eBooks

"Parla, e sie breve e arguto"

Festschrift für Maria Selig / Studies in honor of Maria Selig

0728
2025
978-3-381-11042-1
978-3-381-11041-4
Gunter Narr Verlag 
Laura Linzmeier
Alexander M. Teixeira Kalkhoff
Evelyn Wiesinger
10.24053/9783381110421

Maria Selig ist seit 1998 Professorin für Romanische Sprachwissenschaft, seit 2003 an der Universität Regensburg. Während ihrer akademischen Karriere hat sie einen substantiellen Beitrag zur sprachwissenschaftlichen Forschung geleistet und wichtige theoretische Impulse in- und außerhalb der Romanistik gesetzt. Dies soll in dieser Festschrift durch ihr weitverzweigtes, interdisziplinäres und internationales Netzwerk an Forschenden gewürdigt werden. Um dieses große Panorama abzubilden, ist die Festschrift als eine Squib-Sammlung konzipiert, die pointiert und schlaglichtartig Forschungsfragen aufwirft und diskutiert. Die Squibs von über 50 Forschenden sind in den verschiedenen thematischen Feldern angesiedelt, die Maria Seligs breite Forschungsinteressen widerspiegeln. Diese reichen von Phonetik/Phonologie, Morphologie und Syntax über (Spät-)Latein und ältere Sprachstufen der romanischen Sprachen bis zum Nähe-Distanz-Modell.

9783381110421/9783381110421.pdf
<?page no="0"?> «Parla, e sie breve e arguto» Festschrift für Maria Selig / Studies in honor of Maria Selig herausgegeben von Laura Linzmeier, Alexander M. Teixeira Kalkhoff und Evelyn Wiesinger <?page no="1"?> “Parla, e sie breve e arguto” <?page no="2"?> 14 7 Herausgegeben von Barbara Frank-Job und Ulrich Eigler <?page no="3"?> Laura Linzmeier / Alexander M. Teixeira Kalkhoff / Evelyn Wiesinger (Hrsg.) “Parla, e sie breve e arguto” Festschrift für Maria Selig / Studies in honor of Maria Selig <?page no="4"?> DOI: https: / / doi.org/ 10.24053/ 9783381110421 © 2025 · Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Alle Informationen in diesem Buch wurden mit großer Sorgfalt erstellt. Fehler können dennoch nicht völlig ausgeschlossen werden. Weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen übernehmen deshalb eine Gewährleistung für die Korrektheit des Inhaltes und haften nicht für fehlerhafte Angaben und deren Folgen. Diese Publikation enthält gegebenenfalls Links zu externen Inhalten Dritter, auf die weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen Einfluss haben. Für die Inhalte der verlinkten Seiten sind stets die jeweiligen Anbieter oder Betreibenden der Seiten verantwortlich. Internet: www.narr.de eMail: info@narr.de Druck: Elanders Waiblingen GmbH ISSN 0940-0303 ISBN 978-3-381-11041-4 (Print) ISBN 978-3-381-11042-1 (ePDF) ISBN 978-3-381-11043-8 (ePub) Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http: / / dnb.dnb.de abrufbar. <?page no="5"?> 13 15 23 29 39 45 51 57 65 71 77 Inhalt Tabula gratulatoria . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Laura Linzmeier (Regensburg), Evelyn Wiesinger (Tübingen) & Alexander M. Teixeira Kalkhoff (Heidelberg) Einleitung - Introduction . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Latein und Spätlatein Martin Becker (Köln) Congiuntivo presente e futurum exactum nelle subordinate condizionali in latino - dalla concorrenza alla differenziazzione micro-tipologica . . . . . . . . Céline Guillot-Barbance (Lyon) & Anne Carlier (Paris) Ipse-: entre anaphore et marquage de la définitude . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Pierluigi Cuzzolin (London) What the language of papyri can tell the linguist . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Rosanna Sornicola (Cambridge) Language variation can be evidence of language change: The case of the Italian papyri . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Jörg Oberste (Regensburg) Königliche Begräbnisse und Sakraltopografie im merowingischen Paris . . Rembert Eufe (Tübingen) Investigating direct speech in PaLaFraLat: The special case of the Visio Baronti . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Paolo Greco (Napoli) Sintassi e semantica del pronome quem nelle carte notarili della Langobardia Minor (IX secolo) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Marianne Pade (Aarhus) & Johann Ramminger (München) Diaphasische Variation in Dantes Latein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Elisabeth Reichle (Leipzig) & Matthias Schöffel (München) Lokalität, Regionalität und Überregionalität im Wortschatz der spätmittelalterlichen Verwaltungsschriftlichkeit von Saint-Flour . . . . . . . . . <?page no="6"?> 87 95 103 113 117 125 131 135 141 147 153 Susanne Ehrich (Regensburg) Die Fünfzehn Zeichen vor dem Jüngsten Gericht in einem spätmittelalterlichen Stundenbuch. Impulse für eine historische Bildlinguistik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Franz Lebsanft (Bonn) Écrire un épisode de l’histoire du concept philosophique de D I S C O U R S -: m. fr. discours et latin médiéval . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ältere Sprachstufe, Sprachgeschichte und Philologiegeschichte Sabine Tittel (Heidelberg) A quick zoom into the software development of the ALMA project . . . . . . Roger Wright (Liverpool) Cultismo as error . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Barbara Frank-Job (Bielefeld) Frühromanische Schrift- und Federproben in ihrem kodikologischen Kontext . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ludwig Fesenmeier (Erlangen-Nürnberg) „Avrebbe ella desiderato riposar l’animo…“: Manzonis Revision revisited . . Michel Banniard (Paris) Langues mirages et langues masquées . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Laura Linzmeier (Regensburg) Short but connecting. How the use of a ligature in colonial documents from New France gives insights into the interchange of religious and maritime networks . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ingrid Neumann-Holzschuh (Regensburg) Die Bedeutung der christlichen Orden für das Bildungswesen im kolonialen Kanada und in Louisiana - ein Vergleich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Roland Schmidt-Riese (Eichstätt-Ingolstadt) Gestalt und instabile Wortränder. Anchieta (1595) zur Formvarianz des Nomens im Tupinambá . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ursula Bähler (Zürich) Quand des femmes écrivent à et sur Gaston Paris . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6 Inhalt <?page no="7"?> 161 167 173 179 187 193 201 209 215 223 229 Phonetik, Phonologie und Prosodie Elisabeth Delais-Roussarie (Nantes) Interprétation et détails phonétiques : quelques conséquences pour la grammaire . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Martin Haase (Bamberg) Deep structure in French phonology . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Elissa Pustka (Wien) Staged phonology: schwa and liaison in Riad Sattouf ’s comics . . . . . . . . . . Christine Mooshammer (Berlin) The Latin-Lover effect for Elvish? Phonaesthetic judgements of constructed languages by Italian and German listeners . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Lucia Kloiber (Regensburg) Prosodie - die „sauce of the sentence“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Matthias Heinz (Salzburg) Picchi abnormi: non-canonical pitch accents, a prosodic phenomenon (not only) of Italian . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Morphologie und Syntax Daniela Marzo & Marinus Wiedner (Freiburg) Remarks on grammatical gender in Romance . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Hans-Jörg Döhla (Tübingen) Paradigmatic bridging contexts in object marking. The use of the comitative as object marker . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Georg A. Kaiser (Konstanz) Parallele Beobachtungen zur Differenziellen Objektmarkierung im Romanischen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Andreas Dufter (München) Zur Geschichte von Optionalität: expletive Negation nach französisch avant que ‘bevor’ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Christoph Gabriel (Mainz) & Trudel Meisenburg (Osnabrück) Exploring French negation in PFC corpora . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Inhalt 7 <?page no="8"?> 235 243 249 259 265 269 275 281 285 295 303 309 Elmar Schafroth (Düsseldorf) Evaluative Verbalsuffixe in den romanischen Sprachen . . . . . . . . . . . . . . . . . Lorenzo Filipponio (Genova) Un principio di (ri)classificazione dei verbi rumeni . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Barbara Wehr (Mainz) Zum Fehlen des Subjektpronomens der 2. Pers. Sg. in Inversion im Rätoromanischen der Schweiz und im nördlichen Dolomitenladinisch . . . . Diskurs, Pragmatik und Variation Angela Schrott (Kassel) Erzählen mit (der) Zukunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Alexander M. Teixeira Kalkhoff (Heidelberg) Frz. récit und dt. Erzählung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sarah Dessì Schmid (Tübingen) Ein Modell zur Beschreibung und Systematisierung von Amplifikationsverfahren: eine erste Skizze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Waltraud Weidenbusch (Heidelberg/ Regensburg) Pragmatikalisierung von senti und ascolta als Diskursmarker . . . . . . . . . . . Annette Gerstenberg (Potsdam) Lifespan pragmatics . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Araceli López Serena & Santiago Del Rey Quesada (Sevilla) Un debate en torno al modelo del espacio variacional histórico-idiomático entre inmediatez y distancia comunicativas . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Johannes Kabatek (Zürich) Varietäten, Akkommodation, Raum und Universalität . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gesellschaft und Sprache Thomas Krefeld (München) Die Wiedergeburt der Semiotik aus dem Geiste der Wikimedia Foundation Amelie Moser (Regensburg) Mă anmelduiesc  - Ich melde mich an. Oder: Ein Essay über Rumänisch für Romanist: innen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 Inhalt <?page no="9"?> 315 323 329 335 345 353 Giulia de Savorgnani & Simona Fabellini (Regensburg) Dare voce alle voci - Migrationsgeschichte und Erinnerung der Italiener: innen in Regensburg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Evelyn Wiesinger (Tübingen) Rezeptive Mehrsprachigkeit zwischen mono-, multi- und translingualer Kommunikation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Marella Magris (Trieste) La traduzione di questionari sulla salute umana . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Jochen Hafner & Johanna Wolf (München) Sage mir, was du siehst und ich sage dir, was du verstehst. Zur kognitiven Verarbeitung multimodaler Komplexität in politischen Karikaturen . . . . . . Manuela Caterina Moroni (Bergamo) Il bullshit nel dibattito italiano su guerra e pace: l’esempio di Matteo Salvini Andrea Pešková (Berlin) „Macht Sprachwissenschaft überhaupt Sinn? “ . Ein Bericht zur Umfrage zur Sprachwissenschaft im Studium der Romanistik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Inhalt 9 <?page no="11"?> Wir danken dem Forum Mittelalter der Universität Regensburg und dem DFG-Graduiertenkolleg 2337 „Metropolität in der Vormoderne“ für die finanzi‐ elle Unterstützung des Drucks der vorliegenden Festschrift. We thank the Forum Mittelalter of the University of Regensburg and the DFG Research Training Group 2337 “Pre-Modern Metropolitanism” for financially supporting the printing of this publication. <?page no="13"?> Tabula gratulatoria Ursula Bähler (Zürich) -Michel Banniard (Paris) -Martin Becker (Köln) -Gerald Bernhard (Bochum) -Anne Carlier (Paris) -Pierluigi Cuzzolin (London) -Giulia de Savorgnani (Regensburg) -Elwys De Stefani (Heidelberg) -Santiago Del Rey Quesada (Sevilla) -Elisabeth Delais-Roussarie (Nantes) -Sarah Dessì Schmid (Tübingen) -Hans-Jörg Döhla (Tübingen) -Andreas Dufter (München) -Susanne Ehrich (Regensburg) -Annette Endruschat (Regensburg) -Rembert Eufe (Tübingen) -Simona Fabellini (Regensburg) -Ludwig Fesenmeier (Erlangen-Nürnberg) -Lorenzo Filipponio (Genova) -Barbara Frank-Job (Bielefeld) -Christoph Gabriel (Mainz) -Annette Gerstenberg (Potsdam) - Araceli López Serena (Sevilla) -Ralph Ludwig (Halle) -Marella Magris (Trieste) -Daniela Marzo (Freiburg) -Alexander Mehler (Frankfurt a.M.) -Trudel Meisenburg (Osnabrück) -Piera Molinelli (Bergamo) -Christine Mooshammer (Berlin) -Manuela Caterina Moroni (Bergamo) -Amelie Moser (Regensburg) -Johannes Müller-Lancé (Mannheim) -Ingrid Neumann-Holzschuh (Regensburg) -Jörg Oberste (Regensburg) -Marianne Pade (Aarhus) -Andrea Pešková (Berlin) -Stefan Pfänder (Freiburg) -Elissa Pustka (Wien) -Johann Ramminger (München) -Lorenza Rega (Triest) -Uli Reich (Berlin) -Elisabeth Reichle (Leipzig) -Romanisches Seminar der Universität Freiburg - <?page no="14"?> Hans Goebl (Salzburg)- -Paolo Greco (Napoli) -Klaus Grübl (Leipzig) -Céline Guillot-Barbance (Lyon) -Martin Haase (Bamberg) -Jochen Hafner (München) -Gerd Haverling (Uppsala) -Matthias Heinz (Salzburg) -Institut für Romanistik der Humboldt- Universität zu Berlin -Institut für Romanistik der Universität Regensburg -Daniel Jacob (Freiburg) -Johannes Kabatek (Zürich) -Georg A. Kaiser (Konstanz) -Lucia Kloiber (Regensburg) -Kathrin Kraller (Berlin) -Thomas Krefeld (München) -Sibylle Kriegel (Aix-Marseille) -Franz Lebsanft (Bonn) -Christine Lessle (Regensburg) -Laura Linzmeier (Regensburg) Elmar Schafroth (Düsseldorf) -Roland Schmidt-Riese (Eichstätt-Ingol‐ stadt) -Matthias Schöffel (München) -Angela Schrott (Kassel) -Wolfgang Schweickard (Saarbrücken) -Rosanna Sornicola (Cambridge) -Elisabeth Stark (Zürich) -Wolf-Dieter Stempel (München) -Monika Tausend (München) -Alexander M. Teixeira Kalkhoff (Heidel‐ berg) -Sabine Tittel (Heidelberg) -Lorenzo Tomasin (Lausanne) -Doris Tophinke (Paderborn) -Barbara Wehr (Mainz) -Waltraud Weidenbusch (Heidelberg/ Re‐ gensburg) -Marinus Wiedner (Freiburg) -Evelyn Wiesinger (Tübingen) -Johanna Wolf (München) -Christian Wolff (Regensburg) -Roger Wright (Liverpool) 14 Tabula gratulatoria <?page no="15"?> 1 Dante Alighieri. Die Göttliche Komödie - La Divina Commedia. Zweisprachige LA‐ TEX Edition von Carl Wenniger (2006): https: / / www.google.com/ url? sa=t&source=w eb&rct=j&opi=89978449&url=https: / / www.luga.de/ download/ Vortraege/ commedia.pd f&ved=2ahUKEwj_itrCrd2IAxWChP0HHc4_Gt4QFnoECBMQAQ&usg=AOvVaw1OJ_ Zv-xJ2u0RJtvjdIP-E. 2 Dante Alighieri. Die Göttliche Komödie. Übersetzt von Karl Witte, hrsg. von Werner Bahner (1990), Leipzig: Reclam, S.-189. Einleitung - Introduction Laura Linzmeier (Regensburg), Evelyn Wiesinger (Tübingen) & Alexander M. Teixeira Kalkhoff (Heidelberg) „Parla, e sie breve e arguto“ - „Rede kurz denn und verständig“… Im 13. Gesang des Purgatorio der Göttlichen Komödie in der Dante und Virgil eine weitere Stufe erklimmen, ist sich Dante unsicher, wie er das dort Gesehene einordnen soll. In einer Situation, die so viele Fragen hervorruft, wendet sich Dante in der Tradition des antiken Lehrdialogs mit fragendem Blick an seinen Begleiter: […] per ch’io mi volsi al mio consiglio saggio. Ben sapev’ ei che volea dir lo muto; e per`o non attese mia dimanda, ma disse: “Parla, e sie breve e arguto.”  1 drum wandt’ ich mich zu meinem weisen Rater. Und da er den noch Stummen schon verstand, erwartet’ er nicht erst, daß ich ihn früge, und sagte: «Rede kurz denn und verständig.»  2 Die gemeinsame Entwicklung und Ausarbeitung von innovativen Gedanken und Fragestellungen im - allerdings immer - gleichberechtigten Dialog hat auch uns als Maria Seligs Schülerinnen und Schüler in unserer wissenschaftlichen Arbeit tief geprägt. Gelernt haben wir dabei von Maria Selig auch: Wer neue Fragen aufwerfen und diskutieren möchte, tut dies am besten in prägnanter <?page no="16"?> und sinniger Art (,breve e arguto‘) - die Antwort darauf darf dann umso differenzierter und ausführlicher ausfallen. Mit dieser Festschrift möchten wir uns auf den ersten Teil dieses Prozesses konzentrieren - das Aufwerfen von neuen Fragen und Ideen als Anlass und Ausgangspunkt für den vertieften wissenschaftlichen Dialog. Die vorliegende Festschrift besteht in diesem Sinne aus insgesamt 50 kurzen wissenschaftlichen Artikeln, sogenannten Squibs. Dabei handelt es sich um Kurzbeiträge, die poin‐ tiert und schlaglichtartig Forschungsfragen aufwerfen und (an-)diskutieren, indem sie neue Daten oder Thesen vorstellen, ein Problem in einer etablier‐ ten Theorie oder Analyse aufzeigen oder die Aufmerksamkeit auf ein zuvor wenig oder nicht bemerktes linguistisches Phänomen oder eine theoretisch unerwartete Beobachtung lenken. Ein Squib unterscheidet sich von einem ausgearbeiteten wissenschaftlichen Artikel dadurch, dass die Beobachtungen, Thesen oder Fragen, die er aufwirft, zwar von hinreichendem Interesse für die Forschung sein müssen, jedoch für diese (noch) keine vollständige Analyse oder voll entwickelte Antwort angeboten werden kann bzw. muss. Das Squib-Format dieser Festschrift ermöglicht es außerdem, die gesamte Bandbreite von Maria Seligs Forschungsinteressen und ihr weitverzweigtes, interdisziplinäres und internationales Netzwerk zu würdigen und gibt all den‐ jenigen, die Maria Seligs akademische Laufbahn - als Lehrerinnen und Lehrer, Kolleginnen und Kollegen oder Schülerinnen und Schüler - begleitet haben, die Gelegenheit, dazu beizutragen. Die hier versammelten Squibs, verfasst von über 50 Forschenden aus Linguistik, Philologie und Geschichtswissenschaften, sind in den verschiedenen thematischen Feldern angesiedelt, die Maria Seligs breit gestreute Forschungsinteressen und -gegenstände widerspiegeln. Sie reichen vom (Spät-)Lateinischen, den älteren Sprachstufen der romanischen Sprachen, der Sprach- und Philosophiegeschichte über die klassisch linguistischen Berei‐ che der Phonetik, Phonologie und Prosodie, der Morphologie und Syntax und der Diskursanalyse und Pragmatik bis hin zu vielfältigen Zusammenhängen zwischen Gesellschaft und Sprache. Die beeindruckende akademische Laufbahn von Maria Selig, in der sie ihre weitverzweigten Interessen und Kontakte aufgebaut hat, können wir hier nur in ihren wichtigsten Eckdaten darstellen. Maria Selig wurde am 2. April 1959 in Germersheim am Rhein geboren. 1977 begann sie ein Studium der Romanistik und Klassischen Philologie an der Universität Würzburg. Nach einem Studienjahr in Rennes (Frankreich) setzte sie ihr Studium, ergänzt um das Fach Mittellateinische Philologie, an den Universitäten Freiburg i.Br. und München fort. 1984 legte sie das Erste Staatsexamen für die Fächer Französisch und Latein ab. 16 Laura Linzmeier, Evelyn Wiesinger & Alexander M. Teixeira Kalkhoff <?page no="17"?> Von 1984 bis 1987 verfasste Maria Selig im Kontext des Sonderforschungsbe‐ reichs 321 Übergänge und Spannungsfelder zwischen Mündlichkeit und Schrift‐ lichkeit an der Universität Freiburg i.Br. ihre Dissertation. 1987 wurde sie mit der Arbeit Die Entwicklung der Nominaldeterminanten im Spätlatein: Romanischer Sprachwandel und lateinische Schriftlichkeit (publiziert 1992 bei Narr Tübingen) promoviert. Von 1988 bis 1994 war sie Hochschulassistentin am Lehrstuhl für Romanische Sprachwissenschaft ihres Freiburger Mentors Wolfgang Raible (1939-2024). 1995 habilitierte sie sich mit der Arbeit Volkssprachliche Schriftlich‐ keit im Mittelalter: Die Genese der altokzitanischen Schriftkultur. Mit nur 37 Jahren erhielt Maria Selig 1996 einen Ruf auf eine C4-Professur für Romanische Sprachwissenschaft (Französisch) an der Humboldt-Universität zu Berlin. 2003 nahm sie einen Ruf an die Universität Regensburg auf den Lehrstuhl für französische und italienische Sprachwissenschaft an. Von 2008 bis 2012 war sie Vorsitzende des Deutschen Italianistenverbands. Seit 2009 ist sie Ordentliches Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissen‐ schaften und war von 2016 bis 2024 Mitglied des Fachkollegiums Sprachwissen‐ schaften der DFG. Von 2023 bis 2025 war sie Dekanin der Fakultät für Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaften der Universität Regensburg. Neben weite‐ ren Forschungsprojekten und Forschungskooperationen im In- und Ausland war sie von 2012 bis 2021 Leiterin des Akademieprojekts Altokzitanisches Wör‐ terbuch der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Von 2015 bis 2018 war sie Projektpartnerin im DFG-ANR-geförderten Projekt Le passage du latin au français (PaLaFra) der Universitäten Lille und Regensburg und der École Normale Supérieure Lyon. Von 2017 bis 2025 war sie stellvertretende Sprecherin des Regensburger Graduiertenkollegs 2337 Metropolität in der Vormoderne. Seit 2022 leitet sie gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen in Heidelberg, Mainz und Saarbrücken das interakademische Langzeitprojekt ALMA. Sprachdatenbasierte Modellierung von Wissensnetzen in der mittelalterlichen Romania. Ihre Publikationen befassen sich mit der mittelalterlichen Sprachgeschichte des Französischen, Okzitanischen und Italienischen, mit dem Übergang vom Latein zu den romanischen Sprachen und mit der Mündlichkeits-Schriftlich‐ keitsforschung. Daneben hat sie zu Phonologie und Prosodie, zur Konstrukti‐ onsgrammatik und zur Fachgeschichte der Romanistik gearbeitet. Mögen die in dieser Festschrift präsentierten Squibs zu zahlreichen wissen‐ schaftlichen Gesprächen, Kooperationen und Erkenntnissen in der Romanistik und darüber hinaus führen! Einleitung - Introduction 17 <?page no="18"?> 3 The English translation of the German-language introduction was automatically generated with DeepL and subsequently slightly adapted and corrected. 4 Dante Alighieri. Die Göttliche Komödie - La Divina Commedia. Bilingual LATEX edition by Carl Wenniger (2006): https: / / www.google.com/ url? sa=t&source=web&r ct=j&opi=89978449&url=https: / / www.luga.de/ download/ Vortraege/ commedia.pdf&ve d=2ahUKEwj_itrCrd2IAxWChP0HHc4_Gt4QFnoECBMQAQ&usg=AOvVaw1OJ_Zv-x J2u0RJtvjdIP-E. 5 The divine comedy: Purgatorio by Dante Alighieri. Translation by Henry Wadsworth Longfellow. Project Gutenberg (1997). “Parla, e sie breve e arguto” - “Speak, and be brief, and to the point”… 3 In the 13th canto of the Purgatorio of the Divine Comedy, in which Dante and Virgil climb another level, Dante is unsure how to make sense of what he has seen there. Faced with an incomprehensible situation, Dante turns to his companion with a questioning look: […] per ch’io mi volsi al mio consiglio saggio. Ben sapev’ ei che volea dir lo muto; e per`o non attese mia dimanda, ma disse: “Parla, e sie breve e arguto.”  4 Wherefore I turned me to my counsel sage. Well knew he what the mute one wished to say, And therefore waited not for my demand, But said: “Speak, and be brief, and to the point.”  5 The joint development and elaboration of innovative ideas and questions in dialog, albeit always on an equal footing, has also had a profound impact on our academic work as students of Maria Selig. We learned from Maria Selig that if one wishes to raise and discuss new questions, it is best to do so in a concise and meaningful way (‘breve e arguto’) - this allows for a more differentiated and detailed answer. With this commemorative publication, we would like to focus on the first part of this process: the raising of new questions and ideas as an occasion and starting point for in-depth scientific dialog and research. With this in mind, this publication consists of a total of 50 short scientific articles, socalled ‘squibs’. These are concise contributions that present and discuss research questions in a succinct and illustrative manner by presenting new data or hypotheses, highlighting shortcomings in an established theory or analysis, or drawing attention to a previously overlooked linguistic phenomenon or a theoretically unexpected observation. A squib differs from an elaborated scientific article in that the observations, hypotheses or questions it raises must 18 Laura Linzmeier, Evelyn Wiesinger & Alexander M. Teixeira Kalkhoff <?page no="19"?> be of sufficient interest for research, but no complete analysis or fully developed answer can or must (yet) be offered for them. The squib format of this commemorative publication also makes it possible to recognize the full range of Maria Selig’s research interests and her interdiscipli‐ nary and international network and has given all those who have accompanied Maria Selig’s academic career, whether as teachers, colleagues or students, the opportunity to contribute to it. The squibs collected here, written by over 50 researchers from the fields of linguistics, philology and history, are located in the various thematic fields that reflect Maria Selig’s wide-ranging research interests and subjects. They range from (late) Latin, the older language stages of the Romance languages, the history of language and philosophy to the classical linguistic fields of phonetics, phonology and prosody, morphology and syntax, discourse analysis and pragmatics, as well as the diverse connections between society and language. Maria Selig’s impressive academic career, during which she built up her interests and contacts, can only be outlined here in its most important key data. Maria Selig was born on 2 nd April, 1959 in Germersheim am Rhein. In 1977, she began studying Romance and Classical Philology at the University of Würzburg. After a year of study in Rennes (France), she continued her studies at the Universities of Freiburg i.Br. and Munich, where she also studied Medieval Latin Philology. In 1984, she passed her first state examination in French and Latin. From 1984 to 1987, Maria Selig wrote her dissertation in the context of the Sonderforschungsbereich 321 Übergänge und Spannungsfelder zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit [Collaborative Research Center 321 Transitions and Fields of Tension between Orality and Literacy] at the University of Freiburg i.Br. In 1987, she earned her doctorate with the thesis Die Entwicklung der Nominaldeterminanten im Spätlatein: Romanischer Sprachwandel und lateinische Schriftlichkeit [The development of nominal determiners in Late Latin: Romance language change and Latin literacy] (published in 1992 by Narr Tübingen). From 1988 to 1994 she was a university assistant at the Chair of Romance Linguistics of her Freiburg mentor Wolfgang Raible (1939-2024). In 1995, she completed her habilitation with the thesis Volkssprachliche Schriftlichkeit im Mittelalter: Die Genese der altokzitanischen Schriftkultur [Vernacular Writing in the Middle Ages: The Genesis of Old Occitan Writing Culture]. In 1996, at the age of just 37, Maria Selig was offered a C4 professorship for Romance Linguistics (French) at the Humboldt University in Berlin. In 2003, she accepted an appointment to the Chair of French and Italian Linguistics at the University of Regensburg. Einleitung - Introduction 19 <?page no="20"?> From 2008 to 2012, she was chairwoman of the German Italianists’ Asso‐ ciation. She has been a full member of the Bavarian Academy of Sciences and Humanities since 2009 and was a member of the DFG Review Board for Linguistics from 2016 to 2024. From 2023 to 2025, she was Dean of the Faculty of Linguistics, Literature and Cultural Studies at the University of Regensburg. In addition to other research projects and research collaborations in Germany and abroad, she was head of the academy project Altokzitanisches Wörterbuch [Old Occitan dictionary] of the Bavarian Academy of Sciences and Humanities from 2012 to 2021. From 2015 to 2018, she was a project partner in the DFG- ANR-funded project Le passage du latin au français [The transition from Latin to French] (PaLaFra) at the Universities of Lille and Regensburg and the École Normale Supérieure Lyon. From 2017 to 2025, she was deputy spokesperson of the Regensburg Research Training Group 2337 Metropolität in der Vormoderne [Metropolitanism in the pre-modern era]. Since 2022, together with colleagues in Heidelberg, Mainz and Saarbrücken, she has been leading the long-term interacademic project ALMA. Sprachdatenbasierte Modellierung von Wissensnetzen in der mittelalterlichen Romania [ALMA. Language data-based modeling of knowledge networks in the Romance cultural sphere of the Middle Ages]. Her publications deal with the medieval language history of French, Occitan and Italian, with the transition from Latin to the Romance languages and with research into orality and literacy. She has also worked on phonology and prosody, construction grammar and the history of Romance studies. May the squibs presented in this publication lead to a fruitful exchange of academic ideas, collaborations and insights in Romance Studies and beyond, in line with Maria Selig’s wide-ranging research interests! 20 Laura Linzmeier, Evelyn Wiesinger & Alexander M. Teixeira Kalkhoff <?page no="21"?> Latein und Spätlatein <?page no="23"?> 1 http: / / www.fh-augsburg.de/ ~harsch/ LegesXII/ leg_text.html. Congiuntivo presente e futurum exactum nelle subordinate condizionali in latino - dalla concorrenza alla differenziazzione micro-tipologica Martin Becker (Köln) 1 Introduzione Il mio contributo in onore di Maria Selig, analizza una costruzione tempo-modale interessante nell’ambito delle subordinate condizionali in latino che si mani‐ festerà poi come differenziazione micro-tipologica nelle lingue romanze. Più precisamente, troviamo la co-presenza tanto del congiuntivo presente quanto del futuro composto nella protasi delle subordinate condizionali nei testi tardolatini, e in particolare nella traduzione di San Girolamo della Bibbia. Mentre il tempo presente, come elemento essenziale del sistema delle subordinate condizionali latine, ha il suo posto fisso nella descrizione grammaticale del latino (cf. Bertocchi/ Maraldi 2011: 104; Magni 2010: 253; Rubenbauer/ Hofmann 10 1977: 312), non è tanto così per il tempo futuro composto, sebbene sia caratterizzato da due peculiarità cospicue: In primo luogo, la forma perde il suo tratto perfettivo in questo contesto, come già evidenziano le disposizioni giuridiche delle Leggi delle Dodici Tavole (VIII, §21): (1) Patronus si clienti fraudem fecerit, sacer esto. (‹Se un patrono froda un cliente, sia maledetto›) (Biblioteca Augustana) 1 In secondo luogo, il futurum exactum è rianalizzato come congiuntivo futuro, come testimonia chiaramente la grammaticografia tardo-antica. Sia Donato che Carisio, nelle loro rispettive trattazioni sistematiche della morfologia verbale latina, assegnano le forme del futuro composto al paradigma del congiuntivo (cf. Keil 1857-1880: 169 e vol.4: 360). <?page no="24"?> Dopo una breve introduzione all’analisi delle subordinate condizionali in genere e alcuni cenni al sistema delle subordinate condizionali nel latino classico (cap. 2), passerò all’impiego e alla concorrenza del congiuntivo presente nonché del futurum exactum nella Vulgata (cap. 3). Nel cap. 4 presenterò alcuni aspetti della differenziazione dell’impiego delle due forme verbali nelle lingue romanze e formulerò brevemente le mie considerazioni conclusive. 2 Le condizionali nel sistema del latino classico Il periodo ipotetico è costituito dall’apodosi, che contiene la predicazione principale, e dalla protasi, che funge da restrittore di dominio di predicazione. Il restrittore di dominio determina i mondi possibili per i quali si afferma la validità della proposizione principale. Nel quadro dello schema tripartito proposto da Partee (1991 sqq.), si assume anche un operatore di quantificazione che, però, rimane di solito implicito. Il modo della protasi svolge un ruolo fon‐ damentale segnalando quali siano i mondi possibili rilevanti per la valutazione della predicazione principale. Le descrizioni di riferimento (Bertocchi/ Maraldi 2011: 101-108; Magni 2010: 253-256; Rubenbauer/ Hofmann 10 1977: 311-316) distinguono schematicamente tre domini di mondi possibili fondamentali per il latino classico, vale a dire: Il modo indicativo nella protasi considera mondi incentrati sul mondo reale (condizionale realis) e si riferisce a fatti già stabiliti oppure a ipotesi realistiche basate su uno sfondo comune come in (2): (2) si uincimus, omnia nobis tuta erunt (Sall. Catil. 58,9 apud Bertocchi/ Maraldi 2011: 102) (‹Se vinciamo, la sicurezza sarà nostra›) Il congiuntivo presente nella protasi presenta una proposizione come puramente ipotetica (condizionale potentialis), il cui contenuto si situa in mondi possibili indipendenti dal mondo reale - vedi l’esempio (3): (3) Si quid scriptum sit obscure, de re dubites. (Rubenbauer/ Hofmann 10 1977: 312) (‹se una cosa è scritta in modo oscuro, si può anche metterla in dubbio›) Il congiuntivo del passato (l’imperfetto e piuccheperfetto) introduce una con‐ dizione controfattuale nella protasi (condizionale irrealis). Lo stato di cose descritto p si oppone a quello che si verifica nel mondo reale. In (4), la protasi pone p benché non-p sia il caso: (4) diuitias nego bonum esse: nam si essent, bonos facerent (Sen. dial. 7,24,5, apud Bertocchi/ Maraldi 2011: 105) (‹Nego che le ricchezze siano un bene, perché se lo fossero, renderebbero gli uomini buoni›) 24 Martin Becker <?page no="25"?> Ora, colpisce la presenza molto frequente della forma del futuro composto (del futurum exactum «cantavero») nelle subordinate condizionali della Vulgata - in altre parole: spicca la promozione della forma del futuro composto nella tarda antichità che passa da una posizione marginale al centro del sistema condizionale ed entra in una forte competizione con il congiuntivo presente. 3 La concorrenza tra congiuntivo presente e futurum exactum nella Vulgata Per illustrare il rapporto tra il congiuntivo presente e il futuro exactum pre‐ sentiamo tre brani testuali caratteristici tratti dalla Vulgata. Le due forme concorrenti appaiono tipicamente nel quadro di una casistica che prende in considerazione le conseguenze di diverse eventualità. Nel primo contesto, nel quale l’apostolo Paolo discute casi equivalenti, si evidenzia una chiara sovrapposizione semantica. Sebbene tutti i casi ipotetici si collochino sullo stesso livello - sono dei doni e delle buone azioni -, l’autore varia tra il congiuntivo presente e il futurum exactum: (5) 13: 1 si linguis hominum loquar et angelorum caritatem autem non habeam fac‐ tus sum velut aes sonans aut cymbalum tinniens 13: 2 et si habuero prophetiam et noverim mysteria omnia et omnem scientiam […]. 13: 3 et si distribuero in cibos pauperum omnes facultates meas […] (Vulgata, Corinthios I, 13: 2 ss.) (‹ 1 Se parlassi le lingue degli uomini e degli angeli, ma non avessi la carità, sarei come bronzo che rimbomba o come cimbalo che strepita. 2 E se avessi il dono della profezia, se conoscessi tutti i misteri e avessi tutta la conoscenza, […]. 3 E se anche distribuissi tutte le mie sostanze […]›)-(Bibbia, CEI 2008, https: / / www.bi bbiaedu.it/ CEI2008/ ) Nel secondo tipo di contesto si può osservare una leggera differenziazione fra i casi presi in considerazione nel quadro di una casistica: il congiuntivo presente evoca regole o conoscenze piuttosto generali (la relazione causale tra contenziosi e disintegrazione delle comunità pubbliche e private), mentre il futurum exactum si riferisce a un caso isolato ed eccezionale: (6) 3: 24 […] et si regnum in se dividatur non potest stare regnum illud 3: 25 et si domus super semet ipsam dispertiatur non poterit domus illa stare 3: 26 et si Satanas consurrexit in semet ipsum dispertius est et non potest stare […] (Vulgata, Marco, 3: 24 s.) (‹ 24- Se un regno è diviso in parti contrarie, quel regno non può reggere. 25 Se una casa è divisa in parti contrarie, quella casa non potrà reggere. 26- Se dunque Satana insorge contro se stesso ed è diviso, non può reggere, ma deve finire›, Bibbia, CEI 2008) Congiuntivo presente e futurum exactum nelle subordinate condizionali in latino 25 <?page no="26"?> Nel terzo tipo di contesto, tuttavia, il futurum exactum possiede uno statuto esclusivo: l’esempio (7) presenta una promessa profetica (ossia uno stato di cose ambientato in un futuro ipotetico) che viene pronunciata in vista di un’immaginaria apocalisse: (7) ecce sto ad ostium et pulso si quis audi(v)erit vocem meam et aperuerit januam introibo ad illum et cenabo cum illo et ipse mecum. (Vulgata, Apocalypsis, 3: 20 s.) (‹ 20 Ecco, sto alla porta e busso. Se qualcuno ascolta la mia voce e mi apre la porta, io verrò da lui, cenerò con lui ed egli con me›, Bibbia, CEI 2008)- Per riassumere, possiamo constatare che tutte e due le forme verbali rinviano a mondi puramente ipotetici che non hanno nessuna relazione con il mondo reale e possono pertanto ricorrere come varianti in un medesimo contesto casistico. Il futurum exactum può tuttavia assumere un valore semantico specializzato, riferendosi a mondi futuri al di là di quelli più prevedibili, ed è quindi adatto anche in contesti di profezia. 4 Differenziazione micro-tipologica e conclusione La parziale sovrapposizione semantica fra il congiuntivo presente e il futurum exactum porta a una differenziazione micro-tipologica nelle subordinate condi‐ zionali delle lingue romanze. Nelle fasi linguistiche più antiche osserviamo un contrasto di forma tra aree periferiche e centrali. Nell’italiano antico, infatti, il congiuntivo presente sopravvive fino al Cinquecento, come dimostrano gli esempi reperibili nel corpus LIZ di autori quali Dante, Boccaccio e Alberti (fra altri). Citiamo un esempio tratto da Mazzoleni (2010: 1026): (8) Et ella rispuose: «Perché se ciò sia, noi staremo in lungo riposo». (Novellino, 84, 31-32) Piuttosto eccezionale, ma ancora possibile, è anche l’impiego del congiuntivo presente nel francese antico, come dimostra l’esempio seguente: (9) […] par cui soiez vus ja rescos / se moi n’en prenge pite de vus (mystère d’Adam, 509s.) (‹a cui potete essere già salvati, se non ho pietà di voi›) Notiamo il fatto ben noto che il congiuntivo presente è scomparso nelle due lingue moderne dalle costruzioni ipotetiche. D’altro canto, il futurum exactum, rianalizzato come congiuntivo futuro, si è conservato fino a oggi in portoghese, con uno statuto più precario anche in galego, ed è persino documentato nel dacoromeno fino al secolo XVI (cf. Rosetti 1968: 153). Illustriamo la sopravvivenza 26 Martin Becker <?page no="27"?> della forma con un esempio tratto dal più antico testo dello spagnolo (che presenta una storia più complessa del congiuntivo futuro): (10) si yo algun dia visquiero, seervos han doblados (Cid I, 251) (‹Se vivrò ancora a lungo, vi saranno raddoppiati›) Per concludere, la concorrenza fra le due forme verbali in latino (in particolare, nel latino tardo) si è dissolta in una differenziazione micro-tipologica areale nelle fasi linguistiche più antiche delle lingue romanze. Alla fine dello sviluppo, tuttavia, il congiuntivo presente è completamente scomparso dal sistema delle frasi condizionali e il congiuntivo futuro è riuscito a difendere la sua vitalità solo in portoghese. Bibliografia Bertocchi, Alessandra/ Maraldi, Mirka (2011). Conditionals and concessives. In: Baldi, Philip/ Cuzzolin, Pierluigi (a cura di). New Perspectives on Historical Latin Syntax. Vol. 4. Berlin/ Boston: De Gruyter, 93-194. Keil, Heinrich (a cura di) (1857-1880). Grammatici Latini. Vol. 8. Leipzig: Teubner. Magni, Elisabetta (2010). Mood and Modality. In: Baldi, Philip/ Cuzzolin, Pierluigi (a cura di). New Perspectives on Historical Latin Syntax. Vol. 2. Berlin/ Boston: De Gruyter, 193-275. Mazzoleni, Marco (2010). XXVII.3 I Frasi subordinate avverbiali - costrutti condizionali. In: Salvi, Giampaolo (a cura di). Grammatica dell’italiano antico. Vol. 2. Bologna: Il Mulino, 1014-1043. Rosetti, Alexandru (1968). Istoria limbii române: de la origini până în secolul al XVII-lea. Bucureşti: Editura pentru literatură. Rubenbauer, Hans/ Hofmann, Johann B. ( 10 1977). Lateinische Grammatik. Neu bearbeitet von Heine, Rolf. Bamberg/ München: Buchners/ Lindauer/ Oldenburg. Partee, Barbara (1991). Topic, Focus, and Quantification. In: SALT I Proceedings. Cornell University: DMLL Publications, 159-189. Congiuntivo presente e futurum exactum nelle subordinate condizionali in latino 27 <?page no="29"?> Ipse-: entre anaphore et marquage de la définitude Céline Guillot-Barbance (Lyon) & Anne Carlier (Paris) Introduction Les quelques pistes de recherche présentées ici s’appuient sur un programme de recherche qui doit beaucoup à Maria Selig, le projet ANR-DFG Passage du Latin au Français, dont l’objectif est de documenter et d’étudier la période charnière entre la latinité tardive et les tout débuts du français (VI e -IX e siècles). On sait que l’un des aspects majeurs de la transition du latin au français est l’émergence de l’article défini et du paradigme des déterminants du nom. Or, dans le cadre de sa magistrale thèse de doctorat publiée sous forme de monographie sous le titre Die Entwicklung der Nominaldeterminanten im Spätlatein. Romanischer Sprachwandel und lateinische Schriftlichkeit (1992), Maria Selig insiste sur le rôle important joué par I P S E dans ce processus. Notre contribution examine les emplois de I P S E dans le corpus PALAFRALAT-V2-0, à la lumière de certaines des hypothèses avancées dans cet ouvrage et dans le contexte de l’émergence du marquage de la définitude en français. 1 Fréquence de IPSE L’importance accordée à I P S E dans le cadre d’une étude du développement de la détermination nominale en latin tardif est tout à fait justifiée au vu de sa montée de fréquence par rapport au latin classique (Carlier 2018 ; Selig 1992). Pour le latin tardif, l’évolution diachronique mesurée par siècle est négligeable : 531 occurrences (soit 0,7% des tokens) au VI e siècle, 1047 occurrences (0,8%) au VII e siècle, 989 occurrences (0,9%) au VIII e siècle et 792 occurrences (0,9%) au IX e siècle. En revanche, des variations importantes se manifestent selon les genres. I P S E est suremployé dans les chartes (3,1% des tokens) et dans une moindre mesure dans les formulaires (1,4%), alors qu’il est plus rare dans les œuvres narratives du corpus (0,6% des tokens dans l’hagiographie et l’historiographie). Nos observations corroborent celles de M. Selig (1992), qui avance que la <?page no="30"?> présence accrue de I P S E dans les textes juridiques peut s’expliquer par l’exigence de précision référentielle qui caractérise ces documents. 2 IPSE et catégorisation morphosyntaxique Comme le font remarquer Pieroni (2007) et Pinkster (2015 : 1156), I P S E en latin classique semble défier la catégorisation morphosyntaxique : tout en étant souvent regroupé avec HI C , I S T E , IL L E , I S et ID E M , il n’est ni un pronom démonstratif ni un pronom anaphorique, puisqu’il peut se combiner avec les items de ces deux catégories au sein du même syntagme nominal et n’appartient donc pas aux mêmes paradigmes. De telles cooccurrences sont encore attestées en latin tardif (ipsi illi de hac causa contra ipso illo conpascere deberit, Formulae Andecavenses, p. 8). Par ailleurs, contrairement à HI C , I S T E et IL L E , I P S E n’est pas ancré par rapport à la personne, mais il peut se rapporter aux pronoms de la 1 re et de la 2 e personne, sa référence à la 3 e personne étant sa valeur par défaut (Pieroni 2007 : 153). Cette absence d’ancrage s’observe également en latin tardif (si nos ipsi aut eredis seu propinquis nostris aut militans extraneas personas, Formulae Andecavenses, p.-37). Dans les travaux typologiques, I P S E est identifié comme un intensifieur (König 2001 ; König/ Gast 2006), ayant pour sens de renforcer l’identité de l’élément auquel il se rapporte. La typologie des emplois s’appuie en premier lieu sur les propriétés syntaxiques, en distinguant un emploi adnominal (par ex. Le directeur lui-même a accueilli les manifestants), où l’intensifieur peut être glosé comme ‘en personne’, et un emploi adverbial, caractérisant l’agent et son implication dans le procès verbal (par ex. Le directeur a acheté lui-même les fleurs pour sa secrétaire), où l’intensifieur peut être glosé par ‘par X-même, sans aide externe’. Voici un exemple de la deuxième acception, explicitée par l’ajout de per sese-: (1) Deinde cum mens moveatur ipse per sese (Cic. Ac. 2.48, cité par Pinkster 2015 : 1154) Ensuite, puisque l’esprit est capable de se déplacer entièrement lui-même Comme le montrent Pieroni (2007) et Pinkster (2015 : 1151), l’emploi dit ‘adnominal’ peut se rapporter à un nom, un groupe nominal, un pronom, voire une relative substantive ou un élément Ø, faisant référence à une entité repérable à partir du contexte. Notre examen du corpus PALAFRALAT montre qu’en latin tardif I P S E est plus fréquent dans la fonction de déterminant nominal, en conformité avec les observations de Selig (1992 : 158). L’analyse de la partie 30 Céline Guillot-Barbance & Anne Carlier <?page no="31"?> 1 Le corpus est annoté en lemmes et parties du discours mais cette annotation n’a été vérifiée que dans une sélection de textes. Dans la suite de cet article, on s’appuiera toujours sur les textes vérifiés. 2 Dans la typologie de König/ Gast (2005), l’opposition entre interprétations inclusive et exclusive est considérée comme cantonnée à l’emploi adverbial. Les exemples (2) et (3) montrent toutefois qu’elle se manifeste aussi dans l’emploi adnominal. vérifiée du corpus 1 montre qu’il est adnominal dans 62 % de ses occurrences. De ce point de vue, I P S E s’oppose à IL L E (35 %) et se rapproche de I S T E (66 %) et de ID E M (80- %). Si on compare sa fréquence relative avec celle des différents déterminants démonstratifs et anaphoriques, c’est à nouveau I P S E qui domine (28 % des déterminants), tout en étant suivi de près par I S (26 %, la fréquence élevée s’expliquant en partie par les emplois au génitif à valeur possessive qui ont été annotés comme adjectifs possessifs), alors que IL L E est bien plus rare (16 %). Dans les emplois pronominaux, la situation s’inverse : IL L E (23 %) est plus fréquent que I P S E (13-%). Comme le fait remarquer aussi Hertzenberg (2015), IL L E et I P S E sont toutefois bien moins employés comme pronoms que l’anaphorique I S (44-%). Celui-ci reste le pronom non marqué en latin tardif, en particulier en fonction objet. En fonction sujet, on peut faire l’hypothèse que le pronom zéro reste la forme par défaut l’expression du sujet sous forme de pronom marquant une mise en saillance du sujet. La montée en fréquence de I P S E entre le latin classique et le latin tardif, ainsi que la prédominance de son emploi comme déterminant nominal tendent à cor‐ roborer l’hypothèse couramment admise d’un début de grammaticalisation en article défini (Aebischer 1948 ; Cristol 1994). Aussi allons-nous restreindre nos observations dans la section suivante à I P S E en tant que déterminant nominal, en répondant à une double question : comment concevoir cette grammaticalisation de I P S E et quels sont les emplois de I P S E qui peuvent être considérés comme précurseurs de ce processus-? 3 Propriétés pragma-sémantiques de IPSE En insistant sur l’identité de l’élément auquel il se rapporte, I P S E présuppose un ensemble de référents possibles parmi lequel l’élément X est repéré comme étant le référent pertinent. Comme le précise notamment Bertocchi (2000), deux acceptions sont possibles en latin classique : I P S E peut identifier un référent en incluant ces autres référents (‘parmi tous les référents possibles, même/ aussi X’, voir (2)), ou en les excluant (‘parmi tous les référents possibles, uniquement X’, voir (3)). 2 Ipse-: entre anaphore et marquage de la définitude 31 <?page no="32"?> (2) A multis uirtus ipsa contemnitur (Cic. Phil.5.19, cité par Bertocchi 2000 : 20) Même la vertu est méprisée par beaucoup de gens. (3) Milonem occisum et ex ipso Clodio audirent (Cic. Mil.29, cité par Bertocchi 2000 : 25) Ils apprirent la mort de Milon par la bouche de Claude lui-même. Dans les deux interprétations, I P S E , en renchérissant sur l’identité du référent, présente celui-ci comme inattendu, soit, dans le cas de (2), ‘d’autres choses que la vertu peuvent être méprisées, mais de toutes, la vertu est la moins attendue’, ou, dans le cas de (3), ‘de lui et de personne d’autre, même si cela est inattendu’. Dans notre corpus, I P S E est surtout utilisé dans le sens exclusif, qu’on peut gloser dans l’exemple (4) par ‘en personne’. (4) Eo anno uxor Anaulfi imperatores Persarum nomen Caesara uirum relinquens, cum quattuor pueris totidem puellis ad beatum Iohannem episcopum Constantinopule ueniens, se unam esse de populo dixit et baptismi gratiam ad antedictum beatum Johannem expetit. Cumque ab ipso pontifice fuisset baptizatus, agusta Maurici imperatores ea de sancto suscepit lauacro (Frédégaire, Livre 4, p.-125-126, §-9) - En cette année, Césarée, épouse d’Anauld, empereur de Perse, quitta son mari et vint avec quatre serviteurs et quatre servantes chez le bienheureux Jean, évêque de Constantinople. Elle déclara qu’elle était une personne privée et pria le bienheureux Jean de la baptiser. Elle fut baptisée par l’évêque en personne, et l’illustre épouse de l’empereur Maurice fut sa marraine. À partir du sens exclusif, I P S E se grammaticalise en un marqueur d’anaphore. L’effet pragmatique d’inattendu peut parfois encore être observé, comme dans ce passage où l’un des protagonistes, après avoir promis sa loyauté à son beaupère, tue cette même personne-: (5) Inde egressus Crisceco uilla ueniens in Pontio, Leudesio sub dolo fidem promitti se simulans fefellit, facto placito ut coniuracione facta cum pacae discederint. Sed Ebroinus fallaciter agens ut solebat, conpatri suo insidias praeparans ipsum Leudesium interficit-; […] (Continuationes,-p.169, § 2) - Ebroin quitta ensuite Baizieux et atteignit le domaine de Crécy dans le Ponthieu. Là, il trompa Leudesius en lui faisant la fausse promesse qu’ils se rencontreraient et, après avoir échangé des serments de fidélité, se quitteraient en amis. Mais, comme à l’accoutumée, Ebroïn agit par traîtrise. Il tendit une embuscade à son parrain et tua ce même Leudesius. - Dans l’exemple (6), l’emploi de I P S E a le rôle plus neutre de maintenir la chaîne référentielle dans un contexte où sont introduits plusieurs protagonistes. Le 32 Céline Guillot-Barbance & Anne Carlier <?page no="33"?> premier personnage mentionné, Barontus, fait l’objet de plusieurs anaphores Ø, puis apparaissent son fils Aglioaldus et le diacre Eudo. La coprésence sur scène de plusieurs protagonistes provoque l’usage des expressions anaphoriques renforcées ipse puer et ipse frater. L’emploi d’une détermination explicite en cas de concurrence de plusieurs protagonistes est courant dès le latin classique (Pinkster-1996-: 144). (6) Frater quidam nobilis progenie, Barontus nomen, nuper conversus pervenit ad monachatus ordinem. Qui cum matutinis laudibus deo reddidisset in ecclesia cum fratribus devote, mox ut ad lectum suum redivit, repente febre correbtus, ad extremum funere deductus, coepit magnis doloribus exagitare filium que suum nomine Aglioaldo vocare, ut cum summa festinatione ad Eodonem diaconem deberet ambulare, et eum pro fraterno amore veniret visitare. Tunc ipse puer coepit cum eiulato magno currere et vocato fratre secum adducere. Ad ubi ipse frater in eadem domum intravit, in qua eger Barontus iacebat, coepit eum bis terque appellare-; (Visio Barontis, p.-377-378, §1) - Un certain frère, nommé Barontus, d’origine noble, était entré depuis peu dans l’ordre monastique. Après avoir pieusement loué Dieu à Matines dans l’église avec ses frères, il retourna à son lit et fut pris de fièvre et réduit à la dernière extrémité. Il se mit à appeler avec angoisse son fils Aglioaldus, lui demandant d’aller immédiatement chercher le diacre Eudo et de l’amener à son secours. Ce même garçon [=son fils] partit en courant, en poussant de grands cris, et ramena le frère. Mais quand ce même frère [= Eudo] entra dans la cellule où Barontus était malade, il se mit à l’appeler par son nom, deux et trois fois.’ Il arrive aussi que I P S E soit utilisé sans qu’un risque d’ambiguïté motive son emploi. Dans l’exemple (7) tiré des Continuations de la Chronique des Temps mérovingiens, il n’y a qu’un seul roi en scène, et pourtant les liens anaphoriques sont marqués par I P S E , parfois en combinaison avec les marqueurs P R A E DI C T U S / P R A E F AT U S . (7) Rex Pippinus Christo propitio com magno triumpho iterum ad Renum ad castro cuius nomen est Bonna veniens. dum haec ageretur, nuntius veniens ad praefato rege ex partibus Burgundie, quod germanus ipsius rege nomine Gripho, […], ad Theudoeno comite Viennense seu et Frederico Ultraiurano comite, dum partibus Langobardie peteret et insidias contra ipso praedicto rege pararet, Maurienna urbem super fluvium Arboris interfectus est […]. Per Ardinna silva ipse rex veniens, et Theudone villa publica super Mosella resedisset, […]. (Chroniques des Temps mérovingiens, Continuationes, p.-182-183, §35-36) - Le roi Pépin, sous les auspices du Christ, rejoint de nouveau en grand triomphe le Rhin, au fort dont le nom est Bonn. Tandis que cela se passait, un messager vint auprès dudit roi depuis la Bourgogne, annonçant que le frère du même roi, Ipse-: entre anaphore et marquage de la définitude 33 <?page no="34"?> nommé Griffo, […], a été tué dans la ville de St-Jean-de-Maurienne, sur l’Arc, par Théodeonus, comte de Vienne, et Fréderic, comte d’outre-Jura, alors qu’il gagnait la Lombardie et ourdissait un complot contre ledit roi […]. Ce même roi traversa la forêt des Ardennes et se fixa au domaine royal de Diedenhofen, sur la Moselle. Cet emploi répété de I P S E est fréquent en particulier pour évoquer des person‐ nages importants, par exemple des rois ou des saints, et il leur confère une proéminence discursive. Ces référents principaux étant ceux autour desquels le texte s’organise, le surmarquage de la continuité référentielle, caractéristique du latin tardif, semble alors avoir pour fonction de renforcer la continuité narrative et/ ou discursive. Nous procéderons à présent à l’examen de deux autres paramètres ayant un rapport avec la proéminence discursive : les fonctions syntaxiques et les propriétés lexicales du nom déterminé par I P S E quantifiées respectivement dans les figures 1 et 2. 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100% HIC ISTE ILLE IS IPSE IDEM Nominatif Accusatif Génitif Datif Abl./ Obl. Fig. 1-: Distribution des emplois déterminants selon les cas 34 Céline Guillot-Barbance & Anne Carlier <?page no="35"?> 0% 20% 40% 60% 80% 100% Hum Temps Spatial Spatio-Temp HIC ISTE ILLE IS IPSE IDEM Fig. 2-: Distribution des emplois déterminants selon les types de noms La Figure 1 fait ressortir le profil spécifique de I P S E selon les cas utilisés : sa fréquence est élevée au nominatif (29 %), ce qui le rapproche de I S T E et de IL L E , et à l’ablatif (35 %), où il n’atteint toutefois pas la fréquence de ID E M . Ces résultats peuvent paraître de prime abord étonnants, quand on les met en perspective avec la hiérarchie de l’accessibilité reflétée dans les fonctions syntaxiques. Depuis les travaux de Keenan/ Comrie (1977), il est bien connu que la fonction sujet associée au nominatif est la position la plus accessible et la plus saillante, alors que la position oblique, associée à l’ablatif, est plutôt en bas de cette échelle : sujet > objet direct > objet indirect > oblique > génitif, et I P S E semble couvrir ces deux pôles du point de vue du lexique nominal. La fonction sujet au nominatif étant souvent associée à des noms d’humains, alors que l’ablatif fait plutôt intervenir des indications spatio-temporelles, la Figure 2 met en relief la fréquence de I P S E auprès de noms humains (39%), et, dans une moindre mesure, en combinaison avec les noms ayant trait au temps et à l’espace (17%). Nous ferons ainsi l’hypothèse que I P S E exerce à la fois un rôle de repérage et un rôle de marqueur de saillance. Dans ce dernier rôle, il se rapproche de I S T E et IL L E , qui ont également une fréquence significative au nominatif et en combinaison avec des noms humains. Notre hypothèse est que la désémantisation qui va s’opérer dans ce contexte par la suite (et qui est déjà observée dans certains textes tardifs, comme les Continuations de la Chronique des Temps mérovingiens) Ipse-: entre anaphore et marquage de la définitude 35 <?page no="36"?> joue un rôle important dans l’émergence de l’article défini, où IL L E et I P S E entrent en compétition. En parallèle, I P S E assure un rôle de repérage référentiel, avec une fréquence comparable à l’ablatif à celle de HI C et inférieure à celle de ID E M , dont il semble devenir une variante assez proche (Fruyt 2010 : 4) (cf. *metipsimus > même). Notons que la Figure 2 montre une dissymétrie entre le temps et l’espace (9% vs 25%). Ce déséquilibre semble lié à la sémantique particulière de I P S E , qui souligne l’identité référentielle entre l’élément qu’il désigne et un objet discursif précédemment introduit dans le texte (ce qui le rapproche de S U P R ADI C T U S et des autres formes apparentées). Dans le domaine de l’espace, le nom déterminé par I P S E a le plus souvent un antécédent nominal exprimé dans le texte. Dans le domaine temporel, il est fréquent au contraire que les noms tels que tempus, dies ou saeculum n’aient pas été mentionnés auparavant. Avec ces noms temporels, I S et ID E M suffisent à marquer une relation anaphorique sans lien nécessaire avec un antécédent exprimé, l’arrière-plan temporel étant continûment saillant dans le cours d’un récit. Conclusion Les observations qui précèdent mettent en évidence la double fonction de I P S E en latin tardif-: • D’une part, I P S E insiste sur l’identité d’un référent discursif le plus souvent déjà établi dans le texte et dont le repérage nécessite un marqueur univoque. Son rôle d’anaphorique renforcé permet de comprendre pourquoi il est courant avec des indications spatio-temporelles et surtout de lieu, en particulier dans les textes narratifs. • D’autre part, I P S E met en relief le référent sur l’identité duquel il renchérit. Il s’associe de ce fait souvent avec des noms d’humains, surtout lorsque ceux-ci ont un statut politique, social ou religieux important, et ont de ce fait une saillance intrinsèque. Pour la même raison, il est utilisé souvent au nominatif, la position sujet correspondant à une forte saillance discursive. Dans ce contexte, I P S E renforce la continuité narrative tout en faisant ressortir les éléments qui sont au premier plan. Dans le cas des textes narratifs, ces éléments correspondent aux principaux référents humains. Dans le cas des textes juridiques, dans lesquels I P S E est particulièrement présent, il peut s’agir de référents variés mais dont l’identification est essentielle du fait de la fonction pragmatique du texte. 36 Céline Guillot-Barbance & Anne Carlier <?page no="37"?> Ainsi pourraient s’expliquer les usages apparemment divergents de I P S E en latin tardif, les noms d’humains étant caractérisés par une saillance intrinsèque, et les indications ayant trait au temps et plus encore à l’espace relevant plutôt de l’arrière-plan. Dans ce second cas, la présence de la détermination nominale n’est pas une innovation du latin tardif, elle s’observe dès le latin classique (Pinkster 1996) mais pas avec la même distribution des marques de détermination. Avec les référents saillants que ce soit intrinsèquement, par le référent désigné, ou en discours, à travers la fonction syntaxique, la détermination nominale devient au contraire plus fréquente en latin tardif, et la perte progressive de la valeur pragmatique de I P S E contribuera au marquage de la définitude sous forme d’article. Bibliographie Aebischer, Paul (1948). Contribution à la protohistoire des articles ille et ipse dans les langues romanes. Cultura neolatina 8, 181-203. Bertocchi, Alessandra (2000). Ipse as an intensifier. Papers on Grammar 5, 15-30. Bordal Hertzenberg, Mari Johanne (2015). Third Person Reference in Late Latin. Berlin : De Gruyter. Carlier, Anne (2018). Le système des démonstratifs en cours de restructuration en latin tardif : une séparation des rôles référentiel et pragmatique de la deixis. Langages 208, 29-52. Christol, Alain (1994). Ipse : articuloïde ou article dans la Peregrinatio ? Lalies 13, 143-153. König, Ekkehard (2001). Intensifiers and reflexives. In : Haspelmath, Martin/ König, Ekkehard/ Oesterreicher, Wulf (éds). Language Typology and Language Universals-: An International Handbook of Contemporary Research. Berlin-: Mouton, 747-760. König, Ekkehard/ Gast, Volker (2006). Focused assertion of identity-: A typology of intensifiers. Linguistic Typology 10, 223-276. Fruyt, Michèle (2010). Le système des lexèmes déictiques et endophoriques en latin et son évolution. Revue de Linguistique Latine du Centre Alfred Ernout (De Lingua Latina) 5. Accès en ligne https: / / hal.sorbonne-universite.fr/ hal-03485936/ document (dernière consultation 24.04.2024). Keenan, Edward/ Comrie, Bern (1977). Noun phrase accessibility and universal grammar. Linguistic inquiry 8, 63-99. Pieroni, Silvia (2007). Ipse-: relationships with grammatical functions and person. In-: Purnelle, Gérald/ Denooz, Joseph (éds.). Ordre et cohérence en latin. Genève-: Droz, 153-163. Pinkster, Harm (2015). Oxford Latin Syntax, vol. 1-: The Simple Clause. Oxford-: Oxford University Press. Ipse-: entre anaphore et marquage de la définitude 37 <?page no="38"?> Pinkster, Harm (1996). Maria Selig, Die Entwicklung der Nominaldeterminanten im Spätlatein, 1992 (Book Review). Mittellateinisches Jahrbuch 31 (2), 143-149. Selig, Maria (1992). Die Entwicklung der Nominaldeterminanten im Spätlatein. Romani‐ scher Sprachwandel und lateinische Schriftlichkeit. Tübingen-: Narr. 38 Céline Guillot-Barbance & Anne Carlier <?page no="39"?> What the language of papyri can tell the linguist Pierluigi Cuzzolin (London) 1 Preliminaries on papyri It is a pleasure to devote to Maria Selig some thoughts on late Latin, a topic to which she has contributed so much over the last thirty years. What follows is my attempt to reward her for what she has done for the community of linguists, not only those who investigate late Latin texts. In recent years papyri have gained the attention of the linguists, even more than in the previous decades. As a type of document, they are unique in that they show characteristics almost exclusively peculiar to them, not only as writing material but also for the different varieties of languages they record. In this short contribution I want to focus on the so-called Italian Papyri. What is highly interesting is, among other things, the code mixing they exhibit, associated with an extremely varied morphosyntax of Latin. In addition, the language of papyri is an extraordinary example of languages in contact. The issue that I want to deal with in the present paper is how a linguist has to analyse what could be, at least at first sight, a wrong Latin and what conclusions a linguist is allowed to draw from that analysis. 2 The Latin of the Italian Papyri Between 1955 and 1982, Jan-Olof Tjäder masterfully edited 59 papyri, almost all from Ravenna. An excellent technical description of these papyri, i.e. the material, the writing adopted etc. was offered by the editor himself (Tjäder 1955-1982). Many papyri are in very bad conditions and the texts they preserve are frequently fragmentary and difficult to restore. As an example, a short section of the papyrus nr. 37 is reproduced. The papyrus nr. 37 is a sales contract (Kaufvertrag according to Tjäder’s classification of the papyri), preserved in satisfactory conditions, stipulated on the 10th of March 591, and drawn up in classe Ravenna, in which the femina honesta <?page no="40"?> Rusticiana, together with her husband Tzittane, her guarantor, sold to the vir clarissimus Johannes six twelfths of the fundus Genecianus located in the territory of Rimini. Here is an example of the problems the linguist faces when analyzing such texts. Below there are the testimonies of two witnesses that guarantee that the contract was legal and the procedure was correct and valid: 73 Domninos v(ir) c(larissimus), exepodecta, his instrumentis sex in intigro unciarum fundi [Geneciani, si- 74 cut superius legetor, rogatus a Rusticiana h(onesta) f(emina), vindetricae, eiusque iugale Tzit- 75 tane v(iro) d(evoto), autore et ispontaneo fideiusure, qui me presente signa fecerunt, et eis 76 relictum est, testis subscripsi, et s(upra)s(cripto) pretio auri soledos viginti quattuor eis in 77 presenti a Johanne v(iro) c(larissimo), cumparatore, adnumeratus et traditus vidi 78 Πακειφικος β.h. εις εστορμεντις σεξ εν ιντριγρο ουνκειαρουμ φουνδι Γενεκειαν̣[ι], 79 σικοτ σουπεριως λεγιτορ, ρογατος α σσ. Ρουστικειανα h.φ., βενδετρικαι, ειουσ- 80 καε ιουγαλη Κειτανε β.δ., αυτουρε εδ εσποντανεω φεδιιουσσουρε, κοε 81 με πρεσεντε σιγνα φεικαερουμ, εδ εεις ρελικτο εσ, τεστις σουσκριψι, 82 ετ σουπραεσκριπτο πρεκειω αυρι σολιδος βειεντι καυτουρ εεις εν πρε- 83 σιντι Ιωαννε b.κ., κονπαρατωρε, ατνομιρατος ετ τραδιτος βειδι At first sight the major difference between the two testimonies concerns the different alphabet used: the first witness, Domninos, writes his Latin using the Latin alphabet, whereas the second witness, Πακειφικος, writes down his Latin using the Greek alphabet (on the use of Greek alphabet in the papyri see Schoolman 2019). However, what is crucial for the correct analysis of this text is the fact that Domninos is a v.c. i.e. v(ir) c(larissimus), while Πακειφικος is a β.h., i.e. a v(ir) h(onestus). It is also noteworthy that, since the Greek phonological system lacked and still lacks the voiceless glottal fricative, whose IPA symbol is / h/ , Πακειφικος was 40 Pierluigi Cuzzolin <?page no="41"?> obliged to use the letter <h> of the Latin alphabet with the unusual combination with β, corresponding to <v> of Latin. The fact that Domninos was a vir clarissimus, one of the highest positions in the social hierarchy, and Πακειφικος a vir honestus and occupied the lowest position (on the hierarchy of the social positions in Ravenna see Fichtenau 1979: 52), provides decisive pieces of information about their education and implicitly about their control of Latin. It also gives the right perspective according to which it is not only possible, but mandatory to analyse the variety of Latin used by the two witnesses. Even though Domninos’ Latin is not “perfect”, it is far better than that of Πακειφικος. Notwithstanding this remark, it would be a serious mistake to test the quality and correctness of the Latin of papyri against the classical variety found in the prose of the classical age. This Latin has to be described and evaluated according to its own standard (for a general survey on the languages of the papyri see Dickey 2011). This conclusion is valid for the analysis of all the testimonies found in all the Italian Papyri, and it is not limited to the papyrus nr. 37. But there are many more issues. For instance, it is difficult to decide how were pronounced the <o> in the final syllable of the words or the numeral <viginti>, that occurs as <βειεντι>, not to mention the morphology of the words, an issue even more problematic (on this point see Cuzzolin/ Sornicola 2017) since it is almost impossible to decide when we have to do with polymorphism or simply with mistake. In addition, the notion itself of linguistic mistake in the papyri is difficult to handle, especially for an age in which the linguistic norm had been not yet established (see Grandi 2015). Certainly, from the viewpoint of the methods to be adopted to analyse this variety of Latin, what has to be strictly avoided is to see it through the lens of Romance. To assume that all late varieties of Latin were moving towards Romance is incorrect: a huge amount of linguistic material did not survive in the Romance languages and the projection of late Latin onto Romance can result in a lot of errors. 3 Three questions concerning the languages of the papyri When considering texts such as the Italian papyri, the inevitable question arises: what is the correct methodology to analyse such texts? I will formulate my viewpoint on this crucial issue trying to answer the questions they raise. What the language of papyri can tell the linguist 41 <?page no="42"?> Question number 1: Does a variety exist that could be labelled as “the language of papyri”? Yes, it exists. It represents the variety in which documents of different nature, mainly legal, were written. According to Maria Chiara Scappaticcio (p. c.), to use the label “languages in the papyri” instead of “language of the papyri” would be more appropriate. The linguistic material of these texts is particularly precious because it well reflects the social composition of the society in the area surrounding Ravenna between the fifth and the seventh century. This particular viewpoint surely captures the fact that the papyri are the place in which numerous linguistic varieties are recorded. In my opinion, Scappaticcio’s suggestion could be accepted, even though it has been demonstrated in various contributions to this topic (see various contributions by Bagnall 2011) that the relation between the content of a text and the choice of the material on which to register such a text is very strict and not random. As Cavallo (2011: 142) authoritatively observes: “In daily use and private documentation, the new cursive remains the dominant script after the fourth century. Starting in the fifth century, it shows a faster ductus and acquires some new characteristics, like a certain upward direction and a decided slant of the axis to the right. The best examples are not from Egypt but from Italy, particularly Ravenna: P.Ital. 1 (445/ 446), P.Ital. 35 (572), and P.Ital. 20 (590-602).” The choice of the papyrus instead of paper depended on various conditions and various situations, but it was the most available material for daily use in private documentation, the paper being a rare and very expensive material. This allows us to continue to use both the labels “language/ languages of the papyri”. What exactly does this mean, if anything? It means that it is not a language for classicists. Question number 2: Are the languages of papyri homogeneous, i.e. charac‐ terised by one phonology, one morphology and one syntax? No, they show features different diatopically, diaphasically and diastratically. The crucial point is that any text is a system that should be analysed first in itself and only secondarily compared with other texts of other genres from other areas. In this way, both diatopically and diastratically the papyri can give substantial pieces of information, useful to the historical and general linguist. As a corollary of this perspective, the varieties documented in the papyri cannot be considered a single, unitarian variety and therefore could not be used by typologists stricto sensu. Question number 3: Is the sociolinguistic approach to the investigation of this variety useful? 42 Pierluigi Cuzzolin <?page no="43"?> Yes, it is. This approach is not only useful but even necessary because it provides all the pieces of information that make it possible to understand linguistic differences and nuances present in the papyri. It has been indisputably observed for a long time that the various forms attested are due to the level of education of the speaker or the author of the text. However, this approach, albeit decisive, cannot be exclusive, because it would also prevent the linguist from observing the regularities both phonetic and morphological that, maybe paradoxically, robustly occur in the various papyri. To sum up, the language of papyri tells the linguist that: 1. No linguistic variety can be analysed independently of the socio-cultural environment that produces it; 2. There is a very tight relation between the linguistic variety employed and the material on which the document is written; 3. Theoretical models cannot be blindly applied to the investigation of a language that results from the intersection of several varieties. 4. The aim of the linguist who wants to investigate the language(s) of the papyri should be, first of all, to identify both from a linguistic and socio‐ linguistic viewpoint the numerous varieties that occur in the documents of different genres. This is a work that still needs further investigation. References Bagnall, Roger S. (ed.) (2011). The Oxford Handbook of Papyrology. Oxford: Oxford University Press. Cavallo, Guglielmo (2011). Greek and Latin Writing in the Papyri. In: Bagnall, Roger S. (ed.), 101-149. Cuzzolin, Pierluigi/ Sornicola, Rosanna (2018). Papiro 37 Tjäder: una revisione sociolin‐ guistica e testuale. In: Bombi, Raffaella/ Costantini, Francesco (eds.). Percorsi linguis‐ tici e interlinguistici. Studi in onore di Vincenzo Orioles. Udine: Forum, 257-281. Dickey, Eleanor (2011). The Greek and Latin Languages in the Papyri. In: Bagnall, Roger S. (ed.), 150-169. Fichtenau, Heinrich (1979). Die Reihung der Zeugen in Urkunden des frühen Mittelalters. In: Scuola speciale per archivisti e bibliotecari dell’università di Roma (ed.). Palaeog‐ raphica diplomatica et archivistica. Studi in onore di Giulio Battelli. Roma: Edizioni di storia e letteratura, 41-59. Grandi, Nicola (ed.) (2015). La grammatica e l’errore. Le lingue naturali tra regole, loro violazioni ed eccezioni. Bologna: Bologna University Press. What the language of papyri can tell the linguist 43 <?page no="44"?> Schoolman, Edward M. (2019). Greeks and »Greek« Writers in the Early Medieval Italian Papyri. Medieval worlds 9, 139-159. Tjäder, Jan-Olof (1955-1982). Die nicht-literarischen lateinischen Papyri Italiens aus der Zeit 445-700. I-II. Svenska Institutet i Rom. Uppsala: Almqvist & Wiksell. 44 Pierluigi Cuzzolin <?page no="45"?> Language variation can be evidence of language change: The case of the Italian papyri Rosanna Sornicola (Cambridge) 1 A research strategy for the study of the Italian Papyri The Italian Papyri (henceforward IP) are of the utmost interest to the study of the changes of Latin into the Romance vernaculars. The analysis of these legal documents that were written between the middle of the fifth and the end of the seventh centuries offers a rare opportunity to throw a glance at the social variation of the Latin Umgangssprache of the Italian peninsula in late Antiquity. It can provide a realistic and insightful picture of language uses in that 1. it unveils sections of language layers that differ according to the social and cultural levels of the scribes and the witnesses of the documents; 2. it reflects the Latin variation induced by language contact. The research strategy on the morphological and syntactic features of the papyri has to combine the description of linguistic structures with a detailed study of the text linguistic variation. Two comparative tasks have a central role in this investigation: 1. the comparison of the linguistic structures that occur in the textual sections written by the scribes and those written (or orally produced) by the witnesses; 2. the cross-textual comparison of the linguistic structures produced by the scribes and the witnesses. A prerequisite to these tasks is the accurate consideration of the graphic prac‐ tices of the individual writers, which inevitably brings linguistic investigation close to the domain of the palaeographers. A combined structural and sociolinguistic analysis can be especially useful to a more precise determination of the chronology of phenomena that are already <?page no="46"?> 1 For a more detailed presentation of the research strategy and the methodological issues involved see Cuzzolin/ Sornicola (2018); Sornicola (in press a), Sornicola (in press b), Sornicola et al. (in press). 2 See Tjäder (1955-1982, II: Komm. 30 to text). known and to a better understanding of the social variation of Latin in the socalled “centuries of penumbra” of its history, for which there is paucity of nonliterary documentation. 1 2 The sociolinguistic dimension of the research: a specimen The sociolinguistic analysis of linguistic variation of the IP involves the consid‐ eration of 1. the exact identification of the language repertoires of those who - in their different roles - wrote the various parts of the documents; 2. the mixture of formulaic and informal Latin of the Italian Papyri, a feature that they share with other legal documents of various areas from earlier and later times. A papyrus written in Ravenna in 539 (P. It 30 in Tjäder’s edition) makes a good case study of how it is possible to deal with them. It is a selling document in which nine writing hands have been identified. In addition to the text main scribe and three other scribes of smaller text portions there are five witnesses that write and subscribe a testimonial formula with morphologic and syntactic variations worth studying. The witnesses are of different provenance and social background, as is suggested by their names, hierarchical rank in the army or in society and other cues to be discussed soon. Serapion, a man with a typical Egyptian name, and Opilio, whose traditionally Latin name means ‘shepherd’, are officials in the army (viri strenui). Of the three men qualified as viri honesti (a typical title of merchants and artisans that were possessores, that is people wealthy enough to take part as witnesses in the public activities of the city administrative Curia), one is the Greek banker Iulianus and the other two are named Petrus and Latinus. Iulianus is a well known figure to prosopographical research in that he was the builder of the Ravenna churches of San Vitale, Sant’Apollinare and San Michele in Africisco. 2 Iulianus writes the testimonial formula in Latin with Greek characters. Latinus - despite his name - is possibly a Goth and in any case a speaker (presumably native) of a Germanic language, as is testified by his use of the first person pronoun “Icc” in the opening of the testimonial formula (texts quoted according to Tjäder’s edition): 46 Rosanna Sornicola <?page no="47"?> P. It. 30 [S]erapion vir st(renuus), ad(iutor) n(umerariorum), […] et s(upra)s(crip)tum prae‐ tiuṃ [a]uri solid(os) cen[tum] [de]c̣e[m ei]s in pṛạesenti traditus vidi. [Op]ịlio [vir st(renuus)] […] et s(upra)s(crip)tum praetium [a]uri s[olid(os)] c̣en‐ tum decem eis in praesenti adnumeratos et traditos vidi. Ιουλιανος v(ir) h(onestus) αργενταριος […] ετ σσ. πρετιο αυρι σολεδος κεντου δεκε̣ι ειεις εν πρ[ε]σ]εντια τραδετος υιδι. Petrus v(ir) h(onestus) […] [et s(upra)]s(cripto) pretio auri solidos centum decem eis in presenti tradetus vidi. [I]c̣c Latinus v(ir) h(onestus) […] et [s(upra)s(cripto)] praetio auri solidos centum decem eis in pesenti [sic! ] traditus vidi. Though not identical, the individual testimonial formulas are highly similar. In addition to different graphic features three structural contexts appear in them with interesting morphologic variations that are relevant to the study of morphosyn‐ tactic changes in Latin. This allows to compare the different written performances of the five witnesses and to appreciate a social distribution of synchronic microvariations that may help to understand trends in historical changes: 1. The Object NP suprascriptum praetium keeps the grammatically correct ending in Serapion’s and Opilio’s testimonies, while Iulianus, Petrus and Latinus have pretio (praetio by Latinus), a clear “vulgarism”. 2. The appositional NP centum decem is in the -m form in Opilio’s, Petrus’ and Latinus’ testimonies, while iulianus has the “vulgarism” centu deci. 3. The participial form traditos, a predicative complement of solidos, appears in Opilio’s and Iulianus’ testimonies, while Serapion, Petrus and Latinus have traditus, a “vulgarism” that is found in other IP and in Late Latin documentary texts from Merovingian and Langobard domains of later times. Although of different cultural and linguistic backgrounds, the three viri honesti, and especially Iulianus, have more “vulgarisms” than the two officials of the army. 3 Theoretical and methodological problems A major problem concerns the choice of the notions to adopt to describe the non-classical, non-regular structures that occur in the IP. It is well known that terminology - no less than concepts - is slippery in this respect. There are possible pitfalls in the study of the changes that can be observed in Late Latin. One especially is to be mentioned, i.e. the necessity to avoid the approach of the Language variation can be evidence of language change: The case of the Italian papyri 47 <?page no="48"?> traditional Latin “grammarian”. The network of paradigm relations recognized as valid for classical (i.e. grammatically correct) Latin must not be assumed as the basic criterion to describe the linguistic structures of the many texts or text sections of the papyri that have “non-regular” Latin features. In many sections of the papyri Latin varieties can be detected in which the mutual relations of Case-and-Number “cells” are not the same as those of Classical Latin. Chartulam … a me facta in vovis, Martino v(iro) h(onesto) … et Aurilia h(onesta) f(emina) iugales (first half of seventh c., P. It. 25, 7) Tjäder (1955-1982, I: Komm. 8 to text) says that “iugales ist wohl Ablativ mit -es statt -ibus”. But is it really so? This description is unsatisfactory in that it tries to accommodate the 3 rd declension plural form iugales within the morphological paradigm of Classical Latin forcing it in the Ablative “cell”. A different perspective should be adopted instead. Labels like “Accusative” or “Ablative” do not have the same values that were typically assigned to them by grammarians. To persist in using the traditional Case grid is not only theoretically unsatisfactory in that it forces the development of new paradigms into older ones, it is also historically and empirically misleading because it does not represent - as in the example quoted above - that the occurrence of an appositional NP like iugales is tendentially regular in the papyri as is in other legal documents of the Italian peninsula of later times. 4 The problematic relationship of form and function in diachrony The perspective needed is one that could be defined “the logic of Latin changes” or “the logic of transitional form-and-function” (Sornicola 2011). The overall model must focus on the analysis of individual facts, or the specific character‐ istics of the transitional forms which gradually dismantle the Latin edifice. An example is given by the historical analysis of the Non-classical Case inflections. The Plural -as forms of Nouns with -a stems that appear in the IP should be considered a Case option still available to speakers or already a frozen morphological ending of the Plural? (1) cum manicas curtas (564, P. It. 8, II, 7) (2) quas … s(upra)s(crip)tas sex uncias fundi Geniciani… distractas sunt (575-591, P. It. 36, l. 16-18) 48 Rosanna Sornicola <?page no="49"?> The IP give us relevant information about the collocation in time and space of the pl. -as forms. The atrophy of -as is earlier than what has been believed on the base of the often observed widespread occurrence of this inflection in documents from 8th, 9th and 10th centuries. The chronological evidence supplied by the Papyri agrees with that supplied by Anthimus’ coeval text De observatione ciborum that often has -as forms. The atrophy of -as was probably a feature of groups of speakers/ writers: although recurrent it is not general. The frozen -as forms were present in the sixth century Latinity of areas like Ravenna and the Exarchate whose Romance vernaculars later developed the -e Plural of nouns with -astem. References Cuzzolin, Pierluigi/ Sornicola, Rosanna (2018). Papiro 37 Tjäder: una revisione sociolin‐ guistica e testuale. In: Bombi, Raffaella/ Costantini, Francesco (eds.). Percorsi linguis‐ tici e interlinguistici. Studi in onore di Vincenzo Orioles. Udine: Forum, 291-316. Sornicola, Rosanna (in press a). Lo studio del polimorfismo come metodo della socio‐ linguistica storica. In: Proietti, Domenico/ Valente, Simona (eds.). Carte d’archivio altomedievali e centri di documentazione. Ricerche storico-linguistiche e riflessioni teorico-metodologiche. Roma: Aracne. Sornicola, Rosanna (in press b). The Relevance of the Italian Papyri to the Study of Late Latin and the Emergence of the Romance Vernaculars. Paper presented to PLATINUM Final Colloquium (Naples, 4 th -6 th July 2022), to appear in the Proceedings. Sornicola, Rosanna (2011). Romance Linguistics and Historical Linguistics: Reflections on Synchrony and Diachrony. In: Maiden, Martin/ Smith, John Ch./ Ledgeway, Adam (eds.).-The Cambridge History of the Romance Languages, vol. 1: -Structures. Cam‐ bridge: Cambridge University Press, 1-49. Sornicola, Rosanna/ D’Argenio, Elisa/ Cuzzolin, Pierluigi (in press). Tradizioni di discorso, prassi legali, analisi linguistiche: il caso dei Papiri Italiani. Paper presented to the Workshop PRIN 2017 Questioni metodologiche nell’analisi di competenze scrittorie e dinamiche sociolinguistiche (Cagliari, 9 febbraio 2023), to appear in the Proceedings. Tjäder, Jan-Olof (1955-1982). Die nicht-literarischen lateinischen Papyri Italiens aus der Zeit 445-700, 3 vols. Lund: Gleerup. Language variation can be evidence of language change: The case of the Italian papyri 49 <?page no="51"?> Königliche Begräbnisse und Sakraltopografie im merowingischen Paris Jörg Oberste (Regensburg) Urbane Zentren waren in Antike und Mittelalter in aller Regel auch religiöse Zentren. Bereits die Forschungen zu den frühen mesopotamischen Städten zeigen eindrucksvoll, welche kulturellen und sozioökonomischen Dynamiken aus der Kombination von Königssitz und zentralen Kultstätten ausgingen: „Temples and palaces were the first, and remained the largest, repositories of textual archives. […] Mesopotamian cities were also ‚functionally‘ urban, with impact beyond their edges, including ruralizing surrounding landscapes and creating a symbiotic economic, religious and political network“ (McMahon 2013: 32). Die Vergöttlichung der Herrscher im alten Orient legte den konstitutiven religiösen Bezug zu den führenden Gottheiten von Stadt und Reich nahe. Als Babylon in der ersten Hälfte des 2. Jahrtausends zur führenden Großmacht im Vorderen Orient aufstieg, deklarierte der Codex Hammurabi aus der Amtszeit des gleichnamigen Großkönigs (1792-1750 v. Chr.) den babylonischen Stadtgott Marduk zum Herrscher über die Menschheit, und Babylon damit zum Zentrum der Welt. Auch wenn Lutetia/ Paris im Frühmittelalter weit von der Größe und Macht einer mesopotamischen Metropole entfernt war, wurden im 6. und 7. Jahrhun‐ dert durch Königsbegräbnisse und bedeutende Heiligenkulte essentiell wichtige Grundlagen für die spätere Bedeutungsexpansion gelegt. In der Merowingerzeit entstand ein enger topographischer und symbolischer Zusammenhang von Residenz, Königsgrablege und Heiligenverehrung. Chlodwig, Chrodechilde und Childebert siedelten die herrscherliche Memoria in der Seine-Stadt an. Bevor Saint-Denis im 7. Jahrhundert die Herrscherbegräbnisse quasi monopolisierte, hatten Chlodwig I. (481/ 82-511) mit der Kirche Saints-Apôtres/ Saint-Pierre (später Sainte-Geneviève) und sein Sohn Childebert I. mit der Basilika Saint- Vincent/ Sainte-Croix (später Saint-Germain-des-Prés) eigene Begräbniskirchen auf dem südlichen Seine-Ufer gegründet. In Chlodwigs und Chrodechildes Entscheidung für eine Grablege in einem Neubau auf dem Friedhofsareal des <?page no="52"?> späteren Mont-Sainte-Geneviève dürfte sich vor allem die familiäre Verehrung für die heilige Genovefa fortgeschrieben haben. Die Basilika diente als Grab‐ lege des Königspaares, seiner Tochter Chlothilde und zweier Enkelinnen. Im unmittelbaren zeitlichen Zusammenhang mit dem Beginn der Bauarbeiten steht die quasi offizielle Erhebung von Paris zur führenden königlichen Residenz: Chlodwig erhielt nach dem Sieg gegen die arianischen Westgoten im Jahre 508 vom oströmischen Kaiser Anastasius den Ehrentitel Konsul und Augustus. Die Wahl seiner Grablege und nicht zuletzt die beiden Patrozinien der neuen Basilika, Petrus und die Apostel, sprechen dafür, dass der König Paris als seine neue Kapitale betrachtete und ihm dafür keinen geringeren Vergleichsbeispiele vorschwebten als Rom und Konstantinopel. Gregor von Tours bezeichnet Paris folglich mehrfach als „Sitz des Königreiches“ (z. B. cathedra regni, Hist. II, 38; sedes regni, Hist. VII, 27). Die Gründe für die Entscheidung Chlodwigs zugunsten von Paris sind in der Forschung umstritten. Während die ältere Forschung vor allem auf die zentrale geografische Lage und militärstrategische Aspekte verwies, ist in den letzten Jahrzehnten die religiöse Bedeutung der Stadt mit ihren berühmten Heiligen in den Vordergrund gerückt (Périn 1996a: 121-123). Auch wenn die merowingische Kapitale Paris kaum über die Grenzen der heutigen Île-de-la- Cité hinausging und von der römischen Infrastruktur auf dem linken Seine-Ufer außer wenigen Nekropolen nichts mehr in Funktion war, erhielt die Stadt im 6. und 7. Jahrhundert ein symbolisches Kapital, das beim Aufstieg von Paris zur französischen Hauptstadt und Metropole seit dem 13. Jahrhundert seine volle Wirkung entfaltete. Als ein Mönch von Saint-Denis um 1275 Königschronik verfasste, die er als „Roman des roys“ bezeichnete, kommentierte er die Reichs‐ teilungen unter den auf Chlodwig folgenden Merowingern: Cil qui ceste estoire lisent ne doivent pas entendre que tuit li roi que nous nomons ci fussent roi de France, fors cil seulement qui tenoient le siege de leur roiaume en la cité de Paris, car tout fussent il frere et neveu et tuit d’un lignage descendu, totevoies avoient il leur roiaumes asenez et autres parties de France. (Guenée 2016: 144 f.) Nur wer seinen Sitz in Paris hatte, durfte in den Nachfolge Chlodwigs den Titel „roi de France“ für sich beanspruchen; Paris und die Königsherrschaft in Frankreich waren in der Interpretation des 13. Jahrhunderts schon seit frühester Zeit untrennbar miteinander verknüpft. In der langen Regierungszeit Childeberts I. (511-558) wurde besonders in der späten Phase unter der Regie des tatkräftigen Pariser Bischofs Germanus (550-576) der Ausbau der Sakraltopografie betrieben. Am bedeutendsten war die neue Grabkirche Childeberts mit den Patrozinien Saint-Vincent/ Sainte- 52 Jörg Oberste <?page no="53"?> Croix am südlichen Seine-Ufer, für welche der König von seinem iberischen Feldzug bedeutende Reliquien des Märtyrers Vinzenz aus Saragossa und ein goldenes Kreuzreliquiar aus Toledo mitgebracht hatte. Das Kreuz stellte einen symbolischen Bezug zum christlichen Heilsgeschehen und mit Jerusalem zu einer weiteren antiken Metropole her. Die neue Basilika diente nach Childebert mehreren Nachfolgern und weiteren Familienmitgliedern als letzte Ruhestätte; sie war somit - nach einer Formulierung von Patrick Périn - „première nécro‐ pole des rois de France“ (Périn 1996a). Zeitgleich gab es bereits erste Begräbnisse in der Basilika am Dionysiusgrab nördlich von Paris, wo zuerst Chilperichs Mutter Arnegund († um 565) nachgewiesen ist. Erst mit dem bekannten Ausbau unter Dagobert I. (629-639) wuchs Saint-Denis zur führenden und bleibenden Königsgrablege der Franken heran. Der schon zu Lebzeiten verehrte Bischof Germanus wurde im Jahr 576 ebenfalls in der Basilika Saint-Vincent/ Sainte- Croix bestattet. Schnell etablierte sich ein lokaler Kult um das Bischofsgrab; seit der Mitte des 8. Jahrhunderts förderten die Karolinger den Germanus-Kult, dessen Name in dieser Zeit auf die Mönchsgemeinschaft überging. Ähnlich wie im Fall von Sainte-Geneviève setzte sich auch hier der lokale Kult einer bedeutenden Pariser Persönlichkeit besser und schneller in der populären Heiligenverehrung durch als die Patrozinien und Reliquien antiker Metropolen oder ferner Bischofsstädte. Die Verdichtung der Sakraltopografie in der Merowingerzeit ist nicht nur das augenfälligste Indiz für die zentrale Rolle von Paris für das Herrscherhaus, sondern zugleich eine wesentliche Voraussetzung für den Verlauf der späteren dynamischen Urbanisierung des Pariser Areals. Die Zusammenstellung der Funde macht zum einen auf die beeindruckende Bautätigkeit auf dem Areal der an den Ausfallstraßen extra muros gelegenen Nekropolen und zum ande‐ ren auf die gleichzeitige Verdichtung der innerstädtischen Sakraltopografie aufmerksam. Wenn man bedenkt, dass zwischen dem 4. und 6. Jahrhundert die Bevölkerung wie andernorts in Gallien zurückgegangen und zumindest ein Teil der römischen Infrastruktur zerstört worden war, gehen die kirchlichen Neugründungen wohl weit über den tatsächlichen Bedarf an Pfarreien oder Friedhofskirchen hinaus. Als kirchliche Neubauten der merowingischen Epoche ist neben den oben erwähnten königlichen Grabkirchen zuerst die Kathedral‐ gruppe im Osten der Île-de-la-Cité zu nennen. Die Grabungen unter dem Parvis von Notre-Dame im 19. und 20. Jahrhundert lösten dabei eine intensive Debatte über Alter und Deutung der freigelegten Reste einer monumentalen frühmittelalterlichen Basilika aus, die schon früh in Zusammenhang mit dem um 567 entstandenen Gedicht des Venantius Fortunatus „De ecclesia Parisiaca“ Königliche Begräbnisse und Sakraltopografie im merowingischen Paris 53 <?page no="54"?> als Neubau der Kathedrale Saint-Étienne unter König Childebert I. deklariert wurde (Boissavit-Camus 2018). Auf der Hauptinsel lagen in merowingischer Zeit ferner eine Germanus-Kirche (Saint-Germain-le-Vieux), die später als Besitz und geschützter Rückzugsraum der Abtei Saint-Germain-des-Prés diente, ein Oratorium sancti Dionysii de passu (Saint-Denis-du-Pas), eine Martinskapelle und ein weiteres Frauenkloster, dem heiligen Martial von Limoges geweiht. Mit Martin, Dionysius, Martial und Germanus waren auf der Île-de-la-Cité und damit in direkter Nachbarschaft der Herrscherresidenz bereits im 7. Jahrhundert führende gallische und Pariser Heilige versammelt, die den Anspruch der Seine-Stadt als hervorragender Königsresidenz der Franken unterstrichen. Dagoberts Ausbau von Saint-Denis wurde bereits hervorgehoben. Auf dem heutigen Montmartre lässt sich ein weiterer merowingischer Kirchenbau Saint-Pierre nachweisen, der als Memo‐ rialort für das Martyrium des ersten Pariser Bischofs eine wichtige kultische Rolle spielte. Diese Kirche fiel im Jahr 1133 durch einen Gütertausch an König Ludwig VI. und diente als Grablege für seine Gemahlin Adelheid. Eine Merowingerherrscherin, Königin Nanthilde, die als Mutter die Regentschaft für den jungen Chlodwig II. (639-640) ausübte, gründete schließlich in der großen Marne-Schleife östlich der Stadt ein weiteres Kloster (de Fossatis, später Saint- Maur-des-Fossés), das sich der Förderung durch Merowinger, Karolinger und Kapetinger erfreute. Diese wenigen Beispiele unterstreichen nachdrücklich, dass die Pariser Sakrallandschaft auch nach Chlodwig und Childebert im Fokus von Herrschern und Herrscherinnen stand. Betrachtet man die Patrozinien und Reliquien in der merowingischen Sakral‐ topografie, lässt sich insgesamt ein dichtes Netz von Kultorten erkennen, das die urbanen und suburbanen Räume miteinander verknüpfte. Der bedeutendste merowingische Heilige, Martin, der sich ausweislich seiner Vita um 385 selbst in Paris aufgehalten und hier eine Krankenheilung gewirkt hatte (Sulp. Sev., Vita s. Martini 19), war mit seinem Patrozinium und vermutlich mit Reliquien in allen drei Arealen der Stadt, d. h. auf der großen Seine-Insel sowie auf beiden Ufern, vertreten. Der Pariser Gründungsbischof Dionysius wurde auf der zentralen Seine-Insel nahe der Kathedrale sowie in einer Kirche auf dem Montmartre und in der Basilika über dem Grab des Heiligen in Saint-Denis verehrt. Mit Marcellus († um 436), Genovefa († um 502) und Germanus († 576) traten in der Merowingerzeit weitere lokale Heilige hinzu, deren Kulte schnell überregionale Bedeutung erlangten. Wie hoch die Merowinger selbst die Bedeutung der Pariser Sakrallandschaft für ihr Königshaus einschätzten, wird aus einem Erlass der neustrischen Königin Balthilde (649-680), Witwe Chlodwigs II., deutlich: Sie zählte zu den wichtigsten Kirchen (seniores basili‐ 54 Jörg Oberste <?page no="55"?> cae) im Frankenreich die Pariser Kirchen Saints-Apôtres/ Saint-Pierre (Sainte- Geneviève), Saint-Germain-des-Prés und Saint-Denis sowie Saint-Médard in Soissons, Saint-Aignan in Orléans und Saint-Martin in Tours (Folz 1975). Bibliographie Boissavit-Camus, Brigitte (2018). Des rois bâtisseurs d’église: l’investissement royal en Gaule du Ve au VIIe siècle. In: Destephen, Sylvain/ Dumézil, Bruno/ Inglebert, Hervé (Hrsg.). Le prince chrétien: de Constantin aux royautés barbares (IVe-VIIIe siècle). Paris: Amis du Centre d’Histoire et Civilisation de Byzance, 517-544. Folz, Robert (1975). Tradition hagiographique et culte de sainte Bathilde, reine des Francs. Comptes rendus des séances de l’Académie des Inscriptions et Belles-Lettres 3, 119ᵉ année, 369-384. Guenée, Bernard (2016). Comment on écrit l’histoire au XIIIe siècle. Primat et le ‘Roman des roys’. Paris: CNRS Edition. McMahon, Augusta (2013). Mesopotamia. In: Clark, Peter (Hrsg.). The Oxford Handbook of Cities in World History. Oxford: Oxford University Press, 31-48. Périn, Patrick (1996a). Paris - merowingische Metropole. In: von Welck, Karin/ Wieczo‐ rek, Alfried/ Périn, Patrick (Hrsg.). Die Franken. Wegbereiter Europas. Vor 1500 Jahren: Chlodwig und seine Erben. Band-1. Mainz: Philipp von Zabern, 121-128. Périn, Patrick (1996b). Saint-Germain-des-Prés, première nécropole des rois de France. Médiévales 31, 29-36. Königliche Begräbnisse und Sakraltopografie im merowingischen Paris 55 <?page no="57"?> Investigating direct speech in PaLaFraLat: The special case of the Visio Baronti Rembert Eufe (Tübingen) 1 Introduction The present article is an outcome of Maria Selig’s binational project PaLaFra. The transition from Latin to French: constitution and analysis of a Latin-French digital corpus, which she has realised with various partners in Germany and France between 2015 and 2018 (PaLaFra 2023). The aim of this project was to deepen research on the passage from Latin to Romance in early medieval Gaul by establishing two subcorpora, PaLaFraLat and PaLaFraFro, for fine-grained usage-based investigations on variation and change between Latin and Old- French. The results of these analyses are to be collated in a manual (Carlier et al. in prep.), which will contain a chapter on the characteristics of direct speech and its value for research on spoken language uses (Eufe et al. in prep.). 2 The Visio Baronti as part of PaLaFraLat The PaLaFraLat subcorpus consists of 187 Latin texts dating from the 6 th to the 9 th century, thus composed during the Merovingian and early Carolingian period. We have assigned them to three discursive domains (historical, juridical, religious) and six discursive genres (charter, epistolary, formulary, hagiography, historiography, legislative; for further details cf. Eufe et al. in press: 19-23 with the metadata of the Visio Baronti cited as an example). Following the dMGH (dMGH 2023), we included the Visio Baronti Monachi Longoretensis among the hagiographic texts; however, previous research has repeatedly pointed out that this text does not represent a saint’s life in the original sense, but rather is a precursor of a very particular genre in fieri, i.e. visionary accounts of visits to heaven and hell (cf. Van Uytfanghe 1998; Hen 1996; Ciccarese 1987). The Visio Baronti (henceforth abbreviated as VB) is of particular interest to Romance linguistics as the editor of the Monumenta Germaniae Historica (MGH) asserts that it had been laid down in “sermone rudi barbaroque” (Levison 1910: <?page no="58"?> 370), that is to say, ‘a coarse and barbaric language’ (Hen 1996: 481). In a detailed linguistic analysis, Van Uytfanghe (1998) confirms the VB as being far removed from classical written Latin and of a “very fresh orality” (Van Uytfanghe 1998: 580). 3 Direct speech in the VB For our investigation on direct speech (henceforth abbreviated as DS) in the PaLaFra corpus (Eufe et al. in prep.), we have supplemented the subcorpus PaLaFraLat with additional annotations in the form of two tags called quoteposition and quote-type, relying on the quotation marks in the editions for practical reasons. This permitted us to calculate the proportion of DS in each text, which resulted in an extremely high figure in the VB. In the current version - PaLaFraLat 2.2 - a total of 5,157 tokens (including punctuation) were recorded, of which 3,843 appear as part of DS (74.52%). This edition of the VB contains 51 instances of DS (correcting for some missing quotation marks in Levison (1910), with the help of Ciccarese (1987: 236-297)). Nine of these instances of DS are attributed to brother Barontus himself as the narrator of his vision, and are numbered in Roman numerals in the following table: 58 Rembert Eufe <?page no="59"?> chapter 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 DSs of Barontus - I - II III - - IV V - - - DSs of Barontus in his DSs - - - - - - - - - VI - - - VII VIII - - - - - IX - - - other DSs in DSs of Barontus - - - 3 - 1 3 - 1 1- 2 2 - 11 5 4 2 3 1 2 - - - - DSs in DSs in DSs of Barontus - - - - - - - - - - - - - - - 1 - - - - - - Tab. 1: The distribution of direct speeches in the Visio Baronti Investigating direct speech in PaLaFraLat: The special case of the Visio Baronti 59 <?page no="60"?> Barontus’ DS no. I and nos. VI-IX consist of relatively short utterances of minor importance, whereas nos. II-V represent the very core of the VB. These four examples of DS form two large blocks of text, with no. II being linked to no. III simply by a short sequitur ‘(it) continues’, as well as no. IV to no. V, respectively. In the latter case, however, the personal deixis is not adjusted immediately, because Barontus, as the narrator of his vision, should appear in the 1 st person sg. as he does in fact later: 16. Sequitur: “Post expleto signo caerei dixit servus dei Ebbo ad ipsum fratrem Barontum: ‘Audi tu, frater! […]’. Post ista omnia acta coepit ipse beatissimus Ebbo fratres rogare, ut ipsi me in itinere deducere deberent […].” (Levison 1910: 390) ‘It continues: “After having blessed the candle, God’s servant Ebbo said to this Brother Barontus: ‘Listen to me, brother! […]’. After having done all this, Blessed Ebbo asked the brethren that they should put me on my way […].” (cf. Hillgarth 1986: 202) These two blocks of Barontus’ DS, nos. II+III and IV+V, are interrupted by a short miracle report comprising the end of chapter 5 and chapter 6. Furthermore, the text is flanked by an introduction and a conclusion in a much more elaborated style and particularly rich in quotations (Van Uytfanghe 1998: 580), something which is anything but unusual for medieval texts with narrative components. Our table also shows that the remaining 42 instances of DS from other speakers (the demons chasing Barontus, Saint Raphael, Saint Peter, various fellow brethren and others), for which we have indicated the numbers of occurrences per chapter in Arabic numerals, are all embedded in Barontus’ ‘main’ DSs II-V (as well as his own short examples of DS VI-IX), with one of them inserted again into one of these embedded examples of DS in chapter 16. They are mostly short (no longer than thirty words), with the exceptions of two longer utterances by Saint Peter in chapter 12 and 13. These chapters also show the largest amount of DSs and can thus be regarded as a dialogical climax. 4 Comparing the DSs with the rest of the VB by the help of TXM Our additional annotation enables an automatic comparison of the parts in DS with the rest of the text. With the help of the quote-position tags, we achieved this comparison using our analysis platform TXM (TXM 2023) by dividing our PaLaFraLat version of the VB into two partitions: When opening the command Create partition, we chose the Advanced option, where we entered the query [quote-position ! = "__UNDEF__"] for a partition comprising all the word forms in direct speech and the query [quote-position = "__UNDEF__"] for the word forms outside of it. We applied the specificities command to these partitions, 60 Rembert Eufe <?page no="61"?> resulting in a table of which the first 25 word forms are shown here, sorted by the fourth column in descending order: Word forms Frequency in VB Frequency in DSs of VB index Freq. outside DSs of VB index ' 95 95 12,3 0 -12,3 et 226 190 3,5 36 -3,5 illi 19 19 2,4 0 -2,4 me 46 41 1,9 5 -1,9 sanctus 20 19 1,7 1 -1,7 Petrus 13 13 1,7 0 -1,7 vidi 11 11 1,4 0 -1,4 deus 11 11 1,4 0 -1,4 ibi 17 16 1,3 1 -1,3 mihi 10 10 1,3 0 -1,3 ! 10 10 1,3 0 -1,3 monasterium 9 9 1,2 0 -1,2 te 9 9 1,2 0 -1,2 tu 9 9 1,2 0 -1,2 meum 9 9 1,2 0 -1,2 daemones 15 14 1,1 1 -1,1 deinde 8 8 1,0 0 -1,0 similitudinem 8 8 1,0 0 -1,0 : 62 51 1,0 11 -1,0 sic 29 25 1,0 4 -1,0 ego 18 16 0,9 2 -0,9 tibi 7 7 0,9 0 -0,9 semper 7 7 0,9 0 -0,9 Investigating direct speech in PaLaFraLat: The special case of the Visio Baronti 61 <?page no="62"?> erant 7 7 0,9 0 -0,9 ; 22 19 0,8 3 -0,8 Tab. 2: Most specific word forms of the direct speeches in the Visio Baronti (Fmin=1) In the second column, the frequencies of the word forms throughout the entire VB are listed, with a total of 5,157 word forms documented. The third column lists the number of occurrences within the parts in DS, with a total of 3,843 word forms recorded. The fifth column shows the numbers concerning the parts other than DS, totalling 1,314 word forms. Indexes are indicated in the fourth and sixth column, respectively for both. These indexes denote the deviation of a frequency in a partition in relation to a normal distribution (Lebart et al. 2019: 123). It is claimed that they hold also for smaller corpora (Lafon 1980: 128). Following Lebart et al. (2019: 123), an index of more than +2 indicates an overrepresentation of a form, as it is the case for the first three word forms in the table. Ultimately, the index function establishes a ranking of the elements according to their potential to differentiate a partition from others. With the exception of punctuation marks, the DS parts contain many forms of pronouns and possessives in the 1 st and 2 nd p. sg. such as we would expect them in monologues and dialogues. Other word forms are linked to the plot of the Visio, i.e. sanctus, Petrus, daemones, monasterium and also illi, used mostly as a pronominal form in the plural with reference to the daemones or the fellow brethren. The occurrences of vidi and similitudinem are very consistant with the nature of the text as the account of an extraordinary visual experience, while those of ibi and deinde are consistant with the narration of moving, and especially flying, through space. At the same time, however, the latter anticipate the so-called French pronominal adverbs y and en < lat. inde, as observed by Van Uytfanghe (1998: 592), who mentions only exinde (3 occ.) and inde (6 occ.) for the second. Similarly, the conjunction et occurs frequently in the DS parts as a means of parataxis, as well as the adverb SIC, which later evolved into Old French si as a very common sentence opener (Van Uytfanghe 1998: 600 f.). Conclusions Our exemplary queries, leveraging our PaLaFraLat annotation and the analysis options offered by the TXM platform, have demonstrated that the DS parts of the VB do in fact show characteristics ascribable to spoken Proto-Romance which appear significantly less prevalent, or even absent, in the rest of the text. The VB is certainly a very peculiar source and an extreme case of the use of DS, while 62 Rembert Eufe <?page no="63"?> other texts are expected to yield less-clear results. Nevertheless, our analysis has demonstrated the usefulness of a corpus linguistic approach. It can provide us with new insights into the peculiarities of direct speech in Latin texts from the Merovingian period and how it may reflect forms of Latin which are possibly closer to the spoken language of the time. References Carlier, Anne/ Danckaert, Lieven/ Guillot-Barbance, Céline/ Selig, Maria/ Vangaever, Jas‐ per (eds.) (in prep.). Bridging the gap between Late Latin and Early Old French. Empirical investigations of (morpho)syntactic changes. Berlin/ New York: De Gruyter. Ciccarese, Maria Pia (1987). Visioni dell’aldilà in occidente. Fonti, modelli, testi. Florence: Nardini. dMGH = digitale Monumenta Germaniae Historica beta (2023). Available under https: / / www.dmgh.de/ index.htm (accessed on 18/ 11/ 2023). Eufe, Rembert/ Guillot, Céline/ Lavrentev, Alexey (in prep.). Pragmatic aspects of re‐ ported speech. In: Carlier, Anne/ Danckaert, Lieven/ Guillot-Barbance, Céline/ Selig, Maria/ Vangaever (eds.). Berlin et al.: De Gruyter. Eufe, Rembert/ Reichle, Elisabeth/ Selig, Maria/ Ortner, Sebastian (in press). PaLaFra: Un projet numérique pour mieux comprendre le passage du latin à l’ancien français. In: Hesselbach, Robert/ Prohl, Tanja (eds.). Approches numériques des corpus historiques des langues de France. Würzburg: Verlag des promptus, 17-49. Hen, Yitzhak (1996). The Structure and Aims of the Visio Baronti. Journal of Theological Studies 47 (2), 477-497. Hillgarth, Jocelyn N. (ed.) (1986). Christianity and Paganism, 350-750. Philadelphia: Univ. of Pennsylvania Press. Lafon, Pierre (1980). Sur la variabilité de la fréquence des formes dans un corpus. In: Mots 1. Saussure, Zipf, Lagado, des méthodes, des calculs, des doutes et le vocabulaire de quelques textes politiques, 127-165. Lebart, Ludovic/ Pincemin, Bénédicte/ Poudat, Céline (2019). Analyse des données tex‐ tuelles. Quebec: Presses de l’Université du Québec. Levison, Wilhelm (1910). Visio Baronti monachi Longoretensis. In: Levison, Wilhelm (ed.). Monumenta Germaniae Historica, Scriptores rerum Merovingicarum, vol. 5: Passiones vitaeque sanctorum aevi Merovingici (III). Hannover: Hahn, 368-394. PaLaFra = Le passage du latin au français: constitution et analyse d’un corpus numér‐ ique latino-français (2023). Available under http: / / www.palafra.org (accessed on 18/ 11/ 2023). TXM = Textometry (2023). Available under https: / / txm.gitpages.huma-num.fr/ textome‐ trie/ en/ index.html (accessed on 27/ 11/ 2023). Investigating direct speech in PaLaFraLat: The special case of the Visio Baronti 63 <?page no="64"?> Van Uytfanghe, Marc (1998). La langue de la “Vision de Baronte” (678/ 679). Un spécimen de latin protoroman dans une phase cruciale de la diachronie? In: Callebat, Louis (ed.). Latin vulgaire-latin tardif IV. Actes du 4 e Colloque International sur le latin vulgaire et tardif, Caen, 2-5 septembre 1994. Hildesheim et al.: Olms-Weidmann, 577-609. 64 Rembert Eufe <?page no="65"?> 1 L’edizione delle carte che è stata utilizzata è quella pubblicata nelle Chartae Latinae Antiquiores (volumi L, LI e LII. Dietikon: Urs-Graf, 1997-1998). A questi testi, si aggiungono tre documenti pubblicati da Galante (2001). La lingua di queste carte è stata oggetto di indagine da diversi punti di vista nel corso degli ultimi dieci anni (si vedano i lavori del gruppo di ricerca dell’Università di Napoli Federico II coordinato da Rosanna Sornicola, ed in particolare i contributi inclusi in Sornicola et al. (a cura di) 2017). In questo contesto, alcuni studi sono stati dedicati specificamente ai pronomi relativi (Greco 2016 e in stampa). Sintassi e semantica del pronome quem nelle carte notarili della Langobardia Minor (IX secolo) Paolo Greco (Napoli) 1 Introduzione In questo lavoro abbiamo analizzato l’uso del pronome relativo quem nelle carte notarili latine originali del IX secolo conservate presso l’Archivio della Badia di Cava de’ Tirreni. Si tratta di 105 carte vergate tra l’801 e l’899 nell’area della Langobardia Minor. 1 A partire dall’analisi degli usi e delle funzioni del pronome quem, abbiamo sviluppato alcune riflessioni più generali di tipo teorico e metodologico, in particolar modo sul ruolo che le micro-tradizioni locali possono giocare nella strutturazione dei testi notarili della Langobardia Minor. 2 Il pronome quem: usi formulari e micro-tradizioni Le subordinate relative introdotte da quem sono nel nostro corpus 61, cui se ne aggiunge una priva di antecedente (1) Tu predictus Iohannes presbiter quam et tuis heredibus in omnibus possideatis et faciatis quem vellet volueris (LII, 31). Il brano presentato in (1) rappresenta una variazione di una formula che più frequentemente compare con l’elemento quod (o quid) preceduto da una forma <?page no="66"?> 2 Nell’esempio (2) si noti anche l’uso di quorum (che compare solo due volte in tutto il corpus) con la funzione, probabilmente, di indicare i destinatari della dichiarazione della venditrice (ma potrebbe anche rimandare cataforicamente al venundendum hoc seguente). del verbo facere e seguito da una forma del verbo volere (che solo nell’occorrenza in (1) viene realizzato in una struttura a due membri) La funzione sintattica svolta dal pronome è sempre quella di Oggetto, tranne in 3 casi, tutti in testi vergati dal notaio Toto, in cui quem compare accompagnato da una preposizione con funzione di complemento indiretto: (2) Et pariter perreximus ante presentjam Sicardi gastaldi et iudicem et Petrus idem gastaldus, quorum nostra vona volumtas esse[t] venundendum hoc, a quem diligenter sum inquisitam ne aliquid violentjam hoc vindendum a suprascripto vir meus paterent (LI, 26). 2 Un dato interessante degli usi del pronome quem è rappresentato dal fatto che molto spesso le frasi introdotte da questo pronome hanno come verbo habere: delle 61 occorrenze di quem, solo 21 introducono frasi che hanno verbi diversi. Di questi 21 casi, 5 contengono un predicato del tipo emptum habere, 2 datum habere, 1 visus sum habere. Inoltre, 3 delle restanti 13 occorrenze sono rappresentate dalle già citate occasioni in cui quem è preceduto da una preposizione. Quem in funzione Oggetto introduce dunque una frase priva del verbo habere in soli 10 casi su 60 (16,7%), e quindi in poco meno dell’85% delle occorrenze introduce frasi dotate del verbo habere. Per quanto riguarda i nomi testa cui si riferisce il pronome quem, si tratta di elementi che appartengono a generi grammaticali diversi, ma hanno sempre referenti inanimati (si tratta molto spesso di beni che si possiedono). Alcuni notai ricorrono più di altri al pronome quem. In particolare, i notai che lo utilizzano più frequentemente sono Ursu e Cumpertu, entrambi attivi soprattutto nella città di Nocera: - Numero di documenti rogati Occorrenze di quem Cumpertu 9 7 Ursu 7 12 Totale Cumpertu e Ursu 16 19 Totale generale 105 61 Percentuale Cumpertu e Ursu 15% 31% Tab. 1: Occorrenze del pronome quem nei documenti rogati da Cumpertu e Ursu 66 Paolo Greco <?page no="67"?> 3 Si veda l’esempio (2). L’altro quorum compare in un testo rogato da Ursus, uno dei notai caratterizzati da competenze linguistiche più sofisticate. Come mostra la Tabella 1, Cumpertu e Ursu hanno vergato il 15 % dei documenti a noi giunti, ma hanno usato il 31 % dei quem. L’uso di quem è dunque diffuso particolarmente presso certi notai e compare molto meno o è completamente assente nelle produzioni di altri rogatari. Attraverso l’analisi in dettaglio degli usi di questo pronome, è inoltre possibile sottolineare alcune affinità tra notai attivi nello stesso centro. Ad esempio, nel nostro corpus sono solo tre i casi in cui il verbo di una subordinata relativa è flesso nella forma abuisti. In tutti questi casi, si tratta di subordinate introdotte da quem che compaiono in documenti prodotti a Nocera da due notai: Barbatus (1 occorrenza) e il già ricordato Cumpertu (2 occorrenze). Si tratta di rogatari che condividono anche numerose caratteristiche linguistiche e grafiche (si vedano Galante 2017 e Sornicola 2017). Nel caso di Barbatus il nome testa è sortem tuam (L, 21), mentre nelle due occorrenze di Cumpertu (entrambi in LI, 18), il nome testa è sempre tuo. Questi indizi sembrano andare nella direzione di possibili tendenze comuni, di formazione linguistica e culturale comuni per notai operanti negli stessi luoghi. D’altronde, nell’analisi di un corpus come quello indagato in questo lavoro, lo studio delle caratteristiche linguistiche dei singoli rogatari è a nostro avviso imprescindibile e può portare alla rivalutazione dei dati quantitativi, che non possono essere slegati dall’analisi qualitativa. Un caso interessante, da questo punto di vista, è quello del notaio Toto. Questo rogatario (attivo a Salerno tra l’858 e l’869) è tra quelli che mostrano abilità scrittorie e linguistiche più sofisticate (produce anche una notitia iudicati, un documento dotato di un valore più elevato rispetto alle comuni vendite, che rappresentano la maggior parte dei documenti del nostro corpus). Possediamo 6 carte redatte da Toto (poco meno del 6 % del totale dunque). In questi documenti compare però il 16 % delle frasi relative con qui e il 19 % delle relative con que (e il 15-% dei quibus e 3 degli 8 qua). Inoltre, abbiamo visto che nei testi di Toto compare uno dei due quorum che si trovano nel nostro corpus. 3 Alcune di queste subordinate compaiono anche in contesti contenenti ele‐ menti di complessità sintattica e testuale non comuni nel nostro corpus: (3) e[go] Antipertus filius Trudiperti pro salutis anime mee offero in ecclesia Beati Sancti Maximi co[n]fessoris, qui a nobo fundamine a suprascripto domno nostro Vuaiferio dedicata est intus hec noba Salernitana cibitatem a super ipsa fistula, ubi nunc Amipertus presbiter rector esset videtur, ipsum aquarium, qui modo badit per terram nostram iuxta flubio Lirinum da fine de filii Alerissi usque in Sintassi e semantica del pronome quem nelle carte notarili della Langobardia Minor (IX secolo) 67 <?page no="68"?> fine rem iamdicte ecclesie, introendum ipsa aqua ad minandum ipso molinum, que iamdictus presbiter in iamdicta rem prefate ecclesie qui a Iosueb medico ibi offertum fuit edificatur (LI, 23). Si notino in particolare, nell’esempio (3), le interazioni tra le frasi relative e la rete di relazioni anaforiche (soprattutto nella parte finale del brano). L’intelaiatura testuale è particolarmente complessa, e offre uno sguardo sulle caratteristiche della gestione della testualità da parte di un notaio (tra quelli dotati di abilità linguistiche più sofisticate) nei casi in cui cerca di presentare in maniera più articolata le caratteristiche di un bene, ponendo particolare cura all’identità referenziale delle entità nominate nel testo. 3 Conclusioni In questo studio ci siamo soffermati sulle caratteristiche d’uso del pronome quem in un corpus di testi circoscritto sia per tipologia testuale, sia per limiti cronologici e geografici. Nel contesto di questo corpus chiaramente definito abbiamo potuto osservare che: 1. il pronome quem compare soprattutto in alcuni contesti ricorrenti (ed in particolar modo in combinazione con il verbo habere); 2. il pronome quem compare soprattutto nelle produzioni di alcuni notai (in particolare Cumpertu e Toto, che per altro operano soprattutto nello stesso centro); 3. l’analisi qualitativa dei dati permette in alcuni casi di identificare quelle che appaiono come micro-tradizioni interne alla produzione di notai operanti in territori circoscritti e legati, plausibilmente, a percorsi formativi comuni; 4. l’analisi in dettaglio delle caratteristiche linguistiche dei singoli notai può permettere una loro caratterizzazione sociolinguistica (si vedano anche Sornicola 2017; Galante 2017); 5. l’integrazione di dati qualitativi e quantitativi è una condizione irrinuncia‐ bile nell’analisi dei dati di corpora di testi antichi (che sono in genere, inevitabilmente, sbilanciati). Bibliografia Galante, Maria (2001). Tre nuove carte del IX secolo conservate nell’archivio cavense. Rassegna Storica Salernitana n.s. 18, 251-264. Galante, Maria (2017). Generi documentari e forme di struttura: una base per approcci linguistici. In: Sornicola, Rosanna/ D’Argenio, Elisa/ Greco, Paolo (a cura di), 47-56. 68 Paolo Greco <?page no="69"?> Greco, Paolo (2016). Sulla morfosintassi dei pronomi relativi nelle carte notarili di area salernitana (IX secolo). In: Buchi, Éva/ Chauveau, Jean-Paul/ Pierrel, Jean-Marie (a cura di). Actes du XXVIIe Congrès international de linguistique et de philologie romanes (Nancy, 15-20 juillet 2013). Strasbourg: ÉLiPhi, I, 291-301. Greco, Paolo (in stampa). Sintassi, semantica e testualità dei pronomi relativi qui e que nelle carte notarili della Langobardia minor (IX secolo). In: Varietate delectamur: Multifarious Approaches to Synchronic and Diachronic Variation in Latin. Ghent: Brepols. Sornicola, Rosanna (2017). La morfologia nominale: polimorfismo e polifunzionalismo nei sistemi di flessione. In: Sornicola, Rosanna/ D’Argenio, Elisa/ Greco, Paolo (a cura di), 85-134. Sornicola, Rosanna/ D’Argenio, Elisa/ Greco, Paolo (a cura di) (2017). Sistemi, norme, scritture. La lingua delle più antiche carte cavensi. Napoli: Giannini. Sintassi e semantica del pronome quem nelle carte notarili della Langobardia Minor (IX secolo) 69 <?page no="71"?> Diaphasische Variation in Dantes Latein Marianne Pade (Aarhus) & Johann Ramminger (München) Dante Alighieri - Verfasser der Divina Commedia und erster Theoretiker des Italienischen - schrieb eine Reihe lateinischer Texte: Traktate, Briefe, Gedichte. Generell betrachtet, ist Dantes Latein ein Idiom, das sowohl in Orthographie und Morphologie als auch in Syntax und Wortschatz dem seiner Latein-schreibenden Zeitgenossen entspricht. Allerdings ist es keineswegs monolithisch. Unter der Perspektive der diaphasischen Variation (Völker 2013) soll dieser Beitrag exemplarisch zeigen, wie Dante sein Latein entsprechend dem Genre, in dem er schreibt, stilistisch variiert (Materialsammlungen in Brugnoli 1976, Diskussion in Rizzo 2016 und 2017). Wortschatz Die ersten Texte, die wir hier betrachten, sind die beiden Eklogen. Sie gehören in ein Genre, dessen herausragendes Merkmal die Referenz auf frühere Hirten‐ dichtung ist. Die dichterische Leistung - vereinfacht gesagt - bestand darin, den Wortvorrat und Stil eines Vorbilds (in Dantes Fall Vergil) mit einem neuen Inhalt (bei Dante die Rechtfertigung des Gebrauchs der Volkssprache in der Dichtung) zu verbinden. <?page no="72"?> 1 Die Statistiken zählen die Lemmata, nicht die tatsächlich vorkommenden Wortformen. Für Dante beruhen sie auf Rand et al. (1912) und den von DanteSearch (https: / / dante search.dantenetwork.it/ ) zur Verfügung gestellten Daten, für Vergil auf dem LASLA- Korpus (https: / / lila-erc.eu). Abb. 1: Verteilung des Wortvorrats in Dantes Eklogen 1 Diese Herausforderung löste Dante meisterhaft. Wie wir aus Abbildung 1 sehen, finden sich fast zwei Drittel seines Wortschatzes in Vergils Eklogen, weitere 27-% in den beiden anderen grossen Werken Vergils (Überschneidungen in Vergils Wortschatz sind hier den Eklogen zugerechnet). Weitere 9 % konnte Dante in Hu‐ gutios Derivationes finden, dem meist verbreiteten Wörterbuch seiner Zeit, das er auch sonst benutzte (Schizzerotto 1976). Hier ist darauf hinzuweisen, dass Hugutio ein spätmittelalterliches Standardvokabular repräsentiert, wie es in den normal gelesenen Texten enthalten war; deshalb bringt Hugutio eine grosse Menge von Wörtern aus Vergil (die in der obigen Graphik nicht unter Hugutio, sondern unter Vergil subsumiert sind). Hugutios 9-% beinhalten eine Reihe von Wörtern, die bei anderen klassischen Verfassern auftauchen, mit denen Dante - auch unabhängig von Hugutio - bekannt war. Ein Beispiel ist das sehr seltene celator (‘der etwas versteckt’) aus Lukan. Ein Teil von Dantes Lesern wird die Quelle erkannt und Dantes gelehrten Stil bewundert haben. Anderes ist unerwartet auf Grund des Genres, wie indignatio (‘Entrüstung’), das sonst nur in Prosa belegt ist. Die letzten 3 % beinhalten nicht-klassische Wörter, die auch in Hugutio nicht enthalten sind, z.-B. canneus (‘aus Schilf’) und perferbeo (‘glühen’ - vor Zorn); für letzteres sind mittelalterliche Heldengedichte eine mögliche Quelle. Manches hat Dante wohl selbst gebildet, z. B. libratim (‘balanzierend’) und currigerus (‘den Wagen tragend’ - von den Rädern). Das letzte Wort der zweiten Ekloge, poymus, erscheint 72 Marianne Pade & Johann Ramminger <?page no="73"?> 2 OLD dokumentiert das ‘klassische’ Latein (bis ca. 200 nach Chr.), Forcellini deckt den gesamten Zeitraum der Antike bis ca. 600. zunächst in poetischem Zusammenhang völlig unmöglich, ist aber in Wirklichkeit ein raffiniertes dichterisches Wirkemittel. Wie Hugutio erklärt, kommt poyo aus dem Griechischen und bedeutet ‘zusammensetzen, erfinden’; Ableitungen sind poeta und poesis (‘Dichter’, ‘Dichtung’) (Gräzismen bei Dante s. Migliorini 1971). Diese Etymologie war Dantes Zeitgenossen vertraut - sie wurde auch späterhin häufig zitiert - und muss bei der Lektüre der beiden letzten Verse der Ekloge mitgedacht werden. Hier teilt uns der Ich-Erzähler mit, dass er alles, was er mitgeteilt hat, vom Hirten Iolas als dessen eigene Erlebnisse gehört habe, „er (Iolas) sang für uns, und wir singen (poymus) für dich, Mopsus“. Mit Hilfe von poymus formuliert Dante sein - muttersprachliches - Dichtungsprogramm: „Wie andere vor mir, so habe ich dieses Gedicht in Nachahmung früherer Dichtung geschrieben“; der Gebrauch des griechischen Wortes mag darüberhinaus auf die griechischen Wurzeln der Hirtendichtung hinweisen. Für den modernen Leser kann dies unnötig kompliziert klingen, doch der gebildete Zeitgenosse Dantes dekodierte das Signal ohne Probleme und bewunderte die meisterhafte Verpackung der Botschaft in ein Wort. In Dantes Prosaschriften ist der Wortschatz weit mittelalterlicher; das Spek‐ trum reicht vom überwältigend ‘barocken’ Stil einiger Briefe zu der nüchtern technischen Sprache der drei Traktate De monarchia, De uulgari eloquentia, Quaestio de situ et forma aquae et terrae (Monarchie, Die Ausdruckskraft der Volkssprache, Untersuchung über Lage und Form von Wasser und Erde). Abb. 2: Mögliche Quellen des Wortschatzes von De monarchia  2 Diaphasische Variation in Dantes Latein 73 <?page no="74"?> Wie Abbildung 2 zeigt, sind ¾ des Wortschatzes von De morarchia in Hugutios Wörterbuch enthalten, d. h. sie repräsentieren gängiges Mittelalter-Latein und gehen zum Grossteil auf das antike Latein zurück. Weitere 21 % (davon 16 % im Oxford Latin Dictionary enthalten, weitere 5 % nur im Forcellini, siehe Anm. 2) kann Dante bei den klassischen lateinischen Autoren oder den Kirchenvätern gelesen haben. Im übrigen zeigt Dantes Prosa - nicht überraschend - seine Verankerung in der mittelalterlichen Sprachpraxis: ein Ausdruck wie disiunctim abmotimque (‘getrennt und weit entfernt’, DVE) hat einen juristischen Klang; disiunctim ist häufig im Standardwerk der mittelalterlichen Juristen, den Di‐ gesten (eine spätantike Gesetzsammlung), abmotim scheint von Dante selbst gebildet zu sein. Doctrinatus (‘gelehrt’, ein vielsilbiger Ersatz für das klassische doctus, DVE), arteficiatum (‘Artefakt’, statt klassisch arte factum, DVE), und magistrare (‘lehren’, von magister, statt klassisch docere, DVE) sind Ausdruck eines mittelalterlichen Stilideals, das längere Wörter wählt, wo klassisches Latein eine kürzere Ausdrucksweise bevorzugt. Dante hat ein grosses technisches, nicht-antikes Vokabular, z. B. in der politischen Domäne: civicare (‘als Bürger leben’, DVE), plebescere (‘sich wie das einfache Volk verhalten’, DVE) und politizare (‘am öffentlichen Leben teilnehmen’, De monarchia, 2x). Letzteres zeigt Dantes Vertrautheit mit der zeitgenössischen Philosophie; er fand das Wort in William von Moerbekes lateinischer Übersetzung von Aristoteles’ Politik als Lehnübersetzung des grie‐ chischen politeuein.- Schliesslich ist zu erwähnen, dass wir hin und wieder die Volkssprache hinter Dantes Latein ahnen können, z. B. in podiare (‘sich anlehnen’, DVE), das Hugutio zusammen mit apodiare erwähnt, und das zusammen gedacht werden muss mit italienisch poggiare (und appoggiare, in derselben Bedeutung), oder stantia (‘Wohnung’, DVE, 26x), italienisch stanz(i)a (‘Zimmer’). Grammatik Auch hinsichtlich der Grammatik ist Dante sowohl ein typischer Autor des 14. Jahrhunderts als auch ein raffinierter Verfasser, der sein sprachliches Instru‐ mentarium mit dem Genre, in dem er schreibt, variiert. Ein Beispiel ist der Gebrauch von Akkusativ mit Infinitiv, im Mittelalterla‐ tein gerne erstattet mit Objektsätzen mit quod, quia, quoniam oder ut (Stotz 1996-2004, IV, 392-396). Dante gebraucht vor allem Objektsätze mit quod als Konjunktion (unterstrichen die mit dem AcI konkurrierende Konstruktion), z. B. „Propter quod sciendum primo quod Deus et natura nil otiosum facit“ (mon. 1.3.3); „Et si dicatur quod pice adhuc et alie aves locuntur, dicimus quod falsum 74 Marianne Pade & Johann Ramminger <?page no="75"?> est“ (DVE 1.2.7); oder „et probant dicendo, quod ascendendo malum vident eos“ (quaest. 5). Dass die drei Zitate aus den drei oben genannten Prosawerken stammen, ist kein Zufall. Objektsätze mit einleitendem quod finden sich kaum in den Briefen und fehlen gänzlich in der Dichtung, - offenbar also eine bewusste stilistische Variation. Statistisch gesehen hat quod (Objektsätze mit Indikativ, Relativ-, Kausalsätze usw.) einen Anteil von 2,3 % an den Wörtern in De monarchia, 2,17 % in De vulgare eloquentia, und 2,6 % in der Quaestio. In den Briefen sinkt der Anteil auf 1,4 %, in der Eklogen auf 1 % (als Konjunktion bei andere Satztypen). Vergleichend blicken wir auf Ciceros im Mittelalter oft gelesenen Traktat De officiis (1 %); in Vergils Eklogen hat quod nur einen Anteil von 0,15-%.- Ein anderer Punkt, in dem sich Dantes Latein markant von der klassischen Sprachnorm abwendet, ist der Gebrauch des Infinitivs. Statt des klassischen Gerundiums verwendet Dante gerne Präposition + Infinitiv - im klassischen Latein selten, später jedoch verbreitet, und von da aus in die Romanischen Volkssprachen übergehend (TLL s. v. ad, hat kein Beispiel, vgl. aber DMLBS s.v.). So lesen wir in De monarchia: „… et queritur an ad bene esse mundi necessaria sit“ (mon. 1.2.3), wo vom Infinitiv zusätzlich noch ein Genitiv abhängig ist. Der Ausdruck ad bene esse mundi kommt sieben mal in De monarchia vor, dazu kommt in De vulgari eloquentia die Phrase ad bene esse ohne Genitiv (DVE 1.1.4). Ein anderer relativ häufiger Ausdruck ist in esse: „genus humanum Deus ecternus arte sua, que natura est, in esse producit“ (mon. 1.3.2). In esse erscheint fünf mal in De monarchia. Dante verwendet auch gerne ad esse, z.-B. „quantum est ad esse“ (mon. 3.4.18, dazu drei Belege in den Briefen). Die substantivierten Infinitive und die Bevorzugung der Objektsätze mit quod folgen demselben Variationsmuster: sie sind weitaus häufiger in den Traktaten als in den Briefen; als unklassische Konstruktionen sind sie in den Eklogen abwesend.- Zusammenfassung Unsere kurze Übersicht enthält eine Auswahl von Beispielen, die die Breite der diaphasischen Variation in Dantes lateinischen Stil charakterisieren. Aber auch aus den hier vorgelegten Daten ergibt sich ein deutliches Bild: Dantes Latein ist typisch für seine Zeit und reflektiert die Sprachentwicklung seit der Antike sowohl in Wortvorrat als auch Syntax. Dies vorausgeschickt, hat es sich gezeigt, dass Dante diese Sprachentwicklung durchaus bewusst ist und er sich frei zwischen dem klassischen Latein und einem zeitgenössischen Idiom hin und her bewegen konnte. Die drei Traktate sind an einem Ende Diaphasische Variation in Dantes Latein 75 <?page no="76"?> des diaphasischen Spektrums und reflektieren ein weitgehend mittelalterliches Latein, die Briefe haben einen dem klassischen näher stehenden Stil (weniger quod-Sätze und substantivierte Infinitive). Die beiden Eklogen sind am anderen Ende der Variationsskala. Dantes spielerische Identifikation mit Vergil führt ein merkbar klassisches Idiom mit sich (womit die diaphasische Variation auch ein diachronisches Element erhält). Bibliographie Brugnoli, Giorgio (1976). La lingua latina. In: Enciclopedia Dantesca V. Rom: Istituto dell’Enciclopedia Italiana, 591-599. DMLBS (1975-2013). Dictionary of Medieval Latin From British Sources. Latham, Ronald Edward/ Howlett, David Robert (Hrsg.). Oxford: OUP. Abrufbar unter http: / / logeion. uchicago.edu/ (konsultiert am 20.10.2023). Forcellini, Aegidius (1858-1887). Totius Latinitatis Lexicon, rev. De Vit. Prato. Migliorini, Bruno (1971). Grecismi. In: Enciclopedia Dantesca III. Rom: Istituto dell’En‐ ciclopedia Italiana, 280-281. OLD (1968-1982). Oxford Latin Dictionary. Glare, P. G. (Hrsg.). Oxford: OUP. Rand, Edvardus Kennard/ Wilkins, Ernet Hatch/ Campbell White, Alan (1912). Dantis Alagherii Operum Latinorum Concordantiae. Oxford: OUP. Rizzo, Silvia (2016). ‘La lingua nostra’: Il latino di Dante. In: Malato, Enrico/ Mazzucchi, Andrea (Hrsg.). Dante fra il settecentocinquantenario della nascita (2015) e il sette‐ centenario della morte (2021). Rom: Salerno Editore, 535-557.- Rizzo, Silvia (2017). Note sulla latinità di Dante. Italia medioevale e umanistica 58, 283-292. Schizzerotto, Giancarlo (1976). „Uguccione“. In: Enciclopedia Dantesca V. Rom: Istituto dell’Enciclopedia Italiana, 800-802. Stotz, Peter (1996-2004). Handbuch zur lateinischen Sprache des Mittelalters. München: Beck.- TLL (1900-). Thesaurus Linguae Latinae. Leipzig et al.: Teubner. Völker, Harald (2013). The Diasystem and Its Role in Generating Meaning: Diachronic Evidence from Old French. In: Arteaga, Deborah L. (Hrsg.). Research on Old French: The State of the Art. Dordrecht: Springer, 187-204. 76 Marianne Pade & Johann Ramminger <?page no="77"?> 1 Der Lexique roman ou dictionnaire de la langue des troubadours (Rn) von François Raynouard und das Provenzalische Supplementwörterbuch (Lv) und der Petit dictionnaire provençalfrançais (LvP) von Emil Levy. 2 Die umfassende Dokumentation des Wortschatzes geschriebener Texte eines bestimm‐ ten Sprachgebiets steht im Gegensatz zu einem lexikographischen Ansatz, der den Fokus auf die historische Entwicklung von Dialekten setzt. Ein textorientierter Ansatz ermög‐ licht „contextualization and pragmatically grounded interpretations of the language data“ (Selig et al. 2023: 265; vgl. Selig/ Schöffel erscheint: Fußnote 8). Lokalität, Regionalität und Überregionalität im Wortschatz der spätmittelalterlichen Verwaltungsschriftlichkeit von Saint-Flour Elisabeth Reichle (Leipzig) & Matthias Schöffel (München) 1 Die mots nouveaux des DOM als Ausgangspunkt für die lexikalische Analyse Seit seinen Anfängen hatte sich das Wörterbuchprojekt der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (BAdW) Dictionnaire de l’occitan médiéval (DOM; 1997-2021) zum Ziel gesetzt, das lexikalische Material schriftlich überlieferter lyrischer (T), literarischer (L) und kaufmännischer bzw. juristisch-administrativer (D) altokzita‐ nischer Texte aus einem Zeitraum von ca. 1050 bis 1550 möglichst exhaustiv zu sammeln (vgl. Stempel 1996: VII f.). Es wurde dabei nicht nur der Wortschatz der drei bereits bestehenden Wörterbücher des Altokzitanischen von François Raynouard (1761-1836) und Emil Levy (1855-1917) 1 im analogen Zettelmaterial des DOM für die Erstellung eines umfassenden historischen Wörterbuchs zusam‐ mengeführt, sondern auch das Lemmainventar „textzentriert“ (Selig et al. 2023: 265; Übers. d. Verf.) 2 um neue Lemmata aus Glossaren neuer Texteditionen, Exzerpten von Primärtexten, Rezensionen und lexikalischen Studien erweitert. Darüber hinaus wurde auch das Spezialwörterbuch Dictionnaire d’ancien occitan auvergnat. Mauriacois et Sanflorain (1340-1540) (DAOA) von Philippe Olivier in das analoge Zettelmaterial des DOM integriert, welches die zeitlich und territorial abgegrenzte Sprache der spätmittelalterlichen Stadtverwaltung von u. a. Saint- Flour dokumentiert. Die neu eruierten Lemmata - die sog. mots nouveaux (MN) <?page no="78"?> 3 Derzeit (Stand: August 2023) haben 10.337 von insgesamt 38.843 Lemmata im DOMél den Status eines MN (27-%). 4 L: n=3.833, T: n=537. 5 Rn setzte den Schwerpunkt auf die Trobadorzeit; Lv berücksichtigte zur Dokumentation des Gesamtwortschatzes auch neu edierte altokzitanische Texte bis zum Ende des 15. Jh. (wenige vom Anfang des 16. Jh.) (vgl. Lv-: VIII). 6 Die Datenbank dDOM verwaltet das digitalisierte Zettelmaterial des DOM. - sind Stichwörter aus dem lemmatisierten Zettelmaterial des DOM, die in den Vorgängerwörterbüchern von Raynouard und Levy noch nicht erfasst worden sind und deshalb größtenteils in lexikalischen Analysen noch keine Beachtung gefunden haben (vgl. Selig et al. 2023: 270). Seit 2016 werden die vom DOM von 1996-2013 in Druckform publizierten Faszikel (a-album), die Wörterbucheinträge der Vorgängerwörterbücher (LvP, Lv, Rn) und die noch über das Projektende hinaus laufend aus dem analogen Zettelmaterial übertragenen MN in einem semasiologisch geordneten Wörter‐ buch von A-Z (DOMél, www.dom-en-ligne.de) 3 online zur Verfügung gestellt. Die bereits in den DOMél integrierten MN (n=10.337) zeigen in ihrer Distribution über die drei Quellentypen (T, L, D) eine starke Dominanz des Wortschatzes der Verwaltungs- und Rechtsschriften (D) (n=5.967). 4 Diese Verteilung ist einerseits auf die Aufnahme des Wortschatzes spätmittelalterlicher, nicht-literarischer Texte bis 1550 5 zurückzuführen, andererseits auf das späte Interesse der For‐ schung für Texte, deren Entstehungszeit nach der Trobadorzeit liegt (vgl. Selig et al. 2023: 270). Da die MN juristisch-administrativer Texte mit hoher Wahr‐ scheinlichkeit nicht in der Trobadorlyrik oder in literarischen Texten belegt sind, bieten sie einen geeigneten Ausgangspunkt für die qualitative Analyse eines Wortschatzes, der charakteristisch ist für die regional aufkommende volkssprachliche pragmatische Schriftlichkeit (D), d. h. für „Dokumente […], die den Verwaltungsalltag eines Klosters oder einer Stadt, die kaufmännische oder notarielle Praxis etc. betreffen“ (Selig 2006: 1938). Anhand eines Random Samples von MN der Schriftlichkeit der konsularischen Stadtverwaltung von Saint Flour (n=491), die auf Grundlage der Daten des DAOA von Philippe Olivier und des umfangreichen Zettelmaterials des DOM bisher er‐ mittelt werden konnten, soll exemplarisch die sich im Ausbauprozess befindende volkssprachliche Verwaltungssprache beleuchtet werden. Nach einem Kurzüber‐ blick über den Forschungsstand zur Verwaltungsschriftlichkeit der Stadt (Kap. 2), soll gezeigt werden, wie die Daten mithilfe der digitalen Wörterbuchressourcen des DOM (DOMél; dDOM 6 ) in einen größeren Kontext eingeordnet und erste 78 Elisabeth Reichle & Matthias Schöffel <?page no="79"?> 7 ‘Approximativ’ aufgrund der lückenhaften Überlieferung historischer Texte, ausstehen‐ der Editionen, von Editionen ohne Glossare, die teilweise vom DOM unberücksichtigt geblieben sind, und des provisorischen Zustandes der MN-Wörterbuchartikel im DOMél, die zwar kontrolliert sind, aber noch nicht alle Kontrollstufen durchlaufen haben (vgl. Selig et al. 2023: 268 f.). 8 Das Saint-Flour-Korpus des DAOA umfasst „registres [consulaires], […] le livre d’es‐ times de 1380-1385, les registres de délibérations consulaires, les rôles de taille, des ordonnances diverses etc. […]“ (DAOA: XVI-f.). 9 Merkmale des Zentralauvergnatischen sind beispielsweise die Palatalisierung von C / G vor A , die Entwicklung von lat. - C T - > -it-, von lat. - A R I U > -eir/ -ier, von lat. - I C A - > -ia-, von i vor l > ia/ ie und von e vor l > ea. 10 Diese These gilt mittlerweile als nicht mehr haltbar (vgl. Gleßgen/ Pfister 1995: 410; Chambon/ Olivier 2000: 110 f.). (approximative) 7 Rückschlüsse auf die Lokalität, Regionalität und Überregionalität des Wortschatzes gezogen werden können (Kap. 3 und 4). 2 Kurzüberblick über die administrative Schriftlichkeit von Saint-Flour Die Verwendung der Volksprache in distanzsprachlichen, fachsprachlichen Verwaltungstexten und die damit verbundene Entstehung neuer Diskurstradi‐ tionen steht in engem Zusammenhang mit „einer immer komplexer werdenden städtischen und kaufmännischen Welt“ (Selig 2006: 1938). Die Gebrauchsschrif‐ ten entstehen in einem lokalen Kontext mit vornehmlich städtischem Interesse. In Saint-Flour liegt der Beginn der volkssprachlichen Verwaltungsschriftlichkeit in der Mitte bzw. dem Ende des 12. Jh., später als in den Städten im Süden des Zentralmassivs (vgl. Lodge 1995: 423; Chambon/ Olivier 2000: 109). Aus dem Zeitraum von 1340-1540 bietet das Stadtarchiv eine reiche Überlieferung an Schriften der konsularischen Stadtverwaltung; diese machen den Großteil der Stichwörter des DAOA aus. 8 Die auvergnatische Skripta der Stadt wird dem Zentralauvergnatischen zugeordnet und unterscheidet sich in Graphie und Morphologie von dem nach Süden orientierten Aurillac und dem Nordau‐ vergnatischen (Montferrand) (vgl. Lodge 1995: 423 f.; DAOA: XV f.). 9 Ab dem 14. Jh. dringt zunehmend das Französische ein, überlagert aber erst 1542/ 1543 endgültig die Schreibform von Saint-Flour (vgl. Chambon/ Olivier 2000: 127). Angesichts der Heterogenität und des Fehlens eines normativen Standards der (administrativen) altokzitanischen Schriftlichkeit bewertet Chambon diese als regional und auf graphischer sowie lexikalischer Ebene der jeweiligen regio‐ nalen Mündlichkeit sehr nahe stehend (vgl. Chambon/ Olivier 2000: 110 f., 136; Chambon 2009: 204 f.). Dem gegenüber steht die ältere Vorstellung einer über‐ regionalen Sprachform, einer „koinê administrative occitane“ (Bec 1973: 73). 10 Lokalität, Regionalität und Überregionalität im Verwaltungswortschatz von Saint-Flour 79 <?page no="80"?> 11 Drei MN haben sich über die Suche im dDOM (Sigel=*Flour* ∧ Farbe=grün) aus den Exzerpten des DOM aus Rigaudière (1982, 1977) ergeben. 12 Die (über-)regionalen Merkmale der Graphie können hier nur am Rande diskutiert werden. Die Graphie orientiert sich an der regionalen phonischen Realisierung der Verwaltungssprache (vgl. Gleßgen/ Pfister 1995: 407); diese zeigt in Saint-Flour auch Merkmale des nordokzitanischen Raums wie die Palatalisierung von C vor A . 13 Nomen (n=345), Verben (n=61), Adjektive/ Partizipien (n=56), Adverbien (n=27), Präpo‐ sitionen (n=3), Pronomen (n=3), Artikel (n=1), Interjektion (n=1) (Mehrfachzählungen in sechs Fällen, da die MN in den Wörterbuchartikeln unterschiedlichen Wortarten zugeordnet sein können). 14 Folgende semantischen Bereiche dominieren: Verwaltung, Handwerk, Berufs-/ Personen‐ bezeichnungen, Verteidigung, Essen/ Trinken, Krankheit/ Epidemie, (Feier-)Tage, Klei‐ dung/ Textile, Kirche. 15 Von 491 MN aus Saint-Flour sind 422 MN (86 %) ausschließlich in der Textkategorie D belegt, 68 MN (14-%) auch in den Quellentypen L und/ oder T. 16 Das Desiderat der Ermittlung der zahlreichen Erstbelege altokzitanischen Wortschatzes im DAOA formuliert Philippe Olivier in seiner Einleitung zum DAOA (DAOA: XXIV). Diese beiden dichotomen Positionen und eine Überlegung nach Gleßgen/ Pfister (1995: 407), dass „die altokzitanische Verwaltungs- und Rechtssprache die Unterscheidung von territorial begrenzten Merkmalen und überregionalen Charakteristika“ erlauben könnte, sollen auf lexikalischer Ebene am Beispiel der MN aus Saint-Flour geprüft werden. 3 Lokalität, Regionalität bzw. Überregionalität der MN der Verwaltungsschriftlichkeit von Saint-Flour Über die Redaktionsdatenbank des DOMél ergeben sich derzeit (Stand: August 2023) 491 MN (Types) aus dem DAOA mit 1643 Belegstellen (Tokens). 11 Eine weiterführende Kontextualisierung der Saint-Flour-spezifischen Daten des DAOA vor dem Hintergrund der Gesamtbreite des Wortschatzes altokzitanischer Texte wird durch die vorläufigen Wörterbuchartikel der entsprechenden MN im DOMél ermöglicht: Die Mikrostruktur umfasst neben der normalisierten Lemmaform, den Graphievarianten, 12 der grammatischen Information, 13 dem Bedeutungsteil 14 und Hinweis zur Etymologie (FEW-Link), auch die Belegstellen aus dem Gesamtkor‐ pus des DOM (d. h. Jahr, Textsigel, Textstelle und Form) nach Quellentypen 15 und innerhalb dieser chronologisch geordnet. Die Angabe der Belegstellen ermöglicht eine Kategorisierung der MN nach Lokalismen (Belege nur aus Saint-Flour), Regi‐ onalismen (Belege nur aus Saint-Flour und der Auvergne) und Überregionalismen (auch außerhalb der Auvergne belegt) sowie nach MN mit lokalem, regionalem oder nicht-auvergnatischem Erstbeleg. 16 Durch die Analyse der Verbreitung und 80 Elisabeth Reichle & Matthias Schöffel <?page no="81"?> 17 Die regionalen Erstbelege stammen aus Montferrand (n=17), Dienne (n=2), Roffiac (n=2), Aurillac (n=1), Chomelix (n=1), Clermont-Ferrand (n=1), Murat (n=1), Vebret (n=1). Herkunft der Lemmata kann herausgearbeitet werden, wie lokal, regional und überregional der Wortschatz geprägt ist. Die Auswertung ergibt, dass 54 % (n=265) der 491 MN ausschließlich lokal in Saint-Flour auftreten (vgl. Tab. 1); davon sind über die Hälfte Hapax (n=167). Neben dem stark lokal begrenzten Vorkommen des Wortschatzes, zeigt sich auch durch den insgesamt hohen Anteil an Erstbelegen aus Saint-Flour der überwiegend lokale Ursprung der Lemmata (n=336, 68 %). Der lexikalische Einfluss der restlichen Auvergne ist dagegen mit insgesamt 26 (5%) Erstbelegen aus der Auvergne außerhalb von Saint-Flour gering, 17 ebenso wie die rein auvergnatische Verbreitung der Lexeme (4 %). Neben dem sehr städtischen Charakter des Wortschatzes verweisen 42 % (n=204) überregional belegte MN auf Verbindungen zwischen Saint-Flour und Orten außerhalb der Auvergne: 65 Überregionalismen sind zuerst in Saint-Flour belegt, den Einfluss von außerhalb der Auvergne zeigen 129 MN (26 %) mit nicht-auvergnatischen Erstbelegen. Trotz hoher Lokalität kann deshalb dem Verwaltungswortschatz von Saint- Flour insgesamt kein rein räumlich begrenzter Charakter zugeschrieben wer‐ den. - n % Lokalismen • Hapax • Mehrere Belege 265- 167 98 54% Regionalismen • Erstbeleg aus der Auvergne • Erstbeleg aus SF 22- 166 4% Überregionalismen • Nicht-auvergnatischer Erstbeleg • Erstbeleg aus SF • Erstbeleg aus der Auvergne 204- 129 65 10 42% Total 491 100% Tab. 1: Kategorisierung der MN aus Saint-Flour (SF) nach lokalem, regionalem und überregionalem Vorkommen der Belege Lokalität, Regionalität und Überregionalität im Verwaltungswortschatz von Saint-Flour 81 <?page no="82"?> 18 Vor allem juristisch-administrative Handlungen und Dokumente, Personenbezeichnun‐ gen, Geld, Steuern/ Ausgaben. 19 Das Handwerk von Maurern, Zimmerern/ Tischlern, Uhrenmachern und Schmieden betreffend. Es stellt sich nun die Frage, ob bestimmte Wortschatzbereiche der MN eine höhere Lokalität aufweisen als andere. Ein Vergleich der beiden größten seman‐ tischen Bereiche, der juristisch-administrativen (im engeren Sinne) (n=127) 18 und handwerkwerklichen MN (n=95), 19 zeigt (vgl. Tab. 2) in beiden Domänen eine Dominanz der Lokalismen (54 % vs. 64 %), einen hohen Anteil an Saint- Flour-Erstbelegen (70 % vs. 81 %) und insgesamt eine leicht höhere Lokalität des handwerklichen Wortschatzes. Es zeichnet sich auch hier an den nicht-auverg‐ natischen Erstbelegen (24 % vs. 16 %) vor allem im juristisch-administrativen Bereich ein Einfluss von außerhalb der Auvergne auf den Wortschatz ab. - Juristisch-ad‐ ministrative MN Handwerk‐ liche MN Lokalismen • Hapax • Mehrere Belege 69 (54-%)- 46 23 61 (64-%)- 35 26 Regionalismen • Erstbeleg aus der Auvergne • Erstbeleg aus SF 8 (6-%)- 53 1 (1-%)- 10 Überregionalismen • Nicht-auvergnatischer Erstbeleg • Erstbeleg aus SF • Erstbeleg aus der Auvergne 50 (39-%)- 30 17 3 33 (35-%)- 15 162 Total 127 95 Tab. 2: Lokalität, Regionalität und Überregionalität der MN in zwei semantischen Bereichen Das Verhältnis zwischen Lokalität, Regionalität und Überregionalität der MN soll abschließend an konkreten Beispielen der juristisch-administrativen MN - juristischen Dokumenten (n=14), juristisch-administrativen Personenbezeich‐ nungen (n=14) und Handlungen (n=23) - skizziert werden (vgl. Tab. 3): insge‐ samt wird wieder die stark lokale Begrenzung und Herkunft des Wortschatzes 82 Elisabeth Reichle & Matthias Schöffel <?page no="83"?> 20 elegut und obligat sind zuerst in Montferrand belegt. 21 Darunter befinden sich sechs MN mit Erstbelegen aus Saint-Flour. Die beiden auverg‐ natischen MN sind zuerst in Montferrand belegt. Der Erstbeleg von neun MN kommt von außerhalb der Auvergne: Avignon (n=3), Provence (n=2), Albi (n=1), Béarn (n=1), La Réole (n=1) und Lodève (n=1). deutlich, aber es zeigt sich auch an neun Belegen der Anschluss an den altokzitanischen Verwaltungs- und Rechtswortschatz außerhalb der Auvergne. - Juristische Dokumente Juristisch-administra‐ tive Personenbezeich‐ nungen Juristisch-ad‐ ministrative Handlungen Lokalismen (Hapax unterstrichen) ataca, atesta‐ men, atiquet, capiatis, con‐ traletra, debi‐ tis, memoral, rogamus audiensier, avoan, defal‐ hen, gatjat, gitador avoamen, cassa‐ cion, desafisa‐ men, desavoa‐ men, descargamen, nomada, notifi‐ cansa, oltrar, re‐ cidivensa, sor‐ carga -cachetar, me‐ moriar, reiresti‐ mar, ressagelar, resumir, sorcar‐ gar Regionalismen 20 (Erstbeleg aus SF unter‐ strichen) obligatoria elegut, calongier, obligat - Überregionalismen 21 (Erstbeleg aus SF bzw. der Auvergne unterstri‐ chen) - anexa, apos‐ tol, (letra) ob‐ ligatoria, re‐ vocatoria, (letra) revoca‐ toria apelan, cessionari, deman‐ dan, opausan, rededor, vi‐ cegeren certificacion, enterinacion, notificacion -anexar, calcu‐ lar, datar, resse‐ car Tab. 3: Lokalität, Regionalität und Überregionalität der MN aus drei semantischen Bereichen der juristisch-administrativen MN Lokalität, Regionalität und Überregionalität im Verwaltungswortschatz von Saint-Flour 83 <?page no="84"?> 4 Verhältnis zwischen Lokalität, Regionalität und Überregionalität Die Ergebnisse der Auswertung der Wörterbuchartikel des DOMél erlauben erste Rückschlüsse auf die Lokalität, Regionalität und Überregionalität der MN von Saint-Flour: Wie sich durch die vielen Saint-Flour-spezifischen MN mit lokaler Begrenzung und Herkunft zeigen lässt, handelt es sich auf lexikalischer Ebene um eine sehr stark mit der Stadt verbundene Verwaltungsschriftlichkeit. Die Wortschatzsituation ist dennoch mehrschichtig: Trotz stark lokalem Cha‐ rakter zeigt der Wortschatz keine rein territorial begrenzte Prägung. Ein nicht unerheblicher Einfluss auf den Wortschatz von Saint-Flour zeichnet sich von außerhalb der Auvergne ab. Der Wortschatz zeigt dagegen nur eine geringe Verbreitung in der Region der Auvergne und auch die Zahl der auvergnatischen Erstbelege (außerhalb von Saint-Flour) ist gering. Weitergehende Analysen sind unter Berücksichtigung der Städtekorrespondenzen, des zeitlichen Auftretens der Erstbelege und der Schreiberpersönlichkeiten notwendig. Bibliographie Bec, Pierre ( 3 1973). La langue occitane. Paris: PUF. Chambon, Jean-Pierre (2009). Développements et problèmes actuels des études occitanes. Revue de linguistique romane 76, 201-210. (Neudruck in: Buchi, Éva et al. (Hrsg.) (2012). Jean-Pierre Chambon. Méthodes de rechereche en linguistique et en philologie romane. 2 Bde. Strasbourg: ELiPhi, Bd.-2, 245-257). Chambon, Jean-Pierre/ Olivier, Philippe (2000). L’histoire linguistique de l’Auvergne et du Velay: notes pour une synthèse provisoire. Travaux de Linguistique et de Philologie 38, 83-153. DAOA = Olivier, Philippe (2009). Dictionnaire d’ancien occitan auvergnat. Mauriacois et Sanflorain (1340-1540) (= Beihefte zur ZRP 349). Berlin/ New York: Niemeyer. DOM = Stimm, Helmut/ Stempel, Wolf-Dieter (1996-2013). Dictionnaire de l’occitan médiéval. 7 Faszikel und 1 Supplement. Berlin/ Tübingen: De Gruyter/ Niemeyer. DOMél = Selig, Maria/ Stimm, Helmut/ Stempel, Wolf-Dieter (2014-): DOM en ligne. Dic‐ tionnaire de l’occitan médiéval. München: Bayerische Akademie der Wissenschaften. Abrufbar unter https: / / dom-en-ligne.de (konsultiert am 15.08.2023). Gleßgen, Martin-Dietrich/ Pfister, Max (1995). Okzitanische Koine. In: Holtus, Gün‐ ter/ Metzeltin, Michael/ Schmitt, Christian (Hrsg.). Lexikon der Romanistischen Lingu‐ istik, Bd. II/ 2. Die einzelnen romanischen Sprachen und Sprachgebiete vom Mittelalter zur Renaissance. Berlin/ New York: Niemeyer, 406-412. Lodge, R. Anthony (1995). Okzitanische Skriptaformen II. Auvergne. In: Holtus, Gün‐ ter/ Metzeltin, Michael/ Schmitt, Christian (Hrsg.). Lexikon der Romanistischen Lingu‐ 84 Elisabeth Reichle & Matthias Schöffel <?page no="85"?> istik, Bd. II/ 2. Die einzelnen romanischen Sprachen und Sprachgebiete vom Mittelalter zur Renaissance. Berlin/ New York: Niemeyer, 420-424. Lv = Levy, Emil (1894-1924). Provenzalisches Supplement-Wörterbuch. Berichtigungen und Ergänzungen zu M. Raynouards Lexique Roman. 8 Bde. Leipzig: Reisland. (Nachdruck Hildesheim: Olms, 1973). LvP = Levy, Emil (1909). Petit dictionnaire provençal-français. Heidelberg: Winter. (Mehrere Neuauflagen Heidelberg: Winter, 1923-ff.). Rigaudière, Albert (1982). Saint-Flour ville d’Auvergne au bas Moyen Age. Etude d’his‐ toire administrative et financière, Bd.-1/ 2. Rouen/ Paris: Publications de l’Université de Rouen & PUF. Rigaudière, Albert (1977). L’assiette de l’impôt direct à la fin du XIV e siècle. Le livre d’estimes des consuls de St-Flour pour les années 1380-1385. Rouen/ Paris: Publicati‐ ons de l’Université de Rouen & PUF. Rn = Raynouard, François (1839-1844). Lexique roman ou dictionnaire de la langue des troubadours comparée avec les autres langues de l’Europe latine. 6 Bde. Paris: Silvestre. (Neuauflage in 5 Bde. Heidelberg: Winter, 1928-1929). Selig, Maria (2006). Die Anfänge der Überlieferung der romanischen Sprachen: Quel‐ lentypen und Verschriftlichungsprinzipien. In: Ernst, Gerhard/ Gleßgen, Martin-Diet‐ rich/ Schmitt, Christian/ Schweickard, Wolfgang (Hrsg.). 2. Teilband. Ein internatio‐ nales Handbuch zur Geschichte der romanischen Sprachen. Berlin/ New York: De Gruyter Mouton, 1924-1944. Selig, Maria/ Reichle, Elisabeth/ Schöffel, Matthias (2023). New Entries in the Dictionnaire de l’occitan médiéval: some preliminary remarks on methodological and historical aspects. In: Pomino, Natascha/ Remberger, Eva-Maria/ Zwink, Julia (Hrsg.). From For‐ mal Linguistic Theory to the Art of Historical Editions. The Multifaceted Dimensions of Romance Linguistics. Göttingen: Brill/ Vandenhoeck & Ruprecht Verlage, 263-280. Selig, Maria/ Schöffel, Matthias (erscheint). Le Dictionnaire de l’occitan médiéval (DOM). Actas del Coloquio International: Dicionario Histórico e Etimolóxico da Lingua Galega (DHELG). A Coruña, 26.-28.10.2021. Stempel, Wolf-Dieter (1996). Dictionnaire de l’occitan médiéval (DOM). Fascicule 1: A-ACCEPTAR. Tübingen: Niemeyer, 5-9. Lokalität, Regionalität und Überregionalität im Verwaltungswortschatz von Saint-Flour 85 <?page no="87"?> Die Fünfzehn Zeichen vor dem Jüngsten Gericht in einem spätmittelalterlichen Stundenbuch Impulse für eine historische Bildlinguistik Susanne Ehrich (Regensburg) Mit der hier gewählten, textlich und visuell ausgeformten Diskurstradition (Koch 1997) der „Fünfzehn Zeichen vor dem Jüngsten Gericht“ soll unserer geschätzten Jubilarin keineswegs kommendes Ungemach vor Augen geführt werden. Auf ihr Interesse hoffe ich vielmehr deswegen, weil Maria Selig in ihrem über 20-jährigen Wirken an der Universität Regensburg besonderes Engage‐ ment in die inter- und transdisziplinäre Verbundforschung gelegt und dabei die Rolle mündlicher oder schriftlicher Sprechakte hervorgehoben hat. Davon in‐ spiriert zeigt das folgende Beispiel, wie ein subtiles Intermedialitätsbewusstsein in der spätmittelalterlichen Laienfrömmigkeit über die Bedeutungskonstitution durch (kurze) Texte in der Volkssprache gesteuert wurde. Die DT der Fünfzehn Zeichen ist eine seit der zweiten Hälfte des 11. Jhs. in Latein überlieferte, im 15. Jh. dann in den Volkssprachen hochproduktive listenartige Reihung endzeitlicher Ereignisse in der Natur-, Tier- und Men‐ schenwelt, die nicht nur schriftlich, sondern auch in Miniaturen, Altarbildern oder Glasfenstern realisiert wurde (vgl. Wagner 2016). Obwohl vereinzelt alleinstehend, erscheint dieses eschatologische Set viel häufiger im Rahmen von übergreifenden religiösen Gebrauchskontexten: in heilsgeschichtlichen Lehrwerken, Bibelkommentaren, Predigten, aber auch im Stundengebet der Laien. So enthalten die an der Wende zum 16. Jh. in adeligen Kreisen und reichen städtischen Haushalten verbreiteten Stundenbuchdrucke aus der französischen Werkstatt des Thielman Kerver Bildfolgen der Fünfzehn Zeichen mit altfranzö‐ sischen Beischriften in ihren Randillustrationen zu den Tagzeitengebeten. <?page no="88"?> 1 Beschreibung und Digitalisat s. E-Codices. Virtuelle Handschriftenbibliothek der Schweiz, Permalink https: / / www.e-codices.unifr.ch/ de/ list/ one/ bpun/ A0028. Beischriften zum Bildzyklus der Marienhoren, Stundenbuch von Neuchâtel Bibliothèque publique de Neuchâtel, AF A28, nach Bodo Brinkmann für e-codices, 2012 Eröffnung der Matutin Fol. 21v Au co[m]me[n]ce=/ me[n]t a dieu / cree ciel et / terre. -. [Gen 1,1] Fol. 22r Dieu a cree / toute ame / vivante [Gen 1,20 / 1,24] Eröffnung Laudes Fol. 41v Dieu a fait / les bestes de la / terre selon= / leurs especes [Gen 1,21 / 1,25] Fol. 42r Soye[n]t faictes les / lu[m]inaires o [sic]u fir= / mame[nt] du ciel [et] / divise[n]t le jour. [Gen 1,14] Eröffnung der Prim Fol. 53v Faiso[n]s lom[m]e / a nostre y= / mage [et] sem=blance.-. [Gen 1,26] Fol. 54r Le .j. signe / la mer selle= / vera surto[us] les / mo[n]s se tie[n]dra. Eröffnung der Terz Fol. 59v ij. La mer d[e]dens / la ri[v]e e[n]trera q[ue] / a peine veoir / o[n] la pourra. iii. Balaines / [et] poisso[n]s ap= / p[ar]o[n]t gecta[ns] cris / [et] horribles so[n]s Fol. 60r iiij. La mer [et] tou= / te eaue ardra [et] / mettra tous poiss[o]ns a mort v. Arbres et / herbes sue= / ront gouttes / com[m]e sang. Eröffnung der Sext Fol. 64v vi. Arbres cha= / steaulx mai= / so[n]s esglises to[us] / trebucheront. vij. n y aura / pierre dessoubs / le firmame[n]t / q[ue] ne se fe[n]dera Fol. 65r viii. ta[n]t fort la / t[er]re tra[m]blera q[ue] / tout hom[m]e [et] / beste se muesse[r]a ix. les ve[n]s e[n] si / gra[n]t q[ua]ntite sel / levero[n]t q[ue] les / mo[n]s tu[m]bero[n]t Eröffnung der Non Fol. 69v x. les gens q[ui] / sestoye[n]t musses / en terre sero[n]t / sans parler. xi. iour les os / des ge[n]s sero[n]t / to[us] sur les / monume[n]s. Fol. 70r xii. iour les e= / stoilles [et] pla[n]e= / tes chierront / en fla[m]mes. Eröffnung der Vesper Fol. 74v xiij. to[us] ce iour / viva[n]s mour= / ro[n]t ho[m]mes fe[m] = / mes [et] enfa[n]s Fol. 75r xiiij. le ciel [et] la / terre ardra feu / [et]fla[m]me to[us] ele= / me[n]s consu[m]era xv. terre et ciel / renovellero[n]t / tous humai[n]s / resusciteront Eröffnung der Complet Fol. 82v Venite b[e]n[e]dic= / ti p[at]ris mei pos= / sidete paratu[m] [Mt 25,34] Fol. 83r Discedite ma= / ledicti in / ignem eter= / num- [Mt 25,41] Für eine um 1500 vermutlich in Brügge geschaffene Stundenbuchhandschrift der Bibliothèque publique de Neuchâtel (Handschrift AF A28) 1 standen diese populären 88 Susanne Ehrich <?page no="89"?> 2 In den gedruckten Stundenbüchern des Thielman Kerver wird die Bildfolge der göttli‐ chen Schöpfungstaten zwar ebenfalls in die Randillustrationen integriert, allerdings mit lateinischen Beischriften und ohne unmittelbaren Bezug zu den Fünfzehn Zeichen. Druckwerke offenbar Pate (vgl. Wagner 2016: 44f.): Zum Herzstück des Andachts‐ buchs, dem Offizium der Maria, eröffnen hier jeweils zwei Bildseiten die Gebetstexte der acht Tagzeiten, wobei ab der Prim die Fünfzehn Zeichen als bild-textlicher Begleitimpuls der Gebetsübung gewählt werden. Das Stundenbuch von Neuchâtel verleiht der DT allerdings ganz eigene Akzente, die zunächst auf der Ebene des altfranzösischen Beischriftentextes beleuchtet werden sollen (Textgraphik 1): Anders als in den frz. Stundenbuchdrucken (García Luján 2018: 470 f., 475 f.) verbindet die flämische Handschrift die Zeichen der Endzeit (ab fol. 54r-75r) mit den vergangenen Heilstaten des Anfangs (fol. 21v-53v) und rollt so die Heilsgeschichte im Rahmen der Marienhoren im Zeitraffer auf und ab. Die Verschmelzung zu einem Ereigniszusammenhang wird auf sprachlicher Ebene hergestellt: Der alttestamentliche Genesistext, der ausgewählte Schöpfungsta‐ ten referiert und in der Erschaffung des Menschen gipfelt, wird - wie auch der Text der Fünfzehn Zeichen - in der Volkssprache dargeboten. 2 Das Stun‐ denbuch von Neuchâtel rezipiert die Fünfzehn-Zeichen-Liste zudem ohne den verbreiteten Prolog mit Herkunftsangabe der Tradition. Durch diesen nahtlosen Übergang zwischen dem Bibeltext und der DT der Fünfzehn Zeichen werden beide heilsgeschichtlich-theologischen Wissensbestände als gleichrangig und konsekutiv dargestellt. Wir werden dies auf der Text-Bild-Ebene der Hand‐ schrift noch genauer betrachten. Aufgerufen ist hier eine auch im Rahmen von Bilderbibeln genutzte Lesart der Fünfzehn Zeichen als „Umkehrung der Schöpfungsgeschichte“ (Kolter 2004: 73). Der Beischriftentext präsentiert sich zudem durch eine sprachlich-inhaltliche Rahmung als einheitlicher, weltum‐ spannender Zusammenhang: Die Klammer stellen ciel et / terre (fol. 21v) in der ersten und terre et ciel (fol. 75r) in der letzten Texteinheit her, wobei die Worte sowohl syntagmatisch als auch syntaktisch als Chiasma erscheinen. Für den nun folgenden Blick auf das bimedial konzipierte Stundenbuch von Neuchâtel scheinen mir neben kunsthistorischen Methoden die Erkenntnisse der Bildlinguistik weiterführend: Die seit mehreren Jahren etablierte, semiotisch basierte „Sehflächenforschung“ legt ihren Fokus u. a. auf funktionale Einheiten und Ordnungsstrukturen des Text- und Bildmediums und die Konstitution eines „bedeutungsvollere[n] Ganze[n]“ im intermedialen Zusammenspiel (Schmitz 2011: 34). Davon angeleitet möchte ich bei der folgenden Text-Bild-Analyse auf medienspezifische Eigenarten, aber auch bedeutungsgenerierende Wechselwir‐ kungen fokussieren (Abb. 1). Die Fünfzehn Zeichen vor dem Jüngsten Gericht in einem spätmittelalterlichen Stundenbuch 89 <?page no="90"?> Bei einer holistischen Ansicht der aufgeschlagenen Handschrift fällt zunächst die komplexe, am Buchfalz gespiegelte Anordnung mehrerer gerahmter Bild- und Textflächen auf: Das Mittelfeld der Buchseiten ist bildlichen Szenen aus dem Marienleben und der Vita Christi (links) sowie dem lateinischen Gebetstext des Marienoffiziums selbst (rechts) vorbehalten. Die hier dargestellte Geburt Christi als eine der zentralen Wegmarken der Heilsgeschichte dient der Strukturierung der Horen - die Geburtsszene in der Krippe zeigt üblicherweise das Morgenge‐ bet an. Auch wenn einzelne Teile des lateinischen Gebetszyklus der Prim, v. a. im Hymnus, auf die Inkarnation Christi verweisen, besteht zwischen beiden Zentralfeldern der Seiten kein unmittelbarer inhaltlicher Zusammenhang. An‐ ders gestaltet sich der Bezug zwischen Text und Bild in den Randflächen einer einzelnen Buchseite: Der altfranzösische Beischriftentext zu Schöpfung und Fünfzehn Zeichen (s. oben, Textgraphik 1) hat in unserem Beispiel vielfältige, auch intermediale Bezugsebenen, welche durch Farbe, Rahmung und Sprach‐ wahl aufgerufen werden: Durch seine rote Auszeichnung steht er auf derselben Ebene wie die rubri‐ zierten Textteile des Mittelfeldes, die eine Verweisfunktion, z. B. als Überschrif‐ ten, besitzen, aber nicht im Gebet rezitiert werden. Bildstrukturell sind die Beischriften durch ihre Integration in eine kleine gerahmte Zone am oberen Rand als Teile der jeweiligen Randzone einer Seite zu sehen, die vom linken bzw. rechten Randstreifen ins Bas-de-page reicht. Die Randflächen in flämischen 90 Susanne Ehrich <?page no="91"?> 3 Item das erst zaych(e)n das sich d(a)z meer auf wirt richten vierzig ell(e)n hoch vber alle perg alz ein mawr vnd d(a)z zu einer pein vn(d) schanden den hoffertig(e)n mensch(e)n die sich wider got vn(d) wider iren nechsten erhab(e)n haben hie in diser zeyt (Nürnberg, Stadtbibliothek, Cent. V, App. 34a, fol. 155v). Stundenbüchern eröffnen einen imaginativen Raum, der vertiefend neben der Rezitation des lateinischen Gebetstextes genutzt werden kann (Conrad 2018: 27-29). Im Stundenbuch von Neuchâtel sind Text- und Bildmedium wechsel‐ seitig an der Ausgestaltung dieses Raums beteiligt und durch intermodale Wiederaufnahmen (Schmitz 2011: 36) eng aufeinander bezogen: Die Erschaffung des Menschen (Gen 1,26) wird im Bild als Erschaffung von Adam und Eva im Paradiesgarten vor der Quelle des Lebens erzählt. Die auffällige sprachliche Nuance des Bibeltexts, dass der Schöpfergott seine Tat im Plural erwähnt (lat. „faciamus hominem“, afrz. „faiso[n]s lom[m]e“), wird visuell aufgegriffen und weiterführend als dreifaltiges Geschehen gedeutet, an dem Gottvater (oben), Gottsohn (unten) und Heiliger Geist (Mitte) beteiligt sind. Im Falle des ersten der Fünfzehn Zeichen ,verdoppeltʻ das Bild die Präsentation des im Text genannten Naturvorgangs auf eher assertive Weise: Die Randzone verbildlicht die außergewöhnliche Erhebung des Meeres durch eine Meeresfläche mit Fischen und einer daraus hervorgehenden Wassersäule, die Bäume überragt. Allerdings hat das Bildmedium keine Darstellungsmöglichkeit für die Kategorie Tempus: So kann nur im Text der Sprung in der heilsgeschichtlichen Zeitebene, von der Vergangenheit in die Zukunft, eindeutig markiert werden; gerade für diese Information scheint der volkssprachliche Text auf dieser Doppelseite indispensabel. Dient der Text der zeitlichen Markierung, so fungiert das Bildensemble unserer Buchseiten als imaginativ-spirituelle Vertiefung für die im Stundenbuch von Neuchâtel geschaffene Einheit von Schöpfungsgeschichte und eschatolo‐ gischer Zeichenabfolge: Im Bas-de-page setzt sich das Wasser der Quelle im Garten Eden (links) über die braunen Rahmenlinien perspektivisch auf die nächste Buchseite in der aufgerichteten Säule des Meeres (rechts) fort. Visuell wird also eine Verbindung zwischen dem Wasser, das am heilsgeschichtlichen Ort des Sündenfalls entspringt, zum bedrohlich erhobenen Meer der Endzeit hergestellt. Doch wie kann der/ die Betrachter/ in diese bildliche Kohärenz für das Gebet fruchtbar machen? Dazu ist anzuführen, dass die Bilder der Fünfzehn Zeichen häufig mit erbaulichen Texten überliefert sind, welche die an der Natur wahrzunehmenden Vorzeichen der Endzeit auf sündiges menschliches Verhalten projizieren. Das erhobene Meer erscheint in Text und Bild der Nürnberger Bilderbibel etwa als warnender Fingerzeig für die „hoffertig(e)n mensch(e)n“, die Sünde des Hochmuts vor der Wiederkehr Christi zu bereuen. 3 Die Fünfzehn Zeichen vor dem Jüngsten Gericht in einem spätmittelalterlichen Stundenbuch 91 <?page no="92"?> Insofern leistet die Einbindung der Fünfzehn Zeichen in das Morgengebet eine erbauliche Rückbesinnung auf die Sündhaftigkeit aller Geschöpfe, die nur durch die Hinwendung zu Christus getilgt werden kann. Visueller Fluchtpunkt der Doppelseite ist dementsprechend das winzige Jesuskind im linken Mittelfeld, das auf die Erlösung durch den inkarnierten Gottessohn verweist. Wie eine Brücke in die Lebenswirklichkeit wirkt in dieser Hinsicht auch der die Mittelfelder halbseitig umgebende Streublumenrand mit realistisch ge‐ zeichneten Pflanzen und Vögeln, die dem natürlichen Umfeld der Zeitgenossen entstammen (Conrad 2018: 25). Diese Gegenwart soll der/ die Benutzer/ in des Stundenbuchs als Zeit der Umkehr und Buße im Gebet nutzen - die Adressatin dieses Bandes hingegen kann die von ihr gesäten wissenschaftlichen Früchte hoffentlich ganz ohne Reue genießen! Bibliographie Brinkmann, Bodo (2012). Neuchâtel, Bibliothèque publique de Neuchâtel, A28. In: Ecodices. Abrufbar unter https: / / www.e-codices.unifr.ch/ de/ description/ bpun/ A0028/ (konsultiert am 01.07.2024). Conrad, Fridericke (2018). Rahmen und Ränder. Funktionsbestimmung und medienre‐ flexive Techniken rahmender Elemente in der Buchmalerei um 1500. In: Wagner, Daniela/ Conrad, Fridericke (Hrsg.). Rahmen und frames. Dispositionen des Visuellen in der Kunst der Vormoderne (= Hamburger Forschungen zur Kunstgeschichte XI). Berlin/ Boston: De Gruyter, 23-40. García Luján, José Antonio (2018). Un incunable francés inédito. El Libro de Horas de la Casa Ducal de Pastrana. Hispania Sacra, LXX 142, 467-479. Koch, Peter (1997). Diskurstraditionen: Zu ihrem sprachtheoretischen Status und ihrer Dynamik. In: Frank, Barbara/ Haye, Thomas/ Tophinke, Doris (Hrsg.). Gattungen mittelalterlicher Schriftlichkeit. Tübingen: Narr, 43-79. Kolter, Susanne H. (2004). Sintflut und Weltgericht: Beobachtungen zum Fünfzehn- Zeichen-Zyklus im ‚Holkham Bible Picture Book‘. Marburger Jahrbuch für Kunstwis‐ senschaft 31, 61-82. Schmitz, Ulrich (2011). Sehflächenforschung. Eine Einführung. In: Diekmannshenke, Hajo/ Klemm, Michael/ Stöckl, Hartmut (Hrsg.). Bildlinguistik. Theorien - Methoden - Fallbeispiele (= Philologische Studien und Quellen 228). Berlin: Erich Schmidt, 23-42. Wagner, Daniela (2016). Die Fünfzehn Zeichen vor dem Jüngsten Gericht. Spätmittelal‐ terliche Bildkonzepte für das Seelenheil. Berlin: Reimer. 92 Susanne Ehrich <?page no="93"?> Abbildungen Textgraphik 1: Susanne Ehrich nach Bodo Brinkmann für e-codices, 2012 Abbildung 1a und b: Bibliothèque publique de Neuchâtel, AF A28, fol. 53v und fol. 54r (mit freundlicher Genehmigung der Bibliothèque publique de Neuchâtel) Die Fünfzehn Zeichen vor dem Jüngsten Gericht in einem spätmittelalterlichen Stundenbuch 93 <?page no="95"?> 1 Conventions typographiques : C O N C E P T (petites capitales), signifiant (italiques), « si‐ gnifié-» (guillemets). 2 Pour alléger la bibliographie, on utilise, pour les dictionnaires et les éditions textuelles médiévales, les sigles traditionnels et ceux du DEAFBiblél (Heidelberg). 3 On n’entrera pas dans des discussions d’ordre phonétique et morphologique qui pourraient justifier aussi un développement autochtone. Écrire un épisode de l’histoire du concept philosophique de D ISCOURS : m. fr. discours et latin médiéval Franz Lebsanft (Bonn) L’histoire du concept de DI S C O U R S1 a été retracée à partir du latin discŭrsus et de l’emprunt italien discorso (Stierle 1984, Schalk 1997/ 1998, Zwierlein 2006). D’après Stierle (1984 : 311), l’histoire du français discours ne commencerait qu’au XVI e siècle, sous l’influence de l’italien dont il hériterait aussi la sémantique. Preuve en serait l’article discours de Nic 2 (1606 : 208a ; Stierle cite l’éd. Nic 1621), selon lequel il s’agirait d’un « mot imité de l’italien ». Pourtant, le mot français fait son apparition avant la Renaissance italianisante, donc dès le moyen français (cf. DMF 2020 : s. v.). Pour cela, il est plutôt probable que le m. fr. discours ne soit pas un emprunt à l’italien mais au latin (cf. aussi TLF : s. v.). 3 La gamme de sens décrite par le DMF (2020 : s. v.) comporte les définitions « action de parcourir, parcours », « parcours vers qqc. », « parcours d’un texte, recherche dans un texte » et « développement, détour (écrit ou oral), discours ». Or, non seulement l’it. discorso (Bernsen 2001 : 5, 17 ; Zwierlein 2006 : 82-86), mais aussi le m. fr. discours sont par ailleurs des termes de philosophie scolastique. Pour cet aspect de sa sémantique - important mais négligé par le DMF (2020) -, le mot français n’est pas non plus, comme on le verra par la suite, redevable à l’italien, mais puise directement dans les sources latines médiévales. En suivant le TLL (V,1 : 1369s.), le panorama panchronique du DHLF (1998 : 1096b) nous apprend que le sens originel du substantif latin discŭrsus, formé sur le supin du verbe correspondant discŭrrere, était l’« action de parcourir en tous sens-». Par la suite, au cours de la basse latinité, le mot a pris, par métaphore, le <?page no="96"?> sens de « conversation, entretien ». En français, le mot discours est, on l’a dit, probablement un emprunt datant de la fin du moyen âge, qui continue, d’abord, la signification originelle du latin (ibid. ; cf. DMF 2020 : s. v., première attestation de 1422). Effectivement, pour l’époque antérieure de l’ancien français, le TL (II : 1535,52) renvoie s. v. descors (forme «populaire», sans attestations) seulement à decors (TL II : 1261,22, « Ablauf, Abfluß » = « écoulement », « in der Sprache der Sternkunde: Abnahme » = « décroissance »), formé non pas sur descorre (< discŭrrere), mais sur decorre (« couler, découler, s’écouler » ; < dēcŭrrere). En revanche, le ANDEl connaît une attestation isolée de descurs (ca. 1275, «-talk, conversation-» - définition proposée déjà par l’éditeur, mais discutable, puisque le mot traduit le lat. in locis conversari humilibus « se tenir en lieux modestes-», S Fran ANTS 2865 = SFrançcR). En suivant le REW 3 (2663 et 2665), le TL (II : 1535,12 et 1535,21) connaît deux verbes homonymes, descorre 1 , «-hin und her laufen » (« courir ça et là » ; < discŭrrere), et descorre 2 , « zerschlagen, zerreißen, auflösen » (= « rompre, défaire qch. »), « besprechen, verhandeln » (= « discuter » ; < discŭtere). Cependant, ce dernier verbe, inconnu du FEW (cf. 3,94a, l’article « discŭtere erörtern »), n’a jamais été pris en considération pour l’histoire sémantique de discours. Pour descorre 2 , DEAFpré (s. v.) et DMF (2020 : s. v.) ne font état que de la première définition citée ci-dessus. Quant à a.-fr. decorre, l’idée de l’écoulement peut générer un sens métaphorique dans le domaine du parler. Usage attesté ni dans le TL (II : 1260,40) s. v. decorir, decorre ni dans le DMF (2020 : s. v. décourir), le ANDEl propose, s. v. decure, la définition « (of language) to flow » pour le verset Camb Ps (=PsCambrM) 93.4, « Decurrunt (Latin-: Fluent) li parlant anciene chose? -». Toujours selon le DHLF (1998 : 1096b), ce ne serait qu’à l’époque de la Renaissance que le mot discours aurait pris le sens métaphorique que connaissait déjà la basse latinité, à savoir « un entretien, un récit et un exposé suivi (écrit ou oral)-». Encore plus tard, au XVII e siècle, discours signifierait aussi «-expression verbale de la pensée » (« avant 1613 »), « raisonnement, examen attentif » et « conversation », « sens aujourd’hui disparus » (ibid.). Arrêtons-nous sur la première définition mentionnée. Le DHLF reproduit les informations du TLF selon lequel le sens de « récit, exposé (écrit ou oral) » serait attesté dans Le Guidon en françoys lyonnais de 1503 (GuiChaul/ Champier), édition parisienne de 1534 (GuiChaul/ Falcon). La source du TLF est Vaganay (1913), qui affirme (ibid. : 2) : « L’édition parisienne de 1534 que j’ai dépouillée reproduit assez exactement l’édition lyonnaise de 1503 », et cite le passage suivant (ibid. : 2) : « Faire tel discours de toutes les circonstances variantes l’indication curative, seulement le scet faire icelluy qui est saige et bien sçavant. », sans fournir, d’ailleurs, l’interprétation sémantique que le DHLF emprunte à Hu (1933-1946 : 96 Franz Lebsanft <?page no="97"?> 4 On n’analysera pas les deux autres occurrences de faire discours (GuiChaul/ Falcon 1520 : 8r b , 169r b- ; 1534-: 7 ter v b , 155v b ,). Un grand merci à L. Fesenmeier pour la vérification des attestations de discours dans l’exemplaire de la BU d’Erlangen. 3, s.-v. discours «-exposé, traité, récit-»). Toutes ces informations sont erronées. Le passage en question ne se trouve pas dans GuiChaul/ Champier (1503), mais seulement dans GuiChaul/ Falcon (1520 : 164v b ; 1534 : 151v b ). Il s’agit d’une glose dont le contexte élargi montre que l’interprétation adéquate est celle d’« examen méthodique, raisonné », d’ailleurs très proche du sens de « raisonnement, examen attentif », qui d’après le DHLF se serait développée seulement au XVII e siècle-: Il est a noter que le medecin prudent [f. 164v b ] ayant science et doctrine est grandement different de l’ignorant car nonobstant que tous deux sachent les choses generalles […] ; neanmoins a oultre cecy icelluy qui est scientifique considere en particulier plusieurs choses […]. Et pour ce dict bien le docteur que scavoir les generales indications ne sont pas parties dignes de raison ne d’art : quia ars nil aliud est quam discursus rationis. Et faire tel discours de toutes les circunstances variantes l’indication curative seulement le scait faire icelluy qui est saige et bien scavant. (GuiChaul/ Falcon 1520-: 164v a-b ) a Neaumonis corr. De toute évidence, le glossateur suit la philosophie scolastique, selon laquelle discursus rationis désigne - sit venia verbo - la « démarche » méthodique de la raison (cf. pour plus de détails et des textes à l’appui, Schalk 1997/ 1998 : 66, Zwierlein 2006-: 82-86). On aura remarqué qu’avec le témoignage de GuiChaul/ Falcon (1520) nous établissons un nouvel aspect de la sémantique du fr. discours. 4 En revanche, du point de vue diachronique, nous ne remontons pas à une époque antérieure à la Renaissance. C’est pourtant le cas d’une glose qui se greffe sur un passage de la traduction de la Consolation de Philosophie imprimée en 1477 par Colard Mansion à Bruges (ConsBoèceMansion). Dans le texte de Boèce (Cons. 5,4,27), la « Philosophie » énumère, de façon ascendante, ce que la théorie médiévale de la cognition appelle les « facultés de l’âme » : « Ipsum quoque hominem aliter sensus, aliter imaginatio, aliter ratio, aliter intelligentia contuetur. » Dans son commentaire (Liège, BU, ms. 348, f. 151v b ), le compilateur Renier de Saint- Trond reprend, une par une, toutes les facultés mentionnées par Boèce pour les intégrer dans une théorie cohérente de la cognition. Quant à l’ « intelligence », voici son explication-: Quarto notandum quod intelligencia in proposito capitur pro intelligencia separata vel pro intellectu inquantum intelligencia. Unde intelligencia est qua percipitur M. fr. discours et latin médiéval 97 <?page no="98"?> 5 Nous n’entrons ni dans une critique du texte latin, transmis ici par 11 mss., ni dans celle de la traduction. Un grand merci à M. Laureys pour les conseils à ce sujet. sine discursu simplex forma rei. Unde per simplicem formam possumus intelligere incorporea quecumque que concipiuntur pura mentis acie scilicet sine errore. que ConsBoèceMansion (f. 270r a ) traduit par-: Quartement est assavoir que intelligence en tant qu’elle est prinse en cest present propros est celle par laquele on percoit sans discours la simple forme d’aucune chose. Par laquele simple forme nous poons entendre toutes choses incorporees, lesqueles sont conceües par pur et simple regard de pensee, c’est assavoir sans erreur. Selon Renier, l’ « intelligence », en tant que faculté cognitive suprême, a la capacité d’appréhender et de concevoir des objets abstraits de façon intuitive, pour ainsi dire « globale », et par conséquent sans procéder à un examen méthodique, raisonné et en quelque sorte « pas à pas ». C’est là le sens du syntagme « sine discursu/ sans discours ». Dans notre texte, discursus/ discours revêt donc la signification du terme scolastique. Le concept de DI S C O U R S en tant qu’examen méthodique repose sur ce que le DHLF appelle - en établissant des nuances de sens qui ne feraient leur apparition qu’au XVII e s. - l’-«-expression analytique de la pensée ». Or, cette « expression », en tant qu’« analytique », est nécessairement «-verbale-». Nous terminons sur une deuxième occurence de discours dans ConsBoèce‐ Mansion (f. 87r a-b ) qui fournit aussi la première attestation du fr. discursif,-ive (Gdf, TL, ANDEl, DEAF, DMF : ø ; TLF : s. v. discursif, -ive : discoursif 1551, discursif 1571, d’après Hu : s. v. ; DHLF : s. v. discours). Il s’agit d’une glose se référant à la Consolatio (1,6,10 « Sed dic mihi, meministine quis sit rerum finis quove totius naturae tendat intentio ? »), c’est-à-dire à l’« anamnèse » de Boèce. Le texte de Renier de Saint-Trond (Liège, BU, ms. 348, f. 34r b )-: 5 Item, sicut dicit philosophus primo Methaphisice, finis omnium est quid optimum ; sed nichil est optimum preter Deum ; ergo Deus est finis omnium. Et ergo cum sint diversi respectus, non est impossibile unum cognosci qui se habet per modum antecedentis et de alio qui se habet per modum consequentis nichil considerare, vel quia perturbaciones impediunt vel quia non semper utimur tercia operacione intellectus discursiva. Et ergo Philosophia non querit quomodo hoc possit fieri quasi inferendo sed quasi ammirando de perturbacionibus quarum mores subiungit dicens mores perturbacionum quo ad effectum vel visum sunt hii et eciam valencia quo ad effectum est ista ut perturbaciones possint hominem movere a loco scilicet a parte 98 Franz Lebsanft <?page no="99"?> 6 On renonce à l’analyse de la traduction « discourses » (ConsBoèceMansion, f. 192r a ) de la forme verbale de dēcurro, -curri, -cursum (p.p.p.) dans Cons. 4,1,8 (« decursis omnibus »). sue cogitacionis. Sed non possunt hominem omnino prosternere et extirpare a sua racione. est traduit par-: Item, comme dit le philosophe ou premier de Methaphisicque, la fin de toutes choses est une chose tresbonne, mais nulle chose n’est tresbonne fors Dieu, doncques Dieu est la fin de toutes choses. Pour la diversité desquelz regars il n’est pas possible une chose estre congneue par maniere de antecedent et l’autre par maniere de consequent estre non sceue ou congneue, ou pour ce que les perturbations humaines empeschent l’entendement ou pour ce que nous ne usons [f. 87r b ] point de la tierce puissance de nostre entendement que on appelle discursive, car nous ne faisons point discours ne encerchons pas diligamment les difficultés et doubtez sourvenans. Pour ce Philosophie demande comment il se peut faire que Boece congnoisse qui est la fin des choses non pas qu’elle veuille dire on doive ce scavoir, mais elle s’esmerveille des perturbations, lesqueles sont de tele puissance qu’elles peuent mouvoir l’omme de son lieu, c’est assauoir de la partie de sa congnoissance, mais elles ne peuent oster du tout ne exstirper l’omme de sa raison. La « puissance discursive » de Boèce est perturbée, de manière que ce « malade » n’est pas capable de «-faire discours-», c’est-à-dire d’arriver par syllogisme à la conclusion voulue par la Philosophie. En conclusion et avec toutes les limitations que le genre textuel impose, ce squib propose un nouvel ensemble de données pour l’histoire de DI S C O U R S6 tout en attirant l’attention sur l’importance toujours méconnue du latin médiéval pour l’histoire du lexique français. Bibliographie Bernsen, Michael (2001). Die Problematisierung lyrischen Sprechens im Mittelalter : Eine Untersuchung zum Diskurswandel der Liebesdichtung von den Provenzalen bis zu Petrarca. Tübingen-: Niemeyer. GuiChaul/ Champier, Symphorien (1503). Le Guidon en francoys avecque les addicions en ung chacun principal chapitre […]. Lyon : Jehan de Vingle pour Estienne Gueygnard. GuiChaul/ Falcon, Jean (1520). Le Guidon en françoys nouvellement imprimé. Avec les gloses de […] Jehan Falcon […]. Lyon-: Guillaume Huyon-; (1534) Paris-: Jehan Petit. Moreschini, Claudio (éd.). Boethius, De consolatione philosophiae : Opuscula theologica. München/ Leipzig-: Saur. M. fr. discours et latin médiéval 99 <?page no="100"?> Saint-Trond, Renier de (1381). Commentaria super tractatum Boethii de consolatione philosophiae. BU de Liège, ms. 348. Schalk, Helge (1997/ 1998). Diskurs-: Zwischen Allerweltswort und philosophischem Begriff. Archiv für Begriffsgeschichte 40, 56-104. Stierle, Karlheinz (1984). Gespräch und Diskurs-: Ein Versuch im Blick auf Montaigne, Descartes und Pascal. In: Stierle, Karlheinz/ Warning, Rainer (éds.). Das Gespräch. München-: Fink, 297-334. Vaganay, Hugues (1913). Pour l’histoire du français moderne. Romanische Forschungen 32, 1-184. Zwierlein, Cornel (2006). Discorso und Lex Dei : Die Entstehung neuer Denkrahmen im 16.-Jahrhundert und die Wahrnehmung der französischen Religionskriege in Italien und Deutschland. Göttingen-: Vandenhoeck & Ruprecht. 100 Franz Lebsanft <?page no="101"?> Ältere Sprachstufe, Sprachgeschichte und Philologiegeschichte <?page no="103"?> 1 https: / / www.hadw-bw.de/ alma (accessed on 13/ 10/ 2023). A quick zoom into the software development of the ALMA project Sabine Tittel (Heidelberg) Together with Maria Selig, Elton Prifti and Wolfgang Schweickert, I am the codirector of the ALMA project that has been launched in 2022: “Wissensnetze in der mittelalterlichen Romania”/ “Knowledge Networks in Medieval Romance Speaking Europe”. 1 ALMA is an interinstitutional project carried out by the Heidelberg and the Bavarian Academies of Sciences and Humanities and the Academy of Sciences and Literature Mainz. The project investigates the interaction between language, knowledge, and scholarship in medieval Europe. The field of observation is the Romance cultural sphere that sees the emergence of new knowledge networks expressed in vernacular languages in the time between the 12 th and the 15 th century. ALMA traces how the Romance languages are developed into languages of knowledge and scholarship within new functional areas of language that are technically and conceptually complex, elaborating new terminologies and new ways of generating and transferring knowledge. The shift towards the vernacular languages serves as a stimulus and, at the same time, indicates that the access to knowledge becomes available to new user groups: Knowledge transfer is taking on a different role within society. These languages of knowledge and scholarship are a particularly important part of the intellectual, and cultural heritage of Europe. Additionally, they are major carriers of a cultural exchange in the Middle Ages that starts to establish the European identity as a knowledge society. As a first step, the project aims at making the rich textual tradition within Romance languages—concerning two knowledge domains, i.e., that of medicine and law—accessible through digital text editions and multilingual text corpora assembling texts in medieval French, Occitan, Gascon and Italian. A corpuslinguistic analysis of the texts then provides the basis for lexical-semantic <?page no="104"?> 2 The development of a JavaScript-based visualization tool called CC Viewer is currently work in progress. studies that analyze key concepts of the knowledge networks and the depth of their linguistic representation within the Galloromania and Italoromania. These lexical-semantic studies also discuss both origin and dissemination of lexical innovations together with the new matters denoted. To achieve interoperability with the Semantic Web, the research results are modeled as Linked Open Data (LOD). For language-independent interlinking of the LOD resources, ALMA develops historicized domain ontologies on law and medicine. These ontologies do not depict the modern world but instead, model medieval life considering the specificity of medieval explanation patterns to prevent anachronistic classifications. Their extra-linguistic approach turns them into versatile hubs for a content-oriented interlinking of (historical) research data of all kinds. This extends the circle of their potential users far beyond the field of Romance Studies to all disciplines of sciences and the humanities focusing on historical data. This reflects the interdisciplinary relevance of the project. ALMA’s workflow combines methods of linguistics (in particular, historical lexicology and lexicography) and text philology with those of corpus linguistics and of ontology engineering. This presents a challenge for a seamless integration of different types of analytical methods into comprehensive, historico-philo‐ logical research results with the best-possible accessibility and shareability: (i) machine-driven, quantitative analysis and statistical approaches, (ii) herme‐ neutical, qualitative analysis of historical linguistics and (iii) conceptual analysis leading to machine-readable, structured knowledge in the form of ontology entities and entity relations. Macrostructure: Five “Factories” For creating, processing, sharing, and publishing data ALMA develops a digital infrastructure with five main modules (the technology stack currently includes Python, Flask, Java, JavaScript, HTML5, CSS, Bootstrap, XQuery, jQuery, and databases eXistdb, MariaDB). 1. the Text Factory: (i) features will allow us to establish digital scholarly text editions, store them in the eXistdb, and visualize them with features tailored to the needs of the editors; 2 (ii) pipelines define (re-)digitization of existing text editions (books and various digital formats), (iii) corpus 104 Sabine Tittel <?page no="105"?> 3 Lexicon Model for Ontologies, https: / / www.w3.org/ 2016/ 05/ ontolex/ (accessed on 14/ 10/ 2023). 4 https: / / gitlab.hadw-bw.de/ alma/ alma (accessed on 13/ 10/ 2023). linguistic tools will enable creating, annotating, and analysing the corpora for the domains of law and medicine; 2. the Entry Factory: data from the eXistdb will be extracted and stored in a relational database, enriched with additional information, and thus prepared for further development into the lexical-semantic studies; 3. the Article Factory: a tailor-made dictionary—rather, article writing sys‐ tem will facilitate the compilation of the hermeneutical, lexical-semantic studies; these are multilinguistic, onomasiologically-oriented analyses on concepts forming the knowledge networks, fostered by the results of corpus linguistics, based on the texts, and underpinned by the state-of-theart historical lexicography; 4. the Bib Factory: this module offers features to develop, maintain, and publish the critical bibliography of the ALMA project, ALMABibl; the Entry Factory draws on the information of the Bib Factory to enrich the lexical data; 5. the LOD Factory: routines for data modelling as Linked Open Data and linking to standard ontologies/ vocabularies (e.g., OntoLex-lemon) 3 and repositories will transform the outcome of ALMA’s research into resources for the semantic web (text editions, studies, ALMABibl); also, the histori‐ cized domain ontologies for medieval medicine and law will be processed through features of the LOD factory. The factories enable data editing in manifold ways and therefore interact to synchronize data. Microstructure: The Text Factory The development of the Text Factory is in full swing. Fig. 1 visualizes the interaction of different tools and scripts at different points of the work pipeline for creating and processing text editions which is an integral part of the Text Factory. Next to the above-mentioned eXistdb for the XML files, a cloud solution and a project server facilitate data storage and back-up; code is made available on GitLab. 4 ALMA creates new text editions starting from a manuscript/ a manuscript tra‐ dition using both—for shorter texts—a text editor for manual transcription and —for longer texts—an algorithm-driven manuscript transcription. The second A quick zoom into the software development of the ALMA project 105 <?page no="106"?> 5 https: / / escriptorium.inria.fr/ (accessed on 13/ 10/ 2023). 6 Consortium pour la Reconnaissance d’Écriture Manuscrite des Matériaux Anciens, https: / / www.pamir.fr/ projets-soutenus/ cremma/ (accessed on 13/ 10/ 2023). 7 https: / / dh.chartes.psl.eu/ pyrrha (accessed on 13/ 10/ 2023). 8 Deucalion’s lemmatizer is provided “thanks to the data of the LASLA, the software of Emmanuel Manjavacas and Mike Kestemont and some engineering from the École nationale des chartes”, https: / / dh.chartes.psl.eu/ deucalion/ (accessed on 13/ 10/ 2023). 9 https: / / dh.chartes.psl.eu/ deucalion/ fro (accessed on 13.10.2023). 10 Regarding double vowels and dieresis, this norm is obsolete, and the lemmatization of the Dictionnaire étymologique de l’ancien français - DEAF (Baldinger et al. 1971-2020) should be followed. 11 https: / / github.com/ chartes/ alto2tei/ (accessed on 13/ 10/ 2023). task is performed through eScriptorium, 5 instance of the Université Paris Science et Lettres (PSL) which is maintained by CREMMA. 6 eScriptorium is an online text transcription pipeline for both printed and handwritten text recognition (HTR) using machine learning techniques and ground-truth data (trainings data set) that need to be established for every resource to be transcribed. The instance PSL is well advanced in HTR of medieval manuscripts. For tokenisation, lemmatization, and annotation ALMA re-uses a tool main‐ tained by the École Nationale des Chartes (ENC): Pyrrha. 7 Pyrrha accomplishes tasks like part-of-speechand morphological annotation (based on the Jeux d’étiquettes morphosyntaxiques CATTEX2009-max, Prévost et al. 2013) and integrates the lemmatization features of a second tool, Deucalion, also ENC. 8 For Old French, the lemmatization had been trained with three Old French texts and one corpus of chansons de geste 9 (epic poems, cf. France 1995: 147); it refers to the lemma list established by the Altfranzösisches Wörterbuch (Tobler/ Lommatzsch 1915-1976; 1989-1995; 2002) that is widely accepted as a standard 12 th century Old French. 10 ALMA re-uses existing and develops new Python scripts for data transformation within the pipeline: • the HTR performed by eScriptorium results in an ALTO XML file; to transform this into XML/ TEI, Vincent Jolivet (ENC) has created a script that ALMA thankfully re-uses. 11 Sébastien Biay, external software developer for ALMA, has augmented the scripts with respect to details in the XML tagging; • to be fed into Pyrrha, the XML/ TEI of a manuscript transcription—be it the result delivered by eScriptorium (and then transformed into XML) or by the manual editing process—must be transformed into a TXT format; this is accomplished by a script developed by Biay; • Pyrrha’s result is a TSV file (tab separated values file) whose information must then be re-injected into the original XML/ TEI file to enrich it with 106 Sabine Tittel <?page no="107"?> (preliminary) lemma, part of speech, etc.; a script to perform this has been developed by Biay. Fig. 1: Work pipeline of the ALMA Text Factory (work in progress) A quick zoom into the software development of the ALMA project 107 <?page no="108"?> 12 Based on preliminary work by Dana Simedrea (formerly ALMA). 13 Python Flask is used for template rendering, HTML5/ CSS3/ Bootstrap 4 for web page development, JavaScript/ jQuery for event handling. 14 This use case is hypothetical since the manuscript does not show wrong foliotation. At the Pole Position of the Pipeline: FoNo FoNo (FolioNumbering) is an example of a tailor-made, newly developed tool to meet the needs of the ALMA text edition pipeline. It is a Python based tool developed by Jiufeng Li (ALMA) 12 for renumbering and renaming image files of manuscript folios, an important step at the beginning of the transcription pipeline. 13 Imagine a series of image files, each depicting one folio side (recto and verso, respectively) of a large manuscript, e.g., the French Grande Chirurgie by Gui de Chauliac, manuscript Montpellier, Bibliothèque Universitaire Historique de Médecine 184 [2 nd third 15 th c], a heavy tome of 276 folios. As is often the case, the image files provided by the Montpellier library are numbered in a continuous way (in this case as a series from n os 0062 to 0619). However, the file names are not descriptive: from the file name, one cannot infer its content, i.e., the text, the number of the folio, recto or verso etc. While adding a suffix representing the text name is straightforward (in this case the suffix “GuiChaul”), more intervention seems appropriate: When handling a large number of image files belonging to one manuscript, i.e., uploading them into eScriptorium, then into Pyrrha, etc., the user appreciates distinct, unique naming. This naming should, at best, not only contain the text name but also a serial number, the correct folio number, and the information of recto/ verso. FoNo answers to the need of assigning file names in a meaningful way: It renames and renumbers the image files according to data input. This data input covers the file format of the relevant images (e.g., “.jpg”), a suffix for the text name (e.g., “GuiChaul”), the first folio number with which to start renumbering (e.g., “20”, for a text that begins on folio 20r o of a given manuscript), and recto/ verso of that first folio (e.g., “r”). Furthermore, FoNo considers the potential case (i) that a given folio number accidentally appears twice or more times within the manuscript (e.g., the manuscript features f o 3, f o 3bis and f o 3ter) and (ii) that a given folio number accidentally appears zero times (e.g., when f o 4 is followed by f o 6). Before renaming the image files, FoNo asks for the respective input. Fig. 2 visualizes the backend logic behind the tool, Fig. 3 shows the graphical user interface with a use case renaming the image files of the manuscript containing the Grande Chirurgie, 14 and Table 1 is an extract of the result of the use case in Fig. 3. 108 Sabine Tittel <?page no="109"?> Fig. 2: FoNo, backend logic. A quick zoom into the software development of the ALMA project 109 <?page no="110"?> While FoNo has been tailor-made for ALMA, we will be happy to share this tool with the scientific community. Therefore, the current development aims at making it publicly accessible on the ALMA server (alma.hadw-bw.de) and provide upload and download functions together with the necessary storage room for caching and processing the image files. Fig. 3: FoNo, use case uses prefix “GuiChaul”; starts with fo1ro; fo3 appears three times, fo4 and fo7 each twice; fo numbers 5 and 9 are missing. 1-GuiChaul-1r.jpg 7-GuiChaul-3r2.jpg 13-GuiChaul-4r2.jpg 2-GuiChaul-1v.jpg 8-GuiChaul-3v2.jpg 14-GuiChaul-4v2.jpg 3-GuiChaul-2r.jpg 9-GuiChaul-3r3.jpg 15-GuiChaul-6r.jpg 4-GuiChaul-2r.jpg 10-GuiChaul-3v3.jpg 16-GuiChaul-6v.jpg 5-GuiChaul-3r1.jpg 11-GuiChaul-4r1.jpg 17-GuiChaul-7r.jpg 6-GuiChaul-3v1.jpg 12-GuiChaul-4v1.jpg 18-GuiChaul-7v.jpg Tab. 1: Renumbered image files, result of use case in Fig. 3 (original file names being 0062.jpg - 0079.jpg). 110 Sabine Tittel <?page no="111"?> References Baldinger, Kurt et al. (1971-2020). Dictionnaire étymologique de l’ancien français - DEAF (fondé par Kurt Baldinger, continué par Frankwalt Möhren, publié sous la direction de Thomas Städtler). Québec/ Tübingen/ Berlin: Presses de L’Université Laval/ Niemeyer/ De Gruyter. Electronic version available under https: / / deaf.ub.uni-h eidelberg.de (accessed on 13/ 10/ 2023). France, Peter (1995).-The new Oxford companion to literature in French.-Oxford/ New York: Clarendon Press. Prévost, Sophie/ Guillot, Céline/ Lavrentiev, Alexei/ Heiden, Serge (2013). Jeu d’étiquettes morphosyntaxiques CATTEX2009-max. Lyon. Available under http: / / bfm.ens-lyon.fr / IMG/ pdf/ Cattex2009_2.0.pdf (accessed on 13/ 10/ 2023). Tobler, Adolf/ Lommatzsch, Erhard (1915-1976; 1989-1995; 2002). Altfranzösisches Wör‐ terbuch. Adolf Toblers nachgelassene Materialien, bearbeitet und herausgegeben von Erhard Lommatzsch, weitergeführt von Hans Helmut Christmann, unterstützt von Franz Lebsanft, vollendet von Richard Baum und Willi Hirdt, unter Mitwirkung von Brigitte Frey und Jutta Robens. Berlin/ Wiesbaden: Weidmann/ Steiner. A quick zoom into the software development of the ALMA project 111 <?page no="113"?> Cultismo as error Roger Wright (Liverpool) My surname is written “wright”, and pronounced [rajt]. This sometimes baffles non-English speakers, but people who know English will know this, pronounce it correctly, and not find it surprising. If anybody were to say [wright], when talking or reading aloud, they would be committing an error. The letters “w” and “gh” did once correspond to speech sounds, several centuries ago, but phonetic evolution has been such that those letters are all silent now, corresponding to no phonetic entity at all. That is, in the modern world, not pronouncing any sound to correspond to such letters is a sign of educated expertise, and pronouncing sounds for such silent letters is not a sign of a well-educated speaker, but of ignorance. This will be a generally accepted diagnosis. But when it comes to Romance speakers in the Early Middle Ages, such phenomena are often said to be symptoms of education, particularly in the Church. This is, it seems, a basic tenet of Romance Historical Linguistics. And yet it is obviously wrong. There are some words in old Romance languages which did not develop phonetically as much as the perceived regularities would lead us to expect. A habit grew among Romance philologists of ascribing such cases to the predilec‐ tion of educated speakers for resisting sound change. There was never much evidence for this as a generalization; indeed, it has more recently been claimed that sound changes only become widely accepted once the educated groups in society follow them. Yet the presence of old Romance words that failed to undergo otherwise expected sound changes in pre-Carolingian times led to the postulation, among Romance philologists, of a savant (Spanish culto) category of speech characterised as being phonetically archaic and used internationally by members of the Church. But there are cases where ecclesiastical usage seems to involve words that have undergone not less but noticeably more phonetic development than we would expect. Consider, for example, the normal French and Spanish words meaning ‘bishop’, both developing from Latin EPISCOPUM. The Spanish is obispo, the French is évêque. In their Romance guises, they have no phonetic element <?page no="114"?> in common at all: [oẞíspo] versus [evék]. Undoubtedly, both words have the same etymon. Yet they are so phonetically different that it seems impossible to argue that there existed an international layer of ecclesiastical cultismo in the Early Middle Ages involving a spoken Early Pan-Romance form with retarded evolution (that is, similar to the original Latin [epískopu]); the divergence between usage North and South of the Pyrenees happened at the same time and in the same way as similar developments in many other words, even, in some respects, developing further than we might have expected, such as the [e] > [o] at the start of obispo. For example, the disyllabic French form has lost the two final syllables, the Spanish form has lost the penultimate one, and the Italian form vescovo has lost neither of those, a pattern which is normal in the development of non-ecclesiastical words as well (cp. TREDECIM ‘thirteen’ > monosyllabic French treize, Castilian Spanish disyllabic trece and Italian trisyllabic tredici). There can hardly be a meaning more central to the Christian Church than ‘bishop’, but it was not expressed via any sort of generalized mot savant based on EPISCOPUS. A further example from monastic life. The diminutive of Latin CELLA was CELLULA, ‘little room’. This developed two meanings (at least). It also experienced a time when there were two available vernacular phonetic forms (at least), celda and cella. The most developed form in Castilian was celda, with a slightly unforeseeable [d]; this was the form that came to be used for the ecclesiastical meaning of ‘monastic cell’. That is, the church usage was the more phonetically advanced alternative. The much less evolved form cella fell out of use, but Spanish célula existed, and exists, but came much later to specialize in a medical context (‘biological cell’) which can be called educated but not in any way ecclesiastical. If there is an explanation for which form survived in which contexts, Church archaism cannot be it. Such doublets, where one of a pair that develop from the same etymon survives in a less phonetically evolved shape than the other, might, in principle, tell us if there is any connection between phonetic archaism and the social groups that use the forms. But sometimes the details of such pairings show that this line of argument cannot convince. I studied one such pair forty years ago: Latin PENSARE gives us Spanish pensar (‘think’) and pesar (‘weigh’), both being a normal word for these meanings in any social context, including the ecclesiastical. Intervocalic [-ns-] > [-s-] is the commonest development, so the survival of pensar with its [n] has sometimes been seen as a culto phenomenon characteristic of educated speech, with pesar allowed to be ‘regular’. But this categorization is at best unconvincing. The distinction is made less clear in this case by the fact that the [e] diphthongizes when stressed in rhizotonic forms of 114 Roger Wright <?page no="115"?> pensar (e.g. pienso, ‘I think’) but not in pesar (peso, ‘I weigh’); that is, the form with phonetically more archaic consonants ([ns]) has the more evolved vowels ([jé]), and vice versa, so it is clear that the relative archaism of the phonetic forms as a whole cannot be a relevant consideration here if we are trying to allot individual forms to particular social groups. The idea of ecclesiastical archaism has not only been applied with reference to phonetics. It has been at times assumed that members of the pre-Carolingian church were liable to speak in archaic morphosyntactic, semantic and lexical ways. There used to be a philological category (among Latinists) of ‘Christian Latin’, postulated as being a separate entity from general Late Latin or Early Romance. Christians did, of course, sometimes at least, talk about different things from their non-Christian neighbours, so naturally they had lexical items of their own to cover such technical referents as ‘angels’ (often, in the event, borrowed from Greek); they also, probably more commonly, operated with particular meanings of already existing words. This increase in technical terminology was necessary, for practical purposes. But it is now thought all but certain that they would have used the normal syntax of their time in normal real life situations. This perspective can now be seen to apply to phonetics as well. One consequence of this realization ought to be that the presence of un‐ developed exceptions to postulated sound ‘rules’ and regularities in those early centuries cannot be called culto or savant in any other than a circular technical sense. The Spanish developments of word-initial [pl-], [kl-] and [fl-] are instructive here. The postulated regular sound change in all these cases has been for these clusters to palatalize to [ʎ-], as in PLORARE > llorar, ‘to weep’, CLAVEM > llave, ‘key’, FLAMMAS > llamas, ‘flames’. But there are common undoubtedly vernacular exceptions to this regularity, including most notably claro < CLARUM, a word without which any conversation in Spanish would be near-impossible. Llamas, ‘flames’, is the only common example of the supposedly regular [fl-] > [ʎ] evolution, and if ecclesiastical words are supposed to show arrested phonetic development, it is at best surprising that the concept attached to a highly evolved word should be a staple of hell-fire sermons. Conversely, the common word flores, ‘flowers’, derives from FLORES, and attempts to explain this word as an ecclesiastical one have not convinced. The upshot is that words beginning in [kl-], [pl-] and [fl-] are just as likely to be vernacular as those that have palatalized. The related presence or absence of initial letter h and sound [h-] should make this point clearer. According to the traditional view of cultured speech in the Early Romance period, pronouncing an [h-] in such a word as the one written Cultismo as error 115 <?page no="116"?> HOMINEM, preserving a sound which in the normal vernacular would have long since managed to lose the aspiration altogether, would be an educated (culto) thing to do. But it is likely that nobody could have seen it that way at the time. In the tenth-century Iberian Peninsula, it is possible to suspect that pronouncing an [h-] at the start of the word written as HOMINEM would have been seen as at best eccentric and at worst an absurd error. The same reaction would be evoked nowadays by pronouncing modern Spanish hombre with an [h-], as [hómbre]: that it’s wrong. That is, most such individual examples are not evidence of culto speech but of mistakes, or, to describe it more kindly, of spelling-pronunciations. Spelling-pronunciations are rarely correct unless the normal vernacular trajectory has left the sounds unchanged anyway. Thus such cases of recalcitrance, of lack of expected evolution, usually need to be explained in some other way than ecclesiastical influence. This advice is not difficult nor even new, since it is the theme of the first chapter of my Late Latin and Early Romance of forty years ago (1982). So-called mots savants, cultismos, are not evidence of wisdom and culture at all, but of ignorance and error. With luck, this squib has been preaching to the converted. Certainly, with the help of such intelligent and hard-working members of the profession as Maria Selig and her students, the consequences of this realization might still be explored further by those who, unlike myself, are not too old to do so. Bibliography Wright, Roger (1982). Late Latin and Early Romance. Liverpool: Francis Cairns.- 116 Roger Wright <?page no="117"?> 1 Den Hinweis auf den Artikel über die Entdeckung der Randnotizen verdanke ich Daniel Jacob, bei dem ich mich herzlich dafür bedanke! Frühromanische Schrift- und Federproben in ihrem kodikologischen Kontext Barbara Frank-Job (Bielefeld) In einem Beitrag der Online-Ausgabe der F.A.Z. vom 02.05.2023 1 stellt Andreas Rossmann frühromanische Randnotizen aus einer Pergamenthandschrift des 10. Jahrhunderts vor, die zwar bereits 1916 in einem Katalog erwähnt wur‐ den (Baehrens 2016), aber erst in der 2022 erschienen kritischen Edition des Fragments dem Fachpublikum zugänglich gemacht wurden (Formentin/ Ciaralli 2022). Literarhistorisch von besonderem Interesse ist sicherlich von den Autoren vorgenommene Einordnung des Textfragments in eine gemeinromanische rein mündlich praktizierte, volkstümlich-joglareske Liedtradition sogenannter Frau‐ enlieder, wie sie uns etwa aus den romanischen Refrains andalusischer Liebes‐ lieder oder in portugiesischen und französischen Liedsammlungen überliefert sind (Formentin/ Ciaralli 2022 mit Verweisen auf Jeanroy 1889 und Menéndez- Pidal 1957, 1960). In meinem Beitrag widme ich mich im Folgenden einigen kodikologischen Aspekten, die in der Edition erwähnt, in den Analysen jedoch in den Hinter‐ grund treten. Kodikologisch betrachtet erinnert der von den Editoren dem nördlichen Italien zugeordnete Schreibereintrag nämlich in vielerlei Hinsicht an den bisher als „Würzburger Federprobe“ bekannten ältesten überlieferten rätoromanischen Text (Frank/ Hartmann 1997: n ° 1092): In beiden Fällen handelt es sich um Schriftproben von Schreibern, die diese nachträglich außerhalb des für offizielle Texte vorgesehenen Schriftraums eingetragen haben. Damit gehören beide Würzburger Handschriftenfunde einer ganzen Gruppe kleinerer, meist nur fragmentarisch überlieferter Texte an, die wir im Inventaire (Frank/ Hartmann 1997) als „Essais de plume et autres petits textes“ zusammengestellt haben. <?page no="118"?> 2 Einzig beim Indovinello Veronese (Frank/ Hartmann: n° 1091) wurde bereits früh der lateinische Kontext der Federprobe in eine Gesamtinterpretation einbezogen und festgestellt, dass der sprachliche Kontrast zwischen Latein und Volgare offensichtlich zu stilistischen Zwecken innerhalb desselben Textes genutzt wurde (Koch 1993: 57). 3 Das Konzept baut u. a. auf der Universalie des konzeptionellen Nähe- und Distanzkon‐ tinuums sprachlicher Äußerungen (u. a. Koch/ Oesterreicher 1985, 1994) und auf deren historischen Ausprägungen in Diskurstraditionen auf (Koch 1997; Oesterreicher 1997; zuletzt besonders Selig/ Schmidt-Riese 2020). Beiden Würzburger Federproben ist außerdem gemeinsam, dass sie im Kontext weiterer Einträge derselben Schreiber in lateinischer Sprache stehen, die inhaltlich jedoch auf den ersten Blick keinerlei Bezug zu den jeweiligen volkssprachlichen Texten aufzuweisen scheinen und deshalb auch von den Interpretatoren der Texte nicht weiter beachtet wurden. Wie wir noch sehen werden, gilt dies für zahlreiche Federproben in lateinischen Kontexten. 2 - Ich nehme die beiden Würzburger Federproben im Folgenden zum Anlass, die lateinische Mitüberlieferung in eine Analyse einzubeziehen und zu versuchen, daraus relevante Hinweise auf die lebensweltliche Einbettung der Texte zu gewinnen. Mein Vorgehen steht im Einklang mit dem im Freiburger Sonder‐ forschungsbereich 321 entwickelten und seither vielfach erweiterten, kritisch diskutierten und an vielen Beispielen empirisch erprobten Konzept einer histo‐ risch und philologisch fundierten Sprachwandelforschung 3 in der die historischlebensweltliche, „diskurstraditionelle“ Einbettung der Texte von besonderem Interesse ist (vgl. u. a. Winter-Froemel/ Toledo y Huerta 2023; Gruber et al. 2021; Glesgen/ Schøsler 2018). Zur Erklärung des Verschriftlichungsprozesses der Volkssprachen inmitten einer etablierten lateinischen Schriftpraxis fordert dieser Ansatz die genaue Untersuchung der einzelnen überlieferten Schriftzeug‐ nisse in ihren jeweiligen historischen Kommunikationszusammenhängen: - Nur eine Vorgehensweise, die sich des historischen Abstands zwischen den Kategorien der Analyse und den Kategorien des Analysierten bewusst ist, nur eine Analyse, die die überlieferten Manuskripte als schriftliche Kommunikationshandlungen ernst nimmt und sie einbettet in ihrem pragmatischen, soziokulturellen, schriftkulturellen, soziolinguistischen Kontext interpretiert, kann zu einer angemessenen Interpretation der ersten überlieferten Texte führen und die Faktoren, die zur Verschriftlichung dieser Texte geführt haben, eruieren. (Selig 2006: 1925) Im Folgenden möchte ich die genannten Federproben zum Anlass nehmen, um Möglichkeiten, aber auch Schwierigkeiten einer lebensweltlichen Zuordnung der überlieferten Schriftzeugnisse am konkreten Beispiel aufzuzeigen.- Tatsächlich haben wir es nämlich bei Schrift- und Federproben von Schrei‐ bern häufig mit (Fragmenten) zitierter Wiedergebrauchstexte zu tun, seien es 118 Barbara Frank-Job <?page no="119"?> 4 Fotografien der gesamten Handschrift sind in der Bibliothèque virtuelle des manuscrits médiévaux des IRHT frei zugänglich unter https: / / bvmm.irht.cnrs.fr/ (konsultiert am 31.05.2024). 5 Die Handschrift ist digitalisiert abrufbar unter http: / / vb.uni-wuerzburg.de/ ub/ permali nk/ mpmiscf1 (konsultiert am 31.05.2024).- Rätsel, Sprüche, Gebete oder, wie augenscheinlich im Falle der neu edierten „italienischen“ Würzburger Federprobe, Zeilen aus volkstümlichen Liedern. Wir müssen für eine lebensweltliche Einordnung dieser Schriftstücke daher zunächst einmal unterscheiden zwischen der Praxis, eine Eintragung auf eine frei gebliebene Stelle in einer Handschrift vorzunehmen (etwa um eine neue Feder auszuprobieren, eine starke Emotion zu „exteriorisieren“ oder diese als Gedächtnisstütze für einen besonders wichtigen oder wertgeschätzten Text zu nutzen) und dem diskurstraditionellen Kontext, aus dem der Schreiber seine Eintragung entnimmt und die ebenfalls auf lebensweltliche Handlungseinbet‐ tungen zu verweisen mag, die für den Schreiber maßgeblich sind.- Auch steht selbst bei deutlich späteren Schreibereinträgen, nicht immer von vorneherein fest, dass der Eintrag in keinerlei inhaltlicher Beziehung zur ursprünglichen Handschrift steht. So erweisen sich etwa die Schreibübungen eines „scribe novice“ in einer Sammlung altfranzösischer Predigten und Pre‐ digtübersetzungen (Frank/ Hartmann: n° 1100; Nantes, Musée Dobrée: n° 5, ff 233-234) als sehr persönliche meditative religiöse Reflexionen. Sie stehen am Ende einer Handschrift, die volkssprachliche Predigten enthält und deren letzte Predigt eben die Meditation zum Thema hat, und weisen somit eine sehr deutliche inhaltliche Beziehung zur Trägerhandschrift auf. 4 - Die systematische Erfassung der kodikologischen Kontexte, in denen unsere volkssprachlichen Schreibereinträge stehen, und deren paläographische Ana‐ lyse, ist also möglicherweise geeignet, handlungspraktische Zusammenhänge zu erhellen und Hinweise auf die lebensweltliche Einbettung dieser Eintragun‐ gen zu erhalten. Betrachten wir also unsere beiden Würzburger Federproben etwas genauer: Die rätoromanische Federprobe (Frank/ Hartmann: n° 1092) steht auf dem vorderen Schutzblatt einer Handschrift, die aus der Klosterbibliothek von Sankt Gallen stammt und Ciceros De Officiis enthält. 5 Die Federprobe wurde mindestens 30 Jahre später dem Cicerotext hinzugefügt und weist inhaltlich keinerlei Bezüge zu diesem auf. Zur Interpretation des volkssprachlichen Textes gibt es zahlreiche teilweise deutlich voneinander abweichende Meinungen, am plausibelsten erscheint die Zuordnung zu den sogenannten Schreiberklagen Frühromanische Schrift- und Federproben in ihrem kodikologischen Kontext 119 <?page no="120"?> 6 Eine Zusammenfassung verschiedener Deutungen gibt Liver (2002). Livers Interpreta‐ tion von „habe diege“ als „habere debeat“ (ibid. 179) verortet die Textzeile ebenfalls in der Tradition von Schreiberklagen. 7 So z. B. im Antiphonale des Klosters Saint Denis, Paris, Bibliothèque nationale, lat. 172 (1140-1160). 8 Gerade bei diesem doch recht prominenten Text der romanischen Sprachgeschichte ist es bedauerlich, dass die lateinische Mitüberlieferung im Verlaufe der Rezeptionsge‐ schichte nahezu vollständig ausgeblendet wurde. 9 Die Handschrift ist ebenfalls komplett digitalisiert und abrufbar unter http: / / vb.un i-wuerzburg.de/ ub/ permalink/ mpthf27 (konsultiert am 31.05.2024). Eine detaillierte (Schmidt 1994). 6 In diesem Typ von Schreibereintragung klagen diese über die harte Tätigkeit des Schreibens, schlechte Arbeitsbedingungen und fehlende Anerkennung oder Lohn. Nimmt man nun den unmittelbaren kodikologischen Kontext der volkssprachlichen Eintragung in den Blick, fällt auf, dass der volkssprachliche Text in einen lateinischen Textzusammenhang eingebettet ist. Der komplette Schreibereintrag beginnt mit einem Bibelzitat (hoc est: „deus meus deus meus ut quid dereliquisti me? “) (Matth. 27. 46). Es handelt sich um die im Mittelalter sehr oft zitierten letzten Worte Jesu am Kreuz, eine Textstelle, die auch als Textzeile in mittelalterlichen Antiphonarien mit Neumen überliefert ist, die also im Kontext der Liturgie gesungen wurde (Hesbert, Corpus Antiphonalium Officii, Nr. 7760). 7 Das vorangestellte „hoc est“ kann man dabei als Verweis auf ein Zitat oder auf ein bekanntes Lied verstehen. In der folgenden Zeile steht der volkssprachliche Text (Diderros ne habe diege muschas: „Diderros soll dafür nichts/ nur einen Dreck erhalten“). Nach einem kurzen Absatz folgt dann von gleicher Hand geschrieben und mit Neumen versehen, der Anfang des Johannesevangeliums. Wie Bischoff/ Müller (1955: 139, Anm. 1) anmerken, wurde dieser Text im Mittelalter als Segen verstanden und ebenfalls gesungen.- Sicherlich bleibt jeder Versuch der Einordnung des volkssprachlichen Ein‐ schubs in den Kontext liturgischer Lieder letztlich spekulativ. Gerade dieser Kontext verleiht als Kontrast jedoch der Klage des Schreibers einen besonders persönlichen und emotionalen Charakter, der sie von den formelhaften lateini‐ schen Liedzeilen absetzt. Gleichzeitig rückt er die private Klage in den Zusam‐ menhang rituell-religiöser und kollektiv aufgeführter Diskurstraditionen. 8 Betrachten wir nun die altitalienische Federprobe aus dem Codex M.p.th.f.27. Die Handschrift aus der 2. Hälfte des 8. Jahrhunderts wird aus paläographischen Gründen dem angelsächsischen Missionsgebiet in Deutschland zugeordnet. Sie enthält die lateinischen Übersetzungen von Origenes’ Predigten zu den Evangelien 9 und wurde im Verlaufe des 10. Jahrhunderts höchstwahrscheinlich in Würzburg mit verschiedenen Schreibernotizen versehen, die der italienischen 120 Barbara Frank-Job <?page no="121"?> Beschreibung der Handschrift und eine genaue paläographische Analyse des volks‐ sprachlichen Eintrags geben Formentin/ Ciaralli (2022). 10 Baehrens (1916) erwähnt nur die Eintragung in Volgare, Thurn (1984) weist allen drei Eintragungen „italienische Urkundenschrift des 10. Jahrh.“ zu, ohne Hände zu unterscheiden (p. 18). Von den weiteren lateinischen Eintragungen im Kodex scheint mir sicher jedoch nur die von fol. 37v von derselben Hand zu sein.- 11 Ich übernehme die Lesart von Formentin/ Ciaralli (2022: 19), in italienischer Überset‐ zung: „Sono andata, madre, in città, ho visto dei giovani di buoni costumi“ (ibid. 28). 12 So z. B. im Antiphonale des Klosters Saint Denis, Paris, Bibliothèque nationale, lat. 172 (1140-1160).- Kanzleischrift zugeordnet werden. Einer dieser Schreibereinträge, am unteren Rand des fol. 38r, ist in norditalienischem Volgare verfasst (Formentin/ Cariallo 2022: 28). Derselbe Schreiber hat, ebenfalls am unteren Rand der vorausgehen‐ den Seite, fol. 37v, einen weiteren lateinischen Eintrag vorgenommen. 10 Beide Einträge stehen gegenüber der Textschrift auf dem Kopf, was bereits andeutet, dass ein inhaltlicher Bezug zum Text der Handschrift fehlt: - (fol. 37v) fuit homo missus a d(e)o (fol 38r) Fui eo, madre, in civitate, vidi onesti iovene, calcedur 11 Der lateinische Eintrag ist der Beginn eines Bibelzitats ( Joh. 1,6). Auch dieser Text wurde im Mittelalter als liturgisches Lied verwendet (Hesbert, Corpus Antiphonalium Officii, Nr.-6979). 12 - Der volkssprachliche Text wird, wie bereits eingangs erwähnt, nach einer sehr sorgfältigen paläographischen, sprachlichen und literaturwissenschaftli‐ chen Analyse dem Bereich mündlicher volkstümlicher Frauenlieder zugeordnet (Formentin/ Ciaralli 2022: 35). Beide Schreibereinträge verweisen hier also auf den Kontext öffentlich aufgeführter Lieder, das eine aus dem Bereich der lateinisch dominierten Messe, das andere auf den Bereich der Marktplätze und Volksfeste. Auch hier entsteht durch das Nebeneinander der beiden Sprachen also ein deutlicher Kontrast, der nicht nur stilistisch, sondern auch kulturell auf unterschiedliche Lebensbereiche hinweist. Diese kurzen Beobachtungen müssen an dieser Stelle genügen, um anzudeu‐ ten, wie fruchtbar ähnliche Analysen kodikologischer Kontexte unserer ältesten Schriftzeugnisse für das Verständnis von deren lebensweltlichen Handlungs‐ kontexten sein können. Frühromanische Schrift- und Federproben in ihrem kodikologischen Kontext 121 <?page no="122"?> Bibliographie Baehrens, Wilhelm (1916). Überlieferung und Textgeschichte der lateinisch erhaltenen Origeneshomilien zum Alten Testament. Leipzig: Hinrichs. Bischoff, Bernhard/ Müller, Iso (1955). Eine rätoromanische Sprachprobe aus dem 10./ 11, Jahrhundert. Vox Romanica 14, 137−146. Formentin, Vittorio/ Ciaralli, Antonio (2022). Un frammento di canzone di donna in volgare dell’alto medioevo. Lingua e Stile. Rivista di storia della lingua italiana 1, 3−37. Frank, Barbara/ Hartmann, Jörg (Hrsg.) (1997). Inventaire systématique des premiers documents des langues romanes (= ScriptOralia 100, I-V). Tübingen: Narr. Glessgen, Martin/ Schøsler, Lene (2018). Repenser les axes diasystématiques: nature et statut ontologique. In: Kabatek, Johannes/ Völker, Harald (Hrsg.). Repenser la variation linguistique. Actes du Colloque DIA IV à Zurich (12-14 sept. 2016). Strasbourg: Société de Linguistique Romane/ Éditions de linguistique et de philologie, 11−52. Gruber, Teresa/ Grübl, Klaus/ Scharinger, Thomas (Hrsg.) (2021). Was bleibt von kom‐ munikativer Nähe und Distanz? Mediale und konzeptionelle Aspekte sprachlicher Variation (= ScriptOralia 144). Tübingen: Narr. Hesbert, René-Jean (1968). Corpus antiphonalium officii (Vol. 3). Freiburg/ Rom: Herder. Jeanroy, Alfred (1889). Les origines de la poésie lyrique en France au moyen âge. Études de littérature française et comparée suivies de textes inédits. Paris: Champion. Kabatek, Johannes (2023). Eugenio Coseriu: Beyond Structuralism. Berlin: De Gruyter.- Koch, Peter (1997). Diskurstraditionen: zu ihrem sprachtheoretischen Status und ihrer Dynamik. In: Frank, Barbara/ Haye, Thomas/ Tophinke, Doris (Hrsg.). Gattungen mittelalterlicher Schriftlichkeit (= ScriptOralia 99). Tübingen: Narr, 43−79. Koch, Peter (1993). Pour une typologie conceptionnelle et mediale des plus anciens do‐ cuments/ monuments des langues romanes. In: Selig, Maria/ Frank, Barbara/ Hartmann, Jörg (Hrsg.). Le passage à l’écrit des langues romanes (= ScriptOralia 46). Tübingen: Narr, 39−81. Koch, Peter/ Oesterreicher, Wulf (1994). Schriftlichkeit und Sprache. In: Günther, Hart‐ mut/ Ludwig, Otto (Hrsg.). Schrift und Schriftlichkeit/ Writing and Its Use (= Handbü‐ cher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft 10). Berlin: De Gruyter, 587−604. Koch, Peter/ Oesterreicher, Wulf (1985). Sprache der Nähe - Sprache der Distanz. Mündlichkeit und Schriftlichkeit im Spannungsfeld von Sprachtheorie und Sprachge‐ schichte. Romanistisches Jahrbuch 36, 15-43. Liver, Ricarda (2002). Anmerkungen zur Würzburger Federprobe. Vox Romanica 61 (1), 178−180. Menéndez-Pidal, Ramón (1960). La primitiva lírica europea. Estado actual del problema. Revista de Filología Española XLIII, 279−354. Menéndez-Pidal, Ramón (1957). Poesía juglaresca y orígenes de las literaturas románicas. Madrid: Instituto de estudios políticos. 122 Barbara Frank-Job <?page no="123"?> Oesterreicher, Wulf (1997). Zur Fundierung von Diskurstraditionen. In: Frank, Bar‐ bara/ Haye, Thomas/ Tophinke, Doris (Hrsg.). Gattungen mittelalterlicher Schriftlich‐ keit (= ScriptOralia 99). Tübingen: Narr, 19-41. Schmidt, Paul Gerhard (1994). Probleme der Schreiber - der Schreiber als Problem (= Wis‐ senschaftliche Gesellschaft an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, Sitzungsberichte 31.5). Stuttgart: Steiner.- Selig, Maria (2006). Die Anfänge der Überlieferung der romanischen Sprachen: Quellentypen und Verschriftungsprinzipien. In: Ernst, Gerhard/ Gleßgen, Martin- Dietrich/ Schmitt, Christian/ Schweickard, Wolfgang (Hrsg.). Romanische Sprachge‐ schichte: Ein internationales Handbuch zur Geschichte der romanischen Sprachen, 2. Teilband. Berlin: De Gruyter Mouton, 1924−1944.- Selig, Maria/ Schmidt-Riese, Roland (2020). Nachdenken über Nähe und Distanz. In: Kluge, Bettina/ Mihatsch, Wiltrud/ Schaller, Birte (Hrsg.). Kommunikationsdynamiken zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit. Tübingen: Narr Francke Attempto, 23−46. Winter-Froemel, Esme/ Octavio de Toledo y Huerta, Álvaro (Hrsg.) (2023). Manual of Discourse Traditions in Romance (= Manuals of Romance Linguistics 30). Berlin: De Gruyter. Frühromanische Schrift- und Federproben in ihrem kodikologischen Kontext 123 <?page no="125"?> 1 V/ Q X: 12. „Avrebbe ella desiderato riposar l’animo…“: Manzonis Revision revisited Ludwig Fesenmeier (Erlangen-Nürnberg) 1 Egli & Co: von der Ventisettana zur Quarantana Zu den augenfälligsten Unterschieden zwischen der Ventisettana (V) und der Quarantana (Q) der Promessi sposi gehören die Unterschiede hinsichtlich der Subjektpronomina der 3. Person. Wie im titelgebenden Beispiel angedeutet, 1 interessiert im Folgenden die ersatzlose Streichung von egli/ ella in postverbaler Position. Hinsichtlich einzelner Fälle der Tilgung postverbaler Pronomina hatte sich D’Ovidio (1878: 566) mit Blick auf die Kohäsion(ssicherung) skeptisch gezeigt: Poniamo, dove diceva: „Questo nome fu nella mente di don Abbondio come … un lampo …. Fece egli, come per istinto, un grande inchino..“ (I) [V I: 35; Q: Ø], forse sarebbe stato meglio non sopprimere l’egli, essendo forse un pochino duro il sottintendere qui, senz’ajuto di pronome, per soggetto del secondo periodo, un nome che nel periodo antecedente è un semplice genitivo. Durante (1970: 191) zitiert u. a. Beispiel (12) (s. u.) und ordnet die Umgestaltung insgesamt in die Abkehr von einer „tradizione narrativa a fondo letterarioaccademico“ (ibid. 193) ein. Boco (1986: 73) stellt fest, dass sich postverbales egli bzw. ella in der hier interessierenden Konstellation auf ein Substantiv bezieht, das zuvor in einem „contesto lontano“ bzw. „contesto alquanto lontano“ aufgetreten ist: (1) - - Il padre Cristoforo i non era sempre stato così […]. Era egli i figliuolo d’un mercante […]. (V IV: 8; Q: Ø) (2) - Non occorre pur dire che Federigo i non ristringeva le sue cure a questa estremità di patimenti […]. […] In fatti, ragunando tutti i suoi mezzi, […] <?page no="126"?> 2 Satzinitiale Pronomina sind keineswegs ausgeschlossen: „Essa rinnovò le gentilezze […].“ (Q XXV: 32). aveva egli i cercato ogni via di far danari, per impiegarli tutti in alleggiamento della penuria. (V XXVIII: 29; Q: Ø) In ihrer ebenfalls kohäsionsbezogenen Sicht kommt sie aber zu einem anderen Ergebnis als D’Ovidio: Die häufige Tilgung der Pronomina habe die „chiarezza espositiva“ nicht beeinträchtigt, sondern die „coerenza testuale“ deutlich erhöht (vgl. Boco 1986: 19). Palermo (1997: 316) sieht Manzoni in der Wahl zwischen Beibehaltung oder Tilgung der Pronomina wesentlich von „ragioni pragmatiche“ geleitet (Kontrast, Emphase, Fokus usw.) und ordnet die hier interessierenden Fälle in die Kategorie „riduzione delle forme pragmaticamente superflue“ (ibid. 315) ein, denn die Pronomina stünden postverbal, „senza che tale collocazione sia giustificata da ragioni pragmatiche“; beispielhaft führt er u. a. neben dem bei D’Ovidio (1878: 566) diskutierten das Beispiel (12) an. Als Bilanz kann festgehalten werden, dass wesentlich auf Manzonis Bestre‐ ben abgestellt wird, sich mit der Quarantana von einer literarisch-akademischen Erzähltradition zu ‚verabschieden‘, wobei er sich bei der Tilgung der Pronomina im Strukturmuster VS Pro in Deklarativsätzen am Fehlen einer pragmatischen Funktion im o. g. Sinne orientiert habe. Zu dieser funktionalen Sicht passt gewiss die eine oder andere verbliebene Okkurrenz (vgl. D’Ovidio 1878: 564), denn in (3) wird man mit ‚Lui invece stette immobile …‘ paraphrasieren dürfen: (3) - „[…],“ sclamò piangendo, implorando, giungendo le mani, Lucia; mentre Agnese chiamava ripetutamente il giovane per nome, e gli palpava le spalle, le braccia, le mani, per rabbonirlo. Stette egli immobile, pensoso […] (V VII: 16 f.; analog Q) 2 VS als Mittel der Textstrukturierung Umgekehrt ist nun aber auch zu fragen, warum in (4) die Anordnung VS Pro beibehalten, in (5) S Pro V in VS Pro geändert oder in (6) aus S N V VS Pro geworden ist: 2 (4) a. Tenevasi ella in fra le braccia una fanciulletta […]. (V XXXIV: 48) - b. Portava essa in collo una bambina […]. (Q XXXIV: 48) (5) a. Ella stava […], come abbiam detto, in piedi presso la grata […]. (V IX: 25) - b. Era essa […], come abbiam detto, ritta vicino alla grata […]. (Q IX: 25) 126 Ludwig Fesenmeier <?page no="127"?> 3 Vgl. ausführlicher Fesenmeier (2014: 398-403). (6) a. Entrato in cucina chiese alla fantesca se si poteva parlare al signor dottore. La fantesca vide le bestie, e […] mise loro le mani addosso […]. (V III: 15) - b. Entrato in cucina, domandò alla serva, se si poteva parlare al signor dottore. Adocchiò essa le bestie […]. (Q III: 15) Darauf, dass abgesehen von der kategorialen Füllung der Subjektsfunktion auch das topologische Muster VS selbst zu berücksichtigen ist, weisen zahlreiche Beispiele mit einem Nominalsyntagma hin: (7) - Poco distante da quel paesetto, villeggiava una coppia d’alto affare; don Ferrante e donna Prassede: il casato, al solito, nella penna dell’anonimo. Era donna Prassede una vecchia gentildonna […]. (Q XXV: 23; analog V XXV: 23) (8) - […] in mezzo alla stizza, tornava con la mente su quel colloquio; e sempre più lo trovava strano. […] tutte queste circostanze messe insieme facevan pensare a Renzo che […]. Stette il giovine in forse un momento di tornare indietro, per metterlo alle strette, e farlo parlar più chiaro […]. (Q II: 25 f.; analog V II: 25) Wenngleich sich die Beispiele (7) und (8) in mehrfacher Hinsicht unterscheiden (vgl. auch die Bsp.e 1, 2, 4, 5 vs. 3, 6b: häufig semantisch ‚blasse‘ Verben, Imperfekt oder Plusquamperfekt vs. ‚Vollverben‘, passato remoto) und damit funktional unterschiedliche Typen illustrieren, besteht ihr gemeinsamer Nenner zunächst einmal darin, dass hier „Subjektinversion[en] zur Kodierung unbetont thematischer Subjekte“ vorliegen, wie sie schon „in älteren Sprachstufen des Italienischen verbreitet“ (Selig 1992: 208) waren und bis ins 19. Jh. anzutreffen sind, auch außerhalb literarischer Texte: 3 (9) - Aveva Maria una straordinaria perseveranza in qualsisia cosa che intrapren‐ deva […]. (Ticozzi 1833: 134) Die Charakterisierung „thematisch“ ist dahingehend zu präzisieren, dass die jeweiligen Referenten zwar ko(n)textuell ‚gegeben‘ sind und im einen Fall (Bsp.e 7 u. 9) auch das Thema (im Sinne von pragmatic aboutness) des Satzes bilden, dass im anderen Fall aber (Bsp. 8) „una svolta nel testo“, z. B. „da […] uno sviluppo descrittivo ad un[a] […] ripresa di progressione narrativa“ (Sornicola 2007: 567) oder ein Wechsel der ‚globalen Darstellungsperspektive‘ (Bsp. 6b) signalisiert wird. Postverbale, „unbetonte“ thematische Subjekte finden sich hingegen ganz allgemein gesagt dann, wenn ein bereits eingeführter Referent nicht auch noch eigens topologisch (Initialposition) als Thema markiert werden soll (Bsp. 6a), sondern einfach (Hintergrund)Informationen folgen. „Avrebbe ella desiderato riposar l’animo…“: Manzonis Revision revisited 127 <?page no="128"?> Beide Funktionstypen des Musters VS haben also textstrukturierende Funk‐ tion, d.-h. ihr Auftreten signalisiert dem Leser einen Wechsel im Erzählverlauf, der ggf. auch noch durch Adverbien (Bsp. 10: „Certo“, „dunque“), Appositionen (Bsp. 11) oder Erzählerkommentare (Bsp. 10: „sono misteri…“; vgl. auch Bsp. 5b), vielleicht sogar durch die Interpunktion (Bsp. 12) unterstrichen wird: (10) - Se poi, nel ceder che fece, avesse o non avesse parte un po’ di debolezza della volontà, sono misteri del cuore umano. Certo, […]. Al replicar dell’istanze, cedette egli dunque, […]. (Q XXXII: 14; analog V) (11) - E non sapeva egli, il pover’uomo, che […]. (V XXV: 17; Q: Ø) (12) - Era, fin dall’adolescenza, rimasto privo de’ parenti […]. (Q II: 8; ↔ V II: 8: „Era egli fino dall’adolescenza rimasto […].“) Zusammenfassung Es sollte deutlich geworden sein, dass das Fehlen von „ragioni pragmatiche“ (Pa‐ lermo 1997: 315) als Erklärung für den Pronomenschwund in unseren Beispielen zu kurz greift, weil damit auch der Wandel ‚V: VS Pro → Q: V‘ einhergeht: Die Beibehaltung bzw. sogar Einführung von VS Pro -Strukturen in Q (vgl. Bsp.e 3-6, 10) verweist vielmehr auf Manzonis Sensibilität für die textorganisatorische Re‐ levanz dieses Musters. Die weitgehende Tilgung der Pronomina dürfte vielmehr in den übergeordneten Kontext der Abkehr von einer Erzähltradition „a fondo letterario-accademico“ (Durante 1970: 193) gehören. Der Verzicht wird leicht gefallen sein in Fällen, in denen der Wechsel der Textebene noch anderweitig markiert war oder dem Leser die diesbezügliche Anstrengung des Begriffs zumutbar schien. Aber damit sind Aspekte der Erzählstrategie(veränderung) berührt, die nicht mehr in die linguistische Zuständigkeit fallen. Bibliographie Boco, M[aria] Augusta ([1986]). I pronomi personali soggetto nella „riscrittura“ dei Promessi Sposi. Perugia: Le Edizioni Università per Stranieri. D’Ovidio, Francesco (1878). La lingua dei Promessi Sposi. In: D’Ovidio, Francesco (Hrsg.). Saggi critici. Napoli: Morano, 539-602. Durante, Marcello (1970). I pronomi personali nell’italiano contemporaneo. Bollettino del Centro di Studi Filologici e Linguistici Siciliani 11, 180-202. Fesenmeier, Ludwig (2014). Tra scritto e parlato: la questione dei soggetti postverbali tematici. In: Danler, Paul/ Konecny, Christine (Hrsg.). Dall’architettura della lingua italiana all’architettura linguistica dell’Italia. Frankfurt a.-M.: Lang, 395-412. 128 Ludwig Fesenmeier <?page no="129"?> Palermo, Massimo (1997). L’espressione del pronome personale soggetto nella storia dell’italiano. Roma: Bulzoni. Q = Manzoni, Alessandro (2013). I Promessi Sposi. Testo del 1840-1842. A cura di Teresa Poggi Salani. Milano: Centro Nazionale Studi Manzoniani. Selig, Maria (1992). Die Entwicklung der Nominaldeterminanten im Spätlatein. Tübingen: Narr. Sornicola, Rosanna (2007). Continuità e discontinuità degli ordini Verbo - Soggetto e loro permanenza nel genere storico tra latino e lingue romanze. In: Trotter, David (Hrsg.). Actes du XXIV e Congrès International de Linguistique et Philologie Romanes. Vol. 2. Tübingen: Niemeyer, 551-573. Ticozzi, Stefano (1833). Dizionario degli architetti, scultori, pittori, intagliatori in rame, in pietre preziose, in acciajo per medaglie e per caratteri, niellatori, intarsiatori, musaicisti, d’ogni età e d’ogni nazione. Tomo quarto. Milano: Nervetti. V = Manzoni, Alessandro (2022). I Promessi Sposi. Edizione critica della Ventisettana. A cura di Donatella Martinelli. Milano: Casa del Manzoni. „Avrebbe ella desiderato riposar l’animo…“: Manzonis Revision revisited 129 <?page no="131"?> Langues mirages et langues masquées Michel Banniard (Paris) Entre 2012 et 2021, dans le cours de nombreux exposés suivis de débats en séminaires à l’EPHE (Paris-Sorbonne) et Framespa (Toulouse-II), ainsi que de différents colloques tenus à Pau (2008, 2011) et à Fanjeaux (2012), il est ressorti différents sujets de questionnements méthodologiques qui relèvent tant de la philologie que de la sociolinguistique romane, tant en diachronie qu’en synchronie. L’idée générale est que ni la linguistique ni l’histoire n’échappent par nature aux effets idéologiques déformants qui font que certaines « langues » s’avèrent n’être que des mirages, alors que d’autres souffrent d’êtres masquées. Le premier cas de langue-mirage, chargée d’un long passé, est le «-latin vul‐ gaire », qui ne doit son existence qu’à son nom et à la prévalence intellectuelle du dualisme linguistique sous la forme du fameux paradigme de la diglossie, le tout étant peu à peu avantageusement remplacé aujourd’hui par des modélisations nettement plus complexes, fondées sur la notion de niveaux multiples et de variations inhérentes au latin lui-même (cf. Lüdtke 2009 : 31; Banniard 2010). Un autre exemple frappant a été fourni il y a quelques années par le livre-de Jocelyne Dakhlia, Lingua franca, Histoire d’une langue métisse en Méditerranée (2008). En effet, le sous-titre de l’ouvrage annonce en termes clairs l’Histoire d’une langue. Le problème est que les 500 pages du livre donnent bien à lire une histoire, celle de groupes humains (les marins et les commerçants naviguant entre les deux rives de la Méditerranée, aux XVII e -XVIII e siècles, entre deux civilisations, et deux vastes ensembles langagiers (latins au Nord, sémitiques au Sud) mais certainement pas d’une langue ! En effet, l’objet d’enquête ainsi désigné n’est ni une langue ni même un pidgin, a fortiori un créole. Le livre lui-même accumule certes une documentation linguistique précieuse, associée à une contextualisation prosopographique bienvenue. Mais le thème cardinal de l’ouvrage, qui s’efforce de s’inscrire dans la perspective contempo‐ raine du « multiculturalisme », établir l’existence d’une langue qui aurait été le fruit d’un métissage entre deux ou plusieurs autres (autrement dit d’une fusion génétique) est irrecevable. D’abord, l’impression, suggérée par la présentation <?page no="132"?> iconique illustrant le livre, qu’il y aurait eu un tiers terme à cette genèse, avec les dialectes arabes qui se seraient mélangés aux dialectes italiens et espagnols ne repose sur aucun phénomène constaté, puisque le texte même établit que le métissage concerne presque exclusivement les langues romanes. Ensuite, c’est le mot et le concept de langue qui sont hautement problématiques. Disons-le clairement : ce dont traite le livre n’est pas une langue. Comment typologiser son objet langagier alors-? Une analyse linguistique sérieuse de tous les testimonia permet de poser la description suivante. Définition : La lingua franca est un code de communication limité métastable et évanescent. 1. Structures morphosyntaxiques squelettiques. Types figés. 2. Impossibilité de variation diastratique et diaphasique. Pas de niveaux. Niveau par défaut. 3. Appropriation exclusive comme code supplémentaire par les locuteurs. Pas de locuteur ne parlant que la lingua franca. 4. N’est le propre de ce fait d’aucune communauté de locuteurs. Est générée sans arrêt aux marges inter-ethniques. Pas de support stable : code métas‐ table. 5. Pas d’apprentissage comme langue maternelle. Pas d’enfants linguafranco‐ phones. 6. Evolution accumulative diachronique impossible (ne donne pas un pidgin, puis un créole). 7. Dépendance totale des situations externes instables : franges évanescentes (apparitions et disparitions faciles et rapides). Le livre offre bien d’autres étrangetés-: 1. Il risque une comparaison avec le latin médiéval qui aurait joué le rôle d’une lingua franca européenne-! 2. Il affirme (mais c’est une tendance « bien-pensante » encore récurrente) que le français est un créole du latin. 3. Il suggère que l’occitan (provençal) est un patois. 4. Il soutient que le français d’Algérie se créolise au XIX e siècle… Toute la difficulté vient de ce que l’auteur refuse en fait de s’interroger sur la fonction du nom : la commodité de la dénomination par lingua franca, ellemême grosse d’illusions d’optique, a suffi à créer ce mirage, qui satisfaisait aux prérequis idéologiques du livre. C’est l’occasion de revenir un instant sur le problème inverse : une langue qui a eu du mal à trouver son Histoire, parce que les enjeux idéologiques la 132 Michel Banniard <?page no="133"?> condamnaient souvent à être présentée masquée. La langue parlée à partir du VIII e siècle sur l’ancien espace latinophone de la Gaule était clairement de type d’Oïl au Nord, de type d’Oc au Sud (laissons de côté la question du francoprovençal). Mais personne ne vit d’inconvénient à parler de «-l’Histoire de la langue française » pour le Nord d’Oïl, alors que bien des grincements retentirent pour parler de « l’Histoire de la langue occitane » pour le Sud occitanophone. Or, la situation langagière était exactement la même, disons au X e siècle : une mangrove de dialectes d’oïl, parfois très différents les uns des autres au Nord ; exactement la même au Sud pour les dialectes d’oc. C’est par commodité que ces dialectes d’oïl ont été nommés « français » (et linguistiquement, c’est exact). Qu’est-ce qui empêchait donc d’appeler « occitan » l’ensemble des dialectes d’oc ? Tout récemment, la somme consacrée aux langues romanes dans une prestigieuse collection a refusé d’intituler le chapitre qui lui est dédié « occitan » au profit de la terminologie supposément neutre « gallo-roman méridional-» (cf. Oliviéri/ Sauzet 2016, chap. 19 du Oxford guide to the Romance Languages). Remarquablement, le chapitre 18 s’intitule hardiment : French and northern Gallo-Romance (Smith 2016), sans état d’âme. L’emploi du lexème occitan constituerait-il un anachronisme ? Mais c’est un droit scientifique de nommer des faits passés avec notre savoir moderne. Sinon, pourquoi faire de l’histoire-? Il suffirait de recopier les sources.- En fait le terme de « français » est usé la plupart du temps quel que soit le siècle considéré pour des raisons non pas linguistiques, mais idéologiques : on parle le et du « français » dès le X e siècle, parce qu’on est déjà « français » (c’est l’implication immédiate). Et à ce compte on ne pouvait pas parler occitan, puisqu’il était exclu d’être « occitan » (c’est l’implication évidente). Deux poids et deux mesures idéologiques. La difficulté vient d’apprendre à dissocier Histoire de France et Histoire du français. Il n’y a linguistiquement aucune raison de refuser de parler de « français » comme synonyme de la langue d’oïl (autrement dit le diasystème d’oïl) et d’ « occitan » comme synonyme de la langue d’oc (autrement dit le diasystème d’oc; cf. Bec 1973) au X e siècle. La dénomination par «-provençal-», longtemps retenue par les philologues romanistes, créait une confusion avec la région ; de même pour « limousin » (cette appellation est due aux Catalans). Le terme d’« occitan » est le moins ambigu, et le plus exact par son équivalence avec celui de «-français-». Pour se débarrasser de l’intrusion idéologique, le plus simple est de parler de « francophones » pour tous les territoires d’oïl et d’ « occitanophones » pour tous ceux d’oc (et de « latinophones » pour la période antérieure, sans Langues mirages et langues masquées 133 <?page no="134"?> division dualiste (vulgaire/ littéraire); cf. Banniard 2020, cap. X, Retractatio). Quant aux aventuriers sortis des oubliettes de l’Histoire et mis en scène par J. Dakhlia, ils parlaient d’abord leur langue natale et ensuite, loin d’inventer une nouvelle langue métisse, construisaient continûment pour les besoins d’une communication polycentrée et polyethnique un code à clefs très limité. Fornex 29.12.2023 Explicit Féliciter Bibliographie Banniard, Michel (2020). Viva voce. Comunicazione scritta e comunicazione orale nell’Occidente latino dal IV al IX secolo. Edizione italiana con una Retractatio dell’autore, a cura di Lucio Cristante e Fabio Romanini, con la collaborazione di Jacopo Gesiot e Vanni Veronesi. Trieste-: Edizioni Università di Trieste. Banniard, Michel (2010). Intrication et écrémage. L’évolution langagière entre pulsion et sélection. In : Banniard, Michel/ Philps, Dennis (éds.). La fabrique du signe. Linguisti‐ que de l’émergence entre microet macro-structures. Toulouse : Presses universitaires du Mirail, 47-61. Bec, Pierre (1973). Manuel pratique d’occitan moderne. Paris-: Éditions A. & J. Picard. Dakhlia, Jocelyne (2008). L I N G U A F R A N C A . Histoire d’une langue métisse en Méditerranée. Aix-en-Provence-: Actes Sud. Lüdtke, Helmut (2009). Der Ursprung der romanischen Sprachen. Eine Geschichte der sprachlichen Kommunikation. 2 e éd. Kiel-: Westensee. Oliviéri, Michèle/ Sauzet, Patrick (2016). Southern Gallo-Romance (Occitan). In-: Ledge‐ way, Adam/ Maiden, Martin (éds.). The Oxford guide to the Romance Languages. Online edition, Oxford Academic, 319-349. Smith, John C. (2016). French and northern Gallo-Romance. In : Ledgeway, Adam/ Maiden, Martin (éds.). The Oxford guide to the Romance Languages. Online edition, Oxford Academic, 292-318. 134 Michel Banniard <?page no="135"?> Short but connecting How the use of a ligature in colonial documents from New France gives insights into the interchange of religious and maritime networks Laura Linzmeier (Regensburg) From the beginning of the 17th century, French missionaries, especially Jesuits, were engaged in describing and learning the numerous indigenous languages of North America. The descriptions, grammars, vocabularies etc. that they compiled served two main purposes: “first, to facilitate the learning of the native languages in question, and second, to serve as a reference while in the field” (Bishop/ Brousseau 2011: 296). By learning the local languages and translating Christian texts into them, the Jesuits hoped to evangelize the indigenous population more quickly. However, they soon came to the realization that the French (or Latin) alphabet was not sufficient to adequately represent the sound repertoire of the local languages (cf. Hanzeli 1969: 64): Although some very creative suggestions were made, such as the use of diacritics or characters from other languages, “[…] they never completely solved the problem of accurate transcription” (Goddard 1996: 20).- The missionaries observed a sound (and its allophones) in several Algonquian and Iroquois varieties which could not be rendered by the basic Latin grapheme inventory. This sound is perceived by French primary speakers as being situated between [o] and [u], which in the indigenous languages under study were not in distinctive opposition. The Jesuits therefor needed a grapheme rendering [u], [o], [w] and [u: ], [o: ] which were allophones of / o/ and / o: / (cf. Hanzeli 1969: 73; Hewson 2000: 968 f.).- The 〈w〉 letter wasn’t part of the French grapheme system at that time (cf. Charland 2016: 8, fn 2), so interestingly, some religious figures initially resorted to 〈ou〉 for the graphemic rendering of the vowel in Ojibwa-Algonquian (cf. Hanzeli 1969: 73). Jean de Brébeuf (1593-1649) was instead the first to use a non-Latin ligature in his Relations in 1636 for Wendat (for [u] before consonant and [w] before a vowel; cf. Peetermans/ Van Rooy 2023: 370, 373). He used the <?page no="136"?> 1 This is the case for the handwritten French-Huron dictionary (1640) by Pierre Joseph Marie Chaumonot, the manuscript Dictionnaire montagnais-français (1678-1684) by Antoine Silvy, the Racines montagnaises (1696) by Bonaventure Fabvre, the Livre de prières en illinois (1658-1678) by Claude Alloüez and the Dictionnaire de la langue abnaki (1691-1724) by Sébastien Rasles. Unless otherwise stated, all primary sources mentioned in this paper can be consulted at https: / / gallica.bnf.fr/ or archive.org. 2 Available under https: / / colenda.library.upenn.edu/ catalog/ 81431-p3804xr4z (accessed on 11/ 03/ 2024). omicron-upsilon ligature 〈ȣ〉, drawing from the grapheme inventory of Greek, a language in which he had acquired proficiency through his Jesuit education in Europe. In Medieval Greek, a combination of an omicron and an upsilon was used in manuscripts to indicate “the fronting of the high back vowel” (Hewson 2000: 968; cf. Asanovic 2010). Furthermore, the ligature can be found in Greek printed documents from the early modern (Peetermans/ Van Rooy 2023: 370). Interestingly, 〈ȣ〉 is formally not very different from the digraph 〈ou〉, being composed “vertically, with the u written over the o” (Hewson 2000: 969).- Brébeuf ’s use of the ligature was adopted by many religious figures when writing manuscripts, applying it uniformly to Algonquian (e.g. Abenaki, Mon‐ tagnais, Mi’kmaq) and Iroquois varieties (e.g. Wendat-Huron) (cf. Hanzeli 1969: 59, fn 13, 73). 1 The Belgian Jesuit priest Pierre-Philippe Potier (1708-1781) used 〈ȣ〉 in his in Latin handwritten Elementa grammaticae huronicae (1744) 2 and noted “ȣ sonat ut ou” (p. 5). In his manuscript Façons de parler proverbiales, triviales, figurées etc. des Canadiens au XVIIIe siècle. 1743-1758 the ligature even made its way into a few French words, such as in ȣtardes (,outardes’, Engl. ,bustards’) (cf. also Halford 1994: 14): Fig. 1: Potier, Façons de parler proverbiales, triviales, figurées, … (146b09, Archives de la Ville de Montréal, CA M001 BM007-1-D35, https: / / archivesdemontreal.ica-atom.org/ facons-de -parler-proverbiales-triviales-figurees-etc-des-canadiens-au-xviiie-siecle-1743-1758) In France, a letter was even created for printing 〈ȣ〉 and was first used in Brébeuf ’s above mentioned reports on the Wendat language in the Relation de 136 Laura Linzmeier <?page no="137"?> 3 The original reads “[…] Nec eam reddimus per 8 græcum quo perperam usi sunt plerique, […] caracteribusque græcis non conveniat cum romanis, linearum altitudine, ce qui s’est passé dans le pays des Hurons en l’annee 1636 published in 1637 by Cramoisy in Paris (cf. Hanzeli 1969: 73; Fried 1955: 80). A compromise solution was the use of the number 〈8〉 in print, which was visually close to the omicron-upsilon ligature (cf. Walker 1997: 162). Pierre Maillard’s (1710-1762) Grammaire de la langue mikmaque which was printed in 1864 (by John Gilmary Shea) and based on his manuscript reads: “Mais comme je m’appercois (sic! ) que la diphthongue ou rends ses mots difficiles à lire, j’y suppléerai à l’avenir par le caractère grec ȣ (ou par un 8 caractère des chiffres)” (p. 10). He sometimes seemed to prefer using the number 8 instead of the grapheme such as in 8eleg (,cela est bien’) (p. 26, fn) (cf. also Hewson 2000: 969). It is interesting that the missionaries adopted and preferred this Greek ligature - which was completely foreign to the French grapheme system - to the spellings 〈o〉, 〈u〉 or 〈ou〉 (cf. Hanzeli 1969: 73). The grapheme 〈u〉 was probably too imprecise, as manuscripts of the time “mixed French and Latin references” (ibid.), so that 〈u〉 was already ambiguous. Furthermore, high and back vowels were articulated in a less rounded manner in the local languages and were therefore perceived as independent and different sounds by French speakers. However, this is countered by the fact that some religious figures occasionally (inadvertently) alternated the ligature with 〈o〉 and 〈ou〉 or 〈au〉 or 〈ow〉 and placed 〈ȣ〉 directly before 〈p〉 in the alphabet, so that the question of the perception of the sound still arises (cf. Hanzeli 1969: 73; Fried 1955: 81, 84, fn 3). The Greek ligature was gradually replaced from the late 17th century onwards. Louis Nicolas exclusively used 〈ou〉 in his manuscript Grammaire algonquine… (1672-1674) - most likely due to pragmatic reasons, since 〈ou〉 was easier to implement in print in the long term (cf. Hanzeli 1969: 73, 75). Pierre-Michel Laure used 〈u〉 in his dictionary for Nêhirawêwin (1726) (cf. Bishop/ Brousseau 2011: 301); Jean-Baptiste de La Brosse (1724-1782) first followed P. Coquart in using “le signe 8 pour traduire le son ou” in Montagnais (Hébert 1988: 22), but from 1767 on, he used 〈u〉 exclusively (Radicum Monta‐ narum Silva, 1766-1772) (cf. Bishop/ Brousseau 2011: 301, 304). He stated in 1768 in his Montanicæ Linguæ Elementa “[…] we do not render it by means of the Greek ȣ that most have used wrongly, […] and Greek characters do not fit well with Roman ones with regard to the height of lines, it would be very difficult for books to be printed with this character” (La Brosse 1768: 4; transl. by Peetermans/ Van Rooy 2023: 374). 3 Jean-André Cuoq (1882) ultimately Short but connecting 137 <?page no="138"?> difficile admodum cum hoc caractere excuderentur libri. Impressio verò librorum, et lectio, quo simplicior, et brevior, eo est admittenda magis” (qtd. in Cottier 2011: §104). introduced the 〈w〉 grapheme adopted from English (e.g. for Iroquois) (cf. Walker 1997: 162), which is still used today and marks the end of the omicron-upsilon ligature. The fact that missionaries and priests, esp. the Jesuits, built up close-knit networks and passed on their knowledge to each other explains the initial and rapid spread of 〈ȣ〉. They had “access to their works in the central archives of the missions” (Hewson 2000: 968; cf. Peetermans/ Van Rooy 2023: 373). Interestingly, however, this ligature is a connecting element between Jesuit record keeping and maritime writing, because its use transcends the circles of religious orders. Surprisingly, the use of number 〈8〉 can also be found in the Jour Naille Commansé le 29. Octobre 1765 pour le voiage que je fais au Mis a Mis (1765-1766) written by the fur trader Charles André Barthes (born 1722 in Montreal) during his journey on the Detroit river to the trading place of the Miamis. He was “à l’aise parmi les diverses nations autochtones” (Martineau/ Bénéteau 2010: 10) of the area and used 〈8〉 when commenting on the villaige outa8a (p.-4b, in ibid. 44). Roland-Michel Barrin La Galissonnière (1693-1756) was a naval officer and also served as commandant general of New France. Even though he was mainly preoccupied with naval and political affairs, “[…] he was one of the first sailors of his time to take part in the scientific movement […] and was particularly interested in botany, nautical astronomy, and hydrography” (Taillemite [1974] 2003-). He became head of the Dépôt des Cartes et Plans de la Marine in 1750, and from 1752 on, he was an associate member of the Académie de Marine and the Académie des Sciences. He was in close contact with the Jesuit hydrographer Joseph-Pierre de Bonnecamps and the Sulpician missionary François Picquet sent to the Iroquois (cf. ibid.). The interchange with religious figures might have influenced his interest in indigenous languages which also manifests in the Petit dictionnaire de la langue des Iroquois de la nation d’Agnié that La Galissonnière wrote during the first half of the 18th century and which shows the use of the ȣ ligature: Fig. 2: La Galissonnière, Petit dictionnaire de la langue des Iroquois de la nation d’Agnié, p. 24 (BnF, ark: / 12148/ cb392734127, https: / / gallica.bnf.fr/ ark: / 12148/ bpt6k1094811.image) 138 Laura Linzmeier <?page no="139"?> The dissemination and tracing of this small ligature has, to some extent, demonstrated the potential which lies in the study of the interconnectedness of religious and maritime networks in the early modern period. The examination of the little ligature 〈ȣ〉 reveals that colonial actors fulfilled multiple roles, cultivated diverse interests and did not act in isolation from one another. The ligature is therefore representative of the deep exchange between different expert groups - such as missionaries, sailors, traders, scientists - and the shaping of professional writing in the early modern period - but I will examine this in more detail elsewhere. References Asanovic, Alexandre (2010). Histoire d’un caractère. Les tribulations d’un digraphe byzantin retrouvé en pays huron. Available under https: / / archive.wikiwix.com/ cac he/ index2.php? url=http%3A%2F%2Fwww.bulac.fr%2Fla-bulac%2Flettre-dinformation %2Fn-5-le-dossier-en-ligne%2Fhistoire-dun-caractere%2F#federation=archive.wikiwi x.com&tab=url-(accessed on 11/ 03/ 2024). Bishop, John E./ Brousseau, Kevin (2011). The End of the Jesuit Lexicographic Tradition in Nêhirawêwin Jean-Baptiste de la Brosse and his compilation of the Radicum Montanarum Silva (1766-1772)*. Historiographia Linguistica XXXVIII (3), 293-324. Cottier, Jean-François (2011). Les lettres et les mots: Édition des deux premiers chapitres des Montanicæ linguæ elementa de Jean-Baptiste de la Brosse, s.j. (c. 1768). Rursus [En ligne] 6. Available under http: / / journals.openedition.org/ rursus/ 561 (accessed on 11/ 03/ 2024). Charland, Philippe (2016). Les difficultés dans la traduction des langues autochtones dans un contexte toponymique-: le cas de Abénakis. Trahir, 1-24. Fried, Jacob (1955). A survey of the aboriginal populations of Quebec and Labrador. Montreal/ Quebec: McGill University. Goddard, Ives (1996). The Description of the Native Languages of North America Before Boas. In: Goddard, Ives (ed.). Languages. Volume 17 of Handbook of North American Indians. Washington, DC: Smithsonian Institution, 17-42. Halford, Peter W. (1994). Le Français des Canadiens à la veille de la conquête. Témoignage du père Pierre Philippe Potier, s.j. Ottawa: Presses de l’Université d’Ottawa. Hanzeli, Victor E. (1969). Missionary linguistics in New France. The Hague/ Paris: Mouton. Hébert, Léo-Paul (1988). Le Père Jean-Baptiste de La Brosse, professeur, linguiste et ethnographe chez les Montagnais du Saguenay (1766-1782). Sessions d’étude - Société canadienne d’histoire de l’Église catholique 55, 7-39. Short but connecting 139 <?page no="140"?> Hewson, John (2000): The Study of the Native Languages of North America. The French Tradition. In: Auroux, Sylvain/ Koerner, E. F. K./ Niederehe, Hans-Josef/ Versteegh, Kees (eds.). History of the Language Sciences: An International Handbook on the Evolution of the Study of Language from the Beginnings to the Present. Vol. 1. Berlin/ New York: De Gruyter, 966-973. Martineau, France/ Bénéteau, Marcel (2010). Incursion dans le Détroit. Québec: Les Presses de l’Université Laval. Peetermans, Andy/ Van Rooy, Raf (2023). When Latin is found lacking: the role of Greek in Potier’s Wendat grammar. In: Van Loon, Zanna/ Steckley, John/ Van Hal, Toon/ Peeter‐ mans, Andy (eds.). Anchored in ink. Pierre-Philippe Potier’s Elementa Grammaticae Huronicae (1745), a Jesuit grammar of Wendat. Potsdam: Universitätsverlag Potsdam, 363-448. Taillemite, Étienne [1974] (2003-). Barrin de la Galissonière, Roland-Michel, Marquis de la Galissonière. In: Dictionary of Canadian Biography. Vol. 3. University of Toronto/ Université Laval. Available under http: / / www.biographi.ca/ en/ bio/ barrin_de _la_galissoniere_roland_michel_3E.html (accessed on 11/ 03/ 2024). Walker, Willard B. (1997). Native Writing Systems. In: Goddard, Ives (ed.). Languages. Volume 17 of Handbook of North American Indians. Washington, DC: Smithsonian Institution, 158-184. 140 Laura Linzmeier <?page no="141"?> 1 Dieser Beitrag basiert auf einem Vortrag, den ich im September 2022 in Bamberg in der Sektion „Netzwerke der Sprach- und Wissensvermittlung in der kolonialen Romania der Frühen Neuzeit - die Rolle der Kirche als Akteur des Staates“ (Leitung: Marina Albers, Laura Linzmeier, Tabea Salzmann) anlässlich der 14. Arbeitstagung der Arbeitsgemeinschaft Frühe Neuzeit im Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands gehalten habe. Wenn in diesem Text von „Kanada“ die Rede ist, bezieht sich dieser Begriff nur auf das Teilgebiet Neufrankreichs, das den heutigen kanadischen Provinzen Québec und Ontario entspricht. Die Bedeutung der christlichen Orden für das Bildungswesen im kolonialen Kanada und in Louisiana - ein Vergleich 1 Ingrid Neumann-Holzschuh (Regensburg) Kanada Nachdem Jacques Cartier 1534 die Region um den Sankt-Lorenz-Strom für die französische Krone in Besitz genommen hatte, begann die eigentliche Kolonial‐ herrschaft Frankreichs in Nordamerika erst 1604/ 1605 mit der Gründung von Port-Royal in der Acadie und der Habitation de Québec im Jahr 1608. Da der stark von wirtschaftlichen Interessen geleitete Expansionswille der französischen Könige im 16. und 17. Jh. mit der Missionierungsoffensive der katholischen Kirche korrelierte, war die Kirche von Anfang an eine der wichtigsten gesellschaftlichen Kräfte in der neuen Kolonie. Als spiritueller Arm der Krone trugen die christ‐ lichen Orden (Franziskaner-Rekollekten, Jesuiten und Ursulinen) entscheidend zur Erschließung des neuen Kontinents und zur Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung in Neufrankreich bei (vgl. Havard/ Vidal 2019: 167-179). Die Patres waren „explorateurs, interprètes, agents d’affaires, diplomates“ (Ferretti 1999: 16) und wurden nicht zuletzt aufgrund ihrer Kenntnisse der indigenen Sprachen zu „diplomatic go-betweens“ (Monet 2008: 195). Vor allem die Jesuiten sahen sich als „Soldaten Christi“ und verstanden die „Heidenmission“ als eine an die Tradition der Kreuzzüge anknüpfende Aufgabe, was in Einklang mit dem Bestreben der Kolonialmacht stand, die in der Kolonie am Saint-Laurent ansässigen indigenen Gruppen kulturell und sprachlich zu französieren. Während die Rekollekten eine <?page no="142"?> 2 Zu den missionarslinguistischen Aktivitäten der Orden in Nordamerika vgl. v.-a. Hanzeli (1969). schnelle und radikale Akkulturation der Autochthonen forderten, stand für die Je‐ suiten die Bekehrung zum Christentum im Vordergrund, was in ihren Augen nur über die Respektierung der Andersartigkeit der indigenen Bevölkerung erreicht werden konnte (vgl. Ertler 1997; Salvucci 2002). Daher setzen sich insbesondere die „Schwarzröcke“ intensiv mit den indigenen Kulturen auseinander, erlernten ihre Sprachen und dokumentierten sie in Wörterbüchern und Grammatiken. 2 Auch die forcierte Ansiedlung der Indigenen in Missionsstationen und Reduktionen, wo die Jesuiten mit dem Ziel, die halbnomadischen Indigenen an einen Ort zu binden, Spitäler, Schulen und Kirchen errichteten, muss vor diesem Hintergrund gesehen werden. 1637 gründeten die Jesuiten eine erste Reduktion in Sillery, 1649 gab es bereits acht Missionsstationen in Neufrankreich (vgl. Koerner 2004: 57).- Von Anfang war die Schulsituation in der Kolonie am Saint-Laurent dank des unter christlicher Obhut früh entwickelten Erziehungswesens erstaunlich gut (vgl. Wolf 1987: 16 f.; Galarneau 2000). Bereits 1621 hatten die Rekollekten ein erstes séminaire für indigene Kinder in Notre-Dame-des-Anges gegründet; der konsequente Aufbau von Schulen v. a. durch die Jesuiten begann in den 1630er Jahren. Es handelte sich hier zunächst nur um Primarschulen, in denen sich der Unterricht gleichermaßen an Siedlerkinder und indigene Kinder richtete (vgl. Deslandres 2003: 367). Oberste Priorität hatte der Katechismusunterricht, der aber stets mit Elementen der Allgemeinbildung kombiniert wurde. 1657 errichteten die Ursulinen - „les Amazones du grand Dieu“ (Havard/ Vidal 2019: 176) - die erste Mädchenschule Nordamerikas in Montréal; das von dem jesuitischen Superior Paul Lejeune 1635 gegründete Jesuiten-Kolleg war die erste weiterführende Schule in der Neuen Welt. 1663 legte Bischof François de Laval mit der Einrichtung des Séminaire de Québec den Grundstein für die heutige Université Laval.- Schon sehr früh stellte sich allerdings heraus, dass die gemeinsame Beschu‐ lung von indigenen und französischen Kindern nicht zuletzt aufgrund der Sprachbarriere schwierig war, so dass die Orden dazu übergingen, die indigenen Kinder im Katechismusunterricht in ihren eigenen Sprachen zu unterrichten. Der nicht primär religiöse Teil des Unterrichts erfolgte für alle auf Französisch; explizite Hinweise auf einen Französisch-Unterricht für die indigenen Kinder gibt es nicht (vgl. Deslandres 2003: 367). Trotz dieser Bemühungen erkannten die Orden bereits um die Mitte des 17. Jh., dass ihre Missionierungs- und Französierungspolitik sowohl bei den Erwachsenen als auch den Kindern weitgehend erfolglos bleiben würde. Schon der Rekollekt Gabriel Sagard, der 142 Ingrid Neumann-Holzschuh <?page no="143"?> 3 Vgl. Mougeon/ Beniak (1994) zur Diskussion um die Entstehung des quebecer Franzö‐ sisch. 4 Die französische Kolonie Louisiana umfasste bis 1763 das Gebiet von den Großen Seen bis zur Mündung des Mississippi. von 1623 bis 1636 in der Kolonie am Saint-Laurent lebte, notierte in seinem Bericht Grand Voyage du pays des Hurons: „comme ils sont libertins […] et ne demandant qu’à jouer et se donner du bon temps […] ils oublient en trois jours ce que nous leur avions appris en quatre“ (zit. nach Havard/ Vidal 2019: 329). Und auch aus den Jesuitenberichten geht hervor, dass sich viele Indigene schlichtweg weigerten, das Französische zu erlernen: „ils ne se soucient guère d’apprendre nos langues“ (zit. nach Mathieu 2000: 9). Am Ende des 17. Jh. gab es kaum noch indigene Kinder in den Pensionaten. Neben der religiösen und säkularen Unterweisung der Kinder kam dem Unterrichtswesen in der neuen Kolonie auch eine zentrale Rolle bei der Verbrei‐ tung der auf der Varietät der Region Île-de-France basierenden französischen Allgemeinsprache zu. Diese wurde vor allem von den Angehörigen der meist aus dem Großraum Paris stammenden kolonialen Elite (Offiziere, Verwaltungs‐ beamte und Ordensleute), aber auch einem Teil der Siedler beherrscht. Da das standardnahe français commun auch Unterrichtssprache war - insbesondere in den Mädchenschulen der Ursulinen wurde von jeher besonderer Wert auf sprachliche Korrektheit gelegt - trugen die Orden das Ihre zur Ausmerzung der zumindest in den Anfangsjahren der Kolonie noch durchaus vitalen Patois sowie zur Entstehung und Konsolidierung eines einheitlichen Kolonialfranzösisch bei. 3 - Nach der Conquête anglaise 1763 blieb das Schulwesen in der ehemaligen Kolonie zunächst zwar weiterhin französisch, die Aktivitäten der Orden wurden aber stark eingeschränkt. Louisiana- Das koloniale Louisiana unterschied sich von der Kolonie am Sankt-Lorenz zum einen darin, dass es deutlich später, nämlich erst Anfang des 18. Jh., besiedelt wurde, und dass das Interesse der Kolonialmacht an dieser Region weniger wirtschaftlicher, sondern primär strategischer Natur war. 4 Zum anderen war die Bevölkerung vor allem am Unterlauf des Mississippi von Multikulturalität und Multilinguismus geprägt, wozu die deutlich heterogenere regionale Herkunft der weißen Siedler (Frankreich, Québec, Acadie) und seit 1719 die Anwesenheit afrikanischer Sklaven beitrug (vgl. Havard/ Vidal 2019: 189-244). Es wurden also nicht nur mehrere Varietäten des Französischen und einige indigene Spra‐ Die christlichen Orden und das Bildungswesen im kolonialen Kanada und in Louisiana 143 <?page no="144"?> chen, sondern bald auch eine französische Kreolsprache (und später Spanisch) gesprochen - eine sprachliche Vielfalt, die es in dieser Form am Saint-Laurent nicht gab. Die Mehrheit Siedler war niedriger sozialer Herkunft und sprach ein deutlich regional markiertes Französisch; anders als in Kanada beherrschten nur wenige das français commun. Auch die geringere gesellschaftliche Durch‐ lässigkeit - im kolonialen Louisiana gab es eine „de facto segregation“ zwischen Arm und Reich, also zwischen afrikanischen Sklaven bzw. armen Weißen und reichen Pflanzern - erschwerte die Einebnung sprachlicher Unterschiede und verhinderte über längere Zeit die Herausbildung eines „common dialect“ (Dubois et al. 2018: 26). Trotz der soziodemographischen Unterschiede zwischen den beiden Territo‐ rien Neufrankreichs spielten die Kirche und die Orden in Louisiana, das bis 1763 administrativ zum Bistum Québec gehörte, eine ähnliche Rolle (vgl. Dubois et al. 2018: 18-34). Obwohl das Interesse der Kirche an der weit entlegenen neuen Kolonie wenig ausgeprägt war und der missionarische Eifer der Orden im 18. Jh. nachgelassen hatte, war die Kirche auch in Louisiana eine wichtige gesellschaftliche Kraft. Wie in Kanada widmeten sich die Ordensleute nicht nur den genuin kirchlichen Angelegenheiten, sondern übernahmen auf Geheiß der Krone auch administrative bzw. diplomatische Aufgaben sowie die Organisation des Unterrichtswesens. Anders als in der Kolonie am Sankt-Lorenz konzentrier‐ ten die Ordensleute ihre Aktivitäten allerdings früh auf die wenigen größeren Ansiedlungen; so gründeten die Kapuziner 1725 In La Nouvelle-Orléans die erste Elementarschule nur für weiße Jungen und die Ursulinen errichteten hier 1727 eine Mädchenschule, in der auch Mädchen indigener und afrikanischer Herkunft eine religiös geprägte Elementarbildung erhalten konnten. Neben der Beschulung der Siedlerkinder und der Missionierung der indigenen Kinder oblag es den Orden in Louisiana seit 1724 überdies, die afrikanischen Sklaven gemäß des Code Noir zu unterrichten und zu christianisieren. 1763 endete die Zeit der französischen Kolonialherrschaft und die östlich des Mississippi gelegenen Gebiete Louisianas wurden bis 1800 Teil des spanischen Kolonialreichs. Louisiana gehörte zwar fortan zur Diözese von Kuba und der Katechismusunterricht wurde jetzt auch auf Spanisch angeboten, das kirchliche Leben blieb jedoch frankophon. Spanischsprachige Schulen gab es kaum, die französischsprachigen privaten und kirchlichen Institutionen hingegen hatten regen Zulauf und insbesondere bei den gehobenen Schichten kam es während der spanischen Zeit zu einer ausgeprägten Orientierung an Frankreich: „in one sense francophone Louisianans spent the Spanish period becoming more French“ (Dubois et al. 2018: 32).- 144 Ingrid Neumann-Holzschuh <?page no="145"?> Bibliographie Deslandres, Dominique (2003). Croire et faire croire. Les missions françaises au XVIIe siècle. Paris: Fayard. Dubois, Sylvie/ Gagnet Leumas, Emilie/ Richardson, Malcolm (2018). Speaking French in Louisiana 1720-1955. Linguistic Practices of the Catholic Church. Baton Rouge: LSU Press. Ertler, Klaus-Dieter (Hrsg.) (1997). Von Schwarzröcken und Hexenmeistern. Jesuitenbe‐ richte aus Neu-Frankreich (1616-1649). Berlin: Dietrich Reimer Verlag. Ferretti, Lucia (1999). Brève histoire de l’église catholique au Québec. Montréal: Boréal. Galarneau, Claude (2000). Langue et éducation en Nouvelle-France. In: Plourde, Michel (Hrsg.), 30. Hanzeli, Victor Egon (1969). Missionary Linguistics in New France. A Study of Seven‐ teenthand Eighteenth-Century Descriptions of American Indian Languages. The Hague/ Paris: Mouton. Havard, Gilles/ Vidal, Cécile ( 5 2019). Histoire de l’Amérique française. Édition revue. Paris: Flammarion ( 1 2003). Koerner, E.F. Konrad (2004). Notes on missionary linguistics in North America. In: Zwart‐ jes, Otto/ Hovdhaugen, Even (Hrsg.). Missionary Linguistics / Linguistica Misionera. Selected Papers from the First International Conference on Missionary Linguistics, Oslo, 13-16 March 2003. Amsterdam/ Philadelphia: Benjamins, 47-80. Mathieu, Jacques (2000). La naissance d’un nouveau monde. In: Plourde, Michel (Hrsg.), 5-13. Monet, Jacques (2008).-The Jesuits in New France. In: Worcester, Thomas (Hrsg.). The Cambridge Companion to the Jesuits. Cambridge: Cambridge University Press, 186- 198. Mougeon, Raymond/ Beniak, Édouard (1994). Les origines du français Québécois. Sainte- Foy: Presses de l’Université Laval. Plourde, Michel (Hrsg.) (2000). Le français au Québec. 400 ans d’histoire et de vie. Québec: Fides et Les Publications de Québec. Salvucci, Claudio R. (Hrsg.) (2002). American Languages in New France. Extracts from the Jesuit Relations. Bristol, PA: Evolution Publishing. Wolf, Lothar (1987). Französische Sprache in Kanada. München: Verlag Ernst Vögel. Die christlichen Orden und das Bildungswesen im kolonialen Kanada und in Louisiana 145 <?page no="147"?> Gestalt und instabile Wortränder. Anchieta (1595) zur Formvarianz des Nomens im Tupinambá Roland Schmidt-Riese (Eichstätt-Ingolstadt) In unserer Vorstellung sind Wörter stabil. Sie haben einen Anfang und ein Ende, eine Gestalt insgesamt. Zwar wissen wir, dass das nicht so ganz stimmt. Sind grün und grüne ein Wort oder zwei Wörter? Wir würden Phonologie und Semantik spalten und sagen, phonologisch zwei Wörter, lexikalisch ein Wort. Das ist zweifelsohne korrekt. Es löst das Dilemma aber nicht ganz insofern, als Phonologie und Lexikon in der Sprachverarbeitung parallel prozessiert werden und sich gegenseitig stützen. Die indoeuropäische Flexion lässt Wörter am rechten Rand variieren. Auf den linken ist jedoch Verlass, weitgehend. Der Initiallaut ist für die Worterkennung wichtig. Zwar werden Verben nicht selten präfigiert. Unsere Präfixe arbeiten jedoch oft zugleich als Präpositionen in freier Syntax (an, auf, über, gegen) und wo nicht, zeigen sie doch eine gefüllte Coda (er-, ver-, zer-, ent-), die sie auf Silbenebene vom (konsonantisch anlautenden) Stamm abgrenzt. Noch ab‐ gesehen davon, dass wir auch diesen Nicht-Präpositionen (reichlich abstrakte) Semantiken zuweisen können. 1 Datenbasis und Interesse Ich diskutiere im Folgenden Daten des Tupinambá, einer nicht fortgesetzten Tupi-Guarani-Sprache der Kolonialzeit. Gesprochen in einem schmalen, von Süd nach Nord über Tausenden von Kilometern sich erstreckenden Streifen an der Küste Brasiliens, war das Tupinambá die erste autochthone Sprache Amerikas, auf die die Portugiesen trafen. Phonologisch ist Tupinambá gekenn‐ zeichnet durch die Prominenz des hohen Zentralvokals, stimmlose Plosive, ein ausgedehntes Inventar an Nasalen und Approximanten, Präferenz für CV bei Beschränkung von CVC auf den Stammauslaut, Prozesse wie Nasalierung, Sonorisierung und Entstimmung, Tilgungen und Epenthesen. Morphosyntak‐ <?page no="148"?> tisch gelten kopffinale Ordnungen (GN, OV und Postpositionen), Tendenz zum Head-Marking, Proklise, eine agentivische (oder split-ergative) Kennzeichnung der Argumente, Inklusiv und Exklusiv, pro-drop, fragliche Adjektive und die Verzichtbarkeit der Kopula (Rodrigues 1997; Jensen 1999; Gerardi 2023). Tupinambá ist auch die erste Sprache, die von den Portugiesen in Brasilien in eine Grammatik gefasst wurde. José de Anchieta SJ dürfte sein Manuskript in S-o Paulo de Piratininga bereits in den ersten Jahren nach 1550 verfasst haben, gedruckt wird es 1595 aufgrund politischer Interessen seines Ordens. Karriere macht es nicht. Anchieta arbeitet aus einer stark empirischen Posi‐ tion heraus, zugleich auf Basis exzellenter Kenntnisse des Lateinischen. Er kennzeichnet seine Ergebnisse als vorläufig und zeigt eine gewisse Ungeduld in der Darstellung eines Wissens, das sich, wenngleich in sich konsistent, gegen die Darstellung sträubt. Die publizierte Fassung enthält lateinische Textfragmente. Diese könnten aus einer lateinischen Erstfassung stammen (Rodrigues 1997). Mich interessieren die Daten des Tupinambá im Blick auf die Formvarianz des Nomens, aber auch die Frage, wie der Autor des 16. Jahrhunderts, aus seiner exzellenten Kenntnis der Zielsprache, intuitiv und analytisch mit diesen Daten verfährt. Wie resistent ist die Instabilität der Wortränder gegen ein mögliches Entrenchment, gegen Frequenzeffekte, und in welchem Maß sucht der Autor sie im Interesse verlässlicher Wortgestalten zu minimieren? Zum Gestaltbegriff in der Linguistik, dem ich hier nachgehe, etwa Teixeira Kalkhoff (2021: 27−36). 2 Daten Die Daten unter (1) sind aus der Arte des Anchieta zitiert. Was wir sehen, ist ein einziges Nomen (corpus/ Körper) unter viererlei Gestalt (tetê, cetê, retê, oetê). Die Nummerierung habe ich eingefügt. Wie wir Anchietas Übersetzung entnehmen, ist die Variation der Form semantisch an die Domäne der Determination geknüpft, die drei Silbenköpfe / t-/ , / s-/ und / r-/ , auch der Vokal / o-/ erbringen Leistungen, die an Determinierer erinnern. (1) - Os nomes começados por t tem por relativo ç com zeura, e praeposito o adiectiuo ou genitivo, o mudam em r, e com o reciproco se perde, ut - 1 tetê corpus, absolute. - 2 cetê eius, eorum, vel earum corpus - 3 xeretê meum corpus - - Pedro retê Petri corpus 148 Roland Schmidt-Riese <?page no="149"?> 4 oetê suum corpus, vel ogoetê, porque se soe interpor go ou g somente onde o se encontra com outra vogal propter concursum, e he melhor pronunciaç-o. (Anchieta 1595: 12v−13r) Zu einer typologischen Einschätzung dieser vier Positionen, insbesondere der ersten, unten Genaueres. Im Moment ist wichtig, dass der Autor offenbar diese erste der vier für die Basisform hält und beschreibt, dass ihr Initiallaut tsich unter gegebenen Voraussetzungen in c- oder in rverwandle. Die letzten beiden wären also noch immer so etwas wie t-, nur verwandelt. Um phonologische Prozesse handelt es sich nicht, die Voraussetzungen sind semantische. Anchietas an Alchimie erinnernde Perspektive hat jedoch den Vorteil, die angenommene Wortgestalt virtuell zu bewahren. Nur im vierten Fall, bei o-, scheint ihm das Verfahren der Verwandlung unzulässig. Das formeigene tdes Lexems sei in der vierten Position getilgt. Anchieta ist anders als wir nicht ohne Weiteres bereit, einmal isolierte Wort‐ formen wieder aufzugeben. Er beschreibt, was uns als Morphologie erscheint, als phonologische Prozesse. Mich interessiert seine Perspektive jedoch auf der Suche nach der Wortgestalt. Ganz einfach scheinen die Verhältnisse ja nicht. Die moderne Typologie des Tupi-Guarani kann sie erhellen, bis sie glänzen. Wir müssen jetzt wissen, was wir vor uns haben. Tupi-Guarani ist dadurch gekennzeichnet, dass Stämme entweder vokalisch oder konsonantisch anlauten, und dass dieser Kontrast in die Morphologie hinein dramatische Konsequenzen zeitigt. Wir haben es beim Nomen für K ÖR P E R mit einem vokalisch anlautenden Stamm zu tun, im Tupinambá etê (in der Graphie Anchietas). Die Präfixe, die vokalisch anlautenden Stämme vorangestellt werden, sind in der Typologie als relationale Marker bekannt, es sind quer zu den verschie‐ denen Sprachen immer die vier von oben und in genau dieser phonologischen Gestalt, mit Varianten (Jensen 1999: 147; Gerardi 2023: 112). (2) - Phonologie Referenz - 1 / t-/ , / m-/ (arbiträr) human - 2 / i-/ , / ts-/ , / s-/ (ana)phorisch - 3 / r-/ (phorisch) kontig - 4 / o-/ reflexiv (koreferentiell) Der Marker (1), / t-/ , erstellt eine arbiträre menschliche Referenz (jemandes). Er verweist auf einen unspezifischen Possessor außerhalb des Textes. Das Merkmal ‚menschlich‘ ist dabei zentral (Aguiar/ Lima-Salles 2014). Anders als Anchieta suggeriert, ist / t-/ auch in der Tabelle unter (1) also nicht Teil des Stammes. Anchieta fasst / t-/ vielleicht als default auf. Von den Allomorphen unter (2) Gestalt und instabile Wortränder. Anchieta (1595) zur Formvarianz des Nomens im Tupinambá149 <?page no="150"?> kommt wegen des vokalischen Stammanlauts in cetê oben das / s-/ zum Einsatz. Die phorische Funktion ist mit lateinischem eius bei Anchieta präzise erfasst. Marker (2) kontrastiert mit (3), / r-/ , insofern, als dieser gerade das Gegenteil, nämlich Kontiguität des Kopfes zu einem links adjazent positionierten Possessor signalisiert. Dabei kann der Possessor, wie Anchieta korrekt darstellt, prono‐ minal wie xe oder nominal wie Pedro sein. Der Kontiguitätsmarker ist ein Spezifikum des Tupi-Guarani. Er könnte aus einem Nomen entstanden sein, das ursprünglich in Apposition (positionell in Voranstellung) zum Kopf die Inalien‐ abilität des nominalen Konzepts bezeichnend den Possessor geankert hätte. In der Synchronie erscheint / r-/ phonologisch als Fugenelement, morphologisch als Markierung des adjazenten Possessors am Kopf. Im Zitat unter (1) scheint das Pronomen xe typographisch in die Wortgestalt integriert, das Nomen Pedro nicht. Der Kontrast könnte didaktisch motiviert sein. Die Inkorporation eines autochthonen Pronomens der Gestalt CV in das phonologische Wort könnte aber, da die Konstruktion ungleich frequenter, tat‐ sächlich viel stabiler sein als die von Pedro. Als linker Wortrand wäre / r-/ dem‐ nach weniger gut etabliert. Klar abgegrenzt ist die Wortgestalt im Fall des Markers (4), der Koreferenz mit dem Subjekt anzeigt. Dies ist die komplexeste Information. Der Vokal / o-/ riskiert den Hiat, die Struktur ist salient, wenn dem Autor der Hiat auch ungünstig scheint. Anchieta fügt Marker (4) in sein Paradigma ein, diskutiert ihn aber separat. Eine Vokalisierung von / t-/ vermutet er nicht. Zur Instabilität des linken Wortrands im Tupinambá ist damit noch keines‐ wegs alles gesagt. Der Autor beobachtet in Zitat (3), dass das oben dem Stamm zugerechnete / t-/ im Paradigma bestimmter Lexeme auch fehlen könne, etwa im Fall der Postposition (wegen/ propter), die nur in den Formen cecê und recê isoliert werden kann. (3) - Alguns ha que n-o tem t, mas somente ç com zeura, e sempre se ha de mudar em r etc., ut supra, cecê, eum propter, xerecê etc., fazemse absolutos com porô, ut infra latius, porecê, vel poroecê. (Anchieta 1595: 13r) Die vom Autor beobachtete Distribution ist plausibel. Nur scheidet / t-/ jetzt als vermuteter Initialkonsonant des Stamms aus. Arbiträre Referenz sei aufwändi‐ ger, nominal, durch porô anzuzeigen. In wieder anderen Fällen sei / t-/ zwar an seinem Platz, es übernehme zusätzlich sogar die Funktion von Marker (2) (/ s-/ , anaphorisch), welcher dann seinerseits fehle. Dies ist offenbar bei Verwandtschaftstermen der Fall (pater, avus, filius, filia). 150 Roland Schmidt-Riese <?page no="151"?> (4) Outros ha que incluem no t assi o absoluto como o relatiuo, ut - 1, 2 túba pater, & eius pater - 3 xerúba meus pater - - Peró rúba Petri pater - 4 ógúba suus pater. (Anchieta 1595: 13r) Wir haben es jedenfalls mit inalienablen Konzepten zu tun. Körperteile (Körper/ corpus, oben) und Verwandtschaftsterme (Vater/ pater, hier) verhalten sich aber offenbar nicht gleich. Marker 1 (/ t-/ , menschlich) scheint bei den Verwandt‐ schaftstermen dichter mit den Stämmen verknüpft, wenn auch noch immer durch Marker 3 und 4 ersetzbar. Was Anchieta für Körperteile behauptet hatte, scheint für Verwandtschaftsterme im Ansatz zu gelten. Die Diachronie ist, so scheint es, in Richtung einer Fixierung unterwegs. Die Instabilität des linken Wortrands trifft in der Sprachverarbeitung eben doch auf Gegenargumente. Sehr viel mehr wäre zu den Worträndern im Tupinambá zu sagen. Aus Platzgründen unerwähnt lasse ich, dass das auslautende / -a/ in túba ein Suffix ist, wie an der vom Autor notierten Akzentposition auf der letzten Stammsilbe erkennbar. Dieses / -a/ entstammt seinerseits, zumindest ursprünglich, der Do‐ mäne der Determination. Es verwandelt nominale Stämme in syntaktische Argumente (Rodrigues 2001). Auch der rechte Wortrand variiert. 3 Schluss Das Tupinambá zeigt eine Formvarianz des Nomens, die ähnlich wie die französische Liaison die Optimierung der Silbenstruktur vor die Erkennbarkeit der lexikalischen Wortränder stellt. Der humanistisch forschende Autor der Renaissance sähe einen der konsonantischen Wortanlaute, den frequentesten mit der unpräzisesten Information, gern als lexikalisch an. Er könnte weniger als vollständig Unrecht haben, trifft es zu, dass sich die Information ‚menschlich‘ an Verwandtschaftstermen diesseits von Adjazenz und Koreferenz des Possessors zum Default mausert. Bibliographie Aguiar, Ana Gabriela Gomes/ Lima-Salles, Heloisa Maria Moreira (2014). Prefixos rela‐ cionais R2 e R4 em construções genitivas e atributivas em línguas Tupí-Guaraní. Signótica 26 (2), 331−352. Anchieta SJ, José de (1595). Arte de grammatica da lingua mais usada na costa do Brasil. Coimbra: Antonio de Mariz. Gestalt und instabile Wortränder. Anchieta (1595) zur Formvarianz des Nomens im Tupinambá151 <?page no="152"?> Gerardi, Fabrizio Ferraz (2023). A role and reference grammar description of Tupinambá. Tübingen: Tübingen Library Publishing. Abrufbar unter https: / / publikationen.uni-tu ebingen.de/ xmlui/ handle/ 10900/ 142263 (konsultiert am 04.06.2024). Jensen, Cheryl (1999). Tupí-Guaraní. In: Dixon, R.M.W./ Aikhenvald, Alexandra Y. (Hrsg.). The Amazonian Languages. Cambridge: CUP, 125−163. Rodrigues, Aryon dall’Igna (2001). Sobre a natureza do caso argumentativo. In: Queixalós, Francisco (Hrsg.). Des noms et des verbes en tupi-guarani. München: Lincom, 105−114. Rodrigues, Aryon dall’Igna (1997). Descripción del tupínambá en el período colonial. El Arte de José de Anchieta. In: Zimmermann, Klaus (Hrsg.). La descripción de las lenguas amerindias en la época colonial. Frankfurt a.-M.: Vervuert, 371−400. Teixeira Kalkhoff, Alexander M. (2021). Gestaltphonologische Interpretation von Vokal‐ sequenzierungen. Berlin: De Gruyter. 152 Roland Schmidt-Riese <?page no="153"?> 1 BnF, NAF 24430-24466. 2 Je remercie Xenia Koning, Kevin García et Marigo Qoraj, qui ont travaillé sur le réseau féminin de G. Paris dans le cadre d’un séminaire de Master que j’avais organisé avec mon collègue Richard Trachsler au semestre de printemps 2023 à l’université de Zurich et dont les premiers résultats ont été présentés lors d’un colloque international à Cerisyla-Salle organisé en collaboration avec Muriel Jorge en mai 2023 (« Gaston Paris, une œuvre en réseau, un réseau en œuvre », actes à paraître dans la Nouvelle Bibliothèque de l’École Pratique des Hautes Études). 3 BnF, NAF-24441, f. 100-102. Quand des femmes écrivent à et sur Gaston Paris Ursula Bähler (Zürich) Parmi les quelque 1 800 correspondant·es de Gaston Paris répertorié·es dans le fond épistolaire du philologue conservé à la Bibliothèque nationale de France, 1 nous avons identifié jusqu’à présent un peu plus de 80 femmes. Parmi celles-ci on trouve la plupart des rares philologues de sexe féminin de l’époque, dont ses (anciennes) élèves. Mais il y a également un nombre considérable de femmes non philologues qui s’adressent à lui : écrivaines, musiciennes, journalistes, épouses de collègues, mères de bacheliers, membres de la famille ou simples amies. Le réseau féminin autour de G. Paris que nous arrivons à reconstruire peu à peu nous permet de mieux appréhender la place vivante de la philologie romane dans la société de la deuxième moitié du XIX e s. et les différents rôles qu’y jouaient l’homme et le savant. Le travail sur ce réseau en est encore à ses débuts, 2 et je me limiterai ici à présenter brièvement deux femmes qui ont un point commun : elles font preuve de courage dans leurs propos, chacune à sa façon. Valentine Godefroy, franc-parleuse Dans une lettre du 11 juin 1882, Valentine Godefroy (1838-1908), épouse de Frédéric Godefroy (1826-1897), prend la plume pour se plaindre du fait que le premier volume du Dictionnaire de l’ancienne langue française de son mari, paru en 1881, n’ait obtenu que le deuxième prix Gobert de l’Institut de France. 3 <?page no="154"?> 4 BnF, NAF 24441, f. 81-99. 5 BnF, NAF-24441, f. 108. Or il faut avouer que ce deuxième prix reflète assez fidèlement la place de Fr. Godefroy dans l’« espace paradigmatique » (Bähler 2004 : 311-372) construit par les philologues de la génération de G. Paris et de P. Meyer : Fr. Godefroy se situe en effet dans les marges du nouveau paradigme historico-comparatif dont il ne maîtrise pas tous les principes scientifiques. Venu à la philologie sur le tard, il entretient avec G. Paris un rapport de disciple à maître, sollicitant constamment son aide et son approbation, comme en témoigne leur correspondance. 4 Les lettres de Valentine Godefroy ne sauront se lire dans la perspective d’une justification de la qualité scientifique du Dictionnaire, dont les faiblesses, mises en évidence dès l’époque, sont indéniables, même si les qualités reçoivent aujourd’hui plus d’attention (Duval 2003). L’intérêt des missives est ailleurs. Elles montrent la logique impitoyable qui préside à l’établissement du nouveau paradigme. Ce ne sont ni les bonnes intentions ni l’énergie et le temps investis dans le travail qui seront honorés, mais les seuls résultats scientifiques. Ce souci d’objectivation qui faisait fi des sensibilités personnelles était suffisamment nouveau à l’époque pour provoquer des réactions étonnées, dont Le Crime de Sylvestre Bonnard, publié en 1881, l’année, donc, qui précède la première lettre de V. Godefroy, est le porte-parole littéraire (Bähler 1998). Or la réalité dépassait souvent la littérature, comme le montre le cas de Fr. Godefroy. Alors que le ton de celui-ci vis-à-vis de G. Paris reste constamment déférent, V. Godefroy, quant à elle, s’indigne et nomme ouvertement les conséquences tant matérielles que psychiques qui découlent de la position de G. Paris dans le champ des sciences philologiques-: « les résultats de votre omnipotence sont un vrai désastre pour l’entreprise colossale de M. Godefroy-», lui écrit-elle le 15 avril 1886, et, quatre jours plus tard, dans sa dernière lettre qui nous soit parvenue-: […] j’ose vous demander en toute simplicité et en tout honneur de vous mettre un instant par la pensée, à ma place, Monsieur : Que diriez-vous, que penseriez-vous, si vous saviez, avec la même certitude que la mienne, que la volonté, l’influence, tout le pouvoir d’un homme, entravent absolument la carrière de l’être qui vous tient de plus près ! Qu’il dépendrait de cet homme, de changer absolument l’existence qui vous est si chère, et qu’au lieu d’exercer son omnipotence dans le sens de vos intérêts qui devraient être aussi les siens, il renverse, il détruit tous vos espoirs, pour le présent et pour l’avenir. 5 En même temps qu’elle dénonce le pouvoir institutionnel de G. Paris capable de casser des carrières, V. Godefroy y a recours, demandant au philologue de 154 Ursula Bähler <?page no="155"?> 6 BnF, NAF-24441, f. 106. réparer ce qu’il a détruit, et renforçant ainsi de manière paradoxale la position de force de celui-ci. L’« omnipotence » qu’elle lui attribue et qui lui confère un statut quasi divin, relève ainsi tantôt du sarcasme et tantôt de l’imploration. Toujours est-il que V. Godefroy ose dire haut et fort ce que d’autres sans doute pensent tout bas. Contrant la violence structurelle par un ton violent, elle dit à la fois son indignation et son impuissance. Elle a d’ailleurs soin de mettre l’accent sur le fait que c’est de sa propre initiative qu’elle s’adresse à G. Paris - « Je dois vous affirmer sur l’honneur que M. Godefroy ignore absolument que je vous ai écrit […] M. Godefroy ne s’est jamais plaint de vous » 6 -, prenant sur elle à la fois les plaies infligées à son mari et leur pansement. Que le courage de la parole de V. Godefroy ne puise cependant pas dans le seul dévouement à son mari, mais parte d’un sentiment de justice dépassant le cadre du privé, se montrera des années plus tard, quand elle écrira une lettre ouverte au Siècle en faveur de Lucie Dreyfus (V. Godefroy 1898). Épouse dévouée, certes, mais aussi citoyenne courageuse. Hannah Lynch, paris-phage Contrairement à V. Godefroy, Hannah Lynch (1859-1904) n’est pas une incon‐ nue : née en Irlande dans un milieu politisé, membre de la Ladies’ Land League, féministe, écrivaine, journaliste et traductrice, célibataire gagnant sa propre vie, elle s’installe à Paris vers 1888, d’où elle travaillera, de 1896 à 1893, comme correspondante culturelle pour le journal The Academy (Binckes et al. 2019 : 7). Dans la rubrique « Paris Letter », elle publie, le 14 mars 1903, un texte étrangement hybride, à la fois notice nécrologique sur G. Paris et chronique littéraire portant sur de nouvelles parutions. De façon inusuelle aussi, elle se focalise non pas sur les mérites scientifiques, mais sur la personne du philologue, et plus spécifiquement, sur son pouvoir séducteur-: In his youth he was known as «-le beau Gaston-», and his amorous adventures were many and famous. / Fifteen years ago, when I came to Paris to settle here, I first met him, and even then, though long past youth, he was remarkably handsome, with a singular charm of manner and conversation. […] how admirably, how easily he spoke, with a delightful modulation and a delicate insistence of gesture to accentuate his utterance. (Lynch 1903-: 254) Suggérant que le charme - ou s’agit-il de la seule disponibilité ? - de G. Paris avait quelque peu souffert sous l’effet des charges qu’il cumulait - « I preferred Quand des femmes écrivent à et sur Gaston Paris 155 <?page no="156"?> 7 BnF, NAF 24447, f. 230-231.- 8 BnF, NAF 24447, f. 232-233.- him infinitely in the simpler days » -, Lynch s’enthousiasme pour son talent de conteur : « I have never heard anyone tell a tale so supremely well as he ». Sur ce fond d’éloge, elle passe à l’attaque : « As a writer he lacked most of the qualities he possessed so preeminently as a talker » (Lynch 1903 : 254). Contrairement à G. Paris, Lynch, elle, est bel et bien écrivaine, et ce fait revêt, dans notre contexte, une triple importance. 1° C’est Lynch qui avait traduit en anglais une première version de l’Esquisse historique de la littérature française au moyen âge de G. Paris dont la version française ne paraîtra qu’en 1907. Or cette traduction, publiée en 1903, fut un échec total, que Lynch mettra entièrement sur le compte des éditeurs-: […] poor M. Paris was so disappointed at the ugly and inconspicuous dress of his last work in English that he did not even send out the presentation copies […] and wrote me a lamentable little letter, the last I received from him […] expressing his great regret that I should have been induced to devote so much labour upon a task so illrewarded. (Lynch 1903 : 254) Les lettres de G. Paris à H. Lynch ne nous sont pas connues, mais il est permis d’avoir un léger doute sur la vérité des propos quand on sait que dans une missive au philologue datée du 30 juillet 1901, celle-ci se plaint amèrement de la secrétaire qu’elle a prise à son service et qui aurait totalement défiguré sa traduction. 7 Lynch semble avoir une certaine tendance à vouloir s’en laver les mains. 2° L’écrivaine irlandaise avait été à l’origine d’un débat dans The Academy sur la littérature pornographique en France et c’est dans ce contexte qu’elle demande à G. Paris, le 20 août 1901, de lui venir en aide-: - Voudriez-vous écrire tout de suite une courte lettre au rédacteur de l’Academy lui disant que ce que je dis est très vrai pour les Français lettrés et réputables [sic], que Louys [sic] écrit des livres détestables et que toute l’école pornographique est abhorrée des meilleurs Français-? 8 L’a-t-il fait ? Du moins pas publiquement, mais, une fois n’est pas coutume, Lynch n’hésite pas à citer une missive que lui aurait envoyée G. Paris-: […] when some time ago I attacked this nauseous literature in the Academy, he wrote and thanked me warmly, saying that no foreigners could find books like those of Louys [sic], &c., more odious than Frenchmen like himself-». (Lynch 1903 : 255). 156 Ursula Bähler <?page no="157"?> 9 Adèle-Bohomoletz-(1832-1897), salonnière, cousine de G.-Paris. 10 BnF, NAF 24447, f. 3-204. Si le dégoût qu’éprouvait G. Paris pour la littérature dont il est question ici est bien réel, il n’en est pas moins remarquable avec quelle nonchalance Lynch cautionne, ici encore, ses propres positions par l’autorité du philologue en ayant recours à des lettres privées. 3° Le 27 septembre 1895, Lynch écrit à G. Paris-: Je vous envoie […] un petit conte - « A page of philosophy », dont j’ai reçu l’inspiration directement de vous. Il y a quelques années maintenant que j’ai eu un plaisir extrême à vous écouter chez Madame Bohomoletz 9 nous raconter avec tant d’esprit et tant de grâce une historiette d’un Russe excentrique qui a fini par épouser une poète espagnole, et la figure de ce Russe m’a tant frappée que plus tard j’en ai fait cette petite esquisse que maintenant j’ai l’honneur de vous envoyer, vous priant de ne pas m’en vouloir d’avoir en même temps un peu essayé de vous photographier - puisque c’est toujours vous qui êtes le raconteur. Dans cette nouvelle à clef, dédiée à G. Paris, un professeur du nom de Rameau raconte la vie tragique de Krowtosky, un Russe adhérant corps et âme à la philosophie pessimiste, et de son épouse, Pilar Villafranca y Nuño, une poétesse espagnole. Derrière ces deux personnages se cachent en réalité Wincenty Lutoslawsky, ancien élève de G. Paris avec qui il entretient une correspondance très fournie, 10 et Sofía Casanova. Rameau-Paris est ce conteur même dont Lynch fera l’éloge en 1903, et c’est lui, en l’occurrence, qui dénoncera, par son récit, les jugements sarcastiques et superficiels que les autres portent sur Krowtosky- Lutoslawsky, qui perdra son enfant et sa femme. Décidément, Lynch n’hésite pas à incorporer G. Paris dans ses propos pour les nourrir. Bibliographie Bähler, Ursula (2004). Gaston Paris et la philologie romane. Genève-: Droz. Bähler, Ursula (1998). De la place du sujet individuel à l’époque scientiste. Le Crime de Sylvestre Bonnard. Nouveaux Actes Sémiotiques 60. Binckes, Faith/ Laing, Kathryn (2019). Hannah Lynch, 1859-1904-: Irish Writer, Cosmo‐ politan, New Woman. Cork-: Cork University Press. Duval, Frédéric (éd.) (2003). Frédéric Godefroy. Actes du X e colloque international sur le moyen français, organisé à Metz du 12 au 14 juin 2002, par le centre «-Michel Baude, littérature et spiritualité-» et par l’ATILF (UMR 7118). Paris-: École des chartes. Quand des femmes écrivent à et sur Gaston Paris 157 <?page no="158"?> Godefroy, Valentine (1898). [Lettre ouverte]. Le Siècle, 25 mars. Accès-en ligne https: / / g allica.bnf.fr/ ark: / 12148/ bpt6k743560t/ f1.item (dernière consultation 04.06.2024). L[ynch], H[annah] (1903). « Paris Letter », The Academy and Literature LXIV, 14 march, 254-255. Lynch, Hannah (1895). A Page of Philosophy. Macmillan’s Magazine 72, 389-400. Accès en ligne https: / / archive.org/ details/ macmillansmagaz50unkngoog/ page/ 400/ mode/ 2up (dernière consultation 04.06.2024). Paris, Gaston (1903). Mediæval French Literature, trad. H. Lynch. London : Aldine House, J.-M. Dent. 158 Ursula Bähler <?page no="159"?> Phonetik, Phonologie und Prosodie <?page no="161"?> 1 La frontière droite des groupes accentuels (GA) est marquée par un accent, celle des syntagmes intermédiaires (IP) par un continuatif mineur, et celles des syntagmes intonatifs (IP) par un continuatif majeur ou un contour de fin d’énoncé (cf. Delattre 1966). 2 Les majuscules RIE indiquent que la syllabe est accentuée. Les symboles entre paren‐ thèses indiquent la forme du mouvement mélodique réalisé. Interprétation et détails phonétiques : quelques conséquences pour la grammaire Elisabeth Delais-Roussarie (Nantes) 1 Prosodie et interprétation-: la visée grammaticale Dans de nombreux travaux on admet que l’intonation, l’accentuation ou les découpages prosodiques indiquent comment interpréter un énoncé. En (1), la force des frontières prosodiques permet de rattacher syntaxiquement « depuis deux mois ». En (2), la position des accents reflète la structure informationnelle, (2A) pouvant être une réponse à (2a), et (2B) à (2b), mais non l’inverse. Pour finir, l’intonation est souvent vue comme marquant la modalité illocutoire (3). (1) a. Il est absent depuis deux mois-; il fait des examens médicaux.  1 - A’. [(il est absent) GA (depuis deux mois) GA ] IP [(il fait des examens) GA (médi‐ caux) GA ] IP - b. Il est absent-; depuis deux mois, il fait des examens médicaux. - B’. [(il est absent) GA ] IP [{ (depuis deux mois) GA } IP {(il fait des examens) GA (médicaux) GA } IP ] IP - - - (2) a. Qui est arrivé cet après-midi ? - A’. Jean-MaRIE (↓) est arrivé (→) cet après-midi (↓) 2 - b. Qu’est-ce qu’il y a-? - B’. Jean-Marie (→) est arrivé (→) cet après-midi (⇓↓) - - - (3) a. Les enfants sont arrivés. ⇓ (Assertion) - b. Les enfants sont arrivés-(↑) ? ⇑ (question déclarative) <?page no="162"?> 3 Rappelons sur ce point Bolinger (1989 : 98) : « It has been emphasized repeatedly (…) that no intonation is an infallible clue to any sentence type : any intonation that can occur with a statement, a command, or an exclamation can also occur with a question. » A partir de ces faits, des principes grammaticaux ont été formulés pour assigner de façon catégorielle une fonction à un événement sonore. Au vu d’énoncés comme (3), l’intonation montante terminale est considérée comme permettant d’interpréter une phrase déclarative comme une question (cf. Delattre 1966). Ce marquage intonatif de la modalité illocutoire aboutit à de nombreuses généralisations qu’on retrouve dans des grammaires et des manuels de Français Langue Etrangère. Dans Riegel et al. (1999 : 392), il est dit : « [L’interrogation totale] est marquée par une intonation suivant une courbe ascendante et laissant la phrase en suspens sur la dernière syllabe de la phrase ; cette intonation correspond au point d’interrogation à l’écrit.-» Bien que des études aient soutenu qu’il ne fallait pas associer un à un une forme intonative et une signification (cf. Grundstrom 1973) et que des contours similaires pouvaient être associés à des sens différents (cf. Delattre 1966), 3 la démarche retenue dans les études de prosodie a souvent pour but de caractériser la forme prosodique associée à telle ou telle construction. Cette façon de procéder sous-tend plusieurs points, pas toujours explictes : (i) la prosodie est surtout envisagée dans une perspective grammaticale phonologique, sans réellement se soucier de la réalisation au niveau acoustico-phonétique ; (ii) les événements prosodiques sont considérés comme découlant des autres niveaux de description linguistique, notamment la syntaxe et la sémantique ; et (iii) la prosodie et l’interprétation de l’énoncé sont analysées sans tenir compte des locuteurs en présence et du contexte. 2 La perspective dialogique et l’intégration du contexte et de l’attitude des locuteurs Plusieurs études sur le rôle de la prosodie dans l’interprétation ont élargi le champ d’investigation en dépassant l’idée d’une association entre forme prosodique et forme syntactico-sémantique. Les actes de parole ont été analysés dans une perspective dialogique pour les contextualiser. Cela s’est fait en tenant compte du contenu informationnel de l’énoncé dans le développement du discours, mais souvent aussi de l’attitude du locuteur par rapport à l’énoncé qu’il produit et à ce qu’il attend de son interlocuteur. Ainsi, certains auteurs (cf. Gunlogson 2001) ont indiqué que les questions déclaratives correspondaient à des énoncés dont le contenu propositionnel n’était pas pris en charge par le locuteur. Dès lors, l’intonation montante a été analysée comme reflétant la 162 Elisabeth Delais-Roussarie <?page no="163"?> non prise en charge du contenu propositionnel. En parallèle, d’autres travaux ont intégré l’interlocution et plus précisément ce que le locuteur attend de son interlocuteur lorsqu’il produit tel ou tel énoncé (cf. Bartels 1999 et Portes et al. 2014). Dans une analyse compositionnelle du sens de l’intonation, Portes et al. 2014 ont soutenu que chaque élément des contours nucléaires (accents mélodiques et tons de frontières) contribue de façon particulière au sens véhiculé par l’énoncé en contexte de dialogue. Selon ces auteurs, la forme du ton de frontière indiquerait qui du locuteur ou de l’interlocuteur est appelé à prendre en charge le contenu du message, alors que la forme de l’accent mélodique (pitch accent) serait liée au caractère plus ou moins conflictuel (en tout cas potentiellement) du contenu de la proposition. Dans ce cadre, la configuration tonale L*L % serait observée dans une assertion prise en charge par le locuteur et dont le sens devrait être « accepté » par l’interlocuteur ; H*H% indiquerait une question ou demande d’information ; L+H*H% serait utilisée comme demande de confirmation ; et la forme H*+LH% indiquerait une demande de confirmation, avec l’idée que l’interlocuteur n’est pas vraiment disposé à répondre. En soutenant que le sens véhiculé par l’intonation est surtout lié aux attitudes des locuteurs et interlocuteurs face au contenu des messages et à la dynamique dialogique, ces approches ouvrent des perspectives. De fait, elles proposent des analyses qui contextualisent l’énoncé et tiennent compte des interlocuteurs. En revanche, elles laissent penser que le sens véhiculé par le contour est encodé dans la forme de la configuration tonale et s’analyse à un niveau phonologique. Les remarques formulées par Bolinger 1989 (cf. note 3) pourraient donc tout aussi bien être dirigées vers ces approches. L’observation de données confirme d’ailleurs les limites de cette façon d’appréhender les faits (cf. Delais- Roussarie/ Herment 2016). 3 De la nécessité de la prise en compte de détails phonétiques fins Des études ont montré que des indices phonétiques guident l’interprétation des énoncés. Ainsi, dans une étude sur les questions alternatives (4a) et les assertions avec disjonction (4b), Delais-Roussarie/ Turco (2019) ont montré que l’interprétation de (4a) comme une question relevait essentiellement de la présence d’une somme d’indices phonétiques (débit plus rapide, mouvements montants plus amples et mouvements descendants de moindre importance), et non de la structure informationnelle, des découpages prosodiques ou de la forme Interprétation et détails phonétiques : quelques conséquences pour la grammaire 163 <?page no="164"?> des contours mélodiques, lesquels étaient similaires à un niveau phonologique formel dans les deux énoncés. (4) a. Au petit-déjeuner, Pierre prend du chocolat ou du café-? - b. Au petit-déjeuner, Pierre prend du chocolat ou du café. De même, dans des études sur les questions rhétoriques, Beyssade/ Delais- Roussarie (2022) et Dehé et al. (2022) ont soutenu que l’interprétation d’un énoncé interrogatif comme question de demande d’information ou comme question rhétorique relève essentiellement d’une somme d’indices difficilement réductibles à des catégories phonologiques. Les questions rhétoriques se distin‐ guent en effet des questions canoniques par un débit plus lent, un registre plus restreint, une hauteur mélodique moyenne moindre et une qualité de voix moins claire et abaissée. D’autres exemples, qui vont dans le même sens, pourrraient être proposés : les interprétations particulières comme l’expression d’un doute chez le locuteur, un statut plus ou moins questionnant, ne sont pas réductibles à une forme phonologique encodée au moyen d’un contour mélodique, de découpages prosodiques ou d’accents mélodiques spécifiques. Elles résultent de la présence tout au long de l’énoncé d’indices phonétiques gradients. Un débit plus rapide et une hauteur mélodique moyenne plus élevée traduisent généralement un taux d’interrogativité plus important. A cela peuvent s’ajouter des traits indiquant la surprise, le doute etc. Notons aussi que ces indices ne touchent pas uniquement la substance sonore, le choix des mots intervient également. Dans une question rhétorique partielle, la forme (5a) paraît plus naturelle que (5b), comme si la particule interrogative est-ce que allait à l’encontre d’une interprétation rhétorique au statut questionnant moindre. (5) a. Qui mange des épinards-? - b. (? ) Qui est-ce qui mange des épinards-? - - [dans un contexte interprétatif où locuteur et interlocuteur partagent l’idée que personne n’aime les épinards.] Que l’interprétation relève d’une somme d’indices, présents tout au long de l’énoncé et se réalisant aussi bien dans la substance sonore que dans le choix du lexique ou la forme de surface retenue invite à reconsidérer d’une part la place de la prosodie et de la phonologie dans la grammaire, et d’autre part l’organisation même de la grammaire. De fait, la prosodie ne peut pas avoir pour seul but d’interpréter ce qui est en partie encodé dans la forme sémanticosyntaxique. Quant à la grammaire, elle pourrait avoir une portée beaucoup plus limitée en fournissant des indications relatives au bon fonctionnement de 164 Elisabeth Delais-Roussarie <?page no="165"?> chaque niveau de description linguistique (syntaxe, sémantique, phonologie), mais l’interprétation relèverait de la mise en forme effective et linéarisée de ces différents niveaux dans un contexte spécifique et par un locuteur particulier. Dès lors, des éléments en lien avec la situation de communication, la culture, mais aussi les locuteurs en tant qu’individus (capacité vocale, etc.) interviendraient et expliqueraient en partie la variation. Bibliographie Bartels, Christine (1999). The intonation of English statements and questions : a compo‐ sitional interpretation. New York-: Garland Publishing. Beyssade, Claire/ Delais-Roussarie, Elisabeth (2022). The prosody of French rhetorical questions. Linguistics Vanguard 8 (s2), 277-286. Bolinger, Dwight (1989). Intonation and its uses-: Melody in grammar and discourse. Stanford, CA-: Stanford University Press. Delais-Roussarie, Elisabeth/ Turco, Giusy (2019). Intonation of alternative constructions in French-: What is crucial to interpret an utterance as a question? In-: Feldhausen, Ingo/ Elsig, Martin/ Kuchenbrandt, Imme/ Neuhaus, Mareike (éds.). Romance langua‐ ges and linguistic theory 15-: Selected papers from ‘Going Romance’ 30, Frankfurt. Amsterdam/ Philadelphia-: John Benjamins, 135-156. Dehé, Nicole/ Braun, Bettina/ Einfeldt, Marieke/ Wochner, Daniela/ Zahner-Ritter, Katha‐ rina (2022). The prosody of rhetorical questions : A cross linguistic view. Linguistische Berichte 269, 3-42. Delais-Roussarie, Elisabeth/ Herment, Sophie (2018). Intonation et interprétation des questions : un puzzle pluridimensionnel. In-: Béguelin, Marie-José/ Coveney, Ai‐ dan/ Guryev, Alexander (éds.). L’interrogative en français (= Sciences pour la Commu‐ nication 124). Bern-: Peter Lang, 51-78. Delattre, Pierre (1966). Les dix intonations de base du français. The French Review 40 (1), 1-14. Grundstrom, Allan (1973). L’intonation des questions en français standard. In-: Grunds‐ trom, Allan/ Léon, Pierre (éds.). Studia Phonetica. Paris-: Didier, 19-52. Gunlogson, Christine (2001). True to form-: rising and falling declaratives in English. Doctoral dissertation. Santa Cruz-: University of California Santa Cruz. Portes, Cristel/ Beyssade, Claire/ Michelas, Amandine/ Marandin, Jean-Marie/ Champa‐ gne-Lavau, Maud (2014). The dialogical dimension of intonational meaning : Evidence from French. Journal of Pragmatics 74, 15-29. Riegel, Martin/ Pellat, Jean-Christophe/ Rioul, René (1993). Grammaire méthodique du français. Paris-: PUF. Interprétation et détails phonétiques : quelques conséquences pour la grammaire 165 <?page no="167"?> Deep structure in French phonology Martin Haase (Bamberg) Spoken language has long been considered primary in linguistics. The Freiburg Collaborative Research Center on Oral and Written Language and in particular Maria Selig’s work have contributed to a broader view that integrates oral and written modalities into linguistic research. Unfortunately, phonology and especially generative phonology, ignores the (ortho-)graphic component of language. This leads to certain shortcomings in the analysis of French. Shortcomings of generative phonology French has been analyzed within the framework of generative phonology for quite some time, starting with Schane (1968). There are a number of shortcomings: 1. As I have already pointed out, generative phonology is traditionally not interested in establishing a connection between phonemes and graphemes. In the Bavarian linguistics examination for future teachers there is a section on phonemics and graphemics, but it lacks a thorough theoretical foundation. 2. The status of the word is problematic at best (Rochet 1977). How can it be accounted for that premier étage is [pʁəmjɛʁetaʒ], whereas premier rang is [pʁəmjeʁɑ̃] and people tend to distinguish between premier ami and première amie by opposing / e/ and / ɛ/ (Rochet 1977: 193), which should be neutralized into [ɛ] according to the phonological rules of French. 3. It is very difficult to describe French poetic meter in purely phonological terms, because French versification depends strongly on the written lan‐ guage and thus on the (ortho-)graphic representation of French. 4. Schane (1968) reconstructs fairly abstract underlying forms which are nec‐ essary to derive phonetic representations. The underlying forms resemble to some extent graphemic representations or historical forms. He posits e.g. |ArIv+A+Ɛ+S#|, underlying [aʁivɛ], <arrivais> (Schane 1968: 122) or <?page no="168"?> |faz+to#|, underlying [fɛ], <fait>, etymologically F A C T O . Unfortunately, he does not discuss a possible connection with graphemics or etymology. The obvious connection between diachrony and synchrony (based on the speakers’ etymological intuitions) is ignored. 5. Although Chomsky claims explanatory and psychological adequacy for generative grammar (cf. Skënderi Rakipllari 2015 for a critical account), psycholinguistic research has shown that the distinction between just one underlying level and a surface level is not sufficient to account for what is going on in speech production (Goldrick/ Rapp 2007). Inspired by Kipar‐ sky’s distinction between (cyclical) lexical phonology and morphology and post-lexical phonology (Kiparsky 1982), Goldrick/ Rapp (2007: 230) distin‐ guish between lexical phonological processing, post-lexical phonological processing and articulatory processing. They even postulate a feedback loop from lexical phonological processing to the underlying form. Their findings are supported by psycholinguistic evidence. To address these shortcomings, a better model of generative phonology should include an account of graphemics, an interface between synchrony and dia‐ chrony, and a feedback loop between the different levels of the model. Integrating morpho-phonology and orthography The model I’m advocating (Fig. 1) has a phonetic and an (ortho-)graphic representation at the surface level and two underlying levels: a phonological representation and a more abstract morpho-phonological representation. The latter is the link between the (ortho-)graphic representation and the phonolog‐ ical representation that underlies the phonetic representation. (ortho-)graphic representation phonetic representation phonological representation morpho-phonological (lexical) representation Fig. 1: Multilevel model 168 Martin Haase <?page no="169"?> The phonological representation is derived from the underlying morpho-pho‐ nological (lexical) representation. The mental lexicon contains lexical entries (lexemes), such as |pətit#| for the masculine adjective or |pətit+ə#| for the femi‐ nine, or |ʁaʁə#|, from which / pəti/ , / pətit/ , and / ʁaʁ/ are derived as phonological representations, possibly as part of a longer phonetic word. On the surface we get [pti], [ptit], and [ʁɑχ] (again as part of a longer phonetic chain). The derivation of the phonetic representation from the underlying phonology is unidirectional, but language users can of course infer the underlying lexical representation from what they hear. This is indicated by the downward arrow. The (ortho-)graphic representation <petit, petite, rare> is directly derived from the underlying lexical representation, which in turn can be directly inferred from the surface (ortho-)graphic representation. The multilevel model shown in Figure 1 addresses all of the above shortcom‐ ings: 1. Figure 1 shows that the orthography is linked neither directly to surface phonetics nor to the phonological representation (French orthography is not phonological), but indirectly through the underlying more abstract morpho-phonological deep structure, the lexical representation. 2. e → ɛ obviously depends on lexical boundaries, so it is treated between the morpho-phonological and the phonological representation. The so-called phonetic word (mot phonétique) is situated on the phonological level. 3. Poetic meter is treated between the morpho-phonological level and the phonological level. The underlying |ə| plays a crucial role here. When it cannot be elided in contact with a vowel, it counts metrically, even though some speakers do not pronounce it after all. The lexical representations are of course influenced by the (ortho-)graphic representation, which accounts for the closeness between poetry and the written language. 4. The direct link between the (ortho-)graphic representation and the mor‐ pho-phonological deep structure can explain the striking similarities be‐ tween Schane’s (1968) morpho-phonemes and graphemes. It even implies that we can use common graphemes instead of a complicated morphophonological forms to represent (underlying) lexical items, as is usually done in current studies of morphology (cf. e.g. Schpak-Dolt 2016). The possible connection with etymology will be discussed below. 5. The model shown in Figure 1 advocates a multilevel derivation of phonetics that is supported by psycholinguistic evidence (Goldrick/ Rapp 2007). It even includes the feedback loop posited in their research. Since it also shows how orthography is related to phonetics and phonology, it has more Deep structure in French phonology 169 <?page no="170"?> explanatory power than the traditional phonological approach with only one level of deep structure. To eliminate homography, French orthography distinguishes homographs with the help of etymological letters and diacritics (doit, doigt, vingt, vint, vînt etc.), that is why French orthography can be qualified as etymological. In many cases, the etymology is not correct (the g in vingt is obviously misplaced), but rather a kind of folk etymology whose only function it is to distinguish between homo‐ graphs. (Folk) etymology also plays a role in the lexical representation, since the h aspiré which must be included in the morpho-phonological representation of a lexeme is strongly associated with Germanic languages. In order to account for the (folk) etymological knowledge present in both the orthography and the morpho-phonological representation, I would add an etymological layer to the model, which serves as an interface to diachrony. (ortho-)graphic representation phonetic representation phonological representation morpho-phonological (lexical) representation (folk) etymological knowledge Fig. 2: Multilevel model with etymological interface (Folk) etymology is encoded in both orthography (which is why French orthog‐ raphy can be called etymological) and morpho-phonology (h aspiré), so I use double-headed arrows. We have now arrived at a model that is better able to account for the many peculiarities of French phonology. Unlike traditional models of generative phonology, it includes two levels of deep structure, an interface with diachrony, and clarifies how the (ortho-)graphic representation is related to phonetics, phonology, and language history. 170 Martin Haase <?page no="171"?> References Goldrick, Matthew/ Rapp, Brenda (2007). Lexical and post-lexical phonological represen‐ tations in spoken production. Cognition 102 (2), 219-260. Kiparsky, Paul (1982). Lexical phonology and morphology. In: Linguistic Society of Korea (ed.). Linguistics in the Morning Calm. Seoul: Hanshin, 3-91. Rochet, Bernard L. (1977). On the status of the word in French phonology. International Review of Applied Linguistics in Language Teaching 15 (1-4), 187-196. Schane, Sanford A. (1968). French Phonology and Morphology. Cambridge: MIT Press. Schpak-Dolt, Nikolaus (2016). Einführung in die französische Morphologie. 4. Aufl. Berlin: De Gruyter. Skënderi Rakipllari, Elsa (2015). Levels of adequacy: Chomsky vs. Behaviorism. Lan‐ guage. Text. Society 5 (1): e1-e8. Available under https: / / ltsj.online/ 2015-05-1-ra. Deep structure in French phonology 171 <?page no="173"?> Staged phonology: schwa and liaison in Riad Sattouf ’s comics Elissa Pustka (Wien) 1 Introduction Phonology is studied not only on the basis of oral but also of written data. This is notably practiced in the field of historical linguistics because audio recordings have only existed since 1887. For the reconstruction of the pronunciation of former epochs, researchers are especially interested in written sources recording spoken language in writing, e.g., citations in protocols, (cf. Selig 1993) or created to prepare spoken language, e.g., theater plays. Marchello-Nizia (2012: 247), therefore uses the notion of oral représenté (see also Mahrer 2017). The alternative terms oralité fictive (Gadet 2007: 523), fingierte Mündlichkeit (Goetsch 1985) and oralité mise en scène ‘staged orality’ (Pustka et al. 2021) are more concerned with the aspect of creation than of reproduction. For the validity of historical phonological research, it is therefore crucial to know to what extent staged phonology corresponds to the phonology of spontaneous spoken language. Consequently, this contribution studies two of the most investigated phe‐ nomena of French phonology, schwa and liaison (cf. Meisenburg/ Selig 2 2006; Pustka 2 2016), in a written medium particularly prone to contain staged orality: comics. Comic linguistics is an emerging research field (Pustka 2022), and staged phonology in comics has hardly been studied until now (Pustka submitted, a). With respect to schwa and liaison in French, Merger (2015) noted the replacement of <e> with an apostrophe in the Titeuf series (e.g., “j’m’en fous”, “maint’nant”, “m’sieur”) and the liaison consonant <z> in “z’ont” for <ils ont>. These two variables will be studied in a selection from the oeuvre of Riad Sattouf, laureate of the Grand Prix de la ville d’Angoulême in 2023. <?page no="174"?> 2 Methodology The empirical study is based on a corpus of 16 comic books written and drawn by Sattouf: Retour au Collège (2005), Pascal Brutal (4 volumes; 2006-2014), La vie secrète des jeunes (3 volumes; 2007-2012) and Les Cahiers d’Esther (8 volumes; 2016-). The total length of the corpus is 1,133 pages. I noted the non-standard forms for schwa and liaison manually in an Excel file, to which I added several annotations (context, liaison consonant, etc.) for quantitative analyses. 3 Results 3.1 Schwa <eu> The realization of schwa can be represented explicitly in spelling by the digraph <eu>, corresponding in French to the phonemes / ø/ and / œ/ which acoustically overlap with schwa (cf. Pustka 2 2016: 180-181). This strategy, which was also used by Queneau 1959 in Zazie dans le metro (e.g., “skeutadittaleur” for <ce que tu as dit tout à l’heure>; cf. Léon 1971; Pustka submitted, b) is quite scarce in Sattouf ’s oeuvre. It appears mainly in La vie secrète des jeunes (24 of 29 occurrences; see Table 1), which contains the most nonstandard forms out of all of the works (Pustka submitted, a). Oeuvre Occurrences Retour au Collège 1 Pascal Brutal 3 La vie secrète des jeunes 24 Les Cahiers d’Esther 1 TOTAL 29 Tab. 1: <eu> for <e>. The majority of cases of <eu> for <e> appear as part of clitics (21 of 29; see Table 2). They appear especially in the preposition “deu” for <de> (11 occurrences). The other clitics are only written one to three times with an <eu>: je (2 occurrences), me (1 occurrence), te (3 occurrences), ce (1 occurrence), le (3 occurrences); ne, que and se are never written with an <eu>. In polysyllables, we observe only two cases in the first syllable (both in “meussieu” for <monsieur>, 174 Elissa Pustka <?page no="175"?> where schwa exceptionally corresponds to <on> in the standard orthography; an example previously seen in Zazie dans le métro) and a single case in the medial syllable of a compound (“bonneu-mère”). Five cases of <eu> appear in wordfinal position. Two correspond to an <e> in spelling (“arrêteu”, “ANTOI-NEU! ”), and three to a prepausal epenthetic schwa (“Aloreu”, “Aloreuuu”, “bonjoureu”). Word type Syllable posi‐ tion Occurrences Example Clitics 21 “deu” Polysyllables 1 st syllable 2 “meussieu” medial syllable 1 “bonneu-mère” final syllable 2 “arrêteu” final epenthesis 3 “bonjoureu” Tab. 2: Context of <eu>. Apostrophe The non-realization of schwa can be represented in the written form by an apostrophe or with nothing at all. While elision of schwa is widespread in Zazie dans le metro (e.g., “msieu”, “ptit(e)(s)”), the apostrophe is more frequent in Sattouf ’s comics: the analyzed corpus contains 2,134 occurrences, most of them again in La vie secrète des jeunes (see Table 3). This paper concentrates on this second case as the non-representation has already been treated in Pustka (submitted, a), for example in “Kesskisspass ? ” for <qu’est-c(e) qui/ qu’il s(e) pass(e) ? >. Oeuvre Occurrences Retour au Collège 51 Pascal Brutal 262 La vie secrète des jeunes 1,487 Les Cahiers d’Esther 334 TOTAL 2,134 Tab. 3: <’> instead of <e>. Staged phonology: schwa and liaison in Riad Sattouf ’s comics 175 <?page no="176"?> The majority of the cases again appear in clitics (see Table 4), and by far the most in je (1,073 occurrences). For example, in the frequent verbal phrases j’vais there are 80 occurrences, and in j’veux there are 42 occurrences. The other clitics present the following quantities: de (196 occurrences), le (179 occurrences), me (163 occurrences), te (78 occurrences), ce (73 occurrences), se (68 occurrences), que (57 occurrences) and ne (8 occurrences). In the first syllable of polysyllabic words, most cases appear in verbal forms beginning with re- (62 occurrences), then in “m’sieur” (46 occurrences) and “p’tit(e)(s)” (39 occurrences). In medial syllables, <e> is replaced by an apostrophe only in constructions such as “tout l’monde” (11 occurrences) or “tout d’suite” (6 occurrences), where <e> again appears in clitics; a case like “maint’nant” in Titeuf (Merger 2015; see section 1) has not been documented. The apostrophes in word-final positions occur in the pronoun “el’” for <elle> (6 occurrences) and verb forms like “arriv’” (7 occurrences). Thus, the non-realization of <e> in the comics is inverted compared to spontaneous speech where schwa is always deleted word-finally and word-medially after a single consonant, whereas the omission is only facultative in clitics and first syllables (cf. Pustka 2 2016: 182). Word type Syllable posi‐ tion Occurrences Examples Clitics 1,893 “j’vais” Polysyllables 1 st syllable 202 “m’sieur” medial syllable 19 “tout l’monde” final syllable 18 “el’” Tab. 4: Context of <’>. 3.2 Liaison The analyzed corpus contains 47 cases of represented liaison consonants, most of them (40 occurrences) again in La vie secrète des jeunes, followed by Pascal Brutal (7 occurrences) (see Table 5). Oeuvre Occurrences Retour au Collège 0 Pascal Brutal 7 La vie secrète des jeunes 40 176 Elissa Pustka <?page no="177"?> Les Cahiers d’Esther 1 TOTAL 48 Tab. 5: Liaison consonants. Most of the cases (40/ 48) appear in categorical contexts - mainly after the determiners les (13 occurrences) and des (11 occurrences) and the personal pronoun ils (9 occurrences; as in Titeuf, see Merger 2015). Contrary to Zazie dans le metro, where second person plural forms predominate (“vzêtes”, “vzavez”), Sattouf ’s comics contain only three of these cases (“z’avez”, “vou zalé”, “zauriez pas”; Pustka to appear, b). In addition, we find here an erratic liaison after a singular noun (“nan mé de pays zou de ville”), and six epenthetic liaisons: “quat’zyeux”, “qui z’ont”, “bienzalors”, “brutal zé touchant”, “P’tit bouc bien taimé” and “on a amené de la boisson zainsi que des biski aperitifs”. The very rare epenthetic liaisons are thus overrepresented in the comics, whereas the most common variable liaisons are completely absent. Only the three most frequent liaison consonants are present in spelling: <z> (44 occurrences), <n> (2 occurrences) and <t> (1 occurrence). This distribution does not correspond to the distribution of liaison consonants in spontaneous speech where / z/ makes up approximately half of the cases and / n/ and / t/ the other half (cf. Pustka 2 2016: 157). 4 Conclusion The analysis has shown that staged phonology makes use of different techni‐ ques: in the case of schwa, the common graphemes <’> and <eu> are used to indicate schwa elision in variable contexts; in the case of liaison, the uncommon grapheme <z> is used to indicate liaison in categorical and epenthetic contexts. References Gadet, Françoise [2003] (2007). La variation sociale en français. Paris: Ophrys. Goetsch, Paul (1985). Fingierte Mündlichkeit in der Erzählkunst entwickelter Schriftkul‐ turen. Poetica 17, 202-218. Léon, Pierre (1971). Phonétisme, graphisme et zazisme, ou la transposition littéraire des ressources phonostylistiques de la langue parlée. In: Léon, Pierre (ed.). Essais de phonostylistique. Montreal: Marcel Didier, 159-73. Mahrer, Rudolf (2017). Phonographie. La représentation écrite de l’oral en français. Berlin/ Boston: De Gruyter. Staged phonology: schwa and liaison in Riad Sattouf ’s comics 177 <?page no="178"?> Marchello-Nizia, Christiane (2012). L’oral représenté en français médiéval: un accès construit à une face cachée des langues mortes. In: Combettes, Bernard/ Guillot, Céline/ Oppermann-Marsaux, Evelyne/ Prevost, Sophie/ Rodriguez Somolinos, Amalia (eds.). Le changement en français. Études de linguistique diachronique. Berne: Lang, 247-264. Meisenburg, Trudel/ Selig, Maria [1998] ( 3 2006). Phonetik und Phonologie des Französi‐ schen. Stuttgart: Klett. Merger, Marie-France (2015). La bande dessinée TITEUF entre oralité et écriture. Repères DoRiF 8. Available under http: / / www.dorif.it/ reperes/ marie-france-merge r-la-bande-dessinee-titeuf-entre-oralite-et-ecriturefrance-merger-la-bande-dessineetiteuf-entre-oralite-et-ecriture (accessed on 14/ 09/ 2023). Pustka, Elissa (submitted, a). « Kesskisspass ? » L’écriture (pseudo-)phonétique dans les bandes dessinées de Riad Sattouf. Pustka, Elissa (submitted, b). L’‘ortograf fonétik’ de Raymond Queneau dans Zazie dans le métro (1959). Status Quaestionis. Pustka, Elissa (2022) (ed.). La bande dessinée. Perspectives linguistiques et didactiques. Tübingen: Narr. Pustka, Elissa [2011] ( 2 2016). Einführung in die Phonetik und Phonologie des Französi‐ schen. Berlin: Erich Schmidt Verlag. Pustka, Elissa/ Dufter, Andreas/ Hornsby, David (2021). L’oralité mise en scène: syntaxe et phonologie - introduction. Journal of French Language Studies 31.2, 125-130. Queneau, Raymond (1959). Zazie dans le metro. Paris: Gallimard. Selig, Maria (1993). Parodie et protocole - l’importance de la ‘citation’ pour les premiers documents des langues romanes. In: Selig, Maria/ Frank, Barbara/ Hartmann, Jörg (eds.). Le passage à l’écrit des langues romanes. Tübingen: Narr, 91-108. 178 Elissa Pustka <?page no="179"?> The Latin-Lover effect for Elvish? Phonaesthetic judgements of constructed languages by Italian and German listeners Christine Mooshammer (Berlin) 1 Introduction “Italian is beautiful, German is ugly” is the title of a highly cited book chapter on language attitudes by Giles and Niedzielski (1998), or, as stated more recently by Anikin et al. (2023), “Italian is sexy, German is rough”. These labels suggest that languages can be judged phonaesthetically on the basis of how they sound alone. This view, called the inherent-value hypothesis by Giles et al. (1979) and later the signal-driven hypothesis by Van Bezooijen (2002), has been widely disputed. The reason for this is that many studies have found that attitudes towards a language and how pleasing it sounds are mainly influenced by factors, such as exposure and recognition of a language, its intelligibility and the pre-existing socio-cultural stereotypes about the speakers of a given language. Reiterer et al. (2020) called the latter factor the Latin-Lover effect, based on their assumption that listeners judge Romance languages as beautiful and erotic because they associate them with the “stereotype of a passionate male of Latin or Romance European origin and phenotype” (Reiterer et al. 2020: 171). The finding that German was judged as orderly in Reiterer et al. (2020) provides further evidence for this imposed-norm hypothesis (Giles et al. 1979). In a study of lesser-known languages, Anikin et al. (2023) found that listeners rated languages they knew as more pleasant, even when they misidentified them. The aims of this study are (1) to compare the ratings of so-called constructed languages (short conlangs) from the fantasy and science fiction genre by German and Italian listeners. In a previous study (Mooshammer et al. 2023a) we found for German listeners that most of the conlangs are perceived according to the creators’ intentions, i.e. Klingon sounds unpleasant, evil and aggressive to German ears whereas the Elvish languages are rated as pleasant, good and <?page no="180"?> peaceful. The ratings are significantly influenced by the percentage of voicing in the stimuli and the number of non-native sounds. The second aim is to investigate whether listeners from a wide variety of native languages rate a selection of these conlangs as more pleasant if they misidentify them as Romance languages, as has been found by Anikin et al. (2023). In our own study (Mooshammer et al. 2023b), German and English listeners who correctly identified the Elvish languages rated them as more pleasant. Orkish was rated as more unpleasant when correctly identified, whereas no effect was found for Klingon. 2 Method This experiment tested 14 constructed languages from films, TV shows and novels: Adûnaic, (Neo-)Khuzdul, (Neo-)Orkish, Quenya and Sindarin from the Middle-earth universe created by J.-R.-R. Tolkien and expanded by David Salo for the adaptation of The Lord of the Rings and The Hobbit films; Klingon, Vul‐ can (Star Trek) and Atlantean (Atlantis) by Marc Okrand; Dothraki (Game of Thrones) by David Peterson; Na’vi (Avatar) by Paul Frommer; Fjerdan (Shadow and Bones) by David Peterson and Christian Thalmann; Kesh (from the novel Always coming home) by Ursula Le Guin; and the unpublished conlangs Horn and ʕuiʕuid by Dominique Bobeck. According to the designers’ intentions, Quenya and Sindarin should sound pleasant and elegant, while Dothraki, Klingon, Horn and Orkish should sound harsh, unpleasant, aggressive or evil (see, e.g., Okrand 1996; Tolkien 2021; Peterson 2015). For each of the conlangs, four utterances were recorded with a length of at least 10 syllables, avoiding well-known buzzwords (e.g. “Khaleesi“ in Dothraki). They were recorded by a female and a male speaker in a neutral voice without emotional involvement or sound effects. Online experiments with instruction in 14 languages (German, English, Italian, Spanish, Turkish, Arabic, Bulgarian, Russian, Hungarian, Georgian, Khoekhoe, Japanese, Mandarin Chinese, Cantonese) were conducted on the browser-based Percy platform (Draxler 2017). First, the participants’ metadata was collected. Then, they rated the stimuli on three seven-point Likert scales: pleasantness (pleasant vs. unpleasant), goodness (good vs. evil), and peaceful‐ ness (peaceful vs. aggressive), based solely on their personal impression. Each stimulus could be repeated once. The order of the experiment stimuli and the three rating scales were randomised for each participant. Throughout the experiment, the participants were informed of the fictionality of the constructed languages by ‘Assess fantasy languages’ message on the screen. A total of 56 180 Christine Mooshammer <?page no="181"?> stimuli (14 conlangs x 2 sentences x 2 speakers) were rated. After completing the rating part, the participants had the opportunity to listen to an additional stimulus for each conlang and to guess which language was being played. The whole experiment took about 20 minutes. The link was distributed via email lists and social media. After excluding non-native speakers and participants who showed a standard deviation of less than 0.5 for their ratings, the dataset consists of 859 participants. 3 Results For the first aim of this study, to compare the ratings of participants with German and Italian, as their native language, the data of 70 Italian and 174 German speakers are considered. The results of the three scales pleasantness, goodness and peacefulness are shown in Figure 1. As can be seen in the left panel, Italian and German participants rated the conlangs rather similarly on the pleasantness scale, except for the Elvish language Quenya, which was rated more positively by German listeners than by Italian listeners. The creators’ intentions are confirmed for Klingon, Horn, and Khuzdul with low pleasantness ratings, and for Quenya and Sindarin with high pleasantness ratings. The results are less clear for Orkish and Dothraki with values around 0. The other two scales show more pronounced differences between Italian and German listeners. Adûnaic, Orkish and Dothraki are rated as less evil and Orkish and Dothraki as less aggressive by Italian listeners than by German listeners. The second aim of this study is to test the imposed-norm hypothesis, i.e. whether the identification of a language affects the ratings. As this part of the experiment was optional, not all participants completed it. As mentioned in the method section, the participants were asked to identify the conlangs and they were told that they were listening to a fantasy language. Nevertheless, many listeners identified the stimuli as natural language. Only the results for the conlangs with the clearest ratings are presented here: Quenya, Sindarin and Klingon. The participants’ guesses are categorised as follows: the answers Sin‐ darin, Quenya, Elvish and Tolkien as Elvish; the answers Spanish, French, Latin, Italian, Romanian, Portuguese as Romance; the answers Scandinavian, Dutch, German, English, Irish, Swedish, Norwegian, Danish, Icelandic as Germanic; and Klingon as Klingon. The results of the averaged ratings for all three scales are shown in Figure 2 with the number of guesses. Since very few participants identified the conlangs as Romance or Germanic, these results can only be seen as a tendency. For Quenya and Sindarin, the ratings are most positive when The Latin-Lover effect for Elvish? 181 <?page no="182"?> participants correctly identified them as Elvish. They are slightly more positive when identified as Romance languages than when identified as Germanic. For Klingon, the most negative ratings are found when the participants identified the Klingon stimuli with Germanic languages. Romance and Klingon guesses are slightly less negative. pleasant good peaceful -1 0 1 -1 0 1 -1 0 1 -Klingon Na'vi -Horn -Dothraki -Khuzdul Atlantean ʕuiʕuid Fjerdan -Orkish Adûnaic Kesh Vulcan +Sindarin +Quenya Rating Native language German Italian Fig. 1: Mean ratings with standard errors of the Italian (grey dots) and German (black diamonds) participants for 14 conlangs. The + sign indicates conlangs intended to sound pleasant, the - sign indicates conlangs intended to sound unpleasant. The ratings range from -3 to 3. 182 Christine Mooshammer <?page no="183"?> 39 12 1 3 79 4 7 11 76 5 −2 −1 0 1 2 Quenya Sindarin Klingon rating guessed Elvish Romance Germanic Klingon Fig. 2: Mean ratings and standard errors for the conlangs Quenya, Sindarin and Klingon, depending on identification. The number of guesses are given in the lower part of the figure. The ratings range from -3 to 3. 4 Discussion This study shows that Italian and German listeners have rather similar language preferences with a few exceptions. The Elvish language Quenya, which was rated most positively by German and English listeners in Mooshammer et al. (2023b), is also called the Elvish Latin because in the realm of Tolkien’s Middle Earth it is spoken by the High Elves and is designed to be “poetic and markedly formal in nature” (Tolkien 2006: 232). Similar to Italian, it is composed of sonorous sounds with an even distribution of vowels and consonants (see Reiterer et al. 2020 for Italian). Quenya has also been inspired by Latin, Finnish and Greek. Possible reasons for the lower ratings by Italian listeners will be investigated in the near future. We also found evidence for the Latin-Lover effect: conlangs identified as Romance languages tended to be rated more positively than conlangs identified as Germanic languages, confirming previous results (Reiterer et al. 2020; Hilton et al. 2022; Anikin et al. 2023). However, apart from the very few guesses, there is a methodological caveat to the experimental design: rating and guessing The Latin-Lover effect for Elvish? 183 <?page no="184"?> took place in two different sections because we wanted the participants to concentrate on the impression of the stimulus. However, it could be that participants associated them with a different language while rating them. Therefore, a new experiment will be designed in which participants will be asked to identify the language immediately after they have rated it. Acknowledgements Thanks to Christoph Draxler for his ongoing support on the Percy Platform, to Felicitas Wegmann and Kierán Meinhardt for recording the stimuli, and to Dominique Bobeck, Henrik Hornecker and Qiang Xia for ongoing discussion. References Anikin, Andrey/ Aseyev, Nikolay/ Erben Johansson, Niklas (2023). Do some languages sound more beautiful than others? -Proceedings of the National Academy of Scien‐ ces-120 (17). Available under https: / / doi.org/ 10.1073/ pnas.2218367120 (accessed on 31/ 05/ 2024). Bezooijen, Renée van (2002). Aesthetic evaluation of Dutch. In Long, D./ Preston, D.-R. (eds.). Handbook of perceptual dialectology, vol.-2. John Benjamins, 13-30. Draxler, Christoph (2017). PercyConfigurator: Perception experiments as a service. Interspeech 2017, 823-824. Available under https: / / www.isca-archive.org/ interspeec h_2017/ draxler17_interspeech.pdf (accessed on 31/ 05/ 2024). Giles, Howard/ Bourhis, Richard/ Davies, Ann (1979). Prestige speech styles: the imposed norm and inherent value hypotheses. Language and society: Anthropological issues, 589-596. Giles, Howard/ Niedzielski, Nancy (1998). German sounds awful, but Italian is beautiful. In: Bauer, Laurie/ Trudgill, Peter (eds.). Language Myths. London: Pinguin, 85-93. Hilton, Nanna H./ Gooskens, Charlotte/ Schüppert, Anja/ Tang, Chaoju (2022). Is Swedish more beautiful than Danish? Matched guise investigations with unknown languages. Nordic Journal of Linguistics 45, 30-48. Mooshammer, Christine/ Bobeck, Dominique/ Hornecker, Henrik/ Meinhardt, Kieran/ Olina, Olga/ Walch, Marie-Christin/ Xia, Qiang (2023a). Does Orkish Sound Evil? Perception of Fantasy Languages and Their Phonetic and Phonological Characteris‐ tics. Language and Speech. Available under https: / / doi.org/ 10.1177/ 002383092312029 44 (accessed on 31/ 05/ 2024). Mooshammer, Christine/ Bobeck, Dominique/ Hornecker, Henrik/ Meinhardt, Kieran/ Olina, Olga/ Walch, Marie-Christin/ Xia, Qiang (2023b). The phonaesthetics of con‐ structed languages: Results from an online rating experiment. In: Noletto, Israel/ Nor‐ 184 Christine Mooshammer <?page no="185"?> ledge, Jessica/ Stockwell, Peter (eds.). Reading fictional languages. Berlin: De Gruyter, 93-132. Okrand, Mark (1996). The Klingon Way: A Warrior’s Guide. New York: Pocket Books. Peterson, David (2015). The Art of Language Invention: From Horse-Lords to Dark Elves to Sand Worms, the Words Behind World-Building. London: Penguin. Reiterer, Susanna/ Kogan, Vita/ Seither-Preisler, Annemarie/ Pesek, Gaspar (2020). Foreign language learning motivation: Phonetic chill or Latin lover effect? Does sound structure or social stereotyping drive FLL? Psychology of Learning and Motivation 72, 165-205. Tolkien, John Ronald Reuel (2021). The Lord of the Rings: One volume. New York: HarperCollins. Tolkien, John Ronald Reuel (2006). Early Elvish poetry and Pre-Fëanorian alphabets. Parma Eldalamberon 16. Available under http: / / www.eldalamberon.com/ parma16.ht ml (accessed on 31/ 05/ 2024). Tolkien, John Ronald Reuel (2002). Sauron defeated. The end of the Third Age: The history of The Lord of the Rings, part four (= The History of Middle Earth 9). New York: HarperCollins. The Latin-Lover effect for Elvish? 185 <?page no="187"?> 1 Cutler/ Isard (1980: 245).- Prosodie - die „sauce of the sentence“ 1 Lucia Kloiber (Regensburg) Wenngleich die Prosodie (gr. προσωδία) bereits in der griechischen Antike als Konzept zur Beschreibung von Sprache, nämlich der Sprachmelodie als melo‐ discher Akzent über vollen Wörtern aufgegriffen wurde und so viel bedeutet(e) wie „Beigesang“ (vgl. Günther 2013: 15) oder das ‚Dazugesungene‘, ist die Pro‐ sodie als eigenständig hervorgehobene Teildisziplin in der Sprachwissenschaft noch immer unterrepräsentiert, ja scheint fast stiefmütterlich behandelt zu wer‐ den. Ihr wird oft eine periphere Rolle als paraverbale Erscheinung zugewiesen. Sie wird implizit oder explizit als eine Art Zusatz begriffen; ganz entsprechend ihrer Begriffsetymologie als ‚Zu-gesang‘ (vgl. Imo/ Lanwer 2021: 1). Der Prosodie wird so die Rolle einer „zweiten Lautspur“ (Staffeldt 2010: 132) zugeschrieben, nicht jedoch wird sie als eigenständiger Untersuchungsbereich von Sprache behandelt, als integraler Bestandteil im komplexen Wirkgefüge mit Syntax, Morphologie, Lexikologie etc., sondern eher als ‚Anhängsel‘ von Phonetik und Phonologie, was sich nicht zuletzt darin äußert, dass der Gegenstandsbereich der Prosodie in Handbüchern und Einführungsliteratur nahezu immer als Unterkapitel in Werken mit Titeln wie Phonetik und Phonologie abgehandelt wird - und im Vergleich zur Besprechung der Segmentalia oft nur wenige Seiten füllt.- Warum hat die Prosodie einen schweren Stand? Ihre Unterrepräsentation rührt wohl daher, dass ihr Material die gesprochene Sprache ist und diese erst in jüngerer Zeit Einzug in die linguistische Forschung gefunden hat. Wenngleich bereits bei Saussure der gesprochenen Sprache das Primat zugewiesen wird, ist ihr Nischendasein sicherlich auch auf forschungs‐ praktische Gründe zurückzuführen: Die gesprochene Sprache ist flüchtig, situa‐ tiv und funktioniert multimodal unter Zuhilfenahme von gestischen, mimischen <?page no="188"?> und prosodischen Zusatzinformationen, die je nach Gesprächssituation einzu‐ ordnen sind und kontextuelle wie emotionale Modalitäten situationsspezifisch vermitteln. Nicht zuletzt hat sich das ‚Handwerkszeug‘ zur Untersuchung von prosodischen Aspekten der Sprache erst in den vergangenen Jahren aufgrund des technischen Fortschrittes grundlegend gewandelt und signalphonetische Untersuchungen von Sprachaufnahmen mittels digitaler Analysetools haben erst kürzlich intensiven Einzug in die Forschung gefunden. Auch die Entstehung von Speech Labs und die Verwendung neurowissenschaftlicher Untersuchungs‐ methoden zur evidenzbasierten Visualisierung neurophysiologischer Prosodie- Korrelate sind eine Entwicklung der jüngsten Zeit.- Daneben ist anzumerken, dass sich im Untersuchungsbereich der Prosodie der strukturalistische Ansatz des Segmentierens und Kategorisierens der ‚Bau‐ steine‘ menschlicher Sprache in ihre kleinsten Bestandteile mit dem Ziel, syste‐ matische Strukturen zu finden und modellhaft zu klassifizieren, als schwierig erweist. So gibt nahezu jedes Einführungswerk einen Überblick über Teilaspekte wie bspw. Dauer, Tonhöhe, Lautheit, die unter dem Begriff Prosodie subsu‐ miert werden und erläutert diese jeweils im Einzelnen. Diese strukturalistisch angehauchte Vorgehensweise liefert einen ‚schönen‘ Überblick und erscheint didaktisch durchaus legitim, erweckt aber den Eindruck, als ob die jeweiligen prosodischen Merkmalsbereiche für sich genommen im Einzelnen wirken, im Lautstrom eigenständig extrahiert und somit im Einzelnen analysiert werden könnten. Diese pragmatische Vorgehensweise wird dem grundlegenden Wesen der Prosodie jedoch nicht gerecht. Die prosodischen Merkmalsaspekte stehen nämlich in einer permanenten Wechselbeziehung und interagieren miteinander, was in einer jeweils spezifischen Kommunikationssituation mündet und den prosodisch gesteuerten grammatisch-syntaktischen Interpretationsspielraum einer jeden Äußerung durch den jeweiligen Tonhöhenverlauf, Pausierung, Längung, Betonung usw. in ihrem spezifischen Zusammenwirken im Ganzen definiert. Pierrehumbert spricht bei diesem ineinandergreifenden Wirken der prosodischen Merkmalsbereiche treffenderweise von in Wechselwirkung kon‐ turierend hervorstechenden „peaks“, die sich von einer „baseline“ (Pierrehum‐ bert 1980: 49 ff.) abheben und so die prosodische Strukturierung der Äußerung vornehmen. Eine prosodische Analyse erfordert somit eine methodisch ver‐ gleichsweise komplexe Herangehensweise. Die Komplexität dieses segment‐ überlagernden Ineinandergreifens äußert sich auch im Versuch einer klaren begriffsdefinitorischen Bestimmung: So ‚konkurrieren‘ in der Forschung die Begrifflichkeiten Prosodie und Suprasegmentalia und werden meist synonym verwendet. 188 Lucia Kloiber <?page no="189"?> Was leistet die Prosodie und weshalb ist sie ein so grundlegender Baustein im Sprachverarbeitungsprozess? Aufschlussreich sind hierzu insbesondere psycholinguistische und neurokogni‐ tive Forschungen, die eine enge Verzahnung zu syntaktisch-grammatischen, wie pragmatischen Strukturen aufweisen. Grundlegend ist dabei der Einsatz der Prosodie als Mittel zur syntaktischen Disambiguierung von Sätzen durch die Kennzeichnung von Phrasengrenzen. Diese entstehen durch den jeweils kontextspezifischen Einsatz von Sprechpausen sowie die Längung präfinaler Silben vor diesen und die Veränderung der Tonhöhe, was die Aufschlüsselung der grammatisch-syntaktischen Satzinformation und damit die korrekte Inter‐ pretation einer Äußerung im Sinne des „who-is-doing-what-to-whom“-Paradig‐ mas ermöglicht: „Indeed, almost every prosodic boundary is also a syntactic boundary, while the reverse does not hold“ (Friederici 2017: 72). Der Nachweis, dass diese prosodische Markierung von Phrasengrenzen, sog. Closure Positive Shifts, auch durch neurokognitive Korrelate im Sinne ansteigender Gehirnak‐ tivität reflektiert wird, konnte in zahlreichen Studien in unterschiedlichen Sprachen geführt werden (vgl. Friederici 2017: 72 f. für einen Überblick über die Studienlage). Grundlegend ist dabei, dass die prosodische Markierung der Phrasengrenze von Sprechern variabel gesetzt werden kann und so den Grad der syntaktischen Einbettung von Satzkonstituenten und die syntaktischen Verzweigungsmöglichkeiten durch Rekursion bestimmt - was zu einer Vielzahl an Kombinationsmöglichkeiten von gleichen Satzkonstituenten mit jedoch jeweils eigenem Interpretationsspielraum führt (vgl. Kentner/ Féry 2013: 2 ff.). Damit grenzt sich die menschliche Sprachverarbeitung vom einfachen, paar‐ weisen Assoziationslernen (wie es z. B. im Tierreich häufig vorzufinden ist) deutlich ab - und macht aus meiner Sicht den Wesenskern der menschlichen Sprachfähigkeit aus.- Wie eng die Prosodieverarbeitung an das Syntaxverständnis gekoppelt ist, zeigen auch Studien, die bereits bei Neugeborenen und Kleinkindern die proso‐ disch vermittelte Wahrnehmung syntaktischer Disambiguierung und Rekursion in Form von gesteigerter Gehirnaktivität nachweisen (vgl. Männel/ Friederici 2009; 2011); auch die grundsätzliche Fähigkeit Ungeborener, prosodische Merk‐ malsdimensionen bereits im Mutterleib zu verarbeiten, konnte gezeigt werden (vgl. Mampe et al. 2009). Und auch bei Menschen mit irreversiblen Hirnschädi‐ gungen in prosodischen ‚Verarbeitungszentren‘ konnte gezeigt werden, dass die Verarbeitung prosodischer Cues zwar beeinträchtigt, nicht jedoch gänzlich gestört ist und damit eine essenzielle Rolle in der Sprachverarbeitung spielt (vgl. de Beer et al. 2022). Nicht zuletzt wird auch beim Lesen eine prosodische Repräsentation aufgebaut und so die Auflösung ambiguer Sätze im Leseprozess Prosodie - die „sauce of the sentence“ 189 <?page no="190"?> gesteuert (vgl. Féry 2018: 14 ff.). Schließlich - wenngleich die Forschungslage zu Prosodie und Fremdspracherwerb noch eher dünn ist - konnte gezeigt werden, dass die Prosodie auch im Fremdsprachenerwerb eine zentrale Rolle spielt und ein Prosodie-Transfer in die L2-Sprache stattfindet (vgl. Santiago-Vargas 2014: 183 ff.). Festgehalten werden sollte außerdem, dass die Prosodie ganz wesentlich die Übermittlung illokutionärer sowie emotional- und einstellungsbedingter Aspekte ‚steuert‘ - und folglich einen essenziellen Beitrag zum erfolgreichen Gelingen menschlicher Kommunikation auch auf Ebene der Pragmatik innehat (vgl. Günther 2013: 28 ff.). Wie gezeigt, leistet die Prosodie - wenn sie auch vermeintlich nur als „zweite Lautspur“ (Staffeldt 2010: 132) erachtet wird - einen nicht wegzudenkenden Beitrag in der Verarbeitung von Sprache. Während sich die Wissenschaft über eine einheitliche Begriffsdefinition der Prosodie bis heute uneinig ist, ist die pointierte Bezeichnung von Cutler und Isard (1980: 245) als „sauce of the sentence“ wahrscheinlich am treffendsten! So wird die Prosodie in künftigen Forschungen hoffentlich weiter ins Rampenlicht gerückt, verstärkt interdisziplinär untersucht - und wer weiß - vielleicht kann sie auch durch unkonventionelle Untersuchungsmethoden sichtbar gemacht und aus ihrem trüben Image einer nur paraverbalen Randerscheinung herausgeholt werden! Liebe M a r i a, vielen Dank für Deine Unterstützung meines eher unorthodoxen, bunten Forschungsprojekts. Ich hoffe, damit einen kleinen Beitrag zur Proso‐ dieforschung leisten zu können. Bibliographie de Beer, Carola/ Hofmann, Andrea/ Regenbrecht, Frank/ Huttenlauch, Clara/ Wartenbur‐ ger, Isabell/ Obrig, Helmut/ Hanne, Sandra (2022). Production and Comprehension of Prosodic Boundary Marking in Persons With Unilateral Brain Lesions. Journal of Speech, Language, and Hearing Research 65 (12), 4774-4796. Cutler, Anne/ Isard, S. D. (1980). The production of prosody. In: Butterworth, Brian (Hrsg.). Language Production. Vol. 1: Speech and Talk. London: Academic Press, 245-269. Féry, Caroline (2018). Prosodische Aspekte des lauten Lesens. Leseräume. Zeitschrift für Literalität in Schule und Forschung (5), 8-24. Friederici, Angela D. (2017). Language in our Brain. The Origins of a Uniquely Human Capacity. Cambridge: MIT Press. Günther, Carsten (2013). Prosodie und Sprachproduktion (= Linguistische Arbeiten 401). Tübingen: Niemeyer. Imo, Wolfgang/ Lanwer, Jens P. (2021). Construction Grammar and Prosody. Berlin: De Gruyter. 190 Lucia Kloiber <?page no="191"?> Kentner, Gerrit/ Féry, Caroline (2013). A new approach to prosodic grouping. The Linguistic Review 30 (2), 277-311. Mampe, Birgit/ Friederici, Angela D./ Christophe, Anne/ Wermke, Kathleen (2009). New‐ borns’ cry melody is shaped by their native language. Current Biology 19 (23), 1994-1997. Männel, Claudia/ Friederici, Angela D. (2011). Intonational phrase structure processing at different stages of syntax acquisition: ERP studies in 2-, 3-, and 6-year-old children. Developmental Science 14 (4), 786-798. Männel, Claudia/ Friederici, Angela D. (2009). Pauses and intonational phrasing: ERP studies in 5-month-old German infants and adults. Journal of Cognitive Neuroscience 21 (10), 1988-2006. Pierrehumbert, Janet B. (1980). The Phonology and Phonetics of English Intonation. Cambridge: MIT Press. Santiago-Vargas, Fabián (2014). Systèmes prosodiques et acquisition d’une L2: Production et perception des mouvements mélodiques en français et en espagnol. Paris: Université Paris Diderot. (Thèse de doctorat). Staffeldt, Sven (2010). Einführung in die Phonetik, Phonologie und Graphematik des Deutschen: Ein Leitfaden für den akademischen Unterricht (= Stauffenburg Einfüh‐ rungen 21). Tübingen: Stauffenburg. Prosodie - die „sauce of the sentence“ 191 <?page no="193"?> Picchi abnormi: non-canonical pitch accents, a prosodic phenomenon (not only) of Italian Matthias Heinz (Salzburg) 1 Focus accents in Italian In the literature pitch accents are assumed to signal focus. The focus can be of two types: (i) contrastive/ identificational focus and (ii) novelty/ information focus (see Riester/ Baumann 2013; Kiss 1998: 248). While the contrastive type is associated with the existence of alternatives and does not lead to (focus) projection, a novelty focus encodes non-presupposed information and can lead to focus projection, i.e. the pitch accent can mark as a focus a constituent which is larger than the accented word. In many languages specific rules predicting the position of the pitch accent can be found. The main principles governing accent placement in Italian are rather straight‐ forward: for the whole VP or the whole sentence to be marked as a novelty/ in‐ formation focus, the main pitch accent must usually be placed on the rightmost word of the utterance/ intonation phrase independently from its type (lexical vs. pronominal, argument/ verb), as illustrated by the example quoted from Ladd ([1996] 2008: 119): (1) a. Non ho tempo. Ho un verbale da SCRIvere. - - I haven’t got time. I have the minutes to write. - b. Non ho tempo. Ho da scrivere un verBAle. - - I haven’t got time. I have to write the minutes. 2 Prosody as a means of profiling discourse types The potential of the prosodic means of expression for “overshooting” (due to the inherently continuous and potentially redundant nature of the suprasegmental properties of duration, pitch and intensity as opposed to the discrete nature of segmental units) may produce mismatches with other levels of the system (esp. lexicon, syntax, information structure) where a one-to-one mapping <?page no="194"?> (e.g. syntax-prosody) would be what many descriptive models predict. Such mismatches, i.e. the autonomous patterning of the prosodic level with respect to other levels, may be refunctionalized once certain features like pitch occur in unexpected domains. In this context the role of conceptual variation (beyond the mere orality vs. scripturality divide) becomes evident as hybrid varieties arise. Such a variety has been described for Italian by the Italian linguist Francesco Sabatini and others under the name of lingua trasmessa (‘broadcast language’, cf. Atzori 2003: 3). Atzori defines it as a “modalità ibrida, intermedia fra scritto e parlato” (ibid.) depending specifically on the technical means of transmission. As a discourse type, news-reading (in Italian and many other languages) is identified on the one hand by its prosodic regularity matching the regularity and simplicity of its syntactic structure. Atzori (cf. 2003: 49) describes this tendency in Italian radio news-reading, where intonation and the very position of pauses parallel the syntactic structure of the text. As Maraschio (cf. 1987: 201) notes constructions consisting of nouns prevail, the latter bearing most of the information load. 2.1 Overlap or mapping? Syntax - information structure - prosody in media discourse Conventionalized and stylized prosodic patterns especially in oral news media reporting have been observed for various languages. For English Bolinger (1989: 394) describes a “practice of false emphasis” as typical of what he dubs “broadcast prosody” or “newscasterese”: “the speaker overreaches in his eagerness to spellbind the hearer, putting the highest peak on something relatively unimportant” (ibid.). In Italian such patterns are characteristic of the prosody of media discourse in general and especially news broadcasts which feature a combination of high syntactic density and information load and an extremely stylized prosody (cf. the examples investigated by e.g. Diadori 1997; Cresti 2000; Heinz 2006, 2012). Non-canonical accents with F0 maxima “on something relatively unimpor‐ tant” as noted by Bolinger (1989: 394; see above) have been called “picchi abnormi” by Cresti in her comment on a corpus of spoken Italian with detailed annotation of prosody and information structure: “L’intonazione in questi casi procede tramite picchi abnormi, collocati a volte su espressioni che non porterebbero mai tale tipo di salienza nella comunicazione normale; il focus intonativo […] può cadere su articoli, ausiliari, preposizioni, congiunzioni” (Cresti 2000: 162), i.e. ‘the intonation in those cases makes use of anomalous [F0] peaks placed sometimes on units that would never carry this kind 194 Matthias Heinz <?page no="195"?> of salience in normal communication; the intonational focus may be on articles, auxiliaries, prepositions, conjunctions’. As in other languages this idiosyncratic placement of accents occurs typically, though not exclusively in media discourse genres. 2.2 Non-canonical focus accents (NCA): an exploratory study on Italian The study was based on the C-ORAL-ROM corpus, a parallel corpus of spoken Romance languages (comparing Italian, French, Spanish and Portuguese), cf. Cresti/ Moneglia (2005). The two-step analysis included (1) searching for NCAs of the picchi abnormi type; (2) an auditive perusal followed by acoustic analysis with the WinPitch software. In view of a future comparative investigation similar portions of speech were also searched for French and Spanish. The Italian subcorpus consisted of 45,22 minutes of connected speech from different genres by 8 speakers (5 female, 3 male) with a total of 6844 words. NCAs occur in Italian TV and radio news broadcasts, as shown by the following examples: (2) *IN1: sono tiratori scelti / addestrati / contro [! ] i cecchini / (C-ORAL-ROM, annotation: CHAT adapted) - - (3) *SP1: elettrosmO! gge / il minI! stro dell’ambiEnt(e) E! la rA! dio vA! ticA! na sono / A! i ferri corti / (Heinz 2006: 154; annotation: CHAT adapted) - - - - (4) *SP2: le misU! razioni di pO! chi giorni fA! / hA! nno conferm A! to che l’inquinamE! nto (e)lettromagnE! tico nE! lla zona è altI! ssimo / (Heinz 2006: 154; annotation: CHAT adapted) - - - - Here the typical domains of this phenomenon are visible: in each of these examples the accent is placed on a function word, i.e. the prepositional elements contro, ai, nella, the low semantic load of which would usually make it an unlikely target of focalization by prosodic means (pitch accent). Indeed the context suggests that no contrastive focus is intended. Another example of a preposition carrying unusual prosodic weight is the following: (5) - sO! tto al treno per salvare il figlio / / H*+L quello che ieri a Monza era sembrato un suicidio / è stato invece un atto di eroismo materno / / (C-ORAL-ROM, annotation: CHAT adapted) - - - - Picchi abnormi: non-canonical pitch accents, a prosodic phenomenon (not only) of Italian 195 <?page no="196"?> Here the H*+L tone on the preposition sotto (‘under’) in initial position within the phrase signals the headline of a news item. Furthermore, there are examples of a way of speaking Moroni (2013: 266) dubs as “stile ad intermittenza” ‘discontinuous speech style’, again with a tendency towards assigning accents to “parole a basso contenuto semantico come connettori, marcatori del discorso e preposizioni” (i.e. ‘words with low semantic load like connectors, discourse markers, prepositions’) in paragraphs containing central information. Discourse types associated with this kind of speech style are found e.g. in the domain of academic presentations (“presentazioni accademiche”) and more generally in “expert talk” as often heard e.g. in media interview settings. In the following example from a radio feature on health issues a doctor explains how nasal polyps develop: (6) - la poliposi nasale / consiste nella presenza di formazioni / all’ interno delle cavità nasali e dei segni paranisali / cO! me dei chicchi d’uva / / che impediscono la ventilazione nasale / il riscaldamento dell’ aria / la possibilità di sentire gli odori / e che creano delle infezioni / anche gravi / / (C-ORAL-ROM, annotation: CHAT adapted) - - After a sequence of three IPs with rather unmarked, canonical accent placement comes an NCA on an element with low semantic load (the adverb it. come, ‘like’), content-wise the main accent would be expected on the NP chicchi d’uva. (6a) - cO! me dei chicchi d’uva / / (‘like grapes’) H*+L - - 3 Summary and conclusion The survey of sample portions of authentic formal and informal discourse from the C-ORAL-ROM corpus of spoken Italian discourse shows that NCAs can be observed in all of the genres sampled (TV news, expert interview, informal dialogue; cf. Fig. 1). 196 Matthias Heinz <?page no="197"?> Fig. 1: NCAs in Italian subcorpus (C-ORAL-ROM, various genres) The analysis yielded 19 instances of NCA, which amounts to approximately one NCA per 350 words, with a clear majority (14) occurring in media discourse set‐ tings (TV news broadcast/ “telegiornale”; expert interview) of the kind described above. While the overall frequency of the phenomenon seems to be low it cannot be considered as wholly uncommon in media speech events, given that here a 1/ 270 ratio of NCA per word prevails due to the higher number of occurrences. This suggests that on average, depending on speech rate (cf. Heinz 2006: 95-97), roughly every 90 seconds one of those accents is likely to occur. Based on the exploratory study of this prosodic phenomenon of Italian discourse these accents in unexpected, non-canonical positions seem to (i) - be a global means of signalling the cohesion of a paragraph and, if used in a sequence, function as a discourse-structuring device (“discontinuous speech style”) (ii) a. signal ‘relevance’, ‘news-worthiness’ on a discourse pragmatic level (cf. expert talk in interview) - b. signal that an item of high information load is to follow (marking a “headline”, typical for media genres). In conclusion, the anomalous pairing of prosodic prominence with units that are identifiable to hearers as low in semantic load (e.g. prepositions, adverbs, con‐ junctions) leads to a mismatch between prosody and information structure. This mismatch can be refunctionalised for profiling discourse types or conversational Picchi abnormi: non-canonical pitch accents, a prosodic phenomenon (not only) of Italian 197 <?page no="198"?> meaning. In the material analysed there is a tendency for the unexpected accents to occur in isolation, although in Italian there are also examples of sequences of such non-canonical accent realisations. Undoubtedly, further investigation into this sporadic though relevant feature of media discourse is needed, especially regarding the extent to which these sequences may have a discourse cohesive function. References Atzori, Enrica (2003). La lingua della radio. In: Bonomi, Ilaria/ Morgana, Silvia (eds.). La lingua italiana e i mass media. Roma: Carocci, 33-66. Bolinger, Dwight (1989): Intonation and its Uses. Melody in Grammar and Discourse. London et al.: Amold. Cresti, Emanuela (2000). Corpus di italiano parlato, 2 voll. Firenze: Accademia della Crusca. Cresti, Emanuela/ Moneglia, Massimo (2005). C-ORAL-ROM. Integrated Reference Cor‐ pora for Spoken Romance Languages. Amsterdam: John Benjamins. Diadori, Pierangela (1997). L’italiano del giornale radio. In: AA. VV.: Gli italiani trasmessi. Firenze: Accademia della Crusca, 105-134. Heinz, Matthias (2012). Zur rhythmischen Gestaltung italienischer Medientexte: zwi‐ schen informationeller Strukturierung und Autonomie der prosodischen Ebene. In: Schafroth, Elmar/ Selig, Maria (eds.). Testo e ritmi: zum Rhythmus in der italienischen Sprache. Frankfurt: Peter Lang, 237-250. Heinz, Matthias (2006). Textsortenprosodie. Eine korpusgestützte Studie zu textsorten‐ spezifischen prosodischen Mustern im Italienischen mit Ausblick auf das Französi‐ sche. Tübingen: Niemeyer. Kiss, Katalin É. (1998). Identificational focus versus information focus. Language (74)-2, 245-273. Ladd, Robert ([1996] 2008). Intonational Phonology. Cambridge: C.U.P. Maraschio, Nicoletta (1987). Il parlato radiofonico in diretta. In: AA. VV.: Gli italiani parlati: sondaggi sopra la lingua di oggi. Firenze: Accademia della Crusca, 197-217. Moroni, Manuela (2013). La prosodia nelle presentazioni accademiche. Un confronto tra italiano e tedesco. In: Wienen, Ursula/ Sergo, Laura (eds.). Fachsprache(n) in der Romania: Entwicklung, Verwendung, Übersetzung. Berlin: Frank & Timme, 253-272. Riester, Arndt/ Baumann, Stefan (2013). Focus triggers and focus types from a corpus perspective. Dialogue and Discourse (4) 2, 215-248. 198 Matthias Heinz <?page no="199"?> Morphologie und Syntax <?page no="201"?> Remarks on grammatical gender in Romance Daniela Marzo & Marinus Wiedner (Freiburg) 1 Introduction Although important work on the evolution of gender as well as gender systems in Romance languages is available (cf. e.g. Meyer-Lübke 1883; Polinsky/ Ever‐ broeck 2003; Fernández-Ordóñez 2006; Loporcaro 2018; Wang 2023), some central issues are still poorly understood. This short paper seeks to define some open questions and tries to outline some future scopes of research that might allow a better comprehension of the systematicity as well as idiosyncrasy of gender (systems) in and across Romance languages. After a short overview on the state of the art, in which we will concentrate on Loporcaro’s seminal monograph Gender from Latin to Romance (cf. 2), we will try to define some research desiderata in the field of grammatical gender (cf. 3). Subsequently, we will sketch some possible ways to answer the questions defined in 3 (cf. 4). 2 State of the Art Research on (the evolution of) gender (systems) in Romance languages can gen‐ erally be subdivided in two types of approaches: on the one hand, there is a clear diachronic focus on the transition from Latin to Romance in general (Meyer- Lübke 1883; Schön 1971; Wilkinson 1985-1991); on the other hand, there are quite fine-grained descriptions of single Romance varieties (or variety groups), that may take a synchronic (cf. Fernández-Ordóñez 2006 on the neutro de materia in contemporary Asturian; Brun-Trigaud et al. 2023 on the gender variation in Gallo-Romance with data from the ALF) or a diachronic perspective (cf. Wang 2023 on the loss of the neuter from Latin to Iberoromance and the genus alternans in Old Iberoromance; Polinsky/ Everbroek 2003 on the development of gender from Latin to Old French). Against this background, the monograph Gender from Latin to Romance takes a different approach: Loporcaro combines a holistic and typological approach to the Romance languages with many detailed examinations of diachronic and synchronic phenomena in selected <?page no="202"?> Romance varieties. He begins with an overview of the Classical Latin gender system by displaying the three partite system with some examples of exceptions or irregularities in gender assignment. He then continues with an overview over the major Romance languages, that mostly show a binary gender system. Successively, Loporcaro takes a closer look at some regional varieties that show a more complex gender system and goes on with an in-depth analysis of the Asturian gender system. Following this, he takes a short look at older stages of some Romance languages before illustrating a possible reconstruction of the development of the various gender systems in the transition from Latin to Romance. He concludes his monograph by highlighting the typological interest of the lesser-known Romance gender systems. 3 Desiderata for Future Research A close reading of the state of the art in general as well as Loporcaro’s rich monograph in particular allowed us to define some cross-linguistically relevant research fields characterized by a series of open questions: (i) gender assignment in conversion, (ii) the motivation and typology of gender doublets, (iii) the influence of the scribes’ personal profile as well as (iv) the (dis-)advantages of using editions instead of the original manuscripts for research on gender. As for (i), we can observe that research on gender in Romance languages generally does not treat conversion (the change of word class without affixation, e.g. French marcher V ‘to walk’ > marche N ‘walk’, Italian contare V ‘to count’ > conto N ‘count, bill’, Old Occitan saber V ‘to know’ > saber N ‘knowledge’) in detail, though gender assignment is one of the trickiest issues in conversion research in Romance languages (at least in the case of V>N conversion): While French marche N ‘walk’ < marcher V ‘to walk’ and Italian sosta N ‘stop, break’ < sostare V ‘to stop (over)’ are feminine, French oubli N ‘forgetting, oversight’ < oublier V ‘to forget’ and Italian conto N ‘count, bill’ < contare V ‘to count’ are masculine (for an explanatory analysis of gender assignment in selected types of conversion, cf. e.g. Marzo 2013 on Italian; Tribout 2010 on French). What further complicates the picture, are apparently synonymous deverbal gender doublets such as Portuguese entalha fem vs. entalho masc / entalhe masc ‘notch, cut’ < entalhar V ‘to carve, to cut’ (cf. Rodrigues Soares 2013: 117). In the light of the absence of derivation affixes that can be held responsible for the attribution of a converted lexeme to one gender class or the other, we firmly believe that a better comprehension of gender assignment in conversion (and gender doublets produced by conversion) is vital to the study of the systematicity as well as idiosyncrasy of gender (systems) in and across Romance languages. 202 Daniela Marzo & Marinus Wiedner <?page no="203"?> The Portuguese example opens up another question, i.e. the question of the motivation and typology of gender doublets in general (ii). Loporcaro treats well known examples of diverging gender in different language areas like French mer fem ‘sea’ vs. Italian mare masc ‘sea’, both successors of Latin third declension MA R E (predominantly neuter). Furthermore, he shows examples where the differentiation in gender changes the semantics, for instance Italian foglio masc ‘sheet of paper’ vs. Italian foglia fem ‘leaf’ from Latin neuter F O LI U M (cf. Loporcaro 2018: 14). However, he does not consider gender doublets without semantic differentiation, existing even within one and the same dialect region. For instance, mar ‘sea’ appears as a masculine as well as a feminine noun within the two major varieties of Old Occitan, though there seems to be a slight tendency to masculine use in Provence and feminine use in Languedoc (cf. Wiedner submitted). Another factor most likely to elucidate the question of gender assignment and the presence of gender doublets in a given text is the person of the scribe (iii). As Selig (2005: 263-265) points out, the role of the scribe, especially in not standardised languages (e.g. the medieval stages of the Romance languages) and their influence on the standardisation process should be taken into account. Specific questions arising in the context of medieval texts are e.g. the origin of the scribe and the regions in which the scribe might have lived. An example from the Roman de Flamenca shows that there are some cases of gender doublets in the use of a single scribe: in the only existing manuscript of this text, written only by one scribe, we find Ab lo masc man masc ẹ nuz masc ‘with the bare hand’ (Flamenca: f. 43 v o , l. 20) with man ‘hand’ being masculine. Only 2 folios later, there is an occurrence of the same noun with feminine agreement: Guillem la fem ma fem nuda fem miret ‘Guillem looked at the bare hand’ (Flamenca: f. 45 v o , l. 5). Last, but not least, another important point to bear in mind for research (on gender) in historical linguistics, is the quality of the corpora (iv). Many digital corpora are built with editions of texts and not with the manuscripts. Especially editions from the end of the 19 th and the beginning of the 20 th century often do not fulfil the requirements for linguistic research, as many editions originate from historiographic contexts (cf. Selig 2005: 256-257). 4 Outlook on Future Research In order to shed some light on (i), the attribution of gender in the case of deverbal converted nouns, a closer examination of the input to the conversion process might be fruitful: e.g. Gévaudan (2007: 121-122), differentiates stem conversion (e.g. Italian bianco ADJ ‘white’ > bianchire V ‘to whiten’) from the conversion of inflected forms (e.g. the nominalized infinitives in Romance languages, such Remarks on grammatical gender in Romance 203 <?page no="204"?> as Portuguese poder V ‘to be able to’ > poder N ‘power’). In her comprehensive analysis of French conversion, Tribout (2010) shows the importance of taking into consideration the whole stem space of a lexeme, as basically every single stem can be used as the input for conversion (e.g. the infinitival vs. the past participle stem). As Thornton’s (2004) and Marzo’s (2013) analyses of Italian V>N conversion reveal, this kind of variation in the input to conversion may have consequences for the gender of the nominal output. While Thornton (2004) associates masculine gender to root conversion and feminine gender to conversion of the infinitival stem, Marzo (2013) shows the relevance of the present subjunctive stem for deverbal feminine nouns in Italian. Though both studies shed some new light on a complex morphological (and etymological) situation, they do not satisfactorily account for the presence of deverbal gender doublets (cf. ii above) in different stages of Italian, such as e.g. Old Italian do‐ mando masc vs. domanda fem ‘question, request’ (< domandare ‘to ask, to request’). A reason for the existence of this kind of nominal doublets might lie in their close connection to ‘short’ (i.e. rhizotonic) past participles (cf. ‘short’ domando vs. ‘long’ domandato, both present in Old Italian), that may in principle bear either feminine or masculine gender: As Rainer (2016: 520) points out, “[one] pattern of conversion that witnessed a spectacular rise in medieval Romance was that of rhizotonic action nouns. […] Their origin has to be sought in a small set of Latin verb-noun pairs such as cant-are ‘to sing’/ cant-us ‘singing, song’, the latter originally derived from canere ‘to sing’ […]” (cf. also Laurent 1999: 156 on the origin of deverbal sigmatic nouns homonymous to past participles). Against this background, a question currently being explored in a corpus study under Marzo’s supervision, is thus the potential rise and spread of a conversion pattern that takes the rhizotonic past participle (stem) as an input form to conversion in Old Italian. If the hypothesis of the “departicipiality” of deverbal converted rhizotonic nouns is verified, variation in gender as well as the existence of deverbal gender doublets will have to be considered as the rule rather than as a morphological irregularity, as past participles may, in principle, take either masculine or feminine gender; consequently, the explanandum would no longer be variation in gender assignment and the existence of gender doublets, but rather the lack (or loss) of variation and doublets within one and the same language (e.g. Old Italian domando masc is no longer used in modern standard Italian, whereas domanda fem still is). The central research question might then need to shift from morphological considerations on gender assignment to extralinguistic factors, such as e.g. the linguistic profile and influence of the scribes (cf. iii), that might lead to idiosyncratic standardization processes. 204 Daniela Marzo & Marinus Wiedner <?page no="205"?> 1 For a detailed discussion of the composition and the possible models that Bertran Boysset might have used for the Roman d’Arles, see Haupt (2003: 41-96). If we take the scribe as starting point of the analysis, i.e., if we know where the scribes lived, where they learned how to write, what languages they spoke, for whom they wrote, to which manuscripts they had access and, in case of a copy or translation, which manuscript was the basis, we can explain the language under examination in a more solid way. For instance, one might use the texts of a certain scribe, e.g. Bertran Boysset. We know of 6 manuscripts that are assuredly written by Bertran Boysset between 1371 and 1415 (cf. Haupt 2003: 1-3). He grew up in Arles and spent his whole life there, working as an entrepreneur (mostly winemaking and fishing) and as the geodesist of Arles. Very few records document his absence from Arles, for instance in 1390, where he went to Avignon to sell his fish. From his successful enterprises we know that he was part of the upper class which might explain why he learned to write during childhood. As we can see from his biography, he was no professional scribe but rather a bourgeois who spent his free time copying and writing texts. His strong attachment to the city of Arles is shown not only by the fact that he spent his whole life there but also by the kind of texts he copied and wrote: i.e. two hagiographical texts describing two local saints, a chronicle of the city of Arles in two manuscripts or the Roman d’Arles, with the city name already in the title (cf. Haupt 2003: 4-6). An instance of variation in gender can be found in the Roman d’Arles, where Bertran Boysset uses profeta 8 times as a masculine noun and once as a feminine noun (“de la profeta Jesus”, Haupt 2003: 156). It is noteworthy that profeta occurs with feminine agreement as a default gender (cf. Jensen 1973: 393; Wiedner submitted) or even when denoting a masculine person (see the example before). In this text, there are other gender doublets, like glant ‘acorn, glans’ or mar ‘sea’ (cf. Haupt 2003: 156). The problem with this text is that Bertran Boysset used several other manuscripts as model for his text, but we do not know exactly which texts and we do not have all the manuscripts as some were lost over the years. 1 In this case it is not possible for us to be certain whether the variation in gender is due to Bertran Boysset’s writing (and with that due to the variation he had in his own language) or whether it is based in the original manuscripts and he just copied the text including the variation. Nevertheless, it shows once again variation in gender within the usage of a single scribe. Boysset used some lexemes both as feminine and masculine, which might give an indication of the use of gender in the local variety of Arles or the idiolect of Bertrand Boysset. To validate statements on his usage of gender, a more detailed analysis of all his manuscripts is necessary. Remarks on grammatical gender in Romance 205 <?page no="206"?> On a more general level, we believe that it is worth looking into the original manuscripts whenever it is possible, due to the problem of the varying quality of corpora (cf. iv). Conveniently, many of these manuscripts are nowadays digitised and easily available, e.g. many Old Occitan manuscripts are available on gallica.bnf.fr. In times of AI it is well possible to generate semi-automatic transcriptions with the help of models for handwritten text recognition (HTR), like the Transkribus Model OldOccitanHandwriting (Wiedner 2023) with a character error rate (CER) of 3.51%. Of course, it is still necessary to manually correct the transcription, as that CER is too high for research on gender in those texts (as the CER also concerns the vowels), but semi-automatic transcription speeds up the process. These transcriptions following the manuscript to the letter are a useful source for this sort of research as there is no editorial instance in between that might change some letters and, going hand in hand with that, possibly the gender of a certain noun. As it is still very time consuming to build large corpora by transcribing the original manuscripts it makes sense to combine the existing corpora for larger data-sets with some manuscripts to verify (or falsify) the results obtained. References Brun-Trigaud, Guylaine/ Sauzet, Maguelone/ Allassonière-Tang, Marc (2023). Variation du genre des substantifs dans les dialectes gallo-romans. Étude exploratoire. Géolin‐ guistique 23. Fernández-Ordóñez, Inés (2006). Del Cantábrico a Toledo: El ‘neutro de materia’ hispá‐ nico en un contexto románico y tipológico. Revista de Historia de la Lengua Española 1, 67-118. Flamenca = Bibliothèque municipale de Carcassonne: cote 34. Le Roman de Flamenca. Gévaudan, Paul (2007). Typologie des lexikalischen Wandels. Bedeutungswandel, Wort‐ bildung und Entlehnung am Beispiel der romanischen Sprachen. Tübingen: Stauffen‐ burg. Haupt, Hans-Christian (2003). Le Roman d’Arles dans la copie de Bertran Boysset (= Romanica Helvetica 121). Tübingen/ Basel: A. Francke. Jensen, Frede (1973). Désaccord entre genre et flexion: Les substantifs masculins à désinence féminine en provençal. Revue des langues romanes 80, 393-404. Laurent, Richard (1999). Past Participles from Latin to Romance. Berkeley et al.: Univer‐ sity of California Press. Loporcaro, Michele (2018). Gender from Latin to Romance: History, Geography, Typol‐ ogy. Oxford: University Press. 206 Daniela Marzo & Marinus Wiedner <?page no="207"?> Marzo, Daniela (2013). Italian verb to noun conversion: the case of nouns in -a deriving from verbs of the second and the third conjugation. Linguística: Revista de Estudos Linguísticos da Universidade do Porto 8, 69-87. Meyer-Lübke, Wilhelm (1883). Die Schicksale des lateinischen Neutrums im Romani‐ schen. Halle an der Saale: E. Karras/ Niemeyer. Polinsky, Maria/ Everbroeck, Ezra van (2003). Development of Gender Classifications: Modeling the Historical Change from Latin to French. Language 79 (2), 356-390. Rainer, Franz (2016). Derivational Morphology. In: Ledgeway, Adam/ Maiden, Martin (eds.). The Oxford Guide to the Romance Languages. Oxford: Oxford University Press, 513-523. Rodrigues Soares, Alexandra (2013). Is conversion a syntactic or a lexical process of word formation? Linguística: Revista de Estudos Linguísticos da Universidade do Porto 8, 89-120. Schön, Ilse (1971). Neutrum und Kollektivum. Das Morphem -a im Lateinischen und Romanischen (= Innsbrucker Beiträge zur Sprachwissenschaft 6). Innsbruck: Institut für vergleichende Sprachwissenschaft der Universität Innsbruck. Selig, Maria (2005). Schreiberprofile und Sprachstandardisierung. Bemerkungen zur mediävistischen Korpuslinguistik. In: Schrott, Angela/ Völker, Harald (eds.). Histori‐ sche Pragmatik und Historische Varietätenlinguistik. Göttingen: Universitätsverlag Göttingen, 255-268. Thornton, Anna Maria (2004). Conversione. In: Grossmann, Maria/ Rainer, Franz (eds.). La formazione delle parole in italiano. Tübingen: Niemeyer, 500-553. Tribout, Delphine (2010). Les conversions de nom à verbe et de verbe à nom en français. Thèse de doctorat. Paris: Université Paris Diderot (Paris 7). Wang, Ziwen (2023). Pérdida del género neutro del latín al hispanorromance altome‐ dieval. Una reconstrucción panrománica. Tesi doctoral. Universidad Autónoma de Barcelona. Wiedner, Marinus (submitted). Doublons de genre en occitan médiéval: neuf études de cas sur corpus. In: Dufter, Andreas/ Wissner, Inka (eds.). La variation en diachronie : regards sur la Galloromania (= Beihefte zur Zeitschrift für romanische Philologie). Berlin/ Boston: De Gruyter. Wiedner, Marinus (2023). Old Occitan Handwriting, (Modell-Nr. 52822, CER=3,51-%), PyLaia-model for handwritten Occitan of the 13th and 14th century. Available under https: / / readcoop.eu/ de/ modelle/ old-occitan-handwriting/ (accessed on 13/ 06/ 2024). Wilkinson, Hugh (1985-1991). The Latin Neuter Plurals in Romance (I-VII). Ronshu 26, 137-150; 27, 157-171; 28, 33-46; 29, 47-61; 30, 109-122; 31, 113-127; 32, 35-50. Available under https: / / www.yumpu.com/ en/ document/ view/ 10877806/ thelatin-neut er-plurals-in-romance-page-on> (accessed on 13/ 06/ 20). Remarks on grammatical gender in Romance 207 <?page no="209"?> 1 Even though DOM can be detected in older stages of all Romance languages, it has not been maintained in all modern Romance languages in a productive way. Moreover, Romanian does not make use of the preposition a but of pe. Paradigmatic bridging contexts in object marking The use of the comitative as object marker Hans-Jörg Döhla (Tübingen) This contribution in honor of Prof. Dr. Maria Selig is picking up a topic discussed in Selig (1991), the seminal article about the semantic contours of the dative and the role of to give and communication verbs as the bridging context for grammaticalization processes. The detailed and fine-grained analysis of the cognitive background and the meaning side of the Latin dative case and the use of the Romance preposition a as dative marker is conducted by scrutinizing these two types of interaction verbs with three actants, the third of which constitutes the semantic role of the recipient of the action event, i.e. someone making someone else receiving something, represented by the syntactic relation of the dative or indirect object as part of the valency frame of the verbal nucleus. The reason for the extension of the functional range of Lat. ad ‘to, up to, towards’ to dative marker can be explained in terms of semantic similarity: If we act on the assumption that intentional awareness processes are often interpreted metaphorically as movements we can hypothesize that the relation ‘agent’ - ‘partner of interaction’ is reinterpreted, via the relation ‘origin of the intended action’ - ‘target point of the intended action’, as a spatial-directional relation. Within such a metaphorical interpretation the ‘agent’ appears as ‘origin of the intended action’, the ‘partner of interaction’ becomes the ‘target point of the intended action’ and is linked to the verb by means of the preposition ad. (Selig 1991: 201; translation by HJD) Furthermore, in the context of the emergence of differential object marking (DOM) in Romance, i.e. the marking of mostly agent-compliant direct objects, 1 <?page no="210"?> four different but interacting origins have been identified (Mayer/ Sánchez 2021: 103 f.): first, the need to differentiate syntagmatically between subject and direct object arguments (Selig 1991: 205 f.); secondly, syntagmatic differentiation of dative (indirect) and accusative (direct) objects; thirdly, paradigmatic differen‐ tiation between agent-compliant and agent-non-compliant objects (Selig 1991: 206); finally, variability in verbal argument structure in certain verbs (Laca 2006). Thus, the extension of the functional range of the originally Latin preposition ad towards Romance a can be determined as a grammaticalization pathway departing from directional use via dative to accusative marking, thus leading to a multifunctional polysemic preposition. These findings by Selig (1991) are in line with the predictions made by Croft’s causal order hypothesis according to which two groupings of semantic roles can be distinguished reflecting the order of participation within the event’s natural causal chain of action, namely antecedent and subsequent roles. Antecedent roles are roles like instrumental, manner, means, comitative, passive, agent, ergative and cause whereas subsequent roles are benefactive, recipient and result (Croft 1991: 186); the first ones closer to the origin of the intended action, i.e. the agent subject, the latter ones linked to the target point of the intended action, i.e. the object, which “must always be the endpoint, that is, follow the subject in the causal chain” (Croft 1991: 186). Furthermore, Croft’s causal order hypothesis predicts that “syncretism of thematic roles will occur so that no surface case marker will subsume both subsequent and antecedent thematic roles” (Croft 1991: 187), so that, e.g., a comitative marker would not turn into a recipient marker, but would rather extend its functional range towards instrumental (Engl. with), and a directional marker, the endpoint of a movement, towards recipient (Lat. ad). As predicted by Croft, the lack of evidence for the grammaticalization of the comitative to recipient which supposedly should not be found in natural language evolution is confirmed by Kuteva et al. (2019) where only those cases are attested where the extension of the comitative remains within the grouping of antecedent roles. However, as exhibited in Döhla (2021), there are exceptions - few, but still - to this general tendency. One case in point can be found in the context of recipient marking and DOM in Romance-based creole languages of Asia where two additional bridging contexts could be discovered beyond the typical metaphorical extensions found in Latin and Romance regarding ad/ a. One of the grammaticalization processes, a paradigmatic extension, will be discussed examplarily hereinafter. The paradigmatic extension can be found in some South Asian Portuguese creoles (especially in Korlai and the Malabar coast) were the marker ku/ -kə - 210 Hans-Jörg Döhla <?page no="211"?> 2 Diu and Korlai Portuguese speakers verbalize these markers as prepositions while Malabar coast and Sri Lanka Portuguese speakers agglutinate them as postpositions. 3 The Portuguese preposition a (< Lat. ad) as recipient and patient marker has not been maintained in Indo-Portuguese creoles except for the case of the Gauro-Portuguese of Diu (Döhla 2021). a comitative-instrumental marker (< Port. com) - is used besides par/ -pə(rə)/ a  2 to mark both, the indirect and the agent-compliant direct objects. 3 As we have seen above, according to Croft’s causal order hypothesis the functional spread of sociative/ comitative to recipient/ result is less likely to be found in the languages of the world because of their diverging position in the causal chain of action, and thus because of their semantic remoteness as antecedent and subsequent semantic roles respectively. However, as we will see, within the valency frame of interaction verbs, more precisely communication verbs, a productive bridging context is provided which can also be found in the Indo- Portuguese creoles of Diu, Daman and Korlai: some verba dicendi may represent both, a sociative/ comitative-like event where a person talks with another person in a reciprocal relation, and a more target-oriented event where a person talks to another person, thus making that person the recipient of the verbal message within the intented communicative act. At this point it seems appropriate to introduce the typology regarding a set of basic linguistic action verbs proposed by Cardoso (2014: 310), using Verschueren (1981: 84). Three basic types of verba dicendi are distinguished: • The talk-type: in this type of verbal interaction both the addressee and the speaker are agentive interlocutors, i.e. they interact in a reciprocal way even though there is no explicit reciprocal construction used (e.g. talk, speak, chat, discuss, argue, dispute etc.) the addressee is usually introduced with a comitative marker like ‘with’; • The tell-type: in this type of verbal interaction the addressee is concep‐ tualized as a passive recipient of the message and not necessarily expected to react (e.g. tell, say, inform, convey etc.); in this case the addressee is mostly introduced by a preposition which also marks the recipient or the goal of an intended action; in the Indo-Portuguese creoles of Korlai and the Malabar coast one and the same verbal form is used for talk-type and tell-type verbs, namely fala ‘speak; talk; tell, say’; • The ask-type: this type of verbal interaction aims at eliciting a reaction from the addressee, be it in form of a verbal act (e.g. ask etc.) or in any type of non-verbal action (e.g. demand, request etc.); thus, this type of communication verb heavily focuses on the perlocutionary act; the Paradigmatic bridging contexts in object marking 211 <?page no="212"?> addressee is assigned with an ablative (‘ask from you’) or a recipient role and a corresponding marker is used. The formal abstract-complex construction is the same for all three types of verba dicendi, i.e. NP V dic PREP NP. The starting point of the use of a sociative/ comita‐ tive marker in the context of verba dicendi can be found in addressee marking in the scope of talk-type verbs. If the language, then, exhibits a polysemic V dic which is used as talk-type as well as tell-type verb with considerably high frequency, such as Indo-Portuguese fala ‘talk; tell; say’, there is a paradigmatic bridging context where the same marker alluding to the reciprocity of the interaction depicted by the talk-type verb (fala ku ‘talk with’) is also used for marking the addressee in a tell-type construction (fala ku ‘tell’). In some cases, the original sociative/ comitative marker also extends its use to ask-type verbs and even beyond, so that it is used as default recipient or even patient marker, as e.g. in Korlai Portuguese. In the case of Indo-Portuguese creoles of the Indo-European area, language contact, especially with Konkani, also seems to be a driving factor since the same development can be detected in the latter languages. As usual in the context of language change, be its motivation internal or external, no generalizations about the actual result can be made. This is why the overall picture of the use of the comitative marker in the context of verba dicendi as well as recipient and patient marking is of a rather complex and heterogeneous nature. Further east, in the Malayo-Portuguese creole Papia Kristang, the grammaticalization of the comitative has advanced further, also in parallel lines with contact languages of the respective linguistic ecology, namely colloquial Malay and Hokkien Chinese. Further research is needed regarding the grammaticalization of the socia‐ tive/ commitative as recipient and/ or patient marker since there are more cases to be found in the languages of the world (Döhla 2021). The reasons for the less frequent extension of an antecedent to a subsequent role, or vice versa, are more likely to be found in paradigmatic as well as syntagmatic bridging contexts than in relations of semantic proximity of the roles. References Cardoso, Hugo C. (2014). The case of addressees in Dravido-Portuguese. Papia 24 (2), 307‒342. Croft, William (1991). Syntactic Categories and Grammatical Relations: the Cognitive Organization of Information. Chicago/ London: University of Chicago Press. 212 Hans-Jörg Döhla <?page no="213"?> Döhla, Hans-Jörg (2021). When a Companion Becomes a Patient: Differential Object Marking in Ibero-Asian Creoles and Beyond. Unpublished habilitation thesis. Univer‐ sity of Tübingen. Evans, Nicholas/ Wilkins, David (1998). The Knowing Ear. An Australian Test of Universal Claims about the Semantic Structure of Sensory Verbs and Their Extension into the Domain of Cognition (= Arbeitspapier 32, NF). Köln: Institut für Sprachwissenschaft. Kuteva, Tania et al. (2019). World Lexicon of Grammaticalization. 2nd (extensively revised and updated) ed. Cambridge: Cambridge University Press. Laca, Brenda (2006). El objeto directo. La marcación preposicional. In: Company Com‐ pany, Concepción (ed.). Sintaxis histórica de la lengua española. Primera parte: La frase verbal, vol. 1. México D.F.: UNAM/ Fondo de Cultura Económica, 423-475. Mayer, Elisabeth/ Sánchez, Liliana (2021). Emerging DOM patterns in clitic doubling and dislocated structures in Peruvian-Spanish contact varieties. In: Kabatek, Johannes/ Ob‐ rist, Philipp/ Wall, Albert (eds.). Differential Object Marking in Romance: The third wave. Berlin/ Boston: De Gruyter, 103‒137. Selig, Maria (1991). Inhaltskonturen des Dativs - Zur Ablösung des lateinischen Dativs durch ad und zur differentiellen Objektmarkierung. In: Koch, Peter/ Krefeld, Thomas (eds.). Connexiones Romanae: Dependenz und Valenz in romanischen Sprachen. Tübingen: Niemeyer, 187‒211. Verschueren, Jef (1981). Basic linguistic action verbs. Cahiers de Linguistique Française 2, 71‒88. Paradigmatic bridging contexts in object marking 213 <?page no="215"?> 1 Für den aktuellen Forschungsstand sei auf die Arbeiten in den kürzlich erschienenen gleichnamigen Sammelbänden von Kabatek et al. (2021) und Irimia/ Mardale (2023) hingewiesen. Auch die in dieser Festschrift Geehrte hat einen Beitrag zur DOM- Forschung geleistet (Selig 1991). 2 Die Daten entstammen einem umfangreichen Paralleltextkorpus, das vom Autor u. a. im Rahmen mehrerer DFG-Forschungsprojekte (Projektnummern 37960619, 411069456) erstellt wurde und demnächst für Forschungszwecke allgemein zugänglich gemacht werden soll (Kaiser 2025). 3 Dies gilt wohl auch für das Vulgärlatein. Belege für DOM aus der Übergangszeit zwischen dem Vulgärlatein und dem Frühromanischen sind eher als erste Belege für DOM in den romanischen Sprachen anzusehen (Velázquez-Mendoza 2013). Parallele Beobachtungen zur Differenziellen Objektmarkierung im Romanischen Georg A. Kaiser (Konstanz) 1 Einleitung Bekanntlich verfügen viele Sprachen der Welt über die Eigenschaft der differen‐ ziellen Objektmarkierung (DOM), wonach das direkte Objekt eines transitiven Verbs eine besondere Markierung erhält (Bossong 1985; 2021). Diese traditio‐ nell als ‚Präpositionaler Akkusativ‘ bezeichnete Eigenschaft gibt es auch in zahlreichen romanischen Sprachen und Varietäten. 1 In diesem Beitrag wird eine vergleichende Untersuchung dieser Eigenschaft auf der Grundlage von romanischen Paralleltexten, die dem Ersten Buch Samuel des Alten Testaments (1 Samuel 1-31) entnommen sind, vorgelegt. 2 Dabei wird gezeigt, dass ein sol‐ cher Paralleltextvergleich die umfangreiche Variation illustrieren und hilfreiche Erkenntnisse für die Erforschung dieser Eigenschaft liefern kann. 2 DOM in den romanischen Sprachen: Ein Paralleltextvergleich Die Existenz von DOM in den romanischen Sprachen ist zunächst deshalb bemerkenswert, weil im Lateinischen eine solche Markierung nicht existiert. 3 Häufig wird angenommen, dass sie auf den allgemeinen Verlust der Kasusfle‐ <?page no="216"?> 4 Möglicherweise spielt hier die „Standardisierung in distanzsprachlichen Diskursen“ (Selig 2008: 82) eine Rolle, denn in nähesprachlichen Varietäten dieser Sprachen ist DOM durchaus zu beobachten. Dies gilt v. a. für das Italienische (Berretta 1989) und auch für das Französische, wo DOM marginal für pronominale Objekte belegt ist (Ledgeway 2022; Binder/ Stark 2023). 5 Dies gilt allerdings nicht uneingeschränkt. Denn unter bestimmten Umständen ist DOM auch mit nicht-menschlichen oder unbelebten direkten Objekten möglich und teilweise sogar obligatorisch (García García 2014). xion zurückzuführen ist. Allerdings erklärt diese Annahme nicht die sehr unterschiedliche Entwicklung von DOM in den romanischen Sprachen: Wäh‐ rend im Spanischen und Rumänischen, der einzigen romanischen Sprache, die im Nominalbereich eine Kasusflexion erhalten hat, DOM eine besondere Ausprägung erfahren hat, ist sie in den Standardvarietäten des Französischen oder Italienischen nahezu unbekannt. 4 Dies lässt sich beispielsweise anhand der Bibelstelle 1 Sam 18: 11 illustrieren. In der spanischen und rumänischen Übersetzung ist das dort auftretende direkte Objekt David jeweils mit einem Marker (span. a und rum. pe) gekennzeichnet. Diese Markierung ist differen‐ ziell, weil sie nur unter bestimmten Voraussetzungen auftritt, und zwar im vorliegenden Fall, weil das Objekt das Merkmal [+menschlich] trägt. Das andere direkte Objekt, das Wort für ‚Lanze‘, besitzt dieses Merkmal nicht und wird daher nicht markiert. 5 Im Französischen oder Italienischen erhält hingegen keines der beiden Objekte eine Markierung: (1) a. Entonces Saúl arrojó la lanza pensando: „¡Clavaré a David en la pared! “ (Span. 2015) - b. Saul a aruncat sulița, gândindu-se: „Îl voi țintui pe David de zid.“ (Rum. 2006) - c. Saül leva sa lance en se disant: „Je vais clouer David contre la paroi.“ (Franz. 2007) - d. e la scagliò, dicendo: „Inchioderò Davide al muro! “ (Ital. 2006) Anhand des Paralleltextvergleichs lässt sich veranschaulichen, dass DOM auch in zahlreichen anderen romanischen Sprachen und Varietäten vorkommt. Dies ist u. a. im Sardischen ( Jones 2020), hier illustriert am Nuoresischen, und in der bündnerromanischen Varietät des Vallader (Stimm 1986) sowie im Asturia‐ nischen (Corrall Esteban 2019), Galicischen und (europäischen) Portugiesischen (Schäfer-Prieß 2002; Wiskant 2021) der Fall: (2) a. Saul at aggarrau sa lanza pessande: -L’app’a cravare a su muru a Davide! (Nuor. 2006) 216 Georg A. Kaiser <?page no="217"?> b. E Saul schlantschet sia lantscha, perche el pensaiva: Eu vögl fichar a David vi da la paraid. (Vallad. 1953) - c. y Saúl garro la llanza na mano y tiróla con cuenta de clavar a David na parede, […]. (Astur. 2020) - d. e arrebolouna querendo cravar a David contra a parede. (Galic. 2001) - e. E Saul arremessou a lança, dizendo consigo: Encravarei a Davi na parede. (Port. 1968) Die Entwicklung von DOM wird u. a. anhand einschlägiger Skalen bezüglich des Grades der Belebtheit und Definitheit (von Heusinger/ Kaiser 2005: 40) erklärt. Hierbei zeigt sich, dass das Spanische und im eingeschränkteren Maße auch das Rumänische (Stark 2011) die weiteste Entwicklung innerhalb der romanischen Sprachen erfahren haben. In beiden Sprachen kommt DOM nicht nur bei Eigen‐ namen, wie in (1), sondern auch bei Gattungsnamen oder Relativpronomen vor, wie der folgende Satz aus 1 Sam 25: 25 illustriert. (3) a. Pero yo, tu sierva, no vi a los jóvenes de mi señor, a los cuales enviaste. (Span. 2015) - b. Eu însă, slujitoarea ta, nu i-am văzut pe tinerii stăpânului meu, pe care tu i-ai trimis. (Rum. 2006) In den entsprechenden Übersetzungen der romanischen Sprachen, die DOM mit Eigennamen erlauben, tritt hingegen hier keine Markierung auf. (4) a. deo teracca tua no los aio bidos sos zovanos, sennore meu, chi aias imbiau. (Nuor. 2006) - b. Ma eu, tia fantschella, nun ha vis la glieud cha meis signur ha tramiss. (Vallad. 1953) - c. y yo, la to sierva, nun vi los mozos que mandesti hasta nós. (Astur. 2020) - d. A túa serva non viu eses homes que ti, meu señor, manda‐ ches. (Galic. 2001) - e. mas eu, tua serva, n-o vi os mancebos de meu senhor, que enviaste. (Port. 1968) Anhand des Vergleichs von Bibelübersetzungen lassen sich nicht nur solche Unterschiede zwischen einzelnen Sprachen, sondern auch diachronische Ent‐ wicklungen innerhalb einer Sprache erkennen (Enrique-Arias 2009; Kaiser 2015). So zeigt der Vergleich mit früheren spanischen Bibelübersetzungen, dass DOM bei nominalen Objekten und Relativpronomen eine neuere Entwicklung darstellt, da erst in der Übersetzung von 1995 die Objekt-NP markiert ist und das Relativpronomen erst in der Übersetzung von 2015 eine Markierung aufweist (3b). Parallele Beobachtungen zur Differenziellen Objektmarkierung im Romanischen 217 <?page no="218"?> (5) a. Mas yo tu sierua non vy tus hombres seynnor que tu Imbiest (Span. 1250) - b. yo tu sierua non vide los moços de mj sennor que enbiaste (Span. 1450) - c. mas yo tu sierva no vi los criados de mi señor, los cuales tú enviaste. (Span. 1569) - d. pero yo, tu sierva, no vi a los jóvenes que tú enviaste. (Span. 1995) Eine weitere neuere Entwicklung im Spanischen besteht in der Markierung indefiniter Objekte. Vielfach wird angenommen, dass sie von der Spezifizität des Objekts abhängt. So könnte das Fehlen von DOM in einem Satz wie (6) (1 Sam 8: 6) damit erklärt werden, dass hier mit dem Objekt nicht auf einen bereits bekannten, also spezifischen König, sondern auf einen unbestimmten König, den sich das Volk als Regenten wünscht, Bezug genommen wird, was auch durch den Konjunktiv im angeschlossenen Relativsatz ausgedrückt wird: (6) a. Danos un rey que nos juzgue. (Span. 1995) - b. Danos un rey que nos gobierne. (Span. 2015) Allerdings hat die DOM-Forschung gezeigt, dass die Verknüpfung von Spezifi‐ zität und DOM zu vereinfachend ist (Leonetti 2008; RAE 2009: 2639). Dies lässt sich anschaulich anhand der folgenden Sätze aus 1 Sam 16: 16-17 illustrieren. Einerseits deutet die Markierung des Objekts Sohn von Isai und die Verwendung des Indikativs im damit verbundenen Relativsatz darauf hin, dass hier ein bestimmter Sohn gemeint ist, der die Fähigkeit besitzt, ein Instrument zu spielen. Andererseits wird in drei Fällen ein Indefinitpronomen markiert, das als unspe‐ zifisch zu interpretieren ist, weil der verbundene Relativsatz im Konjunktiv steht. Gleichzeitig wird in der Übersetzung von 2015 das Indefinitpronomen auch ohne DOM gebraucht, obwohl dessen Interpretation identisch ist: (7) a. […] que busquen a alguno que sepa tocar el arpa, […]. Buscadme ahora, pues, a alguno que toque bien, y traéd‐ melo. […]. —He visto a un hijo de Isaí de Belén que sabe tocar; (Span. 1995) - b. […] que te busquen a alguien que sepa tocar el arpa; […]. Búsquenme, por favor, alguno que toque bien, y tráiganmelo. […] —He aquí, he visto a un hijo de Isaí, de Belén, que sabe tocar. (Span. 2015) Bemerkenswert ist, dass es in 1 Samuel 1-31 - insgesamt acht - weitere Fälle gibt, in denen sich der DOM-Gebrauch in den beiden modernen spanischen Übersetzungen unterscheidet. In den meisten Fällen handelt es sich dabei um indefinite Objekte, wie in (8) (1 Sam 13: 2), oder um Objekte, die metaphorisch als menschliche Objekte gebraucht werden, wie in (9) (1 Sam 3: 13): 218 Georg A. Kaiser <?page no="219"?> (8) a. escogió a tres mil hombres de Israel; (Span. 1995) - b. Saúl escogió para sí tres mil hombres de Israel; (Span. 2015) - - - - (9) a. Y le mostraré que yo juzgaré su casa para siempre, […]. (Span. 1995) - b. Yo le he declarado que juzgaré a su casa para siempre, […]. (Span. 2015) Des Weiteren gibt es Unterschiede in Sätzen mit ditransitiven Verben. Im untersuchten Korpus findet sich neben dem zweiten Satz in (7) noch das folgende Beispiel (1 Sam 17: 25): (10) a. Al que lo venza, el rey […] le dará a su hija […]. (Span. 1995) - b. Y sucederá que al que lo venza, el rey […] le dará su hija […]. (Span. 2015) Vielfach wird angenommen, dass aufgrund der Verwendung der gleichen Prä‐ position für DOM und zur Markierung des indirekten Objekts im Spanischen die Unterscheidung zwischen beiden Objekttypen in diesen Fällen nicht gewährleis‐ tet ist und DOM daher blockiert ist (RAE 2009: 2648; von Heusinger 2018). Dies könnte die fehlende Markierung in (7b) und (10b) erklären. Bemerkenswert ist allerdings, dass in beiden modernen spanischen Übersetzungen ein (identisches) Beispiel (1 Sam 25: 44) mit DOM in diesem Kontext vorkommt: (11) - pues Saúl había dado a su hija Mical, mujer de David, a Palti hijo de Lais, que era de Galim. (Span. 1995/ 2015) Dies zeigt, dass die Blockierung von DOM nicht uneingeschränkt gilt und Schwankungen unterworfen ist, die von der Einschätzung des Sprechers abhän‐ gen, ob der sprachliche Kontext die Interpretation des direkten Objekts als solches gewährleisten kann. 3 Schlussbemerkung Die Ergebnisse der hier vorgelegten Paralleltextuntersuchung bestätigen die unterschiedliche Verwendung von DOM in den romanischen Sprachen und die Besonderheit des Spanischen, das zusammen mit dem Rumänischen die größte Ausbreitung von DOM erfahren hat. Ein Paralleltextvergleich erlaubt somit aufschlussreiche Einblicke in die Variation zwischen Sprachen einerseits und in die diachrone Entwicklung einer Einzelsprache andererseits. Darüber hinaus kann er für didaktische Zwecke auch in der Fremdsprachenausbildung oder im Hochschulunterricht eingesetzt werden (Burr 2001). Parallele Beobachtungen zur Differenziellen Objektmarkierung im Romanischen 219 <?page no="220"?> Bibliographie Bibelübersetzungen Astur. 2006: La Biblia en llingua asturiana. Sociedad Bíblica de España 2020. Franz. 2007: Segond 21 (SG21). Société Biblique de Genève 2007. <biblega‐ teway.com> Galic. 2001: A Biblia (ABSG). A Sociedade de Estudos, Publicacións e Traballos (SEPT) 2001. <bible.com > Ital. 2006: La Sacra Bibbia Nuova Riveduta (NR). Società Biblica di Gi‐ nevra 2006. <biblegateway.com> Nuor. 2006: La Sacra Bibbia. Volume I. Edizione ufficiale della C.E.I.-- -Conferenza Episcopale Italiana. L’Unione Sarda 2006. Port. 1968: Bíblia Almeida Revista e Corrigida (ARC). Sociedade Bíblica de Portugal 1968. <bible.com> Rum. 2006: Nouă Traducere În Limba Română (NTLR). Biblica 2006. <biblegateway.com> Span. 1250: Biblia prealfonsí (E8/ E6). 1250-1400. Biblioteca del Monasterio del Escorial <bibliamedieval.es> Span. 1450: Escorial I.i.3 (E3). 1425-1450. Biblioteca del Monasterio del Escorial. <bibliamedieval.es> Span. 1569: Biblia Reina-Valera Antigua (RVA). 1569/ 1602. <biblegate‐ way.com> Span. 1995: Biblia Reina-Valera (RVR). United Bible Societies 1995. <bib‐ legateway.com> Span. 2015: Biblia Reina-Valera Actualizada (RVA). Editorial Mundo His‐ pánico 2015. <biblegateway.com> Vallad. 1953: La Soncha Scrittüra. Vegl e Nouv Testamaint. Colloquis d’En‐ giadina 1953. Sekundärliteratur Berretta, Monica (1989). Sulla presenza dell’accusativo preposizionale in italiano settent‐ rionale: note tipologiche. Vox romanica 48, 13-37. Binder, Larissa/ Stark, Elisabeth (2023). Differential object marking in French. Myth or reality? In: Irimia, M. A./ Mardale, A. (Hrsg.), 56-84. Bossong, Georg (2021). DOM and linguistic typology. A personal view. In: Kabatek, Jo‐ hannes/ Obrist, Philipp/ Wall, Albert (Hrsg.). Differential Object Marking in Romance. The Third Wave. Berlin: De Gruyter, 21-36. 220 Georg A. Kaiser <?page no="221"?> Bossong, Georg (1985). Empirische Universalienforschung. Differentielle Objektmarkie‐ rung in den neuiranischen Sprachen. Tübingen: Narr. Burr, Elisabeth (2001). Romance linguistics and corpora of French, Italian and Spanish Newspaper language. In: Fiormonte, Domenico/ Usher, Jonathan (Hrsg.). New Media and Humanities. Research and Applications. Proceedings of the First Seminar Com‐ puter, Literature and Philology. Edinburgh 7-9 September 1998. Oxford: University of Oxford, 85-104. Corral Esteban, Avelino (2019). A study of DOM in Asturian (‘dialectu vaqueiru’). Journal of Language Contact 13, 96-140. García García, Marco (2014). Differentielle Objektmarkierung bei unbelebten Objekten im Spanischen. Berlin: De Gruyter. Enrique-Arias, Andrés (2009). Ventajas e inconvenientes del uso de Biblia Medieval (un corpus paralelo y alineado de textos bíblicos) para la investigación en lingüística histórica del español. In: Enrique-Arias, Andrés (Hrsg.). Diacronía de las lenguas iberorrománicas: nuevas aportaciones desde la lingüística de corpus. Madrid: Ibero‐ americana, 269-283. Irimia, Monica Alexandrina/ Mardale, Alexandru (Hrsg.) (2023). Differential Object Mar‐ king in Romance. Towards Microvariation. Amsterdam: Benjamins. Jones, Michael Allan (2020). Accusativo preposizionale in sardo: elementi strutturali e semantici. In: Remberger, Eva-Maria/ Virdis, Maurizio/ Wagner, Birgit (Hrsg.). Il sardo in movimento. Wien: Vienna University Press, 169-185. Kabatek, Johannes/ Obrist, Philipp/ Wall, Albert (Hrsg.) (2021). Differential Object Mar‐ king in Romance. The Third Wave. Berlin: De Gruyter. Kaiser, Georg A. (2025). Konstanz parallel text corpus. Bible translations. In: Kaiser, Georg A./ Weingart, Anja/ Cordes, Nils/ Krieger, Svenja (Hrsg.). KonCAT. Konstanz Corpus Annotation Tool. Konstanz: Universität Konstanz, Fachbereich Linguistik. Kaiser, Georg A. (2015). Zur Verwendung von Bibelübersetzungen in der (romanisti‐ schen) Sprachwissenschaft. Biblicum Jassyense 6, 5-18. Ledgeway, Adam (2022). Disentangling parameters: Romance differential object marking and the distribution of head and edge features. In: Alboiu, Gabriela/ Isac, Daniela/ Ni‐ colae, Alexandru (Hrsg.). A Life in Linguistics. A Festschrift for Alexandra Cornilescu on her 75th Birthday. Bukarest: Editura Universităţii din Bucureşti, 439-458. Leonetti, M. (2008). Specificity in clitic doubling and in differential object marking. Probus 20, 33-66. RAE = Real Academia Española/ Asociación de Academias de la Lengua Española (2009). Nueva gramática de la lengua española. Sintaxis II. Madrid: Espasa. Schäfer-Prieß, Barbara (2002). O acusativo preposicional na história da língua portu‐ guesa. In: Head, Brian F./ Teixeira, José/ Lemos, Aida Sampaio/ Barros, Anabela Leal Parallele Beobachtungen zur Differenziellen Objektmarkierung im Romanischen 221 <?page no="222"?> de/ Pereira, António (Hrsg.). História da Língua e História da Gramática. Actas do Encontro. Braga: Universidade do Minho, 405-419. Selig, Maria (2008). Geschichte, Variation, Wandel. Sprachwandel und historische Cor‐ pora. In: Stark, Elisabeth/ Schmidt-Riese, Roland/ Stoll, Eva (Hrsg.). Romanische Syntax im Wandel. Tübingen: Narr, 67-86. Selig, Maria (1991). Inhaltskonturen des ‘Dativs’ - Zur Ablösung des lateinischen Dativs durch ad und zur differentiellen Objektmarkierung. In: Koch, Peter/ Krefeld, Thomas (Hrsg.). Connexiones Romanicae. Dependenz und Valenz in den romanischen Spra‐ chen. Tübingen: Niemeyer, 187-211. Stark, Elisabeth (2011). Fonction et développement du marquage différentiel de l’objet direct en roumain, en comparaison avec l’espagnol péninsulaire. Mémoires de la Société de Linguistique de Paris. Nouvelle Série 19, 35-61. Stimm, Helmut (1986). Die Markierung des direkten Objekts durch a im Unterengadi‐ nischen. In: Holtus, Günter/ Ringger, Kurt (Hrsg.). Raetia antiqua et moderna. W. Theodor Elwert zum 80. Geburtstag. Tübingen: Niemeyer, 407-448. Velázquez-Mendoza, Omar (2013). Latín y romance en la Iberia del Medievo tardío y el complemento directo preposicional. Zeitschrift für romanische Philologie 129, 115-127. von Heusinger, Klaus (2018). The diachronic development of Differential Object Marking in Spanish ditransitive constructions. In: Seržant, Ilja A./ Witzlack-Makarevich, Alena (Hrsg.). Diachrony of Differential Argument Marking. Berlin: Language Science Press, 283-310. von Heusinger, Klaus/ Kaiser, Georg A. (2005). The evolution of differential object marking in Spanish. In: von Heusinger, Klaus/ Kaiser, Georg A./ Stark, Elisabeth (eds.). Proceedings of the Workshop „Specificity and the Evolution / Emergence of Nominal Determination in Romance“. Konstanz: Fachbereich Sprachwissenschaft, Universität Konstanz, 33-69. Wiskant, Niklas (2021). Scale-based object marking in Spanish and Portuguese. Leísmo, null objects and DOM. In: Kabatek, Johannes/ Obrist, Philipp/ Wall, Albert (Hrsg.), 213-141. 222 Georg A. Kaiser <?page no="223"?> Zur Geschichte von Optionalität: expletive Negation nach französisch avant que ‘bevor’ Andreas Dufter (München) Die Erfassung, Analyse und theoretische Einordnung sprachlicher Variation gehört seit jeher zu den Hauptarbeitsgebieten der Romanistik. Maria Selig hat hierbei immer wieder auf die Notwendigkeit einer sprachtheoretischen Grundlegung hingewiesen, die neben anthropologischen Rahmenbedingungen auch die „sprachliche Dynamik zwischen Gebrauch und Wissen“ (2017: 129) berücksichtigt, um der „Immanentismusfalle“ (2017: 128) allein sprachsystem‐ bezogener Konzepte von Diachronie zu entgehen. Dieser Beitrag soll an einem Beispiel aus der Geschichte des Französischen illustrieren, dass sich jenseits von big data und universalistischen Grammatikalisierungstheorien auch ein Blick in einzelne Texte und Textsorten lohnen kann, um die Entwicklung von Variation besser zu verstehen. Betrachtet werden soll die Präsenz und Absenz von ne, der vielleicht berühmtesten soziolinguistischen Variable der französischen Syntax überhaupt. Allerdings soll es nicht um den Gebrauch von ne bei semantischer Negation gehen, sondern um expletives ne, um solche Verwendungen also, in denen die optionale Präsenz von ne keinen Einfluss auf die Wahrheitswertbedingungen hat, wie im Vergleich von (1) und (2) zu sehen: (1) Yvan Colonna reproche à M. Sarkozy de l’avoir présenté publiquement comme l’assassin avant qu’il ne soit jugé. (Le Monde 10.07.2009) - ‘Yvan Colonna wirft Sarkozy vor, ihn öffentlich als Mörder dargestellt zu haben, bevor er vor Gericht gestellt wird.’ (2) Détenir un inculpé avant qu’il soit jugé, c’est donc attenter à la liberté d’un homme que la loi même présume innocent. (Le Monde 13.04.1970) - ‘Einen Angeklagten in Haft zu halten, bevor er vor Gericht gestellt wird, ist also ein Angriff auf die Freiheit eines Menschen, der nach dem Gesetz selbst als unschuldig gilt.’ Die französische Grammatik kennt eine ganze Reihe von Kontexten, in denen eine lexikalische Einheit expletives ne lizensiert. Diese Lizensierer bilden aller‐ dings keine geschlossene Liste, sondern können eher als lockeres semantisches <?page no="224"?> Netzwerk beschrieben werden (Larrivée 1994). Syntaktisch begegnet expletives ne zumeist in subordinierten Sätzen. Diese lassen sich in drei Haupttypen unterteilen, nämlich erstens Objektsätze von Prädikaten wie craindre ‘fürchten’ oder empêcher ‘verhindern’, zweitens Vergleichssätze wie il est plus grand qu’il (ne) paraît ‘er ist größer als es scheint’ und drittens Adverbialsätze, vor allem solche, die durch sans que ‘ohne dass’, à moins que ‘außer dass’ oder avant que ‘bevor’ eingeleitet sind. Damit verfügt das Französische über ein ungewöhnlich umfangreiches Spektrum von Lizensierern ( Jin/ Koenig 2021), das sich seit dem 17.-Jh. zudem kontinuierlich erweiterte (Fournier 2004). Allerdings hat seit jeher die optionale Präsenz eines Morphems ohne erkenn‐ baren semantischen Beitrag Grammatiker und selbsternannte Hüter des bon usage irritiert (Fournier 2005). So verwundert es nicht, dass immer wieder versucht wurde, subtile interpretative Unterschiede zwischen Sätzen mit und ohne expletivem ne auszumachen, wobei man ne eine „intensivierende Wir‐ kung“ (Hunnius 2004: 110) zuschrieb, welche die evaluative Bedeutungsebene aktiviere. Solche Thesen mögen für emotive Prädikate wie craindre eine gewisse Plausibilität beanspruchen. In anderen Fällen, etwa bei avant que-Sätzen, er‐ scheint der Rekurs auf Sprechereinstellungen jedoch weniger überzeugend. Immer wieder wurde außerdem versucht, das Skandalon des expletiven ne dadurch zu minimieren, indem man es in eine Rubrik „faits d’archaïsme“ (Meisner et al. 2016) abschob und zu einem grammatischen Fossil (Tahar 2022: 166) erklärte. Larrivée (2014) kommt in seiner Untersuchung des Gebrauchs von ne vom 17. bis 20. Jh. zu dem Ergebnis, dass in den Fällen, in denen ne überhaupt noch Verwendung findet, es sich fast ausschließlich um Kontexte semantischer Negation handelt. Expletives ne, so sein Fazit, sei bereits im 17. und 18. Jh. außerhalb konservativer distanzsprachlicher Texttraditionen marginal. Zu diesem Schluss gelangt Larrivée durch die Auswertung von drei Tagebüchern der Textes français privés des XVII e et XVIII e siècles (Ernst/ Wolf (Hrsg.) 2005), wo von den insgesamt 661 Okkurrenzen von ne gerade einmal 19 (2,9%) Expletiva sind. Im Interviewkorpus CFPP2000 aus den 1990er Jahren schließlich findet Larrivée unter den ersten 300 Vorkommnissen von ne nicht eine einzige expletive Verwendung. Ist expletives ne also nurmehr ein Relikt in einem „registre formel“ (Abeillé/ Godard 2021: 1468)? Muss für das Neufranzösische eine weitgehende „extinction“ (Larrivée 2014: 46) expletiver Verwendungen festgehalten werden? Um diesen Fragen nachzugehen, habe ich in allen zehn Texten der neuen Sammlung Textes français privés des XVIIe et XVIIIe siècles (Ernst 2019) nicht nach ne, sondern nach ausgewählten Lizensierern gesucht und die jeweiligen Anteile von expletivem ne bestimmt. Tabelle 1 zeigt die Ergebnisse: 224 Andreas Dufter <?page no="225"?> # Tokens mit ne # Tokens insgesamt % ne craindre, crainte, peur… que 19 32 59 % avant que 1 17 6 % à moins que 3 3 100 % sans que 4 27 15 % Vergleichssätze 22 24 92 % Tab. 1: Häufigkeit von expletivem ne mit ausgewählten Lizensierern (Korpus Ernst 2019) Sicherlich sind die Zahlen in Tabelle 1 statistisch wenig belastbar. Ein marginaler Status des expletiven ne geht aus ihnen aber keineswegs hervor, außer für avant que. Dies mag verwundern, bilden doch ‘bevor’-Sätze nach Jin/ Koenig (2021) in den Sprachen der Welt den häufigsten Lizensierer für expletive Negationen überhaupt. Für einen Vergleich mit nähesprachlich geprägten Texten seit dem 17. Jh. bieten sich die écrits personnels in Frantext an, auch wenn diese Texte anders als im Korpus Ernst (2019) zumeist von geübten Schreibern verfasst wurden. Eine Durchsicht der avant que-Sätze in diesen écrits personnels ergibt für das 17. und 18. Jh. wie in den textes privés bei Ernst eine nur sporadische Präsenz von expletivem ne, wohingegen ab dem 19. Jh. ein eindrucksvoller Anstieg zu beobachten ist: - # Tokens mit ne # Tokens insgesamt % ne 1600-1699 6 505 1,2 % 1700-1799 7 366 1,9 % 1800-1899 89 542 16,4 % 1900-1999 518 1377 37,6 % 2000- 267 544 49,1 % Tab. 2: Häufigkeit von expletivem ne mit avant que in écrits personnels (Frantext 23.2) Ein ähnliches Bild ergibt sich bei der Auswertung der philosophischen Texte in Frantext, welche als Beispiel für die distanzsprachliche Entwicklung dienen sollen. Auch hier fällt der Anstieg vom 17. bis zum 20. Jh. deutlich aus, wenngleich zu unserer Überraschung etwas weniger stark als für die écrits personnels: Zur Geschichte von Optionalität: expletive Negation nach französisch avant que ‘bevor’ 225 <?page no="226"?> # Tokens mit ne # Tokens insgesamt % ne 1600-1699 2 220 0,9 % 1700-1799 13 195 6,7 % 1800-1899 14 138 10,1 % 1900-1999 45 182 24,7 % Tab. 3: Häufigkeit von expletivem ne mit avant que in philosophischen Texten (Frantext 23.2) Im Falle von avant que sprechen sich die Académie, Remarqueurs und Gramma‐ tiker lange Zeit gegen expletives ne aus (Stauf 1927: 206-210) und stemmen sich so gegen einen aufkommenden Trend auch bei renommierten Autoren des 18. Jh. Erst zu Beginn des 19. Jh. wird in der offiziellen Grammatik avant que… ne akzeptiert und für Fälle, in denen die im Adverbialsatz ausgedrückte Proposition nicht assertiert wird, teilweise sogar gefordert. Nach Tahar (2022: 81-93) erfahren avant que-Sätze eine diachrone Erweiterung von rein temporalen Präzedenzlesarten zu nicht-faktuellen apprehensiven (‘bevor’ > ‘damit nicht’) (3) und frustrativen (‘bevor’ > ‘wenn nicht’) (4), welche in ihrer Analyse die Präsenz von ne begünstigen und für die diachrone Zunahme von ne nach avant que entscheidend sein sollte. Für den frustrativen Gebrauch ist dabei auch im Deutschen expletive Negation bemerkenswert natürlich, und allgemein stellen solche Differenzierungen unterschiedlicher Lesarten in den Sprachen der Welt ein durchaus häufiges Szenario dar (Olguín Martínez 2023). (3) Jim doit attraper le vase grec avant qu’il ne tombe. - Jim muss die griechische Vase fangen, bevor sie herunterfällt.’ (4) Jeanne n’aura pas d’argent avant qu’elle n’ait tondu la pelouse. - ‘Jeanne bekommt kein Geld, bevor sie (nicht) den Rasen gemäht hat.’ (Tahar 2022: 82) Allerdings sind diese nicht-faktuellen Verwendungen in den von uns untersuch‐ ten Frantext-Teilkorpora so selten, dass sie bestenfalls einen kleinen Beitrag zur Erklärung des starken Anstiegs von ne ab dem 19. Jh. zu leisten vermögen. Auch ist es keineswegs so, dass dieser Anstieg flächendeckend erscheint. Vielmehr bestätigen unsere Abfragen in Korpora des gesprochenen Französisch das schon von Larrivée (2014) konstatierte fast durchgängige Fehlen von expletivem ne: In CFPP2000 finden sich bei insgesamt 2587 Okkurrenzen von ne gerade einmal sechs expletive Verwendungen, allesamt in Vergleichskonstruktionen, 226 Andreas Dufter <?page no="227"?> und keine einzige nach avant que, während im Korpus ESLO unter 42 avant que-Sätzen mit finitem Verb wenigstens vier mit expletivem ne erscheinen. Insgesamt lassen sich Thesen einer zunehmenden Marginalisierung des expletiven ne im Neufranzösischen aber nicht durchweg bestätigen. Vielmehr deuten die Befunde auf eine zunehmende Affinität von expletivem ne zu mittleren bis höheren Registern hin. Ähnlich wie im Falle des ne der Negation könnte sich aus einer weitgehend usualisierten Dichotomie von Präsenz und Absenz expletiver Verwendungen - Fournier (2004: 62) spricht für das 17. Jh. von einer „marge réduite de variation“ - eine zunehmend „freiere“ Variation und allmähliche Refunktionalisierung des expletiven ne als stilistische Variable er‐ geben haben. Nach avant que bleibt ne in informellen Registern selten, während seine Häufigkeit in konzeptioneller Schriftlichkeit ab dem 19. Jh. stark zunimmt, auch ohne präskriptiven Druck. Der Abstand zwischen high und low varieties scheint sich also vergrößert zu haben, jedoch anders als beim ne der Negation in diesem Fall aufgrund von Entwicklungen in höheren Registern. Ein globaler diachroner Trend einer Ausweitung oder aber Aufgabe von expletivem ne, wie er in unterschiedlichen, variationell agnostischen Grammatikalisierungsszenarien behauptet wurde, geht dagegen zumindest aus den von uns untersuchten Korpora nicht hervor. Bibliographie Abeillé, Anne/ Godard, Danièle (Hrsg.) (2021). Grande grammaire du français. Arles: Actes Sud. CFPP2000 = Branca-Rosoff, Sonia et al. (2012). Discours sur la ville: Corpus de Français Parlé Parisien des années 2000 (CFPP2000). Abrufbar unter http: / / cfpp2000.univ-pari s3.fr/ (konsultiert am 31.05.2024). Ernst, Gerhard (Hrsg.) (2019). Textes français privés des XII e et XVIII e siècles, 2 Bände. Berlin: De Gruyter. Ernst, Gerhard/ Wolf, Barbara (Hrsg.) (2005). Textes français privés des XVII e et XVIII e siècles. Berlin: Mouton de Gruyter. CD-ROM. ESLO = Enquêtes SocioLinguistiques à Orléans. Orléans: Université d’Orleáns. Abrufbar unter http: / / eslo.huma-num.fr (konsultiert am 31.05.2024). Fournier, Nathalie (2004). Approches théoriques, valeur en langue et emplois du ne dit ‘explétif ’ en français classique. Langue Française 143, 48-68. Fournier, Nathalie (2005). L’évolution du traitement grammatical du ne dit ‘explétif ’, du XVI e au XIX e siècle. In: Badiou-Monferran, Claire (Hrsg.). La langue, le style, le sens. Paris: Ed. L’improviste, 51-62. Zur Geschichte von Optionalität: expletive Negation nach französisch avant que ‘bevor’ 227 <?page no="228"?> Frantext 23.2 = Base textuelle Frantext. Nancy: ATILF-CNRS/ Université de Lorraine. Abrufbar unter www.frantext.fr (konsultiert am 31.05.2024). Hunnius, Klaus (2004). Die französische Negation aus sprachtypologischer Perspektive: das sog. ne ‘explétif ’. In: Gil, Alberto (Hrsg.). Romanische Sprachwissenschaft, Bd.-2. Frankfurt: Peter Lang, 59-76. Jin, Yanwei/ Koenig, Jean-Pierre (2021). A cross-linguistic study of expletive negation. Linguistic Typology 25, 39-78. Larrivée, Pierre (1994). Commentaires explétifs à propos d’un certain emploi de ne. Lingvisticae Investigationes 18, 175-186. Larrivée, Pierre (2014). Reanalysis of negatives as polarity markers? The last 400 years of decline of the French preverbal negative clitic. Lingua 147, 40-49. Meisner, Charlotte/ Robert-Tissot, Aurélia/ Stark, Elisabeth (2016). L’absence et la pré‐ sence du NE de négation. In: Encyclopédie Grammaticale du Français (EGF). Abrufbar unter http: / / encyclogram.fr/ notx/ 008/ 008_Notice.php (konsultiert am 31.05.2024). Olguín Martínez, Jesús (2023). Precedence clauses in the world’s languages: negative markers need not be expletive. STUF - Language Typology and Universals 76, 587- 634. Selig, Maria (2017). Plädoyer für einen einheitlichen, aber nicht einförmigen Sprachbe‐ griff: Zur aktuellen Rezeption des Nähe-Distanz-Modells. Romanistisches Jahrbuch 68, 114-145. Stauf, Ida (1927). Recherches sur „ne“ redondant. Paris: Rousseau & Cie. Tahar, Chloe (2022). La négation explétive: des impératifs aux connecteurs. Approche diachronique et formelle. Thèse de doctorat, Université PSL/ ENS. 228 Andreas Dufter <?page no="229"?> 1 We use NE to refer to both surface forms of the particle, i.e., [nə] as in je ne reste pas ‘I do not stay’ and [n]-as in je n’ai pas ‘I do not have’. Exploring French negation in PFC corpora Christoph Gabriel (Mainz) & Trudel Meisenburg (Osnabrück) State of the art Standard French negation consists of two morphemes, one preceding the finite verb and one following it, e.g., on ne sait jamais ‘one never knows’. The omission of the preverbal particle has been extensively discussed since at least Ashby’s (1976) seminal study on the loss of NE  1 in Parisian French. Several empirical studies use existing data bases, but to our knowledge the corpora compiled by the project Phonologie du français contemporain (PFC available under https: / / www.projet-pfc. net/ ) have not yet been comprehensively evaluated with respect to negation. The only exception is the cursory analysis of negative markers in a small corpus of Réunionnais French carried out by Bordal/ Ledegen (2007), whose data contain only 20 negated finite clauses. However, exploring a larger set of PFC data regarding the use of NE is worthwhile for the following reasons: the survey points cover a wide range of French-speaking regions world-wide as well as a high degree of interspeaker variation related to the background variables of age, gender, and social status. In addition, the recordings represent more and less formal speech styles (guided vs free interviews). Finally, it may turn out to be an advantage that analyzing negation had not been an original purpose of the data collection. The aim of this squib is to link up with a project on the use and perception of NE started in the earlier noughties (Meisenburg 2004) and to put it in a broader context by using a larger portion of the PFC data. In the context of the earlier work, all negated verbs (n=299) were extracted from the interviews conducted in Lacaune (Tarn) and analyzed regarding the presence or absence of NE, which was clearly identifiable in 27% of the cases (n=81). Interestingly, in 31 negated verb forms (10.4%), the phonic surface of the respective string of speech did not allow to determine whether the preverbal particle was present or not, since the potential position of ne was preceded by a nasal vowel and followed by a vowel, i.e., / VnV/ as in on (n’)observait pas ‘one/ we <?page no="230"?> 2 In Bordal/ Ledegen (2008)’s study, these cases amount to 15% (n=3). 3 Armstrong/ Smith (2002: 25) remark that “in very careful speech ne retention could be signalled by lengthening of / n/ ”. 4 We thank Svenja Lippmann (Mainz) for her substantial help with the preparation of the raw data. didn’t observe’ or en (n’)hésitant pas ‘by not hesitating’. 2 Furthermore, a perceptual experiment carried out with 12 listeners (L1 European French) showed that they were unable to perceive the difference between the [ ɑ̃ nevitɑ̃ ] sequences in native productions of en n’évitant jamais ‘by never avoiding’ and en évitant toujours ‘by always avoiding’. Similarly, measurements of the duration of the / VnV/ sequences in the respective tokens, which were carried out on the assumption that the presence of NE might lead to a longer duration of the nasal segment (on (n’)entend [ ɔ ̃ n(ː)ɑ̃ tɑ̃ ]; 3 en (n’)évitant [ ɑ̃ n(ː)evitɑ̃ ]), did not yield meaningful results (t (47) =.892, p=.188; t (46) =-.598, p=.276); see Fig. 1 and Meisner (2016: 134) for a similar outcome. Fig. 1: Durations of the sequences [ɔ ̃ nɑ̃ ]/ [ɑ̃ ne] (m s). Data and methods Our data base consists of the conversations conducted between 2001 and 2007 at 20 survey points by about 25 interviewers with 210 speakers. All survey points are located within the hexagon, ranging from Ogéviller (Grand Est region) and Nantes in the north to Biarritz and Marseille in the south. For each speaker, about 20 minutes of the recordings were orthographically transcribed, corresponding to approximately 4,000 words each. In total, our data base consists of roughly 70 hours of recorded conversation (ca. 840,000 words). 4 We only included negated finite verb forms (n=10,186), which were annotated according to the following subtypes: 230 Christoph Gabriel & Trudel Meisenburg <?page no="231"?> 5 Including tokens which lack the postverbal negation morpheme (n=17, e.g., on ne sait ‘one does not know’). 6 Because of their ambiguity most studies discard these forms from their analyses (Meisner 2016: 134). 7 See Meisner (2016: 68) for a slightly different subgrouping of subjects. 1. finite verb preceded by NE; 5 2. finite verb following / n/ and starting with a vowel; and 3. finite verb without ne. Subtype (2) reflects the fact that in / VnV/ contexts as in on (n’)avait, no decision can be made as to the presence or absence of the preverbal particle: without the negation particle, the underlying / n/ of on has to surface as a liaison consonant, but followed by the negation particle, it is preconsonantal and does not surface. 6 In addition to these three basic distinctions, we coded all tokens according to the syntactic status of the clause (main vs subordinate), the clause type (declarative, interrogative, imperative), and the type of subject of the negated verb. As to the latter factor, which has been identified by Meisner (2016: 164ff.) as decisive for the (non-)realization of NE, we determined the number of different subject types as follows: (1) lexical DP subjects (including proper names); (2) clitic subjects including on and ce, with the null clitic as in (pro) faut pas que je vous montre les photos ‘I don’t need to show you the pictures’ as a subtype; (3) strong personal pronouns without following resumptive clitic as in lui n’en cherche pas ‘he is not looking for one’; (4, 5) the negative morphemes personne and rien in subject function; (6, 7) the indefinite pronouns tout/ tous and chacun; (8) the strong neuter pronoun ça; (9) subject relative clauses headed by qui, ce qui, and ce que. In addition, the tokens were coded for speakers’ age, gender, and geographic origin. First results Based on the entire corpus, negated verb forms without NE (subtype 3) are by far the most frequent (83.8%, n=8538), while the preverbal particle is realized in only 11.5% (n=1174) of the cases (subtype 1). 4.7% (n=474) of the tokens are cases of subtype 2. Tab. 1 provides a summary of the distribution of the three conditions “syntactic status”, “clause type”, and “subject type”. For simplicity’s sake, we conflate declarative and interrogative clauses as well as the subjecttype categories (1) and (3-9) and contrast them with the clitic elements (2), ending up with a simple opposition of heavy vs light subjects. 7 Exploring French negation in PFC corpora 231 <?page no="232"?> main 84.0 (8555) (1) 9.5 (8159) decl+int 99.4 (8503) (1) 9.2 (786) heavy (1) 27.5 (216) - - (2) 4.1 (351) - - (2) 4.1 (351) - (2) 3.4 (27) - - (3) 86.4 (7389) - - (3) 86.6 (7366) - (3) 69.0 (542) - - - 100.0 (8555) - - - 100.0 (8503) - - 100.0 (785) - - - - - - - - light (1) 7.4 (570) - - - - - - - - - (2) 4.2 (324) - - - - - - - - - (3) 88.4 (6824) - - - - - - - - - - 100.0 (7718) - - - - imp 0.6 (52) (1) 55.8 (29) - - - - - - - - 100.0 (8555) (3) 44.2 (23) - - - - - - - - - - 100.0 (52) - - - sub 16.0 (1631) (1) 22.0 (359) decl+int 100.0 (1631) (1) 22.0 (359) heavy (1) 37.8 (190) - 100.0 (10186) (2) 7.5 (123) - - (2) 7.5 (123) - (2) 1.4 (7) - - (3) 70.4 (1149) - - (3) 70.4 (1149) - (3) 60.8 (306) - - - 100.0 (1631) - - - 100.0 (1631) - - 100.0 (503) - - - - - - - - light (1) 15.0 (169) - - - - - - - - - (2) 10.3 (116) - - - - - - - - - (3) 74.7 (843) - - - - - - - - - - 100.0 (1128) Tab. 1: Distribution of negation subtypes across the categories “syntactic status” (main vs sub(ordinate) clause), “clause type” (decl(arative) +int(errogative) vs imp(erative)), and “subject type” (heavy vs light) (% (n)). 232 Christoph Gabriel & Trudel Meisenburg <?page no="233"?> 8 In almost all of the remaining cases, the subject position is occupied by the heavy item personne as in personne (n’)a voulu me croire ‘nobody wanted to believe me’. Regarding the age factor, the data show an increase in the omission of NE in younger speakers across conditions: Ages (1) (2) (3) 10-29 5.7 (190) 4.4 (148) 89.9 (3021) 30-59 14.0 (351) 4.6 (114) 81.4 (2039) 60-93 18.3 (439) 6.0 (143) 75.7 (1811) Tab. 2: Distribution of negation subtypes across age groups (% (n)). By contrast, no substantial differences were found with respect to the factor gender, male speakers omitting NE only slightly more than females. - (1) (2) (3) F 12.9 (585) 4.6 (210) 82.5 (3741) M 10.6 (395) 5.2 (195) 84.1 (3128) Tab. 3: Distribution of negation subtypes across genders (% (n)). In many respects, our initial analyses confirm the findings of earlier studies (for an overview see Meisner 2016: 13 ff.): as the age correlation shows, NE is still on the decline, but clear patterns can be observed in its distribution. Thus, heavy subjects favor the use of NE over light ones, and the particle is more common in subordinate than in main clauses. Finally, the negated imperative still seems to be a stronghold for NE. Interestingly, of the 474 items of type (2), where we cannot tell whether NE is present or not, the subject consists of the clitic on in 93.2% (n=442) of the cases. 8 In type (1), on is the subject in 57 cases (on ne parle pas assez ‘one does not speak enough’), whereas in type (3), it occurs in subject function in 459 cases (on parle pas ‘we do not speak’). Assuming a similar distribution of NE among the on subjects of type (2), we could attribute 11.7% of them to type (1) and the rest to type (3). Such interpolations, however, as well as many other aspects of data exploitation still require thorough analyses and interpretation. Exploring French negation in PFC corpora 233 <?page no="234"?> References Armstrong, Nigel/ Smith, Alan (2002). The influence of linguistic and social factors on the recent decline of French ne. Journal of French Language Studies 12, 23-41. Ashby, William J. (1976). The loss of the negative morpheme, ne, in Parisian French. Lingua 39, 119-137. Bordal, Guri/ Ledegen, Gudrun (2007). Le français de la Réunion. Lexique, morphosyn‐ taxe, alternance codique et prononciation. Bulletin PFC 7, 121-133. Meisenburg, Trudel (2004). Questions de ne. Huitièmes Journées PFC, Paris, Nov 11. Available under https: / / www.home.uni-osnabrueck.de/ tmeisenb/ PFC4_meisenburg.pdf (accessed on 28/ 09/ 2023). Meisner, Charlotte/ Robert-Tissot, Aurélia/ Stark, Elisabeth (2016). L’absence et la pré‐ sence du NE de négation. Encyclopédie Grammaticale du Français. Available under http: / / www.encyclogram.fr/ notx/ 008/ 008_Notice.php (accessed on 28/ 09/ 2023). Meisner, Charlotte (2016). La variation pluridimensionnelle. Une analyse de la négation en français. Bern: Lang. 234 Christoph Gabriel & Trudel Meisenburg <?page no="235"?> 1 Weitere Ausführungen zum Forschungsstand finden sich in Grandi/ Körtvélyessy (2015), für die romanischen Sprachen Schafroth (2024). Auf die lateinische Grundlage der meisten der hier behandelten Suffixe kann an dieser Stelle nicht eingegangen werden (vgl. Meyer-Lübke 1894: § 578-591; Dębowiak 2014: 53; Schafroth 2024). Evaluative Verbalsuffixe in den romanischen Sprachen Elmar Schafroth (Düsseldorf) 1 Einleitung Die Suffigierung ist einer der häufigsten und produktivsten Wortbildungspro‐ zesse in den romanischen Sprachen. Ableitungsverfahren wie die evaluative Verbalsuffigierung, im Italienischen auch als verbi alterati, auch alterati verbali, bekannt (z. B. it. dormicchiare ‚dösen‘ ← dormire), sind hingegen nicht oder kaum produktiv, aber dafür semantisch und pragmatisch auffallend komplex. In diesem kurzen Abriss sollen die evaluativen Verbalsuffixe (EVS) im Mittelpunkt der Betrachtung stehen. 2 Grundeigenschaften der evaluativen (verbalen) Suffigierung Die evaluative Morphologie befasst sich mit der Bewertung der außersprach‐ lichen Realität unter dem Gesichtspunkt der Quantität (groß vs. klein) und der Qualität (gut, schlecht, schön, böse, etc.) mittels Derivation. Der Terminus evaluative suffixes wurde von Scalise (1984: 131−136, pass.) geprägt. Ihm zufolge sind diese „on the borderline between derivation and inflection“ (ibid.: 131). Folglich sollte die evaluative Morphologie als eigenständiger Zweig der Mor‐ phologie betrachtet werden. Stark flektierende Sprachen weisen eine besonders große Anzahl an evaluativen Markern und Suffixen auf. Dazu gehören die slawischen und romanischen Sprachen, insbesondere Italienisch, Spanisch und Portugiesisch. 1 <?page no="236"?> 2 Diese Merkmale beziehen sich bei Scalise nicht nur auf Verben, sondern auch auf genusflektierende Wortarten (vor allem Substantive und Adjektive). Beispiele werden jedoch nach Möglichkeit nur zu den Verbalsuffixen gegeben. Kurz zusammengefasst sind evaluative Suffixe (ES) durch die folgenden Merk‐ male gekennzeichnet (vgl. Scalise 1984: 132-f., Grandi/ Körtvélyessy 2015: 3): 2 a) Die Wortart der Basis bleibt unverändert: z. B. sp. cantar → canturrear ‚leise vor sich hinsingen‘, port. beber → bebericar ‚nippen‘; b) Die syntaktischen und semantischen Merkmale der Basis (z. B. Abstrakt‐ heit, Genus, Aktionsart) oder ihr Subkategorisierungsrahmen (Rektion) werden nicht verändert: it. letto → lettino ([- abstrakt]), it. idea → ideuzza [+ abstrakt]), it. giocare → giocherellare ([- transitiv]), it. mangiare → mangiucchiare ([+ transitiv]); c) Die Semantik der Basis ändert sich (it. lume ,Lampe‘ → lumino ‚Lämpchen‘; macchina ,Auto‘ → macchinina ‚Spielzeugauto‘ [lexikalisiert]); d) Evaluative Affixe erlauben bis zu einem gewissen Grad die konsekutive Anwendung von mehr als einer Regel desselben Typs (Aneinanderreihung von (zwei) evaluativen Suffixen), wobei bei jeder Anwendung das Ergebnis ein existierendes Lexem ist: it. fuoco → fuocherello → fuocherellino); e) Wenn ein weiteres Derivationsmorphem an einem Wortbildungsprozess beteiligt ist, folgen ES immer diesem Morphem und sind dann selbst den Regeln der Flexionsmorphologie unterworfen: contrabbandierucoli (-i Fle‐ xionsmorphem ‚Plural‘) ← contrabbandierucolo (-ucolo ES ‚Pejoration‘) ← contrabbandiere (-iere Derivationssuffix ‚Nomen agentis‘) ← contrabbando (Basis ‚Schmuggel‘); f) ES erlauben, wenn auch in begrenztem Umfang, die wiederholte Anwen‐ dung der gleichen Regel auf benachbarte „Zyklen“ (z. B. carinino ← caro + -ino + -ino). Bei Grandi/ Körtvélyessy (2015: 3) werden hier (phonotaktische) Anpassungsregeln genannt, die zwischen Basis und ES greifen. Laut Scalise (1984: 131−136) sind die Eigenschaften a) und b) typisch für die Flexionsmorphologie, während c) und d) mit den Merkmalen von Derivations‐ morphemen übereinstimmen; e) und f) hingegen seien weder derivationell noch flexivisch, sondern eine Besonderheit evaluativer Suffixe. Auf der Grundlage dieser Schlussfolgerung schlägt der Autor einen separaten Block von Evalua‐ tivregeln innerhalb einer gestuften Morphologie vor, die folgende Reihung abbildet: (Basis +) Wortbildungsregeln + Evaluativregeln + Flexionsregeln (s. das Beispiel contrabbandierucoli). Da es im Folgenden ausschließlich um deverbale Suffixe zur Bildung neuer Verben gehen wird (EVS), spielen einige der genannten Kriterien nur eine 236 Elmar Schafroth <?page no="237"?> 3 Zwar ändert sich die generische lexikalische Bedeutung nicht (it. dormire/ dormicchiare, piangere/ piagnucolare - der Vorgang des Essens und Schlafens wird nicht tangiert). Aber es tritt eine evaluative Bedeutung hinzu, also Abschwächung/ Verstärkung, Iteration, Frequenz, Pejoration/ Melioration (weitere s. Mayrhofer 1993: 37−72) - einzeln oder kombiniert, zusätzlich ggf. auch die illokutive Funktion des Ausdrucks der Verärgerung o.-Ä. seitens des Sprechers. Vgl. Kap. 4. untergeordnete oder gar keine Rolle, vor allem e). 3 Bei einem evaluativen Verb wie it. piagnucolare ‚wimmern‘ (← piangere) sind die Merkmale a), b) und c) evident; Merkmal f) ist im Sinne einer phonotaktischen Optimierung ebenfalls vorhanden ([nʤ] vs. [ɲ]), und diachron (vgl. Mayrhofer 1993: 79) wird auch Merkmal d) realisiert (-icolare < -icare + -olare, z. B. in dormicolare ‚schlummern, dösen‘). Was die beiden Grundwerte ‚Diminution‘ und ‚Augmentation‘ betrifft, be‐ steht in der Fachliteratur Uneinigkeit darüber, ob es Suffixe gibt, die ausschließ‐ lich denotativ sind, also eine kleine oder große Eigenschaft des bezeichneten Objekts bezeichnen, und solche, die rein evaluativ sind (pejorativ etc.) (vgl. Dębowiak 2014: 36−39). Es ist davon auszugehen, dass diese beiden Komponen‐ ten in den meisten Fällen nur schwer voneinander zu trennen sind und der jeweilige Kontext entscheidend ist. Jedes einzelne evaluativ modifizierte Derivat kann deshalb als spezifische Mischung aus diesen beiden Parametern betrachtet werden (vgl. Kap. 4). In einigen Fällen kann ein Derivat sogar je nach Kontext unterschiedliche semantische Lesarten haben: fischiettare als Abschwächung von fischiare im Sinne von ‚mandare piccoli fischi‘ (Treccani) oder von ‚fischiare allegramente un motivo musicale‘ (Zingarelli). 3 Evaluative Verbalsuffixe in Wörterbüchern, Korpora und aus Sicht von Sprecher/ innen Alle großen einsprachigen Wörterbücher des Italienischen und Französischen lemmatisieren die gängigen Verbalsuffixe, einschließlich der evaluativen Suf‐ fixe. Für die anderen romanischen Sprachen wurde auf die Fachliteratur zurück‐ gegriffen. Die semantischen Beschreibungen von evaluativen Verbderivationen sind in der Lexikographie teilweise (sehr) unterschiedlich. Dies gilt auch für die lemmatisierten Suffixe. Laut GRADIT hat das Suffix -ucchiare einen abschwä‐ chenden und frequentativen Wert, manchmal mit pejorativer Konnotation, bei Treccani ist es abschwächend und pejorativ, in anderen Wörterbüchern wiederum abschwächend und iterativ. Evaluative Verbalsuffixe in den romanischen Sprachen 237 <?page no="238"?> Die folgenden Überlegungen beziehen sich auf die sprachliche Produktivität und die sprecherseitige Akzeptanz neuer (d. h. potentieller) Formen nach dem Muster der evaluativen Verbalderivation. Wenn wir in einem ersten Schritt Produktivität als „Möglichkeit von Neubildungen“ (Rainer 1987: 190) definieren, stellt sich die Frage, ob es auch Abstufungen in der Produktivität von Mustern oder besser noch Konstruktionen im Sinne der Konstruktionsgrammatik gibt. Was die EVS betrifft, so können diese Muster sicher als Form-Bedeutungs-Paare, also als Konstruktionen, angesehen werden. Im Hinblick auf die Frage der Pro‐ duktivität ist es sinnvoll, von Semiproduktivität auszugehen. Der Unterschied zur vollen Produktivität besteht darin, dass im Falle der Semiproduktivität akzeptable Instanzen einzeln gelernt und gespeichert werden müssen. Oft haben Sprecher das Gefühl, dass eine neue Form ungewöhnlich oder amüsant klingt. Auch können sie in der Regel beurteilen, ob sie eine Form bereits gehört haben. Genau dieses Phänomen trifft sicher auch auf die evaluativen Suffixe zu. Die digitale Korpuslinguistik ist ein effektives Mittel, um sich einen Überblick über die Existenz, Häufigkeit oder auch Salienz sprachlicher Einheiten zu ver‐ schaffen. Dabei ist natürlich Vorsicht geboten: Mehrfach angezeigte identische Belege, Okkasionalismen und fehlerhafte Treffer müssen selbstverständlich identifiziert und eliminiert werden. Werden diese Regeln beachtet, können Kor‐ pora helfen, die Produktivität von sprachlichen Mustern und Konstruktionen zu überprüfen. Als Neologismen können dabei solche Bildungen betrachtet werden, die (noch) in keinem Wörterbuch stehen. Dies gilt für die folgenden Typen (die Belegzahlen beziehen sich auf das gesamte Korpus [itTenTen16]): scavicchiare (4) (← scavare ‚ausgraben, aushöhlen, nachforschen‘), scopacchiare/ scopicchiare (5) (← scopare vulg. ‚koitieren‘), tocchicchiare (4) (← toccare ‚berüh‐ ren‘). Ein weiterer neuer Typ ist cavicchiarsela ← cavarsela ‚zurechtkommen‘, mit abschwächender Wirkung. Es wird hauptsächlich in der 1. Person Singular „verwendet“, z. B. „Come va? - Me la cavicchio! “ („Ich komm’ schon zurecht! “, o.-Ä.). Eine weitere Möglichkeit, die Produktivität von Sprachmustern und gleich‐ zeitig die Akzeptanz von Neubildungen zu überprüfen, sind Befragungen von Muttersprachler/ innen. Vgl. hierzu Schafroths (1998) Enquête unter italieni‐ schen Gymnasiasten, die einen relativ hohen Grad an lexikalischem Verstehen, aber auch eine beträchtliche Streuung in der Akzeptanz „neuer“ (d.-h. erfunde‐ ner) EVS zeigt, z. B. scrivacchiare (← scrivere), trotz des lexikalisierten Verbs scribacchiare, ferner ascolticchiare (← ascoltare), discuticchiare (← discutere) und sciacchiare (← sciare ‚Ski fahren‘). 238 Elmar Schafroth <?page no="239"?> 4 Greenberg (2010: 119) definiert pluractionality als „the phenomena [sic] where a certain derivational morphological marking on a verb (gemination, affixation, and many times partial or full reduplication), indicates that the event denoted by this verb is, in some sense, pluralized: repeated in time, distributed in various locations, holds of many participants, etc.“ 4 Schlussbemerkungen zu den evaluativen Verbalsuffixen in den romanischen Sprachen Unter Bezugnahme auf die in Kap. 2 skizzierten allgemeinen Wesenszüge evaluativer (verbaler) Suffixe sollen nun einige zusammenfassende und sprach‐ vergleichende Überlegungen zu EVS in den romanischen Sprachen angestellt werden. Verben, die durch evaluative Suffigierung abgeleitet werden, gehören in der Regel der regulären (im Lateinischen ersten) Konjugation an (port., sp., kat. -ar, fr. -er, it. -are, lad. -é/ -ë, rum. -a), und zwar unabhängig von der Konjugation der verbalen Basis, z. B. it. saltellare, piovigginare, tossicchiare ← saltare, piovere, tossire, sp. chupetear, comiscar, dormitar ← chupar, comer, dormir usw. Diese Beobachtung betrifft die formale Seite der evaluativen Verben. Weitaus wichtiger sind jedoch die funktionalen und semantischen Merkmale. Was Erstere angeht, lohnt es sich, den Begriff der ‚Pluraktionalität‘ (pluractio‐ nality) mit ins Spiel zu bringen (vgl. Mattiola 2019). Aus typologischer und konstruktionsgrammatischer Sicht wird darunter die morphologische Modifi‐ kation des Verbs verstanden, die eine Reihe von „Situationen“ ausdrücken kann, die ihrerseits wiederum mehrere Akteure und/ oder Räume involvieren können. „Pluraktionale Konstruktionen“, zu denen evaluative Verbderivationen gezählt werden, erfüllen Funktionen wie Iterativität (die Wiederholung findet in ein und derselben Situation statt) und Frequentativität (die Wiederholung findet über mehrere Situationen hinweg statt), aber auch Intensität, ereignisinterne Habitualität und generische Imperfektivität. 4 Bei einem Vergleich der semantischen und pragmatischen Eigenschaften von evaluativen Verbsuffigierungen in den romanischen Sprachen lassen sich meh‐ rere Merkmale zusammenfassen. EVS sind durch folgende Eigenschaften ge‐ kennzeichnet: A) eine schwach oder unvollständig bzw. unvollkommen ausgeführte Hand‐ lung (abschwächende Funktion), B) eine intensivierte Handlung (intensivierende Funktion), C) eine wiederholte oder häufig ausgeführte Handlung (iterative oder fre‐ quentative Funktion), Evaluative Verbalsuffixe in den romanischen Sprachen 239 <?page no="240"?> D) Abwertung und/ oder Kritik an der Handlung (pejorative Funktion), E) Melioration (hypokoristische oder euphemistische Funktion). Was die Interaktion dieser semantischen Merkmale betrifft, so lässt sich fest‐ stellen, dass 1. nur wenige Suffixe nur einen dieser semantischen oder konnotativen Werte ausdrücken (am ehesten A und D), 2. es in keiner romanischen Sprache ein evaluatives Suffix gibt, das aus‐ schließlich Melioration ausdrückt, 3. evaluative Suffixe oft entweder abschwächend oder verstärkend und zu‐ sätzlich iterativ und/ oder pejorativ, jedoch selten meliorativ sind, 4. etymologisch und formal analoge Suffixe in den verschiedenen romani‐ schen Sprachen (wie lat. - U C U LA R E > it. -ucchiare, sp. -ujar, fr. -ouiller) ähnliche, aber keineswegs identische Bedeutungen und Konnotationen aufweisen, 5. selbst ein und dasselbe Suffix in einer romanischen Sprache je nach Basis eine andere Bedeutung oder Konnotation ausdrücken kann, und dass 6. selbst ein und dasselbe wertende verbale Derivat je nach Kontext, Ein‐ stellung und Absicht des Sprechers unterschiedliche semantische und konnotative Nuancen enthalten kann. Analoge Bedeutungen und Konnotationen können in den romanischen Spra‐ chen durch etymologisch unterschiedliche Suffixe ausgedrückt werden, was die begriffliche Kontiguität der evaluativen Verbalsuffixe unabhängig von ihrem Si‐ gnifikanten unterstreicht. Folglich kann ein Begriff wie ‚leise vor sich hinsingen‘ in den romanischen Sprachen wie folgt ausgedrückt werden (ohne Berücksichti‐ gung unterschiedlicher konnotativer Nuancen): sp. canturrear, port. cantarolar, fr. chantonner, it. cantucchiare, canterellare, kat. cantussar, galicisch cantaruxar, friaulisch cjantuçâ. Die meisten evaluativen Verbderivate, die zur Alltagssprache gehören, sind konventionell und in der Regel in Wörterbüchern verzeichnet. Dies schließt jedoch nicht aus, dass, wie in Kap. 3 gesehen, einige dieser Suffigierungsmuster produktiv sind. Schließlich gilt für die EVS aller romanischen Sprachen das, was Rainer (1993: 234) für das Spanische anmerkt: Auch wenn einige der Verbalsuffixe formal und semantisch den nominalen und adjektivischen Augmentativ-, Diminutiv- oder Pejorativsuffixen ähneln, lassen sich daraus keine direkten Analogien und schon gar keine allgemeinen Regeln ableiten. Vielmehr kann von einer funktionalen „Fragmentierung“ verwandter Suffixe ausgegangen werden. 240 Elmar Schafroth <?page no="241"?> Hinsichtlich der evaluativen Verbalsuffigierungen wurde gezeigt, dass die beiden Parameter Quantität und Qualität in allen romanischen Sprachen weder stabil noch vorhersagbar sind, sondern von der Bedeutung des zugrunde liegen‐ den Verbs, dem situativen Kontext und der Einstellung der Sprecher abhängen. Bibliographie Dębowiak, Przemyslaw (2014). La formation diminutive dans les langues romanes. Frankfurt a.-M.: Lang. GRADIT = De Mauro, Tullio (Hrsg.) (2000). Grande dizionario italiano dell’uso. 6 Bde. Bd.-7: Nuove parole I (2003), Bd.-8: Nuove parole II (2007). Turin: UTET. Grandi, Nicola/ Körtvélyessy, Livia (Hrsg.) (2015). Edinburgh Handbook of Evaluative Morphology. Edinburgh: Edinburgh University Press. Greenberg, Yael (2010). Event internal pluractionality in Modern Hebrew: A semantic analysis of one verbal reduplication pattern. Brill’s Annual of Afroasiatic Languages and Linguistics 2, 119-164. itTenTen16 = Italian Web Corpus (2016). Abrufbar unter https: / / www.sketchengine.eu (konsultiert am 18.9.2019). Mattiola, Simone (2019). Typology of Pluractional Constructions in the Languages of the World. Amsterdam: John Benjamins. Mayrhofer, Silvia (1993). Diminutiv- und Augmentativformen in der zeitgenössischen italienischen Standardsprache und ihre Äquivalenzen im Deutschen. Innsbruck: Institut für Romanistik der Universität Innsbruck. Meyer-Lübke, Wilhelm (1894). Grammatik der Romanischen Sprachen. Bd. II: Romani‐ sche Formenlehre. Nachdruck 1972. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Rainer, Franz (1993). Spanische Wortbildungslehre. Tübingen: Niemeyer. Rainer, Franz (1987). Produktivitätsbegriffe in der Wortbildungstheorie. In: Dietrich, Wolf/ Gauger, Hans-Martin/ Geckeler, Horst (Hrsg.). Grammatik und Wortbildung romanischer Sprachen. Tübingen: Narr, 187-202. Scalise, Sergio (1984). Generative Morphology. Dordrecht: Foris. Schafroth, Elmar (2024). Verb formation by means of suffixes in the Romances languages. In: Loporcaro, Michele et al. (Hrsg.). Oxford Encyclopedia of Romance Linguistics. Oxford: Oxford University Press. Schafroth, Elmar (1998). Produttività e accettabilità dei verbi in -icchiare, -acchiare, -ucchiare. In: Ruffino, Giovanni (Hrsg.). Atti del XXI congresso internazionale di linguistica e filologia romanza. Vol. III: Lessicologia e semantica delle lingue romanze. Tübingen: Niemeyer, 793-805. Treccani = Vocabolario Treccani on line. Abrufbar unter http: / / www.treccani.it/ vocabo‐ lario/ (konsultiert am 14.04.2024). Evaluative Verbalsuffixe in den romanischen Sprachen 241 <?page no="242"?> Zingarelli = Lo Zingarelli on-line ((2023) [1993]). Vocabolario della Lingua Italiana di Nicola Zingarelli. 12. Aufl. Bologna: Zanichelli. Abrufbar unter https: / / u.ubidictionar y.com/ viewer/ #/ dictionary/ zanichelli.lozingarelli16 (konsultiert am 14.04.2024). 242 Elmar Schafroth <?page no="243"?> Un principio di (ri)classificazione dei verbi rumeni Lorenzo Filipponio (Genova) 1. Il vocalismo tonico del rumeno (e di tutte le varietà dacoromanze, includendo quindi anche aromuno, meglenorumeno e istrorumeno) è caratterizzato dall’a‐ simmetria di partenza e da due ondate di dittongazioni ascendenti. La prima è quella romanza, ovvero la dittongazione ascendente delle mediobasse, che alcuni studiosi considerano un’espansione o rianalisi di un’originaria dittongazione metafonetica (cf. Maiden 2016), ma che va forse considerata una regolare evoluzione di una vocale rilassata sotto pressione accentuale (cf. Filipponio in stampa). Data l’asimmetria, che distingue per la serie anteriore una medioalta da una mediobassa ma che nella serie posteriore ha una sola vocale media, la dittongazione romanza intercetta soltanto la vocale mediobassa anteriore (pace Lausberg 1971: § 197) e, come in castigliano e al contrario del galloromanzo settentrionale (poi francese), non è condizionata dalla struttura sillabica. (1) - castigliano francese rumeno - *mĕle miel miel miere - fĕrru(m) hierro fer fier Il dittongo è bloccato da una nasale postonica, che innalza la vocale (che successivamente raggiunge il massimo grado di chiusura: A R G ĔN T U ( M ) > argint), e da un nesso precedente di muta cum liquida (* P R ĔT J U ( M ) > preţ), secondo una tendenza che si manifesta a partire dal XV secolo anche in toscano (prima per il dittongo anteriore, priego > prego; successivamente per quello posteriore, truovo > trovo) e che probabilmente è favorita dalla complessità del triplo attacco sillabico di muta+liquida+approssimante. La seconda ondata dittongante è peculiare del dacoromanzo: essa intercetta tutte le vocali medie, compreso l’elemento vocalico del dittongo romanzo, allineatosi allo stesso grado in un sistema divenuto pentatimbrico (/ i e ɛ a o̞ u/ > / i <?page no="244"?> e̞ je̞ a o̞ u/ ), quando la vocale finale non è alta. In assenza di vocali postoniche, il dittongo ha libero corso. (2a) H Ĕ R B A ( M ) > *i̯earbă > iarbă vs. F Ĕ R R U ( M ) > fier (v. (1)) (2b) S Ē R A ( M ) > seară vs. * S Ē R I > seri (2c) R ŎT A ( M ) > roată vs. R ŎT I > roţi (2d) S T E T > stea; ungherese nem > neam ‘popolo’ Sono dunque le vocali alte a bloccare il fenomeno. Si può ipotizzare che esse per metafonia abbiano creato un allofono medioalto delle vocali medie, altrove realizzate come mediobasse, non sottoposto a dittongazione (cf. Loporcaro 2011: 129). A ben vedere, questo passaggio intermedio non è necessario: per lo sviluppo di una dittongazione ascendente è sufficiente che la vocale sia [-tesa], caratteristica attribuibile alla medie del sistema dacoromanzo divenuto pentatimbrico; inoltre, vista la natura del dittongo, con intacco timbrico della seconda parte della vocale in direzione centralizzante-abbassante, non sarà sorprendente che vocali finali periferiche e alte abbiano potuto bloccare il processo, anche senza aver provocato una preliminare differenziazione. 2. Quale che sia la ricostruzione più verosimile, l’insorgere della dittongazione dacoromanza crea vaste allomorfie radicali. Non mi soffermo qui su quelle degli aggettivi e dei sostantivi (v. sopra 2b-2c), ma mi concentro su quelle delle coniugazioni verbali: selezionate dunque le radici con vocale media, un particolare oggetto di interesse è costituito dal presente indicativo dei verbi della prima coniugazione, qui esemplificato da a pleca ‘partire’ e a ruga ‘chiedere, pregare’. (3) a pleca 1 2 3 4 5 6 - ind.pres. plec pleci pleacă plecăm plecaţi pleacă (4) a ruga 1 2 3 4 5 6 - ind.pres. rog rogi roagă rugăm rugaţi roagă Oltre all’alternanza tra celle rizotoniche con (3, 6) e senza (1) dittongo oggetto della nostra attenzione, compongono l’allomorfia radicale una cella rizotonica 244 Lorenzo Filipponio <?page no="245"?> con palatalizzazione (2) e due rizoatone (4, 5: nel caso di a ruga con innalza‐ mento), per un totale di quattro basi differenti. 3. Come è noto, nel verbo romanzo la comunissima alternanza tra celle rizo‐ toniche (1 2 3 6) e rizoatone (4 5) è la causa dei mutamenti fonologici che provocano l’allomorfia radicale alla base dello schema morfomico a N, che attrae sia i paradigmi suppletivi come quello di andare e di aller sia i paradigmi con ampliamento - E S C / I S C e con ampliamento - ID J - (cf. Meul 2013). Quest’ultimo si manifesta secondo questo schema principalmente (cf. Maiden 2018: 176) in corso, lucano meridionale, ladino e in generale in balcanoromanzo, laddove nella maggior parte delle varietà romanze - ID J si è continuato come suffisso integrato alla base del verbo (cf. sp. guerrear, fr. guerroyer, con -oyer oggi non più produttivo, it. guerreggiare, con -eggiare assai produttivo, cf. Tronci 2019). La prima coniugazione rumena presenta dunque all’indicativo e al congiun‐ tivo presente anche lo schema a N con ampliamento, caratterizzato dall’assenza di allomorfia radicale, come mostra l’indicativo presente di a forma, in cui tutte le celle hanno la base formatona. (5) a forma 1 2 3 4 5 6 - ind.pres. formez formezi formează formăm formaţi formează Questo schema si è sviluppato in epoca predocumentaria e ha intercettato, secondo i conteggi di Lombard (1954-55: 490), una cinquantina di verbi di diretta derivazione latina. Sempre seguendo Lombard (1954-55: 487), è possibile ipotizzare che in origine anche questi verbi avessero una coniugazione senza ampliamento, effettivamente mantenutasi in alcuni composti prefissati, come nel caso di * DI S + C R U E NTA R E > a descrunta (descrunt ecc.) rispetto alla base a crunta (cruntez ecc.). A partire da una certa fase, lo schema di coniugazione con ampliamento e annullamento dell’allomorfia radicale è rimasto l’unico produttivo: negli ultimi decenni, tutti i neologismi (una «avalanche» staccatasi a partire dalla fine dell’Ottocento secondo Lombard 1954-55: 500) sono stati assorbiti da essa. 4. Rimane però, nel mezzo, un pacchetto di verbi caratterizzato dal fatto di non avere né dittongamento, né aumento: in questo caso, l’allomorfia radicale è ridotta all’alternanza tra radici rizotoniche e radici rizoatone. Si vedano le coniugazioni dell’indicativo presente di a spera e a adora, nella quale è possibile osservare anche il mancato innalzamento di o nelle celle rizoatone (al contrario di a ruga): Un principio di (ri)classificazione dei verbi rumeni 245 <?page no="246"?> (6) a spera 1 2 3 4 5 6 - ind.pres. sper speri speră sperăm speraţi speră (7) a adora 1 2 3 4 5 6 - ind.pres. ador adori adoră adorăm adoraţi adoră Si tratta, nella grande maggioranza dei casi, di neologismi provenienti dalle lingue romanze occidentali (cf. Lombard 1954-55: 90, 139), soprattutto dal fran‐ cese: cronologicamente, possiamo collocare il loro ingresso in corrispondenza della stagione di (ri)romanizzazione promossa dalla Scuola Transilvana, quindi a partire dalla seconda metà del Settecento. Il motivo della mancanza di dittongazione viene fatto risalire da Lombard (1954-55: 91) a un fattore diastratico: Le maintien de e devant -ă a quelque chose d’artificiel : il s’explique par un souci de ne pas rendre le radical du mot roumain trop différent du mot de la langue d’origine […]. Le maintien de la voyelle suppose une connaissance des langues étrangères, notamment du français. Et cette connaissance, on le sait, était longtemps, et encore hier, très vivante dans les classes cultivées de la Roumanie. Ma vi sono numerose eccezioni, che lo studioso spiega o con l’ingresso nel basi‐ letto (1954: 91-92: è il caso di a observa: obsearvă, ma «[c]es variables populaires, reprouvées, sont plutôt accidentelles; il est difficile d’en faire l’inventaire»), o con pressioni analogiche, invero non senza difficoltà: Negá, qui fait neagă, serait-il un mot populaire? Les étymologistes ne semblent pas le penser […]. En tout cas denegá, qui fait deneagă, ne l’est pas […]. Mais il est plus probable que nega, suivi de denega, doit sa diphtongue ea au caractère monosyllabique de son radical (cf. cependant cedá cédă (vieilli), sperá speră), qui lui conférait une certaine ressemblance extérieure avec beaucoup de verbes autochtones. Inoltre, come mostra lo stesso Lombard (1954-55: 139-140), i verbi con vocale radicale posteriore tendono maggiormente alla dittongazione rispetto a quelli con vocale anteriore. Infine (cf. ibid.: 95-96), in un caso, dal francese concéder, si è creata sovrabbondanza, con un a conceda di prima e un a concede di terza coniugazione, che divergono crucialmente per il fatto che il secondo ha, laddove possibile, radice con dittongo. La spiegazione fornita da Lombard ha un vago retrogusto tautologico: 246 Lorenzo Filipponio <?page no="247"?> Il est tout naturel que la diphtongaison de -ceden -ceaddevant -ă fasse défaut dans la première des deux flexions, mais se produise dans l’autre; le vocalisme de notre verbe est absolument conforme, d’une part, à celui des néologismes en -á, et de l’autre, à celui des néologismes en -é. Viene da chiedersi perché, al contrario di quelli in -á, i neologismi in -é potevano essere resi «different[s] du mot de la langue d’origine»… 5. Ora, tenendo conto del fatto che, come si è detto, in rumeno contemporaneo l’unica coniugazione produttiva è la prima con aumento, quindi priva di allomor‐ fia radicale, potremmo considerare i verbi di origine romanza occidentale senza dittongo e senza aumento in una nuova prospettiva morfologica: la situazione intermedia di questi verbi, sostanzialmente confermata dalla cronologia del loro ingresso, posteriore al latino ma anteriore all’ondata dei neologismi più recenti, potrebbe in quest’ottica riflettere una fase della storia della lingua in cui si manifestano i primi segni di una tendenza ben nota alle prime coniugazioni delle lingue romanze, ovvero quella all’appiattimento dell’allomorfia radicale (si pensi al francese laver, anticamente regolarmente lef lavons e riallineato a lave lavons, cf. Maiden 2018: 171, o all’estensione del dittongo soniamo > suoniamo alle forme rizoatone dell’italiano), che preluderebbe alla completa affermazione della forma con aumento. Non un fenomeno spiegabile diastraticamente, quindi, ma diacronicamente: le oscillazioni rilevate da Lombard sarebbero un segno di instabilità all’interno di questa traiettoria. Non resta che mettersi al lavoro per verificare questa ipotesi. Bibliografia Filipponio, Lorenzo (in stampa). Metaphony and Diphthongization in the Romance Languages. In: Loporcaro, Michele (a cura di). The Oxford Encyclopedia of Romance Linguistics. Oxford: Oxford University Press. Lausberg, Heinrich (1971). Linguistica romanza. 2 voll. Milano: Feltrinelli. Lombard, Alf (1954-55). Le verbe roumain : Étude morphologique. 2 voll. Lund: Gleerup. Loporcaro, Michele (2011). Phonological processes. In: Maiden, Martin/ Smith, John Charles/ Ledgeway, Adam (a cura di). The Cambridge history of Romance languages. Vol. 1: Structures. Cambridge: Cambridge University Press, 109-54. Maiden, Martin (2016). Italo-Romance Metaphony and the Tuscan Diphthongs. Transac‐ tions of the Philological Society 114 (2), 198-232. Maiden, Martin (2018). The Romance Verb: Morphomic Structure and Diachrony. Oxford: Oxford University Press. Un principio di (ri)classificazione dei verbi rumeni 247 <?page no="248"?> Meul, Claire (2013). The Romance reflexes of the Latin infixes - I / E S C and - I D I̯ -: restruc‐ turing and remodeling processes. Hamburg: Buske. Tronci, Liana (2019). Spunti per una descrizione dei verbi in -eggiare e -izzare: i dati dell’italiano antico in prospettiva diacronica e comparativa. Echo des études romanes 15 (1-2), 5-29. 248 Lorenzo Filipponio <?page no="249"?> Zum Fehlen des Subjektpronomens der 2. Pers. Sg. in Inversion im Rätoromanischen der Schweiz und im nördlichen Dolomitenladinisch Barbara Wehr (Mainz) 1 Die Ausgangssituation Im Zuge meiner Recherchen zur Setzung des Subjektpronomens (im Folgenden SP) im Altfranzösischen stieß ich auf die merkwürdige Tatsache, dass im Bündnerromanischen (Surselvisch, Sutselvisch und Engadinisch) und im Dolo‐ mitenladinischen nördlich des Sellamassivs (Grödnerisch und Gadertalisch) das SP fehlt oder fehlen kann, wenn es sich um die 2. Sg. (z. T. auch um die 2. Pl.) handelt und es in Inversion nach dem finiten Verb stünde. Außer in Interrogativsätzen kommt die Inversion des Subjekts auch in Aussagesätzen vor, wo sie durch ein initiales Nicht-Subjekt („X“) ausgelöst wird, z. B. durch ein Adverb oder Adverbiale, genau wie im Deutschen. Diese Regel hängt mit der Eigenschaft der Verb-Zweit-Stellung („V2“) der genannten rätoromanischen Dialekte zusammen (vgl. Kaiser 2002/ 03). In allen anderen Personen ist die Setzung des SP trotz differenzierter Verbendungen prä- und postverbal obliga‐ torisch. So heißt es z.-B. im Surselvischen (1) jeu tschontschel - „ich spreche“ und, mit Inversion des SP, (2) Ussa tschontschel jeu - „Jetzt spreche ich“ In der 2. Sg. heißt es aber (3) Oz fas Ø quella lavur (Spescha 1989: 334) - „Heute machst du diese Arbeit“ <?page no="250"?> 1 Grödn. = grödnerisch, surs. = surselvisch, ueng. = unterengadinisch. Im Folgenden soll für das Fehlen des SP der 2. Sg. in den genannten rätoroma‐ nischen Dialekten ein Lösungsvorschlag gemacht werden. 2 Zur Wortstellung im Dolomitenladinischen Im Dolomitenladinischen existiert ein „dialect split“. Die nördlichen Dialekte Grödnerisch und Gadertalisch zeigen wie das Bündnerromanische Inversion nach einem initialen Nicht-Subjekt; sie repräsentieren den Typus X-V-S. In den südlichen Dialekten Fassanisch, Buchensteinisch und Ampezzanisch gilt hingegen die Regel X-S-V, genau wie im Italienischen. Nach Linder (1987: 95) erklärt sich dies dadurch, dass im Bündnerromanischen Sprachkontakt mit dem Schweizerdeutschen und im nördlichen Dolomitenladinisch Sprachkontakt mit den südbairischen Dialekten vorliege. Da in den Dolomiten südlich des Sellamassivs dieser Kontakt fehlt und die Inversion nach X nicht existiert, kann es hier auch den Wegfall des SP in Inversion nicht geben. 3 Zum Fehlen des Subjektpronomens der 2. Sg. in Inversion im Bündnerromanischen und den nördlichen dolomitenladinischen Dialekten 3.1 Das Fehlen des SP der 2. Sg. in Inversion im Bündnerromanischen und nördlichen Dolomitenladinisch soll anhand einiger Beispiele gezeigt werden (vgl. etwa Haiman/ Benincà 1992: 179; Hack/ Gaglia 2009: 163 f.; Kaiser/ Hack 2013: 88 f.): 1 (4) ueng. Lura müdast (tü) il büschmaint (nach Ganzoni 1983: 64) - „Dann wechselst du das Kleid“ (5) surs. Oz vegns Ø lu ad uras (Spescha 1989: 563) - „Heute kommst du mal pünktlich“ (6) grödn. N mēil máies Ø kan ke te es fam (Benincà 1986: 473) - „Einen Apfel isst du, wenn du Hunger hast“ Im Surselvischen und Sutselvischen ist auch das SP der 2. Pl. betroffen; die Nicht- Setzung des SP in diesen Personen ist hier der Normalfall (vgl. Linder 1987: 53). Auch im Engadinischen kann das Pronomen in der 2. Pl. fehlen. Linder (1987: 97) schlägt vor, das Fehlen des SP der 2. Pl. im Surselvischen als Analogiebildung nach der 2. Sg. anzusehen. Dies liegt für ihn nahe, weil in der Kontaktsprache 250 Barbara Wehr <?page no="251"?> 2 Die nordit. Varietäten, die im Mittelpunkt stehen, sind durch eine „partielle Null- Eigenschaft“ charakterisiert (vgl. Hack/ Gaglia 2009: 159). Es geht hier wohlgemerkt nur um das SP in präverbaler Stellung. 3 In der Debatte um den V2-Status des Afrz. halte ich es mit Marchello-Nizia (1995: 58), die konstatiert: „[L’]ancien français est très fortement une langue de type V2, mais non exclusivement V2.“ Schweizerdeutsch das SP der 2. Person in Inversion ebenfalls fehlen kann, aber eben nur in der 2. Sg.: (7) schweizerdt. Was hësch? (Lötscher 1983: 94) Analogie zur 2. Sg. müsste man dann auch für das Engadinische annehmen. Wie zu erwarten, können die SP der 2. Person auch in der Inversion in Fragesätzen fehlen; das soll hier aber nicht dokumentiert werden. 3.2 Der Sonderstatus des SP der 2. Sg. in Bezug auf seine Nicht-Setzung in Inversion in den genannten rätoromanischen Dialekten ist umso auffälliger, als sich bei Renzis und Vanellis Analyse zum SP in 30 romanischen Varietäten herausstellt, dass in der Hierarchie der Pronomina die 2. Sg. an oberster Stelle steht, 2 bei stabilen Flexionsendungen der 2. Sg. am Verb (1998: 48; vgl. auch Haiman/ Benincà 1992: 181; Kaiser/ Hack 2013: 89 f.). Die Antwort auf die Frage, wie sich dieser prominente Status der 2. Sg. erklären lässt, ist diskurspragmati‐ scher Art: in Dialogsituationen kommt das SP der 2. Sg. besonders häufig in Interrogativsätzen vor, wo es in Inversion steht. Von hier aus kann es leicht in deklarative Hauptsätze in die Proklise geraten. Umso verschärfter stellt sich die Frage, wie das Fehlen des SP ausgerechnet in der 2. Sg. in Inversion im Bündnerromanischen und den nördlichen dolomitenladinischen Varietäten zu erklären ist. 4 Altfranzösisch und Althochdeutsch 4.1 Gelegentlich findet man in der Literatur Hinweise auf das Altfranzösische. Das Altfranzösische hat, zumindest in der klassischen Zeit bis 1300, eine V2-Syntax 3 und weist damit obligatorische Inversion des Subjekts nach einem initialen Nicht-Subjekt (X-V-S) auf. Hier kann auffälligerweise das SP in der Inversion fehlen, und zwar in allen Personen; vgl. dazu Foulet (1968: § 457) - für ihn eine der merkwürdigsten Regeln der altfranzösischen Syntax. Im Altfranzösischen heißt es also Il dist „Er sagte“, aber Lors dist Ø „Da sagte er“. Ist die Nicht-Setzung des SP in Inversion in den genannten rätoromanischen Dialekten der Überrest einer Regel, die die Syntax des Altfranzösischen charak‐ Zum Fehlen des Subjektpronomens der 2. Pers. Sg. in Inversion im Rätoromanischen 251 <?page no="252"?> 4 Die Kontaktsprache des Proto-Afrz. im 5.-8./ 9. Jh. war das Westfränkische. Da es im Proto-Afrz. aufging, ist es nicht belegt, so dass man auf das Ahd. rekurrieren muss. 5 Auch die Existenz des Subjektpronomens und die weitgehende V2-Eigenschaft des Afrz. sind zweifellos auf den Sprachkontakt des Proto-Afrz. mit dem Altwestfränkischen zurückzuführen (vgl. Hilty 1968). terisierte? Vom Altfranzösischen zum Rätoromanischen der Gegenwart führt allerdings kein Weg, zumindest kein direkter. 4.2 Das „missing link“ ist das Althochdeutsche, und seine Entdeckung ver‐ danken wir Hilty (1968), an dessen Heimatuniversität Zürich der Germanist Eggenberger (1961) eine Dissertation zur Setzung des SP im Althochdeutschen vorgelegt hatte, in der er feststellte, dass das SP fehlen könne, wenn es in Inver‐ sion stünde. Zur Isidor-Übersetzung des 8. Jahrhunderts bemerkt er (1961: 143 f.), dass dem Übersetzer zwei Auswege zur Verfügung standen, wenn das SP durch eine vorangehende Bestimmung von seinem Platz vor dem Verbum verdrängt wurde: er konnte das SP in Inversion setzen oder weglassen, wobei letzteres häufiger war. Hilty (1968: 509 f.) brachte nun (für einen Romanisten naheliegend) die Nicht-Setzung des SP in Inversion im Althochdeutschen 4 mit derjenigen im Altfranzösischen in Verbindung - eine äußerst wichtige Entdeckung. Die syntaktische Parallelität eines so auffälligen Phänomens lässt in der Tat kaum einen anderen Schluss als Sprachkontakt zu. 5 Bedauerlicherweise wurde Hiltys Fund aber kaum rezipiert. Eine der wenigen rühmlichen Ausnahmen ist Linder, der einen Zusammenhang zwischen den Regeln der Pronominalsyntax im Altfranzösischen und Bündnerromanischen sah (1987: 97): Die Nicht-Setzung des Enklitikums [= des postponierten SP] […] im Bündnerroma‐ nischen ließe sich […] als teilweise Erhaltung eines älteren Zustandes erklären. Die Erhaltung dieses Zustandes […] könnte davon beeinflusst sein, dass […] im süddeutschen Sprachgebiet bei der 2. P. Singular auch kein Enklitikum gesetzt wird. Zur Syntax des Althochdeutschen ist nachzutragen, dass Eggenbergers Ergeb‐ nisse u. a. von Fleischer/ Schallert (2011: 202) bestätigt werden. Interessante Daten aus dem Mittelhochdeutschen und Frühneuhochdeutschen, vor allem zum Fehlen des SP der 2. Sg. in Inversion, werden schon bei Held (1903: § 23 und § 30) angeführt; zum Frühneuhochdeutschen vgl. auch Ebert et al. (1993: § S 57). Es stellt sich die Frage, warum hier ausgerechnet das SP der 2. Sg. fehlen kann. Ebert et al. erwähnen, dass es sich bei dem Fehlen des du in Inversion im Frühneuhochdeutschen um den lautlichen Schwund des enklitisch angelehnten SP handeln könne. Viel wichtiger erscheint aber die Tatsache, dass das -t der Endung -st in der 2. Sg. ursprünglich das klitische SP in Inversion war, das im 252 Barbara Wehr <?page no="253"?> 6 Im Fersentalerischen/ Mochenischen, der Sprachinsel eines altbair. Dialekts in der Nähe von Trento (Norditalien), ist ebenfalls das Fehlen des SP der 2. Sg. nachgewiesen (vgl. Rowley 1986; Cognola 2013: 151). Die Besiedlung durch Bauern aus Bayern und Tirol geht auf das 12./ 13. Jh. zurück, danach brach der Kontakt zum „Binnenland“ ab. 7 Für diese Auskunft und das folgende Beispiel danke ich Damaris Nübling (Mainz). 9./ 10. Jh. an das Verb angetreten ist (vgl. Held 1903: 15; Mayerthaler/ Mayerthaler 1990: 411). Solange den Sprechern dies noch bewusst war, war es unnötig, das SP noch ein zweites Mal hinzuzufügen. In späteren Epochen wurde vermutlich nur noch eine alte Sprechergewohnheit reproduziert. Diese Situation hat sich in den alemannischen und bairischen Dialekten erhalten, während sich in der Hochsprache das SP in Inversion in allen Personen durchgesetzt hat. 4.3 Vom Althochdeutschen bis zu den aktuellen deutschen Dialekten gibt es zweifellos Kontinuität, was das Fehlen des SP der 2. Sg. in Inversion angeht. Zur Situation in den süddeutschen Dialekten vgl. Fleischer/ Schallert (2011: 202-204), speziell zum Bairischen vgl. Mayerthaler/ Mayerthaler (1990: 413). 6 Hier heißt es z.-B. (8) Jetzt spinnst Ø aber! Im Alemannischen, z. B. im Schweizerdeutschen und Schwäbischen, erkennt man das auslautende -t in der Verbflexion der 2. Sg. zwar nicht mehr, aber die Palatalisierung des -s zeigt, dass das -t einst vorhanden war und mit dem -s der ursprünglichen Endung vollständig verschmolzen ist: 7 (9) schwäb. jetz bisch Ø aber verschrocke - „Jetzt bist du aber erschrocken“ 5 Zum Alter des Sprachkontakts zwischen dem Germanischen und den genannten rätoromanischen Dialekten Der Sprachkontakt muss so alt sein wie die Invasionen der Alemannen und Bajuwaren während der Zeit der sog. „Völkerwanderung“. Die Alemannen trieben einen Keil zwischen Gallien und die Ostalpen, und der Vorstoß der Bajuwaren nach Süden drängte die romanisch-sprechende Bevölkerung in die Rückzugsgebiete der Alpen. Diese Invasionen begannen im 5./ 6. Jh. und zogen sich noch eine Zeitlang hin (vgl. Haiman/ Benincà 1992: 9-14). Gewisse Übernahmen aufgrund des Sprachkontakts müssen sehr alt sein. Kuen (1970: 361) führt z. B. lexikalische Entlehnungen im Grödnerischen an, deren Lautstand den des Altbairischen vor dem 11. Jh. zeigt. Im Fersentalerischen, dessen Kontakt zum Bairischen im 12./ 13. Jh. abbrach (vgl. Anm. 6), fehlt das SP Zum Fehlen des Subjektpronomens der 2. Pers. Sg. in Inversion im Rätoromanischen 253 <?page no="254"?> noch immer in der 2. Sg. in Inversion. Solche vereinzelten „glimpses“ in die Sprachgeschichte erlauben es, dass wir uns eine ungefähre Vorstellung vom Alter des Sprachkontakts machen können. 6 Fazit Alles deutet darauf hin, dass das Fehlen des SP der 2. Sg. in Inversion in den bündnerromanischen Dialekten und dem nördlichen Dolomitenladinisch auf Interferenz mit den süddeutschen Dialekten zurückgeht, mit denen sie seit der Zeit der sog. „Völkerwanderung“ in engem Kontakt standen. Diese Annahme kann auch die Diskrepanz zwischen dem prominenten Status des SP der 2. Sg. in Bezug auf die Setzung v. a. in norditalienischen Varietäten (vgl. § 3.2) und der Tendenz zur Nicht-Setzung in Inversion in den genannten rätoromanischen Dialekten erklären. Bibliographie Benincà, Paola (1986). Punti di sintassi comparata dei dialetti italiani settentrionali. In: Holtus, Günter/ Ringger, Kurt (Hrsg.). Raetia antiqua et moderna. W. Theodor Elwert zum 80. Geburtstag. Tübingen: Niemeyer, 457-479. Cognola, Federica (2013). Syntactic Variation and Verb Second: A German Dialect in Northern Italy. Amsterdam/ Philadelphia: John Benjamins. Ebert, Robert Peter/ Reichmann, Oskar/ Solms, Hans-Joachim/ Wegera, Klaus-Peter (1993). Frühneuhochdeutsche Grammatik. Tübingen: Niemeyer. Eggenberger, Jakob (1961). Das Subjektspronomen im Althochdeutschen. Ein syntakti‐ scher Beitrag zur Frühgeschichte des deutschen Schrifttums. Chur: Offsetdruck Sulser & Co. Fleischer, Jürg/ Schallert, Oliver (2011). Historische Syntax des Deutschen. Eine Einfüh‐ rung. Tübingen: Narr Francke Attempto. Foulet, Lucien ([1930] 3 1968). Petite syntaxe de l’ancien français. Paris: Champion. Ganzoni, Gian P. (1983). Grammatica Ladina. Samedan: Ligia Romontscha/ Lia Rumant‐ scha. Hack, Franziska M./ Gaglia, Sascha (2009). The use of subject pronouns in Raeto-Romance: A contrastive study. In: Kaiser, Georg A./ Remberger, Eva-Maria (Hrsg.). Proceedings of the Workshop „Null-subjects, expletives, and locatives in Romance“. Arbeitspapier 123. Fachbereich Sprachwissenschaft, Universität Konstanz, 157-181. Haiman, John/ Benincà, Paola (1992). The Rhaeto-Romance Languages. London/ New York: Routledge. 254 Barbara Wehr <?page no="255"?> Held, Karl (1903). Das Verbum ohne pronominales Subjekt in der älteren deutschen Sprache. Berlin: Mayer & Müller (Palaestra XXXI). Hilty, Gerold (1968). Westfränkische Superstrateinflüsse auf die galloromanische Syntax. In: Baldinger, Kurt (Hrsg.). Festschrift für Walther von Wartburg zum 80. Geburtstag, 18. Mai 1968, Bd.-1. Tübingen: Niemeyer, 493-517. Kaiser, Georg A. (2002/ 03). Die Verb-Zweit-Stellung im Rätoromanischen. Ein typologi‐ scher Vergleich. Ladinia 26/ 27, 313-334. Kaiser, Georg A./ Hack, Franziska M. (2013). Language change in comparison: The (spe‐ cial) case of Raeto-Romance. In: Fleischer, Jürg/ Simon, Horst J. (Hrsg.). Sprachwandel‐ vergleich - Comparing Diachronies. Berlin/ Boston: De Gruyter, 73-98. Kuen, Heinrich (Hrsg.) (1970). Einheit und Mannigfaltigkeit des Rätoromanischen. Romanistische Aufsätze. Universität Erlangen-Nürnberg: Hans Carl, 355-375. Linder, Karl P. (1987). Grammatische Untersuchungen zur Charakteristik des Rätoroma‐ nischen in Graubünden. Tübingen: Narr. Lötscher, Andreas (1983). Schweizerdeutsch. Geschichte, Dialekte, Gebrauch. Frauen‐ feld/ Stuttgart: Huber. Marchello-Nizia, Christiane (1995). L’évolution du français. Ordre des mots, démonstra‐ tifs, accent tonique. Paris: Armand Colin. Mayerthaler, Eva/ Mayerthaler, Willi (1990). Aspects of Bavarian syntax or „Every language has at least two parents“. In: Edmondson, Jerold A./ Feagin, Crawford/ Mühl‐ häusler, Peter (Hrsg.). Development and Diversity: Language Variation across Time and Space. A Festschrift für Charles-James N. Bailey. Dallas: The Summer Institute of Linguistics and The University of Texas at Arlington, 371-429. Renzi, Lorenzo/ Vanelli, Laura (1998). I pronomi soggetto in alcune varietà romanze. In: Vanelli, Laura (Hrsg.). I dialetti italiani settentrionali nel panorama romanzo. Studi di sintassi e morfologia. Roma: Bulzoni, 23-49. Rowley, Anthony R. (1986). Fersental (Val Fèrsina bei Trient/ Oberitalien) - Untersuchung einer Sprachinselmundart. Tübingen: Niemeyer. Spescha, Arnold (1989). Grammatica sursilvana. Cuera: Casa editur per mieds d’instruc‐ ziun. Zum Fehlen des Subjektpronomens der 2. Pers. Sg. in Inversion im Rätoromanischen 255 <?page no="257"?> Diskurs, Pragmatik und Variation <?page no="259"?> Erzählen mit (der) Zukunft Angela Schrott (Kassel) 1 Tempus, Aspekt, Narration: The usual suspects Analysen zu Tempus, Aspekt und Narration widmen sich überwiegend denje‐ nigen Tempus- und Aspektformen, die sich temporaldeiktisch auf Vergangenes beziehen und aufgrund dieser Zeitreferenz Affinität zum Erzählen haben. In den romanischen Sprachen haben die Tempora der Vergangenheit über die deiktische Funktion hinaus bekanntlich eine aspektuelle Semantik: Perfektiver und imperfektiver Aspekt leisten eine über die bloße Situierung hinausgehende zeitliche Konturierung narrativer Texte (Schrott 2011; 2015). Im Französischen, auf das ich mich im Folgenden beschränke, werden diese Aspekte prototypisch durch passé simple und imparfait geleistet. Zur Gestaltung von Narrationen steht jedoch ein weitaus größeres Repertoire an Verbalformen zur Verfügung. Eine frequent eingesetzte Form ist das narrativ verwendete présent. Bei dieser Verwendung wird die Semantik der Aktualität auf vergangene Handlungen übertragen und erzeugt so einen Effekt der Verlebendigung oder Fokussierung (Revaz 2002; Schrott 2015). Diese Funktion erfordert eine kontextuelle Veranke‐ rung in der Vergangenheit, etwa durch temporale Angaben, wie im folgenden Text, der das Leben Yves Montands rekapituliert: En octobre 1944, après avoir rencontré Édith Piaf […] il part en tournée avec elle dans le Midi. Il chante à Marseille, dans la ville de ses débuts où il s’imagine revenir en conquérant. (Le Nouvel Observateur 1991, Nr.-1410: 126) Das narrativ verwendete présent nutzt die Semantik der einzelsprachlichen Form, um Sukzessionen vergangener Ereignisse aktualisierend als nahe an der Gegenwart zu versprachlichen (Schrott 2015: 81). Diese Funktion stellt eine kul‐ turelle Technik des Erzählens dar, die über den Bereich des Einzelsprachlichen hinausgeht und den Status einer Diskurstradition hat, die eine aktualisierende Technik des Sprechens und Schreibens über Vergangenes anleitet. Die narrative Funktion des présent findet sich als Diskurstradition in verschie‐ denen Textsorten und Gattungen und wurde intensiv erforscht (Schrott 2015). <?page no="260"?> Weit weniger Aufmerksamkeit hat dagegen das sogenannte futur historique erhalten. 2 Narration und Futurität Das futur historique bezeichnet Verwendungen, bei denen eine Futurform in einem narrativen Kontext Sachverhalte versprachlicht, die nachzeitig zu einer Referenzsituation in der Vergangenheit sind, jedoch ebenfalls der Vergangenheit angehören. Diese Situation kann durch eine temporale Angabe, ein Tempus der Vergangenheit, ein narratives présent sowie durch Kontext und Weltwissen etabliert werden. Sie liefert die zeitliche Verankerung, von der aus die Futurform eine Nachzeitigkeitsrelation etabliert, die als Blick in die Zukunft wirkt. Dazu ein Beispiel, in dem der Kontext - der Verweis auf die Revolution von 1789 - den zeitlichen Rahmen klärt: En supprimant pour un temps l’institution universitaire de l’ancienne France, la Révolution assurera le triomphe provisoire de la philosophie des Lumières […]. (Revue de l’AMOPA 1996, Nr.-133: 13) Die Funktion des futur historique wird in der Forschung nahezu ausschließlich dem futur simple zugeschrieben (Togeby 1982: 386; Revaz 2002: 92; Bres 2009: 29 f.). Das futur périphrastique findet in einigen Beiträgen knappe Erwähnung, wird doch dabei nicht als futurisches Tempus anerkannt (Bres 2009: 35; Lagarde 2020: 252). Die Konsequenz ist, dass ausgeblendet wird, ob und wie die seman‐ tischen Profile von futur simple und futur périphrastique als Ressource für die Gestaltung der Funktion futur historique eingesetzt werden. Beim Ausdruck von Futurität versprachlicht das futur périphrastique bekanntlich teilaktuelle Sachverhalte, die an die Sprechsituation gebunden und aspektuell prospektiv markiert sind, wogegen das futur simple Zukünftiges als virtuell und noch abhängig von unerfüllten Vorbedingungen präsentiert (Schrott 1997). In Suk‐ zessionen ist das futur périphrastique restringiert, es dominiert das futur simple, das als weiteres Alleinstellungsmerkmal eine gnomische Semantik haben kann. Effekte dieser Opposition sind, dass das futur périphrastique Gewissheit und (zeitliche) Nähe suggeriert, während das futur simple eine geringere Sicherheit und (zeitliche) Ferne nahelegt. Beispielanalysen belegen, dass diese Profile in narrativen Kontexten intakt bleiben und eingesetzt werden, um den Blick in die Nachzeitigkeit semantisch zu differenzieren. So versprachlicht das futur périphrastique nachzeitige Sach‐ verhalte als in der Bezugssituation teilaktuelle Ereignisse: 260 Angela Schrott <?page no="261"?> Son magnétisme est dejà grand, puisqu’il entre a Cîteaux accompagné d’une trentaine de compagnons et il donne bientôt une impulsion nouvelle à l’Abbaye de Cîteaux. Son influence va dominer l’ordre cistercien. In diesem Text zu einer Zisterzienserausstellung in Sénanque wird die Persön‐ lichkeit Bernhards von Clairvaux (um ihn geht es hier) als erfüllte Vorbedin‐ gung für seinen prägenden Einfluss auf den Orden im futur périphrastique ausgedrückt. In diesem Beispiel wäre auch das futur simple möglich; allerdings erscheint in der Variante Son influence dominera l’ordre cistercien die Aussage, dass Bernhards prägende Wirkung bereits in seinem Charakter angelegt war, weniger markant. Stattdessen kann das futur simple dank seiner gnomischen Semantik so gelesen werden, dass der Einfluss Bernhards lange anhielt. Auch die für Sukzessionen typische Funktionsverteilung der beiden Futura bleibt in narrativen Verwendungen erhalten: Au procès, la jeune femme affirmera qu’elle ne se doutait de rien, jurera qu’elle ne croyait pas que Pedro Infante avait bien autre chose en tête que des simples menaces. On ne la croira pas. (Le Nouvel Observateur 1994, Nr.-1553: 18) L’esprit de découverte est bien entendu symbolisé par les voyages de Vasco da Gama ou de Christophe Colomb, qui va entraîner la naissance d’un nouveau continent à qui Amerigo Vespucci donnera son nom. (Revue de l’AMOPA 1996, Nr.-135: 5) Der erste Ausschnitt aus einem Prozessbericht illustriert den dominanten Einsatz des futur simple zum Ausdruck von Sukzessionen: Aufeinanderfolgende Ereignisse (ob mit futurischer Zeitreferenz oder in der Funktion futur historique) haben eine starke Affinität zum futur simple. Der zweite Ausschnitt belegt eine weitere typische Struktur. Wird das futur périphrastique in Sukzessionen verwendet, dann versprachlicht es in aller Regel das erste Ereignis, während das futur simple das darauffolgende Ereignis ausdrückt, und zwar oft mit der Nuance, dass der Sachverhalt im futur périphrastique die Vorbedingung für das Ereignis im futur simple ist (Schrott 1997). Diese Funktionsverteilung findet sich analog in der narrativen Struktur des zitierten historiografischen Texts: Der neue Kontinent muss erst entdeckt werden, bevor man ihn benennen kann. Narrative Futura werden meist in der 3. Person verwendet, sie finden sich aber in autobiografischen Erzählungen auch in der 1. Person. Im folgenden Textausschnitt erzählt Elie Wiesel aus seinem Leben: J‘ai aussi pris des cours de français avec François Wahl, qui était de quelques années mon aîné et que je retrouverai plus tard aus Éditions du Seuil. Grâce a lui […] je Erzählen mit (der) Zukunft 261 <?page no="262"?> vais écouter Sartre et Merleau-Ponty, Robert Misrahi et Martin Buber. (Le Nouvel Observateur 1994, Nr.-1557: 16) Der Textausschnitt belegt zudem, dass die Abfolge im Text nicht mit der tatsächlichen Sukzession in der Zeit gleichgesetzt werden kann. Die im futur périphrastique ausgedrückten Ereignisse gehen dem späteren Wiedersehen mit François Wahl voraus, sodass auch hier das futur périphrastique die unmittelbar folgende Handlung, das futur simple dagegen ein Ereignis der späteren Zukunft versprachlicht. Futur simple und futur périphrastique sind in diesen Verwendungen einzel‐ sprachliche Formen, die genutzt werden, um in erzählenden Texten den Effekt eines Blicks in die Zukunft zu erzeugen. Wie das narrativ verwendete présent so wirken auch die Futura in erzählenden Kontexten als kulturelle Techniken des Erzählens. Sie gehen damit ebenfalls über das Einzelsprachliche hinaus und haben als kulturelles Wissen in der Funktion futur historique den Status von Diskurstraditionen. 3 Ausblick Bei den Stichworten Tempus und Erzählung liegt es nahe, an diejenigen Formen zu denken, die im System der langue temporaldeiktisch dem Bereich der Vergangenheit angehören. Löst man sich jedoch von der langue und wendet man sich dem Sprechen als Tätigkeit (energeia) und den Texten als Produkt dieser Tätigkeit (ergon) zu, dann wird deutlich, dass zu den aus dem Verbalsys‐ tem abgeleiteten Funktionen noch ein Gefüge von Verwendungen kommt, in denen einzelsprachliche Formen kulturelle Traditionen des Erzählens tragen und über den Bereich des Einzelsprachlichen hinaus als Diskurstraditionen wirken. Das narrative présent und die narrativ verwendeten futur simple und futur périphrastique sind in ihrer Materialität einzelsprachliche Formen des Französischen, in ihrer Funktion jedoch kulturelle Diskurstraditionen, die nicht auf der historischen Ebene der Einzelsprache, sondern auf der individuellen Ebene der Diskurse und Texte verortet sind (vgl. Coseriu 2007; Schrott 2022). Die narrativen Verwendungen dieser Formen gehören als kulturelles Wissen nicht zur langue als System und sind daher einzelsprachunabhängig, was sich etwa darin zeigt, dass diese Diskurstraditionen in zahlreichen Sprachen - mit unterschiedlichen einzelsprachlichen Füllungen - genutzt werden. Der diskurstraditionelle Status der narrativen Verwendungen impliziert dabei keinesfalls eine marginale Rolle in erzählenden Texten. Vor allem in journalis‐ tischen narrativen Textsorten, die biografische oder historische Abrisse geben, sind présent, futur simple und futur périphrastique hochfrequent. Dabei präsen‐ 262 Angela Schrott <?page no="263"?> tiert sich vor allem die Konkurrenz der beiden Futura mit den semantischen Konzepten von Teilaktualität, Virtualität und gnomischer Gültigkeit als eine Ressource, die eine differenzierte Modellierung des Blicks in eine vergangene Zukunft ermöglicht. Die in dieser Skizze pars pro toto analysierten Beispiele deuten bereits an, dass die noch wenig erforschten narrativ verwendeten Futura in erzählenden Texten nicht nur wirkungsvolle Perspektivierungen erzeugen, sondern auch Positionen des Wissens und kommunikative Garantien vielfältig konstituieren und nuancieren. À suivre… Bibliographie Bres, Jacques (2009). Dialogisme et temps verbaux de l’indicatif. Langue française 163, 21-39. Abrufbar unter https: / / www.cairn.info/ revue-langue-fran‐ caise-2009-3-page-21.htm (konsultiert am 21.09.2023). Coseriu, Eugenio (2007). Sprachkompetenz. Grundzüge der Theorie des Sprechens. Tübingen: Narr. Lagarde, Christian (2020). Le périphrastique, ou quand passé et futur finissent par se donner la main. In: Arigne, Viviane/ Pech-Pelletier, Sarah/ Rocq-Migette, Chris‐ tiane/ Sablayrolles, Jean-François (Hrsg.). Études lexicales. Mélanges offerts à Ariane Desporte. Paris: Université Sorbonne Nord, 249-259. Abrufbar unter https: / / sorbonn e-paris-nord.hal.science/ hal-02972971/ document (konsultiert am 21.09.2023). Le Nouvel Observateur (1991, 1994). Paris. Revaz, Françoise (2002). Le présent et le futur „historiques“: des intrus parmi les temps du passé? Le français aujourd’hui 139, 87-96. Abrufbar unter https: / / www.cairn.info/ revue-le-francais-aujourd-hui-2002-4-page-87.htm (konsultiert am 21.09.2023). Revue de l’AMOPA (Association des Membres de l’Ordre des Palmes Académiques) (1996). Paris. Schrott, Angela (2022). Conceptual developments in discourse tradition theory. In: Win‐ ter-Froemel, Esme/ Octavio de Toledo y Huerta, Álvaro (Hrsg.). Manual of Discourse Traditions in Romance (= Manuals of Romance Linguistics 30). Berlin: De Gruyter, 81-101. Schrott, Angela (2015). Techniken des Erzählens zwischen einzelsprachlichen Traditio‐ nen und Diskurstraditionen. In: Winter-Froemel, Esme/ López Serena, Araceli/ Octavio de Toledo y Huerta, Álvaro/ Frank-Job, Barbara (Hrsg.). Diskurstraditionelles und Einzelsprachliches im Sprachwandel. Tübingen: Narr, 67-89. Schrott, Angela (2011). Die Zeiten ändern sich. Zur Verwendung des imparfait in narrativen Kontexten. Romanistisches Jahrbuch 62, 137-164. Schrott, Angela (1997). Futurität im Französischen der Gegenwart. Semantik und Prag‐ matik der Tempora der Zukunft. Tübingen: Narr. Erzählen mit (der) Zukunft 263 <?page no="264"?> Togeby, Knud (1982). Grammaire française. Vol. II: Les Formes Personnelles du Verbe. Kopenhagen: Akademisk Forlag. 264 Angela Schrott <?page no="265"?> Frz. récit und dt. Erzählung Alexander M. Teixeira Kalkhoff (Heidelberg) Mit Kolleginnen aus Lyon und Orléans arbeite ich im thematischen Verbund „NARRANDO: Spanish storytelling in talk-in-interaction“. Aus unserer For‐ schergruppe selber kamen folgende Übersetzungen des Projekttitels: „Le ré‐ cit en interaction en espagnol“ und „Spanisches Geschichtenerzählen in der Interaktion“. Als griffigen Projektkurznamen haben wir NARRANDO, das Gerundium von span. narrar (‘erzählen; berichten’), gewählt. Hierdurch wollten wir dem zeitlich ausgedehnten und interaktional emergenten und sequenziellen Charakter des Erzählens sprachlichen Ausdruck verleihen. Ohne jemals weiter über semantische Feinheiten nachzudenken, zirkulierten fortan weitgehend synonymisch die Begriffe ‘Narration’, ‘storytelling’, ‘récit’, ‘Geschichtenerzäh‐ len’ und ‘Erzählung’ in meiner Vorstellungskraft, wenngleich ich mich immer fragte, warum meine französischen Kolleginnen récit bevorzugten. Irgendwie schienen die Begriffe bedeutungsseitig doch nicht ganz deckungsgleich zu sein. Neulich ging ich irritiert aus einem Gespräch mit meinem mexikanischen Doktoranden, der im Rahmen dieses Forschungsverbundes sprachvergleichend Spanisch und Französisch über die Makrosyntax mündlicher Erzählsequenzen in der Interaktion arbeitet, hinaus. Das in Cotutelle mit der Université d’Orlé‐ ans betreute Dissertationsprojekt heißt „Analyse macrosyntaxique du récit en interaction“. Das vorher latente Gefühl, dass wir nicht ganz Dasselbe meinten, wenn er über récit sprach und ich an all die eben aufgeführten Synonyme dachte, war nunmehr ganz manifest. Unsere Diskussionen finden zumeist auf Spanisch statt, reden darin aber über französische Konzepte und Begriffe, da er seine Arbeit auf Französisch schreibt, d. h. wir verwendeten frz. récit, séquence narrative, narration, zuweilen auch span. relato, secuencia narrativa, narración und natürlich auch das englische storytelling. Ich konzeptualisiere auf Deutsch, mein Doktorand sicher auf Spanisch. Diese Irritation löste in mir die Neugierde aus, dem nachzugehen, ob die Begriffe, die ich als deutscher Muttersprachler im thematischen Umfeld von Geschichtenerzählen verwende, <?page no="266"?> dem des Französischen entsprachen. Meine Vermutung war, dass es feine Unterschiede in den Wortbedeutungen und Etymologien geben musste. Fangen wir mit dem deutschen Begriffsfeld an: Sprechen wir im Deutschen über ‘Geschichtenerzählen’ stehen uns die Erbwörter „erzählen“, „Erzählung“ und „Geschichte“ sowie das Lehnwort „Narration“ zur Verfügung. Etymologisch basiert „erzählen“ auf ‘zählen’: „ahd. irzellen (8. Jh.), mhd. erzel(le)n steht zunächst (ähnlich wie ahd. zellen, mhd. zeln) für ‘zählen, (der Reihe nach) aufzählen’, auch bei der Darstellung von Ereignissen und Taten“ (https: / / w ww.dwds.de/ wb/ etymwb/ erzählen). Die nominalisierte Form „Erzählung“ als eine ‘in Worten dargestellte Begebenheit’ basiert auf spätmhd. erzelunge ‘Auf‐ zählung’ (ebenda). Über das Etymon ‘zählen’ hängen dt. erzählen und engl. to tell zusammen: „asächs. tellian ‘zählen, erzählen, sagen’, engl. to tell ‘sagen, erzählen, mitteilen, nennen’“ (https: / / www.dwds.de/ wb/ etymwb/ zählen). „Ge‐ schichte“ basiert etymologisch auf ‘Geschehen’: „ahd. giskiht (um 1000), mhd. geschiht ‘Geschehen, Ereignis, Zufall, Umstände’ (https: / / www.dwds.de/ wb/ ety mwb/ Geschichte). „Geschichtenerzählen“ meint demnach, die Einzelereignisse eines komplexeren Geschehens der Reihe nach (chronologisch und logisch geordnet) auf der Grundlage des Wahrgenommenen und kognitiv Aufbereite‐ ten aufzählen; dem entspricht auch engl. storytelling (engl. story ‘Geschichte, Erzählung’ < Kurzform STORIA von lat. HISTORIA ‘Bericht’ (https: / / www.et ymonline.com/ word/ history) und to tell siehe oben). „Narration“ (‘Wiedergabe von Erlebtem in Form einer Geschichte; Bericht, Erzählung, Story, Handlungs‐ gerüst’) ist im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) von 1600 bis heute belegt (https: / / www.dwds.de/ wb/ Narration). Bedeutsam für meine Suche nach den feinen Unterschieden ist, dass das Erbwort „Erzählung“ und das Lehnwort „Narration“ sowohl den Prozess des Erzählens als auch das Ergebnis dieses Prozessen versprachlichen können. Doch dazu weiter unten. Demgegenüber ist das französische Begriffsfeld für ‘Geschichtenerzählen’ umfangreicher: Zur Verfügung stehen als Nomen frz. récit (‘Bericht; Erzählung’), narration (‘das Erzählen’), histoire (‘Geschichte; Story’) und conte (‘Erzählung; Geschichte; Märchen’) sowie als Verben raconter (‘erzählen; berichten’), conter (‘erzählen’), relater (‘erzählen; berichten’), narrer (‘erzählen’) und parler de qc. à qn. (‘erzählen; sprechen’) (siehe auch Chatton 1953). Etymologisch basieren die Verben raconter und conter (‘erzählen; berichten’) auf lat. COMPUTARE (‘zählen; aufzählen; herzählen’; laut dem Online-Akademie-Wörterbuch ist conter im Französischen seit dem 11. Jh. belegt), relater (‘erzählen; berichten’) auf lat. RELATARUM (Partizip Perfekt Passiv Singular Akkusativ von RE‐ FERRE ‘zurückbringen’; seit dem 14. Jh. belegt), narrer (‘erzählen’) auf lat. NARRARE (‘erzählen; berichten; erwähnen’; seit dem 14. Jh. belegt) und parler 266 Alexander M. Teixeira Kalkhoff <?page no="267"?> de qc. à qn. (‘erzählen; sprechen’) auf lat. PARABOLARE (‘in Gleichnissen sprechen’; seit dem 10. Jh. belegt). Das Nomen récit (‘Bericht; Erzählung’) ist eine deverbale Ableitung von frz. réciter (‘sprechen; vortragen’) aus dem 15. Jahrhundert (https: / / www.dictionnaire-academie.fr/ article/ A9R0887), das seinerseits auf lat. RECITARE (‘laut vorlesen; vortragen’) beruht. Narration (‘das Erzählen’) ist eine gelehrte Entlehnung des 13. Jahrhunderts beruhend auf lat. NARRATIO (‘Erzählung’) (https: / / www.dictionnaire-academie.fr/ artic le/ A9N0079). Die ebenfalls gelehrte Entlehnung histoire (‘Geschichte; Story’) aus dem 12. Jahrhundert geht auf lat. HISTORIA < griech. ιστορία (‘Suche; Erkundung’) (https: / / www.dictionnaire-academie.fr/ article/ A9H0756) zurück und conte (‘Erzählung; Geschichte; Märchen’) ist eine deverbale Ableitung von frz. conter (‘zählen; aufzählen’, heute in dieser Bedeutung compter) aus dem 12. Jahrhundert. Interessant ist an dieser Aufstellung, dass im Mittelalter Wörter für ‘Geschichtenerzählen’ als gelehrte Entlehnungen istoire (heute histoire) (12. Jh.) und narration (13. Jh.) sowie als neue Wortbildungen wie deverbales récit (15. Jh.) in den französischen Wortschatz kommen. Die ältesten heute noch verwendeten Wörter für ‘Geschichtenerzählen’ wäre demnach conter und conte (10. Jh.); hier koinzidieren die Etymologien des Deutschen und Französischen des Erzählens als ‘(Auf-)Zählen’ von Teilereignissen. Im Französischen sind die Wörter bedeutungsseitig spezialisiert: das Sprach‐ zeichen narration versprachlicht gleichermaßen Aktivität respektive energeia des Erzählens und das Organisationsprinzip des Erzählens. Das Erzählen als Ak‐ tivität folgt einem kulturspezifischen inneren Organisationsprinzip des Erzäh‐ lens (ein wirkungsmächtiges Modell ist Labov/ Waletzky (1967): a fully-formed oral narrative follows six stages: abstract, orientation, complicating action, evaluation, resolution, and coda; im französischen Kontext auch Adam (2011a, b): la séquence narrative: situation initiale, nœud, évaluation, dénouement, situation finale). Das Sprachzeichen récit hingegen versprachlicht das Ergebnis des Erzählens, das ergon. Eingebettet in der Wendung faire récit, z.-B. faire récit de sa vie (‘sein Leben erzählen’), wird récit in Hinblick auf die Schaffung des Endproduktes des Erzählvorganges zwar in gewisser Weise dynamisiert, aber das Endprodukt des Erzählens bleibt im Fokus. Das sprachgeschichtlich einst unspezifische Sprachzeichen conte ist heute weitgehend auf die Bezeichnung literarischer Erzählgattungen (‘Erzählung; Geschichte; Märchen’) beschränkt. Und histoire versprachlicht die chronologische Ordnung der Tatsachen bezogen auf ein Subjekt. Die Wendung raconter une histoire meint dann wörtlich ‘das Wiederaufzählen der chronologisch geordneten Einzelereignisse’. Durch die Subjektivität unserer Wahrnehmung und kognitiven Verarbeitung, aber auch Frz. récit und dt. Erzählung 267 <?page no="268"?> durch bewusste Manipulation verursacht, bedeutet das, dass dieselbe histoire verschiedene récits hervorbringen kann. Das spanische Begriffsfeld, das in unseren Diskussionen gelegentlich auch verwendet wird, folgt, zumindest was span. relato (‘Erzählung; Nacherzählung’) und narración (‘das Erzählen’) betrifft, der französischen Bedeutungsstrukturie‐ rung. Zum Feld gehören aber auch narrativa (‘Erzählung; Erzählkunst’), historia (‘Erzählung; Geschichte’), referencia (‘Erzählung; Bericht’), relación (‘Erzählung; Bericht; Aufstellung’), cuento (‘Erzählung; Story; Märchen’) und die Verben contar, relatar, relacionar, narrar, hablar für ‘erzählen’ (https: / / dle.rae.es). Aber zumindest gibt es hier mit span. relato ein Äquivalent zu frz. récit. Im Englischen haben wir tale, narration, narrative (< ADJ narrative), conte, story, relation als Nomen und to tell, to narrate, to recount, to report, to relate (‘erzählen’) als Verben. Wie oben erwähnt, hängt engl. to tell (‘erzählen; mittei‐ len; sagen; berichten’) etymologisch mit dt. erzählen über ‘zählen’ zusammen. Kurzum, das Französische unterscheidet demnach klar zwischen der Aktivität des Erzählens, dem ein kulturelles Ordnungsprinzip zugrunde liegt, (narration) und dem Ergebnis des Erzählens (récit): Narration als der Akt des Erzählens, der für gewöhnlich der zeitlichen und logischen Ordnung der Dinge (histoire) folgt, erschafft den récit. Dem gegenüber ist das Deutsche mehrdeutig: Die Erzählung (als Akt, energeia), die für gewöhnlich der zeitlichen und logischen Ordnung der Dinge folgt (Geschichte als ‘Geschehen’), erschafft die Erzählung (als Ergebnis, ergon). Erzählung ist hier zweierlei: energeia und ergon. Meine abschließende Hypothese ist nun, dass die deutsche Sprache den Prozess des Erzählens an sich (Erzählung als energeia) und die französische Sprache die Schaffung des Endprodukts des Erzählens (récit, Erzählung als ergon) zu perspektivieren scheinen. Bibliographie Adam, Jean-Michel (2011a). La linguistique textuelle. 3. Aufl. Paris: Armand Colin. Adam, Jean-Michel (2011b). The Narrative Sequence: History of a Concept and a Research Area. Abrufbar unter https: / / www.unil.ch/ files/ live/ sites/ fra/ files/ shared/ The_narrat ive_sequence.pdf (konsultiert am 23.09.2024). Chatton, René (1953). Zur Geschichte der romanischen Verben für "sprechen“, "sagen“ und "reden“. Bern: Francke. Labov, William/ Waletzky, Joshua (1967). Narrative analysis: oral versions of personal experience. In: Helm, June (Hrsg.). Essays on the Verbal and Visual Arts. Seattle/ Lon‐ don: University of Washington Press, 12-44. 268 Alexander M. Teixeira Kalkhoff <?page no="269"?> Ein Modell zur Beschreibung und Systematisierung von Amplifikationsverfahren: eine erste Skizze Sarah Dessì Schmid (Tübingen) Komplexe textuelle (Makro-)Verfahren, die durch verschiedene untergeordnete Verfahren realisiert werden, unterschiedliche sprachliche und kommunikative Ebenen betreffen und zu ihrem Verständnis einer zugleich formalen, semanti‐ schen und pragmatischen Analyse unterzogen werden müssen, stellen eine besondere analytische Herausforderung sowohl für ältere Disziplinen, wie die Rhetorik, als auch für jüngere, wie die Sprachwissenschaft, dar. Dies ist der Fall auch bei der amplificatio (‚Amplifikation‘, etwa mit den deutschen Begriffen der (hyperbolischen) Steigerung und Intensivierung gleichzusetzen), einem klassischen Verfahren, das, wenn auch allgemein sehr verbreitet, besonders charakteristisch für die Epideiktik ist, eine der drei Gattungen der klassischen Rhetorik, sowie für bestimmte, mit dieser verbundene Textsorten und Diskurs‐ traditionen (etwa die Lobrede). Für die Amplifikation hat die Rhetorik - auch die neuere, welche her‐ meneutisch-philologisch ausgerichtete Methoden, Konzepte und Begriffe zur Textanalyse verwendet (vgl. u. a. Till 2004, 2006) -, anders als für die Lehre der Tropen und rhetorischen Figuren, noch kein homogenes Begriffssystem hervorgebracht, das zu einer umfassenden Klassifikation führt. Das ist insofern überraschend, als die Zentralität der amplificatio als Technik der Steigerung bzw. Abschwächung von Gegenständen oder Personen der Rede schon seit der anti‐ ken Rhetorik herausgestellt wurde. Ebensowenig hat die Sprachwissenschaft sich mit der Komplexität dieses (Makro-)Verfahrens und mit der Untersuchung der einzelnen, der Amplifikation zuordenbaren Verfahren (etwa der Reduplika‐ tion und der Redundanz) beschäftigt, durch die sie verwirklicht werden kann - und sich dabei ausführlicher mit der Frage ihrer (Nicht-)Ökonomie beschäftigt. Nun ist die interdisziplinäre Verbindung neuerer rhetorisch-literaturwissen‐ schaftlicher Reflexionen und Instrumentarien und sprachwissenschaftlicher Theorien und Analysen gerade dazu prädestiniert, sich eines solchen Problems <?page no="270"?> anzunehmen, mit dem Ziel, ein theoretisches Modell der amplificatio zu entwickeln, das eine umfassende Beschreibung und Systematisierung dieses (Makro-)Verfahrens erlaubt. Dies stellt ein zentrales Objektiv des von Diet‐ mar Till und mir geleiteten und im Rahmen des Tübinger SFB 1391 Andere Ästhetik angesiedelten Projekts „Fülle, Redundanz, Überfluss: Verfahren der Steigerung in der Epideiktik der Frühen Neuzeit“ (gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnr. 405662736) dar, das sprachliche Verfahren hyperbolischer Steigerung und Intensivierung in italienischen und deutschen epideiktischen Texten der Frühen Neuzeit (Reden, Gedichte und Briefe) untersucht, mit dem Ziel, Ähnlichkeit und Spezifizität bzw. Tradiertheit und Innovation amplifikatorischer Verfahren vor dem Hintergrund ihrer Kon‐ textspezifität (Anlässe, Adressat: innen) herauszuarbeiten. Das Projekt zielt darauf, erstmals eine Systematisierung der untersuchten sprachlichen Verfahren zu entwickeln, welche den verschiedenen Ebenen des Textes Rechnung trägt, eine akkurate Analyse frühneuzeitlicher epideiktischer Texte unterschiedlicher Textsorten und Sprachräume erlaubt (aber auch auf die Untersuchung von Texten anderer Epochen und Sprachräume angepasst werden kann), und kategorial wie terminologisch neuere Ansätze der Linguistik dafür fruchtbar macht - insbesondere die der historischen Frame-Semantik (vgl. u.-v.-a. Blank 1997; Busse 2012; Fillmore 1977, 1985; Lakoff/ Johnson 1980; Koch 1999, 2001; Minsky 1975). Ergebnis soll zudem ein Verzeichnis von Verfahren hyperbolischer Amplifikation sein, das als Grundlage für die weitere Arbeit dienen und die Kohärenz über die Arbeitsbereiche und beteiligten Disziplinen sicherstellen kann. Die ersten grundlegenden Überlegungen zu den Kriterien, Kategorien und Ebenen des zu entwickelnden Modells können hier nur in einer ersten, äußerst schematischen und provisorischen Skizze dargestellt werden. Dies ist nicht nur dem Format dieser Publikation geschuldet, sondern auch der Tatsache, dass ein solches Instrumentarium in der voranschreitenden Analyse der im Projekt untersuchten Texte zu verifizieren, anzupassen und weiterzuentwickeln ist. Das Textrepertoire ist dabei weit gefasst: Da für Italien der Fokus auf der Analyse textueller Phänomene der Steigerung und Intensivierung in epideiktischen Texten und der korrespondierenden Theoriebildung in Poetik und Rhetorik liegt, wird eine Auswahl von Texten zur Epideiktik und von epideiktischen Texten unterschiedlicher Textsorten, vom Traktat über Reden und Briefe bis zur Lyrik, aus dem 16. und 17. Jahrhundert zu Grunde gelegt. Dagegen geht es in Deutschland vorrangig um die Rezeption der italienischen Theoretiker der argutia im 17. Jahrhundert und die Analysen epideiktischer Texte in deutscher Sprache in Bezug auf Formen der amplificatio (mit besonderer Berücksichtigung 270 Sarah Dessì Schmid <?page no="271"?> der Unterschiede zur und Gemeinsamkeiten mit der italienischen Tradition). Grundlage des Analyse-Korpus deutschsprachiger Texte ist daher ein weiter gefasstes Verständnis von epideiktischer Literatur (seit Burgess 1902), das neben den Reden auch Gelegenheitsgedichte und Briefe umfasst und auf den Zeitraum vom Ende des 17. Jahrhunderts bis zum frühen 18. Jahrhundert konzentriert ist. Abhängig von der Textsorte und der Individualität des Textes sollen für die Klassifizierung der vielfältigen sprachlichen Verfahren der Amplifikation verschiedene Aspekte einbezogen werden: 1. die (außersprachlichen) Kommunikationsbedingungen des Textes (etwa der Grad der Öffentlichkeit bzw. die Zahl der Rezipienten), der Grad der Vertrautheit des Kommunikationspartners bzw. Adressaten, die emotionale Beteiligung (am Adressaten oder am Kommunikationsgegenstand), die Dialogizität, die Spontaneität oder Themenfixierung usw., vgl. Koch/ Oes‐ terreicher 2 2011); 2. die für die Kommunikationsakte selbst relevanten Aspekte, d. h. die Versprachlichungsstrategien, welche im Fall schriftlicher (nach Koch/ Oes‐ terreicher 2 2011 „distanzsprachlicher“), also eine hohe Informationsdichte anstrebender Texte, zu einem hohen Maß an Integration und Komplexität sprachlicher Einheiten führen - wenn auch Unterschiede im Zusammen‐ hang mit der Textsorte zu erwarten sind. Sprachliche Verfahren der Amplifikation (etwa Akkumulation, Reduplikation, Alteration, Umstellung, Umformulierung, Intensivierung, Konnotation usw.) betreffen zwei unterschiedliche Ebenen der Relationen, an deren Schnittpunkt sich jede sprachliche Einheit unabhängig von ihrer ‚Größe‘ und ihrem Bereich - also vom Laut bis zum Satz - befindet: die Ebene der Syntagmatik (der Linearität, die Relationen in praesentia darstellt und Konstruktionen hervorbringt) und die Ebene der Paradigmatik (der Opposition bzw. Substitution, die Relationen in absentia darstellt, die Klassen schafft). Das bedeutet, dass z. B. Alteration, Umstellung, Intensivierung auf lautlicher wie graphischer, auf phonologischer, morphologischer wie syntaktischer Ebene stattfinden können. Jede sprachliche Einheit wird gleichzeitig paradigmatisch selektiert und syntagmatisch (mit anderen Einheiten) kombiniert. Die folgende Tabelle soll anhand von Formeln und äquivalenter (konstruierter) Beispiele aus dem heuti‐ gen Italienisch eine Exemplifizierung leisten (nur auf einer sprachlichen Ebene) und auch zeigen, dass in einigen Verfahren sowohl Relationen in praesentia, als auch in absentia vorkommen (die nicht-gesteigerte Formel A = x korrespondiert mit ‚Leo è grande‘): Ein Modell zur Beschreibung und Systematisierung von Amplifikationsverfahren 271 <?page no="272"?> Sprachliches Verfahren Formel / Beispiel Syntagma‐ tik Paradig‐ matik Akkumulation A = x + y (+ n) (1) Leo è grande e grosso (e alto). X X Reduplikation A = x + x (2) Leo è grande grande. X - Alteration (etwa durch Evaluation, sowohl bei eher flexiven (Komparativ, Superlativ, Elativ usw.), als auch bei eher derivativen Verfah‐ ren (Augmentativ, Dimi‐ nutiv, Pejorativ usw.) A = x 2 / A = x -2 (3) Leo è molto grande / il più grande / grandissimo. -(4) Leo è un grandone. X -----X Umstellung n + x + y = A (5) Alto e grande e grosso è Leo. X X Umformulierung (etwa Paraphrasierung) A = y bei (y @ x) (6) Leo è di enorme gran‐ dezza. X X Intensivierung (etwa Expansion, Expressivie‐ rung) A = z bei (z = x n ) (7) Leo è enorme. (8) Leo è un gigante. - - X Konnotation (etwa Markierung des Registers) A = x (9) Leo è grande un botto. (10) Leo è gigantesco. - X Tab. 1: Sprachliche Verfahren der Amplifikation Neben dieser Ordnung von Verfahren ist eine weitere zu berücksichtigen, die sich wie eine Folie, eine weitere Schicht auf die erste legt und wesentlich für die Amplifikation erscheint: Dies sind die ‚rhetorischen Figuren‘ und ‚Tropen‘ der klassischen Rhetorik, die im neueren Ansatz der historischen kognitiven Semantik unter Berücksichtigung der Resultate der Forschung zur Gestaltpsychologie als ‚Versprachlichungsmechanismen‘ (etwa ‚Metaphern‘, ‚Metonymien‘, ‚Generalisierungen‘, ‚Spezialisierungen‘ usw.) aufgefasst werden und als auf allgemeinen Assoziationsprinzipien basierend erklärt werden (kon‐ zeptuelle ‚Ähnlichkeit/ Kontrast‘ im Fall der Metapher, ‚Kontiguität‘ im Fall der Metonymie usw.). Ein Beispiel wie (8), das Intensivierung (Expressivierung) und metaphorische Übertragung zeigt, kann nur in der Verbindung beider Ordnun‐ gen interpretiert werden. Dies gilt umso mehr für komplexe (historische) lite‐ 272 Sarah Dessì Schmid <?page no="273"?> rarische Texte. Gerade die zentrale Rolle, die metaphorische, metonymische und (ko-)hyponymische Versprachlichungsmechanismen im Frame-semantischen Ansatz spielen, und ihre konsequente Modellierung machen diesen Ansatz besonders geeignet für die Integration mit Kategorisierungen der traditionellen Rhetorik (Figuren und Tropen). In Anbetracht des bemerkenswerten Erfolgs frame-semantischer Ansätze in den letzten Jahrzehnten - welche zunächst auf alltagssprachlich bezogene Konzepte, die lexikalisch ausgedrückt werden, dann aber auch auf solche der Grammatik (vgl. u. v. a. Croft 1991; Dessì Schmid 2014; Geeraerts 2006; Langacker 1987, 1991) und nicht zuletzt in der literaturwissenschaftlichen und ideengeschichtlichen Forschung (vgl. u. a. Braun/ Darilek 2022; Dessì Schmid i. Dr.; Schultz-Balluf 2014) produktiv angewandt worden sind - ist umso erstaunlicher, dass gerade eine rhetorisch-linguistische Anwendung fehlt und umso erfreulicher, dass diese nun im Entstehen ist. Bibliographie Blank, Andreas (1997). Prinzipien des lexikalischen Bedeutungswandels am Beispiel der romanischen Sprachen. Tübingen: Niemeyer. Braun, Manuel/ Darilek, Marion (2022). Auszählen und Ausdeuten. Quantitative und qualitative Zugänge zum ästhetischen Wortschatz der mittelhochdeutschen Literatur. Göttingen: V & R Unipress (= Mitteilungen des Deutschen Germanistenverbandes 69/ 1). Burgess, Theodore C. (1902). Epideictic Literature. Chicago: University of Chicago Press. Busse, Dietrich (2012). Frame-Semantik. Ein Kompendium. Berlin et al.: De Gruyter. Croft, William (1991). Syntactic Categories and Grammatical Relations: The Cognitive Organization of Information. Chicago: University of Chicago Press. Dessì Schmid, Sarah (i. Dr.). Frame-theoretische Modellierung von transkulturellen Begriffen am Beispiel von ‚Sprachpurismus‘ - eine erste Skizze. In: Braun, Manuel/ Da‐ rilek, Marion/ Gerok-Reiter, Annette (Hrsg.).-singen und sagen. Qualitative und quan‐ titative Studien zum ästhetischen Wortschatz der Vormoderne. Berlin/ Boston: De Gruyter. Dessì Schmid, Sarah (2014). Aspektualität. Ein onomasiologisches Model am Beispiel der romanischen Sprachen. Berlin et al.: De Gruyter (engl. Übersetzung 2019. Abrufbar unter-https: / / www.degruyter.com/ document/ doi/ 10.1515/ 9783110562088/ html). Fillmore, Charles J. (1985). Frames and the Semantic of Understanding. Quaderni di semantica 6, 222-254. Ein Modell zur Beschreibung und Systematisierung von Amplifikationsverfahren 273 <?page no="274"?> Fillmore, Charles J. (1977). Scenes-and-Frames-Semantics. In: Zampolli, Antonio (Hrsg.). Linguistic Structures Processing. Amsterdam: North-Holland Publishing Company, 55-81. Geeraerts, Dirk (2006). Cognitive Linguistics. Basic Readings. Berlin/ New York: De Gruyter. Koch, Peter (2001). Metonymy.-Unity in diversity.-Journal of Historical Pragmatics-2 (2),-201-244. Koch, Peter (1999).-Frame and Contiguity: On the Cognitive Bases of Metonymy and Certain Types of Word Formation. In: Radden, Günter/ Panther, Klaus-Uwe (Hrsg.).-Metonymy in Language and Thought. Amsterdam/ Philadelphia: Benjamins, 139-167.- Koch, Peter/ Oesterreicher, Wulf ( 2 2011). Gesprochene Sprache in der Romania. Franzö‐ sisch, Italienisch, Spanisch. Berlin et al.: De Gruyter. Lakoff, George/ Johnson Mark (1980). Metaphors We Live By. Chicago: University of Chicago Press. Langacker, Ronald W. (1991). Foundations of Cognitive Grammar, Bd.-2: Descriptive Application. Stanford: Stanford-University Press. Langacker, Ronald W. (1987). Foundations of Cognitive Grammar, Bd.-1: Theoretical Prerequisites. Stanford: Stanford-University Press. Minsky, Marvin (1975). A Framework for Representing Knowledge. In: Winston, Patrick H. (Hrsg.). The Psychology of Computer Vision. New York: Mc Grow-Hill, 211-277. Schultz-Balluff, Simone (2014). Synergetisierung von Frame-Semantik und mediävis‐ tischer Literaturwissenschaft. Theoretische und methodische Überlegungen am Beispiel von Treue-Konzeptionen in mittelhochdeutschen Texten. Beiträge zur Ge‐ schichte der deutschen Sprache und Literatur 136 (3), 374-414. Till, Dietmar (2006). Das doppelte Erhabene. Geschichte einer Argumentationsfigur von der Antike bis zum Beginn des 19.-Jahrhunderts. Tübingen: De Gruyter. Till, Dietmar (2004). Transformationen der Rhetorik. Untersuchungen zum Wandel der Rhetoriktheorie im 17. und 18.-Jahrhundert. Tübingen: De Gruyter. 274 Sarah Dessì Schmid <?page no="275"?> Pragmatikalisierung von senti und ascolta als Diskursmarker Waltraud Weidenbusch (Heidelberg/ Regensburg) Diskursmarker sind Elemente mit prozeduraler Bedeutung (vgl. Hansen 1996: 106-108), sie sind unveränderlich, besitzen keine Funktion im Satz, ihr Skopus variiert in seiner Extension, ihre Funktion ist eine pragmatische und bezieht sich auf die Strukturierung des Diskurses, die Verbindung zweier diskursiver Teile, die Steuerung der Inferenzen, auf die Beziehung zwischen der Äußerung und der außersprachlichen Wirklichkeit. Sie drücken die Haltung des Sprechers bezüglich der Äußerung aus oder dienen dem Ausdruck der Beziehung der Gesprächspartner (vgl. Bazzanella 1995: 225; Martín Zorraquino/ Portolés Lázaro 1999: 4057; Weidenbusch 2014: 14-16; für eine Unterscheidung in Diskursmar‐ ker und pragmatische Marker vgl. Ghezzi 2014: 11-16). Bei heutigen Diskusmarkern, die auf eine lexikalische Einheit zurückgehen oder bei denen diese noch heute existiert, wird ihre Entstehung als Gramma‐ tikalisierung bzw. Pragmatikalisierung (vgl. Weidenbusch 2014: 17-19) eines zunächst lexikalischen Elementes betrachtet. Waltereit (2002) hat bei der Ent‐ wicklung von guarda als Diskursmarker darauf hingewiesen, dass ein rhetoric overuse einer Konstruktion den Ausgangspunkt bilden kann: „the recruitment of DM’s are the historical relics of rhetorical overuse of a construction“ (Waltereit 2002: 1005-1006). Er bezieht sich dabei auf die seiner Meinung nach aus dem Gebrauch des Imperativs hervorgegangene Funktion mit dem Imperativ von guarda den Sprecher zu unterbrechen (Waltereit 2002: 988-989, 995-998), ohne jedoch diachrone Beispiele anzuführen. Im Folgenden soll eine Anregung für die Interpretation der diachronen Entwicklung der Diskursmarker senti und ascolta gegeben werden (vgl. Bazzanella 2010; Iliescu 2014; mira und oye Pons Bordería 1988; écoute Dostie 1998). Als Korpora habe ich für die zeitgenössischen Beispiele auf das LIP-Korpus zurückgegriffen, welches Aufnahmen von Telefonaten und Radiosendungen beinhaltet. Diese Situationen, in denen die Sprecher sich nicht am gleichen Ort befinden, sondern sich nur hören können, können zu einer häufigeren <?page no="276"?> Verwendung von Diskursmarkern, die aus Verben des Hörens entstanden sind, führen. Für die diachrone Beschreibung stütze ich mich auf das LIZ-Korpus (2000) sowie auf das OVI-Korpus. Aus dem Lip-Korpus ergibt sich, dass heutige Funktionen des Diskursmarkers senti folgende sind: Themenwechsel (zu Beginn eines turns (1), nach anderen Diskursmarkern (2) oder im Inneren eines turns (3)), Unterbrechung (4) (zu Beginn eines turns), Einleitung einer direkten Rede (5) (nach einem Verb des Sagens), Ausdruck von Missbilligung (6) (oft mit ma im Kotext), als Überbrü‐ ckungsphänomen (7) (zusammen mit anderen Überbrückungsphänomenen). Es behält dabei eine appellative Funktion, die auf den lexikalischen Gebrauch des Imperativs des Verbs sentire zurückgeht. Als Diskursmarker soll die Aufmerk‐ samkeit des Hörers/ der Hörerin hervorgerufen werden. (1) - senti Patrizia dimmi una cosa come è andata la conferenza stampa (LIZ F B 5 20 B) (2) - ah ah certo senti la mamma non c’è (LIZ F B 6 11 A) (3) - i miei figli niente senti la Giovanna sono andato a parlare eh (LIZ F B 12 179 A) (4) - senti scusa se t’interrompo gli ho comprato una crema per il corpo secondo me domani avrà l’avrà finita (LIZ F A 2 346 C) (5) - io dietro a lui allora $ non ci ho una lira dammi i soldi come faccio dico senti Paolo calmati prendiamo la mia macchina andiamo con la mia macchina (LIZ F B 12 66 B) (6) - ma senti ma perché non sei venuto (LIZ M B 1 229 B) (7) - senti eh niente a questo punto ci vediamo (LIZ F B 6 47 A) Ascolta ist in weniger, aber ähnlichen Funktionen wie senti im LIP-Korpus belegt: Themenwechsel (zu Beginn eines turns (8) oder im Inneren eines turns (9)), Unterbrechung (10) (zu Beginn eines turns) und Ausdruck von Missbilligung (11) (oft mit ma im Kotext). (8) - mh ascolta un’altra cosa e che idee aveva una volta costituito questo grande impero (LIZ F C 6 827 A) (9) A: eh niente c’é da allargarla un pochino ascolta quando sono da quelle parti passo un attimo e te lo metto a posto sí (LIZ R E 4 159-160) (10) B: avevo iniziato no chiedendo ma tu cosa pensi - C: ascolta aspetta ci sara’ Roberto che dice buttiamo una bomba uccidiamoli tutti (LIZ M A 11 46-47) (11) - ascolta ma si mangia tu ha’ detto (LIZ F B 14 169-M) Wenn wir ältere Texte betrachten, finden wir die Verwendung von ascolta und senti in Ko- und Kontexten, die als Ausgangspunkte für eine Entwick‐ 276 Waltraud Weidenbusch <?page no="277"?> lung zu einem Diskursmarker betrachtet werden können. Sie werden beide als Imperative der entsprechenden Verben ascoltare und sentire verwendet, um die Aufmerksamkeit des Gesprächspartners zu gewinnen und ihn zum Zuhören aufzufordern. Interessant in unserem Zusammenhang finde ich die Möglichkeit der Verwendung von ascolta bzw. senti mit und ohne Objekt mit vorausgehendem or(a) zu Beginn einer Erzählung. Or(a) seinerseits wird in den Ausgaben des Crusca-Wörterbuches (Crusca 1 1662, 3 1691, 4 1729-1738) sowohl als Tempusadverb als auch als eine „particella riempitiva“ bzw. im GDLI als Element mit verstärkender Funktion definiert. Ascolta lässt sich im Altitalienischen in lexikalischer Verwendung mit und ohne Objekt bzw. Objektsatz in der Verbindung mit or(a) finden. Dies kann als eine Diskurstradition zur Einleitung einer Erzählung betrachtet werden ähnlich wie Es war einmal zu Beginn eines Märchens. Dies kann ein Ausgangspunkt sein zur Übernahme der Funktion des Themenwechsels und weiterer Funktionen als Diskursmarker. (12) - Tucti dall’omo so’ vincti e cconfusi, / si vol menare vita a dderectura. / Ora m’ ascolta, e mmictite a vedere / si quello ke tte dico è veretate: / Deo vole ke ttu - - (LIZ/ OVI? : Jacopone, Laud. Urbinate, XIII ui.di. (tod.), cap. 10, v. 39 - pag. 520, riga 34) (13) - li loro accidenti si narraro; / ma Palemon, che tutto ardea d’amore, / disse: - Or m’ascolta, dolce amico caro; / io son sì forte preso del valore / d’Emilia bella col visaggio - - (LIZ: Boccaccio, Teseida, 1339-41 (? ), L. 5, ott. 39, v. 4---pag. 395, riga 18) (14) - - Or ascolta, sì udirai com’egli avenne. Al tempo che Agustus Cesar, il buono imperadore che tenne - - (OVI: Storia San Gradale, XIV po.q. (fior.), cap. 64---pag. 68, riga 9) Diese Diskurstradition existiert auch noch im 18.-Jahrhundert. (15) - CLEL.\… non è vero! / \ORA.\ Sposa, or m’ascolta Io non amai, non amo, / Né son - - (LIZ: METASTASIO, P. Il trionfo di Clelia [2], At.1, sc.4.29) Das 18. Jahrhundert ist es auch, in dem heutige Diskursmarkerfunktionen von ascolta festzustellen sind wie Themenwechsel (16), Unterbrechung (17), Überbrückung (18) und Einleitung einer zitierten direkten Rede (19). (16) - AMA.\… Già piansi estinta. \BER.\ Io nulla intendo. \AMA.\ Ascolta./ La real madre tua perdé la vita/ Nel darla - - (LIZ METASTASIO, P. Nitteti, At.3, sc.10.23)- Pragmatikalisierung von senti und ascolta als Diskursmarker 277 <?page no="278"?> (17) già visibile la persona sacra del vegnente. - Ascolta! - interruppe Ippolita scotendo Giorgio ch’era assorto in - - (LIZ: D’ANNUNZIO, G. Trionfo della mor [4], Libro 4,3.76) (18) - CREON.\… \EMONE\ Misero me! … Padre, .. perdona; … ascolta; … -/ oh ciel! tuo nome oscurerai, né - - (LIZ: ALFIERI, V. Antigone [4], At.3, sc.1.46) (19) - LIV.\… \CEC.\ Parmi due volte almeno; indi mi disse: Ascolta,/ Di’ alla tiranna mia… \LIV.\ Alla tiranna! - - (LIZ: GOLDONI, C. La donna stravagante [2], At.4, sc.12)- Auch senti wird mit vorausgehendem or(a) als eine Diskurstradition, mit der eine Erzählung begonnen wird, verwendet (20), (21). (20) - In basso fondo sanza alcuno schermo./ / Or senti tu, diss’ella, queste cose, o ver discorron nell’animo tuo? Or se’ tu come - - (LIZ: ALBERTO DELLA PIAGENTINA Il Boezio volgarizzato [2], Lib. 1,4.2 und OVI Alberto della Piagentina, 1322/ 32 (fior.) L. 1, cap. 4 - pag. 24, riga 20) (21) - Or senti un terribile accidente, piacevolissimo lettore. Con quanta sollici‐ tudine (LIZ: CELLINI, B. Vita, Libro 2,83) Bei Goldoni im 18. Jh. findet man senti als Diskursmarker zum Themenwechsel (22) und zur Unterbrechung im Italienischen (23), zur Einleitung einer direkten Rede wird es bei Goldoni im Venezianschen verwendet (24). In dieser Funktion findet es sich schon bei Cellini (25). (22) - ASP.\… mio creditore non dorme. \SANC.\ A proposito. Senti, Arlecchino… \ARL.\ Aspettè, sior padron, - - (LIZ: GOLDONI, C. L’adulatore [3], At.2, sc.8.8) (23) - COL.\… me. ISAB.\ E come! So… Ma senti, non lo dir a nessuno. \COL.\ No - - (LIZ: GOLDONI, C. L’adulatore [3], At.1, sc.4.22) (24) - BETT.\… mare, povereta, che la me lo diseva: senti, se ti te maridi, no vogio brui longhi - - (LIZ: GOLDONI, C. La putta onorata, At.2, sc.16.10) (25) - Voltosi il negromante a me mi disse: - Senti che gli hanno detto? Che in ispazio di un - - (LIZ: CELLINI, B. Vita [5], Libro 1,64) In der folgenden Tabelle sind die Verwendungen von ascolta und senti im heutigen Italienisch und im ‘700 einander gegenübergestellt. Man erkennt, dass 278 Waltraud Weidenbusch <?page no="279"?> eine Kontinuität der im 18. Jh. belegten Funktionen besteht. Außerdem lässt sich feststellen, dass senti heute die meisten Funktionen besitzt: - Themenwechsel Missbilligung Unterbrechung Einleitung ei‐ ner direkten Rede Überbrü‐ ckung Senti + + + + + Ascolta + + + - - senti ‘700 + - + + - ascolta ‘700 + - + + + Tab. 1: Verwendungen von ascolta und senti im heutigen Italienisch und im ‘700 Somit scheint mir die Annahme berechtigt, dass sich ascolta und senti aus der Diskurstradition or(a) ascolta, or(a) senti, die zur Einleitung einer Erzählung diente, zu einem Diskursmarker entwickelt haben, der einen Themenwechsel markieren kann und weitere Funktionen übernimmt. Die Verwendung als Diskursmarker scheint sich insbesondere im 18. Jh. vollzogen zu haben. Bibliographie Bazzanella, Carla (2010). I segnali discorsivi. In: Salvi, Gianpaolo/ Renzi, Lorenzo (Hrsg.). Grammatica dell’italiano antico. Bologna: il Mulino, 1339-1357. Bazzanella, Carla (1995). I segnali discorsivi. In: Grande grammatica italiana di consul‐ tazione, 225-257. Crusca = Vocabolario degli accademici della Crusca 1 1662, 3 1691, 4 1729-1738. Abrufbar unter http: / / www.lessicografia.it/ (konsultiert am 24.06.2024). Dostie, Gaétane (1998). Deux marqueurs discursifs issus de verbes de perception: de écouter/ regarder à écoute/ regarde. Cahiers de lexicologie 73, 85-106. GDLI = Grande dizionario della lingua italiana. Abrufbar unter https: / / www.gdli.it (konsultiert am 25.06.2024). Ghezzi, Chiara (2014). The development of discourse and pragmatic markers. In: Gezzi, Chiara/ Molinelli, Piera (Hrsg.). Discourse and pragmatic markers from Latin to the romance languages. Oxford: Oxford University Press, 10-26. Hansen, May-Britt Mosegaard (1998). The function of discourse particles. A study with special reference to spoken standard French. Amsterdam: John Benjamins. Pragmatikalisierung von senti und ascolta als Diskursmarker 279 <?page no="280"?> Iliescu, Maria (2014). Call markers in French, Italian and Romanian. In: Gezzi, Chiara/ Molinelli, Piera (Hrsg.). Discourse and pragmatic markers from Latin to the romance languages. Oxford: Oxford University Press, 29-40. LIP (1993) = Lessico di frequenza dell’italiano parlato, hrsg. von Tullio De Mauro et al. Milano: Etaslibri. Abrufbar unter http: / / badip.uni-graz.at (konsultiert am 16.07.2020). LIZ ( 4 2000) = Letteratura Italiana Zanichelli. Stoppelli, Pasquale/ Picchi, Eugenio (Hrsg.). Milano: Zanichelli. Martín Zorraquino, M. a Antonia/ Portolés Lázaro, José (1999). Los marcadores del dis‐ curso. In: Bosque, Ignacio/ Demonte, Violeta (Hrsg.). Gramática descriptiva de la lengua española, Bd.-3. Entre la oración y el discurso. Morfología. Madrid: Espasa Calpe, 4051-4213. OVI = Corpus dell’opera del Vocabolario dell’Italiano antico. Abrufbar unter http: / / gatt oweb.ovi.cnr.it/ (konsultiert am 24.06.2024). Pons Bordería, Salvador (1988). Oye y mira o los límtes de la conexión. In: Martín Zor‐ raquino, M. a Antonia/ Montolío, Durán, Estella (Hrsg.). Los marcadores del discurso. Teoría y anáisis. Madrid: Arcolibros, 213-228. Waltereit, Richard (2002). Imperatives, interruption in conversation, and the rise of discourse markers. A study of Italian ‘guarda’. Linguistics 40 (5), 987-1010. Weidenbusch, Waltraud (2014). Introduction. In: Weidenbusch, Waltraud (Hrsg.). Dis‐ kursmarker, Konnektoren, Modalwörter (Marqueurs du discours, connecteurs, adver‐ bes modaux et particules modales). Kongressakten der Sektion 4 des Frankoromanis‐ tenkongresses (Augsburg, September 2008). Tübingen: Narr, 11-25. 280 Waltraud Weidenbusch <?page no="281"?> Lifespan pragmatics Annette Gerstenberg (Potsdam) Many people, and especially linguists, age well (if not successfully, after the ideas developed in Baltes/ Baltes 1993), doubtlessly due to the fact that they continue to “do things with words” (Austin 1962) in a very conscious way; the ease with which one writes an academic paper in the later stages of one’s career can hardly be compared to one’s first decade of professional activity. We leave it to the reader’s experience and observational skills to elaborate this thesis with personal examples. In what follows, we explore the idea that instances of the same genre are performed in different ways in different stages of life, by exploring the example of stories from personal experience.- Narratives are certainly not an understudied genre. The canonical model of a “normal form for oral versions of personal experience” (Labov/ Waletzky 1967: 40) is based on narratives from over 600 interviews with speakers aged 10 to 72, so chosen in order to identify overarching features present in all age groups. However, although the matter of how meaning interacts with the storytellers’ age and the related social condition is often addressed in the individual analyses of such stories, it is far from standard procedure. This leads us to ask whether it is possible to trace a line that leads us from childhood over youth to adulthood and beyond to the later stages of life, by drawing on individual case studies dealing with age. Can the meaning and functions identified in stories of personal experience in different periods of one’s life be assembled to reveal continuous development, and provide a rationale for “lifespan pragmatics” (Gerstenberg 2020)? With these questions in mind, we sketch a review of dedicated papers to develop a more precise idea of what could make our storytelling so specific to different periods in our lifespan. We include research dealing with stories of personal experience told in explicitly defined age-groups, mentioned in the respective titles, and in which the question of meaning is discussed. In order to reduce the vast topic, intercultural and multilingual approaches were not taken into consideration, a necessary task that unfortunately dwarfs the scope of this piece. <?page no="282"?> In child language, narratives are often analyzed in a diagnostic approach to sketch the development of linguistic competences or to define differences between children with and without impairments. In their own right, children’s “first stories” (between the ages 1; 11 and 2; 11) are investigated by Pendergrass using data gathered in a private day care center in the Washington metropolitan area, focusing on “narremes”, which are defined as “verbal and nonverbal behaviors which are genuine attempts on the part of young children to call attention to, reference, describe, or communicate information or attitudes about some past event to their listeners”. Event reportability is analyzed in six categories (negative, positive, odd, other, ambiguous), of which the positive category is the most frequently told (Pendergrass 1992: 55, 62, 66). This is one instance demonstrating that the marking of reportable events starts early in life. Miller/ Sperry analyzed children (age 1; 7 to 2; 8) recorded in family interac‐ tions, focusing on specific “episodes of talk about the past” (1988: 297; i.e., distant past, which means before the recording). These episodes were segmented into utterances with different functions (referential, evaluative, introductory, exiting, ambiguous, other), roughly corresponding to the basic narrative sequences (Labov/ Waletzky 1967). The most frequent function of all labelled utterances was evaluative, a stable result when compared with randomly selected utter‐ ances from non-narrative speech, which also revealed a tendency to report negative past events (Miller/ Sperry 1988: 308, 312).- Students’ “narrative performances” in conversations between schoolmates aged 17-18 are the topic of Archakis (2012), recorded in the absence of teachers. The author is interested in how the students position themselves through their narratives (in terms of Bamberg 1997). Archakis’ research reveals that students operationalize their stories to deal with the canonical “initiation-responsefeedback” (I-R-F) structure, and to overwrite its presuppositions and expected outcomes. This narrative performance is presented as an important act of identity construction.- Even for a sketch of a review, it is worth noting that stories told by adults posteducation are rarely understood in relation to the storytellers’ age. In the adult age groups, specific cohorts are rarely explicitly addressed, while the widespread use of more implicit age groups, related to professional or social roles such as “police officer”, “teacher”, “mother/ father/ parents”, suggests that these ageless individuals simply represent the normal, i.e.: adult, age group.- Beyond this idea of unmarked normality, research dealing with older age groups takes a wide variety of approaches to precisely refer to speakers’ age, such as Kemper (1990: 221) who observes in her longitudinal study that at 70 and 80 years of age, speakers create elaborate narrative structures, which 282 Annette Gerstenberg <?page no="283"?> are judged to be interesting and awarded with positive evaluations by English teachers. This study focuses on linguistic features such as structural complexity and textual cohesion, while the meaning and functions of the narratives are not analyzed. As a whole, as the evaluation shows, older storytellers use their narrative skills in a successful way; personal experience can be drawn upon in order to entertain the audience and thus guarantee the storyteller’s active participation in the conversation.- On the level of functions and meaning, questions of identity occupy an important place when it comes to the analysis of older storytellers’ narratives. In particular, the salience of older identity features has attracted the attention of scholars such as Coupland, Coupland and Howard (1989). Norrick (2009: 905) contrasts research on a (fictive) female teenager, whose narratives convey current identity features, with the features found in a narrative told by an older storyteller. Norrick (2009: 925) finds evidence for “multiple identities” in the narratives of older tellers, citing formulaic closings (“and here I am”) that add a dual perspective to their stories. Doing so, storytelling activities continue to be performed until very advanced old age; evidence has been found that “the lifelong practice of storytelling preservers linguistic resources and keeps them available for use” (Gerstenberg & Hamilton 2023: 56), including under the conditions of cognitive impairment. As Hamilton (2011) shows, the very notion of narrative may be challenged when analyzed in the discourse of people with Dementia. She therefore widens the definition and introduces the notion of “narrative traces”, independent clauses referring to the past in the context of non-past referring clauses. The resulting self-presentation is better understood as a snapshot, instead of a selfportrait. To answer our initial question, this very selective review combines evidence from the current research for age-specific storytelling activities, when looking at the examples of functions (such as entertaining the audience) and meaning (especially on the level of identity) in particular. Starting with children’s attempts to share their past experiences, storytelling activities can be situated in social settings where identity is strongly linked to distinct periods in the lifespan. Identity is achieved by the construction of gender identities and confrontation with authorities as a teenager, the performance of family and professional roles as ageless “adults”, while in later life, the contrast between past and present becomes crucial to save face. It could be worth following this line of thought by continuing the search for further evidence for age-related features in a lifespan pragmatic approach. Or - quite a different way of looking at it: Lifespan pragmatics 283 <?page no="284"?> are these suggested results just indicative of the interests and expectations in contemporary research when dealing with age-related features of storytelling? References Archakis, Argiris (2012). Doing indiscipline in narrative performances: How Greek students present themselves disobeying their teachers. Narrative Inquiry 22 (2), 287-306. Austin, John L. (1962). How to do Things with Words. The William James Lectures delivered at Harvard University in 1955. Oxford: Oxford University Press. Bamberg, Michael G. W. (1997). Positioning between structure and performance. Journal of Narrative and Life History 7 (1-4), 335-342. Baltes, Paul B./ Margret M. Baltes (eds.) (1993). Successful Aging: Perspectives from the Behavioral Sciences. Cambridge: Cambridge University Press. Coupland, Nikolas/ Coupland, Justine/ Giles, Howard (1989). Telling age in later life: Iden‐ tity and face implications. Text & Talk 9 (2), 129-152. Gerstenberg, Annette/ Hamilton, Heidi E. (2023). Older adults’ conversations and the emergence of “narrative crystals”: a new approach to frequently told stories. Narrative Inquiry 33(1), 1-34. Gerstenberg, Annette (2020). Pragmatic development in the (middle and) later stages of life. In: Schneider, Klaus P./ Ifantidou, Elly (eds.). Developmental and Clinical Pragmatics. Berlin/ Boston: De Gruyter Mouton, 209-234. Hamilton, Heidi E. (2011). Narrative as snapshot: Glimpses into the past in Alzheimer’s discourse. In: Duszak, Anna/ Okulska, Urszula (eds.). Language, Culture and the Dynamics of Age. Berlin/ New York: Mouton de Gruyter, 77-108. Kemper, Susan (1990). Adults’ diaries: Changes made to written narratives across the life span. Discourse Processes 14, 207-233. Labov, William/ Waletzky, Joshua (1967). Narrative analysis: -Oral versions of personal experience. In: Helm. June (ed.). Essays on the Verbal and Visual Arts. Seattle: University of Washington Press, 12-44. Miller, Peggy J./ Sperry, Linda L. (1988). Early talk about the past: The origins of conversational stories of personal experience. Journal of Child Language 15, 293-315. Norrick, Neal R. (2009). The construction of multiple identities in elderly narrators’ stories. Ageing & Society 29, 903-927. Pendergrass, Debra M. J. (1992). The genesis of narrative production: Prenarratives in the conversations of 1 to 2 year olds. Georgetown University: ProQuest Dissertations Publishing. 284 Annette Gerstenberg <?page no="285"?> Un debate en torno al modelo del espacio variacional histórico-idiomático entre inmediatez y distancia comunicativas Araceli López Serena & Santiago Del Rey Quesada (Sevilla) 1 Introducción Hace ya tres décadas R. Sornicola (1991: 1) afirmaba que había ámbitos en que la lingüística románica tenía más que ofrecer a la lingüística general que al contrario. Entre las herramientas que la lingüística general puede absorber de la romanística se cuenta el modelo del espacio variacional histórico-idiomá‐ tico entre inmediatez y distancia comunicativas (en adelante modelo del EV) propuesto por P. Koch y W. Oesterreicher en 1990 (cf. fig. 1), y asumido, aunque nunca de forma acrítica, por el extraordinario caudal de discípulos que estos dos autores dejaron tras de sí, entre los que nos contamos Maria Selig y los dos autores de estas páginas. <?page no="286"?> Fig. 1: El espacio variacional histórico-idiomático entre inmediatez y distancia comuni‐ cativas (Koch/ Oesterreicher 1990 [2007 2 ]: 39) La asunción crítica de este modelo nos ha ofrecido, a quienes hemos aplicado, en nuestra propia reflexión teórica, el marco de la lingüística de las variedades de filiación coseriana, la oportunidad de destacar algunos aspectos del modelo, bien como debilidades, bien como fortalezas. En lo que sigue -y de acuerdo con el espíritu de este volumen, que busca poner sobre la mesa cuestiones que susciten controversia actualmente en el debate lingüístico-, expondremos muy brevemente tres aspectos del modelo del EV sobre los que los autores de esta contribución estamos en desacuerdo. A tal fin, partiremos de un trabajo de Santiago Del Rey (en adelante SDR) del año 2021, titulado “Lo marcado y lo no marcado en la cadena de variedades. Apuntes para una nueva propuesta”, en el que SDR se hace eco de los reparos expresados por Selig (2011) en relación con algunas características del modelo que nos interesa, y esbozaremos los motivos por los que las críticas vertidas por Del Rey (2021) en relación con el diseño del EV esbozado por Koch y Oesterreicher (1990) pueden ser replicadas si se reexaminan desde el punto de vista de las distinciones teóricas coserianas que constituyen el fundamento de esta célebre figura. En los apartados sucesivos, se presentarán argumentos y contraargumentos dispuestos a manera de debate dialéctico entre los dos autores de este trabajo. 286 Araceli López Serena & Santiago Del Rey Quesada <?page no="287"?> 2 La distinción entre nivel histórico y nivel individual Partimos de la diferenciación entre los niveles histórico e individual del lenguaje que Coseriu representó gráficamente tal y como se ve en la figura 2: NIVEL UNIVERSAL SABER ELOCUCIONAL saber hablar en general, de acuerdo con los principios ge‐ nerales del pensar y con la experiencia general humana acerca del mundo NIVEL HISTÓRICO SABER IDIOMÁTICO saber hablar de acuerdo con las normas de la lengua que se realiza NIVEL INDIVIDUAL/ ACTUAL SABER EXPRESIVO saber hablar en situaciones de‐ terminadas, saber estructurar los discursos de acuerdo con las normas de cada uno de sus tipos Fig. 2: Los niveles universal, histórico y actual del lenguaje y los saberes elocucional, idiomático y expresivo (Coseriu 1956-57; 2019: 32) En algunos de sus trabajos, Coseriu (2007, 2019) los vincula con un tipo de juicio de valor específico: nivel grados del saber valoración [cero] general elocucional [elocutivo] congruente histórico idiomático correcto textual expresivo adecuado Fig. 3: Los juicios de valoración correspondientes a la realización de los saberes elocucional, idiomático y expresivo (Coseriu 2007: 141) En la figura 1, los niveles universal e histórico de la tripartición coseriana se identifican a simple vista, porque esta contiene explícitamente los términos universal-esencial e idiomático-contingente (histórico). A propósito del nivel individual, Araceli López Serena (en adelante ALS) considera que este carece de expresión explícita en el modelo por una razón muy sencilla: se trata del nivel que esta figura trata de modelizar. No en vano, se parte de la premisa de que lo que determina las dinámicas que se dan entre las diferentes variedades del diasistema de la lengua es, justamente, la situación comunicativa, más inmediata Un debate en torno al modelo del espacio variacional 287 <?page no="288"?> o más distante, es decir, el factor que, como hemos visto en la figura 2, Coseriu vincula específicamente con el nivel individual del lenguaje y con el saber expresivo. Dado que los juicios lingüísticos propios del saber expresivo, que es el que está vinculado con la situación comunicativa, son juicios de adecuación (o inadecuación; esto es, juicios sobre lo que resulta o no apropiado en una determinada situación), la figura 1 nos indica, tal y como la interpreta ALS, que la comunidad lingüística a la que pertenezcamos considerará adecuado el empleo de rasgos diatópicos fuertes en la inmediatez comunicativa (en adelante IC), pero no así en la distancia comunicativa (en adelante DC), en la que solo se entenderá adecuado el uso de rasgos diatópicos débiles. Con respecto a la variación diastrática, la figura indica que nuestros interlocutores interpretarán como adecuado el uso de rasgos diastráticos bajos o poco prestigiosos en la IC, pero no en la DC. Por último, en relación con la variación diafásica, el modelo estipula que se verá adecuado el empleo de rasgos diafásicamente bajos (propios del registro informal) en la IC, pero no en la DC. Por su parte, SDR no cree que la intención de Koch y Oesterreicher sea modelizar el nivel individual. La interpretación del nivel histórico que propone Koch (1997), por muy contradictoria que sea respecto de la de Coseriu (cf. López Serena 2023), se basa en la escisión entre el saber idiomático (el dominio de las reglas idiomáticas) y el saber expresivo (el dominio de las reglas discursivas). Precisamente la adscripción del saber expresivo al nivel histórico es lo que justifica que no se explicite el nivel individual en el modelo, porque para Koch dicho saber es parte del nivel histórico y, en este sentido, SDR considera que el nivel que se intenta modelizar es justamente el histórico. Cosa distinta es que, desde la perspectiva estrictamente coseriana, podamos decir que este modelo se refiere al nivel individual. Pero veamos cuáles son exactamente las críticas que Del Rey (2021) hace al modelo del EV. 3 El tratamiento teórico homogéneo de las tres dimensiones de variación diasistemática En primer lugar, SDR coincide con quienes han criticado que la disposición grá‐ fica con que Koch y Oesterreicher representan la superposición de las distintas modalidades diasistemáticas en el modelo del EV sugiera que los diferentes tipos de variación diasistemática poseen un estatuto teórico homogéneo. Como Dufter y Stark (2003: 90) o Selig (2011: 118), SDR considera que las modalidades de variación diatópica y diastrática son muy distintas a la variación diafásica, en 288 Araceli López Serena & Santiago Del Rey Quesada <?page no="289"?> el sentido de que las coordenadas que determinarían la variación diatópica y la diastrática serían extrínsecas al hablante (le vendrían impuestas desde fuera), mientras que la variación diafásica sí permitiría la elección consciente por parte del hablante. La oposición que es partidario de enfatizar SDR se ve quizás más clara si decimos que mientras que lo diatópico y lo diastrático se asocian con el propio hablante (con su lugar de procedencia geográfica y sus características sociales), lo diafásico está vinculado con la situación de comunicación, que es externa al hablante. En este sentido, desde el punto de vista de la producción de los discursos, SDR considera que existe una diferencia evidente entre diatopía y diastratía, por un lado, y diafasia, por otro. No de otra manera se entendería que un hablante inculto que no tiene plena libertad de movimiento en el espacio variacional de su lengua consiga adaptar conscientemente su discurso, en la medida de lo posible, a situaciones de alta formalidad, pero que no sea capaz de desprenderse de rasgos diatópicos y diastráticos que aflorarán inconscientemente en su discurso. Sin embargo, ALS prefiere entender el modelo del EV como un modelo de saber expresivo en relación con el cual los juicios de valor que resultan pertinentes son los juicios de adecuación, en la medida en que todas las soluciones lingüísticas de todas las modalidades de variación diasistemática pueden ser evaluadas desde el punto de vista de su adecuación o inadecuación a una determinada situación comunicativa. Desde este punto de vista, ALS sostiene que es perfectamente lógico conferir a todas las modalidades de variación diasistemática exactamente el mismo estatus teórico, toda vez que los juicios de inadecuación que nos puedan merecer elecciones diafásicamente inadecuadas o elecciones diastráticamente inadecuadas no se pueden concebir como teóricamente dispares. Además, el propio comportamiento lingüístico de los hablantes -y no solo el de los hablantes con mayor formación lingüística- nos muestra, según ALS, que estos, cuando ponen en práctica su saber expresivo, no hacen únicamente elecciones relativas a los rasgos diafásicos, sino también a los rasgos diatópicos y diastráticos. 4 La concepción gradual de la marcación diasistemática En Del Rey (2021), SDR también se aparta de la concepción gradual de las marcas que, en el modelo del EV, se asocian por igual a las dimensiones diatópica, diastrática y diafásica, “cuya formulación y disposición gráfica en el esquema evoca la gradualidad inherente a escalas cualitativas como la de la altura y la de la fuerza” (Del Rey 2021: 212). En su opinión, la concepción gradual es “descriptivamente rentable y teóricamente sostenible en el caso de la variación Un debate en torno al modelo del espacio variacional 289 <?page no="290"?> diafásica y diastrática”, en la medida en que “no sería del todo errado decir que una determinada variante [es] diafásica o diastráticamente más marcada que otra” (Del Rey 2021: 212; cursiva original). Sin embargo, esta concepción gradual es, desde su punto de vista, “absolutamente inapropiada en el caso de la variación diatópica, por cuanto una determinada variante no puede estar más marcada diatópicamente que otra, simplemente puede estar marcada diatópicamente o no estarlo, como si de una oposición privativa se tratase” (Del Rey 2021: 212). Según ALS, el recurso a la distinción entre el nivel histórico y el nivel individual en los términos en que Coseriu establece esta diferenciación nos permite, sin embargo, replantearnos en cierta medida las críticas de SDR. Para ello, es fundamental tener en cuenta que en el modelo del EV estos dos niveles se diferencian gráficamente porque al nivel individual le corresponden las lecturas horizontales y al histórico las verticales. Si retomamos la idea de que el modelo del EV es un modelo del nivel individual del lenguaje, es más fácil advertir que la graduación que se refleja en el eje horizontal de dicho modelo, de acuerdo con la cual hay rasgos lingüísticos diatópicamente fuertes y diatópicamente débiles, diastráticamente bajos y diastráticamente altos, así como diafásicamente bajos y diafásicamente altos, deriva de la emisión de juicios de adecuación. En primera instancia, en el nivel histórico del lenguaje (que en el modelo del EV se refleja en el eje vertical), la determinación de qué elementos del acervo lingüístico son generales a toda la comunidad y cuáles están diatópica, diastrática o diafásicamente restringidos a determinadas regiones, grupos sociales o registros es, siempre, por utilizar los mismos términos que emplea SDR, una oposición privativa. Esto significa que, en lo relativo a la descripción de la conformación del diasistema en el nivel histórico del lenguaje, en todos los casos, no solo en el de la variación diatópica, hay que tomar una decisión dicotómica. Ahora bien, en relación con el nivel individual, es decir, en su uso situacional (y aquí estamos en el eje horizontal del modelo), todos los fenómenos diasistemáticos están sujetos a una categorización gradual, concretamente, en relación a si resultan más o menos adecuados para situaciones de máxima IC o DC. Dicho de otro modo: en la medida en que las marcas diatópicamente fuerte/ débil, diastrática/ diafásicamente bajo/ alto están sujetas, no a juicios de corrección, sino de adecuación, el único plano lingüístico en el que tiene sentido hablar de marcas diatópicas fuertes o débiles, de marcas diastráticas altas o bajas y de marcas diafásicas altas o bajas, es el plano individual, que, como hemos señalado ya antes, es el que ALS entiende que la figura del EV modeliza. Es cierto, opina ALS, que expresiones como “diatópicamente débil” o “dia‐ tópicamente fuerte” no indican con transparencia que “diatópicamente débil” significa ‘rasgo diatópico admisible, por su extensión y prestigio, en la DC’, 290 Araceli López Serena & Santiago Del Rey Quesada <?page no="291"?> mientras que “diatópicamente fuerte” es sinónimo de ‘rasgo diatópico inadmi‐ sible, por su falta de extensión y/ o prestigio, en la DC’. Pero parece que así es como se deben interpretar ambas expresiones en la propuesta de Koch y Oesterreicher, ya que se trata de marcas relativas a cómo se emiten juicios de adecuación y estos juicios, que forman parte del nivel individual del lenguaje porque están determinados por la situación comunicativa, son, necesariamente, graduales. Parece, pues, imprescindible diferenciar entre la posible naturaleza diatópica de un rasgo lingüístico, que, efectivamente, da lugar a oposiciones privativas -como también los rasgos diastráticos y diafásicos-, y el estatus diatópicamente fuerte o débil de cada uno de esos rasgos de naturaleza diatópica, que, al estar orientado de acuerdo con el eje IC-DC, será, como lo es este eje, y como lo son, efectivamente, las valoraciones que los hablantes realizan cuando emiten juicios de adecuación, de carácter gradual. De hecho, el término estatus es también el que utiliza SDR cuando señala la necesidad de precisar, “no obstante, que el estatus sociolingüístico de una determinada variante diatópica sí puede estar sujeto a gradación” (Del Rey 2021: 212), y cuando relaciona lo más o menos marcado en el modelo de Koch y Oesterreicher con lo concepcionalmente más o menos marcado, es decir, con el eje IC-DC. En efecto, SDR insiste en que la dimensión diatópica se define a partir de las coordenadas geográficas que diferencian el uso de la lengua en los distintos territorios que comparten un mismo EV. Desde su punto de vista, si un rasgo marcado diatópicamente es más aceptable que otro en la DC no es porque tal rasgo se asocie con usos típicos de una zona u otra, sino por el estatus sociolingüístico asociado al rasgo, generalmente vinculado, a su vez, al estatus político, cultural y/ o económico del territorio con el que se identifican dichos usos y, paralelamente, al estatus social, cultural y/ o económico que se atribuye, por medio de generalizaciones emanadas del ideario colectivo de los hablantes que comparten un mismo EV, asociación que guarda más relación con la dimensión diastrática que con la diatópica. 5 El lugar del estándar entre la inmediatez y la distancia comunicativas Detengámonos, ya por último, en el lugar que Koch y Oesterreicher entienden que, dentro del modelo del EV, ocupa el estándar. También en este punto SDR se aparta de la propuesta originaria, al ubicar “lo no marcado”, no en la parte derecha del gráfico, sino en el centro. Un debate en torno al modelo del espacio variacional 291 <?page no="292"?> Fig. 4: Remodelación de los niveles diasistemáticos en el espacio variacional con función integradora de la variedad concepcional (Del Rey 2021) Sin embargo, según ALS, una lectura coseriana del modelo originario, en la que el eje horizontal está vinculado con el nivel individual del lenguaje, conduciría a una interpretación situacional del concepto de estándar. Esto sería coherente con el hecho de que, para Koch y Oesterreicher, los procesos de estandarización están orientados hacia la DC, ya que el surgimiento de los estándares solo se puede explicar si se tiene en cuenta que la comunicación a través de grandes espacios de tiempo (distancia temporal) requiere una considerable estabilidad de las reglas lingüísticas, que un radio de comunicación muy amplio (distancia espacial) y el carácter público de la comunicación hacen deseable la utilización de una variedad lingüística diatópicamente [débil]; y que la distancia física (espacial y temporal) y el desconocimiento de los interlocutores entre sí comportan la obligación de que el hablante se presente asimismo, exclusivamente con ayuda de medios lingüísticos, de tal forma que se potencia el empleo de variedades diastráticas y diafásicas valoradas como prestigiosas (Koch/ Oesterreicher 1990/ 2007: 41s. Una de las mayores discrepancias teóricas que enfrenta a los autores de estas páginas tiene que ver, justamente, con el hecho de que SDR prefiera ubicar el 292 Araceli López Serena & Santiago Del Rey Quesada <?page no="293"?> estándar en el centro del EV y eliminar por completo los rasgos diatópicamente marcados de la DC. Cuando se asocia, como hacen Koch y Oesterreicher, la noción de estándar con la DC, y se justifica su razón de ser en relación con determinados parámetros situacionales propios de la DC, parece estarse manejando una noción de estándar acuñada desde el punto de vista del nivel individual del lenguaje, es decir, teniendo en cuenta qué fenómenos lingüísticos obtienen dictámenes de adecuación en la DC. En sus consideraciones, Del Rey (2021) prescindía de la perspectiva propia del nivel individual -coherentemente, en opinión de SDR, con el modelo de Koch y Oesterreicher, explícitamente orientado a describir el nivel histórico- y trataba de acuñar una noción de ‘estándar=no marcado’ en la que este equivale a lo general para toda la comunidad lingüística, a lo carente de marcas diasistemáticas. Ahora bien, a este respecto, ALS se pregunta si es cierto que los fenómenos que forman parte del estándar de cualquier lengua carecen por completo de marcas diasistemáticas. ¿No sería más adecuado -insiste ALS- admitir que poseen un determinado perfil concepcional (distante) y diasistemático (diatópicamente débil y diastrática y diafásicamente alto), que es precisamente el responsable de la ejemplaridad de que gozan? En este punto, SDR opina que es lícito reinterpretar el modelo de Koch y Oesterreicher para situar el estándar en el centro del continuum entre IC y DC, considerando que la localización del estándar en el ámbito de la DC supondría atribuir carácter estándar a formas lingüísticas que claramente son muy específicas del ámbito de la DC (los cultismos léxicos y sintácticos muy flagrantes, por ejemplo). Desde el punto de vista del analista de textos -que es, por lo demás, el que más interesa a SDR y del que parten sus reflexiones teóricas-, y al menos en lo que respecta a textos del pasado, SDR considera que no resulta más adecuado situar el estándar en el ámbito de la DC, pues tal visión impediría reconocer la heterogeneidad concepcional de muchos textos, en los que conviven formas estándares (no marcadas) y marcadas como prototípicas del ámbito de la DC y, esporádicamente, en determinados tipos de textos, también marcadas como prototípicas del ámbito de la IC (cf. Del Rey 2019). En cualquier caso, los autores de este trabajo coinciden en la idea de que existen formas lingüísticas no marcadas y marcadas en la lengua, y que lo que importa desde el punto de vista científico es dejar claro qué noción de estándar se está manejando, la que asocia lo estándar con lo no marcado o la que lo asocia con lo ejemplar y la DC. Por supuesto, esta decisión no es ajena a los propósitos de investigación que guían a cada autor/ a, lo que podría llevarnos a una reflexión, que debemos posponer por el momento, sobre las tensiones entre teoría y análisis, tal y como se desprende de las reflexiones vertidas en Un debate en torno al modelo del espacio variacional 293 <?page no="294"?> este trabajo, reflexiones que en diversas ocasiones hemos tenido la fortuna de compartir con la homenajeada en este volumen. Bibliografía Coseriu, Eugenio (2019). Competencia lingüística y criterios de corrección. Ed. de Alfredo Matus Olivier y José Luis Samaniego Aldazábal. Sevilla: Editorial Universidad de Sevilla. Coseriu, Eugenio (2007). Lingüística del texto. Introducción a la hermenéuticadel sentido. Edición, anotación y estudio previo de Óscar Loureda Lamas. Madrid: Arco/ Libros. Del Rey Quesada, Santiago (2021). Lo marcado y lo no marcado en la cadena de variedades. Apuntes para una nueva propuesta. In: Gruber, Teresa/ Grübl, Klaus/ Scharinger, Thomas (eds.). Was bleibt von kommunikativer Nähe und Distanz? Mediale und konzeptionelle Aspekte sprachlicher Variation. Tübingen: Narr, 205-238. Del Rey Quesada, Santiago (2019). Variantes de la oralidad elaborada en la segunda mitad del siglo XIX: dos traducciones coetáneas de Los cautivos de Plauto. Oralia 22 (2), 283-326. Dufter, Andreas/ Stark, Elizabeth (2003). La variété des variétés: combien de dimensions pour la description? Romanistisches Jahrbuch 53, 81-108. Koch, Peter (1997). Diskurstraditionen: zu ihrem sprachtheoretischen Status und ihrer Dynamik. In: Frank, Barbara/ Haye, Thomas/ Tophinke, Doris (eds.). Gattungen mitte‐ lalterlicher Schriftlichkeit. Tübingen: Narr, 43-79. Koch, Peter/ Oesterreicher, Wulf (2007). Lengua hablada en la Romania: español, francés, italiano. Versión española de Araceli López Serena. Madrid: Gredos. Koch, Peter/ Oesterreicher, Wulf (1990). Gesprochene Sprache in der Romania: Franzö‐ sisch, Italienisch, Spanisch. Tübingen: Niemeyer. Labov, William (1994). Principles of Linguistic Change. Volume I: Internal Factors. Oxford: Blackwell. López Serena, Araceli (2023). Entre lo individual y lo histórico. El lugar de las tradiciones discursivas en la tripartición coseriana del lenguaje. Boletín de Filología de la Universidad de Chile 58 (1), 47-91. Selig, Maria (2011). Konzeptionelle und/ oder diaphasische Variation? In: Dessì-Schmid, Sarah/ Detges, Ulrich/ Gévaudan, Paul/ Mihatsch, Wiltrud/ Waltereit, Richard (eds.). Rahmen des Sprechens: Beiträge zu Valenztheorie, Varietätenlinguistik, Kreolistik, Kognitiver und Historischer Semantik. Peter Koch zum 60. Geburtstag. Tübingen: Narr, 111-126. Sornicola, Rosanna (2011). Romance Linguistics and Historical Linguistics: Reflections on Synchrony and Diachrony. In: Maiden, Martin/ Smith, John C./ Ledgeway, Adam (eds.). The Cambridge History of the Romance Languages. Vol. I: Structures. Cambridge: Cambridge University Press, 1-49. 294 Araceli López Serena & Santiago Del Rey Quesada <?page no="295"?> Varietäten, Akkommodation, Raum und Universalität Johannes Kabatek (Zürich) 1 Vorbemerkung Der gemeinsame Plan mit Maria Selig, ein Handbuch zur Varietätenlinguistik zu organisieren, ist bislang aufgrund beidseitiger anderweitiger Priorisierung in irgendeine vielleicht doch nie zur Gegenwart werdende Zukunft verschoben worden. Das ändert aber nichts daran, dass wir beide ein großes Interesse nicht nur an den romanischen Varietäten im Speziellen, sondern auch an der Theorie der Varietätenlinguistik (und überhaupt an einer theoretischen Fundierung aller empirischer Arbeit, ohne die letztere in deskriptiver Luftleere verbleibt) haben, wofür wir unseren jeweiligen Tübinger-Freiburger Umfeldern und Lehrern zu Dank verpflichtet sind. Die vorgegebene Kürze des Formats dieses Beitrages kommt mir entgegen, da ich einerseits noch nie die Weitschweifigkeit geliebt habe und am liebsten weniger als mehr schreibe, andererseits aber auch, weil mir eine Überlegung sympathisch ist, die ich soweit ich mich erinnere (manchmal verschwimmen solche Zuschreibungen mit der Zeit und man hat sie vielleicht nur erfunden oder geträumt), von Hans Helmut Christmann gehört hatte, der meinte, man solle die Seiten, die ein Mensch publizieren dürfe, auf ein bestimmtes Mass, sagen wir 3000 Seiten im Leben, begrenzen. Wenn jede Seite von diesem Lebenskonto abgezogen würde, dann bliebe uns wohl viel Unnötiges erspart und wir würden uns jeweils zweimal überlegen, ob wir etwas von uns geben oder nicht. Nun würde ich für Maria Selig auch gerne mehr als fünf Seiten meines Kontos geben, aber ich akzeptiere natürlich die Bedingungen der Herausgeber. Die Gedanken, die ich im Folgenden skizzieren möchte, betreffen eine Frage, die wir uns immer wieder stellen und stellen müssen: wenn wir bestimmte Fakten systematisieren und von ihnen abstrahieren, dann versuchen wir, ge‐ wisse Prinzipien von ihnen abzuleiten und fragen uns immer wieder, wie allgemeingültig diese Prinzipien sind. Leicht geschieht es dann, dass wir die Dinge für universell halten, auch wenn sie es vielleicht nicht sind. Die Skepsis <?page no="296"?> gegenüber vermeintlich Universellem eröffnet neue Möglichkeiten, die Dinge zu sehen, und sie zeigt uns, wie wir oft von unserem partikulären Standpunkt aus extrapolieren und dies gar nicht merken. In den folgenden kurzen Gedanken soll es um drei solche vermeintlichen Universalien gehen, und zwar erstens die Frage der scheinbaren Universalität sprachlicher Akkommodation, zweitens die der scheinbar universellen räumlichen Verankerung von Sprache und schliesslich die Frage der so genannten, scheinbar universellen „Varietätenkette“. 2 Sprachliche Akkommodation Im Sommer 1995 und 1996 führte ich gemeinsam mit meinem Kollegen Adolfo Murguía ausführliche Interviews mit Eugenio Coseriu, die wir dann 1997 publiziert haben (Kabatek/ Murguía 1997). Das waren meist lange Monologe Coserius und nicht wirklich Gespräche. Nur von Zeit zu Zeit ergaben sich kleine Diskussionsmomente, so u. a., als es um die Frage der sprachlichen Korrektheit ging und ich mit Coseriu nicht einig war. Da ging es u. a. um die Frage der Symmetrie von Dialogen, und Coseriu bezeichnete bewusst asymmetrische Kommunikation, die von Nicht-Anpassung an das Gegenüber geprägt ist, als etwas, das „die Würde der Sprache verletzt“ (Kabatek/ Murguía 1997: 215), auch wenn er einräumte, dass es Gemeinschaften gibt, in denen so etwas eher verbreitet ist als in anderen. In Westeuropa sind wir sehr stark an eine sprachliche Architektur gewöhnt, bei der über den Varietäten eine Gemeinsprache existiert und sich Angehörige aus verschiedenen Gegenden in einer zumindest an die Gemeinsprache ange‐ näherten Varietät zu treffen versuchen. Sprechen ist also geprägt vom Versuch der Herstellung von Varietätensymmetrie, auch wenn es je nach Situation in der Praxis immer nur eine Annäherung und keine vollständige Einheitlichkeit sein mag. Die Nichtbefolgung der Maxime der Symmetriesuche kann als unhöflich empfunden werden, zumal dann, wenn bekannt ist, dass im Repertoire der Gesprächspartner harmonisierende Varietäten zur Verfügung stünden und diese dennoch nicht gewählt werden. Da wir diese Tendenz nicht nur in Frankreich und Deutschland, sondern an vielen weiteren Orten in Europa vorfinden, denken wir, das ist so in universeller Hinsicht. Doch dann kommen wir etwa in die deutschsprachige Schweiz und sehen, dass die Berner mit den Zürchern Berndeutsch und die Zürcher mit den Bernern Züritütsch sprechen ohne ein ethisches Problem und ohne jedes Gefühl der gegenseitigen Beleidigung. Man fragt sich dann, wie das so ist mit der Universalität und ob es nicht im Mittelalter in ganz Europa so war. Ob nicht am toledanischen Hof im 13. Jahrhundert die Südfranzosen Okzitanisch, die Galicier 296 Johannes Kabatek <?page no="297"?> Galicisch und die Kastilier Kastilisch sprachen und man sich dennoch verstand, weil man die jeweiligen Sprachen oder Varietäten passiv kannte, so wie in Nordaustralien in manchen Gegenden mit kulturell verankerten Mischehen vier Sprachen in einer Familie gesprochen werden können. Ich zähle diese Traditionen des Umgangs mit sprachlicher Vielfalt zur Sprachkultur, weil sie kulturell verankert sind, auch wenn der Begriff „Sprachkultur“ oft für etwas viel Eingeschränkteres verwendet wird (Kabatek 2015). 3 Das «Raum-Apriori» Das zweite Thema betrifft die Idee, dass Sprache universell räumlich verankert ist. Die diatopische Dimension gilt als primär, alle anderen Dimensionen folgen ihr. Schmidt/ Herrgen (2011) sprechen von einem „Raum-Apriori“. Dafür spricht vieles. Wir stellen ohne Probleme die Frage „woher kommen Sie? “ wenn wir jemandem begegnen, der mit einem mundartlichen Einschlag spricht, und wir nehmen an, dass dies eine sinnvolle Frage mit idealiter einer Antwort ist. Und auch bei komplexen Antworten werden uns meist Räume beschrieben und Wege durch sie. Wir suchen nach räumlicher Verankerung, nach „Verraumung“ von Sprache, auch wenn Sprache und Raum eigentlich nur metonymisch miteinander verbunden sind. Menschen haben nur im übertragenen Sinne Wurzeln und bewegen sich durch Räume hindurch. Menschen waren nicht immer sesshaft, manche sind es nie geworden und andere pflegen moderne Formen des Nomadismus. Geographisch bestimmbare Orte sind Bezugsgrössen sozialer Verbünde. Dörfer sind Orte von Gemeinschaften. Die metonymische Polysemie von it. paese oder sp. pueblo ist nicht zufällig. Aber es sind eben einfach Rahmen von sozialer Gemeinschaft. Es gibt also genau genommen nur zwei universelle Varietätendimensionen: diejenige der Gruppen- und diejenige der Situationsbezogenheit, wobei bei letzterer Individuen auch innerhalb der Gruppe je nach bestimmten das Sprechen bestimmenden Parametern variieren. Dies ist nun keine neue Beobachtung, und sie wurde mehrfach geäußert und auch theoretisch verankert. Dennoch wiederholen wir gebetsmühlenartig die Flydal-Coseriuschen Begriffe der Diatopik, Diastratik und Diaphasik und gestehen ihnen universellen Wert zu. Vielleicht weil sie doch universelle Gültigkeit haben, eben nicht als Gegebenes, sondern als Prozess, wie gesagt, als Verraumung, die unserer universellen Notwendigkeit einer sprachlichen Appropriation von Orten entspricht; Orten, die nicht unbedingt geographisch lokalisiert sein müssen und auch Schiffe, Fahrzeuge oder Zelte sein könnten, die wir aber suchen, um uns nicht für uns selbst und für andere zu verlieren. Dabei können wir uns auch neuen Orten zuordnen, neue Bezüge konstruieren Varietäten, Akkommodation, Raum und Universalität 297 <?page no="298"?> oder sogar fingieren. Das Raum-Apriori ist also ein tatsächlich universelles, in uns wirkendes Prinzip der Raumbildung. 4 Die Varietätenkette In Koch-Oesterreichers Nähe-Distanz-Modell, das eine universelle Dimension des Sprechens durch alle Varietätendimensionen hindurch als leitendes und ordnendes Prinzip identifiziert, werden zahlreiche Elemente aus Coserius Vari‐ etätenkonzeption übernommen, abgewandelt und ergänzt. Das ist erstens das Drei-Ebenen-Modell mit der Verankerung der Varietäten auf der historischen Ebene der Einzelsprache und dem gleichzeitigen Übergriff in die Universalität durch Nähe und Distanz. Zweitens die Übernahme auf der Ebene der Einzelspra‐ che der drei Varietätendimensionen unter Hinzufügung der in Schriftkulturen durch Schriftlichkeit geprägten vierten Dimension von Nähe und Distanz. Und schließlich ist da die „Varietätenkette“, die Gerichtetheit des Verhältnisses der verschiedenen Varietäten zueinander, die Idee, dass Diatopisches auch distratisch und Diastratisches auch diaphasisch erscheint. Dass die Idee der Varietätenkette unmittelbar von Coseriu übernommen wurde, ist nicht gemeinhin bekannt: nur der Terminus wurde von den beiden Autoren hinzugefügt. Coseriu stellt fest, dass das Verhältnis zwischen Dialekt, Sprachniveau und Sprachstil ein orientiertes ist: Dialekt>Sprachniveau>Sprachstil. D. h. ein Dialekt kann evtl. als Sprachniveau, und ein Sprachniveau als Sprachstil funktionieren, nicht aber umgekehrt. (Coseriu 1980: 112) Coserius Modell war ursprünglich im Kontext einer Ausklammerung der Va‐ riation entstanden: es ging um die Identifikation syntopischer, synstratischer und symphasischer Einheiten für die strukturelle Analyse. Gewissermaßen ex negativo wurden dabei die Varietätendimensionen identifiziert. Bei Koch/ Oesterreicher hingegen geht es wirklich um eine positive Bestimmung der Varietäten und um eine Verbindung mit dem Begriff der Markiertheit. Es werden Kontinua der mehr oder weniger stark markierten Varietäten angenommen und diese dann zueinander in Bezug gesetzt. Stark diatopisch verbindet sich mit diastratisch und diaphasisch niedrig. Wenn ich aber wieder die Deutschschweiz heranziehen darf, so ist dort die Situation eine andere: das Sprechen von Mundart ist die normale Form der Kom‐ munikation in allen sozialen Schichten. Es verbindet sich mit einer diatopischen Toleranz und passiver Kenntnis anderer Varietäten. Alle sprechen Mundart, und innerhalb der Mundart gibt es diaphasische und diastratische Varietäten, die 298 Johannes Kabatek <?page no="299"?> jedoch nicht mit einer stärkeren oder schwächeren diatopischen Markierung korrelieren, sondern gewissermassen gleichförmig-stabil diatopisch markiert sind. Daher scheinen mir bezüglich der Universalität des Koch/ Oesterreicher‐ schen Modells die folgenden Einwände angebracht: • Erstens scheint die Coseriusche Idee von der Varietätenkette und das dar‐ auf aufbauende Modell von Koch/ Oesterreicher nicht universell, sondern typisch neuzeitlich-westlich zu sein: es beschreibt eine nach der Renaissance entstandene übliche Varietäten- (oder Sprachen-)Konstellation, in welcher ein übergeordneter Standard mit lokalen Varietäten koexistiert und sich auch eine gesprochene Standardsprache herausbildet (zunächst als Stan‐ dardsprechen mit jeweiliger Dialektbasis, dann auch als Muttersprache, vgl. Auer 2005). Im Grunde ist dieses Modell auch das die Kolonialsituationen prägende. • Der deutschschweizerischen Situation ist nicht einfach innerhalb dieses Modells Rechnung zu tragen, indem die Markierung „niedrig“ bei Dialekt durch „hoch“ oder „neutral“ ersetzt würde. Man könnte hingegen eine dritte Spalte anfügen für das Standarddeutsche und hätte innerhalb des Dialekts ein eigenes Nähe-Distanz-Kontinuum mit „außenstehender“ Funk‐ tionssprache. • Jedenfalls müsste darüber hinaus grundsätzlich zwischen einer „overten“ und einer (gegenläufigen) „coverten“ Nähe-Distanz-Organisation unter‐ schieden werden: auch wenn etwa ein Dialekt nicht overt diastratisch niedrig markiert ist, gibt es doch Sprecher- und Hörerstrategien und Selekti‐ onsprozesse, die innerhalb des Dialekts eine solche Markierung vornehmen. Umgekehrt gibt es in overt „niedrig“ markierten Dialektformen innere, coverte Gegenmarkierungen. Die Frage ist dann einerseits die, wie und wo die jeweiligen Phänomene manifest werden (und wie sie untersuchbar sind) und wie es historisch zu den jeweiligen Konstellationen gekommen ist. Bibliographie Coseriu, Eugenio (1980). ‘Historische Sprache’ und ‘Dialekt’. In: Göschel, Joachim/ Ivić, Pavle/ Kehr, Kurt (Hrsg.). Dialekt und Dialektologie, Ergebnisse der internationalen Konferenz: Zur Theorie des Dialekts (Marburg/ Lahn, 5-10/ 09/ 1977). Wiesbaden: Steiner, 106-122. Kabatek, Johannes (2023). Eugenio Coseriu. Beyond Structuralism. Berlin/ Boston: De Gruyter. Varietäten, Akkommodation, Raum und Universalität 299 <?page no="300"?> Kabatek, Johannes (2015). Sprachkultur und Akkomodation. In: Bernsen, Michael/ Eg‐ gert, Elmar/ Schrott, Angela (Hrsg.). Historische Sprachwissenschaft als philologische Kulturwissenschaft. Festschrift für Franz Lebsanft zum 60. Geburtstag. Bonn: Bonn University Press/ Vandenhoeck & Ruprecht, 165-177. Kabatek, Johannes/ Murguía, Adolfo (1997). „Die Sachen sagen, wie sie sind…“. Eugenio Coseriu im Gespräch. Tübingen: Narr. Koch, Peter/ Oesterreicher, Wulf ([1990] 2 2011). Gesprochene Sprache in der Romania: Französisch, Italienisch, Spanisch. Berlin/ New York: De Gruyter. Koch, Peter/ Oesterreicher, Wulf (1985). Sprache der Nähe - Sprache der Distanz. Mündlichkeit und Schriftlichkeit im Spannungsfeld von Sprachtheorie und Sprachge‐ schichte. Romanistisches Jahrbuch 36, 15-43 Schmidt, Jürgen E./ Herrgen, Joachim (2011). Sprachdynamik. Eine Einführung in die moderne Regionalsprachenforschung. Berlin: Erich Schmidt. Selig, Maria (1995). Volkssprachliche Schriftlichkeit im Mittelalter - Die Genese der altokzitanischen Schriftsprache. Habilitationsschrift, Freiburg im Breisgau. 300 Johannes Kabatek <?page no="301"?> Gesellschaft und Sprache <?page no="303"?> Die Wiedergeburt der Semiotik aus dem Geiste der Wikimedia Foundation Thomas Krefeld (München) Die Semiotik ist aus der Mode gekommen, und die Gründe dafür liegen teils außerhalb der Disziplin, nämlich in der schwankenden Konjunktur, der akademische Fächer im gesellschaftlichen Interesse unterworfen sind, teils aber auch in einer inneren methodologischen Schwierigkeit, die sich aus der Natur des Interpretanten ergibt. Dieser treffende Ausdruck bezeichnet in der ursprünglichen Konzeption des semiotischen Dreiecks, das auf Charles Sanders Peirce zurückgeht (vgl. Trabant 1989: 34-39), die entscheidende Kategorie, welche die wahrnehmbare (phänomenale) Erscheinung eines Zeichens, das Repräsentamen, mit seinem realen Korrelat jenseits des semiotischen Codes, dem Objekt, verknüpft (vgl. Peirce 1907 in Peirce 1986-1994, III: 253 und Peirce 1931-1935, II: 410). In der kanonischen Fassung, die dem semiotischen Dreieck durch Ogden/ Richards (1923) gegeben wurde, werden die drei Konstituenten anders (und nicht unbedingt besser) benannt, wie die folgende Graphik zeigt: interpretant (Peirce) thought or reference (Ogden/ Richards)  Wikidata Statements repräsentamen (Peirce) symbol (Ogden/ Richards)  Wikidata QIDs object (Peirce) referent (Ogden/ Richards) Abb. 1: Das semiotische Dreieck Die Schwierigkeit besteht nun in der Tatsache, dass der Prozess der Interpre‐ tation des Wahrgenommen (thought) niemals abgeschlossen wird, so dass ein Ergebnis, eben ein Interpretant, unaufhörlich neue Interpretationen und Interpretanten stimuliert. Die Interpretanten bilden, wie Umberto Eco formu‐ <?page no="304"?> liert, ein offenes, sich kontinuierlich erweiterndes, vielfältiges und in sich auch widersprüchliches intertextuelles Geflecht, dessen Inhalt sich als ‘Enzyk‐ lopädie’ fassen lässt: „Tutte [le interpretazioni; Th. K.] sono registrate, poste intersoggettivamente in qualche testo di quella immensa e ideale biblioteca il cui modello teorico è l’enciclopedia“ (Eco 1984: 109). Diese Enzyklopädie ist jedoch in ihrer Totalität nicht beschreibbar; sie hat vielmehr den Status eines „postulato semiotico“ (ibid. 109), genauer gesagt den einer „ipotesi regolativa“ (ibid. 111), da jeder Zeichenempfänger durch seine Interpretationen eine „porzione“ zur Konstruktion der Enzyklopädie beiträgt (ibid. 111). Als Eco seine Gleichsetzung von intertextuellem und enzyklopädischem Geflecht der Interpretanten formulierte (er verwendet dafür auch die von De‐ leuze/ Guattari 1980 geprägte Metapher ‘Rhizom’), war die Entstehung der ‘so‐ cial media’ längst noch nicht abzusehen: Im Gefolge dieser wirklichen Revolu‐ tion der Kommunikation, die es sehr leicht gemacht hat, Texte (mit Eco zu sprechen) ‘intersubjektiv zu registrieren und zu posten’, wurde die semiotische Theorie durch die alltägliche Kommunikationspraxis überholt, aber keineswegs überrollt. Es entstand ein vollkommen neuer enzyklopädischer Horizont, zu dessen Inbegriff sehr schnell die Wikipedia avancierte, und in dem gleichzeitig die ehrwürdigen gedruckten Enzyklopädien allesamt untergingen (vgl. Krefeld 2020). Es wird allerdings häufig übersehen, dass die web-basierte Enzyklopädie Wikipedia nur eines der zahlreichen Projekte ist, die in der Wikimedia Foundation angesiedelt sind. Und in der Tat liegt das eigentliche, enorme semiotische Potential dieser Projektfamilie im sogenannten Wikidata-Pro‐ jekt, das zwar auf den ersten Blick des Nutzers unscheinbar daherkommt, nämlich als Menu-Punkt in der linken Randspalte eines jeden Wikipedia- Beitrags (‘Wikidata-Datenobjekt’). Aber dieser interaktive Knopf liefert einen eindeutigen und sprachunabhängigen Identifikator (‘QID’) für das Thema des jeweiligen Wikipedia-Beitrags. So gibt es, z. B., in der deutschen Wikipe‐ dia einen Beitrag ‘Straßburger Eide’ <https: / / de.wikipedia.org/ w/ index.php? ti‐ tle=Stra%C3%9Fburger_Eide&oldid=229876356>. Die entsprechende QID lautet Q157082 <https: / / www.wikidata.org/ w/ in‐ dex.php? title=Q157082&oldid=1880779243>. Öffnet man diesen Wikidata-Ein‐ trag, erhält man zweierlei Informationen: erstens eine Liste von insgesamt 49 Beiträgen in unterschiedlichen Sprachversionen der Wikipedia (Stand vom 26. Juli 2023), die dem bedeutsamen sprachgeschichtlichen Text gewidmet sind; zweitens findet man eine Liste von Verknüpfungen der zugehörigen ID mit anderen Wikidata-IDs in Gestalt von logischen Tripelaussagen, sogenann‐ ten ‘Statements’, wie in der folgenden Tabelle auszugsweise exemplifiziert 304 Thomas Krefeld <?page no="305"?> wird (die englischen Ausdrücke haben eine rein technisch-metasprachliche Funktion): Oaths of Strasbourg (Q157082) instance of (Property P: 31) alliance (Q878249) written work (Q47461344) historical event (Q13418847) author (Property P: 50) Nithard (Q661001) language of work or name (Property P: 407) Rhine franconian (Q707007) Gallo-Romance (Q500395) usw. Tab. 1: Ausgewählte Wikidata-Statements Es wird jetzt evident, dass die dürren Identifikatoren in Wahrheit das Bindege‐ webe des enzyklopädischen Web-Rhizoms produzieren: Die Statements lassen sich beliebig vermehren, jedes Datenobjekt lässt sich selbstverständlich mit einer leichten Syntax abfragen usw. (vgl. https: / / query.wikidata.org/ ). Weniger offensichtlich, aber durchaus bemerkenswert ist die Tatsache, dass durch Wikidata eine semiotische Ebene sui generis, d. h. ein spezieller Code, begründet wurde, ohne dass auf diese grundlegende Neuerung explizit hinge‐ wiesen würde: Es wird eine Klasse von einzelsprachunabhängigen Zeichen bereitgestellt, die in eindeutiger Weise beliebige Ausschnitte/ Aspekte der Reali‐ tät identifizieren: Texte, gesprochene Sprache und Musik (in Gestalt von Audio- Dateien), Produkte der bildenden Kunst, Filme, Baudenkmäler, historische Ereignisse u. a.; informationstechnisch gesagt handelt es sich um Normdaten. Außerdem wird eine sehr umfangreiche und erweiterbare Liste semantischer Prädikate (‘properties’) angeboten, mit denen die identifizierten Zeichen als logische Argumente verknüpft werden können (vgl. die kleine Fallstudie in Krefeld 2022). Diese ‘Statements’ haben den Status von Interpretanten, da sie die Produkte wiederum einzelsprachunabhängiger, formalisierter Interpretationen sind. Wikidata lässt sich also wie folgt ins semiotische Dreieck einschreiben: Die Wiedergeburt der Semiotik aus dem Geiste der Wikimedia Foundation 305 <?page no="306"?> interpretant (Peirce) thought or reference (Ogden/ Richards)  Wikidata Statements repräsentamen (Peirce) symbol (Ogden/ Richards)  Wikidata QIDs object (Peirce) referent (Ogden/ Richards) Abb. 2: Normdaten (QIDs) und ihre Verknüpfung (Statements) als eigenständiger semiotischer Code Vor diesem Hintergrund versteht es sich von selbst, dass die Wissenschaften ge‐ rade auch unter den skizzierten sozio-medialen Bedingungen den von Umberto Eco hervorgehobenen ‘regulativen’ Charakter der dynamischen und offenen Enzyklopädie ernstnehmen müssen: Wir sind in diesem Sinn aufgefordert, un‐ sere Forschungsarbeit mit Normdaten anzureichern und im Internet abzulegen (vgl. Krefeld 2023). Bibliographie Deleuze, Gilles/ Guattari, Félix (1980). Mille Plateaux. Paris: Éditions de Minuit. Eco, Umberto (1984). Semiotica e filosofia del linguaggio. Torino: Einaudi. Krefeld, Thomas (2023). ‘Publikation’ geht in Revision. In: Korpus im Text, Serie A, München, LMU. Abrufbar unter http: / / www.kit.gwi.uni-muenchen.de/ ? p=104645&v =2 (konsultiert am 15.07.2024). Krefeld, Thomas (2022). Wikidata - semiotisch: Mit Roland Barthes im Internet. In: Korpus im Text, Serie A, München, LMU. Abrufbar unter http: / / www.kit.gwi.uni-mu enchen.de/ ? p=71498&v=3 (konsultiert am 15.07.2024). Krefeld, Thomas (2020). Die enzyklopädisierte Gesellschaft. In: Lehre in den Digital Humanities, München, LMU. Abrufbar unter https: / / www.dh-lehre.gwi.uni-muench en.de/ ? p=175180&v=1 (konsultiert am 15.07.2024). Ogden, Charles Kay/ Richards, Ivor Armstrong (1923). The Meaning of Meaning: A Study of the Influence of Language upon Thought and of the Science of Symbolism. Cambridge: University. Peirce, Charles Sanders (1998). The essential Peirce: selected philosophical writings, vol. 2, Bloomington: Indiana University Press. Peirce, Charles (1994). Collected papers of Charles Sanders Peirce. Charlotteville, VA: Intelex. 306 Thomas Krefeld <?page no="307"?> Peirce, Charles Sanders (1986-1994). Semiotische Schriften. Vol. I-III, hrsg. und übers. von Christian Kloesel und Helmut Pape. Frankfurt a.-M.: Suhrkamp. Peirce, Charles Sanders (1931-1935). Collected Papers, Volumes I-VI, hrsg. von Charles Hartshorne and Paul Weiss, Volumes VII-VIII, ed. by Arthur W. Burks. Cambridge, Mass.: Harvard University Press. Trabant, Jürgen (1989). Zeichen des Menschen. Elemente der Semiotik. Frankfurt a.-M.: Fischer. Die Wiedergeburt der Semiotik aus dem Geiste der Wikimedia Foundation 307 <?page no="309"?> 1 Zitiert bei Aurelia Merlan als Beispiel, wie von Herkunftssprecher: innen des Rumänischen aus dem Deutschen entlehnte Verben nach dem Paradigma der 4. Konjugation mit Stammerweiterung auf -ikonjugiert werden (vgl. Merlan 2021: 107). Eigentlich müsste es mă înscriu heißen. 2 ‚Du musst Rumänisch lernen! ‘ Mă anmelduiesc  1 - Ich melde mich an. Oder: Ein Essay über Rumänisch für Romanist: innen Amelie Moser (Regensburg) Manchmal führen die Umstände Menschen an unerwartete Orte oder dazu eine Sprache zu lernen, die im bisherigen Leben keine Rolle gespielt hatte. Manchmal wird etwas Größeres daraus. Trebuie să înveţi româna! , 2 das war der Beginn meines Rumänischlernens an der Universität Regensburg. Geboren aus einer Laune, einer Unterhaltung mit einem Freund, der eben erst sein Studium an einer rumänischen Universität be‐ gonnen hatte und voll Begeisterung in seinen ersten Ferien zurückkam, mit der Aussage „Die Sprache ist so toll! Das MUSST du lernen! “ Gesagt, getan: Wer an einem romanistischen Institut studiert, das den Luxus eines Rumänischlektorats genießt, kann einfach mal so beschließen, sich zu einem Rumänischkurs für Anfänger: innen anzumelden. Über Rumänien und das Rumänische wusste ich zu dem Zeitpunkt kaum etwas. Nur dass Cluj-Napoca offensichtlich innerhalb weniger Wochen das Herz eines Freundes erobert hatte, eines ewig Rastlosen, der dort tatsächlich nach langen Irrungen und Wirrungen seine Berufung finden und lange Jahre bleiben sollte. M-am înscris - ‚Ich habe mich angemeldet‘ Mit wenig konkreten Erwartungen, aber sehr viel Neugier kam ich in die erste Stunde, aus der ich mit einem großen Gefühl der Fremdheit ging. Das Italienische und Spanische, die ich nach dem Französischen erlernt hatte, waren <?page no="310"?> 3 Kurse, die sich an Herkunftssprecher: innen verschiedener ost- und südosteuropäischer Sprachen unter Berücksichtigung ihrer besonderen Erwerbssituation richten, gehören zu den Besonderheiten des Regensburger Sprachangebots. Auch die Italianistik am mir doch immer auf eine gewisse Art vertraut gewesen, bevor ich sie tatsächlich sprechen konnte. Damit, dass ich auf „neue“ Diakritika (<ă>, <â/ î>, <ţ>, <ş>) und so viele unterschiedliche sprachliche Einflüsse treffen würde, von denen viele nicht über mein verfügbares Repertoire erschließbar waren, hatte ich (in meiner Naivität des zweiten Semesters) nicht gerechnet. Allein zu begreifen, dass la, für mich bis dahin konstant der bestimmte weibliche Artikel Singular, nun zu einer Lokalpräposition werden sollte, war eine der ersten großen Herausforderungen. Hinter viel Vokabular slawischen oder anderen Ursprungs, gerade in der Alltagssprache, wie a citi ‚lesen‘ oder brânză ‚Käse‘, entdeckte ich erst langsam, dass auch viel Vertrautes in der Sprache steckt. Dazu an späterer Stelle mehr. Ebenso wenig konnte ich wissen, wie langfristig und eng die Bindung an das Rumänische werden würde. Das war im Sommersemester 2014, das Rumaenicum gab es zu dem Zeitpunkt bereits seit 2011 am Institut für Romanistik. Professorin Ingrid Neumann- Holzschuh hatte Kontakte aufgebaut und gepflegt und dieses einzigartige Zertifikat als eine Art Gesamtpaket für Studierende nach dem Vorbild anderer ähnlicher Zertifikate an der UR, z. B. des Bohemicums, ins Leben gerufen - und bis zu ihrem Ruhestand mit unheimlichem Engagement betreut und weiterentwickelt. Ein Großteil der Kurse wird durch ein von der Universität und vom Institutul Limbii Române in Bukarest (also der Republik Rumänien) getragenes Lektorat sichergestellt. Die Zusatzausbildung kann in zwei Semes‐ tern absolviert werden und soll Kenntnisse der Sprache und Kultur Rumäniens vermitteln, ergänzt durch Vorträge, Themenabende und Exkursionen (u. a. im Rahmen des Tandem-Programms des Europaeums). Eine Zusatzausbildung, die nach wie vor jedes Semester eine bunte Gruppe Studierender verschiedenster Fakultäten der Universität Regensburg und der Ostbayerischen Technischen Hochschule in den Seminarräumen vereint. Die Motive für den Erwerb des Rumänischen sind vielfältig und die Studierenden gehören den verschiedensten Altersgruppen an. Manche folgen einer gewissermaßen unverhofften, mehr oder minder spontanen Eingebung, diese unter den romanischen Sprachen oft „übersehene“ Sprache lernen zu wollen, andere möchten die Herkunftssprache des: der Partner: in erlernen und wieder andere sind selbst Herkunftssprecher: in‐ nen und möchten auch in Grammatik und Rechtschreibung der Sprache die sie seit der frühesten Kindheit auf unterschiedlichsten Kompetenzstufen in ihren Familien hören und sprechen, sicherer werden. 3 Letztere beide Gruppen machen im Übrigen einen wichtigen Anteil der Lerner: innen aus. Ebenso kön‐ 310 Amelie Moser <?page no="311"?> Institut für Romanistik in Regensburg bietet besondere Kursformate für Herkunftsspre‐ cher: innen an. 4 Warnhinweis an der Tür des Orts der Sommerschule in Sinaia. nen die Kurse in der Zusatzausbildung Mehrsprachigkeitsberatung verwendet werden, die zum Erlernen von Sprachen wichtiger migrantischer Minderheiten in Deutschland auffordert. Un capitol nou - ‚Ein neues Kapitel‘ Maria Selig übernahm die Leitung des Rumaenicums, als Professorin Ingrid Neumann-Holzschuh im Sommersemester 2019 in den Ruhestand ging. Die Ver‐ antwortung, ein beliebtes Zusatzzertifikat weiterzutragen, beinhaltete in diesem Falle auch, die Nachfolge für das alle zwei Jahre neu zu besetzende Lektorat sicherzustellen - eine Aufgabe, die gerade während der Corona-Pandemie eine besondere Herausforderung darstellte. Maria Selig setzte sich unermüdlich für Lehraufträge ein und dafür, dass das Institutul Limbii Române neue Lektor: innen nach Regensburg schickte. So kam auch die Idee auf, dass dieses Engagement in ihrer Festschrift einen Platz finden und gewürdigt werden sollte. Die Präsenz und Pflege des Rumänischen kommen nicht nur dem ganzheitlichen Verständnis der hiesigen Romanistik zugute, die, wie nur wenige, ihren Blick auch auf die südosteuropäische Romania richtet, sondern steht auch im Kontext einer Universität, die sich als Bindeglied zwischen Ost und West versteht. Atenţie! Zonă frecventată de urşi. 4 - Achtung! Hier gibt es Bären. Zur Pflege des Rumänischen gehört auch die Aufrechterhaltung des Kontakts mit Bukarest, was Maria Selig und mich im August 2023 auf eine Dienstreise nach Rumänien, genauer gesagt nach Bukarest und Sinaia führte. Unser Be‐ such dort war der Gegenbesuch zu einem Aufenthalt Alexandra Crăciuns in Regensburg im Juni 2023, die von 2011 bis 2013 die erste Rumänischlektorin in Regensburg war. Heute ist sie Professorin an der Universitatea din Bucureşti und begeisterte Studierende und Kolleg: innen mit Vorträgen zu kunstgeschicht‐ lichen Themen, u. a. zur Darstellung der Augen bei Constantin Brâncuşi. Maria Selig und ich wiederum wurden Teil einer von ihr organisierten, interdiszipli‐ nären Sommerschule, in deren Rahmen wir einen Workshop zum Rumänischen als Herkunftssprache in Deutschland gaben. Den Bären, vor denen uns ein Schild am Eingang der Räumlichkeiten in Sinaia warnte, begegneten wir nicht, dafür entstand ein reger Austausch mit Lehrenden und Studierenden vor Ort, sei es Mă anmelduiesc  - Ich melde mich an. Oder: Ein Essay über Rumänisch für Romanist: innen 311 <?page no="312"?> 5 Eine detailliere Übersicht mit Zahlen für Deutschland und insbesondere Bayern findet sich bei Merlan (2021). 6 In Anspielung auf Johannes Müller-Lancés „Latein für Romanisten“ (Müller-Lancé 2006). 7 Wobei er das große Spektrum romanischer Sprachen in den Blick nimmt. während der Workshops, bei Tisch oder an einem besonderen Abend, der uns das außergewöhnliche Erlebnis einer Barbie-Party bescherte. Im November 2023 wurde dann unter Maria Seligs Leitung und mit den Kooperationspartnern BAYHOST (Bayerisches Hochschulzentrum für Mittel- Ost und Südosteuropa) und IOS (Leibniz Institut für Ost- und Südosteuro‐ paforschung) eine Tagung mit dem Titel „Rumänische Sprache und Kultur. Neue Perspektiven und Entwicklungen“ organisiert. Zunächst sprach dort die rumänische Generalkonsulin in München, Miheia-Mălina Diculescu-Blebea, ein Grußwort. Die daran anschließenden vielfältigen Beiträge von Kolleg: innen aus Sprach- Literatur- und Kulturwissenschaft boten dann Anlass zu Gesprächen und Austausch, bei denen nicht zuletzt auch die Zukunft der Rumänistik Thema war. Rumänien und Moldova können unter den aktuellen politischen Umständen Schlüsselstellen auf dem Weg zur Europäischen Integration sein, zu denen die Romanistik Zugang bieten kann. Gleichzeitig sollte uns gerade hier bewusst sein, wie nah uns dieser Teil Südosteuropas durch innereuropäische Migrationsbewegungen ist. Sprecher: innen des Rumänischen begegnen wir im Alltag in Deutschland häufiger als wir meinen (siehe Titel dieses Essays). 5 Und wer bereits andere romanische Sprachen spricht und sich im Allgemeinen für Sprachen interessiert, bringt die besten Voraussetzungen mit, sich diesen Raum zu erschließen. Limba româna pentru romanişti - ‚Rumänische Sprache für Romanist: innen‘ Darum möchte ich zum Abschluss, als kleinen, vielleicht nicht ganz ernstge‐ meinten Wunsch für die Zukunft, eine Idee in den Raum werfen: Warum sollte es als Motivation und „Abkürzung“ für Lernende mit Vorkenntnissen in anderen romanischen Sprachen nicht auch eine Handreichung in der Art „Rumänisch für Romanist: innen“ 6 geben? Abhandlungen, die sich aus sprachtypologischer Sicht mit dem Rumänischen und seinen Unterschieden im Vergleich zu den anderen romanischen Sprachen beschäftigen, gibt es natürlich bereits. So bietet bspw. Metzeltin (2016) einen großen Überblick über die Besonderheiten des Rumänischen im Kontrast zu den anderen romanischen Sprachen, 7 zwischen innovativen Tendenzen und solchen, in denen das Rumänische näher an der 312 Amelie Moser <?page no="313"?> lateinischen Ausgangsbasis bleibt als die anderen romanischen Sprachen (z. B. in der Bewahrung eines Kasussystems mit Deklinationen). Aber vielleicht wäre es aus romanistischer Perspektive auch interessant, Grundkenntnisse im Sinne einer mehrsprachigkeitsdidaktischen Herangehensweise zu vermitteln, die auf vorhandenes Wissen in anderen romanischen Sprachen aufbaut? Mein Lernprozess war und ist jedenfalls von dieser Strategie um Gemeinsamkeiten und Unterschiede (über die ich mich gleichermaßen freue) geprägt. Denn wenn auch bspw. der enklitische, postponierte bestimmte Artikel am Anfang „fremd“ anmutet (cuvânt ‚Wort‘ und cuvântul ‚das Wort‘) sind Momente des Wiedererkennens zahlreich, bis hin zu Kleinigkeiten in der Orthografie: So muss z. B. muss vor <e> und <i> wie im Italienischen ein <gh> geschrieben werden, um [g] auszudrücken. In diesem Sinne: Hai să învăţăm româna şi pe curând! - ‚Lasst uns Rumänisch lernen und bis bald! ‘ Bibliographie Merlan, Aurelia (2021). Rumänisch im deutschen Migrationskontext. Romanistisches Jahrbuch 72 (1), 63-117. Metzeltin, Michael (2016). Das Rumänische im romanischen Kontrast: Eine sprachtypo‐ logische Betrachtung. Berlin: Frank und Timme. Müller-Lancé, Johannes (2006). Latein für Romanisten: Ein Lehr- und Arbeitsbuch. Tübingen: Narr Francke Attempto. Mă anmelduiesc  - Ich melde mich an. Oder: Ein Essay über Rumänisch für Romanist: innen 313 <?page no="315"?> 1 Frei nach Max Frisch „Ein kleines Herrenvolk sieht sich in Gefahr: man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen“. Kommentar von Max Frisch zu Alexander J. Seilers Buch Siamo Italiani. Die Italiener. Gespräche mit italienischen Arbeitern in der Schweiz. Zürich: EVZ-Verlag (1965). Dare voce alle voci - Migrationsgeschichte und Erinnerung der Italiener: innen in Regensburg Giulia de Savorgnani & Simona Fabellini (Regensburg) Italiener und Italienerinnen sind in Deutschland seit mehr als einem halben Jahrhundert angekommen und in aller Regel unauffällig - soweit eine gelun‐ gene Integrationsgeschichte. Nicht selten jedoch wird übersehen, dass mit der Migration Menschen gekommen sind, 1 von denen jeder und jede einen ganz eigenen Parcours durchlaufen ist. Wir selbst gehören dazu. Nach mehr als fünfzig Jahren italienischer Migration nach Deutschland und auch nach Bayern, ist es an der Zeit zu fragen, wie die Migrationserfahrung die Menschen auf identitärer, kultureller und sprachlicher Ebene verändert hat, wie der Blick auf das Herkunftsland und wie der auf die aufnehmende Gesellschaft sich wandelte. 1 Deutschland - eine post-migrantische Gesellschaft? Mit der Wende zum 21. Jahrhundert lässt sich ein Wandlungsprozess beobach‐ ten, durch den Deutschland begann, Zuwanderung neu zu reflektieren und im Zuge dessen es sich dazu bekannte, ein Einwanderungsland zu sein (Prontera 2017). Erst mit der Rede von Frank Walter Steinmeier anlässlich des 60. Jubi‐ läums des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens im Jahre 2021, die einem Bekenntnis zu einem neuen Selbstverständnis der Bürger und Bürgerinnen im Land gleicht, wurde Deutschland zu einem „Land mit Migrationshintergrund“. Die bekundete gesellschaftliche Heterogenität Deutschlands, der die Worte Steinmeiers Rechnung tragen sollen, rückt jedoch - paradoxerweise - gerade in den Vordergrund, dass die Auswirkungen von Migration Phänomene mit sich <?page no="316"?> 2 Der Begriff ‚Migrationshintergrund‘ wurde ursprünglich von Destatis zu rein statisti‐ schen Zwecken definiert (Destatis). Der Begriff kann in anderen Kontexten negativ konnotiert aufgefasst werden, da er „auch in Deutschland geborene und aufgewachsene Kinder von Zugewanderten als ‚anders‘ und damit ‚nicht richtig zugehörig‘ kategori‐ siert“ (BpB Glossar). 3 Vgl. auch Foroutan (2021). bringen, die die Gesellschaft grundlegend verändern und aus ihr nicht mehr wegzudenken sind. 2 In diesem Sinne argumentiert auch Naika Foroutan, wenn sie den Begriff „post-migrantische Gesellschaft“ diskutiert: Die heterogene Gesellschaft im Einwanderungsland Deutschland ist von Aushand‐ lungsprozessen geprägt. Zugehörigkeit, nationale Identität und Teilhabe werden neu verhandelt und justiert. Dieser Prozess ruft Spannungen hervor und die Frage, wie das Zusammenleben in einer Gesellschaft funktioniert, die durch Vielfalt gekennzeichnet ist (Foroutan 2015). 3 Was Naika Foroutan in den Mittelpunkt stellt, ist die Beschäftigung mit ge‐ sellschaftlichen Zusammenhängen, die nach der Erkenntnis kommen, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. In einer solchen „post-migrantischen“ Gesellschaft geht es um ein neues Wie des Zusammenlebens, da die ursprünglich im Land tradierten religiösen, ethnischen und kulturellen Bezüge neu ausgelotet werden müssen. Diese Suche nach einem neuen gesellschaftlichen Gleichge‐ wicht findet als Aushandlungshandlungsprozess statt - hierauf deutet das „post“ der Definition hin -, an dem alle in der Gesellschaft partizipieren. Unausgesprochen schwingt mit, dass mit den sich verändernden gesellschaft‐ lichen Praktiken auch ein neues Narrativ erschaffen werden muss. Multikultu‐ relle gesellschaftliche Teilhabe manifestiert sich auch in der Erinnerungskultur, die die Heterogenität eines Landes widerspiegelt: Die Integration von Einwanderern in die Gesellschaft hat unmittelbare Folgen für die Erinnerungskultur. Manche sehen die Existenz einer nationalen Erinnerungskultur als Integrationsblockade und Hemmnis auf dem Weg in eine kosmopolitische multi‐ kulturelle Einwanderungsgesellschaft (A. Assmann 3 2020: 123). Erst wenn sich die Erinnerungskultur von der Spiegelung eines nationalen Homogenitätsgedanken gelöst und die Gesellschaft zu einer gemeinsamen Geschichte gefunden hat, wird gesellschaftliche Identifikation und Partizipation aller vollumfänglich möglich sein (A. Assmann 3 2020: 123, 125 f.). Doch was passiert, wenn diejenigen nicht mehr da sind, die einem pluralen Erinnerungsnarrativ Stimme verleihen können? Das kommunikative Gedächt‐ nis hat nach Jan Assmann ( 6 2007: 56) eine begrenzte Zeitdauer von knapp 316 Giulia de Savorgnani & Simona Fabellini <?page no="317"?> einem Jahrhundert (vgl. Erll 2017). Die Zeitzeugen der italienischen Einwande‐ rungswelle der 50er werden bald nicht mehr mit ihren Erinnerungen zu einer pluralistischen Sicht auf die Vergangenheit beitragen können. Mit dem Verlust dieses Teils des kommunikativen Gedächtnisses schwindet auch die Möglichkeit der Wiedergabe eines multiperspektivischen Bildes der italienischen Präsenz in Deutschland, denn die - zumindest aus nationaler Perspektive - gelungene Integration verhindert nicht, dass in vielen Fällen eine einseitige Wahrnehmung der italienischen Präsenz besteht. Mit der Aufarbeitung der jüngeren italienischen Migrationsgeschichte in Deutschland reihen wir uns in einen gesellschaftlichen Diskurs ein, der aktuell aus verschiedenen - gesellschaftlichen, politischen und wissenschaftlichen - Perspektiven geführt wird. Mit dem Projekt Voci italo-bavaresi möchten wir einen Beitrag zur Gestaltung einer pluralen Gesellschaft und Erinnerungskultur leisten. 2 Ziele des Projekts Es geht also um Vielfalt: Es geht um eine „polyphonische“ Gesellschaft, die eine geeignete Erinnerungskultur entwickeln soll - eine Erinnerungskultur, in der jede Stimme gleichberechtigt ist und eine aktive Rolle spielt. Genau da setzt das Projekt Voci italo-bavaresi an. Angesichts der langjährigen Präsenz der Italiener: innen in Deutschland setzt sich das Projekt mit der Frage ausein‐ ander, wie die Zeugenschaft von gelungener Integration dazu beitragen kann, migrantische Herausforderungen der Zukunft zu gestalten. Der Fokus liegt dabei auf Bayern und insbesondere auf Regensburg. Damit fügt sich das Projekt auch in das Integrationskonzept der Stadt Regensburg - Aktionspunkt 3.10 Regensburger Migrationsgeschichte sichtbar machen - ein. Ziel des Projekts ist es, die „italienische Stimme“ innerhalb der deutschen Polyphonie „hörbar“ sowie die italienische Präsenz in Regensburg unter verschiedenen Aspekten sichtbar zu machen. Vor diesem Hintergrund geht das Projekt der Frage nach, wie Migrationser‐ fahrung erlebt wird und wie sie die Menschen prägt. Verschiedene Facetten der Identität werden in diesem Zusammenhang beleuchtet. Dabei bildet Sprache - neben Beruf, sozialem Umfeld und genderspezifischen Erfahrungen - einen herausragenden Schwerpunkt: Welche Sprache(n) beherrschen und benutzen Italiener mit Migrationshintergrund bzw. Deutsche mit italienischen Wurzeln in ihrem Alltag? Welches Verhältnis gibt es zwischen Herkunftssprache und Sprache des Ziellandes? Welche Rolle spielt Sprache bei der Integration? Und wie sieht es bei Kindern und Enkelkindern italienischer Migranten aus? Wie Dare voce alle voci - Migrationsgeschichte und Erinnerung der Italiener: innen in Regensburg 317 <?page no="318"?> 4 Man denke z. B. an Kinder, deren Eltern beide eingewandert sind und Italienisch als Muttersprache haben oder an Kinder mit einem italienischen und einem deutschen Elternteil. definiert man in solchen Fällen „Muttersprache“? 4 Ein weiterer Schwerpunkt bildet die nationale Identität, die sog. italianità: Haben Menschen schon vor der Migration ein Bewusstsein dafür entwickelt oder haben sie erst im migratori‐ schen Kontext ihre italianità entdeckt? Wird die Herkunftskultur beibehalten? Wenn ja, wie entwickelt sie sich? Oder wird sie vielleicht verdrängt und im Zuge einer Assimilation durch die Kultur des Ziellandes ersetzt, sozusagen „überschrieben“? Das Projekt Voci italo-bavaresi entspringt einer Lehrveranstaltung, die wir seit mehreren Semestern am Institut für Romanistik der Universität Regensburg anbieten. Es versteht sich also als Forschungs- und Bildungsprojekt, bei dem Studierende Inhalte erarbeiten und ein konkretes Produkt erzeugen. Das anvi‐ sierte Endprodukt ist die Erstellung eines Interviewkorpus, das zur weiteren Nutzung der Universität und relevanten öffentlichen Stellen in Regensburg als auditives Textarchiv online mit begleitendem Handbuch zur Verfügung gestellt wird. Didaktische Ziele sind dabei die Erweiterung (fremd-)sprachlicher und tech‐ nischer Kompetenzen sowie die Aneignung von sog. soft skills wie Recherche; Interview-Konzeption, -Strukturierung und -Durchführung; emphatisches Zu‐ hören und Nachfragen; Ergebnis-Präsentation und -Reflexion. 3 Methode Dare voce alle Voci ist also das, was sich das Projekt vornimmt. Dabei wird die Methode der Oral History angewendet, die auf Gesprächen mit Zeitzeugen basiert (vgl. auch Söhner 2022 und Wolter 2019): Oral history is a field of study and a method of gathering, preserving and interpreting the voices and memories of people, communities, and participants in past events. Oral history is both the oldest type of historical inquiry, predating the written word, and one of the most modern, initiated with tape recorders in the 1940s and now using 21st-century digital technologies (Oral History Association). Dieser Ansatz begreift Geschichte als Lebenserfahrung. Im Mittelpunkt stehen also nicht wissenschaftlich abgesicherte Fakten und Ereignisse, sondern viel‐ mehr die Art und Weise, wie diese durch Menschen erlebt, wahrgenommen und verarbeitet werden bzw. wurden. Die Kenntnis der historischen Wirklichkeit ist natürlich unabdingbare Voraussetzung, um Rückschlüsse auf Wahrnehmungen 318 Giulia de Savorgnani & Simona Fabellini <?page no="319"?> 5 Dazu zählen z. B. bewusste oder unbewusste Verschiebung von Zeitabläufen, bewusste oder unbewusste Auswahl von Ereignissen und Reaktionen durch Zeitzeug: innen, Umdeutungen usw. (vgl. Fried 2004: 50 f.). und Verhaltensweisen ziehen zu können, sie stellt deshalb die Basis der Arbeit dar. Studierende lesen sich daher zunächst in die Geschichte der italienischen Migration nach Deutschland ein, recherchieren Daten und Statistiken. Dabei muss der natürlich begrenzte Zeithorizont berücksichtigt werden, den eine auf Zeitzeug: innen angewiesene Methode hat. Normalerweise spricht man von einem Zeithorizont von 80 bis 100 Jahren, der „mitwandert“, der also von der Gegenwart aus ca. 80 bis 100 Jahre in die Vergangenheit zurückreicht. Der Zeithorizont des Projekts Voci italo-bavaresi reicht bis in die Fünfzigerjahre des zwanzigsten Jahrhunderts zurück, als Deutschland und Italien das erste Anwerbeabkommen unterzeichneten (20.12.1955), woraufhin in den folgenden Jahrzehnten Millionen Italienerinnen und Italiener zum Arbeiten nach Deutsch‐ land kamen (vgl. BpB 2020). Es war die Zeit der sog. „Gastarbeiter“. Unser Projekt besteht also darin, Italiener: innen mit Migrationshintergrund, die in Regensburg leben, als Zeitzeug: innen zu gewinnen, mit ihnen lebensgeschicht‐ liche Interviews durchzuführen, diese durch Archivierung zu erhalten und durch Veröffentlichung zugänglich zu machen. Im Fokus steht dabei nicht die Geschichte der italienischen Migration nach Regensburg, sondern die subjektive Erfahrung von Wahlregensburger: innen, deren Stimmen und Erinnerung (voices and memories) gesammelt und analysiert werden, u. a. auch um herauszufinden, wie sie die eigenen Erfahrungen aus aktueller Sicht deuten. Erinnerungen sind allerdings nicht in Stein gemeißelt, sondern verändern sich mit der Zeit und werden immer wieder neu verknüpft. Deshalb beschäfti‐ gen sich Studierende im Rahmen der Interview-Vorbereitung mit Filtern, die unser Gedächtnis beeinflussen können. 5 Da Erinnerungen aus einer ex post Perspektive rekonstruiert werden, können sie nicht nur durch die aktuelle Sicht des Erzählers oder der Erzählerin auf die Vergangenheit, sondern auch durch die Erinnerungssituation selbst beeinflusst werden. Die erzählende Person könnte z. B. ihre Erzählung gezielt anpassen, um vermeintliche Erwartungen der interviewenden Person zu erfüllen. Sowohl in der Vorbereitungsphase als auch bei der Auswertung des Interviews beschäftigen sich Studierende deshalb auch mit der wechselseitigen Beziehung zwischen Interviewer: in und interviewter Person. Eine Beziehung, die durchaus fruchtbar sein kann: „[…] das Erzählen kann als eine Form der Reflexion und Verarbeitung für die erzählende Dare voce alle voci - Migrationsgeschichte und Erinnerung der Italiener: innen in Regensburg 319 <?page no="320"?> 6 Kurzbeschreibung des Ausstellungsprojekts „Augenzu“, Documenta 13 in Kassel, zit. in A. Assmann ( 3 2020). 7 Aus Platzgründen wird darauf verzichtet, den persönlichen und kulturellen Hinter‐ grund der bereits interviewten Personen zu beschreiben. In der Fortführung des Projektes wird die Erhebungsmethode stärker vereinheitlicht und verfeinert werden, um eine größere Vergleichbarkeit der Daten zu erhalten. Person betrachtet werden, während das Zuhören als ein Ort von Empathie und Solidarität fungieren kann“ (A. Assmann 3 2020: 139). 6 4 Erste Ergebnisse Die Interviews, die die Studierenden bisher durchgeführt und analysiert ha‐ ben, erwiesen sich als durchaus vielversprechendes Material. 7 Die inhaltlichen Schwerpunkte kreisten um die Themen „Sprache und Identität“, „kulturelle Zugehörigkeit und Fremdheitserfahrung“, „Reflexion über kulturabhängige Werte wie Familie und Unabhängigkeit“, „stereotype Zuschreibungen und Sichtbarkeit“. Interessant war für die Studierenden die Erfahrung, dass die teilnehmenden Personen sich ihnen öffneten und Einblick in sehr persönliche Erfahrungen, Gedanken und Emotionen gaben. So erzählt eine interviewte Person von ihrem Unbehagen, kein wirkliches kulturelles Zuhause zu haben und somit zwiegespalten zu sein, was sie mit den Worten „non sapevo mai dove andare“ beschreibt. Auch Kinder beschäftigen sich - zwangläufig - früh mit dem Thema Identitätsfindung und dies nicht selten deswegen, weil sie von ihrer Umwelt dazu gedrängt werden. So kommt in einem anderen Interview der Versuch eines Kindes zur Sprache, zwei Kulturen zu einer integrativen, ganzheitlichen Identität zusammenzuführen: „Il bambino di una mia amica, anche lui misto, suo padre gli ha detto ‘Ricordati tu sei mezzo tedesco e mezzo italiano’, il bambino lo guardò e disse ‘No, io sono tutto tedesco e tutto italiano’“. Einer gesellschaftlichen Gruppierung Stimme aus einer Innenperspektive zu geben, trägt dazu bei, dass stereotype Sichtweisen und Wahrnehmungen hin‐ terfragt werden. Wenn Italiener: innen in Deutschland, wie in einem Interview deutlich wird, auch heute noch hauptsächlich mit dem Tätigkeitsbereich der Gastronomie in Verbindung gebracht werden, ist der Grund nicht der, dass sie nicht in anderen Umfeldern tätig wären. Es ist vielmehr, dass der Wahrneh‐ mungsfokus in Deutschland weiterhin auf einem begrenzten gesellschaftlichen Teilausschnitt zu liegen scheint, der verhindert, dass Italiener: innen aus anderen Tätigkeitsfeldern und mit - zwar immer italienischen aber - anderen kulturellen Werten, Einstellungen und Praktiken sichtbar werden. Erst wenn es gelingt, den Fokus zu verschieben, kann die Vielfalt, für die Italien auch im Ausland bekannt 320 Giulia de Savorgnani & Simona Fabellini <?page no="321"?> ist, tatsächlich wahrgenommen und geschätzt werden. Das Projekt Voci italobavaresi möchte genau zu dieser Sichtbarkeit beitragen. Damit jedoch Italier: innen in Regensburg sichtbar werden können, muss das Projekt selbst zunächst „ent-deckt“ werden und in Austausch mit einem bestehenden Netzwerk ähnlicher Ansätze gebracht werden. Genau dies hat Maria Selig con il suo fiuto da segugio für Neues mit Voci italo-bavaresi getan und hinterlässt somit Spuren am Institut für Romanistik in Regensburg, die auch in Zukunft verfolgt werden. Bibliographie Assmann, Aleida (2020). Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur. Eine Interven‐ tion. 3. erweiterte und aktualisierte Aufl. München: Beck. Assmann, Jan (2007). Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und Identität in frühen Hochkulturen. 6. Aufl. München: C.H. Beck Verlag. Becksche Reihe. BpB (2020) = Bundeszentrale für politische Bildung (17.12.2020). Erstes Anwerbeabkom‐ men vor 65 Jahren. Abrufbar unter https: / / www.bpb.de/ kurz-knapp/ hintergrund-akt uell/ 324552/ erstes-anwerbeabkommen-vor-65-jahren/ (konsultiert am 01.03.2024). BpB Glossar = Bundeszentrale für politische Bildung „Migrationshintergrund“. Abrufbar unter https: / / www.bpb.de/ kurz-knapp/ lexika/ glossar-migration-integration/ 270615/ migrationshintergrund/ (konsultiert am 18.3.2024). Destatis = Destatis „Migration und Integration - Migrationshintergrund“. Abrufbar unter https: / / www.destatis.de/ DE/ Themen/ Gesellschaft-Umwelt/ Bevoelkerung/ Migr ation-Integration/ Glossar/ migrationshintergrund.html (konsultiert am 18.3.2024). Erll, Astrid (2017). Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen. Eine Einführung. 3., aktualisierte und erweiterte Aufl. Stuttgart: Metzler. Foroutan, Naika (2021). Die Postmigrantische Gesellschaft. Ein Versprechen der pluralen Demokratie. 2., unveränderte Auflage. Bielefeld: Transcript. Foroutan, Naika (20.04.2015). Die postmigrantische Gesellschaft. Bundeszentrale für politische Bildung. Abrufbar unter https: / / www.bpb.de/ themen/ migration-integratio n/ kurzdossiers/ 205190/ die-postmigrantische-gesellschaft/ (konsultiert am 01.03.2024) Foroutan, Naika (2012). Die Postmigrantische Gesellschaft. Ein Versprechen der pluralen Demokratie. 2., unveränderte Auflage. Bielefeld: Transcript. Fried, Johannes (2004). Der Schleier der Erinnerung. Grundzüge einer historischen Memorik. München: Beck, 50f. Oral History Association. Oral History: Defined. Abrufbar unter https: / / oralhistory.org/ about/ do-oral-history/ (konsultiert am 01.03.2024). Dare voce alle voci - Migrationsgeschichte und Erinnerung der Italiener: innen in Regensburg 321 <?page no="322"?> Prontera, Grazia (7.11.2017). Italienische Zuwanderung nach Deutschland. Zwischen institutionalisierten Migrationsprozessen und lokaler Integration. In: Deutschland Archiv, Abrufbar unter www.bpb.de/ 259001 (konsultiert am 01.03.2024). Seiler, Alexander J. (1965). Siamo Italiani. Die Italiener. Gespräche mit italienischen Arbeitern in der Schweiz. Zürich: EVZ-Verlag. Söhner, Felicitas (2022). Oral History in der Hochschullehre. Frankfurt a.-M.: Wochen‐ schau Verlag. Stadt Regensburg - Amt für Integration und Migration (Hrsg.) (2023). Integrationskon‐ zept der Stadt Regensburg. Regensburg: Stadt Regensburg Hausdruckerei. Wolter, Heike (2019). Oral History im Unterricht. In: Treskow, Isabella v. (Hrsg.). Das Konzentrationslager Flossenbürg. Geschichte und Literatur. St. Ingbert: Röhrig Universitätsverlag, 49-51. 322 Giulia de Savorgnani & Simona Fabellini <?page no="323"?> Rezeptive Mehrsprachigkeit zwischen mono-, multi- und translingualer Kommunikation Evelyn Wiesinger (Tübingen) Im Zuge des (post-)multilingual turns (Földes 2020) sowie der Abkehr von idealtypischen ‚muttersprachlichen‘ Sprach(system)vorstellungen rücken in der Sprachwissenschaft des 21. Jahrhunderts Mehrsprachigkeitsdefinitionen in den Fokus, die alle Personen einschließen, „die in mehr als einer Sprache kommuni‐ zieren können - unabhängig davon, ob diese Kompetenzen produktiv und/ oder rezeptiv (z. B. nur lesen, aber nicht schreiben), mündlich und/ oder schriftlich, gut ausgeprägt oder rudimentär sowie in der Familie erworben oder in der Schule erlernt sind (Gogolin/ Lüdi 2015)“ (Bredthauer 2022: 340). Das sprachliche Repertoire wird damit als Ergebnis individueller Lernerfahrungen verstanden, das von den Sprecher: innen im Sinne des ökonomischen und/ oder identitärsymbolischen Nutzens eingesetzt werden kann (Blommaert/ Backus 2012). Auch die EU-Bildungspolitik hat sich zumindest auf dem Papier vom ursprünglichen Ziel einer additiven Mehrsprachigkeit mit idealerweise near-native Kompetenz verabschiedet und stellt die Förderung komplexer sprachlicher Repertoires in den Vordergrund (European Union 2017). Mit diesem Paradigmenwechsel rücken multi- und translinguale Kommunikationsformen (zur Abgrenzung Auer 2022) noch stärker in den Fokus. Während umfangreiche Studien zu Code-Swit‐ ching und Mixed Codes vorliegen, soll in diesem Squib ein Forschungsprogramm zur sog. ‚Rezeptiven Mehrsprachigkeit‘ (im Folgenden RM) skizziert werden. Diese ist nach Anstatt (2018: 21) „außerordentlich verbreitet […], aber noch wenig untersucht“, was insbesondere auf die romanischen Sprachen zutrifft. RM bezeichnet zunächst einen Kommunikationsmodus, „in which interac‐ tants employ a language and/ or a language variety different from their partner’s and still understand each other“ (ten Thije et al. 2012: 245). Während RM im europäischen Kontext i. d. R. auf Sprecher: innen nah verwandter (z. B. skandina‐ vischer) Sprachen bezogen wird (inherited bzw. inherent RM; Bahtina/ ten Thije 2013), praktiziert z. B. die australische Warruwi Community RM mit Sprachen <?page no="324"?> 1 Dabei ist unklar, inwiefern es sich bei RM um einen kognitiv weniger „aufwändigen“ (Anstatt 2018: 22) Modus handelt: So steht dem geringeren Produktionsaufwand in einer L1 ein durchaus als aufwändig zu erachtendes Verstehensmonitoring gegenüber. aus fünf verschiedenen Sprachfamilien (Singer 2023). Dies verweist auf ein engeres Verständnis von RM im Sinne erworbener rezeptiver Kompetenzen, wobei im europäischen Kontext i. d. R. zwischen Erstbzw. Herkunftssprachen (L1) sowie Zweitbzw. Fremdsprachen (L2/ Ln) unterschieden wird (sog. ac‐ quired RM; Anstatt 2018). Aufgrund der Tatsache, dass durch regelmäßigen (Alltags-)Kontakt mit einer anderen Sprache (exposure) inzidentelle Lernpro‐ zesse in Gang kommen können, bleibt die Unterscheidung zwischen ‚inhärenter‘ und ‚erworbener‘ RM jedoch letzten Endes unscharf (Sherkina-Lieber 2020). Im Hinblick auf RM in den romanischen Sprachen lag der Fokus bislang v. a. auf der Interkomprehensionsforschung, die auf die explizite Sprach(lern)be‐ wusstheit v. a. für lexikalische Kognaten (z. B. Müller-Lancé 2003) abzielt, sowie auf der Untersuchung des Hör-/ Leseverstehens einer romanischen Sprache durch (L1-)Sprecher: innen einer anderen romanischen Sprache (u. a. Gooskens et al. 2018). Dagegen stellt RM als interaktionaler Kommunikationsmodus ein Forschungsdesiderat dar: Dies betrifft zunächst die Frage, ob, und wenn ja, in welchen Kontexten und aus welchen Gründen Kommunikationspartner: innen überhaupt in unterschiedlichen romanischen Sprachen miteinander sprechen. So könnte der alltagsweltliche Rückgriff auf RM u. a. in Mobilitäts- und Migrationskontexten, in herkunftssprachlichen Szenarien sowie in mehrspra‐ chigen Gebieten und Grenzregionen untersucht werden. Dabei ist anzunehmen, dass ökonomisch-instrumentelle, identitär-symbolische und sozio-normative Motivationen eine jeweils unterschiedliche Rolle spielen (z. B. Lüdi 2013 zu RM in Schweizer Unternehmen). Des Weiteren stellt sich die Frage, auf welche (auch meta-, para- und extra-)sprachlichen Kompetenzen in der interaktionalen Dynamik tatsächlich zurückgegriffen wird, z. B. welche Rolle lexikalische Kognaten, phonologische Ähnlichkeiten, morphosyntaktische Musterentspre‐ chungen, Frequenzeffekte und pragmatische Inferenzen bei verschiedenen Sprecher: innentypen und unter verschiedenen Kommunikationsbedingungen spielen. 1 Ein romanistisches Pilotprojekt wurde 2019 an der Universität Regensburg von Laura Linzmeier und Evelyn Wiesinger initiiert und von Maria Selig mit einer Erasmus+-Praktikantin unterstützt. Das Projekt greift das Desiderat eines „experimental approach simulating naturalistic receptive multilingual dialogue“ (Blees/ ten Thije 2017: 342) auf und unternahm Videoaufnahmen mit 14 internationalen Studierenden aus Italien, Spanien und Kolumbien in Deutschland mit dem Ziel, deren potentiell multilingualen Verständigungsstra‐ 324 Evelyn Wiesinger <?page no="325"?> tegien in dialogisch-interaktionaler Kommunikation zu erforschen. Untersucht wurden mehrsprachige Individuen mit L1 Spanisch oder Italienisch sowie B2-C1-Niveau im Englischen und Deutschen sowie keinen, informellen oder institutionellen Vorerfahrungen in einer oder mehreren weiteren romanischen Sprachen. Aufgezeichnet wurde jeweils ein alltagsweltliches Gespräch sowie ein bildbasiertes Elizitationstask zwischen zwei Studierenden mit L1 Spanisch bzw. Italienisch, denen keinerlei Vorgabe für die Sprachenwahl gemacht wurde. Erste Einblicke in die Gesprächsdaten zeigen eindrucksvoll, dass RM mehr‐ heitlich eine aktiv gewählte interaktionale Praktik darstellt: Fünf von sieben Paaren wählten spontan den Modus der RM, d. h. jede Person verwendete dominant ihre jeweilige romanische L1, und zwar weitgehend unabhängig von den Vorkenntnissen in der jeweils anderen romanischen Sprache. Dagegen entschied sich kein einziges Paar für die potentiellen linguae francae Deutsch und Englisch. Die Daten zeigen zudem den dynamischen und multiplen Ein‐ satz interaktionaler und sprachlich-mentaler Strategien: Neben multimodalen Akkommodationssignalen und (meta-)sprachlichen Kompensationsstrategien spielte unabhängig von den Vorkenntnissen in der jeweils anderen romanischen Sprache die (tatsächliche bzw. vermutete) Ähnlichkeit zwischen dem Italieni‐ schen und Spanischen als hörerseitige Erschließungsstrategie eine zentrale Rolle, die im Fall von lexikalischen Kognaten oftmals zum kommunikativen Erfolg, im Fall von nicht vorhandenen Kognaten bzw. ‚falschen Freunden‘ aber auch zum Misserfolg führte. Auch auf Seite der Sprecher: innen wurden (vermutete) Nicht-Kognaten (oder, im Fall der kolumbianischen Studierenden, varietätenspezifische Ausdrücke) antizipiert und ggf. vermieden bzw. ersetzt. Dabei kam es bisweilen zur spontanen Bildung ‚translingualer‘ Hybride, wenn etwa Spanischsprecher: innen mit Formen wie blondo ‚blond‘ (zur Vermeidung von span. rubio, vgl. ital. biondo) oder parlar ‚sprechen‘ (zur Vermeidung von span. hablar, vgl. ital. parlare) ihrem bzw. ihrer Gegenüber ohne einen offensichtlichen Wechsel ins Italienische das Verständnis erleichterten. Selten zurückgegriffen wurde auf Code-Switches ins Französische als Mittlersprache, ins Deutsche oder (nur in einem einzigen Fall! ) ins Englische. Insgesamt treffen auf den untersuchten Kommunikationskontext weder ein pessimistischer Abgesang auf Mehrsprachigkeit zugunsten des Englischen als alleiniger world language (Braunmüller 2013: 2018 f.) noch ein allzu undifferen‐ ziertes Konzept von translanguaging als „the deployment of a speaker’s full linguistic repertoire without regard for watchful adherence to the socially and politically defined boundaries of named (and usually national and state) languages“ (García et al. 2015: 281) zu: Die Pilotstudie dokumentiert dagegen den erfolgreichen Einsatz von RM als einem Modus zwischen ‚monolingual‘ Rezeptive Mehrsprachigkeit zwischen mono-, multi- und translingualer Kommunikation 325 <?page no="326"?> orientierten Lösungen, wie dem Gebrauch einer lingua franca oder (mittler‐ weile KI-)basierter Übersetzungen einerseits und multibzw. translingualen Strategien wie Code-Switching oder Hybridbildungen andererseits. Die Nicht- Akkommodation an die Sprache des Gegenübers führt dabei mitnichten zu „ne‐ gative relational outcomes“ (Dragojevic et al. 2016: 48). Die Studie legt dagegen nahe, dass die Wahl der RM es den Studierenden erlaubt, eine individuelle ‚Einsprachigkeit nach außen‘ aufrechtzuerhalten - und damit die aus ihrer Sicht potentiell ‚fehleranfällige‘ Sprachproduktion in einer Fremdsprache zu vermeiden -, während multi- und translinguale Ressourcen, die im universitä‐ ren Kontext eher sanktioniert werden, nur unter dem ‚Deckmantel‘ der RM zum Einsatz kommen. In der hier untersuchten Elitemobilität präsentiert sich RM so‐ mit letztlich als eine ‚Kompromissstrategie‘ vor dem Hintergrund der nach wie vor festen gesellschaftlichen Verankerung westlicher National- und Standard‐ sprachenideologien sowie eines additiven und ‚muttersprachlich‘-normativen Verständnisses von Mehrsprachigkeit. Nicht zuletzt verweist die Pilotstudie auch darauf, dass die Rolle und interne Dynamik von RM neben anderen mono-, multi- und translingualen Kommunikationsstrategien als weltweite Phänomene in ihrer jeweils spezifischen, sowohl individuellen als auch gesellschaftlichen Verankerung und Ausprägung untersucht werden müssen, wofür die romani‐ schen Sprachen ein ideales, aber bislang kaum beachtetes Forschungsfeld bieten. Bibliographie Anstatt, Tania (2018). Input ohne Output: Rezeptiver Bilingualismus und sein Potenzial. In: Mehlhorn, Grit/ Brehmer, Bernhard (Hrsg.). Potenziale von Herkunftssprachen. Tübingen: Stauffenburg, 15-38. Auer, Peter (2022). ‘Translanguaging’ or ‘doing languages’? Multilingual practices and the notion of ‘codes’. In: MacSwan, Jeff (Hrsg.). Multilingual perspectives on trans‐ languaging. Bristol: Multilingual Matters, 126-153. Bahtina, Daria/ ten Thije, Jan (2013). Receptive multilingualism. The encyclopedia of Applied Linguistics. Wiley online library, 4899-4904. Blees, Gerda J./ ten Thije, Jan (2017). Receptive multilingualism and awareness. In: Cenoz, Jasone/ Gorter, Durk/ May, Stephen (Hrsg.). Language awareness and multilingualism. Cham: Springer, 333-345. Blommaert, Jan/ Backus, Ad (2011). Repertoires revisited: ‘Knowing language’ in super‐ diversity.-Working Papers in Urban Language and Literacies-67, 1-26. Braunmüller, Kurt (2013). Communication based on receptive multilingualism: advanta‐ ges and disadvantages. International Journal of Multilingualism 10 (2), 214-223. 326 Evelyn Wiesinger <?page no="327"?> Bredthauer, Stefanie (2022). Mehrsprachigkeit im Fremdsprachenunterricht. In: Földes, Csaba/ Roelcke, Thorsten (Hrsg.). Handbuch Mehrsprachigkeit. Berlin/ Boston: De Gruyter, 339-352. Dragojevic, Marko/ Gasiorek, Jessica/ Giles, Howard (2016). Accommodative strategies as the core of the theory. In: Giles, Howard (Hrsg.). Communication Accommodation Theory. Cambridge: Cambridge University Press, 36-59. European Union (2017). Rethinking language education in schools. Luxembourg: Publi‐ cations Office of the European Union. Abrufbar unter https: / / ecspm.org/ wp-content / uploads/ 2018/ 12/ Rethinking-Language-Education.pdf (konsultiert am 25.06.2024). Földes, Csaba (2020). Diskursive Praxis unter Bedingungen superdiversiver Sprachen‐ vielfalt: Post-multilingualistische Zugänge in der Diskussion. Sprachwissenschaft 45, 181-209. García, Ofelia/ Otheguy, Ricardo/ Reid, Wallis (2015). Clarifying translanguaging and deconstructing named languages: A perspective from linguistics. Applied Linguistics Review 6 (3), 281-307. Gogolin, Ingrid/ Lüdi, Georges (2015). Was ist Mehrsprachigkeit? In vielen Sprachen sprechen. Abrufbar unter https: / / www.goethe.de/ prj/ dlp/ de/ magazin-sprache/ lld/ 204 92171.html (konsultiert am 25.06.2024). Gooskens, Charlotte/ van Heuven, Vincent/ Golubović, Jelena/ Schüppert, Anja/ Swarte, Femke/ Voigt, Stefanie (2018). Mutual intelligibility between closely related languages in Europe. International Journal of Multilingualism 15 (2), 169-193. Lüdi, Georges (2013). Receptive multilingualism as a strategy for sharing mutual linguistic resources in the workplace in a Swiss context. International Journal of Multilingualism 10 (2), 140-158. Müller-Lancé, Johannes (2003). Der Wortschatz romanischer Sprachen im Tertiärsprach‐ erwerb: Lernerstrategien am Beispiel des Spanischen, Italienischen und Katalani‐ schen. Tübingen: Stauffenburg. Sherkina-Lieber, Marina (2020). A classification of receptive bilinguals: Why we need to distinguish them, and what they have in common. Linguistic Approaches to Bilingualism 10 (3), 412-440. Singer, Ruth (2023). Indigenous multilingualism at Warruwi. Cultivating linguistic diversity in an Australian community. New York/ Abingdon: Routledge. ten Thije, Jan/ Rehbein, Jochen/ Verschik, Anna (2012). Receptive multilingualism - introduction. International Journal of Bilingualism 16 (3),-245-247. Rezeptive Mehrsprachigkeit zwischen mono-, multi- und translingualer Kommunikation 327 <?page no="329"?> 1 https: / / www.who.int/ tools/ whoqol/ whoqol-bref. La traduzione di questionari sulla salute umana Marella Magris (Trieste) 1 Introduzione In un’epoca in cui la pratica del tradurre e le riflessioni teoriche sulla traduzione stanno radicalmente cambiando sotto la spinta delle innovazioni tecnologiche e dei rapidi progressi compiuti dall’Intelligenza artificiale, vi è un ambito che, per quanto di nicchia, si distingue per il ruolo fondamentale che continua ad assegnare alla traduzione umana nella sua ricerca della massima qualità ed equivalenza delle diverse versioni linguistiche. Stiamo parlando della traduzione di questionari utilizzati in studi internazionali nel campo della medicina e della psicologia. Alcuni esempi sono gli strumenti messi a punto per misurare la qualità della vita, tra cui si possono citare i WHOQOL dell’OMS, sviluppati in contemporanea in 15 centri internazionali e attualmente disponibili in circa 30 lingue nella versione estesa e in un’ottantina di lingue in quella breve. 1 Oltre a questi strumenti, che servono a raccogliere informazioni in modo non specificamente legato ad una determinata patologia o condizione, ve ne sono altri mirati invece a determinate categorie di soggetti: ad esempio a persone con disabilità (come il Disability Assessment Schedule, sempre dell’OMS) o a pazienti affetti da patologie fisiche (ad es. Heart Quality of Life) o psichiche (ad es. il Beck Depression Inventory). Altri questionari ancora sono finalizzati alla rilevazione dell’efficacia di un trattamento così come percepita dal soggetto interessato (Patient-Reported Outcomes, abbreviati in PRO), forma di valutazione che sta diventando sempre più diffusa e importante. Si tratta in genere di testi che possono sembrare semplici da tradurre, in quanto le domande e le eventuali risposte a scelta devono essere facilmente comprensibili ai destinatari. Di seguito due esempi tratti dalla versione italiana di WHOQOL (rispettivamente con risposta aperta e chiusa): <?page no="330"?> Secondo Lei c’è qualcosa che non va nel Suo stato di salute? Di cosa si tratta? Problemi di _____________________________________________________ Malattie: ________________________________________________________ La qualità della Sua vita dipende dai farmaci o da altri interventi medici? 1 Per niente 2 Poco 3 Abbastanza 4 Molto 5 Moltissimo La semplicità del compito è tuttavia solo apparente, per almeno due motivi. In‐ nanzitutto, per garantire la validità dei risultati, è fondamentale che le domande vengano comprese esattamente allo stesso modo dai partecipanti delle diverse lingue e culture coinvolte e possano elicitare risposte comparabili. A questo aspetto si aggiunge non di rado la necessità di inserire adattamenti culturali che vanno ponderati con la massima cura, sempre per escludere distorsioni dei risultati. Un esempio classico è quello delle differenze relative al sistema scolastico nelle domande sul grado di istruzione dei partecipanti allo studio. Per questi motivi, l’OMS ed altre organizzazioni internazionali hanno adot‐ tato metodologie ben precise e redatto delle linee guida specifiche per il processo traduttivo. Nella sezione successiva verrà presentata una breve panoramica delle soluzioni più frequenti. 2 L’organizzazione del processo traduttivo La traduzione dei questionari qui di interesse non è mai affidata ad un unico soggetto: si tratta sempre di un lavoro di gruppo a cui partecipano persone con diverse competenze. Questo lavoro può essere organizzato in vari modi: nella loro rassegna della letteratura sul tema, Acquadro et al. (2008: 511) hanno individuato 17 linee guida elaborate da organizzazioni o da ricercatori, di cui hanno sintetizzato in forma tabellare gli aspetti più rilevanti. Qui ci si limiterà a una breve trattazione dei due metodi principali a cui possono essere ricondotte gran parte di tali soluzioni: la forward-backward translation e la dual-panel translation. In estrema sintesi, il primo metodo prevede le seguenti fasi: • realizzazione, ad opera di due diversi traduttori, di due traduzioni autonome del questionario originale, solitamente sotto la supervisione di esperti (forward translation); • sintesi, ad opera degli stessi due traduttori, delle due traduzioni in un’unica versione; • realizzazione di due retrotraduzioni di questa versione unica da parte di altri due traduttori che non hanno accesso al questionario originale (backtranslation); 330 Marella Magris <?page no="331"?> 2 V. ad es. le linee guida WHODAS 2.0, https: / / terrance.who.int/ mediacentre/ data/ WHO DAS/ Guidelines/ WHODAS%202.0%20Translation%20guidelines.pdf. • disamina di tutte le versioni da parte di un comitato che comprende, oltre ai 4 traduttori coinvolti, esperti della tematica o dello specifico questionario: in questa fase vengono discussi i possibili punti problematici, sino ad arrivare ad una versione finale nella lingua di arrivo che garantisca la massima equivalenza. Il secondo metodo prevede invece il coinvolgimento iniziale di un gruppo di lavoro i cui membri conoscano sia la lingua di partenza che quella di arrivo. Questi producono singolarmente delle traduzioni che poi vengono sintetizzate in una versione unica tramite discussione interna al gruppo. Un secondo gruppo valuta ed eventualmente rivede tale versione, se opportuno consultando i ricercatori che hanno messo a punto il questionario nella sua versione originale. Nella pratica delle varie organizzazioni si riscontrano molteplici variazioni di singoli punti, in particolare per quel che concerne il metodo tuttora più diffuso, ovvero quello forward-backward. Ad esempio, differenze notevoli riguardano il profilo dei traduttori e «retrotraduttori»: alcune organizzazioni richiedono che si tratti di traduttori qualificati, 2 altre prevedono il coinvolgimento piuttosto di esperti bilingui della materia, altre ancora di un esperto e di un altro soggetto bilingue che rappresenti il target di arrivo e che quindi non disponga di conoscenze specialistiche. Come già accennato, il metodo forward-backward è quello a cui ricorrono la maggior parte delle organizzazioni: tuttavia, il suo ruolo di best practice non è universalmente riconosciuto. In particolare, l’efficacia della retrotraduzione è spesso oggetto di discussione, anche a fronte della maggiore complessità di questo metodo rispetto alla dual-panel translation. Nella prossima sezione si approfondirà proprio il concetto di retrotraduzione. 3 Focus sulla retrotraduzione La retrotraduzione rappresenta tutt’altro che una novità nelle scienze della traduzione: anzi, essa ha goduto in passato di un certo prestigio, mentre oggi non viene pressoché più considerata un sistema valido per il controllo qualità delle traduzioni. Koller/ Henjum (2020: 223) affermano ad esempio che «[…] der Versuch der Rückübersetzung [muss] nicht nur relativ, sondern absolut scheitern […] Übersetzung zeichnet sich durch ihren spezifisch unidirektionalen Charakter aus». La traduzione di questionari sulla salute umana 331 <?page no="332"?> Questa unidirezionalità della traduzione è abbastanza contenuta se si tratta di tradurre brevi frasi o formule fisse, mentre aumenta notevolmente per testi più lunghi, soprattutto quando questi devono essere adattati per motivi legati, ad esempio, a diversità culturali. Di primo acchito sorprende dunque che proprio la retrotraduzione sia raccomandata in tante linee guida internazionali per verificare la corrispondenza dei questionari tradotti con le versioni originali: come si è visto nell’introduzione, infatti, per assicurare l’applicabilità crossculturale di questi strumenti si rendono non di rado necessari adattamenti più o meno estesi. Quale può essere dunque l’utilità della retrotraduzione in questo contesto? E di che tipo di retrotraduzione si tratta? Naturalmente le due domande sono strettamente collegate l’una all’altra. Purtroppo, però, è difficile dare una risposta al secondo quesito: le linee guida chiariscono solitamente solo che la retrotraduzione serve a verificare la corrispondenza delle versioni tradotte con l’originale, ma non ne specificano la modalità. Due traduttologhe danesi, Bundgaard e Brøgger (2017), tra le poche ad essersi occupate del tema, hanno verificato che questa vaghezza non riguarda solo le linee guida: la loro ricerca empirica, condotta online su forum di traduttori, ha evidenziato la frequente assenza di indicazioni precise nell’assegnazione di incarichi di retrotraduzione. In base alle loro indagini e alla disamina dei pochi altri contributi traduttologici sul tema, le due autrici concludono che, per essere funzionale al suo scopo, la retrotraduzione dovrebbe seguire un approccio il più possibile letterale e documentale. Chi scrive condivide questa posizione. Si ritiene infatti che soltanto così si possono far comprendere agli autori dei questionari, che spesso non conoscono la lingua delle versioni tradotte, quelli che sono stati gli adattamenti apportati, affinché essi li approvino o meno. Una traduzione libera, invece, rischia da una parte di nascondere gli adattamenti realmente effettuati e, dall’altra, di sollevare falsi problemi. Ad illustrare queste eventualità si riportano due esempi tratti da una recente tesi di laurea (Pileri 2022-2023) che ha riguardato la traduzione in italiano di un questionario tedesco, la Frankfurter Skala zur Erfassung des selek‐ tiven Mutismus (FSSM), per la quale le autrici avevano richiesto espressamente il metodo forward-backward. Le porzioni riportate includono il testo di partenza (TP), la traduzione frutto della sintesi di due versioni indipendenti in italiano (TA) e la retrotraduzione (RT): Esempio 1: TP: Spricht es bei Gruppen- und Vereinsaktivitäten (Musikschule, Kindergottesdienst, Sport)? 332 Marella Magris <?page no="333"?> TA: Parla durante attività di gruppo (scuola di musica, attività in parrocchia, sport)? RT: Spricht es bei Gruppenaktivitäten (Musikschule, Pfarrgemeinde, Sport)? Esempio 2: TP: Spricht Ihr Kind in bestimmten Situationen und/ oder mit manchen Personen nicht, obwohl es von ihm erwartet wird? TA: Suo figlio non parla in determinate situazioni e/ o con alcune persone, nonostante ci si aspetti che lo faccia? RT: Spricht ihr Kind in bestimmten Situationen und/ oder im Beisein gewisser Perso‐ nen nicht, obwohl es dazu aufgefordert wird? Nel primo esempio, la retrotraduzione, abbastanza letterale, evidenzia un adat‐ tamento culturale (la sostituzione di «Kindergottesdienst» con «attività in parrocchia») ed assolve dunque il suo compito. Nel secondo esempio, invece, essa si distacca dal testo italiano (il riferimento è a «nonostante ci si aspetti che lo faccia» reso con «obwohl es dazu aufgefordert wird») e potrebbe far pensare erroneamente ad un’interpretazione divergente del testo di partenza da parte dei due traduttori che hanno effettuato la forward translation. Pur nella loro brevità, si spera che questi esempi abbiano illustrato adeguata‐ mente quanto sia importante chiarire con precisione la metodologia da adottare nella retrotraduzione: un coinvolgimento maggiore di esperti linguisti e soprat‐ tutto traduttologi potrebbe contribuire a migliorare questo procedimento e, in generale, l’intero processo traduttivo dei questionari per gli studi internazionali, assicurando così la massima applicabilità cross-linguistica e cross-culturale. Bibliografia Acquadro, Catherine/ Conway, Katrin/ Hareendran, Asha/ Aaronson, Niel (2008). Litera‐ ture review of methods to translate health-related Quality of Life questionnaires for use in multinational clinical trials. Value in Health 11 (3), 509-521. Bundgaard, Kristine/ Brøgger, Matilde Nisbeth (2017). “Don’t fix bad translations”: A netnographic study of translators’ understandings of back translation in the medical domain. MonTi 10, 205-224. Koller, Werner/ Henjum, Kjetil Berg (2020). Einführung in die Übersetzungswissenschaft. 9., überarbeitete und aktualisierte Auflage, Tübingen: Narr Francke Attempto. Pileri, Sara (2022-2023). Traduzione e adattamento cross-culturale di un questionario diagnostico: la Frankfurter Skala zur Erfassung des Selektiven Mutismus. Tesi di laurea non pubblicata, Università degli Studi di Trieste. La traduzione di questionari sulla salute umana 333 <?page no="335"?> Sage mir, was du siehst und ich sage dir, was du verstehst. Zur kognitiven Verarbeitung multimodaler Komplexität in politischen Karikaturen Jochen Hafner & Johanna Wolf (München) 1 Einleitung Der vorliegende Beitrag möchte einen knappen Einblick in ein neu begonnenes Projekt zu Rezeption und kognitiver Verarbeitung von politischen Karikaturen geben. Dies soll hier anhand dreier Karikaturen zur deutsch-französischen Freundschaft aus den Jahren 1983, 2001 und 2022 verdeutlicht werden. Allge‐ mein lässt sich die Karikatur als kleine (journalistische) Textform (Stöckl 2004; Hausendorf 2009; Berdychowska/ Liedtke 2020) beschreiben, die vor allem mit den sprachlichen Mitteln der Verdichtung sowie der Multikodierung arbeitet (Lenk 2012). Wir wollen in Anlehnung an Blank und Wolf den Zeichenträger als „Textform“ bezeichnen (Blank 1997; Wolf 2022). Der Interaktion zwischen Zeichenträgern und Rezipient: innen soll die diskurstraditionelle Funktion des Aufrufens der verschiedenen Wissensebenen zugeordnet werden, um eine in unseren Augen notwendige Differenzierung eröffnen zu können zwischen der potenziellen (erwartbaren) Bedeutungsebene und den tatsächlich aktivierten Wissensrahmen, die in der Rezeption in die Konstruktion eines Text-Welt- Modells münden (Schwarz-Friesel 2001; 2006). Denn erst in der kognitiven Ak‐ tivierung lässt sich erkennen, ob postulierte Diskurstraditionen als diskursives Wissen gespeichert sind (entrenchment). Unsere Fragestellung lässt sich daher wie folgt beschreiben: Was erkennen und was verstehen Rezipient: innen, wenn sie mit politischen Karikaturen konfrontiert werden, deren Aussagen innerhalb einer bestimmten Diskursge‐ meinschaft (das heißt es gibt eine hohe Übereinstimmung des epistemischdiskursiven Wissens) als erwartbar gelten? Diese Fragestellung scheint uns von besonderer Relevanz, gelten doch Karikaturen häufig als Mittel der Wahl, um <?page no="336"?> in unterrichtlichen Kontexten geschichtliches, kulturelles und soziopolitisches Verständnis zu fördern (Hargaßner 2020). Hierbei ließen sich in einer ersten Annäherung an den Komplex die folgenden Teilfragen formulieren: 1. Welche Faktoren zeitigen Brüche in Bezug auf ein geteiltes Wissen? 2. Welche Kodierungen überdauern die Zeit und welche nicht? Wie stabil sind semiotische Konstellationen? 3. Welche Symbole funktionieren übereinzelsprachlich, welche sprachspezi‐ fisch? 4. Welche Rolle übernimmt die Sprache im Verstehensprozess: Ist sie unter‐ stützend oder verschleiernd? Im Folgenden soll die Pilotierung unseres Projektes vorgestellt werden - hier danken wir besonders unseren Studierenden Elisabeth Grosch, Nadine Sperr‐ hake, Melina Leguay und Emma Will, die im Rahmen eines im Sommersemester 2023 an der LMU München gehaltenen Seminars zu Methoden der linguistischen Forschung die Daten für uns erhoben haben. 2 Methodologie Auf der Basis der erhaltenen Datensätze und der niedrigen Anzahl an Pro‐ band: innen haben wir uns entschieden, die Daten für den vorliegenden Beitrag qualitativ und illustrierend auszuwerten, um einerseits die Legitimierung unse‐ rer Fragestellung(en) zu testen und andererseits, um daraus weitere abzuleiten sowie unser Testdesign an sie anzupassen. Zudem erlaubt uns diese Vorgehens‐ weise, erste Tendenzen aufzuzeigen. 2.1 Korpusbildung Ausgewählt wurden zunächst sechs unterschiedliche Karikaturen zur deutschfranzösischen Freundschaft aus verschiedenen Jahrzehnten (1963, 1975, 1983, 2001, 2010, 2022). Drei stammen von französischen, zwei von deutschen, eine stammt von einem slowakischen Karikaturisten. Aus diesen sechs wollen wir hier drei vorstellen, die unseres Erachtens zu besonders signifikanten Ergebnis‐ sen führten: 336 Jochen Hafner & Johanna Wolf <?page no="337"?> Abb. 1: Haitzinger, Horst (1983). Tagesspiegel. 20.01.1983. Abb 2: Plantu [Plantureux, Jean] (2001). Le Monde: Paris. 01.02.2001, n° 17425, p.-1. Sage mir, was du siehst und ich sage dir, was du verstehst. 337 <?page no="338"?> 1 Die erste Zahl beziffert die Zahl der erhaltenen TAPs, die zweite Zahl beziffert die zurückerhaltenen Fragebögen zur Selbsteinschätzung und Biographie. Abb 3: Kamensky, Marian (2022). https: / / de.toonpool.com/ cartoons/ SCHOLZ%20TRIFF T%20MACRON_414561 (konsultiert am 26.10.2023). 2.2 Proband: innenauswahl und Erhebungsmethode Ausgewählt wurden 4 unterschiedliche Kohorten: Einmal unterscheiden sich die Gruppen im Hinblick auf das Alter und einmal im Hinblick auf ihre L1: Gruppe 1: L1 Französisch, Alter: 50+, n= 6/ 3 Gruppe 2: L1 Französisch, Alter: 18+, n=10/ 6 Gruppe 3: L1 Deutsch, Alter: 50+, n= 10/ 6 Gruppe 4: L1 Deutsch, Alter: 18+, n= 10/ 5 1 In den Gruppen 3 und 4 wurde darauf geachtet, dass das Niveau in der Zielsprache Französisch mindestens B2+ betrug. Alle Proband: innen hatten einen höheren Bildungsabschluss, das heißt mindestens Abitur oder das franzö‐ sische baccalauréat. Der Faktor Geschlecht wurde bei dieser Auswertung nicht berücksichtigt. Erhoben wurden zudem Selbsteinschätzungen zu folgenden Kategorien: Sprachniveau in der Fremdsprache, Menge des Nachrichtenkon‐ sums, politisches Interesse (generell/ Frankreich/ Deutschland). Gewertet wurde 338 Jochen Hafner & Johanna Wolf <?page no="339"?> hierbei jeweils über eine Skala von 1-4, 1 dabei immer der schlechteste Wert in der Zuordnung. Bei der Erhebung wurden ein Assoziationstest eingesetzt sowie die intro‐ spektive offline Methode des Lauten Denkens (Think Aloud Protocols= TAP). Allen Proband: innen wurden alle Karikaturen vorgelegt. Sie hatten zunächst pro Karikatur jeweils 30 Sekunden Zeit für freie Assoziationen und wurden dann gebeten, über TAPs die Bilder zu beschreiben. Sowohl die Assoziationen als auch die Beschreibungen in den TAPs wurden mitgeschnitten und im Anschluss in Anlehnung an GAT2 transkribiert (Selting et al. 2009). 3 Erste Auswertung der Daten und Beobachtungen Im Folgenden soll ersten Tendenzen bezüglich der von uns formulierten Frage‐ stellungen nachgegangen werden: 1) Welche Faktoren zeitigen Brüche in Bezug auf ein geteiltes Wissen? Auf diese Frage lassen sich aufgrund der geringen Proband: innenzahl nur erste Pisten formulieren. Vermutet wurde ein Einfluss des Altersfaktors. Anhand der ersten gesammelten Daten zeigt sich aktuell, dass dieser aber eine weniger bedeutsame Rolle zu spielen scheint als angenommen. Vielmehr scheinen individuelle Wissensbestände ausschlaggebend dafür zu sein, ob und wie gut die verwendeten Kodes verarbeitet werden können. So wurden z. B. Charles de Gaulle und Konrad Adenauer (Abb. 1) von einem L2-Probanden der Gruppe 18+ gut erkannt, während eine L2-Probandin der Gruppe 50+ diese als „Asterix und Obelix“ identifizierte. Insgesamt ist aber anzumerken, dass die beiden Figuren nur selten nominell benannt wurden, was zur zweiten Frage überleitet: 2)-Welche Kodierungen überdauern die Zeit und welche nicht? Wie stabil sind semiotische Konstellationen? Zunächst einige Beobachtungen zur Stabilität der semiotischen Konstellationen: Auffällig war, dass bei Abb. 3 der Wissensrahmen zur antiken Mythologie expressis verbis nur selten abgerufen wurde. Falls dies der Fall war, dann allerdings in sehr präziser Form: a)-hh und äh die Europa sitzt auf Zeus dem Stier (PNFL218+). Bisweilen wurde der Stier in Verbindung mit Europa aber erst gar nicht als solcher erkannt: b) Mais je comprends pas la la référence avec l’animal ° h et la femme au-dessus de cet animal, je sais pas ce qu’ils représentent (PNSoL118+). Sage mir, was du siehst und ich sage dir, was du verstehst. 339 <?page no="340"?> Meist wurde der Bezug zu Europa aber lediglich über das Flaggensymbol hergestellt, die Personifikation mit der Frauenfigur wurde hierfür eher weniger herangezogen. Interessant war auch, dass die Frauenfigur öfter als real existie‐ rende Person gedeutet wurde, wie z. B. Ursula von der Leyen oder Giorgia Meloni (hier erfolgte die Assoziation zu Rom über Gewand und Frisur). Eine Vermutung, die die Daten nahelegen, ist, dass sich ein Einfluss auf die Stabilität von Kodes über die Lebensraumkonditionierung ergibt, etwa was die Einordnung des Symbols für das Elsass betrifft (vgl. hierzu auch dieselbe Thematik in der nächsten Fragestellung). Zur Stabilität von Symbolen über die Zeit hinweg lassen sich zum jetzigen Zeitpunkt nur sehr vorsichtige Vermutungen formulieren: So wurde das bonnet phrygien (bzw. die Marianne) in beiden L1-Gruppen mehrheitlich erkannt, wohingegen der ‚deutsche Michel‘ in beiden L2-Gruppen nur selten identifiziert wurde. In diesen Gruppen wurde das bonnet insgesamt öfter korrekt zugeordnet als das Michel-Symbol. Dies legt den Schluss nahe, dass hier einerseits epistemi‐ sches Wissen (L1-Gruppe), andererseits aber auch aktiv vermitteltes Schulwis‐ sen als Einflussfaktoren angenommen werden können. Für die L1-Gruppe kann das bonnet möglicherweise auch als stabil gespeichertes Wissen angenommen werden, es ließe sich also von entrenchment sprechen. 3)-Welche Symbole funktionieren übereinzelsprachlich, welche sprachspezifisch? Die Europaflagge als ein Staatensymbol scheint übereinzelsprachlich funktio‐ niert zu haben, so ordneten 35 von 36 Proband: innen diese korrekt zu. Lediglich ein Proband der L1-Gruppe 18+ identifizierte sie als „drapeau américain“. Die Zuordnung der Nationalfarben in Abb. 3 war hingegen unterschiedlich erfolgreich. Oft wurde ihnen gar keine Beachtung geschenkt, bisweilen gab es auch Fehldeutungen: So wurde die französische Flagge zweimal als italienische gedeutet (Gruppe L2 18+). Als übereinzelsprachliche Symbole können möglicherweise auch das große Auto und die Zigarre gedeutet werden, die mehrheitlich in Bezug auf Reich‐ tum/ Staatskarosse bzw. Überheblichkeit gedeutet wurden. Als Vertreter für einzelsprachliche Symbole kann z. B. der TÜV angeführt werden, der überwiegend nur von den L2-Proband: innen erkannt wurde. Über‐ raschenderweise wurde die Symbolfigur für das Elsass in Abb. 2 als Vertreterin der jeweils eigenen nationalen Identität interpretiert und auch Proband: innen der L1-Gruppe, deren ‚Umgebungskultur‘ dominant bayerisch geprägt war, deuteten die elsässische Tracht als bayerische. Interessant ist zudem, dass oftmals eine Zuordnung von Tracht und Essen (choucroute garnie) als typisch 340 Jochen Hafner & Johanna Wolf <?page no="341"?> 2 Unter „off-panel“-Darstellungen verstehen wir Elemente, die durch die Positionierung außerhalb des Bildrahmens z. B. eine simultane Repräsentation vergangener und aktueller Ereignisse integrativ ermöglichen. Vgl. hierzu Kohl und Mitterrand in Abb. 2. deutsch erfolgte. Bei den jüngeren Proband: innen der L1-Gruppe kam dies eher selten vor. Diese Ergebnisse verweisen erneut auf die Rolle der semiotischen Konstella‐ tion als einen möglicherweise ausschlaggebenden Faktor für die Rezeption. 4)-Welche Rolle übernimmt die Sprache im Verstehensprozess: Ist sie unterstützend oder verschleiernd? Es fiel auf, dass etliche Proband: innen die versprachlichten Elemente vor allem dann als Verstehensbrücke nutzen, wenn sie das Bildmaterial nicht einordnen konnten. Besonders war dies bei Abb. 1 der Fall, bei der sich die Proband: innen oftmals auf das Nummernschild konzentrierten, um von da ausgehend die Karikatur zu deuten. Bisweilen führte dies zu einer gelungenen Zuordnung der deutsch-französischen Freundschaft bis hin zu einer Evozierung des Elysée- Vertrags. Aber es ergaben sich durchaus auch Fehlinterpretationen: c) elle a des plaques (.) aussi, qui sont très grandes, où on voit ces écrits RF-D 1963-83. donc je soupçonne peut-être république fédérale euh d’allemagne, je sais pas trop ° h avec des dates cette date, elle représente 20 ans et justement, dans le (.)la légende, c’est écrit que revenez dans dans 20 ans(.) mais je je comprends pas du tout à quoi ça fait allusion euh parce que les deux personnages à droite qui sont deux hommes, on dirait que ce sont deux garagistes (PNSoL118+; Kursivierungen JH&JW). 4 Zwischenfazit und Ausblick Die hier vorgestellten vorläufigen Ergebnisse unserer Pilotstudie erlauben uns, aus den erkennbaren Tendenzen weitere Fragestellungen abzuleiten: Große Schwierigkeiten scheint das in Karikaturen öfter verwendete Mittel der „off-panel“ 2 -Darstellung zu bereiten. Oftmals scheinen die Proband: innen diese Elemente nicht zu bemerken oder aber sie halten sie für zu wenig relevant. Dies wirft Fragestellungen aus dem Bereich der Aufmerksamkeitssteuerung und Wahrnehmung auf, die zukünftig in einem Eyetracking-Experiment überprüft werden sollen. Auch sind wir uns der Limitierung unseres methodologischen Zugriffs über die TAPs bewusst. In einem weiteren Verlauf soll diese zumindest teilweise abgefedert werden, indem nach dem ersten ungesteuerten Beschreibungsdurch‐ lauf im TAP zusätzlich Fragebögen bzw. Interviews eingesetzt werden, in denen Sage mir, was du siehst und ich sage dir, was du verstehst. 341 <?page no="342"?> die Proband: innen gezielt zu Bildelementen befragt werden, die in der Evozie‐ rung von Wissensrahmen erwartbar wären, wie z. B. das Händereichen der abgebildeten Politiker als Reminiszenz an Mitterrand und Kohl. Eine mögliche Erweiterung des Designs wären auch Recall-Elemente, um zu überprüfen, wel‐ che Elemente zwar in der Kognition evoziert, aber nicht im TAP versprachlicht wurden. Ebenfalls notwendig ist die Erweiterung der Proband: innengruppen und eine spezifischere Tranchierung der Altersgruppen sowie des Bildungsgrades. Insgesamt lässt sich konstatieren, dass die ersten Ergebnisse sehr vielverspre‐ chend und damit von hoher kognitiv-linguistischer Relevanz sind, da sie zu weiteren Erkenntnissen im Hinblick auf die multimodale Verarbeitung führen. Gleichzeitig können sie aber auch für die Didaktik im Bereich inter- und transkulturelles Lernen nutzbar gemacht werden. Bibliographie Berdychowska, Zofia/ Liedtke, Frank (Hrsg.) (2020). Prägnante Kürze und mehr. Kurztexte und multimodale Kurzformen im öffentlichen Raum. Berlin: Peter Lang. Blank, Andreas (1997). Prinzipien des lexikalischen Bedeutungswandels am Beispiel der romanischen Sprachen. Tübingen: Niemeyer. Hargaßner, Julia (2020). Humor als Ausdruck gesellschaftlicher und demokratischer Normen und Werte: Humor im demokratiebildenden Fremdsprachenunterricht. In: Ammerer, Heinrich/ Geelhaar, Margot/ Palmstorfer, Rainer (Hrsg.). Demokratie lernen in der Schule: Politische Bildung als Aufgabe für alle Unterrichtsfächer. Münster: Waxmann Verlag, 131-145. Hausendorf, Heiko (2009). Kleine Texte - über Randerscheinungen von Textualität, Germanistik in der Schweiz. Onlinezeitschrift der Schweizerischen Akademischen Gesellschaft für Germanistik 6, 5-19. Lenk, Hartmut (2012). Politische Karikaturen in deutschen, englischen und finnischen Tageszeitungen. Vorkommen - Themen - Sprache und Bild. In: Grösslinger, Chris‐ tian/ Held, Gudrun/ Stöckl, Hartmut (Hrsg.). Pressetextsorten jenseits der „News“: Medienlinguistische Perspektiven auf journalistische Kreativität. Frankfurt a.-M. et al.: Lang, 65-81. Knieper, Thomas (2002). Die politische Karikatur. Eine journalistische Darstellungsform und deren Produzenten. Köln: Halem. Schwarz-Friesel, Monika (2006). Kohärenz versus Textsinn. Didaktische Facetten einer linguistischen Theorie der textuellen Kontinuität. In: Scherner, Maximilian/ Ziegler, Arne (Hrsg.). Angewandte Textlinguistik. Perspektiven für den Deutsch- und Fremd‐ sprachenunterricht. Tübingen: Narr, 63-75. 342 Jochen Hafner & Johanna Wolf <?page no="343"?> Schwarz-Friesel, Monika (2001). Establishing Coherence in Text: Conceptual Continuity and Text-World-Models. Logos and Language 2, 15-23. Selting, Margret et al. (2009). Gesprächsanalytisches Transkriptionssystem 2 (GAT 2). Gesprächsforschung - Online-Zeitschrift zur verbalen Interaktion 10, 353-402. Stöckl, Hartmut (2004). Die Sprache im Bild - Das Bild in der Sprache. Zur Verknüpfung von Sprache und Bild im massenmedialen Text. Konzepte - Theorien - Analyseme‐ thoden. Berlin/ NewYork: De Gruyter. Wolf, Johanna (2022). Fremder Text - fremde Welt? Zu Störungen im Organisationsablauf beim Verstehen fremdsprachlicher Texte. Berlin/ Boston: De Gruyter. Sage mir, was du siehst und ich sage dir, was du verstehst. 343 <?page no="345"?> 1 L’intervento di Göring-Eckardt si può vedere a questo link (minuto 39: 40) https: / / ww w.youtube.com/ watch? v=0SgRTZcVjAs (ultimo accesso 24/ 09/ 2023). 2 Traduzione dell’autrice. Il bullshit nel dibattito italiano su guerra e pace: l’esempio di Matteo Salvini Manuela Caterina Moroni (Bergamo) 1 Cos’è il bullshit Secondo Frankfurt (2005: 34) il bullshit designa l’agire umano in una forma di comunicazione linguistica scritta o parlata in cui chi comunica non ha interesse per la verità di quanto dice, in quanto questa gli è indifferente. Nell’ambito dei suoi studi di pragmatica sulla menzogna e l’inganno, Meibauer (2013, 2016, 2020) cerca di operazionalizzare la categoria del bullshit per la linguistica. In Sprache und Bullshit (Meibauer 2020) porta un esempio tratto da una puntata del talk show politico tedesco Hart aber fair in cui gli ospiti stanno discutendo sull’introduzione di una tassa sul patrimonio. Ad un certo punto il presentatore Frank Plasberg chiede alla rappresentante dei Verdi Katrin Göring-Eckardt come si possa determinare se una persona è «superricca» e debba quindi pagare una tassa sul patrimonio. Göring-Eckardt risponde con del bullshit: 1 (1) Das kann sich jeder vorstellen, es gibt Leute, die legen ihren Gästen als Betthupferl ne Rolex aufn Nachttisch, die gehören für mich zu den Superreichen. (Meibauer 2020: 14) - ‘È chiaro, ci sono persone che ai loro ospiti sul comodino lasciano come regalino della buona notte un Rolex, ecco, sono questi i superricchi.’ 2 La risposta in (1) non contribuisce alla discussione sulla tassa sul patrimonio in modo serio. Siccome la pervasività del bullshit sembra essere avvertita da molti (di qui anche il grande successo del saggio di Frankfurt) e siccome si tratta di un tipo di comportamento linguistico, è interessante indagare se il bullshit si possa operazionalizzare e studiare nell’ambito della pragmatica individuando le sue <?page no="346"?> 3 La puntata è visibile a questo link https: / / www.la7.it/ nonelarena/ rivedila7/ non-e-laren a-puntata-del-152022-02-05-2022-436397 (ultimo accesso 02/ 10/ 2023). 4 Si veda Lombardi Vallauri (2009). caratteristiche linguistiche costitutive. Secondo Meibauer (2020: 14) il bullshit è caratterizzato da (i) una mancanza di coesione e coerenza (Meibauer 2020: 29-30; 2016: 74-75); (ii) espressioni con un alto grado di assertività e (iii) evasività, intesa come tendenza ad evitare la «question under discussion» (Meibauer 2020: 75). In quanto segue intendo mostrare con un esempio come gli indicatori (ii) e (iii) - attraverso una particolare articolazione prosodica e sintattica dell’infor‐ mazione - possano costituire una forma di bullshit di tipo implicito e quindi altamente persuasivo. 2 Il bullshit implicito di Salvini Il 1 ° maggio del 2022 3 Massimo Giletti intervista Matteo Salvini nel programma televisivo del canale La7 Non è l’arena. Rilevante per comprendere l’intervista è il fatto che Matteo Salvini e il suo partito hanno trattenuto nel recente passato stretti rapporti con Putin e la Russia e che Salvini e altri membri della Lega si sono dichiarati in diverse occasioni dei sostenitori di Putin e della sua visione del mondo (cf. Barcella 2022: 156-157). Siccome a due mesi dallo scoppio del conflitto russo-ucraino, nell’opinione pubblica italiana domina un’immagine di Putin e della Russia molto negativa, Salvini si trova a doversi difendere da chi gli rinfaccia un atteggiamento filorusso. Nell’intervista Salvini si serve di una particolare strutturazione dell’informa‐ zione 4 - ovvero una specifica segmentazione prosodica e sintattica del flusso del parlato - per evitare di rispondere alle domande di Giletti. In alcuni passaggi dell’intervista, infatti, Salvini risponde alle domande di Giletti caratterizzando parti delle risposte con contenuti generici, e quindi largamente condivisibili, come prominenti e rilevanti e le parti invece più centrali e problematiche come marginali. La sequenza in (2) è parte della risposta alla domanda di Massimo Giletti su come Salvini giudichi il comportamento di Putin e se - come Berlusconi - sia deluso da lui. Nella risposta, oltre a evitare il tema nei contenuti (parlando poco di Putin e molto di pace in generale), Salvini lo evita anche nel modo di strutturare l’informazione. 346 Manuela Caterina Moroni <?page no="347"?> 5 Ho trascritto l’intervista seguendo le convenzioni di GAT2 (Selting et al. 2009). Ecco di seguito le principali convenzioni: G indica ‘Giletti’, S ‘Savini’. (2) (Minuto 08: 15) 5 - 01 S: ma Io penso che- - 02 - (-)! TUT! ti- - 03 - (.) colOro che hanno una responsabilità poLItica- - 04 - (.) doVREBbero; - 05 - (.) ! VI! vere; - 06 - (-)lavo! RA! re eeh; - 07 - giOrno e nOtte PER, - 08 - la PAce. In (2) osserviamo che Salvini struttura un solo enunciato (nel senso di Cresti 2000) in otto unità prosodiche (ogni riga costituisce una unità prosodica). Dopo l’introduttore illocutivo nella riga 1 seguono unità caratterizzate da accenti nucleari ben definiti e in parte enfatici (indicati in (2) con «! »), riconoscibili nel grafico Praat (Boersma/ Weenink 2023) della frequenza fondamentale (F 0 ) in Figura 1. Fig. 1: Grafico della F0 di (2) (Righe 002-008) Alla frase matrice «ma io penso che» con la funzione di introduttore locutivo seguono due unità che introducono l’oggetto della predicazione, articolato con Il bullshit nel dibattito italiano su guerra e pace: l’esempio di Matteo Salvini 347 <?page no="348"?> 6 «H» sta per tono alto (dall’inglese ‘high’), «L» per tono basso (‘low’). Il «+» unisce i due toni che compongono il movimento intonativo dell’accento. L’asterisco indica quale tono è associato alla sillaba tonale. In questo caso la sillaba tonale è associata ad un tono alto, che è poi seguito da un tono basso realizzato nella sillaba seguente. «%» indica il tono di confine destro dell’unità intonativa. Per questo tipo di annotazione, si veda Marotta/ Vanelli (2021: 216-220). 7 Nobili (2019) mostra come Salvini tenda a frazionare e così semplificare il messaggio anche con la gestualità, per esempio con il gesto del contare con le dita. l’accento enfatico su «tutti» e caratterizzato dall’andamento progrediente (non conclusivo) tipico delle unità informative che introducono un referente o un tema su cui poi si dice qualcosa. Di seguito, le unità informative dalla riga 004 alla riga 006 sono le più importanti dell’enunciato in quanto irrinunciabili per la sua interpretazione dal punto di vista pragmatico (cosiddette unità di comment nel modello di Cresti 2000). Queste sono caratterizzate da accenti nucleari discendenti con il tono nucleare alto e un tono di confine basso (H*+L L%). 6 Quest’ultimo marca le singole unità informative come in sé concluse e dal punto di vista informativo come interpretabili in modo indipendente. L’intonazione terminale di queste unità brevi contribuisce così a caratterizzare l’enunciato come indiscutibile, chiaro, obiettivo. A questo tipo di strutturazione del flusso del parlato se ne contrappone un’altra che possiamo osservare in (3) nella sequenza che segue direttamente (2). Qui Salvini dice che al momento cercare di capire le dinamiche e le responsabilità del conflitto tra Russia e Ucraina è secondario ed evita così di esprimere una posizione diretta contro Putin: (3) (Minuto 08: 27) - Questo passaggio viene articolato, come quello in (2), con segmenti brevi e con lo stile ad elenco. 7 Ma l’intonazione è diversa. Qui le singole unità informative di 348 Manuela Caterina Moroni <?page no="349"?> comment (quindi centrali dal punto di vista pragmatico) presentano un accento nucleare alto e un tono di confine destro alto (H* H%), come mostra la Figura 2: Fig. 2: Grafico Grafico della F 0 di (6) (Righe da 001 a 005) L’andamento intonativo di tipo progrediente caratterizza le unità informative come in sé non concluse e poco rilevanti, da intendersi come puramente illustrative e non vincolanti. Tuttavia, si tratta di aspetti centrali per l’intervista e sui quali chi è interessato alla verità dovrebbe pronunciarsi. Per riassumere, il passaggio qui analizzato fa parte di un turno in cui Salvini deve rispondere delle proprie (e del proprio partito) strette relazioni con la Russia e Putin. Per evitare di pronunciarsi troppo negativamente e dover rinnegare quanto dichiarato e fatto in passato, Salvini formula una sequenza formata da una prima parte (2) vaga (non spiega nel concreto cosa voglia dire «vivere e lavorare giorno e notte per la pace») di orientamento pacifista condivisibile da gran parte del pubblico televisivo, e una seconda parte (3) in cui le dinamiche del conflitto vengono liquidate come fondamentalmente irrilevanti al momento o comunque non comprensibili. La parte generica è marcata prosodicamente come oggettiva e chiara, la parte invece che dovrebbe Il bullshit nel dibattito italiano su guerra e pace: l’esempio di Matteo Salvini 349 <?page no="350"?> costituire il focus per progredire nella conoscenza e nel dibattito è marcata come non vincolante, illustrativa, poco rilevante. L’intonazione dà quindi segnali discordanti rispetto al contenuto camuffando il disinteresse per la verità, ovvero il bullshit. Parallelamente, lo stile a elenco contribuisce a veicolare l’immagine di chi han ben chiaro cosa dire. Infine, anche la gestualità contribuisce alla produzione di bullshit e supporta la struttura informativa illustrata con (2) e (3). Così, nella sequenza (2) Salvini scandisce il parlato muovendo una mano «dall’alto in basso con secco impatto finale (alta tensione muscolare)» (Nobili 2019: 685). Questo tipo di gesto cover‐ bale è detto batonico (dall’inglese baton, ‘bacchetta (di direttore d’orchestra)’) ed esprime «fermezza e stabilità» (Nobili 2019: 685) caratterizzando quanto si sta dicendo come oggettivo (Nobili 2019: 686). Un esempio di gesto batonico si vede in Figura 3, tratta da Nobili (2019: 686): Fig. 3: Gesto batonico (Nobili 2019: 686) Per concludere, gli estratti (2) e (3) mostrano che Salvini mette in rilievo con una sintassi ad elenco e con contorni intonativi ben definiti e terminali e con l’uso di gesti batonici parti del discorso più generiche e vaghe; quindi, altamente condivisibili ma che non contribuiscono alla discussione. Di contro, con movimenti intonativi progredienti e meno prominenti Salvini caratterizza come marginali i temi che in realtà dovrebbero essere affrontati nell’intervista, realizzando così una forma di bullshit evasivo particolarmente persuasivo. Con questa breve analisi ho inteso sostenere la tesi che la struttura informativa (sostenuta dalla gestualità) può costituire un indicatore del bullshit e che il suo studio sistematico su un corpus di dati ampio potrà contribuire a definire (e così smascherare) meglio il bullshit in termini linguistici. 350 Manuela Caterina Moroni <?page no="351"?> Bibliografia Barcella, Paolo (2022). La Lega. Una storia. Roma: Carocci. Boersma, Paul/ Weenink, David (2023). Praat: doing phonetics by computer [Computer program]. Version 6.3.18, retrieved 8 October 2023 from http: / / www.praat.org/ . Cresti, Emanuela (2000). Corpus di italiano parlato. Firenze: Accademia della Crusca. Frankfurt, Harry G. (2005). On bullshit. Princeton: Princeton University Press. Lombardi Vallauri, Edoardo (2009). La struttura informativa: forma e funzione negli enunciati linguistici. Roma: Carocci. Marotta, Giovanna/ Vanelli, Laura (2021). Fonologia e prosodia dell’Italiano. Roma: Carocci. Meibauer, Jörg (2020). Sprache und Bullshit. Heidelberg: Winter. Meibauer, Jörg (2016). Aspects of a Theory of Bullshit. Pragmatics & Cognition 23 (1), 68-91. Meibauer, Jörg (2013). Bullshit als pragmatische Kategorie. Linguistische Berichte 235, 267-292. Nobili, Claudio (2019). Un vecchio italiano per una neopolitica. La lingua in azione di Matteo Salvini. Italiano LinguaDue 2, 671-696. Selting, Margret et al. (2009). Gesprächsanalytisches Transkriptionssystem 2 (GAT2). Gesprächsforschung. Online-Zeitschrift zur verbalen Interaktion 10, 353-402. Il bullshit nel dibattito italiano su guerra e pace: l’esempio di Matteo Salvini 351 <?page no="353"?> 1 Ich möchte mich bei den Studierenden für die Teilnahme und bei allen Kolleginnen und Kollegen, die diese Umfrage in ihren Veranstaltungen durchgeführt haben, sehr bedanken. Mein Dank gilt ebenfalls Trudel Meisenburg und Ina Lehmkuhle (Universität Osnabrück) für ihr Feedback zur ersten Version der Umfrage. „Macht Sprachwissenschaft überhaupt Sinn? “ Ein Bericht zur Umfrage zur Sprachwissenschaft im Studium der Romanistik Andrea Pešková (Berlin) „Ja, die Einführung war schon sehr spannend. Aber macht Sprachwissenschaft überhaupt Sinn für Lehramtsstudierende? “, fragte eine Studentin im Bachelor, und ich dachte mir: Ist diese Frage ernst gemeint oder ist sie nur das Ergebnis des langen Lockdowns? Während ich über diese philosophische Aber-Frage nach‐ dachte, fragte ich mich, ob die Antwort in den Tiefen der Sprachwissenschaft verborgen liegt oder darin, dass wir alle nur versuchen, uns von der Pandemie abzulenken. Denn was ist schon der Sinn des Lebens, wenn nicht die Bedeutung von Konsonantenverschiebungen? Die offiziellen Evaluationsfragebögen der Universität waren jedenfalls keine Hilfe bei der Suche nach Antworten auf die Frage, inwiefern Studierende der Romanistik einen Nutzen der Sprachwissen‐ schaft im Studium erkennen. Also beschloss ich, meine eigene Umfrage zur Sprachwissenschaft im Studium der Romanistik zu erstellen. Ich wollte dabei herausfinden, ob Sprachwissenschaft an verschiedenen Universitäten genauso viele Gedanken mit sich bringt. Der vorliegende Beitrag präsentiert die Hauptergebnisse einer inoffiziellen Umfrage, die im Wintersemester 2022/ 2023 und zu Beginn des Sommersemes‐ ters 2023 unter Studierenden der Romanistik in Deutschland und Österreich durchgeführt wurde. 1 Das Ziel dieser Umfrage war es, Einblicke in die Studien‐ präferenzen und -erwartungen der Studierenden in Bezug auf die Sprachwis‐ senschaft innerhalb ihres Studiengangs zu gewinnen. <?page no="354"?> Insgesamt nahmen 338 Studierende an 11 Universitäten in verschiedenen (meist sprachwissenschaftlichen) Veranstaltungen an der Umfrage teil. Diese wurde mithilfe von Google Forms anonym durchgeführt und dauerte etwa 10 Minuten. Die Umfrage enthielt insgesamt drei offene Fragen und 15 weitere Fragen, die mit unterschiedlichen Auswahlmöglichkeiten beantwortet werden konnten. Darüber hinaus wurden die Studierenden gebeten, insgesamt 22 ver‐ schiedene Kernbereiche oder angewandte Teilgebiete der Sprachwissenschaft auf einer fünfstufigen Skala zu bewerten. Am Ende der Umfrage gab es die Möglichkeit, Kritik und Wünsche zu äußern. Es wurden ebenfalls Daten über die Studiengänge der Studierenden und ihre Sprachwahl gesammelt. Etwa 60 % der Befragten gaben an, Spanisch zu studieren, und 47 % berichteten, Französisch zu studieren. Weitere 11 % der Personen studierten Italienisch, 2 % studierten Portugiesisch und weniger als 1 % der Studierenden hatten Katalanisch, Galizisch oder Rumänisch als Schwerpunkt gewählt. Weiterhin ist festzustellen, dass die Mehrheit Bachelorstudierende waren, was 71 % der Ge‐ samtstichprobe entsprach. Masterstudierende machten 23 % der Teilnehmenden aus, während die verbleibenden 6 % anderen Kategorien angehörten. Beim Lesen der vorgestellten Ergebnisse ist also stets zu beachten, dass viele Studierende sich zum Zeitpunkt der Umfrage noch in den Anfangsphasen ihres Studiums und in der Orientierungsphase befanden. In Bezug auf den Studiengang gaben 65 % der befragten Studierenden an, Lehramt zu studieren. Weitere 19 % hatten sich für Sprachwissenschaft als ihren Hauptstudienbereich entschieden, 10 % gaben Romanistik oder Hispanistik an und lediglich 6 % der Befragten nannten andere Bereiche. In den ersten Zielfragen zur „Sprachwissenschaft im Studium“ ging es darum, das allgemeine Interesse an der Sprachwissenschaft sowie die Rolle der Sprachwissenschaft in der Gesellschaft und für die zukünftige Berufsperspek‐ tive der Studierenden zu ermitteln. Zu Beginn stellten 92 % der Studierenden fest, dass sie (völlig) vom „Sprachstudium“ und von der „Beschäftigung mit Sprache“ begeistert sind (dies war nicht anders zu erwarten), während nur 7 % unentschieden waren und lediglich 1-% jegliche Begeisterung verneinte. 27,5-% der Studierenden hatten Sprachwissenschaft als ihren Schwerpunkt gewählt, 37,6 % hatten einen anderen Schwerpunkt und ein weiteres Drittel (34,9 %) war noch unentschieden, weil sich diese Studierenden erst am Anfang des Studiums befanden. Etwas anders wurde die Aussage „Wissenschaftliche Beschäftigung mit Sprache interessiert mich sehr“ bewertet: 66 % stimmten (völlig) zu, 20 % wählten neutral aus und weitere 14 % lehnten diese Aussage (völlig) ab. Weitere Fragen zielten auf zukünftige Berufe ab. Lediglich etwa 55 % der Studieren‐ den gaben an, dass Sprachwissenschaft für ihren zukünftigen Beruf (sehr) 354 Andrea Pešková <?page no="355"?> wichtig sei, während etwa 20 % dies ablehnten. Das könnte allerdings damit zusammenhängen, dass viele Studierende im Hinblick auf die Auswahl ihres zukünftigen Berufs noch unschlüssig sind. 70 % der Befragten fanden jedoch, dass Sprachwissenschaft für Sprachlehrende (sehr) wichtig sei, während nur 10 % dies ablehnten. Weiterhin gaben 77 % an, dass „Sprachwissenschaft ihnen geholfen hat, ihre Sprachkenntnisse zu verbessern“. In Bezug auf die Relevanz der Arbeit von Sprachwissenschaftlern und Sprachwissenschaftlerinnen für die Gesellschaft stimmten 67 % zu, wohingegen fast ein Viertel der Befragten dies als neutral bewerteten. Weitere Fragen bezogen sich konkret auf die Rolle der Sprachwissenschaft im Unterricht. Die Ergebnisse zur ersten Aussage „Die Menge der sprachwis‐ senschaftlichen Kurse ist…“ zeigten, dass 69 % der Befragten diese als (absolut) ausreichend betrachteten, 20 % neutral eingestellt waren, 9 % sie als ungenügend empfanden und 2 % dies nicht beurteilen konnten. Die zweite Aussage, „Ich finde es sehr wichtig, dass die studierte Sprache in sprachwissenschaftlichen Seminaren auch gesprochen wird“, wurde von 68 % mit „stimme (völlig) zu“ beantwortet, während nur 11 % dies ablehnten. Die Ergebnisse zur Frage, ob sprachübergreifende Kurse sinnvoll sind, sind interessanterweise etwas widersprüchlich, denn etwa 64 % der Studierenden stimmten dieser Aussage zu, obwohl nur 9 % dies (völlig) ablehnten. Allerdings wurde auch in den offenen Kommentaren sehr oft der Wunsch geäußert, den Unterricht nicht auf Deutsch, sondern in der Zielsprache abzuhalten. Die Aussage „Die studierte (Fremd-)Sprache wird in den sprachwissenschaftlichen Seminaren ausreichend verwendet“ spiegelt diesen Wunsch wider: Der Aussage konnten nur 46 % der Studierenden zustimmen und 26-% von diesen lehnten diese (völlig) ab. In einem weiteren Abschnitt hatten die Studierenden die Möglichkeit, drei offene Fragen zu beantworten. Die Wortwolken in Abbildung 1 präsentieren die Ergebnisse der zwei ersten Fragen. „Macht Sprachwissenschaft überhaupt Sinn? “ 355 <?page no="356"?> 2 Auch wenn man als leidenschaftliche Phonologin und Phonetikerin über das Ergebnis jubeln dürfte, muss man anmerken, dass das Ergebnis in der Wortwolke sehr eng damit zusammenhängen mag, dass viele genannte Antworten aus mehreren Wörtern bestanden und somit sehr unterschiedlich waren (und damit in der Wortwolke weniger prominent erscheinen). Abb. 1: Antworten auf die Fragen „Welche/ s sprachwissenschaftliche/ n Thema/ Themen hat/ haben Sie im Studium besonders angesprochen? “ (links) und „Welche/ s sprachwis‐ senschaftliche/ n Thema/ Themen finden Sie im Studium wichtig? “ (rechts). Auf der linken Seite sind die Antworten auf die Frage „Welche sprachwissen‐ schaftlichen Themen haben Sie im Studium besonders angesprochen? “ darge‐ stellt, während auf der rechten Seite die Antworten auf die Frage „Welche sprachwissenschaftlichen Themen finden Sie im Studium wichtig? “ zu sehen sind. 2 Auf die dritte Frage „Welche/ s sprachwissenschaftliche/ n Thema/ Themen vermissen Sie in Ihrem Studium? “ waren eindeutig vier Wörter am häufigsten in der Wolke zu sehen: Keine, keins, kein, nichts. In dem darauffolgenden Abschnitt hatten die Studierenden noch die Option, 22 ausgewählte sprachwissenschaftliche Bereiche und Teilgebiete auf einer Skala im Hinblick auf ihre Wichtigkeit zu bewerten, die vorher eventuell nicht betrachtet wurden. Diese wurden in einer beliebigen Reihenfolge präsentiert und umfassten: Arbeit mit Korpora, Aussprachetechniken, Dialektologie, Em‐ pirisches Arbeiten, Grammatik, Historische Entwicklung der Sprache, Sprach‐ erwerb, Mehrsprachigkeit, Morphologie, Orthographie/ Graphemik, Phonetik, Phonologie, Pragmatik, Schriftsprache, Semantik, Semiotik, Soziolinguistik, Sprachkontakt, Sprachpolitik/ Sprachschutz/ Sprachplanung, Syntax, Translato‐ 356 Andrea Pešková <?page no="357"?> logie und Varietätenlinguistik. Die Frage hier lautete: „Wie wichtig finden Sie die folgenden Teildisziplinen und Themen der Sprachwissenschaft? “ Die Bewer‐ tungsskala enthielt die folgenden Auswahlmöglichkeiten: sehr wichtig, wichtig, neutral, unwichtig, komplett unwichtig, kann nicht beantworten. In Abbildung 2 werden nun die sieben von den Studierenden als am wichtigsten bewerteten Bereiche in Prozent präsentiert. Das bedeutet, dass diese Bereiche die höchsten Antworten von wichtig oder sehr wichtig erhalten haben. An erster Stelle stehen Grammatik (91,2 %) und Aussprachetechniken (90,2 %) mit keinem statistisch signifikanten Unterschied. Auf dem zweiten Platz befinden sich die aktuellen Teilgebiete Sprachkontakt (83,8 %) und Mehrsprachigkeit (83,5 %), gefolgt von Spracherwerb (78,7 %). Auf den letzten Plätzen der sprachwissenschaftlichen Top-7 stehen Phonologie (77,4-%) und Phonetik (76,5-%). Abb. 2: Die Top-7 der wichtigsten Bereiche der Sprachwissenschaft laut Studierenden (N=338). Der Grund, warum Phonologie und Phonetik von den Aussprachetechniken leicht abweichen, obwohl ein solides Wissen in diesen Bereichen unerlässlich ist, um eine klare und präzise Aussprache zu erreichen, könnte in der Unterschei‐ dung zwischen theoretischem Wissen und konkreter, praktisch-orientierter Anwendung liegen. Dies könnte auch erklären, warum Morphologie auf dem zehnten (73 %) und Syntax auf dem zwölften Platz (71 %) liegen, obwohl sie einen wesentlichen Teil der Grammatik bilden. Hier machen Studierende ver‐ mutlich einen Unterschied zwischen der Anwendung der Grammatik (wie in der „Macht Sprachwissenschaft überhaupt Sinn? “ 357 <?page no="358"?> Sprachpraxis) und der wissenschaftlichen Beschäftigung mit morphologischen und syntaktischen Strukturen. In einem weiteren Teil der Umfrage gab es noch vier weitere Fragen zur Einschätzung der Studierenden in Bezug auf verschiedene Aspekte der Sprach‐ wissenschaft im Studium, die die folgenden Erkenntnisse ergaben: Nur 32 % der Studierenden sind der Ansicht, dass Sprachwissenschaft die Vernetzung mit anderen Studierenden, Lehrenden, Forschenden, Alumni und verschiedenen Forschungsorganisationen im Studium fördert. Hingegen stim‐ men 49 % der Studierenden zu, dass Sprachwissenschaft eine Lehre bietet, die Impulse setzt und anwendungsorientierte Übungen und Projekte anbietet. Nur für 46 % der Studierenden bietet die Sprachwissenschaft Raum für kreative Forschung und Entwicklung. Eine breite Zustimmung von 84 % zeigt sich in Bezug auf die Unterstützung der sprachlichen Vielfalt und Diversität durch die Sprachwissenschaft. Insgesamt spiegeln diese Ergebnisse die unterschiedlichen Perspektiven der Studierenden auf die Sprachwissenschaft im Studium wider, wobei die sprachliche Vielfalt und Diversität als besonders positiv bewertet wird, während die Vernetzungsmöglichkeiten und die Förderung von Forschung und Kreativität Raum für Verbesserungen bieten könnten. Abschließend zeigt die Umfrage, dass die Studierenden der Romanistik eine lebendige Begeisterung für die Sprachwissenschaft haben, obwohl sie gleichzeitig nach Praxisorientierung im Studium, spezialisierten Vorlesungen für Lehramtsstudierende und einer klareren Strukturierung des Studiums, um ihre Fähigkeiten im Bereich der Sprachwissenschaft und des Fremdsprachenun‐ terrichts gezielt zu entwickeln, verlangen. Es bleibt also eine Herausforderung für uns, diese Balance zwischen theoretischer Wissensvermittlung und anwen‐ dungsorientierter Praxis zu finden und zu vermitteln. Am Ende dieses kurzen Einblicks möchte ich erwähnen, dass ich Maria Selig nicht genug für ihre inspirierenden Arbeiten danken kann. Die tiefgreifenden Erkenntnisse und die Leidenschaft (nicht nur) für die „Klänge“ der romanischen Sprachen haben uns stets neue Perspektiven eröffnet. Vielleicht sollten wir alle ein wenig mehr über die Vielschichtigkeit der Sprachwissenschaft nachdenken und weniger darüber, ob sie für jeden von uns einen unmittelbaren Sinn ergibt. In jedem Fall hoffe ich, dass diese Reise durch die Tiefen der Sprachwissenschaft uns zu einem tieferen Verständnis für die Facetten unserer Kommunikation führt. Selbst wenn wir noch immer nicht alle Antworten gefunden haben, liegt darin doch die Faszination dieser wissenschaftlichen Reise. 358 Andrea Pešková <?page no="359"?> ScriptOralia herausgegeben von Barbara Frank-Job und Ulrich Eigler Entstanden als Publikationsorgan des Freiburger Sonderforschungsbereichs „Übergänge und Spannungsfelder zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit“, widmet sich die Reihe ScriptOralia seit 25 Jahren erfolgreich jenem interdiziplinären Forschungsfeld, auf dem die Philologien (hier vor allem die Romanistik, Latinistik und Anglistik) den Zusammenhang von Mediennutzung, Sprache, Literatur und Kultur untersuchen. Im Fokus stehen dabei Arbeiten zu Sprach-, Kultur- und Medienwandel, zur Sozio- und Varietätenlinguistik, zu Literatur- und Gattungsgeschichte sowie zum Zusammenhang von Literatur, Medien und Gesellschaft. Daneben werden jedoch auch aktuelle Tendenzen im Bereich der Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaft berücksichtigt, welche durch die Entwicklung einer geisteswissenschaftlichen Fachinformatik und deren Nutzung durch die Philologien entstanden sind (etwa für die Erstellung digitaler Korpora, digitaler Editionen und semi-automatischer Analyse-Tools). Ferner sollen jene Forschungen einbezogen werden, die sich mit den Kommunikationsformen der neuen Medien und deren Auswirkungen auf die Konzepte von Schriftlichkeit, Textualität, Autorschaft und kommunikativer Partizipation beschäftigen. Bisher sind erschienen: Frühere Bände finden Sie unter: http: / / www.narr-shop.de/ reihen/ s/ scriptoralia.html 126 Claus D. Pusch / Wolfgang Raible (Hrsg.) Romanistische Korpuslinguistik Romance Corpus Linguistics Korpora und gesprochene Sprache Corpora and Spoken Language 2002, VIII, 506 Seiten €[D] 128,- ISBN 978-3-8233-5436-9 127 Thomas Baier (Hrsg.) Studien zu Plautus’ Poenulus Reihe A: Altertumswissenschaftliche Reihe, Band 34 2004, 320 Seiten €[D] 128,- ISBN 978-3-8233-6063-6 128 Rolf Friedrich Hartkamp / Florian Hurka (Hrsg.) Studien zu Plautus’ Cistellaria Reihe A: Altertumswissenschaftliche Reihe, Band 35 2004, 491 Seiten €[D] 120,- ISBN 978-3-8233-6078-0 129 Rolf Friedrich Hartkamp Von leno zu ruffiano Die Darstellung, Entwicklung und Funktion der Figur des Kupplers in der römischen Palliata und in der italienischen Renaissancekomödie Reihe A: Altertumswissenschaftliche Reihe, Band 36 2004, 266 Seiten €[D] 68,- ISBN 978-3-8233-6079-7 <?page no="360"?> 130 Claus D. Pusch / Johannes Kabatek / Wolfgang Raible (Hrsg.) Romanistische Korpuslinguistik II Romance Corpus Linguistics II Korpora und diachrone Sprachwissenschaft Corpora and Diachronic Linguistics 2005, VIII, 587 Seiten €[D] 98,- ISBN 978-3-8233-6148-0 131 Sybille Paulus Wissenschaftliche Textsorten in der italienischen Renaissance Der Sprachwechsel aus dem Lateinischen in der astronomischen, meteorologischen und kosmologischen Literatur 2005, 434 Seiten €[D] 128,- ISBN 978-3-8233-6165-7 132 Katrin Eberle Plautus’ Aulularia in Frankreich Die Rezeption der Figur des Geizigen von Pierre de Larivey bis Albert Camus Reihe A: Altertumswissenschaftliche Reihe, Band 37 2006, 226 Seiten €[D] 58,- ISBN 978-3-8233-6219-7 133 Eckard Lefèvre Plautus’ Rudens Reihe A: Altertumswissenschaftliche Reihe, Band 38 2006, 223 Seiten €[D] 78,- ISBN 978-3-8233-6237-1 134 Marc-Olivier Hinzelin Die Stellung der klitischen Objektpronomina in den romanischen Sprachen Diachrone Perspektive und Korpusstudie zum Okzitanischen sowie zum Katalanischen und Französischen 2007, XIV, 286 Seiten €[D] 68,- ISBN 978-3-8233-6346-0 135 Amina Kropp Magische Sprachverwendung in vulgärlateinischen Fluchtafeln (defixiones) Reihe A: Altertumswissenschaftliche Reihe, Band 39 mit CD-Rom 2008, 341 Seiten €[D] 98,- ISBN 978-3-8233-6436-8 136 Heiner Böhmer Grammatikalisierungsprozesse zwischen Latein und Iberoromanisch 2010, XII, 548 Seiten €[D] 128,- ISBN 978-3-8233-6564-8 137 Esther Strätz Sprachverwendung in der Chat- Kommunikation Eine diachrone Untersuchung französischsprachiger Logfiles aus dem Internet Relay Chat 2010, 207 Seiten €[D] 68,- ISBN 978-3-8233-6611-9 138 Eckard Lefèvre Plautus’ Bacchides Reihe A: Altertumswissenschaftliche Reihe, Band 40 2011, 205 Seiten €[D] 68,- ISBN 978-3-8233-6681-2 139 Anja Reinkemeyer Die Formenvielfalt des langage SMS im Wechselspiel zwischen Effizienz, Expertise und Expressivität Eine Untersuchung der innovativen Schreibweise in französischen SMS 2013, 350 Seiten €[D] 78,- ISBN 978-3-8233-6743-7 <?page no="361"?> 140 Santiago del Rey Quesada Diálogo y traducción Los Coloquios erasmianos en la Castilla del s. XVI 2015, 510 Seiten €[D] 78,- ISBN 978-3-8233-6925-7 141 Esme Winter-Froemel / Araceli López Serena / Álvaro Octavio de Toledo y Huerta / Barbara Frank-Job (Hrsg.) Diskurstraditionelles und Einzelsprachliches im Sprachwandel / Tradicionalidad discursiva e idiomaticidad en los procesos de cambio lingüístico 2015, X, 378 Seiten €[D] 98,- ISBN 978-3-8233-6945-5 142 Daniel Kallweit Neografie in der computervermittelten Kommunikation des Spanischen Zu alternativen Schreibweisen im Chatnetzwerk www.irc-hispano.es 2015, XII, 432 Seiten €[D] 88,- ISBN 978-3-8233-6926-4 143 Gabriella Parussa / Maria Colombo Timelli / Elena Llamas-Pombo (Hrsg.) Enregistrer la parole et écrire la langue dans la diachronie du français 2017, 188 Seiten €[D] 68,- ISBN 978-3-8233-6989-9 144 Teresa Gruber / Klaus Grübl / Thomas-Scharinger (Hrsg.) Was bleibt von kommunikativer Nähe und Distanz? Mediale und konzeptionelle Aspekte sprachlicher Variation 2021, 359 Seiten €[D] 78,- ISBN 978-3-8233-8236-2 145 Bettina Kluge / Wiltrud Mihatsch / Birte-Schaller (Hrsg.) Kommunikationsdynamiken zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit Festschrift für Barbara Job zum 60.-Geburtstag 2020, 320 Seiten €[D] 78,- 978-3-8233-8353-6 146 Bianca Glasenapp Der Auxiliarisierungsprozess des lateinischen Verbs habere im Spätlatein 2024, 213 Seiten €[D] 59,90 978-3-381-10281-5 147 Laura Linzmeier / Alexander M. Teixeira Kalkhoff / Evelyn Wiesinger (Hrsg.) “Parla, e sie breve e arguto” Festschrift für Maria Selig / Studies in honor of Maria Selig 2025, 358 Seiten €[D] 78,00 978-3-381-11041-4 148 Nicole Drees-Alvarez Modificaciones léxicas fonológicamente motivadas en el Área Metropolitana de Guadalajara (México) Un estudio pragmático-lingüístico 2024, 377 Seiten €[D] 78,00 978-3-381-11771-0 <?page no="362"?> ISBN 978-3-381-11041-4 Maria Selig ist seit 1998 Professorin für Romanische Sprachwissenschaft, seit 2003 an der Universität Regensburg. Während ihrer akademischen Karriere hat sie einen substantiellen Beitrag zur sprachwissenschaftlichen Forschung geleistet und wichtige theoretische Impulse in- und außerhalb der Romanistik gesetzt. Dies soll in dieser Festschrift durch ihr weitverzweigtes, interdisziplinäres und internationales Netzwerk an Forschenden gewürdigt werden. Um dieses große Panorama abzubilden, ist die Festschrift als eine Squib-Sammlung konzipiert, die pointiert und schlaglichtartig Forschungsfragen aufwirft und diskutiert. Die Squibs von über 50 Forschenden sind in den verschiedenen thematischen Feldern angesiedelt, die Maria Seligs breite Forschungsinteressen widerspiegeln. Diese reichen von Phonetik/ Phonologie, Morphologie und Syntax über (Spät-)Latein und ältere Sprachstufen der romanischen Sprachen bis zum Nähe-Distanz-Modell.