Historische Sprachwissenschaft des Deutschen
Eine Einführung in die Prinzipien des Sprachwandels
0601
2026
978-3-381-12552-4
978-3-381-12551-7
Gunter Narr Verlag
Antje Dammel
Damaris Nübling
Renata Szczepaniak
10.24053/9783381125524
Dieses Standardwerk der deutschen Sprachgeschichte stellt die wichtigsten historischen Umbrüche der deutschen Sprache bis in die heutige Zeit dar und leistet deren Begründung, theoretische Fundierung und typologische Einordnung. So hat sich das Deutsche von einer Silben- zu einer ausgeprägten Wortsprache entwickelt, was sich z.B. in Phonologie, Orthographie und Morphologie niederschlägt. In der Syntax wird auf das Klammerprinzip abgehoben. Diesem übergreifenden und einigen weiteren Prinzipien gehen die Autorinnen anhand vieler Beispiele nach und ermöglichen so ein tieferes Verständnis der deutschen Sprachgeschichte.
Die 6. Auflage wurde überarbeitet und um neueste Forschungsergebnisse ergänzt.
Stimmen zum Buch:
"eine ebenso informative und anspruchsvolle wie originelle und zukunftsweisende Sicht der deutschen Sprachgeschichte" - PBB 132/1 (2010)
"insbesondere dem Studienanfänger zu empfehlen, aber auch der (sprachpflegerisch) interessierte Laie wird auf seine Kosten kommen" - ZRS 1/1 (2009)
"dem vorliegenden Band gelingt es eindrucksvoll, auf vielfältige Weise zu demonstrieren, wie spannend die diachronische Betrachtung des Deutschen sein kann" - ZfdPh 127 (2008)
9783381125524/9783381125524.pdf
<?page no="0"?> ISBN 978-3-381-12551-7 Dieses Standardwerk der deutschen Sprachgeschichte stellt die wichtigsten historischen Umbrüche der deutschen Sprache bis in die heutige Zeit dar und leistet deren Begründung, theoretische Fundierung und typologische Einordnung. So hat sich das Deutsche von einer Silbenzu einer ausgeprägten Wortsprache entwickelt, was sich z. B. in Phonologie, Orthographie und Morphologie niederschlägt. In der Syntax wird auf das Klammerprinzip abgehoben. Diesem übergreifenden und einigen weiteren Prinzipien gehen die Autorinnen anhand vieler Beispiele nach und ermöglichen so ein tieferes Verständnis der deutschen Sprachgeschichte. Die 6. Auflage wurde überarbeitet und um neueste Forschungsergebnisse ergänzt. Stimmen zum Buch: „eine ebenso informative und anspruchsvolle wie originelle und zukunftsweisende Sicht der deutschen Sprachgeschichte“ - PBB 132/ 1 (2010) „insbesondere dem Studienanfänger zu empfehlen, aber auch der (sprachpflegerisch) interessierte Laie wird auf seine Kosten kommen“ - ZRS 1/ 1 (2009) „dem vorliegenden Band gelingt es eindrucksvoll, auf vielfältige Weise zu demonstrieren, wie spannend die diachronische Betrachtung des Deutschen sein kann“ - ZfdPh 127 (2008) Dammel / Nübling / Szczepaniak Historische Sprachwissenschaft Historische Sprachwissenschaft des Deutschen Eine Einführung in die Prinzipien des Sprachwandels 6., überarbeitete und erweiterte Auflage Antje Dammel / Damaris Nübling / Renata Szczepaniak <?page no="1"?> Historische Sprachwissenschaft des Deutschen <?page no="2"?> narr studienbücher <?page no="3"?> Antje Dammel / Damaris Nübling / Renata Szczepaniak Historische Sprachwissenschaft des Deutschen Eine Einführung in die Prinzipien des Sprachwandels 6., überarbeitete und erweiterte Auflage <?page no="4"?> 6., überarbeitete und erweiterte Auflage 2026 5., aktualisierte Auflage 2017 4., komplett überarbeitete und erweiterte Auflage 2013 3., überarbeitete Auflage 2010 2., überarbeitete Auflage 2008 1. Auflage 2006 DOI: https: / / doi.org/ 10.24053/ 9783381125524 © 2026 · Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Alle Informationen in diesem Buch wurden mit großer Sorgfalt erstellt. Fehler können dennoch nicht völlig ausgeschlossen werden. Weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen übernehmen deshalb eine Gewährleistung für die Korrektheit des Inhaltes und haften nicht für fehlerhafte Angaben und deren Folgen. Diese Publikation enthält gegebenenfalls Links zu externen Inhalten Dritter, auf die weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen Einfluss haben. Für die Inhalte der verlinkten Seiten sind stets die jeweiligen Anbieter oder Betreibenden der Seiten verantwortlich. Internet: www.narr.de eMail: info@narr.de Druck: Elanders Waiblingen GmbH ISSN 0941-8105 ISBN 978-3-381-12551-7 (Print) ISBN 978-3-381-12552-4 (ePDF) ISBN 978-3-381-12553-1 (ePub) Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http: / / dnb.dnb.de abrufbar. <?page no="5"?> Prof. Dr. Antje Dammel lehrt Sprachwissenschaft des Deutschen mit historischem Schwerpunkt an der Universität Münster. Prof. Dr. Damaris Nübling lehrt Historische Sprachwissenschaft des Deutschen an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Prof. Dr. Renata Szczepaniak lehrt Historische Sprachwissenschaft des Deutschen an der Universität Leipzig. <?page no="7"?> 13 15 1 17 1.1 17 1.2 18 1.3 21 1.4 23 1.5 23 27 2 29 2.1 29 2.2 33 2.3 36 2.4 42 2.4.1 42 2.4.2 44 2.4.3 47 2.4.4 50 2.4.5 51 2.5 53 2.5.1 53 2.5.2 53 2.5.3 56 2.5.4 57 2.5.5 59 2.5.6 60 2.5.7 61 2.6 65 Inhalt Aus dem Vorwort zur 1. Auflage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vorwort zur 6. Auflage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einleitung: Sprachwandel und Sprachgeschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sprachwandel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Von der mehrschichtigen Struktur der Sprache . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zur Periodisierung der deutschen Sprache . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wie man dieses Buch benutzt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Empfohlene Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Teil I -Ebenen des Sprachwandels . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Phonologischer Wandel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Was ist historische Phonologie? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Silbe und das Wort in der Phonologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die phonologische Typologie: Silben- und Wortsprachen . . . . . . . . . . Silbenphonologischer Wandel im Deutschen - Verschlechterung der Silbenstruktur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das Althochdeutsche war eine Silbensprache . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der althochdeutsche i-Umlaut . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die zweite Lautverschiebung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die mittelhochdeutsche Vokalreduktion in unbetonten Silben . . . . . . Apokopen und Synkopen in der Geschichte des Deutschen . . . . . . . . Wortphonologischer Wandel im Deutschen - Optimierung des phonologischen Wortes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das Neuhochdeutsche ist eine Wortsprache . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Stabilisierung der Wortgröße durch die mhd. Vokaltilgung . . . . . . . . . Phonologisierung der i-Umlaut-Produkte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Entstehung ambisilbischer Konsonanten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die frühneuhochdeutsche Dehnung in offener Silbe . . . . . . . . . . . . . . Die frühneuhochdeutsche Konsonantenepenthese . . . . . . . . . . . . . . . . Entstehung der Fugenelemente . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Phonologisch-typologische Unterschiede in der Germania . . . . . . . . . <?page no="8"?> 3 69 3.1 69 3.1.1 69 3.1.2 72 3.1.3 80 3.1.4 83 3.1.5 85 3.2 100 3.2.1 102 3.2.2 121 4 129 4.1 129 4.1.1 130 4.1.2 132 4.1.3 136 4.1.4 139 4.1.5 140 4.2 140 4.3 142 4.4 147 4.5 149 5 153 5.1 155 5.1.1 155 5.1.2 158 5.1.3 159 5.1.4 160 5.1.5 161 5.1.6 163 5.2 163 5.2.1 163 5.2.2 165 5.2.3 168 5.2.4 171 5.2.5 171 Morphologischer Wandel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Flexionsmorphologischer Wandel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Substantiv: Schwächung von Kasus und Stärkung von Numerus . . . . Verb: Schwächung von Numerus und Person und Stärkung von Tempus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wie entsteht Irregularität? Beispiel haben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ist flexivischer Wandel vorhersagbar? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wortbildungswandel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Entstehung und Wandel von Derivationsaffixen . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die deutsche Kompositionsfreudigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Syntaktischer Wandel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ausbau der Klammer und Fixierung der Verbstellung . . . . . . . . . . . . . Definition der Klammer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Klammerausbau und Verb-Zweit-Stellung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Klammer heute . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Funktion der Klammer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . VO versus OV: Das Deutsche als syntaxtypologischer Mischtyp . . . . Auf gut Glück - Fixierung der Adjektivstellung und Abbau unflektierter Attribute . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Von Der Weisheit letzter Schluss zum Stein der Weisen: Vom präzum postnominalen Genitiv . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Abbau des Genitivs als Objektkasus (Valenzwandel) . . . . . . . . . . . . . . Negationswandel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Semantischer Wandel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Typen semantischen Wandels (Resultate) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bedeutungserweiterung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bedeutungsverengung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bedeutungsverschiebung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bedeutungsübertragung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bedeutungsverschlechterung (Pejorisierung) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bedeutungsverbesserung (Meliorisierung) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Mechanismen semantischer Neuerungen (Prozesse) . . . . . . . . . . . . . . . Metapher . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Metonymie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Implikatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Euphemismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ellipse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 Inhalt <?page no="9"?> 5.3 172 5.3.1 172 5.3.2 174 5.3.3 177 5.3.4 179 5.4 179 5.4.1 179 5.4.2 180 5.4.3 182 5.5 184 5.5.1 184 5.5.2 185 5.6 188 6 191 6.1 194 6.1.1 195 6.1.2 197 6.1.3 202 6.2 203 6.3 208 6.3.1 209 6.3.2 210 7 213 7.1 213 7.1.1 215 7.1.2 216 7.1.3 218 7.2 220 7.3 224 7.3.1 224 7.3.2 226 7.4 233 7.4.1 233 Erklärungen für semantischen Wandel (Ursachen) . . . . . . . . . . . . . . . . Maximen sprachlichen Handelns . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kulturanalytischer Ansatz: Kultur-, Diskurs- und Begriffsgeschichte Phänomene der dritten Art / Wirkungen der unsichtbaren Hand . . . . Sprachkontakt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Erste Fallstudie: Pejorisierung der Frauenbezeichnungen . . . . . . . . . . Effekt männlicher Galanterie? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Inflationierung vs. Funktionalisierung und Sexualisierung . . . . . . . . . Historisches Sprechen über Frauen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zweite Fallstudie: Die Verwandtschaftsbezeichnungen . . . . . . . . . . . . Stabilität der Bezeichnungen für die Kernfamilie . . . . . . . . . . . . . . . . . Umschichtungen bei der weiteren Verwandtschaft . . . . . . . . . . . . . . . . Dritte Fallstudie: Semantischer Wandel etabliert eine Tier/ Mensch-Grenze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Lexikalischer Wandel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Auf gut Deutsch - Entlehnungen ins Deutsche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Tisch vs. Computer - Lehnwort oder Fremdwort? . . . . . . . . . . . . . . . . . Das Deutsche - eine Mischsprache . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Lehnprägungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Lexikalisierung - oder: Wie aus alten Wörtern neue entstehen . . . . . Entwicklung des Wortschatzes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Entwicklung von Fachwortschätzen und Fachsprachen . . . . . . . . . . . . Ausbau von Eigennamenklassen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Pragmatischer Wandel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Was ist (historische) Pragmatik? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Teilgebiete der (historischen) Pragmatik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wie macht man das Beste aus schlechten Daten? Das Quellenproblem Perspektiven auf pragmatischen Wandel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Konversationelle Implikaturen - ein Katalysator für Sprachwandel . Anredewandel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einordnung in die Pragmatik, terminologisches Werkzeug . . . . . . . . . Immer indirekter: Die Entwicklung der höflichen Anredepronomen im Deutschen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Entstehung von Diskurs- und Modalpartikeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einordnung in die Pragmatik, terminologisches Werkzeug . . . . . . . . . Inhalt 9 <?page no="10"?> 7.4.2 234 7.4.3 238 7.5 241 7.5.1 241 7.5.2 244 8 247 8.1 247 8.2 251 8.3 253 8.4 258 9 263 9.1 265 9.1.1 267 9.1.2 273 9.1.3 275 9.1.4 281 9.1.5 282 9.1.6 284 9.1.7 285 9.2 286 9.3 291 9.4 295 299 10 301 10.1 301 10.1.1 301 10.1.2 304 10.1.3 318 10.1.4 319 10.2 320 10.2.1 320 10.2.2 321 10.2.3 331 … weil - viele Wege führen zum Diskursmarker, gell . . . . . . . . . . . . . . Wie entstehen bloß Modalpartikeln? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sprechaktwandel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sprechakte und Sprechaktwandel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sprechaktwandel VERABSCHIEDEN . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Textueller Wandel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Text und Textsorte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Was kann diachrone Textlinguistik untersuchen? . . . . . . . . . . . . . . . . . Wandel der Textsorte Kochrezept . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Von der Todeszur Traueranzeige . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Graphematischer Wandel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Verschriftungsprinzipien und ihre Geschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das phonologische Prinzip . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das silbische Prinzip . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das morphologische Prinzip . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das lexikalische Prinzip . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das syntaktische Prinzip . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das textuale Prinzip . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das pragmatische Prinzip . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Entwicklung der Substantivgroßschreibung (SGS) . . . . . . . . . . . . Die Entwicklung der Apostrophsetzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Normierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Teil II -Ebenenübergreifender Sprachwandel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Von der Phonologie in die Morphologie: Ablaut und Umlaut . . . . . . . . . . . . . Ablaut: Fossil ebenenübergreifenden Wandels? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Entstehung des Ablauts: Von der Phonologie in die Morphologie . . . Fallbeispiel Flexion: Starke Verben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Fallbeispiel Wortbildung: Kausativderivation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Jetzt kommt der Bi-Ba-Butzemann: Ist der Ablaut noch produktiv? . . Umlaut . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Ursprung: Vom phonetischen zum phonologischen Umlaut . . . . Die Nutzbarmachung: Der morphologische Umlaut . . . . . . . . . . . . . . . Dölf und Mäx: Umlaut in der Pragmatik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10 Inhalt <?page no="11"?> 11 333 11.1 334 11.1.1 335 11.1.2 338 11.2 341 11.3 342 11.4 347 11.4.1 347 11.4.2 349 11.5 350 11.5.1 351 11.5.2 351 12 355 12.1 355 12.2 357 12.2.1 357 12.2.2 360 12.2.3 363 12.3 368 12.3.1 370 12.3.2 371 12.3.3 372 12.3.4 374 13 377 13.1 378 13.2 380 13.3 382 13.4 385 387 391 435 Grammatikalisierung: Wie entsteht Grammatik? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Einbahnstraße ins Zentrum der Sprache . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Prozesse der Grammatikalisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Messbarkeit des Grammatikalisierungsgrads . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Entstehung des Dentalsuffixes -te . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das werden-Futur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Fallbeispiel Subjunktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Konzessive Subjunktionen: Die Entstehung von obwohl . . . . . . . . . . . Kausale Subjunktionen: weil . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Probleme der Grammatikalisierungsforschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Verletzung der Unidirektionalität: wotte im Pennsylvania German . . Pragmatisierung und Grammatikalisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Im Spannungsfeld zwischen Analyse und Synthese . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Was bedeutet Analyse und Synthese? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Von der Synthese zur Analyse: Periphrasen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Neuer Pflichtbegleiter für das Verb: Das Subjektpronomen . . . . . . . . . Neuer Pflichtbegleiter für das Substantiv: Der Artikel . . . . . . . . . . . . . Von sie sang zu sie hat gesungen: Entstehung des Perfekts und Schwund des Präteritums . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Von der Syntax in die Morphologie: Verschmelzungen . . . . . . . . . . . . Stadien der Verschmelzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einfache Klitika: Die nachgestellten Personalpronomen . . . . . . . . . . . Spezielle Klitika: Verschmelzung von Präposition und Artikel . . . . . . Exkurs - wennsd mogsd: Flektierende Konjunktionen im Bairischen? Typologischer Wandel: Wohin geht das Deutsche? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das Deutsche als typologische Mischsprache . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das Deutsche als grenzmarkierende Sprache . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wie „normal“ ist das (Standard-)Deutsche in seinem Wandel aus sprachvergleichender Sicht? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wo soll das alles hinführen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Abkürzungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Register . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Inhalt 11 <?page no="13"?> Aus dem Vorwort zur 1. Auflage Einführungen in die deutsche Sprachgeschichte gibt es viele. Dieses Buch hier ist keine weitere. Es beansprucht nicht, alle Entwicklungen, die das Deutsche in seiner vergleichsweise langen (d. h. schriftlich belegten) Sprachgeschichte vollzogen hat, darzustellen. Dann bliebe wieder das auf der Strecke, was den meisten Einführungen u. E. fehlt und hier geleistet werden soll: Zusammenhänge herzustellen, Prinzipien des Sprachwandels zu erkennen und, soweit es dieser Rahmen erlaubt, zu erklären, d. h. Warum-Fragen zu stellen und möglichst zu beantworten. Die historische Sprachwissenschaft ist heute weitaus entwickelter und, mit Verlaub, auch interessanter, als dies manche Sprachgeschichtseinführung vermittelt. Längst hat die historische Sprachwissenschaft den Anschluss an die moderne Linguistik vollzogen, hat sie übergreifende Theorien entwickelt, um zu erklären, warum sich Sprache ständig wandelt, auch, warum sie sich so wandelt und nicht anders. Dabei ist es nicht „die Sprache“, die sich verändert, sondern wir sind es, indem wir sie tag‐ täglich gebrauchen. Auch heute verändert sich unsere Sprache, erkennbar an vielerlei Unsicherheiten wie z. B.: Heißt es der Friede oder der Frieden? , sie buk oder sie backte? , wegen dem oder wegen des schlechten Wetters? , aus kontrolliertem biologischem oder aus kontrolliertem biologischen Anbau? Hier soll gezeigt werden, dass Sprachwandel etwas ganz Normales ist (nur tote Sprachen wandeln sich nicht mehr) und dass es ihn schon immer gegeben hat, denn sonst würden wir heute noch Althochdeutsch sprechen. Auch hat Sprachwandel nichts mit Sprachverfall zu tun. Ziel dieser Einführung in die Prinzipien des Sprachwandels ist es also, die sprachge‐ schichtlichen Fakten auf einer höheren Ebene zusammenzuführen und, soweit möglich, zu begründen, auch unter theoretischer Perspektive. Dies ist zugegebenermaßen ein ehrgeiziges Ziel und erfordert seitens der Leserinnen und Leser zuallererst ein echtes, wissenschaftliches Interesse an historischer Linguistik, allerdings auch schon die Vertrautheit mit linguistischen Grundbegriffen. Ein weiteres Anliegen ist es, die Leser / innen so weit zu bringen, dass sie einfachere Forschungsliteratur verstehen können. Dies erfordert eine zügige Progression und die Bereitschaft zu konzentrierter Lektüre. Wissenschaft in journalistischen Häppchen können wir nicht bieten. Für uns bedeutet dieser Anspruch eine Gratwanderung zwischen größtmöglicher Verein‐ fachung und geringstmöglicher Verzerrung. Oft muss man, um verständlich zu bleiben, auf inhaltliche Differenzierung und Präzision verzichten. Wir hoffen jedoch, hier einen vertretbaren Kompromiss gefunden zu haben. Wir wurden gebeten, bei Personenbezeichnungen wie Leser auf die sog. Beidnen‐ nung Leserinnen und Leser zu verzichten. Längst haben psycholinguistische Tests ergeben, dass die maskuline Einheitsform eine männliche Vorstellung stärkt, dass also mit Leser mehr Männer als Frauen assoziiert werden. Zum „Ausgleich“ haben wir in den Beispielsätzen Frauen überrepräsentiert und gelegentlich sog. generische Feminina eingestreut. <?page no="14"?> Für die freundliche Unterstützung durch den Narr-Verlag danken wir Jürgen Freudl und für ihre Unterstützung bei der Erstellung des Manuskripts Julia Bertram, Kristin Kopf, Rudolf Steffens und Amaru Flores Flores. 14 Aus dem Vorwort zur 1. Auflage <?page no="15"?> Vorwort zur 6. Auflage Seit dem ersten Erscheinen dieses Buches im Jahr 2006 wurde die historische Sprach‐ wissenschaft durch viele gewichtige Forschungsbeiträge bereichert. Zu einem guten Teil erklärt sich dies mit den neuen Möglichkeiten korpusbasierter Forschung, außer‐ dem mit der zunehmenden Vernetzung der historischen Linguistik mit der allgemeinen Linguistik und der Sprachtypologie. Dies hat zu einer grundlegenden Überarbeitung und Erweiterung in der 5. Auflage geführt. Die hier vorgelegte 6. Auflage hat weitere Aktualisierungen auf Basis aktueller Forschungsarbeiten vorgenommen, die seit 2017 erschienen sind. Um die Diskussion neuer Phänomene und Forschungsergebnisse bereichert wurden insbesondere die Kap. 5 - Semantischer Wandel, wo nun auch die lexikalische Abgrenzung von Menschen und anderen Tieren thematisiert wird, Kap. 7 - Pragmatischer Wandel, wo neue Impulse u. a. zur Analyse von Sprechakten aufgenommen wurden, Kap. 11 zur Grammatikalisierung, in dem die Breite an aktu‐ ellen, korpusbasierten Forschungsergebnissen zur Entstehung des werden-Futurs die komplexen Zusammenhänge verdeutlicht, und Kap. 13 - Typologischer Wandel, in das ein Unterkapitel zu crosslinguistisch seltenen Merkmalen des Standarddeutschen integriert wurde. Dem Narr-Verlag danken wir für die freundliche Unterstützung und Sophia Tret‐ tin-Kleber für ihre genaue Überprüfung des Manuskripts. Die 6. Auflage erscheint mit einer Veränderung im Autorinnenteam: Nach dem Ausscheiden von Janet Duke werden die einzelnen Kapitel wie folgt verantwortet: Antje Dammel ist Verfasserin von Kap. 3.1, 7, 8, 10 und 13, Damaris Nübling von Kap. 1, 4, 5, 9, 12 und 13, und Renata Szczepaniak von Kap. 2, 3.2, 6 und 11. Münster, Mainz und Leipzig, im Mai 2026 Antje Dammel Damaris Nübling Renata Szczepaniak <?page no="17"?> 1 Einleitung: Sprachwandel und Sprachgeschichte In diesem Kapitel werden als Basis zur weiteren Lektüre einige allgemeine Informatio‐ nen zum Sprachwandel und zur dt. Sprachgeschichte geliefert. Dabei wird besonderer Wert auf die verschiedenen Teilsysteme der Sprache gelegt. Die Einleitung schließt mit praktischen Hinweisen zur Benutzung dieses Buches ab. 1.1 Sprachwandel Alle natürlichen Sprachen befinden sich in ständigem Wandel. Diese Tatsache gehört zu den Universalien der Sprache. Viele assoziieren jedoch mit Sprachwandel merkwürdige Dinge: Erstens halten sie Sprachwandel für etwas Verwerfliches, für Sprachverfall, für den Niedergang der dt. (Sprach-) Kultur u. ä. Zweitens setzen sie ihn in aller Regel mit lexikalischem Wandel gleich, und zwar meistens mit der Entlehnung von Anglizismen, die (siehe oben) ebenfalls negativ bewertet wird. Eventuell kommt der „Verlust“ des Genitivs hinzu (von das Ende der Geschichte zu das Ende von der Geschichte) und der Wandel vom Genitiv zum Dativ nach Präpositionen wie während oder wegen (während des Gesprächs zu während dem Gespräch). Manchmal folgt noch die Hauptsatzstellung nach weil (weil sie hat keine Zeit), die als Zeichen für den Verlust des dt. Nebensatzes gedeutet wird. Leider werden solche so unberechtigten wie unwissenschaftlichen Bewertungen durch eine schlechte Populärliteratur zu fast allen Themen der deutschen Sprache genährt - eine umso bedauerlichere Tatsache, als das Interesse vieler Menschen an sprachlichen, gerade auch sprachgeschichtlichen Themen groß ist. Zunächst ist es wichtig, zu erkennen, dass es keinen „Sprachwandel an sich“ gibt, sondern dass man von Anfang an die verschiedenen Ebenen der Sprache (ihre sog. Teil- oder Subsysteme) unterscheiden muss. In diesen Subsystemen verläuft Sprachwandel nach jeweils eigenen Prinzipien. So verfolgt der Lautwandel ganz andere „Interessen“ (z. B. eine sparsame Artikulation) als etwa der morphologische Wandel (wo und wie werden die Informationen im Wort ausgedrückt? ) oder gar der Bedeutungswandel, der mit der materiellen Seite der Sprache nichts zu tun hat. Dieser ebenenspezifische Wandel wird im ersten Teil des Buches („Ebenen des Sprachwandels“) behandelt, der die Kapitel 2 bis 9 umfasst: Phonologie (Kap. 2), Morphologie (Kap. 3), Syntax (Kap. 4), Semantik (Kap. 5), Lexik (Kap. 6), Pragmatik (Kap. 7), Text (Kap. 8), Graphematik (Kap. 9). Der zweite Teil (Kap. 10 bis Kap. 13) beleuchtet einige Beispiele für sog. ebenenübergreifenden Wandel, denn Sprachwandel auf der einen Ebene stößt oft Wandel auf einer anderen Ebene an. Hier bieten die Phänomene des Ablauts und vor allem des Umlauts Paradebeispiele dafür, wie einstmals phonologisch-prosodischer Wandel von der Grammatik aufgegriffen und genutzt wird und sich dort nach ganz anderen Prinzipien weiterentwickelt (Kap. 10). Auch die sog. Grammatikalisierung, <?page no="18"?> die der Frage nach der Entstehung von Grammatik nachgeht und die die letzten vier Jahrzehnte der linguistischen Forschung dominiert hat, liefert viele Beispiele für ebenenübergreifenden Wandel (Kap. 11). Kap. 12, „Im Spannungsfeld zwischen Analyse und Synthese“, beleuchtet sowohl die Tendenz des Dt. zu umschreibenden (periphrastischen) als auch verdichtenden Strukturen. Ein Abschlusskapitel geht der Frage nach dem typologischen Wandel des Dt. nach (Kap. 13). 1.2 Von der mehrschichtigen Struktur der Sprache Wie eben angesprochen, setzen sich alle natürlichen Sprachen aus verschiedenen Teil- oder Subsystemen zusammen. Betrachtet man die Sprache als eine Einheit, die intern gegliedert ist, so ergibt sich eine Art Zwiebel. Manche sprachlichen Teilsysteme sind eher in den äußeren Zonen zu platzieren, andere im Zentrum. Diese unterschiedliche Schichtung zeigt Abb. 1 (modifiziert nach Debus 2 1980: 188). Abb. 1: Das „Zwiebelmodell“ der sprachlichen Ebenen Die Darstellung der Teilsysteme in Schichten ist so zu verstehen, dass die äußeren Schichten für außersprachliche Einflüsse wie z. B. Sprachkontakt, Sprachplanung, kulturhistorische Veränderungen etc. empfänglich sind. Die Pragmatik als die Schnitt‐ stelle zum Sprachgebrauch bzw. zum außersprachlichen Kontext bildet dabei die äußerste Schicht. Darauf folgt der Text als funktionale, thematische Einheit, die (meist) aus mehreren Sätzen besteht und stark durch pragmatische Funktionen und den außersprachlichen Kontext der Textproduzentinnen und -rezipienten geprägt ist. Die nächste Schicht bildet die Lexik (und innerhalb dieser zuerst die Eigennamen, deren 18 1 Einleitung: Sprachwandel und Sprachgeschichte <?page no="19"?> Status Debus 1980 wichtig war), die sehr empfänglich ist für die Aufnahme, aber auch für den Verlust sprachlicher Zeichen. Hier spricht man von offenen Klassen, das sind v. a. die Substantive, Verben und Adjektive. Ihre Bedeutung (Semantik) wird stark geformt durch die menschliche Wahrnehmung der Wirklichkeit, auch durch soziale, politische und kulturelle Gegebenheiten. Dagegen besteht der innere Kern aus Subsystemen, die weniger anfällig für äußere Einflüsse sind: Phonologie, Morphologie und Syntax, auch als „Grammatik“ zusammenfassbar. Zwischen diesen Teilbereichen bestehen durchaus Übergänge, d. h. dieses „Zwiebelmodell“, das scharfe Grenzen suggeriert, darf nicht überstrapaziert werden. So sind Umschreibungen (Periphrasen) zum Ausdruck des Perfekts oder des Passivs zwischen der Morphologie und der Syntax anzusiedeln (Morphosyntax). Völlig stabil sind diese Kernbereiche jedoch nicht, denn sie können durchaus Mitglieder verlieren und neue aufnehmen. So wurde die Derivationsmorphologie im Laufe der Sprachgeschichte durch das Suffix -lich (ordentlich, reichlich, länglich) bereichert. Dieses Suffix geht auf ein selbstständiges Wort zurück, das früher ‘Körper, Gestalt’ bedeutete und heute in Leiche fortgesetzt wird. Eine lexikalische Einheit benötigt aber wesentlich mehr Zeit, um ins „grammatische Innere“ der Sprache zu gelangen als z. B. ein Fremdwort, das über Entlehnung schnell von außen in die äußere lexikalische Schicht gelangt. Die Bewegung eines sprachlichen Zeichens vom Lexikon in die Kernbereiche der Sprache bezeichnet man als Grammatikalisierung. Dieser Prozess wird ausführlich in Kap. 11 dargestellt. Auch die relative Größe der innersten Schicht, des Kerns, ist bezeichnend. Die drei Bereiche setzen sich aus einer begrenzten Anzahl von Mitgliedern zusammen, die, obwohl erweiterbar, viel kleiner ist als die Zahl der Einheiten in der lexikalischen Schicht. Dieser Kern, die Grammatik, bildet die Identität einer Sprache. Die Schreibung (Graphie) haben wir zwischen dem inneren grammatischen Kern und der Lexik platziert. Dies ist einerseits dadurch gerechtfertigt, dass die Schreibung von außen veränderbar ist (Sprachpolitik, Normierung), wie wir dies bei Orthogra‐ phiereformen sehen. Andererseits kann die Schreibung all diejenigen Teilsysteme, die sie berührt, repräsentieren. In Sprachen mit sog. Alphabetschriften bildet zwar die Phonologie die wichtigste Grundlage der Verschriftung, doch berücksichtigt die heutige Schreibung des Dt. in hohem Maße auch die Morphologie, die Syntax, die Lexik und selbst den Text und die Pragmatik. Kap. 9 handelt von der Entwicklung dieses Systems. Tab. 1 enthält einfache Beispiele für Wandelphänomene auf den einzelnen Ebenen. Die gesamte Struktur des ersten Teils dieses Buches folgt diesem „Zwiebelmodell“. Während traditionelle Sprachgeschichtsdarstellungen des Dt. chronologisch aufgebaut sind, orientiert sich dieses Buch an den sprachlichen Ebenen, deren Wandel es durch die Jahrhunderte verfolgt. Im zweiten Teil wird gezeigt, dass diese Ebenen sich nicht isoliert verändern müssen, sondern ineinandergreifen können. Hier geht es um sprachliche „Kettenreaktionen“ wie Ablaut, Umlaut und Grammatikalisierung. 1.2 Von der mehrschichtigen Struktur der Sprache 19 <?page no="20"?> sprachliche Ebene Beispiele phonologisch prosodisch (suprasegmental) Wandel vom mobilen ie. Akzent zum festen germ. Initialakzent phonologisch i.e.S. (segmental) Veränderungen von Vokalen und Konsonanten, z. B. mhd. / uː / > fnhd. / au / in mûs > Maus morphologisch Flexion Übergang starker zu schwachen Verben, z. B. bellen - ball - bullen - gebollen > bellen - bellte - gebellt Wortbildung Entstehung neuer Affixe aus Lexemen, z. B. das Adjektivsuffix -lich, das demselben Ursprungswort von Leiche entstammt, damals ‘Körper, Gestalt’ bedeutend syntaktisch Wortstellungswandel, z. B. des Teufels Sohn > der Sohn des Teufels semantisch Bedeutungswandel, z. B. von billig ‘angemessen’ > ‘preiswert’ > ‘wertlos’ lexikalisch Entlehnungen wie Cousin, Kusine oder Entwicklung von Phraseologismen, Fachwortschätzen textuell Entstehung und Veränderung von Textsorten wie z. B. Rezepten, Todes-, Geburtsanzeigen pragmatisch Wandel der Höflichkeitsformen wie Ihr > Sie graphematisch Entwicklung der Substantivgroßschreibung, der Umlautschreibung, der Apostrophsetzung Tab. 1: Beispiele für Sprachwandel in einzelnen Subsystemen Schließlich: Wenn in dieser Einführung davon die Rede ist, dass sich „die Sprache“, „die Syntax“ oder „die Phonologie“ etc. wandelt, so handelt es sich hier um eine verkürzende Sprechweise. Selbstverständlich sind wir, die wir Sprache verwenden, diejenigen, die die Sprache verändern, indem wir sie unseren Bedürfnissen anpassen. Da wir an einer funktionierenden Kommunikation interessiert sind, bedeutet Sprach‐ wandel keineswegs Sprachverschlechterung. Dass Sprachwandel nie zum Stillstand kommt, liegt hauptsächlich daran, dass jedes der oben beschriebenen Subsysteme sein Optimum anstrebt und dabei andere Subsysteme bei ihrer Optimierung behindert. So „konfligieren“ besonders oft die phonologische und die morphologische Ebene, was z. B. mit dem Schlagwort „Lautwandel und Analogie“ bezeichnet wird: Phonologischer Wandel wirkt oft reduktiv (s. etwa die e-Apokope) und beeinträchtigt damit den Ausdruck grammatischer Informationen. Durch analogischen Ausgleich stellt die Morphologie wieder paradigmatische Einheitlichkeit her. Für solche Mechanismen werden zahlreiche Beispiele geliefert. 20 1 Einleitung: Sprachwandel und Sprachgeschichte <?page no="21"?> 1.3 Zur Periodisierung der deutschen Sprache Um den Sprachwandel, der sich oft über sehr lange Zeit erstreckt, abzubilden, unter‐ scheidet man Sprachstufen, deren Übergänge fließend sind und die wissenschaftliche Konstrukte bilden. Die Periodisierungen der dt. Sprachgeschichte basieren in der Regel sowohl auf innersprachlichen (sprachinternen) als auch auf außersprachlichen (sprachexternen) Kriterien. Als innersprachliche Kriterien gelten Veränderungen auf allen sprachlichen Ebenen (Phonologie, Morphologie, Syntax, Semantik, Lexik, Text, Pragmatik, Graphie), wobei diese Ebenen unterschiedlich stark gewichtet sein können. Als außersprachli‐ che Kriterien gelten kulturhistorische Ereignisse jeglicher Art, wie gesellschaftliche Entwicklungen, bestimmte Erfindungen, das Wirken wichtiger Personen, z. B. Martin Luthers. Manche Periodisierungen setzen z. B. den Beginn der frühneuhochdeutschen Periode in die Mitte des 15. Jhs., was mit der Erfindung des Buchdrucks um 1450 korreliert. In der folgenden Periodisierung des Dt. liegt jedoch der Schwerpunkt auf inner‐ sprachlichen Kriterien. Außersprachliche Faktoren rücken in diesem Buch so weit ins Blickfeld, wie sie innersprachlichen Wandel beeinflusst haben. So ist es wenig einsichtig, weshalb z. B. das Ende des 30-jährigen Krieges eine sprachgeschichtliche Grenze markieren soll. Hierfür ziehen wir sprachliche Fakten vor (zu verschiedenen Periodisierungen s. Roelcke 1998). Die Bezeichnung Althochdeutsch (Ahd.) enthält - wie alle Periodenbezeichnun‐ gen - drei Informationen: Mit Altwird die zeitliche Einordnung angezeigt. Hier handelt es sich um die früheste schriftlich belegte Sprachstufe des Dt. (750-1050). Das zweite Element, -hoch-, bezeichnet eine räumliche Dimension: Die hochdeutschen Dialekte liegen im höhergelegenen Teil Deutschlands, also im Zentrum und v. a. im südlichen Gebiet (etwa von Köln bis Oberitalien), die nieder- (oder platt-)dt. Dialekte dagegen in Norddeutschland. Die Grenze zwischen Hoch- und Niederdeutsch, die sog. Benrather Linie, basiert auf phonologischen, also innersprachlichen Kriterien, die durch die sog. zweite Lautverschiebung entstanden sind (s. Kap. 2.4.3). Wichtig ist also, dass der Terminus Hochdeutsch in diesem Kontext eine ganz andere Bedeu‐ tung hat als heute, wo er die überregionale Standardsprache bezeichnet. Das dritte Element, -deutsch, bezeichnet schließlich die Sprache, die sich bis heute aus zahlreichen Dialekten zusammensetzt. Eine überregionale Standardsprache bildet sich erst langsam in der frühneuhochdeutschen Periode heraus. Bis weit ins Frühneuhochdeutsche (Fnhd.) hinein haben wir es ausschließlich mit Dialekten zu tun. Manche Entwicklun‐ gen sind in heutige Dialekte eingegangen, doch nicht in die Standardsprache - und umgekehrt. Auch wenn wir primär die Entstehung des Standards beleuchten, werden bei fast allen Themen regionalsprachliche oder dialektale Sprachwandelphänomene mit in den Blick genommen. Speziell hierzu s. auch die Rubrik „Regionalsprachge‐ schichte“ im Handbuch „Sprachgeschichte“ (Besch u. a. 2003) sowie das Handbuch „Sprache und Raum“ (Herrgen/ Schmidt 2019). 1.3 Zur Periodisierung der deutschen Sprache 21 <?page no="22"?> Die in Tab. 2 aufgelisteten Perioden werden jeweils durch die wichtigsten inner‐ sprachlichen Abgrenzungskriterien für die Epoche ergänzt, geordnet nach sprachli‐ chen Ebenen: a) Phonologie; b) Morphologie/ Syntax, c) Schreibung. Obwohl diese Periodisierung mit dem Indoeuropäischen (Ie.) beginnt, handelt diese Einführung nur von der dt. Sprachgeschichte, d. h. sie beginnt erst mit dem seit dem 8. Jh. schriftlich belegten Ahd. Entwicklungen aus früheren Epochen, die zum Verständnis mancher Wandelerscheinungen bekannt sein sollten, werden nachgeliefert, oder es wird auf Literatur dazu verwiesen. Sprachperiode Zeitraum Sprachliche Kriterien Germanisch 1. Jt.v.C. - ca. 200 n.C. a) Initialakzent; 1. Lautverschiebung b) Systematisierung des Ablauts bei den starken Verben, Entstehung der 6. AL-Reihe sowie der schwachen Verben Westgermanisch 200-500 a) Hebung (= westgerm. i-UL); Senkung (= westgerm. a-UL); west‐ germ. Konsonantengemination b) Abbau der reduplizierenden Verben; Entstehung der 7. AL-Reihe Althochdeutsch 500 / 750-1050 a) 2. Lautverschiebung; i-UL (allophonische Phase) b) Entstehung von Periphrasen, Artikeln, Subjektspronomen c) ab 8. Jh. erste, flache Verschriftungen Mittelhoch‐ deutsch 1050-1350 a) Auslautneutralisierung; Zentralisierung und Schwund unbetonter Vokale (Apo-/ Synkope); UL-Phonologisierung; Geminatenabbau; [ sk ] > [ ʃ ] b) Obligatorisierung des Subjektspronomens und des Artikels; weite‐ rer Ausbau der Periphrastik c) phonographische Verschriftung (relativ flach) Frühneuhoch‐ deutsch 1350-1650 a) Vokaldehnung in offener Tonsilbe; Entstehung ambisilbischer Kon‐ sonanten; Reduktion der e-Laute; Mono- und Diphthongierung, Diphthongwandel, weiterer Schwund unbetonter Vokale b) präteritaler Numerusausgleich; Präteritumschwund; Tempusprofilierung und Numerusnivellierung am Verb, Numeru‐ sprofilierung und Kasusnivellierung am Substantiv, Ausbau der Klammer c) Vertiefung des Schriftsystems; Aufkommen und Stärkung semant. Prinzipien; Substantivgroßschreibung 22 1 Einleitung: Sprachwandel und Sprachgeschichte <?page no="23"?> Sprachperiode Zeitraum Sprachliche Kriterien Neuhochdeutsch seit 1650 a) r-Vokalisierung, Entstehung silbischer Konsonanten b) Abbau des synthetischen Konj. I+II; Ausbau von würde + Inf.; fortschreitender Präteritumschwund; weitere Numerusprofilierung und Kasusnivellierung am Substantiv c) seit 1902 Orthographie; tiefes und komplexes, leserfreundliches Schriftsystem Tab. 2: Periodisierung des Deutschen und seiner Vorgeschichte nach innersprachlichen Kriterien („AL“: Ablaut, „UL“: Umlaut) Nicht alle der in Tab. 2 aufgeführten Periodisierungskriterien werden in den Folgeka‐ piteln explizit behandelt. Wie schon gesagt, handelt es sich hier weniger um eine Einführung in die Sprachgeschichte als in den Sprachwandel. Natürlich werden viele sprachgeschichtliche Fakten geliefert, doch ist es unser primäres Ziel, Wege und Prinzipien des Sprachwandels darzustellen und v. a. Zusammenhänge aufzudecken. Am Ende dieses Kapitels kommentieren wir, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, eine Auswahl einschlägiger Einführungen in die deutsche Sprachgeschichte. 1.4 Wie man dieses Buch benutzt Für das Verständnis dieses Buches setzen wir die Kenntnis linguistischer Grundbegriffe voraus, d. h. eine Einführung in die Linguistik. Auch wird die internationale Lautschrift IPA als bekannt vorausgesetzt (man kann sie sich leicht anhand des Duden-Ausspra‐ chewörterbuchs aneignen). Das Ziel, die Leser dazu zu befähigen, auch einfachere Forschungsliteratur zu lesen, zwingt uns, Fachausdrücke zu verwenden. Wir erklären sie jedoch an Ort und Stelle, und über die fett gedruckte Seitenzahl hinten im Index kann man auch die Erklärung schnell nachschlagen. Eingestreute Literaturangaben sollen Wege zu weiterer, vertiefender Literatur bahnen. Nach jedem Kapitel empfehlen wir einige Titel für die weitere Lektüre. Alle Abkürzungen, die wir benutzen, sind in der Fachliteratur üblich und können im Abkürzungsverzeichnis nachgeschlagen werden. 1.5 Empfohlene Literatur Abschließend kommentieren wir kurz eine kleine Auswahl an Standardwerken, zu‐ nächst Einführungen in die deutsche Sprachgeschichte. Hier lässt sich eine Unterteilung vornehmen in a) Literatur, die primär an der traditionellen, deskriptiven Vermittlung sprachgeschichtlicher Fakten interessiert ist. Meist ist sie daran erkennbar, dass sie die dt. Sprachgeschichte in die üblichen Perioden Ahd., Mhd., Fnhd. und evt. Nhd. einteilt (manche gehen auch vom Ie. oder Germ. aus) und jeweils ihre 1.4 Wie man dieses Buch benutzt 23 <?page no="24"?> lexikalischen und grammatischen Spezifika beschreibt (Syntax, Semantik, Pragmatik und Graphematik kommen dabei meistens zu kurz). b) Anderen sprachgeschichtlichen Einführungen ist neben der Faktenvermittlung daran gelegen, die dt. Sprachgeschichte gesamthaft und längsschnittartig in den Blick zu nehmen (eine rigide Einteilung in Einzelperioden führt dagegen zu Unterbrechungen der Gesamtperspektive). Im Vor‐ dergrund stehen hier sprachhistorische Themen und Leitmotive, z. B. die Entwicklung der Schreibung, der Nominalphrase, der Verbalmorphologie. Hier werden auch mehr Verbindungen zur aktuellen Linguistik hergestellt, zu Theorien und Erklärungsansät‐ zen des Sprachwandels, evt. auch zur Sprachtypologie. Die vorliegende Einführung ist diesem zweiten Ansatz verpflichtet. c) Schließlich gibt es zu sprachhistorischen Einzelthemen oder Einzelperioden Spezialliteratur. Gruppe a): Schweikle ( 5 2002) bietet eine etwas wortkarge, doch beispielreiche und systematische Darstellung der gesamten germanisch-deutschen Sprachgeschichte vom Ie. bis zum Nhd. mit Schwerpunkt auf phonologischen und morphologischen Entwicklungen. Noch komprimierter, da tabellarisch aufgebaut, ist der „Grundkurs Historische Linguistik“ von Kühnel ( 2 1978). Mittlerweile sehr umfangreich und dadurch weniger übersichtlich ist die „Geschichte der deutschen Sprache“ von Schmidt ( 12 2020). Sehr zu empfehlen ist der „dtv-Atlas zur deutschen Sprache“ (König u. a. 19 2019), dem es gelingt, zentrale Themen zur dt. Sprache und Sprachgeschichte allgemeinverständlich und anschaulich mithilfe zahlreicher Graphiken auch für Nichtlinguisten darzustellen. Weiterer Vorteil sind die Dialektkarten, die die räumliche Verbreitung sprachlicher Phänomene illustrieren. Didaktisch gut aufbereitet ist die „Einführung in die histo‐ rische Textanalyse“ von Riecke u. a. (2004), in der es primär um die Erschließung älterer Texte geht. Einen knappen Überblick über sprachgeschichtliche Fakten liefert Vogel (2012). Eine Mischung aus a) und b) leistet die „Geschichte der dt. Sprache“ von Besch/ Wolf (2009) mit dem Untertitel „Längsschnitte - Zeitstufen - Linguistische Studien“. Hier ist besonders Teil I mit den Längsschnittstudien zu empfehlen. Auch Schmid ( 4 2024) enthält eine Kombination beider Ansätze. Zu Gruppe b) gehört die dreibändige dt. Sprachgeschichte von P. von Polenz (1991-1999), die neben innerauch viele außersprachliche Faktoren und Erklärungs‐ ansätze berücksichtigt. Ähnliches gilt für Keller ( 2 1995). Sehr viel nach wie vor Wis‐ senswertes zur dt. Sprachgeschichte enthalten die „Prinzipien der Sprachgeschichte“ von Paul ( 5 1920 / 10 1995), ein Klassiker unter den Arbeiten zum Sprachwandel. Gut lesbar ist Wells (1990). Für Fortgeschrittene eignet sich der Band „Grundzüge deutscher Sprachgeschichte“ von Sonderegger (1979), der insbesondere auch ebenenübergreifen‐ den Wandel integriert. Sehr zu empfehlen ist die multimedial aufgebaute CD-ROM „Interaktive Einführung in die Historische Linguistik“ von Donhauser u. a. (2007). Den aktuellen Forschungsstand wiederzugeben ist Ziel von „Sprachgeschichte“, einem mehrbändigen „Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erfor‐ schung“ von Besch u. a. ( 2 1998-2004); hier finden sich zu allen wichtigen Themen der dt. Sprachgeschichte und des Sprachwandels insgesamt 225 kompakte Artikel. Neue Ansätze enthält „Deutsch diachron“ von Wegera u. a. ( 2 2018), indem u. a. auf 24 1 Einleitung: Sprachwandel und Sprachgeschichte <?page no="25"?> Korpusdaten aufbaut wird. Korpuslinguistische Zugänge verfolgt auch Hartmann (2018) in „Deutsche Sprachgeschichte - Grundzüge und Methoden“. Gruppe c): Didaktisch durchdacht und deshalb für Anfänger gut geeignet ist das Arbeitsbuch „Alt- und Mittelhochdeutsch“ von Bergmann u. a. ( 11 2023). Ausführliche Einführungen ins Ahd. bieten Meineke/ Schwerdt (2001), Sonderegger ( 3 2003) und die Grammatik von Braune/ Heidermanns ( 17 2023), speziell zur ahd. Syntax Schrodt (2004), s. allerdings kritisch dazu Fleischer (2006). Zum Mhd. empfehlen sich als überschaubare Einführungen Mettke ( 8 2000), Hennings ( 4 2020) und Weddige ( 9 2015). Paul u. a. ( 25 2007) ist der Standard unter den mhd. Grammatiken. Das Alt- und Mittelhochdeutsche gemeinsam behandelt Wolf (1981). Zum Fnhd. ist für Einsteiger das Arbeitsheft von Hartweg/ Wegera ( 2 2005) gut geeignet. Zum Nachschlagen empfehlen sich auch die Grammatiken von Ebert u. a. (1993) und die mehrbändige „Grammatik des Frühneuhochdeutschen“ von Moser (1970-1991). Wichtig ist auch die korpusbasierte mhd. Grammatik, von der bislang Teil III zur Wortbildung (Klein u. a. 2009) erschienen ist sowie Teil II zur Flexionsmorphologie (Klein u. a. 2018). Von anderem, teilweise typologischem und sprachvergleichendem Zuschnitt sind einige englischsprachige Einführungen, in denen man oft einen anderen Blick auf das Dt. gewinnt: „Historical Linguistics“ von Campbell ( 4 2021), „Principles of Historical Linguistics“ von Hock ( 3 2021) und „Language History, Language Change, and Language Relationship“ von Hock/ Joseph ( 3 2019) sowie, besonders anregend und damit empfeh‐ lenswert, „Historical and Comparative Linguistics“ von Anttila ( 2 1989) und „Language Change“ von Bybee (2015). 1.5 Empfohlene Literatur 25 <?page no="27"?> Teil I Ebenen des Sprachwandels bei allen durch die zeit hervorgebrachten verschiedenheiten waltet im groszen den-noch eine beträchtliche durchblickende gemeinschaft zwischen alter und neuer sprache, die in allen ihren wendungen und sprüngen zu belauschen überraschende freude macht. wenn auf zahllose stellen unserer gegenwart licht aus der vergangen-heit fällt, so gelingt umgedreht es auch hin und wieder im dunkel liegende flecken und gipfel der alten sprache eben mit der neuen zu erhellen. J. Grimm (1854): Vorwort zu Bd. 1 des Deutschen Wörterbuchs, DWB, Sp. IV. <?page no="29"?> 2 Phonologischer Wandel 2.1 Was ist historische Phonologie? Die menschliche Sprache ist ein faszinierendes Phänomen. Obwohl die Sprachlaute mit Hilfe von nur wenigen Organen produziert werden, stellt sie ein sehr komplexes System dar. Die Sprechorgane, v. a. Zunge und Lippen, formen die herausströmende Luft im Mund- oder Nasenraum. Auf diese Weise entsteht zunächst eine Kette verschiedener Laute. Damit eine solche phonetische Kette die Funktion eines Kommunikations‐ mittels übernehmen kann, müssen die Sprecher imstande sein, von Ausspracheunter‐ schieden zu abstrahieren. Verschiedene, ähnlich ausgesprochene Laute werden dabei in funktionale Gruppen, Phoneme, eingeteilt. So können unterschiedlich deutlich produzierte i-Laute dem Phonem / i / zugeordnet werden. Erst dann kann eine Laut‐ kette als eine Phonemreihe verstanden und einer anderen gegenübergestellt werden, z. B. / fax / ‘Fach’: / bax / ‘Bach’. Manche Aussprachevarianten werden regelmäßig gebildet. Dabei spricht man von Allophonen. Im Dt. haben wir u. a. die Allophone [ x ] (sog. Ach-Laut) und [ ç ] (sog. Ich-Laut), die dem Phonem / x / zugeordnet sind (Duden-Grammatik 10 2022: § 1538). Die Wahl des Allophons ist u. a. davon abhängig, ob der vorangehende Vokal palatal (i, e, ü, ö, ä, ei, äu/ eu) oder nicht-palatal (o, u, au, a) ist, z. B. / mix / [ mɪç ] ‘mich’, aber / buxt / [ bʊxt ] ‘Bucht’. Die Verteilung der Allophone [ ç ] und [ x ] ist ein schönes Beispiel dafür, wie sich benachbarte Laute artikulatorisch einander annähern. Dies passiert, weil die beweglichen Sprechorgane (Zunge und Lippen) oft nicht vollständig von der einen in die andere Position überführt werden. Abb. 2: Allophone [ x ] und [ ç ] im Deutschen In der obigen Abbildung wird gezeigt, dass das Allophon [ ç ] ein Ergebnis der Anpassung an den vorausgehenden palatalen Vokal ist, bei dessen Produktion die Zungenspitze gehoben wird. Sie wird nicht vollständig aus der vorderen in die hintere Position überführt, wodurch ein [ ç ]-Laut entsteht, z. B. [ ˈkœçə ] ‘Köche’. Nach velaren Vokalen, die mit gehobenem Zungenrücken gebildet werden, und nach a folgt ein [ x ], z. B. / kɔx / [ kɔx ] ‘Koch’. Diese Anpassung des hinteren Reibelautes an den <?page no="30"?> vorausgehenden Vokal, also [ œ ]→[ ç ] und [ ɔ ]→[ x ], ist ein Beispiel für sequenziellen (kombinatorischen) Lautwandel. Hier verändert sich die Aussprache eines Lautes in Abhängigkeit von einem anderen Laut (mehr zum sequenziellen Wandel s. Demske 2002: 297-304). Allophone entstehen auch aufgrund ihrer Position in Phonemgruppen. Dabei geht es nicht um einen beliebigen Abschnitt aus der Phonemkette, z. B. [ təfyː ], sondern um organisierte Phonemverbände, z. B. [ kal.tə ] [ fyː.sə ] ‘kalte Füße’. Dies sind v. a. Silben und (phonologische) Wörter. Mit einem Punkt wird in der Transkription die Grenze zwischen den Silben markiert [ kal.tə ]. Die Silben sind Bausteine eines (phonologischen) Wortes. Im Dt. gibt es beispielsweise kurze und lange Vokalallophone in betonten Silben. Da es pro (phonologischem) Wort jeweils nur eine betonte Silbe gibt, z. B. [ ˈkal.tə ] ‘kalte’, [ ˈkaː.lə ] ‘kahle’, ist der Gegensatz zwischen kurzen und langen Vokalen an diese eine Position im Wort gebunden. Die Wahl des entsprechenden Allophons hängt vom Bau der betonten Silbe ab. Wenn diese offen ist, d. h. keinen Konsonanten nach dem Vokal enthält, wird ein langer Vokal ausgesprochen, z. B. [ ˈkaː.lə ] ‘kahle’. Ist die Silbe hingegen durch einen (oder mehrere) Konsonanten ge‐ schlossen, kann ein kurzer Vokal auftreten, z. B. [ ˈkal.tə ] ‘kalte’ (s. dazu Becker 1996, 1998). Im Dt. gibt es keine kurzen Vokale in offenen, betonten Silben *[ ˈka.lə ]. phonologisches Wort phonologisches Wort [ˈk a ː . l ə] vs. [ ˈk a l . t ə] langes betontes Vokalallophon kurzes betontes Vokalallophon Abb. 3: Kurze und lange Vokalallophone im Deutschen Die historische Phonologie beschäftigt sich mit Prozessen, die zur Veränderung der Laut- oder Phonemkette führen. Dabei kann sich ein Phonem auch unabhängig von seiner Umgebung wandeln. Dies war u. a. im Ahd. der Fall, als alle d-Laute stimmlos wurden, z. B. westgerm. *dag- > ahd. tag (vgl. engl. day). Da die Umgebung dabei keine Rolle spielte, gehört dieser Prozess zu den sog. autosegmentalen Veränderungen, weil hier nur ein Phonem (ein Segment) dem Wandel unterlag. Hierbei wird unterschieden zwischen 1. Phonemverschiebung: mhd. / y / > nhd. / ɔɪ ̯ / - z. B. mhd. vriunt > nhd. Freund 2. Phonemzusammenfall: mhd. / ū / und / ou / > nhd. / aʊ̯ / - z. B. mhd. brût > nhd. Braut - - mhd. boum > nhd. Baum 30 2 Phonologischer Wandel <?page no="31"?> 3. Phonemspaltung: ahd. / u / > mhd. / u / , / y / - z. B. ahd. burg > mhd. burc - - ahd. wurfil > mhd. würfel und Phonemschwund. Treten die lautlichen Veränderungen regelmäßig auf, so spricht man von Lautgesetzen, z. B. der zweiten Lautverschiebung (kurz: 2. LV) (s. Kap. 2.4.3). Wir haben bereits festgestellt, dass der Wandel eines Phonems auch durch ein anderes Phonem bewirkt werden kann (sequenzieller Wandel). Die wohl bekannteste Form stellt dabei die Assimilation dar. Unter diesem Begriff versteht man eine vollständige (totale) bzw. teilweise (partielle) Angleichung von Lauten, die entweder nebeneinander (Kontaktassimilation) oder durch andere Laute getrennt (Fernas‐ similation) auftritt. Im phonetischen Sinne hat man es hier mit der Angleichung des Artikulationsortes, der Artikulationsart oder der Stimmhaftigkeit der betroffenen Laute zu tun. Als Artikulationsort können die Lippen, die Zähne, der Gaumen und das Zäpfchen dienen. Dies sind Stellen im oberen und hinteren Bereich des Mundraums, denen sich die beweglichen Sprechorgane - die Zunge und die untere Lippe - annähern können. Daher rührt die Unterscheidung zwischen labialen (Lippen), dentalen (Zähne), palatalen (vorderer, harter Gaumen), velaren (hinterer, weicher Gaumen) und uvularen (Zäpfchen) Lauten. Die Artikulationsart ergibt sich daraus, wie sich die beweglichen Organe dem Artikulationsort annähern. Kommt es zu einem Verschluss, so dass der Luftstrom kurz in seiner Auswärtsbewegung gestoppt wird, so werden Verschlusslaute (Plosive) wie [ p, b, t, d, k, ɡ ] gebildet. Wenn jedoch nur eine Enge entsteht, durch die die Luft strömt und dabei eine Reibung erzeugt, dann werden Reibelaute (Frikative) wie [ f, v, s, z, x, ç ] produziert. Aus einer Kombination beider Artikulationsarten, d. h. wenn dem Verschluss eine Reibung folgt, entstehen Affrikaten wie [p ͜ f, t ͜ s]. Wird der weiche Gaumen (Gaumensegel) so weit gesenkt, dass der Luftstrom durch den Nasenraum herausfließt, dann werden Nasale wie [ n, m, ŋ ] gebildet. Der Laut [ ŋ ] kommt z. B. in [ ˈʀɪŋ ] ‘Ring’ vor. Ein Lateral, im Dt. nur [ l ], entsteht dadurch, dass die Luft durch die Engen auf beiden Seiten der Zunge herausströmt, während Vibranten durch die Zungenschwingung gebildet werden. Im Dt. wird durch die Vibration des Zäpfchens der Laut [ ʀ ], das sog. Zäpfchen-r, produziert. [ j ] gehört zu den Halbvokalen. Bei ihrer Produktion trifft der Luftstrom wie bei Vokalen auf keine Barriere. Im Gegensatz zu Vokalen bilden Halbvokale keinen Silbennukleus (Silbenkern), z. B. Jahr [ jaːɐ̯ ] (Halbvokal j) vs. wir [ viːɐ̯ ] (Vokal i) (s. Abb. 7). Im Mhd. kommt es zur totalen Kontaktassimilation von mb: mhd. zimber > zimmer. Dabei muss nur die Artikulationsart des b (eines labialen Plosivs) an die des m (eines labialen Nasals) angeglichen werden. Eine partielle Kontaktassimilation findet statt, wenn nicht alle phonetischen Merkmale angeglichen werden. Im Mhd. wird beispielsweise nur der Artikulationsort der dentalen Konsonanten nt an den 2.1 Was ist historische Phonologie? 31 <?page no="32"?> labio-dentalen Folgekonsonanten f angepasst, z. B. mhd. entfinden > empfinden. Die Artikulationsart verändert sich hingegen nicht. Als Beispiel für eine Fernassimilation ist der ahd. i-Umlaut zu nennen. Dabei kam es zur Anpassung zweier nicht direkt benachbarter Vokale, z. B. ahd. gasti > gesti ‘Gäste’ (s. Kap. 2.4.2). Im phonologischen Sinne, d. h. bezogen auf Phoneme und Allophone, bedeutet die totale Assimilation einen vollständigen Ausgleich aller distinktiven Merkmale. Dies sind Eigenschaften der Phoneme (bzw. Allophone), die sich auf die Artikulation beziehen. So wird jeder stimmhafte, labiale Plosiv dem Phonem / b / zugeordnet, das durch [+stimmhaft], [+labial], [−kontinuierlich] charakterisiert ist. Das Merkmalspaar [+/ −kontinuierlich] (kurz: [+/ −kont]) bezieht sich auf die Artikulationsart (frikative vs. plosive Laute). Die Phoneme unterscheiden sich durch mindestens ein Merk‐ mal. Bei dem Phonempaar / b / und / p / variiert [+/ −stimmhaft] (kurz: [+/ −sth]). Die Phoneme / b / und / v / weisen entsprechend [−kont] und [+kont] auf (Genaueres zu distinktiven Merkmalen s. Ramers 2002: 87-93). So ist die totale Assimilation mhd. zimber > zimmer ein Ausgleich zugunsten der Merkmale [+nasal] und [+kont]: mhd. z i m b e r > z i m m e r Art: [+nasal] [-nasal] [+nasal] [+nasal] Verlauf: [+kont] [-kont] [+kont] [+kont] Ort: [+labial] [+labial] [+labial] [+labial] Stimmton: [+sth] [+sth] [+sth] [+sth] Abb. 4: Totale Assimilation (mhd. zimber > zimmer) Neben dem eben skizzierten segmentalen Wandel gibt es Veränderungen, die Pho‐ nemgruppen wie die Silbe oder das (phonologische) Wort betreffen. Zu solchen suprasegmentalen Prozessen gehört der Wandel der Akzentposition im Germ.: Im Ie. war der Akzent nicht an eine bestimmte Wortposition gebunden (sog. beweglicher Wortakzent). So hatten manche Flexionsformen die Betonung auf der ersten, andere wiederum auf der letzten Silbe (vgl. span. cánto ‘(ich) singe’ vs. cantó ‘(sie / er) sang’). Während der Herausbildung des Germ. wurde der Akzent auf die erste Silbe fixiert (sog. germ. Initialakzent). Da jedoch bereits im Germ. neue Wörter mit unbetonten Vorsilben gebildet wurden, wandelte sich der Initialzum Stammakzent. Deswegen wird im dt. Erbwortschatz meist die Stammsilbe betont, z. B. nhd. erláuben. Die verwandten Wörter Úrlaub und erláuben sind zwei Zeugen dieses Wandels. In Úrlaub ist der germ. Initialakzent konserviert. Im später gebildeten erláuben wird hingegen schon die Stammsilbe betont (Schweikle 5 2002: 52). 32 2 Phonologischer Wandel <?page no="33"?> 2.2 Die Silbe und das Wort in der Phonologie Die eben angesprochene Veränderung der Akzentposition im Germ. ist ein supraseg‐ mentaler Prozess, der innerhalb eines phonologischen Wortes stattfindet. Dies ist eine phonologische Einheit, deren Grenzen mit morphologischen Grenzen überein‐ stimmen. Ein phonologisches Wort kann daher ein Morphem, z. B. ein Stammmorphem wie Mond oder Wolke, oder eine Morphemkombination aus Stammmorphem und Derivations- oder Flexionsendung wie in Zauber+er (Derivation) oder munter+er (Flexion) enthalten. Die Größe des phonologischen Wortes, d. h. die Silbenanzahl ist variabel, z. B. [ ˈmoːnt ] ‘Mond’ (einsilbig), [ ˈvɔl.kə ] ‘Wolke’ (zweisilbig), [ ˈt ͜ s aʊ̯.bə.ʀɐ ] ‘Zauberer’ (drei‐ silbig). Eine der Silben, meist die Stammsilbe, wird durch den Hauptakzent hervorge‐ hoben, was in der Transkription mit ( ˈ ) gekennzeichnet wird, z. B. [ˈmoːnt] ‘Mond’, [ˈvɔl. kə ] ‘Wolke’, [ˈt ͜ saʊ̯. bə.ʀɐ ] ‘Zauberer’. Diese Silbe bildet mit allen ihr folgenden unbetonten Silben einen sog. phonologischen Fuß. Im dt. Erbwortschatz umfassen phonologische Wörter meist nur einen Fuß, d. h. sie haben keine Nebenbetonung. Die häufigste Form des phonologischen Wortes im Dt. ist der Trochäus, d. h. die Abfolge von einer betonten und einer unbetonten Silbe (x́x). Gewöhnlich enthält die betonte Silbe einen Vollvokal, die unbetonte hingegen einen zentralen Vokal (hier: den Schwa-Vokal [ ə ]), z. B. Wolke [ˈvɔl. kə ] (zum zentral(isiert)en Vokal, s. Kap. 2.4.4). In Fremdwörtern wie Phantasie kommen nicht selten mehrere Füße vor, da diese neben der haupteine nebenbetonte Silbe enthalten. Dabei bildet die hauptbetonte Silbe den sog. starken Fuß. Mit einer nebenbetonten Silbe, die in der Transkription mit ( ˌ ) angezeigt wird, fängt ein sog. schwacher Fuß an, z. B. [ ˌfan.ta.ˈziː ] ‘Phantasie’. Die Grenzen des schwachen Fußes [ ˌfan.ta ] stimmen nicht mit Morphemgrenzen überein. Daher bildet er erst mit dem darauffolgenden starken Fuß [ ˈziː ] zusammen ein vollständiges phonologisches Wort. Am Beispiel Phantasie ist zudem deutlich zu sehen, dass sich die hauptbetonte Silbe in Fremdwörtern von den unbetonten nicht so deutlich unterscheidet wie in Erbwörtern wie Wolke. In Phantasie ist die unbetonte (zweite) Silbe ta mit einem Vollvokal ausgestattet, vgl. weitere Fremdwörter wie Telekommunikation, Diplom, Datum usw. Abb. 5 zeigt, dass die Segmente die kleinsten Bausteine des Wortes sind. Sie werden in phonologische Silben (σ) gruppiert, diese wiederum in phonologische Füße (F). Bei mehreren Füßen ist einer davon der starke Fuß (F s ), weil er mit der hauptbetonten Silbe beginnt (s. Nespor/ Vogel 1986, Auer 1991). 2.2 Die Silbe und das Wort in der Phonologie 33 <?page no="34"?> ω ω phonologisches Wort F F w F s phonologischer Fuß σ σ σ σ σ phonologische Silbe [v ɔ l k ə] [f a n t a z i ː] ‘Wolkeʼ ‘Phantasieʼ Abb. 5: Die innere Struktur des phonologischen Wortes Im Zentrum der Silben stehen gewöhnlich Vokale, weil diese sonorer (d. h. lauter) als Konsonanten sind. Deswegen ist eine Silbe wie krk (Name der kroatischen Insel Krk) nicht so leicht auszusprechen wie kerk. Um die Vokale werden Konsonanten gruppiert. Sie sind weniger sonor als Vokale, weil der Mund bei ihrer Produktion nicht so weit geöffnet wird und der Luftstrom auf Hindernisse trifft (s. Artikulationsart). Je weniger sonor ein Konsonant ist, desto höher ist seine Konsonantische Stärke. Diese ist am höchsten bei Plosiven, die zugleich am wenigsten sonor sind. Abb. 6 zeigt, dass der Vokal / a / die höchste Sonorität aufweist, weil bei seiner Produktion der Mund am weitesten geöffnet wird. Je höher die Zungenposition bei Vokalen, desto kleiner die Mundöffnung. Deshalb sind die mittleren Vokale / e / und / o / weniger sonor als / a / , jedoch sonorer als / i / und / u / . Die zentralen Vokale [ ə ] und [ ɐ ], die im Dt. nur in unbetonter Position vorkommen, sind noch weniger sonor, z. B. [ ˈvɔl.kə ] ‘Wolke’, [ ˈt ͜ s aʊ̯.bə.ʀɐ ] ‘Zauberer’. Der schwächste Konsonant ist der Halbvokal bzw. Halbkon‐ sonant / j / . Die Obstruenten, d. h. Frikative und Plosive, befinden sich rechts in der Sonoritätsskala. Sie sind die stärksten Konsonanten (s. Vennemann 1986: 36). Abb. 6: Sonoritätsbzw. Stärkeskala Eine Silbe ist so gebaut, dass das sonorste Segment (V = Vokal) ihr Zentrum (den sog. Nukleus) bildet. Die restlichen Segmente (C = Konsonanten) sind so angeordnet, dass sie umso näher am Vokal stehen, je höher ihre Sonorität ist. Auf diese Weise hat eine Silbe einen kurvenförmigen Sonoritätsverlauf (Selkirk 1984: 116). Abb. 7 zeigt 34 2 Phonologischer Wandel <?page no="35"?> zusätzlich, dass die Konsonanten vor dem Vokal zum Silbenonset und nach dem Vokal zur Silbenkoda gehören. Nukleus und Silbenkoda bilden gemeinsam den Silbenreim. Abb. 7: Kurvenförmiger Sonoritätsverlauf innerhalb einer Silbe Die Grenze zwischen den Silben liegt vor dem stärksten Konsonanten. So besteht eine Phonemfolge wie / planta / aus den beiden Silben plan.ta. Die Silbengrenze vor t kommt zustande, weil von den beiden intervokalischen (d. h. zwischen den Vokalen liegenden) Konsonanten t einen höheren Stärkegrad als n aufweist (s. Abb. 6) (mehr zur Silbenstruktur s. Restle/ Vennemann 2001). Die Silbengrenzen innerhalb eines phonologischen Wortes liegen unabhängig von der Anzahl der phonologischen Füße immer direkt vor dem stärksten Konsonanten: ▶ einfüßiges phonologisches Wort [ ˈvɔl.kə ] ω ‘Wolke’ - - [ ˈt ͜ s aʊ̯.bə.ʀɐ ] ω ‘Zauberer’ - - [ ˈmʊn.tə.ʀə.ʀə ] ω ‘munterere’ ▶ zweifüßiges phonologisches Wort [ ˌfan.ta.ˈziː ] ω ‘Phantasie’ Umgekehrt signalisiert eine unerwartete Silbengrenze, die nicht vor dem stärksten Konsonanten liegt, eine phonologische Wortgrenze. Daran kann man erkennen, dass nhd. Komposita (Zusammensetzungen) aus (mindestens) zwei phonologischen Wörtern bestehen, z. B. Blinklicht [ blɪŋk ] ω [ lɪçt ] ω . Würden die Segmente zu einem phonologischen Wort gehören, müssten sie als *blin.klicht silbifiziert (in Silben eingeteilt) werden. Da das k nicht am Anfang der Zweitsilbe ausgesprochen wird, entsteht die abweichende Silbenstruktur blink.licht. zwei phonologische Wörter [ blɪŋk ] ω [ lɪçt ] ω ‘Blinklicht’ - Durch die unerwartete Silbengrenze wird der morphologische Aufbau des Komposi‐ tums verdeutlicht: {blink}{licht}. So wird dem Hörer ein Signal geliefert, dass es sich um 2.2 Die Silbe und das Wort in der Phonologie 35 <?page no="36"?> ein morphologisch komplexes Wort handelt. Dies wäre bei der Silbifizierung *blin.klicht nicht gegeben. 2.3 Die phonologische Typologie: Silben- und Wortsprachen Die Silbe und das phonologische Wort unterscheiden sich nicht nur durch ihre Größe (die Silbe ist ein Baustein des phonologischen Wortes, s. Abb. 5). Vielmehr dienen sie den gegensätzlichen Interessen der Kommunikationsteilnehmer. Der Sprecher ist an einfacher Aussprache interessiert. Daher sind für ihn einfache (also optimale) silbische Strukturen von Vorteil. Im Gegensatz dazu liegt dem Hörer viel daran, das Gesagte schnell und ohne größeren Aufwand zu verstehen. Eine solche Hervorhebung der morphologischen Struktur wird durch eine klare Signalisierung der Wortgrenzen erreicht. Die Silbe dient also der Sprachproduktion, während das phonologische Wort die Sprachrezeption fördert. Das Nhd. ist eine Sprache, in der hörerfreundliche Strategien überwiegen, die die Inhaltsstruktur exponieren. Man bezeichnet solche Sprachen als Wortsprachen. Wenn hingegen eine einfache Aussprache im Vordergrund steht, spricht man von Silbensprachen (Spanisch). In Wortsprachen wird mit verschiedenen phonologischen Mitteln das phonologische Wort verdeutlicht. Im Gegensatz dazu konzentrieren sich Silbensprachen auf die Verbesserung der phonologischen Silbe (s. Auer 1994, 2001). Meist geht das eine auf Kosten des anderen. phonologischer Typ: Silbensprache Wortsprache Optimierung: die phonologische Silbe das phonologische Wort zentraler Kommunikationsaspekt: leichte Aussprache leichte Dekodierung vorteilhaft für: Sprecher Hörer Tab. 3: Sprecherfreundliche Silbensprache vs. hörerfreundliche Wortsprache Silbensprachen tendieren zu optimalen Silben, d. h. zu solchen, die aus einem starken Konsonanten (C) im Silbenonset und einem Vokal (V) im Silbennukleus bestehen. Die sog. Silbenkoda ist im Optimalfall leer (Vennemann 1982: 283). CV-Silben sind am leichtesten aussprechbar. Aus diesem Grund lauten die ersten Sprechversuche von Kindern (weitgehend unabhängig von der Muttersprache der Eltern) [ papa ], [ tata ] oder [ mama ]. Dies sind einfache CV.CV-Folgen. Jede Verschlechterung der Silbenstruktur erschwert die Aussprache. Im Dt. als Wortsprache sind nicht nur komplexe, sondern auch „verformte“ Silben keine Ausnahme. In [ ʃʀʊpst ] ‘schrubbst’ wird der kurvenförmige Sonoritätsverlauf durch sog. extrasilbische Elemente (st) verletzt: 36 2 Phonologischer Wandel <?page no="37"?> Abb. 8: Extrasilbische Elemente Das phonologische Wort ist nicht nur größer als die Silbe, sondern auch ganz an‐ ders beschaffen. So ist der Umfang der Silbe unabhängig von der morphologischen Struktur. Allein die Sonorität entscheidet, wo die Silbengrenze liegt, z. B. {Hund}{-e} (morphologische Struktur) vs. [ ˈhʊn.də ] (Silbenstruktur). Ein phonologisches Wort umfasst dagegen immer ganze Morpheme. Mit anderen Worten: Ein Morphem wird nie in zwei phonologische Wörter untergliedert. Wenn ein Morphem ein separates phonologisches Wort bildet, gehört es zu den wortwertigen Morphemen. Solche Morpheme enthalten immer eine betonte Silbe, z. B. {wolke} [ ˈvɔl.kə ]. Im Nhd. bilden Stämme, z. B. {hund}, konsonantisch anlautende Derivationssuffixe, z. B. {-tum}, und fast alle Derivationspräfixe, z. B. {an-}, eigene phonologische Wörter. Morpheme, die kein eigenes phonologisches Wort bilden, bezeichnet man als nicht wortwertige Morpheme, z. B. das Pluralzeichen -e in [ ˈhʊn. də ]. Im Dt. sind vokalisch anlautende Derivationssuffixe, z. B. {-ig}, einsilbige, unbetonte Derivationspräfixe, z. B. {ver-}, und alle Flexionssuffixe, z. B. {-er}, nicht wortwertig, s. Tab. 4. Tab. 4: Wortwertige vs. nicht wortwertige Morpheme im Nhd. Die Silbengrenze liegt bei wortwertigen Derivationsmorphemen immer direkt vor dem ersten Konsonanten. Bei den nicht wortwertigen Morphemen wie dem Derivations‐ suffix {-ig} oder dem Flexionssuffix {-er} wird sie so angepasst, dass sie vor dem stärksten Konsonanten liegt, z. B. sandig [ ˈzan.dɪç ] ω , nicht *[ ˈzand.ɪç ] ω ; Kinder [ ˈkɪn.dɐ ] ω , nicht *[ ˈkɪnd.ɐ ] ω . Die Unterscheidung zwischen Silben- und Wortsprachen äußert sich in einer ganzen Reihe entgegengesetzter Eigenschaften. In der folgenden Darstellung wird das Dt. als prototypische Wortsprache mit dem silbensprachlichen Spanisch kontrastiert (s. u. a. Szczepaniak 2009): 2.3 Die phonologische Typologie: Silben- und Wortsprachen 37 <?page no="38"?> 1. In Silbensprachen gibt es meist einfache Silben (meist CV-Silben), während in Wortsprachen komplexe Silben häufig sind. Im Spanischen überwiegt statistisch die CV-Silbe. Nach Lloyd/ Schnitzer (1967) bestehen die spanischen Wörter zu 61 % aus diesem Silbentyp. Offene Silben (CV, CCV und V) machen mit 72 % fast drei Viertel aller Silbentypen aus. Nur zu 27 % besteht der spanische Wortschatz aus einfach geschlossenen Silben (CVC, CCVC und VC), während komplexere, zweifach geschlossene Silben nicht einmal 1 % ausmachen. Dreigliedrige Konso‐ nantencluster sind im Spanischen gar nicht vorhanden. Im Gegensatz dazu verfügt das Dt. über deutlich komplexere Silbenstrukturen. Nach dem vokalischen Nukleus können bis zu fünf Segmenten auftreten (Becker 1998: 49). In Herbsts besteht die Silbenkoda aus dem vokalisierten r [ ɐ ]+[ p ]+[ s ]+[ t ]+[ s ]. Vier- und v. a. dreigliedrige Silbenkodas kommen in vielen Flexionsformen vor, z. B. teilst, schrubbst, kämpfst. Im Gegensatz zum Spanischen ist im Dt. die einfach geschlossene Silbe am häufigsten (Duanmu 2009: 213). Diese und noch komplexere Silbentypen kommen meist in betonter Position vor und exponieren auf diese Weise die Stammsilbe. Sie verdeutlichen die morphologische Struktur innerhalb des phonologischen Wortes. So hat das Wort Strände eine komplexe betonte Silbe und eine einfache, offene unbetonte Silbe: Strän.de (CCCVC.CV). Im Spanischen unterscheiden sich betonte Silben kaum von unbetonten. Die betonte Position wird zu 53 % mit CV- und zu 24 % mit CVC-Silben besetzt, in der unbetonten herrschen ähnliche Verhältnisse: CV - 61 %, CVC - 22 % (Dauer 1983: 57). In Wortsprachen wird außerdem häufig der Sonoritätsverlauf innerhalb der Silbe durch extrasilbische Elemente verformt, z. B. st in schrubbst (s. Abb. 8). 2. Das Vokalsystem wird in Wortsprachen dazu genutzt, die betonte von den unbe‐ tonten Silben im Wort abzuheben. Wenn in einem Wort alle unbetonten Silben immer ein und denselben, häufig zentralisierten Vokal (s. Kap. 2.4.4) aufweisen, so hilft das dem Hörer, schnell die betonte Silbe zu identifizieren. Nur die Vokale in betonten Silben bilden ein reiches System, z. B. nhd. bieten, beten, bitten, (sie) baten, Bauten, Beuten, boten: Abb. 9: Asymmetrie zwischen dem betonten und unbetonten Vokalsystem 38 2 Phonologischer Wandel <?page no="39"?> In Silbensprachen können in allen Silben alle Vokale auftreten; so im Spanischen, wo sich betonte und unbetonte Silben nicht voneinander unterscheiden lassen, weil sie dieselben Vokale enthalten (Quilis 2 1999). Anders als im Dt. kann von der Vokalqualität nicht auf die Betonungsstruktur geschlossen werden. Deswegen sind auch die Grenzen zwischen phonologischen Wörtern schwer erkennbar. Auf dieser silbensprachlichen Eigenschaft basieren viele Wortspiele, z. B. span. plata no es ‘es ist kein Silber’ vs. platano es ‘es ist eine Banane’ (beides ist homophon). 3. Jede Sprache befindet sich in ständigem Wandel. So gibt es in Silbensprachen Prozesse, die schlechtere Silben verbessern (sog. silbenoptimierende Prozesse). Um geschlossene Silben zu vereinfachen, können Konsonanten in der Silbenkoda eliminiert werden, z. B. span. sep.tiem.bre > se.tiem.bre. Schwer aussprechbare Konsonantengruppen können in anderen Silbensprachen (z. B. im Ahd., s. dazu Kap. 2.4) durch Einschub eines Vokals vereinfacht werden (sog. Vokalepenthese), z. B. ahd. burg > bu.rug ‘Burg’. Silbensprachen lösen häufig Hiate auf. Als Hiatus bezeichnet man zwei benachbarte Vokale, die zu verschiedenen Silben gehören, z. B. nhd. The.ater, ahd. bū.an ‘wohnen’. Die Zweitsilbe im Hiatus enthält keinen Konsonanten im Silbenonset (sog. nackte Silbe). Um sie zu optimieren, kann ein Konsonant eingeschoben werden (sog. Konsonantenepenthese), z. B. bū.an > bū.wan ‘wohnen’. Eine weitere Möglichkeit ist dabei die Vokalelision (Ausfall eines Vokals), z. B. ahd. gibu ih > gibuh ‘gebe ich’. Solche Vokalelisionen sind auch im gesprochenen Spanisch häufig zu beobachten, z. B. mi hijo ‘mein Sohn’ [ mi.i.xo ] > [ mi.xo ]. Besteht der Hiatus aus unterschiedlichen Vokalen, werden sie zu einem Diphthong zusammengezogen, z. B. su alma ‘ihre / seine Seele’ > s[ ʊ̯a ]lma (s. Quilis 2 1999). In Wortsprachen wird hingegen das phonologische Wort, oft auf Kosten der Silbe, verbessert. So werden Hiate gebildet, um das Innere des Wortes anzuzeigen, z. B. mhd. būr > fnhd. būer > nhd. Bauer. Konsonantenepenthese, also ein Einschub eines Konsonanten, ist eine Strategie, um die Silbenkoda der betonten oder der letzten (wortfinalen) Silbe anzureichern, z. B. fnhd. saf > nhd. Saft. Oft werden auch Vokale in unbetonten Silben getilgt (beseitigt), so dass nur noch in der betonten Silbe eines Wortes ein Vokal zu hören ist, z. B. nhd. oben [ ˈoː.bən ] > [ ˈoː.bm̩ ]. 4. Geminaten, d. h. lange Konsonanten im Wortinneren, die hälftig zwei Silben angehören, kommen nur in Silbensprachen vor, z. B. ital. brut.to ‘hässlich’. In Wortsprachen werden stattdessen ambisilbische Konsonanten gebildet. Anders als Geminaten sind diese kurz, gehören aber trotzdem zu beiden Silben (daher die Bezeichnung ambisilbisch). Dies erkennt man jedoch erst, wenn man ein Wort mit ambisilbischem Konsonant zu silbifizieren versucht, z. B. Mitte. Dies ist zum Schei‐ tern verurteilt, weil der kurze Konsonant in [ ˈmɪṭə ] gleichzeitig zur Silbenkoda der Silbe [ mɪt ] und zum Silbenonset der Silbe [ tə ] gehört. Jedoch würde eine einfache Addition der beiden Silben nicht die richtige Aussprache, sondern eine mit einem langen t ergeben: [ mɪt.tə ]. Da es im Dt. keine morpheminternen Geminaten gibt, ist diese Struktur nicht möglich. Um der Tatsache gerecht zu werden, dass es sich 2.3 Die phonologische Typologie: Silben- und Wortsprachen 39 <?page no="40"?> im Wort Mitte um einen kurzen ambisilbischen Konsonanten handelt, wird in der Transkription das Zeichen für die Silbengrenze ( . ) unter den Konsonanten gesetzt: [ ˈmɪṭə ]. Andere Beispiele wären Wetter, kommen, Zucker, besser, Keller (mehr dazu s. Kap. 2.5.4). Die Schreibung mit einem Doppelbuchstaben 〈tt〉 wie in Mitte oder 〈mm〉 wie in kommen hat im Nhd. also nichts mit der Aussprache des Konsonanten zu tun (s. Kap. 9.1.2). 5. Um das phonologische Wort hervorzuheben, haben Wortsprachen typischerweise einen deutlichen, also gut hörbaren (sog. dynamischen) Wortakzent. Die betonte Silbe wird viel lauter und intensiver ausgesprochen als unbetonte Silben. Im Gegensatz dazu kann der Wortakzent in Silbensprachen ganz fehlen (wie im Japanischen) oder, wie im Spanischen, nur schwach realisiert werden (s. Toledo 1999). Hier bekommt der Hörer keinen zuverlässigen Hinweis, ob eine bestimmte Silbenkette nur ein oder mehrere phonologische Wörter bildet. 6. Nur in Silbensprachen werden Vokale in nachfolgenden Silben einander angepasst. Durch eine sog. Vokalharmonie, d. h. eine Assimilation zwischen Vokalen, wird die Aussprache der Silbenkette vereinfacht. Im Ahd. wurden epenthetische Vokale an den vorausgehenden angepasst, z. B. ahd. burg > burVg > burug ‘Burg’ (s. Kap. 2.4.1). In Wortsprachen, die in unbetonten Silben meist nur einen einzigen, oft reduzierten Vokal haben, findet keine Vokalharmonie statt. 7. Schließlich kann in Wortsprachen das phonologische Wort exponiert werden, indem die Längenopposition zwischen kurzen und langen Vokalen (oder zwischen kurzen und langen Konsonanten) auf die betonte Silbe beschränkt wird. Die unbetonten Silben enthalten also nur kurze Vokale (oder silbische Konsonanten). Das Dt. weist in betonten Silben kurze und lange Allophone auf, z. B. kahle [ aː ] vs. kalte [ a ] (s. Abb. 3). In unbetonten Silben gibt es nur Kurzvokale, z. B. nhd. Banane [ ba.ˈnaː.nə ]. In Silbensprachen sind hingegen kurze und lange Vokale (oder Konsonanten) in allen Silben möglich. Dies gilt für das silbensprachliche Ahd., z. B. ahd. ˈ habēn ‘haben’, ˈ rātan ‘raten’. Kriterien phonologische Silbe ( σ ) phonologisches Wort ( ω ) Silbenstruktur optimale Silbenstruktur häufig komplexe Silben Sonoritätsverlauf in der Silbe kurvenförmig keine extrasilbischen Elemente häufig nicht kurvenförmig extrasilbische Elemente Abhängigkeit der Sil‐ benstruktur von der Wortposition keine bzw. nur schwach ausge‐ prägte Abhängigkeit der Silben‐ struktur von der Wortposition Komplexitätsunterschiede zwischen betonten und unbetonten Silben Vokalismus in beton‐ ten und unbetonten Silben einheitliches Vokalsystem in allen Silben Reduktion in unbetonten Silben, komplexes Vokalsystem in betonten Silben 40 2 Phonologischer Wandel <?page no="41"?> Kriterien phonologische Silbe ( σ ) phonologisches Wort ( ω ) Phonologische Prozesse silbenoptimierend/ -bezogen wortoptimierend/ -bezogen Tendenz zur Silbenoptimierung Tendenz zur Wortoptimierung Verbesserung der Silbenstruktur Bildung komplexer Konsonantencluster Vokalepenthese zur Vermeidung von Konsonantenclustern Vokalepenthese zur Bildung von Hiaten Konsonantenepenthese zur Vermeidung von Hiaten Konsonantenepenthese zur Bildung komplexer Konsonantencluster Vokalelision in Hiaten Vokaltilgung in unbetonten Silben Inventar Geminaten ambisilbische Konsonanten Wortakzent kein oder schwach realisierter Akzent deutlich realisierter Akzent Fernassimilation Vokalharmonie keine Vokalharmonie Längenopposition silbenbezogene Längenopposition wortbezogene Längenopposition - vokalische und konsonantische Längenopposition in allen Silben vokalische und konsonantische Längenopposition nur in betonten Silben Tab. 5: Silbensprachen vs. Wortsprachen - Kriterienkatalog Das Dt. hat in seiner ca. 1500-jährigen Geschichte einen tiefgreifenden Wandel von einer Silbenzu einer Wortsprache durchlaufen (detailliert s. Szczepaniak 2007a). Während das Ahd. (500-1050) eine klare Silbensprache war, bildeten sich im Mhd. (1050-1350) wortsprachliche Tendenzen heraus. Seitdem unterliegt das phonologische Wort einer ständigen Optimierung, während die phonologische Silbe nach und nach verschlechtert wurde. In den folgenden Unterkapiteln wird diese Entwicklung in ihren Grundzügen geschildert. Diese sind in Tab. 6 zusammengestellt und mit der ent‐ sprechenden Kapitelnummer versehen. Dabei konzentriert sich das gesamte Kap. 2.4 zunächst auf die silbensprachlichen Charakteristika des Ahd., um dann die allmähliche Verschlechterung der Silbe seit dem Mhd. zu dokumentieren. In Kap. 2.5 wird wiederum gezeigt, dass die Verschlechterung der Silbe aus der Optimierung des phonologischen Wortes resultiert. Die Darstellung in Tab. 6 nimmt Bezug auf die Kriterien in Tab. 5. 2.3 Die phonologische Typologie: Silben- und Wortsprachen 41 <?page no="42"?> Ahd. Mhd. Fnhd. Nhd. einfache Silbenstruktur Erhöhung der Kom‐ plexität der Silben‐ koda durch Apokope und Synkope (Kap. 2.4.5, 2.5.2) - hohe Komplexität der Silbenkoda; extrasilbische Elemente einheitliches Vokal‐ system in betonten und unbetonten Silben Reduktion des Vo‐ kalsystems in un‐ betonten Silben auf einen Vokal (Kap. 2.4.4) - reiches Vokalsystem in betonten Silben; redu‐ ziertes Vokalsystem in unbetonten Silben silbenoptimierende Prozesse (ahd. I-Um‐ laut) (Kap. 2.4.2) Phonologisierung der umgelauteten Vokale (Kap. 2.5.3) - - silbenbezogene Pro‐ zesse (zweite Laut‐ verschiebung) (Kap. 2.4.3) - - - Vokalepenthese zur Vermeidung von Konsonantenclustern (Kap. 2.4.1, 2.4.2) - Vokalepenthese zur Bildung von Hiaten (mhd. bûr > (f)nhd. Bauer) - Konsonantenepen‐ these zur Vermeidung von Hiaten - Konsonantenepen‐ these zur Bildung von Konsonantenc‐ lustern (Kap. 2.5.6) - Geminaten (Kap. 2.4.1) Geminatenabbau (Kap. 2.5.4) Entstehung ambisil‐ bischer Konsonan‐ ten (Kap. 2.5.4) ambisilbische Konsonanten Vokalharmonie (Kap. 2.4.1) - - keine Vokalharmonie Tab. 6: Phonologisch-typologischer Wandel des Deutschen 2.4 Silbenphonologischer Wandel im Deutschen - Verschlechterung der Silbenstruktur 2.4.1 Das Althochdeutsche war eine Silbensprache Bereits ein kurzer ahd. Text zeigt, wie unterschiedlich das Ahd. und das Nhd. sind. Dies soll am Beispiel des ersten Teils des Wessobrunner Gebets gezeigt werden. Es ist ein stabreimendes Schöpfungsgedicht aus einer Abschrift aus dem frühen 9. Jh. Da ahd. 42 2 Phonologischer Wandel <?page no="43"?> Texte im Original nicht leicht zu lesen sind, präsentieren wir ihn in diplomatischer Transkription nach Braune/ Ebbinghaus ( 17 1994: 85 f.) mit einer Übersetzung nach Schlosser ( 2 2004: 48-49). Abb. 10: Das ahd. Wessobrunner Gebet (9. Jh.) und die nhd. Übersetzung Die Gegenüberstellung des ahd. Originaltextes und der nhd. Übersetzung verrät vieles über die phonologischen Unterschiede zwischen den beiden Sprachstufen und über den typologischen Wandel vom Ahd. zum Nhd.: 1. Zunächst fällt auf, dass Vollvokale in den ahd. Wörtern in allen Wortpositionen vorkommen, z. B. ahd. 〈sunna〉, 〈geista〉, 〈uuarun〉, 〈eino〉, 〈himil〉. Dies entspricht dem silbensprachlichen Charakteristikum, dass in allen Silben unabhängig von der Akzentposition ein einheitliches Vokalsystem vorhanden ist. Im Gegensatz dazu hat das Nhd. in den unbetonten Silben meist die beiden zentralisierten Vokale [ ə, ɐ ]. Vollvokale gibt es in betonten Silben, z. B. ˈ S[ ɔ ]nn[ ə ], ˈ G[ aɪ ̯ ]st[ ɐ ], ˈ w[ aː ]r[ ə ]n, ˈ [ aɪ ̯ ]n[ ə ], ˈ H[ ɪ ]mm[ ə ]l. 2. Im Ahd. gibt es Geminaten, z. B. 〈firiuuiʒʒo〉 ‘Wunder’, 〈sunna〉 ‘Sonne’, 〈cootlihhe〉 ‘göttlich (Nom.Pl.Mask.)’. Während Doppelschreibung auf geminierte Konsonan‐ ten hinweist, nutzt das Nhd. Doppelbuchstaben zur Bezeichnung der Kürze des vorangehenden Vokals, z. B. ˈ S[ ɔ ]nne (s. Kap. 9.1.1). 3. Die Vokallänge wird in den älteren ahd. Texten nicht bezeichnet. Erst Notker (11. Jh.) entwickelt ein graphisches System zur Bezeichnung der Vokallänge. Dieses zeigt, dass das Ahd. sowohl in betonten als auch in unbetonten Silben zwischen kurzen und langen Vokalen unterscheidet, z. B. ˈ habēn ‘haben’, ˈ gëbā ‘Ga‐ be’ (Nom.Pl.)’, ˈ rātan ‘raten’, ˈ rīdōn ‘zittern’. Im Nhd. sind sowohl nebenals auch unbetonte Vokale in morphologisch einfachen Wörtern (sog. Simplizia) immer kurz oder sogar zentralisiert, z. B. F[ ɔ ] ˈ r[ ɛ ]ll[ ə ]. Nur in Komposita ist der Vokallängenkontrast vorhanden, z. B. ˈ Br[ ɛ ]tt ˌ sp[ iː ]l. 2.4 Silbenphonologischer Wandel im Deutschen - Verschlechterung der Silbenstruktur 43 <?page no="44"?> 4. Nicht zu übersehen ist auch die sehr einfache Silbenstruktur im Ahd.: Höchstens zwei Konsonanten treten im ahd. Wessobrunner Gebet nebeneinander auf. Ein Blick auf nhd. Wörter zeigt schnell, dass mehrgliedrige Konsonantenfolgen keine Seltenheit sind. Sowohl in Simplizia wie Hengst, Kämpfe, Sprache, schimpfst als auch in Komposita wie Sandstrand, Farbstift finden sich umfangreiche Konsonan‐ tengruppen. 5. Ein geübtes Auge findet in dem ahd. Text auch einen epenthetischen Vokal (Sprossvokal), nämlich in 〈pereg〉 ‘Berg’. Dieser eingeschobene Vokal erleichtert die Aussprache, weil er die Silbenstruktur optimiert: ahd. perg > pereg. Zusätzlich findet Vokalharmonie zwischen beiden Vokalen statt, perg > pereg ‘Berg’, burg > burug ‘Burg’, chraft > charaft ‘Kraft’, bifilhu > bifilihu ‘ich befehle’. So etwas ist dem Nhd. unbekannt (zu Sprossvokalen s. Reutercrona 1920, zur Vokalharmonie s. Szczepaniak 2007b). 2.4.2 Der althochdeutsche i-Umlaut Im Ahd. finden mehrere phonologische Prozesse statt, die die Silbe verbessern. Dies soll am Beispiel des ahd. i-Umlauts gezeigt werden. Grundsätzlich müssen zwei Phasen des ahd. i-Umlauts unterschieden werden: 1) die phonetische Anfangsphase und 2) die phonologische Folgephase. Diese Differen‐ zierung bezieht sich auf den anfänglich allophonischen und später phonemischen Charakter der umgelauteten Vokale (s. auch Kap. 2.5.3). In der ersten Phase ist der i-Umlaut ein fernassimilatorischer Prozess. Die Laute i, ī oder j beeinflussen die Aussprache des vorausgehenden, nicht direkt benachbarten Vo‐ kals, z. B. ahd. *gasti > gesti ‘Gäste’. Dieser Anpassung unterliegen alle nicht-palatalen Vokale, während palatale Vokale unverändert bleiben (s. Abb. 11). Der artikulatorische Unterschied zwischen den beiden Vokalgruppen beruht auf der Zungenlage. Wird die Zungenspitze nach vorn (Richtung harter Gaumen) verschoben, entstehen palatale Vokale (i, e). (Ein j gehört aus demselben Grund zu den palatalen Halbvokalen.) Wird hingegen der Zungenrücken Richtung weicher Gaumen gehoben, werden velare Laute gebildet (u, o). Bei der Produktion von a wird weder eine Bewegung zum weichen noch zum harten Gaumen gemacht. Der Laut gehört also ebenfalls zu den nicht-palatalen. Abb. 11: Einteilung in palatale und velare Vokale 44 2 Phonologischer Wandel <?page no="45"?> Der ahd. i-Umlaut ist ein Prozess, in dem die nicht-palatalen Vokale an die folgenden palatalen Laute i, ī oder j artikulatorisch angepasst werden, so dass die Zungenspitze in den umgelauteten Vokalen ebenfalls nach vorne gerichtet ist (sog. Palatalisierung). Alle unten aufgezählten Umlautprodukte befinden sich daher im oberen linken Eck des Vokaldreiecks. a > e ahd. gasti > ahd. gesti ‘Gäste’ a > ä ahd. mahtīg > mhd. mehtec ‘mächtig’ ā > æ ahd. māri > mhd. mære ‘Nachricht’ u > ü ahd. wurfil > mhd. würfel ‘Würfel’ ū > iu ahd. hūsir > mhd. hiuser ‘Häuser’ o > ö ahd. mohti > mhd. möhte ‘vermögen (Konj. II)’ ō > œ ahd. skōnī > mhd. schœne ‘Schönheit’ ou > öu ahd. loufit > mhd. löufet ‘(sie) läuft’ uo > üe ahd. gruoni > mhd. grüene ‘das Grün’ Im Ahd. wird nur die Palatalisierung des Kurzvokals a systematisch verschriftet (sog. Primärumlaut). Jedoch wurden gleichzeitig auch alle anderen Vokale palatalisiert. Ihre Umlautprodukte werden aber erst ab dem Mhd. in der Schrift wiedergegeben, daher die Bezeichnung Sekundärumlaut, z. B. ahd. 〈hūsir〉 [ hyːsir ] > mhd. 〈hiuser〉 [ hyːsər ]. Durch die Angleichung des betonten Vokals an die Palatale i, ī und j wird die gesamte Silbenfolge einheitlicher, weil in beiden Silbennuklei palatale Vokale stehen. Die Zungenlage muss nicht grundsätzlich verändert werden, was die Aussprache erleichtert (s. Abb. 12). Daher ist diese Phase des i-Umlauts als silbensprachlich einzustufen. Abb. 12: Der ahd. i-Umlaut als Ausspracheerleichterung In spätahd. Zeit (ab ca. 1000 n.C.) beginnt die Phonologisierung der Umlautprodukte (s. auch Kap. 2.5.3). Wesentlich ist dabei die Rolle der Morphologie, denn die umlautaus‐ lösenden Laute (i, ī und j) stehen sehr häufig in Flexionssuffixen. Meistens handelt es sich dabei um Pluralzeichen, z. B. {gast} (Sg.) - {gest}{-i} (Pl.). Das palatale Allophon (Umlautvokal), das oft nur in Pluralformen erscheint, wird als Teil der morphologischen Information Plural (‘Pl.’) reinterpretiert (reanalysiert). 2.4 Silbenphonologischer Wandel im Deutschen - Verschlechterung der Silbenstruktur 45 <?page no="46"?> Abb. 13: Reanalyse des palatalen Allophons als Pluralzeichen Da die Umlautallophone bereits im Ahd. an morphologische Informationen gebunden werden, bleiben sie auch nach dem Wandel von ahd. i, ī > mhd. e erhalten, z. B. mhd. geste ‘Gäste’ und nicht *gaste. Weil ein e im Ahd. keinen Umlaut auslösen konnte, kann man schlussfolgern, dass die Umlaute im Mhd. keine Allophone mehr sind. So ist ein [ yː ] in mhd. 〈hiuser〉 [ hyːsər ] kein Allophon des Phonems / uː / mehr, sondern ein selbstständiges Phonem. Den Wandel eines Allophons zu einem Phonem bezeichnet man als Phonologisierung. Im Mhd. bereichern also neun (! ) neue Phoneme das Vokalsystem der betonten Silben (s. Kap. 2.5.3). Der silbensprachliche Charakter des Ahd. äußert sich in einer Reihe weiterer Prozesse, die die Aussprache erleichtern, also die Silbe verbessern: 1. Komplexe Konsonantencluster werden durch Tilgung von Konsonanten verein‐ facht, z. B. ahd. friunthold > friunhold ‘freundlich’. 2. Hiate werden im Ahd. mit Hilfe der Konsonantenepenthese (ahd. būan > būwan ‘wohnen’, bluoan > bluohan ‘blühen’) oder der Vokalelision eliminiert, z. B. gibu ih > gibuh ‘gebe ich’. 3. Dass im Ahd. nicht das phonologische Wort, sondern die Silbe im Vordergrund steht, bestätigt eindrucksvoll das sog. Notkersche Anlautgesetz. Dies ist das bekannteste Beispiel für einen ahd. Satzsandhi (Assimilation an Wortgrenzen). Die von Notker selbst beobachtete Regel umfasst die stimmhaften Plosive b, d und g, die an Wortgrenzen und in Komposita zu den stimmlosen Plosiven p, t, k gestärkt werden. Dies geschieht nach den Obstruenten p, t, k; pf, ts, kχ; b, d, g; f, h, ʒ, s sowie im absoluten Anlaut, d. h. nach einer Pause. Nach den Sonoranten m, n, l, r und Vokalen bleiben die stimmhaften Plosive dagegen erhalten (Braune/ Heidermanns 17 2023: 146): tes koldes ‘des Goldes’ unde demo golde ‘und dem Gold’ erdpūwo ‘Erdbewohner’ himilbūwo ‘Himmelsbewohner’ Tab. 7: Das Notkersche Anlautgesetz 46 2 Phonologischer Wandel <?page no="47"?> 4. In ahd. Texten werden Wörter innerhalb der Zeile manchmal an Silbengrenzen getrennt, z. B. 〈hel fan〉 ‘helfen’, 〈an gust〉 ‘Angst’, 〈druh tin〉 ‘Herr’ (s. Frey 1988). Dies zeigt ebenfalls, dass es in der Aussprache keine deutlichen Signale für Grenzen des phonologischen Wortes gibt (dazu s. Kap. 9.1.1). 2.4.3 Die zweite Lautverschiebung Die zweite Lautverschiebung (2. LV) hat wesentlich zur Abspaltung des Ahd. von allen anderen germ. Sprachen beigetragen (detailliert s. Schwerdt 2000). In einem Teilakt, der sog. Tenuesverschiebung, entwickeln sich aus den germ. Plosiven p, t und k neue Laute, die in anderen germ. Sprachen nicht zu finden sind, daher nhd. Apfel, aber engl. apple, nhd. Herz, aber engl. heart. Bei diesem Prozess spielt das phonologische Wort eine untergeordnete Rolle. Stattdessen stellt die Silbe die Bezugsgröße dar. Der silbenbezogene Charakter der 2. LV wird im Folgenden kurz erklärt. Abb. 14: Anordnung der für die 2. LV relevanten Phoneme nach dem Grad der Konsonantischen Stärke Die Entwicklung der germ. Plosive p, t und k kann generell als Schwächung bezeichnet werden, weil aus den germ. Plosiven entweder Affrikaten oder Frikative entstehen. Abb. 14 zeigt die Anordnung der Ausgangskonsonanten p, t und k und der aus der 2. LV resultierenden Konsonanten pf, ts, kχ; ff, ʒʒ und hh nach dem Grad ihrer Konsonantischen Stärke. Die Grammatiken beschränken sich auf den Hinweis, dass die Affrikaten pf, ts und (obd.) kχ 1) nach Konsonant (Liquid oder Nasal), 2) in einer Geminate oder 3) am Wortanfang entstehen, während die Frikative ff, ʒʒ und hh nach Vokal gebildet werden (s. u. a. Braune/ Heidermanns 17 2023: § 87). Da andere westgerm. Sprachen (wie Englisch) die ursprünglichen Plosive bis heute konservieren, werden sie häufig als Kontrastfolie benutzt, um die Innovation des ahd. Konsonantismus (Frikative und Affrikaten) hervorzuheben: 2.4 Silbenphonologischer Wandel im Deutschen - Verschlechterung der Silbenstruktur 47 <?page no="48"?> Tab. 8: Produkte der 2. LV Betrachtet man die Verschiebungsprodukte hinsichtlich ihrer Position in der Silbe, so fällt auf, dass die Affrikaten und Frikative im Ahd. ganz offensichtlich in Abhängigkeit von der silbischen Struktur entstehen. Im Silbenonset treten die konsonantisch stär‐ keren Verschiebungsprodukte (Affrikaten) immer dann auf, wenn der ursprüngliche Plosiv einem silbenauslautenden Konsonanten folgt (C._), z. B. helpfan. Wenn die vorausgehende Silbe vokalisch auslautet, so wird der ursprüngliche Plosiv sogar bis zu einem Frikativ geschwächt (V._), z. B. offan. Der Silbenonset passt sich also dem Ausgang der vorausgehenden Silbe an. Die „Wahl“ des Verschiebungsprodukts richtet sich danach, ob die Silbengrenze deutlich bleibt. Wenn die vorausgehende Silbe auf einen Vokal auslautet (V._), wird der Plosiv im Anlaut der Folgesilbe bis zum Frikativ geschwächt, z. B. westgerm. *o.pe.na- > ahd. of.fan. Dabei wird der neue Frikativ als Langkonsonant (Geminate) ausgesprochen. Lautet die vorausgehende Silbe auf einen Nasal oder Liquid aus, wird die stärkere Verschiebungsvariante gewählt. Auf diese Weise bleibt auch diese Silbengrenze deutlich markiert, z. B. westgerm. *hel.pa- > ahd. hël.pfan. Der Sonoritätsunterschied zwischen dem Auslaut der Erstsilbe und dem Anlaut der Zweitsilbe bleibt in beiden Fällen ungefähr gleich, weil entweder ein Frikativ einem Vokal oder eine Affrikate einem Liquid bzw. Nasal folgt. Eine ursprüngliche germ. Geminate unterliegt ebenfalls der Affrizierung, weil sie einerseits die Erstsilbe auslautet und andererseits die Zweitsilbe anlautet, z. B. westgerm. *ap.pla > ahd. apful. Der zweite Geminatenteil folgt also einem Konsonanten (C._). Die hier entstandenen Affrikaten gehören nicht nur zum Onset der Zweitsilbe, sondern werden als [Vp. p ͜ f V] silbifiziert. Evidenz dafür liefert die ahd. Schreibung. So weist Frey (1988: 185 ff.) darauf hin, dass eine Affrikate nach Vokal meistens 〈p / f〉 getrennt wird, z. B. 〈kap fetun〉 ‘schauen (3.Pl.Prät.Ind.)’. Die regelmäßige Trennung nach Konsonant 〈C / pf〉 weist auf Silbifizierung [VC. p ͜ f] hin, z. B. 〈chem-pfin〉 ‘Kämpfer (Gen./ Dat.Sg.)’. Die Affrizierung in der Geminate entspringt also demselben silbenbezogenen Prinzip. Nach einem starken Konsonanten im Silbenauslaut (erster Geminatenteil) wird der Anlaut der Folgesilbe gering geschwächt (affriziert). Die Affrizierung im Wortanlaut ist damit zu erklären, dass hier generell die geringere Schwächung stattfindet, um sowohl nach vokalischem als auch nach konsonantischem Auslaut des vorangehenden Wortes einen deutlichen Silbenanlaut zu garantieren (z. B. ahd. pfad). Analog dazu verhält sich die Verschiebung der westgerm. Plosive p, t und k in der Silbenkoda. Sie werden nur gering geschwächt (affriziert), wenn sie einem Konsonanten, d. h. einem Liquid oder Nasal folgen, z. B. ahd. kampf ‘Kampf ’. Auf 48 2 Phonologischer Wandel <?page no="49"?> diese Weise bleibt die Silbenkoda gut geformt, weil der Sonoritätsunterschied zwischen beiden konsonantischen Segmenten relativ groß bleibt. Nach einem Vokal tritt eine intensivere Schwächung (Frikativierung) auf, weil zwischen Vokal und Frikativ schon ein großer Sonoritätskontrast gewährleistet ist, z. B. germ. *skipa > ahd. skif ‘Schiff ’. Die Verschiebung der germ. Plosive p, t und k ist nicht im gesamten ahd. Gebiet vollständig durchgeführt worden. Nur im Süden werden alle Laute in allen Positionen verschoben. Je weiter nach Norden, umso mehr Positionen gibt es, in denen der germ. Plosiv unverändert bleibt. Die Grenzlinien (Isoglossen) zwischen dem südlicheren Raum, wo ein Laut verschoben wird, und dem nördlicheren Raum, wo der Plosiv erhalten bleibt, bilden den sog. Rheinischen Fächer (s. Abb. 15, Niebaum/ Macha 2 2006: 107). Abb. 15: Rheinischer Fächer Die Verschiebung des germ. Konsonanten p hat zur Entstehung mehrerer Isoglossen beigetragen. Die zwei wichtigsten sind: • die sog. Dorp-Dorf-Linie: Sie trennt den Raum um Köln (Ripuarisch) von dem um Trier (Moselfränkisch). • die sog. Appel-Apfel-Linie: Sie verläuft durch Heidelberg und Speyer und trennt so den Raum um Mainz (Rheinfränkisch) von dem um Stuttgart (Alemannisch). 2.4 Silbenphonologischer Wandel im Deutschen - Verschlechterung der Silbenstruktur 49 <?page no="50"?> Beide Isoglossen betreffen die postkonsonantische Position. Um die Deutlichkeit der Silbenstruktur nicht zu beeinträchtigen, wird das germ. p nur affriziert: westgerm. *appla > ahd. apful ‘Apfel’ und westgerm. *thorp > ahd. dorpf ‘Dorf ’. (Die Frikativierung von pf nach Liquiden wie in ahd. dorpf > nhd. dorf ist eine spätere Entwicklung, die hier unberücksichtigt bleiben kann.) Die Isoglossen zeigen, dass die Affrizierung in Richtung Norden allmählich blockiert wird. So kommt die Affrikate pf im Süden noch in Geminaten vor, z. B. westgerm. *appla > ahd. apful, während sie im Rheinfrän‐ kischen nur noch nach Liquid entsteht, z. B. westgerm. *thorp > ahd. dorpf ‘Dorf ’. Die Frikativierung, d. h. Schwächung in einfachen Silbenstrukturen, findet hingegen leichter und daher im gesamten hochdt. Gebiet statt (westgerm. opan > ahd. offan). Dies bestätigt noch einmal, dass die Tenuesverschiebung ein silbenbezogener Prozess ist. Im Vordergrund steht immer die Tendenz, die Silbenstruktur zu profilieren. Damit bestätigt die 2. LV, dass das Ahd. eine Silbensprache war. 2.4.4 Die mittelhochdeutsche Vokalreduktion in unbetonten Silben Seit spätahd. Zeit (ab dem 10. Jh.) wird die Silbe systematisch verschlechtert. Ein wichtiges Stadium stellt die Vokalreduktion in unbetonten Silben dar, die im Mhd. vollendet wird, z. B. ahd. ˈ sunna > mhd. ˈ sunne ‘Sonne’ ahd. ˈ himil > mhd. ˈ himel ‘Himmel’ ahd. ˈ hūsir > mhd. ˈ hiuser ‘Häuser’ ahd. bi ˈ līban > mhd. be ˈ lîben ‘bleiben’ ahd. ˌ umbi ˈ geban > mhd. ˌ umbe ˈ geben ‘umgeben’ ahd. ˈ bota ˌ scaf > mhd. ˈ bote ˌ schaft ‘Botschaft’ Die unbetonten Vokale werden immer undeutlicher ausgesprochen, was symbolisch als Verkleinerung des Vokaldreiecks dargestellt werden kann (s. Abb. 16). Je geringer die Bewegung der Zunge und der Lippen wird, desto kleiner wird das den Mundraum abbildende Vokaldreieck, bis es in den unbetonten Silben nur noch einen zentralisierten Vokal ə (Schwa) gibt. Bei der Aussprache dieses Lautes wird die Zunge nicht aus ihrer neutralen Position bewegt (s. Becker 2000). 50 2 Phonologischer Wandel <?page no="51"?> Abb. 16: Reduktion des Vokalismus in unbetonten Silben im Mhd. Die mhd. Vokalreduktion trägt zur Verschlechterung der Silbenstruktur bei, weil ein gut differenzierter Vokalismus durch einen einzigen Vokal ersetzt wird, der gemäß Abb. 6 (S. 34) weniger sonor ist als andere Vokale. Die mhd. Reduktion der Vokale führt zur deutlichen Abgrenzung der unbetonten Silben von den betonten, denn letztere weisen nach wie vor einen voll ausdifferenzier‐ ten Vokalismus auf, der durch die Phonologisierung der umgelauteten Vokale sogar noch weiter angereichert wurde (s. Kap. 2.4.2 und 2.5.3). Während im Ahd. die Tendenz zur Vereinheitlichung der Silbenfolge (z. B. durch i-Umlaut) stark ist, wird im Mhd. die betonte Silbe exponiert. Dadurch dass in den unbetonten Silben zentralisierte Vokale auftreten, werden die Vollvokale in den betonten Silben noch auffälliger (salienter), z. B. ahd. [ hyː.sir ] > mhd. [ hyː.sər ], ahd. [ sun.na ] > mhd. [ sun.nə ], ahd. [ hi.mil ] > mhd. [ hi.məl ]. Dies wiederum hebt das phonologische Wort hervor (s. Kap. 2.5). 2.4.5 Apokopen und Synkopen in der Geschichte des Deutschen Eine weitere Verschlechterung der Silbe bringen die seit dem Mhd. stattfindenden Prozesse mit sich, in denen ein unbetonter, zentralisierter Vokal getilgt wird. Wenn dieser am Ende eines Wortes schwindet, spricht man von Apokope, z. B. mhd. kelbere > kelber ‘Kälber’. Seit dem Mhd. können auch unbetonte Vokale im Wortinneren getilgt werden (sog. Synkope), z. B. mhd. spilete > spilte ‘(sie / er) spielte’. Insgesamt werden fast alle dreisilbigen Simplizia auf zwei Silben reduziert. Die Vokaltilgung betrifft nicht nur Flexionsendungen wie in kelb-ere > kelb-er oder spil-ete > spil-te, sondern auch Derivationssuffixe. Zum Teil findet sie bereits im Mhd. statt, zum Teil wird sie später vollzogen, so dass sich die apokopierten Formen erst im Fnhd. durchsetzen. So unterliegt das nicht wortwertige ahd. Suffix -ida zuerst der Vokalzentralisierung zu mhd. -ede und dann der Synkope zu mhd. -de, z. B. ahd. frewida > mhd. vröuede > vröude ‘Freude’. Zu den nicht wortwertigen Suffixen ist auch ahd. -unga > mhd. -unge zu rechnen, z. B. ahd. offan+unga > mhd. offen+unge ‘Öffnung’. Da dieses Suffix im Mhd. noch einen Nebenton trägt, behält es bis ins Nhd. den Vollvokal u. Der unbetonte Vokal in der zweiten Silbe (-unge > -ung) wird erst im Spätmhd. apokopiert (s. Moser Bd. 1, 1970: § 32). Diese Tilgung führt dazu, dass das Derivationssuffix einsilbig wird, was der allgemeinen Tendenz des Dt. seit der mhd. 2.4 Silbenphonologischer Wandel im Deutschen - Verschlechterung der Silbenstruktur 51 <?page no="52"?> Periode entspricht. Dem unterliegen ebenfalls die wortwertigen Suffixe wie ahd. -bāri > mhd. -bære > fnhd. -bar. ahd. frew+ida > mhd. vröu+ede > vröu+de ‘Freude’ ahd. offan+unga > mhd. offen+unge > fnhd./ nhd. Öffn+ung ahd. danc+bāri > mhd. danc+bære > fnhd./ nhd. dank+bar Jede Vokaltilgung führt im Mhd. zur Verschlechterung der Silbe. So werden offene Silben (CV) geschlossen (CVC) wie in mhd. kel.be.re > kel.ber ‘Kälber’ oder mhd. va.re > var ‘(ich) fahre’. Darüber hinaus kann die Silbe sogar durch einen Konsonantencluster geschlossen werden, z. B. mhd. ki.les > kils ‚Keil (Gen.Sg.)‘. Dies ist der erste Schritt zur Beseiti‐ gung von betonten offenen Silben mit Kurzvokal. Dieser Prozess ist erst im Fnhd. abgeschlossen, wenn die Kurzvokale in offenen betonten Silben gedehnt werden, z. B. mhd. në.men > (f)nhd. n[ eː ].men (s. Kap. 2.5.5). Im Nhd. können betonte Kurzvokale nur in geschlossenen Silben auftreten. In offenen betonten Silben sind nur lange Vokale möglich: nhd. kahle [ ˈkaː.lə ] vs. kalte [ ˈkal.tə ], jedoch nicht *kale [ ˈka.lə ]. Im Mhd. kann der Vokal nicht getilgt werden, wenn die neue Silbe dadurch den kurvenförmigen Sonoritätsverlauf verlieren würde wie in gibst oder schrubbst (s. Abb. 8). In den mhd. Synkopebeispielen a)-d) (unten) nimmt die Sonorität in der Silbenkoda allmählich ab, weil einem Liquid (l, r) oder Nasal (m, n) ein stärkerer Konsonant folgt. Im Laufe der Zeit wird diese Beschränkung aufgelöst. Im Fnhd. sind bereits Silbenkodas zugelassen, die zwei Plosive enthalten (gibt). Die Sonorität nimmt dabei nicht allmählich, sondern abrupt ab. Sie kann sogar wieder ansteigen (gibst). a) mhd. ki.les > kils ‘(des) Keils’ b) mhd. ne.ren > nern ‘genesen’ c) mhd. ma.net > mant ‘erinnert’ d) mhd. ni.met > nimt ‘nimmt’ e) mhd. hil.fet > fnhd. hilft - f) mhd. gi.bet > fnhd. gibt - g) mhd. gi.best > fnhd. gibst - Die Gruppe st in g) ist ein Beispiel für extrasilbische Konsonanten. Im Nhd. sind der Frikativ s oder die Gruppe st sehr häufig in einer solchen Position, d. h. nach einem Plosiv, zu finden: nhd. (des) Kalbs, flugs, sagst, schrubbst, schimpfst (s. Abb. 8). Durch die Vokaltilgung entstehen im Nhd. sogar silbische Konsonanten, d. h. Konsonanten, die im Nukleus der Silbe stehen und somit die Funktion übernehmen, die normalerweise ein Vokal erfüllt, z. B. nhd. oben [ ˈoː.bən ] > [ ˈoː.bm̩ ]. Dieser Prozess 52 2 Phonologischer Wandel <?page no="53"?> bedeutet eine weitere Verschlechterung der Silbe, weil der Nukleus noch weniger sonor wird. Ein silbischer Konsonant wird in der Transkription gewöhnlich mit einem untergesetzten Strich wie in [ m̩ ] wiedergegeben. 2.5 Wortphonologischer Wandel im Deutschen - Optimierung des phonologischen Wortes 2.5.1 Das Neuhochdeutsche ist eine Wortsprache Wie wir gesehen haben, wird die Silbe in der dt. Sprachgeschichte immer schlech‐ ter, d. h. offene Silben werden manchmal sogar durch komplexe Konsonantengrup‐ pen geschlossen (mhd. gi.best > (f)nhd. gibst), unbetonte Silben werden durch die Zentralisierung des Vokals geschwächt (ahd. sunna > mhd. sunne > nhd. Sonne), wortauslautende Silben entwickeln extrasilbische Elemente (nhd. gibst, flugs). Diese Silbenverschlechterungen sind nicht Selbstzweck, sondern dienen der Profilierung des phonologischen Wortes. Diese kann auf unterschiedliche Art und Weise erreicht werden: 1. Die Größe des phonologischen Wortes, also die Silbenanzahl, kann beschränkt werden (s. Kap. 2.5.2), 2. die betonte Silbe kann gegenüber der unbetonten Silbe hervorgehoben werden (s. Kap. 2.5.3 und 2.5.5), 3. die Zusammengehörigkeit des gesamten phonologischen Wortes kann durch eine Verschlechterung der Silbifizierbarkeit erhöht werden (s. Kap. 2.5.4). 4. Schließlich können die Ränder des phonologischen Wortes gestärkt werden (s. Kap. 2.5.6). Die konsequente Profilierung des phonologischen Wortes ist der Grund dafür, dass das Nhd. eine Wortsprache ist. 2.5.2 Stabilisierung der Wortgröße durch die mhd. Vokaltilgung In Kap. 2.4.5 haben wir bereits gesehen, dass im Mhd. fast alle dreisilbigen Simplizia zweisilbig werden, z. B. mhd. kel.be.re > kel.ber ‘Kälber’. Die Vereinheitlichung der Wortgröße, meist durch Kürzung, wird dadurch erreicht, dass die Anzahl der Silben in einzelnen Morphemen auf ein Minimum reduziert wird. So tendieren Stamm- und Derivationsmorpheme zur Einsilbigkeit, während die Flexionsmorpheme oft sogar ihren silbischen Status aufgeben, z. B. mhd. gib+et > (f)nhd. gib+t. Im Nhd. kann die Form einer Pluralendung abhängig von der Silbenzahl im Stamm variieren, z. B. Frau+en, aber Wolke+n. Die Regel bezieht sich nicht, wie man bei diesen beiden Beispielen noch vermuten könnte, auf den Auslaut des Stamms. So folgt auch einem vokalisch auslautenden einsilbigen Stamm die silbische Endung, z. B. See [ ˈzeː ] (Sg.) - Seen [ ˈzeː.ən ], nicht *[ ˈzeːn ]. Durch diese Anpassung sind die Substantive im Plural 2.5 Wortphonologischer Wandel im Deutschen - Optimierung des phonologischen Wortes 53 <?page no="54"?> zweisilbig, wobei die erste Silbe betont ist und die zweite, unbetonte Silbe einen zentralisierten Vokal [ ə ] oder [ ɐ ] enthält (Bücher [ ˈbyː.çɐ ]). Diese Form, der sog. Trochäus (x́x), stellt seit dem Mhd. die ideale Größe und Form des phonologischen Wortes dar. Um dies zu garantieren, ist die überwältigende Mehrheit der einheimischen Wörter im Nhd. einsilbig, z. B. {Mund}, {Strand}, {Korb}, {Fels}, {Milch}. Nur so kann im Plural die trochäische Form nicht überschritten werden, z. B. Kör.be (zur phonologischen Struktur von Fremdwörtern wie Schokolade, Kimono s. Kap. 6.1.2.1). Die im Ahd. häufig mehrsilbigen Stämme werden bereits im Mhd. gekürzt. Die wichtigste Strategie ist dabei die Vokaltilgung (s. Kap. 2.4.5). Die Beispiele unten zeigen, dass ein Vokal nicht in allen Fällen beseitigt werden kann. Er bleibt erhalten, wenn die Konsonantenfolge schwer aussprechbar ist, z. B. mhd. kürbiʒ > *kürbʒ. ahd. miluh > mhd. milch vs. ahd. boteh > mhd. botech ‘Bottich’ ahd. felis > mhd. vels vs. ahd. kurbiʒ > mhd. kürbiʒ ‘Kürbis’ Die Reduktion der Silbenzahl wird auch aus morphologischen Gründen blockiert. So bleiben die Stämme der Feminina, z. B. mhd. zunge, sünde, und der schwachen Maskulina, z. B. mhd. bote, bis ins Nhd. zweisilbig. Der e-Laut zeigt bis heute an, dass das Substantiv feminin (die Sünde) ist oder zu den schwach flektierten Maskulina (der Bote, des Bote-n) gehört (s. Lindgren 1953). Umgekehrt kann die Morphologie die Vokaltilgung auch fördern. Wenn der unbe‐ tonte Vokal im Mhd. nur in dreisilbigen Flexionsformen eines Wortes schwindet, entsteht manchmal ein Paradigma, in dem zwar alle Formen zweisilbig sind, aber die Stammgröße variiert, z. B. {dienest / dienst-}. Der Zustand dieser sog. Stammallo‐ morphie wird jedoch in einem zweiten Schritt wieder beseitigt. Die Reduktion der zweisilbigen Stammvarianten in Nom./ Akk.Sg. auf eine Silbe (dienest > dienst) zeigt, dass es im Dt. eine sehr starke Tendenz zur Morphemkonstanz gibt. Aus diesem Grund werden Stammallomorphe wie {dienest / dienst-} vermieden (Löhken 1997: 224). Tab. 9: Das Morphemkonstanzprinzip bei der Vokaltilgung Im dt. Erbwortschatz und im voll integrierten Lehnwortschatz zählen zweisilbige Stämme zur Minderheit, z. B. Straße [ ˈʃtʀaː.sə ], Segel [ ˈzeː.ɡəl ], Regen [ ˈʀeː.ɡən ], Atem [ ˈaː.təm ]. Auch sie haben eine trochäische Struktur. Die erste Silbe ist betont und enthält einen Vollvokal. In der zweiten Silbe steht ein zentralisierter Vokal, der jedoch nur in einer sehr deutlichen Aussprache realisiert wird. Im Normalfall wird er vor l, m und n getilgt, wodurch der Folgekonsonant silbisch wird [ l ̩ , n̩ , m̩ , ŋ̩ ]: [ ˈzeː.ɡl ̩ ], [ ˈʀeː.ɡ̩ ŋ̩ ], [ ˈaː.tm̩ ]. 54 2 Phonologischer Wandel <?page no="55"?> Neben dem Schwa-Vokal tritt in Reduktionssilben auch [ ɐ ] auf, sog. vokalisiertes r, z. B. Eimer [ ˈaɪ ̯ .mɐ ]. Diese Endungen der zweisilbigen Stämme -e, -el, -en, -em und -er werden als stammbildende Suffixe bezeichnet (Eisenberg 1991: 48). Um die Trochäus‐ form zu behalten, kommt in den Pluralformen keine zusätzliche Silbe hinzu: Straße+n, Segel+Ø. Für die Genitivmarkierung im Singular der Maskulina und Neutra stehen im Deutschen aufgrund der phonologischen Entwicklung heute zwei Allomorphe zur Verfügung: Die lange Genitivendung -es ist die ältere Form, während die kurze Genitivendung -s im Mittelhochdeutschen entstanden ist, wenn durch die Synkope des unbetonten Vokals aus dreisilbigen Strukturen trochäische Formen entstehen, z. B. mhd. fa.te.r-es > fa.ter-s (Szczepaniak 2010c). Im Mhd. ist die Synkope nur nach Liquiden (l, r) oder Nasalen (m, n) zugelassen, wodurch der monotone Sonoritätsverlauf im Silbenauslaut garantiert bleibt (s. Kap. 2.4.5). Seit dem Fnhd. ist die Synkope nach allen Konsonanten möglich, so dass das Genitiv-s als extrasilbischer Konsonant auch nach Plosiven auftreten kann, z. B. mhd. kruges > krugs. Als Folge dieser prosodisch basierten Entwicklung ist der Gebrauch der langen Genitivendung im heutigen Deutsch nur bei einsilbigen (maskulinen und neutralen) Stämmen möglich, wobei ihre Frequenz mit wachsender Konsonantischer Stärke des Stammauslauts zunimmt: Auf Liquide und Nasale auslautende Stämme wie Pfahl oder Lärm tendieren stark zur kurzen Genitivendung (des Pfahls, Lärms), wohingegen Stämme, die auf Frikative auslauten wie Koch stärker zur langen Genitivendung tendieren. Bei Stämmen, die auf Plosiv auslauten, überwiegt die lange Genitivendung, z. B. des Bettes (mehr s. Szczepaniak 2012, 2014b; Konopka/ Fuß 2010). In den anderen Hauptwortarten (Verben und Adjektiven) überwiegt ebenfalls das trochäische Muster. Im verbalen Bereich gibt es Dreisilber u. a. in Präteritalformen einiger schwacher Verben, z. B. reg.ne.te, re.de.te, at.me.te, se.gel.te vs. mach.te, spiel.te, pfleg.te. Das e wird zwischen den Stamm und die Endung -te der Aussprechbarkeit halber eingeschoben. Sonst würden Formen wie *regnte, *atmte oder *redte entstehen. Dreisilbige Formen wie segelte zeigen wiederum, dass der Stamm zweisilbig ist, daher segel+n, nicht *segel+en. Die größte Abweichung von der trochäischen Struktur des phonologischen Wortes weisen die Adjektive auf. Ihre Flexionsformen können zwischen einer und vier Silben umfassen. Die maximale Größe von vier Silben erreichen die Komparativformen der zweisilbigen Adjektivstämme auf -er und -en, z. B. finster, trocken, weil ihnen zuerst ein immer silbisches Komparationssuffix {-er} und erst dann ein weiteres Nu‐ merus-Kasus-Genus-Suffix folgt. Tab. 10 bietet einen Überblick über die Schwankung der Silbenanzahl bei der Adjektivflexion (Eisenberg 1991: 51 f.). Doch auch in den viersilbigen Formen enthalten alle unbetonten Silben einen zentralisierten Vokal, so dass sich die betonte Silbe deutlich von ihnen abhebt (s. auch Wiese 1996). 2.5 Wortphonologischer Wandel im Deutschen - Optimierung des phonologischen Wortes 55 <?page no="56"?> Tab. 10: Schwankende Silbenanzahl in der Adjektivflexion Mit der Entwicklung der Derivationssuffixe haben wir uns schon in Kap. 2.4.5 be‐ schäftigt. Die nicht wortwertigen Suffixe werden im Laufe des Mhd. oder in der Übergangszeit zum Fnhd. einsilbig: mhd. -ære > (f)nhd. -er z. B. mhd. lêr+ære > (f)nhd. Lehr+er mhd. -nisse > (f)nhd. -nis z. B. mhd. vinstar+nisse > (f)nhd. Finster+nis mhd. -inne > (f)nhd. -in z. B. mhd. künig+inne > (f)nhd. König+in mhd. -unge > (f)nhd. -ung z. B. mhd. offen+unge > (f)nhd. Öffn+ung Die wortwertigen Suffixe sind bereits im Mhd. einsilbig (mhd. -tuom, -heit, -lîch, -schaft). Das mhd. Suffix -bære wird im Fnhd. zuerst zu -bær. Erst später wird der Umlautvokal æ durch ein a ersetzt: (f)nhd. -bar, z. B. mhd. dank+bære > (f)nhd. dank+bar (s. Kap. 3.2.1.2). 2.5.3 Phonologisierung der i-Umlaut-Produkte Neben der Vokaltilgung, durch die seit dem Mhd. die Wortgröße vereinheitlicht wird, dienen zwei weitere Strategien zur Verdeutlichung des phonologischen Wortes. Einer‐ seits schrumpfen die Vokale in unbetonten Silben auf den zentralisierten Schwa-Vokal. Andererseits entstehen in betonten Silben neue Vokale aus den einstigen ahd. Umlauten (s. Kap. 2.4.2). Da Letztere auf betonte Silben beschränkt sind, kontrastieren sie deutlich mit den zentralisierten Vokalen in unbetonten Silben. Abb. 17 zeigt das Gefälle zwischen dem Vokalismus der betonten und unbetonten Silben im Mhd. Die graphische Bezeichnung der mhd. Phoneme richtet sich nach Paul u. a. ( 25 2007). Abb. 17: Kontrastierung der betonten und unbetonten Vokale im Mhd. 56 2 Phonologischer Wandel <?page no="57"?> Auf dem Weg zum Nhd. entwickeln sich drei Umlautphoneme weiter. So unterliegt mhd. öu dem Diphthongwandel öu > äu [ ɔɪ ̯ ] (mhd. böume > nhd. Bäume), mhd. üe der Monophthongierung üe> ü [ yː ] (mhd. grüeze > nhd. Grüße) und mhd. iu der Diphthongierung iu [ yː ] > eu [ ɔɪ ̯ ] (mhd. niuwes > nhd. neues). Diese Prozesse sind jedoch auf betonte Silben beschränkt. In unbetonten Silben überwiegt der Schwa-Vokal. Während also das Ahd. alle Kurz- und Langvokale in allen Wortpositionen enthält, was ein silbensprachliches Charakteristikum ist, tragen die beiden genannten Phäno‐ mene des Mhd. zur Differenzierung zwischen betonten und unbetonten Silben bei. Dadurch ist das phonologische Wort deutlicher zu erkennen (s. Tab. 5). 2.5.4 Entstehung ambisilbischer Konsonanten Auf den typologischen Wandel des Dt. von einer Silbensprache (Ahd.) zu einer Wortsprache (ab dem Mhd.) ist auch die Herausbildung ambisilbischer Konsonanten zurückzuführen. Das Ahd. weist noch einen phonologischen Gegensatz zwischen einfachen und langen Konsonanten auf, z. B. ahd. sun.na ‘Sonne’ vs. bi.na ‘Biene’. Die Langkonsonanten sind zum größten Teil ein westgerm. Erbe. Sie entwickeln sich im Westgerm. aus einfachen Konsonanten, denen ein j, r oder l folgt, z. B. germ. *ap.la > westgerm. *ap.pla > ahd. ap.pful > nhd. Apfel. Die sog. westgerm. Konsonantengemination führt zur Verbesserung der Silbenstruktur: Dank der Ver‐ dopplung des Konsonanten wird die ungünstige Silbengrenze zwischen einem starken Konsonanten und einem folgenden schwächeren optimiert: ap.la > ap.pla (s. Murray 1986). Ein Teil der Langkonsonanten entsteht im Ahd. durch Assimilation (ahd. stim.na > stim.ma ‘Stimme’), durch Vokalausfall (ahd. hē.ri.ro > hēr.ro ‘Herr’) und in der 2. LV (ahd. offan, waʒʒar, mahhōn). Geminaten sind ein silbensprachliches Charakteristikum, weil sie keine Silbifizie‐ rungsprobleme verursachen, s. Abb. 18 a. In Wortsprachen kommen hingegen ambi‐ silbische Konsonanten vor, z. B. nhd. Mitte [ mɪṭə ], Wasser [ vaṣɐ ], s. Abb. 18 b. Sie erschweren die Silbifizierung, weshalb Kinder das ganze Wort als eine Silbe empfinden (Maas 2002: 17). Abb. 18: Ahd. Geminaten vs. nhd. ambisilbische Konsonanten 2.5 Wortphonologischer Wandel im Deutschen - Optimierung des phonologischen Wortes 57 <?page no="58"?> Die Herausbildung der nhd. ambisilbischen Konsonanten ist eng mit dem allmählichen Abbau der ahd. Geminaten verbunden, wobei man jedoch keine einfache lineare Über‐ führung Geminate > ambisilbischer Konsonant annehmen darf. Die Degeminierung, also der Abbau der Geminaten, beginnt im Spätahd. Bei Notker (Spätahd.) kommen die Geminaten nur noch nach Kurzvokal vor (Simmler 1976: 61). Auch im Klassischen Mhd. (1170-1250) gibt es nur noch Geminaten nach Kurzvokal, z. B. mhd. offen, waʒʒer vs. lūter ‘lauter’. Diese Beschränkung der Geminaten auf die Position nach einem Kurzvokal ist ein entscheidender Schritt für die Herausbildung der ambisilbischen Konsonanten. Einen Hinweis darauf, dass ihre Entwicklung bereits im Mhd. beginnt, liefert die Graphie. So bemerkt Simmler (2000c: 245), dass ein Doppelbuchstabe 〈tt〉 im Mhd. nicht nur für sprachhistorisch erwartbare Langkonsonanten (ahd. betti > mhd. 〈bette〉), sondern auch für einfache Konsonanten nach Kurzvokal benutzt wird (ahd. situ > mhd. 〈sitte〉). Etwas seltener werden auch Doppelbuchstaben 〈nn〉, 〈mm〉 und 〈ll〉 für einfache Konsonanten nach Kurzvokal verwendet. Dies lässt vermuten, dass bereits zu diesem Zeitpunkt die einfachen Konsonanten ambisilbisch sind. Um dies anzuzeigen, greifen die Schreiber zu einem Doppelbuchstaben. Nur so können sie der Tatsache gerecht werden, dass der einfache Konsonant gleichzeitig zu zwei benachbarten Silben gehört. Dies ist die Geburtsstunde der nhd. Orthographieregel, Vokalkürze durch einen folgenden konsonantischen Digraph zu kennzeichnen, z. B. 〈Mitte〉 (s. Kap. 9.1.2). Der Prozess der Ambisilbifizierung der einfachen Konsonanten nach betontem Kurz‐ vokal wird bis zum Fnhd. vollzogen. Dort, wo ambisilbische Konsonanten vorkommen, wird der Kurzvokal nicht gedehnt, z. B. mhd. ga.te > (f)nhd. G[ aṭ ]e. Die Dehnung in offener betonter Silbe tritt nur vor einem nicht ambisilbischen Konsonanten auf, z. B. mhd. ta.ge > (f)nhd. t[ aː ].ge (s. Kap. 2.5.5). Die ambisilbischen Konsonanten entwickeln sich aus den Geminaten nach betontem Kurzvokal, s. Bsp. a)-b), aus einfachen Konsonanten nach betontem Kurzvokal, s. Bsp. c)-d), oder, viel seltener, auch aus einfachen Konsonanten nach betontem Langvokal, der gekürzt wird wie in Bsp. e)-f). Dabei wirkt sich eine folgende Schwa-Silbe fördernd auf die Ambisilbifizierung der einfachen Konsonanten aus (Szulc 1987: 134 f., Ramers 1999: 121). a) mhd. waʒ.ʒer > fnhd./ nhd. Wa[ ṣ ]er b) mhd. of.fen > fnhd./ nhd. o[ f ̣ ]en c) mhd. ga.te > fnhd./ nhd. Ga[ ṭ ]e d) mhd. hi.mel > fnhd./ nhd. Hi[ ṃ ]el e) mhd. muo.ter > fnhd./ nhd. M[ ʊṭ ]er f) mhd. wâ.fen > fnhd./ nhd. W[ af ̣ ]en Die ambisilbischen Konsonanten führen zur Optimierung des phonologischen Wortes, das seit dem Mhd. meist nur einen phonologischen Fuß enthält [[ vaṣɐ ] F ] ω . Ein solches 58 2 Phonologischer Wandel <?page no="59"?> phonologisches Wort wird mit Hilfe eines ambisilbischen Konsonanten als Einheit exponiert, weil er beide Silben stärker miteinander verzahnt. 2.5.5 Die frühneuhochdeutsche Dehnung in offener Silbe Eine weitere Hervorhebung der betonten Silbe wird durch die fnhd. Dehnung in offener Silbe erreicht. Eine enge Verbindung mit der Entstehung ambisilbischer Konsonanten ist deswegen anzunehmen, weil beide Prozesse zur Beseitigung von offenen Silben in betonter Position führen. So werden die im Mhd. noch existierenden offenen Tonsilben im Fnhd. entweder durch Dehnung des Vokals (mhd. në.men > (f)nhd. n[ eː ].men) oder durch Ambisilbifizierung des intervokalischen Konsonanten schwer (mhd. ko.men > (f)nhd. k[ ɔṃ ]en) (s. Beispiele oben). Seit dem Fnhd. muss die betonte Silbe schwer sein, d. h. einen langen Vokal enthalten oder geschlossen sein. Dies gilt nicht für unbetonte Silben, die sowohl offen als auch geschlossen sein können. Sie enthalten nie einen Langvokal, sondern meist einen zentralisierten Vokal und sind daher gewichtslos, z. B. Bie.ne [ ˈbiː.nə ] ω . Nachdem die Kurzvokale in offenen Silben gedehnt worden waren, entstehen im Fnhd. häufig Stammallomorphe, weil der Vokal in geschlossener Silbe nach wie vor kurz bleibt, z. B. mhd. tac (Sg.) - ta.ge (Pl.) > fnhd. t[ a ]c (Sg.) - t[ aː ].ge (Pl.). In einem nächsten Schritt werden jedoch auch die noch vorhandenen Kurzvokale in den Wortformen, in denen sie nicht in offener Silbe stehen, aus Gründen der Morphemkonstanz über Analogie gedehnt. Auf diese Weise wird der Stammvokal in allen Formen einheitlich (Ramers 1999: 130): mhd. Ausgangsform / tak / (Sg.) / ta.ɡə / (Pl.) fnhd. Dehnung in offener Silbe / tak / / taː.ɡə / fnhd. analogischer Ausgleich / taːk / / taː.ɡə / Tab. 11: Fnhd. Dehnung in offener Silbe und ihre analogische Ausbreitung Wegen der endgültigen Obligatorisierung der Silbenschwere in betonter Position entwickelt sich im Dt. die sog. Silbenschnittkorrelation (auch Anschlusskorrelation, s. Maas 2002, 2 2005, Restle 2003). Beide Bezeichnungen beziehen sich auf die Struktur des nhd. Silbenreims. Dieser kann in betonter Position entweder einen Langvokal oder einen Diphthong bzw. eine Folge aus einem Kurzvokal und einem Konsonanten enthalten, z. B. kahle vs. kalte. Wenn die betonte Silbe nur einen Vokal enthält, muss dieser lang ausgesprochen werden (sog. sanfter Silbenschnitt), z. B. l[ iː ].ben, l[ eː ].ben, m[ aː ].len. Wenn dem Vokal ein Konsonant folgt, wird der Vokal durch diesen „abgeschnitten“, also kurz ausgesprochen (sog. scharfer Silbenschnitt), z. B. b[ ɪ ]n.den (s. Becker 1998, 2002). Unbetonte Silben, die gewichtslos sind, unterliegen keiner solchen Regulierung. Sie sind grundsätzlich kurz. 2.5 Wortphonologischer Wandel im Deutschen - Optimierung des phonologischen Wortes 59 <?page no="60"?> 2.5.6 Die frühneuhochdeutsche Konsonantenepenthese Eine weitere Strategie zur Exponierung des phonologischen Wortes ist es, dessen Ränder zu stärken. Dies kann u. a. durch Erhöhung der Konsonantischen Stärke erreicht werden. Ein wichtiger Prozess, der diese Dimension des phonologischen Wortes betrifft, ist die fnhd. Konsonantenepenthese. Am häufigsten tritt ein dentaler Plosiv d, t als sog. epenthetischer Konsonant auf, z. B. mhd. saf > nhd. Saft. Viele dieser Einschübe haben Eingang ins Standarddeutsche gefunden. Darüber hinaus kommen im Fnhd. auch die labialen Plosive b und p als epenthetische Konsonanten vor, z. B. mhd. nimest > fnhd. nimpst (Moser 1951). Sowohl die Dentalals auch die Labialplosive werden nicht etwa eingeschoben, um die Silbenstruktur zu verbessern, sondern sie treten in eine bereits besetzte Silbenkoda. Dadurch verschlechtern sie die Silbe, z. B. mhd. ie.man > fnhd. je.mand, mhd. nimest > fnhd. nimpst. Durch die Verschlechterung der Silbenstruktur wird gleichzeitig eine Möglichkeit geschaffen, die Ränder des phonologischen Wortes hervorzuheben. Die Konsonantenepenthese betrifft hauptsächlich die wortfinalen Silbenränder. Wenn die morphosyn‐ taktische Worteinheit aus einem einzigen phonologischen Wort besteht, so tritt der epenthetische Konsonant an ihren rechten Rand, s. Bsp. a)-e). Wenn jedoch die morphosyntaktische Worteinheit aus zwei phonologischen Wörtern besteht, wie in Bsp. f)-h), so trägt die Stärkung des rechten Randes des ersten phonologischen Wortes zur Hervorhebung der morphologischen Struktur bei, z. B. [ ɔɐ̯ .dənt ] ω [ lɪç ] ω . a) mhd. mâne > fnhd. mant/ mand/ mond (vgl. engl. moon) b) mhd. nieman > fnhd. niemand c) mhd. saf > fnhd. saft d) mhd. obez > fnhd. obest > obst e) mhd. nimest > fnhd. nimpst f) mhd. ordenlich > fnhd. ordentlich g) mhd. eigenlich > fnhd. eigentlich h) mhd. heimlich > fnhd. heimblich In heutigen regionalen Umgangssprachen begegnen uns in einigen Teilen Deutsch‐ lands immer noch Epenthesetendenzen, z. B. nhd. Amt [ ampt ], kommt [ kɔmpt ], eben [ eːbənt ], mittels [ mɪtəlst ]. Weitere wichtige Strategien zur Stärkung der Wortränder sind: 1. die Aspiration (Behauchung) anlautender Plosive, 2. die Einführung des Glottisverschlusses [ ʔ ] und 3. die sog. Auslautverhärtung. 60 2 Phonologischer Wandel <?page no="61"?> 1. Aspirierte Plosive treten im Nhd. nur im Anlaut einer betonten Silbe auf, also am Anfang des phonologischen Wortes, z. B. Tanz [ tʰan t ͜ s] ω , Kante [ kʰan.tə ] ω , Panne [ pʰaṇə ] ω . 2. Ähnlich ist im Nhd. die Einführung des Glottisverschlusses (Knacklaut) geregelt. Der Konsonant [ ʔ ], bei dessen Produktion die Stimmbänder kurz verschlossen und dann wieder geöffnet werden, tritt im Nhd. im Anlaut einer betonten nack‐ ten Silbe auf, z. B. Atem [ ˈʔaː.təm ] ω , oben [ ˈʔoː.bm̩ ] ω , Uhr [ ˈʔuːɐ̯ ] ω , chaotisch [ ka. ˈʔoː.tɪʃ ] ω . Wenn eine Wortform aus zwei phonologischen Wörtern besteht, wie bei derivationell oder kompositionell komplexen Wörtern, kann sie auch mehrere Glottisverschlüsse enthalten, z. B. abebben [ʔap ] ω [ ʔɛḅən ] ω . Dadurch wird der linke Wortrand signalisiert. 3. Die Entwicklung der Auslautverhärtung stellt einen sehr komplexen Prozess dar. Im Ahd. gibt es noch keine Auslautverhärtung (s. auch Vaught 1984). Dies zeigt die noch stark phonographisch ausgerichtete ahd. Schreibung, z. B. ahd. āband ‘Abend’ vs. ahd. bāt ‘bat’. Die Graphie dient als wichtiger Hinweis dar‐ auf, dass die Auslautverhärtung erst im Klassischen Mhd. (1170-1250) auftritt. Stimmlosen Frikativen und Plosiven im Silbenauslaut entsprechen stimmhafte im Silbenanlaut, z. B. mhd. dinc, dinc.hûs ‘Gerichtshaus’ vs. din.ges, ge.loup.te vs. ge.lou.ben, kint vs. kin.desch, hof vs. ho.ves. Ob die nhd. Auslautverhärtung eine Weiterführung der mhd. ist oder ob es sich eher um eine fnhd. Neuentwicklung handelt, nachdem die mhd. Auslautverhärtung abgebaut war, ist bis heute nicht geklärt (s. dazu ausführlich Mihm 2004). Fakt ist jedoch, dass es im Nhd. regelmäßig zur Auslautverhärtung kommt, auch wenn regionale Unterschiede bestehen (s. Auer 1994). Sie markiert den rechten Wortrand, z. B. Dieb [ diːp ] ω , mag [ maːk ] ω , blind [ blɪnt ] ω . Auf diese Weise werden auch komplexe Strukturen signalisiert, z. B. Taub+heit [ taʊ̯p ] ω [ haɪ ̯ t ] ω . In schwachen Präteritalformen und in Superlativformen tritt die Auslautverhärtung auch im Wortinneren auf, z. B. glaub+te [ ˈɡlaʊ̯p.te ], klügste [ ˈklyːk.stə ]. Die wortinterne Auslautverhärtung hebt die morphologische Struktur des Wortes hervor: klüg+ste, glaub+te. 2.5.7 Entstehung der Fugenelemente In der Geschichte des Dt. finden sich auch auf anderen sprachlichen Ebenen Entwick‐ lungen, die zur Hervorhebung des phonologischen Wortes führen. So spiegelt sich der phonologische Wandel von der ahd. Silbensprache zur nhd. Wortsprache auch in der Schrift wider. Dabei ist v. a. die Durchsetzung des morphologischen Prinzips und die Entwicklung der Substantivgroßschreibung zu erwähnen. Beide Phänomene tragen dazu bei, dass die Grenzen des phonologischen Wortes auch in der Schrift erkennbar sind. Das morphologische Prinzip, das die graphische Stabilität des Morphems garan‐ tiert, trägt dazu bei, dass das lexikalische Morphem unabhängig von der Aussprache gleich aussieht, z. B. {kind} in 〈Kind〉 und 〈Kinder〉, {tag} in 〈Tag〉 und 〈Tage〉. Die Auslautverhärtung wird in der Graphie nicht bezeichnet, z. B. [ kɪnt ] vs. [ kɪn.dɐ ], [ taːk ] 2.5 Wortphonologischer Wandel im Deutschen - Optimierung des phonologischen Wortes 61 <?page no="62"?> vs. [ taː.ɡə ] (s. dazu Kap. 9.1.1 und 9.1.3). Durch die Substantivgroßschreibung wird der Anfang des graphematischen Wortes durch einen Großbuchstaben signalisiert (s. Kap. 9.2). Im Folgenden soll das Augenmerk auf die Entstehung der Fugenelemente ge‐ richtet werden, die durch die wortsprachliche Entwicklung des Dt. gefördert wur‐ den. Sie treten im Nhd. v. a. in Komposita zwischen lexikalischen Morphemen auf, z. B. Kind-er-garten, Freund-es-kreis, Dame-n-tasche, Frau-en-roman, Tagung-s-mappe, Bad-e-mantel, Herz-ens-freude. Ihre Entstehung führt Demske (1999, 2001) auf den sich im Fnhd. vollziehenden syntaktischen Wandel zurück, in dem sich u. a. die Veränderung der Position des Genitivattributs von präzu postnominal vollzieht. Während erweiterte und einfache Genitivattribute immer häufiger dem Bezugsnomen nachgestellt werden, werden die festen (lexikalisierten) Nominalphrasen (NP) als Komposita reanalysiert (s. auch Kap. 3.2.2.2 und 4.3). Abb. 19: Syntaktische Reanalyse und die Entstehung der Fugenelemente Im obigen Beispiel sieht man, dass die Ausgangsstruktur eine NP ist, in der Bein den Phrasenkopf und der Nasen ein Genitivattribut bildet. Nach der Reanalyse wird Nasen als Teil des Nomens Nasenbein verstanden. Dabei wird die Endung -n in Nasen, die ihre grammatische Funktion (Genitiv) einbüßt, zu einem bloßen Fugenelement zwischen den beiden lexikalischen Morphemen Nase und Bein. Der Artikel der bezieht sich in der Ausgangsstruktur auf das im Genitiv stehende Nomen Nase (fnhd. der Nasen, nhd. der Nase). In der reanalysierten Struktur kongruiert er hinsichtlich des Genus, des Kasus und des Numerus mit dem Bezugsnomen, also das Nasenbein. Die nhd. Fugenelemente sind jedoch nicht nur in Zusammensetzungen erstarrte ehemalige Flexionselemente, sondern sie entwickeln eigene Produktivität, indem sie auch in neu gebildeten Komposita auftreten. Ein wichtiger Schritt ist dabei die Entwicklung der sog. unparadigmischen s-Fuge, d. h. einer synchron unerwartbaren Fuge. So haben nur Maskulina und Neutra, jedoch nicht Feminina ein Genitiv-s. In Komposita hingegen weisen einfache und derivierte feminine Erstglieder sehr häufig eine unparadigmische s-Fuge auf, z. B. Abfahrt-s-zeit, Universität-s-gebäude, anpassung-s-fähig (aber der Abfahrt, der Universität, der Anpassung). Im Gegensatz zu der s-Fuge ist die unparadigmische (e)n-Fuge (wie in Hahnenfuß) nicht produktiv. Sie tritt nur dort auf, wo es historisch ein Genitivflexiv -n gab, z. B. Hahnenfuß (Fuhrhop 2000). Die paradigmische n-Fuge ist hingegen produktiv, vgl. Nase-n-bein, Kunde-n-dienst (zur Produktivität der Fugen s. Kap. 3.2.2.2). Die Entstehung der Fugenelemente ist eine Konsequenz der wortsprachlichen Entwicklung des Dt., in der das phonologische Wort immer deutlicher kontu‐ riert wird. Die silbischen Fugenelemente -en, -er, -es, -e und -ens kommen dann vor, wenn das betreffende phonologische Wort einsilbig ist, z. B. Frau-en-schuh 62 2 Phonologischer Wandel <?page no="63"?> [ ˈfʀaʊ̯ən ] ω [ ˌʃuː ] ω , Geist-er-hand [ ˈɡaɪ ̯ stɐ ] ω [ ˌhant ] ω , Jahr-es-wagen [ ˈjaːʀəs ] ω [ ˌvaːɡən ] ω , Bad-e-mantel [ ˈbaːdə ] ω [ ˌmantəl ] ω , Herz-ens-freude [ ˈhɛɐ̯ t ͜ s əns ] ω [ ˌfʀɔɪ ̯ də ] ω . Im Gegensatz dazu tritt das unsilbische Fugenelement -n nur dann auf, wenn das betroffene phono‐ logische Wort zweisilbig ist, z. B. Kunde-n-dienst [ ˈkʊndən ] ω [ ˌdiːnst ] ω . Auf diese Art und Weise erweitern bzw. konservieren die silbischen Fugenelemente die trochäische Form des phonologischen Wortes. Die heute sehr produktive s-Fuge stärkt wiederum den rechten Wortrand, s. Abb. 20. Dabei kommt das Fugen-s nicht nur nach Nasalen und Liquiden, sondern auch nach Obstruenten vor. Nach Plosiven bildet es sogar ein extrasilbisches Element, z. B. Krieg-s-gegner [ ˈkʀiːks ] ω [ ˌɡeːɡnɐ ] ω . Abb. 20: Das Fugen-s als Wortrandverstärker (aus Nübling/ Szczepaniak 2011) Nach einsilbigen Erstgliedern tritt das Fugen-s sogar bevorzugt auf, wenn diese auf einen Plosiv auslauten, während die Verfugung nach Nasalen oder Liquiden deutlich seltener ist (s. Wegener 2006): Auslautender Konsonant Anteil der verfugten Einsilber Beispiel Plosive: [ p ] 20 % Kalb-s-braten - [ t ] 17,6 % Ort-s-tarif - [ k ] 15,1 % Krieg-s-ende Nasale: [ n ] 4,7 % Schwein-s-braten - [ m ] 2,4 % Lamm-s-geduld Liquid: [ l ] 1,8 % Heil-s-lehre Vokale - 0 % Knie-Ø-scheibe Tab. 12: Die Häufigkeit der s-Fuge bei Einsilblern (aus Wegener 2006: 2) 2.5 Wortphonologischer Wandel im Deutschen - Optimierung des phonologischen Wortes 63 <?page no="64"?> Der besondere Effekt der s-Fuge liegt also darin, durch die Stärkung des rechten Wortrandes die phonologische Worteinheit zu exponieren. In dieser Funktion tritt sie v. a. an solche Wörter, deren phonologische Struktur vom trochäischen Wortideal (und dem strukturell ebenfalls unauffälligen Einsilber) abweicht (s. Nübling/ Szczepaniak 2008a,b). Dies trifft insbesondere auf Derivate mit unbetontem Präfix zu, z. B. Verfáll, Bestánd, Berúf. Diese Wörter beginnen nicht mit der Hauptton-, sondern mit einer Reduktionssilbe; sie enden stattdessen mit der Hauptsilbe (xx́). Ähnlich verschlechtert das Suffix -ung die wortphonologische Struktur: Es fügt dem Wort eine unbetonte Silbe mit Vollvokal hinzu. Interessanterweise werden solche Erstglieder heute regelmäßig s-verfugt. Abb. 21: Das wortphonologische Ideal im Deutschen und mögliche Abweichungen (aus Nübling/ Szcze‐ paniak 2011: 67) Mit der s-Fuge wird der rechte Rand der vom trochäischen Ideal stark abweichen‐ den Wortstruktur verdeutlicht, wodurch die phonologische Worteinheit als Ganzes exponiert wird. Dies erleichtert die Dekodierung des gesamten Kompositums, z. B. Beruf-s-wechsel [ bǝˈʀʊfs ] ω [ ˌvɛksǝl ] ω . Nach Derivaten mit betonten Präfixen, z. B. Anruf, Unfall, die ähnlich wie Komposita aus zwei phonologischen Wörtern bestehen, kommt die s-Fuge deutlich seltener vor, vgl. Beruf-s-wechsel, aber Anruf-Ø-beantworter. Tab. 13 basiert auf der Analyse von schriftlichen Korpora. Sie zeigt, dass die Erstglieder mit unbetontem Präfix (Berufs-, Verfallsusw.) doppelt so häufig s-verfugt werden wie solche mit betontem Präfix (Anruf-, Unfall-). 64 2 Phonologischer Wandel <?page no="65"?> Erstglied enthält: - unbetontes Präfix (Typ Berúf-) betontes Präfix (Typ Ánruf-) Kompositionstypen: 82 % (von 17 999 Komposita) 37 % (von 11 325 Komposita) Tab. 13: Die Häufigkeit der s-Verfugung nach präfigierten Erstgliedern (aus Nübling/ Szczepaniak 2011: 64) Vor dem Hintergrund der typologischen Drift des Dt. vom silbensprachlichen Ahd. zum wortsprachlichen Nhd. lassen sich fast alle phonologischen sowie viele morphologische und sogar graphematische Prozesse als Wortprofilierung erklären. Die Tendenz zur Verbesserung des phonologischen Wortes, d. h. zu seiner Hervorhebung, stellt den gemeinsamen Nenner für die in der Fachliteratur bislang nur unzusammenhängend behandelten Lautgesetze dar (s. Szczepaniak 2012). 2.6 Phonologisch-typologische Unterschiede in der Germania Das Deutsche ist eine ausgeprägte Wortsprache. Dies zeigt sich noch deutlicher im Sprachvergleich. So wurden in Kap. 2.3 klare typologische Unterschiede zwischen dem Spanischen und dem Dt. festgestellt. Doch selbst im Vergleich mit anderen germ. Sprachen oder auch mit den dt. Dialekten tritt der wortsprachliche Charakter des (Standard-)Deutschen deutlich zum Vorschein. Im Gegensatz zur Standardsprache finden in den Dialekten (und in der Umgangs‐ sprache) viele silbenoptimierende Prozesse statt. Während sich in der Standardaus‐ sprache von Wörtern wie Ver.ein oder ü.ber.all die Silbengrenzen an Morphemgrenzen ausrichten und damit die morphologische Struktur in Ver+ein und über+all (wie wortsprachlich zu erwarten) markieren, werden diese Wörter in der süddt. Aussprache ungeachtet der Morphemgrenzen in Silben zergliedert: süddt. Ve.rein und übe.rall. Solche Resilbifizierungen und weitere silbenoptimierende Phänomene tragen zur ausgeprägten Silbensprachlichkeit der alemannischen Dialekte bei, die typologisch dem Ahd. näher stehen als die Standardsprache (Szczepaniak 2007b, 2007c). Hierbei zeichnet sich aber ein Nord-/ Südgefälle ab: Von Norden nach Süden nimmt die Silbensprachlichkeit in den alemannischen Dialekten zu (s. Nübling/ Schrambke 2004, Werth 2014, Caro Reina 2019). So wird beispielsweise der Definitartikel d im Nord‐ alemannischen vor einem vokalisch anlautenden Wort (ags ‘Achse’, Anna, Uni) mit Verschlusslösung und in neuester Zeit sogar mit einem intervenierenden Knacklaut realisiert (älter d ags, d ana, d uni, jünger dʔags, dʔana, dʔuni), wodurch die morpho‐ logische Grenze verdeutlicht wird. Im Südalemannischen wird hingegen durch die Resilbifizierung die silbische Struktur optimiert: takz̥ , tanːa, tuni. 2.6 Phonologisch-typologische Unterschiede in der Germania 65 <?page no="66"?> Auch das mit dem Dt. eng verwandte Luxemburgische ist silbensprachlicher (Szcze‐ paniak 2010a). Ganz prominent sind im Luxemburgischen die Resilbifizierungen: Die Konsonanten werden an Wortgrenzen und an wortinternen morphologischen Grenzen in den Anfangsrand der vokalisch anlautenden Folgesilbe verschoben und dabei stimmhaft ausgesprochen, z. B. lux. Welt / vælt / vs. Weltall [ væl.dal ] (Gilles 2014). Auch fehlt im Luxemburgischen der Knacklaut. Zudem greift im Luxemburgischen die sog. n-Regel bzw. Eifler-Regel. Hier verändern sich Wortgrenzen in Abhängigkeit von der Silbenstruktur. Das n im Wortauslaut wird nur dann ausgesprochen, wenn das folgende Wort auf Vokal bzw. die Konsonanten [ h , t , d , t ͜ s anlautet, z. B. den neien Auto ‘das neue Auto’, und vor einer Pause, u. a. am Satzende. Vor allen anderen Konsonanten im Anlaut des Folgewortes wird das n getilgt, z. B. de_ gudde_Wäin ‘der gute Wein’ (s. dazu Gilles 2006, Szczepaniak 2010a und Gilles 2014). Generell vollzieht das Luxemburgische ähnlich wie das Dt. die typologische Drift in Richtung Wortsprache. Auf die konservierende Wirkung des Sprachkontakts mit der Romania, die man auch beim Luxemburgischen annehmen kann, können silbensprachliche Elemente im Flämischen zurückgeführt werden. Im Gegensatz zum Standardniederländischen bewahrte das Flämische deutlich mehr silbensprachliche Züge. Hier finden viele Resilbifizierungen statt, während im Standardniederländischen die morphologische Grenze mit dem Knacklaut gestärkt wird, z. B. on+eens ‘uneins’: fläm. [ ɔ.neːns ] vs. nl. [ ɔn.ʔeːns ] (Noske 2007). Schließlich bestehen im Nordgerm. tiefgreifende typologische Unterschiede zwi‐ schen dem wortsprachlichen Dänisch und dem deutlich silbensprachlicheren Schwe‐ disch (Nübling/ Schrambke 2004, Eliasson 2014). So gibt es im Schwedischen Konso‐ nantenassimilationen, die sowohl im Wort (Wortsandhi) als auch an Wortgrenzen (Satzsandhi) gleichermaßen stattfinden, z. B. [ rs ] > [ ʂ ] unive[ ʂ ]itet ‘Universität’ (Wort‐ sandhi) und för tre år sedan [ oːʂen ] ‘vor drei Jahren’ (Satzsandhi). Das Schwedische verfügt über drei unbetonte Vollvokale [ a ], [ ʊ ] und [ e ], während das Dänische, ähnlich dem Dt., nur noch [ ə ] kennt, vgl. dän. ryge [ ˈʀyːə ] vs. schwed. ryka [ ryːka ] ‘rauchen’. Das Standarddt., das Dänische, das Englische und auch das durch Dialekte reprä‐ sentierte Niederdt. (s. Höder 2014) bilden das wortsprachliche Zentrum innerhalb der Germania, während an der Peripherie vermehrt silbensprachliche Züge auftreten (s. Nübling/ Schrambke 2004). Zum Weiterlesen Eine systematische, wenn auch wortkarge Einführung in den Lautwandel des Dt. bietet Schweikle ( 5 2002). Sie ist v. a. dann dienlich, wenn man sich kurz über die Chronologie der Lautgesetze informieren möchte. Szulc (1987) bietet hingegen eine theoretisch fundierte Darstellung der phonologischen Entwicklung des Dt. Wertvolle Informationen zu einzelnen Lautwandelprozessen finden sich in König u. a. ( 19 2019), Sonderegger ( 3 2003) sowie in den historischen Grammatiken u. a. Braune/ Heidermanns ( 17 2023), Paul u. a. ( 25 2007), Moser (1951) und Wilmanns ( 3 1911). Aktuelle Forschung zum dt. Vokalsystem bietet Becker (1998). Die 66 2 Phonologischer Wandel <?page no="67"?> Gesetzmäßigkeiten des Silbenbaus sind in Vennemann (1986) sehr zugänglich dargestellt. Zum Thema Silbenschnitt diachron und synchron sind viele Beiträge im Sammelband von Auer u. a. (2002) zu finden. Eine klare Beschreibung der phonologischen Struktur von morphologisch komplexen Wörtern bietet Raffel‐ siefen (2000). Wichtiges zur phonologischen Typologie und ihrer Geschichte ist in Auer (2001) und Auer/ Uhmann (1988) enthalten. 2.6 Phonologisch-typologische Unterschiede in der Germania 67 <?page no="69"?> 3 Morphologischer Wandel 3.1 Flexionsmorphologischer Wandel Zuerst werden knapp die wichtigsten Grundlagen geklärt (3.1.1), dann werden in 3.1.2 und 3.1.3 prägende Entwicklungen des Dt. in der Substantiv- und Verbflexion vorgestellt. 3.1.4 zeigt am Beispiel haben, wie morphologische Irregularität entstehen kann. Ausgehend von den beschriebenen Entwicklungen werden zuletzt theoretische Konzepte und Erklärungsansätze diskutiert, die Voraussagen zur Richtung flexions‐ morphologischen Wandels treffen (Kap. 3.1.5). 3.1.1 Grundlagen Bei jeder Benutzung eines Substantivs haben wir keine andere Wahl als zu markieren, ob wir uns auf ein einzelnes oder viele Exemplare beziehen (Hund/ Hunde) und ob wir auf ein definites, als hörerseitig dem Hörer bekannt vorausgesetztes, Exemplar referieren (der/ ein Hund). Funktionen wie Definitheit und Numerus nennt man gram‐ matische Kategorien. Das sind Zwangsinformationen, die obligatorisch ausgedrückt werden müssen. Beispiele beim Verb sind etwa Tempus (bellt/ bellte) und Diathese (Aktiv beißt/ Passiv wird gebissen). Innerhalb der grammatischen Kategorien gibt es Unterschiede in der formalen Realisierung: Definitheit und Diathese werden nicht am Wort selbst, sondern über eine syntaktische Konstruktion ausgedrückt. Numerus und Tempus werden dagegen direkt am Wort über dessen Flexion realisiert. Diese Unterart grammatischer Kategorien nennt man Flexionskategorien. Um sie geht es hier vor allem. Als Zwangsinformation eignet sich nicht jede Art von Information: Nur Inhalte, die gleichzeitig wichtig und dabei so allgemeingültig sind, dass sie für (fast) alle Einheiten einer Wortart gleichermaßen greifen, können Flexionskategorien werden. Das ist beim Substantiv z. B. bei ‘Numerus’ (Sg. vs. Pl.) gegeben. Bei weniger all‐ gemeingültigen Informationen wie z. B. ‘Diminution’ bestehen dagegen Blockaden: Diminution verträgt sich nicht mit jedem Substantiv (z. B. ? Rieschen, ? Zeitungchen, *Einsamkeitchen), und bei bestehenden Diminutivbildungen ist die Gesamtbedeutung oft nicht aus den Teilen vorhersagbar (z. B. Frauchen). Diminution ist u. a. aufgrund der fehlenden Obligatorik und der semantischen Unvorhersagbarkeit keine Flexions-, sondern eine Wortbildungskategorie, wie sie in 3.2 behandelt werden (zu weiteren Differenzierungskriterien s. Dressler 1989, Booij 2000, Haspelmath/ Sims 2 2010: Kap. 5, Štekauer 2015). Jede Flexionskategorie hat mindestens zwei Werte, z. B. Numerus mit Sg. vs. Pl. und Tempus mit Präs. vs. Prät. Dabei kann man unterscheiden in Basiswerte (z. B. Sg., Präs.) und abgeleitete Werte (z. B. Pl., Prät.). Als Kriterium dafür, was den Basiswert darstellt, wird einerseits die Häufigkeit des Gebrauchs herangezogen (Sg. ist häufiger <?page no="70"?> als Pl.), andererseits wird nach der semantischen Komplexität gefragt (Sg. ist weniger komplex als Pl.). In den meisten Fällen korrelieren beide Kriterien (mehr dazu in 3.1.5). Substantive, Verben und Adjektive haben jeweils eigene Flexionskategorien. Beim Verb sind dies im Dt. außer Tempus noch Modus, Numerus und Person (z. B. schriebe ‘1./ 3.Ps.Sg.Prät.Konj.’). Substantive flektieren im Dt. für Numerus und Kasus (z. B. Hundes ‘Sg.Gen.’). Dazu kommt noch Genus, das allerdings einen Sonderstatus hat, weil es als lexikalische Kategorie einen festgelegten Wert besitzt, der nicht variiert (der/ *die/ *das Hund). Bei Adjektiven und Determinierern passt sich das Genus dagegen variabel an das Kopfnomen an (ein schwarzer Hund/ eine schwarze Katze) und ist damit eine „ordentliche“ Flexionskategorie. Flexionskategorien können über verschiedene Ausdrucksverfahren markiert wer‐ den: additiv durch Flexive, z. B. die Suffixe -e (Hund-e) oder -t- (bell-t-en). Der Ausdruck kann aber auch modulativ direkt im Stamm erfolgen, z. B. durch Umlaut Apfel - Äpfel, oder Ablaut (werfe - warf - geworfen), s. auch Kap. 10). Häufig werden auch beide Möglichkeiten im Mehrfachausdruck kombiniert (Grund - Gründ-e). Nicht selten kommt heute auch Nullausdruck vor (Messer, Löffel; bis ins Mhd. hatten diese Substantive e-Plural, mhd. leffel-e). Additive Verfahren erscheinen auf den ersten Blick am einfachsten. Es fragt sich deshalb, inwieweit sie im morphologischen Wandel präferiert werden (das wird in 3.1.5 thematisiert). Einfach - weil verlässlich - wäre es auch, wenn eine Form immer genau einer Funktion zugeordnet wäre (1 Form : 1 Funktion). Das ist aber im Dt. nur seltenst der Fall, etwa bei dem Flexiv -end, das beim Verb eindeutig Part.Präs. markiert (bellend). Häufiger gibt es mehrere Formen, die ein und dieselbe Funktion erfüllen. Das nennt man Allomorphie. Ein Paradebeispiel hierfür ist die Pluralbildung, bei der für die Funktion ‘Plural’ sieben verschiedene Allomorphe koexistieren. Deren Wahl kann teils über Eigenschaften der Basis erschlossen werden (v. a. Genus und phonologische Struktur), teils muss sie aber einfach gelernt werden: 70 3 Morphologischer Wandel <?page no="71"?> Während die Kategorie Numerus ein hohes Ausmaß an Allomorphie kultiviert, ist das bei der Kategorie Kasus nicht mehr der Fall. Diachron wurden Kasusflexive stark abgebaut. Feminina haben außer im Dat.Pl. keine Kasusmarkierung mehr. Maskulina und Neutra zeigen im Sg. den letzten Rest an Kasus-Allomorphie, am deutlichsten im Genitiv mit den Suffixoptionen -(e)n und -(e)s (Eisenberg 5 2020, Bd. 1: Kap. 5.2.1). Wörter mit dem Genitiv-Suffix -(e)s können eine ältere schwa-haltige oder eine jüngere schwa-lose Suffixvariante aufweisen und damit im synchronen Lexikon einen Wandel abbilden, der seit frühneuhochdeutscher Zeit im Vollzug ist. Welche Variante gewählt wird (z. B. bei Auslaut [s] die lange: des Satzes, bei nicht-endbetonten Mehrsilblern die kurze: des Abends) oder ob beide Varianten möglich sind (des Wort(e)s), ist über ein komplexes Zusammenspiel phonologischer, morphologischer und frequenzieller Faktoren gesteuert (Szczepaniak 2014b: Kap. 2.2). Der gegenläufige Verstoß gegen die 1: 1-Zuordnung besteht darin, dass dieselbe Form verschiedene Funktionen abdecken und damit ambig sein kann. Auch diese Art von Form-Funktion-Asymmetrie ist typisch für das dt. Flexionssystem. Wenn solche Ambiguität in demselben Flexionsparadigma besteht, liegt ein Formenzusammenfall (Synkretismus) vor. Bei der Form Affen etwa sind heute alle Paradigmenzellen außer dem Nom.Sg. Affe von Synkretismus betroffen. Man kann sich fragen, ob sich im Sprachwandel formaler Überfluss (Allomorphie) bzw. formale Ambiguität (Synkretismen) in unterschiedlichen Flexionskategorien gleichermaßen halten, z. B. Numerus gegenüber Kasus beim Sub‐ stantiv. Dieser Frage wird in 3.1.2 nachgegangen. Aber wie kommt es überhaupt zu Synkretismen? Die meisten der heutigen Synkretis‐ men in der Substantiv-, Adjektiv- und Verbalflexion sind im Übergang von der ahd. zur mhd. Phase entstanden. Sie zeigen, dass flexionsmorphologischer Wandel stark mit phonologischem Wandel verzahnt ist: Im frühen Ahd. waren die Flexionsendungen noch deutlich differenziert, v. a. wegen ihrer qualitativ unterschiedlichen Vokale, z. B. bei ahd. tag-a ‘Tag, Nom./ Akk.Pl.’ vs. tag-o ‘Gen.Pl.’. Die Reduktion unbetonter Vokale zu e am Übergang zur mhd. Phase (s. Kap. 2.4.4, 12.2) führte dazu, dass diese Formen nicht mehr unterscheidbar waren: ahd. tag-a, tag-o sind mhd. zu tag-e synkretisiert. Das Problem wurde im Übergang zur fnhd. Phase noch gravierender, weil nun der reduzierte Vokal e in vielen (vor allem ober- und westmd.) Varietäten komplett geschwunden ist. Die betroffenen Substantive haben dadurch ihre Numerusmarkierung vollständig verloren (e-Apokope, vgl. z. B. rheinfrk. Daach - Daach mit standardsprachlich Tag - Tage). Das Flexionssystem geriet durch diesen reduktiven Lautwandel in eine Krise. Wir werden im nächsten Kapitel sehen, wie die Sprachbenutzer darauf reagierten, dass wichtige Informationen wie der Numerusausdruck (fnhd. Tag - Tag[e]) gefährdet bzw. 3.1 Flexionsmorphologischer Wandel 71 <?page no="72"?> 1 Hier muss man allerdings relativieren: Häufig werden die Entwicklungen so dargestellt, dass morpholo‐ gischer Wandel zeitversetzt auf phonologischen reagiert und durch ihn entstandene „Schäden“ repariert. Das ist zu vereinfachend, denn phonologischer Wandel wird schon sehr früh von morphologischen Bedingungen überlagert und beeinflusst, wie in 2.5.3 am Umlaut gezeigt wurde. Ein weiteres Beispiel ist die selektive Duldung der e-Apokope; ihr wird bei -e im Dat.Sg. (dem Hunde) freier Lauf gelassen, im Pl. wird -e dagegen bewahrt bzw. wiedereingeführt (die Hunde). geschwunden waren. Diese Umbruchsituation macht das Fnhd. flexionsmorphologisch gesehen zur spannendsten Phase in der Entwicklung des Dt. 1 3.1.2 Substantiv: Schwächung von Kasus und Stärkung von Numerus Die interessantesten und meistbesprochenen Entwicklungen in der dt. Substantivfle‐ xion sind wohl die sog. Numerusprofilierung, also eine Stärkung von Numerus, und die sog. Kasusnivellierung, die Schwächung von Kasus. Beide Entwicklungen sind eng verzahnt. Erste Ansätze lassen sich schon in der ahd. Phase beobachten, der Höhe‐ punkt liegt aber im Fnhd. (s. Hotzenköcherle 1962: 326-330, Sonderegger 1979: 304-319, Wurzel 1996, Hartweg/ Wegera 2 2005: Kap. 8.1, Wegera u. a. 2 2018: Kap. 5.1, 5.2; Dam‐ mel/ Gillmann 2014). Um diese Tendenzen zu erklären, muss man etwas weiter ausholen. Das Ahd. hatte ein Flexionsklassensystem ererbt, dessen Klasseneinteilung auf verschiedenen vokali‐ schen und konsonantischen Stammerweiterungen basierte, von denen es ziemlich viele gab. Flexionsklassen sind Gruppen von Wörtern, die auf gleiche oder sehr ähnliche Weise ihre Formen bilden. Im Germ. konnte man noch an der Stammerweiterung erkennen, zu welcher Klasse ein Substantiv gehörte. Diejenigen Klassen, die die heutige Substantivflexion am stärksten prägen, sind in Tab. 14 aufgeführt. In der rechten Spalte stehen die Pluralallomorphe, die sich aus diesen Klassen entwickelt haben. Tab. 14: Die wichtigsten ahd. Substantivklassen In der linken Spalte sieht man die Benennung der jeweiligen Klasse nach den sog. stammbildenden Suffixen, die (mit wenigen Ausnahmen) ursprünglich in allen Formen des Substantivs zwischen Wurzel und Flexiv traten. Teilweise gehen sie diachron auf Wortbildungssuffixe zurück. So hat das Suffix der germ. iz/ az-Flexion, zu denen Neutra wie 72 3 Morphologischer Wandel <?page no="73"?> 2 Rekonstruierte Formen in Proto-Sprachen, die nicht belegt sind, aber durch den Vergleich ihrer Tochtersprachen erschlossen wurden, werden mit *, dem sog. Asterisk, gekennzeichnet. Daneben wird der Asterisk auch zur Kennzeichnung ungrammatischer Formen wie *gehte genutzt. Lamm, Kalb, Blatt u. a. gehören, im Ie. als * 2 -es/ os u. a. Abstrakta von Verben abgeleitet, z. B. ie. *ĝenh 1 -os ‘Geburt, Geborenes’ (vgl. lat. genus ‘Art’) zum ie. Verbstamm *ĝenh 1 - ‘geboren werden’ (Fortson 2 2010: 125). Diese Funktion war für Ahd.-Sprechende schon lange nicht mehr erkennbar; die ursprüngliche Klasse war aufgelöst und ihr ehemaliges Suffix, das sich zu ahd. -irweiterentwickelt hatte, war auf ungefähr ein Dutzend Wörter übertragen worden, unter denen die ahd. Entsprechungen von Blatt, Lamm, Kalb, Ei und Huhn waren (Braune/ Heidermanns 17 2023: 260-261). Diese Zusammensetzung im Althochdeutschen hat der Klasse den Spitznamen „Hühnerhofdeklination“ eingetragen (vgl. z. B. Nübling 2008b: 293). Weil die Klasse so klein war, ist es eine theoretisch gesehen interessante Ent‐ wicklung, dass dieses Suffix zur Grundlage des heutigen er-Plurals werden konnte und sich schon im Ahd. auf weitere Wörter auszubreiten begann (s. u.). Oberhalb der Einzelklassen kann man zwei Typen unterscheiden: Klassen mit vokalischen Suffixen werden oft als „starke Flexion“ bezeichnet, die Klasse mit n-Suffix als „schwache Flexion“. Die Etiketten „stark“ und „schwach“, die auf Jacob Grimm zurückgehen, werden in der Literatur oft bis heute beibehalten. In der weiteren Entwicklung der Substantivflexion werden die ehemaligen stammbildenden Suffixe einerseits phonologisch abgeschwächt, andererseits zunehmend in den Ausdruck grammatischer Kategorien eingebunden. Sie werden als Pluralmarker neu interpretiert und damit (wieder) mit Funktion belegt. Es kommt auch zu Umschichtungen im Inventar der Klassen (Pfeile in Tab. 14). Diese Entwicklungen sind Teil der übergreifenden Prozesse Kasusnivellierung und Numerusprofilierung. Bei der Kasusnivellierung verschwindet der Kasus zwar nicht ganz: Am Nomen gibt es bis heute im Gen.Sg. starker Maskulina und Neutra -(e)s, im Gen.Sg. schwacher Maskulina -(e)n und im Dat.Pl. aller Genera -n, in der Nominalphrase disambiguiert vor allem der Artikel heute den Kasus (s. Kap. 4.1). Am Nomen zeigen sich aber deutliche Symptome von Schwächung: So sind heute bei den Feminina im Sg. alle Kasusunter‐ schiede abgebaut (Nom., Gen., Dat. und Akk. lauten gleich, z. B. Zunge). Sie wurden, wie in diesem Abschnitt noch ausführlicher erklärt wird, im Fnhd. einer deutlicheren Numerusunterscheidung „geopfert“. Erste Schwächungstendenzen von Kasus treten aber schon viel früher, bereits ab der ahd. Phase, auf. Hier waren Numerus und Kasus anfangs noch fusioniert in einem sog. Portmanteaumorph (frz. ‘Kleiderständermorph’, weil mehrere Funktionen an einem Ausdruck „hängen“). Diese Fusion wurde aufgelöst. Wie das passiert ist, lässt sich gut an der kleinen, aber für das System wichtigen Klasse der iz/ az-Flexion zeigen, zu der auch das Paradigma von Lamm gehört (vgl. Wurzel 1992). Betrachtet man dieses Paradigma (s. Tab. 15), dann markiert im frühen Ahd. -um in lemb-ir-um noch Dat. und Pl. Bei -irhandelt es sich um das oben beschriebene stammbildende Suffix, einen Flexionsklassenanzeiger, der auf germ. -izzurückgeht (daher auch der Name der Klasse) und der keine systematische Funktion hat, weil er in verschiedenen Kasus und sowohl im Sg. als auch im Pl. auftritt (Schattierung). 3.1 Flexionsmorphologischer Wandel 73 <?page no="74"?> frühes Ahd. späteres Ahd. Nhd. Sg. Nom. lamb lamb Lamm Gen. lemb-ir-es → lamb(ir)es → lamb-es Lamm(e)s Dat. lemb-ir-e → lamb(ir)e → lamb-e Lamm(e) Akk. lamb lamb Lamm Pl. Nom. lemb-ir lemb-ir Lämm-er Gen. lemb-ir-o lemb-ir-o Lämm-er Dat. lemb-ir-um lemb-ir-un Lämm-er-n Akk. lemb-ir lemb-ir Lämm-er Tab. 15: ‘Lammʼ (neutrale iz-/ az-Klasse) Das ändert sich entscheidend im späten Ahd. Durch analogischen Ausgleich (sym‐ bolisiert durch Pfeile) werden die -ir-Suffixe im Sg. beseitigt, im Pl. dagegen nicht. Analogischer Ausgleich ist ein morphologischer Prozess, bei dem sich eine Form an andere Formen im Paradigma anpasst und dadurch eine frühere Unterscheidung verschwindet. Es gibt dabei immer eine Vorlage; hier sind das die übrigen Sg.-For‐ men (mehr zu Analogie folgt in 3.1.5.1). Indem -irjetzt nur noch im Pl. und dort durchgehend auftritt, wird das frühere stammbildende Suffix als Pluralkennzeichen reanalysiert, d. h. strukturell und semantisch neu interpretiert. Damit ist gleichzeitig Kasus von Numerus entkoppelt worden und der Kasusanzeiger im Dat.Pl. (spätahd. -un, heute -n) ist an die rechte Peripherie der Wortform gewandert (s. Wurzel 1992). Die Numerusinformation steht jetzt - wie heute noch - der Wortwurzel näher als die (bis heute noch numerusspezifische) Kasusinformation: den Kind-er-n ‘Kind-Pl.-Dat(Pl.).’ Ein weiteres Symptom der Kasusschwächung ist der analogische Ausgleich von Kasusumlauten, der ebenfalls schon in der ahd. Phase beginnt. Diese Umlaute waren im Genitiv und Dativ Sg. mehrerer Klassen durch phonologischen Wandel entstanden (ahd. i-Umlaut, s. Kap. 2.4.2), indem der Stammvokal artikulatorisch an ein i-haltiges Suffix angepasst wurde. Die Kategorienbündel, für die die betroffenen Formen zustän‐ dig waren (s. Tab. 15 für Lamm), wurden durch die zusätzliche Stammalternation besonders deutlich markiert. Schon im Ahd. setzte hier analogischer Ausgleich ein: Umlaute, die an den Kasus-Ausdruck im Sg. gekoppelt waren, wurden beseitigt (z. B. lembires, lembire → lambes, lambe), wobei intraparadigmatisch die eigenen Nom./ Akk.Sg.-Formen, extraparadigmatisch die Singularformen der a-Klasse als Vorbild gewirkt haben können. Einen parallelen Ausgleich zeigt die feminine i-Klasse (z. B. gans). Bis ins Fnhd. konnte man noch ein Viertel einer gense (Gen.Sg.) kaufen (auch Dat.Sg. der gense), dann wurde nach dem Muster gans regularisiert. Der Gänsebraten, bei dem eine Einzelgans gebraten wird, ist ein Relikt der alten Genitiv-Form. 74 3 Morphologischer Wandel <?page no="75"?> Die Umlaute, die im Plural auftraten und damit an den Numerusausdruck gekoppelt waren, blieben dagegen erhalten (bis heute gilt im Plural Lämmer und Gänse). Durch die Beseitigung der Kasusumlaute im Singular markieren die Umlaute nun nicht mehr Kasus/ Numerus, sondern eindeutig Numerus, und zwar den abgeleiteten Wert ‘Plural’; der Basiswert Sg. ist jetzt unmarkiert. So wurde indirekt der Numerusausdruck verdeutlicht. Kasusumlaute im Singular wurden übrigens selbst dann beseitigt, wenn im Paradigma gar kein Numerusumlaut vorlag, wie bei den schwachen Maskulina (obd.-ahd. ‘Name’: Nom. namo, Gen. nemin → namin, Dat. nemin → namin, Akk. na‐ mun). Auch das spricht dafür, dass schon im Ahd. Umlaut für Kasus als unangemessen empfunden wurde. Doch nicht nur beim Ausdruck im Stamm durch Umlaut wird die Kategorie Numerus auf Kosten von Kasus gestärkt. Bei einem Großteil der Feminina werden in der fnhd. Phase jegliche Kasusunterscheidungen in den Suffixen zugunsten eines deutlicheren Numerusausdrucks abgebaut: Die Substantive der beiden mitgliederstärksten femini‐ nen Klassen (die fem. ō-Klasse, zu der mhd. varwe ‘Farbe’ gehörte, und die fem. n-Klasse, zu der mhd. zunge gehörte) verschmelzen zu einer besonders numerustüch‐ tigen Einheitsklasse. Das geschieht, indem sie den für Kasus unmarkierten Sg. der ō-Klasse verallgemeinern und im Pl. den durchgängig mit -n markierten Pl. der n-Klasse generalisieren (s. Abb. 22, Nübling 2008: 203). Es „gewinnen“ also jeweils die Suffixe, die Numerus deutlich kennzeichnen, aber Kasus unmarkiert lassen. Dabei muss es sich um einen morphologisch gesteuerten Prozess handeln, da kein phonologisch bedingter n-Schwund stattgefunden hat und die Maskulina derselben Klasse sich ganz anders verhalten (s. u.). Diese Numerusstärkung hat eine ganz andere Größenordnung, weil sie sich nicht indirekt durch Kasusschwä‐ chung bei schon vorhandenem Marker Umlaut, sondern direkt durch die Mischung zweier Flexionsklassen vollzieht. Abb. 22: Numerusstärkung durch Fusion der femininen Klassen 3.1 Flexionsmorphologischer Wandel 75 <?page no="76"?> In der fnhd. Phase und in Dialekten des Dt. begegnen auch andere Lösungen. So kann bei der n-Klasse vom Typ Zunge das -n durchgehend, also auch auf den Nom.Sg., verallgemeinert werden. Damit verschwindet die Numerusanzeige (Wegera/ Solms 2000: 1543). In vielen bairischen Dialekten hat sich diese Lösung durchgesetzt, z. B. Nom.Sg. die Wiesn (vgl. Nickel 2023: 236-241, die auch daraufhin neu etablierte Pluralmarker beschreibt). Im Standard konnte sie sich bei den Feminina nicht etablie‐ ren, während sie bei Maskulina der n-Klasse sehr wohl entsteht (der balke → der Balken), obwohl die Numerusmarkierung dabei abgebaut wird (Nullplural). Dass gerade Feminina diesen Weg meiden, wird häufig damit erklärt, dass der feminine Artikel im Nom./ Akk. Sg. und Pl. von einem Synkretismus betroffen ist (die Zunge - die Zungen; aber der - die Balken) und damit nicht zur Numerusunterscheidung beitragen kann. Für Feminina scheint daher eine eindeutige Numerusmarkierung am Substantiv selbst besonders wichtig zu sein (z. B. Becker 1994: 58; in vielen Dialekten greift diese These aber nicht, weil hier Nullplurale ungehindert entstehen, obwohl Artikelsynkretismen viel weitreichender sind, Nübling 2008: 302, Nickel 2023: 292). Aber für den Standard gilt: Durch die Klassenmischung, die die beiden größten femininen Klassen betraf, entsteht mit -(e)n ein eindeutiger, gut abtrennbarer und genustypischer Pluralmarker. Heute haben fast alle Feminina -(e)n-Pl. (bis auf wenige stark flektierende Ausnahmen wie Laus - Läuse). Bei den anderen Genera hat der -(e)n-Plural dagegen heute Ausnahmestatus und wurde diachron stark reduziert (vgl. Augst 1975b: 46, Nübling 2008). Die Entwicklung zum typisch femininen Pluralsuffix wird also von zwei Seiten vorangetrieben. Der Abbau betrifft v. a. die ehemals große Klasse der schwachen Maskulina, deren Para‐ digma wie das von Zunge oben in Abb. 22 aufgebaut ist, d. h. -(e)n gilt im gesamten Plural und in allen Kasus des Sg. außer im Nom., z. B. Sg. der Bote, des/ dem/ den Boten, Pl. die/ der/ den Boten). Diese Klasse hat nicht einfach nur sehr viele Mitglieder verloren, sondern das ist auf interessante Weise gestaffelt passiert. Der Staffelung liegen ein semantischer Prototyp ‘belebte, menschliche und menschenähnliche Refe‐ renten’ sowie prosodisch-phonologische Prototypen wie das Akzentmuster [(x)ˈXe], z. B. Geselle, Affe, zugrunde. Beides begünstigt den Verbleib in der Klasse (s. Köpcke 2000). Die Klassenwechsler haben verschiedene Wege eingeschlagen: Einige sind stark geworden mit -e-Pl., zu dem fnhd. meist ein Umlaut hinzukommt (vgl. Thieroff 2009), und Genitiv-s. Ein solcher Fall ist z. B. mhd. der hane - des hanen, die hanen → fnhd. der Hahn - des Hahns, die Hähne (so auch Schwan, Storch, ohne Umlaut Mond, Star). Die alte Flexion erkennt man noch in manchen Gaststättennamen (Zum Schwanen/ Hirschen). Andere schwache Maskulina haben das Genus zum Femininum gewechselt (z. B. der Schnecke, Schlange → die Schnecke, Schlange). Die meisten haben aber den Weg eingeschlagen, -n auch im Nom.Sg. anzunehmen und so jegliche Pluralmarkierung aufzugeben (mhd. der galge > der Galgen, so auch Balken, Schlitten, Tropfen, Lumpen). Welchen Weg Klassenmitglieder eingeschlagen haben, korreliert auffällig mit dem Belebtheitsgrad (Abb. 23): Substantive, die Menschen und menschenähnliche Säugetiere bezeichnen, denen wir am meisten Empathie entgegenbringen, bleiben tendenziell in 76 3 Morphologischer Wandel <?page no="77"?> der schwachen Klasse. Bezeichnungen für Vögel nehmen dagegen den starken e-Plural mit Umlaut an. Fische und niedere Tiere wechseln ihr Genus und werden Feminina, und Unbelebtes geht zum starken Null-Plural über. Allerdings interagieren mit diesem semantischen Prinzip der Reorganisation auch phonologische Bedingungen: Maskulina wie Name und Friede haben eine phonologische Struktur, die für die Klasse typisch ist (ˈXe). Das lässt sie heute noch schwanken, obwohl es sich um Abstrakta handelt. Abb. 23: Umbau der schwachen Maskulina nach Belebtheit (Köpcke 2000) Woher kommt diese Staffelung entlang der sog. Belebtheitshierarchie? Sie wird oft damit in Verbindung gebracht, dass wir Hochbelebtes, das uns Menschen am ähnlichs‐ ten ist, als besonders individualisiert wahrnehmen. Mit dem Belebtheitsgrad steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der Referent als einzelnes Agens einer bewusst ausgeführten Handlung auftritt, d. h. belebte Referenten haben einen hohen Grad an Agentivität. Die schwachen Maskulina differenzieren im Sg. als einzige Flexionsklasse Nominativ und Akkusativ. Diese beiden Kasus korrelieren häufig mit den semantischen Rollen Agens und Patiens. Bei menschlichen Referenten, die sowohl Agens als auch Patiens sein können, ist hier der Differenzierungsbedarf am größten und wird durch Verbleib in der Klasse erfüllt. Je unbelebter, desto unwahrscheinlicher ist dagegen die Agensrolle, deren Markierung dann vernachlässigt werden kann (Steche 1927, Köpcke 2000, Krifka 2009). Die Belebtheitshierarchie greift bei weiteren Sprachwandelerscheinungen wie der Ausbreitung der satzinternen Großschreibung (Kap. 9.2). Die Reorganisation schwacher Maskulina läuft noch heute: Sprechende des Nhd. schwanken z. B. im Nom.Sg. zwischen der Friede und der Frieden, der Funke und der Funken, der Name und der Namen. Damit geht die Unsicherheit einher, ob ein Gen.-s angehängt werden muss: des Funken(s), Frieden(s), Namen(s). Bei Krake und Socke schwankt zusätzlich das Genus, d. h. hier koexistieren in der synchronen Variation fast alle diachron beobachteten Lösungen: der Krake/ der Kraken/ die Krake; der Socken/ die Socke. Viele Substantive, die die -n-Erweiterung im Nom.Sg. schon in der fnhd. Phase durchlaufen haben (wie Garten, Kasten, Magen, Bogen), haben die nun fehlende Plural‐ markierung durch analogischen Umlaut kompensiert, z. B. mhd. garte - garten → fnhd. Garten - Garten → Garten - Gärten. Analogischer Umlaut bedeutet, dass es hier nie einen phonologischen Auslöser, ein / i / im Flexiv, gab, sondern dass hier Umlaut nach dem Vorbild anderer Klassen angenommen wurde. Es handelt sich also um einen rein morphologisch gesteuerten Prozess. Analogische (oder morphologische) Umlautungen setzten verstärkt in der fnhd. Phase ein, als die meisten Kasusumlaute bereits beseitigt 3.1 Flexionsmorphologischer Wandel 77 <?page no="78"?> waren. In ihnen manifestiert sich die Numerusprofilierung am deutlichsten. Das Mus‐ ter bilden dabei Flexionsklassen, in denen im Plural Umlaut lautgesetzlich, d. h. auf phonologischem Weg durch i-haltige Pluralflexive, eingetreten ist: die Lämmer-Klasse (neutr. iz/ az-Klasse) sowie die Gäste- und Äpfel-Klasse (i-Klasse) (s. Tab. 14 oben). Diese Modellklassen besitzen mit dem Umlaut eine besonders deutliche Pluralkennzeichnung direkt im Stamm. Nach ihrem Muster nehmen Substantive anderer Klassen, die eine schlechte oder gar fehlende Pluralmarkierung haben, analogischen Umlaut an. Der Umlaut wird so als Plural-Marker produktiv und gewährleistet den Ausdruck der Nume‐ rusinformation, die durch e-Schwund im Auslaut gefährdet (stab - stab(e)) oder durch analogischen Ausgleich geschwunden (garten - garten) war. Das ist eine ganz andere Art von Analogie als beim Abbau von Kasusumlaut: Während dort eine Distinktion im Paradigma ausgeglichen wurde, wird hier durch Analogie eine solche aufgebaut. Dies ist umso erstaunlicher, als eine der Musterklassen eine sehr niedrige Mitglie‐ derzahl hatte und daher eigentlich kein starkes Vorbild abgeben sollte. Gemeint ist die Lämmer-Klasse (iz/ az-Klasse), die im Ahd. ca. zehn Mitglieder hatte und durch die Neuzugänge auf (je nach Zählung) 80-100 Substantive angewachsen ist. Eine deutliche Pluralmarkierung scheint hier anziehender zu wirken als eine hohe Mitgliederzahl. Folgende Gruppen verstärkten ihre Plural-Markierung durch analogischen Umlaut in der fnhd. Phase: Bei der mhd. wort-Klasse (neutrale a-Klasse), die sehr viele Mitglieder hatte, fehlte die Pluralmarkierung im Nom./ Akk. durch frühen redukti‐ ven Lautwandel schon im Ahd. (s. Tab. 16). Diese Substantive haben zum Teil den Umlaut+-er-Plural der Lämmer-Klasse angenommen (Wörter, Häuser, Dächer, Täler, Dinger), zum Teil den e-Plural der Tage-Klasse (mask. a-Klasse) (Worte, Dinge). Wie man an den Plural-Dubletten von Wort und Ding sieht, halten sich heute oft beide Varianten (mit semantisch-stilistischer Differenzierung, Nübling 2018b). Die alte neu‐ trale a-Klasse wurde komplett abgebaut. Während im Standard der Umlaut+-er-Plural eine vergleichsweise kleine Klasse bildet, ist dieser Pluralmarker in bair. und westmd. Dialekten produktiver, d. h. offener für neue Mitglieder (z. B. rheinfränk. Stücker, Better für Stücke, Betten). Im Luxemburgischen ist -er sogar ein reguläres Pluralallomorph, auch für Lehnwörter, z. B. Profit - Profitter (Dammel 2018). Tab. 16: ‘Wortʼ (Flexionsklasse: neutraler a-Stamm) 78 3 Morphologischer Wandel <?page no="79"?> In den Dialekten mit e-Apokope (obd. und westmd.) war auch die Plural-Kennzeich‐ nung der Tage-Klasse gefährdet (mask. a-Klasse, mhd. Nom./ Akk.Sg. tac - Pl. tage). So haben Substantive dieser Klasse ebenfalls analogische Umlaute angenommen, wie mhd. Sg. stap - Pl. stabe. Hier muss vorübergehend Null-Pl. stap - stap vorgelegen haben; heute wird Stab mit analogischem Umlaut und -e als Stäbe pluralisiert. Angesichts dessen kann man fragen, wieso der e-Pl. heute ein zentraler Teil des Pluralsystems ist, wenn er im Fnhd. so gefährdet war. Das liegt daran, dass die fnhd.-ostmd. Schreibregion nicht stark von der e-Apokope betroffen war. Andere fnhd. Schreibsprachen haben -e ausgehend von diesem Vorbild wieder eingeführt, so dass der e-Plural langfristig in den Standard eingegangen ist. Interessant ist dabei, dass das -e viel im Plural stärker wieder eingeführt wird als das -e im Dat.Sg., obwohl es sich um phonologisch identische Flexive handelte (Ebert u. a. 1993: 177). Auch hier hat also die Numerusanzeige Vorrang vor der Kasusanzeige. Doch zurück zum analogischen Umlaut: Wegen der e-Apokope ist dieser in westobd. und westmd. Dialekten viel weitreichender durchgeführt als im Standard, vgl. alem. Dag - Däg, Arm - Ärm, Hund − Hünd (s. auch die Ausführungen zum luxemburgi‐ schen Plural in Kap. 10.2). Dabei fungiert der Umlaut als alleiniger Pluralmarker. Das kommt in der nhd. Standardsprache seltener vor, fast ausschließlich bei maskulinen Mehrsilblern, die analogischen Umlaut nach dem Muster der Äpfel-Klasse (mehrsilbige i-Stämme) angenommen haben: Dies sind zum einen Mitglieder der a-Klasse, die durch Apokope zu einem Nullplural gekommen waren (mhd. hammer - hammer-e > fnhd. Hammer - Hammer → nhd. Hammer - Hämmer), zum anderen ehemals schwache Maskulina mit -n-Erweiterung im Nom.Sg. (s. o. Gärten, Böden, Mägen, Kästen und heutige Pl.-Dubletten wie Wagen/ Wägen). Auch hier sind alem. Dialekte progressiver und lauten z. B. auch Pfosten zu Pfösten, Haufen zu Häufen und Koffer zu Köffer um. Obwohl der analogische Umlaut generell vor den Feminina haltgemacht hat, gibt es doch zwei, die Umlaut angenommen haben, nämlich Mütter und Töchter. Dass gerade diese beiden Substantive im Plural umlauten, analog zu den maskulinen Verwandt‐ schaftsbezeichnungen Väter und Brüder, die ebenfalls auf morphologischem Weg zu Umlaut gekommen sind, ist ein Beispiel für eine semantisch basierte Gruppenbildung und dafür, dass gebrauchsfrequente Lexeme zu mehr Irregularität und Differenzierung tendieren als weniger frequente (s. 3.1.5.3). Als roter Faden im Wandel der Substantivflexion lässt sich festhalten, dass sowohl in der Endungsflexivik als auch beim modulativen Ausdrucksverfahren Umlaut die Kategorie Kasus geschwächt, die Kategorie Numerus aber stark ausgebaut wurde. Ein wichtiger Baustein dieses Ausbaus war die analogische Ausbreitung des Umlauts als Pluralmarker. Sie ist das i-Tüpfelchen im Prozess der Morphologisierung des Umlauts von einer blinden phonologischen Regel hin zu einem morphologischen Marker (s. dazu Kap. 2.4.2). Der ursprünglich „zufällig“, d. h. abhängig vom lautlichen Folgekontext entstandene und damit auch willkürlich verteilte Umlaut wird zuerst systematisiert (für Kasus entfernt, für Numerus beibehalten) und dabei mit der grammatischen Funktion ‘Numerusanzeige’ belegt, und schließlich wird er in dieser 3.1 Flexionsmorphologischer Wandel 79 <?page no="80"?> Funktion sogar produktiv. Dieser Morphologisierungsprozess beginnt schon in der ahd. Phase (Kasusumlaute werden abgebaut) und gipfelt im Fnhd. (Numerusumlaute werden produktiv). In Kap. 10.2 wird auf die Morphologisierung des Umlauts, die nicht nur für den Plural der Substantive, sondern auch für den Konjunktiv II starker Verben sowie für Komparativ und Superlativ der Adjektive gilt, genauer eingegangen. 3.1.3 Verb: Schwächung von Numerus und Person und Stärkung von Tempus Verben durchlaufen einen ähnlich tiefgreifenden Umbauprozess, der die Schwächung der Kategorien Person und Numerus und die Stärkung der Kategorie Tempus zum Ergebnis hat. Termini für diese Tendenzen in der Forschungsliteratur sind Tempu‐ sprofilierung und Person-/ Numerusnivellierung. Was passiert dabei genau? Bis in die fnhd. Phase gab es für das Kategorienbündel Person/ Numerus noch mehrere Allomorphe, also verschiedene Ausdrucksverfahren für dieselbe Funktion. Dieser formale Überfluss wird im Fnhd. abgebaut, so dass beide Kategorien heute weitgehend einheitlich symbolisiert werden (1 Funktion : 1 Form). Darüber hinaus entsteht auch ein Synkretismus zwischen 1. und 3.Ps.Pl. (mhd. noch wir werf-en/ sie werf-ent → nhd. wir/ sie werfen). In Dialekten geht dieser Formenzusammenfall noch weiter: Es gibt große Gebiete, die für den ganzen Pl. nur ein gemeinsames Flexiv haben (z. B. alem. mir, dir, sie werfet ‚1.-3.Ps.Pl.‘, s. Karte in König u. a. 19 2019: 158). Im Folgenden wird am Beispiel der 2.Ps.Sg. gezeigt, wie an Person gebundene Allomorphie abgebaut wurde. Im Mhd. gab es für dieses Kategorienbündel noch drei verschiedene Allomorphe (s. Tab. 17): Tab. 17: Abbau der Allomorphie in der 2.Ps.Sg. Das Allomorph -(e)st war schon im Mhd. das häufigste Flexiv für die 2.Ps.Sg.: Bei schwachen Verben galt es in allen Tempora und Modi und bei starken Verben scherte nur die 2.Ps.Sg. im Prät.Ind. aus (mit Ablaut und Umlaut +-e: du würf-e). Im Basiswert Präsens Indikativ, der am häufigsten genutzt wird, galt -(e)st damit generell. Nur eine kleine Sonderklasse, die Präteritopräsentia, hatte hier ein Sonderflexiv, nämlich -t (2.Ps.Sg.Präs. du darf-t). Die beiden Ausnahmen (du würfe, du darft) standen so unter hohem Ausgleichsdruck. Die Präteritopräsentia sind eine Sonderklasse, die Vokalwechsel der starken Verben mit dem Dentalsuffix der schwachen Verben kombiniert, z. B. kann - können - konn-te. 80 3 Morphologischer Wandel <?page no="81"?> Heute umfasst diese Klasse fast ausschließlich Modalverben: dürfen, können, mögen, müssen, sollen, wollen und wissen. Dass die 2.Ps.Sg.Präs. dieser Gruppe heute regulär auf -st endet, geht auf eine regularisierende Analogie nach den vielen 2.Ps.Sg.-Formen mit -st im übrigen Verbsystem zurück (vgl. Best 1983): du *kan-t → kann-st, du darf-t → darf-st, du mah-t → mag-st, du sol-t → soll-st, du wil-t → will-st. Der Ersatz beginnt schon im Mhd. und ist erst im 18. Jh. bei allen Präteritopräsentia vollzogen. Er verlief insgesamt später als bei der 2.Ps.Sg.Prät. der starken Verben (würfe → warfst, s. u.). Das lässt sich zum einen darauf zurückführen, dass die Präteritopräsentia als Modalverben höhere Gebrauchsfrequenzen haben, was ihre Formen besser im Gedächtnis verankert als die der starken Verben. Zum anderen liegt es daran, dass das abweichende 2.Ps.Sg.-Allomorph im Präsens saß, das als Kategorienwert häufiger genutzt wird als das Allomorph {Umlaut + -e} (du würfe) im Präteritum der starken Verben. Das frühere Sonderflexiv der starken Verben (mhd. du würfe) erklärt sich so: Die starken Verben bildeten bis zur fnhd. Phase ihre Formen auf der Grundlage von vier sog. Ablautstufen, den Teilen eines Vokalwechselmusters. Die Stufen hatten die folgenden Funktionen (s. Tab. 18, illustriert an Ablautreihe IIIb, einem von mhd. sieben verschiedenen Ablautmustern; Ablaut wird in Kap. 10.1 genauer behandelt): Tab. 18: Funktionen der Ablautstufen bei starken Verben bis zum Mhd. Interessant sind hier besonders die Stufen 2 und 3 in der Funktion Präteritum Indikativ (grau unterlegt): Die zweite Stufe wurde nur für 1./ 3.Ps.Sg.Prät. genutzt (ih/ siu warf). Für die 2.Ps.Sg.Prät. wurde dagegen wie auch für den Prät.Pl. (wir wurfen usw.) die 3. AL-Stufe genutzt und das Suffix -e angehängt. Dieses -e war ahd. noch ein -i und hat i-Umlaut des Stammvokals bewirkt: ahd. du wurf-i > mhd. du würf-e. Die Prät.-Formen waren also sehr stark durch Stammalternation differenziert. Dabei hatte die Ablautalternanz keine systematische Funktion, da sie sowohl an Person/ Numerus als auch an Tempus gebunden war. Was kann mit einer so unsystematischen Konstellation passieren? Tab. 19 zeigt die Veränderungen im Prät. in fnhd. Zeit. 3.1 Flexionsmorphologischer Wandel 81 <?page no="82"?> Tab. 19: Ausgleich von Vokalwechseln im Prät.Ind. starker Verben (Bsp. werfen, Ablautreihe IIIb) Zunächst, schon seit dem Mhd., wurde in der 2.Ps.Sg. die Endung -e durch reguläres -(e)st ersetzt. Zusätzlich wurde der Stammvokal an den übrigen Sg. angeglichen: du würfe → du warf(e)st. Dieser Ausgleich der Vokalalternanz in der Kategorie Person führte vorübergehend zu einer deutlicheren Numerusunterscheidung im Prät. Bei werfen stand nun ein -aim Sg. einem -uim Pl. gegenüber: ih warf, du warfest, siu warf vs. wir wurfen, ir wurfet, sie wurfen (mittlere Spalte). Dabei blieb es aber nicht: Nach dem Ausgleich der 2.Ps.Sg. wurde auch die Stammalternation aufgegeben, die an Numerus gebunden war. Aus er warf - sie wurfen wurde er warf - sie warfen. Damit wurde indirekt der Ausdruck der Tempuskategorie gestärkt: Ablaut markiert von da an nicht mehr drei verschiedene Kategorien, sondern eindeutig Tempus. Dieser sog. präteritale Numerusausgleich betraf das ganze Ablautsystem. Die Ablautreihen I-V (die übrigen hatten nie Numerusablaut) wurden dadurch von vier auf drei Stufen vereinfacht. Ob im Präteritum der Sg.- oder der Pl.-Stamm gewann (s. Fettdruck in Tab. 20) und wie lange dieser Prozess dauerte, ist je nach Ablautreihe verschieden und hängt auch von lautlichen Faktoren ab (vgl. dazu Moser Bd. 4, 1988: § 167-173, Nübling 1999a). Tab. 20: Ausgleich des präteritalen Numerusablauts in den Ablautreihen I-V 82 3 Morphologischer Wandel <?page no="83"?> Der neue Vokal im Präteritum, der jetzt Tempus markiert, bildet nach dem Ausgleich die Grundlage für die Konj.II-Bildung. Hier zeigt sich, dass der Tempusausdruck über den Modusausdruck dominiert. So wurde zu dem neuen Prät. ich band, wir banden ein neuer Konj.II ich bände, wir bänden usw. gebildet und die frühere Form ich bünde etc. aufgegeben (s. dazu Kap. 10.2). Das bedeutet, dass jetzt der Modusausdruck unselbst‐ ständig an den Tempusausdruck gekoppelt ist: Tempus bestimmt den Ablautvokal (hier a), und Modus legt seinen Umlaut darüber (hier ä). Während die Ablautstufen vereinfacht werden, splittern sich die Ablautreihen von ahd. ca. sieben auf heute ca. 40 verschiedene Alternanzmuster auf (genauer behandelt in Kap. 10.1.2, s. dort Tab. 34). Auch das ist als Stärkung der Kategorie Tempus interpretierbar. Dass für Tempus Allomorphie derart ansteigt, steht in starkem Gegensatz zu der Vereinheitlichung, die der Ausdruck von Person und Numerus erfährt. Der gemeinsame Nenner der hier diskutierten Entwicklungen besteht also darin, dass sich nicht alle Flexionskategorien gleich verhalten. Beim Nomen wird der Nume‐ rusausdruck bewahrt und gestärkt, der Kasusausdruck geschwächt. Beim Verb wird der Tempusausdruck profiliert, dagegen werden der Numerus- und der Personenausdruck vereinheitlicht und teilweise sogar abgebaut. In 3.1.5.4 wird mit dem Relevanzkonzept eine mögliche Erklärung dafür vorgestellt. 3.1.4 Wie entsteht Irregularität? Beispiel haben Zunächst geht es aber um eine weitere interessante Fallstudie. Am Beispiel von haben wird gezeigt, wie flexionsmorphologische Irregularität entstehen kann, d. h. wie ein Verb ein Flexionsmuster entwickelt, das es mit keinem anderen teilt. Schwache Verben sind die reguläre Verbklasse des Dt. Als ahd. habēn ‘besitzen’ war haben ursprünglich ein schwaches Verb der ē-Klasse, einer der drei Subklassen des ahd. schwachen Verbs, s. erste Spalte in Tab. 21 z. B. nach Sonderegger ( 3 2003: 323). Heute ist es ein irreguläres Einzelverb jenseits aller Klassenverbände. Wie kam es dazu? Das Verb haben wurde in ahd. Zeit zum Hilfsverb für die Perfektbildung grammatikalisiert (ich habe geschlafen, s. dazu Kap. 12.2.3). Dadurch bedingt wurde es viel häufiger genutzt als früher. Diese Zunahme an Gebrauchsfrequenz durch die neue Funktion als Perfektauxiliar ist der Schlüssel zur formalen Irregularisierung des Verbs (s. Tab. 21). 3.1 Flexionsmorphologischer Wandel 83 <?page no="84"?> Tab. 21: Die Paradigmen von haben vom Ahd. bis zur nhd. Alltagssprache (Kurzform schattiert) Während ahd. habēn nur Langformen aufweist, bilden sich im Mhd. zusätzlich Kurz‐ formen wie hân, in denen -bgeschwunden ist. Solche Kürzungen sind typisch für hochfrequente Wörter. Es handelt sich um irreguläre Kürzungen, die keiner phonolo‐ gischen Regel gehorchen, sonst hätte -bzwischen a und e in allen Wörtern schwinden müssen, also z. B. auch graben > *grân. Haben ist aber das einzige Verb, bei dem mhd. -bin diesem phonologischen Kontext geschwunden ist. Diese irreguläre Kürzung wurde zusätzlich gestützt durch das Muster anderer hochfrequenter Verben, v. a. gân und stân. Deren Gruppe hat sich haben durch die Kürzung zu hân angenähert. Wir haben es also mit einem Fall von irregularisierender Analogie zu tun (s. Nübling 2000). Interessant ist nun, dass diese Kürzungen nicht im ganzen Paradigma gleichermaßen vertreten sind, sondern im Präs.Ind. gehäuft auftreten, im Konj. I dagegen z. B. nicht. Das liegt daran, dass es Unterschiede in der Gebrauchsfrequenz zwischen den Flexions‐ formen ein und desselben Wortes gibt (Kategorienfrequenz). Indikativ-Präsens-For‐ men werden häufiger gebraucht als z. B. Konjunktivformen (vgl. Tomczyk-Popińska 1987). Die häufiger gebrauchten Formen werden dadurch schneller kurz als die übrigen. Gleichzeitig wird durch die Kürzung einiger, aber nicht aller, Formen das Paradigma in sich differenzierter: Das gekürzte Präs.Ind. unterscheidet sich nun deutlich vom Konj.I. Bei gewöhnlichen Verben ist diese Zäsur kaum - und wenn, dann nur durch Suffixe - markiert: ich lache/ lache, sie lacht/ lache. Sie wird durch selektive Kürzung und den dadurch entstehenden Konsonantenwechsel im Stamm vertieft (sie hat/ habe). Das gilt für das nhd. standardsprachliche Paradigma, in dem b-lose Formen mit kurzem [ a ] tendenziell die am häufigsten gebrauchten Positionen ausfüllen: Die 3.Ps.Sg.Präs. hat etwa ist die meistgebrauchte Form von allen. Dagegen halten sich b-haltige Formen mit langem [ aː ] in seltener genutzten Funktionen (z. B. Konj.I sie habe). Ein Konsonantenwechsel zum Ausdruck von Flexionsinformationen ist äußerst selten. Nur wenige sehr häufig genutzte Verben haben heute (noch) diese Eigenschaft 84 3 Morphologischer Wandel <?page no="85"?> (ziehen, sein, gehen). Wenn sich die Wortformen eines Flexionsparadigmas so stark unterscheiden, spricht man von Suppletion, die in 3.1.5.2 genauer erklärt wird. Betrachtet man das Paradigma von haben in der Alltagssprache, so haben sich Kurzformen noch stärker durchgesetzt. Hier sind der Kurzvokal und die b-lose Form hochfrequent, auch in 1./ 3. Ps.Pl.Präs. mit Assimilation haben > habm > ham. Die Tendenz zur Kürzung unter Hochfrequenz konnte hier ungehinderter greifen als in geschriebener Standardsprache. Kurz- und Langformen von haben sind auch in gesprochener Sprache nicht zufällig verteilt. Droste (2020) hat verschiedene Faktoren getestet, die die Wahl einer Kurz- oder Langform beeinflussen können. Dabei hat sich gezeigt, dass die Position in der Satzklammer am besten vorhersagt, ob eine Kurz- oder eine Langform auftritt. Kurzformen treten bevorzugt in der linken Klammer auf, Langformen in der rechten Klammer. Damit stützt die Verteilung der Varianten von haben auf syntaktischer Ebene das perzeptionsorientierte Klammerprinzip, das in 4.1.1 ausführlich besprochen wird. Mit der steilen Karriere von haben auf der funktionalen Seite (Grammatikalisierung zum Perfekt-Hilfsverb) und der damit verbundenen Zunahme an Gebrauchsfrequenz korreliert also auf der formalen Seite die Irregularisierung vom regulären Verb, das Teil der großen schwachen Klasse war, zum suppletiven Einzelverb. Das passiert in der für Sprachwandel rasanten Geschwindigkeit von wenigen Jahrhunderten. Mehr zur Irregularisierung von haben und weiteren Verben findet sich in Nübling (1999b, 2000, 2001a). In 3.1.5.3 wird mit der flexionsmorphologischen Ökonomie ein Modell vorgestellt, das vorhersagt, dass bei häufigem Gebrauch Kürze und Differenzierung im Paradigma entstehen und dass dies für die Kommunizierenden kognitive Vorteile erbringt. Die folgenden Kapitel fragen, ob hinter den in bisher in 3.1.2-3.1.4 beschriebenen Entwicklungen übergreifende Prinzipien flexionsmorphologischen Wandels stecken. Es wird außerdem diskutiert, inwiefern man den Verlauf und die Ergebnisse flexivi‐ schen Wandels vorhersagen kann. Ausgehend von den Daten geht es also jetzt in die Theorie. 3.1.5 Ist flexivischer Wandel vorhersagbar? 3.1.5.1 Analogie - ein Mechanismus morphologischen Wandels Wie oben angedeutet, werden mit dem Begriff Analogie traditionell Veränderungen von Wörtern oder Wortformen nach dem Muster anderer Wörter bzw. Wortformen bezeichnet (zuerst systematisch beschrieben bei Paul 10 1995: Kap. V). Dabei besteht zwischen der Vorlage und der veränderten Einheit eine inhaltliche oder formale Ähn‐ lichkeit, an die angeknüpft wird. Folgendes Beispiel zeigt eine sehr unwahrscheinliche Analogie, bei der scherzhaft aufgrund der Formähnlichkeit zu denken ein „neues“ Prät. zu lenken gebildet wird: Der Mensch denkt, Gott lenkt. Der Mensch dachte, Gott … 3.1 Flexionsmorphologischer Wandel 85 <?page no="86"?> Ja, lachte. Eine sog. proportionale Analogie hat vier Teile und ähnelt damit einer Gleichung. Im Beispiel: - ‘Präs.’ denkt : ‘Prät.’ dachte - = ‘Präs.’ lenkt : ‘Prät.’ X → X = lachte Denken bildet hier das Modell für lenken. Aus der phonologischen Ähnlichkeit der Präsens-Form denkt mit lenkt wird geschlossen, dass sich beide Verben auch auf der abgeleiteten Seite der Gleichung ähneln müssen; entsprechend wird lachte analog zu dachte gebildet. Diese Analogie ist nicht nur deshalb unwahrscheinlich, weil es lachte schon mit anderer Bedeutung gibt, sondern auch, weil denken ein hochgradig irreguläres Verb ist. Das heißt seine Formenbildung funktioniert nicht nach klaren Regeln, sondern muss für dieses eine Verb gelernt werden, weil kaum andere Ver‐ ben so funktionieren (nur bringen hat ein ähnliches Prät.). Das Muster von denken ist nicht produktiv. Produktivität und deren Wandel wird in der Forschung sehr unterschiedlich bestimmt (z. B. Haspelmath/ Sims 2 2010: Kap. 6). Für unsere Zwecke genügt es festzuhalten, dass ein Flexionsmuster voll produktiv ist, wenn es für die Flexion neu in den Wortschatz aufgenommener Wörter genutzt wird (z. B. streamen, streamte, gestreamt) und wenn schon vorhandene Wörter, die ihre Flexion wechseln, zu diesem Muster übergehen, z. B. molk > melk-te. Beides ist bei denken nicht der Fall; vielmehr gilt es für das reguläre und produktive Muster der schwachen Verben. Die Gegenrichtung, denken nach den schwachen Verben wie lenken anzupassen, wäre also viel wahrscheinlicher. Sie wurde in Dialekten tatsächlich eingeschlagen, z. B. rheinfränk. isch hon gedengt ‘ich habe gedacht’. Ein Flexionsmuster kann umso eher als Analogievorlage dienen, je höher seine Typenfrequenz ist, d. h. je größer die Anzahl der Wörter im Lexikon, die bereits dem Muster angehören. Eine hohe Typenfrequenz ist ein Indiz für Produktivität in der Vergangenheit - und ein stabiler Ausgangspunkt für die Übertragung des Musters auf neue Einheiten. Die zahlreichen und einfach mit dem sog. Dentalsuffix -tfunktionierenden schwachen Verben (wie lenk-te, gelenk-t) sind damit als Vorlage bestens geeignet. Ihnen haben sich in der Sprachgeschichte des Dt. mehrere früher starke Verben angeschlossen, z. B. bellen. Typenfrequenz kann allerdings nicht der alleinige Faktor für Produktivität sein. Das zeigt der fnhd. Zuwachs der ursprünglich sehr kleinen Lämmer-Klasse (neutrale iz/ az-Klasse), der mit der besonders deutlichen Pluralmarkierung dieser Klasse zu tun hat (s. 3.1.2). Zurück zu den Verben: Starke Verben sind zwar nicht so irregulär wie denken - ihre Bildungsweise ist einfacher und hat eine höhere Typenfrequenz. Trotzdem sind sie irregulärer (unregelmäßiger) als schwache: Sie haben viel weniger Mitglieder (ca. 169 gegenüber ca. 4000 schwachen Simplizia, Augst 1975a) und bilden ihre Formen mit unterschiedlichen, schlecht vorhersagbaren Vokalwechseln statt mit t-Suffigie‐ rung. Man kann also Grade von (Ir-)Regularität und Produktivität ansetzen. Manche 86 3 Morphologischer Wandel <?page no="87"?> Ablautmuster starker Verben, die relativ viele Mitglieder haben, haben vereinzelt Neuzugänge aufgenommen, z. B. pfeifen - pfiff - gepfiffen nach dem Muster ei - i - i von Verben wie greifen. Die verschiedenen Stämme starker Verben sind wie bei denken als ganze im mentalen Lexikon gespeichert und untereinander vernetzt. Geht der Zugang zu einer dieser Formen verloren, dann wird auf das produktive schwache Muster zugegriffen. Seit der (f)nhd. Phase gehen so mehrere ehemals starke Verben zum schwachen Muster über (neben bellen, z. B. pflegen sowie gegenwärtig melken und backen). Die Sprechenden vergessen schrittweise die starken Formen, weil die mit ihnen ausgedrückten Konzepte z. B. durch Wandel der Lebensumstände nicht mehr so häufig versprachlicht werden wie früher, und bilden in Analogie zum schwachen Muster neue Formen (genauer behandelt in Kap. 10.1.2): - X-en : X-te : ge-X-t - - bell-en : boll : ge-boll-en → bell-te, gebell-t Man kann Analogie noch danach klassifizieren, ob das Vorbild aus dem eigenen Paradigma oder aus fremden Paradigmen stammt. Beim Ausgleich von Kasusumlaut haben wir gesehen, dass die Vorlage der Analogie entweder im eigenen Paradigma oder im Paradigma der a-Klasse liegen konnte (z. B. bei ahd. ‚Lamm‘ Gen. lembires → lambes nach dem eigenen Nom./ Akk. lamb oder nach dem umlautlosen Gen.Sg. der a-Klasse, z. B. tag-es). Im ersten Fall liegt eine intraparadigmatische Analogie vor. In den meisten Fällen dieses Typs haben wir es mit Ausgleichsprozessen zu tun. Wenn das Muster von anderen Paradigmen geliefert wird wie bei der zweiten Möglichkeit, liegt eine interparadigmatische Analogie vor. Hier ist nicht nur Ausgleich möglich, für den wir oben mit der 2.Ps.Sg. -st ein Beispiel gegeben haben (3.1.3). Nein, hier kann sich auch eine zusätzliche Differenzierung herausbilden, wie wir beim analogischen Pl.-Umlaut gesehen haben (3.1.2). Analogie muss also nicht zwingend vereinfachend wirken. Die Vorlage für analogische Anpassungen kann ein einzelnes Wort sein. Das wäre eine proportionale Analogie i.e.S., wie sie z. B. für kaufen - käufst zu laufen - läufst wahrscheinlich ist. Das Muster kann aber auch eine mittelgroße Gruppe vernetzter, gleich funktionierender Wörter (wie starke Verben auf ei - i - i, die z. B. pfeifen und weisen angezogen haben) oder eine große Flexionsklasse wie die schwachen Verben bilden. Wenn die gemeinsamen Eigenschaften einer größeren Gruppe von Wörtern die Vorlage und gleichzeitig die Zugangsbedingung für einen Beitritt liefern, wird auch der Begriff Schema verwendet (einführend z. B. Köpcke 1993: Kap. 1.5). Zum Beispiel bilden die starken Verben singen, klingen, schwingen etc. ein phonologisches Schema, bei dem im Stammauslaut -[ ɪŋ ] mit -[ ʊŋ ] alterniert. In dieses Schema wurde in westmd. Dialekten das Verb bringen aufgenommen, das die Zugangsbedingung erfüllt und das Partizip gebrung ausgebildet hat (dazu Bellmann u. a. 1995, Kt. 501.1-2). 3.1 Flexionsmorphologischer Wandel 87 <?page no="88"?> Wenn eine große, sehr produktive Klasse (wie die schwachen Verben) als Muster dient, sprechen viele von Regel. Der Unterschied besteht in der jeweiligen Zugriffs‐ domäne: Während Analogie und Schema als Muster auf die Repräsentationen der ein‐ zelnen Wörter im mentalen Lexikon zugreifen (und daher auch inhaltliche oder formale Ähnlichkeit als Bedingung fordern), nehmen Forschende zum Teil von Regeln an, dass sie unabhängig von den Wörtern gespeichert sind, die nach ihnen funktionieren. Damit wären sie allgemein, ohne Rücksicht auf formale oder inhaltliche Einschränkungen, anwendbar. Für andere Forschende sind Regeln nur besonders offene, durch eine hohe Mitgliederzahl gestützte Schemata (mehr dazu in Köpcke 1993: 65-74, 1998, Bybee 2001). Analogie ist auch dafür verantwortlich, dass inhaltlich zusammengehörige Flexions‐ formen, die sich formal durch phonologischen Wandel stark voneinander entfernt haben, wieder zusammengerückt werden. Vereinheitlichungen innerhalb von Flexions‐ paradigmen haben wir oben beim Abbau von Kasusumlauten beim Substantiv und beim Ausgleich des präteritalen Numerusablauts beim starken Verb schon als analogischen Ausgleich (engl. leveling) kennengelernt. Analogischer Ausgleich wirkte z. B. auch bei der analogischen Dehnung im Fnhd. Formen mit geschlossener Silbe wurden normalerweise nicht vom phonologischen Prozess der Dehnung ergriffen. Wenn aber in den anderen Formen im Paradigma der Stamm eine offene Silbe hatte und deshalb lautgesetzlich gedehnt wurde, dann wurden die Formen mit geschlossener Silbe dem angepasst, z. B. fnhd. st[ a ]b vs. des st[ aː ].bes, dem st[ aː ].be → (f)nhd. St[ aː ]b, des St[ aː ]bes etc. (s. Kap. 2.5.5). Analogischer Ausgleich wirkt typischerweise in Flexionsparadig‐ men, also zwischen den Formen eines Wortes. Bei Wörtern einer Wortfamilie, die nur durch Wortbildung verwandt sind, deren semantischer Zusammenhalt also weniger eng und bewusst ist, tritt er dagegen kaum ein: Während z. B. die Flexionsformen von heben einander angeglichen wurden, mhd. heven - huoben > nhd. heben - hoben, ist das auf der Wortbildungsebene nicht passiert. Der Pilz, der den Teig anhebt, heißt immer noch Hefe, nicht *Hebe. Diese unterschiedliche Tendenz zu analogischer Anpassung zwischen Flexion und Wortbildung gilt auch auf der graphematischen Ebene (s. Kap. 9.1.3, vgl. z. B. alt - älter, aber Eltern). Analogie muss aber wie gesagt nicht immer regularisierend wirken und auch nicht immer eine Vorlage innerhalb des eigenen Paradigmas haben: Die Numerusprofilie‐ rung durch analogischen Pluralumlaut (3.1.2) ist eine interparadigmatische Analogie, die zu einer deutlicheren Numerusdifferenzierung führt. Und der in Kap. 3.1.4 vorge‐ stellte Fall haben zeigt, wie ein reguläres schwaches Verb durch interparadigmatische analogische Angleichung an irreguläre Verben wie gân und stân kurze, deutlicher differenzierte Formen entwickelt hat. Das Analogiekonzept mit seiner Erweiterung der Schemata beschreibt plausibel, wie flexivischer Wandel ablaufen kann. Ein großes Problem ist dabei aber, dass es allein weder Vorhersagen erlaubt, in welche Richtung analogischer Ausgleich erfolgt, noch im Nachhinein erklären kann, warum gerade diese Richtung eingeschlagen wurde. Oben haben wir bereits zwei Faktoren eingeführt, die Vorhersagen über 88 3 Morphologischer Wandel <?page no="89"?> die Ausgleichsrichtung erlauben: die Einfachheit der Bildungsweise, also additiver Tempusausdruck schwacher Verben vs. modulativer Ausdruck starker Verben (lach-te vs. sang) und die Typenfrequenz, also die Anzahl der Wörter im Lexikon, die nach einem Muster flektieren (viele schwache gegenüber wenigen starken Verben). Wir werden sehen, dass weitere Faktoren im Spiel sind. Im Folgenden werden klassische morphologische Theorien vorgestellt, die eindeutige Vorhersagen zur Richtung mor‐ phologischen Wandels machen. Zentral ist bei allen die Frage nach dem Verhältnis von Form und Funktion, die aber sehr unterschiedlich ausgelegt wird. 3.1.5.2 Ikonizität im Funktion-Form-Verhältnis: Morphologische Natürlichkeit und ihre Relativierung Die morphologische Natürlichkeitstheorie (im Folgenden NT; Mayerthaler 1981, Wur‐ zel [1984] 2001, 1994; Dressler u. a. 1987) ist ein Klassiker unter den morphologischen Theorien. Sie wird hier vorgestellt, weil sie das Bewusstsein für Zusammenhänge zwischen Form und Funktion schärft und eindeutige Voraussagen macht, die sich überprüfen lassen. Wie alle sprachlichen Zeichen haben auch Flexive eine Inhaltsseite, die die gram‐ matische Information (Funktion) enthält, und eine Ausdrucksseite (Form), in der diese Information verpackt ist. Für die NT in ihrer Urfassung (Mayerthaler 1981) wäre es ideal, wenn dabei einer Form immer genau eine Funktion zugeordnet wäre und umgekehrt, wenn also ein 1: 1-Verhältnis bestünde. Betrachtet man dieses Verhältnis von der Funktion aus und schaut auf die Form, kann man von Uniformität sprechen. Betrachtet man es aus der umgekehrten Richtung von der Formseite her und schaut auf die Funktion, kann man den Terminus Transparenz benutzen (vgl. Mayerthaler 1981). Uniformität 1 Funktion 1 Form Transparenz Im Dt. gibt es nur wenige uniforme und transparente Flexive: Uniform wird heute z. B. die Funktion ‘2.Ps.Sg.’ durch das Flexiv -(e)st symbolisiert, Transparenz besteht aber nicht, weil diese Form nicht nur 2.Ps.Sg., sondern auch den Superlativ von Adjektiven markiert. Dem Flexiv -end ist dagegen transparent die Funktion ‘Part.Präs.’ zugeordnet (z. B. lebend, singend), die es auch ohne Alternativen, also uniform, symbolisiert. Damit ist es die große Ausnahme unter den Flexiven des Dt. Wir haben in den Fallbeispielen beobachtet, dass im Dt. fast immer gegen die 1: 1-Zuordnung in beiden genannten Zuordnungsrichtungen verstoßen wird: Den Verstoß gegen die Uniformität, den man Allomorphie nennt (mehrere Formen für dieselbe Funktion), haben wir an der Pluralbildung und der Verbflexion kennengelernt. Wir haben auch gesehen, dass Allomorphie für bestimmte Kategorien (Tempus beim 3.1 Flexionsmorphologischer Wandel 89 <?page no="90"?> 3 Für Wurzels spätere Version der NT ([1984] 2001) ist Allomorphie dann stabil, wenn sie an nicht-morphologische Eigenschaften gekoppelt wird, die sie vorhersagbar machen. Das lässt sich z. B. an den nach Belebtheit reorganisierten schwachen Maskulina zeigen oder an starken Verben, die sich in Gruppen mit ähnlichen phonologischen Strukturen wie -inghalten. Wurzels Annahme erklärt aber nicht jeden Erhalt von Allomorphie. Zum Beispiel ist die Verteilung von Umlaut bei Maskulina mit e-Pl., die bei ca. 50 % liegt (z. B. Hunde vs. Gründe), nicht mit formalen oder semantischen Merkmalen vorhersagbar. 4 Innerhalb der Periphrase wirken auch stärker fusionierende Verfahren (Affigierung, Modulation, Suppletion beim Hilfsverb), und die Funktion der Periphrase selbst wird durch die Kombinatorik ihrer Teile bestimmt: habe/ hatte ge-sung-en vs. ist/ wird/ würde ge-sung-en/ sing-en (mehr dazu in Kap. 12.1-12.2.3 und 13). Verb, Numerus beim Nomen) geduldet und sogar ausgebaut, für andere Kategorien (Person und Numerus beim Verb, Kasus beim Nomen) dagegen abgebaut wurde. 3 Dasselbe gilt für den Verstoß gegen die Transparenz, den wir schon als Synkretismus kennengelernt haben. Wir haben gesehen, dass Synkretismen in der Flexion mit der mhd. Nebensilbenreduktion sprunghaft zunehmen und dass diese Unterspezifikation wiederum am Nomen bei Numerus oft beseitigt, bei Kasus dagegen toleriert wird. 1 Funktion : 1 Form genügt der NT aber noch nicht: Eine weitere Grundannahme besteht darin, dass einem inhaltlichen Mehr immer auch ein formales Mehr entspre‐ chen sollte (konstruktioneller Ikonismus). Wir konnten schon feststellen, dass grammatische Informationen auf verschiedene Weise ausgedrückt werden können. Die verschiedenen Ausdrucksverfahren für grammatische Inhalte werden hier noch einmal detaillierter vorgestellt. Sie lassen sich entsprechend dem Grad, in dem der Ausdruck der Information mit dem Stamm (lexikalische Basis) fusioniert, auf einer Skala anordnen (Abb. 24). Abb. 24: Fusionsgrad grammatischer Ausdrucksverfahren Das Verfahren mit der lockersten Bindung zwischen Basis und grammatischer In‐ formation ist der periphrastische (oder: frei grammatische) Ausdruck durch eine syntaktische Konstruktion. Beispiele dafür sind das Perfekt mit haben/ sein oder der Definitartikel in der Nominalphrase. Periphrastischer Ausdruck gehört nicht zu den morphologischen Verfahren, er transportiert aber wie Letztere grammatische Inhalte und kann sich diachron zu einem morphologischen (affigierenden) Verfahren entwi‐ ckeln (s. Kap. 11.1.1 und 12.2). 4 90 3 Morphologischer Wandel <?page no="91"?> Bei dem morphologischen Verfahren der Affigierung (z. B. bell-te) fusioniert der Ausdruck der grammatischen Information stärker mit der Wurzel: Hier bilden lexika‐ lische Basis und grammatische Information zusammen ein Wort. Die Affigierung ist für die NT das optimale Ausdrucksverfahren, weil die grammatische Information additiv angehängt wird, dadurch gut segmentiert werden kann und weil einem inhaltlichen Mehr (hier 1./ 3.Ps.Sg.Prät.) ein formales Mehr (hier -te) entspricht. Bei der Stammalternation (auch Binnen-, innere Flexion) ist das nicht der Fall. Hier fusioniert der Träger grammatischer Informationen stärker mit der Basis. Dabei kann man verschiedene Grade unterscheiden: Umlaut bildet ein typenfrequentes und regelmäßiges Muster (-/ + palatal) und ist damit gut vorhersagbar (sang - sänge, Grund - Gründe, stoße - stößt). Ablaut ist irregulärer, weil ihn weniger Lexeme zur Formenbildung nutzen und weil er nicht vorhersagbar ist (singen - sang, reiten - ritt). Konsonantenwechsel sind noch seltener und damit irregulärer, z. B. ich z[ iːə ] - z[ oːk ]. Die NT in ihrer Urfassung würde prognostizieren, dass alle Stammalternationen zu‐ gunsten additiver Verfahren abgebaut werden. Diachron konnten wir aber beobachten, dass das nur teilweise eintritt. Umlaut und Ablaut wurden für Numerus und Person beim Verb und für Kasus beim Nomen abgebaut, für Tempus beim Verb und Numerus beim Nomen im Gegenteil beibehalten und sogar ausgebaut. Bei haben konnten wir die Entstehung neuer Stammalternation beobachten. Modulation allein scheint also nicht problematisch zu sein, aber sie wird nicht im ganzen Flexionssystem gleichermaßen toleriert. Als zusätzliche Bedingungen kommen hinzu, welche Kategorie, also welche Art von Information, modulativ ausgedrückt wird und wie häufig das Lexem genutzt wird. Der Gipfel der Stammalternation ist Suppletion, d. h. das Paradigma wird aus mehreren unterschiedlichen Stämmen zusammengesetzt. Sie kann wie z. B. bei denken durch angehäuften Lautwandel (phonologische Suppletion) oder beschleunigten Lautwandel und differenzierende Analogie (wie bei haben) entstehen (morphologi‐ sche Suppletion) oder es können mehrere früher selbstständige Wörter zu einem Paradigma kombiniert werden (lexikalische Suppletion): So setzt sich bei sein - bin - war das Paradigma aus drei ie. Wortwurzeln zusammen (vgl. z. B. Schweikle 5 2002: 176-178). Zur Entstehung von Suppletion s. Ronneberger-Sibold (1987), Nübling (1999b), zu ihrer Gradualität Corbett (2007), Dammel (2008), einführend Veselinova (2017). Die Verfahren, die innnerhalb einer Wortform greifen, Affigierung, Modulation und Suppletion, werden auch als synthetisch bezeichnet, das separierende Verfahren der Periphrase als analytisch. Darauf basiert eine traditionelle Klassifikation der Sprachtypologie, die in Kap. 12 diskutiert wird. Dort wird hinterfragt, inwieweit das Dt., wie häufig zu lesen, diachron vom synthetischen zum analytischen Sprachbau driftet. Ein weiterer Parameter neben dem Fusionsgrad ist Mehrfachvs. Nullausdruck: Mehrfachausdruck ist die Kombination mehrerer formaler Einheiten zum Ausdruck nur einer grammatischen Information, z. B. Affix + Umlaut wie in Stäb-e, Wört-er. 3.1 Flexionsmorphologischer Wandel 91 <?page no="92"?> Demgegenüber bedeutet Null-Ausdruck, dass gar keine formale Markierung erscheint (meist wird das auf andere Weise kompensiert, wie bei der/ die Löffel am Artikel). Weil es sich auch hier um Verstöße gegen 1 Form : 1 Funktion handelt, sagt auch hier die frühe NT voraus, dass beides abgebaut werden sollte. In Kap. 3.1.2 haben wir am Wandel der Substantivflexion gesehen, dass Mehrfachausdruck sehr häufig ist (Umlaut + Flexiv: Gründ-e, Lämm-er) und diachron Zuwachs erhält. Null-Ausdruck (i. d. R. durch reduktiven Lautwandel entstanden) wurde bei Numerus oft abgebaut, bei Kasus aber geduldet oder sogar morphologisch erzeugt. Auch hier scheint also nicht das Verfahren an sich problematisch zu sein, sondern es spielt wieder eine Rolle, um welche Art von Information es sich handelt und ob diese anderweitig, hier in der Nominalphrase, markiert ist. Die NT (vgl. Mayerthaler 1981 und dies relativierend Wurzel 1994) prognostiziert also, dass morphologischer Wandel erstens in Richtung 1: 1-Verhältnis von Funktion und Form tendieren sollte, zweitens sollte er zu einem ikonischen Verhältnis zwischen Inhalt und Ausdruck tendieren, d. h. einem inhaltlichen Mehr sollte ein ausdruckssei‐ tiges Mehr entsprechen. Additive Verfahren wie das schwache Dentalsuffix oder ein Pluralallomorph ohne Umlaut sollten sich also durchsetzen und die Lernbarkeit des Systems erhöhen. Dem wirken jedoch andere Faktoren wie der in 3.1.5.3 vorgestellte Faktor der Gebrauchsfrequenz entgegen. Die NT wurde mehrfach modifiziert, um solchen Verhältnissen gerecht zu werden (vgl. dazu Wurzel 1994, [1984] 2001). Es bleibt noch die Frage zu klären, was man überhaupt unter einem semantischen Mehr verstehen sollte: Die Werte einer Flexionskategorie, z. B. Sg. vs. Pl., Präs. vs. Prät., Ind. vs. Konj. haben nicht den gleichen Status; zwischen ihnen gibt es Hierarchien. Wenn eine Sprache z. B. den Dual (die Zweizahl) markiert, dann markiert sie immer auch den zugehörigen Normalfall Plural. Das umgekehrte Verhältnis findet man nicht in den Sprachen der Welt. Baut eine Sprache Werte ab, dann immer eher den Dual als den Plural, so wie es in den germ. Sprachen geschehen ist (vgl. Greenberg 1966/ 2005: 31-34, Croft 1990: Kap. 4). Die Werte sind also nicht gleich gewichtet, sondern ein Wert bildet die Basis, für die NT ist er „semantisch unmarkiert“; der andere Wert (oft auch mehrere) ist davon abgeleitet bzw. „semantisch markiert“. Kategorie Basiswert abgeleitete Werte Numerus Sg. Pl., (Dual) Kasus Nom. andere Kasus Tempus Präs. Prät. Modus Ind. Konj. I, II, Imp. Man kann die Entscheidung, welcher Wert die Basis bildet, kognitiv-semantisch begründen wie Mayerthaler (1981): Für Sprechende ist das Jetzt weniger markiert als Vergangenes oder Zukünftiges, das Reale weniger als Irreales, ein einzelnes Agens weniger als eine Gruppe etc. Als weitere Indizien werden Faktoren wie z. B. der frühe Erwerb eines Kategorienwerts einbezogen. Doch schon bei der Kategorie Genus entstehen Probleme, weil ein objektiver Maßstab fehlt. Warum soll Maskulinum das 92 3 Morphologischer Wandel <?page no="93"?> 5 Für die NT und andere konzeptuell argumentierende Ansätze ist Gebrauchsfrequenz nur ein Epiphänomen von konzeptueller (Un-)Markiertheit. Zu einer Diskussion dieser Frage s. Haspelmath (2006). unmarkierte Genus sein? Eine Alternative sind Ansätze, die die Gebrauchshäufigkeit der Werte als Basis nehmen, s. u. 3.1.5.3. Die Unterscheidung zwischen Basiswert und abgeleitetem Wert ist aus mehreren Gründen wichtig, wenn man flexivischen Wandel untersuchen möchte. Die NT würde voraussagen, dass der semantisch unmarkierte Basiswert auch formal unmarkiert sein sollte. Der abgeleitete Wert als semantisches Mehr sollte dagegen am besten additiv durch ein Affix symbolisiert werden. So bildet bei analogischem Ausgleich der Basiswert meist das Muster, an das sich abgeleitete Formen anpassen (z. B. senden - sandte → senden - sendete, nicht aber *sanden - sandte). Eine zentrale Forderung der frühen NT ist, dass morphologischer Wandel immer ein ikonisches Verhältnis zwischen semantischer und formaler Abgeleitetheit herstellen sollte (s. o., konstruktioneller Ikonismus). Das heißt: Eine Form, die semantisch komplexer ist, z. B. Pl. gegenüber Sg., sollte auch formal komplexer sein; parallel zum inhaltlichen sollte auch ein formales Mehr hinzutreten. Diese Forderung wird z. B. erfüllt von Wort - Wort-e, der mhd. Null-Plural Sg. wort - Pl. wort verstößt jedoch dagegen. Hier lautet die Prognose, dass (wenn morphologischer Wandel überhaupt stattfindet) eine neue formale Markierung des Pl. entsteht, was ja mit Worte in der Tat der Fall ist (die Dublette Wörter ist dagegen problematisch für die NT). Genau dieselbe Entwicklung, dass eine materielle Markierung entstehen müsste, würde die NT allerdings auch für Kasussynkretismen voraussagen wie (die/ der) Worte. Wie wir in 3.1.2 gesehen haben, bleiben diese Syn‐ kretismen aber bestehen bzw. werden noch verstärkt, z. B. durch die Verschmelzung der femininen Klassen. Eine differenziertere Prognose liefert hier das unten in 3.1.5.4 vorgestellte Relevanzkonzept, das die Qualität des semantischen Mehr mit einbezieht (Numerus oder Kasus? Person oder Tempus? ). 3.1.5.3 Gebrauchs(frequenz)basierte Ansätze Eben haben wir festgehalten, dass es schwierig ist, einen objektiven Maßstab dafür zu finden, welcher Wert einer Flexionskategorie der Basiswert und welcher der abgelei‐ tete, semantisch markierte Wert ist. Zu ganz ähnlichen Ergebnissen wie die NT, doch mit dem Vorteil, einen solchen objektivierbaren Maßstab zu haben, kommen Ansätze, die für die Bestimmung des Basiswerts die relative Kategorienfrequenz der Werte zugrunde legen: 5 Der Wert, der häufiger benutzt wird, ist der Basiswert. Im Normalfall wird etwa Sg. häufiger als Pl., Nom. häufiger als andere Kasus, Präs. häufiger als Prät. gebraucht etc. Bei analogischem Ausgleich gewinnt oft der kategorienfrequentere Wert, z. B. bei dem oben erwähnten senden mit Ausgleich nach dem Präsens. Interessant sind hier solche Ausnahmefälle, bei denen der eigentlich abgeleitete Wert häufiger vorkommt als der Basiswert, z. B. Konzepte, die semantisch gesehen schon paarig/ pluralisch sind, etwa Körperteile oder Herdentiere: Bei ihnen ist der Pl. relativ 3.1 Flexionsmorphologischer Wandel 93 <?page no="94"?> frequenter als der Sg., und hier kann sich analogischer Ausgleich ausnahmsweise nach dem sonst abgeleiteten Wert richten. Ein berühmtes Beispiel ist das Westfriesische. Dort wurden bestimmte Stammalternanzen bei Substantiven, die häufiger im Pl. als im Sg. gebraucht werden, nach der Pluralform ausgeglichen, z. B. in ‘Arm - Armeʼ: Sg. earm - Pl. jermen → Sg. jerm - Pl. jermen (ähnlich für ‘Zähne’, ‘Gänse’ u. a., Tiersma 1982). Auch für bairische Dialekte führt Fenk-Oczlon (1991: 380f.) mit an Äpfl „ein Äpfel“ ein Bsp. für die Generalisierung der Pluralform an. Kategorienfrequenz ist also ein Indikator dafür, wie fest eine Form im mentalen Lexikon verankert ist. Der Kategorienwert, der seltener genutzt wird, ist anfälliger für analogischen Ausgleich nach dem häufiger genutzten Wert (s. auch Haspelmath/ Sims 2 2010: Kap. 12). Kategori‐ enfrequenzen der Verbformen im gesprochenen dt. Standard geben Tomczyk-Popińska (1987) und Rabanus (2008: 288-289) an, für das Nomen s. Meier ( 2 1967). Aber nicht nur im Vergleich der Formen eines Paradigmas, auch im Vergleich der Wörter einer Wortart sorgen Unterschiede in der Gebrauchsfrequenz für unterschiedli‐ che Grade an Kürze, Differenzierung und (Ir-)Regularität und damit für Verstöße gegen das 1: 1-Prinzip. Hat ein Wort eine hohe Gebrauchsfrequenz (auch: Tokenfrequenz), d. h. werden seine Formen im laufenden Text gegenüber anderen Wörtern häufiger benutzt, dann sind sie besser im mentalen Lexikon der Sprechenden verankert. Solche Wörter sind weniger anfällig für analogischen Ausgleich. So sind viele der heute noch starken Verben sehr gebrauchsfrequent, sie gehören zum Grundwortschatz (z. B. schlafen, fahren, nehmen, für Zahlen s. Kap. 10.1.2). Abb. 25: Rolle der Gebrauchsfrequenz (nach Werner 1987a: 300) Den folgenden Überlegungen (s. Werner 1987a und Abb. 25, vgl. auch Harnisch 1990) liegt der Gedanke zugrunde, dass Kommunizierende ökonomisch mit der Morphologie ihrer Sprache umgehen. Dabei stehen sie im Spannungsfeld zwischen zwei gegensätzlichen Bedürfnissen, die an die Gebrauchsfrequenzverhältnisse der Flexionsformen gekoppelt sind. Zum einen wäre ein hoher kognitiver Aufwand damit verbunden, wenn man alle, auch selten genutzte Formen wie küren - kürte, fertig zusammengesetzt im Gedächtnis gespeichert hätte. Deshalb gibt es für diesen Fall einfache Regeln, nach 94 3 Morphologischer Wandel <?page no="95"?> 6 Auch schwache Verben können frequent und ganzheitlich gespeichert sein, wie es für z. B. sagen wahrscheinlich ist. Im Standard ist hier keine Irregularisierung eingetreten, in vielen Dialekten aber schon, z. B. im Westmd. mit Vokalwechsel in 2./ 3.Ps.Sg. isch soe(n) - du seest, sie seet. denen man Formen bei Bedarf bilden kann und nach denen eine große Zahl an Wörtern funktioniert (hohe Typenfrequenz). Das Muster der schwachen Verben ist ein Beispiel dafür. Hier finden sich am ehesten die natürlichkeitstheoretisch idealen 1: 1-Strukturen mit additiven Markern. Für sehr gebrauchsfrequente Formen hätte dieses Verfahren dagegen den Nachteil, dass solche Formen länger und damit beim Sprechen aufwän‐ diger sind. Für hochfrequente Wörter lohnt sich daher der Aufwand (bzw. ist der Aufwand gering), die Flexionsformen als ganze im Lexikon gespeichert und damit bei Bedarf parat zu haben, anstatt sie ständig neu zusammensetzen zu müssen. Durch die ganzheitliche Speicherung können sie von den allgemeinen Regeln abweichen, kürzer und deutlicher voneinander unterschieden sein als nicht gespeicherte Formen. Und sie können diachron irreguläre Ausdrucksverfahren beibehalten oder neu entwickeln, wie am Beispiel haben gezeigt. Bei häufigem Gebrauch sind Kürze (besonders bei der Sprachproduktion) und Differenzierung (besonders bei der Sprachwahrnehmung) in der Sprachverarbeitung von Vorteil. 6 Wie entstehen aber Kürze und Differenzierung? Zum einen durch phonologischen Wandel: Sobald die Flexionsformen eines Wortes aufgrund ihrer hohen Gebrauchsfre‐ quenz einzeln ganzheitlich gespeichert werden, werden Unterschiede im Paradigma, die durch Lautwandel entstehen, nicht mehr ausgeglichen, sondern konserviert. Da‐ durch entwickeln sich die einzelnen Formen immer weiter auseinander. Dazu kommt, dass bei häufigem Gebrauch reduktiver Lautwandel stärker greift als im Normalfall. Das wurde in 3.1.4 für die irreguläre Kürzung von -bbei dem hochfrequenten Verb haben > alltagssprachl. ham beschrieben, die bei weniger frequenten Verben der gleichen phonologischen Struktur (etwa graben > *gram) nicht eingetreten ist. Der Gefahr, durch die Kürzung wichtige grammatische Informationen zu verlieren, wirken zusätzliche phonologische Differenzierungen im Wortstamm entgegen. Diese entstehen, weil nicht alle Formen eines Wortes gleich häufig genutzt werden und seltener gebrauchte Formen Reduktionen nicht mitvollziehen. An haben konnten wir beobachten, wie solche Differenzierungen in Form von Stammalternation aufgebaut wurden. So wird trotz Kürze der Bedarf an zusätzlicher Differenzierung gedeckt. Unter Hochfrequenz sind Vokalwechsel wie Umlaut bei Substantiven (Mütter, Töchter) und Ablaut bei starken Verben wie singen - sang - gesungen (s. Kap. 10.1) die Regel. Im höchsten Frequenzbereich kommen weitere Irregularitäten wie zusätzliche Konsonan‐ tenwechsel oder lexikalische Suppletion hinzu, so dass in einem Paradigma mehrere Stämme vorliegen, wie in haben - hatte, geh-en - ging, denk-en - dach-te und sein - bin -war. Irregularität entsteht dabei nicht nur durch angehäuften Lautwandel, der nicht analogisch ausgeglichen wird. Sie entsteht auch auf morphologischem Weg durch irregularisierende Analogie (haben, Mütter) oder lexikalische Suppletion (sein). Wenn die Gebrauchsfrequenz die beschriebenen Auswirkungen hat, dann können Veränderungen der Frequenz zu morphologischem Wandel führen. Am Beispiel starker 3.1 Flexionsmorphologischer Wandel 95 <?page no="96"?> Verben wird das genauer in Kap. 10.1 gezeigt. Dort sehen wir, dass starke Verben (z. B. bellen, melken und teilweise backen und salzen), deren Gebrauchsfrequenz abnimmt, regularisiert werden, weil die Sprechenden die lexikalisierten Formen (ball - gebollen) allmählich vergessen. Hier gehen wir kurz auf das heute sehr selten benutzte Verb küren ein, das im Mhd. noch einen hohen Irregularitätsgrad mit Vokal- und Konsonantenwechseln hatte: kiesen, ih kiuse - er kôr - wir kuren - gekoren. Es war also an Irregularität etwa auf der Höhe von denken in Abb. 25. Weil kiesen zunehmend durch wählen abgelöst wurde, verringerte sich seine Gebrauchsfrequenz. Das führte dazu, dass die irregulären, fusionierenden Formen analogisch ausgeglichen wurden - sie wurden zu selten gebraucht, als dass sie sich die Sprachbenutzer auf Dauer hätten merken können; bei Bedarf ließen sich ja leicht schwache Formen bilden. Und selbst die schwache Prät.-Form wird bei selten gebrauchten Verben wie küren oft durch das noch einfacher gebildete periphrastische Perfekt ersetzt. Dass hohe Gebrauchsfrequenz bzw. deren Zunahme dagegen Irregularität begüns‐ tigt, wurde an haben gezeigt und lässt sich als starke Tendenz sprachenübergreifend bestätigen - betroffen ist immer der Grundwortschatz (s. Veselinova 2017 und die Surrey Suppletion Database zu suppletiven Formen in den Sprachen der Welt https: / / www.smg.surrey.ac.uk/ suppletion/ , 24.04.2025). Für das Dt. kann man die frequenz‐ abhängige Verteilung flexivischer Irregularität aus Frequenzwörterbüchern wie Ruoff ( 2 1990) erschließen. Eine Studie zur Irregularisierung von Verben in zehn germ. Sprachen ist Nübling (2000). Zahlen zur frequenzabhängigen Verteilung irregulärer Pluralallomorphe liefert z. B. Wegener (2003). Man kann also festhalten: Gebrauchsfrequenz bestimmt maßgeblich mit, welche Substantive, Verben und Adjektive regulär und welche irregulär flektieren. Die ver‐ schiedenen morphologischen Verfahren tendieren auch diachron zu einer Verteilung, die Tokenfrequenzbereichen entspricht. Am niederfrequenten Ende der Skala (s. Abb. 25) rangieren analytische und additive Verfahren, die es erlauben, die Formen bei Bedarf jederzeit neu zu bilden, ohne sie sich gedächtnisbelastend merken zu müssen. Am hochfrequenten Ende gelten synthetische Verfahren, bei denen der Ausdruck grammatischer Kategorien in den Stamm eingreift (modulativ, suppletiv). Mit diesem Konzept lässt sich voraussagen, unter welchen Umständen Irregularität entsteht und bewahrt wird und wann sie abgebaut wird, da Veränderungen der Tokenfrequenz langfristig Einfluss auf die Formenbildung haben können. Das Ökonomiemodell erklärt auch, warum das Dt. wahrscheinlich nie ein 1: 1-Verhältnis von Form und Funktion erreichen, sondern immer eine frequenzgerechte Mischung verschiedener Verfahren beibehalten wird (mehr dazu: Werner 1977, 1987a/ b, Ronneberger-Sibold 1987, Nübling 1999b, 2000). Einen weiteren Baustein für funktionale Erklärungen morphologischen Wandels liefert das Relevanzkonzept, das im Folgenden besprochen wird. 96 3 Morphologischer Wandel <?page no="97"?> 3.1.5.4 Hierarchisierung grammatischer Kategorien: das Relevanzkonzept Das Relevanzkonzept (Bybee 1985, 1994) ist ein Modell, das grammatische Kategorien in einem ersten Schritt ausgehend von ihrer Semantik in eine Hierarchie bringt und in einem zweiten Schritt Evidenz dafür aus dem Vergleich vieler, nicht verwandter Sprachen zieht. Bybee hat ihr Konzept für das Verb an 50 nicht verwandten Sprachen getestet. (Zur Hierarchisierung grammatischer Kategorien im Sprachvergleich s. auch Greenberg 1966/ 2005, Comrie 2 1989 und Croft 1990.) Relevanz bezieht sich auf den semantischen Einfluss, den eine grammatische Kategorie, z. B. Numerus oder Kasus, auf ihre Basis, hier das Substantiv, hat. Verändert die Semantik der Kategorie das Konzept der Basis sehr stark, dann ist diese Kategorie als hochrelevant für die Basis einzustufen. Für das Substantiv, das prototypischerweise fassbare Referenten (z. B. Hund) bezeichnet, heißt das (Abb. 26): Numerus modifiziert das Substantiv direkt: Das Konzept der Basis wird vervielfacht. Kasus dagegen lässt das Konzept selbst intakt; lediglich dessen Rolle in der Handlung wird verändert. Kasus ist damit weniger relevant als Numerus. Vgl. z. B. beide Kategorien in Der Hund jagt die Katze. Die Katze jagt den Hund mit Die Katzen jagen den Hund: Ob gejagt oder nicht gejagt - Hund bleibt Hund. Ob aber eine oder mehrere Katzen einen Hund jagen, macht einen großen konzeptuellen Unterschied aus. Numerus ist für das Substantiv also relevanter als Kasus. Definitheit, also die Information, ob es sich um einen im Diskurs bekannten oder unbekannten Referenten handelt (der/ ein Hund), lässt sich im Relevanzgrad vor Kasus einordnen, weil auch sie das Basiskonzept selbst stärker betrifft. Es gibt aber auch Informationen, die noch relevanter als Numerus sind, z. B. die Diminution (Hund - Hündchen). Hier wird das Konzept der Basis noch stärker angetastet: Verkleinerung bzw. Verniedlichung statt nur Vervielfältigung (Die Katze jagt das Hündchen). Auch die Information ‘Geschlechtʼ ist hochrelevant, weil sie das Konzept der Basis stark verändert, z. B. (Die Besitzerin/ Der Besitzer füttert den Hund). Auf diese Weise ergibt sich die obere der beiden Skalen in Abb. 26. Diese semantische Hierarchie ist eine Konstante, d. h. in jeder Sprache der Welt, die beide Flexionskate‐ gorien aufweist, und in jeder Zeitstufe des Dt. ist Numerus relevanter in Bezug auf das Nomen als Kasus, weil Numerus dessen Semantik stärker verändert, und Movierung und Diminution verändern die Semantik der Basis stärker als Numerus und Kasus. Abb. 26: Relevanzhierarchie für das Nomen 3.1 Flexionsmorphologischer Wandel 97 <?page no="98"?> Was wandelbar ist, ist dagegen der formale Ausdruck der Kategorien; und damit sind wir bei der unteren Skala in Abb. 26. Bybee nimmt an, dass der formale Ausdruck einer Kategorie den funktionalen Relevanzgrad idealerweise ikonisch abbildet, dass sich also die rein semantisch bestimmten Relevanzgrade im Grad der formalen Fusion spiegeln. Übertragen auf Wandel bedeutet das, dass morphologischer Wandel zu Formen tendiert, die Relevanzgrade ikonisch abbilden: Je relevanter eine Information für ihre Basis ist, desto näher sollte ihr formaler Ausdruck der Basis stehen und desto stärker sollte er mit dem Ausdruck der Basis verschmelzen. Das Numerusflexiv sollte also der Basis näher stehen und stärker mit ihr fusionieren als das Kasusflexiv; der Ausdruck von Movierung oder Diminution sollte aber noch näher an die Basis treten. Das ist im Sprachvergleich der Fall: Wenn eine Sprache Numerus und Kasus als Flexi‐ onskategorien besitzt und hintereinander markiert, steht Numerus immer dem Stamm näher als Kasus (Greenberg 1963: 75). Das gilt auch für das Dt., seitdem das gemeinsame ahd. Flexiv für Numerus und Kasus aufgelöst wurde: ahd. hunt-um ‘Hund-Dat.Pl.’ → nhd. den Hund-e-n ‘Hund-Pl.-Dat.’). Diachron konnten wir außerdem feststellen, dass der Numerusausdruck formal gestärkt und dass hier mit dem Umlaut ein fusionierendes Verfahren ausgebaut wurde. Wir haben auch beobachtet, dass dies bei Kasus nicht der Fall war, dass hier die Umlaut-Stammalternation und sogar Affixe abgebaut wurden und dass der Kasusausdruck heute v. a. syntaktisch über die Nominalphrase realisiert wird (3.1.2). Das Relevanzprinzip greift hier also nicht nur im Sprachvergleich, sondern auch im Wandel einer Sprache. Definitheit ist die jüngste der Nominalkategorien (erst im Ahd. herangrammatika‐ lisiert, s. 12.2.2). Ihr geringes Alter und die Stellung des Definitartikels vor dem Nomen verhindern eine Fusionierung mit dem Nomen, die nach dem Relevanzkonzept möglich wäre. Hier bleibt es bei einer syntaktischen Konstruktion. Was aber passiert, ist, dass der Artikel mit Präpositionen verschmelzen kann (zum Hund), was in Kap. 12.3.3 genauer besprochen wird. Diminution und Movierung sind so relevant, dass sie nicht über Flexion, sondern über Wortbildung ausgedrückt werden. Der Relevanzgrad ist hier so hoch und die Information so spezifisch, dass eine wichtige Voraussetzung für eine Flexionskategorie nicht erfüllt ist, nämlich die Anwendbarkeit auf alle Basen einer Wortart (Allgemein‐ gültigkeit), vgl. z. B. *Allgemeingültigkeitchen, *-in. Mit dem obligatorischen Umlaut wird hier stark fusioniert, und das Suffix steht basisnah vor dem Numerussuffix (Hünd-inn-en). Die Reihenfolge „Derivation basisnäher als Flexion“ ist eine generelle Tendenz in den Sprachen der Welt. Die Skala in Abb. 26 zeigt, dass für die Relevanzthe‐ orie ein gradueller Übergang zwischen Flexions- und Derivationskategorien besteht, keine scharfe Grenze. So kann man innerhalb der Flexionskategorien auch sagen, dass sich Numerus derivationsähnlicher verhält als Kasus: Er betrifft die Basis direkt und modifiziert sie stark. Solche Flexionskategorien, die die Basis direkt betreffen, nennt man auch inhärent. Kasus bedient dagegen die Syntax und trägt nichts zur Veränderung des nominalen Basiskonzepts selbst bei, er ist daher eine kontextuelle Kategorie. 98 3 Morphologischer Wandel <?page no="99"?> Die relevante Information ‘Geschlechtʼ greift nur bei belebten Referenten. Wenn diese Menschen oder dem Menschen nahe sind, haben wir dafür sogar eigene Lexeme (Hündin - Rüde - Welpe, Frau - Mann, Mädchen - Junge). Ein eigenes Lexem ist der Gipfel der Fusionierung. Betrachtet man die verschiedenen Möglichkeiten der Movierung in Abb. 26, so kann ein und dieselbe Information - je nachdem, wie häufig das Konzept versprachlicht wird, einen ganz unterschiedlichen Fusionsgrad haben. Bei einem Frosch wird die Sexusinformation so selten benötigt, dass wir sie, wenn doch einmal Bedarf besteht, syntaktisch in einer Phrase ausdrücken. Für das Verb, dessen Semantik Handlungen, Vorgänge und Zustände bezeichnet, lässt sich ebenfalls eine Relevanzhierarchie aufstellen: Die Kategorie Tempus (Präsens, Präteritum) ist unter den Flexionskategorien des Dt. am relevantesten für das Verb; sie versetzt die Handlung in eine andere Zeitstufe und betrifft damit das Verb am direktesten. Darauf folgt Modus (Indikativ vs. Konjunktiv, Imperativ): Diese Kategorie modifiziert den Aussagegehalt der gesamten Äußerung, nicht nur des Verbs; die darin eingebettete Handlung wird als nicht-faktisch, z. B. als hypothetisch dargestellt, bleibt in sich aber dieselbe. Noch weniger relevant als Modus sind für das Verb Numerus und Person, die keinen Einfluss auf die Verbhandlung selbst haben, sondern sich auf deren Mitspieler beziehen, und am Verb nur wieder aufgegriffen werden. Person und Numerus sind also wie Kasus beim Substantiv „nur“ kontextuelle Kategorien am Verb. Zusammengefasst führt das zu der Relevanzhierarchie im oberen Teil von Abb. 27: Abb. 27: Relevanzhierarchie für das Verb (vgl. Bybee 1985: 13 - 24, 1994: 2559) Auch hier wird wieder angenommen: Der inhaltliche Relevanzgrad einer Kategorie hat Einfluss auf ihre formale Realisierung. Je stärker eine Kategorie semantisch die Basis modifiziert, desto eher ist zu erwarten, dass auch ihre Ausdrucksseite mit der Ausdrucksseite der Basis verschmilzt. Im Sprachvergleich hat sich diese Annahme mit kleinen Ausnahmen bestätigt (Bybee 1985). Und auch in der Verbflexion des Dt. folgt die formale Symbolisierung synchron wie diachron Relevanzgraden. So steht bei schwachen Verben wie lach-t-en das Tempussuffix -tdem Verbstamm näher als das weniger relevante Person-Numerus-Suffix -en. Diachron hat sich Relevanz als entscheidender Faktor im Kategorienumbau der starken Verben erwiesen: Je geringer der Relevanzgrad ist, desto früher wurde die betroffene Information innerhalb der Wurzel abgebaut und desto eher haben sich uniforme Flexive oder Synkretismen entwickelt. Die Umbauprozesse, die in 3.1.3 beschrieben wurden, haben also einen 3.1 Flexionsmorphologischer Wandel 99 <?page no="100"?> übergreifenden Zusammenhang: Allomorphie und Stammalternation wurden zuerst für Person und dann für Numerus abgebaut (s. o. du würfe → warfst, wir/ sie wurfen → warfen). In der Kategorie Tempus wurde dagegen das fusionierende Verfahren Ablaut beibehalten und durch die Aufsplitterung der Ablautreihen noch gesteigert. Die Kategorie Modus behält zwar Umlaut und damit Fusion bei, wird aber formal unselbstständig, indem ihr Umlaut von dem neuen Tempusablaut abhängt (sang → sänge; statt früher sünge). Heute wird dadurch die Information Person/ Numerus zum Teil erst im Zusammenspiel von uneindeutigen Personalpronomen und ambigen Personalendungen eindeutig markiert, vgl. z. B. sie ‘3.Ps.Sg. oder Pl.’: sie singt/ singen und -en ‘1. oder 3.Ps.Pl.’: wir vs. sie singen. Insgesamt erlauben die Relevanzhierarchien für Substantiv und Verb differenzierte Vorhersagen, wie morphologischer Wandel gestaffelt sein und zu welchen Ergebnissen er tendieren sollte. Die Fallbeispiele haben gezeigt, dass man Wandel, bei dem sich verschiedene Kategorien unterschiedlich verhalten, mit einem Relevanzgefälle korre‐ lieren kann (Substantiv: Numerus > Kasus; Verb: Tempus > Modus > Numerus/ Person). Die Relevanzhierarchie manifestiert sich übrigens auch in der Graphematik bei der Entwicklung von morphologischen Umlautschreibungen, s. Kap. 9.1.3. Eine allein relevanzbasierte Erklärung genügt aber wiederum nicht. So hat hohe Gebrauchsfrequenz auf den formalen Ausdruck den gleichen Effekt wie hohe Relevanz. Je höher die Gebrauchshäufigkeit eines Wortes ist, desto eher wird bei gleichbleibender Relevanz fusioniert. Das sieht man z. B. im Vergleich starker Verben (auch modulativer Ausdruck) und schwacher Verben (rein additiver Ausdruck). Bei ca. 50 starken Verben wird im Basiswert Präsens die Kategorie Person modulativ ausgedrückt: ich fahre - du fährst, ich nehme - du nimmst, sie nimmt, bei sein sogar suppletiv: ich bin, sie ist, wir sind. Demgegenüber werden bei selten gebrauchten Wörtern selbst relevante Kategorien oft separierend ausgedrückt (eher ich habe gekürt als ich kürte). Relevanz ist also ein wichtiger, aber nicht der alleinbestimmende Faktor, was den Fusionsgrad einer grammatischen Information mit der Wortwurzel angeht. Das zeigt sich auch daran, dass relevante Kategorien bei frei grammatischem Ausdruck verharren können. Beim De‐ finitartikel und beim Perfekt verhindert das im Dt. stark ausgebildete Klammerprinzip (Kap. 4.1) eine Weiterentwicklung zur Flexion, weil es eine verschmelzungsfreundliche Kontaktstellung der beiden Teile verhindert. 3.2 Wortbildungswandel Im heutigen Deutsch ist vieles ableitbar, erklärbar und wunderbar. Bildbar sind all diese Wörter dank dem Derivationsmorphem -bar. Dieses dient zur Bildung von (komplexen) Adjektiven: mach+bar, erklär+bar, wunder+bar etc. Heute kann man gar nicht mehr erkennen, dass dieses Suffix mit Wörtern wie Geburt, Bürde, Bahre, Gebärde oder gebären verwandt ist. Ein Blick ins Ahd. verrät aber, dass all diese Wörter auf das ahd. Verb beran ‘tragen’ zurückgehen (vgl. engl. to bear). Die heutige Endung -bar entwickelte sich über Jahrhunderte aus dem ahd. Adjektiv bāri ‘tragend’, z. B. ahd. 100 3 Morphologischer Wandel <?page no="101"?> dancbāri ‘Dank tragend’. Die wichtigsten Schritte dieser Entwicklung werden wir in Kap. 3.2.1.2 verfolgen. Das Dt. wurde im Laufe der Zeit um mehrere solcher Derivationssuffixe angereichert, die aus selbstständigen Wörtern entstanden sind, darunter auch -lich (freundlich), -tum (Christentum) und -heit (Freiheit). Das Ausgangswort für das Suffix -lich, ahd. lih ‘Körper, Gestalt’, wird in nhd. Leiche fortgesetzt. Die ahd. Wörter beran ‘tragen’, tuom ‘Urteil, Macht’ und heit ‘Person, Geschlecht’, aus denen sich -bar, -tum und -heit entwickelt haben, sind hingegen ausgestorben. In der dt. Sprachgeschichte kann man jedoch nicht nur den Zuwachs, sondern auch den Schwund an Derivationsaffixen beobachten. So enthält das Wort Dickicht ein ehemaliges Derivationssuffix, das heute nicht mehr als solches erkennbar ist. Dies liegt daran, dass wir heute nur noch eine Handvoll Wörter mit dieser Endung besitzen (Röhricht, Kehricht, Dickicht) und keine neuen mehr bilden. Nichts zeugt mehr davon, dass die Endung -icht einst ein produktives Suffix war. Unter produktiv versteht man, dass ein Suffix in vielen Wörtern vorkommt und zur Bildung neuer Wörter dient. Eins der produktivsten Derivationssuffixe im Nhd. ist -er wie in Lehrer, Fußballer oder Zungenbrecher. Der Produktivität von Derivationssuffixen und ihrem Wandel wird in Kap. 3.2.1.3-3.2.1.5 nachgegangen. In Kap. 3.2.1.6 wird der Wandel des Movierungssuffixes -in skizziert: Obwohl seine Hauptfunktion darin besteht, den weiblichen Sexus von belebten Referenten zu markieren (z. B. die Lehrerin), werden in-Bildungen heute auch in Bezug auf unbelebte Referenten verwendet, z. B. die FDP ist die Koalitionspartnerin der CDU. Die Derivation (Ableitung) ist eine der Haupttechniken zur Erzeugung neuer Wörter. Dabei wird ein Stamm mit einem Affix kombiniert, z. B. mach+-bar → machbar, könig+-lich → königlich. Wenn zwei selbstständige Wörter miteinander verbunden werden, sprechen wir von Komposition, z. B. Honig+Biene → Honigbiene, Biene+Honig → Bienenhonig. Im Nhd. ist die nominale Komposition, bei der Substantive (Honig+Biene), Adjektive (himmel+blau) und Adverbien (hier+her) gebildet werden, viel stärker entfaltet als die verbale (kopf+stehen). Letztere nimmt jedoch zu, z. B. ehe+brechen, stand+halten, probe+singen, bau+sparen. Die Flexion solcher Verben ist häufig nur beschränkt möglich, z. B. ich werde bausparen, aber *ich bauspare/ *ich spare bau (Fleischer/ Barz 4 2012, Wurzel 1993, 1995, Freywald/ Simon 2007). In der Komposition überwiegen ganz deutlich die Determinativkomposita, die aus zwei Substantiven bestehen (N+N-Komposita), z. B. Honigbiene, Bienenhonig. Das sog. Zweitglied gibt immer die Grundbedeutung des Kompositums an. So ist eine Honigbiene eine Biene, während Bienenhonig ein Honig ist. Das Erstglied bestimmt (determiniert) diese Grundbedeutung nur näher. Dank der zusätzlichen Information im Erstglied können wir dem Bienenhonig den Kunsthonig gegenüberstellen (generell zu Komposita s. Ortner/ Ortner 1984). Diese Art von N+N-Komposita ist im heutigen Dt. uneingeschränkt produktiv, während es Sprachen gibt (wie Polnisch oder Spanisch), die von der Komposition so gut wie keinen Gebrauch machen. Auch im Ahd. ist diese Wortbildungsart noch nicht so gebräuchlich (s. Erben 2003, Splett 1985b). Wie es zur Produktivitätssteigerung der N+N-Komposita kam, zeigt Kap. 3.2.2. 3.2 Wortbildungswandel 101 <?page no="102"?> Zur Wortbildung wird schließlich auch das dritte Verfahren, die sog. Konversion, gerechnet, bei der die Wortart verändert wird, z. B. Fisch (Nomen) → fischen (Verb), laufen (Verb) → Lauf (Nomen). In manchen Fällen kommt es zum Vokalwechsel, z. B. werfen → Wurf, binden → Bund, Band (implizite Derivation). Dieses Verfahren, das auf den Ablaut zurückgeht, ist schon im Ahd. nicht mehr produktiv (s. Kap. 10.1). Insgesamt unterscheiden wir also drei Bereiche der Wortbildung: Wortbildung Komposition Honig + Biene → Honigbiene Derivation könig + -lich →königlich Konversion laufen → Lauf 3.2.1 Entstehung und Wandel von Derivationsaffixen Bei der Entstehung neuer Derivationsaffixe haben wir es mit einem Prozess zu tun, den man bildhaft als Verschiebung in tiefere Schichten des sprachlichen „Zwiebelmodells“ beschreiben kann (s. Abb. 1, S. 18). Ein ursprünglich selbstständiges Wort (ahd. bāri ‘tra‐ gend’, līh ‘Körper, Gestalt’ oder tuom ‘Urteil, Macht’), das zur äußeren, lexikalischen Schicht gehört, dringt als Derivationsaffix (-bar, -lich, -tum) in den Sprachkern ein, genauer gesagt in den morphologischen Bereich. Bereits zu Anfang dieses Kapitels ist darauf hingewiesen worden, dass sowohl Flexionsals auch Wortbildungsaffixe zur Morphologie gehören. Dabei ist der Infor‐ mationsanteil der Wortbildungsaffixe aber viel höher: Es sind lexikalische Morpheme. Im Vergleich zu den selbstständigen Wörtern, die ebenfalls lexikalische Morpheme sind, ist ihre Bedeutung schwerer fassbar (weniger konkret). Betrachten wir das Paar Leiche und -lich: Leiche hat eine konkrete Bedeutung, die wir als ‘toter Körper’ paraphrasieren (umschreiben) können. Um die Bedeutung von -lich zu umschreiben, brauchen wir zumindest ein, am besten mehrere lich-Derivate. In freundlich, feindlich bedeutet -lich ‘nach Art von x, wie ein x’, also freundlich ‘wie ein Freund’, feindlich ‘wie ein Feind’. Die Bedeutung von Derivationsaffixen ist jedoch nicht nur weniger konkret, sondern sie kann auch variieren. So ist königlich in königliche Begrüßung als ‘nach Art des Königs’ aber in königliche Gemächer als ‘dem König zugehörig’ zu umschreiben. In rötlich oder grünlich hat -lich jedoch die Bedeutung ‘leicht rot/ grün getönt’. Noch abs‐ trakter sind die Bedeutungen von Flexionsmorphemen: Die von -e in ein-e beschränkt sich auf die Information ‘Nom./ Akk.Fem.Sg.’ (s. Kap. 3.1.1). Semantisch handelt es sich bei der Herausbildung von Derivationsaffixen um eine Entkonkretisierung (vgl. ahd. līh ‘Körper, Gestalt’ > nhd. -lich ‘nach Art von x’/ ‘dem x zugehörig’/ ‘leicht x getönt’). Doch geht dies nicht bis zur Herausbildung 102 3 Morphologischer Wandel <?page no="103"?> vollkommen abstrakter Einheiten, also grammatischer Morpheme. Dieser Prozess (die sog. Grammatikalisierung) wird in Kap. 11 besprochen. Neben der Entkonkretisierung auf der Inhaltsseite kommt es bei der Entstehung von Derivationsaffixen auch zum Verlust der syntaktischen Freiheit: Aus selbstständigen Wörtern, die relativ frei im Satz stehen können, werden gebundene Morpheme, die nur in Verbindung mit der Derivationsbasis auftreten können, z. B. Sie ist sehr freundlich, aber nicht *Sie ist sehr -lich. Als Basis einer Derivation kann sowohl ein Simplex wie Freund → freund-lich als auch eine Morphemkombination er-trag(en) → erträg-lich dienen. 3.2.1.1 Das Affixoid als Brücke zwischen Wort und Affix Der Übergang eines Wortes aus der lexikalischen Schicht in den Kern der Sprache ist ein gradueller Prozess. Ein Zwischenstadium bilden dabei die Affixoide (auch Halb‐ suffixe). Sie stellen eine Brücke zwischen Wort (Lexem) und Affix dar. In Abb. 28 wird der Tatsache Rechnung getragen, dass bei dieser Entwicklung sowohl die inhaltliche (I) als auch die Ausdrucksseite (A) des Ursprungswortes reduziert werden (s. u.). Abb. 28: Das Affixoid als Brücke zwischen Wort und Affix Der umstrittene Begriff des Affixoids (Schmidt 1987) erweist sich als hilfreich, wenn wir auf den Unterschied zwischen Höllenfürst/ Höllenfeuer/ Höllenhund und Höllenlärm/ Höllenkrach/ Höllenangst oder alkoholfrei/ fettfrei und scheinfrei/ bügelfrei aufmerksam machen wollen (zum Affixoid s. Vögeding 1981, Stevens 2005, Zifonun 2012). Alle diese Wörter sind komplex. Aber handelt es sich wirklich in allen Fällen um Komposita? Komposita bestehen, wie wir wissen, aus zwei selbstständigen Wörtern. Dies trifft auf Höllenfürst, Höllenfeuer oder Höllenhund zu, wo das Erstglied Hölle die Bedeutung ‘Ort ewiger Verdammnis, Reich des Teufels’ enthält. Ähnlich trägt das Zweitglied in alkohol‐ frei und fettfrei die Bedeutung ‘frei’. Allerdings transportiert das Erstglied in Höllenkrach, Höllenlärm oder Höllenangst nicht mehr die konkrete Information ‘Ort ewiger Ver‐ dammnis’, sondern die entkonkretisierte, emotional-verstärkende Funktion ‘schrecklich, unerträglich’. Es gehört zu einer Reihe von verstärkenden (augmentativen) Präfixoiden, wie auch Affen- (Affen-tempo), Bären- (Bären-hunger) usw. (Wellmann 1975: 135 ff.). Die semantische Ähnlichkeit zwischen ‘Ort ewiger Verdammnis’ und ‘schrecklich, unerträglich’ ist noch gut erkennbar. Wir können diese Entkonkretisierung als eine semantische Verschiebung nachvollziehen und rekonstruieren: 3.2 Wortbildungswandel 103 <?page no="104"?> Hölle-n-feuer Höllen-lärm ‘Feuer in der Hölleʼ - ‘schrecklicher Lärmʼ Hölle - Höllen- ‘Ort ewiger Verdammnisʼ - ‘schrecklich, unerträglichʼ Ähnliches gilt auch für scheinfrei ‘besitzt alle Scheine’ und bügelfrei ‘muss nicht gebügelt werden’. Die Bedeutung des Simplex frei wie in alkoholfrei ‘enthält keinen Alkohol’ oder fettfrei ‘enthält kein Fett’ ist in den Zweitgliedern von scheinfrei und bügelfrei nicht mehr vorhanden. Scheinfrei ist ausgerechnet jemand, der schon alle Scheine besitzt. Die hier beschriebene semantische Verschiebung führt dazu, dass neben den Simp‐ lizia wie Hölle oder frei die Affixoide Höllen- oder -frei existieren (s. Abb. 29). Während inhaltlich ein großer Unterschied zwischen selbstständigem Wort und Affixoid besteht, bleibt die Ausdrucksseite fast unverändert. So behält das Affixoid den phonologischen Wortstatus bei: Genau wie das homophone Wort Hölle oder frei enthält das Affixoid Höllen- oder -frei einen betonten Vollvokal. Dadurch unterscheidet es sich phonolo‐ gisch nicht vom frei vorkommenden Wort: Höllenlärm [ ˈhœḷən ] ω [ ˌlɛɐ̯ m ] ω , bügelfrei [ ˈbyː.ɡəl ] ω [ ˌfʀaɪ ̯ ] ω . Dies zeigt deutlich, dass die Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist und dass die semantische Entwicklung der formalen vorangeht. Abb. 29: Entstehung eines Affixoids Die meisten Derivationsaffixe, z. B. -er, sind nicht wortwertige Morpheme, z. B. Lehr-er [ ˈleː.ʀɐ ] ω (s. Tab. 4 in Kap. 2.3). Seine heutige Form entstand dadurch, dass sich der be‐ tonte Vollvokal zum unbetonten Schwa wandelte, z. B. ahd. -āri > mhd. -ære > nhd. -er [ əʀ ]/ [ ɐ ]. Im heutigen Dt. gibt es einige wortwertige Derivationssuffixe wie -tum, -bar oder -heit, die trotz abgeschlossener Entkonkretisierung auf semantischer Ebene den formalen Status des phonologischen Wortes beibehalten haben. Im Unterschied zu den Affixoiden sind ihre Ursprungswörter wie ahd. tuom ‘Macht, Urteil’ bereits 104 3 Morphologischer Wandel <?page no="105"?> ausgestorben (zu -bar s. Kap. 3.2.1.2). Das Suffix -lich verliert derzeit diesen Wortstatus: Neben der Silbifizierung freund.lich, die die Grenzen der phonologischen Wörter [freund] ω [lich] ω konserviert, ist heute auch freun.dlich möglich (s. Auer 2002). Hier, wo die Silbengrenze vor dem stärksten Konsonanten liegt, ist -lich nicht mehr wortwertig. Die formale Veränderung folgt also der semantischen. Wenn ein Affixoid sich zu einem Derivationssuffix entwickelt hat, reißen die semantischen und phonologischen Verbin‐ dungen zum Ursprungswort ab. Deshalb ist uns die etymologische Verwandtschaft zwischen Leiche und -lich nicht mehr bewusst. Abb. 30: Entstehung von Derivationsaffixen In Kap. 11 befassen wir uns mit der Grammatikalisierung, d. h. der Entstehung grammatischer Morpheme aus Wörtern. Dabei werden uns viele Ähnlichkeiten zur Entwicklung von Derivationssuffixen auffallen. Den Ausgangspunkt bildet in beiden Fällen ein selbstständiges Wort (wie hier ahd. līh ‘Körper, Gestalt’ oder das germ. Verb ‘tun’), das semantischer Ausbleichung, dem Verlust an syntaktischer Freiheit und phonologischer Substanz unterliegt. In der Grammatikalisierung findet der Übergang von einer offenen Klasse von Lexemen in eine geschlossene Klasse von grammatischen Morphemen statt. Diese Parallelen veranlassen Munske (2002), auch bei der Entwick‐ lung eines Derivationsaffixes von Grammatikalisierung zu sprechen, während sie von Himmelmann (2004) als separates Phänomen betrachtet wird. Der grundlegende Unterschied zwischen den beiden Prozessen ist der Grad an semantischer Reduktion: Bei der Entwicklung eines Derivationssuffixes unterliegt die lexikalische Bedeutung nur einer Entkonkretisierung. Die referentielle Bedeutung von ahd. līh ‘Körper’ wird zur Wortbildungsbedeutung von -lich ‘nach Art von x’/ ‘dem x zugehörig’/ ‘leicht x getönt’ abgeschwächt. Wenn ein selbstständiges Wort zum Flexiv wird, wandelt sich seine lexikalische Bedeutung zu einer grammatischen, z. B. ‘Tempus’ bei der Entwick‐ lung des Vollverbs tun (genauer gesagt der germ. Präteritalform) zum Flexiv -te ‘Prät.’ (s. Kap. 11.2). In der Geschichte des Dt. sind beide Prozesse zu beobachten, wobei 3.2 Wortbildungswandel 105 <?page no="106"?> ganz allgemein festzustellen ist, dass die Entwicklung eines neuen Derivationssuffixes schneller voranschreitet. Daher können wir viele solcher Prozesse gut beobachten (s. dazu die folgenden Kapitel). Die Herausbildung eines grammatischen Morphems ist langwieriger, so dass wir in der dt. Sprachgeschichte häufig nur bestimmte Stufen belegt finden, z. B. die semantische Ausbleichung des Vollverbs haben zum freien grammatischen Morphem oder die Verschmelzung des Artikels an die vorangehende Präposition (an das > ans). Ein zweiter wichtiger Unterschied ist, dass sich die Entwicklung der Flexionsaffixe in der Regel aus der Syntax speist, d. h. ein freies Lexem wird zum freien grammatischen Morphem, das anschließend zum Klitikon und schließlich zum Flexiv werden kann (s. dazu Kap. 11 und 12.2). Im Gegensatz dazu entstehen Wortbildungsaffixe aus Kompositionsgliedern. Dabei stellt das Affixoid ein Übergangsstadium dar (s. auch Stevens 2005): Abb. 31: Entstehung von Wortbildungsaffixen und Flexiven Nur selten wandeln sich Wortbildungssuffixe zu Flexionsendungen. Diese relativ undurchlässige (gepunktete) Grenze wurde im Fall der Pluralendungen, die sich aus Wortbildungsaffixen entwickelt haben, überschritten (s. Kap. 3.1.2). 3.2.1.2 Entstehung des Suffixes -bar Im Dt. gibt es viele Derivationssuffixe, die sich aus selbstständigen Wörtern entwickelt haben: -bar (machbar), -tum (Eigentum), -heit (Freiheit), -lich (königlich), -sam (fried‐ sam), -haft (standhaft) und -schaft (Freundschaft). Die freien Lexeme existieren noch im Ahd., manchmal auch noch im Mhd. (Tab. 22). Im Nhd. existiert kein Lexem mehr, das mit einem der Suffixe homophon wäre und so seine lexikalische Herkunft verraten würde. Bis auf nhd. Leiche (< ahd. līh) sind alle spätestens im Fnhd. ausgestorben. Doch auch Leiche hat sich semantisch und phonologisch weit vom Derivationssuffix -lich entfernt. ahd. -bāri > mhd. -bære > nhd. -bar (bāri ‘tragend, fähig zu tragen’) (unbære ‘unfruchtbar’) ahd. -haft > mhd. -haft > nhd. -haft (haft ‘gefangen’) (haft ‘Gefangener’) ahd. -heit > mhd. -heit > nhd. -heit (heit ‘Person, Geschlecht’) (heit ‘Wesen’) mhd. -keit (< ec+heit) > nhd. -(ig)keit 106 3 Morphologischer Wandel <?page no="107"?> ahd. -sam > mhd. -sam > nhd. -sam (samo ‘derselbe’) (sam ‘derselbe’, vgl. engl. same) ahd. -scaf(t) > mhd. -schaft > nhd. -schaft (scaf ‘Geschöpf, Beschaffenheit’) (schaft ‘Geschöpf, Beschaffenheit’) ahd. -tuom > mhd. -tuom > nhd. -tum (tuom ‘Urteil, Macht’) (tuom ‘Macht’) ahd. -līh > mhd. -lîch > nhd. -lich (līh ‘Körper’) (lîch ‘Körper’) (Leiche) Tab. 22: Entwicklung nhd. Suffixe aus kompositionellen Zweitgliedern Zu -bar: Seine Entstehungsgeschichte ist relativ gut belegt (genaueres s. Flury 1964). Am Anfang seiner Entwicklung steht ahd. *bāri ‘tragend’, ein Adjektiv aus ahd. beran ‘tragen’. Zu diesem Verb existieren im Ahd. weitere Bildungen, z. B. barn ‘Kind’ und Komposita auf -bero ‘Träger’ wie agabero ‘Spornträger’ oder hornobero ‘Hornträger’. Das Adjektiv *bāri tritt im 8. und 9. Jh. fast nur in Bildungen auf, die im Erstglied ein abstraktes Substantiv haben: fluah ‘Fluch’, danc ‘Dank’, lastar ‘Laster’, huoh ‘Spott, Hohn’: ahd. fluohbāri ‘Fluch, Schmähung tragend’ ahd. lastarbāri ‘Schmähung, Lästerung tragend’ ahd. dancbāri ‘Dank tragend, dankbar’ ahd. huohbāri ‘Spott, Hohn tragend’ Diese Komposita haben eine transparente Struktur, in der das Zweitglied -bāri die Bedeutung ‘tragend, tragfähig’ transportiert. So ist dancbāri jemand, der ‘Dank trägt, entgegenbringt’. Anfänglich enthielten Komposita mit -bāri ein Konkretum als Erst‐ glied, was noch in ags. æppelbære ‘Äpfel tragend’ bezeugt ist. Doch sind schon im Ahd. nur noch abstrakte Erstglieder greifbar - der erste Entkonkretisierungsschritt. Um das 9./ 10. Jh. ist liohtbāri ‘strahlend, hell’ bezeugt, dessen Erstglied lioht sowohl als Substantiv ‘Licht’ als auch als Adjektiv ‘hell’ interpretiert werden kann. Diese Dop‐ pelmotivation ist entscheidend für den Wandel des ursprünglichen Wortbildungsmo‐ dells (Munske 2005b). Unter einem Wortbildungsmodell (auch Wortbildungsmuster) ist ein inhaltliches und formales Strukturschema zu verstehen, nach dem neue Wörter gebildet werden können (s. Fleischer 1980). Doppelmotivierte Bildungen wie liohtbāri haben als Brücke für die im 10. Jh. vermehrt aufkommenden bāri-Bildungen mit Adjektiv gedient: offan ‘offen, öffentlich’, lioht ‘hell, glänzend’ + -bāri. Die Wortbildungsmuster Adjektiv + -bāri stellt eine Innovation dar, weil die ursprüng‐ liche semantische Beziehung zum beran ‘tragen’ aufgegeben wurde. Nur noch offanbāri kann als ‘nach außen tragend’ paraphrasiert werden. In anderen Wörtern ist die Bedeutung 3.2 Wortbildungswandel 107 <?page no="108"?> von -bāri auf ‘fähig’ reduziert, also liohtbāri ‘fähig, hell zu sein’. Dem folgen seit dem 11. Jh. Bildungen mit Substantiv, z. B. ahd. hībāri ‘heiratsfähig’ (hī- ‘Familie, Heirat’). beran ist auf dem Weg zum Mhd. ausgestorben. Es existiert jedoch noch sein Partizip mhd. bernde ‘fruchtbar, Frucht tragend’, das häufig als transparentes Zweit‐ glied verwendet wird, z. B. in wunderbernde ‘Wunder hervorbringend’. Das mit ihm verwandte ahd. -bāri entfernt sich lautlich (durch i-Umlaut von ahd. ā > mhd. æ) von diesem noch transparenten Partizip: mhd. bernde vs. -bære. Gleichzeitig nimmt auch seine Produktivität zu: Dreizehn ahd. Bildungen stehen im Mhd. 150 Neubildungen gegenüber. Die meisten entstehen im 13. Jh. (85 Neubildungen). Die Bedeutung von ahd. -bāri, die bereits im Ahd. auf den Bestandteil ‘fähig’ reduziert wurde, ist in dienest‐ bære ‘dienstfähig, tüchtig’, kampfbære ‘kampffähig, kampftauglich’, himelbære ‘für den Himmel geeignet, den Himmel verdienend’ oder genisbære ‘genesungsfähig, heilbar’ enthalten. Daneben treten jedoch oft umfangreiche Reihen auf, in denen -bære eine weitere semantische Veränderung erfährt: 1. ‘berechtigt’ eitbære ‘zum Eid berechtigt’, wâpenbære ‘zum Waffentragen berechtigt’; 2. ‘pflichtig’ zinsbære ‘zinspflichtig’, dienestbære ‘dienstpflichtig’, stiurbære ‘steuerpflichtig’; 3. ‘wert’ ahtebære ‘beachtenswert’, siufbære ‘bejammernswert’, sagebære ‘erzählenswert’. In der Paraphrase der ahd. bāri-Komposita ‘etwas tragend’, ‘fähig, etwas zu tragen’ steht das Verb im Aktiv und das Substantiv im Akkusativ. In ahtebære ‘beachtenswert’, sagebære ‘erzählenswert’ findet eine Umkehrung statt: Hier steht das Verb im Pas‐ siv: ‘wert, beachtet/ erzählt zu werden’. Bis ins Mhd. hinein ist die Ableitungsbasis nominal. Passivische Bildungen wie ahtebære ‘beachtenswert’ enthalten jedoch häufig einen Stamm, der sowohl nominal als ahte ‘Beachtung’ als auch verbal als ahten ‘beachten’ interpretiert werden kann. Dies führt dazu, dass im Mhd. Bildungen mit eindeutig verbalem Stamm aufkommen. Im Fnhd. werden sie immer häufiger, z. B. bintbære ‘muss verbunden werden’ (bintbære wunde), eʒbære ‘kann gegessen werden’, trincbære ‘kann getrunken werden’. Dabei lassen nur wenige deverbale Bildungen eine aktivische Interpretation zu, z. B. veht‐ bære ‘kann fechten’, werbære ‘kann gewähren’. Gleichzeitig macht -bære eine phonologische Entwicklung durch: Zuerst wird es zu -bær apokopiert, und anschließend wird der Umlaut durch a ersetzt (nhd. -bar). Dies ist eine singuläre, nicht phonologisch bedingte Entwicklung. Im Fnhd. verliert das Wortbildungsmuster mit nominalem Stamm an Produktivität. Mit der Bedeutung ‘zu x verpflichtet’ werden im Fnhd. nur noch selten Neubildungen kreiert wie gerichtbar ‘gerichtspflichtig’ oder zinsbar ‘zinspflichtig’. Stattdessen wächst die Anzahl der Neubildungen mit verbaler Basis. Dabei erweist sich das passivische Wortbildungsmuster mit der Bedeutung ‘kann ge-x-t werden’ als viel produktiver als aktivisches ‘kann x-en’. 108 3 Morphologischer Wandel <?page no="109"?> Heute ist das Wortbildungsmodell Verbalstamm + -bar ‘kann ge-x-t werden’ sehr produktiv. Hiernach können fast alle transitiven Verben abgeleitet werden, z. B. essen (tr.) + -bar > essbar ‘kann gegessen werden’. Nur selten treten auch aktivische bar-Derivate auf, u. a. brennen + -bar > brennbar ‘kann brennen’, nicht aber stehen (intr.) +-bar > *stehbar. Abb. 32: Entwicklung des Derivationssuffixes -bar In Abb. 32 werden die wichtigsten semantischen Etappen in der Entwicklung des Suffixes -bar zusammengefasst. Sie beginnt mit der Affixoidphase im Ahd., in der -bāri sowohl ein transparentes Kompositionsglied (fluahbāri) als auch ein entkonkretisier‐ tes, gebundenes Morphem (Affixoid) ist (liohtbāri). Diese Phase endet im Mhd. Die semantische Ähnlichkeit zwischen dem Lexem und dem Affixoid wird aufgegeben. Die entkonkretisierte Bedeutung ‘zu x fähig’ wird um neue Bedeutungsaspekte ange‐ reichert. Parallel dazu sterben das ahd. Verb beran ‘tragen’ und das mhd. Adjektiv unbære ‘unfruchtbar’ aus. Das neue Derivationssuffix spezialisiert sich allmählich auf verbale Basen: Damit kristallisiert sich im Fnhd. das neue, produktive Wortbil‐ dungsmuster (Verb+-bar) heraus. Die im Nhd. vorhandenen bar-Ableitungen mit nominaler Basis wie dienstbar, fruchtbar oder wunderbar sind die letzten Spuren dieser jahrhundertelangen Entwicklung. 3.2 Wortbildungswandel 109 <?page no="110"?> 3.2.1.3 Ist Laubwerk ein Werk? - Zum Wandel im System der Kollektivaffixe Angenommen, wir befinden uns in einem dunklen Gehölz im Gebirge. Plötzlich hören wir ein unheimliches Rauschen im Gebüsch. Wer weiß, welches Getier sich im dichten Geäst versteckt und sich im Laubwerk tarnt. Kann es Geflügel sein? Die kursiven Wörter haben eins gemeinsam: Sie bezeichnen eine Mehrzahl ähnlicher, zusammengehöriger Elemente. Die Bezeichnung Geäst vermittelt uns etwas mehr als Äste. Die Pluralform von Ast drückt lediglich die Vielzahl einzelner Äste aus. Das Wort Geäst hebt hingegen hervor, dass es sich um diffus ineinander verwobene Äste handelt, die ein Ganzes bilden. Bildungen, die das Konzept der lokalen Zusammengehörigkeit ausdrücken, nennt man Kollektiva. Neben Ge-x (Geäst von Ast) bzw. Ge-x-e (Gebirge von Berg) kann man Kollektiva auch mit -schaft (Studentenschaft, Ärzteschaft, Wählerschaft) und -tum (Schrifttum, Christentum) bilden. Beide Suffixe, -schaft und -tum, sind zwar produktiv, doch nicht nur auf diese eine Bedeutung spezialisiert, sondern auch zur Bildung von Abstrakta im Sinne einer Eigenschaft (Bereitschaft, Chaotentum), einer Lebensform (Gammlertum), einer Funktion (Autorschaft, Herrschaft) oder auch eines Verhältnisses (Freundschaft, Feindschaft, Vasallentum) verwendet. Im Nhd. kommen auch Kollektiva auf -heit bzw. -keit (Christenheit, Menschheit) vor. Produktivitätsverlust des Kollektivsuffixes -icht Sowohl -schaft als auch -tum gehören zu den „jüngeren“ Derivationssuffixen. Sie werden im Mhd. noch hauptsächlich zur Bildung von Abstrakta benutzt, z. B. weise‐ tuom ‘Zustand eines Waisen’, mannschaft ‘Lehenspflicht, die der Mann zu leisten hat’ (Wilmanns 2 1899: 393). Im Ahd. sind für Kollektiva andere Ableitungsmuster vorhan‐ den. Eins davon tritt heute nur noch in einer Handvoll Wörter zutage wie Kehricht oder Röhricht. Sie gehen auf ein im Ahd. noch produktives Kollektivsuffix -ahi zurück, z. B. ahd. stein-ahi ‘Steinhaufen’, boum-ahi ‘Land mit viel Bäumen’ (Henzen 3 1965: 139). Das Suffix -ahi wird im Fnhd. durch eine t-Epenthese erweitert (ahd. -ahi > mhd. -ech/ -ich > fnhd. -icht). -icht ist nicht mehr produktiv. Da die ursprüngliche Ableitungsbasis nach wie vor segmentierbar ist (Dick-icht), kann -icht als morphologischer Rest bezeichnet werden (Eisenberg 5 2020: 228). Dies ist die letzte Etappe der Entwicklung: Am Beispiel des Suffixes -bar haben wir gesehen, dass selbstständige Wörter als Quelle für neue Derivationssuffixe fungieren. Wie gezeigt, entstehen sie in einem langen Prozess, in dem die Bedeutung entkonkretisiert, die syntaktische Freiheit aufgegeben und die Lautung reduziert wird. Sie entwickeln sich zu produktiven Derivationssuffixen. Mit der Aufgabe der Produktivität werden sie zum morphologischen Rest: Lexeme > Affixoide > Derivationssuffixe > morphologischer Rest Produktivitätsverlust des Kollektivaffixes Ge-x-(e) Zurück zur Kollektivbildung: Ein zweites wichtiges ahd. Verfahren zur Kollektivbil‐ dung ist heute noch teilweise produktiv. Oder mit Wilmanns ( 2 1899: 241): „Sie behaup‐ 110 3 Morphologischer Wandel <?page no="111"?> ten Dauerhaftigkeit und frisches Leben bis auf den heutigen Tag“. Es handelt sich um das oben erwähnte Wortbildungsmuster: Ge-x (Ge-äst) und Ge-x-e (Ge-birg-e), die auf das ahd. Präfix gizurückgehen, das eine kollektive Bedeutung hat und sich mit bereits i-suffigierten neutralen Substantiven verbindet. Daraus ergibt sich im Ahd. ein neues Kollektivmuster gi-x-i, z. B. ahd. bein ‘Bein’ - gibeini ‘Gebein’, berg ‘Berg’ - gibirgi ‘Gebirge’, darm ‘Darm’ - gidermi ‘Gedärm’ (Wilmanns 2 1899: 242-244, Henzen 3 1965: 137). Als Basis können dabei sowohl Substantive als auch Verben dienen, z. B. welben ‘wölben’ - giwelbi ‘Gewölbe’. Durch die Zentralisierung unbetonter Vokale wird das ahd. Muster gi-x-i zu mhd. ge-x-e. Auslautendes -e wird in Ableitungen mit nominalem Stamm meist apokopiert. Die Ableitung nominaler Stämme mit Ge-x-(e) ist heute nicht mehr produktiv. Zwar gibt es noch relativ viele Kollektiva wie in a), doch können wir keine neuen bilden wie in b). a) Berg → Gebirge b) Hügel → *Gehügel - Holz → Gehölz - Baum → *Gebäume - Stein → Gestein - Fels → *Gefels - Wasser → Gewässer - Bach → *Gebäch - Ast → Geäst - Blatt → *Geblätt Viele einstige Kollektiva sind heute lexikalisiert: Obwohl man noch das Präfix Ge- (bzw. Zirkumfix Ge-x-e) segmentieren kann, ist die Verwandtschaft mit der ursprünglichen Ableitungsbasis durch semantischen Wandel verdunkelt: Gemüse (verwandt mit Mus), Gesicht (verwandt mit sehen) oder Geschirr (verwandt mit Schere) (zur Lexikalisierung s. Kap. 6.2). Entstehung neuer Kollektivaffix(oid)e Seit dem Fnhd. bildet sich eine neue Schicht an Kollektivsuffixen heraus: -werk, -we‐ sen, -zeug, -gut und -kram. Betrachten wir zuerst folgende auf der Oberfläche ähnliche Wortpaare: Aluminiumwerk vs. Astwerk, Fabelwesen vs. Fischereiwesen. Während ein Aluminiumwerk ein Werk und ein Fabelwesen ein Wesen ist, ist Astwerk eine ‘Ansamm‐ lung von Ästen’ und Fischereiwesen ‘alles, was zur Fischerei gehört’. Hier ist die kol‐ lektive Semantik unübersehbar. -werk bzw. -wesen enthalten also ganz andere Bedeu‐ tungen als die Homonyme Werk ‘Produktionsort’ (Ziegelwerk) bzw. Wesen ‘Geschöpf ’. In Astwerk und Fischereiwesen sind die Elemente -werk und -wesen als Affixoide zu klassifizieren. Trotz des semantischen Wandels bleibt die formale Seite dieser Elemente intakt, was typisch für Affixoide ist. Wir sehen, dass die Veränderung der Form auf den Funktionswandel folgt, oft mit starker Verzögerung (form follows function). Der heutige Entwicklungsstand von kollektivem -werk ist das Resultat eines langen Prozesses, der schon im 17. Jh. beginnt. Aus dieser Zeit stammen die ersten Beispiele: Blatterwerck, 3.2 Wortbildungswandel 111 <?page no="112"?> Laubwerck. Darüber hinaus gibt es heute weitere Affixoide mit kollektivischer Bedeu‐ tung: -zeug (Nähzeug ‘alles, was zum Nähen benutzt wird’, Strickzeug, Reitzeug), -gut (Gedankengut, Saatgut) und, mit negativer Konnotation, -kram wie in Papierkram, Zettelkram (Erben 1959). 3.2.1.4 Konkurrenz zwischen Derivationsaffixen Bleiben wir noch kurz bei den Kollektivaffixoiden -werk, -wesen, -zeug, -gut und -kram und stellen uns die Frage, wie man sie voneinander abgrenzen kann. Wir betrachten im Folgenden die Wortart der Basis, die Semantik der Gesamtbildungen und die konnotativen Unterschiede. Alle fünf Affixoide können sich mit einem Substantiv verbinden, um die diffuse Vielheit von oder die Vereinigung von Einzelelementen zu bezeichnen (Astwerk, Fischereiwesen, Bettzeug, Gedankengut, Papierkram). An ver‐ bale Basen tritt am leichtesten -zeug (Nähzeug, Schreibzeug, Flickzeug, Reitzeug), viel seltener hingegen -werk (Backwerk, Flechtwerk). In Verbindung mit verbalen Basen beschreiben die zeug-Kollektiva die Gesamtheit unterschiedlicher Utensilien, die zum Ausüben einer Tätigkeit benötigt werden, z. B. Waschzeug ‘was man zum Waschen braucht’, während -werk und -gut homogene (und dadurch teilbare) Kollektiva bilden, z. B. Waschgut ‘alles zu Waschende’ (Zifonun 2012). Dabei bezieht sich -werk häufig auf die Gesamtheit der Produkte einer Handlung, z. B. Backwerk. Außerdem tragen -zeug und insbesondere -kram eine pejorative Zusatzbedeutung: Sie sind abwertend. Dage‐ gen hebt -gut die Gesamtheit als wertvoll hervor. Gegenüber dem Kollektivaffix bzw. -zirkumfix Ge-x-(e) mit seiner deutlichen Präferenz für einsilbige Basen haben die Affixoide den Vorteil, dass sie sich auch mit mehrsilbigen Basen verbinden können: Sammelgut, Zettelkram, Routinekram. Solche semantischen, morphologischen und phonologischen Beschränkungen kön‐ nen sich im Laufe der Zeit verändern und auch die Produktivität eines Affixes beeinflussen. Bei Konkurrenz zweier Affixe kann sich mit der Zeit eins von ihnen durchsetzen. Dies manifestiert sich darin, dass es semantisch, morphologisch oder phonologisch weniger beschränkt ist als der zurückgedrängte Konkurrent bzw. dass es alle Beschränkungen aufgibt. Umgekehrt kann die Entstehung eines neuen Affixes durch die abnehmende Produktivität eines älteren Affixes gefördert werden. So wirkt sich die morphologische und phonologische Beschränkung des Kollektivmus‐ ters Ge-x-(e) positiv auf die Herausbildung des neuen Musters x+-werk (Backwerk), x+-wesen (Schulwesen), x+-zeug (Reitzeug) usw. aus. Diachron lassen sich viele weitere Konkurrenzverhältnisse beobachten. Hier sollen drei Fälle kurz skizziert werden: Konkurrenz zwischen verschiedenen Adjektivsuffixen Gleichzeitig zur Entwicklung des Suffixes -bar entstehen die Adjektivsuf‐ fixe -sam, -haft, -lich (s. Tab. 22). Im Ahd. ist -bāri (ca. 13 Bildungen), das sich mit Substantiven verbindet, im Vergleich zu -līch (ca. 900 Bildungen), -haft (ca. 100 Bildun‐ gen) und -sam (ca. 47 Bildungen) nur schwach produktiv. Den ahd. bāri-Bildungen 112 3 Morphologischer Wandel <?page no="113"?> stehen fast gleichbedeutende mit -līch, -sam und -haft gegenüber: danclīch und danc‐ bāri für ‘dankbar’, liohtsam und liohtbāri für ‘hell’, scīnhaft und scīnbāri für ‘glänzend’. Allmählich entwickelt sich das Affixoid -bāri zu einem Konkurrenten von -līch. Dieses verbindet sich bereits im Ahd. mit substantivischen (fleisc-līch, bruoder-līch), adjekti‐ vischen (guot-līch) und verbalen Erstgliedern (u. a. Part.Präs. berant-līch ‘fruchtbar’), paraphrasierbar mit ‘nach Art von x’. Im Mhd. steigt die Zahl der bære-Bildungen, doch erreicht sie nicht den Stand der lîch-Bildungen, was u. a. auf morphologische Beschränkungen von -bære zurückzuführen ist: Es verbindet sich bis ins Spätmhd. nur mit Substantiven, sehr selten auch mit Adjektiven. Viele Bildungen auf -lîch und -bære sind austauschbar (genisbære, genislîch ‘heilbar’). Im Fnhd. tritt -bære (später > -bær > -bar) auch an verbale Stämme. Da sich das fnhd. Suffix -lich ebenfalls mit verba‐ len Stämmen verbinden kann, entstehen neue Konkurrenzformen (unüberwind-bar, unüberwind-lich). Zum Nhd. hin entwickelt sich -bar zu einem sehr produktiven Adjektivsuffix, das verbale Basen ableitet. Heute sind nur noch einzelne Bildungen mit nominaler Basis vorhanden (z. B. wunderbar). Im Gegensatz dazu behält das Suffix -lich die Fähigkeit, an nominale Basen zu treten, z. B. (Substantiv) brüderlich, (Adjektiv) länglich. Seine wenigen Verbableitungen haben meist aktivische Bedeutung, z. B. dienlich, unsterblich, empfindlich. Selten ist dagegen die passivische Lesart (bedauerlich, unglaublich) - denn diese ist die Hauptfunktion von -bar. Was die Komplexität der Basis betrifft, so erscheint -lich häufiger nach präfigierten Verbalbasen, während -bar einfache Basen bevorzugt (zerbrechlich vs. brechbar). So haben sich die beiden ehema‐ ligen Konkurrenzsuffixe ihre spezifischen Funktionsbereiche (Nischen) erschlossen. Das Suffix -lich steht in der Sprachgeschichte aber auch in Konkurrenz zu -ig und -isch (Genaueres dazu s. Kempf 2016). Zu dem Konkurrenzgeflecht gehört auch das Suffixpaar -en/ -ern. Sie besetzen eine Funktionsnische, indem sie nur desubstantivische Adjektive von Stoff- und Pflanzen‐ bezeichnungen wie gold-en oder tön-ern bilden. Das Suffix -en entwickelt sich aus dem ahd. -īn wie in guldīn ‘golden/ aus Goldʼ im Zuge der Nebensilbenabschwächung, mhd./ nhd. gülden (neben golden). Während mit dem en-Suffix heute nur eine Handvoll Stoffadjektive gebildet werden (seiden, golden), ist das im Mhd. durch Reanalyse entstandene, erweiterte ern-Suffix heute sehr produktiv (Eisenberg 1992): In Bildungen mit einer auf -er auslautenden Basis wie Silber wird das en-Suffix zu n synkopiert wie in silber-n, kupfer-n, leder-n. Durch die anschließende Reanalyse {silber}{-n}> {silb}{-ern} wird das alte Suffix zu -ern erweitert und in neuen Bildungen produktiv verwendet, z. B. gläs-ern, stein-ern, hölz-ern. Das neue Suffix ist dank dieser Anreicherung phonologisch salienter und in seinem Ausdruck deutlich als lexikalisches Element abgehoben, während das alte en-Suffix formal nicht von Flexiven unterscheidbar ist. Konkurrenz zwischen verschiedenen Affixen für Abstrakta Die Geschichte des nhd. Suffixes -heit (Mensch-heit) und seiner Allomorphe -keit (Langsam-keit) und -igkeit (Klein-igkeit) ist gleichzeitig eine der Verdrängung zweier im Ahd. produktiver Suffixe: ahd. -ida (frewida ‘Freude’) und -ī (guotī ‘Güte’). Sie 3.2 Wortbildungswandel 113 <?page no="114"?> werden zur Bildung von Abstrakta verwendet. Schon im frühen Ahd. wird -ida durch -ī verdrängt: Ursprünglich verbindet sich -ida mit verbalen und adjektivischen Basen, z. B. gilobōn ‘loben’ → gilubida ‘Gelübde’, ahd. frō ‘froh’ → frewida ‘Freude’. Wäh‐ rend -ida phonologisch beschränkt ist und nur an einsilbige Adjektive tritt, werden mehrsilbige Adjektive schon im Ahd. mit -ī abgeleitet. Zum Mhd. hin verdrängt -ī das Suffix -ida auch aus dem Bereich der Abstrakta, z. B. ahd. hōhida zu hōhī > nhd. Höhe. Im Fnhd. erlischt die Produktivität von -ida endgültig. Bis zum Nhd. überdauern nur noch einzelne Wörter, die als Simplizia empfunden werden (Freude, Gemeinde, Gelübde). Im Mhd. wird -ī zu -e abgeschwächt (ahd. toufī > mhd. toufe ‘Taufe’) und dann, besonders nach zweisilbigen Stämmen, apokopiert (mhd. bittere > bitter ‘Bitterkeit’). Das erhaltene Suffix -e kann nicht mehr klar von stammauslautendem -e (< germ. ō) wie in mhd. stunde unterschieden werden. Der Lautwandel trägt wesentlich zur Schwächung der Produktivität bei. Gleichzeitig zu Schwächung und Schwund des ahd. Suffixes -ī (mhd. -e > Ø) entwickelt sich aus einem freien Wort sein neuer Konkurrent, das Affixoid -heit. Da es wie jedes Affixoid wortwertig ist, weist es einen deutlich profilierteren Ausdruck (mit Diphthong) auf. Seine phonologische Salienz (Auffälligkeit) ist ein wichtiger Grund für die Verdrängung des mhd. Suffixes -e. Im Gegensatz zu Flexiven, deren abstrakter Inhalt mit einem minimalen, häufig unsilbischen Ausdruck korreliert (z. B. gib-t), tendieren Derivationssuffixe als lexi‐ kalische Morpheme zu einem salienteren Ausdruck, z. B. -tum, -heit, -ung, -in usw. So verbindet sich das phonologisch wortwertige -heit im Mhd. immer häufiger mit Partizipien (mhd. gelegenheit neben gelegene für ‘Beschaffenheit’), die im Ahd. noch mit -ī abgeleitet wurden, z. B. ahd. gileganī (Part.Perf. gilegan von liggen ‘liegen’). Im Fnhd. bilden sich die Varianten -keit und -igkeit heraus. Beide Formen entstehen durch die häufige Verbindung mit Adjektiven auf -ec, der Entsprechung von nhd. -ig (trûrec+heit ‘Traurigkeit’). Dabei wird das bereits existierende Suffix -heit erweitert, was seine Salienz noch weiter steigert: Die Form -keit resultiert aus der Verschiebung der Silbengrenze und der Tilgung des h: -ec.heit > -e.cheit > -ceit (später -keit). -keit verbindet sich seitdem nur mit mehrsilbigen Adjektiven, z. B. Eitelkeit, Einsamkeit, während die ursprüngliche Form -heit sich an einsilbige Adjektive heftet: Freiheit, Frechheit, Krankheit. -heit verbindet sich auch mit Substantiven und Partizipien, hier allerdings ohne die Einsilbigkeitsbedingung: Menschheit, Kindheit, Christenheit; Gebor‐ genheit, Gelassenheit. Aus der Kombination -ec+heit ist auch das Allomorph -igkeit entstanden. Dieses wird als Suffix reanalysiert und dient seitdem zur Ableitung einsilbiger Adjektive (klein, feucht, leicht): Klein-igkeit, Feucht-igkeit, Leicht-igkeit. Das substanzarme Schwa-Suffix -e (< ahd. -ī) wird im Fnhd. also durch die sehr pro‐ duktiven und phonologisch salienteren Suffixvarianten -heit/ -keit/ -igkeit verdrängt. Ihm bleibt im Nhd. nur noch eine kleine semantische Nische: in Bezeichnungen für Farben (Röte, Bräune), Dimensionen (Höhe, Tiefe, Länge, Breite), physikalische Eigenschaften (Schärfe, Kälte, Herbe) und menschliche Charaktereigenschaften (Güte, Milde, Schläue). Zu einigen e-Ableitungen existieren jedoch bedeutungsgleiche heit-Du‐ bletten, z. B. Herbe - Herbheit oder Schläue - Schlauheit (Wellmann 1975: 267). 114 3 Morphologischer Wandel <?page no="115"?> Zu diesem Konkurrenzgeflecht tritt das Suffix -ung hinzu, das seit dem Ahd. immer häufiger zur Bezeichnung von Nomina actionis (Vorgangsbezeichnungen) verwendet wird, z. B. mhd. toufunga neben toufī ‘Vorgang des Taufens’. Dieses Suffix hat auch an der Verdrängung der ahd. Suffixe -ida und -ī teil, z. B. ahd. hōn-ida vs. nhd. Verhöhn-ung, ahd. leitī vs. nhd. Leit-ung. Es verbindet sich seit dem Mhd. immer häufiger mit Verbalbasen. Seine Produktivität verdankt dieses Suffix seiner semantischen Transparenz: Im Fnhd. wird es regelmäßig zur Bildung von Nomina actionis verwendet (Grabung ‘Vorgang des Grabens’). Das Suffix -heit wird im Fnhd. in dieser Funktion aufgegeben. Daher verbindet sich -heit heute nur noch mit Partizipien, um den erreichten Zustand zu bezeichnen (Abgeschlossenheit). Die ursprüngliche semantische Transparenz von -ung geht jedoch allmählich verloren. Dazu trägt hier der Bedeutungswandel bei. Einzelne Bildungen werden metonymisch verwendet. So wird Erzählung statt als ‘Vorgang des Erzählens’ immer häufiger als ‘Resultat/ Produkt des Erzählens’ uminterpretiert (vgl. auch Heizung, bei dem eine Vorgangslesart nicht mehr möglich ist). Langfristig führt das zur Entwicklung neuer Wortbildungsmodelle. Heute können mit -ung Nomina actionis wie Schließung ‘Vorgang des Schließens’ gebildet werden, aber auch Bezeichnungen des Ergebnisses einer Handlung (sog. Nomina acti) wie Erzählung, ja sogar Personenbezeichnungen (sog. Nomina agentis) wie Bedienung, Objektbezeichnungen (sog. Nomina instrumenti) wie Lenkung und lokale Bezeichnungen (sog. Nomina loci) wie Niederlassung (Munske 2002). Die mor‐ phologische Produktivität des ung-Suffixes ist im Nhd. auf bestimmte semantische Verbklassen beschränkt. In anderen Fällen wird der nominalisierte Infinitiv verwendet, z. B. das Erzählen, das Graben ‘der Vorgang des Erzählens/ Grabens’. Bei diesen lässt sich jedoch auch schon wieder das Abgleiten zu den Nomina acti beobachten wie bei das Essen ‘Mahlzeit’ oder das Schreiben ‘Brief ’ (Wegera 1985, Doerfert 1994, Barz 1998, Demske 2000, Zutt 2000, Hartmann 2016). Abb. 33: Entwicklungen im Bereich der Suffixe für Abstrakta 3.2 Wortbildungswandel 115 <?page no="116"?> Konkurrenz zwischen verschiedenen Nominalisierungsmustern - evaluative Morphologie Im heutigen Deutsch existieren mehrere Nominalisierungsmuster. Mit ihrer Hilfe werden Verbalabstrakta gebildet, indem eine verbale Basis wie forschen in ein No‐ men überführt wird. Dazu dienen die bereits angesprochenen Wortbildungsmuster, wobei der nominalisierte Infinitiv wie in das Forschen ‘Prozess des Forschensʼ den Vorgang in seiner Prozesshaftigkeit beschreibt, während die ung-Suffigierung wie in Forschung ‘Vorgang bzw. Ergebnis des Forschensʼ den Vorgang und/ oder das Resultat bezeichnet. Darüber hinaus können Vorgangsbezeichnungen aber auch mit dem Zirkumfix Ge-x-e wie in Geforsche und mit dem Suffix -erei wie in Forscherei gebildet werden. Diese Nominalisierungsmuster haben im Gegensatz zu -ung und dem nominalisierten Infinitiv die zusätzliche Bedeutungskomponente der Iterativität: Sie drücken aus, dass der Vorgang wiederholt stattfindet (Dammel/ Quindt 2016: 44). Daraus entwickeln sie eine negativ-evaluative Bedeutung, indem sie die Einstel‐ lung der Sprecherin/ des Sprechers zu dem bezeichneten Vorgang ausdrücken. Solche evaluativen Suffixe können heute in Verbindung mit neutralen verbalen Basen wie forschen produktiv eingesetzt werden und treten unabhängig vom Kontext, d. h. auch in positiven oder neutralen Kontexten, auf. Sie stehen in Opposition zu nicht-evaluativen Suffixen, z. B. (nicht-evaluativ) Sie geht ihrer Forschung nach vs. (evaluativ) Sie geht ihrer Forscherei nach sowie (nicht-evaluativ) Das Forschen hat den ganzen Tag gedauert vs. (evaluativ) Die Forscherei hat den ganzen Tag gedauert. Tabelle 23 zeigt, dass die nebeneinander existierenden Nominalisierungsmuster ein Wortbildungsparadigma bilden (Dammel/ Kempf 2018): - Prozesshaftigkeit des Vorgangs Ergebnis des Vorgangs deskriptiv nominalisierter Infinitiv das Forschen ung-Suffix die Forschung deskriptiv und evaluativ Zirkumfix Ge-x-e + iterativ Geforsche erei-Suffix +iterativ Forscherei Tab. 23: Wortbildungsparadigma im Bereich der Vorgangsbezeichnungen Während die Ableitung nominaler Basen mit Ge-x-(e) wie Geäst oder Gebirge heute nicht mehr produktiv ist (s. Kap. 3.2.1.3), baut das sprachhistorisch jüngere Ableitungs‐ muster mit verbaler Basis wie Geforsche seine Produktivität im Laufe der Sprachge‐ schichte aus. Das seit dem Mhd. gebrauchte Lehnsuffix -erei (aus dem Französischen entlehnt) wie in Forscherei wird ebenfalls produktiver (Dammel/ Quindt 2016). Die evaluative Bedeutungskomponente entwickeln Ge-x-e und -erei stufenweise (Dam‐ mel/ Quindt 2016: 54-64): Während im Fnhd. negative Basen wie zanken (Gezanke, Zanke‐ rei) überwiegen, treten im frühen Nhd. immer mehr neutrale Basen wie forschen oder 116 3 Morphologischer Wandel <?page no="117"?> reden hinzu. Seit dem 18. Jh. lassen sich die ersten neutralen oder sogar positiven Kontexte finden, in denen die Suffigierung pejorisierend wirkt wie im folgenden Beispiel: Es ist ein Gerede unter den Menschen, daß er einen nächtlichen Umgang mit dem Meerweibe habe, […] ich weiß nichts davon (Dammel/ Quindt 2016: 57) Solche Fälle zeigen, dass die pejorative Bedeutung von Gerede sich weder auf die negative Bedeutung der verbalen Basis noch auf einen negativen Kontext zurückführen lässt. Sie ist vielmehr als evaluative Bedeutungskomponente des Zirkumfixes Ge-x-e konventionalisiert. Zugleich nehmen neutrale und positive Gebrauchskontexte beider Nominalisierungmuster im 19. Jh. deutlich zu. 3.2.1.5 Die Karriere des -er-Suffixes: Produktivitätswandel Wie man den bisherigen Ausführungen entnehmen kann, ist die Produktivität eines Suffixes eine veränderliche Eigenschaft. So kann ein ursprünglich produktives Suffix wie ahd. -ida zu einem (unproduktiven) morphologischen Rest wie nhd. -de (Freude) erstarren. Einen ähnlichen Verlauf hat das ahd. Suffix -ahi erfahren, das im Nhd. als morphologischer Rest wie in Dickicht tradiert wird. Wir haben auch die allmähliche Herausbildung des Suffixes -bar verfolgt, dessen Produktivität ebenfalls einem Wandel unterlag. Nach einer kurzen Periode, in der -bar sowohl an nominale als auch an verbale Basen tritt, wird seine Produktivität auf verbale Basen beschränkt. So können im Nhd. nur noch deverbale Adjektive mit -bar, aber keine denominalen mehr gebildet werden (s. Kap. 3.2.1.2). Gut untersucht ist das Suffix -er (< ahd. -āri), das neben -ung und -heit/ -keit/ -igkeit heute zu den produktivsten Derivationsmorphemen zählt. Ahd. -āri speist sich wahr‐ scheinlich aus zwei Quellen, dem lat. Lehnsuffix -ārius und dem germ. Suffix *-warja, das zur Bildung von Herkunftsbezeichnungen verwendet wurde. Beide Suffixe fallen im Ahd. zu -āri zusammen. In seiner weiteren Entwicklung hat es einen starken Anstieg an Produktivität erfahren (s. Scherer 2003, 2005, Meibauer/ Guttropf/ Scherer 2004). Die wachsende Anzahl der Neubildungen wird dadurch ermöglicht, dass die morphologi‐ schen und semantischen Beschränkungen allmählich aufgeweicht werden. Diese betreffen 1) das semantische Konzept, 2) die Wortart und 3) die Komplexität der Basis. 1. Während das Wortbildungsmuster x+-er bis ins Fnhd. hinein hauptsächlich zur Bildung von Personenbezeichnungen (Nomina agentis) benutzt wird, z. B. Lehr-er, Les-er, wird es im Nhd. zunehmend für zwei weitere Konzepte verwendet: Zum einen zur Objektbezeichnung (Nomina instrumenti) wie Schläg-er, Trockn-er, zum anderen zur Bezeichnung des Ergebnisses eines Vorgangs (Nomina acti), z. B. Seufz-er, Ächz-er. Die sich entwickelnde Polysemie des er-Suffixes (‘Person’, ‘Ob‐ jekt’ und ‘Vorgang’) trägt zur Erhöhung seiner Produktivität bei. 2. Obwohl sich das lat. Suffix -ārius an nominale Basen heftet, tritt das ahd. Lehnsuffix -āri hauptsächlich an einfache verbale Basen (ahd. lēr-āri ‘Lehrer’) und nur selten an einfache nominale Basen (ahd. garten-āri ‘Gärtner’). Diese Präferenz 3.2 Wortbildungswandel 117 <?page no="118"?> für verbale Basen setzt sich im Mhd. fort. Obwohl sie bis heute die Mehrheit der er-Ableitungen ausmachen (heute 72 % aller Bildungen), kann seit dem Fnhd. ein erneuter Zuwachs an denominalen Ableitungen beobachtet werden. Heute machen denominale Ableitungen wie Fußball-er oder Großstädt-er bereits 22 % aller Bildungen aus. Die Tatsache, dass -er sowohl an verbale als auch an nominale Basen treten kann, steigert seine Produktivität. 3. Im Ahd. überwiegen ganz deutlich er-Ableitungen mit einfacher Basis, z. B. ahd. lēr-āri ‘Lehrer’ oder garten-āri ‘Gärtner’. Seit dem Fnhd. wird die Tendenz zur Ableitung komplexer Basen immer stärker, z. B. Brötchenbäck-er, Fußball-er, Lieb‐ hab-er, Trittbrettfahr-er. Heutzutage sind Ableitungen von mehrgliedrigen Basen viel häufiger als von einfachen, z. B. Gratisfleischbällchenesser. Insgesamt ist die wachsende Produktivität des er-Suffixes durch die Überwindung semantischer und morphologischer Beschränkungen möglich geworden: Die seman‐ tische Beschränkung auf das Konzept ‘Person’ wird durch die Entwicklung der Kon‐ zepte ‘Objekt’ und ‘Vorgang’ erweitert. Die morphologische Beschränkung auf verbale sowie einfache Basen wird durch die Erweiterung auf nominale sowie komplexe Basen aufgehoben (s. Abb. 34). Abb. 34: Produktivitätswandel des er-Suffixes 3.2.1.6 Wandelt sich das Movierungssuffix -in zum Genusmarker? Das Suffix -in dient seit dem Ahd. der Movierung, d. h. der Geschlechtsspezifizierung, z. B. ahd. weberinna ‘Weberin’ (Henzen 3 1965: § 95). Im Laufe der Sprachgeschichte hat es sich zum wichtigsten und produktivsten Movierungssuffix entwickelt (s. Stricker 2000, Stephan 2009). Es wird an maskuline Basen, z. B. Weber angehängt, um weiblichen Sexus zu markieren, also Weber → Weber-in. Seine Konkurrenten sind kaum produktiv; 118 3 Morphologischer Wandel <?page no="119"?> dazu gehören Fremdaffixe wie -(eu)se in Souffleur → Souffleuse und das Suffix -sche (Pastorsche), das meist mit der Bedeutung ‘Frau von x’ verwendet wird (Wellmann 1975: 107 ff., Doleschal 1992). Im heutigen Dt. besteht eine starke Tendenz dazu, auf weibliche (also belebte) Referenten mit in-Bildungen zu prädizieren, (d. h. dem Referenten eine Eigenschaft zuzusprechen), z. B. Meine Mutter ist eine leidenschaftliche Joggerin ( Jobin 2004: 105 ff., Nübling/ Rosar 2025). Damit stimmen die in-Bildungen (hier: Joggerin) mit den Nomina in der Subjektposition (hier: Mutter) bezüglich des natürlichen Geschlechts (Sexus) überein. Dies ist ein Fall semantischer Kongruenz. Diese muss nicht zwangsläufig mit der grammatischen (Genus-) Kongruenz einhergehen. So kann auch eine neutrale Frauenbezeichnung im Subjekt (das Mädchen) mit der in-Bildung kombiniert werden: Das Mädchen ist eine leidenschaftliche Joggerin. Abb. 35 verdeutlicht, dass der Gebrauch der prädikativen in-Bildungen nicht grammatisch, d. h. durch das feminine Genus, sondern in erster Linie semantisch, d. h. durch das weibliche Geschlecht des Referenten ausgelöst wird (zur grammatischen und semantischen Kongruenz s. v. a. Corbett 2003, Croft 1990, Köpcke/ Panther/ Zubin 2010). Interessanterweise zeigt eine Umfrage von Schröter/ Linke/ Bubenhofer (2012), dass bei Selbstbezeichnung eher Ich bin Studentin, aber Ich bin Physiker verwendet wurde. Da die Befragten Studentinnen waren, könnte der Unterschied daher rühren, dass sie nur bei den für sie selbst relevanten, identitäts‐ stiftenden Bezeichnungen (Studentin) die Geschlechtsmarkierung vornahmen. Abb. 35: Semantische und grammatische Kongruenz zwischen belebtem Subjekt und prädikativer in-Bildung 3.2 Wortbildungswandel 119 <?page no="120"?> In der jüngsten Sprachgeschichte werden in-Bildungen, z. B. Eigentümerin, Trägerin, Nachfolgerin oder Besitzerin, auch in Bezug auf unbelebte Referenten wie die Stadt oder die Partei verwendet, z. B. Die Stadt ist die Eigentümerin des Grundstücks/ der Therme/ der Wellness-Oase. Dieser neuartige Gebrauch ist v. a. aus der Zeitungssprache bekannt. Da diese Referenten, auf die wir im Folgenden noch zu sprechen kommen, kein natürliches Geschlecht aufweisen und auch nicht personifiziert werden (s. Szczepaniak 2014a), stellt sich hier die Frage, worin der Gebrauch des in-Suffixes begründet ist. Die folgende Interpretation basiert auf den Ergebnissen der korpusbasierten Studie von Szczepaniak (2013a), in der das DWDS-Kernkorpus ausgewertet wurde (vgl. Jobin 2005, Scott 2009). Die in-Bildungen treten nahezu ausschließlich auf, wenn politische, finanzielle, juristische, administrative oder soziale Institutionen (seltener auch Bezeichnungen für wissenschaftliche Disziplinen und andere Abstrakta) als Referenten fungieren, also Banken, Parteien, Städte bzw. Stadtverwaltungen, Kirchen. Wenn von der Stadt als Eigentümerin eines Grundstücks gesprochen wird, so ist damit nicht die Stadt als Ort gemeint. Vielmehr wird dieses Wort metonymisch für die Menschengruppe verwendet, die als Vertreter der Stadtbewohner über dieses Grundstück entscheiden. Ähnlich steht die FDP in Die FDP ist die traditionelle Koalitionspartnerin der CDU für eine Menschen‐ gruppe, die sich für bestimmte politische Ziele einsetzt. Die in-Bildungen werden also nach einem semantischen Prinzip verwendet: Sie prädizieren über menschliche Kollektiva, die ein Ganzes (eine Institution) darstellen und daher als Einheiten (also als Individuen) wahrgenommen werden. Ihr hoher Individuiertheitsgrad äußert sich darin, dass sie Eigennamen haben, z. B. die FDP, die Deutsche Bank, die Deutsche Bahn usw. Vereinzelt lassen sich in der Schriftsprache Belege finden, in denen Konkreta wie Raffinerie oder Schneeflocke (s. Scott 2009: 39) als Bezugswörter für in-Bildungen dienen (hier in einer Komparativkonstruktion): Die Raffinerie von Dünkirchen raffiniert gegenwärtig 40 000 barrels täglich, das sind viermal mehr als ihre Vorgängerin vor 1940. (DWDS, Archiv der Gegenwart, 13. 10. 1952) Bis auf diese seltenen Ausnahmen treten in-Bildungen mit unbelebten Referenten auf, die stark individuierte Menschengruppen (Institutionen) darstellen. Aus diesen gemeinsamen Bedeutungskomponenten der Subjektsnomina lässt sich die neue Funk‐ tion des Suffixes ableiten, die abstrakter ist als die des Movierungssuffixes. Auch hier ist die grammatische Kongruenz nicht erforderlich, da neutrale Subjekte selten, jedoch nicht ausgeschlossen sind, z. B. Sobald neben Deutschland als Vorreiterin auch Großbri‐ tannien mitzieht (…) (dokumente.linksfraktion.net/ inhalt/ 7761252011.pdf, abgerufen 21. 04. 2012): 120 3 Morphologischer Wandel <?page no="121"?> Abb. 36: Semantische (und grammatische) Kongruenz zwischen kollektivem Subjekt und in-Bildung Mit der noch sehr selten belegten Extension der in-Bildungen auf konkrete Bezugs‐ wörter (wie Raffinerie) wird die semantische Kongruenz abgebaut. In solchen Fällen kongruiert das in-Suffix nur noch grammatisch, seine Funktion ist auf die Genusan‐ zeige reduziert, z. B. Die Raffinerie (fem.) - ihre Vorgängerin (fem.). Hier zeigt sich, auch wenn nur ansatzweise, der seltene Übertritt eines gebundenen Morphems aus der Wortbildung in die Flexion (vgl. Abb. 31 auf S. 106) und damit ein seltener Fall von Grammatikalisierung von Wortbildungszu Flexionsaffixen (zur Grammatikalisierung s. Kap. 11). 3.2.2 Die deutsche Kompositionsfreudigkeit In der dt. Sprachgeschichte nehmen die sog. Determinativkomposita (Honigbiene, himmelblau, Blumentopf) stark zu. Der Terminus Determinativkompositum bedeutet, dass das rechte Kompositionsglied (Grundwort/ Determinatum) die Grundbedeutung des gesamten Kompositums liefert, während das linke Kompositionsglied (Bestim‐ mungswort/ Determinandum) diese nur modifiziert. So ist Blumentopf ein Topf mit einer bestimmten Funktion, die sich aus dem linken Kompositionsglied Blume ableitet. Das Wort himmelblau ist die Bezeichnung für ein bestimmtes Blau. Im Nhd. ist die Produktivität der sog. N+N-Komposita so gut wie uneingeschränkt. Das Dt. ist äußerst kompositionsfreudig (s. dazu Schlücker 2012). In den folgenden Kapiteln werden wir die Entwicklung dieses Wortbildungsmusters näher betrachten. 3.2.2.1 N+N-Komposita in der deutschen Sprachgeschichte Im Ahd. kommt das erste Kompositionsglied als reiner Stamm vor. Dieses besteht aus der lexikalischen Wurzel und dem stammbildenden Suffix. So enthält das Erstglied tagain taga+lioht ‘Tageslicht’ die lexikalische Wurzel tag- ‘Tag’ und das stammbil‐ dende Suffix -a. Stammbildende Suffixe wie -a in taga- und -i in turi- ‘Tür-’ füllen im Ahd. die sog. Kompositionsfuge, d. h. sie treten zwischen die beiden Kompositionsglieder. Sie werden daher als Fugenvokale bezeichnet. Einige werden schon im frühen Ahd. abgebaut, so dass im Endeffekt das Erstglied ein einfacher nominaler 3.2 Wortbildungswandel 121 <?page no="122"?> Stamm ist, z. B. berg+fugeli ‘Bergvöglein’ (Gröger 1911). Grimm ( 2 1878: 386) bezeichnet diese Art der Zusammensetzung als eigentliche Komposita, weil das Erstglied keine Flexionsendung enthält. Auf dem Weg zum Mhd. werden die ahd. Fugenvokale zentralisiert und anschließend getilgt, z. B. ahd. fridu+sam > mhd. vridesam > nhd. friedsam, ahd. bota+scaf > mhd. bote+schaft > bot+schaft ‘Botschaft’. Nur noch wenige Komposita erhalten im Nhd. diesen unbetonten Vokal, z. B. Tage+löhner (Szczepaniak 2016a). Daneben treten im Ahd. und Mhd. vereinzelt Komposita auf, deren erstes Kompo‐ sitionsglied eine Genitivform hat (sog. Genitivkomposita). Diese entstehen aus einer syntaktischen Verbindung, in der ein Genitivattribut einem Substantiv vorangeht, z. B. des Tages Licht > Tageslicht. Weil sie eine Flexionsendung (Genitiv) im Erstglied enthalten, werden sie als uneigentliche Komposita bezeichnet. So existiert schon im Ahd. neben dem eigentlichen Kompositum tagalioht auch ein uneigentliches tages lioht > tages-lioht ‘Tageslicht’ (s. Kap. 4.3). Der Unterschied zwischen der genitivischen Ausgangskonstruktion und dem Kompositum als Endprodukt liegt darin, dass man letzteres nicht durch Worteinschub erweitern kann (des Tages angenehmes Licht vs. angenehmes Tageslicht). Das Kompositum ist ein Baustein des Satzes, d. h. eine mor‐ phosyntaktische Einheit. Einen solchen Prozess nennt man Univerbierung (s. Kap. 6.2 und 11.4.1). Nach der Herausbildung des bestimmten Artikels im Mhd. können freie syntakti‐ sche Verbindungen und Genitivkomposita besser unterschieden werden. Wenn dem Kompositum ein Artikel (oder ein Adjektiv) vorausgeht, bezieht er sich auf das zweite Kompositionsglied, z. B. mhd. der sanges meister (Wilmanns 2 1899: 523). Solche Beschränkungen gelten nicht für freie syntaktische Verbindungen (s. auch Nitta 1987, Pavlov 1983). Ihre heutige Kompositionsfreudigkeit verdankt die dt. Sprache einem syntaktischen Wandel im Fnhd., in dem die Position der Genitivattribute verändert wurde. Im Ahd. und Mhd. stehen diese Attribute vor dem Bezugsnomen (tages lioht), im Fnhd. treten sie hinter das Bezugsnomen: nhd. das Licht des Tages (s. Kap. 4.3). Im Zuge dieses syntaktischen Wandels kommt es dazu, dass feste syntaktische Verbindungen (lexikalisierte Nominalphrasen) als Komposita reanalysiert werden, z. B. [[der Nasen] NP Bein] NP > [das [Nasenbein] N ] NP . Das oben angeführte Beispiel der sanges meister ist also schon ein Kompositum (s. Kap. 2.5.7). In Analogie zu den so entstandenen Komposita werden im Fnhd. viele weitere gebildet. Somit bleibt das Genitivkompositum nicht mehr auf die Univerbierung beschränkt. Nachdem das ahd. Wortbildungsmuster durch den Abbau der Fugenvokale hinfällig geworden war, entwickelt sich im Fnhd. ein neues, sehr produktives Wortbildungsmuster der N+N-Komposita, nach dem immer häufiger auch mehrgliedrige Komposita wie Einkommensteuererklärungsabgabetermin gebildet werden (s. auch Kap. 3.2.2.3). Die Frequenz von Komposita steigt seit dem Fnhd. rasant an (Kopf 2018b: 96): Sind im Jahr 1500 in schriftlichen Korpora etwa 6 Komposita pro 1000 Wörter zu finden, steigt ihre Zahl im Jahr 1900 auf 31 Komposita pro 1000 Wörter (s. auch Kopf 2018a: 167-168). 122 3 Morphologischer Wandel <?page no="123"?> Die Zunahme von Komposita führt auch dazu, dass ab dem 17. Jh. die Schreiber und Drucker sehr daran interessiert sind, die Zusammengehörigkeit der Komposita auch graphisch wiederzugeben. Die Kompositionsglieder werden oft durch doppelten Bindestrich (ihrem eigenthums=Herren, Zeugen=Aussage) oder Zusammenschreibung signalisiert, wobei die einzelnen Kompositionsglieder nicht selten auch großgeschrie‐ ben werden wie in LiebesGöttin (Pavlov 1983: 108, v. Polenz 1994: 282 und Kap. 9.2). 3.2.2.2 Fugenelemente Die fnhd. Reanalyse syntaktischer Verbindungen zu neuen Komposita hinterlässt jedoch Spuren. In der Ausgangsstruktur, vor der Reanalyse, ist das Genitivattribut bezüglich der grammatischen Kategorien spezifiziert, die sowohl im Artikel als auch in der Flexionsendung enthalten sind. Nach der Reanalyse bezieht sich der Artikel immer auf das Bezugsnomen, z. B. der Nasen Bein > das Nasenbein, des Teufels Sohn > der Teufelssohn (s. Abb. 37). Als Brücke für diese Entwicklung fungieren Ausgangskonstruktionen, in denen die Flexionsform des Artikels sowohl mit dem Genitivattribut als auch mit dem Bezugsnomen kongruiert, so dass die Struktur sowohl als Nominalphrase als auch als Kompositum analysiert werden kann (s. Kap. 4.3). Im Laufe des Fnhd. und des frühen Nhd. wächst die Anzahl eindeutiger Komposita wie der Teufelssohn von etwa 46 % um 1500 auf 87 % im Jahr 1710, wohingegen die Anzahl eindeutiger Nominalphrasen mit vorangestelltem Genitivattribut wie in des Teufelssohn zurückgeht (Kopf 2018a: 167-168). Abb. 37: Die Reanalyse komplexer Nominalphrasen als Komposita Die alte Flexionsendung wird nach der Reanalyse im neuen Kompositum als Fugen‐ element fixiert: das Nasenbein, der Teufelssohn. Das Fugenelement bleibt sogar dann konstant, wenn sich die Flexion des entsprechenden Substantivs ändert. So werden im Fnhd. die schwachen n-Flexive der Feminina im Singular abgebaut. Zu dieser Gruppe gehört z. B. die Nase. Ihre Gen.Sg.-Form lautete bis dahin der Nasen, heute aber der Nase. In den Komposita bleibt die ursprüngliche Form Nasenjedoch erhalten, z. B. Nasenbein, Nasenspitze, Nasenbluten. Die Tatsache, dass sich die Flexions- und die Kompositionsformen eines Substantivs auseinanderentwickeln, belegt die Erstarrung der ursprünglichen Flexive in den Kom‐ posita. Diese erscheinen auch in neu gebildeten Komposita, in denen die Relation zwischen dem Grund- und dem Bestimmungswort nicht genitivisch, d. h. nicht mit einer Genitiv-NP paraphrasierbar ist, z. B. Nasenring oder Nasenöl: 3.2 Wortbildungswandel 123 <?page no="124"?> Relation zwischen Grund- und Bestimmungswort nhd. Nasenspitze ‘die Spitze der Nase’ Genitiv nhd. Nasenring ‘der Ring in der Nase’ Dativ nhd. Nasenöl ‘das Öl für die Nase’ Akkusativ Diese Beispiele zeigen, dass die ursprüngliche Genitivendung im Kompositum hinsicht‐ lich der Kasusinformation neutralisiert wurde (Gallmann 1999). Aus ursprünglichen Flexiven werden inhaltsleere Elemente. Fuhrhop (1996) stellt fest, dass die Sprache mindestens drei Möglichkeiten hat, auf diese inhaltsleeren Elemente zu reagieren: 1. Sie können beseitigt werden, z. B. Eierweiß > Eiweiß. 2. Sie können als grammatische Suffixe reinterpretiert werden. So ist die Verwendung der Pluralform des Erstglieds heute häufig semantisch begründet, z. B. in Bücherre‐ gal ‘Regal für mehrere Bücher’ vs. Buchumschlag ‘Umschlag eines Buchs’. Dies ist aber keine durchgehende Regel. So ist die Pluralbedeutung auch bei der Singularform möglich, z. B. Buchmesse. Umgekehrt kann eine Pluralform des Erstglieds auch mit Einzahlbedeutung verbunden sein, z. B. Eierschale oder Kinderwagen. 3. Den inhaltsleeren Elementen kann eine neue Funktion verliehen werden. Das Dt. hat von allen drei Möglichkeiten Gebrauch gemacht, am meisten aber von der dritten. Aus den einstigen Flexionsendungen werden sog. Fugenelemente, die nun dazu dienen, die Zusammengehörigkeit (Morphologisierung) des gesamten Kompositums anzuzeigen, z. B. Kirchenglocke, Sonnenstrahl, Kinderwagen, Kindeswohl (Fuhrhop 2000). Dabei optimieren sie auch ihre phonologische Struktur (s. dazu Kap. 2.5.7). Doch die Funktionalisierung der Fugenelemente geht noch weiter. Viele Stämme werden erst durch das Anhängen eines Fugenelementes kompositionsfähig gemacht. So können u. a. schwache Maskulina nur mit einem Fugenelement das kompositionelle Erstglied bilden, z. B. der Zeuge: Zeuge-n-aussage, der Kunde: Kunde-n-wunsch, der Präsident: Präsident-en-amt. Somit bildet der Nominalstamm erst mit dem Fugenele‐ ment einen Kompositionsstamm, der mit einem weiteren Stamm zum Kompositum kombiniert werden kann: Kunden-dienst (Fuhrhop 2000). Die Verfugung nimmt im Fnhd. stetig zu, wobei nicht alle Fugen gleichermaßen von diesem Prozess betroffen sind: So lässt sich zwischen 1500 bis 1710 v. a. ein Anstieg von s-verfugten und n-verfugten Komposita beobachten (Kopf 2018a: 216-232). Im 19. Jh. nimmt v. a. die s-Verfugung zu, wohingegen die unverfugten Komposita zurückgehen (Kopf 2018b). Heute gibt es folgende Fugenelemente: -ens, -es, -er, -e, -en, -n und -s. Sie unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Produktivität (Nübling/ Szczepaniak 2013). Nur noch selten und völlig unproduktiv ist -(e)ns, z. B. Herz-ens-dame, Name-ns-schild. Gleiches gilt auch für die es-Fuge, die auf ca. 30 maskuline und neutrale Substantive be‐ schränkt ist, darunter Freund (Freund-es-kreis), Meer (Meer-es-rauschen) usw. Schwach produktiv sind die Fugenelemente -er und -e. Sie transportieren in manchen Fällen Pluralbedeutung (Arzt-praxis vs. Ärzt-e-kongress, Buch-umschlag vs. Büch-er-regal), 124 3 Morphologischer Wandel <?page no="125"?> doch ist das keine Regel (Hühn-er-ei, Rind-er-braten, Kind-er-auge). Die -en-Fuge tritt insbesondere bei schwachen Maskulina auf (Präsident-en-amt, Bär-en-fell). In Verbindung mit einsilbigen bzw. endbetonten schwachen Feminina wie Schrift oder Geburt ist sie nur dann erlaubt, wenn das Erstglied pluralisch interpretiert werden kann, z. B. Schrift-en-verzeichnis ‘Verzeichnis von mehreren Schriften’ vs. Schrift-füh‐ rer oder Geburt-en-kontrolle ‘Kontrolle von (mehreren) Geburten’ vs. Geburt-s-tag. Am produktivsten sind die Fugen -n und -s, die sich auch am weitesten von ihrem flexivischen Ursprung entfernt haben. So wird die n-Fuge regelmäßig bei femininen Substantiven auf Schwa (Sonne, Dame) verwendet (Sonne-n-strahl, Dame-n-kleid). Sie ist bei auf Schwa auslautenden schwachen Maskulina (Kunde, Affe) obligatorisch: Kunde-n-dienst, Affe-n-schaukel. Die s-Fuge hat sich so weit vom Flexionssuffix entfernt, dass sie heute sogar an feminine Stämme tritt, obwohl diese nie ein Genitiv-s hatten, z. B. Arbeit-s-zeit, Geburt-s-tag, Heirat-s-antrag. Wenn die Form des Erstglieds wie bei Arbeits- oder Geburtsmit keiner Flexionsform des betreffenden Wortes übereinstimmt, spricht man von einer unparadigmischen Fuge. Die unparadigmische s-Fuge ist heute sehr häufig. Sie tritt in fast 55 % der neugebildeten Kompositabelege auf (Kopf 2018a: 28). Die paradigmischen Fugen -en, -n, -e, -es und -er sehen hingegen immer wie ein Flexiv aus, z. B. Damen-kleid (die Damen), Präsidenten-wahl (des Präsidenten). Die Tatsache, dass bei der unparadigmischen s-Fuge sogar formale Beschränkungen überwunden wurden, so dass sie heute auch an feminine Stämme und fremde Erstglie‐ der (s. dazu Kap. 6.1.2.3) treten kann, ist ein Beweis für ihre hohe Produktivität, die sich auch in der Vorkommenshäufigkeit widerspiegelt. So konnte u. a. Kürschner (2003) in einer Korpusuntersuchung zeigen, dass die s-Fuge im Dt. in ca. 25 % aller Komposita auftritt (s. auch Kopf 2018a: 26-47 für eine Übersicht von Verfugungsverhältnissen in verschiedenen Korpora). Ca. 11 % machen -en und -n aus. Die restlichen Fugenelemente sind sehr selten (insgesamt in 6 % aller Komposita). Auch heute noch sind die meisten Komposita unverfugt. Die seit dem Fnhd. kontinuierlich zunehmende s-Verfugung führt zu zahlreichen Dubletten (sog. Zweifelsfällen) wie Verband-/ Verband-s-kasten (Michel 2009, 2010; Nübling/ Szczepaniak 2011). Tab. 24: Fugenelemente im Deutschen 3.2 Wortbildungswandel 125 <?page no="126"?> Die s-Fuge wird tendenziell nicht bei Simplizia benutzt, daher Fahrt-zeit, Stand-bein, Druck-seite. Da sie meist bei phonologisch und morphologisch komplexen Erstgliedern auftritt (s. Kap. 2.5.7), signalisiert sie die Grenze zwischen dem Erst- und Zweitglied, also zwischen dem Bestimmungs- und dem Grundwort. Das hilft dem Hörer, die Struktur schnell zu erkennen: Verfugung und die Komplexität des Erstglieds einfaches Erstglied - komplexes Erstglied Stand-bein vs. Um+stand-s-mode Druck-seite vs. Aus+druck-s-seite Fahrt-zeit vs. Ab+fahrt-s-zeit Bleiben wir noch kurz beim letzten Beispiel. Hier tritt die s-Fuge an ein mehrsilbiges, auf t auslautendes, feminines Erstglied: Abfahrt-s-zeit. Weitere Beispiele wären Ar‐ mut-s-zeugnis, Geburt-s-tag, Heirat-s-antrag usw. Fuhrhop (2000) bemerkt, dass solche Erstglieder ihren Kompositionsstamm immer mit der s-Fuge bilden. Dies bedeutet, dass sie erst in dieser Form kompositionsfähig sind. Um sie für die Komposition zu verwenden, müssen sie also durch die Fuge geöffnet werden. Ähnliches gilt für die Suffixe -ung, -ling, -heit/ -keit/ -igkeit und -schaft. Auch diese müssen mit Hilfe der s-Fuge geöffnet werden: Versicherung-s-nachweis, Lehrling-s-schutz, Freiheit-s-statue, Zuständigkeit-s-bereich, Freundschaft-s-spiel (Aronoff/ Fuhrhop 2002). 3.2.2.3 Mehrgliedrige Komposita Im Ahd. ist die Komplexität der Komposita auf zwei Simplex-Glieder beschränkt, z. B. taga+lioht ‘Tageslicht’. Mehrgliedrige Komposita wie buoh-stap-zīla ‘Buchstabenzeile’ kommen sehr selten vor (Wilmanns 2 1899: 515). Gemieden werden im Ahd. ebenfalls derivationell komplexe Erstglieder. Im Gegensatz dazu sind heute mehrgliedrige (polymorphemische) Komposita keine Seltenheit. Dabei können sowohl die Erstals auch die Zweitglieder derivationell oder kompositionell komplex sein: Umstand-s-mode, Eigentum-s-wohnung, Freiheit-s-sta‐ tue; Vollkorn-brot, Autobahn-schild, Auto-werkstatt. Komposita mit vier und mehr Grundmorphemen wie Autobahn-dreieck, Einkommensteuererklärungs-abgabetermin sind eine neue, aber häufige Erscheinung. Sie werden seit dem 16. Jh. beobachtet und sind ein eher schriftliches Phänomen (Fleischer/ Barz 4 2012: 97-98). Sie unterstützen das Dt. als informationsverdichtende Sprache und tragen (neben der Tendenz zur Klammerbildung und zur Verschmelzung) zu einem hohen sog. Synthese-Index bei (s. Kap. 12 und 13). In diesem Kapitel wurde sowohl flexivischer als auch Wortbildungswandel betrachtet. Beide Gebiete zusammen konstituieren als morphologische Ebene einen Teil des 126 3 Morphologischer Wandel <?page no="127"?> grammatischen Kerns im Zwiebelmodell (s. Abb. 1, S. 18). Dennoch haben beide unterschiedliche Eigenschaften und Ziele: Während sich die Wortbildungsmittel aus der Lexik speisen, entstehen Flexive aus syntaktischen Strukturen (Abb. 21, Kap. 11, 12.2). Gemeinsam ist hier jedoch die Bewegung von weiter außen in Richtung Kern der Zwiebel (von der Lexik/ Syntax in die Morphologie). Morpheme sind darauf spezialisiert, allgemeingültige und relevante semantische Konzepte (und nur diese) durchgehend und mit wenig formalem Aufwand zu kodieren. Dabei werden allgemeingültigere Inhalte durch Flexion (z. B. Numerus und Tempus), weniger allgemeingültige durch Wortbildung ausgedrückt (z. B. Nomina agentis, Di‐ minutive oder Movierung). Flexion und Wortbildung reagieren unterschiedlich auf Lautwandel. Während in der Wortbildung zugelassen wird, dass sich verwandte Formen auseinander entwickeln (vgl. Hefe und heben), werden in der Flexion opak gewordene Verbindungen durch Analogie wiederhergestellt. Formal haben Flexive tendenziell weniger phonologische Substanz als Derivationsaffixe, und wie wir gesehen haben, können sich Letztere bei zu wenig Substanz durch Reanalyse formal anreichern (-en > -ern, -heit > keit, -igkeit, -er > -ler). Zum Weiterlesen Eine sprachübergreifende Einführung in die Morphologie, die auch diachrone Fragen einbezieht, ist Haspelmath/ Sims ( 2 2010). Zum Einstieg ins Thema Flexion ist z. B. Nübling (2002) geeignet. Voeste (2004) behandelt mit dem adjektivischen Bereich und der Monoflexion in der Nominalphrase Entwicklungen, die hier nicht thematisiert wurden. Wegera u. a. ( 2 2018) geben fundierte, didaktisch zugängliche, korpusbasierte Darstellungen zum Flexionswandel und seiner In‐ teraktion mit morphosyntaktischem Wandel mit Schwerpunkt Fnhd. Die einzige Darstellung zur Diachronie des dt. Flexionssystems vom Germ. bis heute ist Kern/ Zutt (1977), hier werden Entwicklungen knapp und systematisch (aber ohne Warum-Fragen) präsentiert. Für die Fallbeispiele (Kap. 3.1.2-3.1.3) sind Sonder‐ egger (1979: Kap. 5.2.2.6) und der komprimierte Überblicksartikel Wegera/ Solms (2000) oder didaktischer Wegera u. a. ( 2 2018) zu empfehlen. Dazu kommen die fnhd. Standard-Grammatiken Ebert u. a. (1993) und Moser (ed.) (1987-1988, Bd. 3 und 4). Zu Analogie s. Paul ( 5 1920/ 10 1995), Becker (1990), Hock/ Joseph ( 2 2009: Kap. 5), Ha‐ spelmath/ Sims ( 2 2010), Blevins/ Blevins (2009) und Fertig (2013). Zur Einführung in die in Kap. 3.1.5 vorgestellten Modelle kann man Bybee (1994) und Wurzel (1994) lesen. Nübling/ Dammel (2004) behandeln im Relevanzmodell detailliert die Diachronie der dt. Verbflexion, Dammel/ Gillmann (2014) die Entwicklung der dt. Substantivflexion. Einen Einblick in weitere Theorieansätze zu flexions‐ morphologischem Wandel geben Good (ed.) (2008: Kap. 6-7) sowie Booij (2010). Frequenzeffekte kann man z. B. mit Bybee (2007) vertiefen. 3.2 Wortbildungswandel 127 <?page no="128"?> Wichtiges zur Wortbildungsterminologie ist in Fleischer/ Barz ( 4 2012) zu fin‐ den. Eine empfehlenswerte Einführung in die historische Wortbildung bietet Henzen ( 3 1965). Wilmanns ( 2 1899) ist wiederum eine richtige Fundgrube zu den einzelnen Wortbildungsprozessen. Studien zur Entwicklung der einzelnen Derivationssuffixe bieten Kempf (2016), Demske (2000), Doerfert (1994), Flury (1964), Schmid (1998) sowie Weinreich (1971). In Habermann u. a. (eds.) (2002) und Ganslmayer/ Schwarz (2022) sind viele Beiträge zu den einzelnen Aspekten der historischen Wortbildung zu finden. 128 3 Morphologischer Wandel <?page no="129"?> 4 Syntaktischer Wandel Die Syntax ist die grammatische Komponente, die die Anordnung der Wörter bzw. Konstituenten im Satz regelt. Die Linguistik analysiert diese Regeln und untersucht die verschiedenen Hierarchieverhältnisse im Satz. Die historische Syntax beschreibt syntaktischen Wandel sowie die ihm zugrundeliegenden Regelveränderungen, eben‐ falls mit dem Anspruch, hierfür Erklärungen zu finden. Da das Dt. eine im Vergleich zu anderen Sprachen außergewöhnliche Syntax entwickelt hat, ist dies kein leichtes Unterfangen. Die Morphologie befasst sich dagegen mit der Anordnung gebundener Morpheme im Wort. Damit haben beide Grammatikkomponenten die Anordnung von Informationen innerhalb größerer Verbände zum Gegenstand. Die Morphosyntax bildet den Überschneidungsbereich, und wie nicht nur in diesem Kapitel deutlich wird, besteht ein enger Zusammenhang zwischen Syntax- und Morphologiewandel. Dia‐ chron kommt es durch Schwächungen und Verschmelzungen von Funktionswörtern immer wieder zur Entstehung von Morphologie aus der Syntax: „Today’s morphology is yesterday’s syntax“ (Givón 1971: 413). Beispiele: in dem > im, in das > ins, zu der > zur (Kap. 12.2). Umgekehrt können bisher morphologisch ausgedrückte Informationen zu einem syntaktischen Ausdruck übergehen, z. B. (sie) käme > (sie) würde kommen; (sie) kam > (sie) ist gekommen (Kap. 12.2.3). Im Folgenden werden nur einige ausgewählte syntaktische Wandelerscheinungen behandelt: In Kap. 4.2-4.3 der Ausbau des Klammerverfahrens sowie einige damit verbundene Phänomene, in Kap. 4.4 der Abbau des Genitivs als Objektkasus und in Kap. 4.5 der Wandel der Negation. 4.1 Ausbau der Klammer und Fixierung der Verbstellung Die dt. Syntax ist für ihre Komplexität und sog. Diskontinuität bekannt. Was das Englische eher in Relativsätzen ausdrückt, staut das Dt. in umfangreichen Attributen vor dem Substantiv auf; immerhin 22 Wörter befinden sich zwischen dem Artikel einen und dem Kernnomen Zustand: Beide Wörter können einen länger oder kürzer anhaltenden, mehr oder weniger intensiv empfundenen, plötzlich oder weniger überraschend entstandenen, an mehr oder weniger heftigen Reaktionen erkennbaren, gefühlsmäßigen Zustand bezeichnen […]. (Bergenholtz 1980: 247 zur Bedeutung von Angst und fürchten) Dieses sog. Klammerverfahren (oder Rahmenverfahren) durchzieht die gesamte dt. Syntax und bildet das wichtigste syntaxtypologische Merkmal des Dt., das er‐ hebliche Auswirkungen auf die Morphologie hat. Diachron hat die Klammer einen starken Ausbau erfahren. Daher stellen wir den Ausbau des Klammerprinzips in den Mittelpunkt. Diesem lassen sich bei genauerem Hinsehen viele andere syntaktische <?page no="130"?> und morphologische Veränderungen unterordnen, was Ronneberger-Sibold (1991a: 207, 228) dazu veranlasst, von einer „Verschwörung“ zu sprechen. 4.1.1 Definition der Klammer Die Standarddefinition der Klammer besagt, dass syntaktisch und/ oder funktional zusammengehörige Elemente in Distanzstellung zueinander treten. Abgesehen davon, dass manche Klammerelemente wie Subjunktion + Verb im Nebensatz keine solche Zusammengehörigkeit aufweisen (weil sie die Äpfel schon gegessen hat), weckt diese Definition kein Verständnis für die Funktion solcher Dis‐ tanzstellungen. Hier eignet sich eine Definition aus entgegengesetzter Blickrichtung, die die Klammer als Phänomen der Grenzsetzung erkennt, als Mittel der Rahmung syntaktischer Konstituenten: Das klammernde Verfahren besteht darin, dass bestimmte Bestandteile eines Satzes so von zwei Grenzsignalen umschlossen werden, dass der Hörer aus dem Auftreten des ersten Signals mit sehr großer Wahrscheinlichkeit schließen kann, dass der betreffende Bestandteil erst dann beendet sein wird, wenn das passende zweite Signal in der Sprechkette erscheint. Diese Erscheinung dient also dazu, den Hörer bei der syntaktischen Dekodierung zu unter‐ stützen. (Ronneberger-Sibold 1994: 115) Im Dt. werden drei Klammertypen unterschieden (das linke und das rechte Klam‐ merelement werden jeweils unterstrichen): 1. die Hauptsatzklammer, bestehend aus der: 2. Grammatikal- oder Verbalklammer (Hilfs- oder Modalverb + infinites Vollverb): Sie hat [das Spiel nach nur 44 Minuten und drei Sätzen] verloren. Sie will [das Spiel trotz ihrer schweren Fußverletzung] gewinnen. 3. exikalklammer (finites Verb + trennbares Präfix): Er zieht [den Vorhang] zu/ auf/ weg/ rauf/ runter Da solche Partikelverben oft lexikalisiert sind, erschließt sich dem Hörer erst ganz am Schluss mit der Nennung der Partikel die lexikalische Bedeutung, vgl. sie bringt [den Hasen] weg/ unter/ um. Zur Lexikalklammer gehören auch Funktionsverbgefüge (sie bringt […] in Erfahrung) und Phraseologismen (er verliert […] aus den Augen). 4. Kopulaklammer: sie wurde [vorgestern] krank; er ist [seit drei Jahren] Lehrer. 5. die Nominalklammer (bei einer NP Artikel + Substantiv, bei einer PP Präposition + Substantiv): das [weltberühmte, aber leider vergriffene] Buch; auf [die größte] Buchmesse; zur [größten] Buchmesse. 6. die Nebensatzklammer (Konjunktion/ Relativpronomen + Verbalkomplex mit dem Finitum am rechten Ende): obwohl [sie das Buch nie] gelesen hatte; das Buch, das [sie in diesen drei Jahren nicht] gelesen hat; weil [sie nie die Wahrheit] sagte. Gemeinsam ist diesen Klammern, dass der klammeröffnende Teil eher grammatische und der klammerschließende eher lexikalische Informationen liefert (Thurmair 1997, 130 4 Syntaktischer Wandel <?page no="131"?> Lenerz 1995). Hauptsatz- und Nominalklammer bestehen dabei (im Gegensatz zur Ne‐ bensatzklammer) aus funktional zusammengehörigen Klammerteilen; dabei liefert die erste Klammer einige grammatische (meist ambige, d. h. mehrdeutige) Informationen, die erst durch das zweite Klammerelement (seinerseits auch meist ambig) vereindeutigt werden (s. Abb. 38). Abb. 38: Vereindeutigung der Kategorien in einer Nominalklammer Die fettgedruckten grammatischen Angaben in Abb. 38 zeigen die Hypothesenbildung an. Keines dieser Elemente (weder der noch neuen noch Bücher) ist für sich genom‐ men eindeutig: Die Disambiguierung erfolgt erst mit dem rechten Klammerelement, hier ergibt sich der gemeinsame Nenner (= Gen.Pl.). Dieses Prinzip, grammatische Informationen gemeinschaftlich auszudrücken, nennt man kooperative Flexion oder Wortgruppenflexion. Ronneberger-Sibold (1994) prägt hierfür das Bild von sich gegen‐ seitig stützenden Krücken. Diese Mehrdeutigkeiten haben in der dt. Sprachgeschichte zugenommen, besonders nach der mhd. Nebensilbenabschwächung, die einige Arti‐ kelformen homophon werden ließ: ahd. diu ‘Nom.Fem.Sg.’ vs. dia ‘Akk.Fem.Pl.’ vs. dio ‘Nom./ Akk.Fem.Pl.’ > nhd. die [ diː ]. Darin äußert sich der diskontinuierende Sprachtyp des Dt.: Die Informationen, die der Rezipient zu größeren Informations‐ komplexen zusammensetzen muss, werden nach und nach über den Satz verteilt. Diachron hat sich diese Diskontinuität sogar verstärkt (s. Szczepaniak 2010b). Aus der Position der Klammerelemente ergeben sich die Stellungsfelder (topolo‐ gischen Felder): Zwischen den beiden Klammerelementen erstreckt sich das Mittelfeld (MF), vor der linken Klammer (LK) das Vorfeld (und davor das Vorvorfeld), nach der rechten Klammer (RK) das Nachfeld (NF). Zwei Kostproben aus dem Nhd. mögen die Omnipräsenz der Klammer dokumentieren. Das erste Beispiel macht deutlich, wie stark verschachtelt die Klammerkonstruktionen wiederum untereinander sein können, d. h. oft sind mehrere Klammern gleichzeitig geöffnet (nur einige, die größeren, sind hier bezeichnet): Als [LK1] Elisabeth von Nassau-Saarbrücken, geboren 1393 im [LK2] nordostfranzösischen Vezélise [RK2] (heute Departement Meurthe-et-Moselle) als Tochter des deutschen Grafen Friedrich von Lothringen und dessen welscher Gemahlin Margarete von Vaudémont, regie‐ rende Gräfin in Saarbrücken ab 1429 und dort gestorben 1456, sich an die Übersetzung der französischen Chanson de geste von Hugues Capet macht [RK1], fügt [LK3] sie damit ein Glied an eine [LK4] historisch-literarische Stoffkette [RK4] an [RK3], die [LK5] damals 4.1 Ausbau der Klammer und Fixierung der Verbstellung 131 <?page no="132"?> bereits auf eine [LK6] weit über 200jährige Tradition [RK6] zurückblicken kann [RK5]. (Bichsel 1999: Einleitung) Auch das zweite Beispiel enthält mehrere Binnenklammern, doch wurde hier nur die Hauptsatzklammer hervorgehoben: Herr Matussek, über Ihrer billigen Feminismusschelte haben [LK1] Sie den scharfen Witz, die wahnwitzige Musikalität, die kalte Luft, die Jelineks Sprache atmet, dieses Meer an Quantensprüngen zwischen Stoff und Form, Fühlen und Denken, Politischem wie allzu Menschlichem, kurz: das weiße Rauschen, das diese Literatur verkörpert und auszeichnet wie keine zweite, und eben: sie einzigartig macht, und dazu all die gewaltigen wie zarten Entwicklungsschritte in Jelineks Werk leider aus den Augen verloren [RK2]. (Leserbrief aus dem Spiegel Nr. 44, 2004, S. 18) Das Klammerverfahren wird hier bewusst überstrapaziert, niemals würde man gespro‐ chene Sätze mit solch überfrachteten Mittelfeldern bilden. Daraus aber die Folgerung abzuleiten, die gesprochene Sprache baue die Klammer ab, wäre verfehlt: Auch in der gesprochenen Sprache bildet die Klammersyntax den unmarkierten Normalfall. Zwei Drittel der gesprochenen Hauptsätze enthalten eine Verbalklammer (Thurmair 1991: 186), nur sind hier die Mittelfelder weniger umfangreich (im Schnitt drei Wörter; das Kurzzeitgedächtnis könnte rund sieben Einheiten verarbeiten). Dabei liefert Droste (2020) Hinweise dafür, dass in der gesprochenen Sprache die Verwendung der Kurzform ham versus der längeren Form haben der Konturierung der Verbklammer gelten könnte: Während ham in fast 90 % seiner Vorkommen das linke Klammerelement bildet, kommen 73 % der haben-Realisierungen in der rechten Klammer vor (dann ham wir ihn gewechselt vs. Sachen, die mir nicht so gefallen haben; zur Entstehung von ham s. Kap. 3.1.4). Unter bestimmten Bedingungen, oft zum Erzielen stilistischer Effekte, von Emphase u. ä. kann man sog. Ausklammerungen vornehmen, z. B., wie hier, von PPs: Wir Frauen müssen weitergehen auf dem Marsch durch die Institutionen […]! (Zitat von Angela Merkel 1993) Während ein überladenes Mittelfeld innerhalb der NP in einen Relativsatz überführt werden kann (der seinerseits klammert), erweist sich die Nebensatzklammer als außerordentlich fest. (Zu den Abfolgeregeln im Mittelfeld und den Funktionen von Umstellungen und Ausklammerungen s. Eisenberg 5 2020, Bd. 2, Duden-Grammatik 8 2009, Speyer 2011.) 4.1.2 Klammerausbau und Verb-Zweit-Stellung Das Klammerprinzip hätte nicht so stark ausgebaut werden können, wären im Dt. nicht nach und nach analytische (klammerfähige) Konstruktionen entstanden: 132 4 Syntaktischer Wandel <?page no="133"?> 7 Diese V1-Syntax findet sich heute noch in Exklamativsätzen (Geht der doch tatsächlich raus! ) oder am Anfang von Witzen (Treffen sich drei Politiker …). Auch dialektal existiert diese Syntax durchaus, z. B. in Erzählungen hessischsprachiger Russlanddeutscher: En gonga se ba jedem Mensch nän, harre se su-n Schteka […] gsoiwed […] - ‘Und gingen sie bei jedem Menschen hinein, hatten sie so einen Stock gesäubert […]’ (Berend 2011: 76). • das obligatorische Subjektspronomen (ahd. giloubu > ih giloubu); • der Artikel (ahd. man quam > nhd. ein/ der Mann kam); • Präpositionen als Kasusersatz (das Ende des Liedes > das Ende vom Lied); • grammatische Umschreibungen (Periphrasen) wie Perfekt (sie hat Lieder gesungen), Plusquamperfekt (sie hatte Lieder gesungen), Futur (sie wird Lieder singen), Passiv (Lieder werden oft gesungen), die Konjunktivumschreibung mit würde (sie würde gerne Lieder singen); • Modalverbkonstruktionen (sie muss nachher noch Lieder singen); • die sog. tun-Periphrase, die v. a. in gesprochenen Varietäten vorkommt und verschiedene Funktionen erfüllt (Fischer 2001, Fleischer/ Schallert 2011); • schließlich die sog. Funktionsverbgefüge (wie sie bringt den Liedvortrag zum Abschluss). Bis auf (eher seltene) Passiva kannte das Ahd. solche Konstruktionen nicht oder kaum, sie nehmen jedoch seit dem Mhd. zu. Indem alle diese Funktionswörter im Hauptsatz vorangestellt (präponiert) werden, entwickelt sich das Dt. zunehmend zu einer sog. prädeterminierenden Sprache, d. h. zu einer Sprache, die zuerst die grammatischen und dann die lexikalischen Informationen liefert (ich → glaube, die → Frau; s. Kap. 12.2.2). Sonderegger (1979) nennt dies „progressive Steuerung“, die Sprachtypologie spricht hier von OV-(= Objekt-Verb)-Strukturen (auch: Operator-Ope‐ rand). Die vom Ie. ererbten Flexionsendungen (glaub←e, Frau←en) zeugen dagegen von einer ehemals umgekehrten (postdeterminierenden) Determination („regressive Steuerung“). Die diachrone Zunahme von OV-Strukturen impliziert eine von links nach rechts verlaufende Zunahme des Informationsgehalts. Allerdings kultiviert das Dt. auch VO-Strukturen (Kap. 4.1.5 und 4.3). Die ahd. Satzgliedstellung war in allen Satztypen grundsätzlich noch relativ frei (s. Fleischer/ Schallert 2011). Während im nhd. Deklarativsatz für das finite Verb die sog. Verb-Zweit-Stellung (= V2) gilt, konnte es im Ahd. satzinitial (V1), satzfinal (VL = Verb-Letzt) oder in Verb-Zweit-Stellung (V2) stehen. Allerdings war V2 bereits im Ahd. das übliche Muster (s. Szczepaniak 2013b, Altmann 1993). 1. V1: ferstiez er den satanan „Verstieß er den Satan“ (Gegen Fallsucht) 7 - Fuor thô Ioseph fon Galileu fon thero burgi „Ging Joseph von Galilea aus der Stadt“ (Tatian) 2. 2. VL: álter al genímet „(das) Alter alles nimmt“ (Notker). Da jedoch selten klar ist, ob es sich wirklich um VL handelt, sprechen Fleischer/ Schallert (2011: 153) vorsichtiger von „Verbspäterstellung“. 3. V2: man gieng after wege „(Ein) Mann ging des Weges“ (Ad equum errehet) - do quam des tiufeles sun „Da kam des Teufels Sohn“ (Gegen Fallsucht). 4.1 Ausbau der Klammer und Fixierung der Verbstellung 133 <?page no="134"?> Hinterhölzl u. a. (2005) zeigen anhand der Tatian-Übersetzung (9. Jh.), dass die Po‐ sition des finiten Verbs häufig pragmatisch gesteuert war: Ist der Gegenstand (Diskursreferent), über den gesprochen wird, neu, so rückt das Verb an die Satzspitze. Beispiel: uuarun thô hirta in thero lantskeffi ‘Da waren Hirten in jener Gegend’. Ist der Gegenstand bereits bekannt, so nimmt das Verb die V2-Position ein (dies oft gegen die lateinische Vorlage). Beispiel: ih bin guot hirti. guot hirti tuot sina sela furi sina scaph. ‘Ich bin ein guter Hirte (Einführung). Der gute Hirte (Wiederaufnahme) gibt seine Seele für seine Schafe’ (aus Hinterhölzl u. a. 2005: 152, 156). Bei Notker (11. Jh.) dominiert die Verb-Zweit-Stellung, d. h. die Verb-Erst- und Verb-Letzt-Stellung wird im Hauptsatz sukzessive abgebaut. Was im Laufe der Sprachgeschichte geschieht, ist weniger eine komplette Änderung der Syntax als die Verfestigung bestimmter Optionen, mit anderen Worten: die Obligatorisierung bereits vorhandener Tendenzen zu festen syntaktischen Regeln. Bisherige Alternativen werden abgebaut. Die Verbalklammer existierte als Möglichkeit zwar von Anfang an (vgl. das ahd. Sprichwort tú nemáht nîeht mít éinero dóhder zeuuena eidima máchon ‘du kannst nicht mit einer Tochter zwei Schwiegersöhne gewinnen’), doch sind sowohl Umstellungen im Mittelfeld als auch Ausklammerungen häufig, besonders von schweren (umfangreichen) Elementen wie PPs. Das Vor- und insbesondere das Nachfeld konnte noch mit Satzgliedern besetzt werden, die heute im Mittelfeld stehen müssen: Vorfeld: ih muos habēn zi ezzena thaz ir ni uuizzun - wörtlich: „ich Speise habe zu essen, die ihr nicht kennt“ (Tatian) Nachfeld: thaz uuirdit genemnit gotes barn - „das wird genannt Gottes Kind“ (Tatian) Ebenso kam die Verb-Letzt-Stellung im ahd. Nebensatz durchaus häufig vor (oft auch ohne einleitende unterordnende Konjunktion), doch keineswegs obligatorisch. Petrova (2009) zeigt, dass im Tatian (9. Jh.) nur ca. 50 % der subordinierten Nebensätze VL-Stellung zeigen (und führt dies auf pragmatische Faktoren zurück). In Notkers Psal‐ tern (um 1000) ist VL bereits zu 74 % durchgeführt (nach Härd 2003: 2574). Im 14. Jh. gilt die VL-Stellung als normal, spätestens seit dem 18. Jh. ist sie fest. Etwas komplizierter ist es, wenn im Nebensatz zwei Verbformen stehen, was durch die zunehmende Peri‐ phrastik immer häufiger vorkommt. Während heute bei zwei Verbformen immer das finite Verb ganz rechts steht (weil sie gesehen wird), war dies im Ahd. noch umgekehrt (Typ weil sie wird gesehen). Im Mhd. kippt dies um, während bei Luther bereits 90 % der Finita ganz rechts stehen. Damit haben sich Haupt- und Nebensatzsyntax immer mehr auseinanderentwickelt. Das erleichtert dem Hörer die Unterscheidung zwischen diesen beiden Satzarten. Die unterschiedlichen Klammerkonstruktionen haben eine stärkere Grammatikalisierung von Hauptvs. Nebensatz bewirkt. Dafür spricht auch die Zunahme an unterordnenden Konjunktionen, sowohl was deren Setzung 134 4 Syntaktischer Wandel <?page no="135"?> als auch was deren Inventar betrifft (s. Kap. 11.4). In Interrogativ-, Imperativ- und Konditionalnebensätzen war dagegen schon im Ahd. die Verb-Erst-Stellung üblich: forsahhistû unholdun? ‘Widersagst du dem Teufel? ’ (Fränkisches Taufgelöbnis). Nachdem die Klammer syntaktisch fixiert ist, wird das Mittelfeld ausgebaut, sein Umfang nimmt folglich stark zu. Die Ursache - ob hier eher mündlicher oder schrift‐ sprachlicher Einfluss vorliegt - ist umstritten. Unbestritten ist jedoch mittlerweile, dass es sich nicht um eine lateinische Lehnkonstruktion handelt (Hartmann 1970, Admoni 1973: 89). Die als konzeptionell (stilistisch) mündlich geltenden Flugschriften des 16./ 17. Jhs. sind reich an Klammerkonstruktionen. Mit großer Sicherheit entstammt das Klammerprinzip als solches - wie dies für Sprachwandel generell gilt - der Mündlichkeit, doch könnte bei dem massiven Ausbau des Mittelfelds den Kanzleien eine verstärkende Funktion zugeschrieben werden. Gerade der Kanzleistil mit seinen auf Explizit- und Exaktheit abzielenden Rechtstexten war für überladene Mittelfelder - wie wir sie heute übrigens kaum mehr kennen, ihr Höhepunkt war im 17. und 18. Jh. - bekannt. Im Fnhd. nahm die Verschriftung des Dt. stark zu, gleichzeitig die Lesefähigkeit der Bevölkerung, d. h. die geschriebene Sprache wurde vermehrt produziert und rezipiert. Da geschriebenen Texten Prestige und Autorität zukam (und bis heute zukommt), ist es plausibel anzunehmen, dass die umfangreichen Klammerkonstruktionen eher von der Schriftlichkeit in die Mündlichkeit gelangt sind. Dabei bestehen bis heute deutliche quantitative Unterschiede zwischen beiden Medien. Ebert (1980) liefert Evidenz für die schriftsprachliche Dehnung der Satzklammer, indem er anhand von Nürnberger Briefen (1300-1600) feststellt, dass mit dem Bildungsgrad der Schreiber auch die vollständige Rahmenbildung korreliert (zu weiterer Diskussion s. Eichinger 1995, Ágel 2000). Historische, korpusbasierte Untersuchungen zur Klammer gibt es bisher kaum. Weber (1971) hat die erweiterten Attribute der letzten Jahrhunderte untersucht, die das Mittelfeld der NP bilden. Er stellt fest, dass sowohl Umfang als auch Komplexität (im Mittelfeld selbst entstehen subordinierende Strukturen, oft verursacht durch Partizipien, die ihrerseits Ergänzungen fordern) ab dem 17. Jh. rasant zunehmen, z. B.: die bei diesem Reichs-Tag zu Ständ und Stimm aufgenommene Fürsten und Grafen; ihre zu gemeiner Sicherung der geliebten Christenheit und Vatterlands Teutscher Nation gerichte wol eyferige Neigung (1613). Seit dem 17. Jh. registriert Weber in seinem Korpus mehr Perfektpartizipien als genuine Adj. Ihren maximalen Ausbau erfahren diese NP-Mittelfelder im 19. Jh. Seit dem 20. Jh. geht ihre Komplexität zurück, wobei das Dt. unter den germ. Sprachen immer noch diejenige mit den längsten Nominalklammern ist (s. Ronneberger-Sibold 2010a, b). Schildt (1976) hat für die fnhd. Periode Untersuchungen zur Festigkeit der Klammer sowie zum Umfang des Mittelfelds vorgenommen (kritisch dazu s. Ágel 2000). Dabei unterscheidet er zwei Zeiträume: 1470-1530 sowie 1670-1730. Aus Gründen der Überlieferung liegen beiden Zeiträumen zwar nicht identische, aber vergleichbare Prosatextsorten zugrunde wie Reisebeschreibungen, Flugschriften, Chroniken, Fach‐ prosa, Briefe. Dabei unterscheidet Schildt zwischen: 4.1 Ausbau der Klammer und Fixierung der Verbstellung 135 <?page no="136"?> 1. klammerlosen Konstruktionen (Klammerelemente in Kontaktstellung), z. B. das handtwerckvolck was hitzig auff die burger; Sydonie was gangen inn ir cleyderkamer; 2. partiell ausgebildeten Klammern, d. h. manche Teile werden ein-, andere Teile ausgeklammert, z. B. er sol dem armen helffen nach synem vermügen; sie hetten da zu viel birs getruncken nach der kindtöffe; 3. voll ausgebildeten Klammern (volle Einklammerung), z. B. vlenspiegel wolt kein handtwerck lernen; so mag dir glück und heyl zu sten. Als Ergebnis lässt sich festhalten, • dass die voll ausgebildete Klammer in diesem Zeitraum stark zunimmt, • dass überdies auch die Füllung (der Umfang) des Mittelfelds zunimmt, • dass bei diesen Prozessen die Fachprosa voranschreitet und • dass regional (diatopisch) das Ostmittel- und das Ostoberdt. vorangehen. Ähnliches beobachtet auch Admoni (1967). Tab. 25 und Tab. 26 enthalten die wichtigsten Prozentwerte nach Schildt (1976: 271, 276): - Rahmen: voll ausgebildet partiell ausgebil‐ det kein Rahmen Zeitraum: 1470-1530 68,1 % 22,4 % 9,4 % 1670-1730 81,4 % 17,9 % 0,8 % Tab. 25: Die Entwicklung der Klammerformen zwischen 1470 und 1730 - Rahmen: 1 Glied 2 Glieder 3 Glieder 4 Glieder 5 Glie‐ der Zeitraum: 1470-1530 40,3 % 40,9 % 14,9 % 3,9 % 0,3 % 1670-1730 22,7 % 44,1 % 26,8 % 5,8 % 0,7 % Tab. 26: Anzahl der Glieder innerhalb des Vollrahmens (Ausbau des Mittelfelds) Nachdem die Satzklammer im 18. Jh. ihre stärkste Grammatikalisierung erfahren hatte, werden ab dem 19. Jh. bestimmte Ausklammerungen meist aus stilistischen Gründen möglich, wie Elspaß (2005: 200-216) auf Basis geschriebener Alltagssprache des 19. Jhs. feststellt. 4.1.3 Die Klammer heute Noch heute wandelt und festigt sich die Klammer. So wird in der rechten Klammer von Nebensätzen innerhalb dreigliedriger Verbkomplexe die Reihenfolge (Seriali‐ sierung) der Verben in der Verb-Letzt-Position zunehmend stabilisiert: Das finite 136 4 Syntaktischer Wandel <?page no="137"?> Verb (Unterstreichung) arbeitet sich nach hinten. Bei Zwei-Verb-Komplexen hat sich dies längst durchgesetzt: dass es geholt wird und nicht *dass es wird geholt. Bei Drei-Verb-Clustern wird nach Härd (1981, 2003) das finite Verb seit dem 18. Jh. sukzessive nach hinten verlagert: dass es muss geholt werden > dass es geholt werden muss; dass sie es wird holen lassen > dass sie es holen lassen wird. Derzeit variiert dass sie sollte arbeiten können mit dass sie arbeiten können sollte. Bei haben steht das Finitium jedoch noch vorne: dass sie hat arbeiten können und (noch? ) nicht *dass sie arbeiten können hat. Als Grund für diese Blockade führt Härd an, dass das letzte Element - gemäß dem allgemeinen Klammerprinzip - einen möglichst hohen Informationsgehalt haben sollte, was hat nicht leistet. Im Extremfall können bis zu fünf Verben clustern, was sehr selten vorkommt (s. Fleischer/ Schallert 2011: 163-173 und eingehend Sapp 2011). Ein Blick in die Dialekte zeigt, dass diese nicht selten ältere Abfolgeregeln grammatikalisiert haben (s. auch bei König u. a. 19 2019: 163 die Karte zum Partikelverb: Wie mer … heim sinn komme vs. … sinn heim komme). Auch das Mittelfeld, das von den Klammerelementen gerahmt wird, entwickelt im Laufe der Zeit mehr oder weniger feste Abfolgeregeln, die multipel gesteuert sind und manchmal miteinander konfligieren. Die folgenden Determinanten sind weder vollständig noch hierarchisch zu lesen (zu einem Überblick und weiterer Literatur s. Speyer 2011): 1. grammatisch, d. h. a) syntaktisch und b) prosodisch. Zu a): Die Grundabfolge bei lexikalischen NPs ist: Nom. vor Dat. vor Akk. vor weiteren Ergänzungen: weil der Hund (Nom.) dem Mädchen (Dat.) den Ball (Akk.) vor die Füße (präd. Ergänzung) gelegt hat. Zu b): Kurze, unbetonte Pronomen rücken nach vorne, längere Einheiten nach hinten: Vorhin hat ihm (Dat.) der Hund (Nom.) den Ball (Akk.) vor die Füße gelegt. Obige Kasus-Grundabfolge Nom. vor Dat. vor Akk. kann hiervon durchbrochen werden. 2. Belebtheit: Belebtes geht Unbelebtem voran. In weil den Hund (Akk.) dieser Geruch (Nom.) stört rückt das belebte Akk.-Obj. Hund vor den unbelebten Nom. Geruch. Der Kasus-Grundabfolge unter 1a) liegt die Belebtheitshierarchie zugrunde, da sehr häufig Nom. ≈ Agens (Hund) und Dat. ≈ Rezipient (Mädchen) belebt sind, während Akk. ≈ Patiens (Ball) oft unbelebt ist. 3. Definitheit: Definite NPs rücken vor indefinite. Steht Mädchen mit Indefinitartikel, rückt definites, wiewohl unbelebtes Ball nach vorne: Der Hund hat den Ball (Akk.) einem Mädchen (Dat.) gegeben. 4. pragmatisch/ informationsstrukturell: Alte Information steht vor neuer, Thema vor Rhema; hier ist der Kontext relevant. Auf die Frage Wem (Dat.) hat der Hund den Ball gegeben? ist die Antwort Der Hund hat den Ball (Akk.) dem Mädchen (Dat.) gegeben. Hier bewirkt die neue Information Mädchen seine Versetzung an den rechten Rand des Mittelfelds, obwohl es als Rezipient (Dat.) im unmarkierten Fall links stünde. Da neue Information oft über den Indefinitartikel eingeführt wird, ergibt sich ein enger Zusammenhang mit 3). 4.1 Ausbau der Klammer und Fixierung der Verbstellung 137 <?page no="138"?> 8 Dagegen handelt es sich bei dem Übergang trennbarer zu untrennbaren Präfixen um eine vergleichs‐ weise seltene Randerscheinung: erkennt … an > anerkennt, spiegelt … wider > widerspiegelt, siedelt … über > übersiedelt (Admoni 1973: 88 / 89). Speyer (2011) hat auf Basis des Bonner Fnhd.-Korpus (1350-1600) überprüft, ob diese relative, pragmatisch gesteuerte Stellungsfreiheit im Mittelfeld alt oder neu ist. Sie ist neu, denn es erweist sich, dass die Texte von 1350-1500 (und auch solche davor) immer Dat. vor Akk. enthalten und damit stark strukturell gesteuert waren - wie dies damals auch für andere westgerm. Sprachen galt und bis heute der Fall ist. Erst ab dem 16. Jh. stellen sich im Dt. hiervon Abweichungen ein, die informationsstrukturell oder kognitiv (d. h. durch Belebtheit) motiviert sind. Die Ursache für die Lockerung der Grundabfolge bleibt weiteren Untersuchungen (auf Grundlage eines größeren Korpus) vorbehalten. Im heutigen Dt. lässt sich ein weiterer Ausbau der Klammerstrukturen beobachten: So verwendet gerade die dt. Umgangssprache besonders viele (trennbare) Partikelv‐ erben (im Folgenden mit Bindestrich markiert), obwohl es auch einfache Verben oder Verben mit festem Präfix gäbe, auf die man ausweichen könnte, wollte man das Klammerverfahren vermeiden: aus-teilen statt verteilen, her-stellen statt produzieren, weg-laufen statt fliehen, an-rufen statt telefonieren, kaputt-machen statt zerstören (Thur‐ mair 1991). Dabei wirkt das Partikelverb immer etwas konkreter, expressiver. Häufig kommt es, gerade bei entlehnten Verben, zu deren (an sich unnötigen) Erweiterung um eine trennbare Partikel: an-telefonieren, ein-imprägnieren, auf-oktroyieren, zusam‐ men-addieren, nach-recherchieren, (Änderungen) nach-verfolgen (bei Word), nach-kon‐ trollieren, ab-checken. 8 Schließlich spricht auch die sich von Norden nach Süden ausbreitende Trennung von Pronominaladverbien (sog. preposition stranding) gerade in der Umgangssprache gegen eine Vermeidung oder gar einen Abbau der Klammer, vielmehr für die Entstehung einer neuen Klammer, nämlich der Adverbialklammer: davon weiß ich nichts > da weiß ich nichts von; dafür kann sie nichts > da kann sie nichts für; damit haben wir nichts zu tun > da haben wir nichts mit zu tun (Ronneberger-Sibold 1991a: 216-218, Fleischer 2003). Erämetsä (1990) beschreibt die diachron zunehmende Trennung komplexer Fragewörter wie woher, wohin: Wohin geht die Reise? - Wo geht die Reise hin? Woher hast du das Geld? - Wo hast du das Geld her? Schließlich unterstützt auch die kontinuierliche Zunahme an Funktionsverbgefügen das Klammerprinzip (sie setzte sich erst nach drei Monaten mit ihm in Verbindung). Gerade in der gesprochenen Sprache setzt sich das Perfekt weiterhin gegen das Präteritum durch, und hier kommt es auch im Präsens (regional bzw. dialektal unterschiedlich stark) zu Umschreibungen mit tun (Danach tut sie aufräumen). Damit nehmen die Klammerkonstruktionen weiterhin zu. Hier sind auch die gegenwärtigen Verschmelzungen von Präposition und Artikel (ins, im, vorm) einzuordnen, die darauf hindeuten, dass am Ende flektie‐ rende Präpositionen stehen könnten. Diese wären ideale linke Klammerelemente (s. Kap. 12.3.3). 138 4 Syntaktischer Wandel <?page no="139"?> 9 Einige seiner Äußerungen lauten: „Wenn doch nur die Deutschen das Verb so weit nach vorne zögen, that one it without a telescope discover can! “ - „Wenn der deutsche Schriftsteller in einen Satz taucht, dann hat man ihn die längste Zeit gesehen, bis er auf der anderen Seite eines Ozeans wieder auftaucht mit seinem Verbum im Mund.“ (Zitiert nach Thurmair 1991: 174) Unter allen germ. Sprachen bildet das Dt. die Sprache mit der ausgeprägtesten Klammersyntax, gefolgt vom Niederländischen. Die skandinavischen Sprachen und v. a. das Englische klammern nur schwach (Ronneberger-Sibold 2010a). 4.1.4 Funktion der Klammer Klammerkonstruktionen sind aus der Lernerperspektive schwierig und deshalb oft - nicht nur humorvoll wie bei Mark Twain 9 - zum Gegenstand sprachkritischer Äuße‐ rungen geworden. Heute hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass der Nutzen nicht auf der Sprecher-, sondern der Hörerseite zu veranschlagen ist und der hörerseitigen „Aufmerksamkeitssteuerung“ gilt (Ronneberger-Sibold 2010b: 9). Der Hörer wird bei der Dekodierung gefordert, da er gezwungen ist, Hypothesen über den Fortgang des Satzes zu bilden. Eine unterordnende Konjunktion signalisiert ihm z. B., dass der Informationskomplex erst nach dem finiten Verb abgeschlossen ist und damit abgespeichert werden kann. Außerdem weiß der Rezipient jederzeit, „ob er sich am Anfang, im Inneren oder am Ende einer Konstituente befindet“ (Ronneberger-Sibold 2010b: 11). dieses Ausländern nur schwer vermittelbare System Bei der Nominalklammer eröffnet das Artikelwort mehrere Optionen (die sukzessive durch die flektierten Adjektive eingeschränkt werden können), bis das passende (Kern-)Substantiv kommt. Substantive, die nicht zur 1. Klammer passen (gestrichelte Linie), werden zum Attribut gefasst (Ronneberger-Sibold 1994: 121): Dies ermöglicht dem Dt. komprimierende, informationsverdichtende Strukturen, die zwar auf der Planungsebene Kosten verursachen, doch ihren Nutzen auf der Performanzebene entfalten (kürzere, komplexe Einheiten, für die andere Sprachen mehrere Sätze aufwenden müssten). Auch bei der Hauptsatzklammer eröffnet das finite Verb verschiedene Annahmen, die im Laufe des Satzes verworfen oder bestätigt werden. Durch die Hypothesenbil‐ dungen ist der Rezipient in den syntaktischen Dekodierungsprozess eingebunden, es eröffnet sich ihm ein Spannungsbogen. Tests haben erwiesen, dass der Hörer so starke Verstehensarbeit leistet, dass er in den meisten Fällen den 2. Klammerteil bereits vor seinem Erscheinen korrekt antizipiert. Nicht selten lässt sich sogar beobachten, dass er - als Beitrag zur „Gesprächsarbeit“ - dem Sprecher hilft, seine Klammern zu schließen. 4.1 Ausbau der Klammer und Fixierung der Verbstellung 139 <?page no="140"?> 10 V. a. bei Nahrungsmitteln kommt es hie und da zu (durchaus produktiven) Nachstellungen des dann immer unflektierten Adjektivs: Forelle blau, Pommes rot-weiß, Whisky pur, Cola light. Auch in Presse und Werbung kommt dies vor: TV total, Fußball brutal, Abenteuer pur. 4.1.5 VO versus OV: Das Deutsche als syntaxtypologischer Mischtyp Ob das Dt. typologisch zu den VO- oder den OV-Sprachen zu rechnen ist, lässt sich seinen von Haupt- und Nebensatz abhängenden syntaktischen Strukturen nicht eindeutig entnehmen: Der Nebensatz spricht für SOV (… sie Äpfel isst), der Hauptsatz für SVO (Sie isst Äpfel). Beim Ie. vermutet man, dass dieses ursprünglich die VL-Stellung verwendete (eine SOV-Sprache war), die sich bis heute im Nebensatz gehalten hat. Was den Hauptsatz betrifft, so rückte im Laufe der Sprachgeschichte das leichtere (kürzere) finite Verb in die Zweitposition hinter das erste betonte Element, nicht so das (schwerere) infinite Verb. Damit hat sich im Hauptsatz die Umstellung von SOV > SVO nur teilweise vollzogen. Abraham/ Conradie (2001) diskutieren für das Dt. eine SVOV-Struktur (SV fin. OV infin. : Sie isst Äpfel/ sie hat Äpfel gegessen). Auch die Lexikalklammer wird durch die Vorverlagerung des finiten Verbs erklärt, während die Partikel noch in der alten Adverbposition im Objektfeld verharrt (sie beißt ein Stück ab). Am angemessensten ist es, dem Dt. angesichts des Nebeneinanders von OV- und VO-Strukturen beide typologischen Ausprägungen zuzugestehen, die - entgegen immer wieder vorgebrachten Behauptungen - nicht zu typologischer Einheitlichkeit tendieren (Ronneberger-Sibold 1991b, 2010b). In Kap. 4.2 und 4.3 werden wir sehen, dass allein innerhalb der NP sowohl OV (Adj. vor Nomen) als auch VO (Nomen vor Gen.-Attribut) gestärkt wird. Das Dt. bildet in vielerlei (auch morphologischer) Hinsicht einen typologischen Mischtyp und baut diese Heterogenität weiter aus (Askedal 1996; s. auch Kap. 13). Fest steht, dass die Klammerbildung den grenzmarkier‐ enden Typus des Dt. unterstützt: Informationskomplexe werden sowohl syntaktisch als auch - auf der Wortebene - phonologisch (Kap. 1) bzw. orthographisch (Kap. 9) durch Grenzsignale hervorgehoben. 4.2 Auf gut Glück - Fixierung der Adjektivstellung und Abbau unflektierter Attribute Attributive Adjektive und Pronomen konnten im Germ. und noch im Ahd. sowohl vor als auch nach dem Substantiv stehen: in einemo felde scōnemo (wörtl. „in einem Felde schönem“ - Notker); zur Nachstellung vgl. noch Hänschen klein, Röslein rot, Stücker fünf. Dabei konnte das Adjektiv flektieren oder auch nicht. Relikte alter Unflektiertheit sind: auf gut Glück, ein gerüttelt Maß Schuld, unser täglich Brot, wie sauer Bier. Heute ist die Voranstellung des flektierten Adjektivs obligatorisch. 10 Diese Regel setzt sich im Mhd. durch und verfestigt sich im Fnhd. Im 16. Jh. werden von der Voranstellung auch komplexe Attribute - solche, die aus Adj. oder Partizipien bestehen, die ihrerseits erweitert sind oder Ergänzungen fordern - erfasst, Typ: das von dem tobenden Feuer umgebene Nest (s. u.); das Perfektpartizip umgeben flektiert 140 4 Syntaktischer Wandel <?page no="141"?> 11 Nicht vertieft werden kann hier die sukzessive Erweiterung vorangestellter Attribute dieses Typs. Anfänglich wurden solche erweiterten Attribute (oder Teile davon) nachgestellt: einen geweyheten priester von einem Bischoff (v. Polenz 1994, Bd. 2: 273), heute: einen von einem Bischof geweihten Priester. und schart seine Ergänzungen vor sich ins Mittelfeld. Die unflektierten Adjektive in attributiver Stellung werden vollkommen abgebaut. In prädikativer Stellung dagegen flektiert das Adjektiv heute nicht mehr: das Feld/ die Wiese/ der Wald ist schön; die Felder sind schön. Hier konnte es noch im Ahd. in Kongruenz zum Subjekt flektieren: sini giuuatiu uurdun uueizu sneo (Tatian, 8. Jh.) ‘seine Kleider wurden weiß-Neutr.Pl. wie Schnee’; weiß kongruiert mit dem Subjekt in Genus und Numerus (Fleischer 2007). Diese divergente Entwicklung - flek‐ tiertes attributives und unflektiertes prädikatives Adjektiv - erzeugt deutlichere Grenzen zwischen Nominal- und Verbalbereich. Gleichzeitig mit der Voranstellung des Adjektivs gewinnt der zunehmend grammatikalisierende Artikel an Frequenz, womit sich die Nominalklammer herausbildet und festigt. Das Artikelwort bildet das linke Klammerelement, das Kern- oder Kopfnomen das rechte (s. Kap. 12.2.2). Dazwischen erstreckt sich das Mittelfeld, das zunehmend ausgebaut wird und nicht mehr nur aus genuinen Adjektiven bestehen muss: das gestern Abend zwar gelesene, aber immer noch nicht zurückgebrachte Buch. 11 Oder um Mark Twain zu Wort kommen zu lassen: Als das Feuer das aufdemabbrennendenhausruhende Storchennest erreichte, flogen die Storcheneltern fort. Aber als das vondemtobendenfeuerumgebene Nest selbst Feuer fing, stürzte sich sofort die schnellwiederkehrende Storchenmutter in die Flammen […]. (aus: Twain 1966: 1083) Steht kein Artikelwort, so übernimmt das erste Adjektiv die starke Flexion, um die Klammer zu eröffnen: de-m groß-en Hund → (mit) groß-em Hund. Folgt dem stark flektierten Adjektiv ein weiteres Adjektiv, so tendiert dessen Flexion im gegenwärtigen Dt. zur schwachen Flexion mit -en, doch befindet sich dies noch im Wandel: aus kontrolliert-em biologisch-em Anbau > aus kontrolliert-em biologisch-en Anbau (Nübling 2011a, Münzberg/ Hansen 2020). Hierbei handelt es sich um einen grammatischen Zweifelsfall zwischen adjektivischer Parallel- und Wechselflexion. Diese neuere Entwicklung exponiert indirekt die linke Klammer, indem das zweite Adjektiv, das das Mittelfeld bildet, durch die Annahme der weniger differenzierenden en-Endung flexionsmorphologisch zurücktritt. Direkt exponiert wird die linke Klammer durch eine komplementäre Entwicklung (mit im Prinzip gleichem Resultat) durch die standardsprachlich nicht akzeptierte, umgangssprachlich jedoch öfter zu hörende und zu lesende Dativflexion von dessen und deren als *dessem und *derem. Ein darauf folgendes Adjektiv wird schwach flektiert: mit dessem kleinen Bruder, mit dessem schwarzen Humor; mit derem sozialen Umfeld, mit derem universitären Anspruch. Solche Beispiele finden sich nicht nur in nä‐ hesprachlichen Texten, sondern auf Internetseiten von Universitäten, Goethe-Instituten oder in lektorierten Zeitungen. Auch diese Entwicklung ist klammermotiviert: An sich 4.2 Auf gut Glück - Fixierung der Adjektivstellung und Abbau unflektierter Attribute 141 <?page no="142"?> unflektierbares dessen bzw. deren geriert sich durch seine Dativflexion wie eine linke NP-Klammer. Dass das erste Element der Nominalklammer so deutliche Flexionsendungen aufweist, ist (abgesehen von den eben beschriebenen Beispielen) ein ausgesprochen konservativer Zug des Dt., der im Dienst der Klammer steht. Es handelt sich hierbei um die sog. pronominale Flexion, die im Ahd. vom Pronomen auf Adjektive und Artikelwörter übertragen wurde (guter, gutes, gutem). Das Dt. - dies wird von sprachgeschichtlichen Darstellungen oft übersehen - hat heute viel mehr Flexionsmorphologie erhalten bzw. restituiert, als es nach den zahlreichen reduktiven Lautgesetzen einschließlich der einschneidenden mhd. Nebensilbenabschwächung haben dürfte. Gerade die relativ gut ausgeprägte Flexion des ersten Klammerelements zeigt, dass sich die Morphologie da, wo sie unverzichtbar ist, gegen reduktiven Lautwandel durchsetzen kann. Auch die Bewahrung des alten Dreigenussystems kann durch das Klammerverfahren motiviert werden: „Die ganze Funktion des Genus besteht darin, Kongruenz zu ermöglichen“ (Ronneberger-Sibold 1994: 120). Genus ist nämlich die einzige invariante Nominalkate‐ gorie, die nicht vom Sprecher gewählt werden kann (im Gegensatz zu Numerus und Kasus). Genus wird in jedem definiten Nom.Sg.-Artikel angezeigt (das, die, der), außerdem ist Genus in jedem Substantiv enthalten. Der feminine Indefinitartikel hat sogar erst im Fnhd. das heute obligatorische -e zur Genusanzeige angenommen: mhd. ein vrouwe > (f)nhd. ein-e Frau. Noch Luther dichtet: „Ein feste burg ist vnser Gott / ein gute wehr und waffen“. Genus wird somit gestärkt, wofür es noch weitere Beispiele gibt. - Der zweite Klammerteil, das Substantiv, hat durch die sog. Numerusprofilierung einen morphologischen Ausbau vollzogen. U. a. zeigt sich die Numerusprofilierung in der Beseitigung nullmarkierter Plurale wie bei den starken Neutra: mhd. daz wort - diu wort > nhd. das Wort - die Wörter (Kap. 3.1.2). Hätten die Lautgesetze mechanisch gewirkt, so wäre mit dem Kasusauch ein Numerusabbau einhergegangen. Dass aber beim Substantiv der Numerusüber den Kasusausdruck gestellt wurde (und wird), zeigt sich an der selektiven Wirkung der e-Apokope: Diachron wurde die e-Endung im Dativ Singular apokopiert, doch nicht die homophone e-Endung im Plural: am Tag(e), aber die Tage. 4.3 Von Der Weisheit letzter Schluss zum Stein der Weisen: Vom präzum postnominalen Genitiv Nur in gehobenem Stil kommt es heute noch zur Voranstellung attributiver Genitive: auf Edeltännleins grünem Wipfel, des Försters Haus, des Heimes Pflege. Auch einige Redewendungen haben Reste konserviert: des Rätsels Lösung, Volkes Stimme, in Teufels Küche, auf des Messers Schneide. Während diachron die nachgestellten (postponierten) Adjektive ins Mittelfeld integriert wurden (s. Kap. 4.2), sind die von alters her voran‐ gestellten (präponierten) Genitive nach rechts aus der Nominalklammer herausgestellt worden: ahd. des tiufeles sun > nhd. der Sohn des Teufels. Illustriert sei diese Rechts‐ versetzung mit folgendem Beispiel: 142 4 Syntaktischer Wandel <?page no="143"?> ahd. (des) fateres hūs > mhd. des vater(e)s hûs > fnhd. des vaters haus > das haus des vaters > nhd. das Haus des Vaters/ ugs. das Haus vom Vater, dem Vater sein Haus. Im Germanischen stand der Genitiv links von seinem Bezugsnomen, so wie dies für heutige Sprachen wie das Englische, Isländische oder Dänische immer noch weitgehend gilt. Die Rechtsversetzung ist schon im Ahd. mit Werten um 50 % zu finden und setzt sich, wenngleich nicht kontinuierlich, in den folgenden Jahrhunderten fort. Prell (2000) kommt auf Basis mhd. Prosa zu unterschiedlichen, im Zeitverlauf nicht zunehmenden Werten. Kopf (2018a) ermittelt für Sach- und religiöse Texte von 1500-1710 insgesamt 84 % postnominale Genitive. Diese Diskrepanzen, die auch für andere Erhebungen gelten (Kopf 2018a, 86-88, Pickl 2019, 176-180), sind ein Effekt unterschiedlicher zugrundeliegender Textsorten und Regionen, aber auch unterschied‐ licher Zählweisen: So fassen manche getrennt geschriebene Komposita wie monetz frist ‘Monatsfristʼ zu den Genitiven, andere zu den Komposita (Kopf 2018a, 87). Die Textsorte konstant hält Pickl (2019) mit einem Korpus aus obd. Predigten, das von 1050 bis 1900 reicht. Es zeigt sich, dass ab dem Mhd. die Nachstellung mit Werten zwischen 50 % und 65 % „leicht präferiert wird“ (Pickl 2019, 182) mit anschließenden Schüben um 1400 und 1700 auf jeweils um die 90 % und temporär leichten Rückgängen, d. h. vermehrter Voranstellung. Diesen Bruch erklärt er mit dem Schwund des Genitivs „im gesprochenen Deutsch, insbesondere in den Dialekten“, was den Genitiv „zum Schriftlichkeits- und späteren Standardmarker“ qualifiziert. Die Kompetenz der im 15. Jh. noch geltenden Variationsmuster kam den Schreibern abhanden, was die Nachstellung förderte. Allerdings wird dabei übersehen, dass der Genitiv in Dialekten bei der Referenz auf Personen bis heute produktiv gebildet wird, vgl. (de)s Müllers Peter, (der) Müllers Peter (Schweden 2023). Die insgesamt zunehmende Nachstellung des Genitivs wird von mindestens drei Faktoren gesteuert, deren wichtigster der erste ist: 1. Belebtheit und Individualität des Nomens im Genitiv. Ebert ( 2 1999: 93-98) unterscheidet nach diesem semantischen Kriterium drei Gruppen: 1) Eigennamen (Willibald), Titel bzw. Ehrbezeichnungen (Euer Gnaden) und persönliche Unika (Papst, König), somit monoreferente Einheiten, die individuelle Personen bezeich‐ nen; 2) appellativische Personenbezeichnungen, also Gattungsbezeichnungen (pre‐ diger); 3) Nichtpersonenbezeichnungen, d. h. unbelebte Konkreta und Abstrakta (worunter allerdings auch agentive Institutionen wie stat, orden, kloster, regiment und Kollektiva wie christenheit gefasst werden). In Tab. 27, die sich auf Nürnberger Briefe aus dem frühen 16. Jh. bezieht, wird Gruppe 2) „Individualnomen [+belebt]“ und Gruppe 3) „Individualnomen [−belebt]“ genannt. 4.3 Von Der Weisheit letzter Schluss zum Stein der Weisen: Vom präzum postnominalen Genitiv 143 <?page no="144"?> Tab. 27: Die Stellung des Genitivs 1500 - 1540 nach Demske (2001: 218), basierend auf Nürnberger Daten (Briefen) von Ebert (1988) Bei den nach und nach erfolgenden Rechtsversetzungen des Genitivs wird die Belebtheitshierarchie „von hinten“, d. h., bei [-belebt] beginnend, von 3) > 2) > 1) abgearbeitet: Zunächst, ab dem 13. Jh., wandern 3) unbelebte Konkreta, Kollektiva und Abstrakta wie Kloster, Welt, Gnade, Christenheit hinter das Kernnomen, im 15. Jh. stehen sie dann mehrheitlich postnominal. Zu dieser Zeit gehen 2) Personenbezeichnungen (und besonders die Eigennamen) noch ihrem Kernnomen voran: eines ehrlichen mannes Hauß. Tab. 28 zeigt für Zeitungen unterschiedlicher Regionen, dass sich dies im 17. Jh. ändert: Zwischen 1609 und 1667 verringert sich die Voranstellung belebter Individualnomen von 76 % auf 30 %. Um 1700 stehen sie bereits postnominal. Tab. 28: Veränderungen in der Genitivstellung 1609 und 1667 in Zeitungen (aus Demske 2001: 219 f.) Bei den präponierten Genitiven setzt sich diachron die possessive (bzw. agentive) Lesart durch, die nur für belebte Objekte in Frage kommt. Dabei wird der Genitiv als Teil des Artikelsystems reanalysiert; dies zeigt sich u. a. daran, dass der Genitiv weitere Artikelwörter nach und nach ausschließt: des Gottes wort > Gottes Wort (Demske 2001; speziell zum Verhalten von Gott s. Kopf 2020, Pickl 2019, 185). Heute können ausschließlich artikellose Eigennamengenitive präponiert werden (Deutschlands Politik); Eigennamen mit Artikel sind hier ungrammatisch (*der Türkei Politik, sondern die Politik der Türkei). Die Eigennamen (sofern ohne Artikel) können jedoch in der Prästellung verhar‐ ren - im Fall von Personennamen sogar bis heute: Merkels Politik, Loriots Werke, Ottos Mops. Ortsnamen dagegen rücken (wegen geringerer Belebtheit) öfter nach hinten als Personennamen. Eisenberg/ Smith (2002), Peschke (2014) und Kopf (2021) gelangen korpusbasiert (schriftliche Pressetexte, auch Internetforen) zu dem Befund, dass Belebtheit des genitivischen Denotats die Prästellung fördert, also Personennamen, vor allem dann, wenn sie kurz sind und wenn die NP, 144 4 Syntaktischer Wandel <?page no="145"?> zu der sie gehören, im Nominativ steht. Peschke stellt außerdem fest, dass weitere Belebtheitsparameter wirken wie Agentivität (Handlungsfähigkeit, die auch für metonymisch gebrauchte Städtenamen gilt: Berlins Beschluss) sowie Emotionalität/ soziale Nähe: Jogis Mannschaft - ? die Mannschaft Jogis. Sogar der Belebtheitsgrad des Bezugsnomens (Außenminister vs. Einheit) fördert die Prästel‐ lung des Genitivs: Deutschlands Außenminister, aber eher die Einheit Deutschlands. Künftiger Forschung bleibt es vorbehalten, die Stärke dieser Faktoren noch genauer zu ermitteln. Schließlich gilt es noch einen formalen Faktor zu berücksichtigen, der besonders im Prediktkorpus von Pickl (2019) zu Buche schlagen dürfte: Fremde, meist lateinische Eigennamen treten schon früh hinter das Nomen (das Blut Christi, die Briefe Pauli; s. auch Ackermann 2018, 171-175). 2. (In-)Definitheit: Indefinite Genitive wandern früher nach rechts als definite: *ei‐ nes Freundes Haus > das Haus eines Freundes; eher akzeptiert bei [+def.]: des Freundes Haus. Hinzu kommt, dass das Bezugsnomen nach präponiertem Genitivattribut im Fnhd. zunehmend definit gelesen wird. Auch heute ist Merkels Beschluss nur definit paraphrasierbar mit der Beschluss Merkels und nicht mit *ein Beschluss Merkels. 3. Länge bzw. Komplexität des Genitivattributs: Erweiterte und damit lange Genitive werden früher und häufiger nachgestellt als kurze (Ackermann 2018, 174). Anders gesagt: ‘Nackteʼ (unerweiterte) Genitive stehen am längsten voran (Pickl 2019, 187), wobei diese typischerweise Eigennamen sind (dass jedoch lateinische Namen in Nachstellung traten, ist unter a) erwähnt). Dieses quantitative Kriterium gilt auch für weitere Formen der Komplexität, etwa wenn weitere Adjektive vor dem Kernnomen stehen: die algemeinen der Deutschen Foͤlker namen > die allgemeinen Namen der deutschen Völker (Schmidt 12 2020: 435; Pickl 2019). Schließlich spielen (temporär) noch weitere Faktoren hinein wie die semantische Beziehung zwischen Genitiv und Bezugsnomen, ob etwa Subjekts- oder Objektsgenitiv. Sogar die Konfession hat im Predigtenkorpus von Pickl (2019) darauf Einfluss, indem katholische Predigten etwas stärker zur Nachstellung tendieren als protestantische (ebd., 190-191). Hinzu treten die regionale Herkunft des Autors/ der Autorin, die Textsorte und ihr Grad an Nähebzw. Distanzsprachlichkeit. So zeigt Pickl (2022b), dass die Voranstellung im 18. Jh. „in erster Linie ein poetisch-literarisches Merkmal“ (183) und damit stilistisch markiert war (Sozialprestige). Insgesamt nehmen die adnominalen Genitive diachron deutlich zu. Der Stellungswechsel des Genitivs lässt sich mit dem Ausbau der Nominalklam‐ mer verbinden: Nach der Ausklammerung des Genitivs aus dem Mittelfeld kongruiert der Artikel mit dem Kern- oder Kopfnomen (fett) der NP, Haus. Dies hat er vorher nicht getan (s. Abb. 39): Abb. 39: Ausklammerung des Genitivs zur Festigung der Nominalklammer 4.3 Von Der Weisheit letzter Schluss zum Stein der Weisen: Vom präzum postnominalen Genitiv 145 <?page no="146"?> Der einleitende Genitivartikel des weckt falsche Erwartungen, da er sich nicht auf den Kern der NP, Haus, bezieht. Durch den Ausbau der Nominalklammer wurde insgesamt die OV-Struktur gestärkt. Zu ihrer prinzipiellen Aufrechterhaltung wird der nachgestellte Genitiv (ebenso der nachgestellte Relativsatz), also VO, in Kauf genommen. OV und VO bezeichnet dabei nicht nur die Position von Objekt und Verb, sondern allgemein die von Abhängigem („O“) zu Regierendem („V“). Die Folge Artikel + Substantiv repräsentiert eine OV-Struktur (s. Kap. 4.1.5). Eine Möglichkeit, mit der die Rechtsversetzung des Genitivs vermieden wurde, bestand in der Morphologisierung solcher Konstruktionen zu Komposita: Bei der Folge Vaters Haus wurde der Genitiv Vaters als (definites) Bestimmungswort zum Grundwort Haus reanalysiert (d. h. neu interpretiert trotz oberflächlich gleichbleiben‐ der Strukturen, s. Abb. 40). Dabei hat sich der Artikel mit dem Übergang von des zu das in seiner Kongruenz am neuen Kernnomen Haus ausgerichtet (s. Kap. 2.5.7): Abb. 40: Entstehung von Komposita aus Genitivphrasen Während in Vaterhaus das ehemalige Genitiv-s abgebaut wurde, hat es in Teu‐ fel+s+sohn, Wolf+s+pelz und vielen anderen Komposita als sog. Fugenelement (Verbindungselement in der Kompositionsfuge) überdauert (s. auch Kind+s+kopf, Kind+es+wohl). Ab dem 17. und besonders seit dem 19. Jh. ist dieses Fugen-s produktiv geworden, indem es sich in Komposita ausgebreitet hat, deren Bestimmungswort nie ein Genitiv-s enthalten hat. Dies betrifft z. B. alle femininen Bestimmungswörter: Kindheit+s+erinnerung, Geburt+s+tag, Abfahrt+s+zeit (Kopf 2018a: Kap. 4.2 und 10.7.7). Eine weitere Möglichkeit, die Nominalklammer zu stärken, besteht in der Überfüh‐ rung des Genitivs Vaters in ein sog. relationales Adjektiv - eine Besonderheit des Dt., die aus kontrastiver Perspektive immer wieder als bemerkenswert herausgestellt wird und dafür spricht, dass hier ein Zusammenhang mit der Klammer besteht: das väterliche Haus. Dieser Zusammenhang wird dadurch erhärtet, dass solche relationalen Adjektive das Mittelfeld nicht verlassen dürfen, d. h. nicht prädikativ verwendbar sind: *Das Haus ist väterlich. Das Adjektiv väterlich hat prinzipiell zwei Bedeutungen: 1. ‘des Vaters/ zum Vater gehörendʼ (relational); prädikativ nicht möglich, auch keine Komparation; 2. ‘von der Art eines Vaters/ wohlwollend, fürsorglichʼ (charakterisierend); auch prädikativ möglich und steigerungsfähig. NPs wie der väterliche Rat sind damit doppeldeutig. Prädikativ (der Rat ist väterlich) stellt sich dagegen nur die charakterisierende (qualifizierende) Lesart 2) ein. Relationale Adjektive können somit die alte genitivische Bestimmung ersetzen und erfüllen gleichzeitig die Anforderungen an eine Klammer, indem sie das Mittelfeld füllen. Damit 146 4 Syntaktischer Wandel <?page no="147"?> tragen auch sie zur Stärkung der NP-Klammer bzw. typologischen Drift des Dt. zu einer Klammersprache bei (s. Kap. 13.2). Zu einem Überblick über die Schritte, die nach und nach zu den Klammerstrukturen geführt haben, s. Ronneberger-Sibold (2010b: 28-32). 4.4 Abbau des Genitivs als Objektkasus (Valenzwandel) Im Laufe der Sprachgeschichte hat sich der Genitiv verstärkt zu einem Nominalkasus entwickelt, d. h. er wird zunehmend von Substantiven gefordert (Typ die Beschreibung des Bildes) und weniger von Verben und Adjektiven. Auch bei jungen, nur schwach grammatikalisierten Präpositionen, die ihrem Ursprungswort noch sehr ähnlich sehen, wird der Genitiv (meist auf Kosten des ererbten Dativs) ausgebaut: gemäß dem > gemäß des, ebenso bei nahe, dank, entgegen, entsprechend. Damit wird Distanz zu dem Ursprungswort, das meist den Dativ regiert hat (jemandem nahe sein, jemandem danken), geschaffen (s. Di Meola 1999, 2001, 2002). Dennoch sind auch im nominalen Bereich Einbußen zu verzeichnen, etwa beim sog. partitiven Genitiv als dem Genitiv nach Quantitätsausdrücken, der heute nur noch in Resten fortbesteht: fnhd. ein tröpflein wassers > nhd. ein Tröpfchen Wasser; zu viel birs > zu viel Bier. Vermutlich haben die Feminina, die kein Genitivsuffix führen, die Reanalyse (Umdeutung) zum Nominativ begünstigt: In ein vuoder milch (13. Jh., Fuder ist ein Hohlmaß) zeigt milch keinerlei Kasus an. Im 16. Jh. zieht sich nach Zimmer (2015) der partitive Genitiv zugunsten einer bloßen Apposition zurück, v. a. dann, wenn kein Adjektiv hinzutritt. Heute ist somit die Apposition eine Tasse Kaffee, ein Glas Wein üblich. Doch mit vorangestelltem Attribut hört man durchaus ein Glas exzellenten Wein(e)s - interessanterweise eher bei gehobener als bei minderer Qualität: ? ein Glas schlechten/ billigen Wein(e)s (Zimmer 2015, 15); die hohe Stilebene des Genitivs scheint sich mit der Minderwertigkeit des Produkts nicht zu vertragen. Phraseologismen wie Manns genug sein, des Lobes voll, kein Aufhebens um etwas machen, nicht viel Federlesens mit jemandem machen zeugen von der früheren Regel, die nach quantifizierenden Ausdrücken einen Genitiv forderte. Dass der quantifizierende Ausdruck auch nachgestellt sein konnte, zeigt sich bei Manns genug, des Lobes voll. Heute steht der partitive Genitiv v. a. dann, wenn das folgende Nomen im Plural steht, wenn ihm ein Adjektiv vorangeht oder es selbst aus einem substantivierten Adjektiv besteht: ein Dutzend frischer Eier, eine Tasse frischgebrühten Kaffees, eine Gruppe Industrieller (Hentschel 1993, Zimmer 2015). Tiefgreifender ist der Abbau des Genitivs als verbaler Objektkasus: Nach Donhauser (1998: 72) gab es im Ahd. noch ca. 290 genitivregierende Verben, nach Ágel (2000: 1870) sind es im Mhd. rund 260 (z. B. hüeten, pflegen, volgen, bedürfen), heute nur noch 56, die zumeist der gehobenen Stilebene angehören - bestes Indiz für ihren weiteren Abbau ((sich) jemandes erbarmen, gedenken, harren). Der größte Umbruch vollzieht sich im 15. Jh. Dabei wird der Genitiv meist in den Akkusativ (jemanden wahrnehmen, pflegen, erwarten) oder in eine PP (sich behelfen mit, sich beklagen über, 4.4 Abbau des Genitivs als Objektkasus (Valenzwandel) 147 <?page no="148"?> 12 Heute drückt Artikelsetzung die einstige Kasusfunktion aus: er trinkt Wasser (artikellos) ersetzt den alten Gen., er trinkt das Wasser (mit Definitartikel) den alten Akk. sich freuen über) überführt. Manche Verben können auch beides, z. B. erinnern: ich erinnere mich des Vorfalls/ ich erinnere mich an den Vorfall. Dies bedeutet nicht zwingend, dass der Genitiv abgebaut würde, denn es können sich auch feine semantische Nuancierungen (Aufspaltungen) ergeben (Wich-Reif 2016). Beim Genitivabbau wird die sog. Vertikalisierung bei der Steuerung dieser Prozesse sichtbar: Volkstümliche, konzeptionell mündliche und an ein breites Publikum gerichtete Textsorten forcieren diesen Umbau am stärksten (Fischer 1992). Dagegen konservieren Rechtstexte am ehesten den Objektsgenitiv, was heute noch gut sichtbar ist: sie bezichtigen ihn des Betrugs; sie klagen sie des Betrugs an; sie überführen ihn des Betrugs (Genitivus criminis nach Eisenberg 5 2020: 324; s. auch Schmid 2004, Fleischer/ Schallert 2011: 91). Bei Präfixverben (wie auch hier: bezichtigen, anklagen etc.) hält sich die Genitivrektion generell am längsten (Wich-Reif 2016). Bei der Frage nach dem Grund für den Abbau des verbalen Genitivs ist zunächst die Tatsache wichtig, dass viele Verben früher sowohl den Genitiv als auch den Akkusativ regierten - mit unterschiedlichen Funktionen: Während der Genitiv auch hier eine partitive Funktion entfaltete, indem er ausdrückte, dass nur ein Teil des Objekts von der Verbhandlung affiziert wurde, war dies beim Akkusativ anders: Hier war das gesamte Objekt von der Verbhandlung betroffen. Dies verdeutlicht folgender Satz aus dem mhd. Iwein (nach Paul u. a. 25 2007: 341): er az daz brôt und tranc dâ zuo eines wazzers daz er vant, wörtl. „er aß das Brot und trank dazu eines Wassers, das er fand“. Gemeint ist mit dem Akk.-Objekt brôt, dass er alles aufgegessen hat (volle Affizierung), mit dem Gen.-Objekt wazzers jedoch, das er zwar welches, aber nicht alles getrunken hat (partielle Affizierung). 12 Gleichzeitig wird eine damit verwandte, abstraktere Funktion deutlich, die sich auf die Kategorie des Aspekts bezieht: Beim Akkusativ wird die Verbalhandlung abgeschlossen (resultativ oder terminativ: er isst das Brot auf) im Gegensatz zum Genitiv, wo das Ende der Verbalhandlung nicht sichtbar ist (durativ, nicht-terminativ: er trinkt Wasser - wieviel und wie lange, bleibt offen). Bei vielen Verben bezog sich die Kasuswahl nur auf diese aspektuelle Unterscheidung. In der Geschichte des Dt. wurde jedoch die Aspektkategorie abgebaut - was möglicherweise erklärt, weshalb auf die verbale Genitivrektion verzichtet werden konnte (s. Kap. 12.2.3, Donhauser 1998, Fleischer/ Schallert 2011: 87-94). Schließlich haben auch die meisten Adjektive ihre Genitivrektion abgebaut. Bei eigner Herd ist Goldes wert oder nicht der Rede wert sein regiert wert noch den Genitiv, heute jedoch den Akkusativ: Das ist keinen Cent wert. In vielen Dialekten wurde der Genitiv als morphologischer Kasus komplett ab‐ gebaut. Hier gelten die aus der gesprochenen Umgangssprache bekannten Umschrei‐ bungen mit der Präposition von (die Beschreibung des Bildes > die Beschreibung von dem Bild) oder mit sog. possessiven Dativkonstruktionen, die nur auf Personen beziehbar sind (Peters Jacke > dem Peter seine Jacke). Hier liegt ein Beispiel für den 148 4 Syntaktischer Wandel <?page no="149"?> Übergang von synthetischen zu analytischen Ausdrucksverfahren vor (s. Kap. 12.2 und Fleischer/ Schallert 2011: 96-99). Allerdings weist Schweden (2023) für einige deutsche Dialekte nach, dass der Genitiv bei Personenreferenz mit vorangestelltem Familiennamen durchaus lebendig ist, vgl. Konstruktionen wie (de)s Fischers Emma, (die) Fischers Emma für nhd. Emma Fischer. Ein weiterer Valenzwandel besteht in der Generalisierung der Subjektskodie‐ rung: Sog. unpersönliche Verben, oft Empfindungsverben, gehen vom älteren Dativ oder - häufiger - Akkusativ zum Nominativ über: mir ahnt > ich ahne, mir träumt > ich träume, mich friert > ich friere, mich dürstet > ich habe Durst (Dal 3 1966: 166-168, Ágel 2000: 1872). Heutige Reste sind mir graut, mir gefällt, mich reizt. Im Ahd. war diese Gruppe deutlich größer: mih hungirit wörtl. ‘mich hungert’, mih slāferōt ‘mich schläfert’ (Dal 3 1966: 168). 4.5 Negationswandel Das Dt. hat, wie viele andere Sprachen auch, bei der Satznegation ein zyklisches Verfahren durchlaufen, das erstmals 1817 von dem dänischen Sprachwissenschaftler Otto Jespersen beschrieben wurde und später nach ihm als „Jespersens Zyklus“ benannt wurde. Dabei geht es um den Kreislauf von Schwächung, Stärkung und abermaliger Schwächung von Negationsausdrücken: The original negative adverb is first weakened, then found insufficient und therefore strengthened, generally through some additional word, and this in its turn may be felt as the negative proper und may then in course of time be subject to the same development as the original word. ( Jespersen 1917: 4) Das Ahd. ererbte vom Germ. und Ie. die Negationspartikel ni, die es dem finiten Verb voranstellte: dē dār trinkit fon thesemo uuazzare thaz ih gibu ni thurstit zi ēuuidu ‘wer von dem Wasser trinkt, das ich gebe, den dürstet nicht in Ewigkeit’ (Tatian 87,3). Im Tatian werden 81 % der negierten Sätze mit präverbalem ni gebildet. Nach und nach wurde diese Partikel, da in der Regel vor betonter Silbe stehend, geschwächt, was sich ab spätahd. und vor allem in mhd. Zeit (Nebensilbenabschwächung) zum einen in häufigen Zusammenschreibungen mit dem folgenden Verb manifestiert (manchmal auch mit dem vorangehenden Pronomen), zum anderen in seiner Schreibung mit reduziertem 〈e〉 [ ə ], oft sogar mit dem folgenden Vokal ganz verschmelzend zu bloßem 〈 n 〉 : nindrinnes ‘nicht entrinnest’ (Lorscher Bienensegen). Dieses Stadium wird als Proklise bezeichnet, das schwache Element selbst als Proklitikon, das Verb als Basis. Haftet das schwache Element hinten am vorangehenden Pronomen, bezeichnet man es als Enklitikon: in (< ih=en) mac ‘ich kann nicht’. Klitika spielen bei sog. Grammatikalisierungen eine wichtige Rolle, da sie die Brücke zwischen Syntax und Morphologie bilden, d. h. sie können sich - falls sich diese Entwicklung fortsetzt - zu Flexionsaffixen weiterentwickeln (Kap. 11, 12.2). Doch wurde diese Grammatikalisierung nicht fortgeführt: Schon im Stadium der 4.5 Negationswandel 149 <?page no="150"?> proklitischen Schwächung von ne= wurden hinter dem finiten Verb Negationsvers‐ tärkungen aufgebaut, von denen sich nicht < ni io uuiht ‘nicht (je) eine Kleinigkeit/ ein Wicht’ also ‘nichts’, langfristig durchgesetzt hat: ni + finites Vb. + ni(e)ht (zu Details s. Szczepaniak 2 2011a: 45-49). Dabei handelte es sich um eine diskontinuierliche, klammernde Doppelnegation, die keine Aufhebung der Verneinung bewirkte. In einem anderen Kontext haben wir bereits folgendes spätahd. Sprichwort kennengelernt, das die Doppelnegation enthält: tú nemáht nîeht mít éinero dóhder zeuuena eidima máchon, wörtl. ‘du nicht kannst nicht mit einer Tochter zwei Schwiegersöhne gewinnen’. Die Negation konnte noch durch weitere Wörter verstärkt werden, die etwas Wertloses, Geringfügiges bezeichneten: ein blat, ein brôt, ein ei, ein hâr, ein strô, ein(e) bône, auch ein(e) halbe bône. Dabei traten diese a) meistens zu nicht hinzu, b) gelegentlich ersetzten sie es auch: a) mhd. daz enhalf niht ein bast; darûf enachte er niht ein strô; daz hulfe niht ein blat; b) ohne niht (aber gleichwohl negierend): ich sage in ein blat (Wilmanns 2 1899: 624); er achtet Ruhm nur Stroh; Perlen achtet er Streu (Blatz 3 1900: 655). Im Fall von (nicht) die Bohne hat sich dieser Ausdruck bis heute zur Bezeichnung von Desinteresse gehalten, doch fast nur in Verbindung mit dem Verb interessieren (womit es sich um eine feste Wendung handelt). Eine Google-Recherche vom 24. 11. 16 ergab bei der Abfrage a) „interessiert/ interessieren mich nicht die Bohne“ ca. 37 000 Treffer, bei b) „interessiert/ interessieren mich die Bohne“ (ohne nicht) immerhin knapp 9000 Treffer, d. h. die Bohne fungiert a) sowohl noch als Negationsverstärker (häufig) als auch b) als Negationsersatz (seltener). Zwei Beispiele: a) „Diese ganzen pixeligen Diskussionen interessieren mich nicht die Bohne“; b) „Solche Richtlinien interessieren mich die Bohne“. Tauscht man mich durch andere Pronomen aus (dich, ihn, sie etc.), so finden sich fast nur für die negierte Verstärkung Belege. Weitere erstarrte Relikte sind: das ist keinen Pfifferling wert; das geht dich einen Dreck an/ sie kümmert sich darum einen Dreck. Die gemeinhin für das Mhd. als typisch erachtete doppelte Negation gilt, wie Jäger (2008) nachweist, maximal für nur ein Viertel der negierten Sätze (auch hier führen unterschiedliche Textsorten zu unterschiedlichen Befunden). Weitaus typischer (bis zu 45 %) war bereits die Negation mit alleinigem niht. Nachdem die negierenden Proklitika gänzlich abgebaut waren - sie kommen im 15. Jh. nur noch selten vor, um 1700 gar nicht mehr (Pensel 1976) -, wurde nicht endgültig zum Standbein, d. h. zur alleinigen Negationspartikel: So hat sich aus einem ursprünglich syntaktischen ein klitisches und schließlich abermals ein syntaktisches Negationsverfahren herausgebildet. In Dialekten wie etwa dem Schwäbischen erfährt die „neue“ Negationspartikel nicht wieder Reduktionen, nämlich zu it, et. Tab. 29 fasst die wichtigsten Etappen dieses Prozesses zusammen. Sucht man nach Begründungen für die langfristige „Rückkehr“ des Negationsver‐ fahrens in die Syntax - wenngleich in anderer Form und Position (vorher präverbal, nachher postverbal; s. Vennemann 1993) - so wird meistens eine Art Funktionsuntüch‐ tigkeit des geschwächten, an Lautsubstanz armen Negationsklitikons geltend gemacht: 150 4 Syntaktischer Wandel <?page no="151"?> Es lässt sich deutlich erkennen, dass die alleinstehende Proklise / en / wegen ihrer Unterto‐ nigkeit für die Negierung eines Satzes bereits um 1500 nur noch in den wenigsten Fällen ausreicht. (Pensel 1976: 321, ähnlich Lenz 1996: 191). Periode Negationsverfahren Bemerkung frühes Ahd. ni + fin.Vb. ni aus dem Germ. ererbt spätes Ahd. ni- + fin.Vb. (+ neowiht/ niwiht) < ni io uuiht ‘nicht im geringsten’; daneben auch andere Partikeln, z. B. nihhein Mhd. ni/ ne/ en/ n + fin.Vb. + niht (neben alleinigem niht, das schon häufiger vorkommt als die doppelte Negation) statt bzw. neben niht auch andere Verstärkun‐ gen möglich: (niht) ein blat, ein(e) (halbe) bône, ein brôt, ein ei, ein hâr, ein strô, ein wint … Fnhd. (ne-/ en-/ -n-) + fin.Vb. + nicht Proklise meist nur noch an Modalverben Nhd. fin.Vb. + nicht dialektal auch zu nit, net, it, et Tab. 29: Die Negation in der deutschen Sprachgeschichte Linguistischer ausgedrückt war der sog. diagrammatische Ikonismus verletzt: Ob ein Satz affirmiert oder negiert ist, ist für die Gesamtaussage von größtem Belang. Dieser funktionalen Relevanz sollte auch auf der Formebene ein ähnlich gewichtiges Korrelat entsprechen, was das Klitikon nicht zu leisten vermochte. Der eigentliche Motor dieser Entwicklung war jedoch nicht etwa die zunehmende Schwächung der alten Negationspartikel, sondern die stets vorhandene Expressivität beim Verneinen von Sachverhalten. Trotz der materiell gut ausgestatteten und voll funktionstüchtigen Negationspartikel nicht verstärken wir auch heute häufig unsere Verneinungen mit gar, ganz und gar, im geringsten oder überhaupt: Das stimmt überhaupt nicht. Durch häufiges Verstärken inflationieren solche Zusätze und können, wie gesehen, langfristig das alte Verfahren ersetzen. Zu einer etwas anderen Einschätzung gelangt Pickl (2017) auf Basis oberdeutscher Predigten (1050-1400, rel. nähesprachlich), indem er den dreischrittigen Jespersen-Zy‐ klus in Tab. 29 infragestellt, da die drei Verfahren weniger konsekutiv als gleichzeitig auftreten und sich auch je nach Satztyp stark voneinander unterscheiden. Der ur‐ sprünglich nominale Negator nicht (mit der alten Bedeutung ‘nichtsʼ) wird demnach als verbaler Negator reanalysiert und leistet ab dem 11. Jh. - neben ne oder auch allein - die Satznegation. Die alte Negationspartikel ni hat sich in einigen (adverbialen und pronominalen) Negationswörtern erhalten wie nie < ahd. ni eo ‘nicht je’, nimmer < ni eo mēr ‘nie mehr’, nirgends ‘nicht irgendwo’ < mhd. ni(e)rgen < ahd. ni eo wār-gin ‘nicht je irgendwo’ (-gin ist eine Indefinitpartikel; -d ist rechter Wortrandverstärker im Fnhd., s. Kap. 2.5.6, -s ist Adverbmarker), niemand ‘nicht jemand’ < ni eo man ‘kein Mensch’ etc. Alle diese Univer‐ bierungen zweigen sich schon ab dem Ahd. als selbstständige Negationswörter ab und 4.5 Negationswandel 151 <?page no="152"?> leisten heute die Negation allein: sie hat niemanden getroffen. Im Ahd. und Mhd. konnten sie von zusätzlichem ni begleitet werden, Mehrfachnegation war also noch möglich (sog. Negationskongruenz): ahd. ih ni tuomu niomannen (Tatian) ‘ich verurteile niemanden’. Doch konnte ni (zunehmend) wegbleiben, nioman etc. leistete allein die Negation, im Mhd. schon zu 77 % (s. Jäger 2008, Donhauser 1996). Im mhd. Erec kookkuriert niemen ‘niemand’ fast ebenso häufig mit wie ohne die klitische Negationspartikel (Szczepaniak 2 2011a: 50 f.). Noch im 18. und 19. Jh. kommen solche Doppelungen in der gesprochenen Sprache vor, auch in der geschriebenen Alltagssprache (Elspaß 2005: 275-283). Mancher Dialekt kennt noch heute (sich nicht aufhebende) Doppelnegationen, allerdings mit der Nachfolgepar‐ tikel nicht; das Bairische ist für seine Mehrfachnegationen berühmt: Mià ham eàhm no nià kõ- bäss Woàdd need geem ‘Wir haben ihm noch nie ein böses Wort gegeben’ (Merkle 6 1996: 156). Über Univerbierungen haben sich somit lexikalische Satznegatoren (niemand, nie, nirgends) herausgebildet, die heute neben dem grammatischen Negationsverfahren mit nicht stehen - im Gegensatz zu früheren Sprachstufen, die ausschließlich das gram‐ matische Verfahren kannten. Zum Weiterlesen Empfehlenswert ist die 2011 erschienene „Historische Syntax des Deutschen“ von Fleischer/ Schallert. Weiter sind Ebert (1978, 2 1999), Dal ( 3 1966) und Polenz (1994) gut zu lesen, auch Admoni (1990). Zur Klammer als „Leitmotiv“ der dt. Syntax sind die Beiträge von Ronneberger-Sibold (1991a, 1994, 2007a, 2010a, b) einschlägig. Zum Negationswandel s. Donhauser (1996, 1998), Jäger (2008), Szczepaniak ( 2 2011a: 43-53), Fleischer/ Schallert (2011: 227-241), Pickl (2017). 152 4 Syntaktischer Wandel <?page no="153"?> 5 Semantischer Wandel Wenn man ältere Texte liest, macht man die Erfahrung, dass einem viele Wörter zwar bekannt vorkommen, aber eine andere Bedeutung als heute haben können. So ist ein krankes Pferd im Mhd. nur ein schwaches, aber kein im heutigen Sinn erkranktes. Liest man fnhd. Texte, so kann man, wenn man geübt ist, weitgehend den Sinn erschließen, liest man jedoch ältere Texte, so benötigt man eine solide Einführung in diese Sprachstufen, um eine adäquate Übersetzung zu meistern. Hier hat Bedeutungswandel stattgefunden: Der materielle Wortkörper ist bekannt (er hat sich nur lautlich oder graphisch weiterentwickelt), doch hat sich sein Inhalt verändert. Diese inhaltsseitige Veränderung von Wörtern fassen wir unter semantischen Wandel. Ändert sich der Wortkörper, haben wir es mit lexikalischem Wandel (Bezeichnungs‐ wandel) zu tun (Kap. 6). So wurde z. B. ahd. (h)ros in der allgemeinen Bedeutung ‘Pferdʼ durch das lat. Lehnwort Pferd ersetzt (lex. Wandel/ Bezeichnungswandel). Das heutige Ross bezeichnet ein edles Reitpferd (und hat damit nur semantischen Wandel erfahren). Bedeutungs- und Bezeichnungswandel sind oft eng miteinander verzahnt: Der eine kann den anderen auslösen (hierzu s. Koch 2001). Im Gegensatz zum Lautwandel verläuft semantischer Wandel bei weitem nicht so prinzipiengeleitet: Manche Wörter konservieren ihre Bedeutung seit Jahrtausenden (etwa direkte Verwandtschaftsbezeichnungen wie Mutter, Vater), andere sind häufig von Wandel betroffen. Auch die Richtung semantischen Wandels ist kaum vorhersag‐ bar. In den Worten von Hock ( 3 2021): „[S]emantic change is ‘fuzzy’, highly irregular, and extremely difficult to predict“ (406). Dies mag dazu geführt haben, dass semantischer Wandel viel schlechter untersucht und verstanden ist als z. B. phonologischer Wandel. Wie jeder Sprachwandel kommt auch semantischer Wandel nie zum Stillstand. Er äußert sich darin, dass man bei anderen Menschen andere Gebrauchsweisen bzw. Kontexte von Wörtern wahrnimmt. So verwenden manche Leute das Adjektiv witzig im Sinne von ‘seltsam, merkwürdig’: Das Fahrrad mit dem schiefen Lenker ist ja witzig. Oder bestimmte Gruppensprachen (Soziolekte) wie z. B. Jugend- oder Fachsprachen gebrauchen Wörter mit Bedeutungen, wie man sie bisher nicht kannte (z. B. fett, Opfer). Diese können, sie müssen sich aber nicht weiter verbreiten. Bekanntes Beispiel dafür ist geil, das seit den 1980er Jahren von Jugendlichen im Sinne positiver Bewer‐ tung gebraucht wird: geiler Film, geiler Ausflug. Ursprünglich bedeutete es ‘fröhlich’, später ‘lüstern, sexuell erregt’, heute ‘toll’ (hierzu Keller/ Kirschbaum 2000, Hartmann 2018: 245-247). Beim sprachlichen Zeichen unterscheidet man eine Ausdrucks- und eine Inhaltsseite. Die letztere wird i. d. R. auch als Bedeutung oder Semantik bezeichnet. Hier unter‐ scheidet man wiederum zwischen denotativer und konnotativer Bedeutung. Grob gesagt steht die denotative Bedeutung im Wörterbuch, d. h. sie konstituiert die allge‐ mein geltende „Kernbedeutung“. Konnotationen treten hinzu und sind meist auf der individuellen Ebene zu verorten. So ist die denotative Bedeutung von Katze ‘Haustier <?page no="154"?> mit Pelz, das miaut’. Als konnotative Zusatzbedeutung kann aber für jemanden, der von ihr gekratzt wurde, ‘gefährlich, unberechenbar’ hinzukommen. Jenseits dieses rein mentalen Zeichenmodells steht das konkrete Objekt/ der Sachverhalt, kurz: der Referent in der Wirklichkeit, worauf mithilfe dieses Zeichens Bezug genommen (referiert) wird. Zentral ist die Einsicht, dass Bedeutungen weder naturgegeben noch ein für allemal fixiert sind, sondern dass sie „geronnene“ Welterfahrung und Weltsicht der Sprechenden darstellen und sich ständig verändern. Durch neue Gebrauchsweisen verändert das Zeichen langsam seine Bedeutung. Dies führt dazu, dass wir Probleme haben, ältere Texte mit vordergründig bekannten Wörtern richtig zu übersetzen. Lange war die historische Semantik als Disziplin der historischen Linguistik unterre‐ präsentiert und unterentwickelt. Dies hat sich in den letzten Jahren geändert. Hier seien insbesondere die Einführungen von Fritz (2005, 2 2006) sowie von Keller/ Kirschbaum (2003) genannt, die neben theoretischen Überlegungen zu Motiven und Prinzipien des Bedeutungswandels eine Fülle von Beispielen liefern. Diese vermitteln einen guten Eindruck von Ausmaß und Komplexität dieses Wandels. Auch im Zusammenhang mit der Grammatikalisierungsforschung ist der semantische Wandel (wie überhaupt die historische Sprachwissenschaft) in das Interesse der Linguistik gerückt. Bestimmte Phasen der Grammatikalisierung bestehen nämlich in semantischen Generalisierungen (Verblassung, Entkonkretisierung, Abstraktion). Grundsätzlich sind beim semantischen Wandel zwei Perspektiven zu unterscheiden: Die semasiologische Perspektive fragt nach dem Bedeutungswandel einzelner Wörter, d. h. welche Bedeutung(en) ein Ausdruck A umfasst und wie sich diese im Laufe der Zeit ändert. Beispiel: Wie hat sich die Bedeutung von billig vom Mhd. zu Nhd. verändert? Umgekehrt verfährt die onomasiologische Perspektive: Sie geht von den Referenten (Objekten/ Sachverhalten) aus und fragt nach ihren Bezeichnungen und deren Wandel (lexikalischer Wandel, s. Kap. 6). Beispiel: Wie hat sich die Bezeichnung für ‘Großmutter’ im Laufe der Sprachgeschichte verändert? Oder: Wie hat sich der Ausdruck von Vergangenheit im Laufe der dt. Sprachgeschichte verändert? Beide Perspektiven werden im Folgenden eingenommen. Wir gehen so vor, dass wir, das Pferd von hinten aufzäumend, zunächst die traditionell unterschiedenen Typen semantischen Wandels darstellen (semasiologisch; s. Kap. 5.1). Diese Klassifikation verharrt auf der beschreibenden Ebene und stellt genau genommen das Ergebnis, den Endzustand bereits stattgefundenen Bedeu‐ tungswandels dar. Über den Prozess (die Verfahren, Mechanismen) sowie über die Ursache dieses Wandels sagt sie jedoch nichts aus. Die wichtigsten Prinzipien oder Mechanismen semantischer Neuerungen wie Metapher, Metonymie etc. behandeln wir in Kap. 5.2. Weshalb semantischer Wandel überhaupt stattfindet, was seine Ursache sein könnte, dies ist Gegenstand von Kap. 5.3. Abschließend sollen drei Fallbeispiele genauer beleuchtet werden, die Pejorisierung der Frauenbezeichnungen (Kap. 5.4) und - als onomasiologisches Beispiel eines komplexen semantischen Wandels, der auch weitreichende Auswirkungen auf lexikalischer Ebene hatte - die Verschiebun‐ gen und Umschichtungen im Wortfeld der Verwandtschaftsbezeichnungen (Kap. 5.5). 154 5 Semantischer Wandel <?page no="155"?> Kap. 5.6 zeigt, wie semantischer Wandel zur Herstellung einer sprachlichen Mensch/ Tier-Grenze geführt hat. Auch hier wird deutlich, wie eng semantischer und lexikali‐ scher Wandel ineinandergreifen. 5.1 Typen semantischen Wandels (Resultate) Die folgende Klassifizierung semantischen Wandels greift nur bestimmte Typen her‐ aus, die sich in der Forschungsliteratur etabliert haben. Eine scharfe Abgrenzung ist nicht immer möglich, und es kann auch ein und dasselbe Wort von mehreren dieser Wandeltypen betroffen sein. Grundsätzlich ist es möglich, dass sich die Bedeutung eines Wortes aufspaltet: Polysemie liegt dann vor, wenn die verschiedenen Bedeutun‐ gen auf einen gemeinsamen Nenner beziehbar sind, wie dies bei scharf der Fall ist, hier die Wirkung eines scharfen (geschliffenen) Messers: scharfes Messer, scharfer Ton, scharfes Essen, scharfes Bild, scharfes Wort, scharfer Film etc. (Fritz 1998: 136 f.). Homo‐ nymie liegt dagegen vor, wenn ein solcher Zusammenhang nicht mehr erkennbar ist wie bei Schloss ‘Türschloss’ und ‘prächtiges Gebäude’. Beide hängen zwar etymolo‐ gisch mit schließen zusammen, werden aber nicht mehr miteinander in Verbindung gebracht. Vielen ist diese Homonymie gar nicht bewusst. Im Fall des Türschlosses ist die Verbindung zu schließen noch durchsichtig. Anders im Fall des Gebäudes: Hierzu gibt es zwei Erklärungen: a) Ein Schloss bildete landschaftlich den Abschluss eines Tals oder eines Wasserlaufs; b) Ein Schloss war ein besonders gut verschlossenes (verriegeltes) Gebäude. Manchmal wird Homonymie enger gefasst, indem sie solche etymologisch verwandten, aber nicht mehr durchsichtigen Wörter ausschließt, was u. E. wenig sinnvoll ist. Miteinander nicht verwandt sind z. B. Kiefer1 ‘Nadelbaum’ und Kiefer2 ‘Gesichtsteil’. Bedeutungsdifferenzierung, also Polysemie, entsteht bei den meisten folgenden Wandeltypen. Sie ist typisch bzw. sogar die Voraussetzung für semantischen Wandel. Deshalb fassen wir sie (entgegen mancher Literatur) nicht als eigenen Typ auf. Selbstverständlich basieren alle folgenden Wandelerscheinungen auf kleinschrittigen (graduellen) Veränderungen. Beim Bedeutungswandel springt nie Bedeutung ‘A’ zu Bedeutung ‘B’, beide koexistieren u. U. sehr lange oder sogar dauerhaft. Synchron äußert sich dies in Polysemie (Mehrdeutigkeit). Stirbt die alte Bedeutung ab, so hat sich Bedeutungswandel vollzogen. Hierfür werden im Folgenden Beispiele geliefert. 5.1.1 Bedeutungserweiterung Bei der Bedeutungserweiterung handelt es sich um einen sehr häufig begangenen Pfad, der verschiedene Erscheinungsformen umfasst. In jedem Fall werden dabei semantische Merkmale abgebaut, womit sich die Anwendbarkeit des Wortes erwei‐ tert. Zum einen können Lexeme bedeutungserweitert werden. Zum anderen lassen sich im Zuge von Grammatikalisierungsprozessen semantische Verallgemeinerungen beobachten; diese werden oft auch Verblassung, Ausbleichung oder Entkonkretisierung/ 5.1 Typen semantischen Wandels (Resultate) 155 <?page no="156"?> Abstraktion genannt. Hier tritt das ursprüngliche Lexem langfristig in den Dienst der Grammatik, etwa als Funktionswort in grammatischen Konstruktionen. Zum ersten Typ, der lexikalischen Bedeutungserweiterung, einige Beispiele: Das Adjektiv fertig geht auf eine Ableitung von Fahrt + -ig zurück und bedeutete ursprüng‐ lich ‘für die Fahrt gerüstet, abfahrbereit’. Heute hat sich die Bedeutung im Sinne eines Bereitseins für alles erweitert: Sie ist fertig, wir können anfangen zu spielen; sie hat sich zum Spielen fertig gemacht. Man kann damit aber auch das Ende einer Handlung bezeichnen (hervorgehend aus den Vorbereitungen des Sich-zur-Fahrt-Rüstens): Sie ist mit dem Singen fertig ‘sie hat aufgehört zu singen’. Auch Gegenstände und Abstrakta können fertig sein: Das Haus/ die Vorlesung ist fertig ‘vollendet, abgeschlossen’. Schließ‐ lich verwendet man, besonders heutzutage, fertig auch im Sinne von ‘erschöpft’: Nach der Vorlesung ist sie fertig. In den Bereich der Morphologie begibt sich -fertig als sog. Suffixoid in Zusammensetzungen wie bezugsfertig, bratfertig, eine kochfertige Suppe, schlüsselfertig (zum Affixoid s. Kap. 3.2.1.1). Die Bedeutung von fertig hat sich so weit von Fahrt entfernt, dass man nicht auf die Idee käme, es mit 〈ä〉 zu schreiben (obwohl es historisch-etymologisch korrekt wäre) (Kap. 9.1.3). Auch hat es nicht die analogische Vokaldehnung mitgemacht, wie dies z. B. bei Fahrt, analog zu fahren, geschehen ist (s. Kap. 3.1.5.1). Auch das Wort Sache hat eine Erweiterung erfahren. Germ. *sakōbedeutete ‘Ge‐ richtssache, Streit’, auch ‘Ursache’ (in diesen Bedeutungsangaben ist das Wort -sache noch enthalten). Ahd. sahha hatte noch die gleichen Bedeutungen, bezeichnete aber zusätzlich auch schon ‘Ding, Sache’ im weiteren Sinn (auch Ding, ursprünglich ‘Ge‐ richtsverhandlung’, hat eine solche Erweiterung vollzogen). Im Ahd. stellte sich dazu das Verb sahhan ‘streiten, zurechtweisen’. Nur noch in der Zusammensetzung Widersacher lebt die alte Bedeutung fort, teilweise auch im Adjektiv sachlich, indem es nicht auf Gegenstände anwendbar ist (eine sachliche Antwort). Heute ist Sache auf fast alle Gegenstände und Sachverhalte beziehbar: Räum deine Sachen auf! Mir ist heute eine blöde Sache passiert. Schließlich hat auch das Allerweltsverb machen eine immense Erweiterung vollzo‐ gen, wenn man bedenkt, dass es ursprünglich ‘kneten, Lehm zubereiten und verar‐ beiten’ bedeutet hat (vgl. engl. make-up). Über ‘zusammenfügen, bauen, herstellen’ gelangte es zu ‘tun’ und lässt es sich auch auf Abstrakta beziehen. Die semantischen Merkmale der Handarbeit und des Verarbeitungsstoffes (Lehm) wurden abgebaut, entsprechend nahm die Verwendbarkeit des Verbs zu. Geht eine solche Verallgemei‐ nerung so weit, dass sich eine Art Funktionswort entwickelt, wird der Bereich der Grammatikalisierung betreten. Das Verb machen ist schon ein Grenzfall, da es in vielen Verbindungen als sog. Stützverb vorkommen kann (Sport machen, Hausaufgaben machen, Ärger machen) und manchmal auch kausative Funktion übernehmen kann im Sinne von ‘etwas bewirken’: jemanden lachen machen oder jemanden vergessen machen; der Lärm macht mich nervös. In der Konstruktion sich an etwas machen übernimmt es sog. inchoative Funktion, d. h. es drückt den Beginn einer Handlung aus: Er macht sich ans Aufräumen (zu Weiterem s. Duden-Grammatik 8 2009). 156 5 Semantischer Wandel <?page no="157"?> Damit kommen wir zum zweiten Typ der Bedeutungserweiterung, die so weit voranschreiten kann, dass man von einer Bedeutungsentleerung sprechen kann. In jedem Fall wird das Wort grammatikalisch genutzt, es verliert seine lexikalische Bedeutung und nimmt grammatische Funktion(en) an. Um mit einem Extrembeispiel zu beginnen, nehmen wir werden, das heute gar nicht mehr als Vollverb existiert - umso mehr aber als Hilfsverb (Auxiliar), und hier gleich in mehrfacher Funktion (sog. Polygrammatikalisierung - s. Kap. 11.3). Nhd. werden ist urverwandt mit lat. vertere ‘sich wenden, umdrehen’ (enthalten in dem Lehnwort konvertieren). Im Ahd. kann es noch ‘wenden’ bedeuten, auch ‘entstehen, geboren werden, wachsen, statt‐ finden’ - neben abstrakteren Bedeutungen, die den heutigen ähneln. Es wird auf die ie. Wurzel *u̯er- ‘drehen, biegen’ zurückgeführt. In dem mit ihm verwandten Wortbildungselement -wärts (seitwärts, westwärts - bei Luther werds geschrieben) ist noch die Richtungsbewegung enthalten. Diese Bewegung ist im heutigen werden stark reduziert und verallgemeinert worden, etwa wenn man an die Kopula in sie wird krank/ Ärztin denkt. Als Passivhilfsverb, z. B. in sie wird gesehen, fällt es schwer, nur eine Re‐ duktion der Ursprungsbedeutung anzunehmen. Oft bestehen Grammatikalisierungen nicht nur in semantischen Reduktionen (sog. Desemantisierungen), sondern auch im Aufbau neuer grammatischer Informationen (s. Leiss 1998). Mit anderen Worten: Dass werden als Passivhilfsverb nur seine reduzierte Semantik von ursprünglich ‘wenden, drehen, entstehen’ einbringt, ist nicht mehr plausibel - hier hat nach der lexikalischen Desemantisierung ein Aufbau grammatischer Semantik (Funktion) stattgefunden. Als inchoative Kopula (sie wird krank) dagegen ist eine solche Reduktion noch plausibel, wenn man diese Funktion mit ‘in den Zustand von X übergehen’ beschreibt. Ein gutes Beispiel für die Reduktion semantischer Merkmale und den Übergang vom Lexem zu einem grammatischen Funktionswort liefern die sog. Intensitätspar‐ tikeln (auch: Gradpartikeln). Deren Funktion besteht darin, den Intensitätsgrad eines Sachverhalts oder einer Eigenschaft auszudrücken. Die häufigste Partikel zum Aus‐ druck eines hohen Grades ist sehr: Sie freut sich sehr; sie ist sehr zufrieden. Diesem Wort sieht man seine Herkunft nicht mehr an, doch hat es einen typischen Gram‐ matikalisierungspfad durchschritten. Sehr ist verwandt mit versehrt, also ‘verletzt, verwundet’. Es geht auf ahd. sēro, mhd. sēr ‘schmerzhaft, wund/ verwundet’ zurück. Aus süddt. Dialekten kennt man arg, eigentlich ‘schlimm, böse’ (enthalten in ärgern), in intensivierender Funktion: Sie hat sich arg gefreut. Diesen Pfad nennt Hentschel (1998) in „Die Emphase des Schreckens: furchtbar nett und schrecklich freundlich“ die „schreckliche“ Intensivierung, d. h. sehr speist sich aus ursprünglich negativen Empfindungen wie Schmerz, Furcht, Schrecken. Es hat aber im Laufe der Zeit (seiner Grammatikalisierung) diese negativen Komponenten abgebaut, um nur den hohen Grad an emotionaler Intensität „herauszufiltern“, die Qualität aber zu neutralisieren. Dies lässt sich durch die Kombinierbarkeit mit positiven Sachverhalten oder Eigen‐ schaften testen: Sie genießt die Musik sehr. Heutige Intensivierer, die bereits mit positiven Einheiten kompatibel sind, sind schrecklich, furchtbar, fürchterlich, ungeheuer und unheimlich (sie ist ungeheuer/ unheimlich nett). Auch Ausdrücke des Wahnsinns 5.1 Typen semantischen Wandels (Resultate) 157 <?page no="158"?> haben eine solche Bedeutungserweiterung via Desemantisierung vollzogen: irre, irr‐ sinnig, wahnsinnig, toll, teilweise verrückt, evt. gehört dazu auch tierisch. Hier hat jedoch eine Aufspaltung stattgefunden, denn als Lexeme bestehen sie parallel fort (im Gegensatz zu sehr), und hier drücken sie ausschließlich negative Empfindungen aus: Die Geschichte ist schrecklich/ furchtbar/ unheimlich. Zur Verstärkung ausschließlich negativer Sachverhalte/ Eigenschaften eignen sich weitere „schreckliche“ Intensivierer wie entsetzlich, grauenhaft, schauderhaft: Es hat entsetzlich geregnet, aber *sie hat die Musik entsetzlich genossen. Diese sind somit noch wenig desemantisiert und damit weniger grammatikalisiert. Weitere semantische Quellbereiche solcher Intensitätspartikeln zur Anzeige eines hohen Grades sind: • Mengenangaben (viel, voll, total): Sie arbeitet viel; sie ist voll/ total überarbeitet; • Gewicht, Stärke, Größe (schwer, stark, groß, dick): etwas stark annehmen; schwer verletzt, schwer in Ordnung; schwer angesagt; schwer im Kommen; das reicht dicke; • Wahrheitsbeteuerungen (wirklich, echt): sie ist wirklich/ echt müde; • lokale Adverbiale (höchst, zutiefst, äußerst, durch und durch): sie ist höchst zufrieden/ zutiefst enttäuscht/ äußerst müde. Teilweise bestehen, wie ersichtlich ist, noch Kombinationsbeschränkungen, die gegen eine starke Grammatikalisierung sprechen (sehr ist viel breiter einsetzbar). Nicht genutzt werden jedoch starke positive Empfindungen wie *freudig, *beglückend, *be‐ geisternd o. ä. Dies gilt auch für andere Sprachen, die Hentschel (1998) vergleichend hinzuzieht. Sie erklärt die „Emphase des Schreckens“ mit der Komponente des Uner‐ warteten, der Plötzlichkeit, mit der Schrecken im Gegensatz zu Freude und Glück wirkt: Im Weltwissen der Sprecherinnen und Sprecher von Arabisch bis Yoruba, von Afrikaans bis Urdu ist offenbar die Erkenntnis verankert, dass negative Sinneseindrücke besser als positive für den Ausdruck der Emphase geeignet sind: um den größtmöglichen verbalen Effekt zu erreichen, wird der Ausdruck des Unerwarteten gewählt, das in der außersprachlichen Wirklichkeit mit besonderer Intensität auf den emotionalen Zustand einwirkt - und so entsteht die sprach- und kulturübergreifende Emphase des Schreckens (131). All diesen grammatischen Intensivierern gehen metaphorische Prozesse voraus, die unter 5.2.1 behandelt werden (s. auch Claudi 2006). 5.1.2 Bedeutungsverengung Auch Bedeutungsverengungen oder -spezialisierungen sind häufig. Hier nimmt ein Wort zusätzliche Merkmale an und verringert damit seinen Anwendungsbereich. Zwei Beispiele mögen dies verdeutlichen: Wir kommen auf die Wortfamilie von fahren/ Fahrt/ fertig zurück und betrachten nur das Verb fahren. Im Ahd. bezeichnete faran jegliche menschliche Fortbewegung. Das Georgslied (9. Jh.) beginnt mit folgendem Satz: 158 5 Semantischer Wandel <?page no="159"?> Georio fuor ze malo ‘Georg ging/ zog zum Gerichtstag’. Der erste Satz des Gedichts Jesus und die Samariterin lautet: Lesên uuir thaz fuori the heilant fartmuodi ‘Wir lesen, dass der Heiland unterwegs war und von der Reise müde’. Heute dagegen setzt fahren ein Fortbewegungsmittel voraus, wobei im Fall eines Pferdes das Verb reiten erhalten blieb (hier hat bei engl. ride eine Bedeutungserwei‐ terung stattgefunden). Ansonsten fährt man. Bei fahren ist also das semantische Merkmal ‘mit Hilfsmittel’ hinzugetreten, die Bedeutung hat sich damit verengt. Nur noch in festen Verbindungen wie aus der Haut fahren oder vor Schreck in die Höhe fahren ist die alte, weitere Bedeutung erstarrt. Die alte Bedeutung erahnt man noch in (mittlerweile lexikalisierten) Wortbildungen wie etwas erfahren, die Erfahrung und im sog. Kausativum führen, das ursprünglich aus der 2. Stammform (ahd. fuor ‘ging’) abgeleitet wurde und ‘jemanden gehen (fahren) machen, führen’ bedeutete. Heute kann man selbstverständlich jemanden durch die Stadt führen, indem man zu Fuß geht. Ein anderes Beispiel ist fällen, auch dies ein sog. Kausativum zu fallen mit der Bedeutung ‘veranlassen, dass jemand/ etwas fällt’. So konnte man im Kampf Krieger fällen (zum Fallen bringen), jemanden ins Feuer fällen (stoßen), ein Pferd konnte seinen Reiter fällen, und selbst der Herbst konnte die Blätter fällen (Fritz 1974: 46). Heute dagegen kann man nur noch Bäume fällen (fachsprachlich auch den Anker). In einer davon weit abgeschlagenen Sonderbedeutung - das Band an Bedeutungen dazwischen ist längst abgerissen - kann man auch Urteile und Entscheidungen fällen. Hier sieht man, wie Bedeutungsaufspaltungen entstehen können: fällen bezeichnete ursprünglich alles, was man zu Fall bringen kann. Die meisten Verwendungen (Objekte wie Blätter) sind nicht mehr möglich. Zurück bleiben ein paar Reliktverwendungen von fällen, deren gemeinsamer Nenner kaum mehr erkennbar ist. In diesen Fällen liegen nur noch sog. Kollokationen (feste Verbindungen) vor, d. h. fällen lässt sich nur noch in Kombination mit Baum, Urteil und Entscheidung verwenden (Fritz 1998: 96). Für die Lexikographie stellt sich hier die Frage, ob fällen zwei verschiedene Bedeutungen hat (dann bestünde Homonymie) oder nur zwei Bedeutungsvarianten (dann bestünde Polysemie) - oder ob es sich bei den Verbindungen schon um sog. Phraseologismen (feste Mehrwortverbindungen) handelt. Dass anstelle von ahd. fellen, mhd. vellen heute Verben wie fallen lassen, zu Fall bringen, zu Boden werfen, hinunterwerfen, hinabstürzen (Fritz 1998: 125) verwendet werden, fällt in das Kapitel des lexikalischen Wandels. 5.1.3 Bedeutungsverschiebung Verändert sich eine Bedeutung ‘A’ dergestalt, dass die neue Bedeutung ‘B’ synchron nichts mehr mit ‘A’ zu tun hat, so spricht man von Bedeutungsverschiebung. Bedeutungsverschiebungen können auf Bedeutungserweiterungen und -verengungen zurückgehen. Die Übergänge dazwischen sind oft fließend. Man könnte z. B. das oben behandelte Wort fertig ‘zur Fahrt gerüstet’ > ‘zu etwas bereit sein, etwas abgeschlossen 5.1 Typen semantischen Wandels (Resultate) 159 <?page no="160"?> haben’ auch unter die Bedeutungsverschiebung einordnen. Keller/ Kirschbaum (2003) postulieren für die von ihnen untersuchten Adjektive, dass Bedeutungsvarianten, also Polysemien, oft abgebaut werden aus Gründen der Eindeutigkeit. Dies bezeichnen sie als „Polysemenflucht“ (159). Auf diese Weise kann eine Drift von Bedeutung A zu Bedeutung B bewirkt werden. Dass es auch richtige „Pfade“ des Bedeutungswandels gibt, zeigen interessante Parallelentwicklungen wie die von komisch und witzig. Während witzig, ursprüng‐ lich ‘klug, vernünftig, verständig’, über ‘geistreich’ zu ‘witzig, lustig’ wurde, startete komisch bei der Ursprungsbedeutung ‘lustig’. Komisch hat aber schon die Hauptbe‐ deutung ‘seltsam, merkwürdig’ erlangt und mit Belustigung nicht mehr viel zu tun (schlechte Übersetzungen aus dem Englischen und Französischen verwenden komisch oft in dieser alten Bedeutung, eventuell beeinflusst von engl. comical, frz. comique). Längst sind ein komischer Film oder ein komischer Mensch nicht mehr lustig, sondern seltsam (Keller/ Kirschbaum 2003: 25-28), man kann auch von komischen Schmerzen sprechen. Auch witzig betritt diesen Pfad von ‘lustig’ > ‘seltsam’: Das ist aber eine witzige Geschichte ist (noch) doppeldeutig, kann aber durchaus schon ‘seltsam’ bedeu‐ ten. Allerdings sind hier zwei Verschiebungen festzuhalten: bei witzig zunächst die von ‘klug’ > ‘lustig’ und derzeit die von ‘lustig’ > ‘seltsam’, die zur Polysemie von witzig führt. Sollte „Polysemenflucht“ zu Ungunsten von ‘lustig’ eintreten, wäre eine weitere Verschiebung vollzogen. Auch billig hat eine Bedeutungsverschiebung hinter sich. In den Verben etwas billigen oder missbilligen, ebenso in der sog. Paarformel recht und billig, ist die einstige Bedeutung von billig noch erhalten. Den Bedeutungswandel von billig skizzieren Keller/ Kirschbaum (2003: 84) etwa wie folgt: a) um 1800 ‘angemessen, fair’: eine billige Strafe, ein billiger Lohn; b) um 1900 ‘preiswert’ (hier wohlfeil ersetzend): ein billiger Lohn, ein billiges Buch; c) um 2000 ‘minderwertig, wertlos’, auch ‘geistlos’ (Fritz 1998: 135): ein billiges Buch, ein billiger Witz, eine billige Ausrede. Heute sind noch Bedeutung b) und c) aktuell, doch wird billig mit der Bedeutung b) zunehmend durch die Wörter preiswert, preisgünstig ersetzt. Billige Witze können nur noch mit c) wiedergegeben werden. Im späten 19. Jh. koexistierten die Bedeutungen a) und b), damals war ein billiger Lohn doppeldeutig im Sinne von ‘angemessen’ und ‘niedrig’ (zu Näherem, auch zu teuer, s. Keller/ Kirschbaum 2003: 81-91, Fritz 1998: 135 f.). 5.1.4 Bedeutungsübertragung Manchmal kommt es durch Einwirkung eines anderen Wortes zu Bedeutungswandel. Zum einen gibt es sog. Bedeutungsentlehnungen, d. h. unter dem Einfluss eines 160 5 Semantischer Wandel <?page no="161"?> ähnlichen, meist entlehnten Wortes B verändert bzw. erweitert sich die Bedeutung von Wort A. So hat realisieren zu der ursprünglichen Bedeutung ‘verwirklichen’ (Sie realisiert ihre Pläne) die Bedeutung ‘bemerken’ hinzugewonnen (Plötzlich realisierte sie, dass es regnete). Vermittelt wurde dies durch engl. to realize. Damit ist nhd. realisieren mehrdeutig geworden. Ähnliches vollzog sich mit kontrollieren, erst nur ‘prüfen’, jetzt auch ‘ein Gebiet beherrschen’, sowie mit feuern, erst nur ‘Feuer machen’, jetzt auch ‘jemanden kündigen’, jeweils vermittelt durch engl. to control bzw. to fire. Derzeit übernimmt lieben den Verwendungsbereich von engl. to love: Konnte man bisher nur Menschen und vielleicht auch Tiere lieben, so kann man heute auch Erdbeereis lieben (zur Entlehnung s. Kap. 6.1). Zum anderen kann es auch über sog. Volksetymologie (ein irreführender Begriff, der nichts mit Etymologie zu tun hat) zu meist nur leichten Bedeutungsveränderungen kommen. Hierbei handelt es sich um semantische Neu- oder Remotivierungen von Wörtern, die im Wortschatz isoliert sind (s. Kap. 6). Diese werden kognitiv an ähnlich klingende Wörter angeschlossen, obwohl sie mit denen gar nichts zu tun haben. Einige Beispiele machen das deutlich: Mhd. smutze lachen war ein Ausdruck für ‘schmunzeln, verhalten lachen’, wurde aber später an schmutzig ‘unsauber’ angelehnt und erlangte dabei die Bedeutung ‘derb loslachen, auslachen’. Sekundär dazu wurde dann auch dreckig lachen gebildet. - Auch Brosame hatte ursprünglich nichts mit Brot zu tun (es bedeutete nur ‘abgebröckeltes Stückchen’), wird aber heute im Sinne von ‘Brotkrümel’ semantisch daran angelehnt (zur Volksetymologie s. Olschansky 1996, 1999). Ein besonders prominentes Beispiel für Volksetymologie liefert das Wort Habseligkeiten, das 2004 zum schönsten Wort des Jahres gekürt wurde - angeblich wegen der Verbin‐ dung von geringem Besitz mit Seligkeit, also weil es „spirituelles Glück“ angesichts einiger Gegenstände geringen Wertes ausdrücke (Limbach 2005: 122 f.). Hier hat eine volksetymologische (assoziative) Anbindung an Seligkeit, das sich aus Seele ableitet, stattgefunden. Tatsächlich aber geht dieses Wort auf eine nicht mehr vorhandene Bildung *Habsal ‘Habe’ zurück (ähnlich wie Mühsal, Trübsal). Daraus leitet sich das (heute ausgestorbene) Adjektiv habselig ab (ähnlich wie trübselig), das über das Suffix -keit zum neuen Substantiv Habseligkeit erweitert wurde. Während der Singular heute ungebräuchlich geworden ist, hat sich der Plural Habseligkeiten durchgesetzt. Mit Seele und Seligkeit haben diese nichts zu tun, sie werden aber damit assoziiert und insofern in ihrer Bedeutung modifiziert. 5.1.5 Bedeutungsverschlechterung (Pejorisierung) Eine andere Kategorie, die quer zu den bisherigen liegt und umstritten ist (Blank 1993), bildet die Bedeutungsverschlechterung und -verbesserung. Diese bringen qualitative Bewertungen durch die Sprecher zum Ausdruck: Bis dato positive oder einfach nur neutral bewertete, also rein beschreibende (deskriptive) Wörter (z. B. billig als ‘preiswert’) entwickeln nach und nach eine negative Bewertung, die sich in ihrer denotativen Bedeutung festsetzt (billig als ‘wertlos’). Dies hat nichts mehr mit Konno‐ 5.1 Typen semantischen Wandels (Resultate) 161 <?page no="162"?> 13 Frauenzimmer basiert auf einer metonymischen Verschiebung von ‘Gemach der Herrin / Aufent‐ haltsort der Frauen’ (15. Jh.) > ‘weibliche Dienerschaft’ (16. Jh.) > ‘Frau’ (17. Jh.) (nach Pfeifer 6 2003). tationen als zusätzliche individuelle Assoziationen zu tun. Solche „evaluatorischen“ Veränderungen können zu den bisherigen Wandeltypen hinzukommen, sie schließen einander also nicht aus. Paradebeispiel für immer wieder eintretende Pejorisierungen sind die meisten Bezeichnungen für die Frau, die im Laufe der Jahrhunderte Bedeutungskomponen‐ ten wie ‘schlampig’, ‘liederlich’, ‘sexuell verfügbar’ angenommen haben. Abstrakter ausgedrückt besteht die Pejorisierung in (sozialer und moralischer) Degradierung, Funktionalisierung (Dienstleistungsbereich) sowie Sexualisierung. In König u. a. ( 19 2019: 112 f.) ist dies schematisch dargestellt. Dies legt die Folgerung nahe, dass Frauen aus der Perspektive des Mannes betrachtet und bewertet werden (Kochskämper 1993, anders Keller 3 2003, hierzu mehr in Kap. 5.4). Bekanntestes Beispiel ist Weib, das heute nur noch als Schimpfwort vorkommt, im Ahd. (wīb) und im Mhd. (wîp) jedoch die übergreifende, neutrale Bezeichnung für ‘Frau’ schlechthin war. Dagegen ist die alte (neutrale) Bedeutung in weiblich weit‐ gehend erhalten: weibliche Erscheinung, weibliche Führung. Hier wurde die Abstufung (Degradierung) nicht mitgemacht, ebenso wenig bei der Tierbezeichnung Weibchen, die sich zu Männchen stellt. Das heutige Pendant zu Mann ist aber nicht mehr Weib, sondern Frau. Auch diese hat eine Degradierung erfahren: Ahd. frouwa und mhd. vrouwe bezeichneten die sozial hochstehende (adlige) Frau, die Herrin. Indem Frau heute nur noch den Oberbegriff für ‘weiblicher erwachsener Mensch’ stellt, hat eine soziale Abstufung stattgefunden. Die hochstehende Frau wurde daraufhin zunächst durch Frauenzimmer ersetzt. 13 Nachdem auch Frauenzimmer in Richtung ‘liederlich’ abgewertet war, wurde im 17. Jh. Dame aus dem Französischen entlehnt. Die junge Frau, also das Mädchen, war im Ahd. die diorna. Mhd. dierne bezeichnete bereits die (sozial niedriger stehende) Dienerin. Nhd. Dirne schließlich ist synonym mit Prostituierte (Sexualisierung). Die diminuierte frz. Form Mademoiselle ist als Mamsell (z. B. Küchenmamsell) ebenfalls in den Dienstleistungsbereich abgesunken. Mhd. maget bezeichnete ursprünglich die Jungfrau (auch Maria), heute verrichtet die Magd eine sozial niedrig stehende Tätigkeit. Untersuchungen zum Englischen und Französischen (Schulz 1975) bestätigen diese auch heute noch stattfindenden Pejorisierungen (heute im Dt.: Fräulein als ‘Kellnerin’, Dame/ Hostess als Prostituierte). Fräulein bezeichnete bis in die 1970er Jahre eine unverheiratete Frau und wurde auf Druck der Frauenbewegung abgeschafft, da es mit ‘ledig’ eine diskriminierende Information transportierte, die nur aus männlicher Sicht interessant war und im Wortfeld ‘Mann’ ihresgleichen suchte (*Herrlein); nur als bedienende ‘Kellnerin’ lebt es fort. Kritisiert wurde auch, dass es sich um eine „verkleinerte“ Frau handle, die erst dann zur „vollen Frau“ werde, wenn sie in den Ehestand trete. Das heißt, der Status der Frau war von ihrer Beziehung zum Mann abhängig und nicht von ihrem eigenen 162 5 Semantischer Wandel <?page no="163"?> Alter, Beruf oder Sozialstatus. Dagegen hat sich der Mann zu keiner Zeit über die Frau definiert (Kochskämper 1993; Kotthoff/ Nübling 2024). 5.1.6 Bedeutungsverbesserung (Meliorisierung) Seltener kommen Bedeutungsverbesserungen vor. Hier soll das Beispiel des Mar‐ schalls genügen. Das Wort geht auf ahd. mar(a)hscalc ‘Pferdeknecht’ zurück (vgl. nhd. Mähre für ‘Pferd’). Im Mhd. war der marschalc bereits ein höfischer Beamter, der für Reisen und Heereszüge zuständig war. Der heutige Marschall hat einen hohen militärischen Rang inne. 5.2 Mechanismen semantischer Neuerungen (Prozesse) Bisher haben wir die wichtigsten Ergebnisse von stattgefundenem Bedeutungswandel sowie eine Reihe von Beispielen kennengelernt. Dieses Kapitel behandelt die Wege dorthin, die Verfahren semantischer Neuerungen. Ob und wie sich eine Neuerung ausbreitet, ist eine ganz andere Frage, der hier nicht nachgegangen wird (Fritz 1998). Warum Neuerungen entstehen, behandelt Kap. 5.3. 5.2.1 Metapher Das mit Abstand häufigste Verfahren der semantischen Neuerung besteht in der Me‐ tapher als einer Form bildlicher Übertragung. Es handelt sich hierbei um sprachliche Bilder, wobei - um diese hörerseitig verarbeiten zu können - zwischen dem bildlichen Spenderbereich und dem damit zu bezeichnenden Zielbereich eine Ähnlichkeit, eine Vergleichbarkeit also, vorhanden sein muss. Ein Beispiel aus dem Bereich der Rede‐ wendungen (Phraseologismen): a. Sie spielt immer die erste Geige. b. Sie hat ihre Schwester durch den Kakao gezogen. - Sie hat ihrer Schwester einen Bären aufgebunden. Bild a) ist direkt interpretierbar als ‘Sie hat immer das Sagen’. Die beiden Bilder unter b) sind dagegen nicht eindeutig interpretierbar. Sie sind verdunkelt. Solche Bilder gibt es auch bei Einzelwörtern. Oft handelt es sich dabei um besonders anschauliches Sprechen, indem abstrakte Sachverhalte durch konkrete Bildlichkeit zugänglich gemacht werden. So spricht man von den Früchten der Arbeit und meint damit die positiven Auswirkungen. Auffallend ist, dass geistige Verstehens- und Er‐ kenntnisprozesse oft durch körperliche Greifbewegungen ausgedrückt werden: etwas erfassen, etwas begreifen, ugs. auch etwas raffen, etwas schnallen. Hat man ein Problem im Griff, so hat man es unter Kontrolle. Oft ist die Metaphorik schon so verblasst, 5.2 Mechanismen semantischer Neuerungen (Prozesse) 163 <?page no="164"?> dass man sie erst auf den zweiten Blick erkennt (wie bei begreifen) oder erst bei etymologischen Untersuchungen entdeckt. Auch im konkreten Bereich finden laufend Metaphorisierungen statt, man betrachte nur die Wörter Tischbein, Fingerhut, Spargel-, Salatkopf. Metaphern kann man als Form sprachlicher Ökonomie betrachten, da ein und dasselbe Wort mehrfach eingesetzt wird. Als Zwischen- oder auch Dauerstadium entsteht Polysemie, d. h. die wörtliche und die übertragene Bedeutung existieren nebeneinander wie z. B. bei etwas im Griff haben: Sie hat das Steuer/ das Problem fest im Griff. Bei begreifen hingegen ist die konkrete Ursprungsbedeutung nicht mehr vorhanden, hier hat bereits Bedeutungswandel gegriffen (sic): *Sie begreift das Steuer, aber: Sie begreift das Problem. Diese einstige Metapher ist mittlerweile fest lexikalisiert, sie hat eine neue Bedeutung entwickelt, die sich nicht mehr aus den Bedeutungen ihrer Teile erschließen lässt (s. Kap. 6.2). Manche Erfahrungsbereiche werden sogar ausschließlich mit Metaphern abgedeckt, so etwa die meisten Geschmackswahrnehmungen (scharf - engl. hot -, mild, fruchtig, spritzig), insbesondere beim Wein (erdig, holzig, blumig, trocken, metallisch, lieblich). Auch die unter 5.1.1 behandelten Intensitätsausdrücke wie sich schrecklich freuen haben ein Stadium der Metaphorisierung durchschritten. Genau genommen gilt dies für die meisten der unter 5.1 genannten Beispiele (Sache, machen etc.). Sucht man nach den sog. Spender- oder Quellbereichen, denen diese Bilder entstam‐ men, so sind dies heute vor allem Wissenschaft, Sport und Spiel (früher eher Jagd und Krieg), z. B. jemanden ins Aus schießen, sich ins Abseits stellen, ein Eigentor schießen, eine Steilvorlage liefern. Besonders häufig werden innere, geistige Verfassungen und Vorgänge durch äußere, körperliche Verfassungen ausgedrückt (jmdn. nicht riechen können ‘nicht leiden können’, etwas stinkt mir, die Nase/ Schnauze vollhaben). Eine Art semantisches Wandelgesetz in Form unidirektionaler metaphorischer Übertragungen hat Williams (1976) für sensorische Adjektive entdeckt (Adjektive der Wahrnehmung wie hart, laut, hell, rot, süß). Anhand diachroner Daten aus dem Englischen, einigen anderen ie. Sprachen und dem Japanischen beschreibt er Pfade der Synästhesie, die wie folgt verlaufen (leicht modifiziert nach Williams 1976: 463): Abb. 41: Pfade der synästhetischen Metaphorisierung 164 5 Semantischer Wandel <?page no="165"?> Die metaphorische „Schiene“ verläuft immer von links nach rechts. Einzig zwischen Farbe (Gesichtssinn) und Ton/ Klang (Gehör) bestehen gegenseitige Übertragungen. Diese metaphorischen Übertragungen äußern sich synchron in Polysemie, diachron in semantischem Wandel. Bis zu über 90 % der englischen Adjektive haben solche Rechtsverschiebungen durchlaufen. Für das Japanische kommt Williams auf 91 %. Für das Dt. seien folgende Beispiele aufgeführt: • Gefühl → Geschmack → Geruch → Gesichtssinn: Oben bereits erwähntes scharf hat alle möglichen Stadien durchlaufen: scharfes Messer, scharfer Curry, scharfer Geruch, scharfer Winkel; • Gefühl → Gehör (Ton): Mit der scharfen Terz ist zumindest fachsprachlich schon die Übertragung auf den Gehörsinn vollzogen. Fritz ( 2 2006: 135) erwähnt auch scharpfe nötlin ‘hell klingende Töne’, was heute ungebräuchlich ist; • Gefühl → Farbe: scharf (scharfes Messer, scharfes Licht); warm (warme Füße, warme Farben); kalt/ kühl (kaltes Wasser, kaltes Blau; kühle Temperaturen, kühle Farben); • Geschmack → Gehör (Ton/ Klang): süß (süße Töne, Klänge); • Geschmack → Geruch: süß (süßer Geschmack, süßer Geruch); • Farbe → Gehör (Ton/ Klang): klar (klares Licht, klarer Ton); auch: dunkel; • Gehör → Farbe: mhd. hel ‘laut’ (verwandt mit hallen) > nhd. hell ‘licht, glänzend’; ebenso: ruhig, schreiend. Auch das Kompositum Farbton zeugt von der Nähe des visuellen und auditiven Sinns. • Dimension → Farbe: tief (tiefes Wasser, tiefe Farben); voll (volle Kiste, volle Farbe); • Dimension → Gehör: tief (tiefes Wasser, tiefer Ton); hoch (hoher Baum, hoher Ton). Weitere Beispiele lassen sich unschwer finden. Dagegen gibt es keine *lauten Höhen, *hellen Geschmäcker oder *dunklen Speisen. Williams begründet diese Gesetzmäßigkei‐ ten biologisch (phylowie ontogenetisch), indem die primitiveren (und beim Kind zuerst entwickelten) Wahrnehmungen die differenzierteren metaphorisch bestücken. Williams (1976: 463) sieht hierin „the strongest statement about semantic change that has been suggested for English or for any other language“. 5.2.2 Metonymie Bei der Metonymie bleibt man im gleichen sog. Sinnbezirk, d. h. man stellt keine Vergleiche an, sondern verwendet „Ersatzausdrücke“, die dem gleichen Komplex angehören (man spricht von Bezugsrahmen oder frames). So weiß man (dies gehört zum Weltwissen), dass sich in Paris auch die Regierung Frankreichs befindet (die fran‐ zösische Regierung ist Teil des Komplexes/ Frames Paris). Hört man in den Nachrichten, dass auf einer internationalen Konferenz auch Paris auftritt und sich dort äußert, dann liegt ein Fall von Metonymie vor (eine Ganzes-Teil-Beziehung, auch „totum pro parte“). Es finden hier also „nur“ Verschiebungen innerhalb des gleichen Bezugsrahmens statt (Kontiguität) - z. B. vom Ganzen auf einen Teil desselben. Eine Teil-Ganzes-Beziehung („pars pro toto“) liegt vor, wenn man von einem klugen Kopf und einer ehrlichen 5.2 Mechanismen semantischer Neuerungen (Prozesse) 165 <?page no="166"?> Haut spricht und damit die Person meint. Wenn Vergleiche zwischen verschiedenen Bezugsrahmen vorgenommen werden (Similarität), liegen Metaphern vor. Oft werden bei Metonymien die eine Gemütsbewegung begleitenden oder dieser folgenden Symptome für die Bezeichnung der Gemütsbewegung selbst verwendet, also: aufatmen für ‘erleichtert sein’, zittern für ‘aufgeregt sein, Angst haben’. Fest kon‐ ventionalisiert ist eine solche Metonymie in erschrecken, das heute den Gemütszustand des Schrecks bezeichnet, ursprünglich aber körperliches ‘Aufspringen’ bedeutete (als Reaktion auf den Schreck). Um 1700 hieß es: Das glasz wird im feuer schricken (DWB) - ‘zerspringen’. In Heuschrecke als ‘Grasspringer’ (vgl. engl. grasshopper) ist diese alte Bedeutung noch bewahrt. - Nhd. reisen geht etymologisch auf die Vorbereitung, das Vorstadium einer Reise zurück, das Aufbrechen (vgl. engl. rise ‘aufstehen, sich erheben’). Zum Frame ‘Essen’ gehört, dass Gerichte auf Tellern zu sich genommen werden. In Sätzen wie Iss deinen Teller auf! wird damit metonymisch dessen Inhalt und nicht etwa der Teller selbst bezeichnet. Lexikalisiert wurde diese Metonymie in engl. dish (verwandt mit nhd. Tisch), das - neben diversen Essensutensilien auf dem Tisch - die feste Bedeutung ‘food’, ‘Gericht’ trägt (hier liegt Polysemie vor): Which dish would you like to order? ‘Welches Gericht möchten Sie bestellen? ’. Im Dt. käme dem (vor dem Hintergrund, dass Kinderteller kleiner sind als Seniorenteller) folgender Satz nahe: Möchten Sie einen Kinder- oder einen Seniorenteller? (zu mehr Bsp. s. Keller/ Kirschbaum 2003: 58-79). Die Brille geht ursprünglich auf das Material zurück, aus dem sie gefertigt wurde, nämlich auf den Halbedelstein Beryll. Dieser hatte optisch vergrößernde Wirkung und glänzte hell (daraus wurde frz. briller ‘glänzen’ abgeleitet, was wiederum als brillieren, brillant ins Dt. entlehnt wurde). Mhd. berille wurde zu nhd. Brille ‘Sehhilfe’, d. h. hier steht das Material für das Produkt. Manche Wörter haben sowohl metonymischen als auch metaphorischen Wandel vollzogen: Keller/ Kirschbaum (2003) erwähnen toll, das ursprünglich ‘laut, lärmend’ bedeutete (vgl. noch herumtollende Kinder/ Hunde). Aus der Erfahrung (oder dem Vorurteil) heraus, dass mental Beeinträchtigte laut und impulsiv sein können, wurde toll metonymisch auf den Geisteszustand einer Person übertragen: Lange bedeutete toll ‘verrückt’ (vgl. noch Tollhaus, Tollwut). Es ist dies ein typisch metonymischer Schluss - je nach Interpretation - von der Wirkung (dem Lärmen) auf die Ursache (den Wahnsinn), oder vom Teil (dem lärmenden Verhalten) aufs Ganze (den Wahnsinn). (Keller/ Kirschbaum 2003: 53) Dass heute aber toll ausschließlich zum Ausdruck der Begeisterung gebraucht wird (ein tolles Auto, ein toller Vortrag), ist Ergebnis einer Metapher, deren Pfad unter 5.2.1 beschrieben wurde. Für vielfältige metonymische und metaphorische Verwendungen von scharf sei auf Fritz ( 2 2006: 135-136), von hart auf Fritz (1995, 2005: 130 ff., Bons 2010) und von sanft auf Bons (2010) verwiesen. Ähnlich wie bei der Metapher handelt 166 5 Semantischer Wandel <?page no="167"?> 14 Der World Atlas of Language Structures (WALS) untersucht in 617 Sprachen, ob ‘Hand’ und ‘Arm’ sprachlich unterschieden werden oder nicht und kommt dabei zu dem interessanten Befund, dass in (nicht-äquatorialen) Zonen, wo man lange Ärmel trägt (und womöglich Handschuhe), eher verschiedene Lexeme verwendet werden (dies sind 389 Sprachen = 63 %). Kleidung verdeutlicht die Grenze zwischen Arm und Hand (s. wals.info / chapter / 129). es sich bei der Metonymie um ein ökonomisches Verfahren, da gleiche Wörter für Verschiedenes gebraucht werden. Expressives Sprechen bildet dabei oft die anfängliche Motivation. Einige typische metonymische Beziehungen oder Muster (und entsprechende Pfade des Bedeutungswandels) sind: • Ganzes → Teil: Dirndl (‘Mädchen’ > ‘Kleidungsstück’), Leibchen; • Teil → Ganzes: Dummkopf, Blauhelm, pro Nase, Langnase, Fellnase, Zwei-, Vierbei‐ ner; • Autor / in → Werk: Bachmann (lesen); • Material → Produkt: Brille (‘Halbedelstein’ > ‘Sehhilfe’); Glas (austrinken); • Reflex → Empfindung: erschrecken (‘aufspringen’ > ‘erschrecken’); • Wirkung → Ursache: toll (‘laut’ > ‘wahnsinnig’); • Begleiterscheinung → Empfindung: zittern, aufatmen; • Behälter → Inhalt: Teller aufessen, engl. dish; • Handlung → Ergebnis: Ernte, Rechnung, Presse; • Zeit → Tätigkeit → Objekt: bair. Brotzeit ‘Frühstück, Zwischenmahlzeit [sic], Vesper [sic]’ Wilkins (1996) ist bei seiner Suche nach „natural tendencies of semantic change“ bei Bezeichnungen sichtbarer Körperteile auf das diachrone pars-pro-toto-Prinzip gestoßen, das besagt, dass Teile häufig zur Bezeichnung des Ganzen mutieren - und nicht umgekehrt. Nhd. Bein geht etymologisch auf ‘Knochen’ zurück (vgl. noch Gebein, Elfenbein, bein-=knochenhart, engl. bone), wahrscheinlich ‘Schienbein’ oder ‘Schenkel‐ knochen’, und bezeichnet heute den gesamten Körperteil. Im Schwäbischen bezeichnen d’Fiaß sowohl die Füße als auch die Beine. Wilkins gelangt über breit angelegten Sprach(wandel)vergleich (aus vier Sprachfamilien) zu folgenden übergreifenden („na‐ türlichen“) Metonymien: Zeh/ Fußsohle/ Ferse → Fuß; Fuß/ Schienbein/ Wade/ Schenkel → Bein; Nagel → Zeh/ Finger; Finger/ Handfläche → Hand; Hand/ Unter-/ Oberarm → Arm; 14 Nabel → Bauch → Rumpf → Körper → Person; Auge/ Mund/ Lippe → Gesicht; Ohr/ Haar/ Gesicht/ Stirn → Kopf. Bezeichnungen benachbarter Körperteile können - auf derselben Hierarchieebene - auch füreinander eintreten, z. B. Schädel ←→ Hirn, Brust ←→ Bauch. Kinn geht auf ahd. kin zurück und bezeichnete damals die Wange (zu diesem Komplex s. Bock u. a. 2012). Wilkins beschreibt auch kulturspezifische Metonymien wie Schmuck → Körperteil, z. B. Ohrring → Ohr. Altmann (1999) befasst sich mit Farbbezeichnungen im Dt. und unterscheidet hier zum einen eine ältere Schicht sog. Grundfarbadjektive (rot, gelb, braun, grün, blau, schwarz, weiß, grau) ohne synchron erkennbares Benennungsmotiv, die alle 5.2 Mechanismen semantischer Neuerungen (Prozesse) 167 <?page no="168"?> flektier- und steigerbar sind und mit -lich modifizierbar (bläulich, rötlich etc.); zum anderen gibt es jüngere sog. Zwischenfarbadjektive, die meist auf einen Farbträger zurückgehen (und sich morphologisch und kollokationell anders verhalten): türkis (Edelstein), lila (Flieder), violett (Veilchen), orange (Frucht), brombeere, oliv, torf, cognac, orchidee, hibiskus, lachs. Ein Blick in etymologische Wörterbücher erweist auch für die meisten Grundfarbadjektive, dass sie die Metonymie Farbträger → Farbbezeichnung durchlaufen haben (vermutlich gilt: schwarz < ‘Schmutz’, grün < ‘wachsend’ (Pflanze)’, gelb < ‘(gelbe) Wurzel’). 5.2.3 Implikatur Bei der Implikatur handelt es sich um einen sog. Deutungs- oder Schlussprozess, der vonseiten des Hörers erfolgt. Ein alltägliches Beispiel: Zwei Personen befinden sich im Aufbruch zu einem Spaziergang. Person A sagt: „Es ist bewölkt“. Person B sagt darauf‐ hin: „Ich nehme meinen Schirm mit“. Person B schließt aus der Äußerung von A, dass es bald regnen könnte und steckt einen Schirm ein. Dies ist eine sog. konversationelle Implikatur. Die außersprachliche Umgebung, der pragmatische Kontext fließt in den Schlussprozess mit ein. In einem anderen Kontext, z. B. in Wüstengegenden, könnte dieser Satz andere Implikaturen auslösen (etwa sich zum Tanz zu rüsten). Bei der Implikatur äußert die Sprecherin einen Satz, der eine wörtliche Bedeutung hat, die vordergründig auch als solche aufgefasst werden kann, doch oft etwas Banales, Offensichtliches bezeichnet. Die obige meteorologische Äußerung ist fast zu banal, als dass sie nicht einen Schlussprozess auslösen müsste. Solche Schlussprozesse fallen in den Bereich der Pragmatik (s. Kap. 7.2). Nun gibt es Wörter, die so häufig Gegenstand oder Auslöser bestimmter Implikatu‐ ren sind, dass sie das ursprünglich nur Hinzugedachte in ihrer Semantik fest verankert (konventionalisiert) haben. Bei Grammatikalisierungen kommt es oft zu solchen Umdeutungen von ‘Zeit’ > ‘Logik’. Paradebeispiele sind die Konjunktionen a) seit, b) während, c) weil und d) nachdem (s. Abb. 42). Zu a) seit: Diese Konjunktion drückt ein temporales Verhältnis aus: Seit Otto hier ist, regnet es ununterbrochen. Niemand käme hier auf die Idee, eine andere als eine zeitliche Beziehung zwischen beidem sehen zu wollen. Anders aber in Seit Otto hier ist, ist die Stimmung schlecht. Hier ist eine zweite Lesart nicht unwahrscheinlich, nämlich dass Otto für die schlechte Stimmung verantwortlich ist, paraphrasierbar mit ‘weil Otto hier ist, ist die Stimmung schlecht’. Noch ist dies eine optionale Deutung (konversationelle Implikatur); seit ist weiterhin eine temporale Konjunktion und auch nicht polysem. Anders im Englischen, wo since sowohl zeitliche als auch kausale Verhältnisse ausdrückt: It hasn’t stopped raining since we have been waiting ‘seit, seitdem’; aber: Since I will not be home, Lizzy will answer the phone ‘weil, da’ (konven‐ tionalisiert). Dass ‘zeitlich’ oft als ‘kausal’ umgedeutet wird, hängt damit zusammen, dass eine Ursache ihrer Wirkung zeitlich immer vorausgeht. Die Implikatur besteht darin, anderen zeitlich aufeinander folgenden Ereignissen einen solchen kausalen 168 5 Semantischer Wandel <?page no="169"?> Zusammenhang zu unterstellen: „danach, also deshalb“ (post hoc ergo propter hoc). In der Coronazeit hatten solche Korrelation-zu-Ursache-Implikaturen Hochkonjunktur. Zu b) während: Auch bei während handelt es sich um eine temporale Konjunk‐ tion (abgeleitet aus währen ‘dauern’), die die Gleichzeitigkeit zweier Sachverhalte ausdrückt: Während sie lesen, hören wir Musik. Es können aber auch zwei gegensätz‐ liche Handlungen mit während als gleichzeitig dargestellt werden: Während sie sich ausruhen, kochen wir. Hier kann zwar nur die reine Gleichzeitigkeit gemeint sein, doch kann darin auch ein leiser Vorwurf stecken: Dies wäre die adversative Lesart, die die Gegensätzlichkeit zweier Handlungen oder zweier Sachverhalte betont. Während ist im Gegensatz zu seit bereits polysem, da es auch ausschließlich adversativ verwendet werden kann, ohne die temporale Lesart zu ermöglichen, weil die beiden Sachverhalte gar nicht gleichzeitig stattfinden: Während Frauen früher vom Studium ausgeschlossen waren, stellen sie heute die Mehrheit der Studierenden. - Während es gestern noch gefroren hat, ist es heute über 20 Grad warm. Hier wird der logische Kontrast und keinerlei temporale Relation mehr bezeichnet. Die Tatsache, dass es bei während eindeutig adversative Lesarten gibt, bei seit aber nicht ausschließlich kausale, ist der Grund dafür, dass während in Abb. 42 weiter rechts steht und damit grammatikalisierter ist als seit. Zu c) weil: Rein äußerlich besteht noch ein Bezug zum Substantiv Weile, das eine Zeitdauer bezeichnet, inhaltlich aber nicht mehr. Das Sprichwort Man muss das Eisen schmieden, solange es heiß ist lautete noch vor wenigen Jahrhunderten Man muss das Eisen schmieden, weil es heiß ist. Seit dem 16./ 17. Jh. hat sich weil seines temporalen Gehalts entledigt und zur häufigsten kausalen Konjunktion gewandelt (Arndt 1959). Dem lag eine Implikatur zugrunde, wie sie heute bei seit zu beobachten ist (s. a)). Bis ins 16. Jh. hinein hat weil verschiedene temporale Bezüge ausgedrückt (hier nur drei von mehreren aus Arndt 1959): • ‘während’: weil der hund bellt, so frist der wolff das schaaf; • ‘seit’: kein vieh hat besser heu, weil grasz wächst, je genossen. • ‘solange’: sie legte die trauerkleider nicht wieder ab, weil sie lebte. Folgende Sätze (und davon gibt es im Fnhd. viele) sind ambig, d. h. sowohl temporal (‘während’, ‘solange’) als auch kausal (‘weil’) zu verstehen: Weil der meister die werkstatt verliesz, arbeitete der gesell lässiger. … dem starb ein prinz, und weil die gemahlin sehr betrübt war, schickte er seinen tantzmeister mit einer gantzen compagnie hin. Seit dem 17. Jh. dominieren die kausalen Relationen, doch existieren bis ins 18./ 19. Jh. hinein auch noch temporale Bezugsmöglichkeiten. Dieser Wandel ist somit noch relativ jung. Wante war der Vorläufer von weil und ist ausgestorben (vgl. nl. want). Interessant ist, dass die formal entsprechende englische Konjunktion while eine andere Implikatur, nämlich die der Gegensätzlichkeit (Adversativität) vollzogen hat: While 200 years ago 5.2 Mechanismen semantischer Neuerungen (Prozesse) 169 <?page no="170"?> no woman was allowed to study, today female students are in the majority. While wäre hier ersetzbar mit whereas, also adversativem ‘während’. Abb. 42: Die semantischen Grammatikalisierungsgrade von seit, während, weil und nachdem Zu d) nachdem: Hierbei handelt es sich vordergründig klar um eine temporale Konjunktion: Nachdem sie gegessen hatte, arbeitete sie weiter. In regional geprägter Umgangssprache hört man jedoch durchaus logische (kausale) Verwendungen im Sinne von ‘da, weil’, die für manche Ohren noch ungewöhnlich klingen mögen: Nachdem sie morgen kommt, backe ich jetzt einen Kuchen (zur regionalen Verteilung dieser kausalen nachdem-Verwendungen s. www.atlas-alltagssprache.de/ runde-3/ f12a -b/ ). Bei nachdem vollziehen die Sprecher eine ähnliche Implikatur, die bei weil bereits zu semantischem Wandel geführt hat. Noch ist nachdem polysem, wobei es, vor allem im Standard, vorrangig temporale Bezüge ausdrückt. temporal temporal und logisch logisch (kausal) Ahd. und Mhd. Nhd. Fnhd. Auch kausales da (und zumal) hat die Entwicklung von ‘temporal’ > ‘kausal’ absolviert: Da es regnet, bleiben wir zuhause. Es gibt noch ältere Verwendungen von da, die mit temporalem als zu übersetzen sind: Da er das Zimmer betrat, rutschte er aus (Arndt 1960). Beide Lesarten (‘als’ und ‘weil’) sind enthalten in da die Flasche leer war, gingen sie nach Hause (zu zumal s. Pfefferkorn 2006: 51). Zeitliche Relationen tendieren also immer wieder dazu, logisch interpretiert zu werden. Dabei gibt es, wie der Blick aufs Englische gezeigt hat, unterschiedliche 170 5 Semantischer Wandel <?page no="171"?> Ausprägungen der Logik. Die Sprachgeschichte zeugt von vielen Implikaturen früherer Jahrhunderte, die so stark konventionalisiert wurden, dass sie sich - wie im Fall von weil und da - semantisch fest etabliert haben. Die temporale Ursprungsbedeutung wurde jeweils aufgegeben. Zu anderen, auch metaphorischen Implikaturen, z. B. Raum > Zeit, s. Kap. 7.2. 5.2.4 Euphemismus Auch durch Euphemismen kann semantischer Wandel ausgelöst werden: Tabuisierte oder affektbeladene Objekte bzw. Sachverhalte werden verhüllend oder beschönigend umschrieben (meist metonymisch oder metaphorisch). Solche Euphemisierungen be‐ treffen häufig die Bereiche des Todes, der Krankheit, des Krieges und der Sexualität. So wird sterben durch heimgehen, verlassen, die Augen für immer schließen, dahinscheiden oder einschlafen umschrieben, sterben im Krieg durch fallen. Auf diese Weise kann sich die Bedeutung ‘sterben’ auf seine Ersatzwörter übertragen. Der Gang zur Toilette wird häufig umschrieben mit austreten oder verschwinden. Fieber haben wird durch Temperatur haben ersetzt, das künstliche Gebiss durch die dritten Zähne. Die Abtreibung wird zur Schwangerschaftsunterbrechung und das Altersheim zur Seniorenresidenz. Die gesamte Bewegung der sog. political correctness besteht in einer Euphemisierung, und nicht selten nehmen die neuen Wörter die Bedeutungen bzw. Konnotationen ihrer Vorgänger an, was weitere Aufstockungen in Gang setzt (sog. Euphemismustretmühle), vgl. Ausländer > Asylant > Flüchtling > Geflüchtete/ r > Person mit Fluchterfahrung (Gloning 1996). Im Ahd. bedeutete stincan ‘riechen’, später ‘schlecht riechen’. Heute ersetzt man stinken häufig durch riechen: Der Hund riecht etwas. Riechen hat seine euphemisierende Wirkung schon teilweise verloren und ist auf dem Weg, die Bedeutung von stinken zu übernehmen: hier stinkt’s = hier riecht’s. So wie man heute für beleibte Personen eher die Adjektive kräftig oder stark statt dick verwendet, so hat man früher statt ‘krank’ (mhd. siech) eher ‘schwach’ (mhd. kranc) gebraucht. Im Grimm’schen Wörterbuch (DWB) wird als älterer Ausdruck für das weibliche („schwache“) Geschlecht daz kränker gesläht verzeichnet. Schwäche als Begleiterscheinung von Krankheiten wurde also zunächst zum Euphemismus für die Krankheit selbst. Später ist dieser Euphemismus verblasst: krank hat siech vollkommen ersetzt. Das Wort siech ist heute fast ausgestorben (es steckt noch in Seuche, Sucht und dahinsiechen). 5.2.5 Ellipse Manchmal wird - übrigens auch meist aus Gründen der Euphemisierung - ein Aus‐ druck verkürzt. Langfristig kann es passieren, dass das verbleibende Wort die ursprüng‐ liche Gesamtbedeutung auf sich vereint und dadurch Bedeutungswandel vollzieht. Ein Beispiel ist das Wort Pille, das für die meisten synonym ist mit ‘Verhütungsmittel’; 5.2 Mechanismen semantischer Neuerungen (Prozesse) 171 <?page no="172"?> tatsächlich stellt Pille eine Ellipse aus Verhütungs- oder Anti-Baby-Pille dar. Daher wirken Sätze wie „Nachher muss er noch die Pille nehmen“ für manche merkwürdig. Gegenwärtig vollzieht sich ein elliptisch (und euphemistisch-verhüllend) motivier‐ ter Wandel bei trinken, das oft ‘Alkohol’ impliziert. In dem Satz „Heute abend trinke ich nichts, ich muss noch fahren“ ist natürlich nur ‘Alkohol trinken’ gemeint. Auch werden Alkoholiker verharmlosend als Trinker bezeichnet. Unser heutiges Verb aufschneiden mit der Bedeutung ‘angeben, prahlen’ geht auf die Ellipse mit dem großen Messer aufschneiden zurück. Ursprünglich war das Objekt des Aufschneidens ein Braten, und zwar bei Tisch (also in einer gewissen Öffentlichkeit). Dieses (Braten-)Aufschneiden mit dem großen Messer wurde zunächst zu einem Bild (Metapher) für ‘prahlen’. Später wurde mit dem großen Messer elliptisch verkürzt, womit sich die Bedeutung ‘prahlen’ nun auf das verbleibende Verb aufschneiden konzentriert (Fritz 2 2006: 122). Besonders häufig sind Ellipsen in festen Wendungen (Phraseologismen) wie mal müssen ‘zur Toilette gehen’, du kannst mich mal ‘Verachtung’, du hast sie wohl nicht alle ‘verrückt sein’, sich einen hinter die Binde kippen ‘sich betrinken’, jemandem eine reinwürgen ‘eins (sic) auswischen’. Soweit die wichtigsten semantischen Innovationsverfahren. Es gibt noch weitere wie Ironie (ein schöner Freund), Übertreibung (die E-Mail-Flut), Untertreibung (sich hinlegen für ‘stürzen’) etc. Zu Näherem sei auf Fritz (2005, 2 2006) verwiesen. Bei diesen Verfahren gibt es Überschneidungen: So können Euphemismen von Metaphern Gebrauch machen, Untertreibungen darstellen etc. 5.3 Erklärungen für semantischen Wandel (Ursachen) Unser Wissen über die Ursachen und Faktoren semantischen Wandels ist noch rudi‐ mentär. Niemals verläuft semantischer Wandel nach festen, gar vorhersagbaren Prin‐ zipien, wie dies z. B. (in Maßen) beim phonologischen Wandel der Fall ist. Semantischer Wandel verläuft meist unbemerkt, weil die alte Bedeutung der neuen nicht weichen muss, sondern beide (zumindest temporär, nicht selten auch langfristig) nebeneinander bestehen (Polysemie). An Ansätzen zur Erklärung semantischen Wandels hat es nicht gefehlt, einige sollen hier zu Wort kommen. 5.3.1 Maximen sprachlichen Handelns Sprechen ist immer eine soziale Handlung, und jeder Mensch möchte sozial erfolgreich und anerkannt sein. Grundsätzlich geht man davon aus, dass Sprecher und Hörer miteinander kooperieren, d. h. mit sinnvollen Beiträgen den Zweck des Gesprächs verfolgen. Dieses Kooperationsprinzip steht ganz oben. Dem werden mehrere sog. Konversationsmaximen untergeordnet, die ausführlicher im Pragmatik-Kapitel (Kap. 7.2) behandelt werden und hier auszugsweise nur insoweit erwähnt werden, als sie Ursache oder Auslöser für semantischen Wandel sein können. Die drei Prozesse 172 5 Semantischer Wandel <?page no="173"?> 15 Fritz ( 2 2006: 150) liefert allerdings ein mhd. Beispiel, in dem sît nur kausal zu lesen ist. der Metapher (Kap. 5.2.1), der Metonymie (Kap. 5.2.2) und der Implikatur (Kap. 5.2.3) lassen sich auf die Anwendung solcher Maximen zurückführen. Wenn man zeitliche Relationen als kausale liest (seit du hier bist, ist die Stimmung gut), verstößt man gegen die Maxime „Mache deinen Redebeitrag genau so informativ wie erforderlich! “, indem mehr Information hineingelesen (oder insinuiert) wird als wörtlich ausgedrückt: Eine (vordergründig) rein zeitliche Relation wird als kausale gelesen und damit angereichert. Noch ist dieser Prozess nicht konventionalisiert, es handelt sich nur um eine konversationelle Implikatur (erkennbar daran, dass der Sprecher sagen kann: „Nein, so habe ich das nicht gemeint! “). Seit ist immer noch eine temporale Konjunktion, deren zweite, kausale Lesart zurücknehmbar (streichbar) ist: „So habe ich das nicht gemeint, ich stelle nur fest, dass nach deinem Erscheinen die Stimmung umgeschlagen ist“ (zu sobald, das ähnlich funktioniert, s. Kap. 7.2). 15 Ist die kausale Lesart konventionalisiert, wie bei weil (das früher auch nur temporal gebraucht wurde), entfällt diese Rücknahmemöglichkeit; der Satz weil du hier bist, ist die Stim‐ mung gut ist nur kausal verstehen. Die häufigsten kognitiven Prozesse, die zu den Anreicherungen bei solchen Implikaturen führen, sind Metonymie und Metapher einschließlich Euphemismus und Ellipse (Kap. 5.2.1 bis 5.2.5). Keller ( 3 2003) befasst sich eingehend mit sprachlichen Handlungsmaximen und unterscheidet zwischen statischen und dynamischen Maximen; erstere erzeugen keinen Wandel, da sie auf Konformität ausgerichtet sind: „Rede so wie die anderen, rede so, dass du nicht auffällst“. Dynamische Maximen sind solche, mit denen der Sprecher positiv auffallen möchte, um beachtet zu werden, und diese stoßen semantischen Wandel an: „Rede so, dass du beachtet wirst, rede amüsant und witzig (oder höflich und charmant, etc.)“. Dabei darf die Abweichung nicht gravierend sein, man will ja noch verstanden werden, und dafür ist Anpassung an das Gewohnte unabdingbar. Das heißt, solche dynamischen Maximen generieren moderate Abweichungen - und dennoch Innovationen. Übertreibungen erregen z. B. Aufmerksamkeit und erklären die in Kap. 5.1.1 beschriebene „Emphase des Schreckens“ (furchtbar nett und schrecklich sympathisch). Je mehr Menschen diese aufmerksamkeitserregenden Sprechweisen nachahmen (um am sozialen Erfolg teilzuhaben), desto eher inflationieren solche Über‐ treibungen wie von „unsichtbarer Hand“ gesteuert (s. Kap. 5.3.3; sehr < ‘schmerzhaft’ ist besonders stark inflationiert). Eine weitere Maxime ist die der Ökonomie, nämlich beim Sprechen Energie zu sparen, nichts Unnötiges zu sagen. Die Ellipse ist gut durch diese Handlungsmaxime zu erklären: Das, was typischerweise aufeinanderfolgt, kann auch gekürzt werden: mal (zur Toilette gehen) müssen; einen (Schnaps) kippen. Bei der Frage, was am ehesten gekürzt wird (d. h. was am ehesten verschwiegen werden soll - hier: menschliche Ausscheidung, Alkoholkonsum), muss man den kulturellen Kontext berücksichtigen (Kap. 5.3.2). Bei Koch/ Oesterreicher (1996), „Sprachwandel und expressive Mündlichkeit“, lässt sich die dynamische Maxime des Auffallenwollens in die Mündlichkeit verorten, die 5.3 Erklärungen für semantischen Wandel (Ursachen) 173 <?page no="174"?> sich gegenüber der Schriftlichkeit u. a. durch starke emotionale Beteiligung auszeich‐ net. Auch hier kommt es zu Metonymien und Metaphern als häufig genutzte Verfah‐ ren, als „fundamentale Assoziationsrelationen“ (ebd.: 74), z. B. Ad-hoc-Bildungen wie Menschenschrott für ‘ausgebeutete Arbeiter’ oder frz. caillou ‘Stein’ für ‘Nichtschwim‐ merin’. Solche Innovationen haben das Potential, sich auszubreiten, zu lexikalisieren oder zu grammatikalisieren, in einen invisible-hand-Prozess einzumünden. Dann hat semantischer Wandel stattgefunden. Betreibt man Etymologie, so legt man bei vielen Wörtern ihre einstige Expressivität frei (z. B. frz. beaucoup ‘viel’ < ‘schöner Schlag’, das altfrz. molt ersetzt hat; vgl. ugs. das kostet einen Haufen Geld, du hast einen Haufen Glück ‘viel’). Berühmt sind die in vielen Sprachen üblichen Metaphern für den Kopf (Kopf < lat. cuppa ‘Becher’). 5.3.2 Kulturanalytischer Ansatz: Kultur-, Diskurs- und Begriffsgeschichte Semantischer Wandel reagiert oft auf außersprachliche Veränderungen (sozialer, kultureller, politischer Art), genauer darauf, wie über bestimmte Konzepte gedacht und gesprochen wird, wie sie verhandelt werden und in welche kulturellen Kontexte und kommunikativen Praktiken sie eingebettet sind. Dies ist historisch hochvariabel und wird in der Kultur-, Mentalitäts- und Diskursgeschichte untersucht. Auf eine Formel gebracht: Sprachwandel ist Sprachgebrauchswandel, Sprachgeschichte ist Kultur- und Mentalitätsgeschichte, Begriffe (wie Demokratie, Gewalt, Arbeit, Nation, Volk, ostdeutsch, Teenager, Kids) sind verdichtete Diskurse. Hier spielt die historische Soziolinguistik eine wichtige Rolle. Zentral ist der Gedanke, dass Begriffe weit mehr sind als Re-aktion, als Reflexe oder bloße Indikatoren geschichtlicher Entwicklung. Vielmehr sind sie gleichzeitig Faktoren oder Motoren, sie sind als aktive Gestalter konstitutiv für die Geschichte sowie für die gegenwärtige Lebenswelt, die primär sprachlich verhandelt wird. Sprache ist maßgeblich an der Konstruktion von Wirklich‐ keit beteiligt (s. Linke 2003). Wieweit sich Kommunikationsweisen, Werthaltungen und Normvorstellungen des Bürgertums des 19. Jhs. in heutigen Wortbedeutungen und -verwendungen greifen lassen, untersucht Linke (1991) (auch Mattheier 1998). Sprachgebräuche ändern sich und unterscheiden sich, da kulturell geformt, zwischen den Kulturen. Daher kann der semantische Wandel ein und desselben Wortes in der einen Sprache anders verlaufen als in der anderen. Solche pragmatischen (sprachgebrauchsbezogenen) Faktoren bilden vermutlich den wichtigsten Motor für den semantischen Wandel von Lexemen. Dies sei an drei Beispielen illustriert: Scherz und Witz Linke (1999) weist anhand sog. Anstandsbücher (Lehrbücher aus dem 17.-19. Jh., die das schickliche und kommunikativ erfolgreiche Verhalten in verschiedenen ge‐ 174 5 Semantischer Wandel <?page no="175"?> sellschaftlichen Situationen thematisierten und normierten) nach, dass das sog. Kom‐ munikationsmuster ‘Scherzen’ historischem Wandel unterlag: Im 17. und 18. Jh. bestand es noch darin, dass ein sog. Scherzredner einen Gegner (das sog. Scherzopfer) vor einem Publikum degradierte, indem er ihm Fehler oder Laster vorhielt. Der Scherzerfolg bemaß sich an der Belustigung des Publikums, wobei das Scherzopfer in das Lachen miteinzustimmen hatte, um sich durch das Lachen der anderen nicht ausgrenzen zu lassen (mitlachen, um nicht ausgelacht zu werden). Der Scherzredner hat sich damit sozial profiliert, wurde für seine „Schertz-Kunst“ (ebd.: 192) anerkannt und errang allgemeine Beliebtheit. Im 19. Jh. ändert sich der Anstandsdiskurs: „Auf Kosten eines andern witzig sein zu wollen, ist geradezu Rohheit“ (Adelfels 1888: 281 nach Linke 1999: 195). Das Scherzopfer wird abgeschafft. Der Grund für diesen Wandel liegt darin, dass in einer höfischen Gesellschaft der Status (Stand) einer Person geburtsrechtlich abgesichert und damit sozial unangreifbar war, während der Sozialstatus in der (nunmehr) bürgerlichen Gesellschaft durch Leistung und Anerkennung erworben und durch degradierendes Scherzen bedroht war. Auch wurde im Zuge der Zivilisierung und der damit einhergehenden Sozialdisziplinierung diese „parasitäre Form der Belus‐ tigung“ (ebd.: 194) moralisch sanktioniert. Die heutige Bedeutung von Scherz hat denn auch etwas durch und durch Harmloses i.S.v. ‘Heiterkeit erregen, spaßen, albern’. Es wurde ihm buchstäblich die Spitze (Pointe) genommen - und damit hat Scherz (und scherzen), bedingt durch seinen Funktionswandel, heute eine grundlegend andere Bedeutung als früher. Scherz ist außerdem seltener geworden und wird zunehmend durch ein anderes Wort ersetzt, Witz: Im 17. und 18. Jh. bezeichnete Witz nur die kognitive Verfassung eines (geistreichen) Menschen, es bedeutete ‘Verstand, esprit’ und übertrug sich später metonymisch auf das Produkt, die „konkrete, kommunikative Aktualisierung dieser Potenz“ (Linke 1999: 196). Mehr noch, ein Witz ist heute kein Ad-hoc-Erzeugnis mehr, sondern ein vorgefertigtes „sprachliches Fertigprodukt“ (ebd.), auf den die Witzeerzäh‐ lerin zugreift. Im Gegensatz zum Scherz hat der Witz noch eine Pointe, wenngleich diese nicht auf Anwesende zielt. Auch das Handlungsmuster des Witzeerzählens kennt nur zwei Parteien: die Erzählerin und den Zuhörer. Damit hat Witz ebenfalls semantischen Wandel vollzogen. Arbeit Hier handelt es sich um ein Schlüsselwort der dt. Kultur, durch das sich viele Deutsche definieren: Arbeitslosigkeit ist sozial stigmatisiert. Umgekehrt rühmt man sich, wenn man sagt, man arbeite 14 Stunden pro Tag, möglichst als AkademikerIn (Hermanns 2012). Ursprünglich bedeutete ahd. arabeit ‘Mühsal, Plage, schwere körperliche An‐ strengung’. Mit Luther hat eine Aufwertung der Arbeit stattgefunden, wobei diese noch in körperlicher (Hand-)Arbeit, später auch in Fabrikarbeit bestand und nur von bestimmten Schichten ausgeübt wurde (die heutige Ableitung Arbeiter reflektiert diese ältere Semantik). Bürgertum und Adel arbeiteten nicht in diesem Sinne, womit 5.3 Erklärungen für semantischen Wandel (Ursachen) 175 <?page no="176"?> Arbeit sozial segregierend wirkte. Später wurde, um dem sich durch ‘+/ − Arbeit’ definierenden Klassenkampf die Spitze zu nehmen, der Bedeutungsumfang von Arbeit auf geistige Tätigkeiten ausgeweitet, an welcher das Bürgertum auch Anteil hatte. Damit, so Hermanns (2012: 286), habe „dieses Bürgertum der Arbeiterbewegung deren Fahnenwort kaputtgemacht“. Soziale Distinktion über Arbeit wurde durch soziale Integration abgelöst. Heute wird Arbeit gesamtgesellschaftlich verrichtet und ist fest mit ‘Broterwerb’ verknüpft (sonst könnte man von seiner PartnerIn nicht sagen, er / sie arbeite nicht, sondern kümmere sich um Haushalt und Kinder). Gewalt Über „institutionell-pragmatische Faktoren semantischen Wandels“ hat Busse (1991) geforscht, indem er den Bedeutungswandel des Begriffs ‘Gewalt’ speziell im Straf‐ recht verfolgt (fachsprachlicher Bedeutungswandel). Gemeinsprachlich wird unter Gewalt die ‘rücksichtslose Anwendung physischer Kraft’ gegen Personen oder Sachen verstanden, mit der man etwas erreichen oder jemanden zu etwas zwingen will. Der juristische Gewaltbegriff hat sich jedoch aufgrund pragmatisch-institutioneller Bedingungen anders entwickelt, er hat eine Bedeutungserweiterung (Aufweichung) erfahren. Dies geht auf konkret zu ahndende Vorfälle zurück, die, um gesühnt werden zu können, Neuauslegungen des Gewaltbegriffs erforderten - z. B. indem die physische Kraftanwendung vom Täter auf das Opfer übertragen wird: Konkret lag (Ende des 19. Jhs.) der Fall vor, dass jemand eingesperrt wurde; die Befreiung erforderte seitens des Opfers den Einsatz erhöhter Körperkraft, weshalb die Einsperrung selbst (obwohl bloßes Abschließen der Tür vorlag) als täterseitiger Akt der Gewalt bewertet wurde. Damit entfernt sich der juristische vom gemeinsprachlichen Gewaltbegriff, der bis heute „die körperliche Zwangseinwirkung eines Täterhandelns beim Opfer“ vorsieht (Busse 1991: 266). Später wird auch die physische Kraftaufwendung verzichtbar („Ver‐ geistigung“ des Gewaltbegriffs, s. ebd.), denn auch psychischer Zwang wird nun als Form der Gewalt gewertet, etwa beim Drängeln auf der Autobahn. Indem Drängeln beim Opfer physischen Stress bewirkt, fällt es nicht unter den Nötigungsparagraphen. Im Zuge der Studentenbewegung kam es zu neuen Konfliktfällen, deren strafrechtliche Verfolgung politisch erwünscht war und wodurch der Gewaltbegriff weiter ausgedehnt wurde, etwa auf das Besetzen von Gleisen, was den Bahnführer mit Zwang von seinem gewünschten Handeln abhielt, oder auf das Absingen von Liedern in Veranstaltungen, was der Dozentin das Unterrichten verunmöglichte. Interpretationswandel führt in diesem Kontext also zu Bedeutungswandel, was - um zur folgenden Theorie der unsichtbaren Hand überzuleiten - auf das Werk „sichtbarer Hände“ zurückgeht. Der kulturanalytische Ansatz vermag die Qualität beim Verfahren der Euphemisierung und der Ellipse (Kap. 5.2.4, 5.2.5) zu erklären, denn beide basieren auf Tabus, die als solche zwar in jeder Kultur vorhanden, doch je kulturspezifisch ausgeprägt sind (bei uns z. B. Tod, Krankheit, Ausscheidungen, Sexualität). 176 5 Semantischer Wandel <?page no="177"?> 16 Das frz. Wort crétin ‘Idiot, Dummkopf ’ bedeutete ursprünglich ‘Christ’. Diese drei Beispiele wurden der jüngeren Sprachgeschichte entnommen, weil sich die soziopragmatischen Faktoren noch gut greifen lassen und sie den explanativen Gehalt diskurspragmatischer Faktoren bei der Erklärung semantischen Wandels auf‐ zeigen (Busse/ Teubert 1994, Busse 2003). Für ein historischeres Beispiel ist auf Kap. 5.6 zu verweisen, wo der zunehmenden Segregierung und Distanzierung des Menschen vom Tier nachgegangen wird. Dass es durch das (positive/ negative) Reden über Dinge und Konzepte auch zu Aufbzw. Abwertungen kommen kann, liegt auf der Hand und kann mit der Pejorisierung des Wortes Feministin gezeigt werden: Durch das negative, patriarchalisch geprägte Reden über Menschen, die die Gleichstellung der Geschlechter fordern, hat dieses Wort eine Verschiebung erfahren zu ‘unattraktive Nervensäge, die Frauen bevorzugt und Männer diskriminiert’, erkennbar u. a. daran, dass Frauen, danach befragt, sich oft da‐ von distanzieren (selbst wenn sie für Gleichstellung sind). Dem DWDS zufolge gehören zu den häufigsten Attributen von „Feministin“ (sog. Wortprofil) verbissen, militant, kämpferisch, radikal, rabiat. Ein männlicher Feminist fällt in unserer Gesellschaft auf (im Ggs. zu Schweden), während ein weißer Mann Antirassist sein oder eine Katholikin Ökumene praktizieren kann. 16 Derzeit lässt sich beobachten, dass sich viele junge Frauen als Feministin bezeichnen und das Wort destigmatisieren könnten (ähnlich wie dies bei schwul gelungen ist). Auch andere Begriffe wie z. B. ostdeutsch/ Ostdeutsch‐ land/ Ostdeutsche oder Umwelt erfahren derzeit semantische Aufladungen (für eine diskurssemantische Analyse von ostdeutsch sei Roth 2008 empfohlen, zur historischen Semantik von Umwelt s. Hermanns 1991). 5.3.3 Phänomene der dritten Art / Wirkungen der unsichtbaren Hand Keller (1982, 1984, 3 2003) hat mit seiner Sicht von Sprachwandel als Wirkung der unsichtbaren Hand größere Beachtung gefunden. Sprachwandel folgt dabei weder naturgesetzlichen Prinzipien noch ist er das Ergebnis menschlichen Willens. Er ist etwas Drittes (ein Phänomen der dritten Art): Sprachwandel ist zwar das Ergebnis menschlichen Handelns, aber nicht menschlicher Absichten. Dieser wichtige Unterschied kann mit dem berühmten (nichtsprachlichen) Beispiel des Trampelpfads illustriert werden: Im Allgemeinen mögen Menschen nicht unbedingt Trampelpfade, die bei Regen womöglich aufweichen, noch wollen sie sie bewusst herbeiführen - dennoch verursachen sie sie, indem sie Wege abkürzen und lieber - um Zeit und Energie zu sparen, dies ist die eigentliche Intention oder Maxime - diagonal laufen statt über Eck. Indem viele auf diese Weise zeitsparend handeln, kreieren sie - unintendiert - Trampelpfade. Ähnlich sieht Keller auch Sprachwandel als vom Menschen nicht intendiertes, aber verursachtes Resultat: Wie von unsichtbarer Hand entstehen dabei Strukturen, die 5.3 Erklärungen für semantischen Wandel (Ursachen) 177 <?page no="178"?> niemand plant, die aber alle Sprachbenutzer durch ihr (anderweitig motiviertes, s. die oben genannten Handlungsmaximen) sprachliches Handeln kausal schaffen: Ein Phänomen der dritten Art ist die kausale Konsequenz einer Vielzahl individueller intentionaler Handlungen, die mindestens partiell ähnlichen Intentionen dienen (Keller 3 2003: 93). Allerdings ist damit das alte Problem der Sprachwandelforschung nicht gelöst, Sprach‐ wandel weder vorhersagen zu können (also ob und, wenn ja, wann er eintritt) noch die mögliche Richtung, in die er verläuft. Eine solche Theorie gibt es bis heute nicht (wohl aber Ansätze, die Richtung zu bestimmen), und dies löst auch nicht die Theorie der unsichtbaren Hand - sie beansprucht es auch gar nicht: Sie ist „weniger von prognostischem als vielmehr von diagnostischem Wert“ (Keller 1982: 14). So folgen Sprecher der Ökonomie-Maxime, sich artikulations- und damit energie‐ sparend zu verhalten, d. h. sich knapp auszudrücken oder zu nuscheln. Dies kann zum Abbau von Lauten führen, auf denen Informationen liegen, auch zu Verschmelzungen (Assimilationen) zwischen benachbarten Wörtern. Auf diese Weise kann auf anderen Ebenen Sprachwandel ausgelöst werden (so führt die Verschmelzung von Präposition und Artikel zu suffigierten Präpositionen wie im, ins, zum, zur, s. Kap. 12.3.3). Diese weiteren Folgen sind nicht intendiert. Leider wird dieses eingängige Konzept nur mit sehr wenigen sprachlichen Beispielen illustriert. Überwiegend handelt es sich um semantisch-pragmatischen Wandel, und zwar um solchen zunächst euphemisierender und anschließend inflationierender Art: Frisöre, die sich Coiffeur nennen, intendieren damit nicht, das Wort Frisör zu pejorisieren, dennoch bewirken sie dies. Was sie eigentlich intendieren, ist eine Statuserhöhung, sich einen künstlerischen Anstrich zu geben, um besser bezahlende Kundschaft anzuziehen. Unwillentlich verursachen sie, indem viele Frisöre so handeln, die Bedeutungsverschlechterung von Frisör (und langfristig auch eine graduelle Absen‐ kung des nunmehr inflationierenden Coiffeurs), da man die Bezeichnung Frisör meidet (Keller 1982: 20). Eine ähnliche Motivation, in diesem Fall der Wunsch, gebildeter und weltläufiger zu wirken, liegt vor, wenn man statt von der Erklärung der unsichtbaren Hand von der Invisible-Hand-Theorie spricht. Generell dürfte hierunter der Gebrauch vieler Anglizismen fallen. Zur Pejorisierung der Frauenbezeichnungen, die Keller (1995) auch als Wirkung der unsichtbaren Hand sehen möchte, s. Kap. 5.4. Insgesamt gesehen vermag die Theorie der unsichtbaren Hand einige Prozesse infla‐ tionären Wandels zu erklären. Die meisten Ebenen der Sprache (etwa die Morphologie, die Syntax, weitestgehend auch die Phonologie) bleiben ausgespart, vermutlich wegen der begrenzten Erklärungskraft dieser Theorie (zu einem Überblick über die weitere Diskussion s. Ladstätter 2004). Interessant sind Fälle, in denen man Phänomene der dritten Art plant, d. h. sie absichtlich in Gang setzt: Gesellschaftlich stigmatisierte Bevölkerungsgruppen wie Lesben, Schwule, Feministinnen oder Schwarze greifen bei der Selbstbezeichnung selbstbewusst zu den pejorisierten (Schimpf-)Wörtern, um sie der (weiteren) Diskri‐ 178 5 Semantischer Wandel <?page no="179"?> minierung zu entziehen: „Sie nehmen ‘den Anderen’ ihr Schimpfwort weg“ (Keller 3 2003: 129), sie entwaffnen sie. Heute haben sie bereits die Aufwertung dieser Bezeich‐ nungen bewirkt (Komposita wie Schwulenehe, Lesbentreff sind ganz geläufig). Jede Form von Sprachpolitik rechnet mit der Wirkung der unsichtbaren Hand. 5.3.4 Sprachkontakt Als Ursache für semantischen Wandel gilt auch Sprachkontakt, worunter v. a. die Entlehnung von Fremdwörtern fällt. Zwar gehört dies, da ganze Wörter importiert wer‐ den, zum lexikalischen Wandel. Doch indem die Fremdwörter in bestehende Wortfelder „eintreten“ (das Bild ist falsch, da wir sie importieren; Wörter selbst tun gar nichts), verändern sie die Semantik bereits vorhandener Wörter und können damit semanti‐ schen Wandel auslösen. Naheliegenderweise führt dies zu Bedeutungsverengungen, zu Spezialisierungen der nativen Wörter (s. Kap. 6.1.2.5, wo von sog. Pseudosynonymen die Rede ist). Die Entlehnung des frz. Farbadjektivs orange hat den Bedeutungsumfang von angestammtem gelb und rot eingeschränkt, desgleichen frz. lila und violett den von rot, blau, braun. Eine Visite (< frz. visite ‘Besuch’) ist im Dt. auf die ärztliche Visite beschränkt und „erleichtert“ nhd. Besuch um diese Komponente (ansonsten muss man eigens ein Kompositum bilden: Arztbesuch). Jogging aus dem Englischen hat dt. Lauf in Richtung ‘Langlauf ’ verändert, auch jobben und shoppen verändern derzeit den Begriffsumfang von arbeiten und einkaufen. Damit einher gehen oft Verschiebungen der Stilebene: Wirken Anglizimen eher modern-salopp und unprätentiös (und heben damit ihr dt. Pendant an), so haben Gallizismen meist den gegenteiligen Effekt: Bei Pseudosynonymie besetzen diese meist eine höhere Stilbene und verweisen das dt. Pen‐ dant auf eine niedrigere, s. Dessert/ Nachtisch, Toilette/ WC, Klo, Restaurant/ Gaststätte, Souterrain/ Kellergeschoss, Kollier/ Kette, pardon/ Entschuldigung. Direkten semantischen Einfluss hat das Phänomen der sog. Bedeutungsübertragung, wo einheimische (Lehn- oder Erb-)Wörter durch den Kontakt mit einem ähnlich lautenden Fremdwort dessen Bedeutung mitübernehmen, so geschehen bei kontrollieren, realisieren, lieben, hassen, feuern (s. Kap. 5.1.4, 6.1.3). 5.4 Erste Fallstudie: Pejorisierung der Frauenbezeichnungen Die Pejorisierung weiblicher Personenbezeichnungen wurde in Grundzügen schon in Kap. 5.1.5 dargestellt. 5.4.1 Effekt männlicher Galanterie? Keller (1995) macht für die historisch öfter wiederkehrende Pejorisierung der Frau‐ enbezeichnungen nicht etwa frauenfeindlichen Sprachgebrauch, sondern ganz im Gegenteil eine besonders frauenfreundliche Sprechweise verantwortlich: In unserer Kultur herrsche ein Höflichkeitsbzw. Galanteriegebot speziell Frauen gegenüber, 5.4 Erste Fallstudie: Pejorisierung der Frauenbezeichnungen 179 <?page no="180"?> das sich im Alltag in Handlungen wie die Tür aufzuhalten oder Frauen in den Mantel zu helfen manifestiere. Diese Handlungsmaxime gelte auch für die Sprache: Zuvorkommende sprachliche Behandlung äußere sich u. a. darin, dass man die Frau „lieber eine Stilebene zu hoch als zu tief “ (Keller 1982: 217) adressiere: Diese Strategie ist selbstzerstörend. Denn sie führt dazu, daß auf längere Sicht immer das „nächsthöhere“ Wort zum normalen wird, wodurch automatisch das ehedem normale eine Bedeutungsverschlechterung erfährt. Das allgemeine Muster heißt: Wer höflich sein will, muß das Besondere wählen. Wenn aber viele das gleiche Besondere wählen, verliert es den Charakter des Besonderen und wird zum Normalen, so daß etwas neues Besonderes gewählt werden muß. Das ist immer wieder passiert mit den frauenbezeichnenden Wörtern […]. Dieser Prozeß wird so lange andauern, wie in unserer Kultur das Spiel der Galanterie gespielt wird. (Keller 1995: 217). Sprache, so Keller, sei damit nicht etwa Spiegel, sondern Zerrspiegel der Kultur. Ähnlich gelagert ist das bereits genannte Beispiel des Frisörs, wo die (in diesem Fall selbst-) erhöhende Bezeichnung durch Coiffeur unbeabsichtigt die Pejorisierung von Frisör bewirkt. Keller bezichtigt diejenigen, die hier den Reflex historischer Frauenverachtung sehen wollen, „linearen Denkens“: Vertreter linearen Denkens könnten latente Frauenfeindlichkeit der Gesellschaft hinter diesem Trend wittern, die die einzelnen Sprecher dazu führt, solch ein Wort mit der Zeit immer „ein bisschen pejorativer“ zu verwenden. Aber wie macht man das, ein Wort „ein bisschen pejorativer“ zu verwenden? Alma Graham [1975: 61] postuliert „the tendency in the language that I called „praise him / blame her““. Die Pejorisierung der Ausdrücke „Weib“, „Frau“ u. a. wurde jedoch nicht durch die Maxime „blame her“, sondern eher durch die Maxime „praise her“ hervorgebracht. Es handelt sich abermals um ein Mandevillesches Paradox, bei dem jeder stets das Gute will und die Pejorisierung schafft. […] Fazit: das Motiv der Galanterie auf der Ebene der Individuen führt auf der Ebene der Sprache langfristig wie von unsichtbarer Hand geleitet zur Pejorisierung. Es handelt sich dabei um eine Form der Inflation (Keller 3 2003: 107-109). 5.4.2 Inflationierung vs. Funktionalisierung und Sexualisierung Genauer besehen handelt sich es sich bei den meisten Pejorisierungen nicht um bloße Inflationierungen, dann würden nämlich nur Seme wegfallen wie ‘adlig’ oder ‘sozial hochstehend’. Dies trifft tatsächlich auf Frau zu, die heute zur statusindifferenten Normalbezeichnung abgesunken ist (Bedeutungserweiterung). V. a. betrifft dies jedoch Frau und Herr in der Anrede (was Keller übersieht), also in adressierender Funktion - genau da, wo Höflichkeit auch zum Tragen kommt (wenn ich nur über Leute rede, also referiere, brauche ich nicht höflich zu sein, sofern sie nicht zuhören). Selbstverständlich hatten und haben auch Frauen Männern gegenüber höflich zu sein, eine Tatsache, die Keller mit seinem einseitigen Galanteriebegriff verdeckt. Dabei greifen auch Frauen „lieber eine Etage zu hoch als zu niedrig“: In der Öffentlichkeit werden nicht nur Frauen 180 5 Semantischer Wandel <?page no="181"?> als Damen tituliert, sondern ebenso Männer als Herren - doch ohne dass damit eine Pejorisierung entsprechender Männerbezeichnungen einhergegangen wäre. Und in Kreisen, in denen man sich nach der Gemahlin erkundigt, erkundigt man sich ebenso nach dem Gemahl (Nübling 2011b). Abb. 43: Inflationäre und nichtinflationäre Prozesse bei der Pejorisierung (aus Nübling 2011b: 351) Alle anderen Pejorisierungen sind mit Kellers Inflationskonzept nicht zu erklären, da sie nicht im Verlust semantischer Merkmale bestehen, sondern in deren Zuwachs, z. B. ‘sexuell verfügbar’, ‘liederlich’, ‘dienend’ (s. den rechten Kasten in Abb. 43). Diese zusätzlichen Seme spiegeln ziemlich exakt das Bild der Frau der vergangenen Jahrhunderte wider und sind somit Reflex soziokultureller Verhältnisse und des Sprechens über Frauen. Dieses Sprechen reflektieren z. B. noch historische Wörterbücher (s. u. in Kap. 5.4.3). Die kontrastive Genderforschung hat erwiesen, dass Pejorisierungen weiblicher Personenbezeichnungen auch in Kulturen fern jeglichen Galanteriegebots vorkom‐ men. Croft (1997) bemerkt in seiner Rezension zu Keller, dass die Abwertung der Bezeichnungen für Schwarze in den USA (colored, negro, black) keinesfalls auf Höflich‐ keit, Galanterie oder irgendeine begriffliche Aufwertung zurückgehen könne (da nie vorhanden), sondern einzig auf Rassismus. While this is a proper invisible hand explanation, it seems to me to be astonishingly contrary to the facts about the social status of women in Western society. Also it runs into empirical problems in that pejoration of other terms referring to human groups, e.g., the descendants of slaves imported to the United States, is not accompanied by any plausible tradition of gallantry. Moreover, languages spoken by societies lacking a tradition of gallantry to women also have pejoration of terms for ‘woman’, and other terms that do not specifically denote ‘woman’ develop pejorative references when used to refer to women (e.g., ‘professional’). So an explanation of the sequential pejoration of colored, Negro, black etc. would serve just as well for an explanation of the repeated pejoration of terms for women (Croft 1997: 397). 5.4 Erste Fallstudie: Pejorisierung der Frauenbezeichnungen 181 <?page no="182"?> 17 Über http: / / germazope.uni-trier.de/ Projects/ WBB/ woerterbuecher/ kann man digital auf die Bei‐ spielsätze sämtlicher Lemmaartikel verschiedener historischer Wörterbücher zugreifen. Hier lohnt es sich, „weib“, „frau“, „mann“ und deren Plurale einzugeben. Lemmaeinträge, die nicht Personen bezeichnen, enthalten besonders unreflektierte Geschlechterbilder, da es hier ja um die typischen Verwendungen ganz anderer Wörter geht. Ein Beispiel aus dem Lemma D U R C H : „wisz das besser ist ze sterben dann ein böses weib erwerben, die dich sirtet (quält) durch daz jar“; oder aus dem Lemma F A S S E N : „wer sie (ein zänkisch weib) auf helt, der helt den wind und wil das ole mit der hand fassen“ (DWB). Hier tut sich eine bis dato noch kaum genutzte Fundgrube auf, die auch Einblicke in die direkten Kontexte (Attribute, Verben) dieser Personenbezeichnungen erlauben. 5.4.3 Historisches Sprechen über Frauen Historische Wörterbücher sind zwar keine ideale, aber eine brauchbare Quelle, um das Sprechen über Menschen zu rekonstruieren, bilden sie doch ein gewisses Kondensat kultureller Einstellungen (die in Sprichwörtern kulminieren). Warnke (1993), der die „Belegung von ‘frau’ und ‘weib’ in historischen dt. Wörterbüchern des 16. und 17. Jahrhunderts“ untersucht, bildet eine der wenigen Studien zum lexikographischen Geschlechterbild. Er stellt fest, dass Frauen in über 30 % mit „Ehe, Familie und Häuslichkeit“ verbunden und zu ca. 20 % einer Bewertung unterzogen werden. Diese insgesamt 82 bewertenden Belege erweisen […] nichts anderes als die durchgängig häufige Abwertung von Frauen […], finden sich doch kaum Aufwertungen oder Tugendüberhöhungen in den untersuchten Quellen. […] Wie auch für die erstrangige Kategorie ist auch hier die Durchgängigkeit der Buchung zu vermerken; bei Schottelius nimmt die Dequalifizierung sogar den ersten Rang ein. Bezeichnungen wie ‘närrische fraw, dumme fraw, kiefende fraw’ etc. sind zumeist im Kontrast zu männlich positiven Attributen zu sehen (Warnke 1993: 144). „Körper/ Bekleidung“ bezieht sich ebenfalls auf das Äußere der Frau und wird zu 12 % thematisiert, dicht gefolgt von „Sexualität“ (11 %), die gemäß Warnke die Frau ausnahmslos als Verführerin, Hure und Sexualobjekt darstellt. Vor diesem Hintergrund verwundern die semantischen Entwicklungen nicht, die sich, ausgehend von diesen negativen Kontexten, nach und nach in den Bezeichnungen selbst festgesetzt haben. Einen Vergleich mit den Männereinträgen hat Warnke nicht vorgenommen, dies hat (in einer Magisterarbeit) Blankenberger (2003) getan, der sich Warnkes Methode anschließt und weitere Wörterbücher aus dem 18. und 19. Jh. einbezieht. Tab. 30 enthält seine Ergebnisse. 17 182 5 Semantischer Wandel <?page no="183"?> 18 Pfeifer ( 6 2003) stellt z. B. bei der Pejorisierung des Wortes Tücke von ‘Handlungsweise, Gewohnheit’ zu ‘Hinter-/ Arglist, Bösartigkeit’ fest, das hieran bestimmte Attribute beteiligt waren: „Der anfäng‐ lich wertfreie Ausdruck erhält bereits in mhd. Zeit durch bestimmte Attribute einen abschätzigen Sinn, vgl. mhd. in unartiger tucke, in arger tucke, nāch sīner valschen tucke, woraus sich im 16. Jh. die Bedeutung ‘hinterhältige Gesinnung und Verhaltensweise’ entwickelt“. Tab. 30: Bedeutungskategorien von Frau, Weib und Mann in historischen Wörterbüchern nach Blan‐ kenberger (2003) Zu Tab. 30: Ungefähr in dem Maße, in dem die Frau dem Kontext „Ehe, Familie, Häus‐ lichkeit“ (Nr. 1) zugeordnet wird, wird beim Mann seine Sozialstellung beschrieben (s. graue Hinterlegungen). Rubrik 2, „Qualifizierung/ Bewertung“, betrifft zwar mit fast 30 % auch den Mann, doch untersucht man die Qualität der Bewertung (was aus Tab. 30 nicht hervorgeht), so wird der Mann zu 75 % positiv, die Frau dagegen zu 72,5 % negativ dargestellt. Auch die Rubrik „Sexualität“ differiert: Ist sie beim Mann von marginaler Bedeutung (2,4 %), beträgt sie bei der Frau mit 9,3 % fast das Vierfache; dabei tritt die Frau zu 50 % als Sexualobjekt des Mannes und zu 50 % als Unzüchtige bzw. Prostituierte in Erscheinung, d. h. die Bewertungen sind ausnahmslos negativ. Insgesamt erscheint der Mann kein einziges Mal als Vater, die Frau und v. a. das Weib dagegen überwiegend als Mutter. Der Familienstand ist bei der Frau/ beim Weib grundsätzlich hoch-, beim Mann irrelevant. Solche Geschlechterstereotype ziehen sich unreflektiert bis in die heutigen Wörterbücher hinein (s. Pusch 1984, Nübling 2009b, Kotthoff/ Nübling 2024). Bis jetzt ist diese gesamte Pejorisierungskette noch kaum erforscht. Das Beispiel zeigt, wie komplex das Thema ist und dass monokausale Erklärungen, so bestechend einfach sie wirken mögen, unzureichend sind (Kochskämper 1994); manche Einführun‐ gen haben sich sogleich die Unsichtbare-Hand-Erklärung zueigen gemacht. Vielmehr ist dieser semantische Wandel nur korpusbasiert über Kontext- und Kollokationsanalysen zu erklären (so fällt auf, dass weib historisch sehr häufig mit alt, bös, hässlich, zänkisch, keifend kookkuriert). Auch Komposita müssen berücksichtigt werden. Wörter betrei‐ ben nie isoliert semantischen Wandel, sondern integrieren, ähnlich einem Schwamm, nach und nach ihre Gebrauchskontexte in ihre Semantik (s. Kap. 5.3.2). 18 5.4 Erste Fallstudie: Pejorisierung der Frauenbezeichnungen 183 <?page no="184"?> 5.5 Zweite Fallstudie: Die Verwandtschaftsbezeichnungen Wir verlassen den Bereich des rein semantischen Wandels und nehmen die ono‐ masiologische Perspektive ein, verfolgen also die Fragestellung: Welchen Bezeich‐ nungswandel haben unsere Verwandtschaftsbeziehungen durchlaufen? Wir zeigen in aller Kürze auf, dass sich, wie eben angesprochen, semantischer Wandel meist nicht nur auf ein Einzelwort beschränkt, sondern das gesamte Wortfeld, also die sinnverwandten Wörter im Umkreis des Wortes, verändern kann. Dabei kommt es nicht selten zum Schwund und Ersatz von Wörtern: Durch semantischen Wandel kann lexikalischer Wandel ausgelöst werden, verstanden als Bezeichnungswandel, d. h. mit Umschichtungen und Neubesetzungen des Wortfelds (s. Kap. 6). Dies macht das folgende Beispiel der Verwandtschaftsbezeichnungen deutlich: Wörter befinden sich in einer Art Netzwerk, Einzelwortveränderungen können gesamtstrukturelle Ver‐ änderungen zur Folge haben. So heißt die Untersuchung von Ruipérez (1984) zu diesem Thema: „Die strukturelle Umschichtung der Verwandtschaftsbezeichnungen im Dt. Ein Beitrag zur historischen Lexikologie, diachronen Semantik und Ethnolinguistik“. Eine strukturelle Darstellung der Geschichte der Verwandtschaftsbezeichnungen bietet sich v. a. deshalb an, weil diese feste Positionen in einer Familie bezeichnen, zwischen denen es keine fließenden Übergänge gibt, sondern die aus dichotomisch angelegten semanti‐ schen Merkmalen wie ‘+/ − weiblich’, ‘+/ − blutsverwandt’, ‘+/ − mütterliche Linie’, ‘+/ − „Ego“-Generation’ etc. bestehen. Dabei wird als Fixpunkt immer von einem sog. Ego ausgegangen, von dessen Warte aus alle Verwandtschaftsbeziehungen definiert werden (zu den universell möglichen Verwandtschaftsbezeichnungen s. „Universals of Kinship Terminology“ von Greenberg 2005: 72-87). 5.5.1 Stabilität der Bezeichnungen für die Kernfamilie Grundsätzlich fällt auf, dass die Bezeichnungen für die direkte Blutsverwandtschaft, die Kernfamilie, seit frühester schriftlicher Überlieferung sowohl formal als auch semantisch stabil sind (s. Abb. 44). Abb. 44: Zur Stabilität der Bezeichnungen für die Kernfamilie (Klammern: ahd.) 184 5 Semantischer Wandel <?page no="185"?> 5.5.2 Umschichtungen bei der weiteren Verwandtschaft Ganz anders verhält es sich bei der weiteren Verwandtschaft, wobei wir uns hier nur auf die Blutsverwandtschaft beziehen (zur Heiratsverwandtschaft s. Debus 1958). Hier ha‐ ben vom Ahd. zum Nhd. hin tiefgreifende Verschiebungen, aber auch Vereinfachungen bei der Unterscheidung der Verwandtschaft stattgefunden. Abb. 45 und Abb. 46 zeigen die Unterschiede zwischen dem Ahd. und dem Nhd. Kursiv werden die männlichen Personen gesetzt, recte die weiblichen. An Unterschieden fällt auf: • Die Großeltern ahd. ano/ ana wurden nur nach ihrem Geschlecht, nicht nach der Linie (ob mütterlicher- oder väterlicherseits) unterschieden. Der heutige Ahn, Pl. die Ahnen, wird (außer in Dialekten) nicht mehr generationsspezifisch gebraucht, sondern ganz allgemein im Sinne von ‘Vorfahre’. Müller (1979) sieht als Grund für das Verschwinden von ahd. ano/ ana deren lautlichen Zusammenfall zu mhd. ane und die damit verunmöglichte Geschlechtsunterscheidung. Die Ersatzbildun‐ gen Großvater und Großmutter sind Lehnübersetzungen aus frz. grand-père und grand-mère, die ab dem Spätmhd. aufkommen. • Auf der Tante / Onkel-Ebene wurde im Ahd. streng nach Linie differenziert: Väterlicherseits basa (> nhd. Base) für die ‘Vaterschwester’ und fetiro (> nhd. Vetter) für den ‘Vaterbruder’ (ahd. fetiro ist mit fater verwandt). Mütterlicherseits korrespondierte ahd. oheim ‘Mutterbruder’ und muoma ‘Mutterschwester’. • Für die Kusinen und Cousins - also die Tanten- und Onkelkinder (hellgrau hinterlegt) - gab es im Ahd. keine spezifischen Bezeichnungen. Später wandern Base und Vetter zu deren Bezeichnung eine Generation nach unten. Im Ahd. benennen basa und fetiro jedoch Tante und Onkel der Vaterlinie. • Der weibliche Enkel war die nift, verwandt mit nhd. Nichte (nift ist obd., Nichte nd.), der männliche der nevo. Heute dagegen stehen Nichte und Neffe eine Generation höher für die Geschwisterkinder (auch hellgrau hinterlegt). Abb. 45: Das ahd. Verwandtschaftsbezeichnungssystem (nach Fritz 1974: 32) 5.5 Zweite Fallstudie: Die Verwandtschaftsbezeichnungen 185 <?page no="186"?> Abb. 46: Das nhd. Verwandtschaftsbezeichnungssystem Festzuhalten ist damit Gegenläufiges: Vetter und Base sind eine Generation nach unten, Neffe und Nichte dagegen nach oben gerutscht. Dies begründet man ethnolin‐ guistisch mit der Auflösung der Großfamilie und der Konzentration auf die Kernfamilie. Oheim und Muhme veralten nach und nach. Stattdessen tritt hier im 18. Jh. aus dem Französischen entlehntes Onkel und Tante ein, wobei die Linienunterscheidung (mütterlichervs. väterlicherseits) aufgegeben wird. Neben Umschichtungen treten also auch Differenzierungsverluste ein. „Dafür“ wurden die Kinder von Tante und Onkel mit Kusine und Cousin erstmals eigenständig benannt (auch aus der damaligen Prestigesprache Französisch entlehnt). Natürlich verliefen diese tiefgreifenden Veränderungen nicht sprunghaft. Es gab lange Phasen, in denen die betreffenden Wörter sowohl die alte als auch die neue Be‐ deutung in sich vereinigten - und nicht nur dies: Oft bezeichneten sie zwischenzeitlich noch mehr. Am Beispiel von Vetter: Im Ahd. bezeichnete fetiro ausschließlich den Vaterbruder, später auch den Mutterbruder, wo er den Oheim verdrängte. Gleiches geschah mit Base, die Muhme verdrängt. Schließlich erweiterte sich die Bedeutung von Vetter (bzw. reduzierten sich seine semantischen Merkmale) so stark, dass damit im Fnhd. alle möglichen entfernten männlichen Verwandten (auch angeheiratete) bezeichnet werden konnten: Neben den Onkeln auch die Cousins und sogar die Enkel ( Jones 1990, 2005). Der im 17. Jh. erfolgte Entlehnungsschub aus dem Französischen (Cousin, Cousine, Tante, Onkel) verdrängte nicht nur den Vetter, sondern auch die Base, den Oheim und die Muhme. Zunächst galten die französischen Fremdbezeichnungen als stilistisch gehoben und höflicher, später wurden sie dann zu den Normalbezeich‐ nungen (zu Höflichkeit s. Kap. 7.3.1). Die Unterscheidung ‘+/ − Mutterlinie’ war schon vorher aufgegeben und bleibt es bis heute. Man führt die generelle Aufgabe der Liniendistinktion auf das außersprachliche Faktum zurück, dass das die männliche Linie begünstigende germ. Erbrecht obsolet wurde. In Vetternwirtschaft ist das alte 186 5 Semantischer Wandel <?page no="187"?> Wort noch konserviert, hier in seiner allgemeinen Bedeutung als ‘männlicher Famili‐ enangehöriger’. Dass bei solchen Umschichtungen auch die Generationen vermischt wurden, ist nur schwer erklärbar. Dies scheint etwas mit dem Fixpunkt des Ego zu tun zu haben, der ja nicht mit dem Sprecher identisch zu sein braucht: Spricht man innerhalb der Familie über ein bestimmtes Mitglied, so wird dieses je nach Sprecher und damit Perspektive anders bezeichnet: Eine Kusine (aus Sicht des Ego) kann von anderer Warte die Schwester, Tochter oder Mutter sein. Auf diese Weise könnten sich Verschiebungen zwischen den Generationen erklären lassen. Auch Neffe hat langfristig einen Generationensprung (nach oben) vollzogen: von ‘Enkel’ zu ‘Neffe’. Zwischenzeitlich wurde auch Neffe (ähnlich wie Vetter) für entferntere männliche Verwandte gebraucht, auch auf der Onkelebene. Für die Kindes‐ kinder (dialektal auch Großkinder) etabliert sich der Enkel, eine Verkleinerungsform zu ahd. ano ‘Großvater’, eniklīn > mhd. ene(n)kel > nhd. Enkel. Seit dem 17. Jh. existiert auch die mit -in abgeleitete Form Enkelin für das Mädchen. Die ursprüngliche Bedeutung von ahd. eniklīn war also ‘kleiner Großvater’ - eine ziemlich merkwürdige Bezeichnung für den Enkel. Man vermutet als Grund hierfür, dass man früher glaubte, dass die Seele des Großvaters im Enkel und die der Großmutter in der Enkelin fortlebte. Wegen der damals geringeren Lebenserwartung war es tatsächlich so, dass die Großeltern i. d. R. in der Zeit starben, wenn die Enkel kamen. Auch weiß man aus der Namenforschung, dass die Neugeborenen sehr oft die Vornamen ihrer Großeltern bekamen. Müller (1979: 73) sieht dagegen als Grund einen Anredetausch zwischen den beiden Generationen (s. auch Greenberg 2005: 75): Der Großvater gibt die Anrede ano dem Kind […] im Diminutiv zurück. Er kann auch Drittpersonen gegenüber von seinem Ähnlein sprechen. Schließlich wird, was sich in der Anredesituation herausgebildet hat, von den übrigen Familienmitgliedern als Appellativ übernommen und rückt ins Bezeichnungsgefüge ein. Ähnliches findet sich in Dialekten, z. B. im Sächsischen, wo die Nichte Mühmel, eig. „Tantchen“, genannt wird. Auch hier muss ein Anredetausch stattgefunden haben (s. auch Erben 1985b, u. a. zur „gleiche[n] Anrede Ömel zwischen Oheim und Neffen“ im späten Mittelalter). Vergleicht man noch einmal Abb. 45 und Abb. 46, so fragt man sich, ob das Ahd. wirklich kein Wort für die heutigen Kusinen/ Cousins sowie für die heutigen Nichten/ Neffen hatte. Natürlich gab es hierfür (dialektal variierende) Bezeichnungsmöglichkei‐ ten, meist über Komposita, z. B. mittelfränkisch wasensun ‘Basensohn’ für den Cousin (= Sohn der Schwester des Vaters), muamunsun (= Sohn der Schwester der Mutter) oder über Wortbildung wie Diminution, z. B. Bäslein (= Tochter der Base; Base als ‘Tante’ i.S.v. Vaterschwester) oder Vetterlein (= Sohn des Vaterbruders). Im konservierten Pfälzischen von Russlanddeutschen bezeichnet man den Cousin als Halbbruder. Auf das Kompositionsprinzip setzt auch das Schwedische: mormor „Muttermutter“ für die Großmutter mütterlicherseits, farmor „Vatermutter“, morfar, farfar, aber auch morbror 5.5 Zweite Fallstudie: Die Verwandtschaftsbezeichnungen 187 <?page no="188"?> „Mutterbruder“ für den Onkel mütterlicherseits usw. Hier liegt ein vom Französischen unbeeinflusstes System vor, das noch die alten Linien unterscheidet. Nur schwed. kusin wurde aus dem Französischen entlehnt und bezeichnet geschlechtsneutral sowohl die Kusine als auch den Cousin. Heute hat man im Dt. oft das Bedürfnis, die Großeltern nach der Linie zu unterschei‐ den, doch regelt dies jede Familie individuell. Häufig wird Oma vs. Großmutter/ -mutti bzw. Opa vs. Großvater/ -papa linienspezifisch verwendet, manchmal wird dies über den Auslaut (Omi vs. Oma, Opi vs. Opa) markiert, über zusätzliche Wohnortsbezeichnungen (Freiburger Omi vs. Hamburger Omi) oder Rufnamen (Oma Gertrud vs. Oma Inge). 5.6 Dritte Fallstudie: Semantischer Wandel etabliert eine Tier/ Mensch-Grenze Das Verhältnis zwischen Mensch und Tier bzw. das Abgrenzungsbedürfnis von erste‐ rem zu letzterem ist einem langen historischen Wandel unterworfen, in dem sich der Mensch umso mehr vom Tier abgrenzt, als er (nach Darwins Erkenntnissen) die enge Verwandtschaft zu ihm anerkennen muss. Auch dass er das Tier zunehmend ausbeutet und zum Fleischbzw. Milchlieferanten objektifiziert, bedarf der Distanzierung (so zählt man Vieh und Geflügel in Stück, s. Nübling 2022: 60). Besonders vom sog. Nutztier distanziert sich der Mensch: Teilte er früher mit ihm den Alltag und sogar das Dach, entfernt er sich räumlich wie sprachlich immer mehr, etwa indem Ställe ausgelagert und Schlachthöfe gebaut werden, die seit dem 19. Jh. immer mehr aus dem menschlichen Siedlungs- und Sichtbereich geschafft werden (der Name (Alter) Schlachthof steht heute meist für eine Kultureinrichtung im Zentrum einer Stadt). Selbst Tiertransporte sind heute weitgehend unsichtbar, und in den Metzgereien erinnert kaum noch etwas an den Körperteil, dem das Fleisch entstammt - ebenso sprachlich, indem offensichtliche Entsprechungen beim Tier anders bezeichnet werden, vgl. Keule (statt Bein), Schlegel, Lende, Schinken, Schnitzel etc. Das Englische trennt sogar lexikalisch das lebende Tier vom getöteten: sheep vs. mutton ‚Schaf ‘, calf vs. veal ‚Kalb‘, pig vs. pork ‚Schwein‘ etc. (Heuberger 2015: 128). Diachron hat das Lexem Tier eine extreme Bedeutungserweiterung erfahren (Späth 2022). Während sein englisches Korrelat deer noch heute ‚Reh, Rotwild‘ bedeutet, hat es sich im Deutschen zum Obergriff für alles entwickelt, was sich zwischen Affe Assel und Amöbe, zwischen Qualle, Kakadu und Känguru befindet. Dies bedeutet eine riesige Homogenisierung der „anderen Seite“ (Alterisierung) und die Herstellung einer Dichotomie zwischen Mensch und Tier. Sprachlich distanziert sich damit der Mensch vom Tier, wobei Mensch und Affe sich weitaus ähnlicher sind als Affe und Assel. „Die Sprache“ (als historisch kollektiv entstandene und sedimentierte Ordnungsleistung) verdeckt das. Im Mhd. bezeichnet tier noch ein „vierbeiniges Raubbzw. Säugetier, etwa Reh, Wolf oder Hase“ (Späth 2022: 80), daneben unterschied man Vieh (domestiziert), Vögel, Fische, Kriechtiere bzw. Würmer. 188 5 Semantischer Wandel <?page no="189"?> Heutige Wörterbuchdefinitionen von Mensch verschweigen die Verwandtschaft zum Tier, die Grenze ist abgedichtet. Während Adelung (1793-1801) den Menschen noch als „ein mit einer vernünftigen Seele begabtes Thier“ definiert, attestiert ihm das Online-Dudenwörterbuch den folgenden Superlativ: „mit der Fähigkeit zu logischem Denken und zur Sprache, zur sittlichen Entscheidung und Erkenntnis von Gut und Böse ausgestattetes höchstentwickeltes Lebewesen“. Nach und nach werden genau diejenigen Bezeichnungen, die gemeinsamen Le‐ bensvollzügen menschlicher wie nicht-menschlicher Tiere (so die Sprechweise in den Human-Animal-Studies) gelten, segregiert. Dies wird über semantischen Wandel vollzogen. So fressen Tiere heute, während Menschen essen, Tiere saufen, werfen, säugen, sind trächtig etc., Menschen trinken, gebären, stillen und sind schwanger (Griebel 2020, Nübling 2022). Dies war im Ahd. noch anders und kann hier nur am Lexempaar essen vs. fressen gezeigt werden: fressen geht auf die perfektivierende Wortbildung ver-essen ‚auf-, zuendeessen‘ zurück und bezog sich, ebenso wie essen, anfänglich auf Menschen und Tiere gleichermaßen. Später kontrahierte veressen zu fressen. Die perfektive Semantik des (schnellen) Aufessens bzw. Verschlingens prädestinierte das Verb für die tierliche Nahrungsaufnahme. Griebel (2020) dokumentiert die sukzessive Verbindung von fressen mit tierlichen (s. Abb. 47) und von essen mit menschlichen Subjekten. Um 1800 sind diese Subjekte zu über 90 % fixiert. Abb. 47 zeigt nur die zunehmende Verbindung von fressen mit Tieren als Subjekt. Im Mhd. haben Tiere noch zu mehrheitlich gegessen. Tier + essen Tier + fressen 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100% Mhd. 1700 1800 1900 2000 Abb. 47: Die diachrone Spezialisierung von fressen auf Tiere Heute beleidigt man Menschen mit fressen und humanisiert man Haustiere, wenn sie essen. Dass und wie diese beiden Verben sukzessive die Mensch/ Tier-Grenze profilieren, zeigt Griebel an interessanten Abstufungen, denn zwischenzeitlich werden essende Menschen, Vögel und Nutztiere von fressenden Wildtieren abgegrenzt, vgl. folgendes Zitat von 1300: „Ein vogel den andern izzet / Ein tier das ander frizzet“ (Hugo von Trimberg, Der Renner). Zu weiteren Segregierungen s. Griebel (2017, 2019, 5.6 Dritte Fallstudie: Semantischer Wandel etabliert eine Tier/ Mensch-Grenze 189 <?page no="190"?> 2020). Auch dieser Komplex macht die enge Verschränkung von semantischem und lexikalischem Wandel deutlich sowie zwischen sprachlichem und soziokulturellem Wandel, bei dessen Erklärung nur der kulturanalytische Ansatz greift. Das Semantik-Kapitel abschließend sei noch ein Wort zur Etymologie gesagt: Manche vermissen in dieser Einführung vielleicht ein entsprechendes Kapitel, und tatsächlich handelt es sich bei der Etymologie um eine faszinierende historische Forschungsdiszip‐ lin, die gerade in diesem Kapitel immer wieder gestreift wurde. Die Etymologie befasst sich mit dem „Ursprung“, d. h. der Herkunft und der formalen und semantischen Ent‐ wicklung einzelner Wörter. Normalerweise geht man diachron möglichst weit zurück, oft ins Ie., und stellt dabei Verwandtschaftsbeziehungen zwischen Wörtern innerhalb einer oder mehrerer ie. Sprachen her. Genaugenommen bildet die Etymologie die Verbindung von historischer Phonologie und Semantik, ergänzt von der historischen Wortbildung. Da diese Ebenen hier alle repräsentiert sind, bedurfte es u. E. keines eigenen Etymologiekapitels. Die wichtigsten etymologischen Wörterbücher zum Dt. sind Kluge ( 25 2011), Pfeifer ( 6 2003) und Duden-Etymologie ( 3 2001). Zum Weiterlesen Standardlektüre für die Einführung in die historische Semantik ist Fritz (2005) und ( 2 2006) mit zahlreichen Beispielen, so dass nie ohne Grundlage theoretisiert wird. Auch zur Wissenschaftsgeschichte erfährt man einiges. Vom adjektivischen Bedeutungswandel handeln Keller/ Kirschbaum (2003), vom verbalen Bechmann (2013). Zu diskurslinguistischen Ansätzen s. Linke (1991, 2003), Busse (2003) und den Band von Dutt (2003). Zur sprachlichen Tier/ Mensch-Grenze haben Heuberger (2015), Griebel (2017, 2019, 2020), Nübling (2022) und Späth (2022) geforscht. 190 5 Semantischer Wandel <?page no="191"?> 6 Lexikalischer Wandel Im sprachlichen „Zwiebelmodell“ bildet der Wortschatz (die Lexik) eine der äußersten Schichten. Damit wird zum Ausdruck gebracht, dass die Lexik sich relativ leicht wandelt. Sie unterliegt kulturhistorischen, sozialpolitischen, auch ökonomischen Ver‐ änderungen, selbst Moden. Wir akzeptieren also relativ schnell einen neuen Ausdruck, während eine grammatische Innovation (wie der i-Umlaut, die schwache Verbflexion oder der Ausbau der Klammerbildung) Jahrhunderte braucht, um sich durchzusetzen. Dabei übernehmen wir aus anderen Sprachen zwar ohne Weiteres neue Bezeich‐ nungen, aber recht selten grammatische Strukturen. So hat das Dt. massenweise Substantive aus dem Lateinischen entlehnt (Mauer, Tisch, Ziegel), bei manchen sogar mit den lateinischen Pluralformen (Tempus - Tempora). Dennoch hat dies nicht zur Herausbildung einer neuen, produktiven Pluralendung geführt. Umgekehrt kann auch ein Wort relativ schnell in Vergessenheit geraten, z. B. ahd. korunga ‘Versuchung’. Dieses Wort kommt noch im ahd. Vaterunser vor, das zusammen mit dem ältesten dt. Buch, dem sog. Abrogans (ca. 790 n.C.), überliefert ist. Eine größere Fluktuation als in der Lexik (appellativer Wortschatz) gibt es nur noch bei den Namen (Munske 2005b: 1394), etwa die immer wieder neu entstehenden Institutions- und Produktnamen wie comdirect bank AG oder Wüstenrot AG; Labello, Blend-a-med oder Maoam oder die den Moden unterliegenden Rufnamen, z. B. Leonie, Hannah, Lukas oder Leon (s. Brendler/ Brendler 2004). Während im vorangehenden Kapitel semantischer Wandel beschrieben wurde (se‐ masiologische Perspektive), wird das Augenmerk hier auf das gesamte Wort gerichtet (Bezeichnungswandel). Nach dem Zeichenmodell von Ferdinand de Saussure hat jedes Wort als sprachliches Zeichen zwei Seiten: Abb. 48: Das binäre Sprachzeichenmodell von de Saussure Die erste ist die sog. Ausdrucksseite oder Bezeichnung (A). In der gesprochenen Sprache ist dies die Lautkette. Wenn wir eine uns unbekannte Sprache hören, ist es auch die einzige Seite des sprachlichen Zeichens, die uns zugänglich ist: Wir können etwas hören, aber nicht verstehen. Der Inhalt stellt die andere Seite des sprachlichen Zeichens dar (die sog. Inhaltsseite oder Bedeutung = I). Um uns in einer Sprache verständigen zu können, ist es unabdingbar, dass wir der Bezeichnung eine Bedeutung zuordnen <?page no="192"?> können und umgekehrt. Wenn eine Sprache verschriftlicht wird, dann existiert auch eine visuelle Ausdrucksform der Bezeichnung, ein Schriftbild wie 〈Pferd〉. Ein Blick in einen ahd. Text genügt, um festzustellen, dass Wörter ihre Ausdrucks‐ seite verändert haben. Ihr Wandel beschränkt sich jedoch nicht nur auf lautliche Ver‐ änderungen wie ahd. himil > nhd. Himmel oder mhd. saf > nhd. Saft. In der Geschichte der dt. Sprache sind viele, z.T. ganz elementare Wörter wie ahd. quedan ‘sprechen’, beran ‘tragen’ oder mhd. lütze ‘klein’ ausgestorben. Umgekehrt sind viele neue hinzu‐ gekommen, z. B. Pferd, Mauer oder Welt. Natürlich besteht auch die Möglichkeit, einen neuen Inhalt mit einer Wortbildung (Derivation oder Komposition) zu bezeichnen (hierzu s. Kap. 3.2; s. auch Barz 2005). Dies ist die wichtigste Quelle für die Wort‐ schatzerweiterung (Taneva 1999). Einen Einblick in aktuelle Neubildungen, darunter Onlinesicherheit oder Supererde, bietet die Internetseite „Wortwarte“ (wortwarte.org). Wie bereits erwähnt, kommt es neben dem Zuwachs auch zum Schwund von Wör‐ tern. Dieser ist weit weniger erforscht. Eine naheliegende Erklärung für den Schwund bestimmter Wörter wäre mangelnde Verankerung im Wortschatz. Damit ist gemeint, dass bestimmte Wörter nur sehr kleine Wortfamilien bilden, d. h. Wortgruppen mit einem gemeinsamen Stamm, z. B. Himmel, himmlisch, jdn. anhimmeln, Himmelsrich‐ tung usw. Splett (2005) untersucht mehrere ahd. Wörter, die ausgestorben sind. Er stellt zwar fest, dass viele der Wörter im Ahd. tatsächlich sehr kleine Wortfamilien bildeten, z. B. ahd. lēo ‘Grabhügel’ oder liohsan ‘hell’, mit jeweils nur zwei Wortfamilienmitgliedern. Allerdings hatte luzzi ‘klein’ 19 Mitglieder und quedan ‘sprechen’ sogar 48 (s. auch Splett 1993). Dennoch wurden sie von klein und sprechen/ sagen verdrängt. Wortschwund ist auch auf sich verändernde Lebensumstände zurückzufüh‐ ren. So kann ein Wort aussterben, wenn der Inhalt nicht mehr gebraucht wird, z. B. Schecke ‘Leibrock’ oder Heuke ‘Mantel mit Kragen’. Vom sozialen und kulturellen Wandel sind oft ganze Wortschatzbereiche betroffen. So ist der im 16. Jh. reich ausge‐ baute Wortschatz der alchemistischen Praxis, darunter sehr viele Fremdwörter, heute ungebräuchlich. Ähnliches gilt für den mit der Verfolgung von Hexen und Zauberern verbundenen Wortschatz. Die ausdifferenzierten Hexenbezeichnungen, darunter Ga‐ bel-Reitterin, Milch-Diebin, Galsterweib oder Drutte, sind heute nicht mehr bekannt (s. Gloning 2003). Des Weiteren wird lexikalischer Wandel dadurch initiiert, dass neben einem existierenden Wort ein Konkurrent entsteht, der seine Bedeutung übernimmt. Dieser ist nicht selten aus einer anderen Sprache entlehnt. Mit einem solchen Fall haben wir zu tun, wenn das ahd. Wort für ‘Pferd’, hros (vgl. engl. horse), allmählich durch das im Ahd. entlehnte lat. Wort paraveredus > ahd. pfarifrit > mhd. pfärvrit > pfert ersetzt wird. Das ursprüngliche Wort (nhd. Ross) ist zwar nicht ausgestorben, seine Semantik ist jedoch deutlich verengt, so dass es nur noch ein edles (Reit-)Pferd bezeichnet und daher viel seltener benutzt wird. Ahd. lāhhināri ‘Arzt’ wurde hingegen durch lat. arzat vollkommen verdrängt. Heutzutage gibt es die Form Lachner nur noch als Familienname. Nicht selten konservieren unsere heutigen Familiennamen ausgestorbene Wörter. Viele (wie Lachner) gehen auf einstige Berufsbezeichnungen zurück (hierzu eingehend Kunze 5 2004). Unabhängig davon, ob das konkurrierende 192 6 Lexikalischer Wandel <?page no="193"?> Wort entlehnt ist oder nicht, wird Wortschwund oft auch durch technische Innovation ausgelöst. Dies könnte auch der Grund dafür sein, dass eine große Anzahl germ. Wörter für ‘Kampf ’ wie ahd. wīg, hadu oder hiltia durch die lat. Entlehnung campus > ahd. kampf ersetzt wurde. Auch der Drang der Sprecher zu Originalität und Expressivität kann zur Entwicklung von Konkurrenzen und zur Verdrängung des ursprünglichen Wortes führen (s. Koch/ Oesterreicher 1996). So hat das expressivere Wort Kopf, das im Ahd. noch ‘Becher, Schale’ (vgl. engl. cup) bedeutete, das Wort Haupt (ahd. houbit ‘Kopf ’) verdrängt (s. Augst 1970, Fritz 2005: 150 f.). Das von lat. cuppa ‘Becher’ stammende kopf wurde im Mhd. zuerst in bildhaften Schlachtschilderungen benutzt, um die Folgen eines wuchtigen Schwertschlags auf den (harten, doch zerbrechlichen) Schädel zu beschreiben. Noch in Luthers Bibelübersetzung wird kopff viel seltener als heubt und v. a. in Verbindung mit Verben wie abhauen oder zertreten expressiv zur Bezeichnung des Kopfes verwendet. Mit der Abnahme an Expressivität vollzog sich der Bedeutungswandel von Kopf als ‘Becher, Schale’ > ‘Kopf ’, wohingegen Haupt heute als gehoben markiert ist und v. a. in Verbindung mit solchen Verben wie neigen, senken, erheben und Adjektiven/ Partizipien wie weise, erhoben, entblößt auftritt. Im Bezug auf den Kopf verwenden wir wieder neue expressive Ausdrücke wie Rübe, Birne oder Deckel (s. Bock u. a. 2012 und Kap. 5). Zu ähnlichen Ursachen des Wortschwundes gelangt Osman ( 11 1999), der den Un‐ tergang von Wörtern seit dem Ende des 18. Jhs. dokumentiert. Als Grundlage dient ihm das 1811 erschienene vierbändige „Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart“ von Johann Christoph Adelung. Dennoch ist der Bestand an nativen Simplizia im Vergleich zu Fremdwörtern relativ konstant geblieben (s. Munske 1990, 1992; Splett 1985a). Nach Munske (2005b) umfasst der Wortschatzwandel drei Hauptaspekte: 1. quantitativen Lexemwandel (Vermehrung und Verminderung des Wortschatzbestandes), 2. Wortbildungswandel (Entstehung, Wandel und Schwund von Wortbildungsmodellen; s. dazu Kap. 3.2) und 3. Bedeutungswandel (Entstehung, Wandel und Schwund von Bedeutungsaspekten; s. dazu Kap. 5). Da die Punkte 2) und 3) in Kap. 3.2 und 5 behandelt werden, konzentrieren wir uns im Folgenden nur auf drei Aspekte des quantitativen Lexemwandels. In Kap. 6.1 wenden wir uns der Erweiterung des Wortschatzes durch Entlehnung zu. Hier wird die Lexik von außen beeinflusst. In Kap. 6.2 wird gezeigt, dass neue Wörter auch durch die Lexikalisierung von Wortbildungen entstehen können. So hat sich das eingliedrige Wort (Simplex) Welt aus dem ahd. Kompositum weralt (wer ‘Mann’ + alt ‘Alter’) ent‐ wickelt. Am Beispiel der Entwicklung von Fachsprachen und der Ausdifferenzierung von Eigennamen wird in Kap. 6.3 der Wandel großer Wortschatzsektoren beleuchtet. 6 Lexikalischer Wandel 193 <?page no="194"?> 6.1 Auf gut Deutsch - Entlehnungen ins Deutsche Das Deutsche wurde schon immer durch Entlehnungen bereichert (s. u. a. Schirmer 3 1949, Maurer/ Stroh 2 1959, Cruse u. a. 2005, Wells 2005, Eisenberg 2011). Im Folgenden wird die Chronologie der wichtigsten Entlehnungsquellen dargestellt. In vorahd. und ahd. Zeit waren es die Kelten, Slawen und dann die Römer, die in Nachbarschaft zu den Germanen lebten. Der Sprachkontakt, der mit kulturellem Austausch verbunden war, brachte die ersten Entlehnungen ins Dt. (keltisch > nhd. reich, slaw. > nhd. Grenze - vgl. poln. granica). Die meisten Entlehnungen aus der Zeit vom 1. bis 5. Jh. kamen jedoch aus dem Lateinischen. Sie umfassten folgende Lebensbereiche: militärische Organisation: Pfeil, Kampf, Straße Verwaltung und Rechtsprechung: Kaiser, Pacht, Pfand Handel: kaufen, Markt, Münze, Pfund, Sack Weinanbau: Wein, Kelch, Becher, Winzer, Kelter, Essig Obst und Gemüse: Kohl, Rettich, Senf, Minze, Fenchel, Frucht, Pflanze, Kürbis Steinbau: Ziegel, Mauer, Kalk, Estrich, Pforte, Keller, Fenster, Kammer Kochkunst: Küche, Kessel, Pfanne, Schüssel, Tisch, Semmel Haushalt, Kleidung: Fackel, Spiegel, Socke, Sohle, Pfeife, Arzt, Fieber, Pflaster Da diese Wörter schon im Ahd. entlehnt wurden und seither demselben Lautwandel wie die Erbwörter unterlagen, sind sie von diesen nicht zu unterscheiden. So ist Kampf aus lat. campus noch vor der 2. LV entlehnt worden, da p zu pf verschoben wurden. Spätere Entlehnungen, die erst nach der 2. LV Eingang ins Dt. fanden, enthalten unverschobene Laute, z. B. p (nicht pf) wie in Papst (< lat. papa). Dabei handelt es sich meist um Entlehnungen aus dem religiösen Bereich (Altar, Messe, Kapelle, Kloster, Nonne, Pilger) sowie der dadurch beeinflussten Kultur (schreiben, Tinte, Brief) und aus dem Bereich gesellschaftlicher Organisation (Vogt, Kanzler, Bezirk). Dabei wurden auch einige Latinismen griechischer Herkunft übernommen (Kirche, Bischof). Hierbei spielte das Lateinische die Rolle einer Mittlersprache. Seltener wurden Gräzismen durch das Gotische ins Ahd. vermittelt (Engel, Teufel). Im Mhd. wurde das Lateinische als sog. Gebersprache durch das Französische abgelöst. Diese Welle von Gallizismen, bei der das Niederländische oft als Mittlerspra‐ che diente, ist mit den Neuerungen der höfischen Kultur verbunden. So wurden neue Wörter aus dem Bereich der Gesellschaft (Rittertum) und Literatur ins Dt. übernommen, darunter Turnier, Plan, Panzer, Lanze, Tanz, Manier, Preis, Abenteuer. Im Spätmhd. beginnt die Ära des Bürgertums, das durch Gewerbe und Handel immer mächtiger wurde. Der Wortschatz wurde dabei durch viele italienische (Bank, Kasse, brutto, Konto) und, bedingt durch die Hanse, ndt. Ausdrücke (Makler, Stapel, Fracht) bereichert. In der Zeit des Humanismus und der Renaissance kamen viele Latinismen und Gräzismen hinzu, während im Barock erneut Italianismen wie Sonate, Adagio, Allegro, Konzert und Oper entlehnt wurden. Eine neue Welle französischer Entlehnungen 194 6 Lexikalischer Wandel <?page no="195"?> beschert die sog. Alamodezeit (hauptsächlich 17. Jh.), darunter Galerie, Terrasse, Mode, Frisur, Serviette, Marmelade, Toilette, Torte. Seit dem 18. Jh. werden immer mehr Anglizismen aufgenommen, zuerst aus dem parlamentarischen Bereich, etwa Parlament, Debatte, Kommission. Im 19. Jh. folgten Sportausdrücke (Sport, boxen, Trainer, fair, Spurt), Wörter aus dem Bereich des Handels (Scheck, Partner, Konzern, Export), der Mode (Smoking, Schal) und des Gesellschaftsle‐ bens (Flirt, Komfort). Heutzutage kommen täglich neue Anglizismen hinzu (checken, Fake, mailen, scannen). Neue Speisen haben uns besonders viele Fremdwörter aus zahlreichen Sprachen beschert: Sushi, Pasta, Paella, Borschtsch, Gulasch, Kebab. Schließ‐ lich bereichern auch Dialektismen (bekloppt, Vesper, Brotzeit) und Fachausdrücke (Verdrängung, Unterbewusstsein, Saurer Regen, Treibhauseffekt) unseren Wortschatz. Die Rolle des Lateinischen als Gebersprache ist kaum zu überschätzen. So zeigt die Statistik zu direkten Entlehnungen ins Dt., dass das Lateinische bis ins 19. Jh. die wichtigste Gebersprache geblieben ist (s. Kirkness 1991, Eisenberg 2011). 6.1.1 Tisch vs. Computer - Lehnwort oder Fremdwort? Vergleichen wir die ältesten Entlehnungen wie Mauer, Tisch oder schreiben mit neuen wie Software, Peeling, Computer, Cappuccino oder scannen. Die fremde Herkunft der Latinismen ist nicht mehr zu erkennen. Mauer unterscheidet sich lautlich nicht von einem Erbwort wie Trauer, Tisch nicht von Fisch und schreiben nicht von bleiben. Sie alle weisen keinerlei phonologische Besonderheiten auf. Gleiches gilt auch für ihre Morphologie. Sie flektieren wie Erbwörter: Tische, Mauern, (ich) schreibe, schrieb, habe geschrieben. Sie können auch umfangreiche Wortfamilien bilden: auftischen, Tischler, tischlern, tischfertig, Tischtuch, Tischbein; Maurer(in), Maurereibetrieb, mauern, zumauern, untermauern; verschreiben, aufschreiben, Schrift, schriftlich. Auch semantisch sind sie unauffällig, weil sie Alltagsgegenstände bzw. -tätigkeiten bezeichnen. Ihr Schriftbild verrät ebenfalls nichts. Diese Wörter sind vollständig ins Dt. integriert, dem dt. Wortschatz also gänzlich angepasst (assimiliert). Man bezeichnet solche Wörter als Lehnwörter. Hiervon werden die sog. Fremdwörter unterschieden, die fremdsprachliche Merk‐ male ins Dt. übertragen (transferieren): Software, Peeling, Computer, scannen, Cap‐ puccino, Konto, Pizza. Schon ihr Schriftbild verrät, dass es sich dabei nicht um Erbwörter handelt. So wird der Laut [ iː ] im Erbwortschatz nicht mit 〈ee〉 bezeichnet. Die Wörter enthalten auch Lautkombinationen wie [ pjuː ] in Computer oder Laute wie [ w ] in Software, die es im Dt. nicht gibt. Was die Morphologie angeht, so haben sie häufig den fremden s-Plural. Auch ihre Fähigkeit, Wortfamilien zu bilden, ist eher beschränkt und betrifft vorrangig die Bildung von Komposita: scannen, einscannen, Scanner; Cappucci‐ nomaschine, Cappuccinotasse (zu fremden Wortfamilien s. Augst 2005). Fremdwörter bezeichnen häufig neue Inhalte, die erst seit kurzem Eingang in das Alltagsleben gefunden haben, und sind nicht (oder nur ansatzweise) assimiliert. 6.1 Auf gut Deutsch - Entlehnungen ins Deutsche 195 <?page no="196"?> Der dt. Wortschatz besteht damit aus dem Basissystem der Erbwörter. Die Lehnwör‐ ter, die sich dem Erbwortschatz weitgehend angepasst haben, bilden eine direkt daran angrenzende Schicht. Fremdwörter dagegen befinden sich mit ihren phonologischen, morphologischen und/ oder graphematischen Fremdheitsmerkmalen in der Periphe‐ rie (nach Munske 1983: 567). Abb. 49: Struktur des deutschen Wortschatzes Der Grad der Assimilation hängt durchaus mit dem Alter der Entlehnungen zusammen, d. h. Lehnwörter sind generell älter als Fremdwörter. Da die Assimilationen auf mehreren sprachlichen Ebenen stattfinden, dauert es länger, bis sich eine Entlehnung vollständig in den dt. Wortschatz integriert hat, also in Richtung des lexikalischen Zen‐ trums verschoben hat. Nehmen wir noch einmal das Lehnwort Mauer, das aus lat. mūrus stammt. Dieses Wort wurde im Ahd. entlehnt (ahd. mūra). Da die aus Stein erbaute Wand eine wichtige kulturelle Neuerung war, wurde dieses Wort schnell zum festen Bestandteil des Ahd. Seitdem erfährt es dieselben phonologischen Entwicklungen wie jedes dt. Erbwort: Im Mhd. wurde der unbetonte Vokal zu e abgeschwächt (mûre). Im Fnhd. folgte die Apokope zu mûr. Danach wurde das Wort durch Vokalepenthese zweisilbig (trochäisch). Außerdem wurde der Langvokal û zu au diphthongiert: mhd. mûr > fnhd. mûer > Mauer. Eine ähnliche Entwicklung durchliefen die Erbwörter Dauer, Trauer, Lauer, sauer oder Bauer. Im Ahd. wurde mūra auch flexionsmorphologisch integriert: Es ist feminin und flektiert wie Trauer. Im Mhd. wurde zu mûre das Verb mûren ‘mauern’ gebildet. Jede weitere Ableitung oder Komposition erweitert die Wortfamilie und trägt zur lexikalischen Integration des Wortes bei. Das Wort ist auch graphematisch voll integriert und wird wie jedes Substantiv großgeschrieben. Doch das Alter einer Entlehnung allein ist noch kein Garant für seine vollständige Integration. So zeigt jüngeres Keks - Kekse (< engl. cake, Pl. cakes) einen höheren Integrationsgrad als älteres Tempus - Tempora. Viele Sprecher möchten v. a. in der Anfangsphase die fremdsprachlichen Merkmale konservieren, um ihre Sprachkennt‐ nisse unter Beweis zu stellen. Gerade im Bildungswortschatz wird Fremdheit gern konserviert. Dies können morphologische Besonderheiten sein wie die Plurale Tem‐ pora, Korpora, Schemata, Visa und Atlanten oder orthographische wie 〈Chocolade〉 und 〈Liqueur〉 in der Werbung. 196 6 Lexikalischer Wandel <?page no="197"?> 6.1.2 Das Deutsche - eine Mischsprache Das Deutsche gehört zu den entlehnungsfreudigen Sprachen. So zählt das erste Fremdwörterbuch mit dem Titel „Ein teutscher Dictionarius“ von Simon Roth (1571) bereits 2000 meist lateinische Fremdwörter. Dem kann das Isländische mit seinem sog. Purismus (Fremdwortfeindlichkeit) gegenübergestellt werden. Hier werden die meisten Fremdwörter durch sog. Lehnprägungen ersetzt. Dies bedeutet, dass der neue Inhalt nicht mit dem dazugehörigen fremdsprachlichen Ausdruck übernommen wird, sondern dass dafür heimisches (natives) Sprachmaterial verwendet wird, z. B. isl. sími ‘Draht’ → sími ‘Telefon’, kvikmyndahús „Lebendige-Bilder-Haus“ = ‘Kino’, sjónvarp „Sichtwurf “ = ‘Fernseher’. Lehnprägungen gibt es auch im Dt., z. B. Hochschule für Universität, Fernseher für Television, Fernsprecher für Telefon, Rundfunk für Radio (s. Kap. 6.1.3). Seit dem 17. Jh. entstehen in Deutschland Sprachgesellschaften, die bemüht sind, „überflüssige“ Fremdwörter auf diese Weise einzudeutschen. Einer der bekanntesten Verdeutscher war Joachim Heinrich Campe. Einige seiner Vorschläge, die er im „Wörterbuch zur Erklärung und Verdeutschung der unserer Sprache aufgedrungenen fremden Ausdrücke“ 1801 und 1813 veröffentlicht hat, haben sich sogar eingebürgert: Festland für Kontinent, Lehrgang für Kursus. Andere wie Urgemenge für Chaos oder Menschenschlächter für Soldat haben wiederum keine Resonanz gefunden (Daniels 1979, v. Polenz 1979, v. Polenz 1967, Kirkness 1984). Auch heute mangelt es nicht an sprachpuristischen Gesellschaften. Eine der bekanntesten ist der Verein Deutsche Sprache. Auf seiner Homepage wendet er sich gegen die „Vermanschung des Deutschen mit dem Englischen“. In seinem Anglizismen-Index bietet er Eindeutschungsvorschläge wie Anfangbildschirm für Homescreen oder Abtaster bzw. Einleser für Scanner. Trotz solcher sprachpuristischer Bestrebungen ist die dt. Entlehnungsfreudigkeit nicht aufzuhalten. Wie in der Vergangenheit lateinische und französische, so importieren wir heute englische Wörter. Viele haben dabei nur eine kurze Verweildauer. 6.1.2.1 Phonologische Transferenz vs. Integration Die Bemühungen der Sprecher, die originale Lautung so gut wie möglich nachzuahmen, führen zur Erweiterung des Phonemsystems um einige Fremdphoneme. So werden mit den Gallizismen Nasalvokale wie [ - ] in Restaurant oder [ ɛ ̃ ] in Cousin sowie der stimmhafte Frikativ [ ʒ ] in Garage oder Journalist transferiert. Aus dem Englischen wird der Diphthong [ɛ ͜ ɪ] in Make-up, Baseball, die Affrikate [d ͜ ʒ] in Jazz, Job, joggen oder der Frikativ [ θ ] in Think Tank, Thriller entlehnt. Lehnphoneme sind jedoch nicht so stabil wie einheimische Phoneme, weshalb sie häufig ersetzt werden (Substitution). So kann in Gallizismen der Nasalvokal [ - ] durch die Kombination Vokal + Nasalkonsonant substituiert werden, z. B. Restaur[ aŋ ], Cousin [ kʊˈzɛŋ ]. Englisches [d ͜ ʒ] wird durch [ t ͜ ʃ] wie in jobben [ ˈt ͜ ʃ ɔḅən ] ersetzt. Durch Entlehnungen können auch neue Lautkombina‐ tionen eingeführt werden: Phonotaktische Transferenzen haben wir u. a. in Computer [ pjuː ], Skat [ sk ], Style [ st ] (im Anlaut) oder Chaos [ aː.o ]. Einen erheblichen Eingriff 6.1 Auf gut Deutsch - Entlehnungen ins Deutsche 197 <?page no="198"?> in das phonologische System bedeuten Fremdwörter mit unbetonten Vollvokalen wie Universität, Cappuccino oder Konto. Sie transferieren silbensprachliche Strukturen, z. B. Cappuccino [ ˌkapʊˈt ͜ ʃ iː.no ] (s. Kap. 1). Im Gegensatz zu Erbwörtern ist ihre phonologi‐ sche Wortstruktur nicht so deutlich hervorgehoben. Daher werden solche Fremdwörter sukzessive phonologisch-typologisch integriert. Die unbetonten Vollvokale werden ungespannt ausgesprochen, also p[ o ]litisch > p[ ɔ ]litisch, oder sogar zentralisiert, z. B. Asp[ i ]rin > Asp[ ə ]rin (s. Vennemann 1990, Becker 1996). In der Umgangssprache wird oft auch die Akzentposition verändert, um das trochäische Betonungsmuster zu erreichen, z. B. Motór > Mótor. Auch die sog. Volksetymologie als sekundäre Motivation führt zur Optimierung der prosodischen Struktur: Abenteuer (< frz. aventure) hat dieselbe Struktur wie jedes einheimische Kompositum, z. B. Freudenfeuer. 6.1.2.2 Graphematische Transferenz vs. Integration Bei der Übernahme von Fremdwörtern werden oft ihre graphematischen Eigenschaf‐ ten transferiert. Dies betrifft nicht nur die heutigen Anglizismen (zoomen, Compu‐ ter), sondern auch die schon vor Jahrhunderten entlehnten Latinismen, Gräzismen, Gallizismen und Italianismen. Aufgrund ihrer großen Anzahl hat sich im Dt. ein komplexes graphematisches Teilsystem herausgebildet, das sich deutlich von dem der Erbwörter unterscheidet. So können wir an der Kombination rh erkennen, dass es sich um ein Fremdwort, meist griechischer Herkunft, handelt (Rheuma, Rhetorik, Rhesus). Im Fnhd. wurden Fremdwörter sogar noch deutlicher, nämlich durch eine andere Schriftart, hervorgehoben (wie in der „Ausführlichen Arbeit von der Teutschen HaubtSprache“ von J. G. Schottelius von 1663): Native (dt.) Wörter werden in Fraktur, lateinische in Antiqua gesetzt (Munske 2001). Im 16. Jh. werden Fremdwörter durch Großschreibung exponiert (Bergmann 1999; Kap. 9.2). Da sich der Fremdwortschatz aus mehreren Sprachen speist, enthält das graphematische Teilsystem besonders komplexe Graphem-Phonem-Korrespondenzen (hierzu Kap. 9). So bezeichnet das Fremdgraphem 〈c〉 je nach Herkunft des Fremdwortes gleich vier Laute: [ k ] wie in Camping, [ t ͜ ʃ] wie in Cello, [ t ͜ s] wie in circa oder [ s ] wie in City: Abb. 50: Graphem-Phonem-Korrespondenz am Beispiel von 〈 c 〉 Fremde Substantive werden besonders schnell durch ihre Großschreibung integriert. Andere graphematische Fremdmerkmale werden dabei nur bei häufig gebrauchten Wörtern nach und nach abgebaut (graphematische Integration). So darf das Wort Telefon nach der neuen Rechtschreibung nur noch mit 〈f〉 geschrieben werden. Auch 198 6 Lexikalischer Wandel <?page no="199"?> können alle Gräzismen mit dem Element {phon} heute mit 〈f〉 geschrieben werden, also Phonologie neben Fonologie (aber Katastrophe). Übergangsweise können also mehrere Schreibvarianten auftreten, z. B. Photo - Foto, Cognac - Kognak, Cousine - Kusine. Die graphematische Integration scheint auch davon abzuhängen, ob das Fremdgra‐ phem bzw. die fremde Graphemkombination mit einem Fremdphonem korrespondiert. Ist das der Fall, dann hemmt dies die graphematische Integration. Dies ist der Grund dafür, weshalb die beiden französischen Verwandtschaftsbezeichnungen Cousine und Cousin unterschiedlich stark integriert sind. So wird Cousin, das den fremden Nasalvo‐ kal [ ɛ ̃ ] enthält, ausschließlich nach der französischen Orthographie geschrieben, auch was die beiden (im Dt. ja vorhandenen) Laute [ k ] und [ u ] betrifft. Dagegen spricht die graphische Varianz von Cousine/ Kusine für eine fortgeschrittenere Integration, da das Wort keine Fremdphone enthält. Eine ähnliche graphematische Integrationsbarriere wegen phonetischer Fremdmerkmale betrifft Champignon und Chance. 6.1.2.3 Morphologische Transferenz vs. Integration Wie bereits erwähnt, wird das Fremdwort Cappuccino im Dt. als Simplex analysiert. Es wird also nicht erkannt, dass -in im Italienischen ein Diminutivsuffix ist. Bei Ent‐ lehnungen wird die morphologische Struktur der Originalwörter meist „übersehen“. Je schlechter unsere Kenntnis der Quellsprache, desto häufiger werden morphologisch komplexe Wörter als Simplizia analysiert und als solche in den dt. Wortschatz inte‐ griert. Manchmal wird dabei sogar die Pluralform der Gebersprache als Grundform reanalysiert, wie das Beispiel Keks < engl. cakes (Pl.) gezeigt hat. Durch die Pluralisie‐ rung von Keks als Keks-e wird dieses Wort flexivisch integriert (s. Harnisch 2002). Bei Entlehnungen können jedoch auch fremde Morpheme transferiert werden wie bei Tempus ‘Sg.’ - Tempora ‘Pl.’, Atlas - Atlanten. Genaugenommen werden hier zwei Flexionsformen eines Wortes getrennt entlehnt. Solche vereinzelten Transferenzen haben keine Auswirkung auf das sprachliche System, da es nicht dazu kommt, dass die dt. Grammatik um ein lateinisches Pluralzeichen wie -ora erweitert würde. Bei Pizza, dessen Plural heute mehrheitlich Pizzen lautet, lässt sich diese morphologische Integration noch gut verfolgen: Während anfänglich diejenigen, die sich als Kenner der italienischen Sprache ausgeben wollten, auf dem ital. Plural Pizze (so wie heute Espressi) bestanden, hat sich anschließend der s-Plural Pizzas etabliert. Mittlerweile ist Pizza so geläufig, dass man das native Pluralmorphem -en benutzt, auch wenn dabei das -a von Pizza wegfällt: Pizzen. Ähnliches hat sich bei Thema, Konto etc. ereignet: Themata > Themas > Themen, Konti > Kontos > Konten (s. Eisenberg 2001, Wegener 2004). Im Gegensatz zu Flexionsmorphemen hat das Dt. durchaus Derivationsaffixe ent‐ lehnt, -ität in Solidar-ität, -ismus in Natural-ismus, -ist in Femin-ist, in-/ il-/ im-/ irin in-tolerant, il-legal, im-plausibel, ir-relevant (Volland 1986, Klosa 1996). Diese wurden nicht nur transferiert, sondern haben im Dt. eine eigene Produktivität entwickelt, so dass sie mit fremden Basen kombiniert werden können. Einen solchen Vorgang be‐ 6.1 Auf gut Deutsch - Entlehnungen ins Deutsche 199 <?page no="200"?> zeichnet man als Lehnwortbildung, z. B. rentabel + -ität > Rentabilität. Da Lehnwort‐ bildungen sich häufig formal nicht von Entlehnungen wie Solidarität unterscheiden, bedarf es einer detaillierten Untersuchung der Belege, um festzustellen, ob das jeweilige Wort als Ganzes entlehnt oder erst im Dt. gebildet wurde. Im 19. und 20. Jh. übersteigt die Anzahl der Lehnwortbildungen die der Entlehnungen. Im Fall von -ismus sind die Proportionen wie folgt: 32 % Lehnwörter und 68 % Lehnwortbildungen (Munske 1988: 64). Die Tatsache, dass diese Lehnaffixe produktiv geworden sind, bedeutet, dass es im Dt. Wortbildungsmuster gibt, mit denen man neue Lehnwörter konstruieren kann (Basis+-ität, Basis+-ismus, in-/ il-/ im-/ ir-+Basis usw.). U. a. deshalb bezeichnet Munske (1988) das Dt. als eine Mischsprache. Damit ist gemeint, dass der nhd. Wortschatz aus zwei parallelen Systemen besteht, einem nativen und einem fremden. Das fremde ist durch Lehnwortbildung erweiterbar. Es enthält auch produktive Integrationsmuster, nach denen neue Fremdwörter aufgenommen werden können, z. B. wird das im 17. Jh. entlehnte frz. Wort solidarité nach dem Muster Basis+-ität als Solidarität ins Dt. integriert, d. h. frz. -ité wird durch -ität substituiert. Nach diesem Muster können auch Anglizismen integriert werden: engl. sentimentality > nhd. Sentimentalität. Eine noch höhere Produktivität erreicht ein Lehnaffix, wenn es sich auch mit nativen Basen verbindet. Lehnaffixe wie -ität, -ier(en) oder exbilden sog. Hybride, d. h. Wortbildungen, deren Elemente aus verschiedenen Sprachen stammen, z. B. Hornist, gastieren, Exgatte. Der umgekehrte Fall liegt vor, wenn fremde Basen native Suffixe annehmen (Korrektheit). Dadurch können auch Bildungen mit fremden Affixen integriert werden, z. B. inakzeptabel > unakzeptabel, intransparent > untransparent, inflexibel > unflexibel. Im Ahd. wurde das Lehnsuffix -āri (> nhd. -er in Lehr-er, Spiel-er) aus dem lat. Suffix -ārius entlehnt. Als zweite Quelle kommt auch germ. *-warja, das zur Bildung von Herkunftsnamen verwendet wurde, in Frage. Bereits im Ahd. gab es neben Entlehnungen wie scuolāri ‘Schüler’ (< lat. scolāriūs ‘Schüler’) oder zolanāri ‘Zöllner’ (< lat. tolonārius) hybride āri-Ableitungen mit dt. Basen wie jag-āri ‘Jäger’, garten-āri ‘Gärtner’ oder heilāri ‘Erlöser’ (Munske 2001). Heute ist -er eines der produktivsten Suffixe, das sich hauptsächlich mit dt. Basen verbindet. Seine Integration ist damit längst vollzogen (s. Kap. 3.2.1.5). Ein anderes Beispiel ist das Lehnsuffix -ei aus altfrz. -îe, das im Mhd. entlehnt wurde. Es bezeichnet lokale Einrichtungen wie Bücherei, Bäckerei oder dauerhafte, sich wiederholende Tätigkeiten wie Fischerei, Schreiberei und ist immer noch sehr produktiv (s. Kap. 3.2.1.3-3.2.1.4). Lehnwortbildungen sind von sog. Scheinentlehnungen oder Pseudoanglizismen abzugrenzen. Dies sind Wörter, deren Ausdrucksseite ein Fremdwort vortäuscht. In Wirklichkeit handelt es sich um eine native Prägung mit fremdem Material, die in der vermeintlichen Quellsprache gar nicht existiert. Berühmtestes Beispiel ist die dt. Bildung Handy, deren englische Entsprechung mobile phone ist. Scheinentlehnungen können auch komplexere Strukturen enthalten, z. B. Showmaster, Pullunder, Longseller, public viewing, Beamer. Sie werden meist in Analogie zu fremden Ausdrücken gebildet, z. B. engl. quizmaster - nhd. Showmaster, engl. bestseller - nhd. Longseller, engl. pull‐ over - nhd. Pullunder (Carstensen 1981). 200 6 Lexikalischer Wandel <?page no="201"?> 6.1.2.4 Semantische Integration Bis jetzt haben wir uns auf die Ausdrucksseite des sprachlichen Zeichens konzen‐ triert. Doch spätestens bei den entlehnten Derivationsaffixen stellt sich die Frage, inwieweit auch deren originalsprachliche Bedeutung übernommen wird. Während das ahd. Fremdsuffix -āri ähnlich wie im Lateinischen für Personenbezeichnungen benutzt wurde, vollzog sich im Zuge seiner Integration ein semantischer Wandel: Heute können er-Bildungen auch Gegenstände (Trockner) oder Vorgänge (Seufzer) bezeichnen. Damit wurde dieses Suffix semantisch integriert. -er verdrängte dabei das native Suffix -o (<germ. -jan), das im Ahd. noch in Ableitungen wie becko ‘Bäcker’ oder wurhteo ‘Arbeiter’ auftrat. Die Produktivität von -o erlosch vollständig, nachdem es im Mhd. zu -e reduziert worden war (Weinreich 1971). Im Nhd. sind nur noch wenige dieser Wortbildungen erhalten, z. B. der Erbe oder der Bote, oft nur noch in Familiennamen erstarrt (z. B. Beck, Kempf, Schenk; s. hierzu DFA III: 80-93; zur Produktivitätsentwicklung des er-Suffixes s. Kap. 3.2.1.5). Auch Lexeme können semantisch integriert werden, indem sich ihre Bedeutung im Dt. verändert. Dabei sind sie all den Typen semantischen Wandels ausgesetzt, die in Kap. 5.1 behandelt wurden: Bedeutungserweiterung frz. gobelin ‘Wandteppich aus der Manufaktur Gobelin’ > nhd. Gobelin ‘Wandteppich (allgemein)’ Bedeutungsverengung frz. champignon ‘Pilz’ > nhd. Champignon ‘Pilzart’ engl. job ‘Arbeit’ > nhd. Job ‘Gelegenheitsarbeit’ Bedeutungsverschiebung frz. prégnant ‘befruchtet, trächtig’ > nhd. prägnant ‘knapp, treffend’; frz. partout ‘überall’ > nhd. partout ‘unbedingt’ Bedeutungsverschlechterung frz. visage ‘Gesicht, Antlitz’ > nhd. Visage ‘pejorativ für Gesicht’; frz. conversation ‘Gespräch’ > nhd. Konversa‐ tion ‘unverbindliches Geplauder’ Bedeutungsverbesserung frz. collier ‘Halsband, -kette’ > nhd. Kollier ‘wertvolle Halskette’ Tab. 31: Typen der semantischen Integration 6.1.2.5 Lexikalische Transferenzen und die Wortschatzstruktur Wenn ein komplettes Lexem übernommen wird, spricht man von lexikalischer Transferenz. Abhängig davon, ob mit ihm tatsächlich eine neue Bedeutung oder hauptsächlich ein neuer Ausdruck importiert wird, ist auch der Einfluss auf die Lexik unterschiedlich. Die Beeinflussung ist minimal, wenn mit dem fremden Ausdruck auch eine neue Bedeutung hinzukommt, z. B. Smoking, Computer, Kebab, Balkon. Solche Wörter werden in den Wortschatz aufgenommen, ohne andere Wörter zu verdrängen. 6.1 Auf gut Deutsch - Entlehnungen ins Deutsche 201 <?page no="202"?> Viel gewichtiger ist der Einfluss auf die Lexik, wenn das Fremdwort zu einem Erbwort in Konkurrenz tritt. Dann können sog. Wortdubletten entstehen. Das Dub‐ lettenstadium wird meist dadurch beendet, dass eines der beiden Synonyme schwindet. Dies ist mit vielen Gallizismen aus dem 17./ 18. Jh. passiert, die sich nicht durchgesetzt haben, z. B. frz. chagrin - nhd. Kummer, frz. embrassieren - nhd. umarmen. Umgekehrt kann auch ein natives Wort verdrängt werden, wie bei den Verwandtschaftsbezeich‐ nungen gesehen: Wortpaare wie Muhme/ Oheim und Base/ Vetter wurden durch die Gallizismen Tante/ Onkel verdrängt. Base und Vetter unterlagen anschließend einer Bedeutungsverschiebung. Derzeit werden sie durch Cousine/ Kusine und Cousin ersetzt (s. Kap. 5.5). Dubletten können auch beibehalten werden, wobei sie dann oft semantisch oder stilistisch differenziert werden. Es entstehen sog. Pseudosynonyme. Diese sind entweder nur in ganz bestimmten Kontexten gleichbedeutend, oder sie haben einen anderen stilistischen Wert. Während Resultat und Ergebnis oder Adresse und Anschrift jeweils synonym sind, handelt es sich bei Wortpaaren wie aktuell - zeitgemäß, Job - Arbeit, Visage - Gesicht, leger - locker, Dessert - Nachtisch, Souterrain - Keller, Service - Geschirr um Pseudosynonyme. Dies gilt auch für das Wortpaar Kids - Kinder. Der noch relativ junge Anglizismus Kids, der eher im Plural verwendet wird, bezeichnet eine soziale Gruppierung in der modernen Gesellschaft. Kids sind von ihren Eltern stark emanzipiert und ihnen durch die Beherrschung der technischen und medialen Neuerungen sogar überlegen. Im Gegensatz dazu wird Kind altersunabhängig zur Bezeichnung eines unmittelbaren Nachkommen verwendet (s. Linke 2001b). Schließlich können entlehnte Wörter auch die Semantik anderer Wörter, die ihrem Wortfeld angehören, verändern: So haben die beiden frz. Lehnwörter lila und violett die Bedeutungen von rot, blau und braun eingeschränkt (v. Polenz Bd. 1, 2 2000: 42), ebenso orange die von rot und gelb (Volland 1986). 6.1.3 Lehnprägungen Bis jetzt haben wir uns nur mit solchen Entlehnungen befasst, die einen fremden Ausdruck mitbringen. Wir haben auch festgestellt, dass es auch eine andere Mög‐ lichkeit gibt, der sich v. a. die seit dem 17. Jh. aufkommenden, meist puristischen Sprachgesellschaften bedienten. Dabei wird die fremde Ausdrucksseite durch natives Material ersetzt (sog. Lehnprägung, auch: Calque). Abb. 51 zeigt, dass diese sog. semantischen Transferenzen einen Teil des Lehnwortschatzes ausmachen. Sie können weiter unterteilt werden, je nachdem, wie präzise der neue Inhalt übersetzt wird. Wird unter fremdsprachlichem Einfluss die Bedeutung eines Erbwortes um neue Aspekte (Seme) erweitert bzw. unterliegt die Bedeutung einem Wandel, so spricht Betz ( 3 1974) von Lehnbedeutung , z. B. ahd. toufen ‘tief machen’ > nhd. taufen unter Einfluss von griech. baptízein; nhd. feuern ‘kündigen, hinauswerfen’ unter Einfluss von engl. to fire (s. auch Kap. 5.1.4). Handelt es sich um Neubildungen mit nativem 202 6 Lexikalischer Wandel <?page no="203"?> Material, die unter dem Einfluss des fremden Wortes entstehen, spricht man von Lehnbildungen. Zeigt dabei eine Wortschöpfung keinerlei formale Ähnlichkeiten mit der fremdsprachlichen Vorlage, wie z. B. Universität - Hochschule, Cognac - Weinbrand, wird sie Lehnschöpfung genannt. Andernfalls haben wir es mit Lehnformung zu tun, d. h. mit Wörtern, die formal-strukturelle Ähnlichkeiten mit der fremdsprachlichen Vorlage aufweisen. Bei einer freieren Angleichung handelt es sich um Lehnübertra‐ gung, z. B. Wolkenkratzer - skyscraper < sky ‘Himmel’ + scraper ‘Kratzer’; ahd. frīheit - lat. libertas (s. Coleman 1965). Bei einer engen Glied-für-Glied-Übersetzung spricht man von Lehnübersetzungen, z. B. ahd. (Notker) truge-bilde (> nhd. Trugbild) < lat. imago fictis; Rechtschreibung < Orthographie, nhd. Montag < ahd. mānatag < lat. Lunae dies ‘Tag der Mondgöttin Luna’. Abb. 51: Untergliederung des Lehnwortschatzes 6.2 Lexikalisierung - oder: Wie aus alten Wörtern neue entstehen Neue Wörter können in einer Sprache nicht nur durch Entlehnung, sondern auch durch sog. Lexikalisierung nativer Wortbildungen entstehen. Damit wird ein gradueller Vorgang bezeichnet, in dem ursprünglich komplexe Wörter (Komposita oder Derivate) zu (eingliedrigen) Simplizia werden (Lipka 1977). Voraussetzung dafür ist natürlich, dass die Wörter zu festen Bestandteilen des Wortschatzes werden, was Barz (2005) bereits als Lexikalisierung bezeichnet. Deshalb können okkasionelle (kurzlebige) Bil‐ dungen ausgeschlossen werden. Wörter wie Bräutigam, Kehricht, Vergissmeinnicht, heute, Junggeselle, Rollstuhl, Adler oder Frauchen stellen unterschiedliche Ausprägungen dieses Prozesses dar. An einigen 6.2 Lexikalisierung - oder: Wie aus alten Wörtern neue entstehen 203 <?page no="204"?> von ihnen können wir noch erkennen, dass sie aus komplexen Wörtern entstanden sind, z. B. Junggeselle. Andere sind nicht mehr segmentierbar, z. B. heute oder Adler. Die Lexikalisierung führt also zum Verlust der Komplexität der ursprünglichen Wort‐ bildung. So ergibt sich die Bedeutung von Junggeselle ‘unverheirateter Mann’ nicht aus der Bedeutung der Kompositionsglieder: Junggeselle ≠ junger Geselle. Dies ist aber bei gewöhnlichen Komposita der Fall, z. B. Frischgemüse = frisches Gemüse (s. Kap. 3.2.2). Die „Geburt“ neuer Wörter aus Wortbildungen wird durch Prozesse ermöglicht, die das lexikalische Zeichen in unterschiedlicher Art und Weise betreffen (Lipka 1981, Fleischer 1992, Blank 2001). So kann ausschließlich die Semantik verändert werden. Dies geschieht durch Verlust von Bedeutungsaspekten und durch Hinzufügung neuer. Eine solche sog. Idiomatisierung ist z. B. schon bei Rollstuhl zu beobachten. Dieses Kompositum bezeichnet nicht jeden Stuhl, der Räder hat, sondern nur einen, der für Gehunfähige als Fortbewegungsmittel benutzt wird. Der Bedeutungsaspekt ‘für Gehunfähige’ bildet einen zusätzlichen, idiosynkratischen (unvorhersagbaren) Teil der Gesamtbedeutung, der sich nicht aus der Semantik der Bestandteile ergibt. Abb. 52: Die Idiomatisierung am Beispiel von Rollstuhl Noch komplexer ist der Prozess der Demotivierung, in dem mindestens ein Wort‐ bildungselement seinen Zeichencharakter verliert. Dabei wird entweder die Inhalts- (semantischer Wandel) oder auch die Ausdrucksseite (phonologischer Wandel) verän‐ dert. Der semantische Wandel ist dafür verantwortlich, dass Wörter wie Nasenbein oder Kindergarten ihre ursprüngliche Motivation verloren haben. So ist ein Nasenbein kein Bein, sondern ein Knochen (dies ist die ursprüngliche Bedeutung dieses Wortes), und Kindergarten kein Garten. Letztendlich verlieren komplexe Wörter ihre Motivation, womit sie im mentalen Lexikon als neue Einheiten abgespeichert werden. Der Motivationsverlust ist ein gradueller Prozess, wodurch die Wörter einen unter‐ schiedlichen Demotivierungsgrad aufweisen können. Gering ist er bei Wörtern wie Uhrmacher, Wechselstube oder Bäcker. Obwohl wir heute Uhrmacher in die Kompositionsglieder Uhr und macher segmentieren können, ergibt die Addition ihrer Semantik nicht die Gesamtbedeutung von Uhrmacher. Dieser Beruf hat sich im Laufe der Zeit so sehr verändert, dass Uhrmacher nicht mehr zwangsläufig Uhren herstellen müssen, sondern sie auch nur reparieren können. Ähnlich muss ein Bäcker nicht mehr zwingend backen, er kann auch nur (gelieferte) Backwaren verkaufen. Die Motiviertheit in diesen Beispielen ist zwar nicht mehr vollständig vorhanden, doch besitzen wir in diesen Fällen noch kulturelles Wissen über die Umstände ihrer Entstehung. Diese Demotivierung wird durch die Idiomatisierung, d. h. die Hinzufügung einer idiosyn‐ 204 6 Lexikalischer Wandel <?page no="205"?> kratischen Bedeutungskomponente, ausgelöst. Bei Bäcker wird die Beschränkung auf den Bäckerberuf durch die Zusatzinformation ‘professionell’ erreicht: ‘professioneller Bäcker’ (s. auch das Beispiel Rollstuhl). Eine solche zusätzliche Information ist z. B. in Fahrer nicht vorhanden, der sowohl gelegentlich als auch professionell fahren kann. Der Grad an Demotivierung ist noch höher, wenn wir zwar ein transparentes Wort haben (z. B. Nasenbein), dessen freie Einzelbestandteile jedoch semantischen Wandel vollzogen haben, d. h. im Kompositum hat sich die alte Bedeutung erhalten. Die ursprüngliche Bedeutung von ahd. bein war ‘Knochen’ und ist noch in Gebeine, Elfenbein und Beinhaus enthalten. Das selbstständige Wort Bein unterlag jedoch semantischem Wandel. Ähnlich ist die Motivation des Derivats Bürger ‘Einwohner einer Stadt oder eines Staates’ verdunkelt wegen des semantischen Wandels von Burg, von früher ‘Stadt’ zu heute ‘Burg’. Völlige Demotivierung besteht bei Wörtern, deren Bestandteile, auch wenn sie noch formal segmentierbar sind, ihre Bedeutung aufgegeben haben, z. B. Junggeselle, Abendmahl, Taschentuch, Frauchen. Das Wort Junggeselle bezeichnet weder nur junge Personen noch Gesellen, sondern unverheiratete Männer. Daher ist alter Junggeselle kein Widerspruch. Ein Taschentuch kann aus Papier sein und muss sich nicht in einer Tasche befinden. Frauchen bedeutet nicht ‘kleine Frau’, sondern ‘Hundebesitze‐ rin’. Die Diminutivbedeutung von -chen, wie wir sie in Häuschen, Tischchen oder Äderchen beobachten, ist verlorengegangen. Stattdessen wurde die Bedeutungskom‐ ponente ‘Hundebesitzer’ hinzugefügt. Völlig demotiviert sind auch Derivate, die ein unproduktives Affix (Kehr-icht) oder eine bedeutungslose Basis (droll-ig, ge-winnen, Mäd-chen) enthalten. Phonologischer Wandel kann ebenfalls zum Motivationsverlust führen. In der Regel folgt er der semantischen Demotivierung, z. B. Jungfer (< mhd. junc-vrouwe ‘Jungfrau’). Im Wort Himbeere haben wir es bei Himmit einem sog. unikalen Morphem zu tun, das einzig in dieser Verbindung auftritt. Himist bedeutungslos und dient nur der Differenzierung dieses Wortes von anderen Beere-Komposita: Himbeere vs. Erdbeere, Blaubeere. Im etymologischen Wörterbuch von Kluge ( 25 2011) können wir nachlesen, dass Himbeere auf ahd. hintberi aus hinta ‘Hinde, Hirschkuh’ + beri ‘Beere’ zurückgeht. Hintberi ist also ‘ein Dornstrauch, in dem sich die Hirschkuh mit ihren Jungen verstecken kann’. Im Laufe der Zeit assimilierte der Morphemauslaut an den Anlaut von Beere, so dass aus der Kombination zweier Dentale nt ein bilabialer Nasal m wurde (mhd. hintber > nhd. Himbeere). Dieser Lautwandel führte zu der heute opaken (verdunkelten) Bildung Himbeere. Ähnlich kann phonologischer Wandel nach der Demotivation von Derivaten wirken, z. B. fertig vs. Fahrt (s. Kap. 5.1.1). Am Ende dieser Skala befinden sich Wörter wie Adler (< mhd. adel ‘edel’ + ar ‘Aar, Adler’) oder Welt (< ahd. wer ‘Mensch’ + alt ‘Alter’ = ‘Menschenalter’, vgl. engl. world), deren ursprüngliche Komplexität nicht mehr zu erkennen ist. Beide Bestandteile sind untrennbar miteinander verschmolzen. Umgekehrt kann auch der phonologische Wandel in einem einstigen Kompositum blockiert werden. Auf diese Weise entstehen Wörter wie Bräutigam, das synchron nicht mehr segmentierbar ist. Bräuti- (vgl. nhd. 6.2 Lexikalisierung - oder: Wie aus alten Wörtern neue entstehen 205 <?page no="206"?> Braut) enthält nach wie vor ein unbetontes i. Der zweite Bestandteil -gam geht auf das ahd. Wort gomo ‘Mann’ zurück, das ausgestorben ist (vgl. lat. homo, frz. homme, span. hombre). Abb. 53: Entstehung neuer Wörter aus Wortbildungen In Abb. 53 werden die verschiedenen Lexikalisierungsstufen zusammengestellt, um so den graduellen Charakter dieses Prozesses zu illustrieren, zu dem sowohl die Idiomati‐ sierung als auch die Demotivierung beitragen. Die Entstehung einer Zusatzinformation gibt den Anstoß zur Demotivierung. Letztere wird in zwei Ebenen untergliedert, die semantische und die phonologische, wobei die phonologische Demotivierung termi‐ nologisch als Verlust von Transparenz (Durchsichtigkeit) bezeichnet wird. Dabei gilt: „form follows function“, d. h. der formalen Demotivierung (Transparenzverlust) geht immer eine semantische voraus (vgl. Himbeere). Daher kann es durchaus semantische Demotivierung bei formaler Transparenz geben wie bei Junggeselle oder Frauchen. Neue lexikalische Einheiten können auch durch sog. Univerbierung entstehen. Diesem Prozess sind wir in diesem Buch schon mehrmals begegnet, u. a. bei der Ent‐ wicklung der Fugenelemente (s. Kap. 2.5.7 und 3.2.2.2). Dabei geht es um die Entstehung von Komposita aus NPs, z. B. der Nasen Spitze > die Nasenspitze. Die NP, die aus einem genitivischen Attribut der Nasen und dem Phrasenkopf Spitze besteht, ist als komplexes Wort reanalysiert worden. Aus einer Phrase entsteht ein Wort, daher die Bezeichnung Univerbierung. So entsteht im Fnhd. das Wortbildungsmuster der N+N-Komposita. Nicht immer muss Univerbierung zu produktiven Wortbildungsmustern führen. Meist entstehen nur neue Wörter, deren syntaktische Motiviertheit im Laufe der Zeit verdunkelt. Die ursprüngliche Phrase wird stufenweise lexikalisiert. Ein Beispiel dafür ist die Blume Vergissmeinnicht. Hier liegt zwar eine syntaktische Phrase zugrunde, die jedoch heute schon stark demotiviert ist. Die Rektion des Verbs vergessen hat sich 206 6 Lexikalischer Wandel <?page no="207"?> verändert. Im Nhd. verlangt es den Akkusativ (vergiss mich nicht), während im Fnhd. noch der Genitiv vergiss mein nicht üblich war (s. Kap. 4.4). Darüber hinaus unterliegt die Univerbierung phonologischer Anpassung, so dass die Akzentposition fixiert wird, z. B. Vergíssmeinnicht oder Sprínginsfeld, während man in einem freien Syntagma die Position des Hauptakzents, je nach Emphase, verändern kann. Im nhd. Simplex heute < ahd. NP hiu tagu ‘an diesem Tag’ ist die einstige Motivation ganz erloschen. Schon im Ahd. sind beide Wörter zu hiutu verschmolzen (zu Verschmelzungen s. Kap. 12.2). Weitere Verfahren der Wortschatzerweiterung bestehen in der Wiederbelebung von Archaismen, z. B. die veralteten, von Thomas Mann reaktivierten Wörter wie Frauenzimmer ‘weibliche Person’ oder weiland ‘einst, früher, damals’ (Schippan 2005). Ein anderes Verfahren ist die Bildung von Kurzwörtern wie Azubi (< Auszubildender), UFO (< Unidentified Flying Object), TÜV (< Technischer Überwachungsverein), BAföG (< Bundesausbildungsförderungsgesetz) (Ronneberger-Sibold 1997, 2007b). Zur Wortschatzerweiterung tragen auch Phraseologismen bei. Dies sind (mehr oder weniger) feste Wortverbindungen wie Sehr geehrte Damen und Herren oder jeman‐ den über den Tisch ziehen ‘betrügen’. Dabei sind Routineformeln wie Sehr geehrte Damen und Herren, mit freundlichen Grüßen oder andere Kollokationen wie der stolze Vater fest, aber nicht-idiomatisch, d. h. semantisch transparent. Je stärker die Gesamtbedeutung von der Bedeutung der Einzelteile abweicht, umso idiomatischer ist die Wendung: In teilidiomatischen Wortverbindungen sind einzelne Bestandteile transparent, z. B. ist Passagier in blinder Passagier wörtlich zu verstehen. Die Gesamtbedeutung von voll‐ idiomatischen Wortverbindungen ist von der Bedeutung der Einzelteile abgekoppelt, z. B. (das ist) kalter Kaffee ‘längst bekannt, uninteressant’ (Fleischer 1997, Donalies 2009, Burger 4 2010). Daher wird bei Phraseologismen zwischen der wörtlichen und der phraseologischen (Gesamt-) Bedeutung unterschieden: Abb. 54: Idiomatizität als Diskrepanz zwischen der wörtlichen und der phraseologischen Bedeutungs‐ ebene Die stark idiomatischen Phraseologismen können metaphorischen Ursprungs sein, z. B. kalter Kaffee. Hier werden abstrakte Konzepte wie ‘längst bekannt, uninteressant’ bildhaft als abgestanden und aromalos verbalisiert (vgl. Öl ins Feuer gießen ‘einen Streit 6.2 Lexikalisierung - oder: Wie aus alten Wörtern neue entstehen 207 <?page no="208"?> verschärfen’). Die phraseologischen Bilder nehmen meist Bezug auf Körperteile (sog. Somatismen, z. B. kalte Füße bekommen), Verhaltensweisen und Lebenssituationen (Filatkina 2010). Manche Bildspenderbereiche sind heute nicht mehr rekonstruierbar, z. B. auf dem Holzweg sein ‘mit seiner Vorstellung im Irrtum sein’. Diese historische Metapher basiert auf dem mittelalterlichen Konzept des Waldweges, der nur zum Holztransport diente und im Gegensatz zur Landstraße zu keinem Ziel führte (zur Typologie der semantischen Idiomatisierung s. u. a. Barz 1985, Munske 1993). Die formale Phraseologisierung umfasst unterschiedliche Verfestigungsprozesse (Burger/ Linke 2 1998, Friedrich 2007). So haben manche nhd. Phraseologismen variie‐ rende Komponenten, z. B. kalte Füße bekommen/ kriegen oder eine variable Reihenfolge, z. B. Blitz und Donner oder Donner und Blitz, während sich für andere, z. B. Hals über Kopf, ein Verfestigungsprozess dokumentieren lässt, neben früheren über hals (und) über kopf (bei Schiller und Lessing) und über Hals und Kopf (bei Adelung). 6.3 Entwicklung des Wortschatzes Am Anfang von Kap. 6.1 sind Entlehnungswellen in der Geschichte des Dt. betrachtet worden. Dabei ist deutlich geworden, dass entlehnte Wörter größere (thematische) Verbände bild(et)en. So wurde der ahd. Wortschatz u. a. um Wörter bereichert, die zur Bezeichnung von Gegenständen oder Handlungen im Bereich der militärischen Organisation (darunter Pfeil, Straße, Kampf, davon kämpfen) benötigt wurden. Dies zeigt, dass die Entwicklung des Wortschatzes eng mit dem Wandel kommunikativer Be‐ dürfnisse verbunden ist. Diese sind von kulturellen, sozialen, technischen Neuerungen oder Umweltveränderungen abhängig. So entsteht mit der Ausdifferenzierung eines bestimmten Lebensbereichs, z. B. des Militärwesens, das Bedürfnis nach Bezeichnun‐ gen für dazugehörige Gegenstände (darunter neue Geschütztypen) und Handlungen (darunter neue Kampfarten). Dies führt zum Umbau des militärischen Wortschatzes, der neben dem Ausauch den Abbau oder die Verdrängung bestehender Wortschatzelemente umfasst. In einer Unterhaltung zu einem bestimmten Thema, z. B. Krieg oder psychische Krankheiten, verwenden nicht alle Sprecher dieselben Wörter. So benutzen Fachleute auf dem Gebiet der Militärorganisation oder der Psychiatrie einen Fachwortschatz, mit dem sie bestimmte Gegenstände, Handlungen oder Krankheiten präzise bezeichnen können. Fachunkundige Personen verständigen sich über dieselben Themen mit Hilfe allgemeinerer Bezeichnungen und Umschreibungen, z. B. Droge oder Genussmittel für psychotrope Substanz oder Schilddrüsenüberfunktion für Hyperthyreose. Einzelne Fachausdrücke werden jedoch in den allgemeinen Wortschatz übernommen, v. a. wenn bestimmte Wissensbestände (über gefährliche Krankheiten u. Ä.) allgemeine Bedeutung erlangen oder auch durch die Refunktionalisierung von Gegenständen, z. B. von Straßen, die nicht mehr nur für die Verlagerung des Heeres genutzt werden. Es zeigt sich, dass die Entwicklung und der Wandel des Wortschatzes kommunika‐ tiven Grundprinzipien folgt (s. Fritz 1994a, 1994b, Gloning 2003, s. auch Kap. 7.2): Während das Prinzip der Originalität v. a. in der Dichtung (aber auch in der Alltags‐ 208 6 Lexikalischer Wandel <?page no="209"?> sprache) gilt und dort für kreative und originelle Wortbildungen sorgt, sind Prinzipien der Präzision und der Verständlichkeit für die Entwicklung der Fachwortschätze verantwortlich (s. Kap. 6.3.1). Dem Prinzip der Exaktheit folgt auch der Ausbau verschiedener Namenklassen, z. B. der Familiennamen, die aus Gründen der eindeu‐ tigen Identifikation von Individuen in wachsenden Gesellschaften entstanden sind; Ähnliches gilt für Unternehmens- und Warennamen (s. Kap. 6.3.2). 6.3.1 Entwicklung von Fachwortschätzen und Fachsprachen Die Herausbildung eines bestimmten Fachwortschatzes ist eng mit der Entwicklung des Fachwissens verbunden. Dieses besitzen nur Menschen, die in einem fachlich begrenzten Kommunikationsraum agieren. Der Fachwortschatz ist jedoch nicht gleich‐ zusetzen mit der sog. Fachsprache, einer funktionalen Sprachvarietät, die mit einem spezifischen Tätigkeitsbereich assoziiert ist. Mit der Entwicklung von Fachsprachen geht auch die Professionalisierung der (schriftlichen und mündlichen, aber auch nicht verbalen) Kommunikationsformen (Fachtexte) einher (s. Kalverkämper 1998a, 1998b, Roelcke 3 2010). Der Fachwortschatz ist ein wesentlicher Bereich der Fachsprache. Zu den wichtigs‐ ten Verfahren seiner Anreicherung, hier am Beispiel des medizinischen Wortschatzes (s. Wiese 1994, 1998), zählen zum einen Entlehnungen aus den Sprachen der klas‐ sischen Antike (z. B. Karzinom für bösartiges Geschwulst < griech. karkínōma zu karkínos ‘Krebs’ über lat. carcinoma) und aus dem (amerikanischen) Englisch (z. B. das Kurzwort Aids für engl. acquired immune deficiency syndrome). Zum anderen speisen sich die Bezeichnungen aus der (Fremd-) Wortbildung, darunter systematische Suffi‐ gierungen mit -itis für Entzündungen (Meningitis, Gastritis), mit -om für Schwellungen (Myom, Lymphangiom) und Bildungen mit Eigennamen, z. B. Morbus Basedow für die Autoimmunkrankheit der Schilddrüse, benannt nach Carl von Basedow, 19. Jh. Auch Metaphern spielen eine wichtige Rolle, vgl. Brustkorb, Lungenflügel oder Schilddrüse (s. u. a. Schiefer 2006 zu Metaphern in Arztbriefen). So können neue Gegenstände und Handlungen der Fachwelt mit bekannten Sachen in Verbindung gebracht werden (zu Metaphern in der Sprache der Technik s. Jakob 1991, in der Wirtschaftssprache s. Hundt 1995). Der Umfang des heute verfügbaren medizinischen Wortschatzes wird auf etwa 500 000 Termini geschätzt (Wiese 1998). Dieser enthält u. a. etwa 10 000 Bezeichnun‐ gen für Körperteile, Organe und Organteile (zu den ahd. Körperteilbezeichnungen s. Riecke 2004), 20 000 Bezeichnungen von Organfunktionen und 60 000 für Krankheits‐ bezeichnungen, Untersuchungsverfahren und Operationsmethoden. Weiterhin enthält der medizinische Wortschatz auch Eigennamen (hier: Produktnamen), z. B. 80 000 Me‐ dikamentennamen (zur Bedeutung von Eigennamen für den Wortschatzwandel s. Kap. 6.3.2, zu Eigennamen und ihrer Klassifizierung s. Nübling/ Fahlbusch/ Heuser 2 2015). Im Laufe der Zeit unterlag der medizinische Fachwortschatz jedoch starker Fluktuation. So dokumentiert Riecke (2004) zwar eine relativ ausgeprägte Kontinuität 6.3 Entwicklung des Wortschatzes 209 <?page no="210"?> des medizinischen Wortschatzes (aus dem Bereich der Anatomie, Kranheiten und Heilkunde) über Jahrhunderte hinweg: Ca. 40 % des ahd. anatomischen Wortschatzes setzt sich ins Mhd. und sogar ins Nhd. fort, jedoch geht dann die überwiegende Anzahl der Lexeme unter (s. ebd.: 495 ff.). So blieben Wörter wie Fieber oder Gelbsucht als me‐ dizinische Termini erhalten, während Unsinn oder Siechtum im medizinischen Kontext nur noch archaisierend verwendet werden können. Der umfangreiche Wortschatz der Medizin wurde besonders früh normiert. Die ersten Normierungsbestrebungen fanden im 19. Jh. statt (s. Wiese 1998). Neben den Fachwortschätzen ist die Fachkommunikation über die Jahrhunderte professionalisiert worden. Die Entwicklung von Fachtexten (s. Kap. 8) ist ebenfalls ein wichtiger Bestandteil der Fachsprachengeschichte (s. Roelcke 3 2010). Diese kann in drei Perioden eingeteilt werden: Während in der ersten (8.-14. Jh.) und zweiten Periode (14.-17. Jh.) v. a. die Entwicklung und Ausdifferenzierung von Handwerkssprachen erfolgte, bildeten sich in der dritten Periode infolge der Aufklärung nationalsprachli‐ che Fachsprachen heraus. Dabei fand die Loslösung vom Lateinischen in einzelnen Fachsprachen (z. B. der Verwaltung) sehr langsam statt. Seit dem 19. Jh. kann die fortschreitende Ausdifferenzierung und Professionalisierung der Fachkommunikation beobachtet werden (s. Schuster 2010 zur Entstehung und Entwicklung der Fachsprache der Psychiatrie). 6.3.2 Ausbau von Eigennamenklassen Die Lexik als äußere Schicht im „Zwiebelmodell“ (s. Abb. 1, S. 18) umfasst neben Gattungsbezeichnungen (Appellativa), die Menschen, Gegenstände oder Ereignisse charakterisieren, z. B. Mensch, Frau, Physikerin, Kanzlerin, auch Eigennamen (EN), darunter Ruf- und Familiennamen (Angela Merkel). Diese haben keine lexikalische Bedeutung. Sie werden im Gegensatz zu Appellativa einem bestimmten Referenten zugeordnet und dienen seiner direkten Identifikation (Monoreferenz). Neben dieser Sonderfunktion unterscheiden sich Eigennamen auch formal von Gattungsbezeich‐ nungen (s. Kap. 9.2-9.3 und v. a. Nübling/ Fahlbusch/ Heuser 2 2015). Im Zuge der soziokulturellen Veränderungen (Bevölkerungszuwachs, Urbanisie‐ rung, Industrialisierung) unterlagen bestimmte Klassen von Eigennamen einem enormen Wandel (v. a. dem Ausbau, aber auch dem Schwund). Dabei entstanden neue Unterklassen von Eigennamen: Vom 13. und bis zum 17. Jh. bildeten sich die Familiennamen heraus, die als ein zweiter Teil des Personennamens zum Rufnamen hinzutraten. Heute gibt es über 1 Mio. Familiennamen. Zur formalen Abkopplung von ihren appellativischen Quellen (v. a. Berufs-, Herkunfts-, Wohnstättenbezeichnungen), aber auch von Über- und Rufnamen, trugen u. a. graphematische und phonologische Sonderentwicklungen bei, z. B. Schmied (App.) vs. Schmitt, Schmidt (EN), die Fixierung dialektaler oder veralteten Lexeme in Familiennamen, z. B. Koch (App.) vs. Koch/ Kock/ Kaack (EN), Arzt (App.) vs. Lachner (EN), aber auch das Aussterben von Berufen, z. B. die Familiennamen Nonnenmacher, Berschneider, Berstecher, Püttschneider für 210 6 Lexikalischer Wandel <?page no="211"?> den Tierkastrator (s. DFA V). Ein Teil der Familiennamen leitet sich aus Rufnamen (Vatersnamen) ab, z. B. aus germ. Rufnamen wie Bertram (≈ ahd. ber(a)ht ‘prächtig’ + ram < hraban ‘Rabe’), oder aus christlichen Namen, z. B. Nitsche, Claus, Claasen usw. aus Nikolaus (s. Dräger 2013, Nübling/ Kunze 2023). Auch das Rufnameninventar unterlag intensivem Wandel. Die germ. Rufnamen, meist Komposita (s. Bertram oben), wurden seit dem späten Mittelalter durch fremde (christliche) Namen wie Johannes, Nikolaus, Elisabeth, Maria größtenteils verdrängt (s. Steffens 1996). Mit der Ablösung der Nachbenennung nach Paten, Heiligen usw. durch die freie Rufnamenvergabe sind die Rufnamen Moden unterworfen. Dies führt zu noch stärkeren Fluktuationen. Namen spiegeln stets auch gesellschaftliche Entwicklungen: So schlägt sich die Nivellierung der Geschlechterrollen in einer namentlichen Androgy‐ nisierung nieder, d. h. in der formalen Annäherung von Frauen- und Männernamen (s. Nübling 2009a, 2009b, 2018a): Die häufigsten Rufnamen beider Geschlechter sind sich heute formal sehr ähnlich (Emilia, Sophia vs. Noah, Matteo). Sie sind kurz, enthalten nur Vollvokale, oft Hiate und fast ausschließlich Liquide und Nasale. Prosodisch weichen sie damit stark von den Appellativa ab, die entweder aus Trochäen mit Reduktionssilbe oder aus Einsilbern bestehen (s. Kap. 2.2). Während die Familiennamen heute ein relativ geschlossenes Inventar bilden, das nur noch durch Übernahme fremder Familiennamen erweiterbar ist, erfährt die Gruppe der Objektnamen, v. a. der Warennamen, eine ständige Erweiterung. Mit jedem neuen Produkt, das aus einer Vielzahl identischer (d. h. voneinander nicht unterscheidbarer) Referenten besteht, wird ein neuer Name kreiert (zur Diskussion des Namenstatus von Warennamen s. Nübling/ Fahlbusch/ Heuser 2 2015: 48/ 49, 269/ 270). Da pro Jahr ca. 36 000 neue Produkte auf den Markt kommen, ist bei der Schöpfung ihrer Namen, die sie von allen anderen Produkten abheben sollen, Kreativität besonders gefragt (Ronneberger-Sibold 2008: 128). Bei der Bildung der Warennamen werden die Grenzen der regulären Wortbildung überschritten, so dass hier freie Wortschöpfungen an der Tagesordnung stehen. Zu den vielfältigen Techniken gehören lautmalerische Bildungen wie Maoam, Phantasiewörter wie KODAK und Kürzungen, auch ohne Berücksichtigung der morphologischen Struktur, z. B. Rei (< Reinigungsmittel). Waren‐ namen werden auch durch Verfremdung von bestehendem Sprachmaterial kreiert, z. B. Lycra (< Acryl), Vileda (< Wie Leder) (s. Ronneberger-Sibold 2004). Neben Produktsind auch Unternehmensnamen wichtig für die heute internationale Vermarktung von Waren. Die Anforderungen an Unternehmensnamen sind ähnlich hoch wie bei Warennamen. Sie sollen nicht nur identifizieren, sondern auch positive Assoziationen hervorrufen. Dem Unternehmensnamen muss auch der jeweilige Ge‐ schäftszweig entnehmbar sein. Fahlbusch (2011) zeigt, dass die Unternehmensnamen zunehmend an Transparenz verlieren. Darauf weisen am deutlichsten Umbenennun‐ gen hin: Die transparenten Namen Haarmanns Vanillinfabrik oder Norddeutsche Affi‐ nerie sind zu Symrise bzw. Aurubis geändert worden. Typischerweise werden dabei fremdsprachliche Elemente verwendet. Dies ist wiederum an den gesellschaftlichen Wandel (zunehmende Internationalisierung) gekoppelt. 6.3 Entwicklung des Wortschatzes 211 <?page no="212"?> Zum Weiterlesen Eine systematische Übersicht zu Möglichkeiten des lexikalischen Wandels bietet Munske (1990). Volland (1986) beschreibt am Beispiel der Gallizismen Transfe‐ renz und Integration von Entlehnungen auf allen Ebenen. Die Stellung der Fremdwörter im dt. Sprachsystem beschreibt sehr systematisch Munske (1988). Eine diachrone Perspektive auf die Integration der Fremdwörter bietet Munske (2001). Die Unterschiede zwischen Lexikalisierung und Grammatikalisierung werden in Wischer (1997) beschrieben. Die einzelnen Stufen der Demotivie‐ rung sind anschaulich in Ronneberger-Sibold (2001) dargestellt. Eine systema‐ tische Einführung in die Fachsprachenlinguistik bietet Roelcke ( 3 2010). In die einzelnen Aspekte der Fachsprachenerforschung führen die HSK-Bände von Hoffmann/ Kalverkämper/ Wiegand (1998-1999) ein. Der Charakterisierung und Klassifikation der Eigennamen widmen sich Nübling/ Fahlbusch/ Heuser ( 2 2015). 212 6 Lexikalischer Wandel <?page no="213"?> 19 Zum verwandten Sprechakt Beschimpfen s. Lötscher (1981) und Nübling / Vogel (2004). 7 Pragmatischer Wandel Wenn wir heute jemanden höflich-distanziert anreden, benutzen wir das Pronomen Sie, sonst du. Das war nicht immer so: Lebten wir im 18. Jh., dann müssten wir - abhängig vom eigenen Status im sozialen Hierarchiegefüge und vom Status der angesprochenen Person - aus fünf verschiedenen Anredepronomen auswählen: du, ihr, er/ sie, Sie und Dieselben. Wie kam es zu dieser Vielfalt und wie zu der späteren Reduktion? - Wenn wir heute fluchen, ist das dann noch die gleiche Sprachhandlung wie vor der Säkulari‐ sierung? Nein - zwar gab es wohl schon immer die expressive Komponente, negativen Gefühlen Luft zu machen; Fluchen wurde aber auch als performative Sprachhandlung aufgefasst, mit der man leichtfertig Gott lästerte oder - absichtlich - Mitmenschen schaden konnte, indem man sie verfluchte (Lobenstein-Reichmann 2013: Kap. 7.2). Zum Beispiel konnte man ihnen üble Krankheiten anwünschen oder sie zur Hölle schicken: daß dich die Pest / Franzosen und alle Bettler Krankheiten anstossen / der Todd und alle Teufel der Höllen zerreissen und hinführen (Mänhardt 1629: 102). Das Beispiel, ein mit dass eingeleiteter Wunsch-Satz, zeigt auch, dass die syntaktischen Formate des Verwünschens historisch expliziter waren. Entsprechend der Auffassung als per‐ formativ wurde das (Ver-)Fluchen streng mit Geld- und Leibesstrafen geahndet und bei der Beichte belangt (DRW: Stichwort fluchen, Osenbrüggen 1860: 383-387). Heute hat der für das Fluchen typische Tabubruch weitaus mildere Konsequenzen und die lexikalischen Quellbereiche der Flüche haben sich verändert. 19 Der Anredewandel und der Wandel der mit dem Verb (ver)fluchen ausgeführten Sprachhandlung sind Beispiele für pragmatischen Wandel, der in Einführungen zur historischen Linguistik des Dt. nach wie vor kaum berücksichtigt ist. Dieses Kapitel kann in die Thematik nur einführen. Anhand exemplarischer Beispiele wird zum einen der Wandel pragmatischer Phänomene selbst illustriert (Anrede, Diskurs- und Modalpartikeln, direktive Sprechakte und der expressive Sprechakt VERABSCHIE‐ DEN), zum anderen wird die wichtige Rolle pragmatischer Prozesse (konversationeller Implikaturen) für andere Ebenen des Sprachwandels (semantischen und syntaktischen Wandel sowie Grammatikalisierung) aufgezeigt. 7.1 Was ist (historische) Pragmatik? Betrachten wir zum Einstieg in den pragmatischen Wandel und zu dessen Abgrenzung von den anderen Sprachwandelebenen das Zeichenmodell von Morris (Abb. 55). Darin sind sprachliche Zeichen in dreierlei Beziehungen vernetzt: In grammatischen (pho‐ nologischen, morphologischen und syntaktischen) Beziehungen zu anderen sprach‐ lichen Zeichen (Zeichenträgern im Modell), in semantischen Beziehungen zu den <?page no="214"?> Gegenständen und Sachverhalten, auf die sie verweisen (Denotate), und in pragmati‐ schen Beziehungen zu den Benutzern der Zeichen. Auf den Sprachwandel angewandt bedeutet das: Bei phonologischem, morphologischem und syntaktischem Wandel, die sich als grammatischer Wandel zusammenfassen lassen, verändern sich Beziehun‐ gen von sprachlichen Zeichen untereinander, also Beziehungen in der Dimension des Sprachsystems. Beim semantischen Wandel verändern sich Bezüge zwischen sprachlichen Zeichen und ihren Denotaten. Die beiden Dimensionen Semantik und Grammatik gehören fest zum Sprachsystem, sie sind nur wenig durch den situativen Kontext der Kommunikation beeinflussbar. So ist das Substantiv Stuhl fest mit der Vorstellung ‘Stuhl’ verknüpft, und in dem Syntagma der blaue Stuhl ist die Reihenfolge festgelegt (*Stuhl blaue der). Abb. 55: Dimensionen sprachlicher Zeichen (verändert n. Morris 1938/ 1972) Pragmatischer Wandel fokussiert die dritte Dimension: Hier geht es um die Be‐ ziehung zwischen sprachlichen Zeichen und den Zeichenbenutzern. Das heißt es geht darum, wie Sprachbenutzer die sprachlichen Zeichen verwenden, wie sie mit Sprache handeln - entsprechend wurde der Begriff zu griech. prāgma ‘Handeln’ gebildet. Die historische Pragmatik fragt dabei zum einen: „Verändert sich die Art, wie Sprachbenutzer Sprachzeichen verwenden? “ und zum anderen: „Verändern die Sprachbenutzer Sprache durch ihr Sprachhandeln? “ Das ist eine wichtige Frage, denn ein zentraler Auslöser von Sprachwandel ist (neben Spracherwerb), dass etablierte sprachliche Einheiten in konkreten Kommunikationssituationen auf neue Art benutzt werden (Paul 5 1920: 32). Die pragmatische Beziehung zwischen Zeichen und Zeichenbenutzern entsteht in konkreten Kommunikationssituationen und basiert damit im Gegensatz zu Semantik und Grammatik stark auf dem Kontext, in dem kommuniziert wird. Dazu gehört auch, in welcher Beziehung die Zeichenbenutzer zueinander stehen. So lässt sich z. B. aus der Äußerung Du, ich finde den Stuhl da drüben sehr schön nur über die Kommunikationssituation erschließen, auf welchen Stuhl die Sprecherin mit den Stuhl da drüben referiert, dass sie damit vielleicht einen Wunsch andeutet und mit ihrem Gegenüber vertraut ist. - Da die (historische) Pragmatik das Handeln mit Sprache in seiner Interaktion mit dem Kontext fokussiert, bildet sie die äußerste Schicht 214 7 Pragmatischer Wandel <?page no="215"?> im „Zwiebelmodell“ (s. Abb. 1, S. 18), die Schnittstelle zwischen Sprachsystem und Außenwelt. 7.1.1 Teilgebiete der (historischen) Pragmatik Ein und dieselbe Äußerung kann - bei gleichbleibender Semantik (auch: Proposition, das Gesagte) - ganz unterschiedliche pragmatische Funktionen haben. Zum Beispiel kann die da auf verschiedenste Referentinnen verweisen oder Dort ist die Tür! als Hilfe oder Affront gemeint sein. Das ist einerseits sehr ökonomisch, andererseits muss es Regeln geben, über die man aus dem Gesagten das Gemeinte erschließen kann. Pragmatik untersucht u. a. diese Regeln. Innerhalb der Pragmatik - und damit auch ihrer historischen Dimension - lassen sich sechs Teilgebiete ansetzen mit dem gemeinsamen Nenner, dass Sprache als Handlung und im situativen Kontext untersucht wird: 1) Die Deixis (Zeigedimension) untersucht, wie mit Zeigwörtern (deiktischen Ausdrücken) auf Personen und Sozial‐ beziehungen, Orte und Zeiten verwiesen wird, z. B. in Jetzt bist du da drüben dran. 2) Präsuppositionen sind Voraussetzungen, die Sprechende bei Aussagen machen. Zum Beispiel wird mit Lisa bereut, den Kuchen aufgegessen zu haben präsupponiert, dass sie den Kuchen aufgegessen hat. 3) Implikaturen sind pragmatische Bedeutungen über das Gesagte hinaus und werden in 7.2 genauer behandelt, weil sie zentral für Sprachwandel sind. 4) Sprechakte sind sprachliche Handlungen, wie z. B. BITTEN, DROHEN, VERFLUCHEN und VERSPRECHEN (s. u. 7.5). 5) Die Konversations‐ struktur beinhaltet die Strategien und Mittel, mit denen Interagierende Gespräche steuern. Zu diesen Mitteln gehören pragmatische Marker wie jedenfalls, mit dem man u. a. anzeigen kann, dass man auf ein Thema zurückkommt. Auch Modalpartikeln wie eben/ halt kann man dazu zählen, weil Interagierende im Gespräch damit Einstellungen und Vorannahmen zum Gesagten signalisieren, s. u. 7.4.3) Im Bereich Informations‐ struktur wird untersucht, wie Informationen in der Äußerung angeordnet und in den Vorder- oder Hintergrund gerückt werden, z. B. Fokusakzente oder Bekanntes (Thema) i. d. R. vor Neuem (Rhema). Hier ist u. a. interessant, dass sich pragmatisch gesteuerte Präferenzen diachron zu syntaktischen Stellungsregeln verfestigen können, s. Kap. 4.1. Differenzierte Darstellungen dieser Teilbereiche geben Meibauer ( 2 2001), Levinson ( 3 2000) und Finkbeiner ( 2 2025). Prinzipiell können alle Bereiche (mit Abstri‐ chen) auch aus diachroner Perspektive betrachtet werden. In den Fallstudien dieses Kapitels werden Implikatur, Deixis, Konversationsstruktur und Sprechakte einbezogen (Kap. 7.2-7.5). Ein Teilbereich, der in der Aufzählung fehlt, ist die (historische) Soziopragmatik Ihr Untersuchungsgegenstand sind die zeitgebundenen kulturellen Rahmenbedingungen sprachlichen Handelns. Mithilfe unterschiedlicher Quellen werden diese Rahmenbe‐ dingungen rekonstruiert, die zeitgebundene sprachliche Praktiken prägen und sich in pragmatischem, semantischem und textuellem Wandel zeigen. Weil das eine inter‐ disziplinäre Fragestellung ist, ist es nur konsequent, dass sich Fallstudien dazu nicht 7.1 Was ist (historische) Pragmatik? 215 <?page no="216"?> nur in diesem Kapitel (7.5 Sprechaktwandel VERABSCHIEDEN), sondern auch in den Kapiteln zu semantischem Wandel (Kommunikationsmuster Scherzen in 5.3.2) und textuellem Wandel finden (8.4 Von der Todeszur Traueranzeige). 7.1.2 Wie macht man das Beste aus schlechten Daten? Das Quellenproblem Bei der Analyse pragmatischer Phänomene, die ja durch ihre Kontextabhängigkeit definiert sind, ist der situative Kontext von Äußerungen besonders wichtig. Außerdem spielen sich viele pragmatische Phänomene in der gesprochenen (Alltags-)Sprache stärker ab als in der Schriftlichkeit, weil sich Erstere mehr auf den Kontext stützt, Letztere davon unabhängiger ist. Für eine historische Untersuchung ist das ein großes Problem, denn für ältere Sprachstufen muss man sich auf schriftliches Material verlassen, dessen Kontext nur unvollständig rekonstruierbar ist und das nicht oder nur gefiltert widerspiegelt, wie wirklich gesprochen wurde. Trotzdem ist es legitim, schriftliche Texte als Quelle zu nutzen, weil man Mündlichkeit/ Schriftlichkeit nicht starr am Medium festmachen muss, sondern konzeptionell anhand von Kommunika‐ tionsbedingungen und kommunikativen Strategien definieren kann (Koch/ Oesterrei‐ cher 1985, 1994). Diese bilden keine Dichotomie mündlich vs. schriftlich, sondern unterscheiden sich graduell in konzeptionell mündlich - konzeptionell schriftlich. Ein alternatives Begriffspaar für konzeptionelle Mündlichkeit -Schriftlichkeit ist Nähesprache -Distanzsprache (Abb. 56 nach Koch/ Oesterreicher 1985: 23). Abb. 56: Konzeptionelle Mündlichkeit vs. Schriftlichkeit 216 7 Pragmatischer Wandel <?page no="217"?> 20 Für viele Themen eignen sich ergänzend auch historische Wörterbücher (z. B. DWB, Paul 10 2002 und Adelung 1793-1801). Sicher lässt sich dieses an der Gegenwartssprache entwickelte Modell nicht 1: 1 auf historische Kommunikationssituationen anwenden, denn Kommunikationsbedin‐ gungen und Versprachlichungsstrategien sind wandelbar bzw. haben sich so wie im Modell erst mit dem Ausbau des Deutschen zur verschriftlichten Sprache in der frühen Neuzeit herausgebildet (Ágel 2015). Ágel/ Hennig (2006) haben einen Vorschlag zur Anwendung auf historische Texte gemacht, auch um den Prozess der Verschriftsprachlichung nachvollziehen zu können. Für jede untersuchte Textsorte muss der Kriterienkatalog allerdings angepasst werden. So hat Schiegg (2022) das Modell adaptiert, um Briefe von Patienten psychiatrischer Anstalten aus dem 19. und frühen 20. Jh. daraufhin untersuchen zu können, wie flexibel die Schreibenden anlass- und adressatenorientiert nähe- und distanzsprachliche Merkmale einsetzen und wo sie regional geprägte Formen verwenden. Es besteht aber weitgehend Konsens, dass sich auch unter schriftlich überlieferten Texten solche finden, die historischer Alltags‐ sprache näherstehen als andere. Wenn man z. B. Wandel von Dialogen untersuchen möchte, kann man Quellen mit unterschiedlichen Graden an Authentizität/ Direktheit vs. Gefiltertheit/ Indirektheit nutzen (Fritz 1994a: 549 f., Kilian 2005: 40 f.): So sind etwa Beethovens Konversationshefte, in die Besucher ihre Redebeiträge für den Ertaubten geschrieben haben, sehr authentisch. Stark gefiltert sind dagegen Gerichtsprotokolle, bei denen es Filter wie indirekte Rede, Protokollant und Überarbeitung gibt (z. B. „Hexen“verhöre, Macha 2005, Wilke 2006). Ebenfalls indirekt, aber mit dem Ziel, Beispiele für authentisches Sprachverhalten zu geben, verfahren Musterdialoge in historischen Sprachlehrbüchern (s. Hübner/ Gennies 2021, Ackermann 2023b). Um historisch-pragmatische bzw. -interaktionale Phänomene zu untersuchen, kann man auch Dramen und andere fiktionale Texte nutzen, die Dialoge simulieren (s. die Beiträge in Denkler/ Elmentaler 2022 zu Bauernkomödien und in Imo/ Wesche 2022 zu Gryphius-Dramen). Hier eignet sich Prosa besser als Vers; und Texte, die eine Wirklichkeitsillusion aufbauen wollen, sind besser geeignet als hoch-artifizielle. Noch eine Stufe indirekter, aber nicht minder interessant, sind metasprachliche Äußerungen: Zum Beispiel geben Regeln zur richtigen Anrede in frühneuzeitlichen Grammatiken wie Gottscheds Sprachkunst ( 5 1762: 279f.) 20 oder in historischen Benimmbüchern und Briefstellern Aufschluss über Anredekonventionen. Benimmbücher verraten auch einiges über Regeln, die man in Gesprächen zu befolgen hatte (Linke 2008). Metalingu‐ istische Quellen dieser Art werden v. a. in der historischen Soziopragmatik genutzt, der Teildisziplin, die sich darauf konzentriert, den Wandel sprachlicher Praktiken in einen kulturhistorischen Kontext einzubinden (kulturanalytischer Ansatz). Dabei können auch bildliche Darstellungen einbezogen werden. Aus Abbildungen von Menschen im Gespräch kann man, weil sie Körperkonstellation und Körpersprache dokumentieren, etwa Gesprächsideale wie Extro-/ Introvertiertheit und Zuwendung zum Gegenüber er‐ schließen (Linke 2008). Abbildungen und Fotos von Innenräumen dokumentieren nicht 7.1 Was ist (historische) Pragmatik? 217 <?page no="218"?> nur sich verändernde Moden der Wohnraumgestaltung, sie geben auch Aufschluss über eine wichtige Kontextbedingung von Kommunikation: Saß man einander zugewandt oder nebeneinander? Saß man überhaupt? Wie viel Bewegungsfreiheit hatte man? Wie hat die Einrichtung den Raum und damit auch die Kommunikationskonstellation mitbestimmt (dazu mehr in Linke 2012)? Langzeitdiachrone Studien lohnen sich trotz der vielfältigen Einschränkungen in Da‐ tenbasis und methodologischen Möglichkeiten. Inzwischen gibt es aber auch kurzzeit‐ diachrone Ansätze zu pragmatischer Variation, die mit Befragungen arbeiten, in denen Befragte unterschiedlichen Alters und aus unterschiedlichen Regionen ihr Sprachver‐ halten in vorgegebenen, kontrollierten Situationen beschreiben (Discourse Completion Tasks; z. B. eine fremde/ nahestehende Person um etwas bitten). Über Altersvergleiche (Apparent time-Ansatz) lassen sich hier Wandeltendenzen wahrscheinlich machen und feinkörnig soziale Faktoren (demografische, individuelle und situationsbezogene) einbeziehen (dazu Ackermann u. a. 2026). 7.1.3 Perspektiven auf pragmatischen Wandel Als Forschungsfeld hat sich historische Pragmatik seit den 1970er Jahren etabliert und ist damit ein Nesthäkchen unter den Disziplinen der historischen Linguistik. Neben dem genannten Quellenproblem ist ein Grund dafür, dass bis zur „Pragmatischen Wende“ der 1970er Jahre linguistische Ansätze dominierten (Strukturalismus, Genera‐ tive Grammatik), die Sprachbenutzer weitgehend ausblendeten und Sprache kaum über die Satzebene hinaus analysierten. Aber auch aus dieser und älterer Zeit gibt es Arbeiten, die Sprachwandel und Sprachbenutzer aufeinander beziehen, nur noch ohne das Etikett „Historische Pragmatik“. Es zeichnen sich drei grundlegende Perspektiven ab, pragmatischen Wandel zu untersuchen (Abb. 57). Abb. 57: Untersuchungsperspektiven auf pragmatischen Wandel Zum einen kann man den Wandel pragmatischer Phänomene selbst ins Zentrum stellen (1a, b in Abb. 57). Weil Pragmatik an der Schnittstelle zwischen Grammatik und au‐ 218 7 Pragmatischer Wandel <?page no="219"?> ßersprachlicher Wirklichkeit „sitzt“, kann man dabei unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Einerseits kann man untersuchen, mit welchem grammatischen Wandel der pragmatische Wandel korreliert - also im „Zwiebelmodell“ gedacht (s. Abb. 1, S. 18) den Verbindungen des pragmatischen Wandels ins Innere der „Zwiebel“ auf den Grund gehen (pragmalinguistische Perspektive). Am Beispiel der Anrede wäre so ein Ansatz, zu untersuchen, wie sich die sprachlichen Mittel verändern, die für die Anrede genutzt werden (wie z. B. bei Simon 2003a/ b, 2006). Andererseits kann man pragmatischen Wandel auf Veränderungen in der außersprachlichen, gesellschaftlichen Wirklichkeit beziehen, also Verbindungen vom Rand der „Zwiebel“ nach außen untersuchen (sozi‐ opragmatische Perspektive). Anredewandel lässt sich z. B. mit gesellschaftlichen Ver‐ änderungen korrelieren: Das Anwachsen des Systems der Anredepronomen auf fünf Pronomen kann man mit der durch Statushierarchien geprägten Feudalgesellschaft und mit Höflichkeitspraktiken verbinden, die durch Ehrerbietung (deference) geprägt waren (Ackermann 2023b), die Titelverweigerung und die starke Expansion des Duzens in ehemalige Siezdomänen (z. B. studentisches Du) Ende der 1960er Jahre mit der Studentenbewegung (vgl. Augst 1977, Besch 2 1998, 2003a; Beetz 1990). Meist werden beide Perspektiven, die zum Sprachsystem und die zur sozialen Wirklichkeit hin, in unterschiedlicher Gewichtung in Bezug gesetzt (in Sachen Anrede z. B. bei Listen 1999). Wie alle sprachlichen Einheiten kann man den Wandel pragmatischer Phänomene aus zwei Perspektiven untersuchen (vgl. Jacobs/ Jucker 1995). Aus semasiologischer Sicht geht man von der Form aus, verfolgt diese durch die Zeit und untersucht, wie sich deren Funktionen entwickeln. Man kann z. B. nachverfolgen, wie die syntaktische Junktion weil eine pragmatische Funktion als Diskursmarker entwickelt hat (Gohl/ Günthner 1999, s. Kap. 7.4.2) oder wie das Adjektiv eben ‘flach’ sich funktional aufgefächert, dann einige Funktionen verloren hat und heute v. a. als Modalpartikel benutzt wird, z. B. in Das ist eben so (Autenrieth 2005). Morphologische Einheiten wie -(er)ei-Bildungen können auf ihr pragmatisches Funktionsspektrum und seine Herausbildung hin untersucht werden, wie etwa negative Bewertung in Bildungen wie pendeln → die Pendelei (Dammel 2011, Dammel/ Quindt 2016, s. Kap. 3.2). Aus onomasiologischer Sicht geht man von einer bestimmten Funktion aus und untersucht, welche (unterschiedlichen) Formen diese Funktion diachron erfüllen. So kann man zum Beispiel untersuchen, wie sich die sprachlichen Mittel, Sprechakte wie BITTEN oder FLUCHEN auszuführen, verändert haben (s. Kap. 7.5, Lötscher 1981 und Ackermann 2023a). Auch die diachrone Anredeforschung arbeitet in dieser Perspektive: Es wird untersucht, wie sich die Formen und Konventionen verändern, mit/ nach denen Adressaten angeredet werden. Von der Funktion geht man auch aus, wenn man untersucht, aus welchen grammatischen und lexikalischen Quellbereichen sich pragmatische Gliederungssignale in Gesprächen speisen. Zum Beispiel können sich Questions-Tags (Vergewisserungssignale) aus verschiedenen Quellen entwickeln, z. B. gell < gilt es, ne < nicht (s. Kap. 7.4.2). Studien zu pragmatischen Phänomenen kann man noch nach der Größe der unter‐ suchten Einheit unterteilen (Taavitsainen/ Jucker 2010): Auf der Mikroebene werden 7.1 Was ist (historische) Pragmatik? 219 <?page no="220"?> einzelne pragmatische Einheiten wie Anreden, Partikeln oder Sprechakte untersucht. Hier sind auch die Fallstudien dieses Kapitels verortet. Auf der Makroebene geht es um komplexere Interaktionsmuster wie z. B. Abläufe im verbalen Duellieren (Bax 1991, Jucker/ Taavitsainen 2000, Moik 2007, Imo/ Wesche 2022) oder bei der Liebes‐ kommunikation (Wyss 2008). Auf der Metaebene kann man Wertesysteme und Konventionen untersuchen, die sich (auch) im sprachlichen Handeln niederschlagen, z. B. Gesprächsideale und Geschlechterrollen im Gespräch (Linke 2008). Während auf der Mikroebene starke Verbindungen zur Grammatik bestehen, werden für die beiden größeren Einheiten soziokulturelle Faktoren wichtiger. In Abb. 57 unter 2 lassen sich Ansätze einordnen, die man der historischen Pragmatik zuordnen kann, aber nicht muss. Sie untersuchen pragmatische Phänomene weniger um ihrer selbst willen, als hinsichtlich der Rolle, die sie generell bei Sprachwandel spie‐ len. Wichtig sind dabei besonders die konversationellen Implikaturen (s. u. Kap. 7.2), die den Ausgangspunkt für syntaktischen und semantischen Wandel sowie für die Entstehung neuer grammatischer Konstruktionen (Grammatikalisierung, s. Kap. 11) bilden können. Beide Perspektiven (1 und 2) werden im Folgenden anhand von Fallstudien illustriert. Zuerst wird in Kap. 7.2 die Rolle konversationeller Implikaturen beim Sprachwandel skizziert (Perspektive 2). Als Wandel pragmatischer Einheiten selbst (Perspektive 1) werden danach die Entwicklung des nhd. Anredesystems (7.3) und die Entstehung von Diskurs- und Modalpartikeln behandelt (7.4). Zuletzt geht es um Sprechaktwandel an den Beispielen Direktiva und VERABSCHIEDEN, wobei die soziopragmatische Perspektive (1b) einbezogen wird (7.5). 7.2 Konversationelle Implikaturen - ein Katalysator für Sprachwandel Konversationelle Implikaturen sind Schlussfolgerungen aus Äußerungen, die nicht Teil der Bedeutung von sprachlichen Zeichen sind, sondern beim Benutzen von Zeichen in der Kommunikation entstehen und auf dem gemeinsamen Hintergrundwissen der Beteiligten basieren. Zum Hintergrundwissen gehören u. a. der sprachliche Vorkontext der Äußerung, das Wissen, wie man Gespräche führt, das „Wo, Wann, Wie und mit Wem“ der Kommunikationssituation und das Weltwissen der Beteiligten. Ein Beispiel: Lisa: Hast du ein Taschentuch da? Otto: Meine Jacke liegt da drüben. Diese Äußerungen erscheinen zusammenhanglos, wenn man sie isoliert und in ihrer wörtlichen Bedeutung betrachtet. Geht man aber auf die Gesprächsebene und bezieht das gemeinsame Wissen der Interagierenden mit ein, dann erkennt man zwei Implika‐ turen. Otto schließt aus Lisas Frage nicht, dass sie wissen möchte, ob er ein Taschentuch im Haus hat, sondern dass sie ihn indirekt um eines bittet. Lisa schließt aus Ottos Antwort, dass sie, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint, mit ihrer Frage zu 220 7 Pragmatischer Wandel <?page no="221"?> tun hat und dass Otto ihr auf sparsame Art bestätigen will, dass er ein Taschentuch hat, dass es sich in der Tasche seiner Jacke befindet und dass er ihr erlaubt, es sich von dort zu holen. Ottos Implikatur basiert stark auf einem ganz bestimmten situativen Kontext. Man nennt diesen Typ konversationeller Implikaturen deshalb auch partikularisiert. Solche Implikaturen sind zu speziell, als dass sie Chancen hätten, oft wiederholt zu werden und grammatischen Wandel anzustoßen. Die Basis dafür, dass konversationelle Implikaturen funktionieren, bilden unge‐ schriebene Gesetze, an denen wir alle uns im Gespräch orientieren. Als oberste Regel gehen Interagierende gegenseitig davon aus, dass andere sich im Gespräch kooperativ verhalten, und nehmen deshalb an, dass alles, was der Interaktionspartner äußern, ei‐ nen Sinn fürs Gespräch hat (Kooperationsprinzip). Dem untergeordnet sind weitere sog. Konversationsmaximen: 1) der Quantität: „Mache deinen Redebeitrag genau so informativ wie nötig und möglich“, 2) der Qualität: „Sage nichts, was falsch ist oder sein könnte“, 3) der Relevanz: „Sage das, was relevant ist“ und 4) der Art und Weise: „Rede klar und eindeutig und in der richtigen Reihenfolge“. Diese auf Grice zurückgehenden Maximen werden in Meibauer ( 2 2001) und Levinson ( 3 2000), jeweils Kap. 3, sowie Finkbeiner ( 2 2025: Kap. 4) genauer erklärt. Konversationelle Implikaturen funktionieren nun, indem auf der Basis der Propo‐ sition (Semantik der Äußerung), des gemeinsamen Hintergrundwissens der Kommu‐ nizierenden und der Konversationsmaximen Schlüsse von Sprechenden angeboten (implikatiert) und von Adressierten gezogen werden. Dabei müssen die Maximen nicht eingehalten werden; auch ein gezielter Verstoß erfüllt seinen Zweck, weil Hörer der Äußerung - gemäß dem Kooperationsprinzip - weiterhin einen Sinn unterstellen und nach der Motivation für den Verstoß gegen Maximen suchen. Im obigen Beispiel, bei dem Lisa indirekt vorgeht, verstößt ihre Frage, ob Otto ein Taschentuch da hat, auf den ersten Blick gegen die Relevanzmaxime. Deshalb schließt Otto aus der Frage, dass sie nicht wörtlich gemeint sein kann, dass Lisa sich nicht für seine Vorratshaltung inter‐ essiert, sondern etwas anderes meinen muss, das er in diesem Fall aus seinem Vorwissen und der Gesprächssituation erschließen kann. Ihm sind schon öfter verkappte Bitten in Frageform begegnet: Das Prüfen der Voraussetzungen für das Gelingen einer Bitte steht hier für die Bitte selbst (vgl. Levinson 3 2000: 388-96; dass diese Strategie historisch betrachtet noch nicht sehr lange etabliert ist, wird in 7.3.1 gezeigt). Außerdem hat Lisa gerade etwas von ihrem Tee verkleckert. Also schließt Otto, dass sie ein Taschentuch haben möchte und eine indirekte höfliche Strategie benutzt, um die unhöfliche direkte Aufforderung Gib mir ein Taschentuch! zu vermeiden. Die indirekte Strategie ‘Frage als Bitte’ ist allerdings schon stark konventionalisiert: Die eben skizzierten Schritte werden eigentlich nicht mehr einzeln rekonstruiert, wie das hier demonstriert wurde und zu Beginn der Fall gewesen sein muss, sondern die Funktion der Bitte ist heute fest mit dem Fragemuster gekoppelt. Weil aber nicht jede Frage eine Bitte ist, handelt es sich weiterhin um eine kontextabhängige Implikatur und nicht um ein semantisches Merkmal der Frageform. 7.2 Konversationelle Implikaturen - ein Katalysator für Sprachwandel 221 <?page no="222"?> Eine wichtige Eigenschaft konversationeller Implikaturen ist also, dass sie, wie eben am Bsp. gezeigt, als Schlussprozesse rekonstruierbar sind. Außerdem sind sie kontextabhängig und daher streichbar, d. h.: Da es sich um pragmatische Bedeutungen handelt, die durch den Kontext entstehen und nicht Teil der Semantik von sprachlichen Zeichen selbst sind, kann man sie aufheben, indem man den Kontext verändert: Hast du ein Taschentuch da? Ich frage nicht, weil ich eines möchte, sondern weil ich wissen will, ob du ein vorausschauender Mensch bist. Dass es sich um kontextbedingte Schlüsse handelt, zeigt sich auch daran, dass bei verändertem Kontext auch andere Implikaturen denkbar sind, etwa könnte man Ottos Äußerung bei geeignetem Kontext so interpretieren, dass Lisa statt eines Taschentuchs seine (alte) Jacke benutzen soll. Konversationelle Implikaturen sind als pragmatische Schlussprozesse ein wichtiger Katalysator für Sprachwandel (Traugott/ König 1991, Traugott 1999, Traugott/ Dasher 2 2004: 1.2, 1.3, Fritz 2 2006: 2.3, 3.2.5 und 5.4, Szczepaniak 2 2011a: 3.1). Kommunizierende weichen in Gesprächen immer wieder von grammatischen und semantischen Regeln ab, benutzen bzw. kombinieren alte sprachliche Mittel anders als gewohnt und in neuen Funktionen: Sie produzieren sprachliche Neuerungen, sog. Innovationen. Dass man sich trotzdem versteht, liegt daran, dass die Abweichungen kleinschrittig und als konversationelle Implikaturen erschließbar sind. Mithilfe des Kooperationsprinzips, der Konversationsmaximen und des Kontexts können Hörer erschließen, was Spre‐ chende meinen, wenn sie Zeichen auf neue Art verwenden und kombinieren, also neue Verwendungsweisen schaffen. Einige konzeptuelle Muster, die immer wieder für Neuerungen benutzt werden und so charakteristische Pfade semantischen und grammatischen Wandels erzeugen, z. B. Metapher, Metonymie und Euphemismus, wurden schon in Kap. 5.2 vorgestellt. Per Implikatur können Zuhörende auch hier das eigentlich Gemeinte aus dem Gesagten, den Maximen und dem Kontext erschließen. Greifen wir das Beispiel der Konjunktio‐ nen aus Kap. 5.2.3 wieder auf: Wenn jemand die Konjunktion sobald in der folgenden Äußerung benutzt: Sobald du weg bist, geht es mir besser, ist die wörtliche Bedeutung (Proposition) ‘von dem Zeitpunkt an, zu dem gilt du bist weg, gilt auch mir geht es besser. Implikatiert wird mit der Äußerung aber eine Kausalbeziehung ‘weil’ zwischen du bist weg und mir geht es besser. Das funktioniert, weil die Beteiligten das Weltwissen im Kommunikationshintergrund haben, dass Geschehnisse, die sich zeitlich überlappen, oft auch ursächlich zusammenhängen. Aus der zeitlichen Nachbarschaft wird deshalb im geeigneten Satzkontext eine Kausalbeziehung geschlossen (vgl. Fritz 2 2006: 149-158, Gillmann 2021 zu kausalem nachdem als Paradefall). Dabei handelt es sich nicht um eine partikularisierte, stark kontextabhängige Implikatur, sondern um eine generalisierte, auf einem etablierten Denkmuster basierende Implikatur ‘zeitlicher → logischer Zu‐ sammenhang’, die schon häufig grammatischen Wandel von temporalen zu kausalen Konjunktionen angestoßen hat (s. Kap. 5.2.3), z. B. bei weil. Das Sprungbrett für Innovationen bilden ambige Strukturen, die man Brückenkon‐ texte nennt (z. B. Heine 2002, ähnlich Diewald 2002) und bei denen prinzipiell beide Schlüsse möglich sind - hier die alte temporale und die implikatierte kausale Lesart. 222 7 Pragmatischer Wandel <?page no="223"?> Passt aber der Kontext nicht, entsteht auch keine kausale Implikatur, wie in Sobald ich zuhause bin, rufe ich zurück; oder wenn man die Implikatur streicht: Sobald du weg bist, geht es mir besser. Hat natürlich nichts mit dir zu tun: Wenn du in einer halben Stunde fährst, müsste meine Tablette so langsam wirken. Dies zeigt, dass es sich (noch) um eine kontextbasierte pragmatische Bedeutung handelt, nicht um eine semantische, die dem Sprachzeichen sobald inhärent wäre. Die Bedeutung, die mit konversationellen Implikaturen erschlossen wird, beruht zunächst gänzlich auf dem situativen Kontext, sie steckt nicht im sprachlichen Zeichen selbst. Wird nun dieselbe konversationelle Implikatur häufig und von vielen Kommu‐ nizierenden vollzogen, dann kann es passieren, dass die kausale Bedeutung vom konversationellen Kontext auf ein sprachliches Zeichen aus der Äußerung übergeht, also fest in die Zeichenbedeutung aufgenommen wird: Die konversationelle Implikatur wird konventionalisiert, und damit wird der Schritt von einer pragmatischen zu einer semantischen Bedeutung gemacht. Die neue Bedeutung ist nicht mehr von einem bestimmten Situationskontext abhängig, in dem sie geäußert wird, sondern gehört zur Semantik des Sprachzeichens (Diewald 1997: 55). Traugott (1988) spricht hier von „pragmatischer Anreicherung“, Fritz (2005: 108) von „Absorbierung der Kontextbedeu‐ tung“. Wie oben gezeigt, ist das bei sobald noch nicht passiert. Betrachtet man dagegen während, so ist dort dieser Schritt schon vollzogen (vgl. auch Abb. 42, S. 170): Die Quellbedeutung, auf der die konversationelle Implikatur aufbaute, war hier die Gleichzeitigkeit der Vorgänge in den beiden durch während verbundenen Teilsätzen (Während er die Eier kocht, setzt sie die Milch auf). In bestimmten Kontexten wurde mit der Gleichzeitigkeit als Brücke konversationell implikatiert, dass die durch während verbundenen Teilsätze eine adversative (kontrastierende) Beziehung haben: Während er schon die Eier kocht, liegt sie noch faul im Bett. Inzwischen ist diese Implikatur bereits konventionalisiert, das heißt, sie ist als ‘adversativ’ zusätzlich zu ‘temporal’ in die Zeichenbedeutung von während eingegangen und damit vom pragmatischen Kontext unabhängig geworden. Das erkennt man daran, dass nun auch Kontexte möglich sind, in denen zeitliche Überlappung - die ja die Basis für die konversationelle Implikatur war - gar nicht mehr gegeben ist: Während meine Urgroßmutter selig eine dicke Nase hatte, habe ich große Füße. Für die verschiedenen Typen von Implikaturen, partikularisiert, generalisiert und konventionell, lässt sich damit eine Staffelung nach der Stärke der Kontextabhän‐ gigkeit ansetzen (Abb. 58), die man - allerdings mit Vorsicht, s. dazu Finkbeiner ( 2 2025: Kap. 11) - auch aus der Perspektive des Wandels von pragmatisch zu semantisch bzw. grammatisch interpretieren kann (Pfeile). 7.2 Konversationelle Implikaturen - ein Katalysator für Sprachwandel 223 <?page no="224"?> Abb. 58: Pragmatische vs. semantische Bedeutungen mit diachronen Übergängen Nicht nur in diesem exemplarischen Beispiel zu Junktionen, auch generell bilden Impli‐ katuren einen wichtigen Baustein dafür, dass Abweichungen aller Art vom Gewohnten interpretiert, verstanden und produktiv gemacht werden können; sie ermöglichen damit die ersten Schritte von Sprachwandel. Konversationelle Implikaturen haben auch bei den in Kap. 5 (Semantischer Wandel) vorgestellten und bei den in Kap. 11 (Grammatikalisierung) noch folgenden Beispielen mitgewirkt. Sie spielen auch beim Anredewandel eine wichtige Rolle. 7.3 Anredewandel 7.3.1 Einordnung in die Pragmatik, terminologisches Werkzeug Diese Fallstudie gehört zum Bereich der Deixis (zu griech. deiknynai ‘zeigen’), bei dem es darum geht, wie mit verweisenden Ausdrücken auf Personen, Orte und Zeiten referiert (d. h. verwiesen) wird. Den Ausgangspunkt bildet die konkrete Kommunikati‐ onssituation, die festlegt, wo hier, wann jetzt und wer ich ist. Erst von diesem situativen Koordinatensystem aus wird eindeutig, worauf Zeigwörter (deiktische Ausdrücke) wie z. B. du, hier und nachher verweisen, wer mit du gemeint, wo hier und wann nachher ist. Deixis ist also hochgradig situationsabhängig und damit ein genuin pragmatisches Phänomen. Personaldeixis ist das Verweisen auf die Mitspieler im Sprechakt (v. a. mittels Personalpronomen), d. h. auf die Sprecherrolle (ich/ wir), die Adressatenrolle (du, ihr, Sie) und die Rolle Unbeteiligter (er/ sie/ es, sie [Pl.]). Die pronominale Anrede ist Teil der Personaldeixis, sie verweist deiktisch auf die Adressatenrolle (du, ihr, Sie). Viele Sprachen machen innerhalb der Anrede eine Unterscheidung zwischen Anre‐ demitteln für höflich-respektvolle und solchen für vertraute Beziehungskonstellatio‐ nen. Dabei fungiert die Kommunikationssituation als soziales Koordinatensystem, das die Höflichkeit im sprachlichen Handeln steuert. In jeder Kommunikation treffen wir Entscheidungen, welche höflichkeitsanzeigenden Mittel wir wählen. Dazu haben wir Hintergrundwissen über soziale Beziehungen und Konventionen erworben. Im Nhd. 224 7 Pragmatischer Wandel <?page no="225"?> muss man bei der pronominalen Anrede zwischen „normalen“ (du, ihr) und höflichen Pronomen (Sie) wählen, je nach Gegenüber, wobei die relevanteste Bedingung der Grad an sozialer Vertrautheit vs. sozialer Distanz ist. Regeln für Anredeverhalten sind durch soziale Variablen wie Sozialstatus, Alter, Geschlecht und Gesprächssituation bestimmt - und lassen sich auf die 4-w-Grundfrage bringen: „Wer redet wen in welcher Situation wie an? “ (Besch 2003a: 2601-2604, hier 2601). Diese Variablen, die sich noch verfeinern lassen (vgl. Ackermann u. a. 2026 mit weiterer Literatur), haben in unter‐ schiedlichen Sprachgemeinschaften und zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliches Gewicht (z. B. ist im Japanischen Geschlecht viel wichtiger als im Dt.). Sie wirken auch so gut wie immer zusammen (wie Alter, Sozialstatus und Vertrautheit im Dt.). Weil die Anrede das soziale Verhältnis der Gesprächsteilnehmer mitmarkiert, spricht man auch von Sozialdeixis (s. Levinson 3 2000: 97-102). Die pragmatischen Konventionen der Anrede unterliegen dem Sprachwandel genauso wie grammatische Phänomene. Das Anredeverhalten ist durch Bedingungen der Höflichkeit bestimmt. Ein ein‐ flussreiches Modell höflichen Verhaltens ist das Konzept des Face ‘Gesicht’ (Brown/ Levinson 1987: 13). Mit Face ist das Bedürfnis gemeint, in seinem Selbstbild von Anderen sozial anerkannt zu werden. Sein Gesicht möchte jeder schützen, was in Redensarten wie das Gesicht wahren/ verlieren eingegangen ist. Dabei werden zwei Arten von Face unterschieden: positives und negatives (was nicht wertend gemeint ist). Beide müssen durch Höflichkeit in der Interaktion „gepflegt“ werden: Das po‐ sitive Gesicht möchte von Anderen anerkannt werden, das negative möchte seine persönliche (Handlungs-)Freiheit wahren und vor Zwängen durch Andere sicher sein. Höflichkeit besteht dann darin, in der Interaktion gegenseitig das negative Gesicht des Anderen zu schützen und das positive zu stützen. Das funktioniert als stillschweigender beidseitiger Vertrag (ähnlich wie bei den Kommunikationsmaximen), indem man idealerweise Andere so behandelt, wie man selbst auch behandelt werden möchte. Den zwei Gesichtern entsprechend gibt es auch zwei Sorten von Höflich‐ keit: Positive Höflichkeit stützt und verstärkt das positive Gesicht des Partners − z. B. ist man positiv höflich, wenn man jemandem ein Kompliment macht. Das kann Sprachwandel anstoßen: Auf so ein Kompliment gehen die heute allgemeinen nominalen Anreden Herr und Frau zurück. Beide wurden im Mhd. als herre und vrouwe noch exklusiv für Personen hohen Standes benutzt. Die Generalisierung geht wohl auf die positive Höflichkeitsstrategie zurück, auch niedriger gestellte Personen so anzureden, als seien sie höheren Standes. Diese Praxis wurde von immer mehr Sprachbenutzern übernommen. Damit kam es aber zu einer Inflation: Das Kompliment verlor seine distinguierende Funktion und Herr und Frau wurden als normale nominale Anreden für Erwachsene konventionalisiert (diese Erklärung greift aber nur für die höflichkeitssensitive Anrede, nicht für die (Unbeteiligten-)Referenz auf Personen, über die man spricht, vgl. Kap. 5.3.3 zu einer umfassenden Darstellung). Negative Höflichkeit besteht darin, die Freiheit des Partners zu schützen, über sich und sein Handeln selbst zu bestimmen. Kretzenbacher (1991: 26, ähnl. Besch 2 1998: 151 f.) zieht hier Schopenhauers Parabel ‘Die Stachelschweine’ heran: Man hält voneinander so 7.3 Anredewandel 225 <?page no="226"?> viel Abstand wie nötig ist, um einander zu wärmen, aber nicht zu verletzen. Viele Sprachhandlungen, die indirekt sind, gehören zu dieser Form von Höflichkeit. Sie signalisieren dem Gegenüber, dass man seinen Handlungsspielraum respektiert. Indem man etwa Anliegen und Kritik indirekt formuliert, z. B. als Frage im Konjunktiv II oder als Feststellung (Könntest Du mir mal helfen? / Die Musik ist ganz schön laut), verletzt man zwar die Konversationsmaxime der Relevanz, signalisiert aber damit, dass man das negative Gesicht der Angesprochenen achtet. Negative Höflichkeit wird eine wichtige Rolle beim Anredewandel und beim Wandel von Sprechakten wie Bitten spielen und ist überhaupt als Faktor des Sprachwandels nicht zu unterschätzen. Inwiefern das Face-Konzept historisch und sprachübergreifend trägt, wurde kontrovers diskutiert. Wir kommen darauf in Kap. 7.5 zurück. Man könnte die Diachronie der Anrede in ihren Beziehungen zu gesellschaftlichem Wandel untersuchen, z. B. ausgehend von der oben erwähnten 4-w-Grundfrage „Wer redet wen in welcher Situation wie an? “ ergründen, wie sich die Konventionen verändern, die die Anrede steuern: Welche sozialen Variablen gewinnen/ verlieren an Priorität (z. B. soziale Hierarchie)? Wie wird asymmetrische Anrede (eine siezt, die andere duzt, wie das bis ins 20. Jh. bei Kind-Eltern-Beziehungen der Fall war) zugunsten symmetrischer abgelöst (gegenseitiges Duzen oder Siezen)? Mit welchen gesellschaftlichen Veränderungen korreliert der Wandel in der Anrede? Diese eher soziolinguistische Perspektive ist bei Augst (1977) und Besch (2003a) aufbereitet. Wir gehen diesen Weg hier nicht, sondern verfolgen aus pragmalinguistischer Perspektive, wie sich die sprachlichen Mittel der Anrede verändern. Anreden kann man mit nominalen Mitteln wie Lisa, Digga, Maus oder Frau (Prof.) Mayer und mit pronominalen wie Sie, ihr und du. Auch das Verb spielt dabei mit (Haben die Dame wohl gespeist? ). Man kann einen einzelnen (du, Sie) oder mehrere Adressaten (ihr, Sie) anreden. Wir konzentrieren uns im Folgenden auf die pronominale Anrede an eine Einzelperson. 7.3.2 Immer indirekter: Die Entwicklung der höflichen Anredepronomen im Deutschen Das Dt. hat ein zweigliedriges System aus informellem du/ dir/ dich gegenüber formel‐ lem Sie/ Ihnen entwickelt (also Gehst du schon? vs. Gehen Sie schon? ). Das höfliche Sie ist homophon (gleichlautend) mit dem Personalpronomen der 3.Ps.Pl. sie. Auch das Verb kongruiert in der 3.Ps.Pl. Trotzdem gibt es Unterschiede zwischen beiden Verwendungen, die zeigen, dass es sich bei nhd. sie und Sie um zwei verschiedene Pro‐ nomen handelt, nämlich ein Personalpronomen der 3.Ps.Pl. zur Unbeteiligtenreferenz gegenüber einem adressatendeiktischen Pronomen der 2.Ps.Sg. mit dem Merkmal ‘höf‐ lich’. Unterschiede gibt es zum einen in der Orthographie - das Anrede-Sie wird großgeschrieben (zur pragmatischen Funktion der Großschreibung vgl. Kap. 9.1.7); zum anderen in der Morphosyntax - z. B. kongruieren beim Anrede-Sie Prädikative immer im Singular: 226 7 Pragmatischer Wandel <?page no="227"?> Sind Sie eine lahme Ente? (Anrede an eine Person) Sind sie lahme Enten? (Aussage über eine Gruppe Unbeteiligter) Sie lahme Ente! *Sie lahmen Enten! (für Unbeteiligte ungrammatisch) Grimm rügt das nhd. System in „Über das Pedantische in der deutschen Sprache“ folgendermaßen: den einzelnen, der uns gegenübersteht, reden wir unter die augen nicht mit dem ihm gebührenden du an, sondern gebärden uns als sei er in zwei oder mehr theile gespalten und müsse mit dem pronomen der mehrzahl angesprochen werden. […] wir Deutschen aber sind dabei nicht stehn geblieben, sondern haben den widersinn dadurch pedantisch gesteigert, dasz wir nicht einmal die zweite person in ihrem recht, sondern dafür die dritte eintreten lassen […]. Grimm (1864: 332 f.) Viele Sprachen haben keine Höflichkeitsdistinktion in den Personalpronomen (z. B. Englisch) oder machen kaum mehr von ihr Gebrauch (z. B. Dänisch), nutzen aber andere Mittel im Bereich der nominalen Anrede, um Status und Sozialbeziehung zu markieren. Andere Sprachen, z. B. das Französische, haben zwar eine pronominale Höflichkeitsdistinktion, nutzen dafür aber das Personalpronomen der 2.Ps.Pl., hier vous. Dass wie im Dt. das Pronomen der 3.Ps.Pl. als Höflichkeitspronomen funktiona‐ lisiert wird, ist im Sprachvergleich selten und erscheint aus kognitiver Sicht zunächst seltsam. Wie kam es dazu, dass wir eine Einzelperson so ansprechen, als handele es sich um mehrere Personen, und noch dazu, als würden wir die Person nicht direkt anreden, sondern über eine Gruppe unbeteiligter Dritter sprechen? Diese Entwicklung lief über mehrere Schritte, die z. B. Augst (1977), Besch (2003a) und Simon (2003a/ b) beschreiben. Simon, dem die weiteren Ausführungen folgen, bringt eine sehr anschauliche graphische Darstellung (s. Abb. 59). In germ. Zeit bis ins Ahd. hinein gab es wahrscheinlich (die dünne Quellenlage gibt keine Sicherheit) ein eingliedriges System, das nur aus dem du-Pronomen bestand (Stufe 1). Im Ahd. ist dagegen bereits die höfliche ir-Anrede (Stufe 2) hinzugekommen, die die Personalpro‐ nomen der 2.Ps.Pl. nutzt (ir, iuwēr, iu, iuwih/ iuh). Abb. 59: Pronominale Anrede an eine Einzelperson diachron nach Simon (2003a: 93) 7.3 Anredewandel 227 <?page no="228"?> Die ersten Belege für ir finden sich in Texten, die dialogischer Alltagssprache nahe‐ stehen, wie in Otfrids - seiner Evangelienharmonie beigefügten - Widmung an den Konstanzer Erzbischof Salomo (2. Hälfte 9. Jh.) und in den „Pariser Gesprächen“, einer um die Wende zum 10. Jh. entstandenen Sammlung von Sätzen, die wahrscheinlich „Sprachführerfunktion“ für Romanisch-Sprechende hatte (daher auch die ungewöhn‐ liche, aber romanisch übliche Schreibung gar für ‘ihrʼ): Ófto ırhugg ıh múateſ · theſ mánagfalten gúateſ / thaz ír mih lértut hárto · íueſ ſelbeſ uuórt „Oft erinnere ich mich im Geist des mannigfaltigen Guten / das ihr mich lehrtet streng / durch euer eigenes Wort“ (Otfrid: Salomoni episcopo, v. 11-12, zit. nach Kleiber ed. 2004) Guane cumet gar, brothro? […] „Woher kommt ihr, Bruder? “ (Pariser Gespräche, zit. nach Schlosser 2 2004: 160) Wie es zum ir kam, ist umstritten. Meist wird es lateinischem Kontakteinfluss zuge‐ schrieben. Latein ist in ahd. Zeit die wichtigste Kontaktsprache, Sprache der Gebildeten und mit hohem Prestige belegt. Mit tu und vos gilt dort dieselbe Höflichkeitsdistinktion wie im Ahd. mit du und ir (s. Besch 2003a: 2600, 2605). Nicht unterschätzen sollte man jedoch pragmatische Motive, die unabhängig vom Lateinischen auch im Dt. greifen konnten (Simon 2003a: 104-106). Diese lassen sich als konversationelle Implikaturen nachvollziehen, die später konventionalisiert wurden (vgl. Brown/ Levinson 1987: 23). Indem man vom Singular auf den Plural übergeht, lässt man zum einen das Gegenüber mächtiger erscheinen - man benutzt die Metapher „Vielzahl steht für Macht“ und vollzieht damit einen Akt positiver Höflichkeit, indem man das Gegenüber erhöht. Zum anderen ist die Anrede einer Einzelperson im Plural indirekter: Die Person bekommt die Rückendeckung einer virtuellen Gruppe, in die sie sich zurückziehen kann. Die Anrede im Plural kann damit auch mit negativer Höflichkeit verbunden werden, die durch Indirektheit Gesichtsbedrohung minimiert (vgl. Brown/ Levinson 1987: 23, Listen 1999: 148f., Simon 2003a: 105). Das zweigliedrige System aus du und ir wird bis in die fnhd. Phase aufrechter‐ halten (Stufe 2). Die Regeln für das Duzen und Irzen waren v. a. bestimmt durch die Variablen ‘soziale Position’ und ‘Alter’, wobei Asymmetrien häufig vorkamen (Statushöhere/ Ältere duzten Statusniedrigere/ Jüngere). Das System funktionierte also grundlegend anders als heute: es ging um die relative Position auf der festgefügten sozialen Hierarchie und nicht um individuelle soziale Nähe oder Distanz. Ab etwa dem 17. Jh. (Stufe 3) beginnt sich das Inventar höflicher Pronomen auszudifferenzieren. Dass neue Pronomen nötig wurden, erklärt man u. a. damit, dass das alte höfliche Pronomen ir mehr und mehr auch für Personen niedrigerer Stände verwendet wurde. Es wurde inflationär gebraucht und verlor damit seine gesellschaftlich distinguierende Funktion (vgl. das Konzept der unsichtbaren Hand in Kap. 5.3.3). Als erste neue Möglichkeit, die an Höflichkeit das alte ir übertraf, kam die Anrede in der 3.Ps.Sg. mit Unterscheidung nach Sexus (natürlichem Geschlecht) er/ sie ins System. Wegbereiter dazu waren nominale Anreden wie der Herr, die Jungfrau etc., die im 16. Jh. aufkamen. 228 7 Pragmatischer Wandel <?page no="229"?> Wan es mein gnädiges Fräulein im bästen vermärken wolte, so könt’ ich Ihm noch wohl den wahren sün […] gnugsam eröfnen. (Philipp von Zesen: Adriatische Rosenmund, 3. Buch, zit. in Keller 1904/ 05: 172) Diese Nominalphrasen wurden zunächst anaphorisch (rückverweisend) durch er/ sie/ es wieder aufgenommen. Das erkennt man zum einen daran, dass er/ sie/ es anfangs nie ohne vorangehende Nominalphrase vorkommt. Noch deutlicher wird die Anaphorizität des Pronomens aber in Beispielen wie dem obigen, wo das Pronomen ihm nicht mit dem weiblichen Sexus der Referentin korreliert, sondern mit dem neutralen grammatischen Genus von Fräulein in der vorangehenden Nominalphrase. Damit verweist er/ sie/ es anfangs nicht deiktisch auf einen Adressaten, sondern anaphorisch zurück auf die Nominalphrase. Erst später (1. Hälfte 17. Jh.) verselbstständigt sich das Pronomen er/ sie; es wird als Anredepronomen reanalysiert (d. h. neu interpretiert), das aus sich heraus auf Adressaten referiert. Das zeigt sich besonders deutlich, wenn keine grammatische Kongruenz mehr mit der Nominalphrase besteht, sondern das Pronomen dem sozialen Geschlecht der Angeredeten angepasst wird (also im Gegensatz zum obigen Beispiel Fräulein mit sie/ ihr statt mit es/ ihm kombiniert wird). Außerdem kommen die Pronomen der 3.Sg. zunehmend unabhängig von einer vorausgehenden Nominalphrase vor. Auch der Schritt zur indirekten Anrede er/ sie lässt sich pragmatisch als konversa‐ tionelle Implikatur erklären, mit der gesteigerte negative Höflichkeit erreicht wird: Eine Person abweichend vom Normalen (2.Ps.) in der 3.Ps. anzusprechen, als ob man über eine Dritte spricht, sagt der angeredeten Person nicht etwa, dass sie nicht gemeint wäre. Vielmehr konnten Angeredete die Abweichung als gezielten Verstoß gegen die Maximen der Relevanz und Modalität deuten, mit dem Sprecher sie indirekt adressieren und so deutlich machen wollten, dass ihr Handlungsspielraum respektiert wird. Die indirekte nominale Anrede (Hat das Fräulein …), die nach der gleichen Höflichkeitsstrategie funktionierte und anaphorische Pronomen der 3.Ps. mit sich brachte, war dabei das konstruktionelle Sprungbrett. Neue nominale Anredeformen bildeten auch die Grundlage dafür, dass sich im 18. Jh. die Anrede mit Sie (Pl.) herausbilden konnte (Stufe 4). Als nominale Anreden waren Abstrakta wie Majestät, Gnaden, Weisheit etc. (oft gesteigert durch ehrende Adjektive) ab dem 15. Jh. in Praktiken der Überhöhung in Mode gekommen. Auch hierbei ist eine negative Höflichkeitsstrategie beteiligt, die auf Indirektheit setzt, indem stellvertretend für eine Person eine ihr zugeschriebene abstrakte Eigen‐ schaft angesprochen, also das metonymische Verfahren Teil für Ganzes benutzt wird. Gleichzeitig wirkt mit den ehrenden Abstrakta und Adjektiven aber auch eine positive Höflichkeitsstrategie. Wie die nominalen Anreden vorher, so werden auch diese Abstraktbildungen anaphorisch mit Pronomen der 3.Ps. wieder aufgenommen. Und weil Abstrakta im 7.3 Anredewandel 229 <?page no="230"?> Dt. meist feminin sind, geschieht das mit femininen Pronomen - also Eure Weisheit … sie auch für Männer. Das feminine sie im Sg. war damals schon gleichlautend mit dem pluralischen sie geworden. Diese formale Gleichheit war ein Brückenkontext für den Schritt zum pluralischen Anrede-Sie. Dazu kommt, dass bei Feminina wegen ihrer Flexionsendungen oft nicht eindeutig war, ob es sich um einen Singular oder einen Plural handelte: In der fnhd. Phase konnten Feminina wie Gnade auch im Sg. noch auf -n auslauten, Dann hatten Akk., Gen. und Dat. (manchmal auch Nom.) Sg. und Pl. aller Kasus die gleiche Form Gnaden (vgl. heute erstarrtes auf Erden und Kap. 3.1.2, Abb. 22, S. 75). Auch weil Abstrakta mit der Zeit immer öfter abgekürzt wurden - also E.M. für Eure Majestät, aber auch Eure Majestäten - entstand Ambiguität darüber, welcher Numerus gemeint war (s. Simon 2003a: 113). Diese grammatischen Uneindeutigkeiten wirkten zusammen mit pragmatischen Prozessen. Pragmatisch wird mit dem Übergang von der 3.Ps.Sg. sie / er in die 3.Ps.Pl. Sie noch einmal dieselbe Höflichkeitsstrategie ‘Plural statt Singular’ angewandt wie beim Übergang vom du zum Ihr, allerdings hier innerhalb der 3.Ps., also der eigentlichen Unbeteiligtenreferenz. Dadurch kommt noch einmal eine Steigerung zustande, die das Höchstmaß an Höflichkeit erreicht, das das Paradigma der Personalpronomen hergibt. Die Abweichungen in Person und Numerus von der direkten du-Anrede, die Indirektheit schaffen, werden in Kombination genutzt (3.Ps. und Pl.). Der Schritt von er/ sie zu Sie (Pluralisierung) lässt sich wiederum (wie beim du zum ihr) pragmatisch als Implikatur von Macht (positive Höflichkeit) und als Strategie der Verabwesendung (negative Höflichkeit) erklären (Listen 1999: 150 f., Simon 2003a: 113). Dazu kommt, dass die Strategie ‘Plural statt Singular’ unabhängig auch beim Verb wirkte, schon bevor sich beim Pronomen der Plural durchsetzte (Listen 1999: 4.2.2, 152; Simon 2003a: 114), dass also z. B. haben Eure Majestät statt hat geschrieben wurde. Im folgenden Beispiel stehen sowohl Verben als auch schon Pronomen im Plural. Ihr Gnaden haben vielleicht geschlaffen / dass sie ein unangenehmer Traum erschreckt hat. […] Haben Ihr Gnaden niemanden bey sich gehabt? […] Kunten sie niemand um Hülffe anruf‐ fen? (Anrede eines Offiziers an einen Herzogssohn, zit. nach Listen 1999: 223, Unterstrei‐ chung A. D.) Wenn die Kommunizierenden neue höfliche Anredepronomen entwickelten, bedienten sie sich also immer aus dem Paradigma der Personalpronomen. Doch passierte das nicht in einer willkürlichen Reihenfolge. Simon (2003a: 129) veranschaulicht den diachronen Pfad, nach dem Höflichkeitspronomen aus dem Pronominalparadigma rekrutiert wurden, in einem Schaubild (hier vereinfacht, Abb. 60). Dieser Pfad zeigt die pragmatischen Schritte der Höflichkeitsstrategien, die oben beschrieben wurden: zuerst Pluralisierung, dann 3. für 2.Ps. und zuletzt wieder Pluralisierung. 230 7 Pragmatischer Wandel <?page no="231"?> Abb. 60: Simons Pfad der Höflichkeitspronomen durch das Paradigma der Personalpronomen (verein‐ facht nach 2003a: 129) Dialekte des Dt. haben teilweise ältere Stufen auf diesem Pfad bewahrt. Alemannische Dialekte nutzen zum Beispiel Formen von ihr als höfliches Anredepronomen und stehen damit auf Stufe 2. Einige niederdt. Dialekte benutzen er/ sie und haben damit Stufe 3 erreicht (Simon 2003a: 124-128, Grober-Glück 1994: 89-104). Schiegg/ Elspaß (2025) bestätigen anhand zweier Briefkorpora (süddt. Patientenbriefe und regional verteilte Auswandererbriefe) die Beobachtung von Grober-Glück (1994) und Simon (2003a: 127), dass sich (selteneres) ihr neben (häufigerem) du und sie in bis ins erste Drittel des 20. Jh. hält. Sie belegen auch asymmetrische Anredepraktiken (Kinder sie‐ zen/ ihrzen Eltern) teils bis in diese Zeit. Aus variationslinguistischen Beobachtungen wie diesen ergibt sich die weiterführende Frage, inwieweit der diachrone Umbau des Inventars pronominaler Anredeformen von regionaler (z. B. südliche ihr-, nördliche er/ sie-Schwerpunkte) und sozialer Variation überformt sein kann: Haben Angehörige unterschiedlicher sozialer Schichten verstärkt bestimmte Teile des Gesamtrepertoires aus Abb. 58 genutzt? Das Maximalsystem aus du, ihr, er/ sie und Sie wird vorübergehend gekrönt durch weitere Pronomen, besonders das Identitätspronomen dieselben. Dieses ist in Abb. 59 allerdings eingeklammert, weil es nie richtig ins System integriert war: Es wurde kaum selbstständig verwendet, sondern meist nur anaphorisch zu einer vorangehenden Nominalphrase (Ihre Majestät … Dieselben). Es wurde wahrscheinlich selten münd‐ lich gebraucht und war auf bestimmte schriftliche Textsorten spezialisiert (Simon 2003a: 119). Das überladene fünfstufige System bricht im 19. Jh. zusammen, was wiederum mit gesellschaftlichen Veränderungen wie dem Ende des Feudalsystems und dem Aufstieg des Bürgertums verbunden werden kann (vgl. Besch 2003a: 2608, 2615). Aber schon die Überbesetzung allein ist ein wichtiger Grund für den Zusammenbruch. Ein erstes Bröckeln des Systems zeigt sich im Plätzetausch von ihr und sie/ er. Das Pronomen der 3.Ps.Sg. er/ sie wird abgewertet und bekommt eine despektierliche Konnotation, wie sie z. B. in Büchners „Woyzeck“ (zit. nach 6 1997: 240, Unterstreichung A. D.) inszeniert wird: [Hauptmann zu Woyzeck: ] „O er ist dumm, ganz abscheulich dumm. (Gerührt.) Woyzeck, Er ist ein guter Mensch, ein guter Mensch - aber (mit Würde) Woyzeck, Er hat keine Moral! Moral is, wenn man moralisch ist versteht Er.“ Im Laufe des 19. Jhs. wird das System radikal auf den heutigen zweigliedrigen Stand reduziert (mit den oben genannten Relikten bis ins frühe 20. Jh.). Seitdem, mit einem starken Schub ab 1968 (vgl. Augst 1977, Besch 2 1998, 2003a), hat das Du seine 7.3 Anredewandel 231 <?page no="232"?> Gebrauchsdomänen ausgeweitet (studentisches, kollegiales Du, Eltern-Kinder-Du, Du in Serviceinteraktionen). Dennoch bleibt das zweigliedrige System gegenüber anderen germ. Sprachen (wie den skandinavischen Sprachen, wo die Du-Expansion viel weiter fortgeschritten ist) stabil. Seine Anwendungsnormen basieren heute vor allem auf einer Kombination aus Vertrautheitsgrad (sozialer Nähe) und relativem Alter. Das Sie stirbt keineswegs aus. Soziale Hierarchie als dominanter Faktor im älteren Deutsch wurde allerdings durch soziale Nähe/ Distanz und damit einhergehend abgelöst (s. Kretzenbacher 2010). Ein weiterer wichtiger Unterschied der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen An‐ redesysteme (Stufen 2-5) gegenüber dem gegenwärtigen (Stufe 6) besteht darin, dass die Variable Gesprächssituation und damit die Pragmatik früher eine weit größere Rolle gespielt hat. Heute gilt: Sind zwei Personen einmal vom Sie zum Du übergegangen, so ist dieser Schritt i. d. R. irreversibel. Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit waren die Anredekonventionen dagegen variabler (Simon 2003a: 96-103, 114; Fritz 2005: 174 f.). Ob geduzt oder geirzt wurde, war stärker durch die Gesprächssituation bestimmt, also durch pragmatische Prinzipien geregelt. Eine Analyse dieser Variabilität am Nibelungenlied findet sich in Simon (2003a: 96-103, weitere Beispiele in Fritz 2005: 174 f.). Das folgende fnhd. Beispiel stammt aus einem Brief Luthers an seine Frau wenige Tage vor dessen Tod durch Krankheit: […] Allerheiligeste Fraw Doctorin! Wir dancken euch gantz freundlich fur ewer grosse sorge, dafur ir nicht schlaffen kund, Denn seit der Zeit ihr fur vns gesorget habt, wolt vns das feur verzeret haben in vnser Herberge, hart fur meiner stubenthur, Vnd gestern, on Zweifel aus krafft ewer sorge, hette vns schier ein stein auff den kopff gefallen vnd zuquetzscht, wie in einer Mausfalle […]. Ich sorge, wo du nicht auffhörest zu sorgen, es mocht vns zuletzt die erden verschlingen vnd alle Element verfolgen. Lerestu also den Catechismum vnd glauben? Bete du vnd lasse Gott sorgen, dir ist nichts befolhen, fur mich oder dich zu sorgen […] (zit. nach Besch 2003a: 2607, Unterstreichung A. D.) Im ersten Teil wird mittels Irzen und pluralischer Selbstreferenz (wir etc.) ironische Distanz zu den Sorgen der Frau erzeugt. Der zweite Teil wirkt durch die Aufgabe dieser Distanz in Anrede und Selbstreferenz umso eindringlicher. Wenn bis ins 19. Jh. situationsabhängig unter den verfügbaren Anredepronomen gewählt wurde, man heute aber weitgehend auf die konstante Anrede mit du oder Sie festgelegt ist, dann haben wir die Entwicklung von einer variierenden hin zu einer obligatorischen Verteilung und eine Abnahme pragmatischer Steuerung bei der Anrede. Für Simon (2003a/ b) ergibt sich daraus sowie aus dem morphosyntaktischen Sonderverhalten von Sie die These, dass ein Wandel von einer pragmatischen hin zu einer grammatischen Steuerung der Anrede stattgefunden hat. Im „Zwiebelmodell“ ausgedrückt wurden die pragmatischen Prozesse bei der pronominalen Anrede am äußeren Rand der „Zwiebel“ verfestigt (konventionalisiert) und haben dazu geführt, dass sich weiter innen in der „Zwiebel“, im grammatischen System, etwas verändert hat: dass sich eine neue grammatische Distinktion ‘+/ − Honorativ’ entwickelt und sich ein 232 7 Pragmatischer Wandel <?page no="233"?> 21 Das Bairische ist sogar noch einen Schritt weiter gegangen. Hier hat sich das Anredepronomen auch formal vom Personalpronomen der 3.Ps.Pl. emanzipiert, z. B. in I versteh Eana guad, Herr Simon (2.Ps.Sg., Honorativ-Anrede) vs. I versteh=s guad, die neia Nachbarn (Unbeteiligte, 3.Ps.Pl.), vgl. Simon (2003a: Kap. 5.2). neues für Respekt markiertes Pronomen der 2. Person etabliert hat. Dieses sieht zwar aus wie ein Personalpronomen der 3.Ps.Pl., verhält sich aber grammatisch eigenständig, und zwar wie ein Pronomen der 2. Person. Das erkennt man z. B. daran, dass bei der Anrede an einen Adressaten die kongru‐ ierenden Wörter im Sg. stehen, wie in den eingangs dieses Kapitels zitierten Beispielen Sie sind eine lahme Ente, anders als bei einer Aussage über eine Gruppe Dritter: Sie sind lahme Enten. Die Struktur Sie lahme Ente! (eine komplexe Nominalgruppe mit dem Pronomen als Kopf) ist überhaupt spezifisch für die Anrede und wäre bei Referenz auf Unbeteiligte gar nicht möglich (*sie Idiotin, *er Idiot, *sie Idioten). Das neue Honorativpronomen verhält sich also syntaktisch ganz anders als das alte 3.Ps.Pl.-Pronomen. 21 7.4 Entstehung von Diskurs- und Modalpartikeln 7.4.1 Einordnung in die Pragmatik, terminologisches Werkzeug Diskurspartikeln (auch: Gesprächspartikeln oder Diskursmarker) wie ich mein, ne? , gell? und okay? sowie Modalpartikeln (auch: Abtönungspartikeln) wie eben und halt gehören zu den nicht-flektierbaren, also unveränderlichen Wörtern (sog. Partikeln). Wenn man Diskurs- und Modalpartikeln weglässt, verändert sich in der Regel nicht die Satzaussage (Proposition), es fällt aber eine gesprächssteuernde oder bewertende Komponente auf interaktionaler Ebene weg. Diskurs- und Modalpartikeln prägen gesprochene Alltagssprache. Dieser Fallbeispiel-Komplex gehört zum pragmatischen Teilgebiet Konversations‐ analyse, die untersucht, wie Gespräche funktionieren (vgl. Stukenbrock 2013 für eine knappe Einführung): Wie regeln die Gesprächsteilnehmer, wann im Gespräch Sprecherwechsel stattfindet? Wie signalisiert man, dass man weitersprechen bzw. auch mal was sagen möchte? Mit welchen Mitteln werden Redebeiträge gegliedert (kommt jetzt ein Erzählteil oder eine neue Behauptung? etc.) und Themenwechsel angekündigt? Solche Funktionen übernehmen u. a. Diskursmarker. Das sind Steuerungssignale im Gespräch, die Redebeiträge gliedern, verknüpfen und den Sprecherwechsel regeln (Imo 2012). Sie lassen sich unterteilen in Sprecher- und Hörersignale: Erstere kann man weiter untergliedern in Startsignale, die den Redebeitrag eröffnen (z. B. ich mein, ja aber, also), Haltesignale, die an übernahmerelevanten Stellen signalisieren, dass man weitersprechen möchte (z. B. äh, ich mein) und Endsignale, die den Redebeitrag abschließen (z. B. und so, oder so, ja). Eine Untergruppe der Endsignale sind die sog. Vergewisserungssignale (auch Question-tags), die eine Reaktion einfordern und auch anzeigen können, dass Sprecherwechsel stattfinden kann (z. B. ne? , oder? , gell? ). 7.4 Entstehung von Diskurs- und Modalpartikeln 233 <?page no="234"?> Mit Hörersignalen (wie ja, mhm) zeigen Hörer Aufmerksamkeit und signalisieren Sprechern, dass sie die Sprecherrolle behalten können. Bei aller Unterschiedlichkeit ihrer Funktionen haben Diskursmarker den gemeinsamen Nenner, steuernd in der Gesprächsorganisation mitzuwirken. Formal unterscheiden sie sich von anderen Par‐ tikelarten v. a. dadurch, dass sie syntaktisch nicht integriert sind: Sie stehen außerhalb, am Anfang oder Ende von Äußerungen, topologisch betrachtet im Vor-Vorfeld oder im Nachfeld. Initiale Diskursmarker haben projizierende Funktionen, sie kündigen an, dass etwas folgt, und spezifizieren, was da folgt. Zum Beispiel kann jedenfalls nach einer Abschweifung zum Hauptthema zurückführen. Äußerungsfinale Diskursmarker sind oft Vergewisserungssignale, die Gelegenheit geben, auf das Gesagte zu reagieren. Auch prosodisch sind Diskursmarker oft eigenständig, also nicht in die Satzintonation der Bezugsäußerung integriert. Modalpartikeln sind im Gegensatz zu Diskursmarkern in den Satz integriert und stehen in dessen Mittelfeld. Sie haben die Funktion, Haltungen (eigene und als gemeinsam angenommene) zur im Satz gemachten Aussage zu signalisieren. Damit verweisen sie auf den pragmatischen Vorkontext der Äußerung, denn die Haltungen bleiben ja meist unausgesprochen (Diewald 2009). Die Mensa hat wohl/ ja/ doch/ halt/ eben heute Betriebsausflug. Je nachdem, welche Modalpartikel man hier benutzt, kommuniziert man unterschied‐ liche Haltungen hinsichtlich des gemeinsamen Vorwissens zur Satzaussage. So kann man z. B. wohl mit ‘ich vermute’ umschreiben, ja mit ‘wie du weißt’, unbetontes doch mit ‘wie Du wissen solltest’ und halt und eben mit ‘das kann man nicht ändern’ (s. Duden-Grammatik 8 2009: 591). Diskurs- und Modalpartikeln haben formale und funktionale Merkmale gemeinsam: Sie sind Phänomene der gesprochenen Sprache, sie sind kein grammatisches Muss, sondern können optional eingesetzt werden, und sie haben metakommunikative Funk‐ tionen: Diskursmarker helfen das Gespräch zu organisieren, Modalpartikeln geben Regieanweisungen, wie das Gesagte zu interpretieren ist. Damit sind sie eindeutig pragmatische Zeichen: Sie steuern das sprachliche Handeln im Gespräch, liefern Inter‐ pretationshinweise, kommentieren es und verankern es im Kontext (Auer/ Günthner 2005). 7.4.2 … weil - viele Wege führen zum Diskursmarker, gell Auch das Inventar pragmatischer Zeichen wie der Diskursmarker unterliegt dem Wandel. Immer wieder entwickelt sich Nachschub aus verschiedenen Quellen. Diese Quellen erkennt man oft noch, weil sie neben der Diskursmarkerfunktion weiterexis‐ tieren. So sind einige Diskursmarker homophon mit Satzadverbien (jedenfalls) und 234 7 Pragmatischer Wandel <?page no="235"?> 22 Der Begriff Junktion wird hier als Oberbegriff für Konjunktionen (mit Verbzweitstellung wie denn, und) und Subjunktionen (mit Verbletztstellung wie da) benutzt. Junktionen 22 (weil, obwohl, und). Dabei sind Adverb bzw. Junktion die jeweils ältere Stufe, aus der sich die Diskursmarker entwickelt haben. Andere Diskursmarker wie bitte, ich mein, weiß nich(t), ne und süddt. gell sind nicht aus Einzelwörtern, sondern aus ganzen Syntagmen - d. h. (Teil-)Sätzen - entstanden, die zu einem phonologischen Wort verschmolzen sind und dann reduziert wurden. Aus welchen Quellen Diskurs‐ marker diachron entstehen und wie man diesen Vorgang pragmatisch erklären und erkennen kann, wird im Folgenden an einigen Beispielen illustriert. Abb. 61: Quellen für Diskursmarker nach Auer/ Günthner (2005) Adverb → Diskursmarker am Beispiel jedenfalls In seiner Ausgangsbedeutung für die Entwicklung zum Diskursmarker ist jedenfalls ein Satzadverb, das in den Satz integriert ist. Es hat wie Modalpartikeln die Funktion, eine Sprechereinstellung des Sprechers zu vermitteln. In diesem Fall wird etwas vorher Gesagtes abgeschwächt, z. B. in Sie ist eine gute Bauchrednerin. Jedenfalls sagt man das. Diese Abschwächungskomponente bildet den Brückenkontext für die Entwicklung der neuen Funktion von jedenfalls als Diskursmarker. Sie wird übertragen auf die Ebene der Gesprächsorganisation und zu einem Signal an Hörer: Nicht mehr die Aussage des vorhergehenden Satzes, sondern der Status des vorangegangenen Redebeitrags im Gespräch wird abgeschwächt, und zwar zur Nebenhandlung. Dadurch kündigt jeden‐ falls an, dass von einer Abschweifung in ein Nebenthema zum Hauptthemenstrang des Gesprächs zurückgekehrt wird. Mit dieser Funktionsveränderung korreliert auf der syntaktischen und prosodischen Ebene, dass das Diskursmarker-jedenfalls nicht mehr in den Folgesatz integriert ist, sondern eine eigene Einheit bildet (vereinfacht nach Auer/ Günthner 2005: 337): […] in frauenkrankheiten bin ich nicht so äh bewandert; jedenfalls - wir fahren da zu äh nach hause zurück […] Die syntaktische Brücke müssen Situationen gewesen sein, in denen jedenfalls, um es zu betonen, aus dem Satz ins Vor-Vorfeld ausgegliedert wurde. Dabei muss Ambiguität (Überschneidung) beider Lesarten bestanden haben: gleichzeitig Abschwächung des Gesagten und Rückkehr zum Hauptthema. Andere Adverbien, die Diskursmarkerfunk‐ 7.4 Entstehung von Diskurs- und Modalpartikeln 235 <?page no="236"?> tion entwickelt haben und dann ebenfalls im Vor-Vorfeld stehen, sind nur und bloß. Beide signalisieren, dass ein Einwand folgt. Junktion → Diskursmarker, z. B. weil und obwohl Junktionen haben die Funktion, (Teil-)Sätze miteinander zu verknüpfen. Obwohl ver‐ knüpft konzessiv: Die Teilsätze sollten einander ausschließen, tun es aber überraschen‐ derweise nicht, d. h. es wird eine Dissonanz zwischen den Teilsätzen ausgedrückt. weil verknüpft kausal: Der Nebensatz liefert den Grund für den im Hauptsatz geäußerten Sachverhalt. Sie kommt heute, obwohl sie krank ist. Sie bleibt zuhause, weil sie krank ist. Als sich daraus eine neue Funktion als Diskursmarker entwickelte, wurde die Verknüp‐ fungsfunktion der jeweiligen Junktion auch hier von der Satzebene auf die Ebene der Text- und Gesprächsorganisation übertragen. So bildet bei obwohl die Funktion der konzessiven Junktion, Dissonanz zwischen den verbundenen Teilsätzen zu signa‐ lisieren, den Ausgangspunkt für den korrektiven (berichtigenden) Diskursmarker obwohl, der sich nun nicht mehr auf einen vorausgehenden Teilsatz, sondern auf den vorangehenden Redebeitrag bezieht und einen eigenständigen Sprechakt darstellt (Bsp. nach Günthner 1999: 414 f.; Klammern: Pausen, Großschreibung: Betonung): W. Brauchst du noch en KISSEN? N. hm. ne. das reicht. (0.5) obWOHL (.) des isch DOCH unbequem. Bei weil wird das vorausweisende Potential der Junktion (etwa ‘Achtung, es folgt eine Begründung’) genutzt. Die Brücke dabei bilden Verwendungsweisen wie unten in b). Auch hier wird nicht mehr der Inhalt des Hauptsatzes (wie in a) begründet, sondern es wird eine Begründung dafür gegeben, dass der Satz geäußert wurde (Begründung des Sprechakts im Sinne von „Ich sage/ frage/ behaupte/ vermute das, weil …’). Damit wird weil von einem Zeichen der syntaktischen Ebene zu einem Zeichen der Gesprächsebene und hat die damit eingeleitete Äußerung gegenüber dem vorangehenden Satz den Status einer eigenständigen Sprachhandlung. a) Sie bleibt zuhause, weil sie krank ist. (Sachverhalt begründet) b) Sie ist wohl daheim, weil ihr FAHRrad steht vor dem Haus. (Äußerung begründet) Den Endpunkt dieser Entwicklung bildet die Verwendungsweise von weil als reines Haltesignal, das eingesetzt werden kann, um das Rederecht zu behalten. Hier ist die begründende Komponente ganz ausgeblichen und nur die vorausweisende Funk‐ tion auf der Ebene der Gesprächsorganisation ‘es geht noch weiter’ bleibt bestehen (Gohl/ Günthner 1999: 51-53). Das erkennt man in c) daran, dass der weil-Satz keine Begründung mehr liefert, sondern nur den Inhalt des vorangehenden Satzes anders ausgedrückt wiederholt (Auer/ Günthner 2005: 340): 236 7 Pragmatischer Wandel <?page no="237"?> c) bisher isch ja - des isch alles immer schön im sand verlaufen; und den profs wars eigentlich im grund gnommen au scheißegal; weil phh - ja also - des geht denen halt au am arsch vorbei. Es wird immer wieder betont, dass man den Funktionsumsprung bei äußerungsinitialen Diskursmarkern, die sich aus Junktionen und Adverbien entwickelt haben, auch auf der syntaktischen Ebene erkennen kann. Als Diskursmarker wandern diese Einheiten vor den linken Rand, ins sog. Vor-Vorfeld des Satzes, ihre Integration in den Satz wird aufgehoben. Die Wortstellung im Folgesatz wird unabhängig von ihnen - z. B. bewir‐ ken die Ex-Subjunktionen weil und obwohl keine Verbletztstellung mehr, sondern Ver‐ bzweitstellung (s. o. weil - des geht denen am arsch vorbei). Auch intonatorisch werden Verwendungen als Diskursmarker oft unabhängig vom Folgesatz realisiert; sie können durch eine Pause von ihm getrennt sein und der Folgesatz hat eine eigenständige Intonationskurve. Die formale Seite, Nichtintegration in den Satz, spiegelt damit die funktionale Seite; es werden nicht mehr Satzeinheiten, sondern Gesprächseinheiten, Sprachhandlungen, verknüpft (z. B. Gohl/ Günthner 1999, Antomo/ Steinbach 2010). Das Kriterium der Verbzweitstellung muss man allerdings differenziert betrachten. Zum einen stellt sich Verbzweit schon auf einer Vorstufe zum Diskursmarker ein, nämlich dann, wenn der Nebensatz einen eigenen Sprechakt gegenüber dem Hauptsatz markiert. Dieses Muster lässt sich heute für eine Reihe von Subjunktionen wie weil, während, obwohl und dass beobachten (Freywald 2008, 2010). Zum anderen wird kont‐ rovers diskutiert, wie alt Verbzweit eigentlich ist (Selting 1999, Wegener 1999). Hier muss man für verschiedene Subjunktionen differenzieren: Im kausalen Bereich zeigt die Junktion ahd. wanta, mhd. wan(de)/ wenn Stellungsvariation nach dem gleichen Muster wie heute weil: Verbzweit markiert Sprechaktbezug, Verbletzt begründet die Proposition im Hauptsatz (s. Freywald 2010: 69 mit weiterer Literatur). Im Fnhd. stirbt wan(de)/ wenn aus, und zumindest in der Schriftlichkeit tritt dafür eine syntaktisch, nicht pragmatisch, gesteuerte Zuordnung ein: Die neue kausale Subjunktion weil (s. Kap. 5.2.3) übernimmt Verbletztstellung, die Konjunktion denn übernimmt Verbzweit‐ stellung. Eine Fortsetzung der Stellungsvariation für ein und dieselbe Junktion lässt sich für diese Zeit nicht nachweisen (Selting 1999). Erst ab Anfang des 20. Jh. finden sich wieder Belege für weil-Sätze mit Verbzweitstellung (Freywald 2010: 70 f.). Ob hier in der Mündlichkeit ohne Niederschlag in der Schriftlichkeit das alte Muster fortgesetzt wurde oder ob es sich um eine Neuentwicklung handelt, die dem alten Muster entspricht, bleibt ungeklärt. Für die Verbzweitstellung bei obwohl, während und dass gibt es gar keine bzw. kaum diachrone Vorläufer. Es ist also einerseits ein Fehlschluss anzunehmen, dass es sich bei der Verbstellungsvariation um eine junge Innovation handeln muss. Nur weil uns etwas heute erst auffällt, muss es nicht unbedingt neu sein. Es ist aber andererseits auch eine Übergeneralisierung, für alle betroffenen Junktionen davon auszugehen, dass hier eine alte pragmatisch gesteuerte Variabilität fortgeführt wird (Freywald 2010). 7.4 Entstehung von Diskurs- und Modalpartikeln 237 <?page no="238"?> 23 Eine Karte zur regionalen Verbreitung verschiedener Rückversicherungsfragen bietet der Atlas zur deutschen Alltagssprache unter http: / / www.atlas-alltagssprache.de/ runde-2/ f19a-b/ (abgerufen 19.04.2025). Syntagma → Diskursmarker, z. B. ich mein, bitte, ne, gell und oder Diskursmarker speisen sich auch aus Hauptsätzen mit Verben des Wahrnehmens und des Sagens. Ein Beispiel ist das Syntagma ich mein(e), das als Haltesignal Selbstkorrekturen, Präzisierungen und Modifikationen von zuvor Gesagtem einleitet (Günthner/ Imo 2003). Auch der Diskursmarker bitte, der den Sprechakt einer BITTE markiert, ist aus Syntagmen mit dem Verb bitten wie ich bitte darum, dass entstanden und tritt erst ab dem späten 18. Jh. als Partikel auf, die dann allmählich generalisiert (Ackermann 2023a). Das Syntagma ist so stark reduziert, dass es kein dass mehr braucht: Bitte hilf mir mal kurz. Das Gegenstück Danke ist dagegen noch nicht so weit: Danke, dass du mir hilfst (s. Auer/ Günthner 2005: 345). Aus Syntagmen können auch nachgestellte Diskursmarker entstehen. Dabei handelt es sich oft um Vergewisserungsfragen. Im am wenigsten fortgeschrittenen Stadium ihrer Entwicklung laden diese Fragen den Hörer zu Widerspruch oder Bestätigung ein. Im fortgeschrittensten Stadium sind sie zu Signalen ausgeblichen, deren Funktion es ist, sich beim eigenen Weitersprechen zu vergewissern, dass die Kommunikationspartner noch bei der Sache sind. So ist die Vergewisserungsfrage nicht? mit ihren Varianten wie nich, nech, net und ne wohl aus einem Syntagma wie ist es nicht so? entstanden und je nach Variante in unterschiedlichem Grad phonologisch reduziert worden. Diese Entwicklung kann man gut am englischen Gegenstück isn’t it, umgangssprachlich auch innit, nachvollziehen, das in seiner phonologischen Reduktion noch nicht so weit fortgeschritten ist. Eine ähnliche Entwicklung wie ne hat auch die süd- und mitteldt. Vergewisserungsfrage ge(ll)/ gelt? vollzogen, die wohl aus einem Frage-Syntagma wie gilt es? reduziert wurde (Auer/ Günthner 2005: 348). Auch oder hat die Entwicklung von einer eigenständigen, zu Widerspruch einladenden Frage zur Vergewisserungsfrage vollzogen, im Alemannischen hat es sich sogar weiterentwickelt zum reinen Kontakt‐ haltesignal mit fallender Intonation (Glaser 2003). 23 7.4.3 Wie entstehen bloß Modalpartikeln? Für Modalpartikeln gilt wie für Diskursmarker, dass sie meist mit anderen Verwen‐ dungsweisen (z. B. als Adjektiv und Temporaladverb bei eben oder als Konjunktion bei aber) nebeneinander existieren. Auch hier lassen sich Entwicklungspfade rekonstruie‐ ren. Burkhardt nennt u. a. die folgenden Quellbereiche: 238 7 Pragmatischer Wandel <?page no="239"?> Abb. 62: Quellbereiche von Modalpartikeln (nach Burkhardt 1994: 141) Im Folgenden werden nur zwei dieser Bereiche illustriert, die Entwicklung von eh aus einem Temporaladverb und die Entwicklung von eben aus einer Gradpartikel. Die Modalpartikel eh war ursprünglich auf den obd. (besonders bairischen) Sprachraum begrenzt und hat dort ein breiteres Funktionsspektrum. Heute hat sich ihr Gebrauch überregional ausgebreitet (mit leichter Funktionsverschiebung), so dass eh funktions‐ gleich mit sowieso und ohnehin, aber gegenüber diesen besonders in alltagssprachlicher Kommunikation verwendet wird, z. B.: Lisa: Ich hab’ leider keine Butter mehr da. Otto: Ich ess’ mein Brot eh lieber ohne. Otto tröstet hier Lisa über ihr Versäumnis hinweg. Dieser Effekt kommt zustande, weil die Modalpartikel eh die Funktion hat, den pragmatischen Vorkontext als irrelevant für die Aussage des eh-Satzes hinzustellen - das ist ein gemeinsamer Nenner aller Verwendungen von eh als Modalpartikel. Im Beispiel spricht Otto der Aussage von Lisa (keine Butter da) die Verantwortung dafür ab, dass er sein Brot ohne Butter isst, und macht stattdessen den in seinem eh-Satz angegebenen Grund verantwortlich (er mag sein Brot ohne Butter lieber). Allgemeiner ausgedrückt signalisieren Sprecher mit eh, dass ihre Aussage unabhängig vom Kontext auf jeden Fall gilt. Wie kam es zu dieser Verwendungsweise? Zunächst wurde eh(er) rein temporal in der Bedeutung ‘vorher’ gebraucht, vgl. je eher, desto besser. Auf dem Weg zur Modalpartikel ist eine Bedeutungsverschiebung von dieser temporalen Funktion hin zur pragmatischen eingetreten. Das kann man sich so vorstellen, dass das tempo‐ rale ‘schon vorher’ auf die metakommunikative Ebene übertragen wurde. Wenn man von etwas sagt, dass es ‘schon vorher’ galt, dann kann man damit implikatieren, dass es unabhängig vom spezifischen Vorkontext, also auf jeden Fall, gilt. Die Brücke bildeten wieder Situationen, in denen beide Lesarten - ‘vorher’ und ‘sowieso’ - möglich waren, wie etwa Das brauchst du mir nicht sagen, das wusste ich eh schon. Das Gesagte galt schon, ehe es im Gespräch thematisiert wurde. Das, was schon eher galt, gilt auch weiterhin und unabhängig vom spezifischen Kontext (Weydt 1983: 178, Hentschel 1986: 53). Der Weg vom Temporaladverb zur Modalpartikel ist in der Geschichte des Dt. ein gut ausgetretener Pfad. Er gilt auch für die Entwicklung von halt, denn, mal und schon. 7.4 Entstehung von Diskurs- und Modalpartikeln 239 <?page no="240"?> Die Modalpartikel eben (Autenrieth 2005) gibt es seit dem späten Fnhd. Sie markiert, dass eine Identitätsrelation zwischen einer Vorannahme des Sprechers und dem Geäu‐ ßerten besteht: Die Mensa hat eben zu. (‘Ich wusste es’, ‘Das ist nun einmal so’). Diese Identitätsrelation gab es schon beim qualitativen Adjektiv eben ‘flach’, dem Ursprung der heutigen Modalpartikel, nur dass hier noch eine konkrete räumliche Gleichheit beschrieben wird. Auf dieser Basis entwickelten sich adverbiale Verwendungen, die Gleichheit auf einer abstrakten Ebene bezeichnen (konserviert z. B. in Ebenbild). Der nächste Schritt waren Verwendungen, die aus der objektiven Gleichheit eine subjektive Wertung entwickelten: Was gleich ist, ist auch ‘angemessen, passend, genau’. Auf der Basis von ‘genau’ konnte sich dann im nächsten Schritt eine Gradpartikel entwickeln, die wahrscheinlich den direkten Vorläufer der Modalpartikel darstellt: Ich habe eben dieses Bild gekauft (und kein anderes). Mit der Modalpartikel Die Mensa ist eben zu verfahre ich ganz ähnlich: ‘die Mensa ist zu (und nichts anderes deckt sich mit dem Vorwissen, das jeder haben sollte)’, nur dass sich das ganze jetzt nicht mehr auf der textuellen, sondern auf der metakommunikativen Ebene abspielt. Auch hier entwickelt sich, ähnlich wie schon bei den Diskurspartikeln und bei eh beobachtet, ein Zeichen, das zunächst eine objektive Relation auf der Sachverhalts‐ ebene markiert (konkretes ‘flach’ > abstraktes ‘gleich’), so weiter, dass es sich auf die textuelle Ebene bezieht (die Gradpartikel ‘genauʼ hebt ein textuelles Element informationsstrukturell hervor). Von dort wechselt es dann auf die metakommuni‐ kative Ebene (Vorannahmen im Diskurs). Dabei wird aus einem objektiven, den Sachverhalt beschreibenden Zeichen ein subjektives, den Sachverhalt aus Spreche‐ rsicht kommentierendes Zeichen. Diese semantisch-pragmatischen Tendenzen fasst Traugott (1988: 409-411, vgl. auch Traugott/ Dasher 2 2004: Kap. 2.3.4) unter dem Begriff Subjektivierung zusammen: 1. Bedeutungen auf der Ebene der externen, beschriebenen Situation > Bedeutungen auf der Ebene der internen Situation (Wahrnehmung, Bewertung) 2. Bedeutungen auf der Ebene der externen oder internen Situation > Bedeutungen auf der Ebene der textuellen Situation 3. Bedeutungen beziehen sich zunehmend auf die subjektive Einstellung der Spre‐ cherin (wir können ergänzen Hörerin) gegenüber der Situation Diese drei Tendenzen lassen sich sprachübergreifend bei grammatischem und seman‐ tischem Wandel beobachten; so beschreiben Traugott/ Dasher ( 2 2004) ausführlich Prozesse der Entstehung pragmatischer Partikeln an Beispielen aus dem Englischen. Neben der Frage ihrer Entstehung kann man aber auch untersuchen, wie pragma‐ tische Marker in historischen Dialogen zum Einsatz kommen. Beispiele für eine solche, gerade aufblühende historische interaktionale Linguistik sind die Beiträge in Imo/ Wesche (2023), z. B. Imo/ Müller (2023). 240 7 Pragmatischer Wandel <?page no="241"?> 7.5 Sprechaktwandel 7.5.1 Sprechakte und Sprechaktwandel Wenn z. B. ein Gesetz erlassen wird, ist das eine Sprachhandlung, die ernsthafte Konsequenzen hat, z. B. Strafen bei Zuwiderhandlung. Aber nicht nur an solchen Extrembeispielen wird deutlich, dass wir mit Sprache handeln. Eine Theorie, die sich auf diesen Aspekt konzentriert, ist die Sprechakttheorie. Das Konzept Sprechakt wurde von Austin (1962) in seiner Abhandlung ‘How to do things with words’ entwickelt. Meist bezieht man sich aber auf Searle (1971 und 1982), der Austins Ideen ausgebaut und eine einflussreiche Klassifizierung von Sprechakttypen eingeführt hat. Einen Überblick zum Thema bieten z. B. Meibauer ( 2 2001: Kap. 7) und Finkbeiner ( 2 2025: Kap. 3). Sprechakte sind ein pragmatisches One-Shot-Modell: Sie fokussieren auf die Sprecherperspektive, weniger auf die interaktionalen Aspekte von sprachlichen Handlungen. Sprechakte lassen sich in vier Teilaspekte gliedern: 1. den Äußerungsakt, der den formalen Aspekt bezeichnet, z. B. / deɐ løːvntsaːn blʏːt/ . 2. ist der propositionale Akt zu nennen, der die Semantik des Gesagten umfasst und sich aus Referenz (der Löwenzahn) und Prädikation (blüht) zusammensetzt. 3. und als für die Pragmatik zentral ist der illokutionäre Akt hervorzuheben, der den Handlungsaspekt bezeichnet. Im Beispiel ist das entweder eine Feststellung, eine Äußerung von Freude oder eine Aufforderung zum Jäten. Und 4. kommt der perlokutionäre Akt dazu, der den intendierten Effekt bei der Adressatin bezeichnet: Hier z. B. freut sie sich mit oder geht jäten. Die Voraussetzungen, damit ein Sprechakt sein Ziel erreichen kann, nennt man Glückensbedingungen, hier z. B. dass die Adressatin in der Lage ist, die versteckte Aufforderung zu erkennen (dank Konversationsmaximen und Kontext) und die geforderte Handlung auszuführen. Illokutionäre Akte (also die Handlungskomponente des Sprechakts) werden nach Searle (1982) wiederum in fünf Typen klassifiziert (s. Abb. 63): assertiv, direktiv, kommissiv, expressiv und deklarativ. B EWE I S E N ist z. B. gleichzeitig assertiv und direktiv. Sprecher glauben an die Tatsache, von der sie Andere überzeugen wollen. Mit einem V E R S P R E CH E N verpflichtet man sich selbst, die Welt seinem Versprechen anzupassen und vollzieht damit einen kommissiven Sprechakt. G RÜẞE N und F L U CH E N sind (heute) expressive Akte, bei denen Sprechende Einstellungen gegenüber Kommu‐ nikationspartnern oder Redegegenständen ausdrücken. T AU F E N ist ein deklarativer Akt, bei dem sich durch die Handlung die Welt verändert und Täuflinge zu Mitgliedern einer Religionsgemeinschaft werden. Zur Zeit der Christianisierung mit Erwachsenentaufe haben Täuflinge komplementär zum deklarativen Akt mit einem Taufgelöbnis auch kommissiv heidnischen Göttern abgeschworen. Was den Wandel dieser Typen angeht, so gab es eine Debatte, ob Sprechakte überhaupt diachron veränderlich und im Sprachvergleich variabel sind oder ob sie eine Konstante im menschlichen Sprachhandeln darstellen (z. B. Schlieben-Lange/ Weydt 1979). Diese Debatte scheint inzwischen zugunsten einer relativen Veränderlichkeit 7.5 Sprechaktwandel 241 <?page no="242"?> Abb. 63: Klassifikation von Sprechakttypen (n. Meibauer 2 2001: 96 u. Searle 1982) von Sprechakten in ihrem kulturellen Kontext entschieden (Archer 2010). Beim T AU F E N haben wir eben z. B. den Wegfall des kommissiven Begleit-Sprechakts angesprochen, beim F L U CH E N , das zu Beginn des Pragmatik-Kapitels kurz erwähnt wurde, lässt sich ein Schwund der deklarativen Komponente feststellen: Man glaubt heute nicht mehr, durch Fluchen direkten Schaden anrichten zu können. Ähnliches gilt für Anrufungen, die sich von direktiven zu expressiven Sprechakten entwickeln können (z. B., zu O mein Herr Jesus diachron, Nübling 2001b und zu parallelen Phänomenen im Englischen Claridge/ Arnovick 2010). Bestimmte Arten von Sprechakten scheinen veränderlicher zu sein als andere. Während dem rituellen H E R AU S F O R D E R N heute (und in verschiedensten Kulturen) ähnliche Muster zugrunde liegen wie im Mittelalter (z. B. Bax 1991, Objartel 1984, Jucker/ Taavitsainen 2000, Moik 2007), scheinen Sprechakte, bei denen Höflichkeit im Spiel ist, z. B. direktive Akte wie B ITT E N , stärker zeit- und kulturabhängig zu variieren (Taavitsainen/ Jucker 2008: 4). Einen Sprechakt kann man oft an typischen formalen Merkmalen erkennen (illo‐ kutionären Indikatoren). Dazu gehören z. B. Verben, die einen Sprechakt explizit kennzeichnen wie versprechen, befehlen, beweisen (jeweils nur in 1.Ps.Sg.Präs.). Auch Satztypen korrelieren oft mit Sprechakttypen, z. B. Imperativsätze mit direktiven Sprechakten. Weitere Indikatoren sind der Verbmodus (Indikativ, Konjunktiv, Impera‐ tiv), Modalverben, z. B. du sollst … Auch Satzadverbien wie leider, hoffentlich, Modal‐ partikeln wie wohl und Diskurspartikeln wie bitte sind Sprechaktmarker. Dazu kommt noch die Intonation bzw. Interpunktion. Aber: Formale Marker und Muster der Realisierung von Sprechakten sind wandelbar und Marker können in die Irre führen. Wie schon gezeigt, muss ein Sprechakt nicht nach dem aussehen, was er ist (Jäte den Löwenzahn! ), sondern er wird sehr 242 7 Pragmatischer Wandel <?page no="243"?> häufig als indirekter Sprechakt realisiert, der z. B. aus Höflichkeitsgründen eine tentative Form annimmt (z. B. Jätest du den Löwenzahn? oder eben Der Löwenzahn blüht.) Die eigentliche Illokution kann dabei über die Konversationsmaximen und das Kontextwissen der Beteiligten erschlossen werden und ist für die Frageform heute konventionalisiert, s. oben (7.2). Will man Sprechakte diachron untersuchen, dann sind die illokutionären Indikato‐ ren einerseits ein Segen, wenn man eine Fragestellung von der Form zur Funktion hat, weil man in Korpora danach suchen kann, z. B. nach sprechaktkennzeichnenden Verben (Fritz 2 2006: 125 f., 2005: 183-201). Andererseits sind sie auch eine Falle, weil man mit Bedeutungswandel rechnen muss. Das mhd. Verb bewîsen hatte z. B. ein viel weiteres Bedeutungsspektrum als das heutige beweisen; es konnte z. B. ‘anweisen, belehren’ bedeuten und man konnte früher nicht nur mit verbalen Argumenten etwas vor Gericht beweisen, sondern auch mit einem Eid oder mit nichtsprachlichen Handlungen (Gottesurteile, Fritz 1994a: 550 f.). Für Fragestellungen, die von der Funktion ausgehen und nach deren formaler Um‐ setzung fragen, ist Close Reading die Methode der Wahl. So wurden z. B. Direktiva im Deutschen und im Englischen untersucht. Dabei wurde für beide Sprachen festgestellt, dass Direktiva noch gar nicht so lange als indirekte Sprechakte realisiert werden (Can you pass the salt? ), sondern dass noch bis ins 18. Jh. direkte Strategien klar dominieren (Pass the salt.). Dieser Umbruch von direkten zu indirekten Aufforderungen deutet darauf hin, dass die Bedeutung von sozialer Hierarchie (Macht) als Steuerungsfaktor von Höflichkeit zurückgegangen ist und sich stattdessen Face-bezogene Strategien, be‐ sonders solche, die das negative Face bedienen, etabliert haben (s. dazu Jucker 2020: 9.1, Ackermann 2023b: 64). Für das Dt. fehlten bis vor kurzem Untersuchungen dazu, wie sich die Realisierung von direktiven Sprechakten verändert. Nun hat Ackermann (2023b: 45-46) an historischen Musterdialogen und Komödien des 16.-18. Jh. gezeigt, dass in den untersuchten Texten direkte Formulierungsstrategien (sog. Impositives) dominieren, z. B. Imperative, Pflichtaussagen, direkte Fragen: Bring Wasser mit! Du musst Wasser mitbringen, Bringst du Wasser mit? Indirekte Formulierungsstrategien, wie wir sie heute kennen, bei denen nach Vorbedingungen der Erfüllung gefragt wird (z. B. nach der Fähigkeit: Kannst du Wasser mitbringen? ) werden erst später konventionalisiert. Die Realisierung der historischen Sprechakte hängt auch von der sozialen Statusrelation der Beteiligten ab (Machtgefälle). Die Wahrscheinlichkeit, dass indirekte Strategien wie Konjunktiv zum Einsatz kommen, ist in Direktiva unter Hochstehenden oder von Statusniedrigeren zu Statushöheren am höchsten. Dabei zeigt sich wie schon beim Anredewandel eine frühneuzeitlich andere Steuerung von Höflichkeit primär über Hierarchie und Status (deference) statt über negative Face (vgl. Ackermann 2023b: bes. 45-46, 52-64; die auch wichtige methodische Überlegungen und ein Analyseraster zur Erforschung historischer Direktiva bringt). Die folgenden Ausführungen gelten einer Fallstudie zu einem ritualisierten expressi‐ ven Sprechakt. Ritualisiert bedeutet, dass feste Abläufe konventionalisiert sind, wie und wann der Sprechakt eingesetzt wird. Weil es das letzte Unterkapitel zum pragmatischen 7.5 Sprechaktwandel 243 <?page no="244"?> Wandel ist, geht es ums V E R AB S CHI E D E N . Das ist ein expressiver Sprechakt, weil man sich damit gegenseitig seine Verbundenheit zusichert (Festigung der Sozialbeziehung) und es ist ritualisiert, weil sich feste Formeln und nichtsprachliche Routinen herausgebildet haben, denen wir alle folgen. 7.5.2 Sprechaktwandel VERABSCHIEDEN Sammeln wir zunächst, welche Routineformeln man als alleiniges Element beim münd‐ lichen Verabschieden nutzen kann und konnte, z. B.: (Auf) Wiedersehen (-schau(e)n, -luege), Tschüss (Tschö, Tschüssi[kowski]), Adieu (Ade, Ädi), Pfiati/ Pfiateich/ Pfiat Eana (Gott), Mach(t)s gut, Gehab’ dich/ Gehabt euch wohl, Bis bald/ dann/ später, Wir sehen uns, (Einen) schönen Tag/ Abend (noch), Lebe/ Lebt wohl, Lass es dir gutgehen, Ciao/ Tschau und wienerisch Baba (< engl. ByeBye < God be with you). Hier fällt zum einen auf, dass vieles entlehnt ist, besonders aus dem Französischen wie Adieu und wohl auch Auf Wiedersehen, das wahrscheinlich eine Lehnübersetzung zu (jusqu’)au revoir ist (Schröter 2012: 362 und 2016 mit Literatur). Weiterhin fallen drei konzeptionelle Muster auf, was die Quellbereiche der Formeln angeht: 1. gibt es ehemalige Segensformeln, mit denen man Adressaten göttlichen Beistand gewünscht hat, z. B. Adieu (< à dieu ‘bei/ mit Gott’), aus dem sich Ade und Tschüss (< Adjüs) entwickelt haben. Auch bair. Pfiati/ Pfiateich, das aus ‘Gott behüte dich/ euch’ entwickelt ist, gehört hierzu. 2. gibt es säkulare Formeln, die auf das Wohlergehen/ Wohlverhalten des Adressaten nach der Trennung abzielen Lebe/ Lebt wohl oder Mach(t)s gut, Gehab’ dich/ Gehabt euch wohl. Und 3. gibt es Formeln, die direkt oder per Implikatur ein baldiges Wiedersehen der Beteiligten in Aussicht stellen (Bis bald, Bis dann, Wir sehen uns, Auf Wiedersehen, Schönen Tag). Diachron sind die religiösen Segensformeln am frühesten belegt. Das bair. Pfiati setzt hier eine mittelalterliche Tradition fort. Segensformeln ist gemeinsam, dass der Segen zu Beginn im religiösen Kontext ernst gemeint war, dass also ein deklarativer Akt vorlag. Mit der Generalisierung über den religiösen Kontext hinaus wird dieser Effekt zunehmend abgeschwächt (Kohrt 1985: 176-179, Claridge/ Arnovick 2010: 184): Aus dem religiös eingebetteten wurde vielleicht zuerst ein abergläubischer Segen, dann ein bloßer Wunsch und zuletzt eine höfliche Formel. Der ernstgemeinte Segen (deklara‐ tiv-expressiv) hat sich zur Routineformel gewandelt (expressiv). Dem Funktionswandel folgen auch Veränderungen auf der formalen Seite. Das ehemalige Syntagma wird univerbiert und phonologisch reduziert: (Gott) phiat di > Pfiati. Ähnliches kann man für Adieu < à dieu ‘(geh) bei/ mit Gott’ annehmen. Die Abschwächung gilt auch für säkulare Wünsche. Dass Formeln wie Auf Wiedersehen routinisiert sind, zeigt sich auch daran, dass man mit einem Echo antwortet, wohingegen Ich wünsche mir auch, dass wir uns bald wiedersehen sehr seltsam wirken würde (Kohrt 1985: 179). Stellvertretend für die Formeln, für die etymologisch die Kürze der Trennung zentral ist, sei die Geschichte von Auf Wiedersehen skizziert, die Schröter (2012) anhand von Dramenszenen untersucht hat: Die Formel kam im 18. Jh. auf und wurde anfangs 244 7 Pragmatischer Wandel <?page no="245"?> nur in Kontexten verwendet, in denen wirklich mit einem baldigen Wiedersehen zu rechnen war. Sie war zunächst auch für Status markiert, nämlich auf höhere Schichten beschränkt. Beides ändert sich ab Mitte des 19. Jh. Auf Wiedersehen wird bis zur ersten Hälfte des 20. Jh zur Allzweck-Grußformel. Die heutige Bindung an formellere Kontexte stellt sich erst ab den 1960er Jahren ein, als neue informelle Formeln an Frequenz gewinnen (Bis bald, Tschüss), die teils wieder das Motiv ‘kurze Trennung’ realisieren. Als Grund für die Karriere von Auf Wiedersehen wurde angeführt, dass Adieu im Zuge der sprachpuristischen deutschnationalen Bewegungen im 19. Jh. stigmatisiert wurde. Als umfassenderer soziopragmatischer Hintergrund gerade der Vorliebe für eine Formel, die eine kurze Trennung suggeriert, lassen sich nach Schröter aber auch soziale, technische und kommunikative Umwälzungen anführen, die sich auf den Nenner „soziale Beschleunigung“ bringen lassen. Dass Auf Wiedersehen seit den 1960er Jahren auf den formelleren Bereich einge‐ schränkt wird und sich zunehmend früher informelle Grüße wie Hallo und Tschüss auf formelle Kontexte ausbreiten, lässt sich mit Schürmann (1994) und Linke (2000) als Symptom einer Informalisierungstendenz deuten (vgl. auch 8.4 zu Traueranzei‐ gen). Schröter (2012: 373) ergänzt, dass die Sprechenden nicht eigentlich informell handeln wollen, sondern positive Höflichkeitsstrategien verfolgen, die ihren Kommu‐ nikationspartnern „emotionale Verbundenheit und Zuneigung signalisier[en].“ Die Generalisierung informeller Grußformeln wäre dann - wie auch die Generalisierung informeller pronominaler du-Anreden im 20. und 21. Jh. - ein invisible-hand-Effekt dieser unbewusst gleichgerichteten Strategie (Kap. 5.3.3) Insgesamt hat sich gezeigt, dass die Fallbeispiele zu verschiedenen Phänomenen und aus verschiedenen Zeiten durch unterschiedliche Höflichkeitsstrategien geprägt waren. In der pronominalen Anrede sorgten ab dem 17. Jh. statusbezogene Strategien der Ehrerbietung (deference) für eine Ausdifferenzierung des Inventars. Bei den Direk‐ tiva dominierten zunächst innerhalb einer festgelegten Statushierarchie sehr direkte Strategien; indirekte Formate von Direktiva, die sich auf negative Face beziehen lassen, kamen erst langsam im 18. Jh. auf. Im Fall postmoderner Verabschiedungen und der Zunahme an Du-Gebrauch im 20. Jh. wurden positive Höflichkeitsstrategien, die soziale Nähe signalisieren, ins Spiel und mit dem übergreifenden Effekt der Informalisierung in Verbindung gebracht. Ob sich diese Beobachtungen aus langzeitdiachroner Perspektive auf eine Entwicklungslinie von Deferenceüber Negative-Facezu Positive-Face-Stra‐ tegien bringen lassen und/ oder ob unterschiedliche Strategien in unterschiedlichen pragmatischen Handlungsdomänen greifen, bleibt genauer zu untersuchen. Zu guter Letzt noch ein Ausblick, in dem sich die Diskussion um Sprechakte und Verabschieden verschränkt: Liebeserklärungen. Zum einen kann man diskutieren, um welche(n) Sprechakt(e) es sich dabei handeln kann (s. dazu Auer 1988 und Staffeldt 2011). Zum anderen lässt sich in Liebesbriefen aus dem 20. Jh. (im Koblenzer Liebesbriefarchiv, s. dazu Wyss 2008) beobachten, wie sich die Formel „Ich liebe dich“ etabliert, routinisiert und an den Schluss der Briefe rückt. Eine ganz ähnliche 7.5 Sprechaktwandel 245 <?page no="246"?> Beobachtung macht Auer (1988) an Telefongesprächen. Auch dort ist „Ich liebe dich“ oft Teil der Abschiedssequenz und wird - wie Abschiedsformeln - von beiden Interaktionspartnern gespiegelt. Daran zeigt sich eindrücklich, dass Verabschieden ein neuralgischer Punkt in der Interaktion ist und dass dies für Paarkommunikation in besonderem Maße gilt. Zum Weiterlesen Einen Überblick über das Forschungfeld geben Jacobs/ Jucker (1995) und Taavit‐ sainen/ Jucker (2010). Den internationalen Forschungsstand spiegeln das von Jucker/ Taavitsainen (2010) herausgegebene Handbuch Historical Pragmatics und die englischsprachige Zeitschrift Journal of Historical Pragmatics. Eine Einführung in die Pragmatik, die auch die Rolle pragmatischer Phäno‐ mene im Sprachwandel behandelt, ist Finkbeiner ( 2 2025). Die Rolle von Impli‐ katuren beim Sprachwandel diskutieren z. B. Traugott/ Dasher ( 2 2004), Fritz ( 2 2006: Kap. 2.3, 3.2.5 und 5.4) und Finkbeiner ( 2 2025: Kap. 11.2). Zum Einstieg in den Anredewandel kann der diachrone Überblick von Besch (2003a) dienen. Didaktisch gehen Augst (1977) und Fritz (2005: 171-181) vor, populärwissenschaftlich ist Besch ( 2 1998). Anspruchsvoller und mehr auf die grammatischen Aspekte konzentriert sind Simon (2003a/ b), Listen (1999) und Kretzenbacher (2010), die wichtige Neuansätze bringen. Zur historischen Dialogforschung liegt eine Einführung von Kilian (2005) vor, Interaktionale Linguistik mit historischen Dialogdaten unternehmen Imo/ We‐ sche (2022). Knappe Darstellungen zur Entwicklung von Diskursmarkern geben Auer/ Günthner (2005), Finkbeiner ( 2 2025, Kap. 4.5.3) und Mroczynski (2012). Modalpartikeln diachron behandeln z. B. Autenrieth (2002, 2005), Burkhardt (1994), Diewald (1997: Kap. 4.2, 2008b) und Fritz ( 2 2006: Kap. 5.4, 2005: Kap. 18). Sprechaktwandel und andere Phänomene pragmatischen Wandels mit Fokus auf dem Englischen behandelt Jucker (2020). Zu Direktiva im Deutschen ist Ackermann (2023b) zu empfehlen. Wer vom Verabschieden noch nicht genug hat, kann Linke (2021) zur Diachronie des Begrüßens lesen. 246 7 Pragmatischer Wandel <?page no="247"?> 8 Textueller Wandel Im Folgenden werden zuerst synchrone und diachrone Grundlagen eingeführt (8.1- 8.2). Danach geht eine Fallstudie genauer auf die Textsorte Kochrezept ein (8.3). Etwas knapper werden Veränderungen der Textsorte Traueranzeige und verwandter Textsorten besprochen mit einem Ausblick auf Geburtsanzeigen und abschließend werden kurz Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Fälle diskutiert (8.4). 8.1 Text und Textsorte Alltagssprachlich scheint uns ziemlich klar zu sein, was ein Text (< lat. textum ‘Gewe‐ be’) ist: Ein Text ist geschrieben, hat Anfang und Ende und besteht aus mehreren Sätzen, die einen inhaltlichen Zusammenhang haben. Aus linguistischer Sicht lässt sich das präzisieren und gewichten: Auch der Ruf Achtung! wird in der Textlinguistik als - wenn auch sehr untypischer - Text eingeordnet, weil er die Funktionalität einer ‘Warnung’ hat. Funktionalität ist ein wichtiges Kriterium vieler Textdefinitionen, denn - und hierin besteht die enge Bindung zur Pragmatik - mit Texten handeln wir sprachlich. Deshalb wäre Ein Baum ist gefällt worden. Im Winter essen die Menschen Eintopf ohne geeigneten Kontext kein Text, obwohl mehrere Sätze vorliegen. Im Gegensatz zu Achtung! ist hier weder eine einheitliche Funktion erkennbar noch liegt eine textgrammatische und textsemantische Verknüpfung der Teile vor, d. h. das Kriterium der Kohärenz ist nicht erfüllt. Kohärenz hat eine textgrammatische Seite, die oft separat als Kohäsion gefasst, hier aber mit Brinker/ Pappert/ Cölfen (2024: Kap. 3.3) als als grammatische Kohärenz bezeichnet wird. Sie besteht in den satzübergreifenden grammatischen Verknüpfungen der Einheiten eines Textes. Textgrammatische Mittel, die Sätze zu Texten verknüpfen, sind zum Beispiel Rekurrenz und (In-)Definitheit (Ein Baum … der Baum), Substitution durch Unter- oder Oberbe‐ griffe (der Baum … die Linde), und deiktische Proformen wie er / sie. Indem diese Verknüpfungsmittel anaphorisch auf schon eingeführte Referenten verweisen und Referenzidentität signalisieren, tragen sie zur Herstellung von Kohärenz bei. Thema‐ tische Kohärenz bezeichnet den Zusammenhang eines Textes auf textsemantischer Ebene. Dafür reicht eine formale Verknüpfung auf der Textoberfläche allein nicht aus: Die drei Sätze Die Linde wurde gefällt. Lindenblütentee wird viel getrunken. Er ist blau. sind kein Text, weil zwar oberflächlich Verknüpfungsmittel vorhanden sind, auf der textsemantischen Ebene zwischen ihnen aber kein sinnvoller thematischer Zusam‐ <?page no="248"?> 24 Bei der Herstellung von Kohärenz greifen unser semantisches Wissen (z. B. zum Referenzpotenzial von Über- und Unterbegriffen, zu metaphorischen und metonymischen Beziehungen, s. Kap. 5.2), unser pragmatisches Wissen im engeren Sinn (z. B. Kommunikationsmaximen, s. Kap. 7.2), allge‐ meines Handlungswissen (z. B. über Arbeitsschritte: für Tee braucht man Linden nicht zu fällen), und Weltwissen (z. B. Tee ist normalerweise nicht blau) ineinander. menhang herstellbar, kein einheitlicher Textgegenstand identifizierbar und daher keine übergreifende Funktion erkennbar ist (vgl. Brinker/ Pappert/ Cölfen 10 2024: Kap. 3.4). 24 Ein Text kann damit nach Brinker/ Pappert/ Cölfen (2024: 18-19), als „eine von einem Emittenten hervorgebrachte begrenzte Folge von sprachlichen Zeichen“ definiert werden, „die in sich kohärent ist und die als Ganzes eine erkennbare kommunika‐ tive Funktionen signalisiert.“ Zu den bereits eingeführten Kriterien kommen in der Definition noch Linearität und Abgegrenztheit hinzu. Linearität bezeichnet den syntagmatischen Aufbau eines Textes, typischerweise als Abfolge mehrerer Sätze, Abgegrenztheit die Tatsache, dass Texte i. d. R. nach außen begrenzt sind (Hypertext ist für beide Kriterien ein Sonderfall). Textbegrenzungssignale schriftlicher Texte können z. B. Überschriften und Absätze sein oder graphische Elemente wie der Trauerrand um Traueranzeigen. Natürlich gibt es immer intertextuelle Bezüge zu früheren Texten, die bewusst gesetzt werden können, aber auch unbewusst durch unser Textmusterwissen aus Erfahrungen mit Texten gegeben sind. Das macht Textlinguistik zu einem implizit diachronen Ansatz. Wenn wir die obige Textdefinition auf das Zeichenmodell vom Morris beziehen, das in Kap. 7.1 (Abb. 55) eingeführt wurde, lassen sich dessen drei Dimensionen Pragmatik, Semantik und Grammatik auch auf die synchrone und diachrone Analyse von Texten anwenden: • Was ist die Funktion/ sind die Funktionen eines Textes? Welche Sprachhandlungen werden damit ausgeführt? (Textpragmatik) • Was ergibt sich daraus als Textthema/ -themen? Wie wird thematische Kohärenz hergestellt? (Textsemantik) • Was ergibt sich daraus an Textverknüpfungsmöglichkeiten? Wie wird grammati‐ sche Kohärenz hergestellt? (Textgrammatik) Die drei Aspekte sind immer aufeinander bezogen: Texte mit unterschiedlichen Funk‐ tionen unterscheiden sich oft strukturell stark, z. B. ein Kochrezept verglichen mit einer Restaurantkritik. Textfunktionen werden daher in vielen Ansätzen als Leitkriterium der Klassifikation in Textsorten herangezogen. Textexemplare (Tokens) wie ein Rezept für Lasagne lassen sich ausgehend von Gemeinsamkeiten in der Textfunktion, die bestimmte textgrammatische und -semantische Charakteristika mit sich bringen, Textsorten (Types) zuordnen, hier dem Kochrezept. Übergeordnet kann man noch Textklassen ansetzen, hier Anleitungen. Als Basis für eine Textklassifikation kann Searles Klassifikation von Illokutionstypen genutzt werden, die den Handlungsaspekt des Sprechakts bezeichnen und die in Kap. 7.5 eingeführt wurden. Danach lassen sich folgende übergeordnete Textfunkti‐ 248 8 Textueller Wandel <?page no="249"?> onen ansetzen (z. B. Rolf 1993: Kap. 2.3, Kap. 6): die assertive Funktion, etwa beim Beschreiben, oder Erzählen von Gegebenheiten, die der Produzent für wahr hält, die direktive Funktion, mit der Produzenten Adressaten zu einer bestimmten Handlung oder Einstellung veranlassen wollen, die kommissive Funktion, mit der sich Produ‐ zenten selbst zu einem bestimmten Verhalten verpflichten, die expressive Funktion, mit der Produzenten ihre Einstellungen und Gefühle kommunizieren, und schließlich die deklarative Funktion, mit der Produzenten durch ihren Text eine Veränderung in der Welt bewirken. Die Textsorte Kochrezept z. B. wäre danach einerseits als direktiv einzuordnen: Text‐ produzenten möchten zur Herstellung eines Gerichts anleiten und dadurch die Welt an ihre Äußerung anpassen - andererseits gibt es auch einen assertiven Aspekt (vgl. Gloning 2002: 524, Wolanska-Köller 2010: Kap. 4, Jary/ Kissine 2014: 63 f.): Produzenten beschreiben einen in der Welt erprobten Handlungsablauf, von dem sie glauben, dass er der richtige ist, um zum entsprechenden Gericht gelangen. Man kann hier noch weiter klassifizieren, beim Kochrezept in direktiv und nicht-bindend, denn Adressaten sind im Gegensatz zu etwa einer Prüfungsordnung nicht gezwungen, sich an den Text zu halten. Die Textsorte Traueranzeige hat den assertiven Aspekt, das Ereignis bekannt zu machen, und den expressiven Aspekt, die Trauer der Hinterbliebenen zu bekunden, die unterschiedlich gewichtet sein können. Ein weiteres Beispiel, die heute ausgestorbene Textsorte Taufgelöbnis, wäre ebenfalls doppelt einzuordnen, die/ der Getaufte erklärte sich zu einem Mitglied der Glaubensgemeinschaft Christentum (deklarativ) und verpflichtete sich selbst (kommissiv), die Regeln dieser Religion zu befolgen und sich von heidnischen Göttern und Praktiken abzuwenden. Es wird deutlich, dass ein und derselbe Text bzw. ein und dieselbe Textsorte oft mehrere Funktionen hat. Die Funktion eignet sich damit nicht uneingeschränkt als Leitkriterium der Klassifikation, sondern es müssen weitere textpragmatische, textsemantische, und textgrammatische Merkmale einbezogen werden (Schuster 2004, Tophinke 1997: 167). Ein solcher pragmatischer Aspekt ist, dass Textsorten ihre Funktionen nicht isoliert er‐ füllen, sondern in bestimmten Kommunikationszusammenhängen (z. B. Institutionen wie Kanzleien, wissenschaftlichen Disziplinen wie der Medizin, Handwerken wie der Kochkunst) entstehen, auf älteren Traditionen aufbauen und selbst traditionsstiftend wirken. Textsorten sind einerseits in diese Diskurstraditionen eingebettet, andererseits tragen sie dazu bei, Traditionen aufzubauen und zu stabilisieren (vgl. z. B. Schuster 2008: 45). Was die strukturellen Aspekte angeht, so greifen wir, wenn wir einen Text produ‐ zieren, auf ein umfangreiches Textmusterwissen zurück. Das sind Konventionen, die sich im Laufe der Zeit für eine Textsorte herausgebildet haben und die wir uns im Lauf des Lebens als Abstraktion aus unseren Erfahrungen mit Textexemplaren aneignen. Dazu gehören die Makrostruktur (welche Textbausteine gibt es und wie obligatorisch sind sie? ), die für bestimmte Textsorten wie Kochrezepte sehr schematisch sein kann, weiterhin Besonderheiten der Themenentfaltung (z. B. Darstellen, Argumentieren), textgrammatische Besonderheiten wie bestimmte Verbformen sowie lexikalische Be‐ 8.1 Text und Textsorte 249 <?page no="250"?> sonderheiten wie routinisierte Formeln oder bei Fachtexten eine ausgeprägte Fach‐ terminologie (s. dazu Kap. 6.3.1). Dazu kommen stilistische Konventionen wie etwa die Vermeidung subjektiver, nähesprachlicher Formulierungen in wissenschaftlichen Texten. Soll ein Text sein Handlungsziel erreichen, muss er diese Konventionen befolgen, kann aber auch damit spielen (s. u., 8.4). Die Frage, seit wann es im Dt. überhaupt Textsorten gibt, lässt sich bei einem weiten Textbegriff, der mündliche Texte einschließt, mit „seit es Dt. gibt“ beantworten. Man denke etwa an Textsorten, die über lange Zeit mündlich überliefert wurden, etwa Heldenepen wie das ahd. Hildebrandslied, Segensformeln wie den ahd. Lorscher Bienensegen oder Gesetzestexte wie den mnd. Sachsenspiegel. Textsorten des Ahd. und Mhd. stehen oft in antiken Traditionen, z. B. die Physiologus-Tradition, die spätantike Naturlehren adaptiert, und die Tradition der Enzyklopädien, in die sich das Buch der Natur von Konrad von Megenberg (vor 1350) einordnet. Was sich allerdings mit der Ausbreitung deutschsprachiger Schriftlichkeit auf neue Domänen, mit der Verbreitung des Buchdrucks und mit der Entstehung einflussreicher neuer Medien wie Zeitungen (seit 1609, s. Fritz 2001) gewandelt hat, ist die Diversifi‐ zierung der Textsorten. Mit der Ausdifferenzierung der Kommunikationsbereiche, in denen schriftlich auf Dt. (und nicht mehr Lateinisch) kommuniziert wird, geht ab der fnhd. Phase eine sprunghafte Diversifizierung des Textsortenspektrums einher. Das gilt besonders auf der Ebene der Sachtexte und langsam auch der privaten Schriftlichkeit. Für eine Klassifizierung der fnhd. Textsorten eignen sich die moder‐ nen aus der Sprechaktanalyse abgeleiteten Kriterien nur sehr bedingt. Eine erste an Textfunktionen orientierte Typologie stellen Reichmann/ Wegera (1988) auf, in die autorenbezogene, textbezogene und leserbezogene Kriterien eingeflossen sind. Sie unterscheiden 1. sozial bindende Texte wie Verträge, Gesetze oder (Zunft-, Policey- und Feuer-)Ordnungen, an die man sich im im städtischen Sozialraum bei Strafe halten musste (direktiv, auch deklarativ), 2. legitimierende Texte wie Luthers Sendbrief vom Dolmetschen, in dem er die freie Übersetzung heiliger Texte rechtfertigt (assertiv, direktiv), 3. dokumentierende Texte wie Verhörprotokolle, Urkunden oder Güterverzeichnisse (assertiv, deklarativ, kommissiv), 4. belehrende Texte wie Ehebüchlein oder Tischzuchten (assertiv, direktiv), 5. erbauende Texte, die nicht durch Argumentieren, sondern durch das Erzählen von erbaulichen Ereignissen im Glauben bestärken wollen (assertiv, direktiv), 6. unterhaltende Texte wie das Volksbuch von Dr. Faust oder Till Eulenspiegel, die auch belehrende Komponenten haben (assertiv, direktiv), 7. informierende Texte, die Sachverhalte beschreiben, z. B. Fachtexte über Astronomie aber auch Zeitungstexte (assertiv), 8. anleitende Texte, die anwendungsorientiert Verfahren beschreiben, z. B. Kochrezepte (assertiv, direktiv) und 9. agitierende Texte, die die Adressaten von einer bestimmten Weltanschauung überzeugen wollen, z. B. Flugblätter in der Reformationszeit (assertiv, direktiv). Die meisten dieser Texte sind für die Öffentlichkeit gedacht; zunehmend kommen aber auch private Texte wie Privatbriefe und Tagebücher hinzu, die unterschiedliche Funktionen haben können (z. B. assertiv, expressiv). Auch bei dieser Klassifikation 250 8 Textueller Wandel <?page no="251"?> gibt es Polyfunktionalität und Überschneidungen zwischen den Typen, so kann z. B. ein und dieselbe Märtyrerlegende erbauend und/ oder unterhaltend rezipiert werden (Schmid 4 2024: 56). Tophinke (1997) diskutiert das Problem im Rahmen eines Prototype‐ nansatzes, der auch diachrone Verschiebungen modelliert. Textklassifikation kann man auf unterschiedlichen Hierarchieebenen betreiben: von Grobunterscheidungen wie literarischen vs. Gebrauchstexten bis hin zu Feingliederungen wie Fabel und Schwank oder Todes- und Geburtsanzeige. Die oben vorgestellte Typisierung arbeitet auf einer mittleren Hierarchieebene. Der Aspekt Textsorte ist auch bei der Erstellung von Textkorpora zu grammatischem Wandel zu berücksichtigen. Es bestehen nämlich oft deutliche Unterschiede in der Durchsetzung grammatischer Neuerungen. So ist die Stellung des adnominalen Geni‐ tivs (des riters muͦt) (s. Kap. 4.3) im Mhd. in poetischen Texten - und das heißt für das Mhd. i. d. R. auch metrisch gebundenen Texten - noch pränominal; in Prosatexten ist dagegen der Wandel zum postnominalen Genitiv fortgeschrittener (Prell 2000, Fleischer/ Schallert 2011: Kap. 3.4). 8.2 Was kann diachrone Textlinguistik untersuchen? Was lässt sich nun diachron an Texten und Textsorten untersuchen? Wo sich ein‐ deutige Funktionen identifizieren lassen, bietet sich eine primär onomasiologische Perspektive an (s. Kap. 7.1.3), die ausgehend von der Funktionalität fragt, wie diese textgrammatisch und textsemantisch umgesetzt wird. Diese ist aber mit dem semasi‐ ologischen Blick zu kombinieren, der fragt, inwiefern strukturelle Veränderungen, die man beobachtet, auf einen Funktionswandel hindeuten. Analysen können auf der Mikroebene textfunktionaler Einheiten verortet sein, z. B. zu textgrammatischen Verweismitteln wie dieser - jener, Erster - Letzter (Wich-Reif 2012), der/ die/ das-selb(ig)e (Kempf 2023) oder zu metatextuellen Markern wie bitte wenden (Schuster 1996). Auf der Makroebene kann man Veränderungen von größeren funktionalen Elementen, z. B. dem Handlungsmuster Erklären, über verschiedene Textsorten untersuchen. Man kann sich aber auch auf eine einmal identifizierte Textsorte konzentrieren und dabei die folgenden Parameter einbeziehen, geordnet in Pragmatik, Semantik, Grammatik und Lexik (vgl. Gloning 2008: 71, Schuster 2004: 45 f., basierend auf Heinemann/ Viehweger 1991: Kap. 3): • Funktion(en) des Textes/ der Textsorte: Gibt es Verschiebungen? • Einbettung in zeitgebundene Kommunikationszusammenhänge Wer interagiert mit wem? Stehen die Beteiligten in einem Nähe- oder Distanzver‐ hältnis? Private vs. öffentliche Kommunikation? Gebunden an bestimmte Institu‐ tionen? Welche Wissenskonstellation liegt zwischen Produzentin und Adressat vor? Gibt es Asymmetrien (z. B. Lehrbücher)? • Die Handlungsstruktur, die sich daraus ergibt 8.2 Was kann diachrone Textlinguistik untersuchen? 251 <?page no="252"?> Welche Sprachhandlungen werden in welcher Reihenfolge vollzogen (z. B. Er‐ zählen, Beschreiben, Anleiten, Überzeugen …)? Welche Textbausteine ergeben sich daraus (Makrostruktur)? Wie sind diese intern gegliedert und miteinander verknüpft? • Weitere pragmatische Aspekte Welche Informationen werden bei Rezipienten als bekannt vorausgesetzt, welche explizit gemacht? Gibt es textsortenspezifische Kommunikationsmaximen, z. B. Affirmativität in wissenschaftlichen Texten, Ökonomie in Anleitungen? • Textsemantik - Themenstrukturen Wie wird das Textthema entwickelt? Wie wird Kohärenz erzeugt? Wie werden die Sachverhalte und Teilhandlungen verknüpft? • Grammatische Aspekte Welche formalen Vertextungsstrategien (z. B. Syntax: Haupt-/ Nebensätze, Ver‐ bmodus, Tempus), welche textgrammatischen Merkmale (z. B. Formen der Wie‐ deraufnahme, Konjunktionen, Verweisformen) sind typisch für eine Textsorte und inwiefern ergeben sich diese formalen Mittel aus der Textfunktion? • Lexikalische Aspekte Gibt es textsortenspezifische Lexik, Fachterminologie, phraseologische Einheiten? Übergreifend ist interessant, wie stark die Variation innerhalb einer Textsorte ist, welche Aspekte variieren dürfen und welche schematisiert sind. Eine Abnahme an Variation kann dahingehend interpretiert werden, dass sich eine Textsorte etabliert und standardisiert. Das Auftreten neuer Varianten kann teils auf sozio-kulturelle Ver‐ änderungen in der Kommunikationsgemeinschaft bezogen werden - wie wir z. B. bei den Todesanzeigen sehen werden. Übergreifende Fragestellungen sind auch, wie und warum Textsorten neu entstehen, sich abgrenzen, verschwinden, sich aufspalten und mischen (z. B. Koch 1997). Zum Beispiel differenzieren sich im Medium Zeitung nach und nach verschiedene Pressetextsorten heraus und verändern sich Textsortennormen (Fritz 2001, Ramge 2008, Schuster u. a. 2023). Weil Textsorten eine Manifestation bestimmter Diskurstraditionen sind, können sie mit diesen auch aussterben (z. B. Zauber- und Segenssprüche wie die ahd. Wurmsegen zur Heilung von Krankheiten). Ein Fall der Aufsplitterung einer vorher einheitlichen Textsorte sind Krankengeschichten in der Psychiatrie. Diese beginnen im 19. Jh. als detaillierte, subjektive „Geschichte“ des Kranken aus der Sicht des Behandelnden und werden mit der Etablierung der Psychiatrie als eigenständiger medizinischer Disziplin immer mehr standardisiert, „skelettiert“ und objektiviert (Symptome statt Individuum im Vordergrund). Mit der Institutionalisierung der Anstalten spalten sie sich in verschiedene neue Textsorten im Rahmen der Krankenakte auf (Schuster 2010). Ein Fall von Innovation durch Textsortenmischung wird uns in einem neuen Typus der Todesanzeige in 8.4 begegnen. 252 8 Textueller Wandel <?page no="253"?> 25 Digitalisat der Handschrift, UB München, 2° Cod. ms. 731, fol. (=Blatt) 156r-165v, hier fol. 157r, entspricht S. 317 im Digitalisat, http: / / epub.ub.uni-muenchen.de/ 10638/ und https: / / doi.org/ 10.5282/ ubm/ digi.2837 (abgerufen: 18.02.2026) 8.3 Wandel der Textsorte Kochrezept Die Textsorte Kochrezept bietet sich für diachrone Analysen an, weil ihre Funktion über 600 Jahre relativ konstant geblieben ist und dadurch ein gutes tertium comparationis (die Konstante im diachronen Vergleich) abgibt. Kochbücher gab es schon in der Antike (z. B. Apicius: De re coquinaria). Das erste überlieferte deutschsprachige Kochbuch, das Buoch von guoter spîse, stammt aus der spätmhd. Phase; Rezepte für Heilmittel sind aber schon im Ahd. überliefert (Fuldaer Rezepte). Die Verfasser waren oft nicht die Köche selbst (erkennbar daran, dass sich manchmal Missverständnisse einschleichen), Adressaten konnten sowohl Experten als auch Lernende sein (vgl. Gloning 2002: 522), der Adressatenkreis öffentlich oder privat. Damit stehen Kochrezepte funktional im Spannungsfeld von direktiver und assertiver Funktion (Anleiten und Informieren), vgl. z. B. Ehlert (1987: 261). Es fragt sich nun, wie diese Funktionen textpragmatisch, -semantisch und -grammatisch umgesetzt werden. Unterschiede zu modernen Kochbüchern tun sich beim Buoch von guoter spîse schon in der Anordnung der Rezepte auf, die willkürlich erscheint, aber teils assoziative Prin‐ zipien erkennen lässt. Andere frühe Kochbücher weisen durchaus schon thematische Anordnungen auf (Wiswe 1970: 16). Begibt man sich auf die Ebene der Rezepte, zeigen sich ebenfalls deutliche Unterschiede, die wir an einem Beispiel genauer betrachten (Abb. 64). - Ein spise von birn Nim gebratene birn · vnd sur ep / fele vnd hacke sie kleine · vnd t dar zv pfeffer · vnd enis · vnd ro eyer snit zw o o d nne schiben von br te f lle diz da zwischen niht vollen eines vingers dicke · mache ein d nnez blat von eyern · vnd kere daz einez dor inne vnd backez mit butern in einer pfannen biz daz ez r t werde vnd gibz hin Buoch von guoter spîse (um 1350), UB München, 2° Cod. Ms. 731, Fol 157r (eigene Transkription) u u u schonem o vmm o o Abb. 64: Beispielrezept Ein spîse von birn (Buoch von guoter spîse, um 1350) 25 8.3 Wandel der Textsorte Kochrezept 253 <?page no="254"?> 26 Interessant ist, dass die herausgehobene Zutatenliste auch hier noch nicht bei allen Rezepten vorkommt, sondern nur dort, wo es besonders auf genaue Mengenangaben ankommt (Gebäck und Mehlspeisen). An der Makrostruktur fällt auf, dass es die klare Dreiteilung in Überschrift, Zutaten‐ liste und Handlungsbeschreibung noch nicht gibt, die uns heute auch ein fremdspra‐ chiges Rezept, etwa in kyrillischer Schrift, sofort als solches erkennen lässt, weil sie in unserem Textmusterwissen fest verankert ist (sogar internationalisiert). Das mhd. Rezept hat noch keinen eigens abgesetzten Zutatenteil und es gibt keine konsequenten Absätze zwischen Rezepten. Die einzigen Textbegrenzungssignale sind die Rubrizie‐ rung (Rotfärbung, hier fett) der Überschrift und Initiale sowie die Schlussformel und gibz hin. Wir haben es also mit einer zweiteiligen Makrostruktur aus Überschrift und Fließtext zu tun, die nur schwach markiert wird. Abgesetzte Überschriften finden sich ab ca. 1500. Die Heraushebung des Zutatenteils ist dagegen noch jung. Glaser (2002a: 112) nennt als frühestes ihr bekanntes Beispiel das Regensburger Kochbuch von Schandri (1867), die die Neuheit dieser Anordnung explizit als nachahmenswert the‐ matisiert. 26 Dieser neue Textbaustein hat sich schnell durchgesetzt und die Dreiteilung grenzt heute Kochrezepte sehr effektiv von anderen Textsorten ab. Betrachten wir die erkennbaren Bausteine genauer, zuerst die Überschrift: Über‐ schriften haben heute a) eine abgesetzte Position oberhalb des Textes, sind b) syntak‐ tisch nicht in den Text integriert und nennen c) häufig das Textthema. Im Bsp. Ein spîse von birn treffen Kriterium a) und c) nur eingeschränkt zu, da die Überschrift zwar rubri‐ ziert, aber nicht vom vorherigen Rezept abgesetzt ist und da das Textthema unspezifisch bleibt. Warum kommen z. B. die Birnen vor, die Äpfel aber nicht - und welches Gericht entsteht hier genau? Eine moderne Adaption (Ehlert 2012: 65) benennt daher um in Apfel- und Birnenschnitte im Eierteig. Andere Überschriften im Buoch von guoter spîse sind noch unspezifischer, z. B. diese vier aufeinanderfolgenden: Ein guot spise. Ein guot geriht. Ein guot spise. Daz ist auch guot. Hier dominiert die Gliederungsfunktion noch klar über die Informationsfunktion (Glaser 1996: 134 f.). Lexikalisch arme Überschriften dieser Art kommen vereinzelt noch bis ins 19. Jh. vor, z. B. Fisch=Suppe. Eine andere Fisch=Suppe. In modernen Rezepten erfüllen Überschriften dagegen eindeutig eine Informationsfunktion, z. B. über die Zubereitungsart (Apfelkuchen mit Butterstreusel, Forelle in der Alufolie), teils auch werbende Funktion (Frischer, frecher Spargelsalat). Auch syntaktisch gibt es klare Unterschiede zwischen frühneuzeitlichen und mo‐ dernen Überschriften (Glaser 1996: 236): Erstere variieren stark, neben Nominalphrasen (Ein spîse von birn) treten auch Präpositionalphrasen (Von einer hirz lebern ‘von einer Hirschleber’, Zu haidnischen kuchen ‘zu heidnischen Kuchen’), Konstruktionen mit Infinitiv+zu (Wafflen zu machen), Verberst-Konditionalsätze (Wilt du machen ein gebraten milch, …), wie-Verbletztsätze mit dem Indefinitpronomen man (Wie man súltzfisch machen soll) und Imperativsätze (Buͦtter muͦß mach also) auf. Diese Vielfalt hat sich diachron auf den Typus Nominalphrase reduziert, der seit Ende des 18. Jh. dominiert. Am längsten hält sich daneben noch Infinitiv+zu. Verbhaltige Varianten werden also aufgegeben. Dabei werden zuerst direkte, persönliche Varianten mit 254 8 Textueller Wandel <?page no="255"?> 27 Dass es sich dabei um ein pragmatisches Phänomen handelt, zeigt sich z. B. daran, dass man diesen Effekt der zeitlichen Sukzession nicht immer hat und aufheben kann (dazu Meibauer 2 2001: Kap. 3.3). finitem Verb und syntaktischer Integration (willst du X machen …; X mach also) abgelöst durch unpersönliche mit infinitem Verb (X zu machen) und schließlich ganz durch reine Nominalphrasen. Der Fokus verschiebt sich also von der Handlung auf das fertige Produkt. Dabei kommt die heute alleinherrschende Variante schon in den ältesten Kochbüchern vor, wir haben es also mit einem Selektions- und Standardisierungspro‐ zess zu tun. Betrachten wir nun den zweiten Baustein, den eigentlichen Rezepttext in Abb. 64 auf den Inhalt hin, dann wird schnell klar, dass wir das Rezept heute nicht ohne Weiteres nachkochen könnten, denn der Schreiber setzt viel Kontext- und Handlungswissen bei Nutzern voraus. Es gibt weder Angaben zu Garzeiten, noch präzise Mengenangaben, denn gekocht wurde am individuellen Herd flexibel für eine große Personenzahl. Der Nutzer muss auch aus seinem zeitspezifischen Kontextwissen ergänzen, was mit schœnem brôte gemeint ist, nämlich Weißbrot, das sich nur Bessergestellte leisten konnten. Vorausgesetzt werden auch ganze Arbeitsschritte, wie Äpfel schälen und entkernen und einen Pfannkuchenteig bereiten, die die moderne Adaption von Ehlert (2012: 65) ergänzt. Es gibt aber auch pragmatische Gemeinsamkeiten mit heutigen Rezepten: So werden Werkzeuge wie Messer als gegeben vorausgesetzt und es gilt die konventionelle Implikatur, dass die Reihenfolge der Nennung auch der zeitlichen Reihenfolge der Arbeitsschritte entspricht, z. B. backez … und gibz hin. Diese Implikatur folgt der Konversationsmaxime der Art und Weise: Rede in der richtigen Reihenfolge. 27 Kommen wir nun zu einem textgrammatischen Aspekt. Wir haben oben festge‐ stellt, dass Kochrezepte sich funktional im Spannungsfeld von Anleiten und Informie‐ ren befinden. Dies manifestiert sich besonders deutlich in den Verbformen. Das Rezept in Abb. 64 nutzt durchgängig Imperativ-Sg.-Formen, z. B. Nim, hacke, snit. Das ist ganz typisch für frühe Kochrezepte und ändert sich erst geringfügig im 17. Jh., wo je nach Kochbuch 20-40 % Imperativ-Pl.-Formen auftreten können, also Höflichkeitsformen des Imperativs (Abb. 65). Eine erste scharfe Zäsur erfolgt dann zu Beginn des 18. Jh., als Imperative durch unpersönliche Formen (Passiv und man + Indikativ, selten Konjunktiv) abgelöst werden. Diese wiederum werden in einer zweiten Zäsur ab den 1920er Jahren durch die heutigen Infinitivformen verdrängt, die bis dahin nur sporadisch auftraten (vgl. Glaser 2002a,b, Torttila/ Hakkarainen 1990, Wolanska-Köller 2010). 8.3 Wandel der Textsorte Kochrezept 255 <?page no="256"?> 20. Jh. (Torttilla/ Hakkarainen 1990: 38) 0% 20% 40% 60% 80% 100% M. 14.Jh. 2. H. 15.Jh. M. 16.Jh. 2.H. 16.Jh. 2.H. 17.Jh. 1.H. 18.Jh. 2.H. 18.Jh. 2.H. 19.Jh. 14. - 19. Jh. (Glaser 2002a: 114 - 115) 20-40 % Pl. Abb. 65: Wandel der Verbformen in Kochrezepten Wie lässt sich dieser Wandel begründen? Wie schon bei den Überschriften haben wir es mit einem Prozess zu tun, in dem das Agens zunehmend ausgeblendet wird zugunsten der anonymisierten reinen Handlungsbeschreibung. Dabei tritt der Anlei‐ tungsaspekt hinter den Informationsaspekt zurück. Die Entwicklung lässt sich erstens soziopragmatisch an Strategien negativer Höflichkeit koppeln (s. Kap. 7.3: Distanz wahren, dem Adressaten Handlungsfreiheit lassen). Vergleicht man die Zäsuren der Verbformen mit denen der Anredepronomina in Kap. 7.3.2, Abb. 59, fällt nämlich auf, dass die erste Zäsur hin zu unpersönlichen Formen mit dem Ausbau indirekter höflicher Anredeformen, besonders dem Auftreten von Sie im 18. Jh. korreliert. Vor diesem Hintergrund können die Rezeptverfasser Imperativ Singular als eine unangemessen direkte Strategie empfunden haben und auf unpersönliche Formen ausgewichen sein. Dazu kommt, dass ein Imperativ zu Anreden der 3. Person syntaktisch komplex wäre (Brate er / sie, Braten Sie). Zweitens geht mit der Subjektausblendung durch unpersönliche Formen und noch stärker den Infinitiv eine Objektivierung einher, eine Loslösung aus der konkreten Situation zugunsten einer generellen Anwendbarkeit und beliebigen Wiederholbarkeit. Dies lässt sich parallel auch an anderen Anweisungstextsorten im öffentlichen Raum beobachten (Glaser 2002b: 172). Beim Infinitiv kommt im Vergleich zu Passiv und man-Konstruktion drittens auch der ökonomische Aspekt Ausdruckskürze hinzu, der diachron auch auf anderen textgrammatischen Ebenen bei Kochrezepten gestärkt wird, etwa im Weglassen von Artikeln (Eier schälen) oder Objekten (Dann hacken), das man sich aufgrund des 256 8 Textueller Wandel <?page no="257"?> 28 Die Entwicklung hat Parallelen in vielen - aber nicht allen - europäischen Sprachen (Hödl 1999, Glaser 2002b: 173-177), wobei zu klären bleibt, warum einige Sprachen, z. B. das Niederländische, den Imperativ konservieren, andere nicht. hohen Standardisierungs- und damit Vorhersagbarkeitsgrades erlauben kann (Glaser 2002a: 116). Im Dt. könnte der Infinitiv durch seine Verbletzt-Stellung außerdem informations‐ strukturell vorteilhaft sein. In diesem Zusammenhang kann die Etablierung der gesonderten Zutatenliste den Übergang zum Infinitiv begünstigt haben, was chrono‐ logisch passen würde. Mit der Liste sind die Zutaten sozusagen auf dem Tisch, im Diskurs gegeben. Sie müssen im Anleitungsteil nicht mehr neu eingeführt werden, was normalerweise in der Rhemaposition am Ende der Äußerung passiert (Entgräte einen Fisch …). Mit dem Infinitiv rückt im Dt. das Verb in die Rhemaposition, das den neuen Handlungsschritt markiert ([den] Fisch entgräten); diese Argumentation stützt nun auch Freywald (2021). Dazu passt, dass in dt. Rezepten die Themenentfaltung stark an der Zutatenliste orientiert ist (im Gegensatz zu finnischen Rezepten, die noch Impera‐ tiv nutzen und linearer vorgehen, Liefländer-Koistinen 1993: 136). Weitere Faktoren konnten sich bisher nicht bestätigen (dazu Glaser 2002b: 171-173): Sprachkontakt mit dem Französischen, der kulinarischen Prestigesprache, wurde als Auslöser verworfen, denn das Französische geht erst in den 1970er Jahren, also viel später als das Dt., vom Imperativ zum Infinitiv über (Hödl 1999: 64 f.). 28 Auch dass der Infinitiv in Kochrezepten mit dem eher ruppigen mündlichen Pendant (Klappe halten! ) zu tun haben könnte, ist aufgrund des abweichenden pragmatischen Effekts unwahrscheinlich, genauso wie eine Entstehung über eine Ellipse aus Modalverbkonstruktionen (Dann musst du den Fisch schuppen). Diese sind zu selten und zu spezialisiert (z. B. auf Texteingänge und Handlungsoptionen: Man kann auch …, Ehlert 1987: 267). Es finden sich auch keine Zwischenstadien mit elidierten und vollständigen Belegen der Konstruktion (Glaser 2002b: 168 f.). Wahrscheinlich gibt es den Infinitiv als Option für „To-do-Listen“ schon im Ahd. Dann wäre er als Variante schon immer latent vorhanden, hätte sich aber erst in der passenden soziopragmatischen Konstellation (Objektivierung, ebd., 173) und mit Veränderung der Makrostruktur (Zutatenliste) in Rezepten etabliert. Zusammenfassend ist für Kochrezepte ein rigider Standardisierungsprozess festzu‐ stellen, der sich in der dreiteiligen Makrostruktur, der Variantenreduktion in Über‐ schriften und Verbformen sowie der zunehmenden Explizitheit von Überschriften, Zutatenlisten und Handlungsschritten manifestiert. Die Textsorte wandelt sich von einer subjektiven Anleitung mit adressiertem oder strukturell vorhandenem Agens zu einer objektivierten, ökonomischen und wiederholbaren Handlungsbeschreibung mit Agensausblendung. Erweitert man den Blick auf digital vermittelte Rezepte in Kochportalen, -blogs und -videos, sind in Personenreferenz und Adressierung jedoch Prozesse der Destandardisierung und subjektivere Perspektivierungen zu beobachten (übrigens auch die Rückkehr der Diätik mit Bezügen auf Ernährungsweisen wie Low Carb). 8.3 Wandel der Textsorte Kochrezept 257 <?page no="258"?> 8.4 Von der Todeszur Traueranzeige Textsorten sind verfestigte Muster für wiederkehrende soziale Bedarfe. Wenn sie sich wandeln, spiegelt dieser Wandel soziokulturelle Veränderungen in den Kommunika‐ tionsgemeinschaften, die die Muster hervorbringen. Ein gutes Beispiel sind Trauerbzw. damals noch Todesanzeigen. Sie treten ab dem späten 18. Jh. allmählich in Zeitungen auf, bekommen aber erst später eine eigene Rubrik. Wie die korpusbasierte Untersuchung von Hölscher (2011: 421-427) zeigt, kommt das Textbegrenzungssignal Trauerrand um 1850 auf und ist seit den 1940er Jahren obligatorisch, was man mit dem 2. Weltkrieg korrelieren kann. In modernen Anzeigen der 2020er Jahre kann der Trauerrand unterbrochen oder ganz weggelassen und der Hintergrund individuell gestaltet werden (z. B. Strand statt Trauerrand). Auch die Rezeption der Anzeigen hat sich verändert, zunehmend werden sie über Online-Trauerportale gelesen, die auch das Erstellen von Gedenkseiten erlauben und Interaktionsmöglichkeiten wie Kondolieren und das Anzünden virtueller Kerzen bieten (s. Klie/ Nord 2016, Stein 2021). Den heute frequenten Textbaustein Motto findet man sporadisch ab den 1870er Jahren. In dieser Zeit kommen auch bildliche Symbole (Kreuze, Ähren, Rosen) auf. Später kommen Fotos der Verstorbenen zu Lebzeiten hinzu, wobei die Entwicklung vom Portrait zum informellen Schnappschuss geht. Lexikalisch ist zu beobachten, dass stereotype Formulierungen (Phraseoschablonen) einen konstant hohen Anteil haben, dass sich aber der Typus der Schablonen signifikant ändert, s. u. Das Sterben wird dabei zunächst eher neutral benannt ([ver]sterben), später nehmen euphemistische Formulierungen zu (entschlafen, sein Leben geben), mit einem Hoch in der Zeit des 2. Weltkriegs. Bis in die 1970er Jahre nehmen dann Formulierungen zu, die die Inserenten mit ins Bild nehmen und in Beziehung zur verstorbenen Person setzen, indem sie ihren Verlust und ihre Trauer thematisieren (wir und verlieren, verlassen, den Tod betrauern, s. u.). Danach wird das Sterben nicht mehr direkt verbalisiert. In eine ähnliche Richtung tendiert der Umgang mit der Todesursache: Bis Mitte des 20. Jh. wird diese noch konkret benannt (z. B. Pocken, Schlagfluss), danach vage gehalten (nach langer schwerer Krankheit u. ä.). Ob solche Beobachtungen für zunehmende Tabuisierung von Krankheit und Tod sprechen, kann man diskutieren (Schütte 2021: 232). An der zunächst assertiven Funktion, den Tod eines Angehörigen bekanntzugeben, ändert sich bis Mitte des 20. Jhs. nicht viel. Die verstorbene Person wird wie noch heute namentlich in zentraler Position benannt und es wird über ihren Tod in der 3.Ps.Sg. berichtet. Ab Mitte des 20. Jh. werden allerdings Namen und Verwandtschaftsbezeich‐ nungen zunehmend vernähesprachlicht (Hölscher 2011: 425). i-Diminutiva, andere Koseformen und Spitznamen treten auf (Finkbeiner 2023), eine Entwicklung, die das Verhältnis der Angehörigen zu den Verstorbenen ins Zentrum stellt und den im Folgenden beschriebenen Umbruch in der Textfunktion ankündigt. Seit den 1970er Jahren, besonders aber seit Ende der 1980er Jahre, ist ein interessanter Wandel in Textstruktur und -funktion zu beobachten (Linke 2001a): Als Textthema tritt neben dem Tod der Verstorbenen nun die Trauer der Inserenten ins Zentrum. Während vorher die oder der Verstorbene Gegenstand der Aussage war, sind es 258 8 Textueller Wandel <?page no="259"?> 29 Quellen: http: / / trauer.nordbayern.de (abgerufen: 04. 06. 2013); Braunschweiger Zeitung vom 30. April 2010; http: / / www.chr-drescher.de/ todesa01.htm (abgerufen: 05. 06. 2013) jetzt die Hinterbliebenen, die ihre Gefühle öffentlich machen. Die assertive wandelt sich zur expressiven Funktion. Strukturell zeigt sich das darin, dass nicht mehr die Verstorbenen, sondern die Hinterbliebenen syntaktisches Subjekt sind. Es entstehen auch neue Phraseoschablonen: Unsere liebe XY ist … sanft/ völlig unerwartet entschla‐ fen … wird abgelöst durch Wir trauern um … nehmen Abschied von unserer lieben XY (Subjekt unterstrichen). Die neue Schablone ist um 1950 noch nicht belegt, wird in den 1970er Jahren häufiger und erreicht um 2000 je nach Zeitung Werte über 50 % (Linke 2001a: 212). Aber eine anwachsende Gruppe von Anzeigen geht noch einen Schritt darüber hinaus. Darin werden die Verstorbenen in der 2.Ps.Sg. direkt angesprochen, meist in Teilen der Anzeige (Abb. 66), seltener im gesamten Text (s. auch v. d. Lage-Müller 1995: 273-75, 311-13). Abb. 66: Musterüberblendung Todesanzeige - offener Brief an den Toten 29 Aus einer Mitteilung XY ist gestorben und wird dann und dann beerdigt wird hier eine Ansprache an die oder den Toten: Liebe(r) V/ N, wir trauern um dich, sind unglücklich über deinen Tod, so dass das alte assertive Textmuster der Anzeige mit dem neuen eines expressiven „offenen Briefes an den Toten“ überblendet wird (v. d. Lage-Müller 1995: 317-24, Linke 2001a: 4.2). Dieser Typus erscheint in Linkes Korpus aus Schweizer Todesanzeigen Ende der 1980er Jahre nur vereinzelt, Ende der 1990er Jahre folgen ihm schon bis zu 20 % der Anzeigen. Ein besonderer Fall dieses Musters sind Anzeigen als Briefe an Hinterbliebene, die Menschen im Wissen um ihren baldigen (Frei-)Tod verfassen und posthum öffentlich machen lassen (Linke 2001a). Dieser Wandel bei einem so stark standardisierten Textmuster ist in mehrfacher Hinsicht spannend. Warum handeln die Inserenten so? Mit dem Verstoß gegen die Textkonventionen lässt sich anfangs der Effekt erzielen, dass die Illokution wir trauern als besonders authentisch und individuell wahrgenommen wird. Dabei erscheint es zunächst paradox, dass etwas so Privates wie die individuelle Trauer so öffentlich gemacht wird. Während Lesende im alten Muster Adressaten der Todesmitteilung sind, haben sie im neuen Muster voyeuristisch an der intimen individuellen Trauer der Inserierenden teil (v. d. Lage-Müller 1995: 132). Nicht zufällig geht mit dem Briefmuster 8.4 Von der Todeszur Traueranzeige 259 <?page no="260"?> oft die Anonymisierung der Beteiligten durch Vor- oder Kosenamen einher (Linke 2001a: 209). Linke (2001a: 216-221) bringt die Tatsache, dass dieses neue Muster aufkommt und sich in der Summe individuell gedachter, aber gleichgerichteter Einzelhandlungen (in einem invisible hand-Prozess also, Kap. 5.3.3) zunehmend etabliert, mit dem sozio‐ kulturellen Wandel unseres Umgangs mit dem Tod in Verbindung: Im Briefmuster kristallisiert sich erstens, dass Tod und Trauer zunehmend individualisiert und auf der sprachlichen Ebene ausgetragen werden, wohingegen tradierte kollektive und nichtsprachliche Trauerriten wegbrechen (Trauerkleidung, Trauerzeiten etc.). Weil wir als Einzelne nicht mehr in klassische Familien- und Verwandtschaftsstrukturen und in kollektive Trauerrituale eingebunden sind, kommt es zu einer „Singularisierung und Individualisierung von Trauer“. Zweitens wird Tod als Abschied konzeptionalisiert. Nicht mehr die verstorbene Person, sondern die enge Beziehung der Hinterbliebenen zu ihr steht im Mittelpunkt. Die Inserierenden eignen sich über das öffentliche individuelle Gefühlsbekenntnis das Recht zu trauern an, sie markieren ihre Nähe. So kam zu Beginn der Entwicklung dieser Anzeigentypus besonders oft bei nicht-klassischen Hinterbliebenen vor. Das öffentliche Inszenieren intimer Trauer ist für Linke drittens ein Indiz, dass der kulturelle Gegensatz „individuell, privat, persönlich“ versus „sozial, kollektiv, öffentlich“ aufbricht. Den Beteiligten ist dies noch nicht bewusst, der Textsortenwandel ist aus Sicht der kulturhistorischen Linguistik ein Mittel der Früh‐ erkennung gesellschaftlicher Umbrüche. In den 2020er Jahren wäre eine Folgestudie, die Trauerpraktiken in digital vermittelter Kommunikation einbezieht (Gedenkseiten, Posts), interessant mit Blick auf eine Fortsetzung der beschriebenen Tendenzen (s. zu Trauer in digitalen Medien die Beiträge in Klie/ Nord 2016 und Braun 2021). Auch Veränderungen in der Konzeptionalisierung von Angehörigen und Familie lassen sich an den Unterzeichnenden von Traueranzeigen und der Reihenfolge ihrer Nennung untersuchen, bis hin zu der Option, dass der Familienhund unter den Trauernden aufgeführt wird (wie in der Anzeige zum Tod des Aldi-Gründers Berthold Albrecht geschehen). Dazu passt auch die oben erwähnte Zunahme von Spitz- und Kosenamen, die in Traueranzeigen zwischen Vor- und Familienname der Verstorbenen treten können (vgl. dazu Finkbeiner 2023). In Geburtsanzeigen zeigt sich übrigens ein ähnlicher kultureller Wandel (s. Frese 1987, danach Bsp. unten [S. 446, 450], Hölscher 2011: Kap. I, Linke 2009): Diese Praktik war im frühen 19. Jh. noch auf die Oberschicht beschränkt, der Vater gab distanz‐ sprachlich den positiven Ausgang der Geburt bekannt und nannte das Geschlecht des Kindes, nicht aber die Namen von Mutter und Kind, z. B. Die heut erfolgte glückliche Entbindung seiner Frau von einem gesunden Mädchen, zeigt ganz ergebenst an der Justiz=Commissarius Krüger. Brandenburg, den 22. Januar 1830. Um 1875 ist die Praktik in der bürgerlichen Mittelschicht angekommen, aus der „Entbindungs-“ ist eine „Geburtsanzeige“ geworden und es gibt erste emotionale Adjektive; die Mutter ist vom Gegenstand der Nachricht zu einer der Mitteilenden avanciert und die Freude über das Kind tritt in den Fokus: Durch die Geburt eines kräftigen Knaben wurden 260 8 Textueller Wandel <?page no="261"?> hoch erfreut Bennoit Meyerowitz und Frau, Luise, geb. Normann. Berlin, den 5. Januar 1875. Dies lässt sich auf einen Wandel der bürgerlichen Einstellung zum Kind und ganz konkret auf einen Geburtenrückgang beziehen. In der weiteren Entwicklung der Textsorte rückt das Kind immer mehr in den Mittelpunkt. Sein Name wird um 1930 in der Hälfte der Anzeigen genannt, seine Geburtsdaten und Maße kommen ab den 1970er Jahren dazu, Anzeigen können aus der Sicht des Kindes selbst (Hallo Welt, ich bin da! ) oder eines Geschwisterkinds formuliert sein. Auch hier wird die ursprüngliche Mit‐ teilungsfunktion durch eine zunehmend expressive Funktion abgelöst, verschwinden distanzsprachliche zugunsten nähesprachlicher Merkmale und tritt Privatheit in die Öffentlichkeit. Im Gegensatz zu Traueranzeigen scheinen Geburtsanzeigen allerdings in traditionellen Medien zurückzugehen und sich auf digitale Kommunikationsformen in sozialen Netzwerken zu verlagern. Im Vergleich der Fallstudien zeigt sich: Bei Kochrezepten wie Familienanzeigen war sowohl Wandel als auch zunächst eine Musterprofilierung zu beobachten: Aus einem anfänglich variierenden wurde ein konventionalisiertes Textmuster. Bei Todesanzeigen konnten wir danach eine neue Diversifizierung beobachten: Durch die Überblendung mit dem Briefmuster entstand ein neuer Typus, der die neue expressive Funktion besonders effektiv erfüllt. Todes- und Geburtsanzeigen, die beiden Textsorten, in denen private zwischen‐ menschliche Beziehungen zentral sind, zeigen dabei diachron eine Tendenz zu Subjek‐ tivierung und Individualisierung. In Textsorten wie dem Kochrezept oder der psych‐ iatrischen Krankengeschichte wurde dagegen das Subjekt zunehmend ausgeblendet und die Textsorte wurde deindividualisiert, standardisiert und objektiviert. Doch auch bei Kochrezepten zeichnen sich in Kochforen und -blogs heute individualisierende Tendenzen ab. Zum Weiterlesen Einführungen in Textlinguistik und -grammatik des Nhd. sind z. B. Heine‐ mann/ Viehweger (1991), Brinker/ Pappert/ Cölfen ( 10 2024), Sandig ( 2 2006) und Gansel/ Jürgens ( 3 2009); zu Textsorten Gansel (2011). Kompakte Einführungska‐ pitel bieten Schwarz-Friesel (2007) und Linke u. a. (2004: Kap. 6). In die historische Textlinguistik führt Schuster (2004) ein, die Entwicklung von Textmustern (am Bsp. Kontaktanzeige) behandelt Gansel (2011: Kap. 8). Zum Textsortenspektrum älterer Sprachstufen und dessen Klassifikation s. z. B. Reichmann/ Wegera (1988) zum Fnhd., und die Überblicksartikel in Besch u. a. (2000: Art. 77, 85, 95, 105, 116). Fallstudien zu Textsortenwandel (in Auswahl): Kochbücher: Ehlert (1987), Glaser (1996, 2002a,b), Gloning (2002), Freywald (2021), diachron-sprachvergleichend Hödl (1999), kulturgeschichtlich Wiswe (1970); Familienanzeigen: Frese (1987), Linke (2001a), Hölscher (2011), kulturvergleichend Eckkrammer (1996); Werbe‐ anzeigen: Lutz (2012); Pressetexte: z. B. Fritz (2001); Ansichtskarten: Hausendorf u. a. (2023). 8.4 Von der Todeszur Traueranzeige 261 <?page no="262"?> Elektronische Volltexte historischer Kochbücher hat Gloning gesammelt, https: / / www.uni-giessen.de/ de/ fbz/ fb05/ germanistik/ absprache/ sprachverwendung/ gl oning/ kobu.htm. (10.05.2025). Das Portal Deutsche Fach- und Wissenschaftsspra‐ chen bis 1700 bietet Digitalisate historischer Fachtexte verschiedenster Diszipli‐ nen (von Bauwesen über Gartenkunst bis Viehzucht), https: / / fachtexte.kallimac hos.de/ (10.05.2025). 262 8 Textueller Wandel <?page no="263"?> 9 Graphematischer Wandel Orthographie bezeichnet eine normierte Schreibung, die Rechtschreibung. Da für das Dt. erst seit 1902 eine solche Normierung gilt, kann auch erst seitdem von einer Orthographie gesprochen werden. Daher wäre es unangemessen, von orthographi‐ schem Wandel zu sprechen. Die Verschriftungsgeschichte des Dt. bezeichnen wir als graphematischen Wandel. Die Schreibung des Dt. hat schon vor mehr als tausend Jahren begonnen: Die ersten Textzeugnisse sind ahd. und datieren aus dem 8. Jh. Damit verfügt die Schreibung des Dt. im Vergleich zu anderen germ. Sprachen über eine beträchtliche diachrone Tiefe. Die Schreibung hat sich stark verändert: Im Laufe der Jahrhunderte haben sich neue Schreib- oder Verschriftungsprinzipien herausgebildet. Dabei hat die Schreibung zunehmend Gesetzmäßigkeiten entwickelt, die keine Entsprechung auf der Lautebene haben. Es wäre damit verfehlt, anzunehmen, dass die Schreibung einfach nur die Lautung widerspiegele. Deswegen bildet die Schreibung eine eigene Komponente der Grammatik, natürlich nicht ohne Bezug zu den anderen Komponenten. Trotz aller Differenzen im Detail weisen die theoretischen Grundlagen zur Beschreibung des deutschen Schriftsystems der vergangenen gut dreißig Jahre in dieselbe Richtung: Das Schriftsystem ist ein sprachliches Teilsystem [wie die Morphologie, die Syntax, etc. - DN] mit eigenen Gesetzmäßigkeiten. Die Beschreibung dieses Systems setzt damit eigene Beschreibungskategorien voraus, die es rechtfertigen, die Graphematik als eigenständige Teildisziplin der Sprachwissenschaft zu betrachten (Bredel u. a. 2010: 1). Auf den ersten Blick ist die dt. Orthographie nicht einfach, wenn man von dem alpha‐ betschriftlichen Ideal der reinen Lautverschriftung (Phonographie) ausgeht, bei dem einem Laut (genauer: einem Phonem) genau ein Buchstabe (Graphem) entsprechen sollte. Von einer solchen 1: 1-Entsprechung gibt es zahlreiche Abweichungen, zunächst rein quantitativ: 1. Dem Laut [ χ ] entsprechen mit 〈ch〉 zwei Buchstaben (sog. Digraph), die jedoch nur ein Graphem (als Funktionseinheit) bilden: Ba[ χ ] → Ba〈ch〉. Dem Phonem [ ʃ ] entsprechen mit 〈sch〉 sogar drei Buchstaben (Trigraph): Fi[ ʃ ] → Fi〈sch〉. Auch 〈sch〉 bildet nur ein Graphem, denn es bezeichnet ein Phonem: / ʃ / . Umgekehrt korreliert das Graphem 〈x〉 mit zwei Lauten, [ ks ]: Ha〈x〉e → Ha[ ks ]e. Bei der Beziehung der Laute zu den Buchstaben (Schreibperspektive) spricht man von sog. Phonem-Graphem-Korrespondenzen („PGK“), bei der der Buchstaben zu den Lauten (Leseperspektive) von Graphem-Phonem-Korrespondenzen („GPK“). Oft wird jedoch in beiden Fällen von GPK-Regeln gesprochen. 2. Neben diesen quantitativen Abweichungen gibt es sog. relationale Asymmetrien: Wie Abb. 67 zeigt, kann der Laut [ k ] auf verschiedene Weise geschrieben werden (von der Groß- und Kleinschreibung abgesehen). Über dem dicken Strich in Abb. 67 <?page no="264"?> stehen einheimische Wörter (Erbwörter), darunter Fremdbzw. Lehnwörter. Schon bei den Erbwörtern kommt es zu vielen Verschriftungsmöglichkeiten von [ k ], wobei deutlich wird, dass das jeweilige Graphem von seiner Position und Umge‐ bung (Kontext) abhängt: 〈g〉 nur am Ende von Wörtern (〈Tag〉), 〈ck〉 nur nach Kurzvokal (〈Hacke〉), 〈ch〉 nur vor [ s ] (〈Fuchs〉), 〈q〉 nur in Verbindung mit dem Halbvokal [ w ] (〈Qualm〉). Hier spricht man von kontextabhängigen Schreibregeln. Doch lassen sich nicht alle Schreibvarianten kontextuell erklären (wie z. B. die 〈v / f〉-Schreibung in 〈Vater〉/ 〈Fahrt〉; s. Kap. 9.1.1). Abb. 67: [ k ] und seine graphischen Entsprechungen Ebenso enthält die umgekehrte GPK-Richtung zahlreiche Asymmetrien: Abb. 68: 〈 s 〉 und seine phonischen Entsprechungen Auch hier gelten Kontextbeschränkungen: Nur im Wortanlaut vor 〈p〉 und 〈t〉 wird 〈s〉 als [ ʃ ] ausgesprochen, als stimmhaftes [ z ] dagegen nur vor Vokal im Anlaut oder zwischen zwei Vokalen. Sonst gilt stimmloses [ s ]. Nerius ( 4 2007: 122-125) hat sämtliche Beziehungen zwischen Phonemen und Gra‐ phemen schematisch zusammengestellt. Die beträchtlichen Abweichungen von einem beidseitigen 1: 1-Prinzip ergeben ein eindrucksvolles Bild der Polyrelationalität, die das Dt. dominiert. Wie es zu diesem Zustand gekommen ist, kann nur die historische Perspektive beantworten. Als weitere Besonderheiten des Dt. und gleichzeitig als Schwierigkeit gelten, zumin‐ dest aus der Schreibperspektive, die Substantivgroßschreibung (Kap. 9.2), die Getrennt- und Zusammenschreibung von Wörtern und die Zeichensetzung (Interpunktion). Sondergrapheme sind 〈ä, ö, ü, ß〉, komplexe Grapheme 〈ch, sch〉. Auch über deren Entstehung liefert die historische Linguistik Aufschluss. Den Apostroph behandelt Kap 264 9 Graphematischer Wandel <?page no="265"?> 30 Zu den Verschriftungsprinzipien s. Rahnenführer 1980, Garbe 1980, Augst 1981, Eisenberg (1983, 1988), Maas 1992, Thomé 1992, Eisenberg 5 2020, Bd. 1, Fuhrhop 2005, Duden-Grammatik ( 8 2009: 66-93). 9.3. Fragen zur Normierung kommen in Kap. 9.4 zur Sprache. Im Folgenden können nur die wichtigsten Züge der Schreibung beleuchtet werden; zu weiteren Themen wird Literatur genannt. 9.1 Verschriftungsprinzipien und ihre Geschichte Einleitend wurde festgestellt, dass das Dt. seine Laute nicht 1: 1 in Buchstaben überführt (wie dies Kinder zu Beginn ihres Schrifterwerbs gerne tun). Diese auf den ersten Blick verwirrenden und überflüssig erscheinenden Abweichungen folgen jedoch bei genauerem Hinsehen Prinzipien (oft nur Tendenzen), die nicht nur auf der Ebene der Lautabbildung zu verorten sind: Das Dt. repräsentiert bei seiner Schreibung auch silbische, morphologische, lexikalische, syntaktische, ja sogar textuale und pragmatische Informationen. 30 In unserem „Zwiebelmodell“ in Abb. 1 (S. 18) wurde die (Ortho-)Graphie zwischen dem Kern der Grammatik (Phonologie, Morphologie, Syntax) und der lexikalischen Schicht angesiedelt. Tatsächlich liefert sie neben der Lautabbildung sehr viele Informationen zur Morphologie und zur Syntax (daher die eigene „Zwiebelschicht“), teilweise (aber nicht so stark) auch zur Lexik. Diese Komplexität veranschaulicht Abb. 69. Abb. 69: Vom flachen zum tiefen Schriftsystem Komplexe Systeme, die auch semantische Informationen berücksichtigen, bezeichnet man als tiefe Schriftsysteme, solche, die die Lautung möglichst konsequent und 9.1 Verschriftungsprinzipien und ihre Geschichte 265 <?page no="266"?> eindeutig wiedergeben, als flache Systeme (Eisenberg 1996, 1989b, Meisenburg 1998 - s. Abb. 70). Im Dt. ist es (im Gegensatz zum Englischen) fast immer möglich, ein graphi‐ sches Wort auch dann richtig auszusprechen, wenn man es nicht kennt, d. h. die Graphem-Phonem-Korrespondenzen sind (ziemlich) geregelt. Durch die vielen zusätz‐ lichen Informationen auf den höheren, inhaltsbezogenen Ebenen wird die Leserin überdies stark bei der Dekodierung, der direkten Informationsentnahme unterstützt (Erfassungsfunktion), denn wie Leseforschungen erwiesen haben, verläuft die Er‐ fassung des Inhalts direkt aus dem Schriftbild ohne Rekurs über die Lautung. Nur Kinder nehmen beim Leseerwerb den (Um-)Weg über die Lautung, sei es, dass sie laut, flüsternd oder nur die Lippen bewegend lesen. Abb. 70: Flache und tiefe Schriftsysteme Vor dem Hintergrund der direkten Informationsentnahme ist es zentral, die dt. Orthographie als ein leserfreundliches System zu begreifen, das sich über viele Jahrhunderte erst zu einem solchen entwickelt hat. Gerade dem Leser liefert die Orthographie eine Menge wichtiger Zusatzinformationen, die weit über die bloße Lautwiedergabe hinausgehen. Eine solche Dienstleistung besteht in der Unterschei‐ dung des Artikels bzw. Pronomens 〈das〉 von der Konjunktion 〈dass〉 (diese Wörter sind homophon). Dem Schreiber obliegt dabei die Analyse der Wortartbestimmung. Gerade die 〈das / dass 〉-Unterscheidung stellt den häufigsten Fehlertyp im Dt. dar (Eroms 2000). Auch die Großschreibung sowohl der Satzanfänge (Signal: hier beginnt eine neue Äußerung) als auch der Substantive erleichtert dem Leser die grammatische Dekodierung (vgl. 〈der blonde junge〉 versus 〈der blonde Junge〉; hier wird in der Regel das Ende, das letzte Klammerelement der NP, markiert (Signal: nach 〈Junge〉 beginnt die VP, nach 〈junge〉 geht die NP wahrscheinlich weiter). Neuere Forschungen erweisen, dass sogar die graphische Wortausgestaltung Rezipientenbedürfnisse erfüllt: Voeste (2008) stellt für das 16. Jh. zum einen die zuneh‐ mende Homogenisierung fnhd. Schreibvarianten fest, was die schnelle Erkenn- und Dekodierbarkeit des Wortes fördert. Zum anderen werden die graphischen Wortkörper reguliert und stabilisiert (zur phonologischen Wortstabilisierung s. Kap. 2.5.2). Dazu beschreibt Voeste (2008: 62-68) das Prinzip, genauer: die Tendenz zur sog. Vergewich‐ tung, d. h. schmale oder gar leere (unbesetzte) Wortanfangsränder (Position vor dem Vokal) werden oft durch umso breitere Endränder kompensiert (das Wort unterschrei‐ tet also nicht eine bestimmte Größe), z. B. 〈lannd / lanndt〉 oder 〈endt / ennd〉. Daneben wirkt der sog. symmetrische Breitenausgleich: Wenn beide Wortränder besetzt sind, 266 9 Graphematischer Wandel <?page no="267"?> dann wird „[d]ie Schalenbreite des Endrandes der Schalenbreite des Anfangsrandes angeglichen“ (ebd.: 67): In 〈brandt〉 oder 〈pferdt〉 erklären sich die finalen 〈dt〉-Schrei‐ bungen durch den breiten Anfangsrand, mit dem sie korrespondieren. Viel schwieriger ist das Dt. aus der Schreibperspektive. Wenn man sich vergegen‐ wärtigt, wie oft die Schreib- und wie oft die Leseperspektive eingenommen wird, ergibt sich ein deutliches Gefälle zugunsten der letzteren: Wir lesen viel mehr, als wir schreiben (und ein Text von nur einer Autorin kann theoretisch millionenfach gelesen werden). Da alle Schreiber zugleich auch Leser sind, erklärt sich, weshalb sich im Laufe der langen Verschriftungsgeschichte des Dt. eine so starke Leserzentrierung herausbilden konnte. Gleiches gilt für andere tiefe Schriftsysteme, besonders für das Französische, das graphisch eine Vielzahl an grammatischen Informationen liefert, die phonologisch nicht (mehr) realisiert werden (z. B. die meisten graphischen Endungen am Verb). Bei den folgenden Prinzipien lässt sich beobachten, dass die Schreibung des Dt. an Tiefe gewinnt: Zunächst dominiert das phonographische Prinzip. Die anderen Prinzi‐ pien haben sich erst später entwickelt. Besonders wichtig ist dabei das morphologische Prinzip, das sich ab fnhd. Zeit herausbildet und dabei das phonologische und silbische Prinzip überformt. Dabei gilt es immer zu bedenken, dass sich die Schreibkonventionen regional deutlich unterschieden haben (Elmentaler 2018) und erst seit der Einführung der Orthographie 1902 normiert und vereinheitlicht wurden. 9.1.1 Das phonologische Prinzip Das in jeder Alphabetschrift oberste Prinzip (auch in tiefen Systemen) bildet die graphi‐ sche Abbildung der Laute (Phonographie). Dabei sind es idealerweise Phoneme und nicht deren Allophone (Varianten), die verschriftet werden (daher nennt man dieses Prinzip auch phonematisches Prinzip). Um zwei Beispiele zu nennen: Im Dt. gibt es zwei Allophone des Phonems / r / , das mit der Zungenspitze gebildete [ r ] und das hinten am Gaumen gebildete [ ʀ ]. Da sie zu keinerlei Bedeutungsunterschieden führen, wurden und werden sie beide als 〈r〉 geschrieben. So wissen wir auch nicht (bzw. können wir nur indirekt erschließen), ab wann das (jüngere) Gaumen-[ ʀ ] entstand. Ähnliches betrifft den sog. Ich- und Ach-Laut ([ ç ] versus [ χ ]), zwei positionsabhängige Allophone des Phonems / χ / (s. Kap. 2.1). Auch dieser gut hörbare Unterschied wurde nie verschriftet. Älter ist [ χ ] - siehe das Alemannische, wo bis heute nur / χ / gilt: / ɪχ / ‘ich’). Das jüngere [ ç ] stellt eine Assimilation an seinen vorangehenden palatalen Laut dar. Eine phonetische Schrift ist die hier in den eckigen Klammern praktizierte linguis‐ tische IPA-Transkription, die nicht nur konsequent die obigen Allophone notiert, son‐ dern auch alle Assimilationen, die wir beim Sprechen vornehmen, z. B. bei u[ m ]bedingt, u[ ŋ ]genau, ei[ ŋ ]kaufen, we[ m ]an ‘wenn man’, leb[ m̩ ], leg[ ŋ ]. Würde man alle diese realen Lautungen verschriften, müssten die Leser unterschiedliche Wortbilder in Kauf nehmen. Da ihnen jedoch an einer schnellen Informationsentnahme gelegen ist, sollten gleiche Informationen auch gleich verschriftet werden (sog. Morphemkonstanzprinzip, 9.1 Verschriftungsprinzipien und ihre Geschichte 267 <?page no="268"?> s. Kap. 9.1.3). Die lautgetreue Verschriftung des Negationspräfixes {un} als 〈um〉bedingt, 〈ung〉genau und 〈un〉deutlich würde den Lesern keinen Nutzen bringen - im Gegenteil. Grundsätzlich ist die Schreibung des Ahd. und Mhd. stark phonographisch ausge‐ richtet. Dabei wurden sowohl Phoneme (phonematische Schreibung) als auch gelegent‐ lich ihre Varianten (Allophone) verschriftet (phonetische Schreibung). Da wir letztlich nur durch die Schreibung Aufschluss über die ahd. und mhd. Lautung erhalten und wir von unterschiedlichen Dialekten ausgehen müssen („das Ahd.“ und „das Mhd.“ sind Idealisierungen), ergibt sich ein methodisches Problem bei der Entscheidung darüber, ob phonetische, phonematische oder einfach nur allographische Schreibungen (also Schreibvarianten) vorliegen (Besch 1961, Glaser 1988, Simmler 2000a, b). Was die phonetischen Schreibungen betrifft, so hat in der Geschichte des Dt. ein Abbau von Allophonieschreibung stattgefunden (und gleichzeitig ein Aufbau an Morphemkonstanzschreibung), nämlich bei der sog. graphischen Rücknahme der Auslautverhärtung. Spätestens im Mhd. vollzieht sich ein (wortsprachlich motivier‐ ter) Wandel, der die stimmhaften Plosive b, d, g im Wortauslaut zu p, t, k neutralisiert und so das Wortende markiert. Dieser positionsbedingte Lautwandel wird im Mhd. häufig verschriftet: 〈gap〉 ‘gab’, 〈lant〉 ‘Land’, 〈tac〉 ‘Tag’. Das Mhd. hat sich also für die phonetisch exaktere Schreibung 〈p, t, k〉 bzw. 〈c〉 entschieden und leistet sich damit eine Allophonieschreibung. Im Fnhd. wird diese Auslautverhärtungsschreibung aufgehoben (die lautliche Auslautverhärtung aber bleibt; s. Kap. 9.1.3). Dabei handelt es sich nicht um eine historisch motivierte Rückbesinnung auf das Ahd., sondern um eine verstärkte „Phonematisierung“ der Schreibung und v. a. um eine „Morphologisierung“: Wörter wie mhd. 〈lant〉 [ lant ] oder 〈tac 〉 [ tak ] alternieren in Flexionsformen wie 〈lender〉 [ lɛndər ] oder 〈tage〉 [ taɡə ] mit einer stimmhaften Realisierung, denn inlautend blieben diese Plosive ja stimmhaft. Um diese inhaltliche Nähe auch graphisch sichtbar zu machen, ist man zur Schreibung mit stimmhaftem Plosiv übergegangen: nhd. 〈Tag〉 wegen 〈Tage〉, 〈Land〉 wegen 〈Länder〉. Diese graphische Konstanthaltung des Morphems {tag} bzw. {land} entgegen der tatsächlichen Lautung dient der Stabilität des Morphems (Morphemkonstanzprinzip) und erleichtert den Lesern die direkte Informationsentnahme. Auch dass wir heute 〈Länder〉 mit 〈ä〉 statt 〈e〉 schreiben, dient diesem Prinzip, inhaltliche Bezüge graphisch zu unterstützen, auch wenn dabei das phonographische 1: 1-Idealprinzip zwischen Phonem und Graphem geopfert wird (s. Kap. 9.1.3). Die ahd. Schreiber, die alle Lateinisch beherrschten, standen vor einem immensen Problem, als sie sich erstmals an die Verschriftung ihrer Muttersprache machten. Dabei stellte schon die reine Wiedergabe der Lautung eine Herausforderung dar, an der man‐ che gescheitert sind. Sonderegger ( 3 2003) beschreibt vielfältige Graphemumstellungen wie 〈th〉 statt 〈ht〉 für [ χt ] oder die Schreibung 〈Egibrhet〉 für den Namen 〈Egibreht〉. Das heißt: im Ringen um eine ahd. Orthographie kann zunächst ein phonetischer Befund ab als ab oder ba geschrieben werden, oder ein phonetischer Befund abc als abc, acb, oder bac (maht: maht, math, mhat ‘Macht’) (Sonderegger 3 2003: 245). 268 9 Graphematischer Wandel <?page no="269"?> Ein eindrucksvolles Zeugnis dafür legt der Schreiber des ahd. Georgslieds aus dem 11. Jh. ab. Der Text vermittelt den Eindruck, als sei die Lautwiedergabe nur unter größten Mühen bewältigt worden, und bis heute stellen sich Probleme bei seiner Entzifferung. Der Text bricht schließlich ab mit der Bemerkung „ich kann nicht mehr“. Zunächst war es für die Schreiber schwierig, in dem zu verschriftenden Lautkonti‐ nuum überhaupt Wörter zu erkennen, denn beim Sprechen gibt es kein Korrelat zu den graphischen Leerstellen (Spatien) vor und hinter einem Wort. Das Ahd. als ausgeprägte Silbensprache (Kap. 2.4.1) lieferte noch weniger Anhaltspunkte für das Wort als das Dt. heute. So nimmt es nicht wunder, dass frühe ahd. Texte, die nicht auf einer lateinischen Vorlage beruhen, oft ohne Wortabstände verschriftet wurden (in sog. scriptio continua). Hier ein Beispiel aus den Fuldaer Rezepten, 8. Jh. (Gegen Fieber): niindemoniduahe : niindemonipado Mit Segmentierungen (Spatien): ni in demo ni duahe : ni in demo ni pado (zur Mehr‐ fachnegation mit ni s. Kap. 4.5). Die Rede ist hier von Wasser, in dem man sich weder waschen (duahe) noch baden (pado) möge (ahd. dwahan ‘waschen’, badōn ‘baden’). Hier werden ganze Wortfolgen zusammengeschrieben, abgegrenzt durch Doppelpunkte. Oft werden Wörter auch mitten in der Zeile getrennt, wobei die Silbengrenzen die Trennstellen vorgeben (Frey 1988). Ein weiteres Problem bei der Schreibung bestand darin, dass das Ahd. andere Laute hatte als das Lateinische, dass zu seiner Verschriftung aber nur das lateinische Alphabet zur Verfügung stand. Einer der bekanntesten ahd. (südrheinfränkischen) Schreiber, Otfrid von Weißenburg, der Verfasser einer Evangelienharmonie aus dem 9. Jh., äußert sich in seiner auf Lateinisch verfassten Vorrede zu genau diesem Problem, dessen Lösung übrigens einen Teil unserer heutigen Sondergraphien begründet hat (Günther 1985): • Manchmal müsse man dreimal 〈u〉 in Folge schreiben, wo das Lateinische nur zwei habe, wobei die ersten beiden konsonantische, das dritte u aber vokalische Qualität bezeichne. - Zweifellos wird hier auf Wörter wie 〈 uuurm 〉 ‘Wurm’ angespielt, deren Anlaut in einem bilabialen [ w ] bestand, wie dies noch im heutigen Englischen gilt (worm). Erst später hat sich dieses [ w ] zum labiodentalen [ v ] in nhd. Wurm [ vʊɐm ] entwickelt. Ein [ w ] ist einem [ u ] sehr ähnlich (die Lippen sind nur stärker gerundet), weshalb man zu einem verdoppelten 〈uu〉 griff, das später zu 〈w〉 verbunden wurde (vgl. seine englische Bezeichnung als double u). • Man benötige öfter die Zeichen k und z als im Lateinischen - Während 〈k〉 im Lateinischen vor e und i als [ ts ] ausgesprochen wurde, konnte es im Ahd. in allen Positionen stehen, daher sein häufigerer Gebrauch. 〈z〉 stand wahrscheinlich für die in der 2. Lautverschiebung entstandene Affrikate [ ts ]: ahd. zehan ‘zehn’. Weitere Besonderheiten, die jedoch nicht von Otfrid genannt werden: • Der Reibelaut [ χ ] (nicht im Lateinischen vorhanden) erfuhr eine digraphische Kompromissschreibung, da der Laut als eine Mischung zwischen [ k ], das im 9.1 Verschriftungsprinzipien und ihre Geschichte 269 <?page no="270"?> Ahd. und Mhd. oft mit 〈c〉 verschriftet wurde, und [ h ] empfunden wurde: Neben Konkurrenzschreibungen wie 〈h〉, 〈hh〉, 〈chh〉 etc. hat sich langfristig der Digraph 〈ch〉 durchgesetzt. • Die Affrikate [ pf ] wurde oft als 〈ph, pph〉, aber auch als 〈pf, ppf〉 wiedergegeben (ahd. aphul, apphul, apful, appful ‘Apfel’). • Der interdentale Reibelaut [ θ ] (stimmlos) bzw. [ ð ] (stimmhaft) entsprach dem heutigen engl. „th“ und wurde erst im Laufe des Ahd. zu [ d ]. Ähnlich wie im Englischen wurde dieser Laut mit 〈th〉 bzw. 〈dh〉 verschriftet (ahd. themo ‘dem’). • Im Mhd. kommt [ ʃ ] hinzu, das sich u. a. über [ sχ ] aus [ sk ] entwickelt hat: ahd. fisk > mhd. visch. Auch hier kam es zu Schreibvarianten. Dem sich durchsetzenden Trigraph 〈sch〉 lag die Analyse als Laut zwischen [ s ] 〈s〉 und [ χ ] 〈ch〉 zugrunde (Munske 2005a: 52 f.). • Umlaute: Während der Umlaut von kurzem a schon im Ahd. als 〈e〉 verschriftet wird, entwickelt sich erst im Fnhd. das Graphem 〈ä〉, dessen Punkte (Trema) auf ein darüber gesetztes kleines 〈e〉 (〈 aͤ 〉) zurückgehen und oft auch nur als Häkchen, Akzent u. ä. realisiert wurden. Auch die Umlaute von u und o, die spätestens im Mhd. als feste Phoneme gelten, erfuhren viele verschiedene Verschriftungen meist über Diakritika, bis sich die heutigen Punkte durchsetzten. Auch Texte des Fnhd. praktizierten noch keine konsequente Umlautschreibung von / y / und / œ / . Die langen Umlaute wurden u. a. durch sog. Ligaturen (Buchstabenverschmel‐ zungen) wiedergegeben: 〈æ〉 für / æː / (mhd. mære ‘Geschichte’) 〈œ〉 für / øː / (mhd. schœne ‘Schönheit’). Im Fall von / yː / wurde häufig der Digraph 〈iu〉: mhd. hiuser / ˈhyːsər / verwendet. Erst ab dem 15. Jh. kamen die Vorläufer unserer Umlautbuchs‐ taben auf. • Das typisch dt. Graphem 〈ß〉 geht auch auf eine Ligatur zurück, und zwar von dem früheren sog. „langen s“, dem 〈 ſ 〉 (ursprünglich eine graphische Vereinfachung des runden 〈s〉) und dem 〈 ʒ 〉, das hier aber nicht für / ts / , sondern für stimmlo‐ ses / s / stand. Diese Verschmelzung gelangte in die sog. Frakturschrift, aus der sie später (im 16. Jh.) in die anderen Schriftarten gelangte. Die Disziplin, die sich mit Buchstabenformen und ihrer Entwicklung befasst, nennt sich Graphetik (analog zu Phonetik). Zu solchen Fragen siehe Brekle (1994, 1995a, b). Insgesamt sind sowohl die ahd. als auch die mhd. und selbst die fnhd. Schreibungen von großer Uneinheitlichkeit geprägt, oft sogar bei gleichen Wörtern desselben Schreibers (Grubmüller 1998). Nerius (2003: 2466) erwähnt beispielsweise, dass Luther in seinen Schriften bis 1523 den Namen der Stadt Wittenberg auf 14 verschiedene Weisen schreibt. Im Dt. und seinen Vorstufen hat die Vokallänge funktionalen (phonematischen) Status (vgl. Rate / aː / vs. Ratte / a / ). Doch hat das Dt. nie ein einheitliches Verfahren zur Bezeichnung der Vokallänge entwickelt. Dass wir Langvokale im Ahd. mit einem darübergesetzten Strich markieren (gābun ‘gaben’) und im Mhd. mit Zirkumflex (gâ‐ ben), folgt normalisierender Konvention und findet keine systematische Entsprechung in den Handschriften. Im heutigen Dt. bleibt Vokallänge am häufigsten materiell 270 9 Graphematischer Wandel <?page no="271"?> 31 Hierfür sind am ehesten silbische Gründe geltend zu machen: Die Duden-Grammatik ( 8 2009: 73 f.) sieht hierin eine Tendenz zur Konstanthaltung der optischen Silbenlänge, d. h. indem 〈h〉 nach ohnehin schon komplexem graphischem Silbenanfangsrand unterdrückt wird, findet ein Ausgleich zwischen der Länge (dem Gewicht) der Schreibsilben statt. unbezeichnet: Thomé (1992) folgend wird / aː / zu ca. 90 % mit 〈a〉, zu 9 % mit 〈ah〉 und zu 1,3 % mit 〈aa〉 verschriftet. Unter den 90 % materieller Nichtbezeichnung befinden sich jedoch viele Fälle, in denen das [ aː ] am Silbenende steht (d. h. ihm folgt in der gleichen Silbe kein weiterer Konsonant = unbesetzter Endrand), was im Dt. immer lang zu lesen ist: G[ aː ].be, l[ aː ].den (hier greift das silbische Prinzip, s. Kap. 9.1.2). Dagegen ist in Formen wie begabt [ bəˈɡaːpt ] vs. Abt [ʔapt ] für eine Nichtmuttersprachlerin nicht erkennbar, ob das a lang oder kurz zu sprechen ist. Das sog. Dehnungs-h geht auf einen fnhd. Lautwandel zurück, bei dem / h / im In- und Auslaut häufig verstummt ist (ahd. fihu > mhd. vihe > nhd. Vieh [ fiː ]). Das 〈h〉 hat sich anschließend sekundär zu einem Vokallängezeichen entwickelt, führt hier also nur noch ein graphisches Dasein, vgl. nhd. nehmen < mhd. nemen oder nhd. Ehre < mhd. êre. Nur selten kommt die (intuitiv nächstliegende) graphische Verdoppelung des Vokals selbst vor. Sie existiert übrigens nur bei 〈aa〉 (Saal), 〈ee〉 (Seele) und 〈oo〉 (Boot), wahrscheinlich weil die Schreibung 〈ii〉 mit 〈ü〉 und die Schreibung 〈uu〉 mit 〈w〉 verwechselbar wäre. Die Vokalverdoppelung nimmt vom Obd. kommend im 15. Jh. zu und beschränkt sich fast nur auf Substantive. Das im 17. Jh. sich festigende Dehnungs-h ist mit allen Vokalen kompatibel. Es kommt aber ausschließlich vor den Nasalen und Liquiden 〈m, n, l, r〉 vor und nur selten in Wörtern mit anlautendem 〈kl-, kr-, qu-, t-, sp-, sch-〉: Mit 〈h〉: W[ aː ]hl, f[ aː ]hl, Z[ aː ]hl, Str[ aː ]hl, w[ aː ]hr, n[ aː ]hm; Ohne 〈h〉: kl[ aː ]r, Kr[a: ]n, Qu[ aː ]l, T[ aː ]l, sp[ aː ]rt, Sch[ aː ]m etc. 31 Beim langen [ iː ] hat sich aus historisch gut nachvollziehbaren Gründen die 〈ie〉-Schrei‐ bung durchgesetzt. Viele heutige lange [ iː ] gehen auf den mhd. Diphthong [ iə ] 〈ie〉 zurück, der ungefähr im 14. Jh. zu [ iː ] monophthongiert, aber weiterhin als 〈ie〉 geschrieben wurde: mhd. [ liəbə ] 〈liebe〉 > fnhd. [ liːbə ] (Monophthongierung), geschrieben 〈Liebe〉. Diese 〈ie〉-Schreibung wurde dann sekundär auf Wörter ausgeweitet, die nie einen Diphthong enthielten: mhd. [ binə ] 〈bine〉 > fnhd. [ bi: nə ] (Dehnung), aber geschrieben 〈Biene〉. Diese 〈ie〉-Schreibregel hat sich bereits Mitte des 17. Jhs. gefestigt (Günther 1999: 175). In bestimmten Fällen kommt es sogar zu 〈ieh〉-Schreibungen wie in nhd. fliehen [ ˈfli: ən ] < mhd. fliehen [ ˈfliə.hən ]. Exklusiv auf die Wortart Pronomen verweist die 〈ih〉-Schrei‐ bung in ihr, ihn, ihnen, ihm. Mit dieser Schreibung wird somit eine grammatische Information vermittelt: „Bei diesem Wort handelt es sich um ein Personalpronomen der 3.Ps.“. Insgesamt wird deutlich, dass die meisten Abweichungen vom phonographi‐ schen 1: 1-Prinzip Informationen auf anderen, höheren Ebenen der Sprache vermitteln. 9.1 Verschriftungsprinzipien und ihre Geschichte 271 <?page no="272"?> Die Vokalkürze wird im Dt. (aus der Fremdperspektive) auf merkwürdige Art bezeichnet, nämlich durch die Verdoppelung des folgenden Konsonanten (Bett, Schnitt, knapp) - wenn nicht ohnehin schon mindestens zwei Konsonanten folgen (Mist, Wurst). Merkwürdig ist das erstens, weil die Kürze nicht am betreffenden Laut selbst angezeigt wird, sondern am nächsten, zweitens, weil Vokalkürze, also ein „We‐ niger“ an lautlicher Substanz, durch graphischen Mehraufwand, also mehr graphische Substanz, angezeigt wird. Dies nennt man „kontraikonische Verhältnisse“ (eine Art Spiegelverkehrtheit), die in der Sprachwandelforschung als „unnatürlich“ und instabil bezeichnet werden. Die Sprache tendiere, dies postulieren Markiertheitstheorien wie die Natürlichkeitstheorie (s. Kap. 3.1.5.2, Munske 1994), zu ikonischen Verhältnissen, also klaren Entsprechungen zwischen Funktion (Inhalt) und Form. Ikonisch verfährt z. B. das Finnische, das seine Kurzvokale einfach und seine Langvokale doppelt schreibt (ebenso seine kurzen und langen Konsonanten). Wie konnte dieses Verfahren im Dt. entstehen? Noch im Mhd. wurden solche Doppelkonsonanten auch doppelt, d. h. lang ausgesprochen (sog. Geminaten), aber diese Geminaten kamen nur nach Kurzvokal vor. Später wurden diese phonologischen Geminaten vereinfacht, d. h. heute ist das / t / von Mitte, Miete und mit gleich kurz. Die Doppelschreibung blieb jedoch bestehen und wurde dann sekundär umgedeutet (reanalysiert) als Vokalkürzezeichen (〈Mitte〉 → [ mɪṭə ]). Heute werden oft Doppel‐ konsonanten geschrieben, ohne dass dort je eine Geminate gesprochen wurde (sog. „unhistorische“, aber heute korrekte Schreibungen wie in geritten, kommen, Busse). Allerdings hat diese Anzeige von Vokalkürze auch viele Ausnahmen (z. B. in man, bis, mit, was). Daher betrachtet man diese Schreibregel neuerdings unter silbischer Perspektive (s. Kap. 9.1.2). Die Vokalquantitätsbezeichnung im Dt. gilt aus rein phonographischer Sicht als schwierig, da sie uneinheitlich gehandhabt wird, vgl. 〈bat〉 / aː / vs. 〈hat〉 / a / (Augst 1991). Eine konsequente Regelung würde sehr starke Eingriffe erfordern und Einbußen auf anderen Ebenen nach sich ziehen. Dass solche durchgreifenden Regelungen möglich sind, zeigt das Niederländische (allerdings unter starker Beeinträchtigung des Morphemkonstanzprinzips). Auch die dt. Reform von 1996 mit der neuen 〈ss / ß〉-Re‐ gelung hat hier eine Teilregulierung bewirkt, indem nun nach Kurzvokal immer 〈ss〉, nach Langvokal und Diphthong 〈ß〉 geschrieben wird (zu einer silbischen Interpretation s. Kap. 9.1.2). Dass hierdurch das morphologische Prinzip beschnitten wurde, ist Gegenstand von Kap. 9.1.3. Die Orthographie agiert auf so vielen Ebenen, dass kaum eine Optimierung auf der einen Ebene ohne Nachteile auf einer anderen Ebene möglich ist. Nur das folgende und letzte Beispiel wäre ein solcher Kandidat: Anlautendes / f / schreibt man manchmal mit 〈v〉, viel häufiger aber mit 〈f〉: viel, voll, Vater versus fahren, finden, füllen. Die 〈v〉-Schreibung bildet dabei ein interessantes Relikt eines ahd. Lautwandels, der sog. Spirantenschwächung, die später wieder aufge‐ geben wurde. Das Ahd. hatte vom Germ. die stimmlosen Spiranten / f / , / θ / und / χ / ge‐ erbt, die im Spätahd. geschwächt wurden: Der kräftige Reibelaut / χ / wurde zum Hauchlaut / h/ (z. B. in Haus) und das stimmlose / θ / (vgl. noch engl. think) wurde zum 272 9 Graphematischer Wandel <?page no="273"?> stimmhaften / d / (vgl. nhd. denken). Auch / f / muss geschwächt worden sein, wovon die vielen 〈v〉-Schreibungen im Mhd. zeugen (z. B. in vater). Das andere, neue / f / , das in der 2. Lautverschiebung (aus / p / ) entstanden ist, wurde dagegen nie mit 〈v〉 verschriftet. Hier muss ein gut hörbarer Unterschied bestanden haben, der heute nicht mehr vorhanden ist: Sowohl bei Vater als auch bei schlafen artikuliert man das gleiche / f / . Die temporäre Schwächung von germ.-ahd. / f / bestand wahrscheinlich in einer Sonorisierung (Stimmhaftwerdung). Letzte Zeugen dieses Wandels sind etwa ein Dutzend 〈v〉-Schreibungen, die, wahrscheinlich wegen der hohen Gebrauchsfrequenz der betreffenden Wörter, bis heute konserviert wurden (Vater, Volk, Vogel, vier, viel, vor, voll, Vieh, das Präfix ver-). Die meisten Wörter sind wieder zur 〈f〉-Schreibung zurückgekehrt, auch 〈füllen〉, das etymologisch mit 〈voll〉 verwandt ist. Das Niederlän‐ dische schreibt hier jedoch weiterhin konsequent 〈v〉, auch vor folgendem Konsonanten (varen ‘fahren’, vinden ‘finden’, vliegen ‘fliegen’, vragen ‘fragen’), und realisiert diesen Laut stimmhaft und stark spirantisch. Die Tatsache, dass viele Abweichungen vom phonographischen 1: 1-Ideal in der Konservierung historischer Schreibungen bestehen (〈ie〉 → / iː / wegen der Monoph‐ thongierung, 〈v〉 → / f / wegen der Spirantenschwächung, 〈h〉 als Dehnungszeichen), veranlasst Eroms (1997), hier vom „historischen Prinzip“ der Schreibung zu sprechen. Die 〈ie〉-Schreibung dient zwar primär dem phonologischen Prinzip, erfolgt aber mit nur historisch erklärbaren Mitteln. Durch die Reform von 1996 bzw. 2006 wurde das phonologische Prinzip in der Fremdwortschreibung gestärkt, indem manche Wörter mit 〈ph〉 nun auch mit 〈f〉 geschrieben werden dürfen (z. B. orthographisch neben orthografisch). 9.1.2 Das silbische Prinzip Das silbische Prinzip äußert sich zunächst in der Worttrennung am Zeilenende, die durch die phonologische Silbengrenze motiviert ist. Die Orthographiereform von 2006 hat das silbische Prinzip insofern gestärkt, als man nun auch 〈s-t〉 trennen darf, was silbenkonform ist: alt: 〈We-ste〉, neu: 〈Wes-te〉. Des Weiteren können manche bisher morphologisch motivierte Trennungen nun auch dem silbischen Prinzip folgen, besonders in solchen Fällen, in denen die morphologischen Strukturen verdunkelt sind, z. B. her-auf neben he-rauf. Während die Worttrennungen im Ahd. Frey (1988) zufolge fast nur silbisch motiviert waren (was zum silbensprachlichen Typ des Ahd. passt), kann man dies für spätere Perioden nicht mit dieser Klarheit feststellen. Besonders im Fnhd. entwickeln sich auch morphologische Trennungen (zur Worttrennung am Zei‐ lenende vom 15.-18. Jh. s. Güthert 2005). Der Grammatiker Schottelius (17. Jh.) fordert das morphologische Trennungsverfahren mit dem Argument der Verdeutlichung der Stammwörter (also Haus-es, Ge-recht-ig-keit, geb-en). Auch wenn sich diese Forderung nicht durchgesetzt hat, so steht sie doch in Einklang mit dem sich zu jener Zeit vollziehenden Wandel des Dt. zur Wortsprache (Kap. 2.5.1). Die silbische Trennung begünstigt den Schreiber. Schon Kinder beherrschen das Syllabieren von Wörtern. 9.1 Verschriftungsprinzipien und ihre Geschichte 273 <?page no="274"?> Dagegen setzt die morphologische Trennung tiefere Einsichten in die Wortstrukturen voraus. Interessanterweise ist die Wortsprache Englisch bei der morphologischen Worttrennung deutlich weiter gegangen als das Dt. (z. B. meet-ing). Ob bzw. wie stark auch innerhalb des graphischen Wortes silbische Prinzipien gelten, wird kontrovers diskutiert (Nerius 4 2007, Dürscheid 2004). Das silbische Prinzip wurde in seiner Wirksamkeit v. a. von Eisenberg beschrieben. Die folgenden Beispiele finden sich auch oft unter das phonologische Prinzip subsumiert. Auch wir haben sie schon dort abgehandelt, z. B. die Verfahren zur Bezeichnung von Vokallänge und -kürze. Mit dem silbischen Prinzip wird eine andere Perspektive eingenommen, die intuitiv schwerer zugänglich ist (was keine Einschränkung ihrer Gültigkeit impliziert) und die wir hier vorstellen wollen. Eisenberg ( 5 2020, Bd. 1, Kap. 8.3, 1989a/ b, auch Butt/ Eisenberg 1990) unterscheidet prinzipiell zwischen Schreibsilben und Sprechsilben mit jeweils unterschiedlichen Strukturen. So existiert rein schreibsilbenbezogen das stumme, sog. silbeninitiale 〈h〉 in 〈Schuhe, sehen, blühen, nahe〉, das angesichts der fehlenden lautlichen Entsprechung (vgl. [ ʃuː.ə ]) nur dazu dienen kann, den Anfangsrand (Onset) der zweiten Schreibsilbe zu füllen (lautlich liegt hier ein Hiat vor, d. h. das direkte Aufeinandertreffen zweier Vokale), also: 〈Schu-he, se-hen, blü-hen〉: [ ʃuː.ə ] - 〈Schu-he〉; [ zeː.ən ] - 〈se-hen〉; [ blyː.ən ] - 〈blü-hen〉 Die Schreibsilbe tendiert somit zu einer Art quantitativem Gewichtsausgleich, sie hat eine höhere „Formkonstanz“ als die Sprechsilbe (Duden-Grammatik 8 2009: § 84). Hierin divergieren Schreib- und Sprechsilbe. Dass auch in Formen wie blüht und siehst das h steht, geht auf das Konto des morphologischen Prinzips, das die möglichst ähnliche Verschriftung gleicher Bedeutungen vorsieht. Letztlich lässt sich auch das sog. Dehnungs-h in Wörtern wie Zahl und hohl, das wir unter 9.1.1 behandelt haben, silbenstrukturell interpretieren (Eisenberg 1989b: 26 f.). Auch die Tatsache, dass / ʃ / im Anlaut vor / p / und / t / nur mit 〈s〉 statt mit 〈sch〉 geschrieben wird, dient Eisenberg zufolge der Vermeidung von zu komplexen gra‐ phischen Silbenanfangsrändern wie *〈Schtriche〉 oder *〈schpringen〉. Bei 〈Schlange〉, 〈Schnecke〉, 〈Schrecke〉 etc. kann dagegen auf / ʃ / nicht mehr als ein Konsonant folgen, weshalb hier der Trigraph steht. Wie in Kap. 9.1.1 erwähnt, folgt auch die Vokallängebezeichnung silbischen Prinzi‐ pien, indem in betonter, offener Silbe der Vokal lang zu lesen ist, ohne dass dies materiell bezeichnet wird: l[ eː ].ben, N[ aː ].me. Anstatt (wie in Kap. 9.1.1) davon zu sprechen, dass die Konsonantenverdoppelung dazu dient, die Kürze des vorangehenden Vokals anzuzeigen, spricht man hier von sog. Silbengelenkschreibung (z. B. in Wille, hoffen): Das kurze [ ḷ ] bzw. [ f ̣ ] in Wille und hoffen verbindet die beiden Silben - es ist ambisilbisch - und bildet dabei das sog. Silbengelenk: / vɪḷə / , / hɔf ̣ ən / . Die Silbengrenze geht also mitten durch die kurzen Kon‐ sonanten (angezeigt durch den Punkt darunter). Früher waren dies lange Konsonanten (Geminaten), die meist nach Kurzvokal standen (Kap. 2.5.4). 274 9 Graphematischer Wandel <?page no="275"?> Abb. 71: Von der Geminate zum Silbengelenk Aus dieser Sicht dient die graphische Konsonantenverdoppelung nicht primär der Anzeige des Kurzvokals (was zwar intuitiv einleuchtet), sondern der Bezeichnung des Silbengelenks (s. Abb. 71). - Dass man auch will und hofft mit zwei 〈ll〉 bzw. 〈ff〉 schreibt, obwohl hier keine Silbengelenke vorliegen, ist wieder dem morphologischen Prinzip geschuldet, indem der morphologische Bezug zu Wille/ wollen und hoffen mit Silben‐ gelenk hergestellt werden soll - vgl. dagegen oft, das kein solches Pendant hat. Dass sich beide Wörter perfekt reimen, zeigt die Redewendung „Unverhofft kommt oft! “. Das morphologische Prinzip wirkt auch bei den homophonen, aber unterschiedlich geschriebenen Wörtern 〈fasst〉 [ fast ] wegen 〈fassen〉, aber 〈fast〉 [ fast ], ebenso 〈kannte〉 [ kantə ] wegen 〈kennen〉, aber (die) 〈Kante〉 [ kantə ]. Auch dass man Mann, Sinn, Biss und dumm mit Doppelkonsonant schreibt, verweist auf deren Plurale Männer, Sinne, Bisse, dumme mit Silbengelenk, an die sich die Singulare in ihrer Schreibung sekundär angeglichen haben, damit die Leser ihre jeweils gleiche lexikalische Bedeutung leichter erfassen. Umgekehrt existieren zu man, in, bin, bis, um etc. keine zweisilbigen Formen mit Silbengelenk, also stehen hier auch keine Doppelkonsonanten. Wichtig ist: Das morphologische Prinzip dominiert das silbische (und das phonologische) Prinzip, es überformt beide stark. 9.1.3 Das morphologische Prinzip Um die zahlreichen Abweichungen von einem 1: 1-Prinzip zwischen Phonem und Graphem auf der phonographischen Ebene verständlich zu machen, kam das mor‐ phologische Prinzip schon mehrfach zur Sprache, ebenso bei den Ausnahmen vom silbischen Prinzip. Die Funktion des morphologischen (oder morphematischen) Prinzips besteht darin, den lautlichen Abstand zwischen zwei Varianten eines Morphems auf der graphischen Ebene so gering wie möglich zu halten: Gleiche Morpheme (Bedeutungsträger) sollen auch möglichst gleich bzw. ähnlich verschriftet werden (Morphemkonstanzprinzip, graphische Schemakonstanz, Stammprinzip). Lautliche Allomorphie wird auf der graphischen Ebene verringert (s. Abb. 72). Dies 9.1 Verschriftungsprinzipien und ihre Geschichte 275 <?page no="276"?> 32 Da die Umlautschreibung auf historische Lautentwicklungen hinweist, wird das morphologische Prinzip oft auch „etymologisches Prinzip“ genannt. gilt etwa für die Morpheme {Stall} und {Haus} in den folgenden Beispielen: Bei 〈Stall - Ställe〉 unterscheiden sich die beiden Stammvokale graphisch nur durch die Pünktchen (Trema) - phonologisch liegt jedoch ein a / e-Kontrast vor. Noch deutlicher ist dies bei 〈Haus - Häuser〉, wo phonisch stark divergentes [ au ]/ [ oi ] über 〈au / äu〉 graphisch nivelliert und [ s / z ] sogar identisch verschriftet wird. Dies beschleunigt die Identifikation der Morpheme und damit die direkte Sinnerfassung durch die Leser. Auch für die Schreiber ist es einfacher, konstante Formen zu reproduzieren. Interessanterweise bildet sich das graphische Morphemprinzip zu der gleichen Zeit aus, als auch auf phonologischer Ebene Morphemkonstanz auf- und ausgebaut wird (hierzu s. Kap. 2.5.2 und 2.5.5). Abb. 72: Das morphologische Prinzip als graphematische Verringerung phonologischer Distanz Die gesamte Umlautschreibung durch Tremasetzung über dem Basisvokal steht im Dienst des morphologischen Prinzips. 32 Während jedoch im Fall von 〈ü〉 und 〈ö〉 eigene Phoneme bezeichnet werden (/ y / und / yː / bzw. / ø / und / øː / ), tragen 〈ä〉 und 〈äu〉 fast im‐ mer morphologische Funktion, denn die zugrundeliegenden Laute / ɛ / und / ɔi / könnten phonographisch ebenso gut durch 〈e〉 und 〈eu〉 realisiert werden (vgl. Homophone wie 〈Stelle〉/ 〈Ställe〉 und 〈heute〉/ 〈Häute〉). Die dt. Umlautschreibung, insbesondere bei 〈ä〉 und 〈äu〉, ist also ein deutliches Signal für morphologisch abgeleitete Wörter, die auf ein Grundwort mit dem entsprechenden Basisvokal 〈a〉 bzw. 〈au〉 zurückgehen (〈Ställe〉 zu 〈Stall〉, 〈Häuser〉 zu 〈Haus〉). Thomé (1992) zufolge wird heute / ɛ / zu 89 % mit 〈e〉 und zu 11 % mit 〈ä〉 verschriftet. Bei / ɔi / ist die morphologische Auszeichnung mit 〈äu〉 noch höher: 〈eu〉 zu 73 % und 〈äu〉 zu 27 %. Neben der Umlautschreibung dient auch die graphische Aufhebung der Aus‐ lautverhärtung der Morphemkonstanz (Kap. 9.1.1), des Weiteren die Beibehaltung bestimmter Buchstabenkombinationen in morphologisch komplexen Wörtern, wo diese aus phonographischer Perspektive nicht nötig wären: 〈fasst〉 wegen 〈fassen〉 gegenüber 〈fast〉 (beide mit / a / ); 〈stiehlt〉 wegen 〈stehlen〉 gegenüber 〈schielt〉 (beide mit / iː / ); 〈kann〉 wegen 〈können〉 gegenüber 〈man〉 (beide mit / a / ). Auch das stumme, schreibsilbeninitiale 〈h〉 wird aus morphologischen Gründen in Flexions- und Deriva‐ tionsformen „mitgenommen“, wo es nicht silbeninitial steht: 〈sieht, sah, seht〉 wegen 〈se.hen〉. 276 9 Graphematischer Wandel <?page no="277"?> Das morphologische Prinzip wirkt am stärksten innerhalb der Flexion, es kennzeich‐ net also primär paradigmatische Beziehungen. Daneben, wenngleich schwächer, wirkt es auch in der Derivation und Komposition (Wortbildung). Ein Beispiel: Zu 〈 alt 〉 stellen sich die Steigerungsformen 〈älter〉 und 〈älteste〉, aber das abgeleitete (derivierte) Substantiv 〈Eltern〉 wird mit 〈e〉 verschriftet. Je lexikalisierter die Ableitung, d. h. je eher sie eine eigene, nicht vorhersagbare Bedeutung entwickelt hat, desto weniger greift das morphologische Prinzip (mit ‘Eltern’ ist viel mehr gemeint als nur ‘die Älteren’). Ähn‐ liches betrifft fertig, das sich aus Fahrt ableitet (s. Kap. 5.1.1), 〈Geschäft〉, dessen Bezug zu 〈schaffen〉 nicht mehr durchsichtig ist, desgleichen von 〈triftig〉 zu 〈treffen〉. Auch historisch setzt sich das morphologische Prinzip früher und stärker in der Flexion als in der Derivation durch (Ruge 2004: 96-99). Während im Fnhd. durchaus schon 〈hand - hände〉 (mit graphisch vernachlässigter Auslautverhärtung) gelten konnte, schrieb man das Kompositum 〈hantschrifft〉 noch mit 〈t〉; ähnlich bei 〈freund / freundt - freunde〉, aber 〈 freuntlich, freundtschafft〉 . Als eine Art Kompromissschreibung können die Verbindungen 〈dt〉 (〈freundt, landt〉 und 〈gk〉 gesehen werden: Mit den Buchstabenverbindungen 〈dt〉 und 〈gk〉 (im Untersuchungsmaterial begegnen auch 〈gck〉 und 〈gc〉) schufen sich die Schreiber/ Drucker (Übergangs-) Möglichkeiten einer sowohl lautungswiedergebenden als auch morphemidentifizierenden Schreibung (Ewald 1997a: 243). Das Zeitalter des morphologischen Prinzips beginnt im Fnhd. und korreliert dabei mit dem wortsprachlichen Ausbau des Dt. (Kap. 2.5.1). Es ist durch Ruge (2004, 2005) für den entscheidenden Zeitraum von 1500-1770 systematisch untersucht worden, und zwar: a. für die graphische Vernachlässigung der Auslautverhärtung, b. für die Umlautschreibung, c. für die graphischen Konsonantengeminaten am Wortende und d. für die Auflösung der vielen Abkürzungszeichen in den Drucken. Zu a): Die graphische Vernachlässigung der Auslautverhärtung ist bereits um 1500 weitestgehend durchgeführt (s. auch Ewald 1997a). Deshalb ist sie in Abb. 73 auch nicht dargestellt. Zu b): Abb. 73 zeigt, dass die morphologische 〈ä / äu〉-Umlautschreibung um 1500 beginnt, um 1600 rapide zunimmt und um 1700 abgeschlossen ist. Besch (2003b) hat dies für Drucke der Lutherbibel untersucht, in denen dieser Umbruch ebenfalls im 17. Jh. erfolgt (s. auch Hatz 1985). - Auffällig ist dabei die bereits erwähnte (nicht in Abb. 73 enthaltene) Tatsache, dass sich die morphologische Schreibung in der Flexion (wo Lexikalisierung nicht vorkommt) schneller durchsetzt als in der Derivation (wo Lexikalisierung häufig ist). So wird innerhalb der adj. Komparation 〈arm - ärmer〉 früher das Umlautgraphem verwendet als in der Wortbildung 〈ermlich〉. Die Graphematik reflektiert bzw. ikonisiert damit sogar Grade semantischer Nähe (s. Diagramm 12 in Ruge 2004: 97). Mehr noch: Innerhalb der Flexion spiegelt sie 9.1 Verschriftungsprinzipien und ihre Geschichte 277 <?page no="278"?> das Relevanzprinzip von Bybee (1985, 1994) wider: Die im Verbalbereich relevantere Kategorie Modus (Konjunktivumlaut) wird früher mit dem Umlautgraphem verschrif‐ tet als die weniger relevante Pers./ Num.-Information (Umlaut in der 2./ 3.Sg.Präs.). Beispiel: Der Konjunktiv 〈wäre〉 (zu 〈war〉) wird früher mit 〈ä〉 statt älterem 〈e〉 verschriftet als die Wechselflexion 〈fährst, fährt〉 (zu 〈fahren〉) (s. Diagramm 14 in Ruge 2004: 99, zum Prinzip dahinter s. Kap. 3.1.3 und 3.1.5.4 sowie Nübling/ Dammel 2004). Schließlich erweist sich auch, dass das morphologische Prinzip wortartsensitiv ist: Es setzt sich zuerst bei Substantiven, dann bei den Adjektiven und schließlich, mit einigem Abstand, bei den Verben durch, d. h. es gilt Nominalität vor Verbalität, Konkretheit vor Abstraktheit. Kognitive Prinzipien der Zugänglichkeit und Verarbeitung werden auch in der historischen Graphematik reflektiert. Abb. 73: Rückgang von Kürzungen und Durchsetzung von Umlaut und Doppelkonsonantbezeichnung (DKB) im Fnhd. (nach Ruge 2004: 234) Zu c): Interessant ist die späte, aber dann sprunghaft erfolgende, morphologisch motivierte Konsonantendoppelschreibung in will, soll, kann, auch willst, wollte etc. (s. gestrichelte Linie), die auf die Silbengelenkschreibung in wollen, sollen, können verweist (Kap. 9.1.2). Im Mhd. und bis weit ins Fnhd. hinein wird hier noch phonologisch-flach verschriftet: 〈wollen〉 neben 〈wil, wolte〉, 〈kunnen〉 neben 〈kan, konte〉. Diese morphologische Doppelschreibung setzt sich zügig zwischen 1710 und 1770 durch (ähnlich Günther 1999). Im absoluten Endrand (〈soll, will〉 geht dies schneller vonstatten als wenn der Endrand bereits durch eine Flexionsendung wie 〈-st〉 gefüllt ist: sol > soll entwickelt sich über 100 Jahre früher als solst > sollst (s. 278 9 Graphematischer Wandel <?page no="279"?> Diagramme 2-4 in Ruge 2004: 195). Offensichtlich spielt der Umfang des graphischen Wortes eine Rolle. Zu d): Von den in den Handschriften überaus zahlreichen Kürzungen sind die folgenden auch in die (bei Ruge untersuchten) Drucke gelangt: Der sog. Nasalstrich meist über Vokalen, der sich als folgendes / n / oder / m / (〈lād〉, 〈tēpel〉) auflösen lässt (und sehr häufig vorkam), und der sog. er-Haken, der die entsprechende Graphemfolge ersetzt und ebenfalls häufig war (〈d’, kind’, v’borgen〉 ). Außerdem wurde und oft als 〈ūn〉 abgekürzt. Insbesondere die Verwendung von Nasalstrichen und er-Haken unterstützt die schreiberbezogene Aufzeichnungsfunktion - zu Lasten der Sinnerfas‐ sung durch die Leser, die mit ständig wechselnden Wortbildern konfrontiert werden und überlegen müssen, wie diese Zeichen aufzulösen sind. Beide Kürzungsverfahren nehmen zwischen 1500 und 1600 rapide ab (s. die gepünktelte Linie in Abb. 73). Ab 1700 sind sie kaum noch vorhanden. Was die graphische Unterdrückung der Auslautverhärtung und vor allem die morpho‐ logische Umlautschreibung betrifft, so sind diese schon von manchen zeitgenössischen Grammatikern reflektiert worden (Moulin 1991, 2004). Zur Auslautschreibung äußert sich der auf Lateinisch schreibende Grammatiker Claius (1578: 9) wie folgt: In his spectanda est deriuatio, & numerus pluralis, vt: Das Kalb/ Vitulus. non Kalp/ quia plurale est Die Kelber non Kelper. Die 〈 ä 〉-Schreibung spielt hier noch keine Rolle (Claius erwähnt sie allerdings an anderer Stelle als Variante), was mit dem oben beschriebenen Befund korreliert, dass um diese Zeit die graphische Nichtbezeichnung der Auslautverhärtung bereits zugunsten des morphologischen Prinzips durchgeführt war, die morphologische Um‐ lautschreibung aber erst einsetzte. 1530 wird sie jedoch von Kolross (1530) beschrieben: Der meererntheyl wort / so mit nachuolgendem diphthongis / namenlich aͤ. oͤ. uͤ. vnd ü geschriben werden [gemeint sind die Umlaute] / haben jren vrsprung von anderen worten / welche im anfang a o ou vnnd u haben (zit. n. Nerius 4 2007: 305). Die Beibehaltung der graphischen Geminaten in Endrändern wie soll und kann fordert Heynatz (1770). In Adelungs „Vollständige[r] Anweisung zur Deutschen Orthographie“ (1788) werden diese drei morphembezogenen Regeln verankert. Die Durchsetzung des morphologischen Prinzips (wie auch der Substantivgroß‐ schreibung, s. Kap. 9.2) verlief - dies ist wichtiges Ergebnis der Untersuchungen - weitgehend unabhängig von den Forderungen der Grammatiker und Orthographen, seien diese für oder gegen die beobachteten Veränderungen (Günther 1999, Bergmann 1999: 73-74, Bergmann/ Nerius 1998: 963-973). Insgesamt re-agierten und kommentier‐ ten die Grammatiker, sie agierten jedoch nicht, hatte sich doch schon der Usus etabliert, als die betreffende Erscheinung beschrieben und eventuell kodifiziert wurde. Auch kam es seitens der Grammatiker immer wieder zu Forderungen, stärker phonologisch 9.1 Verschriftungsprinzipien und ihre Geschichte 279 <?page no="280"?> 33 Da Wörter syntaktische Einheiten bilden, könnte man diese Funktion, ähnlich wie die der Spatien, auch zum syntaktischen Prinzip schlagen. zu schreiben (sie registrieren damit die Eigendynamik der Schreibung), doch setzten sich die morphembezogenen Schreibungen durch. Weitere morphologisch motivierte Regelungen bestehen in der Unterdrückung von Assimilationen und Elisionen (Lautschwund) an Morphemgrenzen (vgl. die verschiedenen Präfixvarianten von {un}in Kap. 9.1.1, des Weiteren 〈enttarnen〉 [ t ], 〈 Fahrrad 〉 [ r ]). Auch dass graphische Dreifachkonsonanz zugelassen ist, soll der besseren Morphemidentifizierung dienen: 〈Betttuch, Brennnessel〉, bis 1996 <Bettuch, Brennessel>. Komplizierter sind die Konsequenzen der neuen 〈ss / ß〉-Regelung für das morpho‐ logische Prinzip: Zunächst wurde dieses einerseits gestärkt (alt: fassen - faßbar, neu: fassen - fassbar; alt: Fluß - Flüsse, neu: Fluss - Flüsse), andererseits auch geschwächt (alt: Fluß - fließen, neu: Fluss - fließen; alt: Schloß/ Schluß - schließen/ schließlich, neu: Schloss/ Schluss - schließen/ schließlich). Vor allem erfüllte 〈ß〉 in der alten Schreibung sehr häufig eine Funktion als Wortbzw. Stammschlusssignal: Ein Wort wie 〈Fluß〉 war nach dem 〈ß〉 zu Ende oder Teil eines Kompositums wie in 〈Flußauen, Flußende〉 - das Wort konnte abgespeichert werden. Dagegen deutete eine 〈ss〉-Schreibung an, dass das Wort noch weitergeht: 〈Schloß, beschloß〉, aber 〈(des) Schlosses, Schlösser, Schlosser, beschlossen〉. Mit der Reform wurde diese finale Wortrandmarkierung auf‐ gehoben: 〈Schlosserbauer, schlussendlich, Flussauen, Flussende〉 (Eroms 2000, Munske (ed.) 1997, 2005a). Auch kommt es hierdurch zu zahlreichen 〈sss〉-Häufungen vom Typ 〈Schlusssatz, Schlussstein, Schlosssaal〉, was der Leserin die Segmentierung der Komposita eher erschweren dürfte (alt: 〈Schlußsatz〉, neu: 〈Schlusssatz〉). Damit hat die verstärkte „Phonologisierung“ bzw. „Syllabisierung“ der 〈ss / ß〉-Schreibung (sie ist nur noch von der Länge des vorangehenden Vokals abhängig) einerseits zu Stärkungen, andererseits auch zu Schwächungen der Morphemkonstanz geführt. Vor allem wurde ein systematisches Grenzsignal für das phonologische Wort beseitigt und damit das morphologische Prinzip geschwächt. Da es sich hier um ein logographisches Wortbe‐ grenzungssignal handelt, könnte man es auch dem folgenden lexikalischen Prinzip zuordnen (Kap. 9.1.4). Deutlich wird, dass Schreibervorteile (klare Schreibregeln) mit Lesernachteilen (mangelnde Wortrandmarkierung) erkauft werden. 33 Bei der Orthographiereform von 1996/ 2006 wurde das morphologische Prinzip in Form von vermehrten Umlautschreibungen gestärkt: So wurde 〈Stengel〉 zu 〈Stängel〉 wegen 〈Stange〉, 〈Bendel〉 zu 〈Bändel〉 wegen 〈Band〉, 〈Schenke〉 zu 〈Schänke〉 wegen 〈Ausschank〉 (Bergmann 1998). Weitere Stammprinzipverstärkungen: 〈As〉 zu 〈Ass〉 wegen 〈Asse〉; 〈numerieren〉 zu 〈nummerieren〉 wegen 〈Nummer〉; 〈plazieren〉 zu 〈platzieren〉 wegen 〈Platz〉. 280 9 Graphematischer Wandel <?page no="281"?> 9.1.4 Das lexikalische Prinzip Das lexikalische Prinzip befasst sich mit allem, was das Wort exponiert oder in seiner Klassenzugehörigkeit markiert (Herberg 1980a, b). So kommt der Setzung von Leerstellen (Spatien), die ja keinerlei lautliche Entsprechung haben, höchste Bedeutung bzgl. der Wortmarkierung zu. Während es im frühen Ahd. zahlreiche Zusammenschreibungen ganzer Wortgruppen gab, beschränken sich diese im Mhd. und Fnhd. vor allem auf nachgestellte Pronomen (〈 bistu, wilstu, mans 〉 ). Bis weit ins Fnhd. hinein gab es zwei s-Schreibungen: das lange 〈ſ〉 und das runde 〈s〉. Ihre Distribution unterstützte die Worterkennung insofern, als das lange 〈ſ〉 überall außer am Wortende, das runde 〈s〉 hingegen nur am Wortende vorkommen konnte: 〈ſchiff〉, 〈ſehen〉, 〈aſche〉, 〈haſt〉, aber 〈kuͤrbis〉, 〈gros〉, 〈das〉. Die Leserfreundlichkeit erweist sich insbesondere bei Komposita wie 〈Wildſau〉 vs. 〈Himmelsau〉, indem diese beiden positionsbedingten Varianten Segmentierungshilfen liefern. Lange schwankt die Getrennt- und Zusammenschreibung von Komposita, die sich besonders zahlreich ab dem Fnhd. herausbilden, oft mehr als nur zweigliedrig sind und damit komplexer werden. Hier praktiziert man bis ins 19. Jh. entweder Getrenntschreibung (〈Lorber Krantz〉), Bindestrichschreibung (〈Lorber-Krantz〉), Dop‐ pelbindestrichschreibung (〈Lorber=Krantz〉), Zusammenschreibung (〈Lorberkrantz〉) oder sog. Binnenmajuskeln vom Typ 〈LorberKrantz〉, die wir heute als neu wahrneh‐ men (〈BahnCard〉, 〈RegionalBahn〉, 〈JodSalz〉). Langfristig hat man sich zur verstärkten Zusammenschreibung entschieden, die 1880 in Dudens Wörterbuch festgeschrieben wurde. In der Rechtschreibdiskussion bildete die Getrennt-/ Zusammenschreibung den umstrittensten Punkt, auf dessen Hintergründe nicht eingegangen werden kann, zumal die Geschichte der Getrennt- und Zusammenschreibung noch zu wenig erforscht ist. Bei lexikalisierten Mehrworteinheiten (Univerbierungen), d. h. solchen, die eine eigene Bedeutung entwickelt haben, schreibt man (wieder) zusammen. So wird sich auseinandersetzen ‘diskutieren, streiten’ zusammen und sich auseinander setzen ‘den Platz wechseln’ getrennt geschrieben, nachdem zwischenzeitlich auch für den ersten Fall Getrenntschreibung vorgeschlagen worden war, die jedoch keine Akzeptanz fand (http: / / rechtschreibrat.ids-mannheim.de/ rechtschreibung/ ). Als weitere grundlegende lexikalische Auszeichnung gilt die Substantivgroßschrei‐ bung, die in Kap. 9.2 behandelt wird. Sie sieht die Sonderauszeichnung der Wortart Substantiv (inklusive Eigennamen) durch eine Anfangsmarkierung vor und hat sich maßgeblich im Fnhd. entwickelt. Bei der jüngsten Reform hat sie eine Stärkung erfahren, oft bedingt durch die oben erwähnten vermehrten Getrenntschreibungen; alt: radfahren, recht haben, etwas zum besten geben, heute abend; neu: Rad fahren, Recht haben, etwas zum Besten geben, heute Abend. Hingegen wurde das Pendant zur Wortanfangsmarkierung, die Endmarkierung durch 〈ß〉, aufgegeben (〈Fluß〉 zu 〈Fluss〉) (Kap. 9.1.3). Zum lexikalischen Prinzip zählt auch die unterschiedliche Schreibung gleichkling‐ ender Wörter (Homonymendifferenzierung), was der direkten Erfassung verschie‐ dener Wortbedeutungen dient: 〈Lerche〉 vs. 〈Lärche〉, 〈Leere〉 vs. 〈Lehre〉, 〈Moor〉 vs. 9.1 Verschriftungsprinzipien und ihre Geschichte 281 <?page no="282"?> 〈Mohr〉, 〈Leib〉 vs. 〈Laib〉, 〈malen〉 vs. 〈mahlen〉, 〈Lied〉 vs. 〈Lid〉, 〈wieder〉 vs. 〈wider〉 und v. a. 〈das〉 vs. 〈dass〉. Hier zeigt sich, dass gewisse (historisch bedingte) Schreibvarianten wie 〈oh〉 vs. 〈oo〉 nutzbar gemacht werden können. Allerdings handelt es sich um kein ausgeprägtes Prinzip, allenfalls um eine Tendenz, denn die allermeisten Homonyme werden gleich geschrieben: 〈Kiefer〉 ‘Gesichtsteil’, ‘Baum’, 〈Weide〉 ‘Grasland’, ‘Baum’, 〈Bank〉 ‘Sitzgelegenheit’, ‘Geldinstitut’ u. v. a. m. 9.1.5 Das syntaktische Prinzip Das syntaktische Prinzip kennzeichnet syntaktische Funktionen und Beziehungen in der Schreibung. Diese Kennzeichnung obliegt hauptsächlich der Zeichensetzung (Interpunktion), doch auch die Großschreibung der Satzanfänge dient dem syn‐ taktischen Prinzip. Besonders bei der Interpunktion wird die Diskrepanz zwischen Schreiber- und Leserinteressen offenkundig, da sie als schwierig empfunden wird, die Leser aber bei der Segmentierung verschachtelter oder auch zweideutiger Sätze unterstützt (vgl. Sie versprach, ihrer Mutter zu helfen vs. Sie versprach ihrer Mutter, zu helfen). Unter dem Motto „Satzzeichen retten Leben! “ gibt es Sprüche wie „Wir essen jetzt (,) Opa! “. Die wichtigsten Interpunktionszeichen sind der Punkt (meist als Satzendzeichen in Kombination mit der Großschreibung des ersten Wortes des Folgesatzes), Fragezeichen und Ausrufezeichen, die den Satzmodus markieren, d. h. ob eine Frage, ein Ausruf oder eine Aufforderung vorliegt; das Komma, das der Binnengliederung des Satzes dient; der (nebenordnende) Strichpunkt, der zwar Ganzsätze trennt, aber ihre inhaltliche Nähe betont; und schließlich der (ebenfalls nebenordnende) Doppelpunkt, der zwischen zwei Ganzsätzen stehen kann und vorausweisende Funktion hat. Anführungszeichen markieren die Rede anderer (auch Ironie), und Gedankenstriche geben Hinweise auf neue Gedankengänge (zu Näherem Nerius 4 2007, Behrens 1989, Bredel 2008). Ob man schon in den frühen Phasen des Dt. von einem syntaktischen oder nur von einem sog. rhythmisch-intonatorischen Prinzip sprechen kann, wird kontrovers diskutiert und neuerdings eher zugunsten eines schon frühen syntaktischen Prinzips beantwortet. Lange ging man davon aus, dass die ahd. und mhd. Schreiber durch Punkte und Virgeln (die Vorläufer des Kommas) den laut Lesenden Anleitungen zum Setzen von Pausen und zur Intonation gaben (Gärtner 1990, Maas 1992: 46 ff.). Allerdings ist die Geschichte des intonatorischen bzw. syntaktischen Prinzips noch zu wenig erforscht, als dass diese Frage als beantwortet gelten könnte (s. aber Höchli 1981, Simmler 2003). Schon früh wird das älteste Zeichen, der Punkt, zur Markierung von Versenden verwendet, was eine Textfunktion erfüllt. Für die Satzabgrenzung wird lange auch die Virgel 〈/ 〉 verwendet, vorläufig noch ohne, dass das erste Wort des nächsten Satzes großgeschrieben würde. Die Kombination von Satzschlusszeichen (sei es die Virgel, sei es der Punkt) und Großschreibung des Satzanfangs bildet eine doppelte Markierung der Satzgrenze, setzt sich um 1500 durch und festigt das, was Augst (1981: 738) als das „visuelle Superschema“ Satz bezeichnet. 282 9 Graphematischer Wandel <?page no="283"?> Simmler hat in mehreren Studien (z. B. 1988, 1997) die Interpunktionsmittel in ahd. Texten untersucht. Im Weißenburger Katechismus (9. Jh.) lässt sich z. B. feststellen, dass der Beginn ganzer Sätze mit Großbuchstaben ausgezeichnet wird, die zusätzlich links aus dem Satzspiegel heraustreten, gelegentlich in ihrer Ausdehnung mehr als eine Zeilenhöhe in Anspruch nehmen und manchmal durch Einfärbung exponiert werden. Teilsätze, Wortgruppen und Aufzählungen werden - teilweise schon unserer heutigen Kommasetzung entsprechend - durch mittlere und tiefe Punkte ausgezeichnet. Ha‐ kenförmige Zeichen für Fragen finden sich im Fränkischen Taufgelöbnis (9./ 10. Jh.), während es bei Otfrid (9. Jh.) wellenförmige Zeichen sind. Auch Notker (11. Jh.) interpunktiert schon intensiv. Besch (1981) stellt anhand der Gegenüberstellung gleicher Textstellen in verschie‐ denen Bibelübersetzungen zwischen 1522 und 1956 die These auf, dass sich ein früheres rhythmisch-intonatorisches Prinzip zu einem syntaktisch-grammatischen Prinzip gewandelt bzw. grammatikalisiert habe. Dies ist jedoch nicht einfach nachzu‐ weisen, weil auch heute noch syntaktische Einheiten mit rhythmisch-intonatorischen korrelieren und weil wir letztlich nicht wissen, wo und wie früher intoniert und pausiert wurde, denn dies entnehmen wir ja nur der Schreibung. Ein Beispiel aus Besch (1981: 195): 1736: Denn werden ihm die gerechten antworten, und sagen: HErr, wenn haben wir dich hungrig gesehen, und haben dich gespeist? 1956: Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dich gespeist? Während heute zwei Hauptsätze mit gleichem Subjekt (hier zuerst die Gerechten, dann wir) nicht durch Komma abgetrennt werden, ist dies bis ins 19. Jh. der Fall, vermutlich aus prosodischen Gründen. Dabei nimmt gemäß Besch die syntaktische Binnengliede‐ rung von Sätzen eher ab. Er erklärt dieses Abrücken vom rhythmisch-intonatorischen Prinzip mit dem neuzeitlichen Übergang vom lauten zum leisen Lesen. Ebenfalls auf der Basis zahlreicher Bibeldrucke, aber größerer Textmengen und damit anhand von mehr Interpunktionszeichen überprüft Günther (2000) die These von Besch. Er zweifelt die Stärke des rhythmisch-intonatorischen Prinzips an und postuliert das viel frühere Wirken des syntaktischen Prinzips. Dabei stellt er fest, dass Frage- und Ausrufezeichen zwar vordergründig als Intonationszeichen dienen könnten, doch lasse schon die Tatsache, dass diese Zeichen am Ende des Satzes stünden und damit eigentlich für den Leser zu spät kämen, daran zweifeln. Außerdem, so Günther, komme das Ausrufezeichen erst in der Ausgabe von 1797 auf und ersetze jeweils vormalige Punkte oder Virgeln. Damit stelle sich die Frage, warum erst so spät ein solches Intonationszeichen entstehen sollte. Auch spreche die Tatsache der schon sehr früh erfolgenden Kommasetzung vor Relativsätzen, die keine lautliche Entsprechung habe, gegen ein rhythmisch-intonatorisches Prinzip. Insgesamt setze die syntaktische Funktion von Satzzeichen viel früher ein als bisher angenommen. 9.1 Verschriftungsprinzipien und ihre Geschichte 283 <?page no="284"?> Dies wird von Simmler (2003) unterstützt, der dies sogar schon für die ahd. und mhd. Zeit unterstellt und dafür auch Nachweise erbringt. Dies heißt nicht, dass unser heutiges Auszeichnungssystem damals bereits Gültigkeit besäße. Dabei ist, wie gesagt, nicht immer entscheidbar, ob ein Zeichen wirklich nur eine syntaktische Zäsur bzw. Funktion ohne Entsprechung im Gesprochenen markiert; sicherlich überlagern sich beide Prinzipien. Somit ist bislang nicht entscheidbar, ob unser heutiges syntaktisches Prinzip auf ein früheres rhythmisch-intonatorisches zurückgeht. Die Satzzeichen sind lange Zeit nicht normiert und außerdem oft mehrdeutig. Umgekehrt kann auch ein und dieselbe Funktion (z. B. Anzeige von Frage- oder Auf‐ forderungssatz) auf unterschiedliche Weise ausgezeichnet werden. Diese beidseitige Varianz wird durch den Buchdruck verringert (mehr geschriebene Texte, größere Leserschaft, überregionale Verbreitung, Entstehung überregionaler Schreibsprachen). Auch die Tatsache, dass vom lauten zum leisen Lesen übergegangen wird, erfordert eine entwickelte, verbindliche Interpunktion, zumal in dieser Zeit die Komplexität der Sätze zunimmt, v. a. bezüglich der Unterordnung (Hypotaxe). Dies macht es verständlich, dass das Dt. die häufigste Konjunktion dass orthographisch vom gleichlautenden Artikel und Pronomen das differenziert, wobei sich die Konjunktion dass historisch aus dem Pronomen das entwickelt hat (Kap. 11.1.1). Erst im Verlauf des 16. und 17. Jhs. entstehen andere Satzzeichen als Punkt und Virgel: Der Doppelpunkt als Ankündigung direkter Rede, oft auch zur Trennung von Haupt- und Nebensatz, das Frage- und Ausrufezeichen, die Klammern etc. Die Kleinform der Virgel, das Komma, setzt sich erst im 18. Jh. durch (Höchli 1981). 9.1.6 Das textuale Prinzip Das textuale (auch: textuelle) Prinzip markiert inhaltlich-semantische Komplexe bzw. Sinnzusammenhänge oder kennzeichnet auch den Texttyp selbst (vgl. etwa den graphi‐ schen Textaufbau eines Rezepts gegenüber dem eines Briefes, s. Kap. 8.3). Insgesamt ist das textuale Prinzip bis heute weniger normiert als die anderen Prinzipien; gleichwohl haben sich Konventionen herausgebildet, etwa was die Gestaltung studentischer Hausarbeiten oder die Abfassung einer Bewerbung betrifft. Dem textualen Prinzip dienen sämtliche Möglichkeiten der Textgestaltung (Layout) und Textgliederung, die der leserseitigen Erfassung textsemantischer Strukturen dienen: Schrifttyp, Schrift‐ größe, Zeilenabstand, Einrückungen, Fett- und Kursivdruck, Absätze, Überschriften, Leerzeilen, Gliederungspunkte, Fußnoten, Kopfzeilen, Inhaltsverzeichnis etc. (Maas 1992, Augst/ Müller 1996). Eine umfassende Darstellung zur historischen Entwicklung des textualen Prinzips liegt noch nicht vor, doch gibt es Einzeluntersuchungen zur graphischen Gestaltung älterer Texte (z. B. Kleiber 1971, Raible 1991, Frank 1993a/ b, Rapp 1998). Ein Blick auf ahd. und mhd. Handschriften offenbart die Unterschiede der Textgestaltung schon zu frühester Zeit, obwohl man vermuten sollte, dass angesichts des wertvollen Pergaments eine möglichst optimale Nutzung der Schreibfläche gelten sollte. Manche 284 9 Graphematischer Wandel <?page no="285"?> Texte werden fast ohne Wortabstände in enger, oft schiefer Zeilenführung auf die Seite oder in einen anderen Text hineingequetscht (so die Baseler Rezepte, der Wurmsegen, Muspilli), andere lassen sehr elaborierte Textgestaltungsmittel erkennen (z. B. das Ludwigslied, der Tatian, die Evangelienharmonie von Otfrid). Diese Vielgestaltigkeit nimmt im Laufe der Zeit zu und erreicht im Fnhd., unterstützt durch die Möglichkeiten des Buchdrucks und durch die Anforderungen der wachsenden Leserschaft, ihren Höhepunkt. Zu unterschiedlichen Strategien der Textsegmentierung in Handschriften und Frühdrucken s. Neumann/ Voeste (2021). Seit dem 15. Jh. haben Bücher oft sehr aufwändig gestaltete Titelblätter, die auch der Bewerbung des Buchs und Bestimmung seines Adressatenkreises dienen (was heute der Klappentext leistet). Nicht selten liefern sie Informationen über den Inhalt, die später das Inhaltsverzeichnis übernimmt (Neumann 2021). Dabei verwenden sie eine spezifische, besonders komplexe, nominal geprägte Syntax. Für das 16. und 17. Jh. haben dies Götz u. a. (2017, 2019) untersucht. Zwischen 1500 und 1700 vervierfacht sich fast die Wortanzahl auf Titelblättern von im Schnitt 22,2 auf 84,5 Wörter. Dabei dominieren Nominal- und Präpositionalphrasen, während Partizipialkonstruktionen zu- und Verbzweitsätze abnehmen. Im einzelnen ergeben sich textsortenspezifische Unterschiede, etwa zwischen Verordnungen und Leichenpredigten. Das erste Aufkommen von Großschreibungen ist dem Textprinzip geschuldet: Oft ist es nur das erste Wort des ganzen Textes, das durch besondere Größe, auch durch Ausrü‐ ckung, Einfärbung, sogar durch Verzierungen und Ausmalungen exponiert wird. Später gelangt diese Auszeichnung in den Text, indem Absatz-, Strophen- oder Versanfänge (wie in der Dichtung noch heute anzutreffen) groß geschrieben werden. Vermehrte Großschreibung erfahren auch die Wörter in einer Überschrift (wie heute noch im Englischen üblich). Die später aufkommende sog. thematische Großschreibung von (Schlüssel-)Wörtern sowie sogar von deren Pronomen, die in dem betreffenden Text von zentraler thematischer Bedeutung sind (z. B. Hund, Maul, Pfote, Er, Seine in einer Hundefabel), gehört ebenfalls zum textualen Prinzip (Malige-Klappenbach 1955, Kämp‐ fert 1980, Bergmann/ Nerius 1998: 895). Erst im 14./ 15. Jh. beginnt die Großschreibung das syntaktische Prinzip zu unterstützen (Satzanfangsgroßschreibung). Auch stehen manche Interpunktionszeichen im Dienst des Textes: So zeichnen die Anführungszeichen Texte wörtlicher Rede im Text aus. Einklammerungen markieren Kommentare, Nachträge oder erklärende Zusätze. 9.1.7 Das pragmatische Prinzip In der Schriftlinguistik wird gelegentlich auch ein pragmatisches Prinzip postuliert (Augst 1981). Zunächst müssen das Frage- und das Ausrufezeichen dem pragmatischen Prinzip zugerechnet werden, da sie den Illokutionstyp markieren. Ähnliches gilt für Ironie anzeigende Anführungszeichen. Insbesondere durch die Verwendung von Emoticons in E-Mails und Chats kommt neuerdings eine Vielzahl pragmatischer Auszeichnungsmöglichkeiten zum Einsatz. 9.1 Verschriftungsprinzipien und ihre Geschichte 285 <?page no="286"?> Einigkeit besteht darüber, adressatenbezogene Zeichenverwendungen wie die Höf‐ lichkeitsgroßschreibung dem pragmatischen Prinzip zuzuordnen. Heute bekommen wir nur noch die letzten Reste eines einst stark ausgebauten und hierarchisch struk‐ turierten Höflichkeitsbzw. Respektsystems zu greifen: Hier handelt es sich um die Großschreibung der Höflichkeitspronomen Sie, Ihr und Ihnen. Mit der Orthographie‐ reform von 1996 ist die (bisher verpflichtende) Großschreibung der vertrauten Formen Du, Dein, Dich etc. freigestellt worden. Ein anderes Bild offenbaren Texte zwischen dem 16. und 19. Jh., wo nicht nur Pro‐ nomen (wie Euer, Dieselben), sondern auch Adjektive, die der Würdebezeichnung und Ehrerbietung dienen, groß geschrieben werden (z. B. Hochwohlgeboren, Ihro Königliche Majestät, den Hochwürdigsten Herrn). Dabei gibt es Abstufungen zwischen Höflichkeit, Ehrerbietung und Hochachtung, die sich diachron in vermehrter Großschreibung manifestieren (Mentrup 1979) und sich zur Mitte des 19. Jhs. auf die reine Höflichkeit zurückziehen (zu Respekt s. Kap. 7.3). Respekt muss sich nicht nur in der Erhöhung des Gegenübers manifestieren, er kann sich auch in buchstäblicher Selbsterniedrigung des Schreibers äußern. Zur sog. Raumsemiotik in Briefen des 19. Jhs. hat Ehlers (2005, 2017) gearbeitet. Der Abstand der eigenen Unterschrift ikonisierte dabei den sozialen Abstand zum Empfänger: Je größer dieser Abstand, desto tiefer auf dem Blatt die Unterschrift, außerdem so weit rechts wie möglich, da man nicht nur von oben nach unten, sondern auch von links nach rechts liest. Zur Selbsterniedrigung gehörte auch, dass man einen Brief nicht mit ich beginnen sollte - ein Stilideal, das manchen noch heute bekannt ist. Dieses Pronomen sollte, wenn überhaupt, im Text nach der Nennung der angeschriebenen Person - ihr den Vortritt lassend - erscheinen (sog. Inversionsvorschrift: nicht *Ich bitte meinen hochgeehrten Patron …, sondern: Meinen hochgeehrten Patron bitte ich …). Daraus entstand eine pragmatisch motivierte Sozialsyntax. Noch im 18. Jh. riet man, das Pronomen ich sogar ganz auszulassen, womit syntaktische Defizi‐ enz in Kauf genommen wurde; alternativ konnte auch eine Form der 3.Ps.Sg. eingesetzt werden wie der Unterzeichnete, der Gefertigte (Ehlers 2017, 324). Gegen diese selbsterniedrigende ich-Tilgung, aber auch gegen Unterwürfigkeitsformeln (ergebenst, Ihr gehorsamster Diener) ging die Ratgeberliteratur erst im 20. Jh. vor. 9.2 Die Entwicklung der Substantivgroßschreibung (SGS) Die Großschreibung des Substantivs (SGS) bildet eine dt. Besonderheit. Deshalb wird ihr ein eigenes Kapitel gewidmet. Großbuchstaben (Majuskeln) sind eine Zu‐ satzmarkierung ohne lautliche Entsprechung. Die Funktionen und die Entwicklung der Großschreibung betreffen also, bezogen auf Abb. 69, ausschließlich die semanti‐ 286 9 Graphematischer Wandel <?page no="287"?> sche Seite. Diachron „arbeitet sich“ die Großschreibung vom pragmatisch-textualen über das syntaktische zum grammatischen Prinzip, temporär sogar bis hin zum morphologischen Prinzip vor. Die SGS wird, wenn man die Wortartauszeichnung in den Vordergrund rückt, dem grammatischen Prinzip zugeordnet, da sie die Wortart Substantiv auszeichnet. Es gibt jedoch viele Nichtsubstantive, die als Kern der NP dennoch großgeschrieben werden (ihr macht Laufen Spaß). Daher könnte man sie auch dem syntaktischen Prinzip zuordnen (hierzu Maas 1992: 156-172, Gallmann 1995, kritisch Ewald/ Nerius 1999). Erst Ende des 20. Jhs. wurde die Geschichte der Großschreibung eingehend erforscht, s. Bergmann/ Nerius (1998) und Bergmann (1999). Im Folgenden soll vor allem die Entwicklung der SGS skizziert werden. Die Vorstufen der Großschreibung wurden in Kap. 9.1 bereits erwähnt und seien nur kurz rekapituliert: Die Anfangsgroßschreibung von Wörtern erfolgt seit frühester Überlieferung zur Hervorhebung des Textbeginns, was mit weiteren Ausgestaltungen der Majuskel einhergehen kann. Schönes Beispiel dafür ist das St. Galler Vaterunser aus dem 8. Jh., das mit „Fater unseer“ beginnt. Das textinitiale „F“ beansprucht dabei die Höhe dreier Zei‐ len. Später dringt die Großschreibung in kleinere Texteinheiten wie Absatz-, Strophen- und Versbeginn vor. Da solche Textanfänge gleichzeitig auch Satzanfänge darstellen, ist der Weg zur syntaktischen Satzanfangsgroßschreibung nicht weit. Erst gegen 1500 setzt sich die Kombination von Satzschlusspunkt + Satzanfangsgroßschreibung zur Markierung der Satzgrenze durch. Davor signalisierte oft nur die Großschreibung allein den Satzbeginn. Majuskeln werden auch zur Teilsatzmarkierung innerhalb eines Ganzsatzes verwendet, v. a. bei adversativen und kausalen Nebensätzen, die wir heute mit Komma abgrenzen. Auch untergeordnete Nebensätze werden im 16. Jh. öfter durch Großschreibung eingeleitet. Manche Typen erreichen dabei Werte von über 20 %: So werden mit einer Konjunktion eingeleitete Nebensätze um 1590 zu fast 25 % groß geschrieben (Bergmann/ Nerius 1998). Es begab ſich aber zu der zeit / Das ein Gebot von dem keiser Auguſto ausgieng / (Luther-Bibel von 1545, Lukas 2,1) Diese syntaktischen Großschreibungen innerhalb eines Satzes (hier: 〈Das 〉 ) gehen jedoch ab 1620 zurück und sind bis 1700 abgebaut. Vermutlich stärken sie hierdurch indirekt die genau zu dieser Zeit massiv aufkommende SGS. Auch Zitate werden oft nur durch Großschreibung (ohne Doppelpunkt, ohne Anführungszeichen) markiert, d. h. die Großschreibung übernahm früher manche Funktion, die heute durch die In‐ terpunktion geleistet wird. Auch ist auf die (in Kap. 9.1.6 erwähnte) sog. thematische Großschreibung von für einen Text zentralen Wörtern (neben Substantiven auch 9.2 Die Entwicklung der Substantivgroßschreibung (SGS) 287 <?page no="288"?> 34 Noch heute beziehen wir uns auf dieses pragmatische Prinzip, wenn wir den Phraseologismus Bei uns wird X (z. B. Sicherheit, Service, Umweltschutz) groß geschrieben verwenden. 35 Gerade bei den Nomina sacra kommt es in Drucken öfter auch zu Vollwortgroßschreibungen wie 〈HERR〉 oder zu Schreibungen wie 〈GOtt〉. Verben, Adverbien, Pronomen etc.) hinzuweisen, die expressive und diskursstruktu‐ rierende Funktion hatte (Szczepaniak 2011b). 34 Die Großschreibung der Wortart Substantiv beginnt im 15. Jh. (um 1500 zu 9,5 % Großschreibung) und kann um 1700 mit über 90 % Großschreibung als fest gelten, s. Tab. 32. Untergliedert man diese Wortart jedoch in (genuine) Eigennamen (z. B. Rom, Margarete) und Appellative (Klassenbezeichnungen wie Stadt) und die Appellative wiederum in Personenbezeichnungen (Leute, Frau), andere Konkreta (Stadt, Baum) und Abstrakta (wie Friede, Bruch), so tun sich markante Unterschiede auf: Um 1500 werden nämlich schon über zwei Drittel (67 %) der Namen groß geschrieben, was sich in den nächsten Jahrzehnten auf fast 100 % steigert, d. h. die Eigennamen bilden die Vorreiter dieser Entwicklung (s. Bergmann 1999). Die Großschreibung der Appellative steigt ab 1530 (bei 13 %) steil an, um 1620, also knapp 100 Jahre später, bei über 80 % anzugelangen. Hierbei spielt eine Rolle, auf was genau sich diese Appellative beziehen: Sind es Personen, so beträgt die Großschreibung 1560 schon 72 % (und 1590 schon 91 %), sind es Gegenstände, beträgt sie 1560 nur 40 % (und 1590 84 %) - mit jeweils steigender Tendenz. Sehr früh wird auch die Gruppe der sog. Nomina sacra (kirchlich-religiöse Begriffe wie Gott, Kirche, Christentum) 35 sowie der Titel, Standes- und Amtsbezeichnungen (Durchlaucht) groß geschrieben: Schon 1560 überschreiten sie die 90 %-Marke. Ganz anders die Abstrakta, die erst um 1680 (also 120 Jahre später) die 80 %-Hürde nehmen (1710 fast 90 %). Untergliedert man die Abstrakta nochmals, so zeigt sich (was Tab. 32 nicht enthält), dass Konversionen (Substantivierungen) das Schlusslicht bilden: Noch 1710 werden sie nur zu 71 % großgeschrieben (Bergmann/ Nerius 1998: 864). Auch heute bilden sie noch eine der größten Fehlerquellen. Diachron hinken die Abstrakta stark hinterher, doch werden auch sie langfristig von der Grammatikalisierung der SGS erfasst. Diese Grammatikalisierung startet, wie Abb. 74 zeigt, im Diskurs und endet in der Grammatik (s. auch Abb. 83). Bis ins 19. Jh. hinein kam es zu einer syntaktisch motivierten „wort‐ artübergreifenden Großschreibungstendenz“ (Ewald 1995) substantivischer Pronomen wie 〈Jemand, Niemand, Alle, Diejenigen〉, die den Kern von NPs bilden und somit die syntaktische Position mit Substantiven teilen (s. auch Rädle 2003). Zu tabellarischen Überblicken über die Etappen der SGS s. Bergmann (1999), Nerius (2003) und v. a. Bergmann/ Nerius (1998). Tab. 32 (extrahiert aus Bergmann/ Nerius 1998: Abb. 6.15, 6.17) liefert die (gerundeten) Prozentzahlen; „EN“ = Eigennamen i.e.S., „APP gesamt“ = alle Appellative, „NomSac“ = Nomina Sacra (als Teil der APP), „PersBez“ = Personenbezeichnungen (auch als Teil der APP, ebenso die Konkreta und Abstrakta). Bei über 90 % (dunkelgrau hinterlegt) gilt die Großschreibung als fest. Hellgrau hinterlegt sind Werte über 80 %. 288 9 Graphematischer Wandel <?page no="289"?> Tab. 32: Prozentuale Großschreibungswerte substantivischer Subklassen Insgesamt erweist sich, dass Faktoren wie Zählbarkeit, Individualität, Belebtheit, Ehr‐ erbietung (Nomina sacra, Standesbezeichnungen) eine große Rolle spielen. Szczepaniak (2011b) weist die Gültigkeit weiterer kognitiver Kategorien nach wie Referentialität (als Grad der Identifizierbarkeit des Objekts), Relevanz, Agentivität - und dies nicht nur bei der Historiogenese der Großschreibung, sondern auch beim ontogenetischen Schriftspracherwerb des Kindes. Weitere Erkenntnisse dazu, was genau Belebtheit, die auch kulturell geprägt ist, kon‐ stituiert und wie stark sie sich auf die SGS auswirkt, haben Szczepaniak (2022) und Dücker (2024) anhand sog. Hexenverhörprotokolle aus dem 16. und 17. Jh. vorgelegt. U. a. erfahren übermenschliche Entitäten die höchsten Großschreibungswerte, umso mehr, wenn sie positiv konnotiert sind (Gott, Jungfrau) und deutlich seltener bei Lexemen für den Teufel. Damit treten auch pragmatische Faktoren hinzu, wenngleich Belebtheit immer die Hauptrolle spielt. Lexeme für Männer (Sohn, Vater, Bruder etc.) werden deutlich häufiger großgeschrieben als solche für Frauen (Weib, Tochter, Schwester etc.); letztere werden besonders dann kleingeschrieben, wenn sie negativ bewertet werden (mit Bezug auf sog. Hexen), was als evaluative Schreibpraktik gewertet wird. Auch semantische Rollen wirken ein: Ein Agens wird im Schnitt zu 52 %, ein Patiens nur zu 40 % großgeschrieben. Je mehr diese kognitiv-semantischen und pragmatischen Faktoren in der histori‐ schen Großschreibung zurücktreten, desto stärker grammatikalisiert sie. Dies ist gegen 1700 erreicht. Abb. 74: Die diachrone Entwicklung der Großschreibung (GS) 9.2 Die Entwicklung der Substantivgroßschreibung (SGS) 289 <?page no="290"?> Betrachtet man die gesamte Geschichte der Großschreibung (unter Einschluss des textualen und syntaktischen Prinzips), ergibt sich ein Grammatikalisierungspfad vom Diskurs in die Grammatik, von der Wahlfreiheit der Hervorhebung relevanter Wörter bis hin zur festen grammatischen Regel (s. Abb. 74). Interessanterweise werden auch die Adjektive zeitweise von der Großschreibung erfasst (Wegera 1996, Bergmann/ Nerius 1998: 875-891). Dabei spiegeln sie, leicht zeit‐ versetzt, die wichtigsten Faktoren bei der SGS wider: Großschreibung betrifft vor allem desubstantivische Adjektive, die sich aus Namen (〈Römisch, Griechisch〉), aus Nomina sacra (〈Göttlich〉 ) sowie Titeln und Standesbezeichnungen (〈 Fürstlich, Königlich〉 ) und aus Personenbezeichnungen (〈Väterlich, Bürgerlich〉) ableiten. Betrachtet man sämtliche Adjektive, so bleibt deren Großschreibung immer unter 20 %, doch erreichen die Gruppen der eben genannten Ableitungen zeitweise Werte von über 90 %. Die Hochzeit der Adjektivgroßschreibung bilden die Jahrzehnte um 1700, danach erfolgt ihr kontinuierlicher Rückgang (Bergmann/ Nerius 1998: 879). Genuine Adjektive wie schön, klein, gelb wurden dagegen nur selten groß geschrieben. Noch heute gibt es Reste ad‐ jektivischer Großschreibung wie Schweizer Käse, Grimm’sche Märchen, Schwarzwälder Kultur, Wiener Schnitzel. Mehr noch hat das Englische die Großschreibung solcher aus Namen abgeleiteten Adjektive tradiert (German, French). Wegera (1996) berücksichtigt auch die Stellung der groß geschriebenen Adjektive: Es sind die attributiven Adjektive in der Nominalphrase, nicht die prädikativen. Wegera (1996: 389) fasst weitere Bedingungen wie folgt zusammen: Danach besteht für ein Adjektiv des 16./ 17. Jh.s die größte Chance groß geschrieben zu werden dann, wenn es sich um eine desubstantivische Ableitung handelt, die Teil einer Anrede ist und im Superlativ am Anfang dieser Anrede an eine hochgestellte Persönlichkeit steht: Gnädigster Landesfürst. Anlehnend an Weber (1958) beobachtet Wegera auch, dass groß geschriebene Adjektive oft am Anfang von Wortgruppen stehen und ihnen dabei ein klein geschriebenes Substantiv folgen kann (Edles gestein, Ehrliche leut, Hochzeitliches kleid), d. h. hier scheint eine syntaktische Funktion der Adjektivgroßschreibung zur Markierung des Anfangsrands der NP durch. Schließlich dringt ab Anfang des 17. Jhs. die Großschreibung temporär auch ins Wortinnere von Substantiven vor, indem sie die morphologische Binnengrenze von Komposita markiert, oft unterstützt durch Doppelbindestriche: Lorber=Krantz, Lebens=Mitteln, MelckKnecht, HausVater. Damit erlangt die Großschreibung zwischen‐ zeitlich morphologische Funktion. Dieser Trend nimmt bis zum 18. Jh. zu und fällt dann wieder ab. Heute kommt diese Verwendung der sog. Binnenmajuskel in Schreibungen jenseits des Standards wie BahnCard, AnlageService wieder vermehrt auf, insbesondere bei Produktnamen und in der Werbung (Mengel 1992, Gabler 1995, Ewald 1997b, Stein 1999, Dürscheid 2000). 290 9 Graphematischer Wandel <?page no="291"?> Bergmann (1999: 71-72) erwähnt schließlich noch, dass die Großschreibung häufig auch Fremdwörter betraf, also den Fremdwortcharakter hervorhob. Dies galt sowohl für Substantive als auch für Verben, z. B. 〈Consolidiren, Curiren〉. Zentral ist die erst durch solche korpusbasierten Untersuchungen gewonnene Einsicht, dass die zeitgenössischen Grammatiker und Orthographen den Prozess der Großschreibung weder ausgelöst noch beeinflusst haben, sondern den faktischen Gebrauch - oft mit erheblicher Verspätung - registriert und kommentiert haben (Günther 1999, Bergmann 1999). Zu weiteren Aspekten sei auf die folgende Literatur verwiesen: Materialien zur Diskussion über die Groß-/ Kleinschreibung enthalten Garbe (1978) und Mentrup (1980). Die Entwicklung des Majuskelgebrauchs speziell in dt. Bibeldrucken des 16. Jhs. untersucht Risse (1980), diejenige in Luthers Briefen Moulin (1990). In letzteren ist die Großschreibung noch syntaktisch und textual motiviert, während Substantive nur zu 26 % bis 48 % groß geschrieben werden. Damit fallen die Briefe hinter die Bibeldrucke zurück, was für den Einfluss einer großen Leserschaft auf die SGS spricht. - Hotzenköcherle (1955) hebt die opti‐ sche Gliederungsfunktion der SGS in der sog. Nominalklammer hervor - ein wichtiger Gedanke, da der Ausbau der Nominalklammer zeitlich mit dem der SGS korrespondiert: Das Kernsubstantiv als Ende der unter Umständen stark gefüllten Nominalklammer wird für das Auge durch Majuskeln profiliert (zur Nominalklammer s. Kap. 4.1.1). - Zur (positiven) Auswirkung der Großschrei‐ bung auf den Leseprozess s. die Untersuchungen von Augst u. a. (1985), Gfroerer u. a. (1989), Bock (1990). - Munske (1995, 1997) befasst sich mit der Groß- und Kleinschreibung in Bezug auf die Reform. - Einen aufschlussreichen Vergleich zwischen dem Dt. und Französischen bietet Meisenburg (1990), bei dem deutlich wird, dass die SGS im Französischen schon relativ weit vorangeschritten war und bereits Appellative, besonders Konkreta, erfasst hatte, bevor sie ab dem 17. Jh. wieder abgebaut und langfristig auf die Großschreibung der Eigennamen beschränkt wurde. Ähnliches stellt Osselton (1985) für das Englische fest. 9.3 Die Entwicklung der Apostrophsetzung Auch die Entwicklung des Apostrophs fügt sich der morphosemantischen Vertiefung unseres Schriftsystems. Wir behandeln den Apostroph hier, weil es sich erstens um ein sog. Syngraphem handelt, d. h. um eine besondere graphische Einheit, die an der Wortform haftet und Grenzsignalcharakter hat (zu Syngraphemen s. Gallmann 1985, 1989). Zweitens ist der Apostroph interessant, weil er in der Öffentlichkeit Aufsehen erregt, als vermeintlich neu empfunden wird und als sog. „Deppenapostroph“ gar den Zorn von Zeitgenossen auf sich zieht bzw. ihnen die Chance bietet, sich hierdurch über 9.3 Die Entwicklung der Apostrophsetzung 291 <?page no="292"?> 36 Zum Apostroph s. Klein (2002), Ewald (2006), Bankhardt (2010), Scherer (2010, 2013), Nübling (2014). andere erheben zu können (z. B. Sick 2004: 29-34). Richtig schreiben zu können ist mit sozialem Distinktionsgewinn verbunden, und da spielt der Apostroph eine erstaunlich große Rolle. Drittens hat der Apostroph, obwohl teilweise in den Substandard verbannt, eine faszinierende Entwicklung durchlaufen, die es knapp zu beleuchten lohnt. 36 In Kap. 9.1.3 war vom er-Haken die Rede, der in mittelalterlichen Handschriften häufig vorkam und für die Schreiber eine Entlastung bot, indem er die Graphemfolge 〈er〉, manchmal auch nur 〈r〉, platzsparend ersetzte: 〈d’, kind’, v’borgen, ja’〉). Diese Kürzel wurden, wie von Ruge (2004) nachgewiesen, in den Drucken rapide abgebaut, womit der leserseitige Ergänzungsaufwand entfiel. Ein letzter Rest dieser genuinen Kürzelfunktion hat sich jedoch bis heute erhalten, und zwar in der Abkürzung langer Ortsnamen, meist auf Straßenschildern mit wenig Platz: D’dorf, K’lautern, M‘gladbach, auch Ku’damm. Der Apostroph steht für keine feste Lautfolge, die Leserin muss sie kennen, um sie ergänzen zu können. Möglicherweise unter französischem Einfluss entwickelt sich der Apostroph im 16./ 17. Jh. zunehmend zu einem Ersatz für 〈e〉, und zwar für ein nicht auszusprechendes (stummes) 〈e〉. Als er-Haken dagegen hatte er noch einen Lautwert, der beim Lesen selbstverständlich zu artikulieren war, d. h. anfänglich war der Apostroph ein phono‐ graphisches Zeichen. Dies änderte sich bei Wörtern wie 〈heut’〉, 〈solch’〉, 〈ew’ger〉. Hier zeigt der Apostroph Apokopen und Synkopen an, die gesprochene Sprache bzw. Dialekt indizieren sollen oder für metrische Erfordernisse in Gedichten verwendet wurden. In jedem Fall war (und ist) der betreffende Laut gerade nicht auszusprechen. Im 17. Jh. entstand die Forderung nach einer Standardsprache, wofür die damalige presti‐ gebesetzte Literatursprache eine Vorlage bot. In diesem Spannungsfeld zwischen apo- und synkopierender Volkssprache und einer Literatursprache mit vollen Formen wurde der Apostroph mit der Konnotation ‘nicht standardsprachlich’, ‘volkssprachlich’, ‘ge‐ sprochensprachlich’ befrachtet und damit langfristig - bis heute - stigmatisiert. Er drückte eine Differenz aus, die als Defizit empfunden wurde und immer noch wird („Normverstoßsignal“ nach Gallmann 1985: 258). Das Bedürfnis nach sprachlicher Überregionalisierung bzw. Vereinheitlichung, an der die Schriftsprache großen Anteil hatte, verstärkte sich im 18. Jh. Damit verstärkte sich auch die Negativbewertung des Apostrophs. Ab Mitte des 17. Jhs. erscheint der Apostroph in einer neuen Funktion als sog. Grenzapostroph, und zwar vor dem Genitiv-s nach Personennamen: 〈 Amalia’s, Maria’s, Otto’s〉. Wahrscheinlich geht dieser Grenzapostroph auf eine sog. Reanalyse zurück von synkopierten, ursprünglich langen es-Genitivendungen wie 〈Gott’s, Bild’ s, Kampf ’s〉 . Hier wurde der einst phonographische Auslassungsapostroph als morphographischer Grenzapostroph reinterpretiert (Klein 2002, Ewald 2006). In dieser Funktion trennt er den Eigennamenkörper von Flexionsendungen ab, der Name bleibt dadurch „unversehrt“ und kann leichter wiedererkannt werden - eine wichtige Funktion, da es sich bei Namen um besondere Wörter handelt: Sie enthalten nur 292 9 Graphematischer Wandel <?page no="293"?> Form, keinen Inhalt (keine denotative Semantik) und referieren idealerweise auf genau ein Objekt der Welt, z. B. Paris, Barack Obama (s. Nübling u. a. 2 2015). In seiner weiteren Ausbreitung zeigt der Apostroph eine belebtheitsgesteuerte Progression: Personennamen → Ortsnamen → andere Namen und Appellative (Klein 2002: 187). Schon Anfang des 19. Jhs. erscheint der Apostroph dann auch vor Plural-s, z. B. die Gore’s, zwei Sopha’s, womit es sich auch hierbei um keine neue Erscheinung handelt. Um diese Zeit hatte sich auch schon der sog. Derivationsapostroph herausgebildet (Ewald 2006), der in aus Eigennamen abgeleiteten Adjektiven auf 〈’sch〉 vorkommt: 〈Grimm’sche Märchen, Einstein’sche Relativitätstheorie〉 (Kap. 9.2). Obwohl es sich um Adjektive handelt, werden sie groß geschrieben, wenn vor das Suffix ein Apostroph ge‐ setzt wird (ansonsten ist auch Kleinschreibung ohne Apostroph möglich: 〈grimmsche Märchen, einsteinsche Relativitätstheorie〉). Das Adjektivsuffix -sch geht historisch aus silbischem, später synkopiertem -isch hervor (wie es bei kindisch weiterhin besteht). Auf dem Weg von -isch > -sch muss die Reanalyse vom phonographischen Auslassungszum morphographischen Grenzapostroph stattgefunden haben: Mit der Durchsetzung der reduzierten Suffixform dürfte der Derivationsapostroph sukzessive seine Funktion verändert und sich von einem Auslassungssignal zu einem Grenzsignal entwickelt haben. In einem Beleg wie Weygand’sche Buchhandlung (1779) ließe sich der Apostroph folglich zum einen als Auslassungs-, zum anderen als Grenzmarkierung deuten. Mit dieser Entwicklung […] könnte sich der Derivationsapostroph als wichtiger Wegbahner des Grenzapostrophs erweisen (Ewald 2006: 152). Die weiteste Entwicklung hat der Apostroph bei auf [s] auslautenden Namen wie Hans, Ines, Marx, Fuchs, Schmitz im Genitiv zurückgelegt. Hier kann man kein Genitiv-s artikulieren, da es im Dt. keine auslautenden Geminaten gibt. Phonisch ist kein Genitiv vorhanden, graphisch steht ersatzweise der Apostroph. Da er keine phonographische Funktion ausübt, auch kein Morphem vom Stamm abhebt, ist er hier selbst zu einem Suffixersatz, zu einem graphischen Morphem aufgestiegen (Gallmann 1985: 104). In Hans’ Katze, Ines’ Abitur hat er morphologischen und damit grammatischen Status inne. Abb. 75 skizziert den diachronen Funktionszuwachs des anfänglich nur phonogra‐ phischen Apostrophs hin zu morphobzw. logographischen Auszeichnungen, die der Schonung, der Konstanthaltung des zugrundeliegenden Wortkörpers dienen. Nicht in allen Funktionen ist er orthographiekonform: Die Beispiele die 68’er, der CDU’ler, des Jh’s, die CD’s, des/ die Oho’s sind normwidrig. 9.3 Die Entwicklung der Apostrophsetzung 293 <?page no="294"?> 37 S. www.rechtschreibrat.com/ DOX/ RfdR_Amtliches-Regelwerk_2024.pdf Abb. 75: Vom phonographischen zum morphographischen Apostroph Was die Kodifizierung des Apostrophs betrifft, so war er bis 1996 nur als Auslassungs‐ zeichen (Ehr’, ew’ger) sowie als Suffixersatz (Ines’ Hund) zugelassen. Seit 1996 wird er als Grenzsignal bei Personennamen vor dem Genitiv-s sowie vor dem Adjektivsuf‐ fix -sch geduldet: Carlo’s Taverne, Einstein’sche Relativitätstheorie. 2024 erfolgt beim Apostroph nach Namen im Genitiv die Beschränkung, dass diese Auszeichnung nur innerhalb eines Eigennamenkomplexes möglich (nicht obligatorisch) ist: Eva’s (oder Evas) Blumenladen, Peter’s (oder Peters) Taverne (Amtliches Regelwerk 2024, § 80, E1). 37 Alle anderen Apostrophe, z. B. vor dem Plural-s (*〈die Obama’s, *die Lkw’s〉) oder vor dem Genitiv-s (*〈des Pkw’s, *Uli’s Auto〉), sind weiterhin regelwidrig, wiewohl sie hier oft gesetzt werden. Zum faktischen Gebrauch des Apostrophs sind 2010 zwei korpusbasierte Arbeiten erschienen, Bankhardt (2010) und Scherer (2010). Bankhardt (2010) bezieht sich auf Ausgaben der Zeitung „Mannheimer Morgen“ von 2004 und hat 914 Apostrophe erfasst. 76 % sind (phonographische) Auslassungsa‐ postrophe, 20 % (morphographische) Grenzapostrophe (der Rest Abkürzungen vom 294 9 Graphematischer Wandel <?page no="295"?> 38 Der Adjektivtyp 〈Grimm’sche Märchen〉 wurde hier nicht erfasst, da nur nach Vorkommen von 〈’s〉 am Wortende gesucht wurde. Typ M’gladbach). Von den Grenzapostrophen entfallen allein 34 % auf den Typ 〈Ines’ Auto〉, 27 % stehen vor einem Genitiv-s nach Namen (〈Meier’s, Siegfried’s〉, mittlerweile regelwidrig), und weitere 27 % entfallen auf die Abgrenzung von aus Namen abgeleiteten Adjektiven auf -sch, Typ 〈Fuchs’sche〉. Der Rest von 11 % betrifft (meist großgeschriebene) Buchstabierwörter (Akronyme) mit der Endung -ler (〈DRK’ ler〉) oder mit Plural-s (〈LP’s〉). Auch Scherer (2010, 2013), die in deutlich größeren Korpora sämtliche Vorkom‐ men von 〈’s〉 am Wortende erfasst hat, bestätigt, dass falsche Apostrophsetzungen vom Typ 〈Kalb’s Leber, dienstag’s, nicht’s〉 äußerst selten vorkommen (weit unter einem Promille). Von den morphographischen Apostrophen entfallen ca. 90 % auf das Genitiv-s, wobei hier (mit allein 97 %) Eigennamen, v. a. Personennamen, die mit Abstand wichtigste Basis stellen. Gut 10 % stehen vor einem Plural-s. 38 Auffällig ist, dass die Basiswörter immer komplex (markiert) und damit schonungsbedürftig sind: Handelt es sich nicht um Namen, dann um Fremdwörter (〈Bureau’s, Joker’s〉), Abkürzungen (〈Jh’s, A’s〉), Kurzwörter/ Akronyme (〈LP’s〉) oder Konversionen (〈die Ach’s, Aber’s, Etc’s〉). Umgekehrt kommt es bei einheimischen Substantiven so gut wie nie zu Apostrophsetzungen. Damit bestätigt sich auch aus dieser Perspektive, dass Apostrophe leserfreundliche Dekodierungshilfen sind, die, auch wenn sie normwidrig sind, so doch festen Regeln folgen (s. Scherer 2010, 2013). Auch kommen sie schon viel zu lange vor, um als angelsächsischer Import gelten zu können (dieser Lehneinfluss beginnt erst ab 1945). 9.4 Die Normierung Nur knapp kann auf die Normierung der Schreibung eingegangen werden, also auf den Übergang von der (bis dahin variantenreichen) Graphie zur Orthographie (hierzu ausführlicher Nerius 4 2007: Kap.III). Die dt. Orthographie entstand 1902 im Anschluss an die II. Orthographische Konferenz. Allerdings haben schon Jahrhunderte zuvor Normierungsversuche stattgefunden, für die auf Moulin (1991), Jakob (1999), Veith (2000), Augst ( 2 2004) und Nerius ( 4 2007) verwiesen sei. Das Fnhd. ist von starker Dialektalität geprägt. Entsprechend kommt es zu zahlrei‐ chen, heterogenen Verschriftungsverfahren, die jedoch im Laufe der Jahrhunderte eine gewisse Überregionalisierung und damit einen Ausgleich erfahren (Wolf 2000). Gefördert wird dies durch den Buchdruck, d. h. durch weitverbreitete und vielgelesene Bibelübersetzungen sowie andere Literatur (Giesecke 1990, Hartweg 2000), weniger durch Grammatiker und Orthographen, die eine Einheitsschreibung zwar fordern, aber wenig beeinflussen. Es entstehen also sog. Schreiblandschaften und Schreibsprachen, die die kleinräumige Dialektalität überwinden. Aus der für heutige Verhältnisse jedoch immer noch unermesslichen Vielfalt an Schreibungen greifen wir nur wenige 9.4 Die Normierung 295 <?page no="296"?> Phänomene heraus, die im Laufe der Zeit eine Variantenreduzierung erfahren haben (Ebert u. a. 1993). So hat der Buchstabe 〈y〉, auch 〈y̋ 〉 und 〈ÿ〉 geschrieben, der aus einer Verschmelzung (Ligatur) von 〈i〉 + 〈j〉 entstanden war, relativ frei mit 〈i〉 und 〈j〉 variiert: 〈iar, iung〉, 〈eyn, yener〉, 〈yn, jn, in〉, 〈hymel〉, 〈kint, kynt〉 etc. Besonders häufig kam 〈y〉 in der Diphthongschreibung 〈ay〉 und 〈ey〉 vor (vgl. die Schreibung der Familiennamen 〈Mayer, Meyer〉 oder 〈Bayer, Beyer〉). Langfristig wurde 〈y〉 abgebaut zugunsten von 〈i〉. Der Buchstabe 〈j〉 zog sich auf den Wortanfang für den Laut / j/ zurück. Auch in Luthers Drucken lässt sich zwischen 1516 und 1545 ein solcher Variantenabbau beobachten, u. a. der Übergang von 〈ey〉 zu 〈ei〉 (Besch 2000). Ein anderes Beispiel ist die Schreibung von / u / , das gemäß Ebert u. a. (1993: 46) neun Schreibvarianten hatte: neben 〈u, uͤ, uͦ, uͮ〉 und weiteren Diakritika (Zusatzzeichen am Buchstaben) auch 〈v〉 und 〈w〉. Viele dieser Buchstabenvarianten konnten wiederum für andere Laute wie / uː / , / y / , / yː / , / v / und / f / stehen, d. h. es kam zu beidseitigen Mehrdeutigkeiten. Beispiele für die / u/ -Schreibung: 〈wnd, vnd, und〉, 〈zwcht, zucht〉, 〈darvm, darum〉 etc. 〈w〉 kam dabei besonders häufig in Diphthongen wie 〈aw, äw, ew〉 vor. Ab dem 17. Jh. zieht sich 〈v〉 zurück, während 〈u〉 sich ausgebreitet und 〈w〉 sich auf die Wiedergabe von / v / (〈Wasser, wie〉) spezialisiert hat. Besonders im 18. Jh. verstärken sich solche Systematisierungsprozesse. Vielgestaltig waren auch die Schreibmöglichkeiten des Diphthongs / ai / mit bis zu 14 Varianten und von / k / mit 20 Varianten (darunter viele Buchstabenkombinationen). Natürlich herrschte eine solche Vielfalt nicht zur gleichen Zeit am gleichen Ort, doch kam es durchaus innerhalb des gleichen Textes bei gleichen Wörtern zu unterschied‐ lichen Schreibungen. So ist es verständlich, dass es zu Bestrebungen nach orthogra‐ phischer Vereinheitlichung kam. Bei den Vorschlägen seitens der Grammatiker und Orthographen gab es verschiedene Positionen: Manche wollten eher den Usus festset‐ zen, andere hingegen die Schreibung systematisieren im Sinne einer Annäherung an die Lautung. Bei der lautnahen Verschriftung gilt es jedoch zu bedenken, dass im 18. Jh. keine Orthophonie, also keine standardisierte Aussprache bestand. Zu Beginn des 19. Jhs. war es Usus, Substantive groß zu schreiben, das Dehnungs-h und die 〈ie〉-Schreibung zu verwenden und morphologisch motivierte Umlaute zu schreiben. Rieke (1998) stellt anhand des Vergleichs verschiedener Bibeldrucke (z. B. aus Halle, Lüneburg, Frankfurt, Nürnberg, Straßburg) im 18. Jh. bezüglich der (lange besonders uneinheitlichen) Vokallängebezeichnungen fest, dass zu Ende des 18. Jhs. die meisten Drucke zu über 90 % mit der heutigen Orthographie übereinstimmen. Das heißt, der Usus war damals schon ziemlich homogen. Im Gefolge der im 19. Jh. eingeführten Schulpflicht und der dadurch bedingten wachsenden Teilhabe der breiten Bevölkerung an der Schriftlichkeit ergab sich die Forderung nach einer einheitlichen, systematischen und verbindlichen Orthographie. Dieser Wunsch hat sich durch die Reichsgründung 1871 verstärkt. Was um diese Zeit noch schwankte, war die Verwen‐ dung des Dehnungs-h (wohl/ wol, Krahn/ Kran), von Vokalverdoppelungen (Scheere/ Schere, Schaar/ Schar), von 〈ey / ei〉-Schreibungen (〈beyde / beide〉), die auch zur Homo‐ 296 9 Graphematischer Wandel <?page no="297"?> nymenunterscheidung genutzt wurden (〈seyn〉: Hilfsverb vs. 〈sein〉: Possessivprono‐ men), sowie von 〈th / t〉-Schreibungen (〈Noth / Not〉) (Nerius 4 2007: 333 f.). Schwankun‐ gen gab es ebenfalls bei der Groß- und Kleinschreibung (〈morgens / Morgens〉, 〈schuld sein / Schuld sein〉, 〈jemand / Jemand), bei der Getrennt- und Zusammenschreibung (〈Theil nehmen / theilnehmen〉, 〈statt finden / stattfinden〉) und bei der Worttrennung am Zeilenende. Jacob Grimm setzte sich dabei für die Abschaffung der Substantivgroßschreibung ein, die er als „misbrauch groszer buchstaben“, als dt. „laster“ und als Gipfel „unsrer pedantischen unart“ kritisierte (Grimm 1864: 350/ 1). Er selbst schrieb konsequent klein. Grimm war auch gegen die 〈 th 〉 -Schreibung und vor allem für eine stark historische, meist sogar rehistorisierende Schreibung, die den Schreibenden sprach‐ geschichtliche Kenntnisse abverlangte und sich daher nicht durchsetzte. So sollten Fälle von unhistorischem Dehnungs-h und unhistorischer 〈 ie 〉 -Schreibung wieder rückgängig gemacht werden: 〈Nat, Bine〉. Dem stellte sich die phonetische Richtung entgegen, deren radikale Ausrichtung eine strikte, beidseitige 1: 1-Beziehung zwischen Laut und Buchstabe forderte, artikuliert durch den „Algemeine[n] ferein für ferein‐ fahte rehtschreibung“ von 1876. Also: / k / ←→ 〈k〉 (*〈q(u), ck, c〉), / f / ←→ 〈f〉 (*〈v, ph〉), / χ / ←→ 〈h〉 (*〈ch〉), / ʃ / ←→ 〈š〉 (*〈sch〉) etc. Doppelbuchstaben waren nicht vorgesehen, Vokallänge wurde durch einen Strich über dem Buchstaben angezeigt: 〈bēre〉, 〈mōr〉. Nur Eigennamen und Satzanfänge sollten groß geschrieben werden. Hieraus entwickelte sich eine gemäßigte Richtung mit Raumer, Wilmanns und Duden als wichtigsten Vertretern, die gleichzeitig den Anschluss an die Tradition, also an den Usus wahren wollten. Diese gemäßigte phonetische Richtung hat sich durchgesetzt. Duden verfasste 1872 „Die deutsche Rechtschreibung“ und 1880 - also noch vor der Normierung - das „Vollständige orthographische Wörterbuch der deutschen Sprache“, das bis 1900 sechsmal aufgelegt wurde. Im Januar 1876 fand in Berlin die I. Orthographische Konferenz statt, die vor allem aus Vertretern der gemäßigten phonetischen Richtung bestand. Insbesondere der Beschluss, die Vokallängebezeichnungen aufzugeben (wie in 〈wülen, Har, Par, Folen, Hun, Stul, ungefär〉), führte zu so starken Protesten und Widerständen, dass das Regel‐ werk nicht eingeführt wurde (Lohff 1980). Im Juni 1901 fand die II. Orthographische Konferenz statt, die diese Regelung wieder zurücknahm, aber alles andere, was schon 1876 auf dem Plan stand, beschloss: Abschaffung der 〈th〉-Schreibung in einheimischen Wörtern (〈Thier〉 zu 〈Tier〉, 〈Athem〉 zu 〈Atem〉, 〈Noth〉 zu 〈Not〉), die Suffixe -〈niß〉 und -〈iren〉 wurden zu -〈nis〉 und -〈ieren〉 (〈studieren〉), 〈ey〉 wurde zu 〈ei〉, viele Fremdwörter mit 〈c〉 wurden, je nach Lautwert, mit 〈k〉 oder 〈z〉 geschrieben (Casse > Kasse, Cultur > Kultur; Medicin > Medizin, December > Dezember), die Indefinitpronomen 〈jemand, alle, keiner〉 etc. wurden nun klein geschrieben, die Silbentrennung wurde geregelt, u. a. auch, dass 〈st〉 nicht getrennt werden darf. Die Interpunktion wurde nicht behandelt (dies geschah erst 1915). Diese Beschlüsse traten 1902 in Kraft und wurden auch von Österreich und der Schweiz gebilligt. Das Regelwerk galt bis 1996, doch hat es unter der Hand (also schleichend in den verschiedenen Auflagen des Dudens) 9.4 Die Normierung 297 <?page no="298"?> immer wieder kleinere Veränderungen gegeben, die sich am allgemeinen Gebrauch orientierten. Im 20. Jh. gab es mehrere Bemühungen um weitere Reformen, die teilweise die sog. gemäßigte Kleinschreibung forderten, d. h. die von Substantiven, nicht aber die von Eigennamen (Nerius 4 2007: Kap. 9). Die Rechtschreibreform von 2006 hat die Trennung von 〈s〉 und 〈t〉 zugelassen sowie weitere Trennungsregeln vereinfacht, v. a. die 〈ss / ß〉-Schreibung von der Länge des vorangehenden Vokals abhängig gemacht (s. Kap. 9.1.2), die Substantivgroßschrei‐ bung verstärkt (heute abend > heute Abend), die Schreibung mit Bindestrich verstärkt (2jährig > 2-jährig), ebenso das morphologische Stammprinzip (Bendel > Bändel wegen Band) und die Zeichensetzung vereinfacht. In vielen Fällen, vor allem bei der Fremd‐ wortschreibung, sind Varianten erlaubt. Am umstrittensten waren die Eingriffe in die Getrennt- und Zusammenschreibung zugunsten vermehrter Getrenntschreibung, weil dadurch semantische Differenzierungsmöglichkeiten nivelliert wurden, doch wurde dieser Bereich nochmals überarbeitet und in Richtung Zusammenschreibung vor allem lexikalisierter Einheiten (rück-)überführt (s. http: / / rechtschreibrat.ids-mannheim.de/ d oku; Veith 2000, Garbe 2000). Zum Weiterlesen Nerius ( 4 2007) liefert einen gut lesbaren Überblick sowohl über die synchronen Verschriftungsregularitäten, die Laut-Buchstaben-Zuordnungen etc. als auch über die Entstehung unserer heutigen Orthographie, bei der insbesondere die frühen Bestrebungen um eine Rechtschreibung behandelt werden. Munske (ed.) (1997) stellt viele (auch kritische) Beiträge desselben Autors zur Orthographie und ihrer Reform zusammen. Gerade für Anfänger noch besser verständlich ist Munske (2005a), der die Geschichte unserer Schreibung behandelt. Bergmann (1999) fasst kurz und bündig die wichtigsten Erkenntnisse zur Entstehung der Substantivgroßschreibung zusammen, Szczepaniak (2011b, 2022) und Dücker (2024) zeigen weitere Forschungsperspektiven auf. Voeste (2008) macht deutlich, wie stark das Dt. in seiner Geschichte das Prinzip der Phonographie überformt. Einen Schwerpunkt auf regionale historische Schreibungen legt Elmentaler (2018). 298 9 Graphematischer Wandel <?page no="299"?> Teil II Ebenenübergreifender Sprachwandel Der Symmetrie des Formensystems ist also im Lautwandel ein unaufhaltsam arbeitender Feind und Zerstörer gegenüber gestellt. Man kann sich schwer eine Vorstellung davon machen, bis zu welchem Grade der Zusam‐ menhangslosigkeit, Verworrenheit und Unverständlichkeit die Sprache allmählich gelangen würde, wenn sie alle Verheerungen des Lautwandels geduldig ertragen müsste, wenn keine Reaktion dagegen möglich wäre. Ein Mittel zu solcher Reaktion ist nun aber in der Analo‐ giebildung gegeben. Mit Hilfe derselben arbeitet sich die Sprache allmählich immer wieder zu angemesseneren Verhältnissen durch, zu festerem Zusammenhalt und zweckmäßiger Gruppierung in Flexion und Wortbildung. So sehen wir denn in der Sprachgeschichte ein ewiges Hin- und Herwogen zweier entgegen‐ gesetzter Strömungen. Auf jede Desorganisation folgt eine Reorganisation. Je stärker die Gruppen durch den Lautwandel angegriffen werden, umso lebendiger ist die Tätigkeit der Neuschöpfung. Hermann Paul (51920 / 1975): Prinzipien der Sprachgeschichte, § 18 <?page no="301"?> 39 Es gab auch Ablaut in Affixen, dessen Spuren man z. B. in Ortsnamen wie Mein-ingen / Mein-ungen findet, den wir hier aber vernachlässigen. 10 Von der Phonologie in die Morphologie: Ablaut und Umlaut 10.1 Ablaut: Fossil ebenenübergreifenden Wandels? Der Begriff Ablaut stammt wie auch das folgende flammende Plädoyer für dieses Phänomen von Jacob Grimm. fühlt man aber nicht, dasz es schöner und deutscher klinge zu sagen buk wob boll (früher noch besser wab ball) als backte webte bellte, und dasz zu jener form die participia gebacken gewoben gebollen stimmen? im gesetze des ablauts gewahre ich […] den ewig schaffenden wachsamen sprachgeist, der aus einer anfänglich nur phonetisch wirksamen regel mit dem heilsamsten wurf eine neue dynamische gewalt entfaltete, die unserer sprache reizenden wechsel der laute und formen zuführte. es ist sicher alles daran gelegen ihn zu behaupten und fortwährend schalten zu lassen. (Grimm 1864: 340) Ablaut bezeichnet in den indoeuropäischen (ie.) Sprachen den systematischen Wechsel von Vokalen in etymologisch verwandten Wörtern wie in fahren und Furt, singen und Gesang und in zusammengehörigen Flexionsformen wie fahren - fuhr, singen - sangen. Im Gegensatz zur Affigierung, bei der die grammatische Information an der Peripherie des Wortstamms markiert wird, ist Ablaut ein modulatives Verfahren, das direkt im Stamm greift, also einen sehr hohen Fusionsgrad mit diesem aufweist (s. Kap. 3.1.5.2). 39 Das Zitat von Grimm thematisiert zwei Aspekte, die im Folgenden genauer betrachtet werden: erstens Ablaut als systematisch genutztes Verfahren in der starken Verbflexion („gesetz“) inklusive der Frage, ob diachron ein Abbau stattfindet und wenn ja, wie dieser verläuft (ball > boll > bellte). Dabei fragt sich, ob man nicht doch heute noch Symptome der „dynamische[n] gewalt“ des Ablauts, also Erhalt und womöglich Produktivität, feststellen kann. Zweitens äußert Grimm sich zur Entstehung des Ablauts und charakterisiert ihn als ein ursprünglich phonetisches Phänomen, das sich in den Kern der Grammatik vorgearbeitet hat. Dieser Aspekt wird hier zuerst thematisiert. 10.1.1 Entstehung des Ablauts: Von der Phonologie in die Morphologie Der Ablaut ist ein sehr altes Phänomen, das die germ. Sprachen aus ihrer ie. Vorstufe (um 4000 v.C.) ererbt und dabei stark vereinfacht und systematisiert haben. Sein Alter ist so hoch, dass er bereits im Ie. morphologisiert war, d. h. er gehorchte nicht mehr phonologischen Regeln, sondern seine Verteilung war abhängig von der morphologischen Umgebung. Er wurde sowohl in der Flexion als auch in der Derivation <?page no="302"?> 40 Der Asterisk * markiert Rekonstruktionen, die hier nach Fortson ( 2 2010: 96) angesetzt sind. genutzt, wobei er zunächst kein eigenständiger grammatischer Marker, sondern nur Begleiterscheinung von Affixen und Akzentmustern war. Entstanden sein muss der Ablaut schon weit früher, in Vorstufen des rekonstruierba‐ ren Ie. - wie genau, ist bis heute umstritten und im Detail kompliziert (vgl. Mailhammer 2007a: 15-19 mit Lit.). Einigkeit besteht darüber, dass phonetisch-prosodische Auslöser anzunehmen sind. Wichtig ist dabei, dass im Ie. der Akzent noch frei beweglich war, also nicht nur auf der Wurzelsilbe, sondern auch auf Suffixen sitzen konnte, ähnlich wie heute in Lehnwortfamilien wie Musík, Musikánt, Músiker, musikálisch, Musikalitä́t. Es gibt zwei Arten von Ablaut: quantitativen und qualitativen. Der sog. quantitative Ablaut geht wahrscheinlich auf unterschiedliche Betonungsmuster bei einem Druck‐ akzent zurück, d. h. einem Wortakzent, der hauptsächlich durch Atemdruck und damit Lautstärke erzeugt wurde. Die Vokalfärbung bleibt dabei weitgehend gleich, aber die Dauer variiert, so dass sich daraus die Optionen Normal- und Schwundstufe entwickeln konnten. Da sich im Dt. die Ablautvokale stark verändert haben, lässt sich dies besser am Lateinischen illustrieren, das ebenfalls zu den ie. Sprachen gehört: Quantitativer Ablaut (Abstufung) Normalstufe es (< ie. *h 1 és-si) 40 ‘bist’ Schwundstufe _sunt (< ie. *h 1 _s-énti) ‘sind’ Normalstufe tegere ‘decken’ Dehnstufe tēgula ‘Ziegel’ Die Normalstufe (häufig ein e) geht aus einer akzentuierten Stellung hervor wie in der Form lat. es ‘bist’, die sich auf ie. *h 1 és-si mit Akzent auf der Wurzelsilbe zurückführen lässt. Stand der Vokal in der unbetonten Akzentsenke, so entstand eine Schwundstufe, d. h. der Vokal wurde getilgt, hier markiert durch eine Leerstelle (lat. es vs. _sunt): Der Vokal e vor sunt ist geschwunden, die Form geht auf endbetontes schwundstufiges ie. *h 1 _s-énti zurück. Für die gelängte Dehnstufe ē wie in lat. tēgula zu tegere wird heute angenommen, dass sie eine jüngere ie. Entwicklung und durch Kontraktion, das Verschmelzen mehrerer Laute in der Lautkette, entstanden ist. Die zweite Art von Ablaut wird als qualitativer Ablaut bezeichnet und war im Ie. häufig durch die sog. Abtönungsstufe o gegenüber der Normalstufe e vertreten (vgl. lat. toga zu tegere). Qualitativer Ablaut (Abtönung) Normalstufe tegere ‘decken’ Abtönungsstufe toga ‘Toga (Umhang)’ 302 10 Von der Phonologie in die Morphologie: Ablaut und Umlaut <?page no="303"?> Hier ist die Entstehung unklarer als beim quantitativen Ablaut. Ein Erklärungsversuch geht davon aus, dass die Umfärbung in einer nicht rekonstruierbaren Phase vor dem Ie. durch einen musikalischen oder Tonakzent bedingt war, also einen Akzent, der nicht über Lautstärke, sondern über Tonhöhe bzw. -verlauf erzeugt wurde. Dabei hätte sich dann eine neue Vokalqualität, o statt e, entwickelt. Ein anderer Ansatz nimmt eine Vokalreduktion bei schwacher Akzentuierung an, gefolgt von einer Umfärbung des reduzierten Vokals durch kombinatorischen Lautwandel und der analogischen Aus‐ breitung der so entstandenen o-Varianten (zu Näherem s. z. B. Schweikle 5 2002: 76-84, Tichy 2 2004: 31-40, Mailhammer 2007a: 15-19, Ringe 2 2017: 236-250 mit Literatur). Auch wenn seine Entstehung nicht vollkommen geklärt ist, kann der Ablaut als vorgeschichtliches Beispiel für ebenenübergreifenden Wandel angeführt werden: Die Ablautalternanzen waren zunächst automatisch an Akzentunterschiede und andere phonologische Bedingungen geknüpft, so dass die alternierenden Vokale den Status kontextabhängiger (kombinatorischer) Allophone hatten (s. Kap. 2.1). Der Ablaut war also anfangs auf der phonetischen Ebene angesiedelt. Als die phonologischen Prozesse, die Schwund, Dehnung und Umfärbung verursachten, ihre Produktivität verloren (schon auf dem Weg zum rekonstruierbaren Ie.), bedeutete dies für die Ablautvokale den Übergang von Allophonen zu Phonemen, also den Schritt auf die phonologische und morphologische Ebene. Trotzdem war der Ablaut zunächst noch eine Begleiter‐ scheinung anderer morphologischer Mittel, v. a. verschiedener Flexionsaffixe, die teils einen Umsprung des Wortakzents bewirkten, s. z. B. ie. *kélb-onom ‘helfen, Inf.’ - *ke-kólb-e ‘3.Sg.Perfekt’ - *ke-k_lb-mé(-) ‘1.Pl.Perfekt’. An diesem Beispiel sieht man auch, dass partielle Reduplikation im ie. Perfekt ein regulär genutztes Verfahren war (hier ke-: dabei wird der Anlaut+Vokal der Wurzel kopiert und als Flexiv der Stammsilbe vorangestellt; vgl. auch Lateinisch, z. B. pellere - pe-pulī ‘schlagen - schlug u. a.’). Ein wichtiger Schritt zur morphologischen Verselbstständigung des Ablauts ist im Übergang zur germ. Phase zu verzeichnen. Mit der Festlegung des Akzents auf die erste Silbe im Wort (Initialakzent, s. Kap. 2.1) war der Ablaut nicht mehr aus Akzentmustern vorhersagbar und die aus dem Ie. ererbten Flexionssuffixe wurden nach und nach abgeschwächt. Außerdem fand zum Germ. hin eine einschneidende Vereinfachung der Verbflexion statt, bei der Verfahren wie Reduplikation abgebaut wurden und Ablaut in der Anzeige grammatischer Kategorien stark systematisiert und funktionalisiert wurde. Seine funktionale Belastung nahm zum Mhd. hin noch weiter zu, als die fortschreitende Nebensilbenreduktion Kategorienunterschiede in den Suffixen aufhob, vgl. z. B. ahd. helf-emēs (1.Pl.Präs.) vs. hulf-um (1.Pl.Prät.) > mhd. helf-en - hulf-en. Hier wird der Ablaut vom Nebenmarker zum Hauptmarker (Wurzel 1996), d. h. zum alleinigen Träger morphologischer Funktionen, v. a. Tempus. Die Entwicklung des Ablauts in der Verbflexion wird in 10.1.2 genauer diskutiert. Reste von Ablaut lassen sich daneben auch in der Wortbildung fassen. Als Beispiel hierfür wird in 10.1.3 die Ableitung von Kausativa (nach lat. causare ‘verursachen’) vorgestellt. Das sind schwache Verben, die von starken Grundverben abgeleitet sind und deren Semantik sich umschreiben lässt mit ‘verursachen, dass jmd./ etw. die Hand‐ 10.1 Ablaut: Fossil ebenenübergreifenden Wandels? 303 <?page no="304"?> lung der Ableitungsbasis vollzieht’. So ist z. B. zur germ. Vorform der Ableitungsbasis trinken das kausative Verb tränken ‘veranlassen, dass jmd./ etw. trinkt’ gebildet worden. 10.1.2 Fallbeispiel Flexion: Starke Verben 10.1.2.1 Systematisierung und Funktionalisierung des Ablauts Die Systematisierung und Funktionalisierung des Ablauts am Übergang von der ie. zur germ. Stufe ist im Vergleich zu anderen ie. Sprachen bemerkenswert. Zum einen findet eine extreme Vereinfachung statt, zum anderen eine Systematisierung in der Tempusanzeige. Die Vereinfachung zeigt sich sowohl formal als auch funktional: Auf der Formseite wird von den zahlreichen konkurrierenden Bildungsmustern des ie. Präsens im We‐ sentlichen nur eines, mit Akzent auf der Wurzel und Ablaut der Normalstufe e, beibe‐ halten und generalisiert. Reduplikation, die ein Kennzeichen des ie. Perfekts war, wird in den germ. Präteritalformen, die sich aus dem Perfekt entwickelt haben, weitgehend aufgegeben. Auf der funktionalen Seite wird das komplexe Kategoriensystem des ie. Verbs stark vereinfacht. Dieses basierte grundlegend auf einem Aspektunterschied. Aspekt markiert zwei Grundperspektiven auf die Handlung: (a) als im Verlauf aus der Innenperspektive (= imperfektiv), hierzu gehören die ie. Kategorien Präsens und Imperfekt, und (b) als abgeschlossen aus der Außenperspektive (= perfektiv) mit den ie. Kategorien Aorist für punktuelle abgeschlossene Handlungen und Perfekt, das den Resultatszustand einer abgeschlossenen Handlung markierte. Dieses Aspektsystem wird im Übergang zum Germ. zu einem tempusbasierten System mit der einfachen Unterscheidung Präsens vs. Präteritum umgebaut. Formal werden im neuen Präteritum die ie. Perfektformen fortgeführt, die ursprünglich einen präsentischen Zustand nach abgeschlossener Handlung markierten. Funktional werden sie dabei als Vergangen‐ heitsformen reinterpretiert (vgl. Ringe 2 2017: Kap. 3.3.1). Dass Aspektformen temporale Funktionen entwickeln, ist in den Sprachen der Welt nicht selten und wiederholt sich in der Geschichte des Dt. mit dem viel jüngeren Perfekt (vgl. Kap. 12.2.3). Die Systematisierung des Ablauts zum Germ. hin zeigt sich darin, dass nun Ablautstu‐ fen (= Stammformen, Teile eines Alternanzmusters) die Grundlage der Formenbildung werden. Traditionell werden vier Stufen angesetzt, denen die morphologischen Funktio‐ nen in Tab. 33, oberste Zeile, zugeordnet sind. Für die weitere Entwicklung des Dt. wird unter diesen Funktionen die Tempusfunktion am wichtigsten. Mit der klaren Kopplung an grammatische Funktionen rückt der Ablaut mit in die morphologische Ebene der Grammatik auf und trägt zur Markierung von Tempus, Modus und Numerus bei. Weil es für die Füllung der Stufen mit Ablauten mehrere Muster gibt, setzt man für das Germ. sechs, für das Ahd. sieben Ablautreihen (= verschiedene Alternanzmuster) an. Wie man sehen kann, ist das System ursprünglich sehr einfach strukturiert und ba‐ siert im Wesentlichen auf dem Muster ie. e - o - Null (Normalstufe - Abtönungsstufe - Schwundstufe). Nur in den Reihen IV und V ist die Systematik durchbrochen; hier sind in Stufe 3 Dehnstufen eingetreten, bei Reihe V in Stufe 4 außerdem eine Normalstufe. Die Reihen VI und VII, die keinen direkten Vorläufer im Ie. haben, sind einfacher 304 10 Von der Phonologie in die Morphologie: Ablaut und Umlaut <?page no="305"?> Tab. 33: Das altgermanische Ablautsystem (N = Nasal, L = Liquid, C = Konsonant, V = Vokal) strukturiert: In Stufen 1 und 4 bleibt der Vokal gleich und Stufen 2 und 3 sind nicht differenziert. Reihe VII entsteht erst in den frühen germ. Einzelsprachen. Sie nimmt zum Ahd. hin viele Verben auf, die im Gotischen, der am frühesten belegten germ. Sprache (um 500 n.C.), noch reduplizieren (vgl. got. haí-hait - ahd. hiez ‘hieß’; laí-lôt - ahd. liez ‘ließ’). Anders als bei den Reihen I-V ist hier die Stammauslautkonsonanz auch kein verlässlicher Indikator der Reihenzuordnung. (Zur Rekonstruktion der germ. Ablautreihen s. Mailhammer 2007a,b, Ringe 2 2017: 236-250). Ein so einfaches System, in dem der Ablaut eine so zentrale Rolle in der Tempusan‐ zeige spielt, hat unter den ie. Sprachen nur das Germ. entwickelt. Stedje (1987) vermutet als erste frühen Sprachkontakt als Auslöser für diese Umbrüche und Vereinfachungen. Mailhammer (2006, 2007a basierend auf Vennemann) baut diese Annahme zu einem Kontaktszenario aus, das in der Forschung umstritten ist: Er vermutet Sprechende einer semitischen Sprache als Kontaktgruppe, im Verdacht stehen Phönizier. Diese sollen in intensivem Kontakt mit einer spät-ie. Sprachgemeinschaft gestanden haben, als kleinere aber sozial angesehene Gruppe einen Sprachwechsel zu der spät-ie. Varietät vollzogen und auf diese Weise wesentlich das spätere Germ. beeinflusst haben. In semitischen Sprachen ist Stammvokalwechsel grammatisch stark funktionalisiert: Das feste konsonantische Gerüst der lexikalischen Wurzel wird dabei mit Vokalen gefüllt, die Flexions- und Derivationskategorien markieren, z. B. im modernen Arabi‐ schen k_t_b-: kitaab - kutub ‘Buch, Sg. - Pl.’, kaatib ‘Autor’, a-ktub-u ‘ich schreibe’ - katab-tu ‘ich schrieb’ (Ryding 2006: 46, 441-43). Ähnlich waren die Verhältnisse auch im Phönizischen. Diesem Prinzip ähneln einige der germ. Ablautreihen mit ihrem festgelegten konsonantischen Gerüst. Das Phönizische hatte auch ein Aspektsystem mit einem Perfekt, das wahrscheinlich funktionsähnlich zum ie. Perfekt war, so dass Kommunizierende auf Formwie Funktionsseite Parallelen erkennen konnten. Das Szenario geht davon aus, dass Sprechende des Phönizischen, als sie Spät-Ie. als Fremdsprache lernten, gerade die ihrer Sprache ähnlichen formalen und funktionalen Merkmale, nämlich Ablaut und Perfekt, übergeneralisiert, andere Komplikationen des 10.1 Ablaut: Fossil ebenenübergreifenden Wandels? 305 <?page no="306"?> ie. Systems aber aufgegeben haben (z. B. Reduplikation, die vielen Präsensbildungen und den Aorist). Die Phönizier hätten also im Zuge ihres Sprachwechsels ein gegenüber der Zielsprache Spät-Ie. vereinfachtes und durch Eigenschaften ihrer Erstsprache geprägtes Verbalsystem entwickelt. Weil sie die sozial überlegene Gruppe waren, habe sich ihr vereinfachtes Lerner-Verbalsystem in der ganzen Sprachgemeinschaft durchsetzen und die Basis des germanischen Systems bilden können. Mailhammer (2006, 2007a) stützt diese These mit einem rekonstruierten System‐ vergleich der beiden Sprachen und mit dem etymologischen Argument, dass sich viele der germ. starken Verben nicht sicher auf ie. Vorläufer (manche aber vielleicht auf semitische Wurzeln) zurückführen lassen. Dieses Szenario ist interessant und elaboriert, bleibt in weiten Teilen aber tatsächlich spekulativ. Es fragt sich z. B.: Wenn so stark vereinfacht wurde, warum behielt man den Numerusablaut im Prät. bei, der eine Komplikation ohne Parallele im phönizischen System war? Und warum zeigt sich ein derart intensiver Kontakteinfluss, wie man ihn für dieses Szenario annehmen muss, nicht auch in anderen Bereichen der Grammatik, z. B. in der Nominalmorphologie? Auch archäologisch ist ein starker Kontakt Phönizisch-Vorgermanisch nicht verifiziert. Auch wenn sich wahrscheinlich nie nachweisen lässt, welche Kontaktsprache(n) wirklich im Spiel waren, ist Kontakt als solcher keine unwahrscheinliche Ursache für die Vereinfachungen und Systematisierungen, die zum Germ. hin stattfanden. 10.1.2.2 Aufsplitterung der Ablautreihen und Vereinfachung der Ablautstufen Das in Tab. 33 dargestellte ursprünglich sehr klare und leicht lernbare System wird in der weiteren Entwicklung durch Lautwandel aufgesplittert. Tab. 34 zeigt stark vereinfacht die ahd. Ablautreihen. AL-Stufe→ ↓ AL-Reihe 1 2 3 4 Nhd. I a grīfgreif griff- (gi)griffan greifen I b vor h, w dīhdēh dig- (gi)digan gedeihen II a biegboug bug- (gi)bogan biegen II b vor d, t, s, h bietbōt but- (gi)botan bieten III a i + NC bintbant bunt- (gi)buntan binden III b e + LC helfhalf hulf- (gi)holfan helfen IV e + N/ L nem-, stelnam, stal nām-, stāl- (gi)noman, (gi)stolan nehmen, stehlen V e + C gebgab gāb- (gi)geban geben VI grabgruobgigraban graben VII halt-, loufhielt-, liefgihaltan/ giloufan halten/ laufen Tab. 34: Ahd. Ablautreihen der starken Verben 306 10 Von der Phonologie in die Morphologie: Ablaut und Umlaut <?page no="307"?> Die Regularitäten der Ablautreihenzuordnung sind zum Teil noch anhand der Kon‐ sonanten im Wurzelauslaut erschließbar (z. B. Reihe IIIa: i-a-u-u bei folgendem Nasal+Konsonant) und werden in Einführungen ins Ahd. (wie Meineke/ Schwerdt 2001) und ins Mhd. (wie Hennings 4 2020) zur Genüge erklärt. Hier sei nur darauf hingewiesen, dass es im Unterschied zu den heutigen Formen in den Reihen I-V einen Numerusablaut (Stufen 2 vs. 3) im Prät. gab, dessen Abbau in Kap. 3.1.3 verfolgt wurde. Davon ausgenommen sind die jüngeren Ablautreihen VI und VII, die nie präteritalen Numerusablaut besaßen. Im Vergleich zu Tab. 33 fällt erstens auf, dass sich die ursprünglichen Ablautvo‐ kale stark verändert haben. Zweitens wurden einige der sieben Alternanzmuster aufgesplittert, weil sich die Ablautvokale durch kombinatorischen Lautwandel, d. h. abhängig von Lauten in ihrer Umgebung, unterschiedlich weiterentwickelt haben. Wir betrachten dazu exemplarisch die Ablautreihen IIIa und b (Tab. 35): Stufen 1 2 3 4 Ie. (‘=Akzentsitz) e-Normalst. *b h énd h - *kélbo-Abtönungsst. *-b h ónd h - *-kólb- Schwundst. *-b h nd h - ´ *-klb- ´ Schwundst. *-b h nd h - ´ *-klb- ´ Ahd. IIIa: N+C bindband bund- (gi)bundan Ahd. IIIb: L+C helfhalf hulf- (gi)holfan Tab. 35: Aufsplitterung der Ablautreihe III Die Unterschiede zwischen Ahd. und Ie. lassen sich diachron durch phonologischen Wandel erklären: Vom Ie. zum Germ. sind alle kurzen o > a geworden (s. Stufe 2) und in allen Schwundstufen mit Nasalen und Liquiden statt Vokalen als Silbenträger wurde im Germ. als sog. Sprossvokal ein u eingefügt, damit sie sich leichter aussprechen ließen (Stufen 3+4). Die ursprünglich einheitliche Ablautreihe III hat sich dann in den Stufen 1 und 4 durch kombinatorischen Lautwandel aufgespalten. In Stufe 1 wurde in Reihe IIIa, ausgelöst durch Kontaktassimiliation mit der folgenden Verbindung aus Nasal (n, m)+Konsonant, bei der die Zunge eine hohe Position einnimmt, der germ. Vokal e zu i gehoben (sog. ventus-Wind-Gesetz). Vor Liquid (l, r) + Konsonant in Reihe IIIb blieb das alte e dagegen erhalten. In Stufe 4 hat Reihe IIIb geneuert: Hier wurde germ. u zu o gesenkt, ausgelöst durch das offene a der Endung (sog. westgerm. Senkung). In Reihe IIIa wurde dieser Wandel jedoch durch die hebend wirkende Kombination aus Nasal+Konsonant verhindert (z. B. Schweikle 5 2002: 87 f., Salmons 2 2018: 128). Schon im Ahd. sind die Ablautreihen also nicht mehr homogen. Zum Nhd. hin kommen noch viele weitere solcher Veränderungen hinzu, was zu einer extremen Aufsplitterung der Ablautreihen führt (s. u., Tab. 39). Mitbedingt durch diesen Komplikationszuwachs wurden die Ablautstufen in der fnhd. Phase vereinfacht, indem der präteritale Numerusablaut aufgegeben wurde (s. Kap. 3.1.3). Das wird an helfen (Ablautreihe IIIb) in Tab. 35 nochmals illustriert. 10.1 Ablaut: Fossil ebenenübergreifenden Wandels? 307 <?page no="308"?> In Dialekten südlich der Mainlinie ist die Vereinfachung noch stärker, da hier das Präteritum ganz geschwunden ist (s. Kap. 12.2.3). - Stufe 1 Stufe 2 Stufe 3 Stufe 4 mhd. helfen half hulfen geholfen nhd. helfen half, halfen geholfen obd./ wmd. Dialekte helfe — g(e)holfe Tab. 36: Der präteritale Numerusausgleich Dass diese Reduktion gerade in der fnhd. Phase stattfand, war auch dadurch bedingt, dass das im Ahd. neu entstandene haben/ sein-Perfekt zunehmend Funktionen des Präteritums übernahm und sich auf Kosten von Präteritalformen ausbreitete (s. dazu Tab. 37 und Kap. 12.2.3). Präteritalformen wurden also in fnhd. Zeit seltener gebraucht und waren dadurch im mentalen Lexikon der Sprechenden nicht mehr so gut verankert. Das kann den Abbau der Komplikation Numerusablaut begünstigt haben (vgl. Nübling 1999a, Solms 1984: 311). Zeitraum Präteritum Perfekt 1350-1400 61 % 39 % 1650-1700 25 % 75 % Tab. 37: Gebrauchsfrequenz von Prät. und Perfekt (Solms 1984: 311) Beim Ablautausgleich entstanden, je nachdem ob sich die Singularform oder die Pluralform etablieren konnte, unterschiedlich starke Differenzierungen zwischen den Stammformen (Alternationstypen, s. Tab. 38). Typ A-B-B, z. B. reiten - ritt - geritten, behandelt Prät. und Part.Perf. gleich, die anderen beiden Typen differenzieren hier. Ein Typ entsteht dabei interessanterweise nie, nämlich *A-A-B, wahrscheinlich weil dadurch die Unterscheidung Präsens vs. Prät. aufgehoben und damit der relevante Tempusausdruck nivelliert wäre (vgl. auch Enger 1994). Tab. 38: Unterschiedliche Richtungen im präteritalen Numerusausgleich 308 10 Von der Phonologie in die Morphologie: Ablaut und Umlaut <?page no="309"?> Tab. 39: Aufsplitterung der Ablautalternanzen der starken Verben im Nhd. (nach Duden-Grammatik 6 1998: 127, für jedes Muster ergänzt um die Angabe der [häufigsten] ehem. AL-Reihe und des Alter‐ nanztyps) 10.1 Ablaut: Fossil ebenenübergreifenden Wandels? 309 <?page no="310"?> Tab. 39 gibt eine Übersicht über die verschiedenen Alternanzmuster im Nhd., die nach ihrer Mitgliederzahl geordnet ist; angegeben sind außerdem historische Ablautreihen und heutigen Alternanztypen. Wie oben schon angedeutet, wurden die Ablautreihen im Gegensatz zu den -stufen alles andere als vereinfacht, sondern durch phonologi‐ schen Wandel und unterschiedlich verlaufende analogische Ausgleichsprozesse noch weit stärker aufgesplittert als für das Ahd. gezeigt. Ein Beispiel für zersplitternden Lautwandel ist die fnhd. Dehnung kurzer Vokale in offener Tonsilbe (s. Kap. 2.5.5), die bei einigen Verben der Ablautreihe Ia im Prät. und Part.Perf. gewirkt hat (z. B. bei meiden), bei anderen aber nicht (z. B. bei reiten), wodurch eine Spaltung eintrat: r[ ɪ ]tt - ger[ ɪ ]tten vs. m[ iː ]d - gem[ iː ]den. Ein Beispiel für eine Abspaltung durch unterschiedlichen morphologischen Ausgleich ist Reihe III: Hier haben alle Verben das Prät. nach dem Sg.-Vokal ausgeglichen, s. o. ich half/ sang - wir hulfen/ sungen → half, halfen/ sang, sangen. Nur werden (Nr. 29) hat den Pluralvokal zu heutigem wurde generalisiert und irregulär ein Suffix -e etabliert, ward wurde im 19. Jh. aufgegeben. Auch kommen (< ahd. queman) hat sich aus seiner Ablautreihe IV abgesetzt und zum Einzelgänger entwickelt (Nr. 31), indem im Präs. das [ v ] in qu- [ kv ] sein Merkmal [gerundet] auf den folgenden Vokal übertragen, also e zu o gerundet hat und dann selbst geschwunden ist. In beiden Fällen handelt es sich um Irregularisierungen, wie sie für sehr gebrauchsfrequente Verben typisch sind (Nübling 2000, s. auch Kap. 3.1.4 und 3.1.5.3). Durch Prozesse wie diese wurde das ursprünglich einheitliche Ablautsystem in ca. 40 verschiedene Alternanzmuster aufgespalten; die meisten davon haben weniger als zehn Mitglieder, viele sind sogar nur einfach besetzt. Dies bedeutet einen immensen Zuwachs an Allomorphie in der relevanten Kategorie Tempus (vgl. Kap. 3.1.3 und 3.1.5.4). Wenn man Dt. als Fremdsprache lernt, lohnt es sich kaum, hier Regeln zu formulieren; es ist einfacher, die Verben als unregelmäßig auswendig zu lernen. Diese Lernschwierigkeit hat zu der Prognose geführt, dass alle starken Verben irgendwann abgebaut werden und zur schwachen Flexion übergehen. Dem ist aber nur bedingt so, wie im Folgenden gezeigt wird. 10.1.2.3 Umschichtungen im Spannungsfeld stark - schwach Es gibt zum einen durchaus einige relativ mitgliederstarke Muster, die in der Vergan‐ genheit auch neue Mitglieder angezogen haben: Der Alternanz ei-i-i (Nr. 1 und 3 in Tab. 39), die auf Ablautreihe I zurückgeht, sind etwa ahd. scrīban ‘schreiben’ sowie mhd./ fnhd. preisen, weisen und pfeifen beigetreten und der Alternanz i-a-u (Nr. 2), die auf Ablautreihe IIIa zurückgeht, gehört seit dem Ahd. ursprünglich wohl schwaches winkan ‘winken’ an (vgl. Kluge 25 2011), daher das Part.Perf. gewunken. In alemanni‐ schen Dialekten finden sich weitere Beispiele wie schimpfe - gschumpfe ‘schimpfen’ und zürichdt. stimme - gstumme ‘stimmen’ (Nübling 1997, Landolt 2010). Diese Muster werden auch am ehesten auf Kunstwörter übertragen (s. Augst 1975a: 269-274, vgl. auch Köpcke 1998, zum Englischen Bybee/ Moder 1983). Sie sind im mentalen Lexikon 310 10 Von der Phonologie in die Morphologie: Ablaut und Umlaut <?page no="311"?> 41 Dadurch aber umgekehrt auch der Weg zum starken Verb, wie alemannische Dialekte mit Formen wie hürote - ghürote ‘heiraten - geheiraten’ beweisen (vgl. Nübling 1997). der Sprechenden gut verankert und produktiv anwendbar. Ausschlaggebend dafür sind eine hohe Mitgliederzahl (Typenfrequenz) des Musters, außerdem Gemeinsamkeiten in der phonologischen Struktur der Mitglieder (sog. Schemata), besonders wenn diese Strukturen bei schwachen Verben relativ selten vertreten sind („Inseln der Verlässlichkeit“, vgl. Mailhammer 2007b). Beides ist bei dem Schema iNC (sing-) der Fall. Zum zweiten ist eine an Gebrauchsfrequenz gebundene Umverteilung der Verben zu verzeichnen. Frequente Verben wie kommen und werden haben häufig einzigartige Alternanzen entwickelt (Nr. 29 und 31), weniger frequente Verben wie schreiten bleiben i. d. R. in große Gruppen integriert (Nr. 1). Von den drei vorkommenden Alternanzty‐ pen ist Typ A-B-B (Präs. ≠ Prät. = Part.Perf.) einfacher strukturiert gegenüber A-B-C mit drei Vokalen (Präs. ≠ Prät. ≠ Part.Perf.) und A-B-A (Präs. = Part.Perf. ≠ Prät.), die beide zwischen Prät. und Part.Perf. differenzieren. Mit der einheitlichen Markierung für Prät. und Part.Perf. kommt Typ A-B-B dem schwachen Muster X-en - X-te - ge-X-t am nächsten, bei dem das Dentalsuffix -tnach demselben Prinzip verteilt ist. Betrachtet man Tab. 39 genauer, sieht man, dass die mitgliederstärksten Muster, in denen sich auch seltener gebrauchte Verben wie etwa schreiten halten, oft vom Typ A-B-B sind. Typ A-B-A hatte dagegen diachron die meisten Verluste hinzunehmen und hält sich v. a. in schwach besetzten Mustern bei frequenten Verben. Ohne das an Frequenz verlierende Prät. gibt es nämlich bei A-B-A automatisch keinen Vokalwechsel mehr, so dass der Weg zum schwachen Verb besonders kurz ist. 41 Abb. 76 nach Nowak (2015: 169) liefert dazu Zahlen. Der einfache Typ A-B-B hat die meisten Mitglieder, ist im Gebrauch aber viel weniger frequent als die beiden anderen Typen. Abb. 76: Durchschnittliche Typen- und Tokenfrequenz der Alternationstypen A-B-B, A-B-C und A-B-A nach Nowak (2015: 169) (Tokens pro 1 Mio. Textwörter, Basis Projekt Wortschatz Leipzig, Types nach Duden-Grammatik 6 1998: 127) 10.1 Ablaut: Fossil ebenenübergreifenden Wandels? 311 <?page no="312"?> Aus den Typen A-B-C und A-B-A sind diachron auch einige Verben zu einfacherem A-B-B übergewechselt: In Tab. 39 fällt z. B. ein großes Bündel von Alternanzmustern auf, die verschiedene Präsensvokale haben, aber alle o( ː ) - o( ː ) im Prät. und Part.Perf. aufweisen (Nr. 5, 7, 13, 18-20, 22, 28, 36-38). Dieses übergreifende Muster verdient besondere Aufmerksamkeit, denn es hat durch seine einfache Struktur im Fnhd. Karriere gemacht (Anstieg von mhd. 14 % auf fnhd. 28 % der starken Verben, Solms 1984). Man kann hier trotz der unterschiedlichen Infinitiv- und Präsensvokale mit voller Berechtigung von einer „8. Ablautreihe“ sprechen (Nowak 2010, 2015), zumal schon die sechste und siebte Ablautreihe, die erst germ. Entwicklungen sind (s. o.), alles andere als einheitlich sind. Diese vereinfachte Alternanz fungiert im Dt. als Auffangklasse für „schwächelnde“ starke Verben aus Mustern mit Alternanztyp A-B-C oder A-B-A aus den historischen Ablautreihen III-VI, z. B. 2010), zumal schon die sechste und siebte Ablautreihe, die erst germ. Entwicklungen sind (s.o.), alles andere als einheitlich sind. Diese vereinfachte Alternanz fungiert im Dt. als Auffangklasse für "schwächelnde" starke Verben aus Mustern mit Alternanztyp A-B-C oder A-B-A aus den historischen Ablautreihen III-VI, z.B. IIIa: glimmen - glamm → glomm - geglommen ABC > ABB IIIb: melken - malk → molk - gemolken ABC > ABB IV: dreschen - drasch → drosch - gedroschen ABC > ABB V: weben - wab → wob - geweben → gewoben ABA > ABB VI: heben - hub → hob - geheben → gehoben ABA > ABB Insgesamt sind 24 Verben vorübergehend oder dauerhaft der „8. Ablautreihe“ beigetre‐ ten: glimmen, klimmen, bellen, melken, quellen, (er)schallen, schmelzen, schwellen, (ver)wirren, dreschen, fechten, flechten, (er)löschen, rächen, scheren, schwären, verhehlen, gären, pflegen, wägen, bewegen, weben, heben, schwören Es fällt auf, dass darunter viele Verben sind, deren Gebrauchsfrequenz aufgrund ihrer Semantik niedrig oder sinkend ist. Diese Tendenz setzt sich bis heute fort: Während wir bei häufig gebrauchten Verben wie beginnen und gewinnen nicht auf die Idee kämen, Formen wie ich gewonn zu bilden, schwanken viele bei seltenerem besinnen, spinnen, rinnen oder schwimmen zwischen a und o, vgl. z. B. die o-Form in dem folgenden Beispiel aus lektorierter Pressesprache: Erst nach dem Rückstand besonn sich die Heimelf und erzielte durch einen Doppelschlag den Ausgleich. (Nürnberger Zeitung, 10. 03. 2008, S. 29) oder Er schwomm in 26,62 Sekunden um fünf Hundertstelsekunden schneller als […] (Spiegel-Online, 22.08.2014, gefunden in DeReKo) (vgl. Nowak 2010, 2015; Dammel 2010: 190 f.). Das Muster X-o-o hatte eine gute Ausgangsbasis im Ablautsystem. In AL-Reihe II ist es lautgesetzlich vorhanden und weitere Reihen (IIIb, IV) haben o im Part.Perf. durch westgerm. Senkung u > o vor a in der Folgesilbe. Die meisten der X-o-o-Verben hatten dadurch schon -oin ihrem Part.Perf. und haben es von dort auf das Prät. übertragen (vgl. melken und dreschen oben). Auch hier lässt sich, wie schon beim präteritalen Numerusausgleich, abnehmender Gebrauch und damit mangelnde kognitive Veranke‐ rung der Präteritalformen gegenüber den im Perfekt genutzten Part.Perf.-Formen als 312 10 Von der Phonologie in die Morphologie: Ablaut und Umlaut <?page no="313"?> Auslöser festmachen. Nur geht X-o-o über den Numerusausgleich hinaus, indem sich keiner der ursprünglichen Präteritalvokale halten kann, sondern o aus dem Partizip oder anderen Ablautreihen ins Prät. übergreift. Ein Verb wie weben, das überhaupt keine Basis für o in seinen Stammformen hatte, wurde sogar komplett im Prät. und Part.Perf. an die „8. Ablautreihe“ angepasst. Die „8. Ablautreihe“ kann seltene Verben in der starken Klasse stabilisieren wie bei glimmen, sie kann aber auch Zwischenstation auf dem Weg zum schwachen Verb sein wie derzeit bei melken und weben, die heute schon schwache Varianten aufweisen (melkte, webte), und historisch bei bellen (s. das einleitende Zitat von Grimm), das stufenweise regularisiert wurde: mhd. bellan - ball - bullen - gebollen > (f)nhd. bellen - ball(en) - gebollen präteritaler Numerusausgleich → bellen - boll(en) - gebollen X-o-o → bellen - bellte - gebellt schwach Das Muster X-o-o ist heute noch schwach produktiv, Sprechende schwanken zwischen a und o und wie oben schon gezeigt findet man auch Zeitungsbelege mit schwomm statt schwamm, und ronn, sponn und scholt statt rann, spann, schalt (s. Dammel 2010: 190 f.). Die „8. Ablautreihe“ gibt es auch in anderen germ. Sprachen (Nowak 2010, 2015). Während ihr im Dt. nur einige starke Verben beitreten, folgen ihr im Niederländischen nicht nur die meisten der starken Verben, es sind ihr sogar schwache Verben beigetreten, z.B zenden - zond - gezonden ‘senden’ und schenken - schonk - geschonken ‘schenken’ (Hempen 1988, Durrell 2001). Neben einem Übertritt in diese regularisierte Ablautreihe können starke Verben auch vollständig zur schwachen Flexion übergehen. Dabei ändern sich nicht auf einen Schlag alle Formen, sondern der Ausgleich starker Merkmale verläuft schrittweise und in einer festen Reihenfolge (vgl. Bittner 1996). In der folgenden Skala (Abb. 77) sind alle starken Merkmale angeordnet. Die Skala ist als gerichtete Implikation (symbolisiert durch ⸧) zu lesen. Hat ein Verb Merkmal (a) wie geben mit dem Imperativ Gib! , in dem e < i gehoben ist, dann impliziert dies, dass das Verb alle Merkmale rechts davon auch hat, also Wechselflexion, hier mit Hebung in 2./ 3.Ps.Sg.Präs. gibst/ gibt, ein starkes Prät. gab, einen starken Konj.II gäbe und ein starkes Part.Perf. gegeben. Hat ein Verb aber Merkmal (d) wie salzen mit gesalzen, dann können alle Merkmale links davon fehlen, bzw. - wie sich zeigen wird - abgebaut sein, denn die Formen lauteten früher wirklich salzen - sielz - gesalzen. Pfeile deuten laufende, Klammern bereits abgeschlossene Übergänge an. 10.1 Ablaut: Fossil ebenenübergreifenden Wandels? 313 <?page no="314"?> 42 Vgl. z. B. Ebert u. a. (1993: 253-260) und ‘Fossilien’ in Phraseologismen: Die Wendung was da kreucht und fleucht zeigt Wechselflexionsformen zu kriechen und fliegen. Abb. 77: Das Stark-Schwach-Kontinuum (stark modifiziert nach Bittner 1996: 80) Nicht alle starken Verben sind also gleich stark. So weist von Haus aus nur ein Teil der starken Verben die beiden Merkmale links auf der Skala auf: (a) Hebung von e > i im Imperativ Sg. (Gib! , Nimm! , nur wenige Verben der ehem. Reihen IIIb-V) und (b) die sog. Wechselflexion zwischen 1.Ps.Sg.Präs.+Pl. und 2./ 3.Ps.Sg.Präs. (nur ca. 45-55 Verben der ehem. Reihen IIIb-V und VI-VII): ich gebe, wir geben etc. vs. du gibst, sie gibt (auch nehmen, helfen, werfen etc.) ich fahre, wir fahren etc. vs. du fährst, sie fährt (auch graben, laufen, stoßen etc.) Der Wechsel zwischen e und i geht auf die westgerm. Hebung von e > i zurück (vgl. Schweikle 5 2002: 87) und die Umlautwechsel sind durch ahd. i-Umlaut entstanden (vgl. Kap. 2.4.2), beides wurde in diesem Fall durch i-haltige Endungen verursacht. Diese Erscheinungen sind auf Verben der Ablautreihen IIIb-V (Hebung) und VI-VII (Umlaut) beschränkt, da Verben mit Stammvokal i im Präsens (I, IIIa) beides nicht mitvollziehen konnten und in Reihe II der Wechsel im Fnhd. abgebaut wurde. 42 Viele Verben, wie finden, singen, reiten etc., fangen also erst mit dem Merkmal c) an. Die Hebung im Imperativ (a) wird als erstes starkes Merkmal abgebaut, auch wenn ein starkes Verb sonst nicht „schwächelt“. So gibt es alltagssprachlich schon Nehm’ dir nicht so viel vor oder Werf ‘ mir bitte mal den Ball zu. Verben, die wirklich schwach werden, haben dieses Stadium längst hinter sich gelassen. Niemand würde heute sagen Milk die Kuh! - die meisten kennen diese Form nicht einmal mehr. 314 10 Von der Phonologie in die Morphologie: Ablaut und Umlaut <?page no="315"?> 43 Dass das Part.Perf. nicht nur verbale, sondern auch adjektivisch-attributive Funktion hat (versalzene Suppe, gemahlener Kaffee), die nicht dem Ausgleichsdruck des Verbparadigmas unterliegt, könnte ebenfalls zu seiner Stabilität beitragen. Als nächstes starkes Merkmal wird die Wechselflexion (b) aufgegeben. Auch das ist bei melken schon geschehen (du melkst, sie melkt statt milkst/ milkt), bei backen und gebären läuft dieser Ausgleich derzeit: Man hört sowohl bäckst/ bäckt, gebierst/ gebiert als auch backst/ backt, gebärst/ gebärt. Den umgekehrten Weg haben regional‐ sprachlich einige schwache Verben eingeschlagen und analogisch Wechselflexion angenommen: fragen - du frägst, sie frägt und kaufen, du käufst, sie käuft (zu solchen irregularisierenden Analogien siehe auch 3.1.5.1). Im Luxemburgischen und in westmd. Dialekten ist dieses Phänomen noch stärker verbreitet (z. B. lux. maachen - du méchs, si mécht ‘machen’). In der nächsten Phase wird auch die Ablautalternanz in (c) Prät.Ind. und Konj.II abgebaut und durch das schwache Dentalsuffix ersetzt. Während Verben wie binden und finden keinerlei Schwächungstendenzen zeigen, gehen gerade z. B. backen, melken und weben zum schwachen Prät. über. Der Konj.II wird ohnehin häufig mit würde + Inf. umschrieben, besonders bei wenig genutzten starken Verben, während er bei hochfrequenten Verben, gerade bei solchen, die grammatische Funktionen ausüben, noch fest verankert ist (vgl. ginge, wäre, hätte, würde). Als letzte starke Form (d) „fällt“ das Part.Perf., das sich sogar bei sonst völlig schwachen Verben noch lange hält. Während die Prät.-Formen muhl und sielz längst vergessen sind, nutzen wir heute noch das starke Part.Perf. dieser Verben, gesalzen und gemahlen. An der Schwelle zum völlig schwachen Verb ist gegenwärtig weben mit den Doppelformen gewoben/ gewebt. Das gesamte Kontinuum haben z. B. pflegen und bellen durchlaufen, s. die eingeklammerten Formen in Abb. 77. Die Reihenfolge des Abbaus, sozusagen eine Hierarchie des Vergessens im mentalen Lexikon abgespeicherter Formen, lässt sich auf Prinzipien beziehen, die in Kap. 3.1.5 vorgestellt wurden. Zum einen werden wiederum solche Vokalwechsel, die primär an die Kategorie Person gebunden sind (im Imperativ und Präs.Ind.), früher abgebaut als an Tempus gebundene Stammalternation (im Prät. und Part.Perf.). Dies lässt sich auf das Relevanzkonzept beziehen (s. Kap. 3.1.5.4): Bei Tempus, das stärker in die Verbsemantik eingreift als Person, halten sich fusionierende Verfahren wie Vokalwechsel besser. Dass das starke Prät. vor dem Part.Perf. abgebaut wird, kann an Unterschieden in der Kategorienfrequenz liegen. Wie erwähnt und in Kap. 12.2.3 genauer diskutiert, geht das Präteritum in seiner Verwendung seit dem Fnhd. zurück und wird zunehmend durch das periphrastische Perfekt ersetzt. Als Teil der Perfektperiphrase gewinnt das Part.Perf. an Kategorienfrequenz. 43 Die frequentere Kategorie ist die lexikalisch besser verankerte, die länger dem Abbau standhält. Bei hoch- und höchstfrequenten starken Verben (geben, nehmen, essen, fahren, laufen etc.) werden selbst die an Person gebundenen Merkmale (Wechselflexion nimmst, nimmt) so häufig realisiert, dass sie nicht abbaugefährdet sind. Dass Übergänge von stark zu schwach derart gestaffelt verlaufen, verlangsamt diese Übergänge und stabilisiert starke Formen. 10.1 Ablaut: Fossil ebenenübergreifenden Wandels? 315 <?page no="316"?> Das Schicksal des Ablauts ist eng an das der starken Verben, seiner prototypischen Vertreter, geknüpft. Diese stehen in Konkurrenz mit der einfacheren Bildungsweise der schwachen Verben. In Kap. 11.1.2 wird beschrieben, wie die schwachen Verben in germ. Zeit wahrscheinlich entstanden sind. Wie wir gesehen haben, sind die starken Verben viel älter, d. h. ie. Erbe. Man kann sich fragen, warum überhaupt diese neue Klasse entstanden ist und warum sie der alten Bildungsweise den Rang abläuft. Ein Problem der starken Verben lag darin, dass neue, aus Substantiven und Adjektiven abgeleitete Verben sich schlecht in die vorgegebenen Alternanzmuster einpassen ließen, denn diese stellten phonologische Bedingungen, die neue Verben oft nicht erfüllten. Zum Beispiel waren in Reihe III (zu der binden und helfen gehören) nur Neumitglieder zugelassen, die als Stammauslaut eine Sonorantenverbindung, d. h. einen Nasal oder Liquid (n, m, l, r) + einen weiteren Konsonanten hatten, und andere Infinitiv-Stammvokale als i oder e wären ebenfalls nicht in Frage gekommen. Das Muster konnte also von vornherein keine uneingeschränkte Produktivität erreichen, was auch für die übrigen Ablautreihen gilt. Die neuen schwachen Verben dagegen hat‐ ten keinerlei Zugangsbeschränkung und verfügten über eine einfache Bildungsweise: Das Dentalsuffix lässt sich an jedes (neue) Verb hängen, wie man auch heute sieht: swiffern, swiffer-te, ge-swiffer-t. Dementsprechend wurden die schwachen Verben zum einzig voll produktiven Bildungsmuster und haben heute eine Typenfrequenz von über 4000 Simplex-Verben erreicht. Ab dem Ahd. lässt sich verfolgen, wie die Typenfrequenz der starken Verben im Gegensatz dazu sinkt. Vom Ahd. zum Mhd. halten sich noch Ab- und Zugänge fast die Waage, doch danach sind die Verluste drastisch. Sie entstehen aber weit weniger durch Übergänge zur schwachen Flexion als dadurch, dass Verben außer Gebrauch kommen und aussterben (s. auch Kap. 6), z. B. ahd. beran ‘tragen’ und quedan ‘sprechen’ (Abb. 78). Abb. 78: Rückgang der starken Verben seit der ahd. Phase (nach Augst 1975a: 255, ähnl. Wegera u. a. 2 2018: 185) Dennoch ist ein Aus der starken Verben keineswegs zu befürchten (vgl. auch Augst 1975a, Dammel 2014). Die heutigen Mitglieder, die zum Grundwortschatz gehören, sind nicht gefährdet, da sie durch ihre hohe Tokenfrequenz gut memoriert werden. Tab. 40 zeigt, dass die starken Verben zwar in ihrer Anzahl den schwachen klar unterlegen sind, aber dass die wenigen starken Verben im laufenden Text umso häufiger verwendet werden und hier mit den vielen schwachen Verben gleichziehen. Bei irregulären Verben wie sein und haben ist das Type-Token-Verhältnis noch extremer (s. auch Kap. 3.1.5.3). 316 10 Von der Phonologie in die Morphologie: Ablaut und Umlaut <?page no="317"?> Tab. 40: Typen- und Tokenfrequenzen verschiedener Verbklassen (Augst 1975a: 258) Aber auch seltener gebrauchte starke Verben können sich halten, wenn sie Alternanz‐ mustern angehören, die durch eine Großgruppe (z. B. ei-i-i oder X-o-o) gestützt sind (etwa bei preisen, scheren), besonders wenn diese Gruppe gemeinsame phonologische Strukturen aufweist, die eher für starke als für schwache Verben typisch sind (z. B. i+Nasal+Kons., etwa bei winden). Tab. 41: Entwicklung des Ablauts starker Verben (Überblick) Zusammenfassend (Tab. 41) lässt sich festhalten, dass die starken Verben nur auf den ersten Blick eine passive Ansammlung aus dem Ie. überkommener Formen sind (Fossilien). Ihr Ablautsystem übernimmt seit dem Germ. eine zentrale Funktion in der Tempusanzeige und ist erstaunlich abbauresistent; vielmehr wird es, wie gezeigt, bis heute reorganisiert und restrukturiert. Dabei spielen Faktoren wie Relevanz 10.1 Ablaut: Fossil ebenenübergreifenden Wandels? 317 <?page no="318"?> (Tempusanzeige vor Numerusanzeige) und Gruppenbildungen (Schemata) eine Rolle, die phonologische Ähnlichkeit (wie iNC) oder generalisierte Vokalalternanzen (wie X-o-o) als Basis haben. Von Gebrauchsfrequenzen hängt maßgeblich ab, wie stark ein Ablautmuster heute differenziert ist (z. B. Typ A-B-C helfen - half - geholfen vs. A-B-B melken - molk - gemolken) und wie resistent ein starkes Verb gegenüber einem Wechsel in die schwache Flexion ist (vgl. melkte - gemelkt, aber *helfte - *gehelft). 10.1.3 Fallbeispiel Wortbildung: Kausativderivation Kausative Semantik erzeugen wir heute mithilfe von Umschreibungen wie jemanden/ etwas zum X-en bringen, X-en lassen, machen/ veranlassen, dass jemand/ etwas X-t oder mit Ableitungspräfixen wie zer-, eru. a. Ein kausatives Verhältnis zu reißen z. B. könn‐ ten wir als zum Reißen bringen oder zerreißen ausdrücken. Das Germ. und dessen älteste überlieferte Einzelsprache, das Gotische, nutzten dafür ein Wortbildungsmuster mit Ablaut, und zwar, indem ausgehend vom Grundverb, z. B. germ. *drenkan, der Stamm der 2. Ablautstufe (also hier *drank-) verwendet und um ein j-haltiges Ableitungssuffix ergänzt wurde, so dass sich für das Germ. der Inf. *drank-jan ergibt. Dass gerade auf die zweite Ablautstufe zugegriffen wurde, erklärt man sich mit deren ursprünglich ie. Handlungssemantik, Perfektivität, also den Abschluss einer Handlung und damit auch deren Vollzug zu markieren. Die semantische Brücke zu den Kausativen liegt darin, dass hier jemand jemanden oder etwas dazu bringt, eine Handlung zu vollziehen oder einen Vorgang zu durchlaufen. Durch phonologischen Wandel, der durch das j der Endung bewirkt wurde, entwi‐ ckelten sich die kausativen schwachen Verben in der Folgezeit divergent zu ihrem starken Grundverb: So bewirkte das Kausativsuffix -jim Präsens ahd. i-Umlaut des Stammvokals, was zur Folge hatte, dass die heutigen Formen tränken und führen (gegenüber trank und fuhr beim Grundverb) lauten. Tab. 42: Kausativableitung im Germanischen (vgl. Ringe 2 2017: 258, 282) Die kausativen Ableitungen sind für heutige Sprecher kaum mehr mit ihrer jeweiligen Ableitungsbasis verknüpft: Bei sprengen (< germ. *sprangjan) z. B. denkt niemand mehr an zum Springen bringen, weil das kausative Verb eine Bedeutungsverengung (s. 5.1.2) durchlaufen hat. Das Ableitungsmuster ist undurchsichtig (opak) geworden und wird schon lange, wahrscheinlich bereits seit ahd. Zeit, nicht mehr für Neubildungen 318 10 Von der Phonologie in die Morphologie: Ablaut und Umlaut <?page no="319"?> genutzt. Sowohl die formale als auch die frühere semantische Beziehung zwischen Grundverb und Kausativ sind abgerissen. AL-Reihe starkes Grundverb (2. AL-Stufe im Ahd.) Kausativ I leiden (ahd. noch ‘gehen’) (leid) leiten II biegen fließen (bouc) (flōʒ) beugen flößen III dringen rinnen sinken springen schwimmen winden (drang) (rann) (sank) (sprang) (swam) (wand) drängen rennen senken sprengen schwemmen wenden V essen sitzen liegen (aʒ) (saʒ) (lag) ätzen setzen legen VI fahren (fuor) führen Tab. 43: Einige Kausative und ihre starken Grundverben (Etymologien nach Kluge 25 2011) Der Ablaut ist damit sowohl in der Flexion als auch in der Derivation ein lexikali‐ siertes „Auslaufmodell“. Nichtsdestotrotz hält er sich bei den starken Verben, so sie gebrauchsfrequent genug sind. Dass Totgesagte länger leben und der Ablaut dennoch auch heute noch im Sprachsystem verankert ist, zeigt neben Reorganisationsprozessen wie der oben diskutierten „8. Ablautreihe“ auch die anekdotische Evidenz im folgenden Unterkapitel. 10.1.4 Jetzt kommt der Bi-Ba-Butzemann: Ist der Ablaut noch produktiv? Von vereinzelten Übergängen schwacher zu den starken Verben und von produktiven Ablautreihen innerhalb der starken Verben war bereits die Rede. Auch in Dialekten haben sich alte starke Formen gehalten bzw. wurden sogar schwache Verben gestärkt, wo im Standard schwache Flexion gilt. Beispiele sind regionalsprachlich schneien - geschnien (das ahd. Allerdings auch starke Formen hatte) und scherzhaft speisen - gespiesen, wiederum nach den mitgliederstarken Reihen I und IIIa. Auch die erstarkten Part.Perf. in alemannischen Dialekten wurden bereits erwähnt, etwa ‘stimmen’: gstumme und ‘heiraten’: ghürote. Dazu ist z. B. teils stark gebliebenes ‘bellen’ zu stellen: de Hund het bolle (zu weiteren Klassenwechseln s. Theobald 1992, Nübling 1997, Landolt 2010). Nicht ganz ernst gemeinte sprachpflegerische Maßnahmen zur „Stärkung“ schwa‐ cher Verben finden Sie unter https: / / neutsch.org/ Startseite (18.02.2026) bei der eigens gegründeten „Gesellschaft zur Stärkung der Verben“. Wenn Sie sich dort die „gestor‐ 10.1 Ablaut: Fossil ebenenübergreifenden Wandels? 319 <?page no="320"?> kenen“ Formen in Listen und Lyrik anschauen, werden Ihnen nun bekannte Muster wie X-o-o besonders häufig begegnen. Ablautmuster wirken außerdem als Abfolgeprinzip (meist i-a-u; hist. Reihe IIIa) - oft zusammen mit der seit dem Ahd. in der Grammatik ausgestorbenen Redup‐ likation - latent in Werbesprache, Zeitungsschlagzeilen, Produktnamen, Phraseolo‐ gismen (genauer Paarformeln), Interjektionen und Kinderreimen/ -liedern, z. B. in bimmbamm(bumm), Kitekat, Whiskas, ticktack, wischiwaschi, Wirrwarr, Mischmasch, Zickzack, nach Strich und Faden, Gift und Galle spucken, Nanu, La-Le-Lu, Tri-tra-trullala sowie in der Überschrift dieses Unterkapitels. 10.2 Umlaut Die zweite das Deutsche kennzeichnende Form ebenenübergreifenden Wandels, der von der phonologischen Ebene auf andere Ebenen übergeht, ist der Umlaut. Allerdings ist der Umlaut viel jünger als der Ablaut. Er setzt mit der ahd. Phase ein und ist damit gut beobachtbar. Außerdem ist er in seiner Alternanz vorhersagbar, d. h. ein ä alterniert mit einem a, ein ö mit einem o etc. Mit dieser Vorhersagbarkeit spielt zum Beispiel das Sprichwort Eine Kuh macht muh - viele Kühe machen… Mühe! , wo der Umlaut [ y: ] in Mühe auf das [ u: ] in muh bezogen wird. Gleichzeitig ist es ein Beispiel für das in Kap. 3.1.5.1 eingeführte Konzept der proportionalen Analogie: Kuh - Kühe → muh - Mühe. Eine solche Transparenz gilt nicht für den Ablaut. Schließlich war - und ist - der Umlaut weitaus produktiver als der Ablaut. Dies ist eine Besonderheit, die das Dt. und Luxemburgische von den übrigen germ. Sprachen unterscheidet: Dt. und Luxemburgisch haben die Möglichkeit zur Funktionalisierung des Umlauts am intensivsten genutzt (s. Nübling 2013). In den folgenden Abschnitten wird gezeigt, auf welchen Ebenen diese Funktionalisierung stattfand. 10.2.1 Der Ursprung: Vom phonetischen zum phonologischen Umlaut In Kap. 2.4.2 wurde der phonetische Ursprung des ahd. und mhd. Primär- und Sekun‐ därumlauts aufgezeigt. Anfänglich ist die Assimilation von velarem, betontem a > e, u > ü, o > ö etc. vor i, ī oder j in der Folgesilbe als phonetischer und nicht als phonologischer Prozess zu betrachten, da er zunächst keine Auswirkung auf das ahd. Phoneminven‐ tar hatte, d. h. die Umlautprodukte waren nur kombinatorische Allophone (palatale Lautvarianten, die an Folgesilben mit i, ī oder j gekoppelt waren). Der Umlaut war ursprünglich eine Ausspracheerleichterung, bei der die Zungenstellung an das i bzw. j der Folgesilbe angepasst wurde (vgl. Abb. 12 in Kap. 2.4.2). Im Spätahd. beginnt die Phonologisierung des Umlauts, d. h. er entkoppelt sich von seinen Auslösern i bzw. ī. Das ist daran erkennbar, dass die Umlaute bestehen blieben, als ihre ursprünglichen Auslöser, i-Laute in unbetonten Silben, ab spätahd. Zeit zu [ ə ] zentralisiert wurden. Dass die Umlautvokale bestehen blieben, zeigt, dass die früheren Allophone für die Sprechenden zu selbstständigen Phonemen geworden waren, die 320 10 Von der Phonologie in die Morphologie: Ablaut und Umlaut <?page no="321"?> Bedeutungen unterscheiden können, z. B. ahd. sk[ oː ]no (Adv.) vs. sk[ œː ]ni (Adj.) > nhd. schon vs. schön (Minimalpaar). Dieser Prozess führt im Spätahd. und Mhd. zu einem erheblichen Zuwachs an betonten Vokalphonemen (s. Abb. 17 in Kap. 2.5.3). Gleichzei‐ tig werden die Umlaute vermehrt verschriftet. Mit den so entstandenen gerundeten Vordervokalen hat das Deutsche eine Lautklasse entwickelt, die im Sprachvergleich ziemlich selten ist (s. Kap. 13.3). 10.2.2 Die Nutzbarmachung: Der morphologische Umlaut Das Spätahd. bzw. Mhd. markiert die Umbruchsphase, in der der Umlaut den Weg in die Morphologie einschlägt, und zwar in mehrfacher Hinsicht: In Kap. 2.4.2 und 3.1.2 wurde die Morphologisierung des Umlauts zum Pluralmarker besprochen. Der Umlaut ist also in dieser Phase nicht mehr bloßes Lautwandelprodukt, sondern er erfährt eine feste Koppelung mit der grammatischen Information ‘Plural’. Er wird noch vor der Nebensilbenabschwächung zum Spielbein der morphologischen Markierung, was z. B. sein Abbau in Singular-Kasusformen, aber sein Erhalt in Pluralformen zeigt. Zugleich mit der Reduktion der Vokale in unbetonten Silben zu [ ə ] beginnt der Umlaut sich auch auf Substantive auszubreiten, die nie einen Umlautauslöser in der Folgesilbe hatten, denn das war für die Sprechenden, die immer nur den sprachlichen Input ihrer Lebenszeit haben, ja nicht mehr erkennbar. Für diese Generationen von Sprechenden waren dann die Muster auffällig, in denen der Umlaut in Paradigmen verteilt war, z. B. kein Umlaut im Singular vs. Umlaut im Plural. Diesen neuen Umlaut, der sich (ohne phonologische Grundlage) nach dem Vorbild bestehender morphologischer Muster ausbreitet, bezeichnet man als morphologischen, analogischen, funktionalen, auch tertiären Umlaut (Sonderegger 1979: 299, Kap. 3.1.2). Neben der Pluralanzeige bei Substantiven wird der morphologische Umlaut auch bei der Adjektivsteigerung sowie der Konjunktivbildung starker Verben genutzt. 10.2.2.1 Krumm - krümmer - am krümmsten? - Steigerungsumlaut bei Adjektiven Im Nhd. werden nur etwa 20, also längst nicht alle Adjektive im Komparativ und im Superlativ umgelautet, d. h. die Umlautung bildet die Ausnahme. Der Umlaut betrifft Adjektive, die einsilbig sind und die Stammvokale a, o oder u enthalten: arm - ärmer - am ärmsten, groß - größer - am größten, dumm - dümmer - am dümmsten. Die einzige standardsprachliche Ausnahme von der Einsilbigkeitsbedingung ist gesund, das heute Umlaut hat. Adjektive mit au werden im Standard nie umgelautet (Duden-Grammatik 10 2022: 776-777, Augst 1971, Nowak 2017, 2019). In anderen Varietäten hört man aber durchaus Formen wie braun - bräuner - am bräunsten, faul - fäuler - am fäulsten. Die nichtumlautenden Adjektive sind zahlreich, vgl. stumm - stummer - am stummsten und viele mehr. Auch gibt es nicht wenige Schwankungsfälle wie z. B. krumm - krummer/ krümmer - am krummsten/ krümmsten. Weitere lassen sich auch 10.2 Umlaut 321 <?page no="322"?> mit einer informellen Google-Recherche nachweisen: Diese ergab am 11.05.2025 für „braver als“ vs. „bräver als“ einen Umlaut-Anteil von ~4,5% (154 von 3434 Treffern). Bei „doofer als“ vs. „dö(ö)fer als“ lag der Anteil umgelauteter Formen bei ~9,7% (878 von 9068 Treffern). Da Schwankungsfälle oft Indiz für Sprachwandel sind, seien weitere aufgezählt: bang, blass, glatt, karg, nass, schmal, fromm, gesund, krumm, rot (nach Duden-Grammatik 10 2022: 777). Im Ahd. erfolgte die Adjektivsteigerung entweder über i-haltige (-iro und -isto) oder ō-haltige (-ōro und -ōsto) Suffixe (Tab. 44 und Abb. 79). Die Verteilung dieser Suffixe ist wegen der geringen Anzahl eindeutiger Belege aus dem Ahd. nicht immer klar, und es gibt durchaus auch Adjektive, die beide Suffixe haben konnten. Allerdings besteht bei abgeleiteten oder zusammengesetzten (und damit mehrsilbigen) Adjektiven (z. B. managfalt ‘mannigfaltig’) eine klare Präferenz für die ō-haltigen Suffixe. Da der Primärumlaut im Ahd. nur kurzes a > e betraf und nur wenige Adjektive die Steigerung mit den i-Suffixen vollzogen, trat der Umlaut im Ahd. nur bei einem Bruchteil der gesteigerten Adjektive auf. - Positiv Komparativ Superlativ - mit UL alt eltiro eltisto ‘alt’ ohne UL managfalt managfaltōro managfaltōsto ‘mannigfaltig’ Tab. 44: Adjektivsteigerung im Ahd. Im Mhd. und auch im Fnhd. wird der Sekundärumlaut graphisch nicht systematisch bezeichnet, daher sind Aussagen über den Umlaut immer schwierig. Spätestens im Fnhd. erfolgen jedoch beim Steigerungsumlaut Morphologisierungen, erkennbar daran, dass der Umlaut auf Adjektive überspringt, die nie i-haltige Endungen hatten. Ein frühes Beispiel dafür kann fromm sein, das nach Kluge ( 25 2011) erst im Mhd. aus einem Substantiv abgeleitet wurde, als i-haltige Endungen schon geschwunden waren. Umgekehrt verlieren auch einige Adjektive ihren Umlaut, d. h. hier finden analogische Anpassungen in beide Richtungen statt. Dieses Thema ist in seiner Diachronie leider noch kaum erforscht, Informationen zur Regionalität von Steigerungsumlaut im Mhd. geben aber Klein u. a. (2018: 316-317) und zeigen, dass er damals schon im Oberdeutschen konsequenter war. Dabei tritt nach Augst (1971) die Gebrauchsfrequenz (Tokenfrequenz) des betreffenden Adjektivs als wichtigstes Steuerungsinstrument hervor, wobei die Ein‐ silbigkeit eine weitere Bedingung bleibt: Besonders häufig gebrauchte Adjektive lauten bei der Steigerung eher um als seltener verwendete. Ein Blick in das Frequenzwörterbuch von Ruoff ( 2 1990: 493) bestätigt diese Korrelation aufs deutlichste: Unter den 25 häufigsten einsilbigen Adjektiven mit umlautfähigem Vokal (also ohne Adjektive wie schnell, neu, klein, die gar nicht umlauten könnten) befinden sich 16 mit Steigerungsumlaut (z. B. alt, jung, groß), drei Schwankungsfälle (krank, nass, rot) und sechs ohne Umlaut, unter denen sich auch sog. absolute, d. h. logisch nicht steigerbare Adjektive wie tot befinden (und 322 10 Von der Phonologie in die Morphologie: Ablaut und Umlaut <?page no="323"?> voll, wahr, froh, klar, rund). Einige der Nichtumlauter haben früher geschwankt (voll, froh, klar). Diese hohe Präsenz (Gebrauchsfrequenz) des Umlauts in einem beliebigen Text erklärt, weshalb wir ihn intuitiv für die Regel halten, wenngleich er, auf alle Adjektive bezogen (Typenfrequenz), die Ausnahme darstellt. Nowak (2017) bestätigt diese Tendenz auf breiterer Datenbasis und zeigt darüber hinaus, dass auch die gegenwartssprachlich umlautenden Adjektive durch phonologische Schemata zusammengehalten werden. Das gilt für die übergreifende Bedingung, dass fast nur einsilbige Simplizia umlauten, aber auch für die phonologischen Strukturen der umlautenden Adjektive, die sich ähneln. Erwartungsgemäß schwanken in der Umbauphase des Fnhd. besonders viele Ad‐ jektive (teils auch dialektbedingt, denn das Fnhd. ist wie das Ahd. und das Mhd. ja nicht standardisiert). So zählt Schottelius (1663) stumm und voll zu den umlautenden Adjektiven. Auch gab es im Fnhd. Formen wie stoeltzer, gleter (zu glatt), zämer, dünkler und fäuler (vgl. Philipp 1980: 86, Ebert u. a. 1993: 204-205). Noch bei Grammatikern des 18. bis 20. Jhs. gibt es unterschiedliche Auskünfte: Bei vielen wird gesund ohne Umlaut verzeichnet, dumm und rund als Schwankungsfälle, und bei manchen lauten klar, brav, zart, voll, froh, auch dunkel und behaglich, um. Insgesamt ist der Steigerungsumlaut seit dem Fnhd. rückläufig. In Schweizer Dialekten wurde er indessen ausgebaut, hier gibt es Komparative wie trüriger zu trurig ‘traurig’, mägerer zu mager ‘mager’ oder lüschtiger zu luschtig ‘lustig’, d. h. die Einsilbigkeitsbeschränkung wurde durchbrochen (dieser Komplex ist noch weitgehend unerforscht). Abb. 79: Diachronie der Adjektivsteigerung 10.2 Umlaut 323 <?page no="324"?> Als klares Fazit ist zu ziehen, dass der Umlaut beim Adjektiv als Steigerungsmorphem im Fnhd. morphologisiert wird. Allerdings gab es im frühen Ahd. beim Adjektiv noch andere Umlaute, die nicht die Steigerung bezeichneten, sondern Kasus im Singular des Positivs (Grundstufe), und zwar den Gen. und Dat.Sg. (s. Tab. 45 und Sonderegger 1979: 309). Allerdings wurde dieser kasusmarkierende Umlaut - genau wie bei den Substantiven (s. die rechte Spalte in Tab. 45) - noch im Ahd. beseitigt (vgl. Kap. 3.1.2). Tab. 45: Ahd. Kasusumlaute im Singular von Adjektiven (und bestimmten Substantiven) Diese alten adjektivischen Kasusumlaute haben sich jedoch in einigen Ortsnamen erhalten. Namen sind u. a. deshalb für die Sprachgeschichte interessant, weil sie oft sprachliche Relikte bewahren. Sonderegger (1979: 309) erwähnt hier Längendorf < ahd. ze demo lengin dorfe (Dat.Sg.) und Schwerzenbach < ahd. ze demo swerzin bahhe. Im Schwarzwald (bei Titisee-Neustadt) gibt es den Ort (und auch den - heute noch roten - Bach) Rötenbach < Rotinbah (819). Sowohl in Österreich wie in der Schweiz gibt es ein Längenbach. Beide Entwicklungen - die Beseitigung des Kasusumlauts aus dem Positiv des Adjektivs sowie die analogische Einführung des Steigerungsumlauts - bestätigen deutlich das in Kap. 3.1.5.4 eingeführte Relevanzkonzept von Bybee (1985): Abb. 80: Die Relevanzhierarchie für das Adjektiv Da ein Adjektiv meist eine bestimmte Eigenschaft, die unterschiedlich stark ausgeprägt sein kann, bezeichnet (z. B. groß, alt), ist auf der Funktionsebene die Angabe der Intensitätsstufe dieser Eigenschaft eine für das Adjektiv viel relevantere Information als eine bloße Kongruenzkategorie wie Genus, Kasus oder Numerus, die nicht vom Adjektiv selbst ausgeht bzw. gesteuert wird. Daher ist es auf der Formebene die Steigerung, die fusionierend (über Umlaut) im Stamm, d. h. innerhalb des Lexems, ausgedrückt wird. Durch die analogische (morphologisch motivierte) Ausbreitung des 324 10 Von der Phonologie in die Morphologie: Ablaut und Umlaut <?page no="325"?> Steigerungsumlauts wird dieses Relevanzprinzip bestätigt. Auch der zweite Faktor, der Fusionierungen begünstigt, tritt deutlich zutage: Die Gebrauchsfrequenz (= Tokenfre‐ quenz) des betreffenden Adjektivs hat großen Einfluss auf die Umlautwahrscheinlich‐ keit (vgl. auch Kap. 3.1.5.3). Augst (1971) führte einen informellen Versuch mit Kunstwörtern (d. h. erfundenen Adjektiven) durch, um zu testen, ob Probanden auch hier einen Steigerungsumlaut bilden. Seine Ergebnisse bestätigen die starke Neigung zur Umlautung von Einsilbern mit den Wurzelvokalen a, o und u, und - wenngleich seltener - auch von au. Bei Mehrsilbern wurde dagegen unabhängig vom Wurzelvokal sehr wenig umgelautet. Gerade der Faktor der Silbenzahl wirkt also bis heute nach: So lautet das einfache Adjektiv arm immer um, aber innerhalb von Komposita wie kalorienarm, blutarm, risikoarm kommt es durchaus zu nicht umgelauteten Formen wie blutarmer als, risikoarmer als. Dies bestätigen auch Recherchen bei Google (Eingabe: „blutarmer als“ etc.; bei solchen Recherchen immer „Seiten auf Deutsch“ auswählen). Weil es regionale Unterschiede im Ausmaß der Morphologisierung von Steigerungsumlauten gibt, wäre auch ein Kunstwortexperiment im Regionenvergleich aufschlussreich dazu, wie morphologisch produktiv der Steigerungsumlaut heute noch ist. 10.2.2.2 Wenn die Vöglein nur sängen: Konjunktivumlaut bei starken Verben Im Nhd. gibt es bei starken Verben zwei Möglichkeiten zur Bildung des Konj.II, eine synthetische mithilfe des Umlauts (ich sänge) und eine periphrastische (analytische) mit dem Hilfsverb würde (ich würde singen, s. auch Kap. 11.3) - mit Tendenz zur Ausbrei‐ tung der zweiten Variante. Der Ursprung des Umlauts ist hier ebenfalls lautgesetzlicher Art, Verursacher waren i-Laute in den Konj.II-Suffixen. Im Laufe der Zeit wurde der Umlaut jedoch zum Ausdruck des Konjunktivs morphologisiert (funktionalisiert). Dies zeigt sich an drei Entwicklungen: 1. Der Konjunktivumlaut hat sich in dieser Position auch analogisch auf Verben ausgebreitet, die nie das umlautauslösende i enthielten, z. B. die beiden schwachen Verben haben (hätte) und brauchen (bräuchte). 2. Der Umlaut hat sich aus anderen Positionen des verbalen Paradigmas zurückge‐ zogen, was die Verknüpfung zwischen dem Umlaut und der Information ‘Konj.II’ indirekt verstärkt hat (s. unten und in Kap.3.1.3 und 3.1.5.4 zur 2.Ps.Sg.Prät.Ind. starker Verben). 3. Schließlich hat sich der Umlaut im Zuge des präteritalen Numerusausgleichs im Fnhd. auf die Stammvokale der neuen Präteritalformen übertragen, z. B. jetzt sänge zu sang(en) (2. Ablautstufe) statt früher sünge zu sungen (3. Ablautstufe) (vgl. Nübling 1999a und Kap.3.1.3). Zu 2): Der Konjunktivumlaut betraf lautgesetzlich nur die starken Verben. Die Auslöser des Konj.II-Umlauts, i-haltige Endungen, sind im Ahd. noch klar sichtbar (s. Tab. 46). Der Konj. II wird mit der 3. Ablautstufe gebildet (Reihe IIIa: singan - sang - 10.2 Umlaut 325 <?page no="326"?> sungum - gisungan). Tab. 46 vergleicht die ahd. und mhd. Konj.II-Formen. Im Ahd. ist das umlautauslösende -izwar vorhanden, der Sekundärumlaut (um den es sich hier handelt) aber noch nicht verschriftet. Im Mhd. und v. a. Fnhd. wird dieser Umlaut geschrieben. Der umlautauslösende Vokal i ist längst zu e geschwächt worden. Form Ahd. Mhd./ Fnhd. Sg. 1. sungi sünge 2. sungīs(t) süngest 3. sungi sünge Pl. 1. sungīmes süngen 2. sungīt sünget 3. sungīn süngen Tab. 46: Konjunktiv Präteritum im Ahd., Mhd. und Fnhd. Im Ahd. gibt es jedoch mit der 2.Ps.Sg. des Ind.Prät. du sung-i ‘du sangst’ eine weitere Form mit i-haltiger Endung, die sich zu mhd. du süng-e entwickelte und den Konjunktivformen äußerlich ganz ähnlich war. Diese Form wird zu Ende des Mhd. analogisch aus dem Paradigma entfernt. Parallel dazu setzt sich die Endung -st statt vorher -e durch: du sünge > du sangst (vgl. Tab. 17 in Kap. 3.1.3; Sonderegger 1979: 310, Paul u. a. 25 2007: 242-244). Indem der Umlaut aus dem Indikativ entfernt wurde, hat sich seine Koppelung mit dem Konj. II verstärkt, da sich der Umlaut nun exklusiv auf die Konjunktivanzeige beschränkt. Dies wird zusätzlich durch den Abbau der Rückumlautverben (vgl. zu dieser Klasse Klein u. a. 2018: Kap. 2.3.3) zum Fnhd. hin gestützt, wo die Umlautdifferenz zur Tempusmarkierung genutzt wurde und nun beseitigt wird, indem sich der Umlaut auf das gesamte Paradigma ausbreitet: mhd. küssen - kuste > nhd. küssen - küsste, hœren - hōrte > hören - hörte. Hier wird der Umlaut lexikalisiert, d. h. fest mit dem Lexem verbunden. Damit verliert er seine grammatische Funktion. Aus heutiger Perspektive ist der Umlaut im Konjunktiv auffällig robust. Dies ist besonders bemerkenswert, weil der synthetische Konjunktiv (ich sänge) mit einem sehr transparenten analytischen Verfahren konkurriert (ich würde singen). Bittner/ Köpcke (2010) führten einen Versuch anhand von Kunstverben, die in den synthetischen Konjunktiv zu setzen waren, mit Probanden aus Deutschland und der Schweiz durch. Bei den Kunstverben, die lautliche Ähnlichkeit mit schwachen Verben hatten (z. B. soben zu toben, loben), überwogen erwartungsgemäß Konjunktive nach dem Muster der schwachen Verben mit -te, z. B. sobte zum Inf. soben. Dennoch waren bei den dt. Versuchspersonen Bildungen mit Umlaut keine Seltenheit, z. B. söbe oder sogar Mischformen wie söbte. Bei Kunstverben mit Ähnlichkeit zu einer gut besetzten Ablautreihe, z. B. spinken (zu AR IIIa: sinken etc.), kam es zwar auch mehrheitlich 326 10 Von der Phonologie in die Morphologie: Ablaut und Umlaut <?page no="327"?> zu schwachen Bildungen, doch immerhin zu ca. 26 % zu Formen mit Umlaut (spänke/ spönke). Bei den Versuchspersonen aus der Schweiz waren die Mischformen mit Dentalsuffix und Umlaut stärker vertreten (sängti/ sängi). Diese Ergebnisse unterstreichen die Präsenz des Umlauts als Flexionsverfahren. Gerade beim Konjunktiv scheint die erhöhte formale Distinktivität des Umlauts zur Markierung dieser funktionalen Kategorie zu passen. Das Mischverfahren Umlaut + Dentalsuffix (z. B. bräuchte, hätte) erreicht ein Maß an Komplexität, das der inhaltlichen Komplexität der Kategorie gerecht wird. Gleichzeitig wird die Homonymie mit dem Indikativ Präteritum (wenn er brauchte, hatte) vermieden, die bei reiner Suffigierung des Dentalsuffixes aufträte und für schwach flektierte Verben gilt (vgl. auch Lotze/ Gallmann 2009: 231). 10.2.2.3 Exkurs I: Eskapaden des Umlauts im Luxemburgischen am Beispiel des Pluralumlauts Der lautgesetzliche Umlaut hat in den germ. Sprachen mit unterschiedlicher Stärke gewirkt. Doch kam es, abgesehen vom Dt., kaum zu einer Systematisierung und Funk‐ tionalisierung des Umlauts (hierzu s. Nübling 2013). Das Englische und Niederländische haben den Umlaut bis auf wenige Reste (z. B. engl. goose - geese, man - men, nl. stad - steden) abgebaut. Nur das Luxemburgische hat die Morphologisierung des Umlauts noch weiter vorangetrieben als das Dt., was im Folgenden anhand des Pluralumlauts bei Substantiven gezeigt sei. Im Luxemburgischen lauten nicht nur mehr Substantive im Plural um als im Dt., sondern es gibt auch viel mehr Umlautmöglichkeiten, die, anders als im Dt., nicht vorhersagbar sind, d. h. es besteht keine 1: 1-Beziehung zwischen Nichtumlaut und Umlaut. Während im Dt. z. B. ein [ aː ] nur zu [ ɛː ] werden kann (Kran - Kräne), sind hier im Luxemburgischen die „Umlaute“ [ e , eː , ɛ , ɛː , ie ] oder [ ɛi ] möglich (Nübling 2005a: 57-58, 2006, 2013). Diese Möglichkeiten sind durch Lautwandel der Vokale zustande gekommen, unter anderem durch die Aufgabe des Merkmals Lippenrundung bei den Umlauten (Entrundung, Wiesinger 1983), die das Luxemburgische mit vielen Dialekten des Deutschen teilt. Diese kräftige Zunahme an Komplexität ist weitgehend auf lautgesetzliche Entwicklungen zurückzuführen, doch ist auch viel analogischer Umlaut daran beteiligt. Tab. 47 enthält einige Beispiele. Singular Plural Bedeutung Aarm Äerm ‘Arm - Arme’ Stach Stéch ‘Stich - Stiche’ Sam Seem ‘Saum - Säume’ Rass Rëss ‘Riss - Risse’ Floss Flëss ‘Fluss - Flüsse’ Nool Neel ‘Nagel - Nägel’ 10.2 Umlaut 327 <?page no="328"?> Singular Plural Bedeutung Broch Bréch ‘Bruch - Brüche’ Mount Méint ‘Monat - Monate’ Fauscht Fäischt ‘Faust - Fäuste’ Numm Nimm ‘Name - Namen’ Kuerf Kierf ‘Korb - Körbe’ Tab. 47: Umlaut in der Pluralbildung des Luxemburgischen (nach Nübling 2005a: 56, 2006: 117) Trotz zunehmender Komplexität des Systems und der damit verbundenen Kompetenz‐ belastung hat das Luxemburgische die Auswirkungen des Umlauts nicht beseitigt, sondern als morphologisches Mittel zur Kodierung des Plurals so stark genutzt wie keine andere germ. Sprache. Dafür kann es sich in vielen Fällen erlauben, keine eigene Pluralendung zu verwenden, d. h. der Plural ist oft nicht länger als der Singular (viele der Plurale in Tab. 47 haben nhd. Entsprechungen mit Pl.-e). Die Kompetenzbelastung (Memorierung) wird also durch Performanzerleichterung (kürzere Formen) kompen‐ siert (vgl. das Ökonomieprinzip in Kap. 3.1.5.3). 10.2.2.4 Exkurs II: Eskapaden des Umlauts als verbaler Pluralmarker im Deutschen Ein Rätsel stellt der Umlaut im Präsens Plural mancher Modalverben (Präteritopräsen‐ tia) dar, weil er nie eine lautgesetzliche Grundlage hatte (ich muss - wir müssen, ich kann - wir können). Diese Umlaute sind jüngeren Datums, da bei den ahd. Formen im Präsens Plural kein umlautauslösendes -i (sondern -u) vorhanden war (s. Tab. 48 am Beispiel von können und müssen). Sprachstufe Infinitiv 1./ 3. Sg. Ind. Präs. 1./ 3. Pl. Ind. Präs. ahd. mhd. nhd. kunnan kunnen/ künnen können kan kan kann kunnun kunnen/ künnen können ahd. mhd. nhd. muozan müezen müssen muoz muez muss muozun müezen müssen Tab. 48: Indikativ Präsens der Präteritopräsentien können und müssen 328 10 Von der Phonologie in die Morphologie: Ablaut und Umlaut <?page no="329"?> Es gibt mehrere Theorien zur Entstehung dieser Umlaute (vgl. Nübling 2009a für einen Überblick), doch vermochte es keine zu erklären, weshalb die Umlaute nur im Plural des Indikativs vorkommen. Vermutlich stammt dieser Pluralumlaut aus dem No‐ minalbereich. In diesem Fall handelt es sich um einen sog. transkategorialen Marker, d. h. der Pluralmarker wurde aus der Nominalin die Verbalmorphologie übertragen. Gerade für Numerus lassen sich in vielen Sprachen Beispiele für eine einheitliche, wortartübergreifende (transkategoriale) Markierung finden, z. B. im Türkischen mit dem Suffix -lar. 10.2.2.5 Täubchen im Gebüsch hören: Umlaut in Wortbildung und Lexik Die Ausbreitung des Umlauts in Wortbildung und Lexik beginnt schon im Ahd. und dauert bis heute an, d. h. alle drei Umlauterscheinungen (Primär-, Sekundär- und morphologischer Umlaut) sind daran beteiligt. Im Nhd. sind viele Relikte des lautgesetzlichen Umlauts erhalten, z. B. legen (< germ. *lagjan), setzen (< germ. *satjan). In der Diminution ist er heute noch produktiv (vgl. Skandälchen). Ein Beispiel für nicht mehr produktiven Umlaut in der Wortbildung sind die Kollektiva vom Typ Busch - Gebüsch, Land - Gelände. Sie bezeichnen ‘eine Vielheit von X’. Der Wortbildungsprozess ist im Germ. produktiv und hat die Struktur *ga-Wurzel-ja (vgl. Kap. 3.2.1.3). Das -jdes Suffixes verursachte Umlaut mit dem Ergebnis, dass einem umlautlosen Grundwort ein umgelautetes Kollektivum gegenübersteht, z. B. Wasser - Gewässer, Darm - Gedärm, Busch - Gebüsch, Holz - Gehölz, auch Mus - Gemüse (Wilmanns 2 1899: § 191, Henzen 3 1965, Fleischer/ Barz 4 2012: 256 f.). Abb. 81 verdeutlicht die Morphologisierung des Umlauts in Flexion und Wortbildung. Auch bei der verbalen Wortbildung spielte Umlaut eine Rolle. Eine der drei großen Klassen der schwachen Verben, die sog. jan-Verben, erfuhr durch dieses Suffix reguläre Umlautung. Diese Verben (siehe auch oben in Kap. 10.1.3) wurden i. d. R. von der 2. Ablautstufe starker Verben abgeleitet. So wurde z. B. zu springen das jan-Verb *sprang-jan in der Bedeutung ‘zum Springen bringen’ gebildet (heute: sprengen). Durch das -jder Endung wurde der Stammvokal zu ahd. sprengen umgelautet. Heute ist dieser Umlaut lexikalisiert, markiert also keine grammatischen Kategorien mehr, sondern ist Teil des Verbstamms in allen Formen des Lexems. Dies gilt auch für andere ehemalige jan-Verben wie träumen, stürzen, küssen, füllen, hören, brennen, schenken. 10.2 Umlaut 329 <?page no="330"?> 44 Diese Flexionsklassenbezeichnungen gehen auf das Germ. zurück; hier kamen diese Endungen -ja, -jō und -īn noch vor, im Ahd. sind sie stark verändert und reduziert. Abb. 81: Morphologisierung des Umlauts Weitere Wortbildungsmuster, die im Ahd. entweder produktiv oder zumindest noch morphologisch transparent waren, enthielten i-haltige Suffixe und sind als Umlautre‐ likte in der heutigen Lexik verankert. Unter den Substantiven stammen solche Relikte aus bestimmten Klassen, z. B. den ja- (ahd. (h)rucki > nhd. Rücken), jō- (ahd. suntia > nhd. Sünde) und īn-Stämmen (ahd. hōhī > nhd. Höhe). 44 Bei manchen dieser Dekli‐ nationsklassen (z. B. den fem. īn-Stämmen) war der Umlaut im gesamten Paradigma vorhanden. Bei anderen (z. B. den jō-Stämmen) war dies nicht der Fall (kein i im Gen. und Dat.Pl.), doch wurde auch hier der Umlaut ab dem Mhd. im gesamten Paradigma verallgemeinert und damit lexikalisiert. In einigen Fällen von lexikalisiertem Umlaut entstanden Dubletten, bei denen semantische Unterschiede an das Fehlen bzw. Vorhandensein des Umlauts gekoppelt wurden. Hier kann man aber nicht von einer grammatischen Funktionalisierung wie z. B. bei der Plural- oder Konjunktivbildung sprechen, da die Semantik sich von Fall zu Fall stark unterscheidet. Beispiele sind: schon vs. schön, fast vs. fest, drucken vs. drücken. Manchmal ist kaum ein semantischer Unterschied feststellbar, z. B. bei nutzen - nützen. Auch gibt es einige Umlautdubletten mit Bedeutungsunterschied nur im Plural, z. B. Worte vs. Wörter und Lande vs. Länder (vgl. Kap. 3.1.2, Tab. 16). 330 10 Von der Phonologie in die Morphologie: Ablaut und Umlaut <?page no="331"?> Bei den heutigen Wortbildungsverfahren variiert die Produktivität des Umlauts. Der Umlaut der in-Movierung (Arzt - Ärztin, Koch - Köchin) ist lautgesetzlich begrün‐ det und heute noch schwach produktiv (Rättin, Päpstin, Pröbstin). Er geht auf das ahd. Suffix -inna zurück: kuninginna ‘Königin’. Bei jüngeren Bildungen und Lehnwörtern fehlt der Umlaut meist (z. B. Sklavin, Kameradin, Gattin, aber Französin, Bischöfin, ? Generälin) und unterbleibt bei zweisilbigen Nomina agentis auf -er wie Kanzlerin, Malerin (Fleischer/ Barz 4 2012: 233). Dagegen ist der Umlaut in der Diminution bei den Suffixen -chen und -lein noch ziemlich produktiv. Sowohl -lein (< mhd. -lîn) als auch -chen (< mhd. -ichîn) gehen auf i-haltige Suffixe zurück. Dass der Umlaut heute noch bei Entlehnungen wie Anekdötchen, Skandälchen, Histörchen oder Motörchen eintritt, beweist seine morphologische Funktionalisierung auch in der Wortbildung (s. Abb. 81). Hier kann man wieder in Bybees Relevanzkonzept (Kap. 3.1.5.4) eine funktionale Erklärung finden. Die Diminution verändert das durch das Substantiv bezeichnete Konzept sehr stark: Ein Bäumchen evoziert eine andere Vorstellung als ein Baum, nicht nur bzgl. der Größe und Gestalt, sondern auch auf der Ebene der affektiven Einstellung der Sprechenden zum diminuierten Referenzobjekt. Dementsprechend ist auch die fusionierende Kodierung im Stamm durch den Umlaut nach Bybees Relevanzhierarchie zu erwarten (s. Nübling 2002, 2005a: 70-71). 10.2.3 Dölf und Mäx: Umlaut in der Pragmatik Sprechereinstellungen spielen auch bei der letzten hier besprochenen Umlautfunkti‐ onalisierung eine Rolle. Ein Beispiel für die pragmatische Nutzung des Umlauts erwähnt Sonderegger (1979: 318) für das Schweizerdeutsche: Hier wird der Umlaut zur Bildung von Kosenamen funktionalisiert. Nach Sonderegger vermittelt der kosende (sog. hypokoristische) Umlaut eine zusätzliche Familiarität und Vertrautheit. Wichtig ist, dass die Bildungen auch für Namen möglich sind, die niemals einen phonetischen Umlautauslöser enthielten, z. B. Mäx < Max oder Dölf < Dolf (<Adolf). So kann man anhand des Umlauts exemplarisch aufzeigen, wie er sich, auf das sprachliche „Zwiebelmodell“ bezogen, von der Phonologie (im Kern) auf die verschie‐ denen Ebenen der Sprache ausbreitet. Dies zeigt Abb. 82. Seine Hauptdomäne hat der Umlaut in der Morphologie, wo er auch seine volle Funktionalität entfaltet, und zwar sowohl in der Flexion als auch in der Wortbildung. Nicht systematisch genutzt wird er dagegen auf der lexikalischen, semantischen und pragmatischen Ebene, daher die Abtrennung in Abb. 82. Zur Ausbreitung des Umlauts auf graphematischer Ebene sei auf Kap. 9.1.3 verwiesen. 10.2 Umlaut 331 <?page no="332"?> Abb. 82: Das Ausgreifen des Umlauts auf die sprachlichen Ebenen Zum Weiterlesen Sonderegger (1979) befasst sich intensiv mit den Auswirkungen von Ablaut und Umlaut auf das Sprachsystem. Zum Einstieg in die Stark-Schwach-Thematik eignet sich Augst (1975a). Vertiefend behandeln Nübling (1999a und 2013) und Wegera u. a. ( 2 2018) fnhd. Umstrukturierungen des Ablauts und des Umlauts, Nübling (2013) bezieht dabei das gesamte Entwicklungsspektrum des Umlauts in den germanischen Sprachen ein. Die 8. Ablautreihe im Dt., Niederländischen und Luxemburgischen behandelt Nowak (2010, 2015). Um die Umstrukturierung von Ablautreihen im Sprachvergleich geht es auch Durrell (2001) und Hempen (1988). Wer an der Frühgeschichte des Ablauts interessiert ist, kann sich an Ringe ( 2 2017) orientieren. Vertiefend zum Plural-Umlaut s. Köpcke (1994), Wegener (2003) und Nübling (2013). Ronneberger-Sibold (1990) beleuchtet ganz genau die graduell verlaufende Phono‐ logisierung und Morphologisierung des Umlauts. Wurzel (1981) stellt prinzipiell dar, wie sich phonologische zu morphologischen Regeln entwickeln können. 332 10 Von der Phonologie in die Morphologie: Ablaut und Umlaut <?page no="333"?> 11 Grammatikalisierung: Wie entsteht Grammatik? Alle natürlichen Sprachen bestehen aus lexikalischen und grammatischen Zeichen. Dieser Unterschied wurde in den Kap. 1 bis 10 zwar noch nicht ausführlich thematisiert, dennoch spielt diese Unterscheidung in vielen der bereits dargestellten Beispiele von Sprachwandel eine wichtige Rolle. Die meisten Menschen sind in der Lage, auch ohne linguistische Vorkenntnisse grammatische Zeichen (Grammeme) von lexikalischen (Lexemen) mehr oder weniger korrekt zu trennen. Konfrontiert mit dem Satz Lisa fährt mit dem Rad zur Schule und der Aufgabe, sog. „Inhaltswörter“ von „Funktionswörtern“ zu unterscheiden, würden die meisten zunächst die sprachlichen Zeichen Lisa, fährt, Rad und Schule als die inhaltlichen Einheiten des Satzes identifizieren. Diese Zeichen tragen die Kernbedeutung der Äußerung. Die Zeichen mit, dem und zur stellen in erster Linie Beziehungen zwischen den inhaltlichen Zeichen her. Ihre Bedeutung ist also viel abstrakter, sie dienen dem Ausdruck obligatorischer grammatischer Informationen (sog. grammatischer Kategorien) wie im Beispiel der Artikel dem, der die vier Katego‐ rien Definitheit (+ definit), Genus (Neutrum), Numerus (Singular) und Kasus (Dativ) kodiert. Präpositionen wie mit und zur wirken intuitiv deutlich weniger grammatisch als der Artikel. Dies liegt vor allem daran, dass die Präpositionen sowohl in Bezug auf ihre Form als auch auf ihren Inhalt deutlich heterogener sind (mehr dazu s. u.). Sie kodieren dennoch Beziehungen zwischen sprachlichen Zeichen, u. a. räumliche (in der Halle), zeitliche (nach dem Essen) oder kausale (wegen des Wetters). Manche dieser Bedeutungen wirken für uns wesentlich konkreter als andere. So drückt auf in Das Buch liegt auf dem Teppich eine konkrete Position des Buches in Bezug zum Teppich. Das Buch könnte auch unter oder neben dem Teppich liegen. In Ich warte auf Lisa ist auf hingegen stark desemantisiert. So zeigt sich, dass der Unterschied zwischen lexikalischer und grammatischer Bedeutung graduell ist. In diesem Kapitel geht es darum, den Grammatikalisierungsgrad eines sprachlichen Zeichens genauer zu bestimmen sowie die Herausbildung von grammatischen Zeichen zu beschreiben. Ihr Ursprung liegt häufig in der lexikalischen Schicht des Zwiebelmo‐ dells (Abb. 1, S. 18). Der Prozess, in dem ein lexikalisches Zeichen grammatische Bedeutung bzw. Funktion annimmt oder in dem bereits grammatische Zeichen noch grammatischere Funktionen entwickeln, wird als Grammatikalisierung bezeichnet. In den letzten 40 Jahren hat sich die Grammatikalisierungsforschung zu einer zentralen Forschungsrichtung der historischen Linguistik entwickelt. In diesem Kapitel werden zunächst die grundlegenden Annahmen und die Prinzipien dieses Sprach‐ wandelprozesses vorgestellt und anschließend anhand ausgewählter Grammatikalisie‐ rungsbeispiele aus der dt. Sprachgeschichte veranschaulicht. Die aus diesem Kapitel gewonnenen Erkenntnisse zur Grammatikalisierung dienen wiederum als Grundlage zum Verständnis des folgenden Kap. 12 zum Spannungsfeld zwischen Analyse und Synthese. Während Kap. 10 anhand des ebenenübergreifenden Charakters von Ablaut und Umlaut das Zusammenwirken der phonologischen und morphologischen Ebene <?page no="334"?> darstellt, verläuft die Grammatikalisierung über noch mehr Ebenen, nämlich von der Pragmatik über die Semantik bis hin zur Phonologie. Dabei ist vorweg zu betonen, dass Grammatik durchaus auch entstehen kann, ohne die im Folgenden beschriebenen Phasen und Prozesse durchlaufen zu müssen. Hierfür ist der Umlaut (Kap. 10) ein gutes Beispiel: Mit der Morphologisierung des Umlauts entstand ein Flexionsverfahren direkt im Zentrum der Sprache über die Phonologie und nicht durch eine Entwicklung von der Peripherie ins Zentrum. Solche Fälle sind seltener, die hier beschriebene Grammatikalisierung dagegen der Normalfall. 11.1 Die Einbahnstraße ins Zentrum der Sprache Wie in Kap. 1.2 erläutert, bestehen natürliche Sprachen aus verschiedenen Teilsyste‐ men, die sich in einem mehrschichtigen, zwiebelähnlichen Modell anordnen lassen. Der gewöhnliche Weg zur Entstehung eines grammatischen Zeichens verläuft von der mittleren, lexikalischen Schicht nach innen hin zu den geschlossenen Bereichen der Grammatik (Phonologie, Morphologie und Syntax). Die Richtung dieser Entwick‐ lung - vom Lexikalischen hin zum Grammatischen - ist entscheidend. Hier wirkt das Prinzip der Unidirektionalität, nach dem die Grammatikalisierung immer vom Kon‐ kreten/ Lexikalischen zum Abstrakten/ Grammatischen verläuft und nie umgekehrt. Dabei werden einst freie Sprachzeichen allmählich zu gebundenen. Somit ist die Grammatikalisierung eine Art Einbahnstraße ins Zentrum der Sprache, die oft mit einem „glitschigen Abhang“ (Diewald 2000: 32-34) verglichen wird. Die Unidirekti‐ onalität ist das wichtigste Prinzip der Grammatikalisierung, wird aber kontrovers diskutiert. Problematische Aspekte dieses Prinzips werden unter 11.5 erläutert. Abb. 83 veranschaulicht die Unidirektionalität der Grammatikalisierung als einen „glitschigen Abhang“, der den Wandel des Inhalts (der Funktion) der Sprachzeichen und seiner Form betreffen. Abb. 83: Prozess der Grammatikalisierung (nach Lehmann 3 2015 [1982]: 15) 334 11 Grammatikalisierung: Wie entsteht Grammatik? <?page no="335"?> 11.1.1 Prozesse der Grammatikalisierung Die Entwicklung von einer freien lexikalischen Einheit zu einer grammatischen erfolgt nicht abrupt, sondern erstreckt sich über einen Zeitraum, der häufig mehrere Jahrhun‐ derte dauert und verschiedene Prozesse durchläuft. Es gibt verschiedene Modelle der Grammatikalisierung. Heine (2003: 579) gliedert sie beispielsweise in folgende vier Prozesse: a. Desemantisierung: Verlust an Bedeutung bzw. an semantischem Inhalt, b. Extension: Ausbreitung auf neue Kontexte, c. Dekategorialisierung: Verlust an morphosyntaktischen Eigenschaften der Ur‐ sprungsform, u. a. Verlust des Status als unabhängiges Wort, d. Erosion: Reduktion phonetischer Substanz. Diese vier Prozesse verdeutlichen den ebenenübergreifenden Charakter der Gramma‐ tikalisierung: Prozesse a) und b) sind auf der semantischen und pragmatischen Ebene zu verorten. Desemantisierung bedeutet, dass die Semantik einer sprachlichen Einheit abstrakter wird. Man spricht hier auch von einer Bedeutungsverallgemeinerung oder von semantischer Ausbleichung (Hopper/ Traugott 2 2003: 100). Bei der Extension wird das desemantisierte Sprachzeichen in neuen Kontexten gebraucht, in denen es vorher ausgeschlossen war. Die neue abstrakte Bedeutung muss dennoch nicht in allen Kontexten vorkommen. Ein gutes Beispiel für die Beibehaltung von lexikalischer Bedeutung bei gleichzeitiger Entwicklung grammatischer Bedeutungen in bestimmten Kontexten sind Hilfsverben wie haben, die im Zuge der sog. Auxiliarisierung entstehen. Hier findet eine Aufspal‐ tung des Lexems in die ursprüngliche Funktion A und die neue, grammatische Funktion B statt. Genau dies ist bei haben der Fall, das sowohl eine Vollverbfunktion innehat (Sie hat ‘besitzt’ ein Fahrrad) als auch eine desemantisierte, grammatische Bedeutung (Sie hat gelacht). Wichtig ist, dass die abstraktere, grammatische Bedeutung B nur in Kombination mit dem Partizip II (hier gelacht) vorkommt. Dabei vollzieht sich jede Desemantisierung in vielen kleinen Schritten (vgl. Kap. 5.1.1). Im frühesten Stadium einer Grammatikalisierung geht man von ambigen (zweideutigen) Verwendungen eines Lexems aus, in denen sowohl Funktion A als auch Funktion B als Interpretationen möglich sind. In dieser ersten Phase tritt die neue Bedeutung als konversationelle Implikatur, die im freien Diskurs entsteht, hinzu (vgl. Kap. 5.2.3 und Kap. 7.3). Die Im‐ plikatur, bei der die Interpretation einer Äußerung sich nicht allein aus der Bedeutung der verwendeten sprachlichen Zeichen ableiten lässt, ist zentral für die Entwicklung neuer grammatischer Bedeutungen. Die neue Lesart geht mit syntaktischer Reanalyse einher, d. h. mit struktureller Reinterpretation der Äußerung. Reanalyse gibt es auch in Sprachwandelprozessen, die nicht zur Grammatikalisierung führen. Hopper/ Traugott ( 2 2003: 50) liefern aus der Wortbildung ein engl. Beispiel: Aus der Form hamburger {hamburg} + {er} ‘Speise aus Hamburg’ segmentiert der Hörer {ham} ‘Schinken’ + {burger}. Die Reinterpretation ist an der Oberfläche von hamburger zunächst nicht erkennbar. Dass diese morpholo‐ 11.1 Die Einbahnstraße ins Zentrum der Sprache 335 <?page no="336"?> gische Reanalyse stattgefunden hat, wird erst durch Neubildungen wie cheeseburger oder bacon burger deutlich. Das gleiche Prinzip gilt bei grammatischen Beispielen (s. Szczepaniak 2 2011a: 35 f.): Ich bekomme den Käse geschnitten Für diese Äußerung gibt es zwei mögliche Lesarten. Bei der ersten wird geschnitten adjektivisch verwendet und bezieht sich auf das Akkusativobjekt Käse. In diesem Fall ist bekomme ein Vollverb. Nach der zweiten Lesart ist bekomme aber das Hilfsverb; die Äußerung trägt passivische Bedeutung, bei der der eigentliche Rezipient der Handlung - der den Käse geschnitten bekommt - zum Subjekt des Satzes befördert wird. Bei der zweiten Lesart geht es primär darum, dass der Kunde den Käse nicht selber schneiden muss, sondern dass jemand diese Tätigkeit für ihn ausführt. Dabei verschiebt sich der Fokus vom Resultatzustand (der Käse ist geschnitten) zur für den späteren Rezipienten ausgeführten Handlung. Diese zweite Lesart ist ein Beispiel für das dt. Rezipientenpassiv. Bei der Lesart des Rezipientenpassivs ist das Part.Perf. geschnitten der infinite Verbteil einer zweiteiligen Konstruktion, bei der bekommen als Hilfsverb fungiert. Das Beispiel oben oszilliert zwischen beiden Lesarten. Gerade solche ambigen Äußerungen, die eine Reanalyse erlauben, stellen eine entscheidende semantische und syntaktische Brücke her, die die Herausbildung grammatischer Konstruktionen begünstigen (vgl. Kap. 3.2.2.2 und Kap. 7.2). Desemantisierung und Extension führen dazu, dass die Kombinierbarkeit mit ande‐ ren sprachlichen Zeichen steigt. Diese beiden Prozesse sind für die Entstehung von Grammemen entscheidend, weil grammatische Zeichen mit einer möglichst großen Anzahl von Mitgliedern einer Wortart kombinierbar sein müssen und deshalb in ihrer Bedeutung wesentlich abstrakter oder allgemeingültiger werden müssen als ihre Spenderlexeme (s. z. B. Bybee 1985 und Kap. 3.1.1). Bei der Auxiliarisierung gibt es eine bewährte Methode, um den Grad an Desemantisierung und Extension festzustellen: Man kombiniert das Verb entweder a) mit sich selbst oder b) mit seinem Antonym. Im Fall von haben sind beide Kombinationsmöglichkeiten gegeben. Diese Tests weisen bei haben einen hohen Grad an Desemantisierung und Extension aus: a) Sie hat das Buch gehabt und b) Sie hat das Buch verloren. Zu Prozess c), der Dekategorialisierung, gehören Veränderungen in den morphosyn‐ taktischen Eigenschaften eines Zeichens. Diese können z. B. in einer Syntaktisierung bestehen, d. h. in zunehmender Verfestigung der Wortstellung: Ein Element, das vorher relativ frei verschiebbar war, wird auf eine bestimmte Position festgelegt. Das ist z. B. bei der Entstehung von Gradpartikeln der Fall. Während gerade als Adjektiv und Adverb noch freier verschiebbar ist ([gerade] lese ich [gerade] diesen Satz [gerade], ein gerades Stück, das Stück ist gerade, muss es als Gradpartikel direkt vor das fokussierte Element treten (gerade diesen Satz verstehe ich nicht). Das Adverb und die Gradpartikel sind auch dahingehend dekategorialisiert, dass sie im Vergleich zum Adjektiv ihre 336 11 Grammatikalisierung: Wie entsteht Grammatik? <?page no="337"?> Flektierbarkeit verloren haben. Auch Irregularisierung kann ein Kennzeichen von Dekategorialisierung sein: Dabei weicht das Zeichen in seiner Flexion zunehmend von anderen Mitgliedern seiner Wortklasse ab. Letzteres ist beispielsweise der Fall bei der Irregularisierung von Hilfsverben wie z. B. werden (vgl. Kap. 10 und 11.3). Zur Dekategorialisierung führt auch die Verschmelzung von zwei ursprünglich syntaktisch autonomen Elementen. Dieser Prozess nennt sich Univerbierung, und zwar unabhängig davon, ob die Elemente lexikalische oder grammatische Semantik haben, z. B. lebewohl < lebe + wohl oder außerdem < außer + dem. Bei der Klitisierung verliert dagegen ein Wort seinen autonomen Status. Klitika sind unbetonte, proso‐ disch unselbstständige Wörter, die sich mit einem selbstständigen Wort, der sog. Basis, verbinden (z. B. zu + der > zur). Sie bilden ein wichtiges Zwischenstadium auf dem Weg von der Syntax in die Morphologie (hierzu s. Kap. 12.3). Die letzte der vier Phasen, die Erosion, wirkt in erster Linie auf der phonologischen Ebene. Hier manifestiert sich die Grammatikalisierung auf der Ausdrucksseite des Zeichens. Gemeint ist damit die Reduktion der Lautsubstanz, die auf zwei Faktoren zu‐ rückgeht: Zum einen haben grammatische Einheiten eine erhöhte Gebrauchsfrequenz (sog. Tokenfrequenz) gegenüber ihrer Ursprungsform (Bybee 2003). Zum anderen sind Grammeme schwächer betont, was die Abschleifung phonetischer Substanz im Redefluss begünstigt. Die Verschmelzungsform im aus der Präposition in und dem bestimmten Artikel dem kommt laut Duden-Grammatik ( 10 2022: 1453) in fast 97 % der Fälle vor, während die Vollform in dem nur 3 % der Belege ausmacht. Tendenziell neigen Einheiten mit erhöhter Tokenfrequenz schneller zur Erosion als seltener gebrauchte Zeichen. In diesem Sinne spiegelt das abnehmende phonetische Gewicht das abnehmende semantische Gewicht des Zeichens wider. Erhöhte Frequenz kann auch zur Irregularisierung führen (hierzu Nübling 2000, vgl. Kap. 3.1.4). Die vorgestellten Prozesse sind nicht exklusiv der Grammatikalisierung vorbehalten. Das heißt, obwohl es keine Grammatikalisierung ohne Desemantisierung gibt, gibt es durchaus Desemantisierung ohne Grammatikalisierung: Das Verb begreifen z. B. bedeutete ursprünglich konkret ‘ergreifen, erfassen’, während es heute die abstraktere Bedeutung ‘verstehen’ hat, ohne deswegen eine grammatische Funktion zu besitzen (s. Kap. 5.1.1). Weiterhin müssen bei einer Grammatikalisierung nicht alle vier Prozesse eintreten. Sehr oft findet v. a. der letzte Schritt, die Erosion, nicht statt. Wie viele Schritte notwendig sind, um von Grammatikalisierung sprechen zu können, ist um‐ stritten. Während für manche die Entstehung einer etwas „grammatischeren“ Semantik durch Desemantisierung und Extension ausreicht, bestehen andere auf einer klaren Dekategorialisierung (vgl. den semantischen Wandel von machen als Grenzfall einer Grammatikalisierung in Kap. 5.1.1). Andererseits gibt es auch Grammatikalisierungen mit Erosion, die bei der phonetischen Reduktion so weit gehen, dass die lexikalische Herkunft verdunkelt ist (z. B. das Dentalsuffix -te in Kap. 11.2) oder die Form ganz ver‐ schwindet (s. Kap. 4.5). Dieses getilgte Grammem wird dann oft durch ein Grammem aus einem neuen Grammatikalisierungsprozess ersetzt. Diesen Prozess nennt man Renovation (s. Szczepaniak 2 2011a). Daher kann man in bestimmten Fällen auch von 11.1 Die Einbahnstraße ins Zentrum der Sprache 337 <?page no="338"?> Grammatikalisierungszyklen sprechen, z. B. beim Jespersen-Zyklus für die Erneuerung der Negationskennzeichnung in Kap. 4.5. 11.1.2 Messbarkeit des Grammatikalisierungsgrads Durch die oben dargestellten Prozesse von Heine (2003) kann man sich einen ersten Überblick über einzelne Teilentwicklungen der Grammatikalisierung verschaffen. Um den Grammatikalisierungsgrad sprachlicher Zeichen und Konstruktionen herauszuar‐ beiten und diese vergleichbar zu machen, sind feinere Kriterien notwendig. Dafür eignen sich die Grammatikalisierungsparameter von Lehmann ( 3 2015 [1982]). Die sechs Parameter ergeben sich aus der Anwendung von drei Merkmalen - Gewicht, Kohäsion und Variabilität -, die alle die Autonomie (Unabhängigkeit) des Zeichens betreffen. Entscheidend für Lehmann ist: Je höher der Grammatikalisierungsgrad, desto geringer die Autonomie. Diese Merkmale werden jeweils auf die paradigmatische und die syntagmatische Achse bezogen. Die paradigmatische Ebene betrifft die Auswählbarkeit eines Zeichens im Vergleich zu anderen Zeichen. Die syntagmatische Ebene bezieht sich dagegen auf seine Kombinierbarkeit mit anderen Zeichen im Satzverband. Dies kann am Beispiel der dt. Nominalflexion verdeutlicht werden, z. B. mit der grammatischen Kategorie Kasus: Auf der paradigmatischen Ebene können im Dt. nominale Elemente in einem von vier Kasus (Nom., Akk., Dat., Gen.) flektiert wer‐ den. Auf der syntagmatischen Ebene wird diese Selektion sprachlich realisiert, indem verschiedene Elemente (z. B. Pronomen, Artikel, Adjektiv, Nomen) der Nominalphrase für den Ausdruck eines bestimmten Kasus kooperieren (des großen Hauses). - a) paradigmatisch b) syntagmatisch bei fortschreitender Grammatikalisierung 1) Gewicht Integrität Skopus nimmt ab (Erosion) (Kondensierung) 2) Kohäsion Paradigmatizität Fügungsenge nimmt zu (Paradigmatisierung) (Koaleszenz) 3) Variabilität Wählbarkeit Stellungsfreiheit nimmt ab (Obligatorisierung) (Fixierung) Tab. 49: Parameter der Grammatikalisierung (vgl. Lehmann 3 2015 [1982]: 132) Tab. 49 zeigt Lehmanns Parameter der Grammatikalisierung. Unterhalb der Parameter wird der Prozess genannt, der bei zunehmender Grammatikalisierung stattfindet. In der rechten Spalte wird angezeigt, ob dieser Parameter bei fortschreitender Gramma‐ tikalisierung zu- oder abnimmt. Wir beginnen mit 1) dem Gewicht des Zeichens. Auf der a) paradigmatischen Ebene ist damit sein inhaltlicher und formaler Umfang 338 11 Grammatikalisierung: Wie entsteht Grammatik? <?page no="339"?> gemeint, wodurch es sich von anderen Zeichen abhebt. Auf der inhaltlichen Seite verliert ein Zeichen bei Desemantisierung an Gewicht. Es wird abstrakter, und statt auf ein Denotat (wie ‘Hand’) zu verweisen, drückt es grammatische, relationale Funktionen aus (s. die Präposition anhand). Auf der formalen Seite ist die Länge und Betontheit des Zeichens entscheidend, wobei Länge und Betonung mit Gewicht korrelieren. Eine Abnahme an Gewicht bezeichnet Lehmann - ebenso wie Heine - als Erosion. So wurde z. B. all die Weile daz mit der Zeit auf die Subjunktion weil reduziert. b) Das Gewicht auf der syntagmatischen Ebene bezeichnet Lehmann als Skopus im Sinne der semantischen Reichweite. Nach Lehmann ( 3 2015 [1982]152-157) besteht der strukturelle Skopus eines Grammems in der syntaktischen Größe der Konstruktion, die durch das Zeichen mitgeformt wird. Nach dieser Definition verringert sich der Skopus eines Zeichens bei zunehmender Grammatikalisierung. Diesen Prozess bezeichnet Lehmann als Kondensierung. Ein einleuchtendes Beispiel ist der Unterschied im Skopus für haben in seiner Funktion als Vollverb (Sie hat ein Fahrrad) und als Hilfsverb (Sie hat gelacht). In der Vollverbfunktion ist der Skopus der gesamte Satz, denn das Vollverb verlangt obligatorische Ergänzungen (Subjekt + direktes Objekt). Der Skopus des Hilfsverbs ist wesentlich geringer, er umfasst lediglich das Part. Perf. (gelacht), das seinerseits die Ergänzungen im Satz bestimmt. Von den sechs Parametern wird der Skopus am kontroversesten diskutiert (vgl. Norde 2009: 126-130), weil er sich bei zunehmender Grammatikalisierung in vielen Fällen scheinbar nicht ändert oder - entgegen der von Lehmann postulierten Richtung - sogar vergrößert, während die anderen Parameter auf eine starke Grammatikalisierung hinweisen. Das Problem des Skopus wird in Kap. 11.5 vertieft. Zu 2), Kohäsion: Auf der a) paradigmatischen Ebene repräsentiert die Kohäsion den Grad an Integration in ein Paradigma. Je kleiner, formal und funktional homogener und geschlossener die Klasse, desto höher der Grad an Paradigmatizität und demnach auch an Grammatikalisierung. Generell gilt, je größer die Klasse, desto weniger gram‐ matikalisiert ist sie. So sind die dt. Präpositionen ein gutes Beispiel für eine Wortart mit einem allgemein niedrigen Grad an paradigmatischer Kohäsion. Sie bilden mit ca. 300 Mitgliedern eine vergleichbar große grammatische Klasse (Eisenberg 5 2020: 205), deren Aufgabe es ist, relationale Verbindungen zwischen lexikalischen Zeichen herzustellen. Inhaltlich decken sie ein großes semantisches Spektrum ab (u. a. räumlich: in der Halle, zeitlich: nach dem Essen, kausal: wegen der Krankheit). Doch auch formal ist die Klasse sehr heterogen: Präpositionen können ein- oder mehrsilbig, einfach oder komplex sein (in, auf vs. wegen, aufgrund, in Anbetracht). Syntaktisch erscheinen manche nur vor der NP (in der Halle), manche davor oder dahinter (gegenüber der Halle vs. der Halle gegenüber). Innerhalb der Wortart kann man jedoch Untergruppen bilden, die jeweils höhere Paradigmatizität aufweisen (vgl. Lindqvist 1994, Szczepaniak 2 2011a: 93-103). Die Untergruppe mit dem höchsten Grammatikalisierungsgrad, die primären Präpositionen, weisen alle eine ähnliche Kasusrektion auf (Akk. oder Dat.), haben ausschließlich pränominale Stellung (in der Halle statt *der Halle in) und sind einsilbig (z. B. in, auf, mit). Sie sind auch so weit desemantisiert, dass sie sehr vielseitig 11.1 Die Einbahnstraße ins Zentrum der Sprache 339 <?page no="340"?> verwendbar sind. Diese Untergruppe der primären Präpositionen ist mit 22 Mitgliedern klein; Ab- und Neuzugänge sind nicht ausgeschlossen, doch selten. Sie ist deshalb als eine eher geschlossene Klasse zu betrachten. Bezogen auf das Zwiebelmodell in Kap. 1.2 sind primäre Präpositionen dem grammatischen Zentrum sehr nahe und dementsprechend stark grammatikalisiert. Zu den neuesten Neuzugängen gehören wegen und während, die u. a. Schwankungen des Rektionskasus aufweisen (wegen des Wetters, wegen dem Wetter). Diese Präpositionen stehen an der Schwelle zwischen Primär- und Sekundärpräpositionen. Letztere, darunter auch trotz oder laut, bilden eine offene Gruppe von etwa 120 Mitgliedern, derer Ursprungslexeme (das Verb trotzen, das Adjektiv laut) sich in ihrer transparenten Form heute noch erkennen lassen. Die deutlich komplexeren Tertiärpräpositionen wie mit Hilfe bzw. mithilfe sind schwer zu quantifizieren. Ihre Zahl wird auf ca. 160 geschätzt (Beneš 1974) (mehr zur Grammatikalisierung von Präpositionen s. Szczepaniak 2 2011a). b) Auf der syntagmatischen Ebene äußert sich die Kohäsion in der Fügungsenge der Zeichen. Je weniger grammatikalisiert, desto größer die Unabhängigkeit des Zeichens. Die Klitisierung repräsentiert eine Zwischenstufe auf dem Weg vom selbstständigen Wort zum Affix. Die Bindung an ein anderes Zeichen ist bei Grammemen nicht obligatorisch (vgl. Hilfsverben wie haben). Bei vollständiger Obligatorisierung werden sie zu Affixen, die entweder noch von anderen Zeichen abgegrenzt werden können (Agglutination, z. B. Hund-e) oder sogar mit ihnen verschränkt werden (Flexion, z. B. Gäst-e). Diesen Prozess zunehmender Fügungsenge zwischen sprachlichen Zeichen nennt Lehmann Koaleszenz. Auch hier sind die Präpositionen ein gutes Beispiel: Bei den Präpositio‐ nen mit dem höchsten Grammatikalisierungsgrad finden Verschmelzungen mit dem bestimmten Artikel statt, z. B. zum, im, am, zur (vgl. Kap. 12.3, Nübling 1998, 2005b). In manchen Konstruktionen ist die Verschmelzungsform bereits obligatorisch (z. B. ins Fichtelgebirge). Sollte dieser Prozess für alle primären Präpositionen obligatorisch werden, so entstünden flektierende Präpositionen. 3) Der letzte Autonomieaspekt, die Variabilität, äußert sich a) auf der paradig‐ matischen Ebene in der Wahlfreiheit eines Zeichens: Bei zunehmender Grammati‐ kalisierung nimmt die Wahlfreiheit ab, es findet eine Obligatorisierung statt. In diesem Kapitel werden wir einige Beispiele behandeln (werden-Futur, Subjunktionen), bei denen den Sprechern in einem frühen Grammatikalisierungsstadium noch eine Auswahl an Zeichen zur Verfügung stand. Im Zuge der Grammatikalisierung wurde diese Wahlfreiheit immer weiter eingeschränkt, bis schließlich gar keine mehr bestand. Bei der Ausbildung des Futurauxiliars standen zunächst mehrere Verben miteinander in Konkurrenz (müssen, wollen, sollen, werden), bevor werden sich durchsetzen konnte (vgl. Kap. 11.3). b) Auf der syntagmatischen Ebene bestimmt dieser Parameter die Stellungsfreiheit im Satz. Je positionsgebundener ein Zeichen im Satz ist, desto weiter fortgeschritten ist seine Grammatikalisierung. Die Stellungsfreiheit des Zeichens hängt auch vom syntaktischen Grammatikalisierungsgrad bestimmter Satztypen ab (vgl. Kap 4.1, Szczepaniak 2 2011a: 104-109, 178-185). 340 11 Grammatikalisierung: Wie entsteht Grammatik? <?page no="341"?> 11.2 Die Entstehung des Dentalsuffixes -te Um einen Fall lange zurückliegender Grammatikalisierung, in dem wahrscheinlich alle der oben in Kap. 11.1.1 dargestellten vier Prozesse eingetreten sind, scheint es sich bei der Entstehung der schwachen Verben im Germ. zu handeln. Die schwachen Verben bilden ihre Vergangenheitsformen mit Hilfe eines sog. Dentalsuffixes, vgl. sag-te. Das Wort wahrscheinlich ist in diesem Fall wegen der spärlichen Quellenlage zum Germ. angebracht: Es gibt keine schriftlichen Belege, die die Genese dieser wichtigen Flexionsklasse in urgermanischer Zeit nachweisen könnten. Die Entwicklung liegt so weit zurück, dass die ersten Phasen der Grammatikalisierung nicht mehr dokumentierbar sind. Sie können lediglich rekonstruiert werden. Die Thesen zur Rekonstruktion der Entstehung des Dentalsuffixes lassen sich in zwei Hauptgruppen aufteilen: Auxiliarisierungs- und Analogiethesen, für die hier auf Kern/ Zutt (1977: 45-46), Ringe ( 2 2017: 191ff.) und Hill (2010) verwiesen sei. Die Auxiliarisierungsthesen gehen davon aus, dass das nachgestellte Vollverb ‘tun’ zu einem Affix wurde. Das Auxiliarisierungspotential dieses Verbs wird durch weitere Grammatikalisierungen in den modernen germ. Sprachen unterstrichen, z. B. durch die engl. do-Umschreibung sowie durch die zahlreichen und funktional heterogenen tun-Periphrasen in vielen dt. Dialekten (vgl. Fleischer/ Schallert 2011, Fischer 2001, Weber 2015). Demnach sei eine periphrastische Konstruktion mit dem Präteritum des (ehemals reduplizierenden) germ. Verb ‘tun’ entstanden, d. h. dieses Verb wurde eingesetzt, um die Vergangenheit zu umschreiben, ungefähr wie in ‘sie schreiben tat’. Relativ unstrittig ist, dass dieses zunächst periphrastische Verfahren mit ‘tun’ den synthetischen Tempusausdruck mit Ablaut (z. B. singen - sang - gesungen) bei abgeleiteten Verben ersetzte, die vom Ablaut ausgeschlossen waren (vgl. Speyer 2007: 79 ff.). - - got. salbôn ahd. salbōn ahd. tuon Prät.Sg. 1. salbô-da salbō-ta teta 2. salbô-dês salbō-tōs tāti 3. salbô-da salbō-ta teta Prät.Pl. 1. salbô-dêdum salbō-tum tātum 2. salbô-dêduþ salbō-tut tātut 3. salbô-dêdun salbō-tun tātun Tab. 50: Das Präteritum von got. und ahd. ‘salben’ sowie von ahd. tuon Die gotischen Formen in Tab. 50 liefern Evidenz dafür, dass das Dentalsuffix tatsäch‐ lich auf frühere Präteritalformen von ‘tun’ zurückgeht, denn links in Tab. 50 sieht man, dass die Endungen im Prät. Pl. noch altes reduplizierendes ‘tun’ enthalten (vgl. Kap. 10.1.1). Dagegen ist noch nicht zweifelsfrei geklärt, welche Form des Vollverbs 11.2 Die Entstehung des Dentalsuffixes -te 341 <?page no="342"?> der Vergangenheitsform von tun vorausging. Ringe ( 2 2017: 192 f.) argumentiert, dass dies nicht der Infinitiv war, z. B. bei sie lachen tat, sondern setzt hier ein flektiertes Part. Perf. (Akk.) als die wahrscheinlichste Konstruktion an. Laut dieser These hätte man in der Periphrase ursprünglich zwei flektierte Formen gehabt, das Partizip, gefolgt von der flektierten Präteritalform von ‘tun’‚ also etwa frawardida dēdun ‘sie zerstört taten/ machten’. Das Part. Perf. ist insofern für diese Funktion geeignet, als dass es das Ergebnis einer Handlung beschreibt. Mit zunehmender Frequenz sei, so Ringe, diese Verbindung immer mehr als grammatische Konstruktion wahrgenommen worden (Desemantisierung, Verlust an semantischer Integrität), so dass die Flexion des Partizips vom lexikalischen Verb auf den Neutr.Akk.Sg. festgelegt wurde (Dekategorialisierung). Diese Konstruktion sei univerbiert (Koaleszenz) worden und habe sich analogisch auf andere Verben ausgebreitet. Anschließend hat sie durch Reduktion in unbetonten Silben lautliche Masse verloren (Erosion). So ergibt sich bis zu den belegten Formen im Gotischen das folgende Entwicklungsschema für die 3.Ps.Pl.: *salbōda dēdun > *salbōdadēdun > *salbōd(ad)ēdun > got. salbôdêdun Bei den ahd. schwachen Verben kam es zu einer weiteren Erosion durch die Tilgung der Reduplikationssilbe von teta ‘tat’ (vgl. Kap. 10.1.1). In anderen germ. Sprachen hat die Erosion sogar zum vollständigen Schwund des Dentalsuffixes geführt (vgl. engl. put - put - put). 11.3 Das werden-Futur Als Hilfsverb ist werden polyfunktional und dementsprechend eines der wichtigsten Hilfsverben im dt. Verbalsystem. Heute erfüllt es die folgenden Funktionen: • Inchoativ-Kopula ich werde krank/ Ärztin • Passivauxiliar ich werde gesehen • Futurauxiliar ich werde arbeiten • Konjunktivauxiliar wenn ich Zeit hätte, würde ich bleiben • Modalverb die wird schon nach Hause gegangen sein Solche Grammatikalisierungen desselben lexikalischen Spenders zu verschiedenen grammatischen Funktionen nennt man Polygrammatikalisierung. Die Grammati‐ kalisierung von werden zum Futurauxiliar ist ein besonders interessantes Kapitel der Polygrammatikalisierung, denn der Grammatikalisierungspfad ist außergewöhnlich und unterscheidet sich von anderen germ. Sprachen. Das Germ. verfügte nur über zwei synthetisch gebildete Tempora, die jeweils im Indikativ und im Konjunktiv gebildet werden konnten: das Präsens und das Präteritum. Ein synthetisch gebildetes Futur gab es nicht. Futur wurde, wie auch im Nhd., durch das Präsens mitausgedrückt (z. B. Ich fahre morgen nach Mainz). Interessanterweise 342 11 Grammatikalisierung: Wie entsteht Grammatik? <?page no="343"?> hat keine der heutigen 13 germ. Sprachen ein synthetisches Futur entwickelt; alle verwenden analytische Verfahren mit Hilfsverben. Was den konkreten Grammatikalisierungsprozess betrifft, so stellt sich zunächst die Frage nach dem Spenderlexem für das Hilfsverb werden. Die stark vergleichend ange‐ legte Studie von Bybee u.a (1994) belegt, dass Verben mit der Bedeutung ‘sein’/ ‘werden’ zu den semantischen Spenderbereichen gehören, die häufig zur Markierung des Futurs grammatikalisiert werden. Unter den germ. Sprachen sind es (bis aufs Dt.) Bewegungsverben wie kommen und gehen oder solche, die einen Wunsch ausdrücken (z. B. wollen). Dabei kommen in Skandinavien vor allem Modalverben zur Anwendung (z. B. norw. skulle ‘sollen’ und ville ‘wollen’); Bewegungsverben nutzen sowohl das Englische (be going to) als auch das Niederländische (gaan) (sowie viele romanische Sprachen), die ‘gehen’ zum Futurauxiliar grammatikalisiert haben. Bis zum Mhd. ist die Entwicklung des Futurauxiliars im germ. Vergleich keineswegs außergewöhnlich. Es werden Hilfsverbkonstruktionen mit den eben erwähnten Mo‐ dalverben wie mhd. suln/ süln ‘sollen’, wellen ‘wollen’ und müeʒen ‘müssen’ verwendet. Diese bringen ihre modale Semantik in die Grammatikalisierung ein, auch wenn diese Bedeutungen im Ahd. z.T. noch anders waren als im Nhd., z. B. ahd. sculan ‘sollen, müssen’, muozan ‘können, dürfen’, wellen ‘wollen, wünschen, streben nach’. Im Mhd. konnte man durch die Kombination mit einem Infinitiv auch futurische Bedeutung ausdrücken (s. Beispiele a)-c) unten). Obwohl in allen diesen Bsp. ein Zukunftsbezug enthalten ist, waren sie wohl nie ganz frei von modaler Bedeutung (vgl. Paul u. a. 25 2007: 294-295). a. swaz der küneginne liebes geschiht, des sol ich ir wol gunnen ‘Was auch immer der Königin Schönes geschieht, das werde ich ihr wohl gönnen.’ b. der ie ân anegenge was und muoz ân ende sîn ‘der immer ohne Anfang war und ohne Ende sein wird’ c. du wilt von ir grôzen scaden gewinnen ‘Du wirst an ihr großen Schaden nehmen.’ Zu dieser Gruppe der potentiellen Futurauxiliare tritt später werden hinzu. Die gram‐ matischen Funktionen von werden sind jedoch kaum aus der ursprünglichen Vollverb‐ bedeutung ‘sich wenden, umdrehen’ abzuleiten (s. Kap. 5.1.1). Die semantische Brücke zu der neuen grammatischen Funktion besteht am ehesten in der Inchoativ-Kopula, die den Eintritt des Subjekts in einen neuen Zustand markiert, und die seit dem Ahd. belegt ist. So enthält Ich werde Ärztin zwei wichtige Annahmen: Erstens ist die Sprecherin noch nicht Ärztin, sie wird es erst in der Zukunft. Zweitens wird eine Intention der Sprecherin geäußert (vgl. Heine 1995). Beide Annahmen zusammen ergeben gute Voraussetzungen für die Entwicklung einer futurischen Lesart. Zudem kann die werden-Kopula eine ingressive Bedeutung tragen wie bei Sie wird rot. Hier ist keine Intention vorhanden, und die Zustandsveränderung ist nicht das Ergebnis eines langandauernden Prozesses (wie bei der Ausbildung zur Ärztin); vielmehr tritt sie plötzlich ein. 11.3 Das werden-Futur 343 <?page no="344"?> Im Ahd. tritt werden zwar in verschiedenen Konstruktionen auf (Kopula, Passiv), doch nicht in Verbindung mit dem Infinitiv. Auch im Mhd. ist eine solche Kombination selten. Stattdessen gibt es - zusätzlich zu den oben erwähnten Konstruktionen - die Möglichkeit, werden mit dem Part. Präs. (-ende) zu kombinieren (vgl. Beispiele d)-e) unten), was „den Beginn einer Handlung oder eines Zustandes, also die inchoative oder ingressive Aktionsart“ markiert (Paul u. a. 25 2007: 295). Beispiel f) ist einer der wenigen mhd. Belege von werden im Präsens + Infinitiv mit Futurbedeutung, die ab dem 13. Jh. zunächst nur sporadisch zu finden sind. d. Dô sî si vrâgende wart (Iwein v. 5891) ‘Als sie anfing, sie zu fragen’ e. er wirt mich gerne sehende (Tristan v. 3986) ‘Er wird mich gerne sehen’ f. sô wirt er sprechen (Flore v. 4656) ‘Dann wird er beginnen zu sprechen/ dann wird er sprechen’ Im Mhd. tritt eine entscheidende semantische Entwicklung für die Konstruktion mit dem Part.Präs. hinzu, bei der die ingressive Bedeutung (plötzliches ‘Werden’) geschwächt und die inchoative (langsames ‘Werden’) gestärkt wird. Dadurch wird die Funktion des Part.Präs. verändert: Bei der ingressiven Lesart wird das schlagartige Eintreten eines Zustands betont, während bei der inchoativen Lesart das Part. die Handlung oder den Vorgang an sich in den Vordergrund rückt, was werden die Rolle eines Hilfsverbs annehmen lässt (vgl. Szczepaniak 2 2011a). Das ist ein wichtiger Baustein für die weitere Entwicklung, in der sich schließlich werden + Infinitiv als Futurausdruck durchsetzt, s. u. Früher nahm man an, dass im Verlauf der Grammatikalisierung das Part.Präs. auf phonologischem Weg in einen Infinitiv überführt wurde. Daran wurde mehrfach Kritik geäußert. Es gibt nämlich keine phonologische Regel, nach der die Partizipial‐ endung -ende durch phonologischen Wandel zu -en abgeschwächt worden sein könnte (z. B. Bech 1901, Dal 3 1966). Schwund von -din sonorer Umgebung gibt es zwar in manchen Dialekten (z. B. westniederdt.), aber nicht in denen, die als Ausgangsgebiet für die werden-Grammatikalisierung in Frage kommen. Inzwischen hat sich die Ansicht durchgesetzt, dass das Ostmitteldt. das Ursprungsgebiet der werden-Periphrase ist. Die Abschleifung von -ende zu -en ist für dieses Gebiet aber nicht zuverlässig belegt (vgl. Harm 2001: 290-292). Die zweite Gruppe von Entstehungstheorien setzt auf Analogie zu anderen Peri‐ phrasen mit Infinitiv. In diesem Fall hätten Konstruktionen mit einem Modalverb als Analogievorlage gedient, s. oben Beispiele a)-c). Unterstützend hätten die im Mhd. vorhandenen Periphrasen wie z. B. beginnen oder entstân + Infinitiv wirken können, zwei Verben, deren inchoative Semantik große Parallelen zur Bedeutung von werden aufweist (Diewald/ Habermann 2005: 237). 344 11 Grammatikalisierung: Wie entsteht Grammatik? <?page no="345"?> Abb. 84: Frequenzzunahme von werden + Infinitiv (nach Bogner 1989: 74 - 78) Abb. 84 veranschaulicht, wie stark die Tokenfrequenz von werden + Infinitiv im Fnhd. zunimmt, während die Frequenz der Modalverbkonstruktionen entsprechend zurückgeht (Bogner 1989, Hartmann 2021). Eine dritte Hypothese geht von der Kontamination zwischen den zwei sich funk‐ tional nahestehenden grammatischen Konstruktionen aus, der ingressiv/ inchoativen werden+Part.Präs.-Konstruktion und der futurischen werden + Infinitiv-Konstruktion (Schmid 2000). Diese Hypothese stützt sich auf die Beobachtung, dass die im Mhd. häufige Konstruktion werden + Part.Präs. zum Fnhd. an Frequenz verliert, wohingegen der Gebrauch von werden + Infinitiv im Fnhd. stetig steigt (Hartmann 2021). Bevor sich im Fnhd. werden + Infinitiv durchsetzt, stehen beide Konstruktionen im Nhd. in Konkurrenz: Neben der ähnlichen zukunftsbezogenen Semantik verbinden sie sich mit ähnlichen Vollverben (Hartmann 2021: 382-391). Erst seit dem Fnhd. geht werden + Infinitiv auch die Verbindung mit werden als Kopulaverb oder als Passivauxiliar ein, später auch mit Modalverben, was auf eine fortschreitende Grammatikalisierung hinweist. Eine jüngst von Jäger (2024) aufgestellte Hypothese zur Entstehung des werden+In‐ finitiv-Futurs bietet ein alternatives Entstehungsszenario an, in dem es durch die Reanalyse einer Prädikativkonstruktion zustandekommt. Der Ausgangspunkt sind Prädikativkonstruktionen aus werden + Part.Perf. wie etwa in nhd. Sie wird zerfallen (Part.Perf.) ‘Sie wird eine Zerfallene/ Sie wird eine, die zerfallen ist’, die aufgrund eines formalen Zusammenfalls mit der Infinitivform zerfallen als Futurkonstruktion Sie wird zerfallen (Infinitiv) uminterpretiert wird. Auch hier spielt die funktionale Nähe zwi‐ schen beiden Konstruktionen eine entscheidende Rolle, da die Prädikativkonstruktion mit werden einen Zustandswechsel beschreibt, wobei der zu erreichende Zustand des Zerfallenseins in Zukunft liegt. Warum konnte das werden-Futur sich in fnhd. Zeit so rasant gegenüber den bereits stärker etablierten Modalverb-Periphrasen (mit sollen, müssen und wollen) durchset‐ zen? Die herkömmliche Erklärung sieht den entscheidenden Vorteil von werden 11.3 Das werden-Futur 345 <?page no="346"?> darin, dass das Verb - im Gegensatz zu all seinen Konkurrenten - frei von modalen Nuancen war. Dadurch sei es als Grammatikalisierungskandidat geeigneter gewesen als die Modalverben, die ihren Modalcharakter partiell bewahrt haben. Obwohl diese Erklärung nach wie vor starken Zuspruch findet, ist sie öfter, z. B. von Harm (2001), in Frage gestellt worden. Seine Kritik lautet: Wenn das Vorhandensein modaler Bedeutung ein so entscheidender Nachteil für die Entwicklung zum Futurmarker ist, warum konnten sich Modalverben in den anderen germ. Sprachen wie Dänisch, Norwegisch, Schwedisch, Niederländisch und Englisch als Futurmarker durchsetzen? Sowohl Harm (2001: 299) als auch Diewald/ Habermann (2005: 238) sehen den entscheidenden Vorteil für fnhd. werden in seiner bereits vorhandenen Polyfunktionalität, die noch gramma‐ tischere Funktionen umfasste (z. B. die Bildung der Passiv-Periphrase). Dass werden weniger modales ‘Gepäck’ mit sich trug, war sicher kein Nachteil. Darüber hinaus führte die Polygrammatikalisierung von werden zu einer starken Erhöhung der Tokenfrequenz (Gebrauchsfrequenz) des Verbs. Daher überrascht es nicht, dass es auch eine Irregularisierung erfahren hat: Im Präteritum hat sich statt regulär ward die Form wurde durchgesetzt, der Imperativ lautet mit werde statt regulärem *wird. In Passivkonstruktionen wird nur worden ohne geverwendet (sie ist gesehen worden), und besonders kurz (kontrahiert) sind die 2./ 3.Ps.Sg.Präs. mit wirst und wird. Die Tatsache, dass sich werden als Futurauxiliar nur im Dt. durchsetzen konnte, hat zu Spekulationen geführt, die Entstehung könnte auf externe Faktoren, genauer auf Sprachkontakt mit dem Tschechischen zwischen dem 12. und 14. Jh., zurückgehen (Leiss 1985). Das Tschechische hat ein „unvollendetes Futur“, ausgedrückt durch das Hilfsverb budu (das semantische Ähnlichkeit mit werden hat) + Infinitiv. Dennoch scheint diese Entstehungsthese wenig plausibel: Das Tschechische war keine Pres‐ tigesprache, was die Entlehnung einer so zentralen grammatischen Konstruktion unwahrscheinlich macht. Bei der Entlehnung einer solchen morphosyntaktischen Struktur müsste man zahlreiche lexikalische und weitere grammatische Entlehnungen erwarten (vgl. Thomason/ Kaufmann 1988, Thomason 2001). Solche lexikalischen Ent‐ lehnungen waren zwar in den betroffenen Dialekten vorhanden. Doch ist es auffällig, dass auf grammatischer Seite nur das werden-Futur in die Hochsprache übernommen wurde. Leiss begründet dies damit, dass das werden-Futur als morphosyntaktische Entlehnung den Kanzleischreibern weniger bewusst gewesen sei als die lexikalischen Entlehnungen und es damit unbemerkt in die Schriftsprache gelangen konnte, während lexikalische Elemente wegen ihrer offensichtlichen slawischen Herkunft eher aus der Schriftsprache verbannt wurden. Konkrete Ergebnisse aus der Sprachkontaktfor‐ schung, die eine solche Trennung der sprachlichen Ebenen in Kontaktsituationen plausibel machen, stehen noch aus. 346 11 Grammatikalisierung: Wie entsteht Grammatik? <?page no="347"?> 45 Zu den genauen Abgrenzungskriterien von Konjunktionen und Präpositionen sowie für einen Überblick über die Konjunktionen des Nhd. s. Duden-Grammatik ( 8 2009: § 930-952). 11.4 Fallbeispiel Subjunktionen Generell stellen Konjunktionen Verbindungen zwischen Sätzen, Satzgliedern oder Gliedteilen her. Anders als Präpositionen regieren sie keinen Kasus, und sie haben keinen Satzgliedstatus. 45 Konjunktionen können entweder eine nebenordnende (z. B. und, wie, oder, sondern) oder - als sog. Subjunktionen - unterordnende Funktion haben (z. B. dass, weil, ob, während, solange, wenn). Die lexikalischen Quellen von Konjunk‐ tionen sind besonders vielfältig: Zu den typischen Spendern gehören Substantive, Verben, Adverbien, Pronomina, Präpositionen oder Kombinationen dieser Elemente (Hopper/ Traugott 2 2003: 184). In diesem Abschnitt skizzieren wir den Grammatikali‐ sierungsprozess einiger Subjunktionen. Dabei wird an die Diskussion aus Kap. 5.2.3 um semantischen Wandel von Subjunktionen wie weil angeknüpft. 11.4.1 Konzessive Subjunktionen: Die Entstehung von obwohl Die Konzessivrelation gilt als sehr komplex im Vergleich zu anderen, wie etwa der kausalen (z. B. weil) oder adversativen (z. B. aber, sondern). In einer Konzessivrelation „werden in der Regel zwei Sachverhalte aufeinander bezogen, die eigentlich in einem kausalen Verhältnis zueinander stehen müssten“ (Raible 1997: 45-46). Dennoch tritt das erwartete Ergebnis nicht ein: Obwohl es geblitzt hat, hat es nicht gedonnert. Somit enthält die Konzessivrelation eine Art Überraschung. Viele Sprachen haben keine konzessiven Subjunktionen. Dies war auch im Dt. bis zum Anfang der fnhd. Periode der Fall. Wollte man im Mhd. oder Fnhd. ein konzessives Verhältnis markieren, konnte man dies mit ob tun. Da ob jedoch nicht nur konzessive, sondern auch rein konditionale (wenn-dann-) oder konzessiv-konditionale (auch-wenn-)Relationen markierte, war die Lesart kontextabhängig (De Groodt 2002: 279 f., d’Avis 2005): • konditional (wenn-dann-Relation): alle dise ding gib ich dir, ob […] du niderfelst und anbetest mich, • konzessiv-konditional (auch-wenn-Relation): nun so sie mich hat ausserkorn, will ich in Lieb mich ir ergeben, ob es mich kosten solt das Leben, • konzessiv (obwohl-Relation): ob sterben grausam ist, so bild ich mir doch ein, dasz lieblichers nicht ist, als nun gestorben sein. Um die Mehrdeutigkeit und damit Kontextabhängigkeit von ob zu reduzieren, konnte man im Mhd. gerade bei konzessiver Bedeutung bestimmte Partikeln hinzufügen. Diese Tendenz wird im Fnhd. verstärkt, wo sich die Auswahl an Partikeln, darunter ouch, halt, gleich, schon, wohl und zwar, vergrößert. Anfänglich treten die Partikeln nur getrennt von ob auf, d. h., sie erscheinen im Mittelfeld (manchmal sogar sehr weit rechts), also nicht in direktem Kontakt mit der Subjunktion ob. Diese Partikeln markieren die konzessiv-konditionale Funktion und schließen eine rein konditionale aus. 11.4 Fallbeispiel Subjunktionen 347 <?page no="348"?> konzessiv-konditional: und ob ir auch leidet umb gerechtigkeit willen, so seid ir doch selig konzessiv: ob er wol reich gewesen, habe er doch nach hausz bettlen müssen. - Ob es ihm nun zwar beschwerlich gefallen/ meine verdrüßliche Gegenwart zu gedulden/ so hat er jedoch beschlossen/ mich bey ihm zu leiden (beide nach de Groodt 2002: 280 f.) Bereits im Mhd. gibt es die ersten Belege für Kontaktstellungen von ob und Partikeln wie auch und halt, erst im Fnhd. mit gleich, schon, wohl und zwar. Diese Kontaktstellung bildet die syntaktische Brücke zur Univerbierung. Obligatorisch wird sie erst zum Nhd. hin, zunächst nur bei den Partikeln gleich, schon, wohl und zwar. Halt und auch sind zu diesem Zeitpunkt schon ausgeschieden. • Kontaktstellung: er regiert sin habe, ob wol die klain ist • Kontaktstellung mit Univerbierung: obschon die dörner stechen, sich tröstet er der Pein Die Univerbierung markiert eine entscheidende syntaktische Reanalyse und Deka‐ tegorialisierung der Partikel. Die Partikel verlässt das Mittelfeld und tritt ins linke Klammerfeld über. Ab diesem Zeitpunkt kann man von neuen Subjunktionen sprechen. Tab. 51 zeigt die syntaktische Entwicklung für obwohl von der Verwendung ohne Partikel bis hin zur syntaktischen Reanalyse. Tab. 51: Syntaktische Entwicklung der Konstruktion ob + Partikel (nach De Groodt 2002) Mit der Reanalyse ist die Dekategorialisierung jedoch noch nicht ganz abgeschlossen: Durch die Verlagerung des Wortakzents auf die zweite Silbe (óbwohl > obwóhl) wird die Einbettung in das Paradigma der Subjunktionen vollendet. Dieses Merkmal trennt einzelne Subjunktionen von deren homonymen Konjunktionaladverbien, vgl. dámit vs. damít, insófern vs. soférn, séitdem vs. seitdém (vgl. Duden-Grammatik 8 2009: § 864). Zu einer Erosion von obwohl, obschon, obgleich und obzwar ist es bislang nicht gekommen, was wohl daran liegt, dass die betreffende Silbe den Akzent trägt. Aus diesem „Wettlauf “ von Partikelkonstruktionen ist obwohl als klarer Sieger hervorgegangen, auch wenn 348 11 Grammatikalisierung: Wie entsteht Grammatik? <?page no="349"?> 46 DWDS-Verlaufskurve für „obwohl · obgleich · obschon · obzwar“, erstellt durch das Digitale Wörter‐ buch der deutschen Sprache, <https: / / www.dwds.de/ r/ plot/ ? view=1&corpus=regional&norm=date% 2Bclass&smooth=spline&genres=1&grand=1&slice=1&prune=0&window=0&wbase=0&logavg=0& logscale=0&xrange=2005%3A2024&q1=obwohl%20&q2=obgleich&q3=obschon&q4=obzwar>, abge‐ rufen am 30.05.2025. die Formen obgleich, obschon und auch obzwar durchaus noch gebräuchlich sind. Interessant ist, dass dieser Gebrauch regional unterschiedlich verläuft. Eine Recherche im ZGL-Regionalkorpus (ab 1993) auf dwds.de (30.05.2025) zeigt, dass obwohl die mit Abstand häufigste Form der Konzessiv-Subjunktion in Deutschland, der Schweiz und Österreich ist. Generell sind obgleich und obschon weit häufiger als obzwar, wobei obgleich v. a. in den Zeitungen in Ostmittel- und Südwestdeutschland gebraucht wird. Obschon wird hingegen fast ausschließlich in der Schweiz verwendet und stellt dort die zweithäufigste Form dar, während in den österreichischen Zeitungen obgleich die zweithäufigste Form ist. 46 11.4.2 Kausale Subjunktionen: weil Weil gehört zu den kausalen Subjunktionen. Es leitet einen Nebensatz ein, mit dem der Hauptsatz begründet wird. Die lexikalische Quelle der Subjunktion weil ist das ahd. Substantiv (h)wīla (mhd. wîle), das zu nhd. Weile wurde. An der Grundbedeutung des Substantivs hat sich wenig verändert, da es auch im Ahd. und Mhd. die Bedeu‐ tung ‘Weile, Zeit’ trägt. Bereits im Mhd. findet man aber das Syntagma (al) die wîle daz mit der temporalen Bedeutung ‘solange, während’, z. B. die wîle daz si leben ‘während sie leben’ oder die wîle daz die werten ‘solange sie standhielten’ (Paul u. a. 25 2007: 417). Diese Fügung konnte sowohl mit als auch ohne die unterstützende Subjunktion daz auftreten. Das Auftreten mit der Subjunktion daz ‘dass’ ebnet den Weg für eine syntaktische Reanalyse und damit zum Übergang in die Klasse der Subjunktionen. Im Fnhd. treten entscheidende Veränderungen sowohl auf der semantischen als auch auf der formalen Ebene auf. Auf der formalen Ebene setzt eine starke Erosion ein: Neben (al) die weile daz findet man auch Zusammenschreibungen von (al)dieweil, die auf eine zunehmende Festigkeit bzw. Univerbierung der Fügung hindeuten (ähnlich wie bei obwohl). Zunehmend treten auch Belege von einfachem weil auf. Bei Luther findet man sogar beide Formen: dieweil Mose seine Hände emporhielt, siegete Israel aber weyl die paten das kind noch hallten ynn der tauffe, sol yhm der priester die hauben auffsetzen. Seit dem endgültigen Wegfall von daz noch im Fnhd. fungiert weil als Subjunktion. Auf der semantischen Ebene kommt eine wichtige Veränderung hinzu. Während im Mhd. die Fügung noch temporal war, mehren sich bis zum Fnhd. die Kontexte, in denen eine kausale Interpretation möglich ist. Bereits in Kap. 5.2.3 wurden mehrdeutige Beispiele dargestellt, in denen sowohl eine temporale als auch eine kausale Lesart möglich war, wie z. B.: Weil der meister die werkstatt verliesz, arbeitete der gesell lässiger. Dieser ab dem 15. Jh. beobachtbare Bedeutungswandel von temporal > kausal (als Untertyp der in Kap. 5.2.3 dargestellten Zeit > Logik-Implikatur) repräsentiert 11.4 Fallbeispiel Subjunktionen 349 <?page no="350"?> einen häufig begangenen Grammatikalisierungspfad (vgl. Heine u. a. 1991). Als kausale Subjunktion steht weil aber nicht allein, sondern es konkurriert v. a. mit mhd. sît (daz) (nhd. seit) und auch mit mhd. wante/ wand(e)/ wan(e), die schon im Ahd. kausale Funktionen trugen. Interessant ist insbesondere die Entwicklung von seit, da dieses sich auch aus einer temporalen Bedeutung entwickelt hat und im Mhd. sowohl temporal als auch kausal verwendet werden konnte. Doch die kausale Funktion verschwindet wieder bis zum 17. Jh. (vgl. Eroms 1980: 92). Mit anderen Worten: Sowohl weil als auch obwohl und viele weitere Subjunktionen spezialisieren sich auf nur eine Funktion (Monosemierung). Dies ist Teil einer umfangreichen Umstrukturierung der dt. Subjunktionen im Mhd. und Fnhd. Dieser Prozess ist durch eine markante Anreicherung des Inventars der (sich grammatikalisierenden) Subjunktionen gekennzeichnet. Im Fnhd. wird dieses Inventar dann reduziert, d. h. nur wenige Varianten bleiben übrig, was durch die Entwicklung von obwohl mit den anfänglich vielfältigen Partikelkombinationen veranschaulicht wurde. Solche Konkurrenzverfahren sind in einem Grammatikalisierungsprozess üb‐ lich (vgl. werden als Futurauxiliar). Die Umwälzung im Gesamtsystem der Subjunktio‐ nen wird von vielen als einer „der sprachgeschichtlich wichtigsten Prozesse des Fnhd.“ (Erben 1985a: 1345) angesehen. Die Herausbildung rein konzessiver Subjunktionen aus konditionalen oder konzessiv-konditionalen Subjunktionen bedeutet eine zunehmende Spezialisierung innerhalb des Inventars der Subjunktionen im Fnhd. Hierdurch werden polyseme Subjunktionen wie ob „funktional entlastet“ (Gelhaus 1972: 23). Ein weiteres auffälliges Beispiel ist so, das im Mhd. temporal, konditional, relativ und vergleichend fungieren konnte. Im Fnhd. wird es - ähnlich wie im Fall von ob - durch diverse Elemente (in diesem Fall überwiegend von Adverbien) erweitert. Dies führte zu einer Reihe neuer Subjunktionen im Nhd. wie temporales sobald, solange, sooft und als (< also) oder konditionales sofern (Erben 1977: 14). Dieses Bedürfnis nach einem präziseren Ausdruck beruht zweifellos auf der Ausbreitung der Schriftlichkeit und der damit verbundenen Herausbildung der Hypotaxe (Betten 1987: 87). Diese Tendenz wurde bereits in Kap. 4.1.2 im Kontext der Grammatikalisierung der Nebensatzklammer mit ihrer obligatorischen Verb-Letzt-Stellung thematisiert. 11.5 Probleme der Grammatikalisierungsforschung In diesem Kapitel wurde eingangs erwähnt, dass die Grammatikalisierungsforschung einen festen Platz innerhalb der Sprachwandelforschung einnimmt. Doch mit zuneh‐ mendem Interesse an der Grammatikalisierung haben sich auch kritische Stimmen gemeldet. Sie richten sich zunächst v. a. gegen das Prinzip der Unidirektionalität, das in den 1980er und frühen 1990er Jahren noch als ausnahmslos galt. Inzwischen sind zahlreiche Fälle dokumentiert, die dieses Prinzip verletzen. Interessant ist, dass diese Verletzungen heterogener Natur sind, unterschiedliche Aspekte der Grammatikalisie‐ rung betreffen und nicht etwa eine Umkehr des „glitschigen Abhangs“ darstellen (s. Norde 2009 für einen umfassenden Überblick). In diesem Abschnitt werden wir 350 11 Grammatikalisierung: Wie entsteht Grammatik? <?page no="351"?> diese Problematik anhand von zwei Fallstudien erläutern, 1. mit der Entwicklung von wotte ‘wünschen’ im Pennsylvania German, 2. mit der Entwicklung der Subjunktionen obwohl und weil zu Diskursmarkern. 11.5.1 Verletzung der Unidirektionalität: wotte im Pennsylvania German In einer kanadischen Varietät des Pennsylvania German ist ein Fall dokumentiert, in dem sich ein stark grammatikalisiertes Modalverb zu einem Vollverb entwickelt hat (Burridge 1995, 1998). Die Konj. Prät.-Form wotte ‘wollte’ zu dem Modalverb welle ‘woll‐ en’ hat in dieser Varietät eine neue lexikalische Bedeutung, ‘wünschen’, entwickelt. Das neue Vollverb wotte verhält sich sowohl inhaltlich wie syntaktisch nicht mehr wie ein Modalverb, sondern wie ein normales lexikalisches Verb. Während Modalverben nur in speziellen Konstruktionen auftreten, zeigt wotte in seiner morphosyntaktischen Kombinierbarkeit alle Merkmale eines Vollverbs: U. a. kann es in den Imperativ gesetzt werden (Wott net for sell ‘Wünsch dir das nicht’ vs. *Wolle das nicht), und es kann keinen Infinitiv mehr regieren (*Ich wott kumme). Auf der semantischen Ebene ist die relativ subtile Entwicklung einer Form des Konj. Prät. ‘wollte’ hin zur Bedeutung ‘sich wünschen’ im Rahmen einer konversationellen Implikatur durchaus vorstellbar. Die Verwendung des Konjunktivs drückt Irrealität und dadurch Indirektheit und eine Distanzierung von der Handlung des Wünschens aus. Nach Burridge resultiert diese Zurückhaltung aus der mennonitischen Konfession, die in dieser Sprachgemeinschaft eine dominierende Rolle spielt. Diese sieht eine Unterordnung der Wünsche des Einzelnen vor - direkt ausgedrücktes Wollen ist sozial unerwünscht. Damit bieten die soziokulturellen Bedingungen der Sprachgemeinschaft eine pragmatische Erklärung für den Ursprung der semantischen Entwicklung. Auf der formalen Ebene wurde die Entwicklung durch Distinktivität begünstigt: Neben der älteren Form wotte (um die es bis jetzt ging) war die entrundete Variante wette entstanden. Wette setzte sich in der Sprachgemeinschaft als Konj.Prät.-Form des Modalverbs durch; dadurch wurde wotte freigesetzt und konnte sich eine neue funktionale Nische erobern, eben die als Vollverb ‘sich wünschen’. Damit hat wotte an semantischem Gewicht sowie an syntaktischer Variabilität gewonnen und es geschafft, die Gegenrichtung auf dem „glitschigen Abhang“ der Grammatikalisierung einzuschlagen. 11.5.2 Pragmatisierung und Grammatikalisierung In Kap. 7.4.2 wurde die Funktion von weil und obwohl als Diskurspartikeln dargestellt. Diskurspartikeln wie oder, ne oder gell werden eingesetzt, um das Gespräch zu steuern, z. B. um Redebeiträge zu gliedern oder einen Themenwechsel anzukündigen. Dass weil und obwohl solche Funktionen übernehmen, wirft wichtige Fragen zur Definition bzw. zur Abgrenzung der Grammatikalisierung von anderen Sprachwandelphänomenen auf. Stellt der letzte Schritt von der Subjunktion zur Diskurspartikel eine Fortsetzung 11.5 Probleme der Grammatikalisierungsforschung 351 <?page no="352"?> der Grammatikalisierung dar, die auch das Prinzip der Unidirektionalität befolgt? Hier gibt es keine klare Antwort, was nicht zuletzt damit zusammenhängt, dass die Klasse bzw. das Paradigma der Diskurspartikeln wie auch das der Subjunktionen relativ heterogen ist bzw. nur schwache Paradigmatizität aufweist. Die folgende Analyse betrifft ausschließlich die Entwicklung der Subjunktionen weil und obwohl und bezieht sich auf Auer/ Günthner (2005). Beginnen wir mit den semantischen Veränderungen: Bei den Diskurspartikeln weil und obwohl ist deren subjunktionale Bedeutung in ihrer Diskursfunktion verblasst. Bei weil ist von der ursprünglichen Kausalität nichts mehr übrig, wenn es wie im folgenden Beispiel nur noch als Mittel zur Beibehaltung des Rederechts verwendet wird (Auer/ Günthner 2005: 340): bisher isch ja - des isch alles immer schön im sand verlaufen; = =und den profs wars eigentlich im grund gnommen au scheißegal; =weil phh - ja also - des geht denen halt au am arsch vorbei. Bei obwohl dagegen bleibt etwas vom Überraschungsmoment der zugrundeliegenden konzessiven Bedeutung auch in der Diskurspartikelfunktion. W. Brauchst du noch en KISSEN? N. hm. ne. das reicht. (0.5) obWOHL (.) des isch DOCH unbequem. (Günthner 1999: 414 f.) Dennoch ist die konzessive Semantik schwächer als bei der Subjunktion obwohl. Eine Dekategorialisierung hat ebenfalls stattgefunden: Der Übergang von Subjunktionen ins Paradigma der Diskurspartikeln ist an den syntaktischen Veränderungen erkennbar. Die Diskurspartikeln sind auf das Vor-Vorfeld (weil, obwohl) oder das Nachfeld (gell, oder) fixiert, was für eine starke Grammatikalisierung spricht. Allerdings war die Position als Subjunktion (Einleiter des Nebensatzes) ebenso fixiert, so dass man weder eine klare Zunoch Abnahme an syntaktischer Fixierung feststellen kann. Auch findet keine formale Erosion statt. Was sich aber eindeutig verändert hat, ist der sog. Skopus (semantischer Bezugs‐ bereich). Bei den Subjunktionen weil und obwohl ist der Skopus der Nebensatz. Bei den Diskurspartikeln aber geht der Skopus weit über die Satzgrenze hinaus und umfasst ganze Diskurseinheiten. Nach Lehmanns Definition wäre die Subjunktion diesbezüglich grammatikalisierter als die Diskurspartikel, da bei letzterer der Skopus größer wird: Die syntaktische Reichweite ist nicht mehr auf den Satz beschränkt, sondern übernimmt sogar eine textuelle Funktion. Ein weiterer Parameter, die Obligatorik eines Zeichens, nimmt generell bei einer Grammatikalisierung zu. Diskurspartikeln sind jedoch nie obligatorisch, Subjunktio‐ nen hingegen sehr wohl. Nach den Grammatikalisierungsparametern Skopus und Obligatorik ist die Diskurspartikel als weniger grammatikalisiert als die Subjunktion zu 352 11 Grammatikalisierung: Wie entsteht Grammatik? <?page no="353"?> betrachten. Nur die Desemantisierung bei den Diskurspartikeln spricht für eine weitere Grammatikalisierung. Zwar findet eine Dekategorialisierung statt, doch wechselt das Zeichen in ein Paradigma, das eine geringere Obligatorik und einen größeren Skopus aufweist. Dies widerspricht der Unidirektionalität. Bei einer solchen Analyse bleibt aber die Zunahme an pragmatischer Bedeutung völlig unbeachtet. Die Entwicklung von Diskursmarkern wie weil und obwohl ist typisch für die sog. Pragmatisierung, die Entstehung pragmatischer Bedeutung (zunehmender Skopus, Abnahme an Obligatorik und Semantik bei zunehmender pragmatischer Bedeutung; vgl. Auer/ Günthner 2005: 351, Mroczynski 2012). Es gibt zwei mögliche Lösungen: Entweder a) ist die Entstehung pragmatischer Elemente nicht mit dem Konzept der Grammatikalisierung fassbar und sollte daher nicht mit denselben Parametern gemessen werden, oder b) reichen die bisherigen Parameter nicht aus, um die Entstehung von Diskurspartikeln zu erfassen. Option b) ist besonders interessant, da sie die Fixierung der frühen Grammatikalisierungsforschung auf die Entstehung von Morphologie, insbesondere Flexion, aufbricht. Kann z. B. Lehmanns Parameter des syntaktischen Skopus überhaupt angewendet werden, sobald der Skopus über die Satzgrenze hinausgeht und textuelle Funktionen übernimmt? Dieser Fall zeigt, dass bei der Grammatikalisierung noch viele grundlegende Fragen zu klären sind. Sie betreffen u. a. die Rolle der Unidirektionalität, die Parameter, mit denen man den Grad an Grammatikalisierung misst und wie man mit Beispielen umgehen soll, die der Unidirektionalität widersprechen. Von besonderem Interesse ist die Behandlung systematischer Ausnahmen wie beispielsweise der oben dargestellten Fälle von Pragmatisierung. Zum Weiterlesen Szczepaniak ( 2 2011a) bietet eine umfassende Einführung in die Grammatikali‐ sierung zusammen mit detaillierten Fallstudien aus der gesamten dt. Sprachge‐ schichte. Einzelbeispiele der Grammatikalisierung aus der dt. Sprachgeschichte beleuchtet der Band von Leuschner u. a. (2005). Empfehlenswerte englisch‐ sprachige Einführungen sind Lehmann ( 3 2015 [1982]) und insbesondere Hop‐ per/ Traugott ( 2 2003). Als Überblicksaufsätze sind Diewald (2000) und Heine (2003) instruktiv. Traugott (2003) betont die Relevanz der Pragmatik und v. a. pragmatisch orientierter Ansätze. Kontroverse Fallstudien von Grammatikalisie‐ rung werden in Norde (2009) ausführlich analysiert. Kritik und weitere Problem‐ felder der Grammatikalisierungsforschung werden in Mengden/ Simon (2014) besprochen. Traugott/ Trousdale (2013) diskutieren das Entstehen grammatischer Konstruktionen im Rahmen der Konstruktionsgrammatik und sprechen daher von (grammatischer) Konstruktionalisierung. Nübling/ Kempf (2020) vergleichen Grammatikalisierungsprozesse in germanischen Sprachen. 11.5 Probleme der Grammatikalisierungsforschung 353 <?page no="355"?> 12 Im Spannungsfeld zwischen Analyse und Synthese 12.1 Was bedeutet Analyse und Synthese? In der Sprachwandelforschung wurde viel darüber diskutiert, ob das Dt. eine synthe‐ tische oder eine analytische Sprache ist und ob es sich im Laufe seiner Sprachge‐ schichte eher in die eine oder in die andere Richtung entwickelt hat (Roelcke 1997). Dabei gilt das, was innerhalb eines Wortes ausgedrückt wird, als synthetisch, was mithilfe mehrerer Wörter ausgedrückt wird, als analytisch. Dies impliziert keine starre Zweiteilung, vielmehr lassen sich verschiedene Analysebzw. Synthesegrade unterscheiden. So verfahren starke Verben im Präteritum mit ihrem modifikatorischen Ablautverfahren (gab) synthetischer als schwache Verben, die die gleiche Kategorie zwar auch synthetisch am Wort selbst ausdrücken, doch additiv-agglutinierend (über das Dentalsuffix: leb-te; vgl. Kap. 3.1.5, 10.1.2). Dies lässt sich anhand folgender Skala darstellen (Abb. 85): Abb. 85: Analyse und Synthese (nach Ronneberger-Sibold 1980: 101) Abb. 85 zeigt zunächst, dass analytische und synthetische Strukturen graduell mitein‐ ander verbunden sind. Die vier Etappen auf diesem Kontinuum, die oft zur typologi‐ schen Einordnung von Sprachen herangezogen werden, sind: • isolierend: Jeder Information entspricht ein Wort. So wird ‘+definit’ im Engli‐ schen durch the ausgedrückt; anders bei nhd. das, das neben ‘+definit’ auch Genus, Kasus und Numerus ausdrückt und damit zum flektierenden Verfahren d) zählt. Das Dt. hat wenige echt isolierende Züge, das Englische viele. • kombinierend: Eine Information wird auf mehrere Wörter verteilt ausgedrückt (was nicht mit Kongruenz zu verwechseln ist). Man liest zwar oft, dass das dt. Passiv mit werden gebildet wird, doch wäre es verfehlt, bei der Periphrase sie werden gesehen nur werddie Passivbedeutung zuzuweisen. Bei sie werden sehen wird nämlich ebenfalls das Hilfsverb werdverwendet, doch liegt hier ein Futur vor. Das bedeutet, nur im Verbund mit einem Part.Perf. drückt werd- ‘Passiv’ aus (Unterstreichung): sie werd-en ge-seh-en. Und nur im Verbund mit einem Infinitiv drückt werd- ‘Futur’ aus: sie werd-en seh-en. Die dt. Periphrasen sind durchzogen von diesem kombinatorischen Prinzip, was das Dt. weitaus synthetischer sein lässt <?page no="356"?> als eine isolierende Sprache (Kap. 12.2.3). Im Gegensatz zu den Typen a), c) und d) wird das kombinierende Verfahren seltener zum Kanon der Sprachtypen gezählt (Ronneberger-Sibold 1980: 56-64, Nübling 2010). • agglutinierend: Ähnlich wie a) basiert auch dieses Verfahren auf 1: 1-Entspre‐ chungen zwischen Inhalt und Ausdruck, nur wird diese Relation innerhalb eines Wortes verwirklicht. Beispiel hierfür ist das Dentalsuffix -tebei schwachen Verben, das ‘Präteritum’ ausdrückt (sie lach-te-n) oder die Endung -en in Frau-en, die ‘Plural’ ausdrückt. In morphologischen Theorien wird die Agglutination häufig als Idealtyp gesehen. • flektierend: Hier kommt es zu Informationsüberlagerungen (Portmanteaumor‐ phen) innerhalb eines Wortes. Dies kann sich zum einen nur auf grammatischen Endungen abspielen, die mehrere, nicht segmentierbare Informationen vereinen: So enthält die Endung -st in lach-st ‘2.Ps.’ + ‘Sg.’. Zum anderen kann sich diese Informationsüberlagerung auch auf die lexikalische Wurzel erstrecken, wofür unsere (modifikatorischen) Ablaut- und Umlautphänomene viele Beipiele liefern: In Mütter ist die Information ‘Pl.’ untrennbar im Lexem enthalten, und zwar durch ‘+palatal’ (d. h. den Kontrast u vs. ü). Dies nennt man Wurzel-, Stamm- oder Introflexion. Dass diese vier Verfahren in Abb. 85 nicht auf einer Ebene angeordnet werden, liegt nur daran, dass man so die diachronen Übergänge zwischen ihnen deutlicher aufzeigen kann (s. die Pfeile), die ja nicht nur zwischen benachbarten Verfahren stattfinden, sondern theoretisch zwischen allen. Praktisch werden bestimmte Pfade öfter begangen als andere. Die Pfeile in Abb. 85 bezeichnen nur die für das Dt. wichtigsten Übergänge, sind also nicht als vollständig zu betrachten. So ging oft (meist über Lautwandel) das agglutinierende Verfahren in das flektierende über, etwa indem der Pluralumlaut konserviert und morphologisiert wurde (‘Pl.’ unterstrichen): frühahd. apful-i (aggluti‐ nierend) > spätahd./ mhd. epfel-e > nhd. Äpfel (binnenflektierend). Zu diesem gesamten Komplex s. Ronneberger-Sibold (1980: Kap. 2, 4). Wenn man zu solchen binnenverdichtenden Verfahren in der Flexion auch noch die diachron stark zunehmende Wortbildungsaktivität des Dt. zählt, so kommt man zu einem hohen sog. Synthese-Index, der, so Roelcke (2002: 341), diachron trotz des starken Ausbaus der Periphrasen zumindest nicht abgenommen hat. Dies konkretisie‐ ren Szczepaniak (2010b) und Nübling (2010) und kommen zu dem Schluss, dass das Dt. eher synthetischer als analytischer wird. Wir können uns im Folgenden nur auf wenige Beispiele beschränken. Kap. 12.2 befasst sich mit Analyseentwicklungen (als Linksbewegungen auf der Skala in Abb. 85), Kap. 12.2 mit Syntheseentwicklungen (Rechtsbewegungen). Dabei wird jeweils die Grenze zwischen Syntax und Morphologie passiert. 356 12 Im Spannungsfeld zwischen Analyse und Synthese <?page no="357"?> 12.2 Von der Synthese zur Analyse: Periphrasen In den sprachgeschichtlichen Darstellungen zum Dt. dominiert die Sicht, dass sich das Dt. nach und nach von einer synthetischen zu einer analytischen Sprache entwickelt habe. Obwohl es auch gegenläufige Entwicklungen gab (s. Kap. 12.2), sind seine ana‐ lytischen Tendenzen offenkundig: Das Dt. hat zahlreiche sog. Periphrasen im Sinne grammatischer Umschreibungen ausgebildet. Bis dato am Wort selbst (morphologisch) ausgedrückte Kategorien werden nun auf mehrere Wörter verteilt, oder es kommt sogar zur Entstehung neuer grammatischer Kategorien (z. B. Definitheit). Der Begriff der Periphrase wird in der Linguistik meist mit periphrastischer Konjugation gleich‐ gesetzt, also mit dem umschriebenen Perfekt, Plusquamperfekt, Futur, Konjunktiv und Passiv. Wir fassen den Begriff hier etwas weiter und beziehen ihn auch auf den analytischen bzw. kombinierenden Ausdruck von grammatischen Kategorien allgemein, also auch auf den Nominalbereich. Drei Beispiele für die Entstehung von Periphrasen werden beschrieben: 1) Die Entstehung des obligatorischen Subjektpro‐ nomens, 2) die Entstehung des bestimmten Artikels und 3) die Herausbildung des analytischen Perfekts, das zunehmend das synthetische Präteritum verdrängt. Die Futur-Umschreibung mit werden + Infinitiv war bereits Gegenstand von Kap. 11.3. Für weitere Periphrasen, etwa das Passiv und die würde-Periphrase, sei auf die in Kap. 1.5 genannten sprachgeschichtlichen Einführungen verwiesen. 12.2.1 Neuer Pflichtbegleiter für das Verb: Das Subjektpronomen Im Nhd. ist das Subjektpronomen obligatorisch, z. B. ich singe, du singst, sie / er singt und nicht *singe, *singst, *singt. In anderen Sprachen wie z. B. dem Spanischen fehlt das Subjektpronomen dagegen i. d. R.: span. canto ‘ich singe’ (nur bei Betonung kann yo ‘ich’ stehen). Ähnlich waren auch die Verhältnisse im Ahd.: Hier gab es zwar Personalpronomen in Subjektsfunktion, doch war deren Gebrauch fakultativ bzw. von ihrer Betonung abhängig. So beginnt das St. Galler Credo: kilaubu in kot fater almahtigun ‘Ich glaube an Gott Vater den Allmächtigen’. Dass das Pronomen im Ahd. im Gegensatz zu heute entbehrlich war, liegt sicherlich auch an den differenzierteren Flexionsendungen des Verbs, die im Ahd. noch relativ eindeutig Person, Numerus, auch Tempus und Modus anzeigen, auch wenn dies nicht für alle Paradigmenpositionen gilt (vgl. die grau hinterlegten Synkretismen in Tab. 52, die zum Nhd. hin zunehmen). Tab. 52 zeigt die Flexionsendungen im Prät.Ind. und Konj.II starker Verben. Im Ahd. schwankt der Gebrauch des Subjektpronomens zwar stark, es lassen sich aber textlinguistische, morphologische und syntaktische Faktoren festmachen, die ihn beeinflussen (s. Eggenberger 1961: 166-172, Sonderegger 1979: 266-269, Szczepaniak 2 2011a: 118-121, Fleischer/ Schallert 2011: 195-212): Interlinearübersetzungen (enge, zwi‐ schen den lateinischen Zeilen stehende Übersetzungen) aus dem Lateinischen weisen weitaus weniger Subjektpronomen auf, da diese auch in der lateinischen Vorlage fehlen (Lateinisch funktioniert in dieser Hinsicht wie Spanisch). Auch das obige Beispiel (kilaubu in kot fater almahtigun) ist aus dem Lat. übersetzt. Interessant ist, dass der Vorlage nicht 12.2 Von der Synthese zur Analyse: Periphrasen 357 <?page no="358"?> blind gefolgt, sondern in Hauptsätzen das Pronomen eher weggelassen und in Nebensät‐ zen öfter gesetzt wird. In freieren Übersetzungen und v. a. in den autochthonen (nicht übersetzten) ahd. Texten werden Subjektpronomen dagegen schon deutlich häufiger verwendet, sie sind in der ahd. Phase also gut etabliert; bei Otfrid (um 863 n. Chr.) wird das Subjektpronomen zu 89 % und bei zu Notker (um 1000 n.C.) zu 99 % gesetzt. Generell steht es öfter im Nebenals im Hauptsatz, und in Hauptsätzen tritt die Person als bedingender Faktor hinzu: Subjektpronomen werden öfter in der 1. und 2. Ps.Sg./ Pl. gesetzt als in der 3. Ps.Sg./ Pl. Außerdem treten sie in der Position nach dem Verb seltener auf. Tab. 52: Flexionsendungen der starken Verben im Ahd. und Nhd. Im Ahd. scheint bei der Entscheidung, ob ein Subjektpronomen gesetzt wird oder nicht, die textuelle Ebene (und damit die Pragmatik) einen großen Einfluss gehabt zu haben. Zum Beispiel kann in einer Erzählsequenz durch das Weglassen des Pronomens signalisiert werden, dass der Referent, also das Subjekt und damit meist auch die handelnde Person, gleich bleibt (sog. Thema). In der folgenden Passage aus dem altsächsischen Hildebrandslied (zit. nach Sonderegger 1979: 267) ist dies wohl der Fall: Das Subjektpronomen wird nur zu Beginn der Sequenz gesetzt, bei den darauf folgenden Teilhandlungen desselben Subjekts dagegen nicht. do le¸ttun se ærist asckim scritan, + scarpen scurim: dat in dem sciltim stont. 0 do stoptun to samane staim bort chludun, − heuwun harmlicco huitte¸ scilti. − Da ließen sie zum ersten Eschenlanzen schnellen, mit scharfen Schüssen dass [es] in den Schilden stak (steckte). Dann prallten [sie] zusammen, Prunkschilde zerbrachen [sie] hieben harmvoll auf helle Schilde. 358 12 Im Spannungsfeld zwischen Analyse und Synthese <?page no="359"?> Ein Relikt dieses textpragmatischen Prinzips findet sich heute noch bei der Koordina‐ tion mehrerer Verbformen innerhalb eines Satzes, die zum selben Subjekt gehören. Hier wird das Pronomen nur beim ersten Verb gesetzt, z. B. Sie fährt und hört Musik. Auch der Imperativ hat kein Pronomen: Arbeite! Arbeitet! (in der Höflichkeitsform aber Arbeiten Sie! ) (Fleischer/ Schallert 2011: 195-212, Volodina 2011). Im Mhd. wird das Subjektpronomen schließlich generalisiert. Die neuen Pflichtbegleiter des finiten Verbs kompensieren den Informationsverlust (‘Person’ und ‘Numerus’), der durch die Nebensilbenabschwächung bei den verba‐ len Flexionsendungen eingetreten ist - was jedoch nicht heißt, dass sie deswegen entstanden sind, denn als sie aufkamen, waren die Verbalendungen noch funktions‐ tüchtig. Noch heute enthalten sie einige Distinktionen: fahr-e, fähr-st, fähr-t, fahr-en, fahr-t, fahr-en. Allerdings sind sie weniger salient (auffällig) als noch im Ahd., vgl. far-u, fer-is, fer-it, far-amēs, far-at, far-ant. Doch gibt es Hinweise darauf, dass der Distinktivitätsgrad der Endungen die Setzung des Pronomens zumindest teilweise förderte: Bei den Endungen in der 1.Ps.Pl., für die es eine Kurz- (-m oder -n) und eine Langform (-mēs) gab, korreliert die distinktivere zweite Form stärker mit dem Fehlen des Pronomens. Bei den weniger distinktiven Kurzformen war die Tendenz zur Pronomensetzung stärker (vgl. Fleischer/ Schallert 2011: 206-212). Die nach Bybee (1985, 1994) relevanteren Kategorien Tempus und Modus waren dagegen weniger „gefährdet“, da sie entweder dichter am Stamm (Dentalsuffix) oder gar innerhalb des Stamms (Ab-/ Umlaut) ausgedrückt wurden. Schon im Ahd. kann das expletive, unpersönliche es v. a. bei nullwertigen (Wetter-)Verben auftreten, im Mhd. breitet es sich aus, im Nhd. ist es obligatorisch, Typ es regnet; es blitzt. Dieses Pronomen hat keinen Referenten, es vertritt kein Substantiv. Dieses Scheinsubjekt tritt v. a. auf: 1. bei unpersönlichen nullwertigen Verben (Es regnet; heute regnet es) 2. beim unpersönlichen Passiv (Es wurde getanzt) 3. bei Experiencer-Verben (Es gefällt mir; mir gefällt es) 4. als sog. Vorfeld-es (Es liefen zwei Menschen vorbei) Es stellt sich die Frage, inwieweit die zunehmende Obligatorisierung des Subjektpro‐ nomens mit dem Aufkommen des expletiven es zusammenhängt. Fleischer/ Schallert (2011) sehen die Obligatorisierung nicht als alleinige Ursache, sondern als Faktor bei der Herausbildung einzelner Untertypen, z. B. bei 1) den unpersönlichen nullwertigen Verben. Hier handelt es sich um ein echtes Scheinsubjekt, unabhängig davon, ob es im Vor- oder Mittelfeld erscheint (Es regnet heute und Heute regnet es). Dies gilt aber nicht für 2), das unpersönliche Passiv (Es wurde getanzt, aber *Gestern wurde es getanzt). Dieses es kommt im Mhd. auf und dient als Platzhalter der zunehmend obligatorischen Besetzung des Vorfelds, ähnlich bei Typ 4). Bei 3), den Experiencer-Verben wie grauen, ekeln, gefallen, scheinen, kommt es erst im Mhd. sporadisch vor. Hier besteht die Tendenz zum overt realisierten Subjekt in Form der Personalisierung, wodurch die vorher unpersönlichen Experiencer-Verben zunehmend ein echtes Subjekt annehmen, 12.2 Von der Synthese zur Analyse: Periphrasen 359 <?page no="360"?> z. B. mich friert > ich friere, ahd. mih hungirit > nhd. ich hungere/ ich habe Hunger (s. Kap. 4.4). Insgesamt unterstützt diese Entwicklung die im Deklarativsatz sich etablierende Verb-Zweit-Stellung durch obligatorische Vorfeldbesetzung. Außerdem dient sie der Obligatorisierung des Subjektpronomens (s. Fleischer/ Schallert 2011, 213-225). 12.2.2 Neuer Pflichtbegleiter für das Substantiv: Der Artikel Im Nhd. werden Substantive im Singular vom bestimmten (‘+definit’, z. B. das Haus) oder unbestimmten Artikel (‘-definit’, z. B. ein Haus) obligatorisch begleitet; im Plural gibt es keinen unbestimmten Artikel (sog. Nullartikel: dort stehen Ø Häuser), sondern nur den bestimmten (dort stehen die Häuser). Der Artikel wird dem Substan‐ tiv vorangestellt (präponiert). Er ist Träger mehrerer Kategorien: Genus, Kasus, Numerus, und vor allem Definitbzw. Indefinitheit. Der Artikel wurde nicht aus dem Germ. ererbt. Er bildet eine Neuerung, die im Laufe des Ahd. und Mhd. über einen Grammatikalisierungsprozess (s. Kap. 11) entstanden ist (s. Szczepaniak 2 2011a: 63-85, Flick 2020). Demonstrativa bilden den prototypischen „Spenderbereich“ für die Kategorie De‐ finitheit. Dies ist ein häufig begangener und gut dokumentierter Grammatikalisie‐ rungspfad, der auch für das Dt. gilt (Heine/ Kuteva 2002: 109-110). Definitheit leistet „die eindeutige Identifizierbarkeit des Referenten auch unabhängig von der Gesprächs‐ situation“ (Flick 2019, 151). Damit handelt es sich beim Referenzobjekt meist um ein individualisiertes, oft vorerwähntes Exemplar einer Menge. Mit das Haus meint man ein bestimmtes, bekanntes, vorerwähntes Haus, ein Haus hingegen kann jedes beliebige Haus sein und ist bis dato unbekannt. Beide Artikel sind unbetont. Betont man sie, so tritt das alte Demonstrativum bzw. das Zahlwort ‘einsʼ, aus dem sich der Indefinitartikel entwickelt hat, zutage: Mir gehört dás Haus ‘diesesʼ bzw. ich habe éin Haus (und nicht zwei). Im Zuge der Grammatikalisierung verblassen diese alten Bedeutungen (Desemantisierung), d. h. die Deixis (demonstrative Zeigegeste) bei der ersten und die Betonung der Einzahl bei der zweiten Entwicklung. Im ahd. Tatian (9. Jh.) steht: „In anaginne waz wort. Inti thaz wort was mit gote“, wörtl. ‘In Anfang war Wort. Und das/ dieses Wort war mit Gottʼ. Im ersten Satz fehlt jeglicher Artikel, im zweiten verweist thaz als anaphorischer Demonstrativartikel mit deutlicher Deixis auf vorerwähntes Wort. Daraus entwickelt sich später der Definitartikel. Da es im frühen Ahd. keinen Artikel gab, standen für ein Substantiv wie tage (Mask.Dat.Sg.) zwei Lesarten zur Verfügung, entweder ‘einem Tag’ (indefinit) oder ‘dem Tag’ (definit). Im Zuge der Grammatikalisierung des Artikels nimmt seine Frequenz zu und damit auch die Konstruktion [Artikel + N], die die Voraussetzung für die Nominalklammer ist (s. Kap. 4.1). Für die Grammatikalisierung des Indefinitartikels sei auf Szczepaniak (2016b) verwiesen, die des Definitartikels hat eingehend Flick (2019, 2020) untersucht. Noch innerhalb des Ahd. (800-1025) steigt die Frequenz von [der + N] bei Appellativa 360 12 Im Spannungsfeld zwischen Analyse und Synthese <?page no="361"?> (Substantiven außer Eigennamen) von knapp 20 % auf knapp 30 % an; der steht dabei stellvertretend für alle Flexionsformen des Artikels. Die Frequenzzunahme wird als Zeichen seiner Desemantisierung gewertet, denn an der Form lässt sich nichts erkennen. Dafür muss man seine Gebrauchskontexte heranziehen, die grob zwischen pragmatischer und semantischer Definitheit zu unterscheiden erlauben, also der Frage, ob sich die Definitheit aus der Situation oder einem aktuellen bzw. vergan‐ genen Diskurs speist (dann ist ein demonstrativer Gehalt vorhanden, wenngleich dieser abnimmt) oder ob es sich schon um semantische Definitheit handelt, die diese Rahmungen nicht mehr benötigt, sondern sich aus Weltwissen speist, etwa dass ein Haus Fenster hat: Ihr Haus muss renoviert werden, die Fenster lassen sich nicht mehr schließen. Zum Verständnis von die Fenster bedarf es weder ihrer Vorerwähnung noch einer geteilten Situation, in der die Fenster sichtbar wären (sog. abstrakt-situativer Gebrauch). Vielmehr handelt es sich um einen Definitartikel ohne demonstrativen Gehalt. Auch vor Unika (nur einmal vorkommende Objekte wie Sonne, Mond, Hölle) erübrigt sich ein Demonstrativum, weshalb der-Formen als Artikel zu werten sind. Am grammatikalisiertesten ist der generische Artikel, da er nicht einmal mehr auf ein Individuum, sondern auf die gesamte Gattung verweist: Der Mensch ist ein Säugetier. Flick (2019) unterteilt die Formen von der in pragmatische und semantische Definita und stellt fest, dass noch im Ahd. die semantischen Verwendungen deutlich zunehmen. Außerdem greift sie die beiden ahd. Unika sunna ‘Sonneʼ und mano ‘Mondʼ heraus, um zu sehen, ob sie von einem Artikel begleitet werden. Schon bei Notker (1025) kommen diese Unika häufiger mit als ohne Artikel vor, was die zunehmende Obligatorisierung des hier hochgrammatikalisierten Artikels belegt. Ein Substantiv kommt also zuneh‐ mend nur noch in Begleitung eines Artikels vor. Heute gibt es kaum noch artikellose Substantive, Relikte sind bei/ zu Tisch, nach Hause, auf Erden (ein alter Sg.), über Land (fahren), unter Wasser. Analysiert man diese zunehmend determinierten Substantive, erkennt man eine be‐ lebtheitsgesteuerte Ausdehnung von Menschen über Tiere zu Konkreta und schließlich Abstrakta. Agentivität und Individualität spielen dabei eine wichtige Rolle. Tatsächlich sind im Tatian (840) Menschenbezeichnungen am häufigsten von der-Setzungen betroffen, während bei Otfrid (870) auch schon Tiere und Konkreta daran teilhaben. Im Mhd. wird der bestimmte Artikel obligatorisiert. Seine Ausweitung geht sogar zeitweise über den heutigen Stand hinaus: So wird die Verbindung von Possessivum + Substantiv, die bereits inhärent definit ist, oft mit dem bestimmten Artikel versehen: diu sîniu keiserlîchen bein „die seine kaiserlichen Beine“ (Sonderegger 1979: 265). Als Relikt vgl. die heutige Floskel in diesem unserem Lande. Heute weitet sich der Definitartikel v. a. in südlichen Dialekten und den dortigen Umgangssprachen sogar auf (inhärent immer definite) Eigen-, genauer Personennamen aus: die Rita, der Fabian. Die Entstehung des Artikels wird oft mit der mhd. Nebensilbenabschwächung in Verbindung gebracht, wo die Kodierung von Kasus und Numerus am Substantiv im Vergleich zum Ahd. stark reduziert wurde, besonders im Plural (Tab. 53). 12.2 Von der Synthese zur Analyse: Periphrasen 361 <?page no="362"?> Tab. 53: Die ahd. und mhd. maskulinen a-Stämme Doch darf man die Nebensilbenabschwächung nicht als primären Grund für die Arti‐ kelentstehung betrachten, denn der Artikel bildete sich (wie gezeigt) schon weitgehend im Ahd. heraus, wo die Flexionsendungen noch intakt waren. Dieser Prozess dient vielmehr der Herausbildung der neuen Nominalkategorie ‘Definitheit’. Der neue Artikel ist mit seinen teilweise gut ausdifferenzierten Endungen in der Lage, die Markierung von Genus, Kasus und Numerus zu übernehmen, und zwar im Verbund mit dem Substantiv und einem etwaigen Adjektiv (zur kooperativen Flexion s. Kap. 4.1.1). Der Artikel bildet dabei ein Portmanteaumorph, d. h. er lässt sich segmentieren in d-, das Definitheit markiert, während sich die drei anderen Kategorien unsegmentierbar auf dem Rest befinden: Abb. 86: Portmanteaumorphe an Substantiv und Artikel im Ahd. und Nhd. Auch wenn diese partielle Auslagerung von Informationen vom Substantiv auf andere Elemente der NP oft als Entwicklung in Richtung Analyse gedeutet werden, entsteht mit Blick auf die Wortgruppenflexion der gesamten NP ein hoher Grad an Synthetizität, der die NP morphosyntaktisch festig. Die Anzahl an Nominalkategorien hat sich mit der (In-)Definitheit sogar erhöht. Dass der Artikel heute enge Bindungen mit ihm vorangehenden Präpositionen eingeht (in dem > im, an das > ans), ist als weiterer Syntheseschub zu bewerten und wird in Kap. 12.3 behandelt. Die Obligatorisierung des Subjektpronomens wie des Artikels impliziert auch einen Wechsel der Determinationsrichtung: Während im Ahd. sowohl bei den Verben als auch bei den Substantiven die grammatischen Informationen hinter dem Lexem 362 12 Im Spannungsfeld zwischen Analyse und Synthese <?page no="363"?> 47 Für das Subjektpronomen muss dies allerdings relativiert werden, weil es oft dem finiten Verb direkt in der sog. Wackernagelposition folgt, z. B. Jetzt glaube ich es. Das begünstigt Verschmelzung und damit die Entstehung neuer Synthese, s. Kap. 12.3.2. 48 Zur Grammatikalisierung des sein-Perfekts s. Gillmann (2011). kodiert werden (sog. Postdetermination), werden sie durch die Entstehung von Subjektpronomen und Artikel vor dem Lexem angezeigt (sog. Prädetermination, s. Abb. 87): 47 Abb. 87: Von synthetisch zu analytisch und von postzu prädeterminierend bei der Entstehung von Subjektpronomen und Artikel Auch der Ausbau von Präpositionen, die vor der NP stehen, fördert prädeterminierende Strukturen. Das Ahd. und das Germ. waren dagegen noch stärker postdeterminierend. Die Tendenz zur Prädetermination greift jedoch nicht überall: So spielen Suffixe in der Derivation nach wie vor eine wichtige Rolle (Kap. 3.2.1). Das Dt. erweist sich auch in seiner Determinationsrichtung als Mischtyp (Kap. 13.1). 12.2.3 Von sie sang zu sie hat gesungen: Entstehung des Perfekts und Schwund des Präteritums Die Grammatikalisierung des analytischen Perfekts (ich habe gesungen, ich bin gegangen), des Plusquamperfekts (ich hatte gesungen, ich war gegangen) und der spätere, bis heute noch nicht abgeschlossene sog. Präteritumschwund (ich habe gesungen statt ich sang) stellen wichtige Beispiele für den typologischen Wandel des Dt. seit dem Ahd. dar. Grundlegend für die Entstehung des Perfekts ist die Grammatikalisierung von haben und sein zu Perfekt-Hilfsverben. Dies wird hier exemplarisch für die Gram‐ matikalisierung von haben gezeigt (s. eingehend Szczepaniak 2 2011a: 129-139 und Gillmann 2016: 49-83, 164-242). 48 Die ahd. Vorstufe zur Perfektperiphrase wird mit den Verben habēn oder *eigan gebildet, die beide ‘besitzen’ bedeuten. Das Partizip Perfekt verhält sich im Ahd. syntaktisch wie ein Adjektiv (sog. Verbaladjektiv): Das Part.Perf. kongruiert im Ahd. teilweise mit seinem Bezugsnomen und kann sowohl vor als auch hinter dem entsprechenden Nominalglied auftreten (s. Fleischer/ Schallert 2011: 125-129). Dies ist im Nhd. nicht mehr der Fall, vgl. eine schöne Blume, aber *eine Blume schöne. Durch die syntaktischen Gemeinsamkeiten zwischen dem Part.Perf. und anderen Adjektiven sind im Ahd. auch Konstruktionen wie Ich habe eine Blume [als] gepflückte ‘Ich habe eine gepflückte Blume’ zulässig. In der Anfangsphase der Grammatikalisierung wird das Part.Perf. als Teil der NP betrachtet und teilweise auch nominal flektiert, d. h. es stimmt, wie ein Adjektiv, in seinen Endungen mit dem 12.2 Von der Synthese zur Analyse: Periphrasen 363 <?page no="364"?> Substantiv überein (Kongruenz). Dies ist erkennbar an der Mask.Akk.Sg.-Endung -an in giflanzōtan im Beispiel unten, die im Mask.Akk.Sg. mit phīgboum kongruiert. Das Beispiel ist als Vorläufer des heutigen Plusquamperfekts (hatte gepflanzt) zu sehen: phīgboum habēta sum giflanzōtan in sīnemo wīngarten (Tatian 102,2) ‘(Einen) Feigenbaum hatte einer als gepflanzten in seinem Weingartenʼ Damit das Part.Perf. verbal statt nominal interpretiert wird, muss eine syntaktische Reanalyse stattfinden. Im Ahd. ist die Konstruktion mit einer nominalen (Teil der NP zu phīgboum) oder verbalen Lesart (Teil der VP zu habēta) von giflanzōtan ambig (doppeldeutig) (vgl. Abb. 88). Sinngemäß ins heutige Dt. übertragen würde die nominale Lesart den gepflanzten Feigenbaum näher charakterisieren, die verbale dagegen das abgeschlossene Ereignis der Pflanzhandlung in den Vordergrund rücken. Hier ist also eine grundlegende Veränderung in der Interpretation des Partizips zu erkennen (vgl. Dal 3 1966: 121): Von einer nominalen (adjektivischen) zu einer verbalen Lesart von giflanzōtan. Abb. 88: Syntaktische Reanalyse bei der Grammatikalisierung des (Plusquam-)Perfekts Zunächst bestehen im Ahd. für die verbale (zweite) Konstruktion starke Beschränkungen, die die Kategorie des sog. Aspekts betreffen. Die Aspektkategorie bezieht sich (im Gegensatz zum Tempus) auf die interne Gliederung einer Handlung in verschiedene Phasen: So kann bei einer Handlung oder einem Vorgang der Beginn hervorgehoben werden (inchoativer Aspekt), der Handlungsverlauf in seiner zeitlichen Ausdehnung (durativ) betont werden, die Handlung als zwar vergangen, aber unabgeschlossen (imperfektiv) markiert werden, oder es wird genau ihre Abgeschlossenheit fokussiert (perfektiver, genauer resultativer Aspekt). Der beim Perfekt besonders wichtige perfektive Aspekt hat direkte Relevanz für die Gegenwart. Dies lässt sich an einem einfachen Beispiel aus dem heutigen Dt. zeigen: Wenn man frühmorgens feststellt: „Es hat geschneit“, so weist man eher auf eine schneeglatte Straße als Resultat des Schneiens hin, als dass man über ein nächtliches meteorologisches Ereignis informieren möchte. Äußert man aber: „Damals auf der Fahrt nach Posen schneite es stundenlang“, so steht der Prozess des Schneiens im Vordergrund. Aspekt gliedert somit die Handlung selbst in verschiedene Verlaufsphasen. Dagegen platziert Tempus die gesamte Handlung auf einer Zeitachse, ausgehend vom Zeitpunkt der Äußerung. Typische Tempuskategorien sind Präsens, Vergangenheit und Futur. Die im Ahd. entstehende Perfektperiphrase hatte zunächst aspektuellen Charakter, sie drückte eine resultatsbezogene Lesart aus. Dies wurde durch das gi-Präfix gefördert: Zu diesem Zeitpunkt konnten noch nicht-grenzbezogene (atelische) Verben mithilfe des Präfixes giperfektiviert werden, z. B. ahd. winnan ‚arbeiten‘ zu giwinnan ‘durch 364 12 Im Spannungsfeld zwischen Analyse und Synthese <?page no="365"?> Anstrengung erreichen’ oder beran ‘tragen’ zu giberan ‘aus-, zuendetragen, gebären’ (Dal 3 1966: 99). Diese Möglichkeit der Perfektivierung erübrigt sich für bereits inhärent grenzbezogene (telische) Verben wie treffan, findan oder bringan, da ihre Grundsemantik bereits den Endpunkt der Handlung enthält. So erklärt sich, dass genau diese Verben als letzte das Präfix gein der Perfektperiphase annehmen: Bis weit ins Fnhd. hinein findet man: Sie hat funden, troffen, bracht. Diese Generalisierung von gedeutet auf eine vollständige Grammatikalisierung der Periphrase hin, d. h. die aspektuelle Funktion von geist abgebaut und gefester Bestandteil der Perfektkonstruktion geworden. Hatte das Perfekt anfangs noch starken Gegenwartsbezug, weil es das Resultat der Handlung, das sich auf die Gegenwart auswirkt, bezeichnet, so weitet sich seine Verwendung zunehmend auf in der Vergangenheit liegende Handlungen aus. Damit entwickelt es sich langsam von einem Aspekt zu einem Tempus. Der Gegenwartsbezug tritt mehr und mehr in den Hintergrund. Dies wird z. B. deutlich, wenn man das nhd. Perfekt mit den Perfektperiphrasen anderer germ. Sprachen vergleicht (Dentler 1997, 1998, Gillmann 2016: Kap. 4.4): In engl. I have lost my glasses ‘Meine Brille ist weg/ Ich kann sie im Moment nicht finden’ ist der Gegenwartsbezug noch so ausgeprägt, dass vergangenheitsbezogene Zeitangaben wie gestern bei der Perfektperiphrase unzulässig sind: engl. *I have seen her yesterday ist ungrammatisch, hier ist das Präteritum obligatorisch (I saw her yesterday). Nicht so im Dt.: Ich habe sie gestern gesehen ist vollkommen grammatisch. Das Ahd. kann man sich diesbezüglich ähnlich dem Englischen vorstellen (Gillmann 2016: Kap. 4.4 u. 6-7). Mit der Verlagerung vom Gegenwartsauf den Vergangenheitsbezug gelangt die Perfektperiphrase zunehmend in den Funktionsbereich des Präteritums. Dies führt dazu, dass sich das Perfekt schon ab mhd. Zeit auf Kosten des Präteritums ausbreitet. Um 1500 enthalten insbesondere obd. Texte schon mehr Perfektals Präteritumformen. Diesen Prozess bezeichnet man als Präteritumschwund. Die heutigen obd. Dialekte kennen überhaupt kein Präteritum mehr, noch heute schreitet der Schwund in Richtung Norden fort. Die Präteritalgrenze, die sich genauer als Übergangszone erweist, verläuft gegenwärtig durch das Mitteldeutsche. Abb. 89 ist so zu verstehen, dass im md. Übergangsraum Präterita von Modalverben erhalten sein können, nach Norden hin auch von einigen frequenten starken Verben, während Präterita von schwachen Verben allenfalls am Nordrand vorkommen (s. Fischer 2018, 2021). Beim Präteritumschwund ist die Frage wichtig, ob seine Ursache in den Stärken des Perfekts liegt (dann wäre eher von Perfektexpansion zu sprechen) oder in Nachteilen des Präteritums (dann eher Präteritumschwund) oder womöglich in einer Kombination aus beidem. Dazu gibt es mehrere Thesen, von denen hier nur einige skizziert werden können. Zunächst beginnen wir mit einer Schwäche des Präteritums. Als Ursache des sog. Präteritumschwunds wurde lange eine rein phonologische Erklärung favorisiert, die obd. e-Apokope (vgl. Kap. 2.4.5); diese These vertreten u. a. Reis (1894) und Lindgren (1957). Demnach habe der Schwund des auslautenden -e gerade in der häufig gebrauchten 1. und 3. Ps.Sg. bei den schwachen Verben einen Tempuszusammenfall zwischen Präteritum und Präsens bewirkt: machte vs. macht > macht_ = macht. Deshalb musste das Präteritum 12.2 Von der Synthese zur Analyse: Periphrasen 365 <?page no="366"?> durch das Perfekt ersetzt werden: hat gemacht vs. macht. Diese Ersetzung habe sich dann analogisch auch auf die starken Verben ausgebreitet. Die stärkste Unterstützung für diese These liegt in der dialektgeographischen Übereinstimmung des Verbreitungsgebiets von e-Apokope und Präteritumschwund (beide im Obd.). Problematisch daran ist, dass sich der Ursprung bei den schwachen Verben nicht nachweisen lässt. Die Präterita der starken Verben, deren Funktionstüchtigkeit nicht durch die e-Apokope gefährdet war, sind nicht später geschwunden (Jörg 1976). Außerdem haben sich auch in vielen anderen europäischen Sprachen Perfektformen entwickelt, obwohl dort keine Apokopen oder ähnliche Lautreduktionen stattgefunden haben. Abb. 89: Der heutige Verlauf der Präteritalgrenze (nach Fischer 2021: 349) 366 12 Im Spannungsfeld zwischen Analyse und Synthese <?page no="367"?> Eine weitere These stammt von Dal (1960) und basiert auf der Umfunktionalisierung des Dentalsuffixes zum Konjunktivzeichen. Wie bei den starken Verben (vgl. Tab. 52) hatten auch die schwachen Verben des Ahd. Endungen, die den Modusunterschied zwischen Prät.Ind. (suoch-ta ‘suchte’) und Konj.II (suoch-ti ‘würde suchen’) kodierten. Durch die anschließende Nebensilbenabschwächung und den dadurch entstandenen Synkretismus zwischen Prät.Ind. und Konj.II (beide > mhd. suoch-te) entfiel diese Modusanzeige. In vielen obd. Dialekten wurde aber das Dentalsuffix als Konjunktiv‐ marker (auf Kosten seiner Tempusfunktion) ausgebaut, indem es heute nicht nur bei den schwachen Verben häufig vorkommt (bair. machad ‘würde machen’, alem. suechti ‘würde suchen’), sondern indem es sogar auf starke Verben übergesprungen ist (z. B. alem. singti ‘würde singen’, giengti ‘ginge’; bair. kámad ‘würde kommen’; hierzu Nübling 1997; Bülow/ Vergeiner 2024). Diese Umfunktionalisierung des Dental‐ suffixes als Modusanzeiger hat den Vorteil eines eindeutigen, suffigierenden Konjunk‐ tivzeichens und könnte den Rückzug des Präteritums erklären, was seinerseits die Ausbreitung des Perfekts gefördert hat. Unwahrscheinlich daran ist jedoch, dass das häufiger verwendete Präteritum dem seltener gebrauchten Konjunktiv ausweicht. Zwar war eine Alternativform für die Tempusanzeige in Form des Perfekts vorhanden, aber auch für den Konjunktiv entwickelten sich alternative Bildungsweisen, z. B. die Umschreibung mit täte oder würde + Infinitiv (mehr in Bülow u. a. (ed.) 2022). Zu den Erklärungen, die die Vorteile des Perfekts betonen, gehört das Argument, das Perfekt habe sich durchgesetzt, weil es bei den starken Verben weniger komplexe Vokalwechselmuster enthalte als das Präteritum, es also einfacher zu bilden sei: Während der Präteritumvokal sich immer vom Präsensvokal unterscheidet, ist dies beim Perfekt nicht immer der Fall: schlafen - schlief - geschlafen, geben - gab - gegeben. Systematisch gilt dies für die Ablautreihen V bis VII. Doch spielt dieses Argument für viele starke und für die große Klasse der schwachen Verben keine Rolle, was die Erklärungskraft mindert. Möglich ist allerdings, dass sowohl die e-Apokope bei den schwachen Verben als auch die größere Einfachheit der Vokalalternanzen bei diesen starken Verben die Durchsetzung des Perfekts begünstigten. Als wohl entscheidender Vorteil des Perfekts wird der oben dargestellte Gegenwarts‐ bezug des früheren Perfekts, der die Aktualität der Handlung betont, angesehen (z. B. Trost 1980, Dentler 1997): Das, was geschehen ist, wirkt zum Sprechzeitpunkt nach, hat also Relevanz für die Gegenwart. Dadurch sei das Perfekt als das aktuellere und „expressivere“ Vergangenheitstempus betrachtet worden, was ihm dem Präteritum gegenüber einen klaren Vorteil beschert habe (kritisch hierzu Ronneberger-Sibold 1980: 114-117). Für den Präteritumschwund dürften insgesamt polykausale Erklärun‐ gen greifen, die Fischer (2018, 2021) diskutiert. Eine periphrastische Tempusanzeige passt gut zum dt. Klammerverfahren (Abra‐ ham/ Conradie 2001, Kap. 4.1). Neben Perfekt und Plusquamperfekt entstehen weitere Periphrasen zum Ausdruck des Passivs, des Futurs und des Konjunktivs sowie die hier nicht behandelte Entwicklung der tun-Periphrasen. Hinzu kommen Modalverb‐ konstruktionen. Auf die Skala in Abb. 85 (Kap. 12.1) bezogen, bedeuten solche Kon‐ 12.2 Von der Synthese zur Analyse: Periphrasen 367 <?page no="368"?> struktionen zwar einen Schub nach links in Richtung Analyse, doch entsprechen diese Periphrasen keineswegs dem isolierenden Sprachtyp. Um als isolierend gelten zu können, müsste eine grammatische Information durch ein separates Wort ausgedrückt werden. Bei den Periphrasen wird die Information dagegen diskontinuierlich durch die Kombination von mehreren Wörtern bzw. Wortformen vermittelt, wobei keines der Wörter diese Information allein kodiert. Dies wird beim polyfunktionalen Verb werden besonders deutlich (s. Abb. 90). Abb. 90: Das kombinierende Verfahren bei Futur- und Passivperiphrasen (nach Ronneberger-Sibold 1980: 57) Die Bedeutungen der beiden Periphrasen in Abb. 90 gehen nicht primär von werden aus, sondern entstehen erst aus der Kombination von finitem werden im Präs.Ind. mit dem Infinitiv (→ ‘Futur’) bzw. mit dem Part.Perf. (→ ‘Passiv’). Periphrasen wie diese sind aus zwei Gründen als synthetischer zu betrachten als prototypisch isolierende Verfahren: Zum einen entsprechen sie nicht dem 1: 1-Verhältnis zwischen Wort und Information (vgl. 12.1), zum anderen enthalten sie innerhalb des finiten Hilfsverbs flektierte Elemente (s. die finiten Formen von werden oder haben). 12.3 Von der Syntax in die Morphologie: Verschmelzungen In der sprachgeschichtlichen Literatur zum Dt. liest man oft, dass sich das Dt. von einer sog. synthetischen zu einer analytischen Sprache entwickelt. Dies ist nicht ganz falsch, wenn man bedenkt, dass im Ahd. noch die meisten grammatischen Infor‐ mationen über Endungen an Substantiv und Verb ausgedrückt wurden. Artikel und Subjektpronomen waren noch nicht vorhanden, auch nicht die vielen Verbalperiphra‐ sen (Umschreibungen). Doch ist diese Perspektive zu einseitig. Einerseits verdichten sich auch Periphrasen auf höherer, morphosyntaktischer Ebene (sog. kooperative oder Wortgruppenflexion in 4.1.1 und 12.2), andererseits finden auch echte gegen‐ läufige Entwicklungen statt. Aus mehrgliedrigen Periphrasen kann über ein langes Stadium der Verschmelzung wieder Morphologie entstehen. In den Worten von Givón (1971: 413): „Today’s morphology is yesterday’s syntax“ (s. auch die Entstehung des Präteritums der schwachen Verben im Germ. in Kap. 11.2). Als Beispiel hierfür wird häufig die Entstehung der Futurendungen in den romani‐ schen Sprachen genannt wie in frz. (je) chanterai, span. cantaré ‘ich werde singen’, die aus im Vulgärlateinischen nachgestelltem habeō entstanden sind: cantāre habeō ‘zu singen habe ich’ > *cantarabeo > *cantaraio > frz. chanterai, span. cantaré. Hier kann 368 12 Im Spannungsfeld zwischen Analyse und Synthese <?page no="369"?> man die gesamte Grammatikalisierung von der (analytischen) Periphrase bis zur (synthetischen, morphologischen) Futurflexion verfolgen. Heute gibt es wieder neue periphrastische Futurbildungen mit dem Hilfsverb ‘gehen’ (frz. aller, span. ir), d. h. hier bestehen Zyklen. Der Romanist Helmut Lüdtke (1980, 1988) beschreibt viele solcher Zyklen, s. Abb. 91. Zur Illustration greifen wir auf die aus Kap. 4.5 bereits bekannte Negationsentwick‐ lung im Dt. zurück: Ein Wort wird durch Lautwandel und „Abschleifungen“ immer kürzer („lautliche Schrumpfung“), ahd. ich ni mag > mhd. ichn mac ‘ich kann nicht’. Dann wird der Ausdruck angereichert. Dieses Stadium nennt Lüdtke „semantaktischen Zuwachs“ oder „Anreicherung“, z. B. ahd. ni io wiht ‘nicht ein bisschen’. Danach verschmelzen diese Einheiten wieder zu einem Wort (niowiht), das kürzer wird (mhd. niwiht > nhd. nicht). Unterm Strich, so Lüdtke, heben sich die Effekte von Reduktion und Anreicherung gegenseitig (ungefähr) auf. Abb. 91: Der Kreislauf von Reduktion, Anreicherung und Verschmelzung nach Lüdtke (1988: 1634) Ein weiteres Beispiel aus dem Dt.: ahd. hiu tagu, wörtl. ‘an diesem Tag’, verschmolz zu mhd. hiute [ hyːtə ], nhd. heute. In den „Startlöchern“ stehen schon Verstärkungen wie heutzutage und heutigentags. Noch bedeuten diese nicht genau dasselbe wie ‘heute’, doch wäre es kein großer Schritt dorthin, wenn sie heute zu ersetzen hätten. Eine ähnliche Entwicklung hat frz. aujourd’hui, eigentlich „am Tag von heute“, vollzogen (Lüdtke 1980). Als Beispiel dafür, dass dabei auch Flexion entstehen kann, sei der nachgestellte Definitartikel in den skandinavischen Sprachen genannt, der mit dem Substantiv verschmolzen ist: urnord. *hūs (h)it ‘Haus das’ > isl. húsið „Haus-das“ = ‘das Haus’, schwed. huset. Dieser suffigierte Artikel bildet einen der wichtigsten Unterschiede zwischen den nord- und den westgerm. Sprachen. Im Dt. steht der Artikel bekanntlich vor dem Substantiv. Hier ist es die Präposition, an die er sich heftet (in das Haus > ins Haus; s. Kap. 12.3.3). Dieses Kreislauf-Modell von Lüdtke hat auch Kritik erfahren: So legt es nahe, dass die Anreicherungen nur stattfinden, um die Schrumpfungen zu kompensieren. Tatsächlich aber schaffen wir oft schon „Konkurrenzkonstruktionen“, die nicht als „Ersatz“ für kurze Formen gedacht sind, sondern die einen expressiven Mehrwert haben (Koch/ Oesterreicher 1996, Keller 3 2003). Um aufzufallen, drücken wir uns oft beson‐ 12.3 Von der Syntax in die Morphologie: Verschmelzungen 369 <?page no="370"?> ders bildreich oder übertrieben aus - vgl. die stärkeren Intensivpartikeln ungeheuer, unheimlich, wahnsinnig statt sehr, die mittlerweile schon abgeschwächt sind und sehr verdrängen (Kap. 5.1.1). Alltagssprachlich sind auch Sätze wie: Tausend mal habe ich dir gesagt, dass du das nicht tun sollst! Diese expressive Ausdrucksweise ist der eigentliche Motor sprachlichen Wandels. Indem solche übertriebenen, ausdrucksstarken Formen von vielen Menschen gebraucht werden, inflationieren sie. So werden sie oft zum Normalausdruck und verdrängen das ursprüngliche Wort. Damit wird dieser Zyklus durch expressive Verstärkungen ausgelöst und nicht etwa durch die Kompensierung zu kurz gewordener Formen. Ein anderer Kritikpunkt besteht in der Tatsache, dass es auch gegenläufige Prozesse zur Verschmelzung gibt, nämlich sog. „Entschmelzungen“ (Harnisch 2004), etwa wenn das ungarische Wort talpas im Dt. zu Toll-patsch aufgelöst wird oder das haitianische Wort hamac zu Hänge-matte (sog. Volksetymologie, s. Kap. 5.1.4). 12.3.1 Stadien der Verschmelzung Einheiten, die mit einem Nachbarwort, der sog. Basis, verschmelzen, nennt man Klitika (Sg.: das Klitikon). Man schließt sie in der Linguistik mit „=“ an ihre Basis an. Verbinden sie sich mit dem Folgewort (was seltener vorkommt), so nennt man sie Proklitika (s=Fenster ‘das Fenster’), andernfalls sind es Enklitika (in=s). Klitika sind geschwächte Wörter, die keinen eigenen Akzent mehr tragen; oft haben sie nicht einmal mehr einen Vokal: das > s in aufs, dem > m in zum. Auf dem langen Weg von selbstständigen Wörtern zu Flexionsendungen unterscheidet man zwei Stadien: einfache und spezielle Klitika (s. Abb. 92). Abb. 92: Klitika zwischen Wort und Flexiv (Flexionsaffix) Abb. 92 zeigt die verschiedenen Stadien der Verschmelzung: Das Wort links, dem, steht selbstständig (z. B. nach dem Spiel). Das einfache Klitikon (engl. simple clitic) kann noch mit seiner Vollform dem ausgetauscht werden, ohne dass sich die Gesamt‐ bedeutung ändert: Das Auto steht vorm Haus = Das Auto steht vor dem Haus. Anders im Stadium des speziellen Klitikons (engl. special clitic), wo sich die Bedeutung ändern würde: Sie ist im Wald bedeutet, dass sie sich im allseits bekannten, vermutlich nächstliegenden Wald aufhält, während Sie ist in dem Wald einen bestimmten, zuvor spezifizierten Wald meint. Die Spezifikation kann auch in einem Relativsatz nachgeholt werden: Sie ist schon in dem Wald, der ihr empfohlen wurde. Da es sich hier um derzeit ablaufenden Sprachwandel handelt, kann man nur von verschiedenen Akzeptanzgr‐ 370 12 Im Spannungsfeld zwischen Analyse und Synthese <?page no="371"?> aden sprechen. Keinerlei Auflösung ist in dem Satz Sie ist im Wallis möglich. Dies gilt prinzipiell für Eigennamen, doch auch für substantivierte Infinitive und Adjektive: das kommt vom (*von dem) Rauchen; der Hang zum (*zu dem) Gemütlichen. Für Flexion gilt strikte Nichtauflösbarkeit, und außerdem ein weiteres strenges Kriterium, das man „Paradigmatizität“ nennt: Flexion wäre erst dann erreicht, wenn alle Präpositionen mit allen Artikelformen verschmelzen würden bzw. müssten. Dies ist jedoch nicht der Fall. Schaut man sich z. B. die dt. Verbflexion an, so flektieren alle Verben in allen Tempora (Präsens und Präteritum), in allen Personen (1.-3.Ps.) und in allen Numeri (Singular und Plural). Davon kann bei der Präposition-Artikel-Verschmelzung (noch) nicht die Rede sein. Diese Grammatikalisierung ist in vollem Gange und im Einzelnen kompliziert (s. Kap. 12.3.3 und Szczepaniak 2 2011a: 85-92). 12.3.2 Einfache Klitika: Die nachgestellten Personalpronomen Wie fast jeder Sprachwandel beginnen auch die Verschmelzungen in der gesprochenen Sprache. Viele Klitika kommen nur dort vor und grammatikalisieren nicht unbedingt weiter. Das gilt für die dem Verb, aber auch der Konjunktion nachgestellten Personal‐ pronomen. Hier lassen sich für die Umgangssprache und erst recht für die Dialekte schon richtige Paradigmen aufstellen, z. B. (da) habe ich es (gesehen), hast du es, hat er es etc. (s. auch Werner 1994). Vollformen Klitika Transkription habe ich es habichs [ ˈhabɪçs ] hast du es hastes [ ˈhastəs ] hat er es haters [ ˈhatɐs ] hat sie es hatses [ ˈhatsəs ] haben wir es hamwas [ ˈhamvɐs ] habt ihr es habters [ ˈhaptɐs ] haben sie es hamses [ ˈhamzəs ] Diese klitischen Verbindungen hängen sich an alle anderen Verben - und sogar an Konjunktionen wie weil: weil=ich=s (vergessen habe), weil=de=s, weil=er=s, weil=se=s, weil=wer=s, weil=er=s, weil=se=s. Man könnte die Klitika auch noch erweitern: habe ich es ihm bzw. weil ich es ihm > hab=ich=s=m/ weil=ich=s=m etc. Zu jeder Zeit ist es jedoch möglich, diese Klitika durch ihre Vollformen (oben links) auszutauschen, ohne dass ein Bedeutungsunterschied entstünde. Daher handelt es sich hier um noch wenig grammatikalisierte einfache Klitika. Theoretisch ist es denkbar, dass sich solche Klitika langfristig zu festen Verb-Endungen (Flexiven) entwickeln, und manche Dialekte wie das Bairische sind auch schon so weit gegangen: Hier sagt man in 12.3 Von der Syntax in die Morphologie: Verschmelzungen 371 <?page no="372"?> 49 Zu mhd. Verschmelzungsfomen s. außerdem Waldenberger (2009: 56-66), zum Mhd. und Fnhd. Steffens (2010, 2013) sowie Christiansen (2016). manchen Gebieten in der 1.Ps.Pl. mir lesma ‘wir lesen’, wörtlich „wir lesenwir“. Auch bei nachgestelltem Subjektpronomen bleibt diese Endung bestehen: lesma mir ‘lesen wir’, wörtlich „lesenwir wir“ (zur Verbreitung s. Renn/ König 2006: 74). Man geht davon aus, dass alle Personalendungen des Verbs einmal aus nachgestellten Pronomen entstanden sind. Solche Zyklen dauern, wenn sie sich weiterentwickeln, viele Jahrhunderte (zu den sog. „flektierenden Konjunktionen“ im Bairischen s. Kap. 12.3.4). Schließlich sei noch erwähnt, dass die Endung -st in der 2.Ps.Sg. (gib-st) eigentlich nur -s lauten dürfte. Bei dem -t handelt es sich nach mehrheitlicher Auffassung um den Anlaut des sehr oft nachgestellten (enklitischen) Pronomens du im Ahd.: ahd. (a) gibis=du > (b) gibistu > (c) gibist=du > (d) nhd. gibst du. Stadium (c) zeigt, dass hier eine sog. Reanalyse stattgefunden hat: Der Dental von ‘du’ ist in der Verschmelzung von (b) als Auslaut des Verbs interpretiert worden. Unterstützt wird diese Erklärung durch häufige Zusammenschreibungen von Verb + ‘du’ bis weit ins Fnhd. hinein (hastu, gehstu etc.). Nach einer anderen Auffassung handelt es sich bei dem -t um eine Analogie an das -t der 2.Ps.Pl. (geb-t). Gemeinsam ist der 2.Ps.Sg. und Pl. die sog. Adressatenfunktion, d. h. die Anrede einer oder mehrerer Personen. 12.3.3 Spezielle Klitika: Verschmelzung von Präposition und Artikel Bei der Präposition-Artikel-Verschmelzung im gegenwärtigen Dt. liegen kompli‐ zierte Verhältnisse vor: Hier besteht eine Grammatikalisierung im Vollzug, bei der manche Dialekte z.T. schon weiter fortgeschritten sind (hierzu Nübling 1998, 2005b; Nübling/ Kempf 2020). Zunächst ist hervorzuheben, dass im Unterschied zu den Pronomen viele dieser Verschmelzungen verschriftet werden. Diese Verbindungen decken dabei den ganzen Bereich von Unverschmelzbarkeit bis hin zu obligatorischer Verschmelzung ab. Dabei spielt die Form des bestimmten Artikels eine entschei‐ dende Rolle (s. Abb. 93.). Dass sich diese Ordnung diachron erst nach und nach herausgebildet hat, zeigt Christiansen (2012): So kam mhd. zën ‘zu den’ (Dat.Pl.) weitaus häufiger vor als zër ‘zur’. 49 Auch Luther schreibt noch zun und jnn/ in (Dat.Pl.: ‘zu/ in den’). V. a. die pluralischen (sowie genitivischen und femininen) Artikel ziehen sich wieder aus der Verschmelzung zurück (Steffens 2013). Abb. 93: Artikelformen und ihre Verschmelzbarkeit 372 12 Im Spannungsfeld zwischen Analyse und Synthese <?page no="373"?> Im Standard verschmilzt nie die Form die (in die Stadt), doch durchaus im Ruhrdt. (inne Stadt). Ähnlich verhält sich die Form der - mit Ausnahme der einzigen Verschmel‐ zungsform zur (sie geht zur Schule). Schon eher verschmilzt der Artikel den, zumindest in der Umgangssprache: Sie geht in’n Wald; sie schaut hintern Schrank; Guck mal übern Tellerrand (Buchtitel). Alle diese Verschmelzungen sind in ihre Vollformen auflösbar (markiert durch die senkrechte gepunktete Linie): in den Wald/ hinter den Schrank/ über den Tellerrand. Häufig verschmilzt die Form das (unters Auto, vors Haus, ins Haus) und am häufigsten dem (im/ unterm Auto). In einem schriftlichen Sprachkorpus, Cosmas II vom Institut für deutsche Sprache (www.ids-mannheim.de), das primär Zeitungstexte enthält, ergab eine Recherche, dass das Verhältnis von ins zu in das 83 % zu 17 % beträgt, d. h. die Verschmelzungsform ins kommt weitaus häufiger vor als in das. Weitere Zahlen: ans: 42 %, ums und unters: je 38 %, aufs: 28 %, vors: 21 % (Nübling 2005b: 118). Am häufigsten verschmilzt dem (im, am, zum, beim, vom, vorm etc.). Hier sind die Zahlen deutlich höher: Das Verhältnis von am zu an dem, zum zu zu dem und im zu in dem beträgt jeweils 97 % zu 3 %, d. h. die Verschmelzungsformen sind die Normalität und die Vollformen die Ausnahme. Ähnliche Werte gelten auch für vom (94 %) und beim (90 %) - dann kippt das Verhältnis um: hinterm, unterm, vorm etc. liegen weit unter 10 %. Deutlich wird: Auch die Präposition spielt eine Rolle (s. u.). Bei den extrem häufigen Verschmelzungsformen (d. h. solchen mit =s und =m) kommt es zu speziellen Klitika, d. h. eine Ersetzung durch die Vollform ist nicht mehr (ohne weiteres) möglich: So ist es nicht das Gleiche, zu sagen Sie besuchte ihn am Montag oder an dem Montag: am Montag bedeutet ‘am vergangenen Montag’, an dem Montag bedeutet entweder, dass der Montag im Gespräch zuvor definiert wurde oder dass dies noch durch einen Relativsatz geleistet wird: Sie besuchte ihn an dem Montag, an dem der Unfall passiert war (hierzu Hartmann 1978, 1980, Harweg 1989). In vielen anderen Fällen ist eine Auflösung blockiert: vor Eigennamen (im Schwarzwald - *in dem Schwarzwald), vor Infinitiven (vom Rauchen - *von dem Rauchen), vor Abstrakta und Stoffbezeich‐ nungen (zum Trost - *zu dem Trost), vor generisch verwendeten (nicht-referentiellen) Substantiven, die die Klasse und nicht ein Einzelexemplar bezeichnen (die Entwicklung vom Wolf zum Hund - *von dem Wolf *zu dem Hund) etc. In Redewendungen wie jemanden hinters Licht führen, ums Leben kommen, bis aufs Messer ist die Verschmelzung ebenfalls obligatorisch. Dies sind die grammatikalisiertesten Fälle (s. Abb. 92). Flexion bestünde (wie in 12.3.1 gesagt) dann, wenn alle Artikelformen mit allen Präpositionen obligatorisch verschmelzen würden. Dies ist (noch) nicht der Fall. Was die Präposition als Basis der Verbindung betrifft, lässt sich pauschal sagen, dass besonders die kurzen, einsilbigen und auf Vokal oder stimmhaften Konsonanten endenden Präpositionen wie zu, bei, an, in, von, vor, hinter, über, unter verschmelzen. Hier sind es lautliche Faktoren, die die Verschmelzung fördern, was für den Artikel so nicht gilt. Vor allem scheint die Gebrauchsfrequenz sowohl der Präposition als auch der Artikelform entscheidend zu sein. Da die meisten Präpositionen den Dativ fordern, verwundert es wenig, dass die Dativform dem auch mit Abstand am häufigsten 12.3 Von der Syntax in die Morphologie: Verschmelzungen 373 <?page no="374"?> verschmilzt. Diese Formen werden sogar verschriftet. In der gesprochenen Sprache verschmelzen auch andere Präpositionen, doch besteht immer Auflösbarkeit (einfache Klitika). Wenn man sie schreibt, dann oft mit einem Apostroph: auf ’m, nach’m, mit’m [mɪm] (s. Kap. 9.3). Aus sprachhistorischer Perspektive ist zu sagen, dass diese Verschmelzungen teilweise schon im Ahd. und Mhd. bestanden haben, also bereits zu der Zeit, als der bestimmte Artikel erst entstand (ahd. imo, zemo, zeru ‘im, zum, zur’). Im Mhd. und vor allem im Fnhd. nimmt der Bestand an Verschmelzungsformen rasant zu (Christiansen 2012, 2016, Steffens 2010, 2013). Bis heute dauert diese Grammatikalisierung an, sie ist nicht abgeschlossen (Nübling 2005b). Wenn diese Entwicklung weitergeht, so endet das Dt. bei flektierenden Präpositionen - eine interessante Perspektive, bei der die Präpositionen von den unflektierbaren Wortarten in die flektierbaren übergingen (in anderen Sprachen flektieren Präpositionen). Vor allem zeigt uns dieser Fall, dass aus analytischen jederzeit synthetische Strukturen entstehen können - und dies parallel zur gegenläufigen Entwicklung (zu diesem Komplex s. Werner 1987b). Fragt man, warum der Artikel nicht an sein Substantiv klitisiert, zu dem er ja strukturell gehört, das er näher bestimmt und dessen Genus er markiert, sondern an die ihm vorangehende Präposition, so lässt sich nur spekulieren: • Erstens hängt dies mit der Gestalt des phonologischen Wortes des Dt. zusammen, d. h. mit seiner trochäischen Struktur und auch mit der Stabilität seines Anlauts: Für die Worterkennung durch die Hörerin bildet der Wortanlaut das wichtigste Signal, daher sollte er möglichst konstant bleiben. Durch proklitische Formen würde er verändert (vgl. ‘s Fenster, ‘s Kind). Auch käme es im Fall von z. B. (d)em zu prosodisch unerwünschten Vortonsilben: (d)em Kind (xx́) (s. Kap. 2.5). • Zweitens spricht für die Verschmelzung mit der Präposition, dass diese den Kasus fordert, den der Artikel realisiert. • Drittens stehen Präposition und Artikel immer in direktem Kontakt zueinander (kein Wort kann dazwischentreten), aber zwischen Artikel und Substantiv kann ein Attribut treten: das (große) Fenster. Häufiger direkter Kontakt (sog. Kookkurenz‐ frequenz) fördert lautliche Verschmelzungen. • Am wichtigsten dürfte, viertens, die Tatsache sein, dass eine „flektierte Präpo‐ sition“ ein ideales erstes Klammerelement bildet: Wie in Kap. 4.1 ausgeführt, markiert das erste Klammerelement möglichst viele grammatische Informationen, was eine blanke Präposition nicht leistet (Ronneberger-Sibold 1991b: 308). Insofern fügen sich flektierende Präpositionen typologisch gut in die Klammersprache Deutsch. 12.3.4 Exkurs - wennsd mogsd: Flektierende Konjunktionen im Bairischen? Besonders interessante Fälle spezieller Klitika liefern uns Dialekte, die als von Schrift und Standardsprache wenig beeinflusste Varietäten größte Aufmerksamkeit verdienen. 374 12 Im Spannungsfeld zwischen Analyse und Synthese <?page no="375"?> Ein kleiner Exkurs ins Bairische zeigt, dass es eine Art sog. „Flexion der Konjunk‐ tionen“ oder „konjugierte Konjunktionen“ gibt, doch ist (entgegen mancher Meinung) noch keine echte Flexion erreicht. Im Bairischen gibt es viele Konjunktionen, genauer sog. Nebensatzeinleiter (wie Relativpronomen, Adverbien etc.), die nicht nur das Subjektpronomen an sich binden, sondern richtige Verb-Endungen: wenn-sd mog-sd Die folgenden Beispiele entstammen Merkle ( 6 1996); eingeklammertes du zeigt an, dass es - bei Betonung - stehen kann, aber nicht muss: 1. Konjunktion: i wui wissen ob-sd (du) geh-sd ‘ich will wissen, ob du gehst’ - - wann-sd (du) geh-sd ‘wenn du gehst’ 2. Relativpronomen: deà Has, den-sd (du) gschossen ha-sd - - ‘der Hase, den du geschossen hast’ 3. Fragepronomen: i wui wissen weà-sd (du) bi-sd ‘ich will wissen, wer du bist’ 4. Adverb: i wui wissen wià schnäi-sd (du) fah-sd ‘wie schnell du fährst’ 5. Adjektiv: i wui wissen wià gsund-sd (du) bi-sd ‘wie gesund du bist’ Solche Verb-Endungen kommen auch in anderen Kategorien als der 2.Ps.Sg. vor (Richter 1979, Harnisch 1989, Rowley 1994), aber - und dies ist entscheidend - nicht in allen und auch nicht obligatorisch. Hier haben wir es mit Übergangsformen zwischen speziellen Klitika und Flexiven zu tun (Nübling 1992: 118-125). Fragt man nach dem möglichen Sinn solcher Entwicklungen, stößt man wieder auf die syntaktische Erklärung des Klammerverfahrens: Das optimale erste Klammerelement liefert bereits einige grammatische Informationen, die vom zweiten Klammerelement ergänzt werden - vgl. die Nominalklammer die […] Frauen mit dem vierdeutigen Artikel (Fem.Sg.Nom./ Akk. sowie Pl.Nom./ Akk.), der durch Frauen als Plural verstanden wird (Kap. 4.1). Dies ist bei den Konjunktionen jedoch nicht der Fall, außer im Bairischen: Konjugierende Konjunktionen (wenn-st [Mittelfeld] ha-st) würden sich sehr gut diesem syntaktischen Typus des Dt. anpassen und diesen verstärken. Noch ist Flexion indessen nicht erreicht. 12.3 Von der Syntax in die Morphologie: Verschmelzungen 375 <?page no="376"?> Zum Weiterlesen Sehr gehaltvoll ist Ronneberger-Sibold (1980), die ausführlich und anhand meh‐ rerer Sprachen die Vor- und Nachteile der verschiedenen Sprachtypen beleuchtet, auch diachron, und dabei immer Sprechervon Hörerinteressen trennt. Im Zentrum steht der Einfluss der Sprachverwendung auf das Sprachsystem über Sprachwandel. Zur Entstehung von Periphrasen s. Szczepaniak ( 2 2011a). Speziell zu dem Komplex der Präposition-Artikel-Verschmelzungen sei auf Nübling (1998, 2005b, Nübling/ Kempf 2020) verwiesen. 376 12 Im Spannungsfeld zwischen Analyse und Synthese <?page no="377"?> 50 Einführend zu Sprachtypologie: Ineichen ( 2 1991), Comrie ( 2 1989), Croft ( 2 2002), Song (2018), Velupillai (2012), in Bezug auf das Dt. die Beiträge in Lang / Zifonun (1996), Roelcke (2011), Hentschel (2023) und die Seite www.christianlehmann.eu/ ling/ typ/ (23.04.2025); zum Verhältnis von Sprachgeschichte und Typologie Nübling (2012) und Simon (2015). 13 Typologischer Wandel: Wohin geht das Deutsche? Dieses Schlusskapitel soll eine Art Fazit und einen Ausblick liefern und die nach all diesen umfangreichen Kapiteln sich aufdrängende Frage beantworten, wohin sich das Dt. insgesamt entwickelt. Wir haben in Kap. 1.2 gesagt, dass der grammatische Kern des sprachlichen „Zwiebelmodells“ - die Phonologie, die Morphologie und die Syntax - die Identität einer Sprache, ihren Sprachtyp konstituiert. Gerade in Bezug auf diese drei Subsysteme (doch auch auf andere) gibt es einige Ansätze, bestimmte Sprachtypen zu klassifizieren und voneinander zu unterscheiden. Dies ist Thema der Sprachtypologie, die hier nicht vertieft werden kann. 50 Nun wäre es schön einfach, wenn man beim Dt. eine klare Zielrichtung auf einen homogenen Sprachtyp hin erkennen könnte, wie immer man diesen definiert. So hat sich die morphologische Natürlichkeitstheorie gerade beim Dt. immer wieder diese Frage gestellt (s. Kap. 3.1.5); allerdings ist das Dt. in vielen Punkten weit davon entfernt, typologische Einheitlichkeit anzusteuern, etwa agglutinierende Verhältnisse, repräsentiert durch die drei Natürlichkeitsprinzipien. An vielen Stellen hat das Dt. Allomorphie (die das sog. Uniformitätsprinzip verletzt) sogar aufstatt abgebaut (z. B. bei der Pluralbildung am Substantiv und der Tempusmarkierung am starken Verb). Auch die ausgeprägte Umlautkonservierung und -morphologisierung spricht gegen Agglutination (Kap. 10.2). Roelcke (2002) attestiert dem Dt. angesichts solcher flexionsmorphologischer Züge, die auf der Wortbildungsebene mit ausgeprägter Kom‐ positions- und Derivationsfreudigkeit korrespondieren, einen hohen Synthese-Index, der diachron nicht - wie dies viele Sprachgeschichten, die zu einseitig immerzu die analytischen Tendenzen des Dt. beschwören - abnimmt, eher sogar zunimmt. Das Dt. vereint, wie auch in Kap. 12 gezeigt, beide Tendenzen, was seinen Mischcharakter un‐ terstreicht. Es setzt synthetische und analytische Strukturen z. B. in unterschiedlichen Gebrauchsfrequenzbereichen ein. Fasst man grob die Ergebnisse der Kapitel zusammen, so lassen sich u. E. zwei Tendenzen erkennen, die einander bedingen: Das Dt. präferiert keinen homogenen Typ, es entwickelt sich zu einer sog. Mischsprache, besonders auf morphologischer Ebene (Kap. 13.1). Doch ergibt sich mit Blick auf alle sprachlichen Ebenen durchaus eine kohärente, und zwar eine rahmende Struktur: Das Dt. ist eine Sprache, die die Ränder von Informationskomplexen konturiert und damit Hinweise für die Perzeption sprachlicher Einheiten liefert (Kap. 13.2). Als Ausblick (Kap. 13.3) wird gezeigt, dass einige der in diesem Buch beschriebenen Entwicklungen und Eigenschaften des Deut‐ schen (und anderer Standardsprachen in Nordwesteuropa) im Vergleich der Sprachen <?page no="378"?> der Welt relativ selten sind, was in der sprachtypologischen Forschung mit dem besonderen Status lange verschrifteter, standardisierter Sprachen in Nordwesteuropa in Verbindung gebracht wurde. 13.1 Das Deutsche als typologische Mischsprache Dass das Dt. eine Mischsprache sei, wurde an mehreren Stellen erwähnt. So weist es morphologisch agglutinierende und fusionierende Strukturen auf und kombiniert synthetische und analytische Strategien, dazu unten mehr in diesem Abschnitt. Syntak‐ tisch ist es weder eine reine OVnoch eine VO-Sprache: Es vereinigt beide syntaktische Typen (den einen im Nebensatz und infiniten Strukturen, den anderen im Hauptsatz), und man kann nicht sagen, dass diachron der eine zugunsten des anderen abgebaut würde - eher findet eine Verfestigung statt, indem Stellungstypen an Satztypen gekop‐ pelt werden (Kap. 4.1.5). Auf der graphematischen Ebene sind wir auf eine Vielzahl von (sich überlagernden und diachron aufeinander aufbauenden) Verschriftungsprinzipien gestoßen (Kap. 9). Schließlich war auch auf der lexikalischen Ebene vom Dt. als Mischsprache die Rede: Nicht nur, dass das Dt. eine insgesamt entlehnungsfreudige Sprache ist und über einen reichen Fundus an Lehn- und Fremdwörtern verfügt, sondern es erweist sich insbesondere bei der Integration von Lehnmorphologie als sehr flexibel, indem es sich sowohl zwei parallele Wortbildungssysteme leistet (native Wortbildung, Lehnwortbildung) als auch fremdes und natives Material miteinander kombiniert (Hornist, buchstabieren, Korrektheit). Erb- und Fremdwortschatz sind mit‐ einander kompatibel, Fremdmorpheme sind im Dt. produktiv (Kap. 6.1.2.3). Dem Mischtyp des Dt. auf morphologischer Ebene geht Werner (1987b) in seinem Beitrag mit dem programmatischen Titel „The aim of morphological change is a good mixture - not a uniform language type“ nach. Er wendet sich dabei gegen die von der Natürlichkeitstheorie entwickelten Prinzipien und Ideale sprachlichen Wandels a) des konstruktionellen Ikonismus, b) der Uniformität und c) der Transparenz (s. Kap. 3.1.5.2). Zu zahlreich sind die Verstöße dagegen, als dass man dem Dt. typologi‐ sche Einheitlichkeit zuschreiben könnte. Stattdessen führt Werner die verschiedenen morphologischen Ausdruckstypen auf die jeweiligen Tokenfrequenzen der Wörter zurück: Häufig gebrauchte Wörter bzw. Wortformen werden kurz und differenziert realisiert, wobei besonders unregelmäßige Formen, im Extremfall Suppletivformen, Kürze und Differenzierung ermöglichen. Hier realisieren fusionierende (binnenflektie‐ rende) Verfahren (Umlaut, Ablaut) dieses tokenfrequenzabhängige Ideal. Bei seltener gebrauchten Wörtern werden die Informationen eher agglutinierend aneinanderge‐ reiht, oder es werden gar Periphrasen gebildet. Diese Verfahren haben den Vorteil der Regelhaftigkeit. Die Sprecher können sich die Wörter bzw. Konstruktionen „zusam‐ menbauen“; der Preis sind längere Ausdrücke. Das heißt: Regularität geht mit Länge einher, Irregularität mit Kürze. Griffiges Beispiel hierfür sind die starken und schwa‐ chen Verben: Starke Verben (geben - gab) verfahren fusionierend (binnenflektierend) und sind dafür kurz; schwache Verben (leben - leb-t-e) verfahren eher agglutinierend 378 13 Typologischer Wandel: Wohin geht das Deutsche? <?page no="379"?> und sind dafür länger (vgl. gab vs. lebte). Noch länger sind Periphrasen. Beispiel hierfür ist der sog. analytische Konjunktiv (wenn sie arbeiten würde). Bei häufig gebrauchten Verben (meist starken) ist der synthetische Konjunktiv durchaus noch üblich (wenn sie käme, ginge, wäre, hätte). Somit oszillieren die Ausdrucksverfahren, jeweils abhängig von den Tokenfrequenzen, zwischen extrem fusionierten Formen, die kurz und irre‐ gulär sind (dies bei Hochfrequenz) und periphrastisch-analytischen Konstruktionen, die länger und regulär sind (dies bei Niedrigfrequenz, s. auch Abb. 25 in Kap. 3.1.5.3). Dazwischen lassen sich die anderen morphologischen Verfahren ansiedeln. So ist es in erster Linie Frequenzwandel, der die morphologischen Ausdrucksverfahren steuert und als Motor sprachlichen Wandels fungiert. Als Beispiel wurden in Kap. 3.1.5.1 und 10.1.2 die Konzepte aus dem bäuerlich-landwirtschaftlichen Bereich wie melken, bellen, flechten, backen genannt, die heute viel seltener als noch vor 300 Jahren versprachlicht werden. Diese Verben haben die fusionierende starke Flexionsklasse zugunsten der agglutinierenden schwachen Klasse verlassen (bellen) oder sind noch dabei (melken, backen, flechten). Mit diesem Komplex befasst sich eingehend Ronneberger-Sibold (1980), die dies außerdem mit den oft konträren Sprecher- und Hörerinteressen erklärt. Gerade hier wird deutlich, dass es kognitive Faktoren (wie die Verfahren der Speicherung und Verarbeitung sprachlicher Einheiten) sind, die Sprachwandel steuern. Dies hat sich an vielen Stellen bestätigt. Zu diesen kognitiven Faktoren, die Sprachwandel maßgeblich steuern, gehört auch die Belebtheit: Mehrfach hat sich herausgestellt, dass es belebtheitsbezogene Faktoren sind (wie physische Belebtheit, aber auch Agentivität, Definitheit, Referenzialität, Konkretheit), die Sprachwandelprozesse steuern - sei es, dass sie sich entlang der Belebtheitshierarchie ausbreiten und diese am Ende wieder verlassen (so geschehen bei der Substantivgroßschreibung), sei es, dass sie irgendwo auf dieser langen Skala einrasten (evt. bei der Präbzw. Poststellung von Genitiven, bei der Reorganisation der schwachen Maskulina). Hierfür sei auf Szczepaniak ( 2 2011a) verwiesen. Wurzel (1996) arbeitet in seinem Aufsatz „Morphologischer Strukturwandel: Ty‐ pologische Entwicklungen im Deutschen“ auf Grundlage der dt. Sprachgeschichte heraus, dass das Dt. einen morphologischen Mischtyp ausbaut (auch im Bereich Wortbildung), sodass von zunehmender typologischer Einheitlichkeit nicht die Rede sein könne. Allerdings vermag Wurzel, Repräsentant der eben genannten Natürlich‐ keitstheorie, hierfür keine überzeugende Erklärung zu liefern. Dieser Aufsatz ist, wahrscheinlich aus gutem Grund, theoriefrei und verharrt auf der rein beschreibenden Ebene. Mit der Integration von Tokenfrequenzen und weiteren Faktoren der Sprachver‐ wendung vermag der ökonomietheoretische Ansatz von Werner und Ronneberger-Si‐ bold eher eine Begründung für Sprachwandel zu liefern: Hier wird immer wieder deutlich, wie der Sprachgebrauch das Sprachsystem prägt. Auch die Relevanztheorie von Bybee (z. B. 1985, 1994, 2015), die ebenfalls kognitive Faktoren sowie solche der Sprachverwendung integriert, hilft bei der Erklärung von Sprachwandel weiter. Sie trifft Voraussagen darüber, wie die Kodierung von Informationen sowohl materiell (welches Ausdrucksverfahren? ) als auch sequenziell (in welcher Reihenfolge? ) opti‐ 13.1 Das Deutsche als typologische Mischsprache 379 <?page no="380"?> malerweise organisiert ist (Kap. 3.1.5.4). Solche Prognosen vermögen die wenigsten Sprachwandeltheorien abzugeben. Keinen substanziellen Beitrag zur Erklärung von Sprachwandel hat etwa die sog. Optimalitätstheorie geleistet, die die hierarchische Umstellung (Reranking) von sog. Beschränkungen (Constraints) als „Ursache“ des Sprachwandels betrachtet. Genaugenommen tut sie nichts anderes, als bereits statt‐ gefundenen Sprachwandel nachträglich zu beschreiben, indem sie angesichts der Ergebnisse die Constraints neu ordnet. Weder ist sie in der Lage, Voraussagen darüber zu treffen, ob eine Umstellung der Constraints erfolgt, noch, falls dies geschieht, wie diese genau aussieht (zu ähnlicher Kritik siehe McMahon 2003). Zu weiteren Aspekten des Dt. als Mischsprache sei der Band „Deutsch - typologisch“ von Lang/ Zifonun (1996) empfohlen. 13.2 Das Deutsche als grenzmarkierende Sprache Auf phonologischer Ebene hat sich das Standarddt., wie Kap. 2 erwiesen hat, typolo‐ gisch von einer klaren Silbensprache (Ahd.) zu einer ausgeprägten Wortsprache (seit dem Fnhd.) entwickelt. Dieser wortsprachliche Ausbau setzt sich heute immer noch fort, etwa wenn Schwa-Laute in unbetonten Silben abgebaut werden und für komplexe Endränder sorgen (Wortes > Worts). Zum Verhältnis von Lautwandel und Verschriftung generell ist festzuhalten: Auch wenn viele meinen, dass mit der Verschriftlichung einer Sprache ihr phonologischer (und auch sonstiger) Wandel zum Stillstand käme, ist dem keineswegs so, allenfalls verlangsamt Schriftlichkeit phonologischen Wandel bzw. driften Schreibung und Lautung auseinander. So schreiben wir (sie) 〈haben〉, glauben auch, wir sprächen [ haːbən ], doch realisieren wir dieses Verb meistens als (sie) [ ham ] (s. Kap. 3.1.4); gleiches betrifft 〈ist〉 [ ɪs ] und 〈sind〉 [ zɪn ]. Derzeit zeugt von wortsprachlichem Ausbau die Entstehung silbischer Nasale und Liquide, die das Wortende markieren ([ ʃʏsl ̩ ] ‘Schüssel’, [ leːbm̩ ] ‘leben’), sowie der weitere Ausbau der Fugenelemente (Präteritum+s+schwund). Letztere signalisie‐ ren Hörern die phonologischen Wortgrenzen (besonders nach Konstituenten mit schwierigen, fremden Wortstrukturen) und erleichtern dadurch die Segmentierung mehrgliedriger Komposita. Je komplexer das Erstglied, desto eher folgt ein Fugenele‐ ment: Nachtzug, aber Sommernacht+s+traum, Fahrtzeit, aber Abfahrt+s+zeit. Umfragen bei Studierenden ergeben bei Schwankungsfällen wie z. B. dem zweigliedrigen Kom‐ positum Seminar(s? )arbeit weniger Voten für das Fugen-s als bei komplexeren wie Hauptseminar(s)arbeit. (s. Nübling/ Szczepaniak 2011 und Kap. 2.5.7). Anfragen bei der Duden-Sprachberatungsstelle betreffen besonders häufig das Fugen-s: Dreick(s)tuch, Schaden(s)ersatz, Interessen(s)konflikt, Schiff(s)reise, allein aus der Linguistik: Sub‐ jekt(s)pronomen, Präteritum(s)schwund, Namen(s)forschung, Merkmal(s)analyse etc. Schwankungen sind der beste Indikator für Wandel im Vollzug; das „Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle“ (Duden-Band 9) ist dafür eine hervorragende Quelle. Mit dem wortsprachlichen Ausbau erfolgt somit eine besonders gute, hörerseitig vorteilhafte Profilierung der Wortgrenzen, an der auch die Morphologie (s. die Fugen‐ 380 13 Typologischer Wandel: Wohin geht das Deutsche? <?page no="381"?> grammatik) großen Anteil hat. Im Gegenzug wird der sprecherseitige Vorteil wohlge‐ formter Silben vernachlässigt. Wir haben es beim Sprachwandel also immer mit der Verrechnung von Kosten und Nutzen zu tun sowie von Sprecher- und Hörerinteressen. Die Morphologie unterstützt das wortsprachliche Ideal des Trochäus (zweisilbige, anfangsbetonte Wörter), indem z. B. an bereits trochäische Wörter nur unsilbische Suffixe antreten (z. B. -n, -s, Null), während einsilbige Wörter meist silbische Suffixe (z. B. -e, -en, -er) annehmen, um Trochäen zu erzielen: Rose → Rose-n, aber Frau → Frau-en; Ufer → Ufer (Null), aber Bild → Bild-er. Auch die Morphosyntax profiliert die Ränder von Informationskomplexen, nur auf höherer Ebene. Hier interagieren Morphologie und Syntax aufs engste, womit es sich um ein typisches Schnittstellenphänomen handelt. Die meisten Fälle (morpho-)syntak‐ tischen Wandels lassen sich direkt oder indirekt dem Ausbau des Klammerverfah‐ rens unterordnen (Kap. 4.1). Dadurch wird z. B. die NP markiert (Nominalklammer) und von der VP, die ihrerseits klammert (Satzklammer), deutlicher abgegrenzt. Des Weiteren werden durch die jeweils sehr unterschiedlichen Klammertypen von Hauptvs. Nebensatz beide stärker voneinander abgehoben. Damit werden für Lesende und Hörende spezifische Phrasen bzw. Satzarten bezüglich ihrer Funktion und Hierarchie‐ ebene ausgewiesen, d. h. es werden Signale zur Informationsverarbeitung geliefert. Daher sind die Vorteile dieses so kompliziert erscheinenden, diskontinuierlichen Verfahrens eher auf der Hörer-/ Leserseite zu verorten. Sprecher wie Hörer profitieren aber von der dadurch geschaffenen Möglichkeit der Informationsverdichtung. In ihrem Aufsatz „Deutsch - eine ‘reife’ Sprache. Ein Plädoyer für die Komplexität“ bescheinigt Fabricius-Hansen (2003) dem Dt. angesichts dieser Züge einen hohen „Reifegrad“, der übrigens auch durch die lange Verschriftlichung geprägt sei. Einen großen Nutzen dieser im System angelegten Komplexität sieht sie (neben Verdichtung und Präzision) in den dadurch ermöglichten stilistischen Optionen. Auch sie lokalisiert den Nutzen auf der „Hörerleserperspektive“ (109), also der Textverarbeitungsebene. - Der Klammertyp kommt in den Sprachen der Welt insgesamt selten vor. Das Dt. repräsentiert damit einen ausgefallenen Sprachtyp, den es, wie wir gesehen haben, weiter ausbaut. Auch beim graphematischen Wandel sind wir immer wieder auf grenzmarkierende Phänomene gestoßen, allen voran die graphische Wortmarkierung durch Spati‐ ensetzung, außerdem die Substantivgroßschreibung, die frühere 〈 ſ / s〉-Distribution (〈s〉 am Wortende) sowie die 〈ss / ß〉-Verteilung vor der Orthographiereform (〈ß〉 als Wortendsignal). Schließlich spricht man von graphischen Wortschalen (die beiden Wortränder), die so beschaffen sind, dass sie eine Mindestgröße des graphematischen Wortes garantieren und zueinander in einem Verhältnis quantitativer Symmetrie stehen (Voeste 2008). Die Buchstabenformen der Konsonantengrapheme markieren mit ihren Ober- und Unterlängen Ränder von Schreibsilben und damit häufig auch Grenzen des graphematischen Worts (zu einer Längenhierarchie auf graphematischer Ebene in Analogie zur Sonoritätshierarchie auf phonologischer Ebene s. einführend Fuhrhop/ Peters 2 2023: 225-227). Auf syntaktischer Ebene markiert die Satzanfangs‐ großschreibung sowie die Interpunktion Satz- und Teilsatzgrenzen. 13.2 Das Deutsche als grenzmarkierende Sprache 381 <?page no="382"?> Die Morphologie stellt sich in den Dienst des syntaktischen Klammertyps, indem sie ihn auf vielerlei Art und Weise unterstützt. Zum Beispiel zeigt erst das flektierte Verb den Beginn der Hauptsatzklammer an - im Nebensatz steht es dagegen ganz hinten und signalisiert dessen Ende. Flankiert wird diese Nebensatz-Endrandmarkierung durch die Grammatikalisierung und den Ausbau von Junktionen, die den Nebensatz einleiten: nachdem […] war (finites Verb). In der Nominalklammer hat sich bezüglich der mor‐ phologischen Kategorienmarkierung eine klammerunterstützende „Arbeitsteilung“ herausgebildet: Artikelwort (und attributives Adjektiv) übernehmen vorrangig die Anzeige von Genus, Kasus und Definitheit, das klammerschließende Kernsubstantiv die des Numerus. Zudem liefert die Wahl des konkreten Pluralallomorphs wiederum Genusinformationen: So heftet sich -er (Lämmer, Männer) nie an Feminina, dagegen -(e)n (Frauen, Kannen) ausgesprochen häufig, d. h. selbst die Pluralallomorphie stellt sich in den Dienst der Genusanzeige und damit der Klammer (s. Nübling 2008, Ronneberger-Sibold 2010a, b). Weshalb das Dt. als eine der wenigen germ. Sprachen überhaupt das Drei-Genus-System konserviert hat, lässt sich am plausibelsten mit der Bildung der NP-Klammer begründen. Auch innerhalb morphologisch komplexer Wörter lassen sich Tendenzen zur Grenz‐ markierung beobachten, wenngleich nicht in dem Maße wie in Phonologie, Graphe‐ matik und Syntax. Hier hat das diskontinuierliche Affix (oder Zirkumfix) {ge-…-t/ -en} in ge-lern-t und ge-schrieb-en zur Bildung des Part.Perf. einige Berühmtheit erlangt (in vielen linguistischen Arbeiten dient es als Repräsentant für Zirkumfigierung). Dies gilt auch für Wortbildungen wie Ge-birg-e und Ge-quatsch-e. Nicht nur die Tatsache, dass sich solche Grenzmarkierungen auf den meisten sprachlichen Ebenen beobachten lassen, spricht für ihre typologische Relevanz, son‐ dern auch, dass sich diese rezipientenorientierten Entwicklungen alle ungefähr zur gleichen Zeit, nämlich im Fnhd. herausbilden, der Phase, in der Alphabetisierung, Schriftlichkeit und leises Lesen zunehmen (vgl. auch Hübener 2025) und in der sich zu‐ nächst geschriebensprachliche, dann auch gesprochene Standardvarietäten etablieren. Diese Zusammenhänge detailliert aufzudecken ist künftiger Forschung vorbehalten. Interessant ist aber, dass sich damit auch sprachtypologisch eine Schere zwischen Standardvarietäten und vielen Nichtstandardvarietäten des Deutschen öffnet. 13.3 Wie „normal“ ist das (Standard-)Deutsche in seinem Wandel aus sprachvergleichender Sicht? Viele in diesem Buch angesprochene Merkmale, die das Deutsche diachron herausge‐ bildet hat, sind im Vergleich der Sprachen der Welt, wie ihn der „World Atlas of Language Structures“ (WALS) erlaubt, ziemlich bis extrem selten. Dass mit dem Dt. auch andere lang standardisierte Sprachen in Nordwesteuropa diese seltenen Merk‐ male teilen, führte zu der Vermutung, dass diese Sprachen einen Sprachbund bilden. Ein Sprachbund wird angenommen, wenn Sprachen, die benachbart sind, unabhängig von ihrer genetischen Verwandtschaft gemeinsame Merkmale herausbilden, die im 382 13 Typologischer Wandel: Wohin geht das Deutsche? <?page no="383"?> Sprachvergleich selten sind. Der von Dahl (1990) vorgeschlagene Sprachbund wird als „Standard Average European“ (SAE) bezeichnet. Sprachbundverdächtige Merkmale, die z. B. von Haspelmath (2001) vorgeschlagen wurden, hat Cysouw (2011) empirisch an der großen Datenbasis des WALS auf ihre Seltenheit im weltweiten Vergleich überprüft. Sein Ergebnis (S. 426) dient als Grundlage für die folgenden Schlaglichter. Ein seltenes phonologisches Merkmal des Deutschen sind seine gerundeten Vor‐ dervokale im Phonemsystem (mittleres / ø/ und hohes / y/ ), die es mit nur 4,1% der 562 im WALS für dieses Merkmal untersuchten Sprachen teilt. Ihre Entstehung und morphologische Funktionalisierung haben wir in Kap. 2.4.2 und 10.2 unter „Umlaut“ diskutiert. Die zugehörige Karte (https: / / wals.info/ feature/ 11A#2/ 22.6/ 152.8) zeigt, dass das Dt. dieses Merkmal mit dem benachbarten, aber nur weitläufig verwandten Frz. teilt. Spannend wird es, wenn man die Dialekte des Deutschen miteinbezieht. Dort ist dieses seltene Merkmal vielfach abgebaut: die Umlautvokale wurden entrundet (z. B. mīd für müde oder schē für schön, vgl. die Karte in Wiesinger 1983: 1103). Auf syntaktischer Ebene wurden einige SAE-Phänomene entdeckt: Eines ist die im letzten Abschnitt thematisierte Koppelung von Verbstellungstypen an Satztypen, die dazu führt, dass das Dt. beide Reihenfolgen, VO und OV, gleichermaßen nutzt (https: / / wals.info/ feature/ 83A#2/ 18.0/ 152.9). So flexibel sind nur 6,6% der im WALS untersuchten Sprachen. Auch Ja/ Nein-Fragen werden im Dt. durch Verb(erst)stellung markiert, was im Sprachvergleich extrem selten ist: Nur 1,4% der 944 für dieses Phänomen im WALS kartierten Sprachen verfahren so. Abb. 94 zeigt, dass diese 1,4% in Nordwesteuropa konzentriert sind und ein Ausnahme-Areal bilden (gelbe Kreise). Dieses Areal bilden nicht nur eng verwandte germanische Sprachen, sondern auch Spanisch, Walisisch und Tschechisch. Die meisten anderen Sprachen nutzen Fragepar‐ tikeln (blaue Kreise), interrogative Verbmorphologie (rote Kreise) oder ausschließlich Intonation (graue Kreise). Für viele der in diesem Abschnitt noch folgenden Phänomene ähnelt das Kartenbild frappierend dem hier gezeigten. Immer wieder fällt Nordwesteuropa aus dem Rahmen, etwa wenn man kartiert, in welchen Sprachen es Einschränkungen gibt, Satznegation (z. B. nicht) mit negativen Indefinita (wie nie, niemand) zu kombinieren, um Negation zu verstärken, ohne dass sich die Negation gegenseitig aufhebt, z. B. „Ich habe niemand nicht gesehen“ (https: / / wals.info/ feature/ 115A#2/ 25.5/ 149.1). In den meisten Sprachen der Welt sind solche Kombinationen problemlos möglich, nicht aber im Standarddt. Auch hier verhalten sich einige dt. Dialekte, z. B. das Bairische (s. Kap. 4.5), wieder abweichend vom Standard, aber konform zur Mehrheit der Sprachen der Welt, indem sie solche Kombinationen erlauben. Dass das Standarddeutsche diese Option verloren hat (im Fnhd. gab es sie noch), wurde auf Stigmatisierung aufgrund standardideologischer Vorstellungen, dass Redundantes zu vermeiden ist, zurückgeführt. Ein paralleles Bild zeigt das Merkmal, Relativsätze mit flektierenden Relativpronomen einzuleiten, das das Standarddt. mit nur 7,2% der untersuchten Sprachen teilt. Ein Blick in Nichtstandard- und historische Varietäten liefert hier wieder ein bunteres Bild, z. B. mit Relativpartikeln wie wo und der heute abgebauten Partikel so im älteren Deutsch (vgl. z. B. Pickl 13.3 Wie „normal“ ist das (Standard-)Deutsche in seinem Wandel aus sprachvergleichender Sicht? 383 <?page no="384"?> Abb. 94: Ausdruck von Ja/ Nein-Fragen (https: / / wals.info/ feature/ 116A#2/ 22.6/ 153.1) 2020). Das nun schon bekannte Bild wiederholt sich bei der Karte zu Quellen des Perfekts (https: / / wals.info/ feature/ 68A#2/ 27.4/ 147.7). Nur wenige nordwesteuropäische Sprachen (3,2% im WALS-Sample) haben wie das Dt. ihr Perfekt aus einem besitzen-Verb grammatikalisiert (vgl. Szczepaniak 2 2011a). Bei diesem Merkmal stimmen Standard und Dialekte ausnahmsweise überein. Man könnte auch noch das standarddeutsche Anredepronomen Sie aus der 3. Person Pl. hinzufügen (vgl. Kap. 7.3), ein Merkmal, das im WALS nicht kartiert ist. Auch hier haben einige Dialektgebiete diesen Schritt nicht mitvollzogen und Formen der 2. Pl. als höfliche Anredepronomen (Ihr, Dir) beibehalten. Viele der genannten Eigenschaften, die in Standardsprachen Nordwesteuropas vorkommen, im Vergleich der Sprachen der Welt selten sind und in den Dialekten der nordwesteuropäischen Sprachen nicht in gleicher Weise durchgesetzt sind, stehen im Verdacht, durch Standardisierung bedingt zu sein. Wenn das zutrifft, zeigt das, dass Sprachen mit langer Standardisierungs- und Verschriftlichungsgeschichte, die wir für so selbstverständlich halten, im Vergleich der Sprachen der Welt eher Ausreißer sind. Für Standardisierung als Einflussfaktor spricht, dass Nichtstandardvarietäten des Deutschen sich bei vielen der besprochenen Merkmale eher wie die Mehrheit der Spra‐ chen im WALS-Sample verhalten (vgl. z. B. Plank 2009). Ob alle im Verdacht stehenden Besonderheiten auf Standardisierung zurückgehen, ist allerdings fraglich. Afrikaans, eine germanische Sprache, die u. a. im heutigen Südafrika und Namibia gesprochen wird, wurde außerhalb Europas relativ spät und unter starkem Sprachkontakt standar‐ disiert. Sie besitzt einige SAE-Merkmale nicht, z. B. gibt es im Afrikaans klammernde 384 13 Typologischer Wandel: Wohin geht das Deutsche? <?page no="385"?> Negationskongruenz, bei der nach dem eigentlichen Negator eine zweite Partikel den Bereich der Negation eingrenzt (z. B. Hy praat nie Engels nie. ‘Er spricht nicht Englisch.’, Donaldson 1993). Andere SAE-Merkmale hat Afrikaans aber schon, z. B. Verberststellung in Ja/ Nein-Fragen und ein haben-Perfekt. Hier ist noch viel diachrone Forschung zum Zusammenspiel von historischer Mündlichkeit und Schriftlichkeit und zu verschiedenen Szenarien der Herausbildung von Standardvarietäten notwendig. 13.4 Wo soll das alles hinführen? Natürlich fragt man sich, ob irgendwann ein Zustand erreicht sein wird, in dem eine Sprache so weit entwickelt ist, dass sie sich nicht mehr verändern muss. Wenn es Prognosen gibt, so die, dass dieser Zustand nie eintreten wird. Allerdings gibt es Sprachen (oder Perioden innerhalb einer Sprache), in denen sich Sprachwandel schneller oder langsamer vollzieht. Außerdem können die einzelnen Subsysteme un‐ terschiedlich dynamisch sein. Auf das Dt. bezogen kann man grob sagen, dass im Ahd. und Mhd. phonologischer Wandel dominiert, im Fnhd. dagegen morphologischer und syntaktischer. Dass Sprachwandel nie zum Stillstand kommt, liegt hauptsächlich daran, dass Vorteile auf der einen Sprachebene oft Nachteile auf einer anderen bewirken können (nicht müssen), d. h. jede Ebene verfolgt ohne Rücksicht auf die andere(n) ihre Optimierungen. Man spricht hier von lokalen Optimierungen (Ronneberger-Sibold 2000, Vennemann 1993). Für solchen innersprachlich motivierten Wandel hat diese Einführung zahlreiche Beispiele geliefert. Oft werden Lautgesetz und Analogie als die Haupttriebfedern sprachlichen Wandels bezeichnet, was bedeutet, dass sich regulärer Lautwandel destruktiv auf die Morphologie und ihre Paradigmen auswirkt und diese anschließend darauf reagiert, indem sie sich durch Analogie restrukturiert (und dadurch Lautwandelprodukte wieder beseitigt). Analogie als morphologischer Regu‐ larisierungsprozess verursacht längere Wortformen - was wiederum phonologischen Wandel hervorrufen kann. Hätte sich das Verb sehen nur lautgesetzlich (ohne Analogie) entwickelt, so gäbe es heute in seinem Paradigma Formen wie du *sichst, sie *sicht, ich *sach ‘sah’. Schließlich, dies zeigt Ronneberger-Sibold (2000), kann die Morpholo‐ gie auch durchaus der destruktiven Wirkung phonologischen Wandels Widerstand leisten, indem z. B. die e-Apokope in bestimmten (wichtigen) Fällen nicht greifen konnte (Beispiele dafür finden sich in Kap. 3.1 und 4.2). Auch werden Kompromisse zwischen lautlichen und grammatischen Bedürfnissen beschrieben. Umgekehrt muss sprachinterner Wandel nicht zwingend auf ebenenübergreifenden Prozessen basieren, es kann auch auf ein und derselben Ebene zu Interessen(s)konflikten kommen. Ein wichtiger außersprachlich motivierter Faktor, der Sprachwandel auslösen und beschleunigen kann, ist Sprachkontakt, der im Dt. jedoch nicht so stark gegeben war wie in anderen Sprachen (Englisch, Afrikaans, Dänisch, Schwedisch). Allenfalls befindet sich das Dt. in einem Dialektbzw. Varietätenkontakt, d. h. in einer internen Sprachkontaktsituation. So entstammen die progressiven Pluralumlaute in Wägen und Hämmer süddt. Dialekten. Das Wechselflexionsmuster vom Typ ich gebe vs. du gibst/ sie 13.4 Wo soll das alles hinführen? 385 <?page no="386"?> gibt kommt aus dem Md. Die fnhd. Schreibsprachen haben sich im Kontakt miteinander nach und nach angenähert. Ganz anders sieht es bei externem Sprachkontakt aus: Das in den Süden Afrikas getragene Niederländische hat sich sprachkontaktbedingt so stark und rasant verändert, dass sich daraus eine neue Sprache, Afrikaans, entwickelt hat. Den Gegenpol bildet die Inselsprache Isländisch, die den geringsten Sprachkontakt hatte und unter den germ. Sprachen die konservativsten Züge bewahrt hat - was keineswegs heißt, dass es sich nicht verändert hätte, nur deutlich langsamer. Was übrigens solche konservativen Züge (wie z. B. den Erhalt der drei Genera, den von Flexionsendungen, Ablaut, Umlaut und anderer grammatischer Eigenschaften) betrifft, so befindet sich das Dt., wenn man alle germ. Sprachen auf einer Skala zwischen Konservatismus und Innovatismus anordnen würde, gar nicht so weit vom Isländischen entfernt. Eine germanisch-kontrastive Sprachgeschichte, die als Disziplin erst in den Anfängen steckt, würde uns noch viel mehr Aufschluss über Ursachen und Faktoren sprachlichen Wandels liefern. Sie würde erklären, warum und wie sich aus einer Grundsprache dreizehn neue Sprachen entwickeln konnten. 386 13 Typologischer Wandel: Wohin geht das Deutsche? <?page no="387"?> Abkürzungsverzeichnis * rekonstruierte oder ungrammatische Form . Silbengrenze / …/ Phonem(e) […] Lautung {…} Morphem <…> Schreibung '…' Bedeutung ags. angelsächsisch ahd. althochdeutsch Akk. Akkusativ AL Ablaut alem. alemannisch bair. bairisch C Konsonant dän. dänisch Dat. Dativ DP Determiniererphrase dt. deutsch engl. englisch F phonologischer Fuß F s starker Fuß F w schwacher Fuß Fem. Femininum fnhd. frühneuhochdeutsch fränk. fränkisch frz. französisch Gen. Genitiv germ. germanisch <?page no="388"?> got. gotisch griech. griechisch idg./ ie. indogermanisch / indoeuropäisch isl. isländisch ital. italienisch Konj. Konjunktiv lat. lateinisch LK linker Klammerrand lux. luxemburgisch LV Lautverschiebung Mask. Maskulinum md. mitteldeutsch MF Mittelfeld mhd. mittelhochdeutsch Neut. Neutrum nhd. neuhochdeutsch nl. niederländisch Nom. Nominativ norw. norwegisch NP Nominalphrase NT morphologische Natürlichkeitstheorie obd. oberdeutsch Part.Perf. Partizip Perfekt Part.Präs. Partizip Präsens Pl. Plural poln. polnisch PP Präpositionalphrase Prät. Präteritum Ps. Person RK rechter Klammerrand schwed. schwedisch 388 Abkürzungsverzeichnis <?page no="389"?> Sg. Singular span. spanisch sth. stimmhaft stl. stimmlos ugs. umgangssprachlich UL Umlaut urnord. urnordisch V Vokal V1 Verb-Erst-Stellung V2 Verb-Zweit-Stellung VL Verb-Letzt-Stellung VP Verbalphrase σ Silbe ω phonologisches Wort Abkürzungsverzeichnis 389 <?page no="391"?> Literaturverzeichnis Abkürzungen DaF Deutsch als Fremdsprache DeRoKo Deutsches Referenzkorpus DS Deutsche Sprache FoL Folia Linguistica FolH Folia Linguistica Historica GermL Germanistische Linguistik JHiP Journal of Historical Pragmatics LBer Linguistische Berichte LGL Lexikon der Germanistischen Linguistik LiLi Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik NLLT Natural Language & Linguistic theory NP Nominalphrase OBST Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie PBB Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur („Pauls u. Braunes Beiträge“) STUF Sprachtypologie und Universalienforschung VP Verbalphrase WW Wirkendes Wort ZDL Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik ZDW Zeitschrift für deutsche Wortforschung ZfdPh Zeitschrift für deutsche Philologie ZGL Zeitschrift für Germanistische Linguistik ZPSK Zeitschrift für Phonetik, Sprachwissenschaft und Kommunikationsforschung ZS Zeitschrift für Sprachwissenschaft <?page no="392"?> Abraham, W./ Conradie, C. J. (2001): Präteritumschwund und Diskursgrammatik. Amster‐ dam/ Philadelphia. Ackermann, T. (2018): Grammatik der Namen im Wandel. Diachrone Morphosyntax der Personennamen im Deutschen. Berlin/ Boston. — (2023a): Die formale und funktionale Entwicklung von bitte: Eine diachrone Korpusstudie zur Entstehung eines höflichkeitsrelevanten Markers. In: ZGL 51(1), 152-195. — (2023b): Direktive Sprechakte in frühneuzeitlichen Fremdsprachenlehrwerken. In: PBB 145(1), 35-79. — u. a. (2026): Variation und Wandel im Bereich höflichkeitssensitiver Ausdrücke. 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Glückensbedingung-241 Gradpartikel-157 Grammatikalisierung-105, 168, 234, 333, 372 Grammatikalisierungsprozess-155 Graphem-Phonem-Korrespondenz-263 Graphetik-270 grenzmarkierend-140, 380 Halbsuffix-103 Hiat (Pl. Hiate) bzw. Hiatus (Pl. Hiatus)-39, 274 Höflichkeit-225 negative-225 positive-225 Homonymendifferenzierung-281 Homonymie-155, 276 Hybrid-200 <i>Weib</ i>-289 Idiomatisierung-204 idiosynkratisch-204 Ikonismus- diagrammatischer-151 konstruktioneller-90, 92f., 378 illokutionäre Indikatoren-242 illokutionärer Akt-241 Implikatur-168, 215, 220 indirekter Sprechakt-243 Informationsstruktur-215 Initialakzent-32, 303 Intensitätspartikel-157f. Interpunktion-282 Irregularisierung-95, 337 Isoglossen-49 Kategorienfrequenz-93 Kausativderivation-318 Klammerverfahren-130, 367, 374, 381 Klitikon (Pl. Klitika)-337, 370 Klitisierung-337 Kohärenz- grammatische-247 thematische-247 Kohäsion-247 Kollektivum-110 Komposition-101 Kompositionsstamm-124 Kompositum-146 Kongruenz- grammatische-119 semantische-119 Konjunktion-168, 222, 235, 347 Konjunktivumlaut-325 Konsonantenepenthese-39, 46, 60 Kontaktassimilation-31 Konversationsanalyse-233 Konversationsmaximen-221 Konversationsstruktur, s. auch Konversationsanalyse-215 Konversion-102 436 Register <?page no="437"?> konzeptionelle Mündlichkeit-216 konzeptionelle Schriftlichkeit-216 Kooperationsprinzip-221 labial-31 Lateral-31 Lautgesetz-31 Lehnbedeutung-202 Lehnbildung-203 Lehnformung-203 Lehnprägung-197 Lehnschöpfung-203 Lehnübersetzung-203 Lehnübertragung-203 Lehnwort-195 Lehnwortbildung-200 lexikalisches Prinzip-281 lexikalische Transferenz-201 Lexikalisierung-164, 203 Ligatur-270 Meliorisierung-163 Metapher-163 Metonymie-165 Mischsprache-200, 378 Mischtyp, typologischer-140, 378 Mittlersprache-194 Modalpartikel-233f. Monophthongierung-57 Morphemkonstanz-54 Morphemkonstanzprinzip- graphisch-267f., 275 Morphologie-129 morphologischer Rest-110 morphologisches Prinzip-275 Morphologisierung des Umlauts-45, 79, 321 Movierung-118 Nähesprache-216 Nasal-31 Natürlichkeitstheorie, morphologische-89 Negationspartikel-149 Negationswandel-149 Negationswörter-151 nicht wortwertiges Morphem-37 Notkersches Anlautgesetz-46 Numerusablaut, präteritaler-307 Obligatorik-352, 372, 375 Obligatorisierung-361 Obstruent-34 onomasiologisch-154, 219, 251 opak-205 Orthographie-263, 295 I. <2006> Orthographische Konferenz-297 II. Orthographische Konferenz-297 OV-Sprache-140 palatal-31 palataler Vokal-29 Palatalisierung-45 Paradigma-352 Paradigmatizität-352, 371 Paraphrase, paraphrasieren-102 Pejorisierung-162 Perfektperiphrase-363 Periodisierung-21, 23 Peripherie-196 Periphrase-357, 368, 378 perlokutionärer Akt-241 Phonem-29, 267 Phonem-Graphem-Korrespondenz-263 phonetisch-29, 268 Phonographie-263 phonographisches Prinzip-267 phonologischer Fuß-33 schwacher Fuß-33 starker Fuß-33 phonologisches Prinzip-267 phonologisches Wort-33, 35 Phonologisierung-46 Phraseologismus-207 Plosiv-31 Polysemie-155 Register 437 <?page no="438"?> Portmanteaumorph-362 Postdetermination-363 Prädetermination-133, 363 prädizieren-119 Pragmatik, historische-213, 358 pragmatisches Prinzip-285 Pragmatisierung-353 Präposition-Artikel-Verschmelzung-372 Präsupposition-215 Präteritumschwund-365 Primärumlaut-45 produktiv 86, 101f., 108, 110, 112, 114, 117, 121, 124 Produktivität-331 propositionaler Akt-241 Pseudosynonym-202 Purismus-197 Reanalyse-45, 272, 335, 348f., 364, 372 Reduplikation-303 Relevanzkonzept-97 Relevanzprinzip-379 Remotivierung-161 Rheinischer Fächer-49 Rückversicherungsfrage-238 Satzsandhi-46 Scheinentlehnung-200 Schema-87 schwache Verben-86, 312 Sekundärumlaut-45 Semantik-153 semantischer Wandel-153 semantische Transferenz-202 semasiologisch-154, 219 sequenzieller Lautwandel-30 Silbe-30 geschlossene Silbe-30 nackte Silbe-39, 61 offene Silbe-30 Silbengelenkschreibung-274 Silbenkoda-35f., 38f., 48, 52, 60 Silbennukleus-31, 34, 36, 38, 52f. Silbenonset-35f., 39, 48 Silbenreim-35, 59 Silbenschnittkorrelation-59 sanfter Silbenschnitt-59 scharfer Silbenschnitt-59 Silbensprache-36-41 Silbifizierung, silbifizieren-35 silbische Konsonanten-52 silbisches Prinzip-273 Simplex (Pl. Simplizia)-43 Skopus-352 sonor-34 Soziopragmatik-215 Sprachbund-382 Sprachkontakt-385 Sprachtyp-377 agglutinierend-356 analytisch-355, 362, 368 diskontinuierender-129, 131 flektierend-356 isolierend-355, 368 kombinierend-355 synthetisch-355 Sprachverfall-17 Sprechakt-215, 241 Stammallomorphie-54 Stammalternation-91 stammbildendes Suffix-55, 73 Stammmodulation-95 Stammprinzip-275 starke Verben-80 Stellungsfeld-131 Mittelfeld-131, 135 Nachfeld-131 Vorfeld-131 Subjektivierung-240 Subjektpronomen-357 Substantivgroßschreibung-286 Suppletion-91, 95 morphologische-91 phonologische-91 438 Register <?page no="439"?> suprasegmental-32 Symmetrischer Breitenausgleich-266 Syngraphem-291 Synkope-51 syntaktisches Prinzip-282 Syntaktisierung-336 Syntax-129 Tenuesverschiebung-47 Text-248 Textsorte-248 textuales (auch: textuelles) Prinzip-284 Tilgung-39 Tokenfrequenz-94, 322, 337, 346, 378 topologisches Feld-131 Transferenz, transferieren-195 Transparenz-89, 206 Trochäus-33, 54, 381 Typenfrequenz-86, 94 Umlaut-320 analogisch-321 graphisch-270 lexikalisch-330 morphologisch-321 pragmatisch-331 Unidirektionalität-334, 350, 353 Uniformität-89, 378 unikales Morphem-205 Univerbierung-122, 206, 337, 348 uvular-31 Vater-289 velar-31 velarer Vokal-29 Verb- intraparadigmatisch-88 Verb-Erst-Stellung-134 Verb-Letzt-Stellung-134 Verb-Zweit-Stellung-134 Vergewichtung-266 Verschmelzung-368f. Verwandtschaftsbezeichnung-184 Vibrant-31 Vokalelision-39, 46 Vokalepenthese-39, 196 Vokalharmonie-40 Vokaltilgung-51 Volksetymologie-161, 370 VO-Sprache-140 Wechselflexion-314 Wert einer Flexionskategorie-69, 92 westgermanische Konsonantengemination-57 Wortbildung-100, 329 Wortbildungsmodell-107, 115, 193 Wortbildungsmuster-107, 111, 117, 121f., 206, 330 Wortfamilie-158, 192, 195 Wortfeld-184 Wortsprache-36-41, 53, 274, 380 wortwertiges Morphem-37 Zeichensetzung-282 Zweitglied-101 Register 439 <?page no="440"?> ISBN 978-3-381-12551-7 Dieses Standardwerk der deutschen Sprachgeschichte stellt die wichtigsten historischen Umbrüche der deutschen Sprache bis in die heutige Zeit dar und leistet deren Begründung, theoretische Fundierung und typologische Einordnung. So hat sich das Deutsche von einer Silbenzu einer ausgeprägten Wortsprache entwickelt, was sich z. B. in Phonologie, Orthographie und Morphologie niederschlägt. In der Syntax wird auf das Klammerprinzip abgehoben. Diesem übergreifenden und einigen weiteren Prinzipien gehen die Autorinnen anhand vieler Beispiele nach und ermöglichen so ein tieferes Verständnis der deutschen Sprachgeschichte. Die 6. Auflage wurde überarbeitet und um neueste Forschungsergebnisse ergänzt. Stimmen zum Buch: „eine ebenso informative und anspruchsvolle wie originelle und zukunftsweisende Sicht der deutschen Sprachgeschichte“ - PBB 132/ 1 (2010) „insbesondere dem Studienanfänger zu empfehlen, aber auch der (sprachpflegerisch) interessierte Laie wird auf seine Kosten kommen“ - ZRS 1/ 1 (2009) „dem vorliegenden Band gelingt es eindrucksvoll, auf vielfältige Weise zu demonstrieren, wie spannend die diachronische Betrachtung des Deutschen sein kann“ - ZfdPh 127 (2008) Dammel / Nübling / Szczepaniak Historische Sprachwissenschaft Historische Sprachwissenschaft des Deutschen Eine Einführung in die Prinzipien des Sprachwandels 6., überarbeitete und erweiterte Auflage Antje Dammel / Damaris Nübling / Renata Szczepaniak
