich. Diesen Spagat beherrscht Calvin, wie an der Verwendung unterschiedlicher Register in seinen Werken zu sehen ist: „La version française de l’ Institution doit donc refléter, ajouterons-nous, le style et la manière plus savants de l’ lnstitutio , à la différence du petit livre ‚populaire‘ de 1537 qui s’adressait initialement aux lecteurs ‚sans culture‘.“ (Millet 1992: 784). Doch darf nicht angenommen werden, dass alle Ausgaben der Institutio(n) sich ausschließlich an eine gelehrte Zielleserschaft richten. Die früheste Fassung der lateinischen Institutio (1536), von der keine französische Übersetzung überliefert ist, richtet sich im Stil eines Katechismus an die Unterrichtung des Volkes. Erst die umfassend erweiterte und überarbeitete Ausgabe LT1539 hatte eine speziellere Gruppe im Blick: „students of theology, whom he wishes to familiarize with the purpose and content of biblical doctrine“ (Greef 2008: 186), denn Calvins Ziel ist in erster Linie, seine Auffassung von der Heiligen Schrift mit der Gemeinschaft zu teilen. Der Grund für Calvins Übersetzung ins Französische im Jahr 1541 liegt erneut in der Wahl der Leserschaft begründet. Da das Studium an den Universitäten wie der Sorbonne weiterhin auf Latein stattfindet, fällt die Gruppe der Theologiestudenten nicht ins Raster. Vielmehr geht es Calvin darum, einem interessierten, aber dennoch wenig vorgebildeten frankophonen Leser den Zugang zur Heiligen Schrift zu ermöglichen. Dies wird daran ersichtlich, dass die Ausgabe FR1541 um Hebraismen und Gräzismen bereinigt wurde (vgl. Marmelstein 1921: 114). Millet versucht eine Definition dieser schwierig zu fassenden Personengruppe, die scheinbar mit dem wachsenden Erfolg der Institution auch stetig größer wird: Dans la version française, l’auteur s’adresse non seulement à la langue, mais aux capacités, réelles ou supposées, et aux catégories culturelles d’un public « populaire », comme dans le Traité des reliques , composé, lui, immédiatement en français. Il faut <?page no="142"?> 130 3 Die Sprachkompetenz Jean Calvins s’entendre sur les mots. « Populaire » ne désigne pas ici une couche sociale, qui serait celle du peuple, très largement analphabète au XIV e siècle, mais le public divers de ceux qui, sachant lire, ne sont touchés qu’indirectement par la culture savante des lettrés, faute d’être passées par l’Université. On y trouve notamment des marchands, des clercs, des artisans, mais aussi des nobles, et le monde qui évolue autour des offices de notaire et de justice. (Millet 1995: 17) Marmelstein (1921: 67) bescheinigt Calvin nicht nur die Fähigkeit komplexeste Ideen auszudrücken, sondern vielmehr „les matières les plus ardues dans une langue accessible aux petites gens“ machen zu können. Dennoch wahrt er gleichzeitig einen gewissen Anspruch an seine Schrift, sodass auch der Einsatz prestigeträchtiger lateinischer Konstruktionen ermöglicht wird. So schreibt Calvin im Vorwort zu seiner Institution (1541): Si quelqu’un ne peut comprendre tout le contenu, il ne fault pas qu’il se desespere pourtant, mais qu’il marche tousjours oultre, esperant qu’un passage luy donnera plus familierement exposition de l’autre. (Calvin [1541] 2008: 111) Und auch einige Jahre später, 1558, bei Veröffentlichung der französischen Übersetzung der Psychopannychia (1534) kündigt Calvin sein Ziel im Vorwort an: J’espere que mon labeur pourra estre grandement utile aux plus rudes et moins exercez et servir aucunement à ceux qui sont moyennement savants[.] (Pot 2010: 21) Eine andere, damit offensichtlich zusammenhängende Frage, muss gestellt werden: Dachte Calvin beim Abfassen der lateinischen Institutio LT1536 respektive LT1539 an eine Übersetzung ins Französische? Dies wird wohl nie mit abschließender Sicherheit beurteilt werden können, scheint aber vor dem Hintergrund der Entscheidungen und Veränderungen in seinem beruflichen wie auch privaten Leben in Straßburg und Genf sowie dem damit zusammenhängenden Willen der Vermittlung seiner reformatorischen Ideen wahrscheinlich. Nicht zuletzt erklärt dies die stilvolle, aber vereinfachte Ausrichtung der Sprache auf das Zielpublikum: 72 Il est également possible cependant que Calvin ait déjà eu en tête, en rédigeant son Institutio , la perspective d’une prochaine traduction ou du moins d’une adaption de son ouvrage en français, et donc pensé à des lecteurs effectivement étrangers à une certaine culture „lettrée“. Cette hypothèse a l’avantage de rendre compte de certaines caractéristiques littéraires et stylistiques de l’ Institutio , comme l’élégance relativement 72 Higmans Auffassung steht derjenigen Millets und der in der vorliegenden Studie vertretenen Sicht entgegen. Higman (1970: 21) erkennt den Willen zum guten Stil nur in den lateinischen Ausgaben. Die französischen Ausgaben hingegen enthielten Passagen, die „more violent, and less refined“ seien. Da, wie noch zu zeigen sein wird, die französische Sprache mit AcI- Konstruktionen aufgewertet werden soll, kann von mangelndem Stilgespür nicht die Rede sein. <?page no="143"?> 3.2 Calvins Arbeit an der Institution 131 simple de son expression latine, et la rareté des allusions et des références érudites de type humaniste, traits qui constituent des pierres d’attente idéales pour une future transposition en langue vernaculaire. (Millet 2008c: 24) So ließe sich also der Rückgriff auf die prestigeträchtige AcI-Konstruktion erklären, die nicht von FR1541 nach FR1560 plötzlich und spurlos aus der Institution verschwindet. Auch die Zielgruppen ändern sich mit der Zeit nicht, dies zeigt die Betrachtung der Vorworte der späten Ausgaben LT1559 und FR1560. 73 Schließlich kommen Millet (1992: 775) und Skupien Dekens (2009: 102-103) zu dem Schluss, dass die Trennung zwischen gelehrter Sprache und Volkssprache nicht mehr streng mit der Trennung zwischen Latein und Französisch in den Ausgaben LT1559 und FR1560 einhergehe, sondern vielmehr das Französische zu diesem Zeitpunkt für Calvin (! ) zu einer „langue digne autant au simple peuple qu’aux savants“ (Skupien Dekens 2009: 103) werde. Daher wird es von großem Interesse sein, die Implementierung des gelehrten AcI im Französischen bei Calvin zu beobachten und vor dem Hintergrund der Übersetzungspraxis die weiteren Auflösungen und Veränderungen in der Konstruktion zu analysieren. Die Trennung der beiden Sprachen in Abhängigkeit vom Publikum wird in jüngeren Lebensjahren strikt verfolgt. Dies geht bereits aus dem zuvor zitierten Brief Calvins hervor (vgl. CO/ 12: 315-317; Millet 1992: 784), aber auch aus dem 1541 veröffentlichten Argument zur Institution : Et premierement l’ay mis en latin à ce qu’il peust servir à toutes gens d’estude, de quelque nation qu’ilz feussent; puis après, desirant de communiquer ce qui en povoit venir de fruict à nostre Nation Françoise, l’ay aussi translaté en nostre langue. (Calvin [1541] 2008: 109) Das Sprachbewusstsein, das hieraus hervorgeht, ist unmissverständlich. Latein wird als überregionale, internationale Verkehrssprache der Gelehrten aufgefasst, während Französisch die Nationalsprache ist, die verwendet wird, um den Textinhalt einer breiten Bevölkerung zugänglich zu machen. 74 Neben der Definition des Zielpublikums über den Begriff der Nation („nostre nation“, vgl. CO/ 9: 847; CO/ 31: 14) versteht Calvin an anderer Stelle auch jene als seine Leser, die „sont de la langue Françoise“ (CO/ 7: 159) respektive „tous Chrestiens et Chrestiennes qui entendent la langue Françoyse“ (CO/ 9: 801). Es ist schlüssig, dass damit auch die frankophone Sprachgemeinschaft im Genfer Raum gemeint ist, und zeigt, dass Calvin den gewünschten Rezipientenkreis nicht auf die Landesgrenze beschränkt. 73 Vgl. hierfür die Editionen Calvinus (1864) und LT1559 = Calvinus ([1559] 1671) sowie FR1560 = Calvin ([1560] 1957-1963). 74 Vgl. diesbezüglich auch Millet (1992: 773). <?page no="144"?> 132 3 Die Sprachkompetenz Jean Calvins Das Kommunikationsziel, eben z. B. im Erreichen einer breiten, nicht gelehrten Leserschaft oder eines gelehrten Kollegen, entscheidet - auch außerhalb der Institution - folglich über die Sprachwahl. Calvin begründet so in einem Brief an den Schweizer Reformator Pierre Viret (*1511-†1571), der lange Zeit in Lausanne lehrt, seine Wahl, ihm zuvor auf Französisch und nicht auf Latein geschrieben zu haben: Scripsi tibi per Fortunatum gallice, partim quia eiusmodi negotium tractabam ut literas oporteret iis communicare qui latine non intelligunt, partim quia ex lecto dictabam nec mibi erat in promptu amanuensis qui aliam linguam excipere posset quam gallicam. (Straßburg, 12.07.1541, CO/ 11: 253) 75 Sechs Jahre später, 1547, nachdem Calvin bereits einige Zeit in Genf wirkte, schreibt er Viret sogar auf Frankoprovenzalisch, sodass klar ist, dass Calvin die Genfer Varietät gut verstanden haben muss (vgl. Kristol 2023: 289). 76 75 Dt. Übersetzung: ‘Ich habe dir aufgrund der Umstände auf Französisch geschrieben, teils weil ich eine derartige Angelegenheit abhandelte, dass ich mit diesen brieflich verkehren musste, die kein Latein verstehen, teils weil ich von der Liege diktierte und mir kein Schreiber zur Hand war, der eine andere Sprache als das Französische aufnehmen konnte’. 76 Vgl. Kristol (2023: 290) für einen Ausschnitt des Briefs. <?page no="145"?> 4 Grammatik und Gebrauch des Accusativus cum Infinitivo Dieses Abschnitt bereitet die theoretische Grundlage für die in Kap. 6 anschließende Auswertung des syntaktischen Latinismus Accusativus cum Infinitivo (AcI) im Französischen des 16. Jahrhunderts. Die Konstruktion eignet sich in besonderer Weise zur Untersuchung des latinisierenden Einflusses humanistischer Gelehrter in dieser Zeit, da der AcI im Klassischen Latein die bestimmende syntaktische Form zur Subordination ist und in die Vernakularsprachen transferiert wird. Der AcI findet sich daher in zahlreichen europäischen Sprachen der älteren Sprachstufen belegt. Von besonderem Interesse ist die Untersuchung in den romanischen Sprachen, welche sich im ersten Jahrtausend nach Christus aus dem Lateinischen ausgliedern und eine sogenannte ‘ererbte’ Form des AcI in Konkurrenz zum wachsenden Gebrauch des Objektsatzes mit quod bzw. que kennen. Diese Entwicklung ist in den romanischen Sprachen, dies wurde früh erkannt, vom punktuell wirkenden sprachgeschichtlichen Einfluss humanistischer Gelehrter zu trennen. So wird zwischen einem ‘gelehrten’ und ‘ererbten’ Typ des AcI unterschieden. Letzterer erhält sich bis in die moderne Zeit in zahlreichen indoeuropäischen Sprachen (vgl. Blatt 1957a: 225). Ersterer wird hingegen in einem eng umfassten Zeitraum, der mehrere Jahrhunderte andauert, ins Französische übertragen, vorwiegend beeinflusst durch die Übersetzungspraxis und gelehrte Schreibtraditionen. Das Kapitel setzt zwei eng verknüpfte Schwerpunkte. Zum einen wird in Kap. 4.1 und 4.2 die komplexe Erscheinung der AcI-Konstruktion in der lateinischen und französischen Grammatik behandelt. Dabei bietet der erste Teil einen Überblick über die latinistische Definition und Bewertung des klassischlateinischen AcI, der die strukturelle Grundlage für den gelehrten Transfer im Französischen bildet. Anschließend gehe ich im zweiten Teil auf die grammatikalischen Charakteristika des gelehrten AcI im Französischen ein, die in der Forschung bereits thematisiert wurden oder gar bis dato unbeachtet blieben. Dies bildet den Argumentationsrahmen für die spätere Analyse. Zum anderen fokussieren Kap. 4.3 und 4.4 auf den strukturellen und sprachübergreifend parallelen Gebrauch dieses Latinismus sowie dessen Bezeichnung in der Sprachgeschichte. Anhand bestehender Forschungserkenntnisse wird die Entwicklungsgeschichte der AcI-Konstruktion vom KL über das mittelalterliche sowie humanistische Latein hin zum Französischen des Mittelalters und der <?page no="146"?> 134 4 Grammatik und Gebrauch des Accusativus cum Infinitivo Frühen Neuzeit nachvollzogen, um die ererbte und gelehrte Form voneinander abzugrenzen sowie um zu bestimmen, wann der gelehrte Typ erstmalig und umfassend ins Französische transferiert wird. Abschließend erweitert Kap. 4.5 den Blick, indem die diachrone Entwicklung in europäischen Nachbarsprachen beleuchtet wird, wodurch gemeinsame Tendenzen, aber auch Besonderheiten des französischen AcI in einem breiteren Kontext deutlich werden. 4.1 Grammatikalische Grundlagen des lateinischen AcI Um die Charakteristika des französischen AcI zu identifizieren, ist es notwendig, auf die ursprüngliche Konstruktion im Latein der Goldenen Latinität zurückzugreifen. Das sogenannte ‘regierende’ Verb (V 1 ) nimmt die zentrale Rolle in der latinistischen Betrachtung der AcI-Konstruktion ein, da diese zum einen vom Prädikat syntaktisch abhängt und zum anderen nicht nach jedem beliebigen Prädikat stehen kann (vgl. 4.1.1). In einer funktional-semantischen Perspektive lässt sich außerdem zeigen, dass der unter- und übergeordnete Satz in einem bestimmten Verhältnis zueinanderstehen, welches letztlich auch Einblick in die Verwendung der alternativen Komplementsatzstruktur mit quod gibt (vgl. 4.1.2). Schließlich gehe ich auf den untergeordneten AcI-Satz ein, bestehend aus S 2 sowie V 2 , und werfe eine Blick auf strukturell ähnliche Konstruktionen wie den NcI und AcP (vgl. 4.1.3). 4.1.1 Übergeordneter Satz: regierendes Verb (V 1 ) 4.1.1.1 Traditionelle Perspektive auf das V 1 Keine der gängigen lateinischen Grammatiken kommt umher, die zahlreichen regierenden Verben, mit welchen der Accusativus cum Infinitivo steht, zu klassifizieren. Typischerweise werden mit dem AcI die verba dicendi und sentiendi assoziiert, jedoch sind, bei prüfendem Blick in diverse lateinische Grammatiken, noch einige andere Klassen aus traditioneller Perspektive zu nennen, die im folgenden Abschnitt näher betrachtet werden. Obwohl Lavency (2003: 136) feststellt, dass die jeweiligen Verbklassen „à sémantisme relativement homogène“ zu verstehen sind, liegen hier eklatante Unterschiede in der Grammatikschreibung vor. Unter Berücksichtigung verschiedener bestehender Auffassungen wird eine Grundlage für die spätere Klassifizierung des fr. AcI herausgearbeitet. In <?page no="147"?> 4.1 Grammatikalische Grundlagen des lateinischen AcI 135 die Übersicht in Tab. 1 sind insgesamt neun verschiedene Grammatiken und Syntaxwerke zur klassisch-lateinischen Sprache eingegangen. 1 Referenzwerk 2 Sagen/ Erklären v. dic./ decl. Denken/ Vorstellung v. cog. Wissen/ Erkennen v. intell. Meinen/ Glauben v. sent. Sinnliche Perzeption Fühlen v. aff. Unpersönlich v. imp. Wollen v. vol. Zulassen/ Veranlassen v. iub./ vet. Burkard/ Schauer ( 6 2020) • • • • • • • • • Touratier/ Liebermann (2013) • • • • • • • Lavency (2003) • • • • • ∅ Rubenbauer ( 12 2007) • • • • ∅ Touratier (1994: 553) • • • • • • ∅ Ernout/ Thomas ( 2 1989: 321) • • • ∅ ∅ Bayer/ Lindauer (1975: 176-177) • • • • • • Hofmann/ Szantyr ( 2 1972) • • • • • • • • Landgraf/ Leitschuh ( 35 1965) • • • • ∅ Tab. 1 - Klassifizierung der Verben mit AcI in Grammatiken des Klassischen Lateins Die Synopse der Referenzwerke ergibt, dass neun Verbklassen semantisch voneinander zu trennen sind. Besonders deutlich stechen hier die verba dicendi/ declarandi , verba impersonalia und verba voluntatis hervor. Sie werden in durchweg allen betrachteten Grammatiken genannt und als eigene Klassen geführt. Die verba dicendi und die verba declarandi bilden nach der Auffassung der Gramma- 1 Die Übersicht umfasst auch drei Schulgrammatiken, die sich durch einen geringeren Beschreibungsumfang von den übrigen Werken unterscheiden. Die Grammatiken für die universitäre Lehre und Forschung enthalten nicht nur typische Verben einer semantischen Klasse, sondern meist auch Belegformen mit bibliographischer Referenz klt. Texte. Hinweise auf Entwicklungen im Spätlatein finden sich vor allem bei Hofmann/ Szantyr ( 2 1972). 2 Vgl. Burkard/ Schauer ( 6 2020: 678-684) für eine detaillierte und gruppierte Auflistung der Verben, die mit dem AcI stehen. Die deutschsprachige Übersetzung von Touratier (2008), Touratier/ Liebermann (2013: 553), orientiert sich an Touratier (1994) und fügt neu die „Verben des Lassens und Zulassens“ hinzu ( iubere ‘befehlen’, vetare ‘verbieten’ etc.). Ferner wird in eine zweite Gruppe der Verben des Wollens und unpersönlicher Konstruktionen unterteilt (Touratier 2008: 198; Touratier/ Liebermann 2013: 276). Die verba dicendi nennt Hofmann/ Szantyr ( 2 1972: 356- 357) zwar in einer Gruppe mit den verba sentiendi , allerdings lassen sich die dicendi- Verben dico, declaro, fateor, nuntio u. promitto identifizieren. Bei den verba sentiendi sind drei Gruppen zu unterscheiden: die als solche nicht bezeichneten sinnlichen Wahrnehmungsverben sentio, video, audio u. cerno , die geistigen Wahrnehmungsverben credo, existimo, opinor, puto, spero u. confido sowie die verba intellegendi memini, obliviscor u. scio . <?page no="148"?> 136 4 Grammatik und Gebrauch des Accusativus cum Infinitivo tikschreiber und Forscher eine homogene, seit der Antike existierende Gruppe (vgl. Cuzzolin 1994b: 13), die synonym und in der vorliegenden Studie als einheitliche Begrifflichkeit verwendet werden. Ebenso klar zu umreißen, aber deutlich seltener erwähnt, sind die verba iubendi und vetandi (Verben des Zulassens/ Veranlassens/ Befehlens sowie Verbietens/ Verhinderns). Diese Verbklassen scheinen unter den meisten Grammatikern nicht dieselbe Akzeptanz zu finden, sind aber sehr wohl in den beiden jüngst erschienenen Grammatiken, der Neubearbeitung von Menges Grammatik durch Burkard/ Schauer ( 6 2020) und der in diesem Punkt leicht überarbeiteten Grammatik von Touratier/ Liebermann (2013), aufgeführt. Die verba affectuum bzw. affectuus bilden eine weitere Säule der lateinischen AcI-Konstruktionen. Diese Verben des Fühlens bzw. des Gefühls sind grundsätzlich nicht mit solchen zu verwechseln, die eine Wahrnehmung ausdrücken und den verba sentiendi zuzurechnen sind. Diese Klasse wird jedoch nicht selten als Sammelbecken für Verben der Wahrnehmung, des Meinens und Wissens verwendet (vgl. bspw. Bayer/ Lindauer 1975; Hofmann/ Szantyr 2 1972; Landgraf/ Leitschuh 35 1965). Die Klasse der Wahrnehmungsverben lässt sich weiter in Verben der geistigen und sinnlichen Wahrnehmung untergliedern. Allerdings verfahren in den betrachteten Grammatiken nur Burkard/ Schauer ( 6 2020), Touratier (2008) und Touratier/ Liebermann (2013) so, wohl in Anerkennung dessen, dass im KL die meisten Perzeptionsverben unabhängig vom temporalen Verhältnis des über- und untergeordneten Satzes geistig aufzufassen sind (vgl. Pinkster 2021: 163- 164). Pinkster argumentiert, dass die Präsenz der kognitiven Verbkategorie dazu beigetragen haben dürfte, dass die beiden semantischen Ausdrucksarten häufig gemeinsam in der Klasse der verba sentiendi aufgegangen sind. Im Gesamtüberblick lässt sich in neueren Arbeiten eine Tendenz zur Anerkennung der geistigen Perzeptionsverben als eigene Gruppe erkennen, was für die weitere diachrone Entwicklung im Französischen noch bedeutsam sein wird. Eine Klassifizierung der Verben des Meinens und Wissens ist ebenfalls in den genannten neueren Grammatiken zu beobachten. Sie benennen so dezidiert die verba cogitandi, intellegendi und sentiendi . Da die jeweilige Klassifizierung ohne gemeinsamen Referenzrahmen in Grenzfällen von der individuellen Beurteilung abhängt und damit signifikante Auswirkungen auf quantitative Untersuchungen haben kann, empfiehlt sich für eine sinnvolle Interpretation der Daten die Verwendung einer feingliedrigen Aufteilung, wie sie Burkard/ Schauer ( 6 2020) mit ausführlichen Verbbeleglisten vorschlagen. Ein Zusammenfassen kleinerer Verbklassen bleibt in der Auswertung weiterhin methodisch möglich. Es wird im weiteren Verlauf der Arbeit zu prüfen sein, inwieweit dieselben Bedeutungsklassen sich im latinisierten Französischen wiederfinden. Hiervon getrennt ist die Frage, welche Klassen besonders häufig anzutreffen sind. Beispielsweise <?page no="149"?> 4.1 Grammatikalische Grundlagen des lateinischen AcI 137 werden in Calvins Institutio(n) mehr verba dicendi und unpersönliche Verben erwartet als verba affectus , die eben nicht zu dem eher nüchternen, teilweise wissenschaftlichen Stil des Werks passen. 3 4.1.1.2 ‘Eigentlicher’ und ‘uneigentlicher’ AcI Der lateinische AcI, steht wie oben erwähnt mit bestimmten Verbklassen, über deren Umfang in der traditionellen Grammatikschreibung weitgehend Einigkeit herrscht. Allerdings wurde die Auswahl der Verben und ihre Zuordnung zu den einzelnen Klassen bislang „more or less intuitively, as has always been done in traditional Latin grammars“ (Bolkestein 1976a: 158), vorgenommen. Es gilt also zu beachten, dass die postulierten Verbklassen in der Zuordnung mehrdeutiger Verben möglicherweise nicht präzise sind. Zudem müssen aufgrund des Fehlens eines zentralen Referenzverzeichnisses stets die bisherigen Klassifizierungen in der Literatur geprüft werden, die wie zuvor gesehen nicht immer im Einklang stehen. Dieses Vorgehen birgt also methodische Probleme, welche die Ergebnisse der quantitativen und qualitativen Auswertung bei unklarer Klassifizierung relativieren könnten. 4 Nützlich ist die Einteilung aber dennoch, da sie die Verben inhaltlich sinnvoll gruppiert und voneinander abgrenzt. Die Verbklassen dienen in den traditionellen Lateingrammatiken ferner einer weiteren Differenzierung: es wird der ‘eigentliche’ vom ‘uneigentlichen’ AcI unterschieden. Manche Verbklassen, wie die verba dicendi , stehen demnach mit dem eigentlichen AcI und sollen die Basis für den gelehrten AcI bilden; andere wiederum, wie die Verben admoneo oder doceo , stehen mit dem uneigentlichen AcI. Um den latinisierenden Einfluss im Französischen exakt umreißen zu können, ist es notwendig die definierenden Eigenschaften dieser beiden Kategorien zu bestimmen. Welche Typen als AcI für einen Transfer im 16. Jahrhundert in Frage kommen bzw. tatsächlich transferiert werden, wird in den nachfolgenden Kapiteln zur französischen Form des AcI geklärt werden. 3 Interessant wird dabei auch sein, inwieweit stets overte V 1 als übergeordneter Bezug im Text vorhanden sind. Zumindest wenn es um erzählende Texte bzw. um Kontexte indirekter Rede geht, ist es laut Pinkster (2021: 158-159, mit Verweis auf Sznajder) nicht selten zu beobachten, dass das lt. V 1 unspezifisch bleibt. Dies gilt Sznajder (2001: 616) zufolge insbesondere für Livius-Texte. Stein (1997: 137), der die Livius-Texte hinsichtlich ihrer Übersetzungen in den romanischen Sprachen untersucht, stellt ebenfalls einen ausgeprägten Gebrauch der indirekten Rede fest und auch, dass „von einem Verbum dicendi [...] mehrere AcI-Objekte abhängen können, ohne daß dieses Verb wiederholt werden muß“. Gleichzeitig bilden die romanischen Sprachen diese Art der indirekten Redewiedergabe nicht mehr in gleichem Umfang ab, sondern lediglich die an der Antike festhaltenden Sprachzustände im 16. Jh. (vgl. Stein 1997: 145). 4 Auf diese Problematik mit Hinblick auf die anschließende Analyse macht auch Cuzzolin (1994b: 83-84) aufmerksam. Es handelt sich um eine „unpräzise Etikettierung“, die lediglich die gängigen Verben leicht identifizierbar macht. <?page no="150"?> 138 4 Grammatik und Gebrauch des Accusativus cum Infinitivo Den syntaktischen Funktionsunterschied eigentlicher und uneigentlicher AcI-Konstruktionen begründet Pinkster (1983, 1988, 2021) maßgeblich in ihrer Verbvalenz. Die Verbstelligkeit gibt Auskunft darüber, wie viele Argumentpositionen besetzt sind und in welcher syntaktischen Funktion der vermeintliche Subjektsakkusativ (S 2 ) gesehen werden muss. So sind, wie ich im Folgenden mit Rückgriff u. a. auf Pinkster erläutere, zwei- und dreistellige Verben zu unterscheiden, die sich in ihrer formalen Struktur an der Oberfläche ähneln. Es ergibt sich ein zunächst gleichförmiges Panorama in (10), welches ein wechselndes finites Prädikat mit gleichbleibender Kombination aus dem Akkusativ te und dem Infinitiv venire zeigt: (10) a. admoneo te venire b. iubeo te venire c. video te venire d. dico te venire e. necesse est te venire Hier bestehen Abstufungen, die seit den 1970er Jahren in der latinistischen Forschung erarbeitet wurden. Das zentrale Charakteristikum, welches eine Unterscheidung in ‘uneigentlichen AcI’ und ‘eigentlichen AcI’ bzw. ‘AcI im weiten’ und ‘AcI im engen Sinne’ in den gezeigten Beispielen erlaubt, ist die Möglichkeit, den Akkusativ te zum Prädikat des Matrixsatzes (V 1 ) oder zum Infinitiv (V 2 ) zuzuordnen. Dies entscheidet darüber, ob im ersten Fall ein Ergänzungsinfinitiv oder im zweiten Fall ein AcI vorliegt. Der eigentliche AcI erfordert, dass der Akkusativ ausschließlich zum Infinitiv gehört und folglich in reiner Subjektfunktion des Infinitivsatzes auftritt (vgl. 10d u. 10e). Bei den Beispielen (10a) bis (10c) lässt sich te hingegen ganz oder teilweise als direktes Objekt (O 1 ) zum V 1 auffassen. Ich gehe nun im Detail auf die Unterschiede ein. Der Typus in (11) ist eine dreistellige Verbkonstruktion mit möglichem doppelten Akkusativ (vgl. Pinkster 2021: 167), sodass te nicht in S 2 -Funktion zum V 2 interpretiert werden kann. (11) a. admoneo warne.Prs.1Sg [S/ V 1 ] te i dich.Akk [O 1 ] [PRO i kommen.Inf [V 2 ] venire] ‘Ich warne dich zu kommen’ b. admoneo warne.Prs.1Sg [S/ V 1 ] te dich.Akk [O 1 ] [me mich.Akk [S 2 ] abire] abreisen.Inf [V 2 ] ‘Ich warne dich, dass ich abreise’ (Beispiel aus Pinkster 1988: 194) Venire fungiert in (11a) als Ergänzungsinfinitiv an dritter Stelle zum Prädikat admoneo und zeigt einen semantischen Bezug zum Objekt te an zweiter Stel- <?page no="151"?> 4.1 Grammatikalische Grundlagen des lateinischen AcI 139 le (somit koindiziert). 5 Es handelt sich hierbei folglich um einen Akkusativ + Ergänzungsinfinitiv (en. prolative infinitive ) und nicht eine AcI-Konstruktion. Daher wird diese Konstruktion (ähnlich auch docere, arguere ) als uneigentlicher AcI aufgefasst. 6 In (11b) wird die dritte Argumentstelle durch me abire , einem AcI, ausgefüllt (vgl. Pinkster 1990: 191-192, 2021: 167). Es handelt sich in der traditionellen Sichtweise insgesamt ebenfalls um einen ‘uneigentlichen AcI’, da der ‘eigentliche AcI’ keine Besetzung einer weiteren Objektstelle im Akkusativ (aber im Dativ) kennt. 7 Die AcI-Konstruktion mit iubere in (12) geht bis in die altlateinische Zeit zurück. 8 Das verbum imperandi zeichnet sich durch seine „strukturelle Ambiguität“ 5 Touratier/ Liebermann (2013: 286) argumentieren für die Gleichstellung des Infinitivs mit Komplementsätzen hinsichtlich der Subordinationsfähigkeit. Der Infinitiv wird als untergeordneter Satz betrachtet, wobei das Infinitivmorphem die Subordination kennzeichnet. In einer typologischen, semantischen Perspektive ist dies jedoch umstritten (vgl. Cristofaro 2 2005). 6 Weitere Beispiele für diesen Typus des uneigentlichen AcI sind docere u. arguere . Während in arguo te mentiri (‘ich beschuldige dich zu lügen’) u. doceo te sapere (‘ich lehre dich zu wissen’ bzw. ‘Ich lehre dich, damit du weise wirst’) jeweils eine Übersetzung mit Ergänzungsinfinitiv möglich ist, weist Rubenbauer/ Hofmann ( 12 2007: 192) zu Recht darauf hin, dass eine Übersetzung mit der Konjunktion ‘dass’ nur bedingt möglich ist, da docere Finalität ausdrückt. Vgl. für eine ähnliche Einteilung des uneigentlichen AcI Burkard/ Schauer ( 6 2020: 676-677). Der eigentliche AcI wird von ihnen nicht weiter untergliedert. Der uneigentliche AcI wird auch als AcI im weiten Sinne aufgefasst (vgl. Pinkster 1988: 188). Der eigentliche AcI bzw. AcI im engeren Sinne wird bei Pinkster (1988: 188, 191, 211) und Greco (2013b: 179) als echter AcI bezeichnet. 7 Bolkestein (1976a) zeigt erstmalig den in (11a) und (11b) auftretenden semantischen Unterschied auf (vgl. Pinkster 1988: 188-189, 1990: 194). So wird im ersten Satz eine Aufforderung mittels der Adressierung an eine weitere Person ( te ) und der Nennung des Gegenstands der Aufforderung ( venire ) kommuniziert. Dieser imperativische Charakter liegt im zweiten Satz nicht vor, in dem lediglich eine Information ( me abire ) deklarativ an den Adressaten ( te ) übermittelt wird. Es bleibt festzustellen, dass der eigentliche AcI deklarativen Charakter hat und in (10d) te nicht als Adressat fungiert, denn dieser müsste mit tibi im Dativ ergänzt werden. Imperativisch wäre demnach nur ein Satz wie dico tibi Dat abire Inf (vgl. Pinkster 1988: 188-189, 1990: 194). 8 Der Ursprung der AcI-Konstruktion wird dem Zeitraum des älteren Lateins zugeschrieben. Die am weitesten verbreitete Hypothese diesbezüglich ist (vgl. Baños Baños 2009: 530), dass der AcI- Konstruktion im Lateinischen „der doppelte Akk., der Person und des durch Inf. ausgedrückten Ziels, zugrunde“ liegt (Hofmann/ Szantyr 2 1972: 353). Das Verb iubere erfuhr im Altlatein eine Bedeutungsverschiebung von ‘antreiben’ zu ‘befehlen’, was dazu führte, dass „der Akk[usativ] notwendigerweise als Subj[ekt] des mit einem Nebensatz gleichwertigen Infinitivsatzes aufgefaßt werden konnte“. Diese Einschätzung wird auch in Rubenbauer/ Hofmann ( 12 2007: 191) geteilt. Hofmann/ Szantyr ( 2 1972) und Leumann/ Hofmann (1928: 584) gehen davon aus, dass durch semantische Nähe eine Übertragung auf andere intransitive Verben stattgefunden haben muss. Dies ist zugleich der „Endpunkt der Entwicklung“ (Hofmann/ Szantyr 2 1972: 353) im Lateinischen. Greco (2013a: 176) bestätigt die weite Verbreitung der Struktur zu einem frühen Zeitpunkt der ersten überlieferten schriftlichen Dokumente, weist jedoch darauf hin, dass der sichere Ursprung der Konstruktion immer noch nicht geklärt ist. In einer älteren Darstellung Mayens (1902: 1) wird auch ein rudimentärer Ursprung im Sanskrit genannt. Vgl. zum Ursprung von Komplementsatzstrukturen im Altgriechischen Cristofaro (2012); zu Hypothesen bzgl. des NcI/ AcI im Altgriechischen und anderen älteren Sprachen Calboli (1983: 43-45). Die Wechselwirkungen zwischen KL und Altgriechisch sind schwierig zu identifizieren. Cuzzolin <?page no="152"?> 140 4 Grammatik und Gebrauch des Accusativus cum Infinitivo (Pinkster 1988: 192; vgl. Pinkster 2021: 185) aus und erlaubt im Gegensatz zum vorherigen Beispiel keinen doppelten Akkusativ. (12) a. iubeo befehle.Prs.1Sg [S/ V 1 ] te i dich.Akk [O 1 ] [PRO i kommen.Inf [V 2 ] venire] ‘Ich befehle dir zu kommen’ (Ergänzungsinfinitiv) b. iubeo befehle.Prs.1Sg [S/ V 1 ] [te dich.Akk [S 2 ] venire] kommen.Inf [V 2 ] ‘Ich befehlige, dass du kommst’ (Komplementsatz) Zum einen lässt sich in (12a) te als Objekt zum dreistelligen V 1 und venire als Ergänzungsinfinitiv auffassen. Zum anderen ließe sich der Satz in (12b) aber auch in der Funktion eines zweistelligen Verbs interpretieren, te wird dann nicht mehr als O 1 aufgefasst, sondern als Subjekt S 2 zum Infinitiv V 2 . Bedingt durch die Zweideutigkeit in der Interpretation muss dieser AcI-Typus zwischen den zwei Polen ‘Akkusativ + Ergänzungsinfinitiv’ und ‘Akkusativ + Infinitiv’ verortet werden. 9 Die traditionelle Grammatikschreibung rechnet auch diesen Verbtyp aufgrund seiner Ambiguität zum ‘uneigentlichen AcI’. Hieraus kristallisiert sich die bestimmende Trenneigenschaft zum ‘eigentlichen AcI’, welcher nicht zulässt, dass das S 2 , also das zweite Argument des untergeordneten Verbs, die Funktion eines Objekts zum Hauptsatzprädikat übernimmt. 10 Ein typisches Verwendungsbeispiel für diese „bei weitem häufigste“ (Burkard/ Schauer 6 2020: 677) Form des AcI, der in der Literatur in der Regel statt ‘eigentlicher AcI’ kurz als ‘AcI’ bezeichnet wird, ist die Verwendung mit einem zweibzw. dreistelligen verbum dicendi : (13) dico sage.Prs.1Sg [S/ V 1 ] [te dich.Akk [S 2 ] cantare] singen.inf [V 2 ] ‘Ich sage, dass du singst.’ Ungrammatisch ist * dico te . Der Adressat müsste im Dativ tibi stehen, ist aber, wenn das Akkusativargument des Verbs vorhanden ist, fakultativ realisierbar: (1994b: 14-15) identifiziert dabei ein Hauptproblem in der nicht leicht zu fassenden Definition des Gräzismus, um eine präzise Prüfung des Transfers vornehmen zu können. 9 Vgl. weiterführend Pinkster (2021: 176-181) zur Diskussion um den Status von iubeo , der zwar die genannte Zweigliedrigkeit befürwortet, jedoch einen direkten Zusammenhang mit einem aktiven und passiven Infinitiv überzeugend entkräftet. 10 Vgl. hierzu die Definitionen zum AcI und Ergänzungsinfinitiv: „Der Akkusativ des AcI kann nicht als Objekt des regierenden Verbs aufgefasst werden; er ist das selbstständige Subjekt des unechten Gliedsatzes, wobei das Subjekt des regierenden Verbs dasselbe sein kann wie das Subjekt des AcI.“ (Burkard/ Schauer 6 2020: 677) sowie „Entscheidend ist, ob der erste Aktant des untergeordneten Verbs, welcher den Befehl ausführen soll, zugleich der zweite Aktant des übergeordneten Verbs ist, der den Befehl des ersten Aktanten dieses Verbs erhält. Ist dies der Fall kann der untergeordnete Infinitivsatz nur ein Satz ohne Subjekt sein [...]“ (Touratier/ Liebermann 2013: 288). <?page no="153"?> 4.1 Grammatikalische Grundlagen des lateinischen AcI 141 Dico (tibi) te cantare alterniert mit Dico (tibi) quod cantas . Die Wahl des Infinitivs, dem strukturellen Kern der AcI-Konstruktion, scheint hierbei keine Auswirkungen auf das syntaktische Wesen des AcI zu haben, denn dieser wird in der Grammatikschreibung nicht gesondert erwähnt. So kann beispielsweise in (14) esse anstelle von cantare als V 2 gesetzt werden und mit dem Adjektiv iustum als O 2 prädikativ ergänzt werden. Te verbleibt dann weiterhin in der Funktion des S 2 zum Infinitiv. (14) dico sage.Prs.1Sg [S/ V 1 ] (tibi) dir.Dat [O 1 ] [te dich.Akk [S 2 ] iustum gerecht.Adj [O 2 ] esse] sein.Inf [V 2 ] ‘Ich sage (dir), dass du gerecht bist.’ Problematisch ist nun, insbesondere aus einer romanistischen Perspektive, die Einordnung der Perzeptionsverben wie videre oder audire . Sie bestehen mit der AcI-Konstruktion unter anderem in den größeren romanischen Sprachen sowie in weiteren indoeuropäischen Sprachen wie dem Deutschen oder Englischen bis heute fort. In den Lateingrammatiken werden sie häufig dem eigentlichen AcI zugeordnet, ohne dass eine weitere Differenzierung innerhalb dieser Gruppe erfolgt (vgl. Burkard/ Schauer 6 2020: 683 sowie Tab. 1). Anders als im obigen Beispiel (13) mit einem verbum dicendi kann te in Abhängigkeit von einem Perzeptionsverb wie videre nicht ausschließlich als alleiniges Subjekt (S 2 ) zum Infinitiv (V 2 ) und damit als (eigentliche) AcI-Konstruktion nach einem zweistelligen Verb aufgefasst werden (vgl. 15a vs. 15b). (15) a. video sehe.Prs.1Sg [S/ V 1 ] [te dich.Akk [S 2 ] venire] kommen.inf [V 2 ] ‘Ich sehe dich kommen / Ich sehe, dass du kommst’ b. video sehe.Prs.1Sg [S/ V 1 ] te i dich.Akk [OS 1 ] [PRO i kommen.inf [V 2 ] venire] ‘Ich sehe dich kommen’ In (15b) wird ersichtlich, dass te als direktes Objekt zum V 1 video verstanden wird und somit venire als Ergänzungsinfinitiv einer dreiwertigen Verbkonstruktion fungiert. Sie gleicht damit der oben beobachteten Struktur mit admoneo oder auch in doceo te scribere (vgl. Greco 2013b: 179), unterscheidet sich jedoch zum einen in der Modalität (vgl. den imperativischen Wert in 16a; Pinkster 1988: 193-194) und zum anderen in der Möglichkeit te wegzulassen (vgl. 16b/ 16c vs. 17b/ 17c), sodass eine Typentrennung in (16a) und (17a) notwendig bleibt: (16) a. admoneo te i [PRO i abire] ‘Ich warne dich abzureisen.’ (imperativisch) b. admoneo te c. admoneo abire ‘Ich warne (davor) abzureisen.’ (Cann 1983: 129) <?page no="154"?> 142 4 Grammatik und Gebrauch des Accusativus cum Infinitivo (17) a. video te i [PRO i abire] ‘Ich sehe dich abreisen.’ b. video te c. *video abire Bei verba dicendi , aber auch verba sentiendi , sind die Sätze nur dann imperativisch aufzufassen, wenn kein S 2 vorhanden ist und es sich um einen reinen Ergänzungsinfinitiv handelt (vgl. Pinkster 1988: 193-194). So gesehen verhält sich videre mit Akkusativ + Ergänzungsinfinitiv nun mehr wie die Verben der traditionellen Verbklassen, die mit dem eigentlichen AcI stehen. Dies ergänzt Pinksters Überlegung, warum die traditionelle Grammatikschreibung immer schon die physischen Perzeptionsverben zum Typ des eigentlichen AcI rechnet. Die Abgrenzung zum eigentlichen AcI mit verba dicendi oder sentiendi wird bei den Perzeptionsverben über die Auffassung des physisch oder kognitiv wahrgenommenen Vorgangs deutlich. Während in (15b) und (17a) die perzeptive Auffassung überwiegt, überwiegt in (15a) die kognitive Komponente, da vom Sprecher der gesamte wahrgenommene Vorgang beschrieben wird. Dies gilt auch für den mit dieser Satzkonstruktion alternierenden Komplementsatz: Ich sehe, dass er kommt. Die in (15) gezeigte Unterscheidung zwischen ‘ videre & AcI’ und ‘ videre & Akk. + Ergänzungsinfinitiv’ bezeichnet Maraldi (1980: 51, 71) daher als „perception constructions“ und „cognition constructions“. Diese Beobachtung trifft für videre zwar zu, doch, wie Greco herausarbeitet, nicht für auditive Verben: The sentence audio Caesarem venire can be interpreted in two ways, and can mean either ‘I hear Caesar coming’ or ‘I hear that Caesar is coming’. The different meanings cannot be treated in terms of „perception“ or „cognition“ structures, as has been done in the case of video : a sentence like ‘I hear that Caesar is coming’ bears a „second-hand“ (or „hearsay“) value rather than a ‘cognitive’ one. It is therefore necessary, in our opinion, to re-determine the opposition between the two possible interpretations of the infinitival structures governed by verbs such as video or audio , in terms of „direct“ and „indirect“ evidence. (Greco 2013b: 179) Hierauf wird im nachfolgenden Abschnitt zur benachbarten Konstruktion des Accusativus cum Participio (vgl. Kap. 4.1.3.3) näher eingegangen. Eine weitere, abschließend zu erwähnende Kategorie ist in (10e) aufgeführt, in welcher die unpersönliche Konstruktion necesse est keine Möglichkeit mehr zulässt, das S 2 als Objekt zum V 1 aufzufassen (vgl. auch Rubenbauer/ Hofmann 12 2007: 192). Schließlich können wir resümieren: Auf Basis des Kriteriums der Zuordnung des S 2 zum V 1 und/ oder V 2 können die etablierten Klassen des ‘echten’/ ‘eigentlichen’/ ‘im engen Sinne zu verstehenden’ AcI sowie des ‘uneigentlichen’/ ‘im weiten Sinne zu verstehenden’ AcI beibehalten werden. Jedoch ließe sich, wie Greco (2013b) und Pinkster (1988, 1990, 2021) zeigen, mit der an der <?page no="155"?> 4.1 Grammatikalische Grundlagen des lateinischen AcI 143 Oberfläche sich ähnelnden Konstruktion noch präziser mit den Termini ‘Akkusativ + Ergänzungsinfinitiv’ bzw. ‘Akkusativ + Infinitiv’ (AcI) umgehen und die Verbstelligkeit berücksichtigen. Die traditionelle Zurechnung der physischen Perzeptionsverben zum eigentlichen AcI verklärt den Blick auf die strukturellen Unterschiede. Die kognitive Seite der Perzeptionskonstruktion entspricht hingegen dem mit den Verben des Sagens vorgefundenen syntaktischen Struktur des AcI in Objektposition. Diese Unterscheidung wird für die Untersuchung und Systematisierung der französischen AcI-Konstruktion noch von entscheidender Bedeutung sein. 4.1.2 Die Rolle des AcI in einem funktional-semantischen Ansatz 4.1.2.1 Einfluss der Semantik des V 1 (Cuzzolin 1994) Die Latinistik hat es u. a. den Arbeiten Bolkesteins (1976a,b, 1979) zu verdanken, dass die traditionelle, syntaktisch orientierte Sicht auf die funktionale Beziehung zwischen V 1 und AcI wesentlich erweitert wird. So zeigt sie unter anderem, dass die inhaltliche Funktion des regierenden Verbs nicht ausschließlich durch sich selbst, sondern auch durch den untergeordneten Satz bestimmt wird und demzufolge eine semantisch orientierte Verbindung vorliegen muss (vgl. Bolkestein 1976a: 172). Eine direkte Entsprechung zwischen Form und Funktion ist nicht in allen Fällen gegeben, sodass manche untergeordnete Sätze sowohl deklarative als auch imperativische Bedeutung haben können, obwohl sich das V 1 bei ansonsten gleichbleibenden Kriterien nicht ändert (vgl. Bolkestein 1976b: 295). Auch Cuzzolins Ansatz verlässt die Ebene der rein syntaktischen Konstituenten insofern, als dass er das übergeordnete Satzgeschehen betrachtet und so die Abhängigkeitsverhältnisse zwischen den Teilsätzen auf Basis des V 1 untersucht. Folglich differenziert Cuzzolin (1994b: 61-67) die Verben, die im Lateinischen mit dem AcI stehen, in (stark) assertive, schwach assertive, semifaktive und faktive Prädikate. Grundsätzlich kann festgestellt werden, dass die bekannten verba dicendi wie affirmer, dire als stark assertiv und die verba affectuum als faktiv zu werten sind. Die Übergangskategorien schwach assertiv bzw. semifaktiv entfallen dann auf die verba cogitandi, intellegendi und sentiendi . Eine detaillierte Einteilung der traditionellen Verbgruppen (vgl. Tab. 1) steht dieser alternativen Unterscheidung nun nicht nach, doch trägt diese syntaktische motivierte Zuordnung zu den traditionellen Verbklassen den Beobachtungen Cuzzolins nicht Rechnung. Denn sein Ansatz ist bestrebt, die zwei häufig getrennt behandelten Bereiche Syntax und Semantik zugunsten der Erklärung der Unterschiede zwischen AcI- und quod -Sätzen miteinander zu verbinden. Die grundlegende, Feststellung Cuzzolins ist, dass sich faktive und assertive Prädikate gänzlich <?page no="156"?> 144 4 Grammatik und Gebrauch des Accusativus cum Infinitivo anders in ihrer semantischen Relation zum untergeordneten Satz verhalten. So weisen die Subordinationen, die von faktiven Prädikaten syntaktisch abhängen, eine höhere Selbstständigkeit auf. Cuzzolin (1994b: 66-67) zeigt dies anhand des Satzes Carlo (non) è contento che Giovanni sia già partito auf. In (18a) wird der positive Wahrheitsgehalt des Nebensatzes präsupponiert, gleich ob das faktive Verb negiert ist oder nicht (Cuzzolin 1994b: 66; vgl. Timofeeva 2010: 87). (18) a. Karl freut sich (nicht), dass Johannes schon gegangen ist. (faktiv) b. Karl sagt (nicht), dass Johannes schon gegangen ist. (assertiv) Bei einem Satz wie in (18b) wirkt sich eine Verneinung des Matrixsatzes direkt auf den untergeordneten Komplementsatz aus - und zwar indem hier offen bleibt, ob Johannes tatsächlich gegangen ist. Die assertive Prädikatengruppe wird laut Cuzzolin (1994b: 67) in der lateinischen Sprachgeschichte am häufigsten mit dem AcI gebraucht. Ferner argumentiert er für eine Ausweitung der Komplementsatzstruktur mit quod und quia zulasten der AcI-Konstruktion im Spätlateinischen, die bei den faktiven Verben beginnend langsam auf die Klasse der assertiven Verben übergreift (vgl. Cuzzolin 1994b: 81-82). Eine Schlussfolgerung Cuzzolins (1994b: 81) für das (Spät-)Lateinische beschreibt das enge Ineinandergreifen der Bereiche Syntax und Semantik, indem er feststellt, dass „strukturelle Kohäsion“ und „semantische Homogenität“ den Gebrauch des AcI begünstigen. 11 Diese Beobachtung lässt sich, so meine Arbeitshypothese an dieser Stelle, auch auf das Französische anwenden, denn so sollte sich herauskristallisieren, dass vor allem diejenigen gelehrten AcI-Konstruktionen häufig verwendet und entlehnt werden, die eine erhöhte Kompaktheit bzw. Kohäsion aufweisen. Dabei kommt den einzelnen Konstituenten eine erhöhte Tragkraft zu, indem sie beispielsweise durch Koreferenz zwischen S 1 und S 2 oder Verwendung bestimmter V 2 die Satzsemantik kompakter gestalten. Auf syntaktischer Ebene wären demnach auch Auslassungen von Konstituenten zur Vergrößerung der syntaktischen Kompaktheit zu erwarten. Die Verbundenheit zwischen der Semantik und Syntax wird, so sagt Cuzzolin (1994b: 80) selbst, auch bei Givón festgestellt, der dafür in einer funktional-typologischen Sichtweise die Ikonizität ins Feld führt: 12 Die syntaktische Umsetzung innerhalb eines komplexen Satzes spiegelt folglich in gleicher Gestalt (isomorph) die semantische Verbindung zwischen den Teilsätzen wider. Ein Satz ohne komplementäres quod oder que integriert den vom Matrixverb (V 1 ) abhängigen Nebensatz (S 2 11 Vgl. im Original Cuzzolin (1994b: 81): „tutti quei tratti sintattici che, nell’organizzazione del testo, segnalano coesione strutturale e omogeneità semantica tendono a favorire l’uso dell’AcI anziché della subordinata esplicita“. 12 Givóns (1984, 1990) umfassende, sprachübergreifende Beschreibung der Syntax liefert hierzu einen wichtigen Beitrag, v. a. in seiner überarbeiteten Auflage (Givón 2 2001a,b). <?page no="157"?> 4.1 Grammatikalische Grundlagen des lateinischen AcI 145 und V 2 ) stärker als mit einer Konjunktion. Die erhöhte syntaktische Integration spiegelt sich dem binding principle Givóns gemäß in einer stärkeren semantischen Integration wider (vgl. Cristofaro 2 2005: 13). Die AcI-Konstruktion zeugt demnach von einer höheren semantischen Integrationskraft als die alternative Komplementsatzstruktur. 4.1.2.2 Conceptual Approach (Cristofaro 2005) Cristofaro ( 2 2005) legt auf Basis dieser funktional-semantischen Überlegungen einen neu entwickelten Ansatz, den sogenannten Conceptual Approach , vor, der auch versucht, Schwachstellen bestehender Vorgehensweisen auszugleichen. 13 Hier liegt ein funktionales Verständnis bestehend aus Eigenschaften der Semantik, Pragmatik und Kognitionswissenschaft zugrunde, welches die Autorin als sprachübergreifend und universell, unabhängig jeglicher formaler Einflüsse, umreißt (vgl. Cristofaro 2 2005: 25). Subordination definiert sich ihr zufolge nicht über morphosyntaktische Kriterien, sondern über ein konzeptuelles Zusammenspiel der oben genannten funktionalen Eigenschaften. Der Conceptual Approach definiert das Verhältnis der beiden verbundenen Sätze über das Zusammenspiel zweier Sachverhalte bzw. Sachverhaltsdarstellungen. 14 Dabei wird weniger auf Satztypen geachtet, als vielmehr darauf, wie das Zusammenwirken der Sachverhalte wahrgenommen wird und wie sie im Diskurskontext verortet werden (vgl. Cristofaro 2 2005: 25). Der zentrale Kern der von (morpho-)syntaktischen Kategorien freien Definition der Subordination ist eine „cognitive asymmetry“: ein Ungleichgewicht zwischen zwei Sachverhalten, von dem einer in direkter Abhängigkeit zu dem anderen steht (vgl. Cristofaro 2 2005: 2, 25, 33). Denn in dieser Annahme zwingt eine der beiden Sachverhalte sein kognitiv wahrnehmbares Profil dem anderen auf, sodass in der Subordination nicht zwei Vorgänge abgebildet werden, sondern nur einer (vgl. Cristofaro 2 2005: 30). Subordination wird also mit einem übergeordnet wirkenden Prinzip erklärt, sodass sich in der lateinischen Sprachgeschichte die Verwendung von AcI-Sätzen und Komplementsätzen als Ausdruck eines funktional-semantischen Ungleichgewichts zweier Sachverhaltsdarstellungen erklären lässt. Der Verbsinn des Matrixverbs (V 1 ) kann als solcher, laut Cristofaro (2008: 583-584), nicht alleine dafür verantwortlich gemacht werden, die komplette Satzbedeutung zu bestimmen. Dies erklärt sie am Beispiel des Altgriechischen, welches zwei Bedeutungen für 13 Vgl. Cristofaro ( 2 2005: 15-25) zum „Continuum Problem“ sowie „Mismatch Problem“. 14 Der englische Terminus State of affairs (SoA, dt. Sachverhaltsdarstellung ) ist hier neutral gemeint und umfasst Vorgänge, Zustände, Situationen etc. Vgl. die Definition bei Cristofaro ( 2 2005: 25): „By state of affairs, here, is meant the conception of something that can be the case in some world, and can be evaluated in terms of its existence“. <?page no="158"?> 146 4 Grammatik und Gebrauch des Accusativus cum Infinitivo horân kennt, einmal als physisches ‘sehen’ und einmal als kognitives ‘erkennen, realisieren’. 15 Dadurch, dass nun diese beiden Bedeutungen in unterschiedlichen Kontexten vorkommen, muss davon ausgegangen werden, dass nicht die Verbbedeutung allein in der mentalen Verarbeitung des Sprechers berücksichtigt, sondern die Konstruktion, bestehend aus dem Matrixverb und der untergeordneten Konstruktion, als Ganzes gespeichert wird. 16 Mit diesem Wissen ist eine isolierte Betrachtung der beiden Bereiche Syntax und Semantik abzulehnen. Die Feststellung der Subordination eines Teilsatzes zu einem übergeordneten Satz anhand dieses konzeptionell orientierten Ansatzes schließt nicht die Betrachtung der einzelnen Satzkonstituenten aus. So ist es vorstellbar, dass es semantische Unterschiede in Abhängigkeit der Wahl des S 2 und des V 2 in der AcI-Konstruktion geben muss. Koreferenz vs. unterschiedliche Teilsatzsubjekte, Auslassungen vs. Ausdruck, Kopulaverben vs. lexikalische Verben sind Beispiele für eine solche Variation auf syntaktischer Ebene, die durch das Prinzip der Ikonizität zwangsläufig Einfluss auf die Satzsemantik haben muss. In Abgrenzung zu anderen Konstruktionen, bestehend aus dem Matrixverb und dem Komplementsatz, bestimmt Cristofaro (2008: 591) unterschiedliche bedeutungstragende Kombinationsmöglichkeiten. Limitiert werden diese Kombinationsmöglichkeiten durch das oben bereits angeführte ikonische binding principle , das bewirkt, dass der Grad der semantischen Integration in Abhängigkeit der Verbindungsgrenzen zwischen den beiden Sachverhaltsdarstellungen variiert und unterschiedlich stark ausgeprägt ist (Cristofaro 2008: 599). Um diese Verbindung auf (morpho)syntaktischer Ebene, die mit einer Integration auf semantischer Ebene einhergeht, zu untersuchen und weiter zu differenzieren, benötigt es nun einen Blick auf die Konstituenten S 2 und V 2 des untergeordneten Satzes. Eine rein syntaktische Perspektive, wie sie beispielsweise die Dependenzgrammatik vorschlägt, oder eine morphosyntaktisch ausgerichtete, wie sie sich in der traditionellen Grammatikschreibung finden lässt, kann der Beschreibung und Analyse der gesamten Konstruktion nicht genügen. 17 Die Infinitheit des V 2 15 Das Altgriechische drückt die physische Wahrnehmung vorzugsweise mit einem Prädikat aus. Vgl. Croft (2022: 565-566) für eine Parallele im Englischen. Das KL kennt diese Konstruktion ebenso in Form des AcI und AcP ( Accusativus cum Participio ), jedoch drückt die AcP-Konstruktion eine besonders intensive Wahrnehmung aus. Vgl. Kap. 4.1.3.3. 16 Die dargelegte Annahme wird durch die Aufdeckung einer Zirkularität unterstützt: „It is assumed that the reason why particular verbs occur with different syntactic patterns is that the verbs have different senses that select those syntactic patterns. At the same time, however, the only reason to assume that verbs have different senses is that those senses are found when the relevant verbs occur with different syntactic patterns (for an early formulation of the point with regard to complementation in Latin, see Bolkestein 1976).“ (Cristofaro 2008: 584). 17 Aus morphosyntaktischer Perspektive erschwert die Akkusativmarkierung des S 2 in klt. AcI- Konstruktionen die funktionale Zuordnung zum übergeordneten Verb oder zum Infinitiv (vgl. <?page no="159"?> 4.1 Grammatikalische Grundlagen des lateinischen AcI 147 wurde beispielsweise lange Zeit als Indikator für „un costrutto anomalo“ (Cuzzolin 1994b: 292) betrachtet, sodass die auf morphologischen Kriterien basierende eingeführte strenge Trennung des lt. AcI von den Komplementsätzen mit quod und quia das Resultat war. Dies lässt jedoch außer Acht, dass beide Satztypen syntaktisch gleich zu werten sind (vgl. Touratier/ Liebermann 2013: 289) und durch semantische Eigenschaften des V 1 in ihrer Distribution beeinflusst werden (vgl. Cuzzolin 1994b). 4.1.2.3 Complementation Scale (Givón 2001, Noonan 2007) und Semantic Integration Scale (Cristofaro 2005) Der konzeptuelle Ansatz nach Cristofaro wurde eingeführt, um sich dem Abhängigkeitsverhältnis zwischen dem untergeordneten und übergeordneten Satz im Klassischen Latein und im Französischen in einer funktional-semantischen Ausrichtung zu nähern. Als zentrales Funktionsprinzip wurde das binding principle benannt, das sowohl den Grad der morphosyntaktischen als auch semantischen Integration bestimmt. Die Klassen regierender Verben, von denen der AcI als untergeordneter Satz syntaktisch abhängt, fungieren als Stellschrauben und stärken die bereits in der traditionellen Latinistik angelegte Verwaltung der Prädikate in Klassen. Die Bezeichnung und Einteilung weicht in der funktionalen Beschreibung jedoch teilweise ab. So findet sich bei Givón ( 2 2001b: 41) eine deutlich reduzierte Einteilung in Verben der Modalität, Manipulation und zusammengefasste PCU-Verben ( perception, cognition, utterance verbs ). Für den Colombat 1999: 513). So bildet sich zum einen das Verständnis heraus, dass der Infinitiv als Kern sowie dessen Suffix als Marker des subordinierten Satzes gelten kann und das Akkusativsuffix durch ihn dem Subjekt des untergeordneten Satzes zugewiesen werde (vgl. Touratier 1994: 552; Touratier/ Liebermann 2013: 286) bzw. weil das Subjekt des Hauptsatzes bereits im Nominativ stehe (vgl. Baños Baños 2009: 148). Zum anderen gilt jedoch in der theoretischen Annahme des Exceptional Case Marking (ECM), dass der Akkusativ des S 2 vom V 1 zugewiesen wird, da das S 2 sich wie das Objekt des V 1 verhält (vgl. Barðdal 2013). Durch die Erweiterung auf andere Verbklassen fand eine Reanalyse des Akkusativobjekts als Akkusativsubjekt statt (vgl. Baños Baños 2009: 530). Die Frage nach dem Status des S 2 wurde lange kontrovers diskutiert. Mensching (2000: 83-86) hat überzeugende Argumente für eine Analyse als ECM- Struktur in den romanischen Sprachen dargelegt und die konträren Argumente von Martineau/ Junker (1992) entkräftet. Die Akkusativmarkierung steht in der vorliegenden Studie nicht im Kerninteresse, sodass diese umstrittene Frage (vgl. Mensching 2017: 382) zurückgestellt werden kann. Vgl. für das Lateinische Bolkestein (1976a, 1979) und Calboli (1997). Cristofaro (2012) formuliert zudem in Bezug auf die Wahl der V 1 -Klassen mit dem AcI ein Defizit der bestehenden ECM-Analyse, die eine Erklärung offen lässt, warum Regeln zur Kasusanpassung mit bestimmten Satztypen in Verbindung gebracht werden sollte (vgl. weiterführend Cristofaro 2012: 340). In einer typologischen Perspektive ergeben sich drei Alignierungsmuster, die sich in den Sprachen weltweit wiederfinden. Eines davon ist die Nominativ-Akkusativ-Schiene, die hier mit einzelsprachlich spezifischen Regeln Anwendung findet. Für eine typologische Übersicht, ob bspw. die gleichen Alignierungsmuster im untergeordneten und übergeordneten Satz zu beobachten sind, vgl. Cristofaro ( 2 2005: 75-81). <?page no="160"?> 148 4 Grammatik und Gebrauch des Accusativus cum Infinitivo französischen AcI ist es problematisch, die Wahrnehmungsverben nicht von den übrigen Verben zu trennen, daher wird zunächst die Einteilung Cristofaros ( 2 2005: 99) betrachtet, welche sich an Noonan ([1985] 2 2007) orientiert: (i) modals (‘must’, ‘can’, ‘may’, ‘be able’, etc.) (ii) phasals (‘start, ‘begin, ‘stop’, ‘continue’, etc.) (iii) manipulatives (‘order’, ‘make’, ‘persuade’, etc.) (iv) desideratives (‘want’, etc.) (v) perception (‘see’, ‘hear’, etc.) (vi) knowledge (‘know’, ‘understand’, ‘realize’, etc.) (vii) propositional attitude (‘think’, ‘believe’, etc.) (viii) utterance (‘say’, ‘tell’, etc.) Abb. 4 - Complement-taking Predicates (Cristofaro 2 2005: 99; Noonan 2 2007) Die Einteilung in Prädikatsklassen zur Bestimmung der Verbindung zwischen den Satzteilen ist in semantischer Perspektive weithin akzeptiert (vgl. Cristofaro 2 2005: 99; Givón 1990: 516-517) und notwendig, da die Semantik des Hauptverbs letztlich über die inhaltliche Gesamtbeurteilung des im Kern der Betrachtung liegenden state-of-affairs (SoA) entscheidet (vgl. Cristofaro 2 2005: 99). Die Graduierung der oben angesprochenen isomorphen Integrationskraft als Folge des binding principle führt zur Bildung einer Hierarchie. Givón nennt diese kontinuierliche Rangfolge complementation scale 18 , welche auf einem „complex cognitive-semantic continuum“ (Givón 2 2001b: 59) basiert. Zwei Dinge sind besonders charakteristisch und wichtig mit Hinblick auf die Unterscheidung zwischen AcI und konkurrierenden Komplementsatzstrukturen wie den quod/ que -Sätzen: a. The lower the main verb is on the complementation scale, and thus the less integrated the main and complement events are cognitively-semantically, the more likely is that a subordinating morpheme be used to separate the two clauses b. If a language uses a subordinating morpheme at a certain point on the scale, it will also use it at all points lower on the scale (Givón 2 2001b: 71) Erklärt wird die Rangfolge mit unterschiedlich wirkenden Prinzipien, aber die der Ikonizität und Ökonomie sind hier die wichtigsten. Die Ikonizität klärt dabei den 18 Die complementation scale reicht bei Manipulations- und PCU-Verben im syntaktischen Bereich von kolexikalisierten Komplementen (bspw. „She let go of the knife“) über u. a. Infinitivkomplemente („She wanted him to leave “) und indirekte Zitat-Komplemente („She knew that he left “) bis hin zu direkten Zitatkomplementen („She said : ‚He might leave later‘“) (vgl. Givón 2 2001b: 43). Für Modalverben und PCU-Verben lässt sich ebenfalls eine Hierachie erstellen (vgl. Givón 2 2001b: 56). Cristofaro ( 2 2005) sieht jedoch ausreichend Belege für eine Zusammenführung beider Hierarchien, sodass eine gemeinsame Komplementierungsskala entsteht. <?page no="161"?> 4.1 Grammatikalische Grundlagen des lateinischen AcI 149 Grad der Deckung zwischen Sprachstruktur und den entsprechenden Konzepten (vgl. Cristofaro 2 2005: 8). Sie spiegelt sich im binding principle , welches die Stärke der Verbindung zweier Situationen bestimmt, die beispielsweise in einem über- und untergeordneten Satz ausgedrückt werden. Umso mehr sie sich einen „event frame“ teilen, umso stärker sind sie miteinander verbunden (Cristofaro 2008: 599). Dies wird auch als semantische Integrationskraft (en. semantic integration ) bezeichnet. 19 Umso stärker dies wiederum ist, umso mehr spiegelt sich dies in einer syntactic integration wider (Givón 2 2001b: 39-40). Besonders hoch ist dies bei Prädikaten, die eine Start/ Stop-Beziehung ausdrücken, und besonders schwach bei Perzeptionsverben, die zwar die Wahrnehmung und mentale Verarbeitung des im untergeordneten Satz ausgedrückten Vorgangs ausdrücken, jedoch keine Auswirkung darauf haben, ob dieser Vorgang tatsächlich stattfindet (vgl. Cristofaro 2 2005: 118-119). Ganz verliert sich die Verbindung bzw. semantic integration dann, wenn es sich um ein Prädikat handelt, welches „knowledge, propositional attitude, and utterance relations“ ausdrückt. Das regierende Verb drückt dann den SoA aus und verfügt nur noch über ein Aussage-Komplement. Eine Ausnahme bilden u. a. sich auf das V 1 beziehende Aussagen des untergeordneten Satzes: wie in He said a few words (‘Er sagte einige Worte’, vgl. Cristofaro 2 2005: 99). In der Regel besteht jedoch keine Verbindung zwischen den beiden SoA (vgl. 18b), sodass deutlich wird, dass es sich um generell beobachtbare Prinzipien handelt. Die semantic integration teilt im konzeptuellen Ansatz Cristofaros ( 2 2005: 122, 234) das durchlaufende Kontinuum in zwei Bereiche (vgl. Tab. 2). Auf der Semantic integration No semantic integration Phasals (‘finish’, ‘start’, ‘stop’, ‘continue’) > Modals (‘must’, ‘can’, ‘be able’, ‘may’) > Manipulatives (‘make’, ‘force’) > Manipulatives (‘order’, ‘tell to’), Desideratives (‘want’), Perception (‘see’, ‘watch’, ‘hear’) Knowledge (‘know’, ‘find out’, ‘realize’), Propositional attitude (‘believe’, ‘think’), Utterance (‘say’, ‘tell’) Tab. 2 - Semantic Integration Scale (nach Cristofaro 2 2005: 122, 2014: 3) Seite der fehlenden semantischen Integration stehen folglich Prädikate, die in traditioneller Einteilung den verba dicendi , intellegendi , cogitandi sowie sentiendi entsprechen. Hiervon grenzen sich die schwach semantisch integrierenden Wahrnehmungsverben und verba voluntatis sowie Verben des Veranlassens ab. 19 Der Terminus geht auf Givón (1990) zurück, welcher drei Verbklassen unterscheidet. Dies wurde mit Rückgriff auf Noonan ([1985] 2 2007) von Cristofaro ( 2 2005) grundlegend überarbeitet und um die in Tab. 2 dargestellte Unterscheidung erweitert. <?page no="162"?> 150 4 Grammatik und Gebrauch des Accusativus cum Infinitivo Der klassisch-lateinische AcI kennt nach modalen und phasalen Verben keinen AcI. Diese Beobachtung bestätigt die in diesem Ansatz formulierte Regel, dass ein Subordinationselement, welches an einer bestimmten Stelle der Hierarchie verwendet wird, bei allen Elementen rechts davon ebenfalls verwendet wird. Um das volle Potential der semantic integration scale auszuschöpfen, ist es notwendig, auch das integrierte SoA (syntaktisch im untergeordneten Satz stehend) im Blick zu behalten. Dies bietet perspektivisch die Möglichkeit, eine typologische Weiterentwicklung vom Lateinischen zu den romanischen Sprachen beobachten zu können, da dort der Infinitiv in der Objektposition präpositional und präpositionslos an Bedeutung gewinnt. Ich skizziere nun die funktional-semantischen Rahmenbedingungen, die für die anschließend besprochenen grammatikalischen Beobachtungen zum untergeordneten AcI-Satz gelten. Bereits Stimming (1915: 7) hält fest, dass Subjektgleichheit die Grundlage für den einfachen Infinitiv darstellt, welcher sein Subjekt nur impliziert, aber nicht formal ausdrückt. Dies wird durch Givóns complementation scale bestätigt, welche genau mit dieser Feststellung bei modalen Verben beginnt, die „ zero coded“, also nicht ausgedrückte Subjekte im Komplementsatz haben ( She wanted to eat dinner , vgl. Givón 2 2001b: 55). Die Subjektidentität mit einfachem Infinitiv existiert auch im Klassischen Latein: (19) a. coepisse scribere ‘ich beginne zu schreiben’ (Start) b. possum venire ‘ich kann kommen’(Modal) c. volo/ nolo/ malo/ audeo dicere ‘ich will/ will nicht/ will lieber/ wage (zu) sagen’ (Desiderative) Der SoA-Charakter des untergeordneten Satzes (vgl. 19) wird über den Infinitiv, dem einzigen Bestandteil des Teilsatzes, ausgedrückt und ist Teil der Prädikation. Der AcI erlaubt als komplexere Struktur eine größere Flexibilität, indem er nicht nur S 2 explizit ausdrückt, sondern auch in bestimmten Kontexten impliziert. Diese Konstruktion zeigt, wie die eingebettete Proposition nominale Eigenschaften annehmen kann, was eine reiche Variation in Ausdruck und Funktion ermöglicht. Der AcI wird von bestimmten Verbklassen, wie den Kommunikationsverben, (im Unterschied zu Bsp. 19 mit einfachem Infinitiv) grammatikalisch erfordert. Damit geht bei Subjektgleichheit grundsätzlich die pronominale Markierung des S 2 unabhängig von der Zeitform des Infinitivs einher (vgl. 20 im Präsens und 21 im Perfekt Passiv). (20) credo me errare ‘ich glaube, dass ich irre’ <?page no="163"?> 4.1 Grammatikalische Grundlagen des lateinischen AcI 151 Anstelle des präsentischen Infinitivs ist frequent auch eine zusammengesetzte Form mit Partizip zu beobachten: (21) Nisi me credo huic esse natum rei ‘Es sei denn, ich glaube, dass ich für diese Sache geboren wurde, um Leiden zu ertragen.’ (Terentius, Adelphi , 556, Perseus-ALD) Von besonderer Relevanz sind Ellipsen, um den SoA-Charakter näher zu bestimmen. Beispielsweise sind bei Plautus zahlreiche Auslassungen der Subjektpronomina in S 2 -Funktion (vgl. 22a) sowie der Kopula esse in V 2 -Funktion zu beobachten (vgl. 22b). (22) a. ad fratrem, quo ire dixeram , mox ivero ‘Zu meinem Bruder, wohin ich gesagt hatte zu gehen, werde ich bald gegangen sein.’ (Plautus, Captivi , 194, Stimming 1915: 24) b. spero me ob hunc nuntium aeternum adepturum [esse] cibum ‘Ich hoffe, dass diese Nachricht mir dauerhaft Zugang zu Nahrung sichert.’ (Plautus, Captivi , 4, 1, 13, Perseus-ALD) Unabhängig von elliptischen Phänomenen und auch der Subjektgleichheit, auf die ich in den nachfolgenden Abschnitten noch einmal eingehe, ist der AcI mit weiteren Kernbestandteilen denkbar: Nomen, Adjektiv oder selbst Gerundivum zum Ausdruck einer Notwendigkeit (vgl. 23). (23) a. aestimo me beatum (esse) (Adjektiv) ‘ich schätze, dass ich glücklich bin’ b. spero aeternam inter nos gratiam fore (Nomen) ‘Ich hoffe, dass zwischen uns ewige Dankbarkeit bestehen wird’ (vgl. Georges [1913/ 1918] 8 1998: II, 2756-2757) c. librum legendum esse dicit (Gerundivum) ‘sie/ er sagt, dass das Buch gelesen werden muss’ Durch die Akkusativmarkierung wird eine Nominalisierung der eingebetteten Proposition erreicht. Dies ist insofern relevant, als dass die Komplemente dazu tendieren, nominalisierte Eigenschaften zu zeigen (vgl. Givón 2 2001b: 39), da sie schließlich in der Objektposition des Matrixverbs stehen. Unter der Berücksichtigung der möglichen Auslassungen des Subjektpronomens bei Subjektidentität sowie der Kopula esse zeigt sich zudem in der funktional-semantischen Betrachtung dieser Beispiele, dass die Prädikation im Infinitiv, Partizip und Gerundivum oder mit Kopula im Nomen und Adjektiv enthalten sein muss und so der SoA-Charakter sichergestellt wird. Dies ist insbesondere im Übergang zu den romanischen Sprachen entscheidend, denn hier verliert sich die nominale Akkusativmarkierung weitestgehend und der Infinitiv rückt mit und ohne Präposition in Positionen vor, die zuvor stärker nominal ausgedrückt wurden. <?page no="164"?> 152 4 Grammatik und Gebrauch des Accusativus cum Infinitivo 4.1.3 Untergeordneter Satz: Accusativus cum Infinitivo (S 2 / V 2 ) 4.1.3.1 Koreferentielle und ausgelassene Subjektsakkusative (S 2 ) In diesem Abschnitt gehe ich auf die pronominal markierte Subjektgleichheit im über- und untergeordneten Satz sowie auf die Auslassung des S 2 im lt. AcI ein, die sich in den Kontext eines funktional-semantischen Erklärungsansatzes stellen lassen. Zuvor wurden Fälle des AcI gezeigt, in denen das S 2 und das Subjekt des Hauptsatzprädikats (S 1 ) voneinander verschieden sind. Sie stellen den Normalfall dar und erlauben zumeist eine eindeutige Identifizierung des S 2 über die Akkusativform. 20 Hin und wieder sind auch zwei im Akkusativ stehende Nomen im untergeordneten Satz zu beobachten, sodass von einem ‘doppelten Akkusativ’ gesprochen wird. Wenn sich nun die Subjekte der beiden Teilsätze (S 1 / S 2 ) nicht voneinander (referentiell) unterscheiden, also Koreferentialität vorliegt, ergeben sich einige Besonderheiten, die in den traditionellen Lateingrammatiken gar nicht oder nur teilweise thematisiert werden. 21 Die Koreferentialität beider Subjekte wird über die Verwendung eines reflexiven Pronomens im KL hergestellt und ist eine der grundsätzlich möglichen und im Unterschied zu Verben mit dem einfachen Infinitiv auch notwendigen Konstruktionsvarianten des AcI: 22 (24) Narro S/ V 1 me S 2 venisse V 2 . ‘Ich erzähle, dass ich gekommen bin.’ (Burkard/ Schauer 6 2020: 677) Ein Großteil der Beispiele, die sich in den Grammatiken finden, fokussiert auf die in der 3. Person Singular und Plural sehr frequente Pronominalform se/ sese . 23 Dabei ist es unerheblich, ob es sich um ein belebtes (vgl. 25a, 25b) oder unbelebtes Subjekt (vgl. 25c) handelt: (25) a. Claudius intellexit sese mortuum esse. (Sen., Apocol. : 12) ‘Claudius verstand, dass er tot ist.’ b. Multi [...] se optime sibi consulere arbitrantur. (Cic., De fin. : 5, 29) ‘Viele glauben, dass sie für sich am besten sorgen.’ 20 Die morphologische Fixierung auf den Akkusativ zeigt sich im Lateinischen in der Regel im Suffix eines Nomens oder in der spezifischen Akkusativform eines Pronomens. Diese ist in sehr vielen Fällen eindeutig und führt daher nur selten zu Ambiguitäten. Ganz anders gestaltet sich die Lage in den romanischen Sprachen, insbesondere im Französischen, wo die Akkusativmarkierung in den Suffixen nicht mehr morphologisch markiert wird. Vgl. Kap. 4.2.2. 21 Im letzten Viertel des 20. Jh. scheint sich hierfür ein verstärktes Interesse ausgebildet zu haben. Ursache dürfte ein gestiegenes Bewusstsein für die Rolle des S 2 zwischen V 1 und V 2 sein. Den Gebrauch des Reflexivums im AcI vermerkt jedoch bereits Billroth ( 2 1838: 391). 22 Wenn unterschiedliche Referenten in der 3. Person gemeint sind, greift das Lateinische auf die entsprechende Form des Possessivpronomens suos/ suus zurück (vgl. Touratier 2008: 200): Credit se esse beatum, parentes suos esse beatos. 23 Vgl. Calboli (1990: 236), der betont, dass im Griechischen die Verwendung des Reflexivums ohnehin restriktiver als im Lateinischen umgesetzt wird und in AcIsowie NcI-Konstruktionen gänzlich fehlt. Der Rückbezug wird ihm zufolge durch das griechische Medium gewährleistet. <?page no="165"?> 4.1 Grammatikalische Grundlagen des lateinischen AcI 153 c. Sentit animus se moveri. (Cic., Tusc. : 1, 55) ‘Die Seele fühlt, dass sie bewegt wird.’ (vgl. Calboli 1990: 236; Lavency 2003: 162) Diese Verwendungsart der Reflexivpronomen bezeichnen Touratier und Lavency als indirekte Reflexivität, die innerhalb des AcI „de règle“ verwendet wird (Lavency 2003: 136), da der Bezug des Reflexivpronomens im übergeordneten Satz liegt und nicht in direkter Nähe, also innerhalb des untergeordneten Satzes. 24 Während Einigkeit besteht, dass das im Sinne einer indirekten Reflexivität gebrauchte Reflexivpronomen sich auf das S 1 des übergeordneten Satzes bezieht, war es lange weitestgehend ungeklärt, mit welchen Matrixverben die Koreferentialität gegebenenfalls favorisiert ausgedrückt wird. So stände laut Leumann/ Hofmann (1928: 586) „ videor mit A. c. I. bei gleichem Subj. sehr selten“ - dabei bleibt offen, ob das der passiven Diathese des Verbs geschuldet ist. Dennoch gibt dies einen Hinweis darauf, ob hier ein Unterschied zwischen Verben physischer Perzeption und den klassischen Verbklassen der verba dicendi und sentiendi (u. ä.) vorliegen könnte. Burkard/ Schauer ( 6 2020: 691) generalisieren die Möglichkeit der Subjektgleichheit und differenzieren lediglich bei den verba voluntatis einen abweichenden Gebrauch, die bereits im Normalfall das S 2 bei Subjektidentität einsparen (vgl. Touratier 1994: 553-554). Hier zeigt die Subjektgleichheit mit dem AcI „Gegenüberstellungen“ oder eine besondere „Betonung des Subjekts, vor allem beim Infinitiv Passiv oder bei esse (oder einem kopulativen Verb) mit Prädikatsnomen“, an: (26) volt, credo se esse carum suis (modern. Graphie von S. O., Touratier 1994: 553) Wir können also beobachten, dass zum einen bestimmte Verben die Auslassung des Pronomens bei Subjektgleichheit stärker favorisieren, und zum anderen, dass die Setzung des koreferenten Pronomen als markierter Fall zum Ausdruck einer Betonung oder Gegenüberstellung verstanden werden kann. In einer funktionalsemantischen Perspektive lässt sich eine schlüssige Erklärung für diese Art der Markierung geben. Bevor ich auf die Auslassung des S 2 eingehe, erfolgt zunächst eine Einordnung der Koreferenz. Sowohl die Gegenüberstellung als auch die Subjektbetonung sind Ausdrucksmittel starker Textkohäsion. In der Gegenüberstellung sind beide Sachverhalte (des überu. untergeordneten Satzteils) in Abgrenzung zueinander eng miteinander verknüpft. Ebenso gilt dies in der Betonung des Subjekts, wenn der semantisch nahezu leere Infinitiv esse mit seinem Prädikativum eine Eigenschaft 24 Die direkte Reflexivität verweist „auf das Subjekt oder das Personalmorphem des Verbs der untergeordneten Konstruktion“ (Touratier/ Liebermann 2013: 281). Für Beispiele vgl. Touratier (2008: 200-201) und Touratier/ Liebermann (2013: 280-282). <?page no="166"?> 154 4 Grammatik und Gebrauch des Accusativus cum Infinitivo des Subjekts bei vorliegender Koreferentialität näher beschreibt oder wenn der Infinitiv Passiv sich auf das Agens bezieht. Die Koreferenz zählt zu den wichtigsten Faktoren, die die Verwendung des AcI anstelle des quod -Satzes begünstigen (vgl. Cuzzolin 1994b: 287, 298). Auch die Vorwegnahme eines Satzgliedes, die Prolepse (vgl. Cuzzolin 1994b: 78, 298), ist ein solches Element textueller Kohäsion (vgl. Greco 2007: 30). 25 Durch Koreferenz, die den AcI begünstigt (vgl. Cuzzolin 1994b: 76-77), und allgemein durch die AcI-Konstruktion (im Vergleich zum Komplementsatz) wird Cuzzolin zufolge eine deutlich größere Kompaktheit und Kohärenz in der Verbindung des Haupt- und Nebensatzes erzeugt. In presenza di un fenomeno sintattico che tende a rendere compatto e coerente il legame tra la principale e la subordinata, ci si aspetta un numero maggiore di possibilità che la subordinata, proprio perché più legata alla principale, tenda ad essere espressa con il costrutto dell’Acl piuttosto che con la subordinata esplicita. (Cuzzolin 1994b: 295) Die begünstigte Verwendung des AcI durch den koreferentiellen Einflussfaktor verhindert in spätlateinischer Zeit jedoch nicht, dass der Komplementsatz sich weiter ausbreitet und der AcI hierdurch sukzessive zurückgedrängt wird (vgl. Cuzzolin 1994b: 287). Hiervon unberührt kommt Greco in seiner Untersuchung des zentralen Textes des spätlateinischen Autors Gregor von Tours, den Historiae , zu einem ähnlichen Schluss. Koreferenz und darüber hinaus durch den Text bedingte Kohäsionstendenzen begünstigen die AcI-Bildung gegenüber der alternativen Komplementsatzstruktur mit quod (Greco 2008a: 430, 433, 2013a: 192; vgl. auch Cuzzolin 1994b: 81). Greco (2013a: 213) sieht im höheren semantischen Integrationsgrad und der damit verbundenen stärkeren Abhängigkeit die entscheidenden Faktoren für die Wahl einer infiniten Verbform im subordinierten Satz. 26 Hiermit eng verknüpft ist die Auslassung des Subjektsakkusativs. Hierbei muss zwischen lexikalischer und pronominaler S 2 -Ellipse unterschieden werden. 27 Bei der Auslassung handelt es sich um ein sprachübergreifendes Prinzip, 25 Kataphorische Elemente, auf die sich der AcI bezieht, werden demnach, wenn es um den Latinismus geht, eher selten zu erwarten sein. Die Arbeiten von Cuzzolin (1994b) und hierauf aufbauend von Greco (2007: 29) ziehen insgesamt fünf Parameter zur weiteren Identifizierung der Unterschiede zwischen AcI und quod -Sätzen heran: Person, Koreferenz, Prolepse, Konjugation und Modus. 26 Umgekehrt zeigt die Bildung von Komplementsätzen mit finitem Verb eine höhere Unabhängigkeit und geringere semantische Integration (vgl. Greco 2013a: 213). 27 ‘Ellipse’ wird hier in sprachwissenschaftlicher Perspektive in der griechischen Grundbedeutung EńńEÌ ψ Ì ς ( élleipsis ) als ‘Fehlen’ oder ‘Auslassung’ einer syntaktischen, im unmarkierten Fall realisierten Konstituente verstanden. Die bewusste Auslassung, sofern diese als solche identifiziert werden kann, ließe sich als ‘stilistische Ellipse’ kennzeichnen. Pinkster (2015: 1265) weist darauf hin, das auch unspezifische Subjekte ausgelassen und durch ein neutrales Pronomen im <?page no="167"?> 4.1 Grammatikalische Grundlagen des lateinischen AcI 155 welches sich durch die enge Verknüpfung des über- und untergeordneten Satzes und der gemeinsamen Verbindung ergibt (vgl. Cristofaro 2 2005: 77). Der Referent steht bei einer Ellipse anaphorisch oder kataphorisch zum AcI im Hauptsatz und erfolgt bei Wiederaufnahme innerhalb des AcI mit einem Pronomen. Falls dieses dann ausgelassen wird, wird lediglich die textsemantische Bedingung gestellt, dass der fehlende Subjektsakkusativ eindeutig einem Referenten im Kontext zuordenbar ist. Zwar stellt Lavency (2003: 136) fest, dass das Subjektpronomen im Lateinischen „régulièrement“ realisiert wird, doch merkt Stotz (1998) zu Recht an, dass es beim AcI „seit alters oft eingespart“ wird. Die Bezeichnung ‘Ellipse’ ist daher ungeeignet, da mit ihr der unmarkierte Fall beschrieben wird. 28 Zudem kommt es Hofmann/ Szantyr (vgl. 2 1972: 362) zufolge darauf an, in welchem Textgenre die Auslassung auftritt (z. B. im KL im umgangssprachlichen, komödiantischen Bereich). Die obigen Ausführungen zum KL vor dem Hintergrund der complementation bzw. semantic integration scale zeigen, dass der einfache Infinitiv bei Subjektidentität bereits mit hierarchisch weit oben angesiedelten Verben möglich ist (vgl. 19). Wenn nun das S 2 -Pronomen bei einigen Verben, wie bei den Verben des Wollens, häufig fehlt, bei den Verben des Sehens kaum vorkommt und bei den Äußerungsverben im AcI fehlen kann, z. B. in dico uenisse (vgl. Ernout/ Thomas 2 1989: 320), ist formal kein Unterschied festzustellen. Jedoch variieren laut den Einschätzungen der Literatur die Frequenzen sehr wohl in Abhängigkeit ihrer Position auf der semantic integration scale . Mit Ernout/ Thomas ( 2 1989: 293, 320) würde man aber kein koreferentes Pronomen erwarten, sondern ein Verweis auf eine andere Person wie te , eum oder illum . In den obigen AcI-Beispielen zur Koreferenz ist in diesem Sinn die Setzung des Pronomens und nicht die Weglassung auffällig. Durch den koreferenten Ausdruck werden die nominalen Akkusativ referenziert werden können. Die Ellipse einer lexikalischen Nominalphrase ist in der Position des Subjektsakkusativs zwar theoretisch möglich, praktisch aber nicht überprüfbar und eher weniger zu erwarten, wenn vorausgesetzt wird, dass grundsätzlich eine formale Doppelung des Referenten vermieden wird. 28 Stotz (1998: 375) kritisiert die Verwendung des Terminus Ellipse: „Beim Acc. c. inf. wird das Subjektspronomen seit alters oft eingespart; nur gerade vom Standpunkt strenger Schulgrammatik aus ließe sich dies als Ellipse bezeichnen. Ein mal. Beispiel ist: coepit... dicere illo et illo in loco aureos occultatos habere (für: ... se habere ). Im Übrigen wäre noch zu untersuchen, wie stark der Typus venire (sc. te) salvom gaudeo - d.h. Einsparung eines Subjektsakkusativs, der sich auf eine andere Person als das Hauptverb bezieht - im MA noch wirklich vertreten ist.“ Vor diesem Hintergrund verwende ich die Begrifflichkeiten ‘Ellipse’ und ‘Auslassung’ kritisch, eben in dem Bewusstsein der hohen Frequenz. Da die vorliegende Arbeit die Grammatik des fr. AcI untersucht und Auslassungen dort wesentlich seltener auftreten, scheint es logisch, von der Setzung bzw. Realisierung der Konstituente auszugehen. Für Stotz ist im Mittellateinischen die „Einsparung eines Subjektsakkusativs, der sich auf eine andere Person als das [Subjekt des] Hauptverb[s] bezieht“, ein weiterhin ungeklärtes Forschungsdesiderat. <?page no="168"?> 156 4 Grammatik und Gebrauch des Accusativus cum Infinitivo Eigenschaften der eingebetteten Proposition verstärkt und eine gesteigerte Kohäsion und Kompaktheit ist die Folge. Dieser wird offensichtlich genau mit jenen Verbklassen verwendet, die einen Mangel an semantischer Integration aufweisen. So lässt sich vor Augen führen, warum der AcI den koreferenten Ausdruck in Abgrenzung zum einfachen Infinitiv kennt. 4.1.3.2 Infinitiv des AcI (V 2 ) Der dritte syntaktisch notwendige Bestandteil des AcI ist der Infinitiv. Er ist verbaler Kern des untergeordneten Satzes, welcher keine Finitheitsmerkmale wie Numerus oder Modus aufweist, sondern lediglich eine Unterscheidung der Tempora und der Diathese zulässt. Der Infinitiv kann beim klt. AcI im Präsens, in der Vergangenheit und im Futur stehen, um Gleich-, Vor- und Nachzeitigkeit auszudrücken. Er drückt also das prozedurale Verhältnis zwischen Haupt- und Nebensatz aus und eben nicht den Zeitpunkt der beschriebenen Handlung (vgl. Touratier 1994: 554). Es ist ebenso anzumerken, dass nicht alle Verbklassen uneingeschränkt in verschiedenen Tempora stehen können. So ist der AcI in der Vergangenheitsstufe nicht mit verba imperandi möglich (vgl. Bolkestein 1979: 21). Die Einschränkung ergibt sich offensichtlich aus der Satzbedeutung, denn so ergibt ein Befehl nur Sinn mit Bezug auf Gegenwart oder Zukunft. Der Infinitiv kann, obwohl das Verb syntaktischer Wesensbestandteil des AcI ist, wie auch das S 2 ausgelassen werden. Bei intransitiven Verben ist die Identifizierung eines AcI möglich (vgl. 27a), da das S 2 im Akkusativ nicht als alleiniges Objekt zum Prädikat fungieren kann (vgl. 27b) und es sich in (27a) folglich um eine AcI-Konstruktion handeln muss. Bei transitiven Verben hingegen könnte dies erschwert sein, da hier der Akkusativ des S 2 ein direktes Objekt zum Verb anzeigen könnte. (27) a. Dicunt me ∅ venire . b. *Dicunt me. Interessant ist im Zusammenhang der Auslassung des Infinitivs die Beobachtung von Stotz (1998: 376) für das Mittellatein. So wird ihm zufolge esse in „zusammengesetzten (perfektischen) Flexionsformen“ unter anderem häufig beim Gerundivum, aber auch beim AcI wie in „ res mira ludentis... voces tam facile exauditas (sc. esse) “ weggelassen. Inwieweit die Auslassung für das klassisch-lateinisch geprägte Humanistenlatein, insbesondere bei Calvin, gilt, kann an dieser Stelle nicht mithilfe der Forschungsliteratur beantwortet werden. Daher führe ich an späterer Stelle dieser Arbeit eine Standortbestimmung seines Lateingebrauchs durch (vgl. Kap. 6.1.1). Im Kontext des klassisch-lateinischen Infinitiv Futur stellt Pinkster (2015: 532) auf Basis seiner Beobachtungen und der Forschungsliteratur <?page no="169"?> 4.1 Grammatikalische Grundlagen des lateinischen AcI 157 zudem zwei sehr relevante Dinge fest: zum einen ist die hohe Absenz von esse auffällig und zum anderen gibt es keine schlüssige Begründung anzunehmen, dass durch die Weglassung ein Bedeutungsunterschied evoziert wird. Wenn die Kopula fehlt, muss darüber hinaus eine weitere syntaktische Konstruktion in Betracht gezogen werden. Es handelt sich um den sogenannten ‘doppelten Akkusativ’ (vgl. 28a), welcher mit Matrixverben steht, die auch mit AcI vorkommen (vgl. 28b). (28) a. Te O 2a amicum O 2b meum O 1-Dativ puto V 1 b. Te S 2 amicum O 2 meum O 1-Dativ (esse V 2 ) puto V 1 (vgl. Landgraf/ Leitschuh 35 1965: 165) Folglich charakterisieren Landgraf/ Leitschuh ( 35 1965: 165) die Konstruktion aufgrund ihrer hohen Ähnlichkeit als „nahe Berührung“. Zwar wurden Überlegungen zu möglichen semantischen Unterschieden angestellt, aber ob die Auslassung der Kopula im AcI an der relativ geringen semantischen Auslastung von lt. esse liegt, ist bislang nicht für das Lateinische untersucht worden. Dies ist vor dem Hintergrund der semantischen Integration in den übergeordneten Satz plausibel, wenn sich gefragt wird, was eigentlich die Prädikation im Satz und damit die semantisch-syntaktische Komplementierung des Matrixverbs leistet. Denn gemeinsam ist den Beispielen zur Auslassung der Kopula, dass sie sich nicht auf eine syntaktische Umgebung beschränken; sie kommen mit Partizipien in Form eines analytischen Infinitiv Passiv vor (vgl. 29), aber auch mit Gerundien, Adjektiven oder Nomen (vgl. oben 23). (29) credo urbem captam Alle genannten Formen kodieren über die Endung zudem ihren Bezug - die infiniten Endungen wie auch die Akkusativendungen, sodass kein Zweifel über die Prädikation bei ausgelassenem esse bleibt. Die semantische Funktion wird erfüllt und der Sachverhalt wird eindeutig über die Nominalisierung vermittelt. Dies deutet darauf hin, dass die prädikative Beziehung unabhängig von der expliziten Verwendung von esse hergestellt wird. Lediglich in der Wahl des V 1 zeigen sich Frequenzunterschiede, die wie oben angesprochen auf Grundlage der semantic integration scale einzuordnen sind. V 1 , die wenig oder nicht semantisch integrieren, müssten daher eher zu einer Verwendung der Kopula (bzw. mehr noch ihrer Auslassung) tendieren als Vollverben, da der Nominalisierungsgrad höher und damit auch die Kompaktheit und Kohäsion stärker ist. Dies würde auch die benachbarte Konstruktion des doppelten Akkusativs in ein neues Licht setzen, denn hier ist eine stärkere Verwendungseinschränkung bei den V 1 und auch der Auswahl der S 2 zu sehen als beim AcI. <?page no="170"?> 158 4 Grammatik und Gebrauch des Accusativus cum Infinitivo 4.1.3.3 Accusativus cum Participio (AcP) und Nominativus cum Infinitivo (NcI) Der Accusativus cum Participio (AcP) alterniert mit dem AcI ausschließlich mit den Verben der Wahrnehmung und unter bestimmten evidentiellen Faktoren, wie Greco (2013b) herausarbeitet und die bestehenden Beschreibungen dabei präzisiert. Bislang galt, dass der AcP im Vergleich zum AcI „Vorgang der Wahrnehmung und de[n] Zustand des Wahrgenommenen“ (Burkard/ Schauer 6 2020: 693) noch intensiver ausdrückt (vgl. Rubenbauer/ Hofmann 12 2007: 212). Auch ist, wie oben gezeigt wurde, klar, dass die Verben der Wahrnehmung sich weiter differenzieren lassen, in solche direkter Wahrnehmung und in solche indirekter Wahrnehmung (häufig als „cognition construction“ wiedergegeben, vgl. Bolkestein 1976a; Greco 2013a; Maraldi 1983). Der AcP funktioniert ausschließlich mit Verben direkter Wahrnehmung und unterscheidet sich in diesem Punkt markant vom AcI. 29 Hier sind neben der strukturellen Abweichung, die in Abschnitt (4.1.1.2) dargelegt wurde, auch semantische Unterschiede festzustellen. Greco (2013b: 194) beobachtet für den lt. AcP und AcI im Sinne einer direkten Wahrnehmung mehrere Parameter von Evidentialität: „Visual, Non-visual sensory, Inference/ Assumption, Hearsay, Quotative“ teilen sich entsprechend in Verben des Sehens und Hörens auf. 30 Diese Feststellungen gelten für ein Untersuchungskorpus Grecos, welches sich von Plautus bis zu Gregor von Tours erstreckt, also eine weite Spanne der Latinität abdeckt. Auffällig in seiner Auswertung ist, dass Seneca besonders viele AcP-Konstruktionen im Vergleich zu Cicero und Caesar verwendet (vgl. Greco 2013b: 186, 193). Ferner lassen sich AcP-Konstruktionen im Neuen Testament in der von ihm untersuchten Vulgataversion sowie beim Kirchenvater Augustinus aufspüren. Dies sind Texte, die Calvin konsultiert und gekannt haben muss. Demnach stellt sich im Rahmen der vorliegenden Studie die Frage, wie der Parameter der Evidentialität (vgl. Aikhenvald 2018: 12) im Französischen entsprechend im Unterschied zum AcI wiedergegeben werden kann bzw. ob überhaupt der AcP Eingang in das Französische des 16. Jahrhunderts als latinisierende Konstruktion findet. 31 Dabei ist auch die „quotative“-Funktion zu beachten, die im Zusammenhang mit der Zitation von Bibelzitaten bei Calvin noch von besonderer Bedeutung sein könnte. 29 Greco verweist hierzu auf Cuzzolin (1994b), der zudem feststellt, dass Komplementsätze mit quod/ quia zu keinem Zeitpunkt gleiche Einschränkungen auf eine Verbklasse erfahren haben. 30 Vgl. für ähnliche Beobachtungen zum Englischen und weiterführend Croft (2022: 567-568). 31 Zu Recht verweist Greco (2013b) auf das conditionnel im Französischen, welches Evidentialität außerhalb einer AcP bzw. AcI-Konstruktion ausdrücken kann. <?page no="171"?> 4.1 Grammatikalische Grundlagen des lateinischen AcI 159 Darüber hinaus gilt es eine mögliche Ambiguität, die im Zuge einer Auslassung des Infinitivs entstehen kann, auszuschließen. So wäre folgende AcP- Konstruktion (30a) denkbar, die ein im Perfekt passiviertes Partizip zeigt (vgl. Rubenbauer/ Hofmann 12 2007: 213) und zugleich mit der AcI-Konstruktion in (30b) verwechselbar wäre. (30) a. Video te perturbatum. b. Video te ∅ esse perturbatum. Auch hier wird der Blick auf das Französische lohnenswert sein, da die Form des französischen AcI, die bis in die heutige Zeit Bestand hat, auf einem Perzeptionsverb basiert. Der Wechsel zwischen AcI und AcP könnte in diesem Fall dann ein Hinweis auf eine gelehrte Form sein. Während beim AcP nur eine Konstituente, nämlich der Infinitiv, von der AcI-Konstruktion abweicht, sind es beim NcI zwei. 32 Hier steht das regierende Verb (V 1 ) im Passiv und das S 2 im Nominativ statt Akkusativ. Ein Kennzeichen des NcI ist die deutlich eingeschränktere Bandbreite an zur Verfügung stehenden Verbklassen für das V 1 . Diese sind laut Rubenbauer/ Hofmann ( 12 2007: 199-200): „Verben des Veranlassens und Verhinderns“, „videri (scheinen), das immer persönlich konstruiert wird“ und bei „einigen Verba dicendi und sentiendi“. Als Beispiel kann (31a) fungieren sowie der Satz in (31b), bei dem das V 2 ebenfalls ausgelassen werden kann: (31) a. Epaminondas fidibus praeclare cecinisse dicitur. ‘Man berichtet, daß E. ganz vorzüglich die Leier gespielt habe.’ (Rubenbauer/ Hofmann 12 2007: 200) b. Ego (dicere) a tribuno plebis prohibebar ‘Ich wurde vom Volkstribunen daran gehindert zu sprechen. ’ (Burkard/ Schauer 6 2020: 697) Hingegen führen Burkard/ Schauer ( 6 2020: 699-704) nur videri sowie die verba dicendi und sentiendi an. Eine besonders hohe Verwendungsfrequenz konstatieren sie für dicor, negor, putor, existimor, iudicor, audior (Burkard/ Schauer 6 2020: 701). Es ist zu erwarten, dass sich der NcI, insofern er als latinisierende Struktur Eingang in das Französische des 16. Jahrhunderts findet, auf eine Auswahl dieser sehr häufigen Verben beschränkt. Sowohl der AcP als auch der NcI sind dem AcI sehr ähnlich und beide Konstruktionen weisen, wie auch der doppelte Akkusativ, deutliche Einschränkungen in der Auswahl der V 1 auf. Zwar tritt der NcI mit dem namensgebenden Nomi- 32 Der Dativus cum Infinitivo wird in den hier eröffneten Überlegungen zu benachbarten Konstruktionen nicht aufgeführt, da er mit dem AcI in Subjektfunktion steht und mit Hinblick auf den fr. AcI, der ausschließlich von einem Hauptsatzprädikat in Objektfunktion abhängt, von keiner Relevanz ist. Vgl. zum lt. DcI Burkard/ Schauer ( 6 2020: 695-696). <?page no="172"?> 160 4 Grammatik und Gebrauch des Accusativus cum Infinitivo nativ statt Akkusativ auf, gleichwohl sind beide Kasusendungen Ausdruck einer Nominalisierung und leisten damit die Prädikation - auch ohne overtes lt. esse . 4.2 Grammatikalische Charakteristika des französischen AcI An dieser Stelle werde ich die in der Forschungsliteratur bestehenden Überlegungen zur grammatikalischen Abgrenzung des ‘gelehrten’ AcI von der ‘ererbten’ Form beleuchten (vgl. zur strukturellen Trennung Kap. 4.4). Dabei wird auch auf verbklassenübergreifende Bedeutungsnuancen eingegangen, wie sie bei den V 1 vorkommen können. 33 Das übergeordnete Ziel wird sein, die Eigenheiten der fr. AcI-Konstruktion herauszuarbeiten. Sie sollen als Grundlage für die anstehende Analyse der Institution und weiterer zeitgenössischer Texte dienen. Der Hintergrund dieses Vorhaben liegt darin, dass der Transfer einer syntaktischen Struktur von der Quellsprache in die Zielsprache bestimmte Voraussetzungen erfordert. Daher werden die dem Französischen zugrunde liegenden sprachlichen Mittel geprüft, um zu eruieren, ob der Transfer überhaupt in der Zielsprache syntaktisch denkbar ist und, ob dort Anpassungen erfolgen müssen. Denn schließlich darf „die anzustrebende ‚Treue‘ nicht zu Lasten der Akzeptabilität der zielsprachlichen Formulierung gehen“ (Albrecht 1995: 1). Entsprechend den syntaktischen Bausteinen der AcI-Konstruktion wird zunächst das regierende Verb betrachtet (V 1 , vgl. 4.2.1) sowie anschließend der AcI mit dem Subjekt zum Infinitiv (S 2 , vgl. 4.2.2) und dem infiniten Kern selbst (V 2 , vgl. 4.2.3). 4.2.1 Regierendes Verb (V 1 ) 4.2.1.1 Einteilung der Verbklassen Die Möglichkeit heute noch Sätze mit dem Wahrnehmungsverb voir wie in (32) zu formulieren, geht auf eine im Französischen kontinuierlich präsente Konstruktion zurück, die von Sprachhistorikern als ‘ererbt’ o. ä. bezeichnet wird. (32) a. J’entends les oiseaux gazouiller. (Riegel/ Pellat/ Rioul 6 2016: 832) b. Je le vois venir. (Riegel/ Pellat/ Rioul 6 2016: 832) Sie ist sodann von der sogenannten ‘gelehrten’ Form abzugrenzen, die im Französischen des 16. Jahrhunderts kulminiert und unter latinisierendem Einfluss steht. Die bislang angeführten Verbklassen erlauben eine systematische und 33 Dies betrifft z. B. die epistemischen Prädikate croire, penser und cuider , die teilweise den verba cogitandi , aber auch sentiendi zuordenbar sind, sowie sentir , welches sowohl den verba sentiendi als auch intellegendi zugehörig ist. Dem Prädikat voir kommt eine besondere Stellung zu, da es in der Lage ist, sowohl in der ererbten als auch in der gelehrten Form aufzutreten. <?page no="173"?> 4.2 Grammatikalische Charakteristika des französischen AcI 161 weitgehende Trennung dieser beiden Formen. Alle dicendi -Verben, aber auch Verben des Wünschens sowie der geistigen Wahrnehmung, unterliegen beispielsweise dem gelehrten Einfluss. Gerade letzte entsprechen teilweise den gleichen Perzeptionsverben, die auch im ererbten Typ (vgl. 32) zur Anwendung kommen. Beispiele finden sich für die geistige Wahrnehmung respektive ihre „übertragene Bedeutung“ (Stimming 1915: 153) sowohl in älterer Zeit in (33a) als auch im heutigen Französisch in (33b) sowie (33c), sodass der gesteigerte Grad an Abstraktheit, welcher mit der geistigen Wahrnehmung des untergeordneten Satzes einhergeht, nicht als alleiniges Kriterium zur Unterscheidung ausreichen kann. (33) a. La vieille voyant la chose estre necessaire, n’osa desdire sa maistresse. (Stimming 1915: 153) b. On voit la situation changer. (Dubois/ Dubois-Charlier 2015) c. Je vois sa santé se dégrader. (Leeman 2002: 102; Leeman/ Sakhokia Giraud 2007: 63) Die Perzeptionsverben nehmen in der Vielfalt der regierenden Verben eine Sonderrolle ein, die letztendlich die Beurteilung des untergeordneten AcI als ‘ererbte’ oder ‘gelehrte’ Form determiniert. Dabei setzt sich im Französischen eine Differenzierung fort, die bereits im lateinischen Satz zu beobachten ist. Die semanto-syntaktische Auffassung des Subjektsakkusativs als Subjekt (S 2 ) zum Infinitiv (V 2 ) oder als direktes Objekt (O 1 ) zum regierenden Verb (V 1 ) bestimmt darüber, ob das Agens des Matrixverbs (im Fall des gelehrten AcI) den gesamten untergeordneten Satz wahrnimmt oder (im Fall des ererbten AcI) lediglich das direkte Objekt, welches eine Handlung vollzieht. 34 Die Verbsemantik nimmt folglich eine noch prägnantere Rolle ein, als es bislang angenommen wurde, sodass ich hierauf anschließend eingehe. Quantitative Auswertungen wurden bislang im Bereich des gelehrten AcI vom Altbis zum Französischen des 16. Jahrhunderts kaum durchgeführt. Auch wurde nicht gefragt, ob die einzelnen Verbklassen in bestimmten Zusammenhängen stehen, ob sich besonders starke Verbklassen ausfindig machen lassen und ob eine Hierarchisierung auf Basis semantischer Parameter, wie sie Cristofaro ( 2 2005) vorschlägt, zur Bestimmung der semantischen Integrationskraft beiträgt. Die traditionelle Auffassung der Verbklassen blieb in der Latinistik lange unangetastet. Die semantische Schule rund um Bolkestein (1976a,b, 1979) und Pinkster (1983, 2015) hat erste Versuche unternommen, weitere Charakteristika aufzudecken, aber es ist die Dissertation Cuzzolins (1994b), die schließlich 34 Vgl. zur Analyse im heutigen Französisch Marsac (2006: 213), der die proposition infinitive nach Wahrnehmungsverben untersucht. In einer strikt syntaktischen Perspektive gelten S 2 und V 2 für ihn als Gesamtobjekt des Matrixverbs, da der Infinitiv keinen Aktantenstatus habe. Semantisch hingegen sieht Marsac den Status einer eigenständigen Prädikation gewahrt. <?page no="174"?> 162 4 Grammatik und Gebrauch des Accusativus cum Infinitivo Abstand von der traditionellen Klasseneinteilung der verba dicendi, sentiendi etc. nimmt und eine semantisch motivierte Bezeichnung in stark assertive und schwach assertive sowie semifaktive und faktive Verben vorschlägt (vgl. Kap. 4.1.2). Die Kategorien verhalten sich teilweise deckungsgleich mit den traditionellen Verbklassen, denn so bilden die stark assertiven Verben in der Regel die verba dicendi ab und die schwach assertiven Verben die verba sentiendi . Faktive Verben sind solche, die ‘sich freuen’, ‘bereuen’, ‘sich beschweren’ oder ‘sich verwundern’ ausdrücken (vgl. Cuzzolin 1994b: 65-66). Es zählt zu den wichtigsten Feststellungen seiner Arbeit, dass die faktiven Verben in seinem Korpus die Ersetzung des AcI durch quod begünstigen (vgl. Cuzzolin 1994b: 294). Anders gesagt, die schwach bzw. stark assertiven Verben kommen am häufigsten mit dem AcI vor. Nun steht das Verhältnis zwischen que und dem französischen AcI nicht im Vordergrund dieser Arbeit, sondern die Abgrenzung des gelehrten AcI als latinisierende syntaktische Konstruktion vom ererbten Typ. Zudem geht es hauptsächlich um Verben assertiver Qualität, sodass die vorgeschlagene kleingliedrige Aufteilung und traditionelle Etikettierung im Fortgang beibehalten wird. 4.2.1.2 Semantik des regierenden Verbs (V 1 ) Ein Kernproblem in der traditionellen Beschreibung der französischen Nachahmung des lateinischen AcI ist nicht die Fokussierung der Grammatikschreibung auf die unterschiedlichen Verbklassen, mit denen der AcI steht. Ganz im Gegenteil haben die Verbklassen ihre Berechtigung, wenn es um die Feststellung übergeordneter Hierarchieprinzipien geht (vgl. den nachfolgenden Abschnitt). Jedoch wurde bisher der Zuordnung einzelner Verben, die semantisch mehrere Bedeutungsnuancen abdecken, zu unterschiedlichen Verbklassen nur wenig Beachtung geschenkt. So besteht eine Differenz zwischen einer konkret visuellen Wahrnehmung und einer abstrakten, mental verstandenen Wahrnehmung. Ebenso bestehen bei den Wissensprädikaten diverse semantische Unterschiede, die eine mehrfache Zuordnung in die zuvor vorgestellten Verbklassen ermöglicht. Für die Unterscheidung zwischen ‘ererbtem’ und ‘gelehrtem’ AcI, wie sie Stimming vorschlägt, bedeutet dies, dass das Wahrnehmungsprädikat voir nicht pauschal einer der beiden AcI-Arten zugerechnet werden kann und eine Bewertung maßgeblich vom semantischen Gehalt des Verbs abhängt. Fallbeispiel voir Die Identifizierung und Sortierung der verschiedenen Bedeutungen von voir gestaltet sich sehr vielfältig. Dies zeigt sich u. a. in der Studie von Leeman/ Sakhokia <?page no="175"?> 4.2 Grammatikalische Charakteristika des französischen AcI 163 Giraud (2007), die einen Überblick über die bisherigen Studien zum semantischen Gehalt des Verbs voir gibt. Die Autorinnen konstatieren, dass eine einheitliche Definition und Auffächerung der Verbbedeutungen des Verbs in lexikographischen Werken nicht existiert, obwohl der Gebrauch an diversen Anwendungsfällen illustriert wird (vgl. Leeman/ Sakhokia Giraud 2007: 58-59). Die Berücksichtigung der syntaktischen Eigenschaften der unterschiedlichen Varianten von voir verspricht in der bei Leeman/ Sakhokia Giraud (2007: 70) vertretenen Sichtweise, die eigentlichen semantischen Bedeutungsausprägungen des Verbs zu bestimmen und eine Schematisierung vorzunehmen. Dieser systembildende Ansatz wird im Wörterbuch Les Verbes Français von Dubois/ Dubois-Charlier (1994) konsequent verfolgt und im Folgenden in seiner überarbeiteten Fassung (2015) vorgestellt. 35 Ein weiterer Vorteil in der Verwendung dieses Wörterbuchs französischer Verben ist die präzise Erfassung semantischer Nuancen in Abhängigkeit ihrer syntaktischen Umgebung. Leeman/ Sakhokia Giraud (2007: 60) kritisieren die gröbere Einteilung von Picoche, welche auf Basis einer Kontinuitätsskala fünf Gruppen für voir unterscheidet: 1) d’un groupe d’exemples où voir a un caractère nettement sensoriel [...] 2) d’un bon lot d’exemples ambigus [...] 3) d’un groupe d’exemples non sensoriels [...] 4) d’un groupe d’exemples non sensoriels, à activité d’esprit croissante [...] 5) enfin d’un petit groupe d’exemples non sensoriels, extrêment figés, et donc subduits, à activité d’esprit nulle. (Picoche 1986: 25-29) Die 22 Bedeutungen von voir im LVF+ hingegen erfassen alle fünf Gruppen Picoches und ordnen auch die als ambig eingestuften Verbbedeutungen von voir präzise einer Kategorie zu. Dabei wird der Gedanke einer zugrunde liegenden Kontinuität zwischen den Verbbedeutungen nicht verworfen (Leeman/ Sakhokia Giraud 2007: 60), auf die ich weiter unten noch einmal zurückkommen möchte. Mit Bezug auf den hier im Vordergrund stehenden AcI lassen sich aus den 22 möglichen Anwendungen von voir im heutigen Französisch vier Anwendungen isolieren. Es handelt sich um Verbbedeutungen, die im modernen Französisch eine an der Oberfläche dem AcI ähnelnde Konstruktion oder einen Komplementsatz mit que zulassen (vgl. Tab. 3). 36 35 Vgl. die digital aufbereitete Version des Les verbes français (LVF) von Dubois/ Dubois-Charlier (1994): http: / / rali.iro.umontreal.ca/ rali/ ? q=fr/ versions-informatisees-lvf-dem. 36 Vgl. für die Bedeutungen der unter opérateur aufgelisteten Werte: „ ger.mens = ‚avoir telle activité consciente‘, scrut = ‚appliquer son esprit à qc.‘, percep = ‚avoir telle perception‘, percep.mens = ‚avoir telle savoir‘“ (Dubois-Charlier/ Dubois 2015: 285). <?page no="176"?> 164 4 Grammatik und Gebrauch des Accusativus cum Infinitivo Mot Domaine Opérateur Sens voir 11 physiologie [percep] par vue QUE ‘constater’ voir 12 philosophie, logique [scrut] QUE ‘remarquer’, ‘constater’ voir 13 psychologie [percep.mens] QUE ‘imaginer’, ‘envisager’ voir 19 psychologie [ger.mens] QUE/ infinitif ‘se représenter’ Tab. 3 - Auszug zu voir aus LVF+1 (vgl. Dubois/ Dubois-Charlier 2015) Die hierzu passenden Satzbeispiele sind: (34) a. voir 11 : On voit Pierre passer. b. voir 12 : On voit la situation changer. c. voir 13 : On voit Pierre reçu. d. voir 19 : On se voit sombrer dans la décréptitude. All diesen Verben wohnt eine psychologische Komponente inne, sodass es sich bei voir 11 in (34a) nicht, wie es nahe liegen könnte, um ein ausschließlich physisches Verb handelt. Es wird dem LVF zufolge zwar dem physiologischen Verwendungsbereich ( domaine ) zugeschrieben, weist jedoch syntaktisch-semantische Eigenschaften der Klasse der psychologischen Verben auf, indem es mehr eine visuell wahrgenommene und mental verarbeitete Feststellung denn eine rein physiologische Wahrnehmung eines Vorgangs ist. 37 Die Feststellung, dass sich der „caractère nettement sensoriel“ mit einer gewissen geistigen Aktivität vermischt, ist bereits bei Picoche (1986: 25) belegt. 38 Der LVF trennt schärfer, indem syntaktische Eigenschaften miteinbezogen werden: 39 Nur wenn ein Komplementsatz oder eine Infinitivergänzung vorliegt, könne die mentale Aktivität in einem physiologischen Wahrnehmungskontext erkannt werden. In diesem Sinne abstrakter ist dann voir 12 aufzufassen, welches vor allem in logisch-argumentativen Kontexten Anwendung findet und damit ein aussichtsreich zu identifizierender Anwärter in der Auswertung der Institution Calvins ist. Voir 13 zeigt die Besonderheit, scheinbar keinen Infinitiv zu benötigen. Die Konstruktion wird in einer syntaktischen Perspektive auch als sog. small clause 37 Unterhalb der Domänenebene nimmt der LVF1 eine Klassifizierung vor. Die in Tab. 3 aufgeführten Verben fallen in die Klasse P der Verben mit psychologisch-mentalen Eigenschaften. In der Kategorisierung des LVF1 sind voir 1 und voir 4 rein physiologische Verben in der Klasse H, die zum einen den Sehsinn in z. B. on ne voit plus, on est aveugle und zum anderen die sinnliche Wahrnehmung in z. B. on voit Pierre hervorheben (vgl. Dubois/ Dubois-Charlier 2015). 38 Hier wird das Beispiel Je vois passer la voiture de Jean angegeben (vgl. Picoche 1986: 25). 39 Leeman/ Sakhokia Giraud (2007: 68-69) erklären die Vermischung der beiden Eigenschaften mithilfe des Wörterbuchs von Dubois/ Dubois-Charlier (1994) auf. Hier fände jede Gebrauchsart ihr Gegenstück, in diesem Fall „tous les emplois où voir a pour objet une complétive et/ ou un infinitif relèvent de la classe P en tant qu’elle dénote une activité mentale“. Dies gilt insbesondere auch für die zweite Gruppe von Picoche, bei der es sich um nicht eindeutige Fälle handelt. Die Ambiguität wird Leeman/ Sakhokia Giraud (2007: 69) zufolge im LVF eindeutig aufgelöst. <?page no="177"?> 4.2 Grammatikalische Charakteristika des französischen AcI 165 analysiert. Die Bedeutung, die dem LVF zufolge dahinter steht, ist ein mental verankertes Wissen, in dem ein abgeschlossener Vorgang bzw. Zustand vorgestellt wird. Ähnlich verhält sich voir 19 , welches im Unterschied noch stärker auf eine mentale Aktivität fokussiert (vgl. Dubois/ Dubois-Charlier 1994: 285). Es ist eine nicht unwesentliche Feststellung, dass regierende Verben in Sätzen wie on voit la voiture stationner oder on entend le vent souffler aufgrund ihrer syntaktischen und semantischen Eigenschaften der psychologischen Klasse zugerechnet werden müssen. Eine rein physiologische Wahrnehmungsdomäne ist mit einem Infinitivkomplement oder Komplementsatz nicht anzunehmen. Ausgehend von der Idee, dass ein Kontinuum zwischen den Bedeutungsnuancen hin zu einer sich am rechten Rand befindlichen abstrakten, rein mentalen Verarbeitung bzw. Vorstellung vorliegt, scheint der linke Rand nicht durch eine rein abstrakte Wahrnehmung mithilfe des AcI oder der Komplementsatzstruktur abgedeckt zu werden. Da der AcI im 16. Jahrhundert zu einiger sprachlicher Autonomie gelangt ist, wird es folglich von Interesse sein, die vorgegebenen vier Bedeutungen in ihrem Verwendungskontext zu überprüfen sowie weitere Nuancen zu erfassen. Aus der Perspektive der funktionalen Grammatik lässt sich das Kontinuum zwischen physischer und abstrakter, kognitiver Wahrnehmung noch näher beschreiben. Auf Lyons (1977a,b) geht eine dreigliedrige Hierarchisierung semantischer Entitäten zurück. 40 Die semantische Hierarchisierung der Entitäten erklärt, wo der Unterschied zwischen den Sätzen in (35a) und (35b) liegen muss, der im LVF einmal der physiologischen (vgl. LVF: voir 04 ) und einmal der psychologischen Klasse (vgl. LVF: voir 11 ) zugeordnet wird: (35) a. Je vois Pierre b. Je vois Pierre arriver Beide Male sähe man doch Pierre ganz konkret, könnte man argumentieren, wo läge also der Unterschied? Er liegt in der semantischen Auffassung der dem Matrixverb untergeordneten Sachverhaltsdarstellung bzw. Entität begründet. Lyons unterscheidet hierbei sogenannte first-order, second-order und third-order entities . Auf Entitäten ersten Ranges kann man Lyons zufolge direkt referieren, sie können mit Eigenschaften näher beschrieben werden und sie sind im dreidimensionalen Raum zeitlich verortet und damit beobachtbar (vgl. Lyons 1977b: 443). Entitäten zweiten Ranges hingegen, die zwar real sind und den Entitäten ersten Ranges ähneln, lassen Körperlichkeit (en. „physical palpability“) laut Mackenzie 40 Der Begriff der Entität ist allumfassend gemeint und steht u. a. für Vorgänge, Zustände, Ereignisse. Vgl. zur Unterscheidung in der englischen Terminologie Lyons (1977b: 471). Als alternative Begrifflichkeit ließe sich auch das oben erwähnte State-of-Affairs (SoA) anführen, welche beispielsweise von Cristofaro ( 2 2005) verwendet wird. <?page no="178"?> 166 4 Grammatik und Gebrauch des Accusativus cum Infinitivo (2008: 195) vermissen. 41 Im Englischen werden second-order entities häufig durch infinite Satzstrukturen oder Nominalisierungen repräsentiert (vgl. Mackenzie 2008: 195). Dies trägt dem von Lyons beobachteten Umstand Rechnung, dass die Entitäten zweiten Ranges eher einen Vorgang als das einfache Vorhandensein (en. „existent“) widerspiegeln. Die drittgeordnete Entität hält sich schließlich außerhalb von Raum und Zeit auf, sodass sie abstrakter wirkt und im Unterschied zu den zweitgeordneten Entitäten nicht beobachtbar ist (vgl. Lyons 1977b: 445). Nicht nur im Englischen lässt sich eine Verbindung zwischen der formalen Konstruktion, z. B. des Infinitivsatzes, und der semantischen Hierarchisierung erkennen. Andersen/ Schøsler (2002) stellen diesbezüglich mit Blumenthal (2001) und Willems (1983) fest: [I]l y a une correspondance partielle entre forme et sens dans la mesure où c’est exclusivement la perception visuelle physique (= first and second order entities) qui est exprimée par les constituants suivants: GN à tête nominale concrète, GN plus construction infinitive et GN suivi d’une relative, alors que la perception visuelle indirecte (second order entities) et cognitive (third order entities) peuvent s’exprimer par le même constituant: la complétive. (Andersen/ Schøsler 2002: 277) Die Darstellung dieser Beziehung sieht dann für voir wie in Abb. 5 aus. 42 Der Aufgliederung der physischen und kognitiven Wahrnehmung sowie der Zuordnung der semantisch hierarchisierten Entitäten ist in diesem Modell grundsätzlich zuzustimmen. Korrigierend möchte ich anmerken, dass sich il regarde Jean und il voit Jean zwar in der agentiven Rolle des Subjekts wie hier gezeigt unterscheiden, ihre Zuordnung zu einer der Lyon’schen Entitäten jedoch unilateral zugunsten der Entität ersten Ranges erfolgen muss. Die Entitäten beider Sätze sind in Raum und Zeit verortet und beide Personen, die ansehende sowie die angesehene Person, sind beobachtbar sowie existent. Dies passt auch zu der Beobachtung von Lyons, dass solche Entitäten ersten Ranges eher mit Nominalgruppen auftreten. Die Infinitivsätze, die sich als ererbter AcI kategorisieren ließen, nämlich il regarde Jean arriver sowie il voit Jean arriver sind sodann aufgrund geringerer Greifbarkeit, die mit dem wahrgenommenen Vorgang natürlich einhergeht, beide der Gruppe der Entitäten zweiten Ranges zuordenbar. Das Modell verdeutlicht, dass die Konstruktion des Typs il voit Jean arriver auf einer direkten physischen Wahrnehmung basiert und eine Entität zweiten Ranges ist, da sie ein laufendes, in Raum und Zeit verankertes Ereignis (en. event ) abbildet. Der alternative Komplementsatz mit que ist ebenfalls eine second- 41 Mackenzie (2008: 196) führt die Grundlagenarbeit Lyons (1977a,b) fort und erweitert die drei von Lyons etablierten Entitäten um eine vierte, die sich auf Sprechakte bezieht. 42 Die Darstellung basiert auf einem von Willems (1983) erstellten Modell, welches Andersen/ Schøsler (2002: 276, 292) geringfügig, v. a. in der Terminologie, angepasst haben. <?page no="179"?> 4.2 Grammatikalische Charakteristika des französischen AcI 167 Abb. 5 - Auffächerung der Bedeutungsnuancen von regarder / voir (Andersen/ Schøsler 2002: 276; vgl. Willems 1983: 155) order entity , jedoch wird das Ereignis nur indirekt physisch, also psychisch nach der Nomenklatur des LVF, verarbeitet und wahrgenommen. Der zweite in der Abb. 5 aufgeführte Komplementsatz il voit que Jean est arrivé tard zeigt die Wahrnehmung eines Vorgangs, welcher nicht mehr im Raum verortet ist. Zudem kann durch die ausbleibende Simultanität des über- und untergeordneten Satzes keine physiologisch fundierte Wahrnehmung vorliegen, sodass diese ausschließlich kognitiv verarbeitet wird. Die direkte und indirekte physische Wahrnehmung sowie die Abgrenzung zur kognitiv verarbeitenden Wahrnehmung erfassen den Blick auf den Zustand oder Vorgang. Darüber hinaus ist aber anzunehmen, dass in diesen Satztypen Informationen darüber gegeben werden, woher der Sprecher sein Wissen bezieht, es folglich Mittel zum Ausdruck von Evidentialität sind. 43 Hinweise hierauf konnten für das Spanische und (Spät-)Latein bereits gefunden werden (vgl. Greco 2013b; Pons Rodríguez 2008). Das Französische, wie auch andere romanische Sprachen und Latein, drückt Evidentialität in der Regel nicht über morphologische Markierung aus. Dies schließt andere Formen zum Ausdruck der Evidentialität jedoch nicht aus. Für das Lateinische beobachtet Greco (2013b: 177-181), dass die oben 43 Vgl. Aikhenvald (2018) für eine Einführung und Definition zur Evidentialität. <?page no="180"?> 168 4 Grammatik und Gebrauch des Accusativus cum Infinitivo genannte Unterscheidung mit videre durchaus Tragkraft hat. So lässt sich (36a) als kognitive Verarbeitung und (36b) als direkte Wahrnehmung auffassen: (36) a. video [puerum venire] b. video puerum [venire] In (36a) wird der gesamte untergeordnete Satz, der AcI, als ein Bestandteil erfasst und verarbeitet - in (36b) wird der Infinitiv hingegen syntaktisch als Erweiterung zum Objekt puerum aufgefasst und in erster Linie das Objekt wahrgenommen. Das Modell käme laut Greco nun an seine Grenzen, wenn eine Parallele zum nicht-visuellen Verb audire gezogen werden würde. In lt. audio Caesarem venire verbirgt sich implizit die Wissensquelle, denn es handelt sich nicht um die direkte Wahrnehmung des Sprechers, dass Caesar kommt, sondern um eine indirekte Evidentialität des Hören/ Sagens. Ebenso drückt die obige AcI-Konstruktion mit video eine indirekte Wissensquelle aus, indem sie eine mental verarbeitete Schlussfolgerung bzw. Annahme aus einem Vorgang darstellt (vgl. en. „inference/ assumption“, Greco 2013b: 194). Pons Rodríguez (2008: 137) sieht im Übergang von direkter zu indirekter Evidentialität ein Kontinuum, welches sie mit Rückgriff auf die älteren Sprachstufen des Spanischen konstatiert. (a) Veo a Ana venir Oríg.hoy (b) Veo (a) Ana ser buena s. xiii-xiv preposicional y raro siglo xv apreposicional, +común (c) Rafa dice Ana ser buena aci s. xv s. xviii (decadencia) Abb. 6 - Kontinuum spanischer Infinitivkonstruktionen (nach Pons Rodríguez 2008: 137) Die in Abb. 6 als „ACI“ bezeichnete Struktur (c) entspricht den bislang in dieser Arbeit als gelehrter AcI vorgestellten Konstruktionen. Sie werden im Spanischen wie im Französischen nach ihrer Hochzeit im 15. bzw. 16. Jahrhundert sukzessive abgebaut. Die noch heute auftretende Konstruktion (a) kennt in den romanischen Sprachen Parallelen wie in fr. je vois Anna venir . Die im mittelalterlichen Spanisch verwendete Konstruktion (b): Veo (a) Ana ser buena zeugt von einem prädikativen Gebrauch der Kopula ser . Bezüglich der Subjektivität stellt Pons Rodríguez (2008: 137) ein Gefälle fest von (a) den stark evidentiellen direkten Wahrnehmungsverben über (b) die indirekte, teilweise subjektive Wahrnehmung in mittelspanischen Prädikativkonstruktionen hin zu den (c) rein auf Sprechakten und damit hypothetischem Charakter beruhenden dicendi -Verbkonstruktionen. <?page no="181"?> 4.2 Grammatikalische Charakteristika des französischen AcI 169 Die Subjektivität ist im Typ (a) am stärksten ausgeprägt und wäre in Rückgriff auf das obige Modell (vgl. Abb. 5) noch stärker bei einer angeschlossenen Nominalgruppe wie in je vois Pierre . Grossmann/ Tutin (2011) weisen zudem darauf hin, dass ein evidentieller Unterschied zwischen der Realisierung der direktphysischen Wahrnehmung in Form des Komplementsatzes mit que und in Form des Infinitivsatzes vorliegen kann. Der Komplementsatz würde demnach den Standpunkt des Sprechers stärker hervorheben. Dem evidentiellen Unterschied zwischen ererbtem und gelehrten AcI sowie zwischen unterschiedlichen Matrixverben des gelehrten AcI ist daher in der Analyse besonderes Augenmerk zu schenken. Denn insgesamt betrachtet scheint die Hierarchisierung der Entitäten nach Lyons in einem engen Zusammenhang zum Grad der Evidentialität sowie zur syntaktischen Form zu stehen. Außerdem wird zu prüfen sein, welche weiteren Beschränkungen, wie beispielsweise im Tempusgebrauch (vgl. Andersen/ Schøsler 2002: 277), oder auch Verwendungserweiterungen aufgrund der diachronen Entwicklungsstufe zu beobachten sind. 44 Fallbeispiel sentir Das französische Verb sentir kennt wie voir mit dem AcI einen zweifachen Gebrauch, als direkte physische Wahrnehmung im engeren Sinn und als kognitive Wahrnehmung (vgl. Blumenthal 2001: 23; Andersen/ Schøsler 2002: 279). Diese Bedeutung wird bereits im Klassischen Latein differenziert. So schreibt Cicero in den Tusculanae disputationes : (37) Sentit igitur animus se moveri: quod cum sentit, illud una sentit, se vi sua, non aliena moveri ‘Die Seele spürt also, daß sie sich bewegt, und wenn sie dies tut, spürt sie zugleich, daß sie durch ihre eigene Kraft und nicht durch eine fremde bewegt wird [...]’ (Tusc. 1,55, Cicero [45 v. Chr.] 7 1998: 55; vgl. verkürzt auch Burkard/ Schauer 6 2020: 683) In Anlehnung an das obige Modell (vgl. Abb. 5) ist nun erneut in eine direkte und indirekte Wahrnehmung anhand der Form des ererbten AcI (vgl. 38b) bzw. der Nominalgruppe in Objektposition (vgl. 38a) und des Komplementsatzes (vgl. 38c) zu trennen. Ich führe zur Illustration die Beispiele aus Andersen/ Schøsler (2002: 44 Es soll hier noch auf einen Sonderfall mit voir hingewiesen werden, der die weitere Untersuchung nicht betrifft und hiervon abgegrenzt werden soll. Das Verb voir kann im modernen Französisch sowohl als Vollverb als auch als Hilfsverb aufgefasst werden, und dies obwohl die Konstruktion formal gleich anmutet (vgl. Bat-Zeev Shyldkrot 1984): (1) Le pétrole voit son côut augmenter à une allure record vs. (2) Ce produit a vu sa vente cesser il y a deux ans vs. (3) Les professeurs voient les étudiants travailler . In den ersten beiden Sätzen ist voir inhaltlich leer, es handelt sich nicht um eine direkte Wahrnehmung, was nicht zuletzt an der Unbelebtheit des S 1 hängt. Durch Paraphrasierung belegt Bat-Zeev Shyldkrot (1984) den Unterschied und weist darauf hin, dass nur der dritte Satz sich alternativ mit voir que umschreiben lässt. <?page no="182"?> 170 4 Grammatik und Gebrauch des Accusativus cum Infinitivo 279) an und bemerke erneut, dass die direkte physische Perzeption Entitäten des ersten und (! ) zweiten Ranges kennt. Der AcI-Satz ist in Raum und Zeit verankert, aber das Hereinziehen eines Geruchs durch das Fenster (vgl. 38b) wirkt weniger konkret (existent) und stellt einen kognitiv komplexeren Wahrnehmungsvorgang dar (da mehr Sinneseindrücke verarbeitet werden müssen: z. B. Kälte der Luft auf der Haut, visuelle Erfassung des Fensters) als der bloße Geruch in (38a): (38) a. il sent l’odeur (direkte physische Perz., first-order entity ) b. il sent l’odeur arriver par la fenêtre (direkte physische Perz., second-order entity ) c. il sent que l’odeur arrive (indirekte physische Perz., second-order entity ) Hiervon ist die kognitive Bedeutung zu trennen, wie sie in dem Beispiel Ciceros oben zu sehen ist. Die untergeordnete Entität le danger in (39) ist abstrakt und wird kognitiv verarbeitet, da sie weder existent noch real, sondern allenfalls wahr oder falsch ist. So sind alle drei Beispiele dem dritten Rang der Entitäten zuzuordnen (vgl. Andersen/ Schøsler 2002: 279): 45 (39) a. il sent le danger (kognitive Perz., third-order entity ) b. il sent le danger approcher (kognitive Perz., third-order entity ) c. il sent que le danger approche (kognitive Perz., third-order entity ) Diese Verwendung des (gelehrten) AcI zum Ausdruck kognitiver Verarbeitungsprozesse oder Schlussfolgerungen (vgl. 39b) wird seit dem 17. Jahrhundert zunehmend reduziert (vgl. Blumenthal 2001: 23; Andersen/ Schøsler 2002: 279). Die Konstruktion ist in der literarischen Schriftsprache aber auch noch heute stellenweise anzutreffen, wie sich anhand der Vorkommen in Frantext feststellen lässt. Inwieweit evidentielle Kriterien und die Prädikation mit estre eine Rolle spielen, wird nach der Analyse in der Diskussion behandelt (vgl. Kap. 7). 4.2.1.3 Syntaktische Abhängigkeit des AcI vom Prädikat Die latinistische Forschung hat im Detail dargelegt, dass die Wahl des V 1 nicht nur einen Sinnunterschied macht, sondern trotz gleicher Oberflächenrepräsentation auch syntaktisch völlig unterschiedliche Sätze ergeben kann. Dies betrifft in erster Linie die Rolle des S 2 , welches bei einem Perzeptionsverb als direktes Objekt (O 1 ) zum Matrixverb aufgefasst werden kann oder als vom regierenden Verb unabhängige, mit dem V 2 verbundene Einheit in Objektposition. In diesem Fall fungiert S 2 als Subjekt zum Infinitiv. Dass diese grundlegende Unterscheidung ebenso für das Französische gilt, ist (mindestens) seit Stimming (1915) bekannt, 45 Andersen/ Schøsler (2002) verwenden s’approcher . Jedoch ist der nicht-reflexive Gebrauch mit einem abstrakten Subjekt dem Grand Robert zufolge (Rey 2024) gängiger, da die reflexive Verwendung konkreten Entitäten wie einer Person oder einem Schiff vorbehalten ist. <?page no="183"?> 4.2 Grammatikalische Charakteristika des französischen AcI 171 denn sie dient ihm in diachroner Perspektive zur Differenzierung des ererbten vom gelehrten Typus. Wenn nun das Französische mit den nach ihrem Abhängigkeitsverhältnis zum V 1 bestimmten lateinischen AcI-Typen admoneo / iubeo / video / dico / necesse est te venire verglichen wird, sehen wir die von Stimming getroffene Unterscheidung des ererbten und gelehrten Typus in den Beispielsätzen (40a) sowie (41a, 41b). Die „Doppelfunktion des Subjektsakkusativs“ (vgl. Schwendener 1923: 3) lässt sich im Französischen mit einem Nomen veranschaulichen. Ebenso wie im Lateinischen kann in (40a) Pierre als direktes Objekt (O 1 ) zum regierenden Verb mit Ergänzungsinfinitiv aufgefasst werden. (40) a. je vois Pierre i [NP i venir] - je vois V 1 Pierre O 1 venir V 2 b. je vois [Pierre venir] - je vois V 1 Pierre S 2 venir V 2 Es existiert aber auch die Analyseart in (40b), die das Nomen als Subjekt zum untergeordneten Infinitiv betrachtet. Dies legt u. a. die Analyse Maraldis (1983) für das Lateinische nahe, indem sie den beiden Konstruktionen einen perzeptiven bzw. kognitiven Gehalt zuschreibt. Die zuvor dargelegten Ergebnisse Grecos (2013b) deuten zudem darauf hin, dass es zusätzlich gewinnbringend scheint, den AcI auf Basis direkter und indirekter Evidentialität zu bewerten, um auch die Unterschiede zu anderen Perzeptionsverben wie ‘hören’ in ausreichendem Maße beschreiben zu können. Die auf indirekter Evidenz basierenden Konstruktionen könnten demnach als gelehrte AcI-Konstruktion gewertet werden, die in einer bestimmten Phase der französischen Sprachgeschichte vermehrt verwendet werden. Die direkte Evidenz wäre hingegen die, die sich bis in den heutigen Sprachzustand erhält. Dire gilt als typischer Vertreter, mit dem ein AcI im Lateinischen bzw. ein gelehrter AcI im Französischen des 16. Jahrhunderts steht (vgl. 41a, 41b). (41) a. (*)je dis V 1 [Pierre S 2 venir V 2 ] b. (*)je te S 2 dis V 1 venir V 2 c. *je dis à Marie Pierre venir Dass es sich bei Pierre bzw. te um eine Akkusativfunktion handelt, wird in (41c) erkenntlich, in dem à Marie ein reguläres Dativobjekt zu dire darstellt. Dies wird durch den vorliegenden Bedeutungsunterschied in (42a) und (42b/ 42c) untermauert. (42) a. je dis (à Marie Dat/ O 1 ) que Pierre vient b. je dis à Marie Dat/ O 1 [de venir] c. je lui Dat/ O 1 dis [de venir] Während im ersten Fall allgemein oder an Marie gerichtet eine Aussage darüber getroffen wird, dass Pierre kommt, handelt es sich im zweiten Beispiel <?page no="184"?> 172 4 Grammatik und Gebrauch des Accusativus cum Infinitivo um eine Aufforderung an Marie herzukommen. Der dritte Satz in (42c) zeigt die pronominalisierte Ersetzung des Dativobjekts Marie . Sollte te hingegen im Dativ angenommen werden, müsste der Satz um de ergänzt werden (vgl. 43a). Es handelt sich dann, wie in (42b), um eine Aufforderung zum Handeln. Das Verb bestimmt hierbei die Kommunikationsfunktion, wie aus der im Satz (43b) fehlenden Appellfunktion ersichtlich wird (vgl. für das Satzpaar Gross 1973: 252), und die syntaktische Interpretation der Konstituenten, indem die Subjekte S 1 und S 2 koreferent oder verschieden sind. (43) a. je te Dat, i dis [de PRO i venir] b. je i te Dat promets [de PRO i venir] Der lateinische Typ admoneo te venire wird als ‘uneigentlicher’ AcI eingestuft, da das dreiwertige V 1 das Pronomen te zwingend als O 1 benötigt. Dies gilt auch für die französische Entsprechung für ‘warnen’ avertir qn. de faire qc. bzw. avertir qn. que mit te in (44a) und Pierre in (44b): (44) a. je t i ’avertis [de PRO i venir] b. j’avertis Pierre i [de PRO i venir] c. *j’avertis [Pierre ∅ de venir] Vor diesem Hintergrund wäre eine AcI-ähnliche Konstruktion wie in (44c) mit ausgelassener Präposition im Mittelfranzösischen nicht zu erwarten. Dennoch zeigt der Beleg in (45a) aus einem Text von Dolet, dass der AcI in Kombination mit einem V 1 als Teil einer absoluten Partizipialkonstruktion möglich ist (vgl. die Umformung in 45b), was auf einen bewusst intendierten latinisierenden Einfluss hindeutet (vgl. Landy-Houillon 2003: 276; Lecointe 1997). (45) a. le Roy adverti son camp estre en bon ordre, & bien dressé, partit de Lyon pour y aller 46 (Dolet, Geste de France , zit. n. Stimming 1915: 155) b. après que le Roy a adverti ∅ qn. que son camp est en bon ordre, il partit de Lyon pour y aller Das lateinische Verb iubere ‘befehlen’ kennzeichnet sich durch seine ambige Interpretationsmöglichkeit als ‘Akkusativ + Infinitiv’ sowie ‘Akkusativ + Ergänzungsinfinitiv’. 47 Eine inhaltliche Entsprechung ist in fr. commander gegeben 46 Bei Stimming (1915: 155) handelt es sich im Autorennamen um einen Druckfehler. Es sind die Geste de France , F. 69, von Dolet und nicht Rolet (! ) gemeint. Vgl. Gallica (https: / / gallica.bnf.fr/ ark: / 12148/ bpt6k71402f/ f69.item) oder Brunot ([1906] 3 1947: 455). 47 Eine weitere Möglichkeit iubeo im Französischen auszudrücken ist das kausative faire faire , bspw. in lt. iubeo epistulam afferri und fr. je fais apporter la lettre (Stimming 1915: 71). Die Konstruktion unterscheidet sich jedoch von der für meine Studie ins Auge gefassten in dem Punkt, als dass es sich bei faire faire um keine biklausale Struktur handelt. Dies äußert sich laut Labelle (2017: 326) an fehlenden oder nicht vorhandenen Eigenschaften wie der Hinzunahme von Negationspartikeln oder Klitika, die beim Hauptverb stehen. Vgl. weitergehend zum Vergleich kausativer und perzeptiver Infinitivkonstruktionen St-Amour (1982) und Martineau (1990a,b). <?page no="185"?> 4.2 Grammatikalische Charakteristika des französischen AcI 173 und eine Setzung des Objekts als Empfänger des Befehls ist in beiden Sprachen nicht obligatorisch, dennoch unterscheiden sie sich darin, dass das französische Objekt mit der Präposition à in Dativfunktion steht (vgl. 46). (46) on commande à Pierre de venir / qu’il vienne demain (Dubois/ Dubois-Charlier 2015: LVF1) Ob ein Dativobjekt auf das regierende Verb zu folgen hat, spielt eine entscheidende Rolle in den Interpretationsmöglichkeiten der AcI-Konstruktion. Betrachten wir hierfür einen AcI, der sich bei Rabelais im 16. Jahrhundert finden lässt: (47) Le pilot [...] commenda V 1 tous S 2 estre V 2 à l’herte (Rab., IV, 18, zit. n. Gougenheim 2 1974: 157) Eine alternative Analyse als Ergänzungsinfinitiv (vgl. 48a/ 48b) wäre nur möglich, wenn das Dativobjekt wie auch der vermeintlich erweiternde Infinitiv ebenso ohne Präposition ständen. (48) a. ? ? ? Le pilot commenda tous [estre à l’herte] b. Le pilote commenda à tous [d’estre alerte] c. (*)Le pilot commenda [tous estre à l’herte] d. Le pilote commenda que tous sont alertes Es scheint unwahrscheinlich, dass hier nun beides bei einem versierten Autoren wie Rabelais fehlt. Vor dem Hintergrund des lateinischen Einflusses auf Calvin und seine Zeitgenossen ist es einleuchtend mit Gougenheim ( 2 1974) einen AcI in (48c) zu sehen, der sich wie in (48d) mit que auflösen lässt. Unpersönliche Verben stehen mit dem AcI im KL durchaus häufig, doch im Mittelfranzösischen ist die Konstruktion selten und ihr Auftreten ist Stimming (1915: 164) zufolge unzweifelhaft dem latinisierenden Einfluss geschuldet. 48 Ein frühes Beispiel ist bei Christine de Pizan in (49) zu sehen: (49) comme il apert Dieu estre fin de tout (Pizan, 119, 22, zit. n. Stimming 1915: 165) Stimming verzeichnet neben unpersönlichen Verbkonstruktionen auch Ausdrücke im weiteren Sinn. In (50a) hängt der AcI estre bons et serains rester les espritz mit invertierter Wortstellung vom unpersönlichen infiniten Ausdruck difficile chose estre ab. Der erweitert wiederum das typische Verb des Sagens dire . Entscheidend für den Ausschluss der beiden Kausativkonstruktionen aus der vorliegenden Arbeit ist jedoch, dass sie bereits in altfranzösischer Zeit „so unendlich oft [zu] belegen“ sind und als ererbter AcI typisiert werden können (Stimming 1915: 43-48). 48 Die Forschungsliteratur erwähnt diesen fr. AcI-Typus zurückhaltend. Es ist vor allem Stimming (1915: 164-166), der die schwach belegte Konstruktion beleuchtet. Ein Hinweis auf unpersönliche Ausdrücke mit dem AcI „de type latin“ (! ) ist in der Grammatik Lardon/ Thomines (2009: 285) zu finden, jedoch ohne die beiden dort erwähnten Verben convenir oder falloir voneinander zu trennen bzw. diese als Teil einer volkssprachlichen, ererbten Konstruktion zu kategorisieren. <?page no="186"?> 174 4 Grammatik und Gebrauch des Accusativus cum Infinitivo (50) a. Gargantua [...] nous a souvent dit difficile chose unpers. A. estre V 2 bons et serains rester V 2 les espritz S 2 . (Rabelais III, 70, zit. n. Stimming 1915: 165) b. Gargantua nous a souvent dit d’être une chose difficile que les esprits sont bons et restent sereins. Eine neufranzösische Auflösung in einen Objektsatz (vgl. 50b) müsste demnach sowohl eine fehlende Präposition als auch eine veränderte Satzstellung berücksichtigen. 4.2.2 Subjekt zum Infinitiv (S 2 ) Nach den Beobachtungen zu der Syntax und Semantik des V 1 sowie zur syntaktischen Rolle des AcI möchte ich nun den Blick auf die Terminologie und Identifizierungsmerkmale des S 2 richten sowie die Pronomen neben der bislang eher unauffälligen lexikalischen Verwendung in den Blick nehmen. Grundsätzlich ist die Setzung lexikalischer, pronominaler, demonstrativer, aber auch anaphorischer sowie kataphorischer S 2 in Form von Relativpronomina im Französischen vorstellbar. Es wird sich in der späteren Analyse zeigen, ob alle vom Lateinischen eröffneten Funktionslücken im Französischen ebenfalls besetzt werden und ob über die ererbte Form hinaus ein Ausbau neuer Funktionsbereiche in der Konstruktion des gelehrten AcI stattfindet. 4.2.2.1 Terminologie und Identifizierung Der Akkusativ des lateinischen Accusativus cum Infinitivo wird häufig als „Subjektsakkusativ“ (Burkard/ Schauer 6 2020: 664, 677; vgl. auch Müller-Lancé 1994: 205; Schwendener 1923; Speyer 2001; Throm 17 1995) bezeichnet. Doch dadurch, dass die Akkusativendung im altfranzösischen Obliquus aufgeht und dieser sich mehrheitlich gegenüber dem Rectus in mittelfranzösischer Zeit durchsetzt, verliert sich die Möglichkeit, den Akkusativ formal anhand des Suffixes selbst zu erkennen. Der Verlust der morphologischen Akkusativmarkierung im Suffix lexikalischer Nominalphrasen in der Entwicklung vom Latein zum Französischen birgt terminologische und methodische Probleme. Del Rey Quesada (2017: 684) weist zu Recht darauf hin, dass durch den Kasusverlust die Analyse ambiger Fälle erschwert werden kann. Eine direkte Evidenz für die Akkusativfunktion liefern im Französischen nur noch die direkten Objektpronomen le, la, les 49 sowie der accord des Partizips eines Infinitiv Passivs, der die Zusammengehörigkeit mit dem S 2 anzeigt. Ebenso ist es für die Analyse von Vorteil, dass das S 2 im Französischen fast immer ausgedrückt wird und sich die Satzstellung in den romanischen Sprachen verfestigt. Da im 16. Jahrhundert, kurz vor der starken 49 Wie auch in anderen romanischen Sprachen, vgl. Mensching (2017: 382). <?page no="187"?> 4.2 Grammatikalische Charakteristika des französischen AcI 175 Normierungswelle des 17. Jahrhunderts, die fr. Satzgliedstellung jedoch noch deutlich, z. B. in Bezug auf das Reflexivpronomen se , variieren kann, muss hierauf in der Interpretation der AcI-Konstruktionen geachtet werden. Im Latein basiert die Bezeichnung ‘Akkusativ’ auf Form und Funktion. Zum einen ist die morphologische Akkusativmarkierung zu nennen, die eine Identifizierung in den meisten Fällen leicht möglich macht. Zum anderen kann der Subjektsakkusativ teilweise (z. B. bei den Perzeptionsverben) als direktes Objekt des V 1 aufgefasst werden, sodass von einem Akkusativ zu sprechen ist, oder in Verbindung mit dem Infinitiv als Ganzes als Akkusativobjekt aufgefasst werden. Im Französischen ist, wie schon gesehen, die Bewertung der Funktion ebenfalls notwendig. Die Akkusativfunktion kann anhand ihrer Form nur noch in einer Minderheit der Fälle, bei den direkten Objektpronomen, bestätigt werden. Bei den deutlich häufigeren lexikalischen Nominalphrasen erfolgt die Bewertung kontextorientiert. Dies liefert ein wichtiges Argument, im Französischen nicht von einem Subjektsakkusativ zu sprechen und sich auf die Funktion im untergeordneten Satz zu konzentrieren, d. h. es als Subjekt zum Infinitiv bzw. S 2 zu bezeichnen. 50 4.2.2.2 Koreferentialität Das S 2 in der gelehrten AcI-Konstruktion kann wie im KL auch im Französischen koreferentiell mit dem S 1 des regierenden Verbs sein und wird dann mit einem Reflexivpronomen ( me, te, se, nous, vous ) ausgedrückt. Während das ältere Spanisch diese Art der Koreferentialität beim AcI nur mit Wahrnehmungs- und Befehlsverben kennt und bei deklarativen Verben gar nicht (vgl. Pountain 1998: 193), verzeichnet das Französische hier einen umfangreichen Gebrauch im 16. Jahrhundert, der sich bislang kaum thematisiert findet. 51 Eine wichtige Ausnahme ist die Arbeit von Stéfanini (1962), die zwar ihren Fokus auf den diathetischen Ausdruck 50 Insgesamt ist zu konstatieren, dass die französischsprachige Forschung seit jeher die Bezeichnung als Akkusativ oder Subjektsakkusativ vermeidet, welche insbesondere in der deutschsprachigen Romanistik eine Rolle zu spielen scheint. Pountain (2011: 651-652) verweist auf die Tendenz, im Französischen von einer proposition infinitive zu sprechen (z. B. bei Brunot [1906] 3 1947: 453-456). Zu bemerken ist hierbei auch, dass die Bezeichnung proposition infinitive in der Grammatikschreibung in aller Regel dem AcI reserviert ist, der einfache Infinitiv oder präpositional verwendete Infinitiv mit de, à hingegen fällt nicht hierunter (vgl. Grevisse/ Goosse 16 2016: §902-903; Riegel/ Pellat/ Rioul 6 2016: 832-833). 51 Auch wenn es bereits einige profunde Studien zur klitischen (vgl. Labelle 2008; Wolfsgruber 2017) und nicht-klitischen Form (vgl. Waltereit 2012: IX) französischer Reflexivpronomen in diachroner und synchroner Ausrichtung gibt, fehlen hier Einzelstudien, die sich mit der Rolle dieser Pronomen innerhalb des AcI beschäftigen und ihre Entwicklung vom Altfranzösischen über das Französische des 16. Jh. bis hin zum modernen Französisch nachzeichnen. <?page no="188"?> 176 4 Grammatik und Gebrauch des Accusativus cum Infinitivo legt, jedoch entscheidende Hinweise auf die Interpretationsmöglichkeiten des Pronomens im AcI gibt. Wenn ein reflexives Verb auftritt, gibt es für die Bewertung des dazugehörigen Pronomens drei Möglichkeiten. Zunächst kann ein AcI ohne Koreferentialität vorliegen. Dies bedeutet, dass das Reflexivpronomen nicht in der Funktion des S 2 auftritt, da diese bereits von einem direkten Objektpronomen ausgefüllt wird. In (51a) gehört se zum V 2 und nous entweder als S 1 zum Hilfsverb ( nous pouvons ) oder als reflexives Pronomen zum V 1 ( s’imaginer ). 52 (51) a. Cette disposition d’actions et de vacations si ordonnée, la S 2 pouvons nous imaginer V 1 se conduire V 2-refl sans discours et providence (Montaigne, zit. n. Gougenheim 2 1974: 156) b. nous pouvons nous imaginer qu’elle se conduit sans discours et providence Die Umformung mit que ergibt den Satz in (51b). Die Reflexivität des Infinitivs nimmt insofern keine übergeordnete Rolle ein, als dass auch ein anderer Infinitiv hier stehen könnte. Die zweite Möglichkeit zeigt ambige Konstruktionen in (52a) und (53a). Hier entscheidet u. a. der präpositionale Anschluss des Verbs und die semantische Zuordnung des Reflexivpronomens zum über- oder untergeordneten Satz über die Qualifizierung als AcI oder Ergänzungsinfinitiv. Die sprachhistorische Analyse wird dadurch erschwert, dass in den älteren Sprachstufen der Gebrauch der Präpositionen stark schwankt und auch im 16. Jahrhundert, teilweise bedingt durch latinisierenden Einfluss (vgl. Gougenheim 2 1974: 153), noch nicht endgültig gefestigt ist. 53 Wenn im Gegensatz zum ersten Fall nun im zweiten kein weiteres Pronomen vorliegt, welches die S 2 -Funktion übernehmen kann, könnte es sich in der Oberflächenstruktur um einen koreferentiellen AcI handeln: (52) a. je me quic molt chier vendre (Aiol, v. 6912, zit. n. Stéfanini 1962: 665) b. je pense me vendre cher (Stéfanini 1962: 665) c. je crois que je me vendrai cher (Stéfanini 1962: 665) 52 Das pronominale S 1 wird in dieser Zeit noch nicht regelmäßig gesetzt, sodass eine reflexive Interpretation schlüssig ist. Gleichzeitig muss berücksichtigt werden, dass die reflexive Verwendung von imaginer laut Rey (2024) erst im 16. Jh. gebräuchlich wird. Interessant sind die Einzelbelege, die ebendort beigesteuert werden und als AcI bewertet werden können: „ L’homme éprouve [...] ce qu’il s’imagine éprouver. [...] Elle s’est imaginé être promptement veuve [Balzac]“. 53 Einerseits haben wir es im Altfranzösischen, aber laut Gougenheim auch noch im 16. Jh., mit einer deutlichen Favorisierung der Präposition à in Kontexten zu tun, wo im modernen Französisch ein de stände (vgl. Gougenheim 2 1974: 152; Lerch 1930: 308-350; für passende Beispiele siehe ebendort). Andererseits ist es geradezu „caractéristique du XVI e siècle [...], peut-être sous l’influence du latin“, gar keine Präposition hinter einer reichen Anzahl an Verben anzutreffen (Gougenheim 2 1974: 153; vgl. auch Haase 1890: 213). <?page no="189"?> 4.2 Grammatikalische Charakteristika des französischen AcI 177 Betrachten wir nun (53a), ist ein weiteres Problem zu verzeichnen, welches sich nicht mit absoluter Gewissheit lösen lässt. (53) a. Or se cuida Guillelme reposer Deduire en bois et en riviere aler ( Cour. Louis , vv. 2.658-59, zit. n. Stéfanini 1962: 664) b. ? ? Or cuida Guillelme se reposer Stéfanini (1962: 664) verweist darauf, dass aufgrund der Stellungsfreiheit im Altfranzösischen auch der Infinitiv in der reflexiven Form se reposer gemeint sein könnte (vgl. 53b). Dann ließe sich mit einiger Wahrscheinlichkeit von einem Ergänzungsinfinitiv und nicht einem AcI sprechen. Allerdings nimmt er in diesem Beispiel, aber auch in (52a) zu Recht an (Stéfanini 1962: 665), dass es zum Zeitpunkt der Realisierung ein Sprecherbewusstsein für den semantischen Unterschied gibt und damit auch die Position des Pronomens nicht arbiträr ist. Gleichwohl bleibt diese Sorte Beispiele ambiger Natur. Da die Kopula estre nicht reflexiv sein kann, können die Fälle, in denen sie das V 2 ist, einen klaren Hinweis auf die AcI-Konstruktion liefern: (54) a. je ne me croyois pas être ici pour l’entendre (Corneille, zit. n. Stimming 1915: 177) b. je ne croyais pas que je suis ici pour l’entendre Diesbezüglich ist es ein markanter Unterschied, dass im Latein se auch vor der Kopula esse (V 2 ) stehen kann. Die Stellungsfreiheit ist dort noch deutlich größer (vgl. Stéfanini 1962: 663) und erlaubt dennoch nur die Interpretation als AcI: (55) a. se dicit esse medicum b. dicit se esse medicum c. il se dit estre medecin (Stéfanini 1962: 663) Die semantische AcI-Einheit se esse medicum wird im Französischen laut Stéfanini (1962: 663-664) dadurch aufgebrochen, dass der Infinitiv generell an Unabhängigkeit, beispielsweise in Form von Komplementsätzen, gewinnt. Dadurch ist es, wenn in der Konstruktion ein AcI gesehen wird, nicht mehr nötig, das Pronomen in der Nähe des V 2 zur Kennzeichnung der semantischen Einheit zu setzen. Bestätigt sieht Stefanini dies in zahlreichen altfranzösischen Sätzen des Typs X se dit estre X , hinter welchen er lateinischen Einfluss vermutet. Dies deckt sich mit der Einschätzung Stimmings (1915: 62, 119, 188), demzufolge das Reflexivpronomen kaum in altfranzösischer Zeit und erst im 15./ 16. Jahrhundert mit dem AcI auftritt und Koreferentialität ein deutliches Zeichen für den gelehrten Charakter der französischen AcI-Konstruktion sei (vgl. Buridant 2019: 441). 54 54 Im Zweifelsfall hilft auch folgende Beobachtung zur Abgrenzung des AcI vom Ergänzungsinfinitiv bei der Konstruktion se dire estre X . Wie Waltereit (2012: 83) in Anschluss an Brandt (1944: <?page no="190"?> 178 4 Grammatik und Gebrauch des Accusativus cum Infinitivo 4.2.2.3 Relativpronomen in der Funktion des S 2 Das S 2 der lateinischen AcI-Konstruktion wird häufig durch ein Relativpronomen in Akkusativform (z. B. quam ) ausgedrückt, welches anaphorisch oder kataphorisch einen Bezug zu einer vorausgehenden oder nachfolgenden Satzkonstituente respektive einer ganzen Satzaussage herstellt. Diese Konstruktion mit AcI ist eine Form des sog. ‘verschränkten Relativsatzes’ (vgl. Rubenbauer/ Hofmann 12 2007: 291). Die Notwendigkeit, die Relativpronomen an dieser Stelle zu thematisieren, ergibt sich daraus, dass sie im Verdacht stehen, in Transfers aus dem Latein in das Französische im besonderen Maße verwendet zu werden und damit ein Merkmal der Latinisierung zu sein. So schreibt Gougenheim ( 2 1974: 99): „Peu d’outils grammaticaux ont servi autant que le relatif à transposer en français des constructions latines“. Insbesondere der AcI kommt hier zum Tragen, da das Relativpronomen den Nebensatz in die Objektposition des Hauptsatzes stellt und zugleich als Subjekt des AcI-Satzes fungiert (vgl. Gougenheim 2 1974: 101). Bereits Diez ( 3 1872: 250) stellt fest, dass der Gebrauch des Relativums im Zuge der Latinisierung im 16. Jahrhundert bei Montaigne, aber auch noch im Sprachgebrauch seiner eigenen Zeit üblich ist, und gibt die folgenden Beispiele: (56) a. les actions que nostre coustume ordonne estre couvertes (Montaigne, 1, 3, zit. n. Diez 5 1882: 945) b. les loix que nous disons naistre de nature (Montaigne, 1, 22, zit. n. Diez 5 1882: 945) c. Charles était un prince qu’ on savait n’avoir jamais manqué à sa parole (19. Jh. laut Diez 5 1882: 945) d. les même effets que nous avons dit appartenir à cette maladie (19. Jh. laut Diez 5 1882: 945) Trotz dieser Beobachtungen von Diez und Gougenheim (auch Fragonard/ Kotler 1994: 93) und obwohl es vom späten Altfranzösischen bis hin zum modernen Französisch nachweisbar ist, scheint das Relativpronomen in der Forschungswahrnehmung teilweise nicht dem typischen AcI-Profil zu entsprechen, denn mancherorts fehlt gänzlich jeder Hinweis hierauf und es wird der Typus V 1 - S 2 lex -V 2 thematisiert (vgl. u. a. Nyrop 1924: 219; zum Mittelfranzösischen Combettes/ Glikman 2020: 1352-1354; Marchello-Nizia 2 2005: 423-426; zum 16. Jh. Lardon/ Thomine 2009: 284-285). Zwar wird in anderen Darstellungen das Rela- 42) feststellt, ähnelt die reflexive Konstruktion zwar an der Oberfläche einem nicht-reflexiven Gebrauch von dire in dem Punkt, dass der Kontrast zwischen Sprecher und Empfänger der Nachricht beide Male vorhanden ist. Doch schlussendlich kann ‘sich etwas sagen’ aufgrund fehlender zentraler Sprecheigenschaften nicht das Gleiche sein, wie ‘jemandem etwas sagen’, denn weder wird es laut ausgesprochen noch interagieren zwei Individuen miteinander. Daher handelt es sich um semantisch getrennte Konzepte, die durch unterschiedliche syntaktische Konstruktionen abgebildet werden. <?page no="191"?> 4.2 Grammatikalische Charakteristika des französischen AcI 179 tivpronomen in S 2 -Funktion auch nicht thematisiert, jedoch in Beispielsätzen als dazugehörig angenommen (vgl. Brunot [1906] 3 1947: 455-456; Huguet [1894] 1967: 217-218; Marmelstein 1921: 112), z. B.: (57) a. M. de la Noue qu’ on disoit auoir quitté le parti et religion des hugenos (Pierre de L’Estoile, Brunot [1906] 3 1947: 455) b. Lesquels il commanda estre mis en sa sepulture. (Le Maire des Belges: 43, zit. nach Huguet [1894] 1967: 217) c. Mais à tout ce que nous recognoissons ∅ estre -V 2 fait de luy (II, 8, 22, zit. nach Marmelstein 1921: 112, meine Hervorh. des fehlenden V 2 ) Es ist schließlich ein Verdienst Stimmings (1915: 173) in äußerst klarer Weise den vielfach in der Literatur genannten „Normaltyp“ von der AcI-Form mit Relativpronomen zu trennen. Auch sollte es Interesse wecken, dass Stimming die Erstbelege auf das 14. Jahrhundert, der Übergangsphase vom Altzum Mittelfranzösischen sowie der Phase des langsam stärker werdenden lateinisch-kultursprachlichen Übersetzungseinflusses, datiert. 55 Denn es ließe sich aus dem Fehlen im Altfranzösischen bzw. in der ererbten Variante die Schlussfolgerung ableiten, dass es sich beim Einsatz des Relativpronomens um übersetzungsbedingte bzw. durch das Latein motivierte Nachbildungsmerkmale handelt und somit ein weiteres Kriterium für die Identifizierung der gelehrten AcI-Konstruktion im Französischen zur Verfügung stände. Ein weiterer Grund für den Einsatz des Relativpronomens könnte, wie Stimming (1915: 185) darlegt, die kompaktere Darstellung von Informationen sein und die damit einhergehende Vermeidung längerer oder komplexerer Satzkonstruktionen. Im weiteren Verlauf der Arbeit wird daher versucht, die Rolle des Einsatzes der Relativpronomen in AcI-Konstruktionen zu verdeutlichen und seine gegebenenfalls textspezifische Funktion herauszuarbeiten. Stimmings zahlreiche Beispiele für den Gebrauch des Relativums im Mittelfranzösischen legen ein weiteres Desideratum offen. Bislang liegen keine belastbaren Zahlen vor, die den Verwendungsumfang dieser Konstruktionsart umreißen könnten. Am weitesten geht die oben erwähnte Einschätzung Stimmings, der auf eine Umkehrung des Zahlenverhältnisses zugunsten des Relativums am Ausgang des 16. Jahrhunderts, also wenige Jahre nach Calvins Tod (1564), hinweist. 56 55 Tatsächlich findet sich bei der Durchsicht von Stimmings Belegen kaum ein Beispiel aus altfranzösischer Zeit. Eine Ausnahme ist im 11. Jh. der Satz Par ceste barbe que veez blancheier (Rol., 261), vgl. weiter unten (358). Die anderen Belege in Stimmings Untersuchungskorpus beginnen mit dem Einsatz der Übersetzungen im 14. Jh. (Stimming 1915: u. a. 44, 127-132). 56 Dennoch verläuft der Umschwung nicht abrupt. Sowohl Stimming als auch Fournier betonen, dass erst im späten 17. Jh. der ‘Normaltyp’ sehr stark eingeschränkt wird (vgl. Stimming 1915: 184) und das Relativpronomen als „d’ailleurs le seul type d’exemple approuvé par les grammairiens à partir de Vaugelas“ (Fournier 1998: 111) gilt. Im Neufranzösischen bleibt der <?page no="192"?> 180 4 Grammatik und Gebrauch des Accusativus cum Infinitivo 4.2.3 Infinitiv (V 2 ) In der qualitativ orientierten Forschungsliteratur ist dem Infinitiv (V 2 ) innerhalb des AcI bislang relativ wenig Aufmerksamkeit zuteil geworden, sodass an dieser Stelle eine Betrachtung seiner auffälligen Eigenschaften in den nachfolgenden Abschnitten zu Tempus, Diathese und Kopula erfolgt. 4.2.3.1 Tempus Im Lateinischen besteht die Möglichkeit, mittels der Tempuswahl des V 1 und V 2 vor-, gleich-, oder nachzeitige Vorgänge und Zustände auszudrücken. Dazu wird der Infinitiv Präsens (58a), Infinitiv Futur (58b) oder Infinitiv Perfekt (58c) verwendet. (58) a. credo te hoc intellegere ‘ich glaube, du verstehst dies’ b. credo te hoc intellecturum esse ‘ich glaube, du wirst dies verstehen’ c. credo te hoc intellexisse ‘ich glaube, du hast dies verstanden’ (Rubenbauer/ Hofmann 12 2007: 197) Diese grundlegende Eigenschaft des lateinischen AcI-Satzes zum Ausdruck des Zeitverhältnisses des über- und untergeordneten Satzes hat sich nicht bis in die übersetzungsunabhängigen, ‘ererbten’ Konstruktionen des Altfranzösischen erhalten können. 57 Dies legen zumindest die ausbleibenden Belege im Textkorpus Stimmings nahe. Der ererbte AcI kommt nur mit der präsentischen Form des Infinitivs zur Markierung der Gleichzeitigkeit vor. Der Futurgebrauch würde ohnehin nur sehr eingeschränkt, beispielsweise mit einem Hilfsverb wie devoir , funktionieren, da in altfranzösischer Zeit über das Verbsuffix synthetisch und im finiten Verb kodiert wird. Eine infinite Form wie im Latein aus Partizip Futur und esse kennt das Französische nicht. 58 Der Ausdruck der Vergangenheit im AcI ist ferner im modernen Französisch nicht möglich (vgl. Leeman 2002: 104). AcI mit einem Relativpronomen bei La Fontaine, Voltaire, H. Martin u. a. belegbar (vgl. für passende Beispiele Gamillscheg 1957: 155, 459-460). Die Konstruktion wird im Übrigen in Grammatiken und Darstellungen des modernen Französisch zur proposition infinitive gerechnet (vgl. Brucker 1977; Gamillscheg 1957: §§139-141; Grevisse/ Goosse 16 2016: §902; Huguet [1894] 1967: 214 u. a.; Lorian 1961: 285-294; Mirault 1997: 219, 221, 245). 57 Vgl. zum Futursystem Bazin-Tacchella (2020: 789) und Rheinfelder ( 2 1976: 185-186, 199): „z. B. laud¯ at¯ urum esse ; Inf. Fut. Pass. z. B. laud¯ atum iri ; Part. Fut. Akt. z. B. laud¯ at¯ urus, -a, -um “. 58 Das fr. Futur ist keine direkte Fortführung des synthetischen lt. Futurs, sondern einer im Vulgärlatein lautgesetzlich weiterentwickelten Kombination aus Infinitiv (Präsens Aktiv) und einer flektierten Form von habere . Als Bsp. kann gelten: cantare + habeo > cantare + * aio > * cantaraio > chanterai . Auch das Perfekt wird im Französischen nicht synthetisch fortgeführt, sondern analytisch mit avoir und Partizip. <?page no="193"?> 4.2 Grammatikalische Charakteristika des französischen AcI 181 Mit Sandfeld lässt sich in Bezug auf den ererbten AcI also feststellen: A la différence de l’usage latin, la construction française ne permet pas de marquer un temps futur ou passé: on dit bien je le vois venir , mais non pas * je le vois être venu , * je le vois devoir venir (cf. lat. video eum venisse, video eum venturum esse ). (Sandfeld 1928: 165) Die Abweichung vom präsentischen Tempusgebrauch kann ein Indiz latinisierenden Einflusses sein (vgl. zum Infinitiv Perfekt Stimming 1915: 120). In Übersetzungen aus dem Latein finden sich auch im Altfranzösischen untergeordnete AcI-Sätze, deren Sachverhalte vorzeitig zum regierenden Verb zutreffen: (59) a. Se n’ oï pas cestui avoir esteit disciple d’alcunui [nequaquam hunc fuisse cuiusquam discipulum audivi] (Dial. Greg. 9, 20, zit. n. Stimming 1915: 118) b. demoustra les aliances avoir esté a tort rompues (B. II f. IV d. L. XXI, 10,9., zit. n. Stimming 1915: 129) In (59b) ist ohnehin von einem gelehrten AcI zu sprechen, da das regierende Verb nicht wie in (59a) ein Perzeptionsverb ist. Es zeigt sich jedoch insgesamt im Mittelfranzösischen, dass der AcI gerade mit Hinblick auf den Ausdruck der Vergangenheit an Selbstständigkeit gewinnt. Vermehrt finden sich nun übersetzungsunabhängige Belege mit einer Kombination aus avoir esté (vgl. 60a-60b) oder passivisch avoir esté + Partizip (vgl. 60c-60d). Einen expliziten Hinweis auf den abweichenden Tempusgebrauch im Mittelfranzösischen gibt uns Stéfanini (1962: 661-662) in (60e), der die Konstruktion als durchaus geläufig ansieht, da sie in Dramen vorkommt, aber auch, wie in Stimmings Beispiel (60a) zu sehen ist, im Bereich der Briefkorrespondenz. (60) a. saichant la maladie de Madame avoir esté plus grande que [...] (Marguerite de Navarre, zit. n. Stimming 1915: 152) b. Nous lisons cete grâce de prononcer avoir esté fort excellente en Virgile. (Du Bellay, zit. n. Stimming 1915: 160) c. De ce roy entre autres compagnons m’eschéït [...] un lequel [...] un haut baron [...] me certifia avoir esté advenu par effect au roy Henri avant sa mort. (G. Chast., zit. n. Stimming 1915: 156) d. Ce sommelier, qui pensoit ce vin ne luy avoir esté recommandé que pour sa bonté, en servit au Pape (Montaigne, zit. n. Gougenheim 2 1974: 156) e. lequel se dist avoir esté aveugle le cours de sa vie (Gréban, zit. n. Stéfanini 1962: 662) Trotz dieser Beispiele aus der Forschungsliteratur fehlt es an quantitativen Daten, um die Distribution vorzeitiger AcI verlässlich bewerten zu können. <?page no="194"?> 182 4 Grammatik und Gebrauch des Accusativus cum Infinitivo 4.2.3.2 Diathese Sowohl im Lateinischen als auch im älteren Französisch kann der Infinitiv des AcI mit aktiver, aber auch passiver Diathese auftreten. 59 Dies wurde bereits von Stimming (1915: 120, 137) thematisiert, indem er diese Eigenschaft als distinktives Merkmal für die Abgrenzung des gelehrten vom ererbten AcI-Typus heranzieht. 60 Als Beispiele können die folgenden beiden Sätze aus dem 15. und 16. Jahrhundert in (61) gelten. (61) a. ains appeloit maintes fois la mort et soushaidoit le fres monument du ploré pere estre redoublé des larmes du fils mort jouste luy. (G. Chast., 51, zit. n. Stimming 1915: 138) b. On admire celuy que l’ on pense estre aymé . (L. Labé, 69, zit. n. Stimming 1915: 150) Die Bildung des Passivs im französischen AcI weicht nicht von der Anwendung in anderen syntaktischen Situationen ab. Es handelt sich um eine Kombination aus estre und Partizip Perfekt (vgl. Bazin-Tacchella 2020: 840). Die Vorzeitigkeit kann wie in (60c-60d) mittels avoir esté + Partizip Perfekt ebenfalls ausgedrückt werden. Das Partizip kann entsprechend dem Genus und Numerus einen accord im Mittelfranzösischen erfahren. 61 Der accord bietet zudem in methodischer Perspektive die Möglichkeit, die Relation des V 2 mit dem S 2 sichtbar zu machen. Die Anpassung des Partizip Perfekts erfolgt in dieser Zeit „à peu près régulier“ (Lardon/ Thomine 2009: 325), sodass sich in der Analyse auf Ausnahmen vorbereitet werden muss. 62 Obwohl die voix passive im Französischen des 16. Jahrhunderts als voll ausgeprägt gelten darf und keineswegs vereinzelte Belege mit dem fr. AcI in der Forschungsliteratur zu finden sind, fehlt es bislang an quantitativen Ergebnissen, die diese Einschätzung valide stützen könnten. 4.2.3.3 Die Rolle der Kopula als V 2 Der AcI kann im Lateinischen mit einem beliebigen Infinitiv kombiniert werden, solange die Satzsemantik in Abhängigkeit vom übergeordneten Satz gewahrt 59 Das Französische bildet das Passiv mit einer Präsens-Indikativ-Form von être und dem Partizip, z. B. le vélo est acheté par Jean . Ebenso wird die aktive Form des passé composé bei den Bewegungsverben gebildet, z. B. Jean est venu à l’épicerie . Auch wenn die Satzbedeutung erkennen lässt, um welche Diathese es sich handelt, muss die gleiche Oberflächenform in der Analyse berücksichtigt werden. 60 Sandfeld (1928: 165) sieht in seltenen Ausnahmefällen die passive Diathese in der proposition infinitive mit voir noch im Sprachgebrauch seiner Zeit als möglich an. 61 Im Altfranzösischen ist auch der Kasus bezüglich der Angleichung des Partizip Perfekts relevant. Die beschriebene Art der Passivbildung ist laut Bazin-Tacchella (vgl. 2020: 840) schon in den frühesten altfranzösischen Texten in dieser Form belegt. 62 Vgl. Lardon/ Thomine (2009: 321-322) zu unterschiedlichen Darstellungen in der Grammatikschreibung bei Palsgrave, Meigret und Ramus. <?page no="195"?> 4.2 Grammatikalische Charakteristika des französischen AcI 183 bleibt. Dies gilt im Französischen prinzipiell auch, sodass Untersuchungen zum AcI bislang weder in der einen noch in der anderen Sprache den Kern des untergeordneten Satzes in den Blick genommen haben. 63 In der Forschungsliteratur zum mittelfranzösischen AcI wird jedoch vereinzelt auf den Umstand hingewiesen, dass bei der Kopula estre (nfr. être ) ein deutlicher Überhang verzeichnet werden kann (Buridant 2019: 441; Marchello-Nizia 2 2005: 423; Stimming 1915: 172). 64 Die starke Präsenz der Kopula soll im Bereich von ca. 75% bei Marguerite de Navarre bis zu geschätzten (! ) 90% für das Mittelfranzösische im Allgemeinen liegen. Hier setzt die vorliegende Studie an, um die Frequenz bei Calvin wie auch bei einigen seiner Zeitgenossen zu bestimmen. Ohne eine fundierte Zahlengrundlage lassen sich sonst keine Aussagen über die diachrone Entwicklung und gegebenenfalls heute noch anzutreffende AcI-ähnliche Konstruktionen treffen. 65 Problematisch ist außerdem die fehlende Differenzierung in zusammengesetzten Formen, estre + Prädikat, welche zum einem ein Vergangenheitstempus als auch zum anderen die passive Diathese repräsentieren. Dies wird ein Ziel der Analyse sein und ebenso die Feststellung, nach welchen regierenden Verben der AcI mit der Kopula bevorzugt auftritt und ob dies als Kennzeichen des gelehrten AcI gelten kann. Die Beurteilung, ob es sich bei einer gegebenen Konstruktion um einen AcI handelt, wird sowohl im Lateinischen als auch im Französischen durch die Tatsache erschwert, dass die Kopula lt. esse bzw. fr. estre/ être häufig ausgelassen wird. Während für das Mittellateinische angenommen werden darf, dass eher das Ausbleiben der Kopula als unmarkierter Fall zu gelten habe (vgl. Stotz 1998: 377), ist es für das Französische doch sinnvoll im markierten Fall von einer Auslassung (bzw. Ellipse) zu sprechen. Durch die Auslassung ist eine alternative Analyse möglich, z. B. die im Latein sehr gängige doppelte Akkusativkonstruktion. Ein zentraler Grund für die Auslassung der Kopula mag sein, dass die Konstruktion recht häufig verwendet wird und zugleich laut Maienborn (2003: 11) als „(nahezu) semantisch leer“ eingestuft werden kann. 66 Der Kopula kommt dabei 63 Der Infinitiv kann deshalb als Kern des untergeordneten Satzes aufgefasst werden, da beim gelehrten AcI das S 2 nicht als direktes Akkusativobjekt zum V 1 zulässig ist. 64 Vgl. Kap. 4.4.4 zum gelehrten AcI sowie Kap. 4.5 zu Parallelentwicklungen in anderen europäischen Sprachen, denn auch im Spanischen wird der verstärkte Gebrauch von ser/ estar in AcI-Konstruktionen signalisiert (vgl. Pons Rodríguez 2007, 2008: 134). 65 Es ist aufgrund fehlender Forschungsarbeiten unklar, ob die Häufung der Kopula in V 2 -Funktion eine Verwendung der gelehrten Form des AcI bis in das modernen Französisch begünstigt. Dieser ist in Kombination mit dem Relativpronomen que (als S 2 ) nachweisbar. Während Diez die Konstruktion im 19. Jh. mit Vollverben (als V 2 ) belegt (vgl. 56c u. 56d), schränken Wartburg/ Zumthor ( 3 1973: 82) jedoch für die Mitte des 20. Jh. ein, dass nunmehr ausschließlich être als Infinitiv zulässig wäre, z. B. in j’ai soutenu l’opinion que je crois être la bonne . 66 Maienborn zitiert als ältere und damit lange bestehende Auffassung der semantischen Leere das Grimm’sche Wörterbuch, welches hier vom „allgemeinsten und farblosesten aller verbalbegriffe“ spricht. Vergleicht man diese deutschsprachige Aussage nun mit den folgenden Worten Louis <?page no="196"?> 184 4 Grammatik und Gebrauch des Accusativus cum Infinitivo die Aufgabe zu, eine semantische Verbindung zwischen dem Prädikativ und dem Subjektreferenten herzustellen. Dadurch, dass jedoch „abstrakte Objekte“ bzw. Zustände ausgedrückt werden, deren Referenten „nur auf der Ebene des Diskursuniversums [...] verfügbar“ sind (Maienborn 2003: 221-222, vgl. 121), müssen sie folglich bei einer Auslassung für den Sprecher bzw. Leser (leicht) erschließbar sein. 67 Ferner ist es logisch, dass abstrakte Objekte „nicht der unmittelbaren Wahrnehmung zugänglich sind“ (Maienborn 2003: 122, vgl. 74) Dies schließt ihre Verwendung mit der ererbten Form des AcI aus und es verwundert daher nicht, dass im Altfranzösischen der Typus S 1 voit S 2 estre X kaum belegt ist (vgl. Kap. 4.4), da estre X nichts repräsentiert, das direkt wahrnehmbar ist (vgl. Maienborn 2003: 67). Allerdings ist damit nicht ausgeschlossen, dass Perzeptionsverben wie voir in kognitiver Ausprägung sehr wohl Zustände verarbeiten (vgl. Maienborn 2003: 122). Diese wesentliche Feststellung erklärt, warum perzeptive Verben wie voir im gelehrten AcI mit der Kopula estre abstrakte Objekte verarbeiten können. 4.3 Mittelalterlicher und frühneuzeitlicher AcI im Latein In den Kapiteln 4.1 und 4.2 standen zum einen die grammatikalischen Grundlagen der klassisch-lateinischen AcI-Konstruktion im Vordergrund und zum anderen die dadurch möglich gewordene Perspektive auf spezifische Entwicklungen im Französischen, wie z. B. den Transfer der Strukturmerkmale V 1 , S 2 und V 2 des AcI. Es soll nun geklärt werden, welche Entwicklungsstufen der Accusativus cum Infinitivo im mittelalterlichen Latein durchlief, ehe die Konstruktion im Zuge humanistischer Strömungen als Prestigekonstruktion in die französische Vernakularsprache Eingang findet. Um die Entwicklung des AcI und die Bedingungen für seinen Transfer nachzuvollziehen, wird in zwei Abschnitten eine soziolinguistische Perspektive auf das Verhältnis von quod -Sätzen und AcI im KL Meigrets, stellt man eine im Kern ähnliche Sichtweise fest. Die Kopula bezeichne nur die ‘Existenz einer jeden Sache, die durch das regierende Nomen bezeichnet wird’: „LE V e ¸ rb’ e ¸ t vne partie du langaje ſ inifíant acçíon, ou pa ſ síon, au e ¸ q t e ¸ ms, e ¸ modes. E¸ combien qe le Verbe ſ ubftantif e ¸tre, ne ſ inifíe point ace ¸íon, ne pa ſ síon, denotant ſ euleme ¸nt l’exi ſ te ¸nçe d’une çhacune çhoze, qi e ¸t ſ inifiée par le nom qi le gouue ¸rne“ (Meigret [1550] 1888: 82). 67 Die Voraussetzung für eine Auslassung der Kopula ( sein, ser, estar, be, being ) wird lt. Maienborn durch den sog. Temporaritätseffekt begründet. Zum Zeitpunkt der Wahrnehmung muss die in der Prädikation ausgedrückte Eigenschaft auch, zeitlich begrenzt, zutreffend sein (vgl. Maienborn 2003: 71-74): vgl. Angela sah den Kanzler nackt. vs. *Angela sah den Kanzler groß. (vgl. Maienborn 2003: 69). Die Wahrnehmung eines Individuenprädikats funktioniere hingegen nicht, da es sich um kein abstraktes, abgeleitetes Objekt handle. <?page no="197"?> 4.3 Mittelalterlicher und frühneuzeitlicher AcI im Latein 185 und in spätlateinischer Zeit (vgl. 4.3.1) sowie auf das Latein in humanistischer Zeit (vgl. 4.3.2) eingenommen. 4.3.1 Das Verhältnis des lt. AcI zu quod -Sätzen im Mittelalter Die Verwendung des AcI mit den verba dicendi etc. ist im Französischen als Folge latinisierenden Einflusses und daher als markiert zu betrachten. Der Komplementsatz mit que stellt hingegen die bevorzugte Form der Subordination dar. In der Zeit des Klassischen Lateins verhält es sich jedoch gegenteilig, denn hier ist der AcI das häufiger eingesetzte Subordinationsmuster. Mit wachsendem Einfluss der vulgärlateinischen Varietäten lässt sich ein Zuwachs der subordinierenden Konjunktionen wie quod und quia beobachten (vgl. Hofmann/ Szantyr 2 1972: 354) 68 , aus welchen später die romanischsprachigen Konjunktionen wie fr. que oder it. che entstehen. Herman (1963: 23) spricht sodann von einem Schlüsselmoment in der romanischen Sprachgeschichte, der durch den Konnektorenwechsel von quod etc. zu romanischen Entsprechungen wie que/ che gekennzeichnet ist (vgl. Greco 2007: 7). In dieser spezifisch romanischen Perspektive ist es daher unerlässlich, genaue Erkenntnisse über die Entwicklung des Verhältnisses zwischen AcI und Komplementsatz zu erlangen, wie sie die Forschungsanstrengungen von Cuzzolin (1994b) und Greco (2008a) erbringen. Nur so lässt sich das Auftreten der gelehrten AcI-Konstruktion im Französischen und die damit verbundene partielle Beeinträchtigung der Verwendungshäufigkeit des Komplementsatztyps in einen größeren Zusammenhang einordnen. Die Verben, die mit quod im Klassischen Latein stehen und mit dem AcI konkurrieren, sind u. a. doleo, gaudeo, angor, miror, indignor, glorior, queror (vgl. Cuzzolin 1994a; Ernout/ Thomas 2 1989: 297; Touratier 1994: 586) und faktiver Art. Daneben finden sich auch Ausdrücke mit unpersönlichen Verben oder Adverbien (vgl. Ernout/ Thomas 2 1989: 296). Assertive Verben wie lt. dico oder puto , die typischerweise mit dem AcI stehen, zeigen während der Goldenen Latinität nur vereinzelt Konkurrenz durch Konjunktionalsätze. Die „Ausbreitung von Konjunktionalsätzen nach Verba sentiendi und declarandi“ (Stotz 1998: 392), also in der Kerndomäne des AcI, erfolgt nicht schlagartig, sondern ist vielmehr von 68 Eine mögliche Erklärung für den Umschwung zu den Konjunktionalsätzen liefern Hofmann/ Szantyr ( 2 1972: 354), welche der spätlateinischen Lautverschiebung eine wesentliche Rolle zuschreiben: „Dieser Zustand [die Zurückdrängung des AcI durch quod , S. O.] mag bereits in der Volkssprache des ausgehenden Lateins trotz gelegentlicher gelehrter Wiederaufnahmen noch im 7. Jh. [...] abgeschlossen vorliegen; so stehen z. B. in den Vitae patr, gegen 530 mit Konjunktionen eingeleitete Nebensätze nur noch 275 A. c. I. Die Gründe des Absterbens liegen vor allem in der durch den lautlichen Zusammenfall des aktiven und passiven Inf. der meisten Konjugationen herbeigeführten Zweideutigkeit“. <?page no="198"?> 186 4 Grammatik und Gebrauch des Accusativus cum Infinitivo einer langen Koexistenz und Konkurrenz geprägt (vgl. Greco 2008a, 2013a), die weder die komplette Verdrängung des AcI im Spät- und Mittellatein bedeutet (vgl. Stotz 1998: 392-393), noch einen gleichmäßigen Umschwung für alle Verbklassen (vgl. Cuzzolin 1994b: 209). Gerade die verba dicendi, sentiendi und affectuum stehen in spätlateinischer Zeit bevorzugt mit dem AcI (vgl. Greco 2013a: 177). Dennoch steigt in der Zeit vom Ende des 2. bis zum Ende des 5. Jahrhunderts langsam die Verwendungshäufigkeit mit Wahrnehmungs- und Deklarativverben (vgl. St-Amour 1982: 183). In den Historiae (6. Jh.) von Gregor von Tours stellt Greco (2008a: 373) schließlich noch eine deutliche Präsenz des AcI fest, die die Häufigkeit der quod - und ut -Sätze in etwa um das zweifache übersteigt. Interessant ist hierbei, dass gewisse Verben wie dico besonders häufig mit dem quod -Satz stehen. Diesbezüglich sind auch das Textgenre und der besondere Schreibduktus des christlichen Lateins zu beachten. Auch Touratier/ Liebermann (2013: 293) bemerkt diesbezüglich einen verstärkten Gebrauch von quod u. a. mit scire und eben dicere . 69 Schwach assertive Verben sowie Befehlsverben stehen in Gregors Historiae hingegen besonders häufig mit dem AcI. Wird dies nun mit Rechtstexten wie den Formulae Andecavenses , einer Sammlung juristischer Formulare aus Angers, verglichen, lässt sich laut Greco (2013a: 186) ein spezifischer Gebrauch der Konstruktion festellen, der sich in kurzen, formelhaften Satzeinheiten manifestiert. Zum einen lässt sich also, vor allem im Vergleich zum Klassischen Latein, ein recht differenzierter, sich verfestigender Gebrauch der unterschiedlichen Satztypen in Abhängigkeit ihrer Verwendungszeit und der Textsorten konstatieren (vgl. Stotz 1998: 396), und zum anderen kann festgehalten werden, dass die AcI-Konstruktion auch in spät- und mittellateinischer Zeit stark, wenn nicht sogar vorherrschend, präsent ist (vgl. Bodelot 2018: 364; Plesner Horster 2016: 46; Pinkster 2021: 202). Die quantitative Erfassung und Auswertung von AcI- Konstruktionen steht den quod- Sätzen insofern benachteiligt gegenüber, als dass ihre Erfassung grundsätzlich schwerer ist. Auslassungen, anaphorische und kataphorische S 2 , aber auch Kasusungenauigkeiten in den Nominalendungen in spät- und mittellateinischer Zeit führen zu einer bedeutenden Ambiguität in der Interpretation (Greco 2008a: 371). Dieses methodische Problem lässt sich mit ausreichend großen Stichproben abfedern, da so die Varianz- und Fehlerquote bei der Bewertung insgesamt verringert werden. Die Karolingische Renovatio bedeutet im Mittelalter einen massiven Einschnitt in der Kultur und die sprachliche Qualität des Lateins. Durch die Anknüpfung an die römische Antike und ihre Ideale gelingt ein regelrechter Aufschwung. 69 Vgl. Touratier (1994: 586-587) und Ernout/ Thomas ( 2 1989: 297) für Verben, die mit quod stehen. <?page no="199"?> 4.3 Mittelalterlicher und frühneuzeitlicher AcI im Latein 187 Der Wendepunkt bezüglich des Ungleichgewichts zwischen dem im Frühmittelalter noch dominierenden AcI und den zunehmend präsenten quod- Sätzen ist jedoch erst im Hochmittelalter, in etwa im 12./ 13. Jahrhundert, erreicht (Karlsen 2001a: 21; Wirth-Poelchau 1977: 44). Dies ist die Phase, in der auch die ersten Übersetzungen ins Altfranzösische verzeichnet werden können. Interessant ist für die Betrachtung möglicher Latinismen im Altfranzösischen der Umstand, dass Wirth-Poelchau (1977: 81) in den Texten Albertus Magnus’ (*ca. 1200 - †1280) eine „Erstarrung der Ausdrucksweise, die mit einer kleinen Anzahl von Formeln auskommt und von den bestehenden vielfältigen Möglichkeiten der Sprache keinen Gebrauch macht[,]“ feststellt. Dies und die deutlich geringere Verwendung des AcI führen dazu, dass sich vom 13. Jahrhundert bis zum Beginn der Renaissance eine neue, von der Goldenen Latinität stark abweichende Norm herausbildet, die eher funktional orientiert und unabhängig von fremden sprachstilistischen Vorbildern ist (vgl. Wirth-Poelchau 1977: 97). Karlsens (2001a: 210) Studie, die neben den Ergebnissen von Wirth-Poelchau (1977) Teil einer übersichtlichen Gruppe quantitativ orientierter Forschungsarbeiten ist, konstatiert nicht nur ähnlich geringe Verwendungshäufigkeiten, sondern auch einen signifikanten Unterschied zwischen verba declarandi und sentiendi . 70 Da der AcI mit den verba sentiendi mit 54,5% gegenüber 31% bei den verba declarandi deutlich präsenter ist, lautet der Rückschluss, dass quod - Sätze eher mit declarandi -Verben auftreten. AcI-Sätze werden zudem favorisiert verwendet, wenn ihr regierendes Verb bereits in einem untergeordneten Satz liegt (vgl. Karlsen 2001a: 211). Eine mögliche Erklärung hierfür könnte in der stilistischen Vermeidung eines allzu schweren, mit Konjunktionen durchzogenen Satzbaus sein. Dies würde auch die „particulary strong position“ des AcI in Relativsätzen des Untersuchungskorpus von Karlsen erklären. Es ist bemerkenswert, dass er keine quod -Konstruktionen in diesem Satztyp nachweisen kann (vgl. Karlsen 2001a: 212) Ein letztes hier noch zu erwähnendes Ergebnis der Studie Karlsens untermauert die bisherigen Beobachtungen Cuzzolins (1994b) sowie Grecos (2007). Die Koreferenz favorisiert demnach in außerordentlicher Weise die Wahl des AcI im Vergleich zum quod -Satz. 4.3.2 Der AcI im humanistischen Latein Im mittelalterlichen Latein ist der Gebrauch des AcI eingeschränkt und die konjunktionale Satzstruktur mit quod übernimmt Anwendungsbereiche, die dem 70 Vgl. Pinkster (2021: 202) für weitergehende Studien mit quantitativem Fokus. Bezüglich der Satzkomplexität zwischen AcI und quod-Sätzen in den Revelaciones der Heiligen Birgitta vgl. auch den Aufsatz von Karlsen (2001b). <?page no="200"?> 188 4 Grammatik und Gebrauch des Accusativus cum Infinitivo AcI bislang vorbehalten sind. So entfernt sich die Verwendungsweise beider Konstruktionen im Spätmittelalter von den in der römischen Antike geltenden Sprachnorm signifikant. Der sich bis dato verfestigende Gebrauch des quod - Satzes wurde in der Phase des Humanismus, welcher die kulturellen und sprachlichen Errungenschaften der römischen Antike hochhielt, scharf kritisiert. Jedoch darf dieser Umbruch nicht als ruckartig aufgefasst werden, wie Stotz für eine frühe Phase der Renaissance zu bedenken gibt: Daß die Wiedergewinnung klassischer Ausdrucksfähigkeit im Humanismus der Renaissance ein stufenweise verlaufender Vorgang war [...], läßt sich recht schön daran ersehen, daß die hier besprochenen Konjunktionalsätze zunächst noch als durchaus erlaubt galten, und dies sogar bei Schriftstellern, die sich ausdrücklich und mit Leidenschaft für die Wiederherstellung der klass. Latinität einsetzten, so bei Coluccio Salutati. Lorenzo Valla, der etwa das Latein Poggios als Küchenlatein rügt, bemängelt in seinen ‘Elegantiae’ zwar den Gebrauch von indirekten Aussagesätzen nach putare mit quia , schlägt jedoch Ersatz durch quod vor, ohne der Tatsache gewahr zu werden, daß auch dies unklassisch ist. Der Gebrauch solcher Konjunktionalsätze hielt in der humanistischen Latinität noch eine Weile an, wurde allerdings allmählich aufgegeben. (Stotz 1998: 395) Es steht außer Frage, dass die Humanisten um einen guten und eleganten Stil bemüht sind und das Klassische Latein hierfür die Orientierungsmarke ist. In Analogie zu Buffons Ausspruch „Le style est l’homme même“ formuliert IJsewijn (1973: 329) „Le latin est l’humaniste même“, um den „culte du beau latin et de l’élégance du style“ als Haupteigenschaft humanistischen Wirkens hervorzuheben. So allmählich wie das Erkennen stilistisch ‘guter’ Formulierungen verläuft auch der grammatikalische Erkenntnisprozess der Humanisten bezüglich der Zusammenhänge des AcI und des quod -Satzes und der Übergang vom Mittellatein zum humanistisch geprägten Latein. Wenn ein Zeitpunkt für das sprachliche Bewusstsein dieser Diskrepanz benannt werden müsste, ließen sich mit Wirth- Poelchau (1977: 167) Lorenzo Vallas Elegantiae (1444) sowie Niccolò Perottis Rudimenta grammatices (1468) anführen. Bei Letzterem findet sich auch eine Notiz zum guten Gebrauch der beiden ähnlichen Konstruktionen (vgl. Karlsen 2001a: 23; Wirth-Poelchau 1977: 142), wenngleich eine tiefergehende Beschreibung der grammatikalischen Struktur noch unterbleibt. Die Satzanalyse, insbesondere des AcI und Relativsatzes, wurde laut Colombat (1999: 555-556), der eine umfangreiche Abhandlung über die lateinische Grammatikschreibung in Frankreich vorlegt, erstmals mit der zweiten Welle humanistischer Grammatiken ins Blickfeld gerückt. Sie setzt sich jedoch nicht sofort breitflächig in der Schulgrammatik durch. Der Hauptgewinn liegt in der Erweiterung der Methodik zur Syntaxanalyse, aber auch in der Änderung des <?page no="201"?> 4.3 Mittelalterlicher und frühneuzeitlicher AcI im Latein 189 Lateinischen in eine zu erlernende Fremdsprache zugunsten des Französischen als Vergleichs- und Unterrichtssprache. Der präzise Vergleich zwischen Volkssprache und Latein wird jedoch erst im 17. Jahrhundert von Bedeutung, denn zuvor müssen überhaupt erste Grammatiken des Französischen entstehen, sodass der Vergleich, wie Colombat schreibt, meist nur unterschwellig präsent ist. Der AcI sowie der quod -Satz gehörten sodann zu den Fahnenträgern in der Unterscheidung eines guten, dem Klassischen Latein ebenbürtigen Stils von einem zu vermeidenden oder gar nachträglich zu korrigierenden Stil. 71 Erst mit Veröffentlichung der Grammatik von Port-Royal (1660) wird die Analyse des untergeordneten Satzes und des AcI schließlich „considérablement“ vorangebracht (Colombat 1999: 557, 563). Es ist festzuhalten, dass zu Lebzeiten Calvins ein Bewusstsein für den AcI und seine Funktion im Unterschied zum quod -Satz bereits präsent und ausgereift war - auch wenn ein ausgereiftes grammatikalisches Regelwerk noch fehlte. Insbesondere das Zusammenspiel von Akkusativ, Infinitiv und regierendem Verb, war noch nicht vollständig durchdrungen. In dieser Zeit ist jedoch eine besondere stilistische Aufmerksamkeit zu beobachten. Und so verwundert es nicht, dass der Gebrauch des Komplementsatzes mit quod geradezu verurteilt wurde. 72 Die zunächst im Mittellatein weitgehend unmarkierte Struktur des AcI wird nun im Spiegel des „kontaminierten“ Mittellateins (Dreischmeier 2017: 183) nach Valla und der sich emanzipierenden (romanischen) Volkssprachen als typisches Kennzeichen des Klassischen Lateins wahrgenommen. Dies rückt den stilistischen Wert des AcI in den Vordergrund, da mit ihm als Mittel, im Unterschied zum quod -Satz, deutlich an die klassisch-lateinische distanzsprachliche Schriftnorm angeknüpft werden kann. Der AcI, der im Humanismus stilistisch höher als der Konjunktionalsatz konnotiert wird, genießt folglich ein außerordentliches Prestige (vgl. Raible 1996: 120). 71 Colombat (1999: 525-527) weist auf einen vielfach verwendeten Ausdruck hin, nämlich den des que retranché . Es handelt sich hierbei um eine Formulierung, die auf das 17. Jh. zurückgeht, als Frankophone Latein lernen sollten. Als Französischsprecher hätten sie nach Ansicht der Lateingrammatiker ihrer Zeit den Reflex, für que das naheliegende, aber stilistisch abgewertete quod im lateinischen Satz zu verwenden. Daraus entwickelte sich dann die Formulierung, das ‘que’ bzw. lt. quod müsse im Latein eliminiert werden, da der Gebrauch im Latein nicht der ‘guten’ Verwendung des AcI-Satzes entspräche. 72 Vgl. hierzu Sanctius, der Erasmus von Rotterdam diesbezüglich angeht: „Avant d’entrer dans le vif du sujet, il faut rappeler que la grammaire humaniste avait réagi violemment contre l’abus des constructions introduites par quod dans le latin alors pratiqué, et Sanctius par exemple (1587, f. 153 v ◦ ) s’insurge violemment contre Érasme à cause de l’utilisation de ces constructions. [...] Après cette reconnaissance de la structure accusatiuus cum infinitiuo comme typiquement illustratrice de la complétive latine, il était difficile de ne pas faire le rapport entre les structures, dont l’une ressemblait tellement à celle des vernaculaires modernes“ (Colombat 1999: 525). <?page no="202"?> 190 4 Grammatik und Gebrauch des Accusativus cum Infinitivo Studien, die die allgemeinen Beobachtungen zur Grammatikschreibung und bewussten stilistischen Aufwertung im Humanismus mit quantitativer Auswertung untermauern, sind immer noch rar gesät. In jüngster Zeit ist ein Aufsatz zur Verwendung von quia bei Valla hervorzuheben (Plesner Horster 2016), in dem die Autorin der interessanten Frage nachgeht, inwiefern die sprachstilistischen Äußerungen des Humanisten zu quia in quantitativer und qualitativer Relation zur Verwendung der Konjunktion stehen. Dies berührt den AcI insofern, als dass der Gebrauch von quia als Komplementsatz anstelle des AcI komplett von Valla abgelehnt wird. Da der oben beschriebene Übergang zur Ablehnung von quod nur allmählich verlief, gilt die Verwendung im 15. Jahrhundert noch als akzeptable Alternative (vgl. Plesner Horster 2016: 43-44). Die quantitative Analyse zeigt sodann, dass quia im geschichtlichen Textgenre bevorzugt verwendet wird. Die variierende Distribution in Abhängigkeit vom Kontext erklärt sich der Autorin zufolge aus der humanistischen Bewunderung der unterschiedlichen Ausprägungen literarischen Stils (Plesner Horster 2016: 56). Zur Verwendung des AcI im Verhältnis zu untergeordneten Sätzen in mittelalterlichem und humanistischem Latein ist außerdem die Arbeit Wirth-Poelchaus (1977) maßgeblich. Sie belegt den äußerst häufigen Gebrauch des AcI bei italienischsprachigen Humanisten. So zeigen bei der Verwendung des AcI (vs. quod ) 16 von 19 der untersuchten Texte eine Häufigkeit von 95% bis 100%; darunter Valla und Perotti (vgl. Wirth-Poelchau 1977: 143). Ähnlich verhält es sich bei den folgenden Autoren aus Frankreich, Deutschland und den Niederlanden, die Calvin bekannt sind: Guillaume Budé (99,4%), Rudolf Agricola (99,3%) sowie Erasmus von Rotterdam (97,1% AcI in Briefen, 100% in Abhandlungen). Wirth- Poelchau sieht darin zu Recht eine enge und getreue Nachahmung des Sprachstils klassisch-lateinischer Autoren wie Cicero oder Quintilian. Bemerkenswert ist hierbei auch das Auftreten des quod- Satzes in den Briefen Erasmus’, in welchen dieser im Unterschied zu seinen Abhandlungen in sehr geringem Maß zugelassen wird (vgl. Wirth-Poelchau 1977: 165-166). 4.4 ‘Ererbter’ und ‘gelehrter’ AcI im Französischen Die diachrone Entwicklung des AcI im Französischen ist eng mit einer strukturellen Differenzierung verbunden. Sie betrifft die gesamte Sprachhistorie des Französischen von seinen Ursprüngen im Vulgärlatein über das 16. Jahrhundert bis hin zum modernen Französisch: der sogenannte ‘ererbte’ und ‘gelehrte’ AcI- Typus. Während Letzterer nur zu einem Bruchteil in der französischen Sprachentwicklung vorkommt, wird der erste Typ als nahtlos präsente Konstruktion im <?page no="203"?> 4.4 ‘Ererbter’ und ‘gelehrter’ AcI im Französischen 191 Französischen aufgefasst. Die Unterscheidung geht auf die umfangreichste Untersuchung zurück, die die Forschung zum AcI im Französischen kennt: Stimmings 1915 erschienene Dissertation bewertet die Präsenz des AcI in der gesamten französischen Sprachgeschichte und basiert auf einer für die damalige und auch heutige Zeit breiten Datenbasis von 104 zitierten Texten der Primärliteratur. 73 Daher soll im Folgenden, um die gelehrte Form des AcI bei Calvin und seinen Zeitgenossen möglichst scharf von der ererbten Form abgrenzen zu können, eben diese beleuchtet werden (vgl. 4.4.1-4.4.2). Hierauf aufbauend lässt sich dann der gelehrte Typus im Alt- und Mittelfranzösischen sowie speziell im Französischen des 16. Jahrhunderts untersuchen (vgl. 4.4.3-4.4.5). 4.4.1 Traditionelle Unterscheidung nach Verbklassen Das Auftreten des AcI mit bestimmten Verben wurden bereits früh in der Latinistik erkannt. So herrscht in den gängigen Lateingrammatiken die Sichtweise vor, dass diese Verben aus speziellen Verbklassen entstammen. Zwei Umstände dürften nun dazu geführt haben, dass diese traditionsreiche Einteilung nach Verbklassen Eingang in die französisch- und deutschsprachige Romanistik gefunden hat. Zum einen ist es offenkundig, dass die älteren Romanisten wie Diez und Brunot im 19. Jahrhundert, aber auch Stimming und Marmelstein in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine profunde latinistische Ausbildung durchlaufen haben und ihnen die Lateingrammatik eine sprachwissenschaftliche Argumentationsgrundlage verschafft. Zum anderen ist der Einfluss der lateinischen Sprache selbst auf das Alt- und Mittelfranzösische nicht von der Hand zu weisen, sodass es nicht verwundert, dass die ältere Sprachgeschichtsforschung ihm eine tragende Rolle in der Nachahmung von AcI-Konstruktionen zuweist. Stichproben wie z. B. in den Dialogues du pape Grégoire (vgl. 4.4.3) bestätigen die nicht selten übersetzungsbedingte Abhängigkeit vom lateinischen Quelltext im Altfranzösischen. Es liegt also aus beiden Blickwinkeln an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert nahe, sich der bestehenden strukturellen Einteilung der Latinistik zur Beschreibung des französischen AcI zu bedienen. Die Untersuchungen zum AcI im Altfranzösischen sind begrenzt und lassen Raum für weitere Forschung. Denn es wird zwar deutlich, dass die Zahl an AcI-Konstruktionen und auch ihre Vielfalt deutlich geringer sein muss als in mittelfranzösischer Zeit, in welcher der AcI prägnant an Autonomie und 73 Stimming gibt im Literaturverzeichnis der Primärliteratur 104 verwendete Texte an. Es könnten aber noch mehr Texte verwendet bzw. Beispiele aus der älteren Forschungsliteratur entnommen worden sein. Dies legt das mehrfach zitierte Rolandslied nahe (vgl. Stimming 1915: 48: v. 261, 50: v. 522, 107: v. 1242), welches in der Bibliographie nicht aufgeschlüsselt wird. <?page no="204"?> 192 4 Grammatik und Gebrauch des Accusativus cum Infinitivo Regelmäßigkeit hinzugewinnt, doch über eine präzise, auf quantitativen Daten basierende Studie verfügt die Romanistik noch nicht. Werden schließlich die Relikte, die sich bis in das heutige Französisch erhalten haben, verglichen, so wird sich zumeist auf den Kreis der kausativen Verben faire und laisser sowie der Perzeptionsverben konzentriert, die bereits in altfranzösischer Zeit mit dem AcI stehen. Brunot ([1906] 3 1947: 454) unterscheidet in diesem Sinne für das ältere Französisch zwar nur wenige Verben, aber solche, die stellvertretend für ganze Gruppen stehen könnten: „ faire, veoir, laissier, esteveir, deveir “ sowie seltener „ voleir, doner, cuidier “. Diese Einteilung findet sich dann auch in klassifizierter Form bei Stimming wieder, welcher der AcI-Konstruktion bereits in altfranzösischer Zeit einen recht starken Gebrauch bescheinigt: Im Altfranzösischen ist der A. c. I. nach Verben der Willensäu ſ serung ( faire, mander, commander, rover, semondre, enorter ), des Zulassens ( laissier, sofrir, doner, otreier, consentir ), der sinnlichen Wahrnehmung ( veoir, öir, sentir, choisir, escolter, esgarder, perçoivre, trover, vez, ez vos ), nach einer Reihe von unpersönlichen Verben ( convient, estuet, loist, vient mieuz, avient, faut ) eine z. T. sehr häufig vorkommende, durchaus lebensfähige Konstruktion. (Stimming 1915: 120) Es ist Stimming (1915), der seiner Zeit zwischen einer „ererbten“ und einer „gelehrten“ Form unterscheidet, wohl auf Basis einer früheren Bemerkung Meyer- Lübkes ([1899] 1972: 415), und hierfür zugleich eine Reihe an Kriterien in seiner Überblicksdarstellung der Entwicklung des AcI anführt. 74 Er erkennt darüber hinaus, dass „seit dem Ende des zweiten Jh. [...] sich nun nach fast allen Verben, die im Klassischen Latein mit dem A. c. I. konstruiert werden, daneben auch Objektsätze mit quod belegen“ (Stimming 1915: 18) lassen. Dem ererbten Typus im Altfranzösischen ordnet Stimming die kausativen Verben faire und laisser , die Verben der sinnlichen Wahrnehmung sowie ein paar vereinzelte Verben wie choisier in ihrer noch perzeptiven Bedeutung (‘erblicken’) oder Verben der Willensäußerung zu (Stimming 1915: 84). 75 Auch verzeichnet er einige Verben, 74 Dies legt die Aussage Stimmings (1915: 40) nahe, welcher das auch heute noch offene Forschungsdesiderat beschreibt, über eine panromanische Abhandlung zur Entwicklung der AcI- Ausprägungen zu verfügen (vgl. hierzu Kap. 4.5). Meyer-Lübke ([1899] 1972: 415) selbst geht es darum, „das Volkstümliche von dem Fremden zu scheiden“, was die Terminologie Stimmings verfestigt, wenn nicht gar begründet haben dürfte. 75 Die kausativen Verben, welche sich sowohl in Stimmings Korpus als auch in meinem Untersuchungskorpus in sehr großer Zahl nachweisen lassen, stellen m. E. durch ihre semantische Verschiedenheit von Vollverben wie auch teils abweichenden Kasusgebrauch ein eigenes Forschungsfeld dar. Für Studien hierzu vgl. St-Amour (1982), Lehmann (2013) und Martineau (1990a,b). Im Rahmen dieser Arbeit werden die Konstruktionen mit faire und laisser außer Acht gelassen, da sie als ererbter Typus nach Stimming (1915: 42 u. a.) eingestuft werden. Sie stehen nicht unter direktem Verdacht aufgrund lateinischen Einflusses in das Französische des 16. Jh. transferiert zu werden. <?page no="205"?> 4.4 ‘Ererbter’ und ‘gelehrter’ AcI im Französischen 193 die sich in ihrer Verwendungsweise oder grundlegend im weiteren sprachgeschichtlichen Verlauf nicht mehr erhalten („ rover, otroier, estuet, loist “, Stimming 1915: 121). Die wichtigste Erkenntnis Stimmings, die sich in der zeitgenössischen frankophonen Literatur noch nicht in dieser Klarheit beobachten lässt, ist, dass die ererbte Form des AcI in den älteren Sprachstufen des Französisch vor allem mit Verben steht, die eine „sinnliche Wahrnehmung“ ausdrücken oder wie Meyer-Lübke es in Bezug auf das Neufranzösische formuliert: Im Neufranzösischen kommen, von den Relativsätzen abgesehen nur die Verba der Wahrnehmung in Betracht [...] und zwar nur, wenn es sich um ein materielles Wahrnehmen handelt, also nicht je le vois être ainsi , sondern je vois qu’il est ainsi . Auch die ältere Sprache drückt sich, soweit sie unabhängig ist, kaum anders aus, daher Sätze wie je ne veux l’innocent souffrir pour le coupable [...] wieder offenbarer Latinismus ist. (Meyer-Lübke [1899] 1972: 416-417, Unterstreichung S. O.) Diese Beobachtung für das Neufranzösische gilt ebenso für das Altfranzösische, denn für die ererbte Form ließe sich „so gut wie gar keine weitere Entwicklung“ feststellen (Stimming 1915: 92). Offensichtlich, aber dennoch interessant ist der Kasusgebrauch, der zeigt, dass der Obliquus in Fortführung des lateinischen Akkusativs auch im altfranzösischen ererbten AcI Anwendung findet: (62) a. Carles verrat son grant orgueil cadeir ( Chanson de Roland , v. 578, Stimming 1915: 48; vgl. Anonymus [ca. 1100] 1863: 35; BFM 2022, roland) b. Devers Ardene vit venir un leupart ( Chanson de Roland , v. 728 Anonymus [ca. 1100] 1863: 44) In der Chanson de Roland in (62a) ist dies anhand von son grant orgueil zu sehen, aber auch in un leupart in (62b). 76 Bei den Perzeptionsverben lässt sich, solange sie eine „rein sinnliche Wahrnehmung“ und keine „geistige[] Vorstellung“ ausdrücken (Stimming 1915: 11, 51), eine Reihe weiterer Verben unterscheiden, die voir ‘sehen’, ouïr ‘hören’ oder sentir ‘fühlen’ bedeuten. Demnach müssen bei der Beurteilung der gelehrten Konstruktion die Perzeptionsverben stets dieser Unterscheidung unterliegen. Die bisherigen Erkenntnisse legen ferner nahe, 76 Aus dem Kontext geht hervor, dass Kaiser Karl nur von einem einzigen Leoparden träumt, sodass hier von einem Obliquus auszugehen ist. Ein Vergleich der Textstelle mit der Edition von Theodor Müller (vgl. Anonymus [ca. 1100] 1863) zeigt das Problem möglicher Übertragungsabweichungen durch mittelalterliche Kopisten. So existiert in einer weiteren Handschrift die Form uns leuparz , welche als Rectus Singular zu analysieren wäre, dann aber in Konflikt mit der Interpretation als AcI geraten würde. Abweichungen in der Zweikasusdeklination sind in afr. Zeit nicht selten und die Gründe hierfür vielfältig. Weitere Beispiele Stimmings wie auch die folgenden aus Jensen (1990: 320-321) entnommenen Sätze zeigen einen insgesamt stabilen Gebrauch obliquer Formen mit dem AcI: s’oit canter les oisellons , aber auch im Altokzitanischen laissem los anar e venir sowie l’aire qu’eu sen venir de Proensa . <?page no="206"?> 194 4 Grammatik und Gebrauch des Accusativus cum Infinitivo eine Kontinuität des ererbten AcI mit den Kausativ- und Perzeptionsverben vom Klassischen Latein über das Spätlatein und die frühesten uns überlieferten altfranzösischen Belege bis in das Mittelfranzösische respektive Französische des 16. Jahrhunderts zu sehen. Die Konstruktion ähnelt formal der gelehrten Konstruktion (finites Verb + Nominalgruppe + infinite Verbform), die syntaktische und semantische Funktion ist jedoch davon verschieden (vgl. 4.2.1; Blatt 1957b: 66; Stimming 1915). Die Bandbreite an Verben, die mit der gelehrten Form des AcI stehen, ist im Mittelfranzösischen und Französischen des 16. Jahrhunderts außerdem deutlich größer. Stimming unterscheidet vier Hauptgruppen, verba voluntatis, sentiendi, dicendi und impersonalia , und vertritt eine Auffassung, die mit der klassischlateinischen Grammatikschreibung im Kern übereinstimmt. Lardon/ Thomine (2009: 285) verkürzt hingegen in einem der Übersicht dienenden Abschnitt zum französischen AcI im 16. Jahrhundert, indem sie die dicendi - und sentiendi -Verben in einer einzigen Gruppe der „opération intellectuelle“ zusammenfasst. Um die lexikalische und semantische Vielfalt der V 1 auf qualitativer und quantitativer Ebene zu erfassen und syntaktische Unterschiede auszumachen, scheint eine solch grobteilige Verbklassenlandschaft ungeeignet. Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund der eklatanten Abweichungen und Überschneidungen in der latinistischen Grammatikschreibung sowie der unterschiedlichen semantischen Ausdeutungen verschiedener V 1 als Resultat der sprachgeschichtlichen Entwicklung aus dem Vulgärlatein hin zum Französischen. Die Schlussfolgerung für die anstehende Analyse der fr. AcI-Konstruktionen muss eine möglichst feine Untergliederung sein, etwa in verba dicendi, cogitandi, intellegendi, sentiendi, affectuum, impersonalia und Verben des Zulassens/ Veranlassens, um möglichst alle Strukturen zu erfassen, die als gelehrter AcI gelten können. 4.4.2 Abgrenzung des ‘ererbten’ Typus vom ‘gelehrten’ Typus Bereits im 19. Jahrhundert beschreibt der Bonner Romanist Friedrich Diez die AcI- Konstruktion in der Grammatik der romanischen Sprachen (1872) in Abhängigkeit von „den Verbis Machen, Lassen, Sehen und Hören“. Es handelt sich um eine Konstruktion, die zu allen Zeiten der Sprachentwicklung frequent vorkommt sowie dessen Identifizierung in den meisten Fällen auch formal anhand der Akkusativform in den älteren Sprachstufen möglich (vgl. Diez 3 1872: 247) und damit für den Sprachwissenschaftler gut beobachtbar ist. Um mit Stimming (1915) zu sprechen, handelt es sich um die ‘ererbte’ Variante. Die ‘gelehrte’ Konstruktion erwähnt Diez dagegen noch nicht. Anders sieht es in der französischsprachigen <?page no="207"?> 4.4 ‘Ererbter’ und ‘gelehrter’ AcI im Französischen 195 Sprachgeschichtschreibung aus, denn hier liegt das Hauptaugenmerk zunächst auf der gelehrten Form, die als „proposition infinitive“ bezeichnet wird. Il faut encore voir une imitation du latin dans l’emploi de la proposition infinitive. Inconnue au vieux français, excepté dans les textes qui traduisent le latin, elle ne se montre que vers le quatorzième siècle dans la littérature proprement dite. Au quinzième siècle, Comines en fait déjà un usage marqué; au seizième elle est entièrement entrée dans la langue écrite. (Darmesteter/ Hatzfeld 3 1889: 269) Diese Feststellung fasst die wesentlichen Punkte zusammen, die die Forschung in den folgenden Jahren immer wieder bestätigt, nämlich die zugrunde liegenden Einflüsse der lateinischen Sprache und der Übersetzungspraxis sowie die zeitliche Einordnung der ersten Belege gelehrter Konstruktionen (vgl. u. a. Huguet [1894] 1967). Es steht nicht im primären Interesse der vorliegenden Arbeit, die Erstnennung der beiden Konstruktionen zu identifizieren, doch kann es als sicher gelten, dass spätestens mit Erscheinen der Syntaxstudien von Benoist ([1877] 1968: 112-116) zur Epoche zwischen Palsgrave und Vaugelas sowie von Huguet ([1894] 1967: 213-218) zu François Rabelais (und Jean Calvin) die auf dem lateinischen Modell basierende gelehrte Form der „proposition infinitive“ detaillierter erforscht wird. 77 Die ererbte Form wird in diesen Werken ausgespart und auch der Schüler Louis Petit de Jullevilles, Ferdinand Brunot, konzentriert sich im ausgehenden 19. Jahrhundert noch eher auf den gelehrten Typus: 78 La proposition infinitive, déjà en grande usage au XIV e et au XV e siècles, en arrive au XVI e à un tel développement qu’elle semble devoir reprendre tout le terrain qu’à l’époque de la décadence latine l’esprit d’analyse lui avait fait perdre. On l’emploie désormais avec presque tous les verbes, ceux qui signifient dire, penser, croire , comme ceux qui marquent désir ou volonté [...]. (Brunot 1897: 844) Brunot ([1905] 4 1933, [1906] 3 1947) setzt jedoch selbst nur wenige Jahre später beide Formen des AcI schließlich in einen gemeinsamen Kontext, der sich durch ihren klassisch-lateinischen Ursprung begründet, und führt wie schon Darmesteter die Verwendung der verba dicendi u. ä. im Altfranzösischen auf den lateinischen Einfluss der Übersetzungen zurück: 77 Bei Huguet ist sie als solche benannt. Benoist vermeidet hingegen den Terminus oder kennt ihn nicht. Er spricht im Kontext der „construction directe de l’infinitif “ von einem Sonderfall: „Au XVI e siècle l’infinitif pouvait se construire comme l’infinitif latin, c’est-à-dire avec un sujet; ce tour de phrase est complétement [sic] tombé en désuétude“ (Benoist [1877] 1968: 112). 78 Nach der Gründung eines für Darmesteter eigens geschaffenen Lehrstuhls im Jahr 1878 an der Sorbonne Universität in Paris wird ein „großangelegtes kollektives 8-bändiges Werk“ (Hafner 2006: 36) gedruckt, welches unter Beteiligung Ferdinand Brunots in einer Retrospektive als Vorankündigung seiner monumentalen Reihe der Histoire de la langue française (1905-1937) gelten darf. Zur nationalphilologischen Tradition vgl. die umfassende Studie Hafners (2006). <?page no="208"?> 196 4 Grammatik und Gebrauch des Accusativus cum Infinitivo Si les propositions complétives, dépendant des verbes penser, dire, savoir, etc., étaient en général à l’infinitif en latin classique, nous avons vu qu’il n’était plus ainsi en latin postérieur ni en latin parlé. La construction classique n’est pas inconnue à l’ancien français. Mais, d’abord, — si on ne tient pas compte des traductions où on imite le latin, — cette construction ne se rencontre guère qu’avec un certain nombre de verbes: faire, veeir, laissier, estoveir, deveir . (Brunot [1905] 4 1933: 249) In der französischen Sprachgeschichtsschreibung ist im Fortgang stets eine deutliche Hervorhebung des gelehrten AcI zu konstatieren, wenngleich in jüngerer Zeit unter Verwendung unterschiedlicher Terminologie schließlich beide Formen behandelt werden. In der Grande Grammaire Historique du Français differenzieren Combettes/ Glikman (2020: 1352-1354) zwischen einer „proposition infinitive stricto sensu “ für die ererbte Form des AcI und einer „proposition infinitive“ für die gelehrte Form. In beiden Konstruktionsformen sehen die Autoren eine seit klassisch-lateinischer Zeit andauernde Kontinuität bis in das 17. Jahrhundert vorliegen (vgl. zum 17. Jh. Fournier 1998: 109). Dies gilt ihnen zufolge mit der Einschränkung, dass die gelehrte Form in altfranzösischer Zeit nur vereinzelt anzutreffen ist („devenue plutôt rare“) und vor allem eben vom 14. bis zum 16. Jahrhundert gehäuft auftritt. Daneben werden die beiden AcI-Formen auch als „type français“ sowie „type latin“ unterschieden und bezeichnet (vgl. Beaudin 1985: 18; Lardon/ Thomine 2009: 284-286). 79 Zwei Anmerkungen sind zu dieser letzten Unterscheidung zwischen einem lateinischen und französischen Typ zu machen. Zum einen zeichnet sich im Mittelfranzösischen eine gewisse Selbstständigkeit der Konstruktion und Unabhängigkeit vom lateinischen Modell ab (vgl. Combettes/ Glikman 2020; Marchello- Nizia 2 2005), sodass der Begriff einen gegebenenfalls zu starken (klassisch-)lateinischen Einfluss impliziert. Zum anderen basiert der ebenso eigenständige französische Typus (vgl. Fragonard/ Kotler 1994: 92), die ererbte Form, auch auf dem Lateinischen, wenngleich auf den gesprochenen vulgärlateinischen Varietäten, die sich später zum Altfranzösischen entwickeln sollen. Die Differenzierung zwischen den beiden AcI-Typen fehlt zuweilen auch in manchen Werken zum Sprachzustand im 16. und 17. Jahrhundert. Gougenheim ( 2 1974) konzentriert sich ausschließlich auf die unter lateinischen Nachahmungsbestrebungen zu beobachtende gelehrte Form des AcI. Fournier (1998: 109-111) unterscheidet hingegen lediglich nach Verbtypen, bei denen die Perzeptionsverben und fak- 79 Lardon/ Thomine (2009: 284) schreiben, dass der französische Typus Je vois les enfants jouer im Latein mit einem Partizip (AcP) wiedergegeben wird. Wie Kap. 4.1.3.3 zeigt, gilt dies nicht ausschließlich, denn auch der AcI ist möglich. Ferner geben Lardon/ Thomine (2009: 285) das Bsp. „ Credo pueros ludere (je crois les enfants jouent) [! ]“ für den lt. Typus des AcI im Französischen. Die wörtliche Übersetzung müsste mit jouer erfolgen. Eine moderne Übersetzung wäre: je crois que les enfants jouent . <?page no="209"?> 4.4 ‘Ererbter’ und ‘gelehrter’ AcI im Französischen 197 tiven Verben, die ja in den meisten Fällen typisch für die ererbte Form sind, gleichgeordnet neben den für die gelehrte Form charakteristischen verba dicendi, sentiendi etc. stehen. Auch Fragonard/ Kotler (1994) und Marmelstein (1921) u. a. verstehen unter der proposition infinitive die gelehrte Form der Konstruktion. 80 Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass es in der französischsprachigen Forschung eine klare Idee von einer proposition infinitive gibt, jedoch nur in detaillierten Überblickswerken wie der älteren Histoire von Brunot oder der neueren GGHF auch die ererbte Konstruktion in ihrer Bedeutung für die interne Sprachgeschichte anerkannt wird. 4.4.3 ‘Gelehrter’ Typus im Altfranzösischen Die Form des Accusativus cum Infinitivo , die u. a. mit den verba dicendi und sentiendi konstruiert wird, findet sich häufig in der Forschungsliteratur als ‘gelehrte’ Form (z. B. Blatt 1957a; Lorian 1968; Stimming 1915). Dies hängt Stimming (1915: 116) zufolge damit zusammen, dass fr. Texte mit (gelehrten) AcI-Konstruktionen nicht selten auf eine Übersetzung lt. Texte zurückgehen und die Autoren über hinreichende Kenntnisse des lt. Satzbaus verfügen. Latinismen sind bei mittelalterlichen Autoren also grundsätzlich erwartbar und es verwundert nicht, dass der Höhepunkt des gelehrten AcI in die Renaissance, der Hochphase des Humanismus im ausgehenden Mittelalter und der beginnenden Frühen Neuzeit, im 15. und 16. Jahrhundert fällt. Eine gängige Annahme ist, dass die Zunahme des AcI mit dem Einsetzen der humanistischen Strömung korreliert. Die Bewertung des Vorkommens des AcI im Altfranzösischen fällt in der Forschung weitestgehend ähnlich aus. Es wären keine bis nur selten vorkommende Belege eines gelehrten AcI (vgl. Lorian 1961; Nykrog 1957; Stein 1997; Stimming 1915) für die Phase des Frühen und Hohen Mittelalters zu verzeichnen. Bei der Identifizierung der ersten gelehrten AcI-Okkurrenzen ist es von Vorteil, sich an den Verbklassen zu orientieren, da nicht alle V 1 den AcI zur gleichen Zeit zu verwenden beginnen. So konstatiert Nykrog (1957: 105), dass erst im 14. Jahrhundert der AcI mit Verben des Sagens und Erklärens verstärkt durch Bersuire und Oresme eingesetzt wird und auch in einem nicht-gelehrten Umfeld an Geläufigkeit gewinnt. Die Beobachtung lässt sich durch Stimmings (1915: 92- 122) Befunde stützen, der für die afr. Zeit neben den Verben der Willensäußerung, des Zulassens und unpersönlichen Ausdrucks, noch amer mielz, cuidier, avoir demoustrement, desirer, ensaignier, feindre, jurer, offrir, penser, prover, savoir und voloir feststellt. Verben wie dire ordnet er sodann zweifelsfrei dem Einfluss latei- 80 Vgl. zuvor Anm. 56. <?page no="210"?> 198 4 Grammatik und Gebrauch des Accusativus cum Infinitivo nischer Übersetzungen zu, welcher sich besonders gut in einer Parallelansicht der Übersetzung der Vita Benediciti und der Dialogue Gregoire lo Pape nachvollziehen lässt. Aus dem lt. Quelltext in (63) und (64) werden die AcI-Konstruktionen nach den Verben des Sagens in die Zielsprache überführt: (63) a. At contra Maurus S 1 pro solo eius imperio factum V 2 dicebat V 1 seque conscium in illa uirtute non esse quam nesciens fecisset. ( Vita Benedicti , BFM 2022, DialGreg2Lat: 68) b. Mais la encontre Mors S 1 disoit V 1 ce S 2 estre fait V 2 por soul lo sien comant, et soi nient estre sachable en icele uertut cui il eust faite nient sachanz. ( Vie de saint Benoit , BFM 2022, DialGreg2: 68) (64) a. Ego quidem hoc eum S 2 esse V 2 denuntio V 1 , quod uideo; [...] ( Dialogus , BFM 2022, DialGreg1Lat: 18) b. Ge certes denunce V 1 celui S 2 estre V 2 ce ke ie uoi, [...] ( Li Dialogue Gregoire lo Pape , BFM 2022, DialGreg1: 18) Ein weiteres Beispiel aus den Dialogen Gregors kommt ohne lateinisches AcI- Modell aus und zeigt, dass die Übersetzungspraxis respektive die Präsenz des Lateins im Textkontext einen Transfer mit einem dicendi -Verb stark begünstigen: (65) a. At contra Libertinus sese in terram prosternens, eiusque pedibus prouolutus, suae culpae, non illius saeuitiae fuisse referebat quod pertulerat. ( Dialogus , BFM 2022, DialGreg1Lat: 14) b. Mais la encontre Libertins soi ius esternanz en terre et abaissiez a ses piez disoit V 1 ce S 2 estre V 2 de sa culpe, nient auoir esteit de la cruelteit del abeit ce ke il auoit soffert. ( Li Dialogue Gregoire lo Pape , BFM 2022, DialGreg1: 14) Der syntaktische Transfer, der durch den Übersetzungsvorgang begünstigt wird, lässt sich in zahlreichen Textstellen in den Dialogues beobachten. Besonders fällt die Vielfalt an regierenden Verben dieses gelehrten Übersetzungs-AcI auf, die sich deutlich von der ererbten Variante unterscheidet. 81 Der AcI wird mit Verben des Wollens, hier mit désirer , oder auch mit Verben des Glaubens, nachfolgend mit croire , gebildet: (66) a. quatenus et magnae humilitatis sit quod S 2 sua opera taceri V 2 appetunt V 1 , et magnae utilitatis sit quod eorum opera taceri non possunt. ( Dialogus , BFM 2022, DialGreg1Lat: 36) b. par ke ce soit de grant humiliteit ke il desirent V 1 lur oeures S 2 estre V 2 tautes, et de grand utiliteit ke lur oeures ne puent pas estre taisies. ( Li Dialogue Gregoire lo Pape , BFM 2022, DialGreg1: 36) 81 Vgl. für weitere Beispiele Stimming (1915: 117-119), der ebenfalls die Dialogue als Übersetzungstext herangezogen hat. So beobachtet er aesmer, commander, conoistre, convoitier, cuidier, demander, dire, entendre, esgarder, öir, prover, tesmoignier, veoir, voloir, conoistre, croire, cuidier, faire, presumer, trover, veoir . Außerdem hat in jüngster Zeit Buridant (2016: 45-46) einen detaillierten Blick auf den Text geworfen und dabei zahlreiche AcI-Sätze erfasst. <?page no="211"?> 4.4 ‘Ererbter’ und ‘gelehrter’ AcI im Französischen 199 (67) a. Quod tamen quia per Dauid factum est, et occulto Dei iudicio iustum credimus V 1 , et tamen humana ratione qualiter iustum fuerit, non uidemus. ( Dialogus , BFM 2022, DialGreg1Lat: 24) b. La queile chose nekedent par tant k’ele fut faite par Dauid nos la S 2 creons V 1 estre V 2 iuste , alsi com del repuns iugement de deu; et nekedent ne ueons pas coment ce fust iuste chose par humaine raison. ( Li Dialogue Gregoire lo Pape , BFM 2022, DialGreg1: 24) Die älteren Sprachgeschichtsschreiber liegen mit ihrer Intuition und ihren Beobachtungen richtig, denn vor allem der Einfluss der Übersetzung und die Arbeit mit klassisch-lateinischen Texten führt Brunot zufolge zu einer gesteigerten Verwendung syntaktischer Latinismen (Brunot [1905] 4 1933: 249; vgl. Albrecht 1995: 7). Die hohe Dichte an gelehrten AcI-Konstruktionen in Übersetzungen lässt Stimming (1915: 121) im Vergleich zur ansonsten seltenen Verwendung im Altfranzösischen gar von einer „massenhaften“ Verwendung sprechen. Texte, die aus dem Hohen Mittelalter überliefert sind und die ich für den vorliegenden Überblick in einer beispielhaften Stichprobe der BFM (2022) ausgewählt habe, zeigen eine insgesamt übersichtliche Auswahl an gelehrten AcI-Konstruktionen, zu denen keine direkte Übersetzung vorliegt: 82 (68) a. Et Damledeu volent amer, Sachent V 1 , un mont S 2 estre V 2 en la mer (Guillaume de Saint Pair, ca. 1155, BFM 2022, ChronSMichelBo: 38r, v. 2228) b. [...] et ne doit on pas veoir V 1 , es choses S 2 dictes estre contenu V 2 che qu’on a presume de avoir entendu avant qu’on l’ait apris [...] ( Jean Daudin, ca. 1360, BFM 2022, daudin: 131) c. [...] et qui moult vouloit V 1 , et desiroit V 1 , le dit mariage S 2 estre fait V 2 [...] (Anonyme, Chroniques des règnes de Jean II et de Charles V , ca. 1381, BFM 2022, grchron_j2c5: 59) d. [...] que ce que S 2 elles cuidoient V 1 , avoir sentu et qu S 2 elles disoient V 1 , estre V 2 enfant [...] (Anonyme, Registre criminel du Châtelet , 1389-1392, BFM 2022, regcrim2: 297) Die regierenden Verben zeigen eine breite Variation, indem sie beinahe über alle Verbklassen reichen. Überwiegend zeigen die Beispiele ein lexikalisches S 2 in Nachstellung zum V 1 . Der Satz in (68d) weist ce que in S 2 -Funktion auf und stellt damit einen anaphorischen Bezug her. Die V 2 zeigen überwiegend estre in prädikativer oder passiver Verwendung. Insgesamt lässt sich in einer Linie mit den bisherigen Meinungen ein eher schwacher Gebrauch des gelehrten AcI außerhalb von Übersetzungen und Kontexten der lateinischen Sprache konstatieren. Dies wird vor allem ab dem 14. Jahrhundert durch die stark steigende Frequenz an Belegen des Mittelfranzö- 82 Es wurde gezielt nach Konstruktionen mit estre im infinitivischem Kern gesucht. Die folgende Abfrage wurde hierbei verwendet: „[cattex-pos="VERcjg"][]{0,2}[word="estre"]“. <?page no="212"?> 200 4 Grammatik und Gebrauch des Accusativus cum Infinitivo sischen untermauert. Die AcI-Konstruktion ist im Mittelalter weder plötzlich noch komplett aus der lateinischen Sprache verschwunden. Sie ist auch dem Altfranzösischen in Form vielfacher Belege des ererbten Typus und einiger, meist von Übersetzungsvorlagen abhängiger, gelehrter AcI nicht fremd geblieben. 83 4.4.4 ‘Gelehrter’ AcI im Mittelfranzösischen Die Periodisierung des moyen français , eine Bezeichnung, die auf Darmesteter zurückgeht (vgl. Marchello-Nizia 2 2005: 3), fällt nicht leicht, da sie häufig als période de transition zwischen altem und neuen Sprachzustand beschrieben wird, welcher bereits die Genese des modernen Französisch ankündigt. Das 17. Jahrhundert wird für den Einsatz des modernen Französisch oftmals als Referenzpunkt herangezogen, welcher zugleich den Abschluss eines länger andauernden Umwandlungsprozesses dokumentiert. So lässt sich der Beginn des Mittelfranzösischen im 14. Jahrhundert und ein Ende dieser Phase spätestens im ausgehenden 16. Jahrhundert ansetzen. Gewichtige Gründe fördern zudem die Ansicht, das 16. Jahrhundert, als Zeitalter der französischen Humanismus-Bewegung, als eigenständige sprachliche Epoche zu behandeln. Die Entwicklung der Grammatiken, der forcierte Eingriff der französischen Gelehrten in ihre Muttersprache und die Emanzipation der Volkssprache sind nur einige der möglichen Argumente für eine solche Einteilung (vgl. Marchello-Nizia 2 2005: 5-6). Dies würde ein frühes Ende des Mittelfranzösischen im 15. Jahrhundert implizieren, gegen welches sprachexterne Gründe sprechen. So ließen sich eben auch die Religionskriege 1585 als markanter Einschnitt anführen, die einen Schlusspunkt hinter lange andauernde sprachliche Umwandlungsprozesse setzen. Ich werde mich vorerst, in einer Linie mit Marchello-Nizia, auf die Beobachtung des Zeitraums vom 14. bis 15. Jahrhundert stützen und das 16. Jahrhundert als eigenständige Epoche betrachten. Die Frage nach der Periodisierung wird im Rahmen dieser Arbeit nicht in Gänze getroffen werden können, jedoch wird es ein Ziel sein, die AcI-Konstruktion des 16. Jahrhunderts zu einem späteren Zeitpunkt, in der Diskussion (vgl. Kap. 7), entsprechend zu verorten. Wie oben gezeigt wurde, spielt im Altfranzösischen die gelehrte Form der AcI-Konstruktion eine vergleichsweise geringe Rolle. Im 14. Jahrhundert beginnen sich jedoch die Belege zu vervielfachen (vgl. Fragonard/ Kotler 1994: 92; Gamillscheg 1957: 459; Martineau 1990a: 78; Nykrog 1957: 105; Nyrop 1924: 219), sodass die Konstruktion regelmäßig in französischsprachigen Texten anzutref- 83 Stimming (1915: 116) stellt zudem die Hypothese auf, dass auch die gelehrte Form durch ererbte Entwicklung immer vorhanden gewesen sein könnte, wenngleich in geringem Umfang. <?page no="213"?> 4.4 ‘Ererbter’ und ‘gelehrter’ AcI im Französischen 201 fen ist (vgl. Marchello-Nizia 2 2005: 423). 84 Zwei sehr frühe Belege, die keinem direkten lateinischen Einfluss unterliegen, finden sich mit dem Verb juger im 14. bzw. 15. Jahrhundert: (69) a. Jugeans V 1 par renommee Telle dame S 2 estre V 2 emperëis de Rome (Eustache Deschamps, zit. n. Stimming 1915: 159) b. il juge V 1 l’amer S 2 estre V 2 doux (Christine de Pisan, zit. n. Diez 3 1872: 249- 250) In der Mitte des 15. Jahrhunderts ist der AcI bei Antoine de la Sale mehrfach mit unterschiedlichen Verben des Sagens und Wissens belegt: (70) a. Se je scavoye V 1 les dieux S 2 n’ avoir V 2 point de congnoissance, et que tous hommes fussent ignorants, si ne daigneroie je pecher pour la grande vileté qui est de pecher. ( Saintré , zit. n. Huguet [1894] 1967: 214) b. Les pouvres simples femmes, qui mieulx cuidoient V 1 ces bons freres S 2 estre V 2 anges que hommes terriens, ne refusèrent pas ce disme à paier. ( Cent Nouvelles , zit. n. Huguet [1894] 1967: 214) c. Le clerc, pensant V 1 sa femme S 2 estre V 2 morte et la cure de sa ville vacquer, conclud en soy mesmes que il happera ce benefice. ( Cent Nouvelles , zit. n. Huguet [1894] 1967: 214) d. L’evesque adnichilla V 1 et jugea V 1 estre V 2 nul ledit mariage S 2 de ladicte cordoannière au barbier. ( Cent Nouvelles , zit. n. Huguet [1894] 1967: 214) Und auch im ausgehenden 15. Jahrhundert sind diverse Konstruktionen durch Huguet nachgewiesen: (71) a. Et commencea de ce bastard de Rubempré, disant V 1 les causes S 2 estre V 2 justes et raisonnables [...] (Commynes, zit. n. Huguet [1894] 1967: 215) b. Nous disons V 1 aujourd’hui la ville de Nivelle estre V 2 située au Romand Brabant (Le Maire des Belges, zit. n. Huguet [1894] 1967: 215) c. Dieu le S 2 souffrit V 1 cheoir V 2 en ceste gloire (Commynes, zit. n. Huguet [1894] 1967: 217) Huguets Studie zur französischen Syntax zeigt, dass sich die Häufigkeit bestimmter V 1 unterscheidet und dass es nun zahlreiche Belege gibt, die wie bei Commynes nicht direkt auf einer lateinischen Vorlage basieren. Diese eigenständigen AcI stammen nicht mehr ausschließlich aus der Feder von Autoren, die auch auf Latein schreiben (vgl. Huguet [1894] 1967: 215). 84 Die Einschätzung Lorians (1973: 195-199), welcher den AcI im Französischen zwar zwischen dem 14. und 16. Jh. nach dem „avènement de la syntaxe franco-latine au XIV e siècle“ belegt sieht, jedoch von einer verstärkten Verwendung erst nach dem Jahr 1535 spricht, ist vor dem Hintergrund der schwachen altfranzösischen (vgl. Martineau 1990b: 298-299) und lebhaften mittelfranzösischen Aktivität, v. a. im 15. Jh., voraussichtlich zu relativieren. Nur eine quantitative diachron ausgerichtete Studie kann diesbezüglich Sicherheit geben, die zum jetzigen Zeitpunkt ein Forschungsdesiderat darstellt. <?page no="214"?> 202 4 Grammatik und Gebrauch des Accusativus cum Infinitivo Es scheint folglich eine Loslösung der mittelfranzösischen AcI-Konstruktionen vom nachahmenden Modell des (Klassischen) Lateins zu beobachten zu sein. Für diese These plädieren Brucker (1977), Huguet ([1894] 1967) und Marchello-Nizia ( 2 2005) und erweitern damit die Dimension der gelehrten AcI- Konstruktionen um die Frage, wie sich die künstlich verwendeten Belege („emplois artificiels“), basierend auf lateinischem Einfluss, von natürlichen Vorkommen („emplois naturels“), die fest in der breit akzeptierten Sprachnorm verankert sind, trennen lassen (Brucker 1977: 326). Terminologisch trennt Brucker (1977: 335) diese bislang nach Stimming (1915) bezeichnete gelehrte AcI-Konstruktion in eine „forme spontanée“ und eine „forme savante“. Letztere ist also dem lateinisch motivierten AcI vorbehalten und gelehrt würde nun nur noch eine Konstruktion mit direktem Einflusscharakter bezeichnen. Diese präzise Unterscheidung ist essentiell, um die sprachinterne Dynamik des AcI im Mittelfranzösischen nachvollziehen zu können. Zum einen ist anzunehmen, dass in der Primärliteratur eine deutlichere Präsenz des spontansprachlichen AcI als bislang angenommen werden muss und zum anderen ist eine wachsende Eigendynamik der AcI-Konstruktion zu berücksichtigen, die in engem kausalem Zusammenhang mit einer Tendenz zur Bildung nominaler Verbformen steht. Der AcI ist dabei nicht die einzige latinisierende Struktur im Mittelfranzösischen, sondern auch Partizipialkonstruktionen sind gängig mit Verben anzutreffen, die mit dem AcI stehen (z. B. cuidier , desirier , dire , veoir ). Die Verwendung der infiniten Konstruktionen (darunter neben dem AcI und den Partizipien auch der Gérondif mit en ) geht in Art und Häufigkeit zudem direkt einher, sodass laut Brucker (1977: 337-338) eine gegenseitige Beeinflussung angenommen werden muss. Die Kraft des lateinischen Einflusses ist bislang deutlich geworden, sodass eine Begünstigung der Bildung einer solchen Konstruktion, wie sie Brucker vorschlägt, anzunehmen ist. Fraglich ist jedoch, bis zu welchem Komplexitätsgrad und wie häufig denn überhaupt der über spontansprachliche Konstruktionen des Mittelfranzösischen hinausgehende AcI in humanistischen Übersetzungen auftritt. Die Verwendung des AcI assoziiert Brucker in direkter Weise mit dem Zunehmen nominaler Verbformen. Marchello-Nizia (1979) teilt seine Position diesbezüglich. 85 Interessant ist, dass die Verwendung des AcI im Okzitanischen eine ähnliche Schlussfolgerung zulässt (vgl. Camproux 1958: 287). Da Milano/ Cuzzolin 85 Fragonard/ Kotler (1994: 92) weisen hierauf hin, indem sie schreiben: „Comme l’observe Christiane Marchello-Nizia, le développement de la proposition infinitive correspond à une extension générale des emplois des formes nominales du verbe.“ Am Rande sei hier bemerkt, dass diese Beobachtung ursprünglich nicht auf Marchello-Nizia zurückgeht, sondern wie Marchello-Nizia (1979: 338) selbst (! ) zitiert auf Brucker (1977); vgl. auch Combettes/ Glikman (2020: 1353). <?page no="215"?> 4.4 ‘Ererbter’ und ‘gelehrter’ AcI im Französischen 203 (2019: 118) sehen zudem in der okzitanischen Verwendung einen (weiteren) Beleg dafür, dass der Gebrauch des AcI sich nicht zwingend auf eine Sprache stark gelehrten Charakters beschränken muss. 86 Damit wäre die wachsende Tendenz zur Nominalisierung nicht zwangsläufig als Resultat des gelehrten Einflusses zu betrachten. Angesichts eines sehr unterschiedlichen Zahlenverhältnisses stellt sich die Frage, ob der semantische Gehalt verschiedener Infinitive, z. B. bei Kopula-und Vollverben, Einfluss auf die Reduktion der Verbaleigenschaften hin zu einem Nomen nehmen kann bzw. diesen Trend verstärkt. Denn sowohl Stimming (1915: 172) als auch Brucker (1977: 342), Marchello-Nizia ( 2 2005: 423) und zuletzt Buridant (2019: 441) beobachten einen intensiven Gebrauch der Kopula estre sowie die ebenfalls nicht seltene Auslassung dieser. Marchello-Nizia konstatiert zudem (jedoch ohne detailliertere Informationen zur Auswertung) einen neunzigprozentigen Gebrauch von estre in den AcI-Konstruktionen. Dieser Gegebenheit wird mit Hinblick auf den AcI-Gebrauch bei Calvin und seiner Zeitgenossen im 16. Jahrhundert im weiteren Verlauf der Arbeit Rechnung getragen werden. In das Bild der Verstetigung der autonomen Verwendung und tieferen Verankerung im Mittelfranzösischen passt auch der quantitative Befund Bruckers (1977: 327), welcher in seinem Untersuchungskorpus ein eindeutig zu Lasten der ererbten Konstruktion ausfallendes Verhältnis der beiden Typen feststellt. 83% entfallen schließlich auf gelehrte Konstruktionen mit und ohne lateinischem Ursprung. Dies stellt andere Ansichten in Frage, die generell für die gesamte mittelalterliche Epoche eine eher geringe Frequenz feststellen (vgl. Jensen 1990: 321) Auch ist nicht klar, wie häufig die ererbten Konstruktionen in altfranzösischer Zeit tatsächlich auftreten, sodass der Vergleich Bruckers nur für die mittelfranzösische Epoche Gültigkeit besitzen kann. Eine deutliche Zunahme gelehrter AcI-Formen, wie er sie beobachtet, ist aber vor dem Hintergrund plausibel, dass ab dem 14. Jahrhundert das Sprachbewusstsein einiger Autoren nachweislich zunimmt. So ist beispielsweise aus den Sprachreflexionen in Nicolas Oresmes Vorwort bekannt, dass er sich der Latinismen in seiner Übersetzung bewusst ist (vgl. Albrecht 1995: 8). 87 Es ist der lateinische Einfluss, welcher immer wieder für die Übertragung gelehrter Konstruktionen verantwortlich gemacht wird (vgl. Martineau 1990b: 304). Der latinisierenden Übersetzung kommt Brucker (1977: 86 Vgl. die Studie von Camproux (1958: 280-288) zum AcI im gesprochenen Okzitanisch, welcher dem Infinitiv eine größere Freiheit gegenüber dem Französischen bescheinigt. Ihm würde es zudem gelingen, sich nicht nur äquivalent zu Konjunktionalsätzen zu verhalten, sondern vielmehr einen Ausdruckswert zu besitzen, „équivalent à un substantif indiquant l’action pure ou l’état pur“. 87 Das Vorwort von Oresme wird bei Brunot ([1905] 4 1933: 568) mit Verweis auf die noch ältere Studie Meuniers (1857) abgedruckt. <?page no="216"?> 204 4 Grammatik und Gebrauch des Accusativus cum Infinitivo 339) zufolge dabei eine verstärkende Rolle zu, die ohnehin nur jene Konstruktion aufgreift, welche im Sprachgebrauch des 14. Jahrhunderts bereits integriert ist. Hierzu zählt er insbesondere Infinitivkonstruktionen in der Übersetzungsarbeit von Denis Foulechat, welche dem Übersetzer als Mittel zur Satzorganisation dienen. Das 16. Jahrhundert erweitert seiner Ansicht nach die fest verankerten Eigenschaften des Mechanismus und daher wäre nicht immer von einer latinisierenden Nachahmung oder Entlehnung zu sprechen. Abschließend kann mit Brucker resümierend festgestellt werden, dass die ursprünglich um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert beobachtete Unterscheidung in ‘ererbte’ (Typ A) und ‘gelehrte’ Konstruktion (Typ B) auf Basis des Kriteriums der (dis-)kontinuierlichen Weiterführung des AcI vom Vulgärlatein in das Altfranzösische alleine nicht ausreicht, um alle Ausprägungen zu erfassen. Für den gelehrten Typus, der teils auch als „type latin“ bezeichnet wird (vgl. Combettes/ Glikman 2020: 1353; Lardon/ Thomine 2009: 285), muss die autonome Verwendungsart (Typ B.1) des mittelfranzösischen AcI - ein spontansprachlicher, natürlicher Typus vor einem latent vorhandenem latinisierendem Hintergrund (Brucker 1977; Marchello-Nizia 2 2005) - von direkt wirkendem lateinischem Einfluss (Typ B.2) differenziert werden. Bei B.2 basiert der Transfer auf einem lateinischen Modell, das explizit (Typ B.2.1) oder implizit (Typ B.2.2) vorliegen kann. Diese Unterscheidung ist notwendig, um Übersetzungen (explizite lateinische Vorlage, B.2.1) von solchen Texten zu trennen, die einen direkten oder indirekten inhaltlichen Bezug (Typ B.2.2) zu beispielsweise antiken Sprachmodellen des Klassischen Lateins herstellen. 4.4.5 ‘Gelehrter’ Typus des AcI im 16. Jahrhundert Im 15. und 16. Jahrhundert gelangt der fr. AcI zu einem zuvor und später unerreichten Verbreitungsgrad (vgl. u. a. Blatt 1957a; Gougenheim 2 1974: 155; Lorian 1968: 1265; Pountain 2011: 358; Stein 1997: 137). Während dieser Blütephase, des „heyday“ (Pountain 2011: 651), des AcI werden die im Mittelfranzösischen des 14. Jahrhunderts einsetzenden Latinisierungstendenzen weiter verstärkt. Die Übersetzungspraxis, die zum Höhepunkt gelangte Bewegung des Humanismus sowie die verstärkte Schrift- und Buchproduktion dienen als ideale Voraussetzung für die Anwendung des AcI mit und ohne lateinischem Vorbild. Das Renommee lateinischer Originaltexte nimmt, im Rahmen der Rückbesinnung auf die Antike, in der Renaissance respektive Humanismus stark zu und beeinflusst die sich nun auf breiter Front weiterentwickelnde französische Schriftsprache, vor allem im Rahmen der Übersetzungspraxis. Die inhaltliche Auseinandersetzung mit den lateinischen Originaltexten römischer Autoren be- <?page no="217"?> 4.4 ‘Ererbter’ und ‘gelehrter’ AcI im Französischen 205 günstigt die sprachliche Entwicklung derart, dass Strukturen aus der Quellsprache transferiert werden, die der Zielsprache Französisch fremd sind und denen nicht zwangsläufig ein direktes Modell im Quelltext entspricht (vgl. Stimming 1915: 131). Diese Autolatinismen nehmen im Kontext gelehrter Texte und Übersetzungen eine zentrale Rolle in der Betrachtung syntaktischer Veränderungen ein, denn sie spiegeln noch stärker als der direkte Transfer des Übersetzungslatinismus wider, wo die Grenzen der sprachlichen Akzeptabilität des Autors und Lesers liegen. Die stilistische Beurteilung des gelehrten AcI im Französischen verläuft nicht immer einhellig (vgl. Kap. 2.4 und 3). Im Grunde stehen sich zwei Positionen gegenüber, die teils sogar miteinander verbunden werden. So empfindet Stimming die Konstruktion als „schwerfällig“, sieht jedoch in der Anwendung des AcI mit dem Relativum (als S 2 ), allerdings dann für das 17./ 18. Jh., das positive „Streben nach Klarheit und Präzision“ (Stimming 1915: 131, 185). Auch aus humanistischer Perspektive ist der klare, konzise Ausdruck eine stilistische Maxime: On voit en effet que cette tournure, si elle est assez lourde, est du moins très claire; et qu’elle devait à double titre être employée par un latiniste soucieux de la clarté, comme Calvin. Elle n’est d’ailleurs guère plus lourde que la proposition conjonctive, et elle est souvent d’un emploi beaucoup plus facile, par exemple quand l’infinitif a pour sujet un pronom relatif. (Huguet [1894] 1967: 216) Die Beurteilung der Konstruktion im Fortbestehen der romanischen Sprachen als „rather sophisticated Latinism“ (Cuzzolin 2013: 51) ist nicht ganz von der Hand zu weisen, doch der stilistisch leichtere Ausdruck des AcI in Verbindung mit einem Relativpronomen muss, wie bereits Huguet bemerkt, ebenfalls berücksichtigt werden. Autoren des 16. Jahrhunderts, bei denen AcI-Konstruktionen in der Forschungsliteratur bislang nachgewiesen wurden, sind unter anderem Marguerite de Navarre, François Rabelais, Michel de Montaigne, Clément Marot, Robert Garnier, Théodore-Agrippa d’Aubigné, Noël du Fail, Joachim Du Bellay, Pierre de Ronsard und Jean Calvin (vgl. Gougenheim 2 1974; Huguet [1894] 1967; Stimming 1915). Die Autoren befinden sich zumeist im Spannungsfeld zwischen humanistischer Strömung zum Klassischen Latein und dem stetigen Bestreben, die französische Sprache literarisch weiter zu bereichern. Gerade Joachim Du Bellay ist zu nennen, dessen Manifest, die Défense et illustration de la langue française (1549), ihn zum Verfechter der französischen Sprache macht. Zum Ende des 16. Jahrhunderts bricht jedoch die Verwendungsfrequenz der AcI-Konstruktion ein (vgl. Stimming 1915: 189). Der Zuwachs an AcI-Konstruktionen hängt unstrittig mit dem Humanismus und der Rückbesinnung auf klassisch-lateini- <?page no="218"?> 206 4 Grammatik und Gebrauch des Accusativus cum Infinitivo sche Texte antiker Autoren zusammen, sodass mit Nachlassen des Interesses am Renaissance-Humanismus auch eine abnehmende Häufigkeit des gelehrten AcI einhergeht. Die im Mittelfranzösischen beobachteten Tendenzen der Verwendung typischer im Klassischen Latein gebräuchlicher Verben wie den verba dicendi und sentiendi lassen sich auch im Französischen des 16. Jahrhunderts beobachten. Neben der Frequenz nimmt die Bandbreite an Verben insgesamt zu. Dies bestätigen der von Stimming (1915) gegebene Überblick sowie die detaillierte Syntaxstudie Huguets ([1894] 1967: 213) zu Rabelais, die die AcI-Verwendung bei Rabelais’ Zeitgenossen tangiert und dort eine reduzierte Verwendungsweise feststellt. Überhaupt kann in der verstärkten Verwendung der verba dicendi ein Hinweis auf die Grundeigenschaft lateinischer Texte gesehen werden: Die große Häufigkeit des Verbum dicendi in den Übersetzungen hängt mit einer Charakteristik des lateinischen Textes zusammen: Livius berichtet sehr viel in indirekter Rede, d.h. er gibt nur indirekt wieder, was er gehört oder gelesen hat, ohne selbst Stellung zu nehmen. Das Lateinische verfügt dafür mit der AcI-Konstruktion über eine grammatische Form, die nicht eindeutig von der direkten, finit konstruierten Aussage differenziert werden kann. So ist es möglich, daß von einem Verbum dicendi [...] mehrere AcI-Objekte abhängen können, ohne daß dieses Verb wiederholt werden muß. (Stein 1997: 137) Eigenschaften, die Texten oder dem Sprachduktus eines Autors zugrunde liegen, können folglich für die syntaktische Analyse eine wesentliche Rolle spielen, indem sie beispielsweise ihren Niederschlag in der Frequenz finden. Die Häufigkeit indirekte Rede anzutreffen ist nicht alleine an die sprachliche Haltung des Autors geknüpft. Auch die Textgattung an sich gilt es zu beachten. Während der ererbte Typus des AcI im Französischen sich „über sämtliche literarische Gattungen“ (Stimming 1915: 121) verteilt, beschränkt sich der im 15. und 16. Jahrhundert anzutreffende Typus bevorzugt auf kirchlich-theologische sowie überhaupt gelehrte Literatur (vgl. Blatt 1957a: 231). Der Einfluss der Übersetzungspraxis wird bislang meist nur in Einschätzungen wiedergegeben. Es zeichnet sich ab, dass die Wirkung der Übersetzung in altfranzösischer Zeit grundlegend verschieden von der Epoche des Französischen des 16. Jahrhunderts ist. Zum einen sind die Voraussetzungen in Bildung und Kultur der Autoren kaum mehr vergleichbar. Der Buchdruck, der Drang zur Rezeption antiker Texte, die breite Bildung von Schulen und Universitäten führen zu besser ausgebildeten Schriftstellern und Übersetzern, die wiederum in der Übersetzungspraxis freier und kreativer handeln können. Zum anderen, und das hängt mit dem ersten Argument zusammen, sind die Differenzen in den Übersetzungen augenfällig. Die Dialogue Gregoire lo Pape folgen geradezu pedantisch <?page no="219"?> 4.4 ‘Ererbter’ und ‘gelehrter’ AcI im Französischen 207 in wortwörtlicher Weise dem Originaltext. Die in der Renaissance entstehenden Übersetzungen hingegen zeugen von größeren gestalterischen Freiheiten. Dies wird besonders im Fall der Selbstübersetzung Calvins von Interesse sein. Dennoch müssen diese Vorzeichen nicht bedeuten, dass die relative Häufigkeit in Übersetzungen größer als in ‘normalen’ Texten ist. Für das Kastilische der Renaissance stellt Pountain (1998: 172) beispielsweise keinen besonders starken Einfluss der Übersetzungen fest. Die Beobachtungen Bruckers (1977) heben zudem den eher selbstständigen Charakter zahlreicher spontansprachlicher Konstruktionen in mittelfranzösischen Übersetzungen hervor. Im Rückschluss sollte dies zu erhöhter Vorsicht im Umgang mit Übersetzungen und ihrer Bezeichnung als Quelle latinisierender, entlehnter Syntax führen. Unabhängig vom Kontext der Übersetzung kristallisieren sich in der Forschungsliteratur zwei Eigenschaften des gelehrten AcI heraus, die im 16. Jahrhundert prominenter als zuvor in Erscheinung treten. Zum einen ist es die bereits angesprochene Verwendung von voir in kognitiver Bedeutung: So definiert Huguet das V 1 voir in (72a) nicht explizit als einen Träger des gelehrten AcI, doch fügt er es seiner Auflistung dieser hinzu. Gougenheim ( 2 1974: 157) thematisiert sodann die besondere Rolle von voir , welches ihm zufolge in (72b) eine Feststellung und eben keine sinnliche Wahrnehmung in Form eines ererbten AcI ausdrückt. (72) a. Comme nous voyons les Phares et haultes tours sus les havres de mer estre erigées . (Rabelais, II, 43, zit. n. Huguet [1894] 1967: 213) b. Et voyant le duc sa seur estre tant femme de bien. (Marguerite de Navarre, Heptaméron , zit. n. Gougenheim 2 1974: 157) Zum anderen kommt man nicht mehr umher, die stete Präsenz der Kopula als Passiv, Teil des passé composé oder in prädikativer Verwendung in den Textbeispielen zu bemerken. Beide Sätze verwenden im Infinitiv estre , welcher im Gebrauch bereits bei Brunot ([1906] 3 1947: 455), allerdings ohne Bewertung, notiert wird. Auch in den von Blatt zitierten Sätzen zieht sich estre durch: (73) a. je la soustiendray estre telle (Marot, zit. n. Blatt 1957a: 67) b. ils demandoient les cloches leur estre rendues (Rabelais, zit. n. Blatt 1957a: 67) Schließlich stellt Stimming (1915: 172) fest, dass 93 von 129 Belegen (ca. 72%) in den von ihm untersuchten Texten Marguerite de Navarres auf diese Kopula entfallen. Es setzt sich also im 16. Jahrhundert scheinbar der Trend fort, den bereits Marchello-Nizia (1979) für das Mittelfranzösische zuvor beobachtet. Doch reicht dies noch nicht aus, um vollumfängliche Aussagen bezüglich des AcI im 16. Jahrhundert zu treffen. Daher wird hierauf ein besonderes Augenmerk in <?page no="220"?> 208 4 Grammatik und Gebrauch des Accusativus cum Infinitivo der Analyse der Texte Calvins und seiner Zeitgenossen Montaigne und Rabelais gelegt. 4.5 Parallelentwicklungen in anderen Sprachen Ein Seitenblick auf benachbarte indoeuropäische Sprachen führt vor Augen, dass es sich bei der AcI-Konstruktion, die im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Französisch anzutreffen ist, keineswegs um ein isoliertes Phänomen handelt. In zahlreichen Sprachen wie dem Italienischen, Spanischen und Okzitanischen, aber auch den germanischen Sprachen Deutsch und Englisch, sind Formen des AcI zu finden. Diese Tatsache alleine untermauert die Plausibilität der These, dass die prestigeträchtige Eigenschaft des AcI als zentrale syntaktische Konstruktion des Klassischen Lateins dazu führt, dass er im Ausbauprozess der Vernakularsprachen des 14. bis 16. Jahrhunderts in den jeweiligen Sprachen nachgeahmt und teils eigenständig, also unabhängig von lateinischen Modelltexten, verwendet wird. Obwohl die Bedeutung des AcI für den distanzsprachlichen Ausbau der Volkssprachen offensichtlich ist, fehlt bislang eine umfassende panromanische Abhandlung zu diesem Thema (vgl. Stimming 1915: 40). Und auch seit den wichtigen Beobachtungen Blatts (1957a) sind, wie Drinka/ Cornillie (2019: 1-6) in einem jüngeren Sammelband feststellen, nicht alle Einflussfaktoren des Lateinischen in seiner Rolle als „roof language“ (‘Dachsprache’) geklärt. Dies betrifft im Besonderen auch den Vergleich zwischen Übersetzungen und nicht-übersetzten Texten. Der nachfolgende Überblick der umliegenden indoeuropäischen Sprachen soll in meiner Studie also dazu dienen, die Präsenz und Bedeutung dieser prestigereichen lateinischen Konstruktion noch präziser zu konturieren als es in einer rein einzelsprachlichen Betrachtung der Fall wäre. Wie bereits für das Französische aufgezeigt wurde (vgl. Kap. 2.5), entwickelt sich in der Romania parallel zur Verwendung latinisierender Konstruktionen in der distanzsprachlichen Schriftlichkeit ebenfalls ein Ideal des natürlichen Sprachgebrauchs. Dies geschieht in unterschiedlicher Intensität: Works such as Lazarillo de Tormes (1554) and Don Quixote (1605/ 1615) in Spain, authors such as Antonio Brucioli (1498-1566) and Pietro Lauro ( c. 1510-1568) in Italy, and Rabelais (1494- c. 1563) and Montaigne (1533-1592) in France were exponents of a type of natural language that spread as a stylistic model throughout Europe. Especially in 16th-century Spanish and Italian Literature, prose aspired to the ideal of ‘writing as one speaks’, although the interpretation of this aspiration is controversial. (Del Rey Quesada 2023: 129). <?page no="221"?> 4.5 Parallelentwicklungen in anderen Sprachen 209 Den AcI-Konstruktionen in den Volkssprachen ist gemeinsam, dass sie im Laufe der Frühen Neuzeit in den Sprachen weniger verwendet werden, es jedoch Konstruktionsvarianten gibt, die sich bis in den heutigen Sprachzustand erhalten haben (vgl. Pons Rodríguez 2008: 130-131). Hierzu sind u. a. im Französischen und Italienischen die Relativpronomen zu zählen, die in Funktion des Subjektakkusativs (S 2 ) auf ein Antezedens verweisen. In diesem Sinne weisen Da Milano/ Cuzzolin (2019: 121) jüngst darauf hin, dass der AcI nicht „ausstirbt“, sondern über die Grenzen der humanistischen Bewegung hinausreicht. Für das Spanische wird das Einsetzen des latinisierenden Einflusses in etwa auf das 15. Jahrhundert festgesetzt (vgl. Pons Rodríguez 2008: 17), also, abgesehen von einigen im Vergleich wenigen Belegen des 14. Jahrhunderts, ähnlich wie im Französischen. Beide Sprachen unterscheiden sich hier markant von der Wiege der Renaissance- und Humanismusbewegung, denn das Italienische kennt diesen Einfluss bereits seit dem 14. Jahrhundert (vgl. Schwendener 1923: 26-36) bzw. in Ansätzen schon im 13. Jahrhundert (vgl. Mastrantonio 2017: 193-247). Es ist entscheidend zu erkennen, dass es sich beim gelehrten AcI im Italienischen, Spanischen und Französischen vorrangig um eine Konstruktion der Schriftsprache im kommunikativen Distanzbereich handelt, die als Latinismus sowohl gelehrten als auch weniger gebildeten Schreibern dazu dienen kann, ihren Sprachstil aufzuwerten (vgl. González Gómez 2017: 205-206; Pons Rodríguez 2008: 132-133). In der Literatur wird immer wieder von Imitation und Nachahmung des klassisch-lateinischen AcI gesprochen (vgl. z. B. Pons Rodríguez 2008). Wie Del Rey Quesada (2022: 486) zu Recht betont, erschwert die Analyse des AcI, dass er bereits im Latein nicht immer zweifelsfrei zu identifizieren ist. Es ist evident, sich hier vor Augen zu führen, dass es nicht um eine direkte Lehngutübertragung geht, wie sie im Bereich der Lexik existiert, sondern strukturelle syntaktische Eigenschaften transferiert werden, die im zielsprachlichen System an die vorhandenen Möglichkeiten angepasst werden. Nur dies erklärt ausreichend die von lateinischen Originaltexten unabhängige Verwendung der komplexen Konstruktion und zwar vor dem Hintergrund der Nutzung von Möglichkeiten, die bereits in der Vernakularsprache angelegt sind. Pountain (1998: 175) hebt diesbezüglich hervor, dass die Anglistik die These eines „exclusively learnèd origin“ des AcI früh und beständig ausschließt (Fischer 1990: 288-290; Sørensen 1957: 138-139; Zeitlin 1908: 113). Daher sieht Pountain für das Spanische weniger einen direkten Transfer mit gewissen zielsprachlichen Einschränkungen gegeben, sondern die Erweiterung einer in der Sprache bereits verankerten Konstruktion. Gefördert werde diese Funktionserweiterung der Infinitiv-Komplementierung im Spanischen durch das gesteigerte Bewusstsein für die lateinische Syntax (vgl. Pountain 1998: 175, 197). Zu überlegen ist daher <?page no="222"?> 210 4 Grammatik und Gebrauch des Accusativus cum Infinitivo für das Französische, ob nicht die kontinuierlich präsente Form des ererbten AcI mit sinnlichen Perzeptionsverben, trotz unterschiedlicher syntaktischer Analyse, als Strukturbasis zum syntaktischen Transfer des Latinismus dient. Die Rolle des lateinischen AcI als transfermotivierende Struktur wird dabei nicht in Frage gestellt und darf zu keiner Konfusion mit der Präsenz von bereits vorhandenen zielsprachlichen Strukturen für den Transfer führen. Mastrantonio (2017: 195-197, 206) erläutert jüngst anhand seines italienischsprachigen Korpus die unbestreitbare Rolle der Latinisierung vor dem Hintergrund der Textsorte und Epoche. 88 Dabei hebt er (a) die nicht zufällige Positionierung des AcI im Textverlauf, (b) die Verwendung mit dicendi- Verben trotz einer früheren Ablehnung der Volkssprache gegenüber der indirekten Rede und (c) mögliche lateinische Übersetzungsvorlagen hervor. Zudem betont er (d) die kognitiv-semantische Auffassung in Bezug auf die Perzeptionsverben, die die Charakterisierung als Latinismus rechtfertigt (vgl. 74). (74) a. Sarà perciò neuno che in quello tormento dica più essere grave la decta iniuria dele pulci ke quella dele febri? (Giamboni, Orosio , 13. Jh., zit. n. Mastrantonio 2017: 206) ‘Würde daher irgendjemand in jener Qual behaupten, dass die besagte Flohplage schlimmer sei als die des Fiebers? ’ b. Ke noi leggiamo molti santi avere avuto molte riccheççe ( multos enim santos legimus divitias magnas et multas habuisse ) (Albertano, 13. Jh., zit. n. Mastrantonio 2017: 210) ‘Dass wir lesen, dass viele Heilige große Reichtümer gehabt haben’ c. Unde elli, vedendo li peccati loro essere così publichi [...] (Giordano da Pisa, Prediche , Anfang 14. Jh., zit. n. Mastrantonio 2017: 211) ‘Da sie, als sie sahen, dass ihre Sünden so öffentlich waren ...’ Im Spanischen wird der gelehrte AcI mit den Infinitivformen der Kopulae ser und estar für ‘sein’ besonders häufig verwendet (vgl. Del Rey Quesada 2022: 494; Pountain 1998: 178; Pons Rodríguez 2007, 2008: 134): (75) a. Sobre lo susodicho es de considerar el amor seer muy sin freno et non subjetado a alguno (Madrigal, Breuiloquio , zit. n. Pons Rodríguez 2008: 128) ‘Über das Obengenannte ist zu berücksichtigen, dass die Liebe sehr zügellos und an nichts unterworfen ist’ b. No negareys, Joseph, ser una cosa ley de hombres y otra ley de Dios (Pérez de Chinchón, Dialogos christianos , zit. n. Del Rey Quesada 2022: 494) ‘Ihr werdet nicht leugnen, Joseph, dass das eine Menschengesetz und das andere Gottesgesetz ist’ Dies deckt sich mit der bereits für das Mittelfranzösische festgestellten Tendenz und ist im weiteren Verlauf der Arbeit zu verfolgen. Hierfür ist die Überlegung 88 Vgl. Mastrantonio (2017: 195) für weiterführende Literaturverweise zum Italienischen. <?page no="223"?> 4.5 Parallelentwicklungen in anderen Sprachen 211 von Pons Rodríguez interessant, dass es sich um eine Nominalisierungstendenz durch gesteigerte syntaktische Integration des untergeordneten Satzes zum Matrixverb handle. Puesto que el infinitivo más empleado en ACI (Pons 2007) suele ser ser / estar puede pensarse que la estrategia de integración en la que consiste este ACI no es muy distinta de la de una nominalización, pero es una nominalización un tanto peculiar, en la que se hace depender directamente del verbo principal otro con propiedades nominales (las del infinitivo) que introduce con frecuencia una predicación de individuo ( ser ) o estadio ( estar ), es decir, una predicación que asigna una propiedad a una entidad. Frente a la nominalización, que suele serlo de una realización o logro, el ACI con ser o estar nominaliza un estado. (Pons Rodríguez 2008: 134) Es wird im Zuge dieser besonderen Nominalisierung, die über eine Prädikation realisiert wird, folglich ein Zustand im untergeordneten Satz ausgedrückt. Durch die Prädikation geht es vorrangig um die Zuweisung einer Eigenschaft an eine Entität, die im Fall des AcI der Subjektsakkusativ ist. Auch in italienischen Texten sind mehrheitlich AcI-Konstruktionen mit essere ‘sein’ festzustellen (vgl. Mastrantonio 2017: 228; Skytte 1983: 303). 89 Der Haupttyp ist dabei erneut die Prädikation mit essere , aber auch Passivkonstruktionen, in denen essere als Hilfsverb fungiert, sind anzutreffen (vgl. Mastrantonio 2017: 228). Die detaillierten Studien von Pons Rodríguez (2007: 6-7) und Pountain (1998: 185) zeigen darüber hinaus, dass die häufigsten Verben im spanischen gelehrten AcI den Klassen der Äußerung und des Denkens angehören: z. B. decir, creer, pensar . Im Italienischen zeigt sich die typische Bandbreite an Verbklassen, wie sie im Latein zu finden ist. Neben Verben des Sagens, des Wissens, der Wahrnehmung (vgl. Mastrantonio 2017: 205-219) weist Schwendener (1923: 46) noch auf die verba voluntatis sowie die starke Präsenz unpersönlicher Konstruktionen hin. Die Stellung der Konstituenten zeigt im Korpus von Pons Rodríguez (2007: 8-9) eine leichte Tendenz zur Voranstellung des S 2 vor dem Infinitiv, also V 1 - S 2 -V 2 , im Korpus Pountains (1998: 180) der deklarativen Verben tritt hingegen eindeutig die Nachstellung hervor: V 1 -V 2 -S 2 . In der Beobachtung der Wortstellung ist es also plausibel, dass die Verbklasse eine dezisive Rolle einnimmt. Bezüglich des V 2 stellt Pountain (1998: 179-180) eine deutliche Einschränkung der Tempusformen des Infinitivs auf das Präsens fest. Futurformen belegt er gar nicht und für Vergangenheitsformen nur wenige Belege im Spanischen der Renaissance. Die Subjekte S 1 und S 2 verhalten sich insofern unterschiedlich, als dass das S 2 eine größere Variation aus Nomina und Pronomina mit Bezeichnung konkreter Konzepte zulässt und sich bei dem S 1 eine Einschränkung auf einen 89 Skytte (1983: 303) belegt neben essere , welches sie in unterschiedlichen Zeitstufen und mit passiver Diathese beobachtet, auch avere, trattarsi, esistere und spettare . <?page no="224"?> 212 4 Grammatik und Gebrauch des Accusativus cum Infinitivo Haupttypen abzeichnet. Dieser Haupttyp repräsentiert, wie bei den ererbten AcI, ein menschliches Agens (vgl. Pons Rodríguez 2007: 7). Interessant ist auch, dass sich im Spanischen AcI in Form von Appositionen finden lassen (vgl. 76) - eine flexible Variante zur Einbindung der Konstruktion, wie sie im Latein regelmäßig anzutreffen ist. (76) E muachas vezes, Señor, leísteis aquel común e migar prouerbio de Athenas: nuestra vida ser una peregrinacion é viage (DíazToledo, Diálogo , zit. n. Pons Rodríguez 2008: 129) ‘Und oftmals, Herr, habt Ihr jenes allgemeine und geläufige Sprichwort aus Athen gelesen: Unser Leben sei eine Wallfahrt und eine Reise’ Um ein rein romanischsprachiges Phänomen handelt es sich weder beim ererbten noch gelehrten AcI. Die ererbte Form des AcI ist beispielsweise in den germanischen Sprachen Althochdeutsch und Altenglisch nach Wahrnehmungsverben vorhanden (vgl. Da Milano/ Cuzzolin 2019: 121-122; für En. Sørensen 1957: 139; Timofeeva 2010; für Dt. Speyer 2001: 183). 90 Sie erhält sich, wie in den romanischen Sprachen Italienisch, Französisch und Spanisch beobachtet werden kann, bis in die heutige Zeit: zum Beispiel in ich höre die Vögel zwitschern neben dem Objektsatz ich höre, dass die Vögel zwitschern . 91 Hiervon ist die gelehrte Variante unter stark latinisierendem Einfluss mit den typischen Verbklassen des Sagens, Wissens, Bittens, Wollens usw. zu unterscheiden (Sørensen 1957: 139; Speyer 2001: 166). Bemerkenswert ist sodann die unterschiedliche Distribution in beiden Sprachen. Eine Häufung außerhalb der Übersetzungspraxis ist laut Speyer (2001: 145, 170) eigentlich nur im Frühneuhochdeutschen unter dem Einfluss der Humanisten zu beobachten, dort überwiegen aber (dennoch) die Okkurrenzen nach Perzeptionsverben. Im Mittelhochdeutschen treten vor allem die gelehrten AcI-Konstruktionen in Übersetzungen hervor. Dieses unausgewogene Distributionsbild unterscheidet sich nun grundsätzlich vom Englischen, in welchem die Anglistik früh und umfassend eine stete Zunahme dieser Konstruktion feststellt, sodass in der Frühen Neuzeit eine dem Klassischen Latein vergleichbare (! ) Spannbreite an regierenden Verben erreicht werde (vgl. Sørensen 1957: 139). 92 Die Erhaltung und die konsequente variationelle Erweiterung der Konstruktion impliziert sodann, dass es sich nicht mehr um reine „slavish imitations from 90 Vgl. zur Untersuchung des AcI im Altenglischen aus einer funktional-typologischen Perspektive die Dissertation von Timofeeva (2010). Im Englischen findet man für ‘ererbt’ neben inherited auch die Bezeichnung native , vgl. z. B. Sørensen (1957). 91 Das Rumänische ist von diesen massiven Einwirkungen durch den Humanismus im Bereich syntaktischer und auch lexikalischer Transfers ausgenommen. Erst im 19. Jh. erfährt die Sprache eine massive „Relatinisierung“ durch den Einfluss des Französischen. Vgl. hierzu Hristea (2008). Das Okzitanische kennt den AcI in der Nähesprache, vgl. Camproux (1958). 92 Vgl. Sørensen (1957: 139) mit weiterführenden Literaturhinweisen. <?page no="225"?> 4.5 Parallelentwicklungen in anderen Sprachen 213 Latin“ (Fischer 1989: 160), wie sie noch im Altenglischen sind, handelt. 93 Der gelehrte AcI verschwindet im 18. Jahrhundert im Zuge einer „wachsende[n] Entlatinisierung der Gesellschaft, insbesondere des Bildungsbetriebs“ (Speyer 2001: 178) aus dem Deutschen, im Britischen Englisch wird er in der Frühen Neuzeit gegen for -Strukturen ersetzt (Sørensen 1957: 139-140). Maßgebliche Erkenntnisse zur Entwicklung des AcI im älteren Deutschen sind der Studie Speyers (2001) zu verdanken, die mehrere Sprachstufen abdeckt und so einen umfassenden Überblick über die Distribution der Struktur in der Original- und Übersetzungsliteratur gibt. In äußerst klarer Vorgehensweise gruppiert er den ererbten und gelehrten AcI-Typus in die bei ihm sogenannte „video-Analyse“ und „dico-Analyse“. Damit weist er sogleich auf den entscheidenden Unterschied in der syntaktischen Analyse hin, die auch für das Französische und in Teilen für das Lateinische gilt. Bei dem sinnlichen Perzeptionsverb sehen lässt sich der Subjektsakkusativ, im Gegensatz zu sagen , als direktes Objekts zum regierenden Verb auffassen. (77) a. die wonte ich mein muter sein ( Wigamur , 13. Jh., zit. n. Speyer 2001: 167) ‘Die wähnte ich meine Mutter zu sein’ b. dann das Feber hat uns sehen Hühner essen (Wyle, 15. Jh., zit. n. Speyer 2001: 174) ‘Dann hat das Fieber uns die Hühner essen sehen’ Besonders auffällig ist in Speyers Analyse des Frühneuhochdeutschen die erhöhte Präsenz der „Kopula sein beziehungsweise wesen “ (Speyer 2001: 170). Auslassungen der Kopula, wie sie im lateinischen AcI-Satz ebenfalls regelmäßig auftreten, lassen sich ebenfalls nachweisen. Zu Recht weist Speyer (2001: 162-163, 171) darauf hin, dass Infinitiv-Ellipsen auch eine Analyse als doppelten Akkusativ zulassen oder im Falle des Althochdeutschen, fälschlicherweise wie er herausstellt, als AcP-Konstruktionen. Die ohnehin recht geringen Belege in dieser Zeit 93 Vgl. hierzu die Dissertation von Fischer (1990) sowie den Aufsatz Fischers (1989: 160, sowie 144): „The spread of the a.c.i. construction in ME is variously ascribed to analogical extension and borrowing, and often to a combination of the two. Whereas in OE the use of a.c.i. constructions after verba declarandi et cogitandi was restricted to slavish imitations from Latin, this is no longer the case in ME and the later periods. For some reason, the grammar of English came to allow the a.c.i., after this group of verbs, which did not happen in other Germanic languages like Dutch and German. These two languages were also heavily influenced by Latin, but in spite of that this type of a.c.i., so typical of classical Latin, was never more than a pure latinism here, and consequently disappeared again as soon as Latin influence in matters of learning was on the wane [...]. For that reason, it is not sufficient to explain the spread and establishment of this a.c.i. in English by merely pointing to Latin influence.“ Zudem folgert sie (vgl. Fischer 1989: 212-213), dass die sich im Altenglischen ändernde Wortstellung den Erfolg des AcI nach Verben der Erwartung („expect“) im Gegensatz zum Niederländischen und Deutschen begründet. Hieraus ergibt sich, dass die gelehrte AcI-Konstruktion in Berücksichtigung latinisierender Einflüsse, aber auch immer in der Gesamtbetrachtung der historischen Sprachentwicklung einer Einzelsprache analysiert werden sollte. <?page no="226"?> 214 4 Grammatik und Gebrauch des Accusativus cum Infinitivo verteilen sich in seinem Korpus derart, dass die Verben des Sagens nach den Meinungs-, Wissens- und Wahrnehmungsverben rangieren (vgl. Speyer 2001: 175). Dies ist auffällig, da der Abgleich mit den romanischen Sprachen gerade die dicendi -Verben als häufiger anzutreffende Matrixverben belegt. Interessant ist, dass der Gebrauch der unterschiedlichen Verbklassen vom jeweiligen Autor und seiner lateinischen Sprachorientierung sowie einer möglichen Übersetzung stark abhängt. Dies ist im Grunde zu erwarten, muss aber jedoch durch solche systematische quantitativ und qualitativ ausgerichtete Studien in den meisten der hier betrachteten Sprache weiter erfolgen. 94 Insbesondere gilt dies Del Rey Quesada (2019: 48) zufolge in Bezug auf die empirisch untermauerte Analyse und Beweisführung einer bestehenden Beziehung zwischen latinisierender Syntax und Übersetzungen aus dem Lateinischen. Die wesentlichen Gemeinsamkeiten und Unterschiede können, trotz Desiderat einer umfassenden panromanischen und gemeineuropäischen Darstellung, in dieser kurzen Zusammenschau bereits aufgezeigt werden. Insgesamt ist eine mehr oder weniger starke Restriktion in der Verbauswahl (bis auf das Englische im Humanismus) festzustellen. Der Humanismus und der damit einhergehende latinisierender Einfluss wirkt als bestimmender Faktor im 15. und 16. Jahrhundert, wenngleich hier für das Englische weitere sprachinterne Faktoren herangezogen werden müssen. Überhaupt scheint das Englische eine Sonderrolle in der Synopse der hier betrachteten Sprachen einzunehmen, bei denen der bestimmende Infinitiv im AcI die entsprechenden Kopula-Verben sind. Weiter nachzugehen und in der nachfolgenden Analyse der Institution Calvins zu berücksichtigen sind die möglichen Einflüsse durch textuelle Faktoren. Hierzu ist die Bibel, das Textgenre und der damit verbundene Stil sowie die Position der latinisierenden Prestigekonstruktion im Text zu berücksichtigen. Die Wortstellung des AcI und die Unterschiedlichkeit zwischen S 1 und S 2 im Spanischen scheinen zudem aussichtsreiche Analysepfade zu sein. Fest steht, dass die ererbten und gelehrten AcI-Formen im Englischen, Deutschen, Italienischen und Spanischen mehr oder weniger stark präsent sind und damit Anschlusspunkte an die Analyse des französischen gelehrten AcI im 16. Jahrhundert geben. Im Sinne einer sprachübergreifenden Diskurstradition ist hier also von stark gemeinromanischen, sogar gemeineuropäischen Trends zu sprechen. 94 Sørensen (1957: 139) verweist auf den Einfluss der Bibelübersetzung, indem er zwei englische Fassungen der Vulgata anführt, in denen der AcI durch eine for -Konstruktion ersetzt wird. <?page no="227"?> 5 Empirische Aufbereitung des Textkorpus Meine Studie untersucht mithilfe moderner, digitaler Methoden das Auftreten des Accusativus cum Infinitivo als gelehrte, latinisierende Erscheinung im Französischen des 16. Jahrhunderts in einem breiten Textspektrum. Wie im vorangegangenen Kapitel geschildert, ließ sich dieses Material bislang mit herkömmlichen, analogen Methoden nicht exhaustiv untersuchen. Zwar stellt die Studie Stimmings aus dem Jahr 1915 einen Meilenstein dar, da sie den AcI in vielfältigsten Texten als solche Konstruktion identifiziert und in der sprachhistorischen Entwicklung vom Altbis zum Neufranzösischen einordnet, doch sind neben diesen wertvollen qualitativen Beobachtungen bislang keine quantitativen Daten erhoben worden. Es ist also abgesehen von allgemeinen Einschätzungen unklar, wie viele Okkurrenzen tatsächlich in den Werken Calvins und seiner Zeitgenossen zu verzeichnen sind. Auch sind die quantitativen Unterschiede innerhalb seines Hauptwerks oder zwischen verschiedenen Textgattungen wie Briefen, Predigten und stark distanzsprachlich markierten Texten nicht bekannt. Der Einsatz digitaler Methoden kann den umfangreichen Daten angemessen Rechnung tragen. Zudem erlaubt eine größere Datenbasis präzisere empirische Forschungsergebnisse und ermöglicht auf empirischer Basis differenziertere Aussagen über Autorenspezifika und Genreunterschiede. Eine weitere Schwierigkeit, der mit dem Einsatz moderner Technik systematisch begegnet werden kann, betrifft Calvins Institution de la religion chrestienne : Sie ist nicht nur eine Selbstübersetzung, sondern liegt zudem in mehreren Ausgaben vor. Daraus ergeben sich hunderte Belegstellen in zwei Sprachen und verschiedenen Textversionen. Zur effizienten Untersuchung ist daher eine Alignierung unerlässlich. Eine manuelle Parallelisierung wäre allerdings äußerst aufwendig, weshalb die moderne Methodikforschung zunehmend computergestützte, teil- oder sogar vollautomatisierte Verfahren nutzt. Meine Arbeit setzt aktuelle Programmier- und Softwaretechniken ein, um eine satzbasierte Alignierung durchzuführen, die in ein Paralleltextkorpus und ein umfangreiches Belegkorpus mündet. Um der strukturellen und sprachlichen Komplexität von Calvins Institution sowie der nicht minder vielschichtigen Konstruktion des AcI gerecht zu werden, wird im Folgenden die empirische Aufbereitung des Textkorpus beschrieben. Zunächst wird das der Hauptuntersuchung zugrunde liegende Textkorpus vorgestellt, um anschließend die Auswahl der verwendeten Drucke und Editionen zu <?page no="228"?> 216 5 Empirische Aufbereitung des Textkorpus begründen (vgl. Kap. 5.1). Weitere Texte Calvins und seiner Zeitgenossen Montaigne sowie Rabelais werden hinsichtlich ihrer Textcharakteristika in Kap. 5.2 präsentiert. Das für die Auswertung genutzte Korpus wurde digital erstellt. Aufgrund des hohen Alters der Drucke und der spezifischen Merkmalen unterschiedlicher Editionen war eine Textvorverarbeitung notwendig. Die Erstellung eines Paralleltextes ausgewählter Referenzkapitel sowie der Aufbau des Untersuchungskorpus werden in Kap. 5.3 näher vorgestellt. Abschließend werden die verwendeten Analysekategorien, Subkorpora sowie Annotationskriterien erläutert (vgl. Kap. 5.4). 5.1 Jean Calvin: Institution de la religion chrestienne (1541-1560) Das Kapitel beginnt mit einem Überblick über die Druckausgaben von Calvins Hauptwerk. Es werden Überlegungen zu den von Calvin veröffentlichten und übersetzten Ausgaben präsentiert (vgl. 5.1.1), um anschließend auf die für diese Studie ausgewählten Drucke eingehen zu können (vgl. 5.1.2). 5.1.1 Überblick über Calvins publizierte und übersetzte Ausgaben Die weithin rezipierte Institution de la religion chrestienne mit dem Publikationszeitraum von 1541 bis 1560 anzugeben, ist insofern richtig, als dass dieser alle zu Calvins Lebzeiten selbst herausgegebenen französischsprachigen Ausgaben seines Hauptwerks umfasst. Dies darf jedoch nicht den Blick darauf verstellen, dass der für die französische Protestantengemeinde zentrale Leitfaden zum Praktizieren der christlichen Religion, wie so viele humanistisch und theologisch orientierte Werke, auf Calvins lateinische Urfassung, die Institutio christianae religionis , zurückgeht. Es besteht diesbezüglich ein unidirektionales Abhängigkeitsverhältnis: Die lateinische Ausgabe der Institutio erscheint 1536 und dient in ihrer erweiterten, zweiten Auflage von 1539 erstmals als Übersetzungsgrundlage des französischen Textes (1541). Es folgen weitere Überarbeitungen und Anpassungen der Übersetzung, sodass der Entstehungs- und Entwicklungszeitraum der lateinischen Ausgaben von 1536 bis 1559 zu datieren ist. Die früheste Ausgabe, die Christianæ religionis institutio (1536) 1 , orientiert sich im Aufbau deutlich an Luthers Lehre, vornehmlich dem Kleinen Katechismus 1 Erst seit 1539 lautet der Titel der lateinischen Ausgaben (fast unverändert) Institutio christianæ religionis , vgl. für eine tiefgehendere Beschäftigung mit den einzelnen Ausgaben der Werke Calvins die umfangreiche Bibliotheca Calviniana von Gilmont/ Peter (1991). <?page no="229"?> 5.1 Jean Calvin: Institution de la religion chrestienne (1541-1560) 217 (1529). Dies ändert sich mit den späteren Ausgaben, die im Aufbau an inhaltlicher Eigenständigkeit gewinnen (vgl. Greef 2008: 185; Strohm 2009a: 34-40). 2 Eine inhaltliche Beeinflussung ist laut Greef ferner durch Melanchthon, Bucer und, hier widerspricht jedoch Strohm (2009a: 39), Zwingli festzustellen. Es verwundert also nicht, dass Millet (1992: 773), aber auch Gilmont/ Peter (1991: 44-45) im fr. Catéchisme de Genève (1537) 3 die Fortführung der lt. Institutio (1536) sehen. Bereits die früheste lateinische Ausgabe, die sich sprachlich an höher gebildete Personen ihrer Zeit richtet, hat laut Calvin die Vorbereitung angehender Theologiestudenten zum Zweck (vgl. Millet 1992: 773). Calvin scheint von Beginn an, eine französische Übersetzung im Sinn gehabt zu haben, denn die christliche Ausbildung des Volkes wird mit diesem Werk, dem Unterricht in der christlichen Religion , als Ziel verfolgt. Ebenso ist bekannt, dass die Institutio(n) als „confessional defense“ (Greef 2008: 183) gegenüber den französischen Katholiken, vor allem König François 1 er , fungieren soll. 4 Begonnen hat Calvin die Institutio wahrscheinlich während seines Aufenthaltes in der Saintonge im Jahr 1534, als er sich in der Stadt Angoulême aufhält (vgl. Millet 2008c: 56). 5 Dieser Landstrich Frankreichs, der heute in der neu benannten Region Nouvelle-Aquitaine gelegen ist, gilt neben anderen Gebieten als hugenottisches Zentrum. Ab 1555 schickt Calvin zur Verbreitung seiner Lehre diverse Pastoren aus Genf nach Aunis, der historischen Provinz La Rochelles. Hieran lässt sich der weitgehende Einfluss seines Werks erahnen. Zur bemerkenswerten Folge hat die Institution (1541) schließlich, dass nicht nur die hugenottischen Protestanten sich mit Calvins Lehre intensiv befassen, sondern auch die katholische Kirche, die nach jahrhundertelanger lateinischsprachiger Schriftpraxis in der Vernakularsprache reagieren muss, um verstanden zu werden (vgl. Autin 1929: 9). Denn die Zielgruppe ändert sich von den Gelehrten und Studierenden der Theologie hin zur breiten Bevölkerung auf zwei miteinander verknüpften Ebenen: Sowohl die französische Nation wird adressiert als auch alle Gläubigen der christlichen Religionsgemeinschaft (vgl. Millet 1992: 773- 2 Vgl. Greef (2008: 182-189) für eine kompakte Darstellung der Ausgaben von 1536 bis 1560. 3 Dies ist der in der Literatur gebräuchliche Name für das Werk. Der eigentliche Titel lautet Instruction et confession de foy dont on use en l’Eglise de Geneve , vgl. Gilmont/ Peter (1991: 44). 4 Calvin stellt der Institution einen Brief an den französischen König voran. Der Brief in der fr. Ausgabe FR1541 ist dabei die Übersetzung des ebenfalls der lt. Ausgabe LT1539 vorangestellten Briefes. Dieser befindet sich auch schon in der Erstausgabe LT1536 in leicht veränderter Fassung abgedruckt (vgl. Millet 2008b: 113). Die spätere Ausgabe FR1560 druckt den Brief nochmals mit kleineren Änderungen ab. So fällt unter anderem der Wechsel der Subjektpronomina von tu zu vous auf. In ähnlicher Weise ist dies in seiner privaten Briefkorrespondenz zu beobachten, vgl. Fußnote 4 in Doumergue (1899: 59-60). 5 In Angoulême wird Calvin (1534) dazu aufgefordert, eine Reihe von Musterpredigten zu erstellen. Diese scheinen jedoch nicht überliefert zu sein (vgl. Neuser 2009: 117-118). <?page no="230"?> 218 5 Empirische Aufbereitung des Textkorpus 774). Das in Frankreich in die Defensive geratene christliche Königtum verbietet schließlich den Besitz der lateinischen Ausgabe von 1539 und der französischen Erstübersetzung von 1541 (vgl. Greef 2008: 187). Die durch die Volkssprache ermöglichte Zugänglichkeit (durch eigene Lektüre oder Zuhören in einer Lesung) sowie die breite Zielgruppe der fr. Institution geben offensichtlich den Ausschlag für das Verbot. Die Institutio(n) ließe sich zunächst als religiöses Traktat einstufen, denn gerade zu Beginn, im Jahre 1536, ist die Abhandlung im Umfang kurz genug. Calvin nimmt in einem (ebenfalls kurzen) Catéchisme einige Elemente hieraus auf, sodass insgesamt davon ausgegangen werden muss, dass die Institutio zunächst als Abhandlung geplant ist. Der damit einhergehende, nicht vorherzusehende Erfolg Calvins ermöglicht es ihm, das Traktat mit den anfänglich sechs Kapiteln auf 17 (1539) bzw. 21 Kapitel (1541) auszubauen und schließlich in den Jahren 1559/ 1560 vier Bücher mit 80 Kapiteln zu publizieren. Diverse Paragraphen untergliedern zudem die langen Kapitel. Der sachliche, klare Stil und der enorme Umfang kategorisieren das Werk als ein protestantisches Schriftwerk singulären Charakters, welches sodann nicht mehr als Traktat bezeichnet werden kann. Calvin selbst thematisiert im Vorwort zu seiner letzten von ihm herausgegebenen Ausgabe der Institution (1560) den unerwartet großen Erfolg, den sein Werk ab der ersten Ausgabe erfahren hat (ganz im Gegensatz zu seinem Seneca-Kommentar als humanistisches Erstlingswerk). 6 So veranlasst ihn dies mit großem Eifer und Selbstdisziplin zur Anreicherung und Erweiterung des reformatorischen Textes in jeder geplanten Neuauflage. Pource qu’en la première édition de ce livre, ie n’attendoye pas qu’il deust estre si bien receu comme Dieu l’a voulu par sa bonté inestimable, ie m’en estoye acquitté plus légèrement, m’estudiant à brieveté: mais ayant cogneu avec le temps qu’il a esté recueilly de telle faveur que ie n’eusse pas osé désirer, tant s’en faut que ie l’espérasse [...]. Parquoy i’ay tasché d’en faire mon devoir, non seulement quand ledit livre a esté imprimé pour la seconde fois, mais toutes fois & quantes qu’à la rimprime il a esté aucunement augmenté & enrichy. Or combien que ie n’eusse point occasion de me desplaire au travail que i’y avoye pris, toutesfois ie confesse que iamais ie ne me suis contenté moymesme, iusques à ce que ie l’ay eu digéré en l’ordre que vouy y verrez maintenant, lequel vous approuverez comme i’espère. (Calvin [1560] 1957: 23) 6 Nach der fr. Ausgabe 1560 hat Calvin selbst keine weitere von ihm durchgesehene Version seines Werks mehr veröffentlicht (Benoît 1957: 15). Er ist zu diesem Zeitpunkt gesundheitlich bereits schwer eingeschränkt. Dies hindert ihn jedoch nicht daran etwa ein Dutzend weitere, teilweise sehr lange Abhandlungen bis zu seinem Tod 1564 zu verfassen (vgl. u. a. den 400.000 Wörter umfassenden Kommentar Mosis libri [...] , Gilmont 1997: 373). Zu Lebzeiten und postum entstehen zahlreiche Übersetzungen der Institutio . Dies unterstreicht die Bedeutung und weite Rezeption seines Werks auch außerhalb des frankophonen Sprachraums. <?page no="231"?> 5.1 Jean Calvin: Institution de la religion chrestienne (1541-1560) 219 Die Gesundheit Calvins ist zeitlebens nicht die beste und in den letzten Lebensjahren setzen ihm u. a. Fieberschübe so sehr zu, dass er die Institution (1560) in großen Teilen wohl einem Schreiber diktiert (vgl. Benoît 1966a: 114; Mackinnon 1936: 220). 7 Trotz der widrigen Umstände zwingt er sich zum Perfektionismus: [...] d’autant plus que la maladie me pressoit, ie me suis d’autant moins espargné, iusques à ce que i’eusse parfait le livre, lequel survivant après ma mort, monstrast combien ie desiroye satisfaire à ceux qui désià y avoyent profité, & desiroyent d’y profiter plus amplement. (Calvin [1560] 1957: 23) Dies ist eine sehr wichtige Feststellung, die vom Autor selbst vorliegt. Nur so lässt sich sicher sein, dass mit der letzten Ausgabe, nach einer Reihe von Überarbeitungen, das von Calvin angestrebte Endprodukt vorliegt. Hier besteht also die Möglichkeit, das Werk sowohl in seiner Entstehungsphase, als auch in seiner final angedachten Fassung zu betrachten. Um eine Übersicht über die für eine Analyse zur Verfügung stehenden Ausgaben zu erhalten, sind nachfolgend die insgesamt 27 (! ) Ausgaben in tabellarischer Form aufgeführt (vgl. Tab. 4). 8 LT- Institutio 1 1536 2a 1539 2b 1543 (1545) 2c 1550 (1553, 1554) 3 1559 (2x 1561) FR- Institution — 2a 1541 2b 1545 2c 1551 (1553, 1554, 1557) 3 1560 (2x 1561, 6x 1562, 1563, 1564) Anzahl Kapitel 6 17 21 21 mit nummerierten Absätzen 80 mit nummerierten Absätzen Tab. 4 - Ausgaben der lt. Institutio mit ihren fr. Übersetzungen (nach Peter 1987: 17-18) 7 Vgl. zur generellen Diktiertätigkeit Calvins Autin (1929: 118), Benoît (1966a: 112), Engammare (2021), Greef (2008: 126), Gilmont (1997: 176-177) und Millet (1992: 810), die u. a. von seinem Weggefährten Théodore de Bèze bezeugt wird. Higman (1967: 79) bringt die zunehmend beobachtete „popular language“ mit der Diktiertätigkeit in Zusammenhang (vgl. Marmelstein 1921: 113-114). Das mündliche Diktat führt laut Millet (2008a: 134) auch dazu, dass teilweise kleinere Abweichungen vom typischen Stil Calvins in der Textproduktion seiner Sekretäre festzustellen seien. Vgl. ferner Engammare (2021: 129) zur humanistischen Praxis des Diktats bei Calvin und Erasmus. 8 In Klammern werden in der Tabelle die „Wiederholungen“ (Peter 1987), also weitestgehend unveränderte Neuauflagen/ Nachdrucke, aufgeführt. Sie sind für die vorliegende Studie nicht von Relevanz. Ansonsten decken sich die Jahreszahlen der erschienen Ausgaben mit Angaben bei Greef (2008: 233-237) oder auch Gilmont/ Peter (1991). Die zahlreichen Nachdrucke untermauern den Erfolg der Institution insbesondere in den späten Jahren. Für die Verlagsorte, Titelangaben und Deckblätter empfiehlt sich die umfassende Übersicht der Bibliotheca Calviniana bei Gilmont/ Peter (1991) und der tabellarische Kurzüberblick bei Peter (1987: 18). Für die Drucker in dieser Zeit vgl. auch Gilmont (1997), Jenny (1973) und Martin (1973). <?page no="232"?> 220 5 Empirische Aufbereitung des Textkorpus Ich folge hier der Einteilung nach Peter (1987), der zudem plausible Gründe vorbringt, dass eine französische Übersetzung der nachweislich ersten lateinischen Ausgabe von 1536 (LT1536) nicht in Gänze existent sein kann. 9 Partielle Übersetzungen der Ausgabe von 1536 dürfen hingegen angenommen werden, die dann später im Jahr 1541 (FR1541) in der bekannten Erstübersetzung der zweiten lateinischen Ausgabe der Institutio (LT1539) in Teilen wieder aufgegriffen werden (vgl. Benoît 1966b: 106). Der Inhalt wird von LT1536 nach LT1539 wesentlich erweitert und wendet sich vom üblichen Aufbau eines Katechismus ab (vgl. Benoît 1966b: 103). Beides schlägt sich in einer größeren Kapitelanzahl, die von sechs auf siebzehn Kapitel ansteigt, nieder. LT1539 begründet daher die zweite Textfamilie in der Beschreibung der Publikationsgeschichte. Auf dieser lateinischen Basis entsteht schließlich die erste französische Ausgabe FR1541 in Form einer Selbstübersetzung Calvins. Die Übertragung eines Textes von der gelehrten in die vernakulare Sprache des Autors ist im 16. Jahrhundert nicht selten anzutreffen. Die nachfolgenden Textfamilien 2b und 2c weisen kleinere Änderungen am Text auf, welche für die anschließende Auswertung stellenweise von Relevanz sein werden. Sie sind als 2b und 2c den Ausgaben LT1539 und FR1541 untergeordnet. Erst die Ausgaben LT1559 und FR1560, die also nach Calvins knapp zwanzigjähriger Praxis als Prediger in Genf entstanden sind, müssen als neue, eigenständige Textfamilie 3 bewertet werden. Sie stellen nicht nur eine umfangreiche Erweiterung des Textes dar, von 17 über 21 zu schließlich 80 Kapiteln mit nummerierten Absätzen, sondern repräsentieren auch einen tiefgreifenden Umbau der Textstruktur. Ganze Absätze werden quer durch das Werk hinweg verschoben und auch innerhalb der Absätze werden in gleicher Weise Sätze oder Phrasen umgestellt, gekürzt, umgeschrieben und hinzugefügt. Es ist eine beachtliche Leistung, die hier aus dem 16. Jahrhundert vorliegt, denn größtenteils basieren die Änderungen auf handschriftlichen Manuskripten. Die neu entwickelten technischen Verfahren des Buchdrucks (z. B. die Setzung von Einzellettern) erlauben zu diesem Zeitpunkt der Überarbeitung erst seit kurzem, auch gedruckte Seiten in den Bearbeitungsprozess miteinzubeziehen. So ist bekannt, dass Calvin auch nur einzelne Seiten aus vorherigen Drucken in seine Überarbeitung mit hineinlegt 9 Vgl. Barth (1928) und Pannier (1928) zur entkräfteten Hypothese einer möglicherweise nicht überlieferten fr. Ausgabe aus dem Jahr 1537. Benoît (1957: 16) gruppiert in der Einführung seiner Edition der FR1560 die Ausgaben ähnlich wie Peter (1987) und sieht im Druck von 1551 eine Art Scharnierfunktion zwischen der älteren Erstübersetzung FR1541 und der letzten Ausgabe FR1560. Interessant ist der Hinweis, dass die Ausgaben von 1553 bis 1557 in weiten Teilen bereits mit der FR1560 übereinstimmen, sodass sich ein Großteil der beobachtbaren Veränderungen auf einen noch kürzeren Zeitraum von etwa zwölf Jahren konzentriert. <?page no="233"?> 5.1 Jean Calvin: Institution de la religion chrestienne (1541-1560) 221 und es dem Verleger obliegt, diese Notizen geordnet in den Druck zu überführen (vgl. Benoît 1966b: 114). Diese aufwändige Überarbeitung der LT1559 lässt Calvin auch der französischen Ausgabe FR1560 zukommen. Jedoch fällt bei der ersten Sichtung der Veränderungen in den beiden lateinischen und französischen Ausgaben augenblicklich ein Ungleichgewicht auf. So ist in jenen lateinischen Sätzen (LT1539/ LT1559), die inhaltlich unverändert bleiben, zu beobachten, dass sie sehr häufig auch auf grammatikalischer und lexikalischer Ebene nicht oder nur kaum abweichen. Im Vergleich dazu gestaltet sich die Situation in den französischen Ausgaben FR1541 und FR1560 gänzlich anders. Die Sätze werden nicht selten in Bezug auf den verwendeten Wortschatz und die Syntax profund von Calvin überarbeitet. Dies ermöglicht es aus sprachwissenschaftlicher Perspektive zum einen, den Transfer syntaktischer Latinismen aus dem Quelltext in den französischen Text zu zwei Zeitpunkten zu untersuchen, nämlich in einer frühen Phase von LT1539 nach FR1541 sowie später in der letzten vom Autor herausgegebenen Fassung von LT1559 nach FR1560. Zum anderen erlaubt der Vergleich dieser beiden Textfamilien schließlich, der Frage nachzugehen, inwieweit der syntaktische Transfer einer latinisierenden Struktur wie dem Accusativus cum Infinitivo aufgrund des Übersetzungsprozesses und des humanistisch prävalenten Prestiges der klassischlateinischen Sprache begünstigt wird. Gleichzeitig ist im Kontext des Ausbaus der Vernakularsprachen in dieser Epoche mit einem Abbau latinisierender Strukturen um die Jahrhundertmitte zu rechnen. Sprachmodernisierende Strategien ließen sich daher, falls sie im Text präsent sind, aus dem komplexen Vergleich der vier Ausgaben ebenfalls ableiten. Dabei muss berücksichtigt werden, dass die beiden Editionen FR1541 und FR1560 nicht zwingend zwei Sprachzustände dokumentieren, die 19 Jahre voneinander getrennt sind. Zwar sind die Überarbeitungen und Veränderungen an der späten Textfamilie LT1559/ FR1560 besonders stark, sodass der Gedanke nahe liegt, dass es sich um eine Neufassung handelt, doch einige Modernisierungen des sprachlichen Ausdrucks zeichnen sich bereits Jahre zuvor ab. So weist Millet (1992: 857) in der Ausgabe von 1545 einige Änderungen bezüglich der Präfixe und Pronomen, aber auch Verbalkonstruktionen (Textfamilie 2b) nach. 5.1.2 Auswahl der Drucke und Editionen In der vorliegenden Studie stützt sich die Untersuchung der französischen AcI- Konstruktion auf die von Calvin veröffentlichten Ausgaben LT1539 und FR1541 sowie LT1559 und FR1560. Diese beiden Textfamilien ermöglichen einen parallelen, alignierten Textvergleich und erlauben somit die Identifizierung syntakti- <?page no="234"?> 222 5 Empirische Aufbereitung des Textkorpus scher Veränderungen. Kleinere Korrekturen, die bereits ab dem Jahr 1545 einsetzen, werden über die Auswahl geeigneter Ausgaben und Editionen ebenso berücksichtigt. Der desolate Gesundheitszustand in den späten Jahren Calvins sorgte in der Vergangenheit teilweise für Irritation, sodass sich die Frage stellte, ob er überhaupt der Autor der französischen Ausgabe von 1560 ist. Spätestens seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert herrscht jedoch Einigkeit darüber, dass die Ausgabe eindeutig Calvin zugeordnet werden kann. Calvin a fait la traduction de 1560. Mais toute la partie matérielle d’écriture, revision, correction d’épreuves, il ne l’a pas faite: les preuves des éditeurs du Corpus valent cela, et pour cela seulement. La traduction de 1560 est très fautive, mais elle est de Calvin. (Lanson 1894: 67) Lanson schreibt jedoch die zahlreichen Veränderungen nicht dem erkrankten Calvin zu. Die vergleichende Studie Marmelsteins ist diesbezüglich ein Meilenstein in der Untersuchung der Institution . Sie lässt keinen Zweifel mehr daran, dass die in der letzten Ausgabe (1560) zu beobachtenden umfassenden Änderungen („une solide révision“) von Calvin selbst, wenngleich als Diktat (vgl. Anm. 7), durchgeführt werden (vgl. Marmelstein 1921: 113). Marmelsteins Vergleichsstudie ergibt, dass die beobachteten Abweichungen, die gemeinhin von den „biographes de Calvin“ aufgrund seiner Erkrankung als eine für ihn untypisch nachlässige Haltung bewertet wurden, eigentlich im Licht eines komplexen Überarbeitungsprozesses von Fragmentstücken der älteren Ausgaben zu betrachten sind: Pour expliquer certaines inégalités ou incohérences qu’on ne saurait méconnaître dans le texte de 1560 et qui contrastent avec l’apparente unité de celui de 1541, il faut tenir compte d’abord des multiples tribulations par lesquelles a été caractérisée la dernière période de la vie de Calvin et surtout de la façon dont l’édition définitive a été confectionnée: elle a été faite sur de vieux exemplaires de l’ancienne édition, découpés et interfoliés. Les additions doivent avoir été dictées en partie. (Marmelstein 1921: 113) Das Diktat birgt aber auch die Gefahr potentieller Missverständnisse zwischen Calvin und dem Schreiber, die sowohl inhaltlicher als auch sprachlicher Natur sein können. Dies ist insbesondere unter der Annahme sehr plausibel, dass Calvin sich im Winter 1559 dem Tode nahe wähnt und unter Druck gerät, sein Werk in französischer Sprache ohne ausreichend viele Korrekturvorgänge zu vollenden (vgl. Mackinnon 1936: 220). Calvins Änderungen, Notizen und Diktate nehmen sein häuslicher Sekretär sowie sein einziger Bruder, Antoine Calvin, entgegen (vgl. Engammare 2021: 44-45, 149-151, 167, 169). Letzterer lebt seit Calvins frühesten Aufenthalten in <?page no="235"?> 5.1 Jean Calvin: Institution de la religion chrestienne (1541-1560) 223 Genf ebenfalls dort und nimmt eine leitende Rolle bei der Verlegung der letzten (von Calvin selbst herausgegebenen) französischen Ausgabe FR1560 bei Jean Crespin 10 in Genf ein (vgl. Gilmont/ Peter 1994: 759-763, 1091-1092). 11 Dies zeigt zum einen, dass Calvin bei der endgültigen Fassung seines Hauptwerks nichts dem Zufall überlässt und zum anderen, dass die Notizen und Änderungen eine derartige Komplexität erreicht haben müssen, dass es ihm notwendig scheint, seinen Bruder direkt zum Verleger Crespin zu schicken, um eventuelle Errata im Druck zu vermeiden. Bereits die vorangegangene lateinische Ausgabe aus dem Jahr 1559 wurde von einem Mitglied der wohl zur damaligen Zeit namenhaftesten Verlegerfamilie, nämlich Robert Estienne, dem Sohn Henri Estiennes, in Genf gedruckt (vgl. Gilmont/ Peter 1994: 707-712). Noch in Paris, vor seiner Konvertierung und der Verlegung seiner Druckwerkstatt, wurde er zum „imprimeur du roi en lettres hébraïques et latines en 1539 et pour le grec en 1540“ (Gilmont/ Peter 1994: 1095) ernannt. Ebenfalls in Genf erscheint die erste französische Ausgabe der Institution 1541 bei Michel du Bois (vgl. Gilmont/ Peter 1991: 97-99). 12 Für die digitale Aufbereitung der Ausgaben als sprachwissenschaftliches Korpus werden drei moderne Editionen (LT1539, FR1541, FR1560) sowie ein älterer Nachdruck aus dem 17. Jahrhundert (LT1559) herangezogen. 13 Der Leitgedanke ist es, das Hauptwerk Calvins für die sprachwissenschaftliche Arbeit in gut lesbarer sowie digitaler Form aufzubereiten. Der engstehende Druck des 16. Jahrhunderts mit nicht immer gerade ausgerichteten Zeilen ist nicht selten mit handschriftlichen Anmerkungen und Unterstreichungen versehen und erschwert in überaus starkem Maße die optische Zeichenerkennung des Computers mit einem OCR-Programm (en. optical character recognition ), sodass eine langwierige manuelle Aufbereitung die Folge wäre. Moderne Editionen bieten im Gegensatz 10 Jean Crespin (*1520-†1572) stammt selbst auch nicht aus Genf, sondern aus der nordfranzösischen Stadt Arras. Vgl. vertiefend die Monographie von Gilmont (1981). 11 Zur Editionsgeschichte der Werke Calvins in den frühen Jahren von 1532 bis 1554 vgl. Bd. 1 der Bibliotheca Calviniana , hg. v. Gilmont/ Peter (1991). Bd. 2 umfasst die Werke seiner späten Lebensphase (vgl. Gilmont/ Peter 1994). Bd. 3 widmet sich den Jahren nach Calvins Tod: 1565 bis 1600 (vgl. Gilmont/ Peter 2000). 12 Es gilt mittlerweile als eindeutig nachgewiesen, dass der in FR1541 nicht weiter genannte Verleger Michel du Bois aus Genf ist (vgl. Gilmont/ Peter 1991: 98). Außerdem mag es aufgrund der technischen Komplexität der sprachspezifischen Buchstabensetzung im Druckverfahren offensichtlich erscheinen, jedoch ist anzumerken, dass die fr. Ausgaben der Institution auf französischsprachigem Gebiet gedruckt werden und bei den lt. Fassungen, gerade vor der endgültigen Niederlassung Calvins in Genf, auch andere Druckorte wie Basel gewählt werden. So erscheint die erste lt. Ausgabe 1536 bei Thomas Platter und Balthasar Lasius (vgl. Gilmont/ Peter 1991: 35-39) und die als Basis für die späteren Überarbeitungen geltende Ausgabe von 1539 bei Wendelin Rihel in Straßburg unter Calvins Pseudonym Alcuinus (vgl. Gilmont/ Peter 1991: 58-64). 13 Die Konsultation der originalen Buchdrucke erfolgte in Einzelfällen, um die Verlässlichkeit der Editionen zu prüfen. <?page no="236"?> 224 5 Empirische Aufbereitung des Textkorpus dazu den Vorteil, mit zahlreichen Anmerkungen die komplexe Textgenese der Institutio(n) transparent zu machen sowie den Originaldrucken mit philologischem Augenmaß (s. u. das editorische Vorgehen Millets) Rechnung zu tragen. Die behutsame Aufbereitung der Texte, die technisch leichter umzusetzende Digitalisierung (bzgl. LT1539) und der leichtere Zugang zu bereits vorliegenden Digitalisaten (bzgl. FR1541, FR1560, LT1559) sind daher maßgebliche Auswahlkriterien für das zugrunde liegende Korpus, wie im Folgenden dargelegt wird. Die Ioannis Calvini opera quae supersunt omnia ( Calvini Opera , CO) ist zwar nicht die einzige Sammlung lateinisch- und französischsprachiger Schriften Calvins, doch ist sie wohl die mit dem größten Gewicht in der disziplinübergreifenden Calvinforschung (eingegliedert in die Reihe des Corpus Reformatorum , CR). Das zwischen 1863 und 1900 entstandene Editionsprojekt der CO umfasst 59 Bände. Band 1 druckt die Institutionis religionis christianae editio princeps aus den Jahren 1536 sowie 1539(-1554) ab. Hier werden Änderungen, Auslassungen und Erweiterungen Calvins an der Textbasis, die nach 1539 auftreten, in Fußnoten gesondert signalisiert. Band 2 behandelt die Institutionis religionis christianae editio ultima (1559) und Band 3 bzw. 4 die Institution de la religion chrestienne , welche die letzte Ausgabe aus dem Jahr 1560 wiedergibt und in umfangreichen Fußnoten die ursprünglichen Stellen aus den französischen Ausgaben 1541 sowie 1551 angibt. Der fokussierte Blick der Theologie und Geschichtswissenschaft auf die letzte lateinische Ausgabe aus dem Jahr 1559 erschwert dem Linguisten den Zugang zu einer digitalen Fassung der früheren Ausgabe LT1539, die bislang nicht vorliegt, jedoch für die Beobachtung sprachlicher Veränderungen so wichtig ist. Zumindest liegt mit den Calvini Opera eine moderne, wenngleich über 150 Jahre alte Edition, der Ausgabe von 1539 vor. Sie weist in Fußnoten und über Formatierungen im Text (Kursivdruck, Kleindruck, gerader Druck) die Änderungsprozesse aus. Diese können jedoch nach dem augenblicklichen Stand der Technik nur mit unverhältnismäßig großem Aufwand fruchtbar gemacht werden. In großen Teilen wäre eine manuelle Kennzeichnung und Kreuzreferenzierung der Absätze notwendig. Die mir zur Verfügung stehende Scanqualität des Digitalisats (400-600 dpi) reicht jedoch aus, um mithilfe eines OCR-Programms den Text weitestgehend fehlerfrei einzulesen und manuell typische Erkennungsfehler (<e> statt <c>, <o> statt <e>) zu korrigieren. Die dadurch erreichte Qualität der OCR- Erfassung übertrifft die, die bei der Verarbeitung eines Originaldrucks aus dem 16. Jahrhundert zu erwarten gewesen wäre. Die in LT1539 in den Anmerkungen ausgewiesenen Veränderungen, die die späteren Ausgaben bis 1551 betreffen, werden nach Erfassung aller AcI-Konstruktionen textsynoptisch berücksichtigt. <?page no="237"?> 5.1 Jean Calvin: Institution de la religion chrestienne (1541-1560) 225 Das Problem der OCR-Erfassung stellt sich bei der letzten lateinischen Ausgabe (LT1559) nicht. Sie wird ohne die umfangreichen Veränderungshinweise (auf in diesem Fall ja nicht existente spätere Fassungen) in den Calvini Opera wiedergegeben. Hier liegt außerdem neben einer Münchner Edition von Barth/ Niesel (1926-1936) aus dem zweiten Viertel des 20. Jahrhunderts noch eine knapp einhundert Jahre nach Erscheinung des letzten lateinischen Drucks (1559) entstandene Ausgabe des Amsterdamer Verlegers Johannes Jacob Schipper (1671, LT1559) vor. 14 Dieser wird in sprachwissenschaftlicher und methodischer Hinsicht der Vorzug gegeben. Erstens liegt diese Ausgabe aus chronologischer Perspektive weit näher am Originaltext als die Calvini Opera aus dem 19. Jahrhundert. Zweitens zeichnet sich der niederländische Verleger Schipper durch ein breites Repertoire an Editionen calvinscher Texte aus und drittens stehen diese, insbesondere die Institutionum Christianae Religionis Libri Quatuor (1559), digital im Korpus der Digital Library of Classic Protestant Texts (DLCPT) zur Verfügung. 15 Unter dem Gesichtspunkt der Erstellung eines digitalen Textkorpus sind dies die entscheidenden Gründe für die Wahl dieser Edition. Bei den Editionen der französischsprachigen Institution stellt sich die Lage ähnlich dar. Hervorragende Editionen für die jüngere, zuletzt entstandene Ausgabe FR1560 liegen seit langer Zeit vor. Hier leisten die Calvini Opera erneut Pionierarbeit, indem sie eine vollständige Edition aller vier Bücher (1560) geben. Zudem sind sie in den Fußnoten durch hilfreiche Verweise auf die Originalpassagen 1541 und 1551 angereichert. So kann im Umkehrschluss auf die neuen Passagen, die 1560 hinzugekommen sind, geschlossen werden. Dennoch stellt die Edition des Straßburger (protestantischen) Theologen Jean-Daniel Benoît aus den Jahren 1957-1963 einen Quantensprung in der Synopse der unterschiedlichen Ausgaben Calvins dar. 16 Zum einen mangelt es zu diesem Zeitpunkt des 20. Jahrhunderts an geeigneten Referenzwerken der Institution : „Or ce livre capital, dont a pu dire qu’il était tout Calvin et tout le calvinisme, était devenu introuvable“ (Benoît 1957: 8). Der fehlende Zugang zum Werk, aber auch die mangelhafte Qualität der den Calvini Opera nachfolgenden Editionen, ließen Benoît (1957: 14 Vgl. Greef (2008: 208-215) für einen Überblick über die zentralen Editionen von Calvins Arbeit. 15 Die Opera omnia von Schipper galten, wie Millet (2012a: 309) bemerkt, insbesondere den Theologen lange Zeit als Referenzwerk zur Konsultation der Werke Calvins. Überhaupt wurde bis weit in das 19. Jh. dem lt. Text in älteren Editionen der Vorzug gegeben, nicht zuletzt aus Ermangelung moderner Editionen. Französische Übersetzungen des späten 17. Jh. wurden von Jean de La Brune und Charles Icard deshalb herausgegeben, da sie die Sprache in Calvins fr. Originalausgabe als „barbarisch“ und zu weit vom damaligen Sprachgebrauch der Zeit entfernt ansahen (Millet 2012a: 314-315). Die Änderungen fallen allerdings derart gravierend aus, dass Millet (2012a: 325) zufolge der Calvinsche Sprachduktus nicht mehr erhalten bleibt. 16 Vgl. Millets (1992: 860) Einschätzung und Hinweis auf die für den Leser hilfreiche Einleitung Benoîts (1957) zu der Entstehungsgeschichte der fr. Ausgabe 1560. <?page no="238"?> 226 5 Empirische Aufbereitung des Textkorpus 8) auf Basis der französischen Ausgabe aus dem Jahr 1560 eine neue Edition herstellen, die im Gegensatz zu den Calvini Opera die älteren Ausgaben, wie 1541, deutlich zentraler und detaillierter bezüglich der Änderungsprozesse integriert. Sie ermöglicht es, die Änderungen des humanistischen Reformators auf das Wort genau nachzuvollziehen. Als digitaler, OCR-geprüfter Text ist die Edition in Frantext verfügbar und gibt den Text ohne die zahlreichen Querverweise auf die älteren Ausgaben wieder. 17 Bis vor wenigen Jahren war es ein problematisches Unterfangen, eine Edition der ältesten französischen Ausgabe der Institution (1541) zu konsultieren, die den gleichen philologischen Anspruch an den Originaltext und die behutsame Konservierung des damaligen Sprachzustandes zum Ziel hat wie die Benoît- Edition. 18 Millet füllt 2008 mit der Neuherausgabe der Institution de la religion chrestienne die Lücke, die es für die Ausgabe von 1541 zu schließen galt. Zwar existiert eine Edition aus dem frühen 20. Jahrhundert von Jacques Pannier ([1911] 2 1961), doch Millet (2008d: 92, 2011: 389, 2012b: 522) bemängelt mehrfach, dass es diesem an philologischem Geschick im Umgang mit dem Text fehlt. Dies gilt nicht nur für weggelassene (inhaltlich interessante) Marginalien des Originaldrucks, sondern auch für den insgesamt wenig verlässlichen Charakter der Edition. 19 Calvin verwendet zahlreiche Bibelzitate in der Institution , die auch im Zusammenhang mit Latinismen beobachtet werden können. Im Gegensatz zum heutigen wissenschaftlichen Usus, direkte und indirekte Zitate durch die Verwendung der Anführungszeichen klar voneinander zu trennen, verschwimmen die Grenzen durch eine generell freiere Zitierpraxis des 16. Jahrhunderts. Millet entscheidet sich bewusst gegen einen editorischen Eingriff: Il n’était pas question de moderniser l’insertion des citations, notamment bibliques, en introduisant des guillemets, absents du texte de 1541. En effet, on aurait ainsi donné au lecteur l’impression fausse que Calvin prétend reproduire à la lettre un texte donné quand il cite une source, notamment biblique, ou un auteur. En réalité, la culture ancienne de la citation, rarement attachée à la lettre - au sens philologique du terme - de l’autorité alléguée, et la pratique de Calvin, qui cite volontiers de mémoire (des textes d’origine hébraïque, grecque ou latine, retraduits en français), s’opposent à l’usage des guillemets, qui prétendent nous faire voir matériellement, dans un texte, 17 Alle vier Bücher der FR1560 (Ed. Benoît) standen zum Zeitpunkt der Korpuserstellung, ohne Fußnoten und Anmerkungen, in Frantext (R849-852) zum Download zur Verfügung. 18 Benoît (1957: 9) selbst beklagt die geringe Verwendungsmöglichkeit einer zeitgleich entstandenen populärwissenschaftlichen Edition, die ohne kritischen Apparat auskommt und zudem die Sprache modernisiert. 19 Millet verwendet den bis dahin nur wenig bekannten Originaldruck der Stadtbibliothek Bordeaux (ebenfalls in Genf gedruckt). Es existieren zusätzlich noch zwei in Paris gelagerte und bereits von Abel Lefranc und Jacques Pannier editierte Drucke. Vgl. für das editorische Vorgehen Millet (2008d: 87). <?page no="239"?> 5.2 Weitere Texte 227 ce qui provient d’un autre texte. De fait, Calvin ne distingue pas rigoureusement citation et paraphrase du texte cité. Nous avons donc respecté l’usage ancien, celui de Calvin et de ses typographes. Sans inconvénient pour le lecteur moderne, pour les raisons suivantes. (Millet 2008d: 97-98) Aus linguistischer Perspektive ist dies nur zu begrüßen, denn so erhält der Sprachhistoriker die Möglichkeit, den originalen Wortlaut zu studieren. Modernisierungen nimmt der Editor sehr behutsam vor (vgl. Millet 2008d: 90-98). Sie betreffen beispielsweise zum besseren Leseverständnis die durchgehende Akzentuierung bei Verbendungen, wie sie im heutigen Französisch anzutreffen sind (z. B. <-é>, <és> etc.). Außerdem werden Abkürzungen aufgelöst und typographische Fehler korrigiert. Die Interpunktion wurde unter diesem Gesichtspunkt ebenfalls umfangreich angepasst. Millet verweist darauf, dass die Überprüfung der Satzgrenzen am lateinischen Ausgangstext 1539 erfolgen kann und durch die Eingriffe dennoch die „nature grammaticale de la phrase calvinienne“ (Millet 2008d: 96) gewahrt bliebe. Da das Untersuchungskorpus der vorliegenden Studie drei weitere Texte umfasst, scheint dies eine hinnehmbare Verwendungseinschränkung zu sein, die, falls überhaupt notwendig, durch Konsultation der Originaldrucke ausgeglichen werden kann. Ferner muss das finale Satzzeichen nicht als vergleichendes Kriterium herangezogen werden, da es für die Untersuchung der AcI-Konstruktion von nachrangigem Interesse ist. Die Identifizierung des AcI erfolgt über die Erkennung des Infinitivs in Präsenz eines übergeordneten regierenden Verbs. Insgesamt soll dies soll nur ein Beispiel für die sorgfältige Editionsarbeit Millets in der Reproduktion des Originaltextes von 1541 sein und an dieser Stelle genügen. Die rezente Edition (2008) der Ausgabe FR1541 liegt in digitaler Form vor und kann, entsprechend aufbereitet, für das Untersuchungskorpus verwendet werden. 5.2 Weitere Texte Das Untersuchungskorpus umfasst die vier vorgestellten Ausgaben der Institutio(n) , die einen umfassenden Vergleich der sprachkontaktlichen Transferprozesse, die bei der Übertragung der latinisierenden Konstruktion des Accusativus cum Infinitivo stattfinden, ermöglichen. Die hieraus gewonnenen Ergebnisse werden zudem mit weiteren Texten Calvins abgeglichen (vgl. 5.2.1-5.2.2), um den AcI- Gebrauch intraindividuell im Nähe-Distanz-Kontinuum nach Koch/ Oesterreicher ( 2 2011: 13) zu verorten. Darüber hinaus erfolgt ein interindividueller Vergleich mit distanzsprachlich geprägten Textsorten der zeitgenössischen Autoren Michel de Montaigne sowie François Rabelais (vgl. 5.2.3). <?page no="240"?> 228 5 Empirische Aufbereitung des Textkorpus 5.2.1 Jean Calvin: Briefkorrespondenzen und Predigten Die Forschung zum Sprachzustand des Französischen im 16. Jahrhundert beschränkt sich hauptsächlich auf Texte (stark) distanzsprachlicher Natur. Diese Schwerpunktsetzung hängt damit zusammen, dass der gelehrte Diskurs in der Renaissance vorrangig in schriftlicher Form stattfindet und per se distanzsprachlich ist. Das Prestige des Lateins beschränkt sich nicht auf die Sprache, sondern auch auf die Textgattung. Erst in jüngerer Zeit, gerade auch in Rückgriff auf das Nähe-Distanz-Kontinuum von Koch/ Oesterreicher ( 2 2011), rücken Fragen in den Fokus, die auf nähesprachliche Elemente in schriftlichen Texten eingehen. Ziel ist es, Einblicke in die Mündlichkeit einer Epoche zu erhalten, die längst vergangen ist und keine Sprachzeugen mehr bieten kann. Die empirische Auseinandersetzung erfolgt in der vorliegenden Arbeit mit einer Primärquelle hochgradig distanzsprachlichen Charakters. Calvins Institution wurde schriftlich von ihm abgefasst und für eine gelehrte wie auch weniger gelehrte Leserschaft entworfen. Nähesprachliche Elemente, wie zitierte Dialoge aus der Bibel, könnten anzutreffen sein, doch eine indirekte Wiedergabe scheint gleichwohl wahrscheinlicher. Dennoch stellt sich die Frage, ob syntaktische Latinismen grundsätzlich und ebenso in der Nähesprache auftreten können, denn dies würde zugleich die Argumentation stärken, dass es sich bei den Latinismen weniger um Übersetzungsrelikte als vielmehr um in das sprachliche Wissen Calvins übergegangene und verankerte Prestigekonstruktionen handelt. Dies setzt einen durchaus starken Einfluss der Distanzsprache auf die Mündlichkeit voraus. Aufgrund fehlender, nicht mehr lebender Zeugen wird die Untersuchung dessen erschwert, doch ließe sich durch eine entsprechende Textauswahl eine Rekonstruktion vornehmen. Die Texte sind im Nähe-Distanz-Kontinuum so auszuwählen, dass sie zwar schriftlicher Natur, aber deutlich nähesprachlich geprägt sind. 20 Skupien Dekens (2018: 72) weist jüngst darauf hin, dass Predigten ein geeignetes Textgenre hierfür sein können, zumal dieses für das 16. Jahrhundert bislang kaum exploriert wurde. Von größtem Interesse ist ihr Hinweis, dass Calvin diese Textsorte selbst intensiv vorbereitet und bei einigen Predigten nichts überarbeitet. Hinzu kommt der Um- 20 Wie Krefeld (2015) darlegt, ist es wichtig, die unmittelbar produzierte Sprache vom Medium (ob phonischer, graphischer oder taktiler Natur) klar zu trennen. Diese Unterscheidung korrigiert die Auffassung von Koch/ Oesterreicher ( 2 2011) und stärkt die Bedeutung des Mediums gegenüber der natürlichen Sprachproduktion. Im Kontext der Predigten muss sich also zum einen vor Augen geführt werden, dass Calvins mündlich produzierte Sprachnachricht durch einen Schreiber verschriftlicht, also mediatisiert, wird. Zum anderen, zeigt sich, dass Schriftlichkeit nicht ausschließlich mit kommunikativer Distanz einhergeht (Krefeld 2015: 271), sondern gleichwohl Raum für nähesprachliche Elemente lässt. Die konzeptionelle Unterscheidung zwischen Nähe und Distanz ist daher vor dem Hintergrund des jeweiligen Mediums zu betrachten. <?page no="241"?> 5.2 Weitere Texte 229 stand, dass er sich lange vor einer Publikation sperrt, da sie ihm nicht elaboriert genug erscheinen (vgl. Skupien Dekens 2018: 73-74). Inhaltlich knüpfen die Predigten außerdem an die in der Institution niedergeschriebenen Überlegungen an (vgl. Nijenhuis 1981: 580); der sprachliche Ausdruck wird jedoch in den Predigten teilweise als äußerst lebhaft eingeschätzt (vgl. Bachofner 1922: 30). Als Zwischenstufe zwischen der Institution und den sermons im Nähe-Distanz-Kontinuum ist die Auswertung einer privaten Briefkorrespondenz Calvins denkbar, die Einblick in ein hochgradig formalisiertes Textgenre gibt, welches jedoch weitaus freier formuliert sowie nicht über mehrere Jahre hinweg überarbeitet wird. Da Calvin die AcI-Konstruktionen in seiner Überarbeitung 1560 beibehält, entfernt oder beispielsweise in einen Objektsatz verändert, muss gefragt werden, ob nicht auch ein Einfluss der Nähesprache auf die Distanzsprache zu verzeichnen ist. Dies wird durch die Feststellung bestärkt, dass die oben genannten Predigten in Calvins Genfer Zeit eine beachtliche Textmenge ergeben: 21 Pourtant, sa production écrite ne représente qu’une petite partie de l’ensemble de son utilisation de la langue française. Pendant les 23 années de son ministère à Genève (1541-1564), le pasteur a dû prononcer environ 5.000 sermons, chacun d’une durée d’une heure (donc entre 6.000 et 7.000 mots)—ce qui donne une estimation brute d’à peu près 33 millions de mots prononcés en chaire. Son expérience dans le maniement du français se compose plus de l’oral que de l’écrit. (Higman 2004: 23) Zum Vergleich ergibt Gilmonts Schätzung des Umfangs der einzelnen Texte in den Calvini Opera circa 3.980.900 Wörter (vgl. Gilmont 1997: 371-373). Dies beinhaltet noch nicht die Übersetzungsarbeit, doch selbst diese mit eingerechnet, sind 33 Millionen Wörter nicht zu erreichen. Es ist damit nur ein Bruchteil der Predigten schriftlich bekannt. Calvins Commentarii sind aus einigen mündlichen Textformen ( congrégations, sermons, leçons ) hervorgegangen und ergeben insgesamt etwa 2.633.500 Wörter (vgl. Gilmont 1997: 374-375). Die Predigten sind folglich zum einen für weitere Arbeiten Calvins die inhaltliche Grundlage und zum anderen rechtfertigt sich ihre Untersuchung aus dem großen, bislang weitgehend unbeachtet gebliebenen Textumfang. Higman (2004: 23) nimmt demnach ebenfalls einen starken Einfluss der Mündlichkeit auf die geschriebene Sprache bei Calvin an. Relativ viele Wiederholungen Calvins in seinen Predigten stellt bereits Engammare fest, welcher sich Higman (2004: 34) zufolge nicht sicher sei, ob dies auf eine „bonne pédagogie“ zurückzu- 21 Calvin predigt zu Beginn seiner Genfer Zeit besonders häufig, nahezu an jedem Wochentag: „It was intended originally that he preach twice on Sundays and once on Mondays, Wednesdays, and Fridays, but early on he was already conducting services every day. On September 11, 1542, the Council decided that he should not preach more than once on Sundays (CO 21: 302)“ (Greef 2008: 93). Vgl. de Greefs Auflistung (93-100) zu bereits veröffentlichten, noch nicht edierten und noch nicht aus Archiven geborgenen Predigten sowie weiter oben Anm. 42 in Kap. 3. <?page no="242"?> 230 5 Empirische Aufbereitung des Textkorpus führen sei oder schlichtweg auf die Ermangelung an inhaltlichem Stoff. 22 Vor dem Hintergrund der humanistischen Ausbildung Calvins scheint die erste Option eindeutig wahrscheinlicher, nicht zuletzt da bekannt ist, wie viel Zeit seines Lebens Calvin gearbeitet hat und welchen Stellenwert die Institutio(n) letztlich als Referenzquelle für die Predigt hat (vgl. Selderhuis 2009: 158-159). Es ist so kaum vorstellbar, dass ihm das nötige Redematerial regelmäßig (! ) ausgegangen sein soll. Die Psalmen und die Bibel insgesamt nehmen in der Predigt einen zentralen Platz ein, ebenso wie die freie Rede, da Calvin aufgrund zahlreicher Verpflichtungen regelmäßig die Zeit für eine profunde Ausarbeitung seiner Predigten (nach eigenem Empfinden) fehlte. Wiederholungen sieht Calvin dabei als Notwendigkeit eines lebenslangen Lernens gegenüber Gott und Korrektur des mit Sünden behafteten eigenen Lebenswegs an (vgl. Selderhuis 2009: 137, 141). Sie sind damit auch als charakteristischer Teil der Textform Predigt einzuordnen. Insgesamt stellt es sich Higmans Ansicht eher so dar, dass die stetige Entwicklung im Schriftbereich in konsequenter Weise zu einem weiteren Ausbau der Elaboriertheit im Distanzbereich führt und von einem Einfluss der gesprochenen Sprache nicht zu sprechen sei (vgl. Higman 2004: 34). Möglicherweise ist dies mit dem Théodore de Bèze zugeschriebenen interessanten Ausspruch gemeint: „Car entre autres choses, Dieu luy avoit encores fait ceste grace qu’il parloit quasi tout ainsi comme il escrivoit“ (Aubert u. a. 1970: 18). Bachofner (1922: 30) und Millet (1992: 869, 2008c: 51) sprechen sich jedoch sehr wohl für einen Einfluss der gesprochenen Sprache auf Calvins Institution aus, womit die Anwendung der teils als schwerfällig bezeichneten, latinisierenden AcI-Konstruktion in den späteren Ausgaben in Frage gestellt wird. Der Sprachgebrauch ist in der letzten französischen Ausgabe FR1560 „technisch präziser“ oder unmittelbar näher am Leser (Millet 2008c: 51). Hieraus leitet sich die Frage ab, inwieweit die veränderten Textstellen auch die sprachliche Überarbeitung latinisierender AcI-Konstruktionen betreffen. Es fehlt schlussendlich an linguistischen Untersuchungen in diesem Bereich, die diese stilistisch geprägte Einschätzung untermauern und Klarheit über den Einsatz des AcI verschaffen könnten. Für die Erkundung des Einflusses der Nähesprache eignen sich auch private Briefkorrespondenzen (vgl. Koch/ Oesterreicher 2 2011: 148, 192). Auch hier ist eine erfreuliche Quellenlage zu konstatieren, sodass in der Rekonstruktion des AcI-Gebrauchs auf Calvins Briefe zurückgegriffen werden kann. Bonnet (Calvin 22 Einen Beleg für Engammares Aussage führt Higman nicht an. In einer vorherigen Fußnote findet sich ein Verweis auf ein zum damaligen Zeitpunkt jüngst erschienenes Werk Engammares, welches eine Predigt Calvins editiert. Hierin merkt er unter anderem an, dass die wiederholende Zusammenfassung der Predigt des Vortags zum festen Ablauf Calvins gehört, allerdings auch, dass dies nur ein Bruchteil des Gesagten darstellt und der Reformator so dennoch hohe Ansprüche an die Aufmerksamkeit seines Publikums stellt (vgl. Engammare 2000: 15-16). <?page no="243"?> 5.2 Weitere Texte 231 [1538-1554] 1854: XVII) vergleicht die Briefe mit dem Vorwort zur Institution und hebt dabei neben ihrer Gleichwertigkeit auch ihre herausragende Eloquenz hervor, die auf eine distanzsprachliche Markierung hindeutet. Für mein Untersuchungskorpus wähle ich zwei in Frantext verfügbare Texte aus, die den als eher nähesprachlich zu bewertenden Kategorien der Briefkorrespondenz und Predigt entsprechen: Lettres à Monsieur et Madame de Falais und Quart volume contenant 57 sermons faictz depuis le 42e chapitre du livre des revelations du prophete Isaye . 23 5.2.2 Jean Calvin: Traktate Traktate sind Abhandlungen, die ein spezifisches Thema umfassen. Sie ergänzen das Untersuchungskorpus, da sie im Vergleich zur Institution ebenfalls distanzsprachlich markiert und ein Produkt schriftlich konzipierter, reflektierter Ideen sind - im Gegensatz zu Predigten, die spontansprachlich geprägt sind. Im Unterschied zur Institution sind sie deutlich kürzer und beschränken sich auf ein einzelnes Hauptthema, während Calvin in der Institution , folgt man der Kapitelanzahl, 17 (FR1541) und später 80 Thematiken (FR1560) behandelt. Ich wähle für das Untersuchungskorpus zwei weitere in Frantext enthaltene Texte aus: Advertissement contre l’astrologie (1548) sowie Des scandales (1550). 24 Den Briefen, Predigten und dem ausgewählten Advertissement ist gemeinsam, dass sie nicht aus dem Lateinischen übersetzt wurden. 25 Das französische Traktat Des scandales hingegen basiert auf einer lateinischen von Calvin publizierten Version ( De scandalis ). Die Autorenschaft Calvins bezüglich der französischen Übersetzungen der Traktate ist grundsätzlich schwierig zu sichern, wie Higman (1967: 11) feststellt. Im vorliegenden Fall des Textes Des Scandales darf es nach einem dokumentierten Briefwechsel mit Farel im November 1550 jedoch als gesichert gelten, dass Calvin, wenngleich mit einem Sekretär zusammen, das Traktat zeitintensiv übersetzt hat (vgl. Fatio/ Rapin 1984: 36). Für meine Arbeit ist die Bilanzierung des sprachlichen Zustands des Traktats durch Fatio/ Rapin (1984: 36-37) von Interesse. Sie beschreiben, dass die Übersetzung zwar in erster Linie eine ausgeprägte inhaltliche Treue zum Quelltext aufweist, in sprachstilistischer Hinsicht jedoch von dem Modell abweicht. Dennoch stelle sich das Traktat dabei in eine Reihe mit anderen französischen Texten des Reformators 23 Die in Frantext verwendeten Siglen sowie Informationen zu den zugrunde liegenden Editionen werden in der Bibliographie aufgeschlüsselt. Frantext gibt die Wortanzahl jeweils wie folgt an: Lettres [...] (S583) 33.603 Wörter und [...] 57 sermons [...] (B022) 133.454 Wörter. 24 Frantext gibt die Wortanzahl jeweils wie folgt an: Advertissment [...] (R656) 11.880 Wörter, Des scandales (R967) 47.199 Wörter. 25 Bzgl. einer Übersetzung des fr. Textes des Advertissment contre l’astrologie in die lt. Sprache, vgl. Millet (1985: 42). <?page no="244"?> 232 5 Empirische Aufbereitung des Textkorpus Calvin, da der Text deutliche Tendenzen zu einer lesefreundlichen Übersetzung aufweise, um die Übertragung schwerfälliger lateinischer Wendungen zu vermeiden. Eine latinisierte Wortstellung, z. B. durch Inversion, schließen Fatio/ Rapin außerdem aus. Diesem allgemein gehaltenen Urteil zufolge dürften also eher wenige AcI-Konstruktionen in der französischen Übersetzung zu erwarten sein. Dieses Traktat, aber auch die anderen ausgewählten Texte Calvins wurden mit dem Ziel ausgewählt, mögliche Einflüsse durch den Translationsprozess aufzudecken. Auch Auswirkungen durch die Nähesprache ließen sich beispielsweise in einer signifikant geringeren Okkurrenzhäufigkeit latinisierender Strukturen nachweisen, wenn vorausgesetzt wird, dass der AcI ein Phänomen der Distanzsprache ist. Die Verschriftlichung der zunächst phonisch realisierten Predigten Calvins erfolgt durch den Tachygraphen Denis Raguenier (vgl. Engammare 2021: 133-136; Gilmont 1997: 106-116; Skupien Dekens 2014: 83, 2018: 73). Auch im Traktat gegen die Astrologie ist die absichtliche Übertragung des gesprochenen Wortes in Form des Diktats nachgewiesen (vgl. Gilmont 1997: 176) und im Fall der Institution (1560) zumindest teilweise angenommen. 26 Doch da sie im Gegensatz zur Predigt von Beginn an als geschriebene Texte konzipiert sind, sind sie stärker distanzsprachlich markiert. Inhaltlich sind darüber hinaus sowohl in den Predigten als auch im Traktat zahlreiche Anknüpfungspunkte zur Institution gegeben. 5.2.3 Michel de Montaigne: Essais (1572-1592) und François Rabelais: Pantagruel (1532-1564) Das Subkorpus zeitgenössischer Texte dient der Einordnung der bei Calvin erhobenen Ergebnisse auf einer interindividuellen Ebene. Es soll zeigen, in welchem Maß die prestigereiche AcI-Konstruktion bei zwei bekannten Zeitgenossen verbreitet ist: dem Ordensbruder und Mediziner François Rabelais (*ca. 1494 - †1553) aus der Touraine sowie um dem Juristen Michel de Montaigne (*1533-†1592) aus Bordeaux. 27 26 Vgl. für Calvins Positionierung zur Astrologie FR1560, I, 5: 69, 72. 27 Montaigne war Bürgermeister von Bordeaux und wie Rabelais gläubiger Katholike. Das Schloss seiner Familie befindet sich 50 Kilometer westlich, an der Grenze zwischen den historischen Provinzen Guyenne und Périgord. Die konfessionellen Spannungen sind dort für ihn deutlich spürbar wie Lestringant (2006: 353) betont: „Montaigne est entouré de protestants. [...] Montaigne est un catholique isolé en pays hérétique. ‚Chez moy, en pays sauvage‘ (III, 5, 875), écrit-il [...]. On serait tenté de traduire: chez Montaigne, en pays huguenot. Vers le milieu des années 1580, alors que les guerres civiles redoublent, son château est situé sur le passage des armées protestantes [...]. Montaigne fait sonner ses cloches, alors que partout ailleurs les cloches se sont tues ou sont été fondues. Il célèbre la messe [...]“. <?page no="245"?> 5.2 Weitere Texte 233 Die Pentalogie Rabelais’, die in Romanform die Geschichte zweier Riesen, Gargantuas und seines Sohn Pantagruel, erzählt, entsteht zwischen den Jahren 1532/ 33 und 1552 (vgl. Hausmann/ Zimmermann/ Grimm 5 2006: 147). Die Sprache Rabelais’ ist im Vokabular außerordentlich abwechslungsreich (vgl. Sayce 2 1958: 112) und nach humanistischen Prinzipien und Vorbildern wie Erasmus gestaltet (vgl. Hausmann/ Zimmermann/ Grimm 5 2006: 147, 149). 28 Die Bedeutung antiker Autoren zeichnet sich stellenweise auch im Roman ab. An einer Stelle im Pantagruel verurteilt Rabelais so jene, die weder Griechisch noch Latein könnten, als Sprecher „ihrer barbarischen Sprache“ und, dass sie einen Stil wie Köche oder Schornsteinfeger hätten (vgl. Rabelais [1542] 1997: 112). In seinen Romanen lassen sich außerdem zahlreiche christliche Anspielungen, wie in den Namen der Hauptprotagonisten Gargantua und Pantagruel, finden: Die sprechenden Namen der Könige verweisen auf Schlund und Durst, und das ist programmatisch: Der Durst ist der Wissensdurst der Epoche; der Wein, der den Durst löscht, kann aber auch als Symbol des Abendmahls aufgefasst werden, über dessen Bedeutung sich die Konfessionen zerstreiten. (Hausmann/ Zimmermann/ Grimm 5 2006: 148) Dieser Streit manifestiert sich im Verbot der Werke Rabelais’ in Genf zur Jahrhundertmitte (Bouttier-Couqueberg 1997: XXII) sowie in Calvins Aussage in Des scandales : Les autres, comme Rabelais, Degovea, Deperius et beaucoup d’autres que je ne nomme pas pour le present, après avoir gousté l’Evangile, ont esté frappez d’un mesme aveuglement. Comment cela est-il advenu, sinon que desja ils avoyent par leur outrecuidance diabolique profané ce gage sainct et sacré de la vie eternelle? [...] Les chiens dont je parle, pour avoir plus de liberté à desgorger leurs blasphemes sans reprehension, font des plaisans; ainsi voltigent par les banquets et compaignies joyeuses, et là en causant à plaisir, ils renversent en tant qu’en eulx est toute crainte de Dieu; vray est qu’ils s’insinuent par petis broquards et faceties, sans faire semblant de tascher sinon à donner du passetemps à ceulx qui les escoutent. (c-sca: 139-141) Der Pantagruel ist durch seine sprachliche Gestaltung, seinen stellenweise sichtbaren Bezug zur Antike, seinen Umfang und seine frühe Entstehungszeit, noch vor der Institution , ein lohnenswerter Untersuchungsgegenstand. Der Text ist zudem nicht rein distanzsprachlich, sondern durch seine zahlreichen Dialoge und häufig lockere Umgangssprache auch mit Elementen der Nähesprache durchsetzt. Dies unterscheidet ihn stark vom nachfolgend besprochenen Hauptwerk 28 Vgl. zur lexikalischen Reichhaltigkeit Rabelais’ Sprache den Kommentar von Bouttier- Couqueberg (1997: XX): „Rabelais est un amoureux du langage. Il collectionne les mots, archaïques, savants, dialectaux... Il mêle les registres, du soutentu à l’obscène. Il se plaît aux énumérations interminables. Il reproduit ou il imagine les proverbes qui souvent feront fortune. Il goûte les images, les termes concrets et expressifs“. <?page no="246"?> 234 5 Empirische Aufbereitung des Textkorpus Montaignes. 29 Die umfassendste Studie zu den syntaktischen Charakteristika der Sprache Rabelais’ ist die im Jahr 1894 veröffentlichte Monographie von Huguet ([1894] 1967). Sie gibt auch einen ersten Anhaltspunkt in Bezug auf die gelehrte Form des AcI, welche Huguet ([1894] 1967: 213) „assez souvent“ bei Rabelais umgesetzt sieht. Die angeführten Belege zeugen von einer abwechslungsreichen Verwendungspraxis, wenngleich auffällt, dass keiner der Belege aus dem Pantagruel entnommen ist. Es wird daher zu prüfen sein, ob für den ersten Band der Pentalogie die von Huguet ([1894] 1967) getroffenen Beobachtungen zutreffend sind. Um gegebenenfalls festzuhalten, dass Unterschiede in der Verwendungshäufigkeit zwischen den einzelnen Werken vorliegen, werde ich zudem das vierte Buch, Le Quart Livre , das von der Seereise des Pantagruels berichtet, mit in die Untersuchung einbeziehen. Die Essais von Michel de Montaigne entstehen mit etwa 40 Jahren Zeitunterschied deutlich später. 30 Sie, genauso wie die Pentalogie von Rabelais und die Institution von Calvin, werden in einem Zeitraum von etwa zwei Jahrzehnten angefertigt und stellen das Hauptœuvre des Autoren dar. Die Textform der Essais ist neu und von besonderem Wert für die Entwicklung der französischsprachigen Lehre der Philosophie. Er ist der erste französische Philosoph von Rang, der in der Muttersprache schreibt, sich aber eher nach dem Usus als den Grammatiken richtet. Im Sinn der Pléiade bereichert er seine Ausdrucksmittel um Neologismen, Latinismen, Gascognismen und andere Dialektismen, ist Abstraktionen abhold und liebt Bilderreichtum, bleibt dabei aber stets überschaubar. (Hausmann/ Zimmermann/ Grimm 5 2006: 157) Charakteristisch für Montaignes autobiographisch geprägtes Werk sind außerdem die regelmäßig eingeschobenen lateinischen Zitate sowie die Ich-Form, in der der Autor von Beginn an schreibt. Angesichts des Erfolgs der Essais lässt sich mit Winter-Froemel/ Posth (2023: 450) festhalten, dass Montaigne eine neue Diskurstradition etablierte. Im eklatanten Gegensatz zu Calvin schickt sich Montaigne zudem nicht an, seine Arbeiten einer Revision zu unterziehen. 31 Au demeurant, je ne corrige point mes premieres imaginations par les secondes; ouy à l’aventure quelque mot, mais pour diversifier, non pour oster. Je veux representer le progrez de mes humeurs, et qu’on voye cháque piece en sa naissance. Je prendrois plaisir d’avoir commencé plustost et à reconnoistre le trein de mes mutations. Un valet qui me servoit à les escrire soubs moy pensa faire un grand butin de m’en desrober 29 Frantext gibt die Wortanzahl jeweils wie folgt an: Pantagruel (R422) 40.921 Wörter, Le Quart Livre (E013) 59.942 Wörter und Essais (R405) 135.499 Wörter. 30 Vgl. Sayce ( 2 1958) zu stilistischen Parallelen und Unterschieden in beiden Texten. 31 Vgl. Engammare (2021: 19) für eine weitere Äußerung Montaignes. <?page no="247"?> 5.3 Digitale Aufbereitung der Daten 235 plusieurs pieces choisies à sa poste. Cela me console qu’il n’y fera pas plus de gain que j’y ay fait de perte. (Montaigne [1592] 1965: 759) Im Gegenteil beschreibt er dem Leser, wie groß ihm seine Freude an der Beobachtung des eigenen Textfortschritts ist. Interessant ist auch die Bemerkung über seinen Hausdiener, der ihm beim Abfassen hilft. Auch hier ist das Diktat also wesentlicher Bestandteil des Redigierens. Aufgrund des Umfangs und der zeitlich in die zweite Jahrhunderthälfte fallenden Abfassung wird das dritte Buch der Essais in das Untersuchungskorpus aufgenommen. Die oben von Hausmann angesprochenen Latinismen sind nicht nur auf der Ebene des Wortschatzes zu erwarten, sondern durch die intensive Auseinandersetzung Montaignes mit klassisch-lateinischen Autoren der Römischen Antike auch auf syntaktischer Ebene. Und in der Tat werden vereinzelt Okkurrenzen des gelehrten AcI bei Montaigne (und Rabelais) von Gougenheim ( 2 1974: 156) oder Fragonard/ Kotler (1994: 92) u. a. angemerkt, sodass die Analyse und der Vergleich mit dem Hauptuntersuchungskorpus im Rahmen dieser Studie aussichtsreich sind. 5.3 Digitale Aufbereitung der Daten Die digitale Aufbereitung der Textdaten ist ein komplexer Verfahrensprozess mit dem Ziel, ein Belegkorpus zur Untersuchung französischer AcI-Konstruktionen bei Calvin und seinen Zeitgenossen zu erstellen (vgl. 5.3.3). Hierfür sind diverse textuelle Vorarbeiten (vgl. 5.3.1) sowie das Wissen aus der Erstellung eines digitalen Paralleltextkorpus ausgewählter Kapitel (vgl. 5.3.2) notwendig. 5.3.1 Textaufbereitung Die vier ausgewählten Texteditionen der Institutio(n) liegen in unterschiedlichen Dateiformaten vor und wurden zur Erstellung eines digitalen Textkorpus aufbereitet. Dies umfasst keine Eingriffe in die Graphie oder in die Interpunktion. Falls Änderungen im Vergleich zu den originalen Drucken vorliegen, gehen diese auf die Editionen oder die ausgewählten Datenbanken zurück. Für die Erstellung des digitalen Korpus wurden die ausgewählten Texte in ein Textformat mit UTF-8-Kodierung konvertiert. Die Kodierungsart stellt die korrekte Wiedergabe von Sonderzeichen im Französischen sicher und umfasst die Zeichensätze für griechische und hebräische Wortbeispiele, die Calvin regelmäßig im Text anbringt. Anführungszeichen, Sonderzeichen und Bibelverweise <?page no="248"?> 236 5 Empirische Aufbereitung des Textkorpus werden zur späteren leichten Identifizierung mit spezifischen Tags ausgezeichnet. Eine besondere Aufgabe stellt die Auszeichnung der Buch-, Kapitel- und Paragraphenstruktur dar, deren Gliederung für die nachfolgende Alignierung die Basis bildet. Mit Hilfe der synoptischen Tabelle in LT1539 und der modernen Edition FR1560 von Benoît (1957) ist es so gelungen, eine Konkordanztabelle der vier Editionen zu erstellen, die die Reihenfolge und Umstellung der einzelnen Kapitel visualisiert. Diese schrittweise Annäherung an die vier Ausgaben ist von außerordentlichem Interesse, da so die Umstellungs- und Veränderungsprozesse Calvins auf Textebene transparent werden und eine linguistische Untersuchung ermöglicht wird. Die sich daraus ergebende komplexe Alignierungsarbeit bildet die Basis zur Erstellung des digitalen Paralleltextkorpus und des Untersuchungskorpus der Institution . Im Paralleltextkorpus werden alle vier Editionen auf Satzebene aligniert (vgl. 5.3.2). Im Untersuchungskorpus erfolgt eine Alignierung aller AcI-Konstruktionen mit overtem Infinitiv mit ihren lt. und fr. Satzentsprechungen (vgl. 5.3.3). Um eine Vorstellung davon zu erhalten, in welchem Umfang die Texterweiterungen ausfallen, die Calvin in regelmäßigen Abständen im Zeitraum von 1535 bis 1559 für die lateinische Ausgabe vornimmt, empfiehlt sich ein Blick auf Tab. 5. Erscheinungsjahr Wortanzahl Wortzuwachs Zuwachsrate 1535 85.000 — — 1539 200.000 +115.000 +135% 1542 250.000 +50.000 +25% 1550 275.000 +25.000 +10% 1559 450.000 +175.000 +64% Tab. 5 - Zuwachsraten nach der in Gilmont (1997: 371-373) angegebenen Wortanzahl Die Zuwachsrate fällt zu zwei Zeitpunkten besonders hoch aus. Dies gilt für den Druck von 1539, welcher die Übersetzungsgrundlage für die französische Erstausgabe der Institution bildet, und für die letzte zu Lebzeiten von Calvin für den Druck freigegebene Ausgabe im Jahr 1559. Von 1535 nach 1539 sowie von 1539 nach 1559 wird der Textumfang jeweils mehr als verdoppelt. Die letzte Erweiterung resultiert zu großen Teilen aus der über zwanzigjährigen Praxis Calvins als Prediger und führende geistliche Figur in Genf. <?page no="249"?> 5.3 Digitale Aufbereitung der Daten 237 5.3.2 Digitaler Paralleltext der Institution Die Annäherung an die vier im Blickfeld stehenden Ausgaben der Institutio(n) erfolgt in einer Anfangsphase der Studie über die Konsultation der Editionen im analogen und daraufhin digitalen Format. Die zu Beginn unübersichtlich wirkende und zwischen den beiden Textfamilien der Ausgaben LT1539/ FR1541 und LT1559/ FR1560 eklatant abweichende Gliederungsstruktur erschwert jedoch den Vergleich und die Suche nach latinisierenden syntaktischen Strukturen im Hauptwerk Calvins. Die modernen Editionen der Calvini Opera sowie Benoîts (1957) sind hierbei eine wesentliche Hilfe, da sie ausgedehnte und detaillierte textsynoptische Hinweise in den Fußnoten geben. Doch sie vergleichen jeweils nur die Ausgaben der Institutio(n) in den einzelnen Sprachen Latein sowie Französisch und schlagen untereinander nicht die Brücke im Sinne eines Paralleltextes. 32 Dass ein kompletter Paralleltext bislang nicht publiziert wurde, erklärt sich vor dem Hintergrund des enormen Umfangs des Werks. Während die Ausgaben LT1539 und FR1541 in 18 (bereits sehr lange) Kapitel gegliedert sind, zeichnet sich der doppelte Wortzuwachs in den Ausgaben LT1559 und FR1560 auch in der Struktur ab: vier Bücher und 83 Kapitel entstehen in der finalen Fassung. Die Erstellung eines Paralleltextes liegt nicht im Hauptinteresse meiner Studie, denn es sollen Okkurrenzen des AcI untersucht werden, die über die Identifizierung der infiniten Verbformen gesammelt werden können. Dennoch würde die Verwendung des analogen und digitalen Paralleltextkorpus erstmalig einen profunden, parallelen und gleichzeitigen Einblick in die vier Ausgaben der Institutio(n) ermöglichen. Ich beschränke mich daher auf eine exemplarische Referenzgröße von 16 Kapiteln, die ich weiter unten begründe. Ausgehend von der zuvor erwähnten Konkordanztabelle der Kapitel in den Ausgaben LT1539/ FR1541 und LT1559/ FR1560 zeichnet sich ein entscheidender Vorteil für die nachfolgend beschriebene Alignierung ab. Es besteht eine weitgehende Übereinstimmung der Textstruktur in den jeweiligen Textfamilien: LT1539 und FR1541 korrespondieren im Aufbau miteinander, ebenso wie LT1559 und FR1560. Dies vermittelt einen ersten Eindruck davon, dass die französische Übersetzung die Struktur des Quelltextes übernimmt und sich die bei der Erstbegutachtung konstatierte Überarbeitung im französischen Text innerhalb der Paragraphen manifestiert. Das partielle Paralleltextkorpus der Institutio(n) habe ich in vier Schritten mit frei verfügbarer Software bzw. Entwicklungsumgebungen erstellt. Zunächst wurden die umfangreichen Textdateien der vier Ausgaben durch manuelle Aufteilung 32 Kürzere Anmerkungen und Hinweise auf lt. Formulierungen finden sich beispielsweise bei Benoît (1957), wenn die fr. Übersetzung im Wortlaut stark abweicht. <?page no="250"?> 238 5 Empirische Aufbereitung des Textkorpus der Kapitel auf mehrere Einzeldateien in ein übersichtlich strukturiertes Format gebracht. Für die Textalignierung können aufgrund des Umfangs nicht alle 17 bzw. 80 Kapitel berücksichtigt werden. Die Auswahl der Kapitel für den Paralleltext erfolgt daher nach unterschiedlichen, repräsentativen Gesichtspunkten und in Orientierung an der Gliederungsstruktur der Ausgaben LT1559/ FR1560. Ich habe den Anfang des Werkes ausgewählt, da es gemeinhin mit besonderer Aufmerksamkeit des Autors versehen ist. Diese Annahme stellte sich später als korrekt heraus, da die ersten zehn Kapitel des ersten Buches (LT1559/ FR1560) umfangreiche Überarbeitungen und Umstellungen der jeweiligen Textabschnitte in LT1539/ FR1560 aufweisen. Zum Abgleich mit dieser ersten Gruppe wurden die ersten (im Umfang entsprechenden) fünf Bücher des zweiten Buches ausgewählt. Als Referenz wurde schließlich im vierten Buch das umfangreiche erste Kapitel ausgewählt. Insgesamt umfasst das Paralleltextkorpus somit 16 alignierte Kapitel aus zwei lateinischen und zwei französischen Ausgaben mit 270.682 Token bzw. 218.878 Wörtern. 33 Die Alignierung wurde mit der Software LF Aligner (vgl. Farkas 2023) durchgeführt, die eine Erstalignierung automatisch vornimmt. Der Alignierungsmechanismus basiert auf dem Algorithmus der Engine hunalign und nutzt neben der automatischen Erkennung von Satzgrenzen Wörterbücher diverser, vor allem indoeuropäischer Sprachen (vgl. Varga 2014). Ein Vorteil dieser Software ist die Möglichkeit, bis zu 100 Sprachen im gleichen Verarbeitungsschritt miteinander vergleichen zu können. Damit ist die Software für den Vergleich der hier relevanten vier Ausgaben als besonders geeignet einzustufen. Die Satzgrenzenerkennung, die anhand der Interpunktion erfolgt, wird sichtlich verbessert, wenn in den Textdateien die Sätze auf Zeilenebene vor dem Alignierungsprozess voneinander getrennt werden. 34 Auf den automatischen Verarbeitungsschritt folgt eine manuelle Nachbearbeitung der durchgeführten Alignierung auf Satzebene, die insbesondere bei einer lateinisch-französischen Textsynopse aufgrund der sehr unterschiedlichen Satzlängen notwendig ist. Dies bedeutet teilweise die Trennung eines langen lt. Satzes in zwei kürzere, der französischen Ausgabe entsprechende, Sätze. Die Ausgabe der Dateien im tabellengestützten TMX-Format 33 Die Alignierung ergibt die folgenden Einzelvolumina: I, 1: 4.700 Tok.; I, 2: 3.898 Tok.; I, 3: 483 Tok.; I, 4: 5.442 Tok.; I, 5: 19.863 Tok.; I, 6: 5.616 Tok.; I, 7: 8.577 Tok.; I, 8: 14.167 Tok.; I, 9: 5.562 Tok.; I, 10: 4.457 Tok.; II, 1: 2.182 Tok.; II, 2: 53.186 Tok.; II, 3: 31.915 Tok.; II, 4: 12.420 Tok.; II, 5: 3.856 Tok.; IV, 1: 42.158 Tok. Die Wortanzahl (ermittelt anhand der Wortgrenzen, [word="\b.+? \b"]) bemisst in LT1539: 38.248 W., FR1541: 51.078 W., LT1559: 50.116 W. und FR1560: 79.436 W. 34 Hierzu werden in der Originaltextdatei alle Zeilenumbrüche mit dem Ziel entfernt, alle Wörter in eine einzigen Zeile zu positionieren. Danach erfolgt eine systematische Wiedereinführung der Zeilenumbrüche nach jedem Punkt, Ausrufezeichen oder Fragezeichen. So werden etwaige Unregelmäßigkeiten in der Textstruktur auf Satzebene entfernt. <?page no="251"?> 5.3 Digitale Aufbereitung der Daten 239 in UTF-8-Kodierung erlaubt eine nahtlose Weiterverarbeitung. Die TMX-Dateien wurden mit Python automatisch in die zwei nachfolgenden Formate umgewandelt. Zum einen wurden sie in TEX-Dateien für das Textsatzprogramm LaTeX überführt, um die Satzalignierung zu visualisieren, und zum anderen erfolgte die Umwandlung in XML-Dateien, um das Einlesen in ein Konkordanzprogramm für eine digitale Analyse zu ermöglichen (vgl. hierzu TXM in 5.3.3). Auf Textebene werden so die Veränderungsprozesse, die Calvin insbesondere in den ersten zehn Kapiteln des ersten Buches (LT1559/ FR1560) vornimmt, offenkundig. Die in der Literatur immer wieder angeführte Technik Calvins, mit einzelnen Fragmenten früherer Ausgaben zu arbeiten (vgl. Kap. 5.1.2, Marmelstein 1921: 113), lässt sich so bestätigen, aber auch wie einzelne Textpassagen verschoben und aufgeteilt werden. Aus linguistischer Perspektive sind so auch zahlreiche syntaktische Phänomene der Latinisierung im Rahmen des lateinischfranzösischen Sprachkontakts zu beobachten. Zwei zentrale Feststellungen können durch den erstellten Paralleltext für die geplante Erfassung des Accusativus cum Infinitivo getroffen werden: Zum einen wird die Konstruktion regelmäßig verwendet und nicht punktuell eingesetzt. Dies ist in methodischer Hinsicht besonders wichtig vor dem Hintergrund, dass die insgesamt in diesen 16 Kapiteln angetroffenen Belege (61 Stück) für eine quantitative Auswertung nicht ausreichen können und ein Weg zur Erweiterung der Belegmenge gesucht werden muss. Daran schließt sich zum anderen die Beobachtung an, dass der französische AcI in der Institution eine gut zu erfassende Struktur an Konstituenten aufweist. So werden im Gegensatz zum Latein das regierende Verb, der Subjektsakkusativ und der Infinitiv regelmäßig ausgedrückt. Dies erlaubt die systematische Erfassung der Infinitive zur Identifizierung der AcI-Konstruktionen, die im nächsten Abschnitt besprochen wird. 5.3.3 Digitales Untersuchungskorpus der AcI-Konstruktionen In der vorliegenden Studie wird eine empirische Untersuchung eines klar umrissenen Textkorpus durchgeführt. Das Gesamtkorpus umfasst drei größere Textgruppen (vgl. Tab. 6) aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Die Hauptuntersuchung wird in der Gruppe I durchgeführt, die die zuvor vorgestellten vier Ausgaben (LT1539/ FR1541, LT1559/ FR1560) der Institution de la religion chrestienne beinhaltet. Die hieraus gewonnenen Ergebnisse werden dann mit den Gruppen II a und II b abgeglichen. <?page no="252"?> 240 5 Empirische Aufbereitung des Textkorpus Gruppe Sigle Text Jahr Wortanzahl 35 I LT1539 Calvin: Institutio [...] 1539 * 358.823 36 FR1541 Calvin: Institution [...] 1541 350.967 LT1559 Calvin: Institutio [...] 1559 401.305 FR1560 Calvin: Institution [...] 1560 677.095 II a C-Adv Calvin: Advertissement [...] 1548 11.888 C-Sca Calvin: Des scandales 1550 47.084 C-Ser Calvin: Sermons 1558 136.776 C-Let Calvin: Lettres [...] 1543 33.633 II b Rab-I Rabelais: Pantagruel [1532] 1542 37.033 Rab-IV Rabelais: Le Quart Livre 1552 54.360 Mon Montaigne: Essais , Buch 3 1592 92.382 Mittelwert: 1552 Summe: 2.201.346 Tab. 6 - Aufteilung und Umfang des Gesamtkorpus Gruppe II a besteht aus weiteren Texten Calvins, die gemäß ihrem Textgenre (Traktat, Predigt, Brief) und ihrem konzeptionellen Profil (kommunikative Nähe und Distanz) ausgewählt werden: Advertissement contre l’astrologie (1548), Des scandales (1550). Quart volume contenant 57 sermons faictz depuis le 42e chapitre du livre des revelations du prophete Isaye (1558) und Lettres à Monsieur et Madame de Falais (1543). Gruppe II b soll dann den Abgleich mit Texten anderer zeitgenössischer Autoren mit einem ähnlichen Bildungshintergrund ermöglichen. Sie 35 Die Berechnung der Wortanzahl erfolgt nach Bereinigung des Textes von Seitenangaben, Kopfzeilen etc. mittels des regulären Ausdrucks ‘\b \w+? \b’. Ein Abgleich mit der Ausgabe FR1560 in Frantext (680.227 Wörter) ergibt eine Übereinstimmung von über 99,54%. Die Abweichung ist durch unterschiedliche Zählweisen und Berücksichtigung definitorisch schwieriger Einheiten (wie Klitika und Zahlwörter) erklärbar, aufgrund der hohen Übereinstimmung jedoch vernachlässigbar. Die Wortanzahl der 57 Predigten konnte nicht, wie bei den übrigen Texten, selbst errechnet bzw. nachgerechnet werden, da der in Frantext enthaltene Text nicht gemeinfrei und nur über die Onlineplattform nutzbar ist (vgl. C-Ser). Die Wortanzahlen der XML-Datendumps aus Frantext der Texte rab-I und mon weichen von der dort hinterlegten Wortanzahl ab, da z. B. im Fall des Pantagruel ein längeres Nachwort enthalten ist. In Montaignes Essais endet die XML-Datei bereits auf S. 1015. Die Texte rab-IV und c-let sind nicht gemeinfrei, sodass die Wortanzahl direkt in Frantext mittels der genannten Abfrage ermittelt wurde. 36 Die Wortanzahl liegt real deutlich unter 358.823. Die in den Calvini Opera abgedruckte Ausgabe von 1539 wird in Kursivschrift um Stellen späterer bis 1554 erschienener Ausgaben ergänzt. Der Kursivdruck konnte bei der OCR-Erkennung nicht erfasst werden, sodass die Wortanzahl hier den Zustand bis einschließlich 1554 abbildet. Methodisch ist dies kein Problem, da über die korrekte Erfassung des Textes in FR1541 die Passagen in LT1539 referenziert und zitiert werden, die 1539 bereits als Übersetzungsgrundlage fungieren. <?page no="253"?> 5.3 Digitale Aufbereitung der Daten 241 umfasst das dritte Buch der Essais des Juristen Michel de Montaigne sowie das erste und vierte Buch der Pantagruel -Pentalogie von François Rabelais. 37 Im Hauptuntersuchungskorpus (I) wurde keine Beschränkung hinsichtlich der Erfassung der vier Bücher vorgenommen. Damit wird das Werk Calvins im Gesamten erfasst und es müssen methodisch keine Vorbehalte formuliert werden. Denkbar wäre, dass der AcI trotz gegenteiliger Indizien im Paralleltextkorpus über die für die damalige Zeit immense Länge von knapp 700.000 Wörtern in der Ausgabe FR1560 in Abhängigkeit bestimmter Thematiken gehäuft verwendet wird. In einem solchen Fall könnte die ungleichmäßige Verteilung das quantitative Bild verzerren. In Kenntnis der Erfahrung Marmelsteins (1921: V) wäre eine Konzentration auf einen einzelnen Band für eine rein qualitative Studie möglich, würde ihm zufolge aber auch dann die Kenntnis des Gesamtwerks erfordern. Mit Hinblick auf das Ziel der vorliegenden Arbeit, neben qualitativen Erkenntnissen zum AcI auch fundierte quantitative Daten zu erheben sowie aufgrund der geringen Belegmenge im Paralleltextkorpus (vgl. 5.3.2), empfiehlt sich also die Erfassung der AcI-Konstruktionen in allen vier Büchern der Institution . Ziel ist es, in den französischsprachigen Texten des Gesamtkorpus alle Okkurrenzen französischer AcI-Konstruktionen systematisch zu erfassen. Der AcI besteht im Französischen i. d. R. aus dem Subjekt des regierenden Verbs (S 1 ), dem regierenden Verb selbst (V 1 ), dem Subjekt zum Infinitiv (S 2 ) und dem Infinitiv als Kern des AcI (V 2 ). Da die Subjekte in ihrer Form und Satzposition stark variieren (z. B. Nomen vs. Pronomen), ist eine Konzentration auf die Verbalformen zur zuverlässigen Ermittlung des Latinismus zielführender. Zudem ist die Erfassung infinitiver Formen weniger intensiv in der Disambiguierung falsch positiver Treffer als bei finiten, die in Prädikatsfunktion mit dem AcI stehen. Daher werden alle fr. AcI-Konstruktionen mit ausgedrücktem Infinitivkern erfasst. Elliptische Infinitive sind derart gering (im Paralleltextkorpus gar nicht belegt), dass auf eine systematische Erfassung verzichtet wird. In der qualitativen Auswertung werden jedoch vorhandene Auslassungen berücksichtigt. Die Erfassung aller fr. Infinitive wird mit digitalen Methoden realisiert. Die Ausgangstexte werden auf Zeilenebene tokenisiert, um eine Annotation mit TreeTagger vorzunehmen (vgl. Schmid 2022). Dafür wird eine digitale Wörterbuchdatei hinterlegt, die für eine Vielzahl von Sprachen auf Basis trainierter Großkorpora auf der Internetseite des TreeTaggers verfügbar sind. Die mo- 37 Vgl. Le Cadet (2016) zur Entstehungsgeschichte und den Ausgaben des Pantagruel . 1542 soll die letzte von Rabelais geprüfte und zum vierten Mal herausgegebene Ausgabe des Pantagruel veröffentlicht worden sein. Meiner Untersuchung liegt eine editorisch hochwertige digitale Transkription der ersten Ausgabe von 1532 zugrunde (vgl. Rab-I). Ich gebe in Anm. 112 in Kap. 6.2 in direkter Nähe zur Auswertung der Belege weiterführende Hinweise hierzu und vergleiche auch mit der jüngeren Fassung (1542) in Frantext. <?page no="254"?> 242 5 Empirische Aufbereitung des Textkorpus dernfranzösische Datei liefert deutlich bessere Ergebnisse als solche für ältere Sprachstufen (Alt- und Mittelfranzösisch). Im Wesentlichen stellt nur die ältere Graphie wie estre vs. être ein Problem für die automatische Annotation dar. Die annotierten Listen werden manuell mit einem Tabellenprogramm kontrolliert und der Status aller Infinitive verifiziert. Über die Verbendung lässt sich eine zügige Überprüfung der Annotation erreichen. Anschließend werden die ausgezeichneten Dateien mit entsprechender Markierungen (en. tag ) in XML überführt. Dies ermöglicht den Import eines kompletten Textes mit kontrollierter Infinitivannotation in die Konkordanzsoftware TXM (vgl. Heiden/ Magué/ Pincemin 2010; IHRIM, ENS Lyon 2023). In einem nächsten Schritt werden die Listen der Infinitivbelege nach der Zielkonstruktion durchsucht und weiter reduziert. Obwohl sie zunächst umfangreich ist, lässt sich die Menge schnell durch Filterung vorangestellter Wörter verringern. Die Fälle mit den Präpositionen de, à und pour sowie die Verben faire , laisser und falloir werden nach Sichtung konsequent ausgeschlossen. So reduziert sich etwa die Liste der Infinitive in FR1560 von ca. 22.000 Infinitiven auf etwa 3.500 Einträge. 38 Das bei der Erstellung des Paralleltextes gewonnene Wissen um die Struktur der vier Ausgaben der Institution ermöglicht eine aufwendige, manuelle Alignierung aller französischen AcI-Satzbelege mit den Sätzen des lateinischen Quelltexts. So entstehen 451 viergliedrige Paralleltextstellen, die die Verwendung des fr. AcI in den Ausgaben LT1539, FR1541, LT1559 und FR1560 in alignierter Form als Quadrupel zeigen. Zusätzlich wurden weitere 140 Belegpaare aus den Ausgaben LT1539/ FR1541 oder LT1559/ FR1560 erfasst. 5.4 Kriterien und Verfahren zur Untersuchung Zunächst werden geeignete strukturelle Analysekategorien und Subkorpora im Hauptkorpus der Institution bestimmt (vgl. 5.4.1) und anschließend syntaktische Kriterien zur Untersuchung des französischen AcI festgelegt (vgl. 5.4.2). 5.4.1 Analysekategorien und Subkorpora in der Institution Um einen Rückschluss auf die Strategie zum Ausbau der französischen Distanzsprache im Zuge des Prestigeeinflusses der lateinischen Sprache zu erlangen und den Einfluss der Übersetzungspraxis näher zu bestimmen, werden die gesammelten Paralleltextbelege fr. AcI-Konstruktionen in Unterbereiche eingeteilt. So 38 FR1541 umfasst ca. 13.000 Infinitive, die Texte Essais ca. 3.000 und Pantagruel ca. 1.400. <?page no="255"?> 5.4 Kriterien und Verfahren zur Untersuchung 243 können die strukturellen Veränderungen über die vier Ausgaben hinweg mit Identifikationsnummern (fortan id-par) gekennzeichnet werden (vgl. Tab. 7). 39 Bereich Beschreibung Kombination id-par-1- 500 Satzquadrupel LT1539 | FR1541 | LT1559 | FR1560 id-par-2000 - 2499 nur in FR1541 LT1539 | FR1541 | - —- | - —id-par-2500 - 2599 nur in FR1541 (in FR1560 stark verändert) LT1539 | FR1541 | (LT1559) | (FR1560) id-par-4000 - 4099 neu in FR1545 LT1539 | FR1545 | LT1559 | FR1560 id-par-5000 - 5099 neu in FR1551 LT1539 | FR1551 | LT1559 | FR1560 id-par-6000 - 6099 neu in FR1560 - —- | - —- | LT1559 | FR1560 id-par-6500 - 6599 neu in FR1560, da stark verändert (LT1539) | (FR1541) | LT1559 | FR1560 id-par-10000 - 10100 NcI LT1539 | FR1541 | LT1559 | FR1560 id-par-12500 - 12600 NcI, nur in FR1541 da stark verändert LT1539 | FR1541 | (LT1559) | (FR1560) Tab. 7 - Analysebereiche und Identifikationsnummer der AcI-Belege in der Institutio(n) Die meisten Belege liegen im Bereich id-par-1-500 und werden, da sowohl eine Übersetzungsgrundlage in den Ausgaben LT1539/ LT1559 als auch eine französische Übersetzung in den Ausgaben FR1541/ FR1560 besteht, in der Analyse als Quadrupel bezeichnet. Hiermit ist noch keine verbindliche Aussage über die Anzahl der AcI-Konstruktionen getätigt. In diesem Belegbereich ist jedoch immer mindestens ein französischer AcI in der Ausgabe FR1541 oder FR1560 enthalten. Wie der Vergleich des Textumfangs (vgl. Gr. I in Tab. 6) bereits vermuten lässt, gibt es mehr Textpassagen mit AcI-Belegen, die neu hinzukommen als solche, die entfernt werden. Der id-par-Bereich 2000 bis 2599 umfasst dabei die überschaubare Menge entfernter Passagen respektive solche, die so stark in FR1560 verändert wurden, dass sie als solche bewertet werden. Die neu hinzugekommenen Teile im id-par-Bereich 4000 bis 6599 sind nicht nur aufgrund ihrer höheren Anzahl interessant, sondern auch weil sie einen diachronen Einblick in die Sprachentwicklung geben können. Korrigierende Eingriffe, die Rückschlüsse auf die sprachliche Akzeptabilität eines Ausdrucks und den Einfluss des Übersetzungsprozesses zulassen, sind in Abgrenzung hierzu vorrangig im Hauptbereich id-par-1 bis 500 zu beobachten. Da auch die dem AcI ähnelnde Konstruktion des Nominativus cum Infinitivo in der Institution regelmäßig, aber gewiss eher 39 Die Identifikationsnummern id-par sind aufsteigend und eindeutig einem Satzpaar bzw. -quadrupel zugeordnet. Jedoch laufen die Nummern nicht fortlaufend durch, sodass keine Rückschluss von der höchsten Nummer einer Kategorie auf die Gesamtanzahl möglich ist. Dies erklärt sich aus der Identifikation und Überprüfung der zahlreichen AcI-Belege. <?page no="256"?> 244 5 Empirische Aufbereitung des Textkorpus vereinzelt zu beobachten ist, wird sie ebenfalls mit einem Identifikationsnummernbereich 10000 bis 12600 versehen. In diesem Bereich lassen sich ebenfalls textuelle Veränderungsprozesse erfassen, sodass in zwei Unterbereiche untergliedert wird. Die Einteilung in die genannten Analysebereiche ermöglicht zusammenfassend: den Vergleich der Textstellen, die Überprüfung der Übersetzung und die Ermittlung ihres Einflusses; die Klärung der Rolle der fortlaufenden Überarbeitungen Calvins; die Analyse der lateinischen Vorlage und der französischen, latinisierenden Umsetzung sowie die Identifikation fr. AcI-Konstruktionen, die unabhängig vom lt. Quelltext stehen - sei es ohne direktes (= AcI) oder ohne indirektes Modell (= NcI, doppelter Akkusativ, DcI, Partizipialkonstruktionen). 5.4.2 Annotationskriterien Die Untersuchung in Kap. 6 erfolgt auf Grundlage des oben erläuterten Belegkorpus, das die Übersetzung der Belegstellen aus der Institution in alignierter Form zugänglich macht. Wie Keromnes (2016: 115) herausstellt, gewinnen digitale korpusbasierte Studien von Übersetzungen in den letzten Jahren an Bedeutung. Dabei sind sowohl quantitative Ansätze in Großkorpora zur Identifizierung von „Sprachidiomatizität“ anzutreffen als auch kleinere qualitativ ausgerichtete Arbeiten, die „Konvergenzen und Divergenzen zwischen den Übersetzungen“ sichtbar machen. 40 Besonders im Hinblick auf Idiomatizität ist den syntaktischen Latinismen besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Durch die quantitative Analyse großer Belegmengen lässt sich so der Prestigegehalt und die Geläufigkeit einer eigentlich fremdsprachlichen Konstruktion bemessen. Die qualitative Auswertung ergänzt dies durch Textvergleiche und die Herausstellung von Abweichungen vom Quelltext einer Übersetzung. Im Analysekapitel wird daher stets ein quantitativer und qualitativer Blick auf den syntaktischen Transfer angewandt. Diese quantitative Erhebung ist zudem notwendig, da bislang Untersuchungen zu der tatsächlichen Häufigkeit der AcI-Konstruktion im 16. Jahrhundert bzw. bei einem einzelnen Autor wie Jean Calvin fehlen. Der Datensatz wird quantitativ auf zwei Ebenen ausgewertet. Zum einen werden die Unterschiede in den Analysebereichen (vgl. Tab. 7) erfasst, um Einblicke in den Übersetzungsprozess zu gewinnen. Zum anderen wird die AcI- Konstruktion mit Hinblick auf ihre syntaktischen Konstituenten systematisch 40 Vgl. den Originalwortlaut: „on trouve tous les phénomènes liés à l’idiomaticité des langues“ in Bezug auf die quantitative Analyse von Großkorpora sowie „le format électronique permet alors de repérer systématiquement les convergences ou divergences intéressantes entre les traductions“ (Keromnes 2016: 115). <?page no="257"?> 5.4 Kriterien und Verfahren zur Untersuchung 245 erfasst und ausgewertet. Zentrale Kenngrößen sind der Mittelwert sowie die absolute und relative Häufigkeit. Dabei wird, um kleine Stichproben zu vermeiden und zufällige Distributionen zu minimieren, auf einen sinnvollen Schwellenwert geachtet. Der Datensatz ist so strukturiert, dass jedem Beleg eine Zeile zugeordnet wird und alignierte Belege nach einer eindeutigen Identifikationsnummer (s. o. id-par) gruppiert werden. Die Kodierung erfolgt durch eine syntaktische Annotation, die binär im Datensatz eingetragen wird und so die anschließende Subsummierung einzelner Annotationskategorien erlaubt. Die Kritierien für die Annotationskategorien sind sowohl induktiv als auch deduktiv begründet. Die in der Fachliteratur bekannteste Oberkategorie zur Identifikation des AcI und zu dem Ausdruck syntaktischer Abhängigkeitsbeziehung ist das regierende Verb (V 1 ). Wie in Kap. 4.1.1 dargestellt, existiert seit der traditionellen lateinischen Grammatiklehre die Einteilung des Matrixverbs in bestimmte Verbklassen. Nach der kritischen Beleuchtung der Klassifizierung der klt. Verbklassen in unterschiedlichen Grammatiken wird sich für die Verwendung einer detaillierten, neunteiligen Gruppierung entschieden, die auch nach semantischen Gesichtspunkten mehrere Bedeutungen eines Verbs berücksichtigt. Der AcI besteht selbst aus S 2 und V 2 . Dem Subjektsakkusativ kommt bereits bei Stimming (1915: 132, 183-184) eine erhöhte Aufmerksamkeit zu. Er unterscheidet die Anwendung des AcI (nach erfolgter Verbklassenklassifizierung) nach der Form des S 2 als Nominalphrase, als Relativpronomen und als Reflexivpronomen. Im Ergebnis stellt er eine Häufung der Relativpronomen und Weiterverwendung nach dem 16. Jahrhundert fest, sowie einen ausgesprochen gelehrten Charakter des Reflexivum se im AcI. Dies gilt es einerseits im Datensatz zu überprüfen und andererseits weiter zu untergliedern. So ist beispielsweise bislang nicht geklärt worden, welche Relativpronomen verstärkt verwendet werden, ob sich ein Ungleichgewicht zwischen unbelebten und belebten Nomina abzeichnet oder Demonstrativpronomen mehr oder weniger frequent als andere Pronomina eingesetzt werden. Insgesamt ergeben sich so für das S 2 im Datensatz 30 verschiedene Annotationskategorien. 41 Bezüglich des Infinitivs in V 2 -Funktion ist Pionierarbeit zu leisten. Obwohl vereinzelt Einschätzungen zur auffälligen Häufigkeit des Infinitivs estre vorliegen, fehlen verlässliche Zahlen zur Untermauerung. Das V 2 wird daher in mehreren Untergruppen annotiert. Unterschieden wird in der Auswertung zunächst das 41 Unterschieden werden Nominalphrasen inkl. des Parameters belebt/ unbelebt, die Reflexivpronomen me/ te/ se im Sg. und nous/ vous/ se im Pl., die direkten Objetklitika le/ la/ les , die Demonstrativpronomen ce/ cecy/ celuy/ cestuy/ cela/ ceste/ ceux sowie für das Relativpronomen elf Kategorien, die nach anaphorischer und kataphorischer Funktion erfasst werden ( ce que/ ce qui/ lequel/ laquelle/ lesquelles/ que ). <?page no="258"?> 246 5 Empirische Aufbereitung des Textkorpus zugrunde liegende Verb mit einem Fokus auf der Erfassung der alleinstehenden estre -Formen: Vollverb ( ̸= estre|avoir ) und die Kopula estre sowie avoir . Anschließend erfolgt eine Erfassung der Diathese mit den Möglichkeiten aktiv / passiv . Eine dritte Kategorie betrifft die Erfassung der Tempusform (Präsens/ Perfekt/ Futur). In Präsenz des Partizip Perfekts wird auch der accord vermerkt. Weitere übergeordnete Annotationskategorien betreffen die Position des V 1 mit dem AcI im Haupt- und Nebensatz, die Anwendung der Negation auf das V 1 oder V 2 . Belegstellen mit Bezug zur Bibel werden ebenfalls im Datensatz annotiert. Auf oberster Ebene wird der AcI, der doppelte Akkusativ oder der NcI gekennzeichnet. Zusammen mit den oben angesprochenen Bereichs- und Beschreibungskategorien aus Tab. 7 sowie der Erfassung der syntaktischen Struktur im lateinischen Quelltext, die insgesamt die Veränderungen im Übersetzungsverlauf beschreiben, entstehen etwa 160 Annotationsspalten. Im Gegensatz zu anderen Studien zum französischen ‘gelehrten’ AcI wird folglich die Untersuchung der Rolle des Infinitivs privilegiert und eine umfassendere Erfassung der Charakteristika verfolgt. Die traditionelle Einteilung der Verbklassen wird semantisch evaluiert und gegebenenfalls neu sortiert. Die qualitative Auswertung generiert Ableitungen aus den dort gemachten Beobachtungen. Vorrangig geht es um den Vergleich der alignierten Textpaarbeispiele, um die Einflüsse des Klassischen Lateins als Prestigesprache auf das Französische herauszustellen. Die sprachbiographischen Erkenntnisse zu Calvin (vgl. Kap. 3) dienen als Prämisse und zur späteren Einordnung in der Diskussion (vgl. Kap. 7). Eine zentrale Annahme ist, dass Calvin zahlreiche Korrekturen vorgenommen hat, die sich auch in den AcI-Konstruktionen widerspiegeln. Im Rahmen einer Sprachmodernisierung oder zur Verbesserung der Lesbarkeit wäre dann eine entsprechende Umgestaltung in den Belegen zu beobachten. Das Auftreten der Latinisierung hängt zudem von der Übersetzung ab. Inwieweit dies zutrifft, wird der Vergleich mit zeitgenössischen, nicht übersetzten Texten zeigen. Die Bewertung der Komplexität und Variation im AcI bzw. im V 1 wird dabei eine übergeordnete Rolle einnehmen. <?page no="259"?> 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo Dieses Kapitel analysiert das zuvor vorgestellte Untersuchungskorpus anhand der latinisierenden Konstruktion des Accusativus cum Infinitivo (AcI), deren Grundlagen und Vorkommen in der französischen Sprachgeschichte in Kap. 4 behandelt wurden. Der Hauptgegenstand der folgenden Analyse ist der AcI in den französischen Ausgaben der Institution de la religion chrestienne (FR1541/ FR1560) von Jean Calvin. Die korpuslinguistische Studie soll mittels empirischer Methoden Erkenntnis über den Gebrauch der gelehrten Form des AcI bei Calvin und allgemein im 16. Jahrhundert bringen sowie den spezifischen Einfluss von Übersetzung und Textüberarbeitung sichtbar machen. Daher gliedert sich das Kapitel in zwei Bereiche: Zum einen wird der AcI in der Institution untersucht (vgl. Kap. 6.1), zum anderen erfolgt ein intra- und interindividueller Vergleich des AcI in weiteren Texten Calvins sowie bei seinen Zeitgenossen François Rabelais und Michel de Montaigne (vgl. Kap. 6.2). Kap. 6.3 fasst die Ergebnisse beider Bereiche zusammen und gibt einen Überblick über die quantitative Verteilung des AcI im Gesamtkorpus. 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne Der Accusativus cum Infinitivo wird laut Stimming (1915: 170) unter anderem bei Calvin und Rabelais am „vielseitigsten“ verwendet, jedoch präzisiert er diese Facetten nicht näher. Zwar wird aus seinen Ausführungen erkenntlich, inwieweit bestimmte AcI-Konstruktionen eher gelehrter oder ererbter Natur sein können, doch eine systematische Auseinandersetzung mit dem AcI-Gebrauch beider Autoren bleibt zu Beginn des 20. Jahrhunderts weiterhin ein Desiderat. Marmelstein (1921) unternimmt als Erster den Versuch einer umfassenden Paralleluntersuchung der lateinischen und französischen Ausgabe der Institution und beschreibt Auffälligkeiten in Calvins Syntax im Überblick. Daher ist es nun, wie eingangs erläutert, ein zentrales Anliegen meiner Studie, die Verwendung des französischen AcI bei Calvin tiefgehender als es bislang erfolgt ist zu untersuchen. Hierfür wird zunächst ein Blick auf die Verwendung und, soweit möglich, auf die Verteilung des lateinischen AcI in der Institutio christianae religionis geworfen (vgl. 6.1.1). Dies bildet die Grundlage, um den Transfer des AcI innerhalb des Übersetzungsvorgangs besser zu verstehen. Anschließend erfolgt ein quantitativer <?page no="260"?> 248 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo Überblick der Transferprozesse in den vier parallelisierten Editionen (vgl. 6.1.2). Von besonderem Interesse ist dabei, wann der AcI im Französischen erstmalig übertragen wird (FR1541 oder FR1560) und ob er in der späteren Überarbeitung Calvins (FR1560) gegebenenfalls wieder entfällt. Auf dieser Basis erfolgt dann die detaillierte Analyse der funktionalen Bestandteile des fr. AcI (vgl. 6.1.3 bis 6.1.5): das den AcI regierende Verb bzw. Matrixverb (V 1 ), das Subjekt (S 2 ) des untergeordneten Satzes sowie der Infinitivkern (V 2 ). Die qualitative Analyse wird jeweils eingeleitet durch eine Übersicht zu Häufigkeit und Realisierung des AcI in Verbindung mit den spezifischen Verbklassen des V 1 . Die zahlreichen Überarbeitungsschritte Calvins sind nicht vollständig abbildbar, doch zeige ich anhand ausgewählter Beispiele verbklassenspezifische semantischen Unterschiede auf. Damit einher geht auch die Aufdeckung jener Einflüsse, die auf den Translationsprozess zurückzuführen sind. Die Abschnitte zum S 2 und V 2 konzentrieren sich auf die Eigenschaften der gelehrten Form des AcI und nutzen gezielt die Möglichkeit zum Vergleich der unterschiedlichen lateinischen sowie französischen Editionen. Die syntaktisch verwandten Konstruktionen des doppelten Akkusativs und des NcI werden in Kap. 6.1.6 berücksichtigt. Auf französische gelehrte AcI-Konstruktionen ohne lateinisches Modell wird gesondert in Kap. 6.1.7 eingegangen, denn sie ermöglichen eine genauere Einschätzung des Übersetzungseinflusses. Die Positionierung des AcI im Text und sein Bezug zu Bibelzitaten wird in Kap. 6.1.8 thematisiert. Zuletzt präsentiert Kap. 6.1.9 die zentralen Resultate aus der Analyse der Institution . 6.1.1 Der lateinische AcI in der Übersetzungsgrundlage Bevor die Verwendung des fr. AcI in Calvins Institution und weiteren Texten eingehend untersucht wird, ist es nützlich, einen Blick auf die lateinische Konstruktion in der Institutio zu werfen. Sie bildet schließlich die Übersetzungsgrundlage und wie in Kap. 2 gezeigt wurde spiegeln Selbstübersetzungen ein besonders nahes Verhältnis zwischen Quell- und Zieltext wider. Die Motivation zum Transfer einer Konstruktion wird ferner durch das Prestige der klassisch-lateinischen Sprache (KL) während der Goldenen Latinität wesentlich erhöht. Dieses liegt zugrunde, da das humanistische Latein (HL) sich stark an dieser Epoche sprachlichen Glanzes orientiert und es imitiert. Da jedoch mit dem HL und KL zwei unterschiedliche Sprachzustände vorliegen und diese voneinander abweichen können bzw. nicht deckungsgleich sind, ist es gerechtfertigt und angebracht das HL Calvins näher zu betrachten. <?page no="261"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 249 Calvins lateinischer Ausdruck in der Institutio unterscheidet sich auf den ersten Blick weniger stark zwischen den Ausgaben LT1539 und LT1559 als die Überarbeitung der französischen Übersetzungen FR1541 und FR1560. Im Detail ist jedoch festzustellen, dass die Sätze meist stilistisch aufgewertet und lexikalisch weiter angereichert wurden. Dies signalisiert bereits Marmelstein (1921: 65) in seinem umfangreich angelegten Vergleich der unterschiedlichen Ausgaben der Institutio(n) vor knapp 100 Jahren. Die teilweise zu beobachtende Folge ist ein noch längerer Satzbau, der auch den französischen Übersetzungen nicht fremd ist. Überhaupt fallen in der Institutio (1559) die komplexen Sätze mit zahlreichen Verschachtelungen untergeordneter Relativsätze, Gerundivkonstruktionen, Partizipialkonstruktionen, Anfügungen oder eben auch Kombination mehrerer AcI-Sätze auf. Zwar ähneln sie in dieser Hinsicht dem klassisch-lateinischen Stil Senecas ( De clementia, De fato, De vita beata ), scheinen jedoch von Cicero ( De divinatione, De re publica ) abzuweichen. Bezüglich der Verwendung des lt. AcI lässt sich feststellen, dass dieser gemäß den klt. Bildungsregeln mit den verba dicendi, sentiendi, intellegendi, impersonalia usw. steht (vgl. Kap. 4). Insbesondere die verba dicendi stehen verbindlich mit dem AcI und nie mit quod . Weitere Beobachtungen bezüglich des regierenden Verbs (V 1 ) werden in der anschließenden Parallelbetrachtung der Übersetzungspaare und -quadrupel erfasst. Ein Wesensmerkmal des klt. AcI ist es, dass Vor-, Gleich- und Nachzeitigkeit des untergeordneten (S 2 +V 2 ) zum übergeordneten Satz (S 1 +V 1 ) über die Tempusformen der beiden Verben V 1 und V 2 bestimmt wird. In Calvins Institutio werden die meisten Infinitive im Präsens verwendet. Von 506 Infinitiven (inner- und außerhalb der AcI-Konstruktion) in den Kapitel 1-10 des ersten Bandes entfallen 363 auf den Infinitiv Präsens Aktiv, 112 auf die passive Form dieser Zeitform und 31 auf den Infinitiv Perfekt Aktiv. Das sind bemerkenswert wenige in der Vergangenheitsstufe, und noch deutlich weniger in AcI-Konstruktionen. Ihr Auftreten begrenzt sich vor allem auf die Kapitel 5, 7 und 8, was für eine zu erwartende starke inhaltliche Relation spricht. Der Gebrauch des Schriftlateins der Humanisten orientiert sich, neben damals weithin bekannten Autoren wie Valla, maßgeblich an den Autoren der Goldenen Latinität. Die AcI-Sätze sind in jener Zeit das bestimmende subordinierende Mittel, quod -Sätze sind hingegen deutlich seltener anzutreffen. In spätlateinischer Phase verschiebt sich das Ungleichgewicht zwischen AcI und quod -Sätzen deutlich zugunsten der quod-Sätze , wenngleich sie den AcI nicht verdrängen (vgl. Kap. 4.3.1 u. Cuzzolin 1994a; Greco 2007, 2008a,b, 2013a). Mit dem Beginn der Epoche des Humanismus und der Rückbesinnung auf den Sprachzustand der Goldenen Latinität schwenkt dann das Verhältnis wieder ‘zurück’ zu dem in klassischer Zeit. Wenngleich an dieser Stelle nicht die Untersuchung dieses Verhältnisses <?page no="262"?> 250 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo stattfinden kann, wird im Folgenden anhand einer Stichprobe der Infinitivhäufigkeit ein Einblick in den lateinischen Sprachgebrauch Calvins gegeben, um spezifisch humanistische Tendenzen aufzuzeigen. Bislang lässt sich die lt. AcI-Verwendung nur mit großem Aufwand rechnergestützt untersuchen. Es setzt die korrekte Annotationen aller Part-of-Speech-Tags (auch POS-Tags ) voraus, um die syntaktische Dependenz der einzelnen Konstituenten zu bestimmen. Erschwert wird der automatisierte Vorgang dadurch, dass das Lateinische dazu neigt, die dem AcI übergeordneten Verben (V 1 ) oder auch den Subjektsakkusativ (S 2 ) nicht in unmittelbarer Nähe anzusiedeln, sondern bereits im anaphorischen Textfeld. Der Bezugspunkt liegt nicht selten mehrere Sätze zuvor, sodass sich der Satz als isolierte Einheit nur eingeschränkt als Untersuchungsrahmen eignet. Zum jetzigen Zeitpunkt ist zur Identifizierung der AcI-Konstruktionen eine manuelle Sichtung zu bevorzugen. Anhand eines ausgewählten Kapitels (vgl. Tab. 8) soll dies für Calvins Institutio (LT1559) exemplarisch und mit stellvertretender Aussagekraft in aller Vorsicht für das Gesamtwerk erfolgen. In einem Querschnitt arbiträr ausgewählter Kapitel wurde über die durchschnittliche Verteilung der Infinitive ein repräsentativer Abschnitt (Bd. 1, Kap. 5) ausgewählt. 1 Band, Kapitel Infinitiv Summe (Token-/ Wortanzahl) = AcI ̸= AcI ̸= esse = esse ̸= esse = esse Bd. 1, Kap. 5 55 45 87 6 193 (5.181 T./ ca. 4.884 W.) 28,50% 23,32% 45,07% 3,11% 100% 51,82% 48,18% 100% Tab. 8 - Häufigkeit des V 2 im lt. AcI (LT1559, I, 5) Dabei entfällt in Tab. 8 ein Viertel der Infinitive auf esse und drei Viertel auf lexikalische Infinitive. 2 Wenn dann die Verteilung nach der Verwendung des AcI aufgeschlüsselt wird, ist festzustellen, dass von 193 erfassten Infinitiven die knappe Mehrheit (52%) innerhalb einer AcI-Konstruktion als V 2 verwendet wird. Dies zeigt zum einen eine deutliche Präsenz von AcI-Konstruktionen, wenngleich sie nicht so hervortreten wie in Steins (1995: 373) Untersuchung des von 1 Die sechs ausgewählten Kapitel umfassen 42.261 Wörter und zeigen 1.574 Infinitive (3,72%). Ein Viertel der Infinitive entfällt auf esse , drei Viertel auf meist lexikalische Vollverben. Das Verhältnis zeigt in allen Kapiteln nur geringe Abweichungen und gilt daher als repräsentativ. 2 Berücksichtigt werden sowohl overte als auch elliptische Formen. Doppelte Infinitivkonstruktionen wie posse esse (6 Stück) werden in der Auswertung nur einfach gezählt; die jeweils zweite Okkurrenz entfällt. <?page no="263"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 251 Livius geschriebenen Textes Ab Urbe condita . 3 Er bemerkt, dass „im lateinischen Text mehr als zwei Drittel der Infinitive“ Teil eines AcI sind. Zum anderen stellt sich in Tab. 8 heraus, dass esse ein Charakteristikum des AcI ist, denn nur in sechs Fällen wird esse außerhalb des AcI in Form einer Infinitivergänzung verwendet. Im AcI selbst sind ausgewogene Verhältnisse zwischen 45 esse und 55 anderen Infinitiven zu beobachten. Das V 2 esse ist folglich spezifisches, wenngleich nicht dominantes Merkmal des lt. AcI in Calvins Institutio . Ich komme nun noch einmal auf das oben erwähnte Verhältnis zwischen AcI-Sätzen und komplementierenden Objektsätzen zurück. Für das ausgewählte Kapitel bestätigt sich die Annahme, dass der AcI die bestimmende Konstruktion zur Subordination ist. Neben dem AcI sind vier quod -Formen und 49 ut -Formen in Komplementfunktion belegt. 4 Damit ergibt sich, dass in rund ca. 65% der Fälle der AcI präferiert wird. Insbesondere die niedrige Menge an quod -Komplementsätzen veranschaulicht, dass der humanistisch-lateinische Sprachgebrauch Calvins sich zweifelsohne am KL orientiert - und nicht unwahrscheinlich auch am Latein der Kirchenväter, wie z. B. an Augustinus. Diesbezüglich stellt Cuzzolin (1994b: 284, 299-300) fest, dass mindestens bis zum 6. Jahrhundert der AcI bestimmendes Mittel zur Subordination bleibt und der AcI bei Augustinus (v. ˙ bei assertiven Verben) weiterhin zur „produktivsten“ syntaktischen Struktur gehört. Meine Stichprobe wie auch entsprechende Fallstudien (vgl. Cuzzolin 1994b; Greco 2008b; Plesner Horster 2016) zeigen, dass Ableitungen bezüglich des spezifischen lateinischen Sprachzustandes in klassischer oder humanistischer Zeit möglich sind. Gleichwohl ist aber auch anzumerken, dass leichter zu erhebene Zahlen wie beispielsweise die des overten esse -Infinitivs oder lexikalischen Infinitivs mittels automatischer Annotation nur bedingt Aussagekraft haben. 5 Es muss stets die AcI-Funktion identifiziert werden und bei mehrdeutigen Wörtern 3 Vgl. zur Auswahl des Textkorpus, bestehend aus dem Quelltext von Livius und zwölf romanischsprachigen Übersetzungen, die Habilitationsschrift von Stein (1997: 31-33) sowie die konzise Darstellung in Stein (1995). 4 Quod tritt auch als Relativpronomen oder kausale Konjunktion auf. Quia subordiniert ebenso, aber ausschließlich in kausaler Bedeutung (vgl. Rubenbauer/ Hofmann 12 2007: 300-301; Landgraf/ Leitschuh 35 1965: 210). 5 In einer weiteren Stichprobe der Infinitivverteilung (und nicht disambiguierten Formen von quod sowie quia , ut ) in klt. Texten Ciceros ( De Fato, De Divinatione ), Senecas ( Epistulae Morales, De vita beata, De clementia ), außerdem römischen Rechtstexten ( Corpus Iuris Civilis ) sowie humanistischen Texten Calvins ( Ioannis Calvini commentarii in L. Annaei Senecae [...] de clementia , Catechismus ecclesiae Genevensis , De Scandalis ), Melanchthons ( Confessio fidei ) und Erasmus’ ( Institutio Principis Christiani ) zeigte sich ein autorenspezifischer Gebrauch, der aber dennoch von Text zu Text variiert. Aussagekräftige Ableitungen bezüglich einer möglichen AcI-Verteilung waren aus diesem Datensatz nicht möglich und werden daher an dieser Stelle nicht weiter verfolgt. <?page no="264"?> 252 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo zudem ihre jeweilige Verwendung geklärt werden (z. B. quod als Konjunktion vs. als Relativpronomen). 6.1.2 Quantitative Ergebnisse 6.1.2.1 Vergleich: LT1539/ FR1541 und LT1559/ FR1560 Die Institution ermöglicht die parallele Betrachtung eines von einem einzelnen Autor selbst übersetzten lateinischen Textes in die Vernakularsprache sowie eines konsequent über zwei Jahrzehnte inhaltlich weiterentwickelten Textes. Dabei lassen sich vier Meilensteine der umfangreichen Druckgeschichte der Institution identifizieren (vgl. Kap. 5). Es sind die beiden lateinischen Ausgaben LT1539 und LT1559 sowie deren französischen Übersetzungen FR1541 und FR1560, welche zusammen ein Beleg-Quadrupel ergeben. Werden die Ausgaben nun in Bezug auf die Präsenz des AcI in quantitativer Hinsicht ausgewertet, nämlich ob dieser in der jeweiligen Ausgabe vorhanden (= 1) oder aufgrund einer alternativen Satzkonstruktion nicht vorhanden (= 0) ist, ergibt sich bereits eine Vielzahl an Kombinationsmöglichkeiten. Es wird sich zunächst nur auf die Fälle konzentriert, in welchen mindestens ein französischer AcI in einer der beiden Ausgaben präsent ist. 6 Dieser kann, wie in Tab. 9 nachfolgend zu sehen ist, auf einem lateinischen Modell basieren (Gruppe I) oder auch als Autolatinismus ohne lateinisches Vorbild im Französischen selbstständig präsent sein (Gruppe II). 7 Die Gruppen III bis V berücksichtigen Quadrupel, in welchen das lateinische Modell (anstatt des AcI) eine formal ähnliche Konstruktion wie den Accusativus cum Participio (AcP), den doppelten Akkusativ oder den Nominativus cum Infinitivo (NcI) verwendet. In dem untersuchten Korpus sind 451 Quadrupel belegt (id-par 1-500). 8 Der lt. AcI ist hierbei in über drei Viertel aller Belege das Modell für einen fr. AcI (ca. 6 Ausgeschlossen sind damit für LT1539-FR1541-LT1559-FR1560 die folgenden Kombinationen: 0-0-0-0, 0-0-1-0, 1-0-0-0 und 1-0-1-0). Von den zwölf verbleibenden Kombinationsmöglicheiten ist 1-0-0-1, 0-1-1-1 sowie 0-1-1-0 nicht belegt. Die Kombination 1-0-0-1 ist aufgrund der Textgenese auch nicht zu erwarten, da dies eine Präsenz in LT1539, ausbleibende Übertragung in FR1541, Entfernung in LT1559 und schließlich Einführung in FR1560 bedeuten würde. 0-1-1-1 sowie 0-1-1-0 wären Autolatinismen in FR1541, die in LT1559 ein passendes lt. Modell erhielten und anschließend in FR1560 erhalten bleiben oder entfernt werden. Auch dies ist im Kontext des Überarbeitungsprozesses und der Autorität des lt. Quellttextes ein wenig erwartbares Szenario. 7 Die erste Spalte in Tab. 9, Tab. 10 und Tab. 11 gibt in kodierter Form das Auftreten des AcI oder einer vergleichbaren Konstruktion an: 0 = keine AcI-Konstruktion oder vergleichbare Struktur, 1 = AcI, 2 = AcP, 3 = NcI, 4 = doppelter Akkusativ, x = stark umformulierte Passage. 8 Die Bezeichnung id-par ist eine im Untersuchungskorpus intern vergebene Identifikationsnummer, welche sich im Zahlenbereich von 1 bis 500 befindet. Sie ist arbiträr und lässt weder Rückschlüsse auf die Position in den Druckausgaben zu, noch laufen die Nummern ununter- <?page no="265"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 253 77,6%, Gr. I). Das übrige Viertel teilt sich in Fälle auf, in welchen entweder kein lt. AcI vorliegt und ein Autolatinismus angenommen werden muss (14,4%, Gr. II), oder jene, die einen doppelten Akkusativ, AcP oder NcI aufweisen (7,5%, Gr. III-V). Dieses Verhältnis fungiert als Indikator, um zu bestimmen, bis zu welchem Grad der fr. AcI unabhängig von einem zugrunde liegenden lateinischen Satzmodell im Übersetzungskontext der Institution verwendet wird. Gruppe LT1539/ FR1541/ LT1559/ FR1560 Lt. Modell FR zu FR Quadrupel % I 0-0-1-1 AcI eingefügt 1 0,22 1-0-1-1 AcI eingefügt 5 1,11 1-1-0-0 AcI entfernt 2 0,44 1-1-0-1 AcI beibehalten 2 0,44 1-1-1-0 AcI entfernt 37 8,20 1-1-1-1 AcI beibehalten 303 67,18 II 0-1-0-0 Autolatinismus entfernt 7 1,55 0-1-0-1 Autolatinismus beibehalten 52 11,53 0-0-0-1 Autolatinismus eingefügt 6 1,33 III 1-1-1-4 AcI Umwandlung in dopp. Akk. 3 0,67 1-1-4-1 AcI/ dopp. Akk. beibehalten 1 0,22 1-1-4-4 AcI/ dopp. Akk. Umwandlung in dopp. Akk. 1 0,22 4-1-4-0 dopp. Akk. entfernt 1 0,22 4-1-4-1 dopp. Akk. beibehalten 14 3,10 4-1-4-4 dopp. Akk. Umwandlung in dopp. Akk. 1 0,22 IV 2-1-0-1 AcP beibehalten 1 0,22 2-1-2-1 AcP beibehalten 12 2,66 V 3-1-3-1 NcI beibehalten 2 0,44 Summe 451 100 Tab. 9 - Fr. AcI-Quadrupel (id-par < 500) - gruppiert nach lt. Modell Die Gruppe der Autolatinismen (II) zeigt mit einem Anteil von 14,4%, dass sie zwar bei weitem nicht die dominante Realisierungsvariante ist, doch sind es immerhin 65 von 451 Quadrupel, die ohne einen lt. AcI als Modell auskommen und nicht zufällig auftreten. Das Zahlenverhältnis lässt sich außerdem so deuten, dass im Französischen eine Innovationskraft vorliegt, die latinisierende Konstruktion autonom anzuwenden. Im weiteren Verlauf muss demnach der Frage brochen fort. Dies ergibt sich aus der umfangreichen und komplexen Zusammenführung der Belege aus allen vier Ausgaben LT1539, FR1541, LT1559 sowie FR1560. <?page no="266"?> 254 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo nachgegangen werden, ob es sich um Konstruktionen mit indirekt lateinischem Einfluss handelt oder um solche, die im Französischen auch ganz unabhängig von jeglichem lateinischen Texteinfluss vorkommen. Der Überarbeitungsprozess der französischen Ausgaben wirkt sich auf die Gruppen I und II in ähnlicher Weise aus. So werden beide Gruppen durch eine mehrheitliche Beibehaltung der Konstruktionen in vier Fünftel aller Fälle bestimmt. Ein Fünftel entfällt dabei auf Veränderungsprozesse, wobei sich in Gruppe I eine merkbare Tendenz zur Entfernung des fr. AcI trotz weiterhin vorliegendem lt. Modell manifestiert. Die Gruppen III, IV und V zeigen die Häufigkeit fr. AcI und doppelter Akkusativ-Konstruktionen, denen im Lateinischen ein doppelter Akkusativ (dopp. Akk.), Accusativus cum Participio (AcP) oder Nominativus cum Infinitivo (NcI) zugrunde liegt. 9 Mit insgesamt knapp 8% kommen diese alternativen Konstruktionen in Kombination mit einem fr. AcI eher selten vor, zeigen jedoch zum einen die Möglichkeit einer vielfältigen Variation in der lateinischen Textquelle und zum anderen die Schlüsselaufgabe des fr. AcI, unterschiedliche lt. Konstruktionen abzudecken. Die einzelnen Gruppen sind nach einer zweiten Variable untergliedert, die die Entwicklung des AcI von der Ausgabe FR1541 zu FR1560 beschreibt. Hierbei wird unterschieden in (a) neu in FR1541 oder FR1560 eingefügte AcI-Konstruktionen, in (b) FR1560 entfernte (und durch eine Alternative ersetzte) Konstruktionen sowie in (c) von FR1541 zu FR1560 unveränderte oder nur leicht veränderte beibehaltene Konstruktionen. In der Binnenbetrachtung der einzelnen Gruppen I-IV fällt dabei auf, dass jeweils die beibehaltenen Kombinationen (c) prävalent sind. Dies führt zur Gesamtbeobachtung, dass, wenn der fr. AcI erst einmal eingeführt wurde, er nahezu unverändert fortbesteht. Werden alle Fälle des Typus (? -1-? -1) wie in Tab. 10 summiert (Kategorie „beibehalten“), ergeben sich 85,8%. Eine solche bezeichnende Stabilität der Konstruktion über mehrere Ausgaben hinweg, bei gleichzeitig deutlichen Umstrukturierungen auf inhaltlicher Ebene, untermauert die These, dass der AcI weder willkürlich noch zufällig, beispielsweise aufgrund eines größtenteils unreflektierten übersetzungsbedingten Einflusses in die französische Ausgabe Eingang findet. Andernfalls wären die AcI-Konstruktionen deutlich häufiger Gegenstand von Umformulierungen wie dem alternativen Komplementsatz mit que geworden. Dem Autor kann und muss auf Basis dieser Zahl eine Absicht in der Verwendung dieser Konstruktion unterstellt werden. Tab. 10 verdeutlicht ferner die starken Überarbeitungen, die Calvin zeitlebens an seinem Hauptwerk durchgeführt hat. So werden die in FR1541 mit und 9 Gruppe V fokussiert auf fr. AcI-Konstruktionen, die einen lt. NcI zum Modell haben. Für Fälle, in denen im Französischen ein NcI festzustellen ist, vgl. Kap. 6.1.6.2. <?page no="267"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 255 ohne lateinisches Modell eingeführten AcI-Konstruktionen in 46 von 451 Fällen entfernt. Untypisch sind solche Fälle, in denen erst in FR1560 ein AcI mit oder ohne lateinisches Modell neu eingefügt werden. LT1539/ FR1541/ LT1559/ FR1560 Lt. Modell FR > FR Quadrupel % 0-1-0-1 Autolatinismus beibehalten 391 86,70 1-1-0-1 AcI beibehalten 1-1-4-1 AcI / dopp. Akk. beibehalten 4-1-4-1 dopp. Akk. beibehalten 1-1-1-1 AcI beibehalten 2-1-0-1 AcP beibehalten 2-1-2-1 AcP beibehalten 3-1-3-1 NcI beibehalten 0-1-0-0 Autolatinismus entfernt 46 10,20 1-1-0-0 AcI entfernt 1-1-1-0 AcI entfernt 4-1-4-0 dopp. Akk. entfernt 0-0-0-1 Autolatinismus eingefügt 11 2,44 0-0-1-1 AcI eingefügt 1-0-1-1 AcI eingefügt 1-1-1-4 AcI wird dopp. Akk. 3 0,66 1-1-4-4 AcI / dopp. Akk. wird dopp. Akk. 4-1-4-4 dopp. Akk. wird dopp. Akk. Summe 451 100 Tab. 10 - Fr. AcI-Quadrupel (id-par < 500) - gruppiert nach Veränderungen Dies sind zwei wichtige Beobachtungen, da sie zum einen die Überlegung eines übersetzungsbedingten Transfers, der in der ersten Übersetzung FR1541 als größer zu erwarten ist, stärkt und zum anderen die These einer verbesserten Lesbarkeit zu Lasten der prestigeträchtigen lt. AcI-Konstruktion im Spannungsfeld zwischen Humanismus und den sich im Ausbau des Distanzbereichs befindlichen Volkssprachen stützt. Kaum nachweisbar sind Fälle, in welchen ein doppelter Akkusativ im Französischen nachgebildet wurde. Neben den Quadrupeln, die einen AcI oder eine vergleichbare Konstruktion in allen vier Ausgaben nachweisen, gibt es durch den massiven Textumbau Calvins auch ganze Textpassagen, welche entfernt (in Tab. 11 als ‘-’ dargestellt) oder so stark umgeschrieben werden, dass nur noch der inhaltliche Kerngedanke Bestand hat (in Tab. 11 als ‘x’ dargestellt). Diese werden im Nummernbereich id-par 2000-2500 verzeichnet. Änderungen die nach 1541, also im Jahr 1545 <?page no="268"?> 256 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo und 1551, vorgenommen werden, finden sich in der meiner Studie zugrunde liegenden Edition FR1560 verzeichnet. id-par LT1539/ FR1541/ LT1559/ FR1560 Lt. Modell FR > FR Paare % FR1541 ≥ 2000 & < 2500 0-1—— Autolat. eingefügt 1 0,71 ≥ 2000 & < 2500 1-1—— AcI beibehalten 10 7,14 ≥ 2000 & < 2500 0-1-x-x Autolat. eingefügt 0 0 ≥ 2000 & < 2500 1-1-x-x AcI beibehalten 13 9,29 ≥ 2000 & < 2500 4-1-x-0 dopp. Akk. entfernt 1 0,71 25 17,86 FR1545 ≥ 4000 & < 4500 ——0-1 Autolat. neu 5 3,57 ≥ 4000 & < 4500 ——1-1 AcI neu 45 32,14 ≥ 4000 & < 4500 ——2-1 AcP neu 1 0,71 51 36,43 FR1551 ≥ 5000 & < 5500 ——0-1 Autolat. neu 3 2,14 ≥ 5000 & < 5500 ——1-1 AcI neu 0 0 ≥ 5000 & < 5500 ——2-1 AcP neu 1 0,71 4 2,86 FR1560 ≥ 6000 & < 6500 ——0-1 Autolat. neu 9 6,43 ≥ 6000 & < 6500 ——1-1 AcI neu 44 31,43 ≥ 6000 & < 6500 ——4-1 dopp. Akk. neu 1 0,71 54 38,57 FR1560 ≥ 6500 & < 6600 x-x-0-1 Autolat. umformuliert 1 0,71 ≥ 6500 & < 6600 x-x-1-1 AcI umformuliert 5 3,57 6 4,29 Summe 140 100 Tab. 11 - Fr. AcI-Paare (id-par > 500) - gruppiert nach Veränderungen Diese Edition von Benoît (1957) setzt ihrer Zeit einen Meilenstein in der synoptischen Betrachtung der einzelnen Ausgaben. Der Herausgeber verfolgt minutiös Änderungen im Wortlaut und verzeichnet ihr Erstauftreten in der Druckgeschichte. 10 So können auch Erstbelege von AcI-Konstruktionen in den Ausgaben 10 Vgl. den Herausgeber selbst hierzu: „C’est donc ce texte de 1560 que reproduit notre édition. Mais avec ce texte nous publions toutes les variantes que présentent les six éditions précédentes, <?page no="269"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 257 FR1545 und FR1551 im Rahmen meiner Arbeit beleuchtet werden. Besonders interessant sind hierbei AcI-Konstruktionen in Passagen, welche in FR1541 noch nicht existierten, aber nachträglich hinzugefügt wurden (id-par ≥ 4000). Die meisten neu hinzugekommenen AcI-Konstruktionen sind in FR1560 zu verzeichnen (54 Stück), dennoch wurden fast ebenso viele Okkurrenzen in FR1545 eingeführt (51 Stück). Allerdings lassen sich die absoluten Belegzahlen nicht direkt vergleichen, weil die zentrale Bezugsgröße, die Wortanzahl, differiert. Da zudem für die Ausgaben FR1545 und FR1550 nur teilweise geschätzte Wortanzahlen vorliegen, muss ein indirekter Schluss über die lt. Ausgaben erfolgen. 11 So lässt sich in aller Vorsicht konstatieren, dass in etwa doppelt so viel Text in FR1560 neu hinzugekommen ist als in FR1545. Dies wirkt sich auf die beobachteten Okkurrenzen insofern aus, als dass nicht, wie die absoluten Zahlen suggerieren, ein gleichbleibendes Niveau im Zuwachs der AcI-Konstruktionen vorliegt, sondern ein relativer Rückgang um etwa die Hälfte zu verzeichnen ist. 6.1.2.2 Mittlere Verwendungshäufigkeit des AcI In einem nächsten Schritt werden daher in Tab. 12 die erhobenen Zahlen der AcI- Belege in FR1541 und FR1560 in einen relativen Gesamtzusammenhang gesetzt. Entscheidend ist dabei die relative Bezugsgröße, die hier in der Wortanzahl angegeben wird. Dabei fällt auf, dass FR1560 mit 677.095 Wörtern im Vergleich zu FR1541 mit 350.967 Wörtern beinahe den doppelten Wortumfang besitzt. Verbklassen Subkorpus n Wörter Mittelwert (pro 10.000 W.) FR1541 id-par 1-2600 463 350.967 13,19 ◦ id-par < 500 438 - - ◦ id-par > 500 25 - - FR1560 id-par 1-6600 515 677.095 7,61 ◦ id-par < 500 400 350.967 11,40 ◦ id-par > 500 115 326.128 3,53 Tab. 12 - Mittlere Verwendungshäufigkeit des AcI in FR1541 und FR1560 Die Gegenüberstellung der Ausgaben FR1541 und FR1560 zeigt, dass trotz der enormen Erweiterung des Umfangs in FR1560 ein AcI-Anteil von nur 7,6/ 10.000 W. im Verhältnis zu 13,2/ 10.000 W. in FR1541 vorliegt. Dies entspricht einem en sorte que, sauf inadvertance de notre part, il ne doit pas y avoir un seul mot des différentes éditions françaises de l’ Institution qui ne se retrouve ici“ (Benoît 1957: 16). 11 Vgl. hiezu Kapitel 5.3, in welchem die Zuwachszahlen und der Umfang vorgestellt werden. Auch dort wird auf die indirekte Proportionalität zwischen den beiden Ausgaben verwiesen. <?page no="270"?> 258 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo Rückgang um 42%. 12 Es stellt sich nun die Frage, in welchen AcI-Bereichen dieser Rückgang zu verzeichnen ist. Werden für das Subkorpus der Quadrupel in FR1560 ähnlich viele Wörter wie in FR1541 (350.967 Wörter) angesetzt, ergibt sich ein stabiler Mittelwert von 11,4/ 10.000 W. Der zu beobachtende Rückgang manifestiert sich also nicht in jenen Textbereichen, die beibehalten und nur geringfügig verändert wurden. Wird nun die Wortdifferenz aus den beiden Ausgaben an (326.128 Wörter) dagegen gehalten und die 115 Okkurrenzen in den seit 1545 neu hinzugekommenen Textpassagen verrechnet, ergibt sich ein deutlich kleinerer Mittelwert von lediglich 3,5/ 10.000 W. Dies spricht für eine rückläufige Verwendung des AcI im Französischen, was als Indiz für eine stilistische Verschiebung zugunsten leserfreundlicherer Ausdrucksformen gewertet werden kann - ein Befund, der im qualitativen Teil noch zu prüfen ist. Die Ausgabe FR1541 wurde von Calvin in nur zwei Jahren im Exil übersetzt, sodass eine gewisse Flüchtigkeit in der Formulierung und Übersetzung erwartbar ist. Hätte Calvin das ursprüngliche Niveau an AcI-Belegen beibehalten, wäre dies ein Hinweis auf gleichbleibendes Prestige der Konstruktion. Der beobachtbare Rückgang nach beinahe zwei Jahrzehnten der Sesshaftigkeit und Gemeindearbeit in Genf legt jedoch nahe, dass er bewusster auf Verständlichkeit abzielt, ohne sich allerdings vollständig von der Prestigesprache Latein zu lösen. Es bleibt daher in der anschließenden Analyse zu klären, ob diese AcI-Konstruktionen eine bessere Lesbarkeit aufweisen als beispielsweise jene, die 1560 umformuliert oder entfernt wurden. 6.1.2.3 Distribution des AcI in FR1541 und FR1560 Die erfassten Belege lassen sich nicht nur in ihrer Gesamtzahl zur Wortanzahl der Ausgaben FR1541 und FR1560 ins Verhältnis setzen, sondern auch hinsichtlich ihres Vorkommens pro Seite. Daraus ergibt sich das Verteilungsmuster des AcI in Abb. 7 und Abb. 8. 13 Das Erkenntnisinteresse liegt hierbei in der Feststellung 12 Die Häufigkeit von que in der Funktion einer Konjunktion oder eines Relativpronomens ist im Vergleich zu den AcI-Ergebnissen in FR1541 und FR1560 stabil. Eine Stichprobe im alignierten Paralleltextkorpus ergibt 749 Belege bei 58.890 Wörtern in FR1541 sowie 1.168 Belege bei 87.658 Wörtern in FR1560. Dies entspricht in der älteren Ausgabe einem relativen Anteil von 1,27% und in der jüngeren 1,33%. Eine Disambiguierung der unterschiedlichen Funktionen steht an dieser Stelle aus und wird nicht im Rahmen der Studie durchgeführt. Voraussichtlich bleibt das Verhältnis zwischen den beiden Ausgaben auch nach der eindeutigen Identifizierung der konjunktionalen Fälle stabil und damit vergleichbar. 13 Die Gesamtseitenanzahl der Edition FR1541 beträgt 1.815 und die der Edition FR1560 1.614 (Buch I umfasst 266 Seiten, Buch II 311 Seiten, Buch III 498 Seiten und Buch IV 539 Seiten). In der digitalen Fassung der FR1541 folgen nach den Kapiteln die Fußnotenapparate. In FR1560 stehen die Fußnoten am Seitenende. In beiden Fällen ist der jeweilige Umfang der Anmer- <?page no="271"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 259 von möglichen punktuellen Häufungen oder einer grundsätzlich gleichmäßigen Verteilung, um zu bestimmen, ob die latinisierende Konstruktion fest im Sprachrepertoire des Autor und Übersetzers verankert ist. 0 1 2 3 4 5 500 1000 1500 Seite Anzahl Kapitel 0.2 12345678910 11 12 13 14 15 16 17 FR1541 Abb. 7 - AcI-Frequenz in FR1541 3 4 1 2 0 200 400 0 200 400 012345 01234 01234 01234 Seite Anzahl FR1560 Abb. 8 - AcI-Frequenz in FR1560 kungen gleichmäßig verteilt, sodass sie für dieses Näherungsbild der AcI-Distribution nicht gesondert herausgerechnet werden müssen. Die Legende der Abb. 7 weist zudem die farbige Markierung der unterschiedlichen Kapitel aus. Kapitel 0.2 bezeichnet dabei den der Institution vorangestellten Brief Calvins an den König. <?page no="272"?> 260 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo Abb. 7 zeigt diese Verteilung des AcI über die gesamte ältere Ausgabe FR1541. Insgesamt lässt sich eine kontinuierliche Verwendung feststellen, auch wenn sich immer wieder mehrseitige Abschnitte ohne AcI finden. Dies demonstriert einerseits, dass der AcI keineswegs die bestimmende Struktur zur Subordination wie im Klassischen Latein sein kann, aber andererseits auch seine auffallende Regelmäßigkeit. In etwa einem Fünftel der Fälle ist mehr als ein AcI auf einer einzelnen Seite belegt. Auch die später entstandene Ausgabe FR1560 zeichnet über die vier Bände hinweg ein relativ homogenes Bild (vgl. Abb. 8). Eine prägnante Häufung ist zu Beginn von Band 1 und am Ende von Band 4 zu erkennen, welche aus Autorenperspektive die wichtigsten Argumentationsabschnitte eines Werks sind. Calvins umfangreichere Überarbeitungen finden zwar nicht ausschließlich, aber doch schwerpunktartig in diesen Bereichen statt, wie sich mit einem Blick in den Fußnotenapparat der Benoît-Edition erkennen lässt. In rund einem Viertel der Fälle ist mehr als ein AcI auf einer einzelnen Seite belegt. Dies sowie die Häufung von drei bis fünf AcI auf einer Seite im abschließenden Bereich des Werks stärken die Annahme einer bewussten und regelmäßigen Verwendung der Konstruktion. 6.1.3 Regierendes Verb (V 1 ) Der AcI steht im Klassischen Latein regelmäßig mit Verben bestimmter semantischer Klassen, z. B. den verba dicendi und verba sentiendi . Auch in der französischen Nachahmung der gelehrten AcI-Form zeigt sich, dass die verwendeten Prädikate häufig mit den Hauptvertretern der lateinischen Verbklassen übereinstimmen. Bisher gibt es jedoch keine Studie, die die gesamte Bandbreite der AcI regierenden Verben im humanistischen Französisch eines Werkes detailliert untersucht hat, um letztlich zu beurteilen, inwiefern sich die Verwendung der V 1 in Ausprägung und Häufigkeit vom Klassischen Latein unterscheidet. Wenngleich die verba dicendi sowohl im Lateinischen als auch im Französischen die häufigsten Verbklassen darstellen, ist es nur wenig bekannt, in welchem Ausmaß auch die übrigen Klassen im Französischen Anwendung finden. Vor allem die verba sentiendi werden als eine Art Sammelbecken für weitere Verbklassen mit unterschiedlichen Bedeutungen und syntaktischen Möglichkeiten verwendet. 14 Die Uneinigkeit, die bereits in der latinistischen Grammatikschreibung existiert (vgl. Kap. 4.1.1), setzt sich scheinbar in der Kategorisierung der 14 Die physischen „Wahrnehmungs- und Empfindungsverben“ zählen beispielsweise nicht zu den Verben des Glaubens und Meinens, die laut Burkard (2013) ausschließlich unter dem Etikett v. sentiendi verstanden werden sollten. Er weist darauf hin, dass die Vermischung aus der <?page no="273"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 261 französischen Verben fort. Es werden daher, wie vorgeschlagen, die folgenden Klassen in der anschließenden Analyse unterschieden: Verben des Sagens ( verba dicendi ), des Denkens ( v. cogitandi ), des Meinens und Glaubens ( v. sentiendi ), der mentalen Wahrnehmung ( v. intellegendi ), der sinnlichen Wahrnehmung, des Fühlens ( v. affectuum ), des unpersönlichen Ausdrucks ( v. impersonalia ), des Wollens ( v. voluntatis ) und des Zulassens und Veranlassens ( v. iubendi/ vetandi ). 15 Der qualitativen Untersuchung dieser fr. V 1 innerhalb der Institution wird eine quantitative Übersicht vorangestellt, um die dominierenden Verbklassen und damit Träger der fr. AcI-Konstruktion zu bestimmen. 6.1.3.1 Ergebnisse der quantitativen Auswertung Die Häufigkeit der einzelnen Verbklassen mit dem AcI in der Institution wird in Tab. 13 und Tab. 14 für die Ausgaben FR1541 und FR1560 abgebildet. Verbklasse id-par < 500 id-par > 500 Gesamt % v. dicendi 181 11 192 41,47 v. intellegendi 141 2 143 30,89 v. sentiendi 61 8 69 14,90 v. voluntatis 28 4 32 6,91 v. cogitandi 15 0 15 3,24 V. des Zulassens/ Veranlassens 6 0 6 1,3 V. der sinnlichen Wahrn. 4 0 4 0,86 v. affectuum 1 0 1 0,22 v. impersonalia 1 0 1 0,22 Summe 438 25 463 100 Tab. 13 - Distribution der Verbklassen (V 1 ) mit AcI in FR1541 Trotz des nicht geringen Zuwachses an neuen Belegen in FR1560 (id-par > 500) und der gleichzeitigen Reduktion bestehender Belege (id-par < 500) zeichnet sich in beiden Ausgaben FR1541 und FR1560 ein ähnliches Verteilungsbild der Verbklassen ab. Die verba dicendi sind mit deutlichem Abstand die stärkste Verbklasse in den fr. Ausgaben (jew. ca. 42%). Mit ca. 31-33% sind die Verben der mentalen Wahrnehmung ( verba intellegendi ) ebenfalls stark vertreten. Sie umfassen Verben wie cognoistre ‘erkennen’ und voir in einer übertragenen, Mehrdeutigkeit von lt. sentire herrührt, welches sowohl ‘meinen, glauben’ als auch ‘fühlen’ bedeutet. Dennoch müssen beide Bedeutungen streng voneinander unterschieden werden. 15 Die Belege der gelehrten Form des AcI ordnet Stimming (1915: 132) den Klassen der „ verba voluntatis, sentiendi, dicendi, impersonalia “ zu und differenziert bspw. die Wahrnehmungsverben nicht weiter. <?page no="274"?> 262 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo kognitiv geprägten Bedeutung. Mit den verba sentiendi (ca. 14%) zusammen entfallen ca. 88% der Belege auf diese drei Verbklassen. Verbklasse id-par < 500 id-par > 500 Gesamt % v. dicendi 160 55 215 41,75 v. intellegendi 134 38 172 33,40 v. sentiendi 57 15 72 13,98 v. voluntatis 27 1 28 5,44 v. cogitandi 10 2 12 2,33 V. des Zulassens/ Veranlassens 6 1 7 1,36 V. der sinnlichen Wahrn. 4 2 6 1,17 v. impersonalia 1 1 2 0,39 v. affectuum 1 0 1 0,19 Summe 400 115 515 100 Tab. 14 - Distribution der Verbklassen (V 1 ) mit AcI in FR1560 Erstaunlich wenige Belege weist die Klasse der verba cogitandi auf. Mit Bezug auf die inhaltliche Ausrichtung der Institution wären hier mehr Belege der Verbklasse des Denkens erwartbar. Die Verben des Sagens und des Begreifens und Verstehens überwiegen im kommunikativen Sinn einer Sender/ Empfänger-Beziehung. Nicht zu vernachlässigen sind zudem die Verben des Wollens und Veranlassens. Zu erwarten war außerdem, dass kaum Belege für Verben der sinnlichen Wahrnehmung oder des Gefühlsausdrucks nachweisbar sind. Sie würden nicht zu dem sachlichen Sprachstil der Institution passen, welche nur wenig polemisiert und vielmehr Calvins Auffassung der christlichen Religion kommuniziert. Hierbei stützt er sich auf zahlreiche Originalstellen in der Heiligen Schrift und in Werken der Kirchenväter, was den großen Anteil der dicendi -Verben erklärbar macht. Die Gesamtbelegmenge in Tab. 13 ergibt sich in erster Linie aus den Quadrupeln (id-par < 500). Nur wenige Passagen finden sich hingegen erfasst, die in der Ausgabe FR1560 keine Fortführung kennen und isoliert in FR1541 stehen (id-par > 500). Die ab 1545 neu hinzugekommenen Passagen umfassen 115 AcI-Belege, also rund 22% aller AcI in der Ausgabe FR1560. Hier zeigt sich erneut eine starke Präsenz von dicendi - und intellegendi -Verben. Die übrigen Verbklassen sind meist vertreten, jedoch wie bei den Quadrupeln nur mit wenigen Belegen. Tab. 13 und Tab. 14 zeigen beide zusammengenommen drei große Klassen mit abgestufter Häufigkeit. Es zeichnen sich im Übergang von der Ausgabe FR1541 nach FR1560 keine größeren Veränderungen ab. Hieran können auch die neu hinzugekommenen Passagen nach FR1541 nichts ändern, die die Dominanz der verba dicendi , intellegendi und sentiendi verfestigen. Bemerkenswert ist jedoch, dass der Zu- <?page no="275"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 263 wachs an neuen AcI-Konstruktionen in 108 von 115 Fällen (ca. 94%) im Bereich dieser drei stärksten Verbklassen zu beobachten ist. Die zahlreichen AcI-Konstruktionen, die sich in der Institution aufspüren lassen, eröffnen die Möglichkeit zu determinieren, ob die Belege punktuell latinisierendem Einfluss unterliegen oder länger anhaltenden, mittelfranzösischen Spracheinfluss widerspiegeln. Zur Bestimmung dieser zentralen Eigenschaft des AcI werden nun die Erstbelege der zwanzig häufigsten Verben, welche einen AcI in der Institution regieren, vorgestellt (vgl. Tab. 15). 16 Rang V 1 Erstbeleg FR1541 FR1560 1 connoistre/ reconnoistre 14. Jh. 55 82 2 voir < 14. Jh. 61 63 3 dire 14. Jh. 51 66 4 confesser 14. Jh. 34 44 5 penser 14. Jh. 36 42 6 vouloir < 14. Jh. 22 24 7 monstrer/ démonstrer 15. Jh. 19 21 8 estimer 15. Jh. 15 12 9 déclarer 16. Jh. 14 11 10 nyer/ nier 16. Jh. 12 7 11 réputer 15. Jh. 9 9 12 savoir < 14. Jh. 7 11 13 juger 14. Jh. 7 8 14 entendre 15. Jh. 7 6 15 croire 14. Jh. 7 6 16 enseigner 16. Jh. 5 6 17 ouïr < 14. Jh. 5 6 18 dénoncer 15. Jh. 5 4 19 demander 14. Jh. 5 3 20 affirmer 14. Jh. 3 3 Tab. 15 - Häufigkeit der V 1 mit AcI in den Ausgaben FR1541 und FR1560 Etwas mehr als die Hälfte aller Belege in den Ausgaben FR1541 und FR1560 entfallen auf die Verben connoistre/ reconnoistre, dire, voir, confesser, penser sowie vouloir . Sie repräsentieren nahezu alle zuvor vorgestellten Verbklassen wie 16 Die Darstellung in Tab. 15 stützt sich auf die Beobachtungen Stimmings (1915), welcher die Erstbelege nach Möglichkeit in seiner Studie verzeichnet. Ergänzt wurden die Erkenntnisse um Datierungen bei Brunot ([1906] 3 1947), Gougenheim ( 2 1974), Huguet ([1894] 1967) und Lardon/ Thomine (2009). Ein umfangreiches Verzeichnis mit (Erst-)Belegen fr. AcI bleibt für diese Epoche ein Forschungsdesiderat. Es gilt außerdem zu beachten, dass in Übersetzungen gelehrter Einfluss bereits früher auftreten kann. Entsprechende Belege sind z. B. für croire , connoistre und dire in der Übersetzung Del Confortement de Philosophie (1240) zu finden (vgl. Frantext, A152: croire , IV, 65r, connoistre , IV, 56r, V, 197, dire , II, 38, III, 59). Vgl. Lebsanft (2010: 303-304) zur umfangreichen Übersetzungstradition dieses Werks. <?page no="276"?> 264 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo die v. intellegendi, v. dicendi , V. d. Perzeption, v. cogitandi und v. voluntatis . Bemerkenswert ist, dass diese Verben nicht nur zahlreich belegt, sondern auch seit mindestens dem 14. Jahrhundert mit AcI-Konstruktionen im Französischen nachgewiesen sind. Es handelt sich also bei zahlreichen Belegen aus Calvins Institution um AcI, deren V 1 der französischen Sprache bereits seit mindestens 150-200 Jahren bekannt sind. Häufige V 1 , die sich erst im 15. bzw. 16. Jahrhundert mit dem AcI belegt finden, sind monstrer/ démonster, estimer, déclarer, nier und réputer (ca. 15%). Es werden also nicht nur etablierte Verben verwendet, sondern auch solche, die in zeitgenössischen Texten vorkommen. Sie erschließen weitere Bedeutungsbereiche, was zudem ihre erhöhte Frequenz erklärt. Interessant ist außerdem, dass Calvin eine große Bandbreite weiterer Verben verwendet, die nur ein bis zwei Mal nachweisbar sind. Diese niederfrequenten Belege werden in Tab. 16 mit ihrem Erstbeleg nach der Studie Stimmings (1915) korreliert. V 1 Anzahl croire, entendre, juger, savoir jew. 7 ouïr, demander, enseigner jew. 5 dénoncer jew. 4 affirmer, alléguer, exposer, faindre, témoigner, testifier, sentir, requerir, souffrir, prévoir jew. 3 crier, définir, interpréter, lire, persuader, imaginer, arguer, confier, douter, permettre jew. 2 ajouter, annoncer, avertir, avouer, baptiser, certifier, concéder, décrire, déterminer, prétendre, raconter, signifier, soutenir, concevoir, considérer, songer, apprendre, esperer, ignorer, experimenter, trouver, adviser, apercevoir, écouter, éprouver, se plaindre, désirer*, souhaiter, commander, accomplir, entacher, envoyer, recevoir, reveler, il appert, appeller jew. 1 Die Farbmarkierung zeigt den Erstbeleg bei Stimming (1915) an: blau ˆ = vor 14. Jh., grün ˆ = 14. Jh., violett ˆ = 15. Jh., rot ˆ = 16. Jh., schwarz ˆ = Erstbeleg nicht nachgewiesen Tab. 16 - Wenig frequente V 1 mit AcI (FR1541) Daraus resultieren zwei Dinge. Zum einen zeigt sich, dass eine Reihe von Verben, die Calvin in der Institution verwendet, bei Stimming noch nicht nachgewiesen sind (schwarze Belege) und dass die vermutete Variation im 16. Jahrhundert dadurch weit größer ist als bislang angenommen. Die Bandbreite an Belegen kann als Indiz für die Sprachgewandtheit Calvins gelten, muss aber vor dem Hintergrund des lt. Modells noch evaluiert werden. In Tab. 16 finden sich nur <?page no="277"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 265 wenige V 1 , die im 14. Jahrhundert oder zuvor bereits mit dem AcI in Verwendung sind. Diese blau markierten Belege sind unter dem Vorbehalt eines stark lateinischen Übersetzungseinflusses zu sehen. Enseigner und désirer basieren in den ältesten Nachweisen Stimmings (1915: 114) auf einem lt. Modell. Écouter findet sich ihm zufolge „im Altfranzösischen noch ziemlich selten und wird eigentlich erst seit dem 14. Jh. häufiger“ (Stimming 1915: 85). Damit zeichnet sich zum anderen ab, dass die niederfrequenten Verben vor allem solche sind, die erst im späten Mittelfranzösischen des 15. Jh. bzw. im Französischen des 16. Jh. mit dem AcI erscheinen und damit in die Epoche des Humanismus fallen. Es wird zu klären sein, inwieweit lt. Modelle bei Calvin vorliegen und auch wie stark die Distribution bei zeitgenössischen Autoren ausfällt. 6.1.3.2 Verben des Sagens/ Erklärens ( verba dicendi/ declarandi ) Die Verben des Sagens sind in Bezug auf ihre Häufigkeit mit Abstand die wichtigste Klasse regierender Verben. Etwas über 40% aller Belege entfallen auf diese Verbklasse. Bevor eine systematische Auswertung der verba dicendi/ declarandi in sowohl quantitativer als auch qualitativer Hinsicht erfolgt, muss zunächst die Festlegung der einzelnen Verben in ihre jeweilige Verbklasse erfolgen. Es hat sich bereits in Kap. 4.1.1 zum lt. AcI angedeutet, dass die Grenze zwischen den Verbklassen selbst in einigen Fällen schwer zu ziehen ist und die Zuordnung der Verben zu einer einzelnen Klasse ebenfalls nicht immer eindeutig ist. Nun kommt für das Französische die Annahme hinzu, dass neben den Verben mit klassisch-lateinischem Modell weitere Formen zu berücksichtigen sind, die bislang von anderen Verben in ihrer Bedeutung getragen wurden oder die gänzlich neue Bedeutungsfelder erschließen. In Tab. 17 werden solche Verben aufgelistet, die der Gruppe der verba dicendi in der lateinischen Referenzgrammatik Burkard/ Schauers ( 6 2020) anhand ihres Etymons oder in der französischen Untersuchung Stimmings (1915) einer Verbklasse eindeutig zugeordnet werden können. Zudem werden zahlreiche AcI-Belegstellen in klassisch-lateinischen Texten bei Georges ([1913/ 1918] 8 1998) aufgeführt. Alle in der Tabelle verzeichneten Verben des Sagens sind laut Stimming, aber auch Gougenheim ( 2 1974) zufolge, dieser Kategorie zuzuordnen. 17 St-Amour (1982) bestätigt für affirmer, déclarer, dire und nier den Status als verbes déclaratifs , welche in der Regel zusammen mit den verba dicendi genannt und 17 Lardon/ Thomine (2009) weisen darauf hin, dass dire zu der zusammenhängenden Kategorie der „opérations intellectuelles (parole, pensée, conviction)“ gehöre, ohne innerhalb dieser Gruppe die verba dicendi von den verba sentiendi oder cogitandi abzugrenzen. Ihre Untersuchung der fr. Sprache des 16. Jh. kann daher bezüglich der Verbklassifizierung des AcI allenfalls als erster Anhaltspunkt dienlich sein. <?page no="278"?> 266 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo in der vorliegenden Untersuchung unter dem Etikett verba dicendi/ declarandi zusammengefasst werden. Die zweite Tabellengruppe weist Verben aus, deren klassisch-lateinische Etyma mit dem AcI verwendet werden (vgl. Georges [1913/ 1918] 8 1998), jedoch bei Burkard/ Schauer ( 6 2020) ausschließlich in synonymer Form geführt werden. Die dritte Gruppe ist lediglich im Wörterbuch Georges’ nachgewiesen, wird jedoch von Stimming den verba dicendi zugeordnet. fr. V 1 Georges (1998) 18 Burkard/ Schauer (2020) Stimming (1915) affirmer I, 230 (Cic.) v. dic. v. dic. confesser I, 1452 (Plin., Tac.) v. dic. v. dic. déclarer I, 1921 v. dic. v. dic. démontrer I, 2034 (Cic.) v. dic. v. dic. dire I, 2134 (Nep.) v. dic. v. dic. jurer II, 498 (Pl., Caes.) v. dic. v. dic. nier II, 1131 (Cic.) v. dic. v. dic. promettre II, 1987 (Pl., Plin.) v. dic. v. dic. prouver II, 1934 (Tac., Germ.) v. dic. v. dic. répondre II, 2351 (Cic.) v. dic. v. dic. crier II, 2173 (Pl.) v. dic. ( clamare ) v. dic. feindre I, 2764 (Ov.) v. dic. ( simulare ) [v. dic.] prononcer II, 1996 (Caes.) v. dic. (NcI) v. dic. maintenir II, 3059 (Pl.) v. dic. ( tenere ) v. dic. soutenir II, 2982 (Cic.) v. dic. ( obtinere ) v. dic. protester II, 2038 v. dic. ( testificari ) v. dic. témoigner II, 3089 ( testificari ) v. dic. ( testificari ) v. dic. avertir I, 162 (Cic., Caes.) — v. dic. interpréter II, 383 (Liv.) — v. dic. lire II, 606 (AcI/ NcI; Cic.) — v. dic. manifester II, 797 (NcI; Aug.) — v. dic. Tab. 17 - Verben des Sagens ( v. dicendi ) mit klt. AcI-Entsprechung Französische dicendi- Verben, welche mit einem AcI stehen und in der Institution belegt sind, aber bislang nicht in der konsultierten Forschungsliteratur nachgewiesen werden konnten (vgl. Gougenheim 2 1974; Huguet [1894] 1967; Marmelstein 1921; Stimming 1915), sind in Tab. 18 abgedruckt. Die Verben décrire, signifier, testifier und persuader haben Etyma, welche bereits in klassisch-lateinischer Zeit mit dem AcI stehen. Persuader wird auch im Untersuchungskorpus Klausings (1887: 15) genannt, jedoch ohne Beleg. Es verwundert wenig, dass Calvin die Verben signifier und testifier im theologischen Kontext verwendet. Zudem alterniert testifier mit dem zuvor genannten témoigner . 18 Beispielhaft werden bis zu zwei Autoren genannt, vgl. Georges ([1913/ 1918] 8 1998). <?page no="279"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 267 Die übrigen Erstbelege der Tab. 18 gehen auf klassisch-lateinische Etyma zurück, die selbst nicht mit einem AcI stehen, aber auf sinnverwandte lateinische Verben mit AcI zurückgeführt werden können. Zum Teil sind diese Abweichungen nur geringfügig wie beispielsweise bei ajouter , welches auf die vulgärlateinische Form *juxtare ( < ad juxta) zurückgeht und im Klassischen Latein seine inhaltliche Entsprechung in adiungere hat. fr. V 1 Georges (1998) Burkard/ Schauer (2020) Stimming (1915) 19 ajouter — v. dic. ( adiungere ) — annoncer I, 450 (Plin.) v. dic. ( nuntiare ) (mfr. noncer , 183) arguer I, 566 (Ov., Tac.) v. iudicialia ( arguere ) — décrire II, 2541 (NcI) v. dic. — définir I, 1973 (Cic.) v. dic. — dénoncer I, 2050 (Cic., Liv.) v. dic. ( nuntiare ) ( noncer ) enseigner — ( doceo : I, 2267) v. dic. ( docere ) — persuader II, 1647 (Caec., Cic.) v. dic. — signifier II, 2661 (Cic.) v. dic. — testifier — v. dic. — Tab. 18 - Verben des Sagens ( v. dicendi ) mit/ ohne klt. AcI-Entsprechung und ohne Beleg bei Stimming (1915) Die Verben advocare, praetendere und computare (vgl. Tab. 19), aus welchen sich später avouer, prétendre und raconter entwickeln, sind weder in der klassischlateinischen Referenzgrammatik noch im Referenzwörterbuch nachgewiesen. fr. V 1 Georges (1998) Burkard/ Schauer (2020) Stimming (1915) avouer — ( fateor , I, 2698) v. dic. ( fateri ) v. dic. prétendre — ( simulo , II, 2679) v. dic. ( simulare ) v. dic. raconter — ( narro , II, 1092) v. dic. ( narrare ) v. dic. alléguer — — v. dic. certifier — — v. dic. brouiller — — — vanter — v. dic. — Tab. 19 - Verben des Sagens ( v. dicendi ) ohne klt. AcI-Entsprechung Die französische Verwendung dieser Verben mit dem AcI ist Stimming jedoch bekannt und erklärt sich ihm zufolge durch ihre spätere semantische Veränderung. So erlangt prétendre die übertragene Bedeutung ‘vorgeben/ behaupten’ aus ‘hervorstrecken’ erst in mittelfranzösischer Zeit (vgl. FEW: 9, 321 (b); Stimming 19 Stimming (1915) verweist für Belege mit définir, enseigner u. persuader auf Klausing (1887: 15). <?page no="280"?> 268 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo 1915: 162). Er beobachtet außerdem den AcI mit alléguer sowie certifier (so z. B. bei Berçuire und Christine de Pisan, vgl. Stimming 1915: 155-156). Würden sie im lateinischen Text der Institutio mit AcI nachweisbar sein, müsste bei diesen beiden Verben geprüft werden, ob von einem vom KL abweichenden Sprachgebrauch zu sprechen ist. Georges ([1913/ 1918] 8 1998) weist für vlt. certificare auf die spezifische Verwendung im Kirchenlatein hin. Im vorherigen Unterkapitel zu den quantitativen Ergebnissen ist ersichtlich geworden, dass bestimmte Verben innerhalb der Verbklassen eine besonders starke Stellung einnehmen und teilweise Namensgeber sind. Dies gilt auch für fr. dire , welches in FR1541 und und FR1560 rund ein Drittel aller Belege dieser Klasse ausmacht (vgl. Tab. 20). FR1541 FR1560 Rang v. dicendi n % v. dicendi n % 1 dire 51 26,56 dire 64 29,77 2 confesser 32 16,67 confesser 41 19,01 3 (dé)monstrer 19 9,90 (dé)monstrer 21 9,77 4 déclarer 14 7,29 déclarer 11 5,12 5 nyer 12 6,25 nier 7 3,26 6 prononcer 7 3,65 prononcer 7 3,26 7 enseigner 5 2,60 enseigner 5 2,33 8 dénoncer 5 2,60 exposer 4 1,86 9 affirmer 3 1,56 dénoncer 4 1,86 10 alléguer 3 1,56 testifier 4 1,86 11 exposer 3 1,56 témoigner 3 1,40 12 faindre 3 1,56 affirmer 3 1,40 13 prouver 3 1,56 alléguer 3 1,40 14 témoigner 3 1,56 prouver 3 1,40 15 testifier 3 1,56 maintenir 3 1,40 . . . . . . 19 weitere Verben 26 13,54 25 weitere Verben 33 15,35 Summe 192 100 215 100 Tab. 20 - Häufigkeit der verba dicendi mit AcI in FR1541 und FR1560 (n ≥ 3) Es überrascht zudem nicht, dass confesser im theologischen Kontext der Institution in einem von fünf Fällen verwendet wird. Zudem ist confesser inner- und außerhalb von Übersetzungen bereits im 14. Jahrhundert in der französischen Literatur präsent (vgl. Stimming 1915: 128, 156, 169, 171, 176) und geht auf die klassisch-lateinisch sehr gebräuchliche Verwendung des AcI mit confiteor zu- <?page no="281"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 269 rück. 20 Während die Anzahl bei dire, confesser und démonstrer von der Ausgabe FR1541 zu FR1560 hin ansteigt und dies dem Hinzukommen neuer Textpassagen geschuldet sein kann, ist bei déclarer ein leichter und bei nier ein starker Rückgang nach der Ausgabe FR1541 zu verzeichnen. Es hat sich im verbklassenübergreifenden Vergleich oben angedeutet, dass es eine große Bandbreite an Verben gibt, die nur niederfrequent anzutreffen sind. Dies setzt sich nun in der Einzelansicht der verba dicendi fort, wo 28 Verben weniger als fünf Mal verwendet werden. Die absolute Häufigkeit der V 1 mit AcI spiegelt jedoch nicht realistisch wider, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein bestimmtes Verb im Text mit dem AcI auftritt. Um diese zu bestimmen (vgl. Tab. 21), muss zum einen das Verhältnis der AcI- Belege zur Gesamtzahl der Verbformen eines V 1 berechnet werden (n 1 / n 2 ). Zum anderen lässt sich die relative Häufigkeit des Verbs im Text ermitteln, indem die Anzahl seiner Verbformen auf die Gesamtwortanzahl bezogen wird (n 2 / N). 21 Beide Werte zusammen ermöglichen eine Einschätzung, wie häufig ein AcI mit einem bestimmten Verb tatsächlich zu erwarten ist. v. dicendi AcI (n 1 ) Verbformen (n 2 ) Wortanzahl (N) n 1 n 2 % n 2 N / 10k 22 dire 64 3.840 677.095 1,67 56,7 confesser 41 483 677.095 8,49 7,1 (dé)monstrer 21 725 677.095 2,90 10,7 déclarer 11 294 677.095 3,74 4,3 nyer/ nier 7 211 677.095 3,32 3,1 prononcer 7 153 677.095 4,58 2,3 enseigner 5 430 677.095 1,16 6,4 Tab. 21 - Realisierung der verba dicendi mit AcI in FR1560 (n ≥ 5) Obwohl das zweitplatzierte Verb confesser dem Spitzenreiter dire mit einigem Abstand folgt, gestaltet sich das Verhältnis anders, wenn die gesamten Gesamtvorkomnisse aller Verbformen von dire und confesser verglichen werden. So finden sich in der Ausgabe FR1560 rund 3.840 Formen von dire , aber nur 483 Formen von confesser . Auf 10.000 Wörter bezogen entspricht dies einem Verhältnis von 56,7 zu 7,1. Diese Dominanz setzt sich auch gegenüber déclarer und démonstrer fort, die noch seltener sind. Dennoch steht confesser prozentual deutlich häufiger mit einem AcI als dire : Von 483 Formen regieren 41 (ca. 8,5%) einen 20 Georges ([1913/ 1918] 8 1998: I, 1452) belegen den AcI mit confiteor bei Cicero und Ovid, ebenso wird er bei Burkard/ Schauer ( 6 2020) aufgeführt. 21 Zur Ermittlung der Wortformen wird die Lemma-Funktion von Frantext verwendet, dessen Tagset auch Abweichungen in der Orthographie berücksichtigt. 22 10k = Frequenz (n 2 / N) pro 10.000 Wörter. <?page no="282"?> 270 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo fr. AcI; während es bei 3.840 Formen von dire 64, also 1,7%, mit einem AcI sind. Mit confesser steht folglich besonders häufig der AcI. Dies gilt auch in weniger ausgeprägter Weise für (dé-)monstrer, déclarer, nyer und prononcer ; hier ist aber die geringe Anzahl an Belegen nur begrenzt reliabel. dire Das französische Verb dire tritt erwartungsgemäß frequent, sogar mit großem Abstand am häufigsten innerhalb seiner Klasse und ebenso auf alle Klassen bezogen auf. Es wird im Altfranzösischen bereits in Übersetzungen aus dem Lateinischen zahlreich nachgewiesen und etabliert sich als Klassenvertreter im Mittelfranzösischen (vgl. Stimming 1915: 157). Im Satzquadrupel in (78b) ist ein für die fr. Institution typischer Satzbau mit dem AcI zu beobachten: S 1 -V 1 -S 2 -V 2 . (78) a. Porro, quod libertate abdicatam voluntatem dico necessitate in malum vel trahi , vel duci : mirum est sicui videatur aspera loquutio, quae nec absonum habet quidpiam, nec à sanctorem usu aliena est. (LT1559, II, 3, 5: 71 ˆ = LT1539, 2, 51: 339) b. Or ce que je dy [dictz, FR1541] la volonté estre despouillée de liberté et nécessairement estre tirée au mal, c’est merveille si quelqu’un trouve ceste. (FR1560, II, 3, 5: 61 ˆ = FR1541, 2: 319 [I], id-par-143) 23 Der fr. AcI steht hier in seiner gelehrten Form. Erkennbar wird dies an dem verbum dicendi , welches das S 2 la volonté nicht als alleiniges, direktes Objekt auffassen kann, sowie an der Genusangleichung des participe passé mit dem S 2 . Interessant ist das Satzquadrupel in (78) auch vor dem Hintergrund des lateinischen Modells, welches zwar einen von dicere abhängigen AcI zeigt, jedoch mehrere mögliche V 2 beinhaltet. Die lt. V 2 trahi und duci werden im Französischen in estre tirée reduziert wiedergegeben, welches an zweiter Stelle mit dem fr. V 2 estre despouillé de liberté koordiniert wird. Letzteres geht allerdings im lt. Satz auf ein participium coniunctum zurück ( libertate abdicatam ), welches das S 2 voluntatem näher beschreibt. Hieran wird ersichtlich, dass eine wortwörtliche französische Formulierung in (79) Calvin nicht akzeptabel erscheint. (79) *je dy la volonté despouillée de liberté nécessairement estre tirée au mal Die Erweiterung der NP in S 2 -Funktion scheint nicht mit einem Partizip Perfekt in adjektivischer Funktion möglich zu sein. 23 Zahlreiche Quadrupelbelege in meinem Korpus zeigen weitgehende Übereinstimmungen zwischen den Textfamilien LT1539 und LT1559 sowie FR1541 und FR1560. Meistens wird die jüngere Ausgabe zitiert; erkennbar an der Voranstellung: LT1559 ˆ = LT1539. Lies: „Die abgedruckte Belegstelle in LT1559 entspricht (bis auf orthographische Änderungen) der Belegstelle in LT1539.“ <?page no="283"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 271 Beispiel (80) macht die sprachliche Komplexität des textinternen Bezugssystems im Latein deutlich. Beide fr. AcI-Konstruktionen zeigen als S 2 l’homme , welcher zu Beginn des Absatzes als ‘zu Unrecht verurteilter Mann’ eingeführt wird. (80) a. Quemadmodum si reus innocens ad tribunal aequi iudicis adducatur, ubi secundum innocentiam eius iudicatum fuerit, iustificatus apud iudicem dicitur: sic apud Deum iustificatur qui numero peccatorum exemptus, Deum habet suae iustitiae testem & assertorem. Iustificari ergo operibus ea ratione dicetur in cuius vita reperitur ea puritas ac sanctitas, [...] (LT1559, III, 11, 2: 190 ˆ = LT1539, 6, 2: 737) b. Comme si quelque homme accusé à tort, après avoir esté examiné du juge est absous et déclairé innocent, on dira qu’il est justifié en justice; ainsi nous dirons l’homme estre justifié devant Dieu, lequel estant séparé du nombre des pécheurs, a Dieu pour tesmoin et approbateur de sa justice. En ceste manière nous dirons l’homme estre justifié devant Dieu par ses œuvres, en la vie duquel il [...] (FR1560, III, 11, 2: 205 ˆ = FR1541, 6: 827 [I], id-par-118 u. 121) Während im zweiten lt. AcI ein Pronomen oder die erneute Nennung des reus innocens fehlt, ist in sic apud Deum iustificatur mit fehlendem S 2 und V 2 formal nicht von einem AcI zu sprechen. Dennoch ist der Bezug im lateinischen Text klar, da der Mann zuvor erwähnt wird und mit qui numero peccatorum exemptus näher beschrieben wird. Das vermeintliche V 1 dicetur , wie es im zweiten AcI vorhanden ist, wird im ersten Fall, wohl vor dem Hintergrund der Vermeidung einer stilistisch negativ konnotierten Redundanz, nicht verwendet. In einem Drittel der Fälle wird dicere (respektive praedicere , aiere ) im fr. AcI auch mit einer Form von dire wiedergegeben. Doch dire basiert nicht immer auf dem lateinischen Ausgangswort dicere ‘sagen’. So ersetzt es im Französischen auch testare ‘bezeugen’. (81) a. Et quum iam aliquoties dictum sit, iusto eum honore affici, ubi bonorum omnium auctor agnoscitur: [...] Paulus enim, dum testatur [1 Tim. 4, 5] per verbum & orationem sanctificari , simul innuit, sine verbo & oratione minime sancta & pura nobis esse: [...] (LT1559, III, 20, 28: 235 ˆ = LT1539, 9, 22: 917) b. Car quand sainct Paul dit tous les biens de Dieu nous estre sanctifiez par la Parolle et oraison (I Tim. 4, 5) par ce il démonstre aussi que sans la Parolle et oraison ils ne nous sont pas sanctifiez. (FR1560, III, 20, 28: 369 ˆ = FR1541, 9: 1162 [II], id-par-148) Autoren des 16. Jahrhunderts äußern gemeinhin, es fehle ihnen an spezifischem Vokabular im Französischen, sodass sie das Lateinische bevorzugen würden. In (82) scheint dies plausibel zu sein, da lt. garriunt in der Bedeutung ‘sie schwatzen, plaudern, plappern’ (Georges [1913/ 1918] 8 1998: I, 2904) lediglich mit dire <?page no="284"?> 272 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo wiedergeben wird und dem Grand Robert zufolge fr. bavarder erst seit 1539 nachgewiesen ist. Denkbar wäre also, dass bavarder Calvin zum Zeitpunkt der Abfassung noch nicht oder nur wenig bekannt ist oder er absichtlich ein neutraleres Verb auswählt. Die negative Bedeutung geht jedenfalls verloren bzw. wird abgeschwächt. (82) a. [...] quod nullum superesse ingressum paradisi garriunt , si facultas confitendi neglecta fuerit: [...] (LT1559, III, 4, 16: 166 ˆ = LT1539, 5, 31: 707) b. [...] qu’aussi ils disent l’entrée de Paradis estre fermée à ceux qui ont laissé passer par mespris l’occasion de [...] (FR1560, III, 4, 16: 115 ˆ = FR1541, 5: 760 [I], id-par-154) Auffällig sind in den lateinischen Ausgangssätzen exponere, petare, licere, annotare , die mit fr. dire den Sinngehalt einer Äußerung gemein haben. In der Bedeutung ‘darlegen’ lässt sich exposuimus in (83) den verba dicendi/ declarandi logisch zuordnen. Dies erklärt aber nicht, warum Calvin in (83b) nicht exposer verwendet, welches bereits im 12. Jahrhundert Eingang in das Französische findet und in der Bedeutung ‘darstellen’ verwendet werden kann. (83) a. Promissio, in qua signorum virtutem consistere exposuimus , in utroque una est: [...] (LT1559, IV, 16, 4: 355 ˆ = LT1539, 11, 22: 970) b. La promesse, que nous avons dite estre la vertu des Sacremens, est une en tous deux, [...] (FR1560, IV, 16, 4: 342 ˆ = FR1541, 11: 1275 [II], id-par-237) Es stellt sich die Frage, ob eine eingeschränkte Verwendung des V 1 des AcI im Französischen vorliegen könnte, die sich in der Wahl von dire widerspiegelt. Eine Verwendung von fr. exposer mit dem AcI wäre, den ausbleibenden Belegen bei Gougenheim ( 2 1974), Huguet ([1894] 1967) und Stimming (1915) zufolge, unüblich. Das Prädikat ist fünfmal im Untersuchungskorpus der Institution belegt und bestätigt, dass keine bevorzugte Präferenz als regierendes Verb vorliegt. Die syntaktische Struktur des lateinischen Satzes begründet letztlich die Ersetzung des V 1 , welcher zwar wie der fr. AcI in einem verschränkten Relativsatz, der das Subjekt des Hauptsatzes fr. la promesse bzw. lt. promissio näher beschreibt, steht, jedoch keinen von exposuimus regierten AcI zeigt. Dire kommt in fr. AcI-Konstruktionen eine weitere Bedeutung zu. Es dient dem Autor dazu, verschachtelte lateinische Sätze, die nicht ohne den gleichen Komplexitätsgrad zu übersetzen wären, aufzulockern. Dies geschieht häufig in Fällen, in welchen Konjunktionen in lt. Ergänzungen und Einschüben scheinbar fehlen oder mehrere Infinitive von einem regierenden Verb abhängig sind. Dann wird im fr. Text das V 1 mit dire einfügt, um einen nahe gelegenen Bezug herzustellen. Die weiter entfernt liegenden Referenzpunkte, in Form eines V 1 oder S 2 , wie es im Lateinischen auch satzübergreifend zu beobachten ist, werden in der französischen Fassung der Institution Calvins überlicherweise durch nä- <?page no="285"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 273 her gelegene Referenzpunkte ergänzt. (84) zeigt die Ergänzung um ils disent im französischen Text, da der eigentliche lt. AcI in der Übersetzung entfernt wird. (84) a. [...] quia fateri coguntur corpus Christi in se visibile invisibiliter latere sub panis symbolo. (LT1559, IV, 17, 17: 369-370) b. Car ils sont contraints de confesser que le corps de Jesus Christ, lequel ils disent estre invisiblement caché sous l’espèce du pain, est néantmoins visible en [...] (FR1560, IV, 17, 17: 395) Stattdessen bildet der Autor aus der Ergänzung einen Relativsatz mit AcI-Konstruktion, die vom V 1 disent abhängt. confesser Das zweithäufigste Verb der Gruppe der Verben des Sagens und Erklärens ist nicht, wie analog zu dicere - dire angenommen werden könnte, declarare - déclarer , sondern confesser . Es tritt etwas mehr als doppelt so häufig wie déclarer auf und ist im Kontext des theologisch-calvinistischen Diskurses zu sehen. Inhaltliche Schwerpunktsetzungen wirken sich auch auf die Wahl der regierenden Verben mit dem AcI aus. In Kapitel 6.2.2 wird diese Beobachtung überprüft, indem zeitgenössische AcI-Konstruktionen anderer Autoren herangezogen werden. In Tab. 17 wurde confesser auf lt. confiteri zurückgeführt, welches insgesamt (in den Ausgaben FR1541 und FR1560) 73 Mal in Kombination mit einem fr. AcI in unserem Korpus der Institution belegt ist. Die Häufigkeit im Französischen verwundert insofern nicht, als dass es bereits in klt. Zeit ein gängig mit dem AcI anzutreffendes Verb ist (vgl. Stimming 1915: 156): (85) a. Sic enim ipsum aeternam esse & immutabilem veritatem confitemur : [...] (LT1559, II, 8, 23: 97 ˆ = LT1539, 3, 45: 398) b. Car en telle sorte nous le confessons estre la vérité éternelle et immuable , [...] (FR1560, II, 8, 23: 156 ˆ = FR1541, 3: 433 [I], id-par-45) Die übliche lateinische Litotes non negare ‘nicht zu leugnen/ zu verneinen’ ließe sich im Französischen mit ne pas nier übersetzen. Calvin wählt in (86) stattdessen das Verb confesser . Da die wörtliche Übersetzung grammatikalisch möglich wäre, muss es sich bei der Ersetzung der doppelt negativen Aussage durch ein affirmatives Verb um einen Eingriff zur besseren Lesbarkeit handeln. (86) a. At ea forte referri volent ad ignorantiam veri Dei, qua electos antequam vocentur, detineri non negant . (LT1559, III, 24, 10: 260 ˆ = LT1539, 8, 31: 884) b. [...], en laquelle ils confessent bien les esleus [les fideles, FR1541] estre détenus devant leur vocation. (FR1560 ˆ = FR1541, id-par-201) Eine wichtige Eigenschaft von fateri (‘bekennen, gestehen’) ist, dass es sowohl mit dem AcI als auch einem doppelten Akkusativ stehen kann. Letzteres ist nicht <?page no="286"?> 274 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo in allen Grammatiken für dieses Verb belegt, der Hinweis findet sich aber u. a. im Wörterbuch von Georges ([1913/ 1918] 8 1998: 2698). Da im Latein Calvins zahlreiche Verbellipsen beobachtet werden können, ist eine eindeutige Klärung im Zweifelsfall nicht möglich. (87) a. Fatentur enim se debitores , nisi remissionis beneficio solvantur; [...] (LT1539, 9, 40: 932 ˆ = LT1559, III, 20, 45: 241) b. Car ilz confessent qu’ilz sont debteurs à Dieu, si remission ne leur est faicte. (FR1541, 9: 1190 [II]) c. Ils se confessent estre detteurs s’ils ne sont acquitez par rémission gratuite, [...] (FR1560, III, 20, 45: 393, id-par-368) Calvin übersetzt in (87) die beiden von fatentur abhängigen Akkusative se und debitores FR1541 mit einem Komplementsatz. Dies macht eine Ellipse von esse vor dem Hintergrund von se als S 2 und debitores als O 2 plausibel. Dass Calvin zumindest für das Französische keinen doppelten Akkusativ im Sinn hat, lässt sich dann an der Neueinführung des AcI in der Ausgabe FR1560 sehen. Das zuvor fehlende esse wird nun mit estre in der Funktion des V 2 ausgedrückt. Für confesser mit AcI kann festgehalten werden, dass ein Großteil der Sätze auf einer direkten lateinischen Entsprechung basiert. Die übrigen Okkurenzen entfallen auf Verben aus derselben Verbklasse, die also semantisch nicht allzu weit entfernt liegen und somit auch keine prägnanten Ausreißer darstellen. 24 démontrer Bei den Sätzen, in denen im Französischen mit démontrer ein AcI steht, ist es auf den ersten Blick auffällig, dass es kein lateinisches Verb gibt, welches, wie bei den bislang betrachteten (französischen) Verben, dominiert. In den lt. Sätzen werden u. a. ostendere , „den Blicken darbieten, zeigen, sehen lassen“, demonstrare , „nachweisen, auf etw. od. jmd. hinweisen, hinzeigen, etw. od. jmd. kennzeichnen, kenntlich machen“, und commonstrare , „genau-, deutlich zeigen“, verwendet (Georges [1913/ 1918] 8 1998: I, 1321, 2034; II, 1415). Die Verben sind also präziser in ihrer Bedeutung, als es das fr. Verb démontrer selbst ausdrückt. Es ist daher nicht unüblich, dass Calvin im Französischen das S 2 wie in (88) ergänzt, entweder um eine Präzisierung von démontrer durch Herstellung eines klaren Sachbezugs zu ermöglichen oder um eine syntaktische Anforderung des Satzes zu erfüllen. Der Relativsatz quae illic traduntur in (88a) ließe sich als eigenständiges S 2 24 Es handelt sich hierbei um tradere, legere, exclamare, testare, non negare, argumentare, exultare, profitare, pronuntiare . Der vom ‘Hauptetymon’ abweichende Gebrauch eines anderen Verbs ist vor allem in jenen übersetzten Sätzen zu beobachten, die syntaktisch nicht mehr der lt. Struktur entsprechen und umgeformt wurden. Es zeigt sich eine Tendenz, bei keiner oder nur geringfügiger Veränderung der Satzstruktur, eher das dem lt. Etymon entsprechende fr. Verb zu verwenden. <?page no="287"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 275 auffassen. In (88b) ist ein Antezedens zum Relativpronomen obligatorisch, sodass qui sont ja dites ohne toutes les choses nicht als S 2 fungieren kann. (88) a. [...] ac ostenderent in Christo completa esse quae illic traduntur: [...] (LT1559, IV, 8, 8: 308-309 ˆ = LT1539, 4, 144: 632) b. [...] et monstrer toutes les choses qui sont ja dites estre accomplies en Jesus Christ; [...] (FR1560, IV, 8, 8: 159, neu ab FR1545, id-par-4055) Neben abstraktem Verweisen oder visuellem Zeigen lassen sich auch mündlich Sachverhalte aufzeigen. Dies wird durch docere „lehren, belehren, unterrichten, unterweisen, zeigen, nachweisen“, und designare „bezeichnen, abgrenzen, angeben“ ausgedrückt. Zu einer lautstarken Äußerung gesteigert funktioniert dies auch mit profiteri : „laut u. öffentlich-, frei bekennen, -gestehen“ sowie clamare „laut rufen, schreien, schreiend klagen“ (vgl. Georges [1913/ 1918] 8 1998: I, 1188, 2084, 2267; II, 1965). (89) a. Mirum enim non est si tantopere caecutimus in hac parte, quum à pestilenti erga se indulgentia nemo nostrum caveat, quam in nobis omnibus naturaliter haerere clamat Scriptura . (LT1559, III, 12, 5: 198-199 ˆ = LT1539, 6, 19: 749) b. à nous aymer, laquelle l’Escriture monstre estre naturellement enracinée en nous. (FR1560, III, 12, 5: 236 ˆ = FR1541, 6: 847 [I], id-par-135) Zwar ließe sich profiteri (90) ebenso mit confesser wiedergeben, doch so ist es plausibel, dass Calvin mit démontrer bewusst den öffentlichen Charakter des Bekenntnisses hervorheben will. (90) a. [...] ita quibus hodie se in Deum esse profitetur , eos omnes iam ab exitiali diaboli potestate asserit, quae [...] (LT1559, II, 8, 15: 95 ˆ = LT1539, 3, 18: 382) b. [...] tous ceux, desquels il se démonstre estre Dieu , de la malheureuse servitude du diable, laquelle [...] (FR1560, II, 8, 15: 148 ˆ = FR1541, 3: 412 [I], id-par-55) Auch hier zeigt sich, dass das Prädikat démontrer meist einem direkten lateinischen Pendant entspricht. Allerdings ist die Variation im Latein recht ausgeprägt, sodass neun Verben mit nur einem französischen Verb, gewissermaßen gruppiert, wiedergegeben werden. Es drängt sich der Verdacht auf, dass das Französische zu diesem Zeitpunkt lexikalisch noch nicht ausreichend stark ausdifferenziert ist. Für lt. designare gibt es z. B. im modernen Französisch die Entsprechung désigner ; diese ist jedoch bis ins 16. Jahrhundert selten nachgewiesen (vgl. Rey 2024). Von der direkten Entsprechung weicht (91) ab, wo lt. scimus mit der unpersönlichen Konstruktion c’estoit pour démonstrer übersetzt wird. (91) a. [...] unde vitae novitatem pendere scimus ; [...] (LT1539, 11, 34: 979 ˆ = LT1559, IV, 16, 16: 359) b. c’estoit pour demonstrer le renouvellement de vie dependre de la Resurrection de Christ, [...] (FR1541) <?page no="288"?> 276 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo c. [...] c’estoit pour démonstrer le renouvellement de vie estre dépendant de la résurrection de Christ, [...] (FR1560, IV, 16, 16: 353, id-par-367) Es ändert sich in der Übersetzung eklatant die epistemische Logik, denn im Latein ist mit ‘wir’ der Gelehrtenkreis um Calvin gemeint, der aufgrund seiner Vorkenntnisse den Inhalt des untergeordneten Satzes bestätigen kann. Da Calvin in der fr. Ausgabe aber für ein nicht notwendigerweise gelehrtes Publikum schreibt, das über keine vertieften Bibelkenntnisse verfügt, sind erklärende Formulierungen wie hier, ‘um etwas zu beweisen/ darzulegen’, notwendig und nachvollziehbar. déclarer Obwohl das Verb déclarer im Latein Namensgeber der Kategorie verba dicendi/ declarandi ist, ist es in der Ausgabe FR1541 nur 14 Mal und in FR1560 nur 11 Mal mit dem AcI belegt. Die beiden sinnverwandten lt. Verben declarare und pronuntiare werden überwiegend mit déclarer wiedergegeben. In (92b) wird die aktive Verbform der 3. Ps. Sg. von déclarer um die Angabe au prochain commandement ergänzt. Erst danach folgt der Infinitiv mit seiner Objektergänzung. Das Pronomen se kann hier nicht in seiner reflexiven Bedeutung verstanden werden (*‘er hat sich im nächsten Gebot erklärt, der einzige Gott zu sein’), sondern muss als S 2 des AcI aufgefasst werden: ‘er hat im nächsten Gebot erklärt, dass er der einzige Gott ist’. (92) a. Quemadmodum proximo mandato Deum se unum esse pronunciavit , [...] (LT1559, II, 8, 17: 95 ˆ = LT1539, 3, 24: 384) b. Comme il s’est déclairé au prochain commandement estre le seul Dieu, [...] (FR1560, II, 8, 17: 150 ˆ = FR1541, 3: 416 [I], id-par-37) Atypische lateinische V 1 für déclarer sind hier z. B. addens in (93), arguetur in (94) sowie monstrare und probare . (93) a. Ubi Dominus Circumcisionem Abrahae servandam mandat, praefatur se illi & semini illius in Deum fore: addens penes se affluentiam sufficientiamque esse rerum omnium, quo Abraham manum eius, omnis boni scaturiginem fore sibi duceret. (LT1559, IV, 16, 3: 355 ˆ = LT1539, 11, 21: 969) b. Quand nostre Seigneur ordonne la circoncision à Abraham, il use de ceste préface, qu’il veut estre son Dieu et le Dieu de sa semence (Gene. 17, 10), se déclairant estre tout puissant et avoir toutes choses en sa main, pour luy [...] (FR1560, IV, 16, 3: 341 ˆ = FR1541, 11: 1273 [II], id-par-491) Sie ändern den Sinn des jeweiligen Satzes, obwohl für jedes Verb eine direkte französische Entsprechung existiert, die von Calvin auch mit AcI-Konstruktionen eingesetzt werden. Es muss daher davon ausgegangen werden, dass Calvin die (leichte) Veränderung des Sinns beabsichtigt oder zumindest zugunsten einer besseren Verständlichkeit oder Idiomatik akzeptiert. In (94) zeigt sich hingegen, <?page no="289"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 277 dass das in der Ausgabe FR1541 verwendete Verb declairera für arguetur dem Autor in FR1560 nicht mehr adäquat scheint und durch descouvrira ersetzt wird. (94) a. [...] quod virtutis faciem prae se ferebat, miserrima impotentia esse arguetur . (LT1539, 1, 3: 281 ˆ = LT1559, I, 5, 2: 2) b. [...] qui avoit apparence de vertu, se declairera estre miserable foiblesse: [...] (FR1541, 1: 190 [I]) c. [...] et ce qui avoit belle monstre de vertu se descouvrira n’estre que débilité. (FR1560, I, 5, 2: 52, id-par-476) Der folgende AcI in (95) wird in FR1560 durch eine finite Konstruktion mit que aufgelöst. Interessant ist, dass vom S 2 tous ceux ein Relativsatz mit einem zweiten AcI ( qui ne se confessent [...] estre pecheurs ) abhängig ist. Der Relativsatz setzt zuvor in FR1541 erst nach dem ersten AcI an ( tous ceux estre maudictz et damnez ). Obwohl grammatikalisch möglich, scheint dies dem Autor nicht zu genügen, sodass er den Relativsatz in der Ausgabe FR1560 direkt an tous ceux anschließt. (95) a. Quin potius anathema esse pronuntiamus , quicunque non se coram Deo, coram angelis eius, coram ecclesia, coram omnibus denique hominibus, peccatorem confessus fuerit. (LT1539, 5, 21: 700 ˆ = LT1559, III, 4, 6: 163) b. Mesmes nous declarons tous ceux estre maudictz et damnez qui ne se confessent devant Dieu, devant ses Anges, devant l’Eglise, brief, devant tous les hommes, estre pecheurs. (FR1541, 5: 750 [I]) c. Mesme nous déclairons que tous ceux qui ne se confessent devant Dieu, devant ses Anges, devant l’Eglise, brief devant tous les hommes, estre pécheurs sont maudits et damnez . (FR1560, III, 4, 6: 104, id-par-474) Bemerkenswert ist, dass der erste AcI in FR1560 aufgelöst wird und der verschobene Relativsatz mit dem zweiten AcI nun vom Komplementsatz eingefasst wird. Hierin lässt sich eine aus dem Latein übertragene Texttechnik sehen, nämlich in Einschüben oder Relativsätzen den AcI-Satz (weiterhin) zu verwenden. Das Motiv in der Umstellung des Relativsatzes muss in einer erhöhten Lesbarkeit gesucht werden, denn der Relativsatz schließt nun direkt hinter der näher zu bezeichnenden Nominalgruppe an. nier Bis auf ein Gegenbeispiel basiert der durch fr. nier eingeleitete AcI immer auf einer Form von lt. negare . (96) a. [...] negabuntne Concilium generale fuisse, cui nihil ad exteriorem maiestatem deerat? (LT1559, I, [0.2]: - ˆ = LT1539, [0.2]: 273) b. Nieront-ils le concile avoir esté général, auquel il ne défailloit rien quant à la majesté (FR1560, I, [0.2]: 44 ˆ = FR1541, [0.2]: 171 [I], id-par-41) <?page no="290"?> 278 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo Die Ausnahme bezieht sich auf lt. non dicere (‘nicht sagen’) und zeigt in (97) eine dennoch nahe Übersetzung, in der ‘Wer würde nicht sagen, dass [...]’ einem ‘Wer würde bestreiten, dass [...]’ entspricht. (97) a. Quis autem non expedire dicat ut praestantissimum patientiae donum, quod [...]? (LT1559, III, 8, 4: 184 ˆ = LT1539, 17, 18: 1137) b. Or qui est-ce qui niera cela estre expédient, qu’un don si excellent, lequel [...] (FR1560, III, 8, 4: 180 ˆ = FR1541, 17: 1682 [II], id-par-24) Ein fr. AcI kann nicht nur auf einem lt. AcI, sondern auch auf einem NcI basieren. Im folgenden Beispiel (98) lässt sich allerdings nicht von einer direkten Übersetzung sprechen. (98) a. 36. At quoniam, obiiciuntur certi scripturae loci, quibus videtur negare Dominus sua ordinatione fieri ut iniqui pereant, [...] (LT1539, 8, 36: 887) b. Mais pource qu’on objecte certains lieux de l’Escriture où il semble advis que le Seigneur nye cela estre faict par son ordonnance, que les iniques perissent, [...] (FR1541, 8: 1089 [II]) c. 15. At quoniam obiici solent pauci Scripturae loci, quibus videtur negare Deus sua ordinatione fieri ut iniqui pereant, [...] (LT1559, III, 24, 15: 261) d. 15 - Mais pource qu’on a accoustumé d’objetter quelques passages de l’Escriture, où il semble que Dieu n’accorde pas que les iniques périssent par son décret, [...] (FR1560, III, 24, 15: 467, id-par-456) Zwar entspricht il semble advis que dem lt. Prädikat videtur , doch regiert es im Unterschied zu der Ausgabe LT1539 zunächst einen Komplementsatz mit que , in welchem sich dann ein AcI mit dem V 1 nier und dem V 2 estre befindet. Diese AcI-Konstruktion wird 1560 durch das sprachlich gewandtere n’accorde pas ersetzt und steigert die Verständlichkeit durch eine verringerte syntaktische Komplexität erheblich. prononcer Prononcer geht in der lateinischen Textquelle sieben Mal auf pronuntiare zurück. Lateinische Synonyme wie z. B. proloqui kommen nicht vor. In (99a) regiert pronunciavit einen AcI mit ausgelassener Kopula esse und fehlendem S 2 , welches jedoch durch qui lugent anzunehmen ist. Der fr. AcI in (99b) ergänzt beide fehlenden Konstituenten. (99) a. Ac, nequis vitio id verteret, proposito edicto beatos pronunciavit qui lugent : nec mirum. (LT1559, III, 8, 9: 185 ˆ = LT1539, 17, 23: 1141) b. Et afin qu’on ne tournast cela à vice, il prononce ceux qui pleurent estre bienheureux (Matt. 5, 4). (FR1560, III, 8, 9: 185 ˆ = FR1541, 17: 1690 [II], id-par-174) <?page no="291"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 279 Dies gilt auch im Beispiel (100) mit Blick auf das S 2 , das im lt. Satz ( peccata ) nicht erneut aufgegriffen wird. (100) a. [...] ideoque tunc sacerdotem non tam remittere peccata, quam pronunciare & declarare remissa esse . (LT1559, III, 4, 23: 168) b. [...] et pourtant que lors le prestre ne remet pas tant les péchez qu’ il les prononce et déclaire estre remis . (FR1560, III, 4, 23: 123, id-par-6041) Lt. quam ist Teil der adverbialen Wendung tam ... quam , die im Französischen tant ... que entspricht. Da ein relativer Satzanschluss deshalb nicht möglich ist, wird im fr. Satz ein direktes Objektpronomen eingefügt. Interessant in (100a) ist darüber hinaus, dass das lateinische V 1 aus den beiden koordinierten und semantisch ähnlichen Infinitiven pronuntiare und declarare besteht, die den vorhergehenden Satz nach einem Doppelpunkt erweitern. Zwar sind in wenigen Fällen fr. Infinitive in V 1 -Funktion im Korpus zu beobachten, jedoch nicht wie hier im lt. Satz (100a) als ein für sich stehender, unabhängiger Infinitivsatz. Es zeigt sich, dass die AcI-Konstruktionen nicht immer wortgetreu übertragen werden können und somit einer syntaktischen Einbettung in den zielsprachlichen Satz bedürfen. Obwohl Calvin für gewöhnlich recht nah am Text bleibt, übersetzt er in der Ausgabe FR1541 hin und wieder freier. Dies sind Stellen, die dann in FR1560 teilweise wieder korrigiert werden, um der originalen lt. Textversion stärker zu entsprechen. In (101) wird das Ideal der textnahen Übersetzung, welches Calvin verfolgt, im Übergang von FR1541 zu FR1560 deutlich. (101) a. Deum igitur unicum animarum regem agnosci oportet, penes quem imum servandi perdendique potestas est ; aut (ut illa lesaiae verba sonant) et regem et iudicem et legislatorem et servatorem. (LT1539, 13, 7: 843 ˆ = LT1559, IV, 10, 7: 317) b. Nous oyons que Sainct laques prononce , celuy qui ha quelque puissance sur l’ame estre Seigneur de vie et de mort, de salut et de damnation. (FR1541, 15: 1526 [II]) c. Dont il s’ensuit qu’il faut tenir Dieu pour le seul Roy de nos âmes, lequel seul ait la puissance de sauver et damner ; ou, comme chantent les parolles d’Isaie, il le faut recognoistre pour Roy, luge, législateur et Sauveur. (FR1560, IV, 10, 7: 192, id-par-486) Die freiere Satzvariante in der Ausgabe FR1541 wurde mit einem AcI ohne vorliegendes lateinisches Modell erstellt. Dieser Autolatinismus basiert auf einem verbum dicendi , welches die Quelle der geschilderten Information, Sainct laques in der Subjektposition des V 1 , aufgreift. 1560 präzisiert Calvin diese Stelle inhaltlich auf der Basis des (unveränderten) lateinischen Modells, welches deutlicher Bezug <?page no="292"?> 280 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo auf die Referenz nimmt, die hier die Macht über Leben und Tod hat, nämlich der zentralen Figur des Werks Gott . enseigner Enseigner findet sich bei Gougenheim ( 2 1974), Huguet ([1894] 1967) und Stimming (1915) nicht mit einem AcI belegt. Jedoch können sieben Fälle insgesamt in der Institution nachgewiesen werden, die vier Mal auf einen lt. AcI mit einer Form von docere und jeweils ein Mal auf Formen von constituere, dicere und asserere zurückgehen. Die fr. Übersetzung in (102) ist gemäß der Bedeutung von docere ‘lehren’ zu verstehen: (102) a. Quare & hunc vocationis nostrae finem esse docet , [...] (LT1559, III, 6, 2: 178 ˆ = LT1539, 17, 2: 1125) b. Pourtant l’Escriture nous enseigne ceste estre la fin de nostre vocation, [...] (FR1560, III, 6, 2: 161 ˆ = FR1541, 17: 1654 [II], id-par-29) Der Fall in (103) zeigt im lt. Quelltext (erstmalig im Jahr 1559 erschienen) zwei verschachtelte AcI: der erste AcI ist von visum fuerit abhängig und der zweite AcI vom V 2 asserere des ersten AcI. Ein dritter AcI, der auf testati sunt folgt, nimmt in einem nachgestellten Relativsatz Bezug auf den zweiten AcI. (103) a. Et certe, quum ante visum fuerit, Apostolos asserere Filium Dei illum esse , quem Moses & Prophetae testati sunt esse Iehovam, semper ad unitatem essentiae venire necesse est. (LT1559, I, 13, 20: 30) b. Et de fait, puisque désja nous avons veu que les Apostres enseignent Jesus Christ estre le mesme Dieu éternel, lequel Moyse et les Prophètes ont presché, il faut tousjours revenir à ceste unité d’essence. (FR1560, I, 13, 20: 169, id-par-6026) Im fr. Satz werden sowohl die Unterordnung der Nebensätze als auch die Nachstellung des Hauptsatzes nachgeahmt. Realisiert wird jedoch nur ein AcI, nämlich der auf zweiter Ebene, abhängig von les Apostres enseignent . Ein weiterer AcI (vgl. 104) lässt sich im Französischen nicht an den Infinitiv enseigner anschließen. (104) *puisque désja nous avons veu les Apostres enseigner Jesus Christ estre le mesme Dieu éternel Ferner ist festzustellen, dass das den fr. AcI regierende V 1 enseignent keine wörtliche Übersetzung des lt. infiniten V 1 asserere (‘etw. geltend machen, behaupten’, vgl. Georges [1913/ 1918] 8 1998: 635) ist. Für asserere in (103) wäre fr. prétendre denkbar, doch gleichwohl gehört das Verb nicht zur bevorzugten Wahl Calvins für einen AcI, sodass dies die ausweichende Übersetzungshandlung erklärt. <?page no="293"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 281 testifier und tesmoigner Die inhaltliche Bedeutung ‘bezeugen’ wird im heutigen Französisch mit témoigner und ggf. mit attester oder certifier wiedergegeben. Im 16. Jahrhundert findet sich neben der latinisierten Schreibvariante tesmoigner noch der lexikalische Latinismus testifier . Letzterer ist eine direkte Entlehnung aus dem Lateinischen und basiert auf dem Deponens testificari . Ein fehlender Beleg im Grand Robert sowie der spezifische Eintrag im bei Meyrueis (1855: 40) erschienenen Glossaire: Dictionnaire des locutions obscures et des mots vieillis qui se rencontrent dans les œuvres de Jehan Calvin untermauern die Annahme, dass es sich um einen lexikalischen Transfer handelt, der sich meinen Beobachtungen in der Forschungsliteratur zufolge mit AcI nur bei Calvin findet. Zudem besitzen alle AcI-Konstruktionen in der Institution mit testifier eine Entsprechung in lt. testificare und testare . (105) a. [...] testificantur tamen hanc unam salutem esse , Christo communicare, & illi unitum esse. (LT1559, IV, 17, 40: 379 ˆ = LT1539, 12, 39: 1016) b. [...] toutesfois ils testifient ce estre le seul salut , c’est assavoir de communiquer à Jesus Christ (FR1560, IV, 17, 40: 435 ˆ = FR1541, 12: 1370 [II], id-par- 19) Das Verb témoigner bzw. tesmoigner wird hingegen im FEW (13/ 1: 286) auf das Nomen testimonium zurückgeführt und findet seine Entsprechung ausschließlich in den lt. AcI-Konstruktionen mit testare , welches in direkter Verwandtschaft zum Nomen steht (vgl. 106). (106) a. [...] id vero quid aliud est, quam clare testari Patrem, Filium & Spiritum unum esse Deum? (LT1559, I, 13, 16: 29 ˆ = LT1539, 4, 17: 489) b. [...] là autre chose que tesmoigner clairement les trois estre un seul Dieu? (FR1560, I, 13, 16: 165 ˆ = FR1541, 4: 589 [I], id-par-308) In wenigen Fällen geht ein fr. V 1 auf ein lt. Nomen zurück. Dies ist dann der Fall, wenn V 1 und V 2 +O 2 vertauscht werden, wie in (107), in welchem lt. licebat zu fr. estre licite wird und lt. dicere teste Scriptura zu fr. tesmoigne : (107) a. Et nos dicere nolumus, quod teste Scriptura dicere licebat . (LT1559, III, 23, 13: 256) b. [...] refusons de dire ce que l’Escriture tesmoigne estre licite , [...] (FR1560, III, 23, 13: 448, id-par-6029) Licebat lässt sich im Französischen nicht mit einem einzelnen Verb wiedergeben, es müsste auf il était permis zurückgegriffen werden. Da auch das zweite Verbsyntagma nicht wörtlich übersetzbar ist, ermöglicht es in logischer Konsequenz nur eine Umformulierung, die dennoch sehr nah am Original bleibt und ein weiterer Beleg für Calvins ausgeprägtes Sprachgefühl in beiden Sprachen ist. <?page no="294"?> 282 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo Wenig frequente V 1 (n < 5) Die übrigen verba dicendi/ declarandi werden aufgrund ihrer geringen Anzahl zusammengefasst. Es handelt sich überwiegend um V 1 , die einmal oder zweimal im Korpus nachgewiesen werden können. An den V 1 avouer, raconter, crier, feindre sowie brouiller und vanter werden exemplarisch Besonderheiten aufzeigt, die teils mit ihrer geringen Frequenz als AcI-Prädikate, teils mit ihrem nicht zwangsläufig klassisch-lateinischen Ursprung zusammenhängen. 25 Das Verb avouer in der heutigen Bedeutung ‘gestehen’ geht in direkter Linie auf lt. advocare zurück, welches einen Bedeutungswandel erfahren hat. Um ‘gestehen’ im Lateinischen auszudrücken wäre fateri , confiteri oder auch profiteri zu erwarten. Sowohl in der Ausgabe LT1539 als auch in LT1559 steht jedoch im lt. Text des Quadrupels (108) imputat , welches ‘anrechnen’ oder ‘zurechnen’ ausdrückt (vgl. Georges [1913/ 1918] 8 1998: II, 121). (108) a. [...] quibus quicquid erogatur, sibi datum Dominus imputat . (LT1559, III, 18, 6: 218 ˆ = LT1539, 6, 82: 797) b. [...] ausquels tout ce qu’on eslargist, le Seigneur se l’avoue estre donné (Matth. 25, 40) (FR1560, III, 18, 6: 304 ˆ = FR1541, 6: 942 [I], id-par-104) Die Annahme, dass es sich um ‘gestehen’, also um eine Anrechnung der eigenen Fehler, handelt, lässt sich gewiss nicht bestätigen. Vielmehr muss es eine Anrechnung dessen sein, was Gott gegeben wird: ‘was wir ihnen gewähren, das erkennt der Herr, dass es ihm gegeben ist.’ Diese Bedeutung von avouer nennt Rey (2024: ‘avouer’) im literarischen Kontext als „reconnaître comme valable“. Interessant ist nun, dass imputo mit AcI im KL weder bei Burkard/ Schauer ( 6 2020) noch bei Georges belegt ist, sodass sich gefragt werden muss, ob überhaupt ein AcI mit ausgelassener Kopula esse in V 2 -Funktion im lt. Satz vorliegt. Überzeugender ist an dieser Stelle eine prädikative Lesart (‘das erkennt der Herr als ihm gegeben/ zugefügt’). Im Französischen wird in (108b) jedoch mit dem Partizip die Kopula estre ergänzt und zudem l’ zur Herstellung des S 2 -Bezugs eingefügt. Sibi und se fungieren als Dativpronomen, sodass das fr. Pronomen an dieser Stelle nicht in Akkusativfunktion missinterpretiert werden darf. Vor dem Hintergrund des lt. Satzes, dessen V 1 nicht zu den klassisch-lateinischen AcI-Verben gehört, wird folglich deutlich, warum es sich um einen Einzelbeleg im Französischen handelt und avouer nicht regelmäßig als verbum declarandi angewendet wird. 25 Nicht besprochen werden affirmer, ajouter, alléguer, annoncer, arguer, avertir, certifier, concéder, décrire, définir, dénoncer, déterminer, exposer, interpreter, jurer, lire, maintenir, manifester, persuader, prétendre, promettre, prouver, réciter, répondre, signifier und soutenir . Sie sind in 38 und 45 Belegen in FR1541 und FR1560 nachgewiesen. <?page no="295"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 283 Imputare ist mit computare verwandt, welches die etymologische Basis für fr. raconter bildet, jedoch nicht mit dem AcI verwendet wird. Raconter (‘erzählen’) basiert daher im lt. Satz in (109) erwartbar auf narrare . (109) a. Habent Apostolicae Ecclesiae usum, ubi fideles non in adoratione, sed in fractione panis communicasse, à Luca narratur . (LT1559, IV, 17, 35: 378 ˆ = LT1539, 12, 31: 1011) b. Ils ont l’usage de l’église Apostolique, laquelle sainct Luc raconte avoir communiqué, non en l’adoration, mais en la fraction du pain [...] (FR1560, IV, 17, 35: 429 ˆ = FR1541, 12: 1364 [II], id-par-185) Typisch für ein Verb, welches im weitesten Sinne ‘sagen’ im Lateinischen ausdrückt, ist die Passivierung. Das Passiv des V 1 wird beim AcI im Französischen in keinem Fall verwendet, sehr wohl hingegen beim NcI, bei dem es neben dem Nominativ wesentlicher Bestandteil der Konstruktion ist (vgl. Kap. 6.1.6.2). Das Verb crier geht auf eine kontrahierte vulgärlateinische Form von klassischlateinisch quiritare ‘beschweren, kreischen’ zurück. In zwei Fällen verwendet Calvin im Französischen den AcI mit crier . Die lt. Quellsätze verwenden die synonymen Verben vociferari sowie clamo , die beide bereits bei Cicero mit AcI belegt sind (vgl. Georges [1913/ 1918] 8 1998: I, 1188; II, 3535). Das Quadrupel in (110) zeigt den (erwartbar) routinierten Umgang des Autors mit Deponentien, die in die Aktivform im Französischen umgesetzt werden. (110) a. [...] quam terra marique exterminandam vociferantur . (LT1559, I, [0.2]: - ˆ = LT1539, [0.2]: 257) b. [...] et laquelle ils crient devoir estre déchassée hors de terre et de mer. (FR1560, I, [0.2]: 28 ˆ = FR1541, [0.2]: 140 [I], id-par-49) In drei Fällen lässt sich ein AcI mit feindre nachweisen. Das Etymon fingere ist, wie Georges ([1913/ 1918] 8 1998: I, 2764) differenziert, bereits in klassisch-lateinischer Zeit mit dem AcI zweifach ausgeprägt. Zum einen ist die in der Institution mit AcI ausschließlich angetroffene Bedeutung ‘vortäuschen, vorgeben, erlügen’ zu nennen, welche Burkard/ Schauer ( 6 2020) synonym zu simulare als verbum dicendi/ declarandi verstehen. Zum anderen ist in der originären Lesart unter lt. fingere und fr. feindre ‘sich einbilden, sich in der Vorstellung ein Bild von etwas machen’ zu verstehen und den verba cogitandi zuzuordnen. Dies ist in dem Untersuchungskorpus der Institution nicht der Fall, sodass nur die zuerst angesprochene Bedeutung nachfolgend betrachtet wird. In (111) wird jedoch ein bei Gougenheim entnommenes Beispiel aus Montaignes Essais gewählt, um den Kontrast aufzuzeigen: (111) Voylà pourquoy les poetes feignent cette miserable mere Niobé [...] avoir esté enfin transmuée en rochier (Montaigne, zit. n. Gougenheim 2 1974: 156) <?page no="296"?> 284 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo Das Prädikat feignent ist als ‘sich vorstellen’, synonym zu s’imaginer , zu verstehen. Der Kontext lässt die Interpretation als ‘absichtlich vortäuschen’ nicht zu, wenngleich sie, falls der Satz isoliert stünde, denkbar wäre. In zwei von drei Fällen, in denen feindre (‘vortäuschen’) mit einem AcI belegt ist, wird es im lateinischen Satz mit dem Etymon fingere wiedergegeben. In (112) wird der in das Französische in FR1541 übertragene AcI anschließend in der Ausgabe FR1560 in einem Komplementsatz mit que aufgelöst. Dabei tauscht der Autor das übergeordnete Verb feignent durch veut faire accroire (‘jmd. etw. glauben/ glaubhaft machen’) aus. (112) a. [...] quibus Christi regnum absque eius sceptro, id est, sacrosancto ipsius verbo esse fingitur ? (LT1539, 4, 25: 556 ˆ = LT1559, IV, 2, 4: 279) b. [...] lesquelles feignent le Regne de Christ estre sans son Sceptre, c’est à dire sa saincte parolle? (FR1541, 15: 1530 [II]) c. [...] quand on veut faire accroire que le règne de lesus Christ est où son sceptre n’est point? (FR1560, IV, 2, 4: 45, id-par-488) Der Eingriff ist als Präzisierung zu verstehen, indem Calvin in FR1560 die französische Bedeutung klarstellt, die er im ambigen lt. fingere und zugleich fr. feindre sieht. Der lateinische Text bleibt unberührt, das wiederum zeigt, dass Calvin der sehr unterschiedlich kompetenten Leserschaft der lateinischen und französischen Ausgaben Rechnung trägt. Nicht immer lassen sich die Motive für Veränderungen klar nachvollziehen. In (113) wechselt das V 1 im Lateinischen und Französischen. Während in den Ausgaben LT1539/ FR1541 noch fingunt und adäquat feignent stehen, sind es in LT1559/ FR1560 definiant sowie enseignent , welches nicht ganz die Bedeutung des lateinischen Verbs wiedergibt. (113) a. Iam vero insani illi, qui claves ecclesiae dispensationem meritorum Christi et martyrum esse fingunt , quam papa suis bullis et indulgentiis partiatur, elleboro magis quam argumentis digni sunt. (LT1539, 5, 37: 714) b. [...] enragez qui feignent les clefz de l’Eglise estre la dispensation des merites de Jesus Christ et des Martyrz, laquelle [...] (FR1541, 5: 775 [I]) c. Nam quod ad satisfaciendum facultatibus nostris deest, istis suffici nugantur: atque eo prosiliunt insaniae ut dispensationem esse definiant meritorum Christi & Martyrum, quam Papa suis bullis partitur. (LT1559, III, 5, 1: 174) d. [...] qu’ ils enseignent que le Pape, en faisant voiler ses bulles çà et là, dispense les mérites de Iesus Christ et des Martyrs. (FR1560, III, 5, 1: 143, id-par-464) Enseigner ist mit dem AcI im Korpus belegt, sodass ein Latinismus theoretisch möglich wäre. Der Austausch der Metapher les clefz de l’Eglise (S 2 ) durch das konkrete Referenzobjekt, den Papst, verdeutlicht erneut die Bemühung um eine <?page no="297"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 285 bessere Lesbarkeit. Es ist auffällig, dass in allen drei AcI-Sätzen mit feindre das V 1 ausgetauscht und eine Komplementsatzstruktur gewählt wird. Das Verb wird zwar im Französischen verwendet, jedoch von Calvin nach gründlicher Überarbeitung nicht mit dem AcI akzeptiert. In (113d) wird zudem ein weiteres Motiv für die Veränderungen zunehmend plausibler. Es ist bekannt, dass Calvin zum Zeitpunkt der Drucklegung und vorherigen Überarbeitung erneut schwer erkrankt ist, sodass Teile der Institution (FR1560) diktiert werden müssen. Die syntaktische Struktur weist in (113d) neben dem finiten Satz mit que den Einschub en faisant voiler ses bulles çà et là auf. Es ist in einer sprachhistorischen Perspektive nur schwer beweisbar, jedoch sollte die Annahme getroffen werden, dass es sich bei çà et là sowie der neu in der Ausgabe FR1560 eingeführten finiten Satzstruktur um charakteristische nähesprachliche Elemente handelt. In (114) basiert der fr. AcI mit feignent auf lt. ne mentiantur ‘damit sie nicht lügen’ und wird, unabhängig vom lt. Satz in der Ausgabe LT1559, mittels einer Umschreibung in FR1560 aufgelöst. (114) a. Posthac ergo, ne diaconos esse mentiantur , quos nonnisi ad histrionicos suos ludos instituunt. (LT1539, 16, 34: 1096 ˆ = LT1559, IV, 19, 32: 396) b. Cy après donc qu’ ilz ne feignent point ceux estre Dyacres lesquelz ilz n’ordonnent sinon à leurs farces et bateleries. (FR1541, 13: 1470 [II]) c. Cy après donc qu’ ils ne nous introduisent point pour Diacres ceux qu’ils n’ordonnent sinon à leurs farces et bastelleries. (FR1560, IV, 19, 32: 500, id-par-444) Das fr. V 1 introduire gehört nicht zu den Verben des Sagens, obwohl es hier eine vortäuschende Bedeutung hat (‘dass sie uns gar nicht jene als Diakone einführen, die ...’). Das Prädikat tritt nur in diesem Quadrupel auf, sodass es nicht verwundert, dass hiervon kein AcI abhängt. Die Umstrukturierung zielt auf eine lesefreundlichere Formulierung ab, indem das Antezendens ceux zur leichteren Identifizierung des Relativsatzes nach rechts verschoben wird. Die Auflösung des AcI in (114c) ist durch das lt. V 1 mentiri (‘fälschlich aussagen’) motiviert, das nicht zu den gängigen AcI-Auslöser im KL gehört. 26 Dies gilt auch für die beiden nachfolgenden Satzpaare. In (115) wird der AcI mit lt. iactare ‘prahlen’ (vgl. Georges [1913/ 1918] 8 1998: II, 7-9) in fr. vanter und 26 Einige wenige Beispiele sind bei Georges ([1913/ 1918] 8 1998: II, 882) aus Vergil und Livius aufgeführt. Burkard/ Schauer ( 6 2020: 681) zählen es jedoch zu den nicht-klassischen Verben, ebenso wie das in (103) verwendete asserere , das bei Seneca nachgewiesen ist (vgl. Georges [1913/ 1918] 8 1998: I, 635). <?page no="298"?> 286 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo in (116) mit lt. obgannire ‘vorschwatzen’ (vgl. Georges [1913/ 1918] 8 1998: II, 1334) in fr. brouiller wiedergegeben. 27 (115) a. Nimis ergo philosophice hac de re loquuti sunt, qui se Christi iactabant esse discipulos . (LT1559, II, 2, 4: 62) b. Ceux donques qui se vantoyent estre disciples de Jesus Christ ont par trop approché des Philosophes [...] (FR1560, II, 2, 2: 27, id-par-6056) (116) a. Neque hic mihi putidis suis distinctionibus obganniant , non ad confirmatoriam Augustinum illud retulisse , sed curatoriam vel reconciliatoriam. (LT1559, IV, 19, 12: 391 ˆ = LT1539, 16, 12: 1074) b. Et qu’ ils ne viennent point icy brouiller de leurs folles distinctions, le dire de S. Augustin ne devoir estre entendu de l’imposition des mains confirmatoire [...] (FR1560, IV, 19, 12: 479 ˆ = FR1541, 13: 1426 [II], id-par-351) In drei weiteren Fällen übersetzt Calvin gängige mit dem AcI stehende klt. Verben mit inhaltlich entsprechenden, aber nicht wörtlichen Wendungen. Diese Fälle werden nicht besprochen, da sie bezüglich des fr. AcI nicht auffällig sind. 6.1.3.3 Verben des Denkens ( verba cogitandi ) Die verba cogitandi werden in der Forschungsliteratur sowie in der latinistischen Grammatikschreibung nicht selten mit den anschließend behandelten verba intellegendi sowie zum Teil auch mit den verba sentiendi und dicendi zusammen behandelt. Stimming (1915) rechnet die fr. Verben des Denkens ausschließlich zu den verba sentiendi . Gougenheim ( 2 1974: 156) nennt hingegen explizit cuider, imaginer, penser, estimer und feindre 28 , die er zusammenhängend unter dem Etikett „verbes exprimant la pensée“ separiert. Wie im Folgenden dargestellt wird, kann die Zuschlagung eines Verbs in die eine oder andere Klasse nicht immer unilateral erfolgen. Die Möglichkeit einer mehrfachen Zuweisung zeigt sich besonders deutlich am Verb penser , welches sowohl zu den verba cogitandi , in der Bedeutung ‘denken’ (I), als auch zu den verba sentiendi , in der Bedeutung ‘glauben’ (II), gerechnet werden kann. Außerdem ist das Verb cuider (‘glauben’) zu nennen, das im mittelalterlichen Französisch eine bemerkenswerte semantische und syntaktische Wandlung durchmacht. Seine ursprüngliche Bedeutung, die sich aus dem lt. Etymon cogitare (‘denken’) ableitet und welches zugleich Namensgeber für diese Verbklasse ist, lässt sich nicht mehr 27 Stimming (1915: 164) verweist darauf, dass Klausing (1887: 12 [nicht 17! ]) bereits auf den fr. AcI mit vanter hingewiesen habe, ohne jedoch ein Beispiel zu geben. Das Prädikat brouiller bleibt bei beiden Autoren unerwähnt, vgl. FEW (I, 491) für die Bedeutung ‘schreien’ u. a. 28 Zur ausschließlich als verbum dicendi/ declarandi verwendeten Bedeutung von feindre , vgl. die Besprechung im vorherigen Abschnitt. <?page no="299"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 287 im 16. Jahrhundert finden. Es wird daher in seiner neugewonnenen Bedeutung im Abschnitt zu den verba sentiendi besprochen. Die Verben des Denkens zeichnen sich durch kognitive Prozesse aus, die sich meist auf eine folgende und untergeordnete Satzaussage p beziehen. In Tab. 22 sind die französischen Verben aufgeführt, die auf Basis ihrer lateinischen Etyma zweifelsfrei der Klasse der verba cogitandi zugeordnet werden können: concevoir und réputer . Sie sind in klt. Zeit zahlreich mit dem AcI belegt und bedeuten ‘etwas mental zu begreifen’ sowie ‘etwas anzuerkennen’. fr. V 1 Georges (1998) Burkard/ Schauer (2020) Stimming (1915) concevoir I, 1397 (Cic., Ov.) v. cog. v. sent. réputer II, 2336 (Cic., Plin.) v. cog. v. sent. Tab. 22 - Verben des Denkens ( v. cogitandi ) mit klt. AcI-Entsprechung Die lt. Verben imaginari sowie pensare (vgl. Tab. 23) treten im KL nicht mit dem AcI auf. Dennoch spiegeln sie keinen untypischen Gebrauch wider, wenn für die Zuordnung ihre Bedeutung zugrunde gelegt wird. So gelten Synonyme wie cogitare, concipere, fingere für imaginari und pensare ebenfalls als verba cogitandi . fr. V 1 Georges (1998) Burkard/ Schauer (2020) Stimming (1915) imaginer — v. cog. ( cogitare, concipere, fingere ) v. sent. penser (I) — v. cog. ( cogitare ) v. sent. songer II, 2725 (Cic., Suet.) v. cog. (hier: ’denken’) v. sent. ( penser ) Tab. 23 - Verben des Denkens ( v. cogitandi ) ohne klt. AcI-Entsprechung Das fr. Verb songer ‘nachdenken’ wird auf klt. somniare ‘träumen’ mit AcI zurückgeführt. Hier handelt es sich um eine relevante Bedeutungserweiterung im Sinne des ‘vertieften Nachdenkens’, die sich spätestens in mittelfranzösischer Zeit durchsetzt. Dies rechtfertigt die Zuordnung zu den verba cogitandi und gegebenenfalls zu den Verben der physischen Wahrnehmung. In der Bedeutung träumenden Sehens ist es aber nicht im Korpus nachweisbar. Jeweils 15 und 12 französische Prädikate des (Nach-)Denkens sind mit dem AcI in den Teilkorpora der Ausgaben FR1541 und FR1560 belegt (vgl. Tab. 24). In beiden Ausgaben dominiert réputer mit jeweils neun Okkurrenzen. Es wird im modernen Französisch nur noch selten, meist im literarischen Kontext gebraucht und ist synonym zu compter pour, considérer comme, croire, regarder comme (vgl. Rey 2024: Eintrag: réputer ). Obwohl es neun Mal in beiden Ausgaben belegt ist, <?page no="300"?> 288 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo beobachtet Stimming (1915: 151) es recht selten im Mittelfranzösischen, hier vor allem bei Pierre Bersuire (14. Jh.). Manche AcI regierende Verben können also an den individuellen Gebrauch eines Autors geknüpft sein. FR1541 FR1560 Rang v. cogitandi n % v. cogitandi n % 1 réputer 9 60,00 réputer 9 75,00 2 penser (I) 2 13,33 penser (I) 1 8,33 3 imaginer 2 13,33 imaginer 0 0 4 concevoir 1 6,67 concevoir 1 8,33 5 songer 1 6,67 songer 1 8,33 Summe 15 100 12 100 Tab. 24 - Häufigkeit der verba cogitandi mit AcI in FR1541 und FR1560 Nach der starken verzeichneten Präsenz von dire wäre es analog denkbar, dass cuider ( < lt. cogitare ) als namensgebendes Verb der Klasse wesentlich häufiger anzutreffen ist. Durch den starken Wandel, welchen cuider erfahren hat, ist es in der Institution nun nicht einmal mehr in dieser Verbklasse anzutreffen. Es bleibt festzuhalten, dass die Klasse der Verben des Denkens von réputer dominiert wird, ein Verb, welches im modernen Französisch v. a. von dem Nomen réputation und dem Verbaladjektiv réputé(e) abgelöst wird. Die übrigen Verben penser (I), imaginer, concevoir sowie songer kommen nur ein bis zwei Mal in der Institution mit AcI vor. Imaginer wird in beiden Fällen aus FR1560 entfernt. Penser ist relativ schwach vertreten, da die überragende Mehrheit der Belege der Kategorie der v. sentiendi zufällt. Auch die zahlenmäßig geringen Belege für concevoir decken sich mit Stimmings (1915: 144, 145) Beobachtungen, welcher das V 1 erst bei Descartes im 17. Jahrhundert belegt findet. 29 Wiederholt zeigt sich in Tab. 25, dass der AcI nicht die Gesamthäufigkeit eines Verblexems im Korpus repräsentiert. v. cogitandi AcI (n 1 ) Verbformen (n 2 ) Wortanzahl (N) n 1 n 2 % n 2 N / 10k réputer 9 184 677.095 4,89 2,7 concevoir 1 102 677.095 0,98 1,5 songer 1 26 677.095 3,85 0,4 penser 30 2 *532 677.095 *0,38 7,9 Tab. 25 - Realisierung der verba cogitandi mit AcI in FR1560 29 Huguet ([1894] 1967: 214) erwähnt, dass der AcI mit concevoir bei Rabelais vorkomme; ein passender Beleg findet sich im Tiers Livre (vgl. Frantext, R423, 1552: 29). <?page no="301"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 289 So kommt das mit dem AcI häufigste verbum cogitandi réputer 184 Mal vor, das seltene concevoir jedoch 102 Mal. 31 réputer Das fr. réputer geht auf lt. reputare zurück. Fünf von neun bewertbaren AcI-Konstruktionen zeigen diese direkte Verbindung auf. Als typischer Fall hierfür kann das Beispiel in (117) gelten, welches eine normale Satzstellung im Französischen (S 1 -V 1 -AcI) und im Lateinischen (AcI-V 1 ) mit einem lexikalischen S 2 sowie einem passivem V 2 aufweist. (117) a. [...] quia ut saluti suae conducit, ita res suas ordinari à Domino reputat . (LT1559, III, 7, 9: 182 ˆ = LT1539, 17, 13: 1134) b. [...] c’est qu’il réputera toutes choses estre ordonnées de Dieu comme il est expédient pour son salut. (FR1560, III, 7, 9: 175 ˆ = FR1541, 17: 1676 [II], id-par-34) Während im Lateinischen die Position des V 1 regelmäßig mit der des V 2 wechselt, wie der Vergleich von (117) mit (118) zeigt, ist die Satzstellung im Französischen weit strenger geregelt: (118) a. [...] non quod Fortunam reputemus mundo ac hominibus dominari [...] (LT1559, I, 16, 9: 48 ˆ = LT1539, 8, 41: 891) b. Non pas que nous réputions fortune dominer sur les hommes [...] (FR1560, I, 16, 9: 234 ˆ = FR1541, 8: 1097 [II], id-par-89) In der überwiegenden Anzahl der AcI geht réputer auf die ursprüngliche Bedeutung „rechnen, berechnen“ bzw. „überdenken, erwägen“ (Georges [1913/ 1918] 8 1998: II, 2336) zurück. Daher findet sich auch synonymisch lt. iudicare : (119) a. Quia dominum ao patrem agnoscit, dignum esse iudicat , cuius imperium in omnibus intueatur [...] (LT1539, 1, 9: 285) b. En tant qu’il le recongnoist Seigneur et pere, il le repute estre digne duquel au commandement il s’adonne, [...] (FR1541, 1: 201 [I]) c. [...] quia dominum ac patrem agnoscit, eum quoque dignum statuit esse cuius imperium in omnibus intueri [...] (LT1559, I, 2, 2: 3) d. [...] pource qu’elle le tient comme Seigneur et Père, elle conclud aussi que c’est bien raison de luy donner la supériorité qui luy appartient [...] (FR1560, I, 2, 2: 57, id-par-442) Calvin ändert den Sinn in der Ausgabe LT1559 leicht, indem er iudicat (LT1539) durch statuit (LT1559) ersetzt. Der im lt. Satz veränderte AcI wird jedoch nicht 30 Die in der Institution auftretenden Formen von penser können in ihrer Semantik zwar disambiguiert werden, aber dies liegt außerhalb des Rahmens dieser Studie. Daher gelten die angegebenen Werte - wie bei sentir , ouïr und voir - nur näherungsweise. 31 Die Verben concevoir (lt. cogitare ) und songer (lt. fingere ) regieren zwei unauffällige AcI, die Übersetzungslatinismen darstellen und im Folgenden nicht besprochen werden. <?page no="302"?> 290 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo übertragen. Und obwohl der fr. AcI mit conclure bei Christine de Pisan wie auch Rabelais nicht nur punktuell belegt ist (vgl. Stimming 1915: 156), macht der Autor hier von dieser Möglichkeit keinen Gebrauch. Die Umformulierung des gesamten folgenden Teilabschnitts zeigt, dass Calvin die latinisierende Konstruktion nicht ausreichend leserfreundlich bzw. akzeptabel ist und er der Komplementsatzstruktur den Vorzug gibt. Das Quadrupel in (120) zeigt keine Veränderung des lt. Satzes, die die Ersetzung von reputoit (FR1541) mit tenoit (FR1560) motivieren könnte. Nach tenir kann kein AcI im Französischen stehen, da seine Bedeutung und das klt. Etymon in seiner Funktion als Matrixverb nicht zu den typischen Auslösern gehört. Deshalb kann in (120c) auch nicht von einem ausgelassenen V 2 estre gesprochen werden, welches eine partiell elliptische AcI-Konstruktion begründen würde. (120) a. Et sane id iam summi vitii loco in suo saeculo ducebat Hilarius, [...] (LT1539, [0.2]: 271 ˆ = LT1559, I, [0.2]: -) b. Et, de faict, Saint Hylaire reputoit cela estre un grand vice en son temps, que [...] (FR1541, [0.2]: 168 [I]) c. Et de fait, sainct Hilaire tenoit désia de son temps cela pour grand vice (FR1560, I, [0.2]: 42, id-par-495) Die Einfügung der Präposition pour und Streichung des unbestimmten Artikels sowie Änderung des Prädikats zeigen keine zufällige Veränderung. Auch hier erfolgt der Eingriff mit Augenmaß und dem Ergebnis einer syntaktisch weniger komplexen Satzstruktur. imaginer Lediglich zwei Belege finden sich für den fr. AcI mit imaginer . Im folgenden Beispiel muss im lateinischen Modellsatz (121a) nicht zwingend von einer Ellipse des Infinitivs esse im AcI ausgegangen werden, denn auch eine prädikative Lesart wäre denkbar (‘die sich Gott körperlich vorstellten’), die für die im Französischen zu beobachtende Änderung einen plausiblen Erklärungsansatz liefert. 32 (121) a. Anthropomorphitae quoque, qui Deum corporeum ex eo sunt imaginati , quod os, [...] (LT1539, 4, 7: 481 ˆ = LT1559, I, 13, 1: 24) b. Pareillement les Antropomorphites, qui ont imaginé Dieu estre corporel à cause que l’Escriture [...] (FR1541, 4: 570 [I]) c. La secte qu’on a appellé des Anthropomorphites ont figuré Dieu corporel en leur sens, [...] (FR1560, I, 13, 1: 144, id-par-435) 32 Burkard/ Schauer ( 6 2020) führen fingere neben cogitare, concipere als AcI-Verben mit der Bedeutung ‘sich vorstellen’; imaginari fehlt hier und wird bei Georges ([1913/ 1918] 8 1998: II, 58) nur kurz mit AcI aufgeführt. Dies bekräftigt insgesamt die prädikative Analyse. <?page no="303"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 291 Obwohl in LT1559 im lt. Satz keine Änderung stattfindet, sind in der Ausgabe FR1560 (121c) gleich zwei zu beobachten. Zum einen tauscht Calvin das V 1 ont imaginé , welches aus der wörtlichen Übersetzung des lt. Modellsatzes resultiert, gegen ont figuré aus und zum anderen fehlt nun die zuvor als V 2 verwendete Kopula estre . Eine mögliche Erklärung ist, dass Calvin nach einem Verb gesucht hat, welches ihm nach seinem Sprachgefühl erlaubt, estre wegzulassen, um so nah wie möglich an der prädikativen Lesart des lt. Satzes in (121a) zu bleiben. Die exzeptionelle Verwendung von fr. imaginer mit dem AcI sowie der im KL nicht weit verbreitete AcI-Gebrauch mit imaginari führen sodann zur Entscheidung, den AcI im Französischen aufzulösen. 33 Im Quadrupel in (122) weicht Calvin stark im Sinn ab, indem er nugabantur (‘sie schwätzten’) zunächst in der Ausgabe FR1541 mit imaginoient (‘sie stellten sich vor’) übersetzt. Das verbum cogitandi drückt zwar aus, dass die Manichäer eine fälschliche Vorstellung von dem Inhalt der untergeordneten Proposition p haben, jedoch nicht, dass sie sich ebenso äußern. (122) a. Qualiter olim Manichaei nugabantur , hominem ex traduce Dei animam habere; (LT1539, 4, 6: 516) b. Comme jadis les Manicheens imaginoient l’homme estre de la substance de Dieu d’autant qu’on lit que Dieu a inspiré à Adam l’Esprit de vie. (FR1541, 4: 613 [I]) c. [...] qualiter olim nugati sunt Manichaei, hominem ex traduce Dei animam habere: (LT1559, II, 14, 8: 126) d. [...] comme les Manichéens ont iadis babillé que l’âme d’Adam estoit un surgeon de l’Essence de Dieu, parce qu’il est escrit que Dieu luy a inspiré âme vivante (Genes. 2, 7) (FR1560, II, 14, 8: 263, id-par-438) Daher korrigiert Calvin nach einer geringfügigen Anpassung der lt. Ausgabe imaginer in das inhaltlich getreuere ont iadis babillé in (122d). Letztlich zeigen die beiden Beispiele in der Detailanalyse ebenso, warum in der Ausgabe FR1560 keine Belege von imaginer mehr vorhanden sind. Die Änderung liegt nicht in einer vermeintlich unpassenden Wahl des Verbs begründet, denn in beiden Fällen wird zugunsten einer originalgetreueren Übersetzung entschieden, die sich nur soweit wie nötig entfernt. penser (I) Die Verben, die Verarbeitung und Umgang mit Wissen oder einer Erkenntnis ausdrücken, werden epistemische Prädikate genannt. Sie sind für den hochargu- 33 Im Grand Robert (vgl. Rey 2024: ‘figurer’) wird die prädikative Verwendung nur für das reflexive se figurer im heutigen Französisch beschrieben („ Je me le figurais beaucoup plus grand “). Dies schließt jedoch eine prädikative Interpretation nicht-reflexiver Fälle in diachroner Perspektive keineswegs aus. <?page no="304"?> 292 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo mentativen Text Calvins von zentraler Bedeutung. Becker (2012: 381) schlussfolgert in einer Studie zur Verwendung epistemischer Prädikate bei Calvin, dass er „im Rahmen seiner Argumentation geradezu erbarmungslos die Ebenen und die Quellen des Wissens gegeneinander ausspielt“. Es wurde weiter oben bereits angedeutet, dass bei penser mindestens zwei Bedeutungsausprägungen vorliegen, die eine Zuordnung sowohl zu den verba cogitandi (I) als auch zu den verba sentiendi (II) rechtfertigen. Die unterschiedlichen Nuancen im Sinne von ‘denken’ und ‘glauben’ werden bereits im Wörterbuch Nicots (1606: 472) genannt. Dies lässt sich auch auf die epistemische Ebene übertragen. Becker definiert: Das Verb „penser“ greift auf das epistemische Modell eines Subjekts (des „Matrixsubjekts“ zu) und macht dessen Inhalte explizit, welche in Form von Propositionen (etwa p1: „die Erde ist rund“) gespeichert bzw. repräsentiert sind. Je nachdem, welche epistemischen Inhalte diese Propositionen repräsentieren, besitzen sie unterschiedlichen epistemischen Status. (Becker 2012: 362) In Abhängigkeit von der Proposition, hier des AcI, können drei Fälle unterschieden werden, kurz: 1. „geteilte Wissensinhalte“, 2. sog. common ground knowledge , 3. „subjektive Überzeugungen“ und „Erwartungen hinsichtlich der Realisierungswahrscheinlichkeiten bestimmter Sachverhalte“ (vgl. Becker 2012: 362-363). Die erste Statusdimension der geteilten Wissensinhalte, die jedem zugänglich ist, können zur Zuordnung von penser als verbum cogitandi herangezogen werden. Im Denkprozess wird kein subjektiv geprägter Vorgang beschrieben, denn es bezieht sich in neutraler Weise auf eine prozessierte Erkenntnis, da sie einer Wissensgemeinschaft, wie sie bei den Lesern der Institution gegeben ist, uneingeschränkt zugänglich ist. Es geht Calvin in seiner Unterrichtung des christlichen Glaubens vor allem darum, aus seiner Sicht falsche Meinungen, insbesondere des Papsttums, zu kennzeichnen. Deshalb ist zu erwarten und nicht weiter erstaunlich, dass sich die Verwendung von penser in der Bedeutung des neutraleren common ground Bezugs nicht in ausgeprägtem Maß (mit dem AcI) antreffen lässt. Zwei entsprechende Belege können in (123) und (124) nachgewiesen werden. In (123) lässt sich gut die Verknüpfung zwischen Weltwissen und einer religiösen Gemeinschaft erkennen. Der allen gemeinsame Herrgott hat schießlich die Ehe nie als seiner Majestät unwürdig gehalten; eine allseits bekannte Tatsache, die Calvin mithilfe von penser ausdrückt. (123) a. Quod isti non modo faciunt, sed matrimonium etiam quod instituere non alienum sua maiestate censuit Deus , quod in omnibus honorabile pronunciavit [...] (LT1559, IV, 13, 3: 337 ˆ = LT1539, 3, 66: 412) b. Ce que ceux-cy non seulement font, mais n’ont point honte d’appeller le mariage: Pollution, duquel nostre Seigneur n’a point pensé l’institution estre <?page no="305"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 293 indigne de sa majesté, lequel il a prononcé estre honnorable en [...] (FR1560, IV, 13, 3: 268 ˆ = FR1541, 3: 460 [I], id-par-124) Penser drückt in (124) eine Vermutung bzw. eine Annahme aus, welche auf dem lt. Modell mit suspicari basiert. Dass diese Annahme sich nicht rein auf das subjektive Wissen des Autors bezieht, wird wiederum an der Veränderung der Ausgaben von LT1539/ FR1541 zu LT1559/ FR1560 ersichtlich. (124) a. 13. Utinam vero inorem retineremus, quem apud veteres fuisse suspicor , priusquam abortiva haec sacramenti larva nasceretur. (LT1539, 16, 13: 1075) b. Je souhaiteroye que nous retinssions la maniere que je pense avoir esté entre les Anciens, devant que ceste abortive fiction de Sacrement veint en avant. (FR1541, 13: 1426 [II]) c. 13. Utinam vero morem retineremus quem apud veteres fuisse admonui , priusquam abortiva haec Sacramenti larva nasceretur: [...] (LT1559, IV, 19, 13: 391) d. 13 - Je souhaiteroye que nous retinssions la manière que j’ay dite avoir esté entre les Anciens, devant que ceste fiction abortive de Sacrement vinst en avant. (FR1560, IV, 19, 13: 480, id-par-332) Calvin tauscht die V 1 in beiden Sprachen gegen Verben des Sagens aus, sodass jeder Zweifel an seiner eigenen Annahme aus dem Weg geräumt wird und die Erinnerung an die „manière que j’ay dite avoir esté entre les Anciens“ fest an das Weltwissen des Lesers geknüpft wird. Verstärkt wird dies durch den Wechsel des V 1 in das passé composé , welches die Abgeschlossenheit markiert. 6.1.3.4 Verben des Meinens ( verba sentiendi ) Die Verben des Meinens bilden eine eigene Klasse, die hier als verba sentiendi bezeichnet werden und welche von den zuvor besprochenen Verben des Denkens und den nachstehenden geistigen Wahrnehmungsverben semantisch zu trennen sind. 34 Sowohl bei réputer ( v. cog. ) als auch croire ( v. sent. ) handelt es sich um Verben, die beide einen mentalen Denkprozess ausdrücken. Bei Letzterem fällt der Einfluss auf den Wahrheitsgehalt der untergeordneten Proposition p durch das regierende Verb ungleich stärker aus. Während beim Verb des Denkens der Wahrheitsgehalt von p im affirmativen Satz nahezu als sicher gelten darf, wird er mit croire offen gelassen, indem eine Unsicherheit über den Wahrheitsgehalt ausgedrückt wird. Die Subjektivität gewinnt hierdurch zusätzliche Bedeutung. 34 Diese Differenzierung wird bei Stimming (1915) nicht getroffen, welcher die verba sentiendi als eine zusammenhängende Klasse von physischen und geistigen Wahrnehmungsverben sowie Verben des Denkens versteht. <?page no="306"?> 294 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo Neben dem Namensgeber lt. sentire für diese Verbklasse sind lt. credere, sperare, judicare und confidere eindeutig der Klasse der verba sentiendi zuzuordnen. 35 Schwieriger scheint die Einschätzung bei fr. juger zu sein, das von Stimming (1915) den verba dicendi/ declarandi zugeordnet wird. Doch die Bedeutung ‘urteilen’ drückt eine Wertung aus, die wenig objektiv ist. Beim Verb des Sagens dire steht die untergeordnete Aussage semantisch weitgehend isoliert, denn sie wird von einem Sprecher realisiert oder nicht ausgedrückt. Das Prädikat juger ‘urteilen’ drückt hingegen aus, dass der Sprecher der Proposition p eine subjektive Bewertung bzw. Sprecherhaltung zumisst. Folglich ist die Einordnung von juger bei den verba sentiendi für die weitere Auswertung treffender. Dies deckt sich mit der latinistischen Klassifizierung in Burkard/ Schauer ( 6 2020). Ebenso wird mit dem Verb cuider verfahren, dessen Verbsemantik sich von lt. cogitare , ‘denken’, hin zu einer sehr spezifischen Bedeutung von ‘glauben’ entwickelt hat. Diese drei Verben sowie confier, considérer, espérer, estimer kennen klassischlateinische Entsprechungen mit dem AcI, wie in Tab. 26 dargestellt wird: fr. V 1 Georges (1998) Burkard/ Schauer (2020) Stimming (1915) confier I, 1447 (Cic.) v. sent. — considérer I, 1523 (Col.) v. cog. v. sent. cuider I, 1237 (Cic., Ter.) v. cog. v. sent. croire I, 1737 (Cic., Liv.) v. sent. v. sent. espérer II, 2756 (Cic., Caes.) v. sent. v. sent. estimer I, 207 (Amm., Tac.) v. sent. ( existimare ) v. sent. juger II, 484 (Cic.) v. sent. v. dic. Tab. 26 - Verben des Meinens/ Glaubens ( v. sentiendi ) mit klt. AcI-Entsprechung Bei weiteren fünf Verben sind unterschiedliche Abweichungen vom klassischlateinischen AcI-Gebrauch festzustellen, die in Tab. 27 gebündelt werden. fr. V 1 Georges (1998) Burkard/ Schauer (2020) Stimming (1915) douter I, 2299 (Aug.) — (uneigtl. AcI) v. sent. expérimenter I, 2579 (Plin.) — (uneigtl. AcI) v. sent. penser (II) — ( puto , II, 2100) v. sent./ v. cog. ( putare ) v. sent. trouver — ( existimo , I, 2562) v. sent. ( existimare ) v. sent. Tab. 27 - Verben des Meinens/ Glaubens ( v. sentiendi ) ohne klt. AcI-Entsprechung 35 Es existiert eine Ausprägung von sentir , die als ‘meinen’ oder ‘erahnen’ aufgefasst werden kann. Sie ist im Untersuchungskorpus der Institution nicht belegt und wird daher an dieser Stelle nicht besprochen. Als klt. Beispiel kann Divinationem esse sentio ‘ich erahne, dass es Wahrsagerei ist’ gelten (Burkard/ Schauer 6 2020: 682). Vgl. für sentir Kap. 6.1.3.5. <?page no="307"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 295 In der Klasse der verba cogitandi ist bereits die Mehrdeutigkeit von pensare thematisiert worden. Im Bereich der Verben des Meinens und Glaubens drückt lt. pensare eine Subjektivität des Denkprozesses aus. Da sich lt. pensare erst im Mittelalter von ‘abwägen, beurteilen’ hin zu ‘denken’ entwickelt hat, gibt es keinen klt. AcI-Gebrauch mit diesem Verb. Mit Bezug auf subjektive Denkprozesse ließe sich also ‘meinen’ ( putare ) als inhaltlicher, klt. Bezugspunkt für den AcI-Gebrauch heranziehen. In ähnlicher Weise ist mit fr. trouver zu verfahren, dessen konstruiertes *tropare (vgl. FEW: 13/ 2, 319b) zudem nicht zu den klassisch-lateinischen AcI-Verben zählt. Die Bedeutung ‘finden, meinen’ von trouver rechtfertigt die Klassifizierung als verbum sentiendi (vgl. Stimming 1915: 153) und ist beispielsweise synonym im klt. Verb existimare gegeben. Die Etyma der fr. Verben expérimenter und douter stehen im KL nicht mit dem AcI, sondern mit einem Objektsinfinitiv als sog. ‘uneigentlicher AcI’, also als solche Konstruktionen, deren Akkusativ als Objekt zum Prädikat verstanden werden kann (vgl. Burkard/ Schauer 6 2020). Dies zeigt, dass die AcI- Konstruktionen (mit den verba sentiendi ) von Calvin nicht ausschließlich auf Basis des klt. Etymons gebildet werden, sondern aufgrund der ihnen zugrunde liegenden Bedeutung. Der Überblick über die Häufigkeit der einzelnen Verben in Tab. 28 ist in dieser Hinsicht frappierend. Die ersten fünf Ränge, die zusammen über 86% aller sentiendi- Belege ausmachen, gehen auf klt. Verben mit AcI-Bildungsmöglichkeit zurück. FR1541 FR1560 Rang v. sentiendi n % v. sentiendi n % 1 penser (II) 33 47,83 penser (II) 39 54,17 2 estimer 15 21,74 estimer 12 16,67 3 croire 7 10,14 juger 8 11,11 4 juger 6 8,70 croire 3 4,17 5 confier 2 2,90 cuider 3 4,17 6 douter 2 2,90 considérer 2 2,78 7 considérer 1 1,45 confier 1 1,39 8 espérer 1 1,45 douter 1 1,39 9 expérimenter 1 1,45 espérer 1 1,39 10 trouver 1 1,45 expérimenter 1 1,39 11 cuider 0 0 trouver 1 1,39 Summe 69 100 72 100 Tab. 28 - Häufigkeit der verba sentiendi mit AcI in FR1541 und FR1560 <?page no="308"?> 296 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo Die Verben, die Calvin aufgrund ihrer Bedeutung ebenfalls als verba sentiendi und damit als AcI-Auslöser auswählt, sind vergleichsweise wenige Einzel- oder Zweifachnennungen. Die subjektiv geprägte Notation von penser (II) ist nicht nur weitaus häufiger als die zuvor vorgestellte Variante zur Darstellung von gesellschaftlich oder -kulturell verfügbarem Weltwissen, es ist zugleich das häufigste verbum sentiendi , welches in der Institution gezählt werden kann: 33 Mal in FR1541 und 39 Mal in FR1560. Die Belege machen in etwa die Hälfte der Okkurrenzen innerhalb dieser Verbklasse aus. Weitere knapp 37% nehmen die Verben estimer , juger sowie croire in FR1541 ein. Im Vergleich der absoluten Zahlen ändern sich die Verhältnisse in FR1560 nicht grundlegend. Bei estimer ist ein leichter Rückgang und bei penser (II) ein geringer Zuwachs zu verzeichnen. Bezüglich der Wahrscheinlichkeit, einen AcI mit einem bestimmten Verb anzutreffen (vgl. Tab. 29), ist zu bemerken, dass die Zahlen bei estimer, juger und croire höher als bei den zuvor betrachteten Verbklassen liegen. Sie sind auch, unabhängig vom AcI, im Gesamttext häufig, wenn die Formen in Abhängigkeit von der Wortanzahl gesehen werden. Dabei sticht trouver hervor, welches besonders häufig vorkommt, doch lediglich ein einziges Mal mit dem AcI. v. sentiendi AcI (n 1 ) Verbformen (n 2 ) Wortanzahl (N) n 1 n 2 % n 2 N / 10k estimer 12 264 677.095 4,45 3,9 juger 8 153 677.095 5,23 2,3 croire 3 246 677.095 1,22 3,6 cuider 3 28 677.095 10,71 4,1 considérer 2 267 677.095 0,75 3,9 confier 1 32 677.095 3,13 0,5 douter 1 118 677.095 0,08 1,7 espérer 1 93 677.095 1,08 1,4 expérimenter 1 36 677.095 2,78 0,5 trouver 1 420 677.095 0,24 6,2 penser 36 39 *532 677.095 *7,33 7,9 Tab. 29 - Realisierung der verba sentiendi mit AcI in FR1560 Aufgrund der wenigen Okkurrenzen ist die Bewertung der Datenlage nur begrenzt möglich. Dennoch fällt bei den niederfrequenten Verben die hohe Wahrscheinlichkeit auf, mit der cuider und confier in AcI-Konstruktionen auftreten. Dies ist besonders bemerkenswert im Vergleich zu den gleichmäßig verteilten Hapaxbelegen mit espérer, experimenter und trouver . 36 Die Verbformen von penser sind nicht nach ihren semantischen Ausprägungen differenziert worden. Vgl. Anmerkung 30. <?page no="309"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 297 penser (II) Unabhängig von ihrer absoluten Häufigkeit werden die drei wesentlichen Wissensprädikate penser , croire und cuider in zusammenhängender Reihenfolge besprochen, bevor auf die übrigen verba sentiendi eingegangen wird. Die hier behandelte Bedeutung von penser weicht deutlich von der zuvor beleuchteten Bedeutung ‘denken’ ab. Nicot nennt an erster Stelle penser im Sinne von lt. arbitrari mit dem Beispiel: „Je pense que cela est vray, Arbitror hoc esse verum“ (Nicot 1606: ‘penser’, 472). Penser ließe sich mit ‘denken’ oder ‘glauben’ im Deutschen wiedergeben und zeigt an, dass das Subjekt über die Proposition mental reflektiert. Entscheidend ist jedoch, ob diese Reflektion bzw. Wissen durch das Subjekt oder wie zuvor durch eine kulturelle Wertegemeinschaft gestützt wird. Der Satz spiegelt für sich genommen eine rein subjektive Annahme des Sprechers wider. In Calvins Institution sind nur zwei fr. AcI nachgewiesen, die in der lt. Institutio mit einer Form von arbitrare stehen. Eine hiervon ist in (125) zu sehen. (125) a. Quod tribus maxime de causis fieri arbitror . (LT1559, IV, 6, 16: 298) b. Ce que je pense estre advenu pour trois causes. ([FR1554] FR1560, IV, 6, 16: 118, id-par-4054) Ganz transparent wird penser durch den Übersetzungsvergleich schließlich in den Fällen, in denen das V 1 auf lt. putare (‘glauben’) zurückgeht. Die Subjektivität bezüglich der in p ausgedrückten Aussage spielt dann eine zentrale Rolle. In (126b) könnte aufgrund des Zusatzes ce qui advient communément zunächst eine Anbindung an das kulturelle Wissen einer Gemeinschaft vermutet werden. Doch durch den untergeordneten Satz wird klar, dass Calvin das Prädikat gezielt zur Darstellung einer irrigen Meinung verwendet: Die anderen denken (‘glauben’), dass es höchst ungerecht ist, was ein Richter für gut und richtig erklärt, und urteilen, dass es gut ist, was er als schlecht verteidigt . (126) a. [...] alii (quod vitium plusquam vulgare est) iniquum esse putant , quod pro aequo ab aliis sancitur: contra, laudabile contendunt , quod ab allis vetatur. (LT1559, II, 2, 13: 65 ˆ = LT1539, 2, 33: 325) b. Les autres (ce qui advient communément) pensent estre inique ce qu’ un législateur ordonne pour bon et juste, et jugent estre bon ce qu’ il défend comme mauvais (FR1560, II, 2, 13: 38 ˆ = FR1541, 2: 291 [I], id-par-162) Die strenge Beachtung der Wortstellung, inklusive des Zusatzes in Klammern, legt nahe, dass es sich um einen übersetzungsbedingten Latinismus handelt, zumal im lt. Satz sogar das sonst häufig fehlende V 2 esse vorliegt und damit eine ideale Transfergrundlage für die AcI-Konstruktion ins Französische bietet. Dennoch lässt sich der Rückschluss auf einen Latinismus auch ohne esse ziehen. Die syntaktische Interpretation in (127) ist mehrdeutig. Da putare mit <?page no="310"?> 298 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo dem doppelten Akkusativ ohne ein V 2 stehen kann, ist dies in Konkurrenz zu Sätzen mit möglicher Auslassung eines Infinitivs zu sehen. 37 (127) a. At vero, nequis hominem valde beatum ( ∅ esse ) putet [...] (LT1559, II, 2, 16: 66 ˆ = LT1539, 2, 36: 327) b. Toutesfois afin que nul ne pense l’homme estre fort heureux [...] (FR1560, II, 2, 16: 41 ˆ = FR1541, 2: 295 [I], id-par-116) Gerade weil im lt. Satz das V 2 fehlt und von einer Ellipse im AcI oder einem doppelten Akkusativ ausgegangen werden muss, ist eine latinisierende Konstruktion im Französischen anzunehmen. Der doppelte Akkusativ lässt sich mit penser hingegen nicht beobachten und ist im modernen Französisch ohnehin nicht möglich. Die in Frage kommende alternative Komplementsatzkonstruktion würde die Hinzufügung der Konjunktion que und einer finiten Form est erfordern. Im Gegensatz hierzu ergänzt der AcI mit dem Infinitiv estre lediglich das ohnehin fehlende lt. esse . Ob dies aus Gründen sprachlicher Effizienz im Übersetzungsprozess geschieht, kann nicht mit Sicherheit bewertet werden, hingegen schon, dass das Prestige der AcI-Konstruktion 1560 noch derart stark ist, dass keine Änderung an dem Latinismus von Calvin vorgenommen wird. Größere Unterschiede zwischen lt. und fr. Satz eröffnen jenseits der übersetzungsbedingten Latinismen neue Interpretationsmöglichkeiten. Falls sich keine direkte Grundlage im lt. Modell findet, lässt sich von einer autonomen Verwendung sprechen. Dies gilt auch für indirekt zugrunde liegende Modelle wie in (128). Die S 2 sind in beiden Sprachen verschieden und ein lt. V 2 fehlt. Eine Ergänzung mit esse im lt. Satz wäre denkbar, um eine prädikative Konstruktion zu erhalten: ‘denn es geschah nicht, dass sie glaubten, dass die Vergebung durch Gott für jene schwierig ist’. (128) a. [...] non ideo fiebat quod difficilem illis apud Dominum veniam ( ∅ esse ) putarent (LT1559, IV, 1, 29: 277-278 ˆ = LT1539, 4, 215: 677) b. [...] qu’ ils pensassent les pécheurs obtenir difficilement pardon de Dieu [...] (FR1560, IV, 1, 29: 38 ˆ = FR1541, 4: 692 [I], id-par-158) Im Französischen liegt ein gelehrter AcI vor, dies ist unverkennbar, da das S 2 les pécheurs nicht als direktes Objekt zum V 1 aufgefasst werden kann und das V 2 obtenir präsent ist. Die Einführung des S 2 greift den Referenten nun konkret (zuvor: illis ) auf und erleichtert damit das Leseverständnis. Routiniert überführt der Autor die prädikative Interpretation mit ‘etwas für etwas halten’ in das Prädikat penser , sodass der inhaltliche Kern der Aussage trotz syntaktischer Umstellung gewahrt bleibt und an die Zielsprache trefflich angepasst wird. 37 Die syntaktische Position von esse variiert im Latein, sodass die Darstellung in (127) und (128) lediglich eine der denkbaren Möglichkeiten ist. <?page no="311"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 299 Ebenfalls im Sinne von ‘glauben’ ist lt. credere parallel zu putare in einem einzigen fr. AcI mit penser zu verzeichnen. Das Passivpartizip satisfactum wird entsprechend im Französischen mit estre satisfait wiedergegeben und der Numerus an die Textpassage angepasst. (129) a. [...] quod Deo satisfactum crederet , aut sibi etiam plane satisfaceret: [...] (LT1559, III, 4, 18: 166 ˆ = LT1539, 5, 33: 708) b. [...] que les hommes pensassent Dieu estre satisfait , ou qu’ils se contentassent eux-mesmes [...] (FR1560, III, 4, 18: 116-117 ˆ = FR1541, 5: 762 [I], id-par- 293) Bezeichnend ist, dass im lt. Satz ein verschränkter Relativsatz vorliegt, dessen Relativpronomen quod in S 2 -Funktion vorliegt, und im Französischen das im Ablativ stehende lt. Deo zum fr. S 2 Dieu wird. Dies belegt, dass Calvin sich der unterschiedlichen Rolle des S 2 in AcI-Konstruktionen im Französischen und Lateinischen bewusst ist und sie wie hier ineinander überführen kann. Die oben formulierte subjektive Bedeutungsnotation, die auf dem Wissen einer umrissenenen Gemeinschaft basiert, tritt im Quadrupel in (130) prägnant zu Tage, wenn ils pensent in Relation zum im Passiv stehenden lt. Modell videntur gesetzt wird. (130) a. Ubi autem evomuerunt, sarcina sua exonerati ∅ esse sibi videntur , iudiciumque à Deo transtulisse, quod sacerdoti detulerunt: [...] (LT1559, III, 4, 19: 167 ˆ = LT1539, 5, 35: 709) b. Or quand ils les ont desgorgez, ils se pensent bien estre deschargez de leur fardeau , et avoir osté le jugement de Dieu, lequel ils ont donné et transféré [...] (FR1560, III, 4, 19: 119 ˆ = FR1541, 5: 765 [I], id-par-261) In (130a) liegt eine persönliche Konstruktion mit bloßem Infinitiv vor, wie sie im KL häufig in der Bedeutung ‘glauben’ vorkommt (vgl. Georges [1913/ 1918] 8 1998: II, 3479; Rubenbauer/ Hofmann 12 2007: 200): ‘sobald sie die Sünden ausgespien haben, glauben sie, von der Bürde befreit zu sein’. Vor diesem sprachlichen und inhaltlichen Hintergrund (fr. quand ils les ont desgorgez ‘wenn sie sie [die Sünden] ausgespuckt haben’) ist das V 1 eindeutig als Verb des irrigen Meinens zu verstehen. Calvin wählt penser , um einen falschen Glauben zu diskreditieren: ‘sie glauben (denken), dass sie von ihrer Last befreit sind’. cuider Das Prädikat cuider (auch <cuyder>, <cuidier>) hat eine besondere sprachgeschichtliche Entwicklung erfahren. Ausgehend vom lt. Wissensverb cogitare ‘denken’ drückt es im Altfranzösischen zunehmend eine glaubende Auffassung aus, die sich in mittelfranzösischer Zeit abermals verändert. So weist Becker (2012: 370) darauf hin, dass cuider im 16. Jahrhundert, insbesondere bei Cal- <?page no="312"?> 300 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo vin, den Wert des untergeordneten Satzes umkehrt, also „immer mehr mit der negativen Implikatur verbunden [wird], dass p - die in Rede stehende Glaubensproposition - gerade nicht der Fall ist. So wurde das Verb ‚cuidier‘ zusehends zu einem Prädikat der ‘irrigen Auffassung, dass p’“. In der Ausgabe FR1560 ist das Verb schwach vertreten. Es tritt mit 28 Wortformen ähnlich selten wie beispielsweise expérimenter oder confier auf. Im Folgenden werden zwei als AcI identifizierbare Konstruktionen mit cuider vorgestellt. Ihre geringe Anzahl steht im Kontrast zu Stimmings (1915: 146) Beobachtungen, der den AcI mit cuider im Mittelfranzösischen normal häufig vertreten sieht. Für die geringe Frequenz können zwei Erklärungen angeführt werden. Zum einen ist im Gesamtkorpus von Frantext ein allgemeiner Abbau der Wortformen mit cuider nach dem 16. Jahrhundert zu beobachten, sodass Calvins Text Zeuge eines sich vom Mittelfranzösisch abhebenden Sprachgebrauchs sein kann. Zum anderen können Gründe in der textuellen Argumentationslinie einen erheblichen Einfluss auf die Verwendung des Verbs haben. Dies legt die Überlegung Beckers (2012: 371) nahe, in welcher er zum Schluss kommt, dass über den in p ausgedrückten Sachverhalt mit cuider nicht wie mit penser diskutiert werden kann, sondern dieser schlichtweg verhöhnt wird. Die präpositionslose Verwendung cuider faire qc. ist bereits im Altfranzösischen belegt. 38 In (131) liegt keine AcI-Konstruktion vor, sondern ein erweiterter Infinitiv s’estre [...] acquité , der von cuident abhängt. 39 Das Reflexiv se ist dem Infinitiv zuzuordnen und nimmt nicht die Funktion des S 2 des AcI ein, obwohl diese Zuweisung im lt. Satz in einem AcI mit ausgelassenem esse plausibel wäre. (131) a. Neque enim de crassis & stupidis hypocritis loquor, qui, tribus vel quatuor gravioribus animadversis, defunctos se putant : [...] (LT1559, III, 4, 17: 166) b. Je ne parle point de ces hypocrites hébétez qui cuident s’estre tresbien acquité , ayans noté trois ou quatre gros forfaits qu’ils [...] (FR1560, III, 4, 17: 116, id-par-6059) Der Satz drückt die Calvin zufolge fälschliche Auffassung der „[abgestumpften] Heuchler“ aus „ernsthaft [zu] glauben, [...] ungeschoren davonzukommen“ (Becker 2012: 371). Wenn das fr. Reflexivpronomen wie in (132c) vor dem V 1 steht, besteht die Möglichkeit zu zwei Analysen. Zum einen könnte ein AcI mit se in 38 Zahlreiche Belege finden sich in den in der BFM erfassten mittelalterlichen Texten, so z. B. in Cligés (Chrétien de Troyes, CligesKu , 77, v. 6219), Yvain (Chrétien de Troyes, YvainKu , 92, v. 3498), Roman de Renart ( renart11 , 101, v. 12531). In Frantext sind sechs Belege für se cuider faire im 12. und 13. Jh. nachgewiesen. Die Zahl steigt deutlich ab 1350 an, bevor sie sich ab dem Ende des 16. Jh. stark verringert und nach 1630 kaum mehr belegt ist. 39 Ein weiterer mit se cuider stehender erweiterter Infinitiv liegt in folgendem Satz Calvins vor: „Jesus Christ, en défendant de jurer du tout, oste ceste masque ou vaine couverture dont les hommes se cuident justifier“ (FR1560, Bd. 2, S. 159). <?page no="313"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 301 S 2 -Funktion vorliegen, zum anderen ließe sich das Pronomen erneut als zum Verb zugehöriges Reflexivum und der auf das Prädikat folgende präpositionslose Infinitiv erneut als erweiterter Infinitiv auffassen. Der in (132c) vorliegende Autolatinismus wird erst in der Ausgabe FR1560 als präzisierender Einschub implementiert. Zuvor liegt in (132b) eine wortwörtliche Übersetzung des lateinischen Satzes vor, die für Calvin offenbar nicht die gewünschte Wertigkeit seiner Aussage transportiert. (132) a. Neque haec vulgo recepta opinio, solius vulgi est: habuit enim saeculis omnibus magnos autores. (LT1539, 8, 6: 865 ˆ = LT1559, III, 22, 1: 248) b. Or ceste opinion ainsi communement receue n’est pas seulement du commun populaire, car elle ha eu en tous temps de grans autheurs. (FR1541, 8: 1040-1041 [II]) c. Ceste opinion est communément receue, et non pas seulement du commun populaire, mais de ceux qui se cuident estre bien savans, comme de fait il y a eu de tout temps gens renommez qui l’ont suyvie. (FR1560, III, 22, 1: 417, id-par-475) Denn der Einschub und die Umformulierung des letzten Teilsatzes pointieren prägnant, dass es früher zahlreiche Autoren gab, die sich für gelehrt hielten, jedoch trotzdem irrten. Eine Entscheidung zwischen der Lesart des erweiterten Infinitivs und des AcI lässt sich hier nicht mit Sicherheit zu treffen, sodass das Beispiel als ambig zu klassifizieren ist. Ein latinisierender Einfluss durch die vielen weiteren, meist mit estre V 2 gebildeten, AcI-Konstruktionen ist nicht auszuschließen. Für die Analyse spielt die Präsenz einer Präposition eine entscheidende Rolle, ebenso wie die im Vergleich zum Latein nun eminent wichtige Funktion der pronominalen Wortstellung. Eindeutiger verhält sich nun der Beleg in (133). Der verschränkte Relativsatz im Französischen geht auf einen mit agnoscere regierten doppelten Akkusativ im lt. Satz zurück, welcher bei Calvin nicht selten anzutreffen ist. (133) a. 33. De communicatione idem sentiendum, quae nulla ab ipsis agnoscitur nisi Christi carnem sub pane deglutiant. (LT1559, IV, 17, 33: 376) b. 33 - Autant en faut-il juger de la communication, laquelle ils cuydent estre nulle , sinon qu’ils engloutissent la chair de Jesus Christ sous le pain. (FR1560, IV, 17, 33: 421, id-par-6033) In semantischer Hinsicht wertet cuyder erneut das S 2 der untergeordneten Proposition ab. Das Relativpronomen in S 2 -Funktion bezieht sich auf das vorherige Nomen la communication 40 und wird vom S 1 ( ils ) in Abrede gestellt und damit als unwichtig markiert. Erneut drückt das fr. Prädikat die Ablehnung einer irrigen Auffassung aus. Die fr. Satzaussage in (133b) ist im Übrigen weit negativer zu 40 Hier ‘Teilhabe an Christus’, vgl. Calvin [1559] 2 2009: 792; IV, 17, 33. <?page no="314"?> 302 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo verstehen als im lt. Satz in (133a), der lediglich anzeigt, dass Calvins Gegner die Auffassung ‘nicht anerkennen’. croire Obwohl Stimming (1915: 145) feststellt, dass der AcI „nach croire [...], ebenso wie nach credere , sehr häufig“ ist, bestätigen dies meine Daten mit acht (FR1541) und drei (FR1560) Belegen nicht. Es stellt sich die Frage, ob ein anderes Verb die Funktion übernimmt oder eine Bedeutungsveränderung vorliegt. Croire geht auf lt. credere zurück, welches in wenigen lt. Quellsätzen steht, die im Französischen mit croire und dem AcI wiedergeben werden. Eine originalgetreue Übersetzung ist in dem folgenden Quadrupel in (134) zu sehen, in welcher die einzelnen Konstituenten V 1 , S 2 und V 2 im Französischen in einer der Zielsprache angepassten Wortstellung wiedergegeben werden. (134) a. [...] nempe quum pestilentissimo errore totum pene orbem occaecavit, ut crederet Missam sacrificium & oblationem esse ad impetrandam peccatorum remissionem. (LT1559, IV, 18, 1: 382 ˆ = LT1539, 12, 49: 1023) b. [...] c’est assavoir quand il a aveuglé quasi tout le monde de cest erreur pestilentieux, qu’on creust la Messe estre sacrifice et oblation pour impétrer la rémission des péchez. (FR1560, IV, 18, 1: 448 ˆ = FR1541, 12: 1381 [II], id-par-134) Die hier zu erkennende Satzstruktur des fr. AcI ist häufig anzutreffen, denn es handelt sich um ein lexikalisches S 2 , welches durch eine prädikative Ergänzung näher bestimmt wird. Der originalgetreue Transfer erschwert die Interpretation des fr. AcI hinsichtlich seiner latinisierenden Eigenschaften insofern, als dass ausbleibende Abweichungen vom lt. Modell keinen Aufschluss bezüglich der unabhängigen Verwendung des fr. AcI geben können. Ein starker Übersetzungseinfluss auf den Transfer ist vor dem Hintergrund der exakten Übersetzung des Kontextes wahrscheinlich anzunehmen, aber genauso ist auch die Akzeptanz des Latinismus noch in der Ausgabe FR1560 gegeben, da jedwede Überarbeitung durch den Autor unterbleibt. Ausgesprochen selten sind Fälle zu beobachten, in welchen der fr. AcI unverändert von der Ausgabe FR1541 nach FR1560 fortgeführt wird, während gleichzeitig der lt. AcI aus LT1539 in LT1559 verändert oder gar entfernt wird. In (135) liegt in beiden Sprachen eine verschränkte Relativsatzvariante vor, in welcher lt. quod (LT1539) respektive fr. ce que (FR1541/ 1560) die S 2 -Funktion einnimmt. Warum Calvin in FR1560 nicht adäquat zu LT1559 mit ce que nous est présenté de Dieu übersetzt, lässt sich nachvollziehen, wenn das Augenmerk erneut auf das V 1 gelegt wird. Mit der Adressierung der französischen Gemeinde Genfs bzw. aller Anhänger seiner Kirche ist es Calvin daran gelegen, den Bezug <?page no="315"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 303 zum gemeinschaftlichen Wissen herzustellen, denn es ist auszuschließen, dass das Prädikat hier in subjektiver Lesart aufzufassen ist und eine irrige Annahme des Sprechers ausgedrückt werden soll. Es spiegelt etwas wider, das im Kreis der Gläubigen als bekannt vorausgesetzt wird. (135) a. Respondeo: dicimur accipere, obtinere, impetrare, quod nobis a Deo datum credimus , sive id tum primum agnoscimus, sive prius agnitum certius persuasum habemus. (LT1539, 11, 15: 965) b. Je respondz que nous sommes dictz recevoir, obtenir, ou impetrer ce que nous croyons nous estre donné de Dieu soit que nous commencions lors premierement à le congnoistre [...] (FR1541, 11: 1263 [II]) c. Respondeo, Dicimur accipere, obtinere, impetrare, quod , quantum ad fidei nostrae sensum, nobis à Domino exhibetur , sive id tum primum testatur, sive testatum magis ac certius confirmat. (LT1559, IV, 15, 15: 352) d. Je respon, qu’il est dit que nous recevons, obtenons ou impétrons ce que nous croyons nous estre donné de Dieu , soit que nous commencions lors premièrement à le cognoistre [...] (FR1560, IV, 15, 15: 329, id-par-207) Dies deckt sich mit den Beobachtungen Beckers (2012: 374), der einen „Charakter exklusiven Heilswissens“ für croire feststellt, welches innerhalb der Gemeinde „geteilt und öffentlich bekannt“ wird. Gestützt wird dies durch die weiteren Veränderungen, die der lt. Satz in der Ausgabe LT1559 erfahren hat. Zwar wird der AcI mit dem V 1 credimus entfernt, doch sorgen die beiden Wechsel agnoscimus ‘wir erkennen’ zu testatur ‘es wird bezeugt’ sowie persuasum habemus ‘wir sind überzeugt’ zu confirmat ‘es bestätigt’ für die objektive, wissentliche Sicherstellung der untergeordneten Propositionen. In der lt. Fassung wird also versucht weniger die Gemeinschaft im ‘wir’ auszudrücken, als vielmehr eine unumstößliche Wissensreferenz zu bilden. Im unveränderten Quadrupel in (136) verdeutlicht der Wechsel vom unpersönlichen lt. Subjekt credibile est zum persönlichen fr. Subjekt je croy , dass sich durch den Sprecher je nur eine vermeintliche Subjektivität einstellt, da p weiterhin auf dem Wissen der Glaubensgemeinschaft beruht. (136) a. Aiunt Zepherinum eius decreti fuisse auctorem: quod tale fuisse nequaquam credibile est quale nunc habemus. (LT1559, IV, 17, 46: 381 ˆ = LT1539, 12, 44: 1020) b. On dit que Zepherin, évesque de Rome, a esté autheur de ceste ordonnance, laquelle je ne croy point avoir esté telle de son temps que nous l’avons maintenant. (FR1560, IV, 17, 46: 442 ˆ = FR1541, 12: 1376 [II], id-par-215) Mit Becker (2012: 373-374) ist festzustellen: „Es fungiert hierbei als ein Glaubensprädikat, das Zeugnis von einem Wissen sui generis ablegt und auf besonderer Evidenz beruht“. In diesem Satz verwendet Calvin als Oberhaupt seiner Glaubensgemeinschaft sein eigenes Wissen als maßgebliche Referenzgröße. <?page no="316"?> 304 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo Croire nimmt wie auch schon penser und cuider eine ganz spezifische Rolle im Bereich der Wissensprädikate ein und schließt die subjektiv geprägte, unsichere Lesart von ‘glauben’ im Sinne von ‘sich zu täuschen’ aus. Es verhält sich sogar gegensätzlich, denn die Aussagen mit croire beruhen auf einem gefestigten Wissen der Calvin’schen Glaubensgemeinschaft wie auch die beiden Einzelbeispiele in (137) und in (138) zeigen: (137) Quand elles nous sont recitées, il ne suffit pas de les croire estre veritables , sinon que, de ceste croyance, nous prenions matiere de fiance et esperance [...] (FR1541, 4: 565 [I], id-par-2012) (138) Premierement, l’Eglise nous est icy proposée à croyre afin que nous croyons toute la multitude des Chrestiens estre conjoincte par le lien de Foy, et assemblée en un peuple [...] (FR1541, 4: 654 [I], id-par-2001) Die spezifische Verwendungsweise erklärt insgesamt den vergleichsweise geringen Gebrauch. estimer Das Verb estimer geht auf klassisch-lateinisch aestimare zurück 41 und ist im KL mit dem AcI belegt (vgl. Georges [1913/ 1918] 8 1998: I, 207). Burkard/ Schauer ( 6 2020) führen aestimare zwar nicht für ‘schätzen’ gesondert auf, dafür jedoch das im Lateinischen häufigere Synonym existimare (vgl. Stimming 1915: 148). 42 Stimming beobachtet das Prädikat „bereits bei Oresme“, aber er sagt hingegen nichts zu dessen Häufigkeit aus. In vier von elf lateinischen Vorlagen kann eine Form von existimare in meinem Untersuchungskorpus nachgewiesen werden. Zumeist steht das regierende Verb im Französischen in einer finiten Form. In wenigen Fällen hängt der fr. AcI jedoch von einem Infinitiv ab, welcher einen vorhergehenden Satz erweitert (vgl. 139). (139) a. Sic & nihil erit incommodi si vitae sanctitatem existimemus esse viam , non quidem quae aditum aperiat in gloriam caelestis regni [...] (LT1559, III, 18, 4: 217 ˆ = LT1539, 6, 80: 795) b. Il n’y aura aussi nul inconvénient d’estimer saincteté de vie estre la voye , non pas laquelle nous face ouverture en la gloire celeste [...] (FR1560, III, 18, 4: 302 ˆ = FR1541, 6: 939 [I], id-par-339) In (139a) liegt in lt. existimemus die erste Person Plural des Konjunktiv Präsens vor, im fr. Satz in (139b) hingegen eine infinitivische Satzerweiterung mit d’estimer nach einem unpersönlichen Ausdruck gemäß lateinischem Satzbild. Folglich kann der fr. AcI auch von einem Infinitiv in V 1 -Funktion regiert werden. In 41 Bereits im Altlatein finden sich Wurzeln in aestumare (vgl. Vaan 2008: 28), aber die Herkunft ist umstritten. Spätestens in klt. Zeit ist die Bedeutung ‘Geld schätzen’ bekannt. 42 Das Verb existimare geht auf die Kombination ex + aestimo zurück (vgl. Vaan 2008: 28). <?page no="317"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 305 semantischer Hinsicht schließt estimer an das zuvor behandelte croire an, indem der Autor mit dem Prädikat erneut einen Bezug zu seiner Glaubensgemeinschaft herstellt und im Französischen keinen Zweifel daran lässt, dass die Heiligkeit des Lebens der richtige Weg sei. Der lt. Satz formuliert defensiver und diskutabel im Konjunktiv „wenn wir der Meinung seien, dass [...]“. Somit unterscheidet Calvin mit der Sprachwahl auch sein Publikum. Estimer beansprucht nicht ausschließlich diese Bedeutungsdomäne, denn auch die subjektive Bedeutung ‘behaupten, meinen, glauben’ ist in der Institution zu beobachten. Entsprechend steht in vier Fällen eines der lt. Verben opiniare, autumare oder putare . In (140) geht fr. estimer auf lt. putare zurück; ein verbum sentiendi , welches unter anderem mit penser steht. Bei den Prädikaten zeigen sich Überschneidungsbereiche zwischen den verschiedenen Klassen. Wie schon oben erwähnt, drückt Calvin in (140b) mit estimer eine Meinung (‘dass die Gebräuche notwendig wären’) aus, die er für falsch hält. (140) a. [...] quae ingentem terrorem conscientiis iniiciebat, cùm putarentur traditiones ad salutem necessariae . (LT1559, IV, 10, 28: 322 ˆ = LT1539, 13, 29: 858) b. [...] laquelle tourmente horriblement les consciences, quand on estime les traditions estre nécessaires à salut. (FR1560, IV, 10, 28: 213 ˆ = FR1541, 15: 1563 [II], id-par-251) Abgesehen davon, dass die Konjunktionen in den beiden Sprachen unterschiedliche Modi erfordern ( cum +Konjunktiv, quand +Indikativ), lassen sich die übersetzungsbedingten Änderungen gut nachvollziehen und es gilt festzustellen, dass Calvin auf sprachliche Äquivalenz achtet. Die Nachahmung des lt. Modellsatzes lässt die Annahme einer übersetzungsbedingten Übertragung eines gelehrten Latinismus zu. juger Obwohl juger auf das in klassischer Zeit mit einem AcI verwendete iudicare zurückgeht, tritt es in keinem der sieben insgesamt belegten AcI im Französischen auf. Dies kann an der breiten Bedeutungsvielfalt und -erweiterung liegen, die sich im Französischen bei diesem Verb grundsätzlich eingestellt hat. Neben ‘(ver-)urteilen’ liegt ‘beurteilen, entscheiden’ und ‘meinen/ halten für’ vor (vgl. Nicot 1606: 360). 43 In der Institution konzentrieren sich die Belege von juger +AcI auf die letztgenannte Bedeutung. Sie verhalten sich aber nur scheinbar synonym zu 43 Diese letzte Bedeutungsnuance entgeht Stimming (1915: 159-160) scheinbar in seiner Beschreibung zu juger . Er verweist lediglich auf die beiden Bedeutungen „ein richterliches Urteil fällen“ sowie „urteilen, schließen“. In einigen Beispielen Stimmings findet sich die Lesart in Anlehnung an estimer , wobei der Übergang zu ‘beurteilen’ fließend ist: nous le jugeons estre plus proche ‘wir meinen, dass er näher an jdm./ etw. ist’, et j’en ai retranché ce que je jugeois estre superflu ‘und ich habe das abgetrennt, was ich für überflüssig halte/ beurteile’. <?page no="318"?> 306 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo estimer oder auch croire , indem sie einen eigenen inhaltlichen Geltungsbereich erschließen. Wie im Folgenden gezeigt wird, muss der in p ausgedrückte Sachverhalt nicht ausschließlich eine (dem Sprecher zufolge) falsche Aussage repräsentieren. Die beurteilende Person kann dabei einen Teil der Ansichten Calvins übernehmen oder aber auch ein Gegner sein. Das Prädikat drückt in jedem Fall eine klare, auf einer vorherigen Entscheidung basierende Haltung aus. Die so formulierte Meinung wird vom Autor als Argumentationsgrundlage verwendet. In (141b) drückt das in einem kausalen Nebensatz eingebettete fr. V 1 avoir jugé eine positive Beurteilung der untergeordneten AcI-Proposition aus: ‘weil Gott meint, dass dies dienlich ist’. Dies spiegelt sich im lt. Modell censuerat wider. (141) a. Lapsus est enim primus homo, quia Dominus ita expedire censuerat : cur censuerit, nos latet. (LT1559, III, 23, 8: 254 ˆ = LT1539, 8, 18: 874) b. Le premier homme est cheut pource que Dieu avoit jugé cela estre expédient . (FR1560, III, 23, 8: 442 ˆ = FR1541, 8: 1060 [II], id-par-223) Das im Französischen ausgedrückte pronominale S 2 cela fehlt wie so häufig im lt. Modellsatz, während die übrigen Konstituenten übertragen werden. Ein übersetzungsinitiierter Latinismus liegt mit großer Wahrscheinlichkeit vor. Auch in drei weiteren Fällen basiert fr. juger auf unterschiedlichen lt. V 1 . In (142) liegt ein Satz mit zwei AcI-Konstruktionen vor, dessen erste Konstruktion mit dem verbum sentiendi lt. putant / fr. pensent als übersetzungstreuer AcI-Satz zu analysieren ist. Der zweite in dem Satz enthaltene, koordinierte AcI wird vom V 1 jugent regiert. In der lateinischen Textpassage steht hierfür contendunt , welches mit einem AcI unter anderem „sich anstrengen, etw. zu erlangen, auf etw. bestehen, auf etw. dringen“ (vgl. Georges [1913/ 1918] 8 1998: I, 1596) bedeutet. (142) a. [...] alii (quod vitium plusquam vulgare est) iniquum esse putant , quod pro aequo ab aliis sancitur: contra, laudabile ∅ esse contendunt , quod ab allis vetatur . (LT1559, II, 2, 13: 65 ˆ = LT1539, 2, 33: 325) b. Les autres (ce qui advient communément) pensent estre inique ce qu’un législateur ordonne pour bon et juste, et jugent estre bon ce qu’il défend comme mauvais . (FR1560, II, 2, 13: 38 ˆ = FR1541, 2: 291 [I], id-par-98) Das lt. Verb drückt aus, dass „die anderen“ mit Entschlossenheit das für gut halten, was sie als schlecht abtun. Diese klare Meinungshaltung wird eben mit fr. juger wiedergegeben. Durch die Koordination mit dem vorhergehenden Prädikat der irrigen Auffassung penser wird zudem kein Zweifel daran gelassen, dass der im AcI mit juger ausgedrückte Sachverhalt im Werteraster Calvins als falsch zu bewerten ist. Die lateinischen Sätze sind häufig lang und betten Relativsätze, Einschübe, Komplementsätze und AcI-Konstruktionen ein, sodass die Komplexität und An- <?page no="319"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 307 forderung an die Lesekompetenz unzweifelhaft erhöht wird. Manche Prädikate werden im Französischen verwendet, um in der Übersetzung komplexere lt. Ausdrücke in simplifizierter Art wiederzugeben. So ersetzt fr. juger in (143) das unpersönliche lt. Passiv videri . (143) a. Opus igitur suum consideret, quod pro parte bonum videri volebat : & eo ipso transgressionem Legis esse inveniet quia imperfectum est. (LT1559, III, 19, 4: 221 ˆ = LT1539, 8, 4: 831) b. Que celuy donc qui a telle estime de son œuvre le considère bien, et il trouvera que ce qu’il y jugeoit estre bon en partie est transgression de la Loy, entant qu’il [...] (FR1560, III, 19, 4: 314 ˆ = FR1541, 14: 1490 [II], id-par-99) In (143) wird zudem ein zweiter von lt. inveniet abhängiger AcI im Französischen aufgelöst (fr. il trouvera que ). Der Einschub mit videre hängt von volebat ab und bedeutet ‘welches [das Werk] er wollte, dass es zum Teil für gut gehalten werde’. Bemerkenswert ist, dass das Französische den im lt. Satz eher vorsichtig ausgedrückten Wunsch direkter und selbstbewusster mit ‘was er hier als zum Teil für gut hielt’ übersetzt. Der Beweggrund für den Wechsel von lt. videri volebat zu fr. jugeoit estre liegt in der Lesbarkeit der Konstruktion. Eine direkte Übersetzung mit * ce qu’il voulait estre vu bon liest sich schwerfällig. Im fr. Satz wirkt die prädikative Ergänzung mit estre , die auf das V 1 jugeoit folgt, insgesamt leichter lesbar und verständlicher als der passivierte lt. Infinitiv videri mit der Ergänzung bonum in Abhängigkeit vom V 1 volebat . Hieran zeigt sich ein typischer Vorgang im Transferprozess der Latinismen. Wenn die Zielsprache nicht über ähnliche Schlüsselmerkmale verfügt, wird auf eine nahe liegende Konstruktion ausgewichen. Zwar wäre die wortwörtliche Übersetzung grammatikalisch möglich, doch muss sie für den Übersetzer auch ästhetisch adäquat sein. Die Ausweichmöglichkeit mit juger ist zudem in sprachökonomischer Hinsicht einfach zu realisieren, da sie im bestehenden Repertoire mit dem AcI verwendet wird. Weitere Verben (n < 5) Eine Reihe von fr. Verben des Meinens erscheinen in der Institution nur ein bis zwei Mal mit dem AcI. Es handelt sich um confier, considérer, douter, espérer, expérimenter und trouver . 44 Der Übergang zwischen den Verbklassen erfolgt in einigen wenigen Fällen nahezu fließend, wie an den beiden nachfolgenden AcI-Belegen mit dem Prädikat considérer zu sehen ist. 45 In (144) liegt das lt. Verb cogitent der Übersetzung zugrunde. Es lässt keinen Zweifel daran, dass der Autor klarmachen möchte, dass „sie“ (die Sünder) seiner Ansicht nach richtig denken bzw. glauben, dass sie sich auf dem richtigen Weg zu befinden. 44 Nicht besprochen werden an dieser Stelle (se) confier , espérer und expérimenter . 45 Das V 1 considérer ist auch bei Stimming (1915: 145) nur vereinzelt belegt. <?page no="320"?> 308 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo (144) a. Magis cogitent se in via adhuc esse , & multum se profecisse credant, [...] (LT1559, IV, 15, 11: 352 ˆ = LT1539, 11, 11: 963) b. [...] mais que plustost ils se considèrent encores estre au chemin, et se pensent avoir profité, quand ils sentiront leurs concupiscences se diminuer aucunement de jour en jour, [...] (FR1560, IV, 15, 11: 326 ˆ = FR1541, 11: 1260 [II], id-par-74) Das Verb ist eindeutig den verba sentiendi zuzurechnen. In (145) rückt hingegen der epistemische Wert in den Hintergrund und es tritt die Wahrnehmung in den Vordergrund. 46 Dennoch handelt es sich nicht um eine reine Wahrnehmung, denn ihr Gegenstand, die Hände Gottes, wird im Geiste identifiziert. 47 (145) a. [...] si non ut eius manus à nobis considerantur , quae nullum ad opus, nisi ipso dirigente, se moveant: [...] (LT1559, I, 14, 12: 38) b. [...] sinon aussi que nous les considérions estre comme ses mains , lesquelles ne se meuvent point à rien faire [...] (FR1560, I, 14, 12: 195, id-par-4011) Es folgen zwei Hapaxbelege von fr. AcI-Konstruktionen, die nach doubter und trouver stehen. Die geringe Häufigkeit korreliert teilweise mit den Bildungsregeln des AcI im KL. So bildet das Verb des Zweifelns dubitare im KL einen uneigentlichen AcI. Die Durchsicht der lt. Wortformenbelege für dubitare ergibt, dass nur wenige Belege mit einem V 2 esse als AcI analysiert werden können und der fr. AcI nicht die Regel ist. Der fr. AcI in (146) folgt wortwörtlich dem lt. Modell. (146) a. Quis iam dubitet , hanc Satanae esse doctrinam , quae [...] (LT1559, IV, 19, 8: 390 ˆ = LT1539, 16, 8: 1072) b. Qui doutera maintenant ceste doctrine estre de Satan , laquelle [...] (FR1560, IV, 19, 8: 476 ˆ = FR1541, 13: 1419 [II], id-par-67) Aufgrund des Einzelbelegs muss es sich um einen übersetzungsbedingten Latinismus handeln, vor allem weil der AcI mit douter im Mittelfranzösischen nicht unbekannt ist und Stimming (1915: 147) ihn neben dem hier gezeigten Quadrupel auch im verschränkten Relativsatz zeitgenössischer Texte beobachtet. Fr. trouver lässt sich auf lt. invenire oder reperire (‘antreffen, finden’) zurückführen (vgl. Georgescu/ Georgescu 2020: 83; Stimming 1915: 153). 48 Das einzige 46 Der lt. AcI, der von der unpersönlichen, passiven Verbform considerantur abhängt, bezieht sein S 2 auf die im vorherigen Satz erwähnte Hilfe Gottes. Wird der Satz nicht als doppelter Akkusativ analysiert, ist von einer Ellipse des V 2 auszugehen. Eine Analyse als NcI erscheint ob des V 1 im KL weder üblich noch plausibel plausibel. In jedem Fall liegt für die fr. Übersetzung eine Grundlage zur Latinisierung vor und es ist nicht von einem Autolatinismus zu sprechen. 47 Vgl. beispielsweise cognoistre in Kap. 6.1.3.5. 48 Das Etymon ist die auf den Lautregeln basierend konstruierte und gemeinhin anerkannte Form *tropare . Den notwendigen Bedeutungswandel hin zu fr. trouver erklären Georgescu/ Georgescu (2020: 97) jüngst mit einer Argumentationskette, die im Griechischen beginnt <?page no="321"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 309 Beispiel, welches in der Institution belegt ist, ist zwar kein Autolatinismus, jedoch weicht es im Transfer der einzelnen Schlüsselmerkmale ab (vgl. 147). (147) a. Proinde quod suis discipulis dicebat Christus, in universum valere inter omnes fideles comperitur [...] (LT1559, III, 22, 3: 248 ˆ = LT1539, 8, 7: 866) b. Pourtant ce que disoit Christ à ses disciples, nous le trouverons estre véritable entre tous les fidèles [...] (FR1560, III, 22, 3: 420 ˆ = FR1541, 8: 1043 [II], idpar-313) Stimming (1915: 153) beobachtet, dass die Verwendungshäufigkeit des AcI mit trouver seit dem Altfranzösischen stetig ausgebaut wird. Dieses Verb verwendet Calvin nur ein einziges Mal und untermauert damit die starke Orientierung des Latinisten am KL. Der Latinismus basiert auf dem lt. Verb comperitur , welches zwar bei Georges ([1913/ 1918] 8 1998: I, 1344) in einer unpersönlichen Form mit dem AcI belegt ist, jedoch kein hochfrequentes klassisches AcI-Verb ist. Der fr. Satz weicht insgesamt deutlich vom lt. Modellsatz ab. Die unpersönliche, passive Form wird in ein gemeinschaftliches nous aufgelöst und das S 2 in direkter Nähe des V 1 und V 2 ergänzt. Das V 2 wird im Französischen nicht mit valoir , sondern mit estre véritable wiedergegeben. Insgesamt zeigt dieses Quadrupel, dass Calvin durchaus vom lt. Modell abweicht, wenn es der Anspruch an die Geläufigkeit einer Konstruktion in der Zielsprache erforderlich macht. 6.1.3.5 Verben des Erkennens/ Verstehens ( verba intellegendi ) Die Klasse der verba intellegendi drückt aus, dass der dazugehörige, untergeordnete Satz (p) mental wahrgenommen, erkannt und verstanden wird. Es liegen in der Institution 13 verschiedene Verbtypen vor, die die Klasse diverser als die verba cogitandi oder sentiendi erscheinen lassen. Jedoch ist das Bild nicht so ausgeprägt wie bei den verba dicendi , die die zweitstärkste Verbklasse an sich sind. Die Type/ Token-Frequenz zeigt folglich, dass eine Klasse mit besonders vielen AcI regierenden Verben auch zahlreiche Verbtypen aufweist. Ein eklatanter Unterschied zu den noch etwas häufigeren verba dicendi ist, dass die Anzahl an fr. Verben, die sich auf ein klassisch-lateinisches Etymon mit Möglichkeit zur AcI-Bildung zurückführen lassen können, ausgesprochen gering ausfällt. In Tab. 30 sind dies das sehr häufige cognoistre , welches im Französischen die Nebenform recognoistre kennt (vgl. Tab. 31), sowie das nur einmal belegte fr. ignorer . Wie die verba cogitandi rechnet Stimming die verba intellegendi zu den verba sentiendi . Er unterscheidet separat die Verben der sinnlichen Wahrnehmung, die für die verba intellegendi insofern eine zentrale Rolle einnehmen, als dass ihre originär physische Wahrnehmungsbedeutung eine und unter Berücksichtigung der Kognaten in den romanischen Sprachen eine semantische Entwicklung „à travers le sens ‚chasser d’un refuge‘ d’où ‚découvrir‘“ unternimmt. <?page no="322"?> 310 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo Erweiterung im Französischen erfährt (vgl. Stimming 1915: 142). Sie bezeichnen nun, wie noch dargelegt wird, eine mentale Wahrnehmung und damit einen Verstehensprozess. Die fr. Verben ouïr, apercevoir, sentir und voir fallen hierunter. fr. V 1 Georges (1998) Burkard/ Schauer (2020) Stimming (1915) cognoistre I, 1243 (Cic., Nep.) v. intell. v. sent. ignorer II, 37 (Cic.) v. intell. v. sent. ouïr I, 714 (Cic.) V. d. W. v. sent./ V. d. W. apercevoir II, 1568 (Plaut.) v. sent. v. sent./ V. d. W. sentir II, 2605 (Cic., Ter.) v. sent./ v. intell. v. sent./ V. d. W. voir II, 3478 (Caes.) v. sent. v. sent./ V. d. W. Tab. 30 - Verben der geistigen Wahrnehmung ( v. intell. ) mit klt. AcI-Entsprechung In der Institution nachgewiesene fr. V 1 , deren Etyma eine Abweichung vom klassisch-lateinischen Gebrauch darstellen, sind in Tab. 31 erfasst. fr. V 1 Georges (1998) Burkard/ Schauer (2020) Stimming (1915) apprendre — — v. sent. comprendre — — v. sent. ( apprendre ) aviser — V. d. W. ( attendere ) v. sent. entendre — —, uneig. AcI (‘vorhaben’) v. sent. recognoistre — — — savoir — v. intell. ( scire ) v. sent. prévoir — — — éprouver (II, 1934) —, uneig. AcI v. sent. (1x belegt) Tab. 31 - Verben der geistigen Wahrnehmung ( v. intell. ) ohne klt. AcI-Entsprechung Bei aviser und savoir können synonyme Bedeutungen als AcI-Träger im KL ausfindig gemacht werden. Entendre bildet sich im Französischen erst in altfranzösischer Zeit in der Bedeutung des Verstehens aus und das lt. Verb apprehendere kennt Georges zufolge die Verwendung des AcI nicht. 49 Sowohl comprendre als auch recognoistre/ reconnaître weist Stimming nicht in den von ihm betrachteten Texten in alt- oder mittelfranzösischer Zeit nach. 50 Dies ist weniger bezüglich des Einzelbelegs comprendre interessant, als vielmehr in Hinblick auf die in der 49 Stellvertretend für die „verbes exprimant le savoir“, die in Gougenheims ( 2 1974: 156) Klassifizierung als verba intellegendi zu verstehen sind, führt er fr. apprendre und savoir auf. 50 Stimming (1915: 180) belegt den AcI mit reconnaître bei Bossuet im 17. Jh., nimmt aber keine Zuweisung zu einer Verbklasse vor. Im 19. Jh. zeigt Stimming (1915: 177) einen AcI im verschränkten Relativsatz mit comprendre bei Paul Bourget an. Für die Zeit Calvins macht er keine Okkurrenz aus, verweist jedoch auf apprendre (vgl. Stimming 1915: 183). <?page no="323"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 311 Institution rund zwei Dutzend (! ) Mal vorkommenden fr. AcI-Konstruktionen mit recognoistre (vgl. Tab. 32). Zusammen mit cognoistre , welches im Gegensatz zu recognoistre von Stimming (1915: 144) als „sehr häufig“ identifiziert wird, handelt es sich um die häufigsten Verben dieser Klasse (in FR1560 ca. 45% aller verba intellegendi ), dicht gefolgt von voir (in FR1560 ca. 34%). FR1541 FR1560 Rang v. intellegendi n % v. intellegendi n % 1 cognoistre 34 23,78 cognoistre 55 31,98 2 voir (II) 28 20,98 voir (I) 32 18,60 3 voir (I) 30 19,58 voir (II) 27 15,70 4 recognoistre 22 15,38 recognoistre 23 13,37 5 savoir 7 4,90 savoir 9 5,23 6 entendre 7 4,90 entendre 6 3,49 7 ouïr (I) 4 2,80 sentir 6 3,49 8 prévoir 3 2,10 prévoir 5 2,91 9 sentir 3 2,10 ouïr (I) 4 2,33 10 apercevoir 1 0,70 apercevoir 1 0,58 11 adviser 1 0,70 adviser 1 0,58 12 éprouver 1 0,70 éprouver 1 0,58 13 ignorer 1 0,70 ignorer 1 0,58 14 apprendre 1 0,70 comprendre 1 0,58 15 comprendre 0 0 apprendre 0 0 Summe 143 100 172 100 Tab. 32 - Häufigkeit der verba intellegendi mit AcI in FR1541 und FR1560 Während die AcI-Konstruktionen mit recognoistre in absoluten Zahlen etwa gleich häufig bleiben, aber relativ zur Wortanzahl stark abnehmen, scheint cognoistre auch im relativen Verhältnis stabil zu bleiben. Das bedeutet, dass viele neue Belege mit cognoistre in der Ausgabe FR1560 hinzukommen. 20 der 21 neu in FR1560 verzeichneten Konstruktionen entfallen zudem auf neu hinzugekommene Textteile (id-par > 4000). Damit wird cognoistre in diesen neuen Abschnitten zum bevorzugten Verb dieser Klasse. Außerdem zeigt die quantitative Übersicht in Tab. 32 eine regelmäßige Verwendung der Verben savoir, entendre, sentir sowie die übertragene Bedeutung von ouïr . 51 Die übrigen Verben apercevoir, adviser, ignorer, comprendre und apprendre sind lediglich als Einzelfälle in der Institution belegt. 51 Stimming (1915: 137, 147, 150-152) beurteilt den AcI mit ouïr als „ziemlich selten“, den AcI mit savoir , sentir und entendre ‘verstehen’ hingegen als sehr gebräuchlich. <?page no="324"?> 312 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo Aus Tab. 33 geht hervor, dass cognoistre und recognoistre auch im klassenübergreifenden Vergleich besonders häufig mit dem AcI konstruiert werden. Rund jede zehnte Verbform entfällt so auf eine AcI regierende Konstruktion. v. intelleg. AcI (n 1 ) Verbformen (n 2 ) Wortanzahl (N) n 1 n 2 % n 2 N / 10k cognoistre 55 526 677.095 10,46 7,8 recognoistre 23 232 677.095 9,91 3,4 savoir 9 550 677.095 1,64 8,1 entendre 6 535 677.095 1,12 7,9 sentir 6 186 677.095 3,23 2,8 prévoir 5 40 677.095 12,50 0,6 comprendre 1 265 677.095 0,19 3,9 apercevoir 1 62 677.095 1,63 0,9 adviser 1 34 677.095 2,94 0,5 éprouver 1 32 677.095 3,13 0,5 ignorer 1 42 677.095 2,38 0,6 ouïr (I/ II) 4 *153 677.095 *2,61 2,3 voir (I/ II/ III) 52 63 *1297 677.095 *4,49 19,2 Tab. 33 - Realisierung der verba intellegendi mit AcI in FR1560 Im Verhältnis der allgemeinen Verbformen in Bezug auf die Wortanzahl lässt sich feststellen, dass cognoistre, recognoistre, savoir, entendre und comprendre ähnlich frequent im Text sind. Die häufigsten V 1 , hierzu ist auch voir zu zählen, stammen aus der Klasse der verba intellegendi . cognoistre und recognoistre Die Verbformen von reco(n)gnoistre 53 (nfr. reconnaître ) und cognoistre (nfr. connaître ) sind zusammen genommen die häufigsten AcI regierenden Verben im Korpus. Sie stehen noch vor dire , welches innerhalb der Klasse der verba dicendi in quantitativer Hinsicht mit confesser konkurriert. Sie werden im Folgenden aufgrund ihrer Ähnlichkeit zusammen behandelt. Grundlegende Unterschiede ergeben sich bereits im Hinblick auf ihre lt. Etyma. Zunächst fällt auf, dass Calvin zwar die direkten Entsprechungen lt. cognoscere für cognoistre und lt. recognoscere für fr. recognoistre kennt, sie jedoch nur in einem sehr geringen Ausmaß anwendet. Eine Verwechslung der lt. Etyma ist in Calvins Institution weder zu erwarten noch anzutreffen. Georges ([1913/ 1918] 8 1998: II, 2229) und 52 Wie bereits in den anderen Verbklassen angesprochen, kann aufgrund der fehlenden Möglichkeit zur Disambiguierung der unterschiedlichen Bedeutungen von voir im Gesamttext der Institution nicht die Anzahl der AcI-Konstruktionen mit der Anzahl an Formen respektive Formen mit der Wortanzahl korreliert werden. 53 Die Graphie von (re)cognoistre (FR1560) weicht in FR1541 als (re)congnoistre ab. <?page no="325"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 313 Burkard/ Schauer ( 6 2020: 682) kennen klt. recognoscere nicht mit dem AcI, sodass offenbar eine Erweiterung des begrenzten Bereichs der lt. Verben stattfindet, die in den Latinismen noch frequenter ausfällt. 54 Das lt. V 1 recognoscere stellt im Korpus lediglich ein einziges Mal das Modell für einen AcI mit fr. recognoistre (vgl. 148). Der AcI zeigt nur einen kleinen Eingriff bezüglich des im Französischen verwendeten Partizips exposée (FR1541), welches in FR1560 hin zu mise geändert wird. (148) a. Sic et nos recognoscere debemus , expositam quidem esse nobis in lege Dei benevolentiam , si operibus eam demereri liceat [...] (LT1539, 6, 62: 780 ˆ = LT1559, III, 17, 2: 212) b. En telle maniere il nous fault recongnoistre la benevolence de Dieu nous estre exposée en la Loy, si nous la pouvions acquerir par noz œuvres [...] (FR1541, 6: 909 [I]) c. En telle manière il nous faut recognoistre la bénévolence de Dieu nous estre mise en avant en la Loy, si nous la pouvions acquérir par noz œuvres [...] (FR1560, III, 17, 2: 282, id-par-375) Das lt. Modell expositam bleibt hiervon ausgenommen, sodass der Eingriff in die Übersetzung durch eine bessere Lesbarkeit im Französischen motiviert scheint. Zunächst erfolgt eine wörtliche Übersetzung, die, so darf angenommen werden, zugunsten einer idiomatischeren Formulierung ersetzt wird. Mehrheitlich ist recognoistre auf agnoscere zurückzuführen, welches im KL mit AcI als ‘anerkennen, festellen’ nachgewiesen ist und ohne AcI ‘wiedererkennen’ bedeuten kann. Das lt. Verb eröffnet hier dem Übersetzer eine gewisse Flexibilität, indem dieser sowohl auf recognoistre als auch cognoistre in der Bedeutung ‘anerkennen’ zurückgreifen kann (vgl. 149 und 150). (149) a. [...] sed quando Deum agnoscimus nobis esse propitium Patrem, reconciliatione per Christum facta; (LT1559, III, 2, 2: 140 ˆ = LT1539, 4, 34: 473) b. [...] mais entant que nous cognoissons Dieu nous estre Père bien vueillant, pour la réconciliation qui a esté faicte en (FR1560, III, 2, 2: 16 ˆ = FR1541, 4: 557 [I], id-par-267) 54 Eine hohe Zahl der lateinischen Verben im Untersuchungskorpus entfällt auf das cognoscere zugrunde liegende Verb noscere für fr. congnoistre . Es ist so nicht erstaunlich, dass Calvin fr. congnoistre auf die alte Grundform noscere zurückführt. Doch der Gebrauch von lt. noscere mit AcI scheint entweder für Calvin individuell spezifisch oder ein Charakteristikum des Lateins seiner Zeit zu sein. Dies lässt sich an dieser Stelle ohne weitere Belegstudien nicht weiter verfolgen und überprüfen, jedoch entspricht die Verwendung in strengem Sinne nicht dem klt. Gebrauch, wenn sich auf die Angaben bei Georges ([1913/ 1918] 8 1998: II, 1189) sowie Burkard/ Schauer ( 6 2020: 682) gestützt wird. Bei beiden fehlt ein Hinweis auf den AcI-Gebrauch, lediglich die eng verwandten Verben cognoscere und acognoscere stehen entsprechend mit dem AcI. Der Gebrauch Calvins des Verbs noscere ist zum einen aufgrund der semantischen Nähe nicht abwegig, aber zum anderen auch wegen der Möglichkeit einen doppelten Akkusativ bilden zu können (vgl. Georges [1913/ 1918] 8 1998: II, 1189). <?page no="326"?> 314 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo Die Änderungen von recognoist zu cognoist in (150) sowie in umgekehrter Richtung in (151) stellen Einzelfälle dar, veranschaulichen aber im Kontext der AcI- Konstruktion die enge inhaltliche Verwandtschaft beider Lexeme. (150) a. [...] sed quia veritatem esse agnoscit Domini sui, pro pietatis officio, nihil cunctando veneratur. (LT1539, 1, 22: 294 ˆ = LT1559, I, 7, 2: 11) b. Mais d’autant qu’ elle la recongnoist estre la verité de son Seigneur, selon son debvoir, sans dilayer, elle la revere. (FR1541, 1: 221 [I]) c. [...] mais pource qu’ elle la cognoist estre la pure vérité de son Dieu, elle la révère et honnore [...] (FR1560, I, 7, 2: 94, id-par-373) (151) a. [...] nempe prout quemque novimus esse nobis Dei ordinatione praefectum , ut ipsum reverentia, obedientia, gratitudine, et quibus possumus officiis prosequamur. (LT1539, 3, 58: 407 ˆ = LT1559, II, 8, 36: 100) b. [...] selon que nous congnoissons un chascun nous estre ordonné de Dieu pour superieur, que nous luy portions honneur [...] (FR1541, 3: 451 [I]) c. [...] selon que nous recognoissons un chacun nous estre ordonné de luy pour supérieur, que nous luy portions honneur [...] (FR1560, II, 8, 36: 167, id-par-257) Diese geringfügigen lexikalischen Veränderungen lassen erkennen, dass es dem Autor einerseits um die präzise Vermittlung semantischer Nuancen auf Grundlage des lt. Modells geht (vgl. 150), andererseits aber auch um einen im Französischen klaren und eindeutigen Ausdruck (vgl. 151). In sechs Fällen liegt lt. intelligere der fr. Übersetzung mit cognoistre zugrunde. Das Verb gibt der Klasse der verba intellegendi seinen Namen und drückt mit AcI (wie auch cognoscere ) ‘sich von etwa überzeugen’ aus (vgl. Burkard/ Schauer 6 2020: 681) oder ‘verstehen’ bzw. mental ‘erkennen, wahrnehmen’ (vgl. Georges [1913/ 1918] 8 1998: II, 345). Recognoistre kennt im Korpus kein lt. Modell mit einer Verbform von intelligere . In einer Reihe von Fällen liegen der Übersetzung andere Verben zugrunde, so ersetzt fr. (re)cognoistre z. B. die folgenden V 1 im lt. Satz: apparere , cernere , concipere , declarare , dicere , discere , distinguere , docere , ignorare , perspicere , sentire , scire , tenere , prospicere , velle , videre . Dass die lt. Modelle von Verben des Wollens über Verben des Sagens, Verben des Fühlens bis hin zum uneigentlichen AcI mit docere reichen, hebt hervor, welche universelle und zentrale Funktion (re)cognoistre in der Übersetzung Calvins einnimmt. Als Beispiel für das Ringen um eine unmissverständliche Lektüre des fr. Textes kann das Quadrupel (152) dienen, dessen V 1 keine rein physische Wahrnehmung ausdrückt. Vielmehr geht es um eine Erkenntnis, die kognitiv erlangt wird. Vor diesem Hintergrund wird auch der Eingriff Calvins in die Wahl des V 1 erklärbar. <?page no="327"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 315 (152) a. Quia iustum esse iudicem videt qui [...] (LT1539, 1, 9: 285) b. En tant qu’ il le voit estre juste juge, [...] (FR1541, 1: 202 [I]) c. [...] quia iustum esse iudicem videt , suaque [...] (LT1559, I, 2, 2: 3) d. [...] pource qu’ elle le recognoist iuste luge [...] (FR1560, I, 2, 2: 57, id-par- 443) Während die Ausgabe FR1541 wörtlich der lateinischen Syntax folgt und lt. videt mit fr. voit übersetzt (vgl. 152b), steht in der späteren Ausgabe FR1560 fr. recognoist . Voir wird in zahlreichen anderen Konstruktionen auch als Verb der geistigen Wahrnehmung in äquivalenter Form zur lt. Verwendungspraxis verwendet. Nicht nur das Genus des S 1 ändert sich in den fr. Sätzen in (152), auch das V 2 der als vormals als AcI zu wertenden Konstruktion wird entfernt. Es ergeben sich somit zwei Analysemöglichkeiten im Französischen: entweder handelt es sich um ein ausgelassenes V 2 estre , das im Gegensatz zum lt. Gebrauch kaum in meinem Korpus zu beobachten ist, oder um einen doppelten Akkusativ mit recognoistre in einer ggf. formelhaften latinisierenden Wendung (vgl. Kap. 6.1.6.1). voir (I) - abstrakte mentale Wahrnehmung Insgesamt sind in beiden Ausgaben der Institution jeweils rund 60 fr. AcI mit voir nachgewiesen. Die Häufigkeit ist vergleichbar mit jener von dire oder (re)connaître . Dies gilt auch für die Autolatinismen, deren Anzahl für die drei genannten Verben bei acht bis zehn Stück liegt. Grundsätzlich liegt voir in der Bedeutung einer sinnlich visuellen Wahrnehmung vor (vgl. Typ III in Kap. 6.1.3.6). Hiervon ist die gelehrte Form des Mittelfranzösischen zu unterscheiden, welche die Wahrnehmung rein im Geiste, also mental verarbeitet. Die Auswertung der zahlreichen Belege mit voir in der Bedeutung einer geistigen Wahrnehmung zeigt zudem einen weiteren fundamentalen semantischen Unterschied des V 1 auf, welcher eine Aufsplittung in voir (I) und voir (II) notwendig macht. In Abhängigkeit ihres S 2 lässt sich in eine abstrakte und eine konkrete mentale Wahrnehmung unterscheiden. In (153) bezeichnet das fr. S 2 la puissance civile (lt. civilis potestatis ) ‘bürgerliche Gewalt’ ein vom Menschen erdachtes Konzept, welches nicht auf eine konkrete Entität referiert. Das V 1 zeigt, dass das S 1 nous , als die Gemeinschaft der gläubigen Anhänger Calvins, den in p ausgedrückten abstrakten Vorgang erfolgreich erfasst und versteht. (153) a. [...] quia tamen videmus eodem recidere finem civilis potestatis [...] (LT1559, IV, 20, 4: 398 ˆ = LT1539, 15, 4: 1103) b. [...] toutesfois puisque nous voyons la puissance civile revenir à une mesme fin [...] (FR1560, IV, 20, 4: 509 ˆ = FR1541, 16: 1588 [II], id-par-35) <?page no="328"?> 316 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo Dieser als gelehrt zu bewertende Konstruktionstypus mit voir ist dem modernen Französisch nicht unbekannt (vgl. 33 in Kap. 4; Dubois/ Dubois-Charlier 2015: Eintrag ‘voir 12’). Eine Einschränkung bezüglich verschränkter Relativsätze, die mit dem Relativpronomen einen anaphorischen Bezug ausdrücken, ist bei Calvin nicht zu erkennen. In (154) wird auf eine ‘nicht weniger wichtige Sache’ (die Freiheit im gläubigen Gewissen), referiert, die ‘Jesus Christus viel gekostet habe’. (154) a. Neque res levicula existimanda nobis est, quam videmus tanti Christo constitisse : utpote quam non auro aut argento, sed proprio sanguine aestimavit: [...] (LT1559, III, 19, 14: 223 ˆ = LT1539, 13, 15: 838) b. Et ne doit estre estimée une chose de légière importance, laquelle nous voyons avoir tant cousté à Jesus Christ: c’est assavoir laquelle il n’a point achetée par or ny argent, mais par son propre sang. (FR1560, III, 19, 14: 323 ˆ = FR1541, 14: 1505 [II], id-par-300) Die mentale Wahrnehmung dieser Freiheit geht mit dem kognitiv verarbeiteten Verständnis dessen einher. Der 1541 eingeführte Autolatinismus in (155b) wird von verroient regiert. Das V 1 kennt in der Ausgabe LT1539 keine Entsprechung (vgl. 155a) und der AcI wird schließlich in FR1560 entfernt (vgl. 155c). Stattdessen findet eine andere häufig in der Institution verwendete infinite Verbkonstruktion Anwendung: die Partizipialkonstruktion veu que . 55 (155) a. [...] si quaecunque exstant de ea promissiones solo hominum iudicio fultae consistant? (LT1539, 1, 21: 294 ˆ = LT1559, I, 7, 1: 11) b. [...] quand elles verroient toutes les promesses d’icelle consister et estre appuyées sur le seul jugement des hommes? (FR1541, 1: 220 [I]) c. [...] veu que toutes les promesses qui en sont données n’auront arrest ny appuy sinon sur le bon plaisir des hommes, quand on leur dira qu’il suffit que l’Eglise en ait déterminé? (FR1560, I, 7, 1: 93, id-par-430) Beiden fr. Verbformen ist gemeinsam, dass sie eine logisch verstandene Wahrnehmung in einem untergeordneten Satz regieren. Die Partizipialkonstruktion veu que in (155c) drückt in noch größerem Maß die Abgeschlossenheit dieser geistigen Wahrnehmung in (155b) aus, indem sie sie als Tatsache postuliert. Voir fungiert nicht nur in Bezug auf abgeschlossene Vorgänge als erkennendes Wahrnehmungsprädikat, sondern auch in Hinblick auf die Zukunft. In (156) liegt erneut ein Autolatinismus vor, der keine Übertragung der lt. AcI-Konstruktion kennt, jedoch des Prädikats praevideat in vorhersehender Bedeutung. 55 In FR1560 ist veu que 342 Mal belegt (relative Häufigkeit: 0,06). <?page no="329"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 317 (156) a. [...] sed quum non alia ratione quae futura sunt , praevideat , nisi [...] (LT1559, III, 23, 6: 254 ˆ = LT1539, 14, 17: 873) b. Mais puisqu’ il ne voit les choses advenir pour autre raison, sinon [...] (FR1560, III, 23, 6: 441 ˆ = FR1541, 8: 1057 [II], id-par-1) Das Subjekt il nimmt hier künftig geschehene Dinge in zusammenhängender Weise wahr. Voir (I) avanciert somit zu einem Prädikat der logisch verstehenden Wahrnehmung in Bezug auf abgeschlossene, zukünftige oder präsentische Handlungen und Zustände. Es verliert an visuellem Status, wenn ein abstraktes S 2 vorliegt, und gewinnt an kognitiver Komplexität. Die 36 in FR1541 und/ oder FR1560 mit voir (I) nachgewiesenen AcI-Belege lassen sich anhand morphosyntaktischer V 2 -Merkmale und im Hinblick auf den Vergleich mit voir (II) weiter untergliedern (vgl. Tab. 34). Typus Syntax-V 2 id-par n % voir (I) a) [ − estre aktiv ] 1 (AL), 3 (AL), 35, 300 4 11,11 b) [ − estre passiv ] 75, 165, 186, 187, 214, 219, 282, 286 (AL), 288, 343, 362, 430 (AL), 446, 455 (AL), 2006, 6009, 6034 17 47,22 c) [ + estre aktiv ] 30, 69, 82 (AL), 93, 95, 130, 149, 232, 235, 245, 249, 295, 4039, 4053, 6502 (AL) 15 41,67 36 100 Tab. 34 - voir (I) mit abstraktem S 2 So lässt sich feststellen, dass die beiden bestimmenden Subtypen, die passive Konstruktion des V 2 (b) sowie der prädikative Ausdruck mit estre (c), die abstrakte mentale Wahrnehmung mit voir (I) dominieren. Lediglich vier Belege entfallen auf AcI-Konstruktionen mit einem aktivischen Infinitiv (a), der nicht estre ist. Dies ist insofern ein erwartbares Ergebnis, als dass rein mentale Wahrnehmungen mit einem abstrakten S 2 eher Zustände als Vorgänge bezeichnen. Im Vergleich zu den Belegen Stimmings (1915) stechen die 36 in Calvins Institution nachgewiesenen Okkurrenzen markant hervor, denn Stimming erfasst kaum Belege mit abstrakten S 2 , die sich zudem eher im Bereich des verschränkten Relativsatzes niederschlagen. Dies deckt sich nicht mit den AcI-Okkurrenzen in der Institution , die zu etwa zwei Dritteln im selbstständigen Satz vorkommen. voir (II) - konkrete mentale Wahrnehmung An der Schnittstelle zwischen voir (I) und dem physischen Wahrnehmungsverb voir (III) steht voir (II). Einerseits handelt es sich um eine Wahrnehmung einer <?page no="330"?> 318 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo konkreten in einen Vorgang oder Zustand eingebetteten S 2 -Entität, die rein kognitiv vorgestellt und verarbeitet wird. Sie wird nicht tatsächlich physisch empfunden. Andererseits ist die mentale Wahrnehmung mit Bezug auf die untergeordnete Proposition p derart fassbar, dass p auch als physische Wahrnehmung in einem anderen textuellen Kontext denkbar wäre. Es ergibt sich in Abhängigkeit der syntaktischen Eigenschaften des V 2 folgende Verteilung (vgl. Tab. 35): Typus Syntax-V 2 id-par n % voir (II) a) [ − estre aktiv ] 6, 9 (AL), 83, 86, 96, 132, 137, 142, 305, 310, 335, 421, 2304, 4002, 6500 15 46,88 b) [ − estre passiv ] 54, 72, 113, 115, 147, 168, 229, 256, 496 9 28,13 c) [ + estre aktiv ] 184, 269, 280 (AL), 366, 443, 459, 4035 (AL), 4040 8 25,0 32 100 Tab. 35 - voir (II) mit konkretem S 2 Im Vergleich zu voir (I) zeigt sich nun eine deutliche Verschiebung in den zuvor wenig ausgelasteten Bereich (a). Dies bestätigt die Nähe zur physischen Wahrnehmung, die ebenfalls konkrete Vorgänge in den Blick nimmt. Die Oberflächenrepräsentation der syntaktischen Komponenten erlaubt nun kaum eine Unterscheidung zum ererbten Typus, sodass der Kontext und falls vorhanden die lt. Übersetzungsgrundlage zur Beurteilung unbedingt miteinbezogen werden muss. Im Vergleich zur vorherigen Tabelle ist außerdem auffällig, dass die passiven Konstruktionen mit voir (II) geringer (ca. 28% statt zuvor ca. 47%) repräsentiert sind. Aus (157) wird ersichtlich, welchen Stellenwert der syntaktische und inhaltliche Kontext zur Beurteilung der AcI-Konstruktion einnimmt. Der französische Satz drückt zunächst einmal eine konkrete Wahrnehmung eines „üblen Mannes“, der „Gott [...] dient“, aus, die physisch wahrgenommen werden könnte. Durch die Einbettung des V 1 mit dem AcI in einen Konditionalsatz wird die Aussage zur theoretischen Überlegung des Autors. 56 Es muss sodann von einer vor dem geistigen Auge vorgestellten Handlung ausgegangen werden, die den AcI als gelehrten Typus ausweist. 56 Ebenso verhält es sich mit si : Parquoy comme un bon mary, d’autant qu’il est plus fidèle et loyal, est d’autant plus courroucé s’il voit sa femme décliner à quelque paillard , vgl. id-par-83, FR1560, II, 8, 18: 152. <?page no="331"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 319 (157) a. Scelestum igitur hominem , qui Dei potentiae sic servit , dum libidini tantum suae obsequi studet, an cum saxo conferemus [...] (LT1559, II, 5, 14: 82 ˆ = LT1539, 2, 89: 367) b. Quand nous verrons donc un meschant homme ainsi servir à Dieu, quand il veut complaire à sa meschanceté, le ferons-nous semblable à une pierre [...] (FR1560, II, 5, 14: 100 ˆ = FR1541, 2: 374 [I], id-par-9) Die mentale Wahrnehmung eines konkreten Vorgangs kann mit einem abstrakten S 2 wie in (158) la parolle de Dieu ‘das Wort Gottes’ erfolgen. (158) a. Ubicunque enim Dei verbum sincere praedicari atque audiri , ubi Sacramenta ex Christi instituto administrari videmus , [...] (LT1559, IV, 1, 9: 273 ˆ = LT1539, 4, 10: 543) b. Car par tout où nous voyons la parolle de Dieu estre purement preschée et escoutée , les Sacremens estre administrez selon l’institution [...] (FR1560, IV, 1, 9: 20 ˆ = FR1541, 4: 661 [I], id-par-282) Das Wort Gottes wird im fr. und lt. Satz „in reiner Form gepredigt und gehört“ und setzt somit voraus, dass es einen Sprecher und Hörer gibt, die den Inhalt verarbeiten. Es liegt eine konkreter wahrgenommener Vorgang vor. Ohne Berücksichtigung der inhaltlichen Seite des V 2 würde es folglich eine Fehlinterpretation geben. Die Einführung durch fr. par tout où ‘überall dort’ führt schließlich zu der Klarstellung, dass die Perzeption rein mental verarbeitet wird und höchstwahrscheinlich in der Vergangenheit tatsächlich physisch beobachtet wurde. Die konjunktionale Einbettung des V 1 ist für die Beurteilung des semantischen, perzeptiven Gehalts entscheidend und zugleich ein Mittel, um konkret wahrgenommene Vorgänge im Textverlauf als argumentatives Referenzmittel einzubetten. Würde der fr. AcI mit dem S 1 -V 1 nous voyons aus dem Quadrupel in (159) für sich genommen werden, beschriebe er die physische Wahrnehmung der äußerlichen Reinigung des Körpers. Doch die Konjunktion lt. quam bzw. fr. comme sowie die gesamte Satzargumentation Calvins zeigen an, dass es um eine mental wahrgenommene, erkannte und verstandene Handlung geht. (159) a. Haec, inquam, tam vere certoque animae nostrae intus praestare, quam certo videmus corpus nostrum extra ablui, submergi, circumdari . (LT1559, IV, 15, 14: 352 ˆ = LT1539, 11, 14: 965) b. Il nous fault donc croyre et estre asseurez que aussi veritablement et certainement il faict toutes ces choses interieurement à nostre ame, comme nous voyons nostre corps par le dehors estre lavé, submergé et circuy d’eau. (FR1560, IV, 15, 14: 329 ˆ = FR1541, 11: 1262 [II], id-par-54) Wie auch in anderen Verbklassen ist mit voir (II) die Übertragung unpersönlicher Konstruktionen aus dem Lateinischen zu beobachten. In (160) ist es der unpersönliche Ausdruck certum est , welcher im Französischen mit dem ebenfalls als unpersönlich aufzufassenden ‘man sieht’ ( on voit ) wiedergegeben wird. Die <?page no="332"?> 320 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo Eigenschaft wird also erhalten, wenngleich sich der Sinn verändert. Des Weiteren lässt das regierende Verb voir nicht nur mit et koordinierte sowie aufgezählte AcI-Konstruktionen zu, sondern auch welche nach mais , analog zum lt. Modell. (160) a. Nam si Apostolos nihil morantur (ut solent eos interdum strenue contemnere) quid, amabo, facient omnibus vetustis Patribus, quos certum est non modo coniugium in Episcoporum ordine tolerasse , sed etiam approbasse ? (LT1559, IV, 12, 26: 335 ˆ = LT1539, 3, 70: 414) b. Car s’il ne leur chaut des Apostres, que diront-ils, je vous prie, de tous les Pères anciens, lesquels on voit non seulement avoir toléré le mariage entre les évesques, mais aussi l’avoir approuvé ? (FR1560, IV, 12, 26: 262 ˆ = FR1541, 3: 462 [I], id-par-305) Das Quadrupel zeigt eine hohe Kompatibilität und Anpassungsfähigkeit der fr. AcI-Konstruktion an das Original. Darüberhinaus verweist Calvin mit on indirekt erneut auf eine Gemeinschaft, die sich in diesem Fall mit Bezug zu den Handlungen der Apostel in der Bibel durch einen vorrangig gelehrten Bildungshintergrund auszeichnet. savoir Savoir basiert auf dem lt. Etymon sapere , entspricht aber in seiner Verwendung dem klassisch-lateinischen scire (siehe Tab. 30). Im Korpus kennen alle fr. AcI mit savoir diese lateinische Entsprechung, sodass sie einheitlich der Klasse der verba intellegendi zuzurechnen sind. In (161) drücken lt. sciunt und fr. sauront das bereits vorhandene Bewusstsein bezüglich des untergeordneten Satzteils aus: ‘sie wissen, dass die [fr.] schlechten/ [lt.] gottlosen Beschlüsse dazu bestellt sind, um Gottes Entscheide zu schreiben’. (161) a. Qua conscientia in impia decreta subscribent ea manu quam ad perscribenda Dei acta sciunt ordinatam ? (LT1559, IV, 20, 6: 399 ˆ = LT1539, 15, 5: 1104) b. En quelle conscience signeront-ils quelque mauvaise ordonnance de leur main, laquelle ils sauront estre ordonnée pour escrire les arrests de Dieu? (FR1560, IV, 20, 6: 510 ˆ = FR1541, 16: 1589 [II], id-par-258) Auffällig ist, dass alle fr. AcI mit savoir in einem untergeordneten Relativsatz anzutreffen sind und dort überwiegend durch eine Form von lequel eingeleitet werden. Vergleiche hierzu (162): (162) a. [...] sed coactus impiorum calumniis, fidem ac probitatem suam, quam divinae indulgentiae acceptam esse sciebat , adversus quamlibet hominum maledicentiam asserit. (LT1559, III, 17, 14: 216 ˆ = LT1539, 6, 75: 791) b. [...] mais estant contraint par les calomnies des meschans il maintient contre leur malédicence sa loyauté et preudhommie, laquelle il savoit estre <?page no="333"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 321 cogneue et agréable à Dieu. (FR1560, III, 17, 14: 296 ˆ = FR1541, 6: 931 [I], id-par-349) Da die Beispiele sich fast durchgehend stark am lateinischen Satzbau orientieren und die Schlüsselkonstituenten der AcI-Konstruktion übertragen werden, liegt es nahe, dass es sich zum einen um übersetzungsbedingte Latinismen handelt und zum anderen, dass Calvin die spezifische, textstrukturierende Funktion der näheren Erläuterung eines vorhergehenden Satzteils durch scire/ savoir +AcI aus dem Lateinischen in das Französische überträgt. Besonders eindrücklich ist diese erklärende Funktion des Einschubs in (163): (163) a. Quum enim adducta esset in eius conspectum Heva, quam è sua costa formatam sciebat : [...] (LT1559, IV, 19, 35: 397 ˆ = LT1539, 19, 37: 1098) b. Car quand nostre Seigneur eut amené Eve devant Adam, laquelle il savoit bien avoir esté formée de sa coste, il dit: [...] (FR1560, IV, 19, 35: 502 ˆ = FR1541, 13: 1474 [II], id-par-15) Ein einzelner AcI mit savoir wird in der Ausgabe FR1560 ohne Veränderung des lateinischen Satzbaus (in LT1559) in eine finite Struktur überführt: (164) a. Verum antequam finem dicendi faciam, missarios nostros doctores interrogo quum sciant potiorem esse Deo obedientiam quam victimas, [...] (LT1539, 12, 58: 1028 ˆ = LT1559, IV, 18, 9: 385) b. [...] puis qu’ ilz sçaivent obeyssance à Dieu estre meilleure que tous Sacrifices, [...] (FR1541, 12: 1390 [II]) c. Puisqu’ ils savent qu’obéissance à Dieu est meilleure que tous sacrifices, [...] (FR1560, IV, 18, 9: 457, id-par-224) Die nahe Übersetzung in der Ausgabe FR1541 wird in eine gängige Konstruktion mit Komplementsatz transformiert. Das Motiv dafür ist nicht mit Sicherheit zu ermitteln, es liegt aber nahe, dass die Änderung aus idiomatischen Gründen erfolgt oder einem Missverständnis beim Lesen vorbeugen soll. entendre Alle sieben mit entendre belegten AcI-Konstruktionen sind den verba intellegendi zuzurechnen. Keine drückt die direkte physische Wahrnehmung ‘hören’ aus und kein V 2 kommt als aktives Vollverb vor. In fünf Fällen wird der Infinitiv im Passiv gebildet und in zwei weiteren ist der Infinitiv die aktive Form der Kopula estre . Den französischen Übersetzungen liegen drei verschiedene lateinische Etyma zugrunde. Neben einem Autolatinismus gehen drei Belege auf intelligere zurück, zwei Belege auf audire und ein Beleg auf nolle accipi . In (165) wird ein mentaler Vorgang des Erkennens ausgedrückt: ‘[...] als zu erkennen, dass die Menschen durch Gottes Hand durch Trübsal geführt werden’. <?page no="334"?> 322 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo (165) a. [...] ut manu Dei nos exerceri per afflictiones intelligerent [...] (LT1559, III, 8, 11: 185 ˆ = LT1539, 17, 25: 1142) b. [...] si haut, que d’ entendre les hommes estre exercitez de la main de Dieu par afflictions [...] (FR1560, III, 8, 11: 187 ˆ = FR1541, 17: 1693 [II], id-par-92) Der Latinismus ist übersetzungsbedingt, wie an der präzisen Übertragung der lateinischen Konstituenten ersichtlich ist. Einzig das S 2 wechselt von lt. nos zu fr. les hommes . Der gelehrte Charakter des AcI wird an der Semantik des V 1 als verbum intellegendi sowie an der Verwendung des passivierten Infinitivs als V 2 erkennbar. Ebenso gelehrt sind die beiden nachfolgenden Belege (166) und (167), die auf lt. audire ‘hören’ zurückgehen. Entsprechend der bei Greco (2013a) festgestellten Eigenschaften der Evidentialität liegt in (166) Hörensagen vor und es wird im lt. Satz der AcI (anstelle des AcP bei sinnlicher Wahrnehmung) verwendet. (166) a. [...] quod Dei viventis thronum esse audiunt ? (LT1559, IV, 20, 6: 399 ˆ = LT1539, 16, 5: 1104) b. [...] lequel ils entendront estre le Throne de Dieu vivant? (FR1560, IV, 20, 6: 510 ˆ = FR1541, 16: 1588 [II], id-par-77) Das Quadrupel in (167) zeigt, dass entendre weder als Hörensagen noch als indirekter Zitierstil aufgefasst werden kann, sondern erneut eine Erkenntnis ausdrückt: ‘Die Buße wird im Namen Christi gepredigt, wenn die Menschen [...] hören [‘verstehen’], dass all ihre Gedanken, Bewegungen [...] verdorben und sündig sind [...]’. (167) a. Praedicatur poenitentia in nomine Christi, quum per evangelii doctrinam audiunt homines suas omnes cogitationes, suos affectus, sua studia corrupta et vitiosa esse ; [...] (LT1539, 5, 12: 694 ˆ = LT1559, III, 3, 19: 159) b. La Penitence est preschée au Nom de Christ quand, par la doctrine Evangelique, les hommes entendent toutes leurs pensées, affections et operations estre corrumpues et vicieuses , [...] (FR1541, 5: 736 [I]) c. La pénitence est preschée au nom de Christ quand les hommes estans enseignez par la doctrine de l’évangile entendent que toutes leurs pensées, mouvemens, affections et opérations sont corrompues et vitieuses , [...] (FR1560, III, 3, 19: 88, id-par-436) Diese erkennende Bedeutung stimmt in beiden Sprachen überein, sodass erneut ein übersetzungsbedingter, gelehrter Latinismus vorliegt. <?page no="335"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 323 ouïr (I) Das fr. Wahrnehmungsverb ouïr ist im 16. Jahrhundert innerhalb und außerhalb von AcI-Konstruktionen nachweisbar. 57 In der Institution lässt es sich insgesamt sieben Mal nachweisen, davon entfallen fünf Belege auf die Klasse der verba intellegendi . Diese werden überwiegend, in vier von fünf Fällen, mit einer passivierten Form des Infinitivs gebildet. Es handelt sich bei allen fünf Belegen um Prädikate, die Hörensagen ausdrücken und die in der Konsequenz nicht selten in einem nebengeordneten Satz zur näheren Erläuterung stehen (vgl. 168 u. 169). (168) a. Nam si Dominus interdicto neminem in Coenae suae participationem admittit, nisi iustum & innocentem: non levi cautione opus est, quae aliquem suae iustitiae securum reddat, quam à Deo requiri audit . (LT1559, IV, 17, 41: 380 ˆ = LT1539, 12, 39: 1017) b. Car si nostre Seigneur par sa défense ne reçoit nully à la participation de sa Cène s’il n’est juste et innocent, il ne faut pas petite asseurance pour rendre quelcun certain qu’il ait ceste justice, laquelle il oit estre requise de Dieu. (FR1560, IV, 17, 41: 436 ˆ = FR1541, 12: 1372 [II], id-par-289) (169) a. Illi enim quum in Evangelio promitti libertatem audiunt , quae [...] (LT1559, IV, 20, 1: 397 ˆ = LT1539, 15, 1: 1100) b. Car iceux, quand ils oyent une liberté estre promise en l’évangile, laquelle [...] (FR1560, IV, 20, 1: 505 ˆ = FR1541, 16: 1581 [II], id-par-123) In syntaktischer Hinsicht ist anzumerken, dass die S 2 nicht als Objekte aufgefasst werden können und stets der gesamte AcI in der Objektposition zum Prädikat steht. Der AcI bildet mit beiden Bestandteilen (S 2 +V 2 ) die Einheit dessen, was von Dritten auditiv wahrgenommen und verstanden wird. Wie bereits bei voir (II) zu beobachten ist, können manche AcI-Konstruktionen mit einem Vollverb in V 2 -Funktion sowie einem konkret-referentiellen S 2 ohne Einbettung in den Kontext aufgrund ihrer Oberflächenrepräsentation auch als ererbte Form missinterpretiert werden. Der Autolatinismus in (170c) basiert zwar auf einem lateinischen Quellsatz mit ähnlichen Schlüsselmerkmalen (vgl. 170a), das fr. V 2 wird jedoch aus dem semantischen Gehalt des lt. S 2 ergänzt: statt ‘die lebendigen Stimmen Gottes’ wird ‘Gott sprechen’ gehört. In (170b) ist zu sehen, dass Calvin in FR1541 zunächst ohne AcI übersetzt. (170) a. [...] ac si vivae ipsae Dei voces exaudirentur . (LT1539, 1, 21: 293 ˆ = LT1559, I, 7, 1: 11) b. [...] que pourroit avoir la voix ouye de la propre bouche de Dieu. (FR1541, 1: 219 [I]) 57 Das Verb ist insgesamt nur vereinzelt belegt und die zunehmende Reduktion zugunsten entendre spürbar. Stimming (1915: 150) stellt die geringe Häufigkeit mit dem AcI ebenfalls fest. <?page no="336"?> 324 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo c. [...] comme s’ ils oyoyent là Dieu parler de sa propre bouche. (FR1560, I, 7, 1: 92, id-par-365) Die direkte physische Wahrnehmung des Vorgangs wird durch comme si ‘als wenn’ zur Exemplifizierung des vorangehenden Satzteils in eine hypothetisch gedachte Umgebung gesetzt. Damit handelt es sich ebenfalls um ein verbum intellegendi und um die gelehrte Form des AcI. sentir Das Verb sentire kennt im KL zwei grundsätzlich voneinander verschiedene Bedeutungen. Es bezeichnet entweder eine physische Empfindung („fühlen, empfinden, wahrnehmen“, vgl. sentir III) oder eine mentale Wahrnehmung (vgl. Burkard/ Schauer 6 2020: 681-682; Georges [1913/ 1918] 8 1998: II, 2605). Die mentale Wahrnehmung differenzieren Burkard/ Schauer weiter in (I) „meinen, (ahnend) erfühlen“, welches zu der Klasse der verba sentiendi gehört, sowie (II) „(geistig) bemerken, fühlen“ bzw. ‘verstehen’ als verbum intellegendi , welches ausschließlich im Korpus der Institution nachgewiesen ist. Sentir (III) ist wie sentir (I) nicht mit dem AcI belegt. 58 Dies verwundert aber angesichts der Textsorte nicht, denn so würden Verben des physischen Fühlens vor allem in Erzählungen oder Dialogen zu erwarten sein und weniger in einem theologischen Sachtext. Die mentale fühlende Wahrnehmungsart (II) steht in einer Linie mit der klassisch-lateinischen Bedeutung. Der fr. AcI weist jedoch die Besonderheit auf, ausschließlich abstrakte Nomina in S 2 -Funktion einzusetzen. In (171) liest sich der französische Satz folgendermaßen: „Und es ist nicht umsonst, dass das Zeugnis des Geistes wiederholt wird, welches wir als in unsere Herzen an Stelle eines Siegels eingraviert erfahren [‘erkennen’]“. (171) a. Neque frustra repetitur Spiritus testimonium, quod sentimus cordibus nostris sigilli vice insculptum esse . (LT1559, III, 1, 1: 139) b. Et ce n’est point en vain que le tesmoignage de l’Esprit est réitéré, lequel nous sentons estre engravé en nos cœurs au lieu de seau [...]. (FR1560, III, 1, 1: 8, id-par-6015) Aus dem Kontext geht hervor, dass kein Zweifel bezüglich der untergeordneten Proposition p vorhanden ist und eine alternative Zuweisung als verbum sentiendi nicht in Frage kommt. Ein Komplementsatz mit que wäre im Übrigen ebenso möglich, sodass der semantische Gehalt des regierenden Verbs keinen Unterschied bezüglich der Wahl der syntaktischen Unterordnungsart macht: 58 Burkard/ Schauer ( 6 2020) führen das Verb in dieser Bedeutung für das KL nicht auf. Es ist jedoch bei Georges ([1913/ 1918] 8 1998: II, 2605) u. a. mit sentire sonare (‘schallen hören’) belegt. <?page no="337"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 325 (172) Or après s’y estre rengez, ils sentent que sa vertu leur est présente, en laquelle ils ont assez de forteresse. (FR1560, III, 8, 2: 179) Die Disambiguierung zwischen sentir ‘meinen’ (I) im Sinne eines verbum sentiendi und ‘erkennen’ (II) im Sinne eines verbum intellegendi ist nicht selten erst auf den zweiten Blick vorzunehmen. In (173) stehen drei AcI-Konstruktionen, die alle von Verben des Meinens regiert werden. Wie im lt. Modell sind in der fr. Übersetzung considèrent (V 1 des ersten AcI) sowie pensent (V 1 des zweiten AcI) koordiniert. Der dritte AcI hängt von fr. sentiront im Nebensatz mit quand ab. (173) a. Magis cogitent se in via adhuc esse , & multum se profecisse credant , quum è sua concupiscentia aliquantulum minui indies senserint , donec eo pertigerint quo tendunt: [...] (LT1559, IV, 15, 10: 352 ˆ = LT1539, 11, 11: 963) b. [...] mais que plustost ils se considèrent encores estre au chemin , et se pensent avoir profité , quand ils sentiront leurs concupiscences se diminuer aucunement de jour en jour, jusqu’à ce qu’ils seront [...] (FR1560, IV, 15, 11: 326 ˆ = FR1541, 11: 1260 [II], id-par-169) Die allgemeine Umgebung mit zwei verba sentiendi legt eine Übersetzung mit ‘meinen’ für den dritten AcI nahe. Doch ‘sie glauben, dass sich ihre heftigen Begierden verringern’ kann nicht gemeint sein, da die Unterordnung im Nebensatz mit quand die eigentliche Bedingung beschreibt: warum sie sich auf dem rechten Weg wähnen und glauben, davon zu profitieren. Daher ist der dritte AcI mit ‘sie erkennen’ zu übersetzen. Das gehäufte Auftreten der AcI-Konstruktion im lt. und fr. Text zeigt zudem drei Dinge. Erstens wird der Einfluss der Übersetzung durch die große Textnähe und -treue bezüglich der Übertragung der syntaktischen Konstruktionen nun sicher und nicht mehr nur plausibel. Zweitens ist die Häufung der AcI keine zufällige Übertragung im Übersetzungsprozess, sondern Ausdruck des ästhetischen Werts, den der Autor dieser Konstruktion beimisst. Drittens spielt die textuelle Umgebung eine wesentliche Rolle bei ihrer Wahl. Wenig frequente V 1 (n < 5) Das Wahrnehmungsverb apercevoir verhält sich zu voir ähnlich und kann auch eine mentale Perzeption bezeichnen. 59 Das Prädikat prévoir nimmt die Wahrnehmung vorweg, indem etwas vorhergesehen und geplant wird. Dabei liegt es nahe, dass die untergeordnete Proposition mittels des V 2 in die Zukunft versetzt wird. Das Quadrupel in (174) zeigt die fr. Tempusrestriktion im AcI, die dazu führt, dass die infinitivische Futurform fore des lt. Satzes, die mittels des Tempus eine Hoffnung ausdrückt (vgl. Blatt 1952: 263), im Französischen nicht wiedergeben werden kann. Durch die Übernahme des V 1 im Perfekt (wie im lt. Satz) entsteht dennoch der gewünschte Zeitbezug zur präsentischen Kopula in V 2 -Funktion. 59 Nicht behandelt werden apercevoir und éprouver . <?page no="338"?> 326 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo (174) a. [...] nisi forte carere impune possimus eo adminiculo, quod Dominus fore nobis necessarium providit . (LT1559, IV, 12, 4: 329 ˆ = LT1539, 4, 20: 550) b. [...] veu qu’il n’y a doute que nous ne nous pouvons passer du remède que le Seigneur a préveu nous estre nécessaire. (FR1560, IV, 12, 4: 241 ˆ = FR1541, 4: 672 [I], id-par-250) Das Verb ignorer ‘nicht wissen, ignorieren’ ist trotz seiner Geläufigkeit im KL im Korpus nur als Einzelbeleg nachgewiesen. 60 Es liegt in einem verschränkten Relativsatz vor, der in direkter Weise den lt. Quellsatz nachahmt. Stimming (1915) ordnet adviser den verba sentiendi zu. In (175) verhält sich der fr. Satz diesbezüglich nicht eindeutig und könnte wie schon bei dem Prädikat sentir auch den verba intellegendi zugerechnet werden. Auf Grundlage des lateinischen Originaltextes mit providere ist die Interpretation als erkennende Wahrnehmung zu präferieren. (175) a. Quod si verum est, libertas certe singulis gentibus relicta est condendi quas sibi conducere providerint leges [...] (LT1559, IV, 20, 15: 402 ˆ = LT1539, 15, 14: 1111) b. Or si cela est vray (comme certainement il est), la liberté est laissée à toutes nations de se faire telles loix qu’ils adviseront leur estre expédientes [...] (FR1560, IV, 20, 15: 522 ˆ = FR1541, 16: 1607 [II], id-par-112) Zwei Hapaxbelege sind beim AcI mit apprendre und comprendre zu verzeichnen (vgl. 176-177). Comprendre basiert im lt. Beispiel auf apprehendere und apprendre auf lt. discere . Während Stimming (1915: 143, 169, 183) für apprendre zwei Beispiele aus dem 16. Jahrhundert anführen kann, fehlt ihm nach eigenen Angaben jeglicher Beleg für comprendre in mittelfranzösischer Zeit. Bei diesem Einzelfall, den die systematische Erhebung aller AcI-Konstruktionen offenlegt, hängt der AcI mit dem S 2 Jesus Christ und V 2 estre von der Verbgruppe pouvant comprendre ) ab. (176) a. Ita dum Christum apprehendere non potest Filium Dei , nisi eius caro ex Dei essentia prodierit, & in deitatem fuerit conversa, [...] (LT1559, II, 14, 8: 126) b. Ainsi ne pouvant comprendre Jesus Christ estre Fils de Dieu , sinon que sa chair soit venue d’essence [...] (FR1560, II, 14, 8: 264, id-par-6021) Der Satz ist zudem in beiden Sprachen verneint und zeigt eine Komplexität, die das V 1 auch im Französischen abbildet. Das lt. Etymon wird hierbei nicht im Quellsatz verwendet, sondern das inhaltlich eng verwandte apprehendere . Beide gehören nicht zu den häufigsten und damit typischen Vertretern der verba intellegendi , sodass dies die Einzelbelege erklärt. Insgesamt betrachtet liegt in 60 Dies gilt auch für die von Stimming (1915: 149) erstellte Textsammlung mit einem einzelnen Beispiel aus einem Brief Du Bellays. <?page no="339"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 327 diesem Beispiel ein übersetzungsbedingter Latinismus vor, den Calvin mit einer beachtlichen Flexibilität ins Französische überträgt. Der zweite Hapaxbeleg in (177) zeigt, dass sich die Eingriffe des Autors beim V 1 meist auf ein anderes Verb der gleichen semantischen Klasse konzentrieren. (177) a. Tum enim ad Deum quaerendum allicimur, postquam didicimus nostrum in eo bonum esse ; [...] (LT1539, 4, 6: 456) b. Car lors nous sommes esmeuz de chercher Dieu, après que nous avons apprins nostre bien estre en luy , [...] (FR1541, 4: 527 [I]) c. tum enim ad Deum quaerendum allicimur, postquam didicimus salutem nobis apud eum esse repositam : [...] (LT1559, III, 2, 7: 142) d. Car lors nous sommes doucement induits de chercher Dieu, après que nous avons cognu nostre salut estre en luy ; [...] (FR1560, III, 2, 7: 22, id-par-210) So wird das V 1 avons apprins mit avons cognu getauscht und ändert den Bedeutungsakzent von ‘erfahren haben’ zu ‘ein Verständnis von etw. erlangt haben’ in einem geringen Maß ab, kommuniziert dadurch jedoch eine stärkere Verbindlichkeit. Der lt. AcI wird ebenso leicht überarbeitet und die Änderungen im Französischen in der Ausgabe FR1560 weitergegeben. 61 6.1.3.6 Verben der physischen Wahrnehmung In der Darstellung der lateinischen Syntax von Burkard/ Schauer ( 6 2020) werden die Wahrnehmungsverben in die zwei Gruppen der sinnlichen und geistigen Wahrnehmung aufgeteilt. Im Unterschied zu den 15 gezählten AcI-Belegen des Typs voir (IIa), die eine konkrete Wahrnehmung auf geistiger Verständnisebene repräsentieren ( verba intellegendi ), sollen nun die auffällig, aber erwartbar wenigen Fälle beleuchtet werden, die eine physische bzw. sinnliche Wahrnehmung erfassen (vgl. Tab. 36 und Tab. 37). 62 fr. V 1 Georges (1998) Burkard/ Schauer (2020) Stimming (1915) écouter — V. d. W. ( audire ) V. d. W. ouïr I, 714 (Cic.) V. d. W. v. sent. voir II, 3478 (Caes.) v. sent. v. sent./ V. d. W. Tab. 36 - Verben der sinnlichen Wahrnehmung mit/ ohne klt. AcI-Entsprechung 61 Das lt. S 2 nostrum bonum wird zu salutem und das fr. nostre bien zu nostre salut . Während das lt. S 2 um die Akkusativeigenschaft ( nostrum ) reduziert wird, indem ein Dativobjekt nobis entsteht, verzichtet das Französische auf diese Anpassung zugunsten der Lesbarkeit. Andernfalls müsste der Satz deutlich schwerfälliger lauten: nous avons cognu nostre salut nous estre en luy . 62 Auf eine tabellarische Darstellung der Wahrscheinlichkeit, eines AcI wurde wegen der geringen Belegzahl verzichtet. Écouter ist je einmal mit dem AcI in FR1541 und FR1560 nachgewiesen und kommt auch außerhalb dieser Konstruktion in FR1560 nicht häufig vor (81 Belege). <?page no="340"?> 328 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo FR1541 FR1560 Rang V. d. W. n % V. d. W. n % 1 voir (III) 2 50 voir (III) 3 50,00 2 ouïr (II) 1 25 ouïr (II) 2 33,33 3 écouter 1 25 écouter 1 16,67 Summe 4 100 6 100 Tab. 37 - Häufigkeit der Verben der physischen Wahrnehmung mit AcI in FR1541 und FR1560 voir (III) Voir (III) wird in der Literatur als ererbte Konstruktion bzw. als solche, die sich bis in das moderne Französisch erhält, erfasst. Der Infinitiv des AcI wird mit einem Vollverb gebildet, welches nicht eine passivierte Form dessen oder die Kopula estre ist. In der Institution überwiegen die Belege mentaler Perzeption mehrheitlich. Lediglich zwei Belege in der Ausgabe FR1541 und drei Belege in FR1560 können mit dem AcI nachgewiesen werden. Alle drei Okkurrenzen charakterisieren sich durch eine unvermittelte Beschreibung der visuellen Wahrnehmung, die das Verständnis der Handlung durch den Wahrnehmenden in den Hintergrund rückt. In adäquater Form steht daher in allen lateinischen Sätzen der Accusaticus cum Participio , der im Gegensatz zum AcI den Verlauf des Vorgangs betont. (178), (179) und (180) beschreiben dabei Perzeptionen, die indirekt und direkt 63 Handlungen aus der Bibel wiedergeben. (178) a. [...], sed ipse antevertit, redeuntem eminus agnoscit , ultro illi occurrit, solatur, in gratiam recipit. (LT1559, III, 20, 37: 238 ˆ = LT1539, 9, 31: 925) b. [...] mais il le prévient, le recognoist de loin, quand il le voit revenir par devers soy, luy accourt au devant, l’embrasse, le console et le reçoit en grâce (Luc 15, 20). (FR1560, III, 20, 37: 380 ˆ = FR1541, 9: 1176 [II], id-par-262) (179) a. (Ioan. 11, 44) [...] Sic equidem interpretor, Dominum, quo omnem sinistram suspicionem Iudaeis tolleret, voluisse illos revolvere lapidem, foetorem percipere, certa mortis signa spectare, sola verbi virtute surgentem videre , viventem primos attrectare. (LT1559, III, 4, 5: 163 ˆ = LT1539, 5, 20: 699) b. (Iean 11, 44) [...] Que nostre Seigneur, pour oster toute mauvaise suspicion aux Juifs, voulut qu’eux-mesmes levassent la pierre, sentissent la mauvaise odeur, apperceussent les certains indices de mort, qu’ ils vissent (le) Lazare ressusciter par la seule vertu de sa voix, et qu’ils le touchassent les premiers. (FR1560, III, 4, 5: 103 ˆ = FR1541, 5: 748 [I], id-par-263) 63 In (180) handelt es sich um ein Direktzitat aus Lukas 10, 18 des Neuen Testaments. Die deutsche Übersetzung in Luthers Bibel formuliert ähnlich: „Jch sahe wol den Satanas vom Himel fallen / als einen blitz“ (Luther [1545] 1972). <?page no="341"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 329 (180) a. [...] quemadmodum ait Dominus ipse, Videbam Satanam , quasi fulgur, de caelo cadentem . (LT1559, I, 14, 18: 39) b. En ceste manière, quand le règne de Jesus Christ est dressé, Satan avec sa puissance est abbatu, comme porte la sentence de Jesus Christ: „ Je voyoye Satan tomber du ciel comme la foudre“ (Luc 10, 18). (FR1560, I, 14, 18: 200, id-par-4018) ouïr (II) In zwei Belegen ist ouïr ‘hören’, analog zu voir , in einer konkreten physischen Wahrnehmung nachweisbar. Die auditive mentale Verarbeitung in ouïr (I) zuvor ist mit drei Belegen ähnlich gering präsent. Da auch écouter nur ein Mal belegt ist, zeigt sich eine generell niedrige Repräsentation des auditiven Bedeutungsfelds. Wie auch schon bei voir (III) liegt beiden Okkurrenzen mit ouïr (II) ein lt. AcP zugrunde (vgl. 181 und 182). (181) a. [...] qui partim loquentes audierant , partim recenti memoria discebant ab auditoribus, fuisse ita loquutos. (LT1559, I, 8, 9: 15) b. [...] ceux qui les avoyent ouy parler en ont rendu tesmoignage de vive voix [...] (FR1560, I, 8, 8: 107, id-par-5001) In (182) wird ein AcP in einen ererbten AcI mit direkter auditiver Perzeption überführt. Wenngleich in FR1560 das S 2 mit dem V 2 invertiert wird, gibt es keinen Hinweis auf die Verwendung eines gelehrten AcI. (182) a. ut enim quisque est audacissimus Dei contemptor, ita vel ad folii cadentis strepitum maxime perturbatur . (LT1539, 1, 5: 283 ˆ = LT1559, I, 3, 2: 3) b. [...] aisement il s’estonne en oyant une feuille tomber de l’arbre. (FR1541, 1: 195 [I]) c. [...] plustost que tous les autres, seulement oyant tomber une fueille d’un arbre. (FR1560, I, 3, 5: 61, id-par-439) écouter Auch der letzte Beleg eines fr. AcI mit einem V 1 sinnlicher Wahrnehmung geht im lt. Satz auf den AcP zurück. Der Hapaxbeleg mit der imperativischen Form escoutons ‘hören wir’ steht am Ende eines Absatzes und kündigt die Wiedergabe der zehn Gebote des Herrn an. 64 In (183) basiert der fr. AcI auf dem V 1 audiamus , dem akkusativischen S 2 Dominum sowie dem Partizip loquentem als Kern des untergeordneten Satzes. Der AcP unterstreicht, dass die physische Wahrnehmung überwiegt und écouter nicht als erkennendes verbum intellegendi aufgefasst werden kann. 64 Stimming (1915: 85) zufolge ist der AcI mit escolter im Afr. noch nicht sehr geläufig, soll es aber in den nachfolgenden Jh. werden. In der Institution fällt die Beleggrundlage schwach aus. <?page no="342"?> 330 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo (183) a. Nunc Dominum audiamus loquentem . (LT1539, 3, 14: 380 ˆ = LT1559, II, 8, 12: 94) b. Maintenant escoutons le Seigneur parler . (FR1541, 3: 409 [I]) c. Maintenant escoutons Dieu mesme parler . (FR1560, II, 8, 12: 146, id-par-360) 6.1.3.7 Verben der Gefühlsverfassung ( verba affectuum ) Gemäß dem sachlichen Stil Calvins in der Institution sind weniger verba affectuum zu erwarten. Diese Annahme hat sich in der Korpusanalyse bestätigt (vgl. Tab. 38). fr. V 1 Georges (1998) Burkard/ Schauer (2020) Stimming (1915) se plaindre ( queror , II, 2150) v. aff. ( queri ) v. aff. Tab. 38 - Verben des Gefühls ( v. affectuum ) mit/ ohne klt. AcI-Entsprechung Lediglich ein Verb kann dieser Verbklasse mit einem Einzelbeleg zugeordnet werden. Es handelt sich hierbei um se plaindre (< lt. plangere ), welches in der Ausgabe FR1560 auch außerhalb des AcI nur 19 Mal vorkommt. 65 se plaindre Im Quadrupel in (184) ist das Reflexivum se als zum Verb zugehöriges Pronomen zu verstehen, welches nicht in der Funktion des S 2 auftritt. Diese wird bereits durch ce erfüllt, welches mit (ce) que einen verschränkten Relativsatz mit einem nicht weiter präzisierten Bezugsrahmen bildet. (184) a. Atque omnino illud in nobis perpetuum est, quod fuisse in populo Israëlitico conqueritur Deus (LT1559, III, 8, 5: 184 ˆ = LT1539, 17, 19: 1138) b. Bref, ce que le Seigneur se plaind estre advenu au peuple d’Israel se voit coustumièrement en tous hommes: (FR1560, III, 8, 5: 181 ˆ = FR1541, 17: 1683 [II], id-par-172) Bemerkenswert ist, dass das zweite Prädikat im Satz, se voit , ebenfalls von ce abhängig ist. Der AcI mit dem V 1 beschreibt ce näher. Dieser Satzbau ist in den lt. Sätzen häufig zu beobachten. 6.1.3.8 Unpersönliche Verben ( verba impersonalia ) Als typische Vertreter unpersönlicher Ausdrücke kommen beispielsweise il plaist (< lt. placere ), il apert (< lt. apparere ), il convient (< lt. convenire ) sowie il semble (< lt. similare ) in Betracht. Solche Konstruktionen sind in der lt. Fassung der Institutio nicht unüblich. In der fr. Institution liegen jedoch nur zwei Fälle des 65 Stimming (1915) belegt es in seiner Textauswahl nicht. <?page no="343"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 331 Typus il apert vor, das zunächst, gemessen an dem Textgenre, ungewöhnlich erscheint. fr. V 1 Georges (1998) Burkard/ Schauer (2020) Stimming (1915) il apert — v. imp. v. imp. Tab. 39 - Unpersönliche Verben ( v. impersonalia ) mit klt. AcI-Entsprechung Die klt. Entsprechung wäre apertum est und ist mit dem AcI in Subjektposition bei Burkard/ Schauer ( 6 2020) nachgewiesen (vgl. Tab. 39). Die geringe Anzahl an Belegen ist offensichtlich so zu erklären, dass in der Mehrheit der Fälle eine konkrete Entität oder Referenz auf eine Entität in der Subjektposition des regierenden Verbs auftritt. il appert Zwei AcI lassen sich in der Ausgabe FR1560 in der unpersönlichen Konstruktion il appert im Untersuchungskorpus nachweisen. In der Ausgabe FR1541 ist es nur der weitergeführte Beleg in (185). An beiden Belegen zeigt sich eine gewisse, aber insgesamt unauffällige Freiheit in der Übersetzung, da die zugrunde liegenden lt. V 1 inhaltlich nur indirekt dem fr. Ausdruck entsprechen. (185) a. Haec omnia tametsi luculentis testimoniis verissima esse patet , [...] (LT1559, III, 12, 1: 197 ˆ = LT1539, 6, 15: 746) b. Combien qu’ il appert par clairs tesmoignages toutes ces choses estre tresvéritables , [...] (FR1560, III, 12, 1: 231 ˆ = FR1541, 6: 841 [I], id-par-33) (186) a. [...] quem constat centuplo corruptiorem esse quam [...] (LT1559, IV, 7, 22: 304) b. [...] lequel il appert estre cent fois plus corrompu qu’il [...] (FR1560, IV, 7, 22: 142, id-par-4010) 6.1.3.9 Verben des Wollens ( verba voluntatis ) In der Klasse der Verben des Wollens (lt. verba voluntatis ) sind in der Institution fünf französische Verbtypen belegt. Aus Tab. 40 geht hervor, dass zwei fr. Verben, vouloir und désirer , klt. Etyma mit AcI-Gebrauch bei Plautus und Cicero aufweisen. Das Prädikat souhaiter ( < *haitan ) lässt sich dem sinnverwandten Lexem lt. desiderare/ cupere zuordnen. Obwohl im KL requirere eine verlangende Bedeutung hat, ist es bei Georges ([1913/ 1918] 8 1998) sowie Burkard/ Schauer ( 6 2020) nicht mit dem AcI als verbum voluntatis belegt. Erneut wird ersichtlich, dass die Verwendung des fr. AcI nicht in erster Linie vom klt. Etymon abhän- <?page no="344"?> 332 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo gig ist, sondern vielmehr von seinem semantischen Gehalt und der möglichen Zuweisung zu einer Verbklasse, die mit dem AcI im KL steht. fr. V 1 Georges (1998) Burkard/ Schauer (2020) Stimming (1915) désirer I, 2082 (Pl., Cic.) v. vol. v. vol. vouloir II, 3540 (Pl., Cic.) v. vol. v. vol. demander — V. d. Zul. ( mandare ) v. vol. souhaiter — v. vol. ( desiderare/ cupere ) v. vol. requérir — — v. vol. Tab. 40 - Verben des Wollens ( v. voluntatis ) mit klt. AcI-Entsprechung Auch fr. demander wird gemäß seiner Bedeutung als Verb des Bittens mit dem AcI gebildet und ist wie souhaiter und désirer zu den verba voluntatis zu rechnen. Das Verb hat einen deutlichen Sinnwandel durchgemacht, sodass die ursprüngliche klt. Bedeutung von mandare als Verb des Veranlassens hier keine Gültigkeit mehr für das Französische hat. Die Häufigkeitsverteilung innerhalb dieser Verbklasse ist unausgewogen (vgl. Tab. 41). Zwischen 69 und 79 Prozent der jeweils 22 Belege in FR1541 und FR1560 entfallen auf vouloir . Deutlich seltener sind demander und requérir belegt; souhaiter und désirer erscheinen nur jeweils einmal. FR1541 FR1560 Rang v. voluntatis n % v. voluntatis n % 1 vouloir 22 68,75 vouloir 22 78,57 2 demander 5 15,63 demander 3 10,71 3 requérir 3 9,38 requérir 1 3,57 4 souhaiter 1 3,13 souhaiter 1 3,57 5 désirer 1 3,13 désirer 1 3,57 Summe 32 100 28 100 Tab. 41 - Häufigkeit der verba voluntatis mit AcI in FR1541 und FR1560 Das der Klasse namensgebende Prädikat vouloir ist in der Institution auch außerhalb der AcI-Konstruktion sehr geläufig (vgl. Tab. 42). In FR1560 sind 1.780 Wortformen nachgewiesen und stellen in etwa die Hälfte der Formen von dire dar. Dennoch ist das AcI/ Formen-Verhältnis bei dire mit 1,64 größer (hier nur 1,24) und bestätigt die starke Verbreitung der dicendi -Verben. Die Einzelnennungen requérir und désirer sind unauffällig, gleichwohl wäre, gemessen an ihren Wortformen, ein stärkeres Aufkommen bei requérir durchaus zu erwarten. <?page no="345"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 333 v. voluntatis AcI (n 1 ) Verbformen (n 2 ) Wortanzahl (N) n 1 n 2 % n 2 N / 10k vouloir 22 1.780 677.095 1,24 26,3 demander 3 339 677.095 0,88 5,1 requérir 1 342 677.095 0,29 3,5 souhaiter 1 24 677.095 4,17 0,4 désirer 1 143 677.095 0,70 2,1 Tab. 42 - Realisierung der verba voluntatis mit AcI in FR1560 Dies gilt auch für demander als Verb der Bittstellung, die im theologischen Kontext von besonderer Bedeutung ist. Souhaiter sticht mit einem Verhältnis von 4,17 hervor, da es in der Institution grundsätzlich nur 24 Mal belegt ist. vouloir Von 24 fr. AcI-Paaren mit vouloir als V 1 geht rund die Hälfte auf lt. velle zurück, wie z. B. in (187): (187) a. [...] acceptum id esse Deo, qui velit omnes homines salvos fieri . (LT1559, III, 24, 16: 262 ˆ = LT1539, 8, 36: 888) b. [...] aggréable à Dieu, lequel veut tous hommes estre sauvez . (FR1560, III, 24, 15: 469 ˆ = FR1541, 8: 1090 [II], id-par-384) Das Prädikat vouloir dient Calvin mehrheitlich zum Ausdruck des göttlichen Willens durch den Herrn selbst, den Heiligen Geist oder Jesus Christus. Als Subjekt fungieren Referenzgrößen seiner Argumentation, wie die Bibel oder ein gemeinschaftliches nous , also jener, die die Heilige Schrift ‘richtig’ auffassen. Allerdings finden sich vereinzelt auch Belege, die explizit eine irrige Willensauffassung seiner Gegner darstellen. Zur Kennzeichnung dieser bettet der Autor sie in Bedingungssätze ein oder hebt sie wie in (188b) mit c’est que hervor. (188) a. Neque moror dissensiones & pugnas, quae mox emergunt, dum alii cupiunt ius & fas omne inversum , soluta legum repagula , libidinem solam pro iure grassari, ut fures & latrones: [...] (LT1559, II, 2, 13: 65 ˆ = LT1539, 2, 33: 325) b. à cela ne répugnent point les dissentions et combats qui surviennent incontinent, c’est que les uns voudroyent toutes loix estre cassées , toute honnesteté renversée , toute justice abolie , pour se gouverner selon leur cupidité, comme, pour exemple, les larrons et brigans. (FR1560, II, 2, 13: 38 ˆ = FR1541, 2: 291 [I], id-par-393) Der untergeordnete Teil des AcI wird mit vouloir nicht verneint. Das regierende Verb tritt hingegen einmal in (189) mit Verneinung auf. Es geht auf die verneinte Form von klt. velle , nämlich nolle in (189a) zurück. <?page no="346"?> 334 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo (189) a. 49. Haec ita nolumus accipi , quasi hac precandi formula adstringamur, ut nec verbum aut syllabam mutare liceat. (LT1559, III, 20, 49: 243 ˆ = LT1539, 10, 48: 935) b. 49 - Nous ne voulons pourtant cecy estre ainsi prins et entendu , comme si nous devions tellement estre astreints à ceste oraison et formulaire de prier, qu’il ne fust licite d’en changer une syllabe, ne d’user d’autres parolles en priant. (FR1560, III, 20, 49: 400 ˆ = FR1541, 9: 1198 [II], id-par-391) Eine französische Entsprechung existiert nicht, sodass vouloir verneint wird. Das Fehlen des französischen forclusif ist im 16. Jahrhundert grundsätzlich keine Seltenheit (vgl. Gougenheim 2 1974: 215), sodass die Schlussfolgerung lauten kann, dass der Übersetzer möglichst nah am lt. Modellsatz bleiben möchte und, zumal keine Änderung von der Ausgabe FR1541 zu FR1560 zu beobachten ist, die Wendung als guter, latinisierender Stil empfunden wird. 66 Die Grenze zu den Verben des Zulassens bzw. Veranlassens besteht darin, dass bei den Verben des Wollens lediglich ein vorhandener Wille, meist eine Absicht, kommuniziert wird, jedoch keine direkte Aufforderung damit verbunden ist. Diese kann, wie in (190b), Teil der Absichtsbekundung sein, jedoch geschieht dies hier zeitlich nachfolgend. (190) a. Neque enim hoc leviter est praetereundum quod infantes sibi offerri Christus iubet , addita ratione, Quoniam talium sit regnum caelorum. (LT1559, IV, 16, 7: 356 ˆ = LT1539, 11, 25: 972) b. [...] que Jesus Christ veut les enfans luy estre présentez , adjoustant la raison: qu’il estoit envoyé pour sauver le peuple, le rachettant de ses péchez (Matt. 1, 21; Luc 1, 31). (FR1560, IV, 16, 7: 345 ˆ = FR1541, 11: 1278 [II], id-par-413) Sowohl lt. iubere als auch fr. vouloir drücken einen Willen oder eine, im Vergleich zum Befehl, indirekte Aufforderung aus. Die Übersetzung und Wahl der Prädikate ist auch vor dem Hintergrund der Textargumentation zu sehen. So beschreibt Calvin an dieser Stelle nicht in direkter Redeform, was Jesus zu tun wünsche, sondern in indirekter, reportativer Art. Dies lässt sich auch an der Einbettung des indirekten, zusammenfassenden Zitats aus dem Neuen Testament sehen. Wenig frequente V 1 Es existieren sechs AcI-Belege in der Ausgabe FR1541 und drei Belege in FR1560 für désirer, requérir und souhaiter . 67 Das klt. Etymon von fr. requérir wird nicht mit dem AcI verwendet, jedoch wird es von Stimming (1915: 135) einmal bei 66 Das forclusif pas wird von Calvin ansonsten häufig und regelmäßig in der Institution realisiert: 1.423 Mal in FR1541 und 2.794 Mal in FR1560. Die Treffer verteilen sich auf überwiegend ne ... pas und zu einem kleinen Bruchteil (ca. 15,1% und 13,6%) auf non pas . 67 Souhaiter wird an dieser Stelle nicht besprochen. <?page no="347"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 335 Marot für das Französische mit dem gelehrten AcI belegt. 68 In der Institution lässt sich das Prädikat drei Mal mit dem AcI finden. In (191) wird lt. postulat für ‘fordert’ sinngemäß mit fr. requiert wiedergegeben. (191) a. [...] quam persolvi Dei iustitia postulat . (LT1559, III, 4, 29: 170 ˆ = LT1539, 5, 48: 721) b. [...] laquelle la justice de Dieu requiert estre payée [...] (FR1560, III, 4, 29: 129 ˆ = FR1541, 5: 787 [I], id-par-266) Alternativ ist auch die Verwendung von demander denkbar, sodass hier aus semantischen Gründen keine Beschränkung auf dieses spezielle Verb vorliegt. Auch wenn im folgenden Satzpaar lt. desiderare für fr. désirer nahe liegt, ist es keineswegs ungewöhnlich lt. petere zu verwenden, welches ebenso ‘wünschen’ im Sinne von „etwas verlangen, begehren, fordern, um etw. ersuchen“ (Georges [1913/ 1918] 8 1998: II, 1671-1674) bedeuten kann. (192) a. [...] quando tum vita tum morte nostra nomen eius sanctificari petimus . (LT1559, I, [0.2]: - ˆ = LT1539, [0.2]: 277) b. [...] quand par nostre vie et par nostre mort nous désirons son Nom estre sanctifié . (FR1560, I, [0.2]: 48 ˆ = FR1541, [0.2]: 178 [I], id-par-145) In drei von vier Fällen geht der fr. AcI mit demander auf eine Form von petere ‘erbitten, bitten’ zurück. Dabei steht stets eine erbetene Handlung im Blickfeld, vgl. (193) sowie (194): (193) a. Rursus quum panem nostrum quotidianum nobis dari petimus [...] (LT1559, III, 20, 35: 238 ˆ = LT1539, 9, 29: 924) b. D’autrepart quand nous demandons nostre pain quotidien nous estre donné [...] (FR1560, III, 20, 35: 379 ˆ = FR1541, 9: 1174 [II], id-par-206) (194) a. 40. Qua peccatorum remissionem condonari nobis petimus , omnibus sine ulla exceptione hominibus necessariam. (LT1539, 16, 33: 1095) b. Icy nous demandons remission de pechez nous estre faicte , laquelle est nécessaire à tous hommes sans en excepter un. (FR1541, 9: 1190 [II], idpar-2507) Die Formulierungen mit demander ähneln sich im Aufbau und inhaltlichen Kontext sehr. Dies geht so weit, dass (194) nachfolgend im Sinn und als Konstruktion nochmals aufgegriffen wird: (195) a. Petimus demum remissionem nobis fieri , ut ipsi debitoribus nostris remittimus [...] (LT1559, III, 20, 45: 242 ˆ = LT1539, 9, 41: 932) b. Et nous demandons finalement ceste rémission nous estre faite comme nous remettons à nos detteurs [...] (FR1560, III, 20, 45: 394 ˆ = FR1541, 9: 1191 [II], id-par-325) 68 „Je veux Dieu requérir Prendre mon Ame“ (Marot, zit. n. Stimming 1915: 135). <?page no="348"?> 336 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo Die erste Nennung in (194) wird von Calvin im Zuge einer umfangreicheren Überarbeitung der Passage schließlich entfernt, sodass in der Ausgabe FR1560 die AcI-Konstruktion in (195) nur noch ein einziges Mal Bestand hat. Dies zeigt jedoch auch, dass der AcI nicht unbeabsichtigt in das Französische überführt, sondern pointiert eingesetzt wird. Gleichwohl wäre eine Entfernung von estre faicte zur Verbesserung des Leseflusses denkbar - hier setzt sich aber in Calvins Sprachgebrauch in beiden Beispielen der lt. Modellsatz (lt. fieri ) durch. (196) verhält sich ganz ähnlich zu den vorherigen Beispielen. Es lässt sich in der gleichen Lesart wie folgt auffassen: ‘welches [das Brot] wir erbitten, dass es uns von Gott gegeben wird’. Der lt. Satz in (196a) zeigt nun, dass poscimus anstelle von petimus steht und in der Bedeutung ‘wir fordern, wir verlangen’ intensivierend wirkt. (196) a. [...] panem nuncupari nostrum, quem nobis dari à Deo poscimus . (LT1559, II, 5, 14: 82 ˆ = LT1539, 2, 89: 367) b. [...] nous appelons le pain quotidien Nostre, lequel nous demandons nous estre donné de Dieu. (FR1560, II, 5, 14: 99560 ˆ = FR1541, 2: 373 [I], id-par- 204) Ohne die Übersetzungsgrundlage lässt sich jedoch dieser semantische Unterschied nicht aufzeigen. Gleichwohl ist demandons im Französischen auch als ‘verlangen’ möglich. Ein Motiv in der Wahl des mehrdeutigen demander könnte darin liegen, dass der AcI mit den Synonymen exiger und réclamer im Mittelfranzösischen nicht belegt ist. 6.1.3.10 Verben des Zulassens/ Veranlassens Im Vergleich zu den zuvor behandelten verba voluntatis sind nur ein Bruchteil an AcI-Belegen mit Verben des Zulassens/ Veranlassens (sehr selten auch als verba vetandi bezeichnet) in der Ausgabe FR1560 nachgewiesen (vgl. Tab. 44). Aus Tab. 43 geht hervor, dass nur permettre ein klt. Etymon kennt, welches in erlaubender bzw. zulassender Bedeutung mit dem AcI bereits im KL steht. 69 fr. V 1 Georges (1998) Burkard/ Schauer (2020) Stimming (1915) permettre II, 1614 (Plin., Suet.) V. d. Zul. ( sinere ) v. vol. commander — V. d. Zul. ( iubere/ imperare ) v. vol. souffrir — v. aff. ( dolere ) V. d. Zul. Tab. 43 - Verben des Zu-/ Veranlassens mit/ ohne klt. AcI-Entsprechung 69 Die Verben laisser und faire werden aufgrund ihrer großen Belegmenge und kausativen Bedeutung in der vorliegenden Betrachtung ausgenommen. <?page no="349"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 337 Es wird von Georges ([1913/ 1918] 8 1998) u. a. bei Autoren der Silbernen Latinität (Plinius, Sueton und Tacitus) nachgewiesen. Die beiden Etyma commendare und sufferre haben in klt. Zeit teilweise noch nicht dieselbe Bedeutung wie die französischen Verben und stehen nicht mit dem AcI. Sinnverwandte Verben lassen sich jedoch in Burkard/ Schauer ( 6 2020) ermitteln. FR1541 FR1560 Rang V. d. Zulassens n % V. d. Zulassens n % 1 permettre 2 33,33 permettre 3 42,86 2 souffrir 3 50,00 souffrir 3 42,86 3 commander 1 16,67 commander 1 14,28 Summe 6 100 7 100 Tab. 44 - Häufigkeit der Verben des Zu-/ Veranlassens mit AcI in FR1541 und FR1560 Die wenigen Belege lassen nur eingeschränkt Aussagen bezüglich ihrer Verteilung zu (vgl. Tab. 44 u. Tab. 45). Auffällig ist der einzelne AcI mit commander , da das V 1 insgesamt normal häufig (5,4/ 10.000 W.) in der Institution vorkommt. V. d. Zul. AcI (n 1 ) Verbformen (n 2 ) Wortanzahl (N) n 1 n 2 % n 2 N / 10k permettre 3 125 677.095 2,40 1,9 souffrir 3 167 677.095 1,80 2,5 commander 1 362 677.095 0,28 5,4 Tab. 45 - Realisierung der Verben des Zu-/ Veranlassens mit AcI in FR1560 commander, permettre, souffrir Die Klasse der Verben des Zulassens und Lassens, die mit einem AcI stehen, beschränkt sich im Untersuchungskorpus auf die drei Verben: souffrir , permettre und commander . Der AcI mit permittere ist in der Silbernen Latinität geläufig und wird auch von Calvin in (197) verwendet. Wie häufig in den lateinischen Textpassagen wird Gott auch hier nicht lexikalisch, sondern pronominal referenziert. Im Französischen wird hingegen mit un seul Dieu übersetzt. Die Alternative seul celuy (lt. solum illum ) wäre denkbar, lässt jedoch Raum für Missverständnisse, die offenbar umgangen werden sollen. <?page no="350"?> 338 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo (197) a. Sic est profecto: stultescere & nostram nobisipsis & omnium hominum sapientiam oportet, quo solum illum sapere permittamus . (LT1559, IV, 10, 24: 322 ˆ = LT1539, 14: 1061) b. Certainement il est ainsi, qu’il faut que tant la sapience de tous les hommes que la nostre nous soit faite folle, afin que permettions un seul Dieu estre sage . (FR1560, IV, 10, 24: 210 ˆ = FR1541, 15: 1558 [II], id-par-292) In (198) geht das fr. V 1 eust permis auf das lt. V 1 iussisset , welches neben ‘befehlen’ hier auch ‘jmd. tun lassen’ bedeuten kann (vgl. Georges [1913/ 1918] 8 1998: II, 476), zurück. In diesem Sinne ist es auch hier zu verstehen, indem ‘Gott niemals zugelassen hätte, dass’. (198) a. [...] quae Deus , nisi scivisset utilia esse cognitu, nunquam per Prophetas suos & Apostolos doceri iussisset . (LT1559, I, 18, 4: 56) b. [...] laquelle Dieu n’eust jamais permis estre publiée par ses Prophètes et Apostres, s’il ne l’eust [...] (FR1560, I, 18, 4: 262-263, id-par-6038) Der Befehl wird schließlich im Französischen unmissverständlich mit dem Prädikat commander wiedergegeben. Das folgende Quadrupel in (199) ist jedoch der einzige AcI seiner Art in der Institution . 70 (199) a. [...] sed Dei iubentis auctoritate omnia fieri : qua praeeunte, à recta via nunquam aberratur. (LT1559, IV, 20, 10: 400 ˆ = LT1539, 15, 9: 1107) b. [...] mais de l’authorité de Dieu, qui le commande ainsi faire , en la conduite de laquelle on ne décline jamais de la droite voye. (FR1560, IV, 20, 10: 516 ˆ = FR1541, 16: 1597 [II], id-par-8) Das direkte Objektpronomen le ist in der Akkusativfunktion des S 2 zu interpretieren, da die Befehlszuteilung an eine Person normalerweise mit der Präposition à geschieht. Ein erweiterter Infinitiv wäre zudem nur mit einer ausgelassenen Präposition de denkbar, sodass fr. qui lui commande de faire ainsi (‘der ihm befiehlt es so zu tun’) zu formulieren wäre. Daher sind die Bestandteile hier als S 2 und V 2 des AcI zu commande als V 1 zu beurteilen. Sie basieren auf der partizipialen lt. Konstruktion iubentis omnia fieri in attributiver Funktion zu Dei auctoritate , welche den (uneigentlichen) AcI regiert. Der AcI mit souffrir ist im Untersuchungskorpus drei Mal belegt. Dies ist nicht sehr häufig, wenn berücksichtigt wird, dass laut Stimming (1915) die ererbte Form bereits in altfranzösischer Zeit gängig ist, und wenn die geringe Beleganzahl mit der generellen Häufigkeit des Verbs in der Institution (1560) verglichen wird. Hier zeigt sich, dass souffrir mit 167 Mal sogar deutlich geläufiger als die Synonyme endurer (85 Mal), supporter (25 Mal), tolérer (9 Mal) oder subir (1 Mal) ist. In allen Fällen eines fr. AcI mit souffrir entspricht das V 1 im Lateinischen nicht seinem 70 Der AcI mit commander ist im Mittelfranzösischen nicht ungeläufig, wie anhand der Belege bei Stimming (1915: 94-95) ersichtlich wird. <?page no="351"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 339 direkten Etymon sufferre , sondern den im KL regulär verwendeten Verben ferre (vgl. 200), sinere und patere , die ebenso ‘erdulden’ bedeuten. (200) a. Ergo nemo se rite abnegavit, nisi qui se totum ita resignavit Domino, ut omnes vitae suae partes eius arbitrio gubernari ferat . (LT1559, III, 7, 10: 182 ˆ = LT1539, 17, 14: 1134) b. Parquoy nul n’a deuement renoncé à soy-mesme, sinon quand il s’est tellement résigné à Dieu, qu’ il souffre volontairement toute sa vie estre gouvernée au plaisir d’iceluy. (FR1560, III, 7, 10: 175 ˆ = FR1541, 17: 1676 [II], id-par-336) 6.1.3.11 Morphosyntaktische Eigenschaften Die Betrachtung der morphosyntaktischen Charakteristika des V 1 (Finitheit, Numerus, Tempus, Modus) ergibt, dass grundsätzlich keine Limitierung in der Bildung des fr. AcI auf Basis der vorliegenden lt. Modellsätze vorliegt. Die Finitheit des regierenden Verbs stellt dabei im Französischen, wenngleich sie nahezu ausschließlichen nachgewiesen ist, keine Bedingung dar. In einigen wenigen Fällen tritt der fr. AcI nach einem Partizip Präsens (vgl. 201), Gerundium (vgl. 202) oder einer Infinitiverweiterung (vgl. zuvor 139) auf. In (201) wird das lt. Gerundium gemäß der Übersetzungsgrundlage in ein Partizip Präsens überführt: (201) a. [...] ne sola necessitate videatur trahere, dulcedine quoque illectat, Deum se Ecclesiae pronunciando . (LT1559, II, 8, 14: 94 ˆ = LT1539, 3, 16: 381) b. [...] il ameine aussi par douceur, se déclairant estre le Dieu de son église. (FR1560, II, 8, 14: 146 ˆ = FR1541, 3: 410 [I], id-par-374) Der Einfluss des Quelltextes nimmt bei den infiniten V 1 eine essentielle Rolle im Überarbeitungsprozess ein. Der in (202) in der Ausgabe FR1541 eingeführte gérondif wird in FR1560 entfernt und in einen von pource que abhängigen finiten Satz überführt. Zum einen liegt im lt. Satz mit intelligunt bereits eine finite Verbform (3. Ps. Pl. Präs.) vor, sodass die Einführung des Gerundiums nicht übersetzungsbedingt geschieht, und zum anderen wird ersichtlich, dass Calvin der kausale Wert in (202b) offenbar fehlt. (202) a. [...] sed dum eius potentiam sibi inevitabilem imminere intelligunt [...] (LT1539, 1, 8: 284 ˆ = LT1559, I, 4, 4: 5) b. Mais en congnoissant sa puissance estre sur eulx inevitable [...] (FR1541, 1: 200 [I]) c. [...] mais pource qu’ ils ne peuvent éviter d’estre accablez par sa puissance [...] (FR1560, I, 4, 4: 66, id-par-415) Hier wird der sprachliche und inhaltliche Stellenwert des lt. Urtextes abermals erkennbar, denn da kein lt. Partizip vorliegt, wird in der Ausgabe FR1560 auch <?page no="352"?> 340 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo kein Partizip Präsens für die kausale Bedeutung verwendet. Der Übersetzungsgrundlage wird grundsätzlich in der Mehrheit der Fälle entsprochen. Gemäß der Textsorte sind häufige Wechsel im Tempusgebrauch nicht zu erwarten. Es dominieren beim V 1 vor allem das présent wie auch das imparfait . In der Vergangenheitsstufe tritt zudem das passé composé zahlreich auf. Das passé simple bildet die Ausnahme. Wenige Belege finden sich für das plus-que-parfait (vgl. zuvor 141). Der Modus finiter Verben wird im Französischen mittels des Indikativs, des Imperativs, des Subjunktivs sowie des Konditionals ausgedrückt. Alle vier Verbmodi sind in der Institution mit dem AcI anzutreffen, sodass auch hier keine Einschränkung bezüglich der morphosyntaktischen Möglichkeiten des V 1 festzustellen ist. Der Imperativ findet sich beispielsweise im Brief Calvins an den König belegt, welcher der Institution vorangestellt ist. Hier lautet der AcI: 71 (203) a. Percurre, fortissime Rex, omnes causae nostrae partes, et quovis sceleratorum hominum genere nequiores nos existima , [...] (LT1539, [0.2]: 262 ˆ = LT1559, I, [0.2]: o. A.) b. Considere, o Roy Très vertueux, toutes les parties de nostre cause, et nous juge estre le plus pervers des pervers , si [...] (FR1560, I, [0.2]: 32) c. Considérez, Sire, toutes les parties de nostre cause, et nous jugez estre les plus pervers des pervers , si [...] (FR1560, I, [0.2]: 32, id-par-241) Der subjonctif présent steht beispielsweise in (204) regulär mit afin que . (204) a. [...] Textum Evangelii praebet, ut se eius praeconem agnoscat. (LT1559, IV, 19, 32: 396 ˆ = LT1539, 16, 34: 1096) b. [...] il luy baille un texte d’évangile, afin qu’il s’en cognoisse estre proclamateur. (FR1560, IV, 19, 32: 500 ˆ = FR1541, 13: 1470 [II], id-par-276) Der subjonctif plus-que-parfait ist in (205) belegt. Die Übertragung erfolgt auch hier übersetzungsgetreu: (205) a. [...] qui pronunciavit castitatem esse cum propria uxore concubitum. (LT1559, IV, 12, 26: 335 ˆ = LT1539, 3, 70: 414) b. [...] il y en avoit qui eussent voulu le mariage estre interdit aux Prestres. (FR1560, IV, 12, 26: 262 ˆ = FR1541, 3: 462 [I], id-par-405) Auch bezüglich der Verwendung des Numerus sind keine Auffälligkeiten festzustellen. Alle Formen werden mit einem Schwerpunkt auf der dritten Person Singular ( il häufiger als elle/ on ) und Plural ( ils mehr als elles ) verwendet, gefolgt von der ersten Person Plural ( nous ) und Singular ( je ). Deutlich unterrepräsentiert 71 Der lt. Satz ist ambig und erlaubt sowohl eine Analyse als AcI als auch als doppelter Akkusativ (vgl. Georges [1913/ 1918] 8 1998: I, 2562). Letzteres scheint vor dem Hintergrund des Objektkomplementes nequiores zu exstimare (in der Bedeutung ‘halten für’) plausibler. In beiden Fällen ist jedoch ein latinisierender Einfluss auf die fr. Übersetzung zu unterstellen. <?page no="353"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 341 sind, wie aufgrund der Textgattung zu erwarten ist, die Formen der zweiten Person Singular (vgl. 238) sowie Plural in (206): (206) a. Quid ergo iuvat vesana inquisitione vos demergere in abyssum, quam vobis exitialem fore ratio ipsa dictat ? (LT1559, III, 23, 5: 253) b. De quoy donc vous profite-il de vous engouffrer par vostre curiosité enragée en cest abysme, lequel vous prévoyez par raison vous devoir estre mortel ? (FR1560, III, 23, 5: 439, id-par-6018) Calvin wechselt im Französischen von einem unpersönlichen Subjekt (lt. ratio ) zu einer personalisierten Konstruktion mit vous („in diesen Abgrund, den ihr aus der Vernunft heraus als für euch tödlich erkennt“). Die Änderung erfolgt im Vorfeld der direkten Ansprache des Lesers, der im christlichen Glauben unterrichtet werden soll, und grenzt sich damit stilistisch markant von der sachlicher gehaltenen lateinischen Grundlage ab. Die reichhaltige Verwendung der verschiedenen morphosyntaktischen Kategorien legt Folgendes offen. Zum einen, dass das regierende Verb keinerlei Beschränkung bezüglich seiner Verwendung mit dem AcI unterliegt. Es kann adäquat zum Lateinischen alle genannten morphosyntaktischen Eigenschaften umsetzen. Zum anderen zeugt dies auch von Calvins sprachlicher Kompetenz in beiden Sprachen sowie von seinem übersetzerischen Gespür für die jeweils angemessene Ausdrucksform. Die wenigen infiniten Formen, die teilweise wieder aufgelöst werden, zeigen jedoch eine stark ausgeprägte Tendenz, den AcI mit einem finiten V 1 zu bilden. 6.1.3.12 Subjekt des regierenden Verbs (S 1 ) Das Subjekt des regierenden Verbs (S 1 ) wird in der fr. Institution regelmäßig realisiert. Dies gilt insbesondere für die Subjektpronomina, die kaum oder gar nicht mit dem V 1 eines AcI fehlen. Dies ist im Latein grundsätzlich anders, da die Kodierung der Person in der Regel über das Suffix des Verbs erfolgt. In der lt. Institutio befindet sich das Antezedens zudem häufig weiter entfernt als in der französischen Übersetzung und erschwert damit das Leseverständnis. Lexikalische und pronominale Subjekte kommen wiederkehrend vor, ohne dass in der Betrachtung ein Ungleichgewicht festgestellt werden kann. Auffällig ist die Stellung des V 1 mit AcI in einem untergeordneten Satz oder in Form einer Apposition. Dabei wird häufig auf ein Relativpronomen zurückgegriffen, welches als S 2 fungiert (vgl. anschließend Kap. 6.1.4.3). Da die Setzung des Subjektpronomens im Französischen des 16. Jahrhunderts noch nicht vollkommen obligatorisch ist, erschweren die Fälle gleichlautender Pronomina, wie nous und vous , die zweifelsfreie Identifizierung des AcI. In (207), so ließe sich argumentieren, fehlt ein weiteres nous , um einen reflexiven Bezug als S 2 herzustellen. <?page no="354"?> 342 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo (207) a. [...] sed illis obstrictum se ex animo sentiet [...] (LT1559, I, 17, 9: 51 ˆ = LT1539, 8, 49: 897) b. [...] mais plustost nous ∅ recognoistrons estre obligez à eux [...] (FR1560, I, 17, 9: 247 ˆ = FR1541, 8: 1109 [II], id-par-356) Eine ausgelassene Präposition de , wie sie in dieser Zeit auch möglich wäre, ist mit Blick auf die lt. Übersetzungsgrundlage, welche sich als AcI mit Partizip Perfekt Passiv und ausgelassener Kopula bewerten lässt, weniger wahrscheinlich. 72 Ohne Kenntnis der lt. Fassung ließe sich der Satz auch als erweiterter Infinitiv auffassen: ‘wir erkennen, ihnen verpflichtet zu sein’. Der AcI wird überwiegend in Nebensätzen eingesetzt und dient meist der näheren Beschreibung eines Antezedens. Im Fragesatz in (208) dient qui est celuy si insensé als Ausgangspunkt für die nähere Beschreibung der irrigen Auffassung im Relativsatz ( qui estime [...] ). (208) a. Quis enim ita desipit, ut hominis motionem à iactu lapidis nihil differre autumet ? (LT1559, II, 5, 14: 82 ˆ = LT1539, 2, 89: 367) b. Car qui est celuy si insensé, qui estime l’homme estre poussé de Dieu comme nous jettons une pierre? (FR1560, II, 5, 14: 100 ˆ = FR1541, 2: 374 [I], id-par- 117) Insgesamt zeigt sich, dass das S 1 sich syntaktisch unauffällig verhält, jedoch wie in (208) als fokussiertes Element des Satzes hervortreten kann. 6.1.4 Subjektsakkusativ (S 2 ) Im vorangegangenen Abschnitt wurde das regierende Verb (V 1 ) in qualitativer und quantitativer Hinsicht ausgewertet. Nun folgen die beiden Wesensbestandteile und zugleich Namensgeber der Konstruktion: der Subjektsakkusativ (S 2 ) sowie der Infinitiv (V 2 ) als verbaler Kern (vgl. 6.1.5). Das S 2 steht, wie in Kapitel 4 beleuchtet wurde, in der Beurteilung der ererbten und gelehrten Form in einer Schlüsselposition. Seine syntaktische Zugehörigkeit als ausschließliches Subjekt des untergeordneten Infinitivs charakterisiert die gelehrte Form. Außerdem lassen bestimmte S 2 -Typen wie die Reflexiva konsequent auf die gelehrte Form schließen (vgl. Stimming 1915). Im Folgenden wird die Vielfalt des gelehrten AcI in Calvins Institution aufgezeigt, die nicht zuletzt anhand der Variation des S 2 erreicht wird und in der Forschungsliteratur bislang nur unzureichend thematisiert wurde. Es wird hierzu zunächst ein Überblick über 72 Gleichwohl muss angemerkt werden, dass eine Interpretation als doppelter Akkusativ möglich ist. Dies legt ein Textbeispiel Ciceros bei Georges ([1913/ 1918] 8 1998: II, 2605) nahe, auch wenn Bayer/ Lindauer (1975), Rubenbauer/ Hofmann ( 12 2007) und Müller (1908) sentire nicht mit dem doppelten Akkusativ aufführen. Sowohl das lt. als auch das fr. Beispiel demonstrieren die interpretatorische Ambiguität, die auftreten kann. <?page no="355"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 343 die Ergebnisse der quantitativen Auswertung gegeben, bevor die Detailanalyse der unterschiedlichen S 2 -Typen erfolgt. 6.1.4.1 Quantitative Ergebnisse Es ist bislang ungeklärt, ob sich die Zahlenverhältnisse zwischen Nominalphrase (mit lexikalischem Kopf) und unterschiedlichen Pronomina (z. B. Objekt- und Demonstrativpronomina, anaphorische oder kataphorische Pronomina) ausgewogen präsentieren oder ob sich eine prototypische, häufig eingesetzte Form des AcI herauskristallisiert. Tab. 46 zeigt die S 2 -Typen in den Ausgaben FR1541 und FR1560, differenziert nach Quadrupeln, später entfernten, eingefügten oder veränderten Konstruktionen sowie solchen, die nur in den ältesten Ausgaben LT1539/ FR1541 bestehen oder neu in FR1560 hinzukommen. 73 Auch Autolatinismen werden mit in die Betrachtung einbezogen. Abb. 9 visualisiert die Gesamtverteilung aller S 2 -Typen. 244 1 48 4 28 26 108 4 225 2 51 4 33 21 174 5 52.7% 0.2% 10.4% 0.9% 6% 5.6% 23.3% 0.9% 43.7% 0.4% 9.9% 0.8% 6.4% 4.1% 33.8% 1% 0 20 40 60 N o m in a lp h r a s e a n a p h o r is c h e s P r o . R e f le x iv p r o . s e D e m o n s t r a t iv p r o . O b je k t p r o . R e f le x iv p r o . n o u s / v o u s k a t a p h o r is c h e s P r o . R e f le x iv p r o . m e / t e Häufigkeit FR1541 FR1560 Abb. 9 - Distribution der S 2 -Typen 73 Alle umfasst sämtliche Kategorien: ——-0-1, ——-1-1, ——-2-1, ——-4-1; 0-0-0-1, 0-0-1-1, 0- 1——-, 0-1-0-0, 0-1-0-1; 1-0-1-1, 1-1——-, 1-1-0-1, 1-1-1-0, 1-1-1-1, 1-1-1-4, 1-1-4-1, 1-1-4-4, 1-1-x-x, 2-1-0-1, 2-1-0-1, 2-1-2-1, 3-1-3-1, 4-1-4-0, 4-1-4-1, 4-1-4-4, 4-1-x- 0, x-x-1-1. Nur bezeichnet Belege, die nur in FR1541 vorkommen und in FR1560 entweder entfernt oder umformuliert werden. Entfernte Belege sind in FR1541 vorhanden, werden aber in FR1560 durch alterantive Strukturen ersetzt: 0-1-0-0, 1-1-0-0, 1-1-1-0, 4-1-4-0. Eingefügte Belege sind erst in FR1560 belegt: 0-0-1-1, 0-0-0-1, 1-0-1-1. <?page no="356"?> 344 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo Ausgabe Kategorie Nominal- Reflexivpronomen Obj.pro. Dem.pro. anaph. Pro. kataph. Pro. Summe phrasen me/ te se (Sg./ Pl.) nous/ vous le/ la/ les ce/ cecy etc. lequel etc. ce que FR1541 alle 244 1 48 (26/ 22) 4 28 26 108 4 463 FR1560 alle 225 2 51 (22/ 29) 4 33 21 174 5 515 FR1541 1-1-1-1 165 1 31 (10/ 15) 3 14 16 69 4 303 FR1560 1-1-1-1 165 1 32 (15/ 17) 2 12 15 71 5 303 FR1541 entfernt 25 0 5 0 3 7 6 0 46 FR1560 eingefügt 3 0 3 0 1 2 2 0 11 FR1560 verändert 2 0 3 0 1 0 2 0 8 FR1541 nur 14 0 4 0 2 1 4 0 25 FR1560 neu 16 1 8 1 12 2 69 0 109 FR1541 Autolat. 24 0 2 1 4 2 25 0 58 FR1560 Autolat. 28 0 4 1 6 2 34 0 75 FR1541 v. dic. 104 0 22 1 13 15 35 2 192 FR1560 v. dic. 95 1 23 2 12 13 67 2 215 FR1541 v. cog. 9 0 1 0 3 1 1 0 15 FR1560 v. cog. 8 0 1 0 2 0 1 0 12 FR1541 v. intell. 75 0 16 2 6 4 39 1 143 FR1560 v. intell. 73 0 18 1 12 5 62 1 172 FR1541 v. sent. 27 0 8 1 4 5 23 1 69 FR1560 v. sent. 24 0 8 1 4 2 31 2 72 FR1541 v. vol 20 1 1 0 0 1 8 1 32 FR1560 v. vol 16 1 1 0 0 1 8 1 28 FR1541 V. d. Zul. 5 0 0 0 1 0 0 0 6 FR1560 V. d. Zul. 4 0 0 0 1 0 0 2 7 Tab. 46 - Distribution des S 2 in FR1541 und FR1560 <?page no="357"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 345 Bei der Betrachtung aller fr. AcI-Konstruktionen in der Institution fällt zunächst ein in den Ausgaben FR1541 und FR1560 recht unausgewogenes Bild auf (vgl. Abb. 9 u. Tab. 46, Kat. alle ). So werden etwa die Hälfte der AcI (44-53%) mit einer Nominalphrase gebildet. Hierauf folgt ein Viertel (FR1541) bis ein Drittel (FR1560) aller Belege mit einem anaphorischen S 2 , auf dessen Antezedens pronominal (z. B. que , ce que ) verwiesen wird. Erwartungsgemäß sind anaphorische Bezüge im Text deutlich häufiger als kataphorische, da in der Regel auf die an den Leser vermittelten Informationen im Text mit Rückwärtsbezug verwiesen wird. Mit rund 10% umfasst die drittstärkste Gruppe das Reflexivpronomen se , wobei hierbei ähnlich viele Formen auf die Singular- und Pluralform entfallen. Auf diese drei Gruppen entfallen somit ca. 87% aller Belege. Demonstrativa und direkte Objektpronomen sind ähnlich stark vertreten und mit jeweils ca. vier bis sechs Prozent sind sie im Lesefluss noch deutlich wahrnehmbar. Selten hingegen sind die Pronomina me/ te/ nous/ vous sowie die angesprochenen kataphorischen S 2 mit < 1% Anteil. Die Verhältnisse ähneln sich in den Ausgaben FR1541 und FR1560 in grundsätzlicher Weise. Dies liegt daran, dass 65% (FR1541) bzw. 59% (FR1560) der Belege auf die stabilen Quadrupel (1-1-1-1) entfallen. Dennoch zeichnet sich eine bemerkenswerte Änderung ab. Die hohe Anzahl an Nominalphrasen in S 2 -Funktion nimmt von FR1541 nach FR1560 hin um rund 9% ab und gleichzeitig steigt der Anteil anaphorischer Konstruktionen, während die übrigen Kategorien nur minimale Abweichungen kennen. Die Umverteilung findet in den stärker veränderten AcI-Konstruktionen statt. Dies umfasst neben nur in FR1541 bestehenden, von FR1541 nach FR1560 entfernten und in FR1560 neu vorhandenen Belegen (vgl. Abb. 10) auch Autolatinismen (s. u.). In der Kategorie nur (FR1541) und entfernt (FR1541 > FR1560) lässt sich feststellen (vgl. Abb. 11), dass der bevorzugte S 2 -Typ die Nominalphrase mit rund 55% ist. Ein markanter Unterschied ergibt sich in der Kategorie der über die Jahre hinweg (FR1545, FR1551 und FR1560) neu hinzugekommen Belege. Die bislang sehr stark vertretenen Nominalphrasen liegen nun nur noch bei 14,7%. Die anaphorischen S 2 verzeichnen einen deutlichen Zuwachs auf insgesamt 63,3%. Um zu bestimmen, ob dies ein Ergebnis des umfangreichen Überarbeitungsprozesses Calvins ist oder es sich um eine von den Latinismen losgelöste, eigenständige Entwicklung des AcI mit anaphorischem S 2 handelt, benötigt es einen Blick auf die Kategorie der Autolatinismen. Unter Autolatinismen werden Belege zusammengefasst, die im lt. Text keinen AcI als Modell haben. Sie stellen eine der interessantesten Beleggruppen dar, da bei ihnen der übersetzungsbedingte Einfluss allenfalls über den sprachlichen Textkontext indirekt erfolgt. <?page no="358"?> 346 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo 165 1 31 3 14 16 69 4 165 1 32 2 12 15 71 5 54.5% 0.3% 10.2% 1% 4.6% 5.3% 22.8% 1.3% 54.5% 0.3% 10.6% 0.7% 4% 5% 23.4% 1.7% 24 0 2 1 4 2 25 0 28 0 4 1 6 2 34 0 41.4% 0% 3.4% 1.7% 6.9% 3.4% 43.1% 0% 37.3% 0% 5.3% 1.3% 8% 2.7% 45.3% 0% unveränderter AcI (1-1-1-1) Autolatinismus N o m in a lp h r a s e a n a p h o r is c h e s P r o . R e f le x iv p r o . s e D e m o n s t r a t iv p r o . O b je k t p r o . R e f le x iv p r o . n o u s / v o u s k a t a p h o r is c h e s P r o . R e f le x iv p r o . m e / t e N o m in a lp h r a s e a n a p h o r is c h e s P r o . R e f le x iv p r o . s e D e m o n s t r a t iv p r o . O b je k t p r o . R e f le x iv p r o . n o u s / v o u s k a t a p h o r is c h e s P r o . R e f le x iv p r o . m e / t e 0 20 40 60 Häufigkeit FR1541 FR1560 Abb. 10 - Distribution der S 2 -Typen (unveränderter Text vs. Autolatinismus) 25 0 5 0 3 7 6 0 14 0 4 0 2 1 4 0 16 1 8 1 12 2 69 0 54.3% 0% 10.9% 0% 6.5% 15.2% 13% 0% 56% 0% 16% 0% 8% 4% 16% 0% 14.7% 0.9% 7.3% 0.9% 11% 1.8% 63.3% 0% 0 20 40 60 N o m in a lp h r a s e a n a p h o r is c h e s P r o . R e f le x iv p r o . s e D e m o n s t r a t iv p r o . O b je k t p r o . R e f le x iv p r o . n o u s / v o u s k a t a p h o r is c h e s P r o . R e f le x iv p r o . m e / t e Häufigkeit nur (FR1541) entfernt (FR1541 > FR1560) neu (FR1560) Abb. 11 - Distribution der S 2 -Typen (veränderter Text) <?page no="359"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 347 Wird also die Gruppe der 1-1-1-1 mit direktem lateinischen Einfluss mit der Gruppe der Autolatinismen verglichen (vgl. Abb. 10), lassen sich die folgenden Schlüsse ziehen. Da bei den 58 (FR1541) bzw. 75 (FR1560) erfassten Autolatinismen kein Beleg für das kataphorische S 2 vorliegt, ist es plausibel, dass diese seltene Form des AcI auf dem unmittelbaren Einfluss eines lt. Modells basiert. Dies wird durch die übrigen Belege, die auf entfernte, eingefügte, veränderte oder neue Stellen verweisen, bestätigt. Der Anteil anaphorischer S 2 ist hingegen höher als in den Quadrupeln (1-1-1-1) und im Vergleich zu den NP in S 2 -Funktion ausgeglichen. Die Autolatinismen weisen zudem wenige Belege im Bereich der Demonstrativ-, direkten Objekt- und Reflexivpronomen auf. Letzteres ist zumindest mit Blick auf se auffällig, welches in den übrigen Konstellationen doppelt so häufig ist. Interessant ist nun, dass die NP in S 2 -Funktion 41,4% in der Ausgabe FR1541 einnehmen und 37,3% in FR1560. Es zeichnet sich zugunsten der anaphorischen S 2 , welche von 43,1% (FR1541) auf 45,3% (FR1560) steigen, ein leichter Rückgang ab. Innerhalb der Autolatinismen ist also zum einen eine Tendenz zur Reduktion der NP erkennbar und zum anderen eine Verstärkung der anaphorischen S 2 . Während die NP bei AcI-Sätzen mit einem lt. Modell das bevorzugte S 2 darstellen, gewinnt die anaphorische Konstruktion zum einen in selbstständigen, vom lateinischen Satzbau unabhängigen AcI-Konstruktionen an Autonomie und zum anderen auch in Sätzen mit lt. Modell, die erst in den Ausgaben LT1559 und FR1560 entstehen. Die Perspektive auf die S 2 -Distribution verändert sich, wenn die Verbklassen in den Vordergrund treten (vgl. Tab. 46). Zwar verhält sich die Klasse der verba dicendi in der Häufigkeitsverteilung des S 2 augenscheinlich unauffällig: so zeigt sie die gleichen Tendenzen wie zuvor, die NP nehmen um etwa zehn Prozent ab und die anaphorischen S 2 hingegen um etwa dreizehn Prozent zu. Doch liegen bei den verba cogitandi (bei vergleichsweise wenigen Belege) die anaphorischen S 2 beinahe bei Null. Dies ist allerdings bezüglich der anaphorischen S 2 der einzige Ausreißer und ihr Zuwachs ist auch in den übrigen Klassen der verba intellegendi und sentiendi zwar merkbar, reicht aber nicht aus, um zur präferierten Bildungsart des AcI in FR1560 zu avancieren. Die Bildung des AcI mit anaphorischem S 2 findet in rund einem Drittel der Fälle statt, während die Bildung mit einer lexikalischen Nominalphrase in den häufigsten Verbklassen über die Hälfte der Belege ausmacht. 74 74 Bezüglich der übrigen Pronomina ist kaum eines auffällig. Von allen Reflexivpronomen in S 2 -Funktion ist se das häufigste und gleichzeitig sind die Belegmengen mit jeweils ca. 4-11% gering. Besonders wenige bzw. gar keine Belege finden sich mit den verba sentiendi, voluntatis aber auch den Verben des Zulassens. Die Verteilung der singulären und pluralen Form von se ist, wie auch oben bereits für das Gesamtkorpus festgestellt (vgl. Tab. 46), in den größeren Verbklassen ausgewogen und damit unauffällig. Die wenigen Belege der übrigen Pronomina <?page no="360"?> 348 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo Betrachtet man die häufigsten Verben unabhängig von ihrer Klasse, verschiebt sich das ungleiche Distributionsverhältnis zwischen NP und anaphorischem S 2 bei den V 1 dire, connoistre und penser (II) zugunsten der anaphorischen S 2 . Gleichzeitig fällt auf, dass reconnoistre nur einen einzigen AcI des anaphorischen S 2 -Typs kennt und sich gänzlich anders zum verwandten connoistre verhält, welches bei den anaphorischen S 2 besonders stark in der Hälfte aller Fälle (FR1560) hervortritt. Das Prädikat confesser tritt ebenso wie die Formen von voir (I/ II) und vouloir vor allem mit NP in S 2 -Funktion auf. Die Abstraktheit bzw. Konkretheit des S 2 , nachdem voir mit Untertyp I und II unterschieden wird, hat keinen Einfluss auf die Auswahl des S 2 -Typs. Bei penser (II) spiegeln die Belege hingegen ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen NP und anaphorischen S 2 wider. Insgesamt ist also ein durchaus differenziertes Distributionsbild der AcI-Konstruktion mit einem deutlichen Schwerpunkt auf Nominalphrasen und anaphorischen S 2 zu beobachten. Tab. 46 zeigt zudem, dass alle erfassten (und möglichen) Kategorien des S 2 in der Institution vertreten sind. Als Ausnahmeerscheinungen dürfen die S 2 mit kataphorischer Verweisfunktion gelten, aber auch die Pronomina me/ te/ nous und vous , die aufgrund der inhaltlichen Ausgestaltung des Textes auch nicht in höherer Zahl zu erwarten sind. Außerdem ist zu konstatieren, dass es einen Abbauprozess (FR1541 > FR1560) bezüglich der ‘typischen’ AcI-Konstruktion mit NP in S 2 -Funktion gibt und die anaphorischen S 2 zunehmend an Relevanz gewinnen. 6.1.4.2 Lexikalische Subjekte des Infinitivs (NP) Überblick und Einordnung Die häufigste Erscheinungsform des Subjektsakkusativs (S 2 ) ist in diesem Korpus die lexikalische Form. Diese erlaubt im Gegensatz zu den anderen S 2 -Möglichkeiten sowohl neue Referenten einzuführen, anstatt ausschließlich auf sie zu verweisen, als auch sie erneut im Textfluss aufzugreifen. Die 25 häufigsten Nomen mit S 2 -Funktion sind: Christ, homme, Dieu, chose, nom, œuvre, puissance, volunté, Baptesme, corps, enfans, esprit, fidèle, grâce, pain, peché, promesse, vertu, Sacremens, Sainct Paul, Seigneur, concupiscence, dispute, doctrine, estat . Sie sind unverkennbar Teil des theologisch-kirchlichen Wissenskontextes, dessen sich Calvin in der Institution kontinuierlich bedient. Chose , welches an sich semantisch neutral ist, wird hierbei mit passenden Adjektiven meist zur Bewertung einer Situation durch den Autor eingesetzt, um seine theologische Position zu rechtfertigen. Auch wenn dies bislang stillschweigend in der Forschung zur Kenntnis genommen sind in quantitativer Hinsicht wenig aussagekräftig. Es ist aber ein reger Gebrauch der direkten Objektpronomen le/ la/ les sowie der Demonstrativa bei den verba dicendi zu beobachten. <?page no="361"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 349 wird, ist in der lexikalischen Analyse eine hohe Anpassungsfähigkeit des AcI an den Textinhalt, hier z. B. an den christlichen Kontext, erkennbar. Die AcI- Konstruktion unterliegt in diesem Punkt und im Vergleich zum alternativen Objektsatz mit que keiner semantischen Restriktion. In der Tab. 47 sind die häufigsten Belege für ein lexikalisches S 2 mit einem minimalen Schwellenwert von fünf Okkurrenzen zu sehen. FR1541 FR1560 Rang NP S 2 Wortformen % S 2 Wortformen % 1 Christ 16 1.048 1,53 15 2.540 0,59 2 homme(s) 13 1.165 1,11 11 2.090 0,53 3 Dieu 13 3.728 0,35 14 7.261 0,19 4 chose(s) 7 1.226 0,57 8 1.845 0,43 5 nom(s) 7 306 2,29 5 547 0,91 6 œuvre(s) 5 534 0,94 5 736 0,68 Gesamt 61 8.007 6,79 58 15.019 3,33 Tab. 47 - Häufigkeitsverteilung des lexikalischen S 2 im AcI und Korpus (n ≥ 5) Sie machen sowohl in der Ausgabe FR1541 als auch FR1560 rund ein Viertel aller Belege aus. Dabei erstaunt es nicht, dass das Dreiecksverhältnis zwischen Christus, dem Menschen und Gott eine führende Rolle im fr. AcI der Institution einnimmt. Die Verwendung der häufigsten NP bleibt über die beiden Editionen hinweg in absoluten Zahlen stabil und die AcI-Konstruktionen mit diesen für den Text zentralen Nomen werden beibehalten. Da die Ausgabe FR1560 im Umfang etwa doppelt so stark wie FR1541 ist, bedeutet dies eine relative Reduzierung, die sich in der fünften und in der letzten Spalte ablesen lässt. Entsprechend des Gesamtumfangs der Ausgaben reduzieren sich die prozentualen Zahlen bei Christ, homme und Dieu um etwa die Hälfte. Vor dem Hintergrund der im vorherigen Unterkapitel erarbeiteten Ergebnisse, nämlich dass die anaphorischen S 2 die präferierte Wahl in den neu hinzugekommenen Teilen der Ausgaben FR1545, FR1551 und FR1560 sind, fügt sich das hier gewonnene Zahlenbild der NP in die Gesamtbetrachtung unauffällig ein. Dadurch wird außerdem erkennbar, dass die Reduktion des AcI in FR1560 nicht durch die Verwendung eines einzelnen Nomens beeinflusst wird. Weiter oben wurde bereits skizziert, dass lexikalische S 2 im AcI bislang wenig Aufmerksamkeit in der Forschungswahrnehmung genießen. In Bezug auf die Latinisierung in der französischen Volkssprache vermag es jedoch interessante Einsichten in die Facetten des komplexen Transferprozesses geben, die im Fol- <?page no="362"?> 350 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo genden anhand der drei im Korpus dominierenden S 2 Dieu , homme und Christ aufgezeigt werden. Belebte und unbelebte S 2 Durch die Besprechung der drei häufigsten Lexeme Dieu, homme und Christ in S 2 -Funktion könnte der Eindruck gewonnen werden, dass belebte NP in S 2 -Funktion überwiegen, aber die proportionale Verteilung belebter und unbelebter NP S 2 zeigt, dass dem nicht so ist. Die unbelebten NP überwiegen sogar mit großer Mehrheit (in beiden Ausgaben FR1541 und FR1560). Auf 245 AcI in FR1541 entfallen 175 unbelebte NP (71,4%) und auf 225 AcI in FR1560 sind es 156 Konstruktionen (69,3%). Die Diversität in der Kategorie unbelebter NP ist zudem sehr ausgeprägt, denn einmal abgesehen von der Häufung einiger weniger Nomina entfallen etwa zwei Drittel unbelebte NP S 2 (105 von 156 Stück) auf unterschiedliche NP. 75 Dies bedeutet, dass der AcI in der Institution nicht auf eine formelhafte Verwendungsweise im Wortlaut beschränkt ist und als vollständiges Ausdrucksmittel subordinierter Propositionen fungiert. Wortfolge Bekanntlich ist die Wortfolge des klassisch-lateinischen Satzbaus nicht streng fixiert, jedoch auch nicht „willkürlich frei“ (Bauer 2009: 241). 76 In der Regel steht das Hauptverb am Satzende in unmarkierter Position und die Funktion der einzelnen Satzkonstituenten erschließt sich über die morphologische Endung ihres Suffixes. 77 Dies verhindert nicht, dass Ambiguität in der syntaktischen Interpretation auftreten kann. Sie lässt sich im folgenden Beispiel (209) mittels der fr. Übersetzung und der Informationsstruktur des lt. Satzes auflösen. (209) a. Deum S 2 suae Confirmationis auctorem O 2 ∅ V 2 probent [et] oportet V 1 , si [...] (LT1559, IV, 19, 12: 391 ˆ = LT1539, 16, 12: 1074) b. Qu’ils prouvent V 1 Dieu S 2 estre V 2 l’autheur O 2 de leur Confirmation, s’ils [...] (FR1560, IV, 19, 12: 479 ˆ = FR1541, 13: 1424 [II], id-par-238) 75 Drei bis fünf Mal sind die folgenden Nomen nachgewiesen: œuvre, Baptesme, esprit, puissance, vertu, volonté . 76 Vgl. im Original Bauer (2009: 241): „Since Latin allowed word order variation and discontinuous constituents, it is a common misconception among linguists that its word order was indiscriminately free“. 77 Vgl. Bauer (2009: 268-269) für weiterführende Literatur zur Stellung des Prädikats am Satzende. Sie weist zu Recht auch daraufhin, dass diese Stellung zum einen nicht ausschließlich vorliegt und zum anderen immer stärker, spätestens seit der Zeit von Plautus und damit noch vor Cicero und Seneca, verändert wird. Gleichzeitig ist die Wortstellung hochgradig von individuellen Faktoren abhängig und die Voranstellung kann mitunter eher in nähesprachlich markierten Texten zu bemerken sein (vgl. Bauer 2009: 277-278). <?page no="363"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 351 In (209a) lassen sich die im Akkusativ stehenden lt. Substantive Deum und auctorem jeweils als S 2 oder O 2 interpretieren. Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund des ausgelassenen lt. Infinitivs esse , dessen Stellung im Satz ebenfalls variieren kann. Während sich die beiden möglichen Bedeutungen ‘Sie beweisen, dass Gott der Autor ihres Bekenntnisses ist’ (lt. Deum S 2 ) und ‘Sie beweisen, dass der Autor ihres Bekenntnisses Gott ist’ (lt. auctorem S 2 ) gleichen, ist die Informationsstruktur verschieden. Das Topic verlagert sich in der zweiten Möglichkeit zusammen mit dem Subjektwechsel von Gott auf den Autor des Bekenntnisses und stellt damit die herausragende Satzinformation dar. 78 Wie in der französischen Selbstübersetzung in (209b) zu sehen ist, versteht Calvin Gott als Subjekt des untergeordneten Satzes und ergänzt um estre in V 2 -Funktion. Im lateinischen Satz lässt die Positionierung von Deum am äußersten linken Satzrand eine Topikalisierung annehmen. Zu überlegen ist daher, ob die fr. Übersetzung durch die Wahl des AcI versucht, die topikalisierte Struktur nachzuahmen. Dies würde implizieren, dass das fr. S 2 im AcI stärker herausgestellt wird als in einem unmarkierten Objektsatz: Die zahlreichen lt. AcI-Konstruktionen in Kapitel fünf des ersten Buchs, die keinen latinisierenden Transfer erfahren und sodann im Französischen in Form eines Objektsatzes mit que oder auch ohne Subordination (vgl. 210) wiedergegeben werden, unterstützen diese Hypothese. So steht in den folgenden beiden Beispielen das S 2 des lt. AcI jeweils nicht in hervorgehobener Position. In (210a) steht das lt. S 2 zwar links vom V 2 und V 1 , jedoch nicht vom vorgelagerten Objekt sowie der ergänzenden Angabe non tantum in genere humano . (210) a. Siquidem non tantum in genere humano clarum operum O 2 Dei speculum S 2 extare V 2 pronunciat V 1 [...] (LT1559, I, 5, 3: 6) b. En quoy non seulement il S 1 propose V 1 un miroir O 1 bien clair de l’ouvrage de Dieu au gouvernement commun du genre humain [...] (FR1560, I, 5, 3: 70-71) In (211) wird der Satz durch das V 1 in beiden Sprachen eingeleitet. Im lt. Satz handelt es sich dabei um eine topikalisierte Konstituente (für gewöhnlich: Rechtsstellung der lt. Satzprädikate), während in der fr. Übersetzung eine normale Wortstellung zu beobachten ist. (211) a. Fateor quidem esse aliquem Astrologiae usum [...] (LT1559, I, 5, 5: 6) b. Je confesse que l’astrologie est utile et [...] (FR1560, I, 5, 5: 72) Die hier thematisierte Astrologie wird dabei in der Informationsstruktur nicht in den Vordergrund gerückt, da Calvin den Bezug der Astrologie zum Gefüge 78 Der Begriff Topic kennt unterschiedliche sprachwissenschaftliche Definitionen und wird hier als „salient entity which the associated sentence is about“ (Frascarelli 2017: 473) verstanden. <?page no="364"?> 352 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo zwischen Körper und Geist ablehnt. Der Kritiker der Astrologie spricht ihr hier wortwörtlich einen, wenngleich unklaren, anderweitigen Nutzen zu. Die Topikalisierung des S 2 funktioniert im lt. Satz auch mit infiniten V 1 wie dem Partizip Präsens pronunciantes in (212a). Auch dort gibt die Wortstellung Auskunft über die Informationsstruktur und die Bewertung des Nomens als S 2 (statt O 2 ). Der infinite Einschub im lt. Satz wird in der fr. Übersetzung als finites V 1 mit AcI aufgelöst. (212) a. Quo flexilem hominis vafritiem è latebris extraherent veteres, ultra progressi sunt, Christum S 2 pronunciantes V 1 aeternum Patris Filium , Patrique consubstantialem. (LT1559, I, 13, 4: 25 ˆ = LT1539, 4, 22: 493) b. Les anciens Pères, pour retirer ceste cautelle malicieuse hors de ses ténèbres, ont passé outre et ont déclairé V 1 Christ S 2 estre V 2 Fils éternel de Dieu [...] (FR1560, I, 13, 4: 148 ˆ = FR1541, 4: 597 [I], id-par-226) Dem S 2 Christ kommt auch im französischen Satz eine herausragende Stellung zu, nachdem es darum geht, zu zeigen, dass eben er der ewige Sohn Gottes ist und, so geht es aus dem weiteren Kontext hervor, er nicht den gleichen Beginn wie die übrigen Geschöpfe erfahren habe. Auffällig viele fr. AcI-Konstruktionen mit einer NP in S 2 -Funktion gehen in den Datensätzen auf die topikalisierte Wortstellung S 2 -V 2 -O 2 -V 1 im Lateinischen zurück. Daneben ist auch die Linkspositionierung innerhalb des lt. AcI (V 1 - S 2 -V 2 -O 2 ) nach dem regierenden Verb zu beobachten. Hierfür finden sich jedoch gleichermaßen Beispiele mit fr. AcI und Komplementsatz. Insgesamt lässt sich resümieren, dass Indizien für eine informationsstrukturelle Markierung salienter S 2 -Konstituenten vorliegen und ein Zusammenhang zum lt. Modelltext erkennbar ist. Die Einführung neuer oder besonders wichtiger Informationen scheint im vorliegenden Korpus ein wichtiges Motiv zur Verwendung des fr. AcI zu sein. Die oben skizzierte Ambiguität, die sich aus der lt. Wortstellung ergeben kann, ist dem Französischen zu diesem Zeitpunkt seiner sprachgeschichtlichen Entwicklung weitestgehend fremd. Mit lexikalischem Subjekt regularisiert sich die Abfolge zu S 1 -V 1 -[S 2 -V 2 (-O 2 )] AcI (nachfolgend A), welche auch in Komplementsätzen mit que gilt, siehe exemplarisch (213): (213) a. [...] dixit V 1 Apostolus S 1 , Panem S 2 quem frangimus, communionem O 2 esse V 2 corporis Christi [...] (LT1559, IV, 17, 10: 367 ˆ = LT1539, 12, 18: 1002) b. [...] l’Apostre S 1 dit V 1 le pain S 2 que nous rompons estre V 2 la communion O 2 du corps de Christ [...] (FR1541, 12: 1353 [II]) c. [...] l’Apostre S 1 dit V 1 que Konj le pain S 2 que nous rompons est V 2 la communion O 2 du corps [...] (FR1560, IV, 17, 10: 384, id-par-463) <?page no="365"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 353 Diese fast ausschließlich im Korpus beobachtete Wortstellung (A) entspricht den Regeln des modernen Französisch. Daneben liegen zwei seltene, singulär nachgewiesene Formen invertierter S 2 in der Institution vor. Es gilt hier, die Inversion innerhalb des AcI (B) zu unterscheiden, also S 1 -V 1 -[V 2 -S 2 ] AcI statt S 1 -V 1 -[S 2 - V 2 ] AcI , sowie die phänotypische Umklammerung der Subjekt-Prädikat-Phrase (S 1 -V 1 ) durch den AcI mit vorangestelltem Subjekt (C): [S 2 ] AcI -S 1 -V 1 -[V 2 ] AcI . Der Typus B ist ein einziges Mal in ererbter Form nachgewiesen (vgl. oben 182), doch die gelehrte Variante tritt so nicht auf. Die phänotypische Umklammerung (C) ist in (214) abgebildet und tritt insgesamt nur fünf Mal auf. (214) a. 18. Ecclesiasticum producunt, quem dubiae auctoritatis scriptorem esse non ignoratur . (LT1559, II, 5, 18: 83 ˆ = LT1539, 2, 93: 369) b. 18 - Ils produisent en après le tesmoignage de l’Ecclésiastique, lequel autheur on cognoist n’avoir pas certaine authorité . (FR1560, II, 5, 18: 104 ˆ = FR1541, 2: 378 [I], id-par-358) Dort wird das S 2 lequel autheur der Subjekt-Prädikat-Phrase vorangestellt. Der Infinitiv avoir in V 2 -Funktion des AcI folgt in regulärer Reihenfolge. Das S 2 ist linksversetzt und topikalisiert. Es kann nicht von einem verschränkten Relativsatz mit lequel in S 2 -Funktion zu sprechen sein, da autheur nicht als direktes Objekt zum V 2 , wie im lateinischen Satz, fungiert. Der französische Satz hebt die lt. Genitivergänzung in die Objektposition und ändert entsprechend die Kopula in avoir ab. Damit bleibt kein Zweifel, dass lequel autheur in diesem AcI dem regierenden Verb voransteht. Es bezieht sich auf die vorherige Nennung des Klerikers und die Linksversetzung betont, dass exakt dieser Person nur wenig Vertrauen entgegengebracht werden sollte. Der AcI gewinnt abermals als argumentativ gestaltendes Textelement an Gewicht. Eine grundlegende Orientierung am lt. Original ist gewiss gegeben, doch insgesamt zeugt das Beispiel von einer unabhängigen Verwendung des fr. AcI. Seine sprachliche Akzeptabilität gewinnt es nicht zuletzt dadurch, dass der verschränkte Relativsatz im fr. AcI ebenfalls häufig realisiert wird. In allen Beispielen fungiert jedoch lequel als Adjektiv des vorausgehenden Nomens, nicht als Relativpronomen. Komplexität Die lexikalische Nominalphrase in S 2 -Funktion kennt kaum Einschränkungen bezüglich der Art und Anzahl ihrer Bestandteile. Die häufigste Form ist die Erweiterung des Nomens um eine Determinante (vgl. oben 213b), Possessivbegleiter (vgl. nachfolgend 215b) oder eine Präpositionalgruppe (vgl. oben 209b). Außerdem tritt, jedoch deutlich seltener, das S 2 in Form einer Koordination zweier Nomen (vgl. 216b) oder näher bestimmender Adjektive (vgl. 217b) auf. <?page no="366"?> 354 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo (215) a. Et merito: exclamabat enim Iesaias, polluta sibi esse labia [...] (LT1559, IV, 8, 3: 307 ˆ = LT1539, 4, 139: 629) b. Car Isaie confessoit ses lèvres estre pollues (Isa. 6, 5), Jérémie disoit [...] (FR1560, IV, 8, 3: 155 ˆ = FR1541, 15: 1518 [II], id-par-114) (216) a. [...] quod quum fidem & bona opera necessario inter se cohaerere fateamur [...] (LT1559, III, 16, 1: 210 ˆ = LT1539, 6, 57: 776) b. [...] que nous confessions la foy et les bonnes œuvres estre nécessairement conioinctes ensemble [...] (FR1560, III, 16, 1: 274 ˆ = FR1541, 6: 899 [I], idpar-150) Eines dieser Adjektive, die das S 2 näher bestimmen, kann dabei, wie auch im Objektsatz, das Adjektiv tout in (217b) oder ein adjectif verbal wie in (218b) sein. (217) a. Ideo nos celare futura omnia voluit Deus [...] (LT1559, I, 17, 4: 50 ˆ = LT1539, 8, 43: 893) b. Pourtant le Seigneur a voulu toutes choses futures nous estre cachées [...] (FR1560, I, 17, 4: 241 ˆ = FR1541, 8: 1101 [II], id-par-392) (218) a. Scriptura ostendit, peccatorum purgationem, quam à Christi sanguine obtinemus, hic primo demonstrari. (LT1559, IV, 16, 2: 355 ˆ = LT1539, 4, 6: 516) b. Or par icelle nous voyons les choses signifiées et représentées estre la purgation de noz péchez [...] (FR1560, IV, 16, 2: 340 ˆ = FR1541, 11: 1272 [II], id-par-235) Der Erweiterung des lexikalischen S 2 um einen Relativsatz steht ebenfalls nichts entgegen, wenngleich sie nicht sehr häufig zu beobachten ist (vgl. 88). Leserfreundlichkeit Die überwiegende Anzahl an Überarbeitungen, die Calvin an den AcI-Konstruktionen mit lexikalischem S 2 vornimmt, wirken sich zugunsten der Leserfreundlichkeit aus. Dies wird im Übersetzungsvergleich bereits an der generell in der lt. Institutio feststellbaren Tendenz erkennbar, bevorzugt Pronomen anstelle konkreter Referenten zu verwenden. In der Regel wirkt die französische Übersetzung durch die explizite Nennung der entsprechenden Person dem entgegen. Stellenweise stellt sich dieses Bemühen in der ersten Übersetzung als holprig heraus, sodass der Autor selbst seine Änderung in der Ausgabe FR1560 zurücknimmt. Ein Beispiel gibt die folgende Passage, in welcher ein wichtiges Zitat aus dem ersten Brief an Timotheus in das Französische übertragen wird: (219) a. Proferunt has apostoli sententias: quod velit Dominus omnes salvos fieri et ad veritatis agnitionem pervenire (1 Tim. 2, 4) [...] (LT1539, 8, 36: 887) b. On allègue ces sentences de l’Apostre: Que Dieu veult tous hommes estre sauvez , et venir à la congnoissance de verité. (FR1541, 8: 1089 [II]) <?page no="367"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 355 c. Adducitur secundo Pauli locus, ubi tradit Deum velle omnes salvos fieri [...] (LT1559, III, 24, 15: 262) d. Secondement on amène le passage de sainct Paul, où il dit que Dieu veut que tous soyent sauvez (1 Tim. 2, 4). (FR1560, III, 24, 15: 468, id-par-426) Die Ergänzung um hommes in FR1541 geht auf die entsprechende Textstelle in der Vulgata zurück, in welcher sowohl im Latein als auch im Französischen von omnes homines respektive tous les hommes gesprochen wird. 79 Die Neueinführung der indirekten Rede in LT1559 und FR1560 und die Auflösung in einen Komplementsatz begünstigt dabei nicht unerheblich den Lesefluss. Die Änderung in FR1560 orientiert sich am lt. Modell (z. B. Auslassung von hommes ). Omnes bzw. dann tous wird als ausreichend präzise erachtet. Die Änderung in (219) im Französischen lässt sich auch unter dem Gesichtspunkt betrachten, dass es zum Repertoire des geübten Textüberarbeiters Calvin gehört, jegliche störende Redundanzen zu beseitigen. Eine ähnliche Reduktion ist in (220) zu sehen, indem celuy corps in iceluy geändert wird. (220) a. Nam quatenus corpus S 2 illud suam esse V 2 vitam non credunt V 1 [...] (LT1539, 12, 37: 1015-1016 ˆ = LT1559, IV, 18, 40: 379) b. [...] autant qu’ ilz ne croyent point V 1 celuy corps S 2 estre V 2 leur vie [...] (FR1541, 12: 1369 [II]) c. Car d’autant qu’ ils ne croyent point V 1 qu’ Konj iceluy S 2 soit V 2 leur vie [...] (FR1560, IV, 18, 40: 434-435, id-par-472) Dies ist möglich, da das Nomen im vorangehenden Satz bereits erwähnt wird ( Car telle manière de gens [...] ne discernent point le corps du Seigneur ). 6.1.4.3 Anaphorische und kataphorische S 2 Als kataphorische und anaphorische Subjektsakkusative werden hier Relativpronomen verstanden, die als S 2 eines AcI fungieren und deren Antezedens sich im nachfolgenden oder vorherigen Satz befindet. Sie sind innerhalb der Quadrupelbeispiele (id-par < 500) in der Institution die zweitstärkste Gruppe nach den lexikalischen S 2 und im Bereich der neu hinzugekommenen AcI sogar vorherrschend. Anaphorische S 2 kommen ungleich häufiger als kataphorische S 2 vor. Das erklärt sich logisch aus dem unidirektionalen Verlauf eines Textes und stellt keine spezifische Eigenschaft des AcI dar. Da die kataphorischen S 2 bei der großen Gesamtzahl an Belegen nur Einzelfälle darstellen, liegt es nahe, dass es sich nicht um einen produktiven fr. AcI-Typ handelt, der auch in anderen 79 In der Vulgata heißt es „qui omnes homines vult salvos fieri, et ad agnitionem veritatis venire“ (Ad Timotheum I, 2, 4, vgl. Hieronymus 2018: 954) bzw. „qui veult que tous les homes soyent sauvez et quilz vienent a la congnoissance de la vérité“ (A Timothee, I, 2, 4, Anpassungen der Graphie S. O., vgl. Olivétan 1535). <?page no="368"?> 356 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo Texten regelmäßig vorkommt. Dementsprechend ist auch der starke Einfluss der Übersetzungsgrundlage in den drei einzigen kataphorischen Beispielen, die in der Institution zu beobachten sind, deutlich erkennbar. In (221) wie auch zuvor in (126) und dem damit koordinierten Beleg in (142) ist das S 2 ein nachgestellter Relativsatz, der durch ce que eingeleitet wird und einen lateinischen Relativsatz mit quod wiedergibt. (221) a. Interim non negamus V 1 verissimum esse V 2 , quod S 2 Augustinus docet [...] (LT1559, II, 5, 15: 82 ˆ = LT1539, 2, 90: 368) b. Cependant nous S 1 ne nions pas V 1 estre V 2 tresvéritable ce que S 2 dit sainct Augustin [...] (FR1560, II, 5, 15: 101 ˆ = FR1541, 2: 374 [I], id-par-307) In (222) wird der lt. AcI mit links versetztem Prädikativum necessariam esse und dem S 2 politiam aliquam im Französischen augenscheinlich umformuliert. Das S 2 wird zusammen mit einem nachgestellten Relativsatz quae [...] und der voranstehenden Angabe in omni hominum societate im Französischen in einen einzigen, nachgestellten und mit que subordinierten Satz überführt. (222) a. [...] si in omni hominum societate necessariam esse V 2 politiam S 2 aliquam videmus V 1 , quae ad alendam communem pacem, & retinendam concordiam valeat [...] (LT1559, IV, 10, 27: 322 ˆ = LT1539, 13, 28: 1063) b. [...] si nous S 1 voyons V 1 estre V 2 nécessaire qu’ S 2 en toutes compagnies des hommes il y ait quelque police pour entretenir paix et concorde entre eux [...] (FR1560, IV, 10, 27: 212 ˆ = FR1541, 15: 1562 [II], id-par-249) Dieser komplette que -Satz ist nun als nachstehender Bezugspunkt in S 2 -Funktion zum vorangehenden AcI zu sehen. Dies ergibt sich aus dem Pronominalisierungstest: si nous le voyons estre nécessaire/ si nous voyons que cela est nécessaire . Es sind zwei miteinander zusammenhängende Motive für diesen massiven, textstrukturellen Übersetzungseingriff auszumachen. Zum einen übersteigt die Komplexität des S 2 , welche im lateinischen Satz durch die freie Wortstellung am Beginn, in der Mitte und am Ende ermöglicht wird, offenbar die Akzeptanz für ein mögliches S 2 im Französischen. Das konstruierte Beispiel in (223) lässt sich in dieser Art nicht in den übrigen Belegen nachweisen: (223) ? ? si nous voyons [en toutes compagnies des hommes quelque police pour entretenir paix et concorde] estre nécessaire Zum anderen berücksichtigt die Stellung des S 2 in (223) nicht die Topikalisierung des lt. Prädikativums. Die Betonung liegt hier auf der in jeder menschlichen Gesellschaft erachteten Notwendigkeit, dass es eine öffentliche Gewalt geben muss. So sind also auch die eingesetzten sprachlichen Mittel und der Übersetzungseingriff zu verstehen. <?page no="369"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 357 Die anaphorischen S 2 treten im AcI weitaus häufiger auf. In der Ausgabe FR1541 sind 107 und in FR1560 173 Belege nachweisbar. Die im Französischen hierfür verwendeten Relativpronomen sind Formen von lequel, ce que und que . Aus Tab. 48 geht hervor, dass die Hälfte der Belege auf S 2 mit Formen von lequel zurückgehen und jeweils etwa ein Viertel auf ce que sowie que entfällt. Anaphorische S 2 Häufigkeit FR1541 % FR1560 % lequel/ lesquels/ laquelle/ lesquelles 63 58,89 100 57,80 ce que 25 23,36 38 21,97 que 19 17,76 35 20,23 Summe 107 100 173 100 Tab. 48 - Häufigkeit anaphorischer S 2 in FR1541 und FR1560 Die feminine Singularform laquelle überwiegt leicht im Paradigma, jedoch ist die maskuline Pluralform lesquels deutlich häufiger als die feminine Form. In der Gesamtsumme gleichen sich die Zahlen an, sodass insgesamt von einer gleichmäßigen Verteilung des Genus gesprochen werden kann. Das Antezedens unterliegt keiner Verwendungseinschränkung. Die etwas häufigeren Feminina repräsentieren abstrakte, unbelebte Entitäten, u. a. ordonnance, justice, évangile, institution du Baptesme, puissance, doctrine, domination, imposition des mains, communication, foy temporelle, disposition . Dass nun die maskuline Form lequel auch auf belebte Entitäten verweist, ist vor dem Hintergrund der Protagonisten in der Bibel wenig verwunderlich. So stehen u. a. Dieu, Moyse, diable, Jesus (Christ), Joseph im Mittelpunkt. Aber auch unbelebte Einheiten wie mystère, canon de l’Escriture, église und argument sind anzutreffen. Für Gougenheim ( 2 1974: 92) ist klar, warum das Relativpronomen lequel am häufigsten, auch außerhalb der AcI-Konstruktion, anzutreffen ist. Die Möglichkeit der Unterscheidung in Genus und Numerus ist ein entscheidender Faktor während des Latinisierungsvorgangs: Le succès de lequel chez les écrivains est dû à sa flexion plus riche que celle de qui , qui permet de distinguer le genre et le nombre et facilite ainsi l’imitation des pronoms relatifs latins. Quoique d’origine purement française, lequel était donc d’un grand secours pour ceux qui s’efforçaient de calquer la phrase française sur la phrase latine. (Gougenheim 2 1974: 92) <?page no="370"?> 358 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo Ein weiteres Motiv zur Wahl von lequel ist in der „clarté“ (Marmelstein 1921: 68) des sprachlichen Ausdrucks zu suchen. 80 Im zeitgenössischen Vergleich verwendet Calvin überdurchschnittlich häufig lequel , wie Huguet ([1894] 1967: 121) anmerkt. 81 Er sieht in der Verwendung das konsequente stilistische Ziel Calvins mit sprachlichen Mitteln eine starke Verbindlichkeit des Argumentationsstrangs zu gewährleisten. 82 Dies gelingt schließlich durch den Einsatz von lequel , welches stärker als qui den Rückbezug zum Antezedens markiert (vgl. Rey/ Duval/ Siouffi 2007: 236-237; Schafroth 1993: 100) und damit den Textfluss kohärenter erscheinen lässt (Goux 2019: 269). Die zahlreichen Verweise, die Calvin durch die Verwendung von Pronomen im lateinischen und französischen Text erzeugt, bedürfen unmissverständlicher Referenzierung. Im lt. Text sind grundsätzlich Akkusativformen der Pronomina qui (m., Nom. Sg.), quae (f.) und quod (n.) zu erwarten und nachweisbar, d. h. im Singular also quem , quam und quod sowie im Plural quos , quas und quae . Eine Ambiguität in der Interpretation des Antezedens wird konsequent vermieden und nach Möglichkeit wird die Satzstellung des lateinischen Originals gewahrt. Im Satzpaar in (224) lässt sich dies gut nachvollziehen. Beide lt. Relativpronomen quam beziehen sich in gleicher Weise auf das feminine Antezedens corporis praesentia (‘die Gegenwart des Leibes’), welches prominent zu Beginn des Satzes steht. (224) a. Ea (inquam) est corporis praesentia, quam Sacramenti ratio postulat: quam S 2 tanta virtute tantaque efficacia hic eminere V 2 dicimus V 1 , ut [...] (LT1559, IV, 17, 32: 376 ˆ = LT1539, 18, 30: 1010) b. Telle est la présence du corps que requiert le Sacrement, laquelle S 2 nous S 1 y disons V 1 estre V 2 et apparoistre V 2 en si grande vertu et efficace, que [...] (FR1560, IV, 17, 32: 420 ˆ = FR1541, 12: 1362 [II], id-par-2) Die Satzstruktur wird übertragen und während im ersten fr. Relativsatz kein Zweifel am Bezug von que besteht, ist die Ambiguität bei Setzung des gleichen Pronomens im zweiten Fall ungleich größer. Laquelle wird folglich zur eindeutigen Referenzierung des Leibes Christi verwendet. Einige Sätze erfahren in der Institution tiefgreifende Veränderungen. In (225) wird der Änderung im Lateinischen ( nugatores > rabulae ) ebenfalls im Französischen Rechnung getragen ( menteurs > brouillons ). Darüber hinaus wird aber 80 Grundsätzlich ist zu beobachten, dass im 16. Jh. die frühen ersten Sprachbetrachtungen nur knapp auf die Relativpronomen eingehen. Dies zeigt Schafroths (1993: 101-103) Stichprobe verschiedener Grammatiken in dieser Zeit. Der Gebrauch wird daher weniger durch grammatikalische Vorgaben als vielmehr stilistische Erwägungen bestimmt. 81 Schafroth (1993: 89) merkt auf Basis einer Beobachtung Marchello-Nizias (1979) die substanziell steigende Verwendung, die „im Zusammenhang mit der zunehmenden Verbreitung der Prosa zu sehen ist“, des Relativpronomens lequel im Unterschied zu qui seit altfranzösischer Zeit an. 82 Vgl. für diesen Gedanken Huguets auch Marmelstein (1921: 68), der eine vergleichbare Tendenz bei der Verwendung von iceluy, icelle, iceux u. icelles (außerhalb des AcI) feststellt. <?page no="371"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 359 auch das nachfolgende Verb und der Satzanschluss mit dem Relativpronomen im Französischen verändert. Zwar fungiert das Relativpronomen als S 1 zu testifier und rückt damit nicht in die hier im Fokus stehende Betrachtung des S 2 , doch belegt die Änderung Calvins die Sorge um eine potentielle Missverständlichkeit seiner Übersetzung. (225) a. 22. Sed eiusmodi nugatores , vel uno apostoli verbo pulchre refelluntur. Ecclesiam ille testatur , prophetarum et apostolorum fundamento sustineri . (LT1539, 1, 22: 294 ˆ = LT1559, I, 7, 2: 11) b. Mais telz menteurs sont aisement refutez par un seul mot de Sainct Paul, lequel testifie l’Eglise estre soustenue sus le fondement des Prophetes et Apostres. (FR1541, 1: 220 [I]) c. 2 - Or tels brouillons sont assez rembarrez par un seul mot de l’Apostre, c’est en ce qu’il dit que l’Eglise est soustenue des Prophètes et Apostres (Ephés. 2, 20). (FR1560, I, 7, 2: 93, id-par-490) So wird lequel zu c’est en ce qu’il dit abgeändert und der anschließende AcI in einen finiten Komplementsatz überführt. Denkbar wäre, dass der Überarbeiter an dieser Stelle aufgrund der zweifachen Bezugsmöglichkeit für lequel zögert. Sowohl un seul mot als auch der hier gemeinte Sainct Paul kämen in Frage. 83 Die anschließende Auflösung des AcI und die singulär verwendete Wendung c’est en ce qu’il dit lassen zudem eine nähesprachliche, diktierte Formulierung Calvins aufgrund seiner schweren Erkrankung in späteren Jahren plausibel erscheinen. Für ce que finden sich etwa zwei Dutzend Beispiele. Dabei kann sich ce que auf einen vorherigen Satzteil beziehen (vgl. 226), oder es ist direktes bzw. indirektes Objekt zu einem Verb (vgl. 227 und 228). (226) a. Verum, quo utilior est praeceptio, eo diligentius videndum est nobis, ne ipsa praepostere utamur: quod Philosophis quibusdam videmus accidisse . (LT1559, II, 1, 1: 57 ˆ = LT1539, 2, 1: 305) b. Mais d’autant que ce commandement est plus utile, d’autant nous faut-il plus diligemment garder de ne l’entendre mal, ce que nous voyons estre advenu à d’aucuns Philosophes. (FR1560, II, 1, 1: 7 ˆ = FR1541, 2: 247 [I], id-par-165) (227) a. Sancire enim haud dubie voluit caput illud, in quo praecipuum salutis nostrae cardinem verti sciebat. (LT1559, II, 15, 6: 128) b. Car il n’y a doute que Dieu n’ait voulu ratifier ce qu’il cognoissoit estre le principal appuy de nostre salut. (FR1560, II, 15, 6: 275, id-par-6028) 83 Die Belebtheit des Subjekts von testifier spielt diesbezüglich keine Rolle. Es ist im Korpus sowohl belebt als auch unbelebt mit dem AcI nachgewiesen. <?page no="372"?> 360 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo (228) a. Ac, quum incertus sit, quem sint exitum habitura, quae negotia aggreditur [...] ad id studio aspirabit, quod sibi expedire ducet, quantum intelligentia menteque assequi potest. (LT1559, I, 17, 9: 52 ˆ = LT1539, 8, 49: 898) b. Et pour ce que nous sommes incertains quelle issue nous aurons de ce que nous entreprenons [...] nous tendrons à ce que nous penserons nous estre profitable, d’autant que nostre intelligence se peut estendre. (FR1560, I, 17, 9: 247 ˆ = FR1541, 8: 1110 [II], id-par-277) Die Sätze in (227) und (228) unterscheiden sich in der syntaktischen Analyse von (226). Während in (226) das Pronomen ce que mit dem anschließenden AcI- Satz auf das Antezedens derart unabhängig verweist, dass es auch weggelassen werden könnte, ist der Relativsatz in den anderen beiden Beispielen als Objekt obligatorisch. Zudem könnte ce in dieser Zeit auch als alleiniges Objekt und que in der Funktion des Relativpronomens aufgefasst werden. Insgesamt zeigt die Betrachtung der anaphorischen und kataphorischen S 2 eine eindeutige Strategie zur Referenzierung im Übersetzungsprozess, die inhaltlichen Missverständnissen vorbeugen soll. Die Übertragung der Genera und des Numerus orientiert sich in vielen Fällen präzise am lateinischen Original. 6.1.4.4 Objektklitika Die direkten Objektpronomen le, la, les werden innerhalb des AcI als S 2 verwendet. Wenngleich sie an anderer Stelle als Prädikativum (z. B. in il l’est ), eingesetzt werden können, markieren sie im AcI die Akkusativfunktion. Dies ist daran ersichtlich, dass sie auch ohne den Infinitiv, also außerhalb des AcI, mit dem jeweiligen regierenden (und transitiven) Verb verwendet werden können. 84 Tab. 49 zeigt eine insgesamt geringe Häufigkeit pronominaler S 2 im fr. AcI der Institution . Wenig überaschend ist le in über der Hälfte der Fälle nachgewiesen. Objektklitika (S 2 ) Häufigkeit FR1541 % FR1560 % le 16 57,14 17 51,51 les 7 25,0 8 24,24 la 5 17,86 8 24,24 Summe 28 100 33 100 Tab. 49 - Häufigkeit der direkten Objektklitika (S 2 ) in FR1541 und FR1560 84 Neben der auf die lt. Wortform zurückgehenden Bezeichnung des Akkusativs lässt sich in der französischsprachigen Literatur vom direkten Obliquus ( cas régime direct ) sprechen. Dieser ist von den indirekt obliquen Formen ( cas régime indirect ) abzugrenzen (u. a. mit lui u. leur ). Vgl. hierzu das Paradigma persönlicher Pronomina bei Guillot-Barbance (2020: 687-688). <?page no="373"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 361 Die folgenden Übersetzungsbeispiele bestätigen zudem, dass den französischen Übersetzungen mit diesen Pronomen lateinische Akkusativformen zugrunde liegen. Das Pronomen le ist exemplarisch im Satzpaar (229) zu sehen, in welchem es, dem lt. Modell folgend, auf „den häufigen Gebrauch des Abendmahls“ verweist: (229) a. 45. His scilicet constitutionibus volebant sancti viri retinere ac tueri frequentem communionis usum, ab ipsis Apostolis traditum: quem fidelibus maxime salutarem esse , vulgi autem negligentia sensim obsolescere videbant . (LT1559, IV, 17, 45: 381) b. 45 - Il est aisé à voir que par ces statuts les saincts Pères ont voulu entretenir l’usage fréquent de la Cène, tel qu’il avoit esté institué depuis le temps des Apostres, d’autant qu’ ils le voyoyent estre profitable au peuple de Dieu; et néantmoins que par négligence on le délaissoit petit à petit. (FR1560, IV, 17, 45: 441, id-par-4039) In der Verwendungsweise der direkten Objektpronomina ist auffällig, dass das V 2 sehr häufig estre in Verbund mit einem Adjektiv ist. Die passivierte Form aus estre und Partizip sowie andere (Voll-)Verben sind mit diesem Pronomen im AcI selten anzutreffen. Dies zeigt, dass in der Institution der gelehrte AcI mit den typischen verbalen Hauptklassen und direktem Objektpronomen in S 2 -Funktion bevorzugt in prädikativer Verwendung vorkommt. In (230) wird das Pronomen le ebenfalls als S 2 verwendet. Allerdings ist es nicht das Ergebnis einer direkten Übersetzung, sondern das Resultat einer Veränderung des Satzsubjekts. Im lt. Satz bezieht sich quod auf das Antezedens cordis und schließt mit dem intransitiven exultet ohne AcI an. (230) a. Pervicaciam cordis nostri ostendit, quod in Legis divinae rebellionem naturaliter exultet , nisi flectatur. (LT1559, II, 3, 9: 73 ˆ = LT1539, 2, 55: 342) b. il [Salomon] monstre la contumace de nostre cœur, en ce que naturellement il le confesse estre rebelle contre Dieu et sa Loy, sinon qu’il soit fleschi au contraire. (FR1560, II, 3, 9: 66 ˆ = FR1541, 2: 325 [I], id-par-284) In der französischen Übersetzung entscheidet sich Calvin hingegen dafür, das Subjekt des Nebensatzes an das des Hauptsatzes (Salomon) anzupassen. Dies mündet in der Einführung eines fr. AcI mit confesser , der durch das voranstehende en ce que naturellement explizit als Gegenstand einer indirekten Redewiedergabe markiert wird. Der Bezug zum vorhergehenden Nomen cœur wird sodann über das direkte Objektpronomen hergestellt. Die Mehrheit der Beispiele zeigt im lateinischen Text ein Demonstrativpronomen in S 2 -Funktion. Die französischen Übersetzungen, die dann eines der drei direkten Objektpronomen le , la , oder les verwenden, verhalten sich unauffällig. Da die lt. Pronomen jedoch unterschiedliche Hinweisfunktionen übernehmen, ist anzumerken, dass dies im Translationsprozess nicht berücksichtigt wird: zum <?page no="374"?> 362 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo Beispiel bezeichnet lt. eum ( is, ea, id ) ‘ihn/ denjenigen’, lt. illum ( ille, illa, illud ) ‘jenen’ und lt. ipsum ( ipse, ipsa, ipsum ) ‘ihn selbst’ (vgl. 231-233). 85 (231) a. [...] ubi eum hostiam fecit Patri acceptam, propitiatorem iustitiae, salutisque auctorem . (LT1559, IV, 15, 7: 351 ˆ = LT1539, 11, 7: 961) b. En quoy il l’a confessé, avoué et tesmoigné estre le sacrifice agréable au Père, estre Propiciateur, estre Sauveur. (FR1560, IV, 15, 7: 323 ˆ = FR1541, 11: 1255 [II], id-par-327) (232) a. Minime vero, sed quomodo paulo ante posuerat, illum dum agnoscimus nobis datum esse in iustitiam. (LT1559, III, 15, 5: 208 ˆ = LT1539, 6, 53: 772) b. Ce n’est pas cela; mais comme il avoit dit auparavant: quand nous le recognoissons nous estre donné à justice (I Cor. I, 30). (FR1560, III, 15, 5: 269 ˆ = FR1541, 6: 892 [I], id-par-205) (233) a. Hunc igitur sensum atque affectum induere nos oportet, ut ipsam reponamus inter minime respuenda divinae benignitatis dona. (LT1559, III, 9, 3: 187 ˆ = LT1539, 17, 28: 1145) b. Parquoy il faut que nous ayons ce sentiment et affection, de la réputer estre don de la bénignité divine, lequel n’est point à refuser. (FR1560, III, 9, 3: 192 ˆ = FR1541, 17: 1699 [II], id-par-323) Die Position des direkten Objektpronomens im fr. AcI-Satz ist eindeutig und in allen Belegen gleich. In den Fällen, in denen das Pronomen nicht zwischen S 1 und V 1 , sondern vor dem V 2 steht, handelt es sich im Französischen um keinen AcI. Im nachfolgenden Beispiel ist entsprechend das fr. Verb revestir als erweiterter Infinitiv zum vorhergehenden avoit décrété aufzufassen. (234) a. Hominem vult creatum esse ad imaginem Dei, quia formatus fuerit ad exemplar futuri Christi, ut illum referret, quem iam Pater carne vestire decreverat . (LT1559: II, 12, 6: 120) b. [...] c’est que l’homme a esté créé à l’image de Dieu, d’autant qu’il a esté formé au patron de Christ, afin de le représenter en la nature humaine, de laquelle désja le Père avoit décrété le revestir . (FR1560: II, 12, 6: 239) 6.1.4.5 Reflexiva Überblick und Einordnung Bezüglich der Häufigkeit einzelner Reflexivpronomen in S 2 -Funktion in fr. AcI- Konstruktionen ist ein deutliches Ungleichgewicht festzustellen (vgl. Tab. 50). 85 Der fr. Satz in (231) ist eine freie Umformulierung des lt. Modells, welches keinen AcI, sondern einen doppelten Akkusativ beinhaltet. <?page no="375"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 363 Denn 87,3% (FR1541) bzw. 91,1% (FR1560) aller Belege entfallen auf das Reflexivpronomen se . 86 Reflexivpronomen (S 2 ) Häufigkeit FR1541 % FR1560 % se (Pl.) 22 41,51 29 51,79 se (Sg.) 26 49,06 22 39,29 nous 4 7,55 3 5,36 me 1 1,89 1 1,79 te 0 0 1 1,79 Summe 53 100 56 100 Tab. 50 - Häufigkeit reflexivpronominaler S 2 in FR1541 und FR1560 Nous ist 1541 mit vier Belegen und 1560 mit drei Belegen vertreten. Es konnte bereits im Auswertungsteil zum V 1 beobachtet werden, dass gelegentlich nous vom Übersetzer zur direkten Referenzierung der calvinistischen Gemeinde einer unpersönlichen Konstruktion vorgezogen wurde. Die direkte Anrede dieser Gemeinschaft durch vous ist mit dem AcI hingegen nicht belegt. Sie findet sich regelmäßig, aber dennoch nicht übermäßig, im Textverlauf und außerhalb des AcI in der (satzeinleitenden) Formulierung der Entrüstung „je vous prie“ (48 Mal in FR1560). Der Großteil der insgesamt 514 Belege für vous in der Institution entfällt auf die direkte Rede zahlreicher Bibelzitate. Dies steht zugleich im Einklang mit der generellen Beobachtung, dass die AcI-Konstruktion kaum in solchen Zitaten vertreten ist (vgl. Kap. 6.1.8.4). Die vereinzelte Verwendung von me und te unterstreicht den sachlichen Gesamtcharakter des Werks und setzt es von anderen Textgenres wie der Briefkorrespondenz markant ab. Die Reflexiva me, te, nous Zunächst werden die nur wenige Male belegten Fälle mit me, te und nous betrachtet, bevor auf die hauptsächliche Verwendung mit se eingegangen wird. Bei der Erfassung der AcI-Belege muss beachtet werden, dass in Gegenwart eines bereits vorhandenen S 2 ein Reflexivpronomen auch in Dativfunktion aufgefasst werden kann. In (235b) wird beispielsweise die Funktion des S 2 durch einen kataphorischen Verweis mit ce que eingenommen, welcher verhindert, dass me im Akkusativ und als S 2 auftritt. Die Analyse von me in Dativfunktion wird zudem durch den frappierend ähnlich aufgebauten lt. Quellsatz gestützt (vgl. 235a). 86 Es ist ein geringfügiger Rückgang der Singularformen des se -Pronomens und eine leichte Zunahme der Pluralformen von FR1541 zu FR1560 festzustellen. Diese Abweichung resultiert aus neuen Textpassagen in FR1560 und hat keine weitere Relevanz für die Auswertung. <?page no="376"?> 364 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo (235) a. Ego autem confido me germanam intelligentiam assequutum, si tamen mihi verum esse conceditur , quod alicubi verissime ab Augustino scriptum est [...] (LT1559, II, 7, 17: 90 ˆ = LT1539, 4, 105: 436) b. Or je me confie d’avoir trouvé la vraye intelligence, si on me confesse estre vray ce qu’ escrit en quelque lieu tres-véritablement sainct Augustin [...] (FR1560, II, 7, 17: 132 ˆ = FR1541, 3: 506 [I], id-par-315) Die beiden im Korpus mit me belegten AcI-Konstruktionen sowie der Einzelbeleg mit te sind in zwei Fällen in Bibelzitaten nachgewiesen (vgl. Kap. 6.1.8.4). In (236) handelt es sich um ein Zitat des Heiligen Augustinus am Ende eines von Calvin an die Leserschaft gerichteten Briefs, welcher der Institution vorangestellt ist. (236) a. Augustinus Epist. 7. Ego ex eorum numero me esse profiteor qui scribunt proficiendo, & scribendo proficiunt; (LT1559, I: [VIII], Johannes Calvinus Lectori ) b. S. Augustin en l’épistre 7. Je me confesse estre du reng de ceux qui escrivent en profitant, et profitent en escrivant. (FR1560, I: 24, Jean Calvin au lecteur ) Das in Akkusativfunktion stehende Reflexivpronomen me (S 2 ) ist koreferentiell mit dem Subjektpronomen je (S 1 ). Koreferentielle S 2 sind, wie bereits Stimming feststellt, ein starkes Zeichen für einen AcI gelehrter Herkunft. In (236) wird dies durch den lateinischen von profiteor abhängigen AcI bestätigt. Die Positionierung des Zitats sowie des übertragenen AcI zum Abschluss des an den gelehrten wie auch weniger gebildeten Leser gerichteten Briefes ist zudem nicht zufällig (vgl. Kap. 6.1.8.3). Wie wichtig die Übersetzungsgrundlage für die Bildung der fr. AcI-Konstruktionen ist, wird in (237) deutlich. In dem Quadrupel wird lt. nos (LT1539) mit fr. nous (FR1541) übersetzt, bevor die lateinische Passage mit se reformuliert und der französische Text (FR1560) adäquat (und mit Einführung eines zweiten V 1 im Satz) angepasst wird. (237) a. Ergo si peccatorum mole premi nos ac laborare intelligimus; si rebus omnibus vacuos inspicimus [...] (LT1539, 9, 10: 909) b. Si nous nous sentons grevez et chargez de pechez, si nous nous voyons estre imparfaictz et vuides de toutes choses [...] (FR1541, 9: 1143 [II]) c. Quantumvis enim gravi scelerum mole premi se vel laborare sentiant fideles, nec modo rebus omnibus vacuos [...] (LT1559, III, 20, 12: 224) d. Car combien que les fidèles se sentent quasi accablez du grand amas de leurs péchez, et que non seulement ils se cognoissent estre vuydes de tous biens [...] (FR1560, III, 20, 12: 344, id-par-366) Der Hapaxbeleg mit te als S 2 in (238) steht in Abhängigkeit des V 1 confesser : (238) a. Sic tu, inter eos stans qui oratione se ad sumendum sacro sanctum cibum praeparant, te unum esse ex eorum numero, eo ipso quod non abscessisti, <?page no="377"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 365 confessus es , tandem non participas: nonne satius foret te non comparuisse? (LT1559, IV, 17, 45: 381) b. Tu assistes icy entre ceux qui par oraison se préparent à recevoir le Sacrement, et entant que tu ne te retires point, tu te confesses estre de leur nombre et à la fin tu ne participes point avec eux; ne seroit il point meilleur que tu n’y fusses point comparu? (FR1560, IV, 17, 45: 442, id-par-4016) Es handelt sich auch hier um einen AcI, der durch die Übersetzung in das Französische übertragen wird. Ein Unterschied besteht im Prädikativum, welches im Französischen de leur nombre ist und im lt. Satz unum [...] ex eorum numero . Das lt. Modell, der Satzsinn sowie ein fehlendes Objekt schließen eine echt-reflexive Verwendung von confesser als z. B. ‘sich anvertrauen’ aus. Das Reflexivum se In den fr. AcI entfallen neun von zehn Reflexivpronomen in S 2 -Funktion auf se im Singular und Plural. Diese rund 50 Belege stellen eine Koreferenz zwischen dem S 2 und dem S 1 des übergeordneten Satzteils her. Die koreferente Verwendung des Reflexivpronomens im AcI ist laut Stimming (1915: 119) ein Charakteristikum des gelehrten Gebrauchs, welches seine Wurzeln im klassisch-lateinischen AcI hat. 87 Die ererbte Form lässt hingegen die Verwendung eines Reflexivpronomens nur dann zu, wenn die verwendete Person sich vom Subjekt des regierenden Verbs unterscheidet (vgl. 239). 88 (239) a. Il te voit chanter. (ererbter Typus) b. Il se voit chanter. (gelehrter Typus) In der Institution ist ausschließlich der gelehrte Typus mit unterschiedlichen Verbklassen nachgewiesen (vgl. exemplarisch 240). 87 Die Verwendung des Reflexivpronomens stellt auch in der Latinistik Gegenstand zur Diskussion dar. Vgl. zum Paradigma nicht-reflexiver und reflexiver Personalpronomen Landgraf/ Leitschuh ( 35 1965: 41) und zur Verwendung in S 2 -Funktion Landgraf/ Leitschuh ( 35 1965: 164) als auch Rubenbauer/ Hofmann ( 12 2007: 193). Letztere weisen darauf hin, dass „der AcI nicht als Nebensatz, sondern als Satzglied gilt (nicht durch ein Komma abgetrennt! )“ und daher beim Bezug des S 2 auf das Subjekt des Satzes (S 1 ) die reflexiven Formen verwendet werden müssen. Touratier/ Liebermann (2013: 280-282) machen zudem auf die Unterschiede in direkter und indirekter Reflexivität in AcI-Sätzen aufmerksam. Vgl. weiterführend zur Diskussion des Status der Reflexivpronomina im Latein Fruyt (1987) und Reichenkron (1933) sowie im mittelalterlichen Französisch Gamillscheg (1957), Jensen (1990), Stéfanini (1962) und Wolfsgruber (2017). 88 Die Subjektverschiedenheit in der ererbten AcI-Form gilt sowohl in Bezug auf das ältere Französisch (vgl. Stimming 1915: 119) als auch auf die im modernen Französisch erhaltene Form (vgl. Riegel/ Pellat/ Rioul 6 2016: 830-833). <?page no="378"?> 366 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo (240) a. [...] se filios eius non degeneres esse probant . (LT1559, III, 18, 1: 217 ˆ = LT1539, 6, 77: 793) b. [...] ils se déclairent estre ses enfans légitimes. (FR1560, III, 18, 1: 299 ˆ = FR1541, 6: 935 [I], id-par-53) Neben déclarer kommen auch certifier, confesser, confier, considérer, cuider, démonstrer, dire, penser, réputer, reconnoistre/ connoistre, souhaiter, témoigner , voir (II) 89 und vanter mit se in S 2 -Funktion vor. Bemerkenswert ist, dass für die große Mehrheit dieser Belege ein lt. AcI mit se zugrunde liegt, sodass in diesen Fällen der Einfluss der lt. Übersetzungsgrundlage ersichtlich wird. In manchen wenigen Fällen erlaubt die Präsenz des Reflexivpronomens se , welches im Französischen sowohl Akkusativals auch Dativfunktion einnimmt, das V 1 in direkt-reflexiver Bedeutung aufzufassen, sodass das Reflexivum nicht mehr in S 2 -Funktion steht. 90 Der Infinitiv ist in diesen Fällen als Kern einer präpositionslos angeschlossenen Infinitivgruppe zu bewerten. Ohne eine lateinische Übersetzungsgrundlage muss im Französischen die Dativ- oder Akkusativfunktion kontextsensibel ermittelt werden. In (241) liegt mit ce qu’il se dit estre la clarté du monde [...] ein Autolatinismus innerhalb eines Relativsatzes vor, der als Subjekt des Satzes ( n’est point spécial... ) eine Bibelstelle indirekt paraphrasiert. 91 (241) a. Denique quod lux mundi, pastor bonus, unicum ostium, vitis vera nuncupatur. (LT1539, 4, 15: 521 ˆ = LT1559, II, 14, 3: 124) b. [...] qu’il est la Lumiere du monde, bon Pasteur, Huys unique, et Vigne. (FR1541, 4: 625 [I]) c. [...] finalement, ce qu’il se dit estre la clarté du monde ( Jean 9, 5), bon pasteur, le seul huis et la vraye vigne ( Jean 10, 9-11; 15, 1), n’est point spécial ny à la déité ny à l’humanité; (FR1560, II, 14, 3: 255, id-par-372) Das Pronomen se ist das einzig mögliche S 2 für den AcI. Eine Interpretation in Form einer angeschlossenen Infinitivgruppe ( il se dit [estre la clarté du monde] ‘er sagt sich, das Licht der Welt zu sein’) ist aufgrund der kontextuellen Bedeutung nicht möglich. Der Herrgott spricht hier nicht zu sich selbst ( se dire ), sondern trifft eine Aussage, in welcher er Subjekt des untergeordneten Satzes ist: ‘er sagt, 89 Es ist nur Typ II von voir mit se in S 2 -Funktion nachgewiesen. Erwartungsgemäß gibt es keine Belege mit der rein physischen Wahrnehmung (Typ III), die den ererbten AcI repräsentiert. Auch voir (I), welches ein Subjekt mit abstrakten Eigenschaften aufweist, kommt nicht vor. Das Reflexivpronomen bezieht sich stets auf eine konkrete Entität in der dritten Person. 90 Im Lateinischen sind die Pronomen im Dativ und Akkusativ morphologisch und funktional klar getrennt. Im Dativ sibi : Antonius mihi te simillimum dixit sibi videri. (Cicero, De Oratore , 3, 47, zit. n. Perseus) bzw. Nemo dicit sibi: [...] (Seneca, De Ira , 3, 12, zit. n. Perseus), im Akkusativ se : credit se esse beatum (Touratier/ Liebermann 2013: 280). 91 Die Originaltextstelle im Johannesevangelium lautet: „Pendant que je suis dans le monde, je suis la lumière du monde“ (vgl. Jean 9, 5, Olivétan 1535). <?page no="379"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 367 dass er das Licht der Welt sei’. In (242) tritt fr. se schließlich als Dativ bei gleicher Oberflächenrepräsentation auf. (242) a. [...] ut usurpet quantum sibi licere videat . (LT1539, 17, 32: 1149 ˆ = LT1559, III, 10, 1: 188) b. [...] chacun d’en user comme elle se verra estre licite . (FR1560, III, 10, 1: 198 ˆ = FR1541, 17: 1708 [II], id-par-245) Diesen Rückschluss legt der Originaltext nahe, in welchem lt. sibi im Dativ steht. Stünde der französische Satz ohne eine Übersetzungsgrundlage, wäre eine ambige Interpretation möglich und se auch in S 2 -Funktion analysierbar. Sicherheit in der Bewertung verschaffen teilweise weitere Konstituenten, die als S 2 fungieren können. In (243) übernimmt fr. lequel sowie lt. quod die Funktion des S 2 und schafft einen anaphorischen Bezug. (243) a. At quanti putamus referre, suum Domino regnum eripi, quod S 2 tanta severitate sibi asserit V 2 ? (LT1539, 14: 1060 ˆ = LT1559, IV, 10, 23: 321) b. Mais pensons-nous que ce soit chose de petite conséquence, de ravir à Dieu son royaume, lequel S 2 il S 1 se veut V 1 sur toutes choses estre conservé V 2 ? (FR1560, IV, 10, 23: 209 ˆ = FR1541, 15: 1557 [II], id-par-394) Im lt. Satz ist sibi zweifelsfrei als Dativ zu identifizieren. Dies gilt vor dem Hintergrund der Präsenz von lequel auch für das fr. Pronomen se . 92 Die Position von se in S 2 -Funktion ist auf die Stelle vor dem regierenden Verb eingeschränkt. In wenigen Fällen entsteht wie in (244) durch den Übersetzungsvorgang in der Ausgabe FR1541 ein Latinismus, der aufgrund der eigentlichen Reflexivität des Infinitivs (V 2 ) in FR1560 aufgelöst wird. (244) a. [...] ne se S 2 necessitate excusatos V 2 putent V 1 [...] (LT1539, 2, 76: 357 ˆ = LT1559, II, 5, 1: 77) b. [...] il ne fault point qu’ ilz S 1 se S 2 pensent V 1 excuser V 2 par necessité [...] (FR1541, 2: 353 [I]) c. [...] qu’ ils S 1 ne pensent V 1 point s’excuser V 2 sous ombre de nécessité [...] (FR1560, II, 5, 1: 84, id-par-481) Der AcI in (244b) liegt jedoch an der Grenze der Akzeptabilität und ist als solcher nur mit einem angenommenen ausgelassenen Reflexivpronomen vor excuser zu bewerten, also: ilz se pensent s’excuser bzw. ilz pensent qu’ilz s’excusent . Die Korrektur geschieht hier im Sinne der sprachlichen Akzeptabilität des Autors und zeigt, dass nicht jeder übertragene Latinismus um den Preis des höheren Prestiges im Französischen eingeführt bzw. beibehalten wird. Ohne die Präsenz eines lt. AcI ist die Einstufung als AcI jedoch nicht immer möglich, wie die beiden Beispiele (245) und (246) mit oser zeigen. 92 Die Funktion des S 2 kann auch von einem direkten Objektpronomen getragen werden, sodass se als direktes Reflexivpronomen zum V 1 im Dativ zu verstehen ist (vgl. zuvor 108). <?page no="380"?> 368 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo (245) a. [...] sont si effrontez qu’ilz se osent mesmes armer de telz passages. (FR1541, 5: 753 [I]) b. [...] en ce qu’ ils s’arment du mot de Confession, qui emporte simplement louange de Dieu, pour couvrir leur tyrannie. (FR1560, III, 4, 9: 107) (246) a. Mirum profecto si homo, tantae ignominiae damnatus, audet sibi adhuc reliquum aliquid facere . (LT1559, III, 14, 5: 202) b. C’est merveille si l’homme, estant condamné d’une telle ignominie, s’ose encore attribuer quelque chose de reste. (FR1560, III, 14, 5: 249) In (245) gehört se zum Infinitiv armer und wird durch die Überarbeitung in der Ausgabe FR1560 entsprechend belegt. Ebenso ist in (246) das Reflexivpronomen trotz seiner Position vor dem Prädikat dem Infinitiv attribuer in Dativfunktion zuzuordnen. Das Verb confier existiert in teilreflexiver Bedeutung (vgl. Rey 2024: ‘confier’). Die funktionale Trennung wird bei diesem Verb im Vergleich dreier Fälle in der Institution besonders transparent und zeigt, dass die reflexive Verwendung von se nicht zusätzlich zu der S 2 -Funktion im AcI vorkommt. Die Bedeutung von se bezieht sich dann wie in (247) nicht mehr alleine auf das V 1 , sondern auf die Subjektgleichheit im über- und untergeordneten Satz. (247) a. [...] sed quia iustum se S 2 esse V 2 confidit V 1 , discedit à facie Dei ingratus & odiosus. (LT1559, III, 12, 7: 199 ˆ = LT1539, 6, 21: 751) b. [...] mais pource qu’il S 1 se S 2 confie V 1 estre V 2 juste par œuvres, il s’en retourne abominable à Dieu. (FR1560, III, 12, 7: 238 ˆ = FR1541, 6: 851 [I], id-par-338) Die Analyse von se als S 2 im fr. Satz wird zum einen durch die Beobachtung getragen, dass se im lt. Satz im Akkusativ steht und es sich um eine von confidit abhängige AcI-Konstruktion handelt. Zum anderen zeigt der präpositionale Anschluss ( de ) der unterschiedlichen Infinitivgruppen in drei Stichprobenbeispielen (vgl. 248), dass eine Differenzierung Calvins zum echt reflexiven Verb se confier vorliegt. Die Präposition fehlt in (247) folglich mit einiger Wahrscheinlichkeit nicht zufällig. (248) a. [...] sinon qu’ il se confie d’ estre receu à mercy de pure miséricorde. (FR1560, III, 20, 9: 339) b. Ayant ainsi cogneu Dieu, pource qu’elle sait qu’il gouverne tout, elle se confie d’ estre en la garde et protection d’iceluy [...] (FR1560, I, 2, 2: 57) c. [...] d’autant qu’ ils se confient d’ effacer leurs péchez par des badinages qu’ils appellent satisfactions; [...] (FR1560, I, 4, 4: 67) Auch in Präsenz eines lexikalischen S 2 ist die reflexive Bedeutung belegt (vgl. 249). Bemerkenswert ist hier die Auflösung des AcI in einen Objektsatz mit que , der weiterhin von dem reflexiven Prädikat se confiera abhängt. <?page no="381"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 369 (249) a. Quis peccata S 2 sibi Dat remissa V 2 confidat V 1 , ubi novam remissionem viderit? (LT1539, 12, 55: 1027 ˆ = LT1559, IV, 18, 6: 384) b. Qui se confiera V 1 ses pechez S 2 y avoir esté remis V 2 , quand il verra une autre rémission? c. Qui se confiera V 1 que ses péchez S 2 luy Dat ayent estimée V 2 par je ne say quelle vaine pompe, afin de ne (FR1560, IV, 18, 6: 454 ˆ = FR1541, 12: 1388 [II], id-par-449) Das Motiv des Übersetzungseingriffs ist nicht mit Exaktheit zu bestimmen, jedoch ließe die Präsenz zweier potentieller S 2 -Konstitutenten ( se und ses pechez ) in FR1541 die bewusste Vermeidung eines Missverständnisses vermuten. Die Veränderung in FR1560 trägt zudem das Dativpronomen sibi im französischen Komplementsatz adäquat in Form von luy nach. In (250) stimmen die lateinischen Ausgaben LT1539 und LT1559 überein und zeigen keine tiefgreifenderen Veränderungen. Sie werden erst in der Ausgabe FR1560 wortgetreu wiedergegeben, denn FR1541 ist an dieser Stelle entschieden freier von Calvin formuliert worden. (250) a. Verum quum de corpore et sanguine suo distincte loquatur Christus, modum autem praesentiae non describat, quomodo ex re ambigua certo conficient quid volunt? (LT1539, 12, 31: 1011 ˆ = LT1559, IV, 17, 35: 378) b. Car quoy qu’ilz veuillent contreindre par les motz de corps et de sang, qui sera celuy de sain et sobre entendement qui se persuade V 1 le corps S 2 de Christ estre V 2 Christ? (FR1541, 12: 1364 [II]) c. Mais puisque Iesus Christ parle distinctement de son corps et de son sang, sans spécifier la façon de la présence, que conclurront-ils d’une [...] (FR1560, IV, 17, 35: 428, id-par-433) Die erste fr. Übersetzung weist einen Autolatinismus auf, der vom reflexiven Prädikat se persuader abhängt. Auch hier tritt also se nicht in S 2 -Funktion auf. Die geringe Anzahl an Autolatinismen mit se S 2 , noch dazu mit sehr häufigen Verben wie dire, penser oder recognoistre bedeutet, dass sich diese Verwendungsart zu einem hohen Grad am lt. AcI orientiert und diesbezüglich wenig sprachliche Kreativität zu beobachten ist. Auch im Quadrupel (251) liegt ein lt. Modell vor, das jedoch erst auf den zweiten Blick, unter Annahme einer Auslassung von esse , als solches erkennbar wird. (251) a. [...] rursus infinitis vitiis se abundare , quibus ∅ esse purus antea videbatur . (LT1559, II, 7, 6: 88 ˆ = LT1539, 3, 94: 429) b. [...] et au contraire qu’il est plein de vices, desquels il se pensoit estre pur auparavant. (FR1560, II, 7, 6: 121 ˆ = FR1541, 3: 493 [I], id-par-281) Da penser nicht als echt reflexives Verb auftritt (vgl. Gougenheim 2 1974: 127-128), wäre auch ohne lt. Modell die AcI-Funktion des fr. Teilsatzes klar. So müsste <?page no="382"?> 370 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo die Reformulierung mit que wie folgt lauten: il pensoit qu’il était pur des vices auparavant (‘er glaubte, dass er zuvor frei von Lastern war’). Der AcI ist auch an anderer Stelle mit einem wortwörtlich transferierten lt. Modell belegt: (252) a. Quis enim cogitet se morte Christi redemptum esse , ubi novam in Missa redemptionem viderit? (LT1559, IV, 18, 6: 384 ˆ = LT1539, 12, 55: 1027) b. Car qui se pensera estre racheté par la mort de Jesus Christ, quand il verra en la Messe une nouvelle rédemption? (FR1560, IV, 18, 6: 454 ˆ = FR1541, 12: 1388 [II], id-par-283) 6.1.4.6 Demonstrativa Die Demonstrativa werden in diesem Abschnitt hinsichtlich ihrer pronominalen Verwendung im AcI ausgewertet. 93 Sie können dabei alleinig die S 2 -Funktion einnehmen und kommen in etwa so häufig wie die zuvor behandelten Objektklitika vor. Tab. 51 zeigt die Präsenz fast aller pronominaler Demonstrativa, die im 16. Jahrhundert verwendet werden. 94 Es fehlen die maskuline Nebenform cil zu celui sowie die beiden femininen Singular und Pluralformen celle(s) . Die Tabelle gibt, nach dem Genus gruppiert, die Häufigkeit der Demonstrativa in S 2 -Funktion wieder. Den ersten Rang nimmt dabei in über der Hälfte der Fälle (50% FR1541, 66,7% FR1560) das neutrale Pronomen cela ein. Die genusneutralen Demonstrativa cecy und ce sind ebenfalls belegt, jedoch handelt es sich hierbei um Einzelfälle. 95 93 Vgl. zur Entwicklung der Demonstrativa Bürk (2020: 217), Carlier u. a. (2020: 1567), Gamillscheg (1957: 146), Guillot-Barbance (2020: 694), Lardon/ Thomine (2009: 120), Marchello-Nizia (1995: 151-179), Rheinfelder ( 2 1976: 133) und Wolf/ Hupka (1981: 112-113). 94 Im 16. Jh. sind neben dem neutralen Pronomen ce und seinen verstärkten Formen cela und ceci die maskulinen Singularformen cestui (CIST-Paradigma) und celui/ cil (CIL-Paradigma), die gemeinsame maskuline Pluralform ceus , die beiden femininen Singularformen ceste (CIST- Paradigma) und celle (CIL-Paradigma) sowie schließlich die gemeinsame feminine Pluralform celles in S 2 -Funktion des AcI zu erwarten (vgl. Bürk 2020: 325; Gougenheim 2 1974; Lardon/ Thomine 2009; Wunderli 1980a,b). Das Pronominalsystem entspricht bereits weitestgehend dem heutigen Gebrauch. Die beiden aus dem CIST-Paradigma stammenden Formen cestui sowie ceste sollen im 16. Jh. noch häufig vorkommen und werden schließlich im Laufe des 17. Jh. unter wachsendem Normierungsdruck abgebaut (Bürk 2020: 325-326). Vgl. Huguet ([1894] 1967: 84) und Lardon/ Thomine (2009: 127) für eine Häufung von cestuy bei Rabelais und Calvin. 95 Das neutrale Pronomen ce ist laut Gougenheim im 16. Jh. insgesamt noch deutlich häufiger anzutreffen und die eigentlich stärker fokussierende Form cela in Kontexten, die im heutigen Sprachgebrauch ein ce erwarten lassen (vgl. Gougenheim 2 1974: 79-80). Darüber hinaus scheint ihm zufolge ce bevorzugt mit infiniten Verbformen zu stehen, was vor dem Hintergrund meiner Analyse nicht mit dem AcI der Fall ist. Bei Stimming findet sich unterdes nur ein einziges Beispiel aus dem aus dem Latein übersetzten Dialogues Grégoire lo Pape : mais nekedent ge demande ce estre espons plus engueilment [sed tamen hoc planius exponi postulo] (Grégoire, zit. n. Stimming 1915: 117). <?page no="383"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 371 Demonstrativa (S 2 ) Häufigkeit FR1541 % FR1560 % cela (n.) 13 50,00 14 66,67 ceci/ cecy (n.) 2 7,69 3 14,29 ce (n.) 2 7,69 1 4,76 ceux (m., Pl.) 5 19,23 2 9,52 cestui/ cestuy (‘celui-ci’) (m.) 1 3,85 0 0 celui/ celuy (m.) 1 3,85 0 0 ceste (f.) 2 7,69 1 4,76 Summe 26 100 21 100 Tab. 51 - Häufigkeit demonstrativpronominaler S 2 in FR1541 und FR1560 Vereinzelte Nennungen sind auch für die Maskulina cestuy , celuy , ceux ebenso wie das feminine Pronomen ceste festzustellen. Dabei kann für ce, ceux, cestuy, celuy, ceste eine Entfernung im Übergang von der Ausgabe FR1541 zu FR1560 beobachtet werden. Stabil halten sich lediglich die beiden neutralen Formen cecy und cela . 96 Zwei Dinge lassen sich im Gesamtüberblick für die Verwendung der Demonstrativa S 2 -Funktion in der Institution feststellen. Erstens ist in den Autolatinismen der Institution (vgl. 253) sowie in lt. AcI mit elliptischem S 2 (vgl. 254) das bevorzugte Demonstrativpronomen im fr. AcI cela . (253) a. In facienda eius rei fide non laboro. Sibi enim quisque testis apud se esse potest. Dicam in summa qualis lex illa fuerit. (LT1559, IV, 10, 23: 321 ˆ = LT1539, 14: 1060) b. Je ne mettray pas grande peine à monstrer cela estre vray , chacun s’en peut estre tesmoin en soy-mesme; mais je diray en somme quelle a esté ceste loy. (FR1560, IV, 10, 23: 209 ˆ = FR1541, 15: 1557 [II], id-par-321) Der Autolatinismus in (253) ist eine freie Umformulierung des lt. Modellsatzes, die inhaltlich dem Original treu bleibt. Das Pronomen cela referenziert den Gesprächsgegenstand, eine nicht weiter konturierte Sache, welche auch als solche im lt. Text mit rei benannt wird. (254) a. Quis enim aequissimum & convenientissimum esse neget , Dominum iis benefacere, à quibus colitur: maiestatis autem suae contemptores pro sua severitate ulcisci? (LT1559, II, 5, 4: 80 ˆ = LT1539, 2, 85: 364) 96 Ceci findet sich in Stimmings Korpus bemerkenswerterweise nur ein einziges Mal belegt: Se doubtant cecy estre faict a la main. (Larivey, zit. nach Stimming 1915: 147). Bei cela hingegen ist den Belegen nach eine prägnant umfangreichere Verwendungspraxis festzustellen (Stimming 1915: 148, 155, 156, 163). <?page no="384"?> 372 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo b. Qui est-ce qui niera cela estre convenable , que Dieu face bien à ceux qui l’honnorent, [...] (FR1560, II, 5, 4: 94 ˆ = FR1541, 2: 366 [I], id-par-22) In allen sechs Fällen, in denen im lt. Satz das Pronomen ausgelassen wird, greift der Übersetzer Calvin auf das fr. Demonstrativum cela zurück. Zweitens wird die Übersetzungstreue greifbar, wenn die Verwendung der Demonstrativa im fr. AcI in Abhängigkeit zum lt. Modelltext gesehen wird. So zeigen die Übersetzungen einen sorgfältigen Transfer der unterschiedlichen Ausprägungen der Demonstrativpronomen, denn grundsätzlich existieren in beiden Sprachen pronominale Demonstrativa u. a. mit proximalen und distalen Verweischarakter. (255) und (256) spiegeln den distalen semantischen Wert mithilfe von illud und ista wider. 97 (255) a. Nolo solutione Ambrosii evadere, ideo esse illud dictum quia complementum Legis sit in Christum fides. (LT1559, III, 17, 13: 215 ˆ = LT1539, 6, 74: 789) b. Je ne veux point évader par la solution de sainct Ambroise, lequel expose cela estre dit pource que l’accomplissement de la Loy est la foy [...] (FR1560, III, 17, 13: 294 ˆ = FR1541, 6: 927 [I], id-par-25) (256) a. Nugentur , si audeant, in ceremonias ista competere , non in mores: atqui pueri quoque ipsi exploderent tantam impudentiam. (LT1559, III, 11, 19: 196 ˆ = LT1539, 6, 10: 743) b. Qu’ ils allèguent , s’ils osent, cela estre dit des cérémonies et non pas des œuvres morales; mais les petis enfans se moqueroyent de leur impudence. (FR1560, III, 11, 19: 226 ˆ = FR1541, 6: 835 [I], id-par-23) In beiden Beispielen verweisen die Demonstrativa auf unmittelbar im Absatz vorausgehende Bibelzitate des Paulus in den Römerbriefen. Mit proximalem Wert werden solche Stellen versehen, die auf einen Teil im gleichen Satz verweisen. In (257) wird das neutrale ce in S 2 -Funktion in der Ausgabe FR1560 durch das proximale cecy ersetzt und damit durch das Nähesuffix -cy weiter präzisiert. (257) a. Eadem et nos cogitatione sustentari decet, quando hoc perpetuum evangeli testatur Paulus [...] (LT1539, [0.2]: 276) b. Nous avons à nous conforter d’une mesme pensée, puis que Sainct Paul tesmoigne ce estre perpetuel à l’Evangile [...] (FR1541, [0.2]: 177 [I]) c. Eadem & nos cogitatione sustentari decet, quando hunc perpetuum Evangelii genium esse testatur Paulus [...] (LT1559, I, [0.2]: -) d. Nous avons à nous conforter d’une mesme pensée, puisque S. Paul tesmoigne cecy estre perpétuel à l’évangile [...] (FR1560, I, [0.2]: 47, id-par-20) 97 Gleichwohl geht fr. cela aus ecce hoc und nicht ecce ista respektive ecce illa hervor (vgl. Bürk 2020: 192; Gamillscheg 1957: 149-150; Rheinfelder 2 1976: 133). <?page no="385"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 373 Der lt. Satz drückt mit hoc (n.) bereits in LT1539 einen gedanklichen Nähebezug aus, wird jedoch in LT1559 in hunc genium weiter spezifiziert. Der französische Satz ändert hingegen in das proximale cecy (FR1560) ab, welches von Calvin offenbar als hinreichend präzise aufgefasst wird. Ein Beispiel für die Umsetzung des Näheverweises ist auch in (258) mit fr. cecy zu sehen, welches auf lt. haec zurückgeht. (258) a. Haec ne frustra dici quis existimet, arcus ipse hodie quoque nobis testis est [...] (LT1559, IV, 14, 18: 347 ˆ = LT1539, 10, 18: 951) b. Et afin que quelcun n’estime pas cecy estre dit en vain, l’arc mesme nous est encore aujourdhuy tesmoing [...] (FR1560, IV, 14, 18: 308 ˆ = FR1541, 10: 1235 [II], id-par-21) An dieser Stelle ist zu konstatieren, dass die lateinischen Demonstrativa hic, haec, hoc diesbezüglich einen ausgeprägteren Verweischarakter haben. Die Genera referenzieren auf diese Weise noch präziser. Der fr. AcI kongruiert mit ceste in (259) das feminine Genus des lt. Satzes hanc . Durch die Änderung des fr. Satzes in FR1560 (vgl. 259c) wird sodann ersichtlich, dass die Übersetzungstreue in FR1541 zu Lasten der Akzeptabilität geht und einen sprachkorrigierenden Eingriff notwendig macht. Dabei wird auch der AcI in einen Komplementsatz mit que aufgelöst. (259) a. Percurre, fortissime Rex, omnes causae nostrae partes, [...] quia hanc S 2 credimus V 1 esse V 2 vitam aeternam , nosse unum verum Deum [...] (Ioan. 17, 3). (LT1539, [0.2]: 262 ˆ = LT1559, I, [0.2]: -) b. Considere, o Roy Très vertueux, toutes les parties de nostre cause, [...] pourtant que nous croyons V 1 ceste S 2 estre V 2 la vie eternelle , congnoistre un seul vray Dieu [...] (FR1541, [0.2]: 149 [I]) c. [...] pourtant que nous croyons que c’est la vie éternelle de cognoistre un seul vray Dieu [...] (FR1560, I, [0.2]: 32, id-par-465) Es ist nicht mit Eindeutigkeit zu determinieren, warum die Auflösung des Latinismus hier erfolgt. Erneut ist vor dem Hintergrund der Diktiertätigkeit ein Einfluss der Nähesprache denkbar. Denn eine alternative Formulierung im AcI mit cela estre la vie éternelle könnte in einer solchen Situation schwerfällig wirken. Denkbar ist auch, dass der Konstituentenfokus innerhalb des AcI auf dem S 2 und weniger dem Objekt des Infinitivs liegt, welches nicht der Fall ist, wenn in einem Komplementsatz die neutrale Konstruktion c’est verwendet wird. Eine ähnliche Auflösung ist in (260) zu beobachten. Hier wird das ansonsten gängige distale Demonstrativpronomen cela im AcI durch seine verkürzte Form ça ersetzt und gleichzeitig eine finite Satzstruktur mit que eingeführt. 98 98 Die apostrophierte Variante mit nachfolgendem avoir ist 60 Mal nachgewiesen. Es existiert doppelt so häufig (132x) <çà> mit accent grave , jedoch ist dies ein Ortsadverb in der Bedeutung von <?page no="386"?> 374 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo (260) a. Quis, nisi caecus, non videat, satanae audaciam fuisse, quae veritati adeo apertae ac dilucidae obluctaretur? (LT1539, 12, 51: 1025 ˆ = LT1559, IV, 18, 3: 383) b. Y a-il quelqu’un, s’il n’est trop aveuglé, qui ne voye cela avoir esté la hardiesse de Satan [...] (FR1541, 12: 1385 [II]) c. Y a-il quelcun, s’il n’est trop aveuglé, qui ne voye que ç’a esté une trop grande hardiesse de Satan [...] (FR1560, IV, 18, 3: 452) Aus den Satzbeispielen geht hervor, dass cela jenseits der Satzgrenze verweist, in welcher der AcI liegt. Damit ist es zur Übersetzung elliptischer Stellen im lt. Satz prädestiniert, da es nicht auf eine unmittelbar benachbarte Konstituente verweist und die semantischen Bezüge über die Satzgrenzen hinweg aufrechterhält. Der grundsätzliche Einfluss der Übersetzung und der Autorität des lt. Quelltextes wird zudem dadurch transparent, dass drei Viertel aller Demonstrativa in S 2 -Funktion in FR1560 auf das dritte Buch der Institution entfallen. Träfe diese Überlegung nicht zu, müsste das Demonstrativpronomen in S 2 -Funktion weitaus regelmäßiger im Textverlauf distribuiert sein. 6.1.5 Infinitiv des AcI (V 2 ) Als verbaler Kern der AcI-Phrase spielt der Infinitiv eine zentrale Rolle in der Beurteilung. Es folgt zunächst eine Betrachtung der quantitativen Datengrundlage, welche ein Bild der Distribution der einzelnen Infinitivtypen gibt. Zur Bestimmung der Eigenschaften des gelehrten AcI-Typs ist es essentiell, die Tempusform mit Hinblick auf den Ausdruck einer möglichen Vorzeitigkeit sowie die Anwendung des Infinitiv Passivs zu untersuchen. Die Rolle der Negation wurde in der Forschungsliteratur bislang nicht thematisiert, sodass determiniert werden wird, ob es sich hierbei um ein spezifisches Element des Übersetzungseinflusses handelt oder eine regelmäßige Anwendung mit dem gelehrten AcI der Fall ist. Anschließend richtet sich das empirische Erkenntnisinteresse auf die Unterscheidung zwischen lexikalischen Vollformen und der Kopula estre in prädikativer Funktion. 6.1.5.1 Ergebnisse der quantitativen Auswertung In der Auswertung zum V 1 sowie zum S 2 ist die häufige Verwendung der Infinitivkopula estre aufgefallen. Der umfassende Gebrauch des AcI in der Institution belegt, dass die Wortform estre in unterschiedlichen Kombinationen als V 2 auftritt und entsprechend von anderen auftretenden V 2 zu disambiguieren ist. Da ici , welches sich im modernen Französisch nur noch als Archaismus in wenigen feststehenden Ausdrücken hält. <?page no="387"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 375 estre unter anderem als Auxiliarverb auftreten kann, führe ich auch avoir in dieser Funktion und in seiner Grundform auf. Diese Klassifizierung ergibt acht Typen, die von den präsentischen Grundform von estre und avoir (vgl. 261a u. 261c) und ihren Vergangenheitsstufen (vgl. 261b u. 261d) über die Präsensformen der Vollverben mit aktiver und passiver Diathese (261e u. 261f) bis hin zu ihren Perfektformen (261g u. 261h) reichen. (261) a. estre (Präsens, aktiv) ils S 1 afferment V 1 le corps S 2 estre V 2 au pain (FR1560, IV, 17, 18: 396, id-par-46) b. avoir esté (Perfekt, aktiv) il S 1 dit V 1 les fidèles S 2 avoir esté V 2 persévérans en la doctrine des Apostres (FR1560, IV, 17, 44: 441, id-par-85) c. avoir (Präsens, aktiv) celuy qui S 1 pensera V 1 Dieu S 2 avoir V 2 telle volonté envers soy (FR1560, III, 4, 34: 136-137, id-par-301) d. avoir eu (Perfekt, aktiv) lequel S 2 les resveurs S 1 [...] pensent V 1 n’ avoir eu V 2 autre office (FR1560, II, 10, 15: 208, id-par-324) e. Infinitiv eines Vollverbs (Präsens, aktiv) Il S 1 dit V 1 donc cela S 2 rester V 2 aux passions de Christ (FR1560, III, 5, 4: 147, id-par-26) f. estre + Partizip Perfekt (Präsens, passiv) lesquels S 1 [...] monstrent V 1 les œuvres S 2 de la Loy estre escrites V 2 en leur cœur (FR1560, II, 2, 22: 47, id-par-126) g. avoir + Partizip Perfekt / estre + Partizip Perfekt eines Bewegungsverbs (Perfekt, aktiv) 1) j S 1 ’apperçoy V 1 les Anciens S 2 [...] avoir destourné V 2 ceste mémoire (FR1560, IV, 18, 11: 459, id-par-133) 2) nous S 1 voyons V 1 Jesus Christ S 2 en estre venu V 2 jusques là (FR1560, II, 16, 11: 291, id-par-72) h. avoir esté + Partizip Perfekt (Perfekt, passiv) celuy qui S 1 ne voye V 1 le Baptesme S 2 des petits enfans n’ avoir esté forgé V 2 témérairement des hommes (FR1560, IV, 16, 8: 346, id-par-214) Die Quantifizierung dieser acht Typen ergibt im Subkorpus der Quadrupel (idpar < 500) das Zahlenbild in Tab. 52. Erneut zeigt sich für die Satzquadrupel im Subkorpus id-par < 500, dass sich zwischen den beiden Ausgaben FR1541 und FR1560 die prozentualen Verhältnisse ähnlich gestalten und damit kaum Veränderungen in diesem Bereich zu erwarten sind. Es lassen sich daher die folgenden Aussagen für beide Subkorpora treffen. Lediglich zwei Prozent der Belege entfallen auf avoir im Präsens. Die Perfektform in (261d) stellt einen Einzelfall dar. Auffällig ist bei der Betrachtung der <?page no="388"?> 376 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo etwa zehn Beispiele, dass die drei Verben (re)cognoistre, voir und penser aus dem Bereich der geistigen Wahrnehmung und des Meinens dominieren. 99 V 2 Tempus Diathese Häufigkeit FR1541 % FR1560 % estre Präsens aktiv 229 52,28 208 52,00 Perfekt 13 2,97 11 2,75 avoir Präsens aktiv 8 1,83 8 2,0 Perfekt 2 0,46 1 0,25 Vollverben Präsens aktiv 37 8,45 30 7,50 Perfekt 14 3,20 15 3,75 Präsens passiv 122 27,85 117 29,25 Perfekt 13 2,97 10 2,50 Summe 438 100 400 100 Tab. 52 - Häufigkeit der V 2 in FR1541 und FR1560: id-par < 500 Die Vergangenheitsformen sind insgesamt merkbar, jedoch mit insgesamt ca. 9% Anteil nicht übermäßig vertreten. Ihnen wird in Bezug auf den Ausdruck der Vorzeitigkeit im anschließenden Abschnitt ein besonderes Augenmerk zukommen. Die präsentischen Formen teilen sich zu ungleichen Teilen auf die Kopula estre und die Vollverben auf (52% vs. 37%). Die Perfektformen fallen bei den Vollverben stärker in das Gewicht, sodass in der Gesamtbetrachtung zwar die Kopula estre mit 55% dominiert, jedoch auch 43% infinitivische Vollverben belegt sind. Diesbezüglich ist ferner zu beobachten, dass estre in rund einem Drittel der Fälle mit Partizip in Form einer passiven Diathese eines Vollverbs auftritt und damit der zweitstärkste V 2 -Typus ist. Werden nun die Satzpaare mit AcI betrachtet, die ausschließlich in der Ausgabe FR1541 erscheinen respektive solche, die erst später, also in der letzten französischen Ausgabe FR1560, enthalten sind (id-par > 500), zeichnet sich ein grundsätzlich ähnliches Bild in Tab. 53 ab. Wenngleich die geringen Belegzahlen in der Ausgabe FR1541 nur beschränkt aussagekräftig sind, ist die erst- und zweitplatzierte Position gleich. Estre und passivierte Vollverben machen zusammen 96% der Belege aus. Dies gilt in etwas geringerem Maß (ca. 85%) auch für FR1560, doch hier sind aktive Vollverben mit zwölf Prozent deutlich stärker repräsentiert. Insgesamt gewinnt estre im Vergleich der beiden Subkorpora idpar < 500 und > 500 sogar noch sieben Prozentpunkte an Häufigkeit hinzu (in FR1560). Dennoch ist zu resümieren, dass die neu hinzugekommenen Teile der 99 Nur ein Beleg entfällt auf dire , welches zudem avoir mit estre koordiniert. <?page no="389"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 377 Institution sich in Bezug auf die Verwendungshäufigkeit des V 2 nur in geringem Maße unterscheiden. V 2 Tempus Diathese Häufigkeit FR1541 % FR1560 % estre Präsens aktiv 15 60,0 68 59,13 Perfekt 0 0 0 0 avoir Präsens aktiv 0 0 0 0 Perfekt 0 0 0 0 Vollverben Präsens aktiv 1 4 14 12,17 Perfekt 0 0 3 2,61 Präsens passiv 8 32 25 21,74 Perfekt 1 4 5 4,35 Summe 25 100 115 100 Tab. 53 - Häufigkeit der V 2 in FR1541 und FR1560: id-par > 500 Auffällig ist, dass die AcI-Konstruktionen mit avoir als V 2 in diesem Teil des Korpus nicht beobachtet werden können. Die Annahme, dass die Verwendung von avoir eine Folge stark latinisierten Einflusses sein muss, wird bestärkt durch die Befunde, dass den zehn Belegen allen ein lt. AcI zugrunde liegt, sie (bis auf einen Fall) von der Ausgabe FR1541 bis FR1560 beibehalten werden sowie keine autolatinistischen Formen zu beobachten sind. In beiden Subkorpora id-par < 500 und id-par > 500 und beiden Editionen FR1541 und FR1560 tritt estre in Verbindung mit einem Prädikativum als häufigster V 2 -Typ auf. Tab. 54 veranschaulicht die Distribution des Prädikativums und zeigt drei Verwendungen, die sich in der Belegmenge unterscheiden lassen: estre + Adjektivphrase, estre + Nominalphrase sowie estre + Präpositionalphrase. In über der Hälfte aller Fälle von estre+X ist eine angeschlossene Adjektivgruppe zu beobachten, sodass das substantivische Prädikativum die zweitstärkste Gruppe mit rund einem Drittel aller Belege dieses V 2 -Typs darstellt. Die Präpositionalphrase wird hingegen nur in einem Zehntel der Fälle verwendet. Auch wenn an dieser Stelle insgesamt Vergleichswerte für den prädikativen V 2 -Gebrauch im AcI in dieser Epoche fehlen, scheint es zulässig zu sein, von einer unauffälligen internen Verteilung des Prädikativums zu sprechen. Auf die Unterschiede dieser drei Ergänzungsarten wird in Kapitel 6.1.5.6 eingegangen. <?page no="390"?> 378 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo Edition Subkorpus Adjektivphrase Nominalphrase Präpositionalphrase Summe FR1541 id-par < 500 n 131 85 26 242 % 54,13 35,12 10,74 100 id-par > 2000 < 4000 n 5 7 3 15 % 33,33 46,67 20,0 100 Summe n 136 92 29 257 % 52,92 35,80 11,28 100 FR1560 id-par < 500 n 127 70 22 219 % 57,99 31,96 10,05 100 id-par > 4000 n 45 18 5 68 % 66,18 26,47 7,35 100 Summe n 172 88 27 287 % 59,93 30,66 9,41 100 Tab. 54 - Prädikative AcI-Struktur estre+X in FR1541 und FR1560 6.1.5.2 Tempus (Vor- und Gleichzeitigkeit) Es wird von u. a. Stimming (1915) angenommen, dass der Ausdruck der Vorzeitigkeit ein charakteristisches Merkmal des gelehrten AcI sein soll, welches latinisierendem Einfluss unterliegt (vgl. Kap. 4.2.3.1). Nachzeitigkeit wird aufgrund einer fehlenden infinitivischen Verbform im Französischen nicht ausgedrückt und Gleichzeitigkeit ist für sich alleine genommen kein distinktives Merkmal zur Unterscheidung des ererbten und gelehrten AcI, da sie in jeder Epoche der Sprachentwicklung ausgedrückt wird. Die Belege in der Institution konzentrieren sich sehr stark, zu über 90%, auf den Ausdruck der Gleichzeitigkeit. Dies wird mehrheitlich über zwei präsentische Verbformen von V 1 und V 2 im über- und untergeordneten Satz ausgedrückt (vgl. 261a). In einigen wenigen Fällen steht das regierende V 1 in der Vergangenheit und situiert damit auch den untergeordneten Satzteil des AcI (zeitgleich) in der Vergangenheit (vgl. 262b). (262) a. [...] quod de re non magni momenti disceptare nolebant [...] (LT1559, II, 4, 6: 76 ˆ = LT1539, 2, 73: 355) b. [...] pource qu’ ils ne vouloyent débatre une chose qu’ S 2 ils S 1 ne pensoyent V 1 pas estre V 2 de grande importance [...] (FR1560, II, 4, 6: 80 ˆ = FR1541, 2: 348 [I], id-par-196) <?page no="391"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 379 Der perfektivische Ausdruck der Gleichzeitigkeit scheint zwar mit passiver Diathese möglich zu sein, jedoch zeigt (263) eine atemporale Aussage über die Eheschließung im AcI-Satz. (263) a. Pater erat qui S 1 negavit V 1 Ecclesiae ministris interdicendum V 2 coniugium S 2 , castitatem pronuntiavit, cum propria uxore concubitum. (LT1559, I, [0.2]: - ˆ = LT1539, [0.2]: -) b. C’estoit un Père, qui S 1 a soutenu V 1 le mariage S 2 ne devoir estre défendu V 2 aux Ministres de l’église, et a déclairé la compagnie de femme légitime estre chasteté, [...] (FR1560, I, [0.2]: 39 ˆ = FR1541, [0.2]: 163 [I], id-par-220) ‘Das war ein Pater, der unterstützte, dass die Ehe den Kirchenvertretern nicht verboten werden sollte, und der die Gemeinschaft mit einer rechtmäßig angetrauten Frau als eine Form der Keuschheit erklärte.’ Die Vergangenheitsstufe des V 2 wird im Französischen mit avoir + Partizip bzw. estre + Partizip ausgedrückt. In einigen wenigen Fällen wird so auch die Vorzeitigkeit in Anwendung der aktiven (vgl. 264) und passiven (vgl. 265) Diathese realisiert: (264) a. 18. Verum igneum sibi videntur telum vibrare quum allegant V 1 , Paulum S 2 rebaptizasse V 2 eos qui Ioannis Baptismo semel baptizati erant. (LT1559, IV, 15, 18: 353 ˆ = LT1539, 11, 18: 967) b. 18 - Mais il leur semble advis qu’ils nous jettent un dard de feu, quand ils S 1 allèguent V 1 sainct Paul S 2 avoir rebaptizé V 2 ceux qui avoyent une fois esté baptizez du Baptesme de sainct Jean [...] (FR1560, IV, 15, 18: 332 ˆ = FR1541, 11: 1267 [II], id-par-344) (265) a. Quare sic salutis nostrae materiam inter Christi mortem & resurrectionem partimur, quod per illam peccatum abolitum , & mors extincta [...] (LT1559, II, 16, 13: 133 ˆ = LT1539, 4, 30: 531) b. Pourtant nous partissons tellement la substance de nostre salut entre la mort de Christ et sa résurrection, que nous S 1 disons V 1 par la mort le péché S 2 avoir esté destruit V 2 , et la mort S 2 ∅ effacée V 2 [...] (FR1560, II, 16, 13: 295 ˆ = FR1541, 4: 640 [I], id-par-157) Bezüglich der Bewegungsverben ist festzustellen, dass die insgesamt neun in der Institution belegten AcI-Fälle zum einen mit den miteinander lexikalisch verwandten Infinitiven estre venu, a(d)venu(e), survenu(e), provenue gebildet werden und zum anderen mehrheitlich von Verben der geistigen Wahrnehmung und des Verstehens abhängen. Der dicendi -Typus ‘er sagt, dass ihnen dies widerfahren ist’ ist nicht nachzuweisen. Der Sprecher weiß oder begreift , dass etwas geschehen ist bzw. ein Vorgang vollzogen wurde (vgl. 266b). 100 100 In diesem Sinne sind auch die Belege (184) und (125) im Fließtext zu sehen, die mit den Verben se plaindre ‘sich beschweren’ und penser ‘glauben/ meinen zu wissen’ ein Verständnis oder vorheriges Begreifen des Vorgangs voraussetzen. <?page no="392"?> 380 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo (266) a. Apostolis certe magno veterum Scriptorum consensu adscribitur: sive quod ab illis in commune conscriptum ac editum existimabant, sive quod compendium istud ex doctrina per eorum manus tradita, bona fide collectum tali elogio confirmandum censuerunt . (LT1559, II, 16, 18: 135 ˆ = LT1539, 4, 3: 478) b. Les Anciens, d’un commun accord, l’attribuent aux Apostres, soit qu’ils estimassent qu’il avoit esté laissé d’eux par escrit, soit qu’ils ayent voulu authoriser la doctrine, laquelle S 2 ils S 1 savoyent V 1 estre provenue V 2 d’eux, et fidèlement baillée de main en main. (FR1560, II, 16, 18: 300 ˆ = FR1541, 4: 564 [I], id-par-473) In (267) lässt sich ein Einzelbeleg für den Ausdruck der Vorvorzeitigkeit sehen. Obwohl die beiden verwendeten Tempora des V 1 und V 2 auf einer Zeitstufe stehen ( imparfait und passé composé ), erlaubt der Aspekt, die beiden Vorgänge auch zeitlich zu trennen. So muss der AcI-Satz durch die verwendete Zeitform als vollendet betrachtet werden. (267) a. Christus ergo ut demonstret quanto praestantius à se beneficium expectare debeant, quam quod à Mose collatum patribus suis praedicarent, hanc comparationem format, [...] (LT1559, II, 10, 6: 110 ˆ = LT1539, 7, 6: 805) b. Christ donc, pour démonstrer combien ils devoyent attendre un plus grand et excellent bénéfice de soy, que celuy qu’ ils S 1 pensoyent V 1 leurs pères S 2 avoir receu V 2 de Moyse, fait ceste comparaison: (FR1560, II, 10, 6: 199 ˆ = FR1541, 7: 971 [II], id-par-285) Denn ‘sie dachten, dass ihre Väter jene [Wohltat] von Moses erhalten haben’ drückt aus, dass die Erbringung der Wohltat ( bénéfice ) bereits erfolgt ist. Allgemeingültige Aussagen bezüglich der Verteilung in den Verbklassen sind nur schwer zu treffen. Es zeichnet sich insgesamt kein Ungleichgewicht zugunsten einer bestimmten Verbklasse ab. Beim prädikativen Gebrauch mit estre lässt sich jedoch zum einen belegen, dass es einen ausgeprägten Gebrauch von dicendi -Verben bezüglich des Ausdrucks der Gleichzeitigkeit gibt (ca. 50%) und zum anderen, dass die Verben des Sagens bei Vorzeitigkeit noch deutlicher in Erscheinung treten (16 von 24 AcI). Außerdem drücken nur fünf Autolatinismen ein vorzeitiges Verhältnis aus. Auffällig ist auch hier die starke Präsenz von dicendi -Verben. 6.1.5.3 Infinitiv Passiv Die AcI-Konstruktionen mit passiviertem Infinitiv Präsens bzw. Perfekt in der Funktion des V 2 nehmen etwa ein Drittel aller Belege ein. Es sind 135 Konstruktionen in der Ausgabe FR1541 und 127 in FR1560 nachgewiesen. Ein Zehntel hiervon entfällt auf die perfektivische Form des Infinitivs. Insgesamt bilden sie die zweithäufigste Klasse nach der prädikativen Struktur mit estre + X und sind <?page no="393"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 381 per se eines der vier möglichen Kennzeichen eines gelehrten AcI nach Stimming (1915: 120). Denn die Nachahmung der lateinischen Ausgangskonstruktion ist der ererbten Konstruktion unbekannt (vgl. Kap. 4.2.3.2). Im Lateinischen ist die Passivmarkierung suffixal möglich, z. B. in fieri (vs. facio Inf. Präs. Akt.), aber auch in Zusammensetzung aus esse + Partizip Perfekt, obwohl lt. esse in diesem Zusammenhang nicht selten in der Institutio ausgelassen wird (vgl. 268). (268) a. Porro, quod libertate abdicatam V 2 voluntatem S 2 dico V 1 necessitate in malum vel trahi, vel duci: [...] (LT1559, II, 3, 5: 71 ˆ = LT1539, 2, 51: 339) b. Or ce que je S 1 dy V 1 la volonté S 2 estre despouillée V 2 de liberté et nécessairement estre tirée au mal. (FR1560, II, 3, 5: 61 ˆ = FR1541, 2: 319 [I], id-par-199) Die strukturellen Schlüsseleigenschaften sind für eine Imitation des AcI im Französischen also gegeben, jedoch wird fr. estre nur in bestimmten Einzelfällen ausgelassen, wie anschließend noch näher gezeigt wird. Die zielsprachliche Akzeptabilität überformt an dieser Stelle die exakte Wiedergabe einer Ellipse in der Quellsprache. Dies ist so zu erklären, dass der Infinitiv konstituierendes Merkmal des prestigereichen klt. AcI ist und in einem beabsichtigten, nachahmenden Transfer (zur Kennzeichnung) eher übertragen als weggelassen wird. Zu den transferierten Merkmalen ist auch der accord zu zählen, welcher die Verbindung des S 2 und V 2 innerhalb der AcI-Konstruktion sichtbar macht. Mit großer Genauigkeit findet die Angleichung im lt. und fr. Text der Institutio(n) statt und in keinem Fall ist ein ausbleibender accord zu berichten. Wenn also das lt. S 2 im fr. Satz gleich übersetzt wird, wie oben in (268) lt. voluntatem (f.) > fr. la volonté (f.), findet die Angleichung des Infinitiv Perfekt Passivs in gleicher Weise statt: lt. abdicatam > fr. estre despouillée . Die Koordination mehrerer Partizipien ist ebenfalls möglich (vgl. 269). (269) a. [...] quam S 2 omnium cordibus inscriptam V 2 & quasi impressam V 2 superius dictum est V 1 . (LT1559, II, 8, 1: 91 ˆ = LT1539, 3, 2: 371) b. [...] laquelle S 2 nous S 1 avons cy dessus dit V 1 estre escrite V 2 et quasi imprimée au cœur d’un chacun. (FR1560, II, 8, 1: 135 ˆ = FR1541, 3: 392 [I], id-par-212) Im Übrigen erlaubt es die hohe Übersetzungstreue nicht, einen ungrammatischen Wechsel des S 2 bei angeglichenen V 2 zu beobachten. Die Orientierung des Humanisten an den gängigen lt. AcI-Konstruktionen, zu deren Charakteristika eben auch die Verwendung des (angeglichenen) Infinitiv Passivs gehört, ist unverkennbar. Der accord ist außerdem im verschränkten Relativsatz zu beobachten, in welchem die Angleichung zwischen dem Partizip des V 2 und dem Relativpronomen stattfindet. In (270) wird destinée mit laquelle akkordiert: <?page no="394"?> 382 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo (270) a. Qua audacia iniustam sententiam pronunciabunt eo ore quod S 2 divinae veritati designatum esse V 2 organum intelligunt V 1 ? (LT1559, IV, 20, 6: 399 ˆ = LT1539, 15, 5: 1104) b. [...] injuste de leur bouche, laquelle S 2 ils cognoistront V 1 estre destinée V 2 pour estre organe de la vérité de Dieu? (FR1560, IV, 20, 6: 510 ˆ = FR1541, 16: 1589 [II], id-par-200) Eine der zentralen, aber bislang ungeklärten Fragen ist, warum der Infinitiv Passiv ein Merkmal des gelehrten AcI ist. Gewiss ist es unbestritten, dass er es ist. Dies ergibt sich bereits aus dem oben angesprochenen Umstand, dass er in der ererbten Konstruktion im Altfranzösischen nicht nachgewiesen ist. Der Infinitiv Passiv ist nach verba dicendi gelehrten Charakters. Doch wie verhält es sich nach Perzeptionsverben, die auch mit dem ererbten AcI stehen können? In (271) geht es um die mental verarbeitete Wahrnehmung der Darreichung des Weins als Zeichen des Bluts Christi. (271) a. Quum vinum S 2 in symbolum sanguinis propositum V 2 intuemur V 1 , cogitandum quos corpori usus vinum afferat, ut eosdem spiritualiter afferri nobis Christi sanguine reputemus: (LT1559, IV, 17, 3: 365 ˆ = LT1539, 12, 3: 993) b. Et quand nous voyons V 1 le vin S 2 nous estre offert V 2 pour signe de son sang, il nous faut penser tout [...] (FR1560, IV, 17, 3: 377 ˆ = FR1541, 12: 1334 [II], id-par-256) Die geistige Wahrnehmung ergibt sich durch die passive Diathese des AcI-Satzes und der konditionalen Einbettung mit quand . Sie wird nicht durch Setzung eines unbelebten statt belebten S 2 erreicht, wie der folgende Satz eines konstruierten (ererbten) AcI in (272a) veranschaulicht: (272) a. nous voyons la bouteille de vin tomber b. nous voyons le prêtre nous offrir le vin pour signe du sang du Christ Das V 2 in (271b) drückt einen Vorgang aus, der primär kognitiv verarbeitet und nicht direkt visueller Natur ist (vgl. 272b). Außerdem ist eine sinnliche Wahrnehmung auch dann ausgeschlossen, wenn das S 2 eine abstrakte Entität darstellt, die wie in (273) kognitiv wahrgenommen und verarbeitet wird: (273) a. Hac regula videmus V 1 compositam V 2 Publicani confessionem S 2 , Domine, propitius esto mihi peccatori. (LT1559, III, 4, 18: 167 ˆ = LT1539, 5, 33: 708) b. De laquelle forme nous voyons V 1 la confession S 2 du Publicain estre composée V 2 : « Seigneur, soys propice à moy qui suis pécheur! » (Luc 18, 13) [...] (FR1560, III, 4, 18: 117 ˆ = FR1541, 5: 763 [I], id-par-187) Das S 2 la confession ‘die Beichte’ beschreibt zusammen mit dem Infinitiv Passiv (V 2 ) einen Zustand und ist sowohl semantisch als auch syntaktisch als untergeordnetes Objekt zum Matrixsatz aufzufassen. Das hier formulierte Sündenbekenntnis wird vom S 1 nous mental (und nicht physisch-visuell) begriffen. <?page no="395"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 383 Ganz deutlich ist die kognitive Verarbeitung bei Verben, die ohnehin als verbum intellegendi (vgl. 274) oder dicendi (vgl. 275) gelten: (274) a. [...] sed fuisse alios apparet qui malitiosa impietate in Deum ipsum furerent, hoc est, in doctrinam quam S 2 esse V 2 à Deo non nesciebant V 1 . (LT1559, III, 3, 22: 160 ˆ = LT1539, 4, 217: 679) b. [...] la doctrine, laquelle S 2 ils ne pouvoyent ignorer V 1 estre procédée V 2 de Dieu. (FR1560, III, 3, 22: 92 ˆ = FR1541, 4: 696 [I], id-par-414) (275) a. [...] neque ex Ecclesiae veteris usu sumpsit originem, ut illae superiores partes: quas S 2 ostendimus V 1 ita ab antiquitate ortas esse V 2 [...] (LT1559, IV, 6, 1: 294) b. [...] comme les offices dont nous avons traité, lesquels S 2 nous avons monstré V 1 estre tellement descendus V 2 de l’ancienneté [...] (FR1560, IV, 6, 1: 106, idpar-4048) Die Auskopplung der Gegenwart bzw. Gleichzeitigkeit durch die Setzung eines Infinitiv Perfekt Passiv ist zudem ein signifikantes Merkmal für die rein kognitive Verarbeitung (vgl. 276). Alle Beispiele mit der passivierten Vergangenheitsform sind daher ebenfalls der gelehrten Form zuzurechnen. (276) a. [...] quos S 2 ab exordio mundi peculiariter à Deo selectos V 2 Scriptura commemorat V 1 . (LT1559, II, 11, 10: 117 ˆ = LT1539, 7, 37: 825) b. [...] saincts, lesquels S 2 nous lisons V 1 en l’Escriture avoir été esleus V 2 de Dieu depuis le commencement du monde, ont esté [...] (FR1560, II, 11, 10: 227 ˆ = FR1541, 7: 1012 [II], id-par-108) In der Vergangenheitsstufe können keine Autolatinismen festgestellt werden, was den Schluss erlaubt, dass der übersetzungsbedingte latinisierende Charakter bei diesen Belegen erhöht ist. 16 Autolatinismen kommen mit dem Infinitiv Präsens Passiv vor und werden mit Verben aller Verbklassen gebildet, aber mit einer geringfügigen Häufung des V 1 voir (I). Alle S 2 dieser Belege mit voir (I) stellen abstrakte Entitäten dar, die mental wahrgenommen werden. Der Typus voir (II) ist gar nicht nachgewiesen. Dies stützt einmal mehr die Annahme, dass es sich bei der Verwendung des Infinitiv Passivs um einen kognitiv verarbeiteten Prozess handelt. 6.1.5.4 Negation Die Negation im Zusammenhang mit dem AcI wurde in der Forschungsliteratur bislang nicht thematisiert. Sie ist jedoch gut im Alt- und Mittelfranzösischen für die ererbte und gelehrte Form des AcI attestiert (vgl. für Belege Stimming 1915). Die fehlende Erwähnung der Negation bestätigt den unauffälligen Gesamtbefund, der für die Institution erstellt werden kann. Von 52 AcI in der Ausgabe FR1560 weisen 31 einen Negationspartikel vor dem V 1 und 21 vor dem V 2 auf. Dabei liegt <?page no="396"?> 384 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo die Position des AcI inklusive seines regierenden Verbs sehr häufig (44 Mal) in einem Nebensatz. Bezüglich des V 2 sind keine Ungleichmäßigkeiten festzustellen. Bei den V 1 zeigt sich eine leichte Tendenz zur Verwendung von verba dicendi . Dies scheint ebenso unauffällig zu sein, da mit den Verben der Äußerung generell eher verneinte Formen zu erwarten sind. Textlogische und argumentatorische Gründe favorisieren die Affirmation bei verba cogitandi, sentiendi oder intellegendi , denn der Autor möchte schließlich den Gegenstand des Denkens, der Wahrnehmung oder der glaubenden Annahme mitteilen. Bemerkenswert ist jedoch sehr wohl die Absenz der Autolatinismen. Sie zeugt von der Orientierung des Autors an der Übersetzungsgrundlage, sodass es von Interesse sein wird, auch auf die Frequenz der Negation in den zeitgenössischen Texten zu achten. 6.1.5.5 V 2 ̸= estre Rund 12% aller Belege weisen einen Infinitiv als Kern der AcI-Phrase auf, der nicht estre ist und mit aktiver Diathese steht. Dabei sind keine Einschränkungen bei der Wahl des Infinitivs zu beobachten. Sowohl Verben, die ausdrücken, dass das S 2 irgendwo verbleibt oder hingehört ( appartenir, rester, demeurer, résider ) als auch Verben der Einschätzung ( estimer ) und des Sagens ( communiquer, repabtizer ) sind anzutreffen. Die Infinitive, die eine Bewegung des S 2 ausdrücken, sind nicht von einer einzelnen Verbklasse abhängig. Die V 2 tomber, venir, provenir sind u. a. nach voir, vouloir, recognoistre, dire zu beobachten. Zustände und Vorgänge treten dabei auch in koordinierter Form auf (vgl. 224). Das Perzeptionsverb voir , welches wie gezeigt wurde, in der Institution vor allem in geistiger Wahrnehmung auftritt (vgl. Kap. 6.1.3.5, 6.1.3.5), zeigt eine deutliche Präferenz für Infinitive, die nicht estre sind (vgl. 277, 278; 157). (277) a. Quum autem videant V 1 & sapientes S 2 mori V 2 , perversos S 2 pariter V 2 & stultos S 2 interire V 2 , & alienis relinquere V 2 divitias S 2 suas , cogitant [...] (LT1559, II, 10, 17: 113 ˆ = LT1539, 7, 17: 813) b. Et combien qu’ ils voyent V 1 les sages S 2 et les fols S 2 mourir V 2 et laisser V 2 leurs richesses aux autres, ils imaginent [...] (FR1560, II, 10, 17: 211 ˆ = FR1541, 7: 989 [II], id-par-86) (278) a. [...] etiamsi videant V 1 florentes V 2 impiorum opes S 2 & honores S 2 , si alta pace frui, si rerum omnium splendore ac luxu superbire, [...] (LT1559, III, 9, 6: 188 ˆ = LT1539, 17, 31: 1148) b. [...] quand ils verront V 1 les iniques S 2 fleurir V 2 en richesses et honneurs, estre en bon repos, avoir toutes choses à souhait [...] (FR1560, III, 9, 6: 196 ˆ = FR1541, 17: 1706 [II], id-par-96) In der Ausgabe FR1560 werden AcI lediglich in einem Sechstel der Fälle mit diesem Verb prädikativ verwendet. Dies ist ein zu erwartendes Ergebnis, da die <?page no="397"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 385 geistige Wahrnehmung konkreter Vorgänge häufig Infinitive mit ausgeprägtem lexikalischen Gehalt erfordert. Bemerkenswert ist auch die erhöhte Anzahl an Autolatinismen in der Subgruppe aktiver Vollverben (ohne die Kopula estre / avoir ). Sie machen in FR1541 rund 26% aus und sind damit drei Mal so häufig anzutreffen wie die in der vergleichbaren Gruppe passivierter Infinitive (ca. 9%). Die dabei bestimmenden V 1 sind Verben des Sagens, Verben der geistigen Wahrnehmung sowie die im Korpus seltenen Verben der sinnlichen Wahrnehmung (vgl. 178, 179). Der Infinitiv avoir ist mit dem AcI zehn Mal in der Ausgabe FR1541 und neun Mal in FR1560 nachgewiesen. Nur ein Beleg zeigt die AcI-Phrase dabei in der Vergangenheit (vgl. 261d). Autolatinismen sind hier nicht zu beobachten. Allen Belegen liegt ein lt. AcI im Quelltext zugrunde. Frappierend ist, dass der fr. Infinitiv avoir (‘haben’) mehrheitlich auf eine Kombination mit lt. esse (‘sein’) zurückgeht oder eine noch freiere Umschreibung des lateinischen Satzes zugrunde liegt. Hier ist noch einmal auf das oben aufgeführte Beispiel (261c) einzugehen: (279) a. [D]enique se à Deo diligi nunquam persuaderi poterit, qui sic erga se affectum S 2 sentiet V 1 , ut adhuc punire velit. (LT1559, III, 4, 34: 172 ˆ = LT1539, 5, 54: 726) b. En somme, celuy qui pensera V 1 Dieu S 2 avoir V 2 telle volonté envers soy qu’il le veuille encore punir, ne se pourra jamais persuader qu’il soit aimé de luy. (FR1560, III, 4, 34: 136-137 ˆ = FR1541, 5: 797 [I], id-par-301) Es zeigt, dass der Autor versucht, möglichst nah am lt. Original zu übersetzen. Jedoch deckt die ausgelassene Kopula esse im lt. Satz in (279a) eine nicht-prädikative Verwendung von ‘seien’ ab: ‘welcher glaubt, dass der Gemütszustand (Gottes) gegen ihn so ist, dass’. Daher wird auf die Umschreibung mit avoir im fr. Satz in (279b) ausgewichen und Gott erneut als Subjekt aufgegriffen. Auch bei den übrigen Belegen lassen sich ähnliche Ausweichstrategien feststellen, sodass beim Einsatz von avoir das Ziel einer verständlichen Übersetzung festgehalten werden kann. Dies kann sich auch in einer Subjektivierung der Aussage äußern (vgl. 280). (280) a. 10. [...] ut meliorem alibi vitam S 2 sibi esse V 2 sentirent V 1 , ac neglecta terrena, illam meditarentur. (LT1559, III, 10, 6: 189 ˆ = LT1539, 17, 307: 1152) ‘dass sie erkannten, dass ihnen anderswo ein besseres Leben sei und sie sich auf jenes, ungeachtet des Irdischen, besinnen’ b. 10 - [...] qu’ ils se S 2 recognoissent V 1 avoir V 2 une vie meilleure ailleurs qu’en terre, pour la méditer en mesprisant ceste vie corruptible. (FR1560, III, 10, 6: 202 ˆ = FR1541, 17: 1714 [II], id-par-483) ‘dass sie (an)erkannten, dass sie woanders ein besseres Leben als auf Erden haben, um es zu erwägen, während sie dieses käufliche Leben verachten’ <?page no="398"?> 386 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo Die Koreferentialisierung mit se S 2 sorgt für eine gesteigerte Präsenz des Subjekts (S 1 ) und seiner Erfahrung ( avoir une vie meilleure ). Dadurch können sich die Leser, die Mitglieder der Gemeinde Calvins, mit dem S 1/ 2 stärker identifizieren. 6.1.5.6 V 2 = estre Der Befund in der Institution ist insofern eindeutig, als dass über die Hälfte aller Infinitive in prädikativer V 2 -Verwendung mit dem Kopulaverb estre nachgewiesen sind. In weiteren 25% wird es als Hilfsverb zur Bildung des Passivs mit einem lexikalischen Vollverb verwendet und dominiert damit das phänotypische Bild der fr. AcI-Konstruktion. Durch die doch häufig zu beobachtenden Auslassungen von esse im Lateinischen unterscheiden sich die beiden Sprachen hier eklatant. Auslassungen von estre , die auch im Französischen vorkommen, werden im Abschnitt zum doppelten Akkusativ besprochen (vgl. 6.1.6.1). An dieser Stelle soll es nun um die prädikative Verwendung von estre in Kombination mit einer Adjektiv- (vgl. 281), Nominal- (vgl. 282) oder Präpositionalgruppe (vgl. 283) gehen. (281) a. [...] utcunque totum cor S 2 suum obscoenitate scatere V 2 norint V 1 [...] (LT1559, III, 14, 7: 203 ˆ = LT1539, 6, 34: 759) b. [...] combien qu’ ils cognoissent V 2 leur cœur S 2 estre V 2 plein d’ordure et de toute vilainie [...] (FR1560, III, 14, 7: 251 ˆ = FR1541, 6: 868 [I], id-par-36) (282) a. In Sacramento conferri gratiam Spiritus sancti affirmant: coitum S 2 tradunt V 1 esse V 2 Sacramentum: in coitu negant unquam Spiritum sanctum adesse. (LT1559, IV, 19, 36: 397 ˆ = LT1539, 15, 38: 1100) b. Car ils afferment qu’au Sacrement est conférée la grâce du sainct Esprit; et ils confessent l’acte charnel S 2 estre V 2 Sacrement, auquel toutesfois ils nient que le sainct Esprit assiste. (FR1560, IV, 19, 36: 503 ˆ = FR1541, 13: 1477 [II], id-par-32) (283) a. [...] nempe ut iuremus V 1 esse V 2 in Domino iustitias S 2 nostras, & fortitudinem S 2 nostram . (LT1559, III, 13, 2: 200 ˆ = LT1539, 6, 24: 752) b. [...] que nous jurions V 1 nostre justice S 2 et nostre force S 2 estre V 2 en luy. (FR1560, III, 13, 2: 241 ˆ = FR1541, 6: 854 [I], id-par-87) Zwei Faktoren können Aufschluss darüber geben, warum estre derart häufig mit dem AcI verwendet wird. Zum einen ist es die Frequenz der Autolatinismen mit diesem V 2 -Typ (s. u.) und zum anderen die tatsächliche zugrunde liegende Anzahl an lt. Modellen mit esse in V 2 -Funktion des AcI. Bei 222 fr. AcI (id-par < 500, zufällige Auswahl) in prädikativer Verwendung lassen sich 185 zugrunde liegende lt. AcI erfassen. 87 Belege entfallen auf esse , weitere 12 auf fore, fuisse, inesse und 56 Stück auf elliptische esse oder doppelte Akkusative ohne esse . Dies entspricht einem relativen Anteil von esse -Formen <?page no="399"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 387 in Höhe von 83,8%. Die französische Übersetzung zeigt folglich, dass sie in acht von zehn Fällen estre auf Basis der lt. Kopula nachahmt. Beachtlich sind in diesem Subkorpus übertragener lt. AcI-Konstruktionen auch die 30 Autolatinismen, die estre unabhängig vom lateinischen V 2 verwenden. An einigen dieser Belegen wird sichtbar, dass estre+X als Formulierungshilfe in der Übersetzung verwendet wird. 101 Eine Strategie des Übersetzers ist es, lt. Infinitive mit ausgeprägtem lexikalischem Gehalt im Französischen mit estre und einem inhaltlich passenden Adjektiv wiederzugeben (vgl. 284; auch 242), wenn der Infinitiv im Französischen nicht bekannt oder in der jeweiligen Bedeutung gängig ist. (284) a. [...] quod S 2 bono publico ita expedire V 2 norunt V 1 [...] (LT1559, IV, 20, 22: 404 ˆ = LT1539, 15, 21: 1116) b. [...] d’autant qu’ ils cognoissent V 1 cela S 2 estre S 2 expédient pour le bien public [...] (FR1560, IV, 20, 22: 5271560 ˆ = FR1541, 16: 1617 [II], id-par-221) In (284) ist der lt. Infinitiv expedire in der Nebenbedeutung ‘nützen’ zu verstehen (‘wir wissen, dass es dem öffentlichen Wohl nützt’). Da das Französische diese Bedeutung nicht kennt, weicht Calvin auf estre expédient ‘nützlich sein’ bzw. estre profitable in (228) aus. Nicht immer ist das Motiv einer Änderung jedoch derart transparent. Das bereits zuvor vorgestellte Quadrupel in (91) übersetzt lt. pendere zunächst in der Ausgabe FR1541 mit dependre und dann in FR1560 mit estre dépendant . Da die Änderung nicht am unveränderten lt. Satz liegt, muss der Grund im fr. Ausdruck zu suchen sein. Tatsächlich verhält es sich so, dass das fr. V 1 demonstrer nur in diesem einzigen Fall (von 24 AcI-Belegen) ein Vollverb in V 2 -Funktion zu sich nimmt. Das Vollverb wird dann gewissermaßen entfernt und macht so deutlich, dass nicht nach allen Verben in V 1 -Funktion Infinitive, die nicht estre sind, akzeptabel sind bzw. dem Sprachgefühl des Autoren entsprechen. Eine Einschränkung in Bezug auf die prädikative Verwendung ( estre+X ) ist hingegen nicht festzustellen, da deren Belege sich, mit leicht stärkerer Ausprägung der verba dicendi , an der generellen Verteilung in Tab. 13 orientieren. Die Übersetzungen transferieren nicht obligatorisch einen Infinitiv, wenn dieser in der Zielsprache nicht gängig ist oder schwerfällig wirkt. Dies lässt sich an der Übertragung der beiden V 2 constare und consistere (vgl. oben 83) beobachten, die beide Male im Französischen nicht mit consister wiedergegeben 101 Die quantitative Auswertung unterstützt diese Beobachtung. In der internen Verteilung der prädikativen Verwendung ist eine stärkere Präsenz von estre +Adjektivphrase in FR1560 zu erkennen (60% statt 53%, vgl. Tab. 54). Die Autolatinismen zeigen hier im Übrigen keine Besonderheiten und eine sehr ähnliche Verteilung zu Latinismen mit Modell - 46 AL in prädikativer Verwendung (60,5%) stehen 30 AL (39,5%) in anderen Kontexten gegenüber. <?page no="400"?> 388 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo werden. In (83) und nachfolgend (285) wird mit estre +Nomen bzw. +Präposition aufgelöst. (285) a. Quum videamus V 1 omnes salutis nostrae particulas S 2 ita extra nos constare V 2 , quid est quod iam operibus vel confidamus vel gloriemur? (LT1559, III, 14, 17: 206 ˆ = LT1539, 6, 44: 766) b. Quand nous voyons V 1 toutes les parties S 2 de nostre salut estre V 2 hors de nous, qu’est-ce que nous prenons aucune [...] (FR1560, III, 14, 17: 261 ˆ = FR1541, 6: 881 [I], id-par-232) Dem S 2 wird somit keine Eigenschaft zugewiesen, sondern es wird beschrieben bzw. wahrgenommen. Das V 2 estre wird consister aufgrund der leichter zu verstehenden Satzaussage vorgezogen, ohne dass damit ein Bedeutungsverlust einhergeht. In manchen Fällen ist zu beobachten, dass der AcI mit estre +Nomen dem Überarbeiter nicht ausreichend akzeptabel erscheint. In (286), zuvor (120) sowie (287) werden die Konstruktionen gegen gängigere Formulierungen getauscht, die zweifelsohne auch Ergebnis eines mündlichen Diktats Calvins an seinen Schreiber sein könnten. (286) a. Neque enim unum id in fidei intelligentia agitur, ut Deum S 2 esse V 2 noverimus V 1 , sed [...] (LT1539, 4, 4: 455 ˆ = LT1559, III, 2, 6: 142) b. Car il n’est pas question seulement en l’intelligence de la Foy que nous congnoissions V 1 estre V 2 un Dieu , mais [...] (FR1541, 4: 525 [I]) c. Car il n’est pas question seulement en l’intelligence de la foy que nous cognoissions V 1 qu’il y a un Dieu, mais [...] (FR1560, III, 2, 6: 21, id-par-494) Denkbar ist im lt. Satz Deum in S 2 -Funktion (‘wir erkennen, dass (ein) Gott existiert’), jedoch weniger, dass un Dieu als invertiertes S 2 im fr. Satz aufzufassen ist. Eine französische objektpronominale Ergänzung le würde ferner nicht den unbestimmten Sinngehalt von ‘es gibt einen Gott’ ausdrücken, sondern eine konkrete Entität referenzieren. Daher wird schließlich in FR1560 der AcI mit qu’il y a un Dieu ‘dass es einen Gott gibt’ ersetzt. In (287) erfolgt die Änderung am V 1 , welches von demonstre zu monstre bei gleichzeitiger Beibehaltung des Reflexivpronomens in S 2 -Funktion wechselt. (287) a. [...] quemadmodum non obscure tutorem , ac etiam vindicem se S 2 innocentiae esse V 1 demonstrat V 2 , dum bonorum Vitam sua benedictione prosperat, necessitati opitulatur, dolores lenit ac solatur, adversitates sublevat, saluti per omnia consulit. (LT1539, 1, 13: 288 ˆ = LT1559, I, 5, 7: 7) b. [...] il se S 2 demonstre V 1 , sans doubte aucune, estre V 2 tuteur et protecteur de l’innocence en faisant prosperer la vie des [...] (FR1541, 1: 206 [I]) c. [...] car les vengeances qu’il exécute sur les forfaits ne sont point obscures, comme il se monstre V 1 assez clairement protecteur des bonnes causes et droites, en faisant prospérer [...] (FR1560, I, 5, 7: 75, id-par-492) <?page no="401"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 389 Zwar existieren zwei Korpusbelege des Typs se monstrer estre +X und in Anlehnung an (287b) könnte der Eindruck gewonnen werden, dass es sich in (287c) um eine Auslassung der Kopula estre innerhalb einer AcI-Konstruktion handelt, doch ist hiervon Abstand zu nehmen, da der Sprachgebrauch in dieser Zeit die prädikative Verwendung mit se montrer kennt. 102 6.1.6 Verwandte Konstruktionen 6.1.6.1 Doppelter Akkusativ Die Bezeichnung ‘doppelter Akkusativ’ wird im Lateinischen zur Bezeichnung zweier von einem Prädikat abhängiger Akkusativobjekte verwendet, die nicht durch ein weiteres (infinites) Verb zueinander in Beziehung gesetzt werden. Das regierende Verb unterliegt dabei ähnlichen Restriktionen in der Klassenauswahl wie das V 1 mit dem AcI. 103 Während sich in der Regel beide Objekte aufgrund der morphologischen Suffixmarkierung des Akkusativs in der lt. Konstruktion identifizieren lassen, ergibt sich bei französischen Nomina ohne die Kasusmarkierung eine Ambiguität, die eine Abgrenzung zum AcI mit ausgelassener Kopula ( estre V 2 ) notwendig macht. Bereits 1887 wird der doppelte Akkusativ im Mittelfranzösischen in einem Aufsatz von Woldemar Grünberg (1887) sowie in der Göttinger Dissertation von Paul Gross (1912) umfassend thematisiert. Stimming (1915: 154-155) zieht wenig später die Parallele zur fr. AcI-Konstruktion, die durch Ergänzung der Kopula erreicht werden könne. Die Fähigkeit des Französischen, den Akkusativ nach bestimmten Verben gleich zweimal zuweisen zu können, wurde mancherorts missverstanden, wie Mensching (2000: 86) im Rahmen der Exceptional-Case- Marking -Analyse feststellt. Zudem wurde die Präsenz des doppelten Akkusativs, wenngleich auch die Belege in der Institution von geringer Anzahl sind, noch nicht als Resultat eines latinisierenden Transfers im Mittelfranzösischen vollumfänglich erkannt. So fehlt ein Hinweis auf den möglichen syntaktischen Latinismus in einschlägigen Grammatiken (vgl. Combettes/ Glikman 2020; Gougenheim 2 1974; Lardon/ Thomine 2009), während dieser in Publikationen zur Latinisierung bzw. 102 Die prädikative Verwendung von se montrer ist dem Grand Robert zufolge seit mindestens 1538 bei Robert Estienne belegt (vgl. Rey 2024: ‘montrer’). Es handelt sich in der Institution um keinen Einzelfall, wie zahlreiche weitere Belege zeigen: „en se monstrant libéral“ (FR1560, I, 5, 7: 75), „se monstrant si humain envers eux“ (FR1560, III, 3, 25: 95), „se monstrent disciples de Christ“ (FR1560, III, 6, 4: 163) etc. 103 Die im Vergleich zum AcI wichtigsten Verbgruppen sind die verba dicendi (z. B. dicere, declarare, appellare, nominare ), die eine nennende oder ernennende Bedeutung einnehmen, sowie die verba sentiendi ( putare, existimare, ducere, aribitrari, iudicare ) im Sinne von ‘für etwas halten’ oder ‘beurteilen’ (vgl. Rubenbauer/ Hofmann 12 2007: 135-136). <?page no="402"?> 390 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo dem AcI explizit erwähnt wird (vgl. Grünberg 1887; Gross 1912; Raible 1996: 326, 334; St-Amour 1982: 214, 346; Stimming 1915). Zwei Gründe mögen bislang die Zurückhaltung begünstigen. Zum einen liegen in vergleichsweise wenigen Fällen lt. Modelltexte zugrunde, die als plausibler Ausgangspunkt für einen Latinismus herangezogen werden können. Zum anderen, und dies beeinflusst den vorangehenden Umstand indirekt, ist die Konstruktion in jeder Sprachstufe bis heute, wenngleich nicht in großer Anzahl, gängig, sodass der Blick darauf verstellt werden könnte, dass es in der Sprachgeschichtsentwicklung zeitweise, im 15. und 16. Jahrhundert, zu einem verstärkten Latinisierungsprozess kommt. Denn es gibt, so resümiert auch Gross (1912: 155), einen allgemeinen „merkbare[n] Rückgang“ seit der altfranzösischen Zeit, „der allerdings nach dem Neuerwachen der humanistischen Studien im 16. Jh. etwas aufgehalten wurde“. 104 Bei Calvin könnte folglich beides beobachtet werden, d. h. eine vom Latein unabhängige Verwendung des doppelten Akkusativs sowie die auf einem lt. Modell basierende Übertragung im Zuge humanistischen Einflusses. In der Institution habe ich die doppelten Akkusativkonstruktionen erfasst, die auf Basis eines lt. AcI oder im Zuge einer Veränderung von der Ausgabe FR1541 nach FR1560 eingeführt werden. Die Auswertung ist also dahingehend nicht exhaustiv, da der AcI im Fokus der Betrachtung steht und die quantitativ vollkommene Erfassung aller doppelten Akkusative Gegenstand einer weiteren Untersuchung sein muss. Dennoch lässt sich vor dem Hintergrund der zur Verfügung stehenden Beispiele und Stichproben beurteilen, dass die Konstruktion nicht außerordentlich häufig ist sowie sich auf wenige Verbtypen (V 1 ) beschränkt. Das Quadrupel in (288) zeigt einen lt. AcI mit ausgelassenem S 2 in LT1539, welcher in der Ausgabe LT1559 nicht verändert wird, sowie einen AcI in FR1541 und eine doppelte Akkusativkonstruktion in FR1560. (288) a. Ioannes dixit V 1 (loan. 1, 29), agnum O 2 esse V 2 Dei [...] (LT1539, 11, 7: 961 ˆ = LT1559, IV, 15, 7: 351) b. Saint Jean a dict V 1 Jesus Christ S 2 estre V 2 l’Agneau O 2 de Dieu [...] (FR1541, 11: 1255 [II]) c. Sainct lean appelle V 1 lesus Christ O 1 l’Agneau O 2 de Dieu [...] (FR1560, IV, 15, 7: 323, id-par-466) Die Bewertung von appeller quelqu’un quelque chose in (288c) als Latinismus ist nicht zweifelsfrei möglich. Weder liegt im fr. Satz in FR1541 noch im lt. Modell ein entsprechender doppelter Akkusativ vor. Das Verb ist in dieser Verwendung auch 104 Ähnlich äußert sich auch Grünberg (1887: 628) zuvor: „Eine der historischen Entwicklung widersprechende Lösung des Streites erfolgte wiederholt nach dem Neuerwachen der humanistischen Studien im 16. Jahrh. Wir sehen in dem Fz. dieser Zeit ein erneutes Streben Platz greifen, die fz. Verbalrection mit der des Latein wiederum in Einklang zu bringen“. <?page no="403"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 391 außerhalb von Übersetzungen im Mittelfranzösischen anzutreffen (vgl. Gross 1912: 56-57). Daher ist es plausibel, einen Eingriff des Autors zur Förderung der flüssigeren Lektüre anzunehmen. 105 Das Verb recognoistre bzw. cognoistre kommt sowohl mit dem AcI als auch dem doppelten Akkusativ vor. Die Alignierung der französischen Texte ermöglicht in den folgenden Fällen die Identifizierung und Abgrenzung einer Infinitivellipse: (289) a. lt. AcI liegt vor ( videt ); fr. AcI (FR1541) > fr. dopp. Akk. (FR1560) il le voit estre juste juge > elle le recongnoist iuste iuge (FR1541, 1: 202 [I], FR1560, I, 2, 2: 57, id-par-443) b. lt. dopp. Akk. liegt vor; fr. AcI (FR1541) > fr. dopp. Akk. (FR1560) lesquelz confessent [...] Jesus Christ estre Filz unique > ne recognoit point Jesus Christ Fils de Dieu (FR1541, 4: 613 [I], FR1560, II, 14, 8: 263, id-par-457) c. lt. AcI liegt vor ( intellegit ); fr. AcI (FR1541) > fr. dopp. Akk. (FR1560) il le congnoist estre autheur > il le cognoist autheur (FR1541, 1: 201 [I], FR1560, I, 2, 2: 57, id-par-431) d. lt. dopp Akk. liegt vor; fr. AcI (FR1541) > fr. AcI (FR1560) se recongnoist estre terre et poudre > se confesse terre et poudre (FR1541, 1: 192 [I], FR1560, I, 1, 3: 53, id-par-418) In (289a) sind lt. videre und fr. voir mit dem AcI als Verben der geistigen Wahrnehmung aufzufassen. Die Änderung in recongnoist in der Ausgabe FR1560 geht mit einer geringen Sinnänderung von ‘erkennen’ zu ‘anerkennen/ ansehen als’ einher. Die Änderung ist auch in (289b) nachzuvollziehen, dort liegt sogar im lt. Quelltext ein doppelter Akkusativ vor, der zunächst in der Ausgabe FR1541 mit einem AcI übersetzt wird. Hier wird also ein weiterer korrigerender Eingriff vorgenommen, um dem lt. Original noch genauer zu entsprechen. In (289c) erkennt der Autor und Übersetzer, dass estre nicht obligatorisch zu setzen ist. Allerdings ließe sich im Satz in FR1560 sowohl der doppelte Akkusativ als auch ein AcI mit Ellipse sehen. Die Gegenüberstellung der vier Belegfälle favorisiert außerdem die Überlegung, dass recognoistre eine präferierte, aber zugleich insgesamt wenig verwendete Bildungsmöglichkeit des doppelten Akkusativs bei Calvin darstellt. (289d) zeigt, dass hier recognoistre nicht in der echt reflexiven Bedeutung ‘sich ansehen als [...]’ zu verstehen ist, sondern mit Objektsatz als ‘erkennt, dass er [...] ist’. Daher wird auch der AcI in der Ausgabe FR1541 verwendet. In der späteren Ausgabe FR1560 fehlt der Infinitiv, doch von einer Analyse als 105 Ein AcI mit einer Ellipse der Kopula ist nicht anzunehmen, da in aller Regel das Verb appeler ein direktes (nominales) Objekt zu sich nimmt, um in der Bedeutung von ‘rufen’, ‘nennen’ oder ‘verlangen’ zu gelten. Die Lesart eines Komplementsatzes, wie in ? ? ? Saint Jean appelle que Jesus Christ est l’Agneau de Dieu , ist nicht möglich und würde in der Bedeutung ‘verlangen’ z. B. das Verb demander erfordern. <?page no="404"?> 392 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo doppelten Akkusativ ist im Zusammenhang mit dem Reflexivpronomen Abstand zu nehmen. Zum einen scheint dies grammatikalisch nicht möglich zu sein und zum anderen fehlen Belege für eine solche Konstruktion. Zudem wird in weiteren Belegen mit zugrunde liegendem lt. doppeltem Akkusativ und fr. V 1 confesser die Kopula estre verwendet. Daher ist hier die Analyse als fr. AcI mit elliptischem V 2 sehr plausibel unter Berücksichtigung, dass der Überarbeiter eine Übertragung des lateinischen doppelten Akkusativs eigentlich intendiert hat. In Unterkapitel 6.1.3.2 konnte bereits gezeigt werden, dass confesser (mit AcI) besonders häufig einem lt. Modell entspricht. 106 Der Latinisierungseffekt ist hier also präsent. 6.1.6.2 Nominativus cum Infinitivo (NcI) Während der Datenerhebung ist ein weiterer syntaktischer Latinismus auffällig geworden. Es handelt sich um den lateinischen Nominativus cum Infinitivo (NcI), welcher in 26 Fällen eine latinisierende Fortführung in der französischen Übersetzung erfährt. Wie in Kapitel 4.1.3.3 festgehalten wurde, kommt der lateinische NcI grundsätzlich seltener als der AcI und mit einer sehr ausgewählten Anzahl an Matrixverben vor. In der fr. Institution ist nun eine noch stärkere, singuläre Konzentration auf den Hauptvertreter der V 1 ( dire ) zu beobachten, deren Formen sich fast ausschließlich auf die dritte Person Singular beschränken ( est dit ). Das Fehlen von jeglichem autolatinistischen Beleg zeugt davon, dass ein Übersetzungslatinismus vorliegt. Allen Quadrupeln und Satzpaaren ist außerdem gemeinsam, dass der fr. Text dem lt. Modell sehr nahe folgt und sie in 88% der Fälle unverändert fortgeführt werden. Dies spricht insgesamt für einen bewussten und prototypischen Einsatz des fr. NcI. Dabei ist es sehr plausibel, dass der NcI aus Gründen des Prestiges als Latinismus eingeführt wird, aber ebenso als spezifisches Mittel zur argumentatorischen Textgestaltung dient. Letzteres wird deutlich, wenn wir die dt. Übersetzung der häufig vertretenen lt. Form dicitur betrachten. Die wörtliche Übersetzung lautet ‘er/ sie/ es wird gesagt, dass’, welches ‘hierüber wird gesagt; über ihn/ sie wird gesagt; es heißt, dass’ bedeutet 106 Der Ansicht von Gross (1912: 128, 140), dass der doppelte Akkusativ mit confesser (und voir ) nur im 17. Jh. zu beobachten wäre, ist in der Gesamtbetrachtung der geringen, aber präsenten Belege in der Institution folglich zu widersprechen. Auch an anderer Stelle findet sich die Wendung se confesser +Adjektiv/ Nomen bei Calvin und Autoren in und außerhalb dieser Zeit. In Frantext finden sich hierfür Beispiele, die mit der Institution einsetzen und die Strahlkraft seines Werkes belegen können. Die Kombination se confesser + pécheur, inférieur, indigne, coupable ist auch in anderen Werken späterer Zeit nachgewiesen, so z. B. bei der mit der Reformationsbewegung intellektuell verbundenen Marguerite de Navarre/ de Angoulême in je me confesse paillarde (Frantext, S065: 296), bei Charles Sorel (1623) in il se confessoit coulpable (Frantext, Q737: 319) oder bei Pierre Corneille (1682) in Qui se confesse traître est indigne de foi (Frantext, R321: 559). Unter der inhaltlich nachvollziehbaren Annahme, dass das V 1 nicht echt reflexiv aufzufassen ist, ist das Reflexivpronomen als S 2 in einem AcI mit elliptischem Infinitiv estre zu analysieren. <?page no="405"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 393 (vgl. Burkard/ Schauer 6 2020: 664; 697-703). Der NcI mit dicitur fungiert also als evidentieller Marker, der anzeigt, dass das in der untergeordneten Proposition p ausgedrückte Wissen nicht aus erster Hand bekannt ist. Dabei handelt es sich um ein allgemein verfügbares Wissen, welches jedoch nicht unmittelbar angezweifelt wird, sondern im Gegenteil, wie in (290) zu sehen ist, bei Calvin das Wissen der Glaubensgemeinschaft ist. (290) a. Quem ergo Dominus in coniunctionem recipit, eum dicitur V 1 iustificare V 2 : quia nec recipere in gratiam, nec sibi adiungere potest, quin ex peccatore iustum faciat. (LT1559, III, 11, 21: 196 ˆ = LT1539, 10, 12: 744) b. Celuy S 1 donc que Dieu reçoit en amour est dit V 1 estre justifié V 2 , pource qu’il ne peut recevoir personne pour estre conjoint avec soy, que de pécheur il ne le face juste. (FR1560, III, 11, 21: 228 ˆ = FR1541, 6: 838 [I], id-par-10011) Der epistemische Gehalt ist derart ausgeprägt, dass es keinen Zweifel zulässt, sondern im Kontext der Paraphrasierung der Heiligen Schrift als bezeugendes Mittel zur Wissenswiedergabe gilt. Im syntaktischen Vergleich zum AcI liegt beim NcI stets Subjektgleichheit vor, jedoch mit dem Unterschied, dass das S 2 gar nicht, auch nicht pronominal, ausgedrückt wird und nur das nominativische S 1 vorliegt. Außerdem ist bei dem ausschließlich mit dem fr. NcI in der Institution anzutreffenden Verb dire à qn. de faire qc. grundsätzlich ein präpositionaler Anschluss erforderlich, sodass der NcI eindeutig als solcher identifiziert werden kann. In Übereinstimmung mit dem AcI weist auch der NcI einen Infinitivkern (V 2 ) auf, welcher ähnliche strukturelle Muster zeigt. So sind die Haupttypen, wie sie bereits beim V 2 des AcI beobachtet wurden, vertreten. Auffällig ist dabei, dass der häufigste Infinitivtypus das passivierte Vollverb ist, also: S 1 +[ estre +dit] V 1 +[ estre +Partizip] V 2 (vgl. 290), und nicht die prädikative Verwendung. Lediglich ein einziger Beleg lässt sich mit einem Adjektiv (vgl. 291) und einer Präpositionalgruppe nach estre im Perfekt (vgl. 292) ausmachen: (291) a. Ergo, si ob vitiatam humanam naturam non inscite dicitur V 1 homo naturaliter esse V 2 Deo abominabilis [...] (LT1559, II, 1, 11: 61 ˆ = LT1539, 2, 15: 312) b. Si donc l’homme non sans cause est dit V 1 naturellement estre abominable V 2 à Dieu [...] (FR1560, II, 1, 11: 20 ˆ = FR1541, 2: 262 [I], id-par-10005) (292) a. [...] iure prae nobis sub servitutis ac timoris Testamento fuisse dicuntur V 1 [...] (LT1559, II, 11, 9: 117 ˆ = LT1539, 11, 36: 825) b. [...] c’est à bon droit qu’au pris de nous ils S 1 sont dits V 1 avoir esté V 2 sous le Testament de servitude [...] (FR1560, II, 11, 9: 226 ˆ = FR1541, 7: 1011 [II], id-par-10010) <?page no="406"?> 394 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo Belege mit einem lexikalischen Vollverb in V 2 -Funktion sind vereinzelt anzutreffen (vgl. 293, 294). Die aus den Daten erhobenen NcI-Belege weisen eine herausragende Stabilität über die betrachteten Ausgaben (FR1541 > FR1560) hinweg auf. Lediglich drei Fälle zeigen eine Umwandlung in einen Objektsatz mit que in FR1560. In (293) liegt eine solche Auflösung mit que vor, dessen Motiv in der vergleichsweise ungewöhnlichen Verwendung der 1. Person Plural von dire in Kombination mit drei hiervon abhängigen, koordinierten Infinitiven gesucht werden kann. (293) a. Respondeo: dicimur V 1 accipere V 2 , obtinere V 2 , impetrare V 2 , quod nobis a Deo datum credimus [...] (LT1539, 17, 15: 965 ˆ = LT1559, IV, 15, 15: 352) b. Je respondz que nous S 1 sommes dictz V 1 recevoir , obtenir , ou impetrer ce que nous croyons nous estre donné [...] (FR1541, 11: 1263 [II]) c. Je respon, qu’ il est dit V 1 que nous recevons, obtenons ou impétrons ce que nous croyons nous estre donné de Dieu, [...] (FR1560, IV, 15, 15: 329, id-par-10023) Vor dem Hintergrund, dass es sich hierbei um eine stark latinisierende Konstruktion handelt, die punktuell durch gelehrten Einfluss in das Mittelfranzösische transferiert wird, ist es plausibel anzunehmen, dass der NcI in einem bestimmten Bildungsmuster mit einem begrenzten Komplexitätsgrad gehäuft vorkommt. Die überwiegende Anzahl der NcI-Belege beschränkt sich schließlich auf die 3. Person Singular (und teilweise Plural) und auf die Verwendung von einem oder maximal zwei (zumeist passiven) Infinitiven. Im Quadrupel in (294) ließe sich zunächst annehmen, dass die Verwendung der Negation mit dem V 1 ein Faktor in der Auflösung des NcI in der Ausgabe in FR1560 darstellen könnte. (294) a. Proinde quos Deus sibi filios assumpsit, non in ipsis eos dicitur V 1 elegisse V 2 [...] (LT1539, 14, 26: 880 ˆ = LT1559, III, 24, 5: 258) b. Pourtant, ceux que Dieu a choisiz pour ses enfans, il S 1 n’est pas dict V 1 les avoir esleuz V 2 en eulx mesmes [...] (FR1541, 8: 1073 [II]) c. Pourtant ceux que Dieu a choisiz pour ses enfans, il S 1 n’est pas dit V 1 qu’ il les ait esleus en eux-mesmes [...] (FR1560, III, 24, 5: 456, id-par-10026) Da jedoch in einem weiteren Beleg die Negation unverändert beibehalten bleibt (vgl. 296) ist eher von einem Einfluss des hier singulär auftretenden direkten Objektpronomens auf die Entscheidung des Überarbeiters auszugehen. Zweifelsfrei sind die Beispiele im Übersetzungsprozess durch den lateinischen Quelltext motiviert, wie die nahe Übersetzung der Schlüsselkonstituenten des NcI zeigt. Die Umformulierung im folgenden Quadrupel in (295) ist zweifach motiviert. <?page no="407"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 395 (295) a. Exhibuit quidem interdum Dominus certis signis numinis sui praesentiam ita perspicuam, ut diceretur V 1 spectari V 2 facie ad faciem [...] (LT1539, 3, 25: 385 ˆ = LT1559, I, 11, 3: 19) b. Il est bien vray que Dieu a quelque fois declairé sa presence par certains signes, si evidemment qu’ il S 1 est dict V 1 avoir esté veu V 2 face à face. (FR1541, 3: 417 [I]) c. Vray est que Dieu s’est quelquefois monstré présent sous certains signes, tellement que l’Escriture dit V 1 qu’ on l’a veu face à face [...] (FR1560, I, 11, 3: 122, id-par-10027) Zum einen zeigt sich im Infinitivkern eine gesteigerte Komplexität in FR1541 mit der wörtlichen Übertragung des passiven lt. Infinitiv Präsens spectari als avoir esté veu . Dies ist im fr. AcI in zahlreichen Fällen möglich, im NcI handelt es sich hier um einen Einzelfall, welcher in FR1560 in eine finite Struktur überführt wird. Zum anderen ist die Einführung eines konkreten S 1 auffällig. Die eindeutige Referenzierung der Heiligen Schrift, der Bibel, ist Calvin aus naheliegenden Gründen wichtig. Es ist denkbar, dass ihm bei der Überarbeitung die Mehrdeutigkeit von il est dict ‘es heißt’ als hinderlich erschien und er daher eine Änderung vornahm, um die Unmissverständlichkeit der Aussage sicherzustellen. Zuletzt wird in (296) ein Beleg des NcI analysiert, der in einem AcI eingebettet ist. Interessant ist dieser Hapaxbeleg insofern, als dass das V 1 des fr. NcI ( n’estre point dit ) zugleich das V 2 eines AcI ist. (296) a. 7. Liberi ergo arbitrii hoc modo dicetur homo , non quia liberam habeat boni aeque ac mali electionem: sed quia male voluntate agit, non coactione. (LT1559, II, 2, 7: 63 ˆ = LT1539, 2, 26: 320) b. 7 - Nous voyons donc qu’ ils confessent V 1 l’homme S 2 n’estre point dit V 2 avoir libéral arbitre pource qu’il ait libre élection tant de bien comme de mal, mais pource qu’il fait ce qu’il fait de volonté, et non par contrainte. (FR1560, II, 2, 7: 30 ˆ = FR1541, 2: 279 [I], id-par-10028) Der fr. AcI hängt von dem S 1 -V 1 -Ausdruck ils confessent ab, welches selbst in einem mit que untergeordneten Komplementsatz zu nous voyons steht. Es ist folglich eine komplexe Verkettung subordinierter Satzteile mit que , AcI und NcI zu sehen. Ein Modell liegt indes nur für den NcI vor - der AcI wird unabhängig vom lt. Quelltext mit einem sehr gängigen V 1 gebildet. Dass der Latinismus im fr. Text zusätzlich durch voir eingeleitet wird, ist dem Beginn des Paragraphen 7 geschuldet, welcher stilistisch mit der Referenzierung der Lesergemeinschaft nous an den vorherigen (hier nicht abgedruckten) Absatz direkt anknüpft und einen fremdartig wirkenden latinisierenden NcI mit il est dit am Satzanfang vermeidet. Die Position des Latinismus scheint in Anbetracht mehrerer anderer NcI-Konstruktionen nicht zufällig gewählt zu sein, wie unten in Kapitel 6.1.8 für den AcI erläutert wird. <?page no="408"?> 396 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo 6.1.7 Autolatinismus: französischer AcI ohne lateinisches Modell Als Autolatinismen werden solche AcI-Konstruktionen bezeichnet, die im Untersuchungskorpus der Institution nicht auf ein lt. AcI-Modell im Quelltext zurückzuführen sind (vgl. Kap. 2.4.6). In der Ausgabe FR1541 sind von 463 erfassten fr. AcI 58 Autolatinismen und in FR1560 75 von 515 Belegen. Damit machen sie 12,5% (FR1541) bzw. 14,6% (FR1560) der Gesamtbelegmenge aus. Dieses Ergebnis für sich allein genommen ist frappierend, denn so zeigt es zum einen die merkbare, aber insgesamt doch nur schwach ausgeprägte Präsenz von AcI-Konstruktionen, die unabhängig von der syntaktischen Konstruktion des Quelltextes verwendet werden. Zum anderen offenbart sich durch die verbleibenden 87,5% bzw. 85,4% der Belege eine starke Autorität des lateinischen Textes. Die wichtigste Alignierungskategorie, die in Kap. 6.1.2 bereits quantitativ ausgewertet wurde, ist 0-1-0-1. Es handelt sich hierbei um Autolatinismen, die in der Ausgabe FR1541 erstmals auftreten und dann (nahezu) unverändert in FR1560 weitergeführt werden (neben 0-1-0-0 u. 0-0-0-1). Zu dieser Kategorie gehören 52 von 65 Quadrupeln. Dies ist als Indikator für die Stabilität dieses Konstruktionstyps zu werten, welcher unabhängig vom lt. Quellsatz eingeführt wurde. Die Beibehaltung der Konstruktion von FR1541 zu FR1560 geschieht vor dem Hintergrund der sorgfältigen humanistischen Überarbeitungspraxis folglich nicht zufällig. Lediglich sieben Autolatinismen werden wieder entfernt. Die zweitwichtigste Kategorie sind die Autolatinismen, die in FR1545 (fünfmal), FR1551 (dreimal) und schließlich FR1560 (neunmal) in neu geschriebenen Textpassagen hinzukommen (——0-1). Dies entspricht weder einer verringerten noch erhöhten Produktivität in den neu hinzugekommenen Teilen der Institution und ist bemerkenswert, da die AcI-Anzahl in der Ausgabe FR1560 einer allgemeinen Regression unterliegt. Es ist nun zu fragen, ob und wie der Autolatinismus sich vom Übersetzungslatinismus (z. B. 1-1-1-1) unterscheidet. In der Untersuchung der 75 autolatinistischen Belege in FR1560 zeigt sich in den Gruppen V 1 , S 2 und V 2 eine interne Verteilung, wie sie bereits zuvor beobachtet werden konnte. Auffällig ist, dass die Menge verneinter Autolatinismen einen Einzelfall nicht überschreitet. Die Anwendung der Negation scheint also der Präsenz der Negationspartikel im lt. Quelltext und des anschließenden Übersetzungstransfers geschuldet zu sein. Die Detailuntersuchung des V 1 ergibt, dass zwar die Verbklassen gleichmäßig und unauffällig verteilt sind, aber die Verwendung der unterschiedlichen Verbtypen deutlich eingeschränkt ist. Bei den verba dicendi werden lediglich 15 von 44 insgesamt möglichen V 1 verwendet. Auch bei den verba intellegendi zeichnet sich mit acht von 15 Verbtypen und den verba sentiendi mit vier von 12 Verbtypen ein <?page no="409"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 397 ähnliches Bild ab (vgl. auch Tab. 15). Die Gewichtung zwischen den Verbklassen ähnelt zwar der bei Übersetzungslatinismen, jedoch mit einem leicht höheren Gebrauch anaphorischer S 2 (ca. +10%). Insgesamt zeigen die Autolatinismen einen ähnlichen Verwendungskontext wie die Übersetzungslatinismen - doch durch eine engere, spezifischere Auswahl gewisser V 1 - und S 2 -Typen wird dieser zu einer prototypischen Realisierung zugespitzt. Es werden nun vier Beispiele autolatinisierender AcI-Konstruktionen exemplarisch vorgestellt, die im Übergang von der Ausgabe FR1541 zu FR1560 entweder entfernt werden (vgl. 297 und 298) oder neu hinzukommen (vgl. 299). Das erste Quadrupel in (297) steht im Zeichen des bereits beobachteten humanistischen Ideals, der inhaltsnahen, wenn nicht wortgetreuen Übersetzung. So ist hier zunächst die Nachahmung des lt. Satzbaus aus LT1539 in der Ausgabe FR1541 zu sehen. (297) a. [...] sed omnia quae unquam edidit signa ad testandam suam praesentiam, significationes dabant incomprehensibilis eius essentiae. (LT1539, 3, 25: 385) b. Mais toutes telles manieres de signes demonstroient pareillement son essence estre incomprehensible , car il est quasi tousjours apparu en nuée, en flambe et en fumée. (FR1541, 3: 417 [I]) c. [...] sed omnia quae unquam edidit signa, apte quadrabant ad rationem docendi, & simul aperte monebant homines de incomprehensibili eius essentia. (LT1559, I, 11, 3: 19) d. [...] mais tous les signes qu’il a iamais choisis pour apparoistre aux hommes estoyent propres pour enseigner, et advertissoyent les hommes de son essence incompréhensible. (FR1560, I, 11, 3: 122, id-par-462) Im Unterschied zum lt. Satz in LT1539 avanciert das Adjektivattribut incomprehensibilis in der fr. Übersetzung jedoch zum Prädikativum eines AcI und vermeidet die Wiedergabe zweier sperriger Objekte: donnaient une signification à son essence incomprehensible . Anschließend wird von LT1559 zu FR1560 die umformulierte lateinische Satzstruktur erneut übertragen, sodass der AcI in FR1560 entfernt wird. Dies zeigt in der Gesamtbetrachtung, dass Calvin dieser Stelle sowohl im lt. als auch fr. Text über mehrere Textgenerationen hinweg besonderes Augenmaß zukommen lässt und nach Formulierungen sucht, die sich in beiden Sprachen in sehr ähnlicher Weise wiedergeben lassen. Dabei scheint es besonders plausibel anzunehmen, dass Calvin wenn nicht bereits bei der ersten Übersetzung 1539/ 1541 zumindest in den zahlreichen nachfolgenden Überarbeitungen des lt. Textes auch die jeweiligen fr. Übersetzungen fest im Blick hat. Im Satzbeispiel in (298) wird der lateinische Text wie so häufig nicht verändert. <?page no="410"?> 398 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo (298) a. Atqui si ita est, quid miseris conscientiis fiet solidam vitae aeternae securitatem quaerentibus, si quaecunque exstant de ea promissiones solo hominum iudicio fultae consistant ? (LT1539, 1, 21: 294 ˆ = LT1559, I, 7, 1: 11) ‘Aber wenn es so ist, was soll aus den armen Gewissen werden, die eine feste Sicherheit des ewigen Lebens suchen, wenn alle diesbezüglichen Versprechungen, die existieren, auf dem alleinigen Urteil der Menschen beruhen? ’ b. Or si ainsi estoit, que deviendroient les paovres consciences qui cherchent certaine asseurance de la vie eternelle, quand elles verroient toutes les promesses d’icelle consister et estre appuyées sur le seul jugement des hommes? (FR1541, 1: 220 [I]) c. Or si ainsi estoit que sera-ce des povres consciences qui cherchent une fermeté de la vie éternelle, veu que toutes les promesses qui en sont données n’auront arrest ny appuy sinon sur le bon plaisir des hommes [...]? (FR1560, I, 7, 1: 93, id-par-430/ 455) In der Erstübersetzung (FR1541) wechselt Calvin das Subjekt und stellt elles bzw. die paovres consciences und ihre missliche Erkenntnis des fehlerhaften Menschenurteils mithilfe des V 1 verroient und dem folgenden AcI in den Vordergrund. Der fr. AcI koordiniert zudem zwei Infinitive in V 2 -Funktion. Die Änderungen in FR1560 zielen sodann auf eine Anpassung an den lt. Quelltext ab und stellen die unpersönliche Angabe toutes les promesses in die Subjektfunktion des mit veu que eingeleiteten Nebensatzes. Der Irrglaube des alleinigen menschlichen Urteilsvermögens wird somit vom Autor auf einer generellen, überindividuellen Ebene an den Pranger gestellt. Der Texteingriff ist daher inhaltlich und durch den lt. Basistext stark motiviert. Zuletzt wird ein Autolatinismus in einem Satzpaar gezeigt (vgl. 299), welcher zum einen erst nach FR1541 formuliert wird und zum anderen in der Satzkonstruktion erheblich vom lateinischen Original abweicht. (299) a. Quam igitur praeposterum est, ab Angelis nos abduci à Deo, qui in hoc sunt constituti ut praesentiorem eius opem nobis testentur ? (LT1559, I, 14, 12: 37-38) ‘Wie absurd ist es folglich, durch die Engel von Gott weggeführt zu werden, die dazu bestimmt sind, dass sie uns seine unmittelbarere Hilfe versichern? ’ b. Quelle perversité est-ce donc si les Anges nous retirent de Dieu, veu qu’ils sont ordonnez à cela, que nous sentions son aide nous estre d’autant plus prochaine qu’il la nous déclare selon nostre infirmité ? (FR1560, I, 14, 12: 195, id-par-4015, neu ab 1545) ‘[...] dass wir merken, dass seine Hilfe uns umso näher ist, als [...]’ Inhaltlich drücken beide Sätze die Gewährung Gottes Hilfe an den Menschen aus. Der stilistische Unterschied liegt erneut in der Vermeidung eines weiteren <?page no="411"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 399 unpersönlichen Ausdrucks und der direkten Adressierung an den Leser. Syntaktisch wechselt dafür das Subjekt zu nous und das eingetauschte Verb sentir wird aktivisch ausgedrückt. Die Abweichung vom lt. Text zeigt sich darüber hinaus in einem längeren, erklärenden Zusatz, der durch das abweichende Zielpublikum motiviert wird. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Übersetzungstreue, die Verständlichkeit und Anpassung an die Zielsprache sowie die direkte Ansprache an den Leser den lateinisch-französischen Übersetzungsprozess des Latinismus mit und ohne Modell bestimmen. 6.1.8 Syntaktische Position des AcI 6.1.8.1 Interne Position: Stellung der Konstituenten Die Wortfolge der syntaktischen Konstituenten der fr. AcI-Konstruktion wurde bereits mit Blick auf das lexikalische S 2 , den häufigsten S 2 -Typ in der Institution , thematisiert (vgl. Kap. 6.1.4.2). 107 Dabei konnten zwei Dinge festgestellt werden. Zum einen spielt die Informationsstruktur, die einzelne Konstituenten hervorhebt, eine wesentliche Rolle in der lateinisch-französischen Übersetzungspraxis. Es zeichnet sich ab, dass sie die Verwendung des fr. AcI zwar nicht ausschließlich, aber dennoch entscheidend beeinflusst. Zum anderen zeigt sich mit dem nominalen S 2 die Regularisierung der Wortstellung Subjekt-Verb-Objekt, wie sie im Mittelfranzösischen allgemein zu beobachten ist (vgl. Prévost/ Dufresne 2020: 21-22). In Objektposition des V 1 steht dabei der AcI, bestehend aus S 2-NP und V 2 . Inversionen innerhalb des fr. AcI treten selten auf und sind auf einen Hapax eines ererbten AcI beschränkt. Die für das Latein typische Variation mit vorangestelltem AcI in Objektfunktion (OSV/ OVS) fehlt im Französischen, was angesichts der geringeren Wortstellungsfreiheit nicht überrascht. Es zeigt jedoch, dass die Schlüsselmerkmale der Konstruktion zielsprachlich adäquat angepasst werden. Auch die Stellung der Pronomen in S 2 -Funktion ist unauffällig. Für die Reflexiv- und Demonstrativpronomen sowie für die direkten Objektklitika lässt sich die auch oben bereits beobachtete Stellung vor dem V 1 ausmachen: 107 In LT1539/ LT1559 zeigt sich erwartungsgemäß eine große Variation der Wortstellung. SOVbzw. OSV dominiert, wie bereits im KL (vgl. Combettes/ Carlier 2020: 966; Devine/ Stephens 2006; Pinkster 1990: 72). In Bezug auf den AcI ist S 2 -V 2 -V 1 sehr häufig, daneben tritt auch die dem Französischen ähnliche Kombination V 1 -S 2 -V 2 auf. Inwieweit diese Wortstellung die Übertragung eines AcI im Französischen begünstigt, ließe sich in einer Vergleichsstudie mit dem que -Objektsatz klären. Weitere Konstruktionen sind in der Stellungsfreiheit innerhalb des AcI (V 2 -S 2 -V 1 vs. S 2 -V 2 -V 1 ) zu beobachten sowie in der das V 1 ‘umklammernden’ Stellung S 2 -V 1 -V 2 . Pronominale S 2 zeigen eine Präferenz für die OV-Stellung S 2 -V 2 -V 1 . Anaphorische Relativpronomen treten ebenfalls in großer Zahl auf (S 2-Rel.pro -V 2 -(S 1 )-V 1 ). <?page no="412"?> 400 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo S 1 -S 2 -V 1 -V 2 . Relativpronomen erscheinen überwiegend anaphorisch sowie initial in der AcI-Konstruktion (S 2 -S 1 -V 1 -V 2 ) und sind somit am weitesten vom V 1 entfernt. 6.1.8.2 Position des V 1 +AcI im Haupt- und Nebensatz Für das moderne Französische bemerken Riegel/ Pellat/ Rioul ( 6 2016), dass die Einbettung mehrerer Objektsätze mit que zu einer erschwerten Lesbarkeit führt: Théoriquement, le nombre d’enchâssements de ce genre n’est pas limité, mais en pratique, au-delà d’un seuil vite atteint, la subordination récursive complique considérablement la structure de la phrase et met en péril son intelligibilité. (Riegel/ Pellat/ Rioul 6 2016: 786) Vor dem Hintergrund der langen lateinischen Sätze, die auch im Französischen in den Originaldrucken teilweise nicht weniger lang erscheinen und häufig durch Doppelpunkte und Semikolon miteinander verbunden werden, stellt sich die Frage, ob der fr. AcI nicht als Textstrategie zur Reduzierung von eingebetteten que -Sätzen verwendet wird. Tatsächlich lässt sich dies in manchem Beispiel beobachten. In dieser Hinsicht ist es nun von Interesse zu zeigen, an welcher Stelle im Satz sich das regierende Verb (V 1 ) befindet. In der nachfolgenden Tab. 55 wird die Stellung des Matrixverbs im Haupt- oder Nebensatz in den beiden Editionen und ihren jeweiligen Subkorpora aufgeschlüsselt. Auch die Autolatinismen werden unabhängig vom Subkorpus (= alle Belege) mit angegeben. Der quantitative Überblick vermittelt ein klares Bild der Distribution, denn zwischen 80% und 90% der V 1 stehen in Nebensätzen. Dies zeigt die zentrale Funktion des AcI in der Einbettung mehrerer Subordinationen (also auf mindestens zwei untergeordneten Ebenen). FR1541 FR1560 Subkorpus V 1 -HS V 1 -NS Summe V 1 -HS V 1 -NS Summe id-par < 500 87 351 438 77 323 400 19,86% 80,14% 100% 19,25% 80,75% 100% id-par > 2000 7 18 25 - - - 28% 72% 100% - - - id-par > 4000 - - - 12 103 115 - - - 10,44% 89,56% 100% Autolatinismen (alle) 8 50 58 10 65 75 13,79% 86,21% 100% - - - - - - 13,33% 86,67% 100% Tab. 55 - V 1 im Haupt- und Nebensatz in FR1541 und FR1560 <?page no="413"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 401 Bei der Durchsicht aller Belege kristallisiert sich eine ganz bestimmte Rolle des fr. AcI heraus. Er drückt Satzteile aus, die im lt. Quelltext in Form von Appositionen mit und ohne AcI stehen. Wenn im lt. Satz ein AcI präsent ist, zeichnet sich in diesen Situationen die Auslassung mindestens einer AcI-Konstituente ab (häufig des unpersönlichen Pronomens ‘es’ oder des Infinitivs esse ). Der lt. Text strebt an diesen Stellen nach größtmöglicher Kürze, die im Französischen dann mit dem AcI, der kürzer als der Komplementsatz mit que ist, nachgeahmt wird. Ein prägnantes Beispiel textueller Kohäsion und Komplexität gibt (300): (300) a. Quin potius [ anathema esse pronuntiamus ] 1 , [ quicunque non se S 2 coram Deo, coram angelis eius, coram ecclesia, coram omnibus denique hominibus, peccatorem O 2 confessus fuerit V 1 ] 2 . (LT1539, 12, 30: 1010 ˆ = LT1559, IV, 17, 32: 376) b. Mesmes [ nous S 1 declarons V 1 tous ceux S 2 estre maudictz et damnez V 2 ] 1 [qui ne se confessent V 1 devant Dieu, devant ses Anges, devant l’Eglise, brief, devant tous les hommes, estre V 2 pecheurs] 2 . (FR1541, 12: 1362 [II]) c. Mesme [nous déclairons que tous ceux [ qui ne se S 2 confessent V 1 devant Dieu, devant ses Anges, devant l’église, brief devant tous les hommes, estre V 2 pécheurs O 2 ] 2 sont maudits et damnez] 1 . (FR1560, IV, 17, 32: 421, id-par-340) Im lt. Satz sind zwei AcI anzutreffen; dabei ist der zweite AcI mit dem V 1 confessus fuerit vom vorhergehenden AcI mit pronuntiamus abhängig. Der erste AcI lässt das S 2 aus, welches nachfolgend mit dem Subjekt des zweiten AcI näher bestimmt wird. Abgesehen von der Auslassung des S 2 im ersten AcI und des V 2 im zweiten AcI, die im Französischen ergänzt wird, ahmt die Ausgabe FR1541 die unterordnende Struktur des Relativsatzes sowie die beiden AcI-Konstruktionen nach. Tendenziell werden im Französischen zwei AcI zu einem in FR1560 reduziert - z. B. wie in (300c), in welchem der erste AcI, der von déclairons abhängt, mit einem que -Satz aufgelöst wird. Der zweite AcI bleibt bestehen, doch der Relativsatz rückt näher an sein Antezedens heran. Dies ist eine Beobachtung, die mehrfach bei den verschränkten Relativsätzen gemacht werden konnte. Daraus lässt sich schließen, dass die Grenzen der Akzeptabilität eine Einbettung mehrerer AcI-Konstruktionen im Französischen nicht zulassen. 6.1.8.3 Position des AcI im Text Bei der Textlektüre fällt auf, dass zahlreiche AcI-Konstruktionen mit ihrem V 1 am Anfang oder am Ende eines Absatzes in der Ausgabe FR1560 stehen. Eine gehäufte Stellung an diesen zentralen Stellen einer jeden Textargumentation ließe sich als Zeichen des wahrgenommenen gesteigerten Prestiges des AcI werten. In effectu bestätigen zwei Stichproben (Hälfte aller Belege) im Subkorpus <?page no="414"?> 402 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo der Quadrupel (id-par < 500) eine Positionierung des AcI zu 25% zu Beginn oder am Ende eines Absatzes. Die Autolatinismen zeigen dabei eine geringfügige Prävalenz bezüglich der Positionierung an Absatzenden. Dies spricht ebenfalls für die Setzung des AcI aus Prestigegründen und für eine absichtliche Aufwertung des französischen Sprachstils. Außerdem wird hieraus ersichtlich, dass die Positionierung des latinisierenden AcI durch den Humanisten Calvin im Verlauf der fr. Textargumentation nicht arbiträr erfolgt. 6.1.8.4 Bibelstellen Der gezielte Einsatz der Latinismen zeigt sich sodann auch an den von Calvin direkt und indirekt zitierten Bibelstellen. Der Einfluss hieraus darf im Transferprozess der syntaktischen Latinismen nicht unterschätzt werden, wenn die AcI-Konstruktion als Mittel der sprachlichen Aufwertung in humanistischer Perspektive fungiert. Die Bibelstellen geben einen starken inhaltlichen Bezugspunkt, auf den Calvin sich im Textverlauf immer wieder in großem Maße bezieht. Die unwiderlegbare Autorität der Heiligen Schrift wird zu Beginn des Werks (vgl. FR1560, I, 7) dargelegt und begründet. Sie bildet die Grundlage für die in der Institution anschließend geschilderten theologischen Anschauungen und den Disput mit den papistes . Es ist folglich zu fragen, wie vielen AcI-Konstruktionen im Französischen eine Bibelstelle exakt im Wortlaut zugrunde liegt. Dies ist insbesondere in diesem Fall interessant, da die Zitationspraxis des 16. Jahrhunderts noch nicht streng zwischen direktem und indirektem Zitat unterscheidet. Freie Paraphrasierungen aus dem Gedächtnis sind demnach zu erwarten und gängig. Zur zuverlässigen Angabe der Bibelstellen in der nachfolgend ausgewerteten Stichprobe wurde die Edition LT1539 ( Calvini Opera ) herangezogen und diejenigen Stellen betrachtet, die in den Ausgaben FR1541 und FR1560 einen fr. AcI kennen. Von 333 Stellen weisen 249 Stellen keinen kenntlich gemachten direkten oder indirekten (ein bis zwei Sätze vor oder nach der Belegstelle) Bezug zur Bibel auf. 34 Belege verweisen direkt im gleichen Satz auf eine Bibelstelle und 50 Okkurrenzen sind mit indirektem Verweischarakter nachgewiesen. Bei den 34 nachgewiesenen direkten Bibelbelegen ist eine weitgehende Übereinstimmung des Teil- oder Gesamtsatzes mit der Bibelstelle zu erkennen, sodass von einem indirekten Zitat zu sprechen ist. Es handelt sich dann um mit dem AcI eingefasste, eingeleitete oder paraphrasierte Bibelstellen. Beinahe wörtlich übertragen ist im lt. und fr. AcI der Beleg in (219), der gleichzeitig eher die Ausnahme darstellt. Es lässt sich resümieren, dass die Bibelstellen, die bei diesem Textgenre als wichtigste Quelle vorauszusetzen sind, regelmäßig im Kontext des AcI in Erscheinung treten, aber keinen gewichtigen Einfluss auf den Transfer oder die Produktivität des AcI haben. Im Normalfall werden längere Passagen zu einem bestimmten <?page no="415"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 403 Thema der Heiligen Schrift besprochen, sodass ein allgegenwärtiger Bibelbezug vorliegt. Der AcI dient daher in erster Linie, wie bei der Verwendung der Matrixverben gezeigt werden konnte, als Mittel zur Referenzierung von Autoritäten (Personen und Literatur), um letztlich die Textargumentation zu stützen. 6.1.9 Zentrale Resultate aus der Institution Ich fasse nun die gewonnenen Einsichten und Ergebnisse zum fr. AcI in der Institution de la religion chrestienne zusammen. Es folgen entsprechend der vorherigen Gliederung vier Abschnitte zum V 1 , S 2 und V 2 sowie zu den Beobachtungen, die sich aus der Übersetzung, Überarbeitung, den Autolatinismen und der Positionierung des AcI ergeben. 6.1.9.1 Ergebnisse zum V 1 In Kapitel 4 wurden die Verbklassen vorgestellt, mit welchen der (eigentliche) AcI im Klassischen Latein steht. Ausnahmslos alle Klassen sind in der Institution mit dem fr. AcI nachgewiesen. Zum einen bedeutet dies auf sprecherzentrierter Ebene, dass Calvins schriftliche Sprache einen umfangreichen und lexikalisch reichen Verbgebrauch gelehrter AcI-Konstruktionen aufweist. Zum anderen lässt sich unabhängig davon feststellen, dass das V 1 der französischen gelehrten AcI-Konstruktion ausgesprochen anpassungsfähig ist. Dennoch lassen sich Verwendungseinschränkungen auf der Ebene der Verbklassen und der Einzelverben konstatieren. Zu den Verbklassen, die kaum belegt sind, gehören die verba affectuum , impersonalia , vetandi und auch die wenigen Belege ererbter AcI-Konstruktionen mit Verben der physisch-sinnlichen Wahrnehmung. Die verba dicendi sind sehr stark vertreten und weisen zugleich die meisten Verbtypen auf. Die geistigen Wahrnehmungsverben, die unter dem Etikett der verba intellegendi zusammengefasst werden, stellen die zweitstärkste Gruppe dar. Zusammen mit den Verben des Sagens bilden sie zwei Drittel aller Belege. Das Mittelfeld wird von den verba sentiendi , die Meinungen und unsichere Wissensakte ausdrücken, bestimmt. Verben, die im untergeordneten AcI reine Denkvorgänge ausdrücken, sind dagegen eher selten zu finden. Aus dieser Verbklassendistribution ergibt sich ein klares Textprofil. Die AcI-Konstruktion wird verwendet, um Meinungen bzw. Überzeugungen auszudrücken, und dient der indirekten, paraphrasierenden Redewiedergabe, beispielsweise aus der Bibel oder Texten der Kirchenväter. Außerdem geht es als christliches Gemeindemitglied (= Zielpublikum) um die Erkenntnis bestimmter Vorgänge oder Zustände: nicht selten ist dies die Erfassung des Wohlwollens oder der Mächtigkeit Gottes. Schließlich nehmen die epistemischen V 1 eine <?page no="416"?> 404 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo zentrale Rolle im Ausdruck des Glaubens ein. Calvin ist es wichtig, falsche oder irrige Meinungen klar als solche zu kennzeichnen. Hierfür verwendet er das Verb penser (II) sowie cuider , wobei Letzteres die untergeordnete Proposition derart stark negativ konnotiert, dass sie keine Möglichkeit zur weiteren Diskussion mehr offen hält. Die Subjektivität im Glauben, die mit penser (II) und der untergeordneten Proposition einhergeht, wird mit croire gänzlich ausgeschlossen. Hier liegt stets ein gefestigtes und präsupponiertes Wissen der Glaubensgemeinschaft zugrunde. Auf der Ebene der Einzelverben, die einen AcI regieren, lassen sich im vorliegenden, sehr spezifischen Übersetzungskontext vier Gruppen ausmachen. Wie bereits festgestellt wurde, gibt es innerhalb jeder Verbklasse ein Verb mit einer sehr großen Anzahl an Belegen. Mit Bezug auf die Übersetzung und den lt. Quelltext gibt es dominierende fr. Verben, die universeller eingesetzt werden als andere. Sie bilden in der Regel eine breite Zahl lt. V 1 ab, sodass sie aufgrund ihrer prototypischen Verwendung sehr wahrscheinlich Teil der Übersetzungsstrategie sind, wenn der Übersetzer keine adäquate zielsprachliche Entsprechung findet, jedoch in der Verwendung des V 1 eine korrekte inhaltliche Wiedergabe gewährleistet sieht. In dieser Funktion können in der Institution mit dem AcI die V 1 dire , cognoistre , penser (II), voir (I, II) und vouloir gelten. Die Prädikate confesser und recongoistre sind ebenfalls in ihren Klassen sehr häufig, allerdings werden sie spezifischer in der Übersetzung verwendet und entsprechen in vielen Fällen einem einzelnen lateinischen Verb (z. B. agnosco, fateor ). Bei den Verben, die im quantitativen Mittelfeld vorkommen, liegt in der Regel eine sehr präzise Übersetzung des lateinischen Satzes vor, sodass hieran gesehen werden kann, dass die breite Verbdistribution mit dem Ziel der adäquaten Übersetzung zusammenhängt. Zu diesen Verben zählen u. a. nier , prononcer , enseigner , tesmoigner , testifier , croire und sentir . Besonders nah ist die Übersetzung dabei bei testifier , welches als Latinismus des Mittelfranzösischen aus lt. testificari transferiert wird. Die vierte und letzte Gruppe besteht aus V 1 , die nur vereinzelt vorkommen. Zwei Motive lassen sich in der Wahl der V 1 beobachten: zum einen die Suche nach geeigneten Verben in einem Französisch, das sich im sprachinternen Ausbau befindet, und zum anderen der Versuch, selbst im Latein seltenere Verben präzise zu übersetzen. Die bestimmende Prinzipien sind hierbei die Akzeptabilität in der Zielsprache sowie die Übersetzungstreue zum Quelltext. Die merkbare Suche des Übersetzers nach passenden Verben befördert die Ausbildung einer außerordentlichen lexikalischen Diversität, die sich stets innerhalb der im KL mit dem AcI stehenden Verbklassen bewegt (v. a. verba dicendi , intellegendi u. sentiendi ). Gleichzeitig ist die Konzentration auf bestimmte Verben hervorzuheben, die es erlaubt, von einer prototypischen Verwendung zu <?page no="417"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 405 sprechen, die dennoch zweifelsohne sorgfältig, gemäß dem Textinhalt und dem lateinischen Ausdruck im Quelltext, ausgewählt werden. Daher ist auch die Gruppe der Verben, die eine direkte klassisch-lateinische Entsprechung mit dem AcI kennen, am größten. Eine Erweiterung des Gebrauchs kann in zwei Fällen beobachtet werden. Verben, die bei Stimming (1915) belegt sind, jedoch nicht im KL oder nur in benachbarten Konstruktionen, sind z. B. apprendre, comprendre, expérimenter (nicht-klassischer Gebrauch), douter (uneigentlicher AcI im KL). Außerdem lassen sich Verben anführen, die zwar nicht bei Stimming mit einem AcI nachgewiesen oder erwähnt werden, jedoch im KL mit dem AcI belegt sind: z. B. testifier, signifier und décrire . Der gelehrte AcI wird als syntaktischer Latinismus einem bestimmten Zeitraum zugeschrieben. Die Verwendung setzt mit den ersten französischsprachigen Übersetzungen antiker Texte noch im Hochmittelalter ein, setzt sich über das 14. Jahrhundert fort und wird schließlich im 15. und 16. Jahrhundert durch den Humanismus als bestimmende kulturelle Strömung befördert. Interessant ist nun, dass eine Korrelation dieser Zeitabschnitte mit der Häufigkeit der hier erhobenen Belege einhergeht. Die vielfach eingesetzten V 1 treten dabei im oder vor dem 14. Jahrhundert auf (vgl. Tab. 15) und stehen somit zum Zeitpunkt der Abfassung der Institution seit mehr als 200 Jahren mit dem AcI (in variierender Frequenz) in der Schriftsprache. Im quantitativen Mittelfeld befinden sich sodann Verben aus dem 15. und 16. Jahrhundert, die zeitlich mit dem auf das Latein rekurrierenden Humanismus zusammenfallen. Dies ist bemerkenswert und untermauert die These einer bewussten Einführung des gelehrten AcI aufgrund lateinischen Prestiges im Übersetzungskontext. In der Betrachtung der Verbklassen wurde auch die Realisierungswahrscheinlichkeit eines AcI erfasst. Das übergeordnete Ziel war es hierbei, solche V 1 zu identifizieren, die häufiger mit dem AcI in Bezug auf die generelle Anzahl an Verbformen auftreten als andere. Dies konnte erfolgreich in Bezug der AcI-Anzahl auf die Verbformenanzahl abgebildet werden und trifft auf die Verben cognoistre (10,5% bei 7,8/ 10.000 W. Formen/ Wortanzahl), recognoistre (9,9% bei 3,4/ 10.000 W.) und confesser (8,5% bei 7,1/ 10.000 W.) zu, die verhältnismäßig häufig mit dem AcI realisiert werden. Mit einer mittleren Häufigkeit kommen juger (5,2%), réputer (4,9%) und estimer (4,5%) vor. Vergleichsweise selten tritt mit dem AcI außerdem dire (1,7%) und vouloir (1,24%) auf, da hier bei beiden Verben eine grundsätzlich hohe Anzahl an Verbformen vorliegt (56,7/ 10.000 W. für dire u. 26,3/ 10.000 W. für vouloir ). Die Prädikate werden also weit häufiger mit einer anderen Konstruktion als dem AcI verwendet. Es ist wichtig zu sehen, dass die Wahl des V 1 nicht über die Zuordnung zum gelehrten oder ererbten Typus entscheidet. Dies zeigt sich an dem verbum <?page no="418"?> 406 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo intellegendi und zugleich physisch-sinnlichen Perzeptionsverb voir , welches zu beiden Typen gerechnet werden kann. Die Typisierung manifestiert sich über das Verständnis der Verbindung zwischen über- und untergeordnetem Satz. Dabei spielen die bekannten syntaktischen Gründe, wie die Auffassung des S 2 als direktes Objekt zum V 1 respektive des S 2 und V 2 als zusammengefasste Ergänzung zum V 1 , eine Rolle, aber auch semantische Kriterien, die die Konstituenten S 2 und V 2 im untergeordneten Satz betreffen. 6.1.9.2 Ergebnisse zum S 2 Auf Basis der knapp sechs hundert ausgewerteten fr. AcI-Belege in Calvins Institution ist erstmalig eine umfassende Auswertung des S 2 möglich geworden. Dabei zeigt sich grundsätzlich, dass den S 2 -Realisierungsarten dieses syntaktischen Latinismus verschiedene Transfermotive zugrunde liegen. Dies ist in erster Linie jene Form des Latinismus, welche aufgrund des zugrunde liegenden Quelltextes und des Translationsprozesses übertragen wird. Daneben finden sich Bestrebungen, Mehrdeutigkeit im Sprachausdruck zu vermeiden und die Leserfreundlichkeit zu vergrößern. Tendenzen zu einem Abbau bestimmter, von S 2 abhängigen latinisierenden Konstruktionen, die sich als modernisierender Eingriff deuten lassen, sind ebenfalls zu beobachten. Die am häufigsten vertretenen drei S 2 -Typen sind Nominalphrasen, anaphorische Pronomen sowie das Reflexivum se . Wie gezeigt wurde, ist die Distribution dieser S 2 -Typen in Abhängigkeit zu ihrer Paralleltextkategorie zu sehen. Sie erlaubt die folgenden Rückschlüsse auf den Transfer des AcI als Latinismus in das Französische der Institution . Im Bereich der (nahezu) unveränderten Quadrupel (1-1-1-1) machen die Nominalphrasen im AcI in der älteren und jüngeren französischen Ausgabe der Institution über die Hälfte der Belege aus. Etwa ein Viertel der Belege entfällt auf anaphorische Pronomina. In der älteren französischen Erstausgabe FR1541 werden mehr NP eingeführt als anschließend in FR1560. Zudem werden sie mehrheitlich beibehalten, sodass von einer ausgeprägten Stabilität zu sprechen ist. Da die NP generell nur selten entfernt werden, zeigt dies eine hohe zielsprachliche Akzeptanz des Autors gegenüber dem gelehrten Latinismus und dem in dieser Paralleltextkategorie noch stärker zu berücksichtigen Einfluss der lt. Textautorität im Übersetzungs- und Überarbeitungsprozess. Dies ergibt sich zunächst aus den in der Kategorie der Autolatinismen beobachteten Veränderungen. Besonders markant ist der hier in FR1541 anfänglich hohe, aber dennoch im Vergleich zu den Sätzen mit lt. Modell niedrigere NP-Anteil von 40% (anaph. Pronomina ebenfalls 40%, vgl. Abb. 10). Wenngleich sich dieser Anteil der NP nur geringfügig zugunsten der anaphorischen Pronomina reduziert, so könnte diese <?page no="419"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 407 Veränderung anzeigen, dass der AcI zunehmend präferiert mit anaphorischen Pronomina gebildet wird. Diese Beobachtung verstetigt sich, wenn ferner die Kategorie der später, nach FR1541, eingefügten Textpassagen und Belege mit in das Bild genommen wird. Denn hier entfallen gar zwei Drittel der S 2 auf die anaphorischen Pronomina. Vor dem Hintergrund der beträchtlichen Anzahl an NP mit S 2 -Funktion in Autolatinismen, die zeigen, dass dieser Typus auch in nicht vom Latein direkt beeinflussten Textstellen Anwendung findet, kann nicht von einem grundsätzlichen Umschwung von der Verwendung nominaler S 2 zum anaphorischen Typ gesprochen werden. Vielmehr muss das Ergebnis im Kontext des textuellen Überarbeitungsprozesses eingeordnet werden. Durch die Verwendung anaphorischer S 2 besteht die Möglichkeit an das Vorhergesagte anzuschließen, sodass es ein ideales Mittel in der Umformulierung oder Ergänzung eines Textabschnittes darstellt, welcher bereits in LT1539 und FR1541 existiert. Diese Textergänzungen mit Rückwärtsbezug werden in der Ausgabe FR1560 in besonderem Maße von den innerhalb der großen Verbklassen am häufigsten anzutreffenden Verben getragen. So nimmt die anaphorisch pronominale Verwendung des AcI mit dire um 20 Prozent zu; außerdem penser (II) um 12, connoistre um 7 und voir um 5 Prozentpunkte. Gleichzeitig reduziert sich bei diesen Verben der NP-Anteil. Im direkten Vergleich mit anderen, weniger frequenten Verben zeigt dies außerdem, dass die Ergänzungen mit gelehrtem AcI bevorzugt mit diesen häufigen Verben auftritt. Hieraus wird ersichtlich, dass die Anwendung der fünf S 2 -Typen (Nominalphrasen, Reflexivpronomen, Objektpronomen, Demonstrativpronomen und anaphorische bzw. kataphorische Pronomen) von unterschiedlichen Motiven getragen wird, während sie teilweise sehr spezifische Funktionen im Textfluss erfüllen. Im Folgenden fasse ich die wichtigsten Erkenntnisse und Eigenschaften zusammen. Im Gegensatz zum lt. Satzbau erlaubt die französische Wortstellung bezüglich der Realisierung des fr. AcI kaum Freiheit in der Positionierung der einzelnen Konstituenten. Es kann in der Verwendung der NP in S 2 -Funktion ein Haupttyp (Typ A) ausgemacht werden, nämlich V 1 -[S 2 -V 2 (-O 2 )] AcI , der kaum Ausnahmen zeigt. Die Diversität des lexikalischen S 2 ist bemerkenswert ausgeprägt, sodass der gelehrte AcI nicht auf ein bestimmtes Wortfeld oder eine Verwendungsweise beschränkt ist. Auch zentrale Textprotagonisten wie Gott, der Mensch und Christus sind unter den häufigsten Nomina vertreten - ein Hinweis darauf, dass zentrale Aussagen im AcI formuliert werden. Festgestellt werden kann auch, dass trotz dieser präsenten personellen Dreieckskonstellation unbelebte S 2 mit ca. 70% überwiegen und damit keine größere Abweichung zu den Objektsätzen mit que vorliegt. Außerdem sind auch komplexere Nominalphrasen mit mehreren <?page no="420"?> 408 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo Adjektiven oder koordinierten Nomina möglich. Im lateinisch-französischen Textvergleich zeigt sich zudem, dass der AcI mit NP in S 2 -Funktion zur konkreten Referenzierung dient und dies nicht selten vor dem Hintergrund eines lt. AcI, der pronominal oder mit pronominaler Ellipse auf eine vorhergehende Entität referenziert. Dies ist im Zeichen einer von der lt. zur fr. Ausgabe vergrößerten Leserfreundlichkeit des AcI zu sehen, die so semantische Ambiguität ausschließt. Mittels der NP wird im untergeordneten AcI-Satz in der Regel ein neues Subjekt eingeführt, da es sich vom Subjekt des regierenden Verbs (S 1 ) unterscheidet. 108 Die koreferente Referenzierung ausschließlich belebter Subjekte wird in der Institution mit einem Reflexivpronomen ausgedrückt. Unbelebte Subjekte oder Quantoren wie chacun oder personne werden nicht koindiziert. Koreferenz gilt in der Forschungsliteratur als generelles Zeichen eines gelehrten AcI (vgl. Buridant 2019; Stimming 1915). Die wenigen ererbten AcI-Belege im Untersuchungskorpus der Institution , die in S 2 -Funktion Objektklitika und NP aufweisen, widersprechen dem nicht, reichen jedoch aufgrund ihrer geringen Anzahl alleine nicht zur Bestätigung aus. Diese ist schließlich im quantitativen Anteil der koreferenten Belege (ca. 10% in FR1541 u. FR1560) zu sehen, aber vor allem auch in den gewonnenen Erkenntnissen aus der qualitativen Analyse. So basieren die Fälle mit den Reflexiva me, te, nous und die Belege mit se in der überwiegenden Anzahl der Fälle auf einem lt. AcI. Die wenigen Autolatinismen mit se zeigen die Verwendung von sehr frequenten V 1 , so z. B. dire, penser und recognoistre . Dies lässt sich als Zeichen verringerter sprachlicher Kreativität aufgrund einer prototypischen Bildungsweise dieses gelehrten AcI-Typs sehen, dessen Anwendung indirekt durch den lateinischen Übersetzungskontext motiviert wird. Die Übertragung einiger AcI-Konstruktionen, die von der Ausgabe FR1541 nach FR1560 noch einmal verändert werden, offenbaren, dass der gelehrte Charakter des AcI als Übersetzungslatinismus einer kritischen Reflexion und Prüfung der sprachlichen Akzeptabilität durch den Autor unterzogen wird. Mit der Verwendung anaphorischer sowie kataphorischer Pronomina wird sich im untergeordneten AcI-Satz auf eine Konstituente oder einen Satzteil bezogen, die unmittelbar vor oder nach der AcI-Konstruktion stehen. Ihre Funktion liegt in der Präzisierung und Anreicherung weiterer Informationen, durch die sie, wie oben angesprochen, zum geeigneten Vehikel einer textuellen Überarbeitung und Erweiterung werden. Die wenigen Fälle kataphorischer S 2 können alle dem direkten Einfluss der Übersetzungsgrundlage zugeordnet werden. Die 108 Eine Besonderheit ist in dem Fall zu sehen, in welchem das S 1 sich selbst meint, indem das S 2 ein entsprechendes semantisches Konzept ausdrückt und das S 1 so von sich in der dritten Person spricht: ? il [= Dieu] dit estre le Seigneur de tous les hommes . In allen Korpusbelegen des nominalen S 2 liegt jedoch eine Subjektungleichheit in der Institution vor. <?page no="421"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 409 anaphorischen Pronomina überwiegen und sind zudem der zweitstärkste bzw. in der Paralleltextkategorie der neu hinzugekommenen Textpassagen sogar der stärkste S 2 -Typ. Zwei Drittel der anaphorischen S 2 entfallen auf Formen von lequel und das übrige Drittel entfällt zu gleichen Teilen auf ce que und que . Das Zahlenverhältnis erklärt sich aus der beobachteten Möglichkeit, mit lequel das Genus einer vorherigen Konstituente eindeutig zu referenzieren und damit ein potentielles Missverständnis beim Lesen und in der Übersetzung des lt. Textes, welcher in gleicher Weise eindeutig referenziert, zu beseitigen. Die Klarheit des sprachlichen Ausdrucks Calvins, den bereits Marmelstein (1921: 68) konstatiert, kommt in dieser eindeutigen Referenzierungsstrategie des Humanisten zum Ausdruck. Ce que , aber auch das häufig zugrunde liegende lt. quod , dient unter anderem der Bezugnahme auf einen ganzen Satzteil, der der AcI-Konstruktion vorausgeht. Ein Drittel dieser Belege wird ganz ohne lt. Modell gebildet. Dies ist bemerkenswert und in etwa drei Mal so häufig wie in den Belegen mit lequel , welche viel stärker auf dem lt. Quelltext basieren. Es zeigt sodann, dass der AcI mit ce que in S 2 -Funktion auch außerhalb der Übersetzung relativ häufig zu erwarten ist. Die Objektklitika treten im Vergleich zu den übrigen S 2 -Typen in einer relativ geringen Anzahl auf (ca. 6%). Auffällig ist hier der hohe Anteil von Konstruktionen mit Prädikativum vom Typ il le confesse estre rebelle contre Dieu (vgl. 230), welches als Charakteristikum des gelehrten AcI gewertet werden kann. Die wenigen Fälle mit lexikalischem Infinitiv entfallen vorwiegend auf voir/ ouïr in geistiger Wahrnehmung. In Abgrenzung zu anderen Texten wird dieser Befund als präferierte Verwendungsweise oder gar Funktionseinschränkung einzuordnen sein. Außerdem ermöglichen die direkten Objektpronomen die Identifizierung des Referenten anhand seines Genus und Numerus, die nicht selten im lt. Text auf Demonstrativpronomen zurückgehen. In keinem Fall findet sich dabei ein unpersönliches le ‘es’, dessen Referenz sich nicht bestimmen ließe. Die Demonstrativpronomen kommen in einem ähnlich geringen Umfang wie die Objektklitika (ca. 5%) vor. Die etwa zwei Dutzend Okkurrenzen geben einen dennoch interessanten Einblick in den Funktionsbereich dieser Pronomina, deren Anwendung im AcI eng im Kontext der Übersetzungspraxis zu sehen ist. Die Demonstrativa weisen eine nah- und ferndeiktische semantische Funktion auf, die sowohl im Lateinischen als auch im Französischen besteht und übertragen wird. Calvin verfährt im syntaktischen Transfer des S 2 getreu des Genus im lt. Text und der deiktischen Ausrichtung. Mit proximalen Demonstrativpronomen im AcI ( cecy ) referenziert er so in der Regel auf den gleichen Satz und mit distalen Demonstrativa ( cela ) auf weiter entfernt liegende Konstituenten, meist im vorherigen Satzteil oder gar Satz. Bemerkenswert ist, dass diese deiktische Funk- <?page no="422"?> 410 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo tion besonders häufig in Verweisen auf Zitate des Paulus verwendet wird, also teilweise kontextuell motiviert ist. Zuletzt sei auf die Rolle des distaldeiktischen cela in der Übersetzungspraxis hingewiesen, welches in den Fällen bevorzugt eingesetzt wird, in denen im lt. Satz das Pronomen fehlt oder es sich um einen Autolatinismus handelt und auf einen vorherigen Satz(teil) verwiesen wird. Resümierend lässt sich also sagen, dass der Anwendungsbereich des S 2 und seine spezifische Funktion im Text von verschiedenen Faktoren abhängt. Die Auswahl wird dabei u. a. bestimmt durch (1) den lt. Quelltext (NP), (2) die semantische Funktion im Zieltext bzw. die Rolle als praktikables und zugleich unmissverständliches Übersetzungsmittel (Demonstrativa, Objektklitika), (3) die Texterweiterung (anaphorische Pronomina) sowie (4) die möglichen Koreferentialität der Subjekte im unter- und übergeordneten Satz (Reflexiva). 6.1.9.3 Ergebnisse zum V 2 Der Infinitiv des gelehrten fr. AcI (V 2 ) bildet den Kern der Konstruktion, die dem Matrixverb (V 1 ) untergeordnet ist. Die Analyse und Auswertung dieses dritten wesentlichen Bestandteils des AcI hat in frappierender Weise gezeigt, dass der Infinitiv der Kopula estre in der Mehrheit der Belege steht. Dabei tritt er zum einen als Bestandteil prädikativer Wendungen auf, zum anderen wird er zur Passivierung lexikalischer Vollverben verwendet. Zusammen bilden die beiden Verwendungsweisen über 85% ab und sind beide als prägnant charakteristisches Zeichen des gelehrten AcI zu betrachten. Dies gilt umso mehr vor dem Hintergrund, dass insgesamt wenige Änderungsbewegungen von der ältesten Ausgabe FR1541 hin zu FR1560 zu beobachten sind. Hier finden weit weniger Wechsel innerhalb der eröffneten Kategorien, die sich nach dem V 2 ( estre , avoir , Vollverb) sowie dem Tempus und der Diathese richten, statt, als beim zuvor betrachteten S 2 . Außerdem sind zwischen den beiden Subkorpora id-par < 500 (Paralleltextstellen aller vier Ausgaben LT1539/ FR1541/ LT1559/ FR1560) sowie id-par > 500 (Paralleltextstellen der später entfernten oder neu hinzugekommenen Textpassagen mit AcI) keine nennenswerten Unterschiede zu verzeichnen. Der Infinitivkern verhält sich also insgesamt stabil und die typischen Veränderungen von FR1541 zu FR1560 sind vorrangig in der Wahl des V 1 und des S 2 zu beobachten. Die Detailbetrachtung des V 2 gibt Aufschluss auf den Einfluss der Übersetzung und derjenigen gelehrten AcI-Typen, die auch in übersetzungsfreien Kontexten zu erwarten sind. Ich fasse nachfolgend die wichtigsten Erkenntnisse hierzu zusammen. Drei Viertel aller Belege entfallen zu etwa gleichen Teilen auf die folgenden Konstruktionsarten: die prädikative Verwendung mit estre +Adjektivphrase und estre +Nominalphrase sowie der Infinitiv Passiv. Die dominante Tempusform ist bei allen drei Konstruktionsarten erwartbar das <?page no="423"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 411 Präsens. Allein aufgrund der ausgeprägten Häufigkeit ist bereits anzunehmen, dass sie auch außerhalb der Übersetzung die bestimmenden Konstruktionsarten sind. Fraglich ist jedoch, ob sie dann gleichstark verteilt sind. Wertvoll ist zur Validierung dieser datenbasierten Annahme die Auswertung der autolatinistischen Belege, die einen um etwa fünf Prozent stärkeren Gebrauch prädikativer Konstruktionen aufweisen, während die AcI mit passivischem Infinitiv in V 2 - Funktion um zwölf Prozentpunkte seltener auftreten. Dieses Ungleichgewicht zwischen autolatinistischen und übersetzten Belege indiziert somit, dass der Gebrauch des passivierten Infinitivtyps maßgeblich durch die Übersetzungsleistung beeinflusst wird. Das übrige Viertel wird im Wesentlichen durch die Perfektformen in aktiver und passiver Diathese bestimmt. Sie zeigen vor allem eines, nämlich die deutliche Abhängigkeit vom lt. Quelltext und einen damit verbundenen ausgeprägt latinisierenden Charakter. Geringe oder ausbleibende Autolatinismen in den untersuchten Kategorien sind hierfür ein Kennzeichen. So bestimmt die Gleichzeitigkeit die fr. AcI-Belege, denn nur wenige Belege drücken aufgrund der lt. Übersetzungsgrundlage ein vorzeitiges Verhältnis aus (ca. 10%, FR1560). Bei den Autolatinismen sind es lediglich fünf Fälle (ca. 5%, FR1560). Dies lässt den Schluss zu, dass ein indirekter Wirkzusammenhang vorliegt: Die Übertragung der Vorzeitigkeit ins Französische wird stark durch die lt. Textgrundlage begünstigt, aber auch die vereinzelte Realisierung eines AL scheint durch die mit Latinismen durchsetzte Textumgebung motiviert zu werden. Noch stärker zeigt sich die Abhängigkeit vom lt. Quelltext in der Verwendung des Infinitiv Passivs, wie sich in der generellen Unterscheidung zwischen autolatinistischen (ca. 23%, 14/ 61 Belege, FR1560) und übersetzten Belegen (ca. 51%, 143/ 280 Belege, FR156) konstatieren lässt. Besonders bemerkenswert ist hierbei, dass 13 von 14 autolatinistischen Belegen auf den Infinitiv Passiv im Präsens entfallen - die Perfektform wird also nicht unabhängig vom lt. Quelltext verwendet. Sporadisch anzutreffende Ellipsen der Kopula estre ergänzen zudem das Bild der absichtlichen Imitation des lt. AcI, welcher sehr häufig ohne esse mit dem Partizip Perfekt steht. Das Ausbleiben von Autolatinismen in Belegen, deren Infinitiv verneint wird, weist darauf hin, dass die Negation ein Merkmal des Übersetzungstransfers ist. Zugleich bestätigt die erhöhte Anzahl autolatinistischer AcI mit aktiven Vollverben in V 2 -Funktion die eingangs getroffene Beobachtung, dass die Kopula estre und passivierte Infinitive Hauptcharakteristika des gelehrten AcI in der Institution sind. Zu Beginn des Analysekapitels habe ich eine Stichprobe des lt. AcI-Gebrauchs in der Institutio (LT1559) vorgenommen (vgl. 6.1.1). Ein wichtiges Ergebnis <?page no="424"?> 412 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo hieraus ist die Verteilung zwischen AcI-Konstruktionen mit und ohne esse . In Tab. 8 teilte sich der Anteil von esse auf 45% vs. 55% Vollverben auf. Wie im Französischen tritt die Kopula u. a. in prädikativer Funktion oder als Teil eines Partizip Perfekts auf. Im Präsens kennt das Lateinische u. a. synthetische Verbformen, die auf die Setzung von esse verzichten. Der Anteil von estre -Formen muss also im Französischen zwangsläufig höher liegen. Tatsächlich liegt der Wert aus dieser Perspektive sogar weit über den Erwartungen, da, wie eingangs erwähnt, 85% der fr. AcI-Belege estre involvieren. Diesem hohen Anteil an AcI-Belegen mit estre liegen im lt. Quelltext 84% overte esse -Formen zugrunde. Abb. 12 visualisiert schematisch unter Berücksichtigung der ungefähren Größenproportionen die Übertragungsrate und -verteilung des fr. AcI basierend auf dem lt. Quelltext. Das Schema soll verdeutlichen, dass ein ganz wesentlicher Unterschied zwischen den AcI-Konstruktionen in beiden Sprachen vorliegt. Während im lt. Text eine knappe Mehrheit (vgl. LT1559, I, 5) auf AcI mit lexikalischen Vollformen entfällt, stellen sie im Französischen nur einen Bruchteil der gelehrten AcI-Konstruktionen dar. Gewiss verschwinden diese AcI-Konstruktionen nicht im Übersetzungsprozess, sondern erfahren in der Regel einen Transfer in einen Objektsatz mit que . Und obwohl die estre -V 2 im fr. AcI dominieren, stellen sie nur einen Bruchteil der im lt. Quelltext verwendeten AcI-Konstruktionen mit esse dar. Auch die Autolatinismen, denen kein direktes syntaktisches Modell zugrunde liegt, sind verhältnismäßig selten anzutreffen. ̸= esse = esse lt. AcI ̸= estre gelehrter fr. AcI = estre kein AcI Autolatinismen = esse/ estre ̸= esse/ estre esse/ estre elliptisch Abb. 12 - Distributionsschema des gelehrten AcI im Übersetzungsprozess der Institution Insgesamt handelt es sich beim gelehrten fr. AcI in der Institution um eine Konstruktion, die nur punktuell in die zielsprachliche Übersetzung transferiert wird. Die quellsprachliche Belegmenge ist um ein Vielfaches größer, sodass an dieser Stelle sichergestellt werden kann, dass der Großteil dieser Konstruktionen im Französischen mit dem que -Objektsatz ausgedrückt werden. Der Übersetzungs- <?page no="425"?> 6.1 Der AcI in der Institution de la religion chrestienne 413 AcI kann demnach keine rein funktionale Aufgabe, im Sinne des Registers nach Biber/ Conrad ( 2 2019), erfüllen, da er nur eine kleine Teilmenge der quelltextsprachlichen Konstruktionen abbildet. Daher muss es sich um eine primär ästhetische Eigenschaft handeln, die mittels des lateinischen Prestiges motiviert wird. Geleitet wird der Einsatz der stilistisch markierten Konstruktion schließlich über sekundär verankerte Faktoren wie die zielsprachliche Akzeptabilität oder grundlegende Leserfreundlichkeit des Textes. 6.1.9.4 Weitere Auffälligkeiten In der Analyse der komplexen AcI-Konstruktionen konnte ich mehrere Faktoren herausarbeiten, die die Rolle des AcI als sprachlichen Prestigeträger weiter arrondieren und die ich im Folgenden zusammenfasse. Die Konstruktionen des doppelten Akkusativs und des Nominativus cum Infinitivo (NcI) werden in der modernen latinistischen Grammatikschreibung in der Regel im Zusammenhang oder in direkter Nähe zum AcI behandelt (vgl. Burkard/ Schauer 6 2020; Pinkster 2021; Rubenbauer/ Hofmann 12 2007). Die hohe Anzahl lt. und auch fr. AcI-Konstruktionen (wenngleich wie zuvor gezeigt wurde in einem ungleichen Verhältnis) ließ bereits vor der Detailauswertung des AcI eine Präsenz dieser Konstruktionen im fr. Text erwarten. So ist der doppelte Akkusativ zwar mit 4% in id-par < 500 nicht außerordentlich häufig, zeigt aber ebendort eine deutlich stärkere Präsenz als der NcI (0,44%). Dieser kommt zwar selten, aber regelmäßig und vor allem nicht im Kontext der AcI-Quadrupel vor. In erster Linie erweitern die beiden Konstruktionen das Repertoire syntaktischer Latinismen dieses Typs. Bei beiden ist ein Latinisierungseffekt aufgrund des Quelltextes festzustellen. Die Änderungsbewegungen zwischen den Ausgaben FR1541 und FR1560 zeigen zudem an, dass der doppelte Akkusativ nach recognoistre vom Übersetzer Calvin als eine zum AcI alternativ mögliche syntaktische Konstruktion betrachtet wird. Bei beiden Latinismen ist zudem eine Einschränkung der Auswahl des V 1 auf die großen Klassen der verba intellegendi und verba dicendi zu bemerken. Der NcI konzentriert sich dabei ausschließlich auf die Verwendung von dire , während der doppelte Akkusativ mit mehreren Verben der geistigen Wahrnehmung vorkommt. Insgesamt stellt sich die Übersetzung beim NcI sehr stabil und nah am Originaltext dar, beinahe wörtlich, jedoch unter Berücksichtigung der zielsprachlichen grammatikalischen Vorgaben. Dies lässt es sehr plausibel erscheinen, dass bei der Verwendung des NcI ein erhöhtes Bewusstsein des Autors für den lateinischen Prestigeeffekt vorliegt und die Festlegung auf dire als V 1 die Grenzen der Akzeptabilität im Französischen berührt. Das Motiv für den Transfer ist neben dem Prestige der konzisen Formulierung in der Evidentialität zu suchen. So fungiert die Konstruktion zur Kennzeichnung <?page no="426"?> 414 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo eines bestimmten Wissens der Glaubensgemeinschaft, ähnlich wie es bei den verba sentiendi im AcI gezeigt werden konnte. Neben dem reinen Übersetzungslatinismus (z. B. 1-1-1-1) nimmt der Autolatinismus (z. B. 0-1-0-1) eine entscheidende Rolle in der Beurteilung des gelehrten Charakters einzelner Bestandteile der AcI-Konstruktion ein. Dabei wirken die beiden Formen des AcI-Latinismus nicht antagonistisch, da ein Großteil der Eigenschaften, die ich für den Übersetzungslatinismus feststellen konnte, auch für den Autolatinismus (AL) gelten. Allerdings wird dieser in leicht eingeschränkter Form mit unterschiedlichen Schwerpunkten realisiert. So überwiegt die prädikative Verwendung beim AL stärker, da der Anteil des Infinitiv Passivs weitaus geringer ist. Einmal in der Ausgabe FR1541 eingeführt, besteht der AL wie auch der Haupttyp des Übersetzungslatinismus meist unverändert fort und zeigt ebenfalls eine ausgeprägte Stabilität. Interessant ist die festgestellte Konzentration auf die vier Verben dire, cognoistre, voir und penser , welche unabhängig vom lt. Quellsatz eine prototypische Realisierung des autolatinistischen AcI bezeugt. Die Anwendung des AL wird in Anbetracht der weitaus größeren Belegmenge an Übersetzungslatinismen indirekt durch die Textumgebung motiviert. In den Fällen, in welchen ein AL verändert wird oder im Zuge einer Umformulierung neu in FR1560 eingeführt wird, liegen die Gründe in einer verbesserten Verständlichkeit, einer gesteigerten Anpassung an die Zielsprache oder der zunehmenden Subjektivierung des Textes, indem der Leser direkter bzw. gemeinschaftlich ( nous ) adressiert und letztlich eingebunden wird. Die Analyse der zielsprachlichen Adaptionsfähigkeit von AcI-Konstruktionen zeigt eine weitgehende Übereinstimmung mit den zeitgenössischen Satzbaukonventionen (v. a. V 1 -[S 2 NP -V 2 ] AcI ). Der lateinische und französische Textvergleich deutet zudem darauf hin, dass die Realisierung von AcI-Konstruktionen auch informationsstrukturelle Aspekte berücksichtigt. So lässt sich ein Schwerpunkt im Transfer solcher AcI ausmachen, deren S 2 oder V 1 hervorgehoben werden soll. Des Weiteren ist zu beobachten, dass das V 1 (mit dem AcI) mehrheitlich im Nebensatz steht. Es werden vor allem solche AcI-Konstruktionen übertragen, die im lt. Text als Apposition bzw. eingeschobene Sätze zur Ergänzung weiterer Textinformation verwendet werden. Die AcI-Konstruktion besetzt aber auch auffällig häufig Positionen am Anfang oder Ende eines Textabsatzes - eine Tendenz, die auch für den NcI gilt und die auf das Prestige der Latinisierung hindeutet. Der fortwährende Bezug auf die Bibel, die den inhaltlichen Rahmen zur Diskussion der Abendmahltheorie oder Prädestinationslehre durch Calvin schafft, ist in der Institutio(n) unverkennbar. Der fr. AcI steht hin und wieder, aber keinesfalls mehrheitlich in direktem Zusammenhang mit einem Bibelzitat. Meistens verhält es sich allerdings so, dass ein ganzer Textabsatz einen bestimmten Punkt <?page no="427"?> 6.2 Abgleich mit weiteren Texten 415 der Heiligen Schrift bespricht und sich indirekt darauf bezieht. Der AcI dient daher insgesamt als Textstrategie zur Wiedergabe indirekter Rede und gewisser in Calvins Augen richtiger oder falscher Meinungen. Darüber hinaus entfällt ein Großteil der AcI-Belege auf Textstellen, in denen es um die geistige Wahrnehmung, also das Erkennen richtiger und falscher Auffassungen, geht. 6.2 Abgleich mit weiteren Texten Nach der Datenerhebung und Auswertung der fr. AcI-Konstruktionen in Jean Calvins Institution führe ich nun einen Abgleich mit weiteren Texten durch. Diese Evaluation dient zur Einordnung der zuvor gewonnenen Ergebnisse. Dazu werden vier weitere Texte unterschiedlicher Gattungen (Traktate, Predigten u. Briefe), die unter der Autorenschaft Jean Calvins publiziert wurden, herangezogen (vgl. 6.2.1). Zur Identifizierung individueller Einflussfaktoren wird ein zweiter Abgleich mit Texten der Zeitgenossen François Rabelais und Michel de Montaigne durchgeführt (vgl. 6.2.2). 109 6.2.1 Briefe, Predigten und Traktate Calvins 6.2.1.1 Advertissement contre l’astrologie (1549) In dem knapp 12.000 Wörter umfassenden kurzen Traktat Advertissement contre l’astrologie (1549) sind lediglich drei AcI-Konstruktionen nachgewiesen, die alle dem gelehrten Typus zuzuordnen sind. Es ist nun weniger die geringe Anzahl an Belegen frappierend, die in Kapitel 6.3 in Relation zu ihrer Wortanzahl und anderen Texten gestellt wird, als vielmehr die Beobachtung, dass in den drei nachgewiesenen Okkurrenzen jene drei Haupttypen des S 2 verwendet werden, die sich zuvor in der Auswertung der Institution als solche herauskristallisiert haben. In S 2 -Funktion ist die allgemein bei Calvin hochfrequente Nominalphrase un homme in (301), das anaphorische Relativpronomen lesquels in (302) sowie das Reflexivpronomen se in (303) belegt. (301) Et par ainsi, encores qu’ un genethliaque S 1 puisse juger V 1 un homme S 2 estre V 2 industrieux et vigilant pour aquerir des biens, si ne peut-il deviner qu’il luy escherra quelque succession, pource que cela gist en la volonté ou condition d’autres que de luy. (c-adv-1: 54) 109 Vgl. Kap. 5 für eine kurze Vorstellung der Autoren und Texte. <?page no="428"?> 416 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo (302) Ce fondement mis, s’ensuyvent les effectz que nous voyons icy bas, lesquelz S 2 par l’astrologie on S 1 cognoist V 1 provenir V 2 d’en haut, et non seulement quand ilz sont passez, mais pour en estre advertiz devant le temps. (c-adv-2: 47) (303) Il n’est ja mestier de deschifrer par le menu la vie de la pluspart de ceux qui S 1 se S 2 disent V 1 avoir cogneu V 2 la verité de l’Evangile. (c-adv-3: 65) Die Belege sind auffällig unscheinbar, da sie sich in der Wahl des V 1 ( cognoistre, dire , juger ) in eine Reihe gängiger Belege der Institution einordnen. Dies gilt auch für das V 2 , das eine gleichmäßige Verteilung prädikativer Strukturen, zweier Vollverben sowie von Perfekt- und Präsensformen zeigt. 6.2.1.2 Des scandales (1550) Im aus dem Latein selbstübersetzten Traktat Des scandales (1550) können 40 AcI-Konstruktionen erfasst werden. Etwas weniger als die Hälfte entfällt auf das V 1 voir . Dies ist im Besonderen relevant, wenn es um die Frage der nicht immer eindeutigen Abgrenzung zum ererbten AcI geht. Nach Disambiguierung verbleibt die Mehrheit der Belege (36 Vorkommnisse) in der Kategorie gelehrter AcI-Konstruktionen. Unzweifelhaft gelehrten Charakters ist der von voir abhängige AcI in (304). In der zuvor eröffneten Systematik handelt es sich um voir (I), welches die geistige Wahrnehmung eines abstrakten Sachverhalts ausdrückt. (304) [...] exercé des tyrannies fort enormes, la response est toute preste à cela: c’est, puis que Dieu voyant V 1 les maladies S 2 estre venues V 2 à l’extremité, pour y donner le dernier et souverain remede, avoit envoyé son Evangile [...] (c-sca-5: 95) In diesem Fall stellen die Krankheiten ein abstraktes Konzept dar, welches von Gott in seinem Ausmaß erkannt wird und ihn zum Handeln veranlasst. Die konkrete geistige Wahrnehmung mit voir (II) ist in (305) belegt. Die Distribution zeigt in diesem Traktat also keine Ausnahme von den in der Institution gemachten Beobachtungen. (305) Au bout du terme, tous ceulx S 2 que je S 1 verroye V 1 n’ estre pas bien deffroquez V 2 dedens leur cueur, je les feroye travailler dedens des caves comme forsaires ou je les [...] (c-sca-6: 181) Als Grenzfall ist unter anderem der Beleg in (306) einzustufen. Es handelt sich im untergeordneten Satz um einen sehr konkreten Vorgang (‘wir sehen, dass die Kranken (das) Fleisch ablehnen’), der jedoch in einem hypothetischen Rahmen („si“) visuell wahrgenommen wird und damit zu einem Verb geistiger Wahrnehmung avancieren könnte. (306) Or si nous S 1 voyons V 1 les malades S 2 refuser V 2 la viande, ne laissons pas pour cela de manger. (c-sca-14: 74) <?page no="429"?> 6.2 Abgleich mit weiteren Texten 417 Die ebenfalls konkrete Schlussfolgerung im zweiten Teilsatz (‘deshalb hören wir nicht auf zu essen’), der vorangehende Kontext und schließlich der Umstand, dass die Konstruktion per se als ererbter Typ möglich ist, schränken jedoch eine reine Interpretation als gelehrter AcI ein. Die Verwendung der Vergangenheitsform im V 1 ändert nicht die Konkretheit der untergeordneten Aussage und ist deshalb kein Ausschlusskriterium für die ererbte Form. Dies bestätigt der Verweis von Riegel/ Pellat/ Rioul ( 6 2016: 832) auf das heutige Französische, aber auch das nachfolgende Beispiel Calvins in (307). (307) Certes les Histoires Ecclesiastiques ne parlent point de femmes plus courageuses que d’aucunes qu’ S 2 on S 1 a veu V 1 mourir V 2 au païs d’Artois et de Flandres. (csca-11: 166) Allerdings ist in diachroner Perspektive zu fragen, ob die anaphorische Umsetzung des S 2 nicht als Merkmal gelehrten Einflusses zu gelten hat. Die Präsenz eines Vollverbs in V 2 -Funktion ist auf der anderen Seite kein Alleinstellungsmerkmal der ererbten Form. In (308) drücken die V 2 chanceler ‘schwanken’ und clocher ‘hinken’ einen Vorgang aus, welcher insgesamt Teil einer kognitiven Wahrnehmungsverarbeitung abhängig vom V 1 sentir bleibt, da die S 2 sagesse, vertu sowie justice durchgehend abstrakte Entitäten darstellen. 110 (308) [...] mesmes convaincuz en partie par l’experience, ils S 1 sentent V 1 bien chanceler V 2 leur sagesse S 2 , leur vertu et justice S 2 clocher V 2 , mais on ne les peult nullement amener jusques là qu’ils s’en estiment du tout desnuez. (c-sca-23: 75) Das Ausbleiben entsprechender Belege kristallisiert die Beobachtung heraus, dass zwar das Vollverb keine distinktive Funktion in der Unterscheidung des gelehrten vom ererbten AcI übernimmt, jedoch die Kopula estre in prädikativer Verwendung als Charakteristikum der gelehrten Variante gelten darf. Die übrigen regierenden Verben, die hier in diesem Text mit dem AcI anzutreffen sind, gleichen denen, die in der Institution festgestellt wurden. Das dort hochfrequente confesser ist in (309) ebenfalls belegt: (309) Or si nous S 1 confessons V 1 l’Escriture S 2 saincte estre procedée V 2 de Dieu, ne nous esbahissons pas qu’elle contienne beaucoup de choses plus haultes que nostre sens. (c-sca-37: 80) Statistisch auffällig sind hingegen die AcI-Okkurrenzen mit dem V 1 cuider , welches in der Ausgabe FR1541 gar nicht und in FR1560 mit drei Okkurrenzen (bei insgesamt 28 Wortformen) nur selten belegt ist. In dem vorliegenden Traktat, welches nur einen Bruchteil des Umfangs der Institution ausmacht, sind ebenfalls 110 Am Rande sei auf die invertierte Stellung von chanceler und leur sagesse hingewiesen, die aufgrund der stilistisch motivierten Gruppierung mit dem nachfolgenden, ebenfalls von ils sentent abhängigen AcI mit clocher erfolgt. <?page no="430"?> 418 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo zwei AcI enthalten, die in ähnlicher Weise eine nach Calvin irrige Meinung ausdrücken. Vergleiche hierzu nachfolgend (310): (310) Il y a d’autres scandales qu’ S 2 on S 1 cuide V 1 provenir V 2 de la doctrine, mais à la verité ils s’engendrent ou de l’outre cuidance et fierté des hommes, ou de [...] (c-sca-38: 119) sowie den in Klammern eingefügten Zusatz in (311): (311) [...] d’estre publiée que plusieurs ( qu’ S 2 on S 1 eust cuidé V 1 auparavant estre V 2 gens devots et craignans Dieu) ne se monstrent estre sans foy et sans religion. (c-sca-29: 131) In beiden Fällen erfüllt das V 1 folglich eine sehr spezifische argumentative Textfunktion zur Kennzeichnung abweichender Meinungen. In der Hälfte aller Belege in Des scandales ist ein prädikativer Gebrauch festzustellen. Dies fügt sich in das Bild der zuvor gewonnenen Ergebnisse ein und tritt nicht markant hervor. Interessant ist aber die Distribution des S 2 . Zuvor konnte in den Paralleltextstellen der Institution ein Überhang der Nominalphrasen gezeigt werden, welcher in den autolatinistischen Belegen mit den anaphorischen S 2 ausgeglichener ist. In der fr. Übersetzung Des scandales wäre demnach eine ungleiche Verteilung zugunsten der NP zu erwarten. Dies bestätigen die Daten jedoch nicht, da die Verteilung eine ausgewogene Proportion zwischen NP (15 Mal) und anaphorischen Relativpronomen (13 Mal) zeigt und zudem einen ausgeprägten Anteil direkter Objektpronomina (9 Mal) aufweist. 6.2.1.3 Sermons (1558) Die hier untersuchten 57 Predigten, die in mündlicher Form mit einer geringen physischen Distanz vor der reformierten Gemeinde Jean Calvins regelmäßig vorgetragen werden, umfassen in ihrer verschriftlichten Form über 136.000 Wörter und bilden dennoch nur einen Bruchteil der dokumentierten (! ) Predigten Calvins (vgl. Kap. 5.2). Es wird im Überblick und im Vergleich mit den anderen Texten des Korpus zu beurteilen sein, ob die Frequenz des gelehrten AcI in den niedergeschriebenen sermons die Attribuierung eines distanzsprachlichen Charakters durch die latinisierende Konstruktion stützt. Nachgewiesen sind in diesem Teilkorpus 37 gelehrte AcI-Konstruktionen. Die zuvor in Des scandales beobachtete Distribution des V 1 ist in den Predigten forciert. Erneut überwiegen die Belege mit voir . Das Prädikat cuider ist nun sogar das zweitstärkste Verb mit sieben Belegen und deutet auf den normativen Leitcharakter hin, den die Inhalte des Predigers einnehmen, wenn er (ohne mögliche Einwände seitens des Publikums) von der Kanzel der Genfer Kathedrale Saint-Pierre herab predigt. Gerade in diesen Kommunikationsmomenten <?page no="431"?> 6.2 Abgleich mit weiteren Texten 419 geht es um die unmissverständliche und kurz gehaltene Kennzeichnung irriger Meinungen (vgl. 312). (312) [...] de sa grace par l’Evangile, que nous sommes du tout aveuglez, en quoy il condamne tout ce que S 2 les hommes S 1 cuident V 1 avoir V 2 de sagesse en eux, car nous savons comme chacun se prise. (c-ser-11, Du lundi 10 e jour de janvier 1558) Charakteristisch für alle bislang betrachteten AcI-Belege mit cuider ist, dass sie nie mit einer NP in S 2 -Funktion stehen, sondern überwiegend einen Rückwärtsbezug aufweisen. Die Wahrnehmungsverben in den sermons entsprechen alle einem geistigen Perzeptionsvorgang einer Handlung (vgl. stellvertretend 313 und 314) oder eines Zustands (vgl. 315). (313) [...] nous aprenions d’eslever nostre foy par dessus tout le monde et, quand nous S 1 verrons V 1 grande multitude S 2 s’oposer V 2 à la parole de Dieu, que nous ne soions point estonnez pour cela quand tous les rois de la terre seront ennemis de [...] (c-ser-42, Du mercredi 19 e jour de janvier 1558) (314) Et quand nous voions V 2 ainsi tout le monde comploter V 2 à l’encontre de Dieu, cela nous pourroit divertir de la vraie religion et nous desbaucher du bon chemin. (c-ser-31, Du lundi 7 e jour de fevrier 1558) (315) Il est vray que selon qu’il fait pluie ou beau temps nous S 1 sentirons V 1 nos corps S 2 estre V 2 à leur aise ou mal disposez, car Dieu change comme bon luy semble et il envoie la pluie, il envoie le vent quand il veut [...] (c-ser-9, Du vendredi 11 e jour de fevrier 1558) Die Verteilung des V 2 estre ist mit dem in der Institution angetroffenen Verhältnis vergleichbar und ihr Anteil ähnlich hoch. Zwei Auffälligkeiten ergeben sich jedoch in der Verwendung der Subjekte S 1 und S 2 . Zum einen ist die Verteilung der NP und anaphorischen S 2 ausgeglichen und orientiert sich eher an der Distribution der Autolatinismen als an den übersetzten Paralleltextstellen. Dies ist in den frei vorgetragenen und nicht übersetzten Predigten ein zu erwartendes Ergebnis, ebenso wie zum anderen die Beobachtung, dass die Verwendung des Pronomen nous in Subjektposition zum V 1 besonders ausgeprägt ist. Die Predigten von der Kanzel aus erzeugen durch die Verwendung dieses Subjektpronomens ein Gemeinschaftsgefühl, welches dem starken Öffentlichkeitscharakter entgegenwirkt und die kommunikative Nähe fördert. Das spezifische Textgenre sowie die kommunikativen Absichten wirken sich folglich auf den Gebrauch der gelehrten AcI-Konstruktion aus. Interessant ist, dass die Präsenz von AcI-Konstruktionen in den Predigten eine entsprechende Akzeptanz beim Hörer voraussetzen muss. Der gelehrte AcI wird, zumindest muss Calvin hiervon ausgehen, vom einfachen Gemeindemitglied verstanden, wenngleich nicht aktiv angewendet. Ergänzend <?page no="432"?> 420 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo ist anzumerken, dass der Lateinunterricht in der Genfer Gemeinde entsprechend gefördert wird (vgl. Kap. 3.1.4). Dies erhöht die Plausibilität der Annahme, dass die Anwendung des gelehrten AcI mit einer gewollten Identifizierung als lateinisches Prestigemerkmal korrespondiert. 6.2.1.4 Lettres à Monsieur et Madame de Falais (1543-1554) In der über elf Jahre und 53 Briefe Calvins an Monsieur und Madame de Falais umfassenden Briefsammlung Lettres à Monsieur et Madame de Falais (1543-1554) sind 16 gelehrte AcI-Konstruktionen nachgewiesen. Auch hier ist, wie in den Predigten, der ererbte AcI mit einem sinnlichen Wahrnehmungsverb nicht belegt. Das V 1 -Verwendungsprofil unterscheidet sich erneut deutlich von der Institution und auch von den zuvor untersuchten Texten Calvins. Besonders die bislang auffälligen Prädikate voir sowie dire sind nur ein bis zwei Mal belegt. (316) [...] une lourde faulte en ce qu’ il S 1 dict V 1 le jugement S 2 estre defendu V 2 de Dieu, avec un blaspheme, en ce [...] (c-let-4: 83) Es ist hingegen eine Konzentration auf die Verben supplier und cognoistre (jeweils vier Mal) festzustellen, die zudem in sehr ähnlicher Gestalt auftreten: ce qu’il cognoist vous estre+X sowie je supplye/ -ieray nostre bon Dieu vous avoir+X . (317) Pource que j’ay haste, aptes m’estre affectueusement recommandé à la bonne grace de vous, de Madamoiselle, je supplieray nostre bon Dieu vous avoir en sa protection et vous faire sentir en toutes sortes qu’il a le soing de vous. De Genesve, ce 22 de Mars 1551. (c-let-10: 203) Die Position dieser AcI-Konstruktionen ist dabei besonders frappierend. Sie stehen als Wunschformel am Briefende. Neben je supplye+X+avoir tritt in ähnlichen Wendungen auch die Präposition de vor V 2 oder der Objektsatz mit que und finitem Verb auf. Eine ausgelassene Präposition wäre in den als AcI in Betracht kommenden Fällen demnach auch eine Analysemöglichkeit. (318) [...] je prye nostre bon Dieu de vous avoir en sa garde [...] (c-let: 145) Doch der Verdacht einer nicht ganz zufälligen Positionierung eines AcI erhärtet sich durch die Beobachtung weiterer Konstruktionen mit cognoistre und desirer am Ende der einzelnen Briefkorrespondenzen. (319) [...] et gouverner, vous envoyer tout ce qu’ S 2 il S 1 cognoit V 1 vous estre V 2 necessaire. De Genesve, ce 10 de septembre 1547 Vostre [...] (c-let-7: 169) (320) [...] par son esprit, vous envoyer ce qu’ S 2 il S 1 congnoit V 1 vous estre V 2 expedient. Ce XIX de Novembre 1547 Vostre serviteur et [...] (c-let-8: 175) (321) [...] mesmes pourront bien recevoir les recommandations que S 2 je S 1 desire V 1 leur estre presentees V 2 . De rechef je prye nostre Seigneur de vous [...] (c-let-15) <?page no="433"?> 6.2 Abgleich mit weiteren Texten 421 Allerdings stehen diese Belege nicht mit einer Nominalphrase, sondern als verschränkter Relativsatz mit anaphorischem S 2 . 111 Die Positionierung am Ende des Briefes spricht für eine gewisse routinierte Formelhaftigkeit, die Calvin in dieser Konstruktion sieht, sowie für den damit verbundenen Prestigecharakter zur sprachlich-stilistischen Aufwertung. 6.2.2 Texte zeitgenössischer Autoren 6.2.2.1 Rabelais: Pantagruel (1532/ 1542) Die Pentalogie Pantagruel et Gargantua zählt zu den bedeutendsten Prosaromanen des 16. Jahrhunderts und zeichnet sich stilistisch durch den Einsatz von Ironie und Sarkasmus aus. Fünf gelehrte und zwei ererbte AcI-Konstruktionen sind im ersten Buch, dem Pantagruel (1532), belegt. 112 Die Verwendung des V 1 ist vor dem Hintergrund, dass jedes Prädikat jeweils nur ein Mal mit dem AcI belegt ist, facettenreich: cognoistre, dire, juger, réputer und voir . Außerdem ist festzustellen, dass die Verwendungspraxis den am häufigsten in der Institution angetroffenen Prädikaten entspricht. Gelehrten Charakters sind somit die folgenden Beispiele: (322) [...] grand personnaige nomme maistre Pantagruel lequel S 2 on S 1 a congneu V 1 estre V 2 scavant dessus la capacite du temps de maintenant es grandes disputations qu’ [...] (rab-i-1: 39) (323) [...] car toute sueur est sallee ce que S 2 vous S 1 direz V 1 estre V 2 vray si voulez taster de la vostre propre: (rab-i-2: 11) (324) Je S 1 ne me S 2 reputeray V 1 point toutallement mourir V 2 : mais plus tost transmigrer d’ung lieu en aultre attendu que [...] (rab-i-6: 28, auch bei Stimming 1915: 151) (325) [...] de l’ame l’ on S 1 ne te S 2 jugeroit V 1 pas estre V 2 garde et thresor de l’immortalite de nostre nom et le plaisir [...] (rab-i-4) Der Satz in (325) ist im Kontext der christlichen Sünde in einem Brief Gargantuas an seinen Sohn Pantagruel zu sehen. Die Sätze weichen nicht von den AcI- Konstruktionen, die in der Institution mit diesen Verben erhoben wurden, ab. 111 Das Ergebnis ist auffällig, lässt sich jedoch an dieser Stelle nicht weiter validieren. Eine fundierte Aussage erfordert ein deutlich erweitertes Korpus. 112 Der Auswertung des Pantagruel liegt die digitale TEI-XML-Version der Bibliothèques Virtuelles Humanistes (BVH) vor. Es handelt sich um eine Transkription, die Marie-Luce Demonet zufolge auf der ersten (1532 von Rabelais angefertigten u. von Claude Nourry gedruckten) sowie einzig erhaltenen Kopie basiert (vgl. Gallica, Bibliothèque nationale de France, RES-Y2-2146, http: / / gallica.bnf.fr/ ark: / 12148/ btv1b86095855/ f11.image). Die in Frantext verwendete Ausgabe des Pantagruel basiert hingegen auf einer bei Champion 1922 erschienenen Edition, die die spätere Überarbeitung 1542 zeigt (Druck: François Juste). Die Zeitspanne von 10 Jahren erklärt, warum ein paar wenige weitere AcI in der jüngeren Ausgabe ausfindig gemacht werden können, so z. B. auquel disoit Heraclite estre la vérité cachée (Rabelais [1542] 1922: 211). <?page no="434"?> 422 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo Es kann als bezeichnend angesehen werden, dass Rabelais den NcI verwendet, welcher auch in der Institution unter Übersetzungseinfluss mit passiviertem dire in V 1 -Funktion auftritt. Dabei fällt die Invertierung des S 1/ 2 und V 1 auf - welches jedoch kein Kriterium für die Bewertung als AcI (= aktives V 1 ) oder NcI (= passives V 1 ) ist. (326) [...] de acourir au lieu, & veoir la personne en qui est dicte V 1 science S 1/ 2 avoir estably V 2 son temple & depromer ses oracles. (rab-i-8: 74-75) Rabelais’ singuläre Anwendung des NcI ist vor dem Hintergrund des Textgeschehens wiederum keineswegs ein Zufall, da in dieser Passage der Sprachstil dem philosophischen Diskurs in der Begegnung Panurges mit dem Kleriker Thaumaste absichtlich angeglichen wird. Die AcI-Okkurrenzen mit voir entfallen in zwei Fällen auf den ererbten AcI, wie er auch im modernen Französischen vorkommt: (327) [...] pas beaucoup mieux les S 2 ouyr V 1 de leur vive voix narrer V 2 leur debat que lire ces babouyneries icy qui ne sont que tromperies [...] (rab-i-9: 39) (328) Ilz sont tous mors cruellement voyez V 1 le sang S 2 courir V 2 . Mais ilz y estoient trompez pensans de l’urine de Pantagruel [...] (rab-i-10: 110) In (329) (wie auch zuvor 324) ist die Subjektgleichheit, nicht Verschiedenheit, das entscheidende Charakteristikum zur Eingruppierung des Belegs in die gelehrten AcI-Konstruktionen: (329) Je S 1 m S 2 ’en voys V 1 vous apporter V 2 icy une cuysse de ces chevaulx que avons faict brusler elle sera [...] (rab-i-12: 99) Sowohl estre als auch Vollverben treten mit dem gelehrten AcI in Rabelais’ Pantagruel auf. Die Probenmenge reicht für eine weitergehende, verlässliche Aussage bezüglich der V 2 -Verwendung nicht aus. Signifikant ist jedoch das Ausbleiben von Nominalphrasen in S 2 -Funktion, welche auf einen einzigen Beleg des ererbten Typs limitiert ist (vgl. 328). 6.2.2.2 Rabelais: Le Quart Livre (1552) Der Pantagruel (1532) weist eine ungewöhnlich geringe Belegsituation auf. Dies wird mit Blick auf die übrigen Bücher, im Folgenden Le Quart Livre (1552), deutlich. Bei einem etwa ein Drittel größeren Wortumfang können nun neun ererbte und 42 gelehrte AcI-Konstruktionen im vierten Buch der Pentalogie belegt werden. Dabei fällt auf, dass die NP in S 2 -Funktion wie in den übrigen bisher betrachteten Texten den Regelfall darstellen und die zweithäufigste Gruppe die anaphorischen S 2 sind. Im Gegensatz zu Calvin invertiert Rabelais hin und wieder S 2 und V 2 wie in (330) sowie (332): <?page no="435"?> 6.2 Abgleich mit weiteren Texten 423 (330) J’ay leu qu’un Philosophe, nommé Petron, estoyt en ceste opinion que feussent plusieurs mondes soy touchans les uns les aultres en figure triangulaire æquilaterale, en la pate et centre des quelz disoit V 1 estre V 2 le manoir S 2 de Vérité, et là habiter V 2 les Parolles S 2 , les Idées S 2 , les Exemplaires S 2 et protraictz S 2 de toutes choses [...] (rab-iv-24: 1153) Die Subjektpronomina, wie in (330) das S 1 , werden regelmäßig ausgelassen. Die nachgestellten S 2 dienen in beiden Fällen der Lesbarkeit, insbesondere im zweiten koordinierten AcI mit mehreren S 2 , da das Präpositionalobjekt zum Infinitiv vorangestellt wird. Überhaupt fällt auf, dass Rabelais auch größere S 2 -Einheiten bildet, die auch aus einer Gruppe nebengeordneter Infinitive bestehen können (vgl. 331) und im Fall von (332) wie oben nachgestellt werden können: (331) [...] à tard, que n’ay suivy la doctrine des bons philosophes, qui disent V 1 [soy pourmener pres la mer, et naviger pres la terre] S 2 estre V 2 chose moult sceure, et delectable: comme aller à pied quand l’on tient son cheval par la bride. (rab-iv- 65: 1015) (332) Mais Pantagruel ne le voulut, disant V 1 estre V 2 follie [faire reserve de ce dont jamais l’on n’a faulte et que tous jours on a en main] S 2 [...] (rab-iv-19: 1159) Die generelle Verteilung der S 2 in abstrakte und konkrete Entitäten ist unauffällig und gleichmäßig distribuiert. 113 Jeweils ein Mal ist die Verwendung eines Demonstrativpronomens in (333) und eines Reflexivpronomens in (334) nachgewiesen: (333) [...] feut le convoy de ses navires pres Sicile surprins, regrettoit n’estre mort de la main du fort Diomedes, et disoit V 1 ceulx S 2 estre V 2 troys et quatre foys heureux qui estoient mortz en la conflagration de Troie. (rab-iv-10: 1013) (334) Les uns estoient nommez Engastrimythes, les aultres Gastrolatres. Les Engastrimythes soy S 2 disoient V 1 estre descenduz V 2 de l’antique race de Eurycles, et sur ce alleguoient le tesmoingnaige de Aristophanes [...] (rab-iv-22: 1165) Bezeichnend ist, dass diese beiden Beispiele, aber auch zahlreiche andere Korpusbelege mit dem V 1 dire stehen und im unmittelbaren Kontext philosophischer Äußerungen oder im Zusammenhang mit Protagonisten der griechischen Mythologie. Bezüglich des Demonstrativpronomens (vgl. 333) ist anzumerken, dass es menschliche Entitäten referenziert und sich nicht, wie zuvor in der Übersetzung Calvins häufig gesehen, auf eine unbestimmte Entität bezieht. Gleichwohl ist es der einzige Beleg dieser Art. In der Betrachtung des Reflexivums (vgl. 334) fällt auf, dass hier die betonte Form verwendet wird. Bereits Huguet ([1894] 1967: 66-70) und Lardon/ Thomine (2009: 92-94) verweisen darauf, dass Rabelais beson- 113 Dies widerspricht den jüngsten Erkenntnissen von Beaudin (2022: 493) insofern, als dass er in Bezug auf alle fünf Bücher Rabelais’ abstrakte Subjekte in S 2 -Funktion vorherrschend sieht. In meinen Belegen des Pantagruel zeichnet sich in ebenfalls ein ausgeglichenes Verhältnis ab. <?page no="436"?> 424 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo ders frequent das Reflexivpronomen soi/ soy verwendet. Im Zusammenhang mit dem AcI ist es eine individuelle und wohl stilistisch motivierte Entscheidung, die ihn damit von Montaigne und Calvin abgrenzt. Etwas häufiger vertreten sind die direkten Objektpronomina, welche in beiden Genera und Numeri nachgewiesen sind: (335) Aulcuns le S 2 dirent V 1 , estant jeune Aignelet, par quelque Aigle ou duc Chaüant là ravy, s’estre entre les buissons saulvé V 2 . (rab-iv-62: 1159) (336) [...] comme nous sembloit (toutesfoys ceulx qui en avoient tasté la S 2 disoient V 1 estre V 2 mollasse), avecques un jeune fromaige à poil follet, un peu rougeastre. (rab-iv-20: 953) (337) Si les syllabes du nom estoient en nombre impar, soubdain, sans veoir les persones, il les S 2 disoit V 1 estre V 2 maleficiez, borgnes, boiteux, bossus du cousté dextre. (rab-iv-23: 1073) (338) Les Stoïciens les S 2 disoient V 1 tous estre V 2 mortelz, un excepté, qui seul est immortel, impassible, invisible. (rab-iv-67: 1031) Sowohl abstrakte als auch konkrete, humane Entitäten werden mithilfe des Pronomens referenziert. Auch hier fällt die Dominanz des Matrixverbes dire sowie des prädikativen Gebrauchs mit Adjektiven in den Belegen (336) bis (338) auf. Hervorzuheben ist in (335) die durch den Infinitiv ausgedrückte Vorzeitigkeit (‘manche sagen, dass er sich als junges Lämmlein [...] ins Gebüsch gerettet habe’). Der uneigentliche AcI, der nach Befehlsverben wie lt. iubere auftritt, ist bei Rabelais mit dem V 1 commander nachgewiesen. 114 Die Interpretation ist ambig und lässt keinen eindeutigen Rückschluss zu, sodass nicht mit Sicherheit zwischen einer Analyse als Ergänzungsinfinitiv oder gelehrtem AcI ausgewählt werden kann. Die Tatsache, dass im Altfranzösischen commander in dieser Form nachgewiesen ist (z. B. im Érec , vgl. Stimming 1915: 95), spräche eher für einen Ergänzungsinfinitiv. Dass jedoch gleich zwei Mal in (339) Präpositionen fehlen sollen bzw. nicht regulär von ihm gesetzt werden, ist eher als Argument für den gelehrten AcI zu werten (vgl. Kap. 4.2.1.3). Im vierten Buch sind belegt: (339) [...] les voltigemens du peneau sus la pouppe, et prevoiant un tyrannicque grain et fortunal nouveau, commenda V 1 tous S 2 estre V 2 à l’herte tant nauchiers, fadrins et mousses que nous aultres voyagiers [...] (rab-iv-66: 993) (340) Apres les avoir recongneuz, commenda V 1 chascun S 2 estre mué V 2 de vestemens et toutes les munitions S 2 des naufz estre V 2 en terre exposées, à ce que toutes les chormes [...] (rab-iv-11: 832) Das S 2 ist in beiden Beispielen ein Allquantor wie tout ‘alle’ bzw. chacun ‘jeder’, sodass von einer gewissen Routinisierung in Kombination mit dem V 1 commander 114 Vgl. (47) für einen Beleg von Gougenheim ( 2 1974) aus dem vierten Buch. <?page no="437"?> 6.2 Abgleich mit weiteren Texten 425 in der Formulierung vermutet werden darf, aber ohne weitere Belege nicht bewiesen werden kann. Im folgenden Satz (341) bleibt die Analyse außerdem ambig, da eine Auslassung der Präposition für den Ergänzungsinfinitiv nicht unwahrscheinlich ist: (341) O! s’escria Epistemon, je vous (S 2 ) commande V 1 tous bien esperer V 2 . (rab-iv: 1011) Die Verben prier und supplier wurden teilweise in der Auszählung der Belege herausgenommen. Huguet ([1894] 1967), der den Verbgebrauch in seiner Rabelaischen Syntaxstudie untersucht, hat diese Verben nicht berücksichtigt. 115 Eine Begründung hierfür wird spätestens von Stimming (1915) angeführt. Er verweist darauf, dass zumindest ein Teil der verba voluntatis nicht in direkter Nachahmung lateinischer Syntax stehen. Vielmehr sei durch lateinischen Einfluss der präpositionale Gebrauch bei diesen Verben spürbar zurückgegangen, sodass die vermeintliche AcI-Konstruktion nicht der ‘eigentlichen’ Definition entspricht. Ich meine zudem, dass zwei weitere Argumente die Sichtweise stützen, in jenen Beispielen Ergänzungsinfinitive zu sehen, die ein präsentisches Vollverb (und nicht die Kopula estre ) in V 2 -Funktion aufweisen. Zum einen ist dieser Konstruktionstyp nicht bei Calvin mit dem AcI nachgewiesen und nachdem gezeigt werden konnte, wie präzise sich Calvin am Klassischen Latein und der Realisierung bzw. Transfers des eigentlichen AcI orientiert, ist dies ein verlässlicher Hinweis. Zum anderen zeigt der Einzelbeleg in (342), zumindest in diesem Fall nicht zwei Akkusativobjekte neben einem Dativobjekt zu pria zu sehen: (342) Il pria Dieu le luy vouloir rendre. (rab-iv, Prologue : 891) Sondern vielmehr muss Dieu als alleiniges Akkusativobjekt zum Matrixverb pria aufgefasst werden und le sowie luy als Objekte des Ergänzungsinfinitivs rendre . In anderen Fällen mit präsentischem V 2 bleibt die Interpretation ambig. Gelehrten Charakters sind hingegen in Le Quart Livre zwei Belege mit supplier & estre +Partizip: (343) Les aultres Chiquanous se retiroient vers Panurge, Epistemon, Gymnaste et aultres, les S 2 supplians V 1 devotement estre par eulx à quelque petit pris battuz V 2 : aultrement estoient en dangier de bien longuement jeusner. (rab-iv-17: 985) (344) [...] ne feust que le patron de la nauf et aultres passagiers supplierent V 1 Pantagruel n’estre faict V 2 scandale S 2 en son vaisseau. (rab-iv-43: 933; vgl. Stimming 1915: 140) Dass sich supplier doch anders verhält als die bislang betrachteten Verben, wird in (344) deutlich, weil supplier zwei Objekte zu sich nimmt, nämlich Pantagruel und die invertierte AcI-Proposition n’estre faict scandale : ‘wenn nicht der Schiffspa- 115 Zwar führen Lardon/ Thomine (2009) prier als AcI-Verb an, geben jedoch keine Erklärung. <?page no="438"?> 426 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo tron und die anderen Passagiere Pantagruel darum gebeten hätten, dass kein Skandal auf seinem Schiff stattfinde’. 6.2.2.3 Montaigne: Essais (Buch 3, 1592) Im dritten Buch der Essais (1592) von Montaigne sind 33 AcI im Korpus nachgewiesen. Hiervon können sechs AcI mit voir und sentir dem ererbten Typ zugerechnet werden. Von den verbleibenden 27 Belegen entfallen zwei Drittel (17 Stück) auf die beiden geistigen Wahrnehmungsprädikate voir (I/ II) mit 13 und ouïr (I) mit 4 Stück. Die zweitgrößte Gruppe nach den verba intellegendi bilden die neun Belege mit dire . Ein Einzelbeleg mit estimer ( v. sent. ) ist außerdem nachgewiesen. Erneut ist also eine Dominanz zweier Verben festzustellen, die ebenso in der Institution eine tragende Rolle einnehmen. Sehr auffällig ist in den Essais die hohe Varianz in der Verwendung des V 2 . Nur ein Fünftel aller 27 gelehrten AcI-Konstruktionen weist die Verwendung von estre auf. Die prädikative Realisierung überwiegt hierbei. Ein Einzelbeleg ist mit einem Partizip belegt und dies außerdem in Abhängigkeit von voir respektive ouïr (vgl. 345). (345) Bien me semble il que nous la [grandeur, Anm. S. O.] faisons trop valoir, et trop valoir aussi la resolution de ceux que S 2 nous S 1 avons ou veu V 1 ou ouy V 1 dire V 2 l’ avoir mesprisée , ou s’en estre desmis de leur propre dessein [...] (mon-9: 916) Die Konstruktion zeichnet sich durch ihre syntaktische Komplexität aus, da auf zwei Ebenen Koordinationen und zwei unterschiedliche Rückverweise stattfinden. Zum einen findet der Rückbezug durch das anaphorische S 2 que auf ceux statt, aber auch durch den Verweis des direkten Objektpronomens auf la resolution . Zum anderen wird das V 1 avons veu mit ouy koordiniert und im AcI-Satz die in Abhängigkeit vom V 2 stehenden Infinitivgruppen avoir mesprisée mit s’en estre desmis . Es handelt sich erneut um einen Vorgang der geistigen Perzeption, wenn wahrgenommen wird, dass ‘sie die Größe verachten’. Demonstrativa und gerade die den gelehrten AcI auszeichnenden Reflexiva sind in S 2 -Funktion nicht anzutreffen. Neben vorrangig zu findenden Nominalphrasen und direkten Objektklitika sind auch einige anaphorische Relativpronomen wie in (346) belegt: (346) Il est bien aisé à verifier que les grands autheurs, escrivant des causes, ne se servent pas seulement de celles qu’ S 2 ils S 1 estiment V 1 estre V 2 vraies, mais de celles encores qu’ils ne croient pas, pourveu qu’elles ayent quelque invention et beauté. (mon-31: 898-899) In (346) wie auch in mindestens sieben weiteren Fällen gelehrter AcI-Konstruktionen lässt sich ein direkter Bezug zu Autoren der griechischen Antike herstellen. <?page no="439"?> 6.2 Abgleich mit weiteren Texten 427 Hierfür verwendet Montaigne ein verbum dicendi zur Bezugnahme und Wiedergabe, sodass der AcI wie in der Institution eine referierende Funktion einnimmt. (347) [...] liberté aux femmes aux despens de leur pudicité de pourvoir au besoing de leur vie, coustume que S 2 Herodote S 1 dict V 1 avoir esté receuë V 2 avant luy en plusieurs polices. Et puis quel fruit de cette penible solicitude (mon-3: 869) (348) [...] pour moy prendre au mot l’advis d’Aristote S 1 qui dict V 1 l’estre S 2 honteus servir V 2 d’ornement à la jeunesse, mais de reproche à la vieillesse. (mon-5: 848) (349) [...] qui est particuliere à nostre nation, abastardit par sa facilité la grace des baisers, lesquels S 2 Socrates S 1 dit V 1 estre V 2 si puissans et dangereux à voler nos cueurs. (mon-8: 881) (350) Je croy Platon de bon ceur, qui S 1 dict V 1 les humeurs S 2 faciles ou difficiles estre V 2 un grand prejudice à la bonté ou mauvaistié de l’ame. Socrates [...] (mon-6: 845) (351) Saturninus, à ceux qui luy avoyent deferé tout commandement: Compaignons, fit-il, vous avez perdu un bon capitaine pour en faire un mauvais general d’armée. Qui se vante [...] (de vray, oyez la leur peindre, oyez V 1 la plus part S 2 se glorifier V 2 de leurs deportemens et former leurs reigles: au lieu de peindre la vertu, [...] (mon-12: 992) (352) À cette sorte de discipline regardoit le vieux Caton, quand il S 1 dict V 1 que les sages ont plus à apprendre des fols que les fols des sages; et cet ancien joueur de lyre S 2 , que Pausanias recite [,] avoir accoustumé contraindre V 2 ses disciples d’aller ouyr un mauvais sonneur qui logeoit vis à vis de luy, où ils apprinsent à hayr ses desaccords et fauces mesures. (mon-10: 992) Der letzte Satz in (352) ist besonders interessant, da er einen mit einem Objektsatz koordinierten AcI zeigt, der von il dict abhängt. Sowohl die Mischung dieser beiden Satzergänzungsarten als auch der große Satzabstand des AcI vom Verb dire , welcher zudem durch den Einschub que Pausanias recite in seiner Komplexität gesteigert wird, lassen einen latinisierenden Einfluss aus dem Text von Pausanias sehr wahrscheinlich werden. Das Prädikat voir drückt überwiegend eine geistige Wahrnehmung aus. Dabei zeichnet sich eine Konzentration auf die Perzeption abstrakter, imaginierter Vorgänge ab: (353) [...] pour me trouver indigne contre qui ils s’efforçassent, c’est ce qu’ S 2 on S 1 voit V 1 leur advenir V 2 tous les jours, chacun se trouvant indigne de s’efforcer contre eux [...] (mon-16: 918) Zustände werden mit voir beinahe vollständig ausgespart, außer in (354): (354) Ayme l’estat tel que tu S 1 le S 2 vois V 1 estre V 2 : S’il est royal, ayme la royauté; S’il est de peu, ou bien communauté, Ayme l’aussi, car Dieu t’y a faict naistre. (mon-34: 957) <?page no="440"?> 428 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo Die sechs ererbten Belege teilen sich auf den Gebrauch mit voir (vgl. u. a. 355), ouïr (vgl. u. a. 356) und, einmalig im Gesamtuntersuchungskorpus zu beobachten, mit sentir (vgl. 357). (355) [...] et m’y rends alaigrement, et luy tends mes armes vaincues, de loing que je S 1 la S 2 vois V 1 approcher V 2 [...] (mon-18: 924) (356) Et, quand je S 1 les S 2 oy V 1 se vanter V 2 d’avoir leur volonté si vierge et si froide, je me moque [...] (mon-33: 866) (357) Le champ de la course ouvert, à mesure que Hippomenes S 1 sent V 1 sa maistresse S 2 luy presser V 2 les talons, il laisse eschapper [...] (mon-11: 832) Die ererbten Belege mit Verwendung direkter Objektpronomina in S 2 -Funktion (vgl. 355 und 356) zeigen im Vergleich zu der vorherigen Auswertung des Pantagruel , der diesen S 2 -Typ im AcI nicht aufweist, dass die Objektklitika per se nicht als Kriterium zur Identifizierung gelehrter AcI oder Merkmal der Distanzsprache herangezogen werden können. 6.3 Zusammenfassung Ich gebe nun einen Überblick über die quantitative Verteilung des AcI im gesamten Untersuchungskorpus, das sich aus der Institution als Hauptkorpus sowie zeitgenössischen Texten als Teilkorpus zusammensetzt (vgl. 6.3.1). Anschließend fasse ich die textspezifischen Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen beiden Korpusteilen zusammen (vgl. 6.3.2). 6.3.1 Häufigkeit des AcI Die Beleganzahl in den einzelnen Texten ist für sich genommen nur ein erster Anhaltspunkt, wenn die Häufigkeit des AcI im Gesamtkorpus bewertet werden soll. Daher führe ich im Folgenden die Gesamtwortanzahl als Basis für die Frequenzbestimmung des AcI ein. Tab. 56 erfasst zusätzlich zur Anzahl gelehrter AcI-Konstruktionen auch die des ererbten Typs sowie die grundsätzliche Häufigkeit der regelmäßig anzutreffenden Kopula estre . Die Anzahl des Infinitivs estre nimmt wie die Anzahl der gelehrten AcI-Konstruktionen in der Institution von der älteren Ausgabe (FR1541) zur jüngeren (FR1560) hin ab. Dabei ist jedoch das abnehmende Verhältnis nicht gleich. So werden die AcI-Konstruktionen in ihrer Anzahl um etwa 42% reduziert (vgl. Kap. 6.1.2), die estre -Formen hingegen nur um 15% und verbleiben im Gesamtüberblick auf einem mittleren Niveau. <?page no="441"?> 6.3 Zusammenfassung 429 Sigle Jahr Wortanzahl 116 estre 117 f / 10k 118 ererbter AcI f / 10k gelehrter AcI f / 10k fr1541 1541 350.967 1.517 43,2 4 0,11 459 13,08 fr1560 1560 677.095 2.454 36,2 6 0,09 509 7,52 c-adv 1549 11.888 34 28,6 0 0 3 2,52 c-sca 1550 47.084 171 36,3 4 0,85 36 7,65 c-ser 1558 136.776 553 40,4 0 0 37 2,71 c-let 1543 33.633 142 42,2 0 0 16 4,76 rab-i 1532 37.033 30 8,1 2 0,54 5 1,35 rab-iv 1552 54.360 115 21,1 9 1,66 42 7,73 mon 1592 92.382 223 24,1 6 0,65 27 2,92 Tab. 56 - Frequenz des AcI im Untersuchungskorpus gemessen an der Wortanzahl Die fr. Kopula estre ist weit weniger präsent als lt. esse in der Institutio . Zu Beginn des Analysekapitels habe ich bereits auf die auffällige Häufung von esse im untersuchten lt. Referenzkapitel hingewiesen (vgl. Kap. 6.1.1). Gemessen an der Wortanzahl des Referenz-Paralleltextkorpus sowie des Gesamtwerks LT1559 zeigen die Anteile des lt. Infinitivs esse Werte von 104,4/ 10.000 W. und 89,6/ 10.000 W. 119 Da sowohl in FR1560 als auch in c-sca der Anteil an estre mit 36,2/ 10.000 W. nicht gering ist, in FR1541 ja sogar noch höher ist (43,2/ 10.000 W.), liegt es nahe, einen Zusammenhang zur Übersetzung anzunehmen. Bestätigen lässt sich dies hier jedoch nicht, da ebenso in den nähesprachlich markierten Predigten und Briefen ein ausgeprägter Anteil zu beobachten ist. Bemerkenswert ist jedoch, dass sich Calvins Texte - abgesehen vom relativ kleinen Wert 28,6/ 10.000 W. in c-adv, der auf die geringe Wortanzahl zurückgehen kann - mit Anteilen zwischen 36,2 und 43,2/ 10.000 W. deutlich über denen der Essais (Mon) mit 24,1/ 10.000 W., des Le Quart Livre (rab-iv) mit 21,1/ 10.000 W. und des Pantagruel (rab-i) mit nur 8,1/ 10.000 W. bewegen. Der Anteil der estre -Infinitive scheint also ein charakteristisches Merkmal zu sein, dessen Häufigkeit je nach Autor variiert. Eine Ausweitung der estre - 116 Vgl. Tab. 6 in Kap. 5.3.3. 117 Erfasst sind alle Formen, die dem regulären Ausdruck ‘\b estre\b’ entsprechen. Das Nomen estre/ être ‘das Sein’ wurde nicht manuell disambiguiert. Seine Häufigkeit ist im Gesamtkorpus nach mehreren Stichproben so gering, dass es für die Bewertung nicht relevant ist. 118 Normalisierte Frequenz ( f ) = (Okkurrenzanzahl / Wortanzahl) f / 10.000 Wörter. 119 Der Anteil von 104,4/ 10.000 W. in LT1559, I, 5 ergibt sich aus 51 esse -Formen (ohne Berücksichtigung anderer Zeitstufen) bei 4.884 Wörtern und der Wert 89,6/ 10.000 W. im Gesamtwerk LT1559 ergibt sich aus 3.595 esse -Formen bei 401.305 W. <?page no="442"?> 430 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo Statistik auf Bd. 1 und 2 der Essais von Montaigne zeigt, dass sowohl Calvins Werke als auch die Essais in sich relativ konsistent sind. Rabelais’ Roman weicht hier eklatant ab, sodass sich Textsorte und Handlungsrahmen als wesentliche Einflussfaktoren auf Schwankungen im Gebrauch von estre und der gelehrten AcI-Konstruktion erweisen. 120 Daran schließt sich die Frage an, warum derart viele V 1 in den AcI-Konstruktionen bei Rabelais Formen von dire sind. Zusätzlich zur Erklärung, dass es sich um das wohl bekannteste der AcI-regierenden Verben im Klassischen Latein handelt und somit als humanistischer Prototyp der AcI- Konstruktion fungiert, lässt sich auch die generelle Frequenz von dire im Werk von Rabelais in den Blick nehmen. Denn im Vergleich zur Kopula estre zeigt sich hier eine ebenso uneinheitliche Distribution: die dire -Formen variieren stark zwischen den verschiedenen Büchern der Pentalogie, sodass auch hier ein direkter Bezug zum Handlungsrahmen bestehen muss (z. B. durch häufigere direkte oder indirekte Rede). 121 Rabelais verwendet das Verb dire deutlich häufiger als seine beiden Zeitgenossen, was zumindest teilweise die erhöhte AcI-Frequenz erklärt. 122 Die Zahlen zum ererbten AcI zeigen, dass die Konstruktion im Gegensatz zum gelehrten AcI nicht in jedem Text auftritt und insgesamt weitaus seltener ist. Dies liegt vorrangig an der Textsorte, wie die Auswertung der Belege zeigt. In Texten, 120 In Bd. 1/ 2 der Essais , sind 627 estre -Infinitive bei 303.139 Wörtern nachgewiesen (= 20,7/ 10.000 W.). Bei Rabelais sind es 49 estre / 44.707 W. in Buch II (= 11,0/ 10.000 W.), in Buch III 156 estre / 54.533 W. (= 28,6/ 10.000 W.) und im Gesamtdurchschnitt (mit Buch I und IV) 17,2/ 10.000 W. Le Tiers Livre müsste nach dieser beobachteten Korrespondenz zwischen Kopula und AcI-Formen noch einmal um die Hälfte mehr Belege als das vierte Buch aufweisen. Für Calvins Institution FR1560 sind es im ersten Buch 338 estre / 101.283 W. (= 33,4/ 10.000 W.), im zweiten Buch 446 estre / 133.454 W. (= 33,4/ 10.000 W.), im dritten Buch 814 estre / 217.507 W. (= 37,4/ 10.000 W.) und im vierten Buch 856 estre / 221.751 W. (= 38,6/ 10.000 W.). Die Werte entsprechen den Angaben und Möglichkeiten zur Berechnung in Frantext. 121 Rabelais, Pantagruel : 448 dire-Formen / 40.921 Wörter (= 109,4/ 10.000 W.); Gargantua : 346 dire- Form. / 44.707 W. (= 77,4/ 10.000 W.); Le Tiers Livre : 425 dire-Form. / 59.942 W. (= 70,9/ 10.000 W.); Le Quart Livre : 554 dire-Form. / 59.942 W. (= 92,5/ 10.000 W.), Durchschnitt 86,2/ 10.000 W.; Montaigne, Essais , Bd. 1/ 2 1.264 dire-Form. / 303.139 W. (= 41,7/ 10.000 W.), Bd. 3 480 dire-Form. / 135.499 W. (= 35,4/ 10.000 W.), Durchschnitt 39,7/ 10.000 W.; Calvin, Institution (FR1560), Bd. I 516 dire- Form. / 101.283 W. (= 51,0/ 10.000 W.), Bd. II 820 dire-Form. / 133.454 (= 61,5/ 10.000 W.), Bd. III 1.294 dire-Form. / 217.507 W. (= 59,5/ 10.000 W.), Bd. IV 1.210 dire-Form. / 221.751 W. (= 54,6/ 10.000 W.), Durchschnitt 56,8/ 10.000 W. Die Werte entsprechen den Angaben und Berechnungsmöglichkeiten in Frantext. Weitere Studien sind nötig, um die erkennbaren Tendenzen abzusichern. 122 Auf die hohe Frequenz des V 1 dire weist auch Beaudin (2022: 487) in seiner Analyse der fünf Bände des Pantagruel et Gargantua hin. Eine methodische Erläuterung zur Bestimmung der „ampléur réelle du phénomène“ fehlt allerdings. Beaudin (2022: 486-487) nennt die Verben savoir; cuider, penser, croire, estimer; vouloir, souhaiter; ordonner, commander; dire , aber im vierten Buch finden sich auch cognoistre, déclairer sowie voir mit gelehrtem AcI. Welche S 2 er als AcI-Charakteristikum wertet, bleibt unklar. Bei Montaigne verweist er auf das anaphorische Relativpronomen, das in der Zählung der 14 dire -Belege bei Rabelais offenbar fehlt (und nur NP und Objektklitika gezählt werden) - in meinem Korpus zähle ich in Summe 24 Okkurrenzen. <?page no="443"?> 6.3 Zusammenfassung 431 die in prosaischem Stil Situationen und Vorgänge konkret beschreiben, also wenn sinnliche Wahrnehmung wirklich stattfinden kann, ist dieser Typ regelmäßig zu finden (vgl. rab-iv). Dies schließt Calvins Predigten und Briefe aus, welche vorrangig Sachverhalte und kognitiv verarbeitete Wahrnehmungen darstellen. Montaigne, der in den Essais autobiographische Erlebnisse verarbeitet, wendet den ererbten AcI in verstärktem Maße an. Insgesamt sind die Belegmengen aber gering, sodass die Bewertung mit Vorsicht erfolgen sollte. Die Distribution des gelehrten AcI in den unterschiedlichen Texten wird in Abhängigkeit von der Wortanzahl im nachfolgenden Balkendiagramm (vgl. Abb. 13) dargestellt. Dabei wird die Frequenz von estre mittels einer farbigen Intensitätsskala als dritter Parameter berücksichtigt. 13.08 (n= 459 ) 7.52 (n= 509 ) 7.65 (n= 36 ) 2.52 (n= 3 ) 4.76 (n= 16 ) 2.71 (n= 37 ) 1.35 (n= 5 ) 7.73 (n= 42 ) 2.92 (n= 27 ) Selbstübersetzung Selbstübersetzung Selbstübersetzung 0 2 4 6 8 10 12 14 C-FR1541 C-FR1560 C-SCA C-ADV C-LET C-SER RAB-I RAB-IV MON-ESS gelehrter AcI (n/ 10.000 Wörter) e stre 10 20 30 40 Abb. 13 - Frequenz des gelehrten AcI im Untersuchungskorpus Die Visualisierung zeigt nun eine Aufsplittung in drei Gruppen: 1) Im Bereich der häufigsten AcI-Konstruktionen mit über 7 Belegen/ 10.000 W. sind die beiden Texte der Institution zu finden, das längere Traktat Des scandales sowie Rabelais’ viertes Buch. Die drei Texte Calvins wurden aus dem Lateinischen von ihm selbst übersetzt. Auffällig ist dabei, dass das Niveau der normalisierten Frequenz in der Ausgabe FR1560, nach der Entfernung einer Reihe von AcI-Konstruktionen und nach dem Hinzukommen neuer Textpassa- <?page no="444"?> 432 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo gen, dem der c-sca gleicht. Es ist plausibel hierin eine Anpassung Calvins an seinen eigenen Sprachgebrauch über die Jahre hinweg zu sehen. Die übersetzten Texte weisen erwartungsgemäß mehr gelehrte AcI-Konstruktionen auf als die nicht-übersetzten Texte, die sich in einem ähnlichen inhaltlichen Textrahmen befinden, und bestätigen folglich einen direkten Zusammenhang. 2) Im Mittelfeld dieser drei Gruppen ist nur ein Text angesiedelt. Es handelt sich dabei um die Briefsammlung, die mit 4,76/ 10.000 W., gemessen an ihrer Kürze, auffällig ist. Die verstärkte Verwendung im Gegensatz zur dritten Gruppe (mit Frequenzen zwischen 1,35 bis 2,92/ 10.000 W.), die ebenfalls das Merkmal aufweist, keine übersetzten Texte wie die erste Gruppe zu enthalten, lässt sich bei c-let auf eine spezifische Formelhaftigkeit am Ende der Briefe zurückzuführen. 3) Das Kurztraktat (c-adv), die Predigten sowie Montaignes Essais gleichen sich in der Frequenz des gelehrten AcI. Hiervon grenzt sich rab-i mit nur 1,35/ 10.000 W. deutlich ab. Dies hat sich bereits oben und in der tabellarischen Übersicht abgezeichnet. Nimmt man die beiden untersuchten Bücher Rabelais’ zusammen, ergibt sich eine mittlere Verwendungshäufigkeit 4,5/ 10.000 W., welches immer noch etwa ein Drittel mehr als bei Montaigne ist. Grundsätzlich lässt sich außerdem feststellen, dass die Frequenz gelehrter AcI-Konstruktionen mit der Häufigkeit von estre korrespondiert. Werden dabei die beiden nähesprachlich markierten Texte c-let und c-ser ausgeklammert, ergibt sich eine direkte Proportionalität zwischen dem Anteil von estre und dem gelehrter AcI-Konstruktionen in distanzsprachlich markierten Schrifttexten. 123 6.3.2 Zusammenfassende Beobachtungen Die Institution zeichnet sich durch eine besonders hohe Diversität regierender Verben aus. Zwar finden sich alle in den Vergleichstexten von Rabelais und Montaigne beobachteten Verben auch dort, doch umgekehrt erscheinen nur wenige Verben der Institution in diesen Texten. Ferner konzentriert sich die Verwendung des V 1 auf einige wenige Verbtypen, die vom jeweiligen Text abhängig sind. Die Vielfalt der V 1 erklärt sich v. a. durch den Einfluss des lt. Quelltextes in der Institutio(n) , der deutlicher wirkt als etwa in c-sca (s u.). Das kurze c-adv enthält nur drei AcI-Konstruktionen, die jedoch typische Verwendungsarten aus der Institution abbilden. Aussagekräftiger sind c-sca und c-ser, wo sich eine Konzentration auf die V 1 voir und cuider zeigt, deren Verwendung insgesamt an die Institution erinnert. Bemerkenswert ist der ge- 123 Ob und inwiefern ein Zusammenhang zwischen der Nähesprachlichkeit und einer erhöhten Verwendung von estre -Infinitive in c-let, c-ser und anderen Texten besteht, kann an dieser Stelle nicht abschließend geklärt werden und sollte Gegenstand künftiger Studien sein. <?page no="445"?> 6.3 Zusammenfassung 433 häufte Gebrauch dieser beiden Prädikate in den Predigten (c-ser), da die mental erkennende Wahrnehmung sowie die Signalisierung auf falschen Annahmen beruhender Auffassungen in diesem Textgenre besonders wichtig sind. Das Verb voir ist in c-ser, c-sca und mon frequenter als in der Institution , während es in den Briefen (c-let) und im Pantagruel (rab-i) keine übergeordnete Rolle spielt. Die AcI-Verwendung in c-let wird auffallend stark durch das Textgenre determiniert. So stehen v. a. die V 1 supplier und cognoistre in festen Wendungen am Briefende. Rabelais’ Pantagruel (rab-i) weist nicht viele AcI-Belege auf, doch bildet es ein facettenreiches Bild unterschiedlichster V 1 ab. Deutlich zahlreicher sind die Okkurrenzen im Le Quart Livre (rab-iv), womit die Feststellung Huguets ([1894] 1967: 213), dass bei Rabelais der AcI „assez souvent sur le modèle du latin la proposition infinitive“ verwendet wird, im Hinblick auf rab-i eingeschränkt werden muss. Dies bedeutet jedoch nicht, dass diese Feststellung für die Gesamtbetrachtung nicht gültig ist. Im Gegenteil, eine umfassendere Analyse zeigt, dass der AcI in rab-iv noch häufiger vorkommt als bei Montaigne oder in übersetzungsfreien Texten von Calvin. Zuzustimmen ist auch der Aussage Stimmings (1915: 170), nämlich dass Rabelais den gelehrten AcI neben Calvin und anderen Zeitgenossen durchaus „vielseitig“ einsetzt. Dies wird außerdem daran ersichtlich, dass Montaigne sich in den AcI-Belegen aus den Essais vor allem auf dire und voir stützt. Dire wird dabei in einer prototypischen Verwendungsart vor allem zur Wiedergabe von Textstellen antiker Autoren eingesetzt, sodass sich dies mit dem zitierenden bzw. paraphrasierenden Gebrauch Calvins in der Institution (im Zusammenhang mit der Bibel oder den Kirchenvätern) deckt. Der latinisierende Einfluss wird an dieser Stelle offensichtlich, da die indirekte Redewiedergabe zentraler Bestandteil der lt. AcI-Verwendung mit verba dicendi ist. Trotz des hohen Anteils an dire ist der NcI nicht bei Montaigne, sondern einmalig bei Rabelais belegt. Sein Vorkommen bleibt selten und unregelmäßig. Die Unterschiede in der Verwendung des S 2 (sowie des V 1 und V 2 ) werden erst durch einen quantitativen Vergleich sichtbar. Da die quantitative Auswertung in der Forschungsliteratur bislang nie erfolgte, sind die folgenden zusammenfassenden Einblicke in ihrer Prägnanz neu. In der Institution wurden zwei unterschiedliche Verhältnisse für die Verteilung der Nominalphrasen und anaphorischen S 2 in Abhängigkeit zu ihrer Übersetzungsgrundlage konstatiert. Im Vergleich mit den relativ frequenten Belegen in c-sca sowie mon zeigt sich ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen NP und anaphorischem S 2 wie es in den Autolatinismen der Institution zu Tage tritt. Es liegt der Gedanke nahe, dass das Traktat c-sca insgesamt weniger stark von seiner Übersetzungsgrundlage abhängig ist als die mehrfach über zwei Jahrzehnte hinweg überarbeitete <?page no="446"?> 434 6 Analyse des Accusativus cum Infinitivo Institution . Bestärkt wird dies durch das Ausbleiben von Belegen mit Subjektgleichheit, die ein Reflexivpronomen verwenden. Sie fehlen auch bei Montaigne, jedoch nicht bei Rabelais. Dies ist deshalb bemerkenswert, da bereits Stimming (1915) feststellt, dass in der Koreferentialität ein starker Marker der gelehrten AcI-Wendung vorliegt. Interessant ist außerdem die Verwendung von cuider , welches ausschließlich mit anaphorischem S 2 in c-ser und c-sca auftritt. Die beobachtete syntaktische Restriktion steht im Einklang mit der semantischen Notation, die das seltene Prädikat zur moralischen Herabsetzung oder Auszeichnung (Calvin zufolge) ‘falscher’ Ideen bezeichnet. Dabei wird an eine vorherige Sachverhaltsdarstellung angeschlossen und sich auf diese mit dem Prädikat markant bezogen. In nur einem der ausgewählten Texte ist ein Demonstrativpronomen in S 2 - Funktion belegt (vgl. rab-iv). Die zwei Dutzend festgestellten Okkurrenzen innerhalb eines AcI in den Ausgaben FR1541 und FR1560 sind damit beinahe ein Alleinstellungsmerkmal der Institution . Die fr. AcI-Belege der Institution weisen überwiegend lt. Modellsätze mit Demonstrativa auf, sodass hier die Schlussfolgerung lauten muss, dass es sich um einen stark latinisierenden Gebrauch handelt, der aufgrund des Einflusses des lt. Quelltextes im Übersetzungstransfer realisiert wird. Das Ausbleiben solcher Belege in c-sca bestärkt zudem die obige Ansicht, dass das Traktat dem lt. Text weniger nah steht als die Institution . Die Distribution der V 2 ist in den Texten Calvins insofern unauffällig, als dass sie einen insgesamt hohen Wert an estre -Infinitiven aufweisen (ca. 60-75%), der von der Institution nicht markant abweicht. Die Übersetzung sowie die lateinische Vorlage mit ihrem hohen Anteil an esse spiegeln sich in den erhöhten Werten der c-sca wider. Auffällig wenig estre V 2 verwendet Montaigne in den Essais (ca. 23%). Es kann außerdem im Gesamtüberblick festgestellt werden, dass Montaigne und Rabelais wenig bis gar keine Passivkonstruktionen in V 2 -Funktion verwenden. Diese sind hingegen bei Calvin in allen Texten sehr geläufig und bestätigen, dass der AcI bei ihm insgesamt in noch elaborierterer und syntaktisch komplexerer Weise regelmäßig verwendet wird. Vorzeitigkeit ist darüber hinaus ein prägnantes Zeichen der gelehrten Form des AcI, die auf das Lateinische rekurriert. Sie wird auch bei Rabelais im NcI und Montaigne im AcI vereinzelt ausgedrückt. Die Frequenz der Belege mit Vorzeitigkeit hängt jedoch maßgeblich mit dem Textinhalt zusammen und ist daher im Gegensatz zu Passivkonstruktionen kein geeignetes Maß zur Messung der mehr oder weniger starken Präsenz gelehrter AcI innerhalb eines Textes. Dies wird auch daran ersichtlich, dass Calvin keine AcI mit Vorzeitigkeitsverhältnis in c-ser, c-let oder c-sca verwendet (aber in c-adv und FR1541/ FR1560). <?page no="447"?> 7 Diskussion In diesem Kapitel stelle ich die zuvor gewonnenen Ergebnisse in einen breiteren sprachgeschichtlichen und theoretischen Rahmen. Zunächst werden die Einsichten aus der Analyse kritisch der Frage nach der semanto-syntaktischen Funktionsweise der gelehrten Form des AcI unterworfen (vgl. Kap. 7.1). Anschließend diskutiere ich die Einordnung der latinisierenden Konstruktion in bestehende, zuvor vorgestellte Theorieansätze zum Französischen des 16. Jahrhunderts (vgl. Kap. 7.2). 7.1 Funktionsweise der gelehrten Form des AcI Die folgenden Erläuterungen zur Funktionsweise des gelehrten AcI stützen sich auf die in der Analyse gewonnenen Erkenntnisse aus der Institution sowie weiteren Texten von Calvin, Montaigne und Rabelais. Ein zentrales Anliegen ist es, die Auswahlprinzipien für den AcI auf textueller, syntaktischer und semantischer Ebene darzustellen. Außerdem werde ich einen Erklärungsansatz aufzeigen, warum estre sowie estre +Partizip in V 2 -Funktion so häufig verwendet werden. 7.1.1 V 1 Das V 1 regiert nicht nur die untergeordnete AcI-Proposition im Französischen und ist damit in semanto-syntaktischer Hinsicht von außerordentlicher Relevanz, sondern es lässt sich darin auch ein grundlegendes Motiv für den Transfer eines Übersetzungslatinismus erkennen. So bestätigt die Analyse und Auswertung der AcI-Belege im Einzelnen, dass mehrheitlich eine unmittelbare Verbindung zwischen der Verwendung des lt. und fr. V 1 vorliegt. In einer breiteren Perspektive zeigt sich ferner, dass vor allem jene lateinischen AcI-Konstruktionen eine syntaktische Übertragung in die Zielsprache erfahren, deren lt. V 1 eine etymologische oder nahe semantische Entsprechung im Französischen kennen. In den Fällen, in denen diese Gegenstücke nicht vorhanden sind oder zu Lasten des idiomatischen Sprachgebrauchs gehen, greift Calvin im Rahmen seiner Übersetzungspraxis auf häufig verwendete V 1 wie dire zurück, sodass von einem prototypischen Gebrauch gesprochen werden kann. <?page no="448"?> 436 7 Diskussion Insgesamt zeigen die fr. AcI-Konstruktionen, die auf einem lt. Modell basieren, ein deutlich strengeres und wortgetreueres Übersetzungsprofil als jene zahlreichen Fälle, in denen lt. AcI Konstruktionen im Französischen mit que inhaltsgetreu, jedoch im Wortlaut freier, übersetzt werden. Erklärbar wird dies auch durch die für die lateinische Sprache charakteristischen weit entfernten Referenzbezüge, von denen häufig mehrere AcI abhängen. Es können aber nur solche AcI-Konstruktionen in das Französische übertragen werden, deren einzelne Konstituenten im unmittelbaren Umfeld liegen. Diese Einschränkung gilt insbesondere für das V 1 , denn in Bezug auf das S 2 zeigt sich vor allem in der Übersetzung, dass mithilfe des Einsatzes von Objekt- und Demonstrativpronomen weiter entfernt gelegene Antezedenzien auch im Französischen koindiziert werden können. Diese Beobachtung trägt dazu bei, in dem Transfer der fr. AcI- Konstruktionen mit lt. Modell ein Prestigeprodukt des Übersetzungsprozesses zu sehen, welches nicht zufällig übertragen wird. In der Betrachtung von AcI-Konstruktionen im 16. Jahrhundert fällt auf, dass eine enorme Bandbreite an Matrixprädikaten aus den typischen klt. Verbklassen verwendet wird. Der Name Calvin und der seines Hauptwerks fällt in diesem Zusammenhang besonders häufig (vgl. u. a. Huguet [1894] 1967; Marmelstein 1921; Stimming 1915) und es drängt sich, auch nach Berücksichtigung der Ergebnisse aus weiteren Texten Calvins und seiner Zeitgenossen Rabelais und Montaigne, rasch die Frage auf: Warum verwendet gerade Calvin derart viele verschiedene V 1 und ist es ein Phänomen, welches sich nur auf die Institution beschränkt? Die Analyse hat gezeigt, dass der Einfluss des lt. Modelltextes der Institution besonders groß ist, auch im Vergleich zu einer anderen Übersetzung Calvins (vgl. c-sca). Vor diesem Hintergrund ist die Übertragung der zahlreichen Einzelbelege und Belege des quantitativen Mittelfelds zu sehen (vgl. Kap. 6.1.3, 6.1.9). Die V 1 , die sehr häufig mit dem AcI stehen (wie dire und voir ), sind in allen Texten des Korpus zu beobachten und in der Institution insofern übersetzungsbedingt, als dass ihre Übertragung durch die Präsenz des lt. Modells in sehr vielen Fällen ausgelöst wird. Die Übersetzung ermöglicht eine gezielte Erweiterung der gelehrten AcI-Verwendung im Bereich fr. V 1 , bewegt sich aber stets innerhalb der aus dem KL bekannten semantischen Verbklassen. In den Fällen, in welchen das V 1 zunächst auf im KL ‘uneigentliche’ oder untypische Verblexeme zurückgeführt werden kann, greift Calvin später korrigierend ein. Diese Feststellung erlaubt außerdem, die bisher gewonnenen Forschungsergebnisse zur Sprachkompetenz in semanto-syntaktischer Hinsicht zu bestätigen. Denn die zahlreichen, stets grammatikalisch passenden und häufig gut nachvollziehbaren Entscheidungen zur sprachlichen Änderung und Überarbeitung sind im Hinblick auf die ausgeprägte Sprachsowie Übersetzungsexpertise des Humanisten Calvin einzuordnen. <?page no="449"?> 7.1 Funktionsweise der gelehrten Form des AcI 437 Die Gesamtbetrachtung ausgewählter Texte Calvins, Montaignes und Rabelais’ führt auch vor Augen, dass die Auswahl der in einem Text häufig verwendeten V 1 durch das Textgenre und die Textaussage gesteuert wird. Dies bedeutet: Die Institution referenziert direkt und indirekt die Heilige Schrift und andere Autoritäten, die für die theologische Argumentation unabdingbar sind (vgl. das Prinzip der Reformationsbewegung sola scriptura ), sodass die Verben des Sagens dominieren. Darüber hinaus geht es in dem reformatorischen Gegenentwurf auch darum, die eigene Meinung zu arrondieren und irrige Ansichten präzise abzugrenzen. Daher stehen die Verben der geistigen Wahrnehmung sowie des Glaubens und Meinens ebenfalls im Vordergrund der Betrachtung des französischen AcI in der Institution . Letztere begegnen sogar häufiger als die verba dicendi in den Predigten und teils in den Scandales Calvins. Noch stärker als in der Institution geht es dem Reformator in seinen täglichen Ansprachen an die Genfer Gemeinde um eine klare Kennzeichnung richtiger und falscher Meinungen. Die gelehrte Verwendung des AcI im Französischen Calvins ist keine Randerscheinung, sondern vielmehr steht die Konstruktion in nicht wenigen Fällen an einer markanten Textposition, wie zu Beginn eines neuen Absatzes (vgl. Kap. 6.1.8). Die Briefe fokussieren auf höfliche Bitten in einer nicht von der Hand zu weisenden Formelhaftigkeit, die den verschränkten Relativsatz favorisiert. Dies spiegelt sich in der Wahl von supplier (‘ich bitte Gott, dass ...’) sowie cognoistre (‘Gott möge erkennen, was notwendig ist ...’) wider. Der Vergleich der von Rabelais und Montaigne verwendeten V 1 zeigt, dass der lexikalische Reichtum verbklassenübergreifend bei Rabelais besonders ausgeprägt ist und bei beiden Autoren eine deutliche Orientierung an antiken Vorbildern im Gebrauch des gelehrten AcI mit dem V 1 dire erkennbar wird. 1 Die in Kapitel 4 vorgestellte Gliederung der Verbklassen hat sich im Verlauf der Analyse bewährt. Die detaillierte Betrachtung der Semantik des V 1 zeigt, dass die Verbklassen nicht in allen Fällen einen eindeutigen Zuweisungspunkt bilden und im Französischen vereinzelt semantisch komplexere Verben wie voir und penser einer Zuweisung zu mehreren Klassen bedürfen. Im Gesamtüberblick der Verbklassen ist eine textübergreifende Präferenz für Verben des Sagens und der geistigen Wahrnehmung festzustellen. Dies deckt sich mit den grundlegenden Beobachtungen Stimmings (1915) zur Distribution. 2 Die Verwendung der Verben des Wollens und Wünschens ist in meinem Untersuchungskorpus ausschließlich in Calvins Institution derart konsequent beobachtbar. Die Häufung ist zu einem 1 Vgl. Beaudin (2022: 490) für eine ähnliche Feststellung bezüglich der Pentalogie von Rabelais. 2 Auch die von Marchello-Nizia ( 2 2005: 422-423) für das Mittelfranzösische festgestellten V 1 sind bei Calvin überwiegend nachgewiesen. Zudem treffen die dort beobachteten Eigenschaften der Satzstellung und Koreferentialität zu. <?page no="450"?> 438 7 Diskussion großen Teil der Präsenz des lateinischen Übersetzungsmodells zuzuschreiben und in einer diachronen Perspektive insofern auffällig, als dass für vouloir mit dem AcI in mittelfranzösischer Zeit zahlreiche Belege angeführt werden können (vgl. Stimming 1915: 140-142). Die geringe Verwendung des AcI mit vouloir außerhalb der Institution weicht in meiner Stichprobe demnach von Stimmings Belegsituation ab und zeigt, dass weitere, breiter angelegte Studien, die die systematische quantitative Erfassung wie auch qualitative Analyse gelehrter AcI-Konstruktionen zum Ziel haben, notwendig bleiben. In der theoretischen Einführung in die Verbsemantik lateinischer AcI-Verben (vgl. Kap. 4.1.2) habe ich die von Cuzzolin (1994b) auf semantischen Kriterien basierende Einteilung stark assertiver (z. B. dicere, narrare ), schwach assertiver (z. B. credere, putare ), semi-faktiver (z. B. cognoscere, videre ) und faktiver (z. B. gaudere, dolere ) Verben angesprochen. Mit Bezug auf die deutliche Konzentration der französischen V 1 auf die Verben des Sagens ( v. dicendi ), Verben der geistigen Wahrnehmung ( v. intellegendi ) sowie Verben des Meinens und des Glaubens ( v. sentiendi ) werden die typischen mit dem AcI anzutreffenden Verbklassen bestätigt. Die stark faktiven Verben sind aufgrund des Textgenres nur wenig erwartbar, jedoch wie die wenigen Einzelbelege in meinem Untersuchungskorpus und auch bei Stimming (1915: 166) zeigen, nicht ausgeschlossen. 3 Dies spiegelt nicht unbedingt den Gebrauch im KL sowie im Latein christlicher Autoren wie Augustinus wider, denn Letzterer verwendet diese Verbgruppe noch regelmäßig im AcI und quod -Satz. Abgesehen davon, dass, wie Cuzzolin (1994b: 283-289) feststellt, der AcI-Gebrauch nach Augustinus’ Konversion eben nicht wie vielerorts behauptet drastisch abnimmt, zeigt sich überhaupt, dass neben den assertiven Verben auch die schwach faktiven Verben in einer stattlichen Anzahl, als zweitstärkste Gruppe meines Korpus, verwendet werden. Die starke Präsenz semi-faktiver Verben in der Institutio(n) scheint aber weniger damit zusammenzuhängen, dass Calvin die Schriften und den Sprachstil des Hl. Augustinus kennt, als vielmehr damit, dass der Textinhalt eine geistige Wahrnehmung stark begünstigt - also das Erkennen richtiger Sachverhalte im Sinne der christlich-reformatorischen Auffassung. Ein Teil der Beispiele aus übersetzungsfreien Kontexten wie bei Montaigne oder Rabelais bestätigen zudem die Überlegung, dass der fr. AcI nicht allein aus Prestigegründen angewendet wird, sondern im Gegenteil, mit schwach faktiven Verben wie voir und stark assertiven Verben wie dire unabhängig vom KL regelmäßig steht. Mit Rückgriff auf die in Kapitel 4.1.1.2 vorgestellte Unterscheidung des lateinischen AcI in eine ‘eigentliche’ und ‘uneigentliche’ Konstruktion ist festzuhalten, 3 Vgl. Du Bellay für einen prädikativen AcI plaire (zit. n. Stimming 1915: 166): Que pleust a Dieu le Naturel d’un chacun estre aussi candide a louer les vertuz comme diligent a observer les vices . <?page no="451"?> 7.1 Funktionsweise der gelehrten Form des AcI 439 dass fast ausschließlich die eigentliche AcI-Konstruktion im französischsprachigen Teil des Korpus nachgewiesen ist. Uneigentliche AcI-Konstruktionen, die beispielsweise auf iubere zurückgehen, sind kaum anzutreffen, werden jedoch im Rahmen der Übersetzung verwendet und sind auch außerhalb der Institution latinisierendem Einfluss zuzuschreiben (vgl. commander bei Rabelais, 4.2.1.3). 4 Der eigentliche AcI, z. B. mit dire , entspricht dem in Kapitel 4.1.1.2 benannten Typus. Der zweithäufigste Typ ist jener mit einem geistig aufzufassenden Perzeptionsverb wie voir , welcher syntaktisch als (gelehrter) AcI zu analysieren ist. Die oben als Ergänzungsinfinitiv identifizierte Konstruktion mit einem physischen Perzeptionsverb ist in den ausgewählten Texten lediglich sporadisch belegt. Die gleichrangige Koordination mehrerer V 1 oder auch V 2 ist im Übrigen bei allen betrachteten Autoren im Französischen nachgewiesen. Dabei ist die Koordination zweier V 1 mit einem einzelnen AcI (vgl. 100) grundsätzlich von der Koordination zweier V 1 mit jeweils einem AcI zu unterscheiden (vgl. 142, 173). Die Vorstellung syntaktischer Grundlagen des lt. und fr. AcI in Kapitel 4 ging auch mit einer Erweiterung der Perspektive hinsichtlich funktional-semantischer Aspekte einher. Ich werde im nachfolgenden Unterkapitel zum V 2 nochmals hierauf zurückkommen, möchte aber an dieser Stelle bereits die Kategorisierung der nachgewiesenen V 1 in die hierarchisierende semantic integration scale nach Cristofaro ( 2 2005) vornehmen. Im gesamten Untersuchungskorpus sind alle zuvor in Tab. 2 aufgeführten Verbklassen, bis auf die phasale Gruppe, die Start-Stopp-Beziehungen ausdrückt, mit einer dem AcI an der Oberfläche ähnelnden Konstruktion belegt. Die Verben falloir , laisser und faire wurden aus unterschiedlichen Gründen von der Betrachtung der gelehrten Form des AcI ausgeschlossen (vgl. Anm. 47, Kap. 4). So beginnt die Hierarchisierung von links aus mit den manipulativen Verben, die einen Befehl, aber keinen Zwang ausdrücken, wie z. B. commander . Auf sie folgen die desiderativen Verben wie z. B. vouloir , schließlich perzeptive Verben wie z. B. voir und ouïr sowie, ganz rechts in der Hierarchisierung, die Wissens-, Glaubens- und Äußerungsprädikate wie z. B. savoir, penser, dire . Von links nach rechts verwenden alle Verbklassen sowohl die gelehrte AcI-Konstruktion als auch das Subordinationsmorphem que , sodass die typologische Beobachtung Givóns ( 2 2001b: 71) bestätigt wird. Denn Givón betont, dass die Verwendung des Subordinationsmorphems mit der abnehmenden semantischen Integration, die später Cristofaro präzise konturiert, zunimmt. Dies ist für die Bewertung des 4 Die beiden in der Institution belegten unpersönlichen Wendungen il appert +AcI stellen zwar eine freiere Übersetzung des lt. Modells dar, doch ist, wie Stimming (1915: 164-165) bemerkt, bei diesem Typus grundsätzlich von latinisierendem Einfluss auszugehen. Dies belegt auch ihr isoliertes und seltenes Auftreten ausschließlich in der Institution . <?page no="452"?> 440 7 Diskussion Auftretens und der im 17. Jahrhundert schwindenden Akzeptanz der gelehrten Form des AcI, die mit dem unmarkierten Objektsatz mit que konkurriert, von zentraler Bedeutung. Der für die Institution festgestellte Verteilungsschlüssel bezüglich der Verbklassen zeichnet sich in der Hierarchisierung nach Cristofaro ( 2 2005), Givón ( 2 2001b) und Noonan ( 2 2007) ab. So steigt grundsätzlich die Verwendungshäufigkeit des gelehrten AcI beginnend in der Gruppe manipulativer Verben hin zu den Verben des Sagens und korrespondiert somit mit der abnehmenden semantischen Integration des untergeordneten Satzes in den übergeordneten Hauptsatz mit dem V 1 . In meinem Untersuchungskorpus spielen manipulative Verben nur eine untergeordnete Rolle, da sie teilweise nicht auf die ‘eigentliche’, sondern ‘uneigentliche’ AcI-Konstruktion im KL zurückgehen und damit vom klassischen Modell abweichen. Ich habe bereits darauf hingewiesen, dass das Verb vouloir als verbum voluntatis par excellence in der Institution deutlich häufiger vorkommt als in den anderen untersuchten Texten. Seine Verwendung ist streng auf den Einfluss des Translationsprozesses zurückzuführen. Damit verbleibt die Kategorie der PCU-Verben (en. perception, cognition, utterance verbs ) zu besprechen. Die Analyse der Wahrnehmungsverben hat prägnant gezeigt, dass eine Unterscheidung der sinnlichen und geistigen Wahrnehmung unumgänglich ist. Da sich laut Cristofaro ( 2 2005) die Grenze der semantischen Integration zwischen der Verbklasse der Perzeptionsverben und Wissensprädikate abzeichnet, ist diese Beobachtung besonders wichtig. Die zugrunde liegende Überlegung der semantischen Integration ist (vgl. Kap. 4), dass ein über- und ein untergeordneter Satz sich einen Rahmen des Geschehens (en. event frame ) in unterschiedlicher Intensität teilen. Besonders stark ist dieser beispielsweise bei einem Befehl, dessen Handlungsakt im untergeordneten Satz mit der verbindlichen Aufforderung im Matrixsatz unmittelbar zusammenhängt. Besonders schwach ist dieser Rahmen hingegen bei dicendi -Verben, welche lediglich ausdrücken, dass, gleich des Inhalts der untergeordneten Proposition, etwas ausgesagt wird. Die typologischsemantische Auswertung Cristofaros ( 2 2005: 122, 234) konstatiert für sinnliche Perzeptionsverben eine schwache, aber vorhandene Integrationskraft. In diesen AcI-Sätzen, die dem ererbten Typ zugerechnet werden, ist es von Relevanz, was gesehen oder gehört wird, denn es kann beispielsweise weder eine Tomate gehört noch Vogelgezwitscher gesehen werden. Die Integrationskraft verliert sich demnach bei den geistigen Wahrnehmungsverben, die in meinem Korpus in allen Texten zahlreich und besonders häufig mit voir auftreten. Bei diesen Verben geht es um das Erkennen und die Realisierung eines Sachverhaltes, der unterschiedlich ausgeprägt sein kann und damit das Matrixverb nach Cristofaro ( 2 2005) nicht semantisch beeinflusst. Sie werden bei Cristofaro den Wissensprädikaten <?page no="453"?> 7.1 Funktionsweise der gelehrten Form des AcI 441 in der nicht integrierenden semantischen Sphäre zugeordnet. Die Analyse des gelehrten AcI führt damit unter Berücksichtigung des vorgestellten funktionalsemantischen Ansatzes zu der Benennung eines weiteren Charakteristikums: Die gelehrte Form des AcI favorisiert im Französischen die Verwendung von V 1 , die die untergeordnete Proposition nicht oder nur äußerst schwach integrieren. 7.1.2 S 2 Aufbauend auf der Analyse und Ergebnissen zum S 2 (vgl. Kap. 6.1.4, 6.1.9.2 u. 6.3.2) zeige ich nachfolgend eine Übersicht der S 2 -Merkmale, die für den ererbten und gelehrten AcI in meinem Korpus gelten (vgl. Tab. 57). Typ ererbter AcI gelehrter AcI V 1 phys. Perzeption v. dic./ sent./ intell. etc. V 2 Vollverb estre (präd.) Vollverb estre (präd.) Subkorpus → S 2 c-inst WT c-inst WT c-inst , AL c-inst , ML WT c-inst , AL c-inst , ML WT NP-Komplexität - - - - (+) + + + + + NP-Belebtheit + + - - + + (+) + + + NP-Abstraktheit + - - - + + (+) + + + anaphorisch (+) - - - + + + + + + kataphorisch - - - - - - - - + Ü - Objektklitika + + - - (+) (+) (+) (+) + + Reflexiva - - - - (+) - (+) (+) + Ü (+) Demonstrativa - - - - - (+) - + + Ü (+) c-inst = Institution (FR1541/ FR1560); WT= Weitere Texte; AL = Autolatinismus; ML = Latinismus mit Modell; ‘+’ = regelmäßig beobachtete Eigenschaft; ‘(+)’ = selten beobachtete Eigenschaft; Ü = Einfluss durch den Übersetzungsprozess. Tab. 57 - S 2 -Eigenschaften des ererbten und gelehrten AcI im Untersuchungskorpus Grundsätzlich ist die Distribution der S 2 -Eigenschaften zwischen der ererbten und gelehrten Form des AcI auffällig. Die tabellarische Darstellung führt erstens vor Augen, dass der gelehrte AcI das S 2 -Verwendungsrepertoire im Vergleich zu dem ererbten Typ beträchtlich erweitert. Zweitens ist bezüglich der Verwendung von estre als Kopula zu konstatieren, dass sie der ererbten Form unbekannt ist, und es sich daher um ein Charakteristikum des gelehrten AcI handelt. Dies bestätigen auch die altfranzösischen Belege Stimmings (1915: 117-122, 127-132). Erst mit <?page no="454"?> 442 7 Diskussion dem Einsetzen der Übersetzungsproduktion im Laufe des Hochmittelalters und im ausgedehnteren Umfang ab dem 14. Jahrhundert finden sich vermehrt Belege mit estre in prädikativer Funktion, aber auch als Bestandteil des passivischen Infinitivs. Der S 2 -Haupttyp des ererbten AcI verwendet zum einen belebte, einfach konstruierte Nominalphrasen (z. B. Determinante+Nomen) und zum anderen Objektklitika. Der anaphorische Gebrauch ist in meinem Korpus nicht nachgewiesen, existiert jedoch vereinzelt in der altfranzösischen Literatur (vgl. 358). 5 (358) Par ceste barbe que veez blancheier. ( Chanson de Roland , 261, n. Stimming 1915: 48) Mit Klarheit lassen sich die kataphorischen S 2 , die Reflexiva, Demonstrativa sowie komplexe NP in S 2 -Funktion dem gelehrten AcI als Charakteristikum zuschreiben. Das Vollverb zeigt zudem insgesamt etwas mehr S 2 -Restriktionen als die Kopula. In Bezug auf weitere Texte weicht die Institution nicht grundsätzlich stark ab, wenngleich die demonstrativischen und kataphorischen S 2 auffällig sind. Wie in der Analyse gezeigt wurde, entfallen die wenigen kataphorischen Beispiele auf direkte Übersetzungsvorlagen im lt. Satz, sodass sie als übersetzungsbedingte Latinismen eingestuft werden müssen, die aufgrund der allgemein starken Latinisierungstendenz nur in der umfangreichen Institution zu beobachten sind. Auch die Anwendung der Demonstrativpronomen in S 2 -Funktion beschränkt sich bis auf eine Ausnahme in rab-iv auf Calvins Hauptwerk. Hier ist hingegen eine regelmäßige Verwendung mit estre präd. im Bereich der Autolatinismen zu verzeichnen, was diese S 2 -Kategorie besonders interessant macht. Die Latinisierungen, die auf einem lt. Satz basieren, sind regelmäßig zu beobachten und folgen in direkter Weise dem lt. Modell. Der Einfluss muss derart stark sein, dass es plausibel ist, dass der Gebrauch der Demonstrativa (v. a. cela ) auf den Bereich der unabhängig von einem lt. Modell verwendeten Autolatinismen von Calvin im Schreib- und Übersetzungsprozess ausgeweitet wird. Motiviert wird die Übertragung durch Calvins charakteristisches Bemühen, Satzbezüge eindeutig zu markieren und Missverständnisse in der Lesart zu vermeiden. Dem Übersetzer Calvin dienen unter anderem die Demonstrativpro- 5 Dies bedarf einer eigenen Untersuchung, da es in (358) plausibel ist, dass die Anwendung der anaphorischen Bezugsform des AcI auf die präsentative Herausstellung des weiß werdenden Bartes zurückgeht und somit informationsstrukturell exzeptionell motiviert ist. Der weiße Bart symbolisiert die Weisheit des Trägers und es ist in afr. Texten nicht unüblich, auf ein wichtiges Körperteil mit fr. par zu schwören (vgl. Tolle 1883: 9-12). Die Verwendung dieses S 2 -Typus ist im Afr. grundsätzlich stark eingeschränkt und findet sich in Kausativkonstruktionen oder in wortwörtlichen Übersetzungskontexten. In Ge ferai le baron venir Que vos avïez fait füir (Trist. 3090, zit. n. Stimming 1915: 43) ist ein ähnlicher relativer Anschluss mit que an le baron zu sehen und zeigt, dass die Konstruktion dem damaligen Sprachgebrauch nicht unbekannt ist. <?page no="455"?> 7.1 Funktionsweise der gelehrten Form des AcI 443 nomina als adäquates Mittel zur Referenzierung, die sich in der Häufigkeit weder außerhalb der Institution , noch in den wenigen Beispielen bei Stimming (1915), noch in Frantext beobachten lassen. 6 Weniger stark als bei den Demonstrativa manifestiert sich die Abhängigkeit von der Übersetzung in der Kategorie der Reflexivpronomina. Sie werden im gesamten Untersuchungskorpus mit einer erkennbaren Präferenz für die Kopula estre verwendet. Der Bezug zum lt. Modellsatz ist in zahlreichen Fällen in der Institution deutlich und erhellt vielfach die Interpretation der S 2 -Funktion des Reflexivums. Auch außerhalb der hier untersuchten Texte ist diese Kategorie nachgewiesen. Stimming (1915: 119) weist zu Recht darauf hin, dass das Reflexivpronomen bei Koreferenz des S 1 und S 2 als echtes Charakteristikum für den gelehrten AcI als Latinismus betrachtet werden kann. Das Ausbleiben in den ererbten AcI-Konstruktionen meines Korpus sowie die fast ausnahmslose Übereinstimmung mit dem zugrunde liegenden lateinischen Modell in der Institution unterstützen diese Schlussfolgerung. Die Autolatinismen verhalten sich bezüglich des S 2 recht ähnlich zu den Übersetzungslatinismen, die auf einem lt. Modell basieren. Allerdings ist anzumerken, dass auffällig wenige Objektklitika anzutreffen sind. Die prototypische Verwendung konzentriert sich erneut auf die NP und darüber hinaus auf die anaphorischen S 2 . Das Ausbleiben der Objektklitika gilt auch für die Predigten, die sich hauptsächlich auf NP konzentrieren. Dort wurde bereits der nicht zu bestreitende Zusammenhang zwischen dem Textgenre und der quantitativen sowie qualitativen Distribution des gelehrten AcI deutlich. Stimmings (1915: 43) Ansicht, dass das S 2 in seinen hier gezeigten Ausprägungen „unterschiedslos nebeneinander vor[kommt]“, ist folglich zu korrigieren. Wie zuvor festgehalten wurde, wird die Verwendung des S 2 im Bereich des gelehrten AcI ausgedehnt und mittels unterschiedlicher Typen funktional weiter angereichert. Ein Großteil dieser Erweiterungen wird parallel zum Rückgang der humanistischen Epochenströmung im Laufe des 17. Jahrhunderts schon nicht mehr angewendet, sodass manche Autoren von einer zeitlichen Terminierung des gelehrten AcI sprechen. In der Forschungswahrnehmung wurde jedoch die Rolle des anaphorischen S 2 unterschiedlich stark zu Wort gebracht, dessen Funktion in den hier gezeigten Beispielen dem gelehrten AcI zugeordnet werden 6 Zudem konzentrieren sich die Demonstrativa außerhalb der Institution auf cela , vgl. Stimming (1915: 147-148, 155-156, 163) für weitere Belege von Aubigné, Bouchet, Estienne, Larivey und Marot im 16. Jh. In Frantext ist die individuelle und gleichzeitig vereinzelte Verwendung des Demonstrativpronomens cela in S 2 -Funktion bis in das 18. Jh. nachgewiesen, z. B. on nomme cela être poliment brutal, ou brutalement poli (Boissy, 1727, N864: 43) oder bei Aneau (1560, S747: 29), Paré (1585, R655: 68), Olivier de Serres (1603, S590: 190), Descartes (1661, E243: 94), Daniel (1690, Q423: 366) und Marivaux (1734, S715: 373). <?page no="456"?> 444 7 Diskussion konnte. Stimming (1915) erkennt früh die enorme Tragweite der Konstruktion bis in die heutige Zeit des modernen Französisch (vgl. Kap. 4.2.2.3). Es stellt sich folglich die Frage, warum einer der möglichen S 2 -Typen, der in der syntaktischen Anordnung wesentlich von den Übrigen differiert, zu einem länger anhaltenden sprachlichen Erfolg im Ausbauprozess des Französischen wird. Diese Frage ist komplex und bedarf einer eigenen Studie, die auch die im 17. Jahrhundert kursierenden Diskussionen zur französischen Sprache berücksichtigen muss. Dennoch möchte ich eine zeitlich unabhängige Explikation, die sich aus dem Entwicklungsverlauf seit dem Mittelfranzösischen ergibt und sprachinterne Kriterien berücksichtigt, geben. Hierzu ist es wichtig, das bislang nicht in der Forschung festgestellte Zahlenverhältnis der vorliegenden Studie zu berücksichtigen. Es bestätigt die außerordentliche Präsenz des anaphorischen S 2 als zweithäufigste Bildungsart nach der Nominalphrase. In der Analyse konnte herausgearbeitet werden, dass der Anteil der anaphorischen S 2 in direktem Zusammenhang mit dem lt. Modelltext steht und in Folge direkter Latinisierung und Nachahmung der lateinischen Satzstruktur in einem Viertel der Fälle übertragen wird. Mehrfach ist deutlich geworden, wie sehr Calvin darauf bedacht ist, keine Missverständnisse aufgrund ambiger sprachlicher Formulierung entstehen zu lassen. Die Klarheit seines Sprachstils resultiert ganz wesentlich hieraus und liegt in seiner Ausbildung als Jurist begründet. Denn es steht außer Frage, dass es kaum einen Texttyp gibt, der nicht derart stark die eindeutige Referenzierung des bereits Geschriebenen priorisiert wie Rechtstexte (vgl. hierzu auch Raible 1992b: 33; Rey/ Duval/ Siouffi 2007: 236-237; Schafroth 1993: 100 u. Kap. 6.1.4.3). Zudem neigen Rechtstexte, heute wie auch früher im Mittelalter, zu einer Befüllung des Satzes mit einer großen Informationsdichte, die in einer ausgeprägten syntaktischen Satzkomplexität sowie in einer Tendenz zum Nominalstil mittels des Einsatzes infiniter Verbstrukturen resultiert (vgl. Krefeld 1985: 177-178, 181-182). Das Pronomen lequel spielt zur Vermeidung von Ambiguität im französischen Text eine zentrale Rolle, wie die Studien von Krefeld (1985: 249-250) sowie Goux (2019: 269, 289) zeigen. Goux (2019: 269) bemerkt auch, dass dadurch der französische Text in einer Übersetzung aus dem Latein insgesamt weniger elliptisch und kohärenter erscheinen kann. Bezüglich der lateinischen AcI-Sätze Calvins in der Institutio ist zu konstatieren, dass Ellipsen, insbesondere in den Fällen, in denen das Französische direkte Objektklitika verwendet, regelmäßig zu beobachten sind, es jedoch ebenso zahlreiche Fälle durch den Einsatz anderer Pronomina gibt, die <?page no="457"?> 7.1 Funktionsweise der gelehrten Form des AcI 445 den eindeutigen Bezug, vor allem mithilfe der Genera, sicherstellen. 7 Hier greift die fr. Übersetzung, wie gezeigt werden konnte, auf das Pronomen lequel zur zweifelsfreien Referenzierung zurück. Bemerkenswert ist auch der Anteil des anaphorischen S 2 im Bereich der Autolatinismen, der in FR1541 vergleichbar zur NP ist (vgl. Abb. 10). Während die NP in FR1560 reduziert wird, steigt die Frequenz der anaphorischen S 2 . Dies legt nahe, dass die Verwendung mit der inhaltlichen Erweiterung des Textes einhergeht. In zahlreichen Belegen, die in Textpassagen zu finden sind, die neu nach FR1541 hinzugekommen sind, ist erkennbar, dass die Konstruktion zur strukturierten Satzerweiterung dient (vgl. Abb. 11). Die Texte c-ser und c-sca zeigen darüber hinaus anhand des spezifischen Gebrauchs des V 1 -Prädikats cuider ein Wiederaufgreifen des Vorherigen und eine damit verbundene inhaltlich wertende Klarstellung Calvins. Montaignes gelehrte AcI-Belege, die auf antike Autoren referieren, verwenden ebenfalls mehrheitlich das anaphorische S 2 . Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass die Konstruktion aufgrund der lateinischen Sprachautorität als Prestigemerkmal Eingang in das Französische findet und die breite unabhängige Verwendung, auch außerhalb des lateinisch-französischen Übersetzungskontextes, durch textstrukturelle und -argumentative Gründe sowie des bei Montaigne und Calvin zugrunde liegenden sprachlichen Rechtsstils begünstigt wird. Es handelt sich damit um ein weiteres Merkmal des gelehrten AcI. Abgesehen von diesen Motiven sowie Gründen liegt eine sprachinterne Erklärung für die Akzeptanz des anaphorischen Konstruktionstyps vor. Dazu muss sich zunächst vor Augen geführt werden, dass der für gewöhnlich als Matrixsatz bezeichnete Satz mit dem regierenden Verb und dem davon abhängigen AcI bereits syntaktisch untergeordnet ist. Die Anknüpfung an den ‘Matrix-Matrixsatz’ erfolgt über das Relativpronomen, welches als S 2 des AcI fungiert. Die Konstruktion wird deshalb in der Latinistik auch als ‘verschränkt’ bezeichnet. Die Erklärung, die ich anführen möchte, berücksichtigt dieses verschränkte Verhältnis, indem sie der Relativsatzkonstruktion eine starke semantische Integrationskraft zuschreibt. Diese Junktionsart (in Anlehnung an die Dimension der Junktion nach Raible 1992) wirkt stärker integrierend als in vergleichbaren AcI-Sätzen mit Nominalphrase in S 2 -Funktion. Dies wird an Prädikaten ohne semantische Integrationskraft des untergeordneten AcI-Satzes (wie dire ) sichtbar. In (359a) und (359b) ist es unerheblich, was der Heilige Paulus sagt, weil es sich in keinem Fall auf die Aussage auswirkt, dass er sich äußert. 7 Das Pronomen fehlt derart regelmäßig und häufig im lt. Text, dass sich tatsächlich mit Stotz (1998) gefragt werden muss, ob nicht mit der Setzung des Pronomens der markierte Fall vorliegt. Vgl. hierzu Anmerkung 28 in Kap. 4. <?page no="458"?> 446 7 Diskussion (359) a. sainct Paul dit que la pédagogie est semblable à servitude (unmarkierter Objektsatz mit que ) b. sainct Paul dit la pédagogie estre semblable à servitude (gelehrter AcI mit NP in S 2 -Funktion) Die semantische Unabhängigkeit des V 1 wird nun durch den verschränkten Relativsatz unterlaufen. In (360a) geschieht dies insofern, als dass die Voranstellung und die Referenzierung durch das Relativpronomen que dazu führt, dass la pédagogie als Aussagegegenstand des V 1 fungiert. (360) a. [...] la pédagogie que sainct Paul dit estre semblable à servitude [...] (FR1560, II, 11, 9: 226, id-par-66) b. *sainct Paul dit la pédagogie c. *la pédagogie que sainct Paul dit Wenngleich eine Auffassung als direktes Objekt in syntaktischer Hinsicht ungrammatisch ist (vgl. 360b und 360c), wird der Gegenstand auf informationsstruktureller Ebene angekündigt und in semantischer Hinsicht in einen übergeordneten Geschehensbzw. Aussagerahmen integriert. Dieser Rahmen gestaltet sich so, dass in den inhaltlichen Rahmen der obersten Satzebene, welche das Antezedens zum Relativpronomen beinhaltet, der anschließende V 1 -Satz mit seinem Subjekt integriert wird. Das V 1 integriert Cristofaro ( 2 2005) zufolge semantisch keine Bestandteile der untergeordneten Proposition. Allerdings ist zu fragen, warum der AcI-Satztyp in (360a) zuweilen neben dem unmarkierten Objektsatztyp in (361) besteht. 8 (361) ? la pédagogie i que sainct Paul dit qu’elle i est semblable à servitude Dies ließe sich dadurch erklären, dass in (360a) eine größere Junktionskraft zwischen V 1 -Satz und untergeordnetem V 2 -Satz wirkt als zwischen der über- und untergeordneten Sachverhaltsdarstellung des Objektsatzes in (361). Zudem ließe sich in sprachökonomischer Hinsicht anführen, dass die Verwendung des Infinitivs eine größere Kompaktheit und gesteigerte Integration des AcI in den V 1 -Satz bedeutet. Diesen Argumenten gehe ich im nachfolgenden Kapitel zum V 2 dezidiert nach. Zuvor möchte ich jedoch noch auf eine weitere Eigenschaft des S 2 hinweisen, die insbesondere in Bezug auf die AcI-Konstruktionen Calvins relevant geworden 8 Dieser in (361) gezeigte Satztyp, wenngleich er schwerfällig wirkt, ist in Frantext in diversen Belegen nachgewiesen. Vgl. bei Raoul de Presles (1371, Frantext A008: 181): „Aprés, quant monseigneur saint Augustin parle du royaume des Perses, lequel il dit qu’il ne fu pas estroit ne comprins en petis termes, [...]“ oder in einem Pilgerreisebericht (1419, Frantext 6253: 93): „Et quant l’en commence à descendre, entour le traict d’une pierre à main, l’en treuve une grosse pierre, laquelle ilz disent que elle s’enclina envers saint Helyes prophete quant il montoit sur le mont pour faire sa penitance, où Nostre Seigneur donna sa loy“. <?page no="459"?> 7.1 Funktionsweise der gelehrten Form des AcI 447 ist. In der Auswertung des V 1 voir habe ich in drei Subtypen unterteilt (vgl. Kap. 6.1.3.5). Voir (I) sowie voir (II) repräsentieren abstrakte sowie konkrete S 2 im Zusammenhang einer geistigen Wahrnehmung und voir (III) bezeichnet den bekannten ererbten Typ mit einer unmittelbar physischen Perzeption. Im Unterschied zu Stimming (1915: 48-49, 62), der der „Grundform“ sowohl nominale S 2 konkreter als auch abstrakter Natur zuordnet, gliedere ich Letztere aus. Eine Stichprobe im BFM 2022-Korpus ergibt, dass die frühen altfranzösischen Texte bis zu den ersten Übersetzungen (wie Li Dialogue Gregoire lo Pape ) fast ausschließlich konkrete Nomina verwenden und damit reale physisch wahrnehmbare Vorgänge wie beispielsweise herannahende Leoparden, Bären oder gegnerische Kämpfer abbilden. 9 (362) a. Devers Ardene veeit venir .XXX. urs ( Chanson de Roland , v. 2558, BFM 2022, roland) b. Gui vit le roi travaillier desur l’erbe (Guill. 1965, zit. n. Stimming 1915: 48) Die physische Interpretation ändert sich auch nicht, wenn der AcI in einen Temporalsatz eingebettet wird: (363) a. Et quant il voient le chevalier lever, si sont toutes levees. (Chev. II. Esp. 8430, zit. n. Stimming 1915: 62) b. cant ele verrat morir son enfant (SBernCant: 270, BFM 2022) Lediglich das von Stimming (1915) bei den ererbten Formen angegebene Beispiel in (364a) zeigt ein abstraktes Nomen. (364) a. Carles verrat son grant orgueil cadeir ( Chanson de Roland , v. 578, zit. n. Stimming 1915: 48; auch BFM 2022, roland) b. ? ? ? Carles verrat son grant orgueil Hier handelt es sich um ein zunächst potentiell schwach integrierendes Verb. Aufgrund des abstrakten Nomens integriert es jedoch nicht und es ist der geistigen Wahrnehmung zuzuordnen. Syntaktisch ist der Satz in (364b) möglich, aber macht auf semantischer Ebene kaum Sinn. Daher liegt eine Restriktion vor und der untergeordnete Satz muss als Ganzes aufgefasst werden. Die Zuweisung zum gelehrten Typ unter indirekt wirkendem latinisierenden Einfluss durch beispielsweise klerikale Schreiber ist denkbar, jedoch ebenso plausibel wie eine spontansprachliche Analogiebildung des Schreibers, da sowohl voir als auch choir/ cadeir hochfrequent im Altfranzösischen sind. Die geistige, aber dennoch prägnante Visualisierung des herabfallenden Stolzes Karls wie auch der physisch wahrnehmbare Fall der symbolträchtigen Standarte (vgl. 365, ererbter Typus) sind in diesem Kontext sehr schlüssig. 9 In der BFM 2022 wurde die Abfrage [lemma=’voir’][]{0,2}[cattex-pos=’VERinf ’] verwendet. <?page no="460"?> 448 7 Diskussion (365) Baligant voit son gunfanun cadeir ( Chanson de Roland , v. 3551, BFM 2022 roland) Konditionalsätze, die hypothetisch formulieren, sind zudem Träger des gelehrten Typs, wie das nachfolgende Beispiel (366) aus dem 15. Jahrhundert zeigt, aber auch der oben besprochene Satz in (157). Sie sind in meiner Stichprobe altfranzösischer Texte nicht nachgewiesen. (366) comme s’ils vissent toute la fabrique du monde finir devant eux. (G. Chast., 15. Jh., zit. n. Stimming 1915: 49) Der Unterschied zwischen (364a) und (365) des schwach integrierenden Prädikats voir zeigt, dass der Abstraktionsbzw. Konkretheitsgrad des S 2 die semantische Integration wesentlich bestimmt. In (362) ist die Integration syntaktisch und semantisch vorhanden, während sie in (364a) aufgrund der geistigen Wahrnehmung semantisch nicht mehr gegeben ist, sodass hier die gesamte untergeordnete Proposition p als wahrgenommener Gegenstand aufgefasst wird. Ein konkretes S 2 wird daher stärker als ein abstraktes Nomen integriert, wenn es nicht Teil eines mentalen Wahrnehmungsvorgangs, z. B. in einem Bedingungssatz, ist. 7.1.3 V 2 Der syntaktische Verbalkern (V 2 ) der untergeordneten AcI-Proposition hat bislang, beispielsweise im Vergleich zum regierenden Verb, wenig Aufmerksamkeit in der Untersuchung der fr. AcI-Konstruktion erfahren (vgl. Kap. 4.2.3). Mit Bezug auf das Mittelfranzösische sind jedoch immer wieder Hinweise auf eine verstärkte Verwendung der Kopula estre in der Forschungsliteratur gegeben worden (vgl. Brucker 1977; Fragonard/ Kotler 1994: 92; Marchello-Nizia 1979: 338; Stimming 1915; zuletzt Beaudin 2022: 493). Meine Untersuchung ausgewählter Texte Calvins, Rabelais’ und Montaignes bestätigen diese starke Präsenz der Kopula, wenngleich sie in Abhängigkeit vom Autor schwankt (vgl. Kap. 6.1.9.3, 6.3). Die zentrale Frage, die sich mit dieser Feststellung offensichtlich verbindet, wurde bislang nicht erforscht: Warum wird estre derart häufig in prädikativer und passiver Funktion verwendet, zumal der AcI-Gebrauch im Klassischen Latein einen deutlich stärkeren Anteil an Vollverben in V 2 -Funktion umfasst? Auf textueller Ebene lässt sich auf diese Frage die folgende Antwort geben. Die passive Verwendung von Vollverben in der zusammengesetzten Form estre +Partizip ist ein Zeichen gelehrten Charakters. Dies zeigen meine Untersuchungsergebnisse und untermauern damit Stimmings (1915) Beobachtung. Die Analyse demonstriert, dass zum einen ausschließlich im Bereich der gelehrten AcI die passive Konstruktion anzutreffen ist und zum anderen, dass insbesondere Calvin sie in der übersetzten Institution in ausgedehntem Maß verwendet. Auch <?page no="461"?> 7.1 Funktionsweise der gelehrten Form des AcI 449 bei Montaigne ist in Sätzen mit Bezug zur griechischen Antike diese Form des gelehrten AcI zu beobachten. Sowohl ein Prestigeeffekt durch die Autorität des KL als auch eine direkte Beeinflussung durch den lateinischen Modelltext in der Übersetzung sind in der Verwendung des Infinitiv Passivs zu konstatieren. Die Daten zur Institution lassen zudem sowohl einen Gebrauch des Zustandspassivs als auch des Vorgangspassivs erkennen. 10 Favorisiert wird, vor allem in den autolatinistischen Belegen, das Zustandspassiv. In Kapitel 4.2.3.3 habe ich den Theorieansatz von Maienborn (2003) vorgestellt, welche die Kopula weder als vollständig semantisch leer noch als einem Vollverb gleichgestelltes Verb bewertet und in der Prädikation estre+X einen Ausdruck abstrakter Objekte sieht, die einen Zustand bilden. Die Abstraktion ergibt sich daraus, dass mit der Repräsentation estre+X im untergeordneten Satz etwas ausgedrückt wird, was physisch nicht wahrnehmbar ist. In meinen prädikativen AcI-Belegen liegt der Temporaritätseffekt immer vor. 11 Dies ist der Einbettung in den situativen Rahmen des übergeordneten V 1 geschuldet, sodass auch Individueneigenschaften zeitlich begrenzt gelten. Erkennbar wird das unter anderem in (367), da die abstrakte Zuschreibung als gerechter Richter maßgeblich von der Bewertung und Dauer der Wahrnehmung des Subjektes abhängig ist. (367) En tant qu’il le voit estre juste juge [...] (FR1541, I, 1: 202, id-par-443) Die Situationsgebundenheit hängt also vom Verhältnis des über- und untergeordneten Satzes ab, welches, wie an anderer Stelle für den AcI konstatiert wird (vgl. Kap. 4.2.3.1), ein Zeitverhältnis (im Französischen v. a. die Gleichzeitigkeit) ausdrückt. Im AcI des Klassischen Lateins kommt neben der Kopula esse das Vollverb in einem weitaus stärkeren Umfang zum Einsatz als im Französischen. Dies liegt jedoch weniger an vermeintlich unterschiedlichen einzelsprachlichen Eigenschaften der Kopula, sondern an dem Umstand, dass in der diachronen Entwicklung des Französischen der Objektsatz mit que zur unmarkierten und damit regulären Ausdrucksform subordinierter Sätze nach den einschlägigen Verbklassen ( v. dic., intell. usw.) wird. Mein Untersuchungskorpus zeigt, dass der gelehrte fr. AcI im Unterschied zum KL nicht mehr im gleichen Umfang durch Vollverben Vorgänge im untergeordneten Satz ausdrückt, sondern Zustände in Form von 10 Hierunter verstehe ich eine Unterscheidung wie in den folgenden beiden Beispielen in Nachahmung eines AcI bzw. eines Objektsatzes: a) Zustandspassiv *je dis les billets être vendus / je dis que les billets sont vendus ‘ich sage, dass die Tickets verkauft sind’ sowie b) Vorgangspassiv *je dis les billets être vendus par Pierre / je dis que les billets sont vendus par Pierre ‘Ich sage, dass die Tickets von Pierre verkauft werden’. Vgl. auch Riegel/ Pellat/ Rioul ( 6 2016: 737). 11 Vgl. Anm. 67 in Kap. 4. <?page no="462"?> 450 7 Diskussion Prädikationen und die Verwendung des Passivs favorisiert. Der Ausdruck der Vorgänge bleibt dem Objektsatz mit que weitestgehend, aber nicht ausschließlich, vorbehalten. Warum dieser Unterschied besteht, erhelle ich im Folgenden anhand einer funktional-semantischen Erklärung. Givón ( 2 2001b: 71) stellt bezüglich der Hierarchisierung der V 1 auf der Komplementationsskala fest, dass eine geringere semantische Integration mit einer häufigeren Verwendung eines Subordinationsmorphems wie que einhergeht. Cristofaro ( 2 2005) ergänzt für die Verben des Wissens/ Realisierens, Denkens/ - Glaubens und Sagens, dass überhaupt keine semantische Integration des untergeordneten Satzes in den Matrixsatz vorliegt. Das Französische erfüllt mit der unmarkierten Objektsatzform que diese typologische Annahme. Physische Wahrnehmungsverben wie voir integrieren auf der Skala der semantischen Integration schwach, was erklärt, warum sowohl der Objektsatz mit que als auch der (ererbte) AcI heute noch akzeptierte Subordinationsformen sind. Der gelehrte AcI ist hingegen als Parallelkonstruktion in einem bestimmten Zeitabschnitt der diachronen Sprachentwicklung markiert und nur teilweise, da gelehrt, im Sprachgebrauch akzeptiert. Das Auftreten der gelehrten Form scheint der Erklärung damit augenscheinlich zu widersprechen. Jedoch lässt sich in bestimmten Arten der Verwendung der gelehrten Konstruktion ein Bestreben zur Erlangung einer gesteigerten semantischen Integrationskraft sehen, die den zeitweiligen schriftsprachlichen Erfolg begründet. Grundsätzlich steigt mit dem Einsatz einer infiniten Verbform (wie dem V 2 in der untergeordneten Proposition) der Nominalisierungsgrad, da mehr nominale Eigenschaften als bei der Verwendung einer finiten Form vorliegen. Dies sowie das Fehlen von TAM-Kategorien (Tempus, Aspekt, Modus) tragen zur Kategorisierung des subordinierten Satzteils als nicht eigenständig prozedural aufzufassende Entität bei, sondern als Eigenschaft oder Sache (vgl. Cristofaro 2 2005: 297). Und tatsächlich geht der hier verwendete französische Haupttyp der gelehrten AcI-Konstruktion vornehmlich mit der Gleichzeitigkeit einher (im Präsens, aber auch im Perfekt). Die Vorzeitigkeit reduziert sich hauptsächlich auf Beispiele mit lateinischem Übersetzungsmodell. Raible (1992a: 106, 1992b: 33) beobachtet bezüglich des lt. AcI, dass mit der Verwendung des Infinitivs ferner die Integration in die übergeordnete Sachverhaltsdarstellung markiert wird. 12 Neben der Akkusativmarkierung, die jedoch in den romanischen Sprachen weitestgehend fehlt, und der Infinitivmarkierung steigt durch die zunehmende Nominalisierung der syntaktische Integrationsgrad. 12 Die theoretische Ansicht zur Junktion eines über- und untergeordneten Satzes geht davon aus, dass es ein Kontinuum zwischen Verbalisierung und Nominalisierung respektive analog Aggregation und Integration gibt (vgl. Raible 1992b: 33). <?page no="463"?> 7.1 Funktionsweise der gelehrten Form des AcI 451 Dies gilt vor allem für jene Prädikate, die Cristofaro ( 2 2005) zufolge semantisch integrieren, also beispielsweise die schwach integrierenden physischen Perzeptionsverben wie voir und entendre , da sie das S 2 auch als O 1 auffassen. Bei den gelehrten AcI-Konstruktionen ist hingegen zu konstatieren, dass weder eine syntaktische (da S 2 ̸= O 1 ) noch eine semantische Integration erfolgt. Dies liegt daran, dass dort S 2 und V 2 zusammen als Objekt aufzufassen sind und eine Form des Objekt satzes bilden. Das schließt jedoch nicht aus, dass innerhalb des Objektsatzes eine gesteigerte Nominalisierung verfolgt wird, um als nominales Objekt zum Prädikat zu gelten; denn dann ließe sich sehr wohl für eine Integration in den übergeordneten Satz argumentieren. Die Beispiele in (368) zeigen, dass das Prädikat dire nicht jedes mögliche (gleichförmige) Objekt syntaktisch sowie semantisch lizensiert (368a u. 368b) und sich daher auf den Ausdruck einer nicht näher spezifizierten, jedoch möglicherweise positiv oder negativ konnotierten Sache beschränkt (368c-368e). (368) a. *je dis une tomate b. *je dis Pierre c. je dis une chose (neutrale Entität) d. je dis une vérité (positiv bewertete Entität) e. je dis une bêtise (negativ bewertete Entität) Dadurch wird, allerdings ausgesprochen schwach, das Objekt in den Geschehensrahmen des Prädikats semantisch integriert. Da nun die gelehrte AcI-Proposition als syntaktisches Objekt, bestehend aus S 2 und V 2 (inkl. Ergänzung), aufgefasst und eine sehr schwache semantische Integration unterstellt werden kann, ist es möglich, die Nominalisierungstendenz innerhalb des untergeordneten Satzes (S 2 +V 2 ) der gelehrten fr. AcI-Konstruktion zu betrachten. Die untergeordnete Entität repräsentiert dabei einen Zustand oder eine Zustandsbeschreibung. Dies wird insbesondere dann erreicht, wenn, wie zuvor erläutert wurde, die Kopula für ‘sein’, hier also lt. esse und fr. estre , eingesetzt wird. 13 Die nominale Kompaktheit aus S 2 und V 2 +Prädikatsnomen steigt hierdurch innerhalb des AcI beträchtlich, wenn zum einen zugrunde gelegt wird, dass die Kopula einen nur geringen semantischen Gehalt aufweist, und zum anderen, wenn das Prädikatsnomen des infinitivischen Kopula-Objektsatzes als Operator einer präzisierenden Eigenschaftsbeschreibung des in der Funktion des Operands stehenden S 2 bewertet wird. Diese ist folglich bei einem adjektivischen Prädikatsnomen als Zuschreibung einer Individueneigenschaft (vgl. 369a) oder einer Zustandseigenschaft (vgl. 369b) stärker der Fall als bei einem Nomen (vgl. 369c) oder auch einer Präposition (vgl. 369d). Die Frequenzanalyse im 13 Vgl. Kap. 4.5, insbesondere den Hinweis auf Pons Rodríguez (2008). <?page no="464"?> 452 7 Diskussion Analysekapitel (vgl. Kap. 6.1.9.3) bestätigt dies insofern, als dass die Adjektive am häufigsten auftreten. 14 (369) a. je dis [Pierre [être intelligent]] b. je dis [Pierre [être malade]] c. je dis [Pierre [être une personne intelligente]] d. je dis [Pierre [être en arrêt maladie]] e. je dis [[Pierre] [arriver (devant ma maison)]] Vermehrt wird also derjenige Typus gebildet, der eine Struktur schafft, die einer NP in direkter Objektposition ähnelt. Damit geht eine stärkere semantische Integration des Objektes in den Rahmen der Sachverhaltsdarstellung, welche das Prädikat eröffnet, einher. Die nominale Kompaktheit beschränkt sich dabei auf individuelle Zuschreibungen bezüglich des S 2 , wohingegen in (369e) ein Vorgang als Zustand wiedergegeben wird. Der Satz weist damit eine erhöhte semantische Komplexität respektive einen niedrigeren Nominalisierungsgrad auf. Die teilweise zu beobachtende Ellipse von fr. estre verstärkt die nominale Kompaktheit des S 2 noch zusätzlich und bestätigt durch ihre Existenz und regelmäßige Anwendung eben diese Beobachtung. 7.1.4 Gesamtzusammenhang Die nominale Kompaktheit nimmt, wie sich in den vorherigen Abschnitten herauskristallisiert hat, eine zentrale Rolle ein. Die Prädikation sowie der Einsatz des Passivs, die zusammen über zwei Drittel der Belege ausmachen, besitzen starke nominale Eigenschaften, die ihre Verwendung im AcI begünstigen. Dies lässt sich anhand der Perzeptionsverben veranschaulichen. In Kapitel 4.2.1.2 bin ich auf ein von Andersen/ Schøsler (2002) weiterentwickeltes Modell zur syntaktisch-semantischen Analyse des Prädikats voir eingegangen. Ich möchte es nun in Abb. 14 um die Erkenntnisse des gelehrten AcI erweitern, der sich in den kognitiven Teil der Perzeption als Entität dritten Ranges einfügt. Der physische Teil der Perzeption deckt den ersten und zweiten Rang der Entitäten ab. Ein untergeordneter Satzteil ist meines Erachtens grundsätzlich der zweiten Entität zuzusprechen (vgl. Kap. 4.2.1.2) und die beiden einfachen Sätze il regarde Jean und il voit Jean sind der ersten Entität zuzuordnen (da sich hier der Unterschied über die Agentivität und weniger über die Entitätseigenschaften ausdrückt). 14 Vgl. ferner Garnier-Mathez (2010) zu dem Stellenwert und der inhaltlichen Funktion attributiver Adjektive im Kontext des theologischen Diskurses in den Jahren 1523-1534. <?page no="465"?> 7.1 Funktionsweise der gelehrten Form des AcI 453 Perzeption physisch direkt agentiv il regarde Jean il regarde Jean arriver nicht-agentiv il voit Jean il voit Jean arriver indirekt il voit que Jean arrive kognitiv Nominalisierung Zustand Prädikation konkretes S 2 il voit Jean estre intelligent abstraktes S 2 il voit la théorie estre complexe passives V 2 il voit Jean estre arrivé als Zustand aufgefasster Vorgang il voit le gouvernement agir keine Nominalisierung Zustand/ abgeschlossener Vorgang il voit que Jean est intelligent/ est arrivé tard first entity second entity third entity Abb. 14 - Überarbeitete und erweiterte Darstellung zu regarder / voir (vgl. Andersen/ Schøsler 2002: 276; Willems 1983: 155) <?page no="466"?> 454 7 Diskussion Im ursprünglichen Konzept ist in der dritten Entität der untergeordnete, finite Satz das alleinige Merkmal. Der hier in der sprachhistorischen Betrachtung relevante gelehrte AcI zeigt sowohl in der prädikativen als auch in der infiniten Vollverb-Variante Nominalisierungstendenzen auf, sodass hierüber eine Abgrenzung zum finiten Objektsatz mit que erfolgen kann. Die infiniten Vollverben können sowohl einen Zustand als auch einen Vorgang ausdrücken, da sie sich aber im untergeordneten Satz befinden, weist Cristofaro ( 2 2005) zu Recht daraufhin, dass der Vorgang in Abhängigkeit vom Matrixverb den Charakter eines Zustands hat und nicht autonom vonstattengeht. Der nominale Charakter wird lediglich über die infinite Form ausgedrückt. Stärker ist dieser dann in der prädikativen Verwendung mit der Kopula estre , die Zustandseigenschaften des S 2 ausdrückt. Eine weitere sinnvolle Unterscheidung betrifft die Konkret- und Abstraktheit des S 2 . Unter dem Gesichtspunkt, dass mit einem starken nominalen Charakter auch eine stärkere semantische Integration als bei einem Vollverb oder finiten Komplementsatz einhergeht, ist zu konstatieren, dass ein höherer Konkretheitsgrad des S 2 ebenfalls stärker in das Prädikat integriert als ein abstraktes S 2 . Diese Beobachtungen sind insbesondere für die Perzeptionsverben, die grundsätzlich in geistige und physische Wahrnehmung unterschieden werden müssen, wichtig. Die beobachtete Tendenz zur Stärkung der nominalen Kompaktheit mittels Prädikation betrifft jedoch auch die übrigen gelehrten AcI-Prädikate wie beispielsweise die verba dicendi . Auch hier sind die nominalen Eigenschaften des AcI geringer mit einem lexikalischen Vollverb als mit der Prädikation, welche selbst erneut in adjektivische, nominale und präpositionale Prädikation hierarchisch gegliedert ist. Wie ist nun dire im Verhältnis zu voir zu sehen? Pons Rodríguez (2008: 137) legt dar (vgl. Abb. 6 in Kap. 4.2.1.2), dass die Infinitivkonstruktionen des ererbten und gelehrten AcI-Typs im Spanischen ein evidentielles Kontinuum beschreiben, welches die verba dicendi rechts von der prädikativen, gelehrten AcI-Form ansiedelt und ganz links die indirekt physisch wahrnehmenden Verben wie ‘sehen’ positioniert. Von links nach rechts wird so ein abnehmendes Kontinuum der Subjektivität beschrieben, welche bei der indirekten physischen Wahrnehmung am größten ist. Die Untersuchungsergebnisse Grecos (2013a: 194) bestätigen dies für das lt. videre , welches zum einen mit AcP bzw. Ergänzungsinfinitiv eine visuelle Wahrnehmung ausdrückt, die per se subjektiv sein muss, da sie von einem Agens aktiv wahrgenommen wird, und zum anderen mit AcI eine Inferenz (logisch erschlossenes Wissen) bzw. eine Annahme kennzeichnet. Bei Letzterem sinkt jedoch bereits der Grad der Subjektivität, welches sich darin zeigt, dass die semantische Integration gleichzeitig abnimmt. Dem Prädikat dire wird bei Cristofaro ( 2 2005: 122) keine oder wie hier <?page no="467"?> 7.1 Funktionsweise der gelehrten Form des AcI 455 weiter oben dargestellt nur eine ganz schwache semantische Integrationskraft zugeschrieben. Die Subjektivität verliert sich also, da es für die untergeordnete Proposition von keiner Relevanz mehr ist, woher der Sprecher sein Wissen bei der Äußerung bezieht. Zwischen der geistigen Wahrnehmung und den Verben des Sagens stehen die bei Calvin reichlich gebrauchten Verben des Wissens, welche er insbesondere zur Kennzeichnung irriger Meinungen verwendet. Ihre semantische Integrationskraft muss damit stärker als bei Äußerungsverben sein, ansonsten bestände keine Relation zwischen der spezifischen Wahl des Glaubensprädikats ( croire , penser , cuider ) und dem untergeordneten AcI. Dass dies genau der Fall ist, wurde in meiner Analyse gezeigt (vgl. Kap. 6.1.3.4). Die Tendenz zur Nominalisierung mithilfe des AcI ist insbesondere bei cuider zu beobachten, welches zwar in den Texten Calvins auch finite Satzkonstruktionen im Anschluss erlaubt, aber in deutlich kleinerem Umfang als die infinite Verwendung. Dies bestätigt die besondere Funktion des Verbs cuider , welches durch die nominale Kompaktheit die von Calvin falsch angesehenen Meinungen Andersgläubiger stärker semantisch integriert als vergleichbare Wissensprädikate. Die verschiedenen Verbklassen können in Anlehnung an die Skala der semantischen Integration nach Cristofaro ( 2 2005) in Relation zueinander gesetzt werden. Wird dann noch das oben geschilderte Kompaktheitskontinuum aus Nominalisierungstendenz und S 2 -Auswahl berücksichtigt, ergibt sich die folgende Hierarchisierung in (370a-370i). (370) a. je vois [Pierre] [arriver (devant ma maison)] b. je vois [Pierre [être intelligent]] c. je crois [Pierre [être intelligent]] d. je dis [Pierre [être intelligent]] e. je dis [Pierre [être une personne intelligente]] f. je dis [Pierre [être en arrêt maladie]] g. je dis [l’écriture [être bonne]] h. je dis [Pierre [être venu]] i. je dis [[Pierre] [arriver (devant ma maison)]] Daraus resultiert, wie bereits aus der Syntaxforschung bekannt ist, dass in (370a) das physische Wahrnehmungsverb voir das Objekt Pierre erfasst und arriver eine optionale Infinitivergänzung bildet. Hiervon grenzt sich die mentale Auffassung in (370b) ab, gefolgt vom Meinungsverb croire (vgl. 370c) und dem Äußerungsverb dire (vgl. 370d), welche alle die untergeordnete Proposition, bestehend aus S 2 und V 2 als einheitlichen Objektsatz auffassen. Es lässt sich nun ergänzen, dass innerhalb dieser Proposition hierarchisierbare Kompaktheitsgrade zu beobachten sind. Nur schwach ausgeprägt ist diese nominale Kompaktheit im letzten Satz in (370i), da dort die Nominalisierung lediglich über die infinite Verbform erkennbar <?page no="468"?> 456 7 Diskussion wird. Stärker ist sie dann im passivierten V 2 (vgl. 370h), welches noch stärker eine Zustandseigenschaft ausdrückt, die das S 2 als Operand weiter charakterisiert. Hieran schließt grundsätzlich die prädikative Verwendung an (vgl. 370b-370g), welche zunächst anhand des Abstraktheitsgrades des S 2 hierarchisiert werden kann und anschließend bezüglich der Ausprägung des Prädikatnomens. Aus den Beobachtungen ergibt sich, dass Evidentialität, semantische Integration und die Entitätenhierarchie Lyons notwendige Kategorien zur Eingruppierung des beobachteten nominalen Kompaktheitsgrads innerhalb der AcI-Proposition darstellen. Diese kann als sprachinterne Erklärung für den grundsätzlichen Erfolg des gelehrten AcI angeführt werden, insbesondere auch in solchen Texten, die weitestgehend unabhängig von latinisierendem Einfluss in mittelfranzösischer Zeit entstehen. In diesem Zusammenhang ist ferner die Verwendung des anaphorischen S 2 zu betrachten, welches besonders häufig den prädikativen V 2 - Gebrauch selektiert und das S 2 in den dem V 1 übergeordneten Satz semantisch integriert. Die ausschließlich mit dem gelehrten AcI und vor allem auf Basis lt. Modelle beobachtete Koreferenz durch Einsatz eines Reflexivpronomens als S 2 , welches mit dem S 1 übereinstimmt, stärkt zudem die Annahme einer generellen Tendenz, den untergeordneten Objektsatz in den semantischen Rahmen des Prädikats mit seinem Agens zu integrieren. Die häufig anzutreffende Ellipse der Kopula estre ist ebenfalls in diesem Licht zu sehen. Konstatiert werden konnte darüber hinaus, dass der AcI teilweise eine informationsstrukturell hervorhebende bzw. wieder aufgreifende Funktion erfüllt. So sind einige Beispiele durch einen stark rhematischen Charakter geprägt, die in Verbindung mit der Präsentation und Bewertung neuer Informationen steht. Vor allem zeigt sich in der Betrachtung der AcI-Konstruktionen, dass es weniger um die indirekte Rede im Kontext der Zitation der Bibel geht, als vielmehr um die kritische Bewertung dieser Informationen. Dies kann sodann auch als einer der Erfolgsgründe für die prestigereiche Konstruktion gelten, da sie im Gegensatz zum Objektsatz eine markierte Struktur ist, die mithilfe der gezeigten sprachinternen Nominalisierungstendenz sowie Kompaktheit einen Schwerpunkt auf das S 2 legt. Die zahlreichen Vorlagen in Übersetzungslatinismen, aber auch die Autolatinismen inner- und außerhalb des Übersetzungskontextes zeigen ferner, dass es sich bei der gelehrten AcI-Form um lexikalisch geprägte syntaktische Muster handelt, die anhand typischer Konstituenten (z. B. dire , voir für das V 1 ) gebildet und nicht selten auf Basis lateinischer Sätze nachgeahmt werden. Die ausgeprägte Variation der AcI-Subtypen legt zudem nahe, dass es sich nicht um wenige einzelne AcI-Satztypen handelt, die als Konstruktion im Ganzen eine bestimmte Bedeutung evozieren (im Sinne eines konstruktionsgrammatischen Ansatzes, vgl. Goldberg 1995; Stefanowitsch 2009: 566-567). Vielmehr werden <?page no="469"?> 7.2 Einordnung der latinisierenden AcI-Konstruktion 457 semantische Lücken je nach Kontext auf der Basis lexikalischer und semantischer Richtlinien in die Zielsprache übertragen oder dort eigenständig ausgefüllt. 7.2 Einordnung der latinisierenden AcI-Konstruktion Der zweite Teil der Diskussion konzentriert sich vorrangig auf nicht-grammatikalische Faktoren, die eine Einordnung der Ergebnisse zur latinisierenden AcI- Konstruktion im 16. Jahrhundert erlauben. Zunächst wird der AcI im Rahmen der Sprachkontakt- und Kommunikationssituation verortet (vgl. 7.2.1), basierend auf den theoretischen Überlegungen in Kapitel 2. Anschließend gehe ich auf die eingangs gestellte Frage ein, ob es sich bezüglich des AcI im über Jahre hinweg überarbeiteten Text der Institution um ein Beispiel des eher latinisierenden oder modernisierenden Sprachgebrauchs handelt (vgl. 7.2.2). Außerdem kläre ich die Bedeutung der AcI-Konstruktion für die sprachliche Entwicklung im 16. Jahrhundert (vgl. 7.2.3). Zum Schluss werfe ich einen Blick auf die nachfolgende Entwicklung des AcI im 17. Jahrhundert und die sich daraus ergebenden Forschungsfragen (vgl. 7.2.4). 7.2.1 Verortung des AcI in Sprachkontaktsituationen Die latinisierende, gelehrte AcI-Konstruktion ist das Produkt einer intensiven und komplexen Sprachkontaktsituation, die über die Analyse schriftlicher, zumeist distanzsprachlich geprägter Texte greifbar wird. Das Zustandekommen einer Sprachkontaktsituation alleine führt jedoch nicht zu einem Transfer und einer Replikation einer quellsprachlichen Struktur. Vielmehr wirken drei sich gegenseitig beeinflussende Faktoren, die Matras ( 2 2020: 337) als sprachübergreifende Prinzipien benennt und die, wie sich aus meinen Untersuchungsergebnissen ableitet, für den Transfer des gelehrten AcI in zentraler Weise gelten. Im Rahmen des Sprachsystems und geltender Normen werden grundsätzlich bereits bestehende Routinen eingehalten (vgl. (a) in Matras 2 2020: 337). Hieran anschließend kann festgestellt werden, dass Regeln (aufgefasst als grammatikographisch fixierte Anweisungen für bestimmte Routinen) nicht vorliegen müssen, da sie eine Standardisierung der Sprache voraussetzen, die im Französischen des 16. Jahrhunderts erst allmählich einsetzt. Die zentrale Messgröße der Einhaltung bestehender zielsprachlicher Routinen ist daher die Akzeptabilität. Sie konstituiert sich vor dem Hintergrund der jeweils gültigen Norm. Wird eine Konstruktion regelmäßig in einer gut messbaren Anzahl verwendet, lässt sich von einem flüssigen Gebrauch sprechen. Ist dieser zudem bei mehreren Individu- <?page no="470"?> 458 7 Diskussion en im gleichen Sprachraum und zur selben Zeit nachweisbar, dann sind hieraus Rückschlüsse auf gültige Normen möglich. Insgesamt zeigt sich hierdurch jedoch, dass die Akzeptabilität, die von der Norm abhängt, sowie die in der Norm bestehenden bzw. sich neu bildenden Routinen ein sich dynamisch veränderndes Feld darstellen. Denn es ist im Fall der syntaktischen Latinisierung als gelehrtes Phänomen davon auszugehen, dass nicht alle Sprecher die transferierte Konstruktion als Bestandteil bestehender Routinen ihrer Norm auffassen. Es bestehen daher mehrere Normen nebeneinander, die sich gegenseitig überlappen (vgl. Kap. 2.3) und die zeigen, dass nicht immer bestehende Routinen eingehalten werden. Eine Abweichung von bestehenden Routinen im Normgefüge kommt durch die beiden folgenden Faktoren zustande. Das Sprachrepertoire ist in seiner komplexesten Form umfangreich und hält viele unterschiedliche Möglichkeiten zur sprachlichen Realisierung vor. Die Auswahl dieser Realisierungsvarianten kann an kommunikative Routinen gebunden oder noch präziser, in Anlehnung an Biber/ Conrad ( 2 2019), funktional oder ästhetisch motiviert sein. Entscheidend ist jedoch, dass nicht jeder Sprecher immer das theoretisch mögliche Gesamtrepertoire einer Sprache ausschöpft. Der zweite zu benennende Faktor bezeichnet daher das Streben oder den Hang zur Ausschöpfung dieses sprachlichen Repertoires, welches selbst als ein Kontinuum aus Einzelsprachen und Varietäten aufgefasst werden kann (vgl. (b) in Matras 2 2020: 336-337) und daher die Übertragung einer in Sprache A gelernten Struktur in die Sprache B ermöglicht. Der Mechanismus des syntaktischen Transfers besteht aus einer Übertragung der Schlüsseleigenschaften von der Quellin die Zielsprache. Die wichtigsten pivot -Kriterien sind bezüglich des AcI das regierende Verb (V 1 ), der Infinitiv im untergeordneten Satz (V 2 ) sowie dessen Subjekt (S 2 ). Die interne Variation und Auswahl der einzelnen Schlüsseleigenschaften im pattern transfer wird durch sogenannte constraints beeinflusst, die sowohl in der Quellals auch Zielsprache gelten. Dabei zeigt sich, dass die lt. Institutio eine insgesamt gleichmäßig stark ausgelastete Klassifizierung des V 1 aufweist, die im Französischen Calvins ähnlich umfangreich und ausgeprägt ausfällt, aber eine deutlich stärkere Konzentration auf die Verbklassen der verba dicendi und intellegendi erkennen lässt. Insbesondere bei dire , welches bei allen untersuchten Autoren und Texten sehr regelmäßig mit dem AcI anzutreffen ist, muss angenommen werden, dass ein spezifischer lexikalisch-syntaktischer Prototyp der Konstruktion transferiert wird, der deutlich stärker und häufiger im Sprecherbewusstsein verankert ist, als selte- <?page no="471"?> 7.2 Einordnung der latinisierenden AcI-Konstruktion 459 ner belegte V 1 mit AcI. 15 Dies wird insbesondere an den AcI-Beispielen in jenen Passagen eindrücklich sichtbar, in denen Montaigne auf antike Autoren verweist oder Rabelais die Textprotagonisten gelehrt sprechen lässt. Prototyp meint daher hier eine Konstruktion, die in quellsprachlichen Texten oder Referenztexten besonders häufig vorkommt und als charakteristischer Konstruktionstyp (z. B. dicere/ dire V 1 +Nomen S 2 +V 2 ) transferiert wird. Zudem konnte anhand des interpersonellen Vergleichs aufgezeigt werden, dass Calvin besonders wirksam den funktionalen Umfang des AcI ausschöpft. Eine Beschränkung der Realisierungsmöglichkeiten zeichnet sich in der Auswahl des V 2 ab, welches im Unterschied zum Lateinischen im Französischen die Verwendung der Kopula sowie die Gleichzeitigkeit der über- und untergeordneten Sachverhaltsdarstellung privilegiert. Auch die Wahl des S 2 ist im Französischen Calvins zwar insgesamt sehr variiert, doch letztlich, wesentlich eingeschränkter als die Verwendung lateinischer AcI-Konstruktionen. Bestimmte Strukturen, z. B. NP und Relativpronomen, werden bevorzugt transferiert und manche wie die Demonstrativa fast ausschließlich im Übersetzungskontext verwendet. In Abhängigkeit vom Kontext sind in S 2 -Funktion zudem textcharakteristische Nomen wie Gott, Jesus oder die Kirche zu finden. Die strukturellen Leerstellen der AcI-Konstruktion werden folglich nicht arbiträr befüllt. Daher ist zu konstatieren, dass die zielsprachlichen constraints derart stark in Abhängigkeit von Akzeptabilität und gültigen Normen wirken, dass der Transfer des gelehrten AcI nur einen Bruchteil der variationellen Möglichkeiten im Sprachrepertoire zulässt. Nimmt man zudem an, dass die in der Zielsprache vorhandenen Einschränkungen einen Transfer zunächst aus Gründen der Akzeptabilität nicht erlauben und dass bereits Grundstrukturen in der Sprache vorhanden sind (z. B. ererbter AcI), ist es richtig, von einer Anhebung der Beschränkungen im Zuge der Hemmung vorhandener sprachlicher Strukturen (z. B. der Objektsatz mit que ) zu sprechen (vgl. Matras 2 2020: 338). Gleichwohl kann die grundlegende Präsenz einer dem gelehrten AcI ähnlichen Struktur in der Zielsprache nicht alleine Grund für einen Transferprozess sein, wie bereits Fischer (1989: 160-162) für das Altenglische feststellt. 16 Wie ich für die auffällig häufige Verwendung der Kopula estre beschrieben habe, ließe sich ein sprachinterner 15 Vgl. Matras ( 2 2020: 342) bezüglich der Idee eines kontaktinduzierten Innovations- und Kreativitätskontinuums, welches vorausssetzt, dass lexikalisch transferierte Einheiten stärker im Sprecherbewusstsein verankert sind als der Transfer syntaktischer Schlüsseleigenschaften. 16 Fischer (1989) führt für das Altenglische eine sprachinterne Erklärung an, die auf dem Wandel im Satzbau basiert und einen übermäßigen Einfluss des Lateinischen ablehnt. Diese Ergebnisse beziehen sich auf eine Zeit, in der ein humanistischer Einfluss auf das Altenglische noch nicht gegeben war, sodass sodass die Ausweitung der AcI-Konstruktion auf andere Verbtypen nicht primär darauf zurückgeführt werden kann. <?page no="472"?> 460 7 Diskussion Ansatz, der eine verstärkende Nominalisierung zur Folge hat, anführen. Dies würde die Präsenz der gelehrten Konstruktion in übersetzungsfreien und vom Latein unabhängigen Kontexten erklären. Schließlich sind externe Faktoren zu benennen, die den Transfer motivieren. Denn unter der Annahme, dass die replizierte Struktur oder Teile hiervon bereits zumindest in ähnlicher Weise in der Zielsprache vorliegen, ist die zentrale Aufgabe dieser externen Motivation, „selektierende und hemmende Mechanismen aufzuheben“ (vgl. (c) in Matras 2 2020: 337) und damit auch die Akzeptabilität im Rahmen der gültigen Norm(en) zu erweitern und zu gewährleisten. Für den gelehrten AcI bei Calvin und seinen Zeitgenossen können dabei zwei Faktoren angeführt werden: die Übersetzungsarbeit und das Prestige der distanzsprachlichen AcI-Konstruktion im Klassischen Latein. Die Übersetzung wirkt dabei indirekt wie ein Katalysator, der den Transferprozess in Gang bringt bzw. begünstigt. Ein entscheidender Faktor ist die Präsenz der Konstruktion im quellsprachlichen Text, die ein Modell zur Übertragung schafft und die auch die sprachliche Struktur in das Bewusstsein des Übersetzers rücken kann. Es wird also nicht aufgrund der Übersetzung verstärkt transferiert, sondern aufgrund der Präsenz der Konstruktion im Quelltext. Prestige ist hingegen sowohl ein indirekt als auch direkt beeinflussender Faktor. Es kann den Transfer nicht nur auslösen, sondern ihm auch ein Modell zugrunde legen. Im Unterschied zur Übersetzung ist das prestigebehaftete Modell jedoch nur in seinen Kerneigenschaften strukturell präsent. Es besteht aus einer bestimmten Auswahl an regierenden Verben (V 1 ) und dem davon abhängigen AcI (S 2 + V 2 ). Lexikalische Charakteristika werden beispielsweise im Zuge einer Rückbesinnung auf das im KL sehr häufige lt. V 1 dicere übertragen. Die Analyse der französischen AcI-Konstruktionen hat zudem das Erwartbare noch einmal bestätigt: Sie besteht neben der unmarkierten Konstruktion aufgrund ihrer ästhetischen Eigenschaften und nicht aufgrund funktionaler Gründe in der Kommunikation (vgl. Biber/ Conrad 2 2019: 18). Damit sind Prestige als extern wirkender Motivator wie auch der AcI im Französischen des 16. Jahrhunderts dem Stilbereich zuzuordnen. 17 Indirekt wirkt das Prestige insofern, als dass es im Zuge der humanistischen Geistesbewegung und der damit verbundenen sprachlichen Rückbesinnung auf die Antike allgegenwärtig ist und als geeignetes Aufwertungs- und Ausbaumittel der französischen Distanzsprache betrachtet wird. Der direkte Einfluss zeichnet sich sodann in der Anwendung und dem Transfer von AcI-Konstruktionen ab, die wie bei Montaigne im Zusammenhang 17 Die Zuordnung zum Stilbereich ist ganz wesentlich, da sie die Voraussetzung schafft, dass der AcI in manchen Fällen wie bei Rabelais (teilweise) als „un élément rhétorique conscient, contrôlé“ (Beaudin 2022: 493) aufgefasst werden kann. <?page no="473"?> 7.2 Einordnung der latinisierenden AcI-Konstruktion 461 mit der Rezeption antiker Autoren stehen oder sich in Übersetzungskontexten an bestehendem quellsprachlichen Material orientieren. Zu den äußerlich auf den Transferprozess wirkenden Faktoren ist ferner der distanzsprachliche Charakter der Texte zu zählen. Der klt. AcI ist eine Konstruktion, welche über die schriftlichen, stark distanzsprachlich markierten Textzeugnisse römischer Autoren in der Frühen Neuzeit als charakteristisches Merkmal dieser Texte wahrgenommen wird. Da der Distanzbereich des Französischen im 16. Jahrhundert ausgebaut wird, ergibt sich im humanistisch gelehrten Umfeld die Möglichkeit, klassisch-lateinische syntaktische Strukturen und Lexikalismen zur ästhetischen Aufwertung zu verwenden. Die syntaktische Latinisierung ordnet sich damit als primär distanzsprachliche Struktur ein. Dies bestätigen meine vorgestellten Ergebnisse, die zur Einordnung des Phänomens auch nähesprachlich markierte Texte berücksichtigen. Zur Beschreibung solcher konzeptionellen Unterschiede eignet sich das von Koch/ Oesterreicher ( 2 2011) vorgeschlagene Nähe- Distanz-Kontinuum. In dieser Perspektive stehen kurze sachliche Abhandlungen mit vereinzelten polemischen Höhepunkten (Traktate) nach den Übersetzungen und werden gefolgt von prosaischen ( Pantagruel ) sowie autobiographischen Abhandlungen ( Essais ). Der vierte Teil der Pentalogie Rabelais’, Le Quart Livre , zeigt jedoch zahlreiche AcI-Konstruktionen im Kontext gelehrten Sprachausdrucks oder Bezug zur Antike, sodass die Einordnung im aufgezeigten Kontinuum neben dem ersten Buch des Pantagruel schwierig erscheint. Dies liegt vornehmlich daran, dass Rabelais den Protagonisten seines Romans eine unterschiedliche Sprachverwendung zuweist. Der Befund ließe sich folgendermaßen pointieren: Je stärker ein ganzer Text oder auch nur eine Textpassage im Nähe-Distanz- Kontinuum distanzsprachlich markiert ist, desto größer, diverser und komplexer ist die Verwendung des gelehrten AcI. Vor diesem Hintergrund ist es plausibel, dass ein insgesamt distanzsprachlich markierter Text wie die übersetzte Institution eine größere interne Variation bezüglich des syntaktischen Latinismus aufzeigt, als einzelne, gegebenenfalls isolierte Textpassagen. Die Predigten stehen noch deutlich in der Hälfte der Distanzsprache im Nähe-Distanz-Kontinuum, weisen jedoch schon starke nähesprachliche Merkmale (Vertrautheit, physische Distanz, Emotionalität) auf. Die Briefsammlung ist schließlich der als am stärksten nähesprachlich einzuordnende Text meines Gesamtkorpus. Umso stärker nähesprachlich ein Text markiert ist, desto eingeschränkter verhalten sich die genannten Parameter. Insbesondere ist in den Briefen die Restriktion bestimmter V 1 anzumerken, aber auch den Predigten. Die Häufigkeit wird nicht nur von der Übersetzungsgrundlage (c-sca, c-inst), sondern auch von prestigiöser Formelhaftigkeit in den Briefen beeinflusst. Auch die Rolle des Diktats darf nicht außer Acht gelassen werden, wie sich an mehreren <?page no="474"?> 462 7 Diskussion Stellen in der Analyse gezeigt hat. Hier bestätigt sich weniger eine Zunahme der AcI-Konstruktionen als vielmehr eine Tendenz zur Auflösung in die unmarkierte Objektsatzstruktur mit que . 7.2.2 Latinisierender oder modernisierender Sprachgebrauch Calvin ist ein Autor, der besonders viele AcI-Konstruktionen im Französischen verwendet und diese stark variiert. Diese Annahmen der älteren Forschung (vgl. Huguet [1894] 1967; Marmelstein 1921) konnten bestätigt und erstmalig in dieser Breite und Tiefgang gezeigt werden. Dadurch, dass diese Selbstübersetzung Calvins über einen verhältnismäßig langen Zeitraum mehrfach inhaltlich und sprachlich überarbeitet wird, stellt sich eine zentrale Frage in der AcI-Untersuchung, die zu Beginn meiner Studie formuliert wurde: Ist von einem durchgehend latinisierenden Sprachausbau durch den Transfer des syntaktischen Latinismus des Accusativus cum Infinitivo zu sprechen oder zeugen die Überarbeitungen Calvins von einem erkennbaren Willen zur Entfernung der Konstruktion und Etablierung eines moderneren, zeitgemäßeren Sprachgebrauchs? Um die Frage zu beantworten, müssen einige Faktoren vor dem Hintergrund des Prestiges des Klassischen Lateins und des sich im Ausbau befindlichen Französisch des 16. Jahrhunderts berücksichtigt werden. Dabei geht es weniger um antagonistische Einflüsse als vielmehr um komplementäre Vorgänge, die zum Ziel haben, das distanzsprachliche Textprodukt zu perfektionieren. Dieses Resultat ergibt sich aus der Analyse der Vielzahl an AcI-Veränderungen, aber auch aus der Biographie Calvins. Denn die zentrale Voraussetzung hierfür ist, dass der Autor seinen Text reflektiert übersetzt und überarbeitet. Dass dies der Fall ist, zeigen die Analysedaten, die die Überarbeitungen der AcI-Sätze in den Blick genommen haben und dabei einen wenig arbiträren, sondern vielmehr bewussten Einsatz der Struktur in zahlreichen Fällen belegen. Entfernungen latinisierender Konstruktionen und Umformulierungen der Sätze belegen aber auch, dass die erste Ausgabe FR1541 nicht dem sprachlichen Anspruch Calvins genügt und der Autor mancherorts AcI-Konstruktionen entfernt, die sich durch eine geeignetere Formulierung im Französischen ersetzen lassen. Unbeabsichtigte Transfers finden also ebenso statt und bestätigen die Beobachtungen Schøslers (2015: 101) für andere Phänomene bei Calvin. Die Multilingualität Calvins (vgl. Kap. 3.1), die bzgl. Latein und Französisch mindestens (ohne Griechisch) einer Zweisprachigkeit gleichkommt (vgl. Millet 1992: 776; Schøsler 2015: 101), trägt zudem in nicht unerheblichen Maß dazu bei, dass er über ein erhöhtes Bewusstsein für Strukturen und Sprachroutinen verfügt <?page no="475"?> 7.2 Einordnung der latinisierenden AcI-Konstruktion 463 (vgl. Matras 2 2020: 336). Entscheidend hierfür ist jedoch im Gesamtüberblick die Art und Weise, wie Calvin zweisprachig geworden ist - nämlich durch das konsequente Behandeln lateinischer Schriften im Jura- und Theologiestudium sowie durch seine humanistischen Studien des klassischen Sprachgebrauchs im Rahmen beispielsweise des Seneca-Kommentars (vgl. Kap. 3.1.3). Auch Rabelais und Montaigne zeigen in den untersuchten Belegen, dass sie den Sprachstil mithilfe des AcI in der Referenzierung der Antike entsprechend anpassen. Im Unterschied zu den beiden Autoren fällt aber in Calvins Texten die breite Variation an V 1 auf, die in der Institution übersetzungsbedingt sehr stark, aber auch in seinen übrigen Texten als ausgeprägt gelten darf. Eine humanistisch orientierte Herangehensweise würde zunächst die Absicht formulieren, einen guten Stil sprachlich umzusetzen (man denke an Lorenzo Valla, vgl. Kap. 2.4.1). Das Klassische Latein fungiert dabei als zentrale Referenzgröße und erlaubt es gelehrten Autoren, syntaktische Latinisierungen verstärkt einzusetzen, um das Prestige der Vernakularsprache anzuheben und damit einen Beitrag zum Ausbau der Sprache im Distanzbereich zu leisten. Dies setzt voraus, dass die Zielsprache nicht als high-variety eingeordnet wird (vgl. Kap. 2.4.1). Die illustrierende Aufwertung der Sprache ist bereits für Du Bellay ein wesentliches Ziel (vgl. Kap. 2.5) und unter diesem Gesichtspunkt ein ästhetisches Merkmal. In den Begrifflichkeiten von Biber/ Conrad ( 2 2019) handelt es sich daher um Stil und nicht um einen Bestandteil des Registers (welches nur eine kommunikative Funktion aufweist, aber eben keine ästhetische Komponente hat). Da in der Verwendung des AcI grundsätzlich die Möglichkeit besteht, einen unmarkierten Objektsatz mit que zu bilden, ist dies so zu bestätigen. Die Fälle, in denen sich eine Tendenz zur informationsstrukturellen Hervorhebung des S 2 abzeichnen, stehen im Kontext der Übersetzung und des lateinischen Modellsatzes. Es ist so nicht auszuschließen, dass die Hervorhebung einer Konstituente aus dem lt. Text im Französischen mithilfe der latinisierenden AcI-Konstruktion realisiert wird. Schließlich handelt es sich aber um zu wenige Okkurrenzen, um weitere Aussagen treffen zu können. Grundsätzlich liegt dem Transfer jedoch eine ästhetische Motivation zugrunde, sodass etwaige Zusatzfunktionen im Sinne des Registers vom Stil überlagert werden. In Unterkapitel 2.3.3 habe ich darauf verwiesen, dass ästhetische Merkmale durch den Kontrast zu unmarkierten, neutraleren Konstruktionen als Abweichung wahrgenommen werden. Ihre negative wie auch positive Konnotation hängt sodann von der Bewertung des Sprechers innerhalb einer sozialen Norm ab, die eine grundlegende Akzeptanz der Konstruktion voraussetzt. Die quantitativen Ergebnisse zeigen, dass bei den V 1 in der Institution knapp zwei Drittel auf die verba dicendi und intellegendi entfallen. Dies lässt sich zwar so auch <?page no="476"?> 464 7 Diskussion in anderen Texten beobachten, im Unterschied ist jedoch in der Institution die Verteilung und Anzahl der Einzelverben hervorzuheben, die Calvin an den Textinhalt anpasst: Neben den gängigen Verben dire, voir, penser und vouloir sind z. B. connoistre, reconnoistre und confesser stark im Korpus repräsentiert sowie als spezifisch für den christlich-reformatorischen Diskurs zu charakterisieren. Von der französischen Leserschaft wird folglich eine breite Akzeptanz an AcI regierenden Verben vorausgesetzt. Gleichwohl ist anzunehmen, dass die V 1 (+AcI) beim Leser unterschiedlichen Akzeptabilitätsergebnissen unterliegen. So muss davon ausgegangen werden, dass die Verwendung, gerade der im KL nicht so häufigen Verben wie confesser , als beim Sprecher beabsichtigte und beim Empfänger als verstandene, stilistisch markierte „Ausfügung“ (Gauger 1995: 215; vgl. Kap. 2.3.1) bewertet wird. Die Repetition gewisser V 1 , S 2 und V 2 trägt zur Verfestigung der AcI-Konstruktion bei. Transparent wird dies auch an vereinzelten Beispielen (z. B. oben estre faite in 194 u. 195), bei denen ein gewisser Gewöhnungseffekt Calvins vermutet werden kann und zeigt, warum teilweise stilistisch schwerfällige AcI beibehalten werden. Dennoch bestehen Grenzen in der Akzeptabilität, die unter anderem anhand der syntaktischen Komplexität festgemacht werden können. Der Bereich der Textüberarbeitungen und Selbstübersetzungen gibt einen Einblick in die sprachliche Grenzziehung des Autors, der ja auch immer mit Blick auf ein bestimmtes Publikum verfasst, sodass letztlich Rückschlüsse auf die soziale Norm zulässig werden. Calvin verfolgt in humanistischer Denkpraxis einen konzisen sprachlichen Stil im Französischen, der durch prestigeträchtige klt. Konstruktionen wie dem AcI oder Partizipialwendungen aufgewertet wird. Dadurch zeugen die Texte von einer hohen argumentatorischen Komplexität, die eine syntaktische Untergliederung auf mehreren Ebenen nötig macht. Hand in Hand damit geht jedoch der Zweck, eine klare Lesbarkeit für das jeweilige Zielpublikum zu gewährleisten. Das Ziel der Verständlichkeit wohnt der reformatorischen Praxis inne. Zahlreiche Übersetzungen in die Volkssprache zeugen hiervon, aber auch die in Kapitel 3.1.4 betrachtete Art und Weise, wie Calvin in Genf wirkt, insbesondere die Etablierung und Förderung des Bildungswesens, welches das Französische als Unterrichtssprache fördert. Auch seine eigenen Äußerungen zum französischen Sprachgebrauch unterstreichen diese Sichtweise, ebenso wie die stilistische Satzkomplexitätsanalyse Higmans (2010: 75, 86), welcher betont, dass Calvin einer der Pioniere des kurzen klaren Satzbaus sei, so wie sich dieser später bei Descartes findet. Daher ist davon auszugehen, dass allzu komplexe syntaktische Latinismen, trotz ihres Prestigewerts, nicht zu dieser Art des Sprachgebrauchs passen und in der Folge entfernt werden. Diese Annahme lässt sich anhand der Analyse bestätigen. Es ist erkennbar geworden, dass eine adäquate französische <?page no="477"?> 7.2 Einordnung der latinisierenden AcI-Konstruktion 465 Konstruktion, falls sie für den Verfasser möglich erscheint, auch aus Gründen der Lesbarkeit eingesetzt wird. Allerdings ist dies in diesem Ausmaß nur durch einen selbstübersetzenden Autor möglich, wie der Vergleich Millets (1992: 834-835) mit der Fremdübersetzung durch La Place eindrucksvoll zeigt. Latinismen dienen Calvin daher auch als stilistisches Werkzeug zum Ausdruck und der Nachahmung der lateinischen brevitas , die sich beispielsweise anhand des Einsatzes des AcI in Satzeinschüben zeigt, die ansonsten mit einem Komplementsatz länger und unübersichtlicher werden (vgl. Higman 2010: 82). Die in der Institution zu beobachtende Reduktion an AcI-Konstruktionen zeigt zum einen eine Angleichung an das AcI-Niveau der Übersetzung Des scandales und zum anderen eine insgesamt erhöhte Verwendung zu allen weiteren untersuchten Texten. FR1541 verwendet besonders häufig den AcI. Vor dem Hintergrund, dass nicht nur AcI-Konstruktionen im Französischen umformuliert, sondern ganze Textpassagen im Wortlaut neu durchdacht und angepasst werden, um noch näher dem lateinischen Sinngehalt zu entsprechen, demonstriert dies, dass Calvin um Verständlichkeit und Übersetzungstreue außergewöhnlich bemüht ist. Es lässt aber auch den Rückschluss zu, dass in der Kürze der für die Übersetzung zur Verfügung stehenden Zeit in den Jahren von 1539 bis 1541 der AcI als probates Hilfsmittel in der Textformulierung fungiert (vgl. u. a. Kap. 3.2.2 u. 5.1). Calvin ist zu diesem Zeitpunkt ein geübter Schreiber des Lateinischen, aber noch nicht in gleichem Maß in seiner Muttersprache Französisch. Wenn also eine latinisierende Übertragung stattfindet, gleich welchen Charakters, ist in der ältesten Ausgabe FR1541 durchaus davon auszugehen, dass eine vergleichbare französische Formulierung entweder nicht existierte oder sie Calvin nicht adäquat bzw. akzeptabel genug erschien. Dies bezeugen auch die Ergebnisse aus dem Bereich der Lexikologie, die belegen, dass zahlreiche Latinismen aus FR1541 in der späteren Ausgabe FR1560 durch volkssprachliche Wendungen ersetzt werden (vgl. Walch 1960a: 91-93). Der enorme quantitative Fortschritt in der Textproduktion, den Calvin nach 1541 verzeichnen kann (vgl. Kap. 5; Gilmont 1997, 2003; Greef 2008), trägt gewiss zur Weiterentwicklung und Perfektionierung seines Stils bei. Gleichwohl werden nicht alle AcI-Konstruktionen entfernt, vor allem solche nicht, die einem klassisch-lateinischen Sprachgebrauch in der humanistischen Vorstellung sehr nahe kommen. Deshalb ist resümierend festzuhalten, dass die geschilderten Einflussfaktoren ein komplementäres Textbearbeitungsbild ergeben, welches Calvin mit den Mitteln verfolgt, die ihm zur Verfügung stehen. Als Latinist liegt es ihm also fern, nicht Gebrauch von latinisierenden Wendungen in der Vernakularsprache zu machen, aber nicht derart exzessiv, dass es zu Lasten der inhaltlichen Treue und Lesbarkeit unter humanistischen sowie reformatorischen Gesichtspunkten <?page no="478"?> 466 7 Diskussion geht. So lässt sich mit Gilmont (1997) feststellen, dass „Klarheit und Knappheit“ die bestimmenden Textprinzipien des zweisprachigen Autors Calvin sind. 18 Wie Millet (1992: 776) zu Recht herausstreicht, geht es weniger darum zu klären, dass Calvin bilingual war, sondern um die Trennung zwischen mündlicher und schriftlicher Sprachkompetenz des Französischen. Denn in der Schriftsprache gewinnt Calvin aufgrund seiner lateinischen Text- und Schreibkompetenz stetig an stilistischen Ausdrucksfertigkeiten hinzu, während er bereits zu einem frühen Zeitpunkt seiner Vita ein beachtlicher Redner ist (vgl. Kap. 3.1.3, 3.2.2). 19 Hieraus resultiert der in der Forschung vielfach zu beobachtende Blick auf Calvins Hauptwerk, dass sich sein Sprachstil im Laufe der Zeit verändert: Er wird immer leichter, weniger schwerfällig, reifer und schließlich moderner (vgl. Kap. 3.2.2, v. a. Brachet 1867; Higman 1967; Lanson 1894; Marmelstein 1921; Millet 1992). Teilweise erscheint er sogar „durchschnittlicher“ - in Anlehnung an den Sprachgebrauch seiner Zeit (und einer Formulierung Meigrets, vgl. Pot 2010: 16) sowie an seine weniger gebildete Leserschaft (vgl. u. a. Schøsler 2015: 101). Schließlich sind die zahlreichen Überarbeitungsschritte auch so einzuordnen, dass sie nicht nur Kennzeichen einer steten, verständlicheren Sprachentwicklung sind, sondern als ein „Instrument“ (Higman 1967: 164; vgl. Higman 2010: 77) auf dem Weg zur Bildung modern anmutender Konstruktionen dienen. Der syntaktische Latinismus Accusativus cum Infinitivo muss bei Calvin daher als kompakter und klar strukturierender Baustein im Suchen nach einer sprachlich geeigneten Ausdrucksform gesehen werden, die den hohen stilistischen Ansprüchen des Humanisten und Reformators genügt. 7.2.3 Der AcI im Französischen des 16. Jahrhunderts Der quantitative Vergleich aller Texte des Untersuchungskorpus führt vor Augen, dass insbesondere Calvin den AcI besonders häufig, auch außerhalb des Übersetzungskontextes, verwendet und dieser fester Teil seines Schriftgebrauchs ist (vgl. Kap. 6.3). Es dient ihm, wie im Hinblick auf die Institution nachvollzogen wurde, als stilistisches (klt. Prestige) aber auch als textargumentatorisches Werkzeug (kürzerer und verständlicherer Satzbau). Die Verwendung bei Mon- 18 Vgl. im Originalwortlaut Gilmont (1997: 173): „Calvin est donc un écrivain qui, contrairement à ce que pensent nombre de ses contemporains, n’oppose pas clarté et concision, au contraire il pratique l’une et l’autre. Il est servi par une plume aussi habile en latin qu’en français. Son esprit est extrêmement clair et bien organisé“. 19 Calvin beherrscht es, nähesprachlich markierte Elemente in seinen Predigten gezielt einzusetzen. Dies lässt sich beispielsweise gut daran sehen, dass er in Predigten noch direkter die Gemeinschaft mithilfe des Pronomens nous adressiert, aber auch an rhetorisch motivierten Wiederholungen bedeutsamer Sprechpassagen (vgl. Skupien Dekens 2014: 96). <?page no="479"?> 7.2 Einordnung der latinisierenden AcI-Konstruktion 467 taigne und Rabelais lässt hingegen darauf schließen, dass der AcI in erster Linie als latinisierendes Stilmittel verwendet wird. Zum einen bestätigt sich damit wenig überraschend, dass der AcI in gelehrten Kreisen überindividuell als Teil einer sozialen Norm eingesetzt wird, aber zum anderen auch, dass prägnante Unterschiede in Bezug auf die Verwendungsmotivation und den Aufbau der Konstruktion vorliegen. Gemeinsam ist den belegten AcI-Konstruktion zudem eine Tendenz zur Nominalisierung, die sich anhand des hohen Anteils der Kopula estre nachvollziehen lässt. Daher ist abschließend zu fragen, welche Rolle die latinisierende AcI-Konstruktion im distanzsprachlichen Ausbau des Französischen im 16. Jahrhunderts einnimmt. Die Antwort hierauf konstituiert sich aus mehreren Einflussfaktoren, denn Ausbau heißt auch, vielfältige Wege und Möglichkeiten zur illustration und Erlangung sprachlicher Erhabenheit der Schriftsprache anzuerkennen (vgl. Kap. 2.5.1). Syntaktische Latinisierung wird meines Erachtens durch die folgenden fünf Prinzipien bzw. Strömungen motiviert. Erstens sind vorhandene schriftsprachliche Möglichkeiten zur syntaktischen Latinisierung zu nennen. Die starke Verwendung der gelehrten Form des AcI in Schrifttexten des 16. Jahrhundert stellt den Höhepunkt (vgl. Blatt 1957a; Lorian 1967; Pountain 1998) einer langanhaltenden Entwicklung dar, die im Hochmittelalter einsetzt. Es handelt sich dabei um ein primär distanzsprachliches Phänomen, welches auf latinisierenden Einfluss zurückgeht, der sich bei Autoren abzeichnet, die des Lateinischen kundig waren und gleichzeitig in ihrer Muttersprache Französisch Texte verfassten. 20 Einflüsse aus bestimmten Textgenres, beispielsweise juristischen Texten, sind anzunehmen und auch bei Calvin (z. B. in der Verwendung von lequel ) zu beobachten, aber nach aktuellem Stand für den gelehrten AcI in diachroner Perspektive nicht hinreichend zu belegen. Beschleunigt und verstärkt wird der Trend, lateinische Elemente in der Vernakularsprache zu verwenden, schließlich durch, zweitens, das Einsetzen des Humanismus in Frankreich im späten 15. Jahrhundert. Die sprachliche Eleganz des Klassischen Latein als Prestigesprache wird von ihren Anhängern hochgehalten und führt bei eben jenen zum Transfer lexikalischer und syntaktischer Latinismen. Das damit einhergehende und deklarierte Ziel in einer Zeit des wachsenden Normbewusstseins, ist die Aufwertung des sich im Schriftbereich manifestierenden Distanzbereichs der Vernakularsprache. Gefördert wird dieses Bestreben durch die Entwicklung des Buchdrucks, die zu einem größeren Rezipientenkreis führt und damit in der Folge zu einer wachsenden Dynamisierung bestimmter sprachlicher Innovationen beiträgt. Zahlreiche Druckleger sind dabei aufgrund ihrer Lateinexpertise dem humanistischen Spektrum zuzuordnen 20 Vgl. Kap. 4.5 zu weiteren Sprachen. <?page no="480"?> 468 7 Diskussion und werden im Rahmen der reformatorischen Bewegung, die Calvin spätestens nach seiner Rückkehr ab 1541 dauerhaft etabliert, in den Genfer Raum gezogen. Darunter ist auch Robert und Henri (II.) Estienne, mit welchen Genf zur Wiege humanistischer und reformatorischer Drucklegung wird (vgl. Gilmont 2012). Die Reformation ist in Genf auf das Engste mit der humanistischen Drucklegung verknüpft und privilegiert, drittens, einen bestimmten Gedanken sehr stark, nämlich den der Zugänglichkeit der Schriften für das einfache Volk, welche über Verständlichkeit und Lesbarkeit gewährleistet wird. Dies zeigt sich in den zahlreichen Übersetzungen der Reformatoren, aber auch an den Texten von Castellion oder Calvin - mit dem Unterschied, dass Calvin das Französische dennoch mit ausgeprägter sprachlicher Sorgfalt und einem Stil, der auch Latinismen erlaubt, schreibt (vgl. Kap. 2.5.3, 3.2.1 sowie Skupien Dekens 2009, 2017b). Calvins Sprachstil unterscheidet sich auch in der syntaktischen Komplexität stark von seinen reformatorischen Zeitgenossen Viret und Farel (vgl. Higman 2010), indem Calvins Traktate eine äußerst geringe Satzargumentationstiefe aufweisen und damit der Verständlichkeit Vorschub leisten. Im Fall der argumentatorisch komplexen Institution , die dennoch einen klaren, sogar modern anmutenden Satzbau verwendet, bedeutet dies, dass die AcI-Konstruktion es schafft, Sätze zu verkürzen. Hierfür wird, wie die Untersuchung gezeigt hat, ein spezieller AcI-Typus verwendet, der eine hohe semantische Kompaktheit aufweist. Es bedarf weiterer Untersuchungen, die dezidiert reformatorische Texte bezüglich der Verwendung von Latinismen in den Blick nehmen. Es liegt jedoch im Anschluss an meine Studie nahe, dass der gelehrte AcI in erster Linie aufgrund Calvins Bilingualität und ausgewiesenen Erfahrungen in der (humanistischen) Textüberarbeitung Eingang in die Institution findet und größtenteils deshalb auch in späteren Ausgaben beibehalten wird. Calvins intensive Bemühungen in Genf um die Kirchenzucht sowie „Reinheit und Einheit der Lehre“ (Strohm 2009a: 79) dauern über zwei Jahrzehnte bis zu seinem Tod im Jahr 1564 an. Die Institutio(n) sowie der französische Katechismus werden dabei zu den wichtigsten Werken der französischsprachigen reformatorischen Welt und reichen bis weit über die Stadtgrenzen hinaus. Zahlreiche Franzosen finden im Genfer Exil ein neues Zuhause, weil sie im katholisch geprägten Königtum Frankreich aufgrund ihrer Konfession verfolgt werden. Im Schulwesen avanciert die lingua gallica zur Ausbildungssprache und Latein wird zur Fremdsprache, die nur noch in höheren Klassen (zusätzlich) als Metasprache fungiert (vgl. Kap. 3.1.4 sowie u. a. CO/ 10: 65-90; Marinoni 2013). Es steht damit außer Frage, dass das Französische in Genf durchgesetzt wird. Da zahlreiche Druckleger und Reformatoren aus Zentralfrankreich stammen, finden sich beispielsweise bei Calvin stellenweise lexikalische Pikardismen. Die meisten dieser <?page no="481"?> 7.2 Einordnung der latinisierenden AcI-Konstruktion 469 Einflüsse werden durch den Eingriff humanistischer Druckleger vermieden (vgl. Kristol 2016b: 180, 192). Calvins Werk sowie das Wirken der humanistischen Verleger in Genf trägt dazu bei, dass die damalige zentralfranzösische Varietät, Kristol (2016b: 180, 2009: 74) klassifiziert sie gar als „norme parisienne“, auch außerhalb der Grenzen des Königreichs etabliert und stabilisiert wird. 21 Der Distanzbereich erfährt hierdurch einen Schub und zeigt mit der Institution Calvins ebenso eine Innovation im Bereich der Textsorten. Die langfristige Bedeutung der Drucke der französischen Reformatoren, insbesondere jener Calvins, skizziert Higman (1976: 34, 36, 1982: 11, 1998a: 389, 1998c: 401), denn die sprachlich gewonnene Klarheit und Ordnung im syntaktischen Ausdruck sind grundlegende Züge, die sich auch mehrere hundert Jahre nach Einsetzen der Bewegung im schriftsprachlichen Französisch wiederfinden lassen. 22 Die lt. und fr. Institutio(n) adressiert zwei Leserschaften (vgl. Kap. 3.2.3). Dies spricht Calvin offen aus und beweist die Umsetzung seines im französischen Vorwort formulierten Anspruchs in den mannigfaltigen, stets leserfreundlich und idiomatischer formulierenden Überarbeitungen. Ein mehrbändiges, derart gut strukturiertes Werk, welches weit über die Definition eines Traktats hinausgeht, durch seinen beständigen, argumentatorischen Bezug zur Bibel humanistisch wirkt und gleichzeitig für eine breite, wenig bzw. nur grundlegend gebildete Leserschaft geschrieben ist, stellt eine neue Textsorte dar. Dabei werden neue sprachliche Strategien im Sinne der Verständlichkeit und Klarheit einer reformatorischen Schreibpraxis entwickelt, gleichzeitig aber an bestehenden schriftsprachlichen Konstruktionen zum Ausdruck syntaktischer Latinisierung festgehalten, die als aufwertend empfunden werden und teilweise einen klaren Bezug zum Klassischen Latein ausdrücken. Hierzu werden also existierende „diskurstraditionelle Kanäle“ (Koch 1997b: 59) verwendet, um klt. Prestige zur Aufwertung der Volkssprache in ebendiese zu transferieren. Dabei ist zu beachten, dass, wie Varga (2017: 428-429) in einer Studie zum älteren Französisch zu Recht aufzeigt, Textsorten nicht mit dem Begriff Diskurstradition deckungsgleich sein können. Die syntaktische Latinisierung, insbesondere die gelehrte Form des AcI, ist nicht an eine spezifische Textsorte gebunden. Dies ist auch in meinem Untersuchungskorpus so zu beobachten, in welchem die stark distanzsprachlich markierten Texte, wie die Institution , die Traktate Des scandales und Advertisse- 21 Wie Skupien Dekens (2017a: 414-415) für die Zeit nach Calvin bemerkt, als sich die Pariser Salons ausbilden, in denen der aktuelle Sprachgebrauch diskutiert wird, könne durch die geographische Distanz zu Paris ebenso eine gewisse Abgeschiedenheit angenommen werden, die einen „style réfugié“ und die Erhaltung gewisser Archaismen fördert. 22 Vgl. hierzu die Bemerkungen von Jeanneret (1969: 165-166) sowie Pierno (2018: 28-29) zu sprachlichen Vorgaben Calvins in seiner reformatorischen Gemeinde, die substanziell eine eigene Norm konstituieren. <?page no="482"?> 470 7 Diskussion ment von Calvin sowie der Roman Rabelais’ Pantagruel et Gargantua als auch die neue autobiographische Erzählform der Essais von Montaigne, den AcI belegen. Auch nähesprachlich stärker markierte (aber dennoch der Distanzsprache zuzuschreibende) Texte, wie die Predigten oder die Briefkorrespondenzen Calvins, weisen, wenngleich ungleich schwächer, die Verwendung des AcI auf. Die Analyse zeigt, dass der Gebrauch des AcI vor allem bei Calvin variiert und eine einheitliche Etikettierung des AcI als Ausdruck eines einzelnen diskurstraditionellen Elementes zu kurz greifen würde. Vielmehr muss berücksichtigt werden, dass insbesondere die AcI-Typen, die mit dire und einer Nominalphrase in S 2 -Funktion gebildet werden, als eine tradierte Formulierung aufgefasst werden, die spezifisch, bewusst und direkt auf das Klassische Latein als Prestigesprache rekurriert. Anders lässt sich die höhere Anzahl an Okkurrenzen bei Rabelais und Montaigne im Zusammenhang mit einem inhaltlichen Bezug zur römischen oder griechischen Antike nicht erklären. Es stellt sich daher die Frage, ob es sich um eine „Formulierungstradition“ (Varga 2017: 429) handelt. Varga verwendet den Begriff gewinnbringend in „Ergänzung der Diskurstradition“ und schafft damit Raum für Strukturen, die „fixiert und fossilisiert“ sind, wenngleich die in Frage kommenden AcI-Konstruktionen in meinem Korpus weniger fossilisiert als fixiert sind. So ist in der Auswertung der Briefkorrespondenz Calvins mit den Farels aufgefallen, dass ein AcI-Typ teilweise am Briefende als Abschlussbzw. Wunschformulierung verwendet wird. Ohne Auswertung weiterer Briefe anderer Autoren lässt sich diesbezüglich nur schwerlich eine gesicherte Aussage treffen, doch scheint es sich um eine singuläre und individuelle Formulierungsroutine Calvins zu handeln. Auch die Predigten zeigen eine solche Routine in der Formulierung des AcI mit cuider zur Kennzeichnung abwegiger Meinungen. Der Begriff der Formulierungstradition könnte also für den dicendi -Typus des AcI in Frage kommen; zu denken ist hier auch an die Studie Cuzzolins (1994a), der den Typus dicere quod als den alternativen Komplementsatz herausstellt. Trotz des geradezu plakativen AcI-Typus dire+NP S 2 +estre präd spricht die hohe mögliche und so auch nachgewiesene Varianz der einzelnen AcI-Komponenten gegen eine starre Formulierungstradition. Wenn der gelehrte AcI als Latinismus mit einer gewissen Absicht als prestigeträchtiges Konstruktionsmittel der Syntax angewendet wird oder im Fall einer relativen Unabhängigkeit vom Latein ein Mittel des gehobenen Stils im Distanzbereich darstellt, ist, gerade mit Hinblick auf die Unabhängigkeit von der Einzelsprache festzustellen, dass es sich um verschiedene Ausdrucksformen diskurstraditioneller Elemente handelt. Die einzelsprachenübergreifend zu beobachtende latinisierende Verwendung des AcI in den europäischen Sprachen des 16. Jahrhunderts (vgl. Kap. 4.5) demonstriert die allgemein akzeptierte und <?page no="483"?> 7.2 Einordnung der latinisierenden AcI-Konstruktion 471 anerkannte Bedeutung des lt. AcI als Prestigemittel und damit als Ausdrucksmittel diskurstraditioneller Kanäle im Humanismus. Dass dies auch in Teilen für die Reformation gilt, zeigt das Beispiel Calvins. Vor dem Hintergrund des Prestiges syntaktischer Latinismen ist zudem eine Verstärkung der Sprecherautorität anzunehmen - insbesondere im Fall von Montaigne und Rabelais, wenn sie z. B. antike Autoren paraphrasieren, sowie im Fall von Calvin hinsichtlich der dogmatischen Bedeutung seiner Gedanken in der Institution . Am ehesten ließe sich daher als Diskurstradition eine Zusammenfassung mehrerer spezifischer, einzelsprachlich unabhängiger Verwendungsweisen in unterschiedlichen Textsorten verstehen. Raible (1996: 126-127) gibt als passendes Beispiel die Gebrauchstexte an, wie z. B. Rechtstexte, die im Mittelalter durch lateinische Diskurstraditionen „ein hohes Maß an Integration“ erfahren. Die AcI-Konstruktion kann genau diese Integration im Vergleich zum längeren Komplementsatz erzeugen und fungiert als Ausdrucksmittel einer solchen Diskurstradition. Integration ließe sich aber auch durch andere Mittel, wie z. B. durch die im 16. Jahrhundert ebenfalls häufig zu beobachtenden Partizipialkonstruktionen oder dem ausgeprägten Gebrauch des Infinitivs, erzeugen, sodass die Diskurstradition selbst nicht der gelehrte AcI sein kann, sondern zunächst eine Abbildung ausgewählter Charakteristika einer klassisch-lateinischen Verwendungsweise in der Vernakularsprache bedeutet. Ferner, um bei Koch (1997a: 63) zu bleiben, führt die Diskurstradition ihr „Eigenleben“ in der Zielsprache - sie entwickelt sich also autonom weiter. Die dahinterliegende Verwendungsmotivation muss differenziert betrachtet werden, sodass beispielsweise ein AcI mit der Verwendung des Reflexivums se in S 2 -Funktion als stark gelehrter, am Latein orientierter Typ gelten darf und die Einsetzung eines Demonstrativpronomens als eine Folge des gelehrten Übersetzungseinflusses. Der damit einhergehende gelehrte Ausdruck deutet wiederum auf die gleiche zugrunde liegende klassisch-lateinische Diskurstradition. Als viertes Prinzip ist die Übersetzung zu nennen. Ich stimme mit Del Rey Quesada (2016a: 77, 104) überein, der in der Übersetzung keinen Beweggrund zum Transfer syntaktischer Latinismen sieht, sondern eher einen Vorwand. Mit Blick auf die Institution und Des scandales ließe sich auch von einem Katalysator sprechen, welcher zu einer verstärkten und extendierten Verwendung des syntaktischen Latinismus AcI durch die Übersetzung führt. 23 Dabei intensiviert die Selbstübersetzung dies zusätzlich und aufgrund der beobachteten Variation in noch elaborierter Form, da die lt. Grundlage stärker referenziert wird. Dies äußert sich u. a. im ausgeprägten Gebrauch des Infinitiv Passivs und des Re- 23 Vgl. Del Rey Quesada (2016a: 76-78), der die Metapher des Katalysators auf die Wirkung der Übersetzung im sprachlichen Ausbauprozess bezieht. <?page no="484"?> 472 7 Diskussion flexivums se zur Markierung der Koreferentialität (vgl. Kap. 6.1.9 u. 6.2). Die zahlreichen Überarbeitungen Calvins zeigen außerdem, dass er entweder die zeitgenössischen Hinweise zum guten Übersetzungsstil berücksichtigt (vgl. Dolet, Kap. 2.5.3), denn eine generelle Abnahme der AcI-Konstruktionen in der Institution ist ersichtlich, oder er stellt diese Reduktion unter dem Gesichtspunkt der guten Lesbarkeit (für seine weniger gelehrten Gemeindemitglieder) auf den Prüfstand. Letztlich gehen beide Punkte Hand in Hand, doch der reformatorische Gedanke scheint von größerer Prägnanz zu sein. Gleichzeitig hält Calvin jedoch mit der Verwendung des AcI an der prestigiösen Konstruktion fest und spiegelt damit seine Auffassung eines vom Latein geprägten französischen Sprachstils im distanzsprachlichen Schriftbereich wider. Der breite Rezipientenkreis, den Calvin sich mit seiner Institution in der reformatorisch-französischsprachigen Welt erschließt, macht seinen sprachlichen Ausdruck weithin bekannt. Schließlich ist fünftens nochmals die in Abschnitt 7.1 gewonnene Einsicht anzuführen, die es nahe legt, dass auch sprachinterne Prinzipien eine maßgebliche Rolle in der Verwendungshäufigkeit spielen. Denn die Wahl des V 1 ist, gerade im Vergleich zum Lateinischen, auf bestimmte Haupttypen eingeschränkt und auch das V 2 zeigt eine zunehmende Tendenz der Nominalisierung, v. a. in der prädikativen Verwendung. Der verstärkte Gebrauch der Kopula estre setzt eine Entwicklung fort, die bereits für das Mittelfranzösische und andere Sprachen beobachtet werden kann. 24 Dabei wurde festgestellt, dass die Nominalisierung auch in nicht-gelehrten Texten und Sprachen auftritt, die von direktem lateinischen Einfluss befreit blieben (vgl. Kap. 4.4.4), und als von der Übersetzung unabhängiges Prinzip besteht. Zu überlegen wäre demnach in einer weiterführenden Perspektive, inwiefern diese Tendenz mit der Entwicklung der Präpositionen oder einer grundsätzlichen Ausweitung des Gebrauchs infiniter Verbformen (Infinitiv, Partizipial- und Gerundivkonstruktionen etc.) zusammenhängt (vgl. Brucker 1977: 335-338; Marchello-Nizia 1979: 338; Stein 1997: 133, 143). Insgesamt ist der AcI als fester Teil des distanzsprachlichen Ausbaus zu betrachten, allerdings zeichnet sich dies abhängig vom Autor und seinen Lateinkenntnissen in sehr unterschiedlicher Intensität ab. Der Rückgang des Humanismus und damit des primären Leitbildes im Distanzbereich sowie der frühe Tod Calvins, der als personelles Zentrum der reformatorischen Gemeinde im Genfer Raum zu jener Zeit gilt, dürften einerseits Faktoren sein, die dazu beigetragen 24 Vgl. zu den älteren Sprachstufen des Italienischen, Spanischen und Deutschen u. a. Mastrantonio (2017), Pons Rodríguez (2007, 2008), Pountain (1998) und Speyer (2001). Wie Dardano (2012: 125) feststellt (vgl. Da Milano/ Cuzzolin 2019: 120-121), kennt das moderne Italienisch noch Konstruktionen des Typs dico V 1 essere V 2 questa S 2 la via del riscatto , in denen das S 2 nachgestellt wird, sowohl in bestimmten Genres wie Rechtstexten als auch darüber hinaus. Dies geschieht auch zur stilistischen Vermeidung einer Wiederholung der subordinierenden Konjunktion che . <?page no="485"?> 7.2 Einordnung der latinisierenden AcI-Konstruktion 473 haben, dass der gelehrte AcI schließlich im 17. Jahrhundert nicht mehr auf die gleiche Beliebtheit wie noch im 16. Jahrhundert stößt. Andererseits manifestiert sich im Distanzbereich das Französische immer selbstbewusster und nimmt mit entsprechenden Stilmitteln und der Prägung eigener Diskurstraditionen erfolgreich den Raum ein, den zuvor das Lateinische belegt. 7.2.4 Ausblick auf die Entwicklung ab dem 17. Jahrhundert Noch zu Beginn des 17. Jahrhunderts finden sich zahlreiche Belege für die Verwendung der AcI-Konstruktion (vgl. Fournier 1998: 109-111; Sancier-Chateau 1995: 177-178; Stimming 1915: 175-185). Fournier (1998: 109) beobachtet den AcI im Sprachgebrauch der Predigten bis zum Ende des Jahrhunderts, sodass nicht nur von einem punktuellen Erscheinen in der französischen Diachronie die Rede sein kann. Auch wenn der Zenit der Ausbreitung des AcI im Französischen wohl in der Mitte bzw. zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts erreicht ist, liegt keine umfassende Auswertung der anschließenden Phase vor. Es muss sich hier auf Überblickswerke und Nebenbemerkungen beschränkt werden. Bekannte Autoren des 17. Jahrhunderts, bei denen in der Forschungsliteratur der AcI nachgewiesen ist, sind z. B. Bossuet, Pascal, La Fontaine und Corneille (vgl. 371). (371) a. La voyant si pâle il la S 2 crut V 1 être V 2 morte . (Corneille, Mélite , zit. n. Stimming 1915: 177) b. vous ne reconnoissez V 1 ce défaut S 2 être V 2 une source de discorde (Bossuet, zit. n. Blatt 1957b: 67; Stimming 1915: 180) c. il les en doit croire sur ce qu’ils disent quoiqu’il soit à présumer V 1 telles résolutions S 2 ne passer V 2 pas le bout des lèvres (Pascal, zit. n. Blatt 1957b: 67; Stimming 1915: 180) Eine wesentliche Einschränkung ist den Literaturbelegen zufolge, dass nur noch der verschränkte Relativsatz breit verwendet wird und weniger der im 16. Jahrhundert so häufig transferierte Typ mit NP (vgl. 372). (372) Sans oser de long temps regarder au visage / Celui qu’ S 2 elles croyoient V 1 être V 2 un géant nouveau (La Fontaine, Fables, III, 4, v. 13 , zit. n. Gougenheim 2 1974: 155) Stimming (1915: 178) beobachtet, dass die anaphorischen AcI-Belege mit „ dire verhältnismässig zahlreich“ sind, gleichwohl führt er vor allem Nachweise aus dem 18. und 19. Jahrhundert an. Ab 1660 wird Fournier (1998: 111) zufolge nur noch der anaphorische Typus verwendet (abgesehen von den Perzeptionsverben des ererbten Typus und kausativen Verben). Eine quantitative und systematische Untersuchung der diachronen Verteilung im und ab dem 17. Jahrhundert ist notwendig und ein Forschungsdesiderat. <?page no="486"?> 474 7 Diskussion Wie Blatt (1957b: 67) bemerkt, verurteilt Vaugelas in den Remarques den Gebrauch des AcI mit dem V 1 savoir scharf. Es ist die einzige Stelle, die sich in seinem Werk hierzu findet. Vaugelas bezieht sich jedoch nicht auf den im 16. Jahrhundert noch typischen S 2 -Typus mit einer NP, sondern auf den anaphorischen Relativsatzgebrauch. Dabei kritisiert er den verkürzenden und vereinfachenden Sprachausdruck, der sogar zu einer Verkettung mehrerer untergeordneter Sätze dieses Typs führt: Il marcha contre les ennemis, qu’il ſ çauoit auoir paßé la riuiere, Il fit du bien à tous ceux qu’il ſ çauoit auoir aimé ſ on fils. Cette façon de parler, & plu ſ ieurs autres ſ emblables, ſ ont fort en v ſ age, parce qu’elles ſ ont fort commodes, & qu’elles abregent l’expre ſſ ion; Outre qu’elles o ſ tent la rude ſſ e qu’il y auroit à dire, il marcha contre les ennemis, qu’il ſ çauoit qui auoient paßé la riuiere, qu’il ſ çauoit qui auoient aimé ſ on fils . Car ce ſ ont les deux façons ordinaires, dont on exprime cela. Mais pour en dire la verité, ie ne voudrois jamais me ſ eruir de la derniere, & rarement de l’autre (Vaugelas 1647: 109) Dies wird 1687 von Thomas Corneille (Mitglied der Académie française und Bruder von Pierre Corneille) relativiert, indem er auf die Akzeptabilität im individuellen Sprachgefühl verweist, und auch die Académie française moniert 1704, dass die von Vaugelas verworfenen Konstruktionen „ohne Skrupel“ und zur Vermeidung schwerfälligerer Alternativen verwendet werden dürfen (vgl. Vaugelas [1647] 1880: 188). 25 Vaugelas’ Bemerkung spiegelt damit seine subjektiv geprägte Bewertung wider, zeigt jedoch gleichwohl die feste Etablierung des verschränkten Relativsatzes zu dieser Zeit und auch, dass dieser nicht nur dem Distanzbereich vorbehalten ist. Die Konstruktion hält sich sodann mit que bis in das moderne (geschriebene) Französisch; hiervon zeugen Verweise in der Literatur und diversen Grammatiken (vgl. Diez 5 1882: 945; Gougenheim 2 1974: 155; Grevisse/ Goosse 16 2016: 1210). (373) a. Charles était un prince qu’ S 2 on savait V 1 n’ avoir jamais manqué V 2 à sa parole (Diez 5 1882: 945) b. les mêmes effets que S 2 nous avons dit V 1 appartenir V 2 à cette maladie (Diez 5 1882: 945) c. Une actrice entra [...], qui avait la figure et la voix qu’ S 2 on m’avait dit V 1 être V 2 celles de la Berma (Proust, zit. n. Grevisse/ Goosse 16 2016: 1210) d. Des hommes que S 2 je savais V 1 être V 2 de grands pécheurs [...] (Mauriac, zit. n. Grevisse/ Goosse 16 2016: 1210-1211) Wartburg/ Zumthor ( 3 1973: 82) kennzeichnen als Seltenheit und Ausnahme solche AcI-Konstruktionen, die ein direktes Objektpronomen verwenden oder sogar 25 Der Originalwortlaut der beiden Kommentare ist in einer späteren Edition der Remarques von Vaugelas ([1647] 1880: 187-188) abgedruckt, die Stimming (1915) als Belegquelle dient. Die Académie française nennt die V 1 connaître , croire , dire und savoir . <?page no="487"?> 7.2 Einordnung der latinisierenden AcI-Konstruktion 475 eine Nominalgruppe. Grevisse/ Goosse ( 16 2016: 1211) bestätigen, dass in diesen Fällen „un style senti comme plus recherché“ der Literatursprache vorliegt: (374) a. Je les S 2 crois V 1 valoir V 2 d’être connues (Yourcenar, zit. n. Grevisse/ Goosse 16 2016: 1211) b. nous le S 2 savions V 1 ∅ retenus V 2 par la timidité (zit. n. Wartburg/ Zumthor 3 1973: 82) c. il ne céda pas, tant il jugeait V 1 cette démarche S 2 devoir lui être V 2 profitable (Wartburg/ Zumthor 3 1973: 82) Bemerkenswert ist Wartburg/ Zumthors ( 3 1973) Hinweis auf das V 2 , welches heute stets die Kopula être sein müsse. Soweit geht Lorian (1961: 291-292) nicht, wenn er feststellt, dass das Relativbzw. Interrogativpronomen oder die grundsätzliche Subjektverschiedenheit des über- und untergeordneten Satzes (S 1 ̸= S 2 ) eine Bedingung sein können. Dennoch lässt sich mit Recht und auch im Hinblick auf weitere Belege bei Grevisse/ Goosse ( 16 2016: 1210-1211) konstatieren, dass der Gebrauch der Kopula weiter zugenommen hat. Es steht außer Frage, dass der ererbte Typ des AcI nach Perzeptionsverben heute grundsätzlich möglich ist (vgl. Riegel/ Pellat/ Rioul 6 2016). 26 Die für u. a. das 16. Jahrhundert festgestellte Möglichkeit, mit voir +AcI geistige bzw. imaginär wahrgenommene Vorgänge abzubilden, wird hingegen in den konsultierten Werken nicht dezidiert erwähnt. Grevisse/ Goosse ( 16 2016) nennt jedoch das folgende seltene Beispiel, welches sich bei Musset im 19. Jahrhundert findet und zweifelsohne vor dem Hintergrund der hier thematisierten griechischen Antike entstanden ist: (375) Je vois V 1 rêver V 2 Platon S 2 et penser V 2 Aristote S 2 (Musset, zit. n. Grevisse/ Goosse 16 2016: 1209) Was sind nun die wesentlichen Gründe für den Rückgang derjenigen AcI-Formen ab dem ausgehenden 16. Jahrhundert, die nicht einem verschränkten Relativsatz gleichen, sondern mit direktem Objektpronomen, Reflexivpronomen und der NP gebildet werden? Die Verwendung der Reflexivpronomen geht auf stark gelehrten humanistischen Einfluss zurück und ist, wie auch die Verwendung der Demonstrativa, vor allem in Übersetzungen nachvollziehbar. Bei dem gelehrten AcI handelt es sich um ein primär distanzsprachliches Transferphänomen, weil das schriftlich fixierte Klassische Latein als prestigeträchtiger Referenzrahmen dient. Da keine Fortführung der typischen AcI-Muster zu beobachten ist, ist auch davon auszugehen, dass keine Ausweitung in den Bereich der Nähesprache stattfindet. Einzig bei der Relativsatzkonstruktion ist es nicht ausgeschlossen, 26 Der Status des untergeordneten Satzes als fr. proposition bzw. der der einzelnen Konstituenten in Objektposition zum Matrixverb wird teilweise diskutiert (vgl. Riegel/ Pellat/ Rioul 6 2016). Vgl. auch Anmerkung 34 in Kap. 4. <?page no="488"?> 476 7 Diskussion dass diese wie zur Zeit Vaugelas an Nähesprachlichkeit hinzugewann, um in der Mündlichkeit verwendet zu werden. Der Bruch scheint in der Phase des ausgehenden 16. Jahrhunderts stattzufinden und mit dem Rückzug der humanistischen Strömung und dem fortschreitenden distanzsprachlichen Ausbau des Französischen parallel zu verlaufen. Nur wenn dem lateinischen Prestige ein nicht mehr so hoher Stellenwert von den Sprechern beigemessen wird und die Zielsprache über adäquate stilistische Ausdrucksmittel verfügt, ist auch zu erklären, warum der gelehrte AcI nunmehr eine geringere Rolle im Sprachstil einnimmt. Ein weiterer Grund für den Erfolg des anaphorisch referenzierenden Pronomen que mit dem AcI ist, dass die verschränkten Relativsatzkonstruktionen einen kompakten, aber klaren Satzanschluss ermöglichen und somit textstilistisch und -argumentatorisch von großer Bedeutung sind. <?page no="489"?> 8 Schlussbetrachtung Ziel meiner Studie war es, ein profundes Verständnis der Merkmale der gelehrten Konstruktionsform des Accusativus cum Infinitivo als syntaktischer Latinismus im Französischen des 16. Jahrhunderts zu erlangen. Dies ergibt sich aus bislang nicht erfüllten Desiderata in der Forschungsliteratur sowie der damit verbundenen methodischen Herangehensweise. Zwar benennt u. a. Stimming (1915) in seiner umfangreichen Untersuchung des AcI in der französischen Sprachgeschichte vier prägnante Merkmale der gelehrten Form und grenzt sie damit in aller Deutlichkeit von der ererbten Form ab, doch so lassen sich weitere Charakteristika abbilden, wie ich in der Analyse und abschließenden Diskussion zeigen konnte (vgl. Kap. 6.1.9, 6.3 und 7.1). Grundlage hierfür war eine präzise Nachzeichnung der grammatikalischen Eigenschaften der klassisch-lateinischen AcI-Konstruktion aus traditioneller sowie funktional-semantischer Perspektive (vgl. Kap. 4.1). Erst durch die Arrondierung der unterschiedlichen AcI-Typen im Latein konnte eine belastbare methodische Basis für die spätere Auswertung der französischen AcI-Konstruktionen entstehen. Bestehende Forschungseinsichten zum französischen AcI sowie die Betrachtung seiner Entwicklung vom Klassischen Latein über die spätlateinische Phase hin in die altfranzösische und mittelfranzösische Zeit wurden ausführlich dargelegt und besprochen (vgl. Kap. 4.2 u. 4.4). Auch ohne quantitative Studien wurde in der Forschung wiederholt festgestellt, dass die Verwendung des AcI im 16. Jahrhundert ihren Höhepunkt erreichte und dies mit der Ausbreitung und dem Rückgang des Humanismus eng einhergeht. Die Rückbesinnung auf die klassisch-lateinische Latinität begünstigte in dieser Zeit den Transfer des AcI als syntaktischen Latinismus in das Französische und andere Volkssprachen (vgl. Kap. 4.5). Dabei bleibt dies nicht der einzige Faktor, der während der französischsprachigen Reformationsbewegung unter der Federführung Jean Calvins auf die Verwendung des AcI einwirkt. Inwiefern dies der Fall ist, war ebenso eine der treibenden Fragen dieser Arbeit. Die detaillierte Untersuchung von Calvins Hauptwerk bietet einen singulären Zugang, da es, wie Marmelstein (1921: 1) zu Recht betont, nicht aufgrund der Selbstübersetzung einmalig ist, sondern weil Calvin das Werk über zwei Jahrzehnte hinweg dauerhaft überarbeitet und zunehmend sprachlich wie auch inhaltlich anreichert. Es liegt hiermit ein Textprodukt vor, welches kein vergleichbares inhaltliches wie auch stilistisches Ausmaß in der französischen Vernakularsprache <?page no="490"?> 478 8 Schlussbetrachtung kennt und dazu beiträgt, diese Textsorte aus dem Latein im distanzsprachlichen Ausbau des Französischen zu etablieren. Während bereits differenzierte Einschätzungen zum Sprachstil Calvins und seiner Zeitgenossen Rabelais und Montaigne vorliegen (vgl. Kap. 3.2.2 sowie u. a. Brunot [1906] 3 1947; Gougenheim 2 1974; Higman 1970; Huguet [1894] 1967; Lanson 1894; Marmelstein 1921; Millet 1992; Stimming 1915), fehlte es bislang an einer Studie, die quantitative Daten zur Bewertung zugrundelegt (vgl. Kap. 5.3, 6). Dies offenbarte in der Vorbereitung meiner Arbeit auch, dass kaum methodische Ansätze zur systematischen Erfassung des AcI vorliegen und erst entwickelt werden mussten (vgl. Kap. 5.4). Daher habe ich einen explorativ-deskriptiven Ansatz gewählt, der sich eben nicht auf einzelne V 1 - oder S 2 -Typen beschränkt, um die potentielle Vielfalt der Konstruktion aufzeigen zu können. Dieser Aspekt wiegt umso gravierender, wenn zwei Sprachen zu unterschiedlichen Zeitpunkten ihrer Sprachgeschichte im Rahmen eines Transfers syntaktischer Konstruktionen betrachtet werden sollen. So habe ich mich auf den Kern der untergeordneten französischen AcI-Proposition konzentriert und alle dort enthaltenen Infinitive erfasst, um anschließend, in der fr. Institution Calvins, die der Übersetzung zugrunde liegenden Äquivalente im lt. Modelltext zu erfassen. Die Studie musste demnach eine Alignierung der AcI-Satzpaare vornehmen (vgl. Kap. 5.3.3), die von Erkenntnissen aus der vorherigen Erstellung eines vollständig auf Satzebene alignierten Paralleltextes arbiträr gewählter Kapitel der Institution profitieren konnte. Dieser von mir erstellte Paralleltext diente in der Analyse als Referenz (vgl. Kap. 5.3.2), um stets einen breiten Blick auf das Phänomen der syntaktischen Latinisierung zu ermöglichen und die gewonnenen AcI-Belege nicht isoliert zu betrachten. Die Alignierung der einzelnen AcI-Paralleltextstellen erlaubte es ferner, den Einfluss der Übersetzung zu determinieren, der bislang in der Forschungsbetrachtung eher verschwommen blieb. Er kommt insbesondere in jenen Beispielen zur Geltung, die über kein lateinisches Modell für einen festgestellten AcI im fr. Text verfügen; in sog. autolatinistischen Belegen (vgl. zum Begriff Kap. 2.4.6, zur Analyse u. a. 6.1.7). Die Konzeption meiner Studie verschreibt sich demnach den zu Beginn formulierten Leitsätzen, dass ein komparativer Blick auf die wichtigsten Ausgaben der lt. Institutio und der fr. Institution Calvins (in Weiterentwicklung zu Marmelstein 1921), eine Bestimmung und Situierung der Merkmale des gelehrten AcI unter Berücksichtigung moderner Forschungserkenntnisse (in Weiterentwicklung zu Stimming 1915) sowie schließlich die Situierung des Latinismus in der Übersetzungspraxis notwendig ist. Hierzu wurden zunächst grundlegende Fragen auf Basis der Forschungsliteratur geklärt (vgl. Kap. 2). So bin ich der Frage nachgegangen, wie sich syntaktische Entlehnungen im Französischen manifestieren (vgl. Kap. 2.2) und habe Trans- <?page no="491"?> 479 fermotive wie das Prestige der klassisch-lateinischen Sprache als zumindest zeitweise geltende high-variety im französischen Distanzbereich benannt. Dabei ging es auch um die Frage, was genau der in der deutschsprachigen Literatur viel verwendete Begriff Relatinisierung meint und wie er sich von dem überwiegend in fremdsprachiger Literatur anzutreffenden Begriff Latinisierung abgrenzt (vgl. Kap. 2.4). Ein Resultat hieraus war, dass Letzterer der geeignetere Terminus zur Bezeichnung syntaktischer Transfererscheinungen ist, da der Begriff Latinisierung weder eine Wiederholung von etwas vormals Geschehenen noch eine Rückkehr impliziert. 1 Zum einen wird dies vor dem Hintergrund deutlich, dass die im 16. Jahrhundert verwendeten syntaktischen Latinismen zwar eine Orientierung an Modellen des Klassischen Lateins darstellen, doch letztlich in der Mehrheit der Fälle ein von Humanisten geschriebenes Latein der vernakularsprachlichen Übersetzung zugrunde liegt. Dabei wird übersehen, dass die Verwendung durch Humanisten erfolgt, nicht durch klt. Autoren selbst, und dass damit zwangsläufig sprachliche Unterschiede einhergehen müssen (vgl. Kap. 4.3.2 u. 6.1.1). Die romanischen Volkssprachen basieren zudem konzeptionell auf der vulgärlateinischen Nähesprache und stellen daher keine direkte Fortsetzung distanzsprachlicher klt. Texte dar (vgl. Abb. 2 in Kap. 2.4.3). Zum anderen liegt in übersetzungsfreien Kontexten kein direktes sprachliches Textmodell vor, welches eine Latinisierung angeregt haben könnte. Allenfalls indirekt kann ein prestigeinitiierter Transfer vonstatten gehen, bedingt dadurch, dass es sich bei einem Autor um einen (des Lateins mächtigen) Gelehrten handelt oder aus inhaltlichen Gründen ein sprachlicher Bezug zur Antike gewünscht wird. In einer übergeordneten Fragestellung ging es um den tatsächlichen Einfluss der Übersetzungspraxis (vgl. Kap. 2.5 u. 3.2). Abgesehen von spezifischen Verwendungsweisen des AcI im Übersetzungskontext (vgl. Kap. 6.1.9, 6.2), hat sich in der Detailbetrachtung von Calvins Institutio(n) herausgestellt, dass dieser Einfluss maßgeblich ist. Calvin operiert im Französischen sehr nah am lateinischen Wortlaut ohne dabei eine Wort-für-Wort-Übersetzung auf Kosten der Lesbarkeit zu priorisieren. Dies gilt bereits für seine erste und älteste Übersetzung der Institution FR1541. Insgesamt zeigte sich, dass die Übersetzung selbst nicht das Hauptmotiv ist, sondern ein Element, das die Verstärkung der Frequenz des AcI bewirkt. Das klassisch-lateinische Prestige spielt bei den drei Autoren Calvin, Montaigne und Rabelais eine zentrale Rolle, wenngleich in unterschiedlicher Gewichtung, die durch weitere Faktoren wie z. B. dem spezifisch reformatori- 1 In Bezug auf lexikalische Latinisierung ist es durchaus denkbar, von Relatinisierung zu sprechen, da u. a. der Stamm eines Lexems aus dem Klassischen Latein verwendet wird und morphologisch in die Zielsprache eingepasst wird: z. B. fr. étoile neben dem (re-)latinisierenden Adjektiv fr. stellaire < klt. stella bzw. stellaris (vgl. FEW: 12, 254; Raible 1996: 123). <?page no="492"?> 480 8 Schlussbetrachtung schen Schreibstil beeinflusst werden. Über die Okkurrenzhäufigkeit lässt sich eine Unterscheidung in Übersetzungslatinismen, die auf einem lt. Modell basieren, in Autolatinismen, ohne ein solches Modell, und schließlich in Latinismen gelehrter Autoren außerhalb eines Übersetzungskontextes vornehmen. Eine Quantifizierung latinisierender Konstruktionen ist bislang ein Desiderat der Forschung. Mit Bezug auf den gelehrten AcI bei Calvin und seinen Zeitgenossen Montaigne und Rabelais konnte diese Lücke ein Stück weit geschlossen und ein Anknüpfungspunkt für künftige Studien erarbeitet werden. Grundsätzlich zeigt die Analyse des Referenz-Paralleltextes ausgewählter Kapitel, dass nur ein Bruchteil der lt. AcI-Konstruktionen trotz der bemerkenswert und vergleichsweise hohen Frequenz in der fr. Institution als gelehrte Latinismen transferiert wird (vgl. Abb. 12 in Kap. 6.1.9.3). Dies ist vor dem Hintergrund, dass der que - Objektsatz im Französischen die unmarkierte Form zur Subordination darstellt, ein erwartbares, wenngleich in dieser Form bislang nicht konstatiertes Ergebnis. Der Vergleich der rund 800 Belege 2 im Gesamtkorpus, die sich auf ca. 650 Paralleltextstellen in Calvins Institutio(n) stützen, sowie auf ca. 170 Okkurrenzen aus dem Subkorpus weiterer Texte Calvins und seiner Zeitgenossen, hat erstmals in diesem Umfang offengelegt, welche Differenzen und Gemeinsamkeiten sich in den unterschiedlichen Ausprägungen des gelehrten AcI manifestieren. Dabei zeichnen sich diese in sehr unterschiedlichen Intensitäten ab. Ein Großteil der S 2 konzentriert sich auf den in der Literatur bereits beobachteten lexikalischen S 2 -Typ, also Nominalgruppen, und den anaphorischen S 2 -Typ, also verschränkte Relativsätze mit zurückverweisenden Pronomen im AcI. Die übrigen S 2 -Typen, außer die insgesamt unauffälligen direkten Objektpronomina, treten in spezifischen Verwendungskontexten auf (vgl. insbesondere Kap. 7.1.2). So konnte gezeigt werden, dass Demonstrativpronomen vorrangig und kataphorische Konstruktionen ausschließlich dem lt. Übersetzungskontext zuzuschreiben sind und das Reflexivpronomen sehr deutlich das klassisch-lateinische Prestige auch außerhalb der Übersetzung markieren. Das anaphorische Pronomen lequel wird außerdem zur unmissverständlichen Referenzierung und Übertragung des Sinns des Modelltextes herangezogen, während schließlich die Nominalphrasen den prädominierenden AcI-Typ bilden. Anaphorischen Konstruktionen konnte zudem mit den untersuchten Verbklassen eine gelehrte Eigenschaft zugeschrieben werden, die auf lateinischen Einfluss ab der altfranzösischen Phase zurückgehen muss. Die Diversität in der Verwendung der S 2 -Typen ist insbesondere bei Calvin sehr stark ausgeprägt und bemerkenswert. 2 Dies umfasst neben dem AcI ca. 30 Belege des NcI sowie des dopp. Akkusativs. <?page no="493"?> 481 Zudem wird ersichtlich, dass der gelehrte AcI in der Übersetzung mehr S 2 - Typen transferiert und damit nachbildet als in übersetzungsfreien Kontexten. Hieran lässt sich der Einfluss der Übersetzung ebenfalls ablesen. Die Verwendungseinschränkungen belegen außerdem den deutlich ästhetischen und damit stilistischen Charakter des gelehrten AcI, der neben dem funktionalen Objektsatz mit que als Teil des Registers besteht (vgl. Kap. 2.3). Dies bestärkt die Ansicht, dass es sich aufgrund der Frequenz und der Funktionseinschränkungen um ein ästhetisch relevantes Phänomen handelt, welches grundsätzlich der Stildomäne und weniger dem Register nach Biber/ Conrad ( 2 2019) zuzuordnen ist. Stil alleine reicht jedoch nicht aus (vgl. Kap. 7.2), da die ästhetische Bewertung sich nicht ausschließlich auf die individuelle Ebene des Autors bzw. Übersetzers beschränkt. Vielmehr ist der AcI innerhalb der Normgefüge teilweise als Formulierungstradition, in jedem Fall aber als Ausdrucksform diskurstraditioneller Elemente in verschiedenen Textsorten unterschiedlicher Autoren aufzufassen. Der zweite Bestandteil des AcI, das fr. V 2 , zeigt in der Institution eine deutlich geringere Repräsentation aktiver lexikalischer Vollverben im Vergleich zum lt. Text. Die Kopula dominiert in Verbindung mit einem Partizip als Passivform sowie in prädikativer Verwendung mit einer adjektivischen, nominalen oder präpositionalen Ergänzung. Die Passivverwendung im V 2 beschreibt schon Stimming (1915) als gelehrtes Kennzeichen. Die Übersetzung verstärkt zudem die Verwendungshäufigkeit. Nichtsdestotrotz tritt es deutlich stärker in übersetzungsfreien Texten auf als beispielsweise im direkten Vergleich das Reflexivpronomen. Dabei steht außer Frage, dass es als Prestigemarker des Klassischen Latein dient. Gerade bei Montaigne und Rabelais fällt dieser Konstruktionstyp im Kontext mit gelehrten Textfiguren oder grundlegend der Antike auf. Bezüglich seiner Häufigkeit wurde er mehrfach in der Literatur hervorgehoben (vgl. Buridant 2019; zuletzt Beaudin 2022), aber die Beobachtung wurde erst durch die vorliegende Studie mit quantitativen Daten gestützt. Außerdem ist das abgerufene Repertoire des gelehrten AcI im Französischen insgesamt reduzierter im Vergleich zur klt. Form. Insbesondere deshalb, da Tempusunterschiede in der über- und untergeordneten Sachverhaltsdarstellung kaum ausgedrückt werden und meistens die Gleichzeitigkeit anzutreffen ist. Dies ist ein markanter Unterschied zum Latein und zeigt damit auch eine Funktionsrestriktion, da die Tempusungleichheit in unmarkierten Komplementsätzen mit que regulär ausgedrückt wird. Gleichwohl ermöglicht die Übersetzung im Falle der Institution eine ausgeprägte Variation der Matrixverben des AcI (vgl. Kap. 6.1.9 u. 7.1.1). Die V 1 beschränken sich in den übrigen Texten auf Haupttypen, also solche, die in allen Texten besonders zahlreich und insbesondere in der Institution als häufigste Verben innerhalb einer Klasse aufgetreten sind (z. B. dire für die ver- <?page no="494"?> 482 8 Schlussbetrachtung ba dicendi ). Auch in dieser Hinsicht hat Calvins chef d’œuvre Referenzcharakter für die Untersuchung der Verwendung des gelehrten AcI im 16. Jahrhundert. Die von Stimming (1915) erstmals in dieser Präzision benannten Kriterien des gelehrten AcI, die diese Form von der ererbten abgrenzen, konnten erweitert werden. Ein zentraler Punkt ist dabei der beobachteten Nominalisierungstendenz innerhalb des gelehrten AcI zuzuschreiben, die es ermöglicht, die Konstruktion in semantisch-funktionaler Perspektive als eine Entität dritten Ranges von der ererbten AcI-Konstruktion abzugrenzen (vgl. Abb. 14 in Kap. 7.1) und den AcI als Annäherung an ein Nominalobjekt in direkter Objektposition zum Prädikat zu verstehen. Dieser Gedankengang ergab sich in erster Linie aus dem Umstand, dass die Kopula estre als V 2 derart häufig vertreten ist und meines Erachtens als Kriterium und Produkt gelehrten Einflusses anzusehen ist. Dies betrifft auch Perzeptionsverben wie voir , die mit estre zu Vorgängen mentaler Wahrnehmungsleistung avancieren. Die beobachtete Nominalisierungstendenz ist in meinem Untersuchungskorpus dabei ein grundlegendes, sprachinternes Prinzip. Es operiert in allen gelehrten Belegen unabhängig von der Übersetzung oder der Intensität des zugrunde liegenden klt. Prestiges. In anaphorischen Belegen zeigt sich auch nach dem Höhepunkt der AcI-Verwendung im 16. Jahrhundert ein vom Latein unabhängiger Gebrauch, der insbesondere die prädikative Struktur bevorzugt. Eine weitere Frage, die in der Betrachtung des gelehrten AcI als syntaktische Latinisierungsmöglichkeit nicht nebensächlich ist, betrifft die Sprachkompetenz des Autors. Die detaillierte Nachzeichnung der sprachlichen Biographie Jean Calvins war notwendig (vgl. Kap. 3), um schlussendlich die starke Abweichung in der Verwendungshäufigkeit sowie Variation des gelehrten AcI im Vergleich zu seinen Zeitgenossen zu erklären. Gerade im Vergleich zu seinem etwas jüngeren Zeitgenossen Michel de Montaigne, der ebenfalls eine juristische Ausbildung durchlief und in humanistischer Manier sogar mit Latein aufwächst, jedoch weit weniger AcI-Konstruktionen verwendet, zeigt sich, dass Calvin erheblichen Aufwand in die Überarbeitung und sprachlich-stilistische Ausgestaltung seiner Texte investiert. Gleichwohl könnte - auch hier bedarf es weiterer Untersuchungen - die reduzierte Verwendung der AcI-Konstruktion bei Montaigne auf seinen Altersunterschied zu Calvin zurückzuführen sein. Denn zum einen sind die Belege bei dem älteren Rabelais in Le Quart Livre sehr häufig und zum anderen verfasste der jüngere Montaigne die Essais erst in seinen letzten Lebensjahren zwischen 1572 und 1592 (vgl. Kap. 5), sodass dies ein mögliches Indiz für den sich ankündigenden Abbau in der Verwendung ist, der sich im 17. Jahrhundert <?page no="495"?> 483 fortsetzt (vgl. 7.2.4). Zumal aus Montaignes ([1592] 1965: 173) Essais bekannt ist, dass er einen tiefgehenden sprachlichen Einfluss der antiken Sprachen ablehnt. 3 Der sprachliche Anspruch von Calvins Institutio(n) ist wie eingangs angesprochen abhängig von seiner Zielleserschaft. So ist der lateinische Text einem ausschließlich gelehrten, humanistisch-reformierten Publikum vorbehalten und die französische Übersetzung soll dem einfachen Volk Zugang zu seiner Schrift geben. Doch im Unterschied zu seinem Kritiker Sébastien Castellion (vgl. Kap. 2.5.3, 3.2.1) ist hier nicht wie bei Castellion eine möglichst vollständige und „effiziente“ (vgl. Skupien Dekens 2009: 342) Anpassung an die Volkssprache zu beobachten. Diese zögert nicht, veraltete oder nur regional verstandene Wörter zu verwenden, außerdem den Satzrhythmus so zu beeinflussen, dass er leichter verstanden wird, sowie Reime zu bilden, die die Lektüre für den wenig gebildeten Leser ansprechender gestalten (vgl. Skupien Dekens 2017b: insbesondere 180- 181, 198). Aus der Überarbeitung der AcI-Sätze in der Institution wird ersichtlich, dass Calvin einen Stil anstrebt, der in reformatorischer Praxis verständlich ist, zugleich aber durch den gezielten Einsatz klt. Latinismen den humanistischen Anspruch wahrt und stilistisch aufwertet. Dabei scheut der Autor sich nicht, in seiner Selbstübersetzung auch zahlreiche Latinismen wieder zu entfernen. Doch in Einschüben oder Anknüpfungen an das Vorhergesagte kann, vor allem in Textteilen, die erst später hinzugekommen sind, beobachtet werden, dass der AcI eine willkommene stilistische Alternative zum längeren Komplementsatz bietet. Damit fügt sich die Untersuchung schließlich in den Kontext bestehender Forschungsansichten ein (vgl. Kap. 7.2.2), welche in der jüngsten und letzten zu Calvins Lebzeiten publizierten französischen Ausgabe der Institution (FR1560) eine im Unterschied zur ersten Fassung aus dem Jahr 1541 insgesamt sprachlich modernisierte Ausgabe sehen. 4 In einer Retrospektive mutet damit der Gebrauch mancher Komplementsätze im Unterschied zum vorherigen gelehrten AcI als Modernisierung an, aber im Sprachgebrauch seiner Zeit handelt es sich um die Entfernung einer prestigebehafteten Struktur und Ersetzung durch eine unmarkierte Struktur, die beinahe immer die Lesbarkeit verbessert. Die häufige Verwendung des AcI in der Erstübersetzung FR1541 muss zudem im Kontext der 3 Vgl. Montaigne ([1592] 1965: 173): „Je voudrois premierement bien sçavoir ma langue, et celle de mes voisins, où j’ay plus ordinaire commerce. C’est un bel et grand agencement sans doubte que le Grec et Latin, mais on l’achepte trop cher“. Clerico (1999: 179) bezeichnet Montaigne demnach als „constant ennemi du ‚pedantesque‘“. 4 Schließlich bleibt ein editorisches Desiderat zu nennen, das aus linguistischer, literaturwissenschaftlicher, historischer und theologischer Sicht vielversprechend erscheint: eine Paralleledition der vier hier behandelten Ausgaben (LT1539 mit FR1541 und LT1559 mit FR1560). Die damit verbundene Herausforderung wurde in Kap. 5 deutlich; mit modernen, digitalen Mitteln der Alignierung wäre Calvins Hauptwerk in naher Zukunft womöglich nicht mehr „an editor’s nightmare“ (Higman 1998a: 371; vgl. Higman 1970). <?page no="496"?> 484 8 Schlussbetrachtung erst sich verstetigenden französischen Schreibpraxis Calvins gesehen werden, die stellenweise im sprachlichen Stil noch zögert. Zugleich steht sie im Zeichen eines Zeitgeists, der um einen guten Stil im Distanzbereich ringt und im Zweifel lieber einmal zu oft auf eine bewährte syntaktische Konstruktion des Klassischen Lateins zurückgreift. Es zeigt sich, dass sowohl der Sprachstil (vgl. Kap. 2.3) als auch die Verwendung syntaktischer Latinismen stark individuell geprägt sind und bei Calvin in einer ausgeprägten Präsenz des AcI zum Ausdruck kommen. Die wichtige Beobachtung dabei ist, dass die Verständlichkeit nicht darunter leidet, sondern sich an den Normgrenzen seiner Zeit und Leserschaft orientiert. Die Auswertung hat weitere Fragen aufgeworfen, die Gegenstand weiterer Forschungsanstrengungen sein müssen, jedoch die Anschlussfähigkeit meiner Untersuchung zeigen. Der AcI als syntaktischer Latinismus ist ein breites Untersuchungsfeld, welchem auf grammatikalischer, textueller, soziolinguistischer, kultureller und auch diskurstraditioneller Ebene begegnet werden sollte. Es ergibt sich daraus ein multidimensionales Gebilde, welches aus unterschiedlichen sprachinternen und -externen Blickwinkeln betrachtet werden muss (vgl. Greco 2019: 34). Aufmerksamkeit sollte auch dem informationsstrukturellen Verhältnis des gelehrten AcI in der Übersetzungspraxis geschenkt werden, welches, bedingt durch die Stärkung der Objektposition, ein Augenmerk auf das S 2 legt. Dies zeichnet sich in vielen, wenngleich längst nicht allen AcI-Belegen im Latein und Französischen der Institutio(n) ab. Kombiniert werden sollte eine solche Untersuchung mit dem ohnehin wünschenswerten Vergleich mit unmarkierten que -Objektsätzen. Das Verhältnis zwischen über- und untergeordnetem Satz muss in Zukunft auch in Bezug auf ererbte AcI-Konstruktionen untersucht werden, wie die Untersuchung Grecos (2013b) für das Lateinische nahelegt. Der Evidentialität bei Perzeptionsverben kommt demnach eine besondere Bedeutung zu und bietet für das Französische einen praktikablen Ansatz, um mehr über die textargumentative Funktion solcher Konstruktionen zu erfahren, die beispielsweise Hörensagen oder Sprecherannahmen ausdrücken. Dies könnte zugleich mit einer umfassenderen quantitativen Erhebung ererbter AcI-Konstruktionen im Altfranzösischen einhergehen und so die Rückschlüsse aus den Stichproben sowie die Beobachtung Stimmings (1915: 48) insofern bestätigen, als dass die geistigen Perzeptionsverben erst mit den hochmittelalterlichen altfranzösischen Übersetzungen unter gelehrtem Einfluss in das Französische gelangen und der Übergang vom Spätlatein zum frühen Altfranzösisch nicht von solchen Konstruktionen geprägt war. Eine dezidiert weit gefasste diachrone Perspektive auf den gelehrten AcI, die eben nicht nur qualitativ (Stimming 1915), sondern auch quantitativ untermauert wird, ist ebenfalls ein Desiderat. Erst eine solche Sichtweise, die beides berücksichtigt, könnte in noch feineren Abstufungen zeigen, <?page no="497"?> 485 wann genau der gelehrte AcI im Gebrauch zunimmt und wieder abnimmt. Es ist unbestritten, dass es eine Blütephase der gelehrten AcI-Konstruktion im 15. und vor allem 16. Jahrhundert gibt. Deshalb geht es hier um die präzisere Benennung der Übergänge und Ableitungen sowie der diskurstraditionell und in einer soziolinguistischen Perspektive individuell zugrunde liegenden Faktoren. Schließlich kristallisieren sich drei Hauptgruppen heraus: (1) Latinismen mit und ohne Modell im Übersetzungsprozess, (2) solche mit bewusster Anlehnung an antike Autoren außerhalb der Übersetzungspraxis und (3) solche, die ohne direkten Bezug zum Latein aus ästhetischen Gründen verwendet werden. Diese Ansicht fügt sich in Beobachtungen anderer Studien ein, insofern sie anerkennt und zeigt, dass die Verwendung der AcI-Konstruktion in den untersuchten Texten nicht allein und immer durch lateinisches Prestiges initiiert wird (vgl. Brucker 1977: 339; Del Rey Quesada 2017a; Pountain 1998: 172-175). Ihre variable Ausprägung, z. B. der ausgedehnte Gebrauch der Kopula in V 2 -Funktion oder die einzelnen S 2 -Typen, arrondiert die Ansicht, dass sowohl sprachinterne Gründe wie eine Nominalisierungstendenz als auch sprachexterne Faktoren wie Prestige und Übersetzungskontext in unterschiedlicher Intensität abhängig vom Sprecherindividuum und dem damit verbundenen Normgefüge verantwortlich sind. Dieser Gedanke muss in Bezug auf die lateinischen Modelltexte fortgeführt werden, die in Abhängigkeit ihres Entstehungszeitpunkts und Autors stark variieren. Daher ist es richtig, die von Greco (2019: 22) jüngst vorgeschlagene Differenzierung vorzunehmen und nicht vom Einfluss lateinischer Syntax als Ganzes auf die romanischen Einzelsprachen zu sprechen, sondern den Forschungsfokus auf „the influence of certain Latin models on the syntax of different texts written in a certain Romance variety in a given historical period“ zu legen. Die breite Variation verdeckt aber keineswegs den Blick auf die zahlreichen Gemeinsamkeiten in lateinischen und romanischsprachigen Texten. Schließlich konnte festgestellt werden, dass viele der beobachteten Eigenschaften auch in anderen Sprachen unter dem Einfluss des Humanismus zur Anwendung kommen. Eine panromanische Betrachtung, möglicherweise auch unter Einbezug germanischer Sprachen, ist ein weiteres und abschließend zu benennendes Desiderat (vgl. Kap. 4.5; auch Stimming 1915: 40). Die Voraussetzung hierfür ist jedoch eine vergrößerte Basis vielschichtiger einzelsprachlicher Studien des vorliegenden Typs. Denn dieses Projekt konnte den Nachweis erbringen, dass Bewegungen wie die Reformation, die intensivierend wirkende humanistische Übersetzungspraxis sowie individuelle Sprachkompetenzen und Sprecherhaltungen spezifisch auf die Verwendung des Accusativus cum Infinitivo als latinisierende syntaktische Struktur in der französischen Schriftproduktion des 16. Jahrhunderts einwirken. <?page no="499"?> Bibliographie Die Bibliographie verzeichnet alle in meiner Studie verwendeten Titel und ist in neun Bereiche unterteilt: Korpus, Wörterbücher, Grammatiken des Französischen, Grammatiken des Lateinischen, Kartenmaterial, Software, Datenbanken und Online-Repositorien, Primärliteratur sowie Sekundärliteratur. Auf alle angebenen URL-Adressen wurde zuletzt am 6.6.2025 zugegriffen. 1 Korpus C-ADV = Calvin, Jean [1549] (1985): Advertissement contre l’astrologie judiciaire (Textes Littéraires Français 329), hrsg. von Olivier Millet. Genf: Droz. [Frantext: R656] C-LET = Calvin, Jean [1543] (1991): Lettres à Monsieur et Madame de Falais (Textes Littéraires Français 404), hrsg. von Françoise Bonali-Fiquet. Genf: Droz. [Frantext: S583] C-SCA = Calvin, Jean [1550] (1984): Des scandales (Textes Littéraires Français 323), hrsg. von Olivier Fatio. Genf: Droz. 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Mittelfranzösisch nfr. Neufranzösisch sp. Spanisch Verbklassen v. aff. verba affectuum v. cog. verba cogitandi v. dic. verba dicendi v. imp. verba impersonalia v. intell. verba intellegendi v. sent. verba sentiendi v. vol. verba voluntatis V. d. Perz. Verben der Perzeption V. d. W. Verben der physischen Wahrnehmung V. d. Zul. Verben des Zulassens und Verhinderns Belege ∅ Auslassung % prozentual = ist gleich ! = ist nicht gleich ˆ = entspricht ̸= entspricht nicht * ungrammatisch (*) im damaligen Sprachzustand akzeptiert ? konstruiertes Beispiel ? ? möglich, aber wenig akzeptabel ? ? ? nicht akzeptabel <?page no="546"?> 534 Abkürzungsverzeichnis O 1 direktes Objekt des Prädikats O 2 Objekt zum Infinitiv im untergeordneten Satz S 1 Subjekt des Matrixverbs S 2 Subjekt zum Infinitiv im untergeordneten Satz V 1 Matrixverb V 2 Infinitiv im untergeordneten Satz 1sg 1. Person Singular 10k (pro) 10.000 Wörter akk Akkusativ Bd. Band inf Infinitiv Kap. Kapitel konj Konjunktion HS Hauptsatz NS Nebensatz n Anzahl Ps. Person präd. prädikativ refl. reflexiv Sg. Singular SoA state-of-affairs Sp. Spalte Tok. Token Pl. Plural prs Präsens qc. quelque chose qn. quelqu’un unpers. A. unpersönlicher Ausdruck W. Wörter Wahrn. Wahrnehmung wörtl. wörtlich zit. n. zitiert nach <?page no="547"?> Abbildungsverzeichnis Abb. 1 Diachronischer Schnitt der Stilhöhe und Quantität des literarischen Latein (Berschin/ Berschin 1987: 18) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48 Abb. 2 Latinisierender Einfluss im Nähe-Distanz-Spektrum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62 Abb. 3 Karte des frankoprovenzalischen Sprachgebiets nach Kristol (2015: 304) von Tuaillon (1972: 337) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102 Abb. 4 Complement-taking Predicates (Cristofaro 2 2005: 99; Noonan 2 2007) . . . . . . . . 148 Abb. 5 Auffächerung der Bedeutungsnuancen von regarder / voir (Andersen/ Schøsler 2002: 276; vgl. Willems 1983: 155) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167 Abb. 6 Kontinuum spanischer Infinitivkonstruktionen (nach Pons Rodríguez 2008: 137) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 168 Abb. 7 AcI-Frequenz in FR1541 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 259 Abb. 8 AcI-Frequenz in FR1560 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 259 Abb. 9 Distribution der S 2 -Typen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 343 Abb. 10 Distribution der S 2 -Typen (unveränderter Text vs. Autolatinismus) . . . . . . . . 346 Abb. 11 Distribution der S 2 -Typen (veränderter Text) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 346 Abb. 12 Distributionsschema des gelehrten AcI im Übersetzungsprozess der Institution . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 412 Abb. 13 Frequenz des gelehrten AcI im Untersuchungskorpus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 431 Abb. 14 Überarbeitete und erweiterte Darstellung zu regarder / voir (vgl. Andersen/ Schøsler 2002: 276; Willems 1983: 155) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 453 <?page no="549"?> Tabellenverzeichnis Tab. 1 Klassifizierung der Verben mit AcI in Grammatiken des Klassischen Lateins 135 Tab. 2 Semantic Integration Scale (nach Cristofaro 2 2005: 122, 2014: 3) . . . . . . . . . . . . . . 149 Tab. 3 Auszug zu voir aus LVF+1 (vgl. Dubois/ Dubois-Charlier 2015) . . . . . . . . . . . . . . 164 Tab. 4 Ausgaben der lt. Institutio mit ihren fr. Übersetzungen (nach Peter 1987: 17-18) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 219 Tab. 5 Zuwachsraten nach der in Gilmont (1997: 371-373) angegebenen Wortanzahl. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 236 Tab. 6 Aufteilung und Umfang des Gesamtkorpus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 240 Tab. 7 Analysebereiche und Identifikationsnummer der AcI-Belege in der Institutio(n) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 243 Tab. 8 Häufigkeit des V 2 im lt. AcI (LT1559, I, 5) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 250 Tab. 9 Fr. AcI-Quadrupel (id-par < 500) - gruppiert nach lt. Modell . . . . . . . . . . . . . . . 253 Tab. 10 Fr. AcI-Quadrupel (id-par < 500) - gruppiert nach Veränderungen . . . . . . . . 255 Tab. 11 Fr. AcI-Paare (id-par > 500) - gruppiert nach Veränderungen . . . . . . . . . . . . . 256 Tab. 12 Mittlere Verwendungshäufigkeit des AcI in FR1541 und FR1560 . . . . . . . . . . . . 257 Tab. 13 Distribution der Verbklassen (V 1 ) mit AcI in FR1541 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 261 Tab. 14 Distribution der Verbklassen (V 1 ) mit AcI in FR1560 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 262 Tab. 15 Häufigkeit der V 1 mit AcI in den Ausgaben FR1541 und FR1560 . . . . . . . . . . . . 263 Tab. 16 Wenig frequente V 1 mit AcI (FR1541) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 264 Tab. 17 Verben des Sagens ( v. dicendi ) mit klt. AcI-Entsprechung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 266 Tab. 18 Verben des Sagens ( v. dicendi ) mit/ ohne klt. AcI-Entsprechung und ohne Beleg bei Stimming (1915) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 267 Tab. 19 Verben des Sagens ( v. dicendi ) ohne klt. AcI-Entsprechung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 267 Tab. 20 Häufigkeit der verba dicendi mit AcI in FR1541 und FR1560 (n ≥ 3) . . . . . . . . . . 268 Tab. 21 Realisierung der verba dicendi mit AcI in FR1560 (n ≥ 5) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 269 Tab. 22 Verben des Denkens ( v. cogitandi ) mit klt. AcI-Entsprechung . . . . . . . . . . . . . . . . 287 Tab. 23 Verben des Denkens ( v. cogitandi ) ohne klt. AcI-Entsprechung . . . . . . . . . . . . . . 287 Tab. 24 Häufigkeit der verba cogitandi mit AcI in FR1541 und FR1560 . . . . . . . . . . . . . . . 288 Tab. 25 Realisierung der verba cogitandi mit AcI in FR1560 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 288 Tab. 26 Verben des Meinens/ Glaubens ( v. sentiendi ) mit klt. AcI-Entsprechung . . . . 294 Tab. 27 Verben des Meinens/ Glaubens ( v. sentiendi ) ohne klt. AcI-Entsprechung . . 294 Tab. 28 Häufigkeit der verba sentiendi mit AcI in FR1541 und FR1560 . . . . . . . . . . . . . . . . 295 Tab. 29 Realisierung der verba sentiendi mit AcI in FR1560 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 296 Tab. 30 Verben der geistigen Wahrnehmung ( v. intell. ) mit klt. AcI-Entsprechung . 310 Tab. 31 Verben der geistigen Wahrnehmung ( v. intell. ) ohne klt. AcI-Entsprechung 310 Tab. 32 Häufigkeit der verba intellegendi mit AcI in FR1541 und FR1560. . . . . . . . . . . . . 311 Tab. 33 Realisierung der verba intellegendi mit AcI in FR1560 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 312 Tab. 34 voir (I) mit abstraktem S 2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 317 Tab. 35 voir (II) mit konkretem S 2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 318 <?page no="550"?> 538 Tabellenverzeichnis Tab. 36 Verben der sinnlichen Wahrnehmung mit/ ohne klt. AcI-Entsprechung . . . . 327 Tab. 37 Häufigkeit der Verben der physischen Wahrnehmung mit AcI in FR1541 und FR1560 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 328 Tab. 38 Verben des Gefühls ( v. affectuum ) mit/ ohne klt. AcI-Entsprechung . . . . . . . . . 330 Tab. 39 Unpersönliche Verben ( v. impersonalia ) mit klt. AcI-Entsprechung . . . . . . . . . 331 Tab. 40 Verben des Wollens ( v. voluntatis ) mit klt. AcI-Entsprechung . . . . . . . . . . . . . . . . 332 Tab. 41 Häufigkeit der verba voluntatis mit AcI in FR1541 und FR1560 . . . . . . . . . . . . . . 332 Tab. 42 Realisierung der verba voluntatis mit AcI in FR1560 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 333 Tab. 43 Verben des Zu-/ Veranlassens mit/ ohne klt. AcI-Entsprechung . . . . . . . . . . . . . . . 336 Tab. 44 Häufigkeit der Verben des Zu-/ Veranlassens mit AcI in FR1541 und FR1560 337 Tab. 45 Realisierung der Verben des Zu-/ Veranlassens mit AcI in FR1560 . . . . . . . . . . . 337 Tab. 46 Distribution des S 2 in FR1541 und FR1560 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 344 Tab. 47 Häufigkeitsverteilung des lexikalischen S 2 im AcI und Korpus (n ≥ 5) . . . . . 349 Tab. 48 Häufigkeit anaphorischer S 2 in FR1541 und FR1560 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 357 Tab. 49 Häufigkeit der direkten Objektklitika (S 2 ) in FR1541 und FR1560 . . . . . . . . . . . 360 Tab. 50 Häufigkeit reflexivpronominaler S 2 in FR1541 und FR1560 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 363 Tab. 51 Häufigkeit demonstrativpronominaler S 2 in FR1541 und FR1560 . . . . . . . . . . . . 371 Tab. 52 Häufigkeit der V 2 in FR1541 und FR1560: id-par < 500 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 376 Tab. 53 Häufigkeit der V 2 in FR1541 und FR1560: id-par > 500 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 377 Tab. 54 Prädikative AcI-Struktur estre+X in FR1541 und FR1560 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 378 Tab. 55 V 1 im Haupt- und Nebensatz in FR1541 und FR1560 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 400 Tab. 56 Frequenz des AcI im Untersuchungskorpus gemessen an der Wortanzahl . 429 Tab. 57 S 2 -Eigenschaften des ererbten und gelehrten AcI im Untersuchungskorpus 441 <?page no="551"?> 539 Register AcI 2-4, 6-11, 13-18, 25, 31, 39, 41, 42, 54-56, 61-74, 77, 78, 80, 89, 120, 121, 128, 131, 133-148, 150-163, 165, 166, 168-215, 221, 224, 227, 229, 230, 232, 234-237, 239, 241-274, 276-292, 294-343, 345, 347-357, 359-374, 376-393, 395-428, 430-452, 454-485 - eigentlicher AcI 138, 140 - ererbter AcI 166, 173, 192, 247, 353, 365, 403, 417, 429, 441, 447, 459, 484 - gelehrter AcI 2, 3, 6, 15, 46, 53, 55, 56, 64, 66, 74, 131, 133, 171, 194, 195, 200, 203, 205, 247, 263, 298, 322, 364, 365, 403, 416, 417, 426, 428, 429, 432, 434, 438, 439, 441, 446, 471, 480 - uneigentlicher AcI 138, 139, 172, 295, 338, 405 AcP 134, 146, 158, 159, 196, 213, 252-255, 322, 329, 454 Advertissement contre l’astrologie 9, 95, 231, 240, 415, 470 Akkusativ 17, 157, 189, 193, 248, 360, 389-392, 413, 480 - doppelter Akkusativ 72, 157, 159, 244, 246, 248, 254, 255, 298, 340, 342, 389-392, 413, 480 Akzeptabilität 32, 41-43, 75, 205, 243, 353, 367, 373, 381, 401, 404, 408, 413, 457-460, 464, 474 Altfranzösisch 13, 59, 69, 187, 193, 197, 204, 270, 299, 300, 309, 310, 338, 382, 390, 424, 441, 442, 447, 448, 477, 484 Annotation 241, 245, 251 Antike 1, 7, 22, 34, 46, 49-51, 54, 64, 83-85, 92, 98, 107, 136, 137, 186, 188, 204, 233, 235, 426, 445, 449, 459-461, 463, 470, 471, 475, 479, 481, 485 Ausbau 2, 7, 8, 16, 20, 22-24, 46, 51, 52, 55, 70, 74, 128, 174, 208, 230, 242, 255, 404, 462, 463, 467, 476 Basel 223 Bibel 35, 59, 76, 88, 96, 106, 108, 109, 112-116, 214, 228, 230, 246, 320, 328, 333, 357, 395, 402, 403, 414, 456, 469 binding principle 145-149 borrowing 28, 33, 213 Bourges 5, 52, 94-96, 101, 106 Briefe 17, 20, 38, 95, 117, 120, 230, 231, 415, 420, 431, 432, 437, 470 Buchdruck 20, 23, 51, 206 Castellion, Sébastien 23, 87, 88, 114, 115, 129, 468, 483 Cicero, Marcus Tullius 20, 46, 49, 53, 55, 64, 77, 84, 85, 87, 97, 99, 100, 115, 158, 169, 249, 269, 283, 331, 350, 366 Complementation Scale 148 Conceptual Approach 145 Cordier, Mathurin 91-93, 96, 101, 106 Coseriu, Eugenio 19, 57 De clementia 91, 96-99, 249, 251 Demonstrativpronomen 245, 361, 371-374, 399, 407, 409, 434, 436, 442, 459, 480 Des scandales 9, 35, 94, 231, 233, 240, 416, 418, 431, 465, 469, 471 Deutsch 36, 39, 45, 57, 60, 117, 208 Diathese 153, 156, 180, 182, 183, 211, 246, 375, 376, 379, 382, 384, 410, 411 Diglossie 30, 109 Diktat 125, 219, 222, 235, 285, 373 Diskurstradition 14, 37-40, 44, 214, 234, 469, 471 Distanzsprache 22, 24, 51, 52, 63-65, 67, 126, 228, 229, 232, 242, 428, 460, 461, 470 <?page no="552"?> 540 Register Du Bellay, Joachim 20, 36, 69, 77, 80, 88, 205, 438, 463 Edition 11, 12, 25, 120, 127, 131, 193, 215, 216, 220-227, 231, 235-237, 248, 256, 258, 260, 349, 377, 400, 402, 421, 474 Eleganz 49, 53, 55, 64, 84, 107, 467 Ellipse 154, 155, 183, 274, 290, 298, 381, 391, 408, 452, 456 Empfängersprache 27-29, 37, 39, 49, 68 Englisch 45, 57, 60, 208, 213 Entlehnung 9, 25, 27, 59, 78, 204, 281, 478 Erasmus von Rotterdam 35, 53, 93, 98, 99, 117, 189, 190, 219, 233, 251 Essais 9, 17, 21, 87, 234, 235, 240-242, 431, 461, 470, 483 esse 72, 141, 151-153, 157, 177, 180, 198, 271, 277, 280, 281, 307, 314, 333, 340, 352, 354, 362, 368, 385, 386, 449, 451 estre 6, 37, 72, 81, 128, 130, 161, 172-174, 177, 198, 218, 276-278, 280, 281, 283, 289, 291, 293, 300, 315, 316, 319, 325, 334, 340, 354, 356, 358, 366, 369, 378-380, 382, 386, 387, 393, 394, 416, 418, 420, 423, 446, 449, 482 Evidentialität 158, 167-169, 171, 322, 413, 456, 484 Farel, Guillaume 91, 95, 101, 103, 106, 109, 121, 231, 468 Frankoprovenzalisch 61, 103, 104, 106, 108, 109, 111, 114 Frankreich 5, 37, 53, 84, 104, 109, 113, 121, 126, 188, 190, 218, 467, 468 Frühe Neuzeit 4, 5, 16, 51, 56, 134, 197, 208, 209, 212, 213, 461 Futur 156, 180, 181, 246 Gap 103 Genf 4, 5, 23, 40, 52, 91, 92, 99, 101-103, 105, 106, 108-111, 113, 114, 121, 122, 126, 130, 217, 220, 223, 226, 233, 236, 258, 464, 468, 469 Grammatik 13, 14, 19, 22, 23, 28, 47, 55, 58, 66, 93, 107, 119, 133, 136, 155, 165, 173, 189, 234, 245, 274, 389, 474 Grenoble 101 Hilfsverb 169, 176, 180, 211, 386 Humanismus 1, 3, 8, 19, 21, 35, 45, 49, 58, 65, 67, 70, 82, 83, 94, 117, 188-190, 197, 200, 204-206, 212, 214, 249, 255, 265, 405, 467, 471, 472, 485 Idiomatizität 75, 76, 87, 88, 244 Infinitiv 2, 4, 10, 17, 18, 66, 70, 138-141, 143, 146, 147, 150-157, 159-161, 164, 168, 170-177, 180-183, 203, 207, 209, 211, 213, 214, 236, 239, 241, 249, 251, 276, 280, 298-301, 304, 307, 317, 321, 328, 338, 342, 353, 360, 362, 366, 368, 374, 380-385, 387, 391, 392, 395, 409-411, 414, 423, 424, 449, 458, 471, 472 Infinitivergänzung 164, 251, 455 Informationsstruktur 350-352, 399, 442, 456 Interferenz 25, 26, 32, 33, 73, 112 Italien 37, 49, 52, 84, 102, 122 Italienisch 39, 71, 84, 212, 472 Jahrhundert - 05. Jh. 186 - 06. Jh. 186, 251 - 07. Jh. 49 - 09. Jh. 59 - 11. Jh. 49 - 12. Jh. 49, 58, 59, 272 - 13. Jh. 14, 58, 187, 209 - 14. Jh. 23, 24, 59, 82, 179, 197, 199, 200, 203, 204, 209, 264, 265, 268, 405, 442 - 15. Jh. 49, 83, 104, 190, 200, 201, 209, 448, 467 - 16. Jh. 1-3, 5-8, 12, 14, 16-22, 24, 30, 32, 34, 38, 42, 44-46, 49-51, 53-56, 59, 62, 64, 69, 70, 74-77, 80-83, 85-87, 89, 90, 102, 104-106, 111-114, 116, 122, 124, 126, 133, 137, 159-161, 165, 168, 171, 173-179, 182, 190, 191, <?page no="553"?> Register 541 194, 196, 197, 200, 203-208, 214, 215, 220, 223, 224, 226, 228, 239, 244, 245, 247, 264, 271, 275, 281, 287, 299, 300, 323, 326, 334, 341, 370, 390, 402, 405, 421, 435, 436, 457, 460-462, 467, 470, 471, 473-477, 479, 482, 485 - 17. Jh. 3, 23, 80, 110, 170, 175, 189, 196, 200, 223, 288, 310, 440, 443, 444, 457, 473, 482 - 18. Jh. 213 - 19. Jh. 2, 11, 12, 57, 120, 122, 191, 194, 195, 222, 225, 310, 473, 475 - 20. Jh. 57, 191, 204, 225, 226 - 21. Jh. 26 Junktion 445, 450 Juste, François 297, 306, 315, 323, 368, 391, 393, 421, 449 Karte 90, 102 Katechismus 23, 38, 115, 124, 129, 216, 220, 468 Kausativ 194 Koch, Peter 38-40 Kompaktheit 70, 144, 154, 156, 157, 446, 451, 452, 454-456, 468 Komplementsatz 18, 31, 70, 72, 80, 140, 142, 144, 146, 150, 154, 163-167, 169, 185, 190, 254, 274, 277, 278, 284, 321, 324, 352, 355, 359, 369, 373, 395, 401, 454, 465, 470, 471, 483 Kopula 151, 157, 168, 177, 180, 183, 184, 203, 207, 213, 214, 246, 278, 282, 291, 321, 325, 328, 342, 353, 374, 376, 385, 389, 391, 392, 410-412, 417, 425, 428-430, 441-443, 448, 449, 451, 454, 456, 459, 467, 472, 475, 481, 482, 485 Koreferentialität 152-154, 175-177, 410, 434, 472 Korpus 17, 47, 162, 192, 211, 214, 223-225, 235, 252, 270, 273, 279, 282, 284, 287, 288, 312-315, 320, 324, 348, 350, 352, 353, 364, 371, 377, 385, 418, 426, 436, 438-443, 447, 464, 470 Latein - Altlatein 46, 139, 304 - Humanistisches Latein 1, 55, 56, 64, 190, 248, 438 - Klassisches Latein 1-3, 10, 20, 21, 32, 41, 46, 49-51, 54, 63-65, 85, 133, 135, 136, 139, 146, 147, 150, 152, 155, 156, 169, 173, 175, 184-186, 189, 192, 194, 205, 206, 212, 248, 249, 251, 260, 267, 268, 273, 282, 283, 285-287, 290, 291, 294, 295, 299, 304, 308-310, 313, 324, 326, 331-334, 336, 337, 339, 399, 403-405, 425, 430, 436, 438, 440, 448, 449, 460, 461, 464, 466, 467, 469, 477, 479, 481-484 - Mittellatein 61, 155, 183, 441 - Neulatein 46, 50, 53, 55, 85 - Spätlatein 2, 15, 46, 47, 74, 135, 144, 154, 185, 194, 477, 484 - Vulgärlatein 46, 61, 63-65, 180, 185, 190, 194, 196, 204, 479 Latinisierung 9, 14, 19, 74, 89, 112, 119, 178, 210, 239, 246, 349, 389, 414, 461, 467, 469, 478, 479 - Relatinisierung 9, 13, 14, 45, 51, 56-58, 60, 62, 64, 65, 479 Latinismus 1-4, 15, 19, 25, 56, 61, 62, 64, 67, 68, 71-73, 121, 133, 154, 209, 210, 241, 281, 284, 297, 298, 302, 305, 306, 308, 309, 322, 327, 367, 373, 389, 390, 392, 395, 399, 404-406, 414, 443, 461, 462, 466, 470, 471, 477, 478, 484 - Autolatinismus 74, 205, 252, 253, 255, 279, 301, 309, 315, 316, 321, 323, 343, 345, 347, 369, 371, 380, 383-386, 396-398, 400, 402, 403, 406-408, 410-412, 414, 419, 433, 442, 443, 445, 456, 480 - Heterolatinismus 72 - Hyperlatinismus 73 Lausanne 91, 92, 101 Le Quart Livre 9, 234, 240, 422, 425, 429, 430, 433, 461, 482 lequel 86, 181, 218, 271, 278, 280, 293, 299, 362, 372, 375, 444-446, 467, 480 <?page no="554"?> 542 Register Leserschaft 9, 16, 82, 112, 113, 115, 129, 132, 228, 284, 364, 464, 466, 469, 483, 484 Lettres 9, 36, 107, 172, 226, 231, 240, 420 Lexik 12, 14, 22, 36, 56-58, 120, 209, 275, 456, 458 Lyon 87, 101, 110, 166, 172 Matrixsatz 3, 382, 440, 445, 450, 481 Medium 51, 228 Meigret, Louis 23, 101 Melanchthon, Philipp 35, 217 Merowinger 47 Mittelalter 16, 20, 22, 49, 51, 56, 61, 66, 75, 80, 82, 83, 86, 90, 103, 186, 197, 199, 200, 295, 444, 471 Mittelfranzösisch 1, 3, 8, 9, 82, 172-174, 178, 179, 181-183, 191, 194, 196, 200, 202-204, 206, 207, 210, 242, 263, 265, 267, 270, 287, 288, 299, 300, 308, 310, 315, 326, 336, 338, 383, 389, 391, 394, 399, 404, 438, 444, 448, 456, 472, 477 Montaigne, Michel de 6, 9, 15, 17, 21, 70, 85, 87, 97, 99, 176, 178, 205, 208, 216, 227, 232, 234, 235, 240, 241, 247, 283, 415, 424, 426, 427, 430-438, 445, 449, 459, 460, 463, 467, 470, 471, 478-483 Morphosyntax 28, 145-147, 317, 339-341 Mündlichkeit 47, 70, 125, 228, 229, 476 NcI 134, 139, 159, 243, 244, 246, 248, 252-255, 266, 267, 278, 283, 392-395, 413, 414, 422, 433, 434, 480 Negation 246, 374, 383, 384, 394, 396, 411 Neuchâtel 91, 101, 104-106, 109, 113 Nominalisierung 70, 151, 157, 160, 203, 211, 450, 451, 455, 460, 467, 472 Norm 16, 19, 26, 31, 33, 36, 41-45, 47, 50, 64, 75, 77, 80, 98, 106, 187, 457-460, 463, 464, 467 Norton, Thomas 5 Nourry, Claude 421 Noyon 4, 90, 91, 93, 94 Nähe-Distanz-Bereich 63, 227-229, 461 Nähesprache 47, 52, 63-65, 77, 101, 104, 105, 109, 212, 228-230, 232, 233, 373, 475, 479 Objekt 4, 138, 140-142, 147, 156, 161, 168, 170, 171, 173, 175, 184, 270, 295, 298, 323, 343, 347, 351, 353, 359, 360, 365, 373, 382, 391, 399, 406, 436, 446, 451, 455 Objektklitikon 360, 370, 399, 407-410, 426, 428, 442-444 Objektpronomen 174-176, 279, 338, 345, 348, 360, 361, 367, 409, 474, 475 Objektsatz 3, 16, 18, 70, 78, 174, 212, 229, 349, 351, 354, 368, 391, 394, 399, 412, 420, 427, 440, 446, 449, 450, 454-456, 459, 463, 480, 481 Obliquus 174, 193, 360 Okzitanisch 30, 61, 103, 202, 203, 208, 212 Oresme, Nicolas 24, 50, 59, 80, 82, 83, 197, 203 Orléans 5, 52, 94-96, 101, 106 Ovid, Publius 269 Palsgrave, John 23, 195 Pantagruel 9, 17, 233, 421-423, 426, 461, 470 Paralleltext 10, 76, 237-239, 478 Paris 5, 52, 91, 95, 96, 101, 106, 110, 195, 223, 226, 469 parole 26, 31, 42, 43, 419, 474 Partizip 14, 56, 69, 70, 74, 151, 157, 159, 180-182, 196, 202, 246, 270, 282, 329, 339, 340, 342, 352, 361, 376, 379, 381, 393, 411, 412, 425, 426, 435, 448, 481 - Partizipialkonstruktion 2, 15, 39, 56, 68-70, 172, 202, 244, 249, 316, 471 Paschali, Giulio Cesare 5 Passiv 71, 150, 153, 154, 157, 159, 182, 207, 246, 283, 299, 307, 317, 318, 321, 342, 382, 383, 410, 411, 442 Perfekt 150, 159, 180-182, 246, 249, 270, 325, 342, 376, 377, 380, 381, 383, 393, 411, 416, 450 <?page no="555"?> Register 543 Pikardie 4, 109, 113 Portugiesisch 15, 81 Predigt 4, 7, 104, 106, 107, 110, 128, 229-232, 240, 418, 437, 443, 461, 466, 470, 473 Prestige 7, 19, 30, 31, 36, 43, 45, 55, 63, 65, 70, 75-77, 109, 123, 126, 189, 228, 248, 298, 413, 414, 460, 463, 466, 469, 476, 479, 480, 485 Pronomen 153, 155, 172, 174, 176, 177, 221, 241, 271, 276, 282, 301, 330, 354, 358, 360-362, 366, 367, 370-372, 399, 406, 407, 410, 419, 444, 445, 476, 480 proposition infinitive 3, 56, 61, 68, 120, 195, 196 Prädikat 2, 4, 66, 134, 138, 146, 149, 156, 160, 183, 272, 275, 278, 284-286, 294, 295, 297-299, 301, 303-307, 317, 323, 325, 326, 330-333, 335, 338, 348, 353, 368, 369, 389, 418, 421, 427, 434, 451, 452, 454, 482 Prädikation 150, 151, 157, 160, 161, 170, 184, 211, 449, 452, 454 Prädikativum 153, 356, 360, 365, 377, 397, 409 Präsens 70, 74, 150, 156, 180, 182, 211, 246, 249, 304, 339, 340, 352, 375-377, 380, 383, 395, 411, 412, 450 que 3, 6, 36-38, 40, 54, 56, 77, 81, 85, 86, 88, 92, 94, 107-110, 122, 124, 128, 130, 164, 166, 170, 172, 173, 176, 189, 195, 199, 201, 205, 211, 218, 226, 229, 233, 235, 256, 257, 270, 271, 273, 279-281, 284, 289-293, 298, 299, 303, 304, 306-309, 313, 314, 316, 319-329, 334, 338, 352, 354, 355, 357-362, 364, 365, 367, 369, 372-374, 379-381, 386, 388, 393-395, 398, 415-428, 446, 480, 481, 484 Quellsprache 14, 29-32, 37, 39, 46, 57, 67, 72, 73, 76, 82, 84, 85, 114, 160, 205, 381 quia 6, 119, 199, 273, 289, 306, 307, 314, 315, 362, 368, 372, 373, 393, 395 Quintilian(us), Marcus Fabius 34, 99, 190 quod 2, 3, 16, 31, 55, 60, 114, 127, 169, 198, 199, 270, 272, 277, 278, 284, 289, 290, 292, 297-299, 306, 326, 334, 354, 360, 366, 379-381, 388, 394, 438, 470 Rabelais, François 6, 7, 9, 13, 15, 17, 21, 93, 95, 113, 119, 126, 173, 174, 195, 205-208, 216, 227, 232-235, 240, 241, 247, 288, 290, 415, 421-424, 430-439, 448, 459-461, 463, 467, 470, 471, 478-482 Rectus 174, 193 Reflexivpronomen 153, 175-177, 245, 300, 301, 330, 345, 347, 362-368, 392, 406-408, 415, 424, 434, 443, 475, 480, 481 Reformator 1, 4, 5, 76, 87, 89, 95, 111, 117, 121, 127, 230, 437 regierendes Verb 187, 272, 333 Register 16, 19, 25, 31, 40, 43, 78, 129, 481 Relativpronomen 178-180, 183, 205, 209, 245, 251, 252, 275, 299, 301, 316, 341, 353, 355, 357-359, 381, 399, 400, 415, 418, 426, 430, 445, 446, 459 Renaissance 1, 3, 8, 13, 14, 20, 24, 35, 49, 67, 77, 99, 187, 188, 197, 204, 206, 207, 209, 211, 228 Rhetorik 34, 97 Rumänisch 15, 57, 212 Schlüsselmerkmal 29, 30, 33, 307, 309 Schriftsprache 32, 44, 47, 52, 57, 84, 86, 128, 170, 204, 209, 405, 466, 467 Schweiz 5, 102, 105, 106 Sekretär 125, 222, 231 Selbstübersetzung 1, 5, 7, 16, 19, 30, 71, 74, 79-82, 85, 89, 113, 117, 124, 207, 215, 220, 248, 351, 462, 464, 471, 477, 483 Semantic Integration Scale 150, 155, 157, 439 Semantik 56, 143-146, 148, 174, 289, 322, 437 <?page no="556"?> 544 Register Seneca, Lucius Annaeus 20, 46, 49, 84, 85, 96-100, 113, 158, 218, 285, 350, 366, 463 Sermons 109, 229, 231, 418, 419 Spanisch 14, 15, 39, 60, 168, 175, 212 Sprachentwicklung 13, 20, 22, 46, 49, 62, 64, 67, 112, 117, 190, 194, 215, 243, 378, 450, 466 Sprachkontakt 19, 29, 32, 33, 84, 457 Sprachwandel 1, 19, 24, 26 Stil 12, 16, 19, 23, 30, 33-43, 53-55, 100, 113, 115, 119, 123, 124, 128-130, 137, 188, 189, 214, 218, 219, 233, 249, 330, 334, 431, 463, 464, 468, 481, 484 Stilistik 15, 34, 36, 38 Straßburg 59, 65, 98, 101, 121, 122, 127, 130, 223, 225 Subjekt 4, 10, 17, 18, 140, 141, 147, 150, 152, 160, 161, 170, 171, 178, 241, 248, 272, 297, 303, 317, 333, 341, 342, 351-353, 361, 365, 366, 385, 398, 399, 401, 408, 446, 458 Subjektsakkusativ 138, 155, 175, 211, 213, 239, 245, 250, 342 Subkorpora 17, 216, 242, 375-377, 400, 410 Subordination 2, 69, 133, 139, 145, 146, 185, 251, 260, 351, 400, 439, 480 syntactic integration 149 Tacitus, Publius Cornelius 49, 97, 337 Tempus 92, 180, 325, 339, 410, 450 Textproduktion 16, 20, 44, 47, 49, 59, 66, 81, 219, 465 Tiers Livre 288, 430 Traktat 7, 23, 38, 122, 218, 231, 232, 240, 415-417, 431, 433, 434 Transfer 7, 24-28, 32, 33, 49, 50, 62, 73, 74, 117, 126, 133, 137, 160, 184, 198, 204, 205, 209, 210, 221, 244, 247, 248, 281, 302, 309, 351, 372, 381, 402, 406, 409, 412-414, 435, 436, 457, 459, 460, 462, 463, 467, 471, 477, 479 ut 92, 114, 119, 127, 186, 278, 279, 284, 289, 308, 314, 320, 322, 329, 334, 335, 339, 340, 342, 358, 362, 367, 380, 382, 383, 385, 386, 388, 395 Valera, Cipriano de 5 Valla, Lorenzo 3, 49, 98, 99, 188-190, 249, 463 Varietäten 39, 47, 59, 61, 76, 101-104, 109, 110, 185, 196, 458 Vernakularsprache 5, 70, 82, 83, 92, 93, 100, 184, 209, 217, 252, 463, 465, 467, 471, 477 Vollverb 157, 169, 183, 192, 203, 246, 321, 323, 328, 375, 376, 386, 387, 393, 394, 410-412, 416, 417, 422, 425, 442, 448, 449, 454, 481 Wortschatz 13, 57, 60, 221 Wortstellung 32, 101, 173, 211, 213, 214, 232, 297, 301, 302, 350-353, 356, 399, 407 Wörterbuch 23, 58, 110, 120, 163, 183, 238, 266, 274, 292 Zielsprache 1, 24-26, 29-32, 46, 55, 57, 61, 64, 67, 68, 72, 73, 75, 78, 80, 86, 114, 123, 124, 127, 160, 198, 205, 298, 302, 307, 309, 387, 399, 404, 414, 435, 457-460, 463, 471, 476, 479 <?page no="557"?> Orbis Romanicus Studia philologica Monacensia Edunt Andreas Dufter et Bernhard Teuber Bisher sind erschienen: Band 1 David Klein Medienphantastik Phantastische Literatur im Zeichen medialer Selbstreflexion bei Jorge Luis Borges und Julio Cortázar 2015, IV, 209 Seiten €[D] 58,- ISBN 978-3-8233-6986-8 Band 2 Benjamin Meisnitzer Das Präsens als Erzähltempus im Roman Eine gedruckte Antwort auf den Film 2016, 306 Seiten €[D] 68,- ISBN 978-3-8233-8001-6 Band 3 Elisabeth Kruse La recepción creadora de la tradición mística en la lírica de Dámaso Alonso ¿Un poeta metafísico moderno? 2016, 277 Seiten €[D] 58,- ISBN 978-3-8233-6995-0 Band 4 Anna Marcos Nickol El teatro de la guerra Raum, Krieg und Theater bei Juan Benet 2016, 300 Seiten €[D] 69,- ISBN 978-3-8233-8050-4 Band 5 Kurt Hahn Mentaler Gallizismus und transkulturelles Erzählen Fallstudien zu einer französischen Genealogie der hispanoamerikanischen Narrativik im 19. Jahrhundert 2017, 414 Seiten €[D] 78,- ISBN 978-3-8233-8052-8 Band 6 Martina Bengert Nachtdenken Maurice Blanchots „Thomas l’Obscur“ 2017, 340 Seiten €[D] 68,- ISBN 978-3-8233-8045-0 Band 7 Johanna Vocht/ David Klein / Gerhard Poppenberg (Hrsg.) (Des)escribir la Modernidad - Die Moderne (z)erschreiben: Neue Blicke auf Juan Carlos Onetti 2019, 233 Seiten €[D] 68,- ISBN 978-3-8233-8101-3 Band 8 Thomas Scharinger Mehrsprachigkeit im Frankreich der Frühen Neuzeit Zur Präsenz des Italienischen, seinem Einfluss auf das Französische und zur Diskussion um das françois italianizé 2018, 719 Seiten €[D] 138,- ISBN 978-3-8233-8160-0 Band 9 Laura Linzmeier Kontaktinduzierter Lautwandel, Sprachabbau und phonologische Marker im Sassaresischen 2018, 625 Seiten €[D] 108,- ISBN 978-3-8233-8141-9 Band 10 Martina Bengert/ Iris Roebling-Grau (Hrsg.) Santa Teresa Critical Insights, Filiations, Responses 2019, 360 Seiten €[D] 68,- ISBN 978-3-8233-8246-1 <?page no="558"?> Band 11 Jörg Dünne/ Kurt Hahn/ Lars Schneider (Hrsg.) Lectiones difficiliores - Vom Ethos der Lektüre 2019, 664 Seiten €[D] 88,- ISBN 978-3-8233-8258-4 Band 12 Christoph Hülsmann Initiale Topiks und Foki im gesprochenen Französisch, Spanisch und Italienisch 2019, 329 Seiten €[D] 68,- ISBN 978-3-8233-8301-7 Band 13 Mattia Zangari Tre storie di santità femminile tra parole e immagini Agiografie, memoriali e fabulae depictae fra Due e Trecento 2019, 150 Seiten €[D] 58,- ISBN 978-3-8233-8360-4 Band 14 Manfred Bös Transzendierende Immanenz Die Ontologie der Kunst und das Konzept des Logos poietikos bei dem spanischen Dichter Antonio Gamoneda 2020, 395 Seiten €[D] 88,- ISBN 978-3-8233-8340-6 Band 15 Johanna Vocht Onettis Santa María(s): Machträumliche Spannungsfelder zwischen biologischer Reproduktion und künstlerischer Produktion 2022, 281 Seiten €[D] 68,- ISBN 978-3-8233-8425-0 Band 16 Aurelia Merlan (ed.) Romanian in Migration Contexts 2024, 337 Seiten €[D] 78,- ISBN 978-3-8233-8467-0 Band 17 Felix Bokelmann Varianzphänomene der Standardaussprache in Argentinien Indizien aus Sprachproduktion und -perzeption 2021, 392 Seiten €[D] 78,- ISBN 978-3-8233-8490-8 Band 18 Denis Heuring Verdrängen und Erinnern im Theater Bürgerkrieg und Diktatur im spanischen Drama nach 1975 2023, 445 Seiten €[D] 92,- ISBN 978-3-8233-8507-3 Band 19 Veit Lindner Wege, Lichtung, Horizont: Konstellationen des ‚Essayistischen‘ in María Zambranos Claros del bosque und Octavio Paz’ El mono gramático 2021, 314 Seiten €[D] 68,- ISBN 978-3-8233-8529-5 Band 20 Sebastià Moranta Mas Discursos lingüísticos e identitarios en Mallorca y en la República de Moldavia Una investigación contrastiva de los conflictos entre catalán y español en Mallorca y entre rumano y ruso en Moldavia desde el enfoque del análisis crítico del discurso, la teoría sociolingüística y los estudios culturales (noch nicht erschienen) ca. 320 Seiten €[D] 78,- ISBN 978-3-8233-8536-3 Band 21 Anke Grutschus Stimmenvielfalt im Monolog Formale und funktionale Aspekte von Redewiedergabe in spanischsprachigen Stand-up-Acts, Predigten und wissenschaftlichen Vorträgen 2022, 453 Seiten €[D] 88,- ISBN 978-3-8233-8557-8 <?page no="559"?> Band 22 Daniel Graziadei / Florencia Sannders (Hrsg.) Macedonio Fernández: Nicht jedes Wachen ist das mit den offenen Augen Eine Übersetzung aus dem argentinischen Spanisch mit philologischer und philosophischer Einführung 2022, 197 Seiten €[D] 58,- ISBN 978-3-8233-8555-4 Band 23 Martha Guzmán Morirse, salirse, comerse y otros pseudorreflexivos sin motivación argumental De su presente e historia en español y francés 2025, 333 Seiten €[D] 88,- ISBN 978-3-8233-8574-5 Band 24 Anna Waldschütz Zwischen Eros und Agape Das paulinisch-augustinische Liebeskonzept beim Arcipreste de Hita 2023, 248 Seiten €[D] 68,- ISBN 978-3-8233-8606-3 Band 25 Mattia Zangari Pazze di Lui - Pazze di Lui - Mad for Him: Hagiographic Stereotypes, Mental Disturbances and Anthropological Implications of Female Saintliness in Italy and Abroad from the 13 th to the 20 th Century 2024, 231 Seiten €[D] 68,- ISBN 978-3-381-11111-4 Band 26 Sebastian Ortner Latinisierende Syntax im Französischen des 16. Jahrhunderts Der Accusativus cum Infinitivo in Jean Calvins Institution de la religion chrestienne und zeitgenössischen Texten 2025, 556 Seiten €[D] 109,- ISBN 978-3-381-10771-1 <?page no="560"?> ISBN 978-3-381-10771-1 Kaum eine Konstruktion steht so emblematisch für die klassisch-lateinische Syntax wie der Accusativus cum Infinitivo (AcI). Sebastian Ortner untersucht anhand eines digitalen Korpus lateinisch-französischer Paralleltexte, wie dieser gelehrte Latinismus die Entwicklung der französischen Schriftsprache im 16. Jahrhundert, im Zeitalter des Humanismus und der Reformation, prägt. Im Zentrum steht Jean Calvins mehrfach überarbeitetes Hauptwerk, die lateinisch-französische Selbstübersetzung Institution de la religion chrestienne (1539/ 1541-1559/ 1560). In einer formalen, funktionalen und soziohistorischen Perspektive erweitert die Monographie unser Verständnis syntaktischer Latinismen. Die Analyse zeigt, wie Calvin und seine Zeitgenossen Rabelais und Montaigne den AcI präzise adaptierten und damit über eine bloße Imitation der prestigeträchtigen Kultursprache hinausgingen.
