Deutsche Grammatik instruktiv
Eine philosophisch-anthropologische Einführung
0202
2026
978-3-381-10802-2
978-3-381-10801-5
Gunter Narr Verlag
Simon Kasper
10.24053/9783381108022
Diese Einführung bietet Studierenden und Forschenden der Sprachwissenschaft einen innovativen Zugang zum Denken über Grammatik: Diese muss nicht als abgeschlossenes und von anderen menschlichen Erfahrungsbereichen isoliertes System präsentiert werden, in dem Elemente bestimmten Klassen zugeordnet werden, im Satzzusammenhang bestimmte Funktionen einnehmen und nur nach bestimmten Regeln verknüpft werden können. Der alternative Zugang der Instruktionsgrammatik ist neuartig und programmatisch disziplinenübergreifend: Er begreift sprachliche Äußerungen als geordnete Anleitungen (Instruktionen) zum simulativen Nach-Vollzug von Erlebnissen und von sozialen Zuschreibungen. Von diesem Grundgedanken ausgehend entwickelt die Einführung Schritt für Schritt die Leistung der Grammatik als ordnenden Steuerungsmechanismus für den Erlebnisnachvollzug und das Handeln. Sie bedient sich dabei zahlreicher lebensnaher Beispiele und bietet abschnittsweise Übungsaufgaben, Zusatzinformationen und Anregungen zum Weiterdenken.
9783381108022/9783381108022.pdf
<?page no="0"?> ISBN 978-3-381-10801-5 Diese Einführung bietet Studierenden und Forschenden der Sprachwissenschaft einen innovativen Zugang zum Denken über Grammatik: Diese muss nicht als abgeschlossenes und von anderen menschlichen Erfahrungsbereichen isoliertes System präsentiert werden, in dem Elemente bestimmten Klassen zugeordnet werden, im Satzzusammenhang bestimmte Funktionen einnehmen und nur nach bestimmten Regeln verknüpft werden können. Der alternative Zugang der Instruktionsgrammatik ist neuartig und programmatisch disziplinenübergreifend: Er begreift sprachliche Äußerungen als geordnete Anleitungen (Instruktionen) zum simulativen Nach-Vollzug von Erlebnissen und von sozialen Zuschreibungen. Von diesem Grundgedanken ausgehend entwickelt die Einführung Schritt für Schritt die Leistung der Grammatik als ordnenden Steuerungsmechanismus für den Erlebnisnachvollzug und das Handeln. Sie bedient sich dabei zahlreicher lebensnaher Beispiele und bietet abschnittsweise Übungsaufgaben, Zusatzinformationen und Anregungen zum Weiterdenken. Kasper Deutsche Grammatik instruktiv Deutsche Grammatik instruktiv Eine philosophisch-anthropologische Einführung Simon Kasper <?page no="1"?> Deutsche Grammatik instruktiv <?page no="3"?> Simon Kasper Deutsche Grammatik instruktiv Eine philosophisch-anthropologische Einführung <?page no="4"?> DOI: https: / / doi.org/ 10.24053/ 9783381108022 © 2026 · Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Alle Informationen in diesem Buch wurden mit großer Sorgfalt erstellt. Fehler können dennoch nicht völlig ausgeschlossen werden. Weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen übernehmen deshalb eine Gewährleistung für die Korrektheit des Inhaltes und haften nicht für fehlerhafte Angaben und deren Folgen. Diese Publikation enthält gegebenenfalls Links zu externen Inhalten Dritter, auf die weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen Einfluss haben. Für die Inhalte der verlinkten Seiten sind stets die jeweiligen Anbieter oder Betreibenden der Seiten verantwortlich. Internet: www.narr.de eMail: info@narr.de Druck: Elanders Waiblingen GmbH ISSN 0941-8105 ISBN 978-3-381-10801-5 (Print) ISBN 978-3-381-10802-2 (ePDF) ISBN 978-3-381-10803-9 (ePub) Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http: / / dnb.dnb.de abrufbar. <?page no="5"?> Univ.-Prof. Dr. Simon Kasper lehrt Germanistische Sprach‐ wissenschaft an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. <?page no="7"?> 11 1 13 1.1 13 1.2 13 1.3 15 1.4 18 1.5 22 1.6 24 1.7 25 1.8 27 29 2 31 2.1 31 2.2 34 2.3 36 2.4 39 2.5 42 2.6 43 2.7 46 2.8 49 2.9 54 2.10 55 56 3 59 3.1 59 3.2 63 3.3 65 3.4 70 Inhalt Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Nicht, was Sie denken: ein lebenslinguistischer Zugang zur Grammatik . . . Was Sie von dieser Einführung nicht erwarten sollten . . . . . . . . . . . . . Relevante Grammatik - eine lebenslinguistische Maxime . . . . . . . . . . Grammatik erklären? Wissen, wie wir sprachlich etwas hinkriegen . Grammatik erklären? Wissen, warum wir sprachlich etwas hinkriegen Menschliche Selbstaufklärung durch Grammatikforschung? . . . . . . . Was erklären heißen kann: Erklärungsformen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Leitidee und wichtige Ziele der „instruktiven“ Deutschen Grammatik Kommentierte Literaturhinweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Hinweise zu den Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Mehr, als man sieht: die verborgene Ordnung beim Wahrnehmen und Vorstellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Worauf wir beim Wahrnehmen achten: Salienz und Pertinenz . . . . . . Was ein Eye Tracker zeigt: Salienz und Pertinenz in Aktion . . . . . . . . Warum Angucken zum Erkennen oft reicht: Schichten der Erfahrung Was nichts, Teil, Ganzes, Vieles ist: Prinzipien der Objektwahrnehmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Ordnung beschreiben: Figur-Hintergrund--Konfigurationen . . . Wie denn nun? Figur-Hintergrund-Gliederung in Aktion . . . . . . . . . Wir tun nur so: der simulative Nach-Vollzug von Erlebnissen . . . . . . Figur-Hintergrund-Gliederung in Aktion: Vertiefung . . . . . . . . . . . . . Ging es in dem Buch nicht um Grammatik? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kommentierte Literaturhinweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Hinweise zu den Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ich sehe was, was du nicht siehst: Experimentieren mit geordneten Anleitungen zum simulierten Erleben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Experiment 1: Versprachlichung eines Wahrnehmungselements . . . . Experiment 2: Versprachlichung zweier Wahrnehmungselemente . . . Experiment 3: Versprachlichung dreier Wahrnehmungselemente . . . Experiment 4: Versprachlichung vierer Wahrnehmungselemente . . . <?page no="8"?> 3.5 75 3.6 75 3.7 78 78 4 79 4.1 79 4.2 84 4.3 87 4.4 92 4.5 95 4.6 97 5 99 5.1 100 5.2 103 5.3 106 5.4 109 5.5 112 5.6 114 5.7 115 5.8 117 5.9 118 5.10 120 120 6 123 6.1 124 6.2 128 6.3 131 6.4 134 6.5 137 6.6 139 6.7 142 6.8 144 146 Zwischenbetrachtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die sprachbezogenen Schichten der Erfahrung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kommentierte Literaturhinweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Hinweise zu den Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wortgruppen-Tetris: erste Ordnungsversuche mit Satzfeldern . . . . . . . . . . . Figur-Hintergrund-Gliederung und Satzfelder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Beziehungen im Satz: Figur-Hintergrund-Gliederung und Dependenz Und im Nebensatz? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einbezug von Pronomen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Eine Bemerkung zu Metaphern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kommentierte Literaturhinweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Beziehungsprobleme? Symbolische Auslagerung und wie wir sie bändigen Aus einem wird vieles: die Geburt der Dependenz durch symbolische Auslagerung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die instruktive Funktion „Vorstellen von etwas“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die instruktive Funktion „Vorstellen auf eine Art und Weise“ . . . . . . . Völker, hört die Signale: die instruktiven Mittel als „Wissen, wie …“ . Die instruktive Funktion „Kohärenz herstellen“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die instruktive Funktion „Erden“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die instruktive Funktion „Verwerten“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die instruktiven Funktionen im Überblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die instruktiven Funktionen und Signale im großen Zusammenhang Kommentierte Literaturhinweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Hinweise zu den Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Manche Äußerungen sind gleicher als andere: Äußerungen als diagrammatische Ikone . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Tur stalische Firpen: die Arbitrarität sprachlicher Einzelzeichen . . . . Die fromden Rathen nasen: relative Motiviertheit durch Systematizität Er kam, sah und quiekte: relative Motiviertheit durch diagrammatische Ikonizität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . First things first: doppelte diagrammatische Ikonizität . . . . . . . . . . . . . First things last: einfache diagrammatische Ikonizität . . . . . . . . . . . . . . Auf dem Holzweg und wieder zurück: diagrammatische Ikonizität und Verstehen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sequenziell doppelt diagrammatisch ikonische Äußerungen sind gleicher als andere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kommentierte Literaturhinweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Hinweise zu den Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 Inhalt <?page no="9"?> 7 147 7.1 148 7.2 150 7.3 157 7.4 160 7.5 163 7.6 166 7.7 168 7.8 171 7.9 174 8 177 8.1 178 8.2 181 8.3 187 8.4 187 8.5 188 8.6 189 8.7 190 8.8 192 8.9 193 8.10 194 8.11 195 8.12 196 8.13 197 8.14 198 8.15 199 8.16 203 8.17 203 9 205 9.1 206 Mal verliert man, mal gewinnen die anderen: Perspektivinstruktionen . . . . Keine Gottesperspektive: die inhärente Standpunktgebundenheit der Wahrnehmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Geben ist seliger denn Nehmen? Kippende Verben und Standortgebundenheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Nichts für Phlegmatiker: Wer Subjekt werden will, muss Initiative zeigen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Nichts für Introvertierte: Wer Subjekt werden will, muss in den Vordergrund . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Nichts für Fremde/ s: Wer Subjekt werden will, muss so sein wie ich . Und wenn es kein kippendes Verb gibt? Diathese als kippende Sätze Fliehen oder gejagt werden? Kippende Verben und Diathesen in Konkurrenz I . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Fehler wurden gemacht. Kippende Verben und Diathesen in Konkurrenz II . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kommentierte Literaturhinweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wie du mir, so ich dir: Kasusmuster und simulierte Wahrnehmungen . . . . . Der Kasus knaxus: was Kasus für die Instruktion bringt . . . . . . . . . . . Nur Kasus und kein Inhalt: Kasusmuster und Sachverhaltsmuster . . SG Nom -V-SG Akk -SG Präp : Das Runde muss ins Eckige . . . . . . . . . . . . . . . SG Nom -V-SG Akk -SG Präp : Das Eckige bekommt was Rundes . . . . . . . . . SG Nom -V-SG Dat -SG Akk : Gegenläufiges . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . SG Nom -V-SG Dat -SG Akk : zu deinem Besten! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . SG Nom -V-SG Dat -SG Akk : waschen, schneiden, föhnen . . . . . . . . . . . . . . SG Nom -V-SG Präp : Wenn was wo schwirrt, schwirrt’s wo von was . . . . SG Nom -V-SG Akk : alles Mögliche und umgekehrt . . . . . . . . . . . . . . . . . . SG Nom -V-SG Dat : wie Akkusative, aber entgegenkommend . . . . . . . . . SG Nom -V-SG Dat : wie Akkusative, aber kooperativ . . . . . . . . . . . . . . . . . SG Nom -V-SG Dat : wie Akkusative, aber mit Interesse . . . . . . . . . . . . . . . SG Nom -V-SG Dat : wie Akkusative, aber zu jemandem gehörig . . . . . . . SG Nom -V: alles Mögliche und andersrum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . SG …- SG Gen : vom Entledigen über das Harren zum Bemächtigen . . Des Passivs soll gedacht werden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kommentierte Literaturhinweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einspruch! Stattgegeben! Der Fall diagrammatische Ikonizität kontra Grammatik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das Ergebnis bestimmt die Obrigkeit: reagieren auf mehrdeutige Instruktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Inhalt 9 <?page no="10"?> 9.2 212 9.3 214 9.4 219 10 221 10.1 222 10.2 228 10.3 230 10.4 234 11 235 11.1 236 11.2 239 11.3 242 11.4 244 11.5 247 11.6 249 12 251 12.1 251 12.2 258 260 Das vordere Ende: diagrammatische Ikonizität und die Präferenz für verantwortliche Ursachen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einspruch! Stattgegeben! Kultur vetoisiert mittels Grammatik gegen Natur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kommentierte Literaturhinweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Nichts als Unterstellungen? Die sprachliche Attribution von Verantwortlichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Prekäre Ereignisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Unangenehme Wahrheiten über uns: unbemerkte Zuschreibungsroutinen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Eine Wahrnehmungsstruktur - acht Zuschreibungsszenarien - drei Instruktionstypen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kommentierte Literaturhinweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Simulier das! Humanökologisch motivierte Äußerungsstrukturen und ihre Ausbeutung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Motivation: Dingausdrücke zu Gegenständen des (simulierten) Erlebens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kompression: Listen and repeat! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Hypostasierung in Reinform: Simulier das! Oder praktische Konsequenzen davon! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Symbolisch-technisch verschobene Hypostasierung: Ach, hier sind die Ostern! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Ursprünglichkeit motivierter Korrespondenzen und weitere Reflexe der Ausbeutung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kommentierte Literaturhinweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Forschungsliteratur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Online-Quellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Personen- und Sachregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10 Inhalt <?page no="11"?> Vorwort Dieses Buch führt Sie in das „instruktionistische“ Projekt des Nachdenkens über Sprache ein und lädt Sie zugleich dazu ein, sich offen, kreativ, produktiv und kritisch daran zu beteiligen. Wenn Sie Lust darauf haben, würde ich mich freuen, wenn Sie mit Ihren eigenen Studien und Überlegungen in persönlichen Kontakt zu mir treten würden. Sprechen oder schreiben Sie mich an! Wir sollten über die Dinge, die uns wichtig sind, öfter miteinander diskutieren! „Philosophisch-anthropologisch“ über die Sprache nachzudenken, wie es der Titel ankündigt, klingt unheilvoller, als es ist. Sie werden sehen, dass mit dieser Charakteri‐ sierung bestimmte Bedingungen und Annahmen gemeint sind, die es uns ermöglichen, Sprache insgesamt und Grammatik im Speziellen in einer sehr konkreten und lebens‐ nahen Weise theoretisch zu reflektieren - hoffentlich sogar konkreter und lebensnäher, als Sie es aus anderen Sprach- und Grammatiktheorien kennen. Die Einführung konzentriert sich auf den „angewandten“ Teil des instruktionisti‐ schen Projekts, also auf konkrete grammatische Erscheinungen in der deutschen Sprache. Die philosophische Anthropologie kommt dabei nur insoweit zum Tragen, als sie nötig ist, um grammatische Zusammenhänge im instruktionistischen Licht zu betrachten. Die weiterreichenden philosophischen und theoretischen Hintergrundannahmen sind schwerpunktmäßig in anderen Werken thematisiert, auf die an den betreffenden Stellen in dieser Einführung immer wieder verwiesen wird. Die Kapitel des Buches bauen aufeinander auf. Wenn das Buch als Grundlage von Lehrveranstaltungen dienen soll und die 11 Kapitel die Kapazitäten sprengen, empfehle ich daher, von hinten her zu reduzieren. Kapitel und Abschnitte enthalten Aufgaben, deren Lösungen im weiteren Verlauf des Textes hergeleitet werden, sowie einige Anregungen zum Weiterdenken und Diskutieren - gerne auch mit mir. Um die Lektüre zu leiten und zentrale Inhalte zu markieren, enthält der Text einige Hervorhebungen. Fett hervorgehoben sind argumentativ wichtige Ausdrücke oder Passagen. Solche Kästen enthalten überliefertes und mehr oder minder kanonisches sprach‐ wissenschaftliches oder anderweitig disziplinäres Wissen. Diese Kästen enthalten Erläuterungen der Zentralbegriffe speziell des instruktion‐ istischen Ansatzes. <?page no="12"?> Hiermit sind Aufgaben und Anregungen zum Weiterdenken markiert. Neben diesen Balken finden Sie spezielle Sprachbeispiele, an denen bestimmte theoretische Aussagen illustriert werden. Im Zusammenhang der Entstehung des Buches danke ich Toke Hoffmeister, Katja Politt, Christoph Purschke, Jürgen Erich Schmidt und Hanni Schnell für Kritik und in‐ haltliche Anregungen. Greta D’Ambrosio und Jana Bartenschlager danke ich für ihren Beitrag zu den Abbildungen und zur Formatierung. Tillmann Bub vom Narr-Verlag gilt mein Dank für seine Bereitschaft, sich auf dieses Projekt eingelassen zu haben, sowie für seine freundliche Unterstützung bei seiner Realisierung. Alle Unzulänglichkeiten des Werkes gehen wie immer auf mein Konto. 12 Vorwort <?page no="13"?> keine kon‐ ventionelle Grammatik 1 Nicht, was Sie denken: ein lebenslinguistischer Zugang zur Grammatik 1.1 Was Sie von dieser Einführung nicht erwarten sollten Dies ist keine strukturlinguistische Beschreibung der Grammatik des Deutschen in ihren Grundzügen. Sie behandelt Grammatik nicht primär als kombinatorisches System von Elementen auf verschiedenen Beschreibungsebenen (Phonologie, Morphologie, Syntax, Text) und beschreibt nicht primär - vom Kleinen (Morpheme) zum Großen (Sätze, Texte) fortschreitend -, wie größere Einheiten aus kleineren Einheiten zusam‐ mengesetzt werden und welche Kombinationsmöglichkeiten zwischen den Elementen bestehen. Daher enthält diese Einführung auch keinen Katalog von analytischen Verfahrensweisen, wie sich die Elemente der Systemgrammatik ermitteln lassen (dis‐ tributionelle Analyse, Wortartenbestimmung, Konstituententests, syntaktische Funk‐ tionen, topologische Felder etc.). Wenn Sie eine systemlinguistische Grammatik des Deutschen und Verfahrensweisen der Systemlinguistik suchen, verweise ich Sie auf die kommentierten Literaturhinweise zur Vertiefung am Ende des Kapitels. Wenn Sie bereit sind, einen Schritt zurückzutreten, und sich fragen, was grammatische Strukturen mit Ihnen als Menschen zu tun haben, dann lesen Sie hier weiter. In diesem ersten Kapitel wird der lebenslinguistische Zugang zur Grammatik vorgestellt. 1.2 Relevante Grammatik - eine lebenslinguistische Maxime In Kursen zum Thema Grammatik bekommen Studierende - also Sie - oft Antworten auf Fragen, die sie - also Sie - sich nie gestellt haben. Antworten auf nicht gestellte Fragen sind die beste Voraussetzung dafür, dass Sie sie sich nur so lange merken, bis Sie sie in der entscheidenden Prüfung endlich wieder hinauslassen können, damit Platz für Dinge frei wird, die für Sie relevant sind („Bulimielernen“). Was relevant für Sie ist, behalten Sie von selbst im Kopf. Stattdessen stellen Sie Ihre Fragen oft erst während oder nach den Grammatikkursen und sie haben dann eher diese Gestalt: „Was hat das mit mir oder meinem Leben zu tun? “ „Inwiefern betrifft mich das? “ „Kann ich das irgendwo anders als bei der Prüfung anwenden? “ „Bietet mir das tiefere Einsicht in Zusammenhänge, die intransparent für mich sind? “ „Hilft mir das, andere und mich selbst besser zu verstehen? “ „Ermöglicht mir das Orientierung im eigenen Handeln? “ Wir müssen uns dem Thema Grammatik aber nicht so nähern, dass es uns als le‐ bensfernes, abgeschlossenes und von anderen menschlichen Erfahrungsbereichen un‐ abhängiges System gegenübertritt, in dem Elemente - Morpheme, Wörter, Phrasen - bestimmten Klassen zugeordnet sind - Flexionsmorphem, Adverb, Verbalphrase -, im Satzzusammenhang bestimmte Funktionen einnehmen - zum Beispiel Attribut, Sub‐ jekt - und nur nach bestimmten Regeln verknüpft werden können. (Obwohl es gute <?page no="14"?> was Gram‐ matik uns angeht Gründe gibt, Grammatikforschung in diese Richtung zu betreiben.) Stattdessen können wir Grammatik auch genau daraufhin befragen, was sie uns angeht, was sie mit uns zu tun hat. Die vorliegende Einführung soll dies im folgenden Dreischritt leisten: • Sie soll Ihnen erstens wiederholt Anlass geben, sich darüber zu wundern, was Sie sprachlich so alles tun, ohne zu wissen, wie Sie es tun und warum Sie es so tun. Falls diese Einführung tut, was sie soll, ergeben sich aus Ihrem Staunen gerade die Fragen, die die Bedeutung der Grammatik für Sie selbst (und andere) betreffen. • Zweitens möchte diese Einführung Ihnen Antwortvorschläge unterbreiten. Diese folgen einer Leitidee, die sich im Titel des Buches - Deutsche Grammatik instruktiv - niedergeschlagen hat. Nicht nur soll das Buch als Einführung instruktiv für Sie sein; die Leitidee besteht vielmehr darin, sprachliche Äußerungen als geordnete Anleitungen (Instruktionen) zu betrachten. Äußerungen leiten uns demnach in ordnungsvoller Weise dazu an, ein Erlebnis simulierend nachzuvollziehen und mit dem nachvollzogenen Erlebnis etwas zu tun. Die Geordnetheit der Anleitun‐ gen ist die Grammatik. In dieser „instruktionistischen“ Hinsicht werden wir die Geordnetheit sprachlicher Äußerungen des Deutschen - die deutsche Grammatik - betrachten und aus ihr heraus soll die Bedeutsamkeit von Grammatik im Allgemeinen für unser Leben einsichtig werden. • Die Einführung soll dabei nicht stehenbleiben, sondern sie soll Sie außerdem drittens dazu anregen und ermutigen, den instruktiven Leitgedanken eigenstän‐ dig aufzugreifen und fortzuführen, indem Sie beispielsweise weitere sprachliche Phänomene in den Blick nehmen, die hier analysierten Phänomene vertieft unter‐ suchen oder die Analysen verbessern, die das Buch anbietet. Leitidee Denken Sie jetzt nicht an einen orangefarbenen Präsidenten! Die Leitidee dieser Einführung ist, Äußerungen als geordnete Anleitungen („In‐ struktionen“) zum simulativen Nachvollzug von Erlebnissen und ihrer praktischen Verwertung zu behandeln. Haben Sie an einen orangefarbenen Präsidenten ge‐ dacht? Dann haben Sie die Leitidee performt. Im weiteren Verlauf des Buches werden Sie Schritt für Schritt mit dieser Leitidee und ihren Konsequenzen vertraut gemacht. Aufgabe Überlegen Sie, was mit dem Ausdruck „Grammatik“ alles gemeint sein kann. Die folgenden Ausführungen geben eine Antwort. Überlegen Sie sich gegebe‐ nenfalls eine Antwort, bevor Sie weiterlesen. 14 1 Nicht, was Sie denken: ein lebenslinguistischer Zugang zur Grammatik <?page no="15"?> Grammatik buchstäb‐ lich nichts Experiment 1.3 Grammatik erklären? Wissen, wie wir sprachlich etwas hinkriegen Für die meisten Menschen ist Grammatik nichts, das geklärt oder erklärt werden muss. Als Regelwerk zum Nachschlagen oder Sprachenlernen ist sie vielmehr etwas, das selbst Klärung verschafft: Wenn jemand unkonventionell oder nach der unterstellten Norm Sprache „falsch“ gebraucht, kann der Blick in eine Grammatik klären, wie es „eigentlich“ geht (siehe Infokasten „Grammatik“, Bedeutung 3). In der Sprachtherapie lernt man - im gestörten Erstspracherwerb erstmals oder aber beispielsweise nach einem Schlaganfall wieder - „richtig“ zu sprechen, und was „richtig“ ist, ist durch die angenommene sprachliche Norm bestimmt (siehe Infokasten Bedeutung 1). Grammatik 1. Das strukturelle Regelsystem (bei de Saussure: „langue“), das dem kompetenten Sprecher das Verstehen und Produzieren der jeweiligen Sprache ermöglicht. (Mit sechs Jahren beherrscht ein Kind die wesentlichen Elemente der Grammatik.) 2. Die Gesamtmenge der Regeln einer natürlichen Sprache, meist beschränkt auf Morphologie und Syntax (Die deutsche Grammatik kennt keinen Dualis.) 3. Die explizite Beschreibung grammatischer Regeln und Regularitäten, z. B. in einem Buch (Das musst du in der Grammatik nachschlagen.) 4. Grammatische Theorien, die oft „Schulen“ oder Grammatikmodelle bilden wie z. B. Konstituentenstrukturgrammatik, Transformationsgrammatik, funk‐ tionale Grammatik, Dependenzgrammatik oder Kategorialgrammatik (Das ist eine der Stärken der Dependenzgrammatik und der Kasusgrammatik.) (Quelle: https: / / grammis.ids-mannheim.de/ progr@mm/ 3123 [30.10.2024]) Jenseits dokumentierter Regelwerke und vermeintlichen Wissens darüber, was richtig und falsch ist, scheint Grammatik dagegen buchstäblich nichts zu sein. Sie ist nichts, was „da“ wäre, sondern etwas Abstraktes. Demgegenüber sind unsere Aktivitäten des Sprechens (oder Schreibens oder Gebärdens) und des Verstehens dessen, was andere äußern, nicht abstrakt, sondern etwas sehr Konkretes. Was aber den meisten Menschen nicht so oft in den Blick gerät, weil es sich nicht in der konkreten Aktivität, sondern erst im kontrastierenden Vergleich ihrer Resultate zeigt, ist, dass wir ordnungsvoll sprechen (schreiben, gebärden) und verstehen. Machen wir zur Verdeutlichung ein kleines Experiment dazu. Beantworten Sie die folgende Frage bitte in einem Satz, den Sie normalerweise in einer solchen Situation sagen würden: Was passiert in der folgenden Bildergeschichte in Abbildung 1-1? Gehen Sie sicher, dass Sie sich eine Antwort überlegt haben, bevor Sie unter der Bilderge‐ schichte weiterlesen. 1.3 Grammatik erklären? Wissen, wie wir sprachlich etwas hinkriegen 15 <?page no="16"?> 9! Anord‐ nungsmög‐ lichkeiten Abbildung 1-1: Bildergeschichte „Buch wegnehmen“ Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass Sie sich einen Satz wie den folgenden überlegt haben: Eine Frau nimmt einer anderen Frau das Buch ab. Vielleicht bezeichnen Sie die Referenten leicht anders oder verwenden wegstatt abnehmen: Eine Frau in Schwarz nimmt einer anderen Frau das Buch weg. Die globale Satzstruktur würde dabei aber gleich bleiben: mit einem Verb des Wegnehmens, der wegnehmenden Person als Subjekt, dem Weggenommenen als Akkusativobjekt und der beraubten Person als Dativobjekt. Falls der Satz, den Sie sich überlegt haben, ein ganz anderer ist, könnten wir uns wahrscheinlich einigen, dass die hier vorgeschlagenen Sätze dennoch naheliegende und gebräuchliche Antworten auf die oben gestellte Frage sind. Wenn wir uns an der Schrift orientieren, hat der Satz Eine Frau nimmt einer anderen Frau das Buch ab neun (orthographische) Wörter. Wir haben sie in genau dieser Rei‐ henfolge geäußert. Wieso nicht in einer anderen? Möglichkeiten gäbe es rechnerisch genug: In wie viele verschiedene Anordnungen kann man neun Wörter bringen? Ge‐ nau, in 9! („neun Fakultät“). Das bedeutet 9 x 8 x 7 x 6 x 5 x 4 x 3 x 2 x 1 und ergibt 362.880. Warum haben wir nicht eine der 362.879 anderen Anordnungen geäußert? In der Logik unseres Gedankenexperiments wären andere durchaus denkbar gewesen: Ein Buch nimmt eine Frau einer anderen Frau ab. Einer anderen Frau nimmt eine Frau ein Buch ab. Und mit Sicherheit noch ein paar mehr. Übrig bleiben weit über 362.800 16 1 Nicht, was Sie denken: ein lebenslinguistischer Zugang zur Grammatik <?page no="17"?> Anordnungen, die wir nicht äußern (mit der gleich folgenden Ausnahme) und nicht transindividuell verstehen würden, zum Beispiel Das Frau eine ab einer Buch nimmt Frau anderen. Dieser Kontrast zwischen dem, was wir sprachlich tatsächlich ständig tun, und dem, was wir stattdessen alles nicht tun, zeigt sich erst im Vergleich der Resultate von sprachlichen Aktivitäten. Dafür müssen sie in stabiler, wahrnehmbarer Form materialisiert werden, beispielsweise in der Form von Schrift. Die dann sichtbaren Kontraste illustrieren, dass wir im Sprachgebrauch nicht einfach zufällige Geräusche und Schriftzeichen oder Gebärden hervorbringen und sie auch nicht in zufälliger Weise interpretieren. (Wir könnten das Experiment ausweiten und auch noch die verschiedenen möglichen Flexionsformen der neun Wörter einbeziehen und fragen, warum wir diese und nicht jene Flexionsformen verwenden. Die Zahl der Möglich‐ keiten würde sich nochmals gewaltig vervielfachen! ) Das heißt, wir können zwar irgendwie geordnet sprachlich etwas äußern und verstehen, aber weder bemerken die allermeisten von uns diese Ordnung überhaupt noch könnten sie sie beschreiben. Vor diesem Hintergrund können wir Grammatik deshalb als die uns in unseren sprachlichen Formgebungs- und Verstehensaktivitäten verborgene Ordnung begreifen. So wird uns Grammatik zu einem Phänomen, das Fragen aufwirft. „Grammatik“ gemäß der instruktiven Leitidee Grammatik ist die uns in unseren sprachlichen Formgebungs- und Verstehensakti‐ vitäten verborgene Ordnung. Diese Ordnung ist sprachlichen Aktivitäten inhärent und lässt sich aufzeigen, indem man diese Aktivitäten aufzeichnet und ihre auf diese Weise entzeitlichten und verdinglichten Resultate miteinander vergleicht. Aufgabe Große Sprachmodelle (sogenannte sprachgenerative künstliche Intelligenzen wie ChatGPT) verarbeiten menschliche sprachliche Eingaben und produzieren daraufhin eigene sprachliche Ausgaben. Diese Verarbeitungs- und Produktions‐ prozesse erfolgen ebenfalls nicht in zufälliger Weise. Handelt es sich dabei um Grammatik? In welchem der zuvor genannten Sinne? Folgende (sehr verkürzte) Hintergrundinformationen sind für Ihre Überlegungen vielleicht hilfreich: Der Funktionsweise großer Sprachmodelle liegen riesige Mengen von „Trainingsdaten“ zugrunde. Dabei fungieren die „Trainingstexte“ nicht als Datenbank von Informationen! Sondern die Sprachmodelle extrahie‐ ren aus diesen „Trainingstexten“ mittels gigantischer Rechenpower lediglich die Wahrscheinlichkeiten, mit denen bestimmte Symbolketten (Buchstabenfol‐ gen, Lücken, Interpunktion) aufeinander folgen. In der Modellarchitektur von beispielsweise ChatGPT sind auf diesen Mechanismus noch menschliche Be‐ wertungen der Ausgaben des Sprachmodells aufgepfropft, die das Modell als „Lern“mechanismus nochmals auf seine eigenen Ausgaben angewendet hat. 1.3 Grammatik erklären? Wissen, wie wir sprachlich etwas hinkriegen 17 <?page no="18"?> erklären, wie … und warum … Auf diese Weise entsteht nochmals eine größere Ähnlichkeit der Ausgaben zu menschlichen sprachlichen Formgebungen. Eine Antwort findet sich am Ende des Kapitels. 1.4 Grammatik erklären? Wissen, warum wir sprachlich etwas hinkriegen Betrachten wir unser obiges Experiment noch einmal aus anderer Perspektive. Eine geeignete Verbalisierung dessen, was in der Bildergeschichte passiert, war Eine Frau nimmt einer anderen Frau das Buch ab. Angenommen, es handelte sich um eine wirkliche Szene, könnten Sie einen solchen Satz beispielsweise äußern, wenn Sie einer Freundin, die die Szene selbst nicht sieht, beschreiben möchten, was Sie wahrnehmen. Er wäre dazu geeignet, dass Ihre Freundin sich nun in etwa das vorstellt, was Sie gerade erlebt haben. Sie würde sich zwar nicht exakt dasselbe vorstellen, aber hinsichtlich der wesentlichen Eckpunkte würden sich Ihre Erfahrungen decken, nämlich dahingehend, in welcher Beziehung welche zwei Frauen und das Buch zueinander stehen. Und wir fragen erneut, was hieran (er)klärungsbedürftig ist. Wenn die Kommunikation mit Ihrer Freundin gelingt, was gibt es da zu erklären? Die Antwort auf die Frage Ihrer Freundin „Wie erfahre ich, was du gerade wahr‐ nimmst? “ können Sie beantworten mit „Indem ich sage, Eine Frau nimmt einer anderen Frau das Buch weg.“ In der Ausgangssituation weiß Ihre Freundin nicht, was Sie wahr‐ nehmen, in der Zielsituation weiß sie es. Sie haben ein praktisches Problem gelöst, indem Sie die Ausgangsin die Zielsituation überführt haben. Sie wissen, wie Sie das hinkriegen: Sie können zum einen die Zielsituation durch eigenes Tun - die Äußerung selbst - einfach eintreten lassen, vielleicht können Sie das Wie sogar erläutern: „Indem ich eine grammatisch so und so strukturierte Äußerung tätige.“ Aber können Sie auch erklären, warum Ihre Äußerung (gegebenenfalls mit der Erläuterung der grammati‐ schen Struktur) diese Wirkung hat? Das fällt Ihnen wahrscheinlich schwerer. Der Grund dafür ist, dass Warum-Fragen dieser Art sich auf sehr viel Verschiedenes beziehen können - tatsächlich auf alles, was die gelungene und erfolgreiche Herstel‐ lung der Zielsituation bedingt, in der Ihre Freundin sich nun im Wesentlichen das vorstellt, was Sie wahrgenommen haben. Mögliche Antworten auf die Warum-Frage - also Erklärungen - wären damit zum Beispiel die folgenden: • „Weil ich hingesehen habe (und du nicht).“ • „Weil ich gelernt habe, welche sprachlichen Ausdrücke in welcher Kombination und mit welcher Satzmelodie ich verwenden muss, um in einem solchen Kontext ein solches Ereignis zu versprachlichen.“ • „Weil du gelernt hast, wie du mit dem von mir Geäußerten umgehen musst.“ • „Weil wir die gleiche Sprache sprechen.“ 18 1 Nicht, was Sie denken: ein lebenslinguistischer Zugang zur Grammatik <?page no="19"?> Eingrenzung des Warums Hinsicht des Warums Experiment • „Weil ich ein Exemplar der Spezies Homo sapiens sapiens bin, der mit der Anlage zur sprachlichen Kommunikation ausgestattet ist. (Okay, du auch.)“ • „Weil mich (und dich) heute Morgen kein LKW beim Abbiegen überfahren hat.“ • „Weil es die Gravitation gibt.“ Natürlich ist keine dieser Äußerungen eine befriedigende, und auch alle gemeinsam bilden keine hinreichende Antwort auf die Frage, warum sich die Zielsituation einstellt. Ohne Eingrenzung des Warums würde eine vollständige Erklärung dessen, was da‐ für sorgt, dass Ihre Äußerung nicht scheitert, auf eine völlig illusorische Komplettbe‐ schreibung des bekannten Universums hinauslaufen, von der Quantenstruktur des LKW-Reifens, unter den Sie nicht geraten sind, bis zu Ihrer Erfahrung mit Ereignissen des Wegnehmens und Ihrem Wissen darüber, wann man spricht und wann man schweigt. Das ist wesentlich auch deshalb illusorisch, weil die gleiche Sache - dass Sie Ihre Freundin sprachlich erfolgreich über Ihr Erlebnis unterrichten - beispielsweise sowohl mit neurowissenschaftlichen als auch mit handlungsbezogenen Konzepten be‐ schrieben werden kann. Solche Erklärungen repräsentieren verschiedene Hinsichten auf das gleiche Phänomen und machen Gebrauch von verschiedenen Konzepten. Die Erklärungen aus dem einen Bereich können dabei nicht einfach und verlustfrei mithilfe der Konzepte des anderen Bereichs reformuliert werden. Wir erwarten von Erklärungen, dass sie uns eine Sache in der Hinsicht erklären, in der wir an ihr interessiert sind. Wir müssen also die Hinsicht des Warums in Warum gelingt es Ihnen, dass Ihre Freundin sich nun vorstellt, was nur Sie zuvor wahrgenommen haben? festlegen. In welchem Sinn „sehen“ wir in dieser Einführung auf das „hin“, was wir sprachlich hinkriegen? Was setzen wir gemeinsam als Basis voraus? Worin besteht unser Interesse? In welchem „Auflösungsgrad“ ist es zu beschreiben? Zur Klärung ma‐ chen wir ein weiteres kleines Experiment. Beantworten Sie bitte auch die folgende Frage in einem Satz, den Sie normalerweise in einer solchen Situation sagen würden: Was passiert in der folgenden Bilderge‐ schichte in Abbildung 1-2? Gehen Sie sicher, dass Sie sich eine Antwort überlegt haben, bevor Sie unter der Bildergeschichte weiterlesen. 1.4 Grammatik erklären? Wissen, warum wir sprachlich etwas hinkriegen 19 <?page no="20"?> Abbildung 1-2: Bildergeschichte Mann-Banane Antworten könnten sein Einem Mann wird die Banane weggenommen, möglicherweise auch - je nachdem, woher Sie im deutschen Sprachraum stammen - Ein Mann bekommt oder kriegt die Banane weggenommen. Ein Satz wie Jemand nimmt einem Mann die Banane weg ist ebenfalls denkbar. Auch wenn Sie leicht verschiedene Wörter verwenden, ist die Wahrscheinlichkeit dennoch hoch, dass Sie einen Passivsatz mit einem Verb des Wegnehmens verwenden. Wenn wir nun die bevorzugten Verbalisierungen der beiden Ereignisse grammatisch vergleichen, fällt auf, worin sie sich unterscheiden (Tabelle 1-1). 20 1 Nicht, was Sie denken: ein lebenslinguistischer Zugang zur Grammatik <?page no="21"?> Wahrneh‐ mung und Auffassung Szenario Frau-Buch (Abbildung 1-1) Mann-Banane (Abbildung 1-2) Sachverhaltstyp Jemand nimmt jemandem etwas weg. bevorzugte Verbalisierung Eine Frau nimmt der ande‐ ren Frau das Buch weg. Ein Mann bekommt die Banane weggenommen. Grammatik der Äußerung Diathese Aktiv Passiv Subjekt (Wer? ) Nehmerin (Eine Frau) Beraubter (Ein Mann) Akk.-Objekt (Wen? ) Genommenes (ein Buch / eine Banane) Dat.-Objekt (Wem? ) Beraubte (einer anderen Frau) - nicht ausge‐ drückt - Nehmer/ in (ø) Wahrnehmungsbedingungen Nehmerin identifizierbar Nehmer/ in nicht identifizierbar Tabelle 1-1: Sachverhaltstypen, bevorzugte Verbalisierungen und Grammatik im Vergleich Es handelt sich in beiden Szenarien - dem mit den Frauen und dem Buch und dem mit dem Mann und der Banane - um den gleichen Sachverhaltstyp - jemand nimmt jemand anderem etwas weg. Dennoch unterscheiden sich die bevorzugten Verbalisierungen. Die Unterschiede lassen sich grammatisch beschreiben: Im Szenario mit den Frauen und dem Buch bevorzugen wir einen Aktivsatz und in dem Szenario mit dem Mann und der Banane einen Passivsatz. Dies geht damit einher, dass die beteiligten Rollen mit unterschiedlichen syntaktischen Funktionen bis hin zu gar nicht versprachlicht werden. Wir können erklären, wie Sie Ihrer Freundin den Sachverhalt vermitteln, nämlich indem Sie die jeweilige bevorzugte Äußerung mit der jeweiligen grammatischen Struktur realisieren. Aber warum haben Sie es gerade so getan, mit diesen Äußerungen? Die zahllosen Möglichkeiten, worauf sich dieses Warum beziehen kann, lassen sich einschränken, indem wir uns zunächst einmal auf das konkret Vorfindliche in den beiden Szenarien und dabei auf deren Unterschiede konzentrieren. In diesem Fall stoßen wir unter an‐ derem auf die Wahrnehmungsbedingungen und Auffassungsweisen: Im Bana‐ nenszenario ist die wegnehmende Person für uns nicht identifizierbar, im Buchszenario dagegen schon! Könnte es sein, dass wir deshalb grammatisch unterschiedliche Äuße‐ rungen bevorzugen, weil sich trotz gleicher Sachverhaltstypen die Bedingungen un‐ terscheiden, unter denen wir die Sachverhalte jeweils wahrgenommen oder aufgefasst haben? Die hier verteidigte Antwort ist: ja! Die Art und Weise, wie wir unsere Äußerungen organisieren, hängt in nicht zufälliger Weise - also mittels einer „verborgenen Ord‐ 1.4 Grammatik erklären? Wissen, warum wir sprachlich etwas hinkriegen 21 <?page no="22"?> educated guesses In-der-Welt- Sein Leiblichkeit und Kultür‐ lichkeit nung“ - damit zusammen, wie wir Sachverhalte wahrnehmen oder auffassen. Kürzer ausgedrückt: Es gibt systematische Korrespondenzen zwischen Sachverhaltswahrneh‐ mungen und -auffassungen einerseits und grammatischen Strukturen andererseits. Wenn wir in Situationen sprachlicher Formgebung („Sprachproduktion“) zwei der drei Parameter (1) Sachverhalt, (2) Wahrnehmungsbedingungen oder Auffassungswei‐ sen und (3) Äußerung(sstruktur) kennen, dann können wir aufgrund der überzufälligen Korrespondenzen zwischen ihnen einen educated guess in Bezug auf den unbekannten dritten anstellen. 1.5 Menschliche Selbstaufklärung durch Grammatikforschung? „Hat das mit mir oder meinem Leben zu tun? “ „Inwiefern betrifft mich das? “ „Kann ich das irgendwo anders als bei der Prüfung anwenden? “ „Bietet mir das tiefere Einsicht in Zusammenhänge, die intransparent für mich sind? “ „Hilft mir das, andere und mich selbst besser zu verstehen? “ „Ermöglicht mir das Orientierung im eigenen Handeln? “ Auch hier ist die Antwort: ja! Unsere menschlichen sprachlichen Formge‐ bungs- und Verstehensaktivitäten sind unauflöslich mit der Art und Weise unseres In-der-Welt-Seins verschränkt. Unsere Erfahrungen in Auseinanderset‐ zung mit der Wirklichkeit sind zum einen Gegenstand unserer sprachlichen Aktivitäten - wir kommunizieren sprachlich über sie -, zum anderen konstituiert unsere Wirklich‐ keitserfahrung aber auch die verborgene Ordnung in unseren sprachlichen Aktivitäten mit: Wir sind es, die in Auseinandersetzung mit unserer Umwelt und Mitwelt (= andere Menschen) die verborgene Ordnung in unseren sprachlichen Aktivitäten erst hervor‐ bringen (auch wenn wir das weder bemerken noch beabsichtigen). Die Konfrontation mit unserer Um- und Mitwelt (und uns selbst) - man könnte auch sagen, die humanökologischen Beziehungen - sind wiederum geprägt von unserer Leiblichkeit und Kultürlichkeit. Die Beschaffenheit unserer Körper, in denen und mit denen wir uns mit unserer Wirklichkeit auseinandersetzen, sowie unsere kulturell vermittelten Deutungs- und Handlungsweisen bedingen das, was ich als zweiten Pa‐ rameter abkürzend „Wahrnehmungsbedingungen und Auffassungsweisen“ (in Bezug auf Sachverhalte) genannt habe. Wir nehmen Wirklichkeitsphänomene auch deshalb genau so wahr und fassen sie genau so auf, wie wir es tun, weil wir genau diese Körper haben und in genau dieser oder jener Kultur leben. Sie bestimmen mit, was für uns bedeutsam ist, und was für uns bedeutsam ist, schlägt sich in unseren sprachlichen Formgebungs- und Verstehensaktivitäten nieder: Wieso haben Sie in den Experimenten nicht beispielsweise geantwortet, Etwas bewegt sich oder Haare ändern ihre Lage im Raum oder Vieles oder Nichts? Wieso haben Sie nicht gar nicht reagiert oder eine teil‐ chenphysikalische Beschreibung der Krafteinwirkung auf die Banane gegeben? Woher kommt überhaupt Ihr Wissen darüber, was in diesen Szenen etwas ist und nicht etwa nichts, was darin ein Ganzes, was Vieles und was nur Teil von etwas anderem ist? 22 1 Nicht, was Sie denken: ein lebenslinguistischer Zugang zur Grammatik <?page no="23"?> Muss man Grammatik erklären? Selbstauf‐ klärung Handlungs‐ orientierung Humanökologie (breite Definition) 1. Die natürlichen und kultürlichen Wechselbeziehungen des Menschen mit seiner unbelebten und belebten Umwelt. 2. Lehre von 1. Muss man Grammatik also erklären? Man muss nicht. Solange wir mit unseren Äuße‐ rungen unsere individuellen und kooperativen (! ) Ziele erreichen, besteht im Grunde keine Notwendigkeit dazu. Aber wir alle machen die Erfahrung von Missverständnis‐ sen, davon, nicht gut genug verstanden zu haben; damit, dass wir uns selbst missver‐ ständlich ausdrücken oder etwas anders verstehen, als unser Gegenüber es gemeint hat; damit, dass wir versuchen, auf Basis von jemandes Äußerungen zu erschließen, was die Person erlebt hat, wie sie Sachverhalte aufgefasst und bewertet hat, und wir fragen uns, wie zuverlässig unsere Schlussfolgerungen sind. Dies sind Fragen, auf die die in diesem Buch präsentierte Instruktionsgrammatik Antworten sucht, und deshalb versteht sie sich als ein Projekt menschlicher Selbst‐ aufklärung. Ihre Erklärungen sollen dazu dienen aufzuklären, wie Wahrnehmungs‐ bedingungen und Auffassungsweisen von Sachverhalten, Zuschreibungen von Urhe‐ berschaft und ähnliche Faktoren in Zusammenhang mit der verborgenen Ordnung unserer sprachlichen Formgebungs- und Verstehensaktivitäten stehen. Auf diese Weise enthüllt sie etwas von dieser verborgenen Ordnung. Mit dem programmatischen Einbezug von Sachverhalten sowie Wahrnehmungsbe‐ dingungen und Auffassungsweisen in die Betrachtung sprachlicher Formgebungs- und Verstehensaktivitäten geht sie auch über die meisten Grammatiktheorien hinaus (siehe Infokasten „Grammatik“, Bedeutung 4). Damit kann sie im besten Falle - und ganz praktisch - Orientierung für die eigene, individuelle und für die kollektive sprachliche Performanz leisten. Performanz meint dabei sprachliche Formgebungs-, Verstehens- und praktische „Verwertungs“aktivitäten in konkreten lebensweltlichen Situationen. Aufgaben 1. Diskutieren Sie die Aufgabe zu Abschnitt 1.3 noch einmal: Große Sprachmo‐ delle (sogenannte sprachgenerative künstliche Intelligenzen wie ChatGPT) ver‐ arbeiten menschliche sprachliche Eingaben und produzieren daraufhin eigene sprachliche Ausgaben. Diese Verarbeitungs- und Produktionsprozesse erfolgen ebenfalls nicht in zufälliger Weise. Handelt es sich dabei um Grammatik? In welchem der zuvor genannten Sinne? Ändert sich vor dem Hintergrund des in Abschnitten 1.4 und 1.5 Gesagten etwas an Ihren Antworten? Eine Antwort findet sich am Ende des Kapitels. 2. In der Szene mit der Banane tendieren wir dazu, ein Passiv zu verwenden. Dies hat möglicherweise etwas mit Wahrnehmungs- und Auffassungsweisen 1.5 Menschliche Selbstaufklärung durch Grammatikforschung? 23 <?page no="24"?> in Bezug auf Sachverhalte zu tun. In diesem Fall nehmen wir anders als beim Aktivsatz die wegnehmende Person nicht wahr. Diskutieren Sie, was allgemein eine Funktion von Passivsätzen sein könnte. Beziehen Sie das folgende Beispiel mit in Ihre Erörterungen ein: Eine CEO einer großen Firma kommentiert einen Umsatzeinbruch im letzten Quartal und äußert in diesem Kontext den Satz: Fehler wurden gemacht. Eine kurze Antwort findet sich am Ende dieses Kapitels. 1.6 Was erklären heißen kann: Erklärungsformen Unsere Erklärung, warum es Ihnen in den beiden Experimenten oben gelingt, dass Ihre Freundin im Wesentlichen weiß, was Sie wahrgenommen haben, bestand darin, dass wir zwei besondere Sachverhalte - die beiden Szenarien in den Experimenten oben - in allgemeine Zusammenhänge einordnen: die überzufälligen Korrespondenzen zwischen Sachverhalten, ihren Wahrnehmungsbedingungen und Auffassungsweisen sowie Äußerung(sstruktur)en. Aus dem Bekanntsein des (spezifischen) Sachverhalts und den (spezifischen) bevorzugten Äußerungen in unseren Beispielen konnten wir mithilfe der (allgemeinen) überzufälligen Korrespondenzen unterschiedliche Wahrnehmungsbedingungen oder Auffassungsweisen in unseren Beispielszenarien erschließen. Zudem haben wir das Eintreten der bevorzugten Äußerungen auf das Vorliegen bestimmter Sachverhaltstypen in Verbindung mit bestimmten Wahr‐ nehmungsbedingungen und Auffassungsweisen zurückgeführt. Ersteres entspricht der fünften, Letzteres der vierten Erläuterung des Erklärungsbegriffs von Oswald Schwemmer (siehe Infokasten „Erklärung“). Erklärung „In umgangssprachlicher Verwendung bedeutet E[rklärung] etwa (1) (zumeist mit besonderen Geltungsansprüchen versehene […]) Mitteilung über das Bestehen eines (besonders bedeutsamen) Sachverhaltes, (2) Erläuterung des Gebrauchs eines Ausdrucks oder des Sinns eines Textes, (3) Deutung der Absichten eines Handelnden, (4) Rückführung des Eintretens eines Ereignisses auf seine Gründe oder Ursachen, (5) Einordnung eines (individuell dargestellten) besonderen Sachverhaltes in all‐ gemeine (z. B. durch Gesetze dargestellte) Zusammenhänge. Eine spezifische […] pragmatische Gemeinsamkeit besteht darin, daß E[rklä‐ rung]en (verschiedenartige) Darstellungen von Sachverhalten sind, die eine als erforderlich angesehene (und daher zumeist auch eingeforderte) Orientierungs‐ grundlage bzw. -hilfe für […] Handlungen eines bestimmten Typs [angeben] […]. Je nachdem, worin man das Erfordernis und die Möglichkeiten solcher 24 1 Nicht, was Sie denken: ein lebenslinguistischer Zugang zur Grammatik <?page no="25"?> praxisorien‐ tierte Erklä‐ rungen Orientierungen sieht, wird man ein entsprechendes Konzept für die Begründung und Darstellung der Struktur von E[rklärung]en entwickeln. Eine Eingrenzung dieser Aufgabe ist damit gegeben, daß Mitteilungen und […] Erläuterungen im allgemeinen nicht als wissenschaftliche E[rklärung]en diskutiert werden.“ (Quelle: Schwemmer [2024: 381]) Mit Erklärungen in diesem Sinne werden wir es in dieser Einführung zu tun haben. Hinzukommen werden immer wieder Erklärungen in der dritten Bedeutung nach Schwemmer, nämlich als Deutung sprachlicher Handlungsabsichten. Vielleicht ist Ihnen bereits aufgefallen, dass in den Korrespondenzen zwischen Sachverhalten, Wahr‐ nehmungsbedingungen und Äußerung(sstruktur)en, die wir in den beiden kleinen Experimenten gefunden haben, gar keine handelnden Menschen als Faktor vorkamen. Aber erstens ist schon die Absicht, Ihre Freundin darüber zu unterrichten, was Sie gerade wahrnehmen, genau das: eine Absicht, die Ihren Erwägungen unterliegt. Und zweitens entzieht sich die Strukturierung unserer Äußerungen sowie ihre Interpreta‐ tion zwar teilweise, aber eben nicht völlig unserem kontrollierten Einfluss und damit wiederum unseren Absichten. Dies ist auch der Grund dafür, warum wir es bei den Korrespondenzen mit Tendenzen und nicht mit Kausalgesetzen zu tun haben. Natürlich müssen wir bei allen dreien von Schwemmers Erklärungstypen ([3], [4] und [5]) immer sehr viel von dem als gegeben voraussetzen, was unsere Äußerungen abseits der Zusammenhänge, die uns speziell interessieren, nicht scheitern lässt - er‐ innern Sie sich an die Komplettbeschreibung des Universums. Das liegt am praxis‐ orientierten Wesen wissenschaftlicher Erklärungen: Sie schaffen Orientierung für das Handeln (siehe Infokasten „Erklärungen“). Welche Zusammenhänge wir im Erklären dabei als gegeben hinnehmen und welche wir problematisieren, folgt deshalb ebenfalls praxisorientierten Erwägungen; es hängt in unserem Fall davon ab, wo wir Klärungs- und Orientierungsbedarf im Sprachgebrauch in Bezug auf die Grammatik sehen und wo wir uns bereits orientiert sehen. 1.7 Leitidee und wichtige Ziele der „instruktiven“ Deutschen Grammatik Unser kleines Experiment oben sollte andeuten, dass unsere sprachlichen Form‐ gebungs- und Verstehensaktivitäten unauflöslich mit der Art und Weise unseres In-der-Welt-Seins verschränkt sind, sprich: mit der Art und Weise, wie wir Geschehen in der Welt wahrnehmen, erleben und auffassen und wie wir selbst in ihr tätig sind. Und die Art und Weise, wie wir das tun, hängt wiederum damit zusammen, wie wir körperlich und geistig konstituiert sind, sprich: mit unserer Natur und Kultur. Dies anzudeuten war nötig, um die philosophisch-anthropologische Grundausrichtung dieser Einführung zu verdeutlichen. 1.7 Leitidee und wichtige Ziele der „instruktiven“ Deutschen Grammatik 25 <?page no="26"?> Leitidee Sprachliche Äußerungen als geordnete Anleitungen zum simulierten Erleben (im Sinne eines Nach-Vollzugs) und praktischen Verwerten des Nachvollzogenen behandeln. Gegenstand der Theorie Nicht zufällige Zusammenhänge zwischen Strukturen menschlichen In-der-Welt-Seins einerseits und der verborgenen Ordnung sprachlicher Formgebungs- und Verstehen‐ sprozesse andererseits am Beispiel der deutschen Sprache aufdecken. Zielsetzung der Theorie Die Theorie der Instruktionsgrammatik ist ein Projekt der Selbstaufklärung des „spra‐ chigen“ Menschen in der Gesamtheit seiner um- und mitweltlichen Bezüge (breiter Begriff der Humanökologie). Mittelbar folgt sie dem Interesse, jeweils sich selbst und andere besser zu verstehen und das bessere Verstehen lehrbar zu machen, um lebensweltliche Praxis zu orientieren und zu stützen. Methode Das Vorgehen besteht darin, Studien, Ergebnisse und Theorien wissenschaftlicher Disziplinen, die Aspekte menschlicher Umwelt- und Mitweltbeziehungen thematisie‐ ren, unter dem Dach einer methodisch-pragmatischen Wissenschaftstheorie zu deuten und zur Theoriebildung heranzuziehen. Dies sind vor allem die Sprachwissenschaft, Sprachphilosophie, (Wissens-)Soziologie, Allgemeine und Angewandte Psychologie, (Kultur-, Technik-, und Geist-)Philosophie sowie die (Leib-)Phänomenologie. In der Gesamtschau ist das Vorhaben ein philosophisch-anthropologisches. Dem soll der Untertitel des Buches Rechnung tragen. Theoretisches Regulativ Sprachliche Formgebungs- und Verstehensaktivitäten und -fähigkeiten werden so weit wie möglich aus nichtsprachlichen Eigenschaften und Fähigkeiten des Menschen sowie der Eigenlogik des Zeichengebrauchs heraus verstanden. Auf bloß sprachabhängige Evidenz wird dabei verzichtet. Nichtsprachliche Eigenschaften und Fähigkeiten sowie nichtsprachlicher Zeichengebrauch müssen entweder durch andere Wissenschafts‐ disziplinen an nichtsprachlichen Gegenständen gesichert sein. Oder man kann die Annahme nichtsprachlicher Eigenschaften auch dadurch begründen, dass ihre Leug‐ nung zu einem sogenannten performativen Widerspruch führt. Diesen begeht man, indem man etwas behauptet, das mit dem Akt des Behauptens logisch-pragmatisch unverträglich ist. Er ist beispielsweise gegeben, wenn jemand sagt, Ich kann nicht sprechen. Theoretisches Regulativ Grammatik, also die implizite Ordnung in unseren sprachlichen Formgebungs- und Verstehensaktivitäten, soll so weit wie möglich aus nichtsprachlichen Eigenschaf‐ ten und Fähigkeiten des Menschen sowie der Eigenlogik des Zeichengebrauchs 26 1 Nicht, was Sie denken: ein lebenslinguistischer Zugang zur Grammatik <?page no="27"?> heraus erklärt werden. Erkenntnisse, die sich lediglich durch Sprachbeobachtun‐ gen rechtfertigen lassen, reichen als erklärende Konzepte nicht aus. Isoliert, wie sie dastehen, werfen die Leitidee und die wissenschaftstheoretischen Positionierungen sicherlich zahlreiche Fragen auf. Im Verlauf der folgenden Kapitel soll die Leitidee lebenswelt- und praxisnah breit ausgefaltet werden. Einige Aspekte der wissenschaftstheoretischen Positionierung werden sich dabei implizit im Vorgehen aufhellen, eine vertiefende Behandlung bleibt aber stärker theoretisch ausgerichteten Arbeiten vorbehalten. Diesbezüglich sei auf die Literaturhinweise zur Vertiefung verwiesen. 1.8 Kommentierte Literaturhinweise Zu 1.1 Wenn Sie strukturlinguistische Beschreibungen der deutschen Grammatik suchen, werden Sie fündig bei Dürscheid (2012), Eisenberg/ Fuhrhop (2020), Eisenberg/ Schon‐ eich (2020), Eroms (2000), Pittner/ Berman (2021), Schäfer (2018), Welke (2019), Wöll‐ stein/ Dudenredaktion (2022), Zifonun et al. (1997). Es gibt strukturlinguistische Behandlungen von Grammatik auch im Videoformat. Ich verweise auf Kasper (25.03.2021). Zu 1.2 „Lebenslinguistik“ ist als Konzept eine Schöpfung von Christoph Purschke und unsere individuelle und gemeinsame Arbeit orientiert sich daran. Arbeiten, die der lebenslin‐ guistischen Maxime zwar nicht explizit, aber performativ folgen, liegen exemplarisch vor in Kasper/ Purschke (2021), Kasper/ Purschke (2023 [erfordert Vorkenntnisse in der Forschung zur sog. Argumentrealisierung und jüngeren sprachgebrauchsbasierten Modellen]), Purschke (2020 [im soziolinguistischem Zusammenhang]) und Hoffmeister (2024) [im kognitiv-variationslinguistischen Zusammenhang]). Zu 1.3 Im Infokasten zu „Grammatik“ ist von Ferdinand de Saussures „langue“-Begriff die Rede. Dies rekurriert auf Saussure, de (1931), ein Grundlagenwerk der modernen Sprachwissenschaft. Die in diesem Abschnitt angesprochenen Unterscheidungen betreffen „Wissen, wie“ gegenüber „Wissen, dass“, „implizites“ gegenüber „explizitem“ Wissen, „prozedurales“ gegenüber „deklarativem“ Wissen, „Wissen“ gegenüber „Können“. Klassische Arbeiten dazu, ergänzt um eine zusätzliche von Christoph Purschke und mir, sind Anderson (1976), Kasper/ Purschke (2021), Polanyi (2016), Ryle (1945/ 1946). 1.8 Kommentierte Literaturhinweise 27 <?page no="28"?> Zur Funktionsweise großer Sprachmodelle kursieren viele schlechte Texte, Podcasts und Videos voller Irrtümer und unsachgemäßen Metaphern. Kompetente Hintergrund‐ informationen bietet Wolfram (2023). Zu 1.4 Die hier skizzierte Perspektive ist kurz bzw. lang ausgeführt in Kasper (2014 [dichte Zusammenfassung zentraler Thesen aus Kasper (2015)]), Kasper (2015 [anspruchsvolle Monographie zur Begründung des hier vorgestellten Ansatzes]). Zu 1.5 Die Rolle der menschlichen Umwelt- und Mitweltbeziehungen sind in Bezug auf Gram‐ matik am intensivsten adressiert in Kasper (2020b), Kasper (2021a), Kasper/ Hoffmeister (2025 [philosophisch anspruchsvoller Ansatz zu den humanökologischen Faktoren, die unsere sprachlichen Konzepte formen]), Kasper/ Purschke (2023 [Vorkenntnisse in der Forschung zur sog. Argumentrealisierung und jüngeren sprachgebrauchsbasierten Modellen ist von Vorteil]). Eine zugängliche Einführung in die Leibphänomenologie, die den konstitutiven Charakter unserer Leiblichkeit für unsere Erfahrung herausarbeitet, ist Waldenfels (2000 [zugängliche Einführung ins Thema, kritisch gegenüber der kognitiven Psycho‐ logie und analytischen Philosophie des Geistes]). Stärker aus der anglo-amerikanischen Tradition der analytischen Philosophie und der Neuro- und Kognitionswissenschaften stammen die Ansätze zum sog. „Embodi‐ ment“, auf Deutsch präsentiert in Fingerhut/ Hufendiek/ Wild (2013). Die prominentesten Grammatiktheorien mit umfassendem Erklärungsanspruch, die Wahrnehmungsbedingungen/ Auffassungsweisen in ihre Erklärungen mit einbeziehen, sind die im Folgenden genannten. Sie sind sehr stark an naturalistischen Paradigmen der Kognitions- und Neurowissenschaften orientiert und manche von ihnen stehen darüber hinaus im Verdacht der Zirkularität, wenn sie auf Basis von Beobachtun‐ gen zur Sprache kognitive Operationen postulieren, um anhand dieser wiederum grammatische Strukturen zu erklären. Zu nennen wären Croft (1991 [Standardwerk zur semantisch motivierten Grammatiktheorie]), Croft (2001, 2012), Goldberg (1995 [Standardwerk zur Konstruktionsgrammatik vor der gebrauchsbasierten „Wende“, stark von Langacker und G. Lakoff beeinflusst]), Jackendoff (2002 [Standardwerk der Generativen Grammatik mit tragender Rolle der kognitiven Semantik]), Jacken‐ doff (2007), Langacker (2008 [umfassendste und einflussreichste Grammatiktheorie mit Berücksichtigung von Wahrnehmungs- und Auffassungsweisen in Bezug auf versprachlichte Sachverhalte]), Levin/ Rappaport Hovav (2005 [Übersichtswerk zur sog. Argumentrealisierung mit generativ-grammatischen Vorzeichen, das viele relevante semantische Faktoren thematisiert]), Talmy (2000 [zweite große Theorie der kogni‐ tiv-semantisch motivierten Grammatik neben Langacker]). 28 1 Nicht, was Sie denken: ein lebenslinguistischer Zugang zur Grammatik <?page no="29"?> Zu 1.6 Der Enzyklopädie-Eintrag von Oswald Schwemmer ist wesentlich umfangreicher und tiefer als hier angedeutet: Schwemmer (2024 [ausgezeichnete, aber anspruchsvolle Orientierung in einer weitreichenden Debatte]. In Bezug auf Erklärungen einen ähnlichen wissenschaftstheoretischen Ansatz, aber speziell angewendet auf den Gegenstand Sprache bieten Kambartel/ Stekeler-Weithofer (2005). Zu 1.7 Die Arbeiten, die die Theorie begründen bzw. der Theoriearchitektur und der ideellen Basis Wesentliches hinzufügen, sind Kasper (2014 [dichte Zusammenfassung zentraler Thesen aus Kasper (2015)]), Kasper (2015 [anspruchsvolle Monographie zur Begrün‐ dung des hier vorgestellten Ansatzes]), Kasper (2020b [lotet die humanökologischen Grundlagen des Ansatzes weiter aus]), Kasper/ Hoffmeister (2025 [philosophisch an‐ spruchsvoller Ansatz zu den humanökologischen Faktoren, die unsere sprachlichen Konzepte formen]). Daneben liegt auch ein einführendes Lehrvideo vor, und zwar Kasper (13.06.2020). Zu der im Punkt „Methode“ angesprochenen methodisch-pragmatischen Wissen‐ schaftstheorie bietet eine in der Sache gute, aber herausfordernde Einführung Janich (2014). Zum Punkt „Regulativ“ vgl. Kasper (2020a [thematisiert theoretische Begründungs‐ schwierigkeiten der Kognitiven Grammatik aus Sicht des hier präsentierten Ansatzes]). Hinweise zu den Aufgaben Hier finden Sie Hinweise zu den Aufgaben, die zur Lösung nicht im Text wieder aufgegriffen werden. Aufgabe Abschnitt 1.3 Man könnte argumentieren, dass bei dem, was ChatGPT tut, Grammatik im ersten Sinne des Infokastens in diesem Abschnitt im Spiel ist: „[d]as strukturelle Regelsys‐ tem (bei de Saussure: ‚langue‘), das dem kompetenten Sprecher das Verstehen und Produzieren der jeweiligen Sprache ermöglicht“. Natürlich hat niemand dem großen Sprachmodell „Regeln“ im wörtlichen Sinne beigebracht, sondern es operiert in seinen Ausgaben auf der Grundlage der impliziten statistischen Regularitäten, die es in den sprachlichen Daten analysiert hat, mit denen es „trainiert“ wurde. Diese kann man auch als „strukturelles Regelsystem“ bezeichnen. Hinweise zu den Aufgaben 29 <?page no="30"?> Aufgaben Abschnitt 1.5 1. Aufgabe (große Sprachmodelle wiederholt) Wenn Grammatik abweichend von den vorangegangenen Charakterisierungen des Begriffs diejenige Ordnung sein soll, die unseren sprachlichen Formgebungs- und Ver‐ stehensaktivitäten inhärent ist, und wenn diese Aktivitäten unauflöslich mit unserem menschlichen In-der-Welt-Sein verknüpft sind, dann kann im Zusammenhang von ChatGPT und anderen großen Sprachmodellen nicht mehr sinnvoll von Grammatik gesprochen werden. Unsere Wahrnehmungs- und Auffassungsweisen, die Grammatik durchdringen, sind abhängig davon, wie wir körperlich und kulturell mit unserer Umwelt und Mitwelt im Austausch stehen. Diese Beziehungen sind im Falle großer Sprachmodelle radikal anders. 2. Aufgabe (Funktionen des Passivs) Die primäre allgemeine Funktion des Passivs ist es, den Urheber, Verantwortlichen oder aktiven Part (Agens) eines Sachverhalts nicht sprachlich ausdrücken zu müssen. Dafür kann es verschiedene Motive geben, unter anderem, dass man diesen Part nicht kennt oder dass man jemandes Verantwortlichkeit verschleiern möchte. Dies wird in den Abschnitten 7.7 bis 7.9 (Passiv) und in Kapitel 10 (Verantwortlichkeitszuschreibungen) vertieft. 30 1 Nicht, was Sie denken: ein lebenslinguistischer Zugang zur Grammatik <?page no="31"?> Experiment 2 Mehr, als man sieht: die verborgene Ordnung beim Wahrnehmen und Vorstellen Unseren sprachlichen Formgebungs- und Verstehensaktivitäten ist eine verborgene Ordnung inhärent, die wir Grammatik nennen. Sie steht, so die Annahme, in einem nicht zufälligen Zusammenhang mit nichtsprachlichen menschlichen Fähigkeiten und der Eigenlogik des Zeichengebrauchs. Als nichtsprachliche Fähigkeiten haben Sie in den Experimenten des ersten Kapitels bereits ganz kurz Wahrnehmungsbedingungen und Auffassungsweisen von Sachverhalten kennengelernt. Um zu sehen, dass die grammatische Ordnung etwas mit Wahrnehmung und Auffassung zu tun hat, müssen wir beide beschreiben können. Es wird sich nämlich zeigen, dass nicht nur unsere sprachlichen Aktivitäten beziehungsweise ihre Resultate eine Ordnung aufweisen, sondern auch unsere Erfahrung: unser Wahrnehmen und Erleben. Wenn wir sehen möchten, wie die Ordnungen von beiden zusammenhängen, müssen wir die Ordnung im Wahrnehmen und Erleben erst einmal erkennen. Dann können wir auch die Leitidee, dass Äußerungen Instruktionen zum simulierten Erleben im Sinne eines Nachvollzugs sind, mit Inhalt füllen. Daher geht es in diesem Kapitel um die Ordnung in der Wahrnehmung und der Vorstellung. 2.1 Worauf wir beim Wahrnehmen achten: Salienz und Pertinenz Wir beginnen erneut mit einem Experiment: Wir tun wieder so, als stünden die drei folgenden Screenshots für etwas, das Sie tatsächlich wahrnehmen. Die Screenshots stammen aus einer zirka zweisekündigen Szene eines Werbespots. Zur besseren Ori‐ entierung können Sie ihn sich natürlich auch im Original anschauen. (Aber vergessen Sie nicht, hierhin zurückzukehren! ) <?page no="32"?> 1 Quelle: The Wallstreet Journal (01.02.2013): Volkswagen ‘Get happy’. In: YouTube. URL: https: / / ww w.youtube.com/ watch? v=SM-UsF8v-aA [00: 45-00: 46] [Stand: 17.07.2025]. worauf wir achten Abbildung 2-1: Szene aus einem Werbespot 1 Was nehmen Sie wahr, was erleben Sie? Ohne spezielles Interesse an der Szene könnten Sie vieles antworten: einen Parkplatz; Grau- und Brauntöne; Motorengeräusche; ein rotes Auto; Autoreifen, die auf Asphalt rollen; Ihren kalten Hintern; das Grummeln im Magen; Herbstluft weht um Ihre Nase; Bäume, die wenig Laub tragen; eine Person erwartet ein ankommendes Auto; Abgase; und dergleichen mehr. Vielleicht schlagen Sie an der erhöhten Stelle, an der Sie gerade sitzen, Zeit tot. Dennoch würde nicht alles in der Szene Ihre Aufmerksamkeit gleichermaßen auf sich ziehen. Etwas darin drängt sich Ihnen auf und sticht hervor, so dass Sie Ihre Sinne darauf ausrichten: Es ist zum einen das Auto, und zwar, weil seine rote Farbe sich so stark von dem ansonsten von Grau und Braun dominierten Hintergrund abhebt, weil es sich bewegt, während sich sonst (beinahe) nichts bewegt, weil Sie plötzlich Abgase riechen, wo Sie vorher nichts Besonderes gerochen haben, und weil die Motorenge‐ räusche die ansonsten relativ monotone Geräuschkulisse deutlich übertönen. Zum anderen ist es die Person, die neben dem Parkplatz steht und allem Anschein nach ihre eigene Aufmerksamkeit auf das rote Auto richtet, was sich daran erkennen lässt, dass sie ihre Haltung mit dem Herannahen des Autos leicht verändert. Wenn Sie auf etwas anderes achten wollten, zum Beispiel auf etwas weiter hinten im Bild, müssten Sie Ihre Aufmerksamkeit gegen die Anziehungskraft des roten Autos aktiv von diesem abziehen und dorthin richten. 32 2 Mehr, als man sieht: die verborgene Ordnung beim Wahrnehmen und Vorstellen <?page no="33"?> Salientes und Perti‐ nentes Nun können wir nicht leicht davon abstrahieren, dass dies in Wirklichkeit ursprüng‐ lich ein Werbespot ist und es nachgelagert drei Screenshots aus diesem Werbespot in einem Lehrbuch sind. Beides sind kommunikative Situationen: Die Werbetreibenden möchten, dass Sie etwas Bestimmtes sehen und Sie wissen, dass die Werbetreibenden dies möchten. Und die Werbetreibenden wissen, dass Sie wissen, dass sie es möchten (etc.). Und deshalb schauen Sie das Video nicht ganz interesselos an, sondern sozusagen relevanzgefiltert unter dem Vorzeichen, dass dabei kommunikative Absichten und wechselseitige Erwartungen im Spiel sind. Dasselbe gilt für die von mir zweitverwende‐ ten Screenshots. Sie und ich befinden uns ebenfalls in einer Kommunikationssituation, Sie wissen, dass ich in Bezug auf die Szene „etwas von Ihnen will“, und dies wirkt als Relevanzfilter auf das, worauf Sie achten. Dennoch: Auch unabhängig von einer Kommunikationssituation und während Sie „Zeit totschlagen“ wäre nicht alles in dieser Szenerie gleich bedeutsam für Sie. Das neben dem Mann einparkende rote Auto bindet Ihre Aufmerksamkeit, auch wenn Sie kein spezielles praktisches oder kommunikatives Interesse an ihm haben. Solche Ele‐ mente der Wahrnehmung werden perzeptiv salient genannt. Wenn wir unsere Auf‐ merksamkeit dagegen auf etwas richten, weil es praktisch - Sie suchen beispielsweise die Person im Hintergrund - oder kommunikativ - jemand fragt, „Was bewegt sich denn da hinten auf dem Parkplatz? “ - bedeutsam ist, dann ist es perzeptiv perti‐ nent. Was salient ist, kann auch pertinent sein, muss es aber nicht. Wenn es nicht salient ist, ist es jedoch kognitiv aufwendiger, darauf zu achten. Gleichzeitig muss aber alles, was Sie in der Wahrnehmung aussondern, weil es pertinent ist, zumindest auch Salienzpotenzial besitzen, denn wenn Sie es nicht vor einem Hintergrund aussondern könnten, wäre es für Sie auch gar nicht als etwas eigenes wahrnehmbar. Salienz und Pertinenz Saliente Wahrnehmungsphänomene haben solche sensorischen Qualitäten, dass sie in ihrer Umgebung für unsere Wahrnehmung auffällig sind. Sie ziehen im Dienste vitaler Interessen unsere Aufmerksamkeit auf sich, auch ohne dass wir ein besonderes praktisches Interesse an ihnen hätten. Pertinente Wahrnehmungsphänomene sind solche, auf die wir unsere Auf‐ merksamkeit richten, weil wir ein praktisches Interesse an ihnen haben. Sie können, müssen aber nicht zugleich salient sein. Sie müssen nur insoweit Salienz‐ potenzial besitzen, als sie für uns von ihrer Umgebung unterscheidbar sind. Wir haben es also mit Wahrnehmungsfeldern zu tun und mit der Frage, worauf wir in ihnen perzeptiv achten und ob wir es tun, weil es salient oder pertinent ist. Dies betrifft zunächst alle Sinne. 2.1 Worauf wir beim Wahrnehmen achten: Salienz und Pertinenz 33 <?page no="34"?> 2 Quelle: Eyegaze Inc. (05.02.2013): Eye Tracking - Volkswagen - 2013 Super Bowl Commercial. In: YouTube. URL: https: / / www.youtube.com/ watch? v=bITGPkPxbac [00: 45-00: 46] [Stand: 17.07.2025]. Eye Tracker 2.2 Was ein Eye Tracker zeigt: Salienz und Pertinenz in Aktion Wenn es darum geht, worauf wir in Szenen visuell (= sehend) achten, was wir also beim Beobachten von Szenen mit den Augen fixieren, und wie der Blick zwischen fixierten Dingen umherspringt (= „Sakkaden“), können uns sogenannte Eye Tracker Aufschluss geben. Eye Tracker sind Geräte, die Fixationen und Sakkaden des Auges bei der visu‐ ellen Wahrnehmung registrieren, und deren registrierte Daten man visualisieren kann, indem man sie in das visuelle Display projiziert. Genau dies hat man mit Personen getan, die den obigen Werbespot angeschaut haben. Das Ergebnis sehen Sie in Abbil‐ dung 4. Die farbigen Punkte zeigen die Fixationen und Sakkaden der Zuschauenden. Abbildung 2-2: Dieselbe Szene mit Eyetracker 2 In Zeitschnitt 1 sehen Sie die Blickpunkte unmittelbar nach einem Bildschnitt, der von der vorangegangenen in diese Szene überleitet: Die Zuschauenden schauen immer noch an die Stelle, in der sich in der vorangegangenen Szene zuletzt etwas bewegt hat. Wenige hundert Millisekunden später fixieren fast alle das saliente rote Auto beziehungsweise Elemente, die mit dem roten Auto (oder zu einem roten Auto) verbunden sind (Zeitschnitt 2). Wiederum wenige hundert Millisekunden später - das Auto hat nun schon deutlich in Richtung Parklücke eingeschlagen - springen einige Blicke auf die pertinente freie Parkfläche (Zeitschnitt 3): Die fixierte Stelle ist in diesem Moment nicht sonderlich salient, aber die Zuschauenden haben erkannt, dass das 34 2 Mehr, als man sieht: die verborgene Ordnung beim Wahrnehmen und Vorstellen <?page no="35"?> 3 Quelle: Eyegaze Inc. (05.02.2013): Eye Tracking - Volkswagen - 2013 Super Bowl Commercial. In: YouTube. URL: https: / / youtu.be/ bITGPkPxbac [00: 47-00: 48] [Stand: 01.11.2024]. Auto auf die freie Parklücke zusteuert und wenden ihr praktisches Erfahrungswissen (Pertinenz! ) an, um vorherzusagen, wohin es sich als nächstes bewegen wird. Je näher das Auto seiner vermuteten Zielposition kommt, desto mehr Blicke fallen dann zudem auf die daneben lokalisierte Person (Zeitschnitte 3 und 4). Sie ist sowohl salient, da sie sich für uns durch Farbe und Bewegung vom Hintergrund abhebt, zum anderen ist sie hochgradig pertinent: Menschen sind in unserem Wahrnehmungsfeld immer von hoher praktischer und kommunikativer Relevanz. Abbildung 2-3: Folgeszene 3 Dies wird auch in der unmittelbar folgenden Szene in Abbildung 2-3 deutlich. Sie stellt die Person, die neben dem Parkplatz wartet, frontal dar. In Zeitschnitt 1, direkt nach dem Bildschnitt, stehen die Blicke noch auf dem, worauf die Zuschauenden in der vorherigen Szene zuletzt geschaut haben. Wenige Millisekunden später sind alle Blicke auf das hochgradig pertinente Gesicht des Mannes fixiert. Gesichter sind so bedeutsam für uns, weil wir an ihnen sehr viel von dem vorhersagen können, worauf wir unser nächstes Handeln abstimmen müssen. Das können „ablesbare“ Gefühle wie Wut, Freude, Ungeduld, Genervt-Sein, Trauer und so weiter sein, das kann aber auch der auf irgendetwas in der Umwelt gerichtete Blick von jemandem sein, der uns anzeigt, worauf es jemand „abgesehen“ hat. Generell gilt, dass das, was wir vorhersagen können, uns nicht unangenehm überraschen kann, und wir tendieren dazu, solche Überraschungen zu vermeiden, wann immer möglich. (In Kapitel 9 werden wir das vertiefen.) 2.2 Was ein Eye Tracker zeigt: Salienz und Pertinenz in Aktion 35 <?page no="36"?> wahrneh‐ men vs. erkennen Erfahrungs‐ schichten Zeitschnitt 3 illustriert dann wiederum die Macht salienter Reize: Unvermittelt hebt die Person ihren Arm, um auf die Uhr zu schauen, und unmittelbar „springen“ die Blicke auf das saliente Etwas, weil es sich bewegt. 2.3 Warum Angucken zum Erkennen oft reicht: Schichten der Erfahrung Etwas im Wahrnehmungsfeld visuell zu fixieren ist nicht gleichbedeutend damit, etwas Wahrgenommenes als etwas Bestimmtes zu erkennen. Vielmehr fixieren wir kontext‐ abhängig sowohl solches, was wir schon erkannt haben, als auch solches, was wir noch nicht erkannt haben und gerade dazu fixieren, um es zu erkennen. In Bezug auf die obige Szene bedeutet das, dass es einen Moment gegeben hat, in dem Sie etwas noch Unerkanntes unter anderem anhand Ihrer Blickbewegungen zunächst einmal als rotes Auto erkannt haben müssen. Anschließend haben Sie wieder unter anderem anhand Ihrer Blickbewegungen den weiteren Fortgang des Schicksals des bereits erkannten roten Autos weiterverfolgt. (Denken Sie daran, dass Sie mit allen Sinnen in diese Szene involviert sind.) Für die meisten von uns ist es eine nie reflektierte Selbstverständlichkeit, etwas als etwas zu erkennen, indem man darauf blickt. Das täuscht aber darüber hinweg, dass dies eine gewaltige Leistung ist, in die ein Gutteil unserer spezifisch menschlichen We‐ sensmerkmale eingeht. Beispielsweise besitzen wir nicht von Anfang an die Fähigkeit zu erkennen, dass etwas, das wir zugleich mit der Hand betasten, mit der Nase riechen und mit dem Auge sehen, etwa ein Apfel, tatsächlich eine Sache ist und nicht drei voneinander unabhängige Erlebnisse von drei unbestimmten ‚Etwassen‘. Ebenso ist es von unseren vorherigen Erfahrungen abhängig, ein Auto als ein aus Teilen bestehendes Ganzes zu erkennen. In der obigen Szene bewegen sich das Dach, die Karosserie, die Lichter, die Reifen und die Personen im Auto zwar gleichzeitig in die gleiche Richtung, sie haben aber jeweils unterschiedliche Farben. Es ist ohne Weiteres gar nicht klar, wie viele Sachen diese Farben bilden: eine, viele oder bilden sie nur einen Teil von etwas? Dass die Personen im Auto kein Autoteil sind, das Dach und die Reifen aber schon, und dass Letztere, aber nicht Ersteres notwendig für die Fahrtüchtigkeit des Autos sind, ist menschliches Erfahrungswissen. Kurz gesagt, dürfen wir uns die erfahrbare Umwelt nicht von vornherein als wohl‐ gegliedert vorstellen. Vielmehr ist dabei eine ganze Schichtung menschlicher Leistun‐ gen im Spiel. Beginnen wir mit der untersten Schicht. 36 2 Mehr, als man sieht: die verborgene Ordnung beim Wahrnehmen und Vorstellen <?page no="37"?> 1. Der menschliche Körper. Wenn wir es als Kleinkind, noch bevor wir so etwas wie Gegenstandsbewusstsein besitzen, beispielsweise mit einem Wahrnehmungsphänomen wie ei‐ nem kleinen Ast zu tun hätten, dann wäre schon die Frage, welche Erfahrung wir auf welche Weise mit diesem Ast-Et‐ was machen können, durch unsere spezifisch menschlichen Körper mitbestimmt. Zu nennen wären hier beispielsweise die Wahrnehmungsspektren und -nuancen unserer einzelnen Sinnesorgane - die andere sind als bei anderen Lebewesen - und zwei nach vorn - anstatt zur Seite - gerichtete Augen. Zentral ist auch die Tatsache, dass wir aufrecht auf zwei Beinen laufen (lernen) und dadurch wahnsinnig geschickte Hände mit einem den anderen vier Fingern gegenüberliegenden Daumen frei haben, so dass sich uns die Wirklichkeit von vornherein wie durch einen Greifbarkeitsfilter präsentiert. Unsere Leiblichkeit und Körperlichkeit bestimmt also mit, welche Erfahrungen wir mit dem Ast-Etwas machen können und in welchen Eigenschaften es für uns salient und pertinent werden kann. 2. Die sensomotorische Wirklichkeitserschließung. Mit ge‐ nau diesen unseren Körpern beginnen wir, unsere Umwelt mit allen Sinnen und selbsttätig zu erkunden. Wir werden das Ast-Etwas, das sich noch nicht klar von anderem abhebt und noch nichts Bestimmtes für uns darstellt, greifen, in den Mund stecken, es riechen, rollen, wedeln, uns versehentlich damit kratzen und so weiter. Wie den Ast, so „arbeiten“ wir die gesamte erreichbare Wirklichkeit um uns herum sensomotorisch „durch“. Diese Durcharbeitung der Wirklichkeit (idealtypisch mit der Hand) ist regelmäßig mit der Rückempfindung durch andere Sinne, vor allem das Sehen verknüpft: Wie wir in die Umwelt hineinwirken, empfinden wir auch wahrnehmend, tastend, schmeckend, riechend, vor allem aber sehend, zurück (Auge-Hand-Koordination). Mit fortschreitender sensomotorischer Erfahrung werden wir - wieder exemplarisch - den Ast als Instrument zwischen unsere eigenen Extremitäten (die Hand) und etwas außerhalb unseres Körpers nehmen und werden ihn wie eine Organer‐ weiterung und Organverbesserung einsetzen, zum Beispiel um unseren Arm zu verlängern, um an etwas heranzukommen, wofür der Arm allein zu kurz wäre, oder als Schläger, um damit etwas zu schlagen, oder als Stütze beim Gehen. Sobald wir gelernt haben, zielgerichtet zu handeln und geeignete Mittel dafür zu wählen, können wir den Ast im sensomotorischen Kontakt auf seine jeweils pertinenten Merkmale hin verengen und ihn so als Armverlängerung, als Schläger, als Stütze erkennen und behandeln. Das rote Auto in unserer obigen Szene ist in der Logik dieser Leistungsschichtung strukturell etwas Ähnliches wie so ein Ast. Es tritt auch 2.3 Warum Angucken zum Erkennen oft reicht: Schichten der Erfahrung 37 <?page no="38"?> zwischen uns und andere Teile der Wirklichkeit (den Boden, die Straße) und überbietet körperliche Leistungen. Beim Auto kommt aber noch etwas hinzu: Das Instrument kann sich teilweise oder ganz vom Einsatz am Körper ablösen und als Gerät oder Maschine „von sich aus“ eine Leistung erbringen, die menschliche Körperkraft teilweise oder ganz ersetzt: Aus Ästen werden Stöcke und aus Stöcken wird ein Tipi gemacht, aus Fels werden Steine gefertigt und aus Steinen ein Haus gebaut. Der Körper braucht seine Temperatur nicht mehr selbst zu regulieren, das Haus schützt ihn vor Kälte. Auch der selbsttätige Teil eines Automobils (von griech. autós ‚selbst‘ und lat. mobilis ‚beweglich‘) fällt in diese Kategorie. 3. Das höherstufige Sehen. Bei uns Menschen ist das Sehen eng mit anderen Sinnes‐ modalitäten, insbesondere mit der haptischen Wahrnehmung (Tasten) verknüpft. Wir sehen, wie wir motorisch-tastend auf die Umwelt einwirken, und so empfangen wir mit dem Auge zurück, was wir mit der Hand nach außen bewirken. Die regelmäßigen Rückempfindun‐ gen zwischen Hand und Auge führen auf Dauer dazu, dass wir mit zunehmender sensomotorischer Durcharbeitung unserer Umwelt den Dingen in unserer Umwelt ansehen können, wie wir mit der Hand auf sie einwirken können. Das heißt, wir sehen den Dingen ihre praktischen Eigenschaften an, obwohl die Praktiken etwas sind, das nicht das Auge, sondern die Hand an den Dingen vollzieht. So sehen wir als Erwachsene am Auto die Roll‐ barkeit, am Lenkrad die Drehbarkeit, am Sitz die Besetzbarkeit, am Schalthebel die Herumschiebbarkeit. Und wir sehen dem Auto an, wie das Rollen des Autos klingt, wir sehen der Textur des Lenkrades an, wie es sich anfasst usw. Analog beim Ast: Wir sehen im Ast-Etwas nun schon von fern die möglichen Zweckbestimmungen (Armverlängerung, Schläger, Stütze usw.) und welche sensorischen Eigenschaften dabei im Spiel sind, wenn wir den Ast als das jeweilige verwenden. Man spricht dabei von den Affordanzen der Gegenstände. Die generelle Voraussetzung für das höherstufige Sehen ist, dass die darunterliegende Schicht der sensomotorischen Wirklichkeitserschließung durchlaufen wurde! 4. Das höherstufige Vorstellen. Schon als Kinder sind wir bei hinreichender Erfahrungsgrundlage irgendwann fähig, uns - wiederum exemplarisch - einen Ast als Armverlängerung, als Schläger, als Stütze vorzustellen. Dazu müssen wir ihn nicht einmal mehr (höherstufig) sehen, wir können es in Abwesenheit von Ästen. Es gehört dann schon zu unserem „Wissen, wie …“ zu Ästen, dass sie pertinente Merkmale haben (sollten), die sie zu dieser oder jener Zweckbestimmung prädestinieren. Dieses „Wissen, wie …“ haben wir natürlich durch die sensomotorische Wirklichkeitserschließung erworben. Un‐ sere Kompetenz zum höherstufigen Vorstellen ist dadurch wiederum abhängig 38 2 Mehr, als man sieht: die verborgene Ordnung beim Wahrnehmen und Vorstellen <?page no="39"?> Bezug zur Autoszene wann etwas ein Objekt ist davon, dass wir die vorherigen Erfahrungsschichten inklusive des höherstufigen Sehens durchlaufen haben. Schichten nichtsprachlicher menschlicher Erfahrung 1. Der menschliche Körper als Ermöglichungsschicht für Erfahrung 2. Die sensomotorische Wirklichkeitserschließung 3. Das höherstufige Sehen 4. Das höherstufige Vorstellen Angewendet auf die Szene mit dem roten Auto, vermittelt die obige Erfahrungsschich‐ tung vielleicht einen Eindruck davon, in welch hohem Grad unser Erleben dieser Szene erfahrungsgesättigt ist. Anders gesagt: Sie tragen eine gewaltige Menge an Erfahrung in die Wahrnehmung (oder Vorstellung) dieser Szene hinein. Sie versetzt Sie in die Lage zu erkennen (oder zu wissen), dass es sich um ein rotes Auto handelt, das neben einem Mann in eine Parklücke fährt. Vor diesem Hintergrund wird auch klar, was durch die scheinbare Einfachheit der bunten Eye Tracker-Punkte auf dem Display überdeckt wird: Hinter den Blick-Sakka‐ den der Zuschauenden verbirgt sich nämlich höherstufiges Sehen, das auf den ganzen Fundus der skizzierten, darunterliegenden Erfahrungsschichten zugreift. Und wenn ich Ihnen gegenüber diese Szene hier wiederholt erwähne, dann müssen Sie sie sich nicht noch einmal anschauen, um sie sich in all ihren verstehensrelevanten Aspekten zu vergegenwärtigen. Sie können sie sich vorstellen. Bei diesem Vorstellen handelt es sich um höherstufiges Vorstellen. 2.4 Was nichts, Teil, Ganzes, Vieles ist: Prinzipien der Objektwahrnehmung In der Autoszene, aber auch wenn Sie Ihren Blick jetzt heben und um sich schauen, werden Sie feststellen, dass Sie kaum je etwas von allen Seiten gleichzeitig sehen (fast Durchsichtiges und ganz Flaches vielleicht ausgenommen). Immer sind Seiten davon unserem Blick unzugänglich. Oft sind zudem Gegenstände durch anderes teilweise oder ganz verdeckt. Woher wissen wir dann, dass es sich bei vielem davon um Objekte in dem Sinn handelt, dass sie abgegrenzte Ganze bilden, die von anderem ablösbar oder trennbar sind? Woher wissen wir, dass das rote Auto auf der Seite, die wir gerade nicht sehen, nicht ganz anders beschaffen ist als auf der, die wir sehen, oder dass sich die Front des Autos nicht verändert, nachdem wir sie gesehen haben und, sobald wir sie wieder sehen, wieder aussieht wie vorher? Einen Teil der Antwort finden wir in der Erfahrungsschichtung. Bei den meisten Objekten, die wir beispielsweise visuell oder haptisch wahrnehmen, wissen wir nicht, dass es sich um Objekte handelt, aber wir gehen davon aus, dass sie Objekte sind. Der Grund ist, dass wir Wesen sind, deren Erfahrungen sich nicht auf nur einen Zeitpunkt 2.4 Was nichts, Teil, Ganzes, Vieles ist: Prinzipien der Objektwahrnehmung 39 <?page no="40"?> Gestaltprin‐ zipien der Gruppierung Prinzip der Nähe Prinzip der Ähnlichkeit Prinzip der guten Linienfortführung beschränken, sondern sich im Erlebnisverlauf ansammeln, und sich zum anderen nicht im Sehen oder Tasten erschöpfen. So sind viele von uns schon einmal um ein Objekt, das man nicht gleichzeitig von allen Seiten sehen oder tasten kann, herumgegangen oder haben es rundherum abgetastet. Sodann gibt es Objekte - Steine zum Beispiel -, die so klein sind, dass wir sie komplett umfassen - also haptisch wahrnehmen - kön‐ nen, auch wenn wir sie gleichzeitig nicht komplett sehen können. Einen Ball können wir zugleich von vorn sehen und von hinten tasten. Und so unterstellen wir, oder lernen zusammen mit unserer sensomotorischen Welterschließung zu unterstellen, dass Ein‐ zeldinge oder Typen von Dingen, die wir zu verschiedenen Zeitpunkten oder im Verlauf schon einmal von allen Seiten gesehen oder betastet haben, typischerweise umgehbar oder umschließbar sind - so wie bestimmte Autos oder Automodelle - und dass sie deshalb an ihren gerade nicht wahrgenommenen Seiten sich nicht etwa ins Unendliche erstrecken, mit etwas anderem verwachsen sind oder diese Seiten gerade nicht exis‐ tieren. Einen weiteren Teil der Antwort auf die Frage, woher wir um die Objekthaftigkeit von Wahrgenommenem wissen, sind die sogenannten „Gestaltgesetze“ oder, besser, Gestaltprinzipien der Gruppierung. (Möglicherweise hängen sie auch vom Erwerb der oben skizzierten Erfahrungsschichtung ab. Da ist sich die Forschung nicht sicher.) Diese Gestaltprinzipien tragen zu unserer Fähigkeit bei, etwas Wahrgenommenes als Objekt zu erkennen und zu behandeln, also als etwas, das von dem sonst noch Wahr‐ genommenen, das dann den „Hintergrund“ zu diesem abgesonderten Objekt bildet, unterschieden, abgelöst, abgegrenzt und dabei eine Einheit ist. „Einheit“ bedeutet dabei, dass es in dieser Phase der Wahrnehmung nicht als Vielheit, nicht bloß als Teil von etwas anderem und nicht als nichts wahrgenommen oder behandelt wird, sondern als eins. Eine Auswahl wichtiger Prinzipien ist die folgende. • Das Prinzip der Nähe besagt, dass Elemente der Wahrnehmung, die einander nahe sind, zu einem Objekt gruppiert werden. In unserer Szene mit dem Auto trifft dies beispielsweise auf die visuellen Merkmale der wartenden Person zu (siehe Abbildung 2-4). Sie bilden ein Ganzes. • Das Prinzip der Ähnlichkeit besagt, dass Elemente, die in einem oder mehreren intrinsischen Merkmalen ähnlich sind, zu einem Objekt gruppiert werden. Hier kann jede der fünf Fensterreihen des Gebäudes genannt werden, die aus jeweils fünf Einzelfenstern bestehen. Die Einzelfenster sind einander ähnlich (und nahe), so dass wir sie perzeptiv zu einer Einheit ‚Fensterreihe‘ gruppieren. • Elemente, die gut fortgeführte Linien bilden, werden laut dem Prinzip der guten Linienfortführung zu einer Einheit gruppiert. In der zweidimensionalen Wahr‐ nehmung des Baumes und des Gebäudes links im Bild ist beispielsweise nicht von vornherein klar, dass die helle, zum Gebäude gehörige waagrechte Leiste, die sich mit dem senkrechten Baumstamm kreuzt, nicht ein Teil des Baumes, sondern ein Teil des Gebäudes ist. Diese Leiste führt aber die Linie des Baumstamms, und der Baumstamm führt die Linie des Gebäudes nicht gut (organisch, kohärent, prä‐ gnant) fort. Daher nehmen wir sie als zu verschiedenen Objekten gehörig wahr. 40 2 Mehr, als man sieht: die verborgene Ordnung beim Wahrnehmen und Vorstellen <?page no="41"?> 4 Quelle: The Wallstreet Journal (01.02.2013): Volkswagen ‘Get happy’. In: YouTube. URL: https: / / ww w.youtube.com/ watch? v=SM-UsF8v-aA [00: 46] [Stand: 17.07.2025]. Prinzip der Geschlos‐ senheit Prinzip der gemeinsa‐ men Bewe‐ gung Abbildung 2-4: Screenshot ‚einparkendes Auto‘ aus einem Werbespot 4 • Solche Elemente, die zusammen eine geschlossene Form bilden, werden laut dem Prinzip der Geschlossenheit als Objekt wahrgenommen. Die Fensterreihe ganz links wird durch den Baum teilweise verdeckt. Wir gehen aber nicht davon aus, dass die Fensterreihe und der Baum zusammen ein Objekt bilden, weil die äußeren Linien der Fensterreihe eine geschlossene (rechteckige) Form (nämlich die Fens‐ terreihe) bilden würden, wenn wir die durch den Baum unterbrochenen Linien gedanklich fortführen würden. • Und dann ist da noch das wichtige Prinzip der gemeinsamen Bewegung, nach dem wir solche Elemente der Wahrnehmung zu einem Objekt gruppieren, die sich gemeinsam bewegen. Hier ist das Auto das einschlägigste Beispiel. Die Stärke des Prinzips zeigt sich auch darin, dass sich an diesem Auto auch einiges einander Fernes (gegen das Prinzip der Nähe) und einander Unähnliches (gegen das Prinzip der Ähnlichkeit) findet - zum Beispiel die Frontlichter, der Hemdsärmel, das Dach und der Heckspoiler -, wir dies alles aber dennoch aufgrund der gemeinsamen Bewegung als Einheit wahrnehmen. Wenn wir also die Autoszene erleben, blicken wir zwar nur auf Oberflächen und auch unsere Netzhautbilder sind nur zweidimensional, aber wir nehmen eine gegenständ‐ liche Wirklichkeit wahr. Dabei hilft uns unsere Erfahrungsschichtung, insbesondere unsere sensomotorische Wirklichkeitserschließung. Bei basalen Wahrnehmungsprozessen wirken (zudem? ) die Gestaltprinzipien, durch die wir unser Wahrnehmungsfeld in Objekte gliedern können, die sich von einem Hintergrund absondern lassen. Wir 2.4 Was nichts, Teil, Ganzes, Vieles ist: Prinzipien der Objektwahrnehmung 41 <?page no="42"?> Figur- Hinter‐ grund- Gliederung topologische Struktur sprechen dabei auch von einer „Figur-Hintergrund-Gliederung“. Etwas, das wir als Objekt aus dem Wahrnehmungsfeld absondern, ist eine Figur der Wahrnehmung. Wenn wir dies visuell durch (höherstufiges) Sehen tun, dann fixieren wir es meistens, um es scharf zu sehen: Das Licht, das von den Objekten im Wahrnehmungsfeld reflektiert wird, fällt dann auf eine bestimmte Region der Netzhaut im Auge, die scharfes Sehen ermöglicht. Und wir bewegen uns, unseren Kopf, unsere Augen, damit das Licht dorthin auf die Netzhaut fällt. Die Fixationen und Sakkaden im Eye Tracker sind also Indizien für Prozesse der Figur-Hintergrund-Gliederung. Figur-Hintergrund-Gliederung Die Figur-Hintergrund-Gliederung ist ein Aspekt der Sinneswahrnehmung, bei dem sich etwas im Wahrnehmungsfeld (Figur) von dem, was sonst noch wahrnehm‐ bar ist (Hintergrund), abhebt. Was als Figur ausgesondert wird, ist von Salienz und Pertinenz abhängig. Die Figur-Hintergrund-Gliederung bildet die Grundlage der Objektwahrnehmung. 2.5 Die Ordnung beschreiben: Figur-Hintergrund- Konfigurationen Wir können jetzt darangehen, für die verborgene Ordnung unseres Wahrnehmens eine Beschreibungsmethode zu entwickeln. Als „Leitsinne“ dienen uns dabei das Sehen und das Tasten. Der Grund dafür ist, dass die Organisation von Sehen und Tasten die größ‐ ten Rollen dabei spielen, die verborgene Ordnung in unseren sprachlichen Formge‐ bungs- und Verstehensaktivitäten - die Grammatik - zu erklären. Sie spielen diese Rollen, weil die Resultate der Wahrnehmungsaktivitäten eine topologische Struktur aufweisen, oder anders gesagt, weil das Sehen und das Tasten mit räumlich-bildhaften Eindrücken einhergehen. Das erscheint beim Sehen trivial: Sie können die Form von visuell Wahrgenommenem sprachlich beschreiben oder zeichnerisch oder anders nach‐ bilden. (Denken Sie daran, dass dafür aber höherstufiges Sehen nötig ist! ) Ähnliches gilt aber auch für die haptische Wahrnehmung ohne Beteiligung der Au‐ gen: Wenn Sie prinzipiell sehen können, können Sie Er- und Betastetes auch mit ge‐ schlossenen Augen in seiner Form beschreiben oder anschließend zeichnerisch oder anderweitig nachbilden. Sie können das leicht an sich selbst testen, indem Sie sich mit geschlossenen Augen etwas zum Betasten geben lassen. Mit etwas Vertrauensvor‐ schuss können Sie das auch für ein anderes Tastorgan neben der Hand testen: Lassen Sie sich etwas in den Mund legen und betasten Sie es mit der Zunge. Ob Hand oder Mund, die haptischen Eindrücke sind räumlich-bildhaft. Am höherstufigen Sehen zeigt sich zudem, wie eng verknüpft diese Sinnesmodalitäten beim Menschen sind: Wir sehen den Dingen an, wie sie sich anfühlen und durch Betasten können wir vorhersagen, wie etwas in seiner Form und Oberflächentextur aussehen wird, sobald wir es sehen. Das 42 2 Mehr, als man sieht: die verborgene Ordnung beim Wahrnehmen und Vorstellen <?page no="43"?> Sehen und Tasten Wahrneh‐ mung sche‐ matisch be‐ schreiben geht, wenn wir nicht schon vorher wissen, was es ist, beim (olfaktorischen) Riechen, (gustatorischen) Schmecken, (auditiven) Hören und beim (viszerozeptiven) Empfinden von vegetativer Organtätigkeit nicht oder kaum. Wir spüren nicht die Form unseres Magens, Riechen nicht die Form des Radieschens und schmecken nicht die Form des Gummibärchens (nicht mit der Tastwahrnehmung der Zunge verwechseln! ). Durch Sehen und Tasten bilden sich Figur-Hintergrund-Konfigurationen für Szenen. Wir können diese Figur-Hintergrund-Konfigurationen mithilfe der Zeichen in Abbildung 2-5 symbolisieren. Abbildung 2-5: Grundinventar zur Beschreibung von Wahrnehmungs- und Vorstellungsstrukturen 2.6 Wie denn nun? Figur-Hintergrund-Gliederung in Aktion Sie haben es vielleicht schon gemerkt: Was wir zu einer Figur der Wahrnehmung integrieren, hängt nicht immer nur an den salienten Merkmalen - denen, die unsere Aufmerksamkeit von sich aus auf sich ziehen -, sondern oft auch an ihren pertinenten Merkmalen - denen, die wir aufgrund ihrer praktischen Relevanz beachten. Ob wir eine Flasche mit Etikett und Drehverschluss in unserem Wahrnehmungsfeld als kein Objekt, als ein Objekt, als zwei oder als drei Objekte behandeln, hängt von der Situation ab, in der wir uns befinden, davon, was sonst noch in unserem Wahrnehmungsfeld los ist, und davon, ob etwas davon eine Rolle für unser Handeln spielt. Auf Basis dessen, was wir oben alles über die Wahrnehmung von Szenen und das Erkennen dessen gesagt haben, was darin passiert, können wir das, was wir in der Autoszene aus Abbildung 2-1 erleben, in seiner Wahrnehmungsstruktur schema‐ tisch etwa so beschreiben, wie in der erweiterten Abbildung 2-6 dargestellt. Darin kommt das Grundinventar zur Beschreibung von Wahrnehmungs- und Vorstellungs‐ 2.6 Wie denn nun? Figur-Hintergrund-Gliederung in Aktion 43 <?page no="44"?> 5 Quelle links: The Wallstreet Journal (01.02.2013): Volkswagen ‘Get happy’. In: YouTube. URL: https: / / www.youtube.com/ watch? v=SM-UsF8v-aA [00: 45-00: 46] [Stand: 17.07.2025]. Beschrei‐ bungsmittel strukturen aus Abbildung 2-5 zum Einsatz. Zu beachten ist dabei, dass unsere Wahr‐ nehmung viel Dynamik aufweisen kann, was sich im Verlauf verändernde Figur-Hin‐ tergrund-Gliederungen angeht. Abbildung 2-6: Einparkszene aus Abbildung 2-1 und schematische Wahrnehmungsstruktur 5 Die Beschreibung zeigt uns als wahrnehmende Person (W) mit unserem Wahrneh‐ mungsfeld. In diesem Wahrnehmungsfeld ist das rote Auto dasjenige, das wir als Figur (Fg1, rund) von allem sonstigen, dem Hintergrund, als Objekt aussondern, und wir folgen seiner Bewegung in die Parklücke. Die Parklücke kann, so lässt sich argumen‐ tieren, aufgrund des Prinzips der guten Linienfortführung als Grund mit Objekteigen‐ schaften (Alternativbezeichnung: objekthafter Grund) behandelt werden (Gr1, sechs‐ eckig). Das heißt, sie könnte mit ihren Objekteigenschaften prinzipiell auch als Figur der Wahrnehmung fungieren, tut dies hier aber nicht, da das Auto und nicht sie im Fokus der Aufmerksamkeit steht. In Abbildung 2-6 nimmt die Parklücke zudem eine Doppelrolle ein. Wir etablieren nämlich - und zwar zu einem anderen Zeitpunkt im Wahrnehmungsverlauf - auch eine Beziehung zwischen der Parklücke und dem Mann. Wir erkennen sie, während die Einparkszene sich entfaltet. In dieser Beziehung fungiert die Parklücke als Figur (Fg2, oval) und der Mann als objekthafter Grund (Gr2, sechseckig). Die Bewegung des roten Autos ist in dem statischen Diagramm durch den Pfeil angedeutet und leicht stilisiert. Alles, was ich nicht erwähnt habe, sich aber dennoch 44 2 Mehr, als man sieht: die verborgene Ordnung beim Wahrnehmen und Vorstellen <?page no="45"?> Darstellung als Vereinfachung Darstellun‐ gen aggre‐ gativ im Wahrnehmungsfeld befindet, gehört zum „hintersten“ Hintergrund (Gr, großes Rechteck). Was hier beispielsweise nicht abgebildet ist, was aber eine der vielen Möglichkeiten der Wahrnehmungsgliederung dieser Szene ist, ist eine direkte Beziehung zwischen dem Auto und dem Mann. In der Abbildung besteht sie nur mittelbar über die Bezie‐ hungen Auto-Parklücke und Parklücke-Mann. Würden wir eine direkte Beziehung etablieren, würde das Auto am ehesten als Figur, der Mann als objekthafter Grund fungieren: Wir würden das Auto fixieren und den Mann mit peripherem Sehen wahrnehmen. Wir sähen ihn zwar, aber nur in Relation zu dem, dem wir unsere Aufmerksamkeit primär widmen. Die Darstellung komprimiert also einen dynamischen Verlauf sich verändernder Fi‐ gur-Grund-Gliederungen. Sie ist - und dies gilt ebenso für die Eye Tracker-Demons‐ tration - in dem Sinne eine Vereinfachung, dass unsere Blicksakkaden und -fixationen im Millisekundenbereich, also noch schneller als vom Eye-Tracker im Video visuali‐ siert, in Szenen hin und her springen. Sie haben selbst gesehen, dass die Blicke noch während der Autobewegung auch auf die freie Parkplatzfläche und die wartende Per‐ son gesprungen sind. Zur Präzisierung der verschiedenen Zeitpunkte, die in Abbildung 2-6 aggregiert sind, können wir die Darstellung auseinanderfalten. Dies ist in Abbildung 2-7 geschehen. Auf der linken Seite sehen Sie die Figur-Grund-Beziehung, die wir zwischen dem Auto und der Parklücke wahrnehmen, auf der rechten Seite oben sehen Sie, wie wir zu einem anderen Zeitpunkt im Wahrnehmungsverlauf eine Beziehung zwischen der Parklücke als objekthaftem Grund relativ zur Figur des Mannes etablieren. Da es sich bei diesen beiden Elementen um solche mit Objekteigenschaften handelt, wäre die Beziehung auch umgekehrt möglich, mit der Parklücke als Figur und dem Mann als objekthaftem Grund. Wichtig ist in diesem Zusammenhang vor allem, dass damit ein zeitliches Nach‐ einander dargestellt ist. Im Wahrnehmungsverlauf kann ein Element zum gleichen Zeitpunkt nicht zwei dieser Rollen einnehmen. Diese schematischen Darstellungen stellen also mehr oder weniger starke Aggre‐ gierungen von durch Sakkaden unterbrochenen Fixationen dar. Die Aggregierungen lassen sich so rechtfertigen: Wenn wir den Wahrnehmungsverlauf in Zeitsegmente einteilen würden, würden unsere Fixationen zwar immer noch wechseln, aber das rote Auto würde in Segment 1 den visuellen Fokus relativ gesehen am längsten tragen und in Segment 2 wäre es entweder die Parklücke oder der Mann. 2.6 Wie denn nun? Figur-Hintergrund-Gliederung in Aktion 45 <?page no="46"?> Abbildung 2-7: Darstellung der Doppelrolle der Parklücke zu verschiedenen Zeitpunkten, als objekthaf‐ ter Grund relativ zum Auto (links), als objekthafter Grund relativ zum Mann (rechts oben) und als Figur relativ zum wartenden Mann (rechts unten) Aufgabe Betrachten Sie einen weiteren Screenshot aus dem Werbespot in Abbildung 2-9. Stellen Sie sich erneut vor, Sie würden das Gesehene leibhaftig erleben. Welche Figur-Hintergrund-Konfigurationen bieten sich jeweils für das Wahrnehmbare an? Stellen Sie mögliche schematische Wahrnehmungsstrukturen anhand der entwickelten Darstellungsweise dar und begründen Sie Ihre Entscheidungen mithilfe der Konzepte der Salienz und Pertinenz. Wie könnte man anhand einer kompakten sprachlichen Äußerung beschreiben, was Ihre vorgeschlagenen Gliederungen darstellen? Fehlen Ihnen Darstellungsmittel? Welche? Lösungsmöglichkeiten werden im übernächsten Abschnitt (2.8) diskutiert, also blättern Sie nicht um, falls Sie selbst Antworten erarbeiten möchten. 2.7 Wir tun nur so: der simulative Nach-Vollzug von Erlebnissen Wir haben bisher über das Erleben und dabei vor allem über das (höherstufige) Sehen und das Tasten sowie über sensomotorische Wirklichkeitserschließung gesprochen: 46 2 Mehr, als man sieht: die verborgene Ordnung beim Wahrnehmen und Vorstellen <?page no="47"?> 6 Quelle: gemeinfrei. Experiment mentale Rotation Beim höherstufigen Sehen greifen wir auf die Erfahrungsschicht unserer sensomoto‐ rischen Wirklichkeitserschließung zurück. Deshalb sind wir in der Lage, die Autoszene und die anderen Szenerien in all ihrer von Weltwissen gesättigten Tiefe zu verstehen, obwohl wir sie bloß aus der Ferne anschauen. Von der höchsten Schicht, dem höher‐ stufigen Vorstellen, war bisher noch kaum die Rede. Es wird aber im Folgenden eine sehr prominente Rolle spielen. Machen wir dazu ein weiteres Experiment. In Abbildung 2-8 sehen Sie zwei Figuren. Handelt es sich um die gleichen oder um verschiedene Figuren? Versuchen Sie sich an einer Antwort, bevor Sie weiterlesen. Abbildung 2-8: Zwei zweidimensionale Abbildungen dreidimensionaler Figuren 6 Was haben Sie getan, um die Frage zu beantworten? Ich sage Ihnen, was ich getan habe: Ich habe die rechte Figur im Geist so gedreht, dass ich sie möglichst in Deckung mit der linken Figur gebracht habe. Wenn sie in Deckung gebracht werden können, ist es die gleiche Figur. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass Sie etwas Ähnliches getan haben. Können die Figuren in Deckung gebracht werden? Nein. Die rechte Figur lässt sich zwar so rotieren, dass die vier Glieder beider Figuren gleich im Raum ausgerichtet sind: Das oberste ist im Vordergrund auf der Oben-Unten-Achse orientiert, das daran anschließende zweite Glied ist im Vordergrund auf der Links-Rechts-Achse orientiert, das daran anschließende dritte führt auf gleichbleibender Höhe auf der Vorne-Hinten-Achse nach hinten und das vierte schließt im Hintergrund auf der Oben-Unten-Achse wieder an. Aber die Längen des zweiten (Links-Rechts-Achse) und dritten (Vorne-Hinten-Achse) Gliedes sind zwischen den beiden Figuren vertauscht. Bei der linken Figur ist das von links nach rechts verlaufende Glied drei und das von vorn nach hinten verlaufende vier Blöcke lang, bei der rechten Figur ist es umgekehrt. Wir haben dabei die Rotation nicht wirklich wahrgenommen oder ausgeführt, son‐ dern sie uns nur vorgestellt. Das Phänomen heißt mentale Rotation. Es ist für sich 2.7 Wir tun nur so: der simulative Nach-Vollzug von Erlebnissen 47 <?page no="48"?> simulativer Nach- Vollzug Ordnung von Vorstel‐ lungen genommen noch nicht sonderlich spektakulär. Es wird aber spektakulärer, wenn man zwei Befunde dazu mitberücksichtigt: 1. Je mehr Rotationsgrade nötig sind, um die Figuren in Deckung zu bringen, desto länger benötigen Versuchspersonen für die Antwort. (Es handelt sich um eine lineare Funktion zwischen Drehungsgrad und benötigter Zeit.) Dies weist darauf hin, dass wir kognitiv nicht irgendwelche logisch-symbolischen Operationen durchführen, wie man sich das für einen Geist vorstellen würde, der wie ein Com‐ puter funktioniert, sondern dass wir in der Vorstellung mit den bildlich-räumlich verfassten Figuren operieren. Gerade deshalb brauchen wir umso länger, je weiter der Drehungsgrad ist. Anders gesagt, wir simulieren das Rotationserlebnis mental. 2. Wenn man schaut, wo die Hirnaktivität lokalisiert ist, während man diese Aufgabe ausführt, dann kann man feststellen, dass dabei unter anderem Regionen aktiv sind, die auch dann aktiv wären, wenn man die Rotation a) wirklich sinnlich wahrnähme und b) sie motorisch mit den Händen ausführen würde. Die Schlussfolgerung drängt sich auf, dass sich einen Sachverhalt vorzustellen darin besteht, sein tatsächliches Erleben mental zu simulieren in dem Sinne, dass dabei die sensomotorischen Prozesse der zweiten Erfahrungsschicht, die bei seinem wirk‐ lichen Erleben involviert wären, innerlich nach-vollzogen werden! (Natürlich muss man dafür die zweite Erfahrungsschicht hinreichend intensiv durchlaufen haben.) Das ist auch der Grund, warum Sie, wenn Sie sich an schöne oder schmerzliche Erlebnisse erinnern, diese ein Stück weit noch einmal erleben. (Die Bereitschaft zur Einfühlung und Immersion spielt auch eine Rolle.) Oder dass Sie mitleiden, wenn Ihnen jemand von einer Zahnwurzelbehandlung erzählt. Oder dass sich Ihre Nackenhaare aufstellen, wenn Sie daran denken, wie jemand ein Stück Kreide quietschend über eine Schiefertafel zieht. Wir haben bei der Erfahrungsschichtung gesehen, dass wir beim höherstufigen Sehen die Dinge nicht mehr anzufassen, zu schmecken, zu riechen brauchen und so weiter. Wenn wir die sensomotorische Erfahrungsschicht hinreichend intensiv durchlaufen haben, dann können wir den Dingen ihre sensorischen Qualitäten und die Aktionsmöglichkeiten schon ansehen. Beim höherstufigen Vorstellen müssen wir die Dinge dafür nicht einmal mehr sehen - es genügt, sie sich (höherstufig) vorzustellen. Da wir Vorstellungen auf diese Weise als simuliertes Erleben im Sinne eines mentalen Nach-Vollzugs begreifen, können wir die verborgene Ordnung von Vorstellungen mit den gleichen Mitteln beschreiben wie diejenige von Wahrnehmungen, nämlich im Sinne von Figur-Hintergrund-Konfigurationen (siehe Abbildung 2-5). Ob Sie die Szene mit dem roten Auto nun wahrnehmen oder sich vorstellen (also die Wahrnehmung, das Erlebnis mental simulieren), beides lässt sich beschreiben wie in Abbildung 2-6. 48 2 Mehr, als man sieht: die verborgene Ordnung beim Wahrnehmen und Vorstellen <?page no="49"?> 7 Quelle: The Wallstreet Journal (01.02.2013): Volkswagen ‘Get happy’. In: YouTube. URL: https: / / ww w.youtube.com/ watch? v=SM-UsF8v-aA [00: 02] [Stand: 17.07.2025]. Experiment Vorstellen Vorstellen ist das mentale Simulieren von Erleben im Sinne eines sensomotorischen Nach-Vollzugs. Simuliert nachvollzogen werden dabei alle beteiligten Erfahrungs‐ aspekte: sensorische (aller Sinne), motorische, emotionale und so weiter. Die Möglichkeit des Nach-Vollzugs hängt mit dem Fundus an tatsächlich gemachten Erfahrungen zusammen. 2.8 Figur-Hintergrund-Gliederung in Aktion: Vertiefung Wahrnehmungs- und Vorstellungsstrukturen wie die soeben eingeführten werden für das Weitere von großer Bedeutung sein. Daher werden wir ihr Verständnis in einem weite‐ ren Experiment noch etwas vertiefen. In Abbildung 2-9 sehen Sie einen Screenshot aus dem bereits bekannten Werbespot. Stellen Sie sich erneut vor, Sie würden das Gesehene leibhaftig erleben. Welche Figur-Hintergrund-Konfigurationen bieten sich jeweils für das Wahrnehmbare an? Wie wäre dies als schematische Wahrnehmungsstruktur darstellbar? Welche Rolle spielen dabei die Salienz und Pertinenz von Wahrnehmungsinhalten? Wie könnte man anhand einer kompakten sprachlichen Äußerung beschreiben, was die vor‐ geschlagenen Gliederungen darstellen? Im Folgenden werden mögliche Lösungen disku‐ tiert, also blättern Sie nicht um, wenn Sie selbst Antworten erarbeiten möchten. Abbildung 2-9: Screenshot ‚Leute auf dem Büroflur‘ aus dem Werbespot 7 2.8 Figur-Hintergrund-Gliederung in Aktion: Vertiefung 49 <?page no="50"?> Möglichkei‐ ten der Gliederung Referenz‐ rahmen Mögliche Figur-Grund-Gliederungen ergeben sich, wenn Sie sich selbst beim Erleben beobachten. Andernfalls können Sie auch noch einmal die Version des Werbespots mit dem Eyetracker betrachten, um Hinweise zu bekommen. Gehen wir einige Möglich‐ keiten der Figur-Hintergrund-Gliederung durch. 1. Salient ist bereits die Pflanze links im Bild, auch wenn sie durch die Linse der Filmkamera unscharf gestellt ist. Wenn sie Ihre Aufmerksamkeit auf sich zöge, würde sie die Figur bilden. Der Rest des (hier als wirklich angenommenen) Wahrnehmungsfeldes würde den Hintergrund bilden. 2. Ebenso salient ist das Deckenlicht und es könnte analog zur Pflanze als Figur vor einem Hintergrund fungieren. 3. Eine weitere Möglichkeit ist, dass Sie die vielleicht salienteste Figur fixieren und sie damit vor dem Hintergrund aussondern, nämlich den Mann im schwarzen Anzug. Hier sind sowohl Ihr Erfahrungsaufbau als auch die Gestaltwahrnehmung aktiv, wenn es darum geht, die wahrnehmbaren Merkmale der Person als die Merkmale eines Wahrnehmungsobjekts zu erkennen. Möglicherweise nehmen Sie diese Person wahr und behandeln den Rest als „amorphen“ Hintergrund. 4. Es könnte auch sein, dass Sie ein irgendwie geartetes Interesse an der - dann pertinenten - Beziehung des Mannes im schwarzen Anzug zu dem Mann im beigen Pullover haben. In diesem Fall würden Sie vielleicht Ersteren fixieren, aber in Relation zu Letzterem. In dieser Wahrnehmungskonfiguration würde der Mann in Schwarz die Figur der Wahrnehmung bilden, der Mann im beigen Pulli als Grund mit Objekteigenschaften fungieren und der Rest den nicht identifizierten Hintergrund bilden. Diese Möglichkeit ist in Abbildung 2-10 unten auf der linken Seite schematisch dargestellt. Die Relation verstehen wir als eine, in der sich die Figur - der Mann in Schwarz - ‚hinter‘ dem objekthaften Grund - dem Mann mit dem beigen Pulli - befindet. Dazu gleich mehr. 5. Natürlich ist auch die umgekehrte Relation möglich, wir fokussieren den Mann im beigen Pulli und nehmen ihn in Relation zum Mann im schwarzen Anzug wahr. Dann dreht sich die Zuordnung von Figur und objekthaftem Grund und wir haben eine Relation, in der die Figur ‚vor‘ dem objekthaften Grund ist. Wieso ‚hinter‘, wieso ‚vor‘? Wieso nicht ‚links von‘ beziehungsweise ‚rechts von‘? Wieso nicht ‚nordwestlich von‘? Alle drei sind für uns gleichermaßen Möglichkeiten, die Wahrnehmungsinhalte zu strukturieren, und hochgradig ge‐ sättigt von Erfahrung. Die Gliederung in ‚hinter‘ und ‚vor‘ beinhaltet Wissen darüber, dass Personen Achsen und Seiten haben sowie eine typische Fortbe‐ wegungsrichtung. Menschen haben inhärente Vorder- und Rück-, Ober- und Untersowie linke und rechte Seiten und sie bewegen sich typischerweise in die Richtung, in die ihre Vorderseite zeigt (oder ihre Vorderseite ist typischerweise die, in die sie sich bewegen). Wenn wir diese Logik der Raumgliederung - man spricht von (objekt)intrinsischen Referenzrahmen - als maßgeblich anset‐ zen, ist beziehungsweise bewegt sich der Mann in Beige ‚vor‘ dem Mann in Schwarz und dieser (sich) ‚hinter‘ jenem. Beachten Sie, dass dieser Referenzrah‐ 50 2 Mehr, als man sieht: die verborgene Ordnung beim Wahrnehmen und Vorstellen <?page no="51"?> men in dem Sinne „objektiv“ ist, dass diese Relationen auch so bestehen, wenn wir uns als Wahrnehmende relativ zu den Männern woanders im Raum befin‐ den, zum Beispiel über ihnen, vor ihnen oder links von ihnen. Er ist aber abhän‐ gig von der möglicherweise subjektiven Identifikation der Achsen und Seiten der betreffenden Objekte. Als eine ‚links von‘-‚rechts von‘-Beziehung würden wir die Szene wahrnehmen, wenn wir einen anderen Referenzrahmen anlegen würden, den egozentrischen Referenzrahmen. Er ist davon abhängig, wo sich die Wahrnehmungsgegen‐ stände in Relation zu uns als Wahrnehmenden befinden und wohin sie sich in Relation zu uns bewegen. Der Mann in Schwarz ist als Figur nur dann ‚links von‘ dem Mann in Beige, wenn wir an genau der Stelle stehen, an der wir in dieser Szene tatsächlich stehen. Wenn wir unserer jetzigen Position direkt gegenüber stünden (in der gegenüberliegenden Wand), wäre der Mann in Schwarz als Figur ‚rechts von‘ dem Mann in Beige und nicht mehr ‚links von‘ ihm. Der egozentrische Referenzrahmen ist, so gesehen, zwar „subjektiv“, dafür aber unabhängig von der „objektiven“, intrinsischen Ausrichtung der Wahrnehmungs‐ gegenstände. Gemäß dem egozentrischen Referenzrahmen wäre der Mann in Schwarz als Figur auch dann noch ‚links vom‘ Mann in Beige, wenn bei unverän‐ derter Position von uns als Wahrnehmenden der eine im Handstand mit Gesicht zur Wand stünde und der andere auf dem Rücken, mit den Füßen zu uns zeigend, daläge. Darüber hinaus projizieren wir aber auch oft unseren egozentrischen Referenz‐ rahmen in andere Gegenstände, insbesondere die, die uns ähnlich sind. So wäre aus der Sicht des Mannes im schwarzen Anzug der Mann im beigen Pullover ‚vor‘ (oder ‚schräg vor‘) ihm. Oft lassen wir aber implizit, ob wir jemandes egozentrische Perspektive übernehmen. Dann kann die Beschreibung x ist vor y mehrdeutig dahingehend sein, ob sie zu einem intrinsischen oder einen projizierten egozentrischen Referenzrahmen instruiert. Der eine Mann könnte auch als beispielsweise ‚nordwestlich‘, ‚gebirgswärts‘ oder ‚meerwärts vom‘ anderen Mann identifiziert werden. Dann spielt weder die intrinsische Ausrichtung der Männer noch ihre Position relativ zur wahrneh‐ menden Person eine Rolle, sondern ihre Beziehung im Raum wird relativ zu unveränderlichen, „absoluten“ Landmarken oder Richtungen bestimmt. Hierbei spricht man von einem absoluten oder geozentrischen Referenzrahmen. Er ist besonders in den Sprachen und im Sprachgebrauch indigener Völker verankert, deren Lebensraum durch gemeinsame, feste und konstante topographische Bedin‐ gungen gekennzeichnet ist. 2.8 Figur-Hintergrund-Gliederung in Aktion: Vertiefung 51 <?page no="52"?> Einzelobjekte gruppieren Abbildung 2-10: Wahrnehmungsstrukturen der Flurszene. Links: ‚Mann (in Schwarz) hinter Mann (in Beige)‘ gemäß Flurszene im Werbespot. Rechts: ‚Mann (in Beige) vor Mann (in Schwarz)‘ 6. Wir können auch den bisher unidentifiziert gebliebenen Flur mit in die Betrachtung einbeziehen und die Szene als eine solche identifizieren, in der sich ‚Leute‘ als Figur auf (oder in) einem ‚Flur‘ befinden. „Leute“ - Plural! - als Figur? War nicht oben die Rede davon, dass Objekte abgrenzbare Einheiten sind? Leute bezeichnet aber eine Vielheit! Das ist weiterhin korrekt, aber etwas ist nicht von sich aus eines, vieles oder Teil von etwas anderem, sondern salienz- und pertinenzabhängig, also in Abhängigkeit davon, welche Wahrnehmung sich uns aufdrängt (Salienz) oder von dem Interesse, das wir an etwas haben (Pertinenz). ( Je mehr Mühe es uns kostet, einer Szene eine Figur-Hintergrund-Gliederung aufzuprägen, desto eher beruht diese Gliederung auf Pertinenz.) So bietet sich uns das, was wir in Abbildung 2-11 auf der linken Seite sehen, mög‐ licherweise als viele einzelne Vögel dar. Wir können (nacheinander) jeden davon fixieren und als Figur aussondern. Es ist aber auch möglich, dass wir etwas, das Vieles ist, wenn die Einzelobjekte nur dicht und ähnlich genug angeordnet sind - Gestaltprinzipien! - oder wenn wir sie aus unserer Erfahrung als etwas Inte‐ griertes kennen, als Einheit wahrnehmen beziehungsweise behandeln. Dann könnte es sein, dass wir eine herzförmige Figur in der Anordnung der Einzelvögel wahrnehmen, wie auf der rechten Seite in Abbildung 2-11 in das Bild hineinpro‐ jiziert. Wenn Sie mit dem Wissen um das Herz nochmals das linke Bild anschauen, werden Sie das Herz spätestens auch dann ohne visualisierende Hilfe sehen. Zentral für das Verständnis ist, dass wir nicht gleichzeitig den Einzelvogel und den Schwarm in Herzform als Figur aussondern können, sondern immer nur entweder das eine oder das andere. Ein Wechsel in der visuellen Einstellung - quasi wie im Kippbild (siehe dazu Kapitel 7) - ist nur als zeitliches Nacheinander möglich. 52 2 Mehr, als man sieht: die verborgene Ordnung beim Wahrnehmen und Vorstellen <?page no="53"?> 8 Quelle: Pixabay/ birgl, links Original, rechts modifiziert. Abbildung 2-11: Illustration, dass viele Einzelobjekte unter bestimmten Umständen als Einheit wahrnehmbar sind 8 Darüber müssen wir uns im Klaren sein, wenn wir schematische Fi‐ gur-Grund-Konfigurationen darstellen und interpretieren. In Abbildung 2-12 sehen wir auf der linken Seite eine statische Darstellung der Figur ‚Leute‘ vor dem Hintergrund ‚Flur‘. Es ist eine Figur, die, wenn wir den Sachverhalt objektiv betrachten, aus einer Vielheit besteht, die wir in der Wahrnehmung aber als Einheit behandeln. Wir nehmen die Szene hier mit einer anderen visuellen Einstellung wahr als in Abbildung 2-10, wo wir das, was hier Figur ist, in eine (oder mehrere) Figur-Hintergrund-Gliederung(en) aufgliedern. Abbildung 2-12: Links: Mehrere Personen werden als integrierte Figur auf einem Flur wahrgenommen. Rechts: Illustration der Binnengliederung einer übergeordneten Figur-Hintergrund-Struktur (gleichzei‐ tig unmöglich) Wenn wir allerdings zeigen möchten, dass eine Figur der Wahrnehmung - zum Beispiel die ‚Leute‘ in Abbildung 2-12 links - theoretisch auch aufgliederbar wäre in eine oder mehrere Figur-Hintergrund-Konfigurationen - wie auf der rechten Seite in Abbildung 2-12 -, dann müssen wir bedenken, dass das, was dort abgebildet ist, im Erleben so 2.8 Figur-Hintergrund-Gliederung in Aktion: Vertiefung 53 <?page no="54"?> inkompati‐ ble Wahr‐ nehmungs‐ aktivitäten nicht möglich ist. Rechts werden zwei miteinander inkompatible Wahrnehmungsak‐ tivitäten als gleichzeitiger Zustand im Kontrast dargestellt. Geschachtelte Figur-Hintergrund-Gliederungen Die Gliederung eines Sachverhalts in Figur und Hintergrund im Rahmen der Wahr‐ nehmung ist dynamisch. Zum einen lassen sich Sachverhalte verschieden gliedern, zum anderen ändern sich Figur-Hintergrund-Gliederungen im Wahrnehmungs‐ verlauf. Im kontrastierenden Vergleich und in einer entzeitlichten Darstellung lässt sich zeigen, dass das, was eine (oder mehrere) Figur-Hintergrund-Gliederung(en) in einem Wahrnehmungsereignis ist (sind), in einem alternativen Wahrnehmungs‐ ereignis auch zusammengenommen als Figur in einer übergeordneten Figur-Hin‐ tergrund-Gliederung fungieren kann. Was wir dort sehen, ist, dass eine Figur-Hintergrund-Gliederung zusammen‐ genommen als Figur einer übergeordneten Figur-Hintergrund-Gliederung behandelt werden kann: Die Beziehung zwischen dem Mann in Schwarz (Figur) und dem Mann in Beige (objekthafter Grund) kann prinzipiell auch, aber nicht gleichzeitig, als Figur (‚Leute‘) vor dem Hintergrund ‚Flur‘ fungieren. Aufgabe Betrachten Sie erneut Abbildung 2-4. Mit welchen räumlichen Ausdrücken würden Sie die relative Position a) des roten Autos zu dem wartenden Mann und b) des wartenden Mannes zu dem benachbarten Baum beschreiben? Welche räumlichen Referenzrahmen haben Sie dabei angelegt? Wie sähe die Beschrei‐ bung aus, wenn Sie den jeweils anderen Referenzrahmen anlegen würden? Antworten finden sich am Ende des Kapitels. 2.9 Ging es in dem Buch nicht um Grammatik? Wir sind damit an einem Punkt angekommen, an dem sich die Leitidee des Buches weiter aufklärt. Es war die folgende: Sprachliche Äußerungen sind geordnete Anlei‐ tungen zum simulierten Erleben im Sinne eines Nach-Vollzugs und ihrer praktischen Verwertung. In diesem Kapitel haben Sie erfahren, was „simuliertes Erleben im Sinne eines Nach-Vollzugs“ bedeutet. In den folgenden Kapiteln werden Sie sehen, in welchem Sinne Äußerungen als geordnete Anleitungen zum simulierten Nach-Vollzug zu begreifen sind. 54 2 Mehr, als man sieht: die verborgene Ordnung beim Wahrnehmen und Vorstellen <?page no="55"?> 2.10 Kommentierte Literaturhinweise Zu 2.1 Arbeiten zu Wahrnehmung, Handeln und Aufmerksamkeit unterscheiden sich stark in ihrer Ausrichtung: Einer stark mechanistischen und naturalistischen bio-kognitiven Psychologie und Neurowissenschaft stehen Ansätze gegenüber, die Erleben, Wahrneh‐ mung und Aufmerksamkeit stärker in ihrer Rolle im umfassenden praktischen mensch‐ lichen Lebensvollzug untersuchen. Hier gibt es sowohl phänomenologische (wie es für uns ist wahrzunehmen und aufzumerken) als auch praxeologische Beschreibungen (wie Wahrnehmung und Aufmerksamkeit funktional in unsere lebensweltliche Praxis eingebettet sind). Die Instruktionsgrammatik orientiert sich in jüngeren Publikationen (seit 2020) verstärkt an den zuletzt genannten Ansätzen und liest die erstgenannten Ansätze daraufhin, ob und wie sie sich für diese fruchtbar machen lassen. Den Ansatz der bio-kognitiven Psychologie und Neurowissenschaft in Bezug auf Wahrnehmung und Aufmerksamkeit kann man in Einführungen in die kognitive Psychologie oder die kognitiven Neurowissenschaften nachlesen. Stellvertretend seien genannt Bruce/ Green/ Georgeson (2003) oder Rösler (2011). Sorgfältige und maßgebliche Studien zur Phänomenologie der Wahrnehmung und Aufmerksamkeit mit besonderer Berücksichtigung von Sehen und Tasten sind Katz (1925 [erste umfassende Studie zur Tastwahrnehmung]), Merleau-Ponty (1966 [Stan‐ dardwerk zur Phänomenologie der Wahrnehmung. Herausfordernd in Inhalt und Stil]), Straus (1978 [Standardwerk der Sinnespsychologie, bevor Kybernetik und kogni‐ tive Psychologie dominant wurden]), Waldenfels (2000 [zugängliche Einführung ins Thema, kritisch gegenüber der kognitiven Psychologie und analytischen Philosophie des Geistes]), Waldenfels (2022 [ähnlich wie Waldenfels (2000), jedoch mit Fokus auf der Aufmerksamkeit allein]). Der Ansatz, sich mithilfe der Konzepte von Salienz und Pertinenz der Wahrnehmung und Aufmerksamkeit von der Seite ihrer Einbettung in den praktischen Lebensvollzug zu nähern, ist angewendet in Kasper (2015 [Begründung des hier vorgestellten Ansat‐ zes]), Kasper (2020b [lotet die humanökologischen Grundlagen des Ansatzes weiter aus]). Kasper/ Purschke (2023 [Vorkenntnisse in der Forschung zur sog. Argumentrea‐ lisierung und jüngeren sprachgebrauchsbasierten Modellen ist von Vorteil]). Begründet werden Salienz und Pertinenz als theoretische Konzepte in Purschke (2011), Purschke (2014), Kasper (2015). Zu 2.2 Eine Einführung in die Methode und die Erkenntnismöglichkeiten des Eye-Trackings bietet Blake (2013). 2.10 Kommentierte Literaturhinweise 55 <?page no="56"?> Zu 2.3 Die Erfahrungsschichtung ist erstmals schriftlich publiziert in Kasper/ Hoffmeister (2025 [philosophisch anspruchsvoller Ansatz zu den humanökologischen Faktoren, die unsere sprachlichen Konzepte formen]). Etwas früher habe ich sie in einem öffentlichen Vortrag entwickelt, nämlich in Kasper, Simon (01.12.2023). Zu 2.4, 2.5, 2.6 und 2.8 Der gestaltpsychologische Zugang zur (Objekt-)Wahrnehmung ist vor der kognitiven Psychologie entstanden und steht, was die „Vernaturwissenschaftlichung“ des Geistes betrifft, zwischen phänomenologischen und kognitionspsychologischen Ansätzen. Er ist dargestellt in Palmer (2002) und Wagemans et al. (2012). In die grammatiktheoreti‐ sche Theoriebildung eingeführt hat die Konzepte Leonard Talmy, am umfasstendsten behandelt in Talmy (2000). Die schematische Beschreibungsweise, die hier für Aufmerksamkeits- und Wahr‐ nehmungsstrukturen entwickelt wird, ist erstmals zum Einsatz gekommen in Kasper (2014 [dichte Zusammenfassung zentraler Thesen aus Kasper (2015)]), Kasper (2015 [anspruchsvolle Monographie zur Begründung des hier vorgestellten Ansatzes]). Der Unterschied zwischen egozentrischen und anderen Referenzrahmen wird in Wahrnehmungstheorien der kognitiven Psychologie behandelt (siehe Literaturhin‐ weise zu Abschnitt 2.1), auch wenn die Unterscheidung in der Sache schon viel älter ist. Zu 2.7 Der Simulationsgedanke im Verbund mit dem Instruktionsgedanken wird entwickelt und ausgebaut in Kasper (2014 [dichte Zusammenfassung zentraler Thesen aus Kasper (2015)]), Kasper (2015 [anspruchsvolle Monographie zur Begründung des hier vorge‐ stellten Ansatzes]), Kasper/ Hoffmeister (2025 [philosophisch anspruchsvoller Ansatz zu den humanökologischen Faktoren, die unsere sprachlichen Konzepte formen]). Die kognitions- und neurowissenschaftlichen Ergebnisse zur mentalen Rotation sind zahlreich. Grundlegende Studien dazu sind Kosslyn (1980), Shepard/ Cooper (1982), Wexler/ Kosslyn/ Berthoz (1998). Hinweise zu den Aufgaben Hier finden Sie Hinweise zu den Aufgaben, die zur Lösung nicht im Text wieder aufgegriffen werden. 56 2 Mehr, als man sieht: die verborgene Ordnung beim Wahrnehmen und Vorstellen <?page no="57"?> Aufgabe Abschnitt 2.8 a) rotes Auto - stehender Mann, beispielsweise … - Der Mann ist schräg rechts vor dem Auto: intrinsischer Referenzrahmen des Autos und egozentrischer Referenzrahmen des Autos (wenn wir das Auto anthropomor‐ phisieren würden [Augen nach vorne] und uns in das Auto hineinversetzen würden, was wir in der Regel nicht tun) - Das Auto ist schräg rechts vor dem Mann: intrinsischer Referenzrahmen des Mannes und egozentrischer Referenzrahmen des Mannes, den wir in den Mann hineinprojizieren - Der Mann steht ? gebäudewärts vom Auto: geozentrischer Referenzrahmen (impro‐ visiert mangels identifizierbarer Himmelsrichtungen oder anderer Landmarken) - Das Auto steht ? parkplatzwärts vom Mann: geozentrischer Referenzrahmen (impro‐ visiert mangels identifizierbarer Himmelsrichtungen oder anderer Landmarken) b) wartender Mann - benachbarter Baum - Der Mann ist neben dem Baum / Der Baum ist neben dem Mann: intrinsischer Referenzrahmen des Baumes (der keine Vorder- und Rückseiten, sondern nur Seiten hat) - Der Baum ist hinter dem Mann: intrinsischer und egozentrischer Referenzrahmen des Mannes - Der Mann steht ? parkplatzwärts vom Baum: geozentrischer Referenzrahmen (im‐ provisiert mangels identifizierbarer Himmelsrichtungen oder anderer Landmar‐ ken) - Der Baum steht ? gebäudewärts vom Mann: geozentrischer Referenzrahmen (impro‐ visiert mangels identifizierbarer Himmelsrichtungen oder anderer Landmarken) Da der Baum außer oben und unten weder intrinsische Seiten hat noch Potenzial für eine Projektion unseres egozentrischen Referenzrahmens in ihn bietet, sind die Möglichkeiten hier begrenzt. Hinweise zu den Aufgaben 57 <?page no="59"?> 3 Ich sehe was, was du nicht siehst: Experimentieren mit geordneten Anleitungen zum simulierten Erleben Wie und was wir wahrnehmen und uns vorstellen, ist wie die Grammatik - die wir jetzt in den Fokus nehmen werden - von einer verborgenen Ordnung geprägt, die man beschreiben kann. Wir haben vor allem am Beispiel der visuellen Wahrnehmung, aber auch an der haptischen Wahrnehmung gesehen, dass wir unser Wahrnehmungsfeld sehr dynamisch in Konfigurationen von Figur und (Hinter-)Grund gliedern können. Außerdem hat sich gezeigt, dass diese Fähigkeit und ihre Dynamik stark von unserer spezifisch menschlichen Erfahrungsschichtung sowie dem Einfluss von Salienz und Pertinenz abhängen. Unser eigentliches Thema ist die verborgene Ordnung unserer sprachlichen Form‐ gebungs- und Verstehensaktivitäten, die wir „Grammatik“ nennen. Das Ziel ist, diese verborgene Ordnung von unseren nichtsprachlichen Fähigkeiten und der Eigenlogik des Zeichengebrauchs her zu erschließen. Der Fokus hat bis hierhin auf genau solchen nichtsprachlichen Fähigkeiten gelegen: Wahrnehmen, Vorstellen, Handeln, Erleben. Dadurch sind Sie nun gut darauf vorbereitet, sich die verborgene Ordnung der Grammatik zu erschließen, denn wir werden uns nun mit dem Aufbau von sprachlichen Äußerungen in Beziehung zur Ordnung von Wahrnehmen und Vorstellen beschäftigen. Einige grundlegende Beziehungen zwischen diesen Ordnungen aufzudecken, ist das Ziel dieses Kapitels. Die Leitidee ist weiterhin, Äußerungen als Anleitungen zum simulierten Erleben im Sinne eines Nach-Vollzugs (und zu dessen praktischer Verwertung) zu betrachten. Diese Leitidee erlaubt es uns, ja sie zwingt uns geradezu, das oft vollständig vom Lebensvollzug abgelöste Thema „Grammatik“ immer wieder in den Lebensvollzug zurückzuholen und es im Kontext unserer leibhaftigen Interaktion mit unserer Mitwelt und der Auseinander‐ setzung mit unserer Umwelt zu verstehen. So haben wir es bereits mit dem Erleben, Wahrnehmen und Vorstellen gehandhabt und so werden wir auch fortfahren. Deshalb werden wir in diesem Kapitel eine Reihe von Experimenten machen, die aufeinander aufbauen (Abschnitte 3.1 bis 3.4) und sie anschließend auf die Leitidee zurückbeziehen (Abschnitte 3.5 und 3.6). 3.1 Experiment 1: Versprachlichung eines Wahrnehmungselements Im vorangegangenen Kapitel sind Sie Zeuge einer Szene mit einem roten Auto gewor‐ den (siehe Abbildung 2-1 in Kapitel 2.1). Auch in den nun folgenden Experimenten werden wir davon ausgehen, dass Sie diese Szene erleben, aber wir gehen einen Schritt weiter. Wir sind so weit gekommen, dass wir vom Erleben dieser Szene eine schemati‐ sche Wahrnehmungsstruktur erstellen konnten (die infolge des Simulationsgedankens <?page no="60"?> Ausgangs‐ punkt der Experi‐ mente auch eine Vorstellungsstruktur sein könnte). Sie ist auf der linken Seite von Abbildung 3-1 wiederholt. Zum Zweck der besseren Darstellbarkeit dessen, was nun folgt, werden wir uns mit einer alternativen Ansicht dieser Szene behelfen. Auf der rechten Seite von Abbildung 3-1 sehen Sie die Ansicht um ca. 150 Grad im Uhrzeigersinn gedreht und leicht geglättet. Die relativen Positionen der Elemente zueinander sind weitestgehend dieselben. Diese Darstellung bildet den Ausgangspunkt unseres ersten Experiments. Abbildung 3-1: Autoszene in der schematischen Wahrnehmungsstruktur (links). Die Ansicht um ca. 150 Grad im Uhrzeigersinn rotiert (rechts) Stellen Sie sich nun vor, Sie hätten eine Freundin am Telefon, während sich die Einparkszene vor Ihnen abspielt und Sie sie beobachten. Ihre Freundin fragt Sie, „Was passiert bei dir gerade? ” Ihre Aufgabe ist es, ihr zu antworten. Dabei sollen zwei Regeln gelten: 1. Antworten Sie in einem Satz. (Benutzen Sie eine Äußerung mit nur einem finiten Verb.) 2. Nehmen Sie diejenigen Elemente der Wahrnehmungsstruktur in Ihre Äußerung auf, die einen Rahmen mit einer durchgezogenen Linie haben (betrifft die Figur- und Grund-Elemente). Das heißt, nehmen Sie die Elemente mit einem gestrichelten Rahmen nicht auf. In Abbildung 3-2 hat nur die Figur einen durchgezogenen Rahmen. Voilà. Abbildung 3-2: Modifizierte schematische Wahrnehmungsstruktur der Einparkszene (links). Regeln der Verbalisierung (rechts) 60 3 Experimentieren mit geordneten Anleitungen zum simulierten Erleben <?page no="61"?> Antwortvorschlag Unter diesen Bedingungen bleibt Ihnen nur die Möglichkeit, die Figur und das, worin sie involviert ist, zu verbalisieren, ohne Ausdrücke für die anderen Elemente zu verwenden. (Das, worin sie involviert ist, werden wir später als „Eventualität“ kennenlernen, siehe Kapitel 5.) Da Ihre Freundin Sie ohne spezifisches Interesse fragt, was bei Ihnen passiert, wäre auch eine solche knappe Antwort akzeptabel. Eine passende Antwort, die mir angemessen erscheint, wäre Ein rotes Auto parkt ein. Eine andere Bezeichnung für die Figur wäre denkbar: ein Auto, ein Fahrzeug. Da das Auto nicht autonom fährt, wäre auch Jemand neben weiteren Möglichkeiten denk‐ bar. Worin das Auto involviert ist, könnte man ebenfalls anders bezeichnen, beispiels‐ weise mit parken. Da das Auto, bevor es abbiegt, grob auf Sie zufährt, wäre auch kommen denkbar: Ein Auto kommt. Dabei würden Sie das zentrale Ego eines egozen‐ trischen Referenzrahmens für das Geschehen bilden. Die kaum erkennbare Figur weiter hinten auf dem Parkplatz könnte Ein Auto kommt hier nicht wahrheitsgemäß verwen‐ den, Ein Auto parkt ein dagegen schon, weil einparken nicht von der Position der spre‐ chenden Person relativ zum Geschehen abhängig ist, also keinen egozentrischen Re‐ ferenzrahmen evoziert. Die Variante Ein Auto fährt oder eine ähnliche wäre aber möglicherweise insofern unpassend, als diese Äußerung wohl die Ergänzung eines (Hinter-)Grundes benötigen würde, der Ausdruck eines solchen uns aber laut Regeln verboten ist. Was wäre Ihre Antwort? Wir fahren fort - wenn auch nur metaphorisch - mit der wohl unproblematischen Variante Ein rotes Auto parkt ein. Abbildung 3-3: Wahrnehmungsstruktur und sprachliche Instruktion Ein rotes Auto parkt ein Abbildung 3-3 zeigt die schematische Wahrnehmungsstruktur und die Äußerung. Eine gestrichelte Linie zeigt die Korrespondenz zwischen einem Element der verborgenen Ordnung in der Wahrnehmung und einem eingekreisten Element in der noch zu enthüllenden Ordnung der Äußerung. 3.1 Experiment 1: Versprachlichung eines Wahrnehmungselements 61 <?page no="62"?> kein Deter‐ minismus Vielleicht ist es ratsam, an dieser Stelle einen Punkt nochmals zu reflektieren. Es soll nicht das Missverständnis aufkommen, dass es sich hier um einen Determinismus der folgenden Art handelt: Es gibt diesen Sachverhalt (die Einparkszene). Und dies ist die Struktur unseres Erlebens dieser Szene (die obige schematische Wahrnehmungsstruk‐ tur). Und dies ist die richtige Äußerung zu dieser Wahrnehmungsstruktur. Von einem solchen Determinismus kann nicht die Rede sein: Wie wir einen Sachverhalt erleben und als welchen Sachverhalt wir ihn erkennen, ist von sehr vielen Faktoren abhängig; Salienz und Pertinenz sind zwei ganz zentrale. Das bedeutet, dass auch die obige Er‐ lebnis- oder Wahrnehmungsstruktur nur eine von vielen möglichen ist, auch wenn sie vielleicht eine naheliegende ist. Und für diese Wahrnehmungsstruktur gibt es zahllose Verbalisierungsmöglichkeiten, die unter anderem davon abhängen, wie informativ wir in dieser Kommunikationssituation sein möchten oder sollten. Das Szenario ‚Freundin am Telefon‘ ist wiederum eine didaktische Strategie, diese Möglichkeiten einzugrenzen. Um zu sehen, dass und wie Wahrnehmungs- und Auffas‐ sungsweisen von Sachverhalten mit der verborgenen Ordnung in unseren Äußerungs- und Verstehensaktivitäten zusammenhängen, müssen wir aber eine Auswahl solcher Bedingungen treffen, ansonsten können wir nie konkret genug werden, um sie überhaupt zu zeigen. Wir notieren das Experimentergebnis noch in einer weiteren Form. In der folgenden Tabelle 3-1 sind zwei Informationen erfasst. Die erste ist, welche Elemente der simulierten Wahrnehmungsstruktur in welcher Reihenfolge verbalisiert sind. Im ersten Experiment haben wir nur ein Element und daher erübrigt sich die Reihenfolge noch. Die zweite Information ist, auf welcher hierarchischen Ebene ein Wahrnehmungsele‐ ment lokalisiert ist. In Kapitel 2.8 haben wir gesehen, dass es im entzeitlichenden Blick auf die Wahrnehmungsstruktur möglich ist, dass eine ganze Figur-Grund-Bezie‐ hung als Figur oder Grund einer übergeordneten Figur-Grund-Beziehung fungieren kann. (Der eine Mann hinter dem anderen Mann bildeten zusammen „Leute“, und diese Leute befanden sich auf einem Flur.) Wir werden das so beschreiben, dass eine Figur-Grund-Konfiguration auf der „nullten“ Ebene als Figur oder Grund einer übergeordneten Ebene (+1) fungiert. Auch das ist hier (noch) hinfällig. - Element 1 Element 2 Element 3 Element 4 +1 - - - - 0 Auto (Fg) - - - Tabelle 3-1: Verbalisierte Elemente und Ebenen der Figur‒Grund-Ordnung im Satz Ein rotes Auto parkt ein 62 3 Experimentieren mit geordneten Anleitungen zum simulierten Erleben <?page no="63"?> Antwortvorschlag 3.2 Experiment 2: Versprachlichung zweier Wahrnehmungselemente Das zweite Experiment findet unter den gleichen Bedingungen wie das erste statt: Die Rahmensituation mit Ihrer Freundin am Telefon ist die gleiche, die Regeln ebenso. Jedoch sind nun zwei Elemente der schematischen Wahrnehmungsstruktur mit durchgezogenen Linien eingerahmt und sollen von Ihnen versprachlicht werden, wie in Abbildung 3-4 gezeigt. Abbildung 3-4: Modifizierte schematische Wahrnehmungsstruktur der Einparkszene (zwei zu verbali‐ sierende Elemente) In Bezug auf die Wahl der Bezeichnungen sind die gleichen Erwägungen wie im ersten Experiment relevant. Wir können die Figur und den Grund ohne Objekteigenschaften, den Sie nun zusätzlich verbalisieren sollen, verschieden bezeichnen, ebenso die Bezie‐ hung, die zwischen ihnen besteht und durch den Pfeil symbolisiert ist. Im vorigen Experiment hatten wir die Figur als ein rotes Auto und die Eventualität, in der sie involviert ist, als einparken bezeichnet. Wenn wir die Parklücke hinzunehmen und als Parklücke ausdrücken, bekämen wir Ein rotes Auto parkt in eine Parklücke ein. Das wäre bereits eine geeignete Antwort auf die Frage und sie wäre grundsätzlich auch eine wohlgeformte Äußerung, aber zumindest mir gefällt die Doppelnennung des Par‐ kens aus stilistischen Gründen nicht. Meine Äußerung der Wahl wäre daher Ein rotes Auto fährt in eine Parklücke. Welche weiteren geeigneten Antworten wären für Sie vorstellbar? 3.2 Experiment 2: Versprachlichung zweier Wahrnehmungselemente 63 <?page no="64"?> Abbildung 3-5: Wahrnehmungsstruktur und sprachliche Instruktion Ein rotes Auto fährt in eine Parklü‐ cke In Abbildung 3-5 sehen Sie erneut die Korrespondenzen zwischen den Elementen der Wahrnehmungsstruktur, die Sie verbalisieren sollen, und den sprachlichen Ausdrücken in der Äußerung, die diesen Elementen entsprechen. Die Ausdrücke fährt und in verbalisieren weder die Figur noch den Grund ohne Objekteigenschaften, sondern explizieren die Beziehungen, die zwischen diesen Elementen bestehen. Auch hier ergänzen wir mit Tabelle 3-2 noch eine tabellarische Darstellung der Reihenfolge der verbalisierten Elemente sowie die Ebene der Figur-Grund-Gliederung, auf der Ihre Freundin sie simuliert wahrnimmt. - Element 1 Element 2 Element 3 Element 4 +1 - - - - 0 Auto (Fg) Parklücke (oGr) - - Tabelle 3-2: Verbalisierte Elemente und Ebenen der Figur-Grund-Ordnung im Satz Ein rotes Auto fährt in eine Parklücke (oGr: objekthafter Grund) Aufgabe Vergegenwärtigen Sie sich die Struktur Ihres Erlebnisses der Einparkszene aus dem Werbespot und vergleichen Sie, was davon in der Äußerung Ein rotes Auto fährt in eine Parklücke landet. Diskutieren Sie, was sich Ihre Freundin nun alles darunter vorstellen kann (höherstufiges Vorstellen), wenn sie die Äußerung als Instruktion zum simulierten Erleben befolgt. Inwieweit stellt sie sich auf Basis Ihrer Äußerung nun dasselbe vor wie Sie? Lösungshinweise finden sich am Ende des Kapitels. 64 3 Experimentieren mit geordneten Anleitungen zum simulierten Erleben <?page no="65"?> Antwortvor‐ schlag 1 3.3 Experiment 3: Versprachlichung dreier Wahrnehmungselemente Sie sollen Ihrer Freundin nun nicht zum dritten Mal erzählen, was bei Ihnen passiert, sondern wir nehmen an, wir würden die Situation bei jedem Experiment wieder auf Anfang stellen. Wir erhöhen nun etwas die Komplexität: Sie werden gebeten, drei Elemente der Wahrnehmungsstruktur in Ihre Äußerung einzubringen (siehe Abbildung 3-6). Sie werden sehen, dass die Korrespondenzen zwischen der Wahrneh‐ mungsstruktur und der Äußerung nun auch komplexer werden. Die Regeln bleiben die gleichen. Zusätzlich zu den vorherigen beiden Elementen ist nun der objekthafte Grund zu verbalisieren. Was antworten Sie Ihrer Freundin am Telefon in einem Satz auf die Frage, was bei Ihnen gerade passiert? Abbildung 3-6: Modifizierte schematische Wahrnehmungsstruktur der Einparkszene (drei zu verbali‐ sierende Elemente) Sie könnten wiederum auf die Ausdrucksstrategien aus den vorherigen Experimenten zurückgreifen: Ein rotes Auto fährt in eine Parklücke. So weit waren wir schon. Nun gilt es, den objekthaften Grund in der Äußerung „unterzubringen“. Was fällt Ihnen ein, wie Sie das hinkriegen könnten? Den objekthaften Grund, den wir wohl als Mensch, als Person und (mit unterschied‐ licher Konfidenz) als Mann interpretieren würden, können wir als ebensolche(n) be‐ zeichnen. Sodann haben wir bereits gesehen, dass wir Erlebtes aufgrund der Funkti‐ onsweise unserer topologischen Seh- und Tastsinne - Erfahrungsschichtung! - präferiert räumlich gliedern. Der Mann und die Parklücke befinden sich nebeneinander und das Auto zielt in die Parklücke. Wäre daher vielleicht folgende Äußerung eine passende Antwort? Neben einem Mann fährt ein rotes Auto in eine Parklücke. Aufgabe Unabhängig von einer bestimmten Szene: Was stellen Sie sich neben dem Mann vor, wenn Sie die Äußerung Neben einem Mann fährt ein rotes Auto in eine Parklücke hören? 3.3 Experiment 3: Versprachlichung dreier Wahrnehmungselemente 65 <?page no="66"?> Lösungsmöglichkeiten werden im Folgenden diskutiert, also blättern Sie nicht um, falls Sie selbst Antworten erarbeiten möchten. An dieser Stelle müssen wir uns fragen, was „passend“ bedeutet. Die Antwort ist sicher grammatisch wohlgeformt und stilistisch unbedenklich. Sie ist generell auch als Antwort auf die Frage, was gerade passiert, pragmatisch im positiven Sinne unauffällig. In diesen drei Sinnen ist sie „passend“. Aber ist sie auch dahingehend passend, dass sie Ihre Freundin zum simulierten Nachvollzug dessen anleitet, was Sie wahrgenommen haben? Ist die Wahrnehmungsstruktur in Abbildung 3-6 oben wirklich genau diejenige, zu der die Äußerung Ihre Freundin instruiert? Wahrscheinlich nicht. Fragen Sie sich: Was stelle ich mir neben dem Mann vor, wenn ich die Äußerung höre, ohne die Szene zu kennen? Abbildung 3-7: Wahrnehmungsstruktur und sprachliche Instruktion Neben einem Mann fährt ein rotes Auto in eine Parklücke Ich denke, wenn Ihre Freundin eine typische, kompetente Sprecherin der neuhoch‐ deutschen Standardsprache ist, wird sie sich wahrscheinlich nicht die Parklücke neben dem Mann vorstellen, sondern das Fahren des Autos. Genauer: Neben dem Mann fährt das Auto in die Parklücke, das heißt neben dem Mann bewegt sich das Auto durch das Wahrnehmungsfeld. Das ist versuchsweise in Abbildung 3-7 dargestellt. Der mehrfach dargestellte objekthafte Grund deutet an, dass dies mögliche Positionen des Mannes im simulierten Erleben der Szene auf Basis der Äußerung sind. Möglicherweise läuft der Mann auch an der Seite in die Einparkrichtung des Autos. Dass der Mann, der Äußerungsstruktur folgend, am Ende neben der Parklücke ist beziehungsweise diese neben ihm, ist vielleicht möglich. Übersetzt in die wahrnehmungsstrukturelle Beschreibung bedeutet das, dass wir eine Figur-Grund-Konfiguration zwischen dem Auto und der Parklücke wahrnehmen und diese ganze Konfiguration als Figur einer übergeordneten Figur-Grund-Konfiguration fungiert, deren Grund der Mann ist. 66 3 Experimentieren mit geordneten Anleitungen zum simulierten Erleben <?page no="67"?> Antwortvor‐ schlag 2 Antwortvor‐ schlag 3 Wenn diese Äußerung Ihre Freundin also nicht präzise zu einer Erlebnissimulation instruiert, tut es eine andere? Welche Alternativen fallen Ihnen ein? Sie könnten den objekthaften Grund und seine relative Position in der Szenerie an einer anderen Stelle in der Äußerung verbalisieren. Wenn wir sie nicht am Anfang, im sogenannten Vorfeld, ausdrücken, könnten wir es auch in der Mitte direkt hinter dem Verb tun. Auch das wäre grammatisch wohlgeformt, stilistisch unbedenklich und prag‐ matisch unauffällig. Ein rotes Auto fährt neben einem Mann in eine Parklücke. Wäre daher vielleicht diese Äußerung in der erforderlichen Weise passend? Was stellen Sie sich diesmal neben dem Mann vor, wenn Sie die Äußerung hören, ohne die Szene, wie Sie sie kennen, zu berücksichtigen? Abbildung 3-8: Wahrnehmungsstruktur und sprachliche Instruktion Ein rotes Auto fährt neben einem Mann in eine Parklücke Wahrscheinlich wird sich Ihre Freundin wieder nicht den Mann neben der Parklücke vorstellen, sondern wiederum den Fahrvorgang neben dem Mann: Auch hier ist das Auto, das fährt, neben dem Mann. Und da sich das Auto fahrend fortbewegt, sind mehrere Positionen des Mannes neben dem Auto möglich (siehe Abbildung 3-8). Möglicherweise instruiert uns diese Äußerung noch eher dazu, uns den Mann zu einem späten Zeitpunkt des sich entfaltenden Ereignisses neben der Parklücke vorzustellen, als die vorangegangene Antwort. Das heißt, diese Antwort wäre wieder nicht diejenige, die Ihrer Freundin unmiss‐ verständlich das simulative Erleben des Sachverhalts ermöglicht, wie Sie ihn wahrge‐ nommen haben. Welche Möglichkeiten bleiben Ihnen? Bevor wir auf eine ganz andere Äußerung ausweichen, gäbe es noch die Möglichkeit, den objekthaften Grund und seine relative Positionierung am Ende der Äußerung zu verbalisieren: Ein rotes Auto fährt in eine Parklücke neben einem Mann. Wäre mit dieser Äußerung nun das Problem gelöst, dass Ihre Wahrnehmungs- und die Vorstellungsstruktur Ihrer Freundin in Bezug auf die Position des Mannes nicht übereinstimmen? 3.3 Experiment 3: Versprachlichung dreier Wahrnehmungselemente 67 <?page no="68"?> Möglichkeit 3a und 3b Abbildung 3-9: Wahrnehmungsstruktur und sprachliche Instruktion Ein rotes Auto fährt in eine Parklücke neben einem Mann (mit Pause) in einer der beiden möglichen Interpretationen Die Antwort ist schon einmal nicht „nein“, sondern „es kommt darauf an“. Die Äuße‐ rung, wie sie da geschrieben steht, kann Ihre Freundin zur simulierten Wahrnehmung des Mannes neben der Parklücke instruieren, aber auch zu einer anderen. Das heißt, sie ist mehrdeutig. In der einen Weise befolgt, würde die Instruktion zu der schon bekannten simulierten Wahrnehmung anleiten, nach der das, was neben dem Mann ist, das fahrende Auto ist (siehe Abbildung 3-9). In der anderen Weise befolgt, würde die Äußerung zu der si‐ mulierten Wahrnehmung instruieren, die Ihrer Wahrnehmung entspricht (siehe Ab‐ bildung 3-10). Abbildung 3-10: Wahrnehmungsstruktur und sprachliche Instruktion Ein rotes Auto fährt in eine Parklücke_neben einem Mann (ohne Pause) in der intendierten Interpretation 68 3 Experimentieren mit geordneten Anleitungen zum simulierten Erleben <?page no="69"?> Prosodie entschei‐ dend Nun ist es so, dass Sie mit Ihrer Freundin telefonieren. Sie wird mit Ihrer Antwort also nicht in geschriebener, sondern in gesprochener Form konfrontiert. Und es gibt Hinweise darauf, dass es, wenn die sprachliche Formgebung mündlich erfolgt, akustische Merkmale gibt, die Ihre Freundin relativ zuverlässig zum „richtigen“ simulierten Nach-Vollzug instruieren, während andere Merkmale sie zur „falschen“ Interpretation anleiten würden. Entscheidend scheint hier zu sein, ob die Wortgruppe neben einem Mann ohne Sprechpause und in einem kontinuierlichen Tonhöhenverlauf an eine Parklücke ange‐ schlossen wird. In diesem Fall wird das Neben-Sein als Beziehung zwischen der Park‐ lücke und dem Mann simuliert erlebt. Das ist in Abbildung 3-10 durch die wahrneh‐ mungsmäßige Doppelrolle der Parklücke angezeigt. Wird dagegen eine Pause gesprochen (und gehört) und befindet sich ein „Knick“ im Tonhöhenverlauf zwischen Parklücke und neben, wird die Szene so simulativ nachvollzogen, dass sich neben dem Mann das Fahren des Autos vollzieht. Die fließende Intonationskontur ist in Abbildung 3-10 durch den Bogen an der entscheidenden Stelle symbolisiert und in der Schrift durch den Unterstrich, die Pause mit Tonhöhenknick in Abbildung 3-9 und in der Schrift durch das Doppelkreuz. Wir können diese Ergebnisse zusätzlich in Tabellenform erfassen. In Tabelle 3-3 sehen Sie dies für die Variante, in der (Neben) dem Mann im Vorfeld vor dem finiten Verb geäußert wird. Durch den Eintrag in der +1-Zeile ist erkennbar, dass der Mann als übergeordneter Grund fungiert, während sich die Beziehung zwischen dem Auto und der Parklücke auf der „normalen“, nullten Ebene abspielt. (Zusammengenommen bilden Sie aber die übergeordnete Figur zu dem übergeordneten Grund.) - Element 1 Element 2 Element 3 Element 4 +1 Mann (oGr’) - - - 0 - Auto (Fg) Parklücke (oGr) - Tabelle 3-3: Verbalisierte Elemente und Ebenen der Figur-Grund-Ordnung im Satz Neben einem Mann fährt ein rotes Auto in eine Parklücke In Tabelle 3-4 ist die Variante erfasst, in der (neben) dem Mann direkt nach dem finiten Verb geäußert wird. Es ist damit das zweite geäußerte Wahrnehmungselement in der Äußerung, der Mann fungiert dennoch als übergeordneter Grund in der Wahrnehmungsstruktur. - Element 1 Element 2 Element 3 Element 4 +1 - Mann (oGr’) - - 0 Auto (Fg) - Parklücke (oGr) - Tabelle 3-4: Verbalisierte Elemente und Ebenen der Figur-Grund-Ordnung im Satz Ein rotes Auto fährt neben einem Mann in eine Parklücke 3.3 Experiment 3: Versprachlichung dreier Wahrnehmungselemente 69 <?page no="70"?> Moral von der Geschicht Die Variante, in der (neben) dem Mann mit Pause und Knick in der Intonationskontur als drittes und letztes Element realisiert wird, führt dazu, dass er wiederum als übergeordneter objekthafter Grund simuliert wahrgenommen wird (siehe Tabelle 3-5). - Element 1 Element 2 Element 3 Element 4 +1 - - Mann (oGr’) - 0 Auto (Fg) Parklücke (oGr) - - Tabelle 3-5: Verbalisierte Elemente und Ebenen der Figur-Grund-Ordnung im Satz Ein rotes Auto fährt in eine Parklücke # neben einem Mann Und zu guter Letzt wäre da in Tabelle 3-6 die Variante ohne artikulatorische Pause und mit kontinuierlicher Intonationskontur, die sich als erfolgreich erwiesen hat. Darin simuliert Ihre Freundin die Wahrnehmung der Szene sozusagen als eine Kette aufeinander folgender Figur-Grund-Konfigurationen auf derselben Ebene. - Element 1 Element 2 Element 3 Element 4 +1 - - - - 0 Auto (Fg1) Parklücke (oGr1/ Fg2) Mann (oGr2) - Tabelle 3-6: Verbalisierte Elemente und Ebenen der Figur-Grund-Ordnung im Satz Ein rotes Auto fährt in eine Parklücke_neben einem Mann Sie sehen: Die Form, die Sie Ihrer Äußerung am Telefon geben - unter anderem, ob mit oder ohne Pause und Tonhöhenknick -, ist für das simulierte Erleben Ihrer Freundin insofern instruktiv, als unterschiedliche Formgebungen Ihre Freundin zur Simu‐ lation unterschiedlicher Beziehungen zwischen den Wahrnehmungselemen‐ ten anleiten, auch wenn Sie dieselben Ausdrücke verwenden. 3.4 Experiment 4: Versprachlichung vierer Wahrnehmungselemente In unserem letzten Experiment fügen wir nun noch ein weiteres Element aus der schematischen Wahrnehmungsstruktur zur Aufgabe hinzu. Sie sollen nun den „äuße‐ ren“ Hintergrund noch zusätzlich zu allen bisherigen Elementen mit in die Äußerung aufnehmen, die Sie am Telefon gegenüber Ihrer Freundin tätigen (siehe Abbildung 3-11). Wie würden Sie es umsetzen? 70 3 Experimentieren mit geordneten Anleitungen zum simulierten Erleben <?page no="71"?> Antwort‐ möglichkeiten Abbildung 3-11: Modifizierte schematische Wahrnehmungsstruktur der Einparkszene (vier zu verbali‐ sierende Elemente) Im Vergleich zum letzten Experiment bleiben die Beziehungen zwischen dem Auto, der Parklücke und dem Mann gleich. Zugleich haben wir gesehen, dass es eine diffizile Angelegenheit ist, Ihrer Freundin eine präzise und weitgehend unmissverständliche Simulationsinstruktion zu geben. Deshalb bietet es sich an, nicht viel zu verändern, sondern nur zu ergänzen. Aber wo? Die mühsam hergestellte Einheit zwischen eine Parklücke und neben einem Mann sollten wir besser nicht auflösen. Dann bieten sich uns im Wesentlichen drei Möglich‐ keiten: im Vorfeld (die Stelle vor dem finiten Verb), im Mittelfeld direkt nach dem finiten Verb oder ganz am Ende: a. Hinter einem Bürogebäude fährt ein rotes Auto in eine Parklücke_neben einem Mann. b. Ein rotes Auto fährt hinter einem Bürogebäude in eine Parklücke_neben einem Mann. c. Ein rotes Auto fährt in eine Parklücke_neben einem Mann hinter einem Bürogebäude. Diesmal ist es ja wirklich so, dass sich der Ort, wo sich das Fahren eines Autos in eine Parklücke_neben einem Mann vollzieht, hinter einem Bürogebäude befindet. Es ist nicht nur eins der Elemente - das Auto, der Mann oder die Parklücke -, die sich hinter dem Bürogebäude befinden. Daher begegnen wir in Variante (c) dem Problem aus dem letzten Experiment wieder, aber diesmal umgedreht: Wenn Sie hinter einem Bürogebäude am Ende der Äußerung realisieren, wird sich Ihre Freundin höchstwahrscheinlich vorstellen, dass nur der Mann sich hinter einem Bürogebäude befindet. Nur diesmal ist dies nicht der erwünschte Effekt. Dies ist in Abbildung 3-12 dargestellt. Wir haben es mit einer Kette hintereinander angeordneter Figur-Grund-Konfigurationen zu tun, in der die Parklücke und der Mann jeweils als objekthafter Grund der einen Konfiguration und dann als Figur der folgenden Konfiguration fungieren. Das Bürogebäude bildet im Wahrnehmungsfeld den Grund ohne Objekteigenschaften zur Figur des Mannes. 3.4 Experiment 4: Versprachlichung vierer Wahrnehmungselemente 71 <?page no="72"?> Abbildung 3-12: Wahrnehmungsstruktur und sprachliche Instruktion Ein rotes Auto fährt in eine Parklücke_neben einem Mann hinter einem Bürogebäude In tabellarischer Form bildet sich diese Kette dann so wie in Tabelle 3-7 ab. Eine übergeordnete Figur-Grund-Konfiguration gibt es dabei nicht. - Element 1 Element 2 Element 3 Element 4 +1 - - - - 0 Auto (Fg1) Parklücke (Gr1/ Fg2) Mann (Gr2/ Fg3) Bürogebäude (Gr3) Tabelle 3-7: Verbalisierte Elemente und Ebenen der Figur-Grund-Ordnung im Satz Ein rotes Auto fährt in eine Parklücke_neben einem Mann hinter einem Bürogebäude In Variante (b) kommt die neue Wortgruppe hinter einem Bürogebäude direkt nach dem finiten Verb. Die analoge Variante hat im vorigen Experiment auch zu einem Problem geführt (Das rote Auto fährt neben einem Mann in eine Parklücke). Dort hat dies zu einer simulierten Wahrnehmung geführt, in der sich das Fahren neben einem Mann vollzieht, während Sie Ihrer Freundin vermitteln wollten, dass sie sich neben einem Mann eine Parklücke vorstellen soll. Was dort noch ein Problem war, ist hier jetzt erwünscht: Das Fahren vollzieht sich hinter einem Bürogebäude und dies ist auch das simulierte Erlebnis, zu dem Variante (b) instruiert (siehe Abbildung 3-13). 72 3 Experimentieren mit geordneten Anleitungen zum simulierten Erleben <?page no="73"?> Abbildung 3-13: Wahrnehmungsstruktur und sprachliche Instruktion Ein rotes Auto fährt hinter einem Bürogebäude in eine Parklücke_neben einem Mann Tabelle 3-8 zeigt nochmals in tabellarischer Form, dass das Bürogebäude, als zweites geäußertes Element, in der simulierten Wahrnehmung Ihrer Freundin als übergeord‐ neter Grund für das Geschehen zwischen dem Auto, der Parklücke und dem Mann fungiert. - Element 1 Element 2 Element 3 Element 4 +1 - Bürogebäude (Gr’) - - 0 Auto (Fg1) - Parklücke (oGr1/ Fg2) Mann (oGr2) Tabelle 3-8: Verbalisierte Elemente und Ebenen der Figur-Grund-Ordnung im Satz Ein rotes Auto fährt hinter einem Bürogebäude in eine Parklücke_neben einem Mann Variante (a) ist diesbezüglich schließlich genauso unproblematisch. Das bedeutet, dass in den Varianten (a) und (b) der Hintergrund der Wahrnehmungsstruktur - der Ort hinter dem Bürogebäude - sozusagen die Kulisse für den Rest abgibt, zu dem die Äußerung sonst noch instruiert (siehe Abbildung 3-14). 3.4 Experiment 4: Versprachlichung vierer Wahrnehmungselemente 73 <?page no="74"?> Abbildung 3-14: Wahrnehmungsstruktur und sprachliche Instruktion Hinter einem Bürogebäude fährt ein rotes Auto in eine Parklücke_neben einem Mann (ohne Pause) Tabelle 3-9 illustriert, wie das Bürogebäude als erstes Element im Satz als übergeord‐ neter Grund fungiert. - Element 1 Element 2 Element 3 Element 4 +1 Bürogebäude (Gr’) - - - 0 - Auto (Fg1) Parklücke (oGr1/ Fg2) Mann (oGr2) Tabelle 3-9: Verbalisierte Elemente und Ebenen der Figur-Grund-Ordnung im Satz Hinter einem Bürogebäude fährt ein rotes Auto in eine Parklücke_neben einem Mann Wir sind schon im vorherigen Kapitel mit dem bloßen Betrachten der Einparkszene gestartet, haben die Bedingungen des Wahrnehmens, des Erlebens und Erkennens diskutiert und sind nun bei einer Äußerung angekommen, mit der Sie Ihr Wahrnehmen und Erleben sowie Ihre Auffassungsweise des Sachverhalts so in eine sprachliche Form geben, dass jemand anderes die Äußerung als eine geordnete Anleitung behandeln kann, die bei Befolgung zum simulierten Nach-Vollzug dessen instruiert, was in der Äußerung gesagt wird. Aufgabe Haben Sie über die Experimente und ihre Resultate hinweg Muster entdeckt, wie die Ordnung von Wahrnehmungen und die Ordnung von Äußerungen zusammenhängen? Welche? Lösungsmöglichkeiten werden im nächsten Kapitel - Kapitel 4 - ausführlich diskutiert, also blättern Sie noch nicht dorthin, falls Sie selbst Antworten erarbeiten möchten. 74 3 Experimentieren mit geordneten Anleitungen zum simulierten Erleben <?page no="75"?> Entlanghan‐ geln an der Äußerung sprachliche Form und Erfahrung 3.5 Zwischenbetrachtung Auch wenn wir die Ordnung selbst noch nicht expliziert haben, so haben die Experi‐ mente demonstriert, dass Ihre Formgebungsaktivitäten und die Verstehensaktivitäten Ihrer Freundin eine Ordnung aufweisen. Ein Sachverhalt kann verschieden wahrge‐ nommen, erlebt und erkannt werden. Äußerungen instruieren zum simulierten Erleben bestimmter dieser Wahrnehmungsbedingungen und Auffassungsweisen. Kleine Änderungen in der Ordnung der Äußerung können selbst dann zu veränder‐ ten simulierten Wahrnehmungen, zu anderen Erlebnisnachvollzügen führen, wenn Sie dieselben Bezeichnungen für die Elemente der Wahrnehmung verwenden. Zum Beispiel instruiert die „richtige“ Äußerung Ihre Freundin, die sich dabei an der Äußerung „entlanghangelt“, dazu, zunächst die Figur Auto relativ zum objekthaften Grund Parklücke (… ein rotes Auto in eine Parklücke …) und dann die Parklücke noch‐ mals als Figur relativ zum objekthaften Grund Mann (… eine Parklücke_neben einem Mann.) zu simulieren. Erst wird das Auto ausgesondert und Ihre Freundin folgt mental seiner Bewegung zur Parklücke, dann muss sie in der Simulation einen Blickwechsel vornehmen und die Parklücke relativ zum Mann aussondern. Im vorangegangenen Kapitel hatten wir gesehen, dass sowohl die Parklücke als auch der Mann in ihrer Beziehung zueinander als Figur fungieren könnten. Die Reihenfolge der Elemente in Ihrer Äußerung drängt Ihre Freundin aber sozusagen zu derjenigen Simulation mit der Parklücke als Figur. Dies hat damit zu tun, dass Sie in einer kompakten Satzstruktur mit nur einem fini‐ ten Verb mehrere Beziehungen zwischen Wahrnehmungselementen „untergebracht“ haben. Anders würde sich der simulative Nachvollzug gestalten, wenn Sie nur eine Beziehung pro Satz verbalisieren würden: Hinter einem Bürogebäude (Hinter-Gr) fährt ein rotes Auto (Fg). Es (Fg) fährt in eine Parklücke (objekth. Gr). Ein Mann (Fg) steht neben der Parklücke (objekth. Grund). 3.6 Die sprachbezogenen Schichten der Erfahrung Zuletzt möchte ich nochmal einen Schritt zurücktreten und die prinzipielle Rolle der Sprache reflektieren, die sich in den Experimenten gezeigt hat. Ich möchte unsere sprachlichen Formgebungs- und Verstehensaktivitäten nochmal deutlich in einen Zusammenhang mit den Erfahrungsschichten bringen. Sie haben einiges darüber erfahren, in welch hohem Maße Ihr Wahrnehmen, Erleben und Erkennen von der Erfahrungsschichtung abhängig ist. Sie haben außerdem gesehen, wie Sie Ihrem Wahrnehmen, Erkennen und Erleben sprachliche Form geben können, damit jemand anderes sie in bestimmten Hinsichten genau so simulativ nach-vollziehen kann. In Kapitel 2.3 war bereits die Rede von den Schichten unserer nichtsprachlichen Erfahrung. Im hier wiederholten Infokasten dazu sind die dort prä‐ sentierten Schichten noch einmal zusammengefasst. 3.5 Zwischenbetrachtung 75 <?page no="76"?> Erfahrungs‐ ressourcen sprachliche Erfahrungs‐ schichten Schichten nichtsprachlicher menschlicher Erfahrung (Wiederholung) 1. Der menschliche Körper als Ermöglichungsschicht für Erfahrung 2. Die sensomotorische Wirklichkeitserschließung 3. Das höherstufige Sehen 4. Das höherstufige Vorstellen Die Erfahrungsschichten wurden am Beispiel eines Astes vorgestellt: • wie der Ast darin, ob und wie er uns als wahrnehmbares Etwas überhaupt erscheint, von der Konstitution unseres Körpers abhängt, • wie unsere sensomotorische Erschließung des Astes mit allen Sinnen und durch eigene Tätigkeit erfolgt, • wie wir dadurch später dem Ast seine sinnlichen Qualitäten und die Aktionsmög‐ lichkeiten als beispielsweise Stütze oder Schläger (höherstufig) ansehen können und • wie es uns noch später reicht, uns einen Ast nur (höherstufig) vorzustellen, um uns all seine sensorischen und motorischen Potenziale zu vergegenwärtigen. Auf all diese Schichten greifen wir ständig als Erfahrungsressourcen zu, wenn wir uns durch unsere Lebenswelt, also durch Wohnungen, Unigebäude, Straßen, Wälder und Felder, bewegen, wenn wir in eine Schublade greifen und wenn wir über all solche Dinge sinnieren. Nicht zuletzt greifen wir auf diese Schichten zurück, wenn wir die Einparkszene erleben. Nach den obigen Experimenten können wir zu diesen Schichten der nichtsprachli‐ chen menschlichen Erfahrung noch zwei weitere Erfahrungsschichten hinzufügen, nämlich diejenigen der sprachlichen Erfahrung. Was befähigt Sie dazu, Ihre Freundin mittels einer sprachlichen Äußerung zu instruieren, ein Erlebnis simulativ nachzu‐ vollziehen? 5. Die Lexik. Damit ist unser Schatz an sogenannten „autosemantischen“ Ausdrü‐ cken in der Einzelsprache Deutsch angesprochen. Dies ist die jederzeit leicht erweiterbare Menge an bezeichnenden Ausdrücken für Dinge (im weitesten Sinne), Eigenschaften, Situatio‐ nen, Ereignisse, Zustände, Prozesse, und Aktivitäten, über die eine Person verfügt, die des Deutschen mächtig ist. Im Sinne einer Erfah‐ rungsschicht ist die Lexik die Sedimentierung und Kristallisierung all der Erfahrungen, die wir in den Schichten 1-4 durchlaufen haben - sofern wir sie durchlaufen haben. In Ausdrücken wie Schläger oder einparken sind bestimmte sensorische, motorische, emotionale und kognitive Erfahrungen mit der Wirklichkeit sedimentiert - quasi „eingelagert“ -, aber nicht das ganze Spektrum dieser Wirklichkeitserfahrungen, sondern jeweils eingeengt auf bestimmte, perti‐ nente Aspekte. Man kann hier von „Aspektvereinseitigung“ sprechen. Damit ist 76 3 Experimentieren mit geordneten Anleitungen zum simulierten Erleben <?page no="77"?> Rückbezug zur Auto‐ szene Nach-voll‐ ziehendes Wahrmachen gemeint, dass Schläger und einparken unser Erfahrungsspektrum nicht ausschöp‐ fen, über das wir beispielsweise in Bezug auf Äste und das Steuern eines Fahrzeugs an einen Abstellort verfügen. Vielmehr kristallisiert sich in diesen Ausdrücken in konstanter, konventioneller und leicht handhabbarer Form pertinenzgefiltertes „Wissen, wie …“ über Äste und Fahrzeugsteuerung in bestimmten Typen prakti‐ scher Situationen, in denen wir bestimmte Handlungsmotive und -absichten haben und bestimmte Zwecke verfolgen. So verhält es sich mit der kompletten Lexik. 6. Die „Grammatik“. Damit ist die Geordnetheit sprachlicher Form‐ gebungs- und Verstehensaktivitäten gemeint. Sie besteht in den sogenannten „synsemantischen“ Ausdrücken und Ausdruckstei‐ len, die wir in einer Sprache beherrschen, sowie in den sedimen‐ tierten und kristallisierten Kombinationsmustern für Auto- und Synsemantika. Die Grammatik in diesem Sinne ist nicht so einfach erweiterbar wie die Lexik. Die grammatische Ordnung ermöglicht uns insbeson‐ dere zwei Dinge: 1. Erstens können wir mit ihr in kohärenter Weise das kommunizieren, was uns in der Lexik an sedimentierten und kristallisierten, pertinenzgefilterten Erfahrungen zur Verfügung steht. 2. Zweitens stellt ihre verborgene Ordnung sicher, dass es in der Formgebung und im Verstehen kombinierter autosemantischer Ausdrücke nicht zu gro‐ ßen Kommunikationsproblemen kommt. Die Geordnetheit von Äußerungen betrifft nämlich die Frage, was womit in welcher Beziehung stehend simuliert erlebt werden soll. Ein rotes Auto fährt in eine Parklücke neben einem Mann. Was ist neben dem Mann: das fahrende Auto oder die Parklücke? In diesem Sinne ordnet die Grammatik die Anleitung zum simulierten Erleben. Um die Erfahrungsschichten nochmal kurz in Bezug auf die Autoszene zu rekapitulie‐ ren: Sie sprechen mit Ihrer Freundin, die die Szene nicht erlebt, und sie fragt, was bei Ihnen gerade passiert. Ihre Antwort - sagen wir, Hinter einem Bürogebäude fährt ein rotes Auto in eine Parklücke_neben einem Mann - ist nun gemäß der Leitidee eine ge‐ ordnete Anleitung für Ihre Freundin, ein Erlebnis in dem Sinne zu simulieren, dass sie es innerlich nach-vollzieht. Auf Basis dessen, was Sie äußern - die Lexik - und wie Sie es äußern - die Grammatik -, werden nun die Erfahrungsschichten Ihrer Freundin angesprochen. Sie vollzieht nun am Leitfaden Ihrer Äußerung - die Lexik, die Gram‐ matik - simulativ ein Erlebnis mit allen Sinnen nach, und zwar insoweit das, was sie simulieren soll, von ihrer sensomotorischen Erfahrung gedeckt ist. Der Nach-Vollzug umfasst die Sinne: Sie simuliert das Sehen, das Tasten, das Hören, das Riechen und so weiter. Der Nach-Vollzug umfasst gegebenenfalls die Motorik: Sie kann die Bewegun‐ gen und Aktivitäten, die in der Äußerung genannt werden, nach-vollziehen, beispiels‐ weise die Aktivitäten, die zum Parken des Fahrzeugs nötig sind. Auf diese Weise stellt Ihre Freundin im simulativen Nach-Vollzug quasi den Sachverhalt her, der durch Ihre Äußerung ausgedrückt wird. Kurz gesagt: Sie versucht, den Sachverhalt simulativ 3.6 Die sprachbezogenen Schichten der Erfahrung 77 <?page no="78"?> wahrzumachen (siehe Kapitel 11). Für diese Aufgabe hat sie ihre Erfahrungsressour‐ cen zur Verfügung. Lässt sich die verborgene Ordnung, die sich in den Experimenten angedeutet hat, noch weiter aufklären? Dies bildet den Gegenstand des folgenden Kapitels. 3.7 Kommentierte Literaturhinweise Zu 3.1 bis 3.5 In diesem weitgehend explorativen Kapitel sind nicht viele neue Konzepte hinzuge‐ treten. Was sich allerdings gezeigt hat, ist, dass ein Wahrnehmungselement, das auf einer übergeordneten Ebene der Figur-Grund-Gliederung („+1“ in den Tabellen zu den Experimenten) wahrgenommen oder vorgestellt wird, so etwas wie die Kulisse für den Sachverhalt auf der nullten Ebene abgibt. Diesen Unterschied fasst Ronald Langacker, der Begründer der sog. „Kognitiven Grammatik“ als denjenigen zwischen „setting“ und „participants“ und dies ist nachzulesen in Langacker (2000), Langacker (2002). Zu 3.6 Die Erfahrungsschichtung ist erstmals schriftlich publiziert in Kasper/ Hoffmeister (2025 [philosophisch anspruchsvoller Ansatz zu den humanökologischen Faktoren, die unsere sprachlichen Konzepte formen]). Etwas früher habe ich sie in einem öffentlichen Vortrag entwickelt, nämlich in Kasper (01.12.2023). Hinweise zu den Aufgaben Hier finden Sie Hinweise zu den Aufgaben, die zur Lösung nicht im Text wieder aufgegriffen werden. Aufgabe Abschnitt 3.2 Ihre Freundin wird sich nur in sehr beschränktem Maße dasselbe vorstellen, was Sie wahrgenommen haben, nämlich dass ein Auto in eine Parklücke fährt. Wie diese Vorstellung konkret ausgeprägt ist, wird sich stark von Ihrer Wahrnehmung unterscheiden. Die Unterschiede betreffen potenziell das ganze Spektrum von einem anderen Auto über eine andere Parklücke, eine andere Perspektive auf die Szene bis zu einem anderen Hintergrund und Begleitgeschehen. 78 3 Experimentieren mit geordneten Anleitungen zum simulierten Erleben <?page no="79"?> Beobach‐ tungen aus Experimen‐ ten 4 Wortgruppen-Tetris: erste Ordnungsversuche mit Satzfeldern Ist es möglich, auf Basis der vorangegangenen Experimente etwas Generelles über den Zusammenhang zwischen dem Aufbau von sprachlichen Äußerungen und der Ordnung von Wahrnehmung und Vorstellung zu sagen? Obwohl unsere Betrachtungen nur einen geringen Umfang hatten, können wir dennoch das ein oder andere festhalten. In diesem Kapitel wird sich zeigen, dass es so etwas wie feste Satzfelder gibt, die zur verborgenen Ordnung in unseren Äußerungen gehören und mit der Ordnung in Wahr‐ nehmung und Vorstellung zusammenhängen (Abschnitt 4.1). Eine wichtige zweite Eigenschaft in der unsichtbaren Ordnung von Äußerungen sind Abhängigkeitsbezie‐ hungen, die sogenannte Dependenz. Bei der Formgebung und bei der Interpretation stehen wir immer vor der Aufgabe, bestimmte Abhängigkeitsbezüge herzustellen und andere nicht. Diese Bezüge hängen auch mit den Satzfeldern zusammen (Abschnitt 4.2). In den darauffolgenden Abschnitten schauen wir uns dann an, wie sich das Zusammenspiel von Satzfeldern und Abhängigkeitsbezügen gestaltet, wenn wir vom Hauptin den Nebensatz gehen oder Substantive durch Pronomen ersetzen, und wie sich das auf die simulierte Wahrnehmung der entsprechenden Äußerungen auswirkt (Abschnitte 4.3 und 4.4). Im abschließenden Abschnitt 4.5 folgt eine erste Bemerkung zu Metaphern. Was bedeutet es für den Instruktionsgedanken, dass unsere Äußerungen oft keine räumli‐ chen Beziehungen ausdrücken? 4.1 Figur-Hintergrund-Gliederung und Satzfelder In den Experimenten zeigt sich, dass Sie in Ihren Äußerungen bestimmte Dinge beach‐ ten müssen, wenn Sie zu einer bestimmten simulierten Wahrnehmung instruieren möchten, anstatt zu einer anderen, nicht gewollten. Auch wenn Sie in den späteren Experimenten immer die gleichen Bezeichnungen für die Wahrnehmungsphänomene in Ihren Äußerungen verwendet haben, so haben doch kleine Varianten in ihrem Arrangement gereicht, um relevante Veränderungen in der simulierten Wahrnehmung herbeizuführen. Nicht von solchen Umstellungen betroffen waren das Subjekt und Objekt des Verbs fährt. In allen Experimenten, in denen mindestens zwei Wahrnehmungselemente ver‐ sprachlicht werden sollten, haben Ausdrücke für das rote Auto beziehungsweise die Parklücke diese syntaktischen Funktionen gehabt. Dies können wir in einer ersten Beobachtung zusammenfassen. <?page no="80"?> Fg-Gr- Ebenenproblem 1. Die Figur der nullten Ebene (Fg) wird als Subjekt (SBJ) ausgedrückt, ein objek‐ thafter Grund (oGr) der gleichen Ebene wird, sofern er überhaupt versprachlicht wird, als (gegebenenfalls präpositional regiertes) Objekt (POBJ) ausgedrückt, zum Beispiel: Ein rotes Auto [SBJ & Fg] parkt ein. (Siehe Abbildung 3-3) Ein rotes Auto [SBJ & Fg] fährt in eine Parklücke [POBJ & oGr] . (Siehe Abbildung 3-5) (In Kapitel 7 werden wir sehen, dass die Zuordnung von Figur und Subjekt sowie von Grund und Objekt auch umgekehrt sein kann.) Die Umstellungen haben stattdessen die Ausdrücke für die Rollen des Mannes und des Bürogebäudes in der simulierten Wahrnehmung betroffen. Die Probleme der Umstellungen bestanden darin, dass es schwierig für Sie zu kontrollieren war, auf welcher Ebene der Figur-Grund-Glie‐ derung diese Elemente simuliert wahrgenommen werden - auf der nullten oder auf der übergeordneten Ebene. Wenn ein Element als übergeordneter Grund simuliert wahrgenommen wird, dann bildet er sozusagen die Kulisse für das Geschehen, das sich auf der nullten Ebene abspielt. Hinter einem Bürogebäude - übergeordneter (Hinter-)Grund - fährt ein rotes Auto in eine Parklücke_neben einem Mann. Das „Wissen, wie …“ der Äußerung besteht darin, diese Elemente an den Stellen ausdrücken zu können, die kein Missver‐ ständnis bezüglich der Ebenenzuordnung zulassen. Offenbar ist bei dem Szenario mit Ihrer Freundin die erste Stelle im Satz die - oder eine - richtige Stelle, damit sie sich den Ort hinter einem Bürogebäude als übergeordneten Hintergrund vorstellt. Die Stelle hinter neben einem Mann war es dagegen nicht, wie Abbildung 3-12 und Tabelle 3-7 gezeigt haben. In Bezug auf die Wortgruppe neben einem Mann war es genau umgekehrt: Ihre Freundin sollte sich den Ort neben einem Mann nicht als Kulisse für das Geschehen des Fahrens vorstellen, sondern als den Ort neben der Parklücke (wo das Auto zum Stehen kommt). Deshalb war offenbar die Stelle am Anfang der Äußerung nicht die richtige dafür, sondern diejenige hinter Parklücke (und mit bestimmten prosodischen Eigenschaften). Wir können zunächst in zwei weiteren Beobachtungen zusammenfassen, was die Einführung eines weiteren Elements in die simulierte Wahrnehmung für Möglichkei‐ ten der Figur-Grund-Gliederung bietet. 2. Ein drittes (viertes, …) Element der Wahrnehmung oder Vorstellung kann eine Figur oder ein Grund einer zweiten (dritten, …) Figur-Grund-Beziehung auf der nullten Ebene sein, zum Beispiel: Ein rotes Auto [SBJ & Fg1] fährt in eine Parklücke [POBJ & Gr1 & Fg2] _neben einem Mann [PATTR & Gr2] . (PATTR: Präpositionalattribut) (Siehe Abbildung 3-10) Ein rotes Auto [SBJ & Fg1] fährt in eine Parklücke [POBJ & Gr1 & Fg2] _neben einem Mann [PATTR & Gr2 & Fg3] hinter einem Bürogebäude [PATTR & Gr3] . (Siehe Abbildung 3-12) 80 4 Wortgruppen-Tetris: erste Ordnungsversuche mit Satzfeldern <?page no="81"?> Stellen‐ struktur der Äußerung Ebenen und Stellen 3. Oder ein drittes (viertes, …) Element ist Figur oder Grund einer übergeordneten Figur-Grund-Beziehung, in die eine Figur-Grund-Konfiguration der nullten (ers‐ ten, …) Ebene als übergeordneter Grund bzw. übergeordnete Figur eingeht, zum Beispiel: Neben einem Mann [ADVB & Gr’] fährt ein rotes Auto [SBJ & Fg] in eine Parklücke [POBJ & oGr] . (ADVB: adverbiale Bestimmung) (Siehe Abbildung 3-7) Ein rotes Auto [SBJ & Fg] fährt neben einem Mann [ADVB & Gr’] in eine Parklücke [POBJ & oGr] . (Siehe Abbildung 3-8) Ein rotes Auto [SBJ & Fg1] fährt hinter einem Bürogebäude [ADVB & Gr’] in eine Parklücke [POBJ & oGr1 & Fg2] _neben einem Mann [PATTR & Gr2] . (Siehe Abbildung 3-13) Jetzt müssen wir noch die Beobachtung formulieren, dass es in unseren Äußerungen anscheinend bestimmte Stellen für Elemente der Wahrnehmung gibt, die damit zusammenhängen, auf welcher Ebene der Figur-Grund-Gliederung diese Elemente simuliert wahrgenommen werden. Unser „Wissen, wie …“ um diese Stellen betrifft die verborgene Ordnung unserer sprachlichen Formgebungs- und Verstehensaktivitäten. Mit der Rede von einer „Stelle“ in der Äußerung ist angedeutet, dass Äußerungen ebenso wie Wahrnehmungen und Vorstellungen eine Topologie aufweisen: eine Stel‐ lenstruktur innerhalb eines dimensionierten Gebildes. Hier wie dort gilt aber: Diese Ordnung zeigt sich als Ordnung nicht in der konkreten Wahrnehmungs-, Vorstellungs- oder Äußerungsaktivität, sondern nur im Vergleich und im Kontrast von aufgezeich‐ neten und entzeitlichten Wahrnehmungen, Vorstellungen und Äußerungen, die Schlüsse darüber erlauben, was jemand in einer gegebenen Aktivität nicht getan hat, aber hätte tun können. Hinzu kommt, dass unser simuliertes Erleben eine mehrdimen‐ sionale Struktur ist, die sich zudem aus allen Sinnesmodalitäten, Emotionen usw. speist. Dagegen ist die gesprochene Äußerung eine Folge von sich verflüchtigenden Geräu‐ schen und die geschriebene Äußerung eine aus (im Deutschen meist) auf Linien ange‐ ordneten graphischen Zeichen. Unsere vierte Erkenntnis muss also die Darstellung dieser verborgenen Stellenstruktur in der quasi eindimensionalen Früher-später oder Vorne-hinten-Struktur von Äußerungen sein. Dafür können wir auf die Tabellenform aus den Experimenten zurückgreifen. Darin war dargestellt, welche verbalisierten Elemente der Wahrnehmung oder Vorstellung bei einer bestimmten Äußerungsform auf welcher Ebene der Figur-Grund-Gliederung vorgestellt werden, der nullten Ebene oder einer übergeordneten Ebene. Wir werden diese Tabelle noch um die Stellen des finiten Verbs und - falls vorhanden - infiniter Bestandteile des Verbkomplexes im Hauptsatz ergänzen. 4. Es gibt drei Muster, wie die Stellung von verbalisierten Wahrnehmungselementen im Satz damit korrespondiert, auf welcher Ebene diese Elemente simuliert wahr‐ genommen werden. In Tabelle 4-1 ist das erste Muster erfasst und um Beispielsätze ergänzt. 4.1 Figur-Hintergrund-Gliederung und Satzfelder 81 <?page no="82"?> 9 Quelle: https: / / www.nd-aktuell.de/ artikel/ 1186855.gisele-vienne-berliner-sophiensaele-zeigt-her-eu re-wunden.html [Stand: 17.07.2025]. 10 Quelle: https: / / www.tagesschau.de/ wissen/ forschung/ dinosaurier-alaska-100.html [Stand: 17.07.2025]. Element 1 finites Verb Element 2 Element 3 Element n infiniter Teil +1 Gr’ - - - - - 0 - - Fg1 Gr1&Fg2 Gr2 - Bsp. Hinter einem Bürogebäude { fährt, ist } ein rotes Auto in eine Parklücke͜_ _neben ei‐ nem Mann { Ø, gefahren }. Bsp. Neben einem Mann { fährt, ist } ein rotes Auto in eine Parklücke - { Ø, gefahren }. Bsp. In den Berli‐ ner Sophien‐ saelen lässt Gisèle Vienne eine Crowd […] ihre Verletz‐ lichkeit offenlegen. 9 Tabelle 4-1: Korrespondenzmuster im Hauptsatz mit dem kulissenhaften (Hinter-)Grund vor dem finiten Verb Das an der Stelle vor dem finiten Verb ausgedrückte Element der Wahrnehmungsstruk‐ tur bildet in Tabelle 4-1 den übergeordneten Grund für die Figur-Grund-Beziehungen auf der nullten Ebene und fungiert dadurch als deren Kulisse. In Tabelle 4-2 ist das zweite Muster erfasst und um Beispielsätze ergänzt. - Element 1 finites Verb Element 2 Element 3 Element n infiniter Teil +1 - - Gr’ - - - 0 Fg1 - - Gr1&Fg2 Gr2 - Bsp. Ein rotes Auto { fährt, ist } hinter einem Büroge‐ bäude in eine Park‐ lücke_ _neben ei‐ nem Mann { Ø, gefahren }. Bsp. Ein rotes Auto { fährt, ist } neben einem Mann in eine Park‐ lücke - { Ø, gefahren }. Bsp. Ein Team von For‐ schenden […] hat an einer Felswand in Alaska […] Dinosaurier‐ spuren - entdeckt. 10 Tabelle 4-2: Korrespondenzmuster im Hauptsatz mit dem kulissenhaften (Hinter-)Grund direkt hinter der linken Satzklammer 82 4 Wortgruppen-Tetris: erste Ordnungsversuche mit Satzfeldern <?page no="83"?> 11 Quelle: https: / / www.ndr.de/ sport/ mehr_sport/ News-Blog-Vendee-Globe-Herrmann-ueberquert-bei -Sonnenaufgang-Aequator,segeln1702.html [Stand: 17.07.2025]. Rolle der Dependenz In Tabelle 4-2 ist es das Element der Wahrnehmungs- oder Vorstellungsstruktur, das an der ersten Stelle nach dem finiten Verb geäußert wird, das die Funktion der Kulisse einnimmt. In Tabelle 4-3 ist das dritte Muster erfasst und um Beispielsätze ergänzt. - Element 1 finites Verb Element 2 Element 3 Element n infiniter Teil +1 - - - - - - 0 Fg1 - Gr1&Fg2 Gr2&Fg3 Gr3 - Bsp. Ein rotes Auto { fährt, ist } in eine Parklücke_ _neben ei‐ nem Mann hinter einem Büroge‐ bäude { Ø, gefahren }. Bsp. Ein rotes Auto { fährt, ist } in eine Parklücke_ _neben ei‐ nem Mann - { Ø, gefahren }. Bsp. Der Ungar flickte das Loch[_] [_]in seinem Großsegel […]. 11 - - Tabelle 4-3: Korrespondenzmuster im Hauptsatz ohne kulissenhaften (Hinter-)Grund In dem Korrespondenzmuster in Tabelle 4-3 fungiert kein verbalisiertes Element der Wahrnehmungs- oder Vorstellungsstruktur als übergeordneter Grund und Kulisse. Vielmehr bilden die Elemente eine Kette von Figur-Grund-Konfigurationen auf der nullten Ebene. Wenn in unseren Beispielen die Wortgruppen hinter einem Bürogebäude oder neben einem Mann direkt vor oder direkt nach dem finiten Verb verbalisiert werden, dann führt dies normalerweise dazu, dass das entsprechende Element der Vorstellungsstruk‐ tur als übergeordneter Grund - als Kulisse - simuliert wahrgenommen wird (siehe Korrespondenzmuster in Tabelle 4-1 und 4-2). Wenn sie stattdessen am Schluss geäußert werden, dann instruiert die entsprechende Äußerung wahrscheinlich zur simulierten Wahrnehmung einer Figur-Grund-Kette ohne übergeordneten Grund (siehe Tabelle 4-3). Warum? Diese Frage führt tief hinein in das, was Äußerungen im Innersten zusammenhält, das heißt, was sie als Instruktionen leistungsfähig macht. Das wird vertieft der Gegen‐ stand des fünften Kapitels sein. Für jetzt soll eine kürzere Antwort unter Verweis auf das Konzept der Dependenz genügen. Diese werden wir dann ebenfalls im nächsten Kapitel vor dem Hintergrund der instruktionistischen Leitidee reflektieren. 4.1 Figur-Hintergrund-Gliederung und Satzfelder 83 <?page no="84"?> Die Depen‐ denz ist Ihr Freund Zusammenfassung Drei Korrespondenzmuster im Hauptsatz in Kurzform. Gr’ | V fin | Fg1 - Gr1&Fg n _-_Gr n | V infin Fg1 | V fin | Gr’ - Gr1&Fg n _-_Gr n | V infin Fg1 | V fin | Gr1&Fg2_-_Gr2&Fg n [_]-[_]Gr n | V infin V fin : finites Verb V infin : infinite Bestandteile des Verbkomplexes _: kontinuierliche Intonationskontur ohne Tonhöhen„knick“ und Pause Aufgabe Versuchen Sie, die drei Korrespondenzmuster mithilfe der dazugehörigen Bei‐ spiele in den Nebensatz zu übertragen. Was zeigt sich in Bezug auf die Positionierbarkeit von Wahrnehmungs- und Vorstellungselementen in den Stellen des Nebensatzes? Hat die Übertragung in den Nebensatz Einfluss auf die Wahrneh‐ mungs- und Vorstellungsstruktur? Welchen Einfluss hat die Prosodie? Lösungsmöglichkeiten werden im übernächsten Abschnitt (4.3) diskutiert, also blättern Sie noch nicht dorthin, falls Sie selbst Antworten erarbeiten möchten. 4.2 Beziehungen im Satz: Figur-Hintergrund-Gliederung und Dependenz Um uns einen Reim auf die entdeckten Korrespondenzmuster zu machen, lohnt es sich, das grammatische Konzept der Dependenz einzuschalten. In der Ordnung von Sätzen - von Wortgruppen in Sätzen, von Wörtern in Wortgruppen und von Wortteilen in Wörtern - postulieren die meisten Grammatikansätze Abhängigkeitsverhältnisse, die festlegen, welche Elemente auf welche anderen Elemente zu beziehen sind. Vielleicht fragen Sie sich jetzt, wofür solche Abhängigkeitsverhältnisse gut sein sol‐ len, außer Ihnen die Beschäftigung mit Grammatik zur Hölle zu machen. Tatsächlich ist es so, dass sie das Verstehen einfach machen. Einer Ihrer Sätze war Ein rotes Auto fährt hinter einem Bürogebäude in eine Parklücke_neben einem Mann. Der Satz ist pro‐ blemlos richtig verstehbar. Aber fragen Sie sich einmal, was Ihre Freundin bei ihrer Interpretation davon abgehalten hat, rotes auf Bürogebäude, Auto auf in und Mann auf fährt zu beziehen. Was hat sie davon abgehalten, eine Wahrnehmung zu simulieren, in der ein rotes Bürogebäude vorkommt und ein Mann möglicherweise in ein Auto fährt? Die Antwort ist Dependenz: Abhängigkeitsverhältnisse. 84 4 Wortgruppen-Tetris: erste Ordnungsversuche mit Satzfeldern <?page no="85"?> Dependenz sichtbar machen Grammatische Dependenz (breiter Dependenzbegriff) Ein Element kann von einem anderen kraft der morphologischen Form, kraft der Position oder kraft der prosodischen Form grammatisch abhängig sein. 1. Element A (das Dependens) ist von Element B (dem Regens) grammatisch abhängig, wenn Element B ihm ein oder mehrere morphologische Formmerk‐ male diktiert (Rektion im engeren Sinne). Dazu gehört auch, dass es überhaupt sprachlich realisiert wird (zusätzliche grammatische Valenzbindung). 2. Element A ist auch dann grammatisch abhängig von Element B, wenn A relativ zu B an einer bestimmten Position auftritt, so dass durch diese Position A auf B anstatt auf ein anderes Element bezogen werden muss. Man spricht hier von Serialisierungsbeschränkungen. 3. Die Prosodie kann diese grammatische Abhängigkeit, die durch die Position diktiert wird, durch den Einsatz von Pause und Intonationskontur unter Umständen beeinflussen. Eine kontinuierliche Prosodie über einer Reihe von Elementen konstituiert tendenziell eine grammatische Dependenzbeziehung zwischen ihnen, separierte Intonationskonturen separieren sie tendenziell. Die Präposition neben diktiert Mann den Kasus Dativ (oder den Akkusativ), daher ist Mann abhängig von neben. Mann diktiert einem die Kasus-, Numerus- und Genusausprägungen, so dass einem mit Mann in diesen Merkmalen kongruiert. Was heißt, dass Elemente, zwischen denen eine Dependenzbeziehung besteht, aufeinander „bezogen werden“? Wir haben gesehen, dass Ihre Freundin sich beim Hören von … fährt in eine Parklücke_neben einem Mann hinter einem Bürogebäude den Mann höchstwahrscheinlich hinter dem Bürogebäude vorstellt, anstatt sich hinter dem Bürogebäude das Fahren (in eine Parklücke_neben einem Mann) vorzustellen. (Aufgrund der Größenverhältnisse wird es auf den gleichen Sachverhalt hinauslaufen, aber der Interpretationsunterschied ist zunächst da.) Das hieße, dass hinter (einem Bürogebäude) deshalb abhängig von Parklücke wäre, weil die Position hinter dem Sub‐ stantiv und in dieser Satzposition (bevor der zweite Teil des Verbkomplexes kommen würde) diese simulierte Wahrnehmung erzwingt, die eine Figur-Grund-Beziehung zwischen dem Mann und dem Gebäude etabliert. Die Prosodie kann diese Abhängigkeit, die durch die Position diktiert wird, durch den Einsatz von Pause und Intonationskontur unter Umständen beeinflussen. Das hatten wir bei der Abfolge von Parklücke_neben (einem Mann) beziehungsweise Parklücke # neben (einem Mann) gesehen. Im Falle von Mann hinter (einem Bürogebäude) ist es aber unwahrscheinlicher, dass hinter anstatt auf Mann noch auf fährt beziehbar ist, weil es dafür tief aus der Dependenzstruktur wieder „herausgeholt“ werden müsste. Wir können einen Teil der verborgenen Abhängigkeitsverhältnisse im Satz an der Rolle von neben einem Mann illustrieren. In Abbildung 4-1 symbolisieren Pfeile Dependenzbe‐ 4.2 Beziehungen im Satz: Figur-Hintergrund-Gliederung und Dependenz 85 <?page no="86"?> mögliche Bezüge aus‐ schließen ziehungen in zwei verschiedenen „Stemmata“. Elemente, die weiter oben im Stemma ste‐ hen, regieren Elemente, die weiter unten stehen und auf die die Pfeile zeigen. Abbildung 4-1: Die Präpositionalgruppe neben einem Mann als adverbiale Bestimmung (ADVB), die vom Verbkomplex abhängt (links) und als Präpositionalattribut (PATTR), das von Parklücke abhängt (rechts) Die Teil-Stemmata machen nicht nur deutlich, dass zwischen Wörtern Dependenzbe‐ ziehungen bestehen, sondern auch, dass man das Zustandekommen unterschiedlicher simulierter Wahrnehmungen so beschreiben kann, dass Ihre Freundin die Position und die Prosodie von neben entweder als Instruktion aufgefasst hat, den Mann als übergeordneten Grund zum Fahrvorgang zu simulieren (links), oder ihn auf der nullten Ebene als einen objekthaften Grund zur Figur der Parklücke zu simulieren (rechts). Wenn aber neben (einem Mann) direkt vor oder direkt nach dem finiten Verb realisiert wird, während (in eine) Parklücke erst später beziehungsweise weiter hinten darauf‐ folgt, kann Parklücke das Wort neben sehr wahrscheinlich gar nicht oder nur unter sehr spezifischen Bedingungen regieren. Analog verhält es sich mit der Beziehung zwischen (neben einem) Mann und hinter (einem Bürogebäude). Wir können jetzt besser bestimmen, worin die Kunst besteht, adäquat zu instruieren und Instruktionen adäquat zu befolgen. Sie besteht in dem „Wissen, wie“ Bezüge her‐ zustellen sind, die andere mögliche Bezüge ausschließen. Wenn Sie Ihrer Freundin ein paar Lexeme - Erfahrungsschicht 5! - darbieten: Auto Mann Bürogebäude rot fahr, kann Sie auf Basis dieser „Äußerung“ Figur-Grund-Konfigurationen ohne jede Beschrän‐ kung simulieren. Sie würde dabei ihr Erfahrungswissen anwenden: Sie stellt sich hö‐ herstufig vor, dass Autos diese und jene Eigenschaften haben und fahrbar sind, dass in Bürogebäuden gearbeitet wird und sie betretbar sind und so weiter. Sie würde sich also auf Basis der Lexeme und des Erfahrungswissens, das in ihnen sedimentiert und kris‐ tallisiert ist, irgendetwas vorstellen, was plausibel ist. Dass es dem entspricht, was Sie ihr sagen wollten, wäre aber großer Zufall (zumal wir ja oft miteinander reden, um einander Dinge zu sagen, die wir nicht schon erraten können). 86 4 Wortgruppen-Tetris: erste Ordnungsversuche mit Satzfeldern <?page no="87"?> Verhinde‐ rungsfunk‐ tion Unter‐ schiede zum Hauptsatz Feldermodell Vor diesem Hintergrund können wir sagen, dass die instruktiven Mittel, die gram‐ matische Dependenzbeziehungen anzeigen, eine Verhinderungsfunktion haben. Sie verhindern, dass wir irgendwelche möglichen und plausiblen Beziehungen herstellen, und schränken stattdessen die herstellbaren Beziehungen auf sehr wenige und ganz bestimmte ein. Sie halten unsere Simulationsfreude im Zaum. Und dies ist genau das, wofür Grammatik - Erfahrungsschicht 6 - da ist (siehe dazu ausführlich Kapitel 9). Wir können jetzt genau sehen, was verhindert wird, wenn wir die Präpositional‐ gruppen neben einem Mann und hinter einem Bürogebäude vor oder direkt nach dem finiten Verb realisieren: An diesen Stellen sind sie nicht (oder nicht gut) als Präpositi‐ onalattribute zu Parklücke beziehungsweise Mann interpretierbar. Dafür müssten sie nämlich direkt hinter diesen stehen. Dem entspricht in der simulierten Wahrnehmung, dass wir sie als übergeordnete Grund-Elemente zum Fahrgeschehen simulieren und nicht als Grund-Elemente zur Parklücke beziehungsweise zum Mann. 4.3 Und im Nebensatz? Wer Deutsch als Fremdsprache lernt und nicht Niederländisch oder Luxemburgisch als Muttersprache hat, hat oft nicht nur mit den Kasus, Genera und Verbformen Schwierigkeiten, sondern auch mit zwei Eigenschaften des deutschen Satzbaus. 1. Erstens stehen verschiedene Bestandteile des Verbkomplexes unter bestimmten Umständen sehr weit auseinander, so, wie die Teile von auseinanderstehen in dem Satz, den Sie gerade gelesen haben. Stehen, das finite Verb, steht an der zweiten Stelle im Satz, auseinander am Ende. Mark Twain machte sich einst darüber lustig. 2. Zweitens weisen Hauptsätze und Nebensätze unterschiedliche Ordnungen auf. Dass verschiedene Bestandteile des Verbkomplexes unter bestimmten Umständen sehr weit auseinanderstehen, trifft nämlich auf Nebensätze nicht zu, wie ausei‐ nanderstehen im vorangegangenen Nebensatz zeigt. In Nebensätzen steht das finite Verb nicht an der zweiten Stelle im Satz, sondern alle Bestandteile des Verbkom‐ plexes stehen am Ende. Deshalb spricht man von Verbzweitstellung im Haupt- und Verbendstellung im Nebensatz. (Darin kommen die Lexeme Verb- und endvor, nicht das Verb verben im Partizip I.) Die Beobachtungen dazu haben schon vor langer Zeit zu einem Feldermodell des deut‐ schen (und niederländischen und luxemburgischen) Satzes geführt (siehe Infokasten). Topologisches oder Feldermodell des deutschen Satzes Hauptsätze sind um die Bestandteile des Verbalkomplexes herum organisiert. Das finite Verb steht an der zweiten Stelle im Satz und bildet damit die linke Satzklammer. Infinite Teile des Verbkomplexes stehen am Ende des Satzes und bilden die rechte Satzklammer. (Diese bleibt leer, falls der Verbkomplex nur aus einem finiten Verb besteht.) Vor der linken Satzklammer befindet sich das 4.3 Und im Nebensatz? 87 <?page no="88"?> Vorfeld, in dem in der Regel nur eine verschiebbare Wortgruppe steht. (Deswegen gerade die zweite Stelle für das finite Verb). Zwischen den Klammern befindet sich das Mittelfeld, in dem mehrere verschiebbare Wortgruppen stehen können, und hinter der rechten Klammer steht das Nachfeld, in dem Nebensätze oder eine sogenannte ausgeklammerte Wortgruppe oder beides stehen können. Vorfeld li. Klammer Mittelfeld re. Klammer Nachfeld Hinter einem Bürogebäude { ist, fährt } ein rotes Auto in eine Parklücke { gefahren, Ø } wo ein Mann auf es wartete. Neben einem Mann { ist, fährt } ein rotes Auto in eine Parklücke { gefahren, Ø }. - Ein rotes Auto fährt in eine Parklücke neben einem Mann hinter einem Bürogebäude, Ø aus Gründen, die sich mir nicht erschlie‐ ßen. Nebensätze nehmen nicht nur topologische Felder in der Struktur von Hauptsätzen ein - meist in deren Nachfeld -, sondern sie lassen sich auch selbst binnengliedern. Nebensätze besitzen kein Vorfeld. In der linken Klammer positionieren die meisten Grammatikansätze unterordnende Konjunktionen und in der rechten Klammer alle Bestandteile des Verbkomplexes. Mittelfeld und Nachfeld sind weitgehend analog zum Hauptsatz. li. Klammer Mittelfeld re. Klammer Nachfeld wo ein Mann auf es warten musste aus Gründen. dass ein rotes Auto in eine Parklücke neben einem Mann hinter einem Bürogebäude gefahren ist. Ø die sich mir nicht erschließen. Ø Im Hauptsatz gibt es die schon illustrierte linke und rechte Verbklammer, die drei Felder um sich herum eröffnen: Vorfeld, Mittelfeld und Nachfeld. Wahrscheinlich haben Sie schon gemerkt, dass wir in den Experimenten und bei den obigen Ordnungsversuchen bereits in Feldern operiert haben, die diesen entsprechen. Sie kommen in den Tabellen 88 4 Wortgruppen-Tetris: erste Ordnungsversuche mit Satzfeldern <?page no="89"?> entdeckte Korrespon‐ denzmuster 4-1 bis 4-3 sowie in Kapitel 3 vor. Element 1 entsprach dort der Stelle des Vorfelds, dann kam das finite Verb und dann kamen - falls vorhanden - Elemente 2 bis n, deren Stellen alle dem Mittelfeld entsprachen. Jetzt sehen wir, dass die entdeckten Korrespondenzmuster, die zur simulierten Wahrnehmung eines übergeordneten Grunds instruieren, in aller Regel diejenigen sind, in denen der übergeordnete Grund im Vorfeld oder ganz links im Mittelfeld steht (siehe Tabellen 4-2 und 4-3). Dort steht nichts oder ein finites Verb vor ihnen und folglich können wir sie dort nicht oder nicht gut als Attribute zu Nomen interpretieren. Deshalb stellen wir im simulativen Nachvollzug sozusagen das ganze Verbalgeschehen in ihren Wirkungsbereich. Beim Blick auf den Nebensatz fällt nun auf, dass es darin kein Vorfeld gibt. In den meisten Grammatikansätzen wird die Subjunktion in der linken Klammer platziert - sie bildet die linke oder vordere Grenze des Nebensatzes -, so dass auch nichts davorstehen kann. In der rechten Klammer stehen alle Bestandteile des Verbkomplexes. Das verändert nun einiges in der Dynamik des „Was steht im Satz womit in welcher Beziehung? “ und des „Was ist im Satz worauf beziehbar? “. Wir hatten gesehen, dass die instruktiven Mittel, die grammatische Dependenzbeziehungen im Satz anzeigen, eine Verhinderungsfunktion für die simulierte Wahrnehmung haben. Mit dem fehlenden Vorfeld haben wir jetzt sozusagen ein Feld mit Verhinderungsfunktion weniger dafür, dass ein Element auf ein anderes bezogen wird, auf das es nicht bezogen werden soll. Das führt dazu - denken wir wieder an Sie und Ihre Freundin -, dass Sie den Ausdruck für den übergeordneten Grund nur im Mittelfeld direkt hinter der Konjunktion in der linken Klammer gut realisieren können. Diese - erste - Möglichkeit ist in Tabelle 4-4 dargestellt. Die Namen des Feldermodells sind in die Spaltennamen aufgenommen. Sie könnten Ihre Äußerungen begonnen haben mit Ich sehe, … - li. Klammer - Mittelfeld - re. Klammer Element 1 Element 2 Element 3 Element n +1 - Gr’ - - - - 0 - - Fg1 Gr1&Fg2 Gr2 - Bsp. wie hinter ei‐ nem Büro‐ gebäude ein rotes Auto in eine Parklücke_ _neben ei‐ nem Mann { fährt, gefah‐ ren ist }. Bsp. wie neben ei‐ nem Mann ein rotes Auto in eine Parklücke - { fährt, gefahren ist }. Bsp. während in den Ber‐ liner Sophi‐ ensaelen Gisèle Vienne eine Crowd […] ihre Ver‐ letzlichkeit offenlegen lässt. Tabelle 4-4: Korrespondenzmuster im Nebensatz mit dem kulissenhaften (Hinter-)Grund direkt hinter der linken Satzklammer 4.3 Und im Nebensatz? 89 <?page no="90"?> Einfluss von Wortarten‐ unterschie‐ den Die andere Möglichkeit ist, das betreffende Element später im Mittelfeld mit prosodi‐ scher Pause und einknickender Intonationskontur auszudrücken und zu hoffen, dass es als übergeordneter Grund simuliert wahrgenommen wird. Diese Möglichkeit ist in Tabelle 4-5 dargestellt. - li. Klammer - Mittelfeld - re. Klammer Element 1 Element 2 Element 3 Element n +1 - - Gr’ - - - 0 - Fg1 - Gr1&Fg2 Gr2 - Bsp. wie ein rotes Auto # hinter ei‐ nem Büro‐ gebäude in eine Parklücke_ _neben ei‐ nem Mann { fährt, gefahren ist }. Bsp. wie ein rotes Auto # neben ei‐ nem Mann in eine Parklücke - { fährt, gefahren ist }. Bsp. während ein Team von For‐ schenden […] # an einer Felswand in Alaska […] Dinosau‐ rierspuren - - entdeckt hat. Bsp. während Gisèle Vienne in den Ber‐ liner Sophi‐ ensaelen eine Crowd […] ihre Ver‐ letzlichkeit offenlegen lässt. Tabelle 4-5: Korrespondenzmuster im Nebensatz mit dem kulissenhaften (Hinter-)Grund als zweitem Element im Mittelfeld Hier gilt aber: Je später oder weiter hinten das Element verbalisiert wird, das als über‐ geordneter Grund vorgestellt werden soll, desto schwieriger und unwahrscheinlicher wird es, es als übergeordneten Grund zu simulieren. Das liegt daran, dass es dann vom Ende einer Kette von Figur-Grund-Beziehungen „hervor-“ oder tief aus einer Kette von Regens-Dependens-Beziehungen „herausgeholt“ werden muss. „Tiefe“ bezieht sich hier darauf, wie weit unten in Dependenzstemmata wie dem in Abbildung 4-1-rechts ein Element eingebettet ist. Das letzte Beispiel mit den Berliner Sophiensaelen weist über unsere bisherigen Bei‐ spiele hinaus. Diese hatten alle Subjekte, die ein sogenanntes Gattungsnomen als oberstes Regens hatten (Auto, Team, Ungar). Dies sind die typischen Substantive, auf die alle möglichen Arten von Attributen bezogen werden können. Deshalb müssen wir bei der sprachlichen Formgebung auch so gut darauf achten, ungewollte Bezüge zu verhindern. In diesem Beispiel haben wir es aber mit einem Subjekt zu tun, dessen oberstes Regens ein Eigenname (Gisèle Vienne) ist. Darauf sind nicht so viele Attribut‐ typen gut beziehbar und schon gar nicht solche mit Intonationskontur ohne Knick und Pause. Deshalb besteht in diesem Beispiel schon aufgrund der Wortklasse keine große 90 4 Wortgruppen-Tetris: erste Ordnungsversuche mit Satzfeldern <?page no="91"?> Gefahr, dass das darauffolgende Wort in (den Berliner Sophiensaelen) als Attribut in‐ terpretiert wird. Im kommenden Abschnitt werden wir den Einfluss der Wortart am Beispiel des Pronomens noch näher betrachten. Zuvor ergänzen wir in Tabelle 4-6 aber noch das Korrespondenzmuster im Neben‐ satz, in dem es gar keinen übergeordneten Grund gibt, sondern eine Kette von Figur-Grund-Konfigurationen auf der nullten Ebene. - li. Klammer - Mittelfeld - re. Klammer Element 1 Element 2 Element 3 Element n +1 - - - - - - 0 - Fg1 Gr1&Fg2 Gr2&Fg3 Gr3 - Bsp. wie ein rotes Auto in eine Park‐ lücke_ _neben ei‐ nem Mann hinter ei‐ nem Büro‐ gebäude { fährt, gefahren ist }. Bsp. während ein Team von For‐ schenden […] Dinosaurierspuren_ _an einer Felswand in Alaska […] - entdeckt hat. Bsp. obwohl Gisèle Vienne eine Crowd […]_ _in den Ber‐ liner Sophi‐ ensaelen ihre Ver‐ letzlichkeit offenlegen lässt. Tabelle 4-6: Korrespondenzmuster im Nebensatz ohne kulissenhaften (Hinter-)Grund Auch hier gilt: Je später oder weiter hinten ein Element realisiert wird, desto schwie‐ riger ist es ohnehin, es als übergeordneten Grund simuliert wahrzunehmen, auch mit Pausen- und Knick-Prosodie. Zusammenfassung Drei Korrespondenzmuster im Nebensatz in Kurzform. | C | Gr’ - Fg1 - Gr1&Fg n _-_Gr n | V infin V fin | C | Fg1 #-# Gr’ - Gr1&Fg n _-_Gr n | V infin V fin | C | Fg1 - Gr1&Fg2_-_Gr2&Fg n [_]-[_]Gr n | V infin V fin C: nebensatzeinleitende Konjunktion V fin : finites Verb V infin : infinite Bestandteile des Verbkomplexes _: kontinuierliche Intonationskontur ohne Tonhöhen„knick“ und Pause #: Intonationskontur mit Tonhöhen„knick“ und Pause 4.3 Und im Nebensatz? 91 <?page no="92"?> Unterfeld für Pronomen übergeord‐ neter Grund wohin? 4.4 Einbezug von Pronomen Auch wenn die Elemente der Wahrnehmung oder Vorstellung in Form von Pronomen ausgedrückt werden, gibt es eine Besonderheit dahingehend, welche Ausdrücke auf sie beziehbar sind. Denn die meisten Ausdruckstypen, die als Attribute denkbar wären - beispielsweise unsere Präpositionalgruppen wie neben dem Mann usw. -, können auf unbetonte und gemäß Orthographie geschriebene Pronomen nicht als Attribute bezogen werden. Stattdessen würden wir sie als adverbiale Bestimmungen auf das Verb beziehen. Daraus ergibt sich dann eine simulierte Wahrnehmung mit übergeordnetem Grund. Denken Sie an das Auto und die Parklücke: Es ist in sie neben dem Mann gefahren ist wahrscheinlich nicht wohlgeformt. Betonte Pronomen oder solche, die gegen die Orthographie hervorgehoben werden und dadurch von einer wirklichen (deiktischen) oder virtuellen (anadeiktischen) Zeigegeste begleitet sind, um den intendierten Refe‐ renten von anderen zu unterscheiden, können unter Umständen solche Attribute haben: Es ist in DIE neben dem Mann gefahren (und nicht in eine andere). Im Feldermodell des deutschen Satzes wird ein spezielles Unterfeld innerhalb des Mittelfeldes für unbetonte Pronomen angenommen, nämlich unmittelbar hinter oder nach der linken Satzklammer. Diese Position wird nach ihrem Entdecker Wackerna‐ gel-Position genannt. Da wir bisher keine Pronomen mit in die Betrachtung einbezogen hatten, war dieses Unterfeld in unseren bisherigen Stellungsspielen auch noch nicht „besetzt“. Außer stark betonten Ausdrücken - mit starker Betonung lässt sich in der deutschen Grammatik fast alles bewerkstelligen - und dem grammatischen Subjekt geht kein nicht-pronominaler Ausdruck für einen Wahrnehmungs- oder Vorstellungsgegenstand zwischen die linke Klammer und ein unbetontes Pronomen im Mittelfeld. Deswegen erscheint uns Hinter einem Bürogebäude fährt [linke Klammer] neben einem Mann es in eine Parklücke auch als nicht wohlgeformt. Was bedeutet das für die Korrespondenzen zwischen Elementen der Äußerungs‐ struktur und Elementen der Wahrnehmung oder Vorstellung? Es bedeutet, dass beim Gebrauch von unbetonten Pronomen in der Wackernagel-Position der übergeordnete Grund entweder im Vorfeld oder hinter beziehungsweise nach der Wackernagel-Posi‐ tion verbalisiert werden kann. Die Variante mit dem Vorfeld ist in Tabelle 4-7 darge‐ stellt. Die verwendeten Beispielsätze sind ohne Pronominalisierung die folgenden: Der Ungar flickte das Loch in seinem Großsegel […]. In den Berliner Sophiensaelen lässt Gisèle Vienne eine Crowd […] ihre Verletzlichkeit offenlegen. Ein Team von Forschenden […] hat an einer Felswand in Alaska […] Dinosaurierspuren entdeckt. 92 4 Wortgruppen-Tetris: erste Ordnungsversuche mit Satzfeldern <?page no="93"?> Pronomen und Neben‐ satz Vorfeld Element 1 finites Verb Mittelfeld infiniter Teil Wackernagel Element Element +1 Gr’ - - - - - 0 - - … … … - Bsp. In seinem Großsegel flickte er es. - - - Bsp. In den Berli‐ ner Sophien‐ saelen lässt sie sie sie - - offenlegen. Bsp. An einer Felswand in Alaska […] hat es sie - - entdeckt. Tabelle 4-7: Korrespondenzmuster im Hauptsatz mit unbetonten Pronomen im Mittelfeld und kulissen‐ haftem (Hinter-)Grund im Vorfeld Hier müssen wir bedenken, dass das erste und das dritte Beispiel in Tabelle 4-7 wahrscheinlich nicht für die simulierte Wahrnehmung intendiert sind, wie die Tabelle sie anzeigt. Der ungarische Segler hat sich wahrscheinlich nicht in dem Großsegel befunden, während er das Loch geflickt hat, sondern er hat ein Loch_im Segel geflickt, wobei seine Position durch die Instruktion unbestimmt ist. Und auch die Forscher haben sich wohl nicht an der Wand befunden, an der sie Spuren entdeckt haben, sondern es handelte sich um Spuren_an der Wand und die Position der Forscher ist durch die Instruktion unbestimmt. Da Nebensätze kein Vorfeld haben, kann das vorherige Muster nicht in den Neben‐ satz überführt werden. Nebensätze müssen daher so geformt werden, dass ein über‐ geordneter Grund direkt nach beziehungsweise hinter der Wackernagel-Position aus‐ gedrückt wird. Dies ist in Tabelle 4-8 dargestellt, die sowohl Hauptals auch Nebensatzbeispiele zeigt. - Vorfeld Element li. Klammer Mittelfeld re. Klammer Wackernagel Element +1 - - - Gr’ - 0 … - … - - Bsp. Er flickte es in seinem Großsegel. - Bsp. - indem er es in seinem Großsegel flickte. 4.4 Einbezug von Pronomen 93 <?page no="94"?> Experiment Vorfeld Element li. Klammer Mittelfeld re. Klammer Wackernagel Element Bsp. Sie lässt sie sie in den […] Sophiensaelen offenlegen. Bsp. - während sie sie sie in den […] Sophiensaelen offenlegen lässt. Bsp. Es hat sie an einer Fels‐ wand in Alaska entdeckt. Bsp. - bevor es sie an einer Fels‐ wand in Alaska entdeckt. Tabelle 4-8: Korrespondenzmuster im Haupt- und Nebensatz mit unbetonten Pronomen im Mittelfeld und kulissenhaftem (Hinter-)Grund nach/ hinter der Wackernagel-Position Diese Beispiele werden deshalb ohne Weiteres als Instruktionen zur simulierten Wahrnehmung eines übergeordneten Grunds befolgt, weil die Präpositionalgruppen nach beziehungsweise hinter der Wackernagel-Position nicht als Attribute auf die Pronomen in ihr beziehbar sind. Das heißt, mit dieser Struktur instruieren die Äu‐ ßerungen nicht dazu, zwischen dem Vorstellungselement vor der Präposition und dem Vorstellungselement nach der Präposition eine Figur-Grund-Beziehung auf der gleichen Ebene zu simulieren. Aufgabe Stellen Sie sich vor, Sie möchten Ihrer Freundin in einem Satz (mit nur einem finiten Verb) auf deren Frage antworten, was gerade mit dem Auto und der Parklücke passiert (das Auto fährt in die Parklücke). Sie möchten Ihr jedoch außerdem schildern, dass sich neben dem Mann eine Parklücke befindet und dass sich das Ganze hinter einem Bürogebäude abspielt. Das rote Auto würden Sie zudem als es und das Fahrtziel als in sie verbalisieren. Bekommen Sie das unmissverständlich hin, wenn die Äußerung geschrieben ist? Wenn sie gesprochen ist? Eine Antwort wird direkt im Anschluss diskutiert. Lesen sie also gegebenenfalls erst weiter, nachdem Sie sich eine eigene Antwort überlegt haben. Was für eine sprachliche Instruktion bekämen Sie hin, wenn Sie das Autoszenario ad‐ äquat vermitteln sollten und dabei alle vier Wahrnehmungselemente in einem Satz ausdrücken und das Auto und die Parklücke pronominalisieren müssten: Es, fährt, in sie, neben einem Mann, hinter einem Bürogebäude? Ich glaube, wir würden es mit den bisher diskutierten Mitteln gar nicht hinbekom‐ men, weil wir keine Äußerung formen können, die zur simulierten Wahrnehmung des 94 4 Wortgruppen-Tetris: erste Ordnungsversuche mit Satzfeldern <?page no="95"?> Mannes als objekthaftem Grund zur Figur der Parklücke instruieren würde, als die wir ihn aber wahrnehmen und als die ihn Ihre Freundin simuliert wahrnehmen soll. Neben einem Mann würde an jeder Stelle in der Äußerung zur simulierten Wahrnehmung eines übergeordneten Grunds instruieren, weil die Präpositionalgruppe nirgends als Attribut zum Ausdruck für den Mann fungieren kann, der pronominalisiert ist. Anders gesagt: neben (einem Mann) ist nirgends dependent von sie (= Parklücke), sondern an jeder Stelle, an die wir es stellen können, würde es entweder auf das Verb bezogen werden, wodurch es eine adverbiale Bestimmung wird, oder, wenn es darauf folgt, auf Bürogebäude, wodurch es Präpositionalattribut zu diesem wird. Aufgabe zum Weiterdenken In den vorangegangenen Abschnitten wurde deutlich, dass wir ein „Wissen, wie …“ darüber erwerben müssen, an welchen Stellen in Äußerungen wir Wahr‐ nehmungselemente mit bestimmten Ausdrücken versprachlichen können, damit unser Gegenüber Wahrnehmungen simuliert, die denen entsprechen, zu denen wir instruieren möchten. Viele Präpositionalgruppen werden als Attribute interpretiert, wenn wir sie hin‐ ter bestimmten Ausdrücken platzieren, beispielsweise hinter Gattungsnomen. Dies korreliert mit der Simulation einer Figur-Grund-Beziehung auf der nullten Ebene, ob das nun die beabsichtigte Vorstellung ist oder nicht. Wie sieht es mit der Platzierung von verneinenden Wörtern wie nicht aus? 1. Probieren Sie an den Beispielsätzen aus diesem Kapitel aus, wo Sie im Satz nicht platzieren können. Zur Negation wovon führt diese Platzierung? Welches Element oder welche Figur-Grund-Beziehungen der simulierten Wahrnehmung werden dadurch verneint? Gibt es Unterschiede zwischen geschriebenen und gesprochenen Äußerungen? Welche Rolle spielt die Prosodie? 2. Nehmen Sie den Satz: Es ist nicht der Fall, dass hinter einem Bürogebäude ein rotes Auto in eine Parklücke neben einem Mann gefahren ist. Die ganze Aussage im Nebensatz beziehungsweise der ganze Sachverhalt wird dadurch verneint. Können Sie genau diese verneinte Aussage auch mit einem Hauptsatz erreichen? 4.5 Eine Bemerkung zu Metaphern Die Leitidee des Buches ist, dass Äußerungen zum simulierten Erlebnisnachvollzug, zum simulierten Wahrnehmen anleiten. Dass es dabei nicht-zufällige Korrespondenzen zwischen der verborgenen Struktur von Äußerungen und der verborgenen Struktur von Wahrnehmungen gibt, haben wir vor allem durch die Konzentration auf die visuelle und die haptische Wahrnehmung gesehen. Was wir visuell und haptisch wahr‐ 4.5 Eine Bemerkung zu Metaphern 95 <?page no="96"?> Dingausdrücke ohne Dinge Metapher nehmen, kommt - vom verdinglichten Resultat her gedacht - mit einer quasi-räum‐ lich-bildhaften Struktur daher und ist entscheidend daran beteiligt, dass wir unsere Umwelt in Objekte, Regionen und Hintergründe einteilen können, mit anderen Worten: in Figuren, objekthafte Grund-Elemente und nicht objekthafte Grund-Elemente. Aber zum einen sind nicht alle unsere Erlebnisse haptischer oder visueller Natur. Gerüche, Geschmäcke, Emotionen, Affekte, Neigungen, Strebungen und viele andere Aspekte unserer Erfahrung und unseres Erlebens haben - zumindest im Innenleben der meisten Menschen - keine solche Struktur, und wenn doch, dann nicht in überindividuell ähnlicher Form. Und zum anderen erlaubt die Sprache beziehungsweise die verborgene Ordnung in unseren Formgebungsaktivitäten solche Formgebungen, die anscheinend nicht oder nicht einfach auf strukturierte Wahrnehmungen und Erlebnisse zurückzuführen sind. Der Beispielsatz In den Berliner Sophiensaelen lässt Gisèle Vienne eine »Crowd« […] ihre Verletzlichkeit offenlegen wurde oben schon behandelt. Hier ist davon die Rede, dass jemandes Verletzlichkeit offengelegt wird. (Wir wissen nicht sicher, wessen, da sich ihre sowohl auf Gisèle Vienne als auch auf eine „Crowd“ beziehen kann.) Nun ist es so, dass mit dem komplexen Nomen Verletzlichkeit eine ganze Menge getan wird; das Wort ist im Grunde selbst schon eine komplexe Instruktion zu einem Erlebnisnachvollzug (siehe dazu ausführlich Kapitel 11). Darin steckt das alte Verb letzen (‚hemmen, hindern, aufhalten‘), das eine Aktivität bezeichnet. vermacht daraus eine Aktivität, in der ein aktiver Part (Agens) einen Part, der den Prozess durchläuft (Patiens), mit dem ‚Letzen‘ affiziert. Durch -lich wird daraus wiederum ein Adjektiv, das den Zustand ausdrückt, wonach ein Patiens durch ein Agens in den Zustand des Verletztseins versetzbar ist. Und -keit macht schließlich aus dem Ausdruck für diesen Zustand eine abstrakte Sache. Die Verletzlichkeit ist als eine solche abstrakte Sache aber kein Element der Wahr‐ nehmung, sie kann weder als Figur noch als objekthafter Grund noch als Grund ohne Objekteigenschaften („Kulisse“) fungieren. Dennoch behandeln wir den Ausdruck sprachlich so, als würde er genau dazu instruieren. Immerhin ist Verletzlichkeit ebenso ein Nomen wie Auto, Parklücke und Mann, und diese bezeichnen ja Elemente der quasi-räumlich-bildlichen Wahrnehmungsstruktur. Die sprachliche Form suggeriert also, dass die Verletzlichkeit in einer Fi‐ gur-Grund-Beziehung zu Gisèle Vienne oder zur besagten Crowd steht. Immerhin wird die Verletzlichkeit laut Äußerung „offengelegt“, gerade so, als würde man einen Sicht‐ schutz wegziehen, damit etwas unserer sensomotorischen Wahrnehmung zugänglich wird. Wir haben es in offenlegen also mit einer Metapher zu tun, in der sensorische und motorische Aktivitäten angesprochen werden: das höherstufige Sehen (in dem die Haptik enthalten ist) mit offen und die körperliche Praktik in legen, in dem die Auge-Hand-Koordination und die eigentätige Bewegung im Raum inbegriffen ist. Kurz, in Verletzlichkeit offenlegen liegt eine Metapher vor. Etwas, das nach den nichtsprachlichen Erfahrungsschichten nicht dinghaft und nicht in den sensomotori‐ schen Erfahrungen begründet ist, die raumkonstitutiv sind, nämlich der Zustand, ver‐ letzlich zu sein, wird sprachlich so behandelt, als ob es dinghaft wäre. Solche Meta‐ 96 4 Wortgruppen-Tetris: erste Ordnungsversuche mit Satzfeldern <?page no="97"?> Metapher erdet Nicht‐ geerdetes Motivation und Ausbeutung phern - und zahlreiche andere - sind Legion. Quantitativ übersteigt ihr Gebrauch in bestimmten sprachlichen Gebrauchskontexten - akademische Lehrbücher sind einer davon - denjenigen sensomotorisch geerdeter Äußerungen. Sie brauchen nur den vorangegangenen Satz nochmal genau anzuschauen, um sich die Tragweite der Metaphorik klarzumachen. Darin ist die Rede davon, dass „der Gebrauch“ von Metaphern (beide keine möglichen Objekte des Erlebens! ) einen nicht-metaphorischen Gebrauch (dito! ) „übersteigt“ (eine räumliche Beziehung). Und der Gebrauch, der kein mögliches Objekt der simulierten Wahrnehmung ist, soll „in“ (ein räumliches Enthaltensein) einem „Kontext“ lokalisiert sein - der wiederum kein objekthafter Grund oder Hintergrund ist. Haptik, Vision und Motorik sind die Domänen unseres Erlebens und unserer Erfah‐ rung, die uns für die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit unsere Umwelt als ge‐ gliedert erschließen (nichtsprachliche Erfahrungsschichten! ). Diese Gliederung - die verborgene Ordnung in unserem Wahrnehmen und Erleben - steht in nicht-zufälligem Zusammenhang mit der verborgenen Ordnung unserer sprachlichen Formgebungsak‐ tivitäten - der Grammatik. Was Metaphern systematisch tun, ist, Domänen unseres Erlebens, die uns nicht wie Haptik, Vision und Motorik den sensomotorischen Raum erschließen, mit der gleichen sprachlichen Ordnung zu behandeln wie diese. Die durch Haptik, Vision und Motorik geerdeten Äußerungen wie die mit dem roten Auto und andere, die wir bis hierhin behandelt haben, nenne ich motiviert, weil darin ein Wahrnehmungselement mit einer Stelle in der Äußerung korrespondiert. Und diejenigen, die sprachlich anhand von Metaphern vorgaukeln, sie würden zur simu‐ lierten Wahrnehmung einfacher Figur-Grund-Beziehungen instruieren, nenne ich ausbeutend. Sie beuten das motivierte Korrespondenzmuster aus. Diesem Unterschied ist eigens Kapitel 11 gewidmet, und darin wird es auch darum gehen, wie wir solche Äußerungen, in denen nicht von räumlichen Beziehungen die Rede ist, verstehen. 4.6 Kommentierte Literaturhinweise Zu 4.1, 4.3 und 4.4 Es gibt eine ganze Reihe von Monographien und kleineren Studien, die Einzelas‐ pekte oder prinzipielle Fragen im Zusammenhang dessen behandeln, was hier nur angedeutet werden konnte, implizit gelassen werden musste oder anders als dort behandelt wird. Die Folgenden sind dezidiert dem Deutschen gewidmet: Giessler (2010), Grabowski (1999), Habel/ Herweg/ Rehkämper (1989), Habel/ Stutterheim (2000), Herrmann/ Schweizer (1998), Vorwerg (2001), Weiß (2005). Darüber hinaus erscheinen bei Springer Nature regelmäßig die Tagungsbeiträge der vierjährlich stattfindenden Spatial Cognition-Tagung (Übersicht: URL: https: / / link.spri nger.com/ conference/ spatial_cognition [Stand: 27.11.2024]). In diesen Tagungsbänden finden sich meistens auch Beiträge zum Zusammenhang von Raumkognition und Spra‐ che, oftmals auch die Sprache Deutsch betreffend. Darin werden zahlreiche Teilaspekte 4.6 Kommentierte Literaturhinweise 97 <?page no="98"?> experimentell und reflexiv ausgeleuchtet. Da der jüngste Band keine linguistischen Beiträge enthält, sei stellvertretend der zweitjüngste genannt, Šķilters/ Newcombe/ Ut‐ tal (2020). Die topologischen Felder werden in vielen Grammatiken zum Deutschen behandelt, so etwa in Dürscheid (2012, Kap. 6). Zum Niederländischen findet sich eine ausführliche Behandlung in Broekhuis/ Corver (2016, Kap. 9) und zum Luxemburgischen in Döhmer (2020). Zu 4.2 Die Querbezüge zwischen Abhängigkeitsbeziehungen im Satz und Figur-Hinter‐ grund-Gliederungen werden meines Wissens nirgends systematisch erfasst. Die Re‐ sultate aus Giessler (2010) könnten aber wahrscheinlich für ihre Rekonstruktion herangezogen werden. Das Dependenzkonzept als solches wird in einer umfangreichen und lange zurück‐ reichenden Forschungsliteratur thematisiert. Stellvertretend seien zu den Grundlagen genannt Ágel/ Eichinger/ Eroms/ Hellwig/ Heringer/ Lobin (2003, 2006 [zweibändiges Standardwerk, dass alle Aspekte des Themas abdeckt, leider ohne die jüngeren Entwicklungen]), Ágel/ Fischer (2015 [ein jüngerer Handbuchartikel zur Übersicht über das Thema]), Eroms (2000), Osborne/ Gross [Groß] (2012 [ein jüngerer Aufsatz, der klassische Probleme von dependentiellen Ansätzen im Vergleich zu Konstrukti‐ onsgrammatiken zu beheben versucht]), Osborne/ Putnam/ Groß (2012 [ein jüngerer Aufsatz, der klassische Probleme von dependenziellen Ansätzen im Vergleich zu Konstituentengrammatiken versucht zu beheben]). Zu 4.5 Metaphorik ist eine der größten sprachphilosophischen und sprachtheoretischen Herausforderungen überhaupt. Eine theoretische Orientierung darüber, was metapho‐ rischen von „eigentlichem“ Sprachgebrauch unterscheidet, würde eine Reihe der ältesten sprachphilosophische Probleme lösen. Das kann hier natürlich nicht erfol‐ gen. Ich verweise auf Lakoff/ Johnson (1999 [in der jüngeren Diskussion einer der einflussreichsten Ansätze zu Metaphern, die hier nicht bloß als sprachliche Figuren, sondern als konzeptkonstitutiv behandelt werden. Der philosophische Hintergrund wird mitgeliefert, behandelt aber kritisierte Positionen nicht adäquat und nimmt auf andere, z. B. Hans Blumenbergs Metaphorologie, gar keinen Bezug]), Koppe/ Gabriel (2024 [Übersichtsartikel über die Metapher aus wissenschaftstheoretischer Sicht]). 98 4 Wortgruppen-Tetris: erste Ordnungsversuche mit Satzfeldern <?page no="99"?> 5 Beziehungsprobleme? Symbolische Auslagerung und wie wir sie bändigen Das vorangegangene Kapitel hat mit den Satzfeldern einen wichtigen Aspekt der verborgenen Ordnung unserer sprachlichen Formgebungs- und Verstehensaktivitäten herausgearbeitet. Dabei ist auch schon das Konzept der Dependenz zur Sprache gekommen. Die Frage, in welchem Satzfeld bestimmte Ausdrücke stehen, und die Frage, welche Ausdrücke dadurch von welchen anderen dependent sind, wirkt sich darauf aus, wie ein Sachverhalt simuliert wahrgenommen wird: Kleinste Veränderungen in der Formgebung können große Veränderungen in der simulierten Wahrnehmung zeitigen. In diesem Kapitel werden wir noch einen detaillierteren Blick darauf werfen, wie stark grammatische Dependenz die verborgene Ordnung unserer Äußerungen und Äußerungsinterpretation prägt. Dabei wird sich zeigen, dass sich in der Kom‐ munikation eines Wesens, wie wir es sind, Dependenz zwangsläufig daraus ergibt, dass es über eine außerordentlich breite und tiefe, salienz- und pertinenzgefilterte Erfahrung verfügt, dabei aber unfähig zur Telepathie ist und über zwar gewaltige, aber dennoch begrenzte Lernfähigkeiten verfügt. Dieser bemitleidenswerte Umstand führt zu einem Kommunikationssystem, das auf die sogenannte „symbolische Auslagerung“ angewiesen ist und Dependenz im Schlepptau hat (Abschnitt 5.1). Wir werden dann an unserer bewährten Beispieläußerung die vielfältigen Depen‐ denzbeziehungen sichtbar machen. Um diese verborgene Ordnung auch ordentlich aufzuzeigen, ordnen wir die Dependenzbeziehungen nach fünf allgemeinen „instruk‐ tiven Funktionen“ von sprachlichen Äußerungen, die der alltagspraktischen Relevanz sprachlicher Äußerungen Rechnung tragen (Abschnitte 5.2 bis 5.3 und 5.5 bis 5.8). Auf dem Weg dahin werden wir die instruktiven Mittel analysieren, mit denen wir diese instruktiven Funktionen erfüllen. Sie sind ein ganz zentraler Teil der verborgenen Ordnung in unseren sprachlichen Formgebungs- und Verstehensaktivitäten, die wir Grammatik nennen. Eine solche Ordnung zeigt sich immer erst, wenn man unsere Formgebungs- und Verstehensaktivitäten, die in der Zeit ausgedehnt sind, in Dinge wie Diagramme und Tabellen verwandelt, die im Raum ausgedehnt sind, damit wir sie vergleichen können. Deshalb werden wir auch wieder reflektieren, inwiefern die verborgene Ordnung namens Grammatik ein „Wissen, wie …“ oder ein „Wissen, warum …“ darstellt (Abschnitt 5.4). Am Ende des Kapitels werden wir die gewonnenen Erkenntnisse auf den größeren Kontext der Leitideen zurückbeziehen (Abschnitt 5.9). <?page no="100"?> 12 Quelle: The Wallstreet Journal (01.02.2013): Volkswagen ‘Get happy’. In: YouTube. URL: https: / / ww w.youtube.com/ watch? v=SM-UsF8v-aA [00: 42] [Stand: 17.07.2025]. ein Gegen‐ stand, viele Ausdrücke Objekt und Eventualität 5.1 Aus einem wird vieles: die Geburt der Dependenz durch symbolische Auslagerung Stellen Sie sich vor, Sie würden ein fahrendes rotes Auto wahrnehmen (siehe Abbildung 5-1). Als Mensch, der die beschriebenen Erfahrungsschichten durchlaufen hat, ist es für Sie kein Problem, das Wahrgenommene aufgrund seiner Salienz oder Pertinenz durch höherstufiges Sehen als rotes Auto, das fährt, zu erkennen, auch wenn Sie vor dem Hintergrund der Erfahrungsschichten jetzt schon wissen, wie viel menschliche Erkenntniskompetenz darin steckt. Abbildung 5-1: Ein fahrendes rotes Auto 12 Für Sie ist das fahrende rote Auto vollkommen bestimmt. Es handelt sich um etwas, das Sie vor dem Hintergrund Ihrer eigenen körperlichen Beschaffenheit, Ihrer senso‐ motorischen Erfahrung und Ihres höherstufigen Sehens als ein Objekt erkennen kön‐ nen. Es bildet für Sie ein abgrenzbares, integriertes Ganzes, ist in Ihrem Wahrneh‐ mungsfeld von seinem Hintergrund ablösbar, es ist beweglich beziehungsweise bewegbar. Sie wissen, wie es sich anfassen würde, Sie haben eine Ahnung, wie man es öffnen, wie man Hebel bewegen, Knöpfe drücken und es vielleicht auch steuern würde. Wenn ich Sie vor dem Hintergrund, dass wir es als fahrendes rotes Auto bezeichnen, bitten würde, „Zeigen Sie einmal auf das Rote! Zeigen Sie einmal auf das Fahren! Zeigen Sie einmal auf das Auto! “, dann kämen Sie in Verlegenheit. Sie würden immer auf dasselbe zeigen! In der sprachlichen Äußerung sind es drei Ausdrücke, in Ihrer Vorstellung ist ein fahrendes rotes Auto ein integriertes Ganzes. Können wir sagen „Das Fahren und das Rotsein sind nichts von dem Auto Verschiedenes. Sie manifestieren sich an dem Auto. Auto ist ein Substantiv, ein Dingausdruck. Deshalb zeigen wir immer auf das Auto. Röte und Fahren sind keine Dinge, und deshalb sind sie nicht durch Substantive ausgedrückt.“? Eine solche Beschreibung ist trügerisch. Nichts spräche prinzipiell dagegen, das fah‐ rende rote Auto als autoendes, rotes Fahr oder autoendes fahres Rot zu bezeichnen. Nur weil Auto im Deutschen ein Substantiv ist, heißt das nicht, dass es auch ein Objekt bezeichnet. Das haben wir bereits beim Substantiv Verletzlichkeit gesehen. Deshalb müssen wir eher sagen, dass sich das Rotsein, das Fahren und das Autosein an dem‐ 100 5 Beziehungsprobleme? Symbolische Auslagerung und wie wir sie bändigen <?page no="101"?> symbolische Auslagerung Lexik aspektvereinseitigend selben Gegenstand manifestieren. Als Objekt, als Gegenstand können wir etwas schon kraft unserer nichtsprachlichen Erfahrungsschichtung erkennen. Unser Erfahrungs‐ aufbau erlaubt uns eine nicht- und vorsprachliche, nämlich sensomoto‐ risch-praktische Unterscheidung zwischen Objekten und den „Eventualitä‐ ten“, die sich an ihnen manifestieren: Zuständen, Aktivitäten, Prozessen, Ereignissen, eben das, was sich an den Objekten manifestieren kann und wodurch wir sie als etwas bestimmen. Jetzt aber das Entscheidende: Wenn in Ihrer Vorstellung eines fahrenden roten Autos das Fahren, das Rotsein und das Autosein nichts von dem Gegenstand Verschiedenes sind, zwingt Ihre Sprache Deutsch Sie jedoch dazu, eine Bestimmung - das Autosein - dieses Gegenstandes in das Substantiv einzulagern, eine weitere Bestimmung - das Rotsein - in ein Adjektiv auszulagern und eine dritte Bestimmung - das Fahren - in ein Verb auszulagern. Diesen Prozess werden wir symbolische Auslagerung nennen (siehe Infokasten „symbolische Auslagerung“). Symbolische Auslagerung Etwas, das als aspektvereinseitigte Einheit erlebt oder simulativ nachvollzogen wird, wird zwecks Kommunikation in einer Vielheit von (sprachlichen) Symbolen materialisiert. Bestimmte Aspekte eines wahrgenommenen oder vorgestellten Gegenstands werden so auf mehrere sprachliche Ausdrücke verteilt - in sie ausgelagert. „Während in der bestimmten Vorstellung eine Eventualität nichts von dem Gegen‐ stand Verschiedenes ist, an dem sie sich manifestiert, müssen im sprachlichen Ausdruck manche Eventualitäten symbolisch in den Gegenstand einbeziehungs‐ weise aus dem Gegenstand ausgelagert werden […].“ (Quelle: Kasper [2020b: 45]) Erinnern Sie sich an die sprachbezogenen Schichten der Erfahrung: Die Lexik ist die pertinenzgesättigte Sedimentierung und Kristallisierung all der sensorischen, motori‐ schen, praktischen, emotionalen und kognitiven Erfahrungen, die auf den unteren Stu‐ fen der Erfahrungsschichtung durchlaufen wurden. Ein Auto, ein Parkplatz, ein Mann sind nie nur ein Auto, ein Parkplatz und ein Mann und sonst nichts. Sie sind beispiels‐ weise auch Artefakt, Ort und Mensch. Und wenn dem Auto zugeschrieben wird, rot zu sein und zu fahren, dann es ist nicht nur rot und fährt nicht nur, sondern diese Be‐ stimmungen kommen ihm unter unzähligen anderen zu. Rot, Auto und fahraspektvereinseitigen den Gegenstand. Deshalb sind die Lexeme bereits symbolische Auslagerungen, indem sie noch unbestimmte Gegenstände und Eventualitäten der Vorstellung bestimmen. Die Wortarten sind dabei die sprachlichen Schablonen, mit denen pertinenzgesättigte, aspektvereinseitigte Bestimmungen den unbestimmten Ge‐ genständen und Eventualitäten der Vorstellung zugeführt werden. 5.1 Aus einem wird vieles: die Geburt der Dependenz durch symbolische Auslagerung 101 <?page no="102"?> Gegenstand und Substantiv symbolische Auslagerung nötig Obwohl wir - apropos Wortarten - auch Nicht-Gegenständliches mit Substantiven ausdrücken können - Liebe, Wasserrohrbruch, Arbeitsbeschaffungsmaßnahme -, ist es so, dass Substantive sprachenübergreifend dennoch die typische - sogar motivierte (siehe Kapitel 11) - Wortart für Objekte des Wahrnehmens und Erlebens sind. Damit, die Bestimmung des Autoseins in das Substantiv einzulagern, wird ein praktisches, stabiles, handliches, charakteristisches Unterscheidungsmerkmal des Gegenstands darin eingelagert, während mit dem Rotsein ein akzidenzielleres Unterscheidungs‐ merkmal von Gegenständen in ein Adjektiv ausgelagert wird und ein noch akzidenz‐ ielleres - das Fahren - in ein Verb ausgelagert wird. Das ist für eine Sprache, die nicht das Resultat von Planung ist, aber dennoch von Menschen im interindividuellen Ge‐ brauch geformt wird, ein sehr effizientes Verfahren. Zu den Zielen der Instruktionsgrammatik gehört es, sprachliche Formgebungs- und Verstehensaktivitäten und -fähigkeiten so weit wie möglich aus nichtsprachlichen Ei‐ genschaften und Fähigkeiten des Menschen sowie der Eigenlogik des Zeichenge‐ brauchs heraus zu verstehen (siehe Abschnitt 1.7). Mit der nichtsprachlichen Erfah‐ rungsschichtung haben Sie schon einiges über die erstgenannte Erklärungsquelle gehört. Die symbolische Auslagerung ist ein Aspekt der zweiten Erklärungsquelle, der Eigenlogik des Zeichengebrauchs. Noch mehr als das, die symbolische Auslagerung bildet einen, wenn nicht den essen‐ ziellen Prozess, den es zu verstehen gilt, wenn man Grammatik als verborgene Ordnung verstehen möchte. In unserer Vorstellung ist ein fahrendes rotes Auto ein einheitliches Ganzes. Nun ist es so, dass niemand unsere Vorstellungen wahrnehmen kann. Wenn wir andere an unseren Vorstellungen teilhaben lassen möchten, dann müssen wir sie irgendwie öffentlich zugänglich machen, wir müssen sie nach außen bringen, sie äußern. Dies durch sprachliche Formgebung zu machen, ist das effizienteste Mittel, das wir dafür haben. Ökonomische Notwendigkeit symbolischer Auslagerung hortz ‚ein rotes Auto, das fährt‘ zubri ‚ein rotes Auto, das schnell fährt‘ laffu ‚ein rotes Auto, das zu schnell fährt‘ trell ‚ein rotes Auto, das 1 km/ h zu schnell fährt‘ krum ‚ein rotes Auto, das 2 km/ h zu schnell fährt‘ ? ‚ein rotes Auto, das 3 km/ h zu schnell fährt‘ ? ‚ein rostrotes Auto, das zu schnell fährt‘ Wir haben aber kein sprachliches Mittel, das unsere Vorstellung ebenso einheitlich kommunizieren würde, wie etwas in unserer Vorstellung ein einheitliches Ganzes ist. Ein unteilbarer sprachlicher Ausdruck für ein rotes Auto, das fährt, wäre zwar denkbar, sagen wir, hortz. Aber dann bräuchten wir einen anderen unteilbaren Ausdruck für ein rotes Auto, das schnell fährt, etwa zubri. Einer für ein rotes Auto, das zu schnell fährt, könnte laffu lauten, für eins, das 1 km/ h zu schnell fährt, trell, oder eins, das 2 102 5 Beziehungsprobleme? Symbolische Auslagerung und wie wir sie bändigen <?page no="103"?> Quelle von Valenz und Dependenz Unterschied zur Art und Weise km/ h zu schnell fuhr, krum … Wir können das hier beenden oder endlos weiterführen: Man bräuchte für alles Sagbare einen eigenen unteilbaren Ausdruck. Ein solches Zeicheninventar könnte niemals ein konventionelles Kommunikationsmittel werden, allein schon deswegen, weil es nicht lernbar wäre: Wie würden wohl die letzten beiden sprachlichen Ausdrücke lauten? Den Ausweg aus dieser Endlosigkeit bietet die symbolische Auslagerung. Das hat aber eine zentrale Konsequenz für den simulierten Nach-Vollzug von Äußerungen: Äußerungen dienen dazu, zum Vorstellen zu instruieren. Wenn ein Ausdruck wie fährt aus jemandes einheitlicher, integrierter Vorstellung eine symbolische Auslagerung ist, dann kann eine andere Person, die den Ausdruck als Instruktion begreift, so lange keine ebenso einheitliche, integrierte Vorstellung davon aufbauen, wie unklar ist, woraus die Bestimmung des Fahrens ausgelagert wurde beziehungsweise, worein sie jemand wie‐ der einlagern soll. Kurz, man kann kein Fahren simulativ nachvollziehen, ohne sich etwas vorzustellen, an dem sich das Fahren manifestiert. Jeder auslagernde sprachliche Ausdruck ist somit gleichzeitig eine Anweisung, die Ausdrücke und Ausdrucksteile zu suchen, zu erwarten oder zu erschließen, durch die die simulierte Wahrnehmung zu einer einheitlichen, integrierten wird. Das ist die Quelle von Valenz und eine der Quel‐ len von Dependenz. In ganzen sprachlichen Äußerungen tummeln sich symbolische Aus- und Einlagerungen, und für diejenigen, die sie verstehen sollen, stellt sich damit immer die Frage, was woraus ausgelagert worden ist und worin es im Dienste eines simulierten Nachvollzugs wieder eingelagert werden soll. Die verborgene Ordnung in sprachlichen Formgebungs- und Verstehensaktivitäten lässt sich daher auch so charakterisieren, dass durch sie die symbolischen Auslagerun‐ gen derer, die äußern, und die symbolischen Einlagerungen derer, die interpretieren, geregelt erfolgen. Dies werden wir gleich an einem unserer Beispielsätze nachvollzie‐ hen. 5.2 Die instruktive Funktion „Vorstellen von etwas“ Hinter einem Bürogebäude fährt ein rotes Auto in eine Parklücke_neben einem Mann instruiert zum simulierten Wahrnehmen davon, wie hinter einem Bürogebäude ein rotes Auto in eine Parklücke fährt, die sich neben einem Mann befindet. Die Äußerung instruiert dagegen nicht zum simulierten Nachvollzug davon, wie neben einem Fahr eine autone Parklücke in einem Roten hinter einem Mann bürogebäudet, obwohl beide simulierten Nachvollzüge auf denselben Lexemen basieren, in denen Erfahrungen aller Schichten aspektvereinseitigt sedimentiert und kristallisiert sind. Der Unterschied zwischen den beiden Nachvollzügen zeigt, dass wir grundsätzlich unterscheiden müssen zwischen der Instruktion zum simulierten Wahrnehmen von etwas und der Instruktion zum simulierten Wahrnehmen auf eine bestimmte Art und Weise. Beide Nachvollzüge auf Basis der Äußerung sind gewissermaßen Nach‐ vollzüge von denselben Komponenten: Beziehungen des Hinter, Neben und In zwischen ‚bürogebäude‘, ‚fahr‘, ‚rot‘, ‚auto‘ und ‚mann‘. Aber die Nachvollzüge unterscheiden 5.2 Die instruktive Funktion „Vorstellen von etwas“ 103 <?page no="104"?> konzeptu‐ elle Depen‐ denz Auslagerungen erläutert sich in der Art und Weise, wie diese Komponenten als zueinander in Beziehung stehend simuliert werden. Wir können nun sagen, dass das eng mit der symbolischen Auslagerung verbunden ist. In dem Autoszenario haben Sie ein integriertes Konzept der Situation, aber um sie Ihrer Freundin zu kommunizieren, waren Sie gezwungen, zahlreiche symbolische Ein- und Auslagerungen vorzunehmen. In Ihrer Äußerung Hinter einem … liegen diese symbolischen Ein- und Auslagerungen für Ihre Freundin nun öffentlich vor und sie muss begreifen, was woraus ausgelagert worden ist, um das Erlebnis simulativ auf die gleiche Weise nachzuvollziehen, wie Sie es erlebt haben. Sie und Ihre Freundin kriegen das hin, und deshalb gehört der erfolgreiche Umgang mit symbolischen Auslagerungen zur verborgenen Ordnung Ihrer sprachlichen Formgebungs- und Verstehensaktivitä‐ ten. Schauen wir uns an, was hier woraus ausgelagert worden ist. Wir haben gesehen, dass wir ein Objekt der Wahrnehmung und des Erlebens im fahrenden roten Auto ha‐ ben. Das Rotsein und das Fahren sind in Ihrer Äußerung dabei symbolisch ausgelagert in ein Adjektivattribut (rotes) beziehungsweise den lexematischen Anteil des finiten Verbs (fahr-). Die Bestimmung des Autoseins ist eingelagert in den Ausdruck für den Gegenstand selbst (siehe Abbildung 5-2-rechts). Diese Auslagerung führt nun zu konzeptueller Dependenz, denn wenn - allge‐ mein gesprochen - A aus B ausgelagert wird, dann können wir auf Basis der Äußerung von A keine adäquate simulierte Wahrnehmung vornehmen, bevor nicht B ebenfalls geäußert wird oder zuverlässig erschließbar ist (siehe Abbildung 5-2-links). Kurz, wir können uns kein Fahren und kein Rot vorstellen, wenn wir uns nicht auch dasjenige vorstellen, an dem sich das Fahren und das Rotsein manifestieren sollen. Konzeptuelle Dependenz tritt damit neben die grammatische Dependenz, die Sie bereits aus dem vorangegangenen Kapitel kennen (siehe Kapitel 4). Abbildung 5-2: Instruktive Funktion „Vorstellen von etwas“ und symbolische Auslagerung allgemein (links) und am Beispiel (rechts) In Abbildung 5-2 ist der Gegenstand der Wahrnehmung oder Vorstellung, aus dem eine Bestimmung symbolisch ausgelagert wird, der Ausgangspunkt eines fetten Pfeils und führt zu dem Ausdruck der sprachlichen Instruktion hin, in den symbolisch ausgelagert wird. A ist konzeptuell abhängig von B, fährt von Auto. Zugleich ist auch eine Bestim‐ mung in den Ausdruck, von dem der fette Pfeil ausgeht, eingelagert. Im Falle von ‚fahr‘ und ‚auto‘ ist das Autosein in Auto symbolisch eingelagert. Wenn man diese Auslagerungen für die gesamte Äußerung so nachzeichnet, dass das intendierte Ergebnis - Ihre Freundin stellt sich den Sachverhalt richtig vor - daraus 104 5 Beziehungsprobleme? Symbolische Auslagerung und wie wir sie bändigen <?page no="105"?> hervorgeht, ergibt sich die Struktur in Abbildung 5-3. Die Pfeile führen stets von dem, aus dem ausgelagert wird, zu den Ausdrücken, in die ausgelagert wird. Die Doppelpfeile (<<, >>) zeigen zusätzlich die Auslagerungsrichtung an. Abbildung 5-3: Instruktive Funktion „Vorstellen von etwas“ an einer Beispieläußerung Der Übersichtlichkeit halber habe ich Hinter einem Bürogebäude zu Dort verkürzt. Die Dingausdrücke sind Auto, Parklücke und Mann. Sie bezeichnen die drei Hauptkompo‐ nenten (Figuren und objekthafte Grund-Elemente) der Wahrnehmungsstruktur. Das heißt, aus diesen und in diese werden Bestimmungen symbolisch aus- und eingelagert. Abbildung 5-3 zeigt zunächst die Auslagerungen aus den Dingausdrücken: fährt, ein und rotes in Bezug auf den Autogegenstand, eine in Bezug auf den Parklücken-Gegen‐ stand und einem in Bezug auf den Mann-Gegenstand. (Zu den Artikeln kommen wir noch.) Die Bestimmungen als Auto, Parklücke und Mann sind jeweils in den respektiven Dingausdruck selbst eingelagert. Sodann ist zu sehen, dass fährt zwar aus dem Auto-Gegenstand ausgelagert ist, dass in dann aber wiederum aus dem Fahren ausgelagert ist und damit von fährt abhängig ist. Das ist durch die konzeptuelle Dependenz bedingt, die mit der Auslagerung einhergeht: Das ausgelagerte Element ist nicht simuliert wahrnehm- und erlebbar ohne die Simulation dessen, aus dem es ausgelagert wurde. Man kann also auf die Instruktion in hin keine in-Beziehung simuliert wahrnehmen und erleben, ohne dass man sich auch ein Bewegungsereignis vorstellt, in dem sich die in-Beziehung realisiert. Dieses Bewegungsereignis liefert der Ausdruck fährt. Das Fahren kann man sich aber wiederum nicht vorstellen, ohne dass es sich an einem Gegenstand manifestiert: dem Auto. Über die Abhängigkeit von fährt ist in bereits mittelbar abhängig von Auto, zugleich ist aber auch eine unmittelbare Abhängigkeit von in von Auto und Parklücke nachge‐ zeichnet: Es führt auch jeweils eine Pfeilverbindung von Auto und von Parklücke zu in. Denn die simulierte Wahrnehmung der in-Beziehung ist unmittelbar abhängig von der Figur und dem objekthaften Grund, zwischen denen sie besteht. Dasselbe gilt für die Parklücke und den Mann in Bezug auf die neben-Beziehung. Zuletzt ist grau schattiert angedeutet, dass die drei Gegenstände (und die Aus‐ lagerungsbeziehungen, die sie aufweisen,) abhängig sind von dem kulissenhaften Hintergrund, vor dem sich das alles abspielt. Dort beziehungsweise Hinter einem Bürogebäude bezeichnet sozusagen die Raumregion als eine Voraussetzung dafür, dass 5.2 Die instruktive Funktion „Vorstellen von etwas“ 105 <?page no="106"?> Beziehun‐ gen erläu‐ tert wir überhaupt sinnliche Erfahrungen von etwas haben können. Alles, was wir als Beziehungen von Gegenständen erfahren, erfahren wir irgendwo und irgendwann als solche (und gerahmt von Salienz und Pertinenz). Aufgabe Versuchen Sie sich daran, die instruktive Funktion „Vorstellen von etwas“ für die Äußerung Da nahm der Jünger die Mutter Jesu zu sich auf die hier entwickelte Weise darzustellen. Ein Lösungsvorschlag findet sich am Ende des Kapitels. 5.3 Die instruktive Funktion „Vorstellen auf eine Art und Weise“ Die Aus- und Einlagerungsbeziehungen im vorigen Abschnitt haben wir in dem Wissen vorgenommen, wie es sich tatsächlich im Autoszenario verhält. Ihre Freundin ist aber in einer ganz anderen Lage. Sie hat dieses Vorwissen gerade nicht, sonst müsste sie nicht fragen, was Sie gerade erleben. Wie durchschaut Ihre Freundin die Auslagerungsbeziehungen in Abbildung 5-3 und wieso nimmt sie nicht ganz andere an, die beispielsweise zum simulierten Nachvollzug davon anleiten, wie neben einem Fahr eine autone Parklücke in einem Roten hinter einem Mann bürogebäudet? Die Äußerung muss instruktive Signale aufweisen oder instruktive Eigenschaften haben, die Ihre Freundin davon abhalten bzw. nur zur Annahme bestimmter Abhän‐ gigkeitsbeziehungen anhalten und die ihre verborgene Ordnung, sprich: Grammatik, ausmachen. Diese Eigenschaften oder Signale haben daher die instruktive Funktion zu regeln, auf welche Art und Weise jemand die Wahrnehmungs- und Erlebnisinhalte simulativ nachvollzieht, die durch die autosemantischen Ausdrücke rot, auto, parklücke und so weiter hervorgerufen werden. Hier ist es so, dass Ausdrücke (Wörter, Wortgruppen, Konstituenten) oder Aus‐ drucksteile (Morpheme) kraft bestimmter Eigenschaften eine bestimmende Kraft in Bezug auf andere Ausdrücke oder Ausdrucksteile haben. Das heißt, A bestimmt mittels bestimmter Eigenschaften bestimmte Spezifikationen von B und damit die Art und Weise, wie B vorgestellt werden soll (siehe Abbildung 5-4-links). Die Pfeile verlaufen vom bestimmenden zum bestimmten Ausdruck. Abbildung 5-4: Instruktive Funktion „Vorstellen auf eine Art und Weise“ (links) und Beispiele Beispielsweise bestimmt neben kraft seiner grammatischen Eigenschaft, eine Wechsel‐ präposition zu sein, den Dativ-Kasus (K) eines anderen Elements, (dem) Mann (Abbil‐ 106 5 Beziehungsprobleme? Symbolische Auslagerung und wie wir sie bändigen <?page no="107"?> grammati‐ sche Depen‐ denz Fortsetzung Erläuterun‐ gen dung 5-4-Mitte). Als Simulationsinstruktion beeinflusst dies direkt die Art und Weise, wie der Mann in der simulierten Wahrnehmung fungiert, nämlich als der objekthafte Grund, neben dem sich die Parklücke befindet, und nicht als der objekthafte Grund, neben den sich die Parklücke hinbewegt. Ebenso bestimmt fährt kraft seiner Eigenschaft, ein Verb mit der Bedeutung ‚fahren‘ zu sein, die Eigenschaften der Ausdrücke, die aus ihm symbolisch ausgelagert wurden, denn sie müssen ja bestimmte Aspekte des Fahrereignisses spezifizieren. Dazu gehört eine Richtung des Fahrens. Sie gehört zur Valenz des Verbs fahr-. Die Richtung des Fahrens kann zwar auf verschiedene Weise und unter Umständen auch gar nicht ausgedrückt werden, aber die Form (F) in bildet eine mögliche Ausprägung dieser Bestimmung. Gleichzeitig wirkt das Vorhandensein von in auf die Art und Weise zurück, wie das Fahren simuliert wahrgenommen wird (Abbildung 5-4-rechts). Im Rahmen der instruktiven Funktion „Vorstellen von etwas“ haben wir es mit grammatischer Dependenz zu tun: B ist grammatisch abhängig von A, A regiert B grammatisch. Die Pfeile laufen also vom Regens zum Dependens. So ist auch Mann von neben, und in von fährt grammatisch dependent. Vielleicht ist Ihnen jetzt schon auf‐ gefallen, dass die Richtungen von konzeptueller Dependenz gegenüber grammatischer Dependenz gegenläufig sein können. Dies ist im Deutschen häufig der Fall. Beispiels‐ weise ist in Bezug auf das Vorstellen von etwas der Ausdruck in aus der simulierten Wahrnehmung des Fahrens symbolisch ausgelagert und damit konzeptuell dependent von diesem. Gleichzeitig regiert in Bezug auf das Vorstellen auf eine Art und Weise das Verb fahr-, das in fährt drinsteckt, das Auftreten und die allgemeine Form von in. Wenn man in unserer Beispieläußerung alle grammatischen Dependenzbeziehungen nachzeichnet, die das Vorstellen auf eine Art und Weise beeinflussen, resultiert das Bild in Abbildung 5-5. Abbildung 5-5: Instruktive Funktion „Vorstellen auf eine Art und Weise“ in der Beispieläußerung Neben den bereits erläuterten Bestimmungen legt der Ausdruck fährt kraft seiner fi‐ niten Eigenschaften (finit) das Auftreten und den Kasus (K) Nominativ des Ausdrucks Auto fest: Wer oder was fährt …? Ein rotes Auto fährt …. Die finite Form des Verbs fahren macht gleichzeitig klar, dass es sich um einen Aktivsatz handelt. Man spricht bei Aktiv und Passiv von Diathesen (D) oder Genera des Verbs. Beide Formspezifikationen (finit und D) sind entscheidend dafür, dass das Auto als dasjenige simuliert wahrgenommen wird, das fährt. Anders gesagt ist es die Figur im Fahrereignis. Das ist aber erst daran zuverlässig erkennbar, dass der Ausdruck Auto die Person- (P) und Numerusmerkmale 5.3 Die instruktive Funktion „Vorstellen auf eine Art und Weise“ 107 <?page no="108"?> (N) im finiten Teil des Verbs bestimmt. Diese beiden Ausdrücke kongruieren in diesen Merkmalen und (ein rotes) Auto wird als Subjekt des Satzes und als Fahrendes identi‐ fizierbar. Der Ausdruck Auto legt auch die Formspezifikationen von ein und rotes fest, die mit Auto in (P)erson, (K)asus, (N)umerus und (G)enus übereinstimmen müssen (Kongruenz). Den Kasus gibt Auto vom Verb an sie weiter. Person und Genus sind inhärente Merkmale von Auto, nach denen sich der Artikel und das Adjektivattribut richten müssen. Der Numerus ergibt sich aus dem Sachverhalt. Mit der Kongruenz ist sichergestellt, dass die symbolischen Auslagerungen ein und rotes sich in der simulierten Wahrnehmung wieder am Auto-Objekt manifestieren und nicht etwa an der Parklücke oder dem Mann. Der unbestimmte Artikel ein bestimmt rotes außerdem in seiner starken Flexionsform. Wie neben bestimmt auch die Präposition in den Kasus des Nomens, aus dem sie symbolisch ausgelagert wurde, Parklücke, hier aber den Akkusativ. Dies legt fest, dass in (die) Parklücke als Pfad einer zielgerichteten Bewegung simuliert wahrgenommen wird, und nicht als Ort, in dessen Grenzen gefahren wird, wie dies in fährt in einer Parklücke der Fall wäre, wo in einen Dativ regieren würde. Die Spezifikationen „Po“ und „Pr“ stehen schließlich für die bereits ausführlicher besprochenen Bestimmungen kraft Position beziehungsweise Prosodie: Die Position von Dort leitet beispielsweise dazu an, dass die dadurch bezeichnete Region als Hintergrund des ganzen Geschehens vorgestellt wird. Und die Prosodie auf und um neben leitet dazu an, dass die Parklücke neben einem Mann vorgestellt wird. Abbildung 5-6 zeigt zuletzt, welche grammatischen Dependenzbeziehungen die syntaktischen Funktionen begründen, wie sie mit den Rollen der Wahrnehmungs- und Vorstellungselemente zusammenhängen und welche topologischen Felder diese einnehmen. Abbildung 5-6: Instruktive Funktion „Vorstellen auf eine Art und Weise“ in der Beispieläußerung (erweiterte Darstellung) 108 5 Beziehungsprobleme? Symbolische Auslagerung und wie wir sie bändigen <?page no="109"?> instruktive Mittel Leistungen Aufgabe Versuchen Sie sich daran, die instruktive Funktion „Vorstellen auf eine Art und Weise“ für die Äußerung Da nahm der Jünger die Mutter Jesu zu sich. Ein Lösungsvorschlag findet sich am Ende des Kapitels. 5.4 Völker, hört die Signale: die instruktiven Mittel als „Wissen, wie …“ Wir haben bereits ausführlich diskutiert, wie die Position (Po) und die Prosodie (Pr) von neben Einfluss auf die Art und Weise haben, in der der Sachverhalt simuliert wahrge‐ nommen wird. In dieser Position und mit der kontinuierlichen Prosodie interpretieren wir neben in der Regel als abhängig von Parklücke, und dadurch regiert Parklücke die Art und Weise der simulierten Wahrnehmung der Neben-Beziehung. Ähnliches gilt für die Position (Po) von Dort direkt vor dem finiten Verb eines Hauptsatzes (Vorfeld). An dieser Stelle wird Dort dahingehend bestimmt, dass es als der kulissenhafte Hintergrund ausgedrückt wird, vor dem sich das Fahrereignis abspielt. Im vorigen Kapitel war bereits die Rede davon, dass die instruktiven Mittel, also die Signale in einer Äußerung, die grammatische Dependenzbeziehungen anzeigen, eine Verhinderungsfunktion haben: Sie verhindern, dass wir als diejenigen, die sprachliche Instruktionen befolgen, willkürlich irgendwie denkbare Bezüge herstellen, und halten so unsere Simulationsfreude im Zaum. An der Struktur in Abbildung 5-5 ist sichtbar, welche Mittel das sind: • Wortart • Grammatische Morphologie (Rektion, Kongruenz) • Position/ Serialisierung • (Prosodie) Die Wortart eines Ausdrucks beschränkt, welche anderen Ausdrücke grammatisch von ihm abhängig sein können: Ob nun rotes Auto oder ein autoes Rot, jeweils ist der Dingausdruck, das Substantiv, das grammatische Regens. Die grammatische Morphologie, das heißt die morphologischen Dependenz- und Kongruenzbeziehungen, beschränken, welche Ausdrücke und Ausdrucksteile auf welche anderen bezogen werden können: ein rotes ist zum Beispiel nicht auf Parklücke oder Mann beziehbar, weil sie dafür kongruieren müssten, es aber nicht tun. Dasselbe gilt für die relativen Positionen der Ausdrücke in der Äußerung, die Serialisierung. Aus Gründen der Übersichtlichkeit sind nicht alle Serialisierungsbeschränkungen in Abbildung 5-5 erfasst. Erfasst sind nur diejenigen für Dort und neben, die wir bereits intensiv besprochen haben. Das heißt, dass kraft der Position (Po) noch mehr geregelt wird. 5.4 Völker, hört die Signale: die instruktiven Mittel als „Wissen, wie …“ 109 <?page no="110"?> So hält uns beispielsweise weder die Wortart noch die grammatische Morphologie davon ab, die folgende Beziehung herzustellen, die in Abbildung 5-7 erfasst ist: 1. fährt … eine Parklücke (‚eine Parklücke fährt‘), so dass eine Parklücke das Subjekt von fährt ist und die Parklücke als Figur der Fahraktivität simuliert wahrgenom‐ men wird Abbildung 5-7: Dependenzdarstellung unintendiertes Subjekt (links) und erweiterte Darstellung (rechts) Auch die folgende Beziehung ist weder durch die Eigenschaften der Wortart noch durch morphologische Dependenzbeziehungen ausgeschlossen: 2. in … einem Mann, so dass in den Dativ-Kasus von Mann bestimmt und der Mann als der Ort simuliert wahrgenommen wird, in dem eine Figur lokalisiert ist (siehe Abbildung 5-8). Abbildung 5-8: Dependenzdarstellung unintendierte Präpositionalgruppe ‚in einem Mann‘ Und auch die Herstellung der folgenden Beziehung ist nicht durch Wortart oder Morphologie verhindert: 3. ein rotes Auto … neben (= ‚neben ein rotes Auto‘), so dass Auto in seinem Kasus - nun Akkusativ, der äußerlich nicht vom Nominativ unterscheidbar ist - von neben bestimmt wird und der Ort neben einem roten Auto als das Ziel einer Bewegung simuliert wahrgenommen wird (siehe Abbildung 5-9). Abbildung 5-9: Dependenzdarstellung unintendierte Präpositionalgruppe ‚neben ein rotes Auto‘ 110 5 Beziehungsprobleme? Symbolische Auslagerung und wie wir sie bändigen <?page no="111"?> Verhinde‐ rungsfunk‐ tion positives Tun-Können negatives Bescheid- Wissen, warum Alle drei Bezüge sind durch Beschränkungen in der relativen Position, also der Seria‐ lisierung der einzelnen Ausdrücke, ausgeschlossen. Zu 1. Wenn eine Parklücke als Subjekt verstanden und dementsprechend als Fahrendes simuliert wahrgenommen würde, wäre die Präposition in verwaist und nicht mehr in der Äußerung unterzubringen. Zu 2. In ist eine Präposition und muss vor dem Grund-Element stehen, aus dem sie symbolisch ausgelagert wurde. Tatsächlich steht in hier vor eine Parklücke. Wenn eine Parklücke aber schon in andere Ein- und Auslagerungsbeziehungen involviert ist und dadurch schon eine andere Funktion in der Äußerung hat, die mit in nichts zu tun hat, dann kann in nicht einfach die übernächste Substantivgruppe einem Mann grammatisch regieren. Zu 3. Die meisten Präpositionen im Deutschen sind tatsächlich Präpositionen (lat. prae- ‚vor‘). Das trifft aber nicht auf alle zu, weswegen wir sie eigentlich „Adpositionen“ nennen sollten (lat. ad- ‚bei‘). Entlang kann beispielsweise auch postpositional ver‐ wendet werden (die Straße entlang). Neben ist eine strikte Präposition. Das heißt, sie kann keinen Ausdruck regieren, hinter oder nach dem sie steht. Zudem steht zwischen ein rotes Auto und neben noch eine andere Präpositionalgruppe (in eine Parklücke), die die Herstellung dieser grammatischen Dependenzbeziehung wie bei 2. ebenfalls unmöglich macht. Es war bereits die Rede davon, dass für die allermeisten Menschen die verborgene Ordnung in ihren sprachlichen Formgebungs- und Verstehensaktivitäten ein „Wissen, wie …“ ist. Sie können es einfach tun, verfügen dazu aber nicht über ein sprachwissen‐ schaftliches „Wissen, warum …“: Sie können die verborgene Ordnung, der sie in ihren eigenen sprachlichen Aktivitäten entsprechen, nicht erklären (siehe Kapitel 1). So ist es auch mit der Verhinderungsfunktion der instruktiven Mittel Wortart, gram‐ matische Morphologie, Position/ Serialisierung und Prosodie. Diesen instruktiven Sig‐ nalisierungsmitteln eine „Verhinderungs“funktion zuzuschreiben, so wie wir es hier getan haben, ist die sprachwissenschaftliche Perspektive, in der wir ein „Wissen, warum …“ explizieren, das sich aus Entzeitlichung der Formgebungs- und Verstehen‐ saktivitäten und dem Vergleich der verdinglichten Resultate ergibt: Äußerungsstruk‐ turen. Die Rede von der Verhinderungsfunktion beinhaltet dadurch auch jede Menge negatives Bescheid-Wissen, warum bestimmte Beziehungen zwischen Ausdrücken und Ausdrucksteilen bei der sprachlichen Formgebung und dem sprachlichen Verste‐ hen einfach nicht hergestellt werden. Unser „Wissen, wie …“ ist ein simples Tun-Können ohne Erklären, und es enthält kaum negatives „Bescheid-Wissen, warum …“. Es ist ein positives „Wissen, wie …“ als ein Tun-Können: Wenn wir etwas äußern möchten, dann sind wir in der Lage, ihm positiv die sprachliche Form zu geben, die es braucht, um verstanden zu werden, ohne dass wir dabei ganz viele alternative Formgebungen negativ ausschließen. Wenn wir Äußerungen verstehen, dann stellen wir auf Basis ihrer Struktur positiv die konzeptuellen und grammatischen Bezüge her, zu denen sie uns instruieren, ohne diejenigen negativ auszuschließen, zu denen sie uns nicht instruieren. 5.4 Völker, hört die Signale: die instruktiven Mittel als „Wissen, wie …“ 111 <?page no="112"?> Ko-Text Da unser positives Äußern- und Äußerungen-verstehen-Können hochgradig routi‐ nisiert und teilweise automatisiert ist, gehört sehr viel Training und kontrollierte Konditionierung dazu, Erkenntnisse des negativen „Bescheid-Wissens, warum …“ in unreflektiertes Einfach-tun-Können zu überführen. Dabei kann man beispielsweise daran denken, Missverständliches in den eigenen Äußerungen zu antizipieren und zu vermeiden (ohne dabei anderes Missverständliches zu produzieren). 5.5 Die instruktive Funktion „Kohärenz herstellen“ Die instruktive Funktion „Vorstellen von etwas“ betraf die Vorstellungen, die durch symbolisch ein- und ausgelagerte Ausdrücke und Ausdrucksteile hervorgerufen wer‐ den, und die instruktive Funktion „Vorstellen auf eine Art und Weise“ betraf die Frage, welche Rollen diese einzelnen Vorstellungen in der Vorstellung des Sachverhalts einnehmen, das heißt, welche Ausdrücke Auslagerungen aus welchen Vorstellungs‐ elementen sind. Beide Funktionen bewegen sich im Wesentlichen innerhalb der Äußerungs- oder Satzgrenzen. Daneben lassen sich noch weitere instruktive Funktionen begründen. Weil wir uns bisher stark auf den Zusammenhang zwischen Äußerungsstrukturen und Wahrneh‐ mungssowie Vorstellungsstrukturen konzentriert haben, ging es hauptsächlich um direkte gedankliche Verbindungslinien zwischen Wahrnehmungs- oder Vorstellungs‐ elementen, etwa dem roten Auto, und Ausdrücken oder Ausdrucksteilen in Äußerun‐ gen, etwa ein rotes Auto. Das täuscht darüber hinweg, dass unsere Äußerungen oft im Zusammenhang vorangegangener und nachfolgender Äußerungen stehen, in einem Ko-Text, ebenso wie darüber, dass sich dies auch in der Formgebung und in Verste‐ hensaktivitäten niederschlägt. Nehmen wir an, Sie hätten in dem Autoszenario nicht nur einen Satz gegenüber Ihrer Freundin darüber äußern dürfen, was bei Ihnen gerade los ist, sondern mehrere. Dann wäre möglicherweise so etwas wie auf der linken Seite in Tabelle 5-1 herausgekommen, aber nicht so etwas wie auf der rechten Seite. Hinter einem Bürogebäude fährt ein rotes Auto in eine Parklücke_neben einem Mann. Der Mann scheint es zu erwarten. Jetzt steht es neben ihm. Er redet mit dem Fahrer. Hinter einem Bürogebäude fährt ein rotes Auto in eine Parklücke_neben einem Mann. Ein Mann scheint ein rotes Auto zu erwarten. Jetzt steht ein rotes Auto neben einem Mann. Ein Mann redet mit einem Fahrer. Tabelle 5-1: Illustration der instruktiven Funktion „Kohärenz herstellen“ In der rechten Spalte habe ich immer den gleichen Ausdruck für die jeweiligen Wahrnehmungsgegenstände gewählt. Diese Ausdrucksweise ist sehr unkonventionell und weist als sprachliche Instruktion schwere Defizite auf, was ihre Verständlichkeit betrifft, also in Bezug auf die simulierte Wahrnehmung, zu der sie anleiten soll. In der Tat dürfte es für Ihre Freundin schwierig sein, überhaupt zu verstehen, von wie vielen 112 5 Beziehungsprobleme? Symbolische Auslagerung und wie wir sie bändigen <?page no="113"?> Kohärenz‐ stiftung Männern, roten Autos und Fahrern hier die Rede ist und ob der erwähnte Fahrer der Fahrer eines roten Autos oder von etwas anderem ist. In der linken Spalte ändern sich dagegen die Ausdrücke, mit denen über die gleichen Wahrnehmungsgegenstände gesprochen wird: einem Mann - Der Mann - ihm - er ein rotes Auto - es - es - dem Fahrer Indefinite Artikel (ein/ -e) signalisieren, dass das Bezugsnomen auf ein Vorstellungs‐ element (im weitesten Sinne) referiert, das im Kotext oder im gemeinsamen Diskurs noch unerwähnt ist. Definite Artikel (der, die, das) werden bei vorerwähnten oder er‐ schließbaren Gegenständen verwendet. Dass ein Auto von genau einer Person gesteu‐ ert wird, ist (noch) Alltagswissen. Deshalb kann der erschließbare Fahrer (oder die Fahrerin) auch mit definitem Artikel ausgedrückt werden. Pronomen (er, sie, es) signa‐ lisieren Gegenstände, die konstant im Fokus des Diskurses stehen. Deshalb haben all diese Ausdruckstypen eine kohärenzstiftende instruktive Funktion. Sie bedeuten weniger Artikulationsaufwand für die instruierende Person - der Text links ist deutlich kürzer. Für die instruierte Person bedeuten definite Artikel und Pronomen einen Such‐ auftrag für erinnerbare Diskursgegenstände. Abbildung 5-10: Instruktive Funktion „Kohärenz herstellen“ (links) und Beispiel (rechts) Insofern können wir sagen, dass es Ausdrücke oder Ausdrucksteile - A - gibt, die kraft ihrer Form oder ihrer Merkmale (das heißt, ihrer Spez[ifikationen]) für andere Ausdrücke - B - Kohärenz herstellen (Abbildung 5-10). Diese können sich innerhalb und außerhalb der jeweiligen Äußerung befinden. Das eingeklammerte B links in Abbildung 5-10 steht für letztere Möglichkeit. Im Beispiel ein Auto rechts in Abbildung 5-10 befinden sich beide Ausdrücke in derselben Äußerung. Der Artikel stellt kraft seiner Spezifikation (indef[init]) Kohärenz für den Vorstellungsgegenstand Auto her. Die kohärenzstiftende Funktion bezieht sich dabei auf den gesamten Kotext oder Diskurs und nicht nur auf die infragestehende Einzeläußerung, weil die Form und ihre Merkmale in den Kotext oder Diskurs zurück- und vorausweisen. Dies ist durch die über die Instruktions-, also Äußerungsgrenze hinausreichenden Pfeile zu den Seiten markiert. In Abbildung 5-11 sind alle kohärenzstiftenden Beziehungen auf diese Weise nach‐ gezeichnet. 5.5 Die instruktive Funktion „Kohärenz herstellen“ 113 <?page no="114"?> Beziehun‐ gen erläu‐ tert Erdung in Spannungs‐ feldern Abbildung 5-11: Instruktive Funktion „Kohärenz herstellen“ in der Beispieläußerung Die indefiniten Artikel stellen Kohärenz für ihre Bezugsgegenstände her - sie gehören noch nicht zum gemeinsamen Wissensvorrat (siehe erweiterte Abbildung 5-12). Auch der Finitheitsanteil des Verbs ist ein kohärenzstiftendes Signal. Mittels des Tempus Präsens (TP) und des Modus Indikativ (MD) ist es eine Instruktion, die Vorstellung so zu behandeln, dass sich das simuliert erlebte Ereignis zum Sprechzeitpunkt tatsächlich abspielt und hinsichtlich dieser Eigenschaften zu früheren und späteren und fiktiven Sachverhalten im gemeinsamen Wissensvorrat in Verbindung zu setzen ist. Abbildung 5-12: Instruktive Funktion „Kohärenz herstellen“ in der Beispieläußerung (erweiterte Dar‐ stellung) Auch Dort kann kohärenzstiftenden Wert haben, wenn der Ort oder die Region im Raum, der beziehungsweise die durch Dort bezeichnet wird, im vorangegangenen Kotext vorerwähnt ist oder erschlossen werden kann. 5.6 Die instruktive Funktion „Erden“ Dort muss aber nicht im Sinne der kohärenzstiftenden instruktiven Funktion verstan‐ den werden. Der betreffende Ort braucht nicht im Kotext vorerwähnt sein. Es kann auch sein, dass der Ausdruck mit irgendeiner Art von Zeigegeste gekoppelt ist. Dann wird sozusagen aus der Äußerung und aus dem begleitenden sprachlichen Kotext in das außersprachliche Ereignis hinausgewiesen. Diese instruktive Funktion wird hier eigens als „Erdung“ erfasst. Erdende Signale instruieren dazu, den simuliert erlebten Sachverhalt in bestimmten Spannungsfeldern zu verorten, wie denen zwischen Ver‐ 114 5 Beziehungsprobleme? Symbolische Auslagerung und wie wir sie bändigen <?page no="115"?> gangenheit, Gegenwart und Zukunft, zwischen Dauer und Abgeschlossenheit, zwi‐ schen Möglichkeit, Unmöglichkeit und Wirklichkeit, zwischen Wunsch und Notwen‐ digkeit, dazwischen, ob zuverlässige oder weniger zuverlässige Evidenz für ihn vorliegt, und anderen, die unter dem klassischen Deixis-Begriff diskutiert werden. Ein Ausdruck oder Ausdrucksteil A erdet also den Bereich des Kotextes, über den sich seine Wirkung erstreckt, kraft seiner Form und seiner Merkmale (Spez[ifikationen]) in Bezug auf diese Spannungsfelder (Abbildung 5-13). Auch dies kann sich über die infragestehende Äußerung hinaus erstrecken, daher die durchgezogenen Pfeile nach links und rechts. Abbildung 5-13: Instruktive Funktion „Erden“ Für die ganze Beispieläußerung nachgezeichnet, ergibt sich das Bild in Abbildung 5-14. Die Erdungsfunktion muss nicht nur vom Finitheitsanteil des Verbs ausgehen ([P]erson, [N]umerus, Modus [MD], Tempus [TP]), wie dargestellt. Auch andere grammatische Ausdruckstypen wie Negationen, aber auch lexikalische Ausdrücke wie angeblich und im Traum sowie komplexe satzwertige Konstruktionen wie Es ist nicht der Fall, dass … instruieren hinsichtlich des Erdungsaspekts sprachlicher Äußerungen und können sich auch auf andere Ausdrücke beziehen - zum Beispiel Dort fährt kein rotes Auto …. Für die Beispieläußerung gehen wir davon aus, dass Dort „nur“ für einen im Kotext vorerwähnten Orts- oder Regionsausdruck Kohärenz stiftet und nicht dazu instruiert, das Geschehen an einem Ort oder einer Region im außersprachlichen Ereignis zu erden. Dies wäre, wie eingangs des Abschnitts erläutert, aber ebenso gut möglich. Abbildung 5-14: Instruktive Funktion „Erden“ in der Beispieläußerung 5.7 Die instruktive Funktion „Verwerten“ Wenn es zuletzt nicht nur implizit geschieht und nicht nur den Schlussfolgerungen der instruierten Person überlassen wird, kann es auch instruktive Signale mit der Funktion geben, eine praktische Verwertung der Äußerung anzuzeigen. Die Verwertung selbst 5.7 Die instruktive Funktion „Verwerten“ 115 <?page no="116"?> Funktion erläutert kann wiederum eine sprachliche Handlung sein - etwa wenn man auf eine Frage antwortet -, aber auch eine nichtsprachliche, etwa wenn man auf eine Bitte hin endlich mal den Mund hält. Dafür muss es für das jeweilige Gegenüber aber auch an irgendetwas als Bitte oder als Frage erkennbar sein. Zwar ist jede sprachliche Äußerung, die sich an jemanden richtet oder so aufgefasst wird, als würde sie es tun, eine Instruktion, sich zu ihr zu verhalten. Mit der instruktiven Verwertungsfunktion ist aber eine spezifische Instruktion zu einer bestimmten Art von Re-Aktion gemeint. Hier gibt es wieder grammatische Mittel, die so etwas signalisieren können. Wiederum instruiert ein Ausdruck oder Ausdrucksteil A und gegebenenfalls ein an‐ derer Ausdruck oder Ausdrucksteil M mittels der jeweiligen Form oder der Merkmale, wie die Äußerung und gegebenenfalls die ihr vorangegangenen und nachfolgenden Äußerungen praktisch verwertet werden sollen (siehe Abbildung 5-15). Abbildung 5-15: Instruktive Funktion „Verwerten“ Unsere Beispieläußerung ist anhand der grammatischen Spezifikationen des Verbs (In‐ dikativ Aktiv [MD.TP]), anhand der angenommenen Prosodie (PR, terminale Intonati‐ onskontur) und anhand der Position des Verbs (in der linken Satzklammer, „Po“ nicht eigens ausgezeichnet) als eine Behauptung erkennbar (siehe Abbildung 5-16). Eine ter‐ minale Intonationskontur fällt zum Äußerungsende hin ab. In der Schrift kann dies ein Punkt anzeigen. Eine interrogative Prosodie würde zum Ende hin steigen und eine Frage anzeigen. In der Schrift kann dies ein Fragezeichen übernehmen. Eine progre‐ diente Intonationskontur würde die Tonhöhe zum Redebeitragsende hin schwebend halten, um zu signalisieren, dass der Redebeitrag noch nicht zu Ende ist. In der Schrift kann dies ein Komma oder Doppelpunkt anzeigen. Abbildung 5-16: Instruktive Funktion „Verwerten“ in der Beispieläußerung Oft müssen morphologische, prosodische und positionsbezogene Signale gemeinsam beachtet werden, um die instruktive Funktion zu erkennen. Befehle können beispiels‐ weise auch eine terminale Intonationskontur aufweisen. Dann ist das Vorfeld aber oft unbesetzt: Park mal das Auto ein. 116 5 Beziehungsprobleme? Symbolische Auslagerung und wie wir sie bändigen <?page no="117"?> Häufig muss die beabsichtigte praktische Verwertung auch gegen die Form der Äußerung erschlossen werden, weil sie im Widerspruch zur Wirklichkeit steht. In dem wahrheitswidrigen Der kleine Timmy zieht jetzt einmal den Schlafanzug an. ist für den kleinen Timmy nur daran, dass sein Papa die Zukunft eigentlich nicht vorhersagen kann, erkennbar, dass Papa eine Situation äußert, von der er wünscht, dass sie eintritt. 5.8 Die instruktiven Funktionen im Überblick In Abbildung 5-17 sind alle instruktiven Funktionen und die Beziehungsgeflechte, die sich für sie jeweils ergeben, in einer Schichtenstruktur gemeinsam erfasst. Unterhalb der sprachlichen Instruktion selbst sehen wir konzeptuelle Dependenzbeziehungen, die sich aus der anthropologischen Notwendigkeit zur symbolischen Auslagerung ergeben, denn effizientere Formen der Kommunikation als durch nach außen gebrachte Zeichen haben wir nicht. Oberhalb der sprachlichen Instruktion sind die grammatischen Dependenzbeziehun‐ gen eingetragen, die eine höchst effiziente Ausgestaltung dieser anthropologischen Notwendigkeit darstellen. Abbildung 5-17: Gesamtschau der instruktiven Funktionen für die Beispieläußerung 5.8 Die instruktiven Funktionen im Überblick 117 <?page no="118"?> Dieses komplexe Geflecht von Beziehungen am Beispiel einer einfachen kurzen Äußerung illustriert stellvertretend einen wichtigen Teil der verborgenen Ordnung in unseren sprachlichen Formgebungs- und Verstehensaktivitäten. Die instruktiven Funktionen können wir in allgemeinerer Weise ebenfalls in einer Übersicht zusammenfassen. Dazu sind die Ausdrucksmittel oder „Signalisierungsmit‐ tel“ angegeben, anhand deren wir diese Funktionen realisieren (siehe Abbildung 5-18). Abbildung 5-18: Die instruktiven Funktionen und ihre Signalisierungsmittel Eine Äußerung ist als solche allgemein eine Aufforderung, sich zu ihr als einem kommunikativen Akt zu verhalten. Im Speziellen haben wir gesehen, dass sie zum simulierten Wahrnehmen und Erleben instruiert und wir dabei bestimmte Ausdrücke, Ausdrucksteile, Ausdrucksformen und -klassen unterscheiden können - die instrukti‐ ven Mittel -, die zum simulierten Wahrnehmen von etwas beziehungsweise auf eine Art und Weise anleiten. Darüber hinaus dienen bestimmte Mittel dazu, • Kohärenz im Kotext und Diskurs herzustellen, • das Geäußerte in bestimmten Spannungsfeldern zu erden, die ihre Relevanz für die erlebte Wirklichkeit betreffen, und • anzuzeigen, wie man die Instruktion praktisch verwerten soll. 5.9 Die instruktiven Funktionen und Signale im großen Zusammenhang Vergegenwärtigen Sie sich noch einmal Autoszene und die Herausforderung mit Ihrer Freundin. Sie möchte wissen, was Sie gerade erleben. Sie kooperieren. Zeigen können Sie ihr nicht, was Sie gerade erleben. Sie können die Ordnung, die Sie in Ihr Wahrneh‐ mungsfeld gebracht haben, Ihr salienz- und pertinenzgesättigtes Erlebnis, auch nicht 118 5 Beziehungsprobleme? Symbolische Auslagerung und wie wir sie bändigen <?page no="119"?> x’s Wahr‐ nehmung, y’s Hand‐ lung Was womit in welcher Beziehung? … in der Szene? … in der Äußerung? telepathisch übertragen. Sie müssen es Ihrer Freundin sprachlich kommunizieren. Um die räumlich-bildhafte Struktur Ihrer Wahrnehmung und die interessen- und zielge‐ leitete Auffassung der Szene zu kommunizieren, haben Sie nur die unräumliche und nicht bildhafte Nacheinander-Struktur einer gesprochenen Äußerung zur Verfügung. Und dennoch ist die Äußerung, die Sie dann tätigen, als Instruktion zum simulierten Nach-Vollzug eines Erlebnisses sozusagen der effizienteste Weg, den wir kennen, um von Ihrer salienz- und pertinenzgeprägten Wahrnehmung und Auffassung der Szene zur Re-Aktion Ihrer Freundin darauf zu gelangen. In der nichtsprachlichen Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit ist das Deuten, das Auffassen und Erkennen, was womit in welcher Beziehung steht, die Verbin‐ dung zwischen dem, was Sie wahrnehmen, und dem, was Sie angesichts dessen nun tun. In der sprachlichen Interaktion verteilen sich das Wahrnehmen und das Re-Agie‐ ren typischerweise auf verschiedene Personen. Wesentlich dabei ist, dass Ihre Freundin nun nicht wie Sie so mit der Szene konfrontiert ist, dass diese vollkommen unbestimmt und somit offen für salienz- und pertinenzgesteuerte Auffassungen ist, sondern mit Ihrer Äußerung bekommt Ihre Freundin schon eine weitgehend salienz- und perti‐ nenzgesättigte Deutung der Szene zum simulierten Erlebnisnachvollzug vorgelegt. Unsere Sprache baut auf einer nichtsprachlichen Erfahrungsschichtung auf: Die Lexik ist die salienz- und pertinenzgesättigte Sedimentierung und Kristallisierung all der sensorischen, motorischen, praktischen, emotionalen und kognitiven Erfahrungen, die auf den unteren Stufen der Erfahrungsschichtung durchlaufen wurden. Und die Grammatik ermöglicht uns erstens, die Leistungen der Lexik kohärent zu kommu‐ nizieren, und zweitens stellt ihre verborgene Ordnung sicher, dass der simulierte Nach-Vollzug dessen, was in der Wahrnehmung womit in welcher Beziehung steht, ohne Missverständnisse vollzogen werden kann. Einen wesentlichen Teil dieser Ord‐ nung sehen Sie in Abbildung 5-17. Die Aufgabe, vor der Sie standen, als Sie die Autoszene wahrgenommen haben, nämlich im Dienste Ihrer vitalen Interessen und praktischen Zwecke zu bestimmen, was dort womit in welcher Beziehung steht, kehrt nun bei Ihrer Freundin wieder, nur betrifft die Frage, was womit in welcher Beziehung steht, für sie nicht die Szene selbst, sondern die Äußerung, mit der Sie Ihre Freundin zum Nach-Vollzug Ihrer Wahrneh‐ mung der Szene instruieren. Wir haben gesehen, wie die Grammatik diesen Nach-Vollzug ermöglicht. Anders gesagt, wir haben Teile des „Wissens, wie …“ in unseren sprachlichen Formgebungs- und Verstehensaktivitäten dargestellt, das uns ermöglicht, gelungen sprachlich zu instruieren und simulativ nachzuvollziehen, was in der Äußerung womit in welcher Beziehung steht, um daraus zu rekonstruieren, was in der vermittelten Szene womit in welcher Beziehung steht. Mithilfe der Konzepte der symbolischen Auslagerung, der konzeptuellen und grammatischen Dependenz, der instruktiven Mittel von der Wortart bis zur Prosodie und mithilfe der instruktiven Funktionen haben wir nachvollzogen, wie Ihre Freundin bestimmte Bezüge zwischen Ausdrücken herstellt und andere nicht und wie sich das auf den simulierten Nach-Vollzug eines Erlebnisses auswirkt. 5.9 Die instruktiven Funktionen und Signale im großen Zusammenhang 119 <?page no="120"?> 5.10 Kommentierte Literaturhinweise Zu 5.1 bis 5.9 Die symbolische Auslagerung und die instruktiven Funktionen, wie sie hier vorge‐ stellt wurden, finden sich so nicht in der Forschungsliteratur. Sie wurden erstmals ausführlicher diskutiert in Kasper (2020b [bietet eine ausführlichere Diskussion der symbolischen Auslagerung, der instruktiven Funktionen und der instruktiven Mittel, wie sie hier dargestellt wurden. Alle instruktiven Funktionen werden dort an einem anders gelagerten Beispiel durchdiskutiert]), Kasper (2015, Kapitel 3.5 [in diesem Kapitel habe ich die Idee der symbolischen Auslagerung als „Outsourcing“ erstmals begründet]). In der erstgenannten Monographie wird die verborgene grammatische Ordnung, wie sie sich in den grammatischen Dependenzverhältnissen zeigt - dort „sprachliche Eigenstruktur“ genannt -, auch an die Humanökologie zurückgebunden, das heißt an die Art und Weise unseres In-der-Welt-Seins (siehe Abschnitt 1.5). Der Unterschied zwischen der instruktiven Funktion „Vorstellen von etwas“ und „Vorstellen auf eine Art und Weise“ ist verwandt mit Langackers Unterscheidung von Konzeptualisierung und „Construal“, deckt sich aber nicht mit diesen. Ein wichti‐ ger Unterschied ist, dass Langacker letztlich für jede grammatische Formung dessel‐ ben konzeptuellen Inhalts einen eigenen kognitiven Construal-Prozess ansetzt. Die Unterscheidung findet sich beispielsweise in Langacker (2008 [umfassendste und einflussreichste Grammatiktheorie mit Berücksichtigung von Wahrnehmungs- und Auffassungsweisen in Bezug auf versprachlichte Sachverhalte]). Die instruktiven Mittel, die hier vorgestellt werden, sind natürlich nicht neu. In der grammatiktheoretischen Forschungsliteratur werden sie jedoch mit anderen Vorzeichen, anderer Zielsetzung und anderen Kontextualisierungen diskutiert. Eine ausgezeichnete Einführung bietet Eisenberg/ Schoneich (2020 [hier werden sehr klar die Grundbegriffe der syntaktischen Analyse eingeführt und definiert, von Wortarten über Konstituentenkategorien, Rektion, Kongruenz bis zu syntaktischen Funktionen]). Eine ausgezeichnete Syntax des Deutschen, die dezidiert auf dem Dependenzkonzept aufbaut (und nicht auf dem Konstituenzkonzept), bietet Eroms (2000). Ein umfassendes Werk, das sich detailliert mit fast allen grammatischen Beziehungen auseinandersetzt, die hier angesprochen wurden, jedoch ohne die lebenslinguistische Maxime und die instruktionistische Leitidee, ist Zifonun et al. (1997). Hinweise zu den Aufgaben Hier finden Sie Hinweise zu den Aufgaben, die zur Lösung nicht im Text wieder aufgegriffen werden. 120 5 Beziehungsprobleme? Symbolische Auslagerung und wie wir sie bändigen <?page no="121"?> Aufgaben Abschnitte 5.2 und 5.3 Hinweise zu den Aufgaben 121 <?page no="123"?> 6 Manche Äußerungen sind gleicher als andere: Äußerungen als diagrammatische Ikone Vor allem im fünften Kapitel haben Sie anhand eines einfachen Satzes einen kleinen Eindruck von dem diffizilen Beziehungsgeflecht bekommen, das die verborgene Ord‐ nung namens Grammatik ausmacht. Dabei ging es schwerpunktmäßig um Abhängig‐ keitsbeziehungen, die wir zwischen sprachlichen Ausdrücken und Ausdrucksteilen herstellen, damit sie instruktive Funktionen erfüllen können. Diese Beziehungen sind Effekte der symbolischen Auslagerung und in ihnen kommt zum Ausdruck, wie die Eigenlogik des Zeichengebrauchs den Zusammenhang zwischen Äußerungs- und Erfahrungsstrukturen prägt. Zur Erinnerung: Wir wollen sprachliche Formgebungs- und Verstehensaktivitäten und -fähigkeiten so weit wie möglich aus nichtsprachlichen Eigenschaften und Fähigkeiten des Menschen sowie der Eigenlogik des Zeichenge‐ brauchs heraus verstehen (siehe Kapitel 1). In diesem Kapitel nehmen wir einen weiteren Aspekt der Eigenlogik des Zeichenge‐ brauchs in den Blick, aber anstatt Beziehungen von Ausdrücken und Ausdrucksteilen untereinander betrachten wir wieder stärker Beziehungen zwischen sprachlichen Aus‐ drücken auf der einen Seite sowie Sachverhalten in der Wirklichkeit und wie wir sie wahrnehmen und erleben auf der anderen Seite. Die symbolische Auslagerung betrifft unterschiedslos alle sprachlich ausgedrückten Sachverhalte gleichermaßen, aber sprachliche Äußerungen präsentieren uns Sachverhalte nicht immer auf die gleiche Weise. Wir werden sehen, dass manche Äußerungen diesbezüglich „gleicher sind als andere“, so wie die Schweine auf Orwells Farm der Tiere gleicher waren als andere Tiere. Das heißt, manche Äußerungen „schmecken uns“ humanökologisch besser als andere, und das ist nicht nur auf die Eigenlogik des Zeichengebrauchs zurückzuführen, sondern auch darauf, wie wir uns sensomotorisch mit der Wirklichkeit auseinandersetzen. Mit der Humanökologie ist angesprochen, dass die Instruktionsgrammatik sprachli‐ che Formgebungs- und Verstehensaktivitäten im großen Zusammenhang menschlicher Um- und Mitweltbeziehungen betrachten will. Der besondere Status bestimmter Äußerungsstrukturen verdankt sich einer bestimmten Art der „Ikonizität“, also der Ähnlichkeitsbeziehung zwischen Äußerungen, Wahrnehmungen und Sachverhalten. Um das zu sehen, ist es zunächst einmal erforderlich zu erkennen, dass sprachliche Äußerungen grundsätzlich nicht auf Ähnlichkeits-, sondern auf Willkürlichkeitsbezie‐ hungen zur Wirklichkeit und zu unseren Wahrnehmungs- und Auffassungsaktivitäten beruhen, also durch „Arbitrarität“ gekennzeichnet sind. Nach der Beschäftigung mit einigen zeichentheoretischen Basisunterscheidungen und der Abgrenzung der Arbitrarität (Abschnitt 6.1) werden wir Eigenschaften der verborgenen Ordnung kennenlernen, die die Arbitrarität relativieren: relative Moti‐ viertheit durch Systematizität (Abschnitt 6.2) und durch diagrammatische Ikonizität (Abschnitt 6.3). Anschließend werden wir auf Basis bekannter und neuer Beispieläu‐ <?page no="124"?> Zeichen Bezeichne‐ tes eigene Stoff- und Formeigenschaften ßerungen betrachten, wie uns Äußerungen mit einer bestimmten Form der diagram‐ matischen Ikonizität humanökologisch besser zupasskommen als andere (Abschnitte 6.4 und 6.5) und wie sich das ansatzweise im Live-Verstehen äußert (Abschnitt 6.6). 6.1 Tur stalische Firpen: die Arbitrarität sprachlicher Einzelzeichen Wenn Sie zu Ihrer Freundin sagen, Hinter einem Bürogebäude fährt ein rotes Auto in eine Parklücke_neben einem Mann, dann ist diese Äußerung für Ihre Freundin, die die Spra‐ che Deutsch beherrscht, als Ganze ein Zeichen, und sie besteht wiederum aus kleineren Einzelzeichen. Zeichen sind nichts Ungewöhnliches für uns. Der Alltag ist für uns voll von Zeichen: Fettstreifen auf dem Smartphone-Display, Krümel auf dem Sofa, schmollende Gesichtsausdrücke, ‚Pause‘ und ‚Auswerfen‘ im Zusammenhang von Playern, ‚Okay‘ in Form von Gesten oder Haken, Uhrendisplays und Kalenderan‐ sichten sind nur einige wenige Beispiele - und eben sprachliche Äußerungen. Etwas ist nicht von sich aus, also objektiv ein Zeichen, sondern dadurch, dass wir es als solches behandeln. Alles kann für uns zu einem Zeichen werden. Dass es sich um Zeichen handelt oder, besser gesagt, dass wir die genannten Bei‐ spielphänomene als Zeichen behandeln, heißt zuallererst einmal etwas scheinbar sehr Simples: Diese Dinge sind nicht das, wofür sie stehen. Die Abbildung einer schmollenden Person ist keine schmollende Person. Wir können diese Abbildung nicht beschwichtigen oder umstimmen. Ebenso ist die Äußerung nicht das, was sie sagt, und die sprachlichen Einzelzeichen sind nicht das, wofür sie stehen. Die Äußerung ist nicht die Tatsache, dass hinter einem Bürogebäude ein rotes Auto (…) fährt, und der Ausdruck Bürogebäude ist kein Bürogebäude. Konkrete sprachliche Zeichen sind vo‐ kalische Geräusche oder, so wie hier, graphische Figuren oder, im Falle der Gebärdensprache, motorische Gesten und Figuren, die wir hervorbringen und damit andere oder uns selbst zum simulierten Nach-Vollzug instruieren. Anders als ins Bürogebäude können wir in Bürogebäude nicht hineingehen, es ist nicht hässlich wegen Brandschutzrichtlinien, hat keine Kaffeemaschine und wir hinterfragen darin auch nicht den Sinn unserer Existenz. Wir können sinnvoll den (Teil-)Ausdruck -ge‐ bäude im Anschluss an Büroäußern, aber wir können kein Gebäude im Anschluss an ein Büro äußern. Allgemein und vereinfacht gesprochen, haben Zeichen und das, wofür sie stehen, jeweils eigene Stoff- und Formeigenschaften. Stoffliche Eigen‐ schaften betreffen das, „woraus etwas ist“, und Formeigenschaften das, was daraus gemacht wird. Ihre Formeigenschaften haben sprachliche Zeichen kraft ihres sprachlichen Zei‐ chencharakters innerhalb eines Gefüges oder, wie viele sagen, Systems. Nichts würde prinzipiell dagegensprechen, aus dem geformten Stoff Bürogebäude den anders geformten Stoff rüdobegäuBe zu machen, nur verliert es dadurch seinen Charakter als konventionelles sprachliches Zeichen. Die sprachlichen Zeichen unterhalten be‐ stimmte Beziehungen untereinander und zum Bezeichneten - die verborgene Ordnung 124 6 Manche Äußerungen sind gleicher als andere: Äußerungen als diagrammatische Ikone <?page no="125"?> Eigenlogik der Zeichen namens Grammatik. Wir haben bereits solche Beziehungen kennengelernt: Opposi‐ tionen zwischen verschiedenen Wortarten, zwischen verschiedenen Kasus, zwischen Tempora und Modi, Rektionsbeziehungen, Positionsbeziehungen und viele mehr. Diese Beziehungen bilden einen Möglichkeitsraum für die Formen, die sprachliche Zeichen tatsächlich annehmen können, und solche, die sie nicht annehmen können: Bürogebäude, Bürogebäuden, Bürogebäudes, Fabrikgebäude, -gebäude vs. -gebilde sind tatsächliche Formen, die sprachliche Zeichen annehmen, rüdobegäuBe ist dagegen eine Form, die kein sprachliches Zeichen bildet. Die Formeigenschaften sprachlicher Zeichen weisen in ihrer Funktion als sprach‐ liche Zeichen eine Eigenlogik auf, die anscheinend nichts mit den Eigenschaften dessen zu tun haben, wofür sie stehen. Deswegen sagt man auch, das Bezeichnende sei vom Bezeichneten unabhängig, also arbiträr. Dunkel war’s, der Mond schien helle Dunkel war’s, der Mond schien helle, schneebedeckt die grüne Flur, als ein Wagen blitzesschnelle, langsam um die Ecke fuhr. Drinnen saßen stehend Leute, schweigend ins Gespräch vertieft, als ein totgeschoss’ner Hase auf der Sandbank Schlittschuh lief. Und ein blondgelockter Jüngling mit kohlrabenschwarzem Haar saß auf einer grünen Kiste, die rot angestrichen war. Neben ihm ’ne alte Schrulle, zählte kaum erst sechzehn Jahr, in der Hand ’ne Butterstulle, die mit Schmalz bestrichen war. (Quelle: Anonymus: Dunkel war’s, der Mond schien helle. In: Wikipedia - Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 7. November 2024, 08: 15 UTC. URL: https: / / de.wikipedia.org/ w/ index.php? title=Dunkel_war%E2%80%99s,_der_Mond_schi en_helle&oldid=250116114 [08.01.2025]) Jabberwock ’s war brühig und die schlinken Toven gaubten und scheierten um den Sasen: Ganz mimsig waren die Borogoven und die fromden Rathen nasen. 6.1 Tur stalische Firpen: die Arbitrarität sprachlicher Einzelzeichen 125 <?page no="126"?> Arbitrarität erläutert „Hüt dich vorm Jabberwock, mein Sohn! Die Kiefern, die beißen, die Klauen, die fangen! Lauf vor dem Jubjubvogel davon und den frumiosen Banderschlangen! “ Er nahm sein worples Schwert zur Hand und suchte lang den mangsen Feind — Beim Tumtumbaum er schweigend stand, mit den Gedanken tief vereint. Und als er aufwärts denkend stand, kam Jabberwock mit Flammenaugen wipfend hindurch die Tulgeiwand leis büchernd angesaugen. Eins zwei, eins zwei! Und durch und durch der worple Stahl ging schnackerschnick! Er ließ es tot, und flink und hurch galumpte er zurück. „Und schlugst du tot den Jabberwock, in meine Arme, Leuchterbubel! Freudiger Tag! Kalloh! Kallock! “ Er schuckelte in seinem Jubel! (Quelle: Carroll [1925: 15-16]) Aufgabe Sowohl Dunkel war’s, der Mond schien helle als auch Jabberwock treiben Schaber‐ nack mit Sprache. Sie tun es aber auf unterschiedliche Weise. Wie würden Sie den Unterschied beschreiben? Überlegen Sie, was das mit der Eigengesetzlichkeit von Zeichen und deren Stoff- und Formeigenschaften zu tun haben könnte. In den folgenden Abschnitten wird dies kurz diskutiert. Denken Sie also gegebe‐ nenfalls darüber nach, bevor Sie weiterlesen. Arbitrarität hat eine weitreichende Konsequenz: Unsere Zeichengebungs- und Verste‐ hensaktivitäten sind nicht an stoffliche Beschränkungen gebunden, die in der Sphäre des Bezeichneten herrschen. Dadurch wird es möglich, Kontrafaktisches (etwas, das nicht der Fall ist), Widersprüchliches und Unsinn zu äußern. Zugleich ist es aber den Formbeschränkungen sprachlicher Zeichen unterwerfbar, wie in den berühmten Gedichten „Dunkel war’s, der Mond schien helle“, das mit Widersprüchen spielt, und „Jabberwock“ von Lewis Carroll, das grammatisch wohlgeformten Unsinn enthält (siehe Infokasten). 126 6 Manche Äußerungen sind gleicher als andere: Äußerungen als diagrammatische Ikone <?page no="127"?> Beim sprachlichen Einzelzeichen ist es nicht möglich, auf der Basis seiner Form vorherzusagen, was mit ihm bezeichnet wird, und auf Basis eines simulierten Erleb‐ nisses von etwas ist es nicht möglich, die Form vorherzusagen, mit der es ausgedrückt wird. Wenn das möglich wäre, hätten wir es auf der Welt nicht mit historisch, geographisch und kulturell unterschiedlichen Sprachen zu tun. Auf Kavaratti wird nicht anders gesprochen als auf Wangerooge, weil die Menschen dort über komplett unterschiedliche Erfahrungswelten sprechen, sondern weil die sprachliche Formge‐ bung (weitestgehend) arbiträr ist. Oft wird eine Zeichenklassifikation von Charles Sanders Peirce herangezogen, um die arbiträren sprachlichen (Einzel-)Zeichen von anderen Zeichen dahingehend zu unterscheiden, auf welche Weise sie auf das, wofür sie stehen, Bezug nehmen. Peirce unterschied in seinem sehr komplexen Zeichenansatz dabei Symbole, Ikone und Indexe (siehe Infokasten). Einzelzeichentypen Symbol: Ein Symbol ist ein Zeichen, das in einer kontingenten (zufälligen, nicht notwendigen) und rein gewohnheitsmäßigen Beziehung zu seinem Bezeichneten steht, das heißt, es könnte prinzipiell auch ein ganz anderes Zeichen für dieses Bezeichnete stehen. Beispiele sind nicht lautmalerische sprachliche Einzelzeichen wie Lauch, -te und jmdm. zum Hals raushäng-. Nichtsprachliche Beispiele sind die schwarz-rot-gol‐ dene Flagge als Zeichen für Deutschland oder das Peace-Symbol für Frieden. Ikon: Ein Ikon ist ein Zeichen, das in einer oder mehreren bestimmten Hinsichten seinem Bezeichneten ähnlich ist, das heißt, es ist keine bloß zufällige und keine rein gewohnheitsmäßige Beziehung. Sprachliche, wenn auch umstrittene Beispiele sind Onomatopoetika (Lautmale‐ reien) wie das Nomen Kuckuck oder das Verb muh-. Nichtsprachliche Beispiele sind die Abbildung eines schmollenden Menschen oder das Vorfahrtsschild 301, das Vorfahrt an der nächsten Kreuzung gewährt. Index: Ein Index ist ein Zeichen oder Anzeichen, das in einer Ursache-Wirkungs‐ beziehung oder einer Kontiguitätsbeziehung (räumliche oder zeitliche Nähe) zu seinem Bezeichneten oder Angezeigten steht, das heißt, es wird als keine bloß zufällige Beziehung verstanden, sondern das wahrgenommene (An-)Zeichen ver‐ weist für die wahrnehmende Person als Wirkung oder Folge auf seine Ursache beziehungsweise sein Vorangegangenes. Sprachliche Indexe sind beispielsweise Äußerungsmerkmale, die etwas im außer‐ sprachlichen Kontext oder im sprachlichen Kotext (an-)zeigen, so wie bestimmte sprachliche Merkmale auf die regionale Herkunft der sprechenden Person schlie‐ ßen lassen oder ein Pronomen wie dies auf etwas vorher Gesagtes zurückweisen kann. 6.1 Tur stalische Firpen: die Arbitrarität sprachlicher Einzelzeichen 127 <?page no="128"?> Verschrän‐ kung der Zeichenty‐ pen Arbitrarität begrenzt Nichtsprachliche Beispiele sind Mimik, Gestik und Haltung einer Person, die auf Schmollen hinweisen, Fettschmierereien auf einem Smartphone-Display, die auf Bewegungen talgiger Finger verweisen, oder aufgespannte Regenschirme, die auf den ursächlichen Regen schließen lassen. Wenn in diesem Buch die Rede von grammatischen und außergrammatischen „Signalen“ ist oder gesagt wird, dass etwas etwas anderes „anzeigt“, sind immer Indexe im Spiel! Wie im Rahmen sprachlicher Aktivität, so treten diese Zeichentypen meist auch au‐ ßerhalb von ihr in komplex verschränkter Form und in hierarchischer Schichtung auf. So sind beispielsweise die Beziehung des Schirmzeichens zum Schirm und des Regen‐ zeichens zum Regen hinsichtlich Formen und Farben ikonisch, hinsichtlich ihrer Größe aber symbolisch, während die Beziehung zwischen dem, was sie darstellen, indexika‐ lisch ist. Der weitaus größte Teil der sprachlichen Einzelzeichen ist symbolisch und damit arbiträr. Da dies im Folgenden noch eine Rolle spielen wird, können wir die Beziehung zwischen Zeichen und Bezeichnetem durch eine einfache vertikale Beziehung darstel‐ len (siehe Abbildung 6-1). Abbildung 6-1: Zeichen und Bezeichnetes Bezüglich der Arbitrarität sprachlicher Zeichen ist allerdings Vorsicht geboten. Sie ist nicht absolut, nicht vollständig, nicht uneingeschränkt. Sozusagen auf dem Substrat weitestgehend arbiträrer Einzelzeichen gibt es relativ motivierte Beziehungen zwi‐ schen sprachlichen Formen und dem, wofür sie stehen, oder damit, welche instruktive Funktion sie haben (siehe Kapitel 5 zu instruktiven Funktionen). 6.2 Die fromden Rathen nasen: relative Motiviertheit durch Systematizität Auch wenn sprachliche Einzelzeichen insgesamt weitestgehend arbiträr sind, so gilt die Zufälligkeit nicht für die Art und Weise, wie Zeichen miteinander kombinierbar sind, und auch nicht für den Befund, dass Ausdrücke Klassen bilden. Dass sprachliche Ausdrücke nicht zufällig aneinanderreihbar sind, ohne dass dies auf Kosten des wech‐ selseitigen Verstehens geht, ist schon in den letzten Kapiteln zum Ausdruck gekommen. 128 6 Manche Äußerungen sind gleicher als andere: Äußerungen als diagrammatische Ikone <?page no="129"?> Sprachvergleich Systematizität In Abschnitt 1.3 sahen wir das an der Beispieläußerung Das Frau eine ab einer Buch nimmt Frau anderen. Für unseren Standardsatz mit dem roten Auto sahen wir, dass wir mit unserem „Wissen, wie …“ zahlreiche Dependenzbeziehungen im Satzgefüge so ma‐ nagen müssen, dass ungewollte, aber naheliegende Bezüge in der Interpretation ver‐ hindert werden: Das Auto ist rot, nicht die Parklücke. Das Ganze spielt sich hinter dem Bürogebäude ab, nicht hinter dem Auto und so weiter. Dieses „Wissen, wie …“ der sprachlichen Formgebung und des Verstehens hat zum Teil mit dem zu tun, zu dessen simuliertem Erleben instruiert wird, also mit der Sphäre des Bezeichneten. Dass es sich um Konfigurationen von Figur- und Grund-Elementen mit Objekteigenschaften handelt - Auto, Parklücke, Mann -, bringt es mit sich, dass aus diesen Gegenständen symbolische Aus- und Einlagerungen vorgenommen werden, womit Zeichen entstehen, die Dependenzbeziehungen miteinander unterhalten - Auto, in, rot, fahr-, neben etc. Dieser Umstand trifft prinzipiell auf alle Sprachen zu. Die Formeigenschaften der Sprachen unterscheiden sich aber zum Beispiel darin, auf welche grammatischen Mittel man konkret zurückgreifen kann, um die instruktiven Funktionen „(simuliertes) Wahrnehmen auf eine Art und Weise“, „Kohärenz herstel‐ len“, „Erden“ und „Verwerten“ zu erfüllen. Diese Mittel sind Wortarten, die grammati‐ sche Morphologie, die Serialisierung und mit Einschränkungen die Prosodie. In deren Ausprägungen unterscheiden sich die Einzelsprachen. Schon das nah verwandte Eng‐ lische kann die Herstellung ungewollter Dependenzbeziehungen mit grammatischer Morphologie viel weniger beschränken als das Deutsche, dieses kann es mit dem Mittel Serialisierung weniger als jenes. In den Beziehungen zwischen den Ausdrücken in 1. und in den Beziehungen zwischen den Ausdrücken in 2. liegen in den untenstehenden Äußerungen daher zum Teil verschiedene Ordnungen verborgen, obwohl es sich um denselben Sachverhalt handelt. Das ist Teil der Arbitrarität. 1. Hinter einem Bürogebäude fährt ein rotes Auto in eine Parklücke neben einem Mann. 2. Behind an office building, a red car is driving into/ entering a parking space next to a man. Jedoch werden innerhalb des Deutschen ähnliche instruktive Funktionen zwischen ähnlichen Ausdruckstypen in verschiedenen Äußerungen auf ähnliche Weise ausge‐ drückt. Innerhalb des Englischen werden analog dazu ebenfalls ähnliche Beziehungen zwischen ähnlichen Ausdruckstypen in verschiedenen Äußerungen auf ähnliche Weise ausgedrückt. Systematizität Ähnliche Funktionen und Bedeutungen werden durch ähnliche formale sprachli‐ che Mittel ausgedrückt. 6.2 Die fromden Rathen nasen: relative Motiviertheit durch Systematizität 129 <?page no="130"?> relative Motiviert‐ heit Dies ist einmal mehr an Lewis Carrolls Gedicht illustrierbar. Dort heißt es beispiels‐ weise im vierten Vers der ersten Strophe und die fromden Rathen nasen (Engl. And the mome raths outgrabe.). Wir können auf Basis der einzelnen Wörter keine Wahrnehmung simulieren, weil die letzten drei Wörter uns auf nichts in unseren Erfahrungsschichten verweisen; wir wissen also nicht, was wir simulieren sollen. Andererseits haben wir klare Intuitionen dazu, auf welche Art und Weise wir es simulieren sollen, weil die betreffenden instruktiven Mittel der Funktionen „Vorstellen auf eine Art und Weise“, „Kohärenz herstellen“, „Erden“ und „Verwerten“ identifizierbar sind: die fromden Rathen ist das grammatische Subjekt im Nominativ Plural, über das Genus können wir nichts sagen. Fromden ist ein schwach flektiertes Adjektiv in der Funktion eines Attributs. Nasen ist ein Vollverb in der 3. Person Plural Präteritum Indikativ Aktiv, wie die Endung -en und die Kongruenz mit dem Plural-Subjekt sowie der Ablautvokal -asuggerieren. Der Infinitiv könnte nesen lauten, der Konjunktiv II näsen. Die, fromden und nasen sind symbolische Auslagerungen aus dem (unbekannten) Wahrnehmungs- oder Vorstellungsgegenstand, der durch das Substantiv ausgedrückt ist, und dessen Rathensein ist symbolisch in ihn eingelagert. Wir können den lexematischen Gehalt sozusagen entfernen und übrig bleibt ein grammatisches Gerüst, das instruktive Funktionen erfüllen könnte, die allerdings ohne den Erfahrungsgehalt leer bleiben. Dass sie dies tun, ist der Effekt der Systematizität. Relative Motiviertheit Damit wird die Tatsache bezeichnet, dass die Kombination sprachlicher Einzelzei‐ chen als geordnet beschrieben werden kann, obwohl sprachliche Einzelzeichen weitestgehend arbiträr sind. Es handelt sich um motivierte Kombinationen auf arbiträrem Substrat. Dadurch verlieren Zeichengebungs- und Zeichenverstehensaktivitäten etwas von Ihrer Arbitrarität, insofern ihre Unberechenbarkeit reduziert wird: Immerhin können wir davon ausgehen, dass Formähnlichkeiten, wenn schon nicht beim Einzelzeichen, dann doch in ihrer Verknüpfung, mit Funktionsähnlichkeiten einhergehen. Man kann dabei von relativer Motiviertheit sprechen. „Relativ“ deshalb, weil die Einzelzeichen im‐ mer noch (weitestgehend) arbiträr sind, aber die Zeichenbeziehungen systematisch sind. Deshalb ist es relative Motiviertheit durch Systematizität. Dass auf der Ebene des Bezeichnenden systematisch ähnliche instruktive Funktionen durch ähnliche instruk‐ tive Mittel ausgedrückt werden, ist in Abbildung 6-2 dargestellt. 130 6 Manche Äußerungen sind gleicher als andere: Äußerungen als diagrammatische Ikone <?page no="131"?> 13 Timm, Uwe (1995): Er kam sah und quiekte! Das Buch zum Film Rennschwein Rudi Rüssel. München: Südwest-Verlag. Reproduk‐ tion von Sys‐ tematizität diagramma‐ tische Ikonizität Abbildung 6-2: Relative Motiviertheit durch Systematizität: Ähnliche Beziehungen zwischen ähnlichen Ausdruckstypen werden in verschiedenen Äußerungen auf ähnliche Weise ausgedrückt Die Verminderung der Arbitrarität durch Systematizität geschieht nicht (oder sehr mittelbar) durch Ikonizität oder Indexikalität zwischen Zeichen und Bezeichnetem. Systematizität reproduzieren wir, wenn wir sprachlich kommunizieren, immer neu, ohne es zu merken, so dass die verborgene Ordnung effizienter wird, das heißt so, dass wir unsere kommunikativen Ziele möglichst effektiv sowie auf kognitiv und motorisch sparsame Weise erreichen. Dabei verändern wir auf Dauer auch die instruktiven Mittel und damit die Dependenzbeziehungen, die wir zu managen haben. Die ständige Re‐ produktion von Systematizität trägt dazu bei, dass die verborgene Ordnung namens Grammatik überhaupt lernbar ist. Zu dieser unbemerkten Optimierung der Effizienz gehört auch, dass die häufigsten Wörter in Texten die kürzesten oder „leichtesten“ und diejenigen mit synsemantischer Funktion sind, also die instruktiven Funktionen „Vorstellen auf eine Art und Weise“, „Kohärenz herstellen“, „Erden“ und „Verwerten“ erfüllen, aber nicht die Funktion „Vorstellen von etwas“. Zeichen mit diesen Funktionen sind also insofern relativ motiviert durch Systematizität, als sie systematisch kürzer oder „leichter“ sind als die autosemantischen der instruktiven Funktion „Vorstellen von etwas“ (siehe Abschnitt 3.6 zu den sprachlichen Schichten der Erfahrung). 6.3 Er kam, sah und quiekte 13 : relative Motiviertheit durch diagrammatische Ikonizität Neben der Systematizität gibt es eine zweite Quelle dafür, dass die Beziehung zwischen Zeichen und Bezeichnetem relativ motiviert ist: die sogenannte diagrammatische (oder relative) Ikonizität. Wir gehen ja noch immer davon aus, dass das sprachliche Einzelzeichen (weitestgehend) arbiträr, also in Peirce’ Terminologie symbolisch ist. Diagrammatische (oder relative) Ikonizität betrifft deshalb auch nicht das sprachliche Einzelzeichen, sondern ein Nacheinander oder Hintereinander sprachlicher Zeichen. Genauer gesagt, ähnelt dabei nicht das Einzelzeichen seinem Bezeichneten, sondern 6.3 Er kam, sah und quiekte : relative Motiviertheit durch diagrammatische Ikonizität 131 <?page no="132"?> Warum „dia‐ gramma‐ tisch“? sequenzbezogen das Nach- oder Hintereinander arbiträrer Einzelzeichen ähnelt dem Nach- oder Hin‐ tereinander dessen, was die Einzelzeichen bezeichnen. Diagrammatische Ikonizität Ähnlichkeit zwischen dem Nach- oder Hintereinander arbiträrer Einzelzeichen und dem Nach- oder Hintereinander dessen, was die Einzelzeichen bezeichnen. Die Bezeichnung kommt so zustande: Wenn wir unsere Zeichengebungs- und -verste‐ hensaktivitäten wieder einmal entzeitlicht und verdinglicht (materialisiert) betrachten, dann hat diese Ähnlichkeit sozusagen Diagrammform (siehe Abbildung 6-3). Sie um‐ fasst eine komplexe Vertikale und eine komplexe Horizontale, und diagrammatische Ikonizität konstituiert sich in den vertikalen Beziehungen in einer komplexen Hori‐ zontale. Abbildung 6-3: Relative Motiviertheit durch diagrammatische Ikonizität: Eine Ähnlichkeit besteht zwi‐ schen dem Hinter- oder Nacheinander der Zeichen und dem Hinter- und Nacheinander im Bezeichneten Die einfachste Variante diagrammatischer Ikonizität besteht wahrscheinlich in der Nacheinander- oder Hintereinanderäußerung mehrerer Sätze, von denen jeder einen eigenen Sachverhalt ausdrückt, so dass die Sequenz der Sätze der zeitlichen Sequenz der Sachverhalte in der Wirklichkeit entspricht. Ob das nun Gaius Julius Caesar mit veni, vidi, vici oder Rennschwein Rudi Rüssel ist, das kam, sah und quiekte, die Beispiele dafür sind zahllos, auch im Alltag. Erst kamen sie, dann sahen sie, dann siegten bezie‐ hungsweise quiekten sie. Eine andere Reihenfolge geht mit einem anderen Geschehen einher. Rudi Rüssel hätte auch sehen, quieken und kommen können. Es macht einen Unterschied, ob wir sagen Zieh dich aus und spring rein oder Spring rein und zieh dich aus. Die Verknüpfung von Sätzen geht aber natürlich nicht zwangsläufig mit einem zeitlichen Nacheinander einher. Dieses ist implizit und wird erschlossen, wenn es sinn‐ 132 6 Manche Äußerungen sind gleicher als andere: Äußerungen als diagrammatische Ikone <?page no="133"?> Sequenz der Simulation drei Ebenen quantitäts‐ bezogene Ikonizität voll erscheint. Sümeyye rudert und spielt Theater verstehen wir nicht als Sequenz. Dabei sind aber auch Missverständnisse möglich. Wir können bei dieser Form diagrammatischer Ikonizität von sequenzbezogener diagrammatischer Ikonizität sprechen. Abbildung 6-3 lässt offen, ob es Texte, Sätze, Teilsätze, Wortgruppen, Wörter oder Wortteile sind, die die Sequenz in der Sphäre des Bezeichnenden konstituieren. In den folgenden Abschnitten werden wir uns noch ausführlicher damit befassen, wie die Diagrammatik von Äußerungen mit unserem In-der-Welt-Sein zusammenhängt. Diagrammatisch ikonische Äußerungen sind näm‐ lich besonders, wenn wir sprachliche Formgebungs- und Verstehensaktivitäten nicht als von der gelebten Wirklichkeit getrennt betrachten, sondern als eingebettet in unsere ganzkörperliche, sprachliche und nichtsprachliche Wirklichkeitserfahrung. Zunächst verdienen zwei Phänomene noch Erwähnung und eine kurze Erläuterung. In vielen Fällen der sequenzbezogenen diagrammatischen Ikonizität spiegeln sich raumzeitliche Sequenzen der erlebten Wirklichkeit in der Äußerungsstruktur. Oft han‐ delt es sich dabei um wirkliche, „physische“ Bewegung wie in den (selbst-)herrlichen Beispielen mit Caesar und Rudi Rüssel. Ebenso oft haben wir es aber mit Sequenzen zu tun, die sich nicht in der Wirklichkeit abspielen, die in diesen Fällen statisch ist, sondern nur in unserem (simulierten) Erleben der Wirklichkeit. Dann bewegt sich in der be‐ schriebenen Wirklichkeit nichts, sondern die Bewegung ist eine unserer (simulierten) Sinnlichkeit, die wir an der beschriebenen Wirklichkeit vollziehen. Wenn jemand sagt, Die Narbe zieht sich an der Seite von oberhalb des rechten Knies bis zum Hüftknochen, dann ist damit eine räumliche Strecke von einem Ausgangspunkt zu einem Zielpunkt bezeichnet, die nach- oder hintereinander geäußert werden. In solchen Fällen ist der simulative Nach-Vollzug der Äußerung diagrammatisch ikonisch zu dieser, insofern eine Bewegung entlang dieser Strecke nach-vollzogen wird, während die Narbe in Wirklichkeit eine statische ist. Die sequenzbezogene diagrammatische Ikonizität be‐ inhaltet hier die Metapher ‚(Simuliertes) Erleben ist Bewegung‘. Wir haben es also mit drei Ebenen zu tun, zwischen denen diagrammatische Ikoni‐ zität bestehen kann: der Äußerungsebene, unseren Nachvollzugsaktivitäten und der Wirklichkeit. Wir werden im nächsten Abschnitt darauf zurückkommen. Sodann gibt es eine Ausprägung der diagrammatischen Ikonizität, die man quanti‐ tätsbezogene diagrammatische Ikonizität nennen kann. Hier bilden nicht Sequen‐ zen auf der Zeichenebene Sequenzen auf der Bezeichnetes-Ebene ab, sondern relative Mengen auf der Zeichenebene bilden relative Mengen auf der Bezeichnetes-Ebene ab, oder, noch kürzer: mehr Erfahrungsinhalt - mehr sprachliche Form. Das sieht man zum Beispiel bei den Zahlwörtern, drei, dreiunddreißig, dreihundertdreiunddreißig usw., aber auch an vielen anderen Stellen: langweilig, sehr langweilig, sehr sehr langweilig, seeeehr laaaangweilig. In vielen Sprachen werden Ausdrücke redupliziert, um mehr davon oder höhere Intensität zu bezeichnen, nicht nur bei der Komparation von Adjektiven. Oft wird auch angeführt, dass Plurale länger oder „schwerer“ als Singulare seien: Huhn-Hühner, Wald-Wälder usw., aber hier kann man einwenden, dass es vor allem in Dialekten Wörter gibt, die etwas bezeichnen, das in der Mehrzahl häufiger denn 6.3 Er kam, sah und quiekte : relative Motiviertheit durch diagrammatische Ikonizität 133 <?page no="134"?> als Einzelobjekt vorkommt oder historisch einmal vorgekommen ist, zum Beispiel / kInt / ‚Kind‘ - / kɛn / ‚Kinder‘. In diesen Fällen sind Plurale oft kürzer oder „leichter“ als Singulare. Das spräche dafür, dass Zeichenlänge oder -schwere in bestimmten Hinsichten mit Gebrauchshäufigkeiten von Ausdrücken zu tun hat und nicht oder nicht nur mit Quantitäten in der Sphäre des Bezeichneten. In diesem Fall wäre das Phänomen in die relative Motiviertheit durch Systematizität einzusortieren. Sie dient, wie bereits gesehen, der Sparsamkeit, also der Verminderung von kognitivem und motorischem Aufwand im Spracherwerb und bei den sprachlichen Formgebungs- und Verstehensaktivitäten. Ikonizität dient dagegen der Treue, nach der die Zeichenebene am besten die Bezeichnetes-Ebene spiegelt. An den Pluralen sieht man, dass Systematizität und Ikonizität jeweils nützlich sind, aber entgegengesetzte Effekte auf die verborgene Ordnung haben können. 6.4 First things first: doppelte diagrammatische Ikonizität Und damit kommen wir wieder zum roten Auto. In unserem fiktiven Szenario nehmen Sie die Szene wahr, die Sie dann am Telefon gegenüber Ihrer Freundin äußern als Hinter einem Bürogebäude fährt ein rotes Auto in eine Parklücke_neben einem Mann. Für Ihre Freundin ist die Äußerung eine geordnete Anleitung zum simulierten Erleben im Sinne eines Nach-Vollzugs. In diesem Zusammenhang betrachten wir nun die sequenzbezogene diagrammatische Ikonizität: Das Nach- oder Hintereinander von Zeichen soll dem Nach- oder Hintereinander in der Sphäre des Bezeichneten ähneln. Inwiefern trifft dies auf unser Szenario zu? Da ist zunächst der Sachverhalt, der sich vor Ihnen entfaltet - die Szene mit dem Auto, die für Sie wahrnehmbar und erlebbar ist. In Abbildung 6-4 ist dies als die oberste Ebene dargestellt, gekennzeichnet mit den Ikonen der Sinnesorgane. Sie haben die Szene tatsächlich erlebt und wir haben recht ausführlich über die Wahrnehmungs- und Erkennensaktivitäten gesprochen, die damit verbunden sind (siehe Kapitel 3), von Blickbewegungen über die Erfahrungsschichten und die Objektwahrnehmung bis zu Figur-Grund-Konfigurationen. Die Figur-Grund-Beziehung zwischen dem Auto und der Parklücke ist in der mittleren Ebene von Abbildung 6-4 erfasst, die Ihre Erkennensaktivitäten schematisch darstellt. Diese Aktivitäten sind schließlich in Ihrer Verbalisierung gemündet, die die untere Ebene mit der Sprechblase bildet. Damit haben wir es mit den schon erwähnten drei Sphären zu tun: dem wahrnehm‐ baren und erlebbaren wirklichen Ereignis, den Erlebnisaktivitäten und der Äußerung (Zeichen). 134 6 Manche Äußerungen sind gleicher als andere: Äußerungen als diagrammatische Ikone <?page no="135"?> Früher- später- Strukturen Abbildung 6-4: Diagrammatische Ikonizität zwischen den Früher-später-Strukturen des wahrnehmba‐ ren Ereignisses, den Wahrnehmungs- und Erkennensaktivitäten und der Äußerung im Rahmen der sprachlichen Formgebung Hinzu kommt nun noch etwas Entscheidendes: Jedes Geschehen auf den drei Ebenen entfaltet sich in der Zeit, erkennbar an den ergänzten Zeitleisten: die Bewegung des Autos in die Parklücke, Ihre Wahrnehmungs- und Erkennensaktivitäten, die sich vom Auto zur Parklücke am Ereignis „entlang“ erstrecken, sowie zuletzt die Aktivität des Äußerns selbst. Vor diesem Hintergrund sind nun auch diagrammatisch ikonische Verhältnisse zwischen den Ebenen erkennbar, dargestellt durch die gestrichelten vertikalen Li‐ nien: Die Früher-später-Struktur des wahrnehmbaren Ereignisses entspricht der Früher-später-Struktur der Wahrnehmungsprozesse - erst das Figur-Element, dann das Grund-Element -, und diese entsprechen wiederum der Früher-später-Struktur der Dingausdrücke in der Äußerung - erst Auto, dann Parklücke. Hier haben wir es also mit einer doppelten diagrammatischen Ikonizität zu tun. Doppelte sequenzbezogene diagrammatische Ikonizität Sprachliche Formgebung: Sie erkennen am Verlauf eines Ereignisses (Sachver‐ halt) entlang, was Sie wahrnehmen (Wahrnehmungs-/ Vorstellungsebene), und äußern eine Struktur (Äußerungsebene), die in ihrer Früher-später-Struktur damit letztlich wahrnehmungsmäßig motiviert ist. 6.4 First things first: doppelte diagrammatische Ikonizität 135 <?page no="136"?> Rolle der Erfahrung Sprachliches Verstehen: Sie nehmen eine Äußerung in ihrem Verlauf wahr (Äußerungsebene), simulieren entlang der Äußerung eine entsprechende Wahr‐ nehmung (Vorstellungsebene) und wissen auf Basis Ihrer unteren Erfahrungs‐ schichten, dass die Früher-später-Struktur Ihrer Vorstellung die gleiche ist, die das Ereignis tatsächlich gehabt hätte, wenn Sie es wahrgenommen hätten (Sachver‐ halt). (Sie wissen schon „vor der Sprache“, dass ein Auto außerhalb einer Parklücke sich erst bewegen muss und sich erst dann in der Parklücke befinden kann.) Für die Verstehensaktivitäten Ihrer Freundin ergeben sich gewissermaßen die umge‐ kehrten Prozesse (siehe Abbildung 6-5) unter Beibehaltung der doppelten diagramma‐ tischen Ikonizität. Sie hört zunächst die Äußerung in der Früher-später-Struktur ihrer Dingausdrücke (obere Ebene). Dabei simuliert sie an der Äußerung entlang - also mit der gleichen Früher-später-Struktur in Bezug auf die Wahrnehmungsgegenstände - das Erlebnis, wie das Auto sich zur Parklücke bewegt (mittlere Ebene). Und obwohl sie das Ereignis nicht selbst wahrnimmt, „weiß“ sie aufgrund ihrer Erfahrungsschichtung (siehe Abschnitt 2.3), dass die Früher-später-Struktur ihres simulierten Erlebens die gleiche ist, die das Ereignis tatsächlich gehabt hätte, wenn sie es selbst mit denjenigen ihrer Sinne wahrgenommen hätte, die eine räumlich-bildhafte Vorstellung hervorrufen. Sie weiß, dass sich das Auto erst bewegen muss, um dann in der Parklücke zu sein, wenn es nicht schon vorher dort gewesen ist. Abbildung 6-5: Diagrammatische Ikonizität zwischen den Früher-später-Strukturen der Äußerung, den simulierten Wahrnehmungs- und Nachvollzugsaktivitäten und dem (prinzipiell) wahrnehmbaren Ereignis im sprachlichen Verstehen 136 6 Manche Äußerungen sind gleicher als andere: Äußerungen als diagrammatische Ikone <?page no="137"?> keine Not‐ wendigkeit Das Ereignis, das Sie wahrgenommen hatten, auf doppelt diagrammatisch ikonische Weise zu äußern, stellt keine Notwendigkeit dar. Die verborgene Ordnung Ihrer sprach‐ lichen Formgebungsaktivitäten namens Grammatik weist reichlich Möglichkeiten auf, nicht ikonische Äußerungen zu tätigen. Beispielsweise haben wir die Rolle des Mannes in dem Auto-Ereignis in diesem Abschnitt bisher ausgeblendet. Bezögen wir sie mit ein - … fährt ein rotes Auto in eine Parklücke neben einem Mann -, wäre die doppelte dia‐ grammatische Ikonizität bereits durchbrochen: Im Betrachtungszeitraum der Szene ändert sich die Beziehung zwischen der Parklücke und dem Mann nicht - sie ist statisch. Die Aktivitäten des visuellen Wahrnehmens des Ereignisses und das sprachliche Äu‐ ßern weisen für Sie jedoch zwangsläufig eine Sequenz auf, und das Hören der Äußerung sowie die simulierte Wahrnehmung an ihr entlang sind für Ihre Freundin ebenfalls zwangsläufig sequenziell. Wir können dann sozusagen keine vertikale Linie zwischen Mann und dessen Entsprechung auf den anderen Ebenen ziehen. Aufgabe Stellen Sie sich vor, die Äußerung hätte nicht gelautet … fährt ein rotes Auto … in eine Parklücke, sondern Eine Läuferin wird von einem Strauß verfolgt. Erstellen Sie eine Zeichnung im Stil von Abbildung 6-5 für diese Äußerung, einmal aus Sicht der sprachlichen Formgebung und einmal aus Sicht des sprachlichen Verstehens. Wie gestalten sich dabei die gestrichelten Korrespondenzlinien auf der vertikalen Ebene? Im folgenden Abschnitt wird dieser Fall diskutiert. Dort findet sich die Zeichnung zur Formgebung. Lesen Sie gegebenenfalls erst weiter, wenn Sie die Aufgabe bearbeitet haben. Ganz am Ende des Kapitels findet sich die Zeichnung zum Verstehen. 6.5 First things last: einfache diagrammatische Ikonizität Betrachten wir noch einen Fall, der in simplerer Weise nicht doppelt diagrammatisch ikonisch ist. Wir gehen davon aus, wir hätten diesmal ein anderes Ereignis wahrge‐ nommen: Ein Vogel Strauß setzt sich in Bewegung, um auf eine Frau zuzulaufen. Dann setzt sich die Frau ebenfalls in Bewegung, um in dieselbe Richtung zu rennen. Beide Objekte bewegen sich auf diese Weise fort. Dies ist, wie nun schon bekannt (siehe Kapitel 2), bei der visuellen Wahrnehmung mit dem Hin- und Herspringen der Augen (Sakkaden) und mit Blickfixationen verbunden, die dann höherstufiges Sehen und Erkennen ermöglichen. Die Art und Weise, wie wir die Wahrnehmungsstruktur in Form von Figur-Grund-Konfigurationen darstellen, stellt zu Darstellungszwecken eine entzeitlichte und verdinglichte Aggregation dieser Prozesse dar. Schließlich äußern wir in einer Situation, in der die Frage ist, was „bei 6.5 First things last: einfache diagrammatische Ikonizität 137 <?page no="138"?> Freiheit unserer Re-Aktion uns gerade los ist“, Eine Läuferin wird von einem Strauß verfolgt. Die drei Ebenen sind in Abbildung 6-6 dargestellt. Abbildung 6-6: Diagrammatische Ikonizität zwischen den Früher-später-Strukturen des wahrnehm‐ baren Ereignisses und den Wahrnehmungs- und Erkennensaktivitäten, aber Kontraikonizität zur Frü‐ her-später-Struktur der Äußerung im Rahmen der sprachlichen Formgebung Unsere Wahrnehmungs- und Erkennensaktivitäten „hängen“ via Blickkontakt sozusa‐ gen „an“ dem Ereignis, wie es sich zeitlich entfaltet, und sind daher in ihrer Früher- später-Struktur diagrammatisch ikonisch zu ihm. Die Beziehung zwischen einem wirk‐ lichen oder simulierten Wahrnehmen und Erleben und ihrer Verbalisierung, also der Äußerungsebene, ist aber eine sehr stark vermittelte. Es ist ein Wesensmerkmal der menschlichen Freiheit, dass wir auf Sinneseindrücke nicht unmittelbar mit einem be‐ stimmten, festgelegten Verhalten reagieren müssen. Falls wir unsere Wahrnehmung oder Vorstellung überhaupt versprachlichen - wir könnten auch schweigen -, stehen uns auch für diesen Fall zahlreiche Formgebungsoptionen offen, die nicht gesetzesartig, aber auch nicht zufällig mit der Gestalt des Ereignisses zusammenhängen und wie wir es wahrnehmen und auffassen. In dem offenen Zwischenraum rangieren beispielsweise Handlungsmotive und Faktoren der Interaktion wie unsere Beziehung zum Gegenüber, was wir voneinander wissen und was wir wechselseitig schon über die konkrete Si‐ tuation wissen. Je größer das wechselseitige Wissen über die Situation ist, desto we‐ niger bedarf es der sprachlichen Explikation. 138 6 Manche Äußerungen sind gleicher als andere: Äußerungen als diagrammatische Ikone <?page no="139"?> Überkreu‐ zende Se‐ quenzen Einfache sequenzbezogene diagrammatische Ikonizität Sprachliche Formgebung: Sie äußern eine Struktur (Äußerungsebene), die zwar der Früher-später-Struktur einer Vorstellung entsprechen kann (Vorstel‐ lungsebene), aber nicht derjenigen des tatsächlichen, wahrnehmbaren Ereignisses (Sachverhalt). Sprachliches Verstehen: Sie nehmen eine Äußerung in ihrem Verlauf wahr (Äußerungsebene), simulieren entlang der Äußerung eine entsprechende Wahr‐ nehmung (Vorstellungsebene) und merken an einem bestimmten Punkt, dass die Früher-später-Struktur Ihrer Vorstellung nicht dieselbe sein kann wie die, die das Ereignis tatsächlich hätte, wenn Sie es wahrnähmen (Sachverhalt). In der Frage, was bei Ihnen „gerade los ist“, ist ein bestimmtes Niveau des geteilten Wissens bereits angezeigt, und die Antwort, Eine Läuferin wird von einem Strauß ver‐ folgt, ist angesichts dessen nach allem Dafürhalten eine mögliche und naheliegende Antwort. Auf der Äußerungsebene in Abbildung 6-6 zeigt sich nun dort, wo wir vorher vertikale Linien zur Anzeige der diagrammatischen Ikonizität eingezeichnet hatten, eine Überkreuzbeziehung zwischen der Früher-später-Struktur der Wahrnehmungs- und Erkennensprozesse und der Äußerung. Das heißt, wir haben es nur mit einer ein‐ fachen diagrammatischen Ikonizität zwischen den oberen zwei, aber mit keiner, oder sogar einer kontraikonischen Beziehung, zwischen der mittleren und der unteren Ebene zu tun. 6.6 Auf dem Holzweg und wieder zurück: diagrammatische Ikonizität und Verstehen Wie gestaltet sich das Verstehen einer solchen Äußerung, wenn wir sie als eine Anleitung zum simulierten Erleben im Sinne eines Nachvollzugs begreifen? Hier lohnt es sich, kontrastiv vorzugehen und den simulierten Nachvollzug Schritt für Schritt in seiner zeitlichen Entfaltung mit demjenigen bei der Äußerung mit dem roten Auto zu vergleichen. Die wichtigen Teilschritte sind in Abbildung 6-8 schematisch dargestellt, links für das Auto-, rechts für das Straußenszenario. Die zeitliche Entfaltung ist diesmal von oben nach unten abgetragen. 6.6 Auf dem Holzweg und wieder zurück: diagrammatische Ikonizität und Verstehen 139 <?page no="140"?> Abbildung 6-7: Verlauf des simulierten Nachvollzugs bei einer doppelt (links) und einer einfach (rechts) diagrammatisch ikonischen Äußerung Die einzelnen Schritte lassen sich auf die folgende Weise erläutern. Befolgung der doppelt diagrammati‐ schen Instruktion Befolgung der einfach diagrammati‐ schen Instruktion (mit Holzweg) Beim Hören von Ein rotes Auto simulieren wir die Wahrnehmung eines roten Autos als Figur der Wahrnehmung. - Beim Hören von Eine Läuferin simulieren wir die Wahrnehmung einer Läuferin als Figur der Wahrnehmung. Bei der Konfrontation mit dem Ausdruck fährt bestätigt sich eine Erwartung, von der wir nicht bemerken, dass wir sie hatten. (Dass wir sie hatten, zeigt sich, wenn sie verletzt wird. Siehe rechts.) Denn wir können eine Valenz- und Dependenzbeziehung zwischen fährt und Ein rotes Auto etablieren: Wir identifizieren fahrals symbolische Auslagerung aus dem Autogegenstand; durch die Kongruenz zwi‐ schen dem finiten Teil des Verbs (_ä__-t) Bei der Konfrontation mit dem Ausdruck wird bestätigt sich die unbemerkte Erwartung, dass die Läuferin im ausgedrückten Sachverhalt als Figur fungiert, noch nicht. Das Verb zeigt zwar relativ zuverlässig Die Läuferin als Sub‐ jekt an, könnte aber sowohl als Kopula fungie‐ ren (z. B. wird hungrig), wodurch sich die Läu‐ ferin als Figur bestätigen würde, aber auch als Passivhilfsverb. Wir haben aber darin keinen Anlass, von der simulierten Wahrnehmung 140 6 Manche Äußerungen sind gleicher als andere: Äußerungen als diagrammatische Ikone <?page no="141"?> und Ein rotes Auto erkennen wir letzteren Ausdruck als Subjekt und das Auto als das‐ jenige, das fährt (Agens), also als Figur der Bewegung. Damit bestätigt sich die Behand‐ lung des Autogegenstands als Figur im ersten Schritt. Dies ist durch das Ausrufezeichen in Abbildung 6-7 markiert. - als Figur abzuweichen. Damit begeben wir uns unbemerkt auf einen simulativen Holz‐ weg. Beim Hören von in eine Parklücke bestätigt sich eine weitere unbemerkte Erwartung: Die Parklücke komplementiert die Figur des Au‐ tos als objekthafter Grund, relativ zu dem sich das Auto bewegt; in markiert den Pfad der Bewegung durch den Raum und die Art der Passung der Figur relativ zum Grund. Diese unbemerkt erfüllte Erwartung ist wiederum mit einem Ausrufezeichen in Abbildung 6-7 markiert. Die Lage beginnt sich bei der Konfrontation mit von und dann mit großer Gewissheit bei verfolgt zu verändern. Die Kombination von wird und von ist in unserer sprachli‐ chen Erfahrung ein starker Hinweis auf eine Passivkonstruktion. (In einem werden-Pas‐ siv wird das Subjekt/ Agens des Aktivs in einer von-Präpositionalgruppe ausgedrückt und das Akkusativobjekt/ Patiens des Aktivs als Subjekt.) Mit dem Partizip II verfolgt sind die Hinweise auf das Passiv sozusagen kom‐ plett. Die Passivinstruktion ist nun dahinge‐ hend besonders, dass sie nicht dazu instruiert, das Subjekt als Agens (Verfolgerin), sondern als Patiens (Verfolgte) zu simulieren. Dadurch nimmt sie aber in der simulierten Wahrneh‐ mung die Rolle des objekthaften Grunds an, relativ zu dem sich etwas anderes - die Fi‐ gur und damit der wahre Verfolger, nämlich der böse Strauß - bewegt. Damit führt die unbemerkte Erwartung, dass es sich bei der Läuferin um die Figur des Ereignisses handelt, zu einer bemerkten Überraschung: Sie ist es nicht. Wir erkennen, dass wir uns simulativ auf dem Holzweg befunden haben. Diese Irri‐ tation ist durch den Blitz in Abbildung 6-7 markiert. - Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen. Mit dem Hören von von einem Strauß verfolgt sind gleichzeitig die Mittel verfügbar, mit de‐ nen wir den Holzweg, der sich als Sackgasse erwiesen hat, verlassen und den richtigen Weg erkennen und einschlagen können. Die Identifikation als Passivinstruktion liefert uns mit einem Strauß den wahren Verfolger und damit die Figur der Bewegung, die sich rela‐ tiv zur Läuferin als objekthaftem Grund voll‐ zieht. Das heißt, der letzte Schritt beinhaltet eine Resimulation der falsch „vorhergesehe‐ nen“ Läuferin als Figur, diesmal als objekthaf‐ ten Grund. Die Erkenntnis, wie die Instruk‐ tion „richtig“ zu befolgen ist, ist mit einem Ausrufezeichen in Abbildung 6-7 markiert. Tabelle 6-1: Befolgung doppelt und einfach diagrammatisch ikonischer Instruktionen im Kontrast 6.6 Auf dem Holzweg und wieder zurück: diagrammatische Ikonizität und Verstehen 141 <?page no="142"?> inkremen‐ telle Inter‐ pretation vorauseilende Figur- Interpretation Die sequenziell nur einfach diagrammatisch ikonische Äußerung führt uns also zwischenzeitlich auf einen Holzweg beim simulierten Erleben des Ereignisses. Wieso? 6.7 Sequenziell doppelt diagrammatisch ikonische Äußerungen sind gleicher als andere Dass wir diesen interpretativen Holzweg bei Eine Läuferin wird von einem Strauß verfolgt einschlagen, hat zwei besondere Voraussetzungen: 1. Unsere Erlebnissimulation beginnt unmittelbar mit dem Beginn einer Äußerung. Wir warten nicht erst die komplette Äußerung ab und beginnen erst dann, ein Erlebnis zu simulieren. Wir beginnen sofort, obwohl sich oft erst spät in der Äu‐ ßerung die genauen Dependenzbeziehungen aufklären - vorausgesetzt, die Äuße‐ rung als Ganze ist der Form nach eindeutig. So ist es auch in der Äußerung mit dem Strauß und der Frau. Die Dependenzbeziehungen und damit das, was wie woraus symbolisch ausgelagert wurde, kannten wir erst beim Hören (Lesen) von verfolgt. Unsere Erlebnissimulation erfolgt deshalb zum Teil auf Basis dessen, was bereits geäußert worden ist, zum Teil aber auch in einem unbemerkten Vorhersehen dessen, was da noch kommen wird. (Bestimmt kennen Sie Leute, die dazu neigen, Ihre angefangenen Sätze weiterzuführen.) Dazu sind wir einerseits aufgrund unseres „Erfahrungswissens, wie …“ über die verborgene Ordnung von Äußerun‐ gen in der Lage und andererseits aufgrund unserer Erfahrungsschichten aus der Wirklichkeitserschließung. Mit den jeweils weiter gehörten Sequenzen einer Äußerung bestätigen sich unsere Erwartungen oder wir werden überrascht (wie im Straußensatz), und sie lösen zugleich neue unbemerkte Erwartungen aus. So bekommt der sukzessive und vorauseilende Aufbau eines simulierten Erlebnisses ein ständiges Feedback und muss dieses für die weitere Simulation berücksichtigen. Man spricht dabei von inkrementeller Interpretation. Trotz unseres „Erfahrungswissens, wie …“ sind unsere unbemerkten Erwartungen nicht zuverlässig: Ein Partizip II ist nach Eine Läuferin wird von einem Strauß … wahrscheinlich, aber nicht sicher: … Blumen wütend und … zu einem Stachelrochen wären auch möglich. Wenn diese Erwartungen zuverlässig wären, wären die Äußerungen nicht informativ. 2. Zweitens geht eine simulierte Wahrnehmung, die auf bereits wahrgenommenen Äußerungsteilen basiert und weiteren, noch nicht wahrgenommenen Äußerungs‐ teilen vorauseilt, zwangsläufig damit einher, dass wir vorauseilend Figur- Grund-Gliederungen vornehmen. Bei der ersten Substantivgruppe im (wahr‐ scheinlichen) Nominativ, Eine Läuferin, eine Figur simulativ nachzuvollziehen, ist daher auch Ausdruck der genannten unbemerkten vorauseilenden Erwartung. Tatsächlich stellt sich die simuliert wahrgenommene Läuferin ja dann als objekthafter Grund heraus. Ob die Läuferin in der (vorauseilend) simulierten Wahrneh‐ 142 6 Manche Äußerungen sind gleicher als andere: Äußerungen als diagrammatische Ikone <?page no="143"?> Warum Figur zuerst? humanöko‐ logische Erklärung mung als Figur oder Grund fungiert, ist ein großer Unterschied: Im Falle eines Verfolgungsereignisses unterscheidet dies, ob sie verfolgt wird oder selbst verfolgt. In lebenspraktischen Zusammenhängen ist die Information, ob etwas der Auslöser eines Ereignisses ist oder ausgelöst worden ist, hochgradig bedeutsam. Dies ist der erste Teil der Antwort auf die Frage, warum der Straußensatz auf einen simulativen Holzweg führt. Inkrementelle Interpretation Die sprachliche Verstehensaktivität vollzieht sich inkrementell (‚schrittweise zu‐ nehmend‘), das heißt, sie beginnt bereits ab dem Zeitpunkt, zu dem Äußerungsteile als solche wahrgenommen werden, und nicht erst nach Beendigung einer voll‐ ständigen Äußerung. Durch die symbolischen Auslagerungen und Dependenzbe‐ ziehungen, die in sprachlichen Ausdrücken verkörpert sind, löst die Wahrnehmung unvollständiger Äußerungsteile und damit uneingelöster Dependenzbeziehungen eine vorauseilende (prädiktive) Simulation noch unausgedrückter Äußerungsteile und von symbolisch ausgelagerten Aspekten des ausgedrückten Sachverhalts aus. Äußerungsteile, die im weiteren Verlauf wahrgenommen werden - und wiederum vorauseilende Vorhersagen auslösen -, müssen immer wieder mit dem jeweils vorauseilend Erwarteten abgeglichen werden. Dabei können Überraschun‐ gen auftreten, wenn ein wahrgenommener Äußerungsteil mit einem erwarteten konfligiert. Dieser Konflikt zieht eine Re-Interpretation nach sich, die auf den Äußerungsverlauf zurückgreifen muss, um den Konflikt aufzulösen. Doch warum führt der Straußensatz, aber nicht der Auto-Satz auf einen Holzweg? Die unmittelbare Antwort darauf ist, dass die vorauseilende simulierte Wahrnehmung als Figur im Falle von Ein rotes Auto … aus der Retrospektive der kompletten Äußerung sich als zutreffend herausstellt, im Fall von Eine Läuferin … aber nicht. Damit verschiebt sich nun die Frage dahin, warum wir beim vorauseilenden simulierten Erleben den ersten geeigneten Wahrnehmungsgegenstand gerade als Figur behandeln. Diese Warum-Frage führt uns tief in die humanökologische Einbettung unserer sprachlichen Formgebungs- und Verstehensaktivitäten und Sie werden in diesem Ka‐ pitel noch nicht die vollständige Antwort bekommen, sondern erst in Kapitel 9, aber zumindest einen Teil: Das instruktionsgrammatische Projekt ist insofern programmatisch humanökolo‐ gisch, als unsere sprachlichen Formgebungs- und Verstehensaktivitäten unauflöslich mit der natürlichen und kultürlichen Art und Weise unseres In-der-Welt-Seins ver‐ schränkt sind (siehe Abschnitt 1.5). Zu dieser Verschränkung gehört unter anderem, dass wir miteinander über die Welt reden, um uns in der Welt wechselseitig nichtsprachlich handlungsfähig zu halten. Das zeigt sich schon in alltagspraktisch einge‐ 6.7 Sequenziell doppelt diagrammatisch ikonische Äußerungen sind gleicher als andere 143 <?page no="144"?> Brücke zur Wirklichkeit richtige Reihenfolge „ausge‐ zeichnete“ Wirklichkeit betteten Äußerungen wie Er [der Salzstreuer] steht direkt vor dir im Kontext des Abendessens, bei dem man zuweilen auch redet, um zu essen. Unser Reden über die Welt vollzieht sich mittels sprachlicher Zeichen und diese zeichnet aus, dass sie nicht das sind, wofür sie stehen, sondern einer Eigenlogik un‐ terliegen, die sich aus ihren materiellen (Stoff-)Eigenschaften und ihren Formeigen‐ schaften als sprachliche Zeichen ergibt. Im nichtsprachlichen Handeln und Verhalten infolge sprachlicher Interaktion müssen wir uns dann aber wieder in der Materialität der bezeichneten Wirklichkeit zurechtfinden. Das heißt, wir müssen - ganz praktisch - aus der Sphäre des Symbolisch-Zeichenhaften die Brücke zur Wirklichkeit schlagen. Das Greifen nach dem Salzstreuer vor uns findet in der Wirklichkeit statt. Vor diesem Hintergrund können wir sagen, dass sich diese Brücke am leichtesten schlagen lässt, wenn die Äußerung den Sachverhalt oder das Ereignis in der richtigen Reihenfolge präsentiert (siehe Infokasten). Humanökologisches Sprachverstehen Eine Äußerung zu begreifen heißt, gegenüber dem Sachverhalt/ Ereignis, den sie ausdrückt, sinnvoll handeln oder sich verhalten zu können, wenn sie wahr wäre. Sinnvoll ist Verhalten dann, wenn es vitale Funktionen erfüllt, und Handeln dann, wenn es erfolgreiches Mittel ist, um selbstgesetzte Zwecke zu verwirklichen. Sinnvoll gegenüber einem Sachverhalt/ Ereignis handeln zu können, macht es deshalb erforderlich, in der Zeichensphäre verdrehte Früher-später-Strukturen im simulierten Erleben in die Sequenz zu bringen, in der sie uns in der „ausgezeich‐ neten“ Wirklichkeit begegnen würden. „Ausgezeichnete“ Wirklichkeit hat Alfred Schütz ein wenig befremdlich diejenige Wirklichkeit genannt, die Quelle unserer sensomotorischen Welterschließung und damit unserer Erfahrungsschichtung ist. Sie ist die Wirklichkeit, in der auch die sprachliche Zeichensphäre beheimatet ist, während das Umgekehrte nicht der Fall ist. Verdrehte Früher-später-Strukturen akzeptieren wir nur in der Zeichensphäre. Wir werden die Überraschungen bei unseren sprachlichen Verstehensaktivitäten, die entstehen, wenn Äußerungen in ihrem Verlauf nicht unseren vorauseilenden Erwartungen entsprechen, in Kapitel 9 noch vertiefen. 6.8 Kommentierte Literaturhinweise Zu 6.1 bis 6.3 Die Darstellung oben nimmt in einigem implizit und explizit Bezug auf die Zeichen‐ philosophie von Charles Sanders Peirce. Diese Philosophie ist sehr schwer zugänglich und die hier verwendeten Konzepte liegen in keiner Schrift bündig und in für 144 6 Manche Äußerungen sind gleicher als andere: Äußerungen als diagrammatische Ikone <?page no="145"?> Uneingeweihte geeigneter Form vor. Eine der leichteren Originalschriften zur Semiotik ist Peirce (1983). Daneben liegt eine dreibändige Werkausgabe desselben Herausgebers aus dem Jahr 2000 im Suhrkamp-Verlag vor. Weiterhin sind natürlich Ferdinand de Saussures wegweisende Überlegungen be‐ deutsam, die in mehr oder minder authentischer Form im Cours vorliegen. Darin kommt auch das Konzept der relativen Motiviertheit zur Sprache (Kapitel VI). Die klassische Ausgabe ist die von Bally und Sechehaye herausgegebene, die eine eigene Lesart der de Saussure’schen Vorlesungen darstellt. Es empfiehlt sich daher eine ergänzende Lektüre der Nachlassbände. Die drei einschlägigen Schriften sind de Saussure (1931), de Saussure (1997), de Saussure (2003). Die Grundbegriffe der sprachwissenschaftlichen Semiotik finden sich in vielen Ein‐ führungswerken in die germanistische Sprachwissenschaft. Zentrale, in diesem Kapitel erwähnte Konzepte sind Zeichen, Zeichenträger, Arbitrarität, Symbol, Ikon(izität), Index, System(atizität). Diesen und ihren prägenden Gestalten, darunter Peirce und de Saussure, sind jeweils eigene Abschnitte in dem recht zugänglichen Handbuch von Nöth (2000) gewidmet. Einen zugänglichen, jungen und empirienahen Übersichtsbeitrag zur Reduktion von Arbitrarität durch Systematizität und diagrammatische Ikonizität, vor allem auf der Ebene des Einzelzeichens, bieten Dingemanse et al. (2015). Der linguistischen Hellsichtigkeit Lewis Carrolls ist selbst linguistische Forschung zuteilgeworden, nämlich in Sutherland (1970). Die beiden Gedichte finden sich in Carroll (1925). Schließlich stammt das Gedicht „Dunkel war’s, der Mond schien helle“ von Anony‐ mous (o. J.). Zu 6.4 bis 6.6 Das Konzept der diagrammatischen Ikonizität zu verwenden, um es für die Interpre‐ tation von sprachlich ausgedrückten Einzelereignissen fruchtbar zu machen, nimmt einen prominenten Platz im Programm der Instruktionsgrammatik ein. Daher kommt es an mehreren Stellen zur Sprache, am grundlegendsten in Kasper (2014 [dichte Zusammenfassung zentraler Thesen aus Kasper (2015)]), Kasper (2015, Abschnitt 3.3 [anspruchsvolle Monographie zur Begründung des hier vorgestellten Ansatzes. Im angegebenen Kapitel wird die diagrammatische Ikonizität am ausführlichsten behan‐ delt]), Kasper/ Schmidt (2016 [behandelt komplexe Nominalphrasen mit Attributen, die auf ihre diagrammatische Ikonizität hin analysiert werden, die dort auch eingeführt wird]). Die inkrementelle Interpretation ist ein zentrales Thema der Neurolinguistik, die mit manchen ihrer Methoden erforschen kann, wie der ansonsten unsichtbare Inter‐ pretationsverlauf in Bezug auf Sätze oder Äußerungen aussieht. Die Lehrbücher benötigen in der Regel einiges Vorwissen. Gut erklärt ist inkrementelle Interpreta‐ tion in Bornkessel-Schlesewsky/ Schlesewsky (2009a [als Ganzes immer noch eine 6.8 Kommentierte Literaturhinweise 145 <?page no="146"?> vergleichsweise zugängliche Einführung in die Neurokognition des morphologischen und syntaktischen Verstehens. Geht Sprache und Grammatik aber in vielem anders an, als es hier geschieht]). Die „ausgezeichnete“ Wirklichkeit ist ein Konzept aus Alfred Schütz’ (und Thomas Luckmanns) Wissenssoziologie der Lebenswelt. Es taucht in vielen Schriften auf, grundlegend sind vor allem Schütz (1971 [nicht einfacher, aber für das Konzept der ausgezeichneten Wirklichkeit grundlegender Aufsatz]), Schütz/ Luckmann (2017 [posthum von Luckmann bearbeitetes Hauptwerk von Alfred Schütz, behandelt das Konzept der ausgezeichneten Wirklichkeit sehr knapp, dafür allgemeinverständlich und im größeren Sinnzusammenhang]). Hinweise zu den Aufgaben Hier finden Sie Hinweise zu den Aufgaben, die zur Lösung nicht im Text wieder aufgegriffen werden. • Aufgabe Abschnitt 6.4 (Läuferin und Vogel Strauß) 146 6 Manche Äußerungen sind gleicher als andere: Äußerungen als diagrammatische Ikone <?page no="147"?> Perspektive 7 Mal verliert man, mal gewinnen die anderen: Perspektivinstruktionen In den vorangegangenen Kapiteln war schon viel von der Wahrnehmung von Szenen die Rede. In den Kapiteln 2 und 3 haben wir uns vertieft damit beschäftigt, worauf wir unseren Blick in Szenen richten und wie wir sie als komplexe Konfigurationen von Figur und (Hinter-)Grund beschreiben können, wenn wir unsere Wahrnehmungs‐ aktivitäten entzeitlichen und verdinglichen. In den darauffolgenden Kapiteln ging es darum, solche Wahrnehmungsstrukturen zur grammatischen Ordnung von Äuße‐ rungen in Bezug zu setzen, die sich wiederum aufzeigen lässt, indem wir unsere sprachlichen Formgebungsaktivitäten entzeitlichen und verdinglichen. Unser übergeordnetes Ziel ist es, nicht zufällige Zusammenhänge zwischen Struk‐ turen menschlichen In-der-Welt-Seins einerseits und der verborgenen Ordnung sprachlicher Formgebungs- und Verstehensaktivitäten andererseits aufzudecken (siehe Abschnitt 1.7). Dabei spielt die Gliederung in Figur und (Hinter-)Grund in der Wahr‐ nehmung eine zwar zentrale Rolle - die symbolische Auslagerung und damit Valenz und Dependenz sind ihre Effekte und Teile der Satzfelderordnung hängen eng mit ihr zusammen -, aber sie bildet nur einen Teilaspekt der Wahrnehmung unter anderen. In diesem Kapitel thematisieren wir einen weiteren Teilaspekt der Wahrnehmung, der bisher nur am Rande zur Sprache gekommen ist, aber ebenfalls auf nicht zufällige Weise mit der verborgenen Ordnung sprachlicher Formgebungs- und -verstehensaktivitäten zusammenhängt: die Perspektive auf eine Szene. Sie ist weitgehend unabhängig von der Figur-(Hinter-)Grund-Gliederung. Im folgenden Abschnitt wird zunächst die prinzipielle Standpunktgebundenheit unserer Wahrnehmung thematisiert. Anschließend wird in Abschnitt 7.2 in Analogie zum Konzept des Kippbilds dasjenige einer „Kipp-Eventualität“ eingeführt. Je nachdem, welche Perspektive man auf einen Sachverhalt oder eine Eventualität einnimmt, „kippt“ sie sprachlich in die eine oder andere Richtung. In den Abschnitten 7.2 bis 7.5 werden „kippende“ Verben eingeführt, die solche unterschiedlichen Perspektiven auf Eventualitäten ausdrücken, und anhand von Beispielen wird illustriert, welche Faktoren uns dazu bewegen, die eine oder andere Perspektive auf einen Sachverhalt einzunehmen. In Abschnitt 7.6 wird neben den kippenden Verben, die eine lexikalische Kipp-Möglichkeit für die Perspektivierung von Sachverhalten darstellen, noch eine grammatische Möglichkeit eingeführt: die (Passiv-)Diathese. In den verbleibenden Abschnitten 7.6 bis 7.8 werden auch hier die Faktoren herausgestellt, die uns Ereignisse so perspektivieren lassen, dass wir Aktiv- oder Passivsätze äußern. Außerdem kommt zur Sprache, inwiefern kippende Verben und kippende Sätze (Diathesen) konkurrieren oder sich die Arbeit teilen. <?page no="148"?> 14 Quelle: The Wallstreet Journal (01.02.2013): Volkswagen ‘Get happy’. In: YouTube. URL: https: / / ww w.youtube.com/ watch? v=SM-UsF8v-aA [00: 46] [Stand: 17.07.2025]. Standpunkt und Richtung 7.1 Keine Gottesperspektive: die inhärente Standpunktgebundenheit der Wahrnehmung In Kapitel 2 ist uns die Perspektive bereits begegnet. Bei der Darstellung dessen, was bei der Wahrnehmung einer Szene alles geschieht, haben wir an einem bestimmten Punkt die Abbildung der Szenerie in eine Abbildung der Wahrnehmungsstruktur überführt. Abbildung 7-1 rekapituliert das noch einmal. Abbildung 7-1: Autoszene und Wahrnehmungsstruktur aus Kapitel 2 14 Beim Überführen der Autoszene in die Wahrnehmungsstruktur wird mit der wahr‐ nehmenden Person „W“ und ihrem visuellen Feld etwas sichtbar gemacht, das in der wirklichen Szene auf eine eigentümliche Weise unsichtbar und nur implizit ist: nämlich dass alles, was ich wahrnehme, inhärent und unentrinnbar an meinen Standpunkt hier und jetzt gebunden ist. Etwas wahrzunehmen ist sozusagen einmalig, einstellig und jemeinig auf einmal. Das bedeutet zum Beispiel, dass ich dasselbe nicht noch einmal zur gleichen Zeit aus der Perspektive eines anderen Standpunkts wahrnehmen kann. Es ist auch nicht möglich, dass jemand anderes dasselbe zum gleichen Zeitpunkt aus genau derselben Perspektive wie ich wahrnimmt. Unsere Wahrnehmung ist kon‐ stitutiv standortgebunden und perspektivisch und von dieser Stelle aus in die Weite gerichtet. 148 7 Mal verliert man, mal gewinnen die anderen: Perspektivinstruktionen <?page no="149"?> 15 Quelle: Addavideo (2014): Multicamera_DSLRs. URL: https: / / commons.wikimedia.org/ wiki/ File: Mu lticamera_DSLRs.jpg [Zugriff: 22.01.2025] Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 https: / / creativecommons. org/ licenses/ by-sa/ 3.0. Abbildung 7-2: Unmöglichkeit der aperspektivischen Wahrnehmung 15 In Abbildung 7-2 ist eine weitere Konsequenz sinnfällig gemacht. Dort ist eine mit zahlreichen, nach innen gerichteten Kameras ausgestattete Ringkonstruktion abgebil‐ det, mit der der nach dem gleichnamigen Film benannte „Matrix-Effekt“ (auch: „Bullet Time“) erzeugt wird. Dabei wird der Zeitverlauf der vermeintlichen Kamerabewegung wirklichkeitswidrig vom Zeitverlauf dessen, was sie filmt, abgekoppelt. So ist es mög‐ lich, das gefilmte Geschehen zu verlangsamen, anzuhalten oder zu beschleunigen, ohne die Kamerafahrt demselben Zeitregime zu unterwerfen. So lassen sich Kamerafahrten mit eigener Geschwindigkeit um das verlangsamte, eingefrorene oder beschleunigte Geschehen herum inszenieren. Standort- und Perspektivgebundenheit unserer Wahrnehmung Unsere Wahrnehmung ist konstitutiv standortgebunden und perspektivisch und von dieser Stelle aus in die Weite gerichtet. 7.1 Keine Gottesperspektive: die inhärente Standpunktgebundenheit der Wahrnehmung 149 <?page no="150"?> 16 Quelle: Pexels/ Kampus Production, modifiziert. nie standortentbunden Die zahlreichen, kreisförmig um das Geschehen in der Mitte angeordneten Kameras machen besonders eindringlich auf die Einmaligkeit, Einstelligkeit und Jemeinigkeit der Wahrnehmung aufmerksam. „Jemeinigkeit“ bedeutet, dass nur eine Person das Geschehen genau so wahrnehmen kann. Jede einzelne Kamera repräsentiert einen ei‐ genen Standpunkt und erfasst das Geschehen zu jedem möglichen Zeitpunkt nur von dort aus. Von allen anderen möglichen Standpunkten aus erfasst sie es nicht. Dies macht zum einen auf die radikale Subjektivität der Wahrnehmung durch die Standortgebun‐ denheit aufmerksam. Zugleich wird darin deutlich, dass es keine standortentbun‐ dene Wahrnehmung auf das Geschehen in der Mitte gibt. Es gibt keine Perspektive, die uns das Geschehen oder den Sachverhalt jemals als Ganzen und „richtig“ oder auf „eigentliche“ Weise zeigen würde. Durch unsere Erfahrungsschichtung können wir uns lediglich höherstufig vorstellen, wie es wäre, etwas aus anderer Perspektive wahrzu‐ nehmen. Wenn Wissen sich aus Erfahrung und Erfahrung aus Wahrnehmung speist, und wenn Gott außerdem allwissend ist, dann ist für unsereins Allwissenheit nicht verfüg‐ bar. Mit „Der liebe Gott sieht alles“ hat man früher Kindern Angst gemacht. Dazu, alles zu sehen, gehört, alles jederzeit aus allen Perspektiven gleichzeitig zu sehen. Auf uns trifft das nicht zu. Das zeigt sich auch in der Gestalt unserer Sprache. 7.2 Geben ist seliger denn Nehmen? Kippende Verben und Standortgebundenheit Wir beginnen mit einem Experiment, in dem Sie wieder etwas versprachlichen sollen, das Sie wahrnehmen. Abbildung 7-3: Schlüssel zwischen Personen 16 150 7 Mal verliert man, mal gewinnen die anderen: Perspektivinstruktionen <?page no="151"?> 17 Quelle: Pexels/ Kampus Production. Experiment 1 Experiment 2 Antwortvor‐ schläge 1 In Abbildung 7-3 sehen Sie zwei teilweise abgebildete Figuren. Stellen Sie sich ähnlich wie früher im Autoszenario vor, dass sich hier eine Szene entfaltet, die Sie wahrnehmen. Wie könnten Sie, ohne lange nachzudenken, in einem Satz verbalisieren, was Sie wahr‐ nehmen, wenn jemand Sie fragte, was bei Ihnen gerade passiert? Überlegen Sie sich, was Sie äußern würden, bevor Sie weiterlesen. Bevor wir reflektieren, welche Antworttypen hier naheliegend wären, machen wir dasselbe noch einmal mit einer anderen Abbildung. Auch hier die Frage: Wie könnten Sie, ohne lange nachzudenken, in einem Satz verbalisieren, was Sie wahrnehmen, wenn man Sie fragte, was bei Ihnen gerade passiert? Überlegen Sie sich, was Sie äußern würden, bevor Sie weiterlesen. Abbildung 7-4: Schlüssel zwischen Personen (Originalversion) 17 Natürlich sind Sie bereits dahintergekommen, dass es hier eine besondere Bewandtnis damit hat, dass die zweite Szene eine horizontale Spiegelung der ersten Szene darstellt. Aber der Reihe nach: Wir beginnen mit der ersten Szene (Abbildung 7-3). Sie dürften an eine Äußerung gedacht haben wie Die Person links gibt der Person rechts einen Schlüssel. Vielleicht würden Sie auch die Personen anders bezeichnen, beispielsweise die Person mit dem hellen Ärmel oder die Person mit dem dunklen Hemd. Vielleicht haben Sie Schlüssel auch im Plural verwendet oder Autoschlüssel genannt. Wenn Sie die ste‐ reotypen visuellen Merkmale für zuverlässig halten, könnten Sie die Personen mit Eine Frau (links) und ein Mann (rechts) bezeichnet haben. Wir können sie der Kürze halber auch Hellix und Dunklix nennen: Hellix gibt Dunklix einen Schlüssel. Möglicherweise haben Sie auch eine Variante mit nehmen gewählt: Dunklix nimmt einen Schlüssel von Hellix (beziehungsweise mit den von Ihnen gewählten Bezeichnun‐ gen). Auch eine Variante mit bekommen wäre denkbar, Dunklix bekommt einen Schlüssel 7.2 Geben ist seliger denn Nehmen? Kippende Verben und Standortgebundenheit 151 <?page no="152"?> Antwortvor‐ schläge 2 Von-linksnach-rechts- Präferenz von Hellix, aber wahrscheinlich haben das nur wenige von Ihnen getan. Dazu gleich mehr. Beim Blick auf die gespiegelte Abbildung 7-4 haben Sie vielleicht an exakt die glei‐ chen Varianten gedacht wie beim ersten Bild. Immerhin passiert ja genau dasselbe in der Szene, so wie vor allen Kameras auf der Kamerabahn in Abbildung 7-2 dasselbe passiert. Es ist aber nicht unwahrscheinlich, dass Sie etwas andere Präferenzen für die Verbalisierungsvarianten haben. Womöglich würden Sie beim zweiten Bild (Abbildung 7-4) eher die Variante mit nehmen verwenden als beim ersten (Abbildung 7-3), selbst dann, wenn Sie sich in beiden letztendlich für geben entschieden haben sollten. Relativ dazu ist es eher unwahrscheinlich, dass Sie beim zweiten Bild eine Variante mit geben und beim ersten eine Variante mit nehmen (oder gar bekommen) gewählt haben. Abbildung 7-5: Wahrscheinliche Bewertung der Verbalisierung der Schlüsselszene Angenommen, es ist so, warum ist es so? Die Antwort ist eine ankonditionierte Von-links-nach-rechts-Präferenz in unserer Art und Weise, Sachverhaltsdarstel‐ lungen zu interpretieren. Das heißt, wir neigen dazu, die obigen Abbildungen von links nach rechts zu „lesen“. Diese Präferenz hat ihren Ursprung in den graphischen Prak‐ tiken unserer Kultur: Wir schreiben Sprache von links nach rechts, und wenn es rechts nicht weitergeht, fangen wir weiter unten wieder links an, und wenn es irgend‐ wann unten nicht weitergeht, gehen wir von vorn nach hinten und fangen wieder oben links an (wie beim Umblättern von Seiten in einem physischen Buch). So rechnen wir auch schriftlich, der Zeitstrahl führt von links nach rechts, wir lesen Diagramme ebenso wie stillstehende Bilder von links nach rechts, und Bewegtbilder erzählen von links nach rechts. Achten sie einmal darauf: Wenn die Gefährten in Peter Jacksons erstem Herr der Ringe-Film in Bruchtal auf ihre Reise aufbrechen, bewegen Sie sich von links nach rechts durchs Bild. Wenn sie zurückkehren, von rechts nach links. Das ist kein Zufall, sondern eine kulturelle Praktik, die nicht einmal reflektiert sein muss, um praktiziert zu werden. Links ist ein Ausgangspunkt und was links ist, ist früher. Was sich von 152 7 Mal verliert man, mal gewinnen die anderen: Perspektivinstruktionen <?page no="153"?> Korrespon‐ denz‐ schema 1 erläutert Korrespon‐ denz‐ schema 2 erläutert rechts nach links bewegt, bewegt sich selbst dann, wenn die Zeit weiterläuft, zu einem Ausgangspunkt zurück. Von-links-nach-rechts-Präferenz Wenn alle anderen Faktoren gleich sind, dann tendieren wir dazu, das in Sachver‐ haltsdarstellungen links Dargestellte als das Subjekt des Satzes zu versprachlichen, und etwas zum Subjekt des Satzes zu machen heißt, den Sachverhalt aus dessen Perspektive simulativ nachzuvollziehen. Dies ist in dem partiellen Korrespondenzschema zwischen der Wahrnehmung der Szene und der Äußerungsstruktur in Abbildung 7-6 dargestellt. Das Stemma der Satzstruktur ist eine vereinfachte Variante der Darstellung in Kapitel 5, in der für jede instruktive Funktion eine eigene Dependenzstruktur angelegt wurde, die zu einer insgesamt sehr komplexen Struktur führte. In diesem Stemma in Abbildung 7-5 zeigt jeder Pfeil von einem Regens zu einem Dependens. Die Dependenzbeziehungen sind hier überwiegend solche mit der instruktiven Funktion „Vorstellen auf eine Art und Weise“. Das finite Verb zusammen mit der Interpunktion bilden den Satz als oberstes Regens. Sie zeigen gemeinsam an, dass es sich um einen Aussagesatz, also eine Behauptung handelt. Daher erfüllen Sie primär die Funktion „Verwerten“. Abbildung 7-6: Partiell dargestellte Korrespondenz zwischen der Wahrnehmungsstruktur der Schlüssel‐ szene (Geber links) und der Satzstruktur Da wir links Dargestelltes präferiert als Subjekt versprachlichen, wenn alle sonstigen Faktoren gleich sind, wählen wir eine Verbalisierung mit geben, wenn die gebende Person links ist, aber eine mit nehmen, wenn die nehmende Person links ist. Daher sieht die Korrespondenz zwischen den Wahrnehmungsaktivitäten und den sprachlichen Formgebungsaktivitäten bei der gespiegelten Szene (die eigentlich das Originalbild ist) so aus wie in Abbildung 7-7. 7.2 Geben ist seliger denn Nehmen? Kippende Verben und Standortgebundenheit 153 <?page no="154"?> Wann wirkt die Präferenz? Abbildung 7-7: Partiell dargestellte Korrespondenz zwischen der Wahrnehmungsstruktur der Schlüssel‐ szene (Nehmer links) und der Satzstruktur Im vorliegenden Kapitel geht es um den Einfluss des Standpunkts und der Perspektive in der Wahrnehmung auf sprachliche Formgebungs- und Verstehensaktivitäten. Nun ist die Von-links-nach-rechts-Präferenz eine Präferenz in Bezug auf Sachverhaltsdarstellun‐ gen. Das heißt nicht zugleich, dass es auch eine Präferenz in Bezug auf die Sachverhalte selbst ist. Wenn wir die Situation in den Abbildungen mit dem Schlüssel in die Wirklich‐ keit verlagern würden, würden wir die Szene beim einen Mal so betrachten, dass sich Hellix links vor uns befindet, und beim anderen Mal so, dass sich Dunklix links vor uns befindet. Im dreidimensionalen Raum entspräche das zwei einander gegenüberliegenden Standpunkten mit ihren jeweiligen Perspektiven. Es ist nicht klar, ob und inwiefern un‐ ter „realen“, dreidimensionalen Alltagsbedingungen, also ohne Darstellung, ohne artifi‐ zielle Projektion, ohne Verflachungstechnik, die Von-links-nach-rechts-Präferenz noch wirksam wäre. Daher ist es schwierig, den Effekt ohne Weiteres als Perspektivitätsef‐ fekt zu verbuchen. Im Grunde ist es ein durch eine Darstellung vermittelter Effekt an‐ konditionierter simulierter Perspektivität. Wir werden im Folgenden noch sehen, dass es neben der Von-links-nach-rechts-Prä‐ ferenz noch andere Faktoren gibt, die eindeutig mit der Wahrnehmung „realer“ Szenen (ohne Projektion, ohne Verflachungstechnik) zu tun haben und damit zusammenhän‐ gen, wie wir Sachverhalte verbalisieren. Sie sind oben bereits angeklungen in „Wenn alle anderen Faktoren gleich sind, tendieren wir dazu …“. Da es sich bei diesem hier um ein Buch handelt, in dem sich ausschließlich Darstellungen befinden, sind die Von-links-nach-rechts-Präferenz und andere Effekte, die mit der Darstellung von Sachverhalten einhergehen, bei der Diskussion weiterer Effekte nie ausschaltbar. Daher musste der Links-rechts-Effekt hier Erwähnung finden. Er wird wiederkehren und dann müssen wir ihn mitbedenken. Werfen wir noch einen genaueren Blick auf die (simulierte) Perspektivität, die bei der Schlüsselszene im Spiel ist, und ihre sprachlichen Reflexe. Klar dürfte sein, dass es sich um zwei (simulierte) Perspektiven auf dasselbe Ereignis handelt. Niemand würde be‐ streiten, dass Hellix gibt Dunklix einen Schlüssel und Dunklix nimmt einen Schlüssel von Hellix im Kontext eines Bildes und dessen Spiegelung zwei Verbalisierungen desselben 154 7 Mal verliert man, mal gewinnen die anderen: Perspektivinstruktionen <?page no="155"?> 18 Quelle: Fliegende Blätter, 23.10.1892, S. 17, modifiziert. DOI: https: / / doi.org/ 10.11588/ diglit.2137#0147. Vergleich zum Kippbild Kippereignis / Kippeventualität Ereignisses sind. Darin ähneln das Bild und seine Versprachlichung dem bekannten Phänomen des sogenannten Kippbilds. Abbildung 7-8 ist ein solches Kippbild. Abbildung 7-8: Kippbild 18 Was erkennen Sie in dem Kippbild? Ein Kaninchen oder eine Ente? Wir erkennen darin ein Objekt (im weitesten Sinne), während wir in den Bildern mit dem Schlüssel ein Ereignis erkennen, in dem mehrere Objekte in einer bestimmten Beziehung zueinander stehen. Mit Kaninchen und Ente stehen prägnante Bezeichnungen dafür zur Verfügung, so wie für das Schlüsselereignis mit geben und nehmen prägnant zwei Verben zur Verfügung stehen, die durch ihre symbolischen Auslagerungen zugleich eine Äußerungsstruktur mit festlegen: Das Subjekt eines Aktivsatzes mit geben ist der Geber, das Subjekt eines Aktivsatzes mit nehmen der Nehmer. Wir können nicht zugleich ein Kaninchen und eine Ente erkennen, aber wir können mit ein wenig Übung zwischen dem Erkennen als Kaninchen und dem Erkennen als Ente hin- und herspringen. Ebenso können wir das Schlüsselereignis nicht gleichzeitig als Geben-Ereignis und als Nehmen-Ereignis nachvollziehen. Ein sensomotorischer Nach-Vollzug würde beinhalten, entweder das Geben oder das Nehmen nachzuvollzie‐ hen. Wenn Sie beide nachvollziehen, dann nur nacheinander. (Wir könnten - bisher unbeachtet - auch aus der Perspektive des Schlüssels nach-vollziehen: Der Schlüssel geht von Hellix zu Dunklix. Dass wir das eher nicht tun, weist auf einen weiteren Faktor hin, den wir noch thematisieren werden.) Insofern können wir in Analogie zum Kippbild oben mit dem Kippobjekt Kaninchen/ Ente das Schlüsselereignis als ein Beispiel für ein Kippbild mit einem Kippereignis oder einer Kippeventualität bezeichnen. Der Ausdruck Eventualität umfasst Zustände, Aktivitäten, Prozesse, Ereignisse und Situationen. Je nachdem, als was wir das Ereignis erkennen, kippt dessen Identität hin zu Geben oder zu Nehmen (oder zum Gehen von … zu …). Und insofern wir mit den Verben geben und nehmen beziehungsweise mit den Äu‐ ßerungen, in denen sie vorkommen, dasselbe Ereignis beschreiben können, können wir 7.2 Geben ist seliger denn Nehmen? Kippende Verben und Standortgebundenheit 155 <?page no="156"?> kippende Verben asymmetrische kippende Verben symmetrische kippende Verben solche Verbpaare als kippende Verben bezeichnen. Sie kippen das Erkennen einer Kipp-Eventualität in die eine oder andere Richtung. Es gibt im Deutschen eine Reihe von lexikalischen Verben, die zum Ausdruck derselben Eventualität geeignet sind, was den Vorstellungsinhalt betrifft, zu deren simuliertem Erleben sie aber auf unterschiedliche Art und Weise instruieren. Dieser Unterschied betrifft den Standpunkt und die Perspektive des Gegenstands, der simulativ eingenommen wird, und er äußert sich in der Formgebung darin, was zum Subjekt des Satzes gemacht wird. Eine Reihe von Paaren von kippenden Verben sind in Tabelle 7-1 erfasst. x gibt y z y nimmt z von x x gibt y z y bekommt z von x x schickt y z y empfängt z von x x ängstigt y y fürchtet (sich vor) x x jagt y y flieht vor x x gewinnt gegen y y verliert gegen x Tabelle 7-1: Beispiele für Paare von asymmetrischen kippenden Verben im Deutschen Die Beispiele in Tabelle 7-1 stellen asymmetrische kippende Verben dar. Die darin beteiligten Wahrnehmungs- oder Vorstellungsobjekte stehen in den betreffenden Zu‐ ständen und Ereignissen nicht in einer symmetrischen Beziehung zueinander. X verhält sich zu y anders, als y sich zu x verhält. Wenn Sie schicken, tun Sie andere Dinge, als wenn Sie empfangen. Innerhalb der asymmetrischen kippenden Verben gibt es noch einen Unterschied. Bei manchen kippenden Verben ist die Umkehrung, die mit dem Kippen einhergeht, inhärent und dadurch notwendig: Wenn x gegen y gewinnt, trifft immer zugleich zu, dass y gegen x verliert. Bei anderen ist die Umkehrung nicht inhärent und nicht notwendig, sondern kontingent (= es könnte auch anders sein). Wenn x y etwas schickt, heißt das nicht zugleich, dass y das Geschickte auch empfängt. Spätestens in Zeiten von Sendungsnachverfolgungen und „Bitte Ablageort wählen“ dürfte das unmittelbar einsichtig sein. Wenn man eine Sendungsnachverfolgung stellen muss, hat man das Gesendete weder empfangen noch erhalten, und wenn es an einem vereinbarten Ablageort abgelegt wurde, hat man es erhalten, aber nicht empfangen. Neben den asymmetrischen kippenden Verben gibt es auch symmetrische kip‐ pende Verben wie die Beispiele in Tabelle 7-2. x ähnelt y y ähnelt x x gleicht y y gleicht x Tabelle 7-2: Beispiele für Paare von symmetrischen kippenden Verben im Deutschen 156 7 Mal verliert man, mal gewinnen die anderen: Perspektivinstruktionen <?page no="157"?> 19 Quelle: Pixabay/ Alexas_Fotos, modifiziert. Experiment 1 Antwortvor‐ schläge 1 Bei diesen kippenden Verben verhält sich x gegenüber y so, wie sich y gegenüber x verhält, und dass es so ist, ist dem Ähneln und dem Gleichen inhärent. Die Satzpaare unterscheiden sich nur darin, wessen Perspektive wir (simulativ) einnehmen. Mit der folgenden Tabelle 7-3 können wir diesen Abschnitt zusammenfassen. Das Wahrnehmungsobjekt mit diesen Eigen‐ schaften wird tendenziell perspektiviert und als Subjekt eines kippenden Verbs versprach‐ licht Das Wahrnehmungsobjekt mit diesen Eigen‐ schaften wird tendenziell nicht perspektiviert und nicht als Subjekt eines kippenden Verbs versprachlicht links abgebildet/ dargestellt rechts abgebildet/ dargestellt … … Tabelle 7-3: Merkmale, die bei kippenden Verben zur Perspektivübernahme und zur Versprachlichung als Subjekt führen (vorläufig) 7.3 Nichts für Phlegmatiker: Wer Subjekt werden will, muss Initiative zeigen Ein weiteres Experiment: Abbildung 7-9 zeigt eine Szene mit einer hellen und einer dunklen Figur. Stellen Sie sich nun vor, dass sich hier eine Szene entfaltet, die Sie wahrnehmen. Wie könnten Sie, ohne lange nachzudenken, in einem Satz verbalisieren, was Sie wahrnehmen, wenn jemand Sie fragte, was dort passiert? Abbildung 7-9: Keks zwischen Personen 19 Nach meiner Erfahrung mit Studierenden ist die naheliegendste Äußerungsform eine solche, in der ein Geben-Ereignis verbalisiert wird: Die dunkle Figur oder Dunklix gibt der hellen Figur oder Hellix einen Keks. Ebenso möglich, aber vielleicht spontan nicht 7.3 Nichts für Phlegmatiker: Wer Subjekt werden will, muss Initiative zeigen 157 <?page no="158"?> 20 Quelle: Pixabay/ Alexas_Fotos, gespiegelt Experiment 2 Antwortvor‐ schläge 2 ganz so naheliegend wäre die Variante mit bekommen: Hellix bekommt einen Keks von Dunklix oder so ähnlich. Natürlich haben Sie schon erraten, dass nun dasselbe mit dem gespiegelten Bild kommt. Richtig: Wir müssen es ebenfalls beachten, denn Sie wissen ja nun über die Von-links-nach-rechts-Präferenz Bescheid. Also gehen Sie noch einmal möglichst un‐ befangen in sich und versprachlichen Sie, ohne lange nachzudenken, in einem Satz, was in Abbildung 7-10 passiert. Abbildung 7-10: Keks zwischen Personen 20 Wenn schon in der Variante mit Hellix auf der linken Seite unsere bevorzugte Verba‐ lisierung eine mit geben ist, dann dürfte infolge der Von-links-nach-rechts-Präferenz eine Äußerung mit geben erst recht die bevorzugte sein, wenn Dunklix auf der linken Seite abgebildet ist. Umgekehrt würden wir hier eine Verbalisierung als Hellix bekommt einen Keks von Dunklix nicht ausschließen, aber wir würden diese Äußerung gegenüber der anderen schon deutlicher dispräferieren. Das heißt, unsere Verbalisierungspräfe‐ renzen dürften in etwa so aussehen wie in Abbildung 7-11. Abbildung 7-11: Wahrscheinliche Bewertung der Verbalisierung der Keksszene 158 7 Mal verliert man, mal gewinnen die anderen: Perspektivinstruktionen <?page no="159"?> zusätzlicher Faktor Initiative / Aktivität / Kraft Für die Variante mit Hellix auf der linken Seite (Abbildung 7-11-links) hatten wir auch schon eine Präferenz für die geben-Variante über die bekommen-Variante konstatiert, sie rechtfertigen aber beide eine gute Beurteilung gegenüber der sehr guten geben-Va‐ riante und der mittelmäßigen bekommen-Variante bei Hellix auf der rechten Seite (Abbildung 7-11-rechts). Im Vergleich zu den bevorzugten Verbalisierungen des Schlüsselereignisses im vo‐ rigen Abschnitt zeigen sich hier zwei Unterschiede. Erstens hatten wir bei der Schlüs‐ selübergabe die Perspektive des Rezipienten durch die Wahl von nehmen übernommen: Dunklix nimmt einen Schlüssel von Hellix oder ähnlich, während wir es bei der Keks‐ übergabe mit bekommen getan haben: Hellix bekommt einen Keks von Dunklix. Zweitens bevorzugen wir die geben-Variante im Keksszenario stärker gegenüber der Konkur‐ renzvariante als im Schlüsselszenario, und zwar auch dann, wenn wir die Von-links-nach-rechts-Präferenz einkalkulieren. Hellix bekommt einen Keks von Dun‐ klix ist selbst dann nicht ganz so passend wie die geben-Variante, wenn Hellix links abgebildet ist. Mit anderen Worten: Der Angemessenheitsunterschied kann nicht allein auf die Von-links-nach-rechts-Präferenz zurückzuführen sein. Die beiden Unterschiede hängen zusammen: In der Keksszene erscheint die Wahl von nehmen gegenüber bekommen als unangemessen: Hellix nimmt nichts, weil Hellix’ Gummikörperhaltung für den gelungenen Gebrauch von nehmen nicht genug Aktivität signalisiert. Um genau zu sein, genügt die Hände aufzuhalten nicht, um als Nehmen zu gelten. Zum Nehmen gehört, den Arm auf das zu Nehmende hinzubewegen und dabei die Hand (oder ein anderes Nehminstrument) in eine Haltung zu bringen, die ein Er‐ greifen ermöglicht und vorbereitet. Davon kann bei Hellix hartgummihafter Rezeptionshaltung gegenüber dem Keks nicht die Rede sein. Anders in der Schlüsselszene, in der Dunklix genau diese Aktivität und Initiative im eigenen Handeln an den Tag legt. Dagegen ist die körperlich passivere, aber kognitiv aktive Erwartungshaltung und das bloße „Hände Aufhalten“ angesichts der Gebehandlung des Gegenübers angemessen als bekommen beschreibbar. Der Faktor, der hier im Spiel ist, ist also initiatives Handeln/ Verhalten und Aktivität (von lat. initium ‚Anfang‘). Initiative/ Aktivität/ Kraftausübung Wenn alle anderen Faktoren gleich sind, tendieren wir dazu, den Wahrnehmungs‐ gegenstand zum Subjekt zu machen, der Bewegungsinitiative zeigt, aktiv ist oder Kraft ausübt, anstatt sich erst später zu bewegen, in diesem Sinne passiv und von der Kraftausübung betroffen zu sein. Und was Subjekt wird, dessen Perspektive vollziehen wir simulativ nach. In diesem Sinne können wir die im vorigen Abschnitt begonnene Tabelle in der folgenden Tabelle 7-4 fortsetzen. 7.3 Nichts für Phlegmatiker: Wer Subjekt werden will, muss Initiative zeigen 159 <?page no="160"?> 21 Quelle: Pexels/ Gustavo Fring, rechts gespiegelt. Experiment Antwortvorschläge Das Wahrnehmungsobjekt mit diesen Ei‐ genschaften wird tendenziell perspektiviert und als Subjekt eines kippenden Verbs ver‐ sprachlicht Das Wahrnehmungsobjekt mit diesen Eigen‐ schaften wird tendenziell nicht perspektiviert und nicht als Subjekt eines kippenden Verbs versprachlicht links abgebildet/ dargestellt rechts abgebildet/ dargestellt initiativ, aktiv, Kraft ausübend später beteiligt, passiv, von Kraft affiziert … … Tabelle 7-3: Merkmale, die bei kippenden Verben zur Perspektivübernahme und zur Versprachlichung als Subjekt führen (erweitert) 7.4 Nichts für Introvertierte: Wer Subjekt werden will, muss in den Vordergrund Nähern wir uns dem nächsten Faktor, der unsere (simulierte) Standpunkt- und Per‐ spektiveinnahme beeinflusst. Dazu ein weiteres Experiment: Um die Von-links-nach-rechts-Präferenz zu berücksichtigen, präsentiere ich diesmal gleich beide Szenen, eine Ausgangsvariante und ihr Spiegelbild, nebeneinander. Stellen Sie sich also wieder vor, dass sich hier eine Szene entfaltet, die Sie wahrnehmen. Wie könnten Sie, ohne lange nachzudenken, in einem Satz verbalisieren, was Sie wahrneh‐ men, wenn jemand Sie fragte, was dort passiert? Tun Sie dies zunächst für das eine, dann für das andere Bild. Abbildung 7-12: Schlüsselpaar zwischen Personen 21 Unter Berücksichtigung der vorangegangenen Beobachtungen können wir hier sagen: Wir haben es anscheinend wieder mit bloßem Handaufhalten auf Seiten der Person mit Undercut zu tun, während die lockige Person wieder gibt. Nennen wir sie Undercut und Locky. Dies sollte, wenn alle anderen Faktoren gleich sind, zu einer relativ starken Be‐ vorzugung einer Variante mit geben führen, etwa Locky gibt Undercut ein Paar Schlüssel. 160 7 Mal verliert man, mal gewinnen die anderen: Perspektivinstruktionen <?page no="161"?> weiterer Faktor Falls Sie nun - was zu vermuten ist - widersprechen und Sie hier die Variante mit bekommen eigentlich ganz gut finden - Undercut bekommt ein Paar Schlüssel von Locky -, dann müsste man darüber nachzudenken, ob hier ein weiterer Faktor im Spiel ist, der in unseren Präferenzen sozusagen gegen den Faktor Initiative/ Aktivität/ Kraftaus‐ übung wirkt. Dieser Faktor betrifft die Vordergrund-Hintergrund-Gliederung im Wahrnehmungsfeld. Vordergrund/ Hintergrund Wenn alle anderen Faktoren gleich sind, tendieren wir dazu, den Wahrnehmungs‐ gegenstand zum Subjekt zu machen, der sich in unserem Wahrnehmungsfeld im Vordergrund befindet. Dieser Unterschied ist in Abbildung 7-12 eher subtil, aber Undercut ist die Person im Vordergrund und Locky die im Hintergrund. Um den Faktor deutlicher hervorzuheben und seinen Einfluss zu demonstrieren, können wir zwei alte Bekannte aus Kapitel 6 zu Hilfe nehmen: den Strauß und die Läuferin. Wir haben es mit zwei aktiven Wahrnehmungs- oder Vorstellungsgegenständen zu tun, die jeweils links oder rechts abgebildet und im Vordergrund oder Hintergrund sein können. Abbildung 7-13 enthält diese Möglichkeiten in einer graphisch stilisierten Form. Abbildung 7-13: Läuferin und Strauß jagen und fliehen (vor)einander sowie wahrscheinliche Bewertungen 7.4 Nichts für Introvertierte: Wer Subjekt werden will, muss in den Vordergrund 161 <?page no="162"?> Experiment Antwortvorschläge Sofern die vorherigen Experimente Ihre Intuitionen nicht schon durcheinanderge‐ bracht haben, fragen Sie sich für die vier Graphiken, welche der beiden Möglichkeiten ihrer Versprachlichung Sie bevorzugen würden. Die Ergebnisse meiner bisherigen Befragungen von Studierenden sehen so aus, dass der Faktor Vordergrund-Hintergrund hier stärker als die Von-links-nach-rechts-Prä‐ ferenz ist, so dass jeweils das Objekt im Vordergrund als Subjekt tendenziell bevorzugt wird, unabhängig davon, ob es links oder rechts abgebildet ist. Die Alternativ-Verba‐ lisierung, bei der der Wahrnehmungsgegenstand im Hintergrund als Subjekt ausge‐ drückt wird, ist jedoch nicht so akzeptabel, wenn es rechts abgebildet ist wie in den beiden Szenen auf der linken Seite in Abbildung 7-13. Abbildung 7-14 stellt schließlich noch einmal partiell die Korrespondenz zwischen der schematischen Wahrnehmungsstruktur und der vereinfachten Dependenzstruktur des Satzes dar. Im Vordergrund zu sein, geht, wenn alle sonstigen Faktoren gleich sind, tendenziell damit einher, „in Perspektive genommen“ und als Subjekt versprachlicht zu werden. Abbildung 7-14: Partiell dargestellte Korrespondenz zwischen der Wahrnehmungsstruktur der Strau‐ ßenszene (Strauß rechts, Rolle: Jagender) und der Satzstruktur Den Befunden zum Faktor Vordergrund/ Hintergrund entsprechend, können wir die Tabelle mit den wahrnehmungs- und vorstellungsbezogenen Faktoren erweitern, die die Subjekt- und Perspektivwahl beeinflussen. 162 7 Mal verliert man, mal gewinnen die anderen: Perspektivinstruktionen <?page no="163"?> eine verges‐ sene Per‐ spektive Experiment Das Wahrnehmungsobjekt mit diesen Eigen‐ schaften wird tendenziell perspektiviert und als Subjekt eines kippenden Verbs versprach‐ licht Das Wahrnehmungsobjekt mit diesen Eigen‐ schaften wird tendenziell nicht perspektiviert und nicht als Subjekt eines kippenden Verbs versprachlicht links abgebildet/ dargestellt -initiativ, aktiv, Kraft ausübend rechts abgebildet/ dargestellt -später beteiligt, passiv, von Kraft affiziert im Vordergrund im Hintergrund ... ... Tabelle 7-3: Merkmale, die bei kippenden Verben zur Perspektivübernahme und zur Versprachlichung als Subjekt führen (erweitert) Man sollte beim Blick auf diese Faktoren aber stets bedenken, dass sie auch gegenein‐ ander wirken können und einer den anderen aushebeln kann. 7.5 Nichts für Fremde/ s: Wer Subjekt werden will, muss so sein wie ich Ein weiterer Faktor soll bei den kippenden Verben noch zur Sprache kommen, der ebenfalls mit unserem In-der-Welt-Sein zusammenhängt. Er hat nicht unmittelbar etwas mit der Beziehung zwischen den Wahrnehmungs- oder Vorstellungsobjekten zu tun, sondern mit intrinsischen Eigenschaften der involvierten Objekte. Wir können dabei zum einen auf die bisherigen Experimente mit den Schlüsseln und dem Keks zurückgreifen. Eine dritte Möglichkeit, diese Ereignisse zu versprachlichen, neben denen, einen Satz mit geben oder einen mit nehmen/ bekommen zu äußern und dabei die Geber oder Rezipienten zum Subjekt zu machen, ist bisher nur kurz am Rande vorgekommen: nämlich, das Gegebene zum Subjekt zu machen: Der Schlüssel bezie‐ hungsweise der Keks geht von Hellix zu Dunklix oder umgekehrt, oder von Locky zu Undercut. Wieso wählen wir nicht eine solche Variante? Wieso vollziehen wir das Ge‐ schehen nicht aus der Perspektive des Kekses oder der Schlüssel nach? Jeder mag doch Kekse. Wir verschieben die Antwort noch einmal und machen ein weiteres Experiment. Einst gab es einen Schachcomputer namens Deep Blue, der in die Geschichte einge‐ gangen ist: Ein Wettkampf zwischen dem Schachweltmeister Garri Kasparow und Deep Blue ist 2,5 zu 3,5 ausgegangen. Stellen Sie sich vor, Sie verfolgen gerade das für diesen Ausgang entscheidende Match. Jemand kommt dazu und fragt, wie das Match läuft, und Sie antworten, ohne lange nachzudenken: Deep Blue gewinnt gerade gegen Kasparow. Kasparow verliert gerade gegen Deep Blue. 7.5 Nichts für Fremde/ s: Wer Subjekt werden will, muss so sein wie ich 163 <?page no="164"?> weiterer Faktor Beide Antworten wären sicherlich angemessen und naheliegend. Dennoch würde sich wahrscheinlich die Mehrheit von uns für die Antwort Kasparow verliert gerade gegen Deep Blue entscheiden. Die Gründe sind ähnliche wie diejenigen, die uns in den Schlüssel- und Keksszenen nicht die Schlüssel oder den Keks als Subjekt versprachlichen lassen. Ähnlichkeit/ Nähe Wenn alle anderen Faktoren gleich sind, tendieren wir nämlich dazu, den Wahr‐ nehmungsgegenstand zum Subjekt zu machen, der uns selbst subjektiv ähnlicher ist beziehungsweise zu dem wir die größere emotional-affektive Nähe haben. Diese Ähnlichkeit oder oft durch sie bedingte Nähe zum Selbst lässt sich auf einer Skala abtragen, die in der Linguistik berühmt ist und wahlweise Belebtheits- oder Empathiehierarchie genannt wird. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit lässt sich eine Version davon wie im unten stehenden Infokasten formulieren. Belebtheits-/ Empathiehierarchie Selbst > verwandt > andere Menschen > nicht humane Lebewesen > unbelebte Gegenstände > Orte > unbelebtes Amorphes Die Skala ist eine solche der absteigenden subjektiven Ähnlichkeit und korrela‐ tiv dazu eine der absteigenden emotional-affektiven Nähe zum Selbst. Es gibt noch zahlreiche Zwischenstufen und Binnendifferenzierungen: Unter den nicht menschlichen Entitäten rangieren beispielsweise stets diejenigen höher, die stärker anthropomorph sind, beispielsweise Puppen gegenüber Tassen bei den unbelebten Gegenständen oder Erdmännchen gegenüber Weinbergschnecken bei den nicht humanen Lebewesen. Die Ähnlichkeit kann die physische Gestalt sowie physi‐ sche und (scheinbar) kognitive Fähigkeiten betreffen. Deshalb können Roboter, sogenannte „künstliche Intelligenzen“ und andere Automaten (wie zum Beispiel Schachcomputer) weit oben in der Skala rangieren. Die Belebtheits-/ Empathiehierarchie dürfte ein Resultat evolutionärer Prozesse sein, die unsere vitalen Interessen wie Sicherheit, aber auch Handlungschancen bedienen. Deshalb entzieht sie sich unter kognitiver Belastung auch oft unserer Kontrolle. Die Kehrseite der Medaille ist, dass in ihr auch ein latenter Rassismus begründet ist, denn wir sind auch nicht gefeit vor Subdifferenzierungen innerhalb der Einheit „Menschen“. Sie im Denken und Handeln zu überwinden, ist eine zivilisatorische und kulturelle Errungenschaft (siehe dazu auch die Ausführungen zum Vetopotenzial in Abschnitt 9.3). Auf Sprache bezogen, zeigt sich die Wirksamkeit der Hierarchie sowohl in den verbor‐ genen Ordnungen (Grammatik) der Sprachen der Welt als auch in Aspekten unserer 164 7 Mal verliert man, mal gewinnen die anderen: Perspektivinstruktionen <?page no="165"?> Anthropomorphisierung weitere Faktoren sprachlichen Formgebungs- und Verstehensaktivitäten. Die Versprachlichung eines Wahrnehmungs- oder Vorstellungsgegenstandes als Subjekt ist einer davon. In Kontexten wie dem des Schachduells dürfte die Belebtheits-/ Empathiehierarchie wirksam werden, indem wir Deep Blue ein Stück weit - nämlich hinsichtlich seiner (scheinbaren) kognitiven Fähigkeiten, seiner (scheinbaren) strategischen Kompetenz - anthropomorphisieren. Deshalb sprechen wir auch in bestimmten Kontexten über ihn, wie wir über Menschen sprechen. Das Phänomen ist uns auch von großen Sprachmo‐ dellen wie ChatGPT bekannt, die von vielen in der Interaktion sogar gegrüßt werden. Was Deep Blues physische Gestalt betrifft, stand Kasparow einem Computer in Ge‐ stalt eines einfachen Heimcomputers gegenüber, dessen errechnete Züge ein Mensch ausführte. Das heißt, dass im obigen Experiment Deep Blue erheblich „belebter“ ist als irgendein anderer unbelebter Gegenstand, der aber zu keinerlei (semi-)automatischer Aktivität fähig ist, schon gar keiner intelligent anmutenden. Das qualifiziert ihn für uns dazu, in unseren sprachlichen Formgebungsaktivitäten zum Subjekt des Verbs gewinnen werden zu können. Er ist aber weniger belebt als Garri Kasparow, weswegen wir es im Vergleich immer noch präferieren, diesen als Subjekt zu versprachlichen: Vor diesem Hintergrund können wir noch ein letztes Mal die Tabelle mit den Faktoren erweitern, die zur Versprachlichung eines Wahrnehmungs-/ Vorstellungsgegenstands als Subjekt beitragen. Das Wahrnehmungsobjekt mit diesen Eigen‐ schaften wird tendenziell perspektiviert und als Subjekt eines kippenden Verbs versprach‐ licht Das Wahrnehmungsobjekt mit diesen Eigen‐ schaften wird tendenziell nicht perspektiviert und nicht als Subjekt eines kippenden Verbs versprachlicht links abgebildet/ dargestellt rechts abgebildet/ dargestellt initiativ, aktiv, Kraft ausübend später beteiligt, passiv, von Kraft affiziert im Vordergrund im Hintergrund höher belebt niedriger belebt Tabelle 7-3: Merkmale, die bei kippenden Verben zur Perspektivübernahme und zur Versprachlichung als Subjekt führen (final) Selbstverständlich kann es noch weitere Faktoren geben, die hier eine Rolle spielen. Hier stehen solche Faktoren im Vordergrund, die der Leitidee des Buchs verpflichtet 7.5 Nichts für Fremde/ s: Wer Subjekt werden will, muss so sein wie ich 165 <?page no="166"?> Topikalität sind: sprachliche Formgebungs- und Verstehensaktivitäten so weit wie möglich aus nichtsprachlichen Eigenschaften und Fähigkeiten des Menschen sowie der Eigenlogik des Zeichengebrauchs heraus zu verstehen. Deshalb ist ein sprachlicher Faktor hier nicht eigens behandelt worden: die soge‐ nannte Topikalität eines Diskursgegenstands. Im Textzusammenhang folgen Äuße‐ rungen anderen Äußerungen und gehen weiteren Äußerungen voran. Dabei ist oft von denselben oder wiederkehrenden Diskursgegenständen die Rede. Ein Diskursgegen‐ stand, der einmalig oder fortgesetzt das Thema (Topik) einer oder mehrerer Äußerun‐ gen ist - über den also etwas ausgesagt wird -, wird auch bevorzugt als Subjekt reali‐ siert. Dieser Faktor ist mehr der Logik der Textorganisation zuzurechnen als dem Erleben außersprachlicher Sachverhalte. Erinnern Sie sich an die Keksszene in Abbildung 7-11-rechts. Dunklix ist links abgebildet sowie der handelnde, initiative Part und hält Hellix einen Keks entgegen. Alle sonstigen Faktoren sind neutralisiert. Hellix bekommt … war hier gegenüber Dunklix gibt … nicht naheliegend, wenn keine Information besonders im Fokus steht. Wenn Hellix allerdings Thema/ Topik ist, weil nach ihr gefragt wird, ist es wieder deutlich naheliegender, Hellix als Subjekt zu realisieren: Aufgabe Überlegen Sie, welche sprachlichen Möglichkeiten sich Ihnen bieten, verschie‐ dene Perspektiven auf denselben Sachverhalt einzunehmen, wenn Sie keine kippenden Verben wie geben-bekommen, jagen-fliehen, gewinnen-verlieren zur Verfügung haben. In den folgenden Abschnitten werden solche Möglichkeiten thematisiert. Wenn Sie also selbst Antworten finden möchten, lesen Sie erst danach weiter. 7.6 Und wenn es kein kippendes Verb gibt? Diathese als kippende Sätze Auf jeden Sachverhalt sind unterschiedliche Perspektiven möglich. Wenn wir einen Sachverhalt wahrnehmen und darin mindestens zwei Wahrnehmungsgegenstände involviert sind, kann es im Deutschen ein Verb geben, mit dem einer davon zum Subjekt gemacht werden kann. So ist es bei jagen. Ein Satz wie Eine Läuferin jagt einen Strauß instruiert uns dazu, eine Läuferin als diejenige, die jagt, simuliert wahrzunehmen. Zugleich simulieren wir damit eine Perspektive, die die Läuferin in Perspektive nimmt. 166 7 Mal verliert man, mal gewinnen die anderen: Perspektivinstruktionen <?page no="167"?> lexikalische Lücken Diathese Passiv kippende Sätze Würden wir den Strauß in Perspektive nehmen wollen oder dazu instruiert werden sollen, stünde dazu das kippende Gegenstück zu jagen zur Verfügung - fliehen (vor). Aber was ist, wenn es kein kippendes Gegenstück zu einem bestimmten Verb gibt? Haben wir dann keine Möglichkeit, den anderen Wahrnehmungsgegenstand in Per‐ spektive zu nehmen? Es bestünde eine lexikalische Lücke im Deutschen. Wir hätten in einem solchen Fall die Möglichkeit, den Sachverhalt so zu umschrei‐ ben, dass die Perspektivierung trotzdem gelingt. Solche Umschreibungen nennt man Periphrasen. Das kann allerdings auf Kosten der Prägnanz gehen, also des kompaktestmöglichen und zugleich treffenden Ausdrucks des Sachverhalts. Wenn Dunklix Hellix sieht und wir möchten Hellix in Perspektive nehmen, dann haben wir kein Verb, das ein kippendes Gegenstück zu sehen wäre. Wir können eine Periphrase verwenden, indem wir sagen, dass Hellix sich im Sichtfeld von Dunklix befindet. Dies ist zugleich ein Äußerungsmuster, das man Funktionsverbgefüge nennt und das sich vielleicht sogar aus Gründen der Perspektivierbarkeit des Subjekts verfestigt hat. Zugleich ist es aber weniger prägnant als die Variante mit bloßem Verb und damit stilistisch nicht optimal. Neben Funktionsverbgefügen gibt es noch eine weitere Möglichkeit, Wahrneh‐ mungs- und Vorstellungsgegenstände wie das Gesehene bei sehen zu perspektivieren: die sogenannte Diathese. Als Diathese bezeichnet man rein grammatische Mittel, mit denen sich die inhaltlichen, semantischen Rollen, die Gegenstände in Sachverhalten spielen, sprachlich auf verschiedene Weise ausdrücken lassen. Dass es sich um gram‐ matische Mittel handelt, unterscheidet die Diathese beispielsweise von kippenden Ver‐ ben, die ein lexikalisches Mittel darstellen, um Gegenstände in Sachverhalten sprach‐ lich unterschiedlich auszudrücken. Bei jagen ist die Rolle des Jägers als Subjekt versprachlicht, bei fliehen als Objekt. Und bei einem Funktionsverbgefüge wie sich im Sichtfeld von y befinden handelt es sich zwar um ein grammatisches Muster, aber nicht um ein rein grammatisches Muster, denn mit befinden ist zusätzlich ein Verb im Spiel, das zur simulierten Wahrnehmung beiträgt, wenn auch nur ein bisschen, und mit Sichtfeld ist ein neues Substantiv für etwas dazugekommen, das kein Objekt der Wahr‐ nehmung oder Vorstellung ist. Dies ist bei den Diathesen anders. Das bekannteste Diathesenpaar ist traditionell auch als Genus verbi bekannt und dahinter verbirgt sich der Unterschied zwischen Aktiv und Passiv. Passive werden im Deutschen mit einem Hilfsverb und einem Partizip II des Pen‐ dants des Aktiv-Vollverbs gebildet. Dunklix sieht Hellix und Hellix wird von Dunklix gesehen. Solche Passive sind ebenfalls Periphrasen, aber eben rein grammatische. Im Aktiv wird die Rolle des Sehers als Subjekt versprachlicht, im Passiv die Rolle des Ge‐ sehenen. In Analogie zu kippenden Verben kann man bei Aktiv und Passiv von kip‐ penden Sätzen sprechen. Offensichtlich kann das Passiv dazu dienen, Wahrnehmungs- und Vorstellungsge‐ genstände in Perspektive zu nehmen, für die es kein kippendes Verb gibt, mit dem das ebenfalls möglich wäre. So füllen Diathesen lexikalische Lücken. 7.6 Und wenn es kein kippendes Verb gibt? Diathese als kippende Sätze 167 <?page no="168"?> Experiment Antwortvorschläge Experiment 7.7 Fliehen oder gejagt werden? Kippende Verben und Diathesen in Konkurrenz I Passivdiathesen füllen nicht nur lexikalische Lücken, wenn es zu einem Verb kein kip‐ pendes lexikalisches Gegenstück gibt. Sie können auch in eine virtuelle Konkurrenz zueinander treten, denn beide sind Versprachlichungen der Perspektivierung desselben Wahrnehmungs- oder Vorstellungsgegenstands. Dazu brauchen wir lediglich noch einmal auf ein Beispielszenario von oben zurückzugreifen (siehe Abbildung 7-15). Wie könnten Sie, ohne lange nachzudenken, in einem Satz verbalisieren, was Sie wahrneh‐ men, wenn jemand Sie fragte, was dort passiert? Abbildung 7-15: Läuferin (vorne und links) und Strauß (hinten und rechts) Eine Läuferin flieht vor einem Strauß ist die wohl bevorzugte Variante mit den kippen‐ den Verben jagen und fliehen. Aber ähnlich angemessen erscheint Eine Läuferin wird von einem Strauß gejagt. Nun stellt sich die Frage, unter welchen Umständen wir die kippende Variante eines lexikalischen Verbs verbalisieren und unter welchen anderen wir ein Passiv äußern, wenn beide Formgebungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Vergleichen wir das obige Szenario mit dem folgenden in Abbildung 7-16. Was würden Sie hier sagen? 168 7 Mal verliert man, mal gewinnen die anderen: Perspektivinstruktionen <?page no="169"?> Antwortvorschläge Faktor Initiative & Co. umgedreht Abbildung 7-16: Läuferin (vorne und links) und Strauß (hinten und rechts) (umgekehrt) Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass Sie hier einen Aktivsatz wie Eine Läuferin jagt einen Strauß äußern würden, aber recht niedrig für ein Passiv wie Ein Strauß wird von einer Läuferin gejagt. Der Grund dafür ist Folgender: Bei kippenden Verben und bei kippenden Sätzen (Diathese) sind weitgehend dieselben Faktoren im Spiel, durch die die (simulierte) Perspektive und die Subjektwahl mitbestimmt werden. Die Läuferin ist in den beiden obigen Szenen jeweils links, im Vordergrund und hoch belebt. Dies lässt uns dazu tendieren, sie in Perspektive zu nehmen und als Subjekt zu verbalisieren. Oben flieht sie und wird verfolgt, unten jagt sie und … - ein Passiv steht hier nicht zur Verfügung. Wieso? Die Antwort hat mit dem vierten Faktor zu tun, der Initiative, Aktivität und Kraftausübung. Im Jagd/ Flucht-Szenario ist die Rolle des Jägers - das Agens - diejenige, die initiativ ist und sozusagen Druck auf die Rolle des Verfolgten - das Patiens - ausübt. Der Wahrnehmungs- oder Vorstellungsgegenstand mit diesem Merkmal wird tendenziell als Subjekt versprachlicht, wenn alle anderen Faktoren gleich sind. Wenn wir uns nun anschauen, was bei einem Passivsatz passiert, sehen wir, dass das Agens-Subjekt eines Aktivsatzes im Passiv einem präpositionalen Objekt entspricht oder gar nicht ausgedrückt wird. Umgekehrt entspricht das Patiens eines Aktivsatzes dem Passiv-Subjekt. x (Subjekt/ Agens) jagt y (Objekt/ Patiens) - y (Subjekt/ Patiens) wird von x (präp. Objekt/ Agens) gejagt Das bedeutet, dass es sich in Bezug auf die Perspektive und die Subjektwahl bei dem Merkmal Initiative, Aktivität und Kraftausübung bei der Diathese umgekehrt verhält als bei kippenden Verben: Der Wahrnehmungs- oder Vorstellungsgegenstand, der sich später bewegt, weniger aktiv ist und von Kraftausübung affiziert wird, wird 7.7 Fliehen oder gejagt werden? Kippende Verben und Diathesen in Konkurrenz I 169 <?page no="170"?> Antworten erläutert Passiv kognitiv anstrengender tendenziell das Subjekt eines Passivsatzes. In der folgenden Übersicht ist die Abwei‐ chung von den Verhältnissen bei kippenden Verben durch Kursivsetzung markiert. Das Wahrnehmungsobjekt mit diesen Eigen‐ schaften wird tendenziell perspektiviert und als Subjekt eines Patiens-Passivs versprach‐ licht Das Wahrnehmungsobjekt mit diesen Eigen‐ schaften wird tendenziell nicht perspektiviert und nicht als Subjekt eines Patiens-Passivs ver‐ sprachlicht links abgebildet/ dargestellt rechts abgebildet/ dargestellt später beteiligt, passiv, von Kraft affiziert initiativ, aktiv, Kraft ausübend im Vordergrund im Hintergrund höher belebt niedriger belebt … … Tabelle 7-3: Merkmale, die beim Patiens-Passiv zur Perspektivübernahme und zur Versprachlichung als Subjekt führen (vorläufig) Vor diesem Hintergrund wird deutlich, warum wir bei der unteren Szene (Abbildung 7-16) wohl keine akzeptable Passivdiathese äußern können: Alle Subjekte eines Pati‐ ens-Passivs sind später beteiligt, weniger aktiv oder extern affizierter, als es der andere beteiligte Gegenstand ist. Deshalb stünde das Passiv nur zur Verfügung, wenn wir den Strauß perspektivieren wollten. Dem stehen aber die drei anderen Faktoren gegenüber: Die Läuferin ist links, im Vordergrund und höher belebt. Deshalb ist sie in unserem „Wissen, wie …“ der sprachlichen Formgebung das näher liegende Subjekt. Und da sie zusätzlich der affizierende Part ist, ist sie das naheliegende Subjekt eines Aktivsatzes. Die geringere Belebtheit des Straußes wirkt auf uns zudem als Hindernis für die Per‐ spektivübernahme. In der oberen Szene (Abbildung 7-15) ist die Läuferin ebenfalls links, im Vordergrund und höher belebt, aber diesmal in der Rolle der Gejagten, also der Affizierten. Deshalb eignet sie sich ausgezeichnet für die Perspektivübernahme und die Versprachlichung als Subjekt eines Passivsatzes. Der Strauß ist aber zugleich ein geeignetes Subjekt eines Aktivsatzes, da der Faktor Initiative, Aktivität, Kraftausübung relativ hohes Gewicht hat. In Kapitel 9 werden wir sehen, wieso. Zudem scheinen Passive im Rahmen unserer Sprachverstehensaktivitäten und mög‐ licherweise auch im Rahmen unserer sprachlichen Formgebungsaktivitäten gegenüber Aktivsätzen kognitiv anstrengender zu sein. Das heißt, wir verstehen Aktivsätze schneller als Passivsätze und wir verstehen sie seltener falsch. Das liegt daran, dass Passivsätze im Vergleich zu ihren Aktiv-Pendants meistens nur sequenziell einfach diagrammatisch ikonisch oder kontraikonisch sind, während die Aktiv-Pendants dop‐ pelt diagrammatisch ikonisch sind (siehe Abschnitt 6.7). Voraussetzung dafür ist, dass das Agens in den betreffenden Passiven auch tatsächlich ausgedrückt wird. 170 7 Mal verliert man, mal gewinnen die anderen: Perspektivinstruktionen <?page no="171"?> Arbeitstei‐ lung beim Lückenfül‐ len Experiment Antwortvorschläge Am Anfang des Abschnitts war die Rede davon, dass die Passivdiathese lexikalische Lücken füllt. Umgekehrt füllen kippende Verben allerdings auch grammatische Lü‐ cken, nämlich dann, wenn es Paare kippender Verben für bestimmte Sachverhalte gibt, aber keine Passivdiathese für sie möglich sind. Dies lässt sich an Abbildung 7-9 oben illustrieren. Darin war links Hellix abgebildet und rechts Dunklix mit einem Keks. Eine naheliegende Verbalisierung für diese Szene mit Hellix in Perspektive war eine Äuße‐ rung mit bekommen: Hellix bekommt einen Keks von Dunklix. Eine Verbalisierung mit nehmen erschien dagegen unangemessen, weil Hellix dafür nicht genug tut. Ähnlich wie bei sehen gibt es hier keine Konkurrenz von kippenden Verben und kippenden Sätzen (Diathesen). Für sehen gibt es kein kippendes lexikalisches Gegenstück. Im Falle von bekommen gibt es keine kippende Diathese. So kann man in der verborgenen Ord‐ nung der Sprache durchaus von einer Arbeitsteilung zwischen kippenden Verben auf lexikalischer und kippenden Sätzen (Diathesen) auf grammatischer Seite sprechen. Hinzu käme die Rolle von anderen Periphrasen wie Funktionsverbgefügen. 7.8 Fehler wurden gemacht. Kippende Verben und Diathesen in Konkurrenz II Es soll noch ein letztes Merkmalspaar zur Sprache kommen, das beim Patienspassiv zur Perspektivübernahme und zur Versprachlichung als Subjekt beiträgt. Diese beiden Merkmale oder Kriterien lassen sich unter Rückgriff auf die beiden Szenarien aus dem ersten Kapitel des Buches illustrieren, die in Abbildung 7-17 noch einmal wiederholt sind. Was würden Sie sagen, geschieht hier? Abbildung 7-17: Szenarien mit zwei Frauen und einem Buch (links) beziehungsweise zwei Personen und einer Banane (rechts) Für das Szenario auf der linken Seite liegt in etwa eine Verbalisierung wie Die Frau in Schwarz nimmt der anderen Frau das Buch weg nahe. Die Inperspektivnahme der 7.8 Fehler wurden gemacht. Kippende Verben und Diathesen in Konkurrenz II 171 <?page no="172"?> weiterer Faktor noch ein Faktor schwarz gekleideten Person bedient alle Faktoren, die wir für kippende Verben im Aktiv genannt haben. Daneben wären prinzipiell zwei Passivdiathesen möglich, die andere Wahrnehmungs‐ gegenstände perspektivieren: ein Patienspassiv zur Perspektivierung des Patiens, das hier durch das Buch repräsentiert wird: Das Buch wird der hell gekleideten Frau (von der Frau in Schwarz) abgenommen; es dürfte gegenüber dem Aktiv stark dispräferiert sein, weil uns die Menschen näher sind als das Buch (Belebtheit/ Empathie). Und ein sogenanntes Rezipientenpassiv zur Perspektivierung der Rezipientenrolle, oder besser gesagt, der Anti-Rezipientenrolle, die von der hell gekleideten Person repräsentiert wird: Die Frau bekommt/ kriegt das Buch (von der Frau in Schwarz) abgenommen. Diese Passivdiathese mit einem Anti-Rezipienten ist nicht im ganzen deutschen Sprachraum gleichermaßen gebräuchlich: Norddeutsche und Süddeutsche könnten es befremdlich finden und ab‐ lehnen, im Mitteldeutschen ist es dagegen weit verbreitet. Für solche Mitglieder der Sprachgemeinschaft liegt es näher als das Patienspassiv, da es eine Inperspektivnahme der zweiten Person erlaubt. Es dürfte aber als nicht so angemessen eingeschätzt werden wie das Aktiv, zum einen wegen der Von-links-nach-rechts-Präferenz und zum anderen wegen der generellen Dispräferenz eines kontraikonischen Passivs gegenüber einem doppelt diagrammatisch ikonischen Aktiv. In dem Wegnehm-Szenario auf der rechten Seite in Abbildung 7-17 spricht ein of‐ fensichtlicher Faktor gegen die Aktiv-Variante: Man müsste die Perspektive von je‐ mandem einnehmen, den man nicht identifizieren kann. Das ist durchaus möglich mit einem Indefinitpronomen: Jemand nimmt einem Mann seine Banane weg. Aber es ist durchaus ein Faktor, der uns dazu bringen kann, die Perspektive des identifizierbaren Patiens oder - noch viel eher - des identifizierbaren (Anti-)Rezipienten zu bevorzugen, sofern einem das (Anti-)Rezipientenpassiv geläufig ist: Einem Mann wird die Banane (Subjekt/ Patiens) weggenommen beziehungsweise Ein Mann (Subjekt/ [Anti-]Rezipi‐ ent) bekommt/ kriegt die Banane weggenommen. Nicht selten kommt es zudem vor, dass man das Agens in einem Sachverhalt oder Ereignis identifizieren kann oder es kennt, es aber dennoch nicht verbalisiert, was dann in einem Passiv mündet. Das kann wiederum verschiedene Gründe haben: Entweder die Nennung ist subjektiv nicht diskursrelevant, weil das Agens den am Diskurs Beteiligten bekannt oder erschließbar ist - zum Beispiel in Ich bin auf der Kölner Land‐ straße geblitzt worden. Oder aber es soll nicht genannt werden, um jemandes Gesicht zu wahren, zum Beispiel das eigene. Wenn ein Konzernmanager vor die Medien tritt, rote Zahlen verkündet und kommentiert, Fehler wurden gemacht, darf man drei Mal raten, wer die Fehler gemacht hat. Identifizierbarkeit & subjektive Diskursrelevanz Wenn alle anderen Faktoren gleich sind, tendieren wir dazu, den Wahrnehmungs‐ gegenstand zum Subjekt eines Patiens-Passivs zu machen, der identifizierbar und subjektiv diskursrelevant ist. 172 7 Mal verliert man, mal gewinnen die anderen: Perspektivinstruktionen <?page no="173"?> Die beiden Faktoren sind in Tabelle 7-4 ergänzt. Das Wahrnehmungsobjekt mit diesen Ei‐ genschaften wird tendenziell perspektiviert und als Subjekt eines Patiens-Passivs ver‐ sprachlicht Das Wahrnehmungsobjekt mit diesen Eigen‐ schaften wird tendenziell nicht perspektiviert und nicht als Subjekt eines Patiens-Passivs ver‐ sprachlicht links abgebildet/ dargestellt rechts abgebildet/ dargestellt später beteiligt, passiv, von Kraft affiziert initiativ, aktiv, Kraft ausübend im Vordergrund im Hintergrund höher belebt niedriger belebt identifizierbar nicht identifizierbar subjektiv diskursrelevant subjektiv diskursirrelevant … … Tabelle 7-4: Merkmale, die beim Patienspassiv zur Perspektivübernahme und zur Versprachlichung als Subjekt führen (final) Die beiden zusätzlichen Faktoren sind kursiviert, um anzuzeigen, dass sie sich von den Faktoren für die Perspektivübernahme bei den kippenden Verben unterscheiden. Die kursivierten Faktoren sind daher neben den anderen Faktoren nicht nur mitentschei‐ dend dafür, wessen Perspektive wir in einem Passiv einnehmen, sondern genau sie sind auch dafür relevant, ob wir einen (simulierten) Sachverhalt anhand kippender Verben oder einer Passivperiphrase verbalisieren. Aufgaben zum Weiterdenken 1. Überlegen Sie, ob es noch weitere Faktoren gibt, die die Perspektivierung und damit die Subjektwahl bei kippenden Verben und kippenden Sätzen beeinflussen. Wie ließen sie sich testen? 2. Reflektieren Sie, inwieweit die aufgeführten Faktoren bei der sprachlichen Formgebung von Sachverhalten der ausgezeichneten Wirklichkeit (der nichtsprachlichen Wirklichkeit unserer direkten und unvermittelten senso‐ motorischen Erfahrung) wirksam sind. Oder sind sie oder manche von ihnen vielleicht nur bei der Verbalisierung von Sachverhalten wirksam, die auf zweidimensionalen Flächen abgebildet sind (beispielsweise Bildschirmen und Printseiten)? 7.8 Fehler wurden gemacht. Kippende Verben und Diathesen in Konkurrenz II 173 <?page no="174"?> 7.9 Kommentierte Literaturhinweise Zu 7.1 Die sprachwissenschaftliche Literatur zur Perspektivierung ist sehr umfangreich. Das hängt zu einem großen Teil an der metaphorischen Ausweitung des Perspektivbegriffs. Die Literatur, die sich Grammatik und Perspektivierung im engeren, wahrnehmungspsychologischen Sinne widmet, ist weit weniger umfangreich. Ein Mammutwerk, das den engen wie den weiten Begriff berücksichtigt und auch erkenntnistheoretisch reflektiert, ist Köller (2004). Zu 7.2 bis 7.8 Den Zusammenhang von Grammatik und dem erweiterten Perspektivbegriff behan‐ deln für das Deutsche Dürscheid (1999), Storrer (1992, 1996) und Welke (2002, 2012). Historisch einflussreich waren für diese Ansätze neben der Valenz- und Depen‐ denzgrammatik Fillmore (1977) und Goldberg (1995), insbesondere der Begriff der Profilierung, der hier nicht übernommen wird, weil er meines Erachtens als außer‐ sprachliche Fähigkeit nur sprachabhängig und damit zirkulär begründet werden kann (vgl. theoretisches Regulativ in Abschnitt 1.7). Zugleich liegt er aber vielen metaphorischen Erweiterungen des Perspektivbegriffs zugrunde. Am explizitesten - jedoch nicht fürs Deutsche - behandelt wieder einmal Ronald Langacker den Zusammenhang von Perspektive und grammatischen Strukturen. Genannt seien Langacker (2000, Kapitel 7 [betrifft Blickpunkt und Perspektive direkt]) sowie das Kapitel zum Construal in Langacker (2008 [behandelt Perspektive als einen Faktor unter mehreren, die denselben Sachverhalt unterschiedlich „konstruieren“]). Auch er kommt nicht ohne den Profilierungsbegriff aus. Dasselbe gilt für Crofts konstruktionsgrammatischen Ansatz in Croft (1991, 2001, 2012). Zu 7.2 Eine bekannte Studie zu unserer Von-links-nach-rechts-Präferenz ist Maas/ Russo (2003). Zu 7.3 Dass das sogenannte Agens in Ereignissen einen besonderen Status im Rahmen unseres Wahrnehmens, Vorstellens und Interpretierens hat, geht zum einen auf unsere Präferenz für doppelte diagrammatisch ikonische Äußerungen zurück, siehe Abschnitt 6.3. Zum anderen kommt darin eine Präferenz für verantwortliche Ursachen zum Tragen, die behandelt wird in Kapitel 9 sowie Kasper (2014 [dichter Übersichtsartikel zu Grundideen des Ansatzes]), Kasper (2015, Kap 4.2 [anspruchsvolle Monographie zur Begründung des Ansatzes]), Kasper (2020b, Kapitel 4 [erläutert die Präferenz aus‐ 174 7 Mal verliert man, mal gewinnen die anderen: Perspektivinstruktionen <?page no="175"?> führlich im humanökologischen Kontext]) und Kasper (2021a) [erläutert die Präferenz knapp im humanökologischen Kontext]). Zu 7.5 Die umfangreiche Forschung zum Empathiekonzept haben angestoßen Kuno/ Kabu‐ raki (1977 [zeigt Effekte der Empathie auf sprachliche Formgebungsaktivitäten im Japanischen]). Es gibt eine umfangreiche sprachtypologische Forschung zum Beleb‐ theitskonzept, die erstmals sehr prominent sichtbar geworden ist in Comrie (1981 [eine klassische Einführung in die Sprachtypologie]). Den Einfluss von Empathie/ Belebtheit auf grammatische Funktionen wie Subjekt und Objekt - mit oder ohne Umweg über den Begriff der Perspektivierung - themati‐ sieren unter anderem Dahl/ Fraurud (1996) sowie de Swart et al. (2008). Im Kontext der Instruktionsgrammatik versucht eine humanökologische Erklärung von Empathie-/ Belebtheitseffekten in der Sprache Kasper (2020b, Kapitel 3 und Kapi‐ tel 4). Und wer sich für Kasparow gegen Deep Blue interessiert, findet einen Einstieg in Bellinghausen (2022). Zu 7.6 und 7.7 Auf Funktionsverbgefüge als Füller lexikalischer Lücken hat mich aufmerksam ge‐ macht Brown (2023). Dass Passivsätze gegenüber Ihren aktivischen Gegenstücken anstrengender zu interpretieren sind, wir also länger dafür brauchen und sie öfter missverstehen, zeigt beispielsweise in einer sehr bekannten Studie Ferreira (2003). 7.9 Kommentierte Literaturhinweise 175 <?page no="177"?> Kasus und Leid Wofür ist Kasus gut? 8 Wie du mir, so ich dir: Kasusmuster und simulierte Wahrnehmungen Im Deutschen finden wir bekanntlich vier Kasuskategorien - Nominativ, Genitiv, Dativ und Akkusativ. Das „Wissen, wie …“ der Kasusverwendung zu erwerben, stellt eine leidvolle Erfahrung für viele Menschen dar, die Deutsch als Fremdsprache lernen, aber ebenso für Kinder, die als erste Sprache eine deutsche Umgangssprache erworben ha‐ ben und deren Schullehrkräfte gegen die Umgangssprache vermitteln, wie man sich dem Genitiv - oder des Genitivs? - gemäß des Schriftdeutschen - oder dem Schrift‐ deutschen? - bedient, also gemäß der vermeintlichen geschriebenen standardsprach‐ lichen Norm. Der Genitiv bei Verben wie (des Genitivs) gedenken, bei Adjektiven wie (des Genitivs) ledig und bei Präpositionen wie wegen (des Genitivs) ist weitgehend außer Gebrauch geraten, auch wenn er sich in hohen Registern noch hält - wenn wir förmlich sein möchten oder einen hohen Stil anzielen wie beim Plural / ka: zu: s / . Teilweise breitet er sich sogar auf regierende Ausdrücke aus, die gemäß der vermeintlichen Norm eigent‐ lich den Dativ regieren, so wie in gegenüber des Genitivs (habe ich keine Vorbehalte) oder entgegen des Genitivgebrauchs (zu sprechen ist keine Sünde). In solchen Kontexten, in denen der Genitiv außer Gebrauch gerät, geht der Wandel zum Genitiversatz im Allgemeinen damit einher, dass wir auch die Intuition darüber verloren haben, in welchen Zusammenhängen ein Genitiv anstatt eines Dativs, eines Akkusativs oder einer anderen Ersatzform stehen könnte. Die Verwendung des Genitivs als Attribut beim Nomen ist dagegen in der Standardschriftsprache noch voll lebendig. Aber was hat es mit dem Kasus im Allgemeinen auf sich? Wofür ist Kasus gut, oder anders gefragt, was ist seine instruktive Funktion? Das vorliegende Kapitel gibt darauf eine Antwort. Es zeigt, dass Äußerungen, die zum simulierten Erleben von Sachver‐ halten instruieren, wiederkehrende Kasusmuster aufweisen. Ein rotes Auto fährt in eine Parklücke weist beispielsweise eine Substantivgruppe (ein Satzglied) im Nominativ und eine Präpositionalgruppe (ein präpositional regiertes Satzglied) auf, die beide vom Verb (V) regiert werden: SG Nom -V-SG Präp . Das heißt, sowohl das Verb als auch die Präposi‐ tion sind Auslagerungen aus den Wahrnehmungsgegenständen. Der springende Punkt ist, dass solche Kasusmuster in einem nicht zufälligen Zusammenhang mit Wahrneh‐ mungs- und Vorstellungsstrukturen stehen und so Rückschlüsse auf die Art des zu simulierenden Sachverhalts zulassen. Sie bilden daher ein weiteres Beispiel für Zu‐ sammenhänge zwischen Strukturen menschlichen In-der-Welt-Seins einerseits und der verborgenen Ordnung sprachlicher Formgebungs- und Verstehensaktivitäten ande‐ rerseits, die den Gegenstand der instruktiven deutschen Grammatik darstellen. Die ersten beiden Abschnitte sind der Klärung einiger prinzipieller Fragen zum Kasus ge‐ widmet, in den übrigen Abschnitten werden die Beiträge verschiedenster Satz- und Kasusmuster zum simulierten Erleben illustriert. <?page no="178"?> instruktive Funktion von Kasus 8.1 Der Kasus knaxus: was Kasus für die Instruktion bringt Vor allem in Kapitel 5 haben wir am Beispiel von Ein rotes Auto fährt in eine Parklücke gesehen, dass Verben in Bezug auf die instruktive Funktion „Vorstellen von etwas“ symbolisch aus Dingausdrücken ausgelagert sind. Präpositionen sind sowohl aus Dingausdrücken als auch aus Verben symbolisch ausgelagert. Um infolge von fährt ein Erlebnis simulieren zu können, müssen wir uns ein Fahrendes (Auto) und einen Bewegungspfad (in eine Parklücke) vorstellen. Und um infolge von in etwas zu simulieren, müssen wir uns ein Lokalisiertes (Auto), eine Lokalität (Parklücke) und die Art des Sachverhalts dazwischen (fahren) vorstellen. Umgekehrt regieren die ausgelagerten Ausdrücke gerade die Kasus von Substanti‐ ven, aus deren Bezugsgegenständen sie ausgelagert sind: fährt regiert den Nominativ von Auto und es regiert in, und in regiert wiederum den Akkusativ von Parklücke. In diesem Zusammenhang erfüllt der Kasus als eine morphologische Kategorie aber nicht mehr die instruktive Funktion, zum „Vorstellen von etwas“ anzuleiten, sondern zum „Vorstellen auf eine Art und Weise“. Wie lässt sich dieser Unterschied genauer fassen? Kasus, Kasuskategorie und Kasusexponent Ein Kasusexponent ist ein grammatisches Morphem, das eine bestimmte Kasus‐ kategorie repräsentiert. Eine Kasuskategorie ist die allen Kasusexponenten übergeordnete, abstrakte Kategorie. Erläuterung: Die durch Bindestrich abgetrennten Kasusexponenten in der Ak‐ kusativ-Zeile unterscheiden sich in Abhängigkeit vom Genus: Im Maskulinum sind es andere als im Femininum und im Neutrum. (Sie unterscheiden sich auch abhängig vom Numerus und der Deklinationsklasse, hier nicht abgebildet). Sie repräsentieren dennoch dieselbe abstrakte Kasuskategorie Akkusativ, weil sie in demselben Äußerungszusammenhang gegeneinander austauschbar sind: Dort sehe ich einen roten Schal/ eine rote Paprika/ ein rotes Auto. Analog verhält es sich mit den anderen Kasuskategorien. 178 8 Wie du mir, so ich dir: Kasusmuster und simulierte Wahrnehmungen <?page no="179"?> kein instruk‐ tiver Inhalt Bedeutungsneutralisie‐ rung Mit „Kasus“ ist in Texten manchmal ein bestimmter Kasusexponent gemeint, manchmal eine Kasuskategorie im obigen Sinne und manchmal die Flexionskate‐ gorie insgesamt, also die allen vier Kasuskategorien übergeordnete Kategorie, wie in der Überschrift zu Abschnitt 8.1. Vom Kasus einer Substantivgruppe aus gesehen, lässt sich schwerlich feststellen, dass ein bestimmter Kasus einen bestimmten Wahrnehmungs- oder Vorstellungsinhalt aus‐ drücken, also zum „Vorstellen von etwas“ Bestimmtem instruieren würde. In Tabelle 8-1 sind vier Beispielsätze genannt, die alle ein Satzglied im Nominativ enthalten - das Subjekt -, aber offenbar haben die Satzglieder davon abgesehen nicht viel gemeinsam, schon gar nicht in Bezug auf den Sachverhalt, den sie ausdrücken. Im Gegenteil, sie nehmen ausgesprochen unterschiedliche Rollen in den Sachverhalten ein, wie sie von uns wahrgenommen oder vorgestellt werden. Diese Sachverhaltsrollen, auch „seman‐ tische Rollen“ genannt, lassen sich zu allgemeineren Typen zusammenfassen. Die Liste der semantischen Rollen, die in Tabelle 8-1 durch den Nominativ ausgedrückt werden, ließe sich auch leicht erweitern, aus Platzgründen soll aber diese Liste genügen. Beispielsatz Satzmuster Kasus semantische Rolle Mira rennt. SG Nom -V Nominativ führt Verbalhandlung aus (Agens) Mira fällt hin. SG Nom -V ist vom Verbalgeschehen betroffen (Patiens) Mira bekommt ein Buch. SG Nom -V-SG Akk erhält im Rahmen des Verbalgeschehens etwas (Rezipient) Mira fürchtet den Tod nicht. SG Nom -V-SG Akk erlebt das Verbalgeschehen psychisch (Experiencer) Tabelle 8-1: Inhaltsneutralisierung durch den Nominativ Wir können das so zusammenfassen, dass der Nominativ Bedeutungen - im Sinne von semantischen Rollen - neutralisiert: Die unterschiedlichen semantischen Rollen sind im Nominativ sozusagen eingeebnet. Als instruktives Signal zeigt eine Nominativform für sich genommen nicht an, was man sich vorstellen soll, nicht mal vom Typ her. Ein analoges Experiment lässt sich auch für den Akkusativ durchführen. Dabei zeigt sich etwas Ähnliches (Tabelle 8-2). Beispielsatz Satzmuster Kasus semantische Rolle Mira bekommt ein Buch. SG Nom -V-SG Akk Akkusativ bewegt sich im Rahmen des Verbal‐ geschehens (Thema) Mira backt einen Kuchen. SG Nom -V-SG Akk wird im Rahmen des Verbalgesche‐ hens hervorgebracht (Effiziertes) 8.1 Der Kasus knaxus: was Kasus für die Instruktion bringt 179 <?page no="180"?> Kasus und Humanökologie Beispielsatz Satzmuster Kasus semantische Rolle Mira erreicht das Ziel. SG Nom -V-SG Akk Zielpunkt des Verbalgeschehens (Ziel) Die Operation dauert zwei Stunden. SG Nom -V-SG Akk Ausmaß/ Umfang des Verbalgeschehens (Maß) Tabelle 8-2: Inhaltsneutralisierung durch den Akkusativ Auch das Spektrum der simulierten Erlebnisse, zu denen anhand von Akkusativ-Satz‐ gliedern instruiert wird, ist offensichtlich sehr breit. Es ist aber nicht so breit wie das Spektrum derer im Nominativ: Satzglieder im Akkusativ instruieren nicht dazu, einen Wahrnehmungsgegenstand als Agens zu simulieren, wobei „Agens“ hier sehr viele konkretere Rollen beinhaltet, wie die Rolle der Backenden bei backen, der Rudernden bei rudern, der Schreibenden bei schreiben und viele mehr. Satzglieder im Dativ und im weitgehend ersetzten Genitiv neutralisieren jeweils auch verschiedene Vorstellungsinhalte und Typen von Vorstellungsinhalten, wie sie in semantischen Rollen wie Thema und Rezipient erfasst sind, aber es sind wiederum weniger neutralisierte semantische Rollen als beim Akkusativ, so dass man versuchs‐ weise eine Hierarchie der Inhalts- oder Bedeutungsneutralisierung aufstellen kann: Hierarchie der Bedeutungsneutralisierung Nominativ >> Akkusativ >> Dativ/ Genitiv Man kann diese Hierarchie so lesen: Im Rahmen satzförmiger Instruktionen zum simulierten Nachvollzug von Sachverhalten neutralisieren Satzglieder in weiter links stehenden Kasuskategorien mehr Vorstellungsinhalte (semantische Rollen) im Sachverhaltsbereich als weiter rechts stehende Kasuskategorien. Der Schal und den Schal instruieren uns also nicht zum simulierten Erleben von Unterschiedlichem. Wir können beispielsweise auf nichts zeigen, das anschließend durch verschiedene Kasuskategorien ausgedrückt würde, nur ist der Umfang der Beziehungstypen, zu deren simuliertem Erleben sie instruieren können, unterschiedlich groß. Inwiefern hängt Kasus dann in nicht zufälliger Weise mit Wahrnehmungs- und Vor‐ stellungsstrukturen zusammen? Um das zu sehen, müssen wir einen Perspektivwechsel vornehmen und uns daran erinnern, dass das instruktionsgrammatische Projekt den „sprachigen“ Menschen in der Gesamtheit seiner um- und mitweltlichen Bezüge er‐ forschen möchte (siehe Abschnitt 1.5). Das bedeutet, die verborgene Ordnung in un‐ seren sprachlichen Aktivitäten - darunter Kasus - nicht losgelöst von ihrer lebens‐ 180 8 Wie du mir, so ich dir: Kasusmuster und simulierte Wahrnehmungen <?page no="181"?> keine isolierten Substantivgruppen keine isolierten Gegenstände abstrahie‐ ren von Inhalten weltlichen Einbettung zu betrachten, sondern gemäß der lebenslinguistischen Maxime stets im Zusammenhang unserer sprachlichen und nichtsprachlichen Auseinanderset‐ zung mit der Um- und Mitwelt in der Alltagspraxis. In diesem Zusammenhang lässt sich als erstes konstatieren, dass isolierte Substan‐ tivgruppen im Sprachgebrauch so gut wie nicht vorkommen, ausgenommen vielleicht metasprachliche Diskurse: In diesen wird dann nicht mit isolierten Ausdrücken ge‐ sprochen, sondern über sie: „Was meinst du mit nicht den verschimmelten? “ Im Alltag werden sprachliche Beiträge, die linguistisch als Substantivgruppen klassifiziert werden können, in interaktiven außersprachlichen Kontexten geäußert wie beispielsweise am Esstisch, aber stets begleitet von Prosodie, Mimik, Gestik und geteilter Aufmerksamkeit auf die Szenerie, also keineswegs isoliert. - A (lässt den Blick über den Tisch streifen): Der Salzstreuer? - B: Direkt vor dir! - A: Ah, danke! Natürlich kommt es auch vor, dass jemand eine einzelne Substantivgruppe im sprachlichen Kotext äußert, doch dann erstreckt sich ein geordnetes Äußerungsmuster über die Sprachbeiträge verschiedener Personen (sog. Turns) hinweg. A fragt: Was suchst du? - B antwortet: [Ich suche] Den Salzstreuer. B äußert nicht mehr als eine akkusativische Substantivgruppe, aber sie ist nicht isoliert, sondern sie ist gedanklich in die Stelle des Frageworts in A’s Äußerung einpassbar und so im Rahmen einer ganzen Eventualität interpretierbar: {Was, Den Salzstreuer } suchst du. Bezogen auf den Instruktionsgedanken kann man zuspitzen: Isolierte Substantiv‐ gruppen kommen in der Alltagspraxis so wenig vor wie isolierte Wahrnehmungsge‐ genstände. Das heißt, Substantivgruppen sind im Alltagssprachgebrauch immer nur dann kommunikativ zuverlässig interpretierbar, wenn sie im Zusammenhang von vor‐ her und nachher Geäußertem (Kotext) oder im Zusammenhang einer nichtsprachlichen Situation und unter Einbezug non-verbaler Kommunikation (Kontext) als Glied eines simulierten Erlebnisses dienen. Anders gesagt sind kasusspezifizierende Substantiv‐ gruppen nur instruktiv, wenn sie zum Erlebnisnachvollzug herangezogen werden kön‐ nen, für den es mehr braucht als einen Dingausdruck. 8.2 Nur Kasus und kein Inhalt: Kasusmuster und Sachverhaltsmuster Wenn wir etwas Generelles über die Leistungen von Kasuskategorien aussagen möch‐ ten, dann müssen wir von konkreten Äußerungen und von den konkreten simulierten Wahrnehmungen, zu denen sie instruieren, absehen und von ihnen abstrahieren. Falls Kasus eine instruktive Leistung erbringt, muss er sie ja unabhängig davon erbringen, an welchen konkreten Lexemen er auftritt, also unabhängig von konkreten Erfah‐ rungsinhalten. Diese Inhalte müssen wir deshalb abstrahieren (von lat. abstrahere ‚wegziehen, abziehen‘). Übrig bleibt zunächst einmal ein allgemeineres Muster oder Schema. Eine Auswahl solcher Kasusmuster ist in Tabelle 8-3 aufgelistet. 8.2 Nur Kasus und kein Inhalt: Kasusmuster und Sachverhaltsmuster 181 <?page no="182"?> instruktive Leistung der Kasus Neutralisierung ungleich kohärente Sachverhalte Kasusmuster Beispielsatz SG Nom -V Sümeyye lacht. SG Akk -V Ihn friert. SG Nom -V-SG Dat Ich helfe dir. SG Nom -V-SG Akk Sie liest ein Buch. SG Nom -V-SG Präp Ein Auto fährt in eine Parklücke. SG Nom -V-SG Dat -SG Akk Die eine Frau nimmt der anderen das Buch ab. SG Nom -V-SG Akk -SG Präp Du hast den Ball in die Hecke geschossen. Tabelle 8-3: Abstrakte Instruktionen und Beispielsätze Substantivgruppen erscheinen in den Kasusmustern in Tabelle 8-3 nicht isoliert, son‐ dern in Gesellschaft von (finiten) Verben und zum Teil von anderen Substantivgruppen. Auch hier fällt es aber noch schwer, die instruktive Leistung der Kasus zu erkennen, die Bedeutungsneutralisierung scheint hier kaum reduziert. Bei genauerem Hinsehen können wir das aber einschränken. Dafür können wir verschiedene Gesichtspunkte berücksichtigen. 1. Es war bereits die Rede davon, dass die Kasus Wahrnehmungs- oder Vorstellungs‐ inhalte nicht gleich stark neutralisieren. Satzbeziehungsweise Kasusmuster, die Kasus von weiter unten in der Hierarchie der Bedeutungsneutralisierung enthal‐ ten, sollten ein engeres Bedeutungsspektrum haben als solche, die nur Kasus von weiter oben in der Hierarchie enthalten. 2. Kasus neutralisieren zwar die inhaltsbezogenen (semantischen) Rollen, die wir für Gegenstände in Sachverhalten erkennen, doch das lässt noch etwas Wesentliches außen vor. Wir begreifen diese Kasusmuster als solche, die zu einem kohärenten wahrgenommenen oder vorgestellten Sachverhalt gehören. Das bedeutet, dass das Verb symbolisch aus den Gegenständen ausgelagert ist, die durch die Substantive ausgedrückt werden, und etwaige Präpositionen in präpositionalen Objekten sind aus den Gegenständen und dem Verb symbolisch ausgelagert. Mit diesen Ausla‐ gerungsverhältnissen geht einher, dass die Rollen inhaltlich zueinander ge‐ hören, z. B. Trinker und Getrunkenes; Geber, Gegebenes und Rezipient; Fürch‐ tender und Gefürchtetes; nicht aber: Trinker und Gefürchtetes (Obwohl …). Das heißt, wir können zwar meistens nichts darüber sagen, welche Rollen neutralisiert werden, wir wissen aber, dass sie sich ergänzen werden. 3. Da Aussagesätze zum simulierten Erleben instruieren, müssen die Kasusmuster, die in ihnen enthalten sind, Figur-(Hinter-)Grund-Konfigurationen ausdrücken. Anders gesagt, können die drei Satzglieder nicht einfach drei Figuren oder drei objekthafte Grund-Elemente ausdrücken, sondern auch hier müssen sie sich im 182 8 Wie du mir, so ich dir: Kasusmuster und simulierte Wahrnehmungen <?page no="183"?> kohärente Simulatio‐ nen Illustration Sinne einer simulierten Wahrnehmung kohärent zusammenfügen. Diese Ko‐ härenz wäre beispielsweise gegeben, wenn in einem ersten Zeitsegment eines Er‐ eignisses sich eine Figur relativ zu einem objekthaften Grund bewegen würde, der dann in einem zweiten Segment des Ereignisses selbst als Figur fungieren und sich wiederum relativ zu einem objekthaften Grund bewegen würde: Jemand schiebt die Karte in das Lesegerät. Vor dem Hintergrund der Punkte 1 bis 3 können wir schon einmal überlegen, wie viele und welche Sachverhalts-, Ereignis- oder Eventualitätstypen es gibt, die wir anhand von Satzmustern ausdrücken, die ein, zwei, drei oder vier Wahrnehmungs- oder Vor‐ stellungsgegenstände ausdrücken, die dann wiederum allgemeine semantische Rollen innehaben. Die Antwort ist in Abbildung 8-1 enthalten. Abbildung 8-1: Homonymie und Polysemie von Satzbzw. Kasusmustern Satzbeziehungsweise Kasusmuster, die nur eine Substantivgruppe neben dem Verb oder Verbkomplex aufweisen, also einstellig sind, sind kaum von vornherein dahin‐ gehend durchsichtig, was für Sachverhaltstypen mit ihnen ausdrückbar sind und welche Wahrnehmungs- oder Vorstellungsstrukturen ihnen entsprechen. Zweistellige Satz-/ Kasusmuster sind schon nicht mehr ganz so undurchsichtig, wenn wir davon ausgehen, dass die semantischen Rollen einander ergänzen werden und dass es sich um eine kohärente Figur-(Hinter-)Grund-Struktur handeln muss. Wir können jedoch nur auf sehr abstrakter Ebene etwas darüber sagen, was sie ausdrücken. Aber je mehr Wahrnehmungs-/ Vorstellungselemente im Satz-/ Kasusmuster ausgedrückt werden - dreistellig, vierstellig -, desto kleiner wird die Menge der Sachverhaltstypen und Figur-(Hinter-)Grund-Strukturen, zu denen sie instruieren können. Definition: Homonymie und Polysemie Homonymie liegt vor, wenn ein Ausdruck oder Ausdrucksmuster dazu verwendet werden kann, zu ganz verschiedenen simulierten Wahrnehmungen zu instruieren, ohne dass diese in anderen als allgemeinsten Aspekten als gleich oder ähnlich erkennbar sind. Polysemie liegt vor, wenn ein Ausdruck oder Ausdrucksmuster dazu verwendet werden kann, zu verschiedenen simulierten Wahrnehmungen zu instruieren, die einander in bestimmten, nicht nur allgemeinsten Aspekten gleich oder ähnlich sind. 8.2 Nur Kasus und kein Inhalt: Kasusmuster und Sachverhaltsmuster 183 <?page no="184"?> Stelligkeit der Kasus‐ muster Perspektiv‐ gebunden‐ heit Aufgabe Überlegen Sie, welche Sachverhalte Ihnen einfallen, die durch das Muster SG Nom - V-SG Akk ausdrückbar sind, und was sie gemeinsam haben, und welche Ihnen einfallen, die durch das Muster SG Nom -V-SG Dat -SG Akk ausdrückbar sind, und was diese gemeinsam haben. Wie homonym beziehungsweise polysem sind diese Muster? Abschnitt 8.9 beziehungsweise Abschnitte 8.5 bis 8.7 behandeln diese Muster und lassen sich als Lösung der Aufgabe heranziehen. 4. Zu den vorgenannten Punkten kommt hinzu, dass Satz-/ Kasusmuster nicht einfach nur ein- oder mehrstellig sind, denn an den betreffenden Stellen in der ent‐ zeitlichten und verdinglichten Struktur steht jeweils ein bestimmter Kasus anstatt der anderen. Man kann grob Folgendes sagen: Substantivgruppen im No‐ minativ treten in Satzmustern für Sachverhalte mit einem, zwei, drei oder mehr Wahrnehmungselementen auf, Substantivgruppen im Akkusativ treten vor allem in Satzmustern für Sachverhalte mit zwei oder mehr Wahrnehmungselementen auf und Substantivgruppen im Dativ vor allem in Satzmustern für Sachverhalte mit zwei, drei oder mehr Objekten. Diese Satzmuster variieren in ihren jeweiligen Graden an Homonymie und Polysemie. Das eröffnet für die verborgene Ord‐ nung im Kasusgebrauch beispielsweise die theoretische Möglichkeit, dass in zwei‐ stelligen Satzmustern mit Dativbeteiligung andere Sachverhalte ausgedrückt wer‐ den als in zweistelligen Satzmustern mit Akkusativbeteiligung, und analog für andersstellige Muster und deren Kasusausprägungen. Diese theoretische Möglich‐ keit ist, wie wir in den restlichen Abschnitten sehen werden, eine praktische Tat‐ sache. 5. Noch ein weiterer Punkt kommt hinzu: Wir erleben Sachverhalte nicht aperspek‐ tivisch. Wir können denselben Sachverhalt als ein Ereignis des Gebens, des Ge‐ hens-von-zu oder des Bekommens behandeln. Dies hängt eng mit unserer (simu‐ lativ) eingenommenen Perspektive auf den Sachverhalt zusammen. Die Perspektivierung ist im Rahmen des Erkennens eine Form der Aspektvereinseiti‐ gung und findet Ausdruck in Lexik und Grammatik: x (Agens) gibt y (Rezipient) z (Gegebenes) oder y (Rezipient) kriegt z (Gegebenes) von x (Agens). In der Regel verbalisieren wir einen solchen Sachverhalt nur aus einer Perspektive, weil uns klar ist, dass, wenn jemand etwas von jemand anderem bekommt, dieser andere zugleich etwas gibt (oder schickt oder bringt usw.). Der entscheidende Punkt ist, dass wir innerhalb einer Klause nicht die Perspektive zwischen verschiedenen Wahrnehmungs- oder Vorstellungsgegenständen wechseln. (Eine Klause ist ein einzelner Haupt- oder Nebensatz. Der Ausdruck „Satz“ wäre hier zu unpräzise, da ein Satz auch ein Gefüge aus mehreren Klausen sein kann. Zwischen diesen ist ein Perspektivwechsel möglich.) 184 8 Wie du mir, so ich dir: Kasusmuster und simulierte Wahrnehmungen <?page no="185"?> nochmal Abstraktion Ein Kasusmuster, das in einer Sachverhaltsverbalisierung vorliegt, repräsentiert daher immer nur eine kohärente Perspektive auf diesen Sachverhalt. Eine perspektivische Wahrnehmung oder Vorstellung eines Sachverhalts ist immer eine Vereinseitigung dieses Sachverhalts, gibt uns immer weniger als den ganzen Sachverhalt. In Kapitel 7 hatten wir gesehen, wie kippende Verben und kippende Sätze (Diathesen) Elemente der verborgenen sprachlichen Ordnung sind, um Perspektiven im (simulierten) Wahrnehmen auszudrücken. Daher schränkt die Perspektive, wenn wir sie kennen, weiter ein, welche Sachverhaltstypen ein Satz-/ Kasusmuster ausdrücken kann, oder präziser, wir wissen, welche es nicht ausdrücken kann, nämlich solche mit einer anderen Perspektive. Zugleich bedeutet das bei Sachverhalten und Ereignissen wie beispielsweise dem Geben und Bekommen, die wir via Perspektive kippen können, dass sich mit dem Kippen auch die Sequenz umdreht: Der bekommen-Satz präsentiert uns das Ereignis so, dass wir dem Späteren des Ereignisses in der Äußerung früher begegnen: Damit jemand etwas bekommen kann, muss jemand anderes schon als Geber aktiv geworden sein. Die Perspektive bestimmt also mit, ob die Äußerung sequenziell doppelt oder nur einfach diagrammatisch ikonisch ist. Zusammengenommen heißt das Folgendes: Wenn wir wissen, ob ein Satz-/ Kasusmus‐ ter einen Aktiv- oder einen Passivsatz repräsentieren soll, und wenn wir wissen, ob er doppelt oder nur einfach ikonisch beziehungsweise kontraikonisch sein soll, und wenn er mehrstellig ist - also mehrere Objekte der (simulierten) Wahrnehmung verbalisiert -, dann können wir auf Basis des abstrakten Musters einen educated guess darüber abgeben, welchen instruktiven Beitrag das Satz-/ Kasusmuster leistet. In den folgenden Abschnitten werden wir das für eine Reihe prominenter Satzbeziehungsweise Kasusmuster im Deutschen durchspielen. Was mit „instruktiver Beitrag“ gemeint ist, lässt sich anhand von Abbildung 8-2 erläutern: Abbildung 8-2: Abstraktere und spezifischere Darstellungen von Wahrnehmungs-/ Vorstellungsstruktu‐ ren Jede Figur-(Hinter-)Grund-Beziehung weist in der (simulierten) Wahrnehmung eine Gerichtetheit auf, selbst dann, wenn es sich um eine statische Beziehung handelt, etwa 8.2 Nur Kasus und kein Inhalt: Kasusmuster und Sachverhaltsmuster 185 <?page no="186"?> wenn ein Mann neben einer Parklücke steht. Obwohl sich in einem solchen Sachverhalt nichts bewegt, bewegt sich unser (simulierter) Blick sakkadisch zwischen den fixierten Elementen hin und her. In der Abbildung der Figur-Grund-Struktur aggregieren wir diese Bewegungen und Fixationen. Die bloße (simulierte) Blickbewegung soll als die abstrakteste Beziehung zwischen Figur und (Hinter-)Grund gelten. Spezifischer als diese ist die „wirkliche“ (simuliert) wahrgenommene Bewegung einer Figur relativ zu einem (Hinter-)Grund, die aber alle Modi der Bewegung unspe‐ zifiziert lässt. Wiederum spezifischer ist eine solche Bewegung einer Figur relativ zu einem (Hinter-)Grund, die intendiert ist, also mit Absicht und kontrolliert ausgeführt wird, symbolisiert durch zwei Pfeilspitzen. Sie ist Menschen oder menschenähnlichen Objekten (im weitesten Sinne) vorbehalten. Ein objekthafter Grund soll zudem als spezifischer als ein Grund ohne Objekteigenschaften gelten. Im Folgenden wird eine Reihe von sehr prominenten, abstrakten Satzbeziehungs‐ weise Kasusmustern dahingehend charakterisiert, welchen instruktiven Beitrag sie leisten. Dabei kann es sich nicht um eine erschöpfende Liste von Satz-/ Kasusmustern handeln, die insgesamt zu zahlreich sind, um hier berücksichtigt werden zu können. Aufgenommen sind aber solche Muster, die, gerade was die Unterschiede zwischen Genitiv-, Dativ-, Akkusativ- und präpositional regierten Satzgliedern betrifft, deren unterschiedliche instruktive Beiträge deutlich machen dürften. Aufgaben zum Weiterdenken für das ganze Kapitel Im Folgenden wird nacheinander eine ganze Reihe Satz-/ Kasusmuster hinsicht‐ lich ihres instruktiven Beitrags beschrieben. Sie können hier auf verschiedene Weise aktiv werden: 1. Welche wichtigen Satz-/ Kasusmuster fehlen hier noch? Es gibt noch viele mehr. Versuchen Sie sich an ihren Charakterisierungen. 2. Manche Satz-/ Kasusmuster sind „mehrfach belegt“, das heißt ihnen entspre‐ chen verschiedene Typen von schematischen Strukturen simulierter Wahr‐ nehmungen. Beispielsweise werden Sie verschiedene instruktive Beiträge von Dativsatzgliedern kennenlernen, die aber in den gleichen Satz-/ Kasus‐ mustern auftreten. Sind diese Dativ- (und Genitiv-)Typen vollständig erfasst? Sehen Sie weitere, die nicht aufgeführt sind? 3. Fallen Ihnen weitere Verben ein, die in die aufgeführten Muster einsetzbar sind? 4. Wo passen die Charakterisierungen für Satz-/ Kasusmuster nicht? Wie könnte man sie adäquater charakterisieren? 186 8 Wie du mir, so ich dir: Kasusmuster und simulierte Wahrnehmungen <?page no="187"?> Beispiele instruktiver Beitrag instruktiver Beitrag 8.3 SG Nom -V-SG Akk -SG Präp : Das Runde muss ins Eckige Dieses Muster liegt beispielsweise allen verursachten Objektbewegungen zugrunde, also wenn ein perspektivierter Jemand oder ein perspektiviertes Etwas jemanden oder etwas anderes irgendwohin befördert: Bälle in Tore schießen oder werfen, Briefe in den Briefkasten schieben, Besteck in die Schublade legen, Luftballons in die Luft steigen lassen und viele mehr. Genauer: Äußerungen mit drei Wahrnehmungselementen, die das Kasusmuster SG Nom -V-SG Akk -SG Präp in der Aktivdiathese realisieren und die Figur perspektivieren, instruieren zu folgenden Vorgängen des simulierten Erlebens (siehe Abbildung 8-3): einseitig verlaufende, reale oder Blickbewegung zwischen einer (perspektivierten) Fi‐ gur und einem objekthaften Grund in Zeitsegment 1 sowie reale oder Blickbewegung zwischen einer Figur und einem Grund ohne Objekteigenschaften in Zeitsegment 2. Der objekthafte Grund aus Zeitsegment 1 fungiert als Figur in Zeitsegment 2. Abbildung 8-3: Satz-/ Kasusmuster SG Nom -V-SG Akk -SG Präp aus Figur-Perspektive Das präpositional regierte Satzglied drückt als Stelle im abstrakten grammatischen Muster ein Grund-Element ohne Objekteigenschaften aus, aber ein konkretes Lexem, das in dieser Stelle verbalisiert wird, kann ein Wahrnehmungsbeziehungsweise Vorstellungsobjekt bezeichnen. 8.4 SG Nom -V-SG Akk -SG Präp : Das Eckige bekommt was Rundes Äußerungen mit drei Wahrnehmungselementen, die das Kasusmuster SG Nom -V- SG Akk -SG Präp in der Aktivdiathese realisieren und den Grund perspektivieren, instru‐ ieren zu den folgenden Vorgängen des simulierten Erlebens (siehe Abbildung 8-4): ein‐ seitig verlaufende, reale oder Blickbewegung zwischen einer Figur und einem objekt‐ haften Grund in Zeitsegment 1 sowie reale oder Blickbewegung zwischen einer Figur und einem (perspektivierten) Grund mit Objekteigenschaften in Zeitsegment 2. Der objekthafte Grund aus Zeitsegment 1 fungiert als Figur in Zeitsegment 2. Hier ist zu beachten, dass die Früher-später-Struktur des Satzmusters umgekehrt, also kontraikonisch zur Früher-später-Struktur des wahrgenommenen oder vorstell‐ ten Sachverhalts oder Ereignisses ist. In Abbildung 8-4 ist rechts also früher. 8.3 SG Nom -V-SG Akk -SG Präp : Das Runde muss ins Eckige 187 <?page no="188"?> Beispiele Beispiele instruktiver Beitrag Abbildung 8-4: Satz-/ Kasusmuster SG Nom -V-SG Akk -SG Präp aus Grund-Perspektive Dieses Muster liegt beispielsweise allen verursachten Objektbewegungen zugrunde, bei denen wir uns veranlasst sehen, die Perspektive des objekthaften Grundes im zwei‐ ten Zeitsegment einzunehmen, also desjenigen Objekts oder derjenigen Person, die das Ziel einer Objektsbewegung ist, die selbst von irgendetwas herrührt: Geschenke oder eine neue Tapete oder eine Wasserdusche von jemandem oder von der Sprinkleranlage bekommen, Knöllchen erhalten und einige mehr. 8.5 SG Nom -V-SG Dat -SG Akk : Gegenläufiges In diesem Muster treten viele Verben auf, die zum simulierten Erleben eines realen oder metaphorischen Transfers instruieren: Jemand gibt, zeigt, reicht jemandem etwas oder jemand stellt jemandem jemanden vor. Damit es sich um ein Geben, Zeigen, Vorstellen usw. handelt, muss das rezipierende Gegenüber aktiv sein: Es muss empfangen im Falle des Gebens und die Aufmerksamkeit auf etwas richten im Falle des Zeigens und Vor‐ stellens. Genauer: Äußerungen mit drei Wahrnehmungselementen, die das Kasusmuster SG Nom -V-SG Dat -SG Akk in der Aktivdiathese realisieren und die Figur perspektivieren, instruieren zu den folgenden Vorgängen des simulierten Erlebens (siehe Abbildung 8-5): einseitig verlaufende, reale oder Blickbewegung zwischen einer perspektivierten Figur und einem objekthaften Grund in Zeitsegment 1 sowie einander entgegenlau‐ fende reale oder Blickbewegung zwischen einer Figur und einem Grund mit Objek‐ teigenschaften in Zeitsegment 2. Der objekthafte Grund aus Zeitsegment 1 fungiert zeitweise als Figur in Zeitsegment 2, durch die gegenläufige Bewegung changiert die Zuordnung jedoch. 188 8 Wie du mir, so ich dir: Kasusmuster und simulierte Wahrnehmungen <?page no="189"?> SG Dat vs. SG Präp entgegen‐ laufender Dativ Beispiele instruktiver Beitrag Abbildung 8-5: Satz-/ Kasusmuster SG Nom -V-SG Dat -SG Akk aus Figur-Perspektive, Typ „gegeneinander laufende Bewegung in Zeitsegment 2“ Dieses Muster kontrastiert mit dem vorangegangenen SG Nom -V-SG Akk -SG Präp -Muster, indem das präpositional regierte Satzglied sozusagen gegen das dativische Satzglied ausgetauscht ist. Der Unterschied, der im simulierten Erleben damit einhergeht, besteht darin, dass das Dativobjekt im Gegensatz zum präpositionalen Objekt eigens physisch oder kognitiv aktiv ist: Es muss etwas dazutun, damit der Sachverhalt oder das Ereignis gelungen als das bezeichnet werden kann, was das Verb ausdrückt. 8.6 SG Nom -V-SG Dat -SG Akk : zu deinem Besten! Das gleiche Kasusmuster SG Nom -V-SG Dat -SG Akk instruiert noch zu weiteren Vorgängen des simulierten Erlebens. Es ist beispielsweise in vielen Äußerungen mit sogenannten freien Dativen realisiert: Jemand backt seiner Liebsten einen Kuchen, jemand wäscht der Oma die Wäsche, ChatGPT hat mir nicht das Buch geschrieben, dass du mir ja Tante Christiane grüßt! Auch hier ist die Diathese Aktiv, es spielt aber keine Rolle, ob Figur oder Grund perspektiviert werden (siehe Abbildung 8-6). Genauer gesagt, instruiert dieses Muster zur Simulation einseitig verlaufender, realer oder Blickbewegung zwischen einer Figur und einem objekthaften Grund und zu je‐ mandes emotionalem, geistigem oder affektivem Interesse an der Beziehung zwischen Figur und Grund. Dieses Interesse ist im Anschluss an die Salienz- und Pertinenzbegriffe aus Abschnitt 2.2 salienz- oder pertinenzbasiert. Daher können wir von einem salienz- oder pertinenzbasiert beteiligten Dativ sprechen. 8.6 SG Nom -V-SG Dat -SG Akk : zu deinem Besten! 189 <?page no="190"?> in Bezie‐ hung zur Beziehung Beispiele instruktiver Beitrag Abbildung 8-6: Satz-/ Kasusmuster SG Nom -V-SG Dat -SG Akk aus Figur- oder Grundperspektive (hier: Figur), Typ „salienz- oder pertinenzbasierte Beteiligung des Dativgegenstands“ (hier: Pertinenz) Charakteristisch für dieses Kasusmuster ist, dass der durch den Dativ ausgedrückte Wahrnehmungs- oder Vorstellungsgegenstand gar nicht physisch (oder genauer: ki‐ netisch) an der Beziehung zwischen Figur und Grund beteiligt zu sein braucht, sondern im simulierten Erleben als wahrnehmendes oder vorstellendes Wesen fungiert: Wir simulieren jemanden oder etwas, das gegenüber etwas, das es wahrnimmt oder sich vorstellt, fühlt, denkt, affektiv betroffen ist. Dieser Gegenstand steht damit auch nicht, wie es in den vorherigen Kasusmustern der Fall war, in einer direkten Beziehung zu den anderen beiden Wahrnehmungsgegenständen, sondern er steht in Beziehung zur Beziehung zwischen den anderen beiden Wahrnehmungsgegenständen. Dieser Typ des Dativs lässt sich neben den genannten auch in anderen Kasusmustern realisieren oder anders gesagt, er muss kein Interesse an einer Beziehung haben, die zwischen einem Nominativ- und einem Akkusativsatzglied besteht. Er lässt sich in fast jedem abstrakten Satz-/ Kasusmuster ausdrücken: Das gefällt mir. Miezi legt mir ständig tote Mäuse vor die Tür. Dass du mir der Lehrerin ja die Bücher zurückgibst (zwei Dativsatzglieder! )! 8.7 SG Nom -V-SG Dat -SG Akk : waschen, schneiden, föhnen Noch zu weiteren Vorgängen simulierten Erlebens instruiert das gleiche Muster SG Nom - V-SG Dat -SG Akk , zum Beispiel wenn Ihnen jemand die Haare wäscht, schneidet und föhnt. Der Unterschied dreht sich wieder um den Dativ. Äußerungen, die dieses Muster in der Aktivdiathese realisieren und entweder die Figur oder den Grund perspektivieren, instruieren zu den folgenden Vorgängen des simulierten Erlebens (siehe Abbildung 8-7): einseitig verlaufende, reale oder Blickbe‐ wegung zwischen einer Figur 1 und einem objekthaften Grund 1 sowie eine Teil/ Ganzes-Beziehung zwischen den durch SG Akk (Teil, Figur 2 ) und den durch SG Dat (Ganzes, Grund 2 ) ausgedrückten Wahrnehmungsgegenständen. Deshalb können wir von einer Beteiligung des Dativs als Possessor sprechen. 190 8 Wie du mir, so ich dir: Kasusmuster und simulierte Wahrnehmungen <?page no="191"?> possessive Beziehung Abbildung 8-7: Satz-/ Kasusmuster SG Nom -V-SG Dat -SG Akk aus Figur- oder Grundperspektive (hier: Fi‐ gur-Perspektive), Typ „Beteiligung des Dativgegenstands als Possessor“ Für dieses Muster ist charakteristisch, dass das Verbalgeschehen zwischen Figur 1 und Grund 1 , also zwischen denjenigen Wahrnehmungsgegenständen simuliert erlebt wird, die durch die Nominativ- und Akkusativsatzglieder ausgedrückt sind. Unabhängig da‐ von und als zweite Beziehung wird aber eine possessive Beziehung zwischen den Wahrnehmungsgegenständen simuliert, die durch das Akkusativ- und das Dativsatz‐ glied ausgedrückt sind. Diese Beziehung kann auch zeitlich unabhängig von der verbal ausgedrückten Beziehung bestehen. Hier kann man an die heilige Trias „Waschen, Schneiden, Föhnen“ denken: Die Meisterin wäscht, schneidet und föhnt Ihnen die Haare. Die Haare sind auch vor und nach dem Programm Ihre, aber nicht nur das, sie bilden einen Teil Ihres Körpers. Das unterscheidet Ihre Haare von Ihrem Auto. Wenn die Meisterin Ihnen das Auto wäscht, müssen sie physisch nicht anwesend sein. Deshalb repräsentiert das zuletzt ge‐ nannte Muster auch den pertinenzbasiert beteiligten Dativ aus dem vorigen Abschnitt. Natürlich kann die Meisterin auch Haare waschen, schneiden und föhnen, die nicht an Ihnen dran sind, aber dennoch Ihnen gehören. Das wäre, naja, besonders, aber möglich. Aber dann würde die Äußerung Die Meisterin wäscht Ihnen die Haare zur Simulation eines pertinenzbasiert beteiligten Dativs instruieren und nicht notwendigerweise zu dem eines Dativs als Possessor. Natürlich kann beides gleichzeitig zutreffen, doch die Frage, um welchen Dativtyp es sich handelt, wird dadurch entschieden, was davon durch die Äußerung des Dativs erzwungen wird und was davon nur zufällig auch zutrifft. Analog realisieren viele weitere Äußerungen außerhalb des Frisierstudios Haarmo‐ nie dieses Satz-/ Kasusmuster: sich den Kopf stoßen, dir die Nägel lackieren, ihnen den Kopf verdrehen, sich ein Bein ausreißen und viele mehr. Daran wird schon erkennbar, dass der Dativgegenstand präferiert ein hoch belebtes Wesen ist, dem wir Empathie entgegenbringen und dem wir zuschreiben, Teile zu haben, die nicht einfach von ihm zu trennen sind. (Man spricht dabei von Inalienabilität, von lat. aliēnus ‚fremd‘, also ‚Unentfremdbarkeit‘.) Demgegenüber nehmen wir viel eher ein Rad von einem Auto 8.7 SG Nom -V-SG Dat -SG Akk : waschen, schneiden, föhnen 191 <?page no="192"?> Beispiele instruktiver Beitrag ab - eine Variante des SG Nom -V-SG Akk -SG Präp -Musters -, anstatt dem Auto ein Rad abzunehmen. Auch der als Possessor beteiligte Dativ ist analog in anderen Satz-/ Kasusmustern enthalten, beispielsweise in einem SG Nom -V-SG Dat -SG Präp -Muster - jemandem auf den Fuß treten - oder in einem SG Nom -V-SG Dat -SG Akk -SG Präp -Muster - dem Kind die Mütze auf den Kopf ziehen, hier sogar als doppelter Possessor. 8.8 SG Nom -V-SG Präp : Wenn was wo schwirrt, schwirrt’s wo von was Nachdem wir uns bisher einige prominente dreistellige Satz-/ Kasusmuster angeschaut haben, für die sich recht klare abstrakte Bedeutungen angeben lassen und die sich durch Polysemie auszeichnen, nähern wir uns nun mit zweistelligen Mustern dem Homonymiepol an (siehe Abbildung 8-1 oben). Typische Äußerungen, die das SG Nom -V-SG Präp -Muster mit perspektivierter Figur aktualisieren, beinhalten Autos, die in Parklücken fahren, Wollmäuse, die unter Betten leben, Bälle, die in Körbe fliegen, oder Gerüch(t)e, die in der Stadt schwirren. Eine Beispieläußerung, die das Muster mit perspektiviertem Grund aktualisiert, ist Die Stadt schwirrt von Gerüch(t)en, das genaue Gegenstück zu Gerüch(t)e schwirren in der Stadt. Genauer: Äußerungen mit zwei Wahrnehmungselementen, die das Kasusmuster SG Nom -V-SG Präp in der Aktivdiathese realisieren und entweder die Figur oder (selten) den Grund perspektivieren, instruieren zu folgenden Vorgängen des simulierten Erle‐ bens (siehe Abbildung 8-8): einseitige reale oder Blickbewegung zwischen einer Figur und einem Grund ohne Objekteigenschaften. Abbildung 8-8: Satz-/ Kasusmuster SG Nom -V-SG Präp aus Figur- (links) und Grundperspektive (rechts) An der Stelle für den Grund in dem Satzmuster kann natürlich ein lexikalischer Aus‐ druck geäußert werden, der ein Wahrnehmungsbeziehungsweise Vorstellungsobjekt im engeren Sinne bezeichnet. Dies wäre eine Form der lexikalischen Spezifizierung des abstrakteren Musters. Man kann leicht erkennen, dass dieses Muster einen Sachverhalt oder ein Ereignis ausdrückt, das nur aus einem Teilereignis besteht. Es verbalisiert sozusagen von dem dreistelligen Muster SG Nom -V-SG Akk -SG Präp (siehe Abschnitt 8-3) nur den hinteren Teil, das zweite Zeitsegment, mit dessen Beschreibung es auch identisch ist. Was bei diesem Muster im ersten Zeitsegment geschieht, ist, dass eine Figur denjenigen 192 8 Wie du mir, so ich dir: Kasusmuster und simulierte Wahrnehmungen <?page no="193"?> zweivs. dreistelliges Muster Beispiele instruktiver Beitrag SG Akk vs. SG Präp Gegenstand in Bewegung setzt, der im hier vorliegenden, zweistelligen Muster als Nominativsatzglied versprachlicht wird, dort aber als Akkusativobjekt. Wo hier also das Auto in die Parklücke fährt, fährt dort jemand das Auto in die Parklücke. Wo hier Bälle in Körbe fliegen, wirft dort jemand Bälle in Körbe. Wir haben in der sprachlichen Formgebung die Freiheit, Ereignisse, die andere Er‐ eignisse verursachen, an ihren Gelenkstellen abzuschneiden und das eine Glied weg‐ zulassen: Ein fliegender Ball ist ein geworfener Ball unter Außerachtlassung der Ur‐ sache. Wenn wir die Ursache in die Formgebung eines Aktivsatzes aufnehmen wollen, „rutscht“ sie nach vorn in die Subjektfunktion und die anderen Wahrnehmungsele‐ mente „rutschen“ nach „hinten“ in die anderen, die Objektskasus. Die simulierte Wahr‐ nehmung des zweistelligen Musters ist also, was Inhalt und Art und Weise des Vor‐ stellens betrifft, als zweites Zeitsegment in dem dreistelligen Muster enthalten. 8.9 SG Nom -V-SG Akk : alles Mögliche und umgekehrt Typische Äußerungen, die das hochgradig homonyme Muster mit perspektivierter Figur aktualisieren, beinhalten Studierende, die Bücher lesen, Tropfen, die die Straße nässen, Kräuter, die Hochbeete füllen, Personen, die Türen öffnen und Räume betreten und sehr viele mehr. Genauer: Äußerungen, die das Satz-/ Kasusmuster SG Nom -V-SG Akk in der Aktivdia‐ these realisieren und dabei entweder die Figur oder den Grund perspektivieren, in‐ struieren zu den folgenden Vorgängen des simulierten Erlebens (siehe Abbildung 8-9): einseitig verlaufende, reale oder Blickbewegung zwischen einer Figur und einem ob‐ jekthaften Grund. Darin steht es im Kontrast zum vorangegangenen Muster. Abbildung 8-9: Satz-/ Kasusmuster SG Nom -V-SG Akk aus Figur- (links) und Grundperspektive (rechts) Man kann also nicht viel mehr konstatieren als eine Figur-objekthafter Grund-Konfi‐ guration, und selbst dies muss man relativieren: Das alternative Muster mit präposi‐ tionalem statt Akkusativobjekt instruiert durch die Präposition meist so, dass der Grund nicht als umgrenztes Wahrnehmungs- oder Vorstellungsobjekt fungiert, das als Ganzes vom Verbalgeschehen betroffen ist, sondern als eine nicht scharf begrenzte Region, auf die die reale oder Blickbewegung gerichtet ist wie in Jemand tritt in den Raum, reist nach Bordeaux, steht zwischen den Stühlen, geht zum Frisierstudio Chaarak‐ ter, wohnt bei der Uni. Dies ist anders bei Akkusativobjekten, die als umgrenzte Objekte 8.9 SG Nom -V-SG Akk : alles Mögliche und umgekehrt 193 <?page no="194"?> instruktiver Beitrag im strengen Sinn ganz von dem affiziert sind, was durch das Verb ausgedrückt wird: das Buch lesen statt in dem Buch lesen. Es gibt nun allerdings auch Verben, die selbst dazu instruieren, die Gerichtetheit zu simulieren, und dazu nicht auf den instruktiven Beitrag einer Präposition angewiesen sind. Sie sind oft, aber längst nicht immer mit bepräfigiert. Ein Beispiel haben wir bereits genannt: in einen Raum treten gegenüber einen Raum betreten, andere Fälle sind Bordeaux bereisen (statt nach Bordeaux reisen), ein Haus bewohnen (statt in einem Haus wohnen). Falls es hier einen Unterschied dazwischen gibt, auf welche Weise die jeweils durch das Objektsubstantiv ausgedrückten Wahrnehmungs- oder Vorstellungselemente simuliert erlebt werden - ob als Objekt oder als Region -, ist er sehr subtil und schwer unabhängig von sprachlicher Evidenz nachzuweisen. Die Beispiele mit perspektiviertem Grund sind seltener, sie enthalten enthalten, beinhalten beinhalten, umfassen umfassen und ähnliche: Etwas enthält, beinhaltet, umfasst etwas anderes. 8.10 SG Nom -V-SG Dat : wie Akkusative, aber entgegenkommend Nachdem wir bereits zweistellige Satz-/ Kasusmuster mit präpositionalen und Akku‐ sativobjekten behandelt und Unterschiede festgestellt haben, fehlen noch die Dati‐ vobjekte. Dass diese weniger Wahrnehmungs- und Vorstellungsinhaltsunterschiede neutralisieren als Nominative und Akkusative, wurde schon bei der Behandlung der dreistelligen Muster mit Dativbeteiligung deutlich. Die dort identifizierten Dativtypen finden ihre Entsprechungen in den zweistelligen Mustern mit Dativbeteiligung. Diese weisen zudem noch einen weiteren Typ auf. Doch der Reihe nach. Äußerungen mit zwei Wahrnehmungselementen, die das Kasusmuster SG Nom -V- SG Dat in der Aktivdiathese realisieren und die Figur perspektivieren, instruieren zu den folgenden Vorgängen des simulierten Erlebens (siehe Abbildung 8-5): einander ent‐ gegenlaufende reale oder Blickbewegung zwischen einer Figur und einem Grund mit Objekteigenschaften. Abbildung 8-10: Satz-/ Kasusmuster SG Nom -V-SG Dat aus Figur-Perspektive, Typ „gegeneinanderlaufende Bewegung“ 194 8 Wie du mir, so ich dir: Kasusmuster und simulierte Wahrnehmungen <?page no="195"?> entgegen‐ laufender Dativ Beispiele instruktiver Beitrag Dieser Dativtyp ist bereits bekannt aus dem dreistelligen Muster mit Nominativ, Dativ und Akkusativ (siehe Abschnitt 8.5). Dort bestand die einander entgegenlaufende Be‐ wegung zwischen den Wahrnehmungs- oder Vorstellungsgegenständen, die durch den Akkusativ und den Dativ im zweiten Zeitsegment ausgedrückt wurden. Das hier vor‐ liegende Muster versprachlicht die gleiche Beziehung als ein Zeitsegment und zwischen Nominativ und Dativ. Wenn das vordere Zeitsegment, falls vorhanden, nicht versprachlicht werden soll, „rutscht“ der Akkusativ des dreistelligen Musters wieder nach vorn und wird als Subjekt versprachlicht. (Zur Erinnerung: Natürlich rutscht da nicht wirklich etwas, weil wir in der sprachlichen Formgebungsaktivität nur eine dieser Äußerungen tätigen und nicht zwischen verschiedenen Äußerungen etwas „hin- und herschieben“. Die Redeweise vom Schieben und Rutschen abstrahiert von den Formgebungsaktivitäten und operiert gedanklich und kontrastiv mit entzeitlichten und verdinglichten Äußer‐ ungsstrukturen der verborgenen Ordnung namens Grammatik. Unsere theoretischen Betrachtungen hier dürfen nicht mit den Formgebungs- und Verstehensaktivitäten verwechselt werden.) Der durch das Dativobjekt ausgedrückte Wahrnehmungs- oder Vorstellungsgegen‐ stand ist im Gegensatz zu präpositionalen oder Akkusativobjekten physisch oder ko‐ gnitiv aktiv: Er muss etwas dazutun, damit der Sachverhalt oder das Ereignis gelungen als das bezeichnet werden kann, was das Verb ausdrückt, beispielsweise in jemandem gratulieren, jemandem danken, jemandem begegnen und einer ganzen Reihe mehr. Wenn die Person, die Adressat der Gratulation und des Danks ist, nicht kognitiv und physisch das Ihrige dazutut, kann nicht gelungen vom Gratulieren oder Danken gesprochen werden. Dazu gehört eine physische und kognitive Hinwendung zum Agens, das heißt, der Figur. 8.11 SG Nom -V-SG Dat : wie Akkusative, aber kooperativ Der zweite Dativtyp bei zweistelligen Satz-/ Kasusmustern hat keine Entsprechung in den dreistelligen Mustern. (Wobei die Reihenfolge der Aufzählung hier keine Rolle spielt.) Äußerungen mit zwei Wahrnehmungselementen, die diesen Typ des Kasus‐ musters SG Nom -V-SG Dat in der Aktivdiathese realisieren und die Figur perspektivieren, instruieren zu den folgenden Vorgängen des simulierten Erlebens (siehe Abbildung 8-11): eine intendierte Bewegung der Figur relativ zum Grund, wobei der Grund eben‐ falls aktiv ist und die Richtungen beider Aktivitäten koinzidieren. 8.11 SG Nom -V-SG Dat : wie Akkusative, aber kooperativ 195 <?page no="196"?> Dativ koinzi‐ dierender Bewegung instruktiver Beitrag Abbildung 8-11: Satz-/ Kasusmuster SG Nom -V-SG Dat aus Figur-Perspektive, Typ „koinzidierende Bewe‐ gung“ Äußerungen, die dieses Muster aktualisieren, enthalten etwa die Verben helfen und folgen. Wenn jemand jemand anderem hilft oder folgt, ist die Bewegung der Figur gleichzeitig auf den Grund gerichtet, der die Hilfe bekommt beziehungsweise dem ge‐ folgt wird, und auf das, wobei geholfen wird, beziehungsweise auf den Ort, zu dem sich der Grund (in dieser Funktion dann als Figur) bewegt. Das, wobei geholfen wird be‐ ziehungsweise das Ziel der koinzidierenden Bewegung, ist dabei nicht verbalisiert, aber verbalisierbar: jemandem beim Tapezieren helfen und jemandem zum Frisierstudio Mon‐ haarlisa folgen. Dabei scheint es so zu sein, dass die Bewegung der Figur präferiert eine intentionale Bewegung ist, dies aber auf die Bewegung des Grund-Elements nicht zutreffen muss. So können wir problemlos sagen, dass wir einem rollenden Ball (zum Fuß des Berges) folgen, aber nicht ohne Weiteres, dass ein rollender Ball uns (zum Fuß des Berges) folgt. Im simulierten Erleben infolge der letzten Äußerung müssten wir dem Ball eine Art von zielgerichtetem Handeln zuschreiben. 8.12 SG Nom -V-SG Dat : wie Akkusative, aber mit Interesse Der dritte Dativtyp in zweistelligen SG Nom -V-SG Dat -Satz-/ Kasusmustern entspricht dem salienz- oder pertinenzbasiert beteiligten Dativ aus dem dreistelligen Kasusmuster (siehe Abschnitt 8.6). Folglich instruiert das zweistellige Muster zur Simulation von jemandes emotio‐ nalem, geistigem oder affektivem Interesse am Zustand, Prozess oder der Ak‐ tivität einer Figur oder eines Grund-Elements, das perspektiviert ist. Dieses In‐ teresse ist salienz- oder pertinenzbasiert (siehe Abbildung 8-12). 196 8 Wie du mir, so ich dir: Kasusmuster und simulierte Wahrnehmungen <?page no="197"?> in Bezie‐ hung zur Beziehung instruktiver Beitrag Abbildung 8-12: Satz-/ Kasusmuster SG Nom -V-SG Dat aus Figur- oder Grund-Perspektive (hier: Figur), Typ „salienz- oder pertinenzbasierte Beteiligung des Dativgegenstands“ (hier: Pertinenz) Wie beim dreistelligen Gegenstück „projizieren“ wir jemanden wie uns selbst als er‐ lebendes Wesen in die simulierte Szene, wobei die Art der Beteiligung nicht physischer (genauer: kinetischer) Natur zu sein braucht. Aktualisiert ist dieses Muster wiederum in vielen sogenannten „freien“ Dativen, aber auch in unfreien, zum Beispiel in Das gefällt/ behagt/ fehlt mir. 8.13 SG Nom -V-SG Dat : wie Akkusative, aber zu jemandem gehörig Der vierte und letzte Dativtyp in zweistelligen SG Nom -V-SG Dat -Satz-/ Kasusmustern entspricht dem als Possessor beteiligten Dativ aus dem dreistelligen Kasusmuster (siehe Abschnitt 8.7). Äußerungen, die dieses Muster in der Aktivdiathese realisieren und die Figur per‐ spektivieren, instruieren zu den folgenden Vorgängen des simulierten Erlebens (siehe Abbildung 8-13): eine Teil/ Ganzes-Beziehung zwischen den durch die Figur (Teil) und den Grund (Ganzes) ausgedrückten Wahrnehmungsgegenständen. Wie bereits er‐ wähnt, handelt es sich um einen als Possessor beteiligten Dativ. Abbildung 8-13: Satz-/ Kasusmuster SG Nom -V-SG Dat aus Figur-Perspektive, Typ „Beteiligung des Dativ‐ gegenstands als Possessor“ 8.13 SG Nom -V-SG Dat : wie Akkusative, aber zu jemandem gehörig 197 <?page no="198"?> possessive Beziehung instruktiver Beitrag homonymstes Satz-/ Kasusmuster Während im analogen dreistelligen Satz-/ Kasusmuster das Dativsatzglied zur Simula‐ tion des Ganzen und das Akkusativsatzglied zu der des Teils instruiert, ist es im zwei‐ stelligen Muster das Nominativsatzglied - das Subjekt -, das für den Teil steht. Wie beim dreistelligen Gegenstück betrifft das Verbalgeschehen unmittelbar nur die Ge‐ genstände hinter den nicht-dativischen Satzgliedern: Jemand schneidet die Haare, und zwar mir, also schneidet jemand mir die Haare im Falle des dreistelligen Musters. Der Dativgegenstand steht unmittelbar nur mit dem Akkusativ in einer Beziehung, mit dem Schneiden aber nur mittelbar. So ist es auch mit dem Dativ im zweistelligen Muster: Die Haare wachsen, und zwar mir. Die Nägel rollen sich auf, und zwar ihr. Ein Zahn tut weh, und zwar dem Inhaber des Frisierstudios Sahaara. 8.14 SG Nom -V: alles Mögliche und andersrum Das Satz-/ Kasusmuster SG Nom -V enthält nur ein Satzglied mit einem aus dem Verb ausgelagerten Gegenstand. In der Aktivdiathese und mit perspektivierter Figur oder (selten) perspektiviertem Grund instruieren Äußerungen, die dieses Muster realisieren, folgende Vorgänge des (simulierten) Erlebens (siehe Abbildung 8-14): eine Eventuali‐ tät, in die eine Figur oder ein Grund involviert ist. Abbildung 8-14: Satz-/ Kasusmuster SG Nom -V aus Figur- (links) und Grund-Perspektive (rechts) Es handelt sich hierbei um das homonymste Satz-/ Kasusmuster, wenn man, wie wir es in Abschnitt 8.2 getan haben, den Unterschied zwischen Homonymie und Polysemie als ein Spektrum in Bezug auf inhaltliche Spezifizierbarkeit betrachtet. Der Nominativ ist der Kasus, der Inhaltsunterschiede am stärksten neutralisiert; das einzige Satzglied ist automatisch perspektiviert; die fehlende Ko-Präsenz anderer Elemente lässt keine Einschränkung des Spektrums der möglichen Sachverhalts- und Ereignistypen zu. Das Subjekt kann Figur oder Grund sein, wenn das jeweilige Gegenstück im (simulierten) Erleben vorhanden ist, aber in der Äußerung implizit bleiben kann. Das Spektrum ist angedeutet in den spezifischeren Darstellungen in Abbildung 8-15. 198 8 Wie du mir, so ich dir: Kasusmuster und simulierte Wahrnehmungen <?page no="199"?> erstes Genitivmuster Abbildung 8-15: Illustrationen des Satz-/ Kasusmusters SG Nom -V Die Pfeile im Figursymbol - nach oben, nach rechts, nach unten - symbolisieren respektive Prozesse oder Aktivitäten, in denen die Figur im simulierten Erleben „wird“, einen Zustandswechsel durchläuft und vergeht, wie in Jetzt erscheint weißer Rauch, jemand lacht, etwas verschwindet. Etwas läuft aus illustriert, wie in einem Verb wie auslaufen eine Figur und deren Bewegung im simulierten Erleben vorhanden sein, in der Äußerung jedoch implizit bleiben kann. 8.15 SG …- SG Gen : vom Entledigen über das Harren zum Bemächtigen Zuletzt werfen wir einen summarischen Blick auf den Genitiv in verschiedenen Satz-/ Kasusmustern. Wir werden zwei - vielleicht sind es auch drei - abstrakte Genitivtypen unterscheiden ähnlich der Art, wie wir schon Dativtypen unterschieden haben. Wie bereits erwähnt, haben wir im Deutschen schon vor langer Zeit angefangen, immer seltener und immer weniger Satz-/ Kasusmuster mit Genitivsatzgliedern zu äußern. Viele davon gehören heute gar nicht mehr zu unserem sprachlichen „Wissen, wie …“, andere fristen ein Nischendasein als sprachliche Quasifossilien. Zum Beispiel kann man entbehren nur noch mit einer kleinen Menge an Objekten äußern, andernfalls klingt es (noch) antiquiert(er), zum Beispiel: nicht der Ironie entbehren, jeglicher Grund‐ lage, jeglicher Logik entbehren. Wenn aber Kasusmuster allgemein einen instruktiven Beitrag leisten - was dieses Kapitel insgesamt zeigen möchte -, dann ist klar, dass es heute andere Ausdrucksmuster für ehemalige oder heute marginale Kasusmuster mit Genitivbeteiligung gibt, die annähernd den gleichen Beitrag leisten, nur homonymer. Die nachfolgend genannten Genitivmuster mögen daher für neuesthochdeutsche Intuitionen antiquiert bis unmöglich anmuten. Zum ersten Muster mit Genitivbeteiligung: Das Satz-/ Kasusmuster SG Nom -V- SG Gen im Aktiv perspektiviert die Figur oder den Grund (siehe Abbildung 8-16 links bezie‐ hungsweise rechts) und instruiert zu den folgenden Vorgängen des simulierten Erle‐ bens: einander entgegenlaufende Bewegung zwischen einer Figur und einem Grund. 8.15 SG …- SG Gen : vom Entledigen über das Harren zum Bemächtigen 199 <?page no="200"?> erster Subtyp zweiter Subtyp Hypostasie‐ rung und Unbelebt‐ heit Abbildung 8-16: Satz-/ Kasusmuster SG Nom -V-SG Gen aus Figur- (links) und Grund-Perspektive (rechts), Typ „gegeneinanderlaufende Bewegung“ Dieses Muster mit Genitiv weist hohe Ähnlichkeit zum Dativ vom Typ „gegeneinan‐ derlaufende Bewegung“ auf. Der Genitivtyp lässt sich in zwei Subtypen aufteilen, die sich jeweils von dem genannten Dativtyp unterscheiden. • Beim ersten Subtyp legt der durch den Genitiv ausgedrückte Gegenstand den wei‐ teren Weg zurück oder wendet die höhere Kraft auf als der jeweils andere Gegen‐ stand. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn sich jemand eines Gegenstandes (oder einer Teilmenge desselben) bemächtigt, sich dessen annimmt oder sich seiner (er)wehrt. • Beim zweiten Subtyp gaukelt das Genitivsatzglied nur vor, zur simulierten Wahr‐ nehmung eines Gegenstands zu instruieren, instruiert tatsächlich aber zur Simu‐ lation eines ganzen Sachverhalts oder Ereignisses. Dies ist der Fall, wenn man sich eines Problems annimmt, jemanden der Unschuld beraubt, sich des Schlafes erwehrt. Damit handelt es sich um eine metaphorische Ausdrucksweise, die Erfahrungen, die durch Haptik, Vision und Motorik geerdet sind, durch Hypostasierung aus‐ beutet (siehe auch Abschnitt 4.5 und Kapitel 11). Das geschieht, wenn man sprach‐ lich etwas als Gegenstand im engeren Sinne behandelt, was in der Wahrnehmung oder Vorstellung aber ein ganzer Sachverhalt oder ein ganzes Ereignis ist. Beide Subtypen sind durch die Tendenz gekennzeichnet, dass der durch den Genitiv ausgedrückte Gegenstand oder hypostasierte Sachverhalt unbelebt ist (was Sachver‐ halte per se sind). Die Ähnlichkeit zum Dativ des Typs „entgegenlaufende Bewegung“ äußert sich auch dadurch, dass anstatt dieser Genitive im heutigen Sprachgebrauch häufig Dative geäußert werden: sich dem Gegenstand bemächtigen, annehmen, erwehren oder auch - mit drittem Satzglied - jemanden dem Gegenstand berauben. Die Ähnlich‐ keit in der Wahrnehmungsstruktur motiviert sozusagen den „Ersatz“ dieses Genitiv‐ typs durch den Dativ mit einem ähnlichen, aber nicht gleichen instruktiven Beitrag. Interessanterweise finden sich Verben wie die genannten schon sehr früh in der deut‐ schen Sprachgeschichte sowohl mit Genitivals auch mit Dativsatzgliedern geschrie‐ ben, wobei öfter der Genitiv für unbelebte Gegenstände und öfter der Dativ für belebte Gegenstände verwendet wurde. 200 8 Wie du mir, so ich dir: Kasusmuster und simulierte Wahrnehmungen <?page no="201"?> zweites Genitivmuster Kasus der Abwesen‐ heit / Tren‐ nung Der zweite große Genitivtyp, der hier genannt werden soll, ist der einander entge‐ genlaufenden Bewegung direkt gegenläufig. Er tritt in einem zwei- oder dreistelligen Satz-/ Kasusmuster auf und betrifft die Beziehung des Genitivgegenstands zu dem Ge‐ genstand, der durch das Subjekt in zweistelligen und durch das Akkusativobjekt in dreistelligen Mustern ausgedrückt wird. Diese Muster instruieren zu den folgenden Vorgängen des simulierten Wahrnehmens (siehe Abbildung 8-17): von einem objekt‐ haften Grund weggerichtete reale oder Blickbewegung. Abbildung 8-17: Satz-/ Kasusmuster SG Nom -V- SG Akk - SG Gen (oben) oder SG Nom -V- SG Gen (unten) mit alternativen Kasuszuordnungen zu Figur und objekthaftem Grund, Typ „weggerichtete Bewegung“ Dieser Typ ist realisiert in (Teil-)Äußerungen wie sich eines Gegenstands entledigen, sich eines Gegenstands entäußern, jemanden einer Pflicht entbinden, eines Amts entheben, des Platzes verweisen. Dabei bewegt sich eine Figur von einem objekthaften Grund weg. Je nach Verb wird das eine oder andere Wahrnehmungs- oder Vorstellungselement als Genitivobjekt und das jeweils andere als Akkusativobjekt (in dreistelligen Mustern) beziehungsweise als Subjekt (in zweistelligen Mustern) ausgedrückt. Wenn Sie sich Elektroschrotts entledigen, sind Sie der Grund - als der Ort des Elektroschrotts - und der Elektroschrott im Genitiv die Figur, die sich von Ihnen entfernt. Wenn die Schiedsrichterin Sie des Platzes verweist, sind Sie Figur und der Platz im Genitiv steht für den Grund. Dieser „ablative“ instruktive Beitrag, die Bewegung von … weg, äußert sich in den Ersatzmustern mit Präpositionalobjekt: verweisen, entbinden, entheben von oder aus etwas. Der Genitiv scheint der Kasus der Abwesenheit oder Trennung zu sein. Beim Geni‐ tivtyp „gegeneinanderlaufende Bewegung“ streben Figur und Grund aus der Trennung wieder zusammen. Beim Genitivtyp „weggerichtete Bewegung“ streben sie auseinan‐ der. Sinnbildlich dafür stehen bemächtigen und entledigen. Es gibt einen dritten, stati‐ schen Zustand: den der Abwesenheit oder Getrenntheit der Figur vom Grund. Auch er wird durch Kasusmuster mit Genitiven ausgedrückt, aber es ist nicht leicht zu ent‐ scheiden, welchem der beiden vorgenannten Typen er zuzuordnen ist: Ein Zeitsegment der Getrenntheit enthält sowohl der Typ bemächtigen, nämlich vor der Bemächtigung, als auch der Typ entledigen, nämlich nach der Entledigung. Vielleicht sollte er besser als eigener, dritter Typ behandelt werden. Er ist realisiert in (Teil-)Äußerungen wie sich 8.15 SG …- SG Gen : vom Entledigen über das Harren zum Bemächtigen 201 <?page no="202"?> verstorbener Familienmitglieder erinnern, einer Sache (ge)denken, sich des Todes fürch‐ ten, sich seiner Schandtaten schämen und so weiter. In diesen Fällen wird etwas Abwe‐ sendes geistig vergegenwärtigt und in diesem Sinne in die Nähe geholt. Hier ist auch der Ort von Teil/ Ganzes-Beziehungen, bei denen der Genitiv einen Teil (Figur) von etwas (Grund) bezeichnet, dessen das Subjekt wirklich oder metaphorisch habhaft wird, während es von dem Ganzen getrennt ist, so in Geldes bedürfen oder Geldes benötigen, des Brotes brauchen. Doch die Gemengelage ist komplex, die Genitive dieses Typs sind eher selten sensomotorisch geerdet, so dass sie Objekte des Erlebens bezeichnen. Stattdessen stehen sie oft für hypostasierte Sachverhalte: Die Genitivsatzglieder bezeichnen dann komplexe Zustände und Ereignisse verschiedenster Art und Modalität: wirklich, möglich, unmöglich, zukünftig, vergangen, zugeschrieben und so weiter. Wir harren eines Ereignisses, bedürfen mehr Schlafs, brüsten uns unserer Verdienste, werden des Diebstahls überführt, der Lüge bezichtigt, des Betrugs angeklagt, der Steuerhinterziehung verdächtigt. Die Ersatzmuster für diesen Typ sind oft solche mit Akkusativobjekt statt Genitivob‐ jekt(s), wenn mentale Vergegenwärtigungen im Spiel sind: In Norddeutschland erinnert man eine Episode, wir fürchten den Tod, genießen die (statt der) Ruhe, achten jemanden (statt jemandes) und so weiter. Andere mentale Vergegenwärtigungen sowie die hypostasierten Objekte (im weitesten Sinne) werden stattdessen mit metaphorischen räumlichen Präpositionalobjekten ausgedrückt: sich an eine Episode erinnern, an etwas denken, sich vor dem Tod fürchten. Die gerichtsrelevanten Genitive ersetzen wir vor allem durch Präpositionalgruppen mit wegen. Der durch den Genitiv ausgedrückte, hypostasierte Straftatbestand fungiert als Anlass oder Grund dessen, wozu das Verb instruiert. So hat bisher niemand das Frisierstudio Hauptsache wegen Steuerhinterzie‐ hung angeklagt. Aufgabe Alle Satz-/ Kasusmuster bis hierhin wurden für die Aktivdiathese beschrieben. Wie verhält es sich mit dem Passiv? Brauchen wir für die instruktiven Beiträge von Passiv-Satz-/ Kasusmustern eigene Charakterisierungen? Um einer Antwort näher zu kommen, übertragen Sie Beispielsätze für die bisher besprochenen Kasusmuster ins Passiv und prüfen Sie, ob sich damit etwas daran ändert, wozu sie instruieren, und wenn ja, zu was. Im nächsten und letzten Abschnitt wird diese Frage kurz thematisiert und beant‐ wortet. Vielleicht möchten Sie erst selbst nachdenken und dann weiterlesen? 202 8 Wie du mir, so ich dir: Kasusmuster und simulierte Wahrnehmungen <?page no="203"?> Überführ‐ barkeit ins Passiv 8.16 Des Passivs soll gedacht werden Alle bis hier charakterisierten Satz-/ Kasusmuster galten der Aktivdiathese. Die Cha‐ rakterisierungen ihrer Bedeutungsbeiträge sind aber in die Satz-/ Kasusmuster der analogen Passivdiathesen überführbar, sofern sich von den betreffenden Aktiv‐ mustern überhaupt Passive formen lassen. Als Beispiel mag das dreistellige Aktivmuster mit Subjekt, Dativobjekt und Akku‐ sativobjekt des Typs „salienz- oder pertinenzbasierte Beteiligung des Dativgegens‐ tands“ dienen (siehe Abschnitt 8.6): Sie reinigen dir das Lastenrad. Die Bedeutungscha‐ rakterisierung bleibt gleich: einseitig verlaufende, reale oder Blickbewegung zwischen einer Figur und einem objekthaften Grund und zu jemandes emotionalem, geistigem oder affektivem Interesse an der Beziehung zwischen Figur und Grund. Je nach Passiv ändert sich aber die Perspektive auf das simulierte Ereignis sowie die Zuordnung der Figur- und Grund-Rollen zu den Satzgliedern. Beim werden- oder Patienspassiv nehmen wir das Akkusativobjekt des Aktivmusters in Perspektive, es wird also zum Subjekt: Das Lastenrad wird dir von ihnen gereinigt. Das Dativsatzglied steht weiterhin für den interessierten Gegenstand (im weitesten Sinne) und das Subjekt des Aktivsatzes wird zu einem präpositional regierten Satzglied mit von oder durch, wenn es nicht ganz weggelassen wird. Beim kriegen-/ bekommen- oder Rezipientenpassiv nehmen wir das interessierte Element in Perspektive, so dass wir dieses nun als Subjekt versprachlichen: Du bekommst das Lastenrad von ihnen gereinigt. Das Akkusativobjekt des Aktivs bleibt auch grammatisch, was es schon im Aktiv gewesen ist, und das Aktiv-Subjekt wird wieder als präpositional regiertes Objekt mit von oder durch oder auch gar nicht ausgedrückt. Für alle weiteren Aktiv-Satz-/ Kasusmuster, für die ein Passiv möglich ist, gilt analog: Die abstrakten Figur-Grund-Strukturen mit ihren spezifischen Beziehungen bleiben gleich, aber mit der Diathese ändert sich die Perspektive auf den Sachverhalt und damit verändern sich auch die Zuordnungen von Figur- und Grund-Rollen zu Satzgliedern in nicht zufälliger - nämlich der eben skizzierten - Weise. 8.17 Kommentierte Literaturhinweise Zu 8.1 bis 8.2 Die allgemeine Forschungsliteratur zur Kasusgrammatik ist sehr umfangreich, für die speziell deutsche gilt dies immer noch, aber je weiter man sich einer humanökolo‐ gischen und kognitiven Sichtweise nähert, desto weniger werden die einschlägigen Arbeiten. Die hier diskutierten Phänomene werden in der Regel im Kontext von „Lin‐ king“, „Argumentstrukturen“, „Diathesen“ und „semantischen/ thematischen Rollen“ diskutiert. Allgemein-linguistische Reflexionen dazu - darunter Kasus und die Neutralisierung von Bedeutungen - finden sich in den frühen Kapiteln der guten Lehrbücher von 8.16 Des Passivs soll gedacht werden 203 <?page no="204"?> Levin/ Rappaport Hovav (2005), Butt (2006) sowie in Kasper (2008). Alle drei behandeln im Verlauf der Kapitel auch Linking-Phänomene, also letztlich Diathesen, bei denen es darum geht, wie sich ein Sachverhalt oder ähnliche Sachverhalte mittels verschiedener Satz-/ Kasusmuster verschieden ausdrücken lassen, das letztgenannte auch in Bezug auf Deutsch. Darüber hinaus behandeln alle modernen Grammatiktheorien die Frage nach dem Bedeutungsstatus der Kasus. Hier lassen sich im Wesentlichen dieselben Arbeiten nennen wie in Kapitel 1: Croft (1991, 2001, 2012 [im Rahmen der Radical Construction Grammar]), Goldberg (1995 [im Rahmen der Cognitive Construction Grammar]), Langacker (2002, Kapitel 9; 2008, Kapitel 11 [im Rahmen der Kognitiven Grammatik]), Perek (2015 [im Rahmen der Usage-Based Construction Grammar]), Kasper (2015, Kapitel 4 [im Rahmen des hier vorgestellten Ansatzes]). Von 8.3 bis 8.16 Der Frage, welche Bedeutungen im Deutschen durch die Kasus beim Verb differenziert werden, widmet sich eine ganze Reihe von Arbeiten, die im Vergleich zum hier präsen‐ tierten Ansatz relevant sind, und zwar: Wilmanns (1909: 454-710 [eine ausgezeichnete, historisch-vergleichend ausgerichtete, detaillierte und materialreiche Aufstellung des „Gebrauchs“ der Kasus im Deutschen], Dürscheid (1999 [jüngere, relativ theorieneut‐ rale Darstellung des deutschen Kasussystems und seiner semantischen Funktionen]), Welke (2019 [konstruktionsgrammatische Beschreibung der Argumentstrukturen des Deutschen, aber viel stärker von der Sprache her gedacht und vom philosophischen Ansatz (siehe Kapitel 1) her anders]). Im Rahmen der Instruktionsgrammatik ist Kasusphänomenen gewidmet Kasper (2015, Kapitel 4, insbesondere 335-363, 403-456). Speziell dem Genitiv ist gewidmet Brown (2025). Daneben gibt es einsichtsreiche Arbeiten, die mehr oder weniger theoriespezifisch einzelnen Kasus gewidmet sind, darunter dem Dativ Wegener (1985), die Aufsätze in Hole et al. (2006) sowie Kotin (2021). Dem Genitiv ist gewidmet Sassenhagen (2009). 204 8 Wie du mir, so ich dir: Kasusmuster und simulierte Wahrnehmungen <?page no="205"?> 22 Quelle: https: / / www.faz.net/ aktuell/ wirtschaft/ unternehmen/ kylie-jenner-und-die-parfuemeriekett e-douglas-kooperieren-16542611.html [Stand: 17.07.2025]. bisher Fokus auf Eindeutigkeit 9 Einspruch! Stattgegeben! Der Fall diagrammatische Ikonizität kontra Grammatik Die Leitidee der Instruktionsgrammatik ist, sprachliche Äußerungen als geordnete An‐ leitungen zum simulierten Erleben (im Sinne eines Nach-Vollzugs) und praktischen Verwerten des Nachvollzogenen zu betrachten; wir setzen unsere Formgebungs- und Verstehensaktivitäten in Beziehung zu den Bedingungen, unter denen wir als Men‐ schen in unserer Umwelt und Mitwelt aktiv sind. Bis hierhin haben wir die Idee in eine Reihe verschiedener Richtungen verfolgt. Alle bisherigen Betrachtungen, die Zusam‐ menhänge zwischen Äußerungsstrukturen und den Strukturen unseres Erlebens be‐ trafen, haben eines gemeinsam: Wir haben so getan, als seien all diese Äußerungen mit ihrer verborgenen Ordnung eindeutig in Bezug auf diese Ordnung, als wiesen sie eindeutig genau diese Ordnung auf, aber keine andere. Das entspricht nicht unserer Alltagserfahrung. Sprachliche Missverständnisse und Fehlinterpretationen als Folge davon, dass Äußerungen auf verschiedene Weise ver‐ standen werden können, gehören zur Alltagserfahrung. Oder was würden Sie sagen, wer im Titel von Abbildung 9-1 wem gefällt? Abbildung 9-1: Beispiel für grammatische Mehrdeutigkeit 22 : die Schlagzeile Kylie Jenner gefällt Douglas <?page no="206"?> Fokus auf Mehrdeutigkeit In diesem Kapitel geht es zum einen um unseren Umgang mit solchen mehrdeutigen Äußerungen. Wir begegnen ihnen ständig, meist ohne es zu merken, und wir verstehen sie dann auf genau eine Weise, während wir sie auf die anderen möglichen Weisen nicht verstehen, und diese eine Weise ist meist auch noch die kommunikativ relevante. Wieso ist das so? Wie gelingt uns das? Wenn wir erwartungslos an die Befolgung sprachlicher Instruktionen herangehen würden, würde man damit rechnen, dass von hundert Leserinnen der Schlagzeile die Hälfte zum einen simulierten Erlebnis und die andere Hälfte zum anderen simulierten Erlebnis angeleitet würde. Sehr viel spricht dafür, dass das nicht der Fall ist. In Abschnitt 9.1 wird es darum gehen, wie wir auf Äußerungen reagieren, die sich sprachwissenschaftlich als mehrdeutig beschreiben lassen. Dabei zeigt sich, dass wir schon mit von uns unbemerkten Vorerwartungen in die Interpretation von Äußerungen hineingehen und sie im Sinne dieser Erwartungen interpretieren, wenn nichts offensichtlich dagegenspricht. In Abschnitt 9.2 folgt dann ein Argument, nach dem diese Vorerwartungen humanökologisch motiviert sind, also ihren Anlass in der spezifischen Art und Weise haben, wie Menschen sich mit ihrer Um- und Mitwelt auseinandersetzen. Zum anderen geht es anschließend auch um die Frage, wie wir bezüglich ihrer Ordnung eindeutige Äußerungen verstehen. Die Frage mag zunächst seltsam anmuten, denn in den bisherigen acht Kapiteln ging es um nichts anderes als darum, wie die verborgene Ordnung namens Grammatik uns dazu bringt, Erlebnisse zu simulieren, die andere gehabt oder sich ausgedacht haben. Aber unser Umgang mit mehrdeutigen Äußerungen wird zeigen, dass wir mit unbemerkten Erwartungen in das Verstehen von Äußerungen hineingehen. Wozu uns die instruktiven grammatischen Mittel - insbe‐ sondere Kasus, siehe Kapitel 8 - in eindeutigen Äußerungen instruieren, kann unseren außersprachlichen Erwartungen entsprechen, es kann ihnen aber auch widersprechen. Was dann passiert, ist Gegenstand von Abschnitt 9.3. Daraus lässt sich dann wiederum einiges über den Stellenwert ableiten, den die verborgene Ordnung namens Grammatik für das Verhältnis des Menschen zur außersprachlichen Wirklichkeit besitzt. 9.1 Das Ergebnis bestimmt die Obrigkeit: reagieren auf mehrdeutige Instruktionen Alltägliche Missverständnisse und Fehlinterpretationen zeigen, dass dieselbe Äuße‐ rung bisweilen zu verschiedenen simulierten Wahrnehmungen oder praktischen Ver‐ wertungen instruieren kann. Sie ist dann mehrdeutig gewesen. Sprachliche Mehrdeu‐ tigkeit in diesem Sinne ist etwas völlig anderes, als wenn eine Äußerung zu beliebigen Erlebnisnachvollzügen anleiten würde. In diesem Fall könnten wir nicht mehr sinnvoll sagen, dass die Äußerung geordnet wäre, und damit würde sie sich nicht mehr als sprachliche Äußerung qualifizieren. 206 9 Einspruch! Stattgegeben! Der Fall diagrammatische Ikonizität kontra Grammatik <?page no="207"?> mehrdeu‐ tige Äuße‐ rungen ge‐ ordnet syntakti‐ sche Funk‐ tionen Mehrdeutige Äußerungen sind geordnet, aber ihre Ordnung kann mit mehr als einem Erlebnisnachvollzug einhergehen. Wenn Renate vor einer Wahl in den sogenannten sozialen Medien schreibt, Das Ergebnis bestimmt die Obrigkeit, dann geraten wir wahrscheinlich kurz ins Stocken und müssen mindestens kurz überlegen, wer hier laut Renate wen bestimmt: Wird die Obrigkeit von dem Wahlergebnis bestimmt oder das Wahlergebnis von der Obrigkeit (und was sollen wir uns jeweils darunter vorstellen)? Wir könnten Das Ergebnis als Satzglied im Nominativ erkennen und die Obrigkeit als Satzglied im Akkusativ, so dass damit zu einer simulierten Wahrnehmung mit perspektiviertem Ergebnis als Figur und der Obrigkeit als Grund instruiert würde. (Hier sind allerdings Hypostasierungen im Spiel, siehe Kapitel 11.) Die Äußerung ist aber auch als eine Realisierung der genau umgekehrten Zuordnung erkennbar, denn wir könnten genauso gut die Obrigkeit als Nominativsatzglied und das Ergebnis als Akkusativsatzglied identifizieren. Wozu uns die Äußerung dagegen kaum instruieren wird, ist, dass für morgen Nachmittag Schneeregen angekündigt ist. In Abbildung 9-2 sind die beiden simulierbaren Erlebnisse dargestellt. Dabei ist zu beachten, dass die Satzglieder aufgrund der Hypostasierungen nicht wirklich zur simulierten Wahrnehmung von Figur und Grund instruieren. In Wirklichkeit müss‐ ten wir die hypostasierenden Ausdrücke Ergebnis und Obrigkeit im Zusammenhang mit bestimmen mental in erlebbare Sachverhalte zerlegen - in simulierte Erlebnisse dekomprimieren, die in den Ausdrücken komprimiert sind (siehe dazu ausführlich Kapitel 11). Abbildung 9-2: Korrespondenzen zwischen Wahrnehmung (aber: Hypostasierung), Äußerung und syntaktischen Funktionen in Das Ergebnis bestimmt die Obrigkeit In der sprachwissenschaftlichen Reflexion handelt es sich bei diesem Beispiel und bei dem Beispiel in Abbildung 9-1 um syntaktische Funktionen-Mehrdeutigkeiten: Es gibt mehrere Möglichkeiten, die syntaktischen Funktionen der Satzglieder zu identifi‐ zieren. Dem entsprechen im simulierten Erleben unterschiedliche Zuordnungen zwi‐ schen den Satzgliedern und den Wahrnehmungselementen. Damit bleibt unklar, was als Bestimmendes (eher agenshaft) und was als Bestimmtes (eher patienshaft) zum Verb 9.1 Das Ergebnis bestimmt die Obrigkeit: reagieren auf mehrdeutige Instruktionen 207 <?page no="208"?> Synkretis‐ mus problemloses Verstehen Kontext Beispiel bestimmt simuliert wird beziehungsweise was als Gefallendes (eher Patienshaftes) und was als Gefallen Empfindendes (eher Rezipientenhaftes) zum Verb gefällt. Syntaktische Funktionen-Mehrdeutigkeit Eine sprachliche Äußerung ist mehrdeutig hinsichtlich ihrer syntaktischen Funk‐ tionen, wenn sie keine zuverlässigen instruktiven Mittel enthält, anhand deren sie dazu instruieren würde, was womit in welcher Beziehung stehend simuliert nach-vollzogen werden soll. Relativ zum Verbalgeschehen gilt: Subjekt = Wer oder was? Genitivobjekt = Wessen? Dativobjekt = Wem oder was? Akkusativobjekt = Wen oder was? Gemäß der grammatischen Ordnung, die sich aus deutschsprachigen Äußerungen abs‐ trahieren lässt, kann es prinzipiell vorkommen, dass Subjekte, Akkusativobjekte, Da‐ tivobjekte und Genitivobjekte äußerlich ununterscheidbar sind. Ursache dafür ist der sogenannte Synkretismus. Synkretismus ist gegeben, wenn Exponenten verschiede‐ ner morphologischer Kategorien dieselbe äußere Form haben - so, wie Douglas und Kylie Jenner in orthographischer Form jeweils den Nominativ, den Dativ und den Ak‐ kusativ Singular realisieren sowie das Ergebnis und die Obrigkeit beide Nominativ und Akkusativ Singular realisieren (zu Kasusexponenten siehe Abschnitt 8.1). Wenn eine Äußerung mindestens zwei Satzglieder hat, die als Substantivgruppen realisiert wer‐ den, kann sie prinzipiell mehrdeutig hinsichtlich ihrer syntaktischen Funktionen sein. Das betrifft fast nur Aktivsätze; von denen ist im Folgenden die Rede. In den meisten Fällen bemerken wir nicht, wenn zwei Satzglieder auf diese Weise mehrdeutig sind und verstehen die Äußerung trotzdem richtig. Wieso? Wenn wir auf Mehrdeutigkeiten hingewiesen werden, haben wir meistens eine einfa‐ che - und im Grunde richtige - Erklärung dafür, warum wir sie bei der ersten Begeg‐ nung nicht bemerkt haben und trotzdem die - in dem Sinne, wie es gemeint gewesen ist - „richtige“ Simulation vorgenommen haben: den Kontext. Und mit Kontext meinen wir dann landläufig einen von diesen drei Faktoren: • den Kotext - was vorher und nachher geäußert worden ist; • den Kontext im engeren Sinne - was aus der Äußerungssituation heraus erschließbar ist; • das Erfahrungs- oder enzyklopädische Wissen - was wir wissen, was in der Welt möglich ist und was nicht. Schauen wir uns dazu ein Beispiel an. Viele Menschen machen ähnliche olfaktorische Erfahrungen, wenn sie nach dem Spargelverzehr auf die Toilette gehen. Warum riecht das so? tagesschau.de klärt auf: 208 9 Einspruch! Stattgegeben! Der Fall diagrammatische Ikonizität kontra Grammatik <?page no="209"?> 1 Die Ursache für den unangenehmen Geruch liegt in einer in Spargel enthaltenen Säure, die „Asparagussäure“. 2 Sie ist aber nur indirekt für den Spargelgeruch verantwortlich: 3 Verschiedene Enzyme im Verdauungstrakt, der Leber und den Nieren können diese Säure abbauen. 4 Dabei entstehen „Abfallprodukte“, wie zum Beispiel Methanthiol, Dimethylsulfid oder Dimethylsulfoxid. 5 Die Summe der vielen entstehenden chemischen Verbindungen ergibt dann den typischen Geruch im Urin. […] 6 Nicht alle Menschen besitzen die Enzyme, 7 die für diesen Vorgang verantwortlich sind, 8 und auch nicht alle Menschen sind in der Lage, den Geruch von Spargel im Urin wahrzunehmen. (Quelle: Thurow, Joanna (31.05.2024): Warum Urin nach dem Spargelessen stinkt. tagesschau.de. URL: https: / / www.tagesschau.de/ wissen/ forschung/ spargel-urin -genetik-100.html [Stand: 17.07.2025]. Teilsatzzählung ergänzt - SK) In diesem Abschnitt - die Zählung der Teilsätze habe ich ergänzt - kommen drei Teilsätze vor, in denen jeweils ein Subjekt und ein Akkusativobjekt vorkommen und die prinzipiell mehrdeutig hinsichtlich ihrer syntaktischen Funktionen sein können, wenn ihre morphologischen Exponenten ununterscheidbar sind: 3, 5 und 6. In den Sätzen 3 und 5 können wir die syntaktischen Funktionen der betreffenden Satzglieder aber eindeutig identifizieren: • In Satz 3 muss Verschiedene Enzyme das Subjekt sein, denn nur dieses Satzglied kongruiert mit dem finiten Verb können im Plural, diese Säure tut es nicht. • In Satz 5 ist das Akkusativobjekt morphologisch eindeutig: den typischen Geruch kann nicht als Subjekt fungieren, deshalb muss es - via Ausschlussverfahren - Die Summe der … sein, obwohl dieses Satzglied selbst morphologisch mehrdeutig zwischen Nominativ und Akkusativ ist. • Teilsatz 6 schließlich ist der Form nach mehrdeutig: Nicht alle Menschen und die Enzyme qualifizieren sich der Form halber dafür, als Subjekt beziehungsweise als Akkusativobjekt identifiziert zu werden. Wir würden sagen, „laut Kontext“ müsste Nicht alle Menschen das Subjekt von besitzen sein, denn gemäß unserem Erfahrungswissen - wenn auch nicht aus erster Hand - sind Menschen die Orte von Enzymen und nicht umgekehrt. So oder so ähnlich würden unsere Verstehensaktivitäten mit solchen Mehrdeutigkeiten umgehen, allerdings nicht im Rahmen eines solchen Reflexionsprozesses, sondern im Rahmen eines unreflektierten, hochgradig routinisierten „Wissens, wie …“. Dabei kom‐ men solche Mehrdeutigkeiten keineswegs selten vor. Natürlich hängt ihre Häufigkeit von verschiedenen Faktoren ab, beispielsweise, ob wir nähe- oder distanzsprachlich, in einem Dialekt, Regiolekt, Soziolekt oder einer Umgangssprache kommunizieren, in geschriebener, gesprochener oder gebärdeter Form, monologisch oder polylogisch und so weiter. Für die geschriebene deutsche Standardsprache gibt es Daten, nach denen etwa jede fünfte Satzgliedbeziehung zwischen nominalen Satzgliedern (bestehend aus Substantivgruppen oder Satzgliedsätzen) mehrdeutig ist. In Dialekten ist die Zahl noch 9.1 Das Ergebnis bestimmt die Obrigkeit: reagieren auf mehrdeutige Instruktionen 209 <?page no="210"?> Kontext ver‐ nachlässig‐ bar zugunsten inhärenter Faktoren höher, weil sie einen höheren Grad an Synkretismus aufweisen. In den allermeisten Fällen verstehen wir die Äußerungen richtig, ohne sie und ohne es zu bemerken. Kontext im weiteren Sinne ist dabei in der ein oder anderen Ausprägung stets gegeben und stets hilfreich. Aufgabe Überlegen Sie, auf Basis welcher Faktoren Sie die mehrdeutigen Äußerungen oben trotzdem richtig verstanden haben. Was wären mögliche Faktoren? Welche halten Sie für entscheidend? Im Folgenden werden nachweislich entscheidende Faktoren besprochen, also erarbeiten Sie gegebenenfalls vor dem Weiterlesen eine Antwort. Nun lässt sich allerdings in sprachwissenschaftlichen Studien der Kontext im weiteren Sinne herausrechnen. Dann zeigt sich, dass wir in den meisten Fällen gar nicht auf den Kotext, den Kontext im engeren Sinne und das Erfahrungswissen angewiesen wären, um mehrdeutige Äußerungen richtig zu verstehen! Wie geht das? Fast alle Funktio‐ nenmehrdeutigkeiten zwischen Satzgliedern lassen sich auf Basis von Hinweisen rich‐ tig interpretieren, die in der betreffenden Äußerung verfügbar sind. Und mit „in“ ist gemeint: im simulierten Erleben infolge lexikalischer Ausdrücke zusammen mit humanökologischen Faktoren. Viel spricht dafür, dass wir beim Verstehen von mehrdeutigen Äußerungen von uns selbst unbemerkt Folgendes tun: 1. Wir identifizieren den höher belebten Wahrnehmungs- oder Vorstellungs‐ gegenstand als das Subjekt/ Agenshaftere (bei Subjekt-Objekt-Mehrdeutigkeiten) oder als das indirekte Objekt/ Rezipientenhaftere (bei indirektes Objekt-direktes Objekt-Mehrdeutigkeiten). 2. Bei gleicher Belebtheit identifizieren wir den zuerst ausgedrückten Wahrneh‐ mungs- oder Vorstellungsgegenstand als das Subjekt/ Agenshaftere (bei Sub‐ jekt-Objekt-Mehrdeutigkeiten) oder als das indirekte Objekt/ Rezipientenhaftere (bei indirektes Objekt-direktes Objekt-Mehrdeutigkeiten). Das Konzept der Belebtheits-/ Empathiehierarchie ist schon in Abschnitt 7.5 zur Sprache gekommen. Hier wird die Skala noch einmal wiederholt: Selbst > verwandt > andere Menschen > nicht humane Lebewesen > unbelebte Gegenstände > Orte > Abstraktes > unbelebtes Amorphes Wenn wir diese „Strategie“ von uns selbst unbemerkt anwenden, dann würden wir in Das Ergebnis bestimmt die Obrigkeit und in Nicht alle Menschen besitzen die En‐ zyme … insofern sensibel auf die Belebtheitsgefälle reagieren, als wir die simulierten Wahrnehmungen hinter Obrigkeit beziehungsweise Nicht alle Menschen als Subjekt 210 9 Einspruch! Stattgegeben! Der Fall diagrammatische Ikonizität kontra Grammatik <?page no="211"?> systemati‐ sche Aus‐ nahme behandeln. Mit anderen Worten kämen wir auch ohne Kontext bei den nach aller Wahrscheinlichkeit richtigen simulierten Wahrnehmungen heraus. Eine systematische Ausnahme sind Verben wie gefallen - sogenannte Objekt-Expe‐ riencer-Verben. Abgesehen von ihnen gibt es in Aktivsätzen eine ziemlich stabile Zu‐ ordnung zwischen Subjekt/ agenshaft, Dativobjekt/ rezipientenhaft und Akkusativob‐ jekt/ patienshaft in dreistelligen Satzmustern sowie Subjekt/ agenshaft-oderrezipientenhaft und Objekt/ rezipienten-oder-patienshaft in zweistelligen (siehe Ab‐ bildung 9-3). Agenshafte, rezipientenhafte und patienshafte Gegenstände sind in Abbildung 9-3 respektive als „Proto-Agens“, „Proto-Rezipient“ und „Proto-Patiens“ bezeichnet. Hinzu kommt ein „orthaftes“ Proto-Lokationales. Abbildung 9-3: Kasusmuster und semantische Rollen, Ausnahmetyp gefallen Zur Illustration: Ich zeige Ihnen Kasusmuster, Sie stellen den Ansatz auf die Probe. Ich gratuliere Ihnen. Ihnen gefällt es (vielleicht). Bei Verben wie gefallen wird die stabile Zuordnung durchbrochen. Das könnte uns bei Kylie Jenner gefällt Douglas - bei dem ich nicht für final klärbar halte, wem was gefällt - in die Irre führen. Kylie Jenner und Douglas sind durch Metonymie - Douglas kann für das Management des Konzerns stehen - vermutlich gleich belebt und Kylie Jenner steht zuerst, also würden wir laut der obigen, unbemerkten Strategie Kylie Jenner als Subjekt (aber als Proto-Patiens) interpretieren, so dass sie die Gefallende und Douglas das Gefallen Empfindende (Proto-Rezipient) wäre. Vermutlich - sicher ist es nicht - ist es aber umgekehrt gemeint und es geht darum, dass Kylie Jenner öffentlich Likes an Douglas verteilt. Das würde einer Analyse von Kylie Jenner als Dativobjekt und Douglas als Subjekt entsprechen. Um diese Ausnahme zu berücksichtigen, könnte die unbemerkte Interpretationsstra‐ tegie dahingehend präzisiert werden, dass höhere Belebtheit und früheres Auftreten auf die höhere semantische Rolle - Proto-Agens > Proto-Rezipient > Proto-Patiens - hinweist. 9.1 Das Ergebnis bestimmt die Obrigkeit: reagieren auf mehrdeutige Instruktionen 211 <?page no="212"?> Woher kom‐ men diese Präferen‐ zen? diagrammatische Ikonizität Rekapitula‐ tion Wieso Belebtheit und Reihenfolge? Die besprochenen Fälle machen jedenfalls eine Sache deutlich, die weiter unten noch von Bedeutung sein wird: Ohne zuverlässige instruktive - morphologische - Formen gibt es keine interpretative Gewissheit! Aber wir haben in der Regel von uns selbst unbemerkte Verstehenspräferenzen, die mit der relativen Belebtheit der Wahrneh‐ mungs- oder Vorstellungsgegenstände und mit ihrer relativen Position in der Äußerung zu tun haben. Wieso? Woher kommen diese Präferenzen? 9.2 Das vordere Ende: diagrammatische Ikonizität und die Präferenz für verantwortliche Ursachen Höher belebt zu sein und in einer Äußerung früher erwähnt zu werden, funktionieren für uns in mehrdeutigen Äußerungen als Hinweise auf die richtige simulierte Wahr‐ nehmung. Um zu verstehen, warum diese Merkmale für uns als Hinweise zum simu‐ lierten Erleben funktionieren, müssen wir noch einmal auf das Konzept der diagram‐ matischen Ikonizität zurückkommen. Das nun Folgende baut daher auf Kapitel 6 und insbesondere auf Kapitel 6.7 auf. Dort haben wir die Frage behandelt, warum sequen‐ ziell doppelt diagrammatisch ikonische Äußerungen gleicher sind als andere. Im fol‐ genden Absatz rekapitulieren wir nur die zentralsten Punkte des Arguments: Wir reden über die Welt, um uns handelnd und uns verhaltend in ihr zurechtzufinden. Unser Reden über die Welt vollzieht sich mittels sprachlicher Zeichen, diese sind aber nicht das, wofür sie stehen, sondern sie haben eigene materielle Stoff- und Formei‐ genschaften. Mit ihnen lassen sich deshalb Dinge machen, die in der ausgezeichneten Wirklichkeit ausgeschlossen sind, zum Beispiel das Spätere früher und das Frühere später auftreten zu lassen. Im nichtsprachlichen Handeln und Verhalten infolge sprach‐ licher Instruktionen müssen wir uns aber stets wieder in der Materialität der ausge‐ zeichneten Wirklichkeit zurechtfinden. Wir müssen jedes Mal und ganz praktisch die Brücke aus der Sphäre des Symbolisch-Zeichenhaften zur Wirklichkeit schlagen: Ein Pitbull läuft auf Sie zu. Was steht hier womit in welcher Beziehung und was können Sie angesichts dessen jetzt tun? Der Merksatz zum humanökologischen Sprachverste‐ hen besagt, dass wir eine Äußerung begreifen, wenn wir ihr gegenüber sinnvoll han‐ deln können. Um sinnvoll zu handeln, müssen wir den zeichenhaft verfassten Sach‐ verhalt im simulierten Erleben in die Sequenz bringen, in der er uns in der ausgezeichneten Wirklichkeit begegnen würde. Die Brücke zwischen beiden lässt sich demnach am leichtesten schlagen, wenn die Äußerung diese Sequenz schon aufweist, wie es in sequenziell doppelt diagrammatisch ikonischen Äußerungen der Fall ist. In anderen, nicht- oder kontraikonischen Äußerungen müssen wir kognitive Zeit und Mühe aufwenden, um diese Umformung erst vorzunehmen. Kommen wir zurück zum aktuellen Kontext: Warum sind für uns relativ höhere Belebtheit und die relativ frühere Äußerung eines Gegenstandes der (simulierten) Wahrnehmung Hinweise auf dessen Status als Subjekt beziehungsweise Proto-Agens? Die kurze Antwort ist: weil beide Merkmale in der ausgezeichneten Wirklichkeit In‐ dexe für - idealerweise verantwortliche - Ursachen von Sachverhalten oder Er‐ 212 9 Einspruch! Stattgegeben! Der Fall diagrammatische Ikonizität kontra Grammatik <?page no="213"?> Erläuterung der PfU eignissen sind. Wir haben ein besonderes Interesse an (verantwortlichen) Ursachen, das wir folgendermaßen formulieren können: Präferenz für verantwortliche Ursachen (PfU) Wir interpretieren den ersten geeigneten Gegenstandskandidaten in einem wahr‐ genommenen Ereignis vorauseilend als Ursache, wenn es seine wahrnehmbaren Merkmale zulassen und sonst nichts eindeutig dagegenspricht. Wir interpretieren den als Ursache identifizierten Gegenstand zudem als verantwortliche Ursache, wenn er das inhärente Merkmal ‚human‘ aufweist und sonst nichts eindeutig dagegenspricht. Die PfU gilt für Ereignisse in der ausgezeichneten Wirklichkeit und für sprachlich aus‐ gedrückte Ereignisse gleichermaßen. Sie gilt für sprachlich ausgedrückte Ereignisse ge‐ rade, weil sie für Ereignisse in der ausgezeichneten Wirklichkeit gilt, denn Äußerungen sind ja Instruktionen zum simulierten Nachvollzug! Die Zeichen mögen zwar nicht das sein, wofür sie stehen, aber sie leiten dennoch zu dessen simuliertem Erleben an. Wir sind zwar in der Stofflichkeit der Zeichen nicht bei der wirklichen Sache, im Simulieren des Erlebens aber schon - und daher wirken in dieser Hinsicht dieselben Faktoren. Wir Menschen haben eine solche Präferenz als Ausgleich dafür, dass wir nicht wie andere Lebewesen für allerlei Umweltkonstellationen jeweils bestimmte, biologisch gewachsene, feststehende und rigide Verhaltensweisen haben. Für uns ist in den meisten Situationen nicht zuverlässig vorhersagbar, wie wir auf etwas reagieren werden, das wir wahrnehmen und erleben. Wenn ich Ihnen eine Bratwurst hinlege, ist sehr Unterschiedliches denkbar. Wenn ich einem Hund eine Bratwurst hinlege, ist so gut wie keine Varianz erwartbar. Hunde sind von sich aus keine Veganer. Feststehende Verhaltensweisen bieten aber Sicherheit: Sie haben sich evolutionär darin bewährt, die vitalen Interessen - Nahrung, Schutz, Paarung, Brutpflege - der betreffenden Organismen zu erfüllen. Wenig festgelegt zu sein, birgt deshalb auch Risiken. Eine clevere Kompensation fehlender Reaktionsformen besteht beim Menschen darin, dass er das, was erst noch passieren wird und auf das er reagieren müsste - was potenziell gefährlich sein, aber auch Handlungschancen bieten könnte -, schon vorhersieht, bevor es passiert, und das ganz ohne Glaskugel. Genau deshalb gibt es die PfU. Sie lässt uns, von uns unbemerkt, vorauseilend vorhersehen, was in einem Ereignis, mit dem wir gerade konfrontiert sind, wahrscheinlich eine (verantwortliche) Ursache ist. Wenn wir die Ursache eines Ereignisses kennen, dann können wir auch auf Basis unserer Erfahrungsschichtung besser kalkulieren, wie es sich entwickeln wird und unser Handeln daran ausrichten. Wir wissen, dass Steine nicht von selbst fliegen, Katzen nicht aus eigenem Antrieb fliehen und so weiter. Die „besten“ Ursachen - weil die zuverlässigsten Vorhersagen zulassend - sind Menschen, deren Absichten und Zwecke wir erschließen können. Wenn dies der Fall ist, können wir vorhersehen, ob uns beispielsweise Gefahr droht: Werden noch mehr Steine fliegen oder vielleicht was Größeres? 9.2 Das vordere Ende: diagrammatische Ikonizität und die Präferenz für verantwortliche Ursachen 213 <?page no="214"?> unbemerkte Erwartun‐ gen Grammatik versagt instruktiv Belebtheit & Reihenfolge wirken Hoch belebt zu sein und früh in einem Ereignis aufzutreten, sind deshalb Hinweise - Peirce’sche Indexe - auf (verantwortliche) Ursachen, sowohl in Ereignissen der aus‐ gezeichneten Wirklichkeit als auch in Äußerungen, die dadurch als doppelt diagram‐ matisch ikonisch angenommen werden. Sofern unsere unbemerkten sprachlichen Er‐ wartungen nicht im Text- oder Diskurszusammenhang in eine andere Richtung gelenkt werden, gehen wir mit der unbemerkten PfU und der Ausgangserwartung dop‐ pelter diagrammatischer Ikonizität ins Äußerungsverstehen hinein. Sie sind demnach auch das Geheimnis unseres Erfolgs beim Richtigverstehen von Mehrdeu‐ tigkeiten von syntaktischen Funktionen. Vor diesem Hintergrund wird noch einmal deutlicher, warum diagrammatisch doppelt ikonische Äußerungen aus humanökolo‐ gischer Perspektive einen besonderen Status für uns haben. 9.3 Einspruch! Stattgegeben! Kultur vetoisiert mittels Grammatik gegen Natur Wir behandeln Äußerungen hier als geordnete Anleitungen zum simulierten Erleben (im Sinne eines Nach-Vollzugs) und praktischen Verwerten des Nachvollzogenen. Äußerungen, die infolge von Synkretismus mehrdeutig sind, instruieren potenziell zu verschiedenen simulierten Erlebnissen, die sich darin unterscheiden, was womit in welcher Beziehung stehend nach-vollzogen werden soll. Wer bestimmt wen in Das Ergebnis bestimmt die Obrigkeit? In den vorangegangenen Kapiteln, insbesondere Kapitel 5 und 8, haben wir gesehen, dass vor allem die grammatische Morphologie - Kasus und Kongruenz - das instruktive Mittel ist, mit dem zum Vorstellen auf eine Art und Weise angeleitet wird. Eine Läuferin verfolgt Sträuße und Sträuße verfolgen eine Läuferin unterscheiden sich nicht in den vorzustellenden Gegenständen, sondern darin, auf welche Weise und in welcher Beziehung sie vorgestellt werden sollen. Mehrdeutige Äußerungen sind genau dadurch gekennzeichnet, dass die grammati‐ schen Morpheme durch Synkretismus ihre instruktive Funktion nicht erbringen kön‐ nen, weil sie für uns nicht unterscheidbar sind. Unsere Präferenz für (verantwortliche) Ursachen führt aber dazu, dass wir bei einer zweideutigen Äußerung nicht zufallsba‐ siert das eine oder das andere Erlebnis simulativ nachvollziehen, sondern auf Basis der unbemerkten Vorannahmen doppelter diagrammatischer Ikonizität viel eher die eine als die andere. Wenn uns also die Zeichenform, also die verborgene Ordnung namens Grammatik, die wir als oberste Erfahrungsschicht identifiziert haben, keine Hinweise darauf liefert, auf welche Weise, in welcher Beziehung stehend wir die Vorstellungselemente simu‐ lieren sollen, stützen wir uns auf die Hinweise im simulierten Erlebnis selbst, auf die Gesamtheit der Erfahrungsschichten darunter: die relative Belebtheit der involvierten Gegenstände und die Reihenfolge, in der sie sich uns präsentieren (siehe Kapitel 2.3 und 3.6 zu den Erfahrungsschichten). 214 9 Einspruch! Stattgegeben! Der Fall diagrammatische Ikonizität kontra Grammatik <?page no="215"?> Was passiert bei Koprä‐ senz? Entspre‐ chung Wider‐ spruch / Konflikt Die Wirksamkeit dieser außersprachlichen, humanökologisch fundierten Hinweise zeigt sich nur dort, wo die instruktiven Mittel als Hinweise nicht taugen. Was passiert aber, wenn die beiden Hinweistypen - eindeutige morphologische Exponenten und Be‐ lebtheit und Reihenfolge - in einer Äußerung gleichzeitig vorhanden sind? Zwei Szena‐ rien können eintreten: Erstens können die morphologischen instruktiven Mittel zu ei‐ ner simulierten Wahrnehmung instruieren, die derjenigen entspricht, zu der bereits die außersprachlichen Hinweise instruieren. Zweitens können die morphologischen instruk‐ tiven Mittel zu einer simulierten Wahrnehmung instruieren, die derjenigen wider‐ spricht, zu der die außersprachlichen Hinweise instruieren. Der erste Fall ist in den folgenden beiden Beispielen gegeben (morphologisch Eindeutiges unterstrichen): (1) Die Meisterin föhnt den Kunden. - NOM/ AKK 3SG AKK - Gleiche Belebtheit, erstgenanntes Satzglied = Subjekt / agenshafter / Figur (2) Er liest ein Buch. - NOM 3SG NOM/ AKK - Höher belebtes und erstgenanntes Satzglied = Subjekt / agenshafter / Figur Das Wahrnehmungselement, das höher belebt oder bei gleicher Belebtheit früher wahrgenommen wird, ist in den Beispielen (1) und (2) auch dasjenige, dessen mor‐ phologische Form zu seiner simulierten Wahrnehmung als Figur und agenshafterer Gegenstand instruiert. Der zweite, interessantere Fall ist in den folgenden drei Beispielen gegeben: (3) Die Meisterin föhnt der Kunde. - NOM/ AKK 3SG NOM - Gleiche Belebtheit, letztgenanntes Satzglied = Subjekt / agenshafter / Figur (4) Das Buch traf den Kunden. - NOM/ AKK 3SG NOM - Niedriger belebtes und erstgenanntes Satzglied = Subjekt = agenshafter / Figur (5) Den Kunden traf das Buch. - AKK 3SG NOM/ AKK - Niedriger belebtes und letztgenanntes Satzglied = Subjekt / agenshafter / Figur 9.3 Einspruch! Stattgegeben! Kultur vetoisiert mittels Grammatik gegen Natur 215 <?page no="216"?> Warum? Weitrei‐ chende Frage In den Sätzen (3) bis (5) ist es das Wahrnehmungselement, das niedriger belebt ist oder bei gleicher Belebtheit zuletzt genannt wird, dessen morphologische Form zu seiner simulierten Wahrnehmung als Figur und Proto-Agens instruiert. Und hier folgen wir der morphologischen Form. Stellvertretend zeigen diese Beispiele Folgendes: Verbindlichkeit sprachlicher und außersprachlicher Hinweise Außer in ganz speziellen Konstellationen folgen wir, wenn die Hinweise der verborgenen Ordnung namens Grammatik den humanökologisch fundierten Hin‐ weisen widersprechen, den ersteren. Grammatische Hinweise sind als instruktive Hinweise grundsätzlich verbindlicher als außergrammatisch motivierte, in unse‐ rem sensomotorischen Weltverhältnis begründete Hinweise wie relative Belebtheit und relative Reihenfolge. Hier befinden wir uns sehr tief in den nicht zufälligen Zusammenhängen zwischen Strukturen menschlichen In-der-Welt-Seins einerseits und der verborgenen Ordnung sprachlicher Verstehensprozesse andererseits. Einen weiteren Schritt tiefer gelangen wir, wenn wir nun danach fragen, warum die grammatischen Hinweise für uns ver‐ bindlicher wirken als die außersprachlichen. Es ist, von außen besehen, überhaupt nicht selbstverständlich, warum wir in den Fällen, in denen sie konfligieren, die grammati‐ schen Hinweise als instruktiv maßgeblich behandeln sollten. Deshalb verspricht die Beantwortung dieser Frage Aufschluss über das Verhältnis von grammatischem „Wis‐ sen, wie …“ und dem sensomotorischen „Wissen, wie …“, oder anders gesagt, über das Verhältnis der obersten, grammatischen Schicht unserer Erfahrung und den darunter liegenden (siehe Abschnitte 2.3 und 3.6). Die instruktionsgrammatische Antwort darauf leitet sich aus einer weiteren, allge‐ mein-anthropologischen These ab: Vetopotenzial höherer gegenüber niedrigeren Lern- und Aktivitätsformen Kognitive oder physische Regungen, die mit höheren Lernformen erworben wur‐ den, besitzen „Vetopotenzial“ gegenüber kognitiven oder physischen Regungen, die auf niedrigeren Lernformen basieren. Höhere Lernformen zeichnen sich dabei durch größere Offenheit, höhere Plastizität und höhere biologische Kontingenz aus. Offenheit heißt, mit ihnen können alle möglichen Regungsschemata erworben werden (z. B. die Schwimmtechnik Delfin); Plastizität heißt, sie sind in ihrem Ab‐ lauf dynamisch an die Erfordernisse einer Situation anpassbar (z. B. Golfschlag an Seitenwind anpassen); biologische Kontingenz heißt, sie dienen, wenn überhaupt, dann nur äußerst mittelbar biologischen Dringlichkeiten (z. B. Violoncello im Orchester spielen, Vasektomie) 216 9 Einspruch! Stattgegeben! Der Fall diagrammatische Ikonizität kontra Grammatik <?page no="217"?> 23 Quelle: Kasper 2021a: 68. Erläuterung des Vetopotenzials Anwendung aufs Sprach‐ verstehen Die höheren Lern- und Aktivitätsformen sollten im Kontrast zu anderen, nichtmensch‐ lichen Lebewesen gesehen werden, deren Regungen durch vergleichsweise sehr ge‐ ringe Offenheit, Plastizität und biologische Kontingenz gekennzeichnet sind. Eine nicht vollständige Skala solcher Lern- und Aktivitätsformen ist in Abbildung 9-4 zu sehen. Abbildung 9-4: Vetopotenzial höherer gegenüber niedrigeren Lern- und Aktivitätsformen (exemplarisch anhand der einseitigen Pfeile) 23 Was heißt Vetopotenzial? Es bedeutet, dass eine irgendwie geartete Regung eines Organismus ungestört durch- und zu Ende laufen würde, wenn sie nicht durch eine andere, offenere, plastischere und biologisch kontingentere Regung desselben Orga‐ nismus verhindert, vermieden, unterbrochen oder abgebrochen würde. Ein Beispiel für das Vetopotenzial des Handelns gegenüber der Konditionierung bieten sowohl solche psychotherapeutischen Ansätze, die über Reflexion und achtsames Handeln gegen tiefsitzende Verhaltenskonditionierungen angehen, als auch solche, die unerwünschte Konditionierungen durch erwünschte Konditionierungen ‚überschreiben‘. Diese star‐ ten aber als intentionale, kontrollierte Handlungen, die ihrerseits durch Übung und Frequenz zu Routinen und Konditionierungen absinken können. Übertragen wir das allgemeine Muster nun auf die Befolgung grammatischer und außergrammatischer instruktiver Signale. Die Befolgung grammatischer Signale, also von morphologischen Formen zum simulativen Nachvollzug von Erlebnissen, ist eine Form der (operanten) Konditionierung. Die Wirksamkeit der außergrammatischen Hinweise gehört dagegen zum evolutionären Erbe - zu den untersten Schichten un‐ serer Erfahrung - und stellt so etwas wie ein Instinktresiduum dar. Daher besitzen grammatische Symbole - zur obersten Erfahrungsschicht gehörig - Vetobzw. Statt‐ gabepotenzial gegenüber außersprachlichen, humanökologisch begründeten Hinwei‐ sen wie Belebtheit: 9.3 Einspruch! Stattgegeben! Kultur vetoisiert mittels Grammatik gegen Natur 217 <?page no="218"?> Veto Stattgabe Ausnahmen Bedingun‐ gen • Die Wahrnehmung der ankonditionierten grammatischen Hinweise vetoisiert oder interveniert gegen die Effekte der außersprachlichen Hinweise, wenn sie ih‐ nen widersprechen wie in den Beispielen (3) bis (5) oben; und • die Wahrnehmung der ankonditionierten grammatischen Hinweise gibt den Ef‐ fekten der außersprachlichen Hinweise statt und liefert überdies interpretative Gewissheit für sie, wenn sie ihnen entsprechen wie in den Beispielen (1) und (2). Veto und Stattgabe sind alternative Ausdrucksweisen für die Aussage, dass grammati‐ sche Hinweise in sprachlichen Instruktionen verbindlicher sind als außersprachliche. Mit Zeichen, die die verborgene Ordnung namens Grammatik verwirklichen, können wir also sowohl Einspruch gegen Verstehensaktivitäten erheben, die dem sensomo‐ torischen Verhältnis zur Wirklichkeit entspringen, als auch ihnen stattgeben und interpretative Gewissheit für sie liefern, die ohne grammatische Zeichen gar nicht erreichbar ist. Aufgabe In den obigen Ausführungen ist die Rede davon, dass grammatische Hinweise „außer in ganz speziellen Konstellationen“ verbindlicher sind als außergramma‐ tische Hinweise. Überlegen Sie, unter welchen Bedingungen es wahrscheinlicher werden könnte, dass jemand eher den humanökologisch fundierten Hinweisen wie Belebtheit und Serialisierung folgt als den grammatischen, also beispiels‐ weise morphologischen Kasus- und Kongruenzexponenten. Im unmittelbaren Anschluss an diese Aufgabe erfolgt eine Auflösung. Also denken Sie darüber nach, bevor Sie weiterlesen. Daraus folgt nun auch, unter welchen „ganz speziellen Konstellationen“, wie es oben hieß, die grammatischen Hinweise nicht verbindlicher als die außergrammatischen sind: nämlich dann, wenn die sprachliche Praxis nicht hinreichend für die Konditio‐ nierung des Zusammenhangs von grammatischen Signalen und bestimmten Erlebnis‐ simulationen „auf eine Art und Weise“ gewesen ist. In diesen Fällen fallen wir dann auf im Sinne der Lernformenhierarchie „niedrigere“ Aktivitäten der Sinnkonstruktionen zurück. Man sollte bei den ganzen, „von uns unbemerkten“ Präferenzen und Aktivitäten nicht vergessen, unter welchen Bedingungen sie tatsächlich unbemerkt stattfinden: nämlich dann, wenn wir in unserem Handeln nicht gesondert auf sie achten, also prak‐ tisch immer in unserer Alltagskommunikation, die von gewachsenen und ankonditionierten Automatismen und von Routinen geprägt ist. Wenn wir dagegen über diese Prozesse Bescheid wissen, dann können wir auch (manchmal) auf sie achten und sie ein Stück weit kontrollieren. Dafür ist aber großer Aufwand nötig, eben ein hochgradig reflektiertes Überwachen sprachlicher Formgebungs- und Verstehensaktivitäten, ein 218 9 Einspruch! Stattgegeben! Der Fall diagrammatische Ikonizität kontra Grammatik <?page no="219"?> animal sym‐ bolīs inter‐ veniens Handeln. Dies würde nebenbei genau die Vetohypothese verwirklichen: reflexiv handelnd gegen die eigenen Automatismen und Routinen zu intervenieren. Daniel Kahneman hätte gesagt, diese von uns unbemerkten Präferenzen und Akti‐ vitäten kennzeichnen unser „schnelles“ (Sprach-)Denken („System 1“), ihre Reflexion und mögliche Vermeidung dagegen unser „langsames“ (Sprach-)Denken („System 2“). Vor diesem Hintergrund kann man im Anschluss an ähnliche Charakterisierungen den Menschen auch als animal symbolīs interveniens bezeichnen: ein Lebewesen, das mittels gemachter Zeichen gegen Vorgänge in seinem eigenen Innern intervenieren kann. 9.4 Kommentierte Literaturhinweise Zu 9.1 Wie sich Mehrdeutigkeiten syntaktischer Funktionen beschreiben lassen, kann man in strukturellen Grammatiken des Deutschen nachlesen (siehe Literaturhinweise zu Kapitel 1). Eine kurze Typologie von Mehrdeutigkeiten an einem konkreten Beispiel und im Kontext der Instruktionsgrammatik liefert Kasper (2020, Kapitel 2.3.1). Die Wirksamkeit von Belebtheit und Satzgliedreihenfolge für die Interpretation von mehrdeutigen Äußerungen ist in der Psycho- und Neurolinguistik vielfach belegt. Ein Lehrbuch, das Untersuchungen dazu berücksichtigt, ist Bornkessel-Schlesewsky/ Schle‐ sewsky (2009a). Entsprechende Einzelstudien dazu liefern Bornkessel-Schlesewsky/ Schlesewsky (2009b [sprachtypologisch ausgerichtet]), Muralikrishnan et al. (2015 [zu Tamil]) und Dröge et al. (2016 [zum Deutschen]). Den Zusammenhang von Kasus und semantischen Rollen sowie Ansätze zur Charak‐ terisierung von semantischen „Proto-Rollen“ („Agenshafteres“, „Rezipientenhafteres“, „Patienshafteres“, „Orthaftes“) liefern Primus (2012 [zugängliche Einführung in seman‐ tische Rollen]) und Kasper (2023 [Handbuchartikel zu Diathesen auf der Basis einer Theorie der semantischen Rollen]). Die Instruktionsgrammatik ist auch der Versuch, das, was in semantischen Rollen zu fassen versucht wird, humanökologisch besser herzuleiten, als dies gemeinhin versucht wird, und die Rollenbeschreibungen unter anderem durch Wahrnehmungs- und Vorstellungsstrukturen sowie soziale Zuschrei‐ bungen zu ersetzen. Kasper (2023) überführt diesen Versuch zu Darstellungszwecken wieder in einen Ansatz semantischer Rollen. Das Problem psychischer Verben und theoretische Lösungsversuche stellt dar Kasper (2008). Die Zahlen zur Häufigkeit von Mehrdeutigkeiten syntaktischer Funktionen stützen sich auf die Studie von Kasper (2020b, Kapitel 2.8). 9.4 Kommentierte Literaturhinweise 219 <?page no="220"?> Zu 9.2 Zur vertiefenden Literatur zur diagrammatischen Ikonizität im Kontext der Instruk‐ tionsgrammatik siehe die Hinweise zu Kapitel 6. Die Präferenz für verantwortliche Ursachen ist zum ersten Mal formuliert in Kasper (2015: 364-375 [Überarbeitung der Dissertation von 2012]), daneben in Kasper (2014 [Zusammenfassung der Grund‐ ideen des vorherigen]). Die Agens-Präferenz wird dort eingeführt als die sprachliche Ausprägung einer allgemeineren PfU. Die Agens-Präferenz geht auf die Arbeiten von Bornkessel-Schlesewsky und Schlesewsky zurück (siehe Hinweise zum vorigen Abschnitt). Die humanökologische, sprich philosophisch-anthropologische Begründung der Wirksamkeit der PfU liefern Kasper (2020b, Kapitel 4) und - in Auseinandersetzung mit der philosophischen Anthropologie Arnold Gehlens - Kasper (2021a). Eine zugängliche Einführung in die philosophische Anthropologie liefert Plessner (2019 [Die Aufarbei‐ tung eines Vorlesungsskripts]). Zu 9.3 In den zuletzt genannten Arbeiten wird schließlich auch diskutiert, warum gramma‐ tische Zeichen verbindlicher sind als außergrammatische, wird die Lernformenhierar‐ chie vorgestellt und verteidigt sowie der Gedanke des Vetopotenzials formuliert und auf die sprachlichen Verhältnisse angewendet: Kasper (2020, speziell Kapitel 4.5) sowie Kasper (2021a, speziell Abschnitt 6). System 1 („schnelles Denken“) und System 2 („langsames Denken“) rekurriert auf das populäre und einflussreiche Buch des Wirtschaftspsychologen Daniel Kahneman (2012). 220 9 Einspruch! Stattgegeben! Der Fall diagrammatische Ikonizität kontra Grammatik <?page no="221"?> Verantwort‐ lichkeit Zuschrei‐ bung 10 Nichts als Unterstellungen? Die sprachliche Attribution von Verantwortlichkeit In den vorangegangenen Kapiteln haben wir zahlreiche und weitreichende Zusammen‐ hänge zwischen Strukturen unseres In-der-Welt-Seins, wie sie sich in Wahrnehmen und Erleben äußern, und Strukturen unserer sprachlichen Formgebungs- und Verste‐ hensaktivitäten herausgearbeitet. Eine prominente Rolle aus Sicht humanökologischer Zusammenhänge spielten dabei die doppelte diagrammatische Ikonizität und - eng mit dieser verknüpft - die Präferenz für verantwortliche Ursachen (PfU), die wir im vorigen Kapitel in Aktion gesehen haben. Sie illustrieren stellvertretend, wie außersprachliche, humanökologische Faktoren sich in sprachlichen Aktivitäten niederschlagen. Ein bisher unterbelichteter Aspekt solcher Faktoren, der im Zentrum dieses Kapitels stehen soll, ist die Verantwortlichkeit, die auch in der PfU als der Präferenz für verant‐ wortliche Ursachen eine Rolle spielt. Die meisten humanökologischen Zusammenhänge betrafen bis hierhin vor allem die Beziehungen des Menschen zu seiner unbelebten Umwelt. Viele Korrespondenzen zwischen Wahrnehmungsstrukturen und den Struk‐ turen unserer sprachlichen Formgebungs- und Verstehensaktivitäten sind indifferent gegenüber der Frage, ob die Wahrnehmungsgegenstände Influencer, Meeressäuger oder Ziegelsteine sind. Anders gesagt, haben wir bisher vor allem die Beziehungen des Menschen zu seiner Umwelt und weniger die Beziehungen des Menschen zu seiner Mitwelt betrachtet, wenn wir Zusammenhänge zwischen Erfahrungs- und Äußerungs‐ strukturen hergestellt haben. Ausnahmen sind uns in der PfU und in bestimmten Satz-/ Kasusmustern mit Dativbeteiligung begegnet, die wir mittels Absichten, Interessen, Pertinenz, Possession und kognitiver Ko-Aktivität charakterisiert haben - Merkmale, die wir zuallererst unseresgleichen als sozialen Kulturwesen zurechnen, während bei‐ spielsweise unsere Präferenz für diagrammatisch ikonische Äußerungen unserem na‐ turgeschichtlichen Erbe zuzurechnen ist. Den einseitigen Fokus auf die unbelebte Umwelt müssen wir im Zusammenhang mit Verantwortlichkeit ablegen, denn diese ist ein genuin soziales und kulturelles Konzept, das der Interaktion unter symmetrischen Bedingungen entspringt. Verantwortlichkeit schreiben sich Akteure selbst und wechselseitig zu, die sich selbst und einander zweck‐ rationales Handeln unterstellen (in einem neutralen Sinne): dass man Ziele hat, unter Mitteln wählen kann, um sie zu erreichen, und kompetent ist, entsprechend zu handeln. Verantwortlichkeit betrifft deshalb auch nicht mehr nur das, worüber wir sprechen, sondern ebenso diejenigen, mit denen wir darüber in Wechselrede stehen. (Ich hätte auch sagen können, „mit denen wir reden“. Allerdings „reden“ Figuren in Actionfilmen auch „mit“ ihren Autos, die nicht anspringen - Komm schon, Baby, komm schon! - und deutsche Herrchen und Frauchen „mit“ ihren Labradoren - Erst abtrocknen, dann aufs Sofa, Chucky! Hier sind die Symmetriebedingungen aber nicht gegeben, weswegen <?page no="222"?> Sozialpsy‐ chologie Experiment ich diese Fälle als sekundär ausschließen möchte. Solche Fälle sind sozusagen auch Ausbeutungen der motivierten Form.) Das wechselseitige Unterstellen - oder Freisprechen - von Verantwortlichkeit ist ein Thema der Sozialpsychologie. In diesem Kapitel wird es darum gehen, wie sich diese Unterstellungen - wissenschaftlich spricht man von sozialen Attributionen - in unseren sprachlichen Formgebungs- und Verstehensaktivitäten niederschlagen. Die soziale Attribution hätten wir, streng genommen, in allen Sprachbeispielen in diesem Buch, bei denen Menschen oder anderweitig hoch Belebtes involviert gewesen ist, mitdenken müssen. Um die Zusammenhänge nicht zu komplex werden zu lassen, haben wir sie bis hierhin außenvorgelassen. Die Zuschreibungsprozesse sind aber sowohl mit Wahrnehmen, Vorstellen und Erleben als auch mit lexikalischen und grammatischen Formen eng verflochten, daher sollen sie nun wieder eingeflochten werden. In Abschnitt 10.1 wird es zunächst darum gehen, dass wir über wahrgenommene Szenen oft sehr viel mehr sagen, als wir an ihnen sehen oder hören können. Dies betrifft insbesondere soziale Aspekte ihrer Interpretation und dies lässt sich gut an sogenannten prekären Ereignissen demonstrieren. Anschließend wird in Abschnitt 10.2 eine kleine Theorie der sozialen Attribution entfaltet, mittels deren wir erklären können, wie wir bei prekären Ereignissen Verant‐ wortlichkeit zu- oder absprechen, obwohl wir dafür eigentlich nicht genug über sie wissen. In Abschnitt 10.3 schlagen wir schließlich wieder den Bogen zu Äußerungsstruktu‐ ren und sehen, wie sich bestimmte Typen sozialer Zuschreibungen in der verborgenen Ordnung unserer sprachlichen Formgebungs- und Verstehensaktivitäten niederschla‐ gen. 10.1 Prekäre Ereignisse Wir beginnen einmal mehr mit einem Experiment. Stellen Sie sich wieder einmal vor, Sie hätten Ihre Freundin am Telefon, während Sie die Szene in Abbildung 10-1 wahr‐ nehmen und auf die Frage Ihrer Freundin antworten sollen, was gerade bei Ihnen pas‐ siert. Es geht um das Geschehen um eine Person und einen Schlüssel. Analog zu der Experimentserie in Kapitel 3 sollen Sie diese zwei Elemente in Ihre Äußerung aufneh‐ men. Wie würden Sie dann in einem Satz auf die Frage Ihrer Freundin antworten? 222 10 Nichts als Unterstellungen? Die sprachliche Attribution von Verantwortlichkeit <?page no="223"?> 24 Quelle: FACTOREM (5.7.2024): Denken Sie daran! Abgebrochenen Schlüssel einfach entfernen! In: YouTube (Shorts). URL: https: / / www.youtube.com/ shorts/ gz8eMaN4brY [Stand: 17.07.2025]. Zuschrei‐ bungen im Alltag Abbildung 10-1: Schlüssel bricht unter menschlicher Beteiligung ab 24 Bevor wir naheliegende Verbalisierungen diskutieren, sollten wir uns vor Augen füh‐ ren, was hier im Spiel ist. In unserem Alltag tun wir Dinge, für die wir „etwas können“, z. B. essen und sprechen, und uns widerfahren Dinge, für die wir „nichts können“, z. B. sich verschlucken, sich versprechen, stolpern und atmen. Unser soziales Mitein‐ ander ist zentral dadurch geprägt, dass wir einander zuschreiben, ob wir etwas dafür können oder nichts dafür können, was wir tun. Dieses Zu- oder Absprechen von Ver‐ antwortlichkeit ist typischerweise sprachlich vermittelt. 10.1 Prekäre Ereignisse 223 <?page no="224"?> 25 Quellen: links: Pixabay/ SylwesterL, Mitte: Pixabay/ Engin_Kyurt, rechts: s. Kapitel 2, Abbildung 2-4. absichtli‐ ches Handeln Aufgabe Überlegen Sie, ob Sie die Schlüsselszene auch anders verbalisieren könnten. Was müsste dafür anders sein? Wenn sich das Schlüsselereignis nicht ändern würde, sondern nur der äußere Kontext, in dem sich diese Szene abspielt, welche Kontextfaktoren müssten sich ändern, damit Sie die Szene anders verbalisieren? Listen Sie sie auf. Im nächsten Abschnitt werden zentrale Faktoren zur Sprache kommen. Für eine Vielzahl von Ereignissen, mit denen wir in der ausgezeichneten Wirklichkeit konfrontiert sind, ist allen erfahrenen (Erfahrungsschichten! ) Personen, die sie beob‐ achten, klar, ob eine involvierte Person dafür verantwortlich gemacht werden kann, was sie tut, oder nicht. Einen Zopf aus süßem Hefeteig flicht niemand versehentlich. Niemand spielt versehentlich Vivaldis Violinsonate „La Follia“. Niemand platziert sein Auto versehentlich genau in der Parklücke neben einem wartenden Mann (siehe Ab‐ bildung 10-2). (Wir schließen aus unseren Erwägungen aus, dass die Personen schlaf‐ wandeln oder ihre Aktivitäten fremdgesteuert sind, und wir vernachlässigen Bedeu‐ tungsfragen der folgenden Art: „Ja, ich habe das Stück gespielt, aber nicht gewusst, dass es ‚La Follia‘ ist, also habe ich aus Versehen ‚La Follia‘ gespielt.“) In solchen Fällen nehmen wir an, dass diese Personen Gründe und Zwecke für ihr Handeln angeben können, diese Taten kontrolliert ausführen und sie als geeignete Mittel zur Erreichung ihrer jeweiligen Zwecke ansehen. Abbildung 10-2: Beobachtbare Taten, bei denen wir Versehen ausschließen 25 Wenn wir diese Aktivitäten bei anderen höherstufig wahrnehmen, sehen (und hören) wir auf Basis unserer Erfahrungen in den entsprechenden Schichten und Sinnesmoda‐ litäten die für sie erforderlichen sensomotorischen Fertigkeiten in sie hinein. Auch ohne sprachliche Vermittlung verstehen wir diese Ereignisse, indem wir sie simulativ nach-vollziehen. Das Teigflechten, „La Follia“-Spielen und präzise Einparken würde sich im Nach-Vollzug als zu gekonnt ausgeführt, kognitiv und sensomotorisch zu aufwendig, zu kontrolliert, zu fordernd in Bezug auf Fertigkeiten darstellen, um uns aus Versehen zu passieren, um uns zu widerfahren. 224 10 Nichts als Unterstellungen? Die sprachliche Attribution von Verantwortlichkeit <?page no="225"?> versehentli‐ che Wider‐ fahrnisse soziale Folgen An einer Garnele verschluckt sich dagegen niemand absichtlich, der nicht nur so tut, sondern so etwas geschieht versehentlich. Statt nach Gründen, Zwecken und Ver‐ schluckkompetenzen müsste man hier nach Ursachen fragen. Wer sich verschluckt, dem schreiben wir zu, dass er zwar handelnd irgendeinen Zweck verfolgt hat, für den das Mittel zu seiner Erreichung aber nicht das Verschlucken, sondern etwas anderes - wahrscheinlich ein simples Verzehren - gewesen ist. Vielmehr gehen wir davon aus, dass das Verschlucken das unbeabsichtigte Ergebnis davon ist, dass die eigentliche Handlung des Verzehrens gescheitert, misslungen ist (siehe Abbildung 10-3). Abbildung 10-3: Struktur eines Handlungsschemas (oben) und eines Widerfahrnisses (unten) Wenn wir Geschehnisse wie die vorgenannten als Handlungen erkennen, geht dies mit anderen sozialen Konsequenzen einher, als wenn wir sie als Widerfahrnisse erken‐ nen. Das macht die Attribution gerade sozial so relevant, und wir können erwarten, für verschiedene Zuschreibungen verschiedene sprachliche Instruktionen zu finden. Beispielsweise verdienen gelungene und erfolgreiche Handlungen Anerkennung und Lob, wenn wir sie befürworten, wohingegen wir sie für kritik- und gegebenenfalls sanktionswürdig halten, wenn wir sie für falsch halten. Doch schon scheinbar „objek‐ 10.1 Prekäre Ereignisse 225 <?page no="226"?> Absichten sind unsicht‐ bar verschie‐ dene Nach-Voll‐ züge prekäre Ereignisse unsichere Zuschrei‐ bungen tive“ Verbalisierungen der betreffenden Ereignisse sind sozial-attributiv oft keineswegs neutral. Dazu gleich mehr. Die Situation ist nämlich noch etwas komplizierter. Die Möglichkeit des So-tuns-als-ob macht auf einen wichtigen Umstand aufmerk‐ sam: Die meisten Versehen, die uns widerfahren, lassen sich auch als Handlungen nachstellen oder ihre Ergebnisse lassen sich prinzipiell auch mittels kontrollierter Handlungen herbeiführen. James - beziehungsweise sein Darsteller - in Dinner for One stolpert mehrfach hochkontrolliert, und auf russischen Hochzeiten wird mit Absicht Glas zu Bruch gebracht. Manch jemand kann absichtlich rülpsen. Kurz: Wir müssen konstatieren, dass auf Basis der Beobachtung anderer grundsätzlich nicht mit Gewiss‐ heit feststellbar ist, ob jemand etwas mit Absicht getan hat oder nicht. Unterbestimmtheit der Beobachtung in Bezug auf das Handeln Auf Basis normaler, alltagspraktischer Beobachtung ist es grundsätzlich nicht mit Gewissheit feststellbar, ob es sich bei dem, was jemand tut, um absichtliches, kon‐ trolliertes, zweckrationales Handeln oder um ein Widerfahrnis beziehungsweise bloßes Verhalten handelt. Folglich können wir, wenn wir andere stolpern sehen, dies simulativ entweder als „echtes“ Widerfahrnis oder als kontrolliertes, gespieltes Stolpern nach-vollziehen. (Für viele von uns ist das Wissen, dass es sich bei schlimmen Erfahrungen im Film nur um gespielte Erfahrungen handelt, entscheidend, um das Geschehen zu ertragen.) Selbst dann, wenn wir für unsere alltägliche Interaktion in der ausgezeichneten Wirklichkeit die Fälle des Vortäuschens von kontrolliertem Handeln und Skill - Typ Milli Vanilli - und umgekehrt von Versehen und Widerfahrnis - Typ Schwalbe beim Fußball - für marginal erklären würden, bliebe dennoch stets ein Bereich von durchaus alltäglichen Geschehnissen übrig, bei denen es für uns nicht wahrnehmbar und er‐ lebbar ist, ob es sich bei ihnen um absichtliche, zweckrationale und kontrollierte Handlungen handelt oder um unbeabsichtigte Widerfahrnisse. Wir können all diese Ereignisse prekär nennen. Wenn Personen prekäre Ereignisse beobachten, sind sie sich nicht selten uneins darüber, ob der involvierten Person Verantwortlichkeit zuzuschreiben ist oder nicht. Hat er sie jetzt absichtlich beleidigt? Hat sie das jetzt absichtlich fallen gelassen? Hat sie sich jetzt absichtlich vorgedrängelt? Ist er ihr jetzt absichtlich auf den Fuß getreten? In solchen Fällen steht zur Debatte, ob die Person aus Gründen und auf einen Zweck hin gehandelt hat (betrifft den Erfolg), die Handlung kompetent oder inkompetent ausgeführt wurde (betrifft das Gelingen und die Kompetenz) und ob ihr Tun ihr bloß widerfahren ist und sie „nichts dafür kann“ (ebenso). 226 10 Nichts als Unterstellungen? Die sprachliche Attribution von Verantwortlichkeit <?page no="227"?> auch Verur‐ sachung ungewiss Prekäre Ereignisse Beobachtete Ereignisse, in denen Menschen aktiv sind und bei denen es auf Beobachterseite selbst dann unsicher bleibt, ob es sich um Handeln oder Verhal‐ ten/ Widerfahrnis handelt, wenn die eigene Erfahrung(sschichtung) in die Szene hineinprojiziert wird. Die Simulation als Handeln und als Widerfahrnis ist glei‐ chermaßen plausibel. Im Falle des Hefezopfflechtens, „La Follia“-Spielens und (eigenständigen) Einparkens schließen wir jedoch, wie gesagt, aufgrund des hohen Bedarfs an Fertigkeiten und der Dauer der Aktivität auf kompetentes zweckrationales Handeln und schreiben Verantwortlichkeit zu, während dies beim Verschlucken nicht der Fall ist. Prekäre Ereignisse bilden einen Grenzfall und an ihnen lässt sich paradigmatisch prüfen, anhand welcher Kriterien wir die soziale Attribution von Verantwortlichkeit an andere Personen (nicht) vornehmen beziehungsweise selbst (keine) Verantwortung übernehmen und mit welchen sprachlichen Formgebungs- und Verstehensaktivitäten dies zusammenhängt. Unser Unwissen gegenüber solchen Situationen ist sogar noch gravierender. Nicht nur nehmen wir bei anderen nicht wahr, ob sie absichtlich handeln oder nicht, sondern wir nehmen nicht einmal wahr, ob beispielsweise zwischen der Hand und dem Hefeteig oder zwischen der Hand und dem Schlüssel eine physische Kraftausübung stattfin‐ det. Deshalb gehört es auch nicht zu unserer Wahrnehmung, ob die Handbewegung die Veränderungen im Hefeteig beziehungsweise im Schlüssel verursacht. Was wir wahrnehmen, ist lediglich die räumliche und zeitliche Nähe von Hand- und Teigbe‐ ziehungsweise Schlüsselbewegungen, oder maximal den Kontakt zwischen den Wahr‐ nehmungselementen und eine gewisse Koordiniertheit der Bewegungen des einen und des anderen. Dass es in diesen Szenen Kraftausübung und damit Verursachung gibt, gehört erst zur Erkennensaktivität. Wir projizieren sozusagen simulativ eigene senso‐ motorische, haptische und taktile Erfahrungen der Kraftübertragung aus unserem Er‐ fahrungsschatz in den Nach-Vollzug der Szene, die wir mit unseren visuellen und au‐ ditiven Fernsinnen wahrnehmen. Es handelt sich jedoch wie bei der Zuschreibung von Absicht und Verantwortlichkeit um eine Annahme, für die wir keine Gewissheit haben. Die Szene mit dem Schlüssel in Abbildung 10-1 stellt ein solches prekäres Ereignis dar, auf das dies alles zutrifft: die Nichtbeobachtbarkeit von Absichten und von Kraftausübung. Stellt, was dort passiert, eine Handlung dar, für die wir die Person verantwortlich machen, oder ein Widerfahrnis, für das wir sie von Verantwortlichkeit freisprechen? Und wie hängt unsere Interpretation mit unseren Verbalisierungen zusammen? 10.1 Prekäre Ereignisse 227 <?page no="228"?> Schlüssel‐ szene stereotypisch Entstehung der Interpre‐ tation 10.2 Unangenehme Wahrheiten über uns: unbemerkte Zuschreibungsroutinen Wenn wir die Szene mit dem Schlüssel stereotypisch interpretieren würden, also so, wie wir es in typischen Alltagssituationen wohl täten, in denen Personen Schlüssel in Schlösser stecken, wäre der Interpretationsgang - von uns unbemerkt und nicht weiter reflektiert - in etwa der folgende: Dort ist eine Person, die nicht ich ist, und sie versucht, das Schloss zu öffnen oder zu schließen, vermutlich weil sie einen Zweck verfolgt, zu dessen Verwirklichung es ent- oder verriegelt werden muss. Dies ist eine Situation, in der ich mich selbst oft befinde. Die Person dreht den Schlüssel im Schließzylinder. Dies ist die Handlung, die die Person als Mittel ausführt, um ihren Zweck zu erreichen. Die Handlung misslingt aber, indem der Schlüssel während des Schließversuchs zerbricht. Dabei handelt es sich um ein nicht wünschenswertes Ergebnis und in diesem Sinne um eine Fehlleistung. Die Wahrnehmungsstruktur für diese Szene (mit aus der Erfahrung ergänzter, unterstellter Kraftausübung) würde aussehen wie in Abbildung 10-4. Abbildung 10-4: Wahrnehmungsstruktur der Schlüsselszene mit aus der Erfahrung ergänzter Kraftaus‐ übung (gezackter Pfeil) Eine Person (Fg 1 ) übt mittels eines eigenen Körperteils (Bögen) Kraft (Zickzackpfeil) auf den Schlüssel (Gr 1 ) aus. In Beziehung zum Schloss (Gr 2 ), in dem sich der Schlüssel dreht, fungiert dieser als Figur (Fg 2 ) eines späteren Zeitsegments des Wahrnehmungs‐ vorgangs. Der Schlüssel zerbricht im Zuge der Kraftausübung (horizontaler Pfeil für die Zustandsveränderung in Gr 1 / Fg 2 ). Besonders erwähnenswert ist die Tatsache, dass der Zickzackpfeil von der Person zum Schlüssel nur eine einfache Spitze enthält. In Kapitel 8.2, Abbildung 8-2, hatten wir einen Pfeil mit Doppelspitze für „intendierte Bewegung“ eingeführt. Jetzt haben wir gelernt, dass wir Intentionen - also Absichten, die Handlungen kennzeichnen - nicht in dem wahrnehmen können, was andere tun. Sie sind ein Teil der sozialen Attribution und müssen dem Wahrgenommenen sozusagen aufgepfropft werden. Wie kommen wir zu einer solchen Interpretation? (Möglicherweise fragen Sie sich auch, „Hä, wie sollen wir die Szene denn sonst interpretieren? “ Auf beide Fragen folgt jetzt eine Antwort.) Am Beispiel von prekären Ereignissen lässt sich die Wirksamkeit einiger Faktoren bei der sozialen Attribution demonstrieren, die die Sozialpsychologie 228 10 Nichts als Unterstellungen? Die sprachliche Attribution von Verantwortlichkeit <?page no="229"?> Akteur/ Beobach‐ ter-Differenz Leistung/ Fehlleis‐ tung-Diffe‐ renz Empathie/ Antipathie- Differenz Handlung- Widerfahrnis- Differenz Disposition/ Situation- Differenz Folgen/ Folgenlosig‐ keit-Diffe‐ renz Attributionsszenarien in den letzten Jahrzehnten herausgearbeitet hat. Diese Faktoren sind schon in unserer stereotypischen Interpretation des Schlüsselereignisses aktiv gewesen: 1) Es geht um die Tat von jemandem, der nicht wir sind. Anders ausgeprägt, würde es um unsere eigene Tat gehen. Man spricht von der Akteur/ Beobachter-Differenz. Wir nehmen routinemäßig - wenn wir nicht mittels reflektierten Handelns gegen sie vetoisieren (siehe Kapitel 9) - unterschiedliche Attributionen vor je nachdem, ob wir selbst der infragestehende Akteur oder der Beobachter sind! 2) Bei der Tat handelt es sich um eine Fehlleistung: Das Resultat und die Folgen sind (stereotypisch) nicht wünschenswert. Anders ausgeprägt, würde es sich um eine Leis‐ tung handeln. Wir können dies die Leistung/ Fehlleistung-Differenz nennen. Wir nehmen routinemäßig - wenn wir nicht mittels reflektierten Handelns gegen sie ve‐ toisieren - unterschiedliche Verantwortlichkeitsattributionen vor, je nachdem, ob es sich bei der infragestehenden Tat um eine Leistung oder um eine Fehlleistung handelt! 3) Wir bringen der Person Empathie entgegen: Ihre praktische Aufgabe ist eine (ste‐ reotypische), vor der wir selbst oft stehen, und wir haben keinen Anlass, ihr Antipathie entgegenzubringen. Anders ausgeprägt, würden wir ihr Antipathie beziehungsweise wenig Empathie entgegenbringen. Wir können dies die Empathie/ Antipathie-Diffe‐ renz nennen. Wir nehmen routinemäßig - wenn wir nicht mittels reflektierten Han‐ delns gegen sie vetoisieren - unterschiedliche Verantwortlichkeitsattributionen vor, je nachdem, ob wir der infragestehenden Person Erfolg wünschen oder nicht! Diese Konstellation von Faktoren verschwört sich sozusagen zur folgenden Inter‐ pretation, die sich mithilfe von drei weiteren Faktoren beschreiben lässt: 1’) Es handelt sich bei der Tat um ein Widerfahrnis, für das die involvierte Person „nichts kann“. Anders ausgeprägt, würde es sich um eine Handlung handeln, mit der sie einen Zweck verfolgt hat. Wir können dies die Handlung/ Widerfahrnis-Diffe‐ renz nennen. 2’) Die Fehlleistung ist auf Faktoren der speziellen Situation zurückzuführen, die für das Scheitern oder die Erfolglosigkeit der Handlung verantwortlich sind. Anders aus‐ geprägt, würde man die Tat auf stabile persönliche Dispositionen - Charaktereigen‐ schaften - der Person zurückführen. Wir können dies die Disposition/ Situation-Differenz nennen. 3’) Die Tat verdient keine Kritik oder irgendwie geartete soziale Sanktionierung. An‐ ders ausgeprägt, würde sie zu Anerkennung/ Lob (im Falle einer Leistung) beziehungs‐ weise Kritik/ Sanktionierung (im Falle einer Fehlleistung) herausfordern. Dies können wir die Folgen/ Folgenlosigkeit-Differenz in Bezug auf soziale Folgen nennen. Wie hängen die zwei Faktorendreierpäckchen zusammen und wie verhalten sie sich zur Zuschreibung von Verantwortlichkeit? Tabelle 10-1 listet die Attributionsszenarien A bis H in der ersten Spalte auf. Sie stehen für die acht möglichen Konstellationen, in denen die ersten drei Faktoren in der zweiten Spalte ausgeprägt sein können. Die dritte Spalte enthält die Ausprägungen der zweiten drei Faktoren, zu denen sich die ersten drei verschwören. Die vierte Spalte weist schließlich die Zuschreibung oder Freispre‐ 10.2 Unangenehme Wahrheiten über uns: unbemerkte Zuschreibungsroutinen 229 <?page no="230"?> stereotypi‐ sches Szenario Versprachli‐ chung chung von Verantwortlichkeit aus und verzeichnet die typische sprachliche Instruk‐ tion. - Konstellation I Faktoren 1)-3) Konstellation II Faktoren 1’)-3’) Zuschreibung & Instruktion A Akteur - Beobachter Leistung - Fehlleistung Empathie - Antipathie Handlung - Widerfahrnis Disposition - Situation +/ - Lob - +/ - Sanktion +/ verantwortl. agentiv B Akteur - Beobachter Leistung - Fehlleistung Empathie - Antipathie Handlung - Widerfahrnis Disposition - Situation +/ - Lob - +/ - Sanktion +/ verantwortl. rezeptiv C Akteur - Beobachter Leistung - Fehlleistung Empathie - Antipathie Handlung - Widerfahrnis Disposition - Situation +/ - Lob - +/ - Sanktion +/ verantwortl. agentiv D Akteur - Beobachter Leistung - Fehlleistung Empathie - Antipathie Handlung - Widerfahrnis Disposition - Situation +/ - Lob - +/ - Sanktion +/ verantwortl. konativ E Akteur - Beobachter Leistung - Fehlleistung Empathie - Antipathie Handlung - Widerfahrnis Disposition - Situation +/ - Lob - +/ - Sanktion +/ verantwortl. agentiv F Akteur - Beobachter Leistung - Fehlleistung Empathie - Antipathie Handlung - Widerfahrnis Disposition - Situation +/ - Lob - +/ - Sanktion +/ verantwortl. konativ, labiler Erfolg G Akteur - Beobachter Leistung - Fehlleistung Empathie - Antipathie Handlung - Widerfahrnis Disposition - Situation +/ - Lob - +/ - Sanktion +/ verantwortl. agentiv H Akteur - Beobachter Leistung - Fehlleistung Empathie - Antipathie Handlung - Widerfahrnis Disposition - Situation +/ - Lob - +/ - Sanktion +/ verantwortl. rezeptiv Tabelle 10-1: Attributionsszenarien 10.3 Eine Wahrnehmungsstruktur - acht Zuschreibungsszenarien - drei Instruktionstypen Das Attributionsszenario H ist dasjenige, das wir stereotypisch auf die Schlüsselszene angewendet haben: Wir sind die empathischen Beobachtenden einer Fehlleistung, so dass wir ein Widerfahrnis zuschreiben, das auf Faktoren der Situation zurückzuführen ist (oder auf den Schlüssel oder das Schloss, jedenfalls nicht auf die Person) und dies schließt eine Sanktionierung aus. Wir sprechen die Person von Verantwortlichkeit frei. Für exakt diese Konstellation haben wir in Kapitel 8.12 das Kasusmuster SG Nom -V- SG Dat mit dem Kasus vom Typ salienz- oder pertinenzbasierte Beteiligung des Dativ‐ gegenstands beschrieben: Dieser hegt ein Interesse am Zustand, Prozess oder der Ak‐ tivität einer Figur oder eines Grund-Elements, hier: des Schlüssels, der zerbricht. Ent‐ 230 10 Nichts als Unterstellungen? Die sprachliche Attribution von Verantwortlichkeit <?page no="231"?> alternative Interpreta‐ tionen agentive Instruktion nochmal PfU sprechend wäre die naheliegende Verbalisierung der Wahrnehmungsstruktur mit der daraufgepfropften sozialen Attribution Jemandem ist der Schlüssel abgebrochen. Dieser Typ von sprachlicher Instruktion ist in Tabelle 10-1 wegen der rezipientenhaften Be‐ teiligung der Person als „rezeptiv“ abgekürzt Die anderen Szenarien machen uns nun auf alternative soziale Interpretationen der Schlüsselszene aufmerksam. Stellen wir uns dafür stellvertretend eine Reihe nicht ste‐ reotypischer praktischer Kontexte vor, in denen die Faktorenausprägungen andere sind. 1. Es könnte sich um einen Kontext handeln, in dem die Verursachung des Schlüs‐ selbruchs durch eine andere Person, der wir Empathie entgegenbringen, eine Leis‐ tung darstellt. Dies entspricht Szenario C. Es geht mit der Zuschreibung von Ver‐ antwortlichkeit für eine Handlung einher, deren Verlauf auf stabile Dispositionen (Kraft, Geschick etc.) der Person zurückzuführen ist und die Lob oder Anerkennung verdient. Die naheliegende Instruktion wäre eine, in der die Person als verant‐ wortlicher Verursacher (ein „echtes“ Agens) simuliert wahrgenommen und attri‐ buiert würde: Jemand hat einen Schlüssel (im Schloss) abgebrochen. Dieser Instruk‐ tionstyp ist in Tabelle 10-1 als „agentiv“ abgekürzt. Hier ist etwas Interessantes zu beobachten: Diese Instruktion erzwingt die Simu‐ lation von Absicht bei der involvierten Person nicht. Strenggenommen ist sie mehrdeutig! Wir können ohne logischen Widerspruch ein Adverb ergänzen, das die „echte“ Agentivität annulliert: Jemand hat versehentlich einen Schlüssel (im Schloss) abgebrochen. Deshalb ist die Äußerung auch ohne die Ergänzung eines solchen Adverbs schon in diesem Sinne als Widerfahrnis interpretierbar! Aber ohne diese Ergänzung greift die Präferenz für verantwortliche Ursachen (PfU, siehe Kapitel 9.2): Wir interpretieren den als Ursache identifizierten Gegenstand als verantwortliche Ursache, wenn sie das inhärente Merkmal ‚human‘ aufweist und sonst nichts eindeutig dagegenspricht. Aber ist dieses Zuschreibungsszenario nicht weit hergeholt? Wann ist einen Schlüssel abzubrechen denn eine Leistung? Zugegeben, es ist keine stereotypische Situation. Aber es ist beispielsweise dann eine Leistung, wenn man in einem YouTube-Video demonstrieren möchte, wie man den abgebrochenen Teil eines Schlüssels aus einem Schließzylinder entfernen kann. Dafür muss man mittelwahl‐ rational und kontrolliert einen Schlüsselteil in einem Schließzylinder versenken. Einem solchen Video ist das Szenario tatsächlich entnommen. 2. Es könnte sich auch um einen Kontext handeln, in dem wir selbst mit dem Schlüssel zu Werke gehen, in dem wiederum das Abbrechen des Schlüssels eine Leistung darstellt, in dem wir aber antipathisch oder wenig empathisch gegenüber uns selbst sind. Das würde bedeuten, dass wir eine distanzierte Haltung zu uns selbst oder den eigenen Eigenschaften und Dispositionen einnehmen. Dies entspricht Szenario D. Es geht mit folgender Zuschreibung einher: Das Abbrechen stellt das Ziel einer Handlung dar, deren Gelingen oder Erfolg aber labil ist. Handlungen dieses Typs gelingen uns nicht regelmäßig oder führen nicht regelmäßig zu 10.3 Eine Wahrnehmungsstruktur - acht Zuschreibungsszenarien - drei Instruktionstypen 231 <?page no="232"?> konative Instruktion nicht akku‐ rat, aber effizient nur eine Wahrneh‐ mungsstruktur Erfolg, weswegen es noch als Widerfahrnis gelten kann, wenn sich Gelingen und Erfolg einstellen. Die Labilität von Gelingen und Erfolg hängt daran, dass unsere Eigenschaften, Fähigkeiten und Fertigkeiten - unsere persönlichen Dispositionen - nicht für Gelingen und Erfolg hinreichen, sondern Faktoren der Situation günstig dazuwirken müssen (Glück/ Zufall, gute Tagesform etc.), damit sie sich einstellen. Hier wird also für die Handlungsabsicht Verantwortlichkeit zugeschrieben, für das Ergebnis aber nicht, was im Ganzen so etwas wie Teilverantwortlichkeit bedeutet (vor Gericht: Fahrlässigkeit). Die naheliegende Instruktion wäre eine, in der beides zum Ausdruck kommt, der Handlungscharakter und die Labilität von Gelingen und Erfolg: Ich habe einen Schlüssel (im Schloss) abgebrochen gekriegt. (Dies ist vor allem eine westdeutsche Variante, eher keine süddeutsche, und eine eher informelle). Um die sozialattribu‐ tive Konstellation anders explizit zu machen, müsste man auf eine kompakte Ein-Satz-Instruktion verzichten: Ich habe es geschafft, einen Schlüssel (im Schloss) abzubrechen und - mit stärkerem Fokus auf der Labilität - Es ist mir gelungen, einen Schlüssel (im Schloss) abzubrechen. Dieser Instruktionstyp ist in Tabelle 10-1 als „konativ“ (von Lat. cōnāri ‚versuchen, sich anstrengen‘) abgekürzt. 3. Es könnte sich - ein letztes Beispiel - um einen Kontext handeln, in dem wir die Szene beobachten, sie eine Fehlleistung darstellt und wir der involvierten Person gegenüber antipathisch oder wenig empathisch eingestellt sind. Dies entspricht Szenario E. Es ginge mit der Zuschreibung einer Handlung einher, die auf stabile Dispositionen der Person zurückgeführt wird und die kritik- oder sanktionierungswürdig ist. Für sie wird Verantwortlichkeit zugeschrieben. Die naheliegende Instruktion wäre entsprechend eine agentive: Jemand hat einen Schlüssel (im Schloss) abgebrochen. Hier wird also, umgangssprachlich gesagt, unterstellt, dass eine Person bewusst Schaden herbeigeführt hat. Diese Faktoren der Attribution bei prekären Ereignissen und die ordnungsvolle Weise, in der sie zusammenwirken, lassen uns nicht gerade als Heilige dastehen. Sie präsen‐ tieren uns uns selbst als sozial Handelnde, die scheinbar öfter irrationalen Faustregeln als akkuraten Situationseinschätzungen und ethischen Erwägungen folgen. Irrational sind sie allerdings nur im Sinne von ‚unreflektiert‘ (wenn wir nicht mittels höherer Aktivitätsformen Veto gegen sie einlegen oder ihnen stattgeben, siehe Kapitel 9). Funk‐ tional sind sie allemal: Sie stellen für uns in Interaktionssituationen schnell verfügbare Rezepte für soziales (sprachliches) Handeln dar, die uns in unseren westlichen Leis‐ tungsgesellschaften positive Selbstbilder versprechen. Der entscheidende Witz bei der ganzen Sache ist folgender: Abgesehen davon, ob wir Akteure oder Beobachter sind, liegt allen Attributionsszenarien und ihren typischen Verbalisierungen dieselbe Wahrnehmungsstruktur zugrunde, näm‐ lich diejenige in Abbildung 10-4! Abbildung 10-5 zeigt die Korrespondenzen zwischen der Wahrnehmungsstruktur - ergänzt um Verursachung und Informationen zur sozialen Attribution - und einer agentiven (links) beziehungsweise rezeptiven Instruktion (rechts). 232 10 Nichts als Unterstellungen? Die sprachliche Attribution von Verantwortlichkeit <?page no="233"?> Erläuterung Korrespon‐ denzen zu Attributio‐ nen Abbildung 10-5: Eine Wahrnehmungsstruktur liegt verschiedenen Zuschreibungen und Äußerungs‐ strukturen zugrunde (links agentiv, rechts rezeptiv) Beiden Korrespondenzschemata liegen dieselben Wahrnehmungsstrukturen zugrunde, ergänzt um die Verursachungsbeziehung. Die Äußerungen versprachlichen zum einen unterschiedliche Aspekte des(selben) Wahrgenommenen und zum anderen unter‐ schiedliche soziale Zuschreibungen: Die agentive Instruktion links versprachlicht diagrammatisch ikonisch die Wahrnehmungsstruktur samt Verursachungsstruktur. Die Person als Verursacher wird als Subjekt versprachlicht, der Schlüssel als Akkusativob‐ jekt. Der Zickzackpfeil mit Doppelspitze sowie die Information „[+ verantw.]“ ergänzen außerdem die nicht beobachtbare, auf die Wahrnehmungsstruktur aufgepfropfte Ver‐ ursachungsbeziehungsweise Zuschreibungsinformation. Die rezeptive Instruktion rechts schneidet die Ursache des Schlüsselbruchs am vorderen Ende des Ereignisses ab und versprachlicht den Schlüssel als Subjekt: Ein Schlüssel ist abgebrochen. Das Dativobjekt instruiert zur simulierten Wahrnehmung ei‐ ner pertinenzbasiert beteiligten Person, gegen deren praktisches Interesse der Schlüssel abbricht: Jemandem ist ein Schlüssel abgebrochen. Zu dieser simulierten Wahrnehmung beziehungsweise Zuschreibung zu instruieren, ist hier die Hauptfunktion des Dativs. Zugleich ist dieser Wahrnehmungsgegenstand auch Possessor des Schlüssels und wirkt kraftausübend auf diesen ein, aber das sind nicht die primären Eigenschaften, wegen denen er als Dativ verbalisiert wird. Daher ist der Zickzackpfeil für die Verursachung ausgegraut und gestrichelt. Der Zickzackpfeil hat zudem nur eine Spitze, weil nicht notwendigerweise absichtliche Kraftausübung im Spiel ist. Der Kontrast zwischen beiden Szenarien, der sich so prägnant nur an prekären Er‐ eignissen illustrieren lässt - ein Ereignis, viele Zuschreibungen - veranschaulicht, dass sich in der verborgenen Ordnung namens Grammatik nicht nur Korrespondenzen zu Wahrnehmungsstrukturen verbergen, sondern auch solche zu Strukturen sozialer Zu‐ schreibungen. Darin kommt noch einmal in besonderer Weise das Interesse der hier vorgestellten Theorie zum Ausdruck, sich selbst und andere besser zu verstehen zu lernen und das bessere Verstehen lehrbar zu machen, um lebensweltliche Praxis zu orientieren und zu stützen (siehe Abschnitt 1.7). 10.3 Eine Wahrnehmungsstruktur - acht Zuschreibungsszenarien - drei Instruktionstypen 233 <?page no="234"?> Aufgabe zum Weiterdenken Neben den hier besprochenen Faktoren gibt es noch weitere, die dabei eine Rolle spielen könnten, wie Sie ein prekäres Ereignis verbalisieren. Welche Faktoren könnten das sein? Wie könnte man ihre Wirksamkeit testen? Tipp: Wovon hängt denn beispielsweise ab, ob jemand die eigenen Leistungen angeberisch beschreibt? 10.4 Kommentierte Literaturhinweise Zu 10.1 bis 10.3 Erstmals sehr ausführlich formuliert ist diese linguistische Theorie sozialer Attribution in Kasper (2015, Kapitel 3.1 und 3.2). In kürzerer Form findet sie sich in Kasper (2014). Im Kontext einer dialektsyntaktischen Studie ist sie ebenfalls sehr knapp in Kasper (2017) dargestellt. In einem Lehrvideo zur Instruktionsgrammatik ist sie ebenfalls besprochen, nämlich in Kasper (13.6.2020). Die Form, in der die sozialpsychologischen Faktoren hier zusammenwirken, stammt von mir. Die sozialpsychologischen Grundlagen und Einzelergebnisse habe ich diver‐ sen Arbeiten entnommen. Da es sich bei den Zuschreibungsaktivitäten um solche handelt, die wir auf Basis unvollständiger Kenntnisse der Personen und Ereignisse vornehmen, tragen wir viele unserer eigenen sozialen Prägungen und Vorurteile in die Interpretation der fraglichen Ereignisse hinein. Zuvorderst ist daher ein Pionier und Klassiker der Steretoypen- und Vorurteilsforschung zu nennen, Allport (1979). Einen ganz anderen, aber ebenso prägenden für den hier präsentierten Zugang zum Thema bietet Heider (1958). Ausgezeichnete Einführungen in die Sozialpsychologie im Allgemeinen und in die soziale Attribution im Besonderen sind Moskowitz (2005 [Kapitel 6 zur Attribution]) und Kunda (2002). Eine jüngere, deutschsprachige Einführung bieten Jonas et al. (2014 [Kapitel 3 und passim zur Attribution]). Ein weiterer Klassiker mit vielen bedeutenden Beiträgen zur Attribution ist der Sammelband von Jones et al. (1971). Der Akteur/ Beobachter-Differenz ist darin gewidmet der Beitrag von Jones & Nisbett (1971). Den Effekt von Empathie auf die Attribution thematisieren Gould & Sigall (1977). Die Differenz von Leistungen und Fehlleistungen macht schließlich zum Thema Pettigrew (1979). Dass Absichten nicht beobachtbar sind beziehungsweise dass wir Handeln von bloßem Verhalten und Widerfahrnissen nicht per Beobachtung anderer unterscheiden können, wird beschrieben in Luckmann (1992: 34-39). Die handlungstheoretischen Unterscheidungen sind den Handlungstheorien von Hartmann (1996) und Janich (2014, Kapitel I) entnommen. 234 10 Nichts als Unterstellungen? Die sprachliche Attribution von Verantwortlichkeit <?page no="235"?> 11 Simulier das! Humanökologisch motivierte Äußerungsstrukturen und ihre Ausbeutung Es ist hoffentlich deutlich geworden, dass wir sprachlichen Äußerungen nicht völlig arbiträre Formen geben. Äußerungsstrukturen stehen in einem lernbaren Verhält‐ nis zu Vorgängen und Inhalten des simulierten Erlebens. Dabei sind die kleinsten Äußerungsteile, die wir im Rahmen einer entzeitlichenden und verdinglichenden sprachwissenschaftlichen Betrachtung künstlich aus Äußerungen herauslösen können und denen wir einen instruktiven Wert zuschreiben können, noch weitestgehend arbiträr: Beispielsweise stehen die stofflichen und Formeigenschaften von liegin keinem irgendwie notwendigen Zusammenhang mit Vorgängen des Liegens, so wie stehnicht mit Vorgängen des Stehens zusammenhängt. Doch sobald kleinste, für sich genommen arbiträre Äußerungsteile in Kombination auftreten, gewährleisten die Systematizität und diagrammatische Ikonizität dieser Kombinationen Einsicht in stabile Korrespondenzen zwischen Äußerungsstrukturen und Vorgängen und Inhalten des simulierten Erlebens. Um bei dem vorherigen Beispiel zu bleiben, treten lieg- und stehals Verbstämme in ähnlichen Satzmustern auf und diese unterhalten mit Strukturen simulierten Erlebens stabile - diagrammatisch ikonische - Korrespondenzbeziehungen (siehe Kapitel 8.8). Darüber hinaus stehen lieg- und stehin einem systematischen Zusammenhang mit leg- und stell-; diese treten wiederum in einander ähnlichen Satzmustern auf und unterhalten ihrerseits stabile diagrammatisch ikonische Korrespondenzbeziehungen mit Strukturen simulierten Erlebens (siehe Kapitel 8.3). Das zweistellige Satzmuster mit lieg- und stehsteht zudem in einer Beziehung zum dreistelligen Satzmuster mit leg- und stell-, die sich vor dem Hintergrund der Instruktionsidee als „logisch“ herausstellt. Legen ist verursachtes Liegen, wie Stellen verursachtes Stehen ist, und im dreistelligen Satzmuster ist die Verursachung sozusa‐ gen als erstes Zeitsegment vor das geschoben, was das zweistellige Muster ausdrückt (siehe auch dazu Kapitel 8.8). Der Schuh Fg liegt/ steht neben dem Bett Gr (SG Nom -V-SG Präp ) Du Fg1 legst/ stellst den Schuh Gr1/ Fg2 neben das Bett Gr2 (SG Nom -V-SG Akk -SG Präp ) Im ersten Kapitel dieses Buches wurde als Leitidee der Instruktionsgrammatik vorge‐ schlagen, sprachliche Äußerungen als geordnete Anleitungen zum simulierten Erleben (im Sinne eines Nach-Vollzugs) und praktischen Verwerten des Nachvollzogenen zu betrachten. Die darauffolgenden Kapitel stellten den Versuch dar, vor dem Hintergrund dieser Leitidee nicht zufällige Zusammenhänge zwischen Strukturen menschlichen In-der-Welt-Seins einerseits und der verborgenen Ordnung sprachlicher Formgebungs- und Verstehensaktivitäten andererseits sichtbar zu machen, von Satzfeldern über Dependenz und Kasusmuster bis hin zur anthropologischen Bedeutung von gramma‐ <?page no="236"?> „Aber“ gegenüber dem Ansatz „Trotzdem“ gegenüber dem „Aber“ motivierte Korrespon‐ denzen tischen Hinweisen. Eine besonders prominente, weil immer wiederkehrende Rolle haben dabei Figur-(Hinter-)Grund-Konfigurationen als strukturelle Beschreibungen von (simulierten) Wahrnehmungen gespielt. Dieses letzte Kapitel widmet sich nun einem potenziellen großen „Aber“ gegenüber der Prämisse des instruktiven Ansatzes. Was ist mit Äußerungen, die von etwas han‐ deln, dem keine einfachen Figur-(Hinter-)Grund-Konfigurationen entsprechen? Die Frage ist schon einmal in Kapitel 4.5 im Zusammenhang mit Metaphern aufgetaucht. Taugt der Ansatz also nur zum Vorlesen von Bilderbüchern und für die Ereignisse im Frisierstudio Hairschaftszeiten? Um diese Frage zu beantworten - zu verneinen, um genau zu sein -, werfen wir im ersten Abschnitt dieses Kapitels zunächst nochmal einen Blick auf den Fall der relativen Motiviertheit durch diagrammatische Ikonizität und deren besondere Rolle für den Erwerb unseres sprachlichen „Wissens, wie …“. Anschließend werden wir in den Abschnitten 11.2 bis 11.4 drei verschiedene Typen der Ausbeutung des diagrammatisch motivierten Korrespondenzverhältnisses zwischen Äußerungsstrukturen und Wahrnehmungs- oder Vorstellungsstrukturen betrachten: Kompression und zwei Arten der Hypostasierung. Sie stehen hinter den Äußerungen, die aus der Reihe fallen, in denen es keine einfachen Korrespondenzen zwischen Äußerungsstrukturen und Strukturen simulierten Erlebens gibt. Wir verste‐ hen solche Äußerungen, die motivierte Korrespondenzmuster ausbeuten, meistens trotzdem problemlos. Es wird sich aber zeigen, dass ihr Verstehen im Vergleich zu motivierten Äußerungen mit besonderen Anforderungen einhergeht, aufwendiger ist als diese und mehr Varianz im Simulieren zulässt. In Abschnitt 11.5 folgt zuletzt eine These, derzufolge die Asymmetrie von Motivation und Ausbeutung auch Reflexe in der verborgenen Ordnung namens Grammatik zeitigt. 11.1 Motivation: Dingausdrücke zu Gegenständen des (simulierten) Erlebens Äußerungen instruieren zum simulierten Erlebnisnachvollzug, zum simulierten Wahr‐ nehmen. Gewährleistet wird der Instruktionscharakter durch die nicht-zufälligen Korrespondenzen zwischen der verborgenen Struktur von Äußerungen und der ver‐ borgenen Struktur von Wahrnehmungen. Vor allem im Rahmen unserer visuellen und haptischen Erfahrung und der darauf aufgebauten Erfahrungsschichtung präsentiert sich uns unsere Umwelt als in Objekte, Regionen und Hintergründe gegliedert, kurz: in Figuren, objekthafte Grund-Elemente und nicht objekthafte Grund-Elemente. Die - motivierten - Korrespondenzen zur verborgenen Struktur von Äußerungen sind in den diagrammatischen Verbindungen zwischen Elementen der (simulierten) Wahrnehmung auf der einen und Dingausdrücken in Substantiv- und Präpositional‐ gruppen auf der anderen Seite verkörpert. Die aus den Wahrnehmungselementen sym‐ bolisch ausgelagerten Ausdrücke - Verben, Adjektive, Präpositionen - sorgen zusam‐ men mit den grammatischen Instruktionsanweisungen - Kasus, Kongruenz, Position, 236 11 Simulier das! Humanökologisch motivierte Äußerungsstrukturen und ihre Ausbeutung <?page no="237"?> Motivation praktisch geerdet auch als Erwerbskontext zum Teil Prosodie - für den erforderlichen ‚Sinnkitt‘ beim Aufbau simulierter Erleb‐ nisse, wie in den vorangegangenen Kapiteln beschrieben. Motivierte Korrespondenzen Die diagrammatisch ikonische Assoziation zwischen Elementen der (simulierten) Wahrnehmung einerseits und Dingausdrücken in Substantiv- oder Präpositional‐ gruppen andererseits. Die motivierte Korrespondenz ist exemplarisch in Abbildung 11-1 illustriert. Das Reden ist in dieser Szene praktisch geerdet. Es gibt einen außersprachlichen Handlungszu‐ sammenhang, innerhalb dessen die sprachliche Interaktion stattfindet. Zwischen den Beteiligten herrscht geteilte Aufmerksamkeit: Sie achten wechselseitig darauf, wor‐ auf der andere achtet, und auf etwas Drittes - eine Art der Triangulation. Innerhalb dieser Konstellation erfolgt die Äußerung. Dadurch und mithilfe der früher beschrie‐ benen Wahrnehmungs- und Erkennensaktivitäten (siehe Kapitel 2 und 3) ist nun ge‐ währleistet, dass die angesprochene Person einen nicht zufälligen Zusammenhang zwischen dem Gesagten und dem Dritten der geteilten Aufmerksamkeit herstellen kann, dem Bild an der Wand, und ein entsprechendes Erlebnis simuliert. Abbildung 11-1: Motivierte Korrespondenz zwischen Wahrnehmungs- und Äußerungsstruktur, ableitbar aus einer Vielzahl konkreter Instanzen Nun unterhalten sich in Abbildung 11-1 kommunikativ und praktisch kompetente Er‐ wachsene, die das alles schon können. Die Situation kennzeichnet aber auch einen Erwerbskontext. Wie sind beispielsweise die Satz-/ Kasusmuster aus Kapitel 8 zualler‐ erst erwerbbar? Wie wird das, was jemand äußert, zur Instruktion für jemand anderen? Indem die lernende Person im Spracherwerb immer wieder Teil von Situationen wie der abgebildeten wird, in der im praktischen Kontext unter geteilter Aufmerksamkeit 11.1 Motivation: Dingausdrücke zu Gegenständen des (simulierten) Erlebens 237 <?page no="238"?> Anwendung des Musters Verstehen als Wahrmachen Ausbeutung der Motivation mittels Äußerungsmustern über Wahrnehmbares gesprochen wird. Im Laufe vieler, vieler Wiederholungen von konkreten Äußerungen, die mit konkreten Wahrnehmun‐ gen assoziiert sind, kann die lernende Person dann in diesem Sinne motivierte Kor‐ respondenzmuster - Satz-/ Kasusmuster wie in Abbildung 11-1 - zwischen Wahr‐ nehmungs- und Äußerungskonstellationen ableiten, indem sie von den wechselnden lexikalischen Füllungen auf der einen Seite und von den wechselnden Wahrnehmungs‐ gegenständen, die als Figur und (Hinter-)Grund fungieren, auf der anderen Seite abs‐ trahiert. Ist das „Wissen, wie …“ der motivierten Korrespondenzmuster einmal erworben, funktioniert die Instruktion dann auch in Abwesenheit des Dritten - dessen, wovon die Äußerung handelt. Dies ist in Abbildung 11-2 dargestellt. Die Äußerung bezieht sich auf eine Situation in der Vergangenheit, in der Interaktionssituation ist das Bild nicht anwesend. Das Satz-/ Kasusmuster, das in der Äußerung realisiert ist, evoziert aber dennoch die simulierte Wahrnehmung des entsprechenden Sachverhalts, die wir als Figur-Grund-Beziehung beschreiben können. Abbildung 11-2: Motivierte Korrespondenz zwischen Wahrnehmungs- und Äußerungsstruktur, anwend‐ bar auf Situationen mit abwesenden Referenzgegenständen Erinnern Sie sich an die Charakterisierung des humanökologischen Sprachverstehens (siehe Kapitel 6.7): Eine Äußerung zu begreifen heißt, gegenüber dem Sachverhalt/ Ereignis, den sie ausdrückt, sinnvoll handeln zu können, wenn sie wahr wäre. Sinnvoll gegenüber einem Sachverhalt/ Ereignis handeln zu können, macht es deshalb erforder‐ lich, simulierte Erlebnisse in die Form zu bringen, in der sie uns in der ausgezeichneten Wirklichkeit begegnen würden. Anders gesagt, würde die angesprochene Person in Abbildung 11-2 die Situation in der Äußerung sozusagen simulativ wahrmachen. Die Verhältnisse ändern sich grundlegend, wenn die motivierte Korrespondenz ausgebeutet wird. Dies äußert sich darin, dass das beschriebene erworbene „Wissen, wie …“ nicht ausführbar ist, weil die Äußerung nur scheinbar zu einem simulierten Erlebnis in Form einer einfachen Figur-(Hinter-)Grund-Konfiguration instruiert. Wieso „scheinbar“? Weil sich ausbeutende Äußerungen der Form nach nicht von sol‐ chen zu unterscheiden brauchen, die motivierte Korrespondenzen verkörpern. Wir werden zwei Formen der Ausbeutung betrachten: Kompression und Hypostasierung. 238 11 Simulier das! Humanökologisch motivierte Äußerungsstrukturen und ihre Ausbeutung <?page no="239"?> motivierte Variante Ausbeutung motivierter Korrespondenzen Eine Äußerung beutet das motivierte Korrespondenzmuster aus, wenn sie - obwohl oberflächlich scheinbar diagrammatisch ikonisch - nicht zum simulierten Nachvollzug einer zu ihr diagrammatisch ikonischen Figur-(Hinter-)Grund-Kon‐ figuration instruiert, sondern eine konzeptuelle Dekompression erfordert. 11.2 Kompression: Listen and repeat! Ausbeutung durch Kompression lässt sich anhand der Äußerung Alle Leute kommen aus dem Supermarkt illustrieren. Die Äußerung ist zweideutig. Eine der beiden In‐ struktionen ist motiviert, die andere beutet die motivierte Korrespondenz aus. Begin‐ nen wir mit der motivierten. Sie instruiert zu der simulierten Wahrnehmung davon, wie alle Personen auf einmal, als Pulk, aus dem Supermarkt kommen. Dies ist in Ab‐ bildung 11-3 dargestellt. Abbildung 11-3: Motivierte Instruktion Alle Leute kommen (als Pulk) aus dem Supermarkt Auf diese Weise befolgt, ist die Instruktion insofern motiviert, als sie zu einer Fi‐ gur-Grund-Beziehung instruiert, in der Dingausdrücke in der Äußerung Wahrneh‐ mungselementen im simulierten Erleben korrespondieren, also so, wie die meisten anderen, die in diesem Buch bisher zur Sprache gekommen sind. Dabei kommt allerdings ein Wahrnehmungsprozess zum Tragen, dem wir bereits in Kapitel 2.8 begegnet sind: Wir sind in der Lage, mehrere Einzelobjekte, die jedes für sich potenziell ebenfalls als Figur der (simulierten) Wahrnehmung fungieren könnten, als integrierte Einheit wahrzunehmen oder uns vorzustellen, wenn ihre Anordnung im (simulierten) Wahrnehmungsfeld den Gestaltprinzipien gut entspricht (siehe Abbildung 11-4). Abbildung 11-4: Behandlung von potenziellen Einzelobjekten als integrierte Einheit in der (simulierten) Wahrnehmung 11.2 Kompression: Listen and repeat! 239 <?page no="240"?> ausbeu‐ tende Variante Kompres‐ sion Die ausbeutende Variante dieser Äußerung instruiert dazu, uns vorzustellen, wie zwar auch alle Personen aus dem Supermarkt kommen, aber einzeln und nacheinander, im Sinne von ‚jede Person kommt aus dem Supermarkt‘. Dies ist in Abbildung 11-5 dar‐ gestellt. Abbildung 11-5: Mittels Kompression ausbeutende Instruktion Alle Leute kommen (einzeln) aus dem Supermarkt So befolgt, beutet die Instruktion das motivierte Korrespondenzschema aus. Die Art und Weise der Ausbeutung ist Kompression: Kompression Eine Äußerung gaukelt durch das Satz-/ Kasusmuster, das sie realisiert, vor, dass sie zur simulierten Wahrnehmung einer Figur-(Hinter-)Grund-Konfiguration in‐ struiert; tatsächlich sind in dieser Äußerungsstruktur aber zahlreiche Figur-(Hin‐ ter-)Grund-Konfigurationen gleicher Art komprimiert. Alle Leute kommen aus dem Supermarkt gaukelt durch das Schema SG Nom -V-SG Präp vor, dass hier zur simulierten Wahrnehmung einer Figur-(Hinter-)Grund-Konfigura‐ tion instruiert würde, tatsächlich sind in dieser Äußerungsstruktur aber zahlreiche Figur-(Hinter-)Grund-Konfigurationen gleicher Art komprimiert, nämlich im Prinzip so viele, wie Personen aus dem Supermarkt kommen! Die Zweideutigkeit kommt durch das Wörtchen alle zustande, das zur Quantifizie‐ rung des Bezugsgegenstandes dient. Es kann zu einer kollektiven - der Pulk - und einer distributiven - jedes einzeln - Simulation instruieren. Gemäß dem Satz-/ Kasusmuster instruiert die motivierte Äußerung zur simulierten Wahrnehmung einer einseitigen Bewegung zwischen einer Figur und einem Grund ohne Objekteigenschaften, wobei die Figur perspektiviert und die Bewegung vom Grund weggerichtet ist (siehe Abbil‐ dung 11-6, oben rechts). Aufgabe Überlegen Sie, was Sie simulativ tun müssten, um die komprimierende Instruk‐ tion von Alle Leute kommen aus dem Supermarkt treu zu befolgen. Tun Sie das im Alltag? Falls nicht, was tun Sie stattdessen? 240 11 Simulier das! Humanökologisch motivierte Äußerungsstrukturen und ihre Ausbeutung <?page no="241"?> treu befolgte Instruktion Dekompres‐ sion keine treue Simulation Ein Lösungsvorschlag wird im Folgenden unterbreitet. Überlegen Sie sich also am besten Antworten, bevor Sie weiterlesen. Um die ausbeutende Instruktion treu zu befolgen, müssten wir die Wahrnehmung simulieren, wie Person 1 aus dem Supermarkt kommt, wie Person 2 aus dem Super‐ markt kommt, wie Person n aus dem Supermarkt kommt, bis wir jede Person als aus dem Supermarkt kommend simuliert haben. Dies ist ein simulativer Dekompressi‐ onsprozess: Die vielen gleichartigen Figur-(Hinter-)Grund-Konfigurationen, die in der Äußerung komprimiert sind, müssten wir, wenn wir den Sachverhalt simulativ wahrmachen wollten, sozusagen mental auffalten. Und dies sprengt das diagramma‐ tische Korrespondenzschema (siehe Abbildung 11-6, unten rechts). Abbildung 11-6: Alle Leute kommen aus dem Supermarkt als motivierte (rechts oben) und mittels Kompression ausbeutende Instruktion (rechts unten) Meistens sparen wir uns diese Auffaltung - oft wäre sie auch unmöglich: Alle Schwäne sind weiß. Wir haben längst gelernt, dass wir beispielsweise nicht nacheinander nach jeder der 151 Murmeln zu greifen brauchen, wenn wir scharf auf Murmelspiel sind, aber unser großes Geschwister aus Mittelhessen mit schiefgelegtem Kopf und aus schmalen Augenschlitzen sagt, Alle Murmeln sind mir! (für Nichthessen: ‚Jede Murmel, die hier rumliegt, gehört mir‘). Wir führen diese 151 Einzelsimulationen nicht instruktionstreu durch, wir machen den Sachverhalt nicht auf diese Weise simulativ wahr. Die Äußerung bleibt für uns aber dennoch eine Instruktion zur praktischen Verwer‐ tung, ein Zug in einem teils sprachlichen Interaktionsspiel. Und diese Instruktion besagt für uns: ‚Egal, welche Murmel ich nehme, es reicht, irgendeine davon zu nehmen, um Ärger zu bekommen.‘ Für dieses „Wissen, wie …“ im Umgang mit einem ausbeutenden Alle x im Sinne von ‚jedes x‘ müssen wir nicht jedes x mental durchtesten. 11.2 Kompression: Listen and repeat! 241 <?page no="242"?> anderer Verstehensmodus Wir haben es hier mit einem anderen Modus des Verstehens zu tun: Wenn die Dekompression simulativ subjektiv oder objektiv nicht durchführbar ist, hören wir auf, die Äußerung als Diagramm zu behandeln und in diagrammatischer Weise simulativ nachzuvollziehen, und reagieren stattdessen wie auf eine weitgehend arbiträre Ver‐ wertungsinstruktion auf sie, die uns die Aufgabe vereinfacht. Man mag die Instruktion zwar nicht treu befolgen können, aber man würde ungefähr die praktischen Konse‐ quenzen davon kennen, dass sie wahr ist, falls sie wahr ist. 11.3 Hypostasierung in Reinform: Simulier das! Oder praktische Konsequenzen davon! Ausbeutung durch Hypostasierung ist uns bereits kurz in Kapitel 4.5 und bei den Satzmustern mit Genitivbeteiligung (Kapitel 8.15) begegnet. In Ersterem kam sie, verkörpert im Satzglied ihre Verletzlichkeit, in der Äußerung In den Berliner Sophien‐ saelen lässt Gisèle Vienne eine »Crowd« […] ihre Verletzlichkeit offenlegen vor. Im Zusammenhang mit dem Genitiv fanden wir sie in Mustern wie sich einer Episode erinnern. Hypostasierung (Reinform) Bei der Hypostasierung tritt ein sprachlicher Ausdruck, der einen ganzen Sachverhalt oder ein ganzes Ereignis ausdrückt - wie Verletzlichkeit und Episode -, an einer Stelle in einem Satz-/ Kasusmuster auf, die aus Sicht des motivierten Korrespondenzsche‐ mas einem Objekt der Wahrnehmung oder Vorstellung vorbehalten ist. Dies ist noch einmal in Abbildung 11-7 illustriert. Abbildung 11-7: Wir stehen vor Neuwahlen als mittels Hypostasierung ausbeutende Instruktion 242 11 Simulier das! Humanökologisch motivierte Äußerungsstrukturen und ihre Ausbeutung <?page no="243"?> treu befolgte Instruktion Dekompres‐ sion als Exemplifika‐ tion Dekompression situationsabhängig Verstehen durch Wahr‐ machen Eine Äußerung wie Wir stehen von Neuwahlen gaukelt uns erneut durch das Schema SG Nom -V-SG Präp vor, dass hier zur simulierten Wahrnehmung einer Figur-(Hin‐ ter-)Grund-Konfiguration instruiert würde, die zwischen der 1. Person Plural (wir) und Neuwahlen besteht. Der Ausdruck Neuwahlen instruiert aber seinerseits nicht zur (simulierten) Wahrnehmung eines Objekts im engeren Sinne. Neuwahlen sind nichts, dem wir im Erwerb und Aufbau unserer nichtsprachlichen Erfahrungsschichtung als umgrenztem Objekt begegnet wären beziehungsweise das wir durch unsere sensomo‐ torische Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit als solches konstituiert hätten. Aufgabe Überlegen Sie, was Sie simulativ tun müssten, um die hypostasierende Instruk‐ tion von Wir stehen vor Neuwahlen treu zu befolgen. Im Folgenden wird ein Lösungsvorschlag unterbreitet. Denken Sie also am besten nach, bevor Sie weiterlesen. Was müssten wir tun, um die Instruktion treu zu befolgen? Auch hier müssen wir dekomprimieren. In den hypostasierenden Ausdrücken sind, wie gesagt, ganze Sach‐ verhalte und Ereignisse - wie in komprimierter Form - ausgedrückt. Und wenn eine Äußerung zu begreifen heißt, sie simulativ in einer Weise wahrzumachen, die uns sinnvolles Handeln erlaubte, falls sie wahr wäre, dann bleibt uns nichts anderes übrig, als ‚uns simulativ vor Neuwahlen zu stellen‘. Wie geht das? Anders als bei der Ausbeutung durch Kompression, bei der viele gleichartige Figur-(Hinter-)Grund-Konfigurationen komprimiert werden, gibt es bei der Hypostasierung kein einfaches Rezept zur Dekompression, da hier die kompri‐ mierten Sachverhalte oder Ereignisse nicht gleichartig sind. Uns selbst simulativ vor Neuwahlen zu stellen, würden wir daher mit jedem Erlebnisnachvollzug erreichen, der diese Situation für uns exemplifiziert. Dies sind mit hoher Wahrscheinlichkeit irgendwelche Erlebnisnachvollzüge (oder -vorvollzüge), in denen wir praktische Si‐ tuationen simulieren, mit denen wir bei bevorstehenden Neuwahlen konfrontiert wä‐ ren und für die wir Handlungsoptionen durchspielen. Dabei ist die Exemplifikation der Situation zugleich eine Dekompression der Hypostasierung: Die exemplarische Situa‐ tion, mit der wir uns simulativ konfrontieren, gliedern wir natürlich performativ in einzelne Figur-(Hinter-)Grund-Konfigurationen. Es ist aber ohne einen näher spezifizierten praktischen Kontext der Äußerung völlig unklar, ob uns genau diese exemplifizierenden simulativen Nachvollzüge (oder Vor‐ vollzüge) in der Situation, wenn sie wahr wäre, fähig machen würden, sinnvoll zu han‐ deln. Deshalb hängt die simulative Dekompression von Hypostasierungen sehr stark von den praktischen Bedingungen ab, unter denen sie geäußert werden, und erlau‐ ben sehr viel Varianz in der Ausführung. Wie können wir prinzipiell feststellen, ob wir hypostasierende Äußerungen ver‐ standen haben? Wir müssten uns auffordern, die hypostasierende Äußerung wahrzu‐ 11.3 Hypostasierung in Reinform: Simulier das! Oder praktische Konsequenzen davon! 243 <?page no="244"?> Erfahrungs‐ tiefe nochmals Hypostasie‐ rung machen, und zwar nicht simulativ, sondern in der ausgezeichneten Wirklichkeit. Ich weiß, was das Gesundheitswesen privatisieren heißt, wenn ich die Situation herstellen kann, in der das Gesundheitswesen privatisiert ist. Und je weiter die praktische Herstellung dieser Situation die unteren, nichtsprach‐ lichen Erfahrungsschichten rekrutiert - die direkte, unvermittelte Auseinandersetzung mit der ausgezeichneten Wirklichkeit -, desto besser habe ich die Äußerung verstan‐ den. Dies ist die Konsequenz der Anforderung, die geäußerte Situation zu dekompri‐ mieren, in ihre basalen Relationen aufzufalten. Die Erfahrungsschichten, von denen Sie die nichtsprachlichen in Kapitel 2.3 und die sprachlichen in Kapitel 3.6 kennenge‐ lernt haben, sind hier noch einmal zusammengestellt. Schichten menschlicher Erfahrung 1. Der menschliche Körper als Ermöglichungsschicht für Erfahrung 2. Sensomotorische Wirklichkeitserschließung a. Direkter, unvermittelter Körperkontakt und anhand eigener Körperkraft b. Indirekt, vermittelt durch körper(kraft)geführte Objekte und Artefakte c. Indirekt durch körper(kraft)abgelöste Artefakte (z. B. Maschinen, Anla‐ gen) 3. Höherstufiges Sehen 4. Höherstufiges Vorstellen 5. Lexik 6. Grammatik Die Beispiele für Hypostasierung in diesem Abschnitt stellen diese in Reinform dar. Daneben muss uns noch eine Form der Hypostasierung beschäftigen, die eng mit unserem Umgang mit technischen Artefakten zusammenhängt, das heißt mit den indirekten Formen der sensomotorischen Wirklichkeitserschließung. 11.4 Symbolisch-technisch verschobene Hypostasierung: Ach, hier sind die Ostern! Es geht ihr wie vielen Frauen. Sie kümmert sich nicht nur um die Bilder in der Wohnung und muss ihm die politische Lage erklären, sie schultert auch den Mental Load, den Arbeitsalltag organisieren zu müssen. Abbildung 11-8 illustriert einen weiteren Fall der Hypostasierung: Die Ostern liegen in der Vorlesungszeit (oder alternativ Ostern liegt in der Vorlesungszeit). Weder Ostern noch die Vorlesungszeit können als echte Objekte der (simulierten) Wahrnehmung fungieren. Oder? 244 11 Simulier das! Humanökologisch motivierte Äußerungsstrukturen und ihre Ausbeutung <?page no="245"?> Exkurs zur Technik Abbildung 11-8: Die Ostern liegen in der Vorlesungszeit als ausbeutende Instruktion mittels symbo‐ lisch-technisch verschobener Hypostasierung Das „Oder? “ ist erläuterungsbedürftig, denn technikblind, wie wir in der Regel sind, würden wir zunächst einmal für selbstverständlich halten, dass Ostern und die Vorle‐ sungszeit keine Objekteigenschaften besitzen. Der Mensch ist nun aber nicht nur das einzige sprachbegabte Lebewesen. Er ist - und darauf sind wir schon in Kapitel 9 eingegangen - in seinem Gesamtverhalten viel weniger festgelegt als andere Lebewesen. Auf alle Umweltkonstellationen, mit denen man konfrontiert sein könnte, mit einem festen Repertoire von Verhaltenswei‐ sen vorbereitet zu sein, bietet große Sicherheit für die Erfüllung vitaler Interessen wie Nahrungsversorgung, Fortpflanzungschancen, Brutpflege und Sicherheit. Wir haben am Beispiel der Präferenz für (verantwortliche) Ursachen gesehen, dass der Mensch seine eigene Verhaltensunsicherheit im Umweltkontakt durch unbemerkte Vorhersagen kompensiert. Doch nicht nur dadurch. Eine andere Kompensation hat er sich in der ebenfalls nur ihm eigenen technischen Kultur geschaffen, die ihm nicht nur Kühlschränke, künstliche Befruchtung, Geburtshäuser und Gewaltmonopole verschafft hat, sondern noch sehr viel mehr, das sich nicht auf die Erfüllung vitaler Interessen reduzieren lässt. Aufgabe Überlegen Sie, wie ein simulativer Nach-Vollzug der Äußerung Die Ostern liegen (oder alternativ Ostern liegt) in der Vorlesungszeit erfolgen könnte. Worin besteht er? Im Folgenden wird ein Lösungsvorschlag unterbreitet. 11.4 Symbolisch-technisch verschobene Hypostasierung: Ach, hier sind die Ostern! 245 <?page no="246"?> Zeitmessgeräte Nichtdingli‐ ches ver‐ dinglicht Zur technischen Kultur gehören beispielsweise auch Artefakte, anhand deren wir Dau‐ ern überwachen - Zeitmessgeräte. Zu diesen gehören wiederum Kalender. Abbildung 11-9 zeigt exemplarisch eine Kalenderansicht, in der wir - leicht idealisiert und über die ein oder andere symbolische Brechung hinwegsehend - Folgendes beobachten können: Die Ostertage befinden sich - ganz unhypostasiert - innerhalb des digitalen Kalenderartefakts in dem graphischen Bereich, der durch die Vorlesungszeit eingenommen wird. Anders gesagt, bildet die Kalenderansicht eine Figur- Grund-Konfiguration, in der Ostern als Figur und die Vorlesungszeit als Grund fun‐ gieren können. (Die Kalenderansicht als Ganze bildet dazu nochmals einen Hinter‐ grund.) Abbildung 11-9: Kalender, in dem Ostern in der Vorlesungszeit liegt. Außerhalb der Techniksphäre, außerhalb graphischer Praktiken und ihrer Produkte - physische oder digitale Kalender sowie die Instrumente zu ihrer Manipulation - gibt es Ostern und die Vorlesungszeit nicht als Objekte der (simulierten) Wahrnehmung. Ohne diese Artefakte wäre Ostern liegt in der Vorlesungszeit eine Instanz von Hypos‐ tasierung in Reinform. Es gibt diese Artefakte aber. Daher ist die Äußerung motiviert - und zwar durch die Struktur der Artefakte, die Ostern und die Vorlesungszeit ver‐ dinglichen: Kalender. Eine Äußerung haben wir begriffen, wenn wir das, was sie sagt, im simulativen Nach-Vollzug wahrmachen können, um sinnvoll handeln zu können, falls sie wahr ist. Das heißt hier, dass wir in der materiellen und graphischen Logik eines Kalenders die Ostern simulativ in der Vorlesungszeit positionieren können müssen, um die Äußerung zu verstehen. Kinderspiel! Kinderspiel? 246 11 Simulier das! Humanökologisch motivierte Äußerungsstrukturen und ihre Ausbeutung <?page no="247"?> Hypostasie‐ rung bloß verschoben Motivation ursprüngli‐ cher Konsequen‐ zen Mehrauf‐ wand Wir dürfen nicht ignorieren, dass wir durch diese Simulation am Kalenderartefakt die Hypostasierung nicht los sind. Wir haben sie sozusagen nur symbolisch-tech‐ nisch verschoben, nämlich in den Kalender, in dessen instruktive Zeichenlogik und hin zu der Frage, auf welche Erfahrungsschichten wir zurückgreifen müssen, um ihn praktisch erfolgreich zu bedienen. Die Frage nach dem Verstehen haben wir so einfach mitverschoben. Sie stellt sich aber für den Kalender erneut und analog zum Sprach‐ verstehen: Einen Kalendereintrag haben wir ebenfalls dann verstanden, wenn wir ihn im simulativen Nachvollzug wahrmachen können, das heißt sinnvoll auf ihn reagieren können, falls er wahr ist. Und dies gestaltet sich dann ähnlich wie im Falle der Rein‐ form-Hypostasierung: Ostern simulativ in der Vorlesungszeit zu lokalisieren, würden wir mit jedem Erlebnisnachvollzug erreichen, der diese Situation für uns exemplifi‐ ziert. Wie wir diese Exemplifizierung konkret ausprägen, hängt dann von den prakti‐ schen Anforderungen, von der praktischen Bewandtnis der Äußerung ab - sowie vom Maß, in dem dies von den erforderlichen Erfahrungen in den entsprechenden Erfah‐ rungsstufen gedeckt ist. Hypostasierung (symbolisch-technisch verschoben) Bei der symbolisch-technisch verschobenen Hypostasierung korrespondieren Dingausdrücke in der Äußerung zwar mit Gegenständen der simulierten Wahrneh‐ mung, diese Gegenstände sind aber selbst Hypostasierungen in einem anderen symbolisch-technischen Format, das in einer indirekten und vermittelten Bezie‐ hung zur sensomotorischen Wirklichkeitserschließung steht. 11.5 Die Ursprünglichkeit motivierter Korrespondenzen und weitere Reflexe der Ausbeutung Die Unterscheidung von motivierten Korrespondenzen zwischen Äußerungsstruktu‐ ren und Strukturen des (simulierten) Erlebens auf der einen Seite und der Ausbeutung dieser Korrespondenzen auf der anderen behauptet eine Asymmetrie zwischen beiden: Motivation ist das Ursprünglichere, Ausbeutung davon abgeleitet. Ausbeutung setzt Motivation voraus. Die Konsequenzen dieser These für unsere sprachlichen Formgebungs- und vor al‐ lem Verstehensaktivitäten sollten bereits deutlich geworden sein: die Notwendigkeit von Kompression im Rahmen der Formgebung und Dekompression im Rahmen des Verstehens für ausbeutende, aber nicht für motivierte Äußerungen. Ausbeutende Äu‐ ßerungen gehen - solange wir maximale Verstehenstiefe fordern! - mit Mehraufwand relativ zu motivierten Äußerungen einher. Natürlich haben wir immer die Möglichkeit, das in anforderungsreichen Äußerungen Gesagte nur insoweit simulativ nachzuvoll‐ ziehen und so wahrzumachen, wie es für bestimmte kommunikative und andere prak‐ tische Zwecke erforderlich ist. Wenn wir simulativ oder praktisch nicht einlösen müs‐ sen oder können, das Gesundheitswesen zu privatisieren, mag auch ein zustimmendes 11.5 Die Ursprünglichkeit motivierter Korrespondenzen und weitere Reflexe der Ausbeutung 247 <?page no="248"?> Gut-genug- Ansatz weitere Kon‐ sequenzen These Illustration Raunen als Reaktion auf jemandes Äußerung genügen, die diese Privatisierung fordert oder ablehnt. Und von dieser Möglichkeit machen wir Gebrauch. Ein psycholinguisti‐ scher Ansatz, der das behauptet - jedoch ohne den erlebnissimulativen und Erfah‐ rungsschichtungsunterbau von hier - ist der sogenannte Gut-genug-Ansatz des Sprachverstehens. Andere Konsequenzen der Asymmetriethese betreffen die verborgene Ordnung na‐ mens Grammatik, auf die wir schließlich noch einmal kurz zurückkommen. Das Thema dieses Buches sind nicht zufällige Zusammenhänge zwischen Strukturen menschlichen In-der-Welt-Seins einerseits und andererseits der Grammatik als der entzeitlichten und verdinglichten Ordnung in unseren sprachlichen Formgebungs- und Verstehensakti‐ vitäten. Die Asymmetrie von Motivation und Ausbeutung zeitigt Konsequenzen für die verborgene Ordnung, die sich in einer weitreichenden These fassen lässt: Motivation-Ausbeutungsasymmetrie Sachverhalte oder Ereignisse, zu deren ausbeutendem Ausdruck es lexikalische oder grammatische Mittel gibt, lassen sich immer auch durch motivierte Strukturen ausdrücken, aber nicht zu allem, was sich motiviert ausdrücken lässt, gibt es ausbeutende lexikalische oder grammatische Mittel. Die Belege sind zahlreich, einer soll zur Illustration der allgemeinen Form genügen. Beispielsweise sind sogenannte Reziprozitätsmarker wie das Wort einander Ausdrücke, die motivierte Korrespondenzmuster durch Kompression ausbeuten. Sollen die ent‐ sprechenden Instruktionen treu befolgt werden, instruieren sie zur simulierten Wahr‐ nehmung mehrerer, mindestens aber zweier gleichartiger Figur-Grund-Beziehungen. Um Björn und Sümeyye laden einander ein zu verstehen, müssen wir simulativ dekom‐ primieren und Björn (Figur) Sümeyye (Grund) und Sümeyye (Figur) Björn (Grund) einladen lassen. Mit Björn lädt Sümeyye ein und Sümeyye lädt Björn ein liegt eine mo‐ tivierte Möglichkeit vor, diesen Sachverhalt auszudrücken. Viele Sprachen, auch ältere Sprachstufen germanischer Sprachen, weisen keine Reziprozitätsmarker auf. Aber keine Sprache hat nur Reziprozitätsmarker, um reziproke Verhältnisse auszudrücken, und dafür keine motivierten Strukturen. Aufgabe zum Weiterdenken Überlegen Sie, wo sich in verschiedenen Bereichen der Sprache - Geschichte, Erwerb, Variation, Formgebungs- und Verstehensaktivitäten usw. - die Motiva‐ tion-Ausbeutung-Asymmetrie äußern könnte und wie sie sich belegen oder widerlegen ließe. 248 11 Simulier das! Humanökologisch motivierte Äußerungsstrukturen und ihre Ausbeutung <?page no="249"?> 11.6 Kommentierte Literaturhinweise Zu 11.1 bis 11.5 Die Begriffe der Motivation und der Ausbeutung motivierter Korrespondenzen werden eingeführt in Kasper (2015, Kapitel 3.3). Bei diesen Korrespondenzen handelt es sich formal gesprochen um Homomorphismen oder sogar Isomorphismen. Dies ist in einem Vortrag thematisiert, der auch Bezüge zu anderen Grammatiktheorien herstellt, nämlich Kasper (13.09.2019). Die Darstellung des Triangulationsszenarios, in dem die motivierten Korrespon‐ denzschemata erworben werden, verdanken sich in hohem Maße drei Quellen: erstens der sozialkonstruktivistischen und konstruktionsgrammatischen Spracherwerbstheo‐ rie von Michael Tomasello, und zwar Tomasello (2005 [am nächsten an konkreten soziokognitiven und grammatischen Prozessen des Spracherwerbs], 2009 [kontras‐ tiv-primatologischer und weiter gefasster Blick auf sprachliche Fähigkeiten], 2020 [umfassende Theorie der menschlichen Ontogenese]). Zweitens verdankt sich der An‐ satz der kognitiven Semantik Langackers (mit den hier vorgenommenen Revisionen), dargestellt etwa in Langacker (2008). Drittens ist der Ansatz geprägt vom frühen Wittgenstein des Tractatus, der den ersten Buchteil bildet von Wittgenstein (1984 [wo es in Satz 3.2, S. 19, heißt: „Im Satze kann der Gedanke so ausgedrückt sein, dass den Gegenständen des Gedankens Elemente des Satzzeichens entsprechen.“]). Zu 11.2 bis 11.5 Die Kompression und die Reinform-Hypostasierung als Formen der Ausbeutung werden, wie erwähnt, in Kasper (2015, Kapitel 3.3) eingeführt und diskutiert. Dar‐ über hinaus ist ihnen gewidmet Kasper (2020a [kurzer Aufsatz zu Motivation und Ausbeutung anlässlich der Frage, ob Nomen Gegenstände bezeichnen; kritische Aus‐ einandersetzung mit Langacker]). Darin werden auch weitere sprachtypologische, sprachstrukturelle und kognitive Konsequenzen der Asymmetrie zur Motivation er‐ wähnt. Die symbolisch-technisch verschobene Hypostasierung wird noch nirgends explizit erwähnt, doch ergibt sie sich aus der Idee der Äußerung als Simulationsanleitung in Verbindung mit der Erfahrungsschichtung und deren Rekrutierung beim Verstehen. Sie umfasst auch die technische Erfahrung. Diese Aspekte sind erstmals expliziert in Kasper/ Hoffmeister (2025 [philosophisch anspruchsvoller Aufsatz zu mentalen Repräsentationen, in dem die Erfahrungsschichtung diskutiert und ihre humanökolo‐ gische Rolle reflektiert wird]). Die Illustration der Kalenderstruktur zehrt von den Überlegungen von Birth (2012) und Krämer (2016). Der Pragmatismus im Verstehen vor allem der ausbeutenden Äußerungen, bei denen das motivierte Korrespondenzschema versagt, speist sich aus den instruktionsgram‐ matischen Kernideen im Verbund mit denen des späten Wittgenstein (1984 [zweite Buchhälfte]) sowie von Janich (2014). 11.6 Kommentierte Literaturhinweise 249 <?page no="250"?> Die Aussagen zur Reziprozität stützen sich auf Maslova/ Nedjalkov (2013). Den Gut-genug-Ansatz des Sprachverstehens formulieren Ferreira et al. (2002) und Fer‐ reira/ Patson (2007). 250 11 Simulier das! Humanökologisch motivierte Äußerungsstrukturen und ihre Ausbeutung <?page no="251"?> 12 Literaturverzeichnis 12.1 Forschungsliteratur Ágel, Vilmos/ Eichinger, Ludwig/ Eroms, Hans-Werner/ Hellwig, Peter/ Heringer, Hans Jür‐ gen/ Lobin, Henning (Hrsg.) (2003, 2006): Dependenz und Valenz. Ein internationales Hand‐ buch der zeitgenössischen Forschung. Zwei Halbbände. Berlin: De Gruyter. DOI: https: / / doi .org/ 10.1515/ 9783110141900.1 / https: / / doi.org/ 10.1515/ 9783110171525.2 Ágel, Vilmos/ Fischer, Klaus (2015): Dependency Grammar and Valency Theory. In: Heine, Bernd/ Narrog, Heiko (Eds.): The Oxford handbook of linguistic analysis. 2nd edition. [On‐ line-Version.] Oxford: Oxford University Press. DOI: https: / / doi.org/ 10.1093/ oxfordhb/ 97801 99677078.013.0010 Allport, Gordon W. ([1954] 1979): The nature of prejudice. 25th anniversary edition. New York: Basic Books. Anderson, John R. (1976): Language, memory, and thought. Hillsdale: Erlbaum. 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Attributionsszenario-229-232 Audition, auditiv-→ Hören Aufmerksamkeit-32f., 43ff., 50, 55, 188, 258 Auge-Hand-Koordination-37, 96 Ausbeutung (sprachliche Form)-97, 235f., 239 ausgezeichnete Wirklichkeit-144, 146, 173, 212ff., 224, 226, 238, 244 Bally, Charles-145 Belebtheit-165, 169f., 172f., 175, 210ff., 214- 219, 231 Belebtheits-/ Empathiehierarchie-164f., 210 Bescheid-Wissen-111 biologische Kontingenz-217 Blickbewegung-36, 134 Blumenberg, Hans-98 Brücke zur Wirklichkeit-144, 212 Bullet Time-149 Caesar-132f. Carroll, Lewis-126, 130, 145 Construal-120, 174 Deep Blue-163ff., 175 Deklinationsklasse-178 Dekompression-207, 239, 241-244, 247f. Dependenz-79, 83-87, 89, 95, 98ff., 103-111, 117, 119f., 123, 129, 131, 140, 142f., 147, 153, 235, 251 Determinismus-62 Diagramm-99, 132, 152 diagrammatisch-170 Diathese-21, 107, 147, 166-169, 171, 185, 189, 203f., 219 Dingausdruck-100, 105, 109, 178, 181, 236f. Diskursrelevanz-172f. Disposition/ Situation-Differenz-229 Dunkel war’s, der Mond schien helle-125f., 145, 258 Ebene (Figur‒Hintergrund-Gliederung)-62 Effizienz-→ Sparsamkeit Eigenlogik des Zeichengebrauchs-26, 31, 59, 102, 123, 125, 144, 166 eindeutig-205 Einfühlung-48 Embodiment-28 Empathie-172, 175, 191, 229ff. Empathie/ Antipathie-Differenz-229, 234 Empfinden (taktil)-227 entsprechen-215, 218 Entzeitlichung-54, 81, 111, 132, 137, 147, 184, 195, 235, 248 Erden-114f., 118, 129ff. <?page no="261"?> Erfahrungsressourcen-76 Erfahrungsschichten-36, 38-41, 47f., 56, 59, 65, 75-78, 96f., 100ff., 119, 130, 134, 136, 142, 144, 150, 213f., 216, 224, 236, 243f., 247, 249 Erfahrungswissen-35f., 86, 208ff. Erfolg (Handlung)-18f., 70, 104, 214, 225f., 229-232, 247 Erfolglosigkeit (Handlung)-229 Erkennen-31f., 36f., 39f., 44, 50, 62, 100f., 116, 123, 135, 141, 155, 182, 192, 207, 225 erklären-15, 18, 24 Erleben-50 Erlebnisnachvollzug-48 Erwartung-33, 103, 140-144, 206, 213f., 245 Erwerbskontext-237 etwas Bestimmtes-33, 36 Eventualität-61, 63, 100f., 147, 155f., 181, 198 Exemplifikation-243, 247 Experiencer-179, 211 Experiment-15, 17ff., 22, 24f., 31, 47, 49, 59, 62f., 65, 70ff., 75f., 78f., 81, 88, 94, 150f., 157f., 160, 162f., 165, 168, 171, 179, 222 Eye Tracker-34, 39, 42, 45, 55 Fahrlässigkeit-232 Fernsinne-227 Figur-44 Figur-Hintergrund-Gliederung-42, 54 Fixation-34ff., 42, 45, 50, 52, 137, 186 Folgen/ Folgenlosigkeit-Differenz-229 Formgebung-22, 69f., 77, 79, 90, 96f., 99, 102, 111f., 127, 129, 135, 137ff., 147, 153, 156, 165, 168, 170, 173, 175, 193, 195, 247 Formgebungs- und Verstehensaktivitäten-17, 22f., 25f., 31, 42, 59, 75, 77, 81, 99, 102ff., 111, 118f., 123, 126, 130, 133f., 143, 147, 154, 165f., 177, 195, 205, 218, 221f., 227, 235, 247f. Frisierstudio-191, 193, 196, 198 Früher-später-Struktur-135f., 138f., 187 Funktionsverbgefüge-167, 171 Gattungsnomen-90, 95 Gegenstand (Wahrnehmung)-41 Gegenstand der Theorie-26 gegenständliche Wirklichkeit-41 Gegenstandsbewusstsein-37 Gehlen, Arnold-220 Gelingen (Handlung)-18, 119, 159, 189, 195, 225f., 231f. Genus-108, 130, 167, 178 Genus verbi-167 Gestaltgesetze-40 Gestaltprinzipien-40f., 52, 56, 239 Gestaltwahrnehmung-50, 164f., 257 geteilte Aufmerksamkeit-181, 237 Gewissheit-141, 212, 218, 226f. Gott-150 Grammatik-13ff., 17f., 21, 23, 25-29, 31, 42, 54, 59, 77f., 84, 87, 92, 97, 99, 102, 106, 119, 123, 125, 131, 137, 146, 164, 174, 177, 184, 195, 205f., 214, 216, 218, 233, 236, 244, 248, 252, 254, 258f. Grammatik (Erfahrungsschicht)-77 grammatische Lücke-171 grammatische Morphologie-85, 109ff., 116, 129, 178, 212, 214ff., 218 graphische Praktiken-152, 246 Grund, objekthafter-44 Grund (Handlung) 14, 24, 63, 88, 109, 164, 167, 172, 224ff. Gut-genug-Ansatz des Sprachverstehens 248, 250 Handeln-13, 22, 24f., 35, 43, 55, 59, 116, 119, 144, 159, 164, 196, 212f., 217f., 221, 224-232, 234, 243, 255 Handlung/ Widerfahrnis-Differenz-229 Haptik, haptisch-→ Tasten Hauptsatz-81-84, 87f., 93ff. Hierarchie der Bedeutungsneutralisierung-180 Hintergrund (Wahrnehmung)-59 Hinweis-→ Index höherstufiges Hören-224 Personen- und Sachregister 261 <?page no="262"?> höherstufiges Sehen 38f., 42, 46ff., 76, 96, 100, 137, 224, 244 höherstufiges Vorstellen-38f., 47f., 64, 76, 86, 150, 244 Holzweg-141 Holzweg (Verstehen)-139f., 142f. Homonymie-183f., 192f., 198f. Hören-43, 227 Humanökologie-22f., 28f., 55f., 78, 120, 123f., 143, 175, 180, 203, 206, 210, 212, 214-218, 220f., 238, 249 humanökologisches Sprachverstehen-144, 212 hypostasierte-202 Hypostasierung-200, 202, 207, 242f., 247 Hypostasierung (in Reinform)-242f., 246, 249 Hypostasierung (symbolisch-technisch verschoben)-244, 247 Identifizierbarkeit-172 Ikonizität-123 Ikonizität, doppelte sequenzbezogene diagrammatische-135 Ikonizität, einfache sequenzbezogene diagrammatische-139 Ikonizität (diagrammatisch)-123, 132, 170, 172, 174, 185, 221, 233, 235ff., 239, 241f. Ikonizität (einfach)-127 Immersion-48 Inalienabilität-191 In-der-Welt-Sein-22, 25f., 120, 133, 143, 147, 163, 177, 216, 221, 235, 248 Index-50, 69, 106, 109, 114ff., 118, 127f., 141, 159, 179, 210, 212, 214-218, 220 Initiative-157, 159, 161, 169f. inkrementelle Interpretation-142f., 145 Instinktresiduum-217 Instruktion-71 instruktive Funktion-99, 103, 106f., 109, 112- 120, 123, 128-131, 153, 177f., 214 instruktives Mittel-87, 89, 99, 109, 111, 118ff., 130f., 206, 208, 214f. Instrument-37f. Intention-→ Absicht Interesse 19, 26, 32f., 50, 52, 61, 119, 189f., 196, 203, 213, 230, 233 Interpretation-25, 68f., 79, 84, 129, 142f., 145, 206, 219, 222, 227ff., 234 Irritation-→ Überraschung Jabberwock-125f., 130 James (Dinner for One)-226, 257 Kahneman, Dan-219 Kalender-246f., 249 Kasparow, Garri-165, 175 Kasus-85, 87, 106ff., 110, 125, 177, 206, 214, 219, 236 Kasusexponent-178, 208, 218 Kasusgrammatik-203 Kasuskategorie-178 Kasusmuster-177, 211, 221, 230, 235, 238, 240, 242 Kavaratti-127 Kippbild-52, 155 kippende Sätze-166f., 173 kippende Verben 150, 156f., 160, 163, 165f., 173 Kippereignis-→ Kippeventualität Kippeventualität-155 Kognitive Grammatik-29, 78, 204 Kohärenz-183 Kohärenz herstellen-112ff., 118, 129ff. Kompression 45, 207, 236, 238-241, 243, 247ff. konative Instruktion-230, 232 Konditionierung-112, 152, 154, 217f. Kongruenz-108f., 120, 130, 140, 214, 236 Können-→ Wissen, wie Konstituenz-98, 120 Konstruktionsgrammatik-28, 204, 249, 252, 256, 258 Kontext-18, 24, 59, 97, 99, 127, 144, 175, 181, 203, 208-212, 219f., 224, 231f., 234, 237, 243 Kontraikonizität-138f., 170, 172, 185, 187, 212 Konzeptualisierung-120 262 Personen- und Sachregister <?page no="263"?> Körper-22, 37ff., 76, 100, 244 Korrespondenzmuster 82ff., 89ff., 93f., 97, 236, 238f., 248 Korrespondenzschema-153, 233, 240ff., 249 Kotext-112ff., 118, 127, 181, 208, 210 Kraftausübung 106, 159ff., 163, 165, 169f., 173, 200, 227f., 231, 233 Kulisse-73, 78, 80, 82f. Kultur-22, 25f., 127, 152, 214, 221, 245f. Kybernetik-55 Labilität (Handlungsgelingen & -erfolg)-231f. Langacker, Ronald W.-78, 120, 174, 249 lebenslinguistisch-13, 27, 120, 181 Leib-22, 26, 28 Leibphänomenologie-28 Leistung/ Fehlleistung-Differenz-229, 234 Leitidee-14, 17, 25ff., 31, 54, 59, 77, 83, 95, 120, 165, 205, 235 Leitsinne-42 Lernformenhierarchie-220 Lern- und Aktivitätsformen-216f. Lexik-76f., 101, 119, 130, 181, 184, 244, 248 Lexik (Erfahrungsschicht)-76 lexikalische Lücke-167f., 171 Linking-203 Lob-225, 229ff. Luckmann, Thomas-146 Materialisierung-101, 132 Materialität-144, 212 Matrix-Effekt-149 Mehraufwand (Ausbeutung)-247 mehrdeutig-68, 205 mentale Repräsentation-249 mentale Rotation-47, 56 Metapher-79, 95-98, 133, 174, 188, 200, 202, 236, 255 Methode-26, 29, 55, 253 Milli Vanilli-226 Misslingen (Handlung)-→ Scheitern (Hand‐ lung) mit allen Sinnen-36f., 76f. Mittel (Handlung)-37, 102, 221, 224f., 228 Mittelfeld-71, 88-94 Mitwelt-22, 59, 181, 205f., 221 Modus des Verstehens-242 Motivation (sprachliche Form)-28, 97, 102, 123, 128, 130ff., 134, 145, 200, 216, 235f. Motivation-Ausbeutungsasymmetrie-247f. Motivierte Korrespondenzen-237 Motiviertheit-→ Motivation (sprachliche Form) Motorik-77, 97, 200 Muster-181 Nachfeld-88 Nachvollzug, Nach-Vollzug-48 Natur-25, 96, 197, 214, 221 Nebensatz-79, 84, 87-91, 93ff., 184 Neurolinguistik-145 Neuro- und Kognitionswissenschaften-28, 55f. Neutralisierung von Bedeutungsunterschieden-179f., 182, 198, 203 Norm-15, 177 Numerus-85, 108, 178 Objekt (Wahrnehmung)-39 Objekteigenschaften-44f. Objektwahrnehmung-39 Offenheit-217 Ökonomie-→ Sparsamkeit Ontogenese-249 Ordnung-14, 17, 22f., 26, 31, 42, 48, 59, 61f., 64, 69f., 72-75, 77, 79, 81, 84, 97, 99, 104, 111, 118ff., 123, 131, 147, 171, 177, 185, 195, 205-208, 216, 222, 233, 235f., 248 Organerweiterung-37 Organverbesserung-37 Orientierung-13, 22f., 25, 29 Passiv-20f., 23, 107, 141, 147, 167-170, 172f., Personen- und Sachregister 263 <?page no="264"?> 175, 185, 203, 258 Patiens-96, 141, 169f., 172f., 179, 207, 211, 254 Patienspassiv-171ff., 203 Peirce, Charles Sanders-127, 131, 144f., 214 Performanz-23 Periphrase-167, 171 Perspektive-147, 184f., 240 Perspektivierung-147 Pertinenz-31, 33ff., 37f., 42f., 46, 49f., 52, 55, 59, 62, 76, 99ff., 118f., 189ff., 196f., 203, 221, 230, 233, 256 Phänomenologie-26, 55f., 255, 258 philosophische Anthropologie-26, 117, 216, 220, 235, 254 Plastizität-217 Polysemie-183f., 192, 198 Position-51, 54, 61, 67, 85f., 92f., 109, 111, 116, 212, 236 Possession-190ff., 197f., 221, 233 Präferenz für (verantwortliche) Ursachen-174, 212f., 220f., 231, 245 Pragmatismus-249 Prägnanz-40, 155, 167, 233 Praktik-38, 96, 152 Praxeologie-55 prekäres Ereignis-222, 226ff., 232ff. Prinzip der Ähnlichkeit-40 Prinzip der gemeinsamen Bewegung-41 Prinzip der Geschlossenheit-41 Prinzip der guten Linienfortführung-40, 44 Prinzip der Nähe-40 Profilierung-174 Pronomen-92 Prosodie-69f., 80, 84ff., 90f., 95, 109, 111, 116, 119, 129, 181, 237 Proto-Rolle (semantisch)-219 psychisches Verb-219 Psychologie-26, 28, 55f., 257 Purschke, Christoph-27 quantitätsbezogene diagrammatische Ikonizität-133 Referenzrahmen-50f., 54, 56, 61 Region-42, 114, 193f., 236 Reihenfolge (Sprache)-→ Serialisierung Re-Interpretation-143 Reiz-36 Rektion-85, 90, 107, 109, 120, 153, 177f., 186, 203 relative Motiviertheit-130 Relevanz-35, 43, 99, 118 Resimulation-141 rezeptive Instruktion-230-233 Rezipient-163, 172, 179f., 182, 184, 208, 211 Rezipientenpassiv-172, 203 Reziprozitätsmarker-248, 250 Rolle (semantisch)-167, 179f., 182f., 203, 211, 219 Rückempfindung-37 Rüssel, Rudi-131ff. Sachverhalt 21, 23ff., 31, 62, 114, 123, 147, 154, 167, 177, 179f., 182, 185, 212 Sachverhaltstyp-21, 24, 183, 185 Sakkade-34, 39, 42, 45, 137 Salienz-31, 33-37, 42, 46, 49f., 52, 55, 59, 62, 99f., 118f., 189f., 196f., 203, 230, 256 Salienzpotenzial-33 Sanktion-225, 229f. Satz-/ Kasusmuster-186 Satzfeld-79, 84, 97, 99, 108, 147, 235 Satzklammer-82, 87-93, 116 Saussure, Ferdinand de-145 Scheitern (Handlung)-225, 228f. Schema-181 Schichtung-128 Schütz, Alfred-144, 146 Schwalbe (Fußball)-226 Schwemmer, Oswald-24f. Sechehaye, Albert-145 Sehen-34, 36-40, 42f., 45, 52f., 55, 59, 77, 95ff., 137, 148, 151, 200, 227, 236, 257 Selbstaufklärung-22 Semiotik-145, 255 264 Personen- und Sachregister <?page no="265"?> sensomotorische Wirklichkeitserschließung-37-41, 46-49, 76f., 96f., 100, 133, 142, 144, 202, 216, 218, 224, 227, 243f., 247 sequenzbezogene diagrammatische Ikonizität-133 Serialisierung-109, 111, 129, 210, 214f., 218f. Signal-→ Index Simulieren-48 (simuliertes) Wahrnehmen auf eine Art und Weise 103, 106f., 109, 112, 118, 120, 130f., 153, 178, 193, 214, 218 (simuliertes) Wahrnehmen von etwas-103, 107, 118, 120, 178f. Sinnesmodalität-38, 42, 81, 224 Sinnesorgan-37, 134 soziale Attribution-23, 196, 219, 222, 233 soziale Zuschreibung-→ soziale Attribution Sozialkonstruktivismus-249 Sozialpsychologie-222, 228, 234, 253 Sparsamkeit-102, 117, 119, 131, 134, 170, 175, 218, 232, 247 Sphäre-126, 129, 133f., 144, 212, 246 Spracherwerb-249 Sprachmodell-17, 23, 28, 165 Standortgebundenheit-149f. Stattgabefunktion (anthropologisch)-232 Stattgabefunktion (Grammatik)-214, 218 Stattgabepotenzial-217 Stereotyp-228-231, 234 Stoff- und Formeigenschaften (Zeichen)-124ff., 129, 144, 212f., 235 Subjekt-156 Symbol-101, 104f., 107f., 111f., 127f., 130f., 142f., 145, 178, 182, 236, 247, 249 symbolische Auslagerung-76, 99, 101, 123, 129f., 140, 142f., 147, 155, 177f., 182, 198, 236 Synkretismus-208 Syntaktische Funktionen-Mehrdeutigkeit-208 Systematizität-123, 128-131, 134, 145, 235 taktile Wahrnehmung-→ Empfinden (taktil) Talmy, Leonard-56 Tasten-38ff., 42f., 46, 55, 59, 77, 95ff., 200, 227, 236 Technik-244-247, 249 Teil/ Ganzes-Beziehung-22, 36, 100, 102, 190, 193, 197f., 202, 246 Teilverantwortlichkeit-232 theoretisches Regulativ-26, 29, 174 Tomasello, Michael-249 Topik-166 topologische Struktur-42 Trennung-201 treu (Instruktionsbefolgung)-240-243, 248 Treue-134 Triangulation-237, 249 Tun-Können-111 Twain, Mark-87 übergeordnet (Figur‒ Hintergrund-Gliederung)-80 Überraschung-35, 141-144 Umwelt-22f., 26, 28, 35-38, 59, 96f., 205f., 221, 236 Unterbestimmtheit der Beobachtung in Bezug auf das Handeln-226, 234 Ursache-24, 212ff., 225, 227, 231ff., 235 Valenz-103, 107, 140, 147, 174, 251, 258 Verantwortlichkeit-221 Verbindlichkeit-216, 218, 220 Verbklammer-→ Satzklammer Verbkomplex-81, 84, 87ff., 91 verborgene Ordnung 17, 22, 31, 42, 48, 59, 77f., 81, 96f., 99, 102f., 106, 111, 119, 123f., 129, 131, 134, 137, 142, 180, 184, 206, 214, 218, 248 Verdinglichung 96, 111, 132, 137, 147, 184, 195, 235, 246, 248 Verhinderungsfunktion-87, 89 Versehen-37, 224f., 231 Verstehen 15, 23, 26, 29, 77, 84, 111f., 124, 128f., 136f., 139, 145f., 206, 208, 210, 236, 243, 247, Personen- und Sachregister 265 <?page no="266"?> 249 Verstehenspräferenz-152, 161, 212, 218f. Verwerten-26, 115-118, 129ff., 153, 205f., 214, 235, 241 Vetofunktion (anthropologisch) 214, 217, 219, 229, 232 Vetofunktion (Grammatik)-89, 109, 111, 129, 214, 218 Vetopotenzial-216f., 220 Vision, visuell-→ Sehen vitales Interesse-119, 164, 213, 245 Von-links-nach-rechts-Präferenz-152ff., 158ff., 162, 172, 174 vorauseilend-→ Erwartung Vordergrund-Hintergrund-Gliederung-161 Vorfeld-67, 69, 71, 88f., 92f., 109, 116 Vorhersage-→ Erwartung Vorhersehen-→ Erwartung Vorstellen-49 Vorstellen auf eine Art und Weise-→ (simu‐ liertes) Wahrnehmen auf eine Art und Weise Wackernagel-Position-92, 94 Wahrmachen (im simulativen Nach-Vollzug)-77f., 238, 241, 243f., 246f. Wahrnehmungsbedingungen und Auffassungsweisen-21ff., 28, 62, 74 Wahrnehmungsfeld-35f., 41-45, 59, 71, 100, 118, 161, 239 Wahrnehmungsgliederung-45 Wahrnehmungsstruktur-44 Wahrnehmungsstruktur, schematisch-43 Wangerooge-127 Widerfahrnis-223-227, 229-232 widersprechen-215, 218 Wissen, dass-27, 226 Wissen, wie-15, 27, 38, 77, 80f., 86, 95, 99, 109, 111, 119, 129, 170, 177, 199, 209, 216, 236, 238, 241 Wissenschaftstheorie-26, 29, 255, 257 Wittgenstein, Ludwig-249 Wortart-91, 101f., 109ff., 119f., 125, 129 Zeichen-43, 81, 117, 124-132, 134, 144f., 212f., 218ff., 256 Ziel (Handlung)-18f., 23, 26, 37, 59, 102, 108, 119f., 131, 196, 221, 231 Zielsetzung der Theorie-26 Zweck-60, 119, 213, 224ff., 228f., 247 Zweckrationalität-221, 226f., 231 266 Personen- und Sachregister <?page no="267"?> ISBN 978-3-381-10801-5 Diese Einführung bietet Studierenden und Forschenden der Sprachwissenschaft einen innovativen Zugang zum Denken über Grammatik: Diese muss nicht als abgeschlossenes und von anderen menschlichen Erfahrungsbereichen isoliertes System präsentiert werden, in dem Elemente bestimmten Klassen zugeordnet werden, im Satzzusammenhang bestimmte Funktionen einnehmen und nur nach bestimmten Regeln verknüpft werden können. Der alternative Zugang der Instruktionsgrammatik ist neuartig und programmatisch disziplinenübergreifend: Er begreift sprachliche Äußerungen als geordnete Anleitungen (Instruktionen) zum simulativen Nach-Vollzug von Erlebnissen und von sozialen Zuschreibungen. Von diesem Grundgedanken ausgehend entwickelt die Einführung Schritt für Schritt die Leistung der Grammatik als ordnenden Steuerungsmechanismus für den Erlebnisnachvollzug und das Handeln. Sie bedient sich dabei zahlreicher lebensnaher Beispiele und bietet abschnittsweise Übungsaufgaben, Zusatzinformationen und Anregungen zum Weiterdenken. Kasper Deutsche Grammatik instruktiv Deutsche Grammatik instruktiv Eine philosophisch-anthropologische Einführung Simon Kasper
