Romanische Sprachen und Kolonialismus
Romanistisches Kolloquium XXXVII
0728
2025
978-3-381-11662-1
978-3-381-11661-4
Gunter Narr Verlag
Lidia Becker
Julia Kuhn
Christina Ossenkop
Claudia Polzin-Haumann
Elton Prifti
10.24053/9783381116621
Der Band versammelt ausgewählte Beiträge des XXXVII. Romanistischen Kolloquiums zu Sprachen und Varietäten der Kolonialromania in den transkontinentalen Verflechtungen zwischen den beiden Amerikas, Afrika, Asien und Europa. Neben den Kolonialsprachen Spanisch, Französisch, Portugiesisch und Italienisch stehen autochthone Sprachen am Beispiel von Guaraní, Quechua, Mixtekisch, Fang, Bubi und Ndowè sowie in kolonialen Kontexten entstandene Kreolsprachen am Beispiel des Angolar im Fokus. Die theoretisch-methodologischen Zugänge umfassen post- und dekoloniale Studien, diachrone und synchrone Soziolinguistik, Kontakt- und kontrastive Linguistik, Sprachpolitik, Migrationslinguistik, Sprachideologien, Sprachrevitalisierung, Raciolinguistics sowie Kolonialonomastik. Somit legt der Sammelband die Grundlagen für eine theoretisch fundierte und empirisch gestützte romanistische Koloniallinguistik.
9783381116621/9783381116621.pdf
<?page no="0"?> Lidia Becker, Julia Kuhn, Christina Ossenkop, Claudia Polzin-Haumann, Elton Prifti (eds.) Romanische Sprachen und Kolonialismus ROMANISTISCHES KOLLOQUIUM XXXVII <?page no="1"?> Romanische Sprachen und Kolonialismus <?page no="2"?> ROMANISTISCHES KOLLOQUIUM XXXVI I Herausgegeben von Lidia Becker, Julia Kuhn, Christina Ossenkop, Claudia Polzin-Haumann und Elton Prifti Begründet von Wolfgang Dahmen, Günter Holtus, Johannes Kramer ✝, Michael Metzeltin, Wolfgang Schweickard und Otto Winkelmann Band 37 <?page no="3"?> Lidia Becker, Julia Kuhn, Christina Ossenkop, Claudia Polzin-Haumann, Elton Prifti (eds.) Romanische Sprachen und Kolonialismus <?page no="4"?> DOI: https: / / doi.org/ 10.24053/ 9783381116621 © 2025 · Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Alle Informationen in diesem Buch wurden mit großer Sorgfalt erstellt. Fehler können dennoch nicht völlig ausgeschlossen werden. Weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen übernehmen deshalb eine Gewährleistung für die Korrektheit des Inhaltes und haften nicht für fehlerhafte Angaben und deren Folgen. Diese Publikation enthält gegebenenfalls Links zu externen Inhalten Dritter, auf die weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen Einfluss haben. Für die Inhalte der verlinkten Seiten sind stets die jeweiligen Anbieter oder Betreibenden der Seiten verantwortlich. Internet: www.narr.de eMail: info@narr.de Druck: Elanders Waiblingen GmbH ISSN 2750-042X ISBN 978-3-381-11661-4 (Print) ISBN 978-3-381-11662-1 (ePDF) ISBN 978-3-381-11663-8 (ePub) Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http: / / dnb.dnb.de abrufbar. <?page no="5"?> 7 17 51 89 133 161 193 Inhalt Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Theorie, Methodologie und Geschichte der romanistischen Koloniallinguistik Klaus Zimmermann Kolonialromania: Auswirkungen des Kolonialismus auf Sprachen, Sprecher, Sprach- und Kommunikationsgemeinschaften sowie Sprachwissenschaft Kritische Sozio- und Koloniallinguistik Katrin Pfadenhauer, Sandra Schlumpf (Neo-)Koloniale Sprachbeschreibung: Eine komparative Analyse eurozentrischer Praktiken am Beispiel des Spanischen in Äquatorialguinea und Mexiko . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Daria M. Mengert Racismo y resistencia en las biografías lingüísticas de migrantes quechuahablantes en Inglaterra y Alemania . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Charlotte Siemeling Zur intergenerationalen Weitergabe des Angolar in S-o Tomé und Príncipe Kolonialonomastik Sandra Herling Französische Kolonialtoponyme aus diatopischer und diachroner Perspektive - Fallbeispiele zu Kanada, Martinique, Algerien und den Seychellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sandra Issel-Dombert Spanische Kolonialtoponyme auf den Philippinen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . <?page no="6"?> 221 247 Historische Koloniallinguistik Raymond Siebetcheu La lingua italiana in Africa in epoca (pre)coloniale . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Leonardo Cerno, Joachim Steffen El plural español en textos guaraníes del período colonial: un ensayo de sociolingüística histórica y antropología cultural . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6 Inhalt <?page no="7"?> Einleitung Die westliche Kosmologie wurde größtenteils in acht europäischen Sprachen konstruiert und vermittelt: Griechisch, Latein, Italienisch, Spanisch, Portugie‐ sisch, Französisch, Englisch und Deutsch (Mignolo 2012, 46-47). Der Wis‐ senstransfer erfolgte häufig unter Ausblendung der vielfältigen Einflüsse anderssprachiger Epistemologien. Fünf der genannten Sprachen bilden mit den dazugehörigen Spracharealen die sogenannte historische ,Romania‘. Dabei ist das kritische Bewusstsein dessen, dass die flächendeckende Verbreitung dieser romanischen Sprachen in den beiden Amerikas, Afrika und Asien auf den Kolonialismus der europäischen Mächte Portugal, Spanien, Frankreich und in einem geringeren Maße Italien zurückzuführen ist, sowohl in der romanistischen Fachwelt als auch in der Gesellschaft im Allgemeinen noch immer nicht umfassend ausgeprägt. Je intensiver die Bemühungen um Deko‐ lonisierung im Globalen Süden ausfallen, die mit ökologischen und feministi‐ schen Bewegungen einhergehen, und je vehementer entsprechende Debatten in den Geisteswissenschaften geführt werden, desto fragwürdiger wird indes eine eurozentrische Positionierung von Romanist: innen. Spätestens mit den öffentlichen Diskussionen um die Provenienz der Museumsbestände oder um die Umbenennung kolonial belasteter Straßen in Deutschland sowie mit der Etablierung einer germanistischen Koloniallinguistik wird die Dringlichkeit der Aufarbeitung des kolonialen Erbes auch in der deutschsprachigen Roma‐ nistik deutlich. Die Revision der neutralisierenden Begriffe ,Welt-‘, ,Mutter-‘ und ,Kontaktsprachen‘ zugunsten von ,Kolonial-/ Imperial-‘ vs. ,kolonisierten Sprachen‘ eröffnet in diesem Zusammenhang eine neue analytische Perspektive. Die Anfänge der Koloniallinguistik im Sinne einer Kritik an kolonialen und postkolonialen Verhältnissen in der Sprachwissenschaft reichen in die marxis‐ tisch geprägte sowjetische Soziolinguistik der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts zurück. So nahm Rozalija Šor in ihrem 1926 erschienenen Buch Sprache und Gesellschaft eine antikoloniale Haltung ein, indem sie u. a. Sprachmythen über mangelnde kognitive und sprachliche Fähigkeiten ,wilder‘ Völker (z. B. die vermeintliche Unfähigkeit, Gattungsbegriffe wie ,Tier‘, ,Mineral‘ usw. zu bilden) als unhaltbar dekonstruierte (Šor 2021 [1926], 247-248). Einen Meilenstein in der Romanistik stellt die 1974 publizierte Abhandlung von Louis-Jean Calvet Linguistique et colonialisme. Petit traité de glottophagie dar, auf die mehrere Beiträge im Folgenden Bezug nehmen. Zu den Pionieren der deutschsprachigen <?page no="8"?> 1 Cf. auch die Dissertation von Rainer Hamel Sprachenkonflikt und Sprachverdrängung: Die zweisprachige Kommunikationspraxis der Otomí-Indianer in Mexico, 1988. Sowohl Zimmermanns als auch Hamels Arbeit sind im Umfeld des soziolinguistischen Projekts der Secretaría de Educación Pública zur bilingualen Erziehung bei den Otomíes unter der Leitung von Hector Muñoz Cruz und unter Beteiligung von Teresa Sierra und José Antonio Flores Farfán entstanden (E-Mail von Klaus Zimmermann vom 16.09.2024). Romanistik gehört der im vorliegenden Sammelband vertretene Klaus Zimmer‐ mann, der mit seiner Habilitationsschrift Sprachkontakt, ethnische Identität und Identitätsbeschädigung. Aspekte der Assimilation der Otomí-Indianer an die hispanophone mexikanische Kultur (1992) (und früheren Aufsätzen) indigene Sprachen und Sprachgemeinschaften jenseits der ,Substrateinflüsse‘ in den romanischen Sprachen zu einem legitimen Untersuchungsgegenstand der Ro‐ manistik machte. 1 Als einer der ersten Hispanisten weltweit befasste er sich intensiv mit der verheerenden Auswirkung des Kolonialismus auf die Sprachen‐ vielfalt und die Lebensumstände der indigenen Bevölkerung in postkolonialen Gesellschaften am Beispiel Mexikos. In seinem Beitrag zeichnet Zimmermann das historische und gegenwärtige (derzeit noch überschaubare) Panorama der romanistischen Koloniallinguistik nach. Der vorliegende Band versammelt ausgewählte Beiträge des XXXVII. Ro‐ manistischen Kolloquiums zu Sprachen und Varietäten der Kolonialromania in den transkontinentalen Verflechtungen zwischen den beiden Amerikas, Afrika, Asien und Europa. Das Kolloquium fand vom 17.-19. November 2022 an der Leibniz Universität Hannover im hybriden Format statt und hatte eine Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Sprachkolonialismus aus der postkolonialen und postmodernen Perspektive im Sinne einer romanistischen Koloniallinguistik zum Gegenstand. Die hier zu präsentierende Bestandsauf‐ nahme verbindet kritische Ansätze - post- und dekoloniale Studien, Migrati‐ onslinguistik, Sprachideologien, Sprachrevitalisierung, Raciolinguistics, Koloni‐ alonomastik - mit traditionellen Zugängen der Kontakt- und Soziolinguistik. Die Beiträge nehmen insbesondere die beiden vom Kolonialismus betroffenen Kontinente Lateinamerika und Afrika in den Fokus, aber auch Asien sowie die transatlantischen Wechselwirkungen zwischen Lateinamerika und Europa sind vertreten. Im Mittelpunkt stehen die kolonisierten Sprachen Guaraní, Quechua, Mixtekisch, Fang, Bubi und Ndowè sowie in kolonialen Kontexten entstandene Kreolsprachen am Beispiel des Angolar. Die romanischen Kolonialsprachen, die thematisiert werden, sind das Spanische, das Französische, das Portugiesische und das Italienische. In seinem programmatischen Eröffnungsbeitrag befasst sich Klaus Zimmer‐ mann mit der Geschichte sowie den theoretisch-methodologischen Grundlagen 8 Einleitung <?page no="9"?> der romanistischen, insbesondere der hispanistischen Koloniallinguistik. Er be‐ tont zu recht, dass die Linguistik sich nicht, wie bisher mehrheitlich praktiziert, mit den kolonialen Auswirkungen auf die Sprachstrukturen befassen, sondern den Fokus auf Sprecher: innen und Sprachgemeinschaften verlagern sollte. Ein Desiderat stellen u. a. semantische und pragmatische Transkulturationen und Translingualisierungen dar, und zwar nicht ausschließlich am Beispiel der romanischen Zielsprachen, sondern auch im Sinne des Einflusses von Kolonialsprachen auf kolonisierte (etwa indigene) Sprachen. Eine wichtige Prämisse ist laut Zimmermann eine diskursanalytische Dekonstruktion der kolonialen Mentalität nicht nur im Untersuchungsgegenstand (etwa asymme‐ trische Machtverhältnisse in der Interaktion zwischen Kolonisierern und Ko‐ lonisierten), sondern auch in den Vorgehensweisen der Sprachwissenschaft selbst. Mit einem Exkurs zu den Praktiken der Benennung als Instrument der kolonialen Aneignung schlägt der Autor eine Brücke zum thematischen Block der Kolonialonomastik, der im vorliegenden Band mit zwei Studien vertreten ist. Einige weitere (post)koloniale Themenkomplexe wie die Ablösung unterschied‐ licher Kolonialmächte in manchen Regionen, postkoloniale Migrationen in die ehemaligen Kolonien sowie Migrationen aus den ehemaligen Kolonien in die ehemaligen Metropolen bewegen sich an der Schnittstelle zwischen Kolonial- und Migrationslinguistik. Anschließend klärt Zimmermann die Funktion der missionarslinguistischen Beschreibungen indigener Sprachen und der Überset‐ zungspraktiken im Kontext der kolonialen Unterdrückung und weist auf die Dekolonisierung als Aufgabe der Romanistik sowie auf die Notwendigkeit hin, den Kolonialismus im sprachwissenschaftlichen Curriculum zu verankern. Den thematischen Block der kritischen Sozio- und Koloniallinguistik leitet der Beitrag von Katrin Pfadenhauer und Sandra Schlumpf ein, der neokoloniale und eurozentrische Praktiken der Sprachbeschreibung in Äquatorialguinea und Mexiko miteinander vergleicht und somit ein Beispiel für eine kontrastive romanistische Koloniallinguistik liefert. Die auf Feldforschung und Interviews basierende Studie beleuchtet anhand des Zugangs der Sprachideologien die kolonialen Hintergründe der Bezeichnungen ,Sprache‘, ,Dialekt‘ und ,Mutter‐ sprache‘. In Bezug auf das Verhältnis von Sprache und Norm stellen die Autorinnen fest, dass trotz unterschiedlicher Voraussetzungen - keine eigene Sprachnorm in Äquatorialguinea vs. eine prestigeträchtige mexikanische Norm des Spanischen - in beiden Ländern im öffentlichen Raum eine Stigmatisierung des lokalen Spanisch zu beobachten ist, was als eine post- oder neokoloniale Erscheinung in einem internen Kolonialismus zu werten ist. Trotz einer starken Identifikation mit den kolonisierten Sprachen Fang, Bubi, Ndowè und Mixte‐ kisch sowie einer negativen Bewertung deren Rückgangs geben die Befragten Einleitung 9 <?page no="10"?> in ihrem Alltag insbesondere der kolonialen Varietät des „verdadero español“ den Vorzug. Zum Schluss weisen die Autorinnen auf die Fragwürdigkeit der Nutzung von Forschungsergebnissen von Ethnologue und des Summer Institute of Linguistics (SIL) hin, die eine lange Tradition der kolonial geprägten Missio‐ narslinguistik fortsetzen. Im Sinne einer dekolonialen Romanistik plädieren sie für innovative Partizipationsmethoden wie die Ko-Autorschaft von Interview‐ partner: innen. Daria Mengert widmet sich aus der migrations- und koloniallinguistischen Perspektive den Erfahrungen mit Rassismus und dem Widerstand in Sprach‐ biographien von Quechuasprachigen in England und Deutschland. Die inter‐ viewbasierte Studie verwendet inhalts-, diskurs- und gesprächsanalytische Methoden sowie das Konzept der Sprachideologien, um diverse Formen des Rassismus in den Narrativen der Interviewpartner: innen aufzuspüren, darunter insbesondere den Sprach- und den Endorassismus im Herkunftsland Peru als Strategie des blanqueamiento, wobei diese bis in die Familienkreise der Befragten reichte. Somit erweist sich die binäre Unterscheidung zwischen „Kolonisierern“ und „Kolonisierten“ mitunter als schwierig. Während einige Befragte außerhalb ihrer ländlichen Gemeinden extreme Formen des Rassismus wie körperliche Gewalt erlebt haben, schrieben sie dem Erwerb des Spanischen sogar unter diesen widrigen Umständen eine hohe Bedeutung zu. Unter Strategien des Widerstands wird die Bloßstellung von Quechuasprachigen geschildert, die monolingual spanischsprachig zu sein vorgaben. In der europäischen Migration werden die kolonial geprägten Sprachideologien und Verhaltensmuster insofern transformiert, als die Befragten nicht entsprechend ihrer andinen Identität, son‐ dern als nicht weiße Arbeitsmigrant: innen, ähnlich wie andere Peruaner: innen und Lateinamerikaner: innen, wahrgenommen werden, was einen geringeren Grad der Diskriminierung als in ihrem Herkunftsland darstellt. Zugleich verliert das Spanische seine exklusive Stellung als dominante Kolonialsprache, indem es zu einer Migrationssprache und „el idioma de los pobres“ innerhalb der mehrsprachigen EU wird. Das Interesse an Quechua in der englischen und deutschen Aufnahmegesellschaft führt zudem zu dessen Aufwertung bei den migrierten Quechuasprachigen. Der Beitrag von Charlotte Siemeling, der einzige zu ehemaligen Kolonien Portugals, befasst sich mit der intergenerationalen Weitergabe der bedrohten Kreolsprache Angolar in S-o Tomé und Príncipe. Die Autorin geht in ihrer Analyse einen Schritt weiter als eine bloße Feststellung des Wandels in der s-o-toméischen Mehrsprachigkeit hin zur portugiesischen Monolingualität und den negativen Spracheinstellungen gegenüber dem Angolar in der Haupstadt S-o Tomé. Auf der Grundlage der mithilfe von Interviews erhobenen Sprach‐ 10 Einleitung <?page no="11"?> einstellungen, die der ältesten Generation (Großeltern) bei der Weitergabe des Angolar eine besondere Rolle zuschreiben, kommt sie zum Schluss, dass die Sprachkompetenz der Eltern ebenso gefördert werden müsste und dass die inter‐ generationale Weitergabe sowohl eine Frage des Könnens als auch des Wollens ist. Unter konkreten Maßnahmen, die die Elterngeneration einbinden könnten, nennt sie language nests und Sprachendörfer. Sie warnt jedoch vor externen Eingriffen in die Existenz des Angolar, die durchaus als neokolonial interpretiert werden könnten, und plädiert für eine beratende Rolle externer Forschender bei internen Initiativen. Zu weiteren Befunden gehören die Ermittlung der Grenzen des schriftsprachlich basierten Sprachkompetenzkonzepts bei überwiegend mündlich verwendeten kolonisierten Sprachen sowie die Mehrdeutigkeit des Begriffs der Muttersprache in den Erhebungen, in Übereinstimmung mit den Ergebnissen von Pfadenhauer/ Schlumpf. Im thematischen Block der Kolonialonomastik bietet Sandra Herling einen kontrastiven Überblick über koloniale Benennungspraktiken Frankreichs in Kanada, Martinique, Algerien und auf den Seychellen. Dabei stützt sie sich auf die Ausführungen Calvets zur zentralen Rolle der Benennung im Kolonisie‐ rungsprozess sowie auf die theoretischen und terminologischen Überlegungen der germanistischen Kolonialtoponomastik nach Stolz/ Warnke (2018). In der Analyse werden sprachlich-hybride und französischsprachige Makrotoponyme aus kolonialen digitalisierten Karten aus dem 17., 18. und 19. Jahrhundert be‐ rücksichtigt. Die erste Annäherung an eine kontrastive Erfassung französischer Kolonialtoponyme, der weitere vertiefende Studien folgen sollten, zeigt eine Reihe von Auffälligkeiten. Zu nennen sind die hohe Anzahl von Endonymen in Algerien im Unterschied zur Dominanz von Exonymen in allen anderen Koloni‐ algebieten, die kommemorative Benennung nach Frankreichs literarischen und philosophischen Persönlichkeiten in Algerien sowie die allgemeine Häufigkeit von Toponymen mit hagionymischer Komponente. Die auch für andere kolo‐ niale Kontexte typische Häufigkeit von Geoklassifikatoren (Appellativen, die auf die jeweilige geografische Entität referieren) als Bestandteil von Toponymen erklärt sich laut Herling durch die Besonderheiten der ökonomischen oder militärischen Nutzung des eingenommenen Raums. Als Desiderat wird eine spezifische Typologie der französischen Kolonialtoponyme formuliert. Auch Sandra Issel-Dombert bezieht sich in ihrer Untersuchung der spani‐ schen Kolonialtoponyme auf den Philippinen auf Calvet und Stolz/ Warnke, um die Relevanz von Raumaneignung durch Benennung in Kolonisierungs‐ prozessen hervorzuheben. Zu Beginn des Beitrags führt sie in die Geschichte der Kolonisierung Asiens durch westeuropäische Kolonialmächte und die Ko‐ lonialgeschichte sowie die koloniale Onomastik auf den Philippinen ein. Bei Einleitung 11 <?page no="12"?> den spanischen Kolonialtoponymen in diesem Land, die etwa ein Drittel des Gesamtbestandes ausmachen, zeigt sich ebenfalls, dass hagionymische und kommemorative Benennungen eine bedeutende Rolle spielen. Im Bereich der Geschäfts- und Restaurantnamen ist bis heute die Kreation neuer spanischer bzw. hispanisierter Namen zu beobachten, die mit dem Phänomen des heritage tourism im Zusammenhang steht. Der Einfluss des Englischen auf philippinische Toponyme wird hingegen als gering eingeschätzt. Ein bisher wenig erforschter Bereich an der Schnittstelle zwischen der Kolonialonomastik und Diskurslingu‐ istik, den die Autorin anhand von Feldforschung und eines Korpus von englisch- und spanischsprachigen Pressetexten erschließt, ist die Analyse öffentlicher Tilgungs- und Umbenennungsdiskurse. Sie geht der Frage nach, an welchen Orten und mit welchen Argumentationsmustern über Umbenennungen von Toponymen diskutiert wird. Dabei fällt auf, dass dekoloniale Argumentationen in den philippinischen Medien kaum vertreten sind. Stattdessen wird etwa die kommemorative Benennung nach zeitgenössischen philippinischen Poli‐ tiker: innen kritisiert. Der vierte und letzte thematische Block der historischen Koloniallinguistik beginnt mit dem Überblick von Raymond Siebetcheu zur Geschichte der italie‐ nischen Präsenz in Afrika vor und während der Kolonialzeit. Im ersten Teil des Beitrags fasst er die vorhandenen Zeugnisse der vorkolonialen Geschichte des Italienischen in Nordafrika zusammen und führt aus, dass es bis ins 19. Jahr‐ hundert die am weitesten verbreitete und prestigereichste europäische Sprache an der nordafrikanischen Mittelmeerküste, etwa in Ägypten und Tunesien, war. Im zweiten Teil widmet sich der Autor der italienischen Sprachpolitik in den nordafrikanischen Kolonien sowie der Varietät des Kolonialitalienischen. Er stellt fest, dass die Italianisierung in Ostafrika (Eritrea, Somalia, Äthiopien usw.) zu der Zeit erfolgte, als die Beherrschung der italienischen Standardsprache sogar für zahlreiche dialektophone und analphabete Sprecher: innen in Italien eine Herausforderung darstellte. Zusätzlich erschwerte die koloniale Bildungs‐ politik den Zugang der kolonisierten Bevölkerung zu prestigereichen Varietäten des Italienischen. In der Zeit des Faschismus kulminierte die bildungsfeindliche und menschenverachtende Kolonialpädagogik in den Prinzipien der „Hygiene“ und der „Peitsche“, um den Zugang der Afrikaner: innen zum Wissen explizit zu verhindern. Unter diesen Umständen wurde das Kolonialitalienische von den Kolonisierern erschaffen als eine absichtlich reduzierte Form von indigenous talk mit Verben in der Infinitivform, Entlehnungen aus italienischen Dialekten und degradierend-scherzhaften Neologismen. Mittels dieser Kommunikationsform wurden den Afrikaner: innen verminderte kognitive Fähigkeiten unterstellt. Während also einige pidginisierte Varietäten von Afrikaner: innen aus Protest 12 Einleitung <?page no="13"?> oder Unwillen geschaffen wurden, handelt es sich beim Kolonialitalienischen in Ostafrika, so Siebetcheu, um eine exogene vereinfachte Varietät für die Kom‐ munikation mit den Kolonisierten. Die sprachlichen Spuren des italienischen Kolonialismus lassen sich bis heute in lexikalischen Italianismen etwa im Somali und Saho sowie in zahlreichen ostafrikanischen Toponymen nachweisen. Der ebenfalls diachron ausgerichtete Beitrag von Leonardo Cerno und Joa‐ chim Steffen zum spanischen Plural in Guaraní-Texten aus der Kolonialzeit rundet den Sammelband ab. Es handelt sich um eine Studie über die bisher vernachlässigten Formen der Translingualisierung im Sinne des Einflusses von Kolonialsprachen auf kolonisierte Sprachen, wie oben erwähnt. Der Fall der Jesuitenreduktionen bietet dafür eine einzigartige Gelegenheit, Transkultura‐ tions- und Translingualisierungsprozesse anhand von Texten in Guaraní, einer früh verschriftlichten kolonisierten Sprache, unter die Lupe zu nehmen. Das Korpus setzt sich aus 75 Briefen zusammen, die von indigenen Schreibern zwischen 1752 und 1831 verfasst wurden. Der Fokus liegt auf der Markierung des Numerus in Nominalphrasen in den Hispanismen, die in die Matrixsprache Guaraní eingebettet sind. Eine minuziöse linguistisch-quantitative Analyse zeigt, dass zu Beginn sowohl das Nullmorphem indigener Herkunft als auch die spanische Pluralform -s im Korpus mit unterschiedlichen Kookkurrenzen (z. B. Determinanten oder Numeralen auf Guaraní, belebten vs. unbelebten Substantiven usw.) relativ gleichmäßig vertreten sind, während in den späteren Phasen das spanische Pluralmorphem eindeutig dominiert. Aus der Sicht der Kulturanthropologie halten die Autoren fest, dass das Morphem -s in den Hispanismen in dem Maße zunimmt, in dem die zweisprachige indigene Gesell‐ schaft die Erfahrung der Quantität von den Kolonisierern übernommen hat. Die Verbindung des Morphems -s mit formellen Registern und religiösen Textsorten belegen Cerno/ Steffen mit einschlägigen Zitaten aus den Werken jesuitischer Missionare, z. B. zur Praxis der Sündenzählung in den Reduktionen. Obwohl der Plural auf -s sich am Ende durchgesetzt hat, hat die Sprachgemeinschaft in der Kolonialzeit offenbar beide Varianten je nach Kommunikationssituation verwendet, in ähnlicher Weise wie die Hispanismen im heutigen Yopará in Paraguay. In der Zusammenschau bietet der vorliegende Sammelband Fallstudien für eine theoretisch und historisch fundierte und empirisch gestützte romanistische Koloniallinguistik. Auf der einen Seite werden einige in kolonialen Kontexten bereits als salient identifizierte Phänomene exemplifiziert, so in den Bereichen der Toponomastik und der Numerationssysteme (cf. Calvet 1974, 56-60; 104- 111; 194-203). Auf der anderen Seite werden neue Zugänge erschlossen, so etwa die Verbindung der Koloniallinguistik mit kontrastiven, migrations-, Einleitung 13 <?page no="14"?> diskurslinguistischen und gesprächsanalytischen Ansätzen. Auch Phänomene wie indigenous talk und Translingualisierungen am Beispiel kolonisierter Spra‐ chen bieten viel Potential für zukünftige Untersuchungen. Schließlich sind Überlegungen zur ethischen Fragwürdigkeit der heutigen Missionarslinguistik, Warnungen vor neokolonialen Eingriffen von Forschenden sowie das Plädoyer für horizontale Partizipationsmethoden als innovativ im Sinne einer dekolo‐ nialen Romanistik zu verstehen. Unser Dank für die tatkräftige Unterstützung bei der Redaktionsarbeit ge‐ bührt Lilith Jarlik und Kathrin Heyng (Narr Francke Attempto Verlag). Lidia Becker (Leibniz Universität Hannover) Julia Kuhn (Friedrich-Schiller-Universität Jena) Christina Ossenkop (Universität Münster) Claudia Polzin-Haumann (Universität des Saarlandes) Elton Prifti (Universität des Saarlandes) Bibliographie Calvet, Louis-Jean (1974): Linguistique et colonialisme. Petit traité de glottophagie, Paris, Payot. Hamel, Rainer (1988): Sprachenkonflikt und Sprachverdrängung: Die zweisprachige Kom‐ munikationspraxis der Otomí-Indianer in Mexico, Bern et al., Lang. Mignolo, Walter D. (2012): „The Role of BRICS Countries in the Becoming World Order: ,Humanity‘, Imperial/ Colonial Difference and the Racial Distribution of Capital and Knowledge“, in: Humanity and Difference in the Global Age. XXV Conference of the Academy of Latinity, s. l., UNESCO/ Universidade Candido Mendes, 41-89. Stolz, Thomas/ Warnke, Ingo H. (eds.) (2018): Vergleichende Kolonialtoponomastik. Struk‐ turen und Funktionen kolonialer Ortsbenennung, Berlin/ Boston, De Gruyter. Šor, Rozalija O.-(2010 [1926]): Jazyk i obščestvo [Язык и общество, ,Sprache und Gesellschaft‘], Moskau, URSS; (2021): Lenguaje y sociedad, übersetzt von Lidia Becker und Sebastià Moranta, Anuario de Glotopolítica 4, 241-264. Zimmermann, Klaus (1992): Sprachkontakt, ethnische Identität und Identitätsbeschädi‐ gung. Aspekte der Assimilation der Otomí-Indianer an die hispanophone mexikanische Kultur, Frankfurt a.-M., Vervuert. 14 Einleitung <?page no="15"?> Theorie, Methodologie und Geschichte der romanistischen Koloniallinguistik <?page no="17"?> Kolonialromania: Auswirkungen des Kolonialismus auf Sprachen, Sprecher, Sprach- und Kommunikationsgemeinschaften sowie Sprachwissenschaft Klaus Zimmermann Resumen En este ensayo se establece un esbozo programático de cómo incluir los ámbitos, fenómenos, aspectos teóricos y metodológicos de analizar las consecuencias de la colonización en las lenguas afectadas de este proceso histórico, lenguas románicas, indígenas y deportadas. Se presenta un breve resumen de acercamientos llevados a cabo en la lingüística románica de habla alemana para proponer un cuadro de los temas a tratar en lo que se propone llamar Romania colonial. No se debe contentar en estudiar efectos en las estructuras de las lenguas sino hay que incluir como objeto el discurso colonial acerca de las lenguas, por ejemplo el aspecto ideológico de la traducción colonial y misionera y la exogramatización asi como la denominación del mundo colonizado. En el ámbito del contacto de lenguas, se deben incluir aspectos psicolingüísticos de los colonizadores (actitud de supremacía) así como de los colonizados (actitud de rechazo), los efectos del contacto se deben estudiar en ambas lenguas afectadas como un proceso común, incluyendo aspectos sociolingüísticos y de política lingüística. Finalmente se presentan problemas del posicionamiento ideológico de los lingüistas para contribuir a programas de desarrollo de políticas lingüís‐ ticas que tienen como meta parar el desplazamiento de lenguas colonizadas en un espíritu de descolonización. Palabras clave: colonización, glotopolítica, contacto de lenguas, lingüística misionera, discurso colonial, traducción, gramatización <?page no="18"?> 1 Die Definition von Kolonialismus in der spanischsprachigen Wikipedia-Version ist m. E. sehr zutreffend und konzise: „[…] el sistema social y económico por el cual un Estado extranjero domina y explota una colonia. Por lo general se utiliza la fuerza militar ante la que el país invadido no puede oponerse y el colonizador, invasor o conquistador impone el control militar, político, económico y social, normalmente mediante la designación de personas originarias del país conquistador. La colonización supone la usurpación Abstract This essay provides a programmatic and theoretical outline of how to include the areas, phenomena, theoretical and methodological aspects of analysing the consequences of colonization on the languages affected by this historical process: Romance languages, indigenous languages and those of deportees. A brief summary of approaches carried out in Germanspeaking Romance linguistics is presented in order to propose a picture of the topics to be dealt with in what is proposed to be called “colonial Romania” in the future. One should not be content with studying effects on the structures of languages but should include as an object the colonial discourse on languages, for example the ideological aspects of colonial missionary translation and exogrammatization as well as the naming of the colonized world. In the field of language contact, psycholinguistic aspects of the colonizers (attitude of supremacy) as well as of the colonized (attitude of rejection) should be included, the effects of contact should be studied in both affected languages as a common process, including sociolinguistic and language policy aspects. Finally, problems of the ideo‐ logical positioning of linguists are presented in order to contribute to language policy development programs that aim to stop the displacement of colonized languages in a spirit of decolonization. Keywords: colonization, glottopolitics, language contact, missionary lin‐ guistics, colonial discourse, translation, grammarization 1 Theoretische Vorbemerkungen zur Konstruktion des Forschungsgegenstandes Der Kolonialismus hat erhebliche sprachrelevante Auswirkungen gehabt. Unter Kolonialismus ist die Eroberung und Beherrschung von Völkern durch andere zu verstehen. Dabei findet eine Expansion der Kulturen, Sprachen, ästhetischen Normen und Praktiken, technischen Errungenschaften, juristischer Systeme, politischer und administrativer Erfindungen der erobernden Mächte und deren Oktroi auf die eroberten und kolonisierten Völker statt. 1 Koloniale und koloni‐ 18 Klaus Zimmermann <?page no="19"?> y apropiación de la tierra, y con ella, de su riqueza y recursos; el sometimiento de la población, que puede considerarse esclava o sin los derechos de la metrópoli, la imposición de los intereses de la metrópoli sobre los del país colonizado en materias de cultura, religión, estrategia militar, estrategia económica, derechos civiles, políticos o sociales“ (https: / / es.wikipedia.org/ wiki/ Colonialismo; 12-1-2021). Nur die sprachliche Seite wird hier nicht explizit genannt. Hinsichtlich einer ausführlicheren Diskussion des Phänomens siehe die Ausführungen der Konzepte „colonialismo“ und „colonialidad“ durch Quijano (1992; 2000). Dabei darf auch nicht übersehen werden, dass es nach dem offiziellen Ende der kolonialen Herrschaft in den Ländern einen weiterbestehenden internen Kolonialismus (González Casanova 1963) auch heute noch gibt. 2 Es gab in der Geschichte bekanntlich auch andere Formen der Expansion und Inbe‐ sitznahme fremder Länder und Gebiete. Beispielhaft genannt seien die griechischen und phönizischen Siedlungen an einigen Stellen der Mittelmeerküste, der römische Imperialismus mit seiner Expansion rund um das Mittelmeer und im Norden Europas bis Britannien, die arabisch-muslimische Expansion in Nordafrika und Spanien sowie im Osten bis an die Grenze Indiens, die Expansion der Türkei im Rahmen des Osmanischen Reiches, die Expansion Russlands nach Osten (Sibirien) und Süden, die chinesische Expansion westwärts nach Tibet, die japanische Besetzung in Südostasien, China und Korea. Nicht zu vergessen: der deutsche Kolonialismus. Welche Formen des sprachlichen Kolonialismus dort jeweils praktiziert worden sind, kann hier nicht the‐ matisiert werden. Auf jeden Fall zeigen diese Fälle, dass der hier genannte europäische Kolonialismus seit dem 15. Jahrhundert nicht die einzige Expansion war und dass eine vergleichende globale Erforschung des kolonialen Sprachaspektes durchaus interessant sein dürfte. Zu einem Vergleich der spanischen mit der deutschen Kolonisation cf. Zimmermann (2015, 11-12). 3 Daneben sind als europäische Kolonialmächte England, die Niederlande, Dänemark und Russland zu nennen. 4 Cf. Tagliavini (1998). Bezeichnend ist, dass in diesem grundlegenden Werk die koloniale Expansion der romanischen Länder nicht behandelt wird. alartige Herrschaftsformen gab es im Laufe der Geschichte der Menschheit seit Jahrtausenden 2 und es gibt sie immer noch. Für die Romanistik relevant ist die historisch festlegbare Phase der Eroberung und Beherrschung außereuro‐ päischer Völker durch die europäischen Länder Spanien, Portugal, Frankreich, Belgien und Italien seit dem 15.-Jahrhundert. 3 Um sich die Aufgaben einer romanistischen Sprachwissenschaft, die dem Faktor Kolonialismus ernsthaft Rechenschaft zollen will, zu vergegenwärtigen, muss zunächst der wissenschaftliche Gegenstand bestimmt und teilweise auch neu konstruiert werden. In der Sprachwissenschaft galt und gilt für viele Richtungen (Stichwort: interne Sprachgeschichte) immer noch die Sprache in ihrer Struktur als zentraler Forschungsgegenstand. In der romanistischen Sprachwissenschaft war lange die vergleichende Methode auf die Entwicklung der romanischen Sprachen geboten, da ihr Ziel es war, deren Gemeinsamkeiten und differenzierende Entwicklung aus einer gemeinsamen Ursprungssprache aufzuzeigen. 4 In den einzelsprachlich orientierten Philologien der romanischen Kolonialromania: Auswirkungen des Kolonialismus … 19 <?page no="20"?> Sprachen war der entsprechende Blick auf die jeweilige Einzelsprache gerichtet, also auf die Auswirkungen der Kontakte auf das in den jeweiligen Regionen gesprochene Latein und die daraus im Verlaufe von Jahrhunderten sich ent‐ wickelnden einzelromanischen neulateinischen Dialekte bzw. Sprachen. Die protoromanischen Sprachen sind in den verschiedenen eroberten Gebieten im Kontakt des Lateins mit anderen Sprachen entstanden, also aus einem gespro‐ chenen Latein in den kognitiven Strukturen und Mündern von Sprecher(innen), die zuvor oder gleichzeitig andere Sprachen gesprochen haben. Soweit diese wegen des Oktrois des Lateins ausgestorben sind, nennt man diese traditionell Substratsprachen. Um es mit heutigen Termini des Spracherwerbs auszudrücken, handelte es sich weitgehend um einen ungesteuerten Spracherwerb ohne schulische oder andere institutionelle Korrekturmaßnahmen. Diese sind durch den späteren Kontakt mit wieder anderen Sprachen (Superstratsprachen) neu geformt worden, in einem Prozess, in dem sich dann innerhalb der damals bestehenden jeweiligen protostaatlichen Strukturen und Grenzen eigenstän‐ dige Entwicklungen in diesen Kommunikationsräumen ergaben. Diese (alte) Romania ist durch den Imperialismus Roms entstanden, in einem Prozess, den man landläufig als erste Romanisierung bezeichnet. Die Kolonisierung seit dem 15. Jahrhundert wird als zweite Romanisierung bezeichnet. Diese weist einige gemeinsame Züge mit der ersten auf. Sprachlich-kulturell führt diese durch den Kolonialismus entstandene zweite Romanisierung zur Entstehung einer außereuropäischen neuen Romania. Der Romanistik ist also die Einbeziehung von Kontaktphänomenen und die sie auslösenden Faktoren in die Analyse seit Beginn ihrer Etablierung im Prinzip nicht fremd. Da die vorher auf den romanisierten Gebieten gespro‐ chenen Sprachen verdrängt und dann ausgestorben sind, keine Schriftdoku‐ mente hinterlassen haben, und die Formen des Bilinguismus damals nicht dokumentiert wurden, konnten die konkrete Kontaktentwicklung, ihre sozio‐ kulturellen Bedingungen und Zeugnisse ihrer mentalen Verarbeitung Hunderte von Jahren später in der Zeit der Etablierung der Forschung darüber nicht konkret nachvollzogen werden. Deshalb wurden die sprachinternen Kontakt‐ ergebnisse auch nur in einer Richtung gefunden, nämlich der, die sich in den sich entwickelnden romanischen Sprachen abgespielt haben, nicht die in den Substratsprachen. Daraus resultierte zumindest teilweise auch die Ausrichtung des Faches, die Kontaktergebnisse nur in der jeweiligen romanischen Sprache als Forschungsgegenstand zu untersuchen, bedingt durch die eingeschränkte empirische Objektlage und die dafür erarbeiteten Methoden. Dies ist bei der zweiten Romanisierung, die durch die hier zur Diskussion stehende Kolonialexpansion verursacht wurde, anders. Erstens gibt es jetzt 20 Klaus Zimmermann <?page no="21"?> 5 Im Gegensatz zur sich erst vor ca. 10 Jahren konstituierenden Linguistik des deutschen Kolonialismus. 6 In meinem Aufsatz zu Konstruktion der Geschichte des Spanischen in Amerika (Zim‐ mermann 2011) habe ich Lücken in den verschiedenen Darstellungen aufgezeigt. auch schon in der Kolonialzeit Beschreibungen der indigenen Sprachen (wenn auch nicht aller) und zweitens Zeugnisse, wie das Spanische, Portugiesische und Französische durch die indigene und zwangsdeportierte afrikanische Be‐ völkerung realisiert wurde, und drittens können jetzt auch die Auswirkungen der jeweiligen romanischen Sprache auf die kolonisierten indigenen Sprachen untersucht werden, da dieser Prozess gerade noch andauert. Somit kann der koloniale Sprachkontakt in seiner ganzen beidseitigen Dimension ins Blickfeld genommen werden, wie es eigentlich angezeigt ist, wenn man die Begriffe Sprachkontakt und Kolonialismus ernst nimmt. Damit kann man ein Gesamtbild der kolonialen Sprachgeschichte und ihrer komplexen und interdependenten Prozesse erhalten. Das Fach muss also notwendigerweise das Erkenntnisinter‐ esse auch auf die Auswirkungen auf die anderen, die indigenen Sprachen richten und damit die traditionelle philologische, selbst gesteckte Fachkompetenz- Grenze überschreiten. Eine Sprachwissenschaft, die die Auswirkungen des Kolonialismus aufspüren will, muss zudem den Kommunikationsraum, in dem sich die unter kolonialen Verhältnissen befindlichen Sprachen befanden und finden, und die sich dort etablierenden eigenen Kommunikationsnetze und Barrieren zwischen Kommu‐ nikationsnetzen in den Blick nehmen. Und da Sprachen nicht als Systeme oder Strukturen aufeinandertreffen, sondern im Gebrauch der Interaktion ihrer Sprecher(innen) und Sprachgemeinschaften, in der soziolinguistisch und prag‐ matisch situierten Rede und den kognitiven Verarbeitungsprozessen, müssen auch die Sprecher(innen) und deren Handlungen mit den Sprachen und gegen‐ über Sprachen zum Gegenstand der Forschung gemacht werden. Vor allem muss die Besonderheit der kolonialen Lebenswelt, ihrer sozialen Strukturen und Verhältnisse in die Analyse mit einbezogen werden. In der Vergangenheit wurde die Kolonialepoche ja nicht unbearbeitet gelassen, aber die besonderen Auswirkungen des Kolonialismus sind nicht zentral ins Blickfeld genommen worden. Die Forschungen zur Entwicklung des Spanischen in den kolonialen Ländern, die ja durchaus vorhanden sind, 5 weisen beträchtliche Lücken in kolonialrelevanten Bereichen auf. 6 Amerika wurde die „Neue Welt“ genannt, aber es war genauer gesagt, eine kolonisierte Welt, unter den Bedingungen, die weiter oben unter Kolonialismus genannt worden sind. Kolonialromania: Auswirkungen des Kolonialismus … 21 <?page no="22"?> 7 Ich erinnere mich an Schlagabtausche bei Kongressen. So wurde dort das Verdrängen der indigenen Sprachen in Amerika aus einem falsch verstandenen Patriotismus nicht der spanischen Kolonialpolitik zugeschrieben, sondern der Politik der unabhängigen Länder. Der Sprachwissenschaftler Gregorio Salvador behauptete gar, das Spanische sei attraktiv für die indigene Bevölkerung gewesen wegen seiner Einfachheit und Klarheit im Vokalismus und habe sich deswegen durchgesetzt. 8 Cf. die Skizze der Beiträge zum Thema in Zimmermann (2021). 2 Die Erforschung der kolonial bedingten sprachlichen Veränderungen in den verschiedenen Forschungskontexten Forschung soll objektiv und vorurteilsfrei betrieben werden, aber wir wissen, dass das zwar eine Maxime ist, die aber nie ganz durchgehalten worden ist und werden kann. Beim Entwerfen einer solchen, das Koloniale im Sprachbereich aufzuarbeitenden Forschung muss man deshalb drei Sichtweisen und Interes‐ sensphären unterscheiden: a. Die Forschungen in den kolonisierenden Ländern (Spanien, Portugal, Frankreich) b. Die Forschung in den ehemals kolonisierten, also heute postkolonialen Ländern (Mexiko, Kuba, Peru, Chile, Brasilien, Angola, Kanada, Algerien, Kamerun usw.) c. Die Forschung in den anderen Ländern (z. B. Hispanistik/ Lusitanistik/ Fran‐ koromanistik in der deutschsprachigen, schwedischen, tschechischen etc. Romanistik) Dies deswegen, weil jeweils unterschiedliche und untergründige Interessen vorherrschen oder mit hereinspielen, da Forschung oder der Forschung nach‐ gelagerte gesellschaftliche Institutionen bewusst oder unbewusst nicht neutral eingestellt sein könnten, die die Auswirkungen und Mittel des Kolonialismus negieren, verharmlosen und anderen zuschreiben 7 bzw. diese ‒ im Sinne der „positiven Seiten“ des Kolonialismus ‒ rechtfertigen. In den postkolonialen Ländern ist das meist nicht der Fall. Dort gibt es seit langem (sprach)historische Forschungen zur kolonialen Sprachsituation. 8 Nur die Forschung zu den kolonial verursachten Kreolsprachen wurde nicht in diesen Ländern, sondern von europäischen und US-amerikanischen Forschern initiiert. Anders wiederum war es bezüglich der in der Kolonialzeit selbst betriebenen Linguistik, die ja fast ausschließlich eine Missionarslinguistik war. Deren Erforschung wurde initiativ seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts etwa in Mexiko als Forschungsthema etabliert (oft zunächst durch die Edition 22 Klaus Zimmermann <?page no="23"?> 9 Es ging dabei oft aber nur um intern linguistische Fragen, gepaart auch mit nationalem Stolz auf die Leistungen der Missionare in einer Tradition des Faches im entsprechenden Land. Koloniale Wirkfaktoren sind eher selten einbezogen worden. 10 Schuchardt hat ab 1880 bis Ende des 19. Jahrhunderts eine große Anzahl von Studien zu romanischen Kreolsprachen publiziert. Zuerst in den Sitzungsberichten der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften zu Wien, dann in der Zeitschrift für romanische Philologie. Ich verzichte hier auf eine lange bibliographische Liste. 11 Bei diesen Namensnennungen konzentriere ich mich auf die ersten Engagierten. Ich strebe keine Vollständigkeit der Namensnennung an, da die Anzahl einfach inzwischen sehr groß geworden ist (darunter auch in diesem Band vertreten). 12 Insgesamt fällt auf, dass die ersten und frühen Arbeiten zur kolonialen Sprachenpolitik von Historikern, nicht von Sprachwissenschaftlern stammen. 13 An der Freien Universität Berlin gab es seit dem Ende der siebziger Jahre einen institutionalisierten Studienbereich Neue Romania, bei dem Literaturwissenschaftler, Sprachwissenschaftler und Landeskundler verschiedener romanischer Sprachen re‐ der missionarslinguistischen Texte mit einleitenden Studien, 9 dann aber seit den 90er Jahren intensiv vielerorts betrieben). Bei deutschsprachigen Forscher(innen) ist eine Fokussierung speziell auf die Faktoren Kolonialismus und Kolonialität in der Sprachwissenschaft eher eine Nische gewesen. Das gilt nicht für die Kreolsprachenforschung. Hier sind die Pionierarbeiten deutschsprachiger Sprachwissenschaftler wie Hugo Schuchardt 10 und Rudolf Lenz (1927) zu Kreolsprachen zum Ende des 19. und Beginn des 20.-Jahrhunderts herauszustellen. Sprachwissenschaftliche Themen hinsichtlich der romanischen Kolonien und der daraus entstandenen neuen Länder wurden im deutschsprachigen Raum nach einer etwa 60jährigen Lücke der fast vollständigen Nichtbefassung mit diesem neuromanischen kolonialen Raum erst seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts mit wachsendem Eifer wieder aufgegriffen und bearbeitet. Jetzt setzten wieder Forschungen zu den romanisch basierten Kreolsprachen ein (Annegret Bollée 1977, Perl 1982, Norbert Boretzky 1983). In der nächsten Generation sind Ulrich Fleischmann, Angela Bartens und Jürgen Lang in der BRD, Philippe Maurer in der Schweiz zu nennen. Andere Forschungen widmeten sich Kontakten und Entwicklungen des Französischen in Kanada und Louisiana (Lothar Wolff, Ingrid Neumann-Holzschuh), des Portugiesischen in Afrika (Annette Endruschat, Petra Thiele) und des Spanischen in Amerika (Hans Dieter Paufler, Rainer Hamel, Klaus Zimmermann, Günther Haensch, Reinhold Werner, Wolf Dietrich, Harald Thun, Jens Lüdtke). 11 Besonders hervorzuheben ist die frühe Studie des deutschen Historikers Richard Konetzke (1964) zur kolonialen Sprachenpolitik in Hispanoamerika. 12 Oft geschah das unter dem Namen „Neue Romania“. 13 Obwohl hier eine räumliche Deckungsgleichheit besteht, ist dieses Etikett jedoch nicht gleichbe‐ Kolonialromania: Auswirkungen des Kolonialismus … 23 <?page no="24"?> gelmäßig entsprechende Lehrveranstaltungen anboten, interdisziplinäre Kolloquien veranstalteten, Forschung betrieben und eine Veröffentlichungsreihe herausgaben (cf. Daus 2004). Hier spielte der koloniale Aspekt durchaus eine wichtige (cf. das von Ronald Daus 1983 publizierte Buch zum portugiesischen Kolonialismus), aber nicht bei allen Teilnehmern zentrale Rolle. 14 Im Gegensatz etwa zur Germanistik, die erst in allerjüngster Zeit das Programm einer Koloniallinguistik entworfen hat (cf. Dewein/ Engelberg/ Hackmack et al. 2012, Stolz/ Warnke 2015, cf. dazu Zimmermann 2021). 15 Cf. hierzu auch Lipski (1996) und die Studien zu einzelnen Ländern in dem Sammelband Palacios (ed.) (2008). deutend mit einer Fokussierung auf das Koloniale. Deshalb schlage ich vor, parallel dazu den Namen Kolonialromania einzuführen, um den Fokus auf das Koloniale zu betonen. Bei diesem Begriff geht es darum, dass die durch die in den kolonialen Verhältnissen gemachten Handlungen und verursachten Prozesse in den Sprachen, Sprechern und Kommunikationsgemeinschaften zu untersuchen sind. Die nach den Unabhängigkeiten bestehenden „postkolonialen“ Verhält‐ nisse gehören selbstverständlich dazu. Die Sprachgeschichtsschreibung in Spanien hat die Entwicklung in den Kolonien nie ausgeblendet. 14 Jedenfalls hat der Nestor der spanischen Sprachge‐ schichtsschreibung, Rafael Lapesa, in seinem einflussreichen Buch (Erstauflage 1942 und dann in vielen Neuauflagen, auch aktualisierten und erweiterten Fassungen) diesen Faktor durchaus benannt (1986, 535-545), blieb aber einer traditionellen Gegenstandsbestimmung verhaftet. Hervorzuheben ist die für Spanien lange Zeit singuläre Arbeit von Germán de Granda (1994; 1999a; 1999b), der eine Vielzahl von Untersuchungen zum indigenen und afrikanischen Sprachkontakt in mehreren amerikanischen Ländern durchgeführt hat. In Frankreich hat Louis-Jean Calvet (1974) ein bahnbrechendes Buch zur Frage der Sprachen im französischen Kolonialismus veröffentlicht. In den neuromanischen Ländern wurden solche Fragen auch mehr oder weniger intensiv behandelt. So hat in Mexiko der Historiker Silvio Zavala (1946; 1977) wichtige Studien zur Sprachenpolitik vorgelegt. Eine Dialektgliederung des Spanischen in Amerika basierend auf dem Kriterium indigener Prägungen hat Henríquez Ureña (1938) vorgeschlagen. Studien zu indigenen Einflüssen ins Spanische wurden u. a. von Lenz (1893) zu Chile, von Lope Blanch (1969) zu Mexiko 15 und zu Einflüssen des Spanischen auf die indigenen Sprachen Mexikos von Suárez (1977) betrieben. Zu Paraguay, dem einzigen Land, in dem eine ehemals indigene Sprache in veränderter Form durch Einflüsse des Spanischen zur Mehrheitssprache geworden ist, sind die frühe Studie von Morínigo (1931) sowie die vielen Beiträge von Melià ( 4 1997 u. v. a.) zu nennen. Zu Brasilien sind die Studien über Einflüsse afrikanischer Sprachen ins brasilianische Portu‐ 24 Klaus Zimmermann <?page no="25"?> 16 Viele Beiträge in Barriga/ Martín Butrageño (2011-2021) erörtern solche Aspekte. 17 Ich fasse, in Anlehnung an das Konzept der Transkulturation von Ortiz (1940), die Summe der durch Sprachkontakte entstandenen Prozesse und Veränderungen im Bereich der Sprache im Signifikantenbereich und im Signifikatsbereich sowie der Pragmatik, wie Interferenzen, Transferenzen, Code-Switching, Vereinfachungen usw. unter den Oberbegriff Translingualisierung, ähnlich dem des Translanguaging. giesisch von Mendonça (2002 [1933]), Raimundo (1933), Mattos e Silva (1979) sowie Lucchesi/ Baxter/ Ribeiro (eds.) (2009) und die der indigenen Einflüsse von Bagno/ Carvalho (2014) zu nennen. 3 Kolonialismus in der Sprache und der Sprachsituation 3.1 Das Koloniale in der Sprache Die Hinwendung zu Themen der Sprache in den ehemaligen Kolonien in der Kolonialzeit bedeutet nicht automatisch eine Fokussierung auf das Koloniale. Es soll bei einer wie hier geforderten Neubesinnung und Neuausrichtung nicht nur um die Anerkennung des Kolonialismus als namensgebenden zeitlichen Rahmen gehen, sondern um die Eruierung der konkreten kolonialen Verhält‐ nisse, Strukturen, Maßnahmen und Interaktionen und ihrer Auswirkungen im sprachlichen Bereich, soweit sie sich in analysierbaren Quellen finden. Dabei darf es, wie oben gesagt, nicht nur um Auswirkungen auf Sprachstrukturen gehen, sondern auch um die Auswirkungen auf Sprecher und Sprachgemein‐ schaften, d. h. es gilt zu untersuchen, wie sowohl Kolonialherren als auch Kolonisierte mit Sprache umgehen und wie sie ihr Kommunikationsverhalten unter diesen Bedingungen gestalten. 16 Um also diesen Zusammenhang von Ko‐ lonialismus und Sprache aufzuhellen, der das Thema dieses Bandes ist, müssen auch Dogmen der Linguistik, d. h. was zu ihrem Gegenstandsbereich gehört und was nicht, hinterfragt und bisherige ideologische Grenzen überschritten werden. Der Name „Neue Romania“ wie auch Studien über das Spanische in Latein‐ amerika, Portugiesische in Brasilien und Afrika oder die außereuropäische Frankophonie alleine sind übrigens noch kein Beweis für die zentrale Fokus‐ sierung auf das Koloniale. Studien zu den Aspekten der Sprache, die mit der kolonialen Expansion zu tun hatten, beschränkten sich oft auf den Einfluss der indigenen oder importierten afrikanischen Sprachen auf das Spanische, Portu‐ giesische oder Französische. Studien zur Phonetik, Lexik und Morphosyntax gibt es hier in großer Anzahl. Ganz zentral müssen aber auch die Transkultu‐ rationen und Translingualisationen 17 im Bereich der Semantik (Weltansichten) und Pragmatik in den Blick genommen werden. In eigentlich verdienstvollen Kolonialromania: Auswirkungen des Kolonialismus … 25 <?page no="26"?> 18 Zur kolonialzeitlichen Diglossie in Mexiko siehe Zimmermann (2006) und Parodi (2010). 19 Ein zentrales Corpus hierzu sind die für die Forschung zugänglich gemachten Editionen von Privatbriefen; pionierhaft Otte (1993). lexikographischen Projekten wie dem des Nuevo Diccionario de Americanismos (der Universität Augsburg) sind solche Aspekte in der Struktur des Diskurstyps Wörterbuch möglicherweise enthalten, bleiben aber in dem alphabetischen Ordnungsprinzip und dem lexikographischen Definitionsformat ‚versteckt‘. 3.2 Auswirkungen des Kolonialismus im Bereich der Sprache Der Klarheit halber sind auch zwei andere Aspekte zu unterscheiden: a. die Auswirkungen des Kolonialismus im Bereich der Sprache und b. die Auswirkungen des Kolonialismus in der Sprachwissenschaft (cf. dazu unten Kap. 6). 3.2.1 Diglossie und diglossieähnliche Verhältnisse der Sprachen Um die Auswirkungen des Kolonialismus umfassend zu betrachten, muss der Forschungsgegenstand genauer und breiter bestimmt werden. Zum Gegenstand sind auch die Sprecher sowie die Sprachbzw. Kommunikationsgemeinschaft statt nur der strukturelle Aspekt von Sprache zu zählen. Dazu gehört in der Kolonialzeit die Expansion der Kolonialsprache sowohl territorial als auch in den verschiedenen gesellschaftlichen Domänen. Durch die Einführung der Ko‐ lonialsprache bekommt der dort befindliche sprachliche Markt (Bourdieu 1982) eine neue Komponente und er wird unter kolonialen Machtverhältnissen nach diesen nützenden Wertigkeitskriterien neu organisiert. Er kann beschrieben werden als Diglossie oder diglossieähnliches Verhältnis der Unterordnung und Verdrängung der indigenen Sprachen in bestimmte als sozial „niedrig“ eingestufte Kommunikationsdomänen und die Besetzung gesellschaftlich als „wichtiger“ definierte Domänen durch die Kolonialsprache. 18 Konsequenzen dessen sind auszumachen in den Domänen und Formen der Sprachlehre, Sprach‐ verboten, Regelungen zur Sprachwahl in Institutionen, Bestimmung einiger ausgewählter indigener Sprachen als lengua general in religiösen Institutionen. Soweit das dokumentiert ist, kann dies auch in der Sprachtransmission in biethnischen Ehen oder eheähnlichen Verbindungen abgelesen werden. 19 3.2.2 Sprachkontakte Sprachkontakte und ihre Auswirkungen (in der kolonialen und postkolonialen Zeit) sind ein bereits vielfach bearbeitetes Feld der neuen Romania. Sprachkon‐ 26 Klaus Zimmermann <?page no="27"?> 20 Zu diesem Forschungsfeld cf. Zimmermann (2016a). Bekannte Kontaktvarietäten sind das yopará in Paraguay (z.-B. Boidin 2006) und die media lengua in Ecuador (Muysken 1981). takte gab und gibt es mannigfaltig in der Welt. Ich gehe von der Hypothese aus, dass der koloniale Sprachkontakt andere Auswirkungen hat als nicht koloniale Sprachkontakte. Deshalb muss in solchen Situationen das spezifisch Koloniale der Sprachkontakte gesucht und herausgearbeitet werden. Das geht nur, indem man erstens die Sprachkontakte reziprok in allen beteiligten Sprachen in den Blick nimmt, um das durch die kolonialen Machtverhältnisse verursachte Ungleichgewicht der potentiell gleichgewichtigen gegenseitigen Austauschpro‐ zesse zu erkennen und zu erklären. Zweitens muss sprachideologisch eine neutrale Position seitens des Analysierenden eingenommen werden. Und das bedeutet, dass Translingualisierungen (Zimmermann 2019) und die Entstehung ethnischer Varietäten (wie das sogenannte español indígena) 20 als normaler mentaler Vorgang der Sprachverarbeitung aufgefasst und analysiert werden müssen, statt sie aufgrund von Norm- und Purismusdogmen zu diffamieren. In diesem Sinne ist das Verschwinden ehemaliger Translingualisierungen und ethnischer Varietäten nicht als Sieg der Standardvarietäten zu vermelden, sondern im Rahmen einer deskriptiven Sprachgeschichtsschreibung ist die Rolle des puristischen Sprachdenkens und die daraus resultierende Sprachpolitik und Sprachpflege (z. B. im Erziehungssektor) unter kolonialen Bedingungen hierfür herauszuarbeiten. Der koloniale Kontext produziert besondere Ausprägungen der Translingua‐ lisierungen (Zimmermann 2001, 30-31). Begriffe wie Entlehnungen (préstamos) müssen unter diesem Machtverhältnis der Sprachen konkretisiert werden. So gibt es eine Reihe von den indigenen Sprecher(innen) aufgezwungenen Trans‐ lingualisierungen in deren Sprachen, wie z. B. dass der christliche Gott nicht mit dem in der indigenen Sprache vorhandenen Begriff benannt werden darf, son‐ dern mit dem der Kolonialsprache (sp. dios statt z. B. náhuatl teotl) (Zimmermann 2005, 113). Eine bisher kaum beachtete Form der Translingualisierung sind die von Parodi (2009) analysierten bikulturellen Wörter, d. h. die Überstülpung der Signifikanten europäischer Sprachen auf Signifikate der kolonisierten Sprachen, wie z. B. im Spanischen vino für pulque (gegorener Agavensaft), pavo de Indias für guajolote (Truthahn), die semantische Erweiterungen für die Sprache der Kolonisatoren ‒ in diesem Falle für das Spanische ‒ bedeuten (cf. Luján 2023). Bei den mentalen Sprachverarbeitungen im Sprachkontakt sind die psychi‐ schen Bedingungen der Unterdrückung, unter der die indigenen Völker lebten (und litten) zu bedenken, Bedingungen, die bei nicht-kolonialen Sprachkon‐ takten nicht bestanden. Eine besonders dramatische Form des Sprachkontaktes Kolonialromania: Auswirkungen des Kolonialismus … 27 <?page no="28"?> 21 Zu der Frage, ob diese schon im Sinne der Monogenesetheorie in Westafrika in den Sammellagern selbst in einem portugiesischen Protokreol entstanden sind oder im Sinne der Polygenesetheorie erst in den amerikanischen Plantagen, gibt es eine lange Diskussion, die nicht abschließend beantwortet ist. 22 Zumindest für Brasilien gilt das als unmöglich, da alle diesbezüglichen Dokumente nach der Abschaffung der Sklaverei zerstört worden sein sollen. 23 Ein prominentes Beispiel für eine Diskursanalyse aktuellen postkolonialen Rassismus ist van Dijk (2003). 24 In einigen Ländern bis hin zu rassistischem Hass, der die eigene Höherwertigkeit ja bestens rechtfertigt. ist durch die Zwangsdeportation von Menschen aus Afrika nach Amerika geschehen, die dann in einem üblen System der Sklaverei gehalten wurden. Daraus haben sich kreolische Sprachen oder andere afrohispanische, afropor‐ tugiesische oder afrofranzösische Varietäten entwickelt (cf. u. a. Perl/ Schwegler 1998). 21 Dass diese als Forschungsgebiet zu einer an der Kolonialfrage interes‐ sierten Romanistik gehören, ist heute wohl allgemein akzeptiert und es wird intensiv dazu geforscht, obwohl diese Sprachen zunächst als einer wissenschaft‐ lichen Betrachtung unwürdig gesehen wurden. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat sich dann dieser Gegenstand wegen der Ähnlichkeiten der weltweiten Kreolsprachen zu einer eigenen Disziplin, der Kreolistik, eta‐ bliert. Um die Besonderheit der kreolischen Sprachen zu erklären, wurden verschiedene Theorien und Sprachkontaktszenarien vorgeschlagen, darunter einige, die selbst als kolonialistisch-rassistisch zu bezeichnen sind, wie die Hypothese, dass die Simplifizierungsvorgänge am mangelnden Verstand der afrikanischen Spracherwerber liegen würden. Die oben bei den indigenen Men‐ schen postulierten psychischen Folgen der Verhältnisse sind bei den versklavten afrikanischen Bevölkerungsteilen, die unter einem extremen Grad an Rassismus leiden mussten, (zumindest theoretisch, wenngleich empirisch schwierig) als eine geringe Bereitschaft, die Sprache der Kolonialherren korrekt zu lernen, einzubeziehen. Hierfür sind Quellen in den Archiven, soweit vorhanden, 22 mit Mitteln der kritischen Diskursanalyse (etwa im Sinne von Foucault 1961, 1963) zu untersuchen. 23 3.3 Koloniale Mentalität hinsichtlich Sprachen Das Koloniale besteht nicht nur in den manifesten sichtbaren politischen, militä‐ rischen, ökonomischen, gesellschaftsstrukturellen Gegebenheiten sondern auch in der dahinter befindlichen oder dadurch erzeugten kolonialen Mentalität: diese Mischung aus Machtbewusstsein, Überlegenheitsgefühl und der Selbstermäch‐ tigung der eigenen Höherwertigkeit 24 gepaart mit dem Gefühl des Besitzes der 28 Klaus Zimmermann <?page no="29"?> 25 Nicht zu vergessen der Raub an Kulturgütern und die Zerstörung von urbanen Strukturen. Bezüglich Afrika besteht diese koloniale Mentalität auch in postkolonialer Zeit (bis heute) weiter, was in den Argumenten der Verhinderung der Restitution der geraubten Kulturgüter durch Museumsleute zum Ausdruck kommt, cf. Savoy (2021). 26 Cf. die Studie zu deutschen kolonialistischen und rassistischen Begriffen Arndt (2022). 27 Cf. die bekannte Befürchtung von Rufino José Cuervo und seinen Wandel der Ansicht, cf. die Darstellung bei Carrera de la Red (2023, 1376-1378) sowie Del Valle (2004). Wahrheit in ideologischen (dazu gehören auch die religiösen) Anschauungen sowie deren Propaganda auch ins Bewusstsein der Kolonisierten. 25 Dieses kolonial-mentale Syndrom ist auf Sprache hin zu denken und als Faktor des sprachlichen Verhaltens auf der Seite der Kolonialherren und ihrer Agenten einzubeziehen. Sie erzeugt ein sprachliches Handeln der Selbstverständlichkeit der Höherwertigkeit der eigenen Kolonialsprache auf der Makroebene und die Ausführung von Sprechakten, die die kolonisierten „Gesprächs“-partner als nicht gleichberechtigt im Sinne der Wahl von Sprechakten durchführen. Koloniale Sprecher und Sprecherinnen verfügen über die Macht und das Domi‐ nanzgefühl, direktive Sprechakte gegenüber den kolonisierten ausführen zu dürfen, während das umgekehrt nicht gilt. Zwar gibt es solche Asymmetrien auch unter den zur Kolonialschicht der Gesellschaft gehörenden Sprechern und Sprecherinnen, aber die koloniale Linie der asymmetrischen Kommunikation markiert hier auch ethnische Grenzen. Auf der anderen Seite sind die Ängste und Überlebensstrategien der koloni‐ sierten Völker im individuellen und gemeinschaftlichen Verhalten als Faktor zu beachten. Somit ist die Rolle der kolonialen Sprachideologien in den Kontakten und Sprachpolitiken zu bestimmen. Dazu gehören auch rassistisches Denken und rassistische Begriffe, kolonial-herabsetzende Bewertungen und diffamie‐ rende Begriffe über die kolonisierten Sprachen. 26 Eine Folge der kolonialen Überheblichkeit ist auch die Sprachpolitik, die in den kolonisierten Ländern implementiert worden ist, die in der Vermei‐ dung der eigenständigen Entwicklung und damit potentiellen Differenzierung des Spanischen, Portugiesischen und Französischen in den Kolonien bestand. Wenn immer wieder (rhetorisch) von Sprachpflegern (in anderen Kontexten) betont wird, dass die Sprache dem Volk gehöre, dürfte die Sprachpolitik die Entstehung neuer romanischer Varietäten eigentlich nicht verdammen. 27 Diese Sprachpolitik der Verhinderung der Entstehung neuer romanischer Sprachen ist deshalb als neokoloniale Strategie zu werten und zu untersuchen. Die nicht egalitäre Beziehung der spanischen königlichen Sprachakademie zu denen der unabhängigen hispanoamerikanischen Länder (cf. Del Valle 2010) ist in diesem Kontext als kolonialrelevant zu sehen. Kolonialromania: Auswirkungen des Kolonialismus … 29 <?page no="30"?> 3.4 Die Akzeptanz der kolonialen Logik Ein Bereich muss auch die Dekonstruktion des Diskurses der kolonialen Logik und ‚Selbstverständlichkeiten‘ sein. Es wäre immer zu fragen, ob Verhalten und Erklärungen in den Kolonien auch in den Mutterländern selbstverständlich gewesen wären. Als kleines Beispiel möge die Feststellung von Miguel Ángel Quesada Pacheco (bezüglich der Entwicklung des Spanischen in Costa Rica) dienen: [d]ichas etapas de conquista son las responsables de la presencia de tantos indige‐ nismos originarios de las Antillas, México y el Perú. Los cuales ya venían incorporados al vocabulario patrimonial español de los nuevos colonizadores. (Quesada Pacheco 2009, 45) Das ist zweifellos sachlich richtig, aber stellt die Entwicklung eben im ko‐ lonialen Verhalten als alternativlos dar. Dagegen handelt es sich um eine kolonialistische Bequemlichkeit. Die Alternative der Anstrengung, die Lexik der lokalen indigenen Bevölkerung aufzugreifen, wird nicht unternommen. Die Neuausrichtung der Lexik auf der Basis der lokalen Sprachen (für die es durchaus auch Beispiele gibt) in Empathie mit den lokalen indigenen Völkern in den Diskurs einzubringen, wird nicht unternommen. Sie so zu hinterfragen und die Alternative aufzuzeigen wäre hingegen ein analytischer Schritt, um den Charakter dieser im ganzen spanischen Kolonialreich vorzufindenden - scheinbar rein praktischen Gesichtspunkten gehorchenden ‒ Methode als Folge einer kolonialen Attitüde des Eurobzw. Hispanozentrismus zu erkennen. So ist sogar die Verbreitung von Indigenismen aus der Karibik in das Festlandspa‐ nische ein dem kolonialen Denken geschuldeter Vorgang. 3.5 Benennung als Aneignung Ein sehr deutliches Beispiel für sprachliche Machtverhältnisse im Kolonialismus ist die Benennung der Neuen Welt. Im Ersetzen der vorhandenen indigenen Toponyme durch Namen aus europäischen Sprachen oder für Neugründungen von Städten und anderen geographischen Entitäten zeigt sich die koloniale Macht und die symbolische Aneignung der eroberten Welt und andererseits Ent‐ eignung der symbolischen indigenen Welt. In der iberoromanischen Welt sind das Namen aus dem christlich-religiösen Bereich für Städte, manchmal in Kom‐ bination mit vorher vorhandenen indigenen Namen (Asunción, Concepción, Santiago, S-o Paulo, Natal, Los Ángeles, Santa Fé de Bogotá, Veracruz, Nuestra Señora Santa María del Buen Aire). Oder Namen der Entdeckungsumstände (Río de Janeiro) und Eroberungsziele aufdeckende Namen (Puerto Rico, Costa Rica, 30 Klaus Zimmermann <?page no="31"?> Brazil, Río de la Plata, Argentina). Zu der kolonialen symbolischen Aneignung gehört auch die Übertragung von Namen aus der alten Welt (Nueva España, Cartagena, Nuevo León, Valladolid, Mérida, Belém, Trujillo) sowie Namen, die von Kolonialherrschern (Islas Filipinas) oder von Eroberern (Colombia, América) abgeleitet werden. In den französischen Kolonien finden sich die gleichen Verfahren in Namen wie Fleuve Saint-Laurent, Monts Notre-Dame, La Louisiane, Détroit de Jacques Cartier, Montréal, Laval, La Nouvelle-Orléans. Indigene Personennamen werden im Rahmen der Christianisierung auch bei der indigenen Bevölkerung fast vollständig verdrängt und durch biblischchristliche Namen ersetzt. In der postkolonialen Zeit finden Namen von Unabhängigkeitskämpfern als Toponyme Verwendung (das Land Bolivien, die Bundesstaaten Hidalgo, Morelos, Guerrero in Mexiko, die Stadt Sucre in Bolivien). 4 Überlagerungen verschiedener kolonialer Herrschaften und postkoloniale Migrationen 4.1 Konkurrenzverhältnisse zwischen Kolonialmächten und Kolonialsprachen Ein weiteres Forschungsfeld ist die Übernahme eines Territoriums von einer Kolonialmacht durch eine andere und die dadurch entstehende Konkurrenz und Kontakte zweier Kolonialsprachen. Das betrifft - in der postkolonialen Zeit ‒ den ehemaligen Teil Mexikos nördlich des Rio Bravo und späteren Südwesten der heutigen USA, das betrifft auch die kanadische Provinz Québec und den heutigen Bundesstaat Louisiana als frühere französische Gebiete durch England bzw. die USA. Solche Verhältnisse finden sich auch in anderen ehemaligen Kolonien. Das ist z. B. der Fall im Norden Uruguays mit teilweise portugiesisch‐ sprachiger Bevölkerung (und einer ‚Mischsprache‘, dem Fronterizo), die Über‐ nahme des ehemalig spanischen Belize durch England, viele karibische Inseln haben eine wechselvolle Geschichte von Kolonialmächten (z. B. das ehemals von Spanien besetzte Curaçao wurde niederländisch), die Jahrhunderte bestehende spanische Kolonie der Philippinen und andere Inseln Austronesiens wie Guam wurden von den USA unter ihre Herrschaft gebracht; letztere waren zeitweise auch unter deutscher und japanischer Herrschaft. Hier wurden die ersten dominierenden Kolonialsprachen zu unterdrückten bzw. dominierten Sprachen: Es gab und gibt entsprechende Sprachkontakte und langfristig wurden die ersten Kolonialsprachen durch die neuen ersetzt. Außerdem war die indigene Bevölkerung dort unterschiedlichen kolonialistischen Systemen unterworfen, die oft eine unterschiedliche Sprachenpolitik betrieben. Kolonialromania: Auswirkungen des Kolonialismus … 31 <?page no="32"?> 4.2 Postkoloniale Migrationen in die ehemaligen Kolonien Auch die in postkolonialer Zeit in den ehemaligen Kolonien in Amerika geför‐ derte Einwanderung europäischer Menschen und der Einfluss ihrer Sprachen sind als Folge des Kolonialismus und seiner (Rassen-)Ideologie anzusehen. Neben den ökonomischen Gründen ist das Ziel dieser Intervention in die ‒ aus kolonialistischer Sicht ‒ als zu stark indigen geprägt angesehene Gesell‐ schaftsstruktur, das sogenannte Blanqueamiento der Bevölkerung. Hierdurch entstanden neue Konstellationen von Sprachkontakten (Italienisch-Spanisch und Galicisch-Spanisch in Argentinien und Deutsch-Spanisch in Südbrasilien und Südchile). Daneben gibt es eine Fülle anderer Einwanderungen in ganz Iberoamerika mit quantitativ weniger großen Anteilen aus dem Libanon, der Ukraine, Japan u. a. Deren Sprachen wurden zu Minderheitensprachen, aber die Menschen nicht diskriminiert. Viele konnten den Gebrauch ihrer Sprache bewahren und schufen eine besondere Bilinguismussituation, wobei auch die Einflüsse des Spanischen und Portugiesischen in diese Migrantensprachen zu erforschen sind. Neben dem Sprachkontakt Französisch-Englisch in Québec gibt es auch viele andere Kontaktsituationen, die durch eine massive Einwanderung vieler anderer Sprachen aus verschiedenen Weltregionen (aus Europa und ehemaligen Kolonien) verursacht werden. Hier geht es freilich eher um Wirtschaftsmigra‐ tion, die aber eben in ein postkoloniales Land geschieht, das ursprünglich anderen gehörte, und die dadurch die indigene Bevölkerung und deren Sprachen zu einer immer unbedeutenderen Minderheit macht. 4.3 Migrationen aus den ehemaligen Kolonien in die ehemaligen Metropolen Zu nennen als (neo)koloniale Sprachideologie ist auch die negative Einstellung der Bevölkerung der ehemaligen Kolonialmächte (verursacht oder verstärkt durch die Sprachideologien seitens der Sprachakademien) in der postkolonialen Zeit gegenüber den spanischen und französischen Sprachvarietäten der Mi‐ granten aus den ehemaligen Kolonien. Das betrifft z. B. das español andino oder das argentinische Spanisch des Río de la Plata-Gebietes in die ehemalige europäische Metropole Spanien oder das Portugiesische aus den afrikanischen Ländern nach Portugal, bzw. das Französische aus den afrikanischen Kolonien und karibischen Départements nach Frankreich und Belgien. 32 Klaus Zimmermann <?page no="33"?> 28 Zum Verhältnis cf. Zimmermann (2021). 29 Cf. dazu ausführlicher die Beiträge von Zimmermann (2004, 2016b; 2018). 30 Einen verdienstvollen Katalog mit Charakterisierungen aller Wörterbücher hat Her‐ nández (2018) vorgelegt. 5 Koloniale Sprachwissenschaft: Koloniallinguistik und Missionarslinguistik 28 In der Kolonialzeit wurden in den Kolonien Sprachforschungen betrieben, allerdings nicht zu den Kolonialsprachen, sondern den kolonisierten indigenen Sprachen. Das ist die im engeren Sinne als Koloniallinguistik zu bezeichnende Linguistik in der Kolonialzeit selbst, d. h. die Beschreibung der sprachlichen Verhältnisse, der Sprachenpolitik und die Beschreibung der indigenen Sprachen im Rahmen der Missionierung, die den politischen und ökonomischen Kolonia‐ lismus gestützt hat. 5.1 Missionarslinguistische Sprachbeschreibungen: 29 Grammatik und Lexikographie Die Auswirkungen des Kolonialismus auf die Sprachwissenschaft sind im Rahmen der Geschichte der Sprachwissenschaft zu thematisieren. Hierbei geht es um die im Bereich der spanischen, portugiesischen und ‒ in geringerem Umfang ‒ französischen Kolonien massive Rolle der Missionarslinguistik, die die indigenen Sprachen in Amerika und Asien sowie Austronesien für missionari‐ sche Zwecke beschrieben hat. Hierdurch fand eine erstmalige Grammatisierung dieser Sprachen statt, eine Leistung, die hochgradig zu würdigen ist. Dabei gilt aber auch, dass Missionierung, gut getroffen im Ausdruck „conquête spirituelle“ des französischen Historikers Robert Ricard (1933), als ein Teil und Instrument der Kolonisierung aufzufassen ist. Trotz anerkennenswerter Verdienste in der Analyse und Beschreibung der indigenen Sprachen dürfen der koloniale Kontext und der koloniale Geist hier nicht außer Acht bleiben. Auroux (1994) hat diese Aktivität als Exogrammatisierung bezeichnet; es war aber eben nicht nur der Moment der von außen getätigten Deskription, sondern auch die von Personen, die im Sinne der Kolonialisierung tätig waren. Also sollte man insofern von einer kolonialen Exogrammatisierung sprechen (die sich eben von einer Grammatikographie und Lexikographie des Spanischen von Deutschspra‐ chigen oder Englischsprachigen unterscheiden dürfte). Die Aufgabe besteht insofern darin, die kolonialen Machtverhältnisse und Einstellungen in der Beschreibung der Grammatik und Lexik 30 der indigenen Sprachen, im Diskurs der Abwertung indigener Lebensweisen, Religionen in den zweisprachigen Kolonialromania: Auswirkungen des Kolonialismus … 33 <?page no="34"?> 31 Cf. Launey (1997, 37-39). Das Prinzip der „Einverleibung“ (Inkorporierung, Polysyn‐ these) bei dem mehrere elementare syntaktische Einheiten, meist syntaktischer Wörter, in ein einziges hoch komplexes Wort gebildet werden, wurde später von W. v. Humboldt (1836, §15, §17), der übrigens eine auf Zeugnissen der Missionare basierende Grammatik des Náhuatl verfasst hat, als ein Typ für seine Klassifikation der Sprachen benutzt. Katechismen und in den missionstheoretischen Erörterungen (wie z. B. bei Padre Joseph de Acosta) diskursanalytisch herauszuarbeiten. Es waren eben nicht nur deskriptiv orientierte ideologisch neutrale Beschreibungen, sondern sie dienten einem kolonialorientierten Zweck, der in der Herangehensweise, auch in dem, was sie nicht beschreiben, zum Ausdruck kommt. Obwohl es, wie manche heutige Analytiker verständnisvoll meinen, erst einmal naheliegend war, das bekannte Modell der Beschreibung der Grammatik und Lexik aus Europa auf die unbekannten Sprachen anzuwenden, muss dies doch als ein von Kolonialität geprägter Zug der Anwendung eines fremden Ordnungsrasters verstanden werden (das übrigens in Teilen bis in die heutige Zeit angewandt wird) (cf. Zimmermann 2022). Es darf aber nicht unerwähnt bleiben, dass dieser theore‐ tische Rahmen von einigen Missionarslinguisten auch teilweise überwunden wurde, so dass es durchaus Bestrebungen gab, den Strukturen dieser indigenen Sprachen adäquater Rechnung zu tragen. So wurde z. B. die inkorporierende Syntax des Náhuatl von Missionaren erkannt und beschrieben. 31 Generell wird man auch sagen können, dass die Wahl indigener Sprachen als Instrument der Missionierung (statt der Kolonialsprache) die Zumessung einer Eignung und Würde dieser Sprachen impliziert, also nicht rein praktisch veranlasst gewesen ist. In den damals erarbeiteten Wörterbüchern erkennt man koloniale und vom christlichen Glauben geprägte Beschreibungen der Wörter und in den Beispiel‐ sätzen. Sprachpolitisch ist der Oktroi von Begriffen aus der christlichen Religion auf die fremden Religionen kolonial determiniert. Ein Beispiel ist die weiter oben schon erwähnte Vermeidung, den spanischen Begriff dios auf indigene Götter anzuwenden, bzw. die Vermeidung der indigenen Bezeichnung für Gott (wie z. B. Náhuatl teotl) auf den christlichen Gott. Ein anderes kolonial determiniertes Beispiel ist es, indigene Götter als diablos zu bezeichnen, also ein Vorgang, indigene Glaubensvorstellungen in den christlichen Rahmen, und zwar den Bereich des Bösen, einzugliedern. Ein weiterer kolonialer Aspekt kommt bei einer Sicht auf die kommunikative Seite der missionarslinguistischen Produkte, der Grammatiken und Wörter‐ bücher, zum Vorschein. Diese Produkte waren eben nicht für die indigene Bevölkerung oder deren Elite bestimmt, sondern es handelt sich um Werke, die von Missionaren für Missionare erarbeitet und publiziert (oder auch nur als 34 Klaus Zimmermann <?page no="35"?> 32 Missionare wie die Jesuiten haben übrigens selbst koloniale Wirtschaftseinheiten mit indigenen Arbeitern unter ihrer Herrschaft etabliert und in Paraguay staatsähnliche Gebilde etabliert. 33 Bis heute sind - mit wenigen Ausnahmen - Wörterbücher indigener Sprachen bilingual konzipiert: es werden indigene Lemmata in Spanisch, Portugiesisch oder Französisch erklärt statt in deren Sprachen selbst, insbesondere solche, die für die indigenen Benutzer verfasst werden, worin ein weiter bestehendes koloniales Denken zum Ausdruck kommt. Handschriften überliefert) worden sind und nicht in der indigenen Sprache ver‐ fasst worden sind. Dass koloniale Missionare 32 als Rezipienten anvisiert worden sind, ist ein klares Zeichen für den kolonialen Charakter dieser Sprachbeschrei‐ bungen. Er zeigt sich in der Wahl der Kolonialsprache als Metasprache, in dem präsupponierten europäischen Verständnishorizont, und in der bilingualen Konzeption der Wörterbücher (indigene Lemmata, die in der Kolonialsprache erklärt werden und nicht etwa indigen monolingualen), in den Beispielen, in den Erklärungen. 33 5.2 Die Entwicklung von Buchstaben-Schriftsystemen als Strategie kolonialer Linguistik Der Gebrauch der indigenen (bzw. einiger ausgewählter) Sprachen zur Missio‐ nierung, ihre Beschreibung zur Lehre an Missionare und die dazu gewählte Form von Grammatiken und Wörterbüchern sowie die Abfassung religiöser Texte in diesen Sprachen machte es nötig, ein Schriftsystem für diese zu entwi‐ ckeln. Es gab in Mexiko indigene pikto- und ideographische Schriftsysteme (teilweise auf dem Wege zu einer Silbennotation), aber diese taugten nicht für die Missionare als Rezipienten. Deshalb wählte man die in Europa vorhan‐ dene Buchstabenschrift in ihrer Laut-Graphem-Relation des Spanischen bzw. des Portugiesischen. Voraussetzung für diese Entwicklung war natürlich eine vorgängige Analyse des Lautsystems der jeweiligen indigenen Sprache. Hier konnten die Missionarslinguisten durchaus auch Laute und ihre phonologische Funktion erkennen, die es nicht im Spanischen oder Portugiesischen gab (wie etwa den Glottalverschluss, phonologisch relevante Tonhöhen, im Spanischen nicht bekannte Nasalvokale u. a). Obwohl die Buchstabenschrift zweifellos große Vorteile aufweist, war nicht das der Grund für die Wahl, sondern es war der koloniale Zweck, nämlich die eigene Verwendung der Missionarslin‐ guisten und die Lesbarkeit durch andere Missionare. Einzelne Versuche auch Bilderschriften einzusetzen, wie die von Jacobo de Testero entwickelte, aber nicht auf der aztekischen oder mixtekischen basierend, blieben marginal. Kolonialromania: Auswirkungen des Kolonialismus … 35 <?page no="36"?> 34 Dennoch blieben solche Notationssysteme vereinzelt noch in Gebrauch z. B. für Territorialfestlegungen. 35 Cf. López-Austin (1974). Gleichzeitig hat die Einführung der Buchstabenschrift als Konkurrenz zu den indigenen Schriftsystemen deren Gebrauch und potentielle Weiterentwicklung überflüssig gemacht 34 und somit eine kulturelle Leistung abgebrochen (cf. Mignolo 1992). 5.3 Die Entwicklung von Feldforschungsmethoden Die koloniale Situation brachte die (religiösen und weltlichen) kolonisierenden Sprachforscher bei der Beschreibung der indigenen Sprachen in eine neuartige Situation. Es sollten Sprachen beschrieben werden, die man selbst nicht sprach, die keine lesbaren schriftlichen Zeugnisse, geschweige denn Sprachbeschrei‐ bungen hervorgebracht hatten. Um diese Sprachen zu beschreiben, haben die Missionarslinguisten in der Neuen Welt neuartige empirische Methoden erfunden. Die Missionarslinguisten entwickelten Methoden der empirischen Elizitation, lange vor denen der US-amerikanischen Strukturalisten im 20. Jahr‐ hundert (die sich übrigens in einer postkolonialen Situation befanden und ebenfalls vor der Aufgabe der Beschreibung ihnen unbekannter indigener Sprachen standen). Leider ohne darüber genauer Auskunft zu geben, haben sie dabei wahrscheinlich ähnliche Analyseverfahren entwickelt. 35 Sie benutzten dazu indigene Waisenkinder, die in Obhut der Missionare genommen wurden und als Informanten dienten. Dies konnte natürlich nur unter Ausnutzung der kolonialen Struktur geschehen. Für ethnolinguistische Beschreibungen (und ethnographische im Allgemeinen) werden Informanten befragt, und in einem Forschungs- und Ausbildungszentrum wie z. B. dem Colegio de Tlatelolco in Mexiko zu Elizitationen und für Übersetzungen, die sicher in Kooperation entstanden, herangezogen. Deren Verdienste werden jedoch nicht mit namentlichen Nennungen honoriert, sondern sie werden allenfalls (wie bei Bernardino de Sahagún im prólogo al libro VI, S. 297) summarisch als „indios entendidos“ genannt. Dieser Verweis dient indes nur zur Bekräftigung der Richtigkeit der Beschreibungen, nicht zur gebührenden Nennung der Verdienste der Mitarbeiter. Das kann als Ausdruck eines kolonial etablierten Statusunterschiedes aufgefasst werden. In den Grammatiken wird die Rolle der Informanten/ Mitarbeiter gar nicht erwähnt. Die Funktion dieser missionarslinguistischen Beschreibungen war keines‐ wegs eine neutrale Beschreibung, sondern sie war ein Instrument der geistigen 36 Klaus Zimmermann <?page no="37"?> 36 Cf. zu den kolonialen Aspekten der Missionarslinguistik auf den Philippinen Sueiro Justel (2002). 37 Das Werk wurde übrigens aus Gründen der religiösen Furcht vor negativen Folgen nicht unmittelbar, sondern erst im 19.-Jahrhundert publiziert. Kolonisierung. 36 Vor dem Druck mussten diese Texte der Zensur der Inquisition vorgelegt und von dieser zugelassen werden, um eventuelle Abweichungen von einer dogmatischen Glaubenslehre zu unterbinden. 5.4 Übersetzungstheorie und -praxis der Missionare Inwieweit man die Übersetzungspraxis der Missionarslinguisten zur Kolonial‐ linguistik zählen möchte, bleibt eine Diskussionsfrage. Auf jeden Fall waren Übersetzungen eng mit der grammatikographischen und lexikographischen Arbeit verbunden. Bei der im Zuge der Kolonisierung entstandenen Sprachensituation musste die Kommunikation teilweise auch durch Übersetzung gewährleistet werden. Die Missionare, deren Missionierungsstrategie im sprachlichen Bereich darin bestand, die Sprachen der indigenen Bevölkerung zu erlernen, waren am besten dazu geeignet, bei Verhandlungen der kolonialen Administration mit den Indigenen als Dolmetscher zu fungieren, was sie auch taten (z. B. Luis de Valdivia in Chile). Sie waren damit auch im weltlichen Rahmen auf der Seite der Kolonialherren aktiv. Die Art der mündlichen Dolmetschformen im weltlichen Rahmen ist uns nicht bekannt. Für die Verfolgung ihres eigenen Zieles der Missionierung griffen sie zu schriftlichen Übersetzungen bzw. Abfassung von Schriften in den indigenen Sprachen. Dazu gehören einerseits die oben behandelten bilingualen Wörter‐ bücher (zunächst zuerst indigene Lemmata und ihre spanische Übersetzung, später auch zusätzlich in entgegengesetztem Format), andererseits die in Spalten nebeneinander gedruckten zweisprachigen Katechismen. Das zweisprachige Format diente dazu, dass der Missionarsgeistliche die indigene Fassung vorlesen und rezipieren und gleichzeitig den Inhalt auf Spanisch kontrollieren konnte. Ein besonderes Werk stellt der Codex Florentinus (bzw. die Historia general de las cosas de Nueva España) aus der Mitte des 16. Jahrhunderts dar. Hier wurden ‒ heute als ethnographisch äußerst wertvoll wahrgenommene ‒ Beschreibungen der aztekischen Kultur und Gesellschaft in Náhuatl (mexica) (von den indigenen Mitarbeitern) erarbeitet und aufgezeichnet und in dem von Bernardino de Sahagún ins Spanische übersetzten und bilingualem Layout in Spalten neben‐ einander präsentiert. 37 Dieses monumentale Oeuvre war natürlich dem Ziel der Missionierung unterworfen (als Wissen, das der Missionar haben musste, um die Kolonialromania: Auswirkungen des Kolonialismus … 37 <?page no="38"?> 38 In Mexiko gefunden wurden ein mehrfach nachgedrucktes Werk zum Náhuatl (Pedro de Arenas), eines zum Mazahua (anonym) und eines zum Huasteco (anonym). Empfängerkultur seiner „christlichen Botschaft“ zu kennen) und entsprechend wurde in den Inhalt zensorisch eingegriffen. Übersetzungsziel war somit nicht Treue gegenüber dem Ausgangstext, sondern ideologische Kontrolle. 5.5 Konversationsführer Obwohl im spanischen und portugiesischen Kolonialreich fast ausschließlich die Missionarslinguistik sprachbeschreibend tätig war, erschöpft sich die Ko‐ loniallinguistik nicht völlig in der Missionarslinguistik. Es gab auch Konver‐ sationsführer (Conversacionarios) von Nichtmissionaren (wenngleich bisher nicht viele gefunden wurden). 38 Sie linguistisch einzuordnen ist nicht ganz evident. Sie haben einerseits einen der zweisprachigen Lexikographie ähnlichen Charakter, andererseits einen Übersetzungsaspekt, da sie nicht nur isolierten Lexemen die Entsprechungen in den anderen Sprachen gegenüberstellen, son‐ dern Syntagmen zum Nachsprechen präsentieren. Geordnet sind sie nicht alphabetisch, sondern nach Sprechsituationen. Für sie wurde ebenfalls ein Layout in einer bilingualen Gegenüberstellung in Spalten gewählt. Wenn man sie mit den lexikographischen Arbeiten der Missionarslinguistik vergleicht, kommt klar zum Vorschein, dass sie die sprachanalytische Durchdringung der Missionarslinguistik bei weitem nicht erreichen. Gegen den Strich gelesen können sie jedoch als eine interessante Quelle zur Erforschung der Kolonialide‐ ologie gelesen werden, da sie höchst aufschlussreiche Modelle für Interaktionen zwischen kolonialem Herr und indigenem Untertan oder Verhandlungspartner darstellen und uns auf der pragmatischen Ebene ein Bild dieser alltäglichen kolonialstrukturierten Interaktion und Machtverhältnisse bieten, bei der die indigene Seite bezeichnenderweise oft keine Sprechakte zugeordnet bekommt. 5.6 Sprachpolitik der Kirche Wenn wir von Missionarslinguistik sprechen, dann betrifft das nicht nur die Beschreibungen der indigenen Sprachen, sondern auch die Sprachpolitik der Missionare. Man kann unterscheiden in Sprachenpolitik und Sprachpolitik. Erstere betrifft Interventionen (direkt oder indirekt) in das Verhältnis der Sprachen untereinander, also deren Erhaltung, Förderung vs. Verdrängung und Benachteiligung, letztere die Intervention in die Struktur einer Sprache, d. h. das, was man auch Sprachplanung nennt, also Eingriffe wie Normierung, Stan‐ 38 Klaus Zimmermann <?page no="39"?> dardisierung und Ausbau. Die Missionare betrieben beides: Einerseits waren ihre Beschreibungen im Sinne eines Arte konzipiert, d. h. einer normativen Vereinheitlichung verpflichtet (cf. Cerrón-Palomino 1997), so dass manche von der Entwicklung einer eigenen Missionarsvarietät dieser Sprachen ausgehen; so für das Guaraní (Melià 1997) und das Náhuatl (Flores Farfán 2013). Und sie veränderten diese Sprachen auch durch Interventionen (deutlich festzustellen in den Ersetzungen religiöser Termini). Andererseits anerkannten sie die indigenen Sprachen als brauchbare Instru‐ mente zum Zwecke der geistigen Kolonisierung, also einem Feld der Sprachen‐ politik. Damit einher ging deren Gebrauch im pastoralen Feld und damit eine implizite Förderung im Gegensatz zur Position der weltlichen Kirche in diesem Zusammenhang. Sie betrieb in der spanischen Kolonialzeit eine Sprachenpolitik des Gebrauchs des Spanischen im Umgang mit den indigenen Menschen (in Brasilien war das etwas anders) und die Auslöschung der indigenen Sprachen. Diese fand ihren klarsten Ausdruck in dem Pastoralbrief des Erzbischofs von Mexico-Stadt von 1773 an den spanischen König, worin er das Verbot der indigenen Sprachen und deren Auslöschung vorschlug (was der König dann auch per Cédula Real verordnete). Die Rolle der Kirche ist also bei gleicher Zielsetzung in den Mitteln zur Erreichung durchaus differenziert zu sehen mit geradezu konträren Konsequenzen für Gebrauch und Überleben der Sprachen (cf. Heath 1972). Missionare und die weltliche Kirche haben einen massiven Einfluss auf die koloniale Sprachenpolitik der Krone genommen, in ihrer Behandlung der indigenen Sprachen selbst und mit ihren Vorschlägen für sprachenpolitische Maßnahmen. Im Bereich der Sprachenpolitik der parallel ablaufenden Lehre des Spanischen (castellanización) im religiösen Kontext der indigenen Völker sind auch Sprach‐ lehrwerke (sogenannte cartillas) zu sehen (Bravo Ahuja 1977). Hier wurden fremdsprachendidaktische Überlegungen und Praktiken entwickelt, die an sich schon kolonial begründet sind, aber auch inhaltlich auf enthaltene koloniale Ideologie untersucht werden können. 6 Das kolonialistische Denken bezüglich Sprache Ein zentraler Aspekt der Erforschung des Kolonialen im Bereich Sprache und Sprachwissenschaft betrifft die kolonialistische Einstellung zu den Sprachen, Sprechern, der sprachlichen Verfasstheit des kolonialen Gebietes in der Sprach‐ wissenschaft der Zeit, soweit eine solche existiert hat, sowie des neokolonialen Denkens in der Zeit nach den Unabhängigkeiten (postkoloniale Zeit). Diese Kolonialromania: Auswirkungen des Kolonialismus … 39 <?page no="40"?> 39 Um Missverständnissen vorzubeugen: Bei der Kritischen Diskursanalyse geht es um eine analytische Methode, die, vereinfacht ausgedrückt, die Ideologie in Texten heraus‐ arbeiten will. Das impliziert sowohl strukturelle als auch semantische Aspekte von Texten. Die Methoden sind deskriptiv, aber der Gegenstand Ideologie und hier koloniale Ideologie ist natürlich nicht wertfrei, sondern befasst sich mit einem schlimmen Handlungsfeld der Geschichte, das viel Leid und unermessliche Konsequenzen für den Zustand vieler Völker verursacht hat. Kolonialideologie hat sich nicht nur im Bereich Sprache ausgeprägt, sondern auch in anderen Lebensbereichen. Hier gilt es jedoch die Auswirkungen im Be‐ reich Sprache und mittels Sprache herauszufinden. Dieses Denken findet sich in quasiethnographischen, geschichtlichen und missionstheoretischen Traktaten jener Zeit, die eine reiche Quelle der kolonialen Terminologie und Semantik der Bezeichnungen der sozialen Struktur bieten. Wohlbekannt ist die Terminologie des Kastensystems der „Rassen“-Mischung (criollos, mestizos, mulatos, zambos etc.) (cf. Mörner 1967). Aber auch in den Kollokationen, Handlungsgeboten und -verboten kommen die kolonialen Verhältnisse zum Ausdruck. Auch müssen Privatbriefe als Quelle ausgewertet werden, wie sie etwa von dem deutschen Historiker Enrique Otte (1966; 1988) erstmalig als Forschungsobjekt - freilich für andere Ziele ‒ eingeführt wurden. In den Archiven finden sich unzählige Dokumente ähnlichen Typs aus jener Zeit. Um dieses koloniale Denken be‐ züglich Sprachen einerseits und sprachlichen Handelns in einer kolonialen Pragmatik andererseits dingfest zu machen, bedarf es des Einsatzes der Methode der kritischen Diskursanalyse. Dieser kommt eine ganz zentrale Rolle bei der Feststellung des kolonialen Denkens zu. 39 Das Feld der Analysen hinsichtlich der kolonialen Sprachideologie ist enorm. Und natürlich auch des neokolonialen Denkens bis in die heutige Zeit, das Anibal Quijano (1992; 2000) in dem Begriff Kolonialität gefasst hat. Ein evidenter Fall ist die Diskriminierung der indigenen und kreolischen Sprachen und der Kampf um die Würde und Anerkennung im Bildungswesen bis in die aktuelle Gegenwart. 7 Dekolonisierung als Aufgabe der heutigen Sprachwissenschaft Die Aufgaben einer engagierten Forschung des Zusammenhangs von Sprache und Kolonialismus darf aber nicht bei der Sichtung des kolonialen Erbes stehen bleiben. Sie erfordert auch die Einbeziehung der heutigen Sprachenpolitik. Wenn das Fazit des kolonialen Erbes ergibt, dass hier ‒ nach heutiger Vorstellung ‒ gegen Menschen- und Sprachenrechte verstoßen wurde, muss die romanisti‐ sche Sprachwissenschaft, die ja die Wissenschaft der Sprachen der Profiteure 40 Klaus Zimmermann <?page no="41"?> der kolonialen Sprachenpolitik ist, ihren analytischen Bereich überschreiten und aktiv im Sinne einer dekolonisierenden Sprachenpolitik werden. Dazu gehört, dass sie die Manifestationen kolonialen Denkens in der Sprache aufspürt und sich von ihnen abwendet. Eine Fortsetzung des Kolonialismus war ja in postkolonialer Zeit bis heute die Ideologie des Monozentrismus unter dem Vorzeichen, die Einheit der exkolonialen Sprache zu wahren. Durch Eroberung wird die jeweilige romanische Sprache verbreitet, entwickelt sich notwendi‐ gerweise in den einzelnen Gebieten anders und kreiert neue Varietäten. Die Akzeptanz der Plurizentrik ist ein Schritt des Beitrages der Sprachwissenschaft zu ihrer eigenen Dekolonisierung. Bei der Mobilisierung für die Gewährung der Sprachenrechte muss sie die indigenen Völker unterstützen, was ihren engeren Fachrahmen erweitert. Es wäre ein angewandter Teil unserer Wissenschaft im Verbund mit anderen Wissenschaften. Zuallererst muss sie sich politisch mit den Bestrebungen der Anerkennung der Rechte der indigenen Sprachen solidarisch zeigen und alles unterlassen, was diese Rechte schmälert. Darüber hinaus könnte sie auch z. B. beim Ausbau der indigenen Sprachen, bei der Spracherziehung einen Beitrag leisten. Sie muss die schulische Aufwertung und Vermittlung der indigenen Sprache im Sinne einer interkulturell-bilingualen Ausrichtung unterstützen und sich nicht im Sinne der Selbstbeschränkung auf die romanische Sprache zurückziehen. Sie kann besonders auch einen Beitrag leisten bei der Art der Vermittlung der spanischen, portugiesischen und französischen Sprache an die indigenen (oder kreolsprachigen) Schüler und Schülerinnen. Diese muss nämlich so gestaltet werden, dass kein Minderwertigkeitsgefühl hinsichtlich der indigenen Sprache bei deren Sprechern und Sprecherinnen entsteht. Häufig läuft der Sprachunterricht (auch wenn er bilingual genannt wird) auf eine neokoloniale Fetischisierung der vermeintlich höherwertigen Struktur der jeweiligen landesweiten Verkehrsspra‐ chen Spanisch, Portugiesisch und Französisch hinaus. Eine derart diglossische Attitüde muss verhindert bzw. abgebaut werden, sowohl bei der hispanophonen, lusophonen und frankophonen Bevölkerung als auch bei den Indigenen selbst. Es ist eine besondere, Sprachenrechte und Sprachenwürde achtende Sprachdidaktik für diese postkoloniale Lehr- und Lernsituation der indigenen und der hispanobzw. luso- und frankophonen Bevölkerung zu entwickeln. Hier sieht man, dass die sprachenorientierte Romanistik, in deren Geschichte Sprachkontakte eine fundamentale Rolle spielten, wegen der Unkenntnis der damaligen indigenen Sprachen diese nur peripher zum Kompetenzbereich zählen konnte. Bei der zweiten Romanisierung ist das vielfach anders. Diese Sprachen sind hinlänglich beschrieben und die Romanisten, die sich in diesem Gebiet betä‐ tigen wollen, sind aufgefordert, sich diese Kenntnisse anzueignen. Hier sieht man, Kolonialromania: Auswirkungen des Kolonialismus … 41 <?page no="42"?> 40 Lope Blanch (1969) hat diese Ausrichtung in einer neokolonialen Attitüde noch 2003 als einen gravierenden Fehler genannt (in einer Anhörung zur Evaluation der Sprachwissen‐ schaft im Colegio de México, bei der der Autor anwesend war). dass auch die Trennung in romanistische und indigenistische Sprachwissenschaft selbst ein koloniales Erbe darstellt. In einigen postkolonialen Ländern hat man daraus die Konsequenz gezogen und bietet seit geraumer Zeit Studiengänge an, die dem entgegenwirken, indem sie an die Erforschung der romanischen und indigenen Sprachen integrierend heranführen (wie z.-B. das Colegio de México 40 oder Forscher in Kolumbien, Chile, Peru und auch vereinzelt Spanien). 8 Der Platz des Kolonialismus im sprachwissenschaftlichen Curriculum der Romanistik in den deutschsprachigen Ländern Einen letzten Aspekt möchte ich noch nennen, der zu diskutieren ist. Im deutschen Lehramt- und Masterstudium müssen die Studierenden ja mindestens zwei Fächer belegen. In den sprachlichen Fächern gehören neben den sprachwis‐ senschaftlichen auch die literaturwissenschaftlichen, landeswissenschaftlichen und fremdsprachendidaktischen Anteile zum Studium. Es ist also zu fragen, welchen Anteil die Komponente des Kolonialismus im Curriculum einnehmen soll und kann. Wahrscheinlich kann diese nicht als zusätzliche Komponente eingebracht werden, sondern sie muss in die gültigen Inhalte integriert werden. Voraussetzung hierfür ist freilich, dass den nicht-europäischen Gebieten in Amerika, Afrika und Asien genügend Raum gegeben wird. Eine Beschränkung auf die „alte“ Romania ist sicher nicht mit diesen Zielen vereinbar. Immerhin kann der Problembereich Kolonialismus im Zusammenhang mit den genannten Teilstudienbereichen eingebracht werden, in denen kolonialrelevante Diskurse vorhanden sind. 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La lingüística, en particular, sigue estando impregnada de prácticas, teorías y terminologías eurocéntricas, cuya aplicación ha llegado a sus límites, especialmente en contextos poscoloniales, multilingües y dinámicos, lo cual hace necesario un replanteamiento académico. En este sentido, esta contribución pretende estimular la reflexión crítica mediante un análisis contrastivo de las actitudes y las descripciones lingüísticas en dos contextos del mundo hispanohablante: Guinea Ecuatorial y México. El estudio se focaliza en el español, así como en otras lenguas habladas en estos dos países, y termina con una reflexión sobre una reorientación posible de la lingüística y las implicaciones prácticas y metodológicas. Palabras clave: español, Guinea Ecuatorial, México, eurocentrismo, (de)colo‐ nialidad, actitudes lingüísticas, ideologías lingüísticas, contacto lingüístico Abstract A main intention of postcolonial and decolonial research approaches is the critical revision of the colonial legacy and its effects on academic <?page no="52"?> disciplines shaped by Western perspectives and norms. Linguistics, in particular, remains steeped in Eurocentric practices, theories and termi‐ nologies, the application of which has reached its limits, especially in postcolonial, multilingual and dynamic contexts, requiring an academic rethinking. This contribution aims to stimulate such reflection through a contrastive analysis of language attitudes and descriptions in two contexts of the Spanish-speaking world: Equatorial Guinea and Mexico. The focus is on Spanish, as well as on other languages spoken in these two countries. The article ends with a reflection on the possibilities of a reorientation of linguistics and the practical and methodological implications. Keywords: Spanish, Equatorial Guinea, Mexico, eurocentrism, (de)colo‐ niality, linguistic attitudes, linguistic ideologies, language contact 1 Einleitung Die Beschäftigung mit dem kolonialen Vermächtnis und seinen Auswirkungen auf die von europäischen Sichtweisen und Standards geprägten wissenschaftli‐ chen Fachdisziplinen stellt einen zentralen Gegenstand post- und dekolonialer Forschungsansätze dar (cf. für Lateinamerika u.-a. Quijano 1992; Quijano 2007; Mignolo 2007; für Afrika u. a. Ndlovu-Gatsheni 2020; Ndlovu-Gatsheni 2023). Zu diesen zählen in der Linguistik auch die Missionarslinguistik und die kritische Auseinandersetzung mit ihren Ergebnissen (cf. Zimmermann 2016) sowie die jüngere Forschungsrichtung der sog. Raciolinguistics (cf. Alim/ Rickford/ Ball 2016; Alim/ Reyes/ Kroskrity 2020). Wegweisend ist in diesem Kontext die Auseinandersetzung mit Sprachideologien (cf. Schieffelin/ Woolard/ Kroskrity 1998; Irvine/ Gal 2000; Kroskrity 2000; Gal/ Irvine 2019), die in den letzten Jahrzehnten auch in Deutschland verstärkt in den Fokus romanistischer (cf. u. a. Jansen 2015; Morgenthaler García/ Chinellato 2023), germanistischer (vor allem diskurslinguistischer, cf. Spitzmüller 2013) und afrikanistischer Forschung (cf. Storch 2016; Lüpke/ Storch 2013) gerückt ist. Auf übergeordneter Ebene wird das von europäischen Standards geleitete Wissenschaftssystem als Ganzes in Frage gestellt. So konstatierte jüngst Ndlovu-Gatsheni (2023, 172) in einem Gastbeitrag bei Forschung & Lehre: Universitäten stellen Gelehrtenrepubliken dar, in deren Mitte zurzeit eine epistemi‐ sche Unruhe zu verspüren ist. Die Wissenskonstitution selbst, ihre Verfahren und Standards, werden in Frage gestellt. […] Auf der einen Seite stehen konservative Wissenschaftler und Intellektuelle, die an eurozentrischen Wissenskonzepten fest‐ halten und davon ausgehen, dass ihre Forschung, Lehre und Veröffentlichungen vom 52 Katrin Pfadenhauer, Sandra Schlumpf <?page no="53"?> Geist der Wissenschaftlichkeit getragen werden. Ihnen gegenüber stehen diejenigen, die Fragen der Wissenspolitik und -soziologie ernst nehmen und sich dekoloniale Wissensvorstellungen zu eigen gemacht haben. (Ndlovu-Gatsheni 2023, 172) Auch wenn die in dem Zitat vorgenommene Einteilung in zwei voneinander getrennte Lager sicherlich differenzierter zu betrachten ist, bringt sie doch zum Ausdruck, dass (oft verdeckte) koloniale Denkmuster und Praktiken in der Wissenschaft bis heute ein omnipräsentes Phänomen darstellen. Trotz des offensichtlichen Bewusstseins für diese Problematik geht der Prozess des Um‐ denkens, zum Beispiel mit Blick auf etablierte, aber oft nicht unproblematische Konzepte und Terminologien, nur schleppend voran. An dieser Stelle möchte der vorliegende Beitrag ansetzen und aus sprachwissenschaftlicher Perspektive zum Überdenken der aktuellen Situation anregen. Zentrales Ziel ist es, anhand ausgewählter Kontexte eurozentrische Praktiken, die die Sprachwissenschaft bis heute entscheidend mitprägen, aufzudecken und neu zu diskutieren. Exem‐ plarisch geschieht dies anhand einer kontrastiven Analyse von Sprachhaltungen und Sprachbeschreibungen in Äquatorialguinea und Mexiko. Dabei werden zwei Ebenen fokussiert: die der Sprecher: innen selbst und die der Sprachwis‐ senschaft. Der Beitrag endet mit einer Reflexion über mögliche Formen der Weiterentwicklung und Neuorientierung der Disziplin und Implikationen für die Forschung. 2 Sprache, Dialekt und Sprachideologien 2.1 Theoretische Vorüberlegungen Ein zentraler Ausgangspunkt postkolonialer Perspektiven auf Sprache besteht in der Prämisse, dass jede Kategorisierung sprachlicher Phänomene sprachide‐ ologisch motiviert ist. Sprachideologien sind dabei in der klassischen Definition von Silverstein (1979, 193) zu verstehen als „[…] any sets of beliefs about language articulated by the users as a rationalization or justification of perceived language structure and use.“ Irvine/ Gal (2000, 35) stellen in ihrem für die weitere Sprachideologieforschung wichtigen Beitrag fest: A language is simply a dialect that has an army and a navy - so goes a well-known saying in linguistics. Although only semiserious, this dictum recognizes an important truth: The significance of linguistic differentiation is embedded in the politics of a region and its observers. Just as having an army presupposes some outside force, some real or putative opposition to be faced, so does identifying a language presuppose a boundary or opposition to other languages with which it contrasts in some larger sociolinguistic field. (Irvine/ Gal 2000, 35) (Neo-)Koloniale Sprachbeschreibung 53 <?page no="54"?> Gleichzeitig sind es die in der Gesellschaft verankerten Sprachideologien, die die Ansichten der Sprecher: innen über ihre eigenen sprachlichen Kompetenzen und Praktiken sowie die der externen Beobachter: innen prägen. Zu letzteren zählen neben politischen Akteur: innen auch Wissenschaftler: innen wie Linguist: innen und Ethnograph: innen, die eine zentrale Rolle in der Zuordnung bestimmter sprachlicher Kategorien zu ihren Sprecher: innen übernehmen: Participants’ ideologies about language locate linguistic phenomena as part of, and evidence for, what they believe to be systematic behavioral, aesthetic, affective, and moral contrasts among the social groups indexed. That is, people have, and act in relation to, ideologically constructed representations of linguistic differences. In these ideological constructions, indexical relationships become the ground on which other sign relationships are built. (Irvine/ Gal 2000, 37) Der Zuordnung sprachlicher Phänomene zu bestimmten Kategorien liegen, in Abhängigkeit von der Perspektive der Betrachter: innen, unterschiedliche Kriterien zugrunde. Mit Blick auf die Einteilung in Sprachen und Dialekte ist die Verwendung der Termini im alltäglichen Sprachgebrauch von den in der Soziolinguistik üblichen abzugrenzen. Hierauf wird auch in klassischen Einführungswerken in die Soziolinguistik hingewiesen: In the everyday use of the term, ‚language‘ is usually used to mean both the superordinate category and the standardized variety; dialects are nonstandard and subordinate to languages. Sociolinguists view this issue somewhat differently; every variety is a dialect, including the standardized variety, and the reason we see some varieties as dialects of the same language is based on sociopolitical, not linguistic, criteria. (Wardhaugh/ Fuller 2021, 27) Auch wenn in diesem Zitat nicht explizit die zugrunde liegenden konzeptuellen, sprachideologischen Schemata genannt werden, kommt zum Ausdruck, dass für die Unterscheidung von Sprache und Dialekt vorrangig politische und kulturelle Faktoren ausschlaggebend sind (cf. Trudgill 2000, 4). Somit ist die Verwendung dieser Termini auch im öffentlichen Diskurs eng an ein bestimmtes soziopolitisches Interesse geknüpft. Deutlich wird auch, dass das Konzept des Dialekts in der Sprachwissenschaft in keiner Weise negativ konnotiert ist. In der romanistischen Forschung bezieht es sich vorrangig auf die diatopischen Varietäten einer Sprache, die im Varietätenraum die unterste Ebene der Varie‐ tätenkette darstellen (cf. Koch/ Oesterreicher 2011, 17). In laienlinguistischen Sprachthematisierungen hingegen besteht eine ausgeprägte Tendenz, jegliche Abweichung von der vornehmlich schriftsprachlichen Norm als Fehler zu analysieren, die mit einem Mangel an Bildung und Intelligenz in Verbindung 54 Katrin Pfadenhauer, Sandra Schlumpf <?page no="55"?> gebracht werden (cf. Neuland 1996, 115). Angestrebt wird die Bewahrung einer ‚korrekten‘ Sprache, nicht sprachliche Vielfalt (cf. Pfadenhauer 2017), was wiederum sprachliche Hierarchien und Machtverhältnisse zwischen Varietäten, Sprecher: innen und Sprachgemeinschaften widerspiegelt (cf. Moustaoui Sghir 2016, 56). In postkolonialen Kontexten bleibt der Begriff der Sprache eng verknüpft mit den europäischen Sprachen der Kolonialmächte, die gleichzeitig ‚Zivilisation‘ verkörpern (cf. Calvet 2005, 68-69, 98; Creus 2007, 41; Wolff 2018, 920). Dies ist sowohl in weiten Teilen Afrikas als auch in Lateinamerika zu beobachten. Die lokalen Sprachen werden als Dialekte degradiert, wobei der Terminus die abschätzige Haltung gegenüber den lokalen, ‚unzivilisierten‘ Kulturen und Bräuchen transportiert. Somit stehen den real languages der Kolonialherren die expressive tools der kolonisierten Bevölkerung gegenüber (cf. Veronelli 2015, 119; Woolard/ Schieffelin 1994, 93). Noch heute dienen in vielen Ländern ehemalige Kolonialsprachen als offizi‐ elle Landessprachen, während autochthone Sprachen für informelle, familiäre und kulturelle Gebrauchskontexte reserviert sind. Mufwene (2020, 296) spricht in diesem Kontext von „the typical asymmetrical relation between indigenous languages and those of the colonizers in the global South; the latter are valued more highly both at home and in the metropole, reflecting colonial social subordination.“ Dieses Vermächtnis der Kolonialität im Sinne von Mignolo (2007) und Quijano (1992; 2007) bezeichnet Veronelli (2015; 2016; 2019) als „Kolonialität der Sprache“ (coloniality of language, colonialidad del lenguaje). Dabei geht es darum, aus kritisch-dekolonialer Perspektive zu reflektieren, wie sich die kolonialen Machtstrukturen auf Sprachen und ihre Wahrnehmung ausgewirkt haben und auch in neokolonialer Zeit weiterhin auswirken (cf. Veronelli 2015, 117; Veronelli 2016, 45-46; Quijano 1992, 16). Diese Hierarchisierung und Dichotomie zwischen Dialekten und Sprachen ist nicht nur ein konzeptuelles Problem und kann auch nicht einfach durch die terminologische Aufwertung von Dialekten zu Sprachen gelöst werden, was le‐ diglich einer Einpassung außereuropäischer Realitäten in europäische Theorien und Strukturen gleichkäme (cf. die grundlegende Kritik am Konzept Sprache in Ansätzen zu Mehrsprachigkeit, z. B. bei Sánchez Moreano/ Blestel 2021). Vielmehr zeigt diese Problematik, dass die Semantik der zwei Begriffe historisch und geographisch stark variieren kann und sich nicht auf der Grundlage rein linguistischer Kriterien begründen lässt, sondern kontextbedingt interpretiert werden muss. Zweifellos ist keine Bezeichnung für Sprachen und Sprachvarietäten neu‐ tral: „Acts of naming linguistic varieties are never neutral but are always (Neo-)Koloniale Sprachbeschreibung 55 <?page no="56"?> dependent on and contribute to their representation and to the representation of the speakers involved“ (Léglise/ Migge 2006, 335). In diesem Bewusstsein schlägt Benor (2010, 172) für die Erfassung ethnolinguistischer Repertoires den Rückgriff auf eine unmarkierte Norm lediglich als „descriptive and theoretical necessity, an instance of what we might call ,strategic reification‘, akin to the ,strategic essentialism‘“, vor. Vor diesem Hintergrund ist die sprachliche Norm als Bezugspunkt lediglich als methodologisches Mittel zum Zweck zu sehen. 2.2 Sprache und Norm in Äquatorialguinea und Mexiko Im Fall von Äquatorialguinea kann festgehalten werden, dass hier (noch) nicht von einer eigenen Norm gesprochen werden kann. Nordspanien dient seit der Kolonialzeit als Referenzpunkt. Dieses Spanisch bzw. Kastilisch spiegelt den ‚korrekten‘, ‚guten‘ Sprachgebrauch wider: „[la norma] es o era la variante septentrional y central del español peninsular“ (Bibang Oyee/ Larre Muñoz 2020, 189). Verkörpert wird dieses Normverständnis von der 2013 gegründeten AEGLE-Academia Ecuatoguineana de la Lengua Española, durch das Spanisch geprägte Schulsystem sowie von den gebildeten Gesellschaftsschichten sowohl im Land selber wie auch in der Diaspora. So sind in Äquatorialguinea sprach‐ politisch motivierte Plakate der AEGLE ein fester Bestandteil der Sprachland‐ schaft in der Hauptstadt Malabo und in Bata, der größten Stadt des Landes. Darauf wird auf den angeblich von einer sprachlichen Norm abweichenden Gebrauch des Spanischen aufmerksam gemacht. Insbesondere auf das Beachten orthographischer Regeln auf öffentlichen Schildern wird anhand verschiedener Beispiele hingewiesen, wobei diese teilweise gar nicht auf orthographische Aspekte, sondern auf Variation in der Morphologie anspielen (siehe Abb. 1- 3). Diese Plakataktion zeigt anschaulich die sprachideologisch konservative Haltung der Akademie gegenüber Fragen der sprachlichen Normativität (cf. Doppelbauer/ Schlumpf 2023). 56 Katrin Pfadenhauer, Sandra Schlumpf <?page no="57"?> Abb. 1: Sprachpolitisches Plakat der AEGLE in Malabo (Foto: Schlumpf 2019) Abb. 2-3: Sprachpolitische Plakate der AEGLE in Bata (Fotos: Schlumpf 2022) Anders gestaltet sich der Fall von Mexiko, wo es eine anerkannte, als prestige‐ trächtig wahrgenommene, mexikanische Norm des Spanischen gibt, die z. B. auf der Ebene des Lexikons im Diccionario del español de México (DEM) fixiert ist. Darüber hinaus ist die Academia Mexicana de la Lengua, ebenso wie die AEGLE, Teil der Asociación de Academias de la Lengua Española. Angesichts (Neo-)Koloniale Sprachbeschreibung 57 <?page no="58"?> der Sprachenvielfalt, die bis heute die Sprachlandschaft verschiedener Teile des Landes prägt, ist die Tatsache bemerkenswert, dass Lengua im Namen der Akademie nahezu selbstverständlich auf das Spanische referiert und es keiner weiteren Spezifizierung bedarf. Der Normbegriff in Mexiko ist eng mit dem Konzept der habla culta verknüpft, die der habla popular gegenübersteht. Die habla culta definiert Moreno de Alba (1992, 9) folgendermaßen: En un contexto sociolingüístico un hablante culto no es sólo el erudito o el intelectual sino cualquiera que recibió educación, que tiene el hábito de la lectura, que suele trabajar más con el cerebro que con las manos etc. La suma de las hablas de estas personas “cultas” da como resultado la norma culta. Si se suman las hablas cultas de la ciudad de México, se obtendría la norma culta de esa ciudad, que en algunos aspectos (léxicos, sobre todo) no es idéntica a la norma culta de otra ciudad (Buenos Aires o Madrid, sea por caso). (Moreno de Alba 1992, 9) In der Definition spiegelt sich deutlich eine konservative Orientierung des Normbegriffs an der Schriftsprache wider. Im Fall von Mexiko ist diese Re‐ duktion besonders problematisch, weil sie einen Großteil der mexikanischen Bevölkerung ausschließt und die in der Geschichte des Landes angelegte Mehrsprachigkeit sowie die daraus resultierenden sprachlichen Phänomene ausgeblendet werden (cf. Pfadenhauer 2017). Wie in Äquatorialguinea wird diese normative Sicht auf Sprache geprägt durch das nationale Schul- und Bil‐ dungssystem, die Aktivitäten der Sprachakademie, aber auch durch einschlägige Werbung im öffentlichen Raum. Ein Beispiel für diese Art der Kritik an der habla popular sind die Werbeplakate der Buchhandelskette Gandhi in Mexiko. Hier lesen wir Botschaften, die Aspekte der Orthographie in den Fokus nehmen (siehe Abb. 4 und 5), aber auch solche, die Phänomene der gesprochenen Sprache anprangern (siehe Abb. 6). 58 Katrin Pfadenhauer, Sandra Schlumpf <?page no="59"?> 2 Abb. 4: https: / / mx.pinterest.com/ pin/ 204562008045116801/ (30.10.2024); Abb. 5: https: / / mx.pinterest.com/ pin/ 11047961578102543/ (30.10.2024). 3 Abb. 6: https: / / www.pinterest.com.mx/ pin/ 484911084851308108/ (30.10.2024). Abb. 4-5: Werbeplakate der Buchhandelskette Gandhi in Mexiko 2 Abb. 6: Werbeplakate der Buchhandelskette Gandhi in Mexiko 3 Zusammenfassend kann an dieser Stelle festgehalten werden, dass der Anspruch an einen ‚korrekten‘ Sprachgebrauch in beiden Ländern im öffentlichen Raum omnipräsent ist. Somit ist es nicht überraschend, dass dieser sich auch in den Haltungen der Sprecher: innen gegenüber ihren eigenen Repertoires und deren Beschreibungen widerspiegelt. (Neo-)Koloniale Sprachbeschreibung 59 <?page no="60"?> 4 Zur Problematik des Konzepts der Muttersprache siehe u. a. Skutnabb-Kangas/ Phil‐ lipson (1989) und Bonfiglio (2010). 3 Sprachhaltungen und Sprachbeschreibung in Äquatorialguinea und Mexiko Im Folgenden werden die Sprachhaltungen und Sprachbeschreibungen anhand der gewählten Fallbeispiele aus dem hispanophonen Afrika und Lateinamerika kontrastiv gegenübergestellt. Zunächst erfolgt eine Verortung im jeweiligen Kontext. Anschließend stehen die Sprecher: innen mit ihren Haltungen zu ihrer Muttersprache 4 (lengua materna) und zum Spanischen im Mittelpunkt. 3.1 Äquatorialguinea 3.1.1 Kontextualisierung Mit Ausnahme der konfliktbehafteten Westsahara, deren Entkolonisierung bis anhin nicht vollständig abgeschlossen ist (cf. Morgenthaler García 2016), ist Äquatorialguinea heute das einzige spanischsprachige Land auf dem afrikani‐ schen Kontinent. Mit einer Größe von gut 28.000 km 2 ist es eines der kleinsten Länder Afrikas; die Besiedlungsdichte ist mit ca. 1.9 Millionen Einwohner: innen gering. Gleichzeitig charakterisiert sich das Land durch seine fragmentierte Geographie, unterteilt in einen kontinentalen Landesteil (Río Muni) und meh‐ rere, zum Teil viele Kilometer vom Festland entfernt liegende, Inseln (die Hauptinsel ist Bioko mit der Hauptstadt Malabo, die weiteren Inseln sind Annobón, Elobey Grande, Elobey Chico und Corisco). Äquatorialguinea kam 1778 im Rahmen des Vertrags von El Pardo zwischen Spanien und Portugal in spanischen Besitz. Der Kolonisierungsprozess durch Spanien setzte jedoch erst knapp 100 Jahre später ein, dauerte bis weit ins 20. Jahrhundert hinein und war in weiten Teilen des Gebietes wenig intensiv. Es handelte sich um eine exportorientierte Kolonie mit Schwerpunkt auf den Pro‐ dukten Kakao, Kaffee und Holz. Am 12. Oktober 1968 wurde Äquatorialguinea eine unabhängige Republik. Was darauf folgte, war jedoch eine der brutalsten Diktaturen Afrikas unter der Präsidentschaft von Francisco Macías Nguema Bidyogo (1968-1979). Im Jahr 1979 übernahm ein Neffe von Macías, Teodoro Obiang Nguema Mbasogo, nach einem Staatsstreich die Macht. Seither führt er das Land mit eiserner Hand. Im November 2022 wurde er erneut für weitere sieben Jahre in seinem Amt bestätigt. Mit Blick auf die sprachliche Situation des Landes existiert eine Vielzahl ver‐ schiedener Sprachen nebeneinander, was unterschiedliche Formen individueller und kollektiver Mehrsprachigkeit zur Folge hat (cf. Bolekia Boleká/ Schlumpf 60 Katrin Pfadenhauer, Sandra Schlumpf <?page no="61"?> 5 Für einen detaillierteren Überblick über das Forschungsprojekt und die erhobenen Daten, cf. Schlumpf/ Carreira (2024). im Druck; Schlumpf 2021a, 345-349). Bezüglich ihres offiziellen Status stehen laut Verfassung heute drei europäische Landessprachen (Spanisch, Französisch und Portugiesisch) einer Reihe von lokalen Sprachen gegenüber: „Las lenguas oficiales de la República de Guinea Ecuatorial son el Español, el Francés y las que la Ley determine. Se reconocen las lenguas autóctonas como integrantes de la cultura nacional“ (Gobierno de Guinea Ecuatorial: Ley Fundamental de Guinea Ecuatorial, 16.02.2012, Art. 4°.1). Dazu gehören die Bantusprachen Fang, Bubi, Kombe/ Ndowè, Bisió/ Bujeba, Benga, Balengue und Baseke; das auf der Insel Annobón durch Kontakt mit dem Portugiesischen entstandene Fá d’ambô/ Ambö; das vor allem auf Bioko weit verbreitete Pichi/ Pichinglish sowie weitere lokale Sprachcodes, die das Ergebnis verschiedener Sprachkontaktsituation sind (u.-a. Mangueta und Gueto). Das Fang ist die Sprache der Mehrheitsethnie sowie der politischen Elite seit der Unabhängigkeit Äquatorialguineas. Es wird auch in den zwei Nachbarlän‐ dern Kamerun und Gabun gesprochen. Während sein ursprüngliches Verbrei‐ tungsgebiet in Äquatorialguinea auf das Inland von Río Muni beschränkt war, haben sich die Fang seit 1968 auch in der Küstenregion und insbesondere in der Hauptstadt Malabo - und somit auf der traditionell von den Bubis beheimateten Insel Bioko - angesiedelt. Die politische und gesellschaftliche Dominanz der Fang führte vor allem in den ersten Jahren des unabhängigen Äquatorialguinea zu Spannungen im Land, worunter insbesondere die zweitgrößte ethnische Gruppe, die Bubis, zum Teil bis heute leiden. Das Fang ist die einzige nichtoffizielle Sprache, die in formellen Kontexten (wie politischen Veranstaltungen oder Konversationen auf Ministerien) Anwendung findet. 3.1.2 Datengrundlage Die Datengrundlage, auf die sich die folgenden Ausführungen zu den Sprach‐ haltungen und der Sprachbeschreibung im Kontext Äquatorialguineas stützen, besteht aus soziolinguistischen Leitfadeninterviews, die im Februar und März 2022 während eines Forschungsaufenthaltes im Land als Teil einer breiteren Da‐ tenerhebung durchgeführt wurden. Die Erhebung fand in zwei verschiedenen Landesteilen und sowohl in den zwei grössten Städten des Landes wie auch in kleineren Ortschaften statt: auf der Insel Bioko (in der Hauptstadt Malabo sowie in den Dörfern Rebola, Basupú del Oeste und Batete) und auf dem Festlandteil Río Muni (in Bata sowie in kleineren Städten und Dörfern des Inlandes: Niefang, Aseng, Ebibeyin und Mongomo). 5 Insgesamt konnten 62 (Neo-)Koloniale Sprachbeschreibung 61 <?page no="62"?> 6 Die Transkriptionen wurden mit dem Transkriptionsprogramm EXMARaLDA (https : / / exmaralda.org/ de/ ) mithilfe der folgenden Personen erstellt: Sara Carreira, Miriam Castro Rodríguez, Linda Ente, Peter Manser, Joel Jansen und Johannes Ritter (Univer‐ sität Basel). Bei allen bedanke ich mich herzlich für die große Unterstützung. 7 Die Codes verweisen auf folgende Informationen: Nummer der beteiligten Person, Ort der Befragung, Alter und Geschlecht (M = male, F = female). Leitfadeninterviews mit einer Gesamtdauer von 47 Stunden und 37 Minuten durchgeführt werden. Alle interviewten Personen sind äquatorialguineischer Nationalität und haben den Großteil ihres Lebens in Äquatorialguinea gelebt; dabei maximal 2 Jahre in einem anderen spanischsprachigen Land. Die Vertei‐ lung auf die Geschlechter ist gleichmäßig (32 Frauen und 30 Männer) und es sind sowohl verschiedene ethnische Gruppen (wobei die Fang mit 34 und die Bubis mit 18 Gesprächen die Mehrheit stellen) wie auch unterschiedliche Altersgruppen und Bildungsniveaus vertreten. Alle Gespräche wurden mit einem Aufnahmegerät aufgezeichnet und eine repräsentative Auswahl von 36 Gesprächen liegt in transkribierter Version vor. 6 3.1.3 Haltung der Sprecher: innen zu ihren lenguas maternas In den in Äquatorialguinea geführten Gesprächen ist der Begriff lengua materna der am häufigsten verwendete, um die Sprachen der eigenen ethnischen Gruppe zu bezeichnen. Interessant dabei ist die Tatsache, dass unter diesem Begriff nicht primär die Erstsprache/ L1 der Sprecher: innen verstanden wird. Er wird unab‐ hängig vom Zeitpunkt des Spracherwerbs respektive des sprachlichen Niveaus der einzelnen Personen verwendet; teilweise wird auch von mi lengua materna gesprochen, wenn die entsprechende Person diese Sprache gar nicht spricht. Diese Tatsache weist auf die Problematik hin, dass etablierte Terminologien und Konzepte, die nicht an den spezifischen Kontext einer Untersuchung angepasst werden, zu falschen Interpretationen führen können. In Äquatorialguinea dient der Begriff lengua materna (und oft auch im Plural: las lenguas maternas) dazu, eine positiv konnotierte kulturelle Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gemeinschaft auszudrücken. Die Semantik des Begriffs ist also in diesem Fall nicht in erster Linie individuell (‚eigene Muttersprache im Sinne von L1‘), sondern gemeinschaftlich (‚die Sprache der eigenen ethnischen Gruppe‘). In diesem Sinne ist unumstritten, dass den lenguas maternas in Äquatorialguinea eine zentrale Bedeutung als Teil der Identität von Individuen und ethnischen Gruppen zukommt (siehe Bsp. 1-3 für Bubi, Fang und Ndowè). (1) el bubi ppuedo decir que es la raíz (0.6) porque (0.4) es la lengua materna nuestra lengua (075_Batete70F) 7 62 Katrin Pfadenhauer, Sandra Schlumpf <?page no="63"?> (2) el fang soy yo porque: es mi identidad cultural ((inhalación)) (0.5) eh: (0.4) es mi sangre (078_Malabo32M) (3) para mí es una lengua muy importante y: […] es lo que me ha creado es: lo que soy lo que está en mi sangre (0.9) eh (0.7) es lo que me (0.4) me identifica como guineana si me pregunta “¿eres guineana? ¿qué tipo de? ¿qué guineana de qué: ? ” (0.5) voy a decir que soy ndowè para mí es algo importante (136_Bata20F) Der Begriff dialecto taucht in den Gesprächen weniger häufig auf als erwartet. Wenn er verwendet wird, scheint es aber vorwiegend in negativen Kontexten zu sein, beispielsweise wenn von mezclas zwischen Sprachen und den dialectos die Rede ist, die im Fall des Spanischen negativ interpretiert werden (siehe Bsp. 4), oder wenn von vergüenza gesprochen wird (siehe Bsp. 5). In einzelnen Fällen wird auch von dialectos im Kontrast zum Spanischen (lengua) gesprochen, eine Beobachtung, die auch im Migrationskontext in Spanien gemacht werden konnte (cf. Schlumpf 2021b, 41-44). Die Schlussfolgerung, dass die dialectos in dieser Gegenüberstellung als minderwertig angesehen werden, wäre aber zu kurz gegriffen. Zwar mag dieser hierarchische Unterschied stimmen, wenn vom Sprachgebrauch in öffentlichen und formellen Kontexten die Rede ist (z. B. in der Politik oder im Erziehungswesen, wo klar die Meinung vorherrscht, dass hier das Spanische dominiert), doch handelt es sich ansonsten wohl um eine eher neutrale Unterscheidung: die dialectos als mündliche Sprachen der familiären und informellen Gebrauchskontexte gegenüber dem Spanischen als lengua oficial. (4) hay niños de la etapeh hoy día (0.6) que no pueden dialogar [en español] sin dialecto sin: sin mezclar (077_Malabo77M) (5) incluso hay ciertas etnias […] que: incluso les da vergüenza hablar (1.2) su propia: […] su propio dialecto (192_Malabo36M) Ergänzend ist es interessant, zu erwähnen, dass am Beispiel von Äquatorial‐ guinea beobachtet werden kann, wie Erfahrungen aus der Vergangenheit die Sprachhaltungen gegenüber den lenguas maternas, und diese wiederum den Sprachgebrauch und die Weitergabe der Sprachen an die nächste Generation, be‐ einflussen. Offensichtlich ist im Land eine früher - sowohl in kolonialer Zeit wie auch nach der Unabhängigkeit, wohl nach der Wiedereinführung der Schulen ab den späten 70er Jahren - in allen Landesteilen verbreitete Tradition in der (in‐ dividuellen und kollektiven) Erinnerungskultur prägend, nämlich die Tatsache, dass es in der Schule (und ausgeweitet auch im Dorf/ zu Hause) verboten war, die ethnischen Sprachen zu sprechen; alle mussten Spanisch lernen und verwenden. Wurde eine Person dabei ertappt, Fang, Bubi, Ndowè etc. zu sprechen, wurde sie (Neo-)Koloniale Sprachbeschreibung 63 <?page no="64"?> bestraft und musste sich ein símbolo umhängen. Dieses símbolo bestand aus einer Art Kette mit einem Stein, einem Holzstück, einer Muschel o. ä. Nicht nur die Lehrpersonen übernahmen die Polizeifunktion, sondern auch die Schüler: innen selbst wurden dazu aufgefordert, ihre Kolleg: innen zu überwachen. Gemäß einzelnen Schilderungen konnte das Verraten eines: einer Kollegen: in sogar dazu dienen, das eigene símbolo wieder abgeben zu dürfen. Diese Praktik der gemeinschaftlichen Überwachung beeinflusste die Sprachhaltungen gegenüber den eigenen Sprachen nachhaltig negativ. Hinzu kam, dass diese Personen oft in der Schule benachteiligt waren, da sie bei Schuleintritt kein oder kaum Spanisch sprachen. Dies hat ihre Sprachbiographie stark geprägt und führte auch später auf dem Arbeitsmarkt oft zu Nachteilen. Spanisch symbolisiert für die Generation, die heute etwa 40-50 Jahre alt ist, die Sprache des Erfolgs und der Chancen. Dies führte in vielen Fällen dazu, dass bei der Weitergabe der Sprachen an die nächste Generation das Spanische im Vordergrund stand. Tatsächlich ist zu beobachten, dass die jüngste Generation heute oft keine, nur limitierte oder nur passive Kenntnisse ihrer afrikanischen Sprachen hat. Dies ist bei allen lokalen Sprachen zu beobachten, doch mit erheblichen Unterschieden je nach Region. Besonders im Landesinneren von Río Muni ist der Erhalt des Fang noch sehr stark, und auch das Bubi wird in den Dörfern außerhalb Malabos häufiger gebraucht als in der Hauptstadt. Interessant ist, dass für die Weitergabe vor allem die Generation der Großeltern (vor allem die Großmütter) wichtig zu sein scheint, stärker als die Generation der Eltern (bei denen sich der language shift bereits abzeichnet). Ebenso gibt es einige Beispiele individueller Initiativen und Bemühungen, die eigene lengua materna zu erlernen, unabhängig vom familiären Umfeld. Mit Sicherheit sind das Dorf und die Familie die zwei Kontexte, wo die lokalen Sprachen am vitalsten sind. Somit scheint sich das Bild einer Diglossie zu bestätigen: Die lenguas maternas dominieren in familiären, häuslichen, mündlichen Kommunikationskontexten, während das Spanische in offiziellen Bereichen die absolut dominante Sprache darstellt (Ministerien, Administration, Schule, Medien, Politik usw.). Gleichzeitig können aber auch Nuancen festge‐ stellt werden: Einerseits hat das Spanische längst auch Einzug gehalten in die familiären und umgangssprachlichen Kontexte, insbesondere in der jüngsten Generation, und entwickelt sich auch in immer mehr Fällen zur Erstsprache der Menschen; andererseits stellt das Fang eine Ausnahme dar innerhalb der lokalen Sprachen, da es, bedingt durch die politischen Bedingungen, auch in formellen Kontexten präsent ist. Trotz der allgemeinen Tendenz hin zu einem Rückgang der autochthonen Sprachen bewerten die meisten der interviewten Äquatorialguineer: innen das 64 Katrin Pfadenhauer, Sandra Schlumpf <?page no="65"?> Verschwinden ihrer eigenen Sprachen als sehr negativ (auch wenn dies oft dem eigenen Sprachverhalten widerspricht). Viele junge Menschen berichten, dass sie es versuchen würden, ihre lengua materna an ihre Kinder weiterzugeben; andere wiederum würden das Spanische vorziehen. Tatsächlich stehen im Alltag der Jugendlichen andere Sprachen im Vordergrund, vor allem wenn sie an Ausbildung, Beruf und Zukunft denken, insbesondere Spanisch, Englisch und Französisch. 3.1.4 Haltung der Sprecher: innen zum Spanischen und Normverständnis Bezüglich des Spanischen in Äquatorialguinea gilt zu erinnern, dass diese Sprache alle formellen und öffentlichen Kontexte dominiert. Dies wird in den meisten Fällen positiv bewertet, teilweise aber auch kritisch kommentiert (Bsp. 6). (6) mi punto de vista las lenguas oficiales siempre: (0.4) ((chasquido)) siempre van a van a estar por encima: en nuestras mente: s porque son las lenguas de trabajo ((inhalación)) son las lenguas que nos dan: sueldos ((inhalación)) son las lenguas […] que consideramos conocidas para el mundo internaciona: l […] en nuestras vidas pasa que el que sabe hablar inglés francés y español (0.8) es más estudioso (0.6) que el que habla siete: (0.3) lenguas de aquí (0.6) no tenía que ser así (0.3) pero (0.4) es así ¿por (0.5) qué? dinero (0.5) economía (0.3) hm: (0.3) situación (001_Malabo33M) Innerhalb der äquatorialguineischen Gesellschaft werden große Unterschiede im Spanischen wahrgenommen, unter anderem bezüglich Herkunft und Erst‐ sprache, Stadt-Land, Erwerbskontext und Bildung. Fast durchwegs wird ein Kontrast beschrieben zwischen denjenigen Personen, „que saben castizar“, „los que hablan el verdadero español“, und denjenigen, die Ausdrücke verwenden, „que no son correctas“. Der wichtigste Faktor scheint das Bildungsniveau zu sein: Je mehr eine Person der formellen Bildung (Schule, Weiterbildung, Uni‐ versität) - die in Äquatorialguinea immer auf Spanisch stattfindet - ausgesetzt ist, desto vertrauter ist sie mit der ‚korrekten‘ spanischen Sprache. Aufgrund der großen internen Unterschiede, die im Land sofort festzustellen sind, ist es nicht erstaunlich, dass sich in den Gesprächen sowohl positive wie auch negative Sprachbeschreibungen finden. Grundsätzlich sind die meisten der interviewten Personen der Meinung, dass ihr Spanisch dem in Spanien sehr ähnlich ist. Diese Aussage dient in der Regel dazu, das eigene Spanisch als ‚gutes‘ Spanisch zu beschreiben (Bsp. 7-8). (7) el español que se asemeja al que se habla aquí ((inhalación)) (0.5) es el […] español propio […] de España (0.3) y no de todas las zonas de España […] yo (Neo-)Koloniale Sprachbeschreibung 65 <?page no="66"?> creo que el español que se asemeja al que se habla aquí es el es el propio de Castilla (005_Malabo22M) (8) como he leído en algunos libros creo que somos los único: s que: hablan el español-(0.5) eh: como los mismísimos españoles (133_Bata20M) Wenn nach den Norminstanzen gefragt wird, die in Äquatorialguinea wirken, können mindestens drei unterschieden werden, die allerdings alle zusammen‐ hängen (siehe Bsp. 9-11): Spanien, normative Werke und die Schule (der wiederum das kastilische Spanisch als Normreferenz zugrunde liegt). Dieses monozentrische Normverständnis ist eindeutig am konservativen, nordspani‐ schen Standard orientiert. Folgende Begriffe werden für ein in diesem Sinne ‚gutes‘ Spanisch verwendet: verdadero español, auténtico español, español propio, español limpio. (9) sigue habiendo mucha: (0.7) mucha dependencia […] entendemos que: uno habla: correctamente el español cuando tiene el acento de ahí [= España] (192_Malabo36M) (10) en esos últimos años hasta yo lo critico ((inhalación)) que la gente ya no […] ya no hablan el auténtico español […] - ¿qué es para ti el auténtico español? - ((inhalación)) pronunciar bien las palabras (0.3) ((inhalación)) y: (0.6) tal como llo: lo hay en el diccionario y como nos lo han enseñado (105_Bata62F) (11) hay unos que no han ido a la escuela (1.9) no han asistido no han acalentado bancos-(0.4)-¿cómo va a hablar el español correctamente? (107_Bata47M) Vor diesem Hintergrund erstaunt es nicht, dass die sog. mezclas lingüísticas als ‚negative‘ Einflüsse der lokalen Kontaktsprachen kritisiert werden und dass ‚Abweichungen‘ vom nordspanischen ‚Standard‘ negative Sprachhaltungen hervorrufen (siehe Bsp. 12). Viel weniger häufig ist es, dass die in einer mehrsprachigen Gesellschaft wie der äquatorialguineischen ganz natürlich entstehenden alternierenden Verwendungen verschiedener Sprachen in einem und demselben Diskurs als selbstverständlich angesehen werden. (12) esto es el problema que ha habido en: en del español de Guinea Ecuatorial ((inhalación)) que está mal hablado (0.5) actualmente (0.4) ¿por qué? porque hemos quitado (0.5) y hemos puesto (0.4) nosotros mismos hemos creado otro tipo de (0.3) nuestro español y al y al unificarlo […] ha salido un poquito raro (014_Basupu27F) Wie bereits in Abschnitt 2 erwähnt wurde, entspricht dieses konservative Verständnis von sprachlicher Norm auch demjenigen, welches die äquatorial‐ 66 Katrin Pfadenhauer, Sandra Schlumpf <?page no="67"?> guineische Sprachakademie vertritt und durch die Plakataktion in den großen Städten des Landes für die breite Bevölkerung sichtbar wird. 3.2 Sprachhaltungen und Sprachbeschreibung in Mexiko 3.2.1 Kontextualisierung Mexiko ist statistisch gesehen in der hispanophonen Welt das Land mit den meisten Spanischsprecher: innen (cf. Valadés 2014). Gleichzeitig belegt es, nach Angaben von Ethnologue, den achten Platz der Länder mit der größten sprach‐ lichen Vielfalt. Bereits die enormen Divergenzen bei der Anzahl der in Me‐ xiko gesprochenen Sprachen und den Sprachfamilien, denen diese zugeordnet werden, zeigt die Problematik, die sich bei dem Bestreben der zahlenmäßigen Erfassung sprachlicher Vielfalt ergibt. So werden je nach konsultierter Quelle zwischen fünf (cf. SIL International 2023; Eberhard/ Simons/ Fennig 2023) und elf (cf. INALI 2008) Sprachfamilien oder Sprachstämme aufgeführt. Auch die Zahl der in Mexiko gesprochenen lokalen Sprachen schwankt zwischen 68 nach offiziellen Angaben der mexikanischen Regierung und des INALI und 284 laut Ethnologue (cf. Eberhard/ Simons/ Fennig 2023). Der große Unterschied lässt sich durch divergierende Definitionen von Sprache und Dialekt erklären, ist jedoch vor allem sprachpolitisch und sprachideologisch motiviert. Grundsätzlich ist den Zahlen deshalb mit großer Vorsicht zu begegnen. Eine Besonderheit der Sprachsituation in Mexiko ergibt sich durch den rechtlichen Status des Spanischen und der sog. lenguas indígenas, der in Artikel 4 der Ley General de derechos lingüísticos de los pueblos indígenas verankert ist und in dem Folgendes festgelegt ist: Las lenguas indígenas que se reconozcan en los términos de la presente Ley y el español son lenguas nacionales por su origen histórico y tendrán la misma validez, garantizando en todo momento los derechos humanos a la no discriminación y acceso a la justicia de conformidad con la Constitución Política de los Estados Unidos Mexicanos y los tratados internacionales en la materia de los que el Estado Mexicano sea parte. (Cámara de Diputados de México 2003) Auch wenn das Spanische als einzige Sprache in allen offiziellen Kontexten fungiert, besitzt es nicht den Status der offiziellen Landessprache. Der rechtliche Rahmen, der den lenguas indígenas und ihren Sprecher: innen (zumindest auf dem Papier) Gleichwertigkeit mit dem Spanischen auf allen Ebenen des öffent‐ lichen Lebens zusichert, steht in krassem Gegensatz zur tatsächlichen Realität der autochthonen Bevölkerungsgruppen, die innerhalb der mexikanischen (Neo-)Koloniale Sprachbeschreibung 67 <?page no="68"?> 8 Für eine detaillierte Analyse, cf. Navarrete Linares (2004), dem auch die vorliegende Darstellung folgt. Gesellschaft weitgehend unsichtbar sind und denen der Zugang zu weiten Teilen des gesellschaftlichen Lebens verschlossen bleibt (cf. Pfadenhauer 2025). Um die aktuelle, von Widersprüchen geprägte Sprachsituation des Landes verständlich zu machen, sollen im Folgenden einige zentrale Eckpunkte der Geschichte der interethnischen Beziehungen referiert werden. 8 Das koloniale Kapitel des Landes beginnt mit der Ankunft von Hernán Cortés im Jahr 1519. Zu diesem Zeitpunkt ist das Territorium gekennzeichnet von einer Vielzahl von Sprachen und Bevölkerungsgruppen. Gleichzeitig existiert mit dem Náhuatl eine prähispanische lingua franca als Antwort auf die vorhandene sprachliche Diversität. Das Jahr 1521 geht, dem offiziellen Diskurs folgend, als Jahr der sog. Conquista und der Unterwerfung der Azteken in die Geschichtsbü‐ cher ein. Aus Europa eingeschleppte Krankheiten sowie Zwangsarbeit führen zu einer drastischen Dezimierung der autochthonen Bevölkerung, ihrer Kulturen und Sprachen. Gleichzeitig markieren diese Daten den Beginn eines intensiven Kulturkontakts der lokalen Bevölkerung mit Bevölkerungsgruppen aus Europa und Afrika, deren Ergebnis die sog. mestizaje ist. Am 27. September 1821 erlangt Mexiko nach über einem Jahrzehnt kämpferischer Auseinandersetzung seine Unabhängigkeit, die mit der Konsolidierung Mexikos als Nation mit den mestizos als dominanter Gruppe einhergeht. Diese stellen die Vereinigung von indigener und europäischer Herkunft und somit die „encarnación de la identidad mexicana“ (Navarrete Linares 2004, 10) dar. Die autochthone Bevölkerung wird nun zum Problem des Nationalstaats, dem mit einer massiven Assimilierungs- und Hispanisierungspolitik begegnet wird. Folgt man weiter dem offiziellen, stark vereinfachten, aber omnipräsenten Diskurs, ist Mexiko heute zweigeteilt in ein México mestizo und ein México indio/ indígena. Dem México mestizo gehört mit 90 % der Großteil der Bevölkerung an. Dieser ist spanischsprachig und seine Individuen definieren sich vorrangig als Mexikaner: innen, die einen westlichen und somit als modern wahrgenommenen Lebensstil führen. Ein verschwindend niedriger Anteil der Bevölkerung, der die restlichen 10 % aus‐ macht, konstituiert das sog. México indio/ indígena. Dieser Teil spricht eine der 68 indigenen Sprachen, fühlt sich vorrangig einer ethnischen Gruppe zugehörig, ist in traditionellen Kulturen und Bräuchen verhaftet und führt ein Leben fernab jeglicher Zivilisation (cf. Navarrete Linares 2004, 7-9). Dieser in der Öffentlichkeit aufrecht erhaltene Diskurs der mestizaje schlägt sich sowohl in der Wahrnehmung der eigenen sprachlichen Kompetenzen der mehrsprachigen Individuen nieder als auch im gesellschaftlichen Diskurs über die indigene 68 Katrin Pfadenhauer, Sandra Schlumpf <?page no="69"?> Bevölkerung in Mexiko. Navarrete Linares (2004, 118) sieht hierin den Ursprung des mexikanischen Rassismus, der seiner Ansicht nach v. a. ein privates und soziales Phänomen ist, jedoch schwerwiegende Folgen für einen Großteil der mexikanischen Bevölkerung hat: […] aunque el racismo mexicano es privado más que público y social más que político, también tiene consecuencias en el ámbito económico. La discriminación racial y cultural implícita en frases como “se requiere buena presentación” impide a los sectores más morenos, más pobres y menos occidentalizados de nuestra sociedad el acceso a empleos, a servicios, a centros de entretenimiento; […]. Por otro lado, hay que señalar que el racismo mexicano se ha acentuado drásticamente en las últimas décadas, impulsado de manera irresponsable por la televisión y la publicidad que imponen sus modelos de belleza y deseabilidad, siempre asociados con la raza blanca, sin la menor consideración a la realidad de la mayoría de la población mexicana. (Navarrete Linares 2004, 118) Exemplarisch sollen im Anschluss die Auswirkungen dieser Situation auf die Sprachhaltungen am konkreten Beispiel der zweisprachigen Mixteken gezeigt werden. Das Mixtekische gehört in Mexiko (nach dem Náhuatl, dem Maya und dem Zapotekischen) zu den lokalen Sprachen, die bis heute die meisten Sprecher: innen zählen. Die Vorfahren der heutigen Mixteken besiedelten ein großflächiges Gebiet, das sich über drei mexikanische Bundesstaaten erstreckte: den Nordwesten Oaxacas, den äußersten Süden Pueblas und einen Teil im Osten von Guerrero. Seit dem 16. Jahrhundert wurde dieses Gebiet als Mixteca (aus dem Náhuatl Mixtlan ‚lugar de las nubes‘) bezeichnet (cf. Mindek 2003). Die Mixteken selbst nennen sich ñuu savi ‚das Volk, das die Sprache des Regens spricht‘. Die Mixteca untergliedert sich in Mixteca Alta, Mixteca Baja und Mixteca de la Costa und zeichnet sich durch eine Vielfalt an Ökosystemen und Klimazonen aus. Gleichzeitig wird sie als einer der ärmsten Landstriche Mexikos wahrgenommen (Ve’e Tu’un Savi/ Academia de la Lengua Mixteca 2007, 16) und ist stark von Migration in die größeren städtischen Zentren und die USA betroffen (cf. Pfadenhauer im Druck). Sprachtypologisch wird das Mixtekische zur Sprachfamilie der Otomanguesprachen gezählt. Die starke interne Zersplitterung sowie die komplexen Lautsysteme und Wortstrukturen (cf. Campbell 2017, 2) erschweren die sprachwissenschaftliche Beschreibung dieser Sprachen bis heute. Diese Wahrnehmung ist jedoch möglicherweise auch dem eurozentristischen Blick auf diese Sprachen geschuldet, wobei stets der Vergleich mit den indoeuropäischen Sprachen gesucht wird. (Neo-)Koloniale Sprachbeschreibung 69 <?page no="70"?> 9 Die Codes verweisen auf folgende Informationen: Alter der beteiligten Person, Ge‐ schlecht (w = weiblich, m = männlich), Ort der Befragung (PN = Pinotepa Nacional, CdM = Ciudad de México). 3.2.2 Datengrundlage Die Daten, die der folgenden Analyse zugrunde liegen, stammen aus einer Feldforschung zum spanisch-mixtekischen Sprachkontakt, die im Zeitraum von 2007 bis 2009 durchgeführt wurde (cf. Pfadenhauer 2012). Der Fokus des soziolinguistischen Teils der Untersuchung, auf dessen Ergebnisse hier zurückgegriffen wird, liegt auf der Problematik, die sich für die Mixtek: innen aus ihrer Zweisprachigkeit innerhalb der mexikanischen Gesellschaft ergibt. Das Korpus umfasst insgesamt ca. 44 Stunden, die in digitalem Format und als orthographische Transkription zur Verfügung stehen. Es setzt sich aus Einzel- und Gruppengesprächen (mit und ohne Leitfaden) mit insgesamt 42 Personen zusammen und beinhaltet darüber hinaus Auszüge aus Aufnahmen aus zwei besuchten Kursen zur Sprache und Kultur der Mixtek: innen, die auf Initiative von mixtekischen Migrant: innen für mixtekische Migrant: innen in Mexiko-Stadt angeboten wurden. Die Studie berücksichtigt sowohl die Situation der mixtekischen Migrant: innen in Mexiko-Stadt und ausgewählten Vororten (Ciudad Nezahualcóyotl und Valle de Chalco) im angrenzenden Estado de México als auch die der mixtekischen Landbevölkerung in Orten an der Costa Chica (Pinotepa Nacional, Jicaltepec, San Juan Colorado) und der Mixteca Baja (Santa Catarina Chinango) im Bundesstaat Oaxaca. 3.2.3 Haltung der Sprecher: innen zum Mixtekischen Der vom Gedanken der mestizaje geprägte, omnipräsente und rassistisch moti‐ vierte Diskurs wirkt sich bei den mehrsprachigen Individuen nachhaltig auf die Wahrnehmung ihrer eigenen sprachlichen Kompetenzen aus. Die Haltung der Sprecher: innen zum Mixtekischen spiegelt sich zunächst in der Bezeichnung für das Ñuu Savi wider. Generell besteht hier die Tendenz, auf unspezifische, generische und somit stark homogenisierende Begriffe zurückzugreifen, um auf die lokalen Sprachen zu referieren. Diese Tendenz kann bei den Sprecher: innen selbst, aber auch in der Gesellschaft beobachtet werden. Sehr häufig ist der Terminus dialecto (wie in Bsp. 13), aber auch lengua (wie in Bsp. 14): (13) Pues, si le hablan en español, ya el dialecto no, ya no lo entienden. (56mPN) 9 (14) Yo no decía nunca que yo hablaba una lengua. Preguntaban, pero yo nunca decía que yo hablaba una lengua. ¿Por qué? Porque se me había dicho que era malo hablar lengua. Que era un retraso para mi persona. Sí, ese, o sea que yo en mi 70 Katrin Pfadenhauer, Sandra Schlumpf <?page no="71"?> concepción entendí que el español era lo bueno. O sea que todos los españoles eran inteligentes, eran todo. Y yo como Ñuu Savi era tonta, no sabía nada. Era un/ una retrasada. […] Ya hasta que retomo. Ya. Pero ya más grande ya retomo. […] Entonces, vuelvo a retomar toda esa enseñanza y vuelvo a ver las cosas como tal, como Ñuu Savi que soy. (50wCdM) Die dialectos stehen in klarer Opposition zum Spanischen, auf das mit einem sehr spezifischen Terminus Bezug genommen wird und das als castellano, el oder la español oder auch la castilla bezeichnet wird: (15) uno, pue h , ya no puede hablar bien la, la castilla y por eso se siente mal (68wPN) (16) Tengo una sobrina también sabe hablar en español y sabe hablar así como habla uno (52wCdM) Gleichzeitig sind sich die Sprecher: innen der Abwertung der eigenen sprachli‐ chen Kompetenz durch einen Großteil der mexikanischen Gesellschaft bewusst, die sich in Ausdrücken wie cuichi cuichi, güirigüirigüiri, lenguamucha, habla‐ mucho oder palabra cualquiera widerspiegelt: (17) Porque somo h raza indígena, porque nosotros estamo h cuichi cuichi, digarán [dirán] ello h . (68wPN) (18) Pues, nos ponemos poner güirigüirigüiri, ¿no? En mixteco. (65wCdM) (19) Ah sí, lenguamucha. […] que no saben hablar en castellano, hablamucho. (65wCdM) (20) Pues claro que, pues, es un palabra cualquiera. (67mCdM) Der Wert des Mixtekischen für die eigene Identität wird von den meisten Sprecher: innen in den Gesprächen klar hervorgehoben. Eine verstärkte Rück‐ besinnung auf die eigenen Wurzeln ist dabei bei den Migrant: innen in Mexiko- Stadt (und verstärkt in den USA) zu konstatieren. Dies impliziert jedoch nicht die selbstverständliche Weitergabe des Mixtekischen an die nächste Generation. So ist in der Gruppe der Migrant: innen in Mexiko-Stadt eine klare Tendenz zum Sprachwechsel zu beobachten, die langfristig die Aufgabe des Mixtekischen zur Folge hat. Die Einordnung der eigenen ethnischen Identität erfolgt in der Regel in Opposition zu der als dominant wahrgenommenen Gruppe der mestizos oder einfacher der no indios: (21) Mi esposo que es, este, de Veracruz. Ahí hay otra clase de gente. La gente, ellos dicen que son mestizos. Le digo, pues, a mí, ni me preocupa lo, el mestizaje (Neo-)Koloniale Sprachbeschreibung 71 <?page no="72"?> porque creo yo que nosotros, los indígenos [indígenas], o sea, a mí, me dicen que soy india. Y digo sí, con mucho orgullo. (71wCdM) 3.2.4 Haltung der Sprecher: innen zum Spanischen und Normverständnis Die Haltung der mehrsprachigen Individuen zu ihren Spanischkompetenzen ist vor allem von sprachlicher Unsicherheit gekennzeichnet, die als Folge der offenen Diskriminierung durch die mexikanische Gesellschaft zu werten ist. In der Kritik wird dabei in der Regel eine direkte Verbindung zwischen einem als fehlerhaft wahrgenommenen Spanisch und der ethnischen Zugehörigkeit der Sprecher: innen hergestellt: (22) Y luego siempre la gente está acostumbrada a discriminar. Por ejemplo el hecho de que no te sepas expresar bien. “¡Ay tú! ¡No seas india! ” (35wPN) Das, was in der Linguistik in der Vergangenheit ohne weitere Wertung als español indígena beschrieben wurde, wird von den Sprecher: innen selbst als ein von der mexikanischen Norm abweichendes, fehlerhaftes Spanisch wahrge‐ nommen: (23) Y muchos no hablan el mixteco. Aunque ni puedan hablar bien el español, déjame y te digo. Porque no todos pueden manejar el español correctamente. Algunos le falla. Le ponen eses o le ponen, en vez de ‘el’, le ponen ‘la’ o ‘los’, en vez de hablar, hablan en plural en vez, cuando es singular, así. (35wPN) Beispiel (23) zeigt das Bewusstsein der Sprecherin für die Merkmale der Repertoires der mehrsprachigen Individuen, die sie mit einem Mangel an Bildung erklärt, wenngleich es sich möglicherweise lediglich um typische Charakteristika der gesprochenen Sprache handelt. Im Fall von Mexiko ist es wichtig, die Haltungen der Sprecher: innen im gesamtmexikanischen Kontext zu analysieren. So existiert neben den realen Kontaktvarietäten, die ein natürliches Phänomen in multilingualen Gesellschaften darstellen, eine stereotypisierte habla de indios, die unter anderem über das Medium des Films transportiert wird, jeglicher empirischer Grundlage entbehrt und als direkte Fortsetzung neokolo‐ nialer, ideologischer Denkmuster und eines offen ausgesprochenen Rassismus zu verstehen ist. Wie präsent die Vorstellung eines simplifizierten, von Fehlern durchsetzen Spanisch der indigenen Bevölkerung ist, kann schlaglichtartig der Ausschnitt eines ausspionierten Telefongesprächs mit einem ranghohen mexikanischen Politiker (der bis heute im Amt ist) aus dem Jahr 2015 zeigen, in dem er das Spanische eines Anführers der chichimecas imitiert: 72 Katrin Pfadenhauer, Sandra Schlumpf <?page no="73"?> 10 https: / / www.youtube.com/ watch? v=_ozZRkp55v8 (02.02.2025). (24) […] No voy a mentir. Te lo voy a decir como hablaba este cabrón. “Yo jefe gran nación chichimeca. Vengo Guanajuato. Yo decir a ti. O diputados para nosotros o yo no permitir tus elecciones.” Se ve que este güey, yo no sé si sea cierto que hable así, cabrón. Pero no mames, vio mucho Llanero Solitario, cabrón, con ese Toro, cabrón. No mames, cabrón, o sea. No mames. […] Está de pánico, cabrón. No mames, güey. 10 Die sprachlichen Merkmale, mit denen die habla de indio in dem Ausschnitt karikiert wird, dienen lediglich der Indexikalisierung einer homogenisierten Gruppe der indios. Es geht also in keiner Weise darum, ein möglichst realisti‐ sches Bild von den sprachlichen Kompetenzen der mehrsprachigen Individuen zu zeichnen (was der Politiker sogar selbst zum Ausdruck bringt: „yo no sé si sea cierto que hable así“), sondern um einen Prozess der Ikonisierung (im Sinne von Irvine/ Gal 2000, 37), die gleichzeitig mit der Auslöschung von sprachlicher Diversität einhergeht. Diese Art des Diskurses wurde in den letzten Jahren auch von betroffenen Individuen öffentlich verurteilt und in einschlägigen Netzwerken diskutiert, so zum Beispiel von Aguilar Gil (2016), Mixesprecherin, Linguistin und Aktivistin, die zu den Aussagen des oben zitierten Politikers wie folgt Stellung bezieht: Aún cuando el filtro del racismo y la discriminación crean estereotipos en los que todos los indígenas de Mesoamérica hablamos como Tizoc y los indígenas del norte como Toro Sentado […], lo común en los acentos, así como en las lenguas, es la diversidad. […] Desde esa óptica, desde todos esos filtros y desde todos esos prejuicios interiorizados es que el Consejero Presidente del INE [Instituto Nacional Electoral] pudo emitir sus dichos. Lo que a Lorenzo Córdova “sorprende” del habla del jefe chichimeco no es su acento de español. Lorenzo Córdova no se mofó ni siquiera del español que habla una persona que tiene el chichimeco Jonaz como lengua materna […], se burló de su propio estereotipo lingüístico, el que proyecta sobre los pueblos indígenas, el del habla de un Toro Sentado caricaturizado en su imaginación. (Aguilar Gil 2016) Leider sind selbstbewusste Stimmen wie die von Aguilar Gil, die aus der Gruppe der mehrsprachigen Individuen kommen, bis heute in Mexiko selten. 3.3 Zwischenfazit Wie die Detailanalysen gezeigt haben, gibt es zwischen Äquatorialguinea und Mexiko Gemeinsamkeiten und Divergenzen in den Haltungen zu den (Neo-)Koloniale Sprachbeschreibung 73 <?page no="74"?> eigenen sprachlichen Kompetenzen. Mit Blick auf die lokalen Sprachen ist in beiden Ländern festzustellen, dass diese einen zentralen Teil der Identität der Sprecher: innen ausmachen. In Äquatorialguinea impliziert dies auch die kollektive Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gemeinschaft. Die ethnischen Differenzen im Land bewirken gleichzeitig eine interne Hierarchisierung zwi‐ schen den verschiedenen lokalen Sprachen, wobei das Fang die Sprache der zahlenmäßig dominanten Ethnie und der politischen Elite ist und somit einen Sonderstatus einnimmt. Im Fall von Mexiko erfüllen die autochthonen Sprachen ebenfalls eine identitätsstiftende Funktion, bieten jedoch gleichzeitig eine breite Angriffsfläche für Diskriminierung innerhalb der mexikanischen Gesellschaft, wobei die Gründe hierfür in der Geschichte des Landes liegen. In Äquatorialguinea dominiert der Begriff der lenguas maternas zur Bezeich‐ nung dieser Sprachen. Weniger häufig erscheint der Begriff der dialectos, der dann allerdings tendenziell in negativen Kontexten verwendet wird, zum Beispiel um Code-Switching zwischen Spanisch und den lokalen Sprachen zu kritisieren. In Mexiko werden einerseits stark homogenisierende Termini wie dialectos und lenguas verwendet, andererseits aber auch Begriffe, die eine abwertende Sicht auf die lokalen Sprachen und Sprecher: innen widerspiegeln, wie cuichi cuichi, palabra cualquiera oder hablamucho. Die Termini el/ la español, el castellano und la castilla, die zur Bezeichnung des Spanischen verwendet werden, sind im Gegensatz dazu deutlich spezifischer. Bezüglich der Zukunft der lokalen Sprachen ist in beiden hier untersuchten Ländern eine ähnliche Entwicklung festzustellen. Zum einen ist eine klare Tendenz zum Sprachwechsel in Richtung Spanisch erkennbar, der einen Rück‐ gang der Sprecher: innenzahlen der lokalen Sprachen nach sich zieht. Dieser ist in beiden Ländern vorwiegend in den urbanen Gebieten und innerhalb der jüngsten Generationen zu beobachten. In Äquatorialguinea ist der Wunsch, die eigene Sprache zu erlernen und an die nächste Generation weiterzugeben, bei einem Teil der jungen Leute deutlich spürbar, doch erweist sich dies aufgrund der Lebensumstände nicht immer als praktikabel. In Mexiko vollzieht sich der Sprachwechsel vor allem ab der zweiten Generation der Migrant: innen in den Städten. Zum anderen lässt sich innerhalb der jüngeren Generation mit Migrationshintergrund eine verstärkte Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln feststellen, wobei das Zugehörigkeitsgefühl zu einer bestimmten Ethnie nicht zwingend an das Medium der Sprache gebunden ist. Was die Sprachhaltungen gegenüber dem Spanischen angeht, ergibt der geo‐ graphische Vergleich ein weniger einheitliches Gesamtbild. In Äquatorialguinea wird die Landessprache Spanisch als dem Kastilischen ähnlich wahrgenommen, das als prestigeträchtige Varietät positiv besetzt ist. Die nordspanische Norm, 74 Katrin Pfadenhauer, Sandra Schlumpf <?page no="75"?> wie sie in Wörterbüchern und Grammatiken verankert ist und in der Schule als zentraler Norminstanz vermittelt wird, dient der primären Orientierung in allen Sprachfragen. Zusammen mit der sprachideologischen Anbindung an die Kolonialmacht Spanien ergibt sich bei Äquatorialguinea somit ein konser‐ vatives, monozentrisches Sprachbild, welches in dieser Form auch von der äquatorialguineischen Sprachakademie (AEGLE) vertreten wird. Vor diesem Hintergrund erstaunt es kaum, dass jegliche Abweichung von dieser Norm tendenziell negativ wahrgenommen wird. Hierin liegt auch das zentrale Pro‐ blem begründet, dass Äquatorialguinea bis heute über keine eigene, interne sprachliche Norm verfügt und deswegen zwangsweise auf einen externen Orientierungspunkt zurückgreift. In Mexiko hingegen existiert mit der norma culta eine etablierte mexikanische Norm, die den wichtigsten sprachlichen Referenzrahmen darstellt. Allerdings repräsentiert diese nicht die Sprache aller Mexikaner: innen. Insbesondere bei den mehrsprachigen Individuen führt der Vergleich mit der internen Norm zu sprachlicher Unsicherheit und erneuter Diskriminierung. Diese sind der Ablehnung in zweifacher Form ausgesetzt: einerseits aufgrund ihrer Mehrsprachigkeit, die im Fall der indigenen Sprachen mit Rückständigkeit in Verbindung gebracht wird, und andererseits wegen ihres als fehlerhaft empfundenen Spanisch. In diesem Kontext gilt es zu betonen, dass Mehrsprachigkeit in Mexiko keineswegs generell negativ konnotiert ist. Wie diese innerhalb der Gesellschaft bewertet wird, hängt vielmehr vom Prestige der jeweiligen Sprachen ab. So referiert der Terminus bilingüe in Mexiko absurderweise direkt und unmissverständlich auf Kompetenzen im Spanischen und Englischen und wird nicht mit den landeseigenen lokalen Sprachen in Verbindung gebracht (cf. Aguilar Gil 2020, 32). Dies kann als weiterer Hinweis für die kategorische Ausblendung der sprachlichen Realität des Landes und der mehrsprachigen Individuen gewertet werden. 4 Die Sicht der Sprachwissenschaft und die Rolle der Linguist: innen Sprachideologien liegen nicht nur sprachpolitischen Entscheidungen zu Grunde, sondern prägen auch die Art und Weise, wie Linguist: innen mit sprach‐ lichen Phänomenen umgehen. Zahlreiche Kategorien und ein Großteil der Terminologie sind dabei ein fest etablierter Teil eines Beschreibungsapparates, auf den in der Praxis bis heute weitgehend unreflektiert zurückgegriffen wird und dessen Fragwürdigkeit erst im Kontext postkolonialer Forschungsansätze und der kritischen Diskursanalyse in den Fokus gerückt ist. Im Folgenden sollen drei zentrale Aspekte herausgegriffen und zur Diskussion gestellt werden. (Neo-)Koloniale Sprachbeschreibung 75 <?page no="76"?> Diese betreffen den Umgang mit dem historischen Erbe der Sprachwissenschaft, den Mehrwert und die Risiken der etablierten Terminologie sowie die Wahl von Forschungsthemen im Allgemeinen. Dabei geht es in erster Linie darum, mögliche Stellschrauben zu identifizieren, an denen gedreht werden könnte, um den Weg für eine grundlegende Neuausrichtung der Disziplin zu ebnen und zu eruieren, welche Rolle post- und dekoloniale Denkmuster und Ansätze in diesem Prozess spielen könnten. Den durchaus problematischen Ausgangspunkt für ein derartiges Unternehmen beschreiben Deumert/ Storch (2020, 6) sehr treffend: The work of even the most progressive linguists take place under these historical conditions: discourses of standardization and normativity are inevitably inscribed within the bounded genre of grammar, which presents language as codifiable; work on language documentation takes place in context of longstanding discourses of benevolence that urge linguists to ‘give back’ and to ‘save’, while at the same time endorsing their expert status; publishing and grant demands recreate particular views of how ‘language’ should be represented, not only in texts, but also in digital archives which, again, turn language into something that is tangible and controllable; and finally, missionary involvement remains a significant aspect of linguistic field research in all former colonies. (Deumert/ Storch 2020, 6) In dem hier fokussierten Kontext stellt sich zunächst die grundlegende Frage, wie dem historischen Erbe der Sprachwissenschaft sowie den Ergebnissen der historischen Missionarslinguistik, aber auch aktueller missionarslinguistischer Tätigkeiten zu begegnen ist. Ein beachtlicher Teil der Sprachbeschreibungen und der für den Forschungsgegenstand relevanten Studien ist vom Gedankengut einer Linguistik geprägt, deren Wurzeln im Europa des 19. Jahrhunderts liegen (cf. Klein 2009; Deumert/ Storch 2020, 4). Die Erfassung sprachlicher Phänomene, auch in postkolonialen Sprachkontaktsituationen, ist vom Gedanken einer möglichst optimalen Vergleichbarkeit der Daten getragen und erfolgt in der Regel immer noch nach der traditionellen Einteilung in die klassischen Ebenen der Phonetik/ Phonologie, der Morphosyntax und des Lexikon. Dies geschieht vor dem Hintergrund einer omnipräsenten unmarkierten Norm, so dass Ab‐ weichungen von dieser unweigerlich wahrgenommen werden, wenngleich diese dann so neutral wie möglich dargestellt werden (cf. Benor 2010, 172). Gleichzeitig wird auf Kriterien zurückgegriffen, die auf der Grundlage von indoeuropäischen Sprachen etabliert wurden und für die Beschreibung von Sprachen, die stark von Oralität geprägt sind, ungeeignet sind (cf. Klein 2009, 41-42). Dies ist insofern überraschend als diese Problematik durchaus bekannt ist und spätestens dann an die Oberfläche tritt, wenn sich die in der Empirie beobachteten Phänomene nicht geschmeidig in die etablierten Kategorien 76 Katrin Pfadenhauer, Sandra Schlumpf <?page no="77"?> 11 Cf. Berthele (2021, 454): „Paradoxically, the debates on terms and their meanings in linguistics do not make use of linguistic theories of meaning. A cognitive account of speakerhood, varieties and languages fills in this gap […]: yes, a typical standard einfügen wollen. Dass Sprachbeschreibung durchaus auch Sprachwandel zur Folge haben kann, zeigt folgendes Beispiel zur Beschreibung des Futurs im Bulu durch anglophone und frankophone Missionar: innen: Ce qui est frappant dans le groupe A-70 c’est que les missionnaires anglo-germaniques aient “observé” un futur “vouloir”, alors que les romanistants en ont “découvert” un en “aller”. Sans prétendre qu’ils les aient introduits a nihilo, il est permis de penser que les Français ont, dans leur prédication et leur littérature, développé l’usage de / -kɛ/ ; les Américains celui de / -yɛ/ . (Alexandre 1966, 147) Auch wenn die Missionar: innen mit ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit zur Do‐ kumentation einer Vielzahl von Sprachen beigetragen haben, die Zimmermann (2016, 186) in ihrer Gesamtheit als „eine Art ‘Weltkulturerbe’ wissenschaftlicher Provenienz“ bezeichnet, gilt es nicht zu vergessen, dass bis heute ein Großteil der Beschreibungen von Sprachen ohne Schrifttradition weltweit mit dem Ziel der Bibelübersetzung in möglichst viele Sprachen erfolgt und somit weiterhin vom Missionsgedanken getragen wird. Somit ist die Nutzung der Forschungs‐ ergebnisse, wie sie auf den Plattformen von Ethnologue und des Summer Institute of Linguistics (SIL) verfügbar sind, nicht nur mit Blick auf die Art und Weise der linguistischen Beschreibung problematisch, die darauf angelegt ist, Sprachen mit ausgeprägter Oralität in ein schriftsprachliches Raster zu pressen, sondern auch aus forschungsethischer Perspektive fragwürdig. Die Frage nach der weiteren Nutzung des historisch gewachsenen Beschrei‐ bungsapparates in der Zukunft impliziert auch die Frage nach dem Umgang mit der etablierten Terminologie. Das Bewusstsein für die ideologische Aufgeladen‐ heit bestimmter Termini ist dabei durchaus vorhanden (cf. die Ausführungen zu den Begriffen Sprache und Dialekt supra). Ein befriedigender Kompromiss ist jedoch bis heute nicht gefunden, was am Beispiel des Konzepts des: der Muttersprachler: in gezeigt werden kann. Seine ‚Erfindung‘ wurde im Kontext der Nationalstaatenbildung in der Vergangenheit im Detail analysiert und aufgearbeitet (cf. Skutnabb-Kangas/ Phillipson 1989; Bonfiglio 2010; für die Romania cf. Goebl 1986). Die Problematik, die sich in seiner Anwendung ergibt, wurde von Berthele (2021, 450) jüngst auf folgenden Nenner gebracht: „[…], the notion of ‘mother tongue’ is often associated with a standard language and not with a dialect: people who don’t use the standard simply don’t have a mother tongue.“ Gleichzeitig betont er das Dilemma, das sich aus der Abschaffung von Konzepten ergibt, die als zentrale Referenzpunkte fungieren. 11 Als mögliche (Neo-)Koloniale Sprachbeschreibung 77 <?page no="78"?> language or a typical native-speaker do not empirically represent the speakers and languages, but they are important socio-cultural reference points. They are cognitively and socially real. Pretending they should not exist while at the same time systematically exploiting the communicative value of standard languages professionally is scientifi‐ cally self-defeating.“ Lösung für dieses Problem schlägt er einen kognitiv-semantischen Ansatz im Sinne der Prototypentheorie vor, der es ermöglichen würde, den Terminus des: der Muttersprachler: in beizubehalten, ihn aber neu zu besetzen: The prototype of a ‘native speaker’, […] is a very competent speaker of the language who has always used this language exclusively or predominantly. A less prototypical native speaker could be a multilingual who has started somewhat later and/ or uses other languages regularly. At the same time, a prototypical native speaker of a language is not a prototypical bilingual. This way, the notion of the native speaker, still very much used by linguists despite the sustained criticism, keeps its value as a reference point without being normatively damaging. If construed as a prototypical category with variable degree of affiliation […], there is no need to abandon the notion. (Berthele 2021, 453) In der Kategorisierung des Konzeptes des: der Muttersprachler: in, aber auch des mehrsprachigen Individuums als Prototypen, könnte durchaus eine mögliche Stellschraube liegen. Der Nutzen dürfte sich jedoch lediglich innerhalb der Sprachwissenschaft bemerkbar machen und sich kaum positiv auf die Wahr‐ nehmung der betroffenen Individuen innerhalb der jeweiligen Gesellschaft auswirken. Für die - eher notgedrungene - Beibehaltung einer unmarkierten Norm (z. B. zur Erfassung von Ethnolekten) spricht sich auch Benor (2010, 172) aus, allerdings lediglich als „[…] a descriptive and theoretical necessity, an instance of what we might call ‘strategic reification’ […].“ Zu erinnern bleibt schließlich, dass etablierte Termini wie Muttersprache auch inhaltlich jeweils kontextgebunden interpretiert werden müssen, was am Beispiel Äquatorialgui‐ neas gezeigt werden konnte, wo der Begriff lengua(s) materna(s) eher eine positiv konnotierte kulturelle Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gemeinschaft auszudrücken scheint als eine individuelle Sprachkenntnis im Sinne einer L1. Von diesen universal etablierten Termini und den Konzepten, auf die sie verweisen, zu unterscheiden, sind diejenigen, die erst in jüngerer Zeit geprägt wurden und auf spezifische Kontexte beschränkt sind, wie der Begriff des es‐ pañol indígena. Die metapragmatische Analyse (cf. Silverstein 2003; Spitzmüller 2013) ist ein geeignetes Mittel, mit dem aufgezeigt werden kann, dass es sich bei diesem Terminus und dem dahinter liegenden Konzept weniger um eine eigenständige Varietät handelt als um die interpretative Konstruktion einer 78 Katrin Pfadenhauer, Sandra Schlumpf <?page no="79"?> konkreten sozialen Bedeutung, die vor allem dem Bedürfnis der Linguist: innen entgegenkommt, bestimmte sprachliche Phänomene zu erfassen und sie in die Kategorie einer als spezifisch wahrgenommenen Sprache, hier die des indigenen Spanisch, einzuordnen (cf. Pfadenhauer 2023). Dies ist aus zwei Gründen pro‐ blematisch: Zum einen ist der Terminus indígena (ebenso wie indio) die direkte Fortsetzung eines kolonialen Denkmusters, der die in Amerika vorhandene sprachliche und ethnische Vielfalt auf ein einziges, aus Sicht der Kolonialmächte alle Gruppen verbindendes Merkmal reduziert. Das Konzept des indio/ indígena als ideologisches Konstrukt, dessen Wurzeln in der Kolonialzeit liegen, existiert somit nur als „un polo de una relación dialéctica“ (Bonfil Batalla 1977, 30). Zum anderen referiert der Terminus des español indígena auf sprachliche Phänomene, die in der mexikanischen Gesellschaft negativ konnotiert sind. Vor diesem Hintergrund ist nicht nur die Beibehaltung der Terminologie problematisch, sondern die Kategorisierung als solche, die angesichts der Existenz dynami‐ scherer Konzepte wie der des Repertoires oder des Translanguaging obsolet erscheint. Diese kennzeichnen sich dadurch, dass sie die traditionellen Einheiten von Sprache, Dialekt und Idiolekt aufbrechen (cf. Gal 1987, 287; Wei 2011, 1223). Der Repertoirebegriff (im Sinne von Blommaert/ Backus 2013 und Matras 2020, 4) eignet sich für die Erfassung multilingualer Kontexte besonders gut, weil er das Individuum mit seinen sprachlichen Kompetenzen und Bedürfnissen sowie die Herausforderungen, mit denen es sich konfrontiert sieht, in den Vordergrund rückt: […] bilingual (or multilingual) speakers have a complex repertoire of linguistic structures at their disposal. This repertoire is not organised in the form of ‘languages’ or ‘language systems’; […]. Rather, elements of the repertoire […] gradually become associated, through a process of linguistic socialisation, with a range of social activities […]. Mature multilingual speakers face a constant challenge to maintain control over their complex repertoire of forms and structures and to select those forms that are context appropriate. Context-appropriate selection does not necessarily conform to a separation of ‘languages’ […]. (Matras 2020, 4) Ähnliche Ansätze, die weniger das Sprachsystem als die Sprecher: innen selbst in ihren konkreten Kontexten und ihre diskursiven Praktiken in den Blick nehmen (cf. das Konzept der agency bei Milroy 2003), werden jüngst auch im Rahmen afrikanistischer Forschung diskutiert (cf. Lüpke/ Storch 2013). Im Fokus steht dann das Verstehen dieser Praktiken, ihrer Funktionen und Absichten, sowie die Sprachhaltungen und sprachlichen Ideologien, die ihnen zu Grunde liegen (cf. Makoni 2013, 90; Sánchez Moreano/ Blestel 2021, 1-5). Kommunikation wird so zum ganzheitlichen sozialen Phänomen, in dem fixe Grenzen zwischen (Neo-)Koloniale Sprachbeschreibung 79 <?page no="80"?> einzelnen Sprachen aufgeweicht werden und für die Beschreibung der einzelnen Phänomene an Relevanz verlieren. Zuletzt stellt sich die weitaus grundlegendere Frage nach der Wahl der Themen, die im Rahmen sprachwissenschaftlicher Forschung behandelt werden. In diesem Kontext ist nicht zu vergessen, dass wissenschaftliche Neu‐ gier und wohlgemeinte Absichten durchaus auch eine Kehrseite haben können. Dies ist zum Beispiel dann der Fall, wenn durch die eigenen Aktivitäten ein Ungleichgewicht in der Sozialordnung der ‚Untersuchten‘ entsteht oder wenn interiorisierte Ideologien, die in einer auf dem Strukturalismus aufbauenden und an westlichen Gegebenheiten orientierten Sprachwissenschaft entstanden sind, bei der Datenerhebung und anschließenden Auswertung latent mitschwingen. Mit der Auswahl der Themen geht auch die Frage nach den vorhandenen oder zu erhebenden Quellen einher. Gerade bei durch westliche Institutionen finanzierter Feldforschung ist ein Bewusstsein über mögliche Hierarchien zwischen verschiedenen Akteur: innen, die kolonial bedingte Machtstrukturen reproduzieren, notwendig. Zudem gilt es auch kritisch zu beachten, dass gerade wenn Wissen über lokale Sprachen in Amerika oder Afrika erforderlich wird, Ethnologue eine viel zitierte und bestimmt auch für viele Belange aufschluss‐ reiche (und möglicherweise einzige vorhandene) Quelle darstellt. Wie ist jedoch mit der aus forschungsethischer Perspektive problematischen Tatsache umzu‐ gehen, dass diese Daten bis heute in einem missionarischen Kontext und mit dem Ziel der Bibelübersetzung erhoben werden? 5 Fazit und Ausblick Das zentrale Anliegen des Beitrags bestand darin, anhand von zwei ausge‐ wählten Fallstudien aus dem afrikanischen und lateinamerikanischen Kontext Parallelen und Divergenzen in der bis heute eurozentrisch geprägten Sprach‐ beschreibung aufzudecken und zur Diskussion zu stellen. Die Identifizierung dieser Tendenzen ist allerdings nur ein erster Schritt, wenn das angestrebte Ziel eine grundsätzliche Neuausrichtung der Disziplin ist und diese nicht folgenlos für die betroffenen Gesellschaften und Individuen bleiben soll. Bestehen bleibt die Frage, wie eine dekolonisierte Romanistik konkret aussehen könnte und ob ein derartiges Vorhaben mit Blick auf die lange Forschungstradition des Faches überhaupt realistisch und für alle betroffenen Parteien wünschenswert wäre. Sicherlich handelt es sich nicht um ein Vorhaben, das sich ausschließlich auf dem Papier verwirklichen lässt. Vielmehr setzt es eine tiefgreifende Auseinanderset‐ zung mit eurozentrischen und dekolonialen Wissensvorstellungen voraus, die einen auf Augenhöhe geführten Dialog zwischen dem sogenannten globalen 80 Katrin Pfadenhauer, Sandra Schlumpf <?page no="81"?> Süden und dem globalen Norden erfordert. Neben diesen großen Fragen, die letztlich das gesamte Wissenschaftssystem mit seinen etablierten Standards in Frage stellen (cf. das Zitat von Ndlovu-Gatsheni supra), lassen sich weitere kleinere Stellschrauben identifizieren, die auf individueller Ebene zu mehr Gleichberechtigung in der Forschung führen können. Als Beispiel kann hier der Umgang mit den sog. Informant: innen fungieren (cf. Shepherd 2020, 322). Diesen könnte bereits auf der Ebene der Terminologie mit der Alternative des consultant oder des co-author im Sinne einer aktiven, egalitären, nicht-paternalistischen Zusammenarbeit die verdiente Wertschätzung entgegengebracht werden (cf. Eckert 2014, 23; Tsikewa 2021, e302-e304), wobei auch hier bezeichnend ist, dass in der deutschsprachigen Sprachwissenschaft bis heute (wenn überhaupt) auf den englischen Terminus zurückgegriffen werden muss. Darüber hinaus wäre eine egalitäre Einbindung aller Beteiligten in den gesamten Forschungsprozess erstrebenswert, d. h. von der ersten Planung über die Erhebung der Daten bis zur Präsentation der Forschungsergebnisse (cf. das Konzept des giving back z. B. bei Eckert 2014, 22-23). Eine weitere Stellschraube liegt in einer intensiveren Sensibilisierung für die Problematik im Bereich des Unterrichts an der Schule und der Lehre an den Universitäten, womit die Überarbeitung von Lehrwerken und klassischen Einführungen in die Sprachwissenschaft einhergeht. Trotz einer global spürbaren Auf- und Umbruchstimmung, die sich auf der Ebene der Sprachwissenschaft z. B. in der Etablierung der Raciolinguistics zeigt, aber auch in gesellschaftlichen Bewegungen wie der Black Lives Matter-Bewegung ihren Niederschlag findet, steht außer Frage, dass eine dekolonisierte Romanistik noch in weiter Ferne liegt und sich nur in Form eines interdisziplinären Ansatzes nachhaltig etablieren kann. 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V. de Múnich por todo el apoyo que han y siguen brindando a este proyecto de investigación “Las realidades lingüísticas y sociales de las personas peruanas quechuahablantes en Inglaterra y Alemania”. Racismo y resistencia en las biografías lingüísticas de migrantes quechuahablantes en Inglaterra y Alemania 1 Daria M. Mengert Resümee Rassismus ist für die Linguistik ein Thema von Belang, denn die Aus‐ übung und Fortschreibung von Rassismus geschieht maßgeblich durch sprachliches und sprachpolitisches Handeln, besonders im Falle koloniali‐ sierter Sprachen wie Quechua. Der Beitrag geht der Frage nach, auf welchen Ebenen sich Rassismus in den Sprachbiographien von Quechua- Sprecher: innen in der Migration widerspiegelt. Das Korpus umfasst 21 qua‐ litative Interviews mit peruanischen Quechua-Sprecher: innen in England und Deutschland. Ausgewählte Interviewausschnitte werden mittels eines Mehr-Ebenen-Modells ausgewertet, das sich an Spitzmüller / Warnke (2011) orientiert, jedoch inhalts-, diskurs- und gesprächsanalytische As‐ pekte auf den Ebenen Diskurs, Akteure und Text in Verhältnis setzt. In Bezug auf rassistische Diskriminierung in Peru erscheinen die Sprache Quechua sowie andines Spanisch in einem komplexen Wechselverhältnis mit an‐ deren sozialen Markern, die rassistisch gelesen wurden. Gleichzeitig haben Betroffene ihre Sprache auch genutzt, um sich gegen Diskriminierung zu wehren. Bezüglich der Migration nach Europa zeigen die Interviews, dass andine Peruaner: innen einen Inkognito-Status als Migrant: innen einnehmen und durch kontrastierende Erfahrungen mit Personen, die sich für andine Kultur interessieren, ihre Sprachideologien verändern können. Schlüsselwörter: Rassismus, Quechua, Sprachbiographien, Sprachideolo‐ gien, Migrationslinguistik <?page no="90"?> Abstract Racism is a topic of concern for linguistics, because the practice and per‐ petuation of racism occurs significantly through linguistic and languagepolitical action, especially in the case of colonized languages such as Quechua. This paper explores the levels at which racism is reflected in the language biographies of Quechua speakers in migration. The corpus comprises 21 qualitative interviews with Peruvian Quechua speakers in England and Germany. Selected interview excerpts are analyzed by means of a multilevel model that follows Spitzmüller/ Warnke (2011), but relates content, discourse, and conversation analytic aspects on the levels of discourse, actors, and text. In relation to racial discrimination in Peru, the Quechua language as well as Andean Spanish appear in a complex interrelationship with other social markers that used to be read racially and mobilized for racist discrimination. At the same time, affected Quechua speakers also used their language to resist discrimination. With regard to migration to Europe, the interviews show that Andean Peruvians adopt an incognito status as migrants and can change their language ideologies through contrasting experiences with people interested in Andean culture. Keywords: racism, Quechua, language biographies, language ideologies, migration linguistics. 1 Introducción El racismo es un tema que debe preocupar a la lingüística. Las ideas racistas se codifican y transmiten en el lenguaje a través de procesos sociales complejos y son utilizados en la interacción cotidiana e institucional para etiquetar, menospreciar y excluir a las personas, provocando efectos profundos en las identidades de las personas afectadas (Zavala/ Back 2017, 20-21; Alim 2016, 3-7). Los patrones racistas de pensamiento y percepción conducen también a la evaluación negativa de ciertas lenguas, dialectos y otras variedades, lo que a su vez puede conducir o ser utilizado en la interacción social para discriminar y desdeñar a personas y grupos de personas. Especialmente hoy en día, el racismo se perpetúa a menudo en formas de discriminación que ya no son abiertamente racistas, al estar basadas en imaginarios de inferioridad genética, sino en aspectos culturales, lingüísticos y de clase social de determinados grupos de población (Zavala/ Back 2017, 14-15). A pesar de esta mutabilidad lingüística y conceptual, el fenómeno continúa siendo racismo y tiene que analizarse como tal, porque 1) representa claramente una continuación de las categorías e imaginarios racistas clásicos y 2) reproduce la desigualdad social siguiendo 90 Daria M. Mengert <?page no="91"?> las mismas líneas que el racismo clásico: según las lógicas (neo)coloniales de la supremacía blanca y la construcción y exclusión del otro no blanco (por ejemplo, en la política migratoria, cf. Mayblin/ Turner 2020). Por último, pero de igual importancia, las prácticas racistas seculares han influido significativamente en el mundo actual y, por tanto, también en el grado actual de expansión, prestigio y número de hablantes de diferentes lenguas: si hoy en día podría parecer una decisión racional y orientada a la utilidad el aprender español en lugar de quechua o transmitirlo a las hijas e hijos, esta circunstancia se debe también a todos estos siglos de trato desigual sistemático y menosprecio hacia el quechua, que los actores coloniales y, subsiguientemente, los actores políticos de las repúblicas han emprendido conscientemente por motivos coloniales y racistas (cf. Zimmermann 2022). Este artículo aborda el racismo y las formas de discriminación racial que se pueden rastrear en las biografías lingüísticas de personas peruanas que‐ chuahablantes en la migración europea, precisamente Alemania e Inglaterra. ¿Qué formas de discriminación racista influyen en sus biografías lingüísticas? ¿Qué significado tiene la lengua en este contexto? ¿Qué ideologías lingüísticas produce la discriminación racista y cómo han cambiado en el caso de mis entrevistadas/ os a través de la migración? Para responder a estas preguntas, he recurrido a 21 entrevistas, que son examinadas mediante un análisis cualitativo multinivel de contenido, discurso y conversación. Tras la introducción, se presentan en primer lugar los conceptos de la investigación en ciencias sociales sobre el racismo y la lingüística política en los que se basa el análisis. De este modo, se pretende conceptualizar la complejidad del racismo de forma condensada y se muestra cómo las ideologías lingüísticas y la discriminación lingüística en particular interactúan con los estereotipos y las formas de actuar racistas. Este concepto también debe aplicarse al contexto de una perspectiva lingüística de la migración, para lo cual me baso en el modelo de Gugenberger (2018). A continuación, se presenta la metodología, la selección de las y los interlo‐ cutoras/ es de la entrevista, así como el análisis multinivel mediante el cual se analizan las entrevistas. Este análisis multinivel para entrevistas cualitativas se basa en el modelo de análisis multinivel discursivo-lingüístico (DIMEAN) de Spitzmüller/ Warnke (2011), que se ha adaptado a los requisitos de las entrevistas cualitativas y comprende las áreas de análisis de contenido, del discurso y de la conversación. Las tres líneas metodológicas son indispensables para analizar las entrevistas cualitativas respecto a qué información transmiten los interlocutores de la entrevista, cómo la clasifican ideológicamente y cuáles proposiciones implícitas comunican a través de los medios paralingüísticos. Racismo y resistencia en las biografías lingüísticas de migrantes quechuahablantes 91 <?page no="92"?> Tras una breve presentación del corpus, en el capítulo “Análisis” se exponen las conclusiones más importantes del estudio. Se pone de manifiesto que los conocidos mecanismos de discriminación racista, y también lingüística, en Perú también se reflejan en las biografías lingüísticas de las y los entrevistadas/ os. Esto incluye la desvalorización en base a diversos aspectos como la apariencia, la educación, el origen rural, el idioma, la pobreza, etc., que a veces se utilizan de manera difusa y muy variable. Los efectos lingüísticos de esta discriminación han sido la autocensura en el uso de la lengua, es decir, la supresión de la lengua quechua, especialmente en Lima, pero también los contramovimientos individuales y colectivos. La migración a Europa ha provocado cambios evi‐ dentes en las ideologías lingüísticas de algunas biografías lingüísticas. Estos cambios están provocados principalmente por el conocimiento de personas que confrontaron a las y los informantes con ideologías lingüísticas nuevas y caracterizadas por una connotación positiva del quechua. Según las fuentes disponibles, se trata de personas alemanas e inglesas o de personas peruanas que actúan de promotoras lingüísticas y/ o culturales. Además, influye la percepción del elevado multilingüismo institucional que existe en Europa. 2 Fundamento teórico 2.1 Historia y tipificación del racismo El fenómeno del racismo está estrechamente vinculado al colonialismo de la expansión europea que comenzó en el siglo XV. Las primeras fuentes que las y los historiadoras/ es han clasificado como racistas -las Leyes de limpieza de sangre y los escritos de Gomes de Zurara- no sólo se originaron en el mismo periodo, sino que, en el caso de Gomes de Zurara, pueden remontarse a claros objetivos hegemónicos. Documentan la aparición y circulación de dos ideas racistas fundamentales: La idea de que (en este caso) la (im)pureza moral y la “aptitud” religiosa se heredarían y vendrían determinadas por la “sangre” (Kappeler 1994, 8-10, 17-19). Y la construcción de las personas no blancas como uniformes, sin cultura e inferiores (Kendi 2016, 25). Más tarde, las fuentes de la Junta de Valladolid, por ejemplo, documentan cómo los colonizadores españoles en América adoptaron y utilizaron estas ideas para justificar los crímenes y la explotación de las personas originarias (y para demonizar sus luchas de resistencia). En la argumentación de Sepúlveda, sería legítimo someterlas al yugo español, “por la rudeza de sus ingenios, que son de su natura gente seruil y barbara y porende obligada a seruir a los de ingenio mas elegantes como son 92 Daria M. Mengert <?page no="93"?> 2 Sepúlveda ante la Junta de Valladolid, citado en De Soto, op, Sumario en Relecciones y opúsculos vol. i [n 8], p.-205 (cf. Castilla Urbano 2012). los Españoles”. 2 La disputa entre los españoles sobre si los pueblos de América sólo podían ser convertidos al cristianismo por la fuerza o por medio de la palabra nunca llegó a resolverse oficialmente, y las tendencias contradictorias caracterizaron el periodo colonial de los países latinoamericanos como Perú. Por esta razón, Flores Galindo, por ejemplo, escribe: Por racismo entendemos algo más que el menosprecio y la marginación: entendemos un discurso ideológico que fundamenta la dominación social teniendo como uno de sus ejes la supuesta existencia de razas y la relación jerárquica entre ellas. El discurso racista en el Perú se estructuró alrededor de la relación blanco indio y después se propaló [sic] a otros grupos sociales. La fuente de este paradigma debemos buscarla en el establecimiento de la dominación colonial. (Flores Galindo 1997, 14) Es con los inicios de la colonización, apoyada fundamentalmente por la Iglesia católica española y su misión, que se establece toda una nomenclatura para homogeneizar, categorizar racialmente y rebajar a los diversos grupos de la población originaria y a los nuevos grupos de población del Perú colonial (cf. Flores Galindo 1997, 14), según los términos racializadores como “indio”/ “cholo”, “mestizo”, pero también “negro”, “mulato” etc. para las y los descendientes de personas africanas secuestradas al Perú como esclavas/ os. No obstante, esta visión es rebatida por autores como Hannaford (1996, 6), quien subraya que el concepto de “raza” solo fue “fabricado” tras la Revolución Francesa, la Ilustración y el giro ideológico hacia explicaciones (pseudo)cientí‐ ficas del mundo. En esta coyuntura histórica se produce un cambio importante en las ideas racistas, que ahora se construyen con más fuerza como ideas científicas modernas: la heredabilidad de las capacidades intelectuales y morales se atribuye ahora a los genes y se propaga una correlación con determinados fenotipos humanos, según la cual las personas blancas serían intelectual y moralmente superiores a las personas no blancas y podrían derivar de ello pretensiones de dominio. El hecho de que esta nueva ideología racista también se impusiera en Perú y desempeñara un papel decisivo en la configuración de la sociedad y la política al menos hasta mediados del siglo XX queda patente en citas como ésta de Alejandro Deústua Escarza (1937, 68): “El Perú […] debe su desgracia a esa raza indígena […] el indio no es, ni puede ser sino una máquina”. Las explicaciones racistas biológicas y darwinistas sociales sirvieron a los detentadores del poder a diferentes niveles, una vez más, no solo para marginar activamente a los grupos indígenas, mestizos y afroperuanos, por Racismo y resistencia en las biografías lingüísticas de migrantes quechuahablantes 93 <?page no="94"?> ejemplo excluyéndolos del sistema educativo, sino también para criminalizar las protestas sociales y la resistencia en la región andina (para Bolivia cf. Larson 2005). Desde finales del siglo XX, se observa un cambio significativo en las manifes‐ taciones actuales del racismo a nivel internacional: Los discursos racistas en los países occidentales se han alejado de las obvias atribuciones biologicistas, pero continúan la marginación de grupos de población ya anteriormente racializados recurriendo a patrones de argumentación de diferencias culturales, sociales, lingüísticas etc. Esto ocurre también en un contexto de creciente crítica del racismo en la esfera pública de los países occidentales y latinoamericanos. Dos nuevos tipos de racismo resultan especialmente importantes de mencionar: 1) el llamado racismo aversivo: “el racismo encubierto, inconsciente, que sale a relucir en situaciones del conflicto, cuando el autocontrol se pierde. La persona racista aversiva no admitiría, auténticamente, la existencia de prejuicio alguno” (Callirgos 2015, 98-99). 2) El racismo “cultural”, en el que, en lugar de diferentes características físicas, se contraponen jerárquicamente determinadas características culturales, pero también atribuciones culturales, y se desvalorizan o valoran correspondiente‐ mente. Esto incluye la vestimenta y los hábitos alimentarios, la música y, por último, pero no por ello menos importante, la lengua y la variedad lingüística, es decir, variables que los sujetos marginados pueden cambiar para ser “más blancos”. En Perú, el término blanqueamiento se acuñó para describir el propio proceso de adaptación cultural a través del cual las personas culturalmente racializadas intentan hacerse “más blancas” con el fin de evitar la discriminación experimentada o esperada (cf. Callirgos 2015, 102). El término endoracismo capta este mismo proceso, aunque se ha desarrollado acerca de las experiencias de las personas afroamericanas de Latinoamérica (Chucho García 2007, 229). Como explican Zavala/ Back, las formas difusas de racismo crean incerti‐ dumbre en cuanto a lo que sigue calificándose como racismo, mientras que los efectos reales para los afectados siguen siendo muy drásticos: Ahora sabemos que la raza es una construcción social y que las categorías raciales no corresponden con diferencias biológicas significativas. También sabemos que las categorías raciales tienen límites fluidos, deben entenderse de forma contextualizada y han cambiado a lo largo de la historia. Como consecuencia de esta forma de entender la raza, muchas personas piensan que esta no es real; y que, si no usáramos términos raciales, ya no habría racismo en nuestras sociedades. […] la raza como construcción social tiene consecuencias reales en las prácticas sociales y en el funcionamiento del mundo contemporáneo. Así, por ejemplo, tiene consecuencias claras sobre la contratación de personal en empresas, las oportunidades de estudiantes en diferentes 94 Daria M. Mengert <?page no="95"?> niveles educativos, la forma en que se procesa judicialmente a las personas y la provisión diferenciada de otro tipo de servicios públicos. (Zavala/ Back 2017, 12) Las distinciones entre tipos de racismo presentadas y las percepciones sobre la profundidad histórica y los modos de funcionamiento y adaptabilidad de los discursos racistas constituyen los puntos de referencia para el análisis del racismo en las biografías lingüísticas mencionadas. 2.2 Racismo y lenguaje Para el caso de Perú, Zavala/ Back recapitulan que, debido a la gran diversidad étnica de la población peruana, las manifestaciones de racismo allí no siempre han seguido líneas claras del mismo modo que, por ejemplo, en los EE.UU. o en los países europeos. Más bien, las ideas biologicistas se mezclaron y compitieron ya antes con nociones de diferencias en la cultura y el “espíritu” de los diversos grupos de población, que se suponía eran salvables, por ejemplo, mediante la educación o la participación en el poder productivo del Estado. El resultado fue un fenómeno de discriminación endoracista, en el sentido también de discriminación “entre iguales”: […] en los últimos tiempos [el racismo] se dispersó y expandió, de modo que ya no fue solamente una discriminación de los de arriba hacia los de abajo, o viceversa, sino un fuego cruzado de todos contra todos. Esto llega al punto tal que los fenotipos y el estatus socioeconómico han pasado a tener muy poca capacidad predictiva a efectos de saber quién discrimina y quién es discriminado. (Rochabrún 2014, 17-18) Así, aunque la discriminación racial no se produzca siguiendo líneas claras, es posible identificar aquellos factores (incluido el lingüístico) a los que se refiere esta discriminación y a partir de los cuales se pueden trazar líneas fluidas. Siguiendo a Cortez (2022), se pueden mencionar los siguientes aspectos: 1. origen: fuera de Lima, rural, provinciano 2. idioma: castellano andino (“motoseo”), quechua 3. clase social a. por campo de trabajo: campesino b. por recursos económicos 4. grado de educación formal / escolaridad 5. apariencia / fenotipo de una persona 6. aspectos culturales: vestimenta, cocina tradicional, música 7. identidad andina en un mundo globalizado. Racismo y resistencia en las biografías lingüísticas de migrantes quechuahablantes 95 <?page no="96"?> Así pues, el aspecto de la lengua es uno de los muchos que pueden tomarse como factores desencadenantes de actos racistas. La lengua puede, pero no tiene por qué, ser utilizada como un tal factor desencadenante. Como muestran los ejemplos de mi corpus, la lengua se moviliza como “justificación” de la discriminación racista, en situaciones cuando otros aspectos están equilibrados entre las personas que interactúan en la situación concreta, por ejemplo, cuando ambas personas tienen un fenotipo similar y apellidos en quechua. Cómo se manifiestan las atribuciones respectivas en la situación concreta depende en gran medida de las personas implicadas. A más tardar desde el cambio de milenio, las protestas indígenas y las luchas políticas han llevado a una fuerte revalorización del quechua y de las expresiones culturales andinas en su conjunto en los estados andinos, de modo que hoy ya no puede decirse que el español se asocie de modo general con la “civilización”, educación, riqueza, etc., y el quechua con atraso cultural y pobreza. El quechua ahora también forma parte de la Educación Intercultural Bilingüe (EIB) como lengua regional (Zúñiga 2008) y ha experimentado recientemente un gran “boom”, también y sobre todo durante la pandemia del Covid-19, que se ha expresado, entre otras cosas, en numerosas ofertas de cursos de quechua (Molina 2022). Mientras tanto, jóvenes activistas de Lima también están propagando el uso de la lengua quechua, entre otras cosas como parte de la confrontación con y la reivindación de sus propios orígenes andinos (Zavala 2019). Sin embargo, Zavala (2023) señala que aún se registran resistencias, por ejemplo de familiares que asocian el quechua con la falta de educación y prestigio. 3 Aspectos metodológicos El presente análisis se basa en un corpus de 21 entrevistas cualitativas semi‐ estructuradas, que se presenta con más detalle en el apartado 4.1. Para analizar el contenido y el nivel de discurso de este corpus, utilizo un modelo multinivel de análisis de entrevistas cualitativas basado en el análisis multinivel discursivolingüístico (Diskurslinguistische Mehr-Ebenen-Analyse, DIMEAN) de Spitzmüller/ Warnke (2011) complementado con algunas categorías de análisis. Se adoptan dos características centrales del DIMEAN, 1) El modelo multinivel como “modelo de síntesis para ‘metodologías mixtas’” (Spitzmüller/ Warnke 2011, 200), que proporciona orientación para una variedad de análisis lingüísticos detallados, y aquí también sociolingüísticos, que se combinan y se ponen en relación analítica. 2) Estos análisis detallados combinados están triangulados, es decir, abarcan los tres niveles a) del discurso en la sociedad (nivel transtextual) b) de las actoras y los actores y c) de los aspectos lingüísticos del texto, en este caso, las entrevistas (nivel 96 Daria M. Mengert <?page no="97"?> intratextual). Sólo así, según Spitzmüller/ Warnke (2011, 199), el análisis del texto se convierte en análisis lingüístico del discurso. De este mismo modo, el análisis de las entrevistas que aquí se presenta adquiere relevancia en su consideración de la realidad social reflejada en los enunciados concretos. A diferencia del DIMEAN, el procedimiento metodológico del presente trabajo es un análisis cualitativo combinado de entrevistas que fusiona el análisis de contenido guiado por el corpus (corpus-driven), el análisis del discurso y el análisis de la conversación. En la primera etapa, el análisis de contenido, se siguió el modelo por un análisis estructurador de tipo temático según Mayring ([1983] 2007, 82-89), las entrevistas se etiquetaron según puntos temáticos y las etiquetas se agruparon en clusters, dentro del programa informático de análisis MAXQDA. De este modo, la categorización de los extractos de entrevista se guió por el corpus, aunque el corpus está naturalmente preestructurado en gran medida por las preguntas que se hicieron en la entrevista. Posteriormente, los temas respectivos se procesaron por separado: la información clave, como el lugar de origen y el país de acogida, el motivo de la migración, etc., se contabilizó y contrastó en porcentajes; los demás aspectos de los respectivos campos temáticos identificados se presentan de forma resumida y descriptiva y se iluminan recopilando y, en caso necesario, contrastando extractos significativos de las entrevistas. A continuación, estos fragmentos de entrevista se analizan detalladamente por medio del modelo multinivel antes mencionado. Se presta especial atención a otros dos modelos: el modelo migratorio-lin‐ güístico de Gugenberger (2007; 2018) especialmente en el análisis de contenido, y el concepto de las ideologías lingüísticas (Schieffelin et al. 1998) especialmente en el contexto del análisis del discurso. El modelo migratorio-lingüístico de Gugenberger se caracteriza por su enfoque en las interconexiones de tres áreas relevantes: 1) las condiciones y variables externas para el uso de la lengua tanto en la sociedad de origen como en la de acogida, por ejemplo, la composición étnica de la sociedad, su historia social, el número de hablantes de las lenguas en cuestión, las ideologías y políticas lingüísticas en las instituciones y la sociedad, incluidas las políticas migratorias del país de acogida, y los motivos de migración de las personas migradas etc. (Gugenberger 2018, 133-135). 2) La mediación cognitivo-emotivo-motivacional a nivel personal de los hablantes. Y 3) las consecuencias para el uso de la lengua en el país de origen y en la migración (Gugenberger 2007). Las tres áreas de relevancia fueron objeto de las preguntas en las entrevistas y se presentan en el análisis como parte del modelo multinivel. El otro concepto igualmente central es el de las ideologías lingüísticas, el cual se centra en las ideas con carga política y/ o moral sobre los idiomas específicos y el lenguaje en general en el contexto de las experiencias y relaciones sociales y la Racismo y resistencia en las biografías lingüísticas de migrantes quechuahablantes 97 <?page no="98"?> pertenencia a determinados grupos sociales (cf. Woolard 1998, 9). En el análisis de las ideologías lingüísticas es necesario pensar el lenguaje en relación directa con el contexto situacional, social e incluso geopolítico; es necesario reconocer que el uso del lenguaje supone una intervención sobre el propio contexto de uso; es necesario apreciar el choque entre ideas recibidas sobre el lenguaje y desafíos a tales ideas; y, finalmente, es necesario examinar el modo en que la praxis lingüística es un modo de negociación de relaciones de poder. (Del Valle/ Meirinho 2016, 623) La idea central subyacente es también que las ideologías lingüísticas y el uso de las lenguas se influyen mutuamente y, por tanto, las ideologías lingüísticas también son de interés lingüístico para comprender y describir adecuadamente los procesos lingüísticos. Esto es aún más cierto cuando se estudian el contacto y el conflicto lingüísticos y fenómenos como la estandarización o la hegemonía lingüística, que incluye los efectos del colonialismo en la política lingüística (cf. Woolard 1998, 16-25). Para el análisis detallado multinivel de los extractos de las entrevistas, esto da lugar al siguiente esquema, en el que los aspectos del análisis lingüístico, que son de mayor importancia en el presente trabajo, ya se indican en la parte correspondiente del esquema: 1. Nivel transtextual: a. Análisis del contenido i. Tipificación, p.ej. según lugar de origen, país de residencia, razón de migración, nivel de quechua etc. ii. Identificación de fenómenos descritos, como diferentes tipos de discri‐ minación racista, exotización, estrategias de blanqueamiento, etc. iii. Contextualización crítica de informaciones iv. … b. Análisis del discurso i. Ideologías lingüísticas, mentalidades ii. Historicidad y simbolismo social iii. … 2. Actores i. Contexto de la entrevista ii. Posiciones sociales iii. Posiciones discursivas iv. Roles de interacción como los de entrevistadora y persona entrevistada que tienen un impacto significativo en la estructuración de la entrevista y las expectativas que se reflejan en la interacción (cf. Arendt 2014) 98 Daria M. Mengert <?page no="99"?> 3. Nivel intraconversacional a. Análisis de conversación i. Estructura general de la conversación ii. Secuencias dialógicas iii. Secuencias monológicas que pueden seguir los patrones de otros tipos discursivos como la narración (cf. Norrick 2000), la descripción etc. b. Análisis de contenido explícito e implícito i. Contenido explícito sobre acontecimientos, actores, instituciones, etc. ii. Proposiciones como ideologemas que se pueden distinguir desde me‐ dios retóricos, esquemas sintácticos, metáforas etc. iii. Interacción, que incluye la responsividad de la persona entrevistada, muestras de dubitación estrategias de evitación etc. c. Análisis de unidades básicas del lenguaje i. Unidades de palabras ii. Herramientas paralingüísticas, como los modificadores fónicos (én‐ fasis, tonalidad etc.), los sonidos emocionales (risa, llanto etc.) y elementos cuasi-léxicos como “hm” (cf. Cestero 2017) Como se hace evidente en el esquema, se utilizan categorías de análisis de los distintos niveles ya mencionados. El objetivo concreto del análisis de un fragmento de entrevista es determinar no solo el contenido explícito, sino también el contenido implícito del enunciado, que se transmite a través de medios lingüísticos y paralingüísticos. Esto permite, en el mejor de los casos, explicitar la mayoría del contenido del enunciado de los extractos de la entrevista y así poder tenerlo en cuenta para el análisis del subtema correspondiente. 4 Análisis 4.1 Presentación del corpus Para el presente análisis, se recurre al corpus de mi proyecto de doctorado “Las realidades lingüísticas y sociales de las y los quechuahablantes en Alemania e Inglaterra”, el cual se ha estado llevando a cabo desde el 2020. El proyecto busca averiguar, desde una perspectiva sociolingüística, cómo se presenta la situación del quechua en la migración a la Europa no románica, en tanto el quechua es una familia lingüística marginada en su país de origen que “viaja” a contextos migratorios donde incluso la lengua dominante del Perú, el castellano, es lengua minorizada. Para el proyecto estuve en contacto frecuente y recibí apoyo especial por la Asociación Comunidad Rimanakuy de Londres y la Asociación Cultural Racismo y resistencia en las biografías lingüísticas de migrantes quechuahablantes 99 <?page no="100"?> Chasqui de Múnich que me ayudaron, entre otras cuestiones, en la difusión de información sobre el proyecto y como tal en la búsqueda de participantes para las entrevistas. El corpus se compone de 21 entrevistas cualitativas semiestruc‐ turadas a personas individuales y observación participante en cursos de quechua y eventos culturales. Las personas entrevistadas son quechuahablantes o, en pocos casos, tienen el quechua como lengua de herencia y están implicadas en actividades por la reivindación de la lengua. Más precisamente, entre las y los entrevistadas/ os 15 de 21 personas hablan quechua activamente y como primera lengua, 2 de 21 lo hablan activamente como segunda lengua, una de 21 lo domina solo de forma pasiva, y 3 de 21 no lo hablan o solo de forma simbólica pero lo tienen como lengua de herencia y participan en las actividades mencionadas. Las entrevistas se realizaron de forma digital y presencial entre noviembre de 2020 y agosto de 2022, es decir, durante la pandemia del Covid-19 y antes del estallido de las protestas en Perú en diciembre de 2022. Las y los participantes de mis entrevistas son exclusivamente de origen peruano, y el grupo consta de 12 mujeres y 9 hombres con edades comprendidas entre los 28 y los 70 años aproximadamente, con una representación mayor de personas de 45 años o más. En consecuencia, muchos llevan ya más de 20 años viviendo en Europa. Los motivos de migración declarados más frecuentemente son la migración laboral (10 de 21), el matrimonio (3 de 21) y la huida del terrorismo de Sendero Luminoso en los años ochenta y noventa (3 de 21). También cabe mencionar que muchas personas de las entrevistadas tienen biografías lingüísticas marcadas por la migración múltiple, normalmente del Perú rural a Lima durante la adolescencia y a Europa en la edad adulta temprana, pero también dentro de Europa, algunas personas entrevistadas han pasado por varios países, a menudo España o Italia, antes de llegar a Alemania o Inglaterra. Todos estos pasos migratorios suponen cambios drásticos en el entorno lingüístico y en el uso de la lengua, tal y como pueden reconstruirse a partir de las entrevistas. La migración múltiple también significa que muchas personas entrevistadas han sido marginadas varias veces en sentido intersec‐ cional, primero como peruanas y peruanos quechuahablantes y finalmente como migrantes en Europa, y según el caso, también como mujeres. Dentro del grupo de personas entrevistadas, la mayoría está a su vez invo‐ lucrada en promocionar la lengua quechua mediante actividades lingüísticas y/ o culturales. Alrededor del 40 % estaba implicado en actividades por la lengua quechua en el momento de la entrevista (8 de 21), un tercio indicó su 100 Daria M. Mengert <?page no="101"?> 3 Las actividades por la lengua quechua incluyen la organización y/ o realización de cursos de quechua, ya sean gratuitos o de pago, así como actos informativos sobre la lengua. Las actividades culturales incluyen, por ejemplo, la organización e implementación de eventos culturales e informativos con un enfoque especial en la cultura peruana y andina, a veces con carácter benéfico. El activismo político incluye, por ejemplo, la organización y realización de manifestaciones con referencia a Perú. Las personas que participan (o han participado) tanto en actividades por la lengua como también en el ámbito cultural, se contabilizan en la categoría de lo lingüístico, ya que esta puede entenderse como una parte específica de lo cultural. participación en actividades políticas y/ o culturales 3 relacionadas con Perú y la cultura andina (8 de 21), una persona mantenía contacto con activistas en Europa o Perú, y solo tres indicaron no estar implicadas en ningún tipo de actividades voluntarias. Las entrevistas se trascribieron según las normas del Gesprächsanalytisches Transkriptionssystem 2 (GAT 2), sistema de transcripción para el análisis de la conversación utilizado mayormente en Alemania, de Selting et al. (2009), véase también Ehmer et al. (2019) para ejemplos de aplicación en español. Más precisamente, se utilizaron las normas del llamado ‘transcripto básico’ (Basis‐ transkript) del sistema GAT 2, con la excepción de que se incluyeron también las indicaciones acerca del registro de tono, la velocidad, el volumen y la manera de articulación del ‘transcripto fino’ (Feintranskript) más detallado. Estos aspectos adicionales se incluyeron en base del análisis preliminar de las entrevistas, donde dichos aspectos surgieron como muy importantes para analizar adecuadamente los mensajes implícitos proporcionados en las entrevistas. En base de estos transcriptos, se realizó un análisis triple de contenido, de discurso y de la conversación cuyos principios se han explicado arriba, en el apartado 3. 4.2 La discriminación en las biografías lingüísticas - comentarios iniciales En cuanto a la discriminación en las biografías lingüísticas de las personas entrevistadas, hay que tomar en cuenta que la estructura y el objetivo de las entrevistas favorecieron a que se hablara de la discriminación en Perú y no favorecieron que se hablara de la discriminación en Europa, por lo que la discriminación en Perú, de hecho, sale a relucir mucho más en las entrevistas. Por lo tanto, debe quedar claro aquí que este desequilibrio en el presente corpus no significa que la discriminación en Europa sea en realidad drásticamente inferior. Por el contrario, debe hacerse hincapié en que, al igual que la discriminación estructural y social contra la población quechuahablante en Perú, la discrimina‐ ción contra las y los inmigrantes no blancas/ os en Alemania e Inglaterra existe de Racismo y resistencia en las biografías lingüísticas de migrantes quechuahablantes 101 <?page no="102"?> forma demostrable y sí conlleva consecuencias graves como daños psicológicos (para Alemania, véase Heinrich Böll Stiftung 2010; para el Reino Unido, véase, por ejemplo, Bhui et al. 2005). La mención desigual de la discriminación en el país de origen y en el país de acogida puede explicarse por el hecho de que, debido al enfoque de la investigación en la lengua quechua, las preguntas de las entrevistas también se dirigían más a la discriminación con respecto a la lengua quechua. La discriminación dirigida específicamente a las identidades andinas fue señalada por las y los participantes en las entrevistas casi exclusivamente para Perú, con la excepción de unos casos singulares que mencionan dicha discriminación dentro de los países de acogida. La siguiente tabla muestra el recuento de las declaraciones sobre la discriminación racista vivida -tanto étnica como lingüística- en Perú: Discriminación en Perú Número Porcentaje (aprox.) Vivida 11/ 21 53 % Vivida (descripción) 1/ 21 5 % Vista en otras personas 3/ 21 14 % No vivida 3/ 21 14 % No se menciona 3/ 21 14 % Tab. 1: Declaraciones sobre discriminación racial vivida en Perú El recuento muestra que más de la mitad de las y los participantes en las entre‐ vistas han experimentado personalmente una discriminación racista, tres de 21 la han visto hacerse contra otras personas, tres afirman no haber experimentado ninguna discriminación y en tres entrevistas no hay ninguna indicación. A continuación, se presentan ejemplos seleccionados de las entrevistas para mostrar las formas en que aparece la discriminación racista vivida en Perú en las biografías lingüísticas con referencia a la lengua quechua. Posteriormente, se presentan otros ejemplos seleccionados para ilustrar cómo las experiencias que las personas tuvieron en la migración a Europa pueden contrastar con experiencias previas de discriminación y, según parte de las y los participantes en las entrevistas, pueden conducir a un cambio en ideologías lingüísticas. 102 Daria M. Mengert <?page no="103"?> 4 Por razones de anonimización, tanto en mi tesis como en el presente artículo me abstengo de dar a cada persona citada un alias constante, lo que permitiría juntar la información personal de los diferentes extractos de entrevista correspondientes a diferentes etapas de vida y, por este medio, identificar posiblemente a la persona en cuestión. En vez de ello, para cada extracto o grupo de extractos relacionados, se da a la persona una abreviatura consistente en dos letras elegidas arbitrariamente. 4.3 El quechua como factor desencadenante de la discriminación racista Las entrevistas muestran claramente que el quechua aparece en la mayoría de las biografías lingüísticas como factor o “justificación” desencadenante de la discriminación racista en Perú, pero siempre en interacción con otros factores que pueden tratarse como más graves. Por lo tanto, se plantea la cuestión de cómo describir con mayor precisión estas interacciones y el papel del quechua como factor desencadenante de la discriminación. En esta sección se ofrece dicho enfoque. Un ejemplo representativo es el siguiente de la entrevistada WS, 4 que describe la conexión entre la lengua y la discriminación en Lima en los años 80/ 90: 001 I: […] vivieron, (.) en-en LIma vivieron (1.5) con otros parientes, (.) aDULto: : s? (1.0) más bien NO, 002 - (0.5) solo los: : (1.5) los herMAnos. (0.5) 003 WS: SÍ: (.) con otros pariENtes: e: : (.) 004 - […] 005 - […] bueno en LIma yo he vivido: : con la hermana de mi maMÁ, (0.5) 006 - pero ya no hablahasta aHOra no habla quechua, (.) 007 - porque ella decía si habLAmos quechua: : , e la gente nos va a: : : (.) .hhh (.) 008 - se van a burlar de nosOTro: s, (.) .hhh (.) se van a decir que somos serRAno: s, (0.5) 009 - porque en LIma (en) LIma: : - (.) <<alargado> ha: : sta aho: ra: : (.) no se suPEra el racismo.> (.) 010 I: hm-hm, (.) 011 WS: y siEMpre hay eso: que: : hhh (.) 012 - e: : : los <<alargado> CHOlos, o los INdio: s, e (xx) seRRAnos> (1.0) Racismo y resistencia en las biografías lingüísticas de migrantes quechuahablantes 103 <?page no="104"?> Primeramente, llama la atención que WS, en este intercambio, parte de una pregunta contextual general sobre las circunstancias de su período de vida en Lima, de si ella y sus hermanos menores de edad habían vivido solos o con familiares adultos, y luego por su parte plantea el tema de la discriminación. Su principal afirmación explícita es que vivían con su tía en Lima y que esta, a pesar de conocer el idioma quechua, no lo utilizaba y les decía a las y los sobrinas/ os que no lo utilizaran para no vivir discriminación. En seguida, la entrevistada indica la información explícita de que el racismo sigue presente en Lima hoy en día, y la valoración negativa implícita de ello, utilizando la expresión no se supera (009), que demarca el racismo mencionado como un mal que debe ser superado. En cuanto a las formas de discriminación, ella enumera ejemplos de insultos típicos (cholos, indios, serranos), tanto dentro del discurso directo reproducido de la tía (008) como en su propia descripción (012). Tanto los alargamientos en la pronunciación como el recurso retórico de la enumeración contribuyen a subrayar la impresión de que las agresiones verbales como los insultos mencionados eran múltiples y altamente frecuentes. Con su testimonio, WS permite interpretar que ella y su familia sufrían de discriminación precisamente por ser quechuahablantes. La consecuencia de ello fue la autocensura de la tía, quien no solo ya no quería hablar quechua ella misma, sino que también amonestaba a sus parientes para que no hablaran quechua por su propia protección. En contraste, está la siguiente afirmación del entrevistado XY, que informa haber sido discriminado por motivos distintos a la lengua quechua. Después de informar que era fácil identificarle como quechua-hablante por su manera de hablar español, le pregunté si se habían producido situaciones desagradables para él por este motivo: 001 I: <<len> había situaciones (.) que (.) te incomodaron? (-) .hh (2.0) 002 XY: ((clic)) .hh (1.0) <<p> por el QUEchua no TANto.> (1.5) 003 - NO porque: =eher- (.) por ejemplo en la ciudad. (—) 004 - YO hablaba quechua SOlo en mi casa. (—) 005 I: hm-’hm 006 XY: (-) no hablaba en otras: (-) o: : con mi faMIlia. (-) 104 Daria M. Mengert <?page no="105"?> 007 pero con otras personas (por más) que hablan quechua? (-) el idioma para comunicarnos siempre era el españOL. 008 I: hm. 009 XY: (1.5) entonces: . (3.0) no: : el iel idioma? (1.5) ((clic)) 010 - <<len> puede ser,> (1.5) 011 - muchas veces (-) me he presentado (p-) por ejemplo en la universidad para hacer: =eh: > (-) algunos traBAjos, (-) en algunos estudios de abogados, 012 I: ahá. 013 XY: (1.5) y no me acepTAron. (2.0) .hh […] 014 - <<f> yo nunca: me he preguntado por QUÉ.> (3.0) 015 - pero: : : (3.0) pero- (—) puede: (-) PUEda que sea por un motivo de discriminaciÓ: N= 016 I: =hm. 017 XY: (3.5) pero NUNca me he preguntado por qué, 018 I: ahá. 019 XY: (-) <<all> que me han discriminado por ser inDÍgena? > <<sharp>muCHÍsimas> veces. (-) 020 - pero por el (.) iDIOma iDIOma, (1.5) 021 - n: : : (-) no. no me acuerdo. (-) por el idioma exACto no. 022 I: ahá. (3.0) y: [: : ] 023 XY: [por mis] (-) y: : pero por mi CAra: : (1.5) 024 I: ahá. 025 XY: (1.0) (xxx) (pues eso) por ser indígena me han discriminado muCHÍsimo (-) pero (x) (así) por el idioma idioma? 026 I: ahá, 027 XY: (-) (por mi cara.) (2.0) En este extracto, primero se observa que XY habla de forma muy vacilante, es decir, con muchas pausas de más de un segundo y alargamientos, así como Racismo y resistencia en las biografías lingüísticas de migrantes quechuahablantes 105 <?page no="106"?> 5 El hecho de que aquí, al decir por ser indígena, se refiera principalmente a su aspecto físico y no, por ejemplo, a su apellido o a sus características culturales, queda claro después, donde parafrasea el motivo de la discriminación como por mi cara (024, 028). expresiones como no tanto (002), puede ser (010) y pueda que sea (016), que comunican ambigüedad. Esto indica que XY está movilizando conocimientos para responder a la pregunta que no están todavía sedimentados en la forma dirigida a esta pregunta específica, condición que también expresa a través de los enunciados no me acuerdo (022) y nunca me he preguntado por qué (015, 018). Al mismo tiempo, hay varios pasajes en los que XY habla con fluidez y determinación, es decir, sin pausas extendidas y con solo algunos alargamientos (003-007, 011, 020). Se trata de las secuencias en las que formula afirmaciones que considera seguras y que proporciona como “anclajes intermedios”, por así decirlo, en el camino hacia la respuesta final a la pregunta. Con este procedimiento, muestra un alto nivel de responsividad hacia mí como entrevistadora, ya que simultáneamente intenta proporcionarme informaciones rápidamente, pero también sopesar cuida‐ dosamente su respuesta para llegar al final a una afirmación concisa (026-028) (cf. Arendt 2014, 16-18). Esto da lugar a la siguiente estructura de su respuesta: tras la primera valoración dubitativa de que las situaciones desagradables no se debían al uso del quechua (002), presenta la información, que considera cierta, de que en Lima solo hablaba quechua en casa y con la familia y fuera solo español, con otras personas por más que hablan quechua (007). A través de la conjunción porque (003) da a entender que con este comportamiento no había mucha posibilidad de verse expuesto a situaciones desagradables por su uso del idioma. En este punto, cabe señalar que esta información es un indicio de que su comportamiento puede haber sido una autocensura preventiva, por estar consciente de que la discriminación hacia la lengua quechua prevalecía en Lima. Tras esta información, marcada como cierta, formula la evaluación, de nuevo vacilante, puede ser (010) como respuesta intermedia a mi pregunta. A continuación, cita varios ejemplos que potencialmente representan una discriminación estructural, a saber, haber sido rechazado en varias solicitudes de empleo (011-014), aunque no está seguro si esto hubiera sido discriminación (016) y afirma que no había pensado en ello anteriormente (015, 018). Posteriormente, sin embargo, pasa bruscamente a la información asegurada de que ha sido discriminado muchas veces por su aspecto: que me han discriminado por ser indígena… muchísimas veces (020), 5 que subraya con rapidez y fuerte énfasis en muCHÍsimas. En contraste, a continuación sopesa con vacilación que la lengua quechua en sí no fue la razón (pero por el idioma idioma […] por el idioma exacto no […] y pero por mi cara, 021-024). En la siguiente pausa, él parece identificar esta consideración como la conclusión que quiere darme en respuesta a mi pregunta: introduciéndola con la expresión pues eso (026), repite su 106 Daria M. Mengert <?page no="107"?> apreciación sin ningún indicio de vacilación: por ser indígena me han discriminado muchísimo pero así por el idioma idioma? […] por mi cara (026-028). Curiosamente, su conclusión de que fue discriminado por su apariencia pero no por hablar quechua contradice la sugerencia inicial de que se había limitado al uso doméstico del quechua en Lima desde el principio, evitando así situaciones desagradables. Así pues, la ausencia de experiencias negativas claramente asociables con el idioma parece deberse más a su comportamiento autoprotector que a la ausencia real de la discriminación lingüística. Al mismo tiempo, sin embargo, también queda claro que existen diferencias significativas entre los factores que se han utilizado para justificar la discriminación dentro de la sociedad: las características constantes y obvias como la apariencia (estatura, color de piel, etc.) ofrecen el mayor terreno de ataque porque no pueden ser “manejadas” u ocultadas por las personas afectadas con fines de autoprotección, en contraste con factores sobre los que se puede influir como el uso del idioma o la vestimenta. El testimonio de la entrevistada IU sobre sus experiencias con sus camaradas de clase en su ciudad andina natal muestra cuán grande podía ser el abanico de factores que también se utilizaban para la discriminación en su círculo de amistades, y cuán grande era el correspondiente esfuerzo de las personas afectadas para minimizar estos factores. Entre los factores y características desencadenantes de la discriminación que menciona se encuentran: • mejillas enrojecidas por el frío de las zonas altoandinas (cachetitos rojos), • ser vista en la parada de autobús cercana al mercado, donde llegaban los auto‐ buses de las provincias vecinas y muchas personas visten trajes tradicionales andinos (con sus polleras, sus sandalias, sus sombreritos, su poncho), • el uso del español “quebrado” (hablar quebrado) o del español con elementos quechuas (hablar con frases quechuas), • ser vista en compañía de personas identificadas como habitantes de la zona altoandina (peyorativamente: shuko/ shuka). IU describe así su reacción ante la discriminación y cómo la afronta: 001 IU : o no SÉ si: si por eJEmplo te veían con alguién- (-) no, de la: (.) de La ZOna también pues también te decían AH te he visto con una SHUka, .hhh (-) 002 - y: : o sea como que: (—) <<all> que el hecho de que tengas contacto mismo así con esas> personas, (-) SEa denigrANte. 003 - (1.0) y eso es lo que a mí también a veces me incomoDAba, porque pues: todo el TIEMpo e: : en mi casa habían: SHUkos. (1.0) Racismo y resistencia en las biografías lingüísticas de migrantes quechuahablantes 107 <?page no="108"?> 004 <<risa> ehehe .hh hehe> <<risa, f> mi faMIlia eran shukos no,> .hh y entonces e: : (—) 005 - (y) de verDAD y yo te- (.) yo llegué a tener TANto temor de esa: : (-)de esas tonterías que decían mis compañeros y compañeras, .hhh 006 - que de verDAD me daba vergüENza salir con mi: s parientes afuera. (-) .h 007 - y me quedaba en la casa y decía <<alto> no: yo voy a ir a comprar soLIta> (.) no te preoCUpes. (-) .h 008 - (-) por qué? porque tenía miedo que me VIEsen caminando con mi (.)pariente SHUko? (-) 009 - supuestamente para: : para Ellos para que n- (-) no me fastidien en la escuela: (-) a: los días siguiENtes. Tras mencionar el factor desencadenante de la discriminación, el hecho de estar con personas leídas como andinas (cf. 001), analiza primero en una única secuencia la ideología subyacente: el mero contacto con personas de la zona altoandina sería degradante (002). Esto le había causado sentimientos de malestar (me incomodaba, 003), ya que su propia familia entraba en esta categoría así construida mientras ella estaba en contacto con su familia todos los días como una cuestión de rutina, sin mencionar que esta desvalorización afectaba a las mismas personas que estaban más cerca de ella y eran responsables de su cuidado. La naturaleza absurda de la idea de poder prescindir de este contacto solo para evitar la discriminación es posiblemente lo que provoca su risa en la secuencia 004: la risa marca el cambio de la descripción distanciada en mi casa habían shukos (003) a la afirmación integradora mi familia eran shukos (004). Otras reacciones a la discriminación que manifiesta son el miedo a nuevos ataques por parte de sus compañeras/ os (005) y la vergüenza y el miedo a mostrarse en la calle con los miembros de su familia (006, 008). Como acción preventiva en este punto, afirma que se quedaba en casa o insistía en salir sola de la casa, lo que expresa con la representación prototípica del discurso directo repetido: no, yo voy a ir a comprar solita, no te preocupes (007), marcado por un tono de voz alto. Con este relato, proporciona un ejemplo de un principio previamente formulado que tenía cuando era joven: trataba de no comportarme … de una manera … que me delatase, lo que sugiere que por las mismas razones también recurrió a una autocensura similar en perjuicio del quechua en su uso de la lengua como en los ejemplos anteriores. En resumen, es importante señalar ante todo que en las biografías lingüísticas, el uso del quechua emerge como un importante factor desencadenante de 108 Daria M. Mengert <?page no="109"?> discriminación dentro de un abanico extremadamente variable de factores (fenotipo, lugares de residencia, vestimenta, contactos, etc.). Al mismo tiempo, el uso del quechua es uno de los factores en los que podrían influir y de hecho influyeron las personas afectadas para protegerse a sí mismas y a sus familiares, lo que equivale a una autocensura para autoprotegerse. También es importante señalar que la discriminación mencionada se dirigía específicamente contra las identidades andinas (rurales), que es el denominador común de los desencadenantes tan variables de la discriminación racista descrita. 4.4 Quechua y pobreza La desventaja estructural de las y los quechuahablantes sale a la luz en las entrevistas, por ejemplo, al hablar del sistema educativo, donde gran parte de las personas entrevistadas habían experimentado que no se les permitía hablar quechua en la escuela y tenían las correspondientes dificultades de aprendizaje. El problema también se hace visible en el hecho de que la mayoría de las personas entrevistadas crecieron en la pobreza cuando eran menores, por lo que el quechua se asoció al menos en parte con esta pobreza y el español con la promesa de ascenso social (cf. Gugenberger 1995, 186-188; Howard 2011, 196). Esto es particularmente evidente en la biografía lingüística de la entrevistada CB, que creció en una familia campesina quechuahablante y, desde los ocho años, trabajaba regularmente como empleada de hogar para familias urbanas de clase media durante las vacaciones. Allí, además del trabajo duro, experimentó un trato desigual (por ejemplo, alojamiento precario) y violencia física y psicológica. En el siguiente fragmento de entrevista, describa la manera cómo contó a sus padres una de sus estancias como trabajadora doméstica al volver a casa: 001 CB : y (x) me preguntaban CÓmo. 002 - pero yo nunca le he dicho a mis papás me han peGAdo. (-) 003 - porque m: no (quería) que le dé PEna (yo dice.) (-) 004 - (cómo le digo yo xx contado lo que es) lo que (e-) lo meJOR no, (.) .hhh 005 - <<alargado> ALgo he sido a este SItio, aprend(í) a cociNA- (-)> 006 - […] Racismo y resistencia en las biografías lingüísticas de migrantes quechuahablantes 109 <?page no="110"?> 007 .hh (-) y le contaba así. (.) oy papi, la pasé muy <<len, voz áspera> BIE: : N: =CHÉvere> <<all> (le) dice.> .hh (-) 008 - Y: le decía, (-) <<alto, aireado> y más imporTANte aprendí (a) hablar el castellano, .h (-) 009 - <<alto> no MUcho, (muy) bien, pero un POco (a). (-) 010 - ya puedo decirte, (.) mira las COsas no, (.) esto se dice así, (-) 011 - yo feLIZ enseña-> (.) 012 - <<bajo> y ellos, .h (-) mi papá me decía <<poco aireado> AH muy BIE: N> el otro año VAS.> .h (-) 013 - pero yo a mí decía .h (-) 014 - (xx) yo no me MANda pero no podía decir NO (no)? (-) 015 - <<p> hay decía, ojaLÁ ojalá que no me (x)> 016 - que SÍ que SÍ que SÍ no? propsi (x) 017 - <<f> si TÚ (o sea) TÚ (ya te cuentas maravilla) pues tú dices, (-) que BIEN no? (.) que SIgas más> el otro año. La entrevistada CB empieza por resumir que ocultó las experiencias negativas a sus padres para no causarles dolor y, en cambio, hizo hincapié en los aspectos positivos: viajes, aprender a cocinar y aprender castellano (002-008), aportando los ejemplos en habla directa con los que imita a su antiguo yo (005-010). Aquí encontramos entonces una rara referencia a la conexión del español con el ascenso social, cuando la entrevistada hace decir a su antiguo yo a sus padres: y más importante aprendí a hablar el castellano (008). En el contexto de que la estancia como trabajadora doméstica debía permitirle ganar algo de dinero y aumentar el capital cultural para ocupar más tarde una posición mejor dentro de la sociedad discriminatoria de clases, la referencia al conocimiento del español como el “mayor logro” de la estancia es de especial importancia. Se puede interpretar que el español fue enmarcado por la familia como un capital cultural que más tarde podría proporcionar a la hija el ascenso social necesario para salir de la pobreza. De allí se puede explicar que la hija presentara (según la narración) su conocimiento mejorado, aunque todavía básico, del español como el logro más importante que podía traer de su estancia. 110 Daria M. Mengert <?page no="111"?> Además, hay que señalar que la entrevistada CB etiqueta esta declaración de su yo infantil como una declaración honesta a través de medios paralingüísticos: Mientras que la voz áspera en 007 (la pasé muy bien, chévere) expresa que estaba mintiendo a sus padres con esta afirmación, en las secuencias 008-011 habla en un tono agudo y parcialmente respirado. Esto crea un contraste directo con la coloración de voz anterior e indica que su yo infantil era honesto en su afán por mostrar a sus padres las palabras en castellano que había aprendido. Concluye describiendo cómo su padre reaccionó a los relatos positivos de la hija queriendo enviarla de nuevo como empleada doméstica, lo que le provocó el conflicto interior de querer evitar y al mismo tiempo ocultar lo que realmente había sufrido en esas estancias. La referencia al castellano como lengua de ascenso social queda selectiva e implícita en gran parte, sin embargo emerge claramente de su testimonio, sobre todo cuando se consideran las extendidas descripciones anteriores de la entrevistada CB. 4.5 Quechua y blanqueamiento Un aspecto central de la discriminación contra las personas quechuahablantes en Perú es la discriminación étnica y socialmente “ambigua” mencionada por Rochabrún (2014, 17-18) y Zavala/ Back (2017, 18-19), que emerge en las entre‐ vistas como un claro endoracismo agresivo. Se refiere a la discriminación entre personas que efectivamente comparten un origen andino, y donde esta herencia es perceptible en ambas personas, según algunos pero no todos de los aspectos mencionados. Sin embargo, se produce una discriminación, que en la situación específica se enciende por aquellos aspectos que hacen que una persona parezca “más andina” que la otra, por ejemplo, la discriminación basada en la vestimenta, aunque ambas personas tengan un fenotipo parecido. Este tipo de discriminación es evaluado con incomprensión en varias entrevistas y se enfatiza la igualdad fundamental entre personas que discriminan y son discriminadas, por ejemplo, a través de expresiones como entre los mismos peruanos. Como se mostrará a continuación, existe una estrecha relación entre la discriminación “entre iguales” y el fenómeno del blanqueamiento, es decir, el intento de las personas racialmente marginadas de volverse “más blancas” y así ascender socialmente. En el caso de la entrevistada CB, la discriminación también provenía de sus propios familiares que vivían en Lima y con los que también pasó un tiempo como trabajadora doméstica. Describe la discriminación por parte de sus primas y primos como mucho más dolorosa que la de personas desconocidas. Cuando le pregunto si la discriminación se debía al idioma, ella da los siguientes pasos explicativos por su cuenta y dentro de una misma respuesta: Racismo y resistencia en las biografías lingüísticas de migrantes quechuahablantes 111 <?page no="112"?> P1 ¿Por qué te discriminaban tus primos? 001 CB porque de mis primos l: yo les daba (.) CÓlera, porque y: o no era liMEña. sino yo era del CAMpo. 002 I ah= 003 CB =y NO querían: (x) que yo sea su prima. no querían que yo VIva con=ellos en su casa. (-) ellos querían que yo me (x) VAya. (-) P2 ¿Por qué el contacto contigo les molestaba tanto? 004 CB : porque <<f> como que se aver(x)gonzaban decir que ella es mi PRIma.>(-) 005 - y no- (.) claro nunca jaMÁS yo (he estado allí) con ellos. pero_.hh (-) 006 - <<alto> yo ERA su prima.> (-) 007 - <<f, decresc> quiera o no quiera yo era la PRIma de ellos.> (-) 008 - <<f> y ESO> (n-) ellos no lo han aceptado. (-) 009 - .h hasta HOY en día, (-) no lo aCEPtan. (1.0) P3 ¿Por qué les daba vergüenza tenerte como prima? 011 CB : <<alto> y yo enTIENdo. yo entiendo. ellos HAN nacido en lima. yo enTIENdo.(.) 012 - yo sé que (.) no HAblo el español como Ellos, .hh (-) m: : 013 - <<ff> no tengo las maneras> como ellos (-) 014 - <<alto> yo: : yo entiendo perFECtamente ya: lo (SÉ) entonces, .hh (-) 015 - […] 016 - mi acento como te dije <<ff> NO E: RA> bueno. (-) 017 - <<all> me entiendes, a veces yo decía ALgo>, y se me salían en: : <<alto> en QUEchua.> 018 I: hm-’hm 112 Daria M. Mengert <?page no="113"?> 019 CB : (x) y (allí de no) <<alto> WUA: : jajajaja.> (.) se reÍan no. 020 - y: YO acá (todo xxx) (xx) m: (.) ROja amarillo VERde. de TOdo color me ponía <<voz de risa> creo> .hhh 021 I : <<alto> oa: y: > 022 CB : y .h (-) y: (.) e- (.) por ESO (eso d-) ha sido el: BUllying de mis: : <<pp> primos porque no: > (1.8) bueno pues: : . (-) Como puede verse en esta representación esquemática, en este fragmento de entrevista, la entrevistada CB proporciona tres pasos explicativos del compor‐ tamiento de sus primas y primos, persistiendo en la afirmación “Les daba vergüenza porque yo no tenía las mismas maneras que ellos y no hablaba español tan bien como ellos”. Marca este paso explicativo como el último y fundamental de la serie, a través del énfasis en la conjunción por ESO (022), por su repetida expresión de comprensión (011, 014) y, dando el mayor número de ejemplos para esta explicación (ejemplificación, cf. Calsamiglia/ Tusón Valls [1999] 2001, 309), incluyendo: a veces yo decía algo y se me salían en quechua (017). Sin embargo, a diferencia de su relato, el análisis puede llevarse más allá de su último paso explicativo, ya que si consideramos su relato a la luz del blanqueamiento, surge el siguiente panorama: Sus primas/ os se avergonzaban porque la entrevistada CB era evidentemente “andina”, lo que se evidenciaba, por ejemplo, en su forma de hablar (español con quechua), y constituía así la prueba viviente de que sus propias/ os primas/ os provenían de una familia andina. En este sentido, la presencia de la entrevistada CB suponía para sus primas/ os el riesgo de socavar el blanqueamiento que habían construido a través del lenguaje y el estilo de vestir, etc., y que probablemente habían integrado en cierta medida a su autoidentificación. Por su parte, para evitar la discriminación, a sus primas/ os les puede haber parecido necesario o legítimo proteger su blanqueamiento negando y devaluando cualquier conexión con la cultura andina que la entrevistada CB representaba. En este sentido, la discriminación descrita puede interpretarse como un mecanismo de defensa agresivo. Las y los primas/ os intentaron crear la máxima distancia con la prima andina y asegurar su propio estatus supuestamente superior humillándola. De este modo, el ejemplo de la entrevistada CB muestra cómo el racismo étnicamente difuso también funcionaba dentro de las familias, cómo la lengua quechua se utilizaba como justificación desencadenante de la discriminación, pero también que estos Racismo y resistencia en las biografías lingüísticas de migrantes quechuahablantes 113 <?page no="114"?> mecanismos a veces pueden ser difíciles de nombrar y explicar para las personas afectadas. En el siguiente ejemplo, el entrevistado PL, al ser preguntado por la situación en Lima (años ochenta), también da cuenta de la discriminación “entre iguales”, pero la evalúa de forma diferente: 001 - […] 002 PL : te demosTRAban que cuando uno viene de la (s-) de los ANdes, (—) es menos que ellque ellos.> 003 - (-) que es: eh (-) .hh (.) ehh (-) YA. (-) <<alargado> una discriminación raciAL: : ,> (-) .hh (-) 004 - <<alargado> a pesar que: =ellos eran: : (.) tenían MÁS cara de: : ((clic)) de: : <<sonrisa> de INcas, de: : de anDInos, (-) .hh> (-) 005 - pero solamente por la forma de habLAR porque (o sea: : ) en lima (xx) (están) hablando otro: : españOL, más: : (1.0) ehm: : no SÉ, más: : <<alargado> RÁpido: : (-) más: : eh (—) canTAdo. h .hhh (-) 006 - entonce: s TRAtan de: : (-) 007 - cuando te escuchan habLAR, (-) te: : se BURlan de tí no? se (.) 008 - te dicen que (eres) un (-) que eres un INdio. un: : un: un anDIno,> .hhh un seRRAno, un CHOlo entonces allí la: : (-) .hhh 009 - <<f> discriminaciÓN al hombre andino> es muy: (-) eh ERA muy fuerte. (-) era muy fuerte que YA: a veces TÚ: te sentías: : (-) .hh <<alargado> hombre de segunda CLAse, 010 I : HM-hm. 011 PL : (-) ya no querías hablar QUEchua: , (.) nadie: : lele (.) les daba vergüenza a MUchos: , (-) .hh 012 - eh: no querían: , (-) mostRAR (.) que eran de: : (de) la SIErra, (-) ah no? 013 - y yo me acuerdo que: = 014 - =eh yo tengo un apellido [apellido] no, [apellido] que es un apellido españOL. ((clic)) .hhh (-) 114 Daria M. Mengert <?page no="115"?> 015 y yo tenía mis: eh: : compañeros en LIma, (.) que eran: tenían apellidos: eh I: Ncas no, (-) en quechuas: (-) 016 - uno se llamaba YAUwi (-) yauwi canCHAri, yauri coCHAchi no, eran: (un: ) nombres: eh QUEchuas, 017 I : hm-HM, 018 PL : pero eran los que MÁS, (-) más me (dicen) me discrimiNAban no, (.) más me decían que era un INdio que era un (.) CHOlo un seRRAno. (eh) 019 - y ellos e: n su apeLLIdo <<voz de risa> eran MÁS indios que yo no,> <<risa> o sheha he[hehe]> 020 I: <<risa> [uff] .hh hh> En el ejemplo descrito por el entrevistado PL, la discriminación entre iguales se refleja en el hecho de que conocidos cuya apariencia también podía leerse como andina (cara de incas, de andinos, 004) y/ o que tenían apellidos quechuas (015-016) lo discriminaban por hablar quechua o cuando lo identificaban como quechuahablante a partir de su pronunciación en castellano (005). De tal modo, su testimonio contrasta con el del entrevistado XY, quien afirma que fue discriminado por su apariencia pero no por el idioma. También en el caso de PL se puede interpretar que sus conocidos lo discriminaron racialmente para apoyar su propio blanqueamiento, es decir, para crear distancia entre ellos y él como representante de un origen andino, así como para enaltecerse y desvalorizarlo. Llama la atención que movilizaran el factor lingüístico como “justificación” de su discriminación, mientras que factores como la apariencia y el apellido quedaban descartados, ya que en estos aspectos, el origen andino era demasiado visible en los propios discriminadores. Observando los dispositivos (para)lingüísticos, se nota que el entrevistado PL evalúa esta discriminación entre iguales como ilógica y hasta chistosa o ridícula. A través de las conjunciones a pesar de (004) y pero (018) indica que en realidad esperaría no ser discriminado por personas que a su vez provienen de familias andinas. Al contrario, relata que su experiencia fue la de ser particularmente discriminado por dichas personas, lo que representa para él una contradicción. Él expresa esta contradicción en el fuerte énfasis en pero eran los que MÁS me discri‐ minaban (018) así como en la recurrente estructura oracional de yuxtaposición (003-004, 014-019). En ambos momentos de formular esta contradicción, PL la acompaña de risas o de un tono divertido (004, 019), mostrando así la ironía que él reconoce en esta contradicción. Al mismo tiempo, da a entender la idea de igualdad fundamental que existía entre él y sus conocidos, en marcado contraste con la entrevistada CB, quien en cambio pone el énfasis en las diferencias culturales Racismo y resistencia en las biografías lingüísticas de migrantes quechuahablantes 115 <?page no="116"?> entre ella y sus familiares de Lima. A pesar de lo irónico de la contradicción, PL no deja lugar a dudas de que la discriminación, que él mismo identifica como discriminación racial (003), es un tema serio para él cuando informa en un tono tranquilo y serio sobre los efectos: la vergüenza de hablar quechua (011) y el sentimiento de ser una persona de segunda clase (009) como efectos psicológicos; y el deseo de evitar el quechua (011) y de ocultar el origen andino (012) como efectos en las acciones de las y los hablantes. Estos dos extractos de entrevista ejemplifican cómo las personas entrevis‐ tadas, en Lima en la década de 1980, sí fueron masivamente discriminadas por su origen andino, incluso especialmente por personas que en realidad compartían un origen similar con ellas y ellos. La lengua quechua y/ o el motoseo en español también sirvieron a las personas discriminadoras como justificación de sus acciones. Cabe suponer que esta forma de discriminación entre iguales sirvió a las personas que la ejercían para apoyar su propio estatus ligeramente “más blanco”, es decir, su blanqueamiento previamente logrado, y para enaltecerse a sí mismas devaluando a su contraparte. Así pues, las declaraciones de las personas entrevistadas representan un importante testimonio de cómo funciona(ba) la compleja y difusa discriminación racial y qué papel desempeñaron en ella las lenguas castellana y quechua. 4.6 Estrategias de resistencia ante la discriminación lingüística Obviamente, las personas afectadas por la discriminación no son objetos pasivos, sino sujetos que actúan, por lo que también hay referencias en las entrevistas a cómo se defendieron de la discriminación, principalmente por contra-discursos, ocasionalmente se mencionan peleas o reclamación oficial. En cuanto a la lengua quechua, una de las entrevistadas menciona que hablaba quechua como un código secreto con sus amigas en Lima para burlarse de otras personas monolingües en castellano quienes, por ende, no las podían entender. Otro ejemplo es el siguiente, donde la entrevistada SW responde a la pregunta de si tuvo la oportunidad de hablar quechua durante su época de joven adulta en la capital de su región andina de origen: 001 SW : con mis compañeros de esTUdio <<f> que HAblan: que vienen del pUEblo, (.) también se puede hablar QUEchua, (-)> 002 - aunque otros com(xxx)pañeros se (xx) no, (-) 003 - pero nosOTRos eh: (-) fastiDIÁbamos a ellos. (-) 116 Daria M. Mengert <?page no="117"?> 004 por ejemplo le insulTÁbamoseh (.) le dábamos poco de cerVEza así en grupos, <<poco bajo> jóvenes,> (-) .h le insulTÁbamos, (-) en QUEchua, 005 - (-) <<ff> y REaccionaban.> 006 - y AHÍ descubríamos <<f, alto> AH tú sabes hablar QUEchua, y ahora te avergüenza=aHÁ: : ,> 007 - (-) no, (.) te (pescamos) (xxx) <<risa> e-h h-h-hh .hh ya? > (-) 008 - ASÍ: : eh fastidiábamos a los (estos) (xxx) [ya] 009 I : [<<risa> a hihi] hihihi> 010 SW : a los que: : avergonZAban el quechua. (-) ya. (-) 011 - <<alto, ff> no sé habLAR, (-) eh mi abuela: me: no me enseñó: : poQUI: to> no sé. .h 012 - se HAcen esse HAcen las e: : (.) ya, (-) 013 - entonces: (-) le das un poco de: cerVEza y: : le inSUltas, (-) ahí. (-) 014 - aHÍ: : ahí SALtan <<risa> con su que[chua.]> 015 I : [((risa))] 016 SW : ((risa)) <<risa, enfático> yoa, .hh> (xx) 017 I : ((risa continua)) 018 SW : ya. (—) de HAY varias chicas ya: ? que haseh: se HAcen que no saben quechua. (-) ya. (1.0) 019 I : […] 020 - (entonces había esa idea de que: : (xx) o sea que: : no queRÍan (x) que se sepa (xx) que hablaban quechua.) (-) 021 SW: HM: . (-) hm=no queRÍan. (-) se avergonZAban. 022 I: (2.5 no comprensible) 023 SW : porque tenían MIEdo a lo: s e: Estos no, a los e: : clase ALta que les: (-) (le) discriMInan. (1.5) 024 - y querían ser-, (-) querían pasahacerse pasar clase ALta o MEdia que tienen diNEro, carros, traBAjo eccétera? (-) Racismo y resistencia en las biografías lingüísticas de migrantes quechuahablantes 117 <?page no="118"?> 025 .h y decían <<alto> MIra español? . no? se HAce no,> un poquito m (muecas) de: : . (-) ya: como ellos se <<voz de risa> se comportan h h h>. 026 - .hh y <<f> querían: jugar ese: (x) ese paPEL no? (1.0) De responder a la pregunta que podía hablar quechua con amigas y amigos del colegio o la universidad que también procedían de los pueblos de provincia, la entrevistada SW pasa a otro tema relacionado: también había gente en su entorno que hablaba quechua pero fingía lo contrario. Ella y sus amigas/ os gastaban bromas a estas personas emborrachándolas en ocasiones favorables y luego insultándolas en quechua. Cuando la persona respondía, resultaba que en realidad hablaba quechua y había mentido. De este modo, según el relato de SW, las personas quechuahablantes de su círculo de amistades se aliaban para confrontar a las personas que negaban hablar quechua con su mentira, impediendo así que estas personas se pudieran presentar como hispanohablantes monolingües. Es interesante que la entrevistada SW repita este relato dos veces, una vez en forma de narración de una acción recurrente (cf. Norrick 2000, 151-154) en pretérito imperfecto y en 1ª persona del plural, y otra vez en forma de discurso instructivo, es decir, al estilo de un manual, en presente de indicativo con 2ª persona del singular generalizada. El cambio del discurso narrativo a instructivo se produce después de que ambas partes, entrevistada y entrevistadora, hayamos reído juntas sobre la anécdota. Las secuencias 008-011 no pueden asignarse claramente (véase la tabla 2). Narración de una acción recurrente Discurso instructivo Marco general: 001-002 - Resumen: nosotros fastidiábamos a ellos, 003 - Acción principal 1. Intervención: le dábamos cerveza, le insultábamos en quechua, 004 2. Resultado: y reaccionaban, 005 3. Interpretación: tú sabes hablar que‐ chua y ahora te avergüenza, 006 - Evaluación: te pescamos, 007 - [Risa de ambas partes, 007-009] 118 Daria M. Mengert <?page no="119"?> Resumen: así fastidiábamos a los que aver‐ gonzaban el quechua, 008-010 Contexto: [personas] que avergonzaban el quechua, 010 Acción principal: paráfrasis de personas que decían“no sé hablar …”, 011 Procedimiento 1. Indicio: dicen “no sé hablar …”, 011 - 1. Análisis: se hacen … = pretenden no hablar quechua, pero sí hablan, 012 - 1. Intervención: le das un poco de cer‐ veza y le insultas, 013 - Resultado: ahí saltan con su quechua, 014 [Risa de ambas partes, 015-017] - Contexto/ Relevancia: hay varias chicas que hacen que no saben quechua, 018 Tab. 2: Extracto de entrevista SW, cambio de discurso narrativo a instructivo Llama la atención que la entrevistada SW, al pasar del discurso narrativo al instructivo, eleva la vergüenza de dichas personas del nivel de la narración al nivel de su propio enunciado presente: Mientras que en la narración hace decir/ pensar a su antiguo yo y a sus amigas/ os te pescamos (007), a través del discurso instructivo construye una imagen presente de dichas personas como vergonzosas y transparentes y, además, como objetos de su propia intervención. Esto puede interpretarse como una expresión de crítica o desprecio, teniendo en cuenta de que la risa compartida sobre su anécdota (007-009) le comunicó que, efectivamente, era bienvenida de expresar su evaluación de lo vivido aún más claramente en las siguientes secuencias (a partir de 011). La interpretación de que se trata de una crítica, con algo de desprecio, también parece plausible por el hecho de que parafrasea a dichas personas en discurso directo con voz alta y fuerte, lo que confiere ridiculez a la afirmación (011), y por la expresión ahí saltan con su quechua (014), que subraya sarcásticamente la idea de la contraparte transparente y asustadiza. Vuelven las risas compartidas, que esta vez duran más, probablemente por el uso ahora más fuerte del sarcasmo que la entrevistada acaba de movilizar (015-017). En respuesta a mis preguntas (019-020, 022) sobre cuáles podrían haber sido las razones para que estas personas quisieran ocultar sus conocimientos de quechua, la entrevistada SW da los siguientes pasos explicativos: P1: se avergonzaban, 021 → P2: tenían miedo (a los) clase alta que les discriminan, 023 Racismo y resistencia en las biografías lingüísticas de migrantes quechuahablantes 119 <?page no="120"?> → P3: querían hacerse pasar clase alta o media que tienen dinero, carros, trabajo, 024 La entrevistada SW proporciona así el último paso explicativo (aquí P3), cuyo equivalente está ausente en el comentario de la entrevistada CB: el deseo de aparecer como “más blancas”, es decir, como pertenecientes a un estatus social más alto, para estar menos expuestas a la discriminación por parte de los miembros de clases sociales más altas. De esta forma, describe la lógica del blanqueamiento como la razón principal, aunque no utiliza el término. Posteriormente, vuelve a dejar claro su desdén por el comportamiento descrito, en primer lugar a través del tono de voz alto en la paráfrasis mira español, que denota burla, y a través de la metáfora peyorativa se hace … un poquito muecas (ambas 025). El ejemplo de la entrevistada SW muestra, por tanto, que las estrategias de defensa contra la discriminación experimentada consistían tanto en la acción, en este caso el desenmascaramiento de quienes querían presentarse como hablantes monolingües del castellano y, por tanto, como “más blancos”, como también en la formación de una contraperspectiva resiliente: ella contrarresta el desprecio por la lengua quechua implicando que, muy al contrario, ocultar el propio conocimiento del quechua en favor del blanqueamiento es lo que de verdad merece desprecio. 4.7 Experiencias contrarias en la migración a Europa El último punto del análisis es dar una breve visión de qué aspectos de la migración a Europa, según los testimonios en las entrevistas, han podido provocar cambios en las ideologías lingüísticas moldeadas por la discriminación. Destacan tres aspectos: 1) la discriminación en Europa no se dirige específicamente a las identidades andinas, sino a la condición de migrante no blanca/ o y/ o laboral, 2) la impresión de la realidad de políticas lingüísticas multilingües en Europa, incluso favorables a lenguas minoritarias (cf. Dahmen 2015), y 3) los encuentros con personas que muestran una actitud interesada y solidaria hacia la cultura andina. Cabe destacar que no se puede afirmar cuántas de las personas quechuahablantes migradas a Alemania e Inglaterra tienen experiencias correspondientes y han cambiado sus ideologías lingüísticas. Sin embargo, se puede afirmar que dentro del presente corpus, que, como ya se ha mencionado, contiene varios testimonios de personas que actúan como promotoras lingüísticas y/ o culturales, estos aspectos se mencionan varias veces. En este sentido, el corpus permite la interpretación de que los puntos mencionados favorecen al menos un enfoque más abierto o incluso proactivo respecto al quechua como primera lengua y/ o lengua de origen. 120 Daria M. Mengert <?page no="121"?> 4.7.1 El estatus “incógnito” Como ya se ha mencionado, la discriminación en Alemania e Inglaterra no se estructura según la demarcación de identidades andina frente a mestiza o frente a criolla, sino, en los casos relativos a las y los migrantes latinoamericanas/ os, según la demarcación de migrante frente a nativo, que a menudo se sigue atribuyendo (posiblemente erróneamente) a una persona en función de una interpretación de su fenotipo; o según la demarcación de hablantes de L1 frente a hablantes de L2 de la respectiva lengua nacional alemana o inglesa. Esto puede crear una especie de estatus de “incógnito” para las personas quechuahablantes emigradas como migrantes peruanas/ os, como muestra el siguiente extracto de entrevista de la entrevistada QP: 001 I : y: tu: : tu actitud: , (-) e: : (.) hacia el quechua ha cambiado (xx 1.0) 002 QP : (2.0) SÍ, (1.5) 003 - <<len> ha camBIAdo porque: : (-) 004 - aCÁ nadie-hm: (-) NAdie me iba .h (a) estár .h cuestioNANdo si: > de dónde VENgo de dónde SOY igual soy migrante como cualquier liMEño, (-) 005 - .hh (-) cuando me encontraba acá algún liMEño pues: -hm- (-) <<f> ÉRAmos peruANos,> (-) 006 - ya no había tanto de qué: (-) región VIEnes si eres CHOla o no, (-) .hhh 007 - (-) <<len> entonce: : s (-) eso me: : > (1.0) me alivieNAba. .hh (-) Cuando le pregunto si ha cambiado su actitud hacia la lengua quechua, tras una pausa inicial, responde con un sí (002), pero vuelve a dudar para formular una razón. La razón que da es que no ha vivido discriminación en su país de acogida por su lugar de origen específico y que la categoría peyorativa chola (y equivalentes) ya no tiene importancia (004, 006). En cambio, ella entra en la categoría migrante y peruana en el país de acogida y, por tanto, en la misma categoría que otras personas peruanas que se han distinguido de ella en Perú por una identidad mestiza o criolla, circunstancia que ella describe como soy migrante como cualquier limeño (004) y éramos peruanos (005). Utiliza así el verbo ser, aunque no está describiendo un estado personal en sentido estricto, sino cambios en el comportamiento de otras personas que la tratan según categorías cambiadas mediante la migración. Además, afirma que este cambio ha Racismo y resistencia en las biografías lingüísticas de migrantes quechuahablantes 121 <?page no="122"?> provocado alivio en ella (007), por lo que implica que para ella la discriminación por las personas peruanas en la migración europea ha tendido a disminuir en comparación con Perú. 4.7.2 La impresión de las políticas lingüísticas en Europa Otra razón para el cambio de ideologías lingüísticas en la migración es la impresión de la realidad de la política lingüística europea. El entrevistado GT, al ser cuestionado por sus experiencias en la comunidad latina en Europa, menciona en el curso de su respuesta el multilingüismo institucionalizado de Europa, así como el estatus sociopolítico inferior del español: 001 GT : <<f> o el- SImplemente el hecho de r- (x) de ver la realidad en euROpa no? (.) osea es- (-) .h 002 - son países TAN pequeños, (1.0) .h y: : (-) es TAN variado, (.) CAda país con su propio idioma, y en cada país hay MÁS de un idioma, y: : (1.5) 003 - y en cambio en peRÚ: : (.) vivían con la mentalidad de que el español era lo (-) meJOR, <<all> y el único idiOma y el idioma del: del progREso, el idioma de la culTUra, el [idioma del] 004 I : [<<risa> hh-hh] 005 GT : (1.5) y: : y es aSÍ. (1.5) 006 - <<all, p> vienes aquí a euROpa y (te) das cuenta no, que el español es el idioma de los PObres.> (—) 007 I: <<risa> hh-h-h> (.) ehé,> 008 GT : (-) SÍ porque- (.) porque la culTUra no nace (x) en españa m: (los las x) las investigacio: : nes, (.) <<f> la dominación poLÍ: tica viene: > de la unión euroPEa es: : (.) los aleMAnes y los franCEses (-) 009 - […] 010 - entonces se dan cuenta que es- (—) que tenían esas FALsas espectativas, y ahora se dan cuenta de que: : (-) 011 - (bueno) (2.0) (vivían en un mundo de: : ) (2.0) de falseDAdes, y ahora: (.) se dan cuenta de que (u: n) en europa les muestra otra COsa. 122 Daria M. Mengert <?page no="123"?> En el siguiente fragmento de entrevista, GT describe cómo, en su opinión, otras personas peruanas emigradas de su círculo de conocidas/ os llegaron a desarro‐ llar ideologías lingüísticas diferentes respecto al castellano y al multilingüismo debido a la realidad de Europa (001). El primer aspecto que menciona es la institucionalización estatal de una lengua nacional diferente en casi todos los países europeos, aunque la lengua respectiva solo tenga unos pocos millones de hablantes (002). Este aspecto también se encuentra en otras entrevistas, p.ej. con referencia a Eslovenia, cuya lengua nacional, el esloveno, solo tiene unos 2.2 millones de hablantes. El segundo aspecto mencionado es la presencia de países europeos con un multilingüismo institucionalizado, como Suiza y Bélgica (002). El contraste de los aspectos mencionados con la realidad latinoamericana, donde el español predomina en una amplia zona, queda patente por varios énfasis fuertes, por ejemplo, en países TAN pequeños, TAN variado CAda país (002) etc. Luego, en contraste, parafrasea la “mentalidad peruana”, que en su opinión ve el castellano como la culminación de todos los aspectos positivos concebibles (003), lo cual él subraya mediante el recurso lingüístico de una enumeración rápidamente pronunciada, así como mediante la exageración el único idioma (003). Siguiendo la pauta de una doble yuxtaposición, vuelve a la descripción de la realidad europea, mencionando el tercer aspecto, el menor estatus socioeconómico del español y la menor centralidad sociopolítica de España dentro de la Unión Europea, citando comparaciones con Francia y Alemania (008) e Inglaterra (009, no transcrito). También aquí utiliza el recurso lingüístico de la exageración cuando llama al español el idioma de los pobres (006). El uso de estas exageraciones también provoca risas responsivas por mi parte (005, 007). Por último, GT evalúa las nuevas ideologías lingüísticas que ha observado como un “tomar conciencia de ideas erróneas”, refiriéndose a las ideologías lingüísticas anteriores primero de forma más neutra como falsas expectativas (010) y luego de forma metafóricamente muy intensificada como mundo de falsedades (011). De ello se deduce que la impresión del multilingüismo institucionalizado de Europa puede favorecer las ideologías lingüísticas que valoran positivamente el multilingüismo y lo hacen parecer más plausible también para Perú. Además, de las entrevistas individuales igualmente se desprende que el uso de la lengua L1 de otros inmigrantes en los países de acogida también puede provocar o reforzar cambios en las ideologías lingüísticas a favor del multilingüismo. 4.7.3 Encuentros personales contrastivos Sin embargo, el factor probablemente más importante que puede provocar cambios en las ideologías lingüísticas parece ser los encuentros personales con personas que, contrariamente a las experiencias anteriores, muestran una actitud interesada y de Racismo y resistencia en las biografías lingüísticas de migrantes quechuahablantes 123 <?page no="124"?> apoyo hacia la lengua quechua y/ o la cultura andina en general. Tales encuentros se describen regularmente en las entrevistas, en los que las personas en cuestión pueden ser p.ej. activistas de la lengua o miembros de la sociedad de acogida, en este caso ingleses y alemanes. En al menos cinco entrevistas se describe que el contacto con activistas de la lengua quechua ha conducido significativamente a un cambio de mentalidad y a una mayor (auto)conciencia de la lengua quechua. El siguiente extracto de entrevista, por otra parte, describe el efecto del encuentro con amigas/ os alemanes del entrevistado ZF: 001 ZF : y: YO cuando llegué: (-) pues (-) pensé: : : 002 - <<all> como tenía esa discriminación que (a) mí me habían dado en LIma? 003 - (-) no, de los: (-) de los que son un poquito blanQUIto: s no, los que son: de: : LIma la gente aSÍ: , 004 - (-) .hhh (-) mesTIzos o: : ya: (.) no? (-) 005 - que ya (-) siempre- (—) había una discriminación, entonces yo pensaba que (llegué) aQUÍ, (-) 006 - siendo la gente <<sonrisa> así como tú BLAnca,> (-) <<risa> hhe he he .h .hh> (-) me van a discriminar MÁS no, (-) 007 I : <<sonrisa> hm-HM,> 008 ZF : entonces (xx los verdaderos) europeos los blancos están aQUÍ no, entonces: eh .hhh eh: : 009 - pero fue al conTRArio no, aquí me recibieron muy BIE: N, (-) me: (—) me trataron muy BIEN, (-) .hh 010 - y: : : al conTRArio cuando i: ba yo a veces con ellos: , e: : a comer (en) algún luGA: R, me decían: : (-) 011 - <<pp> no? > porque esos tiempos yo tenía: : pelo así LARgo: , (-) (parecía un INca,) (-) .hhh 012 - entonces me decían (.) ponte tu: : (-) tu VINcha aquí no, para que parezcas como un INdio así no, (.) 013 - entonces ello: : (-) .hh (-) e yo: : : yo: : (-) a mí me daba vergüENza pero decían- 014 - ellos me decían NO tú tienes (x) que ser orguLLOso de tu culTUra de tu: : .hhh (-) e: 124 Daria M. Mengert <?page no="125"?> 015 <<len> tú vienes de una cultura INca es una cultura MAdre esos: e: : 016 - a han sido: : .hhh muy em: (-) muy: SAbios: : han vivido: : (-) .hhh (.) 017 - en contacto con la naturaLEza, conocían mu: cho del COSmos, (-) conocían mucho de mediCIna: , (-) 018 - dejaron muchos legados, (-) .hh (-) arquitectónicos como machu (.) PICchu que ahora no se (x) los ingenieros no lo pueden haCE: R, (1.0) 019 - y tú no tienes que sentirte: : .hhh (-) MEno: s, (.) tú tienes (x) que ser orguLLOso de: de tu cultura: (-) 020 - tú hablas el idIOma: (.) .hh 021 - e: : (-) y: : (-) y aSÍ: , e (.) e: : me subían: : (-) la moRAL y me hacían abrir más los ojos no, de: : (.) de lo que: : 022 - (.) no, como europeo pensaban no, 023 - entonces en perú .hhh (te) discriminan que tú eres INdio que tú eres CHOlo que tú eres seRRAno, que eres anDIno y: : : y no vales para Nada eres un hombre de segunda CLAse: , (-) .hh e: : 024 - (-) y aquí los e: : los BLAncos europeos (-) te dicen lo conTRArio no, 025 I : <<risa> hh> En las secuencias 001-008, el entrevistado ZF describe que, debido a la discri‐ minación que sufrió en Lima por parte de personas de piel más bien clara (un poquito blanquitos, 003), había interiorizado la idea de que la discriminación más fuerte era la que cabía esperar de las personas blancas, es decir, también especialmente en la migración a Alemania (006). En el proceso, hace referencia directa a mi aspecto a modo de comparación (así como tú blanca, 006), lo que suaviza con una risa acompañante. En la secuencia (los verdaderos) europeos los blancos están aquí (008), sugiere que su idea anterior del paralelismo de la apariencia y la voluntad de discriminar también puede remontarse al hecho de que la invocación de la ascendencia y la cultura europeas se utilizaba con frecuencia en el Perú para demostrar la propia superioridad en el contexto de la discriminación racista. Es posible que en ello se basara su apreciación de que en Europa se enfrentaría a demostraciones de superioridad peores. En cambio, según ZF, tuvo buenas experiencias con conocidas/ os alemanes (009), Racismo y resistencia en las biografías lingüísticas de migrantes quechuahablantes 125 <?page no="126"?> aunque esta afirmación debe leerse críticamente en el contexto de la entrevista con una alemana; aún más cuando se tiene en cuenta que, en otros momentos de la entrevista, ZF alude a las dificultades de la migración y a sus esfuerzos por mantenerse positivo. En el presente extracto, en cambio, subraya que sus amigas/ os alemanes le habían animado a sentirse orgulloso de su cultura y, por tanto, le hacían abrir más los ojos (021) al hecho de que mostraban una actitud diferente a la que él esperaba (019-022). Cabe destacar aquí dos aspectos críticos del comportamiento de las y los amigas/ os que menciona, que son aspectos que el entrevistado ZF describe pero sin valorarlos negativamente: en primer lugar, la petición de que ZF se pusiera una cinta en la cabeza para parecer especialmente autóctono (ponte tu vincha … para que parezcas como un indio, 012). Esto puede indicar que los contactos alemanes de ZF no abordaron de forma crítica el problema de la exotización y, por tanto, reprodujeron en parte estereotipos “positivos” en su trato con él. Aunque ZF afirma haber reaccionado con vergüenza (013), no lo atribuye al comportamiento de sus amigas/ os, sino implícitamente a la impronta relacionada con la discriminación en Perú. Esto se evidencia en que ZF contrarresta la mención de vergüenza con la respuesta de sus amigas/ os, representada en estilo directo: tú tienes que estar orgulloso de tu cultura (014). En segundo lugar, hay indicios de una visión algo romanticista de las culturas andinas y del Tawantinsuyu en los argumentos que sus amigas/ os mencionaron según el relato de ZF (015-018). En su valoración de este encuentro como me subían la moral (021), deja claro que, a pesar de estos aspectos críticos, el apoyo y la fascinación de sus amigas/ os por su cultura le habían hecho ganar confianza en sí mismo. Esto incluye también la referencia implícita al hecho de que las y los amigas/ os valoraban su conocimiento del quechua como una “llave a la sabiduría ancestral”, lo que ZF da a entender cuando termina la enumeración de argumentos positivos con la paráfrasis tú hablas el idioma (020). A continuación, vuelve a resumir su punto principal mediante la yuxtaposición comprimida de la devaluación experimentada en Perú y la experiencia opuesta con las personas blancas en Alemania (023-024). 5 Resumen Los ejemplos de discriminación racista en las biografías lingüísticas de las per‐ sonas quechuahablantes migrantes son significativos en el contexto del análisis cualitativo, que nos permite identificar aspectos y categorías centrales, aunque no es posible concretizar evidencias sobre distribuciones numéricas. Basándose en la estructura de edad del grupo de participantes en las entrevistas, puede 126 Daria M. Mengert <?page no="127"?> decirse que los resultados son bastante significativos para las generaciones a partir de los 40 años, es decir, para el Perú entre 1980 y finales de los años 90, así como para la migración a Europa en los años 90 y principios de los 2000, además especialmente para las personas con proximidad a las actividades de promoción lingüística y cultural. En primer lugar, las entrevistas corroboran las conclusiones básicas anteriores sobre la discriminación racista en Perú, que, entre otras cosas, se dirige especial‐ mente contra las identidades andinas y para las que se utilizan como justificación una gran variedad de aspectos, como la apariencia, las características culturales, etc., incluido el uso de la lengua quechua o de un español influenciado por el quechua (motoseo). Así pues, la lengua es un factor desencadenante de discriminación entre otros muchos y puede movilizarse o no en función de la situación, pero sí sigue siendo un referente central de las identidades andinas. Según las biografías lingüísticas de las y los participantes en mis entrevistas, ellas/ os y las personas de su entorno reaccionaron a esta discriminación en gran medida con comportamientos de autoprotección, que en varios casos también incluían la autocensura con respecto al idioma, es decir, evitando el quechua. Al mismo tiempo, en algunas entrevistas también se documentan estrategias de defensa, como el contradiscurso, la pelea y el solidarizarse entre hablantes de quechua. Solo ocasionalmente las entrevistas proporcionan información sobre cómo la pobreza en la que crecieron varias de las personas entrevistadas hizo que el español se considerara la lengua de la esperanza de ascenso social. En las entrevistas aparecen varias descripciones de estrategias de blanquea‐ miento visto en otras personas, el intento de las personas discriminadas racialmente de volverse “más blancas” adaptando su expresión cultural. En este contexto, el esfuerzo por evitar el quechua y desvalorizarlo en los demás y por enfatizar el propio conocimiento del español también aparece como una estrategia de blanqueamiento, o endoracismo, visto en otras personas. En algunos casos, como ha mostrado el análisis, este esfuerzo se tradujo en una dis‐ criminación “entre iguales”, es decir, entre personas que en realidad compartían un origen andino similar, lo que varias/ os autoras/ es ya han descrito como una discriminación difusa y étnicamente no claramente definida en Perú. Varias/ os participantes en las entrevistas describen haber visto este comportamiento entre conocidas/ os, amigas/ os e incluso familiares. Las estrategias de resistencia que relatan, a veces, consistían en frustrar las estrategias de blanqueamiento de otras personas, como en el ejemplo de la entrevistada SW, que, con sus amigas/ os quechuahablantes, insultaba a sus compañeras/ os de estudios en quechua mientras estaban ebrios para desenmascarar a las personas que en realidad eran quechuahablantes. Racismo y resistencia en las biografías lingüísticas de migrantes quechuahablantes 127 <?page no="128"?> Además, las entrevistas proporcionan indicios de que ciertas experiencias contrastantes en la migración a Europa pueden favorecer el compromiso proactivo con la propia lengua materna o lengua de herencia quechua. Estos aspectos incluyen 1) la experiencia de un estatus de “incógnito” como persona quechuahablante dentro del grupo de migrantes peruanas/ os, ya que la discri‐ minación en Europa no se dirige a las identidades andinas, sino de forma más general a las personas migrantes; 2) el orden político-lingüístico de Europa, incluyendo la presencia de varios estados pequeños dentro de la UE, como Eslovenia, con lenguas nacionales propias con un bajo número de hablantes, la presencia de países con un multilingüismo institucionalizado, como Suiza, y el menor estatus socioeconómico del español dentro de Europa. Estos aspectos aparecen en algunas pocas entrevistas como factores que pueden llevar a un cambio de tales ideologías lingüísticas que están fuertemente centradas en el español hacia ideologías lingüísticas más afines al multilingüismo, y finalmente 3) los encuentros con personas interesadas y solidarias con la lengua quechua y la cultura andina en general aparecen como un aspecto central de las biografías lingüísticas que pueden propiciar cambios en las ideologías lingüísticas de las personas implicadas. Las personas mencionadas que introdujeron tales cambios podrían ser tanto nacionales de la sociedad de acogida como migrantes peruanas/ os comprometidas/ os en actividades culturales. Los testimonios dan a entender que las personas quechuahablantes han tenido múltiples experiencias de racismo y endoracismo (lingüístico), que difieren sig‐ nificativamente de las experiencias que pueden presentarse a hispanoparlantes de la sociedad dominante peruana. De forma correspondiente, son también diferentes las experiencias como quechuahablantes en la migración, allí pueden incluso revertirse ciertas experiencias de racismo anteriores. De allí, se entiende la importancia de diferenciar entre grupos sociales y lingüísticos de la sociedad de origen al investigar las lenguas e ideologías lingüísticas en el marco de una lingüística migratoria crítica. Bibliografía Alim, H. Samy (2016): “Introducing Raciolinguistics: Racing Language and Languaging Race in Hyperracial Times”, in: Alim, H. Samy/ Rickford, John R./ Ball, Arnetha F. (eds.): Raciolinguistics: How Language Shapes Our Ideas About Race, Oxford, Oxford University Press, 1-30. Arendt, Birte (2014): “Qualitative Interviews als interaktive ko-konstruktive Prozesse: Kontextsensitivität in mikroanalytischer Perspektive”, in: Cuonz, Christina/ Studler, 128 Daria M. Mengert <?page no="129"?> Rebekka (eds.): Sprechen über Sprache. 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Resultados mais recentes mostram que esta estabilidade podia diminuir por uma existente conotaç-o negativa do Angolar por falantes de Santomense. Esta prognose é apoiada e estende-se neste artigo na base de dados próprios de cinco entrevistas com falantes de Angolar com uma idade entre 14 e 39 anos. Estes levam à hipótese que a geraç-o atual de pais/ parentes n-o só n-o quer transmitir o Angolar aos seus filhos, mas também n-o é capaz de o transmitir. A relaç-o entre avós e net@s é capaz de ser decisiva para a transmiss-o inter-geracional do Angolar. Como a transmiss-o dos crioulos de idosos para gerações mais novas é muitas vezes fundamental para a sobrevivência de uma língua, isso podia ser um aspeto no foco da preservaç-o do Angolar. Palavras-chave: Angolar, S-o Tomé e Príncipe, transmiss-o inter-geracional, preservaç-o de línguas, línguas ameaçadas, línguas crioluas Abstract The creole languages in S-o Tomé and Príncipe, Santomense, Angolar, and Lung’Ie, are considered endangered languages in current linguistic literature despite the fundamental differences in their current states. Although it has statistically few speakers, Angolar has been regarded as rather stable due to its higher geographical isolation compared to the other creoles. More recent results show that this stability could decrease because of a negative connotation of Angolar by Santomense speakers. Own data from five interviews with Angolar speakers (age 14-39) support this <?page no="134"?> 1 Im Folgenden abgekürzt als STP. prognosis. They lead to the hypothesis that the current parental generation - in addition to not wanting to transmit Angolar - could not be capable of transmitting Angolar to its children anymore. The relation between grandparents and grandchildren could be decisive for the intergenerational transmission of Angolar. As the transmission of creoles from elderly to younger generations is often crucial for a language’s survival, this could be an aspect to focus on more in terms of preserving Angolar. Keywords: Angolar, S-o Tomé e Príncipe, intergenerational transmission, language preservation, endangered languages, creole languages 1 Hinführung Die meisten afrikanischen Regionen befinden sich in Situationen der Mehrspra‐ chigkeit und Diglossie. Mit Blick auf das Portugiesische in Afrika - d. h. in den Países Africanos de Língua Oficial Portuguesa (PALOP) Angola, Mosambik, Kap Verde, Guinea-Bissau sowie S-o Tomé und Príncipe - finden wir dabei aus sprachwissenschaftlicher Sicht auf vielen Ebenen eine noch lange nicht intensiv erforschte Situation vor. Das trifft entsprechend auch auf das Angolar in S-o Tomé und Príncipe 1 zu. Auch wenn diesem bisher eine gewisse Stabilität attestiert wurde, zeigt sich durch Bouchard (2022) inzwischen eine Situation, die nicht (mehr) so stabil ist, wie bisher angenommen. Auf die gegenwärtig als eher instabil eingeschätzte intergenerationale Weitergabe des Angolar wird in diesem Beitrag eingegangen. Insgesamt gewinnt das Portugiesische in STP stetig an kommunikativem Raum, wodurch die s-o-toméischen Kreolsprachen S-otomense, Angolar und Lung’Ie, zurückgedrängt werden (vgl. z. B. Araujo 2020a, 193). Das Lung’Ie kann anhand seiner Sprecher*innen-Anzahl, die weit unter den Zahlen der anderen s-otoméi‐ schen Kreolsprachen liegt, als existenziell bedroht gesehen werden. Das Angolar gehört inzwischen aber zusätzlich zum Lung’Ie zu den bedrohten Varietäten. Dies wurde wissenschaftlich bisher jedoch wenig wahrgenommen. Da aber auch die Verwendung der verbreiteteren Kreolsprache S-otomense in STP eher zurückgeht als zunimmt, ist ein Wandel der s-o-toméischen Mehrsprachigkeit (Kreolsprachen, Portugiesisch und Mischformen) hin zur Monolingualität (Portugiesisch) zu beob‐ achten (Bouchard 2019). Dieses Phänomen lässt sich auch in anderen PALOP- Staaten feststellen. Da diese jedoch viel stärker bevölkert sind als STP, vollzieht sich dieser Wandel in ihnen langsamer und könnte daher in STP den anderen PALOP-Staaten vorausgehen - zumindest dann, wenn nicht ein Entgegenwirken auf verschiedenen Ebenen stattfindet bzw. stattfinden soll (Olmo 2020, 10). 134 Charlotte Siemeling <?page no="135"?> 2 Karte abgeändert übernommen von Adobe Stock #191324534, Peter Hermes Furian - stock.adobe.com. 1.1 Allgemeine sprachliche Situation in S-o Tomé und Príncipe Die im Golf von Guinea in Zentralafrika liegende Republik STP umfasst mehrere Inseln, von denen zwei bewohnt sind: Die südlichere Hauptinsel S-o Tomé mit der gleichnamigen Hauptstadt sowie die kleinere, nördlichere Insel Príncipe. Abb. 1: Lage S-o Tomé und Príncipes in Zentralafrika 2 Zur intergenerationalen Weitergabe des Angolar in S-o Tomé und Príncipe 135 <?page no="136"?> 3 Hier sind keine variationalen Unterschiede erfasst; die Sprachkompetenzen wurden nur ganz allgemein durch die Frage port. Quais línguas que o(a) Sr(s) fala? [dt. ‘Welche Sprache(n) sprechen Sie? ’ Eigene Übersetzung] erfasst (vgl. Bouchard 2019, 10). Zudem wurden überhaupt erst 2012 Daten zum kapverdischen Kreol und Angolar durch das INE erhoben. Zusätzlich besteht der Archipel aus einigen deutlich kleineren unbewohnten In‐ seln. Die Hauptinseln S-o Tomé und Príncipe liegen etwa 200 km weit voneinander entfernt in der Bucht von Bonny und bilden zwei Provinzen mit insgesamt sieben Distrikten. Sie sind durch vulkanische Aktivität entstanden und zeichnen sich durch gebirgiges Gelände mit tropischen Wäldern aus. STP ist nach den Seychellen der zweitkleinste afrikanische Staat (Bouchard 2017, 1). Von den etwa 200.000 S-otoméer*innen leben etwa 67.000 in der Hauptstadt S-o Tomé. Das Land ist seit 1975 von Portugal unabhängig. Die etwa 200.000 Menschen sprechen durch die Kolonialvergangenheit Portugiesisch als Amtssprache und zudem mehrere Kreolsprachen. Neben dem s-otoméischen Portugiesisch handelt es sich dabei um das S-otomense (auch bezeichnet als Forro), das Angolar (auch bezeichnet als Anguené), Lung’Ie sowie kapverdisches Kreol. Das Portugiesische ist in allen öffentlichen Einrichtungen vertreten und wird auch von einem Großteil der Bevölkerung gesprochen, wobei der genaue Anteil an L1- und L2-Sprecher*innen nicht klar ist. Die Kreolsprachen werden in insgesamt abnehmendem Maß in informellen Kontexten verwendet. Nach den letzten Zählungen durch das nationale Institut für Statistik (INE) ergab sich folgende quantitative Verteilung der Sprachen für das Jahr 2012: 3 Tab. 1: Verteilung der Sprachen in S-o Tomé und Príncipe laut INE (2012) in Relation zur Gesamtbevölkerung, übernommen aus Bouchard (2020, 89), vgl. Gonçalves/ Hagemeijer (2015, 91) 136 Charlotte Siemeling <?page no="137"?> 1.2 Angolar Die Sprecher*innen des Angolar, selbst- und fremdbezeichnet als Angolares, leben häufig relativ isoliert in hauptsächlich zwei Regionen STPs: zum einen im Nordwesten hauptsächlich im Distrikt Lembá und zum anderen im Südosten der Hauptinsel S-o Tomé, den der Distrikt Caué ausmacht. Abb. 2: Distrikte auf S-o Tomé (übernommen von https: / / ontheworldmap.com/ sao-tom e-and-principe/ (30.04.2023) Die Kreolsprache basiert lexikalisch auf dem Portugiesischen sowie dem Kim‐ bundu (Hagemeijer 2009, 8). In Bezug auf ihre Vitalität war die bisherige Zur intergenerationalen Weitergabe des Angolar in S-o Tomé und Príncipe 137 <?page no="138"?> 4 Wenn auch Hagemeijer (2018) schon die Tendenz der s-otoméischen Kreolsprachen hin zur Gefährdung bearbeitete. 5 Stufen bei Ethnologue: institutional, stable, endangered, extinct. 6 Im Folgenden abgekürzt als SJA. 7 Mit „prohibition“ ist hier allerdings eher die Einstellung mancher Lehrkräfte in Schulen gemeint als ein tatsächliches Verbot. allgemeine Annahme, wie bereits erwähnt, dass das Angolar recht stabil wei‐ tergegeben wird (vgl. z. B. Araujo 2020b, 71), was aber zuletzt eingeschränkt wurde: 4 The maintenance of Angolar might have been taken for granted because of a perceived historical, geographical, cultural, and linguistic separateness. But in reality […] the rate of transmission of Angolar to the younger generations is low, and the number of speakers is decreasing. (Bouchard 2022, 167) Daher wurde der Status des Angolar auch bei Ethnologue aufgrund einer geringen Anzahl an Sprecher*innen von stable zu endangered herabgestuft (Eberhard/ Simons/ Fennig 2024). 5 2 Forschungsstand Nachdem vor allem die Arbeiten von Philippe Maurer (1995) und Gerardo Lorenzino (z. B. 1998; 2007) die Grundlage der Erforschung des Angolar bildeten, beschäftigt sich Bouchard (2022) eingehender mit den Sprachideologien in Bezug auf das Angolar und Einflüsse auf dieses durch Sprecher*innen des S-o‐ tomense. Ihr Beitrag beinhaltet Ergebnisse aus 65 semistrukturierten Interviews aus verschiedenen Orten in STP im Zeitraum 2015 bis 2017. Zudem wurden von jeweils 40 Schüler*innen aus der Hauptstadt S-o Tomé sowie der Hauptstadt des Distrikts Caué, S-o Jo-o dos Angolares, 6 Fragebögen zum Thema Angolar beantwortet. Aus dieser Datenbasis gehen vorrangig zwei Ergebnisse hervor: 1. Es existiert eine negative Einstellung dem Angolar gegenüber durch S-otoméer*innen aus der Haupstadt S-o Tomé, die laut der Autorin in direktem Zusammenhang mit der Bedrohung der Sprache steht: „[…] the loss of Angolar is related to the[…] pejorative attitudes transmitted to them when in contact with urban Santomeans, and to the prohibition of speaking Angolar in school“ (Bouchard 2022, 182-183). 7 Diese negative out-group attitude durch S-otoméer*innen aus dem urbanen Raum gegenüber dem 138 Charlotte Siemeling <?page no="139"?> 8 Die theoretische Weiterführung dieser Beeinflussungskette lässt nur den logischen Schluss zu, dass das Angolar letzten Endes nur noch minimalen Raum einnehmen und schließlich aussterben wird. Angolar und seinen Sprecher*innen könne eine negative in-group attitude unter Letzteren selbst erzeugen (Bouchard 2022, 168). 8 2. Ohne entgegenwirkende Maßnahmen wird das Angolar schneller aus‐ sterben als bisher angenommen (Bouchard 2022, 182-183. Die bisher als vitalitätsstabilisierender Faktor wahrgenommene geographisch stärkere Isolation der Angolares im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen scheint also eine kleinere Rolle zu spielen als der von Bouchard ermittelte Faktor der negativen Einstellungen gegenüber dem Angolar, sowohl aus Sicht von out-groupals auch möglicherweise von in-group-Sprecher*innen. Letztere Perspektive könnte sich auch in der folgenden Beobachtung von Bouchard (2022) manifestieren: In ihrer Fragebogenstudie gaben zwölf der Befragten aus SJA an, mindestens eines ihrer Elternteile stamme aus der Hauptstadt (wo hauptsächlich Portugie‐ sisch und S-otomense verwendet werden). Daraus schließt Bouchard (2022, 170), dass fast 25 % der befragten Schüler*innen aus SJA auch S-otomense- Kenntnisse hätten. Einerseits zeige das eine gewisse Mobilität zwischen dem urbanen und ruralen Raum in STP mit entsprechender Durchmischung der Bevölkerung: „Mobility and mixing are increasingly frequent“ (Bouchard 2022, 179). Andererseits bedeute es aber auch, dass das Angolar in diesen gemischten Familienkonstellationen in Zusammenhang mit dem o. g. Aspekt der negativen Spracheinstellungen nicht nur dem Portugiesischen, sondern auch dem S-oto‐ mense ‚unterliegen‘ könnte, denn Bouchard sieht in ihren Ergebnissen einen „[…] indicator that [Forro] enjoys a higher prestige than Angolar“ (Bouchard 2022, 170). Wenn sich verschiedensprachige Familien in STP also vermischen, könnte das Angolar mit seinem niedrigen Prestige dadurch rasch zurückgehen, dass die prestigeträchtigeren Sprachen bevorzugt weitergegeben werden. 3 Gefährdeter Zustand des Angolar 3.1 Einordnung des Angolar im EGIDS Aktuell wird zur Bestimmung von Vitalität, Gefährung und Sprachtod von Sprachen die EGIDS (Expanded Graded Intergenerational Disruption Scale, vgl. Lewis/ Simons 2010) verwendet, das auf der GIDS (Graded Intergenerational Disruption Scale, vgl. Fishman 1991) beruht und auch Grundlage der Vitalitäts- Stufen bei Ethnologue ist. Da das Angolar mit einer Sprecher*innen-Anzahl Zur intergenerationalen Weitergabe des Angolar in S-o Tomé und Príncipe 139 <?page no="140"?> 9 Größen nach Anzahl der Sprecher*innen bei Ethnologue: Large, medium-sized, small. 10 In Bezug auf die Altersgruppe 60+ sei gesagt, dass die Lebenserwartung bei Geburt bspw. von Destatis für S-otoméer*innen mit 73 Jahren sowie S-otoméer mit 68 Jahren angegeben wird (Destatis 2022; anhand von Daten der Weltbank). Diese Gruppe macht damit einen kleinen Gesamtanteil aus. 11 Übernommen aus Bouchard (2022, 167) auf Datenbasis des INE (2012); Originaldaten aufgrund nicht mehr zu öffnender Verlinkung nicht zugänglich. von etwa 11.000 Menschen ca. 6 % der Bevölkerung STPs ausmacht (z. B. Bandeira/ Agostinho/ Freitas 2021, 64), wird es bei Ethnologue der Gruppe der kleinsten Sprachen zugeordnet. 9 Auf der EGIDS wäre das Angolar meines Erachtens zwischen den Stufen 6b (threatened) und 7 (shifting) einzuordnen. Sprachen auf Stufe 6b werden definiert als „used orally by all generations but only some of the child-bearing generation are transmitting it to their children“ (Lewis/ Simons 2010, 110), auf Stufe 7 als „[t]he child-bearing generation knows the language well enough to use it among themselves but none are transmitting it to their children“ (Lewis/ Simons 2010, 110). Diese Diskussion ist aber weniger der zentrale Gegenstand des Beitrags als das Angolar selbst, weshalb ein detaillierterer Blick auf konkrete Daten zum Angolar folgt. 3.2 Konkrete Daten und Forschungshypothese Die folgende Tabelle gibt zunächst Auskunft über die Verteilung der Angolar- Sprecher*innen in verschiedene Altersklassen: 10 Tab. 2: Verteilung der Angolar-Sprecher*innen in verschiedene Altersgruppen im Ver‐ gleich zum Forro (also S-otomense) 11 Zum einen sehen wir in Tabelle 2 den geringeren Anteil an Angolar-Spre‐ cher*innen nach Altersklassen aufgeteilt. Zum anderen informiert die Tabelle über den Grad des Rückgangs des Angolar sowie S-otomense im Vergleich. Die Zahlen aus Tabelle 2 zeigen für das Angolar eine Abnahme aus der Altersklasse 60+ zur Altersklasse 50-49 um 1,7 Prozentpunkte, von der Alters‐ klasse 50-49 zur nächsten, 20-39 Jahre, um 3,7 Prozentpunkte und von dort 140 Charlotte Siemeling <?page no="141"?> 12 Zum Zeitpunkt des Entstehens dieses Beitrags waren keine Daten zur Demographie in STP bspw. bezüglich des Durchschnittsalters von Müttern und Vätern in Angolar- Gemeinschaften bei der Geburt des ersten Kindes zu finden. Dies sollte in zukünftigen Studien ggf. zur Spezifizierung der Altersgruppen für das Angolar hinzugezogen werden, wenn möglich. Solange kann diese Altersbzw. Generationeneinteilung sicher‐ lich diskutiert werden. 13 Für das S-otomense im Vergleich sehen wir eine ähnliche Entwicklung, jedoch mit einem noch deutlicheren Rückgang des S-otomense von der zweitjüngsten zur jüngsten Altersgruppe (s. Tabelle 2). aus zur Altersklasse 0-19 um 6,2 Prozentpunkte. 12 Auch ohne ein weiteres Diagramm erkennen wir also, dass die Abnahme der Sprachweitergabe diesen Daten zufolge steigt, je jünger die Sprecher*innen sind. 13 Wie erwähnt, kann diese Veränderung von den älteren zu den jüngeren Generationen die Folge interner sowie externer negativer Spracheinstellungen sein. Bouchard stützt sich in ihrem Beitrag (2022) dabei auf sprachideologische Aussagen bzw. erho‐ bene Spracheinstellungen der Befragten. Keine Aussagen trifft sie über die tatsächliche Sprachkompetenz ihrer Interview-Partner*innen. Diese wurde für das Angolar auch bisher in keiner anderen Studie erforscht und ist damit eine deutliche Forschungslücke. Denn die Ebene der Sprachkompetenz kann nicht unberücksichtigt bleiben. Die vorliegende Studie baut daher auf diesem Desideratum auf und eröffnet folgende Hypothesen: • Die Sprachkompetenz im Angolar ist bereits bei der Weitergabe von der Großelterngeneration zur Elterngeneration stark zurück- oder verloren gegangen; • die jeweiligen Elterngenerationen können das Angolar öfter als zuvor gar nicht mehr an die Enkelgeneration weitergeben (anstatt sich ggf. nur aktiv dagegen zu entscheiden). Hier knüpft der folgende Abschnitt an und ist durch die darin analysierten eigenen Interviewdaten ein erster Versuch in diesem Feld, ein klareres Bild des Status des Angolar auch auf der Ebene der Sprachkompetenz zu erlangen. Zuvor jedoch noch einige Anmerkungen zu den Daten aus Tabelle 2: Wie in vielen Arbeiten muss auch hier darauf hingewiesen werden, dass diese Daten nicht mit sprachwissenschaftlichem Hintergrund erhoben wurden und in diesem Sinne zu ungenau für sprachwissenschaftlich ausgerichtete Studien sind. Sie sind andererseits mangels alternativer Quellen Grundlage vieler Ar‐ beiten. Auch wenn die Daten den Nachteil einer ungenauen Fragestellung (Quais línguas que o(a) Sr(a) fala? , vgl. Bouchard 2017, 52) aufweisen, kann man von dem Vorteil sprechen, dass sie als im Zuge des Zensus von 2012 erhobene Daten eine Abdeckung der Bevölkerung erzielen, die nur in einer groß Zur intergenerationalen Weitergabe des Angolar in S-o Tomé und Príncipe 141 <?page no="142"?> angelegten sprachwissenschaftlichen Studie so zu erreichen wäre. Vorsicht bei der Interpretation ist aber dennoch geboten. Es handelt sich zudem um die zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Beitrags neuesten zugänglichen Daten dieser Art. Bei Erhebungen wie denen des Zensus und den daraus hervorgehenden Ergebnissen sei ohnehin gesagt, dass die Fragestellung Quais línguas que o(a) Sr(a) fala? zu Selbsteinschätzungen über die Verwendung von Sprachen einer Person sowie über Multi- oder Bilingualität (vgl. Bouchard 2017, 51) im Zweifel viel Interpretationsspielraum lässt. Introspektive Informationen, wie sie es bei solchen Befragungen letzten Endes sind, bergen immer das Risiko, zu Fehlinterpretationen und damit nicht wahrheitsgetreuen Ergebnissen zu führen. Das ist zwar auch bei Interviews nicht ganz auszuschließen, dennoch ist die Sprachwissenschaft auf diese Art der Informationen und dadurch auf Methoden wie Interviews, z. B. auch als Ergänzung zur Erhebung des Zensus, angewiesen. Eine Annäherung an die Realität - in diesem Falle die Verwendung von Sprachen - kann praktisch nie vollständig erreicht und m. E. auch nicht auf anderem Wege hervorgerufen werden (z. B. da nie alle Einflussfaktoren auf eine befragte Person ausgeblendet werden können). 4 Umriss des Begriffs der Sprachkompetenz Der Begriff der Sprachkompetenz wird an dieser Stelle genauer umrissen. Abb. 3 zeigt eine Übersicht der grundlegenden Bereiche von Sprachkompetenz aus psycholinguistischer Perspektive: Abb. 3: Grundlegende Bereiche von Sprachkompetenz mit „exemplarisch ausgewählten sprachlichen Teilbereichen“ (übernommen aus Jude et al. 2008, 192) Der Begriff der Sprachkompetenz im Rahmen des vorliegenden Beitrags bezieht sich auf den Bereich der auditiven (mündlichen) Kompetenz, also das Sprechen und Hören bzw. Hörverstehen. Ein Grund dafür ist, dass Kreolsprachen wie das Angolar generell häufig einen Schwerpunkt auf diesem Bereich der Sprach‐ 142 Charlotte Siemeling <?page no="143"?> 14 Sobald mehr soziolinguistische Daten zum Angolar vorliegen, ist auch eine detail‐ liertere Einordnung in sprachliche repertoires (Gumperz 1960 und spätere Veröffentli‐ chungen; Busch 2012; Bell 2006) sinnvoll. Da solche Daten jedoch noch nicht in großem Rahmen vorliegen, beschränke ich mich vorerst auf den Begriff der Sprachkompetenz. 15 Da es sich bei fünf Personen, die die Datenbasis bilden, ohnehin nicht um eine repräsentative Anzahl, sondern eine erste Stichprobe für dieses Themengebiet handelt, wird für diese Studie auch vorerst nicht in Betracht gezogen, es gebe grundlegende geschlechtsspezifische Unterschiede. Dies kann jedoch ohne Zweifel interessanter Gegenstand weiterer Studien sein. In einem Fall spielt ggf. auch Migration eine Rolle in Bezug auf die individuelle Sprachkompetenz, was wiederum hier noch nicht berücksichtigt wird, aber bei zukünftigen Analysen relevant sein könnte. kompetenz aufweisen und schriftlich weniger als mündlich verwendet werden. Zudem geht auch aus meinen eigenen Daten hervor, dass das Angolar von den Befragten schriftlich nicht verwendet wird. Hypothesen über den schriftsprach‐ lichen Teilbereich der Kompetenz im Angolar können hier also nicht aufgestellt werden - wären aber selbst bei weiteren Studien dazu womöglich schwer zu treffen und auch wenig relevant, da sie in der Realität selten auftreten. Vorerst abgegrenzt wird der Begriff der Kompetenz hier von der kommunikativen Kompetenz (z. B. Hymes 1968). Nichtsdestotrotz ist Letztere aber ein geeigneter Rahmen, um die allgemeine Sprachsituation in STP - also auch des Angolar im Zusammenhang mit bspw. dem S-otomense - in der Zukunft zu untersuchen. 14 5 Eigene Daten In diesem Abschnitt werden fünf von mir in STP geführte Interviews mit Angolar-Sprecher*innen analysiert. Davon wurden alle bis auf eines, das in S-o Tomé stattfand, in SJA aufgezeichnet. Die Beteiligten waren zum Zeitpunkt der Interviews im Januar 2022 zwischen 14 und 39 Jahren alt und gehörten damit zur erst- und zweitjüngsten Altersgruppe (s. Tabelle 2). Vier der Interviewten sind weiblich, eine Person männlich. 15 Die Interviewten wurden durch von ihren tat‐ sächlichen Namen abweichende Vornamen anonymisiert. Die Interviewdauer liegt zwischen 11 und 22 Minuten. Die Fragen der Interviews waren im Vorfeld vorbereitet, wurden dem Kontext/ der Person entsprechend aber angepasst bzw. ergänzt. Es handelt sich im Folgenden um eine Analyse qualitativer Daten. Die Transkriptionen sowie möglichst wörtlichen Übersetzungen der jeweils zitierten Interviewpassagen erfolgten durch die Autorin selbst. Als Hinweis in Bezug auf die Transkriptionen sei vor der Analyse gesagt, dass diese aus Sicht der europäischen oder teilweise brasilianischen Portugiesisch- Normen zunächst fehlerhaft erscheinen können, bspw. durch verbale/ adjekti‐ vale/ nominale Inkongruenzen. Diese wurden nicht durch Markierungen wie Zur intergenerationalen Weitergabe des Angolar in S-o Tomé und Príncipe 143 <?page no="144"?> 16 Eine alternative Interpretation wäre der Bezug auf sich selbst und ihre parallel inter‐ viewte Freundin (zum Zeitpunkt des Interviews elf Jahre alt). Die Antworten Letzterer ließen sich jedoch nicht auswerten. [sic! ] gekennzeichnet, da es sich dabei um geläufige Strukturen in vielen afrikanischen Varietäten des Portugiesischen, und damit auch im s-otoméischen Portugiesisch, handelt. Aus Sicht dieser sich womöglich als afrikanische Norm herausbildenden Strukturen bedarf es also keiner Kennzeichnung vermeintli‐ cher Unregelmäßigkeiten. 5.1 Analyse Die erste Auswertung bezieht sich auf Ana (14), Schülerin in SJA. Sie lebte zum Zeitpunkt des Interviews seit etwa fünf Jahren mit ihrer Mutter und Großmutter in SJA und wurde in Gabun geboren. Zunächst folgen einige Beispiele dafür, wann Ana im Alltag Angolar verwendet. Sie wurden im Interview und hier auf Portugiesisch angegeben und hier auf Deutsch übersetzt - Ana würde sie aber in ihrem Alltag auf Angolar ausdrücken. Bsp. (1) pt. você n-o vai à escola hoje- dt. ‘gehst du heute nicht zur Schule? ’ - pt. hoje n-o dt. ‘heute nicht’ - pt. tua m-e compra [o] p-o para você? dt. ‘kauft deine Mutter [das] Brot für dich? ’ Zudem kennt sie die Zahlen bis zehn im Angolar. Damit würde sich ihre Sprachkompetenz auf Alltagsthemen und -lexik unter Familie und Freund*innen beziehen. Während das Angolar in Anas direktem Umfeld mit der Mutter und der Großmutter auch aktiv zum Einsatz kommt, spielt es mit einer ihrer Tanten eine eher passive Rolle: „Uma tia minha fala [Angolar] comigo, entendo, […] eu falo em português com ela.“ [dt. ‘Eine Tante von mir spricht [Angolar] mit mir, […] ich verstehe es, ich spreche auf Portugiesisch mit ihr.’]. In Bezug auf den Willen, Angolar zu verwenden, sagt Ana: „Nós queremos falar mais [Angolar]. Nós têm de acompanhar as pessoa mais velhos […] que falam. […]“ [dt. ‘Wir wollen mehr [Angolar] sprechen. Wir müssen mehr Zeit mit den Älteren verbringen, die es sprechen.’]. Aus dem Kontext geht hervor, dass mit nós vermutlich Anas Generation gemeint ist. 16 Wen genau sie jedoch mit as pessoa mais velhos [dt. ‘den Älteren’] meint, ist offen: Einerseits könnte es generell die älteste Generation in SJA oder ein weiter gezogener Kreis (d. h. regional/ familiär/ …) sein, vielleicht aber auch die ältesten Mitglieder 144 Charlotte Siemeling <?page no="145"?> ihrer Familie. In jedem Fall bezieht sie sich auf diejenigen, denen sie noch eine umfassende(re) Sprachkompetenz im Angolar zuschreibt (als sich selbst), da sie anscheinend davon spricht, (mehr) Zeit mit den Älteren verbringen zu „müssen“. Interessant ist hierbei jenes ‚müssen‘, da es den Anschein einer externen Anforderung erweckt. Ob es sich hier tatsächlich um Letztere oder um eine von Ana selbst empfundene nötige Maßnahme handelt, um ihre Sprachkompetenz im Angolar zu vertiefen, bleibt hier offen. Es kann aber vermutet werden, dass Ana - intern oder extern - motiviert ist, sich, zunächst allgemein formuliert, mehr mit dem Angolar zu beschäftigen. In Bezug auf ihre Großmutter berichtet Ana andererseits, dass diese Angolar dem Portugiesischen vorzieht und deren Partner sie häufig korrigiere, wenn Ana Angolar verwendet. Aus einem informellen Gespräch mit Anas Mutter bzw. den Feldnotizen dazu geht hervor, dass Ana dadurch schnell die Motivation verliere, Angolar mit der Großmutter bzw. deren Partner zu verwenden. Sie selbst formuliert: „Quando ela… eles [die Großeltern] falam, nós entendemos. Quando nós também falam, eles também entendem. […] Só que eles tentam ensinar-nos mais um […] pouco.“ [dt. ‘Wenn sie [Angolar] sprechen, verstehen wir es. Wenn wir [es] sprechen, verstehen sie es auch. Nur, dass sie versuchen, uns ein bisschen mehr beizubringen’]. Ana nimmt also einerseits für sie möglicherweise unangenehme Korrekturen seitens der Älteren in ihrer Familie wahr, andererseits aber auch den Versuch derselben Seite, (möglicherweise auch ohne direkte Korrekturen) Sprachkenntnisse im Angolar an ihre Generation zu vermitteln. In jedem Fall aber hat sie mit diesem intergenerationalen Austausch eine metalinguistische Wahrnehmung des Angolar und ein Bewusstsein dafür entwickelt, dass die Sprachkompetenz bei den Ältesten liege. Sie erwähnt keine Initiativen zur Weitergabe des Angolar in Bezug auf ihre Mutter oder Tante, was im Fall der Tante aber an der ohnehin passiven Verwendung des Angolar auf Anas Seite liegen kann. Die folgende Teilnehmerin Patrícia (39) ist in SJA geboren und aufgewachsen und arbeitet dort in einem Hotel mit verschiedenen Aufgaben. Wie ihre Eltern hat sie Angolar von ihren Großeltern gelernt, was bereits darauf hindeutet, dass ihre Eltern im Gegensatz zu den Großeltern vermutlich nicht über ausreichende Sprachkompetenz zur Weitergabe des Angolar verfügen. Patrícia verwendet Angolar in der Familie und mit Freund*innen bspw. auf dem Markt. Sie sagt „[…D]entro da família é mais quando mais velho, […] é que eles falam Anguené. […] Mas nós a conversamos com nossos filhos é difícil, nós n-o usamos Anguené.“ [dt. ‘Innerhalb der Familie ist es mehr, wenn Ältere [dabei sind], denn sie sprechen Anguené. Aber wenn wir mit unseren Kindern sprechen, ist es schwierig, dann verwenden wir Anguené nicht’]. Auch hier spielt die älteste Zur intergenerationalen Weitergabe des Angolar in S-o Tomé und Príncipe 145 <?page no="146"?> 17 Wobei gesagt werden muss, dass sie mit ‚wir‘ in nós a conversamos com nossos filhos auch nur den anderen Elternteil und sich meinen kann. Generation der Familie also als Träger der Sprachkompetenz anscheinend eine besondere Rolle. Es lässt sich außerdem schlussfolgern, dass Patrícias Kinder in Anwesenheit der ältesten Familienmitglieder Input in Angolar erhalten. Informationen über den Kontakt zwischen Großeltern und deren Enkeln, also Patrícias Kindern, liegen aber nicht vor. Deutlich ist, dass Angolar nicht zwi‐ schen Patrícias Generation 17 und ihren Kindern verwendet wird. Das würde auf einen Verlust der Sprachkompetenz über die Generationen hinweg hindeuten. In diesem Fall handelt es sich um die Altersspanne von neun bis 21 Jahren, da Patrícias Töchter zum Zeitpunkt des Interviews 21, 18, 16 und neun Jahre alt waren, und diese entspricht damit größtenteils der jüngsten Generation aus Tabelle 2. Die Teilnehmerin Beatriz (18) ist ebenfalls in SJA geboren und aufgewachsen, wo sie als Kellnerin arbeitet, sie hält sich aber auch jedes Wochenende in der Hauptstadt auf. Als Quelle für ihre Angolar-Kenntnisse nennt sie eher die allge‐ meine Umgebung in SJA als bestimmte Personen oder Generationen der eigenen Familie. Ihre einzige noch lebende Großmutter spreche aber ausschließlich Angolar, was bereits eine Seltenheit in der s-otoméischen Gesellschaft darstellt. Das Angolar dieser Großmutter beschreibt Beatriz wie folgt: „O Anguené dela é de raíz, de origem […]. É o Anguené-Anguené. […] Mas esse nosso agora, é tipo… quem tá a aprender agora, […] ja… n-o vale assim muito bem. […]. Ja. […A] gente entende bem o que os mais velhos dizem […]. Tentamos falar, mas n-o falamos muito bem.“ [dt. ‘Ihr Angolar ist das ursprüngliche Anguené, das Anguené-Anguené. Aber unseres jetzt ist… wer es jetzt lernt, das taugt schon nicht mehr so richtig. Ja. Wir verstehen gut, was die Älteren sagen. Wir versuchen zu sprechen, aber sprechen nicht so gut.’] Diese Bewertung der eigenen Sprachkompetenz im Angolar gibt Aufschluss über passive Kenntnisse bei Beatriz, während sie das Angolar ihrer Großmutter als das eigentliche, ursprüngliche Angolar bezeichnet. Genauer bezeichnet sie ihre eigenen Kenntnisse als nicht gut und das Anwenden ihrer aktiven Kompe‐ tenz als Versuch, Angolar zu sprechen. Das würde bedeuten, die Kommunikation auf Angolar kann für sie erfolgreich, aber auch ohne Erfolg verlaufen, was sicherlich auch von den jeweiligen Kommunikationspartner*innen abhängt. Die Aussage quem tá a aprender agora, […] ja… n-o vale assim muito bem. […] lässt sich ebenfalls zu der von Beatriz selbst als schlecht bezeichneten aktiven Kompetenz zählen, wobei hier zwei Faktoren interessant sind: Erstens 146 Charlotte Siemeling <?page no="147"?> 18 Oder würdigen. kann das nicht mehr so richtig taugen hier losgelöst von der reinen Kompetenz auch unter die von Bouchard beobachtete negative Einstellung gegenüber dem Angolar seitens der S-otomense-sprechenden Bevölkerung fallen. Das würde bedeuten, ‚man kommt mit dem Angolar nicht mehr so weit wie zuvor einmal‘ bzw. schlicht ‚es lohnt sich nicht, es noch zu lernen‘. Dass Beatriz sich regelmäßig in der Hauptstadt befindet, wo Angolar selten vertreten ist, kann dazu beitragen, dass andere Sprachen wie S-otomense oder Portugiesisch für sie in den Vordergrund rücken oder sie zumindest einen Ausgleich zwischen all den benötigten Sprachen finden muss, bei dem sich ihre Angolar-Kompetenz nicht steigert. Interessant ist abschließend eine Aussage zum Thema Sprachscham, was keine direkte Frage des Interviews war. Beatriz vermutete aber offensicht‐ lich, dass die Sprachscham Thema einer erst halb gestellten anderen Frage sei, vervollständigte diese ihrer Vermutung entsprechend und betonte sogleich, dass sie sich nicht schäme, das Angolar zu verwenden. Dass Beatriz eine direkte Frage zur Sprachscham in Verbindung mit dem Angolar antizipiert haben könnte, bekräftigt Bouchards Ergebnisse auf der sprachideologischen Ebene, da Beatriz die Frage danach offenbar für sehr wahrscheinlich hielt. Marco (25) ist in verschiedenen Orten im Distrikt Caué aufgewachsen, studiert (verschiedene Fächer) und arbeitet seit seinem Schulabschluss wech‐ selweise in S-o Tomé und Caué. Er bezeichnet sich als Angolar-Sprecher ohne Einschränkungen, beobachtet aber, dass in der Lexik bei jüngeren Generationen zunehmend ein Wechsel von Angolar zu Portugiesisch stattfinde. Das Angolar hat für Marco einen hohen Stellenwert: „No meu ver é […] importante […] que essa língua n-o se perderá, ent-o deve ter algum projeto que poderia avaliar, implementar aquela língua na escola. […] Para que o geraç-o fut… vindora ou futura […] possa vir aprender.“ [dt. ‘Aus meiner Sicht ist es wichtig, dass diese Sprache nicht verloren geht, deshalb sollte es irgendein Projekt geben, das jene Sprache einschätzen, 18 in der Schule einführen kann. Damit die zukünftige Generation es lernen kann.’] Dieser konkrete Ansatzpunkt für eine mögliche Maßnahme zum Erhalt des Angolar hat seinen Grund möglicherweise in einer Beobachtung zur intergene‐ rationalen Weitergabe der Sprache, die Marco erläutert: „Às vezes também depende de… o idoso e também de jovem. Porque às vezes jovem hoje em dia é muito autoritário, n-o gosta de aprender nada, […] n-o liga nada. Tá bem? Ent-o os idoso também n-o dá muita importância para jovem também […].“ [dt. ‘Manchmal hängt es auch von… den Älteren und auch den Jugendlichen ab. Denn Zur intergenerationalen Weitergabe des Angolar in S-o Tomé und Príncipe 147 <?page no="148"?> 19 Oder: verbinden sich mit nichts/ mit nichts etwas. 20 Ein kleiner Ort im Süden Caués. 21 Die Gestik während der Aussage zeigte, dass code-switching gemeint ist, da beide Angolar sprechen. manchmal sind die Jugendlichen heutzutage sehr autoritär, lernen ungern (etwas), binden sich an nichts. 19 Okay? Also finden die Alten die Jugendlichen auch nicht besonders wichtig.’] Dadurch, dass jovem eine breite Altersklasse umspannen kann und Marco auch jüngere als jugendliche Menschen meinen kann, ist unklar, auf welche Gesellschaftsgruppe er sich genau bezieht. Deutlich wird dagegen, dass das Verhältnis zwischen der ältesten Generation und den Jüngeren laut Marco teilweise angespannt ist. Er spricht von einer Art mismatch zwischen den Generationen, durch das Gemeinsamkeiten oder Interesse aneinander verhin‐ dert werde. Tendenziell lässt sich die Aussage so interpretieren, dass Marco den Ursprung dafür eher bei den jüngeren Generationen sieht, auf die die Älteren entsprechend reagierten. Hinsichtlich einer Weitergabe von Sprach‐ kompetenzen kann geschlussfolgert werden, dass auch eine Weitergabe des Angolar nicht zustande kommt, wenn kein gegenseitiges Interesse zwischen den beteiligten Parteien, also Generationen, vorhanden ist. Womöglich sieht Marco daher auch die Notwendigkeit, diese Kompetenzen an anderer Stelle, z. B. in der Schule, zu vermitteln. Als letztes geht es um Mira (24), die in der Nähe von Ribeira Peixe 20 geboren wurde und seit ihrem 22. Lebensjahr in S-o Tomé Portugiesisch studiert, aber häufig nach Ribeira Peixe fährt. Sie ist das mittlere Kind von fünf Geschwistern. Ihr Fall weicht von den bisherigen insofern ab, als sie eine überzeugte und bewusste Sprecherin des Angolar ist, das sie von ihren Eltern gelernt hat und durch Kontakt zu ihrer Großmutter aufrecht erhält: „Gosto muito da minha língua. […] Quando falo com o meu irm-o no telefone, ele fala comigo português, […] falamos em Anguené. 21 […O]s mais jovens nem todos têm aquela vontade de aprender. E além de eles n-o terem vontade de aprender, os mais velhos também às vezes n-o ensinam mesmo. […O]s meus pais… n-o, nunca disseram se nós podemos falar ou n-o. […] Cada um é a vontade […] livre de escolher o que quiser.“ [dt. ‘Ich mag meine Sprache sehr. Wenn ich mit meinem Bruder am Telefon spreche und er mit mir Portugiesisch spricht, wechseln wir zum Angolar. Die Jüngeren haben nicht alle jenen Lernwillen. Und dazu, dass sie keinen Lernwillen haben, bringen es die Älteren auch manchmal nicht wirklich bei. Meine Eltern, nein, sie haben nie gesagt, ob wir [Angolar] sprechen dürfen oder nicht. Jede(r) kann frei entscheiden, was er/ sie möchte.’] 148 Charlotte Siemeling <?page no="149"?> Zuerst einmal fällt wohl auf, dass Mira eine ähnliche Aussage wie Marco in Bezug auf das Verhältnis zwischen den älteren und jüngeren Generationen trifft, demnach kein gegenseitiges Interesse bestehe. Allerdings spricht Mira von mais velhos und nicht idosos wie Marco. Auch hier ist es schwierig, die Altersklasse, die sie meint, zu bestimmen, d. h. es kann sich auch um die Elterngeneration der mais jovens handeln und nicht unbedingt die Großelterngeneration. Diese Elterngeneration erwähnt Mira in Form ihrer eigenen Eltern, die Mira und ihren vier Geschwistern keinerlei sprachliche Vorgaben gemacht haben. Und das hat laut Mira zu unterschiedlichen Ergebnissen geführt. Während sie mit dem im Zitat erwähnten älteren Bruder (27 Jahre alt) regelmäßig Angolar verwendet, spricht eine 18-jährige jüngere Schwester es nicht, weil sie kein Interesse daran hatte oder hat, es zu lernen oder zu verwenden. Des Weiteren erwähnt Mira code-switching vom Portugiesischen zum An‐ golar im Gespräch mit ihrem Bruder. Durch ihre sehr bewusste Haltung zum Angolar kann auch ein bewusstes code-switching hieraus geschlossen werden, allerdings ist ein unbewusster, ‚automatischer‘ Wechsel in dieser Konstellation ebenso möglich, der nur nicht gleich zu Anfang des Gesprächs geschieht. Die Verwendung des Angolar ist aber in beiden Fällen das Resultat. 5.2 Zusammenfassung Die erhobenen Daten, wenn auch noch qualitativer Natur, untermauern die in Abschnitt 3.2 aufgestellte Hypothese, dass die Weitergabe des Angolar zwischen Eltern und Kindern sowohl eine Frage des Könnens (also der Sprachkompetenz) als auch des Wollens (also grob umrissen der Identität durch Sprache/ Sprach‐ ideologie) ist. Dies knüpft an die Hauptergebnisse von Bouchard (2022) an und bildet mit ihnen zusammen eine Basis für die weitergehende Erforschung der Sprachkompetenz im Angolar der Elterngeneration, insbesondere aber bei den Kindern, da diese direkt über den weiteren Verlauf des Status des Angolar entscheiden werden. Viele der Befragten scheinen sich implizit (Patrícia) oder explizit (Ana, Bea‐ triz) dessen bewusst zu sein, dass die höchste Sprachkompetenz bei den älteren Generationen liegt und im Verlauf über die Eltern bis zu den Enkelkindern abnimmt, was sich teilweise darin äußert, dass die eigene Sprachkompetenz von den jüngeren Befragten selbst als nicht gut oder zumindest schlechter als die der Älteren beurteilt wird. Interessant ist, dass Lösungsansätze für einen Erhalt des Angolar sowohl von denjenigen, die es sprechen, vorgeschlagen werden, bspw., das Angolar in der Schule einzubinden (Marco), als auch von denjenigen, die es weniger beherrschen, z.-B. dass jüngere und ältere Gemeinschaftsmitglieder Zur intergenerationalen Weitergabe des Angolar in S-o Tomé und Príncipe 149 <?page no="150"?> mehr Zeit miteinander verbringen (Ana). Allein Miras Fall zeigt, dass auch innerhalb ein und derselben Familie Kenntnisse im Angolar, die manche Kinder durch Eltern oder Großeltern erworben haben, nicht bei allen Geschwistern gleich ausgeprägt oder überhaupt vorhanden sind. 5.3 Beschränkungen Neben den ersten Erkenntnissen aus der Analyse kommen auch einige Be‐ schränkungen zum Tragen, die an dieser Stelle nicht übergangen werden sollen. Dabei geht es einerseits um Grenzen der vorliegenden Studie als auch um eingeschränkte Möglichkeiten, das Angolar zu erhalten. 5.3.1 Grenzen der Studie Geht es um den genauen Ort der Erhebungen, so könnten die Ergebnisse je nach Ort innerhalb Caués deutlich variieren, da das Angolar im Süden eine größere Rolle spielt als im Norden des Distrikts. Wieder anders könnte sich die Situation in Santa Catarina im Norden der Insel S-o Tomé darstellen. Es müsste also trotz der bereits eng abgesteckten insularen geographischen Begrenzung vergleichbare Daten aus verschiedenen Orten geben, um ein Gesamtbild zu erhalten. Zudem haben ältere Generationen häufig weniger Einfluss auf ihre Enkel‐ kinder als die Eltern selbst: „[…] parental instruction [i]s the primary method of language transmission (Fishman 1972) […]“ (zitiert nach Forrest 2018, 318; vgl. auch Bußmann 2008, 695). Daraus resultiert, dass die Sprachkompetenz der Eltern ebenso gefördert werden müsste: „[…] language instruction for the young is likely to have less of an impact on language maintenance than programmes that focus on altering their use by parents“ (Forrest 2018, 318). In STP hat auch der weitere Familienkreis oder die jeweilige Ortsgemeinschaft regelmäßig Einfluss auf die Kinder einer Familie und es gibt dynamische Familien-/ Erziehungsmodelle, die wiederum für abwechselnde Einflussnahme sorgen und teilweise mit Migration zusammenhängen. Auch solche Dynamiken müssten in die Studie einbezogen werden. 5.3.2 Mögliche Maßnahmen zum Erhalt des Angolar, ihre Einschränkungen und grundlegende Hindernisse Eine enge Verbindung zwischen älteren und jüngeren Generationen könnte trotz oder gerade wegen der im vorangegangenen Abschnitt thematisierten 150 Charlotte Siemeling <?page no="151"?> 22 Vgl. z. B. die „individualistic nature of language transmission“ bei Goodchild (2013, 123), die sich bspw. sehr gut bei der Befragten Mira (Abschnitt 5.1.) und ihren Geschwistern beobachten lässt. Lage zwar bei Förderungsmaßnahmen im Fokus stehen, hängt aber offensicht‐ lich von individuellen Aspekten 22 ab, wie das folgende Schema zusammenfasst: Abb. 4: Bedingungen für eine stabile oder keine/ eine reduzierte Weitergabe des Angolar von Großeltern an Enkelkinder Fasst man die Umstände, die gemeinsam auftreten müssen, damit das Angolar weitergegeben wird, wie in Abb. 4 zusammen, lässt sich schnell erkennen, dass nur in den wenigsten Fällen eine stabile Weitergabe das Ergebnis ist, nämlich dann, wenn alle Kriterien erfüllt sind (grüne Pfeile). Sobald ein Umstand nicht erfüllt ist (rote Pfeile), wird die Sprachkompetenz nicht oder nur reduziert ‚ver‐ erbt‘ und damit dem allmählichen Aussterben des Angolar Vorschub geleistet. Weitere individuelle Umstände können hierbei ebenso eine Rolle spielen wie die hypothetisch in Abb. 4 aufgestellten, die sich aus den in diesem Beitrag analysierten Interview-Daten herauskristallisiert haben. Um eine Weitergabe entsprechend den Kriterien in Abb. 4 zu fördern bzw. zu stabilisieren, gäbe es aus der Praxis bereits verschiedene Ansätze, die unterschiedliche Kriterien berücksichtigen und hier in aller Kürze vorgestellt werden sollen. Es könnte sich bspw. eines Methodenbündels aus der Forschung zu heritage languages bedient werden, das z. B. Polinsky/ Kagan (2007) verwendet haben: „(i) an oral test loosely based upon the ACTFL oral proficiency interview; (ii) a short essay (if the learner is literate in the heritage language); and (iii) a Zur intergenerationalen Weitergabe des Angolar in S-o Tomé und Príncipe 151 <?page no="152"?> 23 ACFTL = American Council on the Teaching of Foreign Languages, deren oral profi‐ ciency interviews (OPIs) zur Einstufung von Sprachkenntnissen dienen. Auf diesen Interviews würde aufgrund der weitaus häufigeren oralen Verwendung des Angolar der Schwerpunkt liegen, weniger oder auch gar nicht (ggf. in Abhängigkeit vom Alter der Befragten) auf dem als zweites erwähnten Kurzaufsatz. Polinsky/ Kagan (2007) gehen außerdem auf einen Vergleich zwischen Kreolsprecher*innen und heritage speakers/ learners ein. biographic questionnaire“ (Polinsky/ Kagan 2007, 387). 23 Die konkreten Tests sollten von kompetenten Sprecher*innen des Angolar entwickelt werden, um spätere Ergebnisse entsprechend evaluieren und analysieren zu können. Ein anfänglicher Fokus auf der Lexik scheint hier sinnvoll, um erste Ergebnisse zu erhalten. Zudem können Daten in Form von freien Aufnahmen von bspw. Gesprächen mehr Aussagen über das code-switching im Kontinuum zwischen Angolar und Portugiesisch ermöglichen, die wiederum Informationen über die Sprachkompetenz der Sprecher*innen enthalten können. In beiden Fällen müsste die Möglichkeit zu solchen Studien in STP an den höheren Bildungsein‐ richtungen national, international oder kooperativ gefördert werden. Eine weitere Maßname könnte sein, die Elterngeneration einzubinden, an‐ statt sich nur auf den Austausch zwischen Großeltern und Enkel*innen zu konzentrieren. Ein solches Programm ist beispielsweise ein sogenanntes lan‐ guage nest (vgl. z. B. Glasgow 2019; Forrest 2018, 318), das unter anderem bereits im pazifischen Raum zu finden ist. Dabei handelt es sich um einen Raum, der explizit für den Austausch zwischen älteren und jüngeren Generationen geschaffen wird mit dem Ziel der Weitergabe einer Sprache an die Nachkommen - ohne dabei aber die Eltern auszuschließen. Ob language nests eine sinnvolle Maßnahme auch im Falle des Angolar wären, muss weiter erforscht werden. Dass die Befragten dieser Studie einerseits teilweise auf die Beziehung zwischen älteren und jüngeren Generationen als Problemfaktor hinweisen, ist ein Indiz für eine Chance, dass language nests zum Erhalt des Angolar beitragen können, denn sie könnten genau für dieses Problem ein Lösungsansatz sein. Anderer‐ seits, wie bereits durch Abb. 4 schematisch aufgezeigt, müssen viele individuelle Voraussetzungen abseits von harten Fakten wie bspw. der Finanzierung erfüllt sein, um solche Programme erfolgreich zu implementieren. Kurz gesagt: Wenn kein Interesse an einem solchen Programm auf Seiten der Betroffenen besteht, ist seine Umsetzung irrelevant (vgl. Bußmann 2008, 659). Eine andere Möglichkeit sind sogenannte Sprachendörfer (Engel/ Platz‐ gummer 2021), in denen der schulische Kontext eine Rolle spielt, dessen Relevanz bereits vom Teilnehmer Marco selbst angesprochen wurde (Abschnitt 5.1). In Sprachendörfern können Schüler*innen in Vierergruppen bestimmte 152 Charlotte Siemeling <?page no="153"?> 24 Quelle: Engel/ Platzgummer (2021) in ihrem Abstract, abrufbar unter https: / / bia.unibz.it / esploro/ outputs/ 991006336092001241? institution=39UBZ_INST&skipUsageReporting =true&recordUsage=false (01.05.2023). 25 Wie Araujo (2020a, 194) es formuliert: „[…] o Governo de S-o Tomé e Príncipe, apesar da boa vontade de seus agentes políticos, tem condições limitadas para implantar políticas linguísticas, posto que esta é uma preocupaç-o menor, dados todos os demais problemas que o país enfrenta.“ Stationen durchlaufen, an denen möglichst reale Situationen durchgespielt werden, in denen sie sprachlich aktiv werden: They can make use of their languages, dialects, body language, knowledge about language, objects present in the room and world knowledge. The material was created for use with middle and high school students, but can also be adapted for elementary school or adults. 24 Sinnvoll würde es zudem erscheinen, ein solches Projekt für einen möglichst frühen Input bereits an das Kindergartenalter anzupassen. Wenn Versuche in Form eines language nest oder Sprachendorfs gestartet werden (können), muss in jedem Fall eine gewisse Anlaufzeit eingeräumt werden, da es besonders in kleinen Gemeinschaften und Dörfern wie im Distrikt Caué eine Neuerung darstellen würde, deren Akzeptanz nicht gleich ab Beginn realistisch beurteilt werden kann und die ein gewisses Maß an Vertrauen gewinnen muss. Zudem können nach Erarbeitung einer quantitativen Grund‐ lage auch andere Maßnahmen mehr Erfolg versprechen, was aber zukünftigen Studien obliegt und im Rahmen dieses Beitrags mehr Aussicht als Fazit ist. Die Maßnahmen hätten jeweils Vor- und Nachteile, z. B. könnten language nests in jeder Gemeinschaft, ein Sprachendorf jedoch nur dort, wo auch eine Schule ist, durchgeführt werden. Eine genaue Analyse wäre aber Teil zukünftiger Studien und ggf. sprachpolitischer Initiativen, da natürlich auch Kosten eine Rolle spielen. 25 Zwei abschließende und grundlegendere Hindernisse für den Erhalt des Angolar sind einerseits, dass sprachpolitisch wenig bis keine Aussicht auf seine Förderung in STP besteht. Es hinge also von Einzelinitiativen ab, die möglicherweise nur punktuellen Einfluss hätten und daher langfristig keine Veränderung der Vitalität des Angolar hervorrufen dürften. Andererseits fehlt bisher jegliche quantitative Grundlage zur Entwicklung solcher Initiativen, seien sie individueller oder sprachpolitischer Natur. Die Sprachkompetenz in den verschiedenen Generationen quantitativ zu erforschen bzw. beschreiben zu können, wäre ein beträchtlicher Anteil einer solchen Grundlage, die Aus‐ gangspunkt für weitere Maßnahmen sein könnte (vgl. Bußmann 2008, 659). Zur intergenerationalen Weitergabe des Angolar in S-o Tomé und Príncipe 153 <?page no="154"?> 26 Oder eine Definition davon zu geben, da z. B. Araujo anmerkt, dass bei Befragungen in STP „o recensador […] implicaria na suposiç-o que o entrevistado conhecesse a noç-o de ‚língua materna‘“ (Araujo 2020a, 189), bzw. spezifischer in Araujo (2020b, 69): „whether the interviewee knew the expression ‚mother tongue‘ or had to have it explained.“ Wichtig wäre hierbei auch, den Begriff der Muttersprache in den Erhebungen - unabhängig von der/ den Methode(n) - von allen ggf. Befragten definieren zu lassen, 26 da sich immer wieder zeigt, dass es sehr individuelle Auffassungen zu diesem Begriff gibt, der sich auch mit kulturellen Identitäten vermischt (vgl. z.-B. Skelin Horvat/ Muhvić-Dimanovski 2012). 6 Fazit und Ausblick Aufbauend auf vorherigen Ansätzen zur Erforschung des Status des Angolar zeigt dieser Beitrag, dass diese s-otoméische Kreolsprache bei abnehmender Verwendung dem Sprachtod durch größer werdende Lücken in der intergene‐ rationalen Weitergabe näher rückt. Da es sich bei dieser anfänglichen, explo‐ rativen Studie zur Weitergabe des Angolar um qualitative Daten handelt, ist das erste offene Desideratum eine umfassende Datenbasis, die auch quantitativ ausgewertet werden kann. Dies beschränkt sich zudem nicht nur auf das Angolar, sondern auch auf die anderen Kreolsprachen in STP, weil sie alle trotz ihrer unterschiedlichen Situationen als endangered eingestuft werden. Eine solche Datenbasis sollte zum Ziel haben, Informationen über die konkrete Sprachkompetenz der jüngeren Generationen zu erhalten, z. B. durch dafür entwickelte Tests. Im vorherigen Abschnitt wurden Maßnahmen wie das language nest, ein Sprachendorf oder im Schulunterricht angesiedelte Projekte angesprochen, die jeweils Vor- und Nachteile haben und ggf. je nach Situation in den verschiedenen Distrikten individualisiert zum Einsatz kommen müssten. Auch dies unterläge einer genaueren Analyse, die bisher aussteht und an eine Durchführung von möglichen, zuvor angesprochenen Sprachkompetenz-Tests angeknüpft werden müsste. Zuletzt sei gesagt, dass der Beitrag keinen Rettungsversuch oder Eingriff in die Existenz des Angolar darstellen soll. Vielmehr geht es um eine Bestandsauf‐ nahme für eine spätere Erkenntnis, ob auch das Angolar „bereits eine Kluft von zwei Generationen“ (Bußmann 2008, 659) aufweist, wie es in anderen Sprachen der Fall ist. Der Sprachtod gehört m. E. aber zur Entwicklung einer Sprache und kann sicherlich nicht in allen Fällen verhindert werden. Der immer individuelle Kontext und die Geschichte einer Sprache machen es aus meiner Sicht schwierig und nicht sinnvoll, einen Erhalt ‚nach externen Vorgaben/ Maßnahmen‘ anzu‐ 154 Charlotte Siemeling <?page no="155"?> leiten. Gerade im Kontext des Kolonialismus dürfte dies nicht ratsam sein. Beobachtungen und Vorschläge aus externer Sicht können aber zumindest einen Anhaltspunkt für spätere Studien möglichst innerhalb der Sprachgemeinschaft sein, die einen Effekt auf den Erhalt haben, wenn dieser auf interne Initiative hin zum Ziel erklärt wird. Bibliographie Araujo, Gabriel Antunes de (2020a): „Há uma política linguística para o português em S-o Tomé e Príncipe? “, in: Souza, Sweder/ Olmo, Francisco Calvo del (eds.): Línguas em português: A lusofonia numa vis-o crítica, Porto, U. Porto Press. Araujo, Gabriel Antunes de (2020b): „Portuguese Language Expansion in S-o Tomé and Príncipe: An overview“, in: Diadorim 22 (1), 57-78. 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Zur intergenerationalen Weitergabe des Angolar in S-o Tomé und Príncipe 157 <?page no="159"?> Kolonialonomastik <?page no="161"?> Französische Kolonialtoponyme aus diatopischer und diachroner Perspektive - Fallbeispiele zu Kanada, Martinique, Algerien und den Seychellen Sandra Herling Résumé L’empire colonial français a pu s’établir et s’étendre sur tous les continents au cours de la période allant du XVI e siècle jusqu’au milieu du XX e siècle. Bien que le colonialisme puisse être considéré avant tout comme un phénomène économique ou politique, des facteurs linguistiques peuvent également contribuer à son maintien. Nommer l’espace joue un rôle im‐ portant dans le processus de colonisation. Dans ce contexte, des questions de recherche intéressantes se posent, en particulier pour l’onomastique et la toponymie. Le présent article traite des toponymes de l’époque coloniale française. L’analyse se concentre sur les questions suivantes : quelle est la structure et la motivation de la nomination des toponymes coloniaux ? Dans quelle mesure les certitudes coloniales sont-elles codées à travers les noms de lieux ? Quelles sont les fonctions des toponymes à intention coloniale ? Étant donné que la période coloniale française s’étend sur plusieurs siècles et géographiquement sur différentes régions, des aspects diatopiques et diachroniques doivent être développés en ce qui concerne la fonction, la motivation de la nomination et la structure. Les cartes contemporaines des XVII e , XVIII e et XIX e siècles de certaines colonies françaises en Amérique et en Afrique servent de base de données. Mots clés: onomastique, toponymes coloniaux, linguistique coloniale, em‐ pire colonial français, structure des toponymes, motivation des toponymes Abstract The French colonial empire was able to establish itself and expand on all continents during the period from the 16th to the mid-20th century. <?page no="162"?> Although colonialism primarily appears as an economic or political phe‐ nomenon, linguistic factors can also contribute to its creation and mainte‐ nance. The naming of the appropriated space plays a significant role in the process of colonization. Interesting research questions arise, especially for onomastics and toponymy. This article focuses on the toponyms of the French colonial era. The analysis centers on the following questions: What structure and naming motivation do colonial toponyms have? To what extent are colonial certainties coded through place names? What are the functions of colonial-intended toponyms? Due to the fact that the French colonial era spans several centuries and geographically extends over different regions, both diatopic and diachronic aspects regarding function, naming motivation, and structure are to be elaborated. Contemporary maps from the 17th, 18th and 19th centuries of selected French colonies in America and Africa serve as the data basis. Keywords: onomastics, colonial linguistics, colonial toponymes, French colonial empire, structure of toponyms, naming motivation 1 Einleitung Die französische Kolonialzeit außerhalb Europas begann mit der Erkundungs‐ fahrt des bretonischen Seefahrers namens Jacques Cartier, der am 20. April 1534 von Saint-Malo aus westwärts in See stach und schließlich nach zwanzig Tagen an der Küste Neufundlands ankam. Eine dauerhafte Siedlung in Kanada konnte sich jedoch erst 1608 mit der Gründung eines Handelskontors unter der Führung von Samuel Champlain etablieren. Das 17. Jh. stellt eine signifikante Epoche in der französischen Kolonial‐ expansion dar. Die französische Krone konzentrierte sich zunächst auf den amerikanischen Kontinent: 1612 legte Daniel de la Touche den Grundstein für die spätere Kolonie France équinoxiale (heutiges Französisch-Guyana) (vgl. Valode 2008, 30). 1625 errichtete Pierre Belain d’Esnambuc eine Handelskom‐ panie auf der Karibikinsel Saint-Christophe (heutiges Saint Kitts and Nevis). Ab 1635 wurden trotz Rivalitätskämpfen mit Spanien weitere karibische Inseln wie Martinique, Guadeloupe, Sainte-Lucie, Sainte-Croix, Dominica, Saint- Barthélemy, Saint-Martin, sowie Grenada, Tobago und Marie-Galante koloni‐ siert (vgl. Gainot 2015, 18-20). In das französische Kolonialreich inkorporiert wurde nach dem Friedensvertrag von Rijswijk der westliche Teil Hispaniolas, nämlich Saint-Domingue (heutiges Haiti) (vgl. Gewecke 3 2007, 17), das sich im Laufe des 18. Jahrhunderts aufgrund der Zuckerrohrplantagen (und der damit zusammenhängenden Sklavenarbeit) zu einer der wirtschaftlich stärksten Re‐ 162 Sandra Herling <?page no="163"?> gionen des französischen Kolonialreiches herauskristallisierte (Casali/ Cadet 2015, 48). Im 17. Jh. entstanden ebenfalls Handelsniederlassungen an der afrikanischen Küste wie beispielsweise 1628 im heutigen Senegal. Es folgten die Annexion der Insel La Réunion im Indischen Ozean sowie die Etablierung von Handels‐ kontoren im Osten Indiens (z. B. Pondichéry). Eine entscheidende Rolle spielten diese Gebiete vor allem für den Export von Gewürzen oder im Falle La Réunions von Kaffee. Im 18. Jh. erhob die französische Krone Anspruch auf mehrere Inseln im Indischen Ozean: Mauritius, die Komoren und die Seychellen. Die eigentliche Kolonialherrschaft in Afrika wie auch in Asien lässt sich zeitlich ins 19. Jh. verorten. Obwohl Louis Antoine de Bougainville bereits 1766 auf seiner Pazifikexpedition das heutige Archipel Französisch Polyne‐ sien entdeckte, kam es zur Kolonisierung dieses und weiterer Archipele erst im 19. Jh. Ein signifikantes Ereignis für den Kolonisierungsprozess in Afrika war die militärische Inbesitznahme Algeriens im Jahre 1830. In den nachfolgenden Jahrzehnten konnte Frankreich seine Machtposition südlich des Maghrebs durch die Eroberung einzelner Staaten erweitern, die sodann zu größeren Regierungseinheiten zusammengeschlossen wurden: Französisch- Westafrika (Afrique-Occidentale française) umfasste von 1895 bis 1960 die Länder Togo, Guinea, Mauretanien, Mali, Niger, Senegal und Burkina Faso. Das 1910 gegründete Kolonialgebiet Französisch-Äquatorialafrika (Afrique-Équatoriale française) vereinigte die Länder Tschad, Gabun und die Zentralafrikanische Republik. Im 19. Jh. wurde zudem im Osten Afrikas das heutige Djibouti und Madagascar kolonisiert. Die Darstellung zur Kolonialgeschichte ist zwar historisch skizzenhaft, soll aber zwei Aspekte, nämlich die zeitliche und geografische Dimension des fran‐ zösischen Kolonisierungsprozesses, veranschaulichen. Mit anderen Worten: Frankreichs koloniale Expansion erstreckte sich über mehrere Jahrhunderte auf verschiedene Kontinente wie Amerika, Afrika, Asien und Ozeanien. Kolonialismus ist - allgemein betrachtet - ein Machtverhältnis, das vor allem durch wirtschaftliche und politische Merkmale gekennzeichnet ist. Louis- Jean Calvet wies jedoch in seinem erstmals 1974 publizierten Werk über Sprache und Kolonialismus auf einen weiteren Aspekt hin: „Tout commence par la nomination“ (Calvet 4 2002, 80). Die Sprache bzw. der in diesem Kon‐ text angesprochene Benennungsakt nimmt im Kolonisierungsprozess eine bedeutende Rolle ein. Auch spätere toponomastische Studien weisen auf die enge Verzahnung zwischen Namengebung und Machtkonsolidierung hin: Val Julián betont beispielsweise in ihrer Studie, dass mit der Benennung eines Ortes auch gleichzeitig dessen Aneignung einhergehe: „Nommer un lieu, c’est Französische Kolonialtoponyme aus diatopischer und diachroner Perspektive 163 <?page no="164"?> en même temps se l’approprier […]“ (Val Julián 2011, 21). De Bloom (2023, 2) führt diesbezüglich aus: Das Beispiel Kolonialismus zeigt deutlich, dass die Aneignung von fremdem Raum nicht nur mit Waffengewalt oder auf dem institutionalisierten Wege der Schutzbriefe und Pachtverträge geschieht, sondern auch über sprachliche Handlungen wie die Benennung der begehrten Landschaft. (De Bloom 2023, 2) Stolz/ Warnke/ Levkovych (2016) analysieren in ihrer Studie vierzehn europäi‐ sche Kolonialmächte hinsichtlich ihrer Benennungspraktiken (siehe auch das Kapitel zur Struktur 3.2). Neben strukturellen Besonderheiten zeigt die Studie einen weiteren relevanten Aspekt, nämlich die Tatsache, dass europäische Kolonialmächte den eingenommenen Raum auch mittels Sprache bzw. mittels Namen für sich beanspruchen. In diesem Kontext weist auch Schuster (2018, 163) darauf hin, dass es zu den primären Bestrebungen einer Kolonialmacht gehöre, die jeweilige Namenlandschaft zu prägen. Vor diesem Hintergrund ergeben sich besonders für die Onomastik bzw. Toponomastik interessante Forschungsbereiche. Die vielseitige Beschäftigung mit sprachlichen Aspekten im Kolonialismus (insbesondere des deutschen) ist u. a. in der rezenten Forschungsrichtung der Koloniallinguistik, ausgehend von den Bremer Linguisten Thomas Stolz und Ingo H. Warnke, aufgegriffen worden. In Bezug auf die Romanistik sei in diesem Kontext auf die bedeutenden Arbeiten von Klaus Zimmermann zur (spanischen) Missionarslinguistik hingewiesen (z. B. Überblick in Zimmermann 2018 und im vorliegenden Sammelband). Für die Onomastik von großer Relevanz ist jedoch, dass die Bremer Forschergruppe zur Koloniallinguistik auch Toponyme als Untersuchungsgegenstand in den Mittelpunkt ihres Forschungsprogrammes gestellt hat. Inzwischen liegen ver‐ schiedene Arbeiten zu deutschen Kolonialtoponymen, aber auch Studien aus vergleichender Perspektive vor - wie z. B. Stolz/ Warnke (2015), Stolz/ Warnke/ Levkovych (2016), Stolz/ Warnke (2017), Stolz/ Warnke (2018a-2018c), Stolz/ Lev‐ kovych/ Warnke (2018), Stolz/ Warnke (2019), Warnke et al. (2020) oder De Bloom (2023). Im Fokus von Schulz/ Ebert (2016), Schulz/ Aleff (2018), Schulz (2019) und Ebert (2021) stehen hingegen Mikrotoponyme - insbesondere Straßennamen - in der deutschen Kolonialzeit. Romanistische Beiträge, die der Theorie der Bremer Kolonialtoponomastik folgen, sind beispielsweise die Studie von Miccoli (2017) zu italienischen Kolonialtoponymen sowie die Analysen zu französischen und spanischen Mikro- und Makrotoponymen in verschiedenen ehemaligen Kolonialgebieten Amerikas, Afrikas und Asiens von Herling (2018; 2019; 2020; 2021; 2023). Zu betonen ist allerdings, dass in den letzten Jahrzehnten ein‐ zelne Studien zu romanischsprachigen Kolonialtoponymen aus verschiedenen 164 Sandra Herling <?page no="165"?> Blickwinkeln - z. B. auch unter Einbezug postkolonialer Umbenennungen - entstanden sind. Exemplarisch seien Yermèche (2015) zu kolonialen und post‐ kolonialen Toponymen in Algerien, Lapierre (2009) zur kolonialen Toponymie in Québec, die Studie von Val Julián (2011) zu Toponymen in der spanischen Kolonialzeit des 15. und 16. Jh. sowie die bedeutende Studie zu strukturellen Aspekten spanischer Toponyme in der Anfangszeit kolonialer Expansion von Metzeltin (1977) genannt. Mit Schmidt-Brücken/ Warnke/ Gräger (2017, 67) kann unter dem Begriff Kolonialtoponym „ein ortsidentifizierendes einfaches oder komplexes Element des Onomastikons, das im zeitlichen Rahmen faktischer Machtausübung auf ein Geo-Objekt in einem kolonialen Gebiet referiert“, verstanden werden. Dies bedingt jedoch nicht, dass zur Kolonialzeit vergebene Ortsnamen mit der Beendigung des politischen Machtverhältnisses auch außer Gebrauch kommen. Zahlreiche Beispiele belegen, dass kolonial intendierte Toponyme auch postkolonial in Gebrauch sein können (Stolz/ Warnke 2018b, 2). Französi‐ sche Beispiele hierzu wären die Ortsnamen Louisiana oder Ile de Réunion. Falls eine Kolonie, zu der Stolz/ Warnke (2018, 8) im Rahmen kolonialtoponomasti‐ scher Forschung jegliche Form von abhängigen Gebieten wie Protektorate, Kronkolonien, Schutzgebiete etc. zählen, die Unabhängigkeit erreicht, „fällt ihre weitere interne toponomastische Entwicklung nicht mehr in den Ge‐ genstandsbereich der vergleichenden Kolonialtoponomastik“ (Stolz/ Warnke 2018, 8). Der vorliegende Beitrag beschäftigt sich mit den in der französischen Ko‐ lonialzeit geprägten Toponymen. Fragestellungen, die anhand ausgewählter Kolonialgebiete aufgegriffen werden sollen, sind folgende: Welche Struktur und Benennungsmotivik weisen Ortsnamen auf, die seitens der Kolonialmacht geprägt wurden und im jeweiligen Kolonialgebiet diskursiv gebräuchlich waren? Welche Funktionen können kolonial-intendierten Toponymen zuge‐ sprochen werden? Inwiefern werden in diesem Zusammenhang koloniale Gewissheiten mittels Ortsnamen kodiert? Aufgrund der Tatsache, dass die französische Kolonialzeit einen Zeitraum von mehreren Jahrhunderten um‐ spannt und sich geografisch über verschiedene Regionen erstreckt, fokussiert der vorliegende Beitrag diatopische und diachrone Aspekte der kolonialen Benennungspraxis. Abschließend zu betonen ist, dass die nachfolgenden Darstellungen der Terminologie und Methodik der Bremer Forschungsgruppe zur Koloniallin‐ guistik bzw. zur vergleichenden Kolonialtoponomastik (vgl. Stolz/ Warnke 2018a) folgen. Im Gegensatz zur traditionellen Toponomastik wird hier keine etymologische Perspektive auf Grundlage von historischen Urkunden oder Französische Kolonialtoponyme aus diatopischer und diachroner Perspektive 165 <?page no="166"?> Ähnlichem vorgenommen. Eine sprachhistorische Aufarbeitung des Korpus würde insofern keinen weiteren Erkenntniswert liefern, da die Toponyme der Kolonialzeit auch synchron betrachtet aus lexikalisch-transparentem Material bestehen. Für eine vergleichende Kolonialtoponomastik sind hingegen Frage‐ stellungen der Struktur und auch Funktion von Interesse. Darüber hinaus liegt insbesondere mit Stolz/ Warnke (2008a) eine Darstellung vor, die das Potenzial einer diskurslinguistischen Analyse kolonialen Datenmaterials (wie z. B. Karten, aber v. a. Texte) beschreibt. Diese Perspektive kann jedoch im Rahmen des vorliegenden Beitrags nicht berücksichtigt werden. Wie bereits erwähnt, soll am Beispiel von Toponymen in ausgewählten ehemaligen Kolonien in Amerika, Afrika und im Indischen Ozean der Frage nachgegangen werden, welche zeitlich oder räumlich bedingten Unterschiede und Gemeinsamkeiten französische Kolonialtoponyme hinsichtlich ihrer Funktion, Benennungsmo‐ tivik und Struktur aufweisen. 2 Datenmaterial und Methodik Als Datenmaterial für die Erforschung kolonial intendierter Toponyme können mehrere Quellen berücksichtigt werden. Eine Datenbank, die ein Korpus für Forschungszwecke zur Verfügung stellt, existiert bisher noch nicht. Aus diesem Grund müssen für jede einzelne Studie die entsprechenden Toponyme inventa‐ risiert werden. Dies kann auf Basis von Entdecker- und Reiseberichten erfolgen, in denen sogar zusätzliche Informationen in Form von meta-onymischen Refle‐ xionen notiert sind, die letztlich Aufschluss über das Motiv der Benennung geben können - wie in Kap 3.3 noch näher ausgeführt wird. Neben diesen Texten stehen für die kolonialtoponomastische Forschung zeitgenössische Karten zur Verfügung. Hinsichtlich des französischen Kolonialreichs kann mittlerweile auf die digitale Version von Kartenmaterial aus dem Zeitraum vom 16. bis zum 20. Jh. zurückgegriffen werden. Eine nützliche Datenbank bietet z. B. die Bibliothèque Nationale de France. Anfang des 20. Jh. wurden Kolonialatlanten (z. B. Pollacchi 1929) publiziert, die jedoch gegenwärtig nur als Printmedium zu‐ gänglich sind, aber eine umfassende Einsicht in koloniale Benennungspraktiken bieten. Einschränkend sei hinzugefügt, dass die Atlanten den Stand Anfang des 20. Jh. wiedergeben und somit keine Quelle für Kolonialtoponyme von Regionen bieten, die bereits unabhängig waren - wie z.-B. Nordamerika. Während die genannten Quellen eine Fülle von Makrotoponymen wie z. B. Berg-, Tal-, Siedlungs-, Kap-, Fluss-, Inselnamen darbieten, ist die Inventarisie‐ rung von Mikrotoponymen wie z. B. Straßen- oder Gebäudenamen aufgrund der Quellenlage schwieriger (Herling 2021, 146). 166 Sandra Herling <?page no="167"?> Die folgende Analyse fokussiert ausschließlich Makrotoponyme (Analysen zu anderen Toponymtypen könnten sich in der Folge anschließen), die mittels kolonialer Karten aus dem 17., 18. und 19. Jh. inventarisiert werden konnten. Es handelt sich hierbei um kartografische Werke (königlicher) französischer Geo‐ grafen bzw. Kartografen wie Blondel, Lafitte, Niox oder Sanson, die aufgrund ihres Status den offiziellen Auftrag zur Kartografierung der jeweiligen Gebiete erhielten. Es kann folglich davon ausgegangen werden, dass ein kolonialer „Blick“ in die Karten eingeschrieben wurde, der für die Analyse kolonialtopo‐ nomastischer Forschung von Interesse sein kann. Hinsichtlich der diatopischen Perspektive sind insgesamt vier Großräume ausgewählt worden. Die Auswahl der Gebiete wurde so vorgenommen, dass zum einen verschiedene geografische Räume wie das Festland und Inseln und zum anderen verschiedene Kontinente bzw. Regionen wie Nordafrika, Indischer Ozean, Nord- und Mittelamerika berücksichtigt wurden. Bezüglich der diachronen Perspektive sollten frühe Kartenwerke des jeweiligen einge‐ nommen Gebietes analysieren werden. Handelte es sich beispielsweise um ein im 17. Jahrhundert kolonisiertes Gebiet, wurde eine möglichst früh datierte Karte (soweit digital oder analog zugänglich) aus diesem Zeitraum herange‐ zogen. Vor diesem Hintergrund wurden die Toponyme Nordamerikas bzw. der kolonisierten Gebiete des heutigen Kanadas anhand einer Kolonialkarte aus dem Jahre 1656 inventarisiert. Hinzugefügt sei, dass darüber hinaus der Reisebericht von Champlain (siehe Kap. 3.2) hinzugezogen wurde, um meta-onymische Kommentare in der Analyse zur Benennungsmotivik zu berücksichtigen. Als zweites Gebiet wurde die Karibik bzw. eine Karte aus dem Jahre 1690 zur Insel Martinique ausgewählt. Schließlich wurde Kartenmaterial zu Afrika, nämlich zur Kolonie Algerien aus dem Jahre 1876 und zu den Seychellen, das auf das Jahr 1777 datiert ist, herangezogen. Das auf der Grundlage des oben genannten Kartenmaterials gewonnene Inventar umfasst insgesamt 789 Kolonialtoponyme. Wie in Kap 3.1 noch näher dargestellt wird, liegt den Toponymen unterschiedliches Sprachmaterial zugrunde. In den folgenden Darstellungen werden endonymische Toponyme, d. h. Toponyme, die in den jeweiligen Sprachen der Kolonisierten auf den Karten wiedergegeben wurden, ausgeschlossen. Berücksichtigung fanden nur sprach‐ lich-hybride und französischsprachige Toponyme (siehe Kap. 3.1). Angemerkt sei, dass vor allem bei den hybriden Toponymen verschiedene Hybridisierungs‐ formen (phonologischer, semantischer, (ortho-)grafischer Natur) unterschieden Französische Kolonialtoponyme aus diatopischer und diachroner Perspektive 167 <?page no="168"?> 1 Die letztgenannten Aspekte sollen im Folgenden jedoch nicht angesprochen werden. Sie könnten Teil einer eigenständigen Studie sein; vgl. Stolz/ Warnke (2018, 15); Herling (2018, 295-296). werden können. Auch Endonyme weisen mitunter „Französierungen“ auf und zeigen dadurch eine gewisse Machtdemonstration. 1 Das Inventar für die vorliegende Studie umfasst 416 Kolonialtoponyme. Mehrfachnennungen traten nicht auf, von daher stimmt die Token- und Type- Anzahl überein. Anzumerken ist, dass sich die im Folgenden verwendete Bezeichnung Gesamtinventar oder Gesamtkorpus auf die Anzahl von 416 Topo‐ nymen bezieht (und nicht auf das Inventar von 789 Toponymen). Abschließend sei hervorgehoben, dass es sich nicht um eine exhaustive Studie handelt. Hierzu müsste das Kartenmaterial quantitativ erweitert und zu jedem Gebiet müssten mehrere Karten ausgewertet werden. Die nachfolgenden Ausführungen verstehen sich als eine Bestandsaufnahme, die anhand von Fallbeispielen, d. h. ausgewählten Regionen, Tendenzen in der diachronen und diatopischen Kolonialtoponomastik aufzuzeigen versucht. 3. Analyse des Korpus 3.1 Sprachenverwendung Bis auf die Seychellen waren die hier untersuchten Kolonialgebiete bereits vor der französischen Kolonisation besiedelt. Wie gingen nun die Kolonisatoren mit den existierenden Toponymen um? Wurde der angeeignete Raum ausschließlich durch französischsprachige Ortsnamen markiert und somit umbenannt? In der (vergleichenden) Kolonialtoponomastik wird zwischen Exonymen, Endo‐ nymen und Hybriden differenziert. Unter Endonymen sind jene Toponyme zu verstehen, deren Bestandteile ausschließlich aus der Sprache der Kolonisierten stammen. Im Gegensatz dazu werden Exonyme aus der jeweiligen Sprache des Kolonisators gebildet - während Hybride mindestens aus zwei Komponenten bestehen, wobei die eine aus der Sprache der Kolonisierten und die andere aus der Sprache der Kolonisierenden stammt (Stolz/ Warnke 2018, 14-16). Wie bereits erwähnt wurde, umfasst das zunächst inventarisierte Korpus eine Anzahl von 789 Toponymen, wobei 373 als Endonyme klassifiziert werden können. Betrachtet man die Verteilung von endonymischen, exonymischen und hybriden Toponymen auf den untersuchten Kolonialkarten, ergibt sich folgendes Bild: 168 Sandra Herling <?page no="169"?> Ohne Zweifel auffällig ist die hohe Anzahl von Endonymen in Algerien (67,4 %). Zumindest zeigen die ausgewählten Karten diese synchrone Bestandsaufnahme. Werden weitere Kolonialkarten aus nachfolgenden Jahrzehnten berücksichtigt, könnte sich die prozentuale Zusammensetzung anders gestalten. Allerdings zeigt eine auf einem französischen Kolonialatlas (Atlas colonial illustré 1904) basierte Stichprobe, dass endonymische Makrotoponyme in Afrika durchaus die onomastische Landschaft mitprägen. Dies kann auf verschiedenen Gründen - wie noch nicht erschlossenen Gebieten - beruhen. Zu berücksichtigen ist, dass Endonyme sowie die endonymischen Komponenten von Hybriden auf den kolonialen Landkarten durchaus in modifizierter, assimilierter Form vorliegen. Von daher ist es geeigneter - wie Schulz/ Aleff (2018) vorschlagen - von Pseudobildungen zu sprechen, denn „schließlich resultieren die […] Einheiten […] aus dem Verschriftungssystem europäischer Kolonialakteure“ (Schulz/ Aleff 2018, 132). Eine Assimilation an die französische Orthografie kann beispielsweise mittels einer Akzentsetzung erfolgen - wie es bei dem algerischen Toponym Métidja der Fall ist. Vor diesem Hintergrund wäre die Bezeichnung Pseudoendonym adäquat. Auch Stolz/ Warnke (2018, 17) differen‐ zieren weiter und unterscheiden zwischen phonologischen, semantischen oder morphosyntaktischen Hybridisierungen. Etymologisch betrachtet basiert das Toponym auf arabischem Sprachmaterial. Somit ist es den Endonymen zuzu‐ ordnen. Jedoch fand im kolonialen Benennungsakt eine Assimilation an das französische Sprachsystem statt, so dass schließlich ein ortografisches Hybrid vorliegt. Im Folgenden sollen jedoch diese Abstufungen der Hybridität keine Berücksichtigung finden. Endonyme werden nach ihrem erkennbaren Etymon Französische Kolonialtoponyme aus diatopischer und diachroner Perspektive 169 <?page no="170"?> klassifiziert und Hybride werden als morpho-syntaktische Bildungen aufgefasst, bei denen die jeweiligen Morpheme aus verschiedenen Sprachen stammen - wie das Beispiel Monts du Hodna (Algerien) demonstriert. Festgehalten werden kann, dass bezüglich des vorliegenden Korpus nur Algerien eine Ausnahme darstellt. In allen anderen Kolonialgebieten - auch wenn sie im Falle Kanadas besiedelt waren - dominieren exonymische Topo‐ nyme. Dieser Befund zeigt die Relevanz der eigenen Sprache, um Macht zu demonstrieren und sich fremden Raum durch Sprache anzueignen. Als weiterer Punkt kann festgehalten werden, dass im 19. Jh. - zumindest zeigen dies das Beispiel Algerien und die durchgeführte Stichprobe - tendenziell mehr (Pseudo-)endonyme vorkommen. Ob es sich hier um ein diachrones Phänomen handelt, müssten weitere Studien zu Kolonien des 19. Jh. beweisen. In den nachfolgenden Darstellungen soll nun ein Blick auf die Struktur, Motivik und Funktion von Kolonialtoponymen geworfen werden. Diesbezüg‐ lich werden - wie angesprochen - nur exonymische und morpho-syntaktische Hybride berücksichtigt. 3.2 Struktur In der bisherigen Toponomastik sind - allgemein betrachtet - etymologische Studien vorherrschend. Kolonialtoponyme sind jedoch auf Grundlage des Neu‐ französischen ab dem 16. Jh. geprägt worden. Folglich ist eine sprachhistorische Analyse aufgrund des synchronen transparenten Sprachmaterials, auf dessen Basis die Namen gebildet wurden, nicht zielführend. Allerdings bietet sich an, strukturelle Aspekte in den Fokus zu nehmen. Auf morphologischer Ebene können sowohl einfache als auch an Komplexität zunehmende Konstruktionsmuster unterschieden werden. Die Analyse des vor‐ liegenden Korpus zeigt insgesamt sieben verschiedene Typen, die im Folgenden näher beschrieben werden sollen (zur Bildung siehe auch Herling 2018; 2019; 2020; 2023): • Typ A: Simplex Beispiele: Rabelais (Algerien), St. Rémy (Algerien) Typ A umfasst Kolonialtoponyme, die synchron einerseits aus einer (zu‐ meist) nominalen Komponente bestehen. Andererseits können Hagionyme, bestehend aus dem Titel (Saint oder Sainte) und einem Anthroponym als Einheit und somit als einfache Konstruktion aufgefasst werden. Die restlichen Toponyme weisen komplexere Bildungen auf und können in folgende Typen unterschieden werden: 170 Sandra Herling <?page no="171"?> • Typ B: Artikel + Nomen Beispiele: La Caravelle (Martinique), Les Islets (Kanada) Angemerkt sei, dass der Artikel im Genus und Numerus kongruent mit dem nachfolgenden Element ist. • Typ C: Adjektiv + Nomen oder Nomen + Adjektiv Beispiele: Grand Islot (Martinique), Petite Anse (Martinique), Baye Blanche (Kanada), Cap Noir (Algerien), Rivière Salée (Martinique) Zu beobachten ist, dass die Adjektivposition in der onymischen Konstruk‐ tion den Regeln der französischen Sprache entspricht. Wie die erwähnten Beispiele zeigen, werden Dimensionsadjektive wie z. B. grand oder petite der nominalen Komponente vorangestellt; Farbadjektive wie z. B. blanche sind postpositional (zu weiteren Kolonialtoponymen vgl. auch Herling 2018, 289). Zudem stehen Adjektive und Nomen bezüglich des Genus in Kongruenz - wie es u.-a. das Beispiel Rivière Salée demonstriert. • Typ D: Artikel + Adjektiv + Nomen Beispiele: Les Trois Rivières (Kanada), Les sept caps (Algerien), Les Trois Islets (Martinique) Im vorliegenden Korpus beinhaltet diese Kategorie ausschließlich Zahlad‐ jektive. • Typ E: Nomen + Nomen Beispiele: Ile Sainte Anne (Seychellen), Rivière Saint Louis (Kanada) Typ E besteht aus asyndetischen Bildungsmustern, d. h. eine nominale Komponente steht ohne präpositionales Bindeglied in Juxtaposition mit einer weiteren nominalen Komponente. • Typ F: (Artikel) + Nomen + Präposition + (Artikel) + Nomen + (Adjektiv): Beispiele: Ile de Sable (Kanada), Ile de la Barque (Martinique), Port au Mouton (Kanada), La Porte au Diable (Martinique), Baie de la Rivière Salée (Martinique) Im Gegensatz zu Typ E werden in dieser Kategorie Namen gefasst, die eine komplexere morpho-syntaktische Struktur mit präpositionalem Bindeglied auf‐ weisen. Die Grundstruktur lautet Nomen + Präposition + Nomen - wie es das Beispiel [Ile Nomen de Präposition Sable Nomen ] Kolonialtoponym verdeutlicht. Teilweise kann diese Grundstruktur nun in erweiterter Form auftreten: Sei es durch die Ergänzung eines Artikels nach der Präposition oder vor dem ersten nominalem Element: [Ile Nomen de Präposition la Artikel Barque Nomen ] Kolonialtoponym ; [La Artikel Porte Nomen au Artikel/ Präposition Diable Nomen ] Kolonialtoponym . Des Weiteren kann das erweiterte Kon‐ struktionsmuster auch ein Adjektiv aufweisen: [Baie Nomen de Präposition la Artikel Rivière Nomen Salée Adjektiv ] Kolonialtoponym . Französische Kolonialtoponyme aus diatopischer und diachroner Perspektive 171 <?page no="172"?> Schließlich umfasst Typ G alle hybriden Konstruktionen. Eine Überprüfung, ob es sich in der indigenen Ausgangssprache um Nomen oder Adjektive handelt, konnte nicht geleistet werden. Von daher werden diese toponymischen Bildungsmuster zusammengefasst: • Typ G: Nomen + (Präposition/ Artikel) + endonymische Komponente Beispiele: Rivière de Macouba (Martinique), Cap Djinet (Algerien) Wird nun die strukturelle Analyseebene durch den Einbezug der Semantik erweitert, so kann Folgendes festgestellt werden: Die Kolonialtoponyme der Bildungstypen B, C, D, E, F und G haben insofern eine Gemeinsamkeit, als sie ein auf die jeweilige geografische Entität referierendes Appellativ aufweisen. Handelt es sich z. B. um eine zu benennende Insel, so wird in der Regel das geo-identifizierende Appellativ île zur Bildung des Toponyms verwendet (siehe auch Herling 2018; 2019; 2023). Dieser Befund ist jedoch kein Spezifikum des hier untersuchten Korpus, sondern kann auch bei anderen kolonial-intendierten Toponymen beobachtet werden. Beispielsweise weisen ca. 95 % der deutschen Kolonialtoponyme ein geo-identifizierendes Appellativ auf (Warnke et al. 2020, 110). In der Studie zu Grönland konnte Schuster (2018, 178) einen Anteil von 87 % ausmachen. Bezüglich der Terminologie führten Stolz/ Warnke (2015, 138) den Begriff Geoklassifikator in die kolonialtoponomastische Forschungsdiskussion ein. Hinzuzufügen ist, dass bereits in den Arbeiten von Van Langendonck (2007) der Begriff classifier für die Analyse toponymischer Bildungen geprägt wurde. Festgehalten werden kann, dass Geoklassifikatoren aufgrund ihrer Frequenz ein salientes Merkmal kolonialtoponymischer Konstruktionen sind, jedoch kein genuines Merkmal darstellen, denn auch in den Metropolen - wie z. B. im zeitgenössischen Frankreich - weisen Toponyme Klassifikatoren auf (Gendron 2008, 168). Die kolonialspezifische Besonderheit liegt zweifelsohne in der Häufigkeit ihres Vorkommens. In ihrer Studie von 2015 sprechen Stolz/ Warnke infolgedessen von einem „prototypischen Muster der deutschen Kolonialtopo‐ nyme“ (Stolz/ Warnke 2015, 138). Diese Beobachtung konnte in Studien zu anderen Kolonialismen - wie die oben genannte zu Grönland - bereits bestätigt werden. Die Ergebnisse zu französischen oder spanischen Kolonialtoponymen zeigen ebenfalls diese Frequenz (Herling 2018; 2019; 2023). Von daher ist es nicht verwunderlich, dass auch die quantitative Auswertung des vorliegenden Korpus diesen Befund widerspiegelt: Insgesamt macht der Anteil von Toponymen mit Geoklassifikatoren 86,8 % des Gesamtinventars aus. Im Hinblick auf die Diatopie und Diachronie können keine Unterschiede festgestellt werden: Die Verwen‐ dung georeferierender Klassifikatoren scheint ein zeitlich durchgehendes und in allen französischen Kolonialgebieten vorkommendes Phänomen zu sein. Es 172 Sandra Herling <?page no="173"?> 2 Als onymischer Bestandteil wird der Klassifikator im Folgenden mit Großschreibung und mit grafischen Varianten dargestellt. Eine Ausnahme stellt lediglich der synthetisch und nachgestellte Geoklassifikator -ville dar. müssten sich jedoch noch weitere Studien anschließen, die diese Beobachtung empirisch belegen können. Nach Sichtung des vorliegenden Datenmaterials konnten 29 verschiedene Geoklassifikatoren (types) ausgemacht werden. Die geografische Verteilung sieht wie folgt aus: Kanada: Baye/ Baie 2 , Banc, Cap, Côte, Fort, Golfe, Isle/ Ile, Isles/ Iles, Lac, Mont, Passage, Port, Rivière. Martinique: Anse, Anses, Baie, Cul-de-Sac, Estang, Fort, Isle/ Ile, Iles, Islet, Morne, Piton, Pointe, Rivière. Algerien: Baye/ Baie, Bastion, Cap, Camp, Cité, Côte, Ile, Forêt, Fort, Lac, Mont, Monts, Oasis, Plaine, Province, Golfe, -ville. Seychellen: Banc, Isle/ Ile. Zu beobachten ist, dass es sowohl Klassifikatoren gibt, die in allen Gebieten verwendet wurden (wie z. B. Cap), als auch Klassifikatoren - wie z. B. Province, Morne - die nur in bestimmten Regionen auftauchen. Dieser Befund lässt sich zum einen mit der kolonial-administrativen Einteilung der Gebiete (z. B. Alge‐ rien in Provinzen) oder zum anderen mit den vorgefundenen topografischen Begebenheiten (z. B. Oasis in Algerien und nicht auf Martinique) erklären. Darüber hinaus vermitteln Klassifikatoren auch ein bestimmtes koloniales Wissen - was in Kapitel 3.4 noch näher erläutert wird. Jedoch können im Korpus ebenfalls Klassifikatoren belegt werden, die erst in der Kolonialzeit entstanden bzw. entlehnt wurden, um koloniale Gebiete zu benennen - wie weiter unten noch ausführlich dargestellt wird. In ihrer Studie von 2020 präzisieren Warnke/ Stolz/ De Bloom/ Levkovych den Begriff Geoklassifikator weiter und nehmen eine Differenzierung in geografi‐ sche und funktionale Klassifikatoren vor. Auf das französische Kolonialkorpus bezogen wären Rivière, Cap oder Baie „naturnahe […]“ Klassifikatoren (De Bloom 2023, 28), während z. B. Port den „ökonomischen Fokus des kolonialen Blicks“ widerspiegelt (De Bloom 2023, 28). Diese funktionalen Klassifikatoren machen quantitativ gesehen im vorliegenden Nameninventar einen Anteil von nur 11,9 % aus. Es handelt sich hier um Klassifikatoren wie -ville oder Province, die sich auf urbane Infrastrukturen und somit besiedelte und auch wirtschaftlich genutzte Lebensräume beziehen. Des Weiteren können Klassifikatoren fest‐ gestellt werden, die auf ausschließlich ökonomisch-nutzbare Infrastrukturen (wie Häfen oder Reeden) sowie auf (maritime) Verkehrswege verweisen wie Französische Kolonialtoponyme aus diatopischer und diachroner Perspektive 173 <?page no="174"?> 3 Im Folgenden wird der Begriff als Oberbegriff für geografische und funktionale Klassifikatoren verwendet. Port, Rade oder Passage. Schließlich referieren Fort, Bastion, Camp auf primär militärische Funktionen des eingenommenen Raumes. Es erscheint jedoch auch sinnvoll zwischen direkten und indirekten Geoklas‐ sifikatoren 3 zu differenzieren (Herling 2018, 293): Zum einen können nämlich Klassifikatoren identifiziert werden, deren Semantik Aufschluss über das be‐ zeichnete geografische Objekt gibt, d. h. ein Toponym mit dem Geoklassifikator Rivière referiert tatsächlich auf einen Fluss. Zum anderen können Geoklassifi‐ katoren als indirekt definiert werden, wenn sie in einer meronymischen Relation zu der bezeichneten geografischen Entität stehen. Beispielsweise handelt es sich bei Port Royal (Kanada) nicht nur um einen Hafen, sondern um eine an einem Hafen erwachsene Siedlung. Das Phänomen der indirekten Geoklassifikatoren ist jedoch nur ein peripheres Phänomen und betrifft lediglich den Klassifikator Port. Betrachtet man die Verteilung der Geoklassifikatoren hinsichtlich der To‐ ponymklassen, so fällt auf, dass in der Regel Anoikonyme einen Geoklassifi‐ kator aufweisen (siehe hierzu auch Stolz/ Warnke 2017). Dies bedeutet jedoch nicht, dass Oikonyme gänzlich ohne geoidentifizierende Komponente gebildet werden. Im vorliegenden Korpus können mehrere Siedlungsnamen mit dem Geoklassifikator -ville ausfindig gemacht werden. Bemerkenswert ist zunächst ein struktureller Aspekt: Geoklassifikatoren französischer Kolonialtoponyme - dies bestätigen auch andere Studien (Herling 2018; 2019) - sind linksköpfig in einem analytischen Bildungsmuster angeordnet - wie das Beispiel Anse des Salines (Martinique) illustriert. Im Falle des Klassifikators -ville verhält es sich allerdings anders: Alle Korpusbelege zeigen eine synthetische Form, d. h. der Klassifikator wird als Suffix an eine weitere onymische Komponente angefügt. Als Beispiele seien Philippeville, Géryville oder Fernandville erwähnt. Ein Blick auf die Toponyme des europäischen Frankreichs verdeutlicht, dass es sich hier nicht um ein spezifisches koloniales Bildungsmuster handelt. Der appellativische Bestandteil ville taucht bei zahlreichen Toponymen sowohl in analytischen als auch synthetischen Bildungen auf - wie die folgenden Beispiele demonstrieren: Ville-aux-Dames, Adainville, Herméville (Gendron 2008, 66, 128). Sprachhistorisch betrachtet handelt es sich bei den letztgenannten Beispielen um einen germanischen Superstrateinfluss. In Kombination mit einem Anthro‐ ponym hat sich -ville insbesondere ab dem 10. Jh. in der Normandie durchgesetzt (Gendron 2008, 128). 174 Sandra Herling <?page no="175"?> 4 Trésor de la langue française informatisé: https: / / www.atilf.atilf.fr/ tlf.htm. 5 Dictionnaire de l’Académie française, 8 e édition: https: / / www.dictionnaire-academie.fr / article/ A8M1530. Im vorliegenden Kolonialkorpus ist dieses germanische Bildungsmuster (d. h. suffigierter Geoklassifikator in Kombination mit einem Anthroponym) sowohl aus diachroner und als auch diatopischer Beobachtung auffällig, denn es taucht ausschließlich bei Kolonialtoponymen im Algerien des 19. Jh. auf. Ob hier ein spezifisches Benennungsmuster der afrikanischen Kolonien Frankreichs vorliegt, müssten weitere empirisch-basierte Studien verifizieren. Jedoch bestä‐ tigt bereits eine auf Basis des zeitgenössischen französischen Kolonialatlas durchgeführte Stichprobe, dass das germanische Bildungsmuster in Afrika - im Gegensatz zu anderen Kolonien Frankreichs - überdurchschnittlich häufig vorkommt. Exemplarisch seien folgende Kolonialtoponyme des 19. Jh. genannt: Hellville (Madagascar), Brazzaville (Congo Français), Bingerville (Côte d’Ivoire) (Atlas colonial illustré 1904, 94, 133, 160). Zu ergänzen ist, dass bereits vorlie‐ gende Studien zeigen, dass Oikonyme in französischen Kolonien der Karibik oder Nordamerikas in der Regel keinen Geoklassifikator aufweisen (Herling 2018; 2020). Wie bereits weiter oben angedeutet, sind mehrere Geoklassifikatoren in den hier untersuchten Kolonialgebieten aus etymologischer Perspektive inter‐ essant: Das zugrundliegende Appellativ des Klassifikators Morne ist nämlich erst im Kontext der Kolonialisierung in den französischen (bzw. europäischfranzösischen) Wortschatz eingegangen. Das Lexem morne bezeichnet eine topografische Erhebung in Form eines Hügels oder Berges auf einer Insel oder in einem Küstengebiet. Im Eintrag zu morne wird im Trésor de la langue française als Erstbeleg der Reisebericht Relation de l’establissement des François depuis l’an 1635 dans l’Isle de la Martinique von Jacques Bouton aus dem Jahre 1635 angegeben. In diesem Kontext ist auch der folgende sprachhistorische Hinweis von Bedeutung: „Mot du créole des Antilles qui s’est répandu ensuite aux créoles de la Réunion, d’Haïti et de la Martinique“ (TLFi 4 , Eintrag zu morne). Demzu‐ folge wurde das Appellativ morne vom Kreolfranzösischen der Antillen in die Kreolsprachen anderer Gebiete - auch außerhalb der Karibik - transferiert. Ergänzend sei auch auf das Lemma morne in der 8. Auflage des Académie- Wörterbuches (1935) hingewiesen: „MORNE. n. m. Nom qu’on donne, dans les anciennes colonies françaises, à une Petite montagne“ (Académie, 5 Eintrag zu morne). Festgehalten werden kann, dass das Appellativ morne während der Kolonisierung der Antillen im 17. Jh. durch Vermittlung der Kreolsprachen in den französischen Wortschatz gelangte. Das Wörterbuch Base de données léxicographiques panfrancophone präzisiert weiter, dass morne überall dort, wo Französische Kolonialtoponyme aus diatopischer und diachroner Perspektive 175 <?page no="176"?> 6 www.bdlp.org/ resultat? base=AN&query=517700,517701,0. es Teil des regionalen Wortschatzes wurde, auch Niederschlag in der Toponymie fand. Das Vorkommen in Kanada wird mit der Tatsache in Verbindung gebracht, dass dieses Lexem Teil des Sprachgebrauchs von Seefahrern während der Kolonialzeit gewesen sein muss: „Partout où il est employé, il entre dans la formation de nombreux toponymes. Son existence au Canada montre que, malgré ses origines tropicales, il devait faire partie de l’usage courant des voyageurs et des marins à l’époque coloniale.“ 6 Weitere Beispiele für Morne als Geoklassifikator lassen sich beispielsweise „in Französisch Guyana (Morne Isolé), auf dem ostafrikanischen Festland (Morne Noir) oder auch als einfache Form wie z. B. auf dem subantarktischen Archipel der Kerguelen (Morne)“ identifizieren (Herling 2018, 291; Pollacchi 1929, 302). Es gilt hervorzuheben, dass es sich hier um einen spezifischen Kolonial-Geoklassifikator handelt, denn in Frankreichs Toponymie lässt sich kein Beleg für morne finden - „dieser Befund konnte als Ergebnis einer stichprobenartigen Überprüfung zeitgenössischen Kartenmate‐ rials des 17. Jahrhunderts, aber auch der gegenwärtigen Toponymie Frankreichs […] festgehalten werden“ (Herling 2018, 291). Zur Benennung von Küstenabschnitten bzw. Buchten werden in der franzö‐ sischen Kolonialzeit zwei verschiedene Geoklassifikatoren, nämlich Baie/ Baye und Anse verwendet. Eine weitere Besonderheit stellt nur Anse dar, dem das gleichnamige französische Appellativ anse mit der Bedeutung ‚Henkel‘ zugrunde liegt. Offensichtlich handelt es sich bei der Benennung der koloni‐ sierten Buchten um eine metaphorische Übertragung, bei der die Form der Bucht ausschlaggebend gewesen sein dürfte (Herling 2018, 292). Für die Kolo‐ nialtoponomastik ist allerdings nicht die Semantik von Bedeutung, sondern die geografische Distribution des Klassifikators: Ähnlich wie Morne ist Anse aus‐ schließlich in kolonisierten Gebieten und nicht in Frankreich selbst vorzufinden (Herling 2018, 292; auch zu weiteren Kolonialklassifikatoren siehe Herling 2018, 291-292). Als Beispielbelege hierfür seien die Kolonialtoponyme Anse Longue (Guadeloupe) oder L’Anse (La Réunion) erwähnt (Pollacchi 1929, 283). Darüber hinaus ist ein weiterer Vergleich zwischen Kolonialgebieten und Metropole lohnenswert. So konnte Herling (2018, 293) nachweisen, dass der Geoklassifikator Rivière „nur im kolonisierten Raum als toponymische Kom‐ ponente“ vorkommt. Gewässernamen in Frankreich hingegen weisen diesen Geoklassifikator nicht auf. Eine quantitative Auswertung der oben vorgestellten Bildungsmuster zeigt eine deutliche Dominanz der Typen E und F mit einem Anteil von 68,3 % des Gesamtinventars. Beide Konstruktionsmuster weisen eine binäre Struktur auf, 176 Sandra Herling <?page no="177"?> die einem Determinativkompositum ähnelt: Der Geoklassifikator stellt hierbei den Kopf dar, während die zweite Stelle des onymischen Kompositums durch einen Modifikator besetzt wird (Stolz/ Warnke 2018, 22). Im Falle französischer Kolonialtoponyme können die beiden Konstituenten durch eine Präposition (gemäß der Morphologie romanischer Komposita) verbunden werden. Zur Veranschaulichung seien Cap Louis (Martinique) und Cap de Sable (Kanada) her‐ angezogen. Der jeweilige Geoklassifikator Cap wird durch einen Modifikator, der im ersten Beispiel ein Anthroponym und im zweiten ein Appellativ darstellt, spezifiziert. Trotz der hohen Frequenz dieser Bildungsmuster kann hier nicht von einer spezifisch kolonialen Konstruktion ausgegangen werden. Löfström/ Schnabel- Le Corre (2010, 299) bemerken, dass französische Toponyme häufig mehr‐ gliedrig sind bzw. das Bildungsmuster Nomen + grammatisches Bindeglied + Nomen als Modifikator aufweisen: „La structure des toponymes complexes à construction prépositionnelle avec le constituant déterminant introduit par une préposition est un cas fréquent en toponymie“. Abschließend kann festgehalten werden, dass koloniale Besonderheiten we‐ niger im Konstruktionstyp liegen, denn Bildungsmuster werden von Frankreich auf den angeeigneten Raum übertragen. Dennoch fällt die Häufigkeit der Geoklassifikatoren in einer binären Gesamtstruktur auf. Wie das vorliegende Korpus zeigt, ist dieses Bildungsmuster zeit- und raumübergreifend. Diatopische Divergenzen sind jedoch in Bezug auf -ville zu erkennen. Im Folgenden soll nun der Frage nachgegangen werden, welche Benennungs‐ motive bei der Namenvergabe ausschlaggebend waren. 3.3 Benennungsmotivik Neben der Etymologie spielt die Erforschung des jeweiligen Benennungsmotivs eine signifikante Rolle in der Toponomastik. Mittlerweile liegt eine Fülle von Kategorisierungen vor. Beispielsweise schlägt Hough (2016, 87-93) die Unterscheidung zwischen deskriptiven und nicht-deskriptiven Toponymen vor. Die erste Kategorie umfasst Namen, die eine geomorphologische oder auch kulturelle Begebenheit des zu benennenden Objekts wiedergeben. Im Gegensatz dazu weisen nicht-deskriptive Namen häufig eine kommemorative Funktion auf (vgl. Hough 2016, 92). Unter „incident names“ (Hough 2016, 92) können jene nicht-deskriptive Namen verstanden werden, deren Benennungsmotiv auf ein bestimmtes Ereignis Bezug nimmt. Ein Beispiel wäre der kanadische Fluss namens Saint Laurent, der am Tag des Heiligen Lorenz für die französische Krone entdeckt wurde. Französische Kolonialtoponyme aus diatopischer und diachroner Perspektive 177 <?page no="178"?> In der Toponomastik liegen - wie bereits erwähnt - viele Kategorisierungen von Benennungsmotiven vor. Beispielsweise weisen Nübling/ Fahlbusch/ Heuser ( 2 2015, 211-212) darauf hin, dass sich Landschaftsnamen in elf verschiedene Kategorien einordnen lassen. Das Modell von Tent/ Blair (2011) wurde auf der Basis australischer Ortsnamen ausgearbeitet und ist somit in einem kolonialen Kontext verortet. Vor diesem Hintergrund wäre es eine geeignete Option, die Benennungsmotive für Kolonialtoponyme kategoriell zu erfassen. Das inzwischen modifizierte Modell umfasst insgesamt sieben Makrokatego‐ rien, die wiederum in verschiedene Subkategorien unterteilt sind (vgl. Tent/ Blair 2021, 41-43) und im Folgenden kurz vorgestellt werden sollen: Kategorie 1: Descriptive Die erste Kategorie umfasst beschreibende Benennungsmotive, die sich auf auffällige topografische Merkmale, auf die direkte Lage des benannten Ortes, auf dessen Relationen - seien sie räumlicher oder zeitlicher Natur - zu anderen geografischen Objekten (z. B. weisen die Namenbestandteile Old/ New eine chronologische Abfolge der Benennung von verschiedenen Orten auf) sowie auf die Funktion der benannten geografischen Entität beziehen (z. B. drückt der Modifikator Memorial bei dem Toponym Memorial Park aus, dass es sich um eine Gedenkstätte handelt) (Tent/ Blair 2021, 41). Kategorie 2 (associative) umfasst Namen, deren Benennungsmotive auf tem‐ poräre oder permanente Aspekte des Ortes oder seines landschaftlichen Kon‐ textes referieren. Ausschlaggebend für die Benennung kann die vorkommende Fauna, Flora, die jeweiligen Bewohner oder kulturell-bedingte Strukturen der Landschaft (ein Beispiel hierfür wäre der Name Telegraph Point) gewesen sein (Tent/ Blair 2021, 41-42). In Kategorie 3 (evaluative) werden Benennungsmotive eingeordnet, die so‐ wohl eine positive als auch negative Einstellung des Namengebenden gegenüber dem zu benennenden geografischen Objekt (z. B. Mount Hopeless) ausdrücken (Tent/ Blair 2021, 42). Kategorie 4 (occurrent) beinhaltet Namen, deren Motiv auf ein bestimmtes Ereignis oder auf einen bestimmten Zeitpunkt (beispielsweise den Tag der Entdeckung) referieren (Tent/ Blair 2021, 42). Kategorie 5 (copied) subsumiert zum einen verschiedene toponymische Transferprozesse: Ein bereits vergebenes Toponym kann zur Benennung einer anderen geografischen Entität herangezogen werden. Des Weiteren kann sich die Namenprägung an den Namen eines in der räumlichen Nähe befindlichen geografischen Objekts anlehnen (z. B. wurde Cape Dromeday nach dem in der Nähe liegenden Mount Dromeday benannt). Schließlich fallen auch Toponyme in diese Kategorie, denen ein sprachlicher Transfer zugrunde liegt. So gehen 178 Sandra Herling <?page no="179"?> in der Kolonisierung Machtwechsel auch mit Namenwechseln einher. Ein von einer vorherigen Kolonialmacht vergebenes Toponym kann in die neue Kolonialsprache übertragen werden (z. B. handelt es sich bei Steep Point um eine Übertragung des niederländischen Toponyms Steyle Houck, Tent/ Blair 2021, 42). Kategorie 6 (eponymous) berücksichtigt Toponyme, die auf Basis eines anderen Eigennamens gebildet sind - sei es ein Anthroponym, ein Ethnonym, ein Ergonym (z. B. ein Schiffsname), ein Zoonym (z. B. geht Norseman auf einen Pferdenamen zurück), ein Praxonym (z. B. nach einem Krieg, einer Schlacht) oder sei es ein Name einer biblischen, mythischen oder literarischen Entität (Tent/ Blair 2021, 43). Schließlich werden in der Kategorie 7 (innovative) Toponyme eingeordnet, deren Bildung durch ludische Aspekte in Form von Sprachspielen motiviert ist. Darüber hinaus werden auch Toponyme in diese Kategorie gefasst, die neu gebildet wurden (z. B. basiert das australische Toponym Belrose auf der Kreuzung von zwei Pflanzenappellativen: Christmas bell und bush rose) (Tent/ Blair 2021, 43). Das hier kurz vorgestellte Modell von Tent/ Blair (2021) bezieht sich - wie bereits erwähnt - auf Ortsnamen, die auch (aber nicht ausschließlich) kolonial intendiert sind. Eine spezifische Typologie für die Kolonialtoponomastik liegt bisher nicht vor. Folglich soll für das hier untersuchte Korpus der Vorschlag von Tent/ Blair (2021) angewendet und gegebenenfalls diskutiert werden. Anzu‐ merken ist, dass Benennungsmotive prinzipiell nur dann erschlossen werden können, wenn auch das eigentliche Motiv belegt werden kann. Mit anderen Worten: Für die Kolonialtoponomastik von großem Wert sind zeitgenössische Quellen wie Reisebzw. Entdeckerberichte, die häufig meta-onymische Refle‐ xionen aufweisen. Ein Beispiel soll dies verdeutlichen: Auf seiner ersten Reise in Kanada benannte Samuel de Champlain verschiedene Orte. In seinem Reisebe‐ richt heißt es beispielsweise bezüglich der Namengebung des Cap de Tourmente wie folgt: „De l’île aux Coudres, côtoyant la côte, nous fûmes à un coup que nous avons nommé le cap de Tourmente qui en est à cinq lieues, et l’avons ainsi nommé d’autant que pour peu qu’il fasse de vent la mer y élève comme si“ (Champlain 2018, 177). Bereits dieses Beispiel verdeutlicht die Relevanz der Auswertung zeitgenössischer Quellen für die toponomastische Forschung. Jedoch sind in vielen Fällen keine Reiseberichte oder andere koloniale Quelltexte (administrative Texte, Zeitungen, Reiseführer etc.) zugänglich oder sie enthalten keine aufschlussreichen meta-onymischen Belege. Eine Einordnung in Motiv‐ kategorien bleibt somit prinzipiell hypothetisch - auch wenn semantischtransparente Namen wie z. B. Ile Ronde mit aller Wahrscheinlichkeit auf die topografische Form des geografischen Objekts referieren und es keiner weiteren Französische Kolonialtoponyme aus diatopischer und diachroner Perspektive 179 <?page no="180"?> Überprüfung bedarf. Im Folgenden soll das vorliegende Korpus im Hinblick auf mögliche Benennungsmotive vorgestellt werden. Für die Einordnung der kanadischen Korpusdaten konnte zumindest der Reisebericht von Champlain herangezogen werden. Als Ergebnis der Analyse kann zunächst konstatiert werden, dass die Kate‐ gorien 1 bis 6 für französische Kolonialtoponyme des 17. bis 19. Jh. relevant sind. Lediglich Kategorie 7 (innovative) ist hier nicht vertreten. Betrachten wir nun die verschiedenen Kategorien mit den Belegen aus dem Korpus: Bezüglich der deskriptiven Namen (Kategorie 1) sind zunächst jene Namen zu erwähnen, die auf topografische Merkmale wie Form, Größe, Farbe (z. B. Gesteinsfarbe eines Felsens oder Kaps) oder Bodenbestandteile (z. B. Sand) des Objektes Bezug nehmen: Exemplarische Beispiele hierzu wären: Ile Longue, Ile Plate (beide Kanada), Isle Ronde, Gros Islet (beide Martinique), Cap Noir (Algerien), Anse Noire (Martinique), Banc au Vert, Baye Blanche (beide Kanada), Pointe de Sable (Martinique), Ile de Sable (Kanada), Iles des Recives (Seychellen). In diesem Zusammenhang zu erwähnen ist noch das Hydronym Rivière Salée (Martinique). Möglich wäre, dass der hohe Salzgehalt und somit der Geschmack des Wassers die Benennung beeinflusste. Zum Teil weisen die Toponyme auf geomorphologische Auffälligkeiten hin - wie beispielsweise Löcher oder Spalten im Boden bzw. im Gestein. Exemplarisch seien in diesem Kontext Ile Percée und Cap Fourchu (beide Kanada) angeführt. Die für das Benennungsmotiv ausschlaggebende lokale Position wird in den Kolonialtoponymen Ile du Nord, Ile du Sud-Ouest (beide Seychellen), Pointe sur la Mare (Martinique) und Cap d’Ouest (Kanada) deutlich. Darüber hinaus scheint die Anordnung der zu benennenden Objekte eine Rolle für die Namenprägung gespielt zu haben. Die Kolonialkarte zu den Seychellen zeigt zwei Inseln, die in einem gewissen Abstand zueinander liegen. Die jeweiligen Toponyme lauten: Le Cousin und La Cousine. Im Gegensatz dazu erhielten drei in der Form ähnliche und in größerer geografischer Nähe vorzufindende Inseln den Namen Les Trois Sœurs. Die Beispiele verdeutlichen eine metaphorische Namenprägung, die durch relational-räumliche Merkmale motiviert wurde. In anderen Fällen spielte die Anzahl der einzelnen Inseln, Kaps oder Flüsse eine Rolle für die Namengebenden. Als Beispiele hierzu seien Les Sept Caps (Algerien), Trois Islets (Martinique) und Les Trois Rivières (Kanada) genannt. Unter Kategorie 2 können Toponyme, deren Benennungsmotiv auf die vorkommende Flora verweist, subsumiert werden. Das vorliegende Korpus beinhaltet jedoch nur zwei Belege: Cap des Rosiers, Baye d’orge (beide Kanada). Quantitativ betrachtet fällt hingegen das Motiv ‚regionale Fauna‘ deutlicher ins Gewicht. Zu unterscheiden sind Toponyme, deren appellativische Basis 180 Sandra Herling <?page no="181"?> (Meeres-)vögel bezeichnen, wie z. B. Ile aux Frégattes (Seychellen), Iles aux Cormorans (Kanada), Ile Colombe (Algerien), Reptilien und Amphibien wie z.-B. Cap Lézard (Martinique), Le Caїman (Seychellen), Pointe de la Salamandre (Algerien), Meerestiere wie z. B. Iles des Loups Marins (Martinique), Ile Baleine (Seychellen), Le Requin (Seychellen) oder Säugetiere wie z. B. Port aux Ours (Kanada), Ile des Lapins (Martinique), Iles aux Lièvres (Kanada). Darüber hinaus weist das vorliegende Korpus Namen auf, deren Motive sich auf natürliche Vorkommen wie z. B. Salinen, kulturelle Objekte oder auch Gruppen von Bewohnern beziehen: Morne des Salines, Ile de la Barque, Pointe de la Chaloupe (alle Martinique) und Isle aux Tanqueus (Kanada). Beispiele für Kategorie 3, die Namen mit evaluativen Motiven umfasst, sind Belle Isle, Isles d’Espoir, Port Fortuné (alle Kanada), Beau Séjour (Martinique), Bellevue oder Cité du Bonheur (beide Algerien). Im Falle der beiden Buchtnamen Anse du Diable (Martinique) und Port d’Enfer (beide Martinique) kann vermutet werden, dass eine negative Erfahrung - eventuell mit einer für die Seefahrt des 17. Jh. gefährlichen Brandung - ausschlaggebend für die Namengebung war. Bewertungen maritimer Begebenheiten liegen ebenfalls den Toponymen Baye Sauvage, Cap de Tourmente (beide Kanada) zugrunde - ähnliches kann bei Cap enragé (Martinique) angenommen werden. Ein bestimmtes Ereignis als Benennungsmotiv kennzeichnet die Toponyme der Kategorie 4. Ein Beispiel aus dem hier untersuchten Datenmaterial wäre Port-Mouton (Kanada). Zur Klärung des Motivs kann erneut der Reisebericht von Samuel de Champlain hinzugezogen werden: Die Tierbezeichnung als weiterer appellativischer Bestandteil des Toponyms weist auf das Ereignis eines ertrunkenen Schafes hin, das jedoch von den Kolonisatoren verspeist wurde: „Port-Mouton ainsi appelé d’un mouton qui se noya et fut mangé de bonne guerre“ (Champlain 2018, 74). Auf ein negatives Ereignis könnte auch - es bleibt jedoch hypothetisch ohne meta-onymischen Beleg - das Toponym Anse de Meurtrier auf der Insel Martinique hinweisen. Quantitativ auffällig im vorliegenden Korpus sind allerdings Toponyme mit hagionymischer Komponente wie z. B. Ile Sainte Anne (Seychellen) oder Saint Pierre (Algerien). Wie bereits weiter oben erwähnt, ist die Namengebung des Rivière Saint Laurent durch das Ereignis der Entdeckung motiviert - in diesem Fall war der Tag des Heiligen Lorenz ausschlaggebend für die Namengebung. Dass Kalenderheilige eine wichtige Rolle in der kolonialen Benennungspraxis gespielt haben, konnte auch in anderen romanistischen Studien zur Kolonialto‐ ponomastik nachgewiesen werden (z.-B. Herling 2018; 2019; 2023). Es konnte jedoch vorkommen, dass nicht der eigentliche Tag der Entdeckung und des damit verbundenen Kalenderheiligen herangezogen wurde. Val Julián Französische Kolonialtoponyme aus diatopischer und diachroner Perspektive 181 <?page no="182"?> (2011, 62) spricht diesbezüglich von einem „petit arrangement avec la chrono‐ logie“. Dies bedeutet, dass in manchen Fällen der Tag der Entdeckung auf einen anderen Tag verlegt wurde, um den Namen eines bekannteren Heiligen zur Be‐ nennung verwenden zu können. Ein Blick auf französische Kolonialtoponyme zeigt durchaus eine weitaus höhere Frequenz der bekannteren Heiligen wie Saint Pierre oder Saint Paul als weniger bekannter Heiliger. Ob es sich in allen hier konstatierten Fällen um „incident names“ (Hough 2016, 92) handelt, kann aufgrund der Ausgangslage zu zeitgenössischen Texten nicht im Einzelnen beantwortet werden. Mit hoher Wahrscheinlichkeit kann jedoch das Benennungsmotiv eines Toponyms mit hagionymischer Basis mit dem Tag der Entdeckung assoziiert werden. Anzumerken ist, dass in wenigen Fällen eine Pseudohagionymisierung vorliegen kann. Ein Beispiel aus der spanischen Kolonialzeit wäre Santo Domingo. „Dem Toponym liegt [eigentlich] der Rufname des Vaters von Columbus, nämlich Domingo, zugrunde […]“ (Herling 2018, 307). Toponymische Transferprozesse, die in Kategorie 5 zusammengefasst werden, sind gleich bei mehreren Korpusbeispielen zu beobachten. Zunächst lassen sich Clusterbildungen konstatieren, d. h. ausgehend von einem Toponym erfolgt die Benennung weiterer in der Nähe zu verortenden geografischen Objekte. Beispielsweise weisen sowohl ein See, ein Fluss und eine Insel den Modifikator Saint Joseph auf: Lac Saint Joseph, Rivière Saint Joseph und Ile Saint Joseph (alle Kanada). Weitere Belege für eine Clusterung wären Cap Saint Laurent, Golfe Saint Laurent, Rivière Saint Laurent. Darüber hinaus wurden auch Toponyme aus Europa bzw. aus der kolonialen Metropole Frankreich zur Benennung von Orten im kolonisierten Raum heran‐ gezogen. Beispiele für dieses Phänomen sind Brest (Kanada), Metz, Strasbourg oder Bastion de France (alle Algerien). Zumindest in einem Fall wurde ein bereits existierendes Toponym auf einen kolonisierten Ort übertragen: Eine zu den Seychellen gehörende Sandbank erhielt seitens der Kolonisatoren den Namen Banc de Nazareth. Vermutlich wird das Motiv im christlichen Kontext zu verorten sein. Schließlich können zahlreiche französische Kolonialtoponyme der Kategorie 6 (Eponyme) zugeordnet werden. Zu beobachten sind zunächst Ergonyme, die jedoch nur mit zwei Belegen im Korpus auftauchen: Es handelt sich um die Toponyme La Digue und Ile au Cerf (Seychellen). Beide Inselnamen gehen zurück auf Namen von in den Kolonisierungsprozess involvierten Schiffen. Beispielsweise „verdankt [die Ile au Cerf] ihren Namen der Fregatte Cerf, mit der Kapitän Corneille Morphey am 16. Juli 1756 von der Isle de France (Mauritius) nach Mahé aufgebrochen war“ (Kattenbusch 1995, 408). 182 Sandra Herling <?page no="183"?> Eponyme in Form von ethnonymischen Ableitungen liegen bei folgenden Korpusdaten vor: Cap Breton (Kanada), Baye des Anglois, Baie des Francois (beide Martinique). Die überwiegende Mehrheit eponymischer Kolonialtoponyme im vorliegenden Korpus sind jedoch auf anthroponymischer Basis gebildet worden. Es lassen sich zum einen Namen von Siedlern konstatieren - wie die folgenden Beispiele zeigen: Islet Thierry, Islet à Monsieur (beide Martinique) (Huyghues- Belrose 2008). Sehr aufschlussreich ist die Karte von Blondel (1690) zu Marti‐ nique, denn der Kartograf verortete ebenfalls Häuser französischer Kolonisten in seinem Kartenwerk und versah sie mit den entsprechenden Namen der Besitzer. Vor diesem Hintergrund lassen sich z. B. die Toponyme Cap Robert, Baie de Simon, Piton de Vauclin, Cap Grimal, Rivière Capot und Anse Capot als anthroponymische Bildungen identifizieren. Darüber hinaus sind Namen weiterer im Kolonisierungsprozess agierender Personen als Bestandteile von Toponymen zu verzeichnen. In Algerien sind vor allem militärische Akteure zu verzeichnen - wie es beispielsweise die Siedlungsnamen Négrier, Périgotville, Port-Gyeudon, Géryville oder Debrousse‐ ville verdeutlichen. Namen von Entdeckern des jeweiligen zu benennenden Gebietes oder zeitgenössische politische Kolonialakteure lassen sich vor allem in Kanada und auf den Seychellen feststellen: Als kanadische Beispiele seien Lac de Champlain (nach dem Entdecker Samuel de Champlain) oder Cap de Poutrincourt (nach Jean de Potrincourt, dem Gouverneur von Port-Royal) genannt (L’Encyclopédie Canadienne 2023). 1742 entsendete der Gouverneur des heutigen Mauritius, Bertrand François Mahé de La Bourdonnais, ein Schiff unter Führung von Lazare Picault, um weitere Gebiete für die französische Krone einzunehmen. In diesem Zuge erhielt eine der Inseln des heutigen Seychellenarchipels aufgrund ihrer für die europäischen Kolonisatoren üppig wirkenden Vegetation den Namen Isle de l’Abondance. Als Picault einige Zeit später die Insel kartografierte, benannte er sie zu Ehren des Gouverneurs in Mahé um. Der Name des gesamten Archipels geht schließlich ebenfalls auf einen kommemorativen Benennungsakt zurück: 1756 wurde die Inselgruppe der Seychellen nach Jean Moreau de Séchelles, dem Generalkontrolleur der Finanzen unter König Louis XV., benannt (Notter 2018, 25-26) - während das Toponym Ile Silhouette auf den Namen des Finanzminis‐ ters Etienne de Silhouette zurückgeht (Kattenbusch 1995, 408). In der kolonialen Benennungspraxis werden zudem Namen dynastischer Vertreter berücksichtigt: Beispielsweise erinnerte das algerische Kolonialtoponym Philippeville an den damals regierenden König Louis Philippe I. Zu ergänzen ist, dass aus genderonomastischer Perspektive ein deutliches Ungleichgewicht festzustellen ist. Männliche Anthroponyme, die zur Bildung Französische Kolonialtoponyme aus diatopischer und diachroner Perspektive 183 <?page no="184"?> von Kolonialtoponymen herangezogen wurden, überwiegen quantitativ (siehe hierzu auch Herling 2018, 299). Im vorliegenden Korpus handelt es sich im Falle von weiblichen Rufnamen ausschließlich um Hagionyme - bis auf eine Ausnahme: Ile Marianne. Das Anthroponym erinnerte an jene Frau, die König Louis XV. heiraten sollte. Jedoch kam es nicht zur Eheschließung. Diese Bege‐ benheit erklärt eventuell, warum lediglich eine abgelegene, unbewohnte Insel der Seychellen diesen Namen (im 18. Jh.) erhielt (Notter 2018, 11). Eine Besonderheit lassen Toponyme in Algerien erkennen. Im Gegensatz zu allen anderen für die vorliegende Studie untersuchten Kolonialgebieten wurden in der kolonialen Benennungspraxis auch Namen von literarischen und philosophischen Persönlichkeiten Frankreichs berücksichtigt. So finden sich auf der Kolonialkarte zu Algerien beispielsweise folgende Toponyme: Descartes, Molière oder Rabelais. Interessant ist auch der Ortsname Champlain, der offensichtlich einen der Kolonisatoren Kanadas des 17. Jh., d. h. Samuel de Champlain, kommemorierte und somit eine Verbindung zu den Anfängen der französischen Kolonialzeit zieht. Die hier berücksichtigte aktuelle toponymische Typologisierung von Tent/ Blair (2021) ist - wie bereits erwähnt - zwar geeignet, um auch Kolonialto‐ ponyme zu erfassen. Jedoch zeigt das Untersuchungskorpus, dass mehrere Namen nicht eindeutig zugeordnet werden können. Beispielsweise verweist das Toponym Pointe des Nègres (Martinique) auf Kolonisierte, die sich in diesem Fall auf den Zuckerrohrplantagen verdingen mussten (Herling 2023). Im Falle des Toponyms Baie des Francois oder Baye des Anglois (beide Martinique) lediglich von einer eponymischen Basis zu sprechen (siehe Kategorie 6), ist zu kurz gefasst. Darüber hinaus sind auch Kolonialtoponyme wie Fort National (Algerien) nicht zufriedenstellend in das Modell einordbar. Bereits diese Bei‐ spiele zeigen die Notwendigkeit einer spezifischen Typologisierung kolonialer Benennungsmotive. Eine sowohl raumals auch zeitübergreifende Konstante bei der kolonialen Namenvergabe ist die Verwendung von Anthroponymen (inklusive Hagio‐ nymen). Quantitativ betrachtet machen deanthroponymische Toponyme einen Anteil von insgesamt 41,3-% des Gesamtinventars aus. Das weiter oben beschriebene prototypische Bildungsmuster kolonialer To‐ ponyme kann nun weiter präzisiert werden: Stolz/ Warnke/ Levkovych (2016, 296) konstatieren, dass europäische Kolonialmächte (wie z. B. Portugal, Großbri‐ tannien, Belgien, Deutschland etc.) häufig auf ein bestimmtes Bildungsmuster, nämlich auf die Kombination von Geoklassifikatoren und Anthroponymen zurückgreifen. Diese Konstruktion bezeichnen Stolz/ Warnke (2018, 27) schließ‐ lich nicht mehr als prototypischen, sondern als kanonischen Typus eines 184 Sandra Herling <?page no="185"?> Kolonialtoponyms. Zur Illustration seien die folgenden Beispiele aufgelistet: Albertville (Belgisch Kongo), Frederikssted (Dänisch Westindien), Lüderitzbucht (Deutsch-Südwestafrika), Willemstad (Niederländische Antillen), Vila Salazar (Portugiesische Kolonie Timor) oder Town of Saint Michael (Englische Kolonie Barbados) (Stolz/ Warnke/ Levkovych 2016). Aus diachroner Perspektive kann festgehalten werden, dass Kolonialtopo‐ nyme der ersten Phase (in Bezug auf das vorliegende Korpus: 17. und 18. Jh.) quantitativ mehr Hagionyme aufweisen. Die Vergabe von Hagionymen steht - wie bereits dargestellt - häufig mit dem Tag der Eroberung in Verbindung. Betrachtet man die gesamten Benennungsmotive, so zeigt sich ein Unterschied zwischen den eroberten Gebieten in Amerika, dem Indischen Ozean und Algerien, das in der zweiten Phase, nämlich im 19. Jh. inkorporiert wurde. Im 17. Jh. wurde die Benennung durch die Wahrnehmung des natürlichen Raumes motiviert - der mitunter von dem gewohnten Bild des europäischen Naturraumes abwich. In dieser frühen Phase sind im vorliegenden Korpus dem‐ entsprechend deskriptive Namen, die beispielsweise die Landschaft, die Fauna und Flora beschreiben, quantitativ stark vertreten. Allerdings scheint nicht nur die Physiognomie des neuen Raumes eine Rolle gespielt zu haben, sondern auch der eigentliche Akt der Eroberung bzw. der Tag der Einnahme. In der Regel wird dieses Benennungsmotiv in Toponymen mit hagionymischer Komponente widergespiegelt. Wie weiter oben ausgeführt, referieren Hagionyme auf den Tag der Eroberung. Kolonien des 19. Jh. weisen zwar auch hagionymische Toponyme auf, spielen aber quantitativ nur eine marginale Rolle: Insgesamt liegt der Anteil in Algerien bei 2,6 %. Im Vergleich dazu sind in den anderen - diachron betrachtet früheren Kolonien - Hagiotoponyme stärker vertreten wie z. B. in Kanada mit 19,2 % oder Martinique mit 11,7 %. Ein entscheidender diachroner Unterschied liegt in der Tatsache, dass zur Benennung der Kolonialgebiete in Algerien nicht nur Anthroponyme zeitgenössischer Kolonialakteure (militärisch oder politisch agierender Personen) herangezogen werden, sondern, wie bereits erwähnt, auch Namen von kulturell bedeutsamen (teilweise nicht zeitgenössischen) Persönlichkeiten - wie z. B. der Name des Schriftstellers Molière. Dieses Resultat zeigt die Intention, Personalität zu lokalisieren und somit eine kommemorative Bindung an die Kolonialmacht Frankreich herzustellen (hierzu ausführlicher Kap. 3.4). Anzumerken ist, dass auch die Struktur, nämlich die Suffigierung des Geoklassifikators - wie z. B. bei Philippeville, die Bedeutung des jeweiligen Anthroponyms (zumindest in der Leserichtung) durch die Positionierung als erste Komponente hervorhebt. Französische Kolonialtoponyme aus diatopischer und diachroner Perspektive 185 <?page no="186"?> 3.4 Funktion Die Funktion von Kolonialtoponymen besteht - allgemein betrachtet - in der Machtkonsolidierung sowie in der Demonstration von Machtverhältnissen. Be‐ züglich des letztgenannten Aspekts hebt Val Julián hervor, dass die Benennung des eroberten Raumes auch dazu fungiert, diese Aneignung anderen (beispiels‐ weise Konkurrenzmächten) anzuzeigen (Val Julián 2011, 21). „[…] Kolonisatoren maßen sich das Recht zur Nomenklatur an, das heißt, sie konstruieren durch die Vergabe von Namen eine gewünschte Realität, die ihren Herrschaftsansprüchen Genüge tut“ (Engelberg/ Stolz 2016, 272). Spezifische Funktionen lassen sich auch auf der Strukturebene verorten. Die Geoklassifikatoren ordnen die jeweilige benannte geografische Entität ontologisch ein. Somit kann hier zunächst von einer Ordnungsfunktion gespro‐ chen werden (Stolz/ Warnke 2018, 27). Auffällig ist, dass Geoklassifikatoren ausnahmslos exonymisch sind, d. h. aus synchronem, transparentem Sprachma‐ terial bestehen: Sie können somit auf das „lexikalische Wissen“ der Sprecher zurückgreifen (De Bloom 2023, 13). Vor diesem Hintergrund erweitert sich ihre Funktion und geht über die bloße Ordnungsfunktion hinaus. Mittels der Klas‐ sifikatoren kann Wissen über den kolonialen Raum kommuniziert werden. De Bloom (2023, 15) veranschaulicht dies anhand des deutschen Kolonialtoponyms Schanzwüste (Deutsch-Südwestafrika). Der Klassifikator vermittelt hier, dass es sich um einen Ort handelt, bei dem Wasserknappheit vorherrschen kann; es wird somit über das Toponym „handlungsleitende[s] […] Wissen“ transportiert (De Bloom 2023, 15). Zu beobachten ist auch, dass Geoklassifikatoren wie Ile, Baye, Cap oder Rivière die topografische Diversifikation des angeeigneten Raumes anzeigen - wohingegen Klassifikatoren wie Port, Rade oder Passage die ökonomische Nutzbarkeit der Kolonien verdeutlichen. De Bloom (2023, 15) hebt anhand deutscher und schwedischsprachiger Kolonialtoponyme hervor, dass Geoklassifikatoren einerseits in den Kolonien selbst z. B. handlungsleitendes Wissen transportieren, andererseits üben sie in der jeweiligen Metropole eine diskursive Funktion aus: Sie sind ein geeignetes Mittel, um den kolonialen Raum in der Metropole kommu‐ nizierbar zu machen, empfundene Fremdheit zu reduzieren und ein Gefühl der Nähe zu erzeugen: Autochthone Namen wie N’do oder Tennakong vermitteln der deutschsprachigen Bevölkerung keine konkreten topografischen Vorstellungen - erst mit einem K L A S S -Element wie in N’do-Strand (Kamerun) oder Tennakongs-Stranden […] geschieht das […]. (De Bloom 2023, 15-16, Hervorhebungen im Original) Auf das vorliegende Korpus übertragen, können folgende Beobachtungen fest‐ gehalten werden. Geografische Klassifikatoren sind ausschließlich exonymisch. 186 Sandra Herling <?page no="187"?> Die von De Bloom (2023, 16) beschriebene lexikalische Anreicherung trifft auch auf die französischen Kolonien zu. Hybride Konstruktionen, die vor allem in Algerien vorzufinden sind, werden folglich auch für die Bevölkerung in der Metropole (be)greifbar. Ein weiterer Aspekt ist, dass Geoklassifikatoren einen Einblick in koloniale Raumrelevanzen geben: Während auf Martinique, auf den Seychellen oder in Kanada Oikonyme ohne Klassifikator versehen wurden, erhielten Städte in Algerien in der Regel den Geoklassifikator -ville. Daraus lässt sich eine spezifische Relevanz der kolonialen Raumstrukturierung ableiten. Wie bereits erwähnt, scheint diese Konstruktion vor allem in afrikanischen Kolonien des 19. Jh. aufzutauchen. Eine valide Aussage kann jedoch erst mit weiteren empirischen Daten getätigt werden. Während die urbane Kolonisierung in Algerien eine gewisse Relevanz zu haben scheint, kommt der Geoklassifikator Port verhältnismäßig häufiger in Kanada und auf Martinique vor, was auf eine spezifische ökonomische Nutzung der Kolonien hindeuten kann. Legt man den kanonischen Typus des Kolonialtoponyms zugrunde, so weist dieser - wie bereits erwähnt - eine binäre Struktur bestehend aus Klassifikator und anthroponymischen Modifikator auf. In der aktuellen kolonialtoponomas‐ tischen Diskussion erfüllt dieser Modifikator den „Zweck, die Zugehörigkeit des Geo-Objekts zum Herrschaftsbereich eines gegebenen Kolonisators kom‐ memorativ zu markieren, was als Besitzanspruchsfunktion verstanden werden kann“ (Stolz/ Warnke 2018, 27). Anthroponymische Komponenten sind zwar bei Kolonialtoponymen in allen hier analysierten Gebieten zu beobachten, jedoch fällt besonders die Frequenz dieses Konstruktionstypus in Algerien auf. Ergänzt sei, dass nicht nur Anthroponyme, sondern auch Toponyme mit einem Modifikator auf adjektivischer Basis diese kommemorative Bindung an die Metropole leisten können. Als Beispiele seien Port Royal (Kanada), Fort National (Algerien) oder Baye Francais (Martinique) angeführt. Wie die letztgenannten Beispiele und die Analyse in 3.2. verdeutlichen, sind die Strukturen französischer Kolonialtoponyme vielfältig. Neben dem kanoni‐ schen Typus können andere nicht-anthroponymische Konstruktionsmuster belegt werden. Als Beispiele seien Ile de Sable (Kanada) oder Baie de la Rivière Salée (Martinique) genannt. In diesen Fällen fällt dem Modifikator die Funktion zu, koloniale Relevanzen des wahrgenommenen Naturraumes auszudrücken. Abschließend sei auf die Funktion der Sprachenverwendung hingewiesen. Die Verwendung exonymischer Kolonialtoponyme (oder exonymischer Kompo‐ nenten bei hybriden Toponymen) ist aussagekräftig, denn auch die Verwendung der Kolonialsprache symbolisiert eine Besitzanspruchsfunktion. Französische Kolonialtoponyme aus diatopischer und diachroner Perspektive 187 <?page no="188"?> 4 Fazit Aufgrund der geografischen und zeitlichen Entwicklung des französischen Kolonialismus ergeben sich für die Kolonialtoponomastik interessante Frage‐ stellungen. Im vorliegenden Beitrag wurde anhand von Fallbeispielen die Struktur, Motivik und Funktion französischer Kolonialtoponyme mit Fokus auf Diachronie und Diatopik untersucht. Zunächst kann festgehalten werden, dass französische Kolonialtoponyme häufig eine binäre Struktur aufweisen. Eine Komponente stellt der Geoklassifi‐ kator dar, dessen Funktion es ist, das jeweilige geografische Objekt ontologisch einzuordnen, aber auch koloniales Wissen des angeeigneten Raumes zu trans‐ portieren. Die Frequenz eines Geoklassifikators ist nicht spezifisch auf das französische Kolonialreich beschränkt, sondern konnte auch bei allen anderen europäischen Kolonialtoponymen belegt werden. Etymologisch stellen jedoch manche französische Klassifikatoren eine Beson‐ derheit dar: Beispielsweise wurde Morne und auch Anse in der Karibik in kolo‐ nialer Zeit geprägt und ausschließlich bei der Prägung von Kolonialtoponymen verwendet. Darüber hinaus zeigt der Geoklassifikator -ville eine diachrone und diatopische Auffälligkeit, die jedoch in sich anschließenden Studien verifiziert werden müsste. Hinsichtlich der Benennungsmotivik, die teilweise aus den meta-onymischen Reflexionen kolonialer Texte erschlossen werden kann, lassen sich prinzipiell folgende übergeordnete Motivkategorien beobachten: Zum einen wird die Be‐ nennung geografischer Entitäten durch die Vorort-Wahrnehmung des Raumes motiviert. Namen, die auf Fauna, Flora, geografische Verortung oder Topografie referieren, sind Beispiele für diese Kategorie. Zum anderen spielt der Kolonisie‐ rungsprozess eine ausschlaggebende Rolle. So gehen Toponyme auf den Tag der Eroberung, auf evaluative Bewertungen, auf Namen von agierenden Kolo‐ nisatoren zurück. Darüber hinaus wird eine kommemorative Bindung an die Metropole durch Toponyme geschaffen, deren anthroponymische Komponente auf Namen nicht-kolonialagierender, aber kulturell bedeutsamer Persönlich‐ keiten zurückgeht. Eine Distribution dieser Kategorien scheint auch diachron bedingt zu sein. So konnte zumindest das vorliegende Korpus einen Unterschied zwischen den Kolonialtoponymen des 17. und 19. Jh. zeigen. Während in der Karibik und Nordamerika die Wahrnehmung des angeeigneten Raumes eine Rolle spielte, wurde in den Kolonialtoponymen Algeriens Personalität lokalisiert und somit der Kommemoration eine größere Bedeutung zugesprochen. 188 Sandra Herling <?page no="189"?> Bibliographie Korpus Atlas colonial illustré (1904): Géographie, voyages & conquêtes - productions, administra‐ tions, Paris, Librairie Larousse. Blondel, François (1690): L’Isle de la Martinique, https: / / gallica.bnf.fr/ ark: / 12148/ btv1b55 010159g/ f1.item.r=Martinique%20Blondel (08.11.2023). Lafitte de Brassier, Louis François Grégoire (1777): Carte des isles Seychelles , Praslin et Silhouette, https: / / gallica.bnf.fr/ ark: / 12148/ btv1b53142697j.r=Lafitte%20de%20Brossie r%20Seychelles? rk=21459; 2 (08.11.2023). 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Structure, Context and Use/ Structures, contextes et usages, Tübingen, Narr, 355-372. 192 Sandra Herling <?page no="193"?> Spanische Kolonialtoponyme auf den Philippinen Sandra Issel-Dombert Resumen Este artículo se concentra en la colonización de Asia y examina los topónimos coloniales españoles en Filipinas. Tiene dos objetivos princi‐ pales: El primero es ofrecer una visión general de tipos estructurales y especificidades semánticas de los topónimos coloniales españoles en Fili‐ pinas. El segundo objetivo es una ampliación metodológica-analítica de la Toponimia Colonial Románica. Para ello, se propone un análisis discursivolingüístico de las prácticas de cambio de nombres. A continuación, la sección 1 se centrará en aspectos teóricos sobre lengua y colonialismo. La sección 2 proporcionará una visión general de la colonización de Asia por parte de las potencias coloniales europeas occidentales y la sección 3 indagará en la historia colonial de Filipinas. En la sección 4, caracterizaré los antropónimos (sección 4.1) y los topónimos españoles en Filipinas (sección 4.2). Además, se realizará un análisis del discurso sobre los nombres de calles en Filipinas en la sección 4.3. Finalmente, concluiré con observaciones relevantes en la sección-5. Palabras clave: La Romania colonial en Asia, Filipinas, onomástica, topó‐ nimos, antropónimos Abstract This paper examines the colonization of Asia and explores Spanish colonial toponyms in the Philippines. The aim is twofold: First, it provides an overview of the structural types and semantic specificities of Spanish col‐ onial toponyms in the Philippines. Second, it offers a methodological and analytical contribution to the field of Romance Colonial Toponomastics through a discursive-linguistic analysis of naming practices. The paper begins by focusing on theoretical aspects of language and colonialism (Section 1). Section 2 presents a brief overview of the colonization of <?page no="194"?> 1 Der vorliegende Beitrag ist in das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Projekt „Spanien in Asien und Asien in Spanien: Eine migrationslinguisti‐ sche Analyse der soziolinguistischen Situation philippinischer Haushaltsarbeiterinnen in Spanien“ (Projektnummer 465412443) eingebunden. In diesem Kontext fanden die Feldforschungen und Datenerhebungen auf den Philippinen statt. Ich danke außerdem den Gutacher: innen des vorliegenden Beitrags für ihre wertvollen Hinweise. Asia by Western European colonial powers. Section 3 delves into the colonial history of the Philippines. Section 4 then characterizes Spanish anthroponyms (Section 4.1) and Spanish toponyms in the Philippines (Section 4.2). An analysis of the discourse surrounding street names in the Philippines is presented in Section 4.3. Finally, Section 5 offers concluding remarks. Keywords: The Colonial Romania in Asia, Philippines, Onomastics, Topo‐ nyms, Anthroponyms 1 Einleitung: Sprache und Kolonialismus Der folgende Beitrag widmet sich der Kolonialisierung Asiens durch (west)eu‐ ropäische Kolonialmächte und legt einen Schwerpunkt auf spanische Kolonial‐ toponyme in den Philippinen. 1 Dabei werden zwei Ziele verfolgt: Erstens geht es darum, einen Überblick über musterhafte Strukturtypen und semantische Spezifika spanischer Kolonialtoponyme auf den Philippinen zu geben. Das zweite Ziel besteht in der methodisch-analytischen Erweiterung der romani‐ schen Kolonialtoponomastik durch den Einbezug eines diskurslinguistischen Ansatzes, um argumentativen Aushandlungsprozessen von Umbenennungs‐ praktiken nachzugehen. Für eine konzeptuelle Bestimmung von Kolonialismus ziehe ich Heller/ McEl‐ hinny (2017, 30) heran. Die Autorinnen heben die Nähe zwischen Kolonialismus und Imperialismus und die mit der Eroberung und Inbesitznahme verbundenen wirtschaftlichen Interessen am Territorium hervor. Die koloniale Ausbeutung, so argumentieren Heller/ McElhinny (2017, 30), beschränkt sich dabei nicht nur auf materielle Güter wie Rohstoffe und Waren(produktion), sondern schließt auch die Ausbeutung von Menschen und ihrer Arbeitskraft mit ein. Sprache nimmt in kolonialen Kontexten eine zentrale Bedeutung ein, denn über sie werden Macht- und Herrschaftsansprüche vermittelt. Dies kann je nach kolonialem Kontext sehr unterschiedliche Formen annehmen. Im Fall der Philippinen, die im Mittelpunkt des Beitrags stehen, erfolgten sprachpolitische Maßnahmen der spanischen Kolonialmacht während der rund 350-jährigen Kolonialherrschaft nur punktuell (ausführlich cf. Issel-Dombert 2024). Im Ge‐ 194 Sandra Issel-Dombert <?page no="195"?> gensatz dazu nutzte die amerikanische Kolonialmacht noch vor dem offiziellen Beginn der amerikanischen Kolonialzeit sprachpolitische Maßnahmen und Sprachgesetze als Teil der politischen Strategie, um über das Bildungswesen Englisch zu verbreiten und Macht ausüben zu können. Damit einher ging die Annahme, Sprache wirke als „civilizing tool“ (Martin 2 2020 [2012], 281) für die philippinische Bevölkerung. Zu diesem Zweck wurde das öffentliche Schul‐ system als monolinguales, anglophones System implementiert, das in dieser Form auch noch über vier Jahrzehnte landesweit Bestand hatte (cf. Martin 2 2020 [2012], 285). Damit wurden autochthone Sprachen aus dem Bildungssystem ausgeschlossen (cf. Martin 2 2020 [2012], 285) und auch Spanisch wurde ver‐ drängt, u. a. durch ein Sprachgesetz, das bis ins Jahr 1930 Spanischunterricht an öffentlichen philippinischen Schulen verboten hat (cf. Quilis/ Casado-Fresnillo 2008, 68). Ein weiterer Ansatzpunkt der kolonialen Machtausübung durch Sprache im kolonialen Kontext ist die Onomastik, denn, so erläutert Calvet ( 4 2002 [1974], 80), „tout commence par la nomination“. Hier spielen vor allem Ortsnamen (Toponyme) eine wichtige Rolle. Die Relevanz von Toponymen in Kolonialisie‐ rungsprozessen generiert sich aus ihrem Potential, neue Machtverhältnisse zu kommunizieren: Toponyme stellen durch ihre schriftliche Fixierung auf Karten, Schildern u. ä. eine öffentliche Repräsentation und Sichtbarkeit von Macht- und Dominanzansprüchen her (cf. Stolz/ Warnke 2015, 111). Diese Sichtbarkeit gilt nicht nur der unterworfenen Bevölkerung, sondern auch potenzieller Konkurrenz. (Orts-)Namen sind dabei nicht neutral, sondern durch einseitig gerichtete Machtverhältnisse zu Gunsten der Kolonialmacht gekennzeichnet: „Le coloni‐ sateur a souvent débaptisé des lieux pour leur donner des appellations plus conformes à sa tradition“ (Calvet 4 2002 [1974], 143). Mittels der Vergabe- und Benennungspraktiken haben Kolonialmächte ihr eurozentristisches „externes […] Werte- und Ordnungssystem“ (Stolz/ Warnke 2015, 111) und ihre Sprache(n) transportiert - unabhängig von präkolonialen Gegebenheiten oder dem Willem der eroberten Bewohner: innen der entsprechenden Orte (cf. de Bloom 2023, 2). Damit sind Toponyme ein Instrument, mit dem place-identification, placenaming und place-making (cf. Warnke et al. 2020, 83) betrieben wird. Den Autor: innen zufolge werden mit einer place-identification aus Sicht und Inte‐ ressenslage der Kolonialmacht relevante Orte bestimmt, benannt (place-naming) und auf diese Weise schaffen Toponyme sprachlich Realitäten wie Orte (placemaking). Im Folgenden wird zunächst ein Überblick über die Kolonialisierung Asiens durch westeuropäische Kolonialmächte gegeben (Kapitel 2). Kapitel 3 vertieft Spanische Kolonialtoponyme auf den Philippinen 195 <?page no="196"?> die Kolonialgeschichte der Philippinen und die damit einhergehenden sprach‐ lichen Folgen. Im Anschluss daran rücken Anthroponyme (Kap. 4.1) sowie Toponyme auf den Philippinen aus semantischer und struktureller Sicht in den Fokus (Kap. 4.2). In Kapitel 4.3 werden Tilgungs- und Umbenennungspraktiken und Diskurse darüber untersucht (Kap. 4.3). Kapitel 5 fasst die Ergebnisse zusammen. 2 Die Koloniale Romania in Asien Weite Teile (Südost-)Asiens wurden seit dem 16. Jahrhundert von (west-)euro‐ päischen Kolonialmächten erobert und ausgebeutet. Als Hauptprotagonisten dieser Bestrebungen teilten zunächst die kastilische und die portugiesische Krone den asiatischen Raum unter sich auf. Infolgedessen wurden in verschie‐ denen Verträgen, u. a. Tordesillas (1494) und Zaragoza (1524), Grenzen und territoriale Einflussgebiete für die Kolonialmächte festgelegt (cf. Kremnitz 2010, 8-9). Der portugiesische Expansionismus nahm mit der Kolonisierung von Malakka, Ceylon, Macao, Portugiesisch-Timor sowie mit Goa, Dam-o und Diu, die als Portugiesisch-Indien bezeichnet wurden, den weitaus größten Umfang in Asien ein (cf. Kremnitz 2010, 9-10). Die Philippinen sowie weitere südostasiatische Inseln zwischen der malaii‐ schen Halbinsel und Australien wurden trotz ihrer geographischen Lage, die in das von der portugiesischen Krone beanspruchte Gebiet fielen, zu neuen Kolonien der kastilischen Krone erklärt. Die französischen Kolonien in Asien umfassten folgende geografisch vonein‐ ander getrennte Gebiete in Indien: Pondichéry, Chandernagor, Yanaon, Karikal und Mahé. Sie wurden zusammen unter die Bezeichnung Französisch-Indien subsumiert und nach dem Siebenjährigen Krieg im Jahr 1763 auf Pondichéry und Mahé reduziert, die dann beide noch bis ins Jahr 1954 eine französische Kolonie blieben (cf. Kremnitz 2010, 10). Im 19. Jahrhundert kolonialisierte Frankreich in Asien dann die Gebiete des heutigen Vietnam, Kambodscha und Laos, die den Namen Französisch-Indochina erhielten (cf. Kremnitz 2010, 11). Souveränität erlangten die oben genannten Gebiete erst Mitte des 20. Jahrhunderts, in einigen Fällen - wie z. B. im Fall von Macau, das noch bis ins Jahr 1999 eine portugiesische Kolonie war - sogar erst Ende des 20.-Jahrhunderts. Obwohl romanische Sprachen in Asien nie zu einer dominanten Sprache jenseits kleiner, dafür aber mächtiger Gruppen wurden, haben die ehemaligen Kolonialmächte bis heute anhaltende sprachliche, kulturelle und architektoni‐ 196 Sandra Issel-Dombert <?page no="197"?> 2 In umgekehrter Richtung lässt sich auch - in einem weitaus geringeren Ausmaß - ein sprachlicher Einfluss in Form von Entlehnungen feststellen. Ein Beispiel aus dem Bereich der Hispanophonie sind Lexeme, die über die Grenzen des philippinischen Spanisch hinaus auch in andere spanische Varietäten entlehnt wurden. Dazu gehören tag. pantalán ‘Bootssteg, kleine Anlegestelle für Schiffe mit geringer Tonnage, die etwas weiter aufs Meer hinausgeht’, tag. barangay ‘Nachbarschaft, Gemeinde, Stadtviertel’, tag. baguio ‘tropischer Wirbelsturm’ oder aus dem Cebuano carabao ‘Karabu’ (cf. Pagel 2010, 336); nach Definition des DRAE (2022, s. v. carabao): „Del bisayo karabáw. 1. m. Rumiante parecido al búfalo, pero de color gris azulado y cuernos largos, aplanados y dirigidos hacia atrás, principal bestia de tiro en Filipinas“. Zu weiteren aus dem Tagalog ins Spanische entlehnten Lexemen cf. Quilis/ Casado-Fresnillo (2008, 137). 3 So legte Hugo Schuchardt - mit einer z. T. durch Eurozentrismus geprägten Sichtweise - umfangreiche Abhandlungen und Materialsammlungen zum Portugiesi‐ schen, Spanischen und Französischen in Asien vor. Schuchardts Arbeiten sind im von Bernard Hurch (s. a.) herausgegebenen Hugo Schuchardt Archiv einsehbar unter http s: / / gams.uni-graz.at/ archive/ objects/ o: hsa.bibliography/ methods/ sdef: TEI/ get? mode =primary&locale=de. 4 Selbstverständlich sind hier auch unterschiedliche Grade der Kolonialisierung und ihrer Folgen zu berücksichtigen, wie etwa der Verbreitungsgrad der Kolonialsprachen und die Entwicklung der Anzahl an Sprecher: innen (cf. Meisnitzer 2016, 147-148). sche Spuren hinterlassen. 2 Auch wenn erste Untersuchungen 3 bereits während der Kolonialzeit einsetzten, ist die Erforschung romanischer Kolonialsprachen in Asien nach wie vor weniger ausgeprägt als die ihrer Pendants 4 in Afrika und Amerika. Darüber hinaus bergen außerdem die Auswirkungen durch Sprachkontakt auf autochthone Sprachen in Asien und auf Sprecher: innen ein Potential, das derzeit noch nicht umfassend erschlossen ist. Im folgenden Kapitel vertiefe ich einen spanischen Teil der Kolonialen Romania respektive der Romania Nova in Asien mit den Philippinen. 3 Die Philippinen: Zur Kolonialgeschichte und zur superdiversen sprachlichen Diversität in der Gegenwart Der südostasiatische Inselstaat der Philippinen besteht aus 7641 Inseln und liegt im westlichen Pazifik. Der Archipel wird in drei Areale gegliedert. Luzon mit der Hauptstadt Manila befindet sich im nördlichen Teil der Philippinen. Von den zentralphilippinischen Visayas aus begann die spanische Kolonialisierung und Mindanao liegt im Süden der Philippinen. Weltweit zählen die Philippinen heute in Anlehnung an Espino/ Gon‐ zales/ Martin (2021, 111) zu den Ländern mit der höchsten sprachlichen Diver‐ sität. Was das bedeutet, illustrieren die Autor: innen exemplarisch mit folgender Beschreibung: „This diversity is so strong that within a half-hour ride to another town in any part of the Philippines, one will most likely arrive at a Spanische Kolonialtoponyme auf den Philippinen 197 <?page no="198"?> different language-speaking region“ (Espino/ Gonzales/ Martin 2021, 111). Die superdiverse philippinische Mehrsprachigkeitssituation ist ein Resultat der langen Kolonialgeschichte des Landes, denn zu einem multi-ethnischen und mehrsprachigen Staat sind die Philippinen erst durch die Kolonialisierung geworden. Die Kolonialgeschichte der Philippinen setzte im 16. Jahrhundert ein und ist maßgeblich durch spanische, amerikanische und japanische Kolo‐ nialmächte und ihre Machtansprüche gekennzeichnet. Kurz vor der Ankunft spanischer Kolonialisatoren wurden außerdem v. a. im südlichen Teil der Philip‐ pinen, in Mindanao, muslimische Sultanate gegründet. Die Kolonialisierung der Philippinen durch die kastilische Krone begann - nach vergeblichen Versuchen im Jahr 1521 durch Magellan - im Jahr 1565 durch Miguel López de Legazpi. In diesem Kontext gelangte auch Spanisch als Kolonialsprache auf die Philippinen. Verwaltet wurden die Philippinen vom Vizekönigreich Neuspanien aus. Nach der mexikanischen Unabhängigkeit 1821 wurde die Kolonialverwaltung nach Spanien verlagert. Nach mehr als drei Jahrhunderten endete die spanische Ko‐ lonialisierung im Zuge philippinischer Unabhängigkeitsbestrebungen im Jahr 1898. Diese mündeten zunächst jedoch in den Philippinisch-Amerikanischen Krieg, nach dessen Ende im Jahr 1902 die Philippinen zu einer amerikanischen Kolonie erklärt wurden. Unterbrochen wurde die amerikanische Kolonialzeit durch die japanische Besatzung (1941-1945). Seit 1946 sind die Philippinen unabhängig. Spanisch war während der spanischen Kolonialzeit mit Prestige verbunden (cf. Sippola 2021, 259) und markierte den hohen sozialen Status der Spre‐ cher: innen, da es von denjenigen gesprochen wurde, die die höchsten Ämter und Positionen in der Kolonialverwaltung, im Militär und in der Kirche innehatten, sowie von einer kleinen lokalen Elite (cf. Sippola 2021, 259, Quilis/ Casado- Fresnillo 2008, 62-66). Im Zuge der sprachpolitischen Maßnahmen der USA während der amerikanischen Kolonialzeit nahmen Bedeutung und Verbreitung von Spanisch immer weiter ab. Seit der Verabschiedung der letzten philippini‐ schen Verfassung im Jahr 1987 hat Spanisch auf den Philippinen weder eine offizielle Funktion inne noch ist es in der Domäne der Bildung fest verankert. Amtssprachen sind aktuell die ehemalige Kolonialsprache Englisch sowie Fili‐ pino, das auf Tagalog basiert. Andere autochthone Sprachen der Philippinen haben keinen offiziellen Status inne. Bis heute sind noch sprachliche Spuren der fast 350-jährigen spanischen Kolonialzeit auf den Philippinen sichtbar. Zum sprachlichen Erbe und den wichtigsten Einflüssen der spanischen Kolonialisierung gehören insbesondere (1) kontakt-induzierter Einfluss zwischen Spanisch und autochthonen Sprachen der Philippinen mit Auswirkungen v. a. im Bereich lexikalischer Entlehnungen. 198 Sandra Issel-Dombert <?page no="199"?> Es wird geschätzt, dass die am weitesten verbreiteten autochthonen Sprachen der Philippinen rund 20-25 % ihres Wortschatzes aus dem Spanischen entlehnt haben (cf. Lipski/ Mühlhäusler/ Duthin 1996, 275). (2) Die Kreolisierung, die zur Herausbildung von Chabacano geführt hat, unter das mindestens sechs Varietäten subsumiert werden. Heute werden noch Varietäten in Luzon, d. h. in der Bucht von Manila in Cavite sowie in Ternate, gesprochen, außerdem im Süden der Philippinen in Mindanao (cf. Sippola 2021, 250-260). (3) Ein weiteres sprachliches Erbe der spanischen Kolonialzeit ist die Varietät des philippini‐ schen Spanisch, die bis heute von einer kleinen (privilegierten) Minderheit als Herkunftssprache gesprochen wird. Zu beachten gilt, dass sich die Varietät nicht durch Homogenität auszeichnet, sondern dass große Diskrepanzen zwischen Sprecher: innen bestehen, welche in verschiedenen Teilen der Philippinen leben (cf. Pagel 2010, 340), sodass die Varietät meistens als untergehende Varietät eingeordnet wird wie etwa von Pagel (2010, 341). (4) Bis heute ist Spanisch im Bereich der Onomastik verbreitet, und zwar sowohl in den Bereichen der Anthroponyme als auch bei den Mikro- und Makrotoponymen. Diesen vierten Schwerpunkt vertiefe ich im folgenden Kapitel. 4 Koloniale Onomastik auf den Philippinen: Anthroponyme und Toponyme 4.1 Anthroponyme Der größte philippinische Medienkonzern ABS CBN News berichtete am 24. März 2021 über den Namen Mateo Fernando Aquino Liwanag, eine Hauptfigur in der Rolle eines philippinischen, undokumentierten Migranten der US-Net‐ flixserie Superstore. Sein Darsteller Nico Santos äußerte sich gegenüber ABS CBN News zum Namen des Charakters wie folgt: „He was already named Mateo and so Justin Spitzer, the creator of the show, was like, ‚Do we need to tweak the name? ‘ I was like, ‚We have a lot of Spanish names in our culture because of our history of colonization. But we can change the rest of his name if you’d like to [have, S. I.-D.] something that’s unmistakably Filipino.‘ And so I actually chose the name,“ he said. (Chavez 2021) Die im Zitat von Nico Santos erwähnte hohe Anzahl spanischer Nachnamen auf den Philippinen geht auf den Generalgouverneur der Philippinen, Narciso Clavería y Zaldúa zurück. Er erließ am 21. November 1848 den sog. Catálogo alfabético de apellidos, um auf dieser Basis der philippinischen Bevölkerung Nachnamen zuzuweisen (cf. Quilis/ Casado-Fresnillo 2008, 491, 494). Durch die Vergabe obligatorischer Personennamen wurde auch eine Möglichkeit zur Iden‐ Spanische Kolonialtoponyme auf den Philippinen 199 <?page no="200"?> tifizierung eingeführt. Bis zu diesem Zeitpunkt waren Namen noch keinen Re‐ gelungen unterworfen, sodass sie beliebig angenommen und verändert werden konnten, darüber hinaus wurden sie auch nicht an Nachkommen vererbt (cf. Quilis/ Casado-Fresnillo 2008, 487-488). Mit der Einführung des catálogo änderte sich dies grundlegend. Neben einem Register mit 60.662 Nachnamen wurden gleichzeitig auch Richtlinien zur (verbindlichen) Annahme von Familiennamen sowie Maßnahmen eingeführt, die bei Nichteinhaltung dieser Vorschriften anzuwenden waren (cf. Quilis/ Casado-Fresnillo 2008, 491-495). Unklar bleibt jedoch, wie, anhand welcher Kriterien und unter welchen Bedingungen Namen für die Namensliste zunächst ausgewählt und dann zugeteilt wurden. Eine einschlägige empirische Untersuchung der aktuellen philippinischen Anthroponyme geht zurück auf Quilis/ Casado-Fresnillo (2008, 495-533). In quantitativer Hinsicht ermitteln sie auf der Datenbasis von Telefonbüchern verschiedener philippinischer Städte, dass zu ihrem Untersuchungszeitpunkt zwischen 89 % und 95 % der philippinischen Nachnamen spanischer Provenienz sind; diese werden außerdem nicht immer in anderen Teilen der spanischspra‐ chigen Welt verwendet (cf. Quilis/ Casado-Fresnillo 2008, 487, Fußnote 1; 494). Englisch spielt im Bereich von Nachnamen keine Rolle. Dieser Befund ist im Kontext der Einführung des cátalogo während der spanischen Kolonialzeit einzuordnen und damit erklärbar. Weitere Nachnamen sind auf autochthone Sprachen und Chinesisch zurückzuführen (cf. Quilis/ Casado-Fresnillo 2008, 487, 494). Ein weiteres Ergebnis ist, dass die verwendeten autochthonen und chinesischen Nachnamen wenig Vielfalt aufweisen, dafür aber häufig auftreten. Bei Nachnamen spanischer Provenienz verhält es sich umgekehrt, denn sie weisen einen hohen Grad an Diversität auf, kombiniert mit einer niedrigen Auftretensfrequenz (cf. Quilis/ Casado-Fresnillo 2008, 505). Einige spanische Nachnamen werden häufiger gebraucht. Hier zeigt sich ein hohes Maß an Kontinuität seit der Einführung von Claverías Dekret, da seit diesem Zeitpunkt die häufigsten Nachnamen de la Cruz sowie Santos sind. Auch Nachnamen mit religiöser oder hagionymischer Komponente wie z.-B. Santa Rita, San Augustín oder Apóstel sind in Anlehnung an Quilis/ Casado-Fresnillo (2008, 507) weit verbreitet, ebenso wie Namen, deren Bildung auf den Alltagswortschatz zurück‐ geht. Der frühmittelalterliche Personennamenschatz der iberischen Halbinsel weist dieses Merkmal ebenfalls auf (cf. Becker 2018, 17). Im Unterschied zu Nachnamen unterlagen Vornamen auf den Philippinen zu keinem Zeitpunkt Vorschriften. Neben spanischen Vornamen sind auch Vornamen lateinischen, griechischen, englischen, hebräischen, germanischen und anderen Ursprungs verbreitet; insbesondere englische Vornamen nehmen immer stärker zu (cf. Quilis/ Casado-Fresnillo 2008, 508). Da Vornamen keiner 200 Sandra Issel-Dombert <?page no="201"?> 5 Becker (2018, 84) weist darauf hin, dass in der spanischen Literatur des Siglo de Oro eine Vielzahl von Namen mit Diminutiven belegt sind, wie z. B. Alonsillo, Catalinilla, Marica, Tristanico etc. 6 Die zehn häufigsten einfachen und zusammengesetzten männlichen Vornamen in Spanien auf nationaler Ebene für 2014 sind laut Becker (2018, 26) Antonio, José, Manuel, Francisco, Juan, David, José Antonio, José Luis, Javier und Francisco Javier. Zu den zehn häufigsten weiblichen Vornamen gehören María, Carmen, María Carmen, Josefa, Isabel, Ana María, María Pilar, María Dolores, María Teresa und Ana (cf. Becker 2018, 26-27). Regulierung unterliegen, sind bei spanischen Vornamen auch Diminutive 5 wie Maruja < María sowie lexikalisierte Hypokoristika (Kosenamen) zu finden, wie z. B. die Apokope Pili < [María del] Pilar, die Reduplikation Pepe < José, von Jusepe oder die Kontamination Marichu < María Jesús (cf. Quilis/ Casado-Fresnillo 2008, 508-509). Die Mehrheit der spanischen Vornamen aus religiösen Kontexten sind auch in Spanien und Lateinamerika verbreitet, und dort insbesondere in Mexiko (cf. Quilis/ Casado-Fresnillo 2008, 508). Bei anderen Vornamen spanischen Ursprungs - oft ohne christlichen Bezug - zeigt sich, dass Vornamen wie etwa Arnulfo, Concordia, Lucrecio, Luzviminda, Wilfredo etc. heute in Spanien selten vorkommen respektive ungebräuchlich sind. Auch umgekehrt gilt, dass zeitgenössische in Spanien häufig verwendete Vornamen 6 auf den Philippinen kaum verbreitet sind. Bei der Schreibung der spanischen Anthroponyme auf den Philippinen fällt eine Tendenz mit konservativem Charakter auf, da sie - im Unterschied zu Entlehnungen aus dem Spanischen in autochthone Sprachen - auch die Schreibung der Grapheme <c>, <ñ>, <q> etc. konservieren (cf. Quilis/ Casado- Fresnillo 2008, 512-513). 4.2 Toponyme: Strukturelle und inventarbezogene Perspektiven Aus einer inventarbezogenen Perspektive diskutiere ich Toponyme auf den Philippinen anhand folgender vier Aspekte: (1) koloniale Benennungspraktiken, (2) semantische Motivgruppen, (3) serielle Strukturtypen und (4) Umbenen‐ nungs- und Tilgungspraktiken im Kontext der postkolonialen philippinischen Mehrsprachigkeit. 4.2.1 Koloniale Benennungspraktiken Die spanische Kolonialmacht führte bereits zu Beginn spanische Toponyme und damit Exonyme, d. h. Fremdbezeichnungen, auf den Philippinen ein. Im 16. Jahrhundert setzte das place-making der spanischen Kolonialisatoren im Bereich der großräumigen Ortsbenennung - und damit auf der Ebene von Makrotoponymen - ein (cf. Tormo Sanz/ Salazar 1968, 2098). Ferdinand Magellan Spanische Kolonialtoponyme auf den Philippinen 201 <?page no="202"?> ankerte am 16. März 1521 im Golf von Leyte und benannte die Inseln mit der heute nicht mehr existierenden Bezeichnung Archipiélago de San Lázaro (cf. Quilis/ Casado-Fresnillo 2008, 534). Auch über den Raum der von der spanischen Krone kolonialisierten Gebiete hinaus ist diese zweiteilige Struktur des Exonyms bestehend aus einem - in Anlehnung an die von Stolz/ Warnke (2015, 136) eingeführte Terminologie - sog. Geo-Klassifikator und Modifikator musterhaft. Der Geo-Klassifikator Archipiélago beschreibt die geographischen Besonderheiten der Region, in diesem Fall die von Gewässern umgebene Insel‐ gruppe. Die zweite Komponente des Kolonialtoponyms, der anthroponymische Modifikator de San Lázaro, ist eurozentrisch ausgerichtet und kommemorativ motiviert. Er nimmt Bezug auf die Ankunft der spanischen Kolonialisatoren, die mit dem Feiertag des Heiligen Lazarus zusammenfiel. Dieses Benennungsmotiv nach Feiertagen der Kolonialmacht identifiziert Herling (2020, 34) auch für weitere Räume und Kontexte spanischer Kolonialtoponyme. Die Benennungspraktiken philippinischer Orte durch die spanische Kolonial‐ macht gingen oft mit dem Stand der Eroberung und der Bevölkerungsdichte einher (cf. Quilis/ Casado-Fresnillo 2008, 533-534, 538). Daher sind tendenziell auch mehr spanische Exonyme in Küstenregionen zu finden, in geographisch schwieriger zugänglichen Gebieten und im Landesinneren drangen spanische Namen dagegen erst allmählich ein (cf. Quilis/ Casado-Fresnillo 2008, 533-534, 538). 4.2.2 Semantische Motivgruppen Semantische Motivgruppen listen Quilis/ Casado-Fresnillo (2008, 541-549) so‐ wohl für Makroals auch für die Mikrotoponyme auf, die aktuell noch auf den Philippinen auftreten (cf. Tabelle 1): Motivgruppe Makrotoponyme Mikrotoponyme Hagionyme San Augustín, Santa Teresa Nstr. Sra. Del Rosario, Santa Ana Spanische und lateinamerika‐ nische Toponyme (Städte, Re‐ gionen) Almería, Castilla Paraguay, Madrid, Zara‐ goza Herausragende Persönlichkeiten - aus Sicht der Kolonialmacht Magellanes Duque de Alba, Primo de Rivera, Cervantes Vornamen Anabel, Loreto, Ne‐ nita Luisita, Rosita Flora und Fauna Manzanilla, Montaña Mango, Papaya, Pajarito 202 Sandra Issel-Dombert <?page no="203"?> Motivgruppe Makrotoponyme Mikrotoponyme Nachnamen - García, Martínez, Rodrí‐ guez Abstrakta - Alegría, Paz, Suerte Berufe - Banquero, Zapatero Tabelle 1: Motivgruppen spanischer Kolonialtoponyme auf den Philippinen (Mikro- und Makrotoponyme). Eigene Darstellung nach Daten von Quilis/ Casado-Fresnillo (2008, 541-549). Über die von Quilis/ Casado-Fresnillo genannten Motivgruppen hinaus ergänzen Lesho/ Sippola (2018, 325) für spanische Toponyme das Motiv der Beschreibung der Funktion oder Umgebung einer Stadt, wie Tierra Alta ‘Hochland’, das in Noveleta umbenannt wurde. Die von Quilis/ Casado-Fresnillo identifizierten Benennungsmotive (Tab. 1) weisen Kategorien auf, die sich bei Makro- und Mikrotoponymen über‐ schneiden. Dazu gehören Benennungen nach Heiligen (Hagionyme), die laut Herling (2020, 33) ein musterhaftes Motiv bei spanischen Kolonialtoponymen sind. Weitere Gruppen umfassen spanische Städte- oder Regionennamen, die eine kommemorative Funktion innehaben. Außerdem finden sich Personen‐ namen, die - aus Sicht der Kolonialmacht - herausragende Persönlichkeiten würdigen. Eine weitere Gruppe an Toponymen umfasst Vornamen, die v. a. im lateinamerikanischen Raum verbreitet sind. Charakteristisch ist hier der Gebrauch von Diminutiven oder eine Kombination mit Don respektive Doña. Auf den Philippinen lässt sich auch die Feststellung von Stolz/ Warnke (2015, 111) bestätigen, dass Vornamen in Kolonialtoponymen weit verbreitet sind, wenn die imperialen Bestrebungen mit christlicher Mission verknüpft werden. Weitere Motive sind beschreibender Natur und beziehen sich auf natürliche Gegebenheiten der Umwelt (z. B. Manzanilla, Montaña). Die Motive im Bereich der Mikrotoponyme umfassen darüber hinaus noch die Kategorien Nachnamen, Abstrakta und Berufe, außerdem sind zwei- oder mehrgliedrige Toponyme weit verbreitet, wie z.-B. Nueva Era (cf. Quilis/ Casado-Fresnillo 2008, 545-549). Im Bereich der Gebäudenamen (Oikodonyme), Geschäftsnamen (Merk‐ onyme) und Restaurantnamen (Tabernonyme bzw. Gastronyme nach Dufferain- Ottmann 2019) fällt der Grad der Hispanisierung Quilis/ Casado-Fresnillo (2008) zufolge niedriger aus, da Unternehmen oft auf englische Namen zurückgreifen. Sofern es sich um Hispanismen handelt, identifizieren Quilis/ Casado-Fresnillo (2008, 549-550) vier Motivgruppen. Zur ersten Gruppe zählen sie Eigennamen Spanische Kolonialtoponyme auf den Philippinen 203 <?page no="204"?> wie z. B. Angelito Imperio Ofc. oder Don Manolo Bldg. Unter die zweite Gruppe subsumieren sie Namen, die auf die Art der Tätigkeit verweisen, wie z. B. El Arte Filipino, El Hogar Filipino oder El Pollo Loco. Die dritte Motivgruppe enthält casa im Sinne von ‘Industrie- oder Handelshaus’, z. B. Casa de Moda Inc., Casa Flores de Belén, und schließlich andere Namen wie Pan y Pasteles. Bei den von Quilis/ Casado-Fresnillo (2008, 549-550) genannten Oikodonymen und Tabernonymen sind zahlreiche Belege zu verzeichnen, in denen Spanisch und Englisch kombiniert werden, z. B. Padilla de los Reyes Building; Casa de Vinos wines & liquors; Casa Linda Bookshop; Nuestro Rincón Trading. Im Bereich der Merkonyme und Tabernonyme entstehen bis heute auch neue spanische bzw. hispanisierte Namen. Insbesondere im Stadtteil Intramuros in Manila lässt sich die Tendenz beobachten, dass diverse gastronomische Betriebe und weitere Firmen aus spanischen respektive hispanisierten Namen schöpfen, um ihre Unternehmen zu benennen. Diese Tendenz ist - wie Eigentümer: innen bzw. Betreiber: innen in narrativen Interviews berichten - mit sog. heritage tourism erklärbar (cf. Issel-Dombert 2024, 151-158). 4.2.3 Serielle Strukturtypen In struktureller Hinsicht weisen spanische Toponyme auf den Philippinen unter‐ schiedliche Konstruktionstypen auf. Hagionyme haben eine für Kolonialtoponyme charakteristische binäre Struktur (z. B. San Francisco), die sich nicht nur auf Namen in Kontexten der Kolonialen Romania beschränkt (cf. Herling 2020, 45-46). Weitere Konstruktionstypen bestehen in der Kombination aus Artikel und Nomen, z. B. Las Piñas, Possesivkonstruktionen mit de wie in barrio de oder adjektivische Konstruktionen wie z.-B. Cavite Viejo (cf. Lesho/ Sippola 2018, 324). Unter morphologischen Gesichtspunkten heben Quilis/ Casado-Fresnillo (2008, 551-552) den Gebrauch von Diminutiven - wie bspw. in Cielito, Sampaguita, Zamboanguita - in spanischen und autochthonen Toponymen hervor, ein Phä‐ nomen, das im Gegensatz zu Spanien ebenfalls in Lateinamerika auftritt. Ohne eine Einordnung des Phänomens in die sprachliche superdiversity der Philippinen weisen Quilis/ Casado-Fresnillo (2008) außerdem noch auf zahlreiche mehrsprachige Formen hin, bei denen das Toponym eine spanische und englische respektive autochthone Komponente aufweist wie in New Burgos oder Cayagán de Oro. Im Hinblick auf musterhafte strukturelle Merkmale spanischer Toponyme auf den Philippinen stellen Quilis/ Casado-Fresnillo (2008, 550-552) fest, dass die spanische Orthographie häufig erhalten bleibt. Ausnahmen liegen aufgrund des seseo vor und führen zu Schreibungen wie beispielsweise Velasquez Street. In Metro Manila finden sich bis heute auch noch konkurrierende Schreibungen 204 Sandra Issel-Dombert <?page no="205"?> mit <s> und <z>, wie bei folgenden Straßennamen (cf. Abb. 1 und Abb. 2, aufgenommen 2022 und 2023 im Stadtteil Intramuros, Manila): Die Schreibung mit <z> überwiegt jedoch und wird auch in gleichnamigen Straßen, Gebäuden, Parks etc. in anderen Teilen Metro Manilas, wie etwa im Finanzzentrum Makati City verwendet (cf. Issel-Dombert 2024, 150-151). 4.2.4 Umbenennungs- und Tilgungspraktiken im Kontext der (post)kolonialen philippinischen Mehrsprachigkeit Nach dem Ende der Kolonialzeit kam und kommt es auch immer wieder zu Umbenennungen von Toponymen auf den Philippinen. Ein Faktor, der Tilgungs- und Umbenennungspraktiken von Toponymen auf den Philippinen beeinflusst, sind administrativ-politische Umbrüche im Kontext von Machtwechseln zwi‐ schen verschiedenen Kolonialmächten. In Issel-Dombert (2024) gehe ich anhand der Archivbestände der Intramuros Administration den Umbenennungsprak‐ tiken eines Platzes in Intramuros, dem ehemaligen Hauptsitz der spanischen Ko‐ lonialmacht, nach: Der wichtigste Platz des Viertels wurde von der spanischen Kolonialmacht mit dem Exonym Plaza Mayor benannt. Bereits im Jahr 1901 erfolgte eine Umbenennung nach dem damaligen amtierenden US-Präsidenten in Plaza McKinley. Während der japanischen Besatzungszeit erhielt der Platz den Namen Plaza Malaki (tag. ‘groß’), bevor nach dem Ende der japanischen Besatzung eine Rückkehr zum amerikanischen Exonym erfolgte. Im Jahr 1960 wurde der heutige Name, Plaza Roma, zur Würdigung eines philippinischen Kardinals vergeben (cf. Archives of the Intramuros Administration s. a.). Bei Umbenennungspraktiken spanischer Kolonialtoponyme auf den Philip‐ pinen ist außerdem der Faktor Makrovs. Mikrotoponyme von Relevanz. Anhand einer quantitativen Auswertung der Roadmap of the Philippines aus dem Jahr 1995 zeigen Quilis/ Casado-Fresnillo (2008, 538) einen hohen Anteil an Namen spanischer Provenienz im kleinräumigen Bereich auf der Ebene von Mikroto‐ ponymen, z. B. bei sog. Hodobzw. Dromonymen (Wege- und Platznamen). Dieser Trend setzt sich auch in den Bereichen villages (42,53 %), barangays - der Spanische Kolonialtoponyme auf den Philippinen 205 <?page no="206"?> 7 Für den Zeitraum von 1734 bis 2001 untersuchen sie Praktiken der Ortsnamenbenennung am Beispiel der philippinischen Verwaltungs-, Militär- und Handelszentren Manila und der Provinz Cavite, in dessen Hafen die sog. Manila-Galeonen anlegten. Der Innovationsgehalt ihrer Untersuchung ist doppelter Natur. Erstens berücksichtigen sie über das Spanische hinaus das Zusammenspiel der komplexen mehrsprachigen Situation der Region und zweitens wählen sie einen diachronen statt synchronen Zuschnitt ihrer Untersuchung, sodass Rückschlüsse auf Änderungen im Bereich der Benennungspraktiken gezogen werden können. kleinsten philippinischen Verwaltungseinheit, die einem Dorf, Stadt- oder Ortsteil ähnelt (cf. Quilis/ Casado-Fresnillo 2008, 537) - mit 38,46% und barrios mit 34,45% fort. Die Tendenz zu spanischen Namen nimmt ab, wenn man die Perspektive von der Mikroauf die Makrotoponymie verschiebt: Je größer die betrachtete Verwaltungseinheit ist, desto stärker nehmen Namen spanischer Herkunft ab. Namen von Provinzhauptstädten sind zu 22,36% und von Provinzen zu 18,42% spanischsprachig (cf. Quilis/ Casado-Fresnillo 2008, 538). Für die von Lesho/ Sippola (2018, 326) diachron und synchron untersuchten Gebiete Manila und Cavite halten die Autorinnen fest, dass sowohl die Beibehaltung von Namen als auch Umbenennungen in etwa gleichem Maße auftreten. Es kommt außerdem noch immer zur Rückkehr zu älteren Namen und zur Verwendung philippinischer Namen neben englischen Namen für Siedlungen (cf. Lesho/ Sippola 2018, 328-329). Weiterhin halten Lesho/ Sippola (2018, 323) für die von ihnen untersuchten Toponyme 7 im Bereich der Siedlungsnamen fest, dass etwas weniger als ein Drittel auf Tagalog und damit auf Endonyme (Eigenbezeichnungen) entfallen. Ein weiteres Drittel geht zurück auf Exonyme, d. h. auf Fremdbezeichnungen der spanischen Kolonialmacht, und bei dem übrigen Drittel handelt es sich um mehrsprachige Formen. Hier finden sich die Kombinationen Tagalog-Spanisch (z. B. Pedro Macati), Tagalog-Englisch (z. B. Makati City) und Spanisch-Englisch (z. B. Quezon City). Bei Inselnamen sind sogar zwei Drittel der Namen spanischer Herkunft. Andere Sprachen, die v. a. während der Kolonialzeit verbreitet waren - wie etwa die von der chinesisch und chinesisch-philippinischen Bevölkerung gesprochene Sprache Hokkien - haben fast keinen Niederschlag in der Benennung von Orten gefunden (cf. Lesho/ Sippola 2018, 323). Lesho/ Sippola (2018, 323) deuten den großen Anteil der bis heute erhalten gebliebenen spanischen Namen als hohe Akzeptanz innerhalb der philippinischen Bevölkerung. Das wohl überraschendste Ergebnis ist der verhältnismäßig geringe Ein‐ fluss des Englischen auf philippinische Toponyme. Sie sind eher im Bereich von Mikrotoponymen, z. B. in barangays wie Fairview in Quezon City zu finden; spanische und tagalische Ortsnamen überwiegen jedoch noch immer. Darüber hinaus finden sich englische Exonyme als Geo-Klassifikatoren wie z. B. City ‘Stadt’ oder Municipality ‘Gemeinde’ in mehrsprachigen Ortsnamen. 206 Sandra Issel-Dombert <?page no="207"?> Solche mehrsprachigen Toponyme sind vor dem Hintergrund der alltäglichen Mehrsprachigkeit von Filipinos und Filipinas und damit einhergehender sprach‐ licher Praktiken wie code-switching zu sehen (cf. Lesho/ Sippola 2018, 326). Die Umbenennung von Toponymen ordnen Lesho/ Sippola (2018) außerdem in Prozesse der Identitätsbildung der Philippinen ein und sehen eine allmähliche Verschiebung von einer lokalen zur nationalen Identität. Aufschlussreich wäre noch eine Untersuchung, nach welchen weiteren Mustern Kolonialtoponyme auf den Philippinen beibehalten respektive ersetzt werden. Hier ist ein weiterer Blick in die sog. Vergleichende Kolonialtopono‐ mastik (cf. Stolz/ Warnke 2016) erkenntnisstiftend: Stolz/ Warnke (2016) sehen es als entscheidendes Kriterium an, ob es sich um Oikonyme (besiedelt) oder um Anoikonyme (unbesiedelt) handelt. Oikonyme werden tendenziell bei Prozessen der Kolonialisierung sowie der Dekolonialisierung eher umbenannt als Anoi‐ konyme, da erstere eine größere soziale Bedeutung innehaben und Machthaber regelmäßig(er) mit ihnen in Kontakt kommen (cf. Stolz/ Warnke 2016, 49-50). 4.3 Spanische Kolonialtoponyme aus diskurslinguistischer Perspektive 4.3.1 Fragestellungen und Datenbasis zur Untersuchung öffentlicher Tilgungs- und Umbenennungsdiskurse Umbenennungspraktiken nach dem faktischen Ende der Kolonialisierung der Philippinen werden z. T. im öffentlichen Raum sichtbar. Davon zeugt z. B. folgendes Straßenschild (Abb. 3) aus dem Stadtteil Ermita in der philippinischen Hauptstadt, dass ich während meiner Feldforschung im März-April 2022 aufgenommen habe: Abb. 3: Straßennamen und ihr Wandel im Stadtteil Ermita in Metro Manila Spanische Kolonialtoponyme auf den Philippinen 207 <?page no="208"?> Unterhalb des neuen Namens Arsenio Cruz-Herrera, benannt nach einem Poli‐ tiker, der als erster philippinischer Bürgermeister von Manila gilt, ist noch der alte Straßenname mit formerly Arquiza Street vermerkt. Funktional schafft der Verweis auf den früheren Namen eine identifizierende und orientierende Hilfe. Umbenennungen von Toponymen auf den Philippinen bedeuten nicht au‐ tomatisch, dass der präkoloniale Name wieder angenommen wird (cf. Lesho/ Sippola 2018, 326). Vielmehr werden Tilgungs- und Umbenennungspraktiken von (kolonialen) Toponymen ausgehandelt, sodass sie in politischen Diskursen auf administrativer Ebene greifbar werden (cf. Calderón 2022, 55, Fußnote 8). Darüber hinaus werden Vergabepraktiken von Umbenennungen und die damit einhergehenden Argumentationen auch in öffentlichen, medialen Diskursen diskutiert. Damit eröffnen sich auch diskurslinguistische Analyseperspektiven auf Umbenennungsprozesse von Kolonialtoponymen. Dieser analytische Zu‐ gang ist in der romanischen Sprachwissenschaft bislang kaum verankert (cf. Calderón 2022, 54; Carvalhinhos/ Lima Hernandes 2022). Das Desiderat besteht darüber hinaus auch für weitere Sprachräume über die Koloniale Romania hinaus sowie für weitere sprachwissenschaftliche Disziplinen wie etwa die Germanistische Sprachwissenschaft (cf. Mühlan-Meyer 2021, 246), in der die Kolonialtoponomastik in den letzten zehn Jahren vielfältige und richtungsweise Impulse erfahren hat. Das epistemologische Potential diskurslinguistischer Untersuchungen zu toponymischen Tilgungs- und Umbenennungsdiskursen liegt auf den Ebenen der Produktion und der Rezeption (zur Rezeption cf. auch Calderón 2022, 60). Politisch-administrative Diskurse eröffnen eine top-down-Perspektive und öffentliche Diskurse schließen die bottom-up-Perspektive mit ein. In argumen‐ tativen Aushandlungsprozessen der Tilgungs- und Umbennungsdiskurse auf diesen Ebenen werden Wissensbestände, aber auch vorherrschende Argumen‐ tationsmuster und (Sprach)Ideologien vermittelt (cf. Mühlan-Meyer 2021, 246): Über diskurslinguistische Methoden lassen sich Argumentationsmuster innerhalb solcher Debatten ermitteln, die Erkenntnisse über kollektiv geteiltes Denken und deren Aushandlung geben. Es kann untersucht werden, wie AkteurInnen Geltungs‐ ansprüche erheben und wie sie Fragen über den Umgang mit der Umbenennung kolonial motivierter Straßen- und Denkmalnamen im öffentlichen Raum klären wollen. (Mühlan-Meyer 2021, 246) Um eine diskurslinguistische Analyse für (spanische) Kolonialtoponyme auf den Philippinen fruchtbar zu machen, stehen folgende Fragestellungen im Mittelpunkt der Untersuchung: 208 Sandra Issel-Dombert <?page no="209"?> 8 Topos verwende ich in Anlehnung an Wengeler (2003), der von einem dreiteiligen Schema von Argumentationsmustern bestehend aus einem Argument, einer Konklu‐ sion und einer Schlussregel ausgeht. 1. An welchen Orten - im Raum der ehemaligen Kolonie und im Raum der ehemaligen Kolonialmacht - wird über Umbenennungen diskutiert? 2. Mit welchen Argumentationsmustern (Topoi) 8 werden Umbenennungen bzw. die Beibehaltung von Namen argumentativ ausgehandelt? Zur Untersuchung der Fragestellungen habe ich ein Korpus mit Pressetexten - um ein breiteres Spektrum öffentlicher Diskurse verschiedener Diskursak‐ teur: innen und Diskurspositionen aus bottom-up-Perspektive abdecken zu können - mit der Datenbank lexisnexis zusammengestellt. Da in der Domäne der philippinischen Medien keine spanischsprachigen Medien mehr produziert werden, sondern Englisch gemeinsam mit der ko-offiziellen Sprache Filipino dominiert, wurde als Suchanfrage „street AND names AND Philippines“ formu‐ liert, um über diese Schlüsselwörter sicherzustellen, dass sich der öffentliche Diskurs auf die Philippinen bezieht. Außerdem wurde die spanische Suchan‐ frage „calles AND nombre AND filipin*“ berücksichtigt, um über öffentliche Tilgungs- und Umbennungsdiskurse, die sich auf die Philippinen beziehen, auch entsprechende öffentliche Diskurse aus Spanien in die diskurslinguistische Analyse miteinbeziehen zu können. Zur Auswertung des Korpus im Hinblick auf die o. g. zwei Fragestellungen habe ich das Korpus qualitativ gesichtet, weil Argumentationsmuster auf der sprachlichen Oberfläche formal heterogen versprachlicht werden. Als erstes Ergebnis im Hinblick auf Fragestellung 1 lässt sich festhalten, dass Tilgungen und Umbenennungen von Toponymen auf den Philippinen sowohl in öffentlichen Diskursen auf den Philippinen als auch in Spanien thematisiert und ausgehandelt werden. Auf den Philippinen wird das Thema nicht nur in der Hauptstadtregion diskutiert, sondern auch in verschiedenen Lokalzeitungen aufgegriffen. Fragestellung 2 diskutiere ich zuerst in Bezug auf den philippinischen und dann in Bezug auf den spanischen Diskurs. 4.3.2 Diskurse über Umbenennungen von Kolonialtoponymen auf den Philippinen In meinungsbezogenen Kommentaren beteiligen sich vor allem Akteur: innen, die sich in erster Linie gegen Tilgungen und Umbenennungen von Toponymen einsetzen. Am häufigsten wird in diesem Zusammenhang auf eine Argumen‐ tation zurückgegriffen, die Kolonialtoponyme als nationales Erbe mit einer gesellschaftlich kohäsiven Funktion im Sinne des nation buildings einordnet: Spanische Kolonialtoponyme auf den Philippinen 209 <?page no="210"?> (1) Like old buildings and structures, old names of streets and public places are part of historical heritage. […] Unfortunately, many of our old street names have been changed. Renaming also appears to promote political and personal agendas as some public places have been renamed after politicians and public officials. The result is a country that is erasing its historical heritage. In Manila, the renaming of streets has been done often in complete disregard of their historical significance. Take the historic Manila streets like the Escolta and Dasmariñas in Binondo. The name Escolta was inspired by the Spanish word „escortar“, meaning to escort. The British commanding general passed through this street under heavy escort on his way to hand over Manila back to the Spaniards after Britain’s 20-month occupation of the city in 1762 to 1764. […] Other streets were named because of the trades and occupations that were once practiced there. Thus, Anloague was once a place of carpenters; Fundidor, the place of the foundry workers; Jaboneros, the place of the soap makers; Panaderos, the place of the bakers; and Labanderos, the place of the laundrymen. […] Arroceros on the south bank of the Pasig River was where the rice warehouses were located. Aduana was where the Spanish customs house once stood. There used to be a street in Binondo called Fumadores. This was the street were opium joints were allowed by the Spanish colonial authorities, opium smoking being legally confined only to the Chinese. […] Some streets in Sampaloc extolled the civic and moral virtues. Among these were Economia, meaning thrift and Trabajo, industry. The two streets adjoined each other and the location of the Trabajo Market in their midst made the names very appropriate. They seemed to have been meant to inspire those who were earning a living in the area. […] By changing the names of the country’s historic streets, we are erasing an important part of our heritage. The indiscriminate renaming of streets and other public places must stop if we are to protect our heritage. Our political authorities should consider restoring the old but historic names. (De Viana, Augusto 2007) Argumentiert wird in (1) mit einem Gegensatztopos (cf. Wengeler 2003, 273), der Handlungsalternativen aufzeigt. Ihm liegt die folgende Schlussregel zu‐ grunde: Weil Namen Teil des historischen nationalen Erbes sind, sollten nicht zeitgenössische Politiker: innen gewürdigt werden, sondern durch die Beibehaltung respektive Wiederherstellung von Kolonialtoponymen die nationale Geschichte bewahrt werden. Verstärkt wird die Argumentation durch einen Beispiel-Topos, mit dem exemplarisch Wissensbestände zu Motivationen einiger Straßennamen aus der spanischen Kolonialzeit genannt werden. Berücksichtigt wird dabei ein breites Spektrum an semantischen Motivgruppen wie z. B. Berufe. Außerdem wird auf die semantische Motivgruppe der Abstrakta verwiesen, welche Werte und Ideologien (der Kolonialmacht) vermitteln. Eine weitere im Beispieltopos genannte semantische Motivgruppe ist sprachbezogener Natur und bezieht sich 210 Sandra Issel-Dombert <?page no="211"?> auf die Motivation des Straßennamens, der auf das spanische Verb escoltar zurückgeht und durch ein aus Sicht der Kolonialmacht herausragendes Ereignis motiviert ist. Insgesamt rückt die Argumentation ein nation building auf Basis der kolo‐ nialen Vergangenheit in den Vordergrund. Mit einem inkludierenden Wir (cf. Mühlan-Meyer 2021, 252) in „many of our old street names“ und „if we are to protect our heritage“ etc. wird an Rezipient: innen appelliert und eine gesamt‐ gesellschaftliche Bedeutung der Argumentation suggeriert. Mit „Our political authorities should consider“ werden abschließend Handlungsempfehlungen formuliert und gegen Umbenennungen plädiert. Umbenennungsprozesse beziehen sich nicht (nur) auf exogene Kolonialtopo‐ nyme spanischer, amerikanischer oder japanischer Provenienz. In Beleg (2) wird generell gegen Umbenennungen von Toponymen argumentiert: (2) The battlefield of memory and history lies not just in our currency, but also in the incessant naming and renaming of streets. In my notes, I have a long list of history by legislation, beginning with Commonwealth Act No. 335 (1938): „To perpetuate the memory of the late Hon. Pedro Guevara, a former Resident Commissioner in the United States, a street called ‚Mangahan‘ in the district of Santa Cruz, City of Manila, which name does not awaken any recollection in the mind of the Filipino people, shall hereafter be known as Pedro Guevara Street.“ One would think that Mangahan referred to a place that had many mango trees. Centuries later when the area would have been completely urbanized and covered in concrete, even with all the mango trees gone, the original name would have reminded us of what it was and what it had become. […] I often expressed the opinion that all street names 50 years or older should be considered „sanctified by usage“ and therefore difficult to change. […] Street names are more than markers of history. They are like history—silent reminders of what we were, and usually an indictment of what we have become. (Ocampo 2021) Die Argumentation in Beleg (2) weist einen höheren Grad an Expressivität und emotionaler Aufladung auf, weil Umbenennungen und ihre Aushandlungspro‐ zesse metaphorisch an den konzeptionellen Bereich Krieg respektive Kampf um Namen angebunden werden („the battlefield of memory and history“). Gleichzeitig wird in Beleg (2) deutlich, dass sich der Diskurs zu Umbenennungen nicht nur auf Kolonialtoponyme bezieht, sondern auch tagalische Toponyme einschließt. Die Argumentation, die aus top-down-Perspektive im zitierten Gesetz (Commonwealth Act No. 335) verwendet wird, rückt die semantische Opazität der Namensmotivation in den Mittelpunkt, um eine Umbenennung zu rechtfertigen. Spanische Kolonialtoponyme auf den Philippinen 211 <?page no="212"?> Mit einer sprachbezogenen Argumentation - Straßennamen sollten sich am Sprachgebrauch und damit an der Akzeptanz von Sprecher: innen orientieren - wird eine Beibehaltung von Namen als Handlungsempfehlung formuliert („sanctified by usage“). Ähnlich wie bereits in Beleg (1) wird auch in Beleg (2) mit einem inkludierenden Wir an ein nation building auf Basis einer gemeinsamen Vergangenheit und Zukunft appelliert („silent reminders of what we were, and usually an indictment of what we have become“). Über stark meinungsbezogene Kommentare wie in (1) und (2) hinaus werden auch Argumente für und gegen Umbenennungen in öffentlichen Diskursen gegeneinander abgewogen, wie etwa in einem Bericht aus einer südphilippi‐ nischen Zeitung, in dem unterschiedliche Standpunkte zu Vorschlägen einer Umbenennung von Straßennamen für die Stadt General Santos City (GenSan) in Mindanao thematisiert werden: (3) A proposed ordinance wants to change Bayabas St. in General Santos City to Katherine Town Northern Territory St. in honor of this Australian city, which has sisterhood ties with GenSan. Among the proposed street names are Yong-In City, Korea to replace Pina Street and Adelaide City, Australia to replace Chico Street in barangay Dadiangas North in this city. „Karambola! Sobrang nakakalito ang ganyan. (Chaotic! That would be absolutely confusing)“, protested a tricycle driver. […] „The proposal has been there for a time, I just inherited it“, said Bagonoc, who recently assumed the City Council’s Committee on Tourism. Told about antagonistic reactions by residents on the proposal, the veteran councilor said it is still best that the matter be presented to the City Council for deliberation and scrutiny „to see its advantages and disadvantages.“ She said the renaming of the streets is in keeping with the thrust of the current city administration to pursue sisterhood ties among various cities which will have economic gains for the city. (Rebollido 2022) In (3) werden Argumente aus einer bottom-up-Perspektive (Anwohner: innen) mit einer top-down-Perspektive (eine Stadträtin aus dem lokalen Tourismus‐ ausschuss) kontrastiert. Während aus bottom-up-Sicht auf die orientierende Funktion von Toponymen referenziert wird, wird aus top-down-Perspektive mit einem Finanzstopos auf einen monetären Mehrwert durch eine Vertiefung internationaler Beziehungen verwiesen. Die semantische Motivgruppe für die Umbenennungsvorschläge hat eine kommemorative Funktion, da die neuen vorgeschlagenen Toponyme internationale Partnerstädte würdigen. 212 Sandra Issel-Dombert <?page no="213"?> 4.3.3 Diskurse über Umbenennungen von Kolonialtoponymen der Philippinen in Spanien Wie in einigen anderen ehemaligen asiatischen und afrikanischen Kolonien bereits umgesetzt, wird auch eine Umbenennung der Philippinen diskutiert, da auch das Choronym Las Islas Filipinas ein Resultat der spanischen Kolonia‐ lisierung ist. Auch in der spanischen Berichterstattung wurde diese Debatte von verschiedenen Medien aufgegriffen, in deren Mittelpunkt der Vorschlag einer Umbenennung der Philippinen in Maharlika steht. Die Bedeutung von Maharlika wird in der Zeitung La Vanguardia als strittig präsentiert: (4) El presidente filipino ha expresado recientemente en dos ocasiones que quiere rebautizar el país y ha sugerido Maharlika, un término malayo que supues‐ tamente alude a esas civilizaciones feudales prehispánicas y que significa „nobleza“, aunque no hay unanimidad sobre su interpretación correcta. […] [E]l escritor e hispanista filipino Guillermo Gómez Rivera señala que la traducción de Maharlika como „nobleza“ fue una manipulación de Marcos y que su verdadero significado es „dueño de esclavos“; aunque otras versiones lo interpretan como „hombre libre“, „serenidad“ o „paz“. (Gómez Armas 2019) Um die Deutungshoheit einer korrekten Übersetzung wird mithilfe eines Au‐ toritätstopos gerungen. Mit einem Autoritätstopos wird zur argumentativen Verstärkung einer Position ein: e Expert: in zu Rate gezogen. Ihm liegt die Schlussregel zugrunde: Weil eine anerkannte Autorität einer bestimmten Hand‐ lung befürwortend/ ablehnend gegenübersteht, sollte diese ausgeführt/ nicht ausge‐ führt werden (cf. Wengeler 2003, 268). 5 Fazit Auch 125 Jahre nach dem faktischen Ende der spanischen Kolonialisierung der Philippinen sind bis heute noch sprachliche Spuren des Spanischen auf dem philippinischen Archipel erhalten geblieben. Am sichtbarsten werden diese im Bereich der Anthroponyme und Toponyme, die im Mittelpunkt des Artikels standen. In Zusammenschau lassen sich folgende Tendenzen feststellen: Im Bereich der Anthroponyme zeigt sich, dass spanische Nachnamen erst im Jahr 1848 - rund 50 Jahre vor dem Ende der spanischen Kolonialzeit und damit vergleichsweise spät - obligatorisch und vererbbar eingeführt wurden. Während durch das Prinzip der Vererbung von Nachnamen bis heute die große Mehrheit der philippinischen Nachnamen spanischer Herkunft sind, nimmt im Gegensatz dazu der Anteil spanischer Vornamen zunehmend insbesondere zugunsten englischer Vornamen ab. Spanische Kolonialtoponyme auf den Philippinen 213 <?page no="214"?> Im Bereich der Toponyme erfolgte bereits zu Beginn der spanischen Kolo‐ nialisierung ein place-making mithilfe der Einführung exogener, spanischer Kolonialtoponyme. Bei kolonialen Vergabepraktiken standen sowohl auf Ebene der Mikro- und Makronyme insbesondere Hagionyme, spanische und latein‐ amerikanische Toponyme, herausragende Persönlichkeiten aus Sicht der Kolo‐ nialmacht, Vornamen sowie Flora und Fauna im Mittelpunkt. Bis heute kommt es immer wieder zu Umbenennungen von Toponymen. Diese werden im öffentlichen Raum sichtbar gemacht und im öffentlichen Dis‐ kurs auch ausgehandelt. Eine Diskussion erfolgt nicht nur auf den Philippinen, sondern auch in Spanien. Im Bereich der philippinischen Medienberichterstat‐ tung fällt auf, dass dekoloniale Argumentationen im Zuge von Tilgungen oder Umbenennungen von Ortsnamen kaum verwendet werden. Stattdessen werden vor allem kommemorative Vergabepraktiken kritisiert, die darauf abheben, zeitgenössische philippinische Politiker: innen zu würdigen. Darüber hinaus zeigt sich außerdem im philippinischen Diskurs, dass nicht nur Kolonialto‐ ponyme umbenannt werden, sondern auch autochthone Toponyme. Je nach Position der Diskursakteur: innen - die zu Wort kommen - variieren inhaltliche Argumentationen. Immer wieder werden sowohl auf top-down als auch auf bottom-up-Perspektive sprachbezogene Argumentationen zum Erhalt bzw. zur Befürwortung einer Umbenennung verwendet. Sprachideologische Positionen zeichnen sich dagegen nicht ab. Für die Romanische Sprachwissenschaft eröffnet eine diskurslinguistische Analyse von Kolonialtoponymen eine weitere epistemologische Perspektive: Diskurse respektive die Abwesenheit von Diskursen zu Kolonialtoponymen, in denen Umbenennungen, Tilgungen und Vergabepraktiken thematisiert und ausgehandelt werden, lassen Rückschlüsse auf Aufarbeitungsprozesse und den Umgang mit Kolonialisierungsprozessen sowie auf Machtgefüge zu, da über die sprachliche Benennung nicht nur Orte hergestellt werden, sondern auch (Sprach-)Politik betrieben wird. Bibliographie Korpus Lexisnexis (s. a.): http: / / www.nexis.com/ (19.03.2023). 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Und während in anderen kolonialen Kontexten die einheimische Bevölkerung aus Protest oder Missgunst vereinfachte Idiome auf der Grundlage der Kolonialsprache schuf, zeigt die linguistische Entwicklung am Horn von Afrika vielmehr, dass es die Italiener waren, die eine pidginisierte Variante hervorbrachten. Schlagworte: Italienisch, Afrika, Kolonialisierung, pidginisierte Varietät, Italianismus, indigenous talk Abstract Africa is one of the least studied areas of the world in relation to the Italian language. Unlike the contexts of Italian emigration abroad, very little research focuses attention on the colonial linguistic dynamics of the Italian presence in Africa in past eras. In an attempt to fill this gap, this contribution aims to trace the evolutionary stages related to the spread of Italian in Africa before and during the colonial period. The research shows that while in the precolonial period the Italian language played a prestigious role, in the colonial context it took on the profile of an imposed language. And while in other colonial contexts it was the indigenous <?page no="222"?> population, out of protest or ill will, that created simplified idioms based on the language of the colonizers, Italy’s linguistic experience in the Horn of Africa reveals instead that it was the Italians who created a pidginized variety. Keywords: Italian language, Africa, colonization, pidginized variety, italia‐ nism, indigenous talk 1 Introduzione La penetrazione della lingua italiana nel Corno d’Africa durante il periodo coloniale, considerata dagli storici “tra i lasciti più significativi nei territori delle colonie”, fu alquanto limitata (Trivulzi 1979, 119). E per Labanca (2007, 473) “sarebbe un errore coloniale interpretare la storia postcoloniale delle popolazioni, dei territori, degli Stati usciti dalla dominazione italiana soltanto o prevalentemente alla luce della storia del colonialismo italiano”. Per questo motivo, Ricci (2005, 17) osserva che ci sarebbe invece spazio “per una riflessione anche dal punto di vista della storia della lingua, per un’analisi che privilegi cioè modi e forme della comunicazione […] nell’età del colonialismo italiano”. Se, come nota Labanca (2007, 473), “la lingua italiana è assai poco diffusa oggi fra gli eredi dei sudditi dell’Oltremare, persino nelle loro classi dirigenti”, è opportuno indagare sull’eredità linguistica italiana lasciata nel Corno d’Africa. Vedovelli (2002) conferma questa idea quando sottolinea che senza le radici della storia linguistica italiana non si può capire e interpretare le sue tendenze. È opportuno sottolineare che la lingua si è diffusa in Africa, e non solo nel Corno d’Africa, sin dal Medioevo sulla spinta di un doppio volano: il commercio e la cultura. Nei secoli XII-XV dapprima i mercanti delle città costiere (Pisa, Venezia), poi i colleghi fiorentini e lombardi conquistarono gradualmente l’egemonia economica e commerciale sia in parte dell’Europa continentale sia nel bacino del Mediterraneo” (Palermo, 2015, 263). Il contributo si propone pertanto di ripercorrere succintamente la diffusione dell’italiano nel periodo (pre)coloniale nel Nord Africa e nel Corno d’Africa. Il contributo riprende alcune considerazioni già discusse in Siebetcheu (2018; 2021). 2 La lingua italiana nel Nord Africa durante il periodo precoloniale Nel tardo Medio Evo l’italiano svolse nel Mediterraneo questo ruolo [di lingua intermediaria o veicolare tra altre due lingue] e fino all’inizio del XIX secolo continuò ad essere la lingua europea più diffusa nella regione (Lewis 1999, cit. 222 Raymond Siebetcheu <?page no="223"?> in Bruni 2013, 214). Palermo (2015, 265) aggiunge che “all’inizio dell’Ottocento Lord Byron osservava che l’italiano aveva in Grecia e in Albania la stessa funzione veicolare del francese nell’Europa centroccidentale. E una situazione analoga riguardava i paesi musulmani del Nordafrica”. Questa idea è confermata da Bruni (2013) che ricorda che il profilo sintetico dell’Italia dialettale, pubblicato nell’ Archivio glottologico italiano del 1883, comincia così: La lingua italiana è il linguaggio della cultura in tutto lo Stato italiano secondo gli attuali suoi confini, e pur di alcune parti del territorio svizzero (Canton Ticino e qualche tratto de’ Grigioni) e dell’austriaco (il Trentino, il Goriziano, l’Istria con Trieste, e la Costa dalmatica), senza dire delle isole di Corsica e di Malta. Pur nelle isole Jonie, negli Scali del Levante, in Egitto, e nella Tunisia in specie, l’antica tradizione dei commerci e l’abbondanza delle colonie italiane mantengono vivo ed esteso l’uso di cotesto linguaggio letterario. (Bruni 2013, 214) La testimonianza di Battignani (1911, 1026-1027, cit. in Ricci 2005) conferma il valore, il prestigio e la diffusione dell’italiano lungo le coste del Mediterraneo. Così avvenne che fino a non molto tempo fa, in quasi tutte le città marittime del Mediterraneo settentrionale ed orientale, la lingua comune per gli stranieri e per gli indigeni, nei loro rapporti di affari, fosse l’italiana; in italiano si tenevano i registri contabili e la corrispondenza commerciale; in italiano si discuteva nei tribunali; in italiano si ordinavano i casellari dei consolari persino di Francia, di Spagna e d’Inghilterra; italiana era la lingua della diplomazia levantina. […] Chiunque abbia per poco visitato la Tunisia, la Tripolitania, l’Egitto […] avrà trovato sicuramente le tracce di questo lavoro fecondo di propagazione della nostra lingua, fatto, nel corso dei secoli, dagli emigrati italiani; ed avrà incontrato commercianti, industriali, professionisti, pubblici ufficiali, indigeni e forestieri, che l’italiano ben comprendevano e con palese soddisfazione e con mirabile scioltezza parlavano. E l’uso della lingua era, anche allora, l’indice della prosperità dei commerci. È risaputo che in tutto il Levante non si conosceva quasi altro porto che quello di Livorno e Napoli, dove facevano capo tutti i prodotti delle regioni d’Africa […]. Se la parola “rhumi” voleva dire, nel linguaggio degli indigeni, “cristiano”, la parola “ghorni” cioè “livornese” serviva ad indicare ogni Europeo; e se nel primo nome si dava un significato quasi ostile, il secondo indicava simpatia e rispetto. (Ricci 2005, 168) Queste testimonianze dimostrano che prima del periodo coloniale, l’italiano è stato per lungo tempo considerato l’idioma di riferimento in vari paesi costituendo così il patrimonio linguistico dell’area mediterranea. In realtà, l’emigrazione (elitaria, intellettuale ed esulare) di quel periodo si rivelò decisiva anche nell’affermazione e nella condivisione dei valori linguistici ed educativi La lingua italiana in Africa in epoca (pre)coloniale 223 <?page no="224"?> di queste élite attraverso la costruzione di scuole, associazioni, come i comitati Dante Alighieri, le testate giornalistiche, i teatri, le tipografie e altre istituzioni. Triulzi (1979,158) conferma che nel periodo precoloniale l’emigrazione di tipo elitaria degli italiani nel Nord Africa agevolò la diffusione dell’italiano sul territorio. Egli sostiene, ad esempio, che in Tunisia i livornesi, che parlavano spagnolo e portoghese in famiglia, italiano con i livornesi e arabo con la gente del posto, svolsero un ruolo sociale, economico e politico cruciale, stabilendo forti legami con il bey e facendo dell’italiano l’idioma ufficiale degli europei lì presenti e la lingua franca del paese. 2.1 L’italiano in Egitto In Egitto l’italiano era la lingua franca negli anni centrali del 19° secolo, anche se dopo il 1882 l’imposizione del protettorato britannico emarginò il ruolo dei tecnici e amministratori italiani, erodendo anche il primato dell’italiano (Bruni, 2013). L’importanza della nostra lingua era tale che in Algeria, come ricorda Cortese (2012, 27), gli esuli politici italiani, in attesa di trovare un impiego stabile, impartirono lezioni di italiano. Degna di nota è la realizzazione della prima rete postale moderna in Egitto, fondata nel 1820 ad opera del livornese Carlo Meratti. “Il nuovo sistema postale fu chiamato Posta Europea e gestito in lingua italiana, capace di operare in maniera scrupolosa sia all’interno che all’esterno dell’Egitto” (Abselsayed 2016, 420). El Beih (2019, 206) aggiunge che: La diffusione della lingua italiana nella società egiziana otto-novecentesca era dunque basata essenzialmente sull’integrazione e sulla reale presenza in Egitto della cultura italiana. L’italiano era la lingua ufficiale del governo egiziano ma, contemporanea‐ mente, anche uno strumento di espressione culturale intellettuale e letteraria, come testimoniano le opere scritte dagli italiani che vivevano in Egitto. L’italiano rimase così lingua ufficiale in Egitto fino al 1876, dimostrazione, questa, dell’influenza positiva dell’imprenditoria italiana in questo paese. Sur‐ dich (2002, 190) conferma appunto che “la lingua italiana si diffuse fino a diventare la seconda lingua del paese - come dimostrano le voci e i termini, soprattutto quelli relativi all’ambito commerciale, che sono entrati a far parte del vocabolario egiziano - e venire di fatto utilizzata, per tutta la durata del regno [1805-1848] di Muhammad Alì, come la lingua diplomatica dell’Egitto, la sola adoperata dal governo egiziano nei rapporti internazionali”. Non a caso Biagini (1901, cit. in El Beih 2019) fotografava la situazione dell’italiano in Alessandria come segue: 224 Raymond Siebetcheu <?page no="225"?> All’italiano che per la prima volta sbarca in Alessandria capita questa sorpresa: facchini, cocchieri, popolari gli parlano nella sua lingua; della gente che incontra (dico gli europei) molta egli sente discorrere in italiano e numerose insegne gli appaiono scritte nella nostra lingua. Sorpresa indubbiamente gradita che gli fa pensare d’aver trovato in questo lembo dell’Africa, così detta tenebrosa, quasi quasi una continuazione del suo paese. (Biagini 1901, cit. in El Beih 2019, 205) 2.2 L’italiano in Tunisia Nel lontano 1688, il medico toscano Michelangelo Tilli scriveva che la diffu‐ sione dell’italiano in Tunisia era tale da non fargli sentire la necessità di un interprete: “Non mi fece né mi fa di bisogno di Dragomanno, essendo qua familiare il parlare italiano, ma corrotto e ripieno di parole spagniole, e siciliane; a segno che il parlare Toscano non subito è bene inteso” (cit. in Bruni 2013, 154). Cremona (1996, 87) riferendosi allo stesso periodo e sempre alla Tunisia osserva ugualmente che nel XVI e nel XVII secolo, e particolarmente dal 1589 al 1682, i documenti in italiano prevalsero sui documenti in francese (circa 10.000 su un totale di circa 15.000). Il corpus di Cremona si basa sul materiale del consolato francese in Tunisia inventariato da Pierre Grandchamp, studioso francese che lavorava alla Reggenza francese di Tunisi. Il ruolo dell’italiano era avvalorato dal fatto che da una parte i testi erano scritti quasi tutti da non italiani, generalmente dai consoli o dai cancellieri della missione francese; dall’altra non necessariamente tra i destinatari dei documenti figuravano gli italiani. Cremona (2003, 203) osserva in effetti che “ogni volta che un atto include un italiano con un francese l’atto viene redatto in italiano, e questo in un consolato francese con consoli e cancellieri generalmente anche loro francesi. Similmente, l’italiano prevale negli atti dove uno dei contraenti è un Turco o un Moro”. L’italiano era quindi la lingua di comunicazione, scritta e parlata, a prescindere dal ‘colore linguistico’ dei locutori (francofoni, turcofoni, arabofoni, anglofoni, ecc.). Camillo Manfroni in un passo dove commenta l’apertura di un consolato inglese e di uno olandese a Tunisi riferisce che “il console inglese scrive i suoi atti in lingua italiana” (Ivi.). L’affermazione dell’italiano come lingua della diplomazia è ribadita da D’Arvieux (1635-1702), linguista e diplomatico francese, che tra l’altro padroneggiava il turco e l’arabo. Nelle sue memorie, D’Arvieux racconta come nel 1666 un testo in italiano era servito di base a un trattato di pace negoziato tra il Duca di Beaufort (François de Vendrome) e il Dey di Tunisi (cit. in Cremona 1996, 85). La lingua italiana in Africa in epoca (pre)coloniale 225 <?page no="226"?> Di fronte alle fonti che associano quell’italiano della diplomazia alla lingua franca del Mediterraneo, Cremona (2003, 207) chiarisce che l’italiano della diplomazia e dei documenti consolari, seppur pieno di forestierismi, era diverso dalla lingua franca. L’italiano di quei documenti era riconducibile a un “tipo di toscano scritto che cerca di adeguarsi a modelli cancellereschi italiani (o semmai francesi)”, mentre la lingua franca era un “pidgin o sabir, parlato, naturalmente, e usato principalmente tra europei da una parte e arabofoni o turcofoni dall’altra”. La forte presenza negli atti consolari di forestierismi e “forme grammaticali che pochi oriundi avrebbero usato, dando a volte l’effetto di una lingua burocratica farcita di barbarismi [forme non toscane e toscaneggianti di vario tipo] ma che, tutto sommato, rimane intelligibile” (Cremona 1996, 87) era giustificata dal fatto che i locutori non fossero madrelingua italiana. Banfi (2012, 99) è di questa idea quando sostiene che “non si ha a che fare con la dimensione alta letteraria della lingua, bensì con i suoi registri intermedi/ non sorvegliati caratterizzati da notevoli plasticità e flessibilità, ossia da elementi utili per una comunicazione approssimativa e imperfetta tra locutori che non dominavano pienamente l’italiano […] Si tratta di una varietà di italiano substandard, di matrice cancelleresca, inferiore senz’altro all’italiano letterario”. In riferimento alla lingua franca, Banfi (2002, 99) concorda con Cremona (1996) precisando che “una cosa è l’italiano delle cancellerie, una varietà di lingua scritta, basata comunque su modelli (in qualche modo) ‘consolidati’ e, ancorché ricca di barbarismi, orientata ovviamente verso i modelli ‘alti’ della lingua; altra cosa è invece, una varietà di lingua unicamente affidata all’oralità, ridotta ai minimi termini grammaticali, ricca di apporti alloglotti, prossima piuttosto ad un pidgin: appunto, la ‘lingua franca’”. Sul tema della lingua franca rinviamo a Cifoletti (1989; 2011) per ulteriori approfondimenti. Cremona (1996) evidenzia alcune caratteristiche dei barbarismi inseriti nell’italiano usato dalle cancellerie: lapsus (furano per furono; Constantinapoli per Constantinopoli), gallicismi (pronpta per pronta; tournare per tornare; prebtre e prebte per prete; sboursatto, sboursare per sborsato e sborsare), forme dialettali (auemo per abbiamo). Anche la sintassi offriva qualche punto di interesse come l’assenza delle particelle complementari di e a: di dopo promettere (prometteua liberare, promette fare rattificare); a dopo fino (fino tanto che) e insieme (insieme laltro, insieme la dona). L’italiano di questi testi, conclude Cremona (1996, 98), era “un italiano bene o male acquisito come seconda lingua, spesso imperfettamente, e molto probabilmente calcato in parte su formule e modelli cancellereschi di origine peninsulare. Funge da lingua franca, ma non è la lingua franca. Il suo uso in questi secoli e da queste parti è assai significativo per la storia della lingua e della cultura italiana”. 226 Raymond Siebetcheu <?page no="227"?> Il fatto che il 60 % dei testi prodotti fosse in italiano dimostra che l’italiano era “la default language, la lingua “franca”, insomma, quando mancava una motivazione per l’uso del francese, come nel caso in cui la nazionalità di ambedue le parti era francese” (Cremona 1998, 344). 2.3 L’italiano in Libia In Libia le testimonianze sulla diffusione dell’italiano vanno dal XVII al XIX secolo. Bruni (2013, 154) ne riporta una delle prime testimonianze dell’Ottocento attribuita a Yusuf Pascià Caramanli, che si compiacque per il Console inviatogli dal Regno di Sardegna, davanti a un suddito del medesimo regno: “tuo Console nuovo star buono, non cercare me né buono né male, inscialla tutti li consoli star come isso”; cioè “il tuo nuovo Consolo è buono, non mi chiede né cose buone né cattive, volesse Allah [Dio] che tutti i consoli fossero come lui”. Un’altra testimonianza interessante, sempre citata da Bruni (2013, 175-176) è quella di Tommaseo: “l’italiano era, ed è tuttora, nel Levante la lingua del commercio, molto più popolare che non sia il francese in Levante e nel resto d’Europa”. Lo stesso Tommaseo in un volume di documenti su Pasquale Paoli scrisse che: quando un legno tunisino ruppe alle coste di Corsica, ed egli ne inibì la preda, anzi lo fece raccomodare, e con un suo inviato e con provvigioni e presenti accompagnare al bei, questi gli ebbe mandato un ambasciadore con ischiavi e giannizzeri, che nel presentare i ricchi doni della terra africana e del lusso ottomano, ponendosi la mano alla fronte gli disse in lingua italiana (lingua già nota a genti lontane per altri che per drammi musicali): “Il Signor mio ti saluta, e ti vuol bene”. (Tommaseo s. a., cit. in Bruni 2013, 211) Questa testimonianza dimostra che la lingua italiana era considerata come un anello di congiunzione, una specie di ponte tra due paesi distanti culturalmente. 2.4 Il declino dell’italiano nel periodo precoloniale L’italiano iniziò a perdere i suoi privilegi (cultura intellettuale, posizione sociale apicale ecc.) nel Nord Africa negli anni a cavallo tra Otto e Novecento, cioè all’inizio della colonizzazione inglese e francese. In Egitto, ad esempio, Rainero (1991, 131-135) ricorda che con l’arrivo dei coloni, l’italiano fu sistematicamente sostituito dall’inglese, costringendo così l’uso della nostra lingua a subire una flessione che declinò in modo inarrestabile dall’inizio del Novecento. Ferdinando Martini, nel suo Diario eritreo, registra alcune informazioni raccolte a Porto Said il 18 luglio 1898: La lingua italiana in Africa in epoca (pre)coloniale 227 <?page no="228"?> Arriviamo ad Alessandria alle 6. E qui m’aspettano peggiori notizie del continuo decadere della nostra influenza in queste regioni. Veggo di ciò i segni perfin nelle strade, ossia nei cartelli che ne indicano il nome. Dov’era scritto Via ora è dappertutto Rue. Piccoli segni ma segni evidenti […] le tabelle postali, per dirne un’altra, erano sino a poco tempo fa, trilingui: ora son francesi ed inglesi, l’italiano ne fu bandito. […] Dovunque è un italiano che copre un ufficio si cerca di cacciarlo, per sostituirvi un francese. […] Le nostre scuole van male anch’esse: oramai sono inferiori per numero di alunni alle francesi, alle tedesche, alle svizzere e perfino alle greche! (Martini 1898, cit. in Bruni 2013, 153) Anche in Tunisia si verificò un fenomeno simile. Nel ripercorrere le tappe evolutive delle condizioni della nostra lingua in Tunisia, Russo Spena (2005, 255) illustra chiaramente questa tendenza sfavorevole all’italiano attraverso tre periodi: a) il periodo precedente e immediatamente successivo all’instaurazione del protettorato che vedeva la lingua italiana godere di un vantaggio rispetto alla lingua francese, vantaggio dovuto alla maggiore consistenza numerica della comunità italiana e all’uso già presente nella Reggenza come lingua della diplomazia e del commercio; b) i primi due decenni del Novecento vedevano un uso ancora prevalente della lingua italiana, anche se il francese cominciava a essere via via più utilizzato; in questo periodo la diffusione delle scuole italiane favoriva la diffusione della lingua nazionale rispetto ai dialetti; c) tra l’inizio degli anni Trenta e gli anni Settanta l’uso del francese prevaleva già nettamente sull’italiano, favorito dal fatto di essere lingua di prestigio e lingua coloniale; la partenza di gran parte della comunità italiana a partire dal dopoguerra e le forti naturalizzazioni degli italiani che optarono per la cittadinanza francese, contribuiranno a limitare l’uso dell’italiano e rafforzare ulteriormente l’uso della lingua francese anche tra gli italiani rimasti. 3 La lingua italiana nel Corno d’Africa durante il periodo coloniale Nel Corno d’Africa, come in altri territori africani, regnava un etnocentrismo culturale e linguistico. “La colonizzazione ha sistematicamente ostacolato lo sviluppo delle culture nazionali, imponendo ovunque, come lingua ufficiale, e spesso come lingua dell’istruzione pubblica, la lingua dei colonizzatori” (Triulzi 1979, 119). Il popolo africano era così costretto ad abbandonare la sua cultura, le sue lingue locali e, in alcuni casi, il processo di alfabetizzazione. Labanca (2002, 474) ricorda, in questo senso, la frase di uno storico africano: “Qualunque cosa il 228 Raymond Siebetcheu <?page no="229"?> colonialismo abbia fatto a favore degli africani in Africa, date le sue possibilità, le sue risorse, il suo potere e la sua influenza, avrebbe potuto e dovuto fare molto di più di quanto fece”. 3.1 La politica linguistica La politica linguistica coloniale dell’Italia in Africa era quasi identica a quella attuata in Italia, almeno per alcuni aspetti soprattutto nel periodo fascista (cfr. Ricci 2005; 2009; Pizzoli, 2018), e si prefiggeva di italianizzare (a livello amministrativo, scolastico e toponomastico) i suoi territori. Se nei contesti dove l’Italia subì il dominio coloniale di altre nazioni la diffusione dell’italiano fu ostacolata in certi periodi da questi governi coloniali, la posizione dell’Italia come nazione colonizzatrice in Libia e nel Corno d’Africa consentì una diffu‐ sione senza influenza esterna, anche se con ostacoli di altri tipi. In realtà, l’uso dell’italiano costituiva una sfida anche per gli italiani, sia perché l’italiano era appena diventato un elemento fondante dell’identità nazionale, quando molti italiani erano ancora dialettofoni e analfabeti (cfr. De Mauro, 1963), sia perché in contesto coloniale la voglia di imparare una ‘lingua imposta’ non era sicuramente proporzionale alla voglia di insegnarla, naturalmente quando c’erano le condizioni per poterlo fare. In queste aree, per gli italiani era quindi prioritario mantenere la lingua italiana, come recita il punto 7 del Decalogo dell’italiano all’estero: “Educa i figli tuoi nel culto dell’Italia. Obbligali a parlare, leggere e scrivere la lingua paterna e a studiare la storia d’Italia; inviali di preferenza alle scuole italiane; compra buoni libri italiani” (Lega Navale 1913, 13). Per gli indigeni invece, più che l’istruzione, importava rivolgere ad essi una costante opera di propaganda e repressione linguistica. L’influenza italiana in Africa ha fatto nascere una forte presenza di toponimi italiani in questa parte del mondo. Questi segni linguistici nella geografia urbana delle città colonizzate dall’Italia sono delle testimonianze scritte rimaste nell’esperienza linguistica degli indigeni, ma soprattutto nella storia della diffusione della nostra lingua in quest’area dell’Africa. È utile sottolineare che molti dei toponimi che presenteremo in questo lavoro sono stati sostituiti dopo l’indipendenza di questi paesi. Possiamo ricordare, come illustra bene Tesfamariam (2012), il fenomeno di rivendicazione politica e linguistica che subì Viale Mussolini ad Asmara. Da Viale Mussolini (fino al 1941) l’indirizzo fu modificato in Queen Victoria Avenue (1941-1952) durante il dominio inglese; durante l’egemonia dell’imperatore Hailé Selassié si trasformò in Godana Haile Selassie / Emperor Haile Selassie Avenue (1962-1974); sotto il regime del Derg, dal 1974 al 1991, l’odonimo divenne Beherawi/ National Avenue; infine, dopo La lingua italiana in Africa in epoca (pre)coloniale 229 <?page no="230"?> la liberazione di Asmara, il viale prese il nome di Godena Harnet/ Independence Avenue, nome che il viale porta tuttora. I cambiamenti toponomastici fanno di questo viale il paradigma del dominio coloniale e linguistico subito dall’Eritrea fino alla sua indipendenza. 3.2 La politica educativa italiana Un detto popolare eritreo sintetizza la triplice colonizzazione subita dall’Eritrea come segue: “Gli italiani ci dicevano ‘mangiate e non parlate’, gli inglesi ‘non mangiate ma parlate’, gli etiopi ‘non mangiate non parlate’”. Un detto popolare somalo recita inoltre: “La lingua araba serve per la religione, la lingua italiana a riempire il ventre”. Se la voce del popolo è l’espressione della realtà, quella italiana è quindi stata, secondo questi detti popolari, una politica educativa fondata sul ‘mangiare e non parlare’ ovvero su una forte inclinazione verso i lavori manuali. In altre parole, quella italiana era una politica educativa orientata verso l’esclusione o la limitazione del diritto di parola e quindi del diritto all’espressione del pensiero. Questo tipo di politica è riconducibile al “discorso di odio escludente” che, secondo Petrilli (2020), toglie il diritto di parola insinuando indegnità ed escludendo l’odiato dal piano dell’interlocuzione. Pizzoli (2018, 189) conferma questo stato di cose osservando che: “la colonizzazione linguistica non fu un disegno pratico con coerenza: nel settore dell’istruzione, piuttosto, ci si concentrò nella creazione di una scuola fortemente differenziata tra istituti riservati alla formazione della classe dirigente italiana e scuole destinate agli indigeni, peraltro non obbligatorie, nelle quali venivano offerti i rudimenti per l’apprendimento di semplici lavori manuali”. Per illustrare meglio questa politica educativa italiana, alle testimonianze degli indigeni che hanno vissuto e subito in prima persona gli effetti dell’amministrazione scolastica italiana, faremo riferimento anche alle posizioni dei governi coloniali italiano e inglese. Secondo Pankhust (1972, 374): “Italian policy aims at the elimination of prominent and educated natives who are regarded as potential inciters of rebellion against Italian rule”. Un’idea, questa, confermata da Labanca (2002, 337), secondo cui, la scuola, che avrebbe dovuto “civilizzare”, formare e istruire i sudditi africani, era vista dalle amministrazioni coloniali non come uno strumento di integrazione, bensì come una forma di assistenza da lasciare ai religiosi, o una fonte di spesa da comprimere, o un elemento che rischiava di fomentare nazionalismi e ribellioni. La politica educativa italiana si prefiggeva pertanto di: mantenere l’indigeno legato alla terra, o farvelo ritornare dove, malauguratamente, se ne fosse allontanato, significa eliminare un altro pericolo sociale: vogliamo alludere 230 Raymond Siebetcheu <?page no="231"?> alla formazione di quei pseudo-intellettuali indigeni che, ricevuta un’istruzione troppo europea nelle scuole, disdegnano di ritornare alla terra e che, con l’animo inquieto e pieno di illusioni, vanno alla caccia del piccolo impiego e della piccola retribuzione, destinati a divenire, con le disillusioni che la vita loro riserva, la facile e predisposta preda della convulsione sociale. (De Leone 1937, 638) Con questa affermazione, De Leone (1937) era quindi contrario ad una educa‐ zione troppo occidentalizzata e secondo lui era fin troppo noto come dalle scuole organizzate sul modello di quelle metropolitane gli indigeni sarebbero stati destinati a trarre scarsa utilità pratica. La politica educativa non era quindi pensata per la crescita culturale individuale degli indigeni, bensì per gli interessi della potenza coloniale. Il dovere di “civilizzare” l’indigeno non era altro che lo strumento per promuovere gli interessi del colonizzatore. Così l’Italia optò per due principi antagonisti all’istruzione: l’istituzione delle scuole separate (discriminazione tra scuole per autoctoni e scuole per italiani) e l’istruzione limitata a quattro anni, che secondo De Mauro (1963) non consente di raggiun‐ gere uno stato di alfabetizzazione. Cagnetta (1979) ricorda l’emblematica presa di posizione del primo governatore civile dell’Eritrea, Ferdinando Martini, un letterato che era stato ministro dell’Istruzione dal 1892 al 1893, contro qualsiasi forma di insegnamento agli indigeni: in primo luogo per evitare in scuole miste, aperte a bianchi e neri, spiacevoli paragoni: “scuole miste di bianchi e neri, no, no, e poi no. L’indigeno, fanciullo, troppo più agile e pronto, ha l’intelligenza del fanciullo bianco; evitare dunque raffronti” (Cagnetta 1979, 23). Mbembe (2019, 319) osserva a questo proposito che “in una situazione coloniale il razzista dispone della forza. Ma questo non basta per eliminare la paura. Infatti, il razzista ha paura del Negro anche quando ne ha decretato l’inferiorità. Come si può avere paura di chi è stato svalutato, di qualcuno cui è stato in precedenza sottratto ogni attributo di forza e di potenza? Del resto, non si tratta solo di paura, ma di un miscuglio di paura, di odio e di amore rimosso”. Cagnetta (1979, 23) aggiunge, riportando il sentimento ideologico di quel periodo, che “cosa ottima è evitare che gli indigeni svolgano qualsiasi lavoro non manuale; anche per i rapporti quotidiani fra dominatori e sudditi non vi sarebbe alcun obbligo di accollarsi il peso dell’istruzione dei nativi, tanto questi imparano da soli quel po’ di italiano necessario”. Quindi mentre da una parte gli studenti italiani del Corno d’Africa avevano le stesse possibilità dei loro compagni che vivevano in Italia, ai loro coetanei indigeni era riservato un trattamento pedagogico differenziato e nettamente peggiore. Nel periodo fascista le politiche educative erano esclusivamente e dichiara‐ tamente orientate verso una pedagogia propagandistica a favore del regime. Nel novembre 1932, il governo italiano stabilì un ufficio centrale per l’istruzione La lingua italiana in Africa in epoca (pre)coloniale 231 <?page no="232"?> primaria in Eritrea, il cui obbiettivo era di esercitare una supervisione tecnica e disciplinare per assicurare un’istruzione secondo i principi del regime fascista (Pankhurst 1972). Sono numerose le testimonianze degli indigeni che denun‐ ciano la carenza del sistema scolastico coloniale italiano. “Molte cose hanno fatto gli italiani nell’impero. Ma se c’è una cosa che gli italiani non hanno sentito è l’educazione, in Etiopia e in Eritrea. Nessuna istruzione ci è stata data durante gli italiani, e questa è una colpa molto grande, davvero”; “Durante il primo periodo coloniale, noi non siamo stati affatto considerati dai colonizzatori dal punto di vista della nostra istruzione. Non abbiamo avuto nessun tipo di educazione scolastica”; “Ho settantaquattro anni, e parlo poco la lingua italiana. Ho fatto le scuole italiane, ma ho dimenticato”; “Da ragazzo ho frequentato, sempre a Saganeiti, la Scuola di arti e mestieri di S. Michele, che era gestita dai religiosi cappuccini. A quel tempo per noi eritrei esisteva la possibilità di frequentare solo i corsi elementari, dalla prima classe alla quarta. Non era possibile andare oltre”; “Quello che hanno fatto gli italiani qui in Eritrea dal punto di vista educativo durante l’amministrazione italiana è veramente insignificante. […] Invece gli inglesi quando sono venuti qui, sono rimasti per una decina d’anni fin quando hanno consegnato l’Eritrea al Negus, hanno aperto numerose scuole, più di cento, e ci hanno dato un’istruzione sostanziale. La situazione da questo punto di vista mutò rapidamente”. (cit. in Taddia 1996, 63) E ancora: “Solo i figli dei mercanti, quelli ricchi andavano a scuola, quelli che stavano bene. Erano brutti tempi, io ero un pastorello, senza scarpe e qui era brutto”; “I miei figli li ho fatto studiare quando c’erano gli inglesi, e tra loro e gli italiani non c’è paragone. Noi per studiare dovevamo diventare preti [ovvero studiare presso le scuole dei missionari e poi entrare in seminario]”; “Nello studio non c’è stato nessun eritreo che ha fatto più della quarta elementare […] Durante il governo italiano, la scuola era fino alla quarta classe, ma durante il governo inglese, chi aveva voglia poteva arrivare fino alle superiori”; “Durante il governo inglese l’insegnamento era migliore”; “Durante il governo italiano non c’era nessuna scuola”; “In ogni caso siamo chiamati figli dell’Italia, ma non hanno fatto niente per noi, non ci hanno neanche insegnato a leggere e scrivere. […] il governo italiano non ci ha insegnato a leggere e a scrivere, io sapevo leggere il tigrignà, che ho studiato al mio paese, e il gheez. Alle persone che hanno potuto studiare è stato bello durante il governo inglese […] Io non ho studiato, non ho nessuna professione, ma tanti hanno avuto delle professioni durante il tempo inglese, gli autisti, c’erano scuole serali, gli impiegati e tanti altri diversi mestieri durante quei dodici anni. Durante il governo italiano c’era sempre guerra e noi combattevamo sempre. Si dice che insegnavano anche gli italiani ma a poche 232 Raymond Siebetcheu <?page no="233"?> persone come i figli degli sciumbasci o a quelli che lavoravano per loro”. (cit. in Volterra 2007, 28-29) Durante il secondo congresso italiano degli studi coloniali svoltosi a Firenze nell’aprile 1934, Andrea Festa (1937) sostenne che i bambini autoctoni dove‐ vano formarsi con la civiltà italiana per diventare dei protagonisti consapevoli per la difesa della cultura italiana. Per questo motivo, dovevano conoscere l’Italia, le sue glorie, la sua storia antica in modo da diventare delle milizie in grado di rispettare fedelmente la bandiera italiana: “Il resto, il leggere e lo scrivere, verrà certamente dopo; ma occorre saper ‘perdere tempo’ col sapone” (Festa 1937, 135). L’igiene e, come vedremo, il curbash (frusta fatta di pelle di ippopotamo), erano i principali strumenti della comunicazione didattica. Addirittura, il libro era più pericoloso del fucile perché attraverso il libro gli indigeni potevano accedere alla conoscenza. L’affermazione “il leggere e lo scrivere, verrà certamente dopo” era chiaramente sarcastica in quanto i pedagogisti italiani dell’epoca sapevano benissimo, come ci insegnano gli studi di neurolinguistica, che più presto il bambino apprende a parlare, leggere e scrivere, più facilmente e velocemente sviluppa le relative competenze lingui‐ stiche. Questa opportunità naturale dell’acquisizione linguistica era quindi negata agli africani e invece concessa ai bambini italiani. Nelle scuole per indigeni l’insegnamento dell’italiano si limitava pertanto alla soglia di quelle nozioni minime che avrebbero permesso loro di svolgere qualche lavoro, quasi sempre come domestici di militari o funzionari italiani. La frequenza scolastica spesso, infatti, si interrompeva appena i ragazzi erano in grado di lavorare. Nel novembre 1939 ci fu una novità rispetto all’ordinamento scolastico per le scuole per indigeni: oltre alle scuole separate, la durata scolastica passò addirittura da 4 a 3 anni, contro gli 8 previsti dalla Legge Gentile sull’obbligo scolastico alla quale si dovevano adeguare anche i bambini italiani residenti nel Corno d’Africa. 3.3 Nascita ed emergenza dell’italiano coloniale Se ci atteniamo ai principali riferimenti bibliografici che ci propone la lettera‐ tura, Perbellini (1937) e Buzzati (1939), rispettivamente inviati del Resto del Carlino e del Corriere della Sera, sono al momento le prime testimonianze che documentano la nascita dell’italiano coloniale nel Corno d’Africa. Buzzati (1939) illustra l’origine e i locutori di questa varietà come segue: Decine di anni fa, uno dei nostri primi ufficiali coloniali, rivolgendo la parola per la prima volta a un negro o a un arabo, in uno dei primi giorni della sua esperienza La lingua italiana in Africa in epoca (pre)coloniale 233 <?page no="234"?> africana, adoperò il verbo all’infinito, come usano certi turisti stranieri in casa nostra, con la convinzione di farsi intendere meglio. Disse, per esempio: “Chi stare tu? Adesso tu andare prendere acqua”. Da quel momento ebbe origine la curiosa lingua - o dialetto - italo-africana che ci serve per parlare con gli ascari, i servi, i mercanti, i facchini, le guide, siano essi arabi, eritrei, somali, sudanesi, amara, galla ecc., basta che si tratti di indigeni. […] Nei reparti indigeni, tuttavia, la lunga convivenza di centinaia di negri con gli stessi ufficiali ha finito per stabilizzare alcune forme tipiche che si tramandano di classe in classe senza apprezzabili mutamenti. (Buzzati 1939) Perbellini (1937, 39) specifica la motivazione dell’uso di tale varietà come segue: “Gli indigeni non conoscono la nostra lingua e bisogna affaticarne il cervello il meno possibile: evitare, dunque, la complicazione dei tempi e dei modi nei verbi, ridurre allo schema più sommario la costruzione del periodo, spezzettare il discorso nei suoi elementi essenziali”. A nostro avviso è probabilmente a causa di un repertorio linguistico prevalentemente dialettale che gli italiani associavano l’uso dell’italiano standard ad un “affaticamento del cervello”. Lo stesso Perbellini (1937) osserva che: “quando per esempio si dice ad un ascari: ‘andare prendere mia valigia’, non si semplifica per niente la frase logica e corretta che si userebbe con un soldato nostro e cioè ‘vammi a prendere la valigia’, ma si dà vita a una barbara e ridicola caricatura della limpida e chiarissima locuzione italiana”. Buzzati (1939) è dello stesso avviso quando specifica che probabilmente gli indigeni potevano imparare facilmente l’italiano, “e se non lo fanno la colpa è in gran parte nostra. Siamo noi a metterci in mente, chissà perché, ch’essi siano refrattari, e li abituiamo perciò a dire “dormillo” invece che “dormire”, “morillo” invece che “morire”, “biello” invece che “bello”. Così si perpetuano le efferatezze di questa rudimentale parlata, così diventa legge ciò che avrebbe dovuto essere provvisorio ripiego”. Un’altra ragione avanzata per giustificare l’uso di questa varietà è l’imitazione della forma all’infinito usata dai britannici nei confronti dei loro sottomessi. Ma successivamente ci si rese conto che se fin dal principio si fosse parlato in “buon italiano”, gli indigeni “lo avrebbero appreso con la stessa facilità con cui hanno imparato il mostruoso miscuglio di cui fanno oggi barbaro uso. E ciò è ampiamente dimostrato da quegli eritrei che, avendo frequentato le nostre scuole, hanno appreso un italiano sopportabile che non ha forse strette parentele col senese o il fiorentino, ma in fondo, è quello stesso che noi comunemente parliamo” (Perbellini 1937, 49-50). Come avvenne con i dialetti, anche nel caso dell’uso della varietà semplificata, erano tanti i cartelli apposti sulle pareti degli edifici pubblici che proibivano l’uso di tale varietà. Il motto “niente incroci, né di sangue, né di parole” esortava gli italiani ad evitare ogni forma di “meticcismo linguistico”, anche per non 234 Raymond Siebetcheu <?page no="235"?> correre il rischio di perdere la dimestichezza con l’italiano standard, che in realtà come già sottolineato, pochissimi parlavano. È interessante ricordare la sfuriata rivolta di un funzionario a un dipendente tigrino che non seguiva l’ingiunzione dell’autorevole cartello che vietava di parlare all’infinito: “Se tu - urlava il dabbenuomo - continui a parlare così, io prendere te a curbasciate! ” (Perbellini 1937). Anche in questo caso l’uso della forma vietata da parte del “garante della regola” rivela che questa varietà semplificata faceva già parte del patrimonio linguistico di tutti gli italiani, soldati o funzionari, analfabeti o intellettuali, e che non bastava il divieto per impedirne l’uso. Lo conferma Bufardeci (2014) quando osserva che l’uso dell’infinito era imprescindibile: “Terminata la lunga lista dei pezzi che componevano il fucile retrocarica Wetterli, termini ripetuti all’infinito invariabilmente storpiati in un guazzabuglio di dialetti della penisola, altrimenti non se ne veniva fuori”. Aggiungiamo un ulteriore esempio che illustra la struttura e l’uso effettivo dell’italiano coloniale. Buzzati (1939) racconta un aneddoto che descrive bene l’italiano coloniale: “Un ascari era attendente di un ufficiale che aveva un occhio finto; avendo visto una sera che, prima di addormentarsi, il tenente si toglieva dall’orbita la vitrea emisfera, deponendola sul tavolo da notte, il negro raccontò il giorno dopo a un compagno: Mio tenente stare grande furbillo. Con un occhio fare guardìa, con altro fare dormillo! ” Anche Lavinio (2017, 162-164) propone una serie di testimonianze che illustrano le abitudini linguistiche degli italiani in Africa. Si prende l’esempio di Graziella Delitala. In qualità di cittadina italiana cresciuta nel Corno d’Africa, Graziella conferma le osservazioni di Buzzati e Perbellini (che erano solo in missione giornalistica in Africa) rispetto al comportamento linguistico degli italiani. Delitala afferma che per interagire con gli indigeni tutti usavano un italiano strano, con i verbi all’infinito, e pieno di “mescolanze”, cioè fatto di vocaboli di varia provenienza: i soldi erano gli sghèi, come in veneto, i facchini camalli, che è voce ligure. Oppure c’erano parole scherzose come mangerìa per il mangiare, dormillo per dormire, morillo per morire. 3.4 La varietà semplificata dell’italiano nel Corno d’Africa: un quadro definitorio Come noto, le varietà pidginizzate nascono dal contatto tra le lingue dei colonizzatori e quelle degli indigeni per garantire la comunicazione tra i primi e i secondi. In molti paesi africani l’avvento delle lingue coloniali ha dato nascita a nuove varietà pidginizzate create dagli africani per motivi di protesta o di malavoglia. Ci riferiamo, ad esempio, alle funzioni criptiche che sono alla base La lingua italiana in Africa in epoca (pre)coloniale 235 <?page no="236"?> di alcune varietà di contatto come il camfranglais, nato in Camerun e oggi diffuso in vari paesi del mondo, spesso con l’infiltrazione delle relative lingue dei paesi migratori (Siebetcheu/ Machetti 2019). L’esperienza linguistica dell’Italia nel Corno d’Africa rivela invece che furono gli italiani a creare e diffondere la varietà semplificata da usare con i colonizzati. Come già sottolineato, le prime testimonianze (tratte da due fonti giornali‐ stiche) maggiormente citate dalla letteratura rispetto alla varietà semplificata dell’italiano nel Corno d’Africa sono quelle di Perbellini (1937) e Buzzati (1939), che chiamano rispettivamente questa varietà Infinitiloquio e Ascari. La compresenza in questa varietà di un miscuglio di italiano, dei suoi dialetti e delle lingue locali africane portò addirittura Buzzati (1939) a parlare di lingua - o dialetto - italo-africana. I primi studi scientifici su questo tema furono pubblicati tre decenni dopo la fine della colonizzazione. Questi studi si basavano quindi sui dati raccolti solo durante il periodo postcoloniale. Reinecke (1975) chiamano la varietà italiana da loro osservata Ethiopian Pidgin Italian. Ad introdurre la nozione di varietà semplificata di italiano in contesto coloniale è stato Habte-Mariam (1976), con l’appellativo Simplified Italian of Ethiopia. Nel ritenere che “this variety is a true pidgin”, Holm (1989, 609-610) parla invece di una Restructured Italian of Eritrea. La proposta di un Asmara Pidgin Italian da parte di Arends/ Muysken/ Smith (1994), varietà confermata anche da Crystal (1997) nella sua mappatura delle lingue pidgin in Africa, lascia pensare che si potrebbe parlare di più di una varietà semplificata dell’italiano nel Corno d’Africa (Eritrea, Etiopia e Somalia). Se Foresti (1984) usa l’espressione inglobante lingua di integrazione per definire questa varietà, per Bernini (2003, cit. in Siebetcheu 2018) si tratta di un Italiano di contatto. Turchetta (2005), dal suo canto, preferisce usare l’espressione varietà pidginizzata dell’italiano. Nel suo tentativo di sintesi, Bernini (2010) osserva che, “a differenza di portoghese, francese, nederlandese e inglese - lingue lessicalizzatrici di numerosi pidgin e creoli sorti in seguito all’espansione coloniale europea in tutti i continenti - l’italiano è stato coinvolto solo marginalmente in processi di pidginizzazione”. Ecco perché “l’italiano di contatto in Eritrea ed Etiopia non ha un glottonimo riconosciuto dai suoi parlanti - segno decisivo di labilità - ma solo l’etichetta scientifica di ‘italiano semplificato di Etiopia’” (Bernini 2003, cit. in Siebetcheu 2018, 77-78). Questi approcci definitori relativi alla varietà di italiano nel Corno d’Africa suggeriscono, a nostro avviso, almeno tre caratteristiche importanti: instabilità, vitalità e diversità (Siebetcheu 2018): a) Instabilità, perché a differenza degli altri pidgin stabilizzati che hanno un nome facilmente identificabile, la denominazione della varietà italiana non sembra essere ampiamente e unanimemente condivisa. È il caso di dire 236 Raymond Siebetcheu <?page no="237"?> che tale situazione è determinata anche dal fatto che si sta parlando di una varietà probabilmente estinta, che Bernini (2003, cit. in Siebetcheu 2018, 178) ha chiamato “varietà usa e getta”. b) Vitalità, perché le interazioni tra italiani e indigeni attraverso l’uso di questo idioma, di cui abbiamo ricordato alcune testimonianze, erano comunque segno di vitalità, seppur limitata nel tempo. c) Diversità, perché tale varietà veniva usata in aree geografiche diverse (Somalia, Eritrea, Etiopia) ed era quindi suscettibile di qualche cambiamento, anche se Tosco (2008, 390) osserva che: “it is more probable that the situation was not different from what is still found (or was found till the eighties) in Somalia, but with the difference that in Eritrea Italian was at times apparently used among non-Italians for interethnic communication”. Per Bernini (2010) quella varietà era usata “negli anni Settanta del XX secolo in Etiopia e in Eritrea, allora formanti una stessa entità statale, intorno ad Addis Abeba e ad Asmara, da informanti locali nati prima dell’occupazione italiana dell’Etiopia (1935-1941), e anche più giovani (in questo caso il contatto con l’italiano era successivo al periodo di occupazione)”. Bisogna precisare che l’uso di questa varietà semplificata non veniva dichiarato apertamente dagli italiani, come si evince dall’indagine di Habte-Mariam (1976, 171): “all the Italians interviewed denied emphatically that there is a special kind of Italian used either among themselves or speaking to Ethiopians, nor was it possible to detect in their speech a significant deviation from standard Italian except for an occasional Amharic or Tigrinya loanword”. Stando a queste osservazioni, la varietà semplificata era esclusivamente usata dagli indigeni, visto che gli italiani negavano di usarla tra di loro (eccetto alcuni prestiti occasionali dall’amarico e dal tigrino) e anche quando si rivolgevano agli africani. Le testimonianze dirette di Perbellini (1937) e Buzzati (1939), così come le testimonianze di italiani e indigeni citate precedentemente, rivelano invece che gli italiani erano i primi locutori di questa varietà in quanto furono loro che decisero di insegnarla agli indigeni. Questo corale dissenso rispetto all’uso di questa varietà era probabilmente legato al fatto che gli italiani non erano orgogliosi di averla creata (soprattutto perché molti di loro per via della dialettofonia non erano in grado di parlare l’italiano standard in quel periodo), ma anche perché l’uso di tale lingua era vietato. In riferimento alle caratteristiche della varietà semplificata, Habte-Mariam (1976, 180) osserva che c’erano delle similitudini tra tale varietà e la Lingua franca così come con il foreigner talk aggiungendo che alcune caratteristiche erano simili ad una forma di pidgin. Per analizzare meglio le particolarità di questa varietà semplificata dell’italiano in Africa è opportuno soffermarsi brevemente sul concetto di semplificazione. La lingua italiana in Africa in epoca (pre)coloniale 237 <?page no="238"?> “Si parla di semplificazione quando a una certa forma (o struttura) di una lingua si contrappone una forma o una struttura più semplice, cioè più facile da realizzare, meno complessa, che può sostituire la prima senza che si perdano le informazioni essenziali contenute nel messaggio” (Sobrero/ Miglietta 2008, 174). Nella loro descrizione dell’italiano semplificato, come si evince dalla tabella 1, gli stessi autori identificano quattro varietà di semplificazione: il baby talk, il foreigner talk, le interlingue di apprendimento e il language attrition. Mentre i primi tre costituiscono delle tappe linguistiche evolutive che portano verso la lingua standard, l’ultimo è un continuum che porta invece verso il deterioramento della lingua standard, ossia si allontana progressivamente da essa. Per “parlanti competenti” Sobrero/ Miglietta (2008) intendono i locutori nativi o quasi nativi, mentre per “parlanti poco competenti” gli autori intendono gli immigrati stranieri in Italia e i figli degli emigrati italiani all’estero. Parlanti competenti Rivolgendosi a bambini Baby talk Rivolgendosi a stranieri Foreigner talk Parlanti poco com‐ petenti Immigrati (stranieri in Italia) Interlingue d’apprendimento Emigrati (italiani all’estero) Language attrition Tab. 1: Varietà semplificate dell’italiano (Sorbrero/ Miglietta 2008, 176) Oltre a queste quattro varietà di semplificazione, riteniamo opportuno che si consideri un’ulteriore varietà capace di identificare le situazioni di semplifica‐ zione verificatesi in contesto coloniale. In realtà, in base alle caratteristiche del contesto coloniale, ci rendiamo conto che nessuna delle quattro varietà semplificate indicate in precedenza corrisponde a quella usata dai locutori italiani e indigeni nel Corno d’Africa. Illustriamo alcune riflessioni relative alle peculiarità dell’italiano semplificato usato nel periodo coloniale rispetto alle altre varietà semplificate. 3.5 L’indigenous talk Nonostante il periodo coloniale sia ormai alle spalle da oltre mezzo secolo e sebbene la varietà che analizziamo in questa sede non sia più usata nel Corno d’Africa, proponiamo, come già discusso in Siebetcheu (2018), che una quinta varietà semplificata, legata al contesto coloniale, venga aggiunta alle prime quattro di Sobrero/ Miglietta (2008). La chiamiamo Indigenous talk e la definiamo come una varietà parlata da locutori poco competenti (visto che gli italiani erano 238 Raymond Siebetcheu <?page no="239"?> prevalentemente dialettofoni) che si rivolgevano agli indigeni. L’Indigenous talk era quindi diverso dalle altre quattro varietà come cerchiamo di dimostrare in questa sede. In riferimento al confronto tra l’indigenous talk e il language attrition (logorio o erosione della lingua), confermiamo chi i due concetti hanno sicuramente un punto in comune: il fatto che entrambe siano (state) usate dagli italiani che vivono (vivevano) fuori dall’Italia. Ma le differenze tra queste due varietà fanno chiaramente capire che non sono uguali. Innanzitutto, se il language attrition si riferisce alle “semplificazioni via via più accentuate” dei figli scolarizzati di seconda, terza e quarta generazione in contesto emigratorio, la varietà di italiano in epoca coloniale era usata non in contesti di emigrazione, bensì di colonizzazione, da italiani, spesso analfabeti e dialettofoni, di prima generazione. Inoltre, è interessante osservare che la varietà pidginizzata di italiano in Africa era usata sia dagli italiani che dagli indigeni, mentre il language attrition è, secondo la definizione di Sobrero/ Miglietta (2008), prevalentemente usato dai figli degli emigrati italiani. Nell’ambito del language attrition, l’abbandono progressivo delle regole nella lingua standard che avviene nel corso del tempo e in base al passaggio generazionale non si è verificato con l’indigenous talk perché dopo l’esperienza italiana nel Corno d’Africa e il conseguente ritiro delle truppe italiane, tale varietà semplificata scomparve. Al momento della sua scomparsa la varietà era rimasta “semplificata”, come alla sua creazione: non fu quindi il risultato di un’erosione progressiva dell’italiano. Un altro aspetto importante è che a differenza della semplificazione via via più accentuata che si osserva nel language attrition, oggi in Eritrea e in Etiopia i figli degli italiani hanno un’esperienza emigratoria e linguistica diversa rispetto a quella degli italiani presenti nel periodo coloniale. In realtà, questi ultimi frequentano la scuola di Addis Abeba e altre scuole locali; e i loro genitori non conoscono e non hanno mai utilizzato l’italiano semplificato in uso nel periodo coloniale. È opportuno ricordare che la varietà semplificata di italiano in contesto coloniale è anche diversa dalle altre varietà semplificate. In riferimento al foreigner talk, Diadori/ Palermo/ Troncarelli (2009) ricordano che si tratta di una varietà semplificata di una determinata lingua, usata dai nativi (aggiungiamo anche da non nativi competenti) nel territorio in cui quella data lingua è idioma di uso esclusivo o predominante, per rivolgersi a stranieri che non hanno una competenza adeguata in tale lingua. La differenza si può osservare a due livelli. Nel primo caso, il foreigner talk si usa prevalentemente in contesto migratorio e non coloniale; in secondo luogo, il foreigner talk si usa da parlanti competenti che si rivolgono a stranieri, mentre la varietà semplificata italiana nel periodo colo‐ niale era usata tra parlanti italiani ‘poco competenti’ (analfabeti e/ o dialettofoni) La lingua italiana in Africa in epoca (pre)coloniale 239 <?page no="240"?> da una parte e indigeni poco scolarizzati dall’altra. Tale varietà semplificata non può inoltre essere considerata come una interlingua dell’italiano in quanto i destinatari erano indigeni, con scarsa esposizione all’italiano standard, con percorsi di apprendimento guidato quasi inesistenti o molto limitati e con un apprendimento spontaneo fortemente marcato dai dialetti. Infine, tale varietà non era considerata come un continuum in direzione della lingua standard come lo sono le varietà interlinguistiche. 3.6 Le caratteristiche della varietà semplificata dell’italiano nel Corno d’Africa Proponiamo l’analisi di una serie di fenomeni di natura fonologica, morfosin‐ tattica e lessicale, a nostro avviso di particolare interesse ai fini della descrizione della struttura della varietà di italiano parlata durante il periodo coloniale nel Corno d’Africa. I dati dell’analisi si basano sulle testimonianze e sugli esempi tratti dai seguenti studi: Perbellini (1937), Buzzati (1939), Habte-Ma riam (1976), Banti (1990), Mioni (1988), Golino (1994), Turchetta (2005), Voigt (2008), Tosco (2008), Bernini (2010), Storch (2011) e Siebetcheu (2018; 2021). Caratteristiche fonologiche • Sostituzione dei fonemi / p/ → / b/ , / v/ → / b/ - varietà usata in Etiopia: porta > borta; vacca > bakka - varietà usata in Somalia: pasta > baasto; vapore > baabuur • Deaffricazione / ts/ → / s/ , / tʃ/ → / ʃ/ - varietà usata in Etiopia: ragazzo > rɛgaso; doltʃe > dolʃi - varietà usata in Somalia: colazione > colasione; doltʃe > dóolʃe • Prostesi #sCVα_ → isCVα _ - varietà usata in Etiopia: scuola, spazzola > iskola, isbasola - varietà usata in Somalia: sport, stadio > isboorti, istaadiyo • Epentesi #CCVα → #CVαCVα - varietà usata in Etiopia: pranzo, classe > biranzo, kilase - varietà usata in Somalia: bronzo, traffico > boronso, taraafiko • Innalzamento delle vocali finali e → i, o → u; a → o - varietà usata in Etiopia: sette, otto > setti, ottu - varietà usata in Somalia: mina, borsa > mino, boorso • Tendenza alla centralizzazione di vocali anteriori, soprattutto atone: ra‐ gazzo, veduto, vicino > rɛgaso,-bɛduto, bicino • Sostituzioni vocaliche e consonantiche: limoni > lumini; musulmani > musulmini; generale > ginirale; pantaloni > montoloni; colonnello > coronelli; 240 Raymond Siebetcheu <?page no="241"?> • Raddoppiamento vocalico e consonantico: cameriere > cammelliere; spa‐ ghetti > asbaagetti; posta > boosto • Riduzione di dittonghi miele > meli; scuola > iskola Caratteristiche morfosintattiche (cfr. Bernini, 2010) • Riduzione del sistema verbale a due forme, corrispondenti all’infinito e al participio passato dell’italiano: - infinito > presente abituale: iyo lɛwrare sɛmbre (lavoro) - infinito > presente progressivo: iyo lɛwrare adesso (sto lavorando) - infinito > futuro: iyo lɛwrare domani (lavoro / lavorerò domani) - infinito > imperativo: bɛnire domani (vieni domani) - infinito > congiuntivo; kwando / si iyo lɛwrare (se lavoro / lavorassi) - participio passato > passato prossimo: iyo lɛwrato (ho lavorato) - participio passato > trapassato prossimo: kwando tu bɛnuto, iyo già finito (quando sei venuto avevo già finito) • Assenza di articoli: rɛgasi mɛnjato < i ragazzi/ bambini hanno mangiato • Assenza di accordo: kwesto due miyo sorella < queste due sono le mie sorelle • Assenza di ausiliari: ijo andato addis abɛba < io sono andato ad Addis Abeba • Uso del riflesso di-per-come marca di dativo: noj dato soldi bɛr loro < noi gli abbiamo dato i soldi • Ordinamento subordinata-principale e forme interrogative alterne si luj bɛnire non bɛnire ijo non sabere < non so se verrà • Reduplicazione per esprimere distributività: dare due due bani bɛr tutti < da’ due pani a ciascuno • Sostituzione dell’articolo con l’aggettivo dimostrativo - spazzolare quello berretto < spazzolami il berretto; - portare quella acqua < portami l’acqua • Sovrauso del verbo stare: stare < essere, abitare ecc. - loro stare addis abɛba < loro abitano ad Addis Abeba; - adesso loro stare amico < adesso loro sono amici; - mio tenente stare grande furbillo < il mio tenente è un grande furbo; - di doβe stare < tu di dove sei? - Uso di ‘c’è’ con funzione di predicato di possesso ijo non tʃe makkina < io non ho la macchina • Sostantivazione del verbo con la desinenza -illo: - dormillo < dormire; - morillo < morire; La lingua italiana in Africa in epoca (pre)coloniale 241 <?page no="242"?> - con un occhio fare guardìa, con altro fare dormillo < con un occhio fa la guardia, con un altro dorme; Caratteristiche lessicali • Risemantizzazione (neologismi semantici): - uʃire ‘andarsene’ (< uscire); - wiisito ‘visita medica’ (< visita); - feero ‘ferro da stiro’ (< ferro); - kaarto ‘carta geografica’ (< carta): • Forme con fusione di articolo: -lospɛdale-‘ospedale’ (< l’ospedale) • Espressioni polisemiche e polifunzionali: - c’è = sì, esiste, va bene; - buono = bravo, bello, forte, coraggioso, appetitoso, ben eseguito, ecc. La tabella 2 illustra alcuni italianismi lessicali in somalo e in saho. Prestiti italiani nel Dizionario Somalo Ita‐ liano Prestiti italiani nella lingua saho (Eritrea) Campo semantico Esempi Campo semantico Esempi Pesi e misure millilitir, millimitir Meccanica marmetta, kandella Salute kaankaro, sharoobo Militare Kawalleero, kabbi‐ taano Alimentazione baasto, busteeki Alimentazione asbaagetti, komodoro Trasporto makiinad, targo Trasporto taraafik, makiina Edilizia blukeeti Moda sharba, karabaata Sport istaadiyo, jeneestico Interiezioni abbosto, baabbeene Tab. 2: Alcuni italianismi lessicali nelle lingue del Corno d’Africa (Somalo: Mioni 1988; Saho: Banti/ Vergari 2009). E’ opportuno considerare che nonostante il fatto che l’indigenous talk fosse diverso dalle altre varietà semplificate (almeno per quanto riguarda il contesto in cui era usato, il profilo dei locutori e la sua funzione), nella parlata ibrida usata nel Corno d’Africa si osservavano comunque “tratti tipici dell’interlingua dall’arabo, come la neutralizzazione dell’opposizione tra / p/ e / b/ (per l’interfe‐ renza dall’arabo), l’uso del participio passato senza ausiliare e del pronome tonico in luogo del clitico […] elementi di semplificazione […] riconducibili al foreigner talk, come l’uso dell’infinito” (Palermo 2015, 289-290). 242 Raymond Siebetcheu <?page no="243"?> 4 Conclusioni Da questo studio si evince che prima del periodo coloniale l’italiano è stato per lungo tempo considerato l’idioma di riferimento in vari paesi costituendo così il patrimonio linguistico nel Nordafrica. In realtà, l’emigrazione (elitaria, intellettuale ed esulare) di quel periodo si rivelò decisiva anche nell’affermazione e nella condivisione dei valori linguistici ed educativi di queste élite attraverso la costruzione di scuole, le testate giornalistiche, i teatri, le tipografie e altre istituzioni, tra cui le cancellerie. In riferimento al contesto coloniale, l’italiano assunse un altro profilo: da lingua di prestigio ‘ricercata’, diventò una lingua coloniale ‘imposta’. In questo periodo, il profilo sociolinguistico degli italiani, prevalentemente dialettofono, determinò la creazione di una varietà pidginizzata. In realtà in altri contesti coloniali furono invece gli indigeni a creare idiomi semplificati derivanti dalla lingua dei colonizzatori. Sulla base dell’analisi delle caratteristiche di questa varietà italiana in uso durante il periodo coloniale, il contributo ha proposto alcune riflessioni sulla tipologia di semplificazione usata nel Corno d’Africa osservando la sua peculiarità rispetto alle altre varietà semplificate dell’italiano. In definitiva, possiamo dire che i nostri connazionali sono andati in Africa con due varietà linguistiche - l’italiano e i dialetti (l’italiano parlato da un numero molto ristretto) -, ma prima di rientrare in Italia ne hanno creata una terza: un indigenous talk. E se questa ultima varietà semplificata di italiano nel Corno d’Africa è quasi scomparsa con il ritiro dei nostri connazionali dopo la guerra e con la scomparsa progressiva della generazione indigena di quel periodo, l’eredità linguistica lasciata dall’Italia nel Corno d’Africa è principalmente caratterizzata oggi dai prestiti italiani e dagli italianismi presenti nelle lingue di questa parte dell’Africa. 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Im zweiten Teil stellen wir eine Hypothese zur externen, soziohistorischen Motivation des beobachteten Phänomens vor und entwickeln sie weiter. Diese Hypothese besagt, dass, obwohl die gestiegene konzeptuelle Relevanz von Quantität und Quantifi‐ zierung im Kontext kolonialer Praktiken Veränderungen in der kulturellen Erfahrung und dem sprachlichen Wissen der indigenen Bevölkerung her‐ vorrief, sie die Pluralmarkierung der Hispanismen selektiv verwendeten. Zur Stützung dieser Hypothese präsentieren wir Belege für die Behandlung des Plurals in den Hispanismen religiöser und weltlicher Texte aus dem Kontext der Jesuitenreduktionen, die eine verteilungsspezifische Orientie‐ rung am Diskursgenre zeigen. Schlüsselwörter: Lehnwörter, Hispanisierung, Pluralmarkierung, Gua‐ raní-Spanisch-Kontakt, Sprachwandel, Jesuitenmission, koloniales Süd‐ amerika <?page no="248"?> Abstract In this study, we analyze number inflection in Spanish nominal loanwords found in a corpus of indigenous letters written in Guarani (1752-1831). In the first part, we focus on linguistic variation, defining the two possible variants as “zero plural” and plural -s. We observe usage across different historical phases of the corpus and in various combinatory contexts, including the type of determiner (e. g., quantifier or numeral), the language of the determiner (Spanish or Guarani), and the feature of animacy. In the second part, we present and develop a hypothesis regarding the external, sociohistorical motivation behind the observed phenomenon. This hypothesis suggests that, although the increased conceptual relevance of quantity and quantification in the context of colonial practices may have produced changes in the cultural experience and linguistic knowledge of the indigenous people, they applied the plural marker of Hispanicisms se‐ lectively. To support this hypothesis, we provide evidence on the treatment of the plural in Hispanicisms within religious and secular texts from the Jesuit reduction context, showing a distribution oriented towards the type of discourse genre. Keywords: loanwords, hispanization, plural marking, Guarani-Spanish contact, language change, Jesuit Mission, Colonial South America 1 Introducción El presente estudio se basa en un corpus de 75 cartas escritas por indígenas de lengua guaraní entre 1752 y 1831 y busca describir y explicar la marcación del número nominal en los hispanismos empleados en estos textos, es decir, en los préstamos que inevitablemente ingresaban, en esta y en otras lenguas indígenas, desde el inicio de la conquista y colonización de América. El fenómeno que buscamos comprender tiene varios aspectos de interés. El primero se vincula con los procesos de integración de préstamos en situaciones de contacto lingüístico, es decir, con la adaptación de los elementos (léxicos y estructurales) de la lengua prestadora a las condiciones y tipo lingüístico de la lengua receptora; en este caso se discutirá cómo y de qué manera los mecanismos de marcación de número del español (el morfema -s) se introducen en el guaraní de los indígenas teniendo en cuenta, claro está, los esquemas de formación del plural en la lengua receptora. El segundo aspecto se relaciona con la formación de variedades mixtas y posibilidades expresivas favorecidas por repertorios bilingües, hecho que nuestro corpus permite observar pues el contexto de su producción fue 248 Leonardo Cerno, Joachim Steffen <?page no="249"?> el de una comunidad cuyo contacto con el español progresó hasta hacerse muy intensivo a principios del siglo XIX, como se observa en el aumento de la relexificación y los fenómenos de code mixing que ocurren en los textos. En tal sentido, tiene interés la coexistencia entre los hispanismos con plural -s y los que se encuentran nativizados, es decir con el plural formalmente sin marcar (como en guaraní). Un tercer aspecto de interés, que sin embargo viene sólo indirectamente representado en nuestros datos, es el de la proyección de estos fenómenos en las variedades actuales del español paraguayo y de las variedades del habla bilingüe conocidas genéricamente como jopara (“mezcla” del guaraní con el español). Es cierto que el español paraguayo y el guaraní paraguayo han reestructurado sus mecanismos de marcación del plural por causa del bilingüismo, que permitió y permite transferencias recíprocas, y que muy posiblemente el fenómeno que observamos en nuestros datos pueda servir para comprender la evolución de este proceso. Sin embargo, los textos que aquí analizamos están escritos principalmente en guaraní, hecho que no nos permite observar ningún antecedente del español paraguayo, excepto en breves inser‐ siones de palabras, fraseología y code switching, normalmente poco extensos. La segunda limitación, sociológica, es que la comunidad lingüística documentada en el corpus fue en varios aspectos diferente de la comunidad que en la misma época era el antecedente de la sociedad paraguaya moderna. En efecto, los documentos que analizamos proceden de los cabildos de los pueblos indígenas administrados por jesuitas en sus célebres reducciones del Paraguay, separados geográfica, social y lingüísticamente de las ciudades y pueblos españoles como Asunción, Villa Rica y Corrientes (cf. De Granda 1994, 262-263; Thun 2005, 316). Mucho se ha escrito sobre el desarrollo tecnológico, organizacional, económico, militar y burocrático en las reducciones guaraní-jesuíticas, muy superior, sobre todo después de 1650, al de las provincias del Paraguay, con capital en Asunción, y del Río de la Plata, con capital en Buenos Aires. Estas colonias de criollos y mestizos administradas por la Corona nunca alcanzaron, con su economía de la encomienda, mano de obra y servicio personal de indígenas, la prosperidad de los pueblos de guaraníes y jesuitas, que se organizaron a partir de trabajo y cristianidad indígena a cambio de protección (de la Corona) contra los abusos del régimen español de la encomienda y del secuestro y la esclavización por los bandeirantes de S-o Paulo. Esa sociedad se disolvió, sin embargo, para la época en que termina la documentación, en la tercera década del siglo XIX, bastante antes de que la lengua española haya sido adoptada entre ellos como lengua común (según se puede suponer a través de la historiografía). Pese a todo, dado que el uso de los préstamos que analizamos aquí presenta cierta resemblanza El plural español en textos guaraníes del período colonial 249 <?page no="250"?> con el uso del plural en el español paraguayo y del nordeste argentino, nos permitiremos algunas referencias a esta variedad, con las advertencias del caso. 2 La categoría del plural en español paraguayo y en guaraní El nombre guaraní es indiferente a la cantidad y no conoce una oposición gramatical de singular y plural. Ésta no obstante se puede marcar facultativa‐ mente con el cuantificador -eta ‘mucho/ s’, un marcador con significado léxico cuya ocurrencia es más posible pospuesto a nombres con rasgos +humano (frecuentemente nombres de parentesco) o +animado. Junto a -eta se cuentan numerales del uno al cuatro, totalizadores en distribución complementaria opa ‘todo’, memȇ ‘todo’, guetebo ‘todo’, y otros determinantes que involucran cantidad: mbobĭ ‘algunos’, tetirȏ ‘variados’. La oposición singular y plural sólo alcanza a los pronombres presonales de 1 y 2 persona, en concordancia con los prefijos de persona verbal, y a ciertos demostrativos como ȃng ‘esos’, siendo los demás pronombres y la deixis en general indiferente a la cantidad, inclusive la 3 persona pronominal y verbal, aunque en las variedades actuales se contempla la oposición entre ha’e ‘él/ ella/ ese’ y ha’e kuéra ~ ha’e kuéry ‘ellos/ ellas/ esos’. En el español, se sabe, la oposición singular/ plural es neutralizable, siendo el singular la expresion no marcada que puede expresar también, a través de la designación de la clase, a más de un individuo (p.ej: “el niño es travieso” = los niños en general son traviesos). La expresión del plural en el nombre en español es sensible al rasgo +discreto, que lleva como marca obligatoria para referentes cuantificables, p.ej. “en el suelo hay piedras/ hormigas” vs. “en el suelo hay arena/ agua”. Con este condicionante semántico actúa también la definición, siendo más posible la pluralización con referente definido/ conocido: “compré manzanas” vs. “compré las manzanas” (Alarcos Llorach 1987, 279-280) Se ha visto que, en contacto con el portugués y el español, tanto la “Língua Geral” (tupí-guaraní) de la costa brasileña como el guaraní colonial han aumen‐ tado la frecuencia de uso de los cuantificadores. En las variedades orientales del guaraní jesuítico y en el tupí, la gramaticalización de un plural se dio a partir de la forma -eta ‘cantidad, mucho’, mientras que en los dialectos centrales hacia el río Paraguay el proceso se dio sobre la forma -kuéra, originalmente un formador de nombres abstractos, y esta es la forma actual del dialecto paraguayo (Cruz 2015; Cerno 2020). Más allá de las soluciones regionales, el desarrollo mismo indica que la sustancia semántica de la cantidad se había vuelto más relevante por influencia del contacto lingüístico ya en los siglos XVII y XVIII, y que la lengua indígena desarrolló una estrategia para designarla a partir de un mecanismo de 250 Leonardo Cerno, Joachim Steffen <?page no="251"?> 1 Porque la fonología sólo explica la caída del alomorfo -s pero no de -es. Por su parte De Granda ha escrito que “la elisión de [-s] implosiva es, en la zona guaranítica en general y en el Paraguay más concretamente, mucho más intensa que la que se encuentra en Buenos Aires, y en su zona de influencia […]” (de Granda 1988, 131) 2 Así según Germán de Granda: “la elisión de [-s] implosiva […] es un claro marcador de status [bajo], lo cual, lógicamente, da lugar, en el habla formal de los estratos bajos y, sobre todo, mediobajos urbanos y en la de los núcleos rurales, a una gran cantidad de ultracorrecciones, en las que se intenta reimplantar, anárquicamente, la articulación sibilante de [s] implosiva, con resultados frecuentemente estremecedores pero muy significativos […]” (de Granda 1988, 131). Ejemplos de nuestra propia cocecha: con muchas ganas y el deseos de llegar a más gente; pongan al Señor en primer lugar, y después todos los demás vendrá por añadidiura. marcación tradicional. Este mecanismo, léxico en su origen, no ha llegado, sin embago, a configurar una oposición sistemática entre singular y plural como la que existe en el español y el portugués, y sigue siendo hasta en la actualidad opcional. La presión del contacto entre estas dos lenguas se conoce hoy mucho mejor en el español paraguayo, que es muy ilustrativo al respecto del plural. Como se sabe, esta variedad sudamericana (cuyos fenómenos se observan también en el español del nordeste argentino) ha reestructurado la regla de concordancia de género y número calcando las estructuras del sustrato guaranítico que no presenta estas categorías gramaticales (cf. De Granda 1988; 1994; Dietrich 2001, entre otros). En el caso del número, la falta de morfema plural interacciona con la elisión de / s/ al final de palabra, hecho conocido del español americano, pero en la modalidad paraguaya la inconcordancia de número tiene una base netamente gramatical. 1 Las inconcordancias alcanzan a la relación entre el núcleo de la frase nominal y sus determinantes directos, y entre la persona del verbo y el núcleo del sujeto. Pero la norma paraguaya también presenta otras anomalías, como la sufijación arbitraria con -s en otros elementos de la frase nominal. 2 De acuerdo con el WALS, la marca obligatoria del plural nominal es la característica más difundida en las lenguas del mundo, con 133 lenguas de 291 documentadas (45,7%); mientras que en el extremo opuesto, sólo 28 lenguas no marcan la categoría de plural (9,6%). El español pertenece al primer grupo, mientras que el guaraní pertecece al grupo de lenguas que marcan el plural sólo opcionalmente y en nombres con rasgo [+humano], unas 20 lenguas entre las encuestadas, que promedian el 6,8% (cf. Haspelmath 2013). Debe agregarse que esta encuesta para el WALS se basa en la variedad del mbyá guaraní, lengua del mismo grupo lingüístico pero todavía hasta los años 90 con poco contacto con el mundo envolvente y con poco bilingüismo de español o portugués. El plural español en textos guaraníes del período colonial 251 <?page no="252"?> En términos comparativos, el fenómeno de desarrollo de un mecanismo de plural gramatical en las variedades del guaraní y la economización de las marcas del plural en el español paraguayo deben observarse como hechos complemen‐ tarios. Las lenguas tupí-guaraníes pasan de un plural no obligatorio, marcado en nombres con referentes humanos, a un plural no obligatorio mucho más frecuente, marcado potencialmente en nombres de todas las clases semánticas. El español del Paraguay sufre el proceso inverso, donde la obligatoriedad del sufijo plural se cambia por el uso de una redundancia apoyada en rasgos formales mínimos de la lengua y en el contexto. En general en el español paraguayo el plural sólo está marcado en el determinante: los amigo, muchas cosa, todo los día, unos cuanto diario, etc. En ciertos contextos el singular vale también como plural, y hemos documentado usos que van más lejos de lo que permite la norma estándar, donde el plural parece calcado del funcionamiento de los nombres comunes en guaraní: Compraron amortiguador; Había sapo así de grande, y hasta donde está el sapo llegamos. Esta situación refleja a nuestro modo de ver el producto de una convergencia estructural promovida por el contacto entre las dos lenguas de base, que se adaptaron a una situación nueva adoptando mutuamente rasgos diferenciales: el español paraguayo adopta la economía formal del guaraní, reduciendo los recursos de marcación formal; el guaraní paraguayo adopta la redundancia del español, ampliando la frecuencia y distribución del sufijo -kuéra. En otras palabras, en el proceso de convergencia intergeneracional, las dos lenguas de contacto encontraron un punto de congruencia, dando lugar a un plural morfo‐ lógico aplicable a todos los sustantivos (independiente del rasgo [+humano]) y siempre facultativo. Esta situación debe considerarse claramente en su aspecto de diversifica‐ ción sociolingüística. El contacto histórico entre el guaraní y el español da como resultado un bilingüismo socialmente extendido que se expresa de maneras diferentes según los ambientes sociales y la situación comunicativa. El fenómeno puede ser visto como continuo variacional que va, en sus formas coloquiales, desde un guaraní “hispanizado” hasta un español “guaranizado”, originados ambos en procesos de transferencias que a lo largo de la historia crearon las variedades locales de ambas lenguas (un guaraní civil, un español vernáculo). En el medio de ambos extremos pasan las hablas intermedias de código mixto y/ o de code switching llamados “yeheá” y “yopará” (Stewart 2017). Este continuo variacional está al alcance de la mayoría de los paraguayos 252 Leonardo Cerno, Joachim Steffen <?page no="253"?> 3 Es interesante observar que en la prensa nacional popular (en español), que suele insertar elementos del guaraní para reafirmar la identidad paraguaya, uno de los más destacados es el uso del marcador plural -kuéra. aunque con variantes sociológicas propias del perfil de los hablantes. 3 A este panorama se le debe sumar un guaraní estandarizado, conocido como guaraniete (‘auténtico guaraní’), de uso más bien oficial, educativo y literario, y una norma culta del español empleado en situaciones formales, oficiales y de audiencia amplia, donde se evitan las transferencias del guaraní propias del habla informal. Ya se ha dicho que el foco de nuestro estudio se cruza de manera indirecta con esta realidad lingüística actual. Es claro que esta situación tiene un origen histórico, pero es indudable que nuestros datos proceden de un ambiente parcialmente distinto, las reducciones jesuíticas de guaraníes. En la sociedad reduccional el ritmo de la hispanización del guaraní y la reestructuración del español fue seguramente mucho más lento que en la sociedad mestiza del Paraguay, por lo menos hasta finales del siglo XVIII, cuando los pueblos reduccionales comienzan a integrarse a la sociedad externa. De todos modos pensamos que nuestros datos permiten observar procesos que en la sociedad paraguaya debieron haber ocurrido de manera esencialmente similiar, pues los condicionantes lingüísticos son prácticamente los mismos, sobre todo si se tiene en cuenta que el monolingüismo guaraní fue extendido en el Paraguay colonial, incluso entre criollos y mestizos, hasta finales del siglo XVIII (De Granda 1994, Thun 2005). De este modo, el fenómeno de la marcación del plural en los préstamos del español en el guaraní jesuítico es observado aquí no solo en el sentido de comprender la ocurrencia de fenómenos propios de esta comunidad lingüística, sino también de arrojar luz sobre procesos de transferencia lingüística que tuvieron lugar también en la comunidad civil paraguaya. Con estas observaciones presentaremos en la sección § 3 nuestro corpus y definiremos las variables principales del estudio, para continuar en § 4 con una presentación de resultados y en §5 con una intepretación histórica de los fenómenos observados. En § 6, por último, ofreceremos nuestras conclusiones. 3 El corpus El corpus de este estudio está formado por 75 cartas escritas en guaraní entre 1752 y 1827 en las reducciones jesuíticas de la Provincia del Paraguay, en un área que actualmente abarca el sur de la provincia de Misiones, en el nordeste argentino, y las áreas colindantes del Paraguay (departamento de Itapúa) y del El plural español en textos guaraníes del período colonial 253 <?page no="254"?> sur de Brasil (estado de Rio Grande do Sul). Si bien la sociedad guaraní jesuítica se asentaba en 30 pueblos distribuidos más o menos regularmente en esta área, las mencionadas cartas se restringen a 23 de ellos. Debe tenerse en cuenta que los textos comprenden ya la fase final de la experiencia colonial guaraní-jesuítica. En efecto, la experiencia reduccional de los guaraníes con los jesuitas se inició en 1610, y tuvo sus primeros éxitos políticos, demográficos, militares, económicos y culturales al promediar el siglo XVII. Su época de apogeo y florecimiento cultural alcanzó la primera mitad del siglo XVIII. En tal sentido estos documentos reflejan una sociedad ya consolidada que se encamina sin embargo a su lenta disolución desde 1768, año en que los jesuitas deben abandonar las reducciones por orden del rey Carlos III. Con la explusión de los jesuitas, la administración cayó bajo la esfera de Buenos Aires y de padres franciscanos, domínicos y de otras órdenes. A partir de esta época (que abarca la mayor parte de nuestro corpus) la penetración del español será mayor y la hispanización de la lengua alcanzará un ritmo más intenso, sobre todo después de 1780 (Benítez Almeida 2022). Algunos documentos de la fase del siglo XIX muestran ya el antecedente del yopará moderno, manifestando, además de un incremento de préstamos léxicos, fragmentos de code switching, especialmente la carta de San Miguel y San Carlos (en la actual provinicia de Corrientes) de 1827, muy significativa en este sentido (cf. Morínigo 1990, 150-155). Los autores de estos textos fueron indígenas vinculados al cabildo de cada pueblo jesuítico guaraní, normalmente corregidores, figura más alta de esta institución colonial, cuyos miembros normalmente habían sido preparados en la escritura, la lectura y “el cálculo” en las escuelas de los propios pueblos. En estas escuelas, a las que asistían sólo los indígenas seleccionados por los padres de acuerdo a sus talentos o capacidades, se formaba la “elite” nativa destinada a las tareas de mayor refinamiento cultural: artesanos, músicos, cabildantes, mayordomos etc. Es posible que estos indígenas, hablantes del guaraní reduccional, algo diferente del guaraní paraguayo actual, tuvieran ya algún conocimiento del español pues, si por un lado la presencia de esta lengua aumentó en las reducciones después de 1768, no en pocas ocasiones los indígenas de este sector tomaban contacto con la sociedad externa en viajes para tareas militares, intercambio económico, construcción de infraestructura, etc., en ciudades próximas como Asunción, Santa Fe, Corrientes, Montevideo y Buenos Aires. No obstante la producción que analizamos es monolingüe, con la exepción de préstamos léxicos y fraseología tradicional (fechas, salutaciones, etc.). En su gran mayoría se trata de cartas dirigidas a la administración de Buenos Aires, normalmente informes sobre la situación económica, militar y administrativa, y también quejas y agradecimientos. Se cuentran también 254 Leonardo Cerno, Joachim Steffen <?page no="255"?> algunas proclamas y cartas privadas entre indígenas, o entre indígenas y agentes no indígenas (curas o militares). Gran parte de este corpus está publicado en línea (LANGAS 2018); otros documentos han llegado a nuestras manos por vía privada. En este corpus se han analizado los hispanismos de la clase de los sustantivos con sentido plural, manifiesto morfológicamente o inferible del contexto, cuyo estatuto es el de “préstamos”, en sentido amplio. Estos han sido computados en una base de datos con dos valores: plural -s (p.ej. capitanes, misas) y plural “cero” (capitan ~ capitȃ, missa con valor de plural). Es cierto que el concepto de “prés‐ tamos” para estos usos plantea ciertos problemas, principalmente vinculados con el nivel de integración de los mismos en la lengua receptora. Como se sabe los préstamos altamente integrados, por diferentes razones, dejan de ejecutar las estructuras de la lengua prestadora y funcionan con las reglas (fonológicas y morfosintácticas) de la lengua receptora. Desde este punto de vista los préstamos con “plural cero” (p.ej. capitȃ para ‘capitanes’) mostrarían un nivel mayor de integración, pues la fonología del guaraní no admite un final consonántico, y la / -s/ que expresa el plural se elide en favor de la fonología receptora. Los préstamos con flexión / -s/ , por conservar la fonología de origen, y con ello la morfología, por su parte pueden incluso ser interpretados como eventos mínimos de cambio de código (“insertional switches”, cf. Matras 2009, 138-139; Thun 2005, 222-223). Pero este aparente desbalance en la naturaleza de ambas clases de hispanismos, en su estatuto o su nivel de integración, no nos parece relevante aquí, considerando que el denominador común son dos extremos de un continuo. En este sentido clasificaremos ambas clases como variantes de una misma expresión considerada “préstamo”. Estos ciertamente están insertos en el discurso en variedades de formas. En el siguiente extracto, de una carta de 1806, vemos el empleo de hispanismos, destacados en negrita. (1) Oroyelibertama rire mocoȋ carreta rȃngue maso, hae rayason, hae tabla peterebĭguigua, hae cedro guiguabe como docientas u.s peina hina peteȋ español Juan Gregorio Chaparro herabae maestro carpintero hae mantenipo oȋquaa eguibaereco, hae treinta y uno sillas armajen [? ] haciendaramo yyapopĭre, opa ȃbae repĭ ndoiqueiri Almasenpe ndorohechay. Opa ȃbae nico mbaeguipa nomoȋnguei baecue odiariope co caray mayord. rae, ore ndoroi‐ quairi eguibaembae, ha eupeina hina Herramientas az.da y serviciope oyepo ‘Después de que se libertaron [maderas para] dos carretas, mazo y rayazón [? ] y tablas de peteribí y de cedro, como doscientas unidades, el único que sabía esto era un español maestro carpintero, Juan Gregorio Chaparro, y fueron hechas como hacienda treinta y una sillas de almacén [? ], todo eso tan valioso no El plural español en textos guaraníes del período colonial 255 <?page no="256"?> 4 Como muestra el siguiente ejemplo (Yapeyú 1788, 1): Oromaȇ hape casique ramo hecohabarehe, coterȃ oñemeȇ bacue nipo poroquaita amo casiques retaupe, “mirando también por el cacique, o si se ha dado orden para todos los caciques”. ingresó en el almacén, no lo hemos visto. Todas esas cosas no fueron escritas en el diario del señor mayordomo, no supimos nada de eso y así también con las herramientas, hazada y el servicio.’ (Santa Rosa 1808) Se trata de un documento tardío, que muestra un ejemplo extremo de his‐ panización, pero permite ejemplificar los criterios generales que adoptamos para computar los casos de nuestro interés. No todos los préstamos fueron contabilizados. Junto a un verbo integrado, liberta, se encuentran nombres, numerales y dos conjunciones, como e y, estas en fragmentos de code switching. Nótense también las abreviaturas, u[nidade]s y mayord[omo]. Los hispanismos con sentido plural fueron contabilizados, dejando de lado ciertos casos, con tres criterios. Primero, no se han contado los préstamos cuyo sentido plural no está claro en el discurso, como en el ej. 1 maso, y hazada. En segundo lugar se dejaron de lado préstamos de los que se supone el uso plural podría estar fosilizado. En nuestro corpus hay muchos usos de cabildos como “cabildantes”, caciques, y portugues (como “portugueses”) etc. Sin embargo, para las palabras cacique/ s y soldado/ s con sentido plural se ha considerado cada caso concreto, incluyendo los que se pensaba desplegaban productivamente el sufijo -s o su ausencia. Esta ex‐ cepción fue adoptada dado que, para cacique/ s, hay varios documentos en donde ambas formas, singular y plural, son usadas en covariación con el significado de singular y plural respectivamente. 4 Por su parte, para soldado/ s, se ha decidido integrar esta expresión dado que en todas las fases del estudio se despliegan ambas variantes, del plural cero y plural -s con sentido plural. Es claro que el problema de la caída de -s por procesos fonológicos no ha sido considerada. El tecer criterio de selección fue, por último, dejar aparte los préstamos antiguos altamente integrados, como mburicá ‘burro’, y ovecha ‘oveja’, cabayu ‘caballo’, que además no admiten la sufijacion con -s (*mburicás, *ovechás, *cabayús, no son formas históricas ni actuales). No obstante dentro de este subconjunto hemos decidido computar vaca/ s dada la alta cantidad de usos de las variantes vaca/ s en todas las épocas. Por último, palabras en el interior de fragmentos de code switching y de fórmulas como meses, años y pies en, por ejemplo, Meses 9 de Abril de 1769.añs (Apóstoles 1769) o El Casique D.n Chrysanto Tayuare Puesto a los Pies de V.E. (Yapeyú 1768, 3), no han sido computadas. 256 Leonardo Cerno, Joachim Steffen <?page no="257"?> 4 Los resultados La siguiente tabla exhibe el total de las cifras que arrojan los resultados del estudio. Se distinguen los préstamos en cuatro categorías: hispanismos “libres” se refiere al elemento alóglota integrado en el discurso guaraní sin estar determinado por pluralizadores de ninguna clase, es decir que ocurre en un contexto formalmente desmarcado de cuantificadores, demostrativos con significado plural, o cualquier otro mecanismo que pueda funcionar como pluralizador. Otra condición de esta categoría es, como ya se ha dicho, que no integre un fragmento mayor de code switching. Las otras categorías se forman de acuerdo con el tipo de pluralizador que le precede, cuantificadores en general o numerales, siendo una posibilidad que el numeral sea guaraní (del 1 al 4) o prestado del español. No registramos en el corpus la ocurrencia de cuantificadores españoles como muchos, todos, etc. Hispanismos Plural Ø % Plural -s % total “libre” 46 46% 55 54% 101 con cuantificador guaraní 12 44% 15 55% 27 con numeral guaraní 7 50% 7 50% 14 con numeral español 11 19% 46 81% 57 total 76 38% 123 62% 199 Tab. 1: resultados generales La tabla 1 muestra que se reunieron en total 199 préstamos con sentido plural. De este conjunto se destacan los siguientes hechos: (1) el hispanismo “libre” es la categoría que más casos reúne, con 101 ocurrencias, casi la mitad del conjunto; (2) en combinación con numerales españoles el plural marcado supera con un alto porcentaje al plural cero; (3) excepto en la última categoría, existe un relativo equilibrio entre ambas variantes, aunque con predominancia del plural marcado. Ahora bien, si se considera que (1) constituye una tendencia natural, en el sentido de que refleja la mera ocurrencia de los hispanismos sin ninguna determinación de cuantificación, las cuestiones que imponen estas cifras son esencialmente dos: ¿porqué el plural marcado predomina sobre la nativización con “cero”? Y ¿porqué esta tendencia es tan notoria en el contexto de los numerales españoles? El siguiente cuadro muestra los valores de la tabla 1 dispuestos en columnas, y discriminados para las seis fases temporales en que se ha ordenado el corpus. Al interior de cada columna se distinguen las categorías del contexto de ocurrencia de las variantes. El plural español en textos guaraníes del período colonial 257 <?page no="258"?> 5 Agradecemos a Mariana Dimas (IESyH-CONICET, Posadas) la ayuda técnica brindada para elaboración de los cuadros de este trabajo. Cuadro 1: Proporciones generales 5 El cuadro muestra que la predominancia del plural -s (columnas del lado derecho) existió en todas las fases y, significativamente, que en el período final de 1815-1830 no hay ningún caso del plural nativizado para los hispanismos. Es importante ver en qué medida influyen en nuestra comprensión de estos datos generales los contextos combinatorios expuestos en la tabla 1. Por ejemplo, en la década de 1760 (28 documentos) el aparente equilibro entre las columnas es engañoso pues 12 de 30 casos de plural -s corresponden a la combinatoria con numerales españoles (en el resto de las categorías tiende a predominar el plural cero). En la década de 1770 (12 documentos) el desequilbrio vuelve a estar justificado por la combinatoria con numerales españoles, que constituyen 17 de 29 casos. En la década de 1780 (10 documentos) la combinatoria con numerales españoles es 4 de 12 para el plural marcado. Notablemente en esta década el único caso de combinatoria con numeral guaraní corresponde al plural marcado. En la fase de 1800-1815 (6 documentos) el plural marcado combinado con numeral español vuelve a tener una gran predominancia, con 10 sobre 16 ocurrencias, y es decisivo en el valor alto que alcanza la columna correspondiente. En la fase final, como se ha dicho, no hay ninguna ocurrencia de un hispanismo con sentido plural expresado con cero. Aún más interesante para esta fase resulta que, de las 13 ocurrencias del plural -s, 6 ocurren en situación de hispanismos “libres” y 6 con cuantificador guaraní, la restante ocurre con numeral español. En este sentido la tabla muestra que, si bien los numerales españoles constituyen una motivación importante al uso del plural 258 Leonardo Cerno, Joachim Steffen <?page no="259"?> marcado, las formas con -s también pueden usarse bastante regularmente fuera de este contexto y que, incluso, en el período final, es la única que se realiza. Veamos a continuación por separado los diferentes contextos en que se emplea el hispanismo pluralizado. 4.1 Los hispanismos “libres” 46 plural cero contra 55 plural -s se distribuyen de la siguiente manera en la tabla diacrónica, donde también podemos tener una visión más precisa si observamos de cerca los componentes que forman cada columna, por ejemplo el carácter animado o inanimado del referente, pero la discusión sobre la incidencia de la animacidad será destinada a la sección § 4.5. Cuadro 2: “cero” vs. “-s” en hispanismos “libres” En 1750, de los 14 usos del plural -s hay 10 de soldados, y 2 de christianos, palabras que, si bien indican referentes animados, podrían responder a una fosilización. Notablemente las palabras soldado y christiano con sentido plural también se cuentan en la misma fase, en algunos casos en la misma carta (ej. 2, abajo). De todos modos la posibilidad de fosilización y la cantidad de ocurrencias de soldados sugiere que la ventaja del plural -s es aparente. Las otras ocurrencias del plural -s son en esta fase bacas y yeguas. Las 7 ocurrencias del plural cero son christiano (2 casos), portugues (2 casos), soldado, abipón (una etnia) y vaca. En El plural español en textos guaraníes del período colonial 259 <?page no="260"?> 1760 en cambio 18 ocurrencias con cero superan a 14 formas con -s. Se cuentan junto a vaca (6 casos) varias nativizaciones como clérigo (3 casos), esclavo (2 casos), soldado (2 casos), yegua, fraile, azote, cigarro, honda; las formas con -s alcanzan a soldados (4 casos), portugueses (2 casos), señores (2 casos), vacas, apóstoles, compañías, caballos, bolas, vestidos. La década de 1770 presenta un equilibrio entre 9 usos con -s (viudas, carpinteros, reyes, christianos, oficios, grillos -2 casos-, habas, volantes) y 8 usos con cero (cacique, chasquero, vaca, gasto -2 casos-, chupa, poncho, azote). La década de 1780, los 5 usos con plural -s (toros, haziendas, bateas, cuentas, tributos) contrastan con el doble de formas con cero: estanciero (2 casos), capataz, poblador, baca, cacique, buey, cabildo, contramarca, tacho, no obstante se destaca que 5 de los 10 usos con cero provienen de una misma carta (Santa María de Fe, 1788). Pero la década de 1800 presenta un vuelco con 7 formas marcadas, cabildos, oficiales, personas, vasallos, yeguas, mulas, herramientas, frente a solo 3 usos con cero: vaca, ordenanza, obligación (ejemplos 3-5). La fase final, como se ha dicho, ya no presenta usos del plural nativizado, y los 6 hispanismos con sentido plural llevan la marca: soldados (2 casos), caciques, hermanos, noticias, calamidades, etc.: (2) Soldado oyehe opoco baerȃ upe ‘entregándolo a los mismos soldados’ (San Nicolás 1753) (3) Buey araquaa oyucace baè Estanciarehe oñembosarayse bae [….] coterȃ oyogua toros ‘castigamos a los que pretenden robar bueyes de las estancias […] también compraron toros’ (Santa Rosa 1808) (4) Ni Yeguas mboyaoharupi ndohechay oȋcoey̆bo oreyrȗramo ‘no lo vemos repartir las yeguas’ (Santa Rosa 1808) (5) Coichamante omombeu Oficiales yepe ocastigahaguȃ ‘les dijo a los oficiales que los iba a castigar’ (Candelaria 1813) En síntesis, la realización del plural cero y el plural -s en el uso “libre” muestra cierto equilbrio en todas las etapas, si se tiene en cuenta la concentración de un sólo type soldados en 1750, y de un sólo escritor para los plurales cero en 1780. Ahora bien este equilibrio se decide hacia la variante del plural -s en las dos fases finales, y con predominancia absoluta en la última fase. 4.2 Los hispanismos con cuantificador guaraní Ante cuantificadores guaraníes como heta ‘muchos’, mbobĭ ‘unos pocos’, pebȇ ‘todos’ o el completivo opa ‘todos’ se observa en la tabla cronológica una situación algo diferente a la anterior, con una predominancia, en las primeras fases, de la variante del plural cero, hasta 1780 donde la situación se invierte y 260 Leonardo Cerno, Joachim Steffen <?page no="261"?> llega al final con la predominancia absoluta de plural marcado. La cantidad de casos es ciertamente mucho menor que en los observados en § 4.1. Cuadro 3: “cero” vs. “-s” ante cuantificador guaraní Los usos son, para la fase de 1750, charrúa, gobernador (ej. 6) y hazienda para el plural cero, y christianos para el plural -s. En la década de 1760 constan yegua, puesto (ej. 7-8), estancia, naranja, para plural cero y santos, oficiales, soldados para plural -s. En 1770 conchabado y cacique contrastan con pesos; en 1780 tacho contrasta con bacas y yeguas. En 1800 los dos usos de baca e instrumento contrastan con soldados y oficiales (ej. 9) y en la fase final los usos con plural -s corresponden a hermanos, intereses, regalos, desórdenes, familias, y misioneros, los cuatro primeros casos procedentes de la mencionada carta “yopará” de San Miguel y San Carlos (Corrientes, 1827): (6) Amondo ave Che Governad.r reta pendehe ‘envío a Uds. mis gobernadores’ (San Juan 1753) (7) Yegua mansa heta abe ogueraha orehegui ‘nos robaron muchas yeguas mansas’ (Sta. María de Fe 1761) (8) hae Puesto eta fuerte nunga ramo mȇmȇ y mopuȃhaguȃma ‘para construir muchos puestos a modo de fuertes’ (Sta. María de Fe 1761) (9) Opabae Che Oficiales reta hasta Corregidor Cabildos heguibe Opa instrumento reheve hasta las docepeve ‘todos mis oficiales y hasta el corregidor y los cabildantes con todos los instrumentos, hasta las doce’ (Candelaria 1813) El plural español en textos guaraníes del período colonial 261 <?page no="262"?> 6 No hay, hasta donde sabemos, en todo el corpus guaraní-jesuítico, usos superiores a cuatro que correspondan al sistema desarrollado para el guaraní estándar moderno (que tiene po ‘cinco’, posiblemente también tradicional, pero neologismos como poteĩ ‘seis’ < po ‘mano’ + peteĩ ‘uno’, pokõi ‘siete’ < po + mokõi ‘dos’, ku- ‘diez’ < ku- ‘dedo’, kuateĩ ‘once’, s- ‘mil’ < s- ‘cuerda’ etc. (cf. Guasch [1956] 1983, 82-83). Nótese la combinación del cuantificador vernáculo -eta con governador y con puesto en ej. 6 y 8, que en ej. 7 se observa en su forma predicativa (h-eta ‘son muchas’). La posibilidad de doblete con -s y el cuantificador se observa en ej. 9 en oficiales-reta. 4.3 Los hispanismos con numerales guaraníes La combinatoria de hispanismos con numerales guaraníes es la que menos ocurrencias da en nuestro corpus, 14 en total, hecho explicable porque el guaraní ofrece sólo cuatro elementos en la clase de los numerales. 6 Cuadro 4: “cero” vs. “-s” ante numeral guaraní Interesante en este cuadro, más allá de los pocos casos, es verlo en la perspectiva de la variación y competencia con los numerales españoles tres y cuatro, que indica una sustitución de los numerales vernáculos tempranamente, ya desde 1760 (ej. 15-16), lo que explica las bajas ocurrencias de esta categoría representada en el cuadro. En la última fase, por ejemplo, sólo son empleados 262 Leonardo Cerno, Joachim Steffen <?page no="263"?> los numerales españoles para las cantidades de uno a cuatro. De todos modos la tendencia al uso de -s o cero para los numerales guaraníes es, nos parece, equilibrada. En 1750 los usos son estancia, señor y chafarote para el plural con cero, y yeguas, caciques y personas para el plural con -s (ej. 10-12); en 1760 llave contrasta con compañías (ej. 13-14); en 1770 el único plural cero de tercio contrasta con caciques y caballeros, en 1800 platero y carreta son los únicos usos identificados, y para la fase final ya no ocurren numerales guaraníes. (10) Hae yeguas mbohapĭ tenda ‘y tres monturas de yeguas’ (San Juan 1753) (11) Ore Estancia mocoy̑ ‘nuestras dos estancias’ (Concepción 1753) (12) Chafarote ogueraha mocȏi ‘llevaron dos chafarotes’ (Sta. María de Fe 1758) (13) Mocȏi compañías ‘dos compañías [soldados]’ (Itapúa 1761) (14) Mbohapy̆ llave Almacen ñabȏ rehe ‘tres llaves para cada almacén’ (Yapeyú 1768) Mostramos en esta sección los usos de numerales españoles dos, tres y cuatro que ejemplifican casos de préstamos ya tempranos que reemplazan vocabulario (básico) nativo. (15) Est.a ўguareta abe nico yñabȏrupiguara oroȋrumȏrȗmȏ, tres, quatro, coterȃ cincoyepe yñopȋtĩbȏ haguȃma rehe. ‘También ya aumentamos muchas veces los cuidadores de estancias, agregando tres, cuatro, o quizás hasta cinco para que se ayuden entre sí.’ (Santa María de Fé 1761) (16) haè oroyohu año quatro Compañías y ñabȏ ñabo veinte y cinco soldados rehegua, haè dos Companias S.to Angel pegua. ‘y formamos cuatro Companias de veinte y cinco Soldados cada una, y otras dos semejantes de S.to Angel.’ (Mártires 1761) (17) oyepaga quatro pesos ha mocoȋbe vestido upe a dos p.s cada uno ‘se pagó cuatro pesos y por los dos vestidos dos pesos cada uno’ (Santa Rosa 1808) (18) oguerubaecue Esterogui quarenta y una bacaray̆ de dos año hae uno reheguabe ‘mandó traer de los Esteros cuarenta y un terneros de dos años, y uno más’ (Santa Rosa 1808) (19) Ome é Licencia orebe dos Oficiales, dos Sargentos, Quatro Cavoz, y Cincuenta Soldados ‘nos dio licencia a nosotros, dos oficiales, dos sargentos, cuatro cabos y cincuenta soldados’ (Candelaria 1813) El plural español en textos guaraníes del período colonial 263 <?page no="264"?> Reproducimos tantos ejemplos porque nos da pie a presentar una hipóteisis que desarrollaremos en la sección § 5, y que es que el discurso referido a la economía y/ o la organización de los recursos materiales constituyó un agente importante de introducción, no sólo de los numerales básicos como préstamos que relexifican la lengua indígena, sino también de la categoría de número representada hoy por -kuéra y observada aquí sobre los préstamos. En efecto, en todos estos ejemplos nos parece que se expresan géneros de la comunicación burocrática destinados a rendir cuentas o informar sobre situaciones del balance económico o militar, que claramente no proceden de tradiciones indígenas sino coloniales. No obstante la posiblidad de expresar la numeración con recursos nativos, para esta misma época, consta en los ej. 10-14, lo que indica una situación de variación. Por su parte los ej. 16-19 parecen indicar cierta preferencia del español en combinatoria con un sustantivo español. El ej. 17 muestra la coexistencia de un numeral español con un numeral guaraní, quatro y mocoȋ-be ‘dos más’. En los tres últimos ejemplos, por otra parte tardíos, se observan fragmentos de code mixing: a dos p(eso)s cada uno-(ej. 17), de dos año (ej. 18), y y cincuenta (ej. 19). 4.4 Los hispanismos con numerales españoles Como se ha dicho arriba, la tendencia relevante de este estudio es la preferencia del plural marcado con los numerales españoles. La evolución se expone en el cuadro: Cuadro 5: “cero” vs. “-s” ante numeral español 264 Leonardo Cerno, Joachim Steffen <?page no="265"?> El plural -s es preferido en todas las fases, siempre doblando o triplicando el uso con la forma nativizada. En la década de 1750, el único uso de vaca con cero se opone a soldados y cabildos. En 1760, sin embargo, la alta disparidad puede ser engañosa, pues 7 de los 12 usos del plural -s corresponden a soldados; el resto de los usos incluye compañias (2 casos), oficiales, mayordomos y azotes. Los usos del plural con cero son compañia (2 casos), carta y carga. En la década de 1770, de los 17 usos del plural -s son de vacas, yeguas, sacramentos, azotes, meses, años (5 usos en una misma carta), y se cuenta a su vez un alto empleo de unidades de medidas: libras (3 casos), arrobas, fanegas, manojos, reses. Entre los usos con plural cero se cuentan sólo tercio, docena (también unidades de medida) y barra. En la década de 1780 los 4 casos existentes son vacas, muchachos, azotes, arrobas. En la fase de 1800-1815 los casos del plural neutro son tabla, buey y año, en tanto para el plural marcado los 10 casos son pesos (3 casos), meses (2 casos), veces, azotes, varas, sillas, unidades. A este uso se suma pueblos en la fase final. Algunos ejemplos (en los ej. 22-27 y 30 se separan con punto y coma las ocurrencias mínimas, que no corresponden en secuencia al discurso original): (20) oficiales rȃ nueve baè (Sta. María de Fe 1762) (21) cinco mayordomos (Yapeyú 1768) (22) dies años; ocho años; seis años; quatro años; ocho años, (Loreto 1770) (23) bacas ocho mil; yeguas dos mil (Concepción 1772) (24) 4 l[ibras] rezes; caá 4 @ 12 lib.s; 15 lib.s; 38 manojos; 6 lib.s (s/ l [ Jesús] 1773 (1)) (25) 4 rezes; 30 F.as ñote (s/ l [ Jesús] 1773) (2) (26) sacramentos sietebaè; seis messes rehe (Santo Angel 1775) (27) 25 azotes (San Joaquín 1780) (28) oroguereco sesenta mil bacas haè onze mil arrovas mandiyu (San Miguel 1786) (29) catorze muchachos (San Joaquín 1789) (30) dos meses pebe; dos veses; veinte y cinco asotes (Carta Candelaria 1813) A estos ejemplos se han de añadir los ej. 16, 17 y 19 de la sección § 4.3. 4.5 Animacidad Observemos ahora si el rasgo semántico de la animacidad influye en la selección del plural cero o marcado. Abajo graficamos las realizaciones de animados e inanimados con plural cero y plural -s: El plural español en textos guaraníes del período colonial 265 <?page no="266"?> Cuadro 6: “cero” vs. “-s” en combinación con sustantivo +/ -animado Obsérvese que a lo largo de la evolución los animados se realizan con preferencia con la forma del plural -s por encima de su variante del plural cero, con la excepción de la década de 1780. Pero lo más notable de este cuadro es que, para la clase de los inanimados, mientras que en las primeras dos fases se prefiere el plural cero, en la década de 1770 hay un salto a partir del cual incluso esta clase de nombres tiende a realizarse con el plural -s. En la fase final, como sabemos, triunfa el plural -s. Para los animados sólo en la década de 1780 hay una preferencia para el plural cero. Observemos la elección de animados e inanimados para cada categoría combinatoria. 266 Leonardo Cerno, Joachim Steffen <?page no="267"?> 7 En la década de 1750, de los 20 usos de sustantivos animados, 13 se marcan con -s, y 7 con cero (ténganse en cuenta que 10/ 13 de plural -s corresponden a soldados). En la década siguiente, de los 27 usos de sustantivos animados, 12 se marcan con -s y 15 con cero. En 1770 los usos son equilibrados, y en 1880 hay 8 casos de animados “cero” contra 1 caso con -s. En 1800 predomina otra vez el animado con -s, con seis casos, sobre uno sólo de animado con -s. En la década final, como se ha dicho, todos los usos son con plural -s. Cuadro 7: hispanismos libres y animacidad Los valores dicen que en la categoría de hispanismos “libres” no hay alta incidencia del rasgo de animacidad en la preferencia de la variante. Se cuentan 34 sustantivos animados con plural cero y 39 sustantivos animados con plural -s; por su parte el contrapeso se da con 16 inanimados con plural -s contra 12 con plural cero. Tampoco hemos observado, al considerar la evolución en el tiempo (véase § 4.1), alguna tendencia significativa, sino más bien una oscilación aleatoria. 7 Otra situación despliega el rasgo de animacidad en la combinación del sustantivo con cuantificadores del guaraní. El plural español en textos guaraníes del período colonial 267 <?page no="268"?> Cuadro 8: cuantificadores guaraníes - animacidad En este contexto los sustantivos animados se prefieren con plural -s, en un doble de incidencias, pues 12 ocurren con -s, y 6, con cero. Entre los inanimados se observa lo contrario, 6 sustantivos ocurren con plural cero y sólo 3 con plural -s. Más notable en esta clase combinatoria es la evolución (véase § 4.2), pues se nota que los 3 inanimados con plural -s recién ocurren después de 1815, con intereses, regalos, desórdenes (carta de San Miguel y San Carlos, Corrientes, 1827, especial por su estilo mixto). También es notable la distribución entre animados e inanimados en combi‐ nación con numerales guaraníes. 268 Leonardo Cerno, Joachim Steffen <?page no="269"?> 8 Las unidades de medida tienen cierto peso en los valores generales, pues suman 9 casos del total (casi un tercio): libras (3 casos), arrobas (2 casos), fanegas, manojos, reses y unidades, y contando meses (3 casos) y años (5 casos en una misma clarta) llegan a 18, casi un 60 % de los 26 casos de plural -s en total. Con todo hay ejemplos con plural cero, en tercio y docena. Cuadro 9: numerales guaraníes - animacidad En este contexto el uso de plural -s se favorece claramente con animados, y el plural cero con inanimados. Así, de los 8 sustantivos animados 7 ocurren con -s en este contexto, y de 6 inanimados, todos ocurren con cero. Por último, en la combinación con numeral español, hasta los inanimados favorecen el plural morfológico, con 26 casos de plural -s contra 7 de plural cero, aunque se debe tener en cuenta que en esta categoría entran los nombres de unidades de medida. 8 El plural español en textos guaraníes del período colonial 269 <?page no="270"?> Cuadro 10: numerales españoles - animacidad Nótese que entre los animados también hay predominancia del plural -s, de 24 casos 20 se realizan con esta variante. En tal sentido, en esta categoría la animacidad no necesariamente define la forma que adopta el plural, sino que lo decisivo parece ser la combinatoria con numeral español. Evolutivamente siempre se nota la tendencia al uso de los animados con -s, excepto en la década de 1800, donde el único caso de animado en este contexto, buey, ocurre con cero (véase § 4.4). Los inanimados sólo muestran una tendencia al uso nativizado en la época temprana de 1760, con dos usos carga, carta, contra uno sólo azotes del plural -s. En el resto de las épocas, para combinatoria con numeral español, la mayoría de los usos en los inanimados ocurren favoreciendo la marca -s. 4.6 Síntesis A lo largo de esta sección § 4 hemos analizado los datos cuantitativos vinculados a factores internos que podrían estar orientando el uso del plural “nativizado” en los hispanismos, o el plural con -s. Los datos generales indican que esta última variante es la que se prefiere, en todas las épocas, por sobre la versión nativizada, levemente en las diferentes categorías analizadas, pero con mucha preponderancia en la combinación con numeral español, y que por otra parte, es la variante que desplaza a la otra en la última época del corpus analizado. Hemos visto que la animacidad del referente juega un papel importante sólo en combinatoria con determinantes del guaraní, cuantificadores o numerales, pero no en el resto de las categorías. Y por último, que en la perspectiva diacrónica 270 Leonardo Cerno, Joachim Steffen <?page no="271"?> es la clase de los inanimados la que pasa, a partir de la mitad del período total, a emplearse también preferentemente con plural -s, siendo antes la clase semántica que casi por defecto se nativizaba. 5 Interpretación Para complementar la perspectiva interna del análisis ofrecemos, a partir de aquí, una serie de datos externos a la lengua, vinculados con transformaciones de la sociedad hablante. En el marco de un enfoque constructivista del cambio lingüístico por contacto (cf. Zimmermann 2008), vamos a sostener la hipótesis de que las formas con -s en los hispanismos predominaron en general porque la sociedad indígena ingresó progresivamente en un nuevo estado cultural en donde la cantidad, como experiencia estructurada, se extendió por encima de los valores tradicionales y cobró una relevancia que no tuvo durante su fase como sociedad tribal. Los agentes de este cambio fueron los colonizadores españoles, misioneros, criollos y mestizos que desplegaron sobre los indígenas prácticas novedosas como la economía comercial (en Paraguay largamente practicada con trueque por la escacés de moneda), el régimen laboral de la encomienda, la administración burocrática y la religión. La relevacia de la cantidad se proyectó a entidades animadas, donde la lengua indígena ya preveía mecanismos de codificación por procedimientos léxicos, pero también a los inanimados cuantificables. Los procedimientos léxicos de la lengua indígena (como el nombre -eta ‘cantidad, muchos’) empezaron un proceso de gramaticalización, desarrollando un mecanismo vernáculo de marcación, pero también y de manera paralela los nombres tomados de la lengua prestadora fueron adoptados para ciertos contextos con la oposición de plural entre -s y cero. Lo que nos parece que ha contribuido al desarrollo del procedimiento que tiende a establecer, en las dos lenguas, una oposición sistemática entre singular y plural nueva, si bien sociolingüísticamente variable, son las siguientes circunstancias: i) La cuantificación en la sociedad colonial que llevó a un rápido empleo del sistema de numeración en las comunidades con mayor contacto (pueblos españoles, reducciones, estancias), volviendo significativo lo discontinuo-cuan‐ tificable y proyectándose y superponiéndose a lo animado-cuantificable que era la base previa. ii) El empleo de los sistemas de numeración para la cuantificación de los bienes y productos de la economía colonial, muchos de ellos expresados por préstamos: vaca, caballo, yegua, etc., pero también de otros ámbitos como cacique, oficial, soldado, y la introducción de unidades de medida como kilo, arroba, onza, El plural español en textos guaraníes del período colonial 271 <?page no="272"?> facilitaron una adaptación cognitiva del funcionamiento de la oposición de número. iii) Las actividades formalizadas que se introdujeron con la colonización y que requirieron de formas del discurso relacionadas con la contabilidad y sus factores de validación (sobre todo la esfera económica, pero también la política - con el pago de tributo -, la actividad militar y, como se verá, la religiosa con la contabilidad de los pecados). iv) El bilingüismo incipiente (que desde aprox. 1780 permite fragmentos de code mixing) facilita la incorporación de nuevos recursos expresivos y la formación de un repertorio lingüístico provisto de formas diferentes de codificar la cantidad. Dada la mayor distribución de plurales -s ante numerales españoles, que ante cuantificadores guaraníes, y dado el relativo balance a lo largo de la historia en favor del plural con -s, se diría que existió sobre los escritores cierta presión normativa desde el modelo español. Los números y la cuantificación ocurrieron regularmente en esferas de actividad originalmente extrañas al universo indígena precolonial. En el marco de estas actividades se desplegaban prácticas donde la precisión de las cantidades y la validación del discurso a partir del conteo (personas, animales, herramientas, tiempo, moneda, etc.) habrían hecho más perceptible el sentido normativo de la concordancia entre el plural y la cantidad. Esta concordancia era posiblemente muy regular en los europeos y criollos que hablaban guaraní y en los mestizos bilingües y fue adoptada por los indígenas. En el ambiente de las reducciones los agentes iniciales habrían sido los padres, cuyo guaraní, en la enorme mayoría de los casos hablado como L2, fue parcialmente diferente del de los indígenas (cf. Thun 2008, 168-169; Thun 2023, 207-209). La penetración y regularidad de estos discursos y prácticas tuvieron que haber inducido a los indígenas, especialmente a los de las elites letradas, al uso de los hispanismos con flexión de plural. Esta habría sido desde el principio una posibilidad expresiva, adoptada especialmente en los procesos de comunicación con el mundo externo a la reducciones, que es el contexto general de nuestro corpus. En otras constelaciones comunicativas habría regido el modelo contrario, del plural con cero, con la adopción de los hispanismos “a la guaraní”. Estas formas se estabilizaron como variantes sociales y contextuales, entre las que, como nuestros datos sugieren, predominará finalmente el modelo español. Un comentario sobre los numerales. Estos parece que como determinantes se caracterizan por hacer perceptible la visión de la multiplicidad. En la representa‐ ción cognitiva, los elementos que componen el conjunto están individualizados, así cinco vacas elabora una representación de varias unidades, en muchas, 272 Leonardo Cerno, Joachim Steffen <?page no="273"?> varias vacas, se impone una visión de conjunto (cf. Flohr 2018). La visión de multiplicidad y la individuación de las unidades desplegada por los numerales puede ser un motivador de la concordancia de plural cuando el numeral es el determinante del nombre, lo que explica la gran cantidad de usos en nuestros datos. 5.1 Esbozos de una explicación cultural En la siguiente sección presentaremos algunas evidencias que indican que los números y la capacidad de numerar ocuparon un lugar privilegiado en la sociedad reduccional. En el ámbito religioso, el rigor en el uso de los números se observa en la práctica de contar los pecados, que debió de ser impuesta con especial rigor por los padres a los indígenas. Los siguientes ejemplos proceden de la obra del padre Antonio Ruiz de Montoya. (31) Su numerar no llega a más que 4, y de alli con confusion alguna hasta 10, y assi les vamos enseñando nuestra cuenta, importante para las confessiones (Montoya, Conquista Espiritual del Paraguay 1639, 13r) (32) Sepa numerar bien sus pecados, si fue uno diga que es uno, si fueron quatro, diga el numero cierto, y si fueren muchos, vayalos diziendo por sus numeros (Montoya, Catecismo de la lengua guaraní 1640, 215) (33) Y despues desto recogiendose interiormente, haga examen, discurriendo por los pensamientos, palabras, y obras, y hallando que ha cometido algun pecado mortal. (Lo qual Dios no permita) haga en algun hilo memoria con ñudos, para ayuda de la memoria quando se cõfiesse (Montoya, Catecismo de la lengua guaraní 1640, 239) En el ámbito secular ciertamente tuvieron interés el conteo y los números, especialmente en la organización económica interna y para el intercambio en el mercado externo, cuya base estaba en la administración de la producción, llevada a cabo por los mayordomos de las estancias, pero también por los otros miembros de la pequeña clase de indígenas preparados por los padres para ocupar roles políticos y administrativos. En estas actividades se cuentan, junto a los mayordomos, contadores (de ganado) y almaceneros. Estos cargos existían en todas las reducciones (Cf. Orantin 2020, 83-85). De todos modos, la preparación en la capacidad de contar fue masiva, llegando más allá de la pequeña “elite letrada” formada en las escuelas misionales. El padre Peramás relata en sus memorias: (34) Todos los domingos, después de recitadas las fórmulas del catecismo por todos, y cantados por la comunidad los misterios de la fé, dos, que por su voz eran mejores El plural español en textos guaraníes del período colonial 273 <?page no="274"?> que los otros, decían ‘aquí os mostramos el orden y nombre de los números: uno’, respondía el pueblo: ‘uno’. Después ellos: ‘dos’, y a su vez todos: ‘dos’. Después tres, cuatro, etc; y así por delante hasta ciento y mil. (Peramás [1793] 2004, 78) Esta relevancia de los números y la numeración también tuvo lugar, con toda seguridad, en la sociedad civil del Paraguay colonial, donde los criollos y misioneros organizaron un tipo de sociedad que, apoyada en la institución de la encomienda, esto es en el trabajo indígena, se sustentó mediante la producción de la yerba mate y el ganado, si bien con menor éxito económico que en las reducciones jesuíticas (cf. Mörner [1968] 1985). En este sentido es posible que el saber contar haya sido más sistemático en los pueblos administrados por los jesuitas. 5.2 Los géneros discursivos La herencia textual en guaraní producida en el mundo colonial reduccional permite acceder a formas del discurso vinculadas con el ámbito “de lo eterno” o religioso, y el ámbito de “lo temporal” o secular. En cada uno de estos macrogéneros el uso del hispanismo con plural -s o plural cero muestra una distribución relativamente prolija: es bastante sistemático el plural con -s en la literatura religiosa y, en la literatura de orden profano, que incluyó la crónica histórica y los manuales dialogados, es predominante el plural cero. Ejemplos de la literatura religiosa, concretamente dos catecismos: (35) P. Hae co Tȗpȃ́ peteȋ persona año raé? P. Aní Paí mbohapĭ personas catu… ‘P. Este Dios es una persona sola? R. No, padre, sino tres personas…’ (Montoya, Catecismo 1640, 49) (36) P. Mbaérȃmo tepȃngá Persona ñabȏ ñabȏ Tupȃ ete nde ère yepe peteȋ ñote Tupȃ ère raè? ‘Cómo es que cada persona que tu dices es Dios, pero sólo dices que hay un solo Dios? ’ R. Co mbohapĭ personas ñabȏ ñabȏ pĭpe peteȋngatu Tupȃreco oyehuramo, aypo haè ‘Pues en cada una de estas tres personas se encuentra un único ser Dios, eso dice.’ (Yapuguay 1724, 19) El mismo tratamiento que reciben en estos textos persona y personas existe también con las palabras ángel vs. ángeles (cf. Montoya 1640, 72-73; Yapuguay 1724, 33-34), sacramento vs. sacramentos (Montoya 1640, 146; Yapuguay 1724, 60 del tratado II), santos vs. (Espíritu) Santo (Montoya 1640, 46-47, Yapuguay 1724, 74 del tratado II) etc. Nótese que el escritor del segundo catecismo, ejemplo 36, 274 Leonardo Cerno, Joachim Steffen <?page no="275"?> es un indígena, Nicolás Yapuguay (si bien su obra es controlada y “editada” en sentido moderno por el Padre P. Restivo). Más de ochenta años median entre ambos textos. Como se ha dicho, los hispanismos con sentido plural responden a una regularidad muy diferente en los textos sobre “lo temporal”. Estos textos fueron producidos también en las reducciones jesuíticas pero en época más tardía (albores del siglo XVIII) y destinados a otros propósitos y escenarios. Incluyen, entre otros géneros, crónicas históricas, destinadas a la recreación de los sucesos bélicos sobre los que se formó la identidad del grupo, y los manuales dialogados, géneros que recrean situaciones de habla cotidiana de los indígenas. En tanto los primeros sirvieron para ser leídos en público y basar representaciones teatrales, los segundos habrían sido destinados a mejorar el manejo del registro coloquial de la lengua por parte de los padres (Cf. Thun/ Cerno/ Obermeier 2015, Orantin 2020). En ambas clases de textos el empleo del plural cero es bastante sistemático. Tomamos ejemplos de la crónica Guarinhape Tecocue (c. 1705) y del manual de diálogos conocido como manuscrito Gülich (c. 1725). (37) Omondo Cordova ĭguara Soldado rehe ‘envió a los soldados de Córdoba’ (Guarinihape Tecocue 1705) (38) Ombopu Frances y̆garatapegua rehe ‘disparó a los franceces de la lancha’ (Guarinihape Tecocue 1705) (39) Hetȃpȃnga Texa oyĭbaecue? ‘Colocaron muchas tejas? ’ (Ms. Gülich c. 1725) (40) Conserva yyĭñotebaèabe tamo yayapo amo rae hȇ ‘haremos sólo las conservas que sean duras’ (Ms. Gülich c. 1725) Otras formas sin flexión de plural empleadas regularmente en ambos do‐ cumentos son: portugues (no ocurre “portugueses”), capitan (no ocurre “capi‐ tanes”) soldado (no ocurre “soldados”), granada, vaca (no ocurre “vacas”). No obstante hay contraejemplos con pasas (de uva) y litanias. A nuestro modo de ver estos usos y su distribución en ambos macrogéneros discursivos reflejan formas expresivas ya consolidadas en las variedades del mundo reduccional jesuítico guaraní. En estas variedades habrían existido dos disposiciones diferentes para el uso de los préstamos en lo relativo a la flexión de plural: una mayor “guaranización” de los mismos, o una “españolización”, con concesión a la norma de la flexión morfológica. La adopción del plural -s habría ocurrido en contextos más o menos formales, pues debe tenerse en cuenta que el discurso religioso o de “lo eterno” (en el que más trabajaron los padres para una elaboración de la lengua indígena) fue el que alcanzó un grado alto de ritualización y formalización. En otras circunstancias, reflejadas en los géneros El plural español en textos guaraníes del período colonial 275 <?page no="276"?> de “lo temporal”, más próximos al habla cotidiana o, al menos, replicadores del habla indígena, se habría optado por la nativización. La investigación sobre el tema ha planteado con evidencias diversas la existencia de una “diglosia” interna al guaraní, con una low variety empleado en los textos seculares, y una high variety o registro alto que se observa en los textos religiosos (cf. Thun 2008, Thun/ Cerno/ Obermeier 2015). La relativamente alta sistematicidad, por otra parte, del plural “a la guaraní” en el registro bajo y “a la española” en el registro alto contrasta, sin lugar a dudas, con la alta variación de nuestro corpus de cartas. Este contraste se debe a que los textos de “lo temporal” y “lo eterno” constituyen un producto planificado por los jesuitas, subsecuente de su elaboración lingüística sobre el guaraní, que se dio en ambas esferas, sobre todo en el siglo XVIII con los géneros de “lo temporal” buscando imitar el uso vernacular y con géneros de “lo eterno” producidos por o con participación indígena (Thun/ Cerno/ Obermeier 2015, Cerno/ Obermeier 2013). El corpus que estudiamos aquí es, contrariamente a todo ello, discurso indígena, escrito en su gran mayoría con autonomía de los padres (que fueron expulsados por la Corona española en 1768). De este modo la variación en el corpus se entiende, podría decirse, como reflejo de la posible norma prescriptiva de los jesuitas sobre los usos concretos de los indígenas que escribieron en contextos sociales e históricos cambiantes. 6 Discusión final Nuestra descripción de esta realidad lingüística y sociohistórica nos lleva a la conclusión de que la situación de contacto lingüístico y cultural ocurrida en la conquista y colonización del Río de la Plata amplió las formas de experiencia y conceptualizaciones sobre el mundo de las sociedades indígenas que interac‐ tuaron con criollos, europeos y mestizos en lo relativo a la cuantificación. En el caso del guaraní, esto condujo a la ampliación del repetrorio lingüístico de los hablantes, tanto por la adopción de numerales, como por el desarrollo de variantes para expresar el número plural, inexistente en la gramática tradicional. Esto ocurrió por procesos de gramaticalización internos a la lengua indígena o, en el caso que enfocamos aquí, por la realización formalmente marcada de los préstamos del español con contenido plural, si bien como variante expresiva. Los recursos en variación han sido básicamente dos: uno ajustó el préstamo a los esquemas provistos por la lengua vernácula (nativización), y otro a los esquemas de la lengua de contacto. La literatura en guaraní desarrollada por los jesuitas en el mundo reduccional da muestras de que la representación del número en los hispanismos pudo ser empleada a la guaraní o a la española dependiendo 276 Leonardo Cerno, Joachim Steffen <?page no="277"?> del contexto y el contenido del mensaje. Por su parte, en las cartas de los indígenas vemos muestras de una y otra posibilidad, empleadas en variación más o menos constante a lo largo de un amplio período histórico. Estos hablantes nativos de guaraní, autores de los documentos analizados aquí, contaban ya, en la época que observamos, con un saber expresivo modelado por la lengua de contacto y adaptado a las prácticas económicas, administrativas y religiosas de la sociedad colonial del Paraguay, que había dado a la cantidad una mayor saliencia conceptual. En el plano lingüístico, esta relevancia de la cantidad se tradujo en una mayor percepción de su marca formal, posiblemente observada en el guaraní usado por los criollos y mestizos bilingües y adoptada desde aquí por los indígenas. Estas condiciones habrían motivado el uso con plural marcado de los hispanismos en su discurso. Y aunque, en un balance general, se deba admitir que el plural -s termina siendo la norma exitosa, a lo largo de su desarrollo histórico nos parece evidente que la comunidad lingüística empleó una y otra variante, al parecer como respuesta a situaciones concretas del habla. Salvando las distancias, este es también el modo en que en la actualidad el guaraní yopará adapta sus formas y estructuras tomadas del español a los escenarios en donde es usado. Bibliografía Alarcos Llorach, Emilio (1987): “‘Un’, el número y los indefinidos”, in: Estudios de gramática funcional del español, Madrid, Gredos, 274-286. Benítez Almeida, María Liz (2022): A hispanizaç-o do guarani em manuscritos das reduções jesuíticas no período entre 1768 e 1831, Tesis doctoral, Programa de Pós-Graduaç-o em Letras, Universidade Federal do Rio Grande do Sul. Cerno, Leonardo (2020): “Unidad y diversidad del guaraní postjesuítico. 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Romanistischen Kolloquiums zu Sprachen und Varietäten der Kolonialromania in den transkontinentalen Verflechtungen zwischen den beiden Amerikas, Afrika, Asien und Europa. Neben den Kolonialsprachen Spanisch, Französisch, Portugiesisch und Italienisch stehen autochthone Sprachen am Beispiel von Guaraní, Quechua, Mixtekisch, Fang, Bubi und Ndowè sowie in kolonialen Kontexten entstandene Kreolsprachen am Beispiel des Angolar im Fokus. Die theoretisch-methodologischen Zugänge umfassen post- und dekoloniale Studien, diachrone und synchrone Soziolinguistik, Kontakt- und kontrastive Linguistik, Sprachpolitik, Migrationslinguistik, Sprachideologien, Sprachrevitalisierung, Raciolinguistics sowie Kolonialonomastik. Somit legt der Sammelband die Grundlagen für eine theoretisch fundierte und empirisch gestützte romanistische Koloniallinguistik. ROMANISTISCHES KOLLOQUIUM XXXVII
