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Kognitive Linguistik und Romanistik

0119
2026
978-3-381-10932-6
978-3-381-10931-9
Gunter Narr Verlag 
Julia Kuhn
Lidia Becker
Christina Ossenkop
Claudia Polzin-Haumann
Elton Prifti
10.24053/9783381109326

Der vorliegende Band versammelt ausgewählte Beiträge des XXXVIII. Romanistischen Kolloquiums zum Themenschwerpunkt "Kognitive Linguistik und Romanistik". Die Texte spiegeln die zunehmende Relevanz kognitiv-linguistischer Ansätze innerhalb der romanistischen Sprachwissenschaft wider - eine Entwicklung, die als Reaktion auf frühere, primär systemorientierte Theorietraditionen entstand. Der Band zeigt, wie diese Sichtweise neue Verbindungen zwischen semantischen, grammatischen, pragmatischen und diskursbezogenen Fragestellungen eröffnet, und welche Impulse sie für die romanistische Forschung bereithält. Die Beiträge decken ein breites Spektrum aktueller Perspektiven der kognitiven Linguistik innerhalb der Romanistik ab, darunter kognitiv-grammatische, konstruktionslinguistische, framesemantische, metapherntheoretische sowie fachdidaktische Ansätze. Damit bieten sie sowohl einen fundierten Überblick über gegenwärtige Forschungstrends als auch inspirierende Impulse für zukünftige Arbeiten an der Schnittstelle von Kognitiver Linguistik und romanistischer Sprachwissenschaft.

9783381109326/9783381109326.pdf
<?page no="0"?> ISBN 978-3-381-10931-9 Der vorliegende Band versammelt ausgewählte Beiträge des XXXVIII. Romanistischen Kolloquiums zum Themenschwerpunkt „Kognitive Linguistik und Romanistik“. Die Texte spiegeln die zunehmende Relevanz kognitiv-linguistischer Ansätze innerhalb der romanistischen Sprachwissenschaft wider - eine Entwicklung, die als Reaktion auf frühere, primär systemorientierte Theorietraditionen entstand. Der Band zeigt, wie diese Sichtweise neue Verbindungen zwischen semantischen, grammatischen, pragmatischen und diskursbezogenen Fragestellungen eröffnet, und welche Impulse sie für die romanistische Forschung bereithält. Die Beiträge decken ein breites Spektrum aktueller Perspektiven der kognitiven Linguistik innerhalb der Romanistik ab, darunter kognitiv-grammatische, konstruktionslinguistische, framesemantische, metapherntheoretische sowie fachdidaktische Ansätze. Damit bieten sie sowohl einen fundierten Überblick über gegenwärtige Forschungstrends als auch inspirierende Impulse für zukünftige Arbeiten an der Schnittstelle von Kognitiver Linguistik und romanistischer Sprachwissenschaft. ROMANISTISCHES KOLLOQUIUM XXXVIII Kognitive Linguistik und Romanistik Julia Kuhn, Lidia Becker, Christina Ossenkop, Claudia Polzin-Haumann, Elton Prifti (Hrsg.) Kognitive Linguistik und Romanistik ROMANISTISCHES KOLLOQUIUM XXXVIII R O M A N I S T I S C H E S KOLLOQUIUM XXXVIII <?page no="1"?> Kognitive Linguistik und Romanistik <?page no="2"?> ROMANISTISCHES KOLLOQUIUM XXXVIII Herausgegeben von Lidia Becker, Julia Kuhn, Christina Ossenkop, Claudia Polzin-Haumann und Elton Prifti Begründet von Wolfgang Dahmen, Günter Holtus, Johannes Kramer ✝, Michael Metzeltin, Wolfgang Schweickard und Otto Winkelmann Band 3 8 <?page no="3"?> Julia Kuhn, Lidia Becker, Christina Ossenkop, Claudia Polzin-Haumann, Elton Prifti (eds.) Kognitive Linguistik und Romanistik <?page no="4"?> DOI: https: / / doi.org/ 10.24053/ 9783381109326 © 2025 · Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Alle Informationen in diesem Buch wurden mit großer Sorgfalt erstellt. Fehler können dennoch nicht völlig ausgeschlossen werden. Weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen übernehmen deshalb eine Gewährleistung für die Korrektheit des Inhaltes und haften nicht für fehlerhafte Angaben und deren Folgen. Diese Publikation enthält gegebenenfalls Links zu externen Inhalten Dritter, auf die weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen Einfluss haben. Für die Inhalte der verlinkten Seiten sind stets die jeweiligen Anbieter oder Betreibenden der Seiten verantwortlich. Internet: www.narr.de eMail: info@narr.de Druck: Elanders Waiblingen GmbH ISSN 2750-042X ISBN 978-3-381-10931-9 (Print) ISBN 978-3-381-10932-6 (ePDF) ISBN 978-3-381-10933-3 (ePub) Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http: / / dnb.dnb.de abrufbar. <?page no="5"?> 7 15 47 83 117 145 Inhalt Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kognitive Grammatik/ Konstruktionsgrammatik Elisabeth Zima Interaktion und Multimodalität in der Kognitiven Linguistik . . . . . . . . . . . . Evelyn Wiesinger, Johanna Wolf, Inga Hennecke Zur Dynamik von Präpositionen in complemento de régimen-Konstruktionen des Spanischen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Framesemantik Paul Sambre Ergastolo ostativo. “Il carcere ostativo è una pena che stiamo espiando noi famigliari di vittime della mafia”. Vers un recadrage du discours de l’antimafia italienne sur la réclusion à perpétuité sans aménagement de peine . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sprachgebrauch und Kognition Thomas Scharinger Vom Erbwort zum Lehnwort? Die Volksetymologie im Sprachkontakt . . . . Metaphern Katharina Dziuk Lameira Metaphern und Textkomplexität. Zur metaphorischen Komplexität spanischer Prosatexte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . <?page no="6"?> 187 215 Fachdidaktik Eleni Kanli Potentiale der Kognitiven Linguistik in der Fremdsprachendidaktik - Wie können wir Spanischlernende beim Erwerb der Konstruktion [ir + de/ a + Nomen] unterstützen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Lukas Eibensteiner Grammatikerklärvideos auf YouTube: Eine Analyse am Beispiel der französischen Vergangenheitstempora und Potenziale der kognitiven Linguistik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6 Inhalt <?page no="7"?> Einleitung Die Kognitive Linguistik ist heute eine etablierte Forschungsrichtung, die ihre Anfänge bereits in den 1970er Jahren genommen hat. Ihre Herausbildung war eine Reaktion auf damals bereits bestehende Theorien wie die Generative Sprachbetrachtung, die in erster Linie auf das Sprachsystem fokussierten und den konkreten Sprachgebrauch nicht oder nur wenig in den Blick nahmen. Die Kognitive Linguistik kehrte sich auch von der zuvor bestehenden Konzentration auf die Syntax ab und wandte sich der Semantik zu, welche die Kognitive Linguistik wiederum nicht mehr als klar getrennt von den anderen sprachlichen Disziplinen wie Morphologie, Phonologie oder Syntax betrachtet. Ein Ineinan‐ derfließen sieht die Kognitive Linguistik auch bei sprachlichem Wissen und nicht-sprachlichem Wissen, zwei Bereiche, die hier nicht klar voneinander abgegrenzt werden. Bedeutung, auf die die Kognitive Linguistik Wert legt, wird ihrerseits nicht als objektiv gegeben wahrgenommen, sondern als konstruiert und gleichzeitig als dynamisch, flexibel und wandelbar betrachtet, als verän‐ derlich durch die jeweiligen Perspektiven der Sprachbenutzer gesehen und im Verhältnis von Konzeptualisierungssubjekt zu Konzeptualisierungsobjekt stehend wahrgenommen. Auch der Sprachinput spielt in der Kognitiven Lingu‐ istik eine wichtige Rolle, da aus ihm heraus sprachliche Strukturen abstrahiert werden. Dies geschieht bereits beim (Erst-)Spracherwerb, der durch Input im Sprachgebrauch erst ermöglicht wird. Der konkrete Sprachinput wirkt auf die Sprecher und ermöglicht die Abstraktion sprachlicher Strukturen, wobei der Gebrauchsfrequenz in aktivem und passivem Sprachgebrauch sowie der Rekontextualisierung zentrale Funktionen zukommen. Die Kognitive Linguistik umfasst heute verschiedene Ansätze: so die Kogni‐ tive Bildsemantik (Langacker u. a.), die Kognitive Grammatik (Croft, Steels, Bergen/ Chang u. a.), die Konstruktionsgrammatik (Goldberg, Fillmore, De Knop u. a.), die kognitive Semantik - wie die Metapherntheorie und konzeptuelle Me‐ taphern (Lakoff u. a.), Theorie der mentalen Räume, konzeptuelles Blending und die Framesemantik - und die Raum- und Prozesssemantik (Talmy u. a.) aber auch interdisziplinäre Anwendungsfelder wie die kognitive Linguistik im Sprachun‐ terricht u.v.m. Im Bereich der Romanistik wurde in den letzten Jahrzehnten die Auseinandersetzung mit kognitiv-linguistischen Ansätzen immer intensiver. Der vorliegende Band beinhaltet eine Auswahl an Beiträgen, die im Jahr 2023 im Rahmen des Romanistischen Kolloquiums an der Friedrich-Schiller-Universität <?page no="8"?> Jena zum Thema „Kognitive Linguistik und Romanistik“ gehalten wurden. Er umfasst dabei Beiträge aus kognitiv-grammatischer, konstruktionslinguisti‐ scher (Zima, Wiesinger/ Wolf/ Hennecke), framesemantischer (Sambre), sprach‐ gebrauchsorientierter (Scharinger), metapherntheoretischer (Dziuk Lameira) und fachdidaktischer (Kanli, Eibensteiner) Perspektive. Zu den Beiträgen im Einzelnen: Elisabeth Zima (Universität Freiburg/ Uni‐ versität Zürich) geht in ihrem Beitrag „Interaktion und Multimodalität in der Kognitiven Linguistik“ vom Konzept der Gebrauchsbasiertheit und den Grund‐ prämissen der gebrauchsbasierten Kognitiven Linguistik aus und argumentiert, dass in der kognitiv-linguistischen Forschungspraxis zwei grundlegenden Ei‐ genschaften von Sprachgebrauch systematisch zu wenig Beachtung geschenkt wurde, nämlich der Interaktionalität und der Multimodalität. Zima weist darauf hin, dass die meisten kognitiv-linguistischen Studien auf monomodal verbal‐ sprachlichen und (häufig schriftsprachlichen) monologischen Daten basieren, was der Grundidee der Gebrauchsbasiertheit zuwiderläuft. Zima erörtert in der Folge Forschungsfragen und -felder, die sich neu für die Kognitive Linguistik auf dieser Grundlage - der erweiterten Datenbasis und des Miteinbezugs von face-to-face Interaktion als prototypischen Gebrauchskontext von Sprache - eröffnen. Zima zeigt eindrucksvoll das damit verbundene Potenzial aber auch die implizierten Herausforderungen. In ihrem konstruktionslinguistisch orientierten Beitrag „Zur Dynamik von Präpositionen in complemento de régimen-Konstruktionen des Spanischen“ setzen sich Evelyn Wiesinger (Universität Regensburg), Johanna Wolf (LMU München) und Inga Hennecke (Universität Tübingen) mit der Dynamik der Präpositionen in spanischen Konstruktionen des Typs V+P+X, wie etwa in confiar en/ de/ con X ‚vertrauen auf X‘ auseinander, deren Funktion des Verba‐ lanschlusses in der hispanistischen Sprachwissenschaft als complemento de régimen bezeichnet wird. Dieser Konstruktionstyp war lange in Hinblick auf seine syntaktische Einordnung und Abgrenzung nicht unumstritten, zumal einerseits eine desemantisierte Verfestigung der Präposition, andererseits syn‐ chrone Variation angenommen wurden. Da die Abbildung der heterogenen Klasse der Präpositionen (und der Präpositionalkonstruktionen) mit traditionell strukturalistischen oder generativen Ansätzen unzulänglich war, nehmen die Verfasserinnen eine konstruktionsgrammatische Sicht ein, um die Dynamik der Präposition innerhalb ausgewählter complemento de régimen-Konstruktionen anhand von Beispielergebnissen aus einer Pilot-Akzeptabilitätsstudie mit spani‐ schen und argentinischen L1-SprecherInnen zu analysieren und zu hinterfragen, ob sich synchron ein Kontinuum zwischen Konstruktionen mit eher ‚verfestig‐ 8 Einleitung <?page no="9"?> ten‘ und eher ‚flexibleren‘ Präpositionen ausmachen lässt und wie sich dieses im Wissen erwachsener Sprecher mit Spanisch als Erstsprache niederschlägt. Katharina Dziuk Lameira (Paris Lodron Universität Salzburg) geht in ihrem Beitrag „Metaphern und Textkomplexität. Zur metaphorischen Komplexität spanischer Prosatexte“ der Frage nach, inwieweit Textkomplexität und Ver‐ ständnis vorhersag- und messbar sind und stellt hierfür ein Schema zur Messung metaphorischer Textkomplexität vor. Die Verfasserin zeigt, dass das Konzept der Textkomplexität vielfältig ist und zahl- und variantenreiche dynamische Aspekte in Texten interagieren. Dziuk Lameira spricht verschiedene Faktoren metaphorischer Textkomplexität an, die etwa das Metaphernverständnis, die kognitive Metapherntheorie, die Metaphernverwendung in der Fremdsprachen‐ forschung und die Identifikation von Metaphern betreffen. Die Metaphernana‐ lyse umfasst dabei die Untersuchung der Metapherndichte, deren Konventiona‐ lisierungsgrad, deren Diversität und Interaktion mit dem Kotext sowie deren Beitrag zum Textverständnis. Zudem wendet Dziuk Lameira quantitative Para‐ meter zur Text- und Metaphernanalyse an, im Zuge derer die Ergebnisse einer Fragebogenstudie zur Textverständlichkeit Berücksichtigung finden. Katharina Dziuk Lameira empfiehlt schließlich auf dieser Grundlage eine Neuabwägung der Annahme, dass Metaphern in Texten für Sprachenlernende aus Gründen der Verständlichkeit zu vermeiden seien, da nachgewiesen werden konnte, dass gerade metaphernreiche Texte von ProbandInnen als relativ leicht verständlich eingestuft wurden. Der Beitrag „Ergastolo ostativo“ von Paul Sambre (Katholieke Universiteit Leuven) stellt eine framesemantisch orientierte Studie dar, die mit dem ita‐ lienischen Framenet (IFrameNet) arbeitet. Dabei geht der Verfasser von der diskursiven Repräsentation des Urteils des Europäischen Gerichtshofs für Men‐ schenrechte (EGMR) aus dem Jahr 2019 aus, demzufolge das ergastolo ostativo - eine lebenslange Freiheitsstrafe ohne Bewährung für Mafiabosse - gegen die Menschenrechte verstoße. In Italien waren die Reaktionen auf dieses Urteil - im Gedenken an die Opfer - ausgesprochen heftig und nicht risikofrei. Der Beitrag untersucht Perspektiven von Antimafia-Magistraten und Bürgerbewegungen wie Libera, die für den Erhalt des Gesetzes eintraten und geht dabei besonders auf das damit verbundene framing im italienischen Mediendiskurs ein. Thomas Scharinger (Friedrich-Schiller-Universität Jena) geht in seinem Bei‐ trag - beispielhaft ausgehend von französisch-italienischen Sprachkontakten im 16. Jahrhundert - der Frage nach, wie und warum Sprecher erbwörtliche Lexeme ihrer eigenen Sprache fälschlich als Lehnwörter aus einer anderen, verwandten Sprache wahrnehmen können. Scharinger wägt dabei ab, ob es sich hier um eine besondere Form der Volksetymologie handeln könnte, welche kognitiven Einleitung 9 <?page no="10"?> Beweggründe für diese Wahrnehmungsform vorliegen könnten, welche Konse‐ quenzen derartige (irrtümliche) Umdeutungen implizieren könnten und welche Konvergenzen durch Lehnbedeutungen und kontaktbedingte Divergenzen eine Rolle spielen könnten. Eine kognitiv motivierte fachdidaktische Perspektive nimmt Eleni Kanli (Universität Tübingen) in ihrem Beitrag ein und setzt sich mit der Vermittlung der Drittsprache Spanisch in 8. Klassen auseinander. Sie legt dabei den Fokus auf die mehrdeutigen, häufig falsch verwendeten Präpositionen a und de und präsentiert ausgehend von Lakoffs kognitiver Metapherntheorie und Johnsons image schemas neue didaktische Ansätze. Kanli diskutiert einerseits mögliche Gründe für falschen Gebrauch der Präpositionen und nimmt dann die Potentiale von kognitiver Linguistik und Konstruktionsgrammatik in den Blick. Dabei werden im Rahmen des Projektes Lexigramamúsica durch tänzerische Choreo‐ graphien den Schülerinnen und Schülern die image schemas vermittelt und damit die awareness für Konstruktionen gestärkt. In seinem Beitrag „Grammatikerklärvideos auf YouTube: Eine Analyse am Beispiel der französischen Vergangenheitstempora und Potenziale der kogniti‐ ven Linguistik“ eruiert Lukas Eibensteiner (Friedrich-Schiller-Universität Jena), welche Formen der Grammatikvermittlung unter Einbezug von Erkenntnissen aus der Kognitiven Theorie des Multimedialen Lernens sowie der fremdspra‐ chendidaktischen Literatur zu Grammatikvermittlung in multimedialen Kon‐ texten prinzipiell geeignet sind. In einem empirischen, corpusbasierten Teil untersucht Eibensteiner die fünf meistgesehenen YouTube-Erklärvideos zur Vermittlung der französischen Vergangenheitstempora im Hinblick auf deren Aufbau und wissenschaftliche Qualitätskriterien. Er illustriert dabei anschau‐ lich die Potentiale der kognitiven Linguistik für eine innovative Gestaltung von Grammatikerklärvideos. Resümierend lässt sich festhalten, dass der vorliegende Band vielfältige Einblicke in die Kognitive Linguistik gibt, die sowohl empirischen als auch theoretischen Charakter haben. Die Beiträge nehmen etwa die Kognitive Gram‐ matik und Konstruktionsgrammatik in den Blick, gehen dabei über bestehende Analysegrundlagen hinaus und zeigen mannigfaltige Potentiale innovativer, erweiterter Perspektiven auf. Im Band wird die Anwendung kognitiver Ansätze auf historische Sprachvergleiche in den Blick genommen, es werden framese‐ mantisch-corpusgestütze Analysen zu brisanten Mediendiskursen vorgestellt und metapherntheoretische Ansätze diskutiert, die neue Einblicke in die einfa‐ che Verständlichkeit von Metaphern etwa im Spracherwerb bringen. Es werden fachdidaktische Fragestellungen und corpusgestützte Analysen präsentiert, die auf die Rolle von kognitiv-motorischen Innovationen im Fremdsprachenunter‐ 10 Einleitung <?page no="11"?> richt sowie die Qualitätssicherung von Lernvideos in der Grammatikvermitt‐ lung eingehen. Der Band zeigt somit verschiedene Anwendungen kognitiver Theorien in der romanistischen Sprachwissenschaft und zeigt das darin enthal‐ tene Potential auch für zukünftige Forschungsvorhaben. Für die Unterstützung bei der Redaktion dieses Bandes geht unser herzli‐ cher Dank an Claudia Brauer, Julia Wendland, Rafael Matos und Alexander Rößner sowie in besonderer Weise an Kathrin Heyng vom Verlag Narr Francke Attempto. Lidia Becker (Universität Mannheim) Julia Kuhn (Friedrich-Schiller-Universität Jena) Christina Ossenkop (Universität Münster) Claudia Polzin-Haumann (Universität des Saarlandes) Elton Prifti (Universität des Saarlandes) Literatur Bergen, Benjamin/ Chang, Nancy (2013): „Embodied Construction Grammar“, in: Hoff‐ mann, Thomas/ Trousdale, Graeme (eds.): The Oxford Handbook of Construction Gram‐ mar, Oxford, Oxford University Press, 168-190. Croft, William (2001): Radical Construction Grammar. Syntactic Theory in Typological Perspective, Oxford, Oxford University Press. De Knop, Sabine/ Mollica, Fabio/ Kuhn, Julia (eds.) (2013): Konstruktionsgrammatik in den romanischen Sprachen, Frankfurt a.-M., Lang. Fillmore, Charles J. (1985): „Frames and the semantics of understanding“, in: Quaderni di Semantica 6, 222-254. Fillmore, Charles J. (1971): „Some problems for case grammar“, in: O’Brien, Richard J. (ed.): 22nd annual Round Table. Linguistics: developments of the sixties - viewpoints of the seventies, Georgetown University Press, Washington D.C., 35-56. Goldberg, Adele (2006): Constructions at Work: The nature of generalization in language, Oxford, Oxford University Press. Goldberg, Adele (1995): Constructions: A construction grammar approach to argument structure, Chicago, University of Chicago Press. Lakoff, George (1987): Women, Fire, and Dangerous Things. What Categories Reveal About the Mind, Chicago, University of Chicago Press. Langacker, Ronald W. (1991): Foundations of Cognitive Grammar. Volume II, Stanford, Stanford University Press. Langacker, Ronald W. (1987): Foundations of Cognitive Grammar. Volume I, Stanford, Stanford University Press. Einleitung 11 <?page no="12"?> Sag, Ivan (2012): „Sign-Based Construction Grammar: An informal synopsis“, in: Boas, Hans C./ Sag, Ivan (eds.), Sign-Based Construction Grammar, Stanford, CSLI Publicati‐ ons, 69-202. Steels, Luc (2013): „Fluid Construction Grammar“, in: Hoffmann, Thomas/ Trousdale, Graeme (eds.), The Oxford Handbook of Construction Grammar, Oxford, Oxford University Press, 153-166. Talmy, Leonard (2000): Towards a Cognitive Semantics, Cambridge, MIT Press. 12 Einleitung <?page no="13"?> Kognitive Grammatik/ Konstruktionsgrammatik <?page no="15"?> Interaktion und Multimodalität in der Kognitiven Linguistik Elisabeth Zima Résumé Ce chapitre soutient que malgré le rôle central que la linguistique cognitive assigne à l’usage de la langue, deux aspects fondamentaux n’ont pas reçu suffisamment d’attention dans la pratique de recherche: l’interactionnalité et la multimodalité. Partant des prémisses du modèle basé sur l’usage, il est soutenu qu’un changement d’orientation vers l’interaction face à face et l’usage de la langue dans toute sa complexité sémiotique est obligatoire pour prouver la réalité cognitive et interactive des concepts de base de la linguistique cognitive. En même temps, la linguistique interactionnelle et l’analyse de conversation bénéficient de l’incorporation des concepts et méthodes de la linguistique cognitive en étudiant la manière dont les processus cognitifs des individus deviennent conséquents, et donc visibles et descriptibles dans l’interaction. Ceci est illustré par trois sujets sélectionnés : l’émergence locale et ad hoc de constructions dans les interactions, la grammaire de construction multimodale, et l’imagination conjointe et la co-construction d’espaces mentaux dans l’interaction. Mots clés: interactionnalité, multimodalité, linguistique cognitive, gram‐ maire de construction, sémiotique, espaces mentaux Abstract This chapter argues that despite the fundamental role that Cognitive Linguistics assigns to language (in) use in its theorizing, two fundamental aspects of language use have not received sufficient attention in Cognitive Linguistic research: interactionality and multimodality. Departing from the premises of the usage-based model, it is argued that a focus shift towards face-to-face interaction and language use in all its semiotic complexity is mandatory to prove both the cognitive and interactive reality of basic concepts and assumptions of Cognitive Linguistics. At the same <?page no="16"?> time, interaction research profits from an incorporation of Cognitive Lin‐ guistic concepts and methods by studying the ways individuals’ cognitive processes become consequential, and therefore visible and describable in interaction. This is exemplified on three selected topics: the local, ad hoc emergence of constructions in interactions, Multimodal Construction Grammar, and joint imagination and the co-construction of mental spaces in interaction. Keywords: Interactionality, Multimodality, Cognitive Linguistics, Const‐ ruction Grammar, Semiotics, Mental Spaces 1 Einleitung Im Gegensatz zu nativistischen Theorien gehen induktive Spracherwerbstheo‐ rien davon aus, dass Sprache aus dem Sprachgebrauch heraus erlernt wird. Sprachliche Strukturen sind somit gebrauchsbasiert, d. h. sie werden vom Kind auf der Basis des sprachlichen Inputs abstrahiert und als Einheiten des Sprachsystems erworben (Behrens 2009, 429). Diese Annahme ist in der Kognitiven Linguistik und darüber hinaus als These der Gebrauchsbasiertheit bekannt (usage-based thesis, Langacker 1988, Bybee 1995, Barlow/ Kemmer 2000). Sie ist so eng mit der Kognitiven Linguistik als Disziplin verknüpft, dass die Bezeichnungen „gebrauchsbasierte Linguistik“ und „Kognitive Linguistik“ bisweilen synonym verwendet werden. Tatsächlich ist diese Gleichsetzung zwar nicht uneingeschränkt korrekt, da es insbesondere im Bereich der Konstrukti‐ onsgrammatik explizit nicht-gebrauchsbasierte Ansätze gibt, die dennoch der Kognitiven Linguistik zugerechnet werden (die Berekeley und die Sign-Based Construction Grammar, vgl. Hoffmann 2017, 328). Die Gebrauchsbasiertheit nimmt aber ohne Zweifel einen so bedeutenden Stellenwert in der Theorie und dem Selbstverständnis der Kognitiven Linguistik - allen voran als Abgren‐ zungsmerkmal zum Generativismus - ein, dass sie wohl nichtsdestotrotz als das zentrale und die Vielzahl der unterschiedlichen Forschungsfelder und For‐ schungsrichtungen innerhalb der Kognitiven Linguistik verbindende Element angesehen werden kann. Ausgehend vom Konzept der Gebrauchsbasiertheit und den Grundprämis‐ sen der gebrauchsbasierten Kognitiven Linguistik (für einen Überblick siehe Geeraerts 2006: 4-6, Zima 2021: 45-57) argumentiere ich in diesem Beitrag, dass in der kognitiv-linguistischen Forschungspraxis zwei grundlegenden Ei‐ genschaften von Sprachgebrauch systematisch zu wenig Beachtung geschenkt wurde: seiner Interaktionalität und seiner Multimodalität. Die große Mehrzahl der kognitiv-linguistischen Studien basiert auf monomodal verbalsprachlichen 16 Elisabeth Zima <?page no="17"?> und monologischen (zumeist schriftsprachlichen) Daten (vgl. auch Brône/ Zima 2015, Feyaerts et al. 2017, Behrens/ Pfänder 2022). Ich werde zunächst aufzeigen, warum diese weitgehende Ausklammerung von Interaktionalität und Multimo‐ daliät der Grundidee der Gebrauchsbasiertheit (Talmy 1985, Bybee 1985 und Langacker 1987) zuwiderläuft. In einem zweiten Schritt möchte ich einige Forschungsfelder und -fragen vorstellen, die sich durch die Erweiterung der Datenbasis und des Perspektivenwechsels hin zur face-to-face Interaktion als prototypischen Gebrauchskontext von Sprache für die Kognitive Linguistik eröffnen. Dabei soll auf das Potenzial zum Erkenntnisgewinn ebenso wie auf die Herausforderungen dieses notwendigerweise interdisziplinären Ansatzes an der Schnittstelle von gebrauchsbasierter Theorie, Konversationsanalyse/ In‐ teraktionaler Linguistik und Multimodalitätsforschung eingegangen werden. 2 Das interaktionale Fundament der These des gebrauchsbasierten Spracherwerbs Unter dem Konzept der „Gebrauchsbasiertheit“ versteht man die für die Kogni‐ tive Linguistik so zentrale Annahme, dass wir unser individuelles Sprachwissen aus dem Sprachgebrauch heraus erlernen bzw. dass Sprachwissen und Sprach‐ gebrauch in einem inhärent dynamischen Interdependenzverhältnis zueinan‐ derstehen. Dieser gebrauchsbasierte und grundsätzlich lebenslange Spracher‐ werbsprozess basiert grundlegend auf der Abstraktion von Gemeinsamkeiten und somit auf der Erkennung von Mustern im konkreten Sprachgebrauch, d. h. in konkreten Sprachinstanziierungen bzw. Gebrauchsevents (Langacker 2001): „knowledge of a language is based in knowledge of actual usage and generaliza‐ tions made over usage events“ (Ibbotson 2013, 1). Eine entscheidende Rolle in der Herausbildung dieser Sprachgebrauchsmuster, die die Konstruktionsgrammatik Konstruktionen nennt und die Einheiten des Sprachsystems darstellen (Symbole bei Langacker 1987), spielt u. a. die Gebrauchsfrequenz (Bybee 2006, Langacker 2008, Behrens/ Pfänder 2016). In diesem Zusammenhang ist es - auch unter Kognitiven Linguist: innen - unbestritten, dass der prototypische Gebrauchskontext von Sprache und nicht zuletzt der Gebrauchskontext, der für den frühkindlichen Spracherwerbsprozess ausschlaggebend ist, die face-to-face Interaktion ist (vgl. Holler et al. 2018, 1900: „The home of human language use is face-to-face interaction.“; ähnlich auch Schegloff 1987, 102; Goodwin 2003, 57; Meyer 2016, 1). Kinder erlernen Sprache im Umgang mit ihren Bezugspersonen. Dabei abstrahieren sie sprachliche Einheiten und ihre Bedeutungen aus dem Zusammenspiel des sprachlichen und nonverbalen Handelns ihrer Interaktionspartner: innen und der physischen Interaktion und Multimodalität in der Kognitiven Linguistik 17 <?page no="18"?> 1 Noch im Jahr 2004 bewertete hingegen Noam Chomsky den Nutzen der Korpuslingu‐ istik ausgesprochen negativ: „Corpus linguistics doesn’t mean anything. It’s like saying suppose a physicist decides, suppose physics and chemistry decide that instead of relying on experiments, what they’re going to do is take videotapes of things happening in the world and they’ll collect huge videotapes of everything that’s happening and from that maybe they’ll come up with some generalizations or in-sights. Well, you know, sciences don’t do this“ (Andor 2004, 979). Umgebung. Ein grundlegendes Merkmal der face-to-face Interaktion ist mit an‐ deren Worten ihre kontextuelle Situiertheit und ihre Multimodalität. Darunter ist die Tatsache zu verstehen, dass Bedeutung in der Interaktion nicht nur ver‐ balsprachlich vermittelt wird, sondern Äußerungen immer semiotisch komplex sind. So werden in der Interaktion von Angesicht zu Angesicht stets gleichzeitig auf unterschiedlichen semiotischen Kanälen Informationen übermittelt, und alle diese Informationen tragen zur Bedeutung und zum kommunikativen Sinn (vgl. Löbner 2015) von Äußerungen bei (im Sinne von Enfield 2009, der von „composite utterances“ spricht). Zu diesen non-verbalen Bedeutungsträgern gehören Hand- und Kopfgesten, faziale Gesten, der Blick, Körperhaltungen und -positionierungen sowie die Proxemik. Der grundlegenden Interaktionalität und Multimodalität des Sprachin- und -outputs zum Trotz haben Interaktionsdaten in der kognitiv-linguistischen Forschungspraxis von Anbeginn an jedoch eine nur sehr untergeordnete Rolle gespielt: „the overwhelming majority of the literature in Cognitive Linguistics (CL) does not deal with the analysis of dialogic data or issues of interactional conceptualization“ (Brône/ Zima 2015, 485; ähnlich auch Ehmer 2011, Cienki 2015, Behrens/ Pfänder 2022). In diesem Zusammenhang besonders erstaunlich ist, dass diese Beobachtung auch auf die gebrauchsbasierte Spracherwerbsfor‐ schung zutrifft (Küntay/ Slobin 2002, Behrens/ Pfänder 2022). Wie lässt sich dieser scheinbare Widerspruch zwischen theoretischen Grundprämissen und Forschungspraxis erklären? Als ein Grund kann der in der Kognitiven Linguistik weitverbreitete korpus‐ linguistische Ansatz gelten. So stand in der Kognitiven Linguistik das Interesse am sprachlichen Muster (bzw. der Konstruktion) von Beginn an im Mittelpunkt (Langacker 1987, 1988, Bybee 1995). Ihr Interesse galt also dem Sprachsystem, seinen Bausteinen und seinen mentalen Repräsentationen. Methodisch vollzog sich, nicht zuletzt in Abgrenzung zum Generativismus, dabei eine Wende weg von (zumeist konstruierten) Einzelbeispielen und Grammatikalitätsurteilen hin zu authentischen Sprachdaten und dem Aufbau und der Analyse von Korpora. 1 Mit dem Interesse an Frequenzeffekten stieg auch das Interesse an statistischen Methoden zur Analyse von Korpusdaten, und quantitative Methoden wurden 18 Elisabeth Zima <?page no="19"?> 2 Das ist nicht zuletzt ein Grund dafür, warum der Einsatz quantitativer Methoden in der Konversationsanalyse und der Interaktionalen Linguistik lange sehr kritisch diskutiert wurde (vgl. Schegloff 1987). Auch dort gewinnt Quantifizierung jedoch zunehmend an Bedeutung (Stivers 2015), wobei die qualitative Analyse als Voraussetzung zur Datenkodierung und quantitativen Analyse gilt (auch Zima 2023). bald zum Mainstream in der Kognitiven Linguistik. Diese quantitative Wende ( Janda 2013) bedingt die Notwendigkeit der Reduktion der natürlichen Kom‐ plexität der Daten, um sie kategorisier- und kodierbar zu machen. 2 Darüber hinaus impliziert das Interesse an den sprachlichen Einheiten und ihrer Bildung und somit am übergeordneten Schema per definitionem die Abstraktion vom Einzelfall (dem konkreten usage event) weg, denn er scheint zunächst mit Hinblick auf die Frage der Konventionalisierung als Einheit des Sprachsystems wenig Aussagekraft zu haben. Diese beiden Aspekte verstärken sich insofern, als dass die Suche nach Regelhaftigkeiten, Mustern und ihren Verbindungen (z. B. Kollokationen) einen korpuslinguistischen Ansatz und die Analyse großer Datenmengen erfordert und somit die Vernachlässigung von Interaktionalität und Multimodalität gewissermaßen eine methodisch bedingte Notwendigkeit ist. Wie ich in Abschnitt 3.1. zeigen möchte, kann aber tatsächlich auch die konkrete Verwendungsweise einer Konstruktion in der Interaktion Aufschluss über dessen Grad an Konventionalisierung geben, nämlich dadurch, dass In‐ teraktionspartner: innen eine Konstruktion übernehmen und elaborieren oder explizit deren Nicht-Konventionalität thematisieren. In qualitativ ausgerichteten Ansätzen der Kognitiven Linguistik wie etwa die Theorie der mentalen Räume bzw. der Blending-Theorie spielen Interaktions‐ daten eine vergleichsweise größere Rolle (z. B: in der Humorforschung, Brône 2010; in der kognitiv-linguistisch inspirierten Gesprächs- und Erzählforschung, Oakley/ Hougaard 2008, Ehmer 2011, Sweetser/ Stec 2016, Ladewig/ Hotze 2020). In der Gesamtmenge der qualitativen Studien aus dem Spektrum der Kognitiven Linguistik stellen sie aber trotzdem einen nur kleinen Anteil dar. Dies mag nicht zuletzt daran liegen, dass individuelle mentale Konstrukte und Vorstel‐ lungen zwar unbestritten die Basis jedes interaktionalen Handelns sind, sie in Interaktionen aber zumeist nicht explizit gemacht werden, sondern in der mentalen Black Box bleiben und sich somit der Analyse entziehen (vgl. auch Deppermann 2020 zu den Herausforderungen einer interaktionalen Semantik). Interaktionsdaten scheinen deshalb zunächst auf der Suche nach einem Zugang zu diesen mentalen Repräsentationen im Vergleich zu nicht-interaktionalen Datenbeispielen wenig Mehrwert zu haben. In Abschnitt 3.3. möchte ich des‐ halb anhand eines Beispiels zeigen, dass individuelle Denkprozesse zumindest manchmal in Interaktionsdaten aber durchaus beobachtbar werden, und deren Interaktion und Multimodalität in der Kognitiven Linguistik 19 <?page no="20"?> Analyse den hochgradig subjektiven Analysen aus der Forscherperspektive, die die frühen Arbeiten zur Theorie der mentalen Räume und der Blendingtheorie (v. a. in Fauconnier/ Turner 2002) auszeichnen, vorzuziehen sind. Die Voraus‐ setzung für eine gewinnbringende, auf Gesprächsdaten basierende Analyse von kognitiven Prozessen ist aber Expertise in der Kognitiven Linguistik bzw. Semantik ebenso wie in der Gesprächsforschung. Es ist anzunehmen, dass auch diese Notwendigkeit, in beiden Disziplinen gleichermaßen „zuhause“ zu sein, dazu beiträgt, dass nur relativ wenige Studien aus dem breiten Spektrum der Kognitiven Linguistik (auch) Interaktionsdaten untersuchen. Während also Interaktionsanalysen insgesamt in der Kognitiven Linguistik stark unterrepräsentiert sind, trifft dies auf den Bereich der Multimodalität in einem weit geringeren Maße zu. Vor allem die kognitiv-linguistische Gestenfor‐ schung ist seit ca. zwei Jahrzehnten ein produktives Forschungsfeld. Allerdings wird auch hier meist das gestische Handeln von Sprecher: innen ohne Bezug zum interaktionalen Kontext, in den es eingebettet ist, analysiert. So hatten etwa frühe qualitative Studien zur Enkodierung konzeptueller Metaphern in Handgesten (Cienki 2008, Müller 2008, Cienki/ Müller 2008) das primäre Ziel, zu zeigen, dass konzeptuelle Metaphern auch ko-verbal oder losgelöst von verbalsprachlichen Äußerungen nachweisbar sind, und die Metapher im Sinne der Theorie der Konzeptuellen Metaphern (Lakoff/ Johnson 1980) also tatsäch‐ lich eine kognitive, und keine rein sprachliche Struktur ist (ebenso wie die Metonymie, vgl. Mittelberg 2006, 2019). Diese weitgehende Monologisierung von Sprachdaten trifft auch auf die meisten Arbeiten im Bereich des noch sehr jungen Feldes der Multimodalen Konstruktionsgrammatik zu (Kapitel 3.2; für einen Überblick siehe Zima/ Bergs 2017 und Zima 2025). Allerdings finden hier nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass das Thema auch in der Interaktionalen Linguistik und der Interaktionalen Konstruktionsgrammatik aufgegriffen wird, interaktionale Daten eine zunehmend größere Berücksichtigung. Aufbauend auf diesen Beobachtungen und dem wiederholt formulierten Desiderat einer stärker interaktional-orientierten Kognitiven Linguistik (supra), möchte ich im folgenden Abschnitt einige konkrete Forschungsbereiche und Fragestellungen skizzieren, die das Potenzial der Analyse von Interaktionsda‐ ten für die Weiterentwicklung der Kognitiven Linguistik aufzeigen. Dabei werde ich mich exemplarisch auf drei Themenbereiche konzentrieren: die Entstehung von (ad hoc)-Konstruktionen und deren (Re-)Instanziierung in vivo (3.1), multimodale Einheitenbildung und Routinisierung bzw. die Frage der Existenz multimodaler Konstruktionen (3.2) und die gemeinsame, multimodale Konstituierung und Ausgestaltung mentaler Räume im Gespräch (3.3). 20 Elisabeth Zima <?page no="21"?> 3 Forschungsthemen für eine interaktional-orientierte Kognitive Linguistik 3.1 Konstruktionalisierung in vivo Ein Nutzen der Analyse von Gesprächsdaten für die kognitiv-linguistische Theoriebildung liegt unter anderem darin, dass sie das Phänomen der Konstruk‐ tionsbildung in vivo, d. h. in Echtzeit im Gespräch, beobachtbar machen können (vgl. dazu ausführlich Zima/ Brône 2014 und Brône/ Zima 2015). Dies illustriert das folgende Beispiel. (1) Mit der Schere könnte man (Cutting Edge Corpus Brône, Zima, Sambre, Wermuth 2019) 01 Maria und die SCHEre, 02 - mit der schere kann man die pflaster (0.5) stücke ZUschneiden, 03 Jana mhm, 04 Maria auf größe der WUNde die irgendwo is. 05 Jana geNAU. 06 - man KÖNnte auch mit der schEre haut schneiden; 03 Maria KÖNnte man, - - JA: : , 04 - das wär aber wahrscheinlich nicht [so SCHÖN]. 05 Jana [also ] 06 - auch ne eher NICH so gute variante. 07 Maria prinziPIELL könnte man, 08 - man KÖNnte theoretisch auch mit dem skalpEll das pflaster durchschneiden. Maria und Jana sprechen hier im Rahmen eines semi-experimentellen Ge‐ sprächssettings über die Möglichkeiten, die auf einem Bildschirm angezeigten Gegenstände - in diesem Fall eine Schere, ein Skalpell, ein Foto des Oberbauchs einer männlichen Person und ein Pflaster - kombiniert zu verwenden. Dieses Gespräch über die Kombinationsmöglichkeiten wurde über die Bildstimuli elizitiert, es wurden aber keinerlei Vorgaben zum genauen Inhalt des Gesprächs, der Dauer, der zu verwendeten sprachlichen Strukturen etc. gemacht. Interaktion und Multimodalität in der Kognitiven Linguistik 21 <?page no="22"?> 3 Diagraphen sind eine Methode der Dialogischen Syntax von John W. Du Bois (2014). In tabellarischer Form werden Äußerungen mit Hinblick auf gleich oder ähnlich besetzte syntaktische Positionen aufgeführt, um das Maß an Parallelität zwischen ihnen hervorzuheben bzw. sichtbar zu machen. Elemente die zwischen geschwungenen Klammern { } gesetzt werden, stehen in der Ursprungsäußerung an anderer Position, erfüllen aber dieselbe syntaktische Funktion wie die anderen Elemente in derselben Spalte. Dem hier gezeigten Ausschnitt geht eine kurze scherzhafte Sequenz voraus, in der Jana erklärt, dass sie nicht von Maria operiert werden möchte, da diese zuvor vorgeschlagen hatte, man könne das kleine Pflaster verwenden, um eine Wunde nach einer großräumigen Fettabsauge-Operation zu verschließen. Beide lachen, bevor Maria in Zeile 01 die Schere thematisiert. In Zeile 02 äußert sie: mit der schere kann man die pflaster (0.5) stücke ZUschneiden. Nach einer kurzen Elaboration in Zeile 04, die ebenso wie der Vorschlag in Zeile 02 Marias Zustimmung findet, macht Jana in Zeile 06 einen neuen Vorschlag: man KÖNnte auch mit der schEre haut schneiden. Maria stimmt diesem Vorschlag zunächst mit KÖNnte man, JA: : ,zu, gibt aber zu bedenken, dass das [Ergebnis] aber wahrscheinlich nicht so SCHÖN wäre. In den Zeilen 07-08 führt Maria schließlich an, man KÖNnte theoretisch auch mit dem skalPELL das pflaster durchschneiden. Alle drei Äußerungen instanziieren somit das Muster [man können (finit) Obj PRÄP (mit+Obj) Obj AKK (PX)-schneiden]. Der Diagraph (Du Bois 2014) in Abbil‐ dung 1 3 illustriert das auffallende Maß an syntaktisch-lexikalischer Parallelität zwischen den Äußerungen. Ungeachtet der Tatsache, dass diese Parallelität wahrscheinlich zumindest teilweise einen Primingeffekt (Pickering/ Branigan 1999, Bock/ Griffin 2000) widerspiegelt, beruht sie auf den kognitiven Mecha‐ nismen, die im gebrauchsbasierten Modell für die Konstruktionsherausbildung beschrieben wurden: der Abstraktion eines Schemas und dessen Reinstanziie‐ rung im Gebrauch (vgl. für eine ähnliche Argumentation Sakita 2006). Deren Wirken wird hier auf der Mikroebene eines Gesprächs sichtbar, wie auch Behrens/ Pfänder (2022, 223) feststellen: „ad hoc constructions provide […] support for joint schema building.“ 22 Elisabeth Zima <?page no="23"?> [OBJ Präp (mit+OBJ) können (fi‐ nit) man OBJ Akk (PX)-schneiden] mit der schere kann man die pflas‐ ter (0.5) stücke - ZUschneiden, - {mit der schere} {könnte} man haut - schneiden - könnte man - - - {mit dem skal‐ pell} {könnte} man das pflas‐ ter theoretisch auch durchschneiden Abbildung 1: Diagraph (Du Bois 2014) zur Hervorhebung des abstrahierten und reins‐ tanziierten konstruktionellen Schemas Ob den beiden Gesprächspartnerinnen die Tatsache, dass sie ein konstruktionel‐ les Schema turnübergreifend instanziieren, bewusst ist, kann für dieses Beispiel nicht beantwortet werden, denn der Parellelismus bzw. das ad hoc gebildete und reinstanziierte Schema - die ad hoc Konstruktion - wird nicht zum Thema der Interaktion. Dies ist zwar grundsätzlich unerheblich, um als Nachweis für die Notwendigkeit eines ad hoc abstrahierten Schemas gelten zu können, noch eindrücklicher sind aber wohl Beispiele wie die Sequenz (2) aus demselben Korpus, denn hier wird das im Deutschen nicht konventionalisierte, aber regel‐ haft gebildete Kompositum „Quetschkraft“ in mehreren aufeinanderfolgenden Turns reinstanziiert, in seine morphologischen Bestandteile aufgespalten und elaboriert (Langacker 1987). Die beiden Gesprächsteilnehmerinnen zeigen also deutlich an, dass sie hier aus einer Äußerung (Zeile 01) einen Teil als Schema abstrahieren, das wiederum für die nachfolgenden Äußerungen als konstruk‐ tionelle Vorlage dient. (2) Quetschkraft, (Cutting Edge Corpus Brône, Zima, Sambre, Wermuth 2019) 01 MARIA der wirkt quasi durch diese (1.2) ! QUETSCH! kraft. 02 - [((lacht))] 03 JANA [((lacht))] 04 - <<lachend[die QUETSCHkraft.]> 05 MARIA [((lacht)) ] Interaktion und Multimodalität in der Kognitiven Linguistik 23 <?page no="24"?> 06 die physiKAlisch bekannte quetschkraft. 07 JANA ((lacht)) 08 - die bekannte QUETSCHkraft und 09 MARIA ((lacht)) 10 JANA und ähm geNAU, 11 - der hAmmer der wirkt durch die SCHLAGkraft. 12 MARIA JA. 13 - ((lacht)) [SBJ wirkt durch NP (ART ADJ X-Kraft)] der wirkt durch diese - ! QUETSCH! kraft - - - die - QUETSCHkraft - - - die physikAlisch be‐ kannte quetschkraft - - - die bekannte QUETSCHkraft der hAm‐ mer wirkt durch die - SCHLAGkraft Abbildung 2: Diagraph für Beispiel (2) Referent von „der“ in Zeile 01 ist ein zuvor thematisierter Nussknacker. Maria erklärt dessen Funktion dadurch, dass er quasi durch diese (1.2) ! QUETSCH! kraft wirke. Die Tatsache, dass sie vor der Produktion des kreativen Kompositums Quetschkraft für 1,2 Sekunden pausiert, legt nahe, dass sie zunächst nach einem passenden Wort zur Beschreibung der Wirkungs‐ weise des Nussknackers sucht, aber offenbar in ihrem mentalen Lexikon kein passendes, konventionalisiertes Wort findet. Sie äußert stattdessen die Wortneuschöpfung „Quetschkraft“, wobei das Determinans des Kompositums - Quetsch - stark akzentuiert wird. Beide Gesprächsteilnehmer: innen kommen‐ tieren diese Wortschöpfung mit Lachen und Jana wiederholt das Kompositum ebenfalls lachend. In Zeile 16 elaboriert Maria daraufhin die Wortneuschöp‐ fung und nennt sie ironisch „die physikalisch bekannte Quetschkraft“. Jana übernimmt das Adjektiv „bekannt“ daraufhin und stimmt ihr lachend zu: die bekannte QUETSCHkraft. Durch diese ironische Vortäuschung (Clark 1996) gibt sie zu verstehen, dass der Ausdruck gerade nicht bekannt und also 24 Elisabeth Zima <?page no="25"?> 4 Vgl. Zima (2017c) für eine Analyse dieses Beispiels im Sinne der Dialogischen Syntax (Du Bois 2014). Einige Tonhöhenverlaufsendmarkierungen wurden hier nach neuerli‐ cher Transkription im Vergleich zu Zima (2017c) abweichend transkribiert. konventionalisiert ist. Abschließend versucht Jana zurück zum eigentlichen Thema zu kommen und äußert das Muster aus Zeile 01 reinstanziierend: der hAmmer der wirkt durch die SCHLAGkraft. Dabei liegt der Kontrastakzent auf dem Determinans SCHLAG, wodurch die Bezugnahme auf Quetschkraft deutlich hervorgehoben wird. Auch dieses Beispiel zeigt also, wie ein konstruktionelles Schema ad hoc aus einer Äußerung herausgelöst wird und lokal zum Konstruktionsinventar dieser Interaktion wird. Es kann somit reinstanziiert und elaboriert werden. Wir sehen also auch hier lokal und emergent jene Mechanismen wirken, die die gebrauchsbasierte Linguistik sowohl im Spracherwerb des Individuums als auch im Sprachwandelprozess von Sprachen und Sprachgemeinschaften als für die Konstruktionsbildung zentral ansehen. Ähnlich argumentieren auch Behrens/ Pfänder (2022, 224): „whereas usage-based research on frequency effects focuses on the long-term effect of memorized units as entrenched templates, the concept of ad hoc constructions relates to the online-support in an ongoing interaction“. An dieser Stelle könnte man jedoch einwenden, dass beide bisher analysierten Beispiele aus einer semi-experimentellen Datenaufnahme stammen und die Fixierung auf die Aufgabenstellung ein wiederholtes Auftreten bestimmter Konstruktionen (wie z. B. in Beispiel (1)) begünstigen. Dies ändert zwar nichts daran, dass die turnübergreifende Reinstanziierung die Abstraktion dieses konstruktionellen Schemas voraussetzt, dennoch soll an dieser Stelle anhand eines komplexeren Beispiels aus einer Erzählung gezeigt werden, dass das Phänomen auch in freien, spontanen Interaktionsdaten auftritt. Darüber hinaus zeigt das folgende Beispiel (3), dass ad hoc Konstruktionen auch multimodaler Natur sein und beispielweise aus der Verbindung einer verbalen Komponente und einer Handgeste bestehen können. (3) Irgendwas Nordisches 4 , Korpus „gemeinsames Erzählen“ (Auer/ Weiß/ Zima 2016) 01 LAURA und sie ham abgecheckt welche kinder vor ! SIE! ben jahren verschwunden [sin ], 02 NORA [aber] das SIND keine= 03 - =weil irgendwie (.) in (0.42) däneMARK, 04 - irgendwie äh (.) alle zehn jahre zwei KINder verschwinden oder so, Interaktion und Multimodalität in der Kognitiven Linguistik 25 <?page no="26"?> 05 SARAH ich dachte es war in SCHWEden? 06 NORA nee [hehe ] 07 LAURA [das hat] in DÄnemark gespielt ja. 08 SARAH ah ok[AY]. 09 NORA <<lachend[ja]> 10 LAURA [AH (.) aber vielleicht wars auch] 11 SARAH [also ein SCHWEdischer film ] in dÄnem[ark ] 12 LAURA [vielleicht w-] 13 - 0.38 14 LAURA also der (.) adler Olsen (.) Isch doch ein (.) SCHWEde oder nicht? 15 - also [nach dem BU]CH von dem isch es auf jeden fall; 16 NORA [ja: ] 17 LAURA ich glaub ja, 18 SARAH mhm 19 NORA MERKwürdig. 20 - irgendwas NOR[disches]. 21 SARAH [okay ]. 23 - <<acc auf jeden fall irgendwas> [NORdisches]. 24 LAURA [eigentlich] wars eGAL. 25 - irgendwas 26 - JA (.) irgendwas NORdisches. 27 SARAH okAY; 28 - check THAT; 29 - [*(1)PASST* schon ]. 30 LAURA <<lachend für *(2)uns*] ist das eh alles *(3)NOR*den>. 31 SARAH [*(4)((lacht))*] 26 Elisabeth Zima <?page no="27"?> 32 LAURA [*(5)((lacht))*] Laura und Nora erzählen in diesem Ausschnitt ihrer Rezipientin Sarah von einem Film, den sie gemeinsam im Kino gesehen haben. In Zeile 5 äußert Jana Nicht-Verstehen bzw. einen Konflikt zwischen der Aussage Noras in Zeile 03, die die Handlung des Films in Dänemark situiert, und einer früheren, in diesem Transkript nicht wiedergegebenen Äußerung, wonach es sich um einen schwedischen Film handle. Lara bestätigt zwar, dass der Film in Dänemark gespielt habe (Zeile 07), aber Sarah thematisiert noch einmal den Informations‐ widerspruch: also ein SCHWEdischer film in dÄnemark. Im weiteren Verlauf zeigt nun auch Laura Unsicherheit bezüglich der geografischen Verortung des Films an und nennt mit Adler Olsen den Autor des Buchs, dessen Verfilmung sie gesehen haben. Ihre mit Frage-Tag gestellte Bestätigungsfrage also der (.) adler Olsen (.) Isch doch ein (.) SCHWEde oder nicht? wird von Nora und Laura bejaht (siehe die Zeilen 16 und 17). Dadurch wird aber die Frage, ob es sich nun um einen schwedischen oder dä‐ nischen Film handelt, für die Interaktionsteilnehmerinnen offensichtlich nicht abschließend geklärt, denn Nora äußert in Zeile 19 zunächst MERKwürdig. bevor sie „irgendwas Nordisches“ als passende, die Sequenz abschließende Kategorisierung vorschlägt. Sarah übernimmt diese Konstruktion und stimmt somit deren Verwendung als Kompromissvorschlag zu: <<acc auf jeden fall irgendwas> NORdisches. Auch Laura zeigt sich zufrieden mit dieser Kategorisierung und bricht ihre eigene Äußerung ab, um den Ausdruck zu Interaktion und Multimodalität in der Kognitiven Linguistik 27 <?page no="28"?> 5 Die Interaktionsteilnehmer: innen trugen während der Gesprächsaufnahme mobile Eyetrackingbrillen. In den Standbildern zeigt der farbige Kreis den Blickfokus der Brillenträgerin an. Der Blick wird in diesem Beispiel aber nicht mitanalysiert. übernehmen: JA (.) irgendwas NORdisches (Zeile 26). Sarah formu‐ liert daraufhin deutlich, dass das Verständnisproblem für sie nun abgeschlossen ist und bietet den Sequenzabschluss an (Zeilen 27 bis 29). Ko-verbal zu PASST schon führt Sarah schließlich ihre beiden Arme zunächst auf Kopfhöhe, um sie dann mit offener Handfläche vor sich weisend von sich weg auszustrecken (Standbild 1 5 ). Laura übernimmt diese Geste (siehe die Standbilder 2-3), wäh‐ rend sie lachend sagt: für uns ist das eh alles NORden. Der Norden wird hier also gestisch aus der Perspektive der Sprecherin als weit weg konstruiert. Damit wird impliziert, dass die genaue Verortung nicht so wichtig sei. Wie die Standbilder 4 und 5 zeigen, übernimmt schließlich Sarah diese Geste wiederum von Laura. Die Sequenz illustriert also die Abstraktion und dialogische Übernahme einer zunächst verbalen Konstruktion („irgendetwas Nordisches“), die im Zuge der Interaktion eine nonverbale Komponente erhält (der Norden wird gestisch als weit weg konstruiert). Somit dient sie als illustratives Beispiel, wie lokal, im Gespräch multimodale Einheiten gemeinsam von den Interaktionsteilneh‐ mer: innen hervorgebracht und elaboriert werden. Eine wachsende Zahl von Studien stellt sich aber nicht nur die Frage, ob und wie solche multimodale Einheiten in der Interaktion entstehen, sondern auch, ob die Einheiten des Sprachsystems - die Konstruktionen - prinzipiell multimodal sind. Diesem neuen Forschungsgebiet innerhalb der Konstruktionsgrammatik widmet sich nun der folgende Abschnitt. 3.2 Multimodale Einheitenbildung und Routinisierung oder: Gibt es multimodale Konstruktionen? Seit rund zehn Jahren und verstärkt in den letzten fünf Jahren stellen einige Konstruktionsgrammatiker: innen die Frage, ob angesichts der grundlegenden Multimodalität des Sprachgebrauchs die vorwiegend monomodale Konzeption von Spracheinheiten als rein verbale Form-Bedeutungspaare hinterfragt und die Existenz multimodaler Konstruktionen angenommen werden muss (u. a. Andrén 2010, Cienki 2012, Zima/ Bergs 2017, Schoonjans 2018, Zima 2025a und b). Ein wichtiger Referenzpunkt in dieser Diskussion ist ein Zitat Langackers (2008: 51), der argumentiert, dass „if a gesture is both familiar and conventional in a speech community, bearing a systematic relation to the expression it occurs in, its exclusion from ‘the language’ would be arbitrary“ (zitiert u. a. in Andrén 28 Elisabeth Zima <?page no="29"?> 2014, 142; Feyaerts et al. 2017, 146; Zima 2018, 3, Hervorhebung im Original). Noch expliziter wird er in einer nachfolgenden Publikation: When a baseball empire yells Safe! And simultaneously gives the standard gestural signal to this effect (raising both arms together to shoulder level and then sweeping the hands outward, palms down), why should only the former be analyzed as part of the linguistic symbol? Why should a pointing gesture not be considered an optional component of a demonstrative’s linguistic form? (Langacker 2008: 250) Die Beantwortung der Frage, ob Gesten - oder andere non-verbale Elemente - Teil von Sprache sein können, die Langacker hier aufwirft und gleichzeitig zu bejahen scheint, ist zunächst grundlegend davon abhängig, was mit Sprache gemeint ist und, auf welche Art von Gesten Bezug genommen wird. Hier ter‐ minologisch präzise zu sein, ist für die konstruktionsgrammatische Perspektive essenziell. Wir halten fest: Die Diskussion zur möglichen Multimodalität von Konstruk‐ tionen bezieht sich auf die Systemebene und somit auf die Frage der Konven‐ tionalität in einer Sprachgemeinschaft und der Verankerung im Sprachwissen von Sprachnutzer: innen, d. h. dem kognitiven Entrenchment. Mit Bezug zu den im Abschnitt 3.1 vorgestellten Phänomen der ad hoc-Konstruktionsbildung muss also schlussgefolgert werden, dass es sich hier klar nicht um multimodale Konstruktionen in einem konstruktionsgrammatischen Sinn handelt, die zum Sprachinventar des Deutschen zu rechnen sind, sondern um lokale Einheiten, die auf der Äußerungsebene situiert sind. Auch rein gestische und somit nonver‐ bale, monomodale Konstruktionen stehen nicht im Fokus der Diskussion. Dazu gehören gestische Embleme wie z. B. die OK-Geste oder die Victory-Geste (Efron 1941, McNeill 1992). Sie sind nicht an die Produktion einer sprachlichen Äuße‐ rung gebunden und stellen voll konventionalisierte Symbole mit eigenständiger Bedeutung dar (für einen Überblick zu emblematischen Gesten siehe Teßendorf 2014; für ähnliche Argumente bezüglich ihres Konstruktionsstatus vgl. Hoffman 2017). Die Frage, die sich für die Multimodale Konstruktionsgrammatik stellt (siehe ausführlich auch Zima 2025a, b), ist vielmehr die, ob angesichts der Multimodalität des Sprachin- und -outputs und der Annahme des gebrauchsba‐ sierten Spracherwerb- und Sprachentwicklungsprozess, die Existenz eines rein verbalen Sprachsystems bzw. einer verbalsprachlichen Grammatik hinterfragt werden muss, und wie ein eventueller multimodaler Status einer Konstruktion empirisch nachgewiesen werden könne. Dabei steht die prinzipielle Möglichkeit der Existenz multimodaler Konstruk‐ tionen in der Kognitiven Linguistik und der Konstruktionsgrammatik nicht grundsätzlich infrage. Als „prime examples of multimodal constructions […] Interaktion und Multimodalität in der Kognitiven Linguistik 29 <?page no="30"?> as part of grammar“ (Stukenbrock 2021, 1) gelten Konstruktionen, in denen Gesten semantisch obligatorisch sind, wie das etwa Ningelgen/ Auer (2017) und Stukenbrock (2010, 2015, 2021) für das deiktische „so“ im Deutschen beschrei‐ ben. Hier ist die verbalsprachliche Komponente der Konstruktion ohne gestische Komponente, d. h. ohne eine ko-verbal ausgeführte Zeigehandlung, unvollstän‐ dig und nicht bzw. nur eingeschränkt interpretierbar. Die Konstruktion besteht somit den von Ziem (2017) vorgeschlagenen „deletion test“ zur Identifikation multimodaler Konstruktionen, denn der nonverbale Teil der Äußerung, d. h. die Zeigehandlung, ist nicht ohne Bedeutungsverlust „weglassbar“. Es stellt sich allerdings die Frage, ob der multimodale Konstruktionsstatus ausschließlich für solche Konstruktionen, in denen eine gestische Komponente obligatorisch ist, gilt oder gelten kann, oder ob auch der nicht-obligatorische, aber systematische Gebrauch von verbalen Konstruktionen mit semantisch und formal rekurrenten Gesten auf eine Routinisierung und Konventionalisierung hindeutet und somit die Existenz einer verbo-gestischen Einheit im Sprachsystem angenommen werden muss. In dieser Frage ist eine abschließende Entscheidung wohl noch lange nicht gefallen. Die laufende Diskussion kann aber grob in zwei Richtungen unterteilt werden (siehe auch Zima 2025b). Während inzwischen einige Studien vorliegen, die sich auf die Häufigkeit des gemeinsamen Auftretens einer bestimmten Konstruktion mit einer oder mehreren spezifischen Gesten berufen, um für oder gegen den Status als multimodale Konstruktion zu argumentieren (Zima 2014, 2017a, b; Pagán Cánovas/ Valenzuela 2017; Hinell 2018; Schoonjans 2018), steht in anderen Ansätzen die Frage im Mittelpunkt, welche Bedeutungsaspekte Gesten zur Konstruktion hinzufügen (Lanwer 2017; Schoonjans 2017; Mittelberg 2017; Hoffmann 2017; Debras 2021). Entscheidend für die Annahme eines mög‐ lichen Konstruktionsstatus ist aber prinzipiell im Sinne des gebrauchsbasierten Modells und der Rolle, die das Modell der Auftretenshäufigkeit zuschreibt, der Nachweis des rekurrenten Auftretens einer verbalen Konstruktion und einer nonverbalen Komponente in Korpusdaten. Dies ist allerdings z. B. im Bereich der Handgesten kein triviales Unterfangen, denn wie Bressem (2013) gezeigt hat, kann die Form manueller Gesten in einer Vielzahl von Aspekten variieren (z. B. Handform, Orientierung, Positionierung im Gestenraum). Daraus resultiert, dass „no two tokens of a gesture are ever identical“ (Harrison 2009: 82). Darüber hinaus werden Gesten nicht immer zeitlich synchron zu ihren lexikalischen Bezugselementen produziert, oder sie beziehen sich gar nicht auf einzelne Konstruktionen, sondern auf größere semantische Einheiten innerhalb von Äußerungen (vgl. Schoonjans 2018). Es ist weitestgehend ungeklärt, wie aus konstruktionsgrammatischer Sicht mit dieser Eigenart gestischer Äußerungs‐ 30 Elisabeth Zima <?page no="31"?> komponenten umzugehen ist. Einige Studien führen trotzdem Frequenzen für das gemeinsame Auftreten einer verbalen Konstruktion und einer rekurrenten Geste an. Diese reichen von bis zu 85 % für englische Bewegungs- und Dis‐ tanzkonstruktionen ([all the way from X PREP Y]; siehe Zima [2014b, 2017a, 2017b], und auch Pagán Cánovas/ Valenzuela [2017]), 70 % für verschiedene Arten englischer Zeitausdrücke (Pagán Cánovas et al. 2020), 58 % für englische aspektuelle Verben (Hinell 2018) bis zu 37 % (und weniger) für deutsche Modalpartikel (Schoonjans 2018). Lanwer (2017), Schoonjans (2017) und zuletzt Debras (2021) argumentieren jedoch, dass die bloße Auftretenshäufigkeit eher wenig informativ sei, und der analytische Fokus darauf gelegt werden muss, wie Gesten zur Bedeutung der Äußerung beitragen. Debras (2021) verbindet dies mit der allgemeinen Kritik, dass der Fokus der Konstruktionsgrammatik zu sehr auf der Form liege. Wenn wir die verbale Konstruktion und ihre Form als Ausgangspunkt nehmen, neigen wir dazu, die mit ihr ko-verbal eingesetzten Gesten als sekundär und optional zu betrachten, d. h. als etwas, das wir beim Sprechen hinzufügen, das wir aber genauso gut weglassen könnten (siehe Ziem (2017) zur Methode der Weglassprobe). Unsere Vorstellung von Konstruktionen und dem Konstruktikon könnte jedoch grundlegend anders aussehen, wenn wir von der Bedeutungsseite ausgingen (vgl. Lasch (2020) und seinen bedeutungszentrierten Ansatz zum deutschen Konstruktikon) und den Fokus darauf verlagern, wie Gestik und Sprache zusammenwirken, um eine Idee auszudrücken, d. h. nach Kendon (2004) die idea unit. Dieser Argumentationslinie folgen z. B. Hoffmann (2017), Mittelberg (2017), Bressem/ Müller (2017), Schoonjans (2018) und (teilweise) Zima (2014b, 2017a, b). Ausgehend von einer emergenten Grammatikperspektive, die Grammatik als „the name for certain categories of observed repetitions in discourse“ (Hopper 1998, 156) versteht, präsentiert beispielsweise Mittelberg (2017) eine Fallstudie zur deutschen Existenzkonstruktion [es gibt X]. Sie argumentiert, dass sich die Konstruktion einen Slot für eine gestische Handlung bereithalte, in der ein metaphorisches oder konkretes Objekt als in den Händen gehalten konzeptua‐ lisiert wird (Mittelberg 2017, 1). Dieses gestische Re-Enactment basiere auf dem grundlegenden Erfahrungsmuster, das Goldberg als Motivation für (di)transitive Konstruktionen beschrieben hat: „the initial meaning is an experimental gestalt. This basic pattern of experience is encoded in a basic pattern of language“ (Goldberg 1998, 208). Dementsprechend argumentiert Mittelberg (2017, 2), dass „the basic manual actions of giving and holding […] motivate multimo‐ dal instantiations of existential constructions in German discourse“. Anhand semi-experimenteller Daten zeigt sie, dass es gibt-Konstruktionen sowohl mit Interaktion und Multimodalität in der Kognitiven Linguistik 31 <?page no="32"?> 6 Allerdings ist unklar, ob die Blickabwendung hier tatsächlich an die verbale Kon‐ struktion gebunden ist oder für dispräferierte Antworten und Accounts generell und konstruktionsunabhängig typisch ist. Dies legt eine Studie von Kendrick/ Holler (2017) nahe, die anhand von Eyetracking-Aufnahmen englischsprachiger Interaktionen zei‐ gen können, dass Blickabwendung von Interaktionsteilnehmer: innen als Hinweis auf eine nachfolgende, über das Blickverhalten bereits projizierte, dispräferierte Antwort interpretiert wird. Es ist demnach denkbar, dass das Blickverhalten im Fall der von Pekarek-Doehler et al. (2021) und Pekarek-Doehler (2022) untersuchten Konstruktio‐ nen eher nicht an diese spezifischen Konstruktionen gekoppelt ist und somit auch nicht von multimodalen Konstruktionen in einem konstruktionsgrammatischen Sinne gesprochen werden kann (siehe für eine ähnliche Argumentation auch Debras 2021). unimanuellen Varianten der offenen Handflächen-Geste (palm up open hand) als auch mit bimanuellen Gesten auftreten, in denen die Handflächen nach unten zeigen. Ihre Analyse zeigt, dass es zwar formale Rekurrenz in den Gesten gibt, ihre semantisch-pragmatische Bedeutung aber stark abhängig vom diskursiven Kontext ist. Semantische Rekurrenz tritt nur auf einer sehr schematischen Ebene auf. Diese Bedeutung könne als „holding some kind of imaginary entity“ (Mittelberg 2017, 8) gefasst werden. Mittelbergs Arbeit zu existentiellen Kon‐ struktionen weist dabei auch auf mögliche geeignete Kandidaten für künftige Forschungen in der multimodalen Konstruktionsgrammatik hin, denn sie nimmt an, dass „linguistic constructions that recruit basic embodied manual actions and interactions with the physical and social world are particularly likely to be instantiated multimodally and thus also engender emergent multimodal patterns, or clusters, of experience“ (Mittelberg 2017, 5). Die Frage der multimodalen Einheitenbildung und Routinisierung wird aber keineswegs nur in der Konstruktionsgrammatik diskutiert. Auch in der interaktionalen Linguistik untersuchen einige kürzlich erschienene Studien „recurrent constellations of vocal and bodily conduct that are routinely deployed to accomplish particular interactional tasks“ (Pekarek Doehler et al. 2021: 1), wobei sie unterschiedliche Labels für die beobachteten Rekurrenzen verwenden. So spricht etwa Mondada (2014) von multimodalen Gestalten, Stukenbrock (2010) und Balantani (2022) von multimodalen Paketen, Keevalik (2020) von syntactic-bodily-units und Pekarek-Doehler et al. (2021) sowie Pekarek-Doehler (2022) von multimodalen „assemblies“. Aus romanistischer Perspektive sind v. a. ihre Arbeiten besonders interessant. So konstatiert Pekarek-Doehler (2022), dass das französische chais pas (‚weiß nicht‘) in Frage-Antwort-Sequenzen mit Blickabwendung korreliert 6 und Pekarek-Doehler et al. (2021) beschreiben dieses Blickmuster auch als Begleiter dieser Konstruktion (dem Äquivalent des Englischen I don’t know) im Tschechischen, Hebräischen, Rumänischen und Mandarin: 32 Elisabeth Zima <?page no="33"?> 7 IDK steht für I don’t know. [IDK 7 + gaze aversion] serves as a routinized multimodal resource for prefacing a dispreferred response: It indexes incipient resistance to the constraints set out or to the stance conveyed by the coparticipant’s prior action. (Pekarek Doehler et al. 2021, 3) Die Frage der Multimodalität von Konstruktionen ist also ein besonders neues Gebiet, das aber ebenfalls einen interdisziplinären Ansatz oder zumindest tiefgreifende Expertise in der Kognitiven Linguistik ebenso wie in (Bereichen) der Multimodalitätsforschung wie etwa im weiten Feld der Gesten und Blick‐ forschung vorrausetzen. Dies trifft auch auf das letzte Forschungsfeld zu, das ich in diesem Beitrag kurz vorstellen möchte. 3.3 Die Ko-Konturierung mentaler Räume im Gespräch Beispielsequenz (4) stammt aus einer Interaktion, die im Bühnenraum eines kleinen Theaters in Wien aufgenommen wurde. Die beiden Interaktionsteilneh‐ mer: innen Martin und Sophia studieren beide Gesang und hatten die Aufgabe, das Bühnenbild für eine Aufführung der Oper „Hänsel und Gretel“ zu gestalten, die in den Räumlichkeiten, in denen sie sich befanden, stattfinden sollte. Den Teilnehmer: innen standen keinerlei Requisiten zu Verfügung. Ihnen wurden jedoch Blätter, Papier und Stifte sowie Klebeband ausgehändigt. Sie haben diese benutzt, um Einzelteile des Bühnenbilds wie etwa ein Hexenhaus, einen Zaun, Bäume etc. zu zeichnen. Diese Zeichnungen haben sie im Laufe ihrer gemeinsamen Planungsaktivität an auf der Bühne befindlichen Gegenständen wie etwa einem Vorhang, einem Klavier, einer Stehlampe etc. angebracht, um zu markieren, dass in dem Bühnenbild bestimmte Elemente an bestimmten Stellen im Raum situiert werden sollten. In der hier präsentierten Sequenz (4) legt zunächst Martin dar, wo er das Hexenhaus platzieren würde. (4) Einrichtung des Hexenhauses, Korpus „gemeinsame Planungsaktivitäten“ (Zima/ Laner 2022/ 2023) 01 MARTIN man kann dann *(1) hier* auf dIEse seite so_n bisschen (-) die einrichtung des: (-) *(2)HEX*enhauses machen, 02 - und dann wenn man das irgendwie so ver*(3)SCHIEBT*, 03 - HIERrüb*(4)er*, Interaktion und Multimodalität in der Kognitiven Linguistik 33 <?page no="34"?> 8 Auch in diesen Analysen wird das von den Eyetrackingbrillen aufgezeichnete Blickver‐ halten keine Rolle spielen. Die Bilder der in den Brillen integrierten Blickfeldkameras bieten jedoch den Vorteil, dass sie oft eine bessere Sicht auf das gestische Handeln der Interaktionsteilnehmer: innen ermöglichen als die Kamera, die das Geschehen aus der Beobachterperspektive filmt (in den Standbildern unten, in der Mitte). 04 hat man auf der *(5)AN*dern seite das hExen den hExenhauscharakter. Dem Transkript sind Standbilder aus der Aufnahme hinzugefügt. 8 Sie zeigen, dass Martin für die Explizitierung der mentalen Vorstellung, d. h. des indivi‐ duellen mentalen Raums, in den ersten Transkriptzeilen sehr stark auch auf Gestik und Bewegung im Raum zurückgreift. Ein zentrales Element der Idee, die Martin in diesem ersten Transkriptausschnitt darzulegen versucht, scheint ein doppelwandiges Bühnenbild zu sein, das im Raum verschoben wird, um zuerst das Elternhaus und dann das Hexenhaus zu symbolisieren. In den Zeilen 01-04 versucht er zunächst das Elternhaus bzw. das Hexenhaus im Raum zu situieren und seine mentale Vorstellung eines Schiebeffekts darzulegen. Dass er sich dabei allerdings offensichtlich eine Wand vorstellt, die auf der einen Seite das Elternhaus und auf der anderen Seite das Hexenhaus abbildet, bleibt zunächst für Sofia (ebenso wie aus der Beobachterperspektive) unklar. Ein Grund dafür könnte sein, dass Martin in Zeile 01 von der Einrichtung des Hexenhauses spricht und dieses zunächst auf der linken Seite des Raumes situiert (vgl. die Standbilder 1 und 2). In Zeile 03 stellt er dann verbal, gestisch und durch seine Bewegung durch den Raum den Schiebeffekt dar, bevor er in Zeile 04 wiederum vom Hexenhaus spricht, das nun aber auf der rechten Seite des Bühnenraums situiert wird. Sofia äußert daraufhin in den Zeile 05 und 06 34 Elisabeth Zima <?page no="35"?> mangelndes Verstehen und bittet Martin, seine mentale Vorstellung noch einmal zu erklären. In Zeile 09 wird daraufhin deutlich, dass Martin sich in Zeile 01 wohl verspro‐ chen hatte und eigentlich das Haus der Familie gedanklich im rechten Bereich der Bühne verortet. Zwar ist das Missverstehen vermutlich vor allem durch die zweifache Verwendung und räumliche Situierung des Hexenhauses zu erklären, es wird aber ohne Zweifel auch dadurch begünstigt, dass die Interaktionsteilneh‐ mer: innen hier vor einer grundsätzlich kognitiv und interaktional schwierigen Aufgabe stehen: Sie müssen ihren geteilten physischen Interaktionsraum (den reality space, Fauconnier 2007), mit seiner konkreten physischen Ausgestaltung und allen darin befindlichen physischen Objekten (dem Klavier, der Bank, den Vorhängen etc.) mit einer gemeinsam zu elaborierenden mentalen Vorstellung Schritt für Schritt zu „überlagern“ bzw. beide Räume zu integrieren versuchen. Dabei setzen sie zunächst keine physisch konkreten Ankerpunkte, z. B. in Form der später in der Interaktion angefertigten beschrifteten Zeichnungen wie etwa des Hexenhauses, eines Zauns etc., sondern der gemeinsam erarbeitete mentale Raum bleibt lange ein gedankliches Konstrukt. Dies zeigt der weitere Verlauf der Sequenz. 05 SOFIA ÄH_wa<<all> sag_s no sag das nochmal,> 06 - ich hab das nich ganz [<<lachend>geCHECKT; >] 07 MARTIN [also AN ] genommen du hast jetzt HIER ne *(6)wand*? 08 SOFIA JA? 09 MARTIN und hier sieht man (-) den Innenbereich des [faMILIEN]hauses? 10 SOFIA [JA? ] 11 - JA? 12 MARTIN oder ja pf_ich weiß nich ob des SPITZ is oder wie auch immer, 13 SOFIA JA? 14 MARTIN *(7)und* dann [kannst du_s (-) ] quasi einmal [SO,] 15 SOFIA [dann dreht man_s *(8)UM*; ] *9* 16 - [JA-] Interaktion und Multimodalität in der Kognitiven Linguistik 35 <?page no="36"?> 17 MARTIN und hast dann HIER (.) später das das hExenhaus; 18 - oder WA[LD oder sowas; ] 19 SOFIA [ja das geht AUCH; ] 20 - ja WALD wär eigentlich auch nicht schlecht. Dass die beiden Interagierenden nach der Sequenz in den Zeilen 07-13, in denen Martin seine Vorstellung neuerdings zu versprachlichen versucht, zu einer ähnlichen mentalen Vorstellung gelangen, die ab diesem Zeitpunkt für den weiteren Interaktionsverlauf als common ground (Clark 1996) gelten kann, wird v. a. aus Sofias multimodaler Äußerung in Zeile 15 deutlich. Sie äußert nicht nur in Überlappung und Resonanz (Du Bois 2014) zu Martin dann dreht man_s UM, sondern sie spiegelt auch Martins Geste und führt parallel zu ihm eine ikonische Geste aus, die das Schieben der Wand bzw. den Vorgang des Umdrehens, darstellt. Damit zeigt sie Martin ihr Verstehen an und für beide wird - ebenso wie für uns als Beobachter: innen der Sequenz - deutlich, dass ihre individuellen mentalen Vorstellungen in diesem Aspekt nun kongruent sind. Während Sofia hier also anzeigt (display, Schegloff 1987), dass sie anhand Martins multimodaler Erklärung ihren eigenen mentalen Vorstellungsraum im Sinne eines Abgleichs mit Martins mentalem Vorstellungsraum neu konstruiert 36 Elisabeth Zima <?page no="37"?> hat, geht sie im Folgenden noch etwas weiter und elaboriert den gemeinsamen Vorstellungsraum ihrerseits (vgl. auch Marx 2024). 21 MARTIN das wär eigentlich fast noch BESser oder, 22 SOFIA w[enn da so ne ganze WAN]D, 23 MARTIN [du hast HIER- ] 24 SOFIA und dann so *(10)DRAUF*gemalt das haus meinst du? 25 - Oder? 26 - [diese in_dem] in_dem beREICH draufgemalt,= 27 MARTIN [geNAU. ] 28 SOFIA =das wäre eigentlich COOL ja; 29 MARTIN oder du hast HIER (-) auf <<pp>hm_hm-> 30 - du hast hier ZWEI wände quasi, 31 SOFIA ja, 32 MARTIN VORne is (-) is inneneinrich 33 - also is an_ner wand geMALT mehr oder [weniger in]neneinrichtung 34 SOFIA [o (.) JA; ] 35 MARTIN [(0.6) des HAUses, ] 35 SOFIA [da könnte man auch *(11)eine* (.) KÜCH]eninsel- 36 - äh_die kÜche könnte man auch DRAUFtu[n dann; ] 37 MARTIN [zum BEIs ]piel, 38 - (0.7) und dann kannst du_s KLAPpen? 39 SOFIA ja 40 MARTIN (0.8) dann ist da IMmer noch ne wAnd,= 41 SOFIA =[ja und auf der *(12)AN*deren seite] 42 MARTIN [die das HEXenhau ]s is oder= - - [oder=oder=oder ] wAld, 43 SOFIA [oder vielleicht WALD? ] Interaktion und Multimodalität in der Kognitiven Linguistik 37 <?page no="38"?> Standbild 10 zeigt in diesem Zusammenhang, wie Martin und Sofia mit einer sehr ähnlichen Geste die Wand, die mit dem Elternhaus bzw. dem Hexenhaus bemalt werden soll, symbolisieren und im Raum verorten (Zeile 24). Als Martin in den Zeilen 32-34 dann diese Bemalung näher ausführt, schlägt Sofia in Zeile 35 vor, auf den von Martin gestisch dargestellten zwei Wänden, die er dann im Verlauf der Oper aufklappen möchte (Zeile 38), eine Kücheninsel bzw. die Küche draufzusetzen. Diese stellt sie auch gestisch mittels einer ikonischen, flachen Handgeste dar (Standbild 11). Sofia schlägt also eine Elaborierung des Vorstellungsraums um einen bestimmten Aspekt vor, auf den Martin sogleich verbal Bezug nimmt (Zeile 37). Zum BEIspiel, fungiert hier aber eher nicht als Zustimmungssignal, was auch daran liegt, dass seine und ihre mentalen Vorstellungen in diesem Moment tatsächlich eher nicht ganz kongruent zu sein scheinen, da die Idee des (Auf-)klappens der Wand bzw. der Wände und der darauf montierten Küche miteinander nicht wirklich kompatibel zu sein scheinen. Auf diesen Widerspruch gehen die beiden allerdings nicht weiter ein. Stattdessen zeigt Sofia zu Abschluss der Sequenz gestisch an, dass sie Martins Idee der zwei Wände verstanden und übernommen hat: Wie Standbild 12 illus‐ triert, instanziieren beide Sprecher: innen im direkten Blickkontakt miteinander eine sehr ähnliche, beidarmige, vor den Körpern situierte ikonische Geste. Diese Sequenz zeigt exemplarisch, wie in der Interaktion individuelle mentale Vorstellungen von Interaktionspartner: innen in ihrem multimodalen Handeln sichtbar und somit analysierbar gemacht werden (vgl. dazu auch die Arbeiten von Ehmer 2011). Diese Analysen rekonstruieren dabei die kognitiven Vorstel‐ 38 Elisabeth Zima <?page no="39"?> lungs- und Verstehensprozesse der Interaktionsteilnhemer: innen selbst anhand ihrer Displays, d. h. ihrer verbalen und non-verbalen Äußerungen, die ihr Verste‐ hen verdeutlichen. Sie orientieren sich somit an der konversationsanalytischen Maxime, Verhalten nicht zu interpretieren, sondern in seiner Reziprozität zu rekonstruieren. Das Potenzial für die Kognitive Linguistik liegt somit in der Objektivierung ihrer Analysen und der Vermeidung von subjektiven semanti‐ schen und kognitiven Analysen aus der Forscher: innenperspektive, die nicht ohne Grund immer wieder als schwer falsifizierbar oder nicht allgemein gültig kritisiert wurden (vgl. Glebkin 2015, 102-193) und der Theorie der mentalen Räume den Ruf eingebracht haben, lediglich mehr oder weniger plausible, aber letztlich spekulative, nicht überprüfbaren Aussagen zu kognitiven Prozessen zu machen. 4 Fazit Ausgehend von der Feststellung, dass interaktionale und somit multimodale Daten in der kognitiv-linguistischen Forschungspraxis nur eine sehr unterge‐ ordnete Rolle spielen, habe ich in diesem Beitrag einige Forschungsfelder vor‐ gestellt, in denen mir eine Synergie von kognitiv-linguistischen Theorien und Konzepten und interaktional-linguistischen Methoden besonders vielverspre‐ chend erscheint. Dies betrifft Fragen der ad hoc-Musterbildung in Gesprächsda‐ ten, das in den letzten Jahren neu entstandene Forschungsfeld der multimodalen Konstruktionsgrammatik und die gemeinsame Ausgestaltung mentaler Vorstel‐ lungsräume in der Interaktion als Form der joint cognition. Sowohl das Potenzial als auch die Notwendigkeit einer zumindest auch interaktionalen Kognitiven Linguistik ergibt sich dabei grundlegend aus der Tatsache, dass Sprachgebrauch unzweifelhaft sowohl ein interaktionales als auch ein kognitives Phänomen ist, und Sprachgebrauch im gebrauchsbasierten Modell als die Grundlage unseres kognitiven Sprachwissens und des in Sprachgemeinschaften geteilten Sprach‐ systems angesehen wird. Der kategorische Ausschluss einer dieser Dimensionen bedingt unweigerlich eine Einschränkung der Sicht auf das Phänomen und steht deshalb dem Versuch seines holistischen Verstehens grundsätzlich im Weg. Interaktion und Multimodalität in der Kognitiven Linguistik 39 <?page no="40"?> Bibliographie Andor, József (2004): „The Master and His Performance: An Interview with Noam Chomsky“, in: Intercultural Pragmatics 1 (1), 93-111. Andrén, Mats (2010): Children’s Gestures from 18 to 30 Months, PhD thesis, Lund University, Centre for Languages and Literature. 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Interaktion und Multimodalität in der Kognitiven Linguistik 45 <?page no="47"?> Zur Dynamik von Präpositionen in complemento de régimen-Konstruktionen des Spanischen Evelyn Wiesinger, Johanna Wolf, Inga Hennecke Resumen Este trabajo investiga la dinámica de la preposición en las construcciones de complemento de régimen en español, como en confiar en/ de/ con X, que han sido objeto de un largo debate sobre la fijación y desemantización de la preposición. Basándonos en enfoques cognitivo-constructivistos sobre las preposiciones y las construcciones preposicionales, nuestro estudio presenta los primeros resultados de un estudio piloto sobre la aceptabilidad de distintas preposiciones en diferentes construcciones de complemento de régimen por parte de hablantes del español como L1 de España y Argentina. Estos confirman una cierta variabilidad de la preposición y nos permiten esbozar un primer continuo entre las construcciones con una preposición más bien ‘fija’ y aquellas con un slot preposicional más ‘flexible’. Además, discutimos si los juicios de aceptabilidad son coherentes con los resultados cuantitativos de estudios de corpus, así como con las normas lingüísticas prescriptivas. Palabras clave: preposiciones, construcciones preposicionales, desemanti‐ zaciónèstos, normas lingüísticas prescriptivas, enfoques cognitivo-const‐ ructivistos Abstract This paper investigates the dynamics of the preposition in so-called complemento de régimen constructions in Spanish, such as in confiar en/ de/ con X ‘to rely on’, which have been the subject of a long-lasting debate about the fixation and desemanticisation of the preposition. Based on cognitive-constructionist approaches to prepositions and prepositional constructions, our study presents the first results of a pilot study on the acceptability of varying prepositions in different complemento de régimen <?page no="48"?> constructions by L1 speakers from Spain and Argentina. These confirm a certain variability of the preposition and allow us to draw a first sketch of a continuum between constructions with a rather ‘fixed’ preposition and those with a more ‘flexible’ prepositional slot. The paper further discusses whether the acceptability judgements are consistent with quantitative distributional corpus findings as well as with prescriptive language norms. Keywords: prepositions, prepositional constructions, desemanticisation, prescriptive language norms, cognitive-constructionist approaches 1 Einleitung Dieser Beitrag beschäftigt sich mit der Dynamik der Präpositionen in spanischen Konstruktionen des Typs V+P+X, wie etwa in confiar en/ de/ con X ‚vertrauen auf X‘, deren Funktion des Verbalanschlusses in der hispanistischen Sprachwissen‐ schaft als complemento de régimen bezeichnet wird. Es handelt sich dabei um einen Konstruktionstyp, dessen syntaktische Einordnung und Abgrenzung von anderen präpositionalen Konstruktionen Gegenstand jahrzehntelanger Debat‐ ten war. Zudem wurde er zwar einerseits mit einer starken Desemantisierung und Verfestigung der Präposition in Verbindung gebracht, andererseits weist u. a. bereits Cano Aguilar (1977-1978) auf die Möglichkeit einer gewissen synchronen Variation der Präposition hin, die in rezenten Korpusstudien be‐ stätigt wird (Casanova Romero 2021). Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass sowohl die Heterogenität der Wortklasse der Präpositionen als auch von Präpositionalkonstruktionen im weiteren Sinne mit traditionellen strukturalis‐ tischen und generativen Ansätzen nicht ausreichend abgebildet werden können, nimmt unser Beitrag eine kognitiv-konstruktionsgrammatische Perspektive ein, bei der die unscharfe Abgrenzung zwischen ‚lexikalischen‘ und ‚grammatikali‐ schen‘ Elementen in den Hintergrund tritt. Zudem lenkt sie den Fokus auf die syntagmatische Relation zwischen den Einzelelementen und damit auch auf die Frage nach der Variabilität bzw. Festigkeit der Präposition innerhalb von Konstruktionen auf verschiedenen Schematizitätsebenen. Ziel unseres Beitrags ist es, die Dynamik der Präposition innerhalb ausgewählter complemento de régimen-Konstruktionen anhand beispielhafter Ergebnisse aus einer Pilot-Ak‐ zeptabilitätsstudie mit spanischen und argentinischen L1-Sprecher: innen zu untersuchen und zu diskutieren, inwiefern sich in der Synchronie ein Konti‐ nuum zwischen Konstruktionen mit eher ‚verfestigten‘ und eher ‚flexibleren‘ Präpositionen ausmachen lässt und ob und wie sich dieses im Sprachwissen von erwachsenen Sprecher: innen mit Spanisch als Erstsprache spiegelt. Ebenso soll darauf eingegangen werden, inwiefern sich die Akzeptabilitätsurteile der unter‐ 48 Evelyn Wiesinger, Johanna Wolf, Inga Hennecke <?page no="49"?> 1 Das wissenschaftliche Netzwerk an der Universität Tübingen, unter der Leitung von Inga Hennecke und Evelyn Wiesinger, wird von 2023 bis 2026 von der DFG gefördert (vgl. https: / / uni-tuebingen.de/ fakultaeten/ philosophische-fakultaet/ fachbereiche/ neup hilologie/ romanisches-seminar/ forschung/ coprespa/ für weitere Informationen). suchten L1-Sprecher: innen mit quantitativ-distributionellen Korpusbefunden sowie mit normativen Vorgaben sprachplanerischer Instanzen (etwa vonseiten der Real Academia Española) decken. Das vorgestellte Projekt ist Teil der For‐ schung innerhalb des internationalen wissenschaftlichen Netzwerks CoPrEspa (Construcciones Preposicionales en Español) 1 , das die synchrone und diachrone Dynamik von Präpositionen in verschiedenen Arten spanischer Konstruktions‐ typen aus einer kognitiv-konstruktionsgrammatischen Perspektive multime‐ thodisch untersucht. Der vorliegende Beitrag ist wie folgt aufgebaut: Im Kapitel 2 wird zunächst die kognitiv-konstruktionsgrammatische Perspektive auf Präpositionen und Prä‐ positionalkonstruktionen in Abgrenzung von traditionelleren Ansätzen zu den romanischen Sprachen vorgestellt. Kapitel 3 präsentiert den Forschungsstand zur generellen Dynamik von Präpositionen im L1- und L2-Erwerb und Kapitel 4 spezifisch zu spanischen complemento de régimen-Konstruktionen. In Kapitel 5 werden ausgewählte Ergebnisse der Pilot-Akzeptabilitätsstudie vorgestellt, die in Kapitel 6 weitergehend und im Hinblick auf darauf aufbauende Forschung diskutiert werden. 2 Präpositionen und Präpositionalkonstruktionen in der Konstruktionsgrammatik Präpositionen, wie das Spanische de ‚von, aus, bei‘, para ‚für‘, sobre ‚über‘ oder auch entre ‚zwischen‘, gelten in den romanischen Sprachen als heterogene und nicht eindeutig definierbare Wortklasse. Allgemein werden (nicht-kom‐ plexe) Präpositionen in den romanischen Sprachen zu den geschlossenen und nicht-flektierbaren Wortklassen gezählt, die Real Academia Española begrenzt in ihrer spanischen Grammatik die Klasse der Präpositionen auf 23 Elemente (RAE 2016, 558). Obwohl die Anzahl der Präpositionen für das Spanische fest etabliert ist, gibt es in der Forschung unterschiedliche Perspektiven bezüglich der ge‐ nauen Einordnung und Klassifizierung. Präpositionen können als funktionales Element zwischen einem semantischen Kopf und einem Komplement fungieren und verschiedene Beziehungen zwischen beiden Elementen ausdrücken. Es ist jedoch sehr umstritten, ob Präpositionen auf semantischer Ebene eine lexikalische oder grammatische Bedeutung tragen. Diese Problematik zeigt sich beispielsweise in der Diskussion über den Status von Präpositionen, wobei Zur Dynamik von Präpositionen in complemento de régimen-Konstruktionen des Spanischen 49 <?page no="50"?> strukturalistische und generative Ansätze gegensätzliche Ansichten vertreten: Während Präpositionen in strukturalistischen Arbeiten als rein grammatische Elemente ohne semantischen Wert betrachtet werden, werden sie aus einer generativen Perspektive als lexikalische Kategorie eingestuft. Der generative Ansatz geht davon aus, dass Präpositionen lexikalische Elemente sind, die als Kopf einer Phrase fungieren können und den gleichen lexikalischen Rang haben wie andere lexikalische Kategorien, beispielsweise Verben, Substantive und Adjektive ( Jackendoff 1973; Kailuweit 2001). Obwohl generative Arbeiten die Funktion von Präpositionen als verknüpfende Elemente (linking elements) anerkennen, wird die semantische Bedeutung einer Präposi‐ tion nicht in Frage gestellt. Außerdem wird die Zuweisung von Theta-Rollen auf der semantischen Ebene als wichtige Funktion von Präpositionen angesehen (ebenda). Im Gegensatz dazu geht der traditionelle strukturalistische Ansatz davon aus, dass Präpositionen nur eine grammatische Bedeutung enthalten und ausschließlich Beziehungen zwischen Elementen darstellen (Brøndal 1950; Pottier 1962). Aus dieser Perspektive wurden die spanischen Präpositionen de und a oft als „leer“ oder „farblos“ bezeichnet, weil sie angeblich keine semanti‐ sche Bedeutung haben (z. B. Bartning 1993, 164). Somit haben Präpositionen aus dieser Perspektive lediglich die Funktion, andere Begriffe zu situieren, sie haben keinen lexikalischen Status (Pottier 1962, 128). In diesem Sinne hebt die strukturalistische Forschung hervor, dass einige Präpositionen nur als „Verbin‐ dungsoperatoren“ (Bosredon/ Tamba 1991, 44) oder „Relatoren“ (Lehmann 2002) fungieren. Abgesehen von diesen zwei gegensätzlichen Perspektiven sind jedoch auch Ansätze entstanden, die davon ausgehen, dass Präpositionen sowohl gramma‐ tische als auch lexikalische Bedeutungen tragen können. Diese Ansicht wird insbesondere in kognitiv-linguistischen Theorien wie der Conceptual Metaphor Theory vertreten, die die Semantik von präpositionalen Elementen über Polyse‐ mie-Relationen zwischen konkret-räumlichen (‚bildschematischen‘) und meta‐ phorisch (und/ oder metonymisch) davon abgeleiteten abstrakten Bedeutungen erfasst (Lakoff / Johnson 1980; Lakoff 1987; Johnson 1987; Tyler/ Evans 2003). Für die spanische Präposition a unterscheidet Frago (2020) beispielsweise zwischen räumlichen Verwendungen („un valor básico, el de un movimiento hacia un destino con el que hay un contacto“ [‚einer Grundbedeutung, nämlich die Bewegung auf ein Ziel hin, zu dem Kontakt hergestellt wird‘] wie in Voy a casa ‚Ich gehe nach Hause‘), temporalen Verwendungen („destino-meta temporal“ [‚temporales Ziel und Zweck‘], z. B. a los dos años ‚mit zwei Jahren‘) sowie ‚konzeptuellen‘ Verwendungen, z. B. „[para] localiza[r] un elemento móvil dentro de una escala fija“ [‚um ein bewegliches Element auf einer festen Skala 50 Evelyn Wiesinger, Johanna Wolf, Inga Hennecke <?page no="51"?> zu lokalisieren‘], wie in Los tomates están a tres euros el kilo ‚Die Tomaten kosten drei Euro pro Kilo‘ oder zur sog. Differentiellen Objektmarkierung (DOM), wie in Le da el libro a su madre ‚Er gibt das Buch seiner Mutter‘ (vgl. auch Company Company/ Flores Dávila 2014 und Flores Dávila 2018 zu den metaphorisch-metonymischen Entwicklungen). Eine ähnliche Auffassung wird auch von der Real Academia Española vertreten, die z. B. im Hinblick auf die spanischen Präpositionen a und de von einer graduellen Unterscheidung zwischen grammatischen und lexikalischen Einheiten je nach Verwendung, Funktion und Kontext ausgeht: Unas preposiciones poseen contenido léxico (bajo, durante, entre, según), y otras, propiamente gramatical (a, de). Así, la preposición a aporta información estrictamente sintáctica cuando introduce el complemento directo o el indirecto (La eligieron a ella; Demos una oportunidad a la paz), al igual que de cuando encabeza los complementos de los nombres, adjetivos o adverbios (mes de enero, orgulloso de su labor, dentro de la casa). Constituyen en estos casos marcas de función, necesarias para la aparición de dichos complementos. Aun así, la distinción entre preposiciones de contenido gramatical o funcional y preposiciones de contenido léxico es gradual. Así, la preposición de ex‐ presa ‘lugar de origen’ en colgar del techo, pero está en buena medida gramaticalizada o desemantizada en depender de las circunstancias. (RAE 2016, 563) ‚Einige Präpositionen haben einen lexikalischen Inhalt (bajo ‚unter‘, durante ‚wäh‐ rend‘, entre ‚zwischen‘, según ‚gemäß‘), andere haben einen grammatikalischen Inhalt (a, de). So beinhaltet die Präposition a syntaktische Informationen, wenn sie das direkte oder indirekte Komplement einleitet (La eligieron a ella ‚Sie haben sie gewählt‘; Demos una oportunidad a la paz ‚Geben wir dem Frieden eine Chance‘), ähnlich wie de, wenn es den Komplementen von Substantiven, Adjektiven oder Adverbien vorangestellt ist (mes de enero ‚Monat Januar‘, orgulloso de su labor ‚stolz auf seine Arbeit‘, dentro de la casa ‚im Haus‘). In diesen Fällen handelt es sich um funktionale Markierungen, die für das Auftreten dieser Ergänzungen notwendig sind. Dennoch ist die Unterscheidung zwischen Präpositionen mit grammatikalischem oder funktiona‐ lem Inhalt und Präpositionen mit lexikalischem Inhalt eine graduelle. So drückt die Präposition de in colgar del techo ‚von der Decke hängen‘ den ‚Herkunftsort‘ aus, ist aber in depender de las circunstancias ‚von den Umständen abhängen‘ weitgehend grammatikalisiert und desemantisiert.‘ Die Wortklasse der Präpositionen kann somit in traditionellen Ansätzen weder homogen als rein lexikalische noch als rein grammatische Kategorie klassifiziert werden. Dies stimmt mit der Einschätzung überein, die schon López (1970) folgendermaßen formuliert hat: Zur Dynamik von Präpositionen in complemento de régimen-Konstruktionen des Spanischen 51 <?page no="52"?> Parece ser, entonces, que las preposiciones no caen de lleno ni en el código del léxico ni en el código de la gramática; sino que más bien constituyen la zona intermedia entre los dos extremos. (López 1970: 86) ‚Es scheint also so, dass Präpositionen weder ganz dem lexikalischen noch dem gram‐ matischen Code zugeordnet werden können; sie bilden eher einen Zwischenbereich zwischen den beiden Extremen.‘ Die Position, dass Präpositionen eine scheinbar ‚hybride‘ Position zwischen ei‐ ner lexikalischen und einer funktionalen Kategorie einnehmen, findet sich auch in psycho- und neurolinguistischen Studien zum Spracherwerb und zur Sprach‐ verarbeitung. In der aktuellen psycho- und neurolinguistischen Forschung zeigt sich ein insgesamt uneinheitliches Bild zu Verarbeitungsunterschieden zwischen ‚lexikalischen‘ und ‚grammatischen‘ Präpositionen bzw. Präpositio‐ nalkonstruktionen (vgl. bspw. Littlefield 2009; Thomann 2013). Erste Studien, u. a. von Hennecke/ Baayen (2021) und Hennecke (2022) weisen aber darauf hin, dass sowohl der Konstruktionstyp als auch die Gebrauchsfrequenz der Gesamtkonstruktion und des Konstruktionstyps eine Rolle bei der Verarbeitung von Präpositionen und Konstruktionen mit präpositionalem Element spielen. Um dem ‚hybriden‘ Status von Präpositionen innerhalb verschiedener Kon‐ struktionstypen Rechnung zu tragen, bietet sich eine gebrauchsbasierte, ko‐ gnitiv-konstruktionsgrammatische Perspektive an (vgl. Goldberg 2006; 2019; Diessel 2019; Schmid 2020). In konstruktionsgrammatischen Ansätzen wird von verschiedenen Graden der Schematizität ausgegangen, die von vollständig sche‐ matischen Konstruktionen wie [N Prep N] über teilweise gefüllte Konstruktio‐ nen wie [N de N] bis hin zu vollständig lexikalisch gefüllten Konstruktionen wie [puerta de casa] ‚Haustür‘ reichen. Die konstruktionsgrammatische Perspektive kann damit die dynamische Beziehung zwischen konkreten lexikalischen Ele‐ menten und schematischeren Mustern auf verschiedenen (syntagmatisch und paradigmatisch organisierten) Komplexitäts- und Abstraktionsebenen abbilden. Dabei wird angenommen, dass die Rolle von Präpositionen innerhalb größerer Konstruktionen durch unterschiedliche Grade an Schematizität, syntagmati‐ scher Komplexität und semantischer Kompositionalität bzw. Idiomatizität be‐ stimmt wird. Präpositionen werden dabei als eine emergente Kategorie betrach‐ tet (vgl. Hopper 1987), die aus prototypischen Slots in Konstruktionen gelernt wird und dynamisch verändert werden kann (vgl. Croft 2001; Bybee 2010). Die gebrauchsbasierte kognitiv-konstruktionsgrammatische Perspektive basiert zu‐ dem auf der Annahme eines Kontinuums zwischen Lexikon und Syntax. Diese hebt die unscharfe Abgrenzung zwischen lexikalischen und grammatischen Einheiten auf und erlaubt eine graduelle Verortung von Präpositionen und 52 Evelyn Wiesinger, Johanna Wolf, Inga Hennecke <?page no="53"?> Präpositionalkonstruktionen im postulierten Syntax-Lexikon-Kontinuum (vgl. auch Dobrovol’skij/ Mellado Blanco 2021). Die kognitiv-konstruktionsgrammatische Sicht kann des Weiteren die tradi‐ tionelle Definition von Präpositionen und Präpositionalkonstruktionen erwei‐ tern. ‚Präpositionalkonstruktionen‘ umfassen hier nicht nur die traditionell relativ eng definierte Gruppe der locuciones prepositivas, das heißt der Kon‐ struktionen mit präpositionaler Funktion, sondern auch andere komplexere Konstruktionen mit präpositionalem Element. Der Bereich dieser weiter gefass‐ ten ‚Präpositionalkonstruktionen‘ deckt ein breites Spektrum von Konstrukti‐ onstypen ab, von ‚festen‘ Konstruktionen (z. B. a pesar de ‚trotz‘, soñar con ‚träumen von‘) über variablere (z. B. (teilweise) idiomatische und/ oder teilweise fixierte Ausdrücke wie a final de/ al final de/ a finales de/ a los finales de ‚am Ende von‘) bis hin zu vollständig produktiven Schemata (z. B. [N1 de N2] ‚eine Art von N1, die mit N2 zu tun hat‘, z. B. in plancha de vapor ‚Dampfbügeleisen‘. In den Bereich der ‚Präpositionalkonstruktionen‘ in einem weiteren Sinne fallen somit sowohl Elemente, die traditionellerweise als lexikalische Einheiten ange‐ sehen werden, z. B. tarjeta de crédito ‚Kreditkarte‘, als auch (teil)idiomatische Verbalkonstruktionen, wie pasar por loco ‚für verrückt erklären‘, oder auch syntaktische Strukturen, wie de día en día ‚von Tag zu Tag‘ (vgl. Pavón Lucero 1999). Der konstruktionsgrammatische Ansatz betrachtet somit Präpositionen nicht als isolierte Elemente, sondern untersucht sie innerhalb verschiedenartiger Kon‐ struktionen. Dadurch rücken auch die jeweiligen (lexikalischen, grammatischen oder diskursiven) Elemente, die durch Präpositionen in den Konstruktionen verbunden sind, in den Fokus der Betrachtung, ebenso wie die syntagmatischen Relationen zwischen den einzelnen Elementen, die unterschiedlich stark aus‐ geprägt sein können (vgl. Diessel 2019). Während bisherige Studien v. a. die Variabilität bzw. Festigkeit der Slots, die innerhalb eines Konstruktionstyps von einer bestimmten Präposition verbunden wurden, untersuchten (vgl. u. a. Ma‐ sini 2009; Ziem 2018; Sommerer/ Baumann 2021; Dobrovol’skij/ Mellado Blanco 2021), soll in der in diesem Beitrag vorgestellten Studie auf die Variation der Präposition selbst innerhalb einer bestimmten (i. d. R. lexikalisch spezifizier‐ ten) Konstruktion eingegangen werden, wie sie sich beispielsweise in distinto a/ de ‚abweichend von‘, libro de/ para niños ‚Kinderbuch/ Buch für Kinder‘ oder contactar con/ a alguien ‚jmd. kontaktieren‘ manifestiert. Der Fokus unserer Studie liegt dabei spezifisch auf der potenziellen Dynamik der Präposition in spanischen Konstruktionen des Typs V+P+X, deren Funktion des Verbalan‐ schlusses in der hispanistischen Sprachwissenschaft als complemento de régimen bezeichnet wird, wie etwa in hablar de ‚sprechen von‘ oder renunciar a ‚verzich‐ Zur Dynamik von Präpositionen in complemento de régimen-Konstruktionen des Spanischen 53 <?page no="54"?> 2 Wir verwenden den Terminus L2 hier als Sammelbegriff für alle Erwerbsverläufe, die nicht als monolingualer, bilingualer oder mehrfacher (3L1 und mehr) Erstsprachener‐ werb sowie als Spracherwerb von Herkunftssprecher: innen definiert werden können. ten auf ‘. Interessant an diesem semantisch eher als abstrakt einzustufenden Konstruktionstyp ist die Tatsache, dass der Grad der Desemantisierung und Verfestigung der Präposition in der Forschung umstritten ist und insbesondere rezente Korpusstudien auf eine gewisse interne Variation der Präposition z. T. ohne nennenswerte semantische Unterschiede hinweisen, wie z. B. in confiar en/ de/ con ‚vertrauen auf ‘ (vgl. Kapitel 4.1). 3 Dynamik spanischer V+Prep Konstruktionen im L1/ L2-Erwerb Wie bereits in der Beschreibung der Wortklasse der Präpositionen bzw. der Präpositionalkonstruktionen deutlich wurde, handelt es sich hierbei um eine heterogene Klasse, die sich über traditionelle Beschreibungsansätze, wie sie z. B. die Generative Grammatik oder auch strukturalistische und formalgram‐ matische Ansätze vorschlagen, nur schwer modellieren lässt. Dies scheint vor allem mit der Stellung der Präpositionen zwischen Grammatik und Lexikon zusammenzuhängen, wie sie in Kapitel 2 herausgearbeitet wurde. Sowohl konstruktionsgrammatische als auch gebrauchsbasierte Ansätze bieten hier über den Vorschlag eines Grammatik-Lexikon-Kontinuums die Möglichkeit einer adäquateren Modellierung. Bei der Überprüfung, ob sich dies auch in der Realität der Sprecher: innen spiegelt, kann daher ein Blick in die Erwerbsverläufe von L1-Sprecher: innen des Spanischen einerseits hilfreich sein, andererseits auch Erkenntnisse aus L2 2 -Erwebsverläufen. Im Folgenden soll daher kurz auf den Erwerb von Präpositionen im monolingualen Erstsprachenerwerb des Spanischen eingegangen werden. 3.1 Präpositionen im monolingualen Erstsprachenerwerb In einer generellen Perspektive auf die kindliche Sprachentwicklung im unge‐ störten L1-Erwerb-Spanisch wird für die Präpositionen in der Literatur der Lebensabschnitt zwischen ca. drei und vier Jahren angegeben, was mit der zunehmenden syntaktischen Komplexität der kindlichen Sprachproduktionen zusammenhängt (McCarthy 1964; Hernández-Pina 1984; Castro Yánez/ Sandoval Zúñiga 2009). Als Mindestvoraussetzung für die Produktion von Präpositio‐ nen wird dabei das Erreichen der Zweiwortphase (ca. 18 Monate) gesehen (Crystal 1976; Castro Yánez/ Sandoval Zúñiga 2009). Deutlich erkennbar ist in 54 Evelyn Wiesinger, Johanna Wolf, Inga Hennecke <?page no="55"?> 3 Analysiert wurden spontan produzierte Präpositionalphrasen von 115 Vorschulkindern im Alter von 2,7-5,11 Jahren und von 22 Erstklässlern (Grimm 1975). 4 In eine ähnliche Richtung weist die Untersuchung von Sanfelici/ Gallina (2022), aller‐ dings für das Italienische. 5 Castro Yánez und Sandoval Zúñiga sprechen in diesem Zusammenhang von „preposi‐ ciones fuertes o plenas y débiles o vacías“ (Castro Yánez/ Sandoval Zúñiga 2009, 245). In Anlehnung an Fernández Lagunilla/ Anula Rebolledo (1995) können die „preposiciones débiles o vacías“ als semantisch entleert betrachtet werden, die rein grammatikalische Funktion haben und als desemantisiert im Sinne von Cano Aguilar (1999) gelten können. den Untersuchungen zur kindlichen Sprachentwicklung L1-Spanisch, dass die Produktion von Präpositionen ab ca. dem Alter von 3 Jahren (36 Monaten) deutlich zunimmt (cf. Castro Yánez/ Sandoval Zúñiga 2009). Allerdings wird bereits verschiedentlich in einigen frühen Studien zum Erstspracherwerb auf den ephemeren Charakter von Präpositionen hingewiesen, was zum einen auf diatopische Unterschiede, zum anderen aber auch auf die unklare Stellung der Präpositionen als Wortart zurückgeführt wird (Gili Gaya 1972; Grimm 1975; Peronard 1985). Bisweilen entzieht sich die Literatur aber auch einer eindeutigen Zuordnung: So werden die Präpositionen im Erwerb bisweilen zwischen Grammatik und Lexikon im Alter von 3-4 Jahren eingruppiert, allerdings ohne eine nähere Begründung für deren Zwischenstellung zu liefern (vgl. Guarneros-Reyes et al. 2017, 10). Zudem scheint es Unterschiede in der Abfolge des Erwerbs in Abhängigkeit der Semantik der Präpositionen zu geben: Wie Grimm (1975) hervorhebt gibt es Unterschiede zwischen konkret-örtlichen und abstrakt-zeitlichen Präpositio‐ nen, wobei erstere zuerst erworben und mit höherer Frequenz produziert wer‐ den (Grimm 1975). Hier scheint auch der Erwerb von Raum-Zeit-Vorstellungen auf der konzeptuellen Ebene eine Rolle zu spielen, da zeitliche Präpositionen in der Erhebung von Grimm nur dann produziert wurden, wenn sie auch lokativ verwendet werden konnten. 3 Rein ‚grammatikalische‘ Präpositionen werden über einen Prozess der sukzessiven semantischen Entleerung (graduelle Desemantisierung) erworben, was ebenfalls darauf hindeutet, dass der Erwerb in Zusammenhang mit dem Erwerb konzeptueller Abstraktheit steht. 4 Auch die Ergebnisse in der Untersuchung von Castro Yánez und Sandoval Zúñiga deuten auf einen Zusammenhang mit der semantischen Motiviertheit der Prä‐ positionen hin: Je konkreter die Bedeutung einer Präposition ist; 5 desto weniger ‚fehler‘anfällig (d. h. anfällig für Normabweichungen) scheint sie zu sein (Castro Yánez/ Sandoval Zúñiga 2009, 248). Zu beobachten ist auch, dass sich korrekter und fehlerhafter Gebrauch der Präpositionen innerhalb einer Sprachproduktion noch abwechseln - im Vergleich zu den korrekt gesetzten Präpositionen sind Zur Dynamik von Präpositionen in complemento de régimen-Konstruktionen des Spanischen 55 <?page no="56"?> diese Fälle zwar selten, jedoch kann dies auch ein Verweis auf den hybriden Charakter der Präpositionen sein, vgl. Bsp. 1 (Castro Yánez/ Sandoval Zúñiga 2009, 248; Hervorhebungen von uns): (1) Mamá: “¿dónde te quieres acostar? ” - Niño: “e la ota” (equivale a “en la otra”, uso correcto) - Mamá: “¿dónde? ” - Niño: “la ota” - Mamá: “¿dónde pues? ” - Niño: “la ota” - Mamá: “¿la otra qué? ” - Niño: “así. Esa cama” - Mamá: “¿en esa cama? ” - Niño: “mmm” - Mamá: “¿o en la otra? ” - Niño: “de esta” (preposición adecuada “en”, uso incorrecto) - Mamá: “¡ah! en esa cama.” (Proband 2, 30 Monate) - Mama: „Wo möchtest du schlafen? “ - Kind : „In dem anderen“ (entspricht dem korrekten Gebrauch) - Mama: „Wo? “ - Kind: „Anderes.“ - Mama: „Welches andere? “ - Kind: „So. Dieses Bett.“ - Mama: „In diesem Bett? “ - Kind: „Mmm.” - Mama: „Oder im anderen? “ - Kind: „In diesem.“ (Hier wird im Bsp. eine inkorrekte Präposition gebraucht) - Mama: „Ah! In diesem Bett.“ 56 Evelyn Wiesinger, Johanna Wolf, Inga Hennecke <?page no="57"?> 6 Die Fehler im Bereich DOM deuten darauf hin, dass es durchaus auch ‚Schwachstellen‘ im Sprachsystem des Spanischen geben könnte, die anfällig für Wandel sind. Da dies aber ein anderes syntaktisches Phänomen betrifft als die Konstruktionen VP + Prep und sehr viel stärker mit Kasusmarkierung und Zuweisung semantischer Rollen in Verbindung steht, wird im Rahmen dieses Artikels nicht näher darauf eingegangen. Gut erkennbar ist, dass das Kind bereits Wissen über den zu besetzenden Slot in der Konstruktion {VP acostar + Prep en + NP} erworben hat, diesen aber noch nicht fest gefüllt hat. Zu interessanten Ergebnissen, die ebenfalls auf die besondere Stellung der Präpositionen als syntaktisch funktionale Kategorie hinweisen, kommt eine Studie, die den Gebrauch der Präpositionen in den Sprachproduktionen von Kindern mit gestörtem Spracherwerb mit denen von Kindern mit ungestörtem Spracherwerb vergleicht (Auza/ Morgan 2013). Erhoben wurden Daten von 45 Kindern zwischen 5 und 8 Jahren, als Kontrollfaktoren wurden einmal das Alter und einmal der MLU-Wert (Mean Length of Utterance) herangezogen. In allen drei Gruppen zeigte sich ein fehlerhafter Gebrauch der Präpositionen, wobei die Fehlerfrequenz bei den Kindern mit einem gestörten Erwerb deutlich häufiger war. Die Ergebnisse könnten dennoch als Stütze für folgende Annahmen, warum Präpositionen im Erwerb instabil zu sein scheinen, dienen: Besonders anfällig in allen Gruppen waren die Präpositionen a, en, con und de, was vor allem auf den polysemen Charakter dieser Präpositionen zurückgeführt wurde. Ebenfalls anfällig zeigte sich der Gebrauch der Präposition a als Differential Object Marking (DOM) (Auza/ Morgan 2013). 6 Interessant scheint hierbei zu sein, dass a, en und con vor allem durch Auslassungen betroffen waren, was möglicherweise darauf hindeutet, dass in den Konstruktionen {VP + Prep a/ con/ en + NP} zwar der Slot Prep gespeichert wurde, nicht aber wie dieser jeweils gefüllt werden muss. Dies wird im Fall der Kinder mit gestörtem Spracherwerb auf fehlende Salienz zurückgeführt, da diese sich ähnlich bei anderen funktionalen Kategorien verhalten, die zwar hochfrequent, aber möglicherweise in der Verarbeitung wenig salient sind, wie z. B. Klitika oder Determinanten (Auza/ Morgan 2013). Die Präposition de war dagegen nicht von Auslassungen betroffen, sie wurde in den meisten Fehlerfällen falsch besetzt. Dieses Ergebnis ist im Einklang mit den Ergebnissen aus der Studie von Castro Yánez und Sandoval Zúñiga (2009) und lässt erneut einen möglichen Einfluss der fehlenden semantischen Tiefe, des polysemen Gebrauchs und der damit verbundenen geringen Salienz vermuten. Einiges deutet daraufhin, dass die Semantik für den instabilen Gebrauch der Präpositionen entscheidend zu sein scheint: Zur Dynamik von Präpositionen in complemento de régimen-Konstruktionen des Spanischen 57 <?page no="58"?> 7 Alle Beispiele entstammen dem MuLeCo und werden in der originalen Schreibweise wiedergegeben. Die Fehlerannotierung befindet sich in den eckigen Klammern: FS = Falsche Verwendung, ADI = etw. Falsches wurde hinzugefügt, OMI = etw. wurde ausgelassen. Die korrekte Form wird jeweils hinter der Klassifizierung des Fehlers angegeben. Según nuestro análisis, los errores funcionales que el niño comete y que evidencian el conocimiento productivo del lenguaje (Slobin, 1987) se observaron principalmente cuando los sujetos aplicaron otros valores semánticos que obviamente no estaban descritos en nuestro marco teórico. Los motivos por los cuales se produjeron estos errores funcionales podrían deberse a que el niño no ha adquirido la preposición correcta, pero tiene el conocimiento de que la estructura requiere de una marca sintáctica específica o simplemente está probando su gramática incipiente. (Castro Yánez/ Sandoval Zúñiga 2009, 252) ‚Gemäß unserer Analyse wurden die funktionalen Fehler, die das Kind begeht und die auf produktives Sprachwissen hinweisen (Slobin, 1987), vor allem dann beobach‐ tet, wenn die Probanden andere semantische Werte verwendeten, die in unserem theoretischen Rahmen offensichtlich nicht beschrieben wurden. Die Gründe für das Auftreten dieser funktionalen Fehler könnten darin liegen, dass das Kind zwar nicht die korrekte Präposition erworben hat, aber das Wissen, dass die Struktur eine be‐ stimmte syntaktische Füllung erfordert, oder dass es einfach seine sich entwickelnde Grammatik testet.‘ Auch Fehler in den Sprachproduktionen von als erwachsen eingestuften L1-Sprecher: innen deuten in diese Richtung, wie die folgenden Beispiele aus dem Munich Learner Corpus (MuLeCo; Kontrollkorpus Spanisch) zeigen. Alle Beispiele stammen von L1-Sprecher: innen aus Salamanca, die sich in der Klassenstufe des Bachillerato befinden, Hervorhebungen von uns: (2) […] estuvieron buscando a [FS-por] los alrededores de la casa (RCH44; Nordspanien) 7 (3) El perro se encuentra [OMI-en] serios problemas, ya que las abejas del enjambre son muy peligrosas y lo pueden picar. (MT49; Chile) (4) El niño miró detrás del tronco y comenzó a inclinarse por [ADI-por] encima [FS-sobre] de él. (VBV43; Nordspanien) (5) […] las ranas dejaron que Rocki y su dueño se llevasen [OMI-a] uno de sus hijos. Se despidieron y se fueron los dos junto con su nueva pequeña mascota. (CGS 42; Nordspanien) 58 Evelyn Wiesinger, Johanna Wolf, Inga Hennecke <?page no="59"?> 8 Die annotierten Fehler werden in den Übersetzungen nicht berücksichtigt. (6) […] solo con ver el primer árbol antes de entrar en [FS-a] el bosque, el niño sabía que sería difícil encontrar a la rana allí. (VBV43; Nordspanien)(2) […] sie suchten in der Umgebung um das Haus. 8 - (3) Der Hund hat ernsthafte Probleme, weil die Bienen im Schwarm sehr gefährlich sind und ihn stechen können. (4) Das Kind schaute über den Baumstamm und begann sich über diesen zu beugen. (5) […] die Frösche ließen Rocki und sein Herrchen eines ihrer Kinder mitneh‐ men. Sie verabschiedeten sich und gingen zusammen mit ihrem neuen Haustier weg. (6) […] Schon beim Anblick des ersten Baumes, noch bevor es den Wald betrat, merkte das Kind, das es schwierig werden würde, den Frosch darin zu finden. Gut erkennbar ist, dass auch hier Auslassungen (Beispiele 2, 5) auftreten sowie fehlerhafte Substituierungen oder falsch gebrauchte Präpositionen. In Beispiel 6 ist möglicherweise eine diatopische Variation erkennbar: Hier hatte die Kor‐ rektorin 1, die aus Nordspanien stammt, die vom Proband VBV43 produzierte Konstruktion entrar al bosque durch entrar en el bosque ersetzt, was Korrektorin 2, die aus Argentinien stammt, folgendermaßen kommentierte: Esto está correcto. Según tengo entendido, entrar se usa más con en en España y con a en Latinoamérica. ‚Das ist richtig. Soweit ich weiß, benutzt man die Präposition en mit entrar ,eintreten’ eher in Spanien und eher mit a in Lateinamerika.‘ Dies bestätigt die bereits von Gili Gaya (1972) gemachte Beobachtung, dass diatopische Variation ebenfalls ein Grund für den schwankenden Gebrauch von Präpositionen sein könnte. Insgesamt muss aber festgehalten werden, dass die Präpositionen in den meisten Fällen von L1-Sprecherinnen korrekt gesetzt und Fälle wie in 2-6 eher gering vertreten sind. Auch bei den Kindern mit ungestörtem Erwerbsverlauf waren Fehler bei der Produktion eher selten. Dennoch zeigen auch diese wenigen Okkurrenzen, dass sich die Gruppe der Präpositionen selbst im nativen Sprachgebrauch nicht völlig stabil verhält und vor allem die Semantik bei der Produktion zu einer Herausforderung werden kann. Im Nachfolgenden soll noch ein kurzer Blick auf den Erwerb im L2-Kon‐ text geworfen werden, um zu prüfen, ob die möglichen Einflussfaktoren bei der Zur Dynamik von Präpositionen in complemento de régimen-Konstruktionen des Spanischen 59 <?page no="60"?> L1 (diatopische Variation, mögliche Anfälligkeit für Wandel im Sprachsystem selbst, Ökonomie und semantische Tiefe, Polysemie, mangelnde Salienz) auch bei Spanisch als L2 geltend gemacht werden können. 3.2 Präpositionen im L2-Erwerb Spanisch Präpositionen gelten im L2-Erwerb Spanisch als eine besonders große Heraus‐ forderung für Lerner: innen (Huerta 2009; Campillos Llanos 2014; Belda Torrijos 2019). Sie scheinen sehr fehlerbehaftet zu sein und können auch als persistent gelten, da nur wenig Progression im Erwerb zu beobachten ist, weshalb ihr fehlerhafter Gebrauch in der Literatur bisweilen als fossilisiert kategorisiert wird: Numerosos estudios han puesto de relieve que las preposiciones se encuentran entre los aspectos que más errores causan al alumno en el proceso de adquisición del español […]. Las dificultades que plantean las preposiciones derivan de su polifuncionalidad semántica (p. ej., de puede expresar un significado partitivo, origen o causa) y de las restricciones de selección paradigmática que el uso ha fijado para determinadas funciones (p. ej., por suele expresar causa, y para, finalidad). Dichas restricciones se acentúan en contextos de rección verbal o adjetival, o en locuciones y expresiones hechas, dado que la preposición adquiere un mayor valor léxico, y no es siempre posible sistematizar reglas de uso. Junto a los problemas léxicos o sintácticos que comporta dicha categoría per se, en los procesos de adquisición/ aprendizaje intervienen factores de interferencia de la lengua materna (en adelante, L1), y si ciertos errores no se corrigen desde las primeras fases, se convierten en un escollo problemático de superar […]. (Campillos Llanos 2014, 5-6) ‚Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass Präpositionen zu den Bereichen gehören, in denen Lernende beim Erwerb des Spanischen die meisten Fehler machen […] Die Schwierigkeiten, die die Präpositionen bereiten, ergeben sich aus ihrer semantischen Polyfunktionalität (z. B. kann de eine partitive Bedeutung haben sowie Ausgangs‐ punkt oder Ursache ausdrücken) und aus den Beschränkungen in der paradigmati‐ schen Auswahl, die der Sprachgebrauch für bestimmte Funktionen regelt (z. B. drückt por in der Regel Kausalität aus und para Finalität). Solche Beschränkungen werden in Kontexten verbaler oder adjektivischer Rektion oder auch in Lokutionen und fixierten Wendungen noch verstärkt, da die Präpositionen darin eher lexikalischer Natur sind und es nicht immer möglich ist, die Regeln für den Gebrauch zu systematisieren. Zusätzlich zu den lexikalischen oder syntaktischen Problemen, die mit dieser Kate‐ gorie einhergehen, kommen in Erwerbsbzw. Lernprozessen auch Faktoren wie Interferenzen aus der Muttersprache (im Folgenden L1) zum Tragen, und wenn 60 Evelyn Wiesinger, Johanna Wolf, Inga Hennecke <?page no="61"?> 9 Auflösung der Annotation: Angegeben wird stets [Kategorie + Fehlertyp + Ausprägung + Korrektur]; die korrekte Form findet sich an zweiter Position zwischen den beiden Hashtags. Für [DOM+ANY+OMI+] wäre das entsprechend Kategorie Differential Object Marking, betrifft alle Fälle, hier Auslassung der Präposition. Für [PREP+ANY+OMI+] wäre das Kategorie Präpositionen, alle Fehlertypen, Auslassung der Präposition und im Fall der Annotierung in (9) wäre die Ausprägung, dass eine falsche Präposition gesetzt wurde. bestimmte Fehler nicht von Anfang an korrigiert werden, werden sie zu einem echten Hindernis, das es zu überwinden gilt […].‘ Diatopische Variation als Fehlerursache kann für L2-Kontexte vermutlich größ‐ tenteils ausgeschlossen werden. Eine sehr wahrscheinliche Ursache für einen fehlerhaften Gebrauch der Präpositionen in der L2 ist dabei Interferenz, die über negativen Transfer aus bereits erworbenen Sprachsystemen erfolgt. Sie ist möglicherweise auch ein Grund, warum sich Fehler im Bereich DOM im L2-Er‐ werb im Vergleich zu L1-Produktionen verstärken, da DOM nur in wenigen Sprachen existiert - dies spiegelt sich beispielsweise in den Produktionen von Lerner: innen mit L1-Deutsch und führt zu Äußerungen wie in 7. Beispiel 8 zeigt hingegen einen klaren Fall für eine syntaktische Interferenz aus der L1-Deutsch, da die Konstruktion {namens + NP} auf die spanische Syntax übertragen wurde, die hier aber obligatorisch eine Präposition verlangt: (7) El ciervo para y derriba #0+a# [DOM+ANY+OMI+] 9 Fridolin. (XXXNESA2FSW0163, MuLeCo) (8) Un pequeño chico con el nombre #0+de# [PREP+ANY+OMI+] Paco y su #pero+perro# [ORT+PGC+OMI+] están observando #fascinada‐ mente+fascinados# (DEUNESB1FSW0185, MuLeCo) - (7) Der Hirsch bleibt stehen und stößt Fridolin zu Boden. (8) Ein kleiner Junge namens Paco und sein Hund schauen fasziniert zu. Diese Unterschiede zwischen L1- und L2-Spanisch werden in der Literatur denn auch oftmals als häufigste Ursache für einen inkorrekten Gebrauch beschrieben (Belda Torrijos 2019, 44). Doch nicht alle Okkurrenzen können durch interlinguale Einflüsse aus bereits erworbenen Sprachsystemen erklärt werden, wie Beispiel 9 illustriert. Hier wurde zwar offensichtlich gespeichert, dass die Konstruktion {VP llamar + Prep + NP} einen obligatorischen Slot mit Präposition enthält, aber nicht, wie dieser zu füllen ist: Zur Dynamik von Präpositionen in complemento de régimen-Konstruktionen des Spanischen 61 <?page no="62"?> (9) Primero buscan en el jardín, llaman #a+por# [PREP+ANY+FAL+] la Ventana. (DEUNESA2FSW0157, MuLeCo) eis (9) Zuerst suchen sie im Garten, sie rufen aus dem Fenster. Fehler dieser Art sprechen dafür, dass Faktoren, die in der L1-Spanisch als mögliche Ursachen für fehlerhaften Gebrauch veranschlagt wurden, auch in L2-Kontexten als Einflussfaktoren vermutet werden können: So scheinen fehlende Salienz und geringe semantische Tiefe durchaus den Erwerb und die Verarbeitung in der L2 mitzubeeinflussen. Insgesamt zeigt sich aber ein wesentlich heterogeneres Bild im fehlerhaften Gebrauch der Präpositionen in den L2-Kontexten als in der L1, was vermutlich darauf hindeutet, dass die Faktoren, die hier als mögliche Ursachen genannt wurden, in den jeweiligen Erwerbsverläufen anders zu gewichten sind und möglicherweise andere Mecha‐ nismen in der Verarbeitung des sprachlichen Inputs im L2-Erwerb dominant sind. Deutlich wurde jedoch, dass Präpositionen im L1-Erwerb der funktionalen Kategorien z. B. im Gegensatz zu Determinanten weniger stabil sind und auch in erwachsenen L1-Kontexten noch fehlerhafte Produktionen auftreten. Dies unterstreicht die Hypothese, dass Präpositionen eine hybride Stellung im Lexikon-Grammatik-Kontinuum einnehmen, wie auch die Ergebnisse der nachfolgenden Studie zeigen. 4 Forschungsstand zum complemento de régimen im Spanischen Für die Funktion spanischer Verbalanschlüsse in Konstruktionen des Typs V+P+X, wie in hablar de ‚sprechen von‘, confiar en ‚vertrauen auf ‘ oder renun‐ ciar a ‚verzichten auf ‘, hat sich in der hispanistischen Sprachwissenschaft die Bezeichnung complemento de régimen etabliert. Es handelt sich dabei um einen heterogenen Konstruktionstyp, der ab den 1960er Jahren Gegenstand einer Debatte um seine syntaktische Einordnung sowie die Abgrenzung von anderen präpositionalen Konstruktionen ist: Während Seco (1972) oder Gili Gaya (1978) noch von einem complemento circunstancial bzw. adjunto adverbial ausgehen, unterscheidet Alarcos Llorach (1966; 1980; 1990) mit dem Begriff des sog. suplemento eine neue syntaktische Funktion. Diese bleibt mehrere Jahrzehnte umstritten, u. a. da sich trotz zahlreicher Vorschläge keine in allen Fällen gültigen formalen Kriterien bzw. syntaktischen Tests zur eindeutigen Abgrenzung finden lassen (cf. Rodríguez Gallardo 2003 und Del Barrio 2005 62 Evelyn Wiesinger, Johanna Wolf, Inga Hennecke <?page no="63"?> 10 Dementsprechend weist die RAE (2009, §36) in der Nueva Gramática Española auf folgendes hin: „([…] a la espera de las investigaciones pertinentes), se advertirá al lector en la descripción de usos que se hará en las páginas siguientes que algunos de los grupos semánticos de complementos de régimen descritos en este capítulo podrían ser considerados adjuntos o complementos circunstanciales en otros análisis.“ [‚(…) in Erwartung einschlägiger Forschung) wird der Leser in der Beschreibung der Verwendungen auf den folgenden Seiten darauf hingewiesen, dass einige der in diesem Kapitel beschriebenen semantischen Gruppen von complementos de régimen in anderen Analysen als adjuntos oder complementos circunstanciales betrachtet werden könnten.‘]. für einen ausführlichen Überblick). 10 In den aktuellen Referenzgrammatiken des Spanischen ist diese syntaktische Funktion unter den Begriffen complemento (preposicional) de régimen verbal bzw. complemento de régimen preposicional (oder kurz: complemento de régimen) fest etabliert (cf. Cano Aguilar 1999; RAE 2009, §36). Diese wird von der Real Academia Española (RAE 2009, §36) folgen‐ dermaßen definiert: “[…] la función sintáctica de complemento de régimen preposicional […] corresponde a los grupos preposicionales argumentales que están pedidos o seleccionados semánticamente por diversos verbos, sustantivos y adjetivos“ [‚(…) die syntaktische Funktion des complemento de régimen prepo‐ sicional […] entspricht Präpositionalgruppen mit Argumentstatus, die durch verschiedene Verben, Substantive und Adjektive gefordert oder semantisch gewählt werden‘]. Laut RAE (2009, §36; 2019) zeichnet sich das complemento de régimen durch folgende Charakteristika aus (zit. nach Casanova Romero 2021, 95): • No admite sustitución por pronombres átonos, pero sí tónicos, con conservación de preposición: confió en eso, pensaba en ellos. • Admite omisión, pero en condiciones muy restrictivas (y su contenido se recupera a través del contenido léxico del predicado). […] • Es compatible con el complemento directo (llenó el tanque de gasolina) y con otro complemento de régimen (viajaban de Chile a Lima). • Dependiendo de la interpretación léxica, puede ser sustituido por un pronombre tónico (Se empeña en ello) o un adverbio (Viajó allí). (Casanova Romero 2021, 95) - • ‚Es kann nicht durch unbetonte, aber durch betonte Pronomen ersetzt werden, wobei die Präposition erhalten bleibt: confió en eso ‚er vertraute darauf ‘, pensaba en ellos ‚er dachte an sie‘.‘ • ‚Es kann weggelassen werden, allerdings unter sehr restriktiven Bedingungen (und seine Bedeutung kann durch die lexikalische Bedeutung des Prädikats erschlossen werden).‘ Zur Dynamik von Präpositionen in complemento de régimen-Konstruktionen des Spanischen 63 <?page no="64"?> 11 Während Brinton/ Traugott (2005, 123-129) mit Bezug auf das Englische von ‚lexikali‐ sierten‘ prepositional verbs sprechen, schränkt Lehmann (2002, 14) mit Referenz auf das Spanische ein, dass in diesem Falle nur bedingt von ‚Lexikalisierung‘ gesprochen werden kann: „We might therefore feel tempted to speak of a lexicalization of verb-pre‐ position collocations […]. However, the combination here remains discontinuous. Neither is there any evidence for a reanalysis […], whereby the verb would form a constituent together with the governing preposition.“ • ‚Es kann sowohl mit einem direkten Objekt (llenó el tanque de gasolina ‚er/ sie füllte den Tank mit Benzin‘) als auch mit einem anderen complemento de régimen kombiniert werden (viajaban de Chile a Lima ‚sie reisten von Chile nach Lima‘).‘ • ‚Je nach lexikalischer Interpretation kann es durch ein betontes Pronomen (Se empeña en ello ‚Er/ Sie beharrt darauf ‘) oder ein Adverb (Viajó allí ‚Er/ sie reiste dorthin‘) ersetzt werden.‘ Besonders polemisch wurde in der Debatte um die Abgrenzung des comple‐ mento de régimen von anderen Funktionen wie dem adjunto die Fixiertheit der Präposition als mögliches Kriterium diskutiert (cf. RAE 2009, §36). Diachrone Untersuchungen des Spanischen zeigen, dass die Fixiertheit der Präposition graduellem Sprachwandel unterworfen ist und mit zunehmender Desemanti‐ sierung einhergehen kann: „[las preposiciones] se podrán elidir o cambiar y se convertirán en meras partículas de enlace sin ninguna otra función“ [‚(die Präpositionen) können wegfallen oder sich verändern und werden zu bloßen Verbindungspartikeln ohne irgendeine andere Funktion‘] (Serradilla Castaño 1997, 57). 11 Allerdings weist Serradilla Castaño (1997, 1039) ebenso darauf hin, dass „la fijación del español actual tampoco es absoluta y […] persiste aún la alternancia“ [‚auch die Fixierung des aktuellen Spanisch nicht absolut ist (…) und weiterhin Alternanz besteht‘]. Auf die Möglichkeit einer gewissen synchronen Variation der Präposition wurde auch bereits in anderen Arbeiten hingewiesen (z. B. Cano Aguilar 1977-1978, 336), wobei sich verschiedene Aspekte der präpositionellen Alternanz unterscheiden lassen. Zum einen wird die Variation der Präposition mit semantischen Unterschie‐ den in Verbindung gebracht: So nimmt etwa Cano Aguilar (1999, 1832) bei hablar de vs. hablar acerca de/ en torno a ‚sprechen von/ über‘ verschiedene Grade der semantischen Spezifität der Präpositionen an. Bei den möglichen Präposi‐ tionalanschlüssen eines Verbs wie esforzarse ‚sich anstrengen; sich bemühen‘ werden dagegen größere semantische Unterschiede angegeben: esforzarse en (localización del esfuerzo ‚Lokalisierung der Anstrengung‘) vs. esforzarse por (motivo ‚Motivation (für die Anstrengung)‘) vs. esforzarse para (fin ‚Ziel (der Anstrengung)‘) (cf. Morera 1988, 387; Cano Aguilar 1999, 1849; Del Barrio 2005, 297). Ein weiteres Varianzkriterium kann die Art des Komplements darstellen 64 Evelyn Wiesinger, Johanna Wolf, Inga Hennecke <?page no="65"?> (cf. Cano Aguilar 1977-1978; 1981): So tritt beispielsweise das Verb atreverse ‚sich (heran)trauen‘ in Kombination mit einem Infinitivanschluss mit der Prä‐ position a ‚nach; um; zu‘ und in Kombination mit einem Nominalanschluss mit der Präposition con ‚mit‘ auf, cf. Se atrevió a levantar la mirada. ‚Er/ Sie wagte es, aufzublicken.‘ vs. Se atrevió con las comedias marcianas ‚Er/ Sie wagte sich an die Marciana-Komödien.‘ (Casanova Romero 2021, 138). Darüber hinaus wurden für das Spanische, wie bereits in Kapitel 3 erwähnt, auch diatopische Unterschiede im Hinblick auf die Dominanz einer bestimmten Präposition ausgemacht, z. B. entrar en in Spanien vs. entrar a ‚hineingehen‘ in Lateinamerika. Schließlich sind auch diastratische und diaphasische Unterschiede anzunehmen, z. B. encararse a (neutro ‚neutral‘) vs. encararse con (culto ‚bildungssprachlich‘) ‚entgegentreten, die Stirn bieten‘, die bislang allerdings kaum untersucht wurden (RAE 2009, §36; Casanova Romero 2021, 140). Entscheidend für die vorliegende Studie ist die Tatsache, dass die präpositio‐ nelle Varianz des complemento de régimen einiger Verben auch „sin matices de significado diferenciados“ [‚ohne differenzierte Bedeutungsnuancen‘](Casa‐ nova Romero 2021, 395) innerhalb einer (modernen) Spanischvarietät beobach‐ tet wurde (cf. auch RAE 2009, §36). Eine der bislang ausführlichsten empirischen Studien zu diesem Thema liegt mit der Arbeit von Casanova Romero (2021) vor, die die Perspektive auf das complemento de régimen „como hecho de variación (Aijón Oliva 2008)“ aufgreift (Casanova Romero 2021, 405; Kursivierung im Original). Unter anderem untersucht sie auf der Basis der Offlineversion des Corpus del Español: Web/ Dialects (Davies 2016; Casanova Romero 2021, 153-156) für verschiedene europäische und lateinamerikanische Varietäten des Spani‐ schen, inwiefern die Verben confiar ‚(an)vertrauen‘, admirar(se) ‚bewundern‘, corresponder(se) ‚entsprechen, übereinstimmen‘, asomar(se) ‚sich hinauslehnen‘, atar ‚anbinden‘, tachar ‚bezeichnen als‘, insistir ‚bestehen auf ‘ und consistir ‚bestehen aus, sich handeln um‘ eine Varianz der Präposition aufweisen und mit welchen Faktoren diese ggf. zusammenhängt. Die in die Studie einbezogenen, semantisch eher als abstrakt einzustufenden Konstruktionen erweisen sich dabei als besonders interessant, da Alternanzen ansonsten eher mit wenig desemantisierten Präpositionen angenommen wurden (z. B. venir de/ desde París; RAE 2009, §36.1h). Dennoch ergibt die quantitative Korpusauswertung nicht nur, dass für das complemento de régimen der genannten Verben eine gewisse Variabilität der Präposition im modernen Spanisch vorliegt, sondern zeigt auch, dass insbesondere für atar a/ con ‚anbinden‘, corresponder(se) a/ con ‚über‐ einstimmen mit‘, insistir en/ sobre ‚bestehen auf ‘, admirar en/ de ‚bewundern an‘, confiar en/ de/ con ‚vertrauen auf ‘ und consistir en/ de/ a ‚bestehen aus‘ keine oder nur geringfügige semantische und/ oder diatopische Unterschiede vorliegen. Zur Dynamik von Präpositionen in complemento de régimen-Konstruktionen des Spanischen 65 <?page no="66"?> 12 Die Aufgabenstellung lautete wie folgt: „A continuación le presentamos algunas frases. Evalúe las frases en una escala de 1 (nada natural) a 7 (totalmente natural). Confíe en su instinto personal del lenguaje: una frase es natural si se la utiliza en la vida cotidiana, por ejemplo, en una conversación con amigos, familiares o vecinos.“ [‚Im Folgenden präsentieren wir Ihnen einige Sätze. Bewerten Sie die Sätze auf einer Skala von 1 (gar nicht natürlich) bis 7 (völlig natürlich). Vertrauen Sie auf Ihr persönliches Sprachgefühl: Ein Satz ist natürlich, wenn er im Alltag verwendet wird, z. B. in einem Gespräch mit Freunden, mit der Familie oder mit Nachbarn.‘]. Dementsprechend wurden diese Verben und ihre verschiedenen präpositionalen Anschlüsse als Grundlage für unsere Akzeptabilitäts-Pilotstudie ausgewählt, die im nächsten Abschnitt genauer beschrieben wird. 5 Vorläufige Ergebnisse einer ersten Pilotstudie 5.1 Studiendesign Unsere Pilotstudie zur Dynamik von Präpositionen in spanischen complemento de régimen-Konstruktionen, deren Ergebnisse nachfolgend präsentiert werden, wurde als Akzeptabilitätsstudie konzipiert, die im Zeitraum vom 24.04.2023 bis 23.07.2023 über das Befragungsportal SoSciSurvey (https: / / www.soscisurvey.de/ ) online verfügbar war. Sie konzentriert sich zunächst ausschließlich auf Spre‐ cher: innen mit Spanisch als Erst- und Hauptsprache, berücksichtigt allerdings zusätzlich eine diatopische Unterscheidung zwischen Teilnehmenden aus Spa‐ nien und Argentinien, um auch das (Nicht-)Vorhandensein diatopischer Unter‐ schiede, wie sie in Korpusstudien festgestellt wurden, cross-methodisch zu überprüfen. Die Akzeptabilitätsstudie folgt einem klassischen Listendesign, in dem die Teilnehmenden nach drei Übungssätzen für 23 automatisch randomisierte Testsätze und 19 Distraktoren (Filler-Sätze) ein Akzeptabilitätsurteil auf einer Likert-Skala von 1 bis 7 abgeben mussten. 12 Zusätzlich wurden für alle Teilneh‐ menden soziolinguistische Metadaten, u. a. zur Biographie und zu Sprachkennt‐ nissen erhoben. Die Testsätze bestehen aus Satzpaaren bzw. -tripletten, in denen jeweils nur die Präposition des complemento de régimen ausgetauscht wurde (z. B. Vuelvo a insistir en/ sobre mi idea. ‚Ich insistiere noch einmal auf meiner Idee.‘). Die getesteten Items (Verb + Präpositionen) wurden auf der Basis der Ergebnisse der unter 4. vorgestellten Korpusstudie von Casanova Romero (2021) nach den Kriterien ausgewählt, dass keine nennenswerten semantischen Unterschiede zwischen der Kombination des Verbs mit verschiedenen Präpositionen bei derselben Art des Komplements sowie keine oder nur geringfügige diatopische 66 Evelyn Wiesinger, Johanna Wolf, Inga Hennecke <?page no="67"?> 13 Aufgrund der in der Pilotstudie doch sichtbaren größeren semantischen Unterschiede wurde diese Konstruktion von der nachfolgenden Analyse, ebenso wie von der Haupt‐ studie (vgl. Hennecke/ Wiesinger/ Wolf in Vorbereitung.) ausgeschlossen. 14 Wir bedanken uns bei Helmut Küchenhoff und Eugen Gorich vom Team des Statisti‐ schen Beratungslabor der LMU (StatLab LMU München) für die Visualisierung der Studienergebnisse und die Erstellung der Abbildungen sowie für die Berechnung der Mittelwerte der Studienergebnisse (https: / / www.stablab.stat.uni-muenchen.de/ index.h tml). Unterschiede zwischen verschiedenen Varietäten des Spanischen festgestellt wurden. Die Testsätze umfassten dementsprechend die folgenden Kombina‐ tionen aus Verb und Präpositionen: asomarse a/ por/ en (la ventana) ‚sich aus dem Fenster lehnen/ sich am Fenster zeigen‘; 13 atar a/ con (la finca) ‚an (die Finca) binden‘, corresponder(se) a/ con (la foto) ‚mit (dem Bild) übereinstimmen‘, insistir en/ sobre (la idea) ‚bestehen auf (der Idee)‘, admirar en/ de (ti) ‚an (dir) bewundern‘, confiar en/ de/ con (nosotros) ‚auf (uns) vertrauen‘, consistir en/ de (pequeñas tiendas) ‚aus (kleinen Geschäften) bestehen‘, consistir en/ de/ a (estar en tu país) ‚(darin) bestehen (in deinem Land zu sein)‘. Diese wurden innerhalb der Satzpaare bzw. -tripletten mit identischen Komplementen kombiniert. In der statistischen Auswertung wurde das Akzeptabilitätsurteil der Teilneh‐ menden, genauer gesagt die Antworten 1 bis 7 auf der Likert-Skala, untersucht. Dabei wurden mit Methoden der deskriptiven Statistik sowohl die Mittelwerte der Antworten der Teilnehmenden aus Spanien und Argentinien auf die einzel‐ nen Teilsätze verglichen als auch der Streuungsgrad der Antworten auf die einzelnen Testsätze. 14 In dieser ersten statistischen Betrachtung der Ergebnisse liegt der Fokus be‐ wusst nicht auf inferenzstatistischen Methoden zur Untersuchung statistischer Zusammenhänge zwischen verschiedenen Variablen. Vielmehr ist das Ziel der deskriptiven Analyse ein qualitativ ausgelegter Vergleich der individuellen Antworten auf die einzelnen Testitems. Dabei soll vor allem darauf geachtet werden, ob und welche Unterschiede zwischen den einzelnen Testitems auftre‐ ten, um mögliche Regelmäßigkeiten festzustellen. Diese Art der Analyse bietet sich besonders an, um die interne Dynamik und Variation der Präposition in spanischen complemento de régimen-Konstruktionen zu erfassen. In weiteren Untersuchungen sollen in einem nächsten Schritt auch inferenzstatistische Me‐ thoden sowie psycholinguistische Ansätze zur Online-Verarbeitung verwendet werden (vgl. auch Kapitel 6). Zur Dynamik von Präpositionen in complemento de régimen-Konstruktionen des Spanischen 67 <?page no="68"?> 5.2 Ergebnisse der Pilotstudie Die in diesem Abschnitt präsentierte Auswertung der Pilotstudie stellt einen Zwischenstand der Ergebnisse dar, insofern nur die bis zum 17.05.2023 erhobe‐ nen Daten berücksichtigt wurden. Diese umfassen die Rückmeldungen von insgesamt 78 Teilnehmenden an der Onlinebefragung, darunter 27 aus Spanien und 28 aus Argentinien. Im Hinblick auf die Unterschiede zwischen der spani‐ schen und der argentinischen Testgruppe lässt sich allgemein festhalten, dass die Differenz der Mittelwerte zwischen -1.11 und 1.97 liegt: Dies spiegelt die bei einzelnen Testitems durchaus vorhandenen diatopischen Unterschiede, die im Weiteren genauer ausgeführt werden. Zudem lässt sich global festhalten, dass die argentinischen Teilnehmenden sich i. d. R. restriktiver als die spanischen im Hinblick auf die Akzeptanz verschiedener Präpositionen verhalten. Im Folgenden sollen in einer qualitativen Analyse der deskriptiv dargestellten Ergebnisse exemplarisch vier Testitems besprochen werden, die sich im Hinblick auf die Akzeptanz verschiedener Präpositionen und den Streuungsgrad der Ant‐ worten der Teilnehmenden unterscheiden. Sie erlauben somit im Idealfall erste Rückschlüsse auf aus Sicht der Sprecher: innen eher ‚verfestigte‘ oder eher ‚fle‐ xiblere‘ Präpositionen und ein möglicherweise daraus ableitbares Kontinuum spanischer complemento de régimen-Konstruktionen. Zudem wird exemplarisch auch auf ein in der Pilotstudie problematisches Testitem eingegangen. Eine erste Konstruktion, die sich nahe am Pol der Verfestigung verorten lässt, findet sich nach den Ergebnissen unserer Pilotstudie unter den möglichen Kombinationen confiar en/ de/ con (nosotros) ‚auf (uns) vertrauen‘. Wie Abb. 1 zur Verteilung der Antworten (in %) unter den drei Testkonditionen (jeweils mit der Präposition en, de und con) zeigt, weisen die Urteile der Proband: innen eine sehr geringe Streuung auf: Sowohl bei den Teilnehmenden aus Spanien als auch aus Argentinien erhält confiar en mit großem Abstand die höchsten Akzeptabilitätswerte und kann damit als die prototypische, bei den befragten Sprecher: innen des europäischen und argentinischen Spanisch stark verfestigte Konstruktion eingeschätzt werden. Diese Ergebnisse der Akzeptabilitätsstudie decken sich in diesem Fall mit der Dominanz von confiar en in den quantitativen Korpusbefunden für Spanien und Argentinien (cf. Casanova Romero 2021, 320, 330, 406) und entsprechen ebenso dem propagierten ‚Standard‘ mit en als einziger „preposición normativa“ (Casanova Romero 2021, 329; cf. auch RAE 2005, 167). Die Verteilung der Antworten im Hinblick auf die beiden alternativen Präpositionen zeigt eine etwas höhere Akzeptanz von confiar de/ con in Spanien im Vergleich zu Argentinien, wohingegen die Frequenz dieser Kombinationen in den argentinischen Korpusdaten minimal höher als in den spanischen ausfällt 68 Evelyn Wiesinger, Johanna Wolf, Inga Hennecke <?page no="69"?> 15 Diese und alle weiteren angegebenen normalisierten Frequenzen beziehen sich auf eine Million Wörter in den Subkorpora für das europäische bzw. argentinische Spanisch der Offlineversion des Corpus del Español: web/ dialects (cf. Casanova Romero 2021, 215). (mit einer normalisierten Frequenz 15 von 0,03 vs. 0,02 für confiar de und 0,01 vs. 0,0 (2 Belege) für confiar con) (cf. Casanova Romero 2021, 330). Abb. 1: Anteil der Antworten (in %) unter den Testkonditionen Juan confía en nosotros (FE12), Juan confía de nosotros (FE13) und Juan confía con nosotros (FE14) ‚Juan vertraut auf uns‘. Die Buchstaben-Zahlen-Kombination gibt jeweils die Nummer des Testsatzes in der Onlineumfrage an. Ein zweiter, leicht anders gelagerter Fall soll anhand der Konstruktionen admirar en/ de (ti) ‚an (dir) bewundern‘ veranschaulicht werden. Wie Abb. 2 zeigt, findet sich bei den spanischen wie den argentinischen Teilnehmenden die höchsten Akzepta‐ bilitätswerte für admirar de, allerdings auch eine größere (und in beiden Varietäten annähernd vergleichbare) Streuung der Akzeptabilität des alternativen admirar en. Diese etwas größere ‚Flexibiliät‘ der Präposition aus Sicht der Sprecher: innen der beiden untersuchten Spanischvarietäten deckt sich mit Casanova Romeros (2012, 336-338) Befunden, in denen sowohl admirar de als auch admirar en in den Zur Dynamik von Präpositionen in complemento de régimen-Konstruktionen des Spanischen 69 <?page no="70"?> spanischen und argentinischen Korpusdaten belegt waren und auch eine identische quantitative Verteilung aufwiesen (mit jeweils einer normalisierten Frequenz von 0,04 für admirar de und von 0,02 für admirar en). Abb. 2: Anteil der Antworten (in %) unter den Testkonditionen Esa es una de las cosas que admiro en ti (FE10) und Esa es una de las cosas que admiro de ti (FE11) ‚Das ist eines der Dinge, die ich an dir bewundere‘. Das Testitem, das im Sinne unserer Auswertung der Akzeptabilitätsstudie die größte ‚Flexibilität‘ bei der Wahl der Präposition aufweist, ist insistir en/ sobre (la idea) ‚insistieren auf (der Idee)‘. Die Sprecher: innen des europäischen und argentinischen Spanisch zeigen hier jeweils nur geringe Unterschiede, was die Akzeptanz der beiden Präpositionen betrifft, die beide mehrheitlich als ‚völlig‘ oder ‚sehr natürlich‘ bewertet werden (cf. Abb. 3). Dieser Befund unterscheidet sich deutlich von den Ergebnissen der Korpusanalyse, in der Casanova Romero (2021, 384) in den europäischen und argentinischen Daten jeweils ein deutliches Übergewicht von insistir en feststellt (mit einer normalisierten Frequenz von 2,21 bzw. 2,36 in Argentinien bzw. Spanien im Vergleich zu einer Frequenz 70 Evelyn Wiesinger, Johanna Wolf, Inga Hennecke <?page no="71"?> 16 Möglicherweise spielen bei der Auswertung der rein web-basierten Korpusdaten diastratische oder diaphasische Faktoren eine Rolle; hierzu liegen jedoch bislang keine Untersuchungen vor (vgl. Kapitel 3). 17 Die insgesamt geringere Akzeptabilität von insistir en/ sobre durch die argentinischen im Vergleich zu den spanischen Teilnehmenden könnte durch die größere Präsenz einer dritten Alternative, insistir con, im argentinischen Spanisch bedingt sein (cf. Casanova Romero 2021, 383-384). Diese wurde in der Pilotstudie nicht berücksichtigt, fließt aber in die Hauptstudie mit ein (cf. Hennecke/ Wiesinger/ Wolf in Vorbereitung). von 0,08 bzw. 0,03 für insistir sobre  16 ). Die Ergebnisse der Akzeptabilitätsstudie decken sich allerdings mit den normativen Vorgaben der RAE, die im Diccionario panhispánico de dudas (2005, 367) für insistir die Präpositionen en und sobre mit einem nominalen Komplement akzeptiert. 17 Abb. 3: Anteil der Antworten (in %) unter den Testkonditionen Vuelvo a insistir en mi idea (FE06) und Vuelvo a insistir sobre mi idea (FE 07) ‚Ich insistiere noch einmal auf meiner Idee‘. Während die Akzeptabilitätsstudie bei den bisher vorgestellten Testitems ein relativ klares Bild von der Variabilität der Präposition in der Perzeption durch die Proband: innen ergibt - von confiar en mit einer eher ‚verfestigten‘ Präposition über admirar en/ de mit einer Präferenz für admirar de bis hin zum eher ‚flexiblen‘ Zur Dynamik von Präpositionen in complemento de régimen-Konstruktionen des Spanischen 71 <?page no="72"?> 18 Eine Limitierung von Akzeptabilitätsstudien ist, dass nicht entscheidbar ist, ob die Proband: innen sich bei ihrem Urteil von ihrer Vorstellung von Standard leiten lassen oder von dem, was ihnen durch den eigenen Sprachgebrauch bzw. den Sprachgebrauch ihrer Umgebung als akzeptabel erscheint (vgl. auch Kapitel 6 unten). Präpositionsslot bei insistir en/ sobre - soll abschließend ein viertes Testitem diskutiert werden, für das die Studie dagegen kein eindeutiges Ergebnis liefert. 18 Es handelt sich dabei um das complemento de régimen des Verbs consistir, das in der Akzeptabilitätsstudie sowohl mit nominalem Anschluss (consistir en/ de (pe‐ queñas tiendas) ‚aus (kleinen Geschäften) bestehen‘) als auch mit Infinitivanschluss (consistir en/ de/ a (estar en tu país) ‚(darin) bestehen (in deinem Land zu sein)‘) getestet wurde. In beiden Fällen ergab sich nicht nur eine relativ breite Streuung der Akzeptabilitätsurteile, sondern auch eine vergleichsweise geringe Akzeptabilität für alle Testkonditionen und beide Spanischvarietäten (cf. Abb. 4 und 5): Abb. 4: Anteil der Antworten (in %) unter den Testkonditionen Muchas de las empresas consisten en pequeñas tiendas de personas que viven junto a sus propiedades comerciales (FE17) und Muchas de las empresas consisten de pequeñas tiendas de personas que viven junto a sus propiedades comerciales (FE 18) ‚Viele der Unternehmen bestehen aus kleinen Läden, die von Menschen betrieben werden, die in der Nähe ihrer Geschäftsräume wohnen.‘ 72 Evelyn Wiesinger, Johanna Wolf, Inga Hennecke <?page no="73"?> Abb. 5: Anteil der Antworten (in %) unter den Testkonditionen La felicidad que consiste en estar en tu país (FE19), La felicidad que consiste de estar en tu país (FE 20) und La felicidad que consiste a estar en tu país (FE21) ‚Das Glück, das darin besteht, wenn man in seinem Land ist.‘ Die geringe Akzeptabilität ist dabei besonders erstaunlich bei consistir en, das in der Korpusanalyse mit 98 % aller Korpusbelege für das Verb consistir bei weitem gegenüber anderen Präpositionen dominiert (cf. Casanova Romero 2021, 386, 391-392) und bislang als régimen „exclusivo y obligatorio“ (Cano Aguilar 1999, 1828) charakterisiert wurde (cf. auch RAE 2005, 173). Die sehr geringe Akzeptanz von consistir de bzw. consistir a stimmt dagegen mit der sehr geringen Korpusfrequenz bzw. der Abwesenheit in den Korpusdaten überein (0,06 bzw. 0,01 in den argentinischen und 0,04 bzw. 0,0 (kein Beleg) in den spanischen Daten) (cf. Casanova Romero 2021, 392). Ebenso wird consistir de von normativen Instanzen wie der RAE explizit abgelehnt (cf. RAE 2005, 173; 2020). Für die unerwartet geringe Akzeptabilität von consistir en kommt als mögliche Erklärung die Gestaltung der Testsätze selbst in Frage bzw. die Tatsache, dass hier möglicherweise weitere Restriktionen (z. B. in Bezug auf die Semantik des Komplements) eine Rolle spielen, was in der Hauptstudie (cf. Hennecke/ Wiesinger/ Wolf in Vorbereitung) zu berücksichtigen sein wird. Zur Dynamik von Präpositionen in complemento de régimen-Konstruktionen des Spanischen 73 <?page no="74"?> 19 Möglicherweise spielt aber für die Alternanz zwischen insistir en/ sobre in der Tat die Tatsache eine Rolle, dass sobre ein geringerer Desemantisierungsgrad als z. B. de zuge‐ schrieben wird, vgl. Cano Aguilar (1999, 1832). Einen weiteren, in zukünftigen Studien zu berücksichtigenden Faktor stellt die Gebrauchsfrequenz der Konstruktion sowie der Präposition dar. Casanova Romero (2021, 395) gibt etwa folgende korpusbasierte Frequenz (in absteigender Reihenfolge) an: de>en>a>con>por>sobre. 6 Fazit und Ausblick Als ein erstes - sicher noch vorläufiges - Ergebnis unserer Akzeptabilitätsstu‐ die zu spanischen complemento de régimen-Konstruktionen kann festgehalten werden, dass sie bestätigt, dass die untersuchten Items aus Sicht der befragten erwachsenen L1-Sprecher: innen des Spanischen in unterschiedlichem Grad eine gewisse Variabilität der Präposition zulassen. Zudem lassen sich die hier präsentierten Testitems in der Tat entlang eines Kontinuums zwischen Konstruktionen mit einer eher ‚verfestigten‘ Präposition (wie bei confiar en) bis hin zu Konstruktionen mit einem eher ‚flexiblen‘ Präpositionsslot (wie bei insistir en/ sobre) einordnen. Interessant ist zudem, dass sich diese festgestellten Tendenzen in gleicher Weise bei den spanischen und argentinischen Teilneh‐ menden beobachten lassen, wenn auch mit unterschiedlich stark ausgeprägten diatopischen Unterschieden. Im Allgemeinen zeigt sich eine stärkere Akzepta‐ bilität verschiedener Präpositionen durch die spanischen Teilnehmenden im Vergleich zu den argentinischen Befragten, die sich restriktiver verhalten. In theoretischer Hinsicht stellt eine wichtige Folgerung aus unseren Ergeb‐ nissen die Tatsache dar, dass diese nicht nur der traditionellen Vorstellung einer generell starken Fixierung der Präposition in complemento de régimen-Kon‐ struktionen zumindest für einzelne Testitems widersprechen, sondern auch der pauschalen Annahme, dass sich präpositionale Alternanzen mit wenig desemantisierten Präpositionen bzw. in semantisch weniger abstrakten Kon‐ struktionstypen finden lassen (u. a. RAE 2009, §36.1h, vgl. 5.1): Bei den hier untersuchten Testitems handelt es sich durchweg um semantisch abstrakte Konstruktionen mit Präpositionen, denen verschiedene, z. T. sehr hohe Dese‐ mantisierungsgrade zugeschrieben wurden. 19 Die kognitiv-konstruktionsgram‐ matisch inspirierte Analyse der Variabilität der Präposition innerhalb eines spezifischen Konstruktionstyps verweist dagegen auf die Notwendigkeit einer differenzierteren Betrachtung des möglichen Zusammenhangs zwischen der Abstraktheit der Konstruktionsbedeutung als Ganzes, der Desemantisierung der Präposition sowie ihrer Fixiertheit bzw. Variabilität innerhalb eines be‐ stimmten Konstruktionstyps. Im Einklang stehen unsere Ergebnisse dagegen mit Befunden aus L1-Spracherwerbsstudien (vgl. Kapitel 3), die zeigen, dass 74 Evelyn Wiesinger, Johanna Wolf, Inga Hennecke <?page no="75"?> sich bei L1-Sprecher: innen ‚Fehler‘ (d. h. nicht-normative Abweichungen) bei Präpositionen v.-a. bei solchen mit nicht-konkreten Bedeutungen finden. Aus methodischer Sicht lässt sich zudem festhalten, dass die hier erhobenen Akzeptabilitätsurteile zwar großzügiger ausfallen als die Vorgaben normativer Instanzen wie der RAE - dennoch stimmen die Akzeptabilitätspräferenzen deutlich mit den von der RAE tolerierten Präpositionen in den jeweiligen complemento de régimen-Konstruktionen überein. Im Gegensatz dazu decken sich die Ergebnisse der Akzeptabilitätsstudie zwar häufig - aber eben nicht in allen Fällen - mit den von Casanova Romero (2021) ermittelten quantitativen Korpusbefunden, die als Proxy für eine mögliche Gebrauchsnorm interpretiert werden können. Dies wurde besonders deutlich beim Testitem insistir en/ sobre, für das eine klare Korpusdominanz von insistir en festgestellt wurde, für das sich aber in unserer Studie ebenso eine relativ große Akzeptabilität von insistir sobre ergab, die beide von der RAE als normgerecht eingestuft werden. Die hier ermittelten Akzeptabilitätsurteile präsentieren sich somit in einem gewissen Spannungsfeld zwischen der (frequenzbasierten) Gebrauchsnorm und der (institutionell vermittelten) Standardnorm und bilden tendenziell eher das metasprachliche, explizite Wissen der Teilnehmenden (wie es z. B. in formalen Bildungskontexten vermittelt wird) und nicht unbedingt ihr implizites Gebrauchswissen ab (cf. auch Jegerski 2018, 223). Nicht zuletzt lässt die extrem geringe Akzeptabilität einiger Testitems trotz eindeutiger und übereinstimmender Gebrauchspräferenzen und normativer Vorgaben (wie z. B. bei consistir en) darauf schließen, dass für die geplante Hauptstudie eine Verfeinerung des Studiendesigns im Hinblick auf die ausge‐ wählten Testsätze notwendig ist. Besondere Berücksichtigung müssen dabei Item-spezifische semantische Aspekte (z. B. im Hinblick auf die Art des Kom‐ plements) ebenso wie mögliche diatopische, diastratische oder diaphasische Restriktionen finden (cf. Hennecke/ Wiesinger/ Wolf in Vorbereitung). Ebenso soll in der Hauptstudie der Frage nachgegangen werden, inwiefern sich die Akzeptabilitätsstudie auch auf andere Sprecher: innengruppen wie L2-Lernende oder herkunftssprachliche L1-Sprecher: innen des Spanischen ausweiten lässt. Bei diesen sind im Vergleich zu den hier untersuchten L1-Sprecher: innen in Spanien und Argentinien deutliche Unterschiede im Hinblick auf die Kenntnisse der Gebrauchsund/ oder Standardnorm(en) anzunehmen, ebenso wie mögliche Einflüsse aus L1bzw. dominanten Sprachen (vgl. Kapitel 4). Perspektivisch möchten wir darüber hinaus in unserer weiteren Forschung zur Variabilität der Präposition in spanischen complemento de régimen-Kon‐ struktionen im Rahmen des CoPrEspa-Projekts untersuchen, inwiefern sich bei verschiedenen Sprecher: innengruppen nicht nur Korrelationen zwischen Zur Dynamik von Präpositionen in complemento de régimen-Konstruktionen des Spanischen 75 <?page no="76"?> quantitativen Korpusbefunden und Akzeptabilitätsurteilen, sondern auch mit Befunden aus psycholinguistischen Ansätzen zur Online-Verarbeitung der Prä‐ position in complemento de régimen-Konstruktionen finden lassen. Dies soll auch zur Klärung der Frage beitragen, inwiefern die (u. a. semantischen und frequentiellen) Eigenschaften von Präpositionen und spezifischen Konstrukti‐ onstypen mit der Fixiertheit bzw. Variabilität der Präposition korrelieren. Bibliographie Aijón Oliva, Miguel Á. 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This ruling was perceived as a misapprehension of the mafia’s pervasive impact and an affront to Italy’s entrenched tradition of antimafia legislation and civil resistance. The analysis is based on a corpus of 26 articles from both national and regional Italian press, focusing on the viewpoints of antimafia magistrates and citizen movements like Libera, advocating for the law’s maintenance in memory of victims against the mafia’s law of silence. The research emphasizes the significance of framing in counterhegemonic discourse, aiming to make antimafia resistance terminology accessible in other lang‐ uages by integrating Italian arguments into a modified FrameNet criminal scenario framework. Employing FrameNet as a metalinguistic tool, the study revisits key semantic roles for ergastolo ostativo within frames such as crime commission and sentencing, encompassing perpetrators, victims, time and historical context, space and mafia territory, as well as criminal and legal goals. The crime scenario is further contextualized by examining risks for magistrates, victims’ relatives, and citizens arising from the conditional release of mafiosi back into their communities. <?page no="84"?> Key words: Semantic Frames, FrameNet, discourse studies, discourse analysis, corpus linguistics Abstract Im Jahr 2019 urteilte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR), dass das „ergastolo ostativo“, eine lebenslange Freiheitsstrafe ohne Bewährung für Mafiabosse, die Menschenrechte aufgrund übermäßi‐ ger Restriktivität verletzt. Diese Entscheidung erforderte eine Neubewer‐ tung des Gesetzes durch die italienischen Behörden und entfachte erheb‐ liche Kontroversen. Das Urteil wurde als Missverständnis der umfassenden Mafia-Einflussnahme und als Affront gegen Italiens etablierte Tradition der Antimafia-Gesetzgebung und des zivilen Widerstands betrachtet. Die Analyse basiert auf einem Korpus von 26 Artikeln aus der nationalen und regionalen italienischen Presse, die die Perspektiven von Antimafia-Ma‐ gistraten und Bürgerbewegungen wie Libera beleuchten, die für den Erhalt des Gesetzes im Gedenken an die Opfer eintreten. Die Forschung unter‐ streicht die Bedeutung des Framings im kontrahegemonialen Diskurs und zielt darauf ab, die Terminologie des Antimafia-Widerstands in anderen Sprachen zugänglich zu machen, indem italienische Argumente in ein modifiziertes FrameNet-Kriminalszenario integriert werden. FrameNet wird als metalinguistisches Modell eingesetzt, um zentrale semantische Rollen für das ergastolo ostativo in Rahmen wie Verbrechensbegehung und Verurteilung neu zu interpretieren. Das Kriminalszenario wird weiter kontextualisiert, indem die Risiken für Magistrate, Angehörige der Opfer und Bürger untersucht werden, die sich aus der bedingten Freilassung von Mafiosi in ihren Gemeinden ergeben. Key words: Semantische Frames, FrameNet, Diskursstudien, Diskursana‐ lyse, Korpuslinguistik 1 Vers une analyse conceptuelle d’un débat social sur la mafia: contexte, motivation et objectifs La présente contribution s’inscrit dans un projet de recherche FRAMC, Framing Antimafia Civica, qui étudie le discours contre-hégémonique du mouvement antimafia italien, à partir d’une approche discursive inscrite dans la sémantique des cadres (frame semantics). Dans cet article, nous explorons l’utilisation heuristique du FrameNet, susceptible de capter la structure conceptuelle d’un débat public italien sur un aspect de la législation anti-mafia, récemment remis en question à l’échelle européenne. Les journaux belges, comme Le Soir, 84 Paul Sambre <?page no="85"?> commentent assez laconiquement une décision de la Cour européenne des droits de l’homme (CEDH)-: La CEDH considère que l’ergastolo ostativo « restreint excessivement (…) la possibilité de réexamen de la peine », constituant une peine « inhumaine ou dégradante », au sens de l’article 3 de la Convention européenne des droits de l’homme. […] Une décision mal accueillie en Italie. […] Pas sûr qu’à Strasbourg on ait pris en compte les spécificités mafieuses : allégeance, omerta et code d’honneur. (Colart, 2019) Nous nous intéresserons à l’ergastolo ostativo et au conséquent régime carcéral de l’article 41 bis, qui imposent aux chefs mafieux la réclusion à perpétuité sans aménagement de peine, assortie de conditions pénitentiaires rigoureuses et l’impossibilité d’une liberté conditionnelle. La CEDH a jugé, en 2019, après une plainte d’un mafieux, que ces mesures violaient les droits humains, obligeant le législateur italien à réviser la loi sur la fine pena mai. En Italie, cette condamnation a été perçue comme une incompréhension de l’UE du bien-fondé de la peine, vu l’emprise des mafias sur la société italienne. Notre corpus se situe dans la période où la CEDH a statué et où le gouvernement italien déterminait sa réponse législative. Nous rendons compte de la controverse, notamment parmi les hauts magistrats de l’antimafia menacés par les mafias, et les mouvements citoyens comme Libera (dalla Chiesa, 2014). Nous décrirons en français les critiques des experts, associations et victimes partisans de l’ergastolo ostativo, exigeant le maintien de la loi, sans refonte majeure. Pourquoi admettrait-on que tous les condamnés ne jouissent pas des mêmes droits, même pour des crimes graves tels que les règlements de compte mafieux, les assassinats de magistrats ou de victimes innocentes ? Dans des pays comme la Belgique ou la France, ayant aboli la peine de mort, il est désormais admis que toute peine de prison devrait conduire graduellement, par une prise de conscience morale, à la rééducation et à la réinsertion. Même si, en Italie, certains juristes jugent l’ergastolo inhumain et sans espoir, comme certains constituti‐ onnalistes ou l’association Nessuno tocchi Caino, bon nombre d’acteurs sociaux réputés le défendent à tout prix. Nous nous efforcerons donc, à travers la voix de ceux, magistrats, proches de victimes et mouvements citoyens, qui continuent à subir la violence mafieuse, de saisir la pertinence communicative, linguistique et conceptuelle de l’ergastolo ostativo et de son régime pénitentiaire. Dans la couverture médiatique italienne du procès CEDH, dans l’indignation publique italienne et dans le résumé parfois simpliste des médias européens, la langue joue un rôle fondamental à trois égards. Les organisations mafieuses se caractérisent par la loi du silence imposée sur un territoire par l’intimidation. Pour ceux qui s’opposent à la mafia, il est donc essentiel de pouvoir aborder Ergastolo ostativo 85 <?page no="86"?> librement ces thèmes : après les assassinats de politiciens, magistrats et policiers, culminant dans l’assassinat des juges Giovanni Falcone et Paolo Borsellino, citoyens, journalistes et autres acteurs se sont exprimés contre la criminalité organisée. Les mouvements de l’antimafia civile recueillent ces discours contre‐ hégémoniques (Sambre, 2017), prônant valeurs démocratiques et justice sociale contre la loi du silence. Ensuite, vu que la Cosa Nostra sicilienne a adopté depuis les maxiprocès contre les Corléonais un profil bas et qu’une autre mafia globalisante, la ‘ndrangheta, a pris le dessus, toute reconceptualisation devra être fidèle aux nouvelles dynamiques d’infiltration. Finalement, l’expertise juridique et sociale italienne requiert une traduction linguistique et culturelle hors d’Italie. Le jargon de la résistance aux mafias et sa dissémination auprès du grand public; requièrent une accessibilité majeure en d’autres langues, comme le français. Notre recherche souhaite combler ce vide langagier. Plus concrètement, nous intégrerons les arguments du débat dans une version modifiée du scénario criminel développé en sémantique des cadres, approche conceptuelle fillmorienne et sociologique appropriée à une époque où les mafias coordonnent le commerce de la cocaïne et le blanchiment d’argent transitant par des ports du Havre, d’Anvers ou de Hambourg, où la violence mafieuse devient tangible (Sambre, 2020), et ce dans le respect des droits humains pour tous. 2 L’ergastolo ostativo-: une contextualisation juridique italienne et européenne La législation italienne (loi Rognoni-La Torre 1982, 416 bis, par. 3) définit ainsi l’organisation mafieuse: par l’affiliation indéfectible (perinde ac cadaver et sous peine d’élimination) et l’intimidation violente ou symbolique, elle assujettit le territoire à des fins économiques. L’omertà ou code du silence élimine la responsabilité individuelle et interdit toute interaction avec l’État, notamment lors des procès. L’affiliation mafieuse ne se termine que par la mort naturelle ou l’exécution en cas de trahison et se différencie de la simple organisation ou bande criminelle. Nous parcourons brièvement l’histoire et le contenu de l’ergastolo ostativo (et ses différences avec l’ergastolo commun) (Mellone 2021) ainsi que les mesures de détention dans le cadre du régime 41 bis. En outre, nous passons en revue les principales objections envers et réaction de la part de l’État italien, par ses tribunaux supérieurs et ses révisions législatives, faisant suite à l’arrêt de la CEDH, sans objectif d’exhaustivité juridique, mais pour contextualiser le débat de presse (Donnarumma 2020, Galliani & Pugiotto 2019, Larussa, 2022). L’ergastolo ostativo s’applique dans des cas particulièrement graves, comme les délits d’association mafieuse. Le condamné (ergastolano), dangereux pour 86 Paul Sambre <?page no="87"?> la sécurité publique, par la persistance de l’association mafieuse, est privé de tout avantage normalement accordé en cas de réclusion à perpétuité : liberté conditionnelle, permissions de sortie, travail à l’extérieur, semi-liberté, mesures alternatives (comme la liberté anticipée après 26 ans) ou l’assignation à domicile en cas de maladie grave), voire la mise en liberté définitive. La gravité et la dangerosité des mafias empêchent l’octroi d’une libération conditionnelle, liée à une collaboration obligatoire avec la justice. L’article 41 bis du système pénitentiaire (loi n° 354 du 26 juillet 1975) instaure les conditions d’incarcéra‐ tion du condamné qui ne pourront faire l’objet d’un examen par le juge de tutelle (contrairement à l’ergastolo commun prévoyant la réintégration par la mise en libération conditionnelle après 26 ans). Nous décrirons les mesures de détention pour les membres de la mafia, incluant un strict isolement, la séparation des co-prisonniers et des proches empêchant toute communication, et la surveillance des communications évitant tout projet criminel. Les transferts fréquents entre prisons réduisent les réseaux de complicité entre membres de clans mafieux emprisonnés. Ces mesures visent à affaiblir l’influence sur le territoire depuis la prison. La sentence du 13/ 06/ 2019 n° 77633-16, affaire Viola c. Italie, établit la réclu‐ sion à perpétuité comme violation de l’interdiction des traitements dégradants et inhumains et exige le respect général de la dignité humaine. Le refus de collaboration ne dépend pas du choix libre et volontaire de la personne purgeant une peine d’emprisonnement à perpétuité et peut donc résider dans la crainte de mettre en danger sa propre vie ou celle de sa famille. De plus, la collaboration ne traduit pas forcément une transformation de la personne ou une dissociation effective du milieu criminel (Larussa 2019). La CEDH insiste dès lors sur la réinsertion du condamné et le principe de dignité humaine (Mellone 2021). La Cour Constitutionnelle italienne a suggéré maintes fois d’adapter le système 41 bis (2019, 2019, 2021), exigeant qu’un juge évalue et valorise les situations de pénitence. En 2021, elle reconnaît la non-exclusivité de la collabo‐ ration avec la justice pour l’obtention des avantages pénitentiaires et accorde au Parlement italien un délai pour réviser la loi, conciliant réhabilitation constitu‐ tionnelle de la peine, prévention générale et sécurité collective contre l’emprise des mafias. Par son décret-loi n. 162, le Gouvernement italien introduira de nouvelles règles pour l’ergastolo ostativo, comme prévu internationalement et par sa Charte constitutionnelle : seront respectées la proportionnalité et l’individualisation de la peine, sans sacrifier sa fonction éducative. Après 30 ans, le condamné pourra bénéficier de la libération conditionnelle sous certaines conditions, outre la bonne conduite. Il participera à un processus de rééducation et devra déclarer sa dissociation de l’organisation mafieuse, Ergastolo ostativo 87 <?page no="88"?> prouvant l’absence de liens avec la mafia et le contexte d’origine. Il doit aussi démontrer l’accomplissement des obligations civiles et de réparation pécuniaire ou l’impossibilité absolue de les remplir. Ainsi, la collaboration obligatoire est remplacée par une dissociation, permettant toujours au collaborant de bénéficier des avantages pénitentiaires. 3 Vers une description discursive authentique d’un enjeu mafieux dans un FrameNet italien Notre corpus se compose de vingt-six textes médiatiques de la presse écrite expliquant au grand public le fonctionnement des lois ainsi que leur justification. Notre analyse qualitative se situe entre 2018 (premiers signaux européens), la condamnation CEDU en 2019 et les débats sociétaux jusqu’en 2022. Les médias italiens nationaux et régionaux nous offrent ainsi une perspective sur les principaux acteurs et thèmes partisans de l’ergastolo ostativo dans l’arène publique (Di Ronco & Lavorgna 2018, Esposito, 2023). Nous analyserons les rôles sémantiques-clés pour deux cadres FrameNet: commission d’un crime et condamnation. Nous nous concentrons sur les partisans de l’ergastolo ostativo en excluant les articles sur la réforme de la loi par le Gouvernement Meloni (octobre 2022), ni de ceux ayant obtenu gain de cause, par besoin de concision (Merlo 2022). Notre analyse s’inscrit dans un appel à une élaboration solide et critique du FrameNet italien (IFrameNet), pourvu d’explorations descriptives, bien que partielles, de certains concepts juridiques ou champs de signification (Basili et al. 2017; Venturi et al. 2009). Cette ébauche élargit la gamme de langues pour lesquelles des variantes étendues du FrameNet ont été développées, comme le suédois, l’allemand ou l’espagnol. Le FrameNet américain est exploité comme passerelle conceptuelle métalinguistique vers le lexique-constructicon d’autres langues (Boas 2010, 2021). Le cadre fillmorien n’exclut pas pour autant une approche culturelle encyclopédique (Boas & Dux 2017), utile en analyse critique du discours (Machin & Mayr, 2013), la prise en compte de framings alternatifs (Hart 2023) ou contre-hégémoniques (Lakoff 2019, 198; Vicari 2023). Nous adoptons consciemment la perspective militante de l’antimafia transformant un passé traumatique en un projet socio-éducatif positif (Poppi et al. 2018). Notre approche, basée sur un modèle linguistique cognitif, est compatible avec l’analyse sociologique de l’antimafia ( Jerne 2018, Sambre 2022, Sullivan 2023) : elle saisit les stratégies de communication adéquates pendant des moments de crise (Wermuth & Sambre 2023). Développée par Charles Fillmore et ses collègues à Berkeley, FrameNet 88 Paul Sambre <?page no="89"?> (https: / / framenet.icsi.berkeley.edu) est un modèle lexicographique décrivant les structures lexico-syntaxiques du langage, à partir de grands corpus de textes et de cadres. Les cadres sont des ensembles cohérents basés sur des rôles sémantiques obligatoires ou facultatifs. Le FrameNet américain sert d’outil métalinguistique pour la description d’autres langues (Boas 2020), d’un point de vue constructionnel (Czulo et al. 2023) ou discursif. Le FrameGrapher visualise les relations ontologico-conceptuelles entre cadres et sous-cadres (Ruppenhofer et al. 2016, 76-77). Dans FrameNet, une expression lexicale fait référence à un cadre sous-jacent, avec des éléments obligatoires (core) et facultatifs (non-core). Trois cadres sont pertinents pour notre analyse. Le cadre du scénario criminel offre une représentation détaillée du déroulement des événements criminels conduisant à d’éventuelles peines prononcées par un juge contre un criminel ( Julios-Costa 2017, Lyngfelt et al. 2018). Il intègre des sous-cadres spécifiques pour différents types de crimes, précisant les rôles des agents, des victimes et des instruments de répression. De plus, il peut inclure des aspects liés à la sentence, décrivant les actions judiciaires consécutives au crime, facilitant ainsi l’analyse linguistique et conceptuelle. Le scénario se compose de sous-cadres tels que l’acte criminel, l’enquête criminelle et le procès judiciaire, chacun avec ses propres rôles (Lee-Goldman & Petruck 2018). Nous nous concentrerons sur la Commission du Crime et la Condamnation, et dans la conclusion, esquisserons les risques (Run_risk) saillants (Fillmore & Atkins 1992) de l’abolition d’une loi chère à l’antimafia italienne. Outre les éléments essentiels comme le crime, le criminel, la victime et le lieu, ce scénario intègre des sous-cadres spécifiques pour différents types de crimes, comme le vol, le meurtre ou le cambriolage. Ces sous-cadres capturent les schémas récurrents et les relations propres à chaque type de crime, précisant les rôles des agents, des victimes et des instruments de répression. De plus, le scénario criminel FrameNet intègre des informations sur les preuves, les témoig‐ nages et d’autres éléments pertinents pour la décision judiciaire. Ainsi, ce cadre permet une compréhension holistique des actes criminels, de leur déroulement initial à leurs conséquences judiciaires, facilitant ainsi l’analyse linguistique et conceptuelle. Le scénario se compose de sous-cadres correspondant aux événements dans le traitement juridique du procès mafieux : l’acte criminel [committing crime], l’enquête criminelle [criminal investigation] et le processus judiciaire [criminal process]. Ce dernier peut être décomposé en arrestation [arrest], mise en accusation [arraignment], procès [trial], prononciation de la peine [sentencing] et appel [appeal]. Chaque sous-cadre du scénario contient à son tour ses propres rôles centraux et périphériques (Lee-Goldman & Petruck Ergastolo ostativo 89 <?page no="90"?> 2018). Dans ce qui suit, nous nous concentrerons dans un premier temps sur la Commission du Crime (4.) et la Condamnation (5.). 4 La nature du Crime et la Commission du crime (Crime | Committing_crime) FrameNet décrit le Crime comme suit : un Auteur (Perpetrator) commet (en général de manière intentionnelle) un Crime, c’est-à-dire il commet un acte non autorisé par les lois de la société. Le cadre contient • les rôles centraux-: • d’Auteur, la personne qui commet un crime-; • du Crime, un acte, généralement intentionnel, qui a été formellement interdit par la loi-; • les rôles périphériques suivants: • Explication, raison ou motivation auquel l’auteur répond dans son crime-; • Fréquence, avec laquelle un crime est commis-; • Instrument, utilisé pour commettre le crime-; • Manière, une description des effets secondaires (doucement, bruyam‐ ment) et des descriptions générales comparant les événements (de la même manière). Cela peut indiquer des caractéristiques saillantes de l’auteur qui affectent également l’action; • Moyens, action effectuée par l’auteur afin d’accomplir le crime-; • Lieu, où le crime est commis-; • Temps, où le crime a été commis-; • But, l’action que l’auteur essayait d’accomplir dans le crime. Ces rôles nous permettront de structurer les arguments avancés par notre corpus. De nombreux magistrats italiens attirent l’attention sur la spécificité de l’organisation mafieuse par le biais de ses auteurs. Il s’agit d’un ajout possible au cadre «-Commettre-un-Crime / Committing-Crime», dans lequel une référence générique est faite à un délinquant (perpetrator). D’un point de vue européen, le mafieux n’est pas différencié, par exemple, d’un membre de gang ou d’un autre type de criminalité organisée ou gangstérisme. Bien que le gang criminel (gang) soit décrit dans le FrameNet américain comme un simple agrégat, la nature de l’appartenance criminelle, ni son caractère éternel, même après une condamnation définitive, ne peuvent donc être clairement saisis par FrameNet dans le contexte italien. Les liens au sein de l’agrégat sont en effet déterminés par l’affiliation perpétuelle, mais aussi par les codes de communication et la loyauté 90 Paul Sambre <?page no="91"?> inconditionnelle envers le leader, même lorsqu’il est à première vue immobilisé, silencieux et donc apparemment impuissant. Nous suggérons donc d’affiner la spécificité de l’auteur criminel. Cette intervention serait rendue possible grâce à un sous-cadre, qui met en valeur, sur le plan sémantique, le comportement transgressif permanent par la seule présence intimidatrice du chef de la mafia, où qu’il se trouve. Un mafieux peut en effet (continuer à) commettre des actes criminels en prison ou diriger des actes criminels commis par d’autres personnes que par sa seule visibilité, restant taciturne. Dans le contexte de l’ergastolo ostativo, le placement hors et surtout au sein de l’établissement pénitentiaire du criminel devrait donc explicitement être intégré dans le noyau conceptuel du sous-cadre pour l’organisation mafieuse. La prison est dans le prolongement du territoire mafieux et ne s’en détache pas. (1) Dopo la morte di Falcone e Borsellino venne interrotta la dinamica che rendeva il carcere dei mafiosi una protesi del loro territorio. Oggi gli stru‐ menti antimafia rischiano di essere ridimensionati: un lusso insostenibile? Il est crucial de ne pas restreindre la portée spatiale des mafias. L’intimidation territoriale exercée par la mafia et son contrôle des territoires par ses chefs de clan sont des aspects cruciaux. Plus précisément, la permanence de l’emprise territoriale en prison soulève la limite conceptuelle imposée par la syntaxe américaine, reléguant le complément circonstanciel de lieu à la périphérie du cadre. Cette tension dans FrameNet entre les rôles sémantiques obligatoires et optionnels crée une confusion, notamment dans le contexte mafieux italien où la territorialité est omniprésente. La spatialité est fondamentale dans la répression du phénomène, impliquant une reconquête territoriale. Ces rôles non périphériques semblent davantage dictés par leur syntaxe que par leur pertinence conceptuelle pour l’ergastolo ostativo. De même, la temporalité conceptuelle est cruciale pour comprendre les mafias. Nous aborderons dans la section suivante l’histoire prolongée des mafias et de la lutte antimafia, mais soulignons ici la persistance du phénomène même après la condamnation et l’incarcération. La prison s’inscrit ainsi dans une di‐ mension spatio-temporelle : les membres continuent leurs activités criminelles où qu’ils soient, de manière implicite ou discrète. (2) "Diceva bene Di Matteo: noi non siamo stati capaci di spiegare all’Europa cos’è la mafia, di spiegare cosa vuol dire essere ’ndranghetisti. Perché spesso si fa un’insalata perché non si ha la competenza e la conoscenza per spiegare la differenza tra criminalità organizzata, criminalità comune, gangsterismo e mafia. Che sono quattro cose diverse. Perché hanno soggetti Ergastolo ostativo 91 <?page no="92"?> che appartengono a queste categorie criminali, con filosofie criminali, ma che hanno comportarti criminali totalmente diversi". (La Voce Cosentina 2022) Le magistrat Nicola Gratteri souligne l’ignorance de certains États membres ou leur domination institutionnelle, reléguant ainsi l’Italie à une position institutionnelle secondaire. Pourtant, l’Italie possède une expertise précieuse sur les évolutions historiques des mafias, enracinées insidieusement dans les institutions, les professions libérales, les arcanes du pouvoir politique et le tissu social où elles maintiennent leur influence. (3) Gratteri non usa mezzi termini e usa parole lapidarie contro l’inettitudine e l’ignoranza di certi organi di potere. Anzitutto l’Europa. Un organo nei cui confronti spesso l’Italia si comporta come “suddita” e non come “parte della stessa” oltre che sua “costituente”. […] Nel tempo la ‘Ndrangheta è cambiata e si è fortificata sempre più insediandosi nel tessuto sociale e nei gangli del potere e del mondo delle professioni. “Lo ‘ndranghetista non è il cretino col suv da 80mila euro che ferma la macchina davanti al bar con la camicia sbottonata e la collana al collo. Quello è il cretino, l’utile idiota portatore di acqua al pozzo del capoclan. Lo ‘ndranghetista del quale parlo io è un’altra cosa - ha detto Gratteri. (La Voce Cosentina 2022) Gratteri réitère un reproche envers l’UE, qui ne reconnaîtrait pas pleinement l’Italie comme membre de sa constituante législative, la traitant comme subor‐ donnée. L’Union européenne ferait donc preuve d’incompétence en matière d’anti-’ndrangheta. Une troisième suggestion, outre l’importance du temps et de l’espace, con‐ cerne les moyens utilisés par le mafieux, en particulier lorsque le chef de clan, même en prison, conserve un contrôle absolu, parfois même à un âge avancé et infirme dans un fauteuil roulant, sans avoir besoin de parler ou de bouger, pour faire respecter ses ordres. Sa présence carcérale, accompagnée du silence imposé, et les signaux subtils émis lors de rares visites familiales surveillées, ou à travers des gestes non verbaux ou des regards, suffisent à influencer la communauté régionale par l’intimidation symbolique. (4) Un capomafia non è un sollevatore di pesi, non deve fare pentathlon per essere pericoloso. Un capomafia è pericoloso solo per il fatto che è vivo, solo per il fatto che riesce a muovere gli occhi. Anche se si trova su una sedia a rotelle è sempre un capomafia che può impartire ordini e dirigere l’orchestra - ha ribadito Gratteri -. (Cirillo 2023) 92 Paul Sambre <?page no="93"?> Cette instrumentalité soulève une question fondamentale sur le contraste entre l’objectif spécifique de l’ergastolo ostativo, qui vise à rompre le lien entre le criminel et sa communication, et la nécessité de briser le silence par une coopération explicite avec les autorités. Nous y reviendrons plus en détail par la suite. Selon Gratteri, le fauteuil roulant, symbole d’immobilité, ne représente pas un vieil homme vulnérable, mais plutôt un criminel endurci et impitoyable, capable de maintenir son emprise sur son organisation de manière incontestée, conservant ainsi une dynamique criminelle immuable. (5) Il procuratore di Catanzaro ha infatti allargato il discorso all’Europa, pren‐ dendo come esempio l’Olanda: “Parlavo con il procuratore di Rotterdam e gli ho detto: ’attenzione che qua c’è la ’Ndrangheta’. Non sono stato ascoltato. E già allora nel carcere di Rotterdam c’era la possibilità per i detenuti di telefonare a casa e di incontrare la moglie o il marito. (Antimafia Duemila 2022) Explorons maintenant la conceptualisation historique du criminel, ou acteur criminel, dans les articles traitant de l’ergastolo ostativo. La nature particulière de l’organisation mafieuse et de son mode opératoire, tant à l’intérieur qu’à l’extérieur de la prison, nécessite à la fois une détermination juridique et une clarification conceptuelle du mafieux, mettant inévitablement l’accent sur l’identification du chef de file, qu’il convient d’isoler et d’exclure de toute communication. De plus, les experts de la magistrature italienne offrent une compréhension plus approfondie de l’acte criminel mafieux et de l’histoire de ses dirigeants. Commençons par un cas éclatant : celui de Bernardo Provenzano, qui fut avec Totò Riina un des chefs historiques impliqués dans les guerres de la Cosa Nostra sicilienne au cours des années 1980-1990. (6) In un solo caso si è arrivati a una violazione: il rinnovo del regime di carcere duro al boss di Cosa nostra Bernardo Provenzano dal 23 marzo 2016 fino alla sua morte il 13 luglio di quell’anno.“Nell’ultimo biennio le condizioni di Provenzano, e in particolar modo le sue capacità cognitive, si erano deteriorate. Un deterioramento di cui il ministro della Giustizia, nel decidere il rinnovo del trattamento, non ha tenuto conto. Nel non considerarlo, ha commesso la violazione". (Cirillo 2023) Provenzano, chef éminent de la Cosa Nostra, fut condamné à l’ergastolo ostativo après une cavale de 43 ans. Son emprisonnement strict, sans accès aux médias, fit l’objet de controverses, après une plainte de sa part. En 2018, la Cour européenne condamna l’Italie pour avoir violé l’article 3 de la Convention européenne Ergastolo ostativo 93 <?page no="94"?> des droits de l’homme, qui interdit la torture et les traitements dégradants ou inhumains, préfigurant ainsi sa décision de 2019 contre Viola. Elle reprochera à l’Etat italien de ne pas avoir permis la révocation du 41 bis permettant de transférer Provenzano dans une autre aile de la prison (Alberti, 2018), malgré la détérioration évidente de sa santé mentale. La mort de Provenzano en 2016, suivie d’une certaine reconnaissance, indigna les victimes de la mafia, notamment celles de l’attentat Via dei Georgofili : Riina, après que les forces de l’ordre italiens avaient tenté des mesures répressives strictes dans le sillage des assassinats de Falcone et Borsellino, décida de lancer une nouvelle campagne violente contre le patrimoine artistique, qui fit plusieurs victimes innocentes en 1993, près du musée des Uffizi à Florence. Les proches de ces victimes, réunies dans l’Association de Via dei Georgofili, crient leur consternation face à la correction juridique de la procédure pénitentiaire contre Provenzano, qui est poussé dans le rôle de victime, voire indirectement réhabilité, tandis que la Cour européenne des droits de l’homme a ignoré les droits de ces familles, qu’elles tentent laborieusement de défendre dans un procès civil, contre la mafia. (7) Strasburgo però il 41 bis lo voleva abolito sulla carta bollata come Cosa Nostra. E ora che si fa, si risarciscono i familiari di Provenzano, mentre noi sputiamo l’anima per avere riconosciuti i nostri diritti in un processo civile? Dove era Strasburgo dei diritti dell’uomo la notte del 27 maggio 1993 quando Provenzano ha mandato i suoi uomini a Firenze ad ammazzarci per far annullare il 41 bis, giusto sulla carta bollata? ". Lo afferma, in una nota, Giovanna Maggiani Chelli, presidente dell’Associazione tra i familiari delle vittime della strage di via dei Georgofili.“La Corte di Strasburgo ci offende, ci fa indignare mentre riconosce i diritti ai mafiosi post mortem e non batte un colpo sul fronte delle vittime di mafia. (Palermo Today 2018) Cette critique palermitaine est exprimée plus subtilement par la sœur de Giovanni Falcone et présidente d’une fondation qui porte son nom. Elle fait allusion à la période des attentats et répète la singularité du phénomène mafieux. Elle associe son nom non seulement à celui de son frère, dans un nous inclusif, à tous ceux, proches des victimes pas toujours reconnues et à la collectivité des citoyens marqués par cette période de terreur. (8) Le mafie italiane hanno peculiarità tali da aver indotto il legislatore ad adottare normative come quella che nega i benefici agli ergastolani per reati di mafia che non collaborino con la giustizia. Un automatismo che deriva proprio dalla natura del tutto singolare della criminalità organizzata nel nostro Paese, una singolarità che purtroppo abbiamo imparato a conoscere in anni di violenze, morti, terrore e sopraffazione". (Amato 2019) 94 Paul Sambre <?page no="95"?> Dans le débat italien sur l’ergastolo ostativo, il existe une négociation sur le statut de victime. Selon le procureur anti-mafia Nicola Gratteri, l’ergastolo ostativo ne doit pas être vu comme une forme de violence physique, ni comme une torture délibérée des mafieux, ni comme un manque de démocratie ou de vision progressiste de la détention, comme le soutient la gauche politique italienne. Ce qui est en jeu, c’est la préservation des réglementations issues d’une longue histoire de plus de cent ans de résistance individuelle et collective aux mafias, tant sur le plan civil que juridique. (9) Sono contrario ad ogni forma di violenza e tortura; sono contrario ad uno schiaffo in carcere o in caserma. Sono favorevole al fatto che il detenuto non venga sfiorato con un dito altrimenti scendo al suo livello facendo il suo gioco e lui recita il repertorio della vittima. Ma non andiamo a scimmiottare per il complesso di non essere definiti progressisti o democratici e bla bla bla”. (Cirillo 2023) Les exemples montrent l’importance de conceptualiser les mafias en tenant compte de la double dimension collective concernant à la fois, l’auteur du crime et son rôle hiérarchique dans l’organisation criminelle imposant son régime, ainsi que la victime, parlant de valeurs positives, par ses proches à et pour la collectivité citoyenne. À ces rôles sémantiques obligatoires, il faut ajouter plus centralement la prise en compte implicite de la spatio-temporalité historique des mafias et de l’histoire de la mafia et de l’antimafia italiennes, ainsi que l’évolution des crimes mafieux. Les années 1990, marquées par les guerres sanglantes entre les mafias rurales corléonaises de Riina et Provenzano et la mafia citadine palermitaine, contrastent avec la mafia actuelle, plus silencieuse et moins violente. Cette évolution est expliquée par Roberto Scarpinato, ancien collaborateur de Falcone et procureur général à Palerme, qui a enquêté sur les assassinats de 1992-1993. (10) I capi mafiosi---sia detenuti sia a piede libero - seguivano l’evoluzione dei ’lavori’ e,“come dimostrato da un’intercettazione del 2006 partecipava anche Bernardo Provenzano", ha detto Scarpinato,“il quale per un verso rassicurava tutti sul fatto che bisognava avere pazienza e che certamente sarebbe stata mantenuta la promessa sull’abolizione dell’ergastolo ostativo” inoltre “raccomandava a tutti di non commettere omicidi e atti eclatanti perché avrebbero potuto compromettere il buon esito dei lavori in corso”. Secondo Scarpinato alla base di un tale impegno,“ininterrotto e straordina‐ rio”da parte dei vertici della mafia stragista - Salvatore Biondino, Giuseppe Madonia, Benedetto Santapaola e assieme a loro Raffaele Ganci, Giuseppe e Filippo Graviano e Antonio Madonia e altri capi di Cosa Nostra e di ‘Ndrangheta---vi sarebbe una strategia a lungo periodo. (Grossi 2021) Ergastolo ostativo 95 <?page no="96"?> Le choix de moins de violence et une stratégie de bonne conduite collective, ordonnée depuis Provenzano, forme ainsi un continuum et montre l’existence d’une stratégie par laquelle les dirigeants de Cosa Nostra, désormais alliés à la ‘ndrangheta calabraise, attendent fermement et patiemment que l’ergastolo ostativo ne se dissolve. La fréquence, rôle sémantique périphérique dans le cadre américain, est définie comme la répétition d’une infraction pénale par un criminel individuel. Nous proposons de donner une interprétation collective à ce rôle : comme la mafia n’est pas une association informelle d’individus, mais une organisation stratégiquement et historiquement intégrée, la chaîne des attitudes historiques quant à l’abolition des conditions spéciales de détention reliant les détentions des chefs de la mafia (1990-2023) devrait être visualisée dans le cadre sémantique. Ce caractère collectif et longitudinal est illustré par l’intervention faisant au‐ torité d’un autre magistrat de haut rang, Sebastiano Ardita, procureur adjoint au tribunal de Catane en Sicile, consultant auprès de la Commission parlementaire anti-mafia italienne et du Conseil supérieur de la magistrature, l’un des plus hauts organes de réflexion sur le crime organisé. Ancien directeur du Bureau des prisonniers, il était notamment responsable de l’application de l’article 41 bis. (11) Per il consigliere il modo con cui Cosa Nostra si infiltra nei settori legali della società non è visibile, ecco il motivo per cui viene applicato il 4 bis, che risulta essere, oltretutto, anche “uno strumento di prevenzione che consente di utilizzare una diversa forma” o “un diverso atteggiamento dello Stato nei confronti dei benefici” destinati a determinati soggetti che “pot‐ rebbero fingere di fare un percorso di rieducazione”. “Ora---ha continuato - […] è chiaro “che la soluzione che deve essere adottata deve essere il più possibile stringente” per far sì che “tutti i capi di Cosa Nostra, ossia tutti quelli che hanno una funzione gestoria, possano essere esclusi come lo sono già stati in passato”dai benefici della liberazione condizionale.“Siamo realisti […], ci possono essere anche dei casi nei quali un soggetto che è appartenuto ad una associazione in modo molto marginale, magari viene scaricato o entra in conflitto per qualche ragione, ma sono casi abbastanza rari. Non bisogna commettere invece l’errore di prendere questo modello come sistema, permettendo anche a chi ha le mani in pasta nella realtà mafiosa che possa poi uscire dal carcere e continuare a commettere reati. (Grossi 2021) Ardita fait référence au caractère invisible des activités mafieuses et à la nécessité de l’interprétation juridique scrupuleuse du bien-fondé la rééducation du détenu. Au niveau du délinquant, Ardita distingue clairement les cas occasi‐ onnels où un mafieux de rang inférieur fait appel à la libération conditionnelle de ceux plus systématiques des chefs de clan irréductibles. Le danger que 96 Paul Sambre <?page no="97"?> représente la réintégration des chefs mafieux emprisonnés, sous le couvert d’une resocialisation, risque de relancer les activités de leur clan sous leur commande. Le rejet de leur droit à la réinsertion découle de la prise de conscience de la vision stratégique des auteurs comme Riina et Provenzano. Le magistrat (Ardita, 2022) rappelle la tragédie où un chef de la mafia, après une première série de meurtres et une libération anticipée, rechuta en 2015, en assassinant l’entrepreneur Renato Caponnetto. (12) Vi dico questo perché purtroppo anche nel passato ci sono stati casi specifici” ha spiegato il magistrato, dove si è “arrivati a questo risultato. Vi faccio un esempio: quello che è accaduto a Catania nel 2014. Ad un certo punto ha ritrovato la libertà un detenuto, che aveva commesso sei omicidi di mafia, e nel 2015 ha riorganizzato un gruppo e ha sottoposto a estorsione un imprenditore, Renato Caponnetto, lo ha poi sequestrato, torturato, ucciso e poi bruciato sui copertoni dei camion”. Solo “dopo che è stato arrestato ha deciso di collaborare con la giustizia”. “Quindi il passaggio che doveva normativamente essere obbligatorio per accesso ai benefici non lo ha seguito, ma lo ha seguito dopo”. (Grossi 2021) Cette reprise associative est décrite en italien ripristino. La récidive après la libération conditionnelle est une dimension spécifique de la notion de fréquence, non décrite par FrameNet. L’application de l’ergastolo ostativo repose sur la connaissance de cas décrits ci-dessus. Le mafieux ne commet pas uniquement son crime pour punir l’in‐ soumis, refusant l’extorsion ou de services, comme le recrutement d’ouvriers mafieux ; elle exerce ainsi publiquement un acte intimidant à la communauté de résistance. La mafia élimine par ailleurs, comme dans le cas de Renato, le corps des victimes pour effacer leur existence et envoyer ainsi un message à leurs proches, refusant ainsi à la famille le réconfort d’un adieu. Cette privation de dignité affecte non seulement la victime et sa famille, mais signale une menace à l’égard de toute la communauté : elle ne remettre pas impunément en question le système d’assujettissement mafieux. (13) L’8 Aprile 2015, veniva ucciso in modo brutale in via Grecia (villaggio gi‐ nestre) a Belpasso, Renato Caponnetto. Questo è il nome dell’imprenditore che si è ribellato alla mafia, dicendo “no” al racket dell’estorsione. La Sicilia è anche questa, è soprattutto questa, un popolo che non ha più paura di dire no e di denunciarne il male. L’arcivescovo, mons. Luigi Renna durante una breve intervista subito dopo la benedizione della stele si è soffermato in merito: «Per noi è importante ricordare i veri eroi del nostro tempo. Martiri che hanno combattuto per la libertà di tutto il territorio e per la libertà del lavoro e dell’impresa in questa zona, è fondamentale […]». (Rosario & Rapisarda 2023) Ergastolo ostativo 97 <?page no="98"?> Lors de l’inauguration en 2023 d’une pierre commémorative sur le site de la mort de Caponnetto, il sera fait référence explicitement à la longue histoire de ceux qui ont résisté à l’extorsion en Sicile. Comme pour la stratégie des capi dei capi, la dimension temporelle de cette tradition de résistance doit être incluse comme rôle conceptuel central dans le cadre Committing Crime. Nous suggérons d’inclure explicitement la victime en tant que patient conceptuel central au noyau du cadre sémantique, vu qu’elle subit l’acte criminel et mobilise la communauté régionale à la constitution contre-hégémonique. Curieusement, la notion de victime n’apparaît dans le scénario FrameNet que dans le dernier sous-cadre du processus pénal, comme un rôle non essentiel : la victime est décrite comme la personne ou le groupe lésé par l’accusé. Dans le cas d’un crime mafieux, la sphère de la victime inclut la communauté de ses habitants et ses proches. Dans cette section, par des suggestions visant à élargir le cadre FrameNet Committing_Crime, nous avons créé les conditions préalables à une compré‐ hension approfondie de la mafia en tant que concept général. Nos exemples s’appuient nécessairement sur une connaissance encyclopédique des expérien‐ ces traumatisantes causées par une longue lignée de chefs mafieux siciliens et calabrais. Depuis la naissance de l’ergastolo ostativo et l’élimination de Falcone et Borsellino en 1992, ces chefs cherchent à rétablir leur communication rompue avec le territoire qu’ils assujettissent violemment ou symboliquement. Nous avons souhaité introduire explicitement, outre la double dimension spatio-tem‐ porelle liée au contrôle territorial (ou à la reconquête par la magistrature et la communauté locale), une niche conceptuelle pour le point de vue de la victime, notamment par les témoignages de familles de magistrats assassinés et d’un en‐ trepreneur éliminé par la mafia. Ce faisant, nous déplaçons en partie l’attention de l’agresseur vers la personne ou la communauté affectée par la criminalité. Tout comme le mafieux est indissociable de son organisation, la victime est inextricablement liée à sa famille et à sa communauté de résistance, par la fréquence de sa résistance faisant écho à l’assujettissement mafieux. En cela, la mafia italienne et les cadres sémantiques associés diffèrent considérablement du contexte criminel américain individualisé et une lecture contextualisante de notre corpus permet de repréciser le cadre sémantique en question. 5 Une relecture intégrée de la punition et de la sentence (Rewards_and_punishments |Sentencing) Dans ce qui suit, nous examinerons de plus près la fonction de la peine, telle qu’elle est prononcée dans la condamnation de l’ergastolo ostativo. En gardant 98 Paul Sambre <?page no="99"?> à l’esprit l’impact des crimes mafieux, nous ferons de nouvelles suggestions pour renforcer deux cadres FrameNet basés sur les données italiennes : « Re‐ wards_and_Punishments » et « Sentencing », un sous-cadre du scénario de Crime. Nous avancerons une piste pour intégrer ces deux cadres, vu notre objet d’analyse. Un rôle-clé nous semble être l’explication de la Raison (ou des raisons) de la peine-condamnation à l’ergastolo ostativo. Selon FrameNet, cette Raison implique les actions ou croyances de l’Evalué, ou, dans le contexte de la condamnation, la représentation ou état dans lequel se trouve le condamné au moment de sa condamnation. Cette lecture individuelle de la responsabilité criminelle, constitutionnelle ou garantiste, doit être élargie pour inclure les risques encourus par la société, principalement les proches des victimes de la mafia, qui attendent toujours une réponse claire à toutes leurs questions. Ceux qui exigent des mesures sévères et une attitude ferme sont parfois accusés en Italie de justicialisme (giustizialismo). Mais selon Gian Carlo Caselli, autre haut magistrat issu du pool antimafia palermitain, et ex-représentant italien pour la criminalité organisée auprès d’Eurojust, l’Agence de l’Union européenne pour la coopération judiciaire en matière pénale, dans une polémique avec Carlo Renoldi, qui, à son tour, avait défendu l’idée constitutionnelle et garantiste de la peine comme instrument de récupération sociale du criminel (Caiazzo 2022), position contestée par les partisans du maintien de l’ergastolo et du 41 bis. Caselli fonde son premier argument sur la Raison ou caractère raisonnable de la spécificité mafieuse, répondant par l’affirmative à la question rhétorique : (14) Il mafioso non pentito continua a essere convinto di appartenere a una ‘razza’ speciale, nella quale rientrano soltanto coloro che sono davvero uomini (non a caso autodefinitisi ‘d’onore’). Tutti gli altri, quelli del mondo esterno, sono individui da assoggettare. Non persone, ma oggetti, esseri disumanizzati”. […] In altre parole, si può ritenere che il “doppio binario” per i mafiosi non pentiti (fino all’ergastolo ostativo) sia rispondente a criteri di ragionevolezza basati sulla concreta specificità del problema mafia? (Caselli 2022) Que le maintien de la peine et du régime carcéral soit requis par les associations de l’antimafia, ne provient donc pas d’une revendication populiste et la facilité avec laquelle les parents et victimes se réclament exclusivement du sang versé, par un besoin de vengeance primitif, mais de leur attente de vérité et de légalité. (15) Al tema dell’ergastolo ostativo Renoldi collega poi un attacco “all’antimafia militante arroccata nel culto dei martiri… che vengono ricordati attraverso esclusivamente il richiamo al sangue versato, alla necessaria esemplarità Ergastolo ostativo 99 <?page no="100"?> della risposta repressiva contro un nemico che viene presentato come irriducibile”. Sono parole a mio avviso poco rispettose dei tanti familiari delle vittime di mafia che ancora oggi chiedono verità e giustizia (lo faranno nuovamente il 21 marzo a Napoli, nella giornata della memoria e dell’impegno organizzata da Libera). (Caselli 2022) Ce ne sont dès lors aucunement les victimes qu’il faut rééduquer à la non-venge‐ ance, dans un système démocratique, mais les auteurs mêmes du crime mafieux, qui restent enfermés, par leur silence, dans un système associatif criminel. C’est dans cette permanence que réside le péril du mafieux, comme l’indique le procureur Nicola Gratteri. (16) “Sono contrario alla riforma dell’ergastolo ostativo”. Lo ha dichiarato il ma‐ gistrato Nicola Gratteri, procuratore della Repubblica a Catanzaro […]. “Si smette di essere mafiosi solo con la morte o se si diventa collaboratori di giustizia”, ha aggiunto. “Se un marito ha ucciso l’amante della moglie, può essere rieducato, perché non c’è più pericolo. È finita l’ossessione, quella per le corna. In base alla mia esperienza, invece, essere un mafioso è una filosofia di vita. Se non sei un collaboratore di giustizia resterai per sempre un mafioso - ha detto Gratteri […]. (Il Ducato 2022) Comme le péril émanant de la mafia ne correspond pas à une quelconque autre forme de criminalité commune, organisée ou de gangstérisme, un traitement différent se justifie pour différentes typologies de criminels, selon le procureur Gratteri. (17) “L’Europa - ha proseguito Gratteri - dovrebbe capire intanto la differenza tra criminalità comune, criminalità organizzata, gangsterismo e mafia: […] e quindi non penso ci debba essere lo stesso trattamento o lo stesso approccio anche per un condannato all’ergastolo, nel senso che anche per due soggetti condannati all’ergastolo ci può essere una pericolosità diversa se si tratta di soggetto appartenente a un’organizzazione mafiosa o di soggetto appartenente alla criminalità organizzata”. (Catanzaro informa 2022) Là où la réclusion conclut le péril d’un crime singulier, comme dans le cas d’un crime passionnel, et ouvre ainsi la voie vers la rééducation, le mafieux continue à constituer un danger de vengeance. Les signaux de compréhen‐ sion du garantisme affaiblissent donc la force de l’ergastolo ostativo, voire restaurent l’impunité de l’acte et de l’association mafieux. Le mafieux qui refuse la collaboration avec la justice afin d’obtenir la conversion à un autre type d’emprisonnement à vie, avec une trajectoire sociale de rééducation au bout de 26 ans de prison ferme, et la possibilité de réinsertion, est donc un irréductible. 100 Paul Sambre <?page no="101"?> (18) “Si può dire che la condotta univoca affidabile che concretamente dimostra di voler disertare dall’organizzazione criminale cessando di esserne strutturalmente parte è il pentimento? ” (Grossi 2021) En matière de péril, il faut tenir compte non seulement des croyances du mafieux individuel, mais de certains états de fait concernant la transformation des mafias, désormais moins violentes et expansionnistes : cette expansion regarde à la fois d’autres activités dans les territoires d’origine, tels que, la Sicile et la Calabre, et ailleurs, où elles se sont incrustées dans de nouveaux marchés et d’autres communautés, endommageant ainsi l’économie du pays et la démocratie de l’Italie même. Le péril du mafieux, de ses croyances et des actes de son association criminelle est donc une notion dynamique, qui ne saurait se déconnecter d’une notion spatiale de territorialité, à la fois pour les criminels évalués par la condamnation et les victimes anciennes et nouvelles. (19) E’ importante che il legislatore tenga conto di come oggi le mafie siano diventate sempre più pericolose per la forte e incisiva espansione che continuano ad avere nei territori di origine, oltre che negli altri luoghi in cui hanno investito in nuovi mercati, danneggiando le comunità e l’economia sana e quindi la democrazia del nostro Paese. (Ufficio Presidenza Libera 2021) La description du scénario criminel du FrameNet américain parvient difficile‐ ment, dans son état actuel, à capter la dimension collective du phénomène mafieux. Le droit à l’espoir, ou à l’espérance, à garantir par la Constitution à tout condamné, selon la condamnation de la CEDU, est élargi, dans les arguments des magistrats et des associations de l’antimafia civile, vers les droits de la collectivité des magistrats et des citoyens. (20) "Va benissimo tutelare i diritti dei detenuti, ma allo stesso tempo dobbiamo salvaguardare gli interessi della collettività, ovvero la sicurezza pubblica - auspica Marzia Sabella, procuratore aggiunto a Palermo -. Occorrono strumenti per uniformare il giudizio della magistratura di sorveglianza, che la valutazione sia frutto di un onere collettivo in modo da acquisire quanti più elementi possibile e che la responsabilità non ricada sul singolo magistrato […]".. (Ciccarello et al. 2021) En effet, du côté du condamné, et ce même hors collaboration avec la justice, serait requis un contrôle rigoureux sur l’absence d’appui financier fourni par la mafia aux proches du criminel, par exemple, qui par le biais d’emplois rémunérés dans des sociétés implicitement liées à la mafia continue à pourvoir des Ergastolo ostativo 101 <?page no="102"?> ressources financières. De manière plus importante, la décision à la conversion de peine ne devrait dépendre de la responsabilité d’un seul magistrat, exposé personnellement, ou par des menaces liées à sa famille, à des actes de rétorsion. (21) Occorrono strumenti per uniformare il giudizio della magistratura di sorveg‐ lianza, che la valutazione sia frutto di un onere collettivo in modo da acquisire quanti più elementi possibile e che la responsabilità non ricada sul singolo magistrato, con tutte le conseguenze che ne possono derivare in termini di pericolo ed esposizione personale". (Ciccarello et al. 2021) La décision du magistrat ne pourra dépendre d’une appréciation personnelle, mais devrait être basée sur une grille d’évaluation, énumérant, même dans le cas d’une collaboration, une série de garanties sur la repentance du criminel mis en liberté conditionnelle. (22) Al momento esistono due proposte di legge. La prima, del senatore Pietro Grasso, vorrebbe fornire una griglia di parametri per le valutazioni dei giudici chiamati a decidere sul tema. La seconda, dei deputati Stefania Ascari e Vittorio Ferraresi (M5s), vorrebbe introdurre ulteriori criteri per la concessione di permessi premio […]. (Ciccarello et al. 2021) De nouveau, les principes généraux font référence à un exemple concret : Antonio Gallea, instigateur de l’assassinat du juge Rosario Livatino, malgré l’obtention de bénéfices (et en l’absence de collaboration), avait réintégré son groupe mafieux pour y commettre de nouveaux crimes. (23) Non possiamo assolutamente consentirci altri Antonio Gallea: condannato all’ergastolo come mandante dell’omicidio Livatino, di recente egli ha approfittato dei benefici penitenziari ottenuti per rientrare in posizioni di rilievo nella sua organizzazione criminale (Stidda), facendo valere proprio i suoi 25 anni di carcere senza aver mai collaborato davvero. (Radi 2022) Sa collaboration présumée sera ainsi reconsidérée comme impossible et inexis‐ tante pour les autorités judiciaires. Un élément aggravant est que Gallea a utilisé sa nouvelle position pour rétablir les liens entre la Stidda, un groupe mafieux d’Agrigente, et la Cosa Nostra sicilienne, après une série de conflits. Il incarne ainsi la transformation silencieuse de la mafia sicilienne. Le cas Gallea-Livatino a un impact juridique, criminel, moral, voire religieux à l’échelle internationale. La béatification du juge Livatino, assassiné en 1990, a été initiée par le pape François. Ce cas a également conduit à la création d’un groupe de réflexion théologique au Vatican sur les phénomènes criminels et la corruption auprès du 102 Paul Sambre <?page no="103"?> Dicastère pour le service du développement humain intégral (Sviluppo Umano Integrale 2021). Le cas Gallea est donc un revers pour ceux qui croyaient en l’efficacité morale rééducative automatique de la conversion à l’ergastolo ostativo. Nous terminons par le cas individuel qui aura eu raison de l’ergastolo ostativo en Europe, celui de Marcello Viola. Le crime dont il fut accusé est un des plus sanglants de l’histoire de la ‘ndrangheta calabraise. En 1991, lors du soi-disant vendredi noir de Taurianova, dans la Plaine de Gioia Tauro, concluant une période de terreur opposant plusieurs clans de la ‘ndrangheta dont les Viola e les Grimaldi (Lettera 43, 2019). Le 3 mai 1991 Giuseppe Grimaldi sera décapité et sa tête arrachée sera publiquement criblée de balles à Taurianova comme dans un stand de tir. Ces événements tragiques ont fortement marqué la Calabre ; Taurianova fut la première commune dissoute pour association mafieuse. Les avocats de Viola avaient réclamé lors de la condamnation CEDU les droits fondamentaux de tout condamné, et avaient prôné une évaluation cas par cas de la conversion de peine basée sur la reconnaissance du changement de la personne, alors même que Viola avait continué à clamer son innocence. (24) […] commenta l’avvocato Antonella Mascia, che ha patrocinato il ricorso sul caso di Marcello Viola davanti alla Cedu. “Bisogna sempre garantire i diritti fondamentali, che sono inderogabili, che non possono mai essere compressi e valgono soprattutto per gli ultimi. Non è un automatismo, non è che si toglie lo strumento per combattere la mafia ma ci permette di esaminare caso per caso se una persona durante la detenzione è cambiata e ha finalmente una speranza di poter rientrare nella società”. (Il Fatto Quotidiano 2019) Appelé le « boss-chirurgien », Marcello Viola fit des études en prison, démontrant ainsi sa bonne conduite. La discussion sur le bien-fondé de la libération conditionnelle de Viola Son sera contredite par celle d’un de ces complices, Pasquale Zagari, dont l’ergastolo avait été réduit à 30 ans de réclusion. Dès son retour, après ce que la presse qualifiera de parcours de fausse réhabilitation sociale (la finta « redenzione »), l’on notera les guillemets ironiques entourant sa soi-disant rédemption (CN24TV, 2021), il passera à des actes de graves menaces et d’extorsion avec son clan ‘ndranghetiste, lors des premiers permis hors prison sous surveillance, en rappelant explicitement à ces nouvelles victimes l’époque des morts de la faida de Taurianova, et sollicitera par le maintien de l’association mafieuse de Taurianova des versements d’argent pour soutenir les membres de sa famille incarcérés, le but étant de maintenir l’hégémonie de la pression économique sur sa région. Ergastolo ostativo 103 <?page no="104"?> L’opinion de plusieurs magistrats antimafia faisant autorité est sévère. Ales‐ sandra Dolci, procureur adjoint à la Direction du district antimafia de Lombardie (Dda de Milan) affirme tout haut n’avoir jamais rencontré de ‘ndranghetiste reconverti en 20 ans-: (25) “Se vivessimo in un mondo ideale i principi affermati dai due organi sarebbero condivisibili - ha commentato la procuratrice Dolci - in astratto è possibile che un soggetto condannato per gravissimi delitti di mafia, a prescindere dalla sua collaborazione, possa fare una rivisitazione critica del suo passaggio criminale. Ma in oltre vent’anni di attività investigativa nella lotta alla ‘ndrangheta non ne abbiamo recuperato nemmeno uno”. (Bauducco 2022) Entretemps, Nicola Gratteri nous rappelle que la collaboration du mafieux, est un simple choix basé sur la convenance, le criminel supportant mal la séparation de son foyer, et souhaitant mourir dans son propre lit. (26) Nessuno, salvo rare eccezioni, si pente per ragioni morali, religiose, ideo‐ logiche, né la legge lo chiede. Chi parla lo fa per convenienza: perché vuole tornare dalla moglie, perché ha figli piccoli e vuole vederli crescere, perché non sopporta l’isolamento o l’idea di lasciare il carcere solo da morto, perché vuole rifarsi una vita, perchè sogna di spirare nel proprio letto. (Travaglio 2019) Même si la collaboration avec la justice constitue un choix raisonné et non une reconversion morale, il faut tenir compte du point de vue des proches des victimes, actifs dans les associations de l’antimafia civile, comme Rosaria Schifani et Tina Montinaro, veuves des membres de l’escorte de Falcone, morts lors de l’attentat de Capaci (1992. Schifani, implorant lors des funérailles de son époux les auteurs à se convertir, insiste sur le maintien de la peine, soulignant que les proches des victimes continuent à porter le poids de l’ergastolo ostativo, tandis que les auteurs du crime pourraient être libérés. Pour elle, une simple déclaration ne suffit pas à la repentance ou à la demande de pardon. (27) L’ergastolo ostativo ce lo portiamo noi addosso. Noi familiari di vittime innocenti. Mentre i nostri morti per Strasburgo non hanno valore". Schifani denuncia che“il vero ergastolo non c’è più. Non commetti altri reati in carcere, mostri un atteggiamento remissivo, dai qualche informazione ed ecco la pena scendere a vent’anni o anche meno. La morte di una persona vale venti anni? Ma almeno in questi casi qualcosa devi confessare o rivelare. Adesso - osserva - si rischia di eliminare il ’fine pena mai’ pure per chi non offre notizie, per chi non si pente, per chi non chiede perdono.”. (Antimafia Duemila 2019) 104 Paul Sambre <?page no="105"?> L’ergastolo ostativo n’est donc pas uniquement expiée par les auteurs des assassinats, mais par les familles de victimes mêmes. Pour Montinaro, l’abolition de l’ergastolo risque de causer l’oubli du sacrifice des victimes des mafias et imposera le silence de l’Etat sur la mafia, un silence que justement les proches des victimes ont rompu par leur requête de mémoire collective. (28) «Il carcere ostativo è una pena che stiamo espiando noi famigliari di vittime della mafia: a noi è rimasta memoria e dolore, e siamo noi che andiamo a parlare di memoria in giro per l’Italia al posto dello Stato: sembra che tutto si voglia mettere a tacere, ma nessuno deve permettersi di dimenticare quegli uomini. (Camurani 2019) L’abolition de l’ergastolo ostativo renormalisera dès lors la culture de l’omertà (Scarpinato, 2022) et brisera un discours culturel sur les mafias. Il est important de comprendre que la culture mafieuse recoupe les sphères juridique, sociale et morale ou religieuse. Sur le plan juridique, la non-obligation de prise de parole évite au mafieux l’assomption de sa responsabilité devant les institutions de l’Etat et ce prolongement de l’omertà démontre l’incapacité de l’Etat italien à protéger le collaborateur de justice et ses proches. Cette redécouverte de l’ancienne attitude culture mafieuse se résume ainsi-: (29) "In sintesi si tratta di tre tipologie di non collaborazione: la prima è l’impos‐ sibilità a collaborare per il rischio di subire delle ritorsioni, la seconda è il rifiuto di non collaborare per motivo culturale, cioè perché il collaboratore non vuole sentirsi un infame, la terza tipologia di rifiuto giustificato a non collaborare consiste nella rivendicazione e nel riconoscimento del diritto di ciascuno di ravvedersi a modo proprio e non soltanto nei modi imposti dall’ordinamento”. (Grossi 2021) Le mafieux pourra alors continuer à implorer son pardon dans l’intimité religieuse, devant Dieu, et non devant l’Etat italien. Ainsi, la loi du silence ne subordonnera pas le système de valeurs (pseudo-religieuses) de la mafia à la culture laïque de la légalité républicaine. L’abolition de l’ergastolo ostativo conduit à un système de droits ou devoirs individuels, normalisation ainsi l’omertà. Pire encore, les auront le sentiment que l’État italien est incapable de garantir leurs libertés constitutionnelles collectives, comme le droit au travail et à l’entreprise. Cette conception culturelle conduit Nino Di Matteo, l’un des successeurs de Giovanni Falcone, à appeler à un équilibre entre les droits individuels des mafiosi et les droits démocratiques collectifs. Ergastolo ostativo 105 <?page no="106"?> (30) la particolarità del contesto mafioso ed i delitti commessi“incidono su tutta una serie di diritti costituzionalmente garantiti dalla nostra carta costituzionale e che sono diritti inviolabili di tutti i cittadini. Ad esempio, la libertà personale, il diritto all’eguaglianza, il diritto alla vita e alla sicurezza, il principio sancito dall’art. 23 della Costituzione per cui le prestazioni personali e patrimoniali possono essere imposte solo sulla base della legge (quando invece si pensa all’imposizione del pagamento di contributi paralleli rispetto a quelli previsti dallo Stato con il sistematico pizzo agli operatori economici), la libertà di iniziativa economica privata, il diritto di proprietà nella sua funzione sociale". Tutti diritti costituzionali che“vengono compressi, e a volte annientati, da gravi delitti commessi dal mafioso. E quindi a mio avviso, forse, inserire una previsione di bilanciamento di interessi costituzionalmente protetti nella valutazione del significato dell’art. 27 potrebbe essere utile". (Bongiovanni & Pettinari 2021) 6 Un recadrage entre scénario criminel, garanties et risques de la réinsertion (Run_risk) La rencontre entre un contexte italien et européen (section 2) et la lecture discursive attentive (section 3) de la spécificité conceptuelle de l’association mafieuse (section 4.), tout comme la menace persistante sur le territoire après la condamnation (section 5.) mettent à nu une tension constitutionnelle inévitable entre droits des (chefs) mafieux, et la protection d’une multitude d’agents sociaux (individus ou groupes) non criminels contre les risques, physiques ou symboliques, qu’implique la réinsertion du détenu. Dans un premier temps nous avons proposé une révision du statut de l’auteur du crime et de la victime, ainsi que de la contextualisation spatio-temporelle, liées à l’historicité et aux traditions de l’intimidation ou de la résistance. En outre nous avons insisté sur la dimensionnelle collective de l’(anti)mafia criminelle (impact des chefs de clan sur leurs organisations criminelles et territoires soumis) et citoyenne (impact des proches des victimes innocentes des mafias et des mouvements antimafia au sein des mêmes territoires). Il convient à présent d’énoncer l’effet causal négatif du maintien de l’ergastolo ostativo dans le scénario criminel, c’est-à-dire les risques à l’égard du réseau des délinquants (individu ou association) et des victimes potentielles, y inclus les magistrats responsables. FrameNet ne prévoit pas explicitement pour le scénario du crime ce lien avec la conceptualisation du risque ou Risk_scenario. Dans ce dernier, un agent social (appelé ici Protagoniste) s’inscrit dans un sous-cadre Run_risk (encourir risque) défini ainsi-: Un protagoniste est exposé à une situation potentiellement dangereuse qui peut se terminer par un effet négatif (Bad_outcome) pour lui/ elle-même, c’est-à-dire la 106 Paul Sambre <?page no="107"?> situation que le protagoniste veut éviter. [Nous retenons les seuls détails pertinents pour notre cas]. Nous concluons par l’argumentaire ou inventaire de garanties (Fairclough & Mădroane 2020, 134) pour les risques/ effets en cas d’abolition de la loi pour l’ensemble des acteurs-protagonistes, perçus individuellement ou par leur appartenance à une famille (exemples numérotés entre parenthèses). Le magistrat (procureur ou juge) et les membres de sa famille risquent de subir des menaces, entraînant la mort. Il faudra donc garantir leur protection par plusieurs moyens. • La décision du juge ne sera pas individuelle (20), ce qui cause l’isolement, mais collégial et collectif (20). • Les paliers (tasselli) inclus dans une grille d’évaluation permettront une comparaison entre cas et contiendront les contraintes additionnelles sur la mise en liberté conditionnelle (22). • Comme l’Italie risque d’être assujettie à l’UE, à la périphérie des institutions européennes (3), les magistrats italiens devront expliquer à l’Europe (5) la différence entre la mafia (ou ‘ndrangheta) et d’autres organisations criminelles (2, 17). • La détermination des juges face au collaborateur de justice ne vise en aucun cas une vengeance, ou une forme de torture (9), sous risque d’abaissement à l’attitude mafieuse. Le condamné (membre individuel ou chef de clan) risque de reprendre le contrôle du territoire et son pouvoir d’intimidation, d’où viennent les restrictions suivantes. • L’on mesurera le rôle du condamné dans la stratégie de négociation avec l’Etat (10). • Comme la prison est l’extension du territoire (1), l’on veillera au maintien de la rupture des liens communicatifs (5) avec les proches ou codétenus sous le régime 41 bis. • La bonne conduite n’est pas signe de repentir, mais est forme de communi‐ cation, la visibilité du mafieux témoignant de la gestion ininterrompue des mafias (4). • En règle générale, tout mafieux est à considérer un irréductible (16). Il faut cependant garantir au vrai collaborateur et à ses proches une couverture contre les menaces de mort. Les cas authentiques de reconversion sont toutefois rarissimes, notamment en matière de ‘ndrangheta (25). Ergastolo ostativo 107 <?page no="108"?> • L’unique moyen de montrer sa dissociation de la mafia est la collaboration avec la justice (18). • La maladie ou à l’âge avancé ne diminuent pas l’importance historique du détenu, ni la cruauté publique comme pour Provenzano (6, 7) ou Marcello Viola (24), entre Capaci/ Florence et Taurianova, respectivement. De ce fait, l’acceptation de leur requête devant la CEDH instrumentalise le droit européen contre l’acquis de l’antimafia italienne. • Les fausses repentances sont à éviter, car elles restaurent l’intimidation dans le territoire d’origine. Elles augmentent le risque de récidive, comme dans le passé (12). Il convient d’examiner le comportement des mafias sur les marchés propres à ces territoires (13). • La collaboration n’implique ni ne requiert, sur le plan juridique, une reconversion morale ou religieuse (26). Celle-ci appartient à l’Eglise (13). • L’on tiendra compte de l’évolution des mafias (Cosa Nostra ou ‘ndrangheta) vers des formes entrepreneuriales moins violentes et économiques (extor‐ sion et services commerciaux). Cette évolution même vise l’abolition de l’ergastolo ostativo (10). • L’on ne peut priver le condamné de ses droits constitutionnels, et, par conséquent risquer de limiter ses perspectives de réinsertion sociale. En conséquence, un certain réalisme semble indiqué (11) et tout idéalisme (25) à éviter. Il faut surtout garantir les mêmes droits constitutionnels à tout citoyen italien (24). De manière analogue, il faut protéger les victimes et la mémoire qui leur est rendue par leurs familles et associations civiles en leur évitant toute pression. • L’on songera principalement aux entrepreneurs menacés (12). • Le refus de la libération conditionnelle ou des conditions de détention pour les chefs historiques de la mafia provient de l’importance de leurs victimes célèbres (13), ou plus anonymes (8). Leur fin tragique risque d’être oubliée. • Les associations civiles remettent en question l’honneur mafieux (14) et font du martyr un héro civil (15), sans risque d’oubli social. Les mafias se manifestent dans le territoire d’origine, et là où est investi leur argent ; les victimes appartiennent en revanche à l’économie saine et à la démocratie (19). • Le poids de l’ergastolo ostativo reposant sur les épaules des seules victimes, le changement culturel risque d’incomber à la société civile, et non à l’Etat italien (29). • La résistance aux mafias est une responsabilité collective de la part de tous ceux qui risquent de voir menacée la sécurité publique (20). 108 Paul Sambre <?page no="109"?> • Par leur conviction religieuse certaines victimes ont mobilisé les autorités religieuses du pays. Ainsi la mémoire collective se revêt d’une signification spirituelle (23) avec l’aide de l’Eglise (13), contribuant à reprendre le territoire régi par la mafia. • Le pardon juridique au mafieux par la liberté conditionnelle ou la mise en liberté définitive représente une régression morale. La fine pena mai risque de ne s’appliquer qu’aux familles des victimes (27), Par cette intégration des risques associés à la non-abolition de l’ergastolo ostativo émergeant dans notre corpus discursif, nous avons contribué, en français, sur la base de deux scénarios conceptuels américains, au nécessaire équilibrage entre revendications justifiées des criminels condamnés et des vraies victimes, c’est-à-dire de l’antimafia juridique et civile italienne. Nous rendons hommage à ce monde civil, dans l’espoir que notre « traduction » motivera la réflexion sur la conceptualisation de l’ergastolo ostativo en Italie et ailleurs, et incitera à de recherches cognitives futures sur le discours forcément multilingue de la résistance à la criminalité organisée. Références bibliographiques Ardita, Sebastiano (2022): Al di sopra della legge. Come la mafia comanda dal carcere, Milan, Solferino. 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Finally, it is demonstrated that the reinterpreted words can be used with the same stylistic value as genuine loanwords, may be attacked by purists, and may therefore eventually disappear from usage. Keywords: language contact, Italianisms, popular etymology, purism Abstract Questo articolo esplora le circostanze in cui, in situazioni di contatto linguistico, i parlanti di una lingua possono percepire parole della propria lingua come prestiti dalla lingua con cui sono in contatto. Viene esaminato il processo cognitivo alla base di questo fenomeno e vengono discusse le implicazioni che tale reinterpretazione può avere per la storia delle parole coinvolte. Attraverso uno studio di caso sul contatto tra francese e italiano nel XVI secolo, si sostiene che tali fenomeni si manifestano specialmente in contesti di contatto tra lingue imparentate e rappresentano un tipo particolare di etimologia popolare. Si mostra infine come le parole così reinterpretate possono assumere lo stesso valore stilistico di veri e propri prestiti, essere oggetto di stigmatizzazione da parte dei puristi e, di conseguenza, scomparire dall’uso. Keywords: Sprachkontakt, Italianismen, Volksetymologie, Purismus <?page no="118"?> 1 Erste Überlegungen zu dieser Thematik finden sich in Scharinger (2012). Die Ausfüh‐ rungen im vorliegenden Beitrag basieren v. a. auf Scharinger (2018: 270-296). Die Daten aus FRANTEXT sind aktualisiert (06.08.2024). 2 Zu den lexikalischen Einflüssen des Italienischen auf das Französische vgl. u. a. die Studien von Kohlmann (1901), Sarauw (1920), Wind (1928) und Hope (1971). 3 Zum Antiitalianismus im Frankreich des 16. Jahrhunderts vgl. u. a. Smith (1966), Balsamo (1992), Heller (2003). 4 Zum Leben und Werk Estiennes vgl. Clément (1967 [1898]). 5 Zentrale Untersuchungen zu den Deux Dialogues sind u.a.: Tracconaglia (1907), Tres‐ cases (1978), Swiggers (2003), Sampson (2004), Cowling (2007), Colombo Timelli (2008). 6 Vgl. dazu v.-a. Trescases (1978) sowie Balsamo (1992). 1 Einleitung Der folgende Beitrag beschäftigt sich ausgehend von einem Fallbeispiel aus dem französisch-italienischen Sprachkontakt im 16. Jahrhundert mit der Frage, unter welchen Bedingungen während des Kontakts zwischen zwei miteinander verwandten Sprachen (A und B) erbwörtliche Lexeme der Sprache A von den Sprechern der Sprache A als Lehnwörter aus Sprache B wahrgenommen werden können und wie dieses Phänomen kognitiv zu erklären ist. Dabei soll insbesondere diskutiert werden, ob solche Fälle als Sonderform volksetymo‐ logischer Umdeutung gefasst werden können. Schließlich wird auch auf die Frage eingegangen, welche möglichen Folgen eine solche Umdeutung durch die Sprecher für die Geschichte der betroffenen Lexeme in Sprache A haben kann. 1 2 Fallbeispiel und Forschungsfragen Dass während des intensiven Sprachkontakts zwischen dem Französischen und Italienischen in der Frühen Neuzeit 2 französische Puristen versuchten, sich in ihren Schriften gegen eine Überfremdung des Französischen durch das Italienische zur Wehr zu setzen, und vor einer Hybridisierung des Französischen warnten, ist hinreichend bekannt, 3 wobei die Deux Dialogues du nouveau langage François, italianizé, et autrement desguizé, principalement entre les courtisans de ce temps […] (1578) von Henri Estienne (1531-1598) 4 als prominentestes Beispiel gelten können. In seinem in Dialogform abgefassten Werk liefert der Purist nicht nur soziolinguistisch relevante Informationen zur Rolle des Italienischen im Frankreich der Frühen Neuzeit (insbesondere am französischen Hofe), sondern listet auch zahlreiche lexikalische Italianismen auf, die im Französischen des 16. Jahrhunderts verbreitet gewesen sein sollen. 5 Obwohl entgegen den in der Vergangenheit immer wieder geäußerten Zweifeln am Zeugniswert seines Werks 6 inzwischen gezeigt werden konnte, dass die Beobachtungen Estiennes zum Einfluss des Italienischen auf das Französische als durchaus glaubwürdig 118 Thomas Scharinger <?page no="119"?> 7 Vgl. dazu Scharinger (2018: 141-325). Zu korrigieren ist insbesondere die weitverbreitete Annahme, dass es sich bei über der Hälfte der in den Deux Dialogues genannten Italianismen um Hapax-Belege handeln würde, die der Purist zum Zwecke der Satire frei erfunden habe. 8 Fr. bal und fr. balladin werden im Folgenden nicht näher betrachtet. Während fr. balladin heute nicht als Italianismus betrachtet wird (vgl. TLFi s.v., Chauveau 2006: 16), wäre die Geschichte von fr. bal, das im Altfranzösischen sowohl ‘danse’ als auch ‘réunion où l’on danse’ bedeuten konnte (vgl. TLFi s.v.), noch genauer zu klären. Zu fr. bal vgl. auch Perla (2021: 152-153). betrachtet werden können, 7 geben einige (wenige) seiner Feststellungen bis heute Rätsel auf, die m. E. als Folge einer kontaktinduzierten Sonderform der volksetymologischen Umdeutung gewertet werden könnten und die in ähnlicher Form auch in anderen Sprachkontaktszenarien zu beobachten sein könnten - sofern es sich bei den miteinander in Kontakt stehenden Sprachen um verwandte Sprachen handelt. Wie der folgende Passus aus den Deux Dialogues illustriert, nimmt Estienne fr. baller als Lehnwort aus dem Italienischen wahr (it. ballare), obwohl es sich dabei um ein seit dem Altfranzösischen belegtes Lexem handelt (vgl. FEW I, 217a-222a, Chauveau 2006), das das Französische als gemeinsamen Erbwortschatz mit dem Italienischen teilt, in dem ballare seinerseits seit dem Mittelalter belegt ist (vgl. LEI IV, 791-802). PHIL.: […] Au reste, veci une petite leçon qu’il vous faut retenir : c’est qu’il se faudret bien garder d’user en la cour de ce mot « danse », ni de « danser », ni de « danseur ». CEL.: Pourquoy ? PHIL.: Pource qu’il y a long temps que tout cela a esté banni, et qu’on a fait venir d’Italie bal et baller, et balladin, lesquels trois on a mis en la place de ces trois autres, non pas, toutesfois, sans quelque changement, comme vous pouvez voir. Car de ballo on a faict « bal », et ballare a esté changé en « baller », de ballarino, ou balladino (car je croy que tous les deux se disent) a esté faict « balladin ». (Estienne 1980 [1578]: 198) 8 Diese ‚falsche‘ Wahrnehmung Estiennes (fr. baller *[<] it. ballare) ist sowohl in Studien zu den Deux Dialogues als auch in Untersuchungen zur Geschichte von fr. baller zur Kenntnis genommen worden: Während im TLFi (s.v. baller) und bei Chauveau (2006) nicht näher darauf eingegangen wird, vermutet Tracconaglia (1907: 182) in seiner Arbeit zu den Deux Dialogues, dass fr. baller im 16. Jahrhundert bereits außer Gebrauch gekommen war und durch italienischen Einfluss revitalisiert wurde, und spricht in diesem Zusammenhang von „parole cadute in disuso rinforzate o risuscitate dalle sinonime italiane“. Ähnliche Vom Erbwort zum Lehnwort? Die Volksetymologie im Sprachkontakt 119 <?page no="120"?> 9 Die Schreibungen in diesem Zitat sind modernisiert (z. B. <Einfluss> statt <Einfluſs> usw.). 10 Für diese Stichprobe wurden nur Formen des Infinitivs berücksichtigt (recherche assistée, lemme danser bzw. baller, verbe à l’infinitif). Für das Subkorpus Ancien français (sowie für die drei anderen Zeiträume) könnten händisch auch Formen von dancier (recherche simple) erfasst werden, die anders als danser/ dancer unter der recherche assistée unberücksichtigt bleiben. Unter den Okkurrenzen von baler/ baller befinden sich in den Zeiträumen 1300-1399 und 1400-1499 auch Belege, in denen baller nicht ‘danser’ im generischen Sinn bedeutet. Deren Zahl ist aber überschaubar; baller ‘danser’ ist in jedem Fall belegt. Von den eigentlich 32 Okkurrenzen für baller im 16. Jahrhundert wurden zwei Zweifelsfälle ausgeschlossen (z. B. „celuy n’est pas dinne de balher les regles d’escrire noutre langue, qui ne la peut parler“). Überlegungen finden sich bei Aeppli (1925), der letztlich aber auch auf die „kontinuierliche Überlieferung“ von fr. baller hinweist: Inwieweit man es bei diesen Zeugnissen mit einem ev. Neu-Import des Wortes unter dem Einfluss der i t a l i e n i s c h e n R e n a i s s a n c e zu tun hat, lässt sich deswegen schwer beurteilen, weil auch die Möglichkeit einer k o n t i n u i e r l i c h e n Überlieferung durch die starke Vitalität des Wortes in der alt- und mittelfranzösischen Zeit ohne weiteres gegeben ist. […] Eine Stelle in H e n r i E s t i e n n e ’ s: Dialogues du nouveau langage français ialianisé (1578) […] scheint jedoch deutlich auf eine bereits vorausgegangene Hegemonie von danser hinzuweisen, da der Autor sonst baller doch wohl als einheimisches Sprachgut erkannt hätte. Übrigens ließe sich eine solche Wiederbelebung des Wortes durch die Tatsache erhärten, dass damals in der Tat auch die Tanzkunst stark unter dem Einfluss der italienischen Höfe des 15. und 16.-Jahrh. (Medici! ) stand. (Aeppli 1925: 22) 9 Würde man annehmen, dass fr. baller bis zum 16. Jahrhundert bereits unterge‐ gangen war und dann neu aus dem Italienischen entlehnt wurde, wäre Estiennes Urteil ohne Weiteres nachvollziehbar und bedürfte keiner weiteren Erklärung; es läge äußeres Lehngut aus dem Italienischen vor (etwa wie im Falle von fr. riposte < it. risposta). Wie die folgende Stichprobe aus FRANTEXT zeigt, ist fr. baller aber in der Tat kontinuierlich belegt: 10 120 Thomas Scharinger <?page no="121"?> 11 Zu den Begriffen äußeres und inneres Lehngut vgl. Betz ( 3 1974). FRANTEXT Ancien français 1300-1399 1400-1499 1500-1599 baler/ baller 3 10 5 30 dancer/ danser 0 25 48 141 Tab. 1: Verteilung von fr. baller & danser in FANTEXT: Ancien français bis 16. Jahrhundert Um äußeres Lehngut aus dem Italienischen kann es sich bei fr. baller also nicht handeln. Die Ergebnisse aus FRANTEXT bestätigen allerdings die von Aeppli (1925) erwähnte „Hegemonie“ von fr. danser gegenüber fr. baller (vgl. dazu auch Chauveau 2006: 52-53, Fn. 224). Letzteres scheint im 15. Jahrhundert bereits seltener gewesen zu sein als sein Synonym danser. Gleichzeitig wird aber auch deutlich, dass fr. baller im 16. Jahrhundert offenbar tatsächlich wieder an Vitalität gewinnt. Die Frage, ob etwaige semantische Einflüsse aus dem Italienischen zu beob‐ achten waren, Estienne also inneres Lehngut erkannt hat, 11 dürfte sich ebenfalls mit nein beantworten lassen. Trotz der gut dokumentierten Polysemie von fr. baller (z. B. ‚mouvement d’oscillation, de balancement‘, vgl. dazu ausführlich Chauveau 2006) sind, wie die folgenden Stellen aus FRANTEXT zeigen, durch‐ gängig auch Okkurrenzen zu finden, in denen fr. baller ‘tanzen’ bedeutet. Dass es also vor dem 16. Jahrhundert diese Bedeutung eingebüßt hätte und diese durch das Italienische revitalisiert worden wäre, kann nicht angenommen werden. Eine klassische Lehnbedeutung liegt also ebenfalls nicht vor: En ce paÿs ha pluseurs dames Bonnes, belles et preudefames, […] Je les puis tous les jours vëoir Et moi delés elles sëoir, Jouer, moquer, chanter et rire, Et leur puis ma volenté dire. Je les voi dancer et baler, Cointement venir et aller; (FRANTEXT, Guillaume de Machaut, Le Livre du voir dit, 1364, p.-132) l’ancienne femme doit bien estre porveue que elle ne face chose dont on y puist notter folie: ne lui apertient dancer, baler ne rire folement (FRANTEXT, Christine de Pisan, Le Livre des trois vertus, 1405, p.-198) Vom Erbwort zum Lehnwort? Die Volksetymologie im Sprachkontakt 121 <?page no="122"?> 12 Das Verb fr. baller wird ab der Mitte des 17. Jahrhunderts auch in den einschlägigen zweisprachigen Französisch-Italienisch-Wörterbüchern als veraltet ausgewiesen - und auch dort als Synonym von danser behandelt (vgl. dazu Scharinger 2018: 282-283). 13 Zu fr. baller und danser im Allgemeinen vgl. neben Aeppli (1925) auch Brüch (1929), (1936), Haas (1964) sowie Meier/ de Peña (1967). 14 Zur Synonymendoppelung vgl. Chocheyras (1969), Buridant (1980), Smith (1983). Ebenfalls unwahrscheinlich ist, dass fr. baller (im 16. Jahrhundert) lediglich eine bestimmte Art des Tanzens bezeichnet hat und unter italienischem Einfluss zum Normalwort für das Tanzen wurde. Auch wenn versucht wurde, die Semantik von fr. baller genauer zu bestimmen, darf man mit Chauveau (2006), der sich in diesem Zusammenhang u. a. auf die Versuche Aepplis (1925) sowie ein weiteres „examen non conclusif “ bezieht, annehmen, dass fr. baller (auch) im generischen Sinne verwendet werden konnte: Dans le domaine galloroman, BALL RE a évincé lt. SALT RE au sens de“danser”(v. FEW 11, 120a) et s’est imposé dans ce sens générique jusqu’au 16 e siècle (I.1.a.). Il a été ensuite supplanté par danser (v. FEW 15, II, 61a, *DINTJAN) qui s’appliquait alors à ‛une danse élégante, de la belle société, tandis que les représentants de ballāre […] désignaient des formes de danses plus populaires’ (BlWartburg s.v. danser), une danse marchée en ligne (‛getretene Reihentanze’ Aeppli 35). Le succès de ce type de danse en honneur dans la haute société française a eu pour conséquence, d’une part, l’emprunt de danse (f.) et danser (v.) par les autres langues européennes et, d’autre part, le refoulement rapide du représentant de BALL RE dans les parlers populaires à partir du 17 e siècle. (Chauveau 2006: 52-53) Fr. baller bedeutete also sowohl vor dem Sprachkontakt mit dem Italienischen als auch danach ‘tanzen’. Die großen Wörterbücher des 17. Jahrhunderts (Richelet 1680, Furetière 1690 und Académie 1694) weisen es schlicht als veraltetes Synonym von danser aus; Bedeutungsunterschiede werden nicht erwähnt: 12 † Baler, v.n. Dancer. [Pour être un vrai galand, il faut toujours babiller, dancer, baler. Sar. Poe.] (Richelet 1680) Wenngleich fr. danser ursprünglich eine besondere Form des Tanzens der „belle société“ bezeichnete (vgl. den oben zitierten Abschnitt aus Chauveau), dürfte es im 16. Jahrhundert - zumindest für einige Sprecher - bereits als Normalwort für das Tanzen gebraucht und mithin als Synonym von fr. baller wahrgenommen worden sein. 13 Neben dem Zeugnis Estiennes, der fr. baller offensichtlich als Italianismus ausweist, der das fr. Lexem danser verdränge, legt dies auch der Umstand nahe, dass beide Verben häufig in Synonymendoppelungen erschei‐ nen. 14 Wie schließlich der folgende Beleg aus FRANTEXT zeigt, wurden fr. baller 122 Thomas Scharinger <?page no="123"?> und fr. danser nicht nur von Estienne, sondern offensichtlich auch von anderen Zeitgenossen als Synonyme betrachtet: Le souper fini, ceulx qui voulurent commencerent à baler, et les autres à deviser, se pourmenans au long de la tonne contiguë au pavillon, avec un plaisir et contentement indicible. Mais la Royne, qui bien savoit tous les deux faire, après avoir longuement dancé, se rassit; et, nous ayant tous appellez, feit mettre les Damoiselles Carite et Cyprine à son costé. Puis, avec une voix douce et la face riante, parla ainsi: […] (FRANTEXT, Claude de Taillemont, Discours des Champs faëz. A l’honneur, et exaltation de l’Amour et des Dames, 1553, p.-100, Hervorhebung T.S.) Als Zwischenfazit lässt sich festhalten, dass im Falle von fr. baller weder äuße‐ res noch inneres Lehngut aus dem Italienischen angenommen werden kann, Estienne das erbwörtliche Lexem aber dennoch als Italianismus wahrnimmt (fr. baller *[<] it. ballare). Ganz offensichtlich können, wenn verwandte Sprachen miteinander in Kontakt stehen, erbwörtliche Lexeme also als fremd empfunden werden (im Beispiel fr. baller < BALL RE). Voraussetzung dafür scheint die Existenz von bedeutungsgleichen Kognaten in der verwandten Kontaktsprache zu sein (im Beispiel it. ballare < BALL RE). Nur wenn ein vermeintliches Ety‐ mon in der Kontaktsprache existiert, kann durch die Sprecher eine Verbindung zur Kontaktsprache hergestellt werden. Für fr. beaucoup könnte (im Gegensatz zu fr. moult, vgl. it. molto) von den Sprechern wohl kaum italienische Herkunft vermutet werden. Aus dem bisher Gesagten ergeben sich m. E. drei Fragen, die im Folgenden - weiterhin am Beispiel von fr. baller *[<] it. ballare - näher beleuchtet werden sollen: • Welche Eigenschaften weisen die betroffenen Lexeme auf ? Warum sind nicht alle Kognaten (z. B. fr. dire, vgl. it. dire) von solch einer Umdeutung betroffen? • Kann diese Art der Neuinterpretation des Wortursprungs als Volksetymo‐ logie betrachtet werden? • Kann diese Umdeutung auch Auswirkungen auf die Geschichte der betrof‐ fenen Lexeme haben? Fr. baller kommt schließlich im Laufe des 17. Jahr‐ hunderts außer Gebrauch, wohingegen it. ballare bis heute lebendig ist. 3 Parallelen zwischen vermeintlichen und echten Lehnwörtern Wie soeben festgestellt, sind nicht alle Kognaten von solch einer Umdeutung betroffen - andernfalls würde das im Falle des Kontakts zwischen dem Französi‐ Vom Erbwort zum Lehnwort? Die Volksetymologie im Sprachkontakt 123 <?page no="124"?> 15 Zum Terminus Luxuslehnwort sei auf die Diskussion bei Winter-Froemel (2011: 295-319) verwiesen. 16 Für die Paare fr. baller & danser und it. ballare & danzare wurden nur Formen des Infinitivs berücksichtigt, für die Paare fr. baster & suffire und it. bastare & sufficiare nur Formen der 3SG. Unter den Okkurrenzen von fr. baste und it. basta finden sich auch Interjektionen (fr. baste, it. basta), die aufgrund des m. E. noch erkennbaren Zusammenhangs mit fr. baster bzw. it. bastare nicht ausgeschlossen wurden. Von den insgesamt 32 Okkurrenzen für fr. baste bleiben hier drei unberücksichtigt, da sie wohl weder als 3SG von fr. baster noch als Interjektion gelten können (z. B. „Quant la Baste se magnifeste, Elle frappe ung cop si tres lourt“). Unter den 184 Belegen für fr. suffit befinden sich elf Formen mit der Schreibung <sufit>. schen und Italienischen bedeuten, dass der gesamte gemeinsame Erbwortschatz als potentiell fremd empfunden werden könnte. Bei näherer Betrachtung kann festgestellt werden, dass das Wortpaar fr. baller & danser Gemeinsamkeiten mit Synonymenpaaren aufweist, die tatsächlich aus Luxuslehnwort und bedeu‐ tungsgleichem Erbwort bestehen, 15 wie z. B. fr. baster (< it. bastare) neben fr. suffire. fr. baster < it. bastare neben fr. suffire (it. ---------) fr. baller *[<] it. ballare neben fr. danser (it. danzare) Wie im Falle von fr. baster existiert auch für fr. baller ein frequenteres franzö‐ sisches Synonym (fr. suffire neben fr. baster und fr. danser neben fr. baller). Im Italienischen hingegen sind Entsprechungen für die im Französischen eta‐ blierten Synonyme entweder kaum belegt (z. B. it. sufficiare) oder zumindest seltener (z. B. it. danzare). Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die Frequenzverhältnisse von fr. baster & suffire und fr. baller & danser sowie von it. bastare & sufficiare und it. ballare & danzare anhand der Daten aus FRANTEXT bzw. LIZ4.0: 16 FRANTEXT (1500-1599) LIZ4.0 (Cinquecento) baster (3SG) 29 suffire (3SG) 184 bastare (3SG) 1027 sufficiare (3SG) 0 baller 30 danser 141 ballare 93 danzare 41 Tab. 2: Verteilung von fr. baster & suffire und it. bastare & sufficiare sowie von fr. baller & danser und it. ballare & danzare 124 Thomas Scharinger <?page no="125"?> 17 Im Italienischen ist danzare ein früh vermittelter Gallizismus (vgl. z. B. TLIO s.v.), der es bis heute nicht vermocht hat, volkstümlicheres it. ballare als Normalwort für das Tanzen zu verdrängen (vgl. dazu schon Aeppli 1925: 14-15). 18 Wie die Analyse in LIZ4.0 zeigt, finden sich in den dort vorhandenen Texten keine Belege für it. sufficia. Im DELI wird etwaiges sufficiare nicht erwähnt. Für einige wenige Beispiele für sufficiare vgl. GDLI XX, 500b. 19 Zu den Italianismen fr. voltiger und ballet vgl. TLFi (s.vv.), zu fr. ballerin vgl. TLFi-Etym (s.v.). Zu lexikalischen Einflüssen des Italienischen auf das Französische im Bereich der Tanzkunst während der Frühen Neuzeit im Allgemeinen vgl. die Monographie von Perla (2021). 20 Zu Entlehnungen aus der Wortfamilie von it. bastare vgl. Wind (1928: 171), Hope (1971: 162) sowie FEW I, 277ab. Ein Sprecher des Französischen, der wie Henri Estienne auch des Italienischen mächtig war, könnte also das im Französischen im Vergleich zu danser seltenere baller als Lehnwort aus dem Italienischen wahrgenommen haben, in dem ballare im Gegensatz zu danzare viel häufiger und als Normalwort für das Tanzen gebraucht wird. 17 Dass fr. suffire als viel ‚französischer‘ als (der tatsächliche Italianismus) fr. baster betrachtet worden sein muss, ist angesichts der Beleglage von it. bastare und it. sufficiare mehr als wahrscheinlich. 18 Eine weitere Besonderheit von fr. baller ist, dass es einem Wortschatzbereich angehört, der im 16. Jahrhundert in der Tat besonders offen für die Aufnahme von Italianismen war. Aus dem Bereich des kunstvollen Bewegens stammt z. B. der im 16. Jahrhundert aufgenommene tatsächliche Italianismus fr. voltiger < it. volteggiare, daneben auch Vertreter aus der Wortfamilie von it. ballare selbst, wie fr. ballet < it. balletto und fr. ballerin < it. ballerino. 19 Für fr. baster kann zwar kein wirklicher Bereich ausgemacht werden, in dem das Verb vermittelt wurde, eine Parallele zu fr. baller besteht aber darin, dass auch Vertreter aus der Wortfamilie von baster im 16. Jahrhundert Eingang ins Französische gefunden haben (z. B. die von Estienne 1980 [1578]: 37, 78 kritisierten Italianismen bastant und bastance). 20 Schließlich weist fr. baller ausdrucksseitige Besonderheiten auf, die dieses formal fremd erscheinen lassen, worin eine weitere Gemeinsamkeit mit echten Lehnwörtern zu sehen ist. Im Falle von baster wird die auffällige nichterbwört‐ liche - wenngleich freilich noch nicht explizit als solche benannte - Lautung mit vorkonsonantischem / s/ sogar in den großen einsprachigen Wörterbüchern des Französischen im siècle classique hervorgehoben: BASTER v.n. (l’s se prononce.) Suffire. Cela ne sçauroit baster, pour dire, Cela ne sçauroit suffire. (Académie 1694) Vom Erbwort zum Lehnwort? Die Volksetymologie im Sprachkontakt 125 <?page no="126"?> 21 Im Hinblick auf fr. allègre weist z. B. auch das FEW XXIV, 289a darauf hin, dass die Schreibung <ll> statt <l> möglicherweise durch italienischen Einfluss im 16.-Jahrhun‐ dert bedingt ist. 22 Vgl. dazu Scharinger (2018: 273). Dieselbe Vermutung stellt im Übrigen auch Aeppli (1925: 72, Anm. 159) an. 23 Zur Volksetymologie vgl. z. B. Pfister (1980: 100-120), Jänicke (1991: 5-7), Blank (1993), (1997: 303-317), (2001: 91-92) sowie unter besonderer Berücksichtigung von Eigennamen Schweickard (2008). Die Ausführungen und Beispiele in diesem Kapitel orientieren sich an den soeben genannten Studien. Was fr. baller anbelangt, so beschränken sich etwaige Besonderheiten auf die Schreibung. Auffällig ist, dass fr. baller in alt- und mittelfranzösischer Zeit überwiegend mit der Graphie <l> begegnet, wohingegen ab dem 16. Jahrhundert vermehrt Belege mit <ll> anzutreffen sind. So weisen 16 der insgesamt 18 Belege von baller in FRANTEXT aus dem Zeitraum bis zum 15. Jahrhundert nur <l> auf, von den 30 Okkurrenzen aus dem 16. Jahrhundert hingegen erscheinen 29 mit <ll> (vgl. Tab. 1) - ganz so wie die Okkurrenzen in den Deux Dialogues. Die Zunahme der graphischen Doppelkonsonanz bei fr. baller mit einer Orientierung am italienischen Modell zu erklären, erscheint mir durchaus plausibel. Zum einen machen schon Catach et al. (1980: 281) darauf aufmerksam, dass die im 16. Jahrhundert im Allgemeinen zu beobachtende Zunahme der Doppelkonsonanz in der Schreibung zahlreicher französischer Wörter neben lateinischem auch italienischem Einfluss geschuldet sein kann, 21 zum anderen scheint insbesondere für fr. baller eine Annäherung an das vulgärlateinische Etymon eher unwahrscheinlich zu sein; es war den Gelehrten vermutlich nicht bekannt. 22 Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass fr. baller aufgrund der genannten Eigenschaften also durchaus als Lehnwort wahrgenommen werden konnte, das in Konkurrenz zu einem als französischer empfundenen Synonym stand. Auffällig ist allerdings, dass die ausdrucksseitige Besonderheit (<ll>) offenbar - anders als z. B. / st/ bei baster - nicht als Voraussetzung für die Wahr‐ nehmung als Italianismus, sondern als Folge derselben zu betrachten ist. Mit der Neuinterpretation der Wortherkunft scheint auch eine formale Annäherung an das vermeintliche Etymon (it. ballare) einherzugehen - Erscheinungen, die stark an volksetymologische Umdeutung erinnern. 4 Attraction cognatique als kontaktinduzierter Sonderfall der Volksetymologie Unter dem laut Pfister (1980: 100) und Blank (1997: 303, Fn. 313) auf Förstemann (1852) zurückgehenden Terminus Volksetymologie versteht man einen Prozess, 23 126 Thomas Scharinger <?page no="127"?> 24 Vgl. dazu die Informationen bei Pfister (1980: 101-102, Fn. 236), dem zufolge attraction paronymique auf Dauzat (1927) zurückgeht. durch den Sprecher einer Sprache ein Wort aufgrund formaler Ähnlichkeit und meist auch semantischer Nähe mit einem anderen Wort assoziieren bzw. es aus diesem herleiten, obwohl zwischen den beteiligten Wörtern kein etymologi‐ scher Zusammenhang besteht. Die so hergestellte Verbindung widerspricht also immer der tatsächlichen Etymologie des auf diese Weise umgedeuteten Wortes. Solche Neuinterpretationen der Wortherkunft, die Blank (2001: 91) als Reanal‐ yseprozesse versteht, sind dabei keineswegs auf das ‚einfache‘ Volk beschränkt, sondern sind gerade auch unter gebildeten Sprechern zu beobachten, weshalb auch zahlreiche andere Bezeichnungen für dieses Phänomen vorgeschlagen wurden, wie etwa attraction paronymique. 24 Meist sind die von der Umdeutung betroffenen Wörter isolierte und undurchsichtige Elemente im Wortschatz, wie etwa Lehnwörter, Fachtermini, Eigennamen, aber auch Erbwörter, die z. B. aufgrund des Lautwandels keiner Wortfamilie mehr zugeordnet werden können. Durch die Umdeutung und Assoziation mit Bekanntem werden neue motivationale Beziehungen hergestellt. Blank (1993, 1997) sieht daher den Hauptgrund für die Volksetymologie in der Neumotivierung bzw. Integration eines verwaisten Wortes: Der Versuch, ein unmotiviertes Zeichen lexikalisch zu analysieren und auf andere Wörter hin zu interpretieren, aus denen es bestehen bzw. mit denen es identisch sein könnte oder mit welchem es in einer Wortfamilie verbunden sein könnte, scheint generell allen Volksetymologien zugrundezuliegen. (Blank 1997: 305) Die Volksetymologie ist also ein Vorgang, mit dem die Muttersprachler versuchen, in Einzelfällen die Willkürlichkeit der sprachlichen Zeichen zu überwinden und ihnen eine sekundäre Motivation zu geben. Diese nachträgliche Motivation wird dadurch erreicht, daß das undurchsichtige Wort mit einem ähnlich lautenden, aber häufiger gebrauchten Terminus, also einem Paronym, gedanklich assoziiert wird, was eine formale oder inhaltliche Beeinflussung zur Folge hat. Die Volksetymologie erweist sich also letztlich als eine in das Sprachgeschehen aktiv eingreifende, ordnende Kraft, die speziell im Wortschatz wirksam wird. ( Jänicke 1991: 6) Mit Blank (1997: 304-317) lassen sich ausgehend von der bei Jänicke (1991) genannten „formale[n] oder inhaltliche[n] Beeinflussung“ vier Typen des volksetymologischen Wandels unterscheiden. Neben Fällen, in denen Bedeu‐ tungswandel ohne formalen Wandel oder sowohl Bedeutungswandel als auch formaler Wandel feststellbar sind, kann auch nur ein formaler Wandel zu beobachten sein, wobei hier zwei Arten unterschieden werden können: Vom Erbwort zum Lehnwort? Die Volksetymologie im Sprachkontakt 127 <?page no="128"?> 25 In linguistischen Lexika findet man die unterschiedlichsten Definitionen: Während etwa bei Matthews (2007 s.v. paronyms) Paronyme unscharf als „Words which are linked by a similarity of form. Hence paronymic attraction = popular etymology“ definiert werden, nennt z. B. Bußmann (2008 s.v. Paronymie) als Beispiele dt. Sommer und engl. summer (also offensichtlich Kognaten) und definiert Paronymie als „lautliche Ähnlichkeit zwischen zwei Ausdrücken in verschiedenen Sprachen“. Anders als bei • Bedeutungswandel ohne formalen Wandel: z. B. fr. forain < FORANUS ‘aus‐ wärtig’, das nicht mehr mit fr. dehors < DEFORIS in Verbindung gebracht werden kann und mit fr. foire < FERIA assoziiert wird: fr. forain ‘zum ( Jahr)markt gehörig’ • Bedeutungswandel mit formalem Wandel: z. B. mhd. vrīthof ‘eingefriedeter Raum um die Kirche, der als Begräbnisstätte dient’, das sich unter dem Einfluss von dt. Friede nicht - wie lautgesetzlich zu erwarten - zu nhd. Freithof entwickelt und nur noch ‘Begräbnisstätte’ bedeutet • Formaler Wandel ohne Bedeutungswandel: z. B. fr. choucroute < elsäss. Sûrkrût (vgl. dt. Sauerkraut) in Anlehnung an fr. chou ‘Kohl’ und fr. croûte ‘Kruste’ • Formaler Wandel ohne Bedeutungswandel, wobei ausschließlich die Gra‐ phie betroffen ist: z. B. mengl. iland > nengl. island unter dem Einfluss von mengl. isle < afr. isle oder auch mengl. soverein > nengl. sovereign in Anlehnung an mengl. reign ‘Königreich’ Die Umdeutung fr. baller *[<] it. ballare weist deutliche Parallelen zum zuletzt ge‐ nannten Beispiel auf. Auch hier findet eine Neuinterpretation der Wortherkunft statt, die sich in einer formalen - auf die Graphie beschränkten - Angleichung an das vermeintliche Etymon äußert (<ll> statt <l>). Das Wort, auf das fr. baller bezogen wird, weist nicht nur eine für volksetymologische Prozesse notwendige formale Ähnlichkeit auf, sondern auch eine semantische Nähe - ja sogar die gleiche Bedeutung. Dennoch sind auch Unterschiede festzustellen, die im Folgenden kurz diskutiert werden sollen und die es m. E. nahelegen, in solchen Fällen von einer Sonderform der volksetymologischen Umdeutung zu sprechen, für die ich in Anlehnung an attraction paronymique den Terminus attraction cognatique vorgeschlagen habe: • Beteiligte Lexeme: Trotz der soeben erwähnten Gemeinsamkeiten zwischen den beteiligten Lexemen (formale und semantische Ähnlichkeit, d. h. im Falle der attraction cognatique sogar gleiche Bedeutung) handelt sich bei fr. baller & it. ballare um Kognaten, nicht um Paronyme. Auch wenn Paronymie terminologisch oft recht unscharf gefasst wird, sollten Paronyme und Kognaten m. E. als eigenständige Kategorien gelten. 25 Während bei der klas‐ 128 Thomas Scharinger <?page no="129"?> Matthews (s.v. cognate): „(Languages, words, etc.) that have developed from a common ancestor“ findet sich bei Bußmann (2008) kein Eintrag zu Kognaten (nur zu kognaten Objekten). Paronyme und Kognaten sollten jedoch als verschiedene Kategorien behan‐ delt werden, wobei der Hauptunterschied in der Herkunft liegt: Kognaten gehen auf ein gemeinsames Etymon zurück, Paronyme nicht (vgl. Scharinger 2018: 287). sischen Volksetymologie normalerweise Wörter, die auf unterschiedliche Etyma zurückgehen, aufeinander bezogen werden, wird bei der attraction cognatique auf dasselbe Etymon zurückgehender gemeinsamer Erbwort‐ schatz umgedeutet, wobei sich die ‚falsche‘ Etymologie darauf beschränkt, dass ein Erbwort zum Lehnwort umgedeutet wird, ohne dass hier unter‐ schiedliche Wortfamilien beteiligt wären. Eine weitere Parallele zwischen der Volksetymologie und der attraction cognatique hingegen ist, dass das umgedeutete Wort isoliert ist und auf ein frequenteres bezogen wird. Im Falle von fr. baller wurde festgestellt, dass es seltener als sein Synonym fr. danser ist. Ein großer Unterschied zur klassischen Volksetymologie besteht aber darin, dass das betroffene Lexem nicht mit einem geläufigeren Wort in der eigenen Sprache, sondern mit dem in der Kontaktsprache vitaleren Kognaten assoziiert wird. • Bedingungen: Anders als bei der klassischen Volksetymologie muss für die attraction cognatique also eine Sprachkontaktsituation gegeben sein; ebenso eine gewisse Mehrsprachigkeit der Sprecher. Zumindest müssen diese so viel Wissen über die Kontaktsprache haben, dass sie das weniger frequente Erbwort aus ihrer Muttersprache mit dem vitaleren Kognaten in der Kontaktsprache assoziieren können. Die Beispiele, die üblicherweise zur Illustration des volksetymologischen Wandels gegeben werden, zeigen, dass es sich dabei in der Regel um ein intralinguales Phänomen handelt. Assoziiert wird die unmotivierte Form mit eigensprachlichem Material (vgl. fr. forain und fr. foire). Dies ist auch (oder: insbesondere auch) bei Lehnwörtern wie choucroute anzunehmen. Zwar handelt es sich um ein fremdes Wort, das durch Sprachkontakt in eine andere Sprache gelangt ist, aber die Umdeutung zeigt ja gerade, dass die Sprecher offenbar nicht über ausreichend Deutschkenntnisse verfügen, um das Wort zu verstehen. Es wird in den französischen Wortschatz eingegliedert, mit französischen Wörtern assoziiert. Während bei der klassischen Volksetymologie undurch‐ sichtiges Wortgut (Erbwörter oder Lehnwörter) mit dem Eigenen assoziiert wird, vollzieht sich bei der attraction cognatique die Assoziation (von Vom Erbwort zum Lehnwort? Die Volksetymologie im Sprachkontakt 129 <?page no="130"?> 26 Einige Beispiele, die bisweilen im Zusammenhang mit der klassischen Volksetymologie genannt werden, weisen diesbezüglich Gemeinsamkeiten mit der attraction cognatique auf: Es sind dies falsche latinisierende Schreibungen, wie sie u.-a. in der französischen Sprachgeschichte häufig begegnen: „[…] si pensi alla grafia pseudoetimologica del fr. poids ‘peso’ che erroneamente venne collegato col lat. pondus invece di pēnsum (FEW8,204ss.) o all’antica variante grafica sçavoir ‘sapere’ in luogo di savoir che risente dell’influsso di scire (FEW11,193ss.)“ (Schweickard 2008: 86). Auch diese setzen die Kenntnis einer anderen Sprache (des Lateinischen) voraus. 27 Dies muss bei Kognaten nicht zwangsläufig der Fall sein (vgl. dt. Knecht, engl. knight). Allerdings wäre in einer solchen Konstellation wohl nicht mit einer attraction cognatique zu rechnen. Die Wahrnehmung eines Erbworts als ein Luxuslehnwort in Anlehnung an den vitaleren Kognaten setzt m.-E. voraus, dass ein bedeutungsgleicher Kognat in der Kontaktsprache existiert. Er muss von den Sprechern nicht nur in formaler, sondern auch in semantischer Hinsicht als potentielles Etymon für das vermeintliche Lehnwort identifiziert werden können. Erbwörtern) mit dem Fremden und setzt daher eine gewisse Kenntnis des Fremden voraus. 26 • Resultat: Auch das Ergebnis der Assoziation mit dem Fremden unterscheidet sich von jenem einer klassischen volksetymologischen Umdeutung. Anders als bei der Volksetymologie scheint die attraction cognatique offenbar nicht zu einer besseren Integration des verwaisten Wortes in der eigenen Sprache zu führen. Die zur Kontaktsprache hergestellte Beziehung bewirkt vielmehr, dass das ursprüngliche Erbwort als fremd empfunden wird. Es ist markierter als vorher. Ein denotativer Bedeutungswandel ist anders als bei der klassischen Volksetymologie nicht möglich (vgl. fr. forain ‘auswärtig’ > ‘zum ( Jahr)markt gehörig’), da sich die Kognaten semantisch entspre‐ chen. 27 Wenngleich das Semem (signifié) also unverändert bleibt, könnten Veränderungen im Hinblick auf die externe Wortvorstellung angenommen werden. Laut Blanks (1997: 95) komplexem Modell der lexikalischen Bedeu‐ tung umfasst die externe Wortvorstellung u. a. das Wissen der Sprecher um die diasystematische Markierung eines Wortes. Fr. baller könnte als markiert, als italianisierend empfunden worden sein, was wiederum auch Auswirkungen auf dessen Gebrauch durch die Sprecher gehabt haben könnte (vgl. Kap. 5). Aufgrund des bisher Gesagten könnte das am Beispiel von fr. baller *[<] it. ballare beschriebene Phänomen als Sonderform der volksetymologischen Umdeutung betrachtet werden, die sich von der klassischen Volksetymologie insbesondere dadurch unterscheidet, dass bedeutungsgleiche Kognaten betroffen sind, eine Sprachkontaktsituation gegeben sein muss und sie im Ergebnis nicht zu einer besseren Integration des verwaisten Wortes in der eigenen Sprache führt. Die 130 Thomas Scharinger <?page no="131"?> folgende Tabelle fasst nochmals die wesentlichen Gemeinsamkeiten und Unter‐ schiede zwischen der Volksetymologie und der attraction cognatique zusammen: Attraction paronymique Attraction cognatique Paronyme -formale Ähnlichkeit -semantische Relation Kognaten -formale Ähnlichkeit -gleiche Bedeutung Verwaiste Lexeme -Lautwandel, Fachwortschatz, Lehnwör‐ ter Verwaiste Lexeme -frequentere Synonyme Neuinterpretation der Herkunft Neuinterpretation der Herkunft Assoziation mit dem Eigenen -intralingual (Einsprachigkeit) Assoziation mit dem Fremden -interlingual (Mehrsprachigkeit) Resultat -evtl. formaler Wandel (choucroute) -evtl. Bedeutungswandel (forain) -Integration von Erb- und Lehnwörtern -Abnahme der Markiertheit Resultat -evtl. formaler Wandel (baller mit <ll>) -kein Bedeutungswandel -Desintegration von Erbwörtern -Zunahme der Markiertheit Tab. 3: Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen attraction paronymique und attrac‐ tion cognatique 5 Folgen der attraction cognatique für die Wortgeschichte Wie im vorherigen Kapitel angemerkt, stellt sich die Frage, ob die Umdeu‐ tung von fr. baller zu einem Italianismus auch Auswirkungen auf die weitere Geschichte des Wortes (vgl. Baldinger 1959) gehabt haben könnte. Auf den Umstand, dass fr. baller nach dem 16. Jahrhundert allmählich außer Gebrauch kommt und bereits gegen Ende des 17. Jahrhunderts von den einschlägigen Wörterbüchern als veraltet ausgewiesen wird, wurde bereits hingewiesen. Wie dieses Schicksal von fr. baller zu erklären ist, bleibt allerdings unklar. Chauveau (2006), der explizit darauf hinweist, dass baller von Estienne als Italianismus stigmatisiert wird, geht davon aus, dass vor dem Wortuntergang spezifische Verwendungsweisen zu beobachten gewesen sein müssen, ohne jedoch genauer darauf einzugehen: Avant de devenir généralement désuète, la famille lexicale [de baller, T.S.] a dû connaître des usages distincts selon les milieux. En 1578, Henry Estienne la considère comme empruntée par la langue de la Cour à l’italien […]. (Chauveau 2006: 3, Fn. 2) Vom Erbwort zum Lehnwort? Die Volksetymologie im Sprachkontakt 131 <?page no="132"?> 28 Es wurden nur Formen des Infinitivs berücksichtigt (recherche assistée, lemme danser bzw. baller, verbe à l’infinitif). Formen von dancier wurden nicht ergänzt. Unter den Okkurrenzen von baller befinden sich im Zeitraum 1300 bis 1499 vereinzelt auch Belege, in denen baller nicht ‘tanzen’ im generischen Sinn bedeutet. Von den eigentlich 32 Okkurrenzen für baller im 16. Jahrhundert bleiben zwei unberücksichtigt (vgl. Fn. 10 in diesem Beitrag). Von den sieben Okkurrenzen von baller im 19. Jahrhundert bedeuten nur vier sicher ‘tanzen’ (z. B. nicht „laissant baller ses bras qui, à chaque pas, frôlaient avec un murmure la moire du tablier“), von den 18 Belegen für baller im 20. Jahrhundert wurden nur vier berücksichtigt (z. B. nicht „et le vent faisait baller ses pantalons jaunes“ oder Belege für die Wendung envoyer baller). Die Okkurrenzen von danser wurden nicht überprüft. 29 Zu stilistischen Funktionen von entlehnten Elementen vgl. z.-B. Spillner (1996: 151). Nicht auszuschließen ist, dass fr. baller nicht nur von Estienne, sondern auch von anderen Zeitgenossen als Italianismus empfunden wurde und infolgedessen auch wie ein Italianismus verwendet wurde. Während der Zeit der mode italianeggianti im Frankreich des 16. Jahrhunderts könnte das Wort zunächst vermehrt verwendet worden sein, bevor es aufgrund des gegen Ende des 16. Jahrhunderts einsetzenden Antiitalianismus und im 17. Jahrhundert im Allgemeinen erstarkenden Purismus ähnlich wie viele andere (tatsächliche) Italianismen allmählich außer Mode kam. Ein Blick auf die Belege von fr. baller in FRANTEXT legt nahe, dass diese Vermutung nicht ganz unbegründet ist. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die Zahl der Okkurrenzen von fr. baller und fr. danser in FRANTEXT (Ancien français bis 20.-Jahrhundert): 28 FRAN‐ TEXT Ancien fran‐ çais 1300- 1399 1400- 1499 1500- 1599 1600- 1699 1700- 1799 1800- 1899 1900- 1999 baler/ baller 3 10 5 30 3 0 4 4 dancer/ danser 0 25 48 141 399 484 1378 2634 Tab. 4: Verteilung von fr. baller & danser in FRANTEXT: Ancien français bis 20. Jahrhun‐ dert Bevor auf die Frequenzverhältnisse näher eingegangen wird, soll zunächst die Frage geklärt werden, ob die Verwendungskontexte von fr. baller Hinweise darauf liefern, dass das Verb als Italianismus empfunden wurde. Dass Lehnwör‐ ter auch zu stilistischen Zwecken entlehnt bzw. eingesetzt werden können, etwa um Lokalkolorit zu zeichnen, ist bekannt. 29 Während im Hinblick auf fr. baller ‘tanzen’ im Alt- und Mittelfranzösischen keine Auffälligkeiten bezüglich 132 Thomas Scharinger <?page no="133"?> 30 Für Informationen zu diesen bekannten Italianismen sei auf die entsprechenden Einträge im TLFi (s.vv.) verwiesen. der Verwendung festzustellen sind, ist es im 16. Jahrhundert mehrmals in Kontexten zu finden, die als italianisierend betrachtet werden können. Entweder ist ein inhaltlicher Bezug zu Italien zu erkennen (vgl. den ersten Passus) oder es findet sich in unmittelbarer Nachbarschaft zu tatsächlichen Italianismen (vgl. den zweiten Passus): Voicy le Carneval, menons chacun la sienne, Allons baller en masque, allons nous pourmener, Allons voir Marc Antoine, ou Zany bouffonner, Avec son Magnifique à la Venitienne: […] (FRANTEXT, Joachim Du Bellay, Les Regrets, 1558, p.-194, Hervorhebung T.S.) […] chasseur, voleur et brigant de bois. Ces jeunes gens, […], ne m’accorderont jamais que les richesses ne leur servent à festoyer […], à banqueter, baller, braver, voltiger […] (FRANTEXT, Charles Estienne, Paradoxes, 1561, p.-73, Hervorhebung T.S.) Wie die Ausschnitte zeigen, erscheint baller zusammen mit zahlreichen Itali‐ anismen: carneval (heute carnaval), masque, Zany (hier als Eigenname, bei Brantôme auch als commun noun), brigant (heute brigand) sowie voltiger. 30 Die Verben bouffonner, banqueter und braver sind zwar vermutlich französische Derivate auf Basis der aus dem Italienischen entlehnten Wörter bouffon, banquet und brave (vgl. TLFi s.vv.), sie dürften aber hier ebenfalls als italianisierend zu werten sein. Es scheint also so, als ob baller hier in der Tat denselben stilistischen Wert hat wie echte Italianismen. Gewiss taucht baller auch in neutralen Kontexten auf. Auch müssten hier noch die flektierten Formen von baller (und von danser) berücksichtigt werden, um wirklich verlässliche Aussagen zu machen. Die ausgewählten Beispiele können aber m. E. als Indiz dafür gewertet werden, dass fr. baller zumindest von manchen Sprechern (bzw. Schreibern) als italienisches Lehnwort wahrgenommen wurde. Dazu passt auch, dass unter den Schriftstellern, in deren Werken baller verwendet wird, nicht wenige derer zu finden sind, die für den gehäuften Gebrauch von Italianismen bekannt sind (z. B. D’Amboise, Du Bellay, Du Fail, Marot, Montaigne, Ronsard). Im 17. Jahrhundert sind insgesamt nur drei Okkurrenzen für baller, im 18. Jahrhundert hingegen keine einzige zu finden, was das bereits erwähnte Vom Erbwort zum Lehnwort? Die Volksetymologie im Sprachkontakt 133 <?page no="134"?> 31 Selbst eine Recherche nach lemme baller verbe conjugué (recherche assistée) liefert für das 18. Jahrhundert keine Treffer. Bei den fünf Ergebnissen („verbe conjugé/ baller“) handelt es sich in Wirklichkeit in allen Fällen um einen Eigennamen (Bala) bei Voltaire. Verschwinden des Wortes bestätigt. 31 Im 19. Jahrhundert sind schließlich wieder sieben Okkurrenzen zu verzeichnen, wobei nur in vier Fällen baller ‘tanzen’ vorliegt (vgl. Fn. 28). In drei Fällen ist der Kontext zwar nicht italianisierend, die Belege finden sich aber bei Victor Hugo und George Sand, die als italianisierende Autoren des 19.-Jahrhunderts gelten (vgl. Kohlmann 1901: 11, Bordas 2004). Im vierten Fall handelt es sich hingegen eindeutig um ein italienisches Setting: […] j’ai fait préparer son logement dans le palais Malatesta. “Pagolo Orsini.” l’aimable Pagolo ! … vrai, ne dirait-on pas que là, nous allons tous banqueter et baller ? […] Bonsoir, Miguelotto ; […] (FRANTEXT, Auguste Barbier, Satires, 1865, p. 202, César Borgia, Hervorhebung T.S.) Im 20. Jahrhundert schließlich überwiegen diejenigen Okkurrenzen (14 von insgesamt 18), in denen baller nicht mehr ‘tanzen’ bedeutet, sondern die se‐ kundären Bedeutungen (z. B. laisser baller les bras) überwiegen (vgl. Fn. 28). Von den vier Belegen von baller ‘tanzen’ ist jedoch erneut einer als eindeutig italianisierend zu betrachten: Le charlatan arrache une dent à un capitan […] on jette des fleurs et des oranges, tandis que les marchandes qui les livrent continuent à baller […] Le temps de joie et d’amour est de retour. danses des zingaras, visages découverts […] voici les bohémiennes ! Carnaval, tu les ramènes, […] (FRANTEXT, Guillaume Apollinaire, Casanova, 1918, p.-989, Hervorhebung T.S.) Abgesehen vom italienischen Setting ist auffällig, dass baller auch hier in der Nähe echter Italianismen erscheint (charlatan, capitan und carnaval sowie dem wohl spontan entlehnten zingaras). Wenngleich die Verwendungskontexte von baller nur schlaglichtartig (und ohne Berücksichtigung flektierter Formen) beleuchtet werden konnten, könn‐ ten die vorgestellten Beispiele Indizien dafür sein, dass das ursprüngliche Erbwort zumindest von einigen Sprechern (bzw. Schreibern) als Italianismus wahrgenommen und verwendet wurde. Auffällig ist v. a. der Umstand, dass es anders als in alt- und mittelfranzösischen Texten im 16. Jahrhundert auch in explizit italianisierenden Kontexten begegnet und vermehrt bei Autoren anzu‐ 134 Thomas Scharinger <?page no="135"?> 32 Wie Stammerjohann/ Seymer (2007) gezeigt haben, werden im 16. Jahrhundert 497 Italianismen ins Französische aufgenommen, wohingegen im 17. Jahrhundert nur noch 254 Lehnwörter Eingang ins Französische finden. Dies zeigt zwar, dass der Einfluss des Italienischen im 17.-Jahrhundert nicht versiegt, allerdings wird auch deutlich, dass die Begeisterung für italienisches Wortgut spürbar abnimmt. 33 Für die Nichtberücksichtigung einzelner Okkurrenzen von baller sowie von Formen von dancier sei auf Fn. 28 verwiesen. Für die Untersuchung der Vorkommen von baster & suffire wurden nur Formen der 3SG berücksichtigt (recherche simple), wobei die Interjektion baste nicht ausgeschlossen wurde (vgl. Fn. 16). Von den insgesamt 26 Belegen für baste aus dem 17. Jahrhundert wurden drei Zweifelsfälle ausgeschlossen, von jenen aus dem 18. Jahrhundert einer, von jenen aus dem 19. Jahrhundert ebenfalls einer und von jenen aus dem 20. Jahrhundert insgesamt vier. Aufgenommen wurden zusätzlich alle Belege für die dem Italienischen wieder angenäherte Form basta, die neben baste im 17. (10 Belege), 19. (7 Belege) und 20. Jahrhundert (79 Belege) begegnet (vgl. dazu auch FEW I, 277a). Es handelt sich dabei immer um eine Interjektion, die oft in italienischen Zitaten erscheint. Die Belege für suffit wurden nicht einzeln geprüft. 34 Die Werte wurden aufgrund der unterschiedlichen Größe der einzelnen Subkorpora normalisiert und entsprechen den Vorkommen pro 10.000.000 Wörtern. Ancien fran‐ çais: 2.813.707 Wörter; 1300-1399: 4.354.407 Wörter; 1400-1499: 4.282.940 Wörter; 1500-1599: 7.189.168 Wörter; 1600-1699: 21.760.462 Wörter; 1700-1799: 31.478.708 Wörter; 1800-1899: 63.775.246 Wörter; 1900-1999: 112.366.547 Wörter. Die zweite Nachkommastelle bleibt unberücksichtigt. treffen ist, die für den Gebrauch von Italianismen bekannt sind. Die Tatsache, dass es im 17. Jahrhundert selten und im 18. Jahrhundert nicht nachweisbar ist, legt nahe, dass es das Schicksal einiger tatsächlicher Italianismen (wie z. B. baster) teilt, die mit dem Ende der italianisierende Mode langsam untergehen. Dazu passt auch, dass seine Frequenz im 16. Jahrhundert zunächst ansteigt. 32 Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die Entwicklung der relativen Häufigkeit von fr. baller & danser sowie von fr. baster & suffire in FRANTEXT (Ancien français bis 20.-Jahrhundert). 33 Die Angaben sind normalisiert: 34 FRAN‐ TEXT Ancien fran‐ çais 1300- 1399 1400- 1499 1500- 1599 1600- 1699 1700- 1799 1800- 1899 1900- 1999 baler/ baller 10,6 22,9 11,6 41,7 1,3 0 0,6 0,3 dancer/ danser 0 57,4 112 196,1 183,3 153,7 216 234,4 baste 0 0 0 40,3 15,1 2,8 8,6 8,9 suffit 0 4,5 28 255,9 807,8 886,6 673,9 903,2 Tab. 5: Relative Häufigkeit von fr. baller & danser sowie von fr. baste & suffit in FRANTEXT: Ancien français bis 20.-Jahrhundert Vom Erbwort zum Lehnwort? Die Volksetymologie im Sprachkontakt 135 <?page no="136"?> 35 Im Falle des Wortpaares fr. baller & danser ist danser (anders als fr. suffire im Vergleich zu fr. baster) nicht das ‚französischere‘ Synonym, sondern lediglich das als ‚französischer‘ empfundene Wort. 36 Möglicherweise handelt es sich bei fr. baller mit der generischen Bedeutung ‘tanzen’ in den Texten des 19. und 20. Jahrhunderts zumindest in bestimmten Einzelfällen um eine Entlehnung aus dem Italienischen. Eine Suchanfrage in den digitalisierten Wörterbüchern der Académie française (https: / / www.dictionnaire-academie.fr/ article/ A9B0237) zeigt, dass es in der 1., 2., 3., 4., 5., 6., 7. und 9. Auflage enthalten ist. Während es in den Auflagen 1-7 (also 1694-1878) als „vieux“ bezeichnet wird, weist es die 9. Auflage als „très vieilli“ aus. In der 8. Auflage (1932-1935) scheint allerdings ein entsprechender Eintrag zu fehlen. Im Artikel zum Substantiv fr. bal (m.) wird es dort ebenfalls nicht erwähnt. Wie anhand der Daten aus Tab. 5 ersichtlich ist, weist die Entwicklung des vermeintlichen Italianismus fr. baller tatsächlich Parallelen zu jener des echten Italianismus fr. baster auf. Nach einer besonderen Blüte im 16. Jahrhundert kommen beide allmählich außer Gebrauch. Die französischeren Synonyme 35 hingegen bleiben vital. Der leichte Anstieg im 19. Jahrhundert könnte in beiden Fällen möglicherweise mit der Vorliebe bestimmter Autoren für italienische „Scenerien“ (Kohlmann 1901: 11) erklärt werden (vgl. weiter oben), wobei im Hinblick auf fr. baller angesichts der fehlenden Belege im 18. Jahrhundert allerdings noch genauer zu prüfen wäre, ob es mit der Bedeutung ‘tanzen’ überhaupt bis ins 19. Jahrhundert überlebt hat. 36 Was fr. baster anbelangt, so legen die Okkurrenzen in FRANTEXT nahe, dass ab dem 17. Jahrhundert eigentlich nur noch die Interjektion baste Verwendung findet, was sich mit den Kommentaren in Richelet (1680) und Furetière (1690) deckt: BASTER, on prononce l’s, signifioit autrefois suffire & se dit encore en cette phrase proverbiale, Baste pour cela, ou absolument, Baste, pour dire, Passe, j’en suis content. Ce mot n’est venu en usage qu’au temps de la Reine Catherine de Medicis, comme remarque Borel. (Furetière 1690) Baster, v.n. Ce mot signifie sufire; mais il n’est proprement en usage dans ce sens qu’à la troisième personne du subjonctif. Ansi on dit en parlant familièrement, ou dans le stile le plus bas, baste, pour dire, il sufit, c’est assez. (Richelet 1680) Abgesehen vom Zeugnis Estiennes sind keine zeitgenössischen metasprachli‐ chen Kommentare vorhanden, anhand derer sich zweifelsfrei nachweisen ließe, dass fr. baller tatsächlich als Italianismus empfunden und deshalb während des 16. Jahrhunderts zunächst vermehrt verwendet wurde, bevor es im 17. Jahrhun‐ dert aus demselben Grund schließlich gemieden wurde. Befragt werden können die Sprecher bzw. Schreiber nicht mehr. Dass solche Erscheinungen während des Kontakts zwischen zwei miteinander verwandten Sprachen aber durchaus 136 Thomas Scharinger <?page no="137"?> 37 Mit Kabatek (1996) sei diesbezüglich auch auf Coseriu (1977) verwiesen, der von „negativer Interferenz“ spricht. zu beobachten sein können, legen die Ergebnisse Kabateks (1996) zur Wahrneh‐ mung von Sprechern des Galicischen nahe. Wie Kabatek (1996: 159-161) anhand von Interviews zeigt, empfinden einige Sprecher des Galicischen das Wort comprar als kastilisch und verwenden daher vermehrt das Synonym mercar, weil sie dieses als „galicischer“ erachten. In beiden Sprachen sind aber beide Verben vorhanden. Allerdings ist comprar das Normalwort des Kastilischen, wohingegen mercar selten bzw. archaisierend ist. Im Zusammenhang mit diesem Phänomen, das deutliche Parallelen zum hier behandelten fr. baller *[<] it. ballare aufweist, spricht Kabatek (1996: 16-20) von „Unterscheidungsinterferenz“. 37 Für die Wortgeschichte von fr. baller könnte die Umdeutung vielleicht tatsächlich für dessen allmähliches Verschwinden verantwortlich sein. Gründe, die im Allgemeinen zur Erklärung des Wortuntergangs genannt werden (vgl. z. B. Lippold (1946), Huguet 1967 [1935]), scheinen für den Verlust von fr. baller nicht verantwortlich gemacht werden zu können. Um ein unregelmäßiges oder defektives Verb handelt es sich nicht. Auch wird es nicht zum Historizismus. Die Tätigkeit, die mit baller bezeichnet wird, bleibt erhalten. Ob die Polysemie von fr. baller oder möglicherweise die Ähnlichkeit zu fr. bailler < BAJULARE, das seinerseits ebenfalls untergeht, eine Rolle spielten, lässt sich nicht entscheiden. Dass die Umdeutung zum Italianismus (auch) zu seiner Vermeidung beigetragen haben könnte, ist jedenfalls nicht ohne Weiteres auszuschließen. Der Kontakt mit der verwandten Sprache könnte hier also - anders als es normalerweise der Fall ist - nicht zu Konvergenzen, sondern zu Divergenzen im (ursprünglich gemeinsamen) Wortschatz beigetragen haben. 6 Konklusion Wie am Schicksal von fr. baller exemplarisch gezeigt, können während des Kontakts zwischen zwei miteinander verwandten Sprachen (A und B) erbwört‐ liche Lexeme der Sprache A von den Sprechern der Sprache A als Lehnwörter aus Sprache B wahrgenommen werden. Betroffen davon sind Lexeme, die zum gemeinsamen Erbwortschatz der beiden Sprachen gehören, d. h. sog. Kognaten. In Sprache A existieren frequentere erbwörtliche Synonyme, für die es in Sprache B keine Entsprechungen gibt oder deren Entsprechungen seltener sind. Diese Erscheinung lässt sich als kontaktinduzierter Sonderfall einer volksetymologischen Umdeutung erklären, bei der sich lediglich die Wortvorstellung ändert. Es kommt nicht zu einem denotativen Bedeutungswan‐ Vom Erbwort zum Lehnwort? Die Volksetymologie im Sprachkontakt 137 <?page no="138"?> del der als Lehnwörter empfundenen Lexeme. Durch die Assoziation mit der Kontaktsprache werden diese allerdings nicht - wie es bei volksetymologischer Umdeutung meist zu beobachten ist - besser in den Wortschatz von Sprache A integriert, sondern desintegriert. Aufgrund ihrer Markiertheit werden die umgedeuteten Lexeme stilistisch in die Nähe tatsächlicher (Luxus)Lehnwörter gerückt und können auch als solche verwendet werden. Schließlich können die als fremd empfundenen Erbwörter - insbesondere in Sprachkonfliktsituationen oder infolge puristischer Tendenzen - von den Sprechern aufgegeben werden und allmählich untergehen. Bei der Untersuchung von Kontakten zwischen verwandten Sprachen sollte daher - stärker als bisher - auch die Entwicklung des gemeinsamen Erbwortschatzes Berücksichtigung finden, um nicht nur Konvergenzen durch Lehnbedeutungen, sondern auch etwaige kontaktbedingte Divergenzen feststellen zu können. Bibliographie Primärquellen Estienne, Henri (1980 [1578]): Deux Dialogues du nouveau langage François, italianizé, et autrement desguizé, principalement entre les courtisans de ce temps […], éd. par Pauline M. Smith, Genève, Slatkine. Académie (1694) = Académie française (1694): Le Dictionnaire de l’Académie françoise […], Paris, Coignard. Furetière (1690) = Furetière, Antoine (1690): Dictionnaire Universel, contenant général‐ ement tous les mots françois tant vieux que modernes, les termes des sciences et des arts, […], La Haye/ Rotterdam, Leers. 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Además, el artículo profundiza en varios aspectos de la complejidad metafórica textual, tales como la comprensión de metáforas, la teoría de la metáfora cognitiva, el uso de metáforas en la investigación de lenguas extranjeras y la identificación de metáforas. El análisis de metáforas incluye examinar su densidad, grado de convencionalización, diversidad e interacción con el cotexto proporcionando una comprensión integral de su rol en la comprensibilidad del texto. Además, el documento aplica parámetros cuantitativos de complejidad textual y el esquema de análisis de metáforas a dos textos, comparando los hallazgos con un estudio de cuestionario sobre la comprensibilidad del texto. Finalmente, el artículo sugiere que se debería reconsiderar una recomendación general de evitar las metáforas en textos para estudiantes de idiomas, ya que existen textos con muchas metáforas que se consideran relativamente fáciles de entender. Palabras clave: comprensibilidad, complejidad metafórica, metáforas, con‐ vencionalización, diversidad, interacción Abstract This article explores the prediction and measurement of text complexity and comprehensibility, presenting a schema for analyzing metaphorical text complexity. The concept of text complexity is multifaceted, encompas‐ <?page no="146"?> 1 Ausgehend von meiner Dissertation mit dem Titel Textkomplexität und Textverständ‐ lichkeit. Studien zur Komplexität spanischer Prosatexte (Dziuk Lameira 2023) werden hier die Ergebnisse zweier Textanalysen vertieft betrachtet. sing a large number and variety of elements within texts that interact, de‐ monstrating emergent and dynamic characteristics. Moreover, the article delves into various aspects of metaphorical text complexity, such as under‐ standing metaphors, cognitive metaphor theory, metaphor usage in foreign language research, and the identification of metaphors. The metaphor analysis includes examining their density, degree of conventionalization, diversity, and interaction with the cotext, providing a comprehensive understanding of their role in text comprehensibility. Furthermore, the paper applies quantitative text complexity parameters and the metaphor analysis schema to two texts, correlating the findings with a questionnaire study on text comprehensibility. Finally, the article suggests that a gene‐ ral recommendation to avoid metaphors in texts for language learners should be reconsidered, as there are texts with many metaphors that are considered relatively easy to understand. Keywords: comprehensibility, metaphorical text complexity, metaphors, conventionalization, diversity, interaction 1 Einleitung Seit den 1920er Jahren wird versucht, mittels unterschiedlicher Formeln und Verfahren die Verständlichkeit von Texten vorherzusagen oder zu messen 1 . Zu Beginn beschäftigte sich überwiegend die psychologische Verständlichkeitsfor‐ schung mit der Entwicklung von Lesbarkeitsformeln, deren Ziel es ist, die Verständlichkeit eines Textes anhand seiner sprachlichen Merkmale vorherzu‐ sagen, wobei Urteile von Lesenden und Verstehenstests zur Überprüfung der Validität und Reliabilität der Formeln herangezogen wurden (cf. Klare 1963, 137- 144; 1974, 64-65). Bei den verwendeten sprachlichen Merkmalen handelte es sich um quantitative bzw. quantifizierbare Merkmale wie Wort- und Satzlänge, Wortfrequenz oder die Häufigkeit bestimmter Formen oder Wortarten im Text. Semantische Aspekte der Textkomplexität wurden in bisherigen Modellen sel‐ ten behandelt. Im Folgenden wird daher am Beispiel der Metapher ein Analyse‐ schema vorgestellt, welches auch diese Aspekte einbezieht. Dabei soll zum einen der Tatsache Rechnung getragen werden, dass Metaphern nach der Theorie der konzeptuellen Metapher (cf. Lakoff/ Johnson 1980; 1999; Lakoff 1993) vor allem komplexitätsreduzierend wirken, indem sie uns helfen, abstrakte konzeptuelle 146 Katharina Dziuk Lameira <?page no="147"?> 2 „Verhalten“ ist hier im Sinne der Dynamik komplexer Systeme aus systemtheoretischer Sicht gemeint (vgl. Merlini Barbaresi 2011 und Dziuk Lameira 2023, Kap. 2.4.2) Domänen mittels konkreter konzeptueller Domänen zu verstehen. Zum anderen sollen die verschiedenen Möglichkeiten der Kotextualisierung berücksichtigt werden, welche die metaphorische Komplexität des Textes ebenso beeinflussen wie die Eigenschaften der einzelnen Metaphern im Text. Im Folgenden werden quantitative Textkomplexitätsparameter sowie das Schema zur Analyse der metaphorischen Textanalyse auf zwei Texte angewendet und mit Ergebnissen einer Fragebogenstudie zur Messung der Textverständlichkeit in Bezug gesetzt. Komplexität wird je nach wissenschaftlicher Disziplin und Untersuchungs‐ gegenstand unterschiedlich definiert. In Anlehnung an Merlini Barbaresi (2003; 2011) wird hier folgende Definition der Textkomplexität verwendet: Texte sind komplexe Systeme, welche sich sowohl durch eine komplexe Struktur als auch durch komplexes Verhalten  2 auszeichnen. Sie verfügen über eine große Anzahl und Vielfalt von Elementen, welche auf verschiedene Arten interagieren und dadurch die Merkmale Emergenz und Dynamik aufweisen. Die Wechselbeziehungen zwischen den verschiedenen Elementen und Ebe‐ nen des Textes werden als zentrales Komplexitätskriterium betrachtet. Kom‐ plexität und kognitive Schwierigkeit werden als unterschiedliche Konzepte betrachtet, die koordiniert sind (cf. Rescher 1998, 17). Dabei führen jedoch nicht alle Arten und Modi der Komplexität zu einer erhöhten Schwierigkeit (cf. Rescher 1998, 18). 2 Metaphorische Textkomplexität 2.1 Verstehen von Metaphern Nach Gibbs (1994, 116-118) besteht das Sprachverstehen aus vier Teilen, die ein temporales Kontinuum darstellen: • Verstehen („comprehension“) als Prozess, in welchem sprachliche Informa‐ tion, Weltwissen und Kontext Rezipierenden erlauben, die Bedeutung einer Äußerung oder die Intention eines Sprechers zu verstehen. Dieser Prozess läuft unbewusst und sehr schnell ab und unterscheidet sich im Fall von Metaphern nicht vom Verstehen wörtlicher Bedeutung; • Erkennen („recognition“) als bewusste Identifikation von Verstehenspro‐ dukten als „types“; so wird die Bedeutung einer bestimmten Äußerung als metaphorisch erkannt; Metaphern und Textkomplexität. Zur metaphorischen Komplexität spanischer Prosatexte 147 <?page no="148"?> • Interpretation („interpretation“): im Fall von Metaphern das bewusste Erkennen von Ähnlichkeiten zwischen Ziel- und Ursprungsbereich sowie • Wertschätzung („appreciation“), welche sich auf die ästhetische Bewertung des Verstehensprodukts bezieht. Laut Gibbs ist nur der erste Schritt des „Verstehens“ obligatorisch, alle weiteren Schritte sind fakultativ (cf. Gibbs 1994, 116-118). Die Hypothese, dass übertragene Bedeutungen schwieriger zu verarbeiten seien als wörtliche, hat sich durch psycholinguistische Studien nicht bestä‐ tigt (für einen Überblick zur Forschung zum Metaphernverstehen cf. Groe‐ ben/ Christmann 2003; Colston/ Gibbs 2017). Eine Hypothese zur Metaphern‐ verarbeitung lautet, dass beim Lesen einer Metapher zunächst die wörtliche Bedeutung aktiviert wird. Führe dieser Schritt nicht zu einer korrekten In‐ terpretation, müsse in einem weiteren Schritt die metaphorische Bedeutung aktiviert werden. Diese Hypothese konnte ebenfalls nicht bestätigt werden (cf. z. B. Kintsch/ Bowles 2002). Offenbar existieren metaphorische Äußerungen, die leichter oder schwerer verständlich sind. Die Graded Salience Hypotheses von Giora (1997) liefert eine mögliche Erklärung: Laut Giora wird zunächst die saliente Bedeutung verarbeitet. Dabei bestimmen Faktoren wie die Kon‐ ventionalität, die Bekanntheit, die Frequenz, die Intensivierung durch den vorangehenden sprachlichen Kontext etc., ob es sich bei der salienten Bedeutung um die wörtliche oder die metaphorische Bedeutung handelt. In Fällen, in denen beide Bedeutungen salient sind, werden diese parallel verarbeitet (cf. Giora 1997, 183). 2.2 Metaphern in der Fremdsprachenforschung In der kognitiven Metapherntheorie nach Lakoff und Johnson (1980) werden Metaphern nicht als bloße Stilmittel, sondern als alltägliches Phänomen be‐ trachtet. Sowohl unsere Sprache als auch unser Denken und Handeln seien durch ein metaphorisches Konzeptsystem strukturiert (cf. Lakoff/ Johnson 1980, 3). Trotz ihrer Alltäglichkeit werden jedoch Metaphern in Lehrwerken für Fremdsprachenlernende oft vermieden. Koch (2013) stellt in den von ihr unter‐ suchten Lehrwerken für Französisch, Englisch und Spanisch eine geringere Metaphernfrequenz fest als im authentischen Sprachgebrauch, wobei die un‐ tersuchten Lehrwerke für Spanisch die höchste Metaphernfrequenz unter den verschiedenen Fremdsprachenlehrwerken aufwiesen (cf. Koch 2013, 172). Als möglichen Grund nennt Koch eine gewünschte Komplexitätsreduktion (cf. Koch 2013, 175). 148 Katharina Dziuk Lameira <?page no="149"?> 3 Die Zielgruppe der lectura fácil ist dabei sehr heterogen. Sie umfasst neben „personas con discapacidad intelectual“ und „disléxicos“ auch „inmigrantes recientes, analfabetos funcionales, sordos prelocutivos, sordociegos, afásicos, personas mayores, autistas, personas con trastornos de la actividad y la atención“ sowie „niños/ alumnos de escuela primaria“ (García Muñoz 2012, 46). 4 In der Weiterentwicklung der Theorie der konzeptuellen Metapher (CMT) lautet die Definition: „A conceptual metaphor is understanding one domain of experience (that is typically abstract) in terms of another (that is typically concrete)“ (Kövecses 2017, 13), wobei domain (nach Forcevilles Definition von Frame) definiert wird als „a coherent organization of human experience“ (Kövecses 2017, 24). Auch in Arbeiten zur lectura fácil  3 oder Leichten Sprache (cf. z. B. García Muñoz 2012, Netzwerk Leichte Sprache 2014, 33) werden Metaphern bzw. bildliche Sprache behandelt. Häufig wird empfohlen, Metaphern zu vermeiden. So findet sich bei García Muñoz (2012) die Empfehlung „[e]vitar el lenguaje figurado, las metáforas y los proverbios, porque generan confusión“ (García Muñoz 2012, 71). Maaß et al. (2014) kritisieren, dass dabei nicht unterschieden wird zwischen Metaphern, welche das Verständnis erleichtern und Metaphern, welche es erschweren (cf. Maaß/ Rink/ Zehrer 2014, 66). Im Gegensatz dazu empfiehlt Fry (1988) den Einsatz von Metaphern zur Ver‐ einfachung von Texten, um die Vorstellbarkeit von weniger visuellen Konzepten und damit die Lesbarkeit zu erhöhen (cf. Fry 1988, 86). Dabei beziehen sich Frys Empfehlungen im Gegensatz zu García Muñoz (2012) jedoch nicht explizit auf ein bestimmtes Konzept der Leichten Sprache, sondern stellen allgemeine Hinweise zur Vereinfachung von Texten dar. 2.3 Kognitive Metapherntheorie Lakoff/ Johnson (1980, 5) definieren die Metapher aus der Sicht der kognitiven Linguistik folgendermaßen: „The essence of metaphor is understanding and experiencing one kind of thing in terms of another“. 4 Gemäß der Theorie der konzeptuellen Metapher (auch CMT, „conceptual metaphor theory“) stellen die metaphorischen Ausdrücke (auch sprachliche oder linguistische Metaphern) wie z.-B. „You’re wasting my time“ (Lakoff/ Johnson 1980, 7) oder „That flat tire cost me an hour“ (Lakoff/ Johnson 1980, 8), die in der Alltagssprache vorgefunden werden können, eine sprachliche Realisierung der zugrundeliegenden konzep‐ tuellen Metaphern bzw. des zugrundeliegenden Metaphernkonzepts (in diesem Fall „ TIM E I S M O N E Y “, Lakoff/ Johnson 1980, 7) dar, wobei die CMT nicht behauptet, dass jeder sprachlichen Metapher eine konzeptuelle Metapher zugrunde liegt (cf. Kövecses 2017, 14). Während bei Lakoff/ Johnson (1980) die sprachlichen Beispiele für die von ihnen postulierten Metaphernkonzepte noch auf der Metaphern und Textkomplexität. Zur metaphorischen Komplexität spanischer Prosatexte 149 <?page no="150"?> 5 Nacey et al. (2019a, 12): „The notion of direct metaphor, encompassing simile and other forms of direct expression of the source domain of cross-domain mapping […]“; Steen et al. (2010a, 92): „[…] one frequent form of metaphor in fiction is directly expressed metaphor, which occurs in the form of similes, analogies and other non-literal comparisons“. Intuition der Autoren basieren, versuchen nachfolgende Arbeiten, die konzep‐ tuellen Metaphern anhand von Korpusanalysen nachzuweisen (cf. Kövecses 1990; Baldauf 1997). Laut CMT sind diese omnipräsent und die meisten ihrer sprachlichen Realisierungen sind Teil des mentalen Lexikons von Personen, die eine Sprache als Muttersprache beherrschen (cf. Kövecses 2017, 14). Um die Unterscheidung zwischen konzeptuellen und sprachlichen Metaphern zu erleichtern, werden konzeptuelle Metaphern in Kapitälchen (von einigen Auto‐ ren auch in Großbuchstaben) geschrieben (cf. Kövecses 2010, 4). Konzeptuelle Metaphern verbinden zwei konzeptuelle Domänen, indem ein mapping, also eine Menge systematischer Übereinstimmungen zwischen dem Ursprungsbe‐ reich („source domain“, span. dominio fuente) und dem Zielbereich („target domain“, span. dominio meta) hergestellt wird (cf. Kövecses 2017, 14). Im oben genannten Beispiel nach Lakoff/ Johnson wäre M O N E Y der Ursprungsbereich und TIM E der Zielbereich. Auf sprachlicher Ebene wird also die konzeptuelle Domäne Z E IT durch Ausdrücke beschrieben, die sich normalerweise auf den konzeptuellen Bereich G E L D beziehen. Die konzeptuelle Metapherntheorie geht davon aus, dass im Normalfall abstrakte konzeptuelle Domänen mittels physisch erfahrbarer konkreter Domänen konzeptualisiert werden. Die umgekehrte Konzeptualisierungsrichtung gilt als markiert und als Fall von besonderem poetisch-ästhetischem Gebrauch (cf. Kövecses 2017, 16). 2.3.1 Identifikation von Metaphern Metaphern unterscheiden sich u. a. im Grad ihrer Metaphorizität und Kon‐ ventionalität, die subjektiv und je nach Ko- und Kontext unterschiedlich wahrgenommen werden können. Dies kann in quantitativen Analysen zu Unterschieden in der Zählweise führen. Um die Vergleichbarkeit von Studien zu Metaphern im Text zu erhöhen, entwickelte die Pragglejaz Group (2007) die MIP (Metaphor Identification Procedure), welche dann von Steen et al. (2010a) zur MIPVU (Metaphor Identification Procedure Vrije Universiteit) weiterentwickelt wurde. Die eigentliche Metaphernidentifikation hat sich gegenüber der MIP kaum verändert. Die wichtigste Neuerung der MIPVU sind die sogenannten direkten und impliziten Metaphern. Als direkte Metaphern 5 werden in der MIPVU sprachlich explizit markierte metaphorische Ausdrücke (z. B. durch Vergleiche oder Analogien) bezeichnet, in denen eine konzeptuelle Übertragung 150 Katharina Dziuk Lameira <?page no="151"?> (cross-domain mapping) direkt benannt wird (cf. Steen et al. 2010a, 11-12). Unter impliziten Metaphern verstehen die Autoren z. B. Anaphern, die sich auf ein metaphorisch gebrauchtes Antezedens beziehen. Die Autoren der MIPVU gehen von einem kognitiven Metaphernverständnis aus und kombinieren dieses mit Aspekten der Diskursanalyse, um eine gebrauchsbasierte Erforschung von Metaphern zu ermöglichen (cf. Steen et al. 2010b, 767-768). Dabei werden die im Text vorkommenden Metaphern auf der Grundlage lexikalisch-semantischer Information identifiziert. Konzeptuelle Metaphern können in einem weiteren Schritt identifiziert werden; dies ist jedoch nicht Bestandteil der MIPVU (cf. Steen et al. 2010b, 771). Die MIPVU geht auch davon aus, dass sprachliche metaphorische Ausdrücke Manifestationen von Metaphern als „cross-domain mappings in thought“ (Nacey et al. 2019a, 10) sind. Sie geht jedoch nicht davon aus, dass diese mappings systematisch oder konventionalisiert sind (cf. Nacey et al. 2019a, 10). Da die MIP(VU) für das Englische entwickelt wurde, müssen bei der Anwen‐ dung auf andere Sprachen bestimmte Aspekte angepasst werden. So muss etwa geklärt werden, wie genau die Analyseeinheiten, die lexical units oder lexical items, nach Pragglejaz Group (2007) und Steen et al. (2010a) bestimmt werden und welche Wörterbücher zur Metaphernidentifikation verwendet werden. In den meisten Fällen decken sich lexical units mit orthografischen Wörtern (cf. Pragglejaz Group 2007, 3), also Textwörtern. Ausnahmen stellen z. B. feste Wortverbindungen dar, die mithilfe einer Liste ermittelt werden. Um eine Vergleichbarkeit zwischen verschiedenen Studien zu ermöglichen, wurden für das Englische Regeln zur Einteilung eines Textes in lexical units entwickelt (cf. Steen et al. 2010a, 26-27). Eine Anpassung dieser Regeln an die spanische Sprache findet sich bei Dziuk Lameira (2023, Kap. 7.2.1). So wurde z. B. für die Ermittlung fester Wortverbindungen, die als eine lexikalische Einheit zählen, eine Liste verwendet, welche auf den Einträgen für expresiones pluriverbales des Diccionario de uso del español von María Moliner (DUE) beruht sowie die DVD-Version dieses Wörterbuchs. María Moliner definiert die „expresión plu‐ riverbal“ als „conjunto de palabras con que se expresa un concepto; por ejemplo, luna de miel“. Beispiele aus dem Korpus sind: „a fin de cuentas“ (Así empieza 1) oder „más bien“ (Ayer no más 1). Bei der Anwendung der MIPVU sollte im Idealfall auf ein korpusbasiertes Wörterbuch zurückgegriffen werden. Dieses repräsentiert dabei das sprachliche Wissen eines idealisierten Sprechers einer bestimmten Zeit (cf. Steen et al. 2010b, 771). In der vorliegenden Untersuchung wurde das Diccionario de uso del español (DUE) von María Moliner als Quelle gewählt, weil es ein gebrauchsbasiertes Wörterbuch ist und in elektronischer Metaphern und Textkomplexität. Zur metaphorischen Komplexität spanischer Prosatexte 151 <?page no="152"?> 6 „The contextual meaning of a lexical unit is the meaning it has in the situation in which it is used (Steen et al. 2010a, 33)“. 7 Gemäß MIPVU würde es sich um zwei lexikalische Einheiten handeln: „/ haber / dige‐ rido / “. Form vorliegt. Für Zweifelsfälle wird auf das Diccionario del español actual (DEA) von Seco, Andrés und Ramos (2011) zurückgegriffen. Im Folgenden soll die eigentliche Metaphernidentifikation (cf. Steen et al. 2010a, 33) - hier in einer nach Dziuk Lameira (2023) angepassten Version - an‐ hand der lexikalischen Einheit „haber digerido“ am untenstehenden Beispielsatz aus dem Roman El impostor (Cercas 2014) erklärt werden: […]/ es verdad que / mi / padre / había muerto / , pero / había muerto / ha‐ cía / casi / un / año / , tiempo / suficiente / para / haber digerido / su / muerte / . (El impostor 1) Zunächst wird die kontextuelle Bedeutung 6 (also die Bedeutung im Text) der lexikalischen Einheit „/ haber digerido / “ 7 bestimmt. Diese kann eine der im Wörterbuch aufgeführten Bedeutungen sein oder eine von diesen abweichende. Wichtig ist, dass die lexikalischen Einheiten immer nur mit dem Eintrag für die gleiche Wortart verglichen werden, also hier mit dem Verb. Dabei muss auch auf die Transitivität von Verben oder die Zählbarkeit von Nomen geachtet werden (cf. Nacey et al. 2019a, 5-6). In diesem Fall stellt die lexikalische Einheit „haber digerido“ die infinitivo compuesto-Form des Verbs digerir mit dem Hilfsverb haber dar und das Verb digerir bedeutet im Text in etwa ‘etwas Negatives akzeptieren oder begreifen/ aufnehmen’. Diese Bedeutung finden wir im DEA als dritten Eintrag: digerir (Verb) 1. Identify the conceptual meaning of the lexical unit. → Contextual meaning: ‘Aceptar o asimilar [algo esp. negativo o molesto]’(DEA, s.v. digerir, Lesart-3) Im zweiten Schritt wird überprüft, ob es eine Bedeutung gibt, die als Grund‐ bedeutung der lexikalischen Einheit aufgefasst werden kann (cf. Steen et al. 2010a, 35). Diese grundlegendere Bedeutung definieren Steen et al. (2010a, 35) folgendermaßen: „A more basic meaning of a lexical unit is defined as a more concrete, specific, and human-oriented sense in the contemporary language use“. Im Fall von digerir trifft dies am ehesten auf Lesart 1 im DEA zu, also ‘Nahrungsmittel in assimilierbare Substanzen umwandeln’: 152 Katharina Dziuk Lameira <?page no="153"?> 2. Check if there is a more basic meaning of the lexical unit. If there is, establish its identity. → Basic meaning: ‘Transformar [los alimentos] en sustancias asimilab‐ les’ (DEA, s.v. digerir, Lesart-1) Allerdings ist nicht automatisch die im Wörterbuch als erste aufgeführte Bedeutung die grundlegendere Bedeutung. Im nächsten Schritt muss festgestellt werden, ob sich die grundlegendere Bedeutung ausreichend von der kontextuellen Bedeutung der lexikalischen Einheit im Text unterscheidet. Finden sich beide Bedeutungen im Wörterbuch, gelten sie als ausreichend unterschiedlich, wenn sie unter verschiedenen Les‐ arten (meistens verschiedenen Nummern) aufgeführt werden. Handelt es sich lediglich um eine ähnliche Bedeutung, die unter der gleichen Nummer (als Unterbedeutung oder subacepción) aufgeführt wird, ist der Kontrast nicht ausreichend. Findet sich nur ein Bedeutungseintrag im Wörterbuch, gilt dieser als Grundbedeutung und jede davon abweichende Bedeutung als ausreichend unterschiedlich (cf. Steen et al. 2010a, 37). 3. Determine whether the more basic meaning of the lexical unit is suffi‐ ciently distinct from the contextual meaning. → Contrast: Ja, die Grundbedeutung bezieht sich auf einen spezifischen körperbezogenen Prozess, während sich die kontextuelle Bedeutung auf einen gedanklichen Prozess bezieht. Wenn die grundlegendere Bedeutung und die kontextuelle Bedeutung als ausreichend unterschiedlich eingestuft wurden, muss überprüft werden, ob die beiden Bedeutungen in einer Ähnlichkeitsbeziehung stehen. Dies ist z. B. der Fall, wenn die kontextuelle Bedeutung der untersuchten lexikalischen Einheit allgemein und vage bzw. verblasst und abstrakt ist und die Grundbedeutung eher spezifisch und konkret (cf. Steen et al. 2010a, 37). 4. Examine whether the contextual meaning of the lexical unit can be related to the more basic meaning by some form of similarity. → Comparison: Ja, wir können das Verarbeiten eines Todesfalls im Sinne der Verarbeitung von Nahrung verstehen. Seit der Publikation der MIP und MIPVU haben viele Forschende die Methode für ihre Daten verwendet. Neuere Entwicklungen sind die Übertragung des Leitfadens auf andere Sprachen wie Französisch, Niederländisch, Deutsch, Li‐ tauisch, Polnisch, Serbisch, Chinesisch, Usbekisch, Sesotho und skandinavische Metaphern und Textkomplexität. Zur metaphorischen Komplexität spanischer Prosatexte 153 <?page no="154"?> Sprachen (Norwegisch, Dänisch und Schwedisch) (Nacey et al. 2019b) sowie Versuche zur Automatisierung der Metaphernidentifikation, welche zurzeit jedoch noch nicht zur Anwendung bereit stehen (Nacey et al. 2019a, 13 nennen als Beispiele Berber Sardinha (2010) und Rai/ Chakraverty/ Tayal (2016)). 3 Vergleichende Komplexitätsanalyse zweier Textausschnitte Im Folgenden soll anhand zweier Textausschnitte die Komplexitätsanalyse illustriert werden. Zunächst werden dabei die quantitativen Komplexitätsprofile beider Texte verglichen. Anschließend werden metaphernbezogene Komplexi‐ tätsparameter analysiert. Bei den Textausschnitten handelt es sich um einen Ausschnitt aus Así empieza lo malo von Javier Marías (2014) und um einen Ausschnitt aus El lector de Julio Verne von Almudena Grandes ( 5 2017; 2012). Beide Romane wurden im Sprachpraxisseminar Lectura y escritura II der Uni‐ versität Kassel eingesetzt. Dabei verfügen die Studierenden, die an diesem Kurs teilnehmen, in etwa über das Niveau C1 des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für Sprachen (GER). Der Textausschnitt Así empieza 2 stammt aus der Mitte des sechsten Kapitels des Romans, der Ausschnitt El lector 1 stellt den Romananfang dar. Beide Romanausschnitte sind ca. 300 Wörter lang, ohne Kontext verständlich, enthalten keine direkte Rede, keine Auslassungen oder Veränderungen und mindestens eine Metapher. Así empieza 2 La Guerra Civil terminó en 1939 y, se diga lo que se diga ahora, ni en los años cuarenta ni en los cincuenta, ni desde luego en los sesenta más blandos ni casi tampoco en los setenta hasta la muerte del dictador, la gente ansiaba contar su versión, quiero decir la que no habría podido. Los ganadores la habían relatado hasta la saciedad al principio y siguieron, pero con tantas mentiras y grandilocuencia, con tantas ocultaciones, calumnias y parcialidad, que el relato no podía satisfacerlos y sí agotarse por repetición, y a partir de cierto momento lo dieron por consabido y casi callaron, dejaron de insistir a todas horas y aprovecharon para aplicarse a olvidar los más tenebrosos aspectos de su actuación, sus crímenes más superfluos. Imponer una historia no da contento a la larga, al final es como si sólo se la contara uno a sí mismo y eso carece de gracia: si no se ve refrendada más que por los correligionarios y los acólitos y los temerosos siervos, es como jugar al ajedrez sin rival. Y los que habían perdido prefirieron no recordar las atrocidades, ni las propias ni las mayores ajenas -más duraderas y más bestiales, más gratuitas-, y menos aún transmitírselas a sus hijos (quién quiere contar episodios y escenas en los que sale tan mal parado), 154 Katharina Dziuk Lameira <?page no="155"?> para los que deseaban tan sólo que no les tocara pasar por lo mismo que a ellos y que tuvieran la bendición de una vida aburrida y sin libertad. Sin ella se puede vivir, de la libertad se puede prescindir. De hecho es lo primero de lo que los ciudadanos con miedo están dispuestos a prescindir. Tanto que a menudo exigen perderla, que se la quiten, no volver a verla ni en pintura, nunca más, y así aclaman a quien va a arrebatársela y después votan por él. (Marías 2014, 41) El lector 1 La gente dice que en Andalucía siempre hace buen tiempo, pero en mi pueblo, en invierno, nos moríamos de frío. Antes que la nieve, y a traición, llegaba el hielo. Cuando los días todavía eran largos, cuando el sol del mediodía aún calentaba y bajábamos al río a jugar por las tardes, el aire se afilaba de pronto y se volvía más limpio, y luego viento, un viento tan cruel y delicado como si estuviera hecho de cristal, un cristal aéreo y transparente que bajaba silbando de la sierra sin levantar el polvo de las calles. Entonces, en la frontera de cualquier noche de octubre, noviembre con suerte, el viento nos alcanzaba antes de volver a casa, y sabíamos que lo bueno se había acabado. Daba igual que en uno de esos viejos carteles de colores que a don Eusebio le gustaba colgar en las paredes de la escuela, pudiéramos leer cada mañana que el invierno empieza el 21 de diciembre. Eso sería en Madrid. En mi pueblo, el invierno empezaba cuando quería el viento, cuando al viento se le antojaba perseguirnos por las callejas y arañarnos la cara con sus uñas de cristal como si tuviera alguna vieja cuenta que ajustar con nosotros, una deuda que no se saldaba hasta la madrugada, porque seguía zumbando sin descanso al otro lado de las puertas, de las ventanas cerradas, para cesar de repente, como empachado de su propia furia, a esa hora en la que hasta los desvelados duermen ya. Y en esa calma artera y sigilosa, a despecho de los libros y de los calendarios, aunque no estuviera escrito en ningún cartel, la primavera helada caía sobre nosotros. Después, todo era invierno. El hielo cubría el patio con una gasa blancuzca y sucia, como una venda vieja sobre los raquíticos troncos de los árboles que flanqueaban el pozo, y a la luz aún imprecisa del amanecer, otorgaba una misteriosa relevancia a cada guijarro, perfiles nítidos que se destacaban del suelo encrespado, erizado de frío. (Grandes 2017, 17-18) 3.1 Quantitative Komplexitätsanalyse Für eine erste Einordnung beider Texte werden zunächst die Werte beider Texte für die quantitativen Komplexitätsparameter Satzlänge (LO: longitud de la ora‐ Metaphern und Textkomplexität. Zur metaphorischen Komplexität spanischer Prosatexte 155 <?page no="156"?> 8 LC: longitud de la cláusula („Clauselänge“): wird berechnet, indem die Anzahl der Wörter durch die Anzahl der Clauses geteilt wird (P/ C). Zur Identifikation der Clauses werden alle konjugierten Verben, unabhängig davon, ob es sich um Hilfsverben handelt oder nicht, gezählt. 9 Das Vergleichskorpus besteht aus insgesamt 30 Romanausschnitten aus zehn Romanen (je drei aus einem Roman), die zwischen 2004 und 2017 in spanischer Sprache erschie‐ nen sind und in den Sprachpraxisseminaren Lectura y escritura I (in etwa GER Niveau B2) und Lectura y escritura II (in etwa GER-Niveau C1) der Universität Kassel eingesetzt wurden. ción), Clauselänge 8 (LC: longitud de la cláusula), Subordinationsindex (IS: índice de subordinación), Index der propositionalen Dichte (DeP: índice de densidad proposicional), Index der lexikalischen Dichte (DeL: índice de densidad léxica), Index der lexikalischen Diversität (DiL: índice de diversidad léxica), Dichte der Nominalphrase (DFN: densidad de la frase nominal), mittlere Wortfrequenz (FP: frecuencia promedio de palabras) und mittlere logarithmische Wortfrequenz (FPL: frecuencia promedio logarítmica) sowie die Lesbarkeitsindizes Fernández Huerta (1959), Gutiérrez (1972), Szigriszt Pazos (1993) und legibilidad µ (Muñoz Baquedano/ Muñoz Urra 2019; Muñoz Baquedano 2006) verglichen. Mithilfe der Durchschnitts-, Minimal- und Maximalwerte der Indizes und der Wort‐ häufigkeitsangaben eines Korpus aus 30 Romanausschnitten 9 (Dziuk Lameira 2023) können die beiden Texte in Relation zu diesem Vergleichskorpus auf ihre quantitative Komplexität hin eingeordnet werden. Mit Ausnahme der Lesbarkeitsindizes, welche mit Hilfe der Lesbarkeitsprogramme nach Muñoz Fernández (2018a) sowie Muñoz Baquedano/ Muñoz Urra (2019) berechnet wurden, und der Parameter Anteil_LS in % (Anteil der Sätze mit mehr als zehn Wörtern) und LA_NE (Anteil der Wörter, die nicht im Grundwortschatz enthalten sind), welche manuell erhoben wurden, wurden alle Werte mit Hilfe der Software Trunajod (Véliz/ Karelovic s.-a.) ermittelt. Text Así em‐ pieza 2 El lector 1 Max Min Mittel‐ wert LO 46,00 34,20 68,40 8,50 29,55 LC 8,94 10,69 12,56 6,78 9,73 IS 5,14 3,20 6,00 0,87 3,01 DeP 45,03 42,11 45,45 36,23 41,47 DeL 49,38 48,54 56,09 47,34 50,90 DiL 64,00 68,00 70,00 59,00 65,10 156 Katharina Dziuk Lameira <?page no="157"?> 10 Bei den Parametern Anteil_LS in % und LA_NE beziehen sich die Maximal-, Minimal- und Mittelwerte auf ein Teilkorpus von sechs Texten. DFN 8,70 4,30 9,30 2,80 4,84 FP 1383,00 799,00 2683,00 799,00 1418,27 FPL 207,10 105,90 375,40 101,10 174,93 Anteil_LS in %  10 100,00 70,00 100,00 21,10 73,45 LA_NE 18,70 14,60 18,70 13,30 15,45 Fernández Huerta 62,62 59,47 85,03 30,06 63,45 Gutiérrez 42,16 40,50 50,55 32,15 42,42 Szigriszt-Pazos 62,14 55,60 81,19 26,38 59,48 legibilidad µ 52,04 68,99 79,30 51,38 60,67 Tab. 1: Quantitative Komplexitätsprofile der Texte Así empieza 2 und El lector 1 Tab. 1 zeigt die Werte der beiden Texte Así empieza 2 und El lector 1 im Vergleich mit den Maximal-, Minimal- und Mittelwerten des Vergleichskorpus. Die grünen und orangefarbenen Füllungen der Felder zeigen an, ob ein höherer oder niedrigerer Wert auf Grundlage theoretischer Vorüberlegungen und des Forschungsstands zur Textkomplexität und Textverständlichkeit als komplex (orange) oder weniger komplex (grün) in Bezug auf die Textverständ‐ lichkeit eingestuft wird (vgl. Dziuk Lameira 2023, Kap. 4). Die farblichen Markierungen stellen also die Hypothesen über den Zusammenhang zwischen den einzelnen Komplexitätsparametern und der Textverständlichkeit dar. So ist Tab. 1 zu entnehmen, dass aufgrund der theoretischen Vorüberlegungen und des Forschungsstands davon ausgegangen wird, dass der höhere Wert des Textes Así empieza 2 beim Parameter LO (Satzlänge) mit einer geringen Textverständlichkeit einhergeht (orange markiert), während ein hoher Wert beim Parameter FPL (mittlere logarithmische Wortfrequenz) mit einer höheren Textverständlichkeit einhergeht (grün markiert). 3.2 Verständlichkeitsurteile deutschsprachiger Spanischstudierender Im Rahmen einer im Juli 2020 durchgeführten Studie (Dziuk Lameira 2023) wurde den Versuchspersonen ein Fragebogen zur Messung der Textverständ‐ lichkeit nach Friedrich (2017) in einem Online-Format dargeboten (für detail‐ Metaphern und Textkomplexität. Zur metaphorischen Komplexität spanischer Prosatexte 157 <?page no="158"?> lierte Erläuterungen zum Aufbau der Studie und des Fragebogens s. Dziuk Lameira 2023, Kap. 8). Den Teilnehmenden wurde dabei randomisiert jeweils einer von insgesamt sechs Texten zur Einschätzung der Verständlichkeit vor‐ gelegt. Bei einer anschließend durchgeführten Varianzanalyse (ANOVA) und Post-hoc-Tests mit Bonferroni-Korrektur, wurde geprüft, ob sich die Verständ‐ lichkeitsbewertungen der sechs Texte signifikant voneinander unterscheiden. Dabei zeigte sich ein signifikanter Unterschied auf dem Niveau 0,05 zwischen den Texten Así empieza 2 und El lector 1: Einer der beiden Texte wurde also im Durchschnitt als deutlich besser verständlich eingeschätzt als der andere. Así empieza 2 wurde von den Versuchspersonen als am schwersten verständlicher Text eingestuft, während El lector 1 als verständlichster Text eingeordnet wurde. Ein Blick auf das quantitative Profil (s. Tab. 1) des Textes Así empieza 2 zeigt, dass er bei den Parametern Satzlänge (LO), Subordinationsindex (IS), Anteil langer Sätze (Anteil_LS), Propositionale Dichte (DeP), Dichte der Nominalphrase (DFN) und Anteil der Wörter, die nicht im Grundwortschatz enthalten sind (LA_NE) jeweils höhere Werte als El lector 1 aufzeigt. Bei der Lesbarkeitsformel legibilidad µ weist der Text Así empieza 2 einen geringeren Wert auf. Alle diese Werte lassen eine geringere Verständlichkeit erwarten. Überraschend sind die Werte des Textes Así empieza 2 für die Parameter lexikalische Dichte (DeL), lexikalische Diversität (DiL) und die mittlere logarithmische Wortfrequenz (FPL). Der Text verfügt sowohl über eine niedrigere lexikalische Dichte (DeL) als auch über eine niedrigere lexikalische Diversität (DiL) als El lector 1 und über eine höhere mittlere logarithmische Wortfrequenz (FPL). Die Ausprägungen des Textes für diese drei Parameter deuten aufgrund theoretischer Überlegungen und empirischer Studien (Ure 1971, Halliday 1985 zur lexikalischen Dichte, Johansson 2008 zur lexikalischen Dichte und Diversität sowie Haberlandt/ Gra‐ esser 1985 und Just/ Carpenter 1980 zur Wortfrequenz) eigentlich auf eine höhere Verständlichkeit hin. Eine mögliche Erklärung für den ermittelten Befund ist, dass diese Parameter einen geringeren Einfluss auf die Textverständlichkeit haben. Des Weiteren könnte der Parameter lexikalische Dichte (DeL) zu wenig differenzierend sein. Er wird berechnet, indem die Anzahl der „palabras nocio‐ nales“ (Inhaltswörter) durch die Anzahl der Wörter im Text geteilt wird und mit 100 multipliziert wird (100 x PN/ P). Das Ergebnis wird in Prozent angegeben. Zu diesen palabras nocionales zählen Verben, Nomen, Adjektive und Adverbien. Mikk (2000 nach Mikk 2005, 912) analysiert auf Basis einer Studie mit 48 populärwissenschaftlichen Texten in russischer Sprache den Einfluss der Dichte verschiedener Wortarten auf die Textverständlichkeit. Die Ergebnisse zeigen unter anderem eine starke negative Korrelation zwischen dem Anteil an Nomen im Text und der Verständlichkeit (gemessen über einen Cloze-Test), während 158 Katharina Dziuk Lameira <?page no="159"?> ein höherer Anteil an Verben positiv mit der Verständlichkeit korreliert. Auch die Abstraktheit/ Konkretheit der Nomen spielt eine Rolle bei der Textverständ‐ lichkeit. So ist laut Mikk ein hoher Anteil konkreter Nomen mit einer höheren Textverständlichkeit korreliert, während ein hoher Anteil abstrakter Nomen eine negative Korrelation mit der Textverständlichkeit aufweist. Dies spricht dafür, den Parameter lexikalische Dichte in zukünftigen Studien differenzierter zu operationalisieren. Bei den Parametern DeL und DiL zeigten sich innerhalb der sechs Texte der Fragebogenstudie nur sehr geringe Unterschiede (Dziuk Lameira 2023). Eine weitere mögliche Erklärung ist, dass die Texte bei diesen Parametern eine so hohe Ähnlichkeit aufweisen, dass die Unterschiede keinen Einfluss auf die Textverständlichkeit haben. Interessant ist auch, dass der Text Así empieza 2 beim Parameter mittlere logarithmische Wortfrequenz (FPL) einen hohen Wert aufweist, was auf häufigere und damit eigentlich auf leichter verständliche Wörter hindeutet, und gleichzeitig beim Parameter Anteil der Wörter, die nicht im Grundwortschatz enthalten sind (LA_NE) einen hohen Wert aufweist, was auf schwer verständliche Wörter hindeutet. Diese Ergebnisse widersprechen sich. Eine mögliche Erklärung ist, dass die Parameter unterschiedliche Aspekte messen und häufige Wörter nicht mit den im Grundwortschatz enthaltenen Wörtern deckungsgleich sind. Zu der Einschätzung der Verständlichkeit durch die Studierenden passt der Wert des Parameters LA_NE besser, was ein Hinweis darauf sein könnte, dass sich die lexikalische Komplexität für Fremdsprachenler‐ nende besser über den Grundwortschatz als über die Worthäufigkeit bestimmen lässt. Im Vergleich dazu weist der Text El lector 1 die höchste Clauselänge (LC) der sechs in der Fragebogenstudie eingesetzten Texte sowie die geringsten Werte für die mittlere Wortfrequenz (FP) und die mittlere logarithmische Wortfrequenz (FPL) auf. Diese Werte deuten eigentlich auf eine höhere Komplexität hin. Dennoch wurde der Text als verständlichster der sechs Texte eingestuft. Durch die Lesbarkeitsformel legibilidad µ wird der Text ebenfalls als verständlichster Text eingestuft. Offenbar spielen bei der Einschätzung durch die Studierenden die Clauselänge und die Worthäufigkeit in diesem Fall eine untergeordnete Rolle. 3.3 Anwendung des Schemas zur quantitativ-qualitativen Analyse der metaphorischen Textkomplexität Im Folgenden werden die beiden Textausschnitte auf ihre metaphorische Komplexität hin analysiert und anschließend ebenfalls mit den Ergebnissen der Fragebogenstudie in Bezug gesetzt. Dabei werden folgende Parameter Metaphern und Textkomplexität. Zur metaphorischen Komplexität spanischer Prosatexte 159 <?page no="160"?> 11 Dabei wird nach der Terminologie von Steen et al. 2010a unterschieden zwischen metaphorisch gebrauchten Wörtern (Metaphor-Related Words (MRW)) und Meta‐ phernmarkern (MFlags). Neben MRWs werden weiterhin Fälle gezählt, in denen die Zuordnung metaphorisch oder nicht metaphorisch unklar ist. Diese Zweifelsfälle werden als „WIDLII“ (englisch When in doubt, leave it in) codiert (Steen et al. 2010b, 780). MRWs (Metaphor-Related Words) werden weiter unterteilt in indirekte (MRW), direkte (MRW, direct) und implizite (MRW, implicit) Metaphern. berücksichtigt: Metapherndichte, Konventionalisierungsgrad, Metaphorische Diversität, Anteil nicht nominaler metaphorisch gebrauchter lexikalischer Items (NNLI), Metapherntyp nach Baldauf (1997), Kotextualisierung nach Skirl (2009), Interaktion mit Vergleichen und Remetaphorisierung. Die Anwendung der oben beschriebenen Metaphernidentifikationsprozedur 11 ergibt folgendes Bild: Así empieza 2 / La / Guerra Civil / terminó / en (MRW) / 1939 / y / , se diga / lo / que / se diga / ahora / , ni / en (MRW) / los / años / cua‐ renta / ni / en (MRW) / los / cincuenta / , ni / desde luego / en (MRW) / los / sesenta / más / blandos (MRW) / ni / casi / tampoco / en (MRW) / los / setenta / hasta / la / muerte / del / dictador / , la / gente / ansi‐ aba / contar / su / versión / , quiero / decir / la / que / no / habría podido / . Los / ganadores (MRW) / la / habían relatado / hasta / la / saciedad / al principio / y / siguieron / , pero / con / tantas / mentiras / y / grandilocuen‐ cia / , con / tantas / ocultaciones / , calumnias / y / parcialidad / , que / el / re‐ lato / no / podía satisfacer / los / y / sí / agotarse / por / repetición / , y / a partir de / cierto / momento / lo / dieron por / consabido / y / casi / callaron / , deja‐ ron de insistir / a todas horas / y / aprovecharon / para / aplicarse / a / ol‐ vidar / los / más / tenebrosos (MRW) / aspectos / de / su / actuación / , sus / crímenes / más / superfluos / . Imponer / una / historia / no / da / con‐ tento / a la larga / , al final / es / como / si / sólo / se / la / con‐ tara / uno / a / sí / mismo / y / eso / carece / de / gracia / : si / no / se ve / refrendada (MRW) / más que / por / los / correligionarios (MRW)/ y / los / acólitos (MRW) / y / los / temerosos / siervos (MRW) / , es / como (MFlag) / jugar (MRW, direct) / al / ajedrez (MRW, direct) / sin / rival (MRW, direct) / . Y / los / que / ha‐ bían perdido / prefirieron / no / recordar / las / atrocidades / , ni / las / pro‐ pias / ni / las / mayores / ajenas / -más / duraderas / y / más / bestiales / , más / gratuitas / -, y / menos / aún / transmitir / se / las / a / sus / hi‐ jos / (quién / quiere / contar / episodios (MRW) / y / escenas (MRW) / en / los / que / sale / tan / mal parado / ), para / los / que / desea‐ 160 Katharina Dziuk Lameira <?page no="161"?> ban / tan sólo / que / no / les / tocara (WIDLII) / pasar por (MRW) / lo mismo que / a / ellos / y / que / tuvieran / la / bendición (MRW) / de / una / vida / ab‐ urrida / y / sin / libertad / . Sin / ella / se puede vivir / , de / la / libertad / se puede prescindir / . De hecho / es / lo / primero / de / lo / que / los / ciuda‐ danos / con / miedo / están / dispuestos / a / prescindir / . Tanto / que / a me‐ nudo / exigen / perder / la / , que / se / la / quiten / , no / volver a verla ni en pintura (MRW) / , nunca más / , y / así / aclaman / a / quien / va a arreba‐ tar / se / la / y / después / votan / por / él / . El lector 1 La / gente / dice / que / en / Andalucía / siempre / hace / buen tiempo / , pero / en / mi / pueblo / , en (MRW) / invierno / , nos moría‐ mos (MRW) / de / frío / . Antes / que / la / nieve / , y / a traición (MRW) / , llegaba / el / hielo / . Cuando / los / días / todavía / eran / lar‐ gos (MRW) / , cuando / el / sol / del / mediodía / aún / calentaba / y / ba‐ jábamos / al / río / a / jugar / por / las / tardes / , el / aire / se afilaba (MRW) / de pronto / y / se volvía / más / limpio / , y / luego / viento / , un / viento / tan (MFlag) / cruel (MRW) / y / delicado (MRW) / como si (MFlag) / estuviera hecho / de / cristal (MRW, direct) / , un / cristal (MRW, direct) / aéreo (MRW) / y / transparente (MRW, direct) / que / ba‐ jaba / silbando / de / la / sierra / sin / levantar / el / polvo / de / las / calles / . Entonces / , en / la / frontera (MRW) / de / cualquier / noche / de / oc‐ tubre / , noviembre / con / suerte / , el / viento / nos / alcanzaba / an‐ tes / de / volver / a / casa / , y / sabíamos / que / lo / bueno / se había acabado / . Daba igual / que / en / uno / de / esos / viejos / carte‐ les / de colores / que / a / don / Eusebio / le / gustaba / colgar / en / las / pa‐ redes / de / la / escuela / , pudiéramos leer / cada / mañana / que / el / in‐ vierno / empieza / el / 21 / de / diciembre / . Eso / sería / en / Madrid / . En / mi / pueblo / , el / invierno / empezaba / cuando / quería (MRW) / el / vi‐ ento / , cuando / al (MRW, implicit) / viento / se (MRW, implicit) / le (MRW, implicit) / antojaba (MRW) / perseguir (MRW) / nos / por / las / cal‐ lejas / y / arañar (MRW) / nos / la / cara / con / sus (MRW, implicit) / uñas (MRW) / de / cristal (MRW) / como si (MFlag) / tuviera (MRW, di‐ rect) / alguna / vieja / cuenta (MRW, direct) / que / ajustar (MRW, di‐ rect) / con / nosotros / , una / deuda (MRW, direct) / que / no / se saldaba (MRW, direct) / hasta / la / madrugada / , porque / seguía zumbando / sin / des‐ canso / al / otro / lado / de / las / puertas / , de / las / ventanas / cerradas / , para / cesar / de repente / , como (MFlag) / empachado (MRW, di‐ rect) / de / su (MRW, implicit) / propia (MRW, implicit) / furia (MRW, Metaphern und Textkomplexität. Zur metaphorischen Komplexität spanischer Prosatexte 161 <?page no="162"?> direct) / , a / esa / hora / en (MRW) / la / que / hasta / los / desvelados / duer‐ men / ya. / Y / en / esa / calma / artera (MRW) / y / sigilosa (MRW) / , a des‐ pecho de / los / libros / y / de / los / calendarios / , aunque / no / estuviera / esc‐ rito / en / ningún / cartel / , la / primavera (MRW) / helada / caía / sobre (WIDLII) / nosotros / . Después / , todo / era / invierno / . El / hielo / cub‐ ría / el / patio / con / una / gasa (MRW) / blancuzca / y / sucia / , como (MFlag) / una / venda (MRW, direct) / vieja (MRW, direct) / sobre / los / ra‐ quíticos (MRW) / troncos / de / los / árboles / que / flanqueaban / el / pozo / , y / a la luz / aún / imprecisa / del / amanecer / , otorgaba / una / misteri‐ osa / relevancia / a / cada / guijarro / , perfiles / nítidos / que / se destaca‐ ban / del / suelo / encrespado (MRW) / , erizado / de / frío / . 3.3.1 Metaphorische Dichte Der Parameter Metaphorische Dichte stellt die Anzahl der metaphorisch ge‐ brauchten lexikalischen Einheiten pro 100 lexikalische Einheiten dar. Dabei wird von der Hypothese ausgegangen, dass die Komplexität des Textes höher ist, je höher die metaphorische Dichte ist. Wie in Kap. 2 dargelegt, deutet der For‐ schungsstand darauf hin, dass sich Metaphern sowohl komplexitätssteigernd als auch komplexitätsreduzierend oder aber auch neutral auswirken können. Daher werden im Folgenden verschiedene Dichteparameter verglichen. Zusätzlich zu den im vorangehenden Kapitel vorgestellten Varianten der Metapherndichte nach Steen et al. (2010a) wurde ein dritter Parameter der Metapherndichte un‐ tersucht, welcher keine Präpositionen enthält. Da es sich bei den identifizierten Präpositionalmetaphern überwiegend um stark konventionalisierte Metaphern handelt, kann angenommen werden, dass diese keine Auswirkung auf die Textverständlichkeit haben. 162 Katharina Dziuk Lameira <?page no="163"?> 12 Die Analysekategorie WIDLII („When in doubt, leave it in“) steht für unklare Fälle und wird unter anderem verwendet, wenn die kontextuelle Bedeutung aufgrund von Ambiguität nicht bestimmt werden kann. Im Folgenden werden die mit WIDLII markierten Metaphern zur Kategorie MRW gezählt. Text Lexical items MRW MRW, direct MRW, implicit MFlag WIDLII 12 Gesamtzahl Metaphern Metapherndichte Gesamt Dichte MRW Metapherndichte_MRW_ohne Präp Así empieza 2 267 17 3 0 1 1 21 7,87 6,74 4,87 El lector 1 314 22 12 6 5 1 41 13,06 7,32 6,37 Tab. 2: Vergleich verschiedener Werte der Metaphernanzahl und Metapherndichte für die Texte Así empieza 2 und El lector 1 Die Ergebnisse in Tab. 2 zeigen, dass der Text El lector 1 sowohl beim Dich‐ teparameter Dichte MRW, welcher nur Metaphern im engeren Sinn (ohne implizite und direkte Metaphern) enthält, als auch beim Dichteparameter Metapherndichte Gesamt, welcher alle Metapherntypen einbezieht, und beim Dichteparameter Metapherndichte_MRW_ohne Präp, welcher keine präpositio‐ nalen MRWs enthält, eine höhere Metapherndichte aufweist als Así empieza 2. Dabei ist der Unterschied zwischen den beiden Texten beim Dichteparameter Metapherndichte_Gesamt deutlich, während er bei den anderen beiden Dichte‐ parametern kleiner ausfällt. Tab. 2 zeigt des Weiteren, dass der Unterschied zwischen den Dichteparametern Dichte MRW und Metapherndichte Gesamt aufgrund der hohen Anzahl direkter und impliziter Metaphern bei El lector 1 größer ausfällt als bei Así empieza 2. Dafür findet sich beim Text Así empieza 2 ein größerer Unterschied zwischen den Dichteparametern Dichte_MRW und Metapherndichte_MRW_ohne Präp. 3.3.2 Konventionalisierungsgrad Der Parameter Konventionalisierungsgrad wird auf folgende Art ermittelt: Findet sich die metaphorische Bedeutung einer lexikalischen Einheit in mindestens Metaphern und Textkomplexität. Zur metaphorischen Komplexität spanischer Prosatexte 163 <?page no="164"?> einem der verwendeten Wörterbücher, wird diese als lexikalisierte Metapher im engeren Sinn nach Skirl/ Schwarz-Friesel (2013) angesehen. Tote Metaphern, also Metaphern, deren wörtliche Bedeutung nicht mehr Teil des aktuellen Sprachgebrauchs ist und die somit nicht mehr als Metaphern wahrgenommen werden (vgl. Skirl/ Schwarz-Friesel 2013, 28), werden nicht in die Untersuchung miteinbezogen. Findet sich die metaphorische Bedeutung der lexikalischen Ein‐ heit nicht im Wörterbuch, wird die Metapher als neu eingestuft. Dabei ist es für die Einordnung einer Metapher als „lexikalisierte“ Metapher ausreichend, wenn ihre kontextuelle Bedeutung in einem der beiden verwendeten Wörterbücher aufgeführt ist. Auf eine weitere Einteilung der neuen Metaphern in kreative (bekannte konzeptuelle Metapher, neue sprachliche Form) und innovative Metaphern (neue Konzeptverbindung) wird verzichtet, da sich in den meisten Fällen schwer nachweisen lässt, ob es sich um eine neue Konzeptverbindung handelt oder nicht. Zur weiteren Unterscheidung lexikalisierter Metaphern werden Metaphern mit dem Hinweis „Tb fig.“ (también figurado), der sich in manchen Fällen im DEA findet, oder mit dem Hinweis „sentido figurado“, der sich (seltener) im DUE findet, als Metaphern mit objektiv feststellbarer Metaphorizität markiert, da davon ausgegangen wird, dass der Hinweis Tb fig. bzw. sentido figurado im Wörterbuch auf eine empfundene Metaphorizität hindeutet. Der Parameter Konventionalisierungsgrad wird quantitativ ausgewertet, in‐ dem der Anteil lexikalisierter Metaphern (mit und ohne den Hinweis Tb fig.) und neuer Metaphern pro Text angegeben wird. Auf diese Weise können also drei Konventionalisierungsstufen unterschieden werden: lexikalisierte Metaphern ohne objektiv feststellbare Metaphorizität (lexikalisiert ohne belegte Metaphori‐ zität, LOM), lexikalisierte Metaphern mit objektiv feststellbarer Metaphorizität (lexikalisiert mit belegter Metaphorizität, LMM) und neue Metaphern (neue Me‐ taphern, NM), die nicht im Wörterbuch enthalten sind. Abbildung 1 verdeutlicht diese Skala der Konventionalität und Neuartigkeit: Abbildung 1: Skala für den Parameter Konventionalisierungsgrad Aufgrund der Tatsache, dass sich zu vergleichende Texte oft in der Gesamtzahl der Metaphern bzw. in ihrer Metapherndichte unterscheiden, wurde in der vor‐ 164 Katharina Dziuk Lameira <?page no="165"?> liegenden Untersuchung entschieden, den Parameter Konventionalisierungsgrad ebenfalls als Dichteparameter zu berechnen. Es wird also nicht angegeben, wieviel Prozent der Metaphern im Text lexikalisierte Metaphern ohne objektiv bestimmbare Metaphorizität (LOM), lexikalisierte Metaphern mit objektiv be‐ stimmbarer Metaphorizität (LMM) und neue Metaphern (NM) sind, sondern wie hoch die Dichte dieser Metapherntypen im jeweiligen Text ist. Um den Wert für die Dichte zu errechnen, wird die Anzahl der LOM, LMM und NM in einem Text jeweils durch die Anzahl der lexikalischen Einheiten im Text geteilt und mit 100 multipliziert. Auf diese Weise erhält man die Dichte der LOM, LMM und NM pro 100 lexikalische Einheiten im Text. Zur besseren Anschaulichkeit werden in der folgenden Tab. 3 neben den Dichtewerten auch die Prozentzahlen angegeben. Text Anzahl lexical items Anzahl MRW/ WIDLII Anzahl LOM Anzahl LMM Anzahl NM Anteil LOM in % Anteil LMM in % Anteil NM in %- Dichte LOM Dichte LMM Dichte NM Así empieza 2 267 18 14 4 0 78 22 0 5,24 1,50 0,00 El lector 1 314 23 7 6 10 30 26 43 2,23 1,91 3,18 Tab. 3: Ergebnisse der Analyse des Parameters Konventionalisierungsgrad In Tab. 3 werden die Ergebnisse der Analyse des Parameters Konventionalisie‐ rungsgrad für die beiden Texte dargestellt. Tab. 3 zeigt, dass bei Así empieza 2 lexikalisierte Metaphern ohne objektiv bestimmbare Metaphorizität (LOM) mit 78 % den größten Anteil ausmachen, während bei El lector 1 das Verhältnis aus‐ gewogener ist und die neuen Metaphern (NM) den größten Anteil ausmachen. Der Text Así empieza 2 enthält hingegen keine neuen Metaphern. Ein besonderes Problem bei der Einschätzung des Konventionalisierungs‐ grads von Metaphern stellt die Klassifikation von Personifikationen bzw. Animationen dar. Diese werden in vielen Fällen nicht in ihrer kontextuellen Bedeutung im Wörterbuch aufgeführt, sodass sie als neue Metaphern (NM) eingestuft werden müssten, obwohl es sich um eine konventionelle Art der Metaphernbildung handelt. Im Fall von Personifikationen werden nicht-menschlichen Objekten oder Abstrakta menschliche Eigenschaften zugeschrieben. Lakoff und Johnson (cf. Lakoff/ Johnson 1980, 33-34) sowie Kövecses (2010, 39) zählen sie zu den onto‐ Metaphern und Textkomplexität. Zur metaphorischen Komplexität spanischer Prosatexte 165 <?page no="166"?> logischen Metaphern, während Baldauf sie zu den Konstellationsmetaphern zählt (cf. Baldauf 1997, 82-83). Bei der Anwendung der oben beschriebenen Analyse des Parameters Kon‐ ventionalisierungsgrad ist aufgefallen, dass aufgrund der gewählten Vorgehens‐ weise der Großteil der Personifikationen als Neue Metapher (NM) eingestuft wurde, da die Bedeutung als Personifikation fast nie im Wörterbuch aufgeführt wird. Da die Personifikation oder Animation im Sinne der konzeptuellen Meta‐ pher A B S T R AK TA / U N B E L E B T E O B J E K T E S IN D P E R S O N E N / L E B E W E S E N , bei der abstrakten Konzepten menschliche Eigenschaften bzw. Eigenschaften von Lebewesen zugeschrieben werden, ein bekannter und häufiger Metapherntyp ist, wird davon ausgegangen, dass sie nicht als innovative Metapher im Sinne einer neuen Konzeptkopplung eingestuft werden kann, sondern eher als kreative Metapher im Sinne einer sprachlichen Variation einer konventionellen Kon‐ zeptkombination gesehen werden könnte. Da einige Personifikationen mittels der angewendeten Methode auch als LOM oder LMM klassifiziert wurden, wurde für die Auswertung des Parameters Konventionalisierungsgrad die hier angewendete Vorgehensweise zunächst beibehalten und in einem weiteren Schritt der Anteil an Personifikationen erfasst. Es wird davon ausgegangen, dass Personifikationen aufgrund der Konzeptualisierung von Objekten oder Abstrakta als P E R S O N das Textverstehen in den meisten Fällen eher erleichtern. Tab. 4 zeigt, wie viele der MRWs in den beiden untersuchten Texten Perso‐ nifikationen oder Animationen sind. Dabei weist der Text El lector 1 mit 39,1% einen hohen Anteil an Personifikationen auf, während Así empieza 2 keine Personifikationen enthält. Text Anzahl MRW/ WIDLII Davon Personifika‐ tionen/ Animationen Anteil Personifikatio‐ nen in % Así empieza 2 18 0 0 El lector 1 23 9 39 Tab. 4: Anzahl der MRWs und Personifikationen in den untersuchten Texten 3.3.3 Metaphorische Diversität Im Folgenden wird die Anwendung des Parameters Metaphorische Diversität dargestellt. Dieser Parameter wird berechnet, indem die Anzahl der unter‐ schiedlichen genutzten Ursprungsbereiche durch die Anzahl der metaphorisch gebrauchten lexikalischen Einheiten (MRWs) geteilt wird. Ein niedriger Wert weist dabei auf eine geringe metaphorische Diversität hin. 166 Katharina Dziuk Lameira <?page no="167"?> Hypothese: Je niedriger der Index der metaphorischen Diversität, desto geringer ist die metaphorische Komplexität des Textes. Eine häufige Kritik an der Theorie der konzeptuellen Metapher nach Lakoff und Johnson (1980) ist, dass die Autoren nicht festlegen, wie die konzeptuel‐ len Metaphern zu den sprachlichen metaphorischen Ausdrücken formuliert werden. Laut Skirl geben Lakoff/ Johnson „keine Regeln für die Festlegung des Abstraktionsgrades für konzeptuelle Metaphern an, sondern postulieren diese Abstraktionen nach Gutdünken“ (Skirl 2009, 68). Daher stellt die Formulierung der Herkunftsbereiche eine überwiegend interpretative Arbeit dar, bei der zu einem gewissen Grad auf Ergebnisse zu Metaphernanalysen für Sprachen wie Spanisch, Deutsch und Englisch zurückgegriffen werden kann. Dabei wird zwar für jede Metapher eine konzeptuelle Metapher formuliert, das tatsächliche Vorhandensein dieses Konzepts in der Sprechergemeinschaft wird in der vor‐ liegenden Studie jedoch nicht postuliert, da es sich nicht um eine systematische Korpusanalyse zu Metaphernkonzepten im Spanischen handelt. Text Anzahl verschiedener Ursprungsbereiche Anzahl MRW Metaphorische Di‐ versität (MDiv) Así empieza 2 7 18 0,39 El lector 1 7 23 0,30 Tab. 5: Ergebnisse der Analyse des Parameters Metaphorische Diversität Tab. 5 zeigt die Ergebnisse der Anwendung des Parameters Metaphorische Diversität auf die beiden Texte. Ein Wert von 1,0 würde eine maximale meta‐ phorische Diversität bedeuten, da sich in einem solchen Fall jede metaphorisch gebrauchte lexikalische Einheit (MRW) im Text auf einen anderen Ursprungs‐ bereich bezieht. Mit einem Wert von 0,3 weist der Text El lector 1 eine geringere metaphorische Diversität auf als Así empieza 2 mit einem Wert von 0,39. In Así empieza 2 wurden die Ursprungsbereiche R AU M (5x „en“, „pasar por“), K O N K R E TA („blando“, „refrendada“, „verla ni en pintura“), S P I E L / W E T T B E W E R B („ga‐ nadores“), D U N K E L / S E H E N („tenebrosos“), R E LI G I O N („correligionarios“, „acólito“, „siervos“, „bendición“), TH E AT E R / F ILM („episodios“, „escenas“), B E RÜH R U N G („to‐ cara“) identifiziert. Im Text El lector 1 wurden die Ursprungsbereiche R A U M (2x „en“, „largos“, „frontera“), T O D („nos moríamos“), P E R S O N („a traición“, „cruel“, „quería“, „antojaba“, „perseguir“, „arañar“, „uñas“, „artera“, „sigilosa“, „encrespado“), K O N K R E TA („se afilaba“, „delicado“, „cristal“, „sobre“), G A S FÖR MI G E S U B S TAN Z E N („aéreo“), J AH R E S Z E IT E N („primavera“), und M E DIZIN („gasa“, „raquíti‐ quos“) ermittelt. Metaphern und Textkomplexität. Zur metaphorischen Komplexität spanischer Prosatexte 167 <?page no="168"?> 3.3.4 Fortgeführte und erweiterte Metaphern Skirl und Schwarz-Friesel (2013) nennen den Fall, dass eine Konzeptkombination über mehrere Sätze hinweg durch verschiedene lexikalische Items realisiert wird, fortgeführte Metapher oder Metaphernkomplex (cf. Skirl/ Schwarz-Friesel 2013, 65-66). Von einer erweiterten Metapher spricht man dagegen nach Semino (2008, 25), wenn sich mindestens zwei sprachliche Metaphern auf die gleiche Konzeptkombination beziehen. Aus struktureller Sicht handelt es sich bei einer erweiterten Metapher also um ein weniger komplexes Konstrukt als bei einer fortgeführten Metapher. Aus Sicht der relativen Textkomplexität können beide zum Verständnis der Metapher beitragen, indem sie durch unterschiedliche Formulierungen helfen, den genutzten Ursprungsbereich zu identifizieren und somit die Metapher zu interpretieren. Tab. 6 zeigt, wie viele fortgeführte und erweiterte Metaphern die beiden Texte enthalten. Dabei handelt es sich bei allen fortgeführten Metaphern auch um erweiterte Metaphern. Zur methodi‐ schen Trennung der Kategorien wurde jede Konzeptkombination entweder als fortgeführt oder als erweitert gezählt: Konzeptkombinationen, welche satzüber‐ greifend durch verschiedene lexikalische Items realisiert werden, werden in Tab. 6 nur in der Spalte fortgeführte Metaphern aufgeführt, Konzeptkombinationen, welche durch mindestens zwei lexikalische Items realisiert werden und die Satzgrenze nicht überschreiten, werden nur in der Spalte erweiterte Metaphern aufgeführt. Bei der Identifikation fortgeführter und erweiterter Metaphern werden nur indirekte Metaphern (MRW) berücksichtigt. Text Anzahl fortgeführter Me‐ taphern Anzahl erweiterter Meta‐ phern Gesamt Así empieza 2 0 2 2 El lector 1 2 2 4 Tab. 6: Anzahl fortgeführter und erweiterter Metaphern Tab. 6 zeigt, dass El lector 1 insgesamt vier Fälle von fortgeführten oder erwei‐ terten Metaphern enthält, während Así empieza 2 zwei erweiterte Metaphern enthält. Folgende Beispiele aus Así empieza 2 illustrieren diesen Typ: P O LITIK I S T R E LI G I O N und DA S L E B E N I S T E IN F ILM / TH E AT E R S TÜC K , welche durch die metaphorisch gebrauchten lexikalischen Einheiten „correligionarios“ und „acólitos“ ( P O LITIK I S T R E LI G I O N ) bzw. „episodios“ und „escenas“ ( DA S L E B E N I S T E IN F ILM / TH E AT E R S TÜC K ) sprachlich realisiert werden, ohne die Satzgrenzen zu überschreiten: 168 Katharina Dziuk Lameira <?page no="169"?> […] si no se ve refrendada más que por los correligionarios y los acólitos […] (Así empieza 2) […] quién quiere contar episodios y escenas en los que sale tan mal parado […] (Así empieza-2) Im Korpustext El lector 1 finden sich zwei fortgeführte Metaphern, die mitein‐ ander interagieren: […] Cuando los días todavía eran largos, cuando el sol del mediodía aún calentaba y bajábamos al río a jugar por las tardes, el aire se afilaba de pronto y se volvía más limpio, y luego viento, un viento tan cruel y delicado como si estuviera hecho de cristal, un cristal aéreo y transparente que bajaba silbando de la sierra sin levantar el polvo de las calles[…]. En mi pueblo, el invierno empezaba cuando quería el viento, cuando al viento se le antojaba perseguirnos por las callejas y arañarnos la cara con sus uñas de cristal como si tuviera alguna vieja cuenta que ajustar con nosotros, una duda que no se saldaba hasta la madrugada […] (El lector 1) In diesem Textausschnitt wird die Konzeptkopplung D E R WIN D I S T E IN L E B E W E S E N mittels der metaphorisch gebrauchten lexikalischen Einheiten „cruel“, „quería“, „antojaba“, „perseguir“, „arañar“ und „uñas“ sprachlich realisiert. Die Konzept‐ kopplung D E R WIN D / L U F T I S T G LA S wird durch die metaphorisch gebrauchten le‐ xikalischen Einheiten „se afilaba“, „delicado“, „aéreo“, und „cristal“ ausgedrückt. Diese beiden fortgeführten Metaphern treten im Text nicht getrennt voneinan‐ der auf, sondern es wird zunächst durch „el aire se afilaba“ die Konzeptkopplung D E R WIN D / L U F T I S T G LA S eingeführt und anschließend die Konzeptkopplung D E R WIN D I S T E IN L E B E W E S E N . Diese Personifikation oder Animation wird durch eine sprachliche Realisierung des Konzepts D E R WIN D / L U F T I S T G LA S („aéreo“) unterbro‐ chen. Dieses Wechselspiel der Konzepte wird im weiteren Textverlauf zu einer Verschmelzung der beiden Konzeptkopplungen im metaphorischen Ausdruck „arañarnos la cara con sus uñas de cristal“. Diese Fusion von Konzeptkopplungen im Sinne des Konzepts D E R WIN D / L U F T I S T E IN L E B E W E S E N A U S G LA S ist auch aus Sicht der Textkomplexität ein interessantes Phänomen. Es ist davon auszugehen, dass solche gemischten Konzeptkopplungen, die bereits durch den vorangehenden Text eingeführt und vorbereitet wurden, keinen relativen Komplexitätszuwachs verursachen. In der Analyse wurden zunächst nur die als indirekte Metaphern (MRW) identifizierten Einheiten berücksichtigt. Die Konzeptkopplungen wer‐ den jedoch auch durch Vergleiche (MRW, direct) wie „como si estuviera hecho de cristal“, „un cristal…transparente“, „como si tuviera alguna vieja cuenta que ajustar con nosotros, una duda que no se saldaba hasta la madrugada“ Metaphern und Textkomplexität. Zur metaphorischen Komplexität spanischer Prosatexte 169 <?page no="170"?> und „como empachado de su propia furia“ realisiert. Diese Interaktion mit Vergleichen und die häufige Wiederholung der Konzeptkopplung dürfte das Verstehen erleichtern. Die fortgeführte Personifikation D E R WIN D / L U F T I S T E IN L E B E W E S E N ( AU S G LA S ) wird im weiteren Verlauf des Textes in Form zweier erweiterter Personifikationen wieder aufgegriffen. Diese beziehen sich nicht auf das Konzept des WIN D E S AL S P E R S O N , jedoch wird auf konzeptueller Ebene die Metaphernart Personifikation wiederholt: Y en esa calma artera y sigilosa, a despecho de los libros y de los calendarios, aunque no estuviera escrito en ningún cartel, la primavera helada caía sobre nosotros. Después, todo era invierno. El hielo cubría el patio con una gasa blancuzca y sucia, como una venda vieja sobre los raquíticos troncos de los árboles que flanqueaban el pozo, y a la luz aún imprecisa del amanecer, otorgaba una misteriosa relevancia a cada guijarro, perfiles nítidos que se destacaban del suelo encrespado, erizado de frío. (El lector 1) Zunächst wird die nächtliche Ruhe mittels der lexikalischen Einheiten „ar‐ tera“ und „sigilosa“ in Form einer erweiterten Metapher als Person charakte‐ risiert. Anschließend werden die Baumstämme und der Boden mit Hilfe der lexikalischen Einheiten „raquíticos“ bzw. „encrespado“ als kränkliche bzw. kälteempfindliche Lebewesen charakterisiert. Dazu kohärent ist das Konzept DI E E I S S C HI C HT I S T A U S V E R B AN D S S T O F F , welches durch die Metapher „gasa“ und den Vergleich „como una venda vieja“ sprachlich realisiert wird. Die Beispiele zeigen die Überschneidung unterschiedlicher Phänomene wie die Fortführung und Kombination von Metaphern und die Interaktion von Me‐ taphern mit Vergleichen, welche sich allesamt dem Begriff der Kotextualisierung zuordnen lassen und zwar aus struktureller Sicht einen Komplexitätszuwachs darstellen, aus Sicht der relativen Komplexität jedoch das Verstehen von Meta‐ phern erleichtern dürften. 3.3.5 Anteil nicht nominaler metaphorisch gebrauchter lexikalischer Items Metaphorisch gebrauchte lexikalische Items können unterschiedlichen Wortar‐ ten angehören. Laut Goatly (1997, 83-86) können Substantivmetaphern leichter identifiziert und interpretiert werden als metaphorisch gebrauchte Verben, Adjektive, Adverbien oder Präpositionen. Hypothese: Je höher der Anteil nicht nominaler metaphorisch gebrauchter lexikalischer Items, desto höher ist die relative metaphorische Komplexität des Textes. Ob ein hoher Anteil an Substan‐ tivmetaphern dabei tatsächlich zu einer geringeren Textschwierigkeit führt, muss empirisch geprüft werden. Nach Gibbs 1994 (s. o.) ist das Erkennen („recog‐ nition“) von Metaphern als bewusste Identifikation von Verstehensprodukten 170 Katharina Dziuk Lameira <?page no="171"?> kein obligatorischer Teil des Verstehensprozesses von Metaphern. Metaphern können auch verstanden werden ohne bewusst als solche wahrgenommen zu werden. Daher könnte der Einfluss dieses Parameters geringer sein. Text Anzahl lexical items Anzahl MRW Anzahl NNLI Anteil NNLI-in % Dichte NNLI- Así empieza 2 267 18 11 61 4,12 El lector 1 314 23 18 78 5,73 Tab. 7: Ergebnisse der Analyse der nicht nominalen Metaphern Tab. 7 zeigt, dass der Text El lector 1 mit 78 % einen etwas höheren Anteil nicht nominaler Metaphern aufweist als Así empieza 2 mit 61 %. Die rechte Spalte der Tab. 7 zeigt die Anzahl der nicht nominalen Metaphern pro 100 lexikalische Einheiten. Auch bei diesem Parameter bietet die Dichte eine bessere Vergleichbarkeit. 3.3.6 Metapherntyp nach Baldauf (1997) Baldauf wendet die von Lakoff/ Johnson 1980 entwickelte kognitive Metaphern‐ theorie unter Einbezug nachfolgender Arbeiten zur kognitiven Semantik von Lakoff (1987) und Johnson (1987) auf das Deutsche an und entwickelt mithilfe einer Korpusuntersuchung deutscher Pressetexte aufbauend auf der Klassifika‐ tion von Lakoff/ Johnson (1980) eine Metaphernklassifikation, „die sich an Art und Struktur des Herkunftsbereichs orientiert“ (Baldauf 1997, 92). Während La‐ koff/ Johnson Metaphern in ontologische Metaphern, Orientierungsmetaphern und strukturelle Metaphern einteilen (Lakoff/ Johnson 1980), unterscheidet Baldauf ausgehend von Lakoffs IKM-Theorie (1987) und Johnsons Bildschema‐ theorie (1987) Attributsmetaphern, ontologische Metaphern, bildschematische Metaphern und Konstellationsmetaphern (cf. Baldauf 1997, 82-83). Diese Meta‐ pherntypen unterscheiden sich nach der Komplexität der Struktur, die auf den Zielbereich projiziert wird (Baldauf 1997, 82): 1. Attributsmetaphern: Projektion von aus unmittelbarer, physischer Wahrneh‐ mung hervorgehenden, wertenden Eigenschaften auf Personen, Objekte oder Sachverhalte, um auf äußerst abstrakte Eigenschaften dieser Personen, Objekte oder Sachverhalte Bezug nehmen zu können. Bsp.: MANGEL AN EMOTIONEN IST KÄLTE (gefühlskalt, unterkühlt, frigid) 2. ontologische Metaphern: Abstrakte Bereiche werden als Objekt bzw. Substanz konzeptualisiert. Metaphern und Textkomplexität. Zur metaphorischen Komplexität spanischer Prosatexte 171 <?page no="172"?> Bsp.: ABSTRAKTA SIND DINGE (eine Reihe von Fragen, an einer Meinung festhalten, Maßnahmen ergreifen, etwas in den Griff bekommen) 3. bildschematische Metaphern: Projektion gestalthafter, bildschematischer Struktur in abstrakte Bereiche. Bsp.: EMOTIONEN SIND BEHÄLTER (in Panik geraten, aus einem Gefühl heraus etwas tun, in Aufregung sein) 4. Konstellationsmetaphern: Projektion ganzer, gestalthafter Konstellationen in abstrakte Bereiche. Bsp.: POLITIK IST KRIEG (Wahlkampf, Parteienkrieg, politische Lager) Die strukturbezogene Metaphernklassifikation nach Baldauf kann für die Be‐ schreibung der Metaphernkomplexität als Skala gedacht werden, die vom Typ mit der geringsten Komplexität (Attributsmetaphern) zum Typ mit der höchsten Komplexität (Konstellationsmetaphern) reicht. Eine denkbare Lösung für die Bewertung der Metaphernkomplexität nach Metapherntyp könnte eine Bewertung der Komplexität nach Punkten sein, also z. B. ein Punkt für den Me‐ tapherntyp mit der geringsten strukturellen Komplexität (Attributsmetaphern), zwei Punkte für ontologische Metaphern, drei Punkte für bildschematische Metaphern und vier Punkte für den Typ mit der höchsten strukturellen Kom‐ plexität, also Konstellationsmetaphern. Da jedoch nicht davon ausgegangen werden kann, dass ein solches Punktesystem dem tatsächlichen Komplexitäts‐ zuwachs zwischen den verschiedenen Metapherntypen entspricht, wurde diese Möglichkeit verworfen und es werden stattdessen die Anteile der verschiedenen Metapherntypen in den Korpustexten untersucht. Des Weiteren ist zu beachten, dass es sich um ein strukturelles Komplexitätsmerkmal handelt und empirische Untersuchungen erst zeigen müssen, ob sich die relative Komplexität einer Metapher, also die Schwierigkeit (cf. Miestamo/ Sinnemäki/ Karlsson 2008, 24), durch dieses Merkmal auch erhöht. Hypothese: Aus struktureller Sicht (bezogen auf die vom Herkunftsbereich auf den Zielbereich projizierte konzeptuelle Struktur) sinkt die Komplexität von Konstellationsmetaphern, über bildschematische Metaphern und ontologische Metaphern, bis zum Typ mit der geringsten Komplexität, den Attributsmeta‐ phern. Inwiefern diese Art der strukturellen Komplexität mit der relativen Textkomplexität für Lesende zusammenhängt, müssen weitere Untersuchungen zeigen. Da Konstellationsmetaphern durch die auf die Zielbereiche projizierte Struktur helfen, abstrakte Zielbereiche zu strukturieren und dadurch erst verständlich zu machen, könnte eine hohe strukturelle Komplexität in diesem Fall mit einer niedrigen relativen Komplexität einhergehen. Was die Anwendbarkeit betrifft, wurde die Metapherntypologie nach Bald‐ auf auf Grundlage eines Korpus von Zeitungstexten in deutscher Sprache 172 Katharina Dziuk Lameira <?page no="173"?> entwickelt. Es wird jedoch davon ausgegangen, dass sie auf andere Sprachen übertragbar ist. Im Folgenden werden die verschiedenen Typen anhand von Beispielen aus den beiden Texten illustriert: Typ I: Attributsmetaphern dunkel/ hell N E G ATIV I S T D U N K E L (Baldauf 1997, 100) …olvidar los más tenebrosos aspectos de su actuación … (Así empieza 2) Typ II: Ontologische Metaphern A B S T R AK TA S IN D O B J E K T E / S U B S TAN Z E N … una historia…si no se ve refrendada más que por los correligionarios … (Así empieza 2) …el aire se afilaba … Typ III: Bildschematische Metaphern Behälter-Metapher Z E ITA B S C HNITT E S IN D B E HÄL T E R La Guerra Civil terminó en 1939… (Así empieza 2) …en invierno… (El lector 1) Typ IV: Konstellationsmetaphern Personifikation/ Animation (Baldauf 1997, 192) A B S T R AK TA / U N B E L E B T E O B J E K T E S IN D P E R S O N E N / L E B E W E S E N … el invierno empezaba cuando quería el viento…(El lector 1) weitere Konstellationsmetaphern P O LITIK I S T R E LI G I O N …si no se ve refrendada más que por los correligionarios y los acólitos y los temerosos siervos… (Así empieza 2) DA S L E B E N I S T E IN TH E AT E R S TÜC K / F ILM …quién quiere contar episodios y escenas en los que sale tan mal parado… (Así empieza 2) Metaphern und Textkomplexität. Zur metaphorischen Komplexität spanischer Prosatexte 173 <?page no="174"?> Text Anzahl lexical items Anzahl MRW Anteil an Attributs‐ metaphern in % Anteil an Ontologi‐ schen Metaphern in % Anteil an Bildschematischen Metaphern in % Anteil an Konstellations-metaphern in % Dichte der Attributsmetaphern Dichte der Ontologischen Metaphern Dichte der Bildschematischen Metaphern Dichte der Konstellations-metaphern Así empieza 2 267 18 6 22 33 39 0,38 1,50 2,24 2,62 El lector 1 314 23 4 13 17 65 0,31 0,95 1,27 4,78 Tab. 8: Verteilung der Metapherntypen nach Baldauf in den untersuchten Texten Tab. 8 zeigt, dass Attributsmetaphern in beiden Texten den geringsten Anteil ausmachen. Dies deckt sich mit Baldaufs Einschätzung, während die Konstella‐ tionsmetaphern den höchsten Metaphernanteil ausmachen. Dies könnte darauf zurückzuführen sein, dass die komplexe Struktur der Konstellationsmetapher im Text durch mehrere sprachliche Metaphern ausgedrückt wird. Probleme bei der Analyse stellen Fälle dar, in denen der in der kognitiven Me‐ tapherntheorie angenommene Normalfall, dass ein konkreter Herkunftsbereich genutzt wird, um einen abstrakten Zielbereich zu strukturieren, umgekehrt wird, oder wenn unbelebte Objekte mithilfe anderer unbelebter Objekte kon‐ zeptualisiert werden. Im folgenden Beispiel aus dem Korpustext El lector 1 handelt es sich um ein kreatives Spiel mit der Funktionsweise der ontologischen Metapher, die anschließend mit der Konstellationsmetapher Personifikation/ Animation ver‐ bunden wird. Baldauf stellt die gewöhnliche Funktionsweise der ontologischen Metapher im Vergleich zu den anderen Metapherntypen folgendermaßen dar: Trotz ihrer außerordentlichen Nützlichkeit und Häufigkeit ist die ontologische Meta‐ pher aufgrund der Einfachheit ihrer Struktur und der von ihr auf einen Zielbereich projizierten Information eine eher uninteressante Form konzeptueller Metaphorik. Sie stellt einen kognitiven Grundmechanismus dar, der dem Verstand den Bereich abstrakter Vorstellungen auf immer gleiche Weise erschließt. Erst eine Spezifizierung 174 Katharina Dziuk Lameira <?page no="175"?> des Objekts oder der Substanz läßt das Bild metaphorischer Konzeptualisierung farbiger werden. Diese Leistung fällt den übrigen Klassen konzeptueller Metaphern zu. Die Attributsmetapher spricht den als Objekt oder Substanz konzeptualisierten Zielbereichen zusätzliche, wertende Eigenschaften zu, die bildschematischen Meta‐ phern, wie z. B. die Behälter-Metapher, spezifizieren die metaphorischen Objekte oder ihre Relation zueinander, Konstellationsmetaphern, wie z. B. die Kriegs-Metapher, verbinden mehrere als Entitäten konzeptualisierte Elemente zu ganzen Konstellatio‐ nen. (Baldauf 1997, 122) Diese Funktionsweise wird im nachstehenden Beispiel kreativ verändert, indem mit der materiellen Beschaffenheit des Zielbereichs L U F T / WIN D gespielt wird: […] el aire se afilaba de pronto y se volvía más limpio, y luego viento, un viento tan cruel y delicado como si estuviera hecho de cristal […]. (El lector 1) Durch die Konzeptkopplung L U F T / WIN D I S T E IN F E S T S T O F F , welche sprachlich durch „se afilaba“ ausgedrückt wird, wird die materielle Erscheinung des Zielbereichs L U F T zunächst metaphorisch verändert, indem die gasförmige Substanz L U F T als festes S P ITZ E S O B J E K T konzeptualisert wird, bevor dieses in einem weiteren Schritt in Form der Konzeptkopplung WIN D I S T E IN L E B E W E S E N , die durch „cruel“ ausgedrückt wird, animiert bzw. personifiziert wird. Durch den Vergleich „como si estuviera hecho de cristal“ wird der Herkunftsbereich als G LA S spezifiziert. Ein weiterer sprachlicher Ausdruck für die Konzeptkopplung WIN D I S T G LA S ist das Adjektiv „delicado“, welches sich in seiner Grundbedeutung auf zerbrechliche Objekte bezieht. Es handelt sich im Beispiel also eher um eine graduelle Veränderung des ontologischen Charakters des Zielbereichs L U F T / WIN D als um die Ontologisierung eines abstrakten Herkunftsbereichs. 3.3.7 Kotextualisierung nach Skirl (2009) Unter Kotextualisierung können im weiteren Sinn alle Formen der Interaktion von Einzelmetaphern mit dem Kotext gezählt werden, die zur Identifikation und Interpretation von Metaphern beitragen. Dazu gehören die Phänomene der metaphorischen Dichte, fortgeführte und erweiterte Metaphern, Remeta‐ phorisierung und die Interaktion mit Vergleichen. Im Folgenden wird auf die Kotextualisierung im engeren Sinn nach Skirl 2009 eingegangen: Beim Verstehen einzelner kreativer oder innovativer Metaphern müssen sich die Lesenden die Bedeutung normalerweise über Inferenzen, auf Grundlage ihres Weltwissens, erschließen (cf. Skirl/ Schwarz-Friesel 2013, 69-70). Jedoch kann auch der Kotext (die sprachliche, textuelle Umgebung) das Verstehen einer Metapher erleichtern (cf. Skirl/ Schwarz-Friesel 2013, 70). Im Fall von fortgeführ‐ ten Metaphern bzw. Metaphernkomplexen kann mit Hilfe der metaphorisch Metaphern und Textkomplexität. Zur metaphorischen Komplexität spanischer Prosatexte 175 <?page no="176"?> gebrauchten lexikalischen Einheiten, die sich auf die gleiche Konzeptkopplung beziehen, die Bedeutung der Metapher erfasst werden. Kommen metaphorische Einheiten jedoch isoliert vor, können Autoren - insbesondere im Fall von innovativen Metaphern - durch den Kotext Hinweise auf ihre Bedeutung liefern (cf. Skirl/ Schwarz-Friesel 2013, 69-70). Nach Skirl (2009, 162-165) werden zwei Formen der Kotextualisierung unterschieden. Zum einen die determinierende Kotextualisierung, die auf einer expliziten Nennung der Metaphernbedeutung im Kotext beruht. Zum anderen die restringierende Kotextualiserung, welche eine bestimmte Interpretation na‐ helegt, ohne die Bedeutung explizit im Text zu nennen (Skirl 2009, 163): • determinierende Kotextualisierung: Die intendierte Bedeutung der metaphorischen Verwendung eines Ausdrucks wird im Kotext explizit erwähnt. (Der Mann ist ein Bulldozer. Denn er ist sehr durchsetzungsstark.) • restringierende Kotextualisierung: Der Bedeutungsspielraum der metaphorischen Verwendung eines Ausdrucks wird durch explizite Hinweise im Kotext eingeschränkt, wodurch eine spezifische Deutungsrichtung nahe gelegt wird. Die intendierte Bedeutung wird aber nicht explizit erwähnt. (Der Mann ist ein Bulldozer. Er hat viele berufliche Erfolge vorzuweisen.) Aus Sicht der Textverständlichkeit stellt das Fehlen jeglicher Hinweise auf die Bedeutung im Kotext den komplexesten Fall dar, da sich die Lesenden die Bedeutung aufgrund von Inferenzen erschließen müssen. Die restringierende Art der Kotextualisierung stellt die komplexere Variante der Kotextualisierung dar, da die Lesenden in diesem Fall stärker auf den Kontext angewiesen sind und die Bedeutung konstruieren müssen. Die determinierende Kotextualisierung wiederum wird als Fall mit der geringsten Nutzerkomplexität eingestuft, da mit ihr der geringste Konstruktionsaufwand verbunden ist. In beiden Texten finden sich sowohl Beispiele für eine restringierende als auch für eine determinierende Kotextualisierung. Ein Beispiel für eine determinierende Kotextualisierung findet sich im fol‐ genden Ausschnitt aus dem Korpustext Así empieza 2: Imponer una historia no da contento a la larga, al final es como si sólo se la contara uno a sí mismo y eso carece de gracia: si no se ve refrendada más que por los correligionarios y los acólitos y los temerosos siervos, es como jugar al ajedrez sin rival. (Así empieza 2) 176 Katharina Dziuk Lameira <?page no="177"?> In diesem Beispiel wird der metaphorische Vergleich (die direkte Metapher) durch einen wörtlichen Vergleich vorbereitet („como si sólo se la contara uno a sí mismo“). Im Textausschnitt zuvor geht es um die Zeit nach dem Spanischen Bürgerkrieg während des Franquismus, in welcher die „Verlierer“ schwiegen und die „Sieger“ ihre Version der Geschichte erzählten, bis es keine Genugtuung mehr brachte, weil niemand ihre Version der Geschichte kritisieren durfte. „como si sólo se la contara uno así mismo“ wird als wörtlicher Vergleich ohne Verbindung zweier unterschiedlicher konzeptueller Bereiche gewertet, da das Konzept des Erzählens einer Geschichte beinhaltet, dass sie jemandem (sich selbst oder anderen Personen) erzählt werden kann. Im Fall von „es como jugar al ajedrez sin rival“ wird jedoch das Erzählen der Geschichte, ohne dass diese angefochten wird, mit dem Schachspielen ohne Gegner verglichen. S C HA C H S P I E L E N und G E S C HI C HT E E R ZÄHL E N wurden als unterschiedliche konzeptu‐ elle Bereiche gewertet, sodass hier nach MIPVU eine direkte Metapher vorliegt. Da die Bedeutung des metaphorischen Vergleichs „es como jugar al ajedrez sin rival“ durch den Kotext in Form des wörtlichen Vergleichs „como si sólo se la contara uno así mismo“ explizit erklärt wird, handelt es sich um einen Fall von determinierender Kotextualisierung. 3.3.8 Interaktion mit Vergleichen Vergleiche ähneln Metaphern insofern, als sie auch zwei Konzeptdomänen miteinander in Verbindung bringen. Jedoch ist das Schema in diesem Fall „K O NZ E P T 1 I S T WI E K O N Z E P T 2 “ (cf. Skirl/ Schwarz-Friesel 2013, 12). Im Gegensatz zu Metaphern führe die Konzeptkombination dabei nicht zu einem logischen Widerspruch, da das „wie“ (oder ähnliche Ausdrücke) explizit macht, dass es sich nur um eine Ähnlichkeitsbeziehung handelt (cf. Skirl/ Schwarz-Friesel 2013, 12). Bowdle und Gentner (2005) konnten in Experimenten zeigen, dass neue Metaphern in Form von Vergleichen bevorzugt sowie schneller verarbeitet werden als in Form von Metaphern. Für konventionelle Metaphern zeigte sich dagegen kein Verarbeitungsvorteil der Vergleichsform. Es kann daher angenommen werden, dass eine neue Metapher, die mithilfe eines Vergleichs eingeführt wird, leichter zu verstehen ist. Im Text Así empieza 2 kommen zwar direkte und indirekte Metaphern neben‐ einander vor, sie beziehen sich jedoch nicht auf die gleiche Konzeptkombination: Imponer una historia no da contento a la larga, al final es como si sólo se la contara uno a sí mismo y eso carece de gracia: si no se ve refrendada más que por los correligionarios y los acólitos y los temerosos siervos, es como jugar al ajedrez sin rival. (Así empieza 2) Metaphern und Textkomplexität. Zur metaphorischen Komplexität spanischer Prosatexte 177 <?page no="178"?> Im genannten Beispiel kommen die lexikalisierten indirekten Metaphern „cor‐ religionarios“, „acólitos“ und „siervos“ vor. Während diese die gegnerische Seite mit Hilfe des Ursprungsbereichs R E LI G I O N charakterisieren, bezieht sich der Vergleich („como jugar al ajedrez sin rival“) auf den Ursprungsbereich S C HA C H S P I E L . Da sich die genutzten direkten und indirekten Metaphern zwar nicht auf denselben Ursprungsbereich beziehen, aber dennoch miteinander harmonieren, kann hier von einer Metaphernkombination und aufgrund der Häufung von direkten und indirekten Metaphern in diesem Abschnitt von einem Cluster nach Semino (2008) gesprochen werden (s. Kap. 3.3.4 für ein Beispiel aus El lector 1). 3.3.9 Remetaphorisierung Von Remetaphorisierung oder Remotivierung spricht man, wenn lexikalisierte Metaphern, deren metaphorische Motiviertheit den Sprechern nicht mehr bewusst ist, durch den Kotext so semantisiert werden, dass die metaphorische Bedeutung wieder deutlich wird. Im Zusammenhang mit der Komplexität von Texten können Remetaphorisierungen wie folgt bewertet werden: Betrachten wir erneut das Metaphernverstehen nach Gibbs (1994, 116-118, s. Kap. 2.1), so stellen wir fest, dass im Fall von konventionellen Metaphern wahrscheinlich meistens nur der laut Gibbs obligatorische erste Schritt des Verstehens vollzogen wird und die weiteren fakultativen Schritte entfallen, sodass die Metapher somit weder erkannt noch interpretiert noch wertgeschätzt wird. Findet jedoch eine Remotivierung der metaphorischen Bedeutung statt, kann die Äußerung als metaphorisch erkannt werden (Schritt 2: Erkennen). Auch die Interpretation der Metapher kann durch die Remetaphorisierung zumindest erleichtert wer‐ den, indem durch mehrere lexikalische Einheiten auf den Ursprungsbereich rekurriert und dieser somit zumindest identifiziert werden kann. Im folgenden Beispiel etwa wird die konventionelle Konzeptualisierung von libertad als Objekt im Sinne der konzeptuellen Metapher A B S T R AK TA S IN D O B J E K T E durch mehrere lexikalische Einheiten aufgegriffen: […] una vida aburrida y sin libertad. Sin ella se puede vivir, de la libertad se puede prescindir. De hecho es lo primero de lo que los ciudadanos con miedo están dispuestos a prescindir. Tanto que a menudo exigen perderla, que se la quiten, no volver a verla ni en pintura, nunca más, y así aclaman a quien va a arrebatársela y después votan por él. (Así empieza 2) Durch die Aneinanderreihung mehrerer lexikalischer Einheiten, die normaler‐ weise zur Beschreibung von O B J E K T E N verwendet werden (in diesem Fall perder, quitar, ver und arrebatar), wird der logische Widerspruch erst sichtbar. Dies 178 Katharina Dziuk Lameira <?page no="179"?> 13 Auch wenn hier „ver“ innerhalb des Phraseologismus als so stark konventionalisiert betrachtet werden kann, dass nicht allen Rezipient: innen ein logischer Widerspruch bzw. die Konzeptualisierung als O B J E K T auffallen muss. wird vor allem an den ersten beiden lexikalischen Einheiten perder und quitar deutlich. Analysiert man die lexikalischen Einheiten „perder“ und „quitar“ nach MIPVU, werden sie nicht als Metapher eingestuft, da sich in den verwendeten Wörterbüchern kein ausreichender Kontrast zwischen kontextueller Bedeutung und Grundbedeutung feststellen lässt, wobei im Fall von „quitar“ die Erwähnung der Unterscheidung von physischen und nicht physischen Objekten im DEA auf einen möglichen schwachen Kontrast hinweist. Auch wenn perder und quitar nicht als metaphorisch gebraucht eingestuft werden können, tragen die lexikalischen Einheiten dazu bei, auf die Inkongruenz hinzuweisen, indem sie Teil der Aneinanderreihung mehrerer auf O B J E K T E bezogener lexikalischer Einheiten sind. Auch können sie den Lesenden helfen, den Ursprungsbereich O B J E K T E zu identifizieren. Während perder und quitar allein noch ohne logischen Widerspruch auf A B S T R AK TA anwendbar sind, wird der logische Widerspruch in „exigen […] no volver a verla ni en pintura“ durch die Verwendung des Phraseologismus no poder ver algo o a alguien ni en pintura deutlich, da dieser das Verb ver enthält, welches in seiner Grundbedeutung auf sichtbare Objekte und nicht auf Abstrakta angewendet wird. 13 Die Analyse der Passage legt nahe, dass der oder die Lesende die lexikalisier‐ ten Metaphern auf diese Weise als metaphorisch motiviert erkennt und darüber hinaus auf den Ursprungsbereich aufmerksam wird. Das Verstehen läuft an solchen Textstellen nicht mehr automatisch und unbewusst ab, sondern der oder die Lesende beschäftigt sich intensiver mit der entsprechenden Textstelle. Während die zuvor vorgestellten Formen der Kotextualisierung die Textkom‐ plexität aus relativer Sicht reduzieren, wird Remetaphorisierung also insgesamt als komplexitätserhöhend eingestuft. 3.3.10 Zusammenfassung der Ergebnisse Die Analyse der metaphorischen Textkomplexität ergänzt die quantitativen Profile der beiden untersuchten Texte. Dabei zeigt der Text El lector 1 überwie‐ gend überraschende Ergebnisse. Bei den Parametern Metapherndichte Gesamt und Dichte MRW weist er höhere Werte auf als Así empieza 2. Im Vergleich zu allen sechs Texten der Fragebogenstudie verfügt er sogar über die höchste Metapherndichte und wurde als verständlichster der sechs Texte eingestuft (Dziuk Lameira 2023, 275). Dies steht in Widerspruch zur Hypothese, dass eine hohe Anzahl an Metaphern mit einer geringeren Verständlichkeit einhergeht. Mögliche Erklärungen für dieses Ergebnis sind, dass der Einfluss der Metaphern Metaphern und Textkomplexität. Zur metaphorischen Komplexität spanischer Prosatexte 179 <?page no="180"?> so gering ist, dass sie die Verständlichkeit nicht beeinflussen, oder dass die Dich‐ teparameter nicht geeignet sind, weil sie nicht zwischen schwer verständlichen und leicht verständlichen Metaphern unterscheiden. Die weiteren metaphern‐ bezogenen Parameter stellen einen Versuch der Differenzierung dar. Hier zeigt sich bei den Werten von El lector 1 ein gemischtes Bild. Sein hoher Anteil an Personifikationen, die hohe Anzahl an fortgeführten und erweiterten Metaphern, die geringe metaphorische Diversität sowie der hohe Anteil und die hohe Dichte der Konstellationsmetaphern sprechen für eine geringere metaphorische Kom‐ plexität, während die hohe Dichte an neuen Metaphern (Dichte NM) und nicht nominalen Metaphern (NNLI) eher für eine höhere Komplexität sprechen. Da die Ausprägungen der Parameter in diesem Design nicht exakt kontrolliert werden können, müssen weitere psycholinguistische Studien zeigen, unter welchen Bedingungen Metaphern als schwer oder leicht verständlich eingestuft werden. Der Text Así empieza 2 weist keine neuen Metaphern oder Personifikationen auf, eine hohe Dichte an lexikalisierten Metaphern ohne objektiv nachweisbare Metaphorizität und einen geringen Anteil an nicht nominalen Metaphern. Die drei Parameter der Metapherndichte (Metapherndichte gesamt, Dichte MRW und Metapherndichte_MRW_ohne Präp) liegen bei Así empieza 2 im Vergleich der sechs untersuchten Texte tendenziell im oberen Bereich. Die meisten dieser Werte deuten auf eine eher geringe metaphorische Komplexität hin. Der Parameter Personifikationen ist aufgrund der Tatsache, dass nur drei der sechs Texte Personifikationen enthalten, schwer zu vergleichen. Es wird davon ausge‐ gangen, dass Personifikationen das Textverstehen erleichtern, allerdings muss ihr Fehlen die Komplexität nicht zwangsweise erhöhen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Text Así empieza 2 zwar viele lexikalisierte Metaphern und kaum neue kreative, aber auf der anderen Seite auch wenig bzw. keine komplexitätsreduzierenden Metaphern wie Konstellationsmetaphern oder Per‐ sonifikationen enthält. 4 Fazit Am Beispiel der Metapher kann gezeigt werden, inwiefern sowohl Charakteris‐ tika einzelner sprachlicher Elemente im Text als auch ihr Zusammenwirken mit dem Kotext die Komplexität eines Textes steigern oder reduzieren können. Die Analysekategorien der metaphorischen Textkomplexität lassen sich in textbe‐ zogene und metaphernbezogene Größen einteilen. Die textbezogenen Größen umfassen die Parameter Metapherndichte, metaphorische Diversität, fortgeführte und erweiterte Metaphern, Kotextualisierung nach Skirl (2009), Interaktion mit Vergleichen und Remetaphorisierung. Diese lassen sich als Kotextualisierungsef‐ 180 Katharina Dziuk Lameira <?page no="181"?> fekte zusammenfassen. Auf der anderen Seite stehen Metapherngrößen, welche die Einzelmetaphern des Textes charakterisieren, wie ihr Konventionalitätsgrad, die Wortart, der sie angehören und der Metapherntyp nach Baldauf (1997). Auch zwischen diesen beiden Achsen gibt es Wechselwirkungen. So bedürfen weniger bekannte oder unkonventionelle Metaphern eher einer Kotextuali‐ sierung und der Metapherntyp der Konstellationsmetaphern wie P O LITIK I S T K R I E G , bei welchen „ganze, gestalthafte Konstellationen“ (Baldauf 1997, 83) auf abstrakte Bereiche projiziert werden (Baldauf 1997, 82-84), führt durch die Komplexität der auf den Zielbereich projizierten Struktur eher zum Auftreten von Metaphernkomplexen bzw. fortgeführten Metaphern im Text als es bei weniger komplexen Metapherntypen der Fall ist. Es konnte gezeigt werden, dass das quantitative Komplexitätsprofil eines Textes kein klares Urteil über seine Schwierigkeit für Lesende zulässt. Auch der Versuch, semantische Aspekte in das quantitative Komplexitätsprofil zu integrieren, steht noch am Anfang. Zusätzliche qualitative Textanalysen, von denen die Metaphernanalyse nur ein Aspekt ist, können daher die quantitative Analyse sinnvoll ergänzen. Die Ergebnisse der Fragebogenstudie deuten außer‐ dem darauf hin, dass eine allgemeine Empfehlung zum Verzicht auf Metaphern überprüft werden sollte, da es auch Texte mit vielen Metaphern gibt, die als eher leicht verständlich eingestuft werden. Bibliographie Baldauf, Christa (1997): Metaphern und Kognition. Grundlagen einer neuen Theorie der Alltagsmetapher, Frankfurt am Main, Peter Lang. Berber Sardinha, Tony (2010): „A program for finding metaphor candidates in corpora“, in: ESPecialist 31 (1), 49-67. Bowdle, Brian F./ Gentner, Dedre (2005): „The career of metaphor“, in: Psychological review 112 (1), 193-216. Cercas, Javier (2014): El impostor, Barcelona, Literatura Random House. Colston, Herbert L./ Gibbs, Raymond W. 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Sin embargo, es necesario adaptar los enfoques didácticos: Por un lado, a la construcción meta [ir + a/ de + sustantivos] y, por otro, al grupo meta, en el presente caso alumnos de institutos alemanes que aprenden español como tercera lengua extranjera a partir de los 14 años. El siguiente artículo presenta las posibles razones de la frecuente omisión o confusión de las preposiciones a y de en la construcción [ir + a/ de + sustantivo]. A continuación, se demuestra con una lección del proyecto Lexigramamúsica - Aprender léxico-gramática en clase 8 bailando el poten‐ cial de la lingüística cognitiva y de la gramática de construcciones para la enseñanza de la construcción [ir + a/ de + sustantivo]: L@s alumn@s aprenden los esquemas de imagen subyacentes de las preposiciones con una coreografía y, al mismo tiempo, desarrollan una conciencia de los diferentes tipos de construcciones. <?page no="188"?> Palabras clave: Influencia interlingüística, análisis de manuales, prepo‐ siciones, gramática de construcciones pedagógica, aprendizaje en movi‐ miento Abstract The polysemous, high-frequency prepositions a (‘to, at, on’) and de (‘from, of ’) are often confused or omitted by learners of Spanish, especially in constructions with verbs of motion (Campillos Llanos 2014). To improve acquisition, applied cognitive linguistics already proposes concrete didac‐ tic approaches (Frago Cañellas 2020; Llopis-García 2015), based on Lakoff ’s (1987) cognitive metaphor theory and Johnson’s (1987) image schemas. However, it is necessary to adapt the didactic approaches: On the one hand, to the target construction [ir + a/ de + noun] and, on the other hand, to the target group, in our case German pupils learning Spanish as a third foreign language at the age of 14 onwards. The following article presents possible reasons for the frequent omission or confusion of the prepositions a and de in the construction [ir + a/ de + noun]. Then, the potential of cognitive linguistics and construction grammar for teaching the construction [ir + a/ de + noun] is demonstrated with a lesson from the project Lexigramamúsica - Learning lexical-grammar in Grade 8 by dancing: Students learn the underlying image schemas of prepositions with a choreography and, at the same time, develop an awareness of different construction types. Keywords: Crosslinguistic influence, textbook analysis, prepositions, pe‐ dagogical construction grammar, embodied learning 1 Einleitung Auch wenn ein Blick ins Corpus del español (Web/ dialects) (Davies 2016) genügt, um zu erfahren, dass ir (‚gehen‘) mit 603.647 Tokens (Stand 28.12.2023) mit Abstand das frequenteste Bewegungsverb des Spanischen ist, werden die ihm folgenden Präpositionen a (wörtl.: ,nach, zu, bei‘) und de (wörtl.: ,von, aus‘) von Spanischlerner: innen oft verwechselt oder ausgelassen: Ob *vamos a compras, *vamos a las compras, *vamos las compras oder doch vamos de compras (‚wir gehen einkaufen‘) - alle Varianten traten in einer Pilotstudie zu Crosslinguistic influence im Spanischunterricht an Gymnasien zu Beginn des zweiten Lernjahrs (9. Klasse) auf (Kanli 2024a).Für Spanischlehrkräfte stellt sich hier die Frage, worin die Ursachen des Weglassens und Verwechselns dieser Präpositionen liegen und wie man Schüler: innen beim Erwerb unterstützen könnte. 188 Eleni Kanli <?page no="189"?> 1 Selinker (1972, 229) zufolge ist die Lernersprache ein dynamisches Konstrukt (Interlan‐ guage-Phänomen), dass aus mehreren Zwischenstufen besteht, die Elemente aus der Zielsprache sowie aus bereits erlernten Sprachen enthalten. Auf konkrete Fragen wie diese finden Lehrkräfte in der aktuellen For‐ schungsliteratur kaum Antworten, denn die empirische Erforschung des Fremd‐ sprachenerwerbs in Klassenzimmern in Deutschland unter Berücksichtigung der komplexen Sprachbiographien von Schüler: innen stellt nach wie vor ein enormes Forschungsdesiderat dar (Reimann 2020, 9). Insbesondere die Gram‐ matikvermittlung stand in den letzten Jahrzenten nicht im Vordergrund der fremdsprachendidaktischen Forschung (Kolb 2021, 63), was darauf zurückge‐ führt werden kann, dass sprachlichen Mitteln eine dienende Funktion im in‐ terkulturellen kommunikativen Fremdsprachenunterricht zugeschrieben wird (Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg 2016, 5). Allerdings zeigen neuere Publikationen, dass es sich Forscher: innen der angewandten Kognitiven Linguistik wieder zur Aufgabe gemacht haben, den Erwerb sprachlicher Mittel wie z. B. der polysemen Präpositionen a und de zu erforschen (z. B. Llopis-García 2015; Frago Cañellas 2020). Trotz der positiven Evaluation der vorgeschlagenen didaktischen Ansätze mit erwachsenen Spani‐ schlerner: innen im universitären Kontext (z. B. Frago Cañellas 2020, 18; Kissling et al. 2018, 251) bleiben diese Ansätze noch abstrakt, sie werden nicht in konkrete Unterrichtsstunden unter Berücksichtigung der Prinzipien des interkulturellen kommunikativen Fremdsprachenunterrichts (Nieweler 2019) eingebettet und richten sich tendenziell an erwachsene Lerner: innen. Im vorliegenden Beitrag wird der Frage nachgegangen, wie die aktuellen di‐ daktischen Konzepte der Kognitiven Linguistik zur Vermittlung polysemer Prä‐ positionen in die deutsche Klassenzimmerrealität übertragen werden können, um jugendliche Spanischlerner: innen beim Erwerb der Konstruktion [ir + a/ de + Nomen] unterstützen zu können. Der Beitrag ist folgendermaßen aufgebaut: Im Abschnitt 2 werden mögliche Gründe für die genannten Schwierigkeiten im Bereich der Präpositionen diskutiert und mit ersten Ergebnissen einer Pilotstu‐ die zu möglichen Interlanguage-Phänomenen 1 im Abschnitt 3 ergänzt. Abschnitt 4 untersucht die Präsenz der Konstruktionen [ir + a/ de + Nomen] in zwei aktu‐ ellen Spanischlehrwerken, um der Frage nachzugehen, inwiefern die gängige Herangehensweise einen Einfluss auf die beschriebenen Ergebnisse der Pilot‐ studie haben könnte. Im Abschnitt 5 werden bisherige Ansätze der Kognitiven Linguistik vorgestellt. Aufbauend auf diesen Erkenntnissen wird im Abschnitt 6 der Verlauf einer Unterrichtsstunde des Projekts Lexigramamúsica - Aprender léxico-gramática en clase 8 bailando (‚Lexigramamúsica - Lexiko-Grammatik in Klasse 8 tanzend lernen‘) (Kanli 2024b; Kanli 2025) zum Erwerb der Kon‐ Potentiale der Kognitiven Linguistik in der Fremdsprachendidaktik 189 <?page no="190"?> struktion [ir + a/ de + Nomen] beschrieben. Diese wurde im Rahmen der Dokumentationsarbeit während des Vorbereitungsdiensts für das Lehramt an Gymnasien im Herbst 2022 konzipiert, in einer 8. Klasse erprobt und evaluiert. Das Unterrichtsziel ist, Schüler: innen zu ermöglichen, diese Konstruktionen in ihren mündlichen und schriftlichen Sprachproduktionen korrekt zu verwenden, um den potentiellen Zielpunkt ihrer Bewegung idiomatisch korrekt ausdrücken zu können. Gleichzeitig soll vermieden werden, dass der Spanischunterricht als ‚grammatiklastig‘ wahrgenommen wird, was den Teilnehmer: innen zufolge auch gelungen ist. Die ersten Ergebnisse zeigen darüber hinaus, dass Tanz kombiniert mit Ansätzen der pädagogischen Konstruktionsgrammatik Potential zum Erwerb sprachlicher Mittel im Fremdsprachenunterricht haben (Kanli 2024b, 62). Diese vorläufigen Ergebnisse sollten in randomisierten Feldstudien, in Anlehnung an Kanli (in Vorbereitung), vertiefend untersucht werden. 2 Präpositionen - prädestiniert für Interlanguage-Phänomene? Obwohl eine hohe Frequenz im sprachlichen Input im Allgemeinen als für den Spracherwerb förderlich angesehen wird (Wulff/ Ellis 2018, 41), werden die Präpositionen a und de nach dem Verb ir (‚gehen‘) von Spanischlerner: innen häufig verwechselt oder ausgelassen (Kanli 2024a, 7), was mehrere Gründe haben kann (Kanli 2024a, 2-3): Die hochfrequenten Präpositionen a und de sind polysem: Je nach Verwen‐ dungskontext können sie eine eher konkrete lexikalische oder eine abstrakte Bedeutung haben (Real Academia Española 2009, 2252), was auf unterschiedlich stark durchlaufene Grammatikalisierungsprozesse zurückzuführen ist (Kailu‐ weit 2001, 47; Fagard/ Mardale 2012, 7). Im Fall von ir a casa (‚nach Hause gehen‘) drückt a den (potentiellen) Zielpunkt der Bewegung aus, während die Präposition de in der Konstruktion salir de casa (wörtl.: ‚das Haus verlassen; aus dem Haus gehen‘) den Ausgangspunkt der Bewegung darstellt. Im Gegensatz dazu besitzt de in den idiosynkratischen Konstruktionen ir de vacaciones (‚in den Urlaub fahren‘) und ir de compras (‚einkaufen gehen‘) keine für das Verstehen der Mehrworteinheit notwendige lexikalische Bedeutung (redundancy (Wulff/ Ellis 2018, 45)). Für Spanischlerner: innen ist es damit herausfordernd, die Form‐ seite der Präposition mit ihren verschiedenen Bedeutungen bzw. Funktionen zu assoziieren (low form-meaning contingency; Wulff/ Ellis 2018, 39-41). Darüber hinaus weisen diese monomorphemischen Präpositionen eine ge‐ ringe Salienz auf, d. h. sie stechen im Vergleich zu anderen Bestandteilen einer Mehrworteinheit weniger hervor (Wulff/ Ellis 2018, 43-45). Psycholingu‐ istische Experimente belegen, dass im Erstspracherwerb wenig saliente und vor 190 Eleni Kanli <?page no="191"?> allem funktionale Elemente wie Präpositionen zunächst auf der Basis größerer Konstruktionen bzw. Kollokationen gelernt werden, sogenannten Holophra‐ sen (Tomasello 1987). Mit zunehmendem Input werden daraus abstraktere Konstruktionen abgeleitet und gefestigt (entrenchment) (Behrens 2009, 433; Tomasello 2003). Fremdsprachenlerner: innen, die bereits alphabetisiert wurden, konzentrieren sich aber bei der Sprachverarbeitung tendenziell auf einzelne lexikalische Inhaltswörter, wie Nomen und Verben (Arnon/ Christiansen 2017, 624-627). Beim Lesen oder Hören der Mehrworteinheit ir de vacaciones (wörtl: ‚in den Urlaub fahren ‘) wird demnach die Aufmerksamkeit tendenziell auf das Verb ir (‚gehen‘) und das Nomen vacaciones (‚Urlaub‘) gelenkt. Dies erschwert es ihnen, die Präposition de bei der Sprachverarbeitung wahrzunehmen (Noticing Hypothesis; Schmidt 1990), um sie in ihr Sprachrepertoire (intake; Gass 1997, 3) aufzunehmen. L2-Lerner: innen sind zwar auch in der Lage, feste Mehrwor‐ teinheiten, sogenannte chunks, zu lernen. Es fällt ihnen aber wiederum schwer, ausgehend davon schematischere Konstruktionen und die Verwendungsweise funktionaler Elemente abzuleiten und kreativ damit umzugehen (Wolf 2018, 60). Ein weiterer Grund für das Verwechseln oder Auslassen der Präpositionen ist der negative Transfer aus anderen Sprachen (Crosslinguistic influence; Odlin 1989; Odlin 2022; Jarvis/ Pavlenko 2008). Laut der Theorien der konzeptuellen Metapher (Lakoff 1987) und der Bildschemata (image schemata (Johnson 1987)) beruhen Präpositionen auf sogenannten Bildschemata, welche aus körperlichen und perzeptuellen Erfahrungen (embodied cognition; Barsalou 2008), die der Mensch von Kindesalter an macht, abgeleitet werden. Kinder beobachten, wie sich ein Gegenstand von einem Ort zum anderen bewegt, wovon sie unbewusst das abstrakte Bildschema PATH (‚Weg, Pfad‘) abstrahieren (Mandler 2010, 25). Auf diesem Bildschema basiert u. a. die lokale Bedeutung der Präposition a, die den Zielpunkt der Bewegung, z. B. in ir a España (wörtl.: ‚nach Spanien gehen‘) ausdrückt. Im Französischen wird in der äquivalenten Konstruktion aller en Espagne (wörtl.: ‚nach Spanien gehen‘) die Präposition en verwendet, die eine Grenzüberschreitung in einen CONTAINER (‚Behälter‘) darstellt. Da Präpositionen in äquivalenten Konstruktionen aus verschiedenen Sprachen auf unterschiedlichen Bildschemata beruhen können, kann es zur Überlagerung dieser kommen, was von den Sprecher: innen ein Umdenken verlangt (Re-thinking for speaking; Ellis/ Cadierno 2009, 128). Dies kann ein komplexes Zusammenspiel von intra- und interlingualen Einflüssen zur Folge haben (Crosslinguistic influence; Odlin 1989), insbesondere im Tertiärspracherwerb (Third or additional language acquisition (De Angelis 2007; Rothman 2019)), wenn Schüler: innen mehr als eine Fremdsprache lernen (De Angelis 2007, 11). Es ist noch nicht abschließend geklärt, ob der Transfer immer aus einer Sprache erfolgt (full transfer (Schwartz/ Sprouse 1996)), z. B. der Potentiale der Kognitiven Linguistik in der Fremdsprachendidaktik 191 <?page no="192"?> L2 (L2 status factor (Bardel/ Falk 2012)) oder der Sprache, die die Teilnehmer: innen als die ähnlichste zur Zielsprache wahrnehmen (Typological Primacy Model (TPM) (Rothman 2010)) oder ob es von der jeweiligen sprachlichen Struktur abhängt (property by property (Westergaard 2021, 391)). Um herauszufinden, wann Lernende der Zielgruppe welche Präpositionen wie häufig verwechseln oder auslassen und welche Sprachen dies möglicher‐ weise beeinflussen, wurde im Oktober 2021 eine Pilotstudie zu Crosslinguistic influence in mehreren Spanischklassen durchgeführt, die in Auszügen im fol‐ genden Abschnitt vorgestellt wird. 3. Pilotstudie zu Crosslinguistic influence im Spanischunterricht an einem Gymnasium am Beispiel der Konstruktion [ir + a/ de + Nomen] Im Oktober 2021 wurde eine Pilotstudie zu Crosslinguistic influence (Kanli 2024a) in drei 9. Klassen (zweites Lernjahr) an einem Baden-Württembergischen Gym‐ nasium mit Spanischlernenden durchgeführt, die folgende Sprachenfolge haben: Deutsch als Erstsprache (L1), Englisch (L2), Französisch (L3) und Spanisch (L4). Mithilfe eines selbstkonzipierten 15-minütigen Sprachtests, bei dem die Schüler: in‐ nen einen Lückentext (open gap fill task) ausfüllen und eine kurze Bilderabfolge (short-answer task) (Purpura 2004, 135-136) beschreiben sollten, wurden Präposi‐ tionen in der Konstruktion [Bewegungsverb + a/ de/ en + Nomen] elizitiert, beispiels‐ weise in der Zielkonstruktion [ir + a/ de + Nomen]. Ziel war es herauszufinden, wann die Zielgruppe die Präpositionen nach dem ersten Lernjahr wie häufig verwechselt oder auslässt und welche Sprachen dies möglicherweise beeinflussen. Dabei stellte sich u.-a. heraus, dass den Schüler: innen die Konstruktion [ir + a + Nomen] wenig Schwierigkeiten bereitet, da sie im Schnitt in 73,75 % der Lücken die richtige Präposition einsetzten. Im Gegensatz dazu wurde nur in 37,5 % der Lücken in [ir + de + Nomen] die Präposition de korrekt eingefügt (Kanli 2024a, 6-7). Stattdessen traten folgende Varianten auf: 192 Eleni Kanli <?page no="193"?> Korrekte Mehr‐ worteinheit Varianten im Lückentext voy de viaje (,ich verreise’) *voy a viaje, voy al viaje, voy en viaje, voy en el viaje, voy un viaje voy de compras (,ich gehe einkaufen’) *voy a compras, voy a las compras, voy del compras, voy en las compras, voy las compras Tab. 1: Ergebnisse von [ir + de + Nomen] im open gap fill task Die Verwechslung der Präpositionen en und a könnte auf den negativen Transfer der Präposition en aus der französischen äquivalenten Konstruktion je pars en voyage (‚ich verreise‘) zurückgeführt werden. Die Verwendung des bestimmten oder unbestimmten Artikels ist womöglich durch das Fehlen einer Präposition in der L1 bedingt. Dagegen könnte der Einsatz der Präposition a anstelle von de ein Hinweis auf eine Übergeneralisierung der spanischen Konstruktion [ir + a] sein, die die Schüler: innen den Ergebnissen der Pilotstudie zufolge gefestigt haben (Kanli 2024a, 7-8). Es handelt sich hierbei um Hypothesen, die durch eine größere Stichprobe belegt werden müssten. Diese Pilotstudie weist aber darauf hin, dass ein komplexes Zusammenspiel intra- und interlingualer Einflüsse vorliegt und dass jede Konstruktion einzeln untersucht werden müsste (vgl. property by property (Westergaard 2021, 391)), da nicht pauschal von einem full transfer (Schwartz/ Sprouse 1996) aus einer Sprache ausgegangen werden kann. Um herauszufinden, wie diese Präpositionen aktuell in Spanischlehrwerken eingeführt werden und ob die gängige Herangehensweise gegebenenfalls einen Einfluss auf die beschriebenen Ergebnisse hat, wurde eine Lehrwerksanalyse durchgeführt, die im Folgenden in Auszügen vorgestellt wird. Potentiale der Kognitiven Linguistik in der Fremdsprachendidaktik 193 <?page no="194"?> 2 Herbst (2019) stellt dies auch für Englischlehrwerke für die Sekundarstufe fest. Schwem‐ mer (2025) führt wiederum eine diachrone Lehrwerksanalyse von Englischlehrwerken durch, die an Grundschulen eingesetzt werden, und findet heraus, dass lexikogramma‐ tische Einheiten - sowohl feste chunks als auch Mehrworteinheiten mit Slots, die variabel befüllt werden können -, in aktuellen Lehrwerken stärker in den Fokus rücken. Inwiefern sich diese Tendenz auch im diachronen Vergleich von Spanischlehrwerken zeigt, ist bislang noch nicht untersucht worden. 4 Die Konstruktion [ir + a/ de + Nomen] in zwei aktuellen Spanischlehrwerken Grammatik und Wortschatz werden in aktuellen Spanischlehrwerken haupt‐ sächlich als zwei getrennte Paradigmen behandelt, im Einklang mit der Perspek‐ tive der generativen Linguistik (Chomsky 1957), auch wenn neuerdings durch die Einführung hilfreicher Redemittelkästen (Expresiones útiles) versucht wird, diese strikte Trennung zu durchbrechen (z.-B. Steveker 2020, 165). 2 Im Lehrwerk Encuentros hoy 1 werden im Vokabelteil die Schüler: innen aufgefordert, die Präposition de mit ihren Bedeutungen „von, aus, über, hier: aus“ auswendig zu lernen (Steveker 2020, 183). Als Beispielsatz wird Soy de Bilbao (‚Ich komme aus Bilbao‘) genannt, in dem die Präposition de den Herkunftsort der Person einleitet - nur eine der aufgelisteten Bedeutungen dieser polysemen Präposition. Fünf Lektionen später wird ir de tapas (‚Tapas essen gehen‘) im Vokabelteil als Chunk eingeführt (Steveker 2020, 203). Wird im Spanischunterricht das Lehrwerk Puente al español 1 verwendet, dann begegnen die Schüler: innen einer anderen Mehrworteinheit im Voka‐ belverzeichnis, nämlich ir de compras übersetzt mit (‚einen Einkaufsbummel machen‘) (Feist et al. 2020, 195). Keines der Lehrwerke weist darauf hin, dass daraus die schematische Konstruktion [ir + de + Nomen] abgeleitet werden kann, mit der Bedeutung, eine bestimmte komplexe Handlung auszuführen (Kanli/ Wiesinger in Vorbereitung). Wie oft die Teilnehmer: innen diesen Konstruktionen in den Lektiontexten und in den Übungen des Lehrwerks begegnen, hängt ebenso vom jeweiligen Lehrwerk ab, was in folgendem Diagramm am Beispiel von [ir + de+ Nomen] verdeutlicht wird: 194 Eleni Kanli <?page no="195"?> 3 Meier (2019, 294-296) führte im Rahmen ihrer Dissertation zu Linguistische Korpora im Spanischunterricht am 23.08.2017 ein Telefonat mit Heike Malinowski, Redaktions‐ leiterin ‚Weitere Fremdsprachen’ des Cornelsen Verlags, die das bestätigte. Abb. 1: Die Konstruktion [ir + de + Nomen] in den Spanischlehrwerken Encuentros hoy 1 (Steveker 2020, 1-143) und Puente al español 1 (Feist et al. 2020, 1-149) Diese Daten sprechen dafür, dass der Input in aktuellen Lehrwerken nicht mit Korpora abgeglichen wird. Wenn man im Corpus del español (Web/ dialects) (Davies 2016) nach der Konstruktion ir de N sucht, dann erscheint ir de tapas mit 52 Tokens auf Platz 23, während ir de compras mit 2403 Tokens der Prototyp der Konstruktion auf Platz 1 ist (Stand 28.12.2023). Der stark variierende Input in Lehrwerken hängt somit offenbar vom Sprachgefühl der Lehrwerksautor: innen ab, die in der Regel Primärsprecher: innen des Spanischen sind. 3 Was wiederum mit der Verteilung im natürlichen Sprachgebrauch überein‐ stimmt, ist das überproportional frequente Vorkommen von [ir + a + Nomen] im Vergleich zu [ir + de + Nomen], wie in Tab. 2 ersichtlich ist. Dies könnte womöglich ein weiterer Grund für die ausgehend von der Pilotstudie vermutete Übergeneralisierung von [ir + a] sein (vgl. Abschnitt 3): Potentiale der Kognitiven Linguistik in der Fremdsprachendidaktik 195 <?page no="196"?> ir + a ir + de Corpus del español (Web/ dialects) (Davies 2016) (03.08.2021) 2.403.726 130.200 Encuentros hoy 1 (Steveker 2020, 1-143) 97 4 Puente al español 1 (Feist et al. 2020, 1-149) 89 13 Tab. 2: Frequenzen der Konstruktion [ir + a] und [ir + de] in Lehrwerken und Referenz‐ korpora unter Berücksichtigung aller flektierter Formen Insgesamt verdeutlicht dieser Auszug der Lehrwerksanalyse, dass diese polyse‐ men Präpositionen in den Vokabellisten der Lehrwerke unstrukturiert vorkom‐ men und keine Referenzkorpora bei der Erstellung der Lehrwerke konsultiert wurden, weshalb der Input in den Lehrwerken stark variiert. Zudem wird der Fokus auf Einzellexeme gelenkt, sodass die Schüler: innen nicht die ganze Mehrworteinheit in den Blick nehmen, oder es werden Chunks im Vokabelteil aufgeführt, was wiederum den Lerner: innen erschwert, daraus selbständig sche‐ matischere Konstruktionen mit variabel belegbaren Bestandteilen, sogenannte patterns (Kostka 2020, 103), abzuleiten (vgl. Abschnitt 2). Im Folgenden wird auf aktuelle didaktische Ansätze der Kognitiven Linguis‐ tik eingegangen, die Schüler: innen dabei helfen könnten, die Zielkonstruktion [ir + a/ de + Nomen] in ihr Sprachrepertoire (intake (Gass 1997, 3)) zu integrieren. 5 Aktuelle Ansätze der Kognitiven Linguistik zur Vermittlung von Präpositionen Damit Schüler: innen die Präpositionen a und de langfristig in ihren schriftli‐ chen und mündlichen Sprachproduktionen korrekt verwenden, bedarf es einer strukturierten Einführung eingebettet in einen mitteilungsbezogenen und mo‐ tivierenden Kontext im Sinne des interkulturellen kommunikativen Fremdspra‐ chenunterrichts (Nieweler 2019). Dies sollte möglichst im Anfangsunterricht erfolgen, wenn Präpositionen erstmals mit Bewegungsverben auftreten, da Studien mit erwachsenen Lerner: innen belegen, dass Präpositionen bereits im Anfangsstadium des Erwerbs verwechselt oder ausgelassen werden und sich dies in den höheren Niveaustufen verfestigen kann (Fernández López 1990, 196 Eleni Kanli <?page no="197"?> 264). Dabei ist es unabdingbar, die in Abschnitt 2 beschriebenen verarbeitungs‐ bezogenen Faktoren, die den Erwerb erschweren oder erleichtern können, zu berücksichtigen. Die angewandte Kognitive Linguistik bietet erste konkrete Vermittlungsan‐ sätze (z. B. Llopis García 2024; Wirag et al. 2022) u. a. für die polysemen Präpositionen a und de (Frago Cañellas 2020; Llopis-García 2015) basierend auf den Theorien der konzeptuellen Metapher (Lakoff 1987) und der Bildschemata (image schemata ( Johnson 1987)) (siehe Abschnitt 2). Frago Cañellas (2020, 7) schlägt z. B. vor, dass Spanischlernende mithilfe des Schaubilds in Abb. 2 das Bildschema der Präposition a mitlernen, um sich die prototypische und häufigste Funktion der Präposition - hier die Fokussierung eines (potentiellen) Zielpunkts - besser merken zu können. Dies ermöglicht ihnen, sich einerseits die lokale Bedeutung, z. B. in voy a casa (‚ich gehe nach Hause‘) zu merken. Gleichzeitig können sie mithilfe des Bildschemas PATH die metaphorische Bedeutung von a in de lunes a viernes (‚von Montag bis Freitag‘) ableiten, weil hier a auf den Zielpunkt eines Zeitraums verweist ( Johnson 1987, 28). Abb. 2: Bildschema der Präposition a (Frago Cañellas 2020, 7) Vorschläge für schematische Darstellungen von Bildschemata polysemer Prä‐ positionen liegen für Präpositionen aus verschiedenen Sprachen vor (für das Englische z. B. (Boers/ Demecheleer 1998; Tyler/ Evans 2003; Cho 2010; Song 2013), für die französischen Präpositionen à, de, en (Buescher/ Strauss 2015) und für die spanischen Präpositionen por und para (Delbecque 1996; Lam 2009; Kissling et al. 2018)). Die Wirksamkeit dieses kognitionslinguistischen Vermittlungsansatzes, insbesondere bei erwachsenen Lerner: innen, wurde mitt‐ lerweile durch mehrere Studien nachgewiesen (z. B. Frago Cañellas 2020, 18; Kissling et al. 2018, 251). Es verlangt aber Song (2013, 172) zufolge ein gewisses Abstraktionsvermögen von Lerner: innen, um ausgehend vom Bildschema auf die metaphorische Bedeutung der Präpositionen zu schließen. Er fand in seiner Potentiale der Kognitiven Linguistik in der Fremdsprachendidaktik 197 <?page no="198"?> 4 Auf der Website https: / / granima.de/ können von Prof. Dr. Roche (LMU München) und seinen Projektmitarbeiter: innen erstellte Computeranimationen zu verschiedenen deutschen Grammatikthemen, u. a. auch zu den deutschen Wechselpräpositionen, aufgerufen werden. 5 Das Lernen sprachlicher Mittel durch Bewegung ist seit der Erfindung des Total Physical Response- Konzepts von Asher (1969), bei dem Fremdsprachenlerner: innen zunächst Aufforderungen im Imperativ durch Bewegung ausführen, bevor sie sprechen, ins Zentrum der Forschung gerückt. Es liegen z. B. zahlreiche Studien zum lernförderlichen Erwerb von Einzellexemen durch kohärente Bewegungen vor (für einen Überblick siehe Macedonia 2020, 22-40). Studie heraus, dass Schüler: innen im Englischunterricht am Gymnasium eher von dem Ansatz profitieren als Realschüler: innen. Zur Veranschaulichung der Bildschemata können statt bildlicher Darstellun‐ gen auch Computeranimationen herangezogen werden, was sich z. B. für den Erwerb deutscher Wechselpräpositionen im Vergleich zu statischen Bildern als besonders wirksam erwiesen hat (Scheller 2009, 226). 4 Mendo Murillo (2012, 122) geht noch einen Schritt weiter und schlägt in ihrer Dissertation vor, mit Bewegungsabläufen basierend auf den Bildschemata die Präpositionen por und para einzuführen. Mendo Murillos (2012) Vorschlag begegnet man häufig in der Literatur: Vertreter: innen der angewandten Kognitiven Linguistik empfehlen, sprachliche Strukturen durch Bewegung, Mimik und Gestik im Fremdsprachenunterricht zu vermitteln (z. B. Roche/ Suñer 2017, 28; Holme 2012, 9; De Knop 2020). 5 Der kognitive Linguist und Tänzer Jean-Rémy Lepaire kreierte sogar mehrere kurze Choreographien zur Einführung englischer Grammatikphänomene wie z. B. die Vergangenheitszeiten (Lapaire 2006), die aktuell auf Youtube zur Verfügung stehen (Lapaire 2015). Begründet ist dies durch das ursprünglich aus den Kognitionswissenschaften stammende Embodiment-Konzept, das eine enge Verbindung und Interaktion zwischen Körper und Geist annimmt (Tschacher 2006, 15). Diesem Konzept wird seit der Entdeckung der sogenannten Spiegelneuronen sehr viel Aufmerksam‐ keit geschenkt: Die Neurowissenschaftler: innen Hauk/ Johnsrude/ Pulvermüller (2004, 302) fanden z.-B. heraus, dass während ein Bewegungsverb wie „kicken“ gelesen wird, die Areale im Gehirn angesprochen werden, die auch aktiv sind, wenn man die Bewegung wirklich macht, um nur eines der zahlreichen Expe‐ rimente zu zitieren, die das Embodiment-Konzept untermauern (vgl. z. B. auch Barsalou 2008; Gallese und Lakoff 2005). Auch die Kognitive Linguistik geht davon aus, dass Sprache kein arbiträres System ist, sondern auf körperlichen Erfahrungen basiert, die wir von Kindesalter an machen (Evans/ Green 2006, 177), was am Beispiel der Bildschemata oben verdeutlicht wurde. 198 Eleni Kanli <?page no="199"?> Womöglich könnte das Mitlernen der Bildschemata lokaler Präpositionen und ihrer metaphorischen Bedeutungen mithilfe von Schaubildern, Animationen oder Bewegung die beschriebenen Interlanguage-Phänomene (Selinker, 1972) reduzieren, indem Lernprozesse kognitiv anregend gestaltet werden. Was die Vermittlung der Konstruktion [ir + a/ de + Nomen] anbelangt, muss aber berück‐ sichtigt werden, dass nicht alle Funktionen der Präpositionen a und de mit dem Bildschema PATH vermittelt werden können. Bei ir de compras (‚einkaufen gehen‘) ist z. B. der Ausgangspunkt der Bewegung nicht ersichtlich - eine Leerstelle, die im Unterricht nicht vernachlässigt werden kann. Im Gegenteil, durch ir de compras wird eine Handlung ausgedrückt, die gerade ausgeführt wird oder unmittelbar bevorstehet, sodass es der kognitiven Metapherntheorie Lakoffs (Lakoff 1987) zufolge eigentlich mehr Sinn ergeben würde, wenn die Präposition a an der Stelle stehen würde. Wenn wir also die Aufmerksamkeit der Lerner: innen nur auf die Bildschemata einzelner Präpositionen lenken, ohne dass wir die Mehrworteinheit in den Blick nehmen, was bei den aktuellen di‐ daktischen Ansätzen der Fall ist, dann könnte dies zu einer Übergeneralisierung bestimmter Präpositionen führen. Ergänzend zum Einsatz von Bildschemata könnte die pädagogische Kon‐ struktionsgrammatik (De Knop 2025), eine Teildisziplin der Kognitiven Lingu‐ istik, wertvolle Impulse zur Vermittlung mehrdeutiger Präpositionen liefern. Sie fasst den (Fremd-)Sprachenerwerb als den Erwerb von Konstruktionen auf (Herbst 2016, 41), sogenannten Form-Bedeutungspaaren mit unterschiedlichem Grad an Schematizität und Produktivität, die holistisch verarbeitet werden und unterschiedliche Positionen auf einem Lexikon-Grammatik-Kontinuum belegen können (Goldberg 2006, 5; Croft 2001, 18). Erste Leitsätze zur Vermittlung von Konstruktionen im Fremdsprachenun‐ terricht wurden bereits formuliert (Herbst 2016; Siepmann 2007) und es sind in der Forschungsliteratur Vorschläge zur Beschreibung und Vermittlung einzelner Konstruktionen zu finden, u. a. zur Unterscheidung von ser und estar (‚sein‘) im Spanischen (Bürgel 2021; vgl. z. B. auch Boas 2022; Herbst 2016, 2017; De Knop/ Gilquin 2016). Um bei den Schüler: innen eine „lexiko-grammatische[…] Sprachbewusst‐ heit“ (Bürgel 2021, 13) auszubilden, die den Konstruktionserwerb unterstützt, schlagen Bürgel (2021, 13) und Herbst (2017, 130-131) vor, dass Lerner: innen ausgehend von Auszügen aus Referenzkorpora, die große Mengen an authen‐ tischen Äußerungen von Spanischsprecher: innen enthalten, induktiv und kog‐ nitivierend herausfinden, in welchen Wortkombinationen bestimmte Lexeme im Sprachgebrauch häufig vorkommen. Die entsprechenden Konstruktionen sind in den Korpusdaten und Lehrmaterialien entsprechend farblich hervorge‐ Potentiale der Kognitiven Linguistik in der Fremdsprachendidaktik 199 <?page no="200"?> hoben, um die Aufmerksamkeit auf Form und Bedeutung größerer Strukturen zu lenken (vgl. auch Input enhancement (Sharwood 1993)). Dies unterstützt die Lerner: innen dabei, schematischere Konstruktionen abzuleiten und sie als Formel, wie z. B. [ir + a/ de + Nomen], festzuhalten (Bürgel 2021, 13; Herbst 2017, 130-131), sodass sie sich nicht nur auf feste Chunks fokussieren, sondern auch schematischere Konstruktionen, sogenannte patterns (Kostka 2020, 103), erwerben. Ob diese Vorgehensweise tatsächlich den erwarteten Effekt hat, wurde bislang allerdings nicht empirisch überprüft. Zudem kommt laut Bür‐ gel/ Gévaudan/ Siepmann (2021, 12) der „Fremdsprachendidaktik […] u. a. die Aufgabe zu, die im mündlichen und schriftlichen Sprachgebrauch frequentesten Konstruktionen zusammenzustellen und didaktisch aufzubereiten.“ Darüber hinaus bleibt bislang ungeklärt, wie Konstruktionen im interkulturellen kommunikativen Fremdsprachenunterricht konkret eingeführt werden können (Amorocho/ Pfeiffer 2023, 11) und welche Bedeutung dem Input und Output bei der Vermittlung von Konstruktionen beigemessen werden sollte (Bürgel/ Gévaudan/ Siepmann 2021, 10). Bryant/ Zepter (2022, 96) zufolge schafft eine gebrauchsbasierte Didaktik […] (sich am natürlichen Erwerb orientierend) bedeu‐ tungsvolle Kontexte, in denen die Lernenden einerseits einen Input erhalten, der als Fundus taugt, um entweder Chunks in typischer Verwendung zu erkennen bzw. Regelhaftigkeiten zu extrahieren. Andererseits müssen die Lernenden dazu gebracht werden, selbst Output zu generieren. (Bryant/ Zepter 2022, 96) Im Rahmen des Projekts Lexigramamúsica - Aprender léxico-gramática en clase 8 bailando (‚Lexigramamúsica - Lexiko-Grammatik in Klasse 8 tanzend lernen‘) (Kanli 2024b; Kanli, 2025) werden einige der beschriebenen Forschungs‐ ergebnisse der angewandten Kognitiven Linguistik und der pädagogischen Konstruktionsgrammatik vereint. Um den Konstruktionserwerb darüber hinaus motivierend zu gestalten, wurden sieben Choreographien von Oktober 2022 bis Dezember 2022 auf Refrains spanischsprachiger Popsongs eingeführt, sodass der Konstruktionserwerb mit Musik und Tanz kombiniert wurde. 6 Konstruktionserwerb mit Musik und Tanz in Lexigramamúsica Vamos a la playa, a mí me gusta bailar - wer kennt den Ohrwurm von Loona aus dem Jahr 2010 nicht? (Corte et al. 2010) Selbst Radiohörer: innen, die kein Wort Spanisch sprechen, wissen, dass Vamos a la playa auf Deutsch Wir gehen zum Strand bedeutet. 200 Eleni Kanli <?page no="201"?> Dass Lieder Potential zum Erwerb sprachlicher Mittel haben, ist in der Fremdsprachendidaktik bekannt, was sich in der Anzahl publizierter Unter‐ richtsmaterialien widerspiegelt (z.-B. Wirth 2008). Usbeck-Frei (2019, 100) fasst die Gründe folgendermaßen zusammen: Oft treten in Songs Häufungen bzw. vielfache Wiederholungen einer bestimmten sprachlichen Struktur auf. Diese Wiederholungen fördern das Erkennen (noticing) der Struktur sowie deren Verankerung im Gehirn durch die Verbindung von Musik und Sprache. Daher sind Songs besonders geeignet für das Erlernen, Erkennen, Üben und Wiederholen bestimmter sprachlicher Mittel und Strukturen. (Usbeck-Frei 2019, 100) Der Refrain des Lieds Vamos a la playa kommt insgesamt zwölf Mal in dem Lied vor (Corte et al. 2010). Dies erklärt, warum er selbst Menschen ohne Spanischkenntnissen in Erinnerung bleibt, wenn sie das Lied mehrmals hören. Lexigramamúsica nutzt die Synergieeffekte von Sprache und Musik und setzt die in der Literatur formulierte Empfehlung der angewandten Kognitiven Linguistik, um Konstruktionen durch Bewegung und Tanz einzuführen (siehe Abschnitt 5). Besonders eignet sich dafür die Tanzart Jazz Dance, eine Tanzart mit afrikanischen Wurzeln, die in den USA mit dem Ballett und dem Modern Jazz verschmolzen und zu einem eigenständigen Bühnentanzstil geworden ist (Günther 2005, 12). Sie bietet viel Freiraum bei der Gestaltung der Choreographien, die an die Zielgruppe angepasst werden. Bei Lyrical Jazz Dance werden zudem die Bewegungen auf den Liedtext abgestimmt (Fisher 2014, 314). Dabei erfährt die „Musik im Tanz eine Verkörperung und Verräumlichung des Auditiven“ (Aksoy 2022, 14). Wie genau Lexigramamúsica Musik, Tanz und die in Abschnitt 5 beschriebe‐ nen Ansätze der Kognitiven Linguistik auf innovative Weise kombiniert, wurde bereits an Unterrichtssequenzen zur spanischen Negation in Kanli (2024b) und zu einfachen Konditionalsätzen in Kanli (2025) gezeigt. Im Folgenden werden die Prinzipien am Beispiel der Unterrichtsstunde zu [ir + a/ de + Nomen] illustriert. 6.1 Verlauf der Unterrichtsstunde zu [ir + a/ de + Nomen] Als Einstieg in die Unterrichtsstunde ¿Adónde vamos? (‚Wohin gehen wir? ‘) wurde ein Foto von einem Strand und zwei tanzenden Personen gezeigt, mit der Frage, was auf den Bildern zu sehen ist, um bei den Schüler: innen Vorwissen zu aktivieren. Dabei konnten sie sich kurz in Partnerarbeit in einer Murmelphase austauschen, bevor zwei Schüler: innen die Lexeme bailar (‚tanzen‘) und playa (‚Strand‘) nannten (3 min). Anschließend führte die Lehrerkraft die Choreogra‐ phie auf den Refrain des Lieds abschnittweise ein und verdeutlichte dabei, dass die Bewegungen die Bedeutung der Lyrics widerspiegeln. Die Schüler: innen Potentiale der Kognitiven Linguistik in der Fremdsprachendidaktik 201 <?page no="202"?> 6 Um eine kognitive Überlastung zu vermeiden (Stichwort: Cognitive Load Theory von Sweller/ Ayres/ Kalyuga 2011), wurde darauf geachtet, dass die Choreographie nicht zu komplex ist, damit alle Schüler: innen sie ausführen können. ahmten die Bewegungen nach und sprachen währenddessen immer wieder den Songtext nach (Vorgehen in Anlehnung an Dinkelaker 2017, 34): 6 Liedtext Choreographie Vamos (‚Lass uns gehen/ gehen wir‘) Schritt nach vorne mit rechts. a (‚nach‘) Beide Arme werden nach vorne ausgestreckt, um die Richtung der Bewegung auszudrücken. la playa (‚Strand‘) Beide Arme werden, wie beim Brustschwimmen, von vorne nach hinten bewegt, um das Schwimmen im Meer darzustellen. a mí (‚mir‘) Der rechte Zeigefinger zeigt auf das Schlüsselbein. me gusta (‚mir gefällt es‘) Ein Herz wird mit beiden Händen auf Brusthöhe geformt. bailar (‚zu tanzen’), el ritmo de la noche (‚der Rhythmus der Nacht‘), Sounds of fiesta Der Salsa-Grundschritt wird getanzt: Schritt mit rechts nach vorne, Verlagerung des Ge‐ wichts auf den vorderen Fuß. Schließen beider Füße in der Mitte. Schritt links nach hinten, Verlagerung des Gewichts auf links. Schließ in der Mitte. Wieder‐ holung mit rechts. (Corte et al. 2010) Tab. 3: Beschreibung der Choreographie auf Loona: Vamos a la playa Um den Schüler: innen die prototypische Bedeutung der Präposition a zu vermitteln, legte die Lehrkraft beim Tanzen besonders Wert darauf, dass die Arme beim Ausführen der kohärenten Bewegung zur Präposition a nach vorne ausgestreckt sind. Sie zeigen auf den Zielpunkt der Bewegung, in dem Fall la playa (‚der Strand‘). 202 Eleni Kanli <?page no="203"?> Abb. 3: Bewegung zur Einführung des Bildschemas der Präposition a (Foto: Eleni Kanli) Die Choreographie wurde ca. fünf Mal ohne Musik und anschließend fünf Mal mit Musik wiederholt (12 min). Anschließend wurde das Instruktionsblatt ausgeteilt und die Schüler: innen sollten die fehlenden Lexeme in den Liedtext einsetzen und den Text mithilfe ihres Vorwissens ins Deutsche übersetzen (5 min): Potentiale der Kognitiven Linguistik in der Fremdsprachendidaktik 203 <?page no="204"?> 7 https: / / pixabay.com/ de/ photos/ playa-francesca-la-graciosa-kanaren-2460286/ (05.12.2022). §18 : El verbo ir Loona - Vamos a la playa 7 Vamos a la playa. Wir gehen zum Strand / Lass uns zum Strand gehen A mí me gusta bailar Ich tanze gerne El ritmo de la noche Sounds of fiesta Der Rhythmus der Nacht Ejercicio 1: Completa la letra de la canción. Abb. 4: Einführung des Liedtextes (Corte et al. 2010) auf dem Instruktionsblatt Nach der Einführung des Konjugationsparadigmas des Verbs ir (‚gehen‘) (15 min) ergänzten die Schüler: innen die Regel zu [ir + a/ de + Nomen] auf der Rück‐ seite des Instruktionsblatts. Dabei wurde auf das zugrundeliegende Bildschema der Präposition a hingewiesen, dass den potentiellen Zielpunkt der Bewegung auszeichnet. [ir + Präposition + Nomen] Ejercicio 3: ¿Qué preposición viene después del verbo ir? Completa la regla. Vamos _a la_ la playa. Vamos _al_ cine. Die Präposition a drückt aus wohin man geht. ¡ Ojo! a + el = _al_ ir a la al Ort Abb. 5: Einführung der Konstruktion [ir + a + Nomen] 204 Eleni Kanli <?page no="205"?> Um eine Übergeneralisierung der Konstruktion [ir + a + Nomen] zu vermeiden (vgl. Pilotstudie in Abschnitt 3), wurde in derselben Stunde die idiosynkratische Konstruktion [ir + de + Nomen] eingeführt, indem die Schüler: innen mithilfe der Bildimpulse die Beispielsätze übersetzten. Zur Unterscheidung der beiden Konstruktionstypen wurde die Konstruktion mit der Präposition a [ir + a + Ort] genannt, während die Präposition mit de als [ir + de + Aktivität] eingeführt wurde, mit der Begründung, dass compras (‚Einkauf ‘), viaje (‚Reise‘) und vacaciones (‚Urlaub‘) keine Orte sind (5 min): ¡Ojo! Nach ir kann auch die Präposition de stehen: Ejercicio 4: Traduce las frases siguientes: [ir+de+Aktivität(Nomen)] [ir+de+Aktivität(Nomen)] [voy de compras] [voy de viaje] [voy de vacaciones] ich gehe shoppen ich verreise ich fahre in den Urlaub 8 9 10 Abb. 6: Einführung der Konstruktion [ir + de + Nomen] Durch eine gelenkte kommunikative Übung wurde abschließend die Zielkon‐ struktion gefestigt. Die Schüler: innen erhielten Kommunikationskärtchen, die auf Grundlage einer Kopiervorlage aus dem Lehrwerk ¡Vamos adelante! Curso intensivo 1 (Barquero et al. 2016, 34) erstellt wurden. Sie bewegten sich im Raum, stellten sich gegenseitig die Frage ¿Adónde vas? (‚Wohin gehst du? ‘), die sie mithilfe des auf dem Kommunikationskärtchen abgebildeten Ortes beantworteten. Der thematische Wortschatz zum Thema Mi barrio (‚Mein Viertel‘) wurde in den vorherigen Unterrichtsstunden bereits eingeführt und war den Schüler: innen größtenteils bekannt. Für diejenigen, die sich nicht mehr daran erinnern konnten, stand zur Binnendifferenzierung auf der Rückseite des Kärtchens das Wort mit dem Artikel. Die beiden Partner: innen tauschten anschließend die Kärtchen und suchten eine neue Person, um ihr dieselbe Frage zu stellen (8 min). Potentiale der Kognitiven Linguistik in der Fremdsprachendidaktik 205 <?page no="206"?> Pregunta a tu compañer@: ¿ Adónde vas? Tu compañer@ responde: [ir + a la/ al + Ort] Voy al parque. 4 [ir + de + Aktivität] Voy de vacaciones. Intercambiad las tarjetas y buscad a otr@ compañer@. 5 min Abb. 7: Arbeitsanweisung zur kommunikativen Übung ¿Adónde vas? Um die Aufmerksamkeit der Schüler: innen durchgehend auf die verschiedenen Konstruktionstypen zu lenken, waren sowohl auf dem Instruktionsblatt als auch auf der Arbeitsanweisung zur kommunikativen Übung kontinuierlich die ent‐ sprechenden Bestandteile der Konstruktion in derselben Farbe hervorgehoben, in Anlehnung an Bürgel (2021, 13) (siehe Abschnitt 5). 6.2 Evaluation des Projekts Am Ende der Projektlaufzeit im Dezember 2022 wurde Lexigramamúsica mit‐ hilfe eines Online-Fragebogens auf SoSci-Survey (Leiner 2019) evaluiert. Auch wenn nicht alle Schüler: innen im gleichen Maße vom Projekt profitierten, würden 15 von 25 Schüler: innen das Projekt Lexigramamúsica weiterempfeh‐ len. Zwei Schüler: innen würden keine Empfehlung aussprechen. 13 von 25 Schüler: innen gaben an, dass ihnen die Choreographien dabei halfen, sich die Grammatik besser zu merken. Im freien Textfeld schrieb ein: e Schüler: in: „Ich konnte mir dadurch besser die Wörter und die Grammatik merken und habe während Arbeiten/ Tests in meinem Kopf die Lieder oder die Choreografie gemacht.“ (Kanli 2024b, 62). Einigkeit herrscht in der untersuchten Lerngruppe darüber, dass man mit den Instruktionsblättern zur Einführung der sprachlichen Mittel gut lernen kann. „Insbesondere die Darstellung der Grammatik mit Formeln half 23 von 25 Schüler: innen dabei, sich diese besser zu merken.“ (Kanli 2024b, 62). Auch die farbliche Hervorhebung der Konstruktion wurde von 18 Schüler: innen als lernförderlich empfunden (Kanli 2024b, 62; Kanli 2025, 116). 206 Eleni Kanli <?page no="207"?> Diese Ergebnisse sind ein erster Anhaltspunkt, dass Ansätze der Kognitiven Linguistik und der pädagogischen Konstruktionsgrammatik aus Schülerper‐ spektive ein großes Potential für den Fremdsprachenunterricht haben. Deren tatsächliche Wirkung auf den Lernerfolg muss aber in weiterführenden rand‐ omisierten Feldstudien im Prä-/ und Posttest-Design untersucht werden (vgl. Kanli in Vorbereitung). 7 Fazit: Potentiale und Grenzen der Kognitiven Linguistik zur Vermittlung polysemer Präpositionen Die spanischen Präpositionen a und de bereiten Spanischlerner: innen oft große Schwierigkeiten u. a. aufgrund ihres polysemen Charakters, ihrer geringen Sa‐ lienz, inter- und intralingualer Einflüsse und der unsystematischen Vermittlung in Lehrwerken. Gleichzeitig werden diese Präpositionen nach Bewegungsver‐ ben häufig verwendet, z. B. zur Beschreibung des Tagesablaufs. Es bietet sich deshalb an, einen an den Bedürfnissen der Zielgruppe ausgerichteten Vermitt‐ lungsansatz zu finden, damit sich Schüler: innen in mündlichen und schriftlichen Sprachproduktionen idiomatisch korrekt ausdrücken können. Die angewandte Kognitive Linguistik liefert vielversprechende Ansätze zur Vermittlung polyse‐ mer Präpositionen, die aktuell aber nicht in kommunikative und motivierende Unterrichtsstunden eingebettet sind und idiosynkratische Konstruktionen nicht in den Blick nehmen. Im vorliegenden Beitrag wurde exemplarisch am Beispiel der Konstruktion [ir + a/ de + Nomen] gezeigt, wie in einer Unterrichtsstunde im Spanischuntvoire rest erricht an Gymnasien Schüler: innen die den Präpositionen zugrundelie‐ genden Bildschemata (image schemata) mit Bewegung lernen und gleichzeitig ein Bewusstsein für die verschiedenen Arten von Konstruktionen entwickeln können. Auch wenn in der Endevaluation des Projekts durch eine Fragebogenstudie die Mehrheit der Schüler: innen angab, dass sie sowohl die farbliche Hervorhe‐ bung und die Formeln auf den Arbeitsblättern als auch die Tanzeinlagen als hilfreich empfanden, bedarf es weiterer Studien, die belegen, inwiefern die Kombination von Musik, Tanz, pädagogischer Konstruktionsgrammatik und angewandter kognitiver Linguistik tatsächlich den erwarteten Lernerfolg mit sich bringt. Zunächst müssten aber die Einflüsse der einzelnen Variablen auf den Erwerb sprachlicher Mittel isoliert erforscht werden, bevor der Fokus auf die Synergieeffekte gelenkt werden kann. Das Projekt Lexigramamúsica legt einen ersten Grundstein, denn es zeigt, dass die kognitive Linguistik auf motivierende Weise und im Einklang mit den Potentiale der Kognitiven Linguistik in der Fremdsprachendidaktik 207 <?page no="208"?> Prinzipien des interkulturellen kommunikativen Fremdsprachenunterrichts ins Klassenzimmer gebracht werden kann, mit dem Ziel, Schüler: innen beim Erwerb sprachlicher Mittel, wie z.-B. Präpositionen, zu unterstützen. Danksagung Ich möchte mich ganz herzlich bei den Organisator: innen des XXXVIII. Roman‐ istischen Kollegiums, insbesondere bei Frau Prof. Dr. Julia Kuhn, bedanken, die mir die Möglichkeit gaben, mein Projekt vorzustellen und hilfreichen Input zu erhalten. Die Teilnahme an der Tagung war dank der finanziellen Unterstützung im Rahmen des Tübinger Nachwuchsförderprogramm (TüNaPro) der Tübingen School of Education (TüSe) möglich. Darüber hinaus geht mein Dank an meine Promotionsbeutreuer: innen Frau Prof. Dr. Evelyn Wiesinger und Frau Prof. Dr. Johanna Wolf, die mir bei der Planung der Pilotstudie und der Lehrwerksanalyse mit Rat und Tat zur Seite standen. Meine Spanischfachleiterin Christiane Peck ermutigte mich dazu, das Projekt Lexigramamúsica im Rahmen meiner Dokumentationsarbeit durchfüh‐ ren, trotz meiner anfänglichen Zweifel, wofür ich ihr herzlich danke. Birgit Füreder und Maria Kanli danke ich für die sprachliche Korrektur des Beitrags. Bibliographie Aksoy, Christina (2022): „Warum sollten wir im Musikunterricht tanzen? Ein Interview zu Tanzpädagogik im schulischen Kontext“, in: Musik & Unterricht (147), 14-17. Amorocho, Simone/ Pfeiffer, Christian (2023): „Konstruktionsdidaktik - Grundzüge einer sprachdidaktischen Konzeption“, in: Deutsch als Fremdsprache 3 (2), 131-147. Arnon, Inbal/ Christiansen, Morten H. 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En nous référant à la théorie cognitive de l’apprentissage multimédia, nous avons analysé les cinq vidéos les plus visionnées portant sur les temps du passé en français. Les résultats indiquent que ces vidéos suivent une approche traditionnelle de l’enseignement grammatical. Elles présentent des règles de manière déductive et les illustrent à l'aide d'exemples et d'images. En revanche, elles offrent rarement des contextes communicatifs authentiques ou des visualisations réellement innovantes. Dans la dernière partie de l’article, nous soutenons donc que les principes de l’enseignement fondé sur les concepts ainsi que ceux de la grammaire cognitive pourraient contribuer à une approche plus novatrice et à une exploitation plus pertinente du potentiel multimédia des vidéos explicatives. Abstract This article presents an empirical analysis of grammar instruction in ex‐ plainer videos on YouTube. Grounded in the cognitive theory of multimedia learning, the study examines the five most-viewed videos addressing the French past tenses. The findings suggest that the videos predominantly follow a traditional approach to grammar teaching. They present gram‐ matical rules deductively and illustrate them with example sentences and images. Yet they rarely provide authentic communicative contexts or innovative forms of visualization. In the final section, we therefore argue that principles of concept-based instruction and cognitive grammar could <?page no="216"?> support a more innovative approach to grammar teaching and enable a fuller use of the multimedia affordances of explainer videos. Keywords Erklärvideos; YouTube; multimediale Grammatikvermittlung; französische Vergangenheitstempora; kognitive Grammatik; concept-based instruction 1 Einleitung Aktuelle Studien zum Mediennutzungsverhalten aus dem deutschsprachigen Raum zeigen, dass 87 Prozent der Schüler: innen im Alter von 12 bis 19 Jah‐ ren regelmäßig Videos auf Plattformen wie YouTube ansehen und davon ca. 20 Prozent Tutorials oder Erklärvideos für Lernzwecke nutzen (MPFS 2021, 48), u. a. um Unterrichtsinhalte zu wiederholen (73 %), Hausaufgaben und Hausarbeiten zu erledigen (70 %), schulisches Wissen zu vertiefen (66 %) oder Prüfungen vor- und nachzubereiten (58 %) (Rat für kulturelle Bildung 2019, 28-29). Derartige Zahlen verdeutlichen die wichtige Rolle, die Videoplattformen im Allgemeinen und Erklärvideos im Speziellen im Leben junger Menschen einnehmen. Da Erklärvideos auf YouTube allerdings häufig keiner objektiven Qualitätskontrolle - beispielsweise durch Lehrwerksverlage - unterliegen und auch wissenschaftliche Untersuchungen zu deren Qualität weitgehend fehlen (Zeyer 2023, 105), ist weiterhin unklar, inwiefern sie den in der Literatur dis‐ kutierten Qualitätsmerkmalen entsprechen und somit die gewünschten Lernef‐ fekte erzielen können. Diese Frage ist auch hinsichtlich Grammatikerklärvideos, die zu den beliebtesten Formaten im Kontext des Fremdsprachenunterrichts zählen, noch offen (Drumm 2022, 250). Der vorliegende Beitrag verfolgt daher zwei Ziele: Es soll erstens eruiert werden, welche Art der Grammatikvermittlung sich in Erklärvideos anbietet, wobei v. a. auf Erkenntnisse aus der Kognitiven Theorie des Multimedialen Lernens (Mayer 2009, 2022) und der fremdsprachendidaktischen Literatur zu Grammatikvermittlung in multimedialen Kontexten eingegangen wird (Drumm 2022; Strasser 2023; Zeyer 2023). Darauf aufbauend soll im zweiten Schritt mithilfe eines kleinen Korpus - bestehend aus den fünf meistgesehenen You‐ Tube-Erklärvideos zur Vermittlung der französischen Vergangenheitstempora - analysiert werden, wie Grammatikerklärvideos aufgebaut sind und inwiefern sie wissenschaftlichen Qualitätskriterien entsprechen. Der Beitrag schließt mit einem Fazit, in dem v. a. auf Potenziale der kognitiven Linguistik hinsichtlich der innovativen Gestaltung von Grammatikerklärvideos eingegangen wird. 216 Lukas Eibensteiner <?page no="217"?> 2 Multimediales Lernen mit Erklärvideos Bei Erklärvideos handelt es sich um kurze informative Videoclips, in denen abstrakte Konzepte oder Sachverhalte in vereinfachter Form erklärt werden (Wolf 2020, 17). Zu ihren wesentlichen Merkmalen zählen eine klare Struktur, eine relativ kurze Dauer, die Verwendung von Storytelling-Techniken, ihr interaktiver Charakter - oft in Form sogenannter call-to-actions - sowie die Kombination verschiedener medialer Ausdrucksformen. Dazu gehören beispielsweise gesprochene und geschriebene Sprache, Musik, Soundeffekte, Bilder, Animationen, Grafiken, Hyperlinks und Gesten (Krämer/ Böhrs 2017, 255; Lachmund 2022, 79-81; Wolf 2015, 129). Aufgrund dieses multimedialen Charakters gelten Erklärvideos als geeignetes Medium, um Wissen über verschiedene Sinneskanäle zu vermitteln und ganz‐ heitliche Lernerfahrungen zu ermöglichen (Mayer 2022, 145; Wengler/ Dröge 2021, 3). Ihr volles Potenzial entfalten sie v. a. dann, wenn sie unter Berücksich‐ tigung entsprechender Qualitätskriterien erstellt werden (Kulgemeyer 2020) und interaktiv gestaltet sind (Zierer 2019; zit. n. Autorengruppe Bildungsbe‐ richterstattung 2020, 282-283). Als theoretische Grundlage wird dabei häufig auf die aus der pädagogischen Psychologie stammende Kognitive Theorie des Multimedialen Lernens zurückgegriffen (Mayer 2009, 2022). Sie beschäftigt sich mit der Frage, wie multimediale Lerninhalte - darunter auch Erklärvideos - aufbereitet sein müssen, um wirksame Lerneffekte zu erzielen. Ihre Grundan‐ nahme ist, dass Menschen besonders effektiv lernen, wenn Lerninhalte im Einklang mit der Funktionsweise des Gedächtnisses gestaltet sind (Mayer 2022, 57). Dies gilt insbesondere für multimediale Lerninhalte, da die gleichzeitige Präsentation verbaler und visueller Informationen dazu beiträgt, sowohl ein verbales als auch ein visuelles mentales Modell aufzubauen (Mayer 2009, 223). Die damit einhergehende doppelte Kodierung ermöglicht eine ressourcenscho‐ nendere Verarbeitung, was wiederum zu einer schnelleren und effektiveren Speicherung und Abrufbarkeit im Langzeitgedächtnis beiträgt (Paivio 1986). Diese Grundannahme wird von Mayer auch als Multimediaprinzip bezeichnet. Allerdings reicht die multimediale Darbietung von Lerninhalten allein nicht aus. Diese müssen zusätzlich an die begrenzte Verarbeitungskapazität des Arbeitsgedächtnisses angepasst werden, da es sonst zu einer kognitiven Über‐ lastung kommen kann (Sweller 1988). Aus diesem Grund formuliert Mayer weitere Designprinzipien, die als Erweiterung des Multimediaprinzips zu ver‐ stehen sind. Ein Beispiel ist das Modalitätsprinzip, das besagt, dass Lernende besser lernen, wenn Bilder mit gesprochenem statt mit geschriebenem Text kombiniert werden. Werden Bilder und geschriebener Text gleichzeitig präsen‐ tiert, müssen beide über den visuellen Kanal verarbeitet werden, was zur o. g. Grammatikerklärvideos auf YouTube 217 <?page no="218"?> Überlastung des Arbeitsgedächtnisses führen kann. Bei der Präsentation von gesprochenem Text und Bildern hingegen können die Informationen über den auditiven und den visuellen Sinneskanal aufgenommen werden, was zu einer effizienteren, doppelten Kodierung führt (Mayer 2009, 200-220). Darüber hinaus empfiehlt Mayer bei der Präsentation von Lerninhalten, irrelevante Informatio‐ nen zu vermeiden (Kohärenzprinzip), wichtige Informationen hervorzuheben (Signalisierungsprinzip) sowie Text und Bild sowohl räumlich als auch zeitlich aufeinander abzustimmen (Kontiguitätsprinzip). Das Ziel bei der Gestaltung multimedialer Lerninhalte besteht demnach insbesondere darin, eine duale Kodierung der zu lernenden Informationen zu ermöglichen und gleichzeitig die kognitive Belastung des Arbeitsgedächtnisses möglichst gering zu halten. Für die Grammatikvermittlung in Erklärvideos bedeutet dies einerseits, dass die grammatischen Phänomene idealerweise durch Bilder, Graphiken, Animationen oder vergleichbare visuelle Darstellungsfor‐ men veranschaulicht werden; andererseits dürfen die Erklärungen nicht zu komplex sein und sollten dem Lernstand der Zielgruppe entsprechen. 3 Forschungsstand, methodisches Vorgehen und Erklärvideo-Korpus Trotz der rasanten Verbreitung von Erklärvideos in den letzten Jahren ist die Anzahl unterrichtspraktischer Vorschläge (Eibensteiner 2024; Lange 2020; Sommerfeldt 2021; Wengler/ Nazaruk 2019) und fremdsprachendidaktischer Studien, insbesondere für die romanischen Sprachen, weiterhin überschaubar (z. B. Lachmund 2022; Strasser 2023; Ullman 2018; Wengler 2021; Zeyer 2023). Die wenigen vorhandenen Untersuchungen analysieren beispielsweise das Potenzial von Lernbzw. Erklärvideos für die Schulung der Fertigkeit des Hör-Seh-Verstehens (Schäfer 2017), deren Nutzen als Quelle sprachlichen Inputs (Eigenwald 2021; Ullmann/ Hahn 2016) oder die Umsetzung von Prinzipien multimedialen Lernens (Vesga/ Röhricht/ Eibensteiner 2025). Hinsichtlich Grammatikerklärvideos auf YouTube ist v. a. die Studie von Drumm (2022) hervorzuheben. Bei ihrer Analyse zu Videos für den Deutsch als Fremdspra‐ cheunterricht stellt sie fest, dass diese im Durchschnitt deutlich länger dauern, als es in der Literatur empfohlen wird (ca. neun statt der häufig vorgeschlagenen zwei bis drei Minuten), und sich eines informellen Kommunikationsstils bedienen (Drumm 2022, 258, 260). Zudem unterscheidet sie zwei Typen von Erklärvideos: Zum einen finden sich Formate, in denen eine Lehrperson on-screen zu sehen ist und ihre Erklärungen mithilfe von Einblendungen, Moderationskärtchen oder Whiteboards realisiert. Zum anderen handelt es sich um Videos ohne sichtbare Lehrkraft, die 218 Lukas Eibensteiner <?page no="219"?> überwiegend als Screencasts - etwa in Form von Folienpräsentationen - umgesetzt werden (Drumm 2022, 259-260). Hinsichtlich der Grammatikerklärungen selbst zeigen die Ergebnisse, dass 75 % der Videos einem deduktiven Vorgehen folgen. Die Lehrpersonen greifen pro Video durchschnittlich auf 13 Erklärungen zurück, wobei in etwa zwei Dritteln Visualisierungstechniken, meist in Form von Pfeilen, zum Einsatz kommen. Animationen hingegen fehlen vollständig und auch Übungen sind lediglich in 11 % der analysierten Videos enthalten (Drumm 2022, 260). Als Fazit hält die Autorin fest, dass sich Grammatikerklärvideos stark an Prinzipien eines als traditionell zu bezeichnenden Grammatikunterrichts orientieren und fraglich ist, warum „moderne Aspekte von Grammatikvermittlung […] kaum eine Rolle spielen“ (Drumm 2022, 263). Im weiteren Verlauf des Beitrags werden in Anlehnung an die Studie von Drumm YouTube-Erklärvideos zum Französischen als Fremdsprache analysiert, wobei der folgenden Forschungsfrage nachgegangen wird: Wie sind Gramma‐ tikerklärungen in YouTube-Erklärvideos zum Französischen als Fremdsprache gestaltet und wie lassen sich die verwendeten Vermittlungsprinzipien charak‐ terisieren? Zur Beantwortung der Forschungsfrage wurde ein grammatisches Phänomen gewählt, das Französischlernenden typischerweise Schwierigkeiten bereitet: die aspektuelle Unterscheidung von passé composé und imparfait. Anschließend wurden die fünf meistgesehenen YouTube-Erklärvideos zu diesem Grammatikthema ermittelt und in das Korpus aufgenommen. Als Suchbegriffe dienten die Namen der beiden Tempora (passé composé und imparfait). Da davon auszugehen ist, dass deutschsprachige Französischlernende deutsch- oder zweisprachige, nicht aber französischsprachige Erklärvideos bevorzugen, wurden alle ausschließlich französischsprachigen Videos ausgeschlossen. Um das Korpus weiter einzugrenzen, wurden Videos, bei denen die Formenbildung und nicht die funktionale Unterscheidung hinsichtlich der aspektuellen Oppo‐ sition im Vordergrund stand, nicht berücksichtigt. Das finale Korpus umfasst fünf Videos verschiedener YouTube-Kanäle, die - mit Ausnahme von „SchulArena.com“ - allesamt über eine hohe Anzahl an Abonnent: innen verfügen (> 15.000) und in der Regel renommierten Verlagen oder Lernplattformen zuzuordnen sind. Laut Angaben der Kanäle richten sich die Videos an jugendliche Lernende mit dem Ziel, diese auf Klassenarbeiten oder Abiturprüfungen vorzubereiten. Es handelt sich somit um eine für YouTube vergleichsweise homogene Zielgruppe. Die Videos selbst verzeichnen jeweils zwischen ca. 110.000 und 200.000 Aufrufe sowie eine entsprechend hohe Anzahl an Likes, was auf eine ausreichende Reichweite und Beliebtheit schließen lässt, um davon ausgehen zu können, dass sie das Rezeptionsverhalten deutsch‐ Grammatikerklärvideos auf YouTube 219 <?page no="220"?> 1 Es soll an dieser Stelle allerdings darauf hingewiesen werden, dass vier der fünf analy‐ sierten Videos seit Beginn des Schreibprozesses im Frühjahr 2024 und der Korrektur der Druckfahne im November 2025 kaum an Aufrufen gewonnen haben. Dies deutet darauf hin, dass sie zwar früher sehr beliebte Erklärvideos waren, ihre Beliebtheit in den letzten Jahren aber stark abgenommen hat. sprachiger jugendlicher Französischlernender relativ gut repräsentieren. 1 Ein Überblick über das Korpus wird in Tab. 1 gegeben: Nr. Titel des Videos (Uploaddatum) YouTube-Ka‐ nal (Abon‐ nent: innen) Auf‐ rufe Likes Dauer URL V1 Imparfait und Passé Composé richtig einsetzen! Einfach besser erklärt! (15.03.2021) Fit für Franze (40.700) 190.742 7.676 5: 38 https: / / youtu.be/ DRfIz6gEQsU? fe ature=shared V2 Unterschied Im‐ parfait - Passé Composé - Grammatik Fran‐ zösisch (20.03.2015) Schul‐ Arena.com GmbH (2.320) 187.819 deak‐ tiviert 9: 19 https: / / youtu.be/ 30tfh2SQAI0 V3 Unterschied Im‐ parfait <-> Passé Composé / Ver‐ gleich (25.03.2013) Streberfab‐ rik.de (15.000) 147.942 1.471 4: 19 https: / / youtu.be/ v0N33b61g3c? fe ature=shared V4 Imparfait oder passé composé - Übung mit Lö‐ sung und Signal‐ wörter (01.07.2014) Abiweb.de (20.800) 138.975 2.057 2: 46 https: / / youtu.be/ Q2dv31IcB0A? fe ature=shared 220 Lukas Eibensteiner <?page no="221"?> 2 Ich möchte mich an dieser Stelle bei Philipp Förster, Felix Röhricht und Diana Vesga bedanken, die mich bei der Zusammenstellung des Korpus und der Analyse der Videos unterstützt haben. V5 imparfait und passé composé: Wann verwen‐ dest du welches? - Französisch | Duden Learnat‐ tack (22.07.2020) Duden Lear‐ nattack (47.900) 112.724 3.339 4: 21 https: / / www.yo utube.com/ watc h? v=wIkb709FyI I Tabelle 1: Das Erklärvideo-Korpus (Stand: 03.05.2024) Da bislang nur wenige wissenschaftliche Analysen zur Beschaffenheit von Grammatikerklärvideos im Kontext des Fremdsprachenunterrichts vorliegen (Drumm 2022, 256) und es auch kein etabliertes methodisches Vorgehen gibt, wurde im vorliegenden Beitrag eine induktive Kategorienbildung gewählt, die auf einer angepassten Form der Qualitativen Inhaltsanalyse nach Kuckartz (2018) basiert. In Anlehnung an einen Vorschlag aus der Mathematikdidaktik (Korntreff/ Prediger 2022) wurde dazu eine kombinierte Analyse von Bild- und Tonspur durchgeführt, um den multimodalen Charakter von Erklärvideos zu berücksichtigen. Hierfür wurde die Tonspur transkribiert und jeder Textabsatz des Transkripts mithilfe von MAXQDA 2022 mit der entsprechenden Video‐ sequenz verknüpft. Besonders exemplarische Passagen wurden zusätzlich als Screenshots festgehalten; diese werden im Folgenden zur Veranschaulichung der Ergebnisse herangezogen. 2 Aus der Analyse ergaben sich insgesamt zwei Oberkategorien („Präsentation des grammatischen Phänomens“ sowie „Übung und Anwendung des gramma‐ tischen Phänomens“) sowie sechs zugehörige Unterkategorien, die in Tab. 2 dargestellt sind: Oberkategorien Unterkategorien Präsentation des gram‐ matischen Phänomens Sprachwissenschaftliche Grundlage für die Erklärung des Aspektunterschieds: diskursive Erklärverfahren, semanti‐ sche Erklärverfahren, Signalwörter Weg der Vermittlung (deduktiv vs. induktiv) Einbettung der Regel in einen kommunikativen Kontext Grammatikerklärvideos auf YouTube 221 <?page no="222"?> Verwendung von Beispielsätzen Multimediale Darstellung (Visualisierungstechnik): signa‐ ling, tabellarische Auflistungen, Bilder, Graphiken, Anima‐ tionen Übung und Anwendung des grammatischen Phä‐ nomens Funktionsunterscheidende, formbezogene Übungen (um‐ gesetzt mithilfe kurzer Pausen oder Verlinkung) Tabelle 2: Kategoriensystem 4 Grammatikerklärvideos auf YouTube: Präsentation und Diskussion der Ergebnisse Auf Grundlage der zuvor beschriebenen Kategorien erfolgt nun eine Analyse der Erklärvideos unter besonderer Berücksichtigung der didaktischen und medialen Umsetzung. Insgesamt zeigt sich, dass für die Präsentation des gram‐ matischen Phänomens auf verschiedene Erklärverfahren und multimediale Darstellungsformen zurückgegriffen wird. Die Regeln selbst werden meist deduktiv eingeführt und anhand von Beispielsätzen veranschaulicht, wobei eine Einbettung der Regel in einen kommunikativen Kontext nur selten gegeben ist. Darüber hinaus sind nur wenige Videos interaktiv gestaltet und bieten daher kaum funktionsunterscheidende, formbezogene Übungen an. Diese zentralen Befunde werden im Folgenden entlang der einzelnen Unterkategorien und mit‐ hilfe exemplarischer Beispiele detailliert dargestellt, mit veranschaulichenden Screenshots belegt und mit relevanter Fachliteratur diskutiert. Der Unterschied zwischen den beiden Tempusformen wird mithilfe didak‐ tisch transformierter Regeln unter Rückgriff auf eine Kombination semantischer und diskursiver Erkläransätze eingeführt. Im Fokus stehen dabei die aspektuel‐ len Semantiken der Perfektivität (abgeschlossen, begrenzt) und Imperfektivität (unabgeschlossen, unbegrenzt) sowie die diskursive Unterscheidung zwischen vordergründigen Handlungen und hintergründigen Beschreibungen. Video 5 stützt sich beispielsweise auf Regeln, die sowohl semantischen Erkläransätzen (z. B. „Gewohnheiten“ vs. „einmalige Handlung“) als auch diskursiven Erklä‐ rungen (z. B. „Situationen, Hintergründe“ vs. „Vordergrund einer Erzählung“) zugeordnet werden können (Abb. 1). Es werden aber auch Regeln angeführt, die keinem wissenschaftlichen Erkläransatz zugeordnet werden können (z. B. „Kommentare“) oder sich mit zuvor genannten Erklärungen überschneiden (z. B. „neu einsetzende Handlung“). Schließlich verweist das Video auf sogenannte Signalwörter wie toujours oder un jour: 222 Lukas Eibensteiner <?page no="223"?> Abbildung 1: Tabellarische Auflistung von Grammatikregeln (V5, [01: 36]) Die Erklärvideos knüpfen damit an gängige Erklärverfahren an, wie sie auch in Lehrwerken und im schulischen Fremdsprachenunterricht für die Einführungen der beiden Tempora üblich sind (Eibensteiner 2017). Sie greifen damit auf teils stark vereinfachte Regeln zurück (Drumm 2022), die aus linguistischer Sicht mitunter als unpräzise zu charakterisieren sind und damit potenziell zu Unklarheiten und Missverständnissen führen können. Eine alternative Her‐ angehensweise wäre es, das grammatikalische Konzept des Aspekts selbst zu erklären und anhand von Beispielssätzen zu veranschaulichen (s. Beispiel unten). Hinsichtlich des Wegs der Vermittlung wird meist ein deduktiver Ansatz gewählt. Im folgenden Beispiel wird zunächst die Regel zur Verwendung des imparfait erläutert („Gewohnheiten oder Erinnerungen in der Vergangenheit“), bevor im Anschluss deutsch- und französischsprachige Beispielsätze zur Veran‐ schaulichung präsentiert werden: Wir schauen uns zunächst das imparfait an und ich zeige hier, wann das imparfait zum Zuge kommt. Erstens musst du dir merken, wenn du über Gewohnheiten oder Erinnerungen in der Vergangenheit berichtest, verwendest du das imparfait. Beispiel: ‘Als ich 10 Jahre alt war, lebte ich in einem kleinen Dorf.’ Das ist eine Gewohnheit oder Erinnerung an die Vergangenheit. Französisch: ‘Quand j’avais 10 ans, je vivais dans un petit village.’ (V2, [00: 41-01: 14]) Grammatikerklärvideos auf YouTube 223 <?page no="224"?> Diese deduktive Präsentation isolierter Regeln, begleitet von verschiedenen Beispielsätzen, stellt die in den analysierten Erklärvideos am häufigsten ver‐ wendete Herangehensweise dar (Wengler 2021, 153 und Wengler/ Dröge 2021, 4). In diesem Sinne erinnern die Videoclips eher an traditionell-analogen als an multimedialen Grammatikunterricht, was aber möglicherweise sogar zu ihrer Beliebtheit beiträgt, da es sich um ein den Lernenden bereits bekanntes und damit vertrautes Vorgehen handelt (Drumm 2022, 262). Zur multimedialen Darstellung und Visualisierung der Grammatikregeln greifen fast alle Videos auf Techniken der „Signalisierung“ zurück (en. signaling; Mayer 2009, 108). Dazu zählen beispielsweise Unterstreichungen, Kursiv- und Fettdruck, farbige Hervorhebungen, unterschiedliche Schriftarten sowie tabel‐ larische Auflistungen zur Systematisierung der Regeln. Bilder oder Graphiken kommen hingegen lediglich in zwei der fünf Videos vor; Animationen sogar nur in einem Fall. Die verwendeten Visualisierungstechniken lassen sich exempla‐ risch anhand des Screenshots in Abb. 2 veranschaulichen: Abbildung 2: Kombination von Visualisierungstechniken (V1, [01: 19]) Zum einen kommen klassische Signalisierungstechniken zum Einsatz, etwa farbliche Hervorhebungen der Verbformen (dormait, a sonné) und der Tempus‐ bezeichnungen (imparfait, passé composé) sowie ein Pfeil zur Markierung der Signalphrase tout à coup. Zum anderen dienen die Bilder der schlafenden Katze und des klingelnden Telefons dazu, sowohl die beiden Beispielsätze zu visualisieren als auch die Tempusfunktionen bildlich darzustellen. Dabei werden 224 Lukas Eibensteiner <?page no="225"?> charakteristische Handlungen gewählt: der anhaltende Zustand des Schlafens steht in Kontrast zu dem punktuellen, den Zustand unterbrechenden Klingeln des Telefons. Solche visuellen Anker können gemäß dem Multimediaprinzip nicht nur die Bedeutungserschließung erleichtern, sondern auch die Memorie‐ rung der Information fördern (Funk/ König 1991, 89), weshalb Erklärvideos gerne auf derartige Möglichkeiten zurückgreifen (Strasser 2023, 85). Im Gegensatz zu dem vielfältigen Einsatz von Signalisierungstechniken wird in den analysierten Erklärvideos kaum auf animierte Graphiken zurück‐ gegriffen. Lediglich in Video 2 wird eine Graphik verwendet (Abb. 3), um den Unterschied zwischen Beschreibungen im Hintergrund und sequenziell auftretenden, einmaligen Ereignissen im Vordergrund zu visualisieren. Dazu werden Pfeile und Ellipsen so zusammengesetzt, dass sie im Zuge des Videos als dynamische Graphik erscheinen: Abbildung 3: Verwendung von Pfeilen und Ellipsen in einer Grafik zur Veranschauli‐ chung von Vorder- und Hintergrund (V2, [06: 25]) Im Sinne sogenannter „abstrakter Symbole“ (Funk/ König 1991, 88-93) symboli‐ siert der Pfeil die Rahmenhandlung im imparfait, auf der sich verschiedene, in sich abgeschlossene Handlungen im passé composé aneinanderreihen. Diese werden aufgrund ihres punktuellen Charakters als Ellipsen dargestellt. Auch Animationen werden ausschließlich in einem Video verwendet. Dabei handelt es sich jedoch nicht um Grammatikanimationen im engeren Sinne, son‐ dern lediglich um animierte Bilder, die vor allem dazu dienen, die Beispielsätze Grammatikerklärvideos auf YouTube 225 <?page no="226"?> in einen kommunikativen Kontext einzubetten, nicht aber die Grammatikregeln selbst zu erklären. So wird der Satz Alain a pris son vélo et il a fait un tour in Abbildung 4 mithilfe eines fahrenden Radfahrers visualisiert. Diese Animation dient jedoch nicht der Erläuterung des perfektiven Aspekts, sondern ausschließlich der Veranschaulichung des Beispielsatzes : Abbildung 4: Animation (V1, [2: 15]) Die analysierten Grammatikerklärvideos nutzen somit zwar verschiedene Vi‐ sualisierungstechniken, schöpfen ihr multimediales Potenzial jedoch nicht voll aus. Insbesondere Animationen, die zur Erklärung des grammatischen Phäno‐ mens beitragen könnten, fehlen entgegen der Erwartungen gänzlich (Drumm 2022, 262 für ähnliche Ergebnisse). Im Rahmen der zweiten Oberkategorie wurde untersucht, inwiefern die Erklärvideos Übungen zur Anwendung des grammatischen Phänomens bereit‐ stellen. Während in anderen multimedialen Lernkontexten häufig form- und funktionsunterscheidende Grammatikübungen eingesetzt werden - etwa das Eintippen von Verbformen in Tabellen, das Ausfüllen von Lücken oder das Bilden von Sätzen per drag-and-drop (Zeyer 2023, 112) -, beschränken sich die Übungsformen der analysierten Videos im Wesentlichen auf call-to-action-Ele‐ mente. Diese werden typischerweise durch kurze Pausen realisiert, in denen das Video angehalten wird. So findet sich in einem Video eine funktionsunter‐ scheidende Übung, in der isolierte Beispielsätze präsentiert werden (Abb. 5). Die Lernenden sollen dabei entscheiden, welche konjugierten Verbformen in 226 Lukas Eibensteiner <?page no="227"?> die jeweiligen Lücken einzusetzen sind. Um etwas Bedenkzeit zu geben, legt die Lehrperson eine kurze Pause ein, bevor die richtige Antwort präsentiert wird: Abbildung 5: Funktionsunterscheidende, formbezogene Übung (V2, [08: 05]) Eine weitere Möglichkeit zur Übung stellt die Auslagerung über externe Links dar. Zwei der analysierten Videos bieten entsprechende Verlinkungen zu digi‐ talen Übungsformaten an. Diese können im Anschluss an das Erklärvideos bearbeitet werden. Auch in dieser Kategorie zeigt sich somit eine hohe Übereinstimmung mit den Ergebnissen von Drumm (2022, 262), wonach Erklärvideos in der Regel keine adäquaten Übungsangebote bereitstellen. Die Verantwortung für das Finden geeigneter Übungs- und Anwendungsformate liegt somit bei der Lehrkraft bzw. den Lernenden selbst (Eibensteiner 2024; Lange 2020; Sommerfeldt 2021 für entsprechende Vorschläge). Als Fazit kann somit festgehalten werden, dass die analysierten YouTube-Vi‐ deos überwiegend auf konventionelle Verfahren der Grammatikvermittlung zurückgreifen. Sie verfolgen in der Regel eine deduktive Herangehensweise, bei der die Regeln zum Gebrauch der französischen Vergangenheitstempora unter Rückgriff auf semantisch-diskursive Erkläransätze eingeführt und anhand ent‐ sprechender Beispielsätze veranschaulicht werden. Zur Visualisierung kommen v. a. Signalisierungstechniken wie farbliche Hervorhebungen oder Fettdruck zum Einsatz. Bildmaterial wird hingegen nur vereinzelt verwendet und dient meist der Visualisierung von Beispielsätzen, nicht jedoch der Erklärung gram‐ Grammatikerklärvideos auf YouTube 227 <?page no="228"?> matischer Zusammenhänge. Interaktive Elemente fehlen weitgehend; lediglich ein Video bietet eine einfache Übung mithilfe der Pausenfunktion an. Insgesamt bleibt das multimediale Potenzial von Erklärvideos damit weitgehend ungenutzt und die Vermittlung folgt traditionellen, aus dem analogen Fremdsprachenun‐ terricht bekannten Mustern. Das Innovationspotenzial liegt demnach insbesondere in einer medienadä‐ quaten Anpassung der Erklärungen und der dabei verwendeten Präsentati‐ onsbzw. Visualisierungstechniken an die Gestaltungsprinzipien multimedia‐ len Lernens. Im folgenden Kapitel wird daher ein theoretisches Modell für Grammatikerklärvideos vorgestellt, das diese Prinzipien mit neueren Ansätzen der Grammatikvermittlung - insbesondere dem konzeptbasierten Grammatik‐ unterricht (concept-based instruction; Negueruela/ Lantolf 2006; Williams/ Lee/ Negueruela-Azarola 2013) - verbindet. Hinsichtlich der visuellen Darstellung werden zudem Anregungen aus der kognitiven Grammatik nach Langacker (2008) herangezogen. 5 Multimediale Grammatikvermittlung in Grammatikerklärvideos: Potenziale der kognitiven Linguistik Der konzeptbasierte Grammatikunterricht (Negueruela/ Lantolf 2006; Wil‐ liams/ Lee/ Negueruela-Azarola 2013) basiert auf der Annahme, dass Sprache - einschließlich der zugrunde liegenden mentalen Konzepte - in sozialen Kontex‐ ten durch interaktive Bedeutungsaushandlung erworben wird. Im Unterschied zum Erstspracherwerb sind im Kontext des Zweitbzw. Fremdsprachenerwerbs allerdings qualitativ hochwertige, explizite Erklärungen erforderlich, um die für den Spracherwerb notwendigen Konzepte erwerben zu können. Der Ansatz geht davon aus, dass vereinfachte Faustregeln oder didaktisch reduzierte Grammati‐ kregeln hierfür nicht ausreichen; stattdessen wird ein didaktischer Dreischritt vorgeschlagen (Williams 2017, 122): 1. die Erklärung des wissenschaftlichen Konzepts anstelle von simplifizierten Faustregeln; 2. die Visualisierung desselben durch beispielsweise Diagramme, Bilder oder Graphiken; 3. die Verbalisierung des Konzepts in bedeutungsvollen kommunikativen Kontexten. Analog zum konzeptbasierten Grammatikunterricht geht auch die kognitive Linguistik davon aus, dass Sprache in sozialen Kontexten erworben wird und 228 Lukas Eibensteiner <?page no="229"?> 3 Ein Beispiel für ein solches Erklärvideo findet sich im Online-Anhang. Ich danke Felix Fahnroth für seine Unterstützung bei der Erstellung des Videos. Grammatik ein bedeutungstragendes, konzeptuell motiviertes System darstellt (Roche/ Suñer 2017). Beide Ansätze plädieren daher für innovative Erkläransätze (Roche/ Suñer Muñoz 2016, 381-383), in denen Grammatik nicht „als ein eher undurchsichtiger Bereich beliebiger Regeln, deren semantische Funktion nicht immer ersichtlich ist“, sondern „als bedeutungsvolles und nachvollziehbares Grundgerüst der Sprache“ (Roche/ Suñer 2017, 38) vermittelt wird. Die bloße Erklärung abstrakter linguistischer Konzepte reiche allerdings nicht aus, um grammatische Prinzipien für Lernende transparent zu machen. Aus diesem Grund schlagen Roche und Suñer (2016, 387) den Einsatz visueller Metaphern vor, „die anhand von Situationen aus dem Alltag der Lernerinnen die konzep‐ tuelle Basis der Grammatik transparent machen“ (auch Funk/ König 1991, 83-87). Durch die Betonung der Relevanz visueller Elemente für die Explizierung von Grammatikphänomenen korrespondieren beide Ansätze mit dem Multimedia‐ prinzip nach Mayer (2009, 2022) und bieten sich somit als theoretische Grund‐ lage für die Gestaltung von Grammatikerklärvideos an. Im folgenden Abschnitt werden auf dieser Basis die zentralen Prinzipien und Gestaltungsmerkmale eines Erklärvideos zu den französischen Vergangenheitstempora vorgestellt, das die genannten theoretischen Konzepte berücksichtigt und zugleich mit einem verhältnismäßig geringen Produktionsaufwand realisierbar ist. 3 Die ersten beiden Schritte des konzeptbasierten Grammatikunterrichts be‐ ziehen sich auf die Präsentation und Erklärung des grammatischen Phänomens. Im Gegensatz zu der in Erklärvideos gängigen Darstellung von Regellisten in Verbindung mit Beispielsätzen rückt hier das zugrunde liegende mentale Konzept - im vorliegenden Fall jenes des grammatikalischen Aspekts - in den Mittelpunkt. Für die Umsetzung in einem Erklärvideo wäre es denkbar, zunächst einen kommunikativen Kontext herzustellen und anschließend die zentralen Merkmale des Konzepts Aspekt - auch unter Rückgriff auf semantische Erklä‐ ransätze - zu erläutern. Dabei ließe sich etwa erklären, dass grammatischer Aspekt die Perspektive beschreibt, die ein Sprecher bzw. eine Sprecherin auf eine Handlung einnehmen kann (Klein 1994, 16): Eine Handlung kann entweder als in sich abgeschlossenes Ganzes (perfektiv) oder als im Verlauf befindlich und damit als unabgeschlossen (imperfektiv) betrachtet werden. Ergänzend empfiehlt sich der Hinweis auf die habituelle Bedeutungskomponente, mit der gewohnheitsmäßige Handlungen in der Vergangenheit beschrieben werden (Comrie 1976, 16-40). Als zusätzliche Erklärungsebene kann schließlich auch ein diskursiver Erkläransatz herangezogen werden, der die Unterscheidung Grammatikerklärvideos auf YouTube 229 <?page no="230"?> zwischen vordergründigen Handlungen und hintergründigen Beschreibungen betont (Bardovi-Harlig 1994). Diese verbalen Erklärungen sollten durch passende Visualisierungen ergänzt werden, um eine doppelte Kodierung der Informationen zu ermöglichen (Paivio 1986). Diesbezüglich reichen die Möglichkeiten von einfachen visuellen Signa‐ len wie Zeitstrahlen über illustrative Bilder - etwa einer Theaterbühne (Schiffler 2012, 97-99) - bis hin zu komplexeren visuellen Metaphern ( Jansen 2013). Letztere eignen sich besonders gut, um die aspektuellen Semantiken anschaulich zu erklären. Castañeda Castro (2004) schlägt in Anlehnung an die kognitive Grammatik Langackers (2008) eine Visualisierung vor, in der die Perspektive des Sprechers bzw. der Sprecherin durch eine Gedankenblase dargestellt wird (Abb. 6). Beim perfektiven Aspekt (Il a gagné la course) liegt die gesamte Handlung innerhalb der Perspektive des Sprechers bzw. der Sprecherin. Das Überschreiten der Ziellinie ist somit in der Gedankenblase miteingeschlossen, wodurch die Handlung als in sich abgeschlossenes Ganzes perspektiviert wird. Bei der Visualisierung des imperfektiven Aspekts hingegen (Il gagnait la course) beinhaltet die Perspektive des Sprechers bzw. der Sprecherin weder Anfang noch Ende, weshalb der Eindruck entsteht, die Handlung wird von innen bzw. als im Verlauf befindlich betrachtet. Ergänzt man die Darstellung um weitere Elemente, etwa zur Beschreibung des Hintergrunds, lässt sich zusätzlich der diskursive Erkläransatz integrieren - also die Unterscheidung zwischen vordergründiger Handlung (das Gewinnen des Rennens) und hintergründigen Beschreibungen (z.-B. des Wetters): Abbildung 6: Visuelle Metapher zur Darstellung der aspektuellen Opposition (Quelle: eigene Darstellung in Anlehnung an Castañeda Castro 2004) 230 Lukas Eibensteiner <?page no="231"?> Der dritte Schritt des konzeptbasierten Grammatikunterrichts - die aktive Verbalisierung des neu gelernten Konzepts in bedeutungsvollen kommunikati‐ ven Kontexten - lässt sich im Rahmen von YouTube-Erklärvideos aufgrund der technischen Rahmenbedingungen nur schwer realisieren. Eine mögliche Lösung bestünde darin, die Lernenden mithilfe von call-to-action-Elementen dazu aufzufordern, kurze Texte in der Vergangenheit zu verfassen, bspw. eine Beschreibung der Ereignisse des vergangenen Wochenendes, und diese in den Kommentaren zu veröffentlichen. Eine anschließende Rückmeldung durch die Community oder gegebenenfalls durch die Produzentin bzw. den Produzenten des Videos könnte diesen produktiven Schritt zumindest ansatzweise unterstüt‐ zen. 6 Fazit und Ausblick Der vorliegende Beitrag beschäftige sich mit der Analyse der fünf meistgese‐ henen Grammatikerklärvideos auf YouTube zur Vermittlung der französischen Vergangenheitstempora. Die Ergebnisse der Analyse bestätigen, dass derar‐ tige Videos auf gängige Erklär- und Visualisierungsverfahren des analogen Fremdsprachenunterrichts zurückgreifen und damit den Gestaltungsprinzipien multimedialen Lernens nur bedingt gerecht werden (Drumm 2022). Um dem multimedialen Potenzial des Mediums stärker Rechnung zu tragen, sollten visuelle Stimuli nicht nur zur Bedeutungserschließung der Beispielsätze, son‐ dern auch zur Visualisierung grammatischer Konzepte selbst eingesetzt wer‐ den. In diesem Zusammenhang wurde im letzten Kapitel für den gezielten Einsatz visueller Metaphern sowie für eine didaktische Verzahnung mit dem konzeptbasierten Grammatikunterricht plädiert. Obwohl erste Ergebnisse zur Effektivität des konzeptbasierten Grammatikunterrichts bereits vorliegen (z. B. Negueruela/ Lantolf 2006), gilt es in künftigen Studien zu untersuchen, inwiefern derartige Befunde auf den deutschsprachigen Kontext übertragbar sind. Dar‐ über hinaus sind weitere Überlegungen zur Verzahnung von konzeptbasiertem Grammatikunterricht und multimedialem Lernen nötig (van Compernolle 2025). Bei der Analyse der Erklärvideos zeigte sich außerdem eine deutliche Diskrepanz zwischen den technischen Realisierungsmöglichkeiten, der linguis‐ tisch-fachdidaktischen Theoriebildung und der praktisch-anwendungsbezoge‐ ner Umsetzung. Da YouTube-Erklärvideos in der Regel von praktizierenden Lehrkräften erstellt werden und somit der praktische Aspekt im Vordergrund steht, kann nicht davon ausgegangen werden, dass die Produzent: innen dieser Videos umfassend über aktuelle wissenschaftliche Strömungen informiert sind oder über fundierte informatische Kenntnisse verfügen. Jedoch wären derartige Grammatikerklärvideos auf YouTube 231 <?page no="232"?> Kenntnisse und Fertigkeiten erforderlich, um qualitativ hochwertige Erklärvi‐ deos zu produzieren. Aus diesem Grund wäre es wünschenswert, wenn Lingu‐ ist: innen, Fremdsprachen- und Mediendidaktiker: innen sowie Informatiker: in‐ nen gemeinsam best-practice-Videos entwickeln und diese als Open Educational Resources frei zugänglich machen würden. Obwohl in den letzten Jahren sowohl von Lehrwerksverlagen als auch von privaten Bildungsanbietern bedeutende Fortschritte erzielt wurden, stellt es weiterhin eine große Herausforderung für nichtkommerziell erzeugte Erklärvideos dar, den technischen, wissenschaftli‐ chen und anwendungsbezogenen Qualitätsanforderungen gerecht zu werden. Trotz der rasanten Entwicklung im Bereich der Künstlichen Intelligenz, die die Erstellung von Erklärvideos auf hohen technischen Standards künftig er‐ leichtern dürfte, bleibt zum aktuellen Zeitpunkt festzuhalten, dass YouTube-Er‐ klärvideos zwar einen Mehrwert für Französischlernende bieten können - insbesondere als Ergänzung zum schulischen Unterricht oder in informellen Lernkontexten -, zugleich aber auch als Lernprodukte mit potenziellen Schwä‐ chen und Fehlern zu betrachten sind. Vor diesem Hintergrund ist es im Sinne einer umfassenden Medienkompetenzförderung unerlässlich, den reflektierten Umgang mit solchen Videos zu schulen. Im schulischen Kontext sollten Lehr‐ kräfte daher gemeinsam mit Lernenden Chancen und Grenzen analysieren und bei Bedarf auf qualitativ geprüfte Alternativen - etwa von Lehrwerksverlagen - ausweichen (Eibensteiner/ Vesga 2024). Trotz der genannten Schwächen und Risiken können Erklärvideos auf YouTube eine wertvolle Unterstützung beim Erlernen der französischen Sprache darstellen, insbesondere dann, wenn sie auch als Anlass zur kritischen Reflexion und Medienkompetenzförderung eingesetzt werden. Bibliographie Korpus Abiweb.de (2014): „Imparfait oder passé compose - Übung mit Lösung und Signalwörter“, https: / / youtu.be/ Q2dv31IcB0A? feature=shared (3.5.2024). Duden Learnattack (2020): „imparfait und passé composé: Wann verwendest du welches? - Französisch | Duden Learnattack“, https: / / www.youtube.com/ watch? v=wIkb709FyI I (3.5.2024). Fit für Franze (2021): „Imparfait und Passé Composé richtig einsetzen! Einfach besser erklärt! “, https: / / youtu.be/ DRfIz6gEQsU? feature=shared (3.5.2024). 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Romanistik und Angewandte Linguistik Romanistisches Kolloquium XXIII 2011, 320 Seiten €[D] 78,00 ISBN 978-3-8233-6669-0 Wolfgang Dahmen, Günter Holtus, Johannes Kramer, Michael Metzeltin, Wolfgang Schweickard, Otto Winkelmann (Hrsg.) Die romanischen Sprachen als Wissenschaftssprachen Romanistisches Kolloquium XXIV 2010, 389 Seiten €[D] 88,00 ISBN 978-3-8233-6595-2 Romanistisches Kolloqium_Reihenübersicht.indd 1 Romanistisches Kolloqium_Reihenübersicht.indd 1 03.12.2025 14: 10: 48 03.12.2025 14: 10: 48 <?page no="238"?> Wolfgang Dahmen, Günter Holtus, Johannes Kramer, Michael Metzeltin, Wolfgang Schweickard, Otto Winkelmann (Hrsg.) Südosteuropäische Romania Siedlungs-/ Migrationsgeschichte und Sprachtypologie Romanistisches Kolloquium XXV 2012, 235 Seiten €[D] 68,00 ISBN 978-3-8233-6740-6 Wolfgang Dahmen, Günter Holtus, Johannes Kramer, Michael Metzeltin, Wolfgang Schweickard, Otto Winkelmann (Hrsg.) America Romana Romanistisches Kolloquium XXVI 2012, 395 Seiten €[D] 88,00 ISBN 978-3-8233-6751-2 Wolfgang Dahmen, Günter Holtus, Johannes Kramer, Michael Metzeltin, Wolfgang Schweickard, Otto Winkelmann (Hrsg.) Romanische Kleinsprachen heute Romanistisches Kolloquium XXVII 2016, 449 Seiten €[D] 98,00 ISBN 978-3-8233-6881-6 Wolfgang Dahmen, Günter Holtus, Johannes Kramer, Michael Metzeltin, Wolfgang Schweickard, Otto Winkelmann (Hrsg.) Zur Lexikographie der romanischen Sprachen Romanistisches Kolloquium XXVIII 2014, 276 Seiten €[D] 68,00 ISBN 978-3-8233-6912-7 Wolfgang Dahmen, Günter Holtus, Johannes Kramer, Michael Metzeltin, Christina Ossenkop, Wolfgang Schweickard, Otto Winkelmann (Hrsg.) Sprachvergleich und Übersetzung Die romanischen Sprachen im Kontrast zum Deutschen Romanistisches Kolloquium XXIX 2017, 436 Seiten €[D] 88,00 ISBN 978-3-8233-6982-0 Wolfgang Dahmen, Günter Holtus, Johannes Kramer, Michael Metzeltin, Claudia Polzin- Haumann, Wolfgang Schweickard, Otto Winkelmann (Hrsg.) Sprachkritik und Sprachberatung in der Romania Romanistisches Kolloquium XXX 2017, 427 Seiten €[D] 88,00 ISBN 978-3-8233-8104-4 Lidia Becker, Julia Kuhn, Christina Ossenkop, Anja Overbeck, Claudia Polzin-Haumann, Elton Prifti (Hrsg.) Geschichte des Fremdsprachenstudiums in der Romania Romanistisches Kolloquium XXXI 2020, 280 Seiten €[D] 98,00 ISBN 978-3-8233-8251-5 Lidia Becker, Julia Kuhn, Christina Ossenkop, Anja Overbeck, Claudia Polzin-Haumann, Elton Prifti (Hrsg.) Fachbewusstsein der Romanistik Romanistisches Kolloquium XXXII 2020, 327 Seiten €[D] 98,00 ISBN 978-3-8233-8418-2 Lidia Becker, Julia Kuhn, Christina Ossenkop, Claudia Polzin-Haumann, Elton Prifti (Hrsg.) Romanistik und Wirtschaft Romanistisches Kolloquium XXXIII 2020, 272 Seiten €[D] 98,00 ISBN 978-3-8233-8420-5 Lidia Becker, Julia Kuhn, Christina Ossenkop, Claudia Polzin-Haumann, Elton Prifti (Hrsg.) Digitale romanistische Sprachwissenschaft: Stand und Perspektiven Romanistisches Kolloquium XXXIV 301 Seiten €[D] 98,00 ISBN 978-3-8233-8506-6 Lidia Becker, Julia Kuhn, Christina Ossenkop, Claudia Polzin-Haumann, Elton Prifti (Hrsg.) Geschlecht und Sprache in der Romania: Stand und Perspektiven Romanistisches Kolloquium XXXV 2022, 398 Seiten €[D] 98,00 ISBN 978-3-8233-8584-4 Romanistisches Kolloqium_Reihenübersicht.indd 2 Romanistisches Kolloqium_Reihenübersicht.indd 2 03.12.2025 14: 10: 48 03.12.2025 14: 10: 48 <?page no="239"?> Lidia Becker, Julia Kuhn, Christina Ossenkop, Claudia Polzin-Haumann, Elton Prifti (Hrsg.) Zwischen Pluralität und Präskription: Sprachnormen in der Romania in Geschichte und Gegenwart Romanistisches Kolloquium XXXVI 2024, 243 Seiten €[D] 98,00 ISBN 978-3-381-11091-9 Lidia Becker, Julia Kuhn, Christina Ossenkop, Claudia Polzin-Haumann, Elton Prifti (Hrsg.) Romanische Sprachen und Kolonialismus Romanistisches Kolloquium XXXVII 2025, 279 Seiten €[D] 98,00 ISBN 978-3-381-11661-4 Lidia Becker, Julia Kuhn, Christina Ossenkop, Claudia Polzin-Haumann, Elton Prifti (Hrsg.) Kognitive Linguistik und Romanistik Romanistisches Kolloquium XXXVIII 2025, 236 Seiten €[D] 98,00 ISBN 978-3-381-10931-9 Romanistisches Kolloqium_Reihenübersicht.indd 3 Romanistisches Kolloqium_Reihenübersicht.indd 3 03.12.2025 14: 10: 48 03.12.2025 14: 10: 48 <?page no="240"?> ISBN 978-3-381-10931-9 Der vorliegende Band versammelt ausgewählte Beiträge des XXXVIII. Romanistischen Kolloquiums zum Themenschwerpunkt „Kognitive Linguistik und Romanistik“. Die Texte spiegeln die zunehmende Relevanz kognitiv-linguistischer Ansätze innerhalb der romanistischen Sprachwissenschaft wider - eine Entwicklung, die als Reaktion auf frühere, primär systemorientierte Theorietraditionen entstand. Der Band zeigt, wie diese Sichtweise neue Verbindungen zwischen semantischen, grammatischen, pragmatischen und diskursbezogenen Fragestellungen eröffnet, und welche Impulse sie für die romanistische Forschung bereithält. Die Beiträge decken ein breites Spektrum aktueller Perspektiven der kognitiven Linguistik innerhalb der Romanistik ab, darunter kognitiv-grammatische, konstruktionslinguistische, framesemantische, metapherntheoretische sowie fachdidaktische Ansätze. Damit bieten sie sowohl einen fundierten Überblick über gegenwärtige Forschungstrends als auch inspirierende Impulse für zukünftige Arbeiten an der Schnittstelle von Kognitiver Linguistik und romanistischer Sprachwissenschaft. ROMANISTISCHES KOLLOQUIUM XXXVIII Kognitive Linguistik und Romanistik Julia Kuhn, Lidia Becker, Christina Ossenkop, Claudia Polzin-Haumann, Elton Prifti (Hrsg.) Kognitive Linguistik und Romanistik ROMANISTISCHES KOLLOQUIUM XXXVIII R O M A N I S T I S C H E S KOLLOQUIUM XXXVIII