Die älteste Sammlung paulinischer Briefe und die Entstehung der kanonischen Paulusbriefsammlung
Teil I: Untersuchung
0922
2025
978-3-381-12562-3
978-3-381-12561-6
A. Francke Verlag
Markus Vinzent
10.24053/9783381125623
Für die Anfänge des Christentums sind lediglich zwei Sammlungen christlicher Texte bekannt, die als "Neues Testament" bezeichnet wurden - eine vor der Mitte des 2. Jh.s entstandene, die von Markion von Sinope, veranstaltet wurde, und die uns bekannte des später kanonischen Neuen Testaments, die aus der Zeit um Irenäus von Lyon gegen Ende des 2. Jh.s zusammengebracht wurde.
Der griechische Text der 10-Briefe Sammlung des Paulus, die von den Kirchenvätern dem "Neuen Testament" des Markion von Sinope zugeordnet wird, wird hier erstmals rekonstruiert.
In Teil I der detaillierten Einleitung wird diese Sammlung gegenüber der 14-Briefe-Sammlung des Paulus, die sich im kanonischen Neuen Testament findet, als die ältere erwiesen und in ihrer Sprache und Inhalt gegenüber der jüngeren verglichen.
9783381125623/9783381125623.pdf
<?page no="0"?> ISBN 978-3-381-12561-6 www.narr.de T A N Z T A N Z T A N Z TEXTE UND ARBEITEN ZUM NEUTESTAMENTLICHEN ZEITALTER Für die Anfänge des Christentums sind lediglich zwei Sammlungen christlicher Texte bekannt, die als „Neues Testament“ bezeichnet wurden - eine vor der Mi e des 2. Jh.s entstandene, die von Markion von Sinope veranstaltet wurde, und die uns bekannte des später kanonischen Neuen Testaments, die aus der Zeit um Irenäus von Lyon gegen Ende des 2. Jh.s zusammengebracht wurde. Der griechische Text der 10-Briefe Sammlung des Paulus, die von den Kirchenvätern dem „Neuen Testament“ des Markion von Sinope zugeordnet wird, wird hier erstmals rekonstruiert. In Teil I der detaillierten Einleitung wird diese Sammlung gegenüber der 14-Briefe-Sammlung des Paulus, die sich im kanonischen Neuen Testament findet, als die ältere erwiesen und in ihrer Sprache und ihrem Inhalt mit der jüngeren verglichen. Markus Vinzent Die älteste Sammlung paulinischer Briefe und die Entstehung der kanonischen Paulusbriefsammlung Teil I Markus Vinzent Die älteste Sammlung paulinischer Briefe und die Entstehung der kanonischen Paulusbriefsammlung Teil I: Untersuchung <?page no="1"?> Die älteste Sammlung paulinischer Briefe und die Entstehung der kanonischen Paulusbriefsammlung <?page no="2"?> T A N Z TEXTE UND ARBEITEN ZUM NEUTESTAMENTLICHEN ZEITALTER 72/ I herausgegeben von Matthias Klinghardt, Günter Röhser, Stefan Schreiber und Manuel Vogel <?page no="3"?> Markus Vinzent Die älteste Sammlung paulinischer Briefe und die Entstehung der kanonischen Paulusbriefsammlung Mit Mark G. Bilby, Jack Bull, K. Lance Lotharp Unter Mitarbeit von Günter Röhser Teil-I: Untersuchung <?page no="4"?> DOI: https: / / doi.org/ 10.24053/ 9783381125623 © 2025 · Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Alle Informationen in diesem Buch wurden mit großer Sorgfalt erstellt. Fehler können dennoch nicht völlig ausgeschlossen werden. Weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen übernehmen deshalb eine Gewährleistung für die Korrektheit des Inhaltes und haften nicht für fehlerhafte Angaben und deren Folgen. Diese Publikation enthält gegebenenfalls Links zu externen Inhalten Dritter, auf die weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen Einfluss haben. Für die Inhalte der verlinkten Seiten sind stets die jeweiligen Anbieter oder Betreibenden der Seiten verantwortlich. Internet: www.narr.de eMail: info@narr.de Druck: Elanders Waiblingen GmbH ISSN 0939-5199 ISBN 978-3-381-12561-6 (Print) ISBN 978-3-381-12562-3 (ePDF) ISBN 978-3-381-12563-0 (ePub) Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http: / / dnb.dnb.de abrufbar. <?page no="5"?> 9 Teil I: 11 §-1 13 a. 13 b. 16 c. 19 d. 20 e. 25 f. 26 §-2 27 a. 27 b. 34 §-3 66 a. 66 b. 70 c. 74 §-4 75 a. 75 b. 78 c. 81 d. 86 Inhalt Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Fragestellung und Thema . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Untersuchungsgegenstand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Hauptbeobachtungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Methodologische Überlegungen . . . . . . . . . . . . . . . . Auszeichnung mit *, km und ˟ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zur Nomenklatur „vorkanonisch“ - „kanonisch“ . . Zur Nomenklatur „erste“ und „zweite kanonische Redaktion“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Anlage der Untersuchung . . . . . . . . . . . . . . . . . . Forschungsgeschichte zur Entstehung der paulinischen Briefsammlungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die frühchristliche Tradition . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die moderne Forschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das Verhältnis der 14-Briefe-Sammlung und der *10-Briefe-Sammlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . „a ist von b abhängig“: Die 14-Briefe-Sammlung ist die Grundlage, die *10-Briefe-Sammlung das Resultat von deren Bearbeitung . . . . . . . . . . . . . . . . . „b ist von a abhängig“: Die 14-Briefe-Sammlung ist eine Bearbeitung und Erweiterung der *10-Briefe-Sammlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . „a und b sind von x abhängig“: Die 14-Briefe-Sammlung und die *10-Briefe-Sammlung sind abhängig von einer älteren, unbekannten Quelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die früheren Editionen von *Ap . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Adolf Hilgenfeld . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Theodor Zahn . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Adolf Harnack . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . John James Clabeaux . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . <?page no="6"?> e. 88 f. 91 Teil II: 97 §-5 99 a. 100 b. 106 §-6 124 a. 127 b. 136 §-7 191 a. 191 b. 204 c. 510 §-8 512 a. 513 b. 537 §-9 553 a. 555 b. 563 c. 568 d. 572 Teil III: 573 §-10 575 a. 575 b. 578 Ulrich Schmid . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Jason BeDuhn . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum . . . . . . . . . . . . Die Bezeugung der altkirchlichen Häresiologen . . . . . . . . . . Die Struktur der Vorwürfe gegen Markion . . . . . . . . Die häresiologischen Hauptzeugen für die *10-Briefe-Sammlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Bezeugung in den Handschriften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Fünf Handschriften: . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zur Familie der fünf Handschriften (06, 0319, 0320, 010, 012) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung innerhalb von Markions *NT im Unterschied zur 14-Briefe-Sammlung innerhalb des kanonischen NT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Verschiedene Anzahl, Anordnung, Länge und Gewicht der paulinischen Briefe . . . . . . . . . . . . . . . . Vorkanonische und kanonische Sprache, Lexik, Stil und Inhalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Charakteristika von *Ap und *Ev. Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gemeinsamkeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Unterschiede . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Weitere Charakteristika der kanonischen Redaktion insgesamt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Emphase und Verstärkung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Duplikation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Inkonsistenzen und Inkohärenzen . . . . . . . . . . . . . . . Intertextualität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das literarische Verhältnis zwischen der *10-Briefe-Sammlung und der 14-Briefe-Sammlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Aporien der Priorität der 14-Briefe-Sammlung . . . . . . . Die Inkonsistenz der angeblichen Redaktion Markions . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Umfang der *10-Briefe-Sammlung . . . . . . . . . . . 6 Inhalt <?page no="7"?> §-11 588 a. 588 b. 595 c. 607 §-12 613 a. 613 b. 620 §-13 645 a. 645 b. 661 c. 673 Teil IV: 697 a. 699 1. 699 2. 702 3. 709 4. 739 5. 741 b. 747 c. 755 d. 763 1. 764 2. 774 775 Die *10-Briefe-Sammlung und ihre kanonisch redaktionelle Bearbeitung zur 14-Briefe-Sammlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das redaktionelle Interesse der kanonischen Redaktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die kanonische Redaktion von (*) Gal 2,11-21 . . . . . . Die kanonische Redaktion von *Laod nach Eph . . . Die großen Lücken in der *10-Briefe-Sammlung . . . . . . . . . Makroebene: 14-Briefe-Sammlung vs. *10-Briefe-Sammlung: Die zusätzlichen vier Briefe . Mikroebene: Einige Beispiele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung und die beiden kanonischen Redaktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die erste kanonische Redaktion . . . . . . . . . . . . . . . . . Die zweite kanonische Redaktion . . . . . . . . . . . . . . . Zur Überlieferung der Deuteropaulinen (*Laod/ Eph, *Kol/ Kol, *2Thess/ 2Thess) und zur Vorgeschichte der *10-Briefe-Sammlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ausblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Fragen und Antworten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Priorität der *10-Briefe-Sammlung gegenüber der 14-Briefe-Sammlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Datierung und Lokalisierung der Redaktionen . . . . Zu vermeintlichen Antimarkionismen in *Ev und *Ap . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vorkanonische Lesarten in der orthodoxen Tradition . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Markion, der Erzketzer? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die kanonische und die vorkanonische Redaktion und ihre stereotypen Verseröffnungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Nochmals zu Markion: Rezipient oder Redaktor . . . . . . . . . . *Paulus vs. Paulus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Chronologie und Geographie des Wirkens von *Paulus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die kanonische Redaktion: Von *Paulus zu Paulus . Nachwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Inhalt 7 <?page no="8"?> 777 813 813 816 822 824 827 827 828 831 832 832 835 843 Appendix 1: Beispiele langer Sätze im Vergleich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Appendix 2: Die Übersetzung der ältesten Sammlung paulinischer Briefe . An die Galater . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . An die Korinther I . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . An die Korinther II . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . An die Römer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . An die Thessalonicher I . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . An die Thessalonicher II . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . An die Laodizäer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . An die Kolosser . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . An die Philipper . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . An Philemon . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Appendix 3: Addenda et Corrigenda Concordance of the Precanonical and Canonical New Testament . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bibliographie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 Inhalt <?page no="9"?> Vorwort Diese Untersuchung und die Rekonstruktion der zehn paulinischen Briefe wären nicht möglich gewesen ohne den Beitrag der Mitautoren, die beides durch ihre Kompetenz in Digital Humanities gefördert haben. Auch wenn das Unternehmen händisch und ohne DH begonnen wurde, wäre es nicht zu dem geworden, was es ist, ohne die kritische Überprüfung und Vertiefung, die durch die computerge‐ stützte lexikalische und semantische Suche durch die Kollegen ermöglicht wurden. Ein Werk wie das hier vorgelegte ist folglich nicht das eines Individuums, son‐ dern die Frucht vielfältiger gemeinsamer und vorangegangener Forschungen und Forschenden, von denen die bedeutendsten in der Forschungsgeschichte gewürdigt werden. Das Produkt markiert gewiss keinen Endpunkt, zumal wir, was die Digital Humanities betrifft, erst am Anfang stehen. Das Werk hat durch das Gespräch mit Kolleginnen und Kollegen erheblich gewonnen, allen voran den Vordenkern der vorkanonischen Ausgabe des Neuen Testaments, Matthias Klinghardt, David Trobisch, Jason BeDuhn und Günter Röhser, dann der Generation von Klinghardts Schülern, Jan Heilmann, Nathanael Lücke, Alexander Goldmann und Tobias Flemming, auch denjenigen, die sich zuvor intensiv mit der darin enthaltenen Paulusbriefsammlung befasst haben, Harry O. Maier, Eve-Marie Becker und Ulrich B. Schmid, wie auch den Markionforscherinnen und -forschern, allen voran Judith Lieu and Dieter Roth. Ein besonderer Dank gilt den Herausgebern der Reihe TANZ, Matthias Klinghardt, Günter Röhser, Stefan Schreiber und Manuel Vogel. Von diesen sind besonders Günter Röhser und Matthias Klinghardt zu nennen, denn Ersterer hat in einer detaillierten Durchsicht der Einleitung in schier unendlicher Akribie hunderte von Korrekturen und Anregungen vorgeschlagen, die den Text erheblich verbessert haben, auch wenn er nicht allen vorgeschlagenen Hypothesen zustimmt. Matthias Klinghardt hat die gesamte Rekonstruktion Korrektur gelesen, wie Röhser unzählige Fehler korrigiert und kritische Vor‐ schläge gemacht, die immer weiterführend waren und, soweit ich ihnen folgen konnte, berücksichtigt wurden. Zu nennen ist auch Jan N. Bremmer, der es auf sich genommen hatte, den Teil der Untersuchung kritisch zu lesen und vielfältige Verbesserungsempfehlungen gegeben hat. Gedankt sei auch Chrissy Hansen für die ergänzende Literatur zu den Dutch Radicals und ihr eigenes Buch zum Philemonbrief. Schließlich hat das wissenschaftliche Umfeld des Max-Weber-Kollegs an der Universität Erfurt die Arbeit an der Rekonstruktion und deren Konzeption geprägt und gestützt, insbesondere im Rahmen des Sonderforschungsbereichs <?page no="10"?> „Strukturwandel des Eigentums“ (SFB 294, Jena/ Erfurt). Allen voran danke ich den Direktoren Hartmut Rosa und Jörg Rüpke und der Geschäftsführerin Bettina Hollstein, auch den vielen Kollegiat: innen und Fellows, den Doktorant: innen und Postdoktorant: innen, die aus dem religionshistorischen, soziologischen, wirtschafts- und rechtshistorischen Umfeld Anregungen geliefert haben. Zu nennen ist auch die jährliche kollegiale Begegnung in Bertinoro, initiiert und inspiriert von Mauro Pesce, vorangetrieben von Emiliano Urciuoli und vielen der dort immer wieder einkehrenden Kolleg: innen. Als Hauptverantwortlicher für das Team möchte ich meinen inzwischen erwachsen gewordenen Kindern Cyril und Charlotte danken, die gerade die Zeit der schweren Erkrankung meiner Frau Jutta, den Abschied von ihr und ihren Verlust mit mir geteilt haben. Miteinander haben wir daran gearbeitet, Zukunft zu gestalten, wofür das vorliegende Werk mit seinen Verantwortlichen ein Zeichen der Hoffnung ist. Markus Vinzent Erfurt / San Miguel de Abona Dezember 2024 10 Vorwort <?page no="11"?> Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="13"?> 1 „We are reading Paul’s own words, whereas we have nothing that Jesus himself wrote, and only secondor third-hand reports of his teaching“, E.P. Sanders, Paul. The Apostle’s Life, Letters, and Thought (2015), xxi. 2 Das wird bei aller Nuancierung auch bestätigt von M. Dormandy, How the Books Became the Bible (2018). 3 Zur Auszeichnung mit * und etwas weiter unten mit km und ˟ , vgl. Teil-I §-1 c. §-1 Untersuchungsgegenstand Ob Sanders recht hat, wenn er zu Beginn seines opus magnum, des Paulusbuchs, mit Blick auf die Briefe des Paulus formuliert: „Wir lesen die eigenen Worte des Paulus, während wir nichts, was Jesus selbst schrieb, besitzen, sondern von dem, was er lehrte, lediglich Berichte aus Zweit- oder Dritthänden“? 1 Die vorliegende Rekonstruktion, zu welcher wir hier die einführende Untersuchung vorlegen, wird Sanders radikalisieren. Nicht nur aus den Händen von Jesus besitzen wir keine authentischen Schriftstücke, auch für Paulus gilt, dass das, was wir unter seinem Namen kennen, mindestens aus Zweit- oder Dritthänden stammt. Die uns bekannten paulinischen Briefe liegen ausschließlich in bereits redigierten Sammlungen vor. 2 Von diesen sind zwei dem Umfang nach für das zweite Jahrhundert bezeugt, eine *10-Briefe-Sammlung, 3 die hier rekonstruiert wird und Teil von Markions *Neuem Testament ist, und eine 14-Briefe-Sammlung, die Teil des kanonischen Neuen Testaments ist - benutzt wird die letzte Ausgabe von Nestle-Aland, 28. revidierte Auflage vom Jahr 2012. Mit ihr wird die *10-Briefe-Sammlung verglichen. a. Die Hauptbeobachtungen Im Folgenden geht es um Folgendes: 1. Ausgehend von der paulinischen 14-Briefe-Sammlung wird die *10-Briefe- Sammlung rekonstruiert, zu der uns verschiedene Zeugen und Zeugnisse Zugänge verschaffen. 2. Anstelle der bisher weithin angenommenen Priorität der 14-Briefe-Samm‐ lung gegenüber der *10-Briefe-Sammlung, wird die Priorität der *10-Briefe- Sammlung gegenüber der 14-Briefe-Sammlung begründet, auch wenn Priorität nicht Ursprünglichkeit bedeutet. 3. Es wird gezeigt, dass der *10-Briefe-Sammlung bereits zwei Sammlungen vorausgehen und ihr zugrunde liegen: 4. Eine sieben Briefe umfassende Sammlung, bei der ˟ 1Kor vor ˟ Gal steht, d. h. die vermutlich in der Reihenfolge ˟ Röm, ˟ 1/ ˟ 2Kor, ˟ Gal, ˟ 1Thess, ˟ Phil, ˟ Phlm vorlag. Die Existenz dieser vorausliegenden Sammlung er‐ <?page no="14"?> 4 Der heuristische Begriff des „Milieus“ wird hier und im Folgenden, wie von I. Newton als „ambiant medium“ oder von Jean-Baptiste de Lamarck als „milieux environnants“ verstanden, wie in neuerer Zeit von N. Pethes vorgeschlagen. Ein Milieu ist eine selbstgenerierte Umwelt in Wissenschaft und Ästhetik, die diskursübergreifende Funk‐ tion besitzt zur gesellschaftlichen und ökonomischen Kontextualisierung dynamischer Entwicklungen, vgl. N. Pethes, Milieu. Die Exploration selbstgenerierter Umwelten in Wissenschaft und Ästhetik des 19.-Jahrhunderts (2017), 139. gibt sich aufgrund des Rückverweises in *Gal 5,21, der auf den in der *10-Briefe-Sammlung später stehenden Brief *1Kor (*1Kor 15,50) verweist. Ein Redaktor hätte einen solchen ins Leere laufenden Rückverweis im ersten Brief seiner Sammlung (*Gal) nicht eingefügt, sondern er muss ihn bereits vorgefunden und dann stehen gelassen haben. Das bedeutet, dass ihm eine ältere Sammlung von Briefen vorlag, in welcher *Gal auf *1Kor gefolgt war. 5. Eine drei Briefe umfassende Sammlung von km Laod, km Kol, km 2Thess. Diese Sammlung ergibt sich zunächst aus der Stellung dieser drei Briefe, die als Verbund in die ˟ 7-Briefe-Sammlung eingefügt wurden. Außerdem wird gezeigt, dass diese Briefe eine gegenüber der ˟ 7-Briefe-Sammlung deutlich andere Sprache und Inhalt aufweisen. Aus anderer Perspektive findet demnach die traditionelle Schulhypothese der Deuteropaulinen durch die vorliegende Untersuchung und Rekonstruktion eine Bestätigung. 6. Aufgrund des Sammlungsverbundes ist anzunehmen, dass die Briefe der beiden Briefsammlungen, die der *10-Briefe-Sammlung vorausliegen, be‐ reits redaktionell bearbeitet waren, bevor sie der weiteren vorkanonischen Redaktion unterzogen wurden, die sie zur *10-Briefe-Sammlung zusam‐ menbrachte. Da sich trotz der redaktionellen Bearbeitung beider vorausge‐ gangener Sammlungen für die *10-Briefe-Sammlung ein sprachlicher wie inhaltlicher Unterschied der sieben Briefe einerseits und der drei Briefe an‐ dererseits feststellen lässt, kann darauf geschlossen werden, dass diese zwei Sammlungen aus verschiedenen theologischen Schulen stammen, die im Folgenden als „Milieus“ bezeichnet werden. 4 Wie zu zeigen sein wird, steht dabei die km 3-Briefe-Sammlung im Unterschied zur ˟ 7-Briefe-Sammlung demjenigen Milieu näher, das wir als „kanonisches“ bezeichnen können. Denn sprachlich wie inhaltlich berühren sich diese drei Briefe immer wieder mit denjenigen Briefpassagen, die durch die kanonische Redaktion der *10-Briefe-Sammlung hinzugefügt wurden, außerdem berühren sie sich mit den vier Briefen, mit denen die *10-Briefe-Sammlung von der kanonischen Redaktion zur 14-Briefe-Sammlung erweitert wurde. 14 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="15"?> 7. Die beiden Milieus, in denen die *10-Briefe-Sammlung und die 14-Briefe-Sammlung entstanden sind, lassen sich aufgrund von Sprache und Inhalt voneinander unterscheiden, zugleich aber sind die beiden Milieus nicht gänzlich voneinander zu trennen, sondern in ihnen wird jeweils mit Material gearbeitet, das aus dem jeweils anderen Milieu stammt. Gegenüber den älteren Rekonstruktionsversuchen hilft vor allem das neu gewonnene Kriterium von Sprache, Lexik und Stil zur Unterscheidung der beiden Milieus, die Rekonstruktion eröffnet aber auch einen Blick in die enge Verzahnung derselben, die sich wie folgt darstellt: Von Anfang an scheint das vorkanonische Milieu Zugriff auf eine ˟ 7-Briefe-Sammlung erhalten zu haben, deren Textbestand der einzelnen Briefe und deren Abfolge der Briefe sich nicht mehr im Detail rekonstruieren lässt. Nur so viel scheint klar, dass diese ˟ 7-Briefe-Sammlung wegen der Voranstel‐ lung von ˟ 1Kor vor ˟ Gal möglicherweise mit ˟ Röm begonnen hat. Sie weist damit ein Charakteristikum auf, das sie, wie wir sehen werden, mit der kano‐ nischen 10-Briefe-Sammlung teilt. Das vorkanonische Milieu hat, wie näher dargelegt werden wird, folglich eine ˟ 7-Briefe-Sammlung erhalten, die nicht ohne Berührungspunkte zum kanonischen Milieu war. Sprache und Inhalt dieser ˟ 7-Briefe-Sammlung unterscheiden sich aber deutlich von der km 3-Briefe-Samm‐ lung, und zwar auch noch erkennbar, nachdem beide Sammlungen durch die vorkanonische Redaktion zur Form bearbeitet wurden, in welcher sie heute erreichbar sind. Aus dem Vergleich miteinander wird sich ergeben, dass die ˟ 7-Briefe-Sammlung stärker vorkanonisch geprägt ist, die km 3-Briefe-Sammlung hingegen näher beim kanonischen Milieu steht. Erst die vorkanonische Redaktion scheint eine *10-Briefe-Sammlung aus den beiden vorausgegangenen km/ ˟ Briefe-Sammlungen geschaffen zu haben. Dieser vorkanonischen *10-Briefe-Sammlung bediente sich dann das kano‐ nische Milieu in einer ersten kanonischen Redaktion, aus der sie eine eigene km 10-Briefe-Sammlung formte. §-1 Untersuchungsgegenstand 15 <?page no="16"?> 5 M. Vinzent, Writing the History of Early Christianity: From Reception to Retrospection (2019). Eine zweite kanonische Redaktion erfolgte, als diese km 10-Briefe-Sammlung überarbeitet und mit den Pastoralbriefen - in einem weiteren Schritt auch mit dem Hebräerbrief - ergänzt wurde und in die breitere Sammlung zusammen mit vier Evangelien, dem Praxapostolos (Apostelgeschichte und Katholische Briefe) und der Apokalypse aufgenommen wurde, die vom dritten Jahrhundert an als (später: kanonisches) Neues Testament bezeichnet wurde. b. Methodologische Überlegungen 1. Dem retrospektiven Ansatz gemäß, über den ich an anderer Stelle aus‐ führlicher gehandelt habe, 5 beginnt jede methodologische Überlegung mit der Erkenntnis, dass Anfang und Ansatz eines Forschungsprojektes eine, wenn nicht die ausschlaggebende Weichenstellung für die zu machenden Beobachtungen sind. 2. Zu diesem Ansatz gehört die kritische Reflexion über die eigenen Voraus‐ setzungen und eine mögliche Transparenz der expliziten und wichtiger noch impliziten Annahmen. 3. Voraussetzung für das, was hier an Rekonstruktion geboten wird, ist deren Einbettung in die Geschichte, Tradition und Kontext, aus denen heraus diese Arbeit erfolgt. Diese Einbettung wird in der Forschungsgeschichte geleistet. Nicht minder gehört zur Voraussetzung der Rekonstruktion der gegenwärtige intellektuelle Diskurs, dessen Teil die Rekonstruktion ist. Auch wenn ein zeitgenössischer Diskurs wegen des mangelnden reflexiven Abstands schwer zu erfassen ist, habe ich doch versucht, mir in dem angegebenen Werk Rechenschaft zu geben. Darin wird auch vom Horizont der Zukunft gehandelt, der zu Geschichte, Tradition und Diskurs gehört und aus dem heraus im Jetzt historische Rekonstruktionen erfolgen und sie immer auch als vorläufige erweisen. 4. Im Sinne einer offenen, fairen, multikulturellen und interreligiösen Zu‐ kunft auf unserer kleinen Erde besteht das Ziel der Untersuchung darin, Voraussetzungen für historisch oder traditionell gewachsene Erklärungs‐ muster zu erkennen und darzulegen, sie auf ihre rationale Verlässlich‐ keit hin zu überprüfen und gegebenenfalls zu dekonstruieren, um das Gespräch über Disziplinen, Konfessionen, Religionen und jegliche Weltan‐ schauungen hinaus zu ermöglichen. 16 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="17"?> 6 Auf die Zirkularität vieler Datierungen verweist T. Nicklas, Die Datierung des Zweiten Thessalonicherbriefes. Möglichkeiten, Grenzen und Gefahren (2021), 210. Er schließt: „Vielleicht wäre es sinnvoll, nicht weiter von historischer Kritik, sondern von kritischer Anwendung historischer Methoden zu sprechen, dürfen doch die dabei erbrachten ‚Daten‘ nicht einfach als ‚Fakten‘ missverstanden werden, welche uns in einen Zirkel hineinführen könnten, der Möglichkeiten unseres Verstehens der Texte mehr einengt als befreit“ (ibid. 215 mit einem Verweis auf einen Gedanken, den er von Stefan Alkier erhalten hatte). 5. An die Stelle von historisch oder traditionell gewachsenen Erklärungs‐ mustern tritt eine dekonstruktive, grundlegende Skepsis gegenüber allen ererbten Konstrukten. Sie hat das Ziel, eine transparente Konstruktion von Erläuterungen zu bieten, die nachvollziehbar, korrekturfähig oder falsifizierbar sein soll. 6. Mit Blick auf den vorliegenden Untersuchungsgegenstand beginnt dieser dekonstruktiv-konstruktive Ansatz bei der Infragestellung aller überkom‐ menen Datierungen von Zeugnissen, mit denen wir uns beschäftigen, es sei denn, sie lassen sich historisch verorten. 6 7. Solche Verortung (zeitlich und lokal) beginnt bei der im gegenwärtigen Diskurs zentral verhandelten Materialität, also bei Handschriften, Papyri und dergleichen, nicht bei kritischen Editionen, auch wenn die Benutzung solcher wegen der Breite des Untersuchungsgegenstandes unerlässlich ist. 8. Nun könnte man einwenden, dass gerade die *10-Briefe-Sammlung in keiner Handschrift material greifbar ist. Doch diese Position setzt be‐ reits die Annahme der Priorität der 14-Briefe-Sammlung und der sekun‐ dären Natur als deren Abbreviatur der *10-Briefe-Sammlung voraus. Kehrt man die Bearbeitungsrichtung um und nimmt die Priorität der *10-Briefe-Sammlung an, würde die 14-Briefe-Sammlung als deren Er‐ weiterung betrachtet und alle Zeugen (Papyri, Handschriften usw.) der 14-Briefe-Sammlung würden zu solchen auch der *10-Briefe-Sammlung. 9. Da die ältesten Zeugnisse von paulinischen Briefen Zeugnisse aus Brief‐ sammlungen darstellen, beginnt diesbezüglich Materialität nicht beim Ursprung. Anstelle von Rezeption tritt darum der retrospektive Blick, der bei Materialien und Zeugen beginnt, die uns auf ältere Schichten zurückführen. Dies bedeutet, dass wir in der Retrospektion über die heute existierenden ca. 800 Handschriften für die paulinischen Briefe zunächst auf die 14bzw. 13-Briefe-Sammlung stoßen und gemeinsam mit den altkirchlichen Zeugen über diese hinaus zurück zur ihnen zugrun‐ deliegenden km 10-Briefe-Sammlung gelangen, dann zur vorkanonischen *10-Briefe-Sammlung und über sie zu den vorausgegangenen beiden Sammlungen, der ˟ 7-Briefe-Sammlung und der km 3-Briefe-Sammlung. §-1 Untersuchungsgegenstand 17 <?page no="18"?> 10. Zeugnisse müssen nicht nur so alt sein wie ihr erstes, für uns greifbares In-Erscheinung-Treten anzeigt. Jegliche Hypothese aber, dass Zeugnisse älter sind als ihr erstes historisches Erscheinen, trägt eine desto stärkere Be‐ gründungslast, je weiter zeitlich zurück das Zeugnis über sein Erscheinen hinaus historisch verortet wird. 11. Um diese methodischen Überlegungen an unserem Beobachtungsgegen‐ stand zu konkretisieren: Die Untersuchung beginnt nicht mit Paulus, nicht mit seinen Briefen, nicht mit den Evangelien oder mit irgendwel‐ chen anderen frühchristlichen Schriftstücken, sondern sie beginnt bei den heute erreichbaren Handschriften und Papyri. Dieser Ansatz führt zu zwei zeitlichen Schichten. Denn wie die ca. 800 Handschriften und Papyri paulinischer Briefe belegen, begegnen diese nicht nur als Samm‐ lungen, sondern diese Sammlungen stehen ihrerseits in zwei größeren Sammlungszusammenhängen, wobei eine dieser Sammlungen offenkundig zwei verschiedene Redaktionen aufweist: - Im ausgehenden zweiten Jahrhundert legen die Bücher III-V von Irenäus, „Adversus haereses“, eine größere Sammlung von solchen Schriften nahe. In diesen Büchern wird argumentiert und aus Texten zitiert, wonach die 14 paulinischen Briefe (vielleicht auch nur 13, da der Philemonbrief nicht aufgeführt wird) innerhalb einer größeren Sammlung zu finden sind von vier Evangelien, der Apostelgeschichte, der „Katholischen“ Briefen (Apg und Kath. Briefe später „Praxapos‐ tolos“ genannt) und der Apokalypse des Johannes. Irenäus schreibt um das Jahr 177 n. Chr. in Lyon, stammt jedoch aus Kleinasien, bezeichnet Polykarp von Smyrna als seinen Lehrer und hat Kontakte nach Rom. - Vor der Mitte des zweiten Jahrhunderts soll nach dem Zeugen aus dem frühen dritten Jahrhundert, Tertullian, und weiteren Zeugen des zweiten und späterer Jahrhunderte der Reeder und ein Lehrhaus betreibende Markion von Sinope Schriften von seiner Heimat im Pontus nach Rom gebracht haben. Ihm schreiben Zeugen eine in Rom veröffentlichte Sammlung zu, die er „Neues Testament“ genannt haben soll und nach einem eigenen Vorwort, den Antithesen, und einem anonymen Evangelium (*Ev) zehn paulinische Briefe enthalten hat. - Nicht diese Sammlung der zehn paulinischen Briefe aber, sondern eine offenkundig redigierte Fassung derselben ( km 10-Briefe-Sammlung) klingt in einer Reihe von christlichen Schriften aus der Zeit vor Justin und Irenäus an. Da diese Fassung in mancherlei Hinsicht nahe dem Text ist, den wir aus der kanonischen 14-Briefe-Sammlung kennen - wenn auch weniger umfänglich: es fehlen vier zusätzliche Briefe 18 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="19"?> 7 Den Nachweis dafür, dass der Titel „Neues Testament“ der kanonischen Sammlung erst im dritten Jahrhundert zugeordnet wurde, habe ich geführt in M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2.-Jahrhundert (2022), 76-83. 247. und manche Kapitel und Verse - wird diese Redaktion im Folgenden als „erste kanonische Redaktion“ bezeichnet, ihr folgt eine „zweite kanonische Redaktion“, die diese kanonische 10-Briefe-Sammlung zur 14-Briefe-Sammlung erweiterte. Die Materialität der Handschriften und Papyri und die Zeugen des dritten und zweiten Jahrhunderts benennen folglich als Kontexte für die paulinischen Briefsammlungen die beiden größeren Sammlungen, das *Neue Testament des Markion und die breitere Sammlung, die aus Irenäus hervorgeht. c. Auszeichnung mit *, km und ˟ Nach allen historischen Quellen, die wir kennen, beinhaltete das *Neue Testa‐ ment des Markion zehn paulinische Briefe. Für dieses „Neue Testament“ und seine Teile wird die Auszeichnung mit einem Stern (*) verwendet (*Neues Testament; *Ev für das Evangelium, *Ap für Markions „Apostolos“, dem Titel der paulinischen Briefsammlung, auch für die darin enthaltenen Briefe, etwa *Gal für den darin befindlichen *Galaterbrief, *Paulus für den darin genannten Briefschreiber). Wenn wegen identischem Text Bezug genommen wird auf dieses *Neue Testament und auf Text des später kanonischen Neuen Testaments wird der Stern in Klammern gesetzt, etwa (*) Gal oder (*) Paulus. Dieses *Neue Testament dürfte etwa drei Dekaden früher entstanden und öffentlich gemacht worden sein, bevor diejenige Sammlung mit 26 bzw. 27 Büchern entstanden ist, die erst im dritten Jahrhundert den Titel „Neues Testament“ bekommen hat und heute als das kanonische Neue Testament betrachtet wird. 7 Diese Sammlung und die darin enthaltenen Schriften und Personen werden ohne Auszeichnung angeführt (Neues Testament, Gal, Paulus). Bereits M. Klinghardt hat allerdings darauf verwiesen, dass den kanonischen Fassungen der Texte (er bezog dies nur auf die Evangelien), die in diesem Neuen Testament versammelt sind, ältere Fassungen vorausgegangen sind, bevor sie in den Sammlungskontext des Neuen Testaments gestellt wurden. Diese Vorver‐ sionen hatte er ebenfalls mit einem * ausgezeichnet. Um Missverständnissen vorzubeugen und zwischen den beiden Milieus zu unterscheiden, werden die Vorversionen für das kanonische Neue Testament, die im kanonischen Milieu entstanden sind, im Folgenden mit km ausgezeichnet. §-1 Untersuchungsgegenstand 19 <?page no="20"?> Auch das *Neue Testament des Markion hat, wie zuvor angedeutet und wie zu zeigen sein wird, seine Vorgeschichte, auch wenn die vorliegende Studie sich vor allem auf die Untersuchung der *10-Briefe-Sammlung beschränken wird. Diese *10-Briefe-Sammlung umfasste die folgenden Briefe, und zwar in der angegebenen Reihenfolge: *Gal, *1/ *2Kor, *Röm, *1/ *2Thess, *Laod, *Kol, *Phil, *Phlm. Wie Sprache und Inhalte dieser Briefe erweisen werden, lassen sich zwei Gruppen von Briefen bilden, und zwar, wie zuvor erwähnt, die genannten sieben Briefe und die ihnen gegenüber stehenden drei Briefe. Diese sieben bzw. drei Briefe lagen in zwei verschiedenen Sammlungen vereint vor. Diese der *10-Briefe-Sammlung vorausliegenden zwei Briefsammlungen mit ihren Briefen werden mit einem Kreuz ( ˟ ) für die ˟ 7-Briefe-Sammlung und mit km für die dem kanonischen Milieu näher stehende km 3-Briefe-Sammlung ausgezeichnet. d. Zur Nomenklatur „vorkanonisch“ - „kanonisch“ Zur weiteren Verdeutlichung und zur Vermeidung von Missverständnisses sei noch hinzugefügt: Im Folgenden wird zwischen einem „vorkanonischen“ und einem „kanonischen“ Milieu unterschieden, dabei bezeichnet „vorkanonisch“ (ausgezeichnet mit *) das gelehrte Umfeld, die Schule und die Umwelt, in welcher die *10-Briefe-Sammlung und *Ev zusammengebracht und redigiert wurden und in welcher Markions *Neues Testament entstand. „Kanonisches Milieu“ (ausgezeichnet mit km ) bezeichnet den Raum, welchem die dem später kanonischen Neuen Testament nahestehenden Texte entstammen und in dem die hierauf gründenden Redaktionen anzusiedeln sind. Blicken wir zurück, begegnen wir als ältesten, erreichbaren Schichten im „vorkanonischen“ Milieu einer der beiden Vorgängersammlungen, der ˟ 7-Briefe-Sammlung, im „kanonischen“ Milieu der km 3-Briefe-Sammlung. Beide Sammlungen erlauben uns derzeit aus zweierlei Gründen nicht, über sie weiter zurück zu schreiten, da sie erstens aufgrund ihres jeweiligen Sammlungs‐ charakters bereits in redigierter Form vorliegen und zweitens uns nur innerhalb der *10-Briefe-Sammlung zugänglich sind, die ihrerseits vorkanonisch redigiert ist. Diese *10-Briefe-Sammlung wurde innerhalb des „kanonischen“ Milieus weiterbearbeitet zur km 10-Briefe-Sammlung, dann im selben Milieu zur 13bzw. 14-Briefe-Sammlung, die in das Neue Testament Eingang fand. M. Klinghardt hat den Unterschied gemacht zwischen der kanonischen Textform des Lukasevangeliums (Lk) und einem Vorstadium dieses Textes, das er in Markions *Ev erkannte. Dieses und auch die auf der Basis von *Ev entwi‐ ckelten Evangelien hatte Klinghardt mit * ausgezeichnet und „vorkanonisch“ 20 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="21"?> 8 Vgl. auch die Einleitung zu M. Vinzent, Concordance to the Precanonical and Canonical New Testament (2023). 9 E. Nestle, B. Aland, K. Aland and H. Strutwolf, Novum Testamentum Graece (2012). 10 D.A. Hagner, The Use of the Old and New Testaments in Clement of Rome (1973), 240. 313; F. Siegert, Synopse der vorkanonischen Jesusüberlieferungen. Zeichenquelle und Passionsbericht, die Logienquelle und der Grundbestand des Markusevangeliums (2010); F. Siegert, Das Leben Jesu. Eine Biographie aufgrund der vorkanonischen Über‐ lieferungen (2010). Eine ähnliche Verwendung von „vorkanonisch, begegnet bereits bei P. Feine, Eine vorkanonische Überlieferung des Lukas in Evangelium und Apostelge‐ schichte. Eine Untersuchung (1891); G. Schneider, Das Problem einer vorkanonischen Passionserzählung (1972). 11 R.W. Wall, Reading the New Testament in Canonical Context (1995); R.W. Wall, On Reading Canonical Collections. A Response (2015). 12 Zur komplexen Frage, wie der Prozess der Entstehung der kanonischen Sammlung vorzustellen ist und wie es sowohl zur Kanonisierung wie auch zur Übertragung des Titels von der vorkanonischen auf die kanonische Sammlung kam, vgl. mit weiterer Literatur: M. Vinzent, The Influence of Marcion on the Formation of the New Testament Canon (2024); J. Heilmann, Die These einer editio princeps des Neuen Testaments im Spiegel der Forschungsdiskussion der letzten zwei Jahrzehnte (2018). genannt. Um Missverständnisse zu vermeiden, wird im Folgenden Markions Evangelium zum vorkanonischen Milieu gerechnet und mit * ausgezeichnet (*Ev), während die im kanonischen Milieu entstandenen vier Evangelien wie auch die zuvorgenannte zehn Briefe umfassende Paulusbriefsammlung mit km („kanonisches Milieu“) ausgezeichnet werden. 8 Um weiteren möglichen Missverständnissen bei der Wortwahl „vorkano‐ nisch“ vorzubeugen: Es geht bei „vorkanonisch“ nicht einfach um Material, das mündlich oder schriftlich dem kanonischen griechischen Neuen Testament vorausgegangen ist, welches uns in Nestle-Aland, Novum Testamentum Graece vorliegt. 9 „Vorkanonisch“ bezieht sich auch nicht auf Quellen wie Q, Passions‐ narrative oder ähnliche Traditionen, die von der Forschung für die Zeit vor der Erstellung einzelner Schriften oder auch dieser Sammlung angenommen werden. So etwa findet sich der Begriff in Donald A. Hagner, The Use of the Old and New Testaments in Clement of Rome oder in Folker Siegerts Synopse der vorkanonischen Jesusüberlieferungen. 10 Der Begriff „vorkanonisch“ soll auch nicht einfach „ein vorkanonisches Entwicklungsstadium“ des kanonischen Neuen Testaments bezeichnen. 11 Stattdessen werden genau die Schriften als vorkanonisch gefasst, die im vorkanonischen Milieu entstanden sind und in die einzige uns historisch bekannte Sammlung aufgenommen wurden, welche im zweiten Jahrhundert als „Neues Testament“ bezeichnet wurde, nämlich die des Markion. 12 In den uns zugänglichen frühchristlichen Quellen wird überhaupt nur zwei Sammlungen der Titel „Neues Testament“ gegeben. 13 Zum einen ist es diejenige §-1 Untersuchungsgegenstand 21 <?page no="22"?> 13 Vgl. M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2. Jahrhundert (2022), 22-23. Wenn Trobisch annimmt, dass bereits der Archetyp der Sammlung den Titel „Neues Testament“ trug, so gibt er in der zugehörigen Fußnote als letzten Forschungsstand den Artikel von Wolfram Kinzig an, der nach Trobisch eine „Zusam‐ menstellung der ältesten Belege“ gibt und „den Titel auf Markion zurückführt“. Diese Angabe stimmt mit Trobischs Beobachtung überein, wonach die frühesten Rezipienten des Archetyps der Sammlung sowohl in Rom wie in Kleinasien jene Kirche ist, die „mit der Bewegung, welche unter der Führung von Markion geschaffen wurde, kämpfte und sie schließlich verwarf “, so D. Trobisch, Die Endredaktion des Neuen Testaments: Eine Untersuchung zur Entstehung der christlichen Bibel (1996), 43. 105. Vgl. auch W. Kinzig, Καινὴ Διαϑήκη. The Title of the New Testament in the Second and Third Centuries (1994). 14 Vgl. jüngst M. Klinghardt, The Oldest Gospel and the Formation of the Canonical Gospels (2021). Zur älteren Forschung vgl. H.F.v. Campenhausen, Die Entstehung der christlichen Bibel (1968). 15 Vgl. hierzu jüngst T. Flemming, Die Textgeschichte des Epheserbriefes. Marcion än‐ derte nichts: Eine grundlegend neue Perspektive auf den Laodicenerbrief (2022). L. Bormann, Zur Datierung des sogenannten Epheserbriefs (2021). Einen Überblick über die Verfasserschaft des Eph in der kritischen Forschung gibt H.W. Hoehner, Ephesians. An Exegetical Commentary (2002), 9-18. 16 Vgl. M. Vinzent, Resetting the Origins of Christianity. A New Theory of Sources and Beginnings (2023), 317; E.W. Scherbenske, Canonizing Paul. Ancient Editorial Practice and the Corpus Paulinum (2013), 71-116. des Markion von Sinope, die bereits von den Zeugen des zweiten und frühen dritten Jahrhunderts an „Neues Testament“ genannt wird, zum anderen dieje‐ nige, die bei Irenäus erstmals greifbar wird und erst vom späteren dritten Jahrhundert an „Neues Testament“ genannt wird. Das Neue Testament Markions enthält eine einführende Präfatio, die „Anti‐ thesen“, ein einziges Evangelium (*Ev) und die paulinische *10-Briefe-Samm‐ lung. *Ev ist unter allen uns bekannten Evangelien am engsten mit demjenigen verwandt, das wir als Lukasevangelium kennen, auch wenn es erheblich kürzer als dieses ist und einige besondere Charakteristiken aufweist. 14 Verglichen mit ihren kanonischen Pendants, weisen die vorkanonischen Briefe ein ähnlich enges Berhältnis auf wie *Ev zu Lk. Die Briefe der *10-Briefe-Sammlung sind deutlich kürzer als die Parallelbriefe der kanonischen 14-Briefe-Sammlung, decken sich aber im parallelen Textbestand zu einem Großteil wörtlich mit diesen (auch wenn es Sonderphänomene gibt wie etwa die unterschiedliche Adresse im Brief, der in der vorkanonischen Sammlung an die Laodizeer gerichtet ist, während er in der kanonischen Sammlung - wenn auch nicht in allen Handschriften - als Epheserbrief bezeichnet wird 15 ). In der Forschung umstritten ist, ob Markion den paulinischen Briefen seiner Sammlung Vorworte gegeben hat, wie sie uns in der Tradition lateinischer Bibeln erhalten sind. 16 Den Forschungen von Eric Scherbenske, Jason BeDuhn 22 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="23"?> 17 Vgl. E.W. Scherbenske, Canonizing Paul. Ancient Editorial Practice and the Corpus Paulinum (2013); J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013); M. Vinzent, Marcion and the Dating of the Synoptic Gospels (2013). 18 Vgl. M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2. Jahrhundert (2022), 22-23. 19 M. Karrer, Von den Evangelien bis zur Apk. Die Ordnung der Schriften in der Edition des Neuen Testaments (2019), 256. 20 Vgl. die verschiedenen Positionen, die diskutiert werden in M. Vinzent, The Influence of Marcion on the Formation of the New Testament Canon (2023). und eigenen folgend, 17 gehören diese Vorworte zur *10-Briefe-Sammlung und wurden in die Rekonstruktion der *10-Briefe-Sammlung mit aufgenommen. Wie angedeutet sprechen die Quellen dafür, dass Markion seiner Sammlung der Antithesen, des *Ev und des *Ap den Titel „Neues Testament“ gegeben hatte und dass diese Sammlung die einzige war, die in den ersten beiden Jahrhunderten, ja noch bis in die erste Hälfte des dritten Jahrhunderts diesen Titel alleine trug. 18 Dies zeigt sich zum einen in dem Befund, dass „keine frühe Handschrift mit neutestamentlichen Texten ἡ καινὴ διαθήκη oder eine vergleichbare Wendung als Überschrift“ verwendet, was, wie Karrer sagt, „kein Zufall“ sei, denn „auch die Vollbibeln des 3. Jh. verzichten […] auf diese Gliede‐ rung“, die in dem „Neuen“ zum Ausdruck kommt. 19 Zum anderen verweisen alle Zeugen bis nach dem Beginn des 3. Jh. beim Gebrauch von „Neuem Testament“ auf die Sammlung Markions. Übereinstimmung besteht in der Forschung darüber, dass die Sammlung von schließlich 27 Schriften, die vom dritten Jahrhundert an den Namen „Neues Testament“ erhielt und später als die kanonische betrachtet wurde, zur Zeit des Irenäus zusammengebracht worden war, auch wenn, wie in der Forschungsge‐ schichte gezeigt und diskutiert werden wird, umstritten ist, wie man sich diese Genese genau vorzustellen hat und welches das Ziel für eine solche war. 20 Offen ist nämlich, ob man sich das Zustandekommen dieser kanonischen Sammlung als organisches Zusammenwachsen oder als Redaktionsprozess vorzustellen hat, und wenn als Redaktionsprozess, ob dieser in mehreren Stufen erfolgte oder in einer einzigen Redaktion. Nun wird die auf der Rekonstruktion der *10-Briefe-Sammlung basierende Einleitung zeigen, dass nicht nur die *10-Briefe-Sammlung in Struktur, Aufbau und Sprache deutlich eine redaktionelle Hand aufweist, sondern dass dieselbe redaktionelle Hand auch für den Text gilt, der für *Ev bezeugt wird. Dies erlaubt, von einer einzigen „vorkanonischen“ Textform sowohl von *Ev wie von *Ap zu sprechen, zwingt aber auch dazu, dass bei der Rekonstruktion der *10-Briefe-Sammlung immer auch Struktur, Aufbau und Sprache von *Ev mitzuberücksichtigen ist. Umgekehrt macht der Vergleich der Sammlung des §-1 Untersuchungsgegenstand 23 <?page no="24"?> 21 M. Klinghardt nennt das Ergebnis: vorkanonische Evangelien - wobei er Lk ausnimmt - und zeichnet diese Stufe mit einem Stern * aus: *Ev - *Mt - *Mk - *Joh; im Folgenden werden die Evangelien auf dieser Stufe ausgezeichnet mit *Ev, km Mt, km Mk, km Joh, wobei ich auch eine Stufe km Lk annehme. 22 Für das vorkanonische Neue Testament: *Ev und *Ap, und innerhalb von *Ap die verschiedenen Briefe; für das kanonische Neue Testament: die vier Evangelien, die Apostelgeschichte, die paulinischen Briefe, die Katholischen Briefe, die Apokalypse. Markion mit dem kanonischen Neuen Testament, insbesondere, was die Diffe‐ renz zu deren Sprache betrifft, wahrscheinlich, dass auch das kanonische Neue Testament mit seinen 27 Schriften einer durchgehenden Redaktion unterzogen wurde. Diese kanonische Redaktion wird sich noch näher spezifizieren lassen, weil sich aus den Zeugnissen des zweiten Jahrhunderts ablesen lässt, dass wir nicht nur von einer gestuften kanonischen Redaktion, sondern sogar von zwei unterscheidbaren kanonischen Redaktionen zu sprechen haben: Eine erste kanonische Redaktion erfolgte, als die *10-Briefe-Sammlung kano‐ nisch zur selben Zeit hin zur km 10-Briefe-Sammlung überarbeitet wurde, als *Ev zu km Lk, km Mt, km Mk und km Joh hin bearbeitet wurde. 21 Eine zweite kanonische Redaktion der km 10-Briefe-Sammlung fand statt, als diese Sammlung zusammen mit den vier km Evangelien in die Sammlung mit den übrigen Schriften zum (später) kanonischen Neuen Testament zusammen‐ gebunden wurde und für diesen Zweck all diese Schriften einer Redaktion unterzogen wurden. Wenn im Folgenden bei der Unterscheidung vorkanonisch-kanonisch öfter nur von einer kanonischen Version oder Redaktion gesprochen wird, dann beruht dies zum einen darauf, dass die beiden kanonischen Redaktionen sich zwar durch verschiedene Textumfänge auszeichnen, doch insgesamt eine mar‐ kant von der vorkanonischen Redaktion unterscheidbare Sprache bzw. ein anderes Textprofil aufweisen, zum anderen, dass eine über die hier vorgelegte Differenzierung zwischen den beiden kanonischen Redaktionen hinaus eine Verfeinerung dieser Differenzierung Desiderat künftiger Forschung bleiben muss. Mit der Feststellung der unterschiedlichen Profile von vorkanonischer und kanonischer neutestamentlicher Sammlung soll jedoch gar nicht in Abrede gestellt werden, dass einzelne Schriften sprachliche und inhaltliche Eigenmerk‐ male aufweisen. 22 Dennoch finden sich über alle Schriften hinweg, vorkanonisch wie kanonisch, genügend Eigenschaften, die eine Schrift zu dieser oder jener Sammlung gehörig auszeichnen. 24 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="25"?> e. Zur Nomenklatur „erste“ und „zweite kanonische Redaktion“ Wie die Untersuchung insbesondere in § 13 zeigen wird, legt es sich nahe, wie gerade vorgeführt, von zwei verschiedenen kanonischen Redaktionen zu sprechen. Die erste kanonische Redaktion betrifft die Bearbeitung der vorkanonischen *10-Briefe-Sammlung hin zur km 10-Briefe-Sammlung und von *Ev hin zu km Lk, km Mk, km Mt und km Joh. Diese Bearbeitung scheint, was die Evangelien betrifft, individuell vorgenommen zu sein. Dies würde die Unterschiede zwischen den Evangelien erklären. Ebenso scheint die Überarbeitung der *10-Briefe-Samm‐ lung hin zur km 10-Briefe-Sammlung unabhängig von der Überarbeitung von *Ev erfolgt sein. Die erste kanonische Redaktion scheint ebenfalls noch keine Gesamtsammlung der überarbeiteten Schriften zusammengebracht zu haben. Wie es scheint - hier ist weitere Forschung vonnöten - hat sich das kanoni‐ sche Milieu erst über die nächsten Jahre von einem eher losen Umfeld hin zu einem enger zusammengehörigen Milieu entwickelt. Diese Entwicklung hängt vermutlich damit zusammen, dass der Redaktor der vorkanonischen *10-Briefe-Sammlung auf die Ergebnisse der ersten kanonische Redaktion re‐ agiert hatte, indem er die *10-Briefe-Sammlung zusammen mit seinem Vorwort, den „Antithesen“, und *Ev in seinem *Neuen Testament publiziert hatte. Hierdurch herausgefordert, erfolgte eine zweite kanonische Redaktion, in der sie ihre km 10-Briefe-Sammlung erweiterte und sie erneut bearbeitete. Sie fügte zunächst drei paulinische Briefe (1/ 2Tim; Tit), dann auch den Hebräerbrief hinzu und ergänzte diese paulinische Briefsammlung mit weiteren Schriften: mit den vier im vorkanonischen *Neuen Testament kritisierten Evangelien ( km Mt, km Joh, km Mk, km Lk), die nun zu Mt, Joh, Mk und Lk bearbeitet und miteinander und mit den weiteren Schriften des Neuen Testaments harmonisiert wurden, dann dem Praxapostolos (Apostelgeschichte und Katholische Briefe) und der Apokalypse des Johannes. Im Zuge dieser Erweiterung wurde der ältere Bestand der km 10-Briefe-Sammlung aus der ersten kanonischen Redaktion etwa durch Hinzufügung von Röm 13,1-7; Röm 15-16; 1Kor 16; 2Kor 6; 8-10 erweitert (zugleich wurden in km Lk und km Apg die Präfationes und manches mehr ergänzt). Außerdem wurden alle Schriften, die in diese Sammlung übernommen wurden, gründlich überarbeitet und wenigstens teilweise miteinander harmonisiert, so dass die ausführlichere Sammlung entstand, die Irenäus seinem Werk „Adversus Haereses“ zugrunde legt. §-1 Untersuchungsgegenstand 25 <?page no="26"?> f. Die Anlage der Untersuchung Zunächst wird nach diesen Präliminarien in Teil I, die sich in § 1 der Frage‐ stellung und dem Thema widmeten, in § 2 eine Forschungsgeschichte zur Entstehung der paulinischen Briefsammlungen gegeben. § 3 spezifiziert die Stellung und Charakterisierung, die innerhalb der Entstehungsgeschichte der paulinischen Briefsammlungen der Sammlung Markions eingeräumt wurde. § 4 beschreibt die früheren Rekonstruktionsversuche dieser Briefsammlung des Markion, angefangen von demjenigen Hilgenfelds aus dem 19. Jh. bis hin zu dem der englischen Rekonstruktion BeDuhns aus dem 21.-Jh. Teil II widmet sich der Briefsammlung des Markion und ihres Textes in der Alten Kirche: In § 5 geht es um die Bezeugung der *10-Briefe-Sammlung (*Ap) durch die Häresiologen, in § 6 um Umfang und Sprache von *Ap, in § 7 um den Text von *Ap und das Verhältnis desselben zur kanonischen Textüberlieferung, in § 8 werden einige charakteristische lexikalische Gemeinsamkeiten von *Ap und *Ev aufgezeigt und mit dem Gebrauch der Lexeme auf der kanonischen Ebene verglichen, in § 9 werden einige auf dem Weg beobachtete und bei der Re‐ konstruktion begegnende weitere Charakteristika der kanonischen Redaktion vorgestellt. Teil III behandelt das literarische Verhältnis zwischen der *10-Briefe-Samm‐ lung und der 14-Briefe-Sammlung, Teil IV den Weg von den Briefen oder Briefsammlungen zur *10-Briefe-Sammlung und zur 14-Briefe-Sammlung. In einem Ausblick wird das Geben und Nehmen zwischen der Redaktion der 14-Briefe-Sammlung und der Redaktion der *10-Briefe-Sammlung ausgeführt und dieses Verhältnis in den Rahmen der Redaktionen des vorkanonischen „Neuen Testaments“ und der des späteren kanonischen Neuen Testaments gestellt. 26 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="27"?> 1 So auch S.E. Porter, When and How Was the Pauline Canon Compiled? An Assessment of Theories (2004), 97. §-2 Forschungsgeschichte zur Entstehung der paulinischen Briefsammlungen a. Die frühchristliche Tradition Die Person des Paulus als Missionar, Kirchenverfolger und Kirchengründer, Prediger, Wunderwirker und Heiliger hat die Menschen durch die Jahrhunderte hindurch weit mehr beschäftigt als die des Briefschreibers. Das Thema der Sammlung seiner Briefe geriet noch seltener in den Blick. Dies hängt insbesondere damit zusammen, dass die erste, historisch in Erscheinung tretende Sammlung seiner Briefe die *10-Briefe-Sammlung (der „*Apostolos“) ist. 1 Sie wird von den damaligen Zeitgenossen und zeitnah zu ihr auf sie Bezug nehmenden oder sie kommentierenden Autoren Markion von Sinope zugeschrieben. Aufgrund der häresiologischen Kritik, die mit Irenäus von Lyon einsetzt und sich im dritten Jahrhundert mit Tertullian von Karthago und im vierten Jahrhundert vor allem mit Epiphanius von Salamis verstärkt, geht diese Sammlung allerdings als älteste Referenzquelle zu den paulinischen Briefen verloren. An ihre Stelle setzt sich durch die häresiologische Betrach‐ tung der älteren *10-Briefe-Sammlung eine jüngere 14 Briefe umfassende Sammlung, die in die größere, von Irenäus propagierte Schriftensammlung christlicher Texte, die im dritten Jahrhundert als „Neues Testament“ bezeichnet wird, Eingang gefunden hat. Wichtiger aber als diese 14-Briefe-Sammlung und ihr angeblicher Briefschreiber Paulus werden aufgrund von Biographisie‐ rung und Hagiographisierung zunächst die zeitgleich mit dem Erscheinen der 14-Briefe-Sammlung in Schriftform zutage tretenden Akten, in denen Leben und Wirken des Paulus behandelt werden (Apostelgeschichte, Epistula Apostolorum, Akten des Paulus usw.). Wie es sich mit den verschiedentlich genannten Paulusbriefen verhält, die in der frühchristlichen Literatur erwähnt werden, die aber nicht erhalten sind (es sei denn, wie manchmal vermutet wird, sie wären in die erhaltenen Briefe integriert worden), ist unklar. Zu erwähnen sind zunächst die Stellen in den Paulusbriefen, 1Kor 5,9 („Ich habe euch in meinem Brief geschrieben, nicht mit Unzüchtigen zu verkehren“); 2Kor 2,4 („Denn aus großer Sorge und Herzensnot, unter vielen Tränen schrieb ich euch, nicht, damit ihr euch betrübt, sondern damit ihr um meine übermäßige Liebe zu euch wisst“); 7,8 („Dass ich euch aber mit meinem Brief betrübt habe, bereue ich sehr“). Auffallenderweise finden sich alle drei Verweise auf weitere, nicht erhaltene oder eindeutig <?page no="28"?> 2 Vgl. zur heutigen Beurteilung der 14 Briefe M. Harding, Disputed and Undisputed Letters of Paul (2004). 3 Zur Datierung von 2Petr in das zweite Jh., vgl. W. Grünstäudl, Ein apokryphes Petrusbild im Neuen Testament. Zur Konstruktion apostolischer Autorität in OffbPetr und 2 Petr (2019); W. Grünstäudl, Geschätzt und bezweifelt. Der zweite Petrusbrief im kanongeschichtlichen Paradigmenstreit (2018); W. Grünstäudl, Der zweite Brief des Petrus. Eine Herausforderung für tolerante Geister (2018); R. Bauckham, 2 Peter and the Apocalypse of Peter (1998); R. Bauckham, 2 Peter: An Account of Research (1988); E.E. Ring, The Meaning and Significance of 2 Peter 3: 15b-17. Dissertation (1954). 4 Vgl. Iren., Adv. Haer. V 28,4. Vgl. hierzu M. Vinzent, Writing the History of Early Christianity: From Reception to Retrospection (2019), 268. identifizierbare Briefe ausschließlich auf der kanonischen Ebene, was mögli‐ cherweise Hinweise darauf sind, dass die kanonische Redaktion durch solche Referenzierungen Raum für die zusätzlich von ihr zur *10-Briefe-Sammlung hinzugefügten Pseudopaulinen schaffen wollte. Denn bemerkenswert und für die Frage nach der Priorität der *10-Briefe-Sammlung nicht unbedeutend ist die Tatsache, dass von den 10 Briefen dieser Sammlung die 7 Parallelbriefe der kanonischen 14-Briefe-Sammlung (Röm, 1/ 2Kor, Gal, Phil, 1Thess, Phlm) heute als die genuinen Briefe des Paulus angesehen werden, während die weiteren drei Briefe der *10-Briefe-Sammlung in ihren Parallelbriefen innerhalb der kanonischen Sammlung (Eph, Kol, 2Thess) als zur Paulusschule gehörende Deuteropaulinen betrachtet werden. Gerade die vier Briefe, die ausschließlich in der 14-Briefe-Sammlung zu finden sind (die sogenannten Pastoralbriefe 1/ 2Tim; Tit und der Hebräerbrief) werden mehrheitlich von der modernen Forschung als Pseudopaulinen eingeschätzt. 2 Zu den Bemerkungen aus der kanonischen 14-Briefe-Sammlung tritt das Zeugnis von 2Petr 3,16, das von „allen Briefen“ des Paulus spricht, also offen‐ kundig bereits eine Sammlung voraussetzt - auch wenn wir gerne wüssten, wie 2Petr näher zu datieren ist. 3 Als Teil des Praxapostolos der kanonischen Sammlung, die im 3. Jh. „Neues Testament“ genannt werden wird, und zwar innerhalb der katholischen Briefe, bezieht sich die Referenz wohl am ehesten auf die 14-Briefe-Sammlung, die eben nicht nur 10, sondern „alle Briefe“, nämlich 14, enthält. Während die vermutlich vor der Mitte des 2. Jh. entstandene 3-Briefe-Sammlung des Ignatius noch keinen Bezug auf die Briefe des Paulus nimmt, findet sich in IgnEph 12,2 in der in der Zeit des Irenäus entstandenen 7-Briefe-Sammlung des Ignatius der Hinweis auf „alle Briefe“ des Paulus, also eine Parallele zu 2Petr 3,16. Dieser Hinweis deutet darauf hin, dass auch die 7-Briefe-Sammlung des Ignatius eine Stütze der kanonischen paulinischen Sammlung darstellt, was wiederum erklären würde, warum Irenäus auf Ignatius („einen von uns“) Bezug nimmt, auch wenn er seinen Namen verschweigt. 4 Auch 28 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="29"?> 5 Vgl. weiter unten §-13 a. 6 Zu den Paulusbriefen bei Irenäus, vgl. R. Noormann, Irenäus als Paulusinterpret. Zur Rezeption und Wirkung der paulinischen und deuteropaulinischen Briefe im Werk des Irenäus von Lyon (1994); M. Harding, Disputed and Undisputed Letters of Paul (2004). 7 Vgl. die Liste der Briefbezugnahmen in Iren., Adv. Haer. III in M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2.-Jahrhundert (2022), 79. Polykarp von Smyrna erwähnt in seinem Brief an die Philipper (PolPhil 3,2) den an seine Adressaten gerichteten „Brief “ des Paulus. Da er zugleich mitteilt, Paulus sei selbst bei den Philippern gewesen und hätte sie in persönlicher Präsenz gelehrt, kann sich Polykarp nur auf die kanonische Form des Phil bzw. auf Apg 16,11-40 berufen. In der Abfassung nicht genau bestimmt ist 1Klem, der davon zu berichten weiß, dass Paulus einen Brief an seine Adressaten in Korinth verfasst hatte (1Klem 47,1-3). Da er an dieser Stelle ausdrücklich auf Apollos zu sprechen kommt, liegt wiederum ein Bezug zur kanonischen 14-Briefe-Sammlung vor, da sich dieser Name nur in ihr findet. Ob und wie Autoren aus der Zeit vor Irenäus in ihren Schriften auf paulini‐ sches Gut verweisen, wird weiter unten näher beleuchtet. 5 Paulus wird in den Rahmen der apostolischen Zeit ein- und oft den übrigen Aposteln nachgeordnet. Dies lässt sich bereits an dem Propagandisten der 14-Briefe-Sammlung, Irenäus von Lyon, ablesen. 6 Zu Eingang von Buch III seines Werkes „Adversus Haereses“, in welchem er seine Sammlung christlicher Schriften vorstellt, führt er noch vor den vier Evangelien des Matthäus, Lukas, Markus und Johannes die Person des Paulus durch Bezug auf den Ersten Thessalonicherbrief und den Brief an Titus ein. Allerdings kommt er nach den Evangelien zunächst auf die Apostelgeschichte zu sprechen, bevor er zu den Briefen des Paulus zurückkehrt, indem er der Apostelgeschichte den Römerbrief, den Ersten Korintherbrief, den Galaterbrief, den Kolosserbrief, den Zweiten Brief an Timotheus und den Epheserbrief folgen lässt. Bevor er den weiteren Paulusbrief an die Philipper und dessen Ersten Brief an Timotheus und den Brief an die Hebräer anführt, berücksichtigt er die Briefe des Petrus, des Jakobus und den Ersten und Zweiten Brief des Johannes. 7 Aus der Darlegung des Irenäus ergibt sich, wie eng Paulus in den apostolischen Rahmen gestellt und seine Briefe zu denen anderer Apostel gezählt werden. Von größerer Bedeutung ist jedoch, dass zum einen der gegenüber der *10-Briefe-Sammlung neue Brief an Titus überhaupt mit in die Eröffnung der Briefe des Paulus genommen wurde und die Apostelgeschichte als Vorspann für die Betrachtung der übrigen Paulus‐ briefe gewählt wurde. Irenäus stellt nicht nur einen Sammlungszusammenhang mit Briefen anderer vermeintlicher Briefschreiber der apostolischen Zeit, des Jakobus, des Petrus, des Johannes her, er verdeutlicht, dass die Paulusbriefe im §-2 Forschungsgeschichte zur Entstehung der paulinischen Briefsammlungen 29 <?page no="30"?> 8 Vgl. hierzu weiter M. Vinzent, Offener Anfang. Die Entstehung des Christentums im 2.-Jahrhundert (2019), 173-205. Verbund mit den sogenannten Pastoralbriefen (Titus, 1/ 2Tit) und dem Hebräer‐ brief zu lesen sind, vier Briefe, die der *10-Briefe-Sammlung hinzugewachsen sind, und dass alle Paulusbriefe durch die Brille der Apostelgeschichte gelesen werden sollen. In Konsequenz dieser ersten Vorstellung der neuen, größeren Sammlung findet sich in unseren ältesten großen Handschriftenkodizes neutestamentlicher Schriften des vierten und fünften Jahrhunderts ein fester Sammlungsverbund der Apostelgeschichte mit den sogenannten Katholischen Briefen (1/ 2Petr, Jak, 1-3Joh, Jud), welcher bald Praxapostolos genannt wird und der in zwei dieser Kodizes, dem Codex Alexandrinus und dem Codex Vaticanus, nach den vier Evangelien den Paulusbriefen sogar vorangestellt ist. 8 Jetzt wurde in materialer Hinsicht umgesetzt, was Irenäus inszeniert hatte - eine Begegnung mit Paulus und seiner missionarischen, wunderwirkenden Biographie, die derjenigen der Apostel folgte, welche zunächst durch die Evangelien und die Apostelgeschichte vorgestellt wurden: „Petrus und Johannes, Jakobus und Andreas, Philippus und Thomas, Bartholomäus und Matthäus, Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Simon, der Zelot, sowie Judas, der Sohn des Jakobus“ (Apg 1,13). Auch der diesen Aposteln gegenüber geringere Rang des Paulus, der den leiblichen Herrn nie gesehen hatte, sondern der ihm der Apostelgeschichte (und der Beschreibung des Paulus in Gal 1 und 2Kor 12) zufolge nur durch eine Offenbarung begegnet war, wurde durch die Apostelgeschichte gleich zu Beginn dokumentiert. Als Nachfolger des Verräters Judas soll, wie Petrus ausführt, „der Kreis“ von „hundertzwanzig“ Brüdern nur „einen von den Männern“ wählen, der „mit uns zusammen war in der ganzen Zeit, als der Herr Jesus unter uns aus und ein ging, von der Taufe des Johannes angefangen bis zu dem Tag, an dem er von uns hinaufgenommen wurde, - einer von diesen muss mit uns Zeuge seiner Auferstehung sein“ (Apg 1,21-22). Diese Auswahlkriterien disqualifizierten allerdings Paulus. Aber auch mit Blick auf die „Zeichen und Wunder“ wird Paulus von der Apos‐ telgeschichte lediglich als Nachfolger der Auferstehungszeugen gezeichnet. Pe‐ trus ist der erste große Prediger in der Apostelgeschichte (Apg 1-2), Petrus „und die übrigen Apostel“ sind die ersten Missionare, Wunder- und Zeichenwirker (Apg 2), Petrus und Johannes diejenigen, die - wie Jesus - einen Gelähmten heilen und wie der Täufer zur Buße aufrufen (Apg 3). Dass wir es bei der Apostelgeschichte nicht nur mit einer höchst zweideutigen Behandlung des Paulus zu tun haben, in welcher dessen Briefe nicht erwähnt 30 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="31"?> 9 Übersetzung von H. Duensing, Epistula apostolorum nach dem äthiopischen und koptischen Texte (1925), 26-28, leicht verändert. Vgl. hierzu M. Vinzent, Offener Anfang. Die Entstehung des Christentums im 2.-Jahrhundert (2019), 211-214. werden und er den genannten Aposteln nachgeordnet wird, sondern auch mit den Anfängen der Biographisierung und Hagiographisierung des Paulus, lässt sich auch an weiteren, ähnlichen Versuchen frühchristlicher Schriften ablesen, die sich mit Paulus beschäftigen. So existiert ein „Brief der Apostel“, die sogenannte „Epistula Apostolorum“, in welcher die Autorität der verbliebenen Elf Apostel gegenüber Paulus noch geschärft wird: Schon der Titel der Schrift macht das Gewicht des einen Briefes der Apostel gegenüber den vielen Briefen eines einzigen Mannes, Paulus, deutlich. In diesem Text heißt es dann von Paulus: „‚Und siehe, ihr werdet einen Mann treffen, dessen Name Saul ist, das bedeutet verdolmetscht Paulus. Er ist Jude, beschnitten nach der Vorschrift des Gesetzes, und er wird meine Stimme vom Himmel hören mit Schrecken, Furcht und Zittern; und seine Augen werden verfinstert und durch eure Hand mit Speichel bekreuzt werden. Und alles tut ihm, wie ich euch getan habe. … Und er wird stark werden im Volk und wird predigen und lehren, und viele werden ergötzt werden, wenn sie (ihn) hören, und werden gerettet werden. Darauf wird man ihn hassen und in die Hand seines Feindes ausliefern, und er wird vor sterblichen (und vergänglichen) Königen bekennen, und das Ende des Bekenntnisses zu mir wird über ihn kommen; dafür, dass er mich verfolgt und gehasst hatte, wird er sich zu mir bekehren und predigen und lehren, und er wird unter meinen Auserwählten sein ein auserwähltes Rüstzeug und eine Mauer, die nicht fällt. Der Letzte der Letzten wird Prediger für die Heiden werden. … Ich bin es, der durch euch (zu ihm) redet. … Jenen Mann aber werde ich abwenden, dass er nicht hingeht und den bösen Plan vollbringt, und durch ihn wird Ehre meines Vaters eintreten. Denn nachdem ich fortgegangen bin und bei meinem Vater weile, werde ich vom Himmel her mit ihm reden und es wird alles geschehen, wie ich es euch über ihn vorhergesagt habe.‘“ (EpAp 31-33) 9 Die bereits in der Apostelgeschichte sich ausdrückende Unterordnung des Paulus unter die Apostel und die gemischte Botschaft zu seiner Person werden durch die „Epistula Apostolorum“ noch verstärkt. Paulus ist ein jüdischer, beschnittener gefährlicher Mann, der nur den bösen Plan der Verfolgung nicht ausführt, weil der Herr selbst zu ihm vom Himmel herab spricht. Doch der „Letzte der Letzten“ kann nur ein starker Prediger werden, indem der Herr durch die Apostel zu ihm redet. Auch in dieser Schrift ist von Paulus, dem Brief‐ schreiber, nicht die Rede. Ebensowenig ist Paulus im manichäischen Psalmbuch, §-2 Forschungsgeschichte zur Entstehung der paulinischen Briefsammlungen 31 <?page no="32"?> 10 Vgl. hierzu den Text mit Erläuterungen: M. Vinzent, Offener Anfang. Die Entstehung des Christentums im 2.-Jahrhundert (2019), 214-219. 11 Vgl. die Paulusakten in der Übersetzung von R. Kasser, NTApo 6 II (1990), 242; vgl. T. Nicklas, Die Akten des Paulus und der Thekla als biographische Paulusrezeption (2018). 12 Vgl. hierzu M. Vinzent, Offener Anfang. Die Entstehung des Christentums im 2. Jahr‐ hundert (2019), 221-228. 13 Vgl. hierzu ibid. 52-58. 14 Vgl. Apg 13,9: Σαῦλος δέ, ὁ καὶ Παῦλος („Saulus, der auch Paulus heißt“); dass „Saulus“ eine literarische Kreation des Verfassers der Apostelgeschichte ist, schlägt vor M. Kochenash, Better Call Paul ‚Saul‘: Literary Models and a Lukan Innovation (2019). Vgl. zu Saulus K. Löning, Die Saulustradition in der Apostelgeschichte (1973). Vgl. auch P. Vielhauer, Aufsätze zum Neuen Testament (1965), 9-27; E. Dassmann, Der Stachel im Fleisch. Paulus in der frühchristlichen Literatur bis Irenäus (1979), 23-34. das auf verschiedenen Apostelakten basiert, ein Briefschreiber, sondern der von großem Zorn Verfolgte, einer, der nicht ermüdet. 10 In den sogenannten Paulusakten, in denen die Brieftätigkeit des Paulus wieder eine Rolle spielt - es liegt diesen Akten die 14-Briefe-Sammlung mit den Pastoralbriefen und ebenfalls die Apostelgeschichte zugrunde -, wird Paulus allerdings noch drastischer als in der „Epistula Apostolorum“ den Aposteln nachgeordnet: Hier ist es der Herrenbruder Judas, der Paulus zu seiner Einfüh‐ rung in den Kreis der Brüder bringt und ihn dazu treibt, zu den Brüdern zu sprechen. 11 Doch nicht die in der *10- oder 14-Briefe-Sammlung sich findenden Briefe des Paulus sind das Herzstück der Akten, sondern ein Dritter Brief an die Korinther spielt die zentrale Rolle, mit der sich Paulus ausdrücklich den Apos‐ teln unterstellt und seinen Gegnern ein Fälschen der Herrenworte ankreidet, während dieser Brief vehement eine asketische Weltsicht unterstreicht. 12 Noch auf einen anderen Schriftkomplex könnte man verweisen, der wie‐ derum Paulus als Briefschreiber in den Mittelpunkt stellt - es ist der „Brief‐ wechsel zwischen Paulus und Seneca“. Doch wie der Titel schon sagt, werden erneut nicht die Briefe der *10- oder 14-Briefe-Sammlung herausgestellt, son‐ dern ein anderes Briefkorpus, das den moralisch-philosophischen Märtyrer Paulus mit dem „zwei Jahre“ vor diesem „von Nero getöteten“ Stoiker im Austausch zeigt. 13 Leicht ist aus dieser Entwicklung zu erkennen, dass der vom Saulus zum Paulus Bekehrte der Apostelgeschichte des kanonischen Neuen Testaments, 14 und, wie die bildende Kunst durch die Jahrhunderte zeigt, der große Heiden‐ missionar und Heilige wirksam geworden ist, nicht der Verfasser von 10 oder 14 Briefen. Wie den Namenswandel, der in keinem der 14 Briefe zu finden ist, bietet der Verfasser der Apostelgeschichte weitere Informationen über Gestalt und Leben des Paulus, die man ausschließlich der Apostelgeschichte entnehmen 32 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="33"?> 15 Vgl. abweichende Positionen zu dem, was folgt: J.A. Libby, The Pauline Canon Sung in a Linguistic Key: Visualizing New Testament Text Proximity by Linguistic Structure, System, and Strata (2016), 125-126. 16 Sammlungseinheit bestreitet nicht Differenzen zwischen den einzelnen Briefen 1/ 2Tim und Tit, die es zweifellos gibt; Veit-Engelmann spricht trotz ihrer Kritik an der Vor‐ stellung der „unzertrennlichen Drillinge“ von „unleugbaren Gemeinsamkeiten“, so M. Veit-Engelmann, Unzertrennliche Drillinge? Motivsemantische Untersuchungen zum literarischen Verhältnis der Pastoralbriefe (2012), 2. Dass man die Briefe dennoch nicht nur auf ihre Gemeinsamkeiten hin lesen darf, wurde auch schon vielfach herausgestellt, auch wenn die drei Briefe in überlieferungsgeschichtlicher Hinsicht zumindest auf der Ebene der Zusammenstellung gemeinsam betrachtet werden, vgl. zur Kritik an einem Corpus pastorale, J. Herzer and J. Quenstedt, Die Pastoralbriefe und das Vermächtnis des Paulus. Studien zu den Briefen an Timotheus und Titus (2022); S. Butticaz, The Pastoral Epistles (2022); M. Veit-Engelmann, Unzertrennliche Drillinge? Motivseman‐ tische Untersuchungen zum literarischen Verhältnis der Pastoralbriefe (2012); J. Herzer, Abschied vom Konsens? Die Pseudepigraphie der Pastoralbriefe als Herausforderung an die neutestamentliche Wissenschaft (2004). Gerade die Sonderstellung von 2Tim wird zurecht herausgestellt von D.L. Eastman, Death (2022), 251-252. kann und die keine Anhaltspunkte innerhalb der Paulusbriefe besitzen. Auf sie wird weiter unten im Detail näher einzugehen sein. Zunächst jedoch ist festzuhalten, was längst bereits allgemein bekanntes Wissen in der Forschung darstellt und inzwischen bis in die Schulbücher und ins Abiturwissen gelangt ist: Nicht alle der 14 Briefe, die wir im Neuen Testament finden, geben vor, von Paulus verfasst zu sein. 15 Der Hebräerbrief etwa besitzt überhaupt keine Verfasserangabe und war auch wegen des besonders guten Griechischstils, den der Brief aufweist, bereits im frühen Christentum dem Paulus abgesprochen und paulusnahen Personen zugeschrieben worden. Dass dieser Brief dem Paulus zugeschrieben wurde, ergibt sich aus dem Einschluss desselben in die 14-Briefe-Sammlung. Dann besitzen wir eine Reihe von Paulus‐ briefen, die in der modernen Forschung mehrheitlich als Deuteropaulinen einer späteren Paulusschule, nicht aber Paulus selbst zugeordnet werden: Zunächst sind es die beiden eng miteinander verwandten Stücke des Kolosserbriefes und des Epheserbriefes, umstritten in der paulinischen Autorschaft ist auch der 2. Thessalonicherbrief. Eine eigene Sammlungseinheit, 16 die ebenfalls dem Paulus abgesprochen wird, sind die bereits erwähnten sogenannten Pastoralbriefe, der 1. und 2. Timotheusbrief und der Titusbrief. Dann weisen, im Unterschied zur *10-Briefe-Sammlung, viele Briefe der 14-Briefe-Sammlung eine Koautorschaft auf. Paulus hat Timotheus als Koautor nach den Eröffnungen von 2Kor 1,1; Phil 1,1; 1/ 2Thess 1,1 (vor Timotheus noch Silvanus) und Phlm 1,1; Kol 1,1, auch wenn Timotheus an keiner Stelle als „Apostel“ bezeichnet wird. In Gal 1,1 werden Paulus „alle Brüder“ zur Seite gestellt. Noch gewichtiger wird die Stellung des Timotheus durch dessen §-2 Forschungsgeschichte zur Entstehung der paulinischen Briefsammlungen 33 <?page no="34"?> 17 Smith nennt die Notiz „überraschend und verwirrend“ („surprising and confusing“), W.B. Smith, Unto Romans: XV. and XVI. (1901), 150. In der Handschrift Brit. Mus., Add. 28107 vom Jahr 1097 wurde dann Tertius auch schlichtweg durch Paulus ersetzt: Salutatio timothei et caeterorum etiam et ipsius pauli qui epistolam in domino se scripsisse dicit, vgl. hierzu W.B. Smith, Unto Romans: XV. and XVI (1902). 18 Vgl. zu Retroprojektion, Relektüre, Interpolation und Zusammenführen von Texten in Sammlungen, insbesondere, was die paulinischen Briefe betrifft, den höchst an‐ spruchsvollen und innovativen Beitrag von W. Arnal, The Collection and Synthesis of „Tradition“ and the Second-Century Invention of Christianity (2011). 19 Vgl. hierzu M. Vinzent, Writing the History of Early Christianity: From Reception to Retrospection (2019), 266-463. 20 Dass diese erstaunlich gering ausfällt im Vergleich zur theologischen Forschung zu Paulus, wurde kürzlich betont und dargelegt von R.S. Schellenberg and H. Wendt, Introduction (2022); E.-M. Becker, Person, Character, Self (2022). zweimalige Adressierung in den Pastoralbriefen und die ihm dadurch einge‐ räumte besondere Beziehung zu Paulus. Ergänzendes findet sich in der Apos‐ telgeschichte (Apg 16,1-3; 17-20) und im letzten Kapitel des Römerbriefs (Röm 16,21), womit Timotheus auch zu einem Mitgrüßenden des Paulus wird. Vom Römerbrief wird Röm 16,22 gesagt, Tertius sei „der Schreiber dieses Briefes“, so dass man schon vielfach über den Einfluss des Tertius auf den Römerbrief gerätselt hat. 17 Dies alles beschränkt in der 14-Briefe-Sammlung die alleinige Autorschaft des Paulus. Nun stellt sich die Frage: Wenn die Briefsammlung des Paulus von 10 Briefen auf 14 erweitert wurde (und später gar noch weitere Briefe wie der Dritte Korintherbrief unter seinen Namen gestellt wurden), wurden die zusätz‐ lichen Briefe einfach den existierenden zehn Briefen hinzugefügt oder wurden diese an die neuen, späteren Briefe innerhalb der kanonischen Sammlungen angepasst? Folgt man dem unten Teil II vorangesetzten Zitat von Shils, so bedeutet alleine schon die Tatsache, dass existierenden Werken weitere Werke hinzugesetzt werden, eine Veränderung des zuvor Existierenden, weil dieses in einem neuen Licht gelesen wird. 18 Dass eine solche Neulektüre jedoch auch mit einem Erfinden oder Neuschreiben von Briefen einherging, lehrt uns bereits die vergleichbare Briefsammlung des Ignatius von Antiochien im Laufe ihrer Entwicklung. 19 b. Die moderne Forschung Folgt man der gegenwärtigen historischen Paulusforschung, 20 wird das Bild des Paulus entgegen der dargelegten Tradition der frühen Kirche primär aus den sieben Briefen erhoben, 21 die ihm als authentische Briefe 22 oder zumindest als weniger inauthentische Briefe als andere 23 zugeschrieben werden, und zwar in 34 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="35"?> 21 Vgl. L.E. Vaage, The Corpus Paulinum (2022). Vaage schreibt jedoch kritisch: „When it comes to describing the historical Paul, scholars in exegtical practice still seem to operate on the assumption that with the latest critical edition of (at least a certain number of) the canonical books traditionally ascribed to Paul’s name we are reading basically what the man himself first wrote. Nothing could be more ahistorical than this assumption“ (ibid. 10). Die historiographische Bedeutung der Entscheidung, welche Briefe für authentisch und damit oft historisch verlässlich gehalten werden, wird hervorgehoben von B.L. White, The Pauline Tradition (2022), 41. 22 „Die authentischen Briefe des Paulus“, in F.W. Horn, Ed. Paulus Handbuch (2013), 165-227. 23 So die vorsichtige Redeweise in L.E. Vaage, The Corpus Paulinum (2022), 18. 24 Vgl. etwa die gesammelten Beiträge zu Paulus von O. Wischmeyer, Paulus. Beiträge zu einer intellektuellen Biographie. Gesammelte Aufsätze Band II (2022). Man nehme etwa die sich steigernden Kalamitäten, in die Paulus gerät, und die Vaage aufzählt nach den Stellen 1Thess 2,2. 17-18; Phil 1,20-21; Röm 15,23, zu diesen kann man mit Fredrickson hinzunehmen 2Kor 1-7; Röm 5,1-11; 8,18-39 - bis auf 2Kor (dort auch die drastischeren Beispiele, inklusive dem sogenannten Brief der Tränen), Stellen, die nur im kanonischen Paulus begegnen, vgl. L.E. Vaage, The Corpus Paulinum (2022), 19-20. Zur Funktion, dass eine Verfasser von den Widerständen im Leben berichtet, vgl. D.E. Fredrickson, Paul, Hardships, and Suffering (2016). 25 Vgl. etwa U. Schnelle, Paulus. Leben und Denken (2013). Vaage hingegen empfiehlt für eine historische Annäherung an Paulus, die Apostelgeschichte zu „vergessen“, „keep it in a kind of medically induced coma, for the sake of recovering historiographical health“, L.E. Vaage, The Corpus Paulinum (2022), 13. der Form, in der sie uns im kanonischen Neuen Testament begegnen. 24 Stützend hierzu, wenn auch nicht unkritisch, werden die Informationen gelesen, die uns die kanonische Apostelgeschichte zu seinem Leben und Wirken bietet. 25 Ferner wird zurate gezogen, was die pseudopaulinische Literatur bietet, insbesondere, um das Fortwirken des Paulus besser greifen zu können. Um dieses zu fassen, wird auch die weitere kanonische Briefliteratur und außerkanonisches Material hinzugenommen, inklusive den sogenannten Apostolischen Vätern und wei‐ terer Literatur des zweiten Jahrhunderts und späterer Jahrhunderte. Außerhalb christlicher Quellen sind Angaben zu Paulus selten, wenn es auch einige Zeugnisse gibt, die seine historische Persönlichkeit wahrscheinlich machen. Bei alledem fällt auf, dass es eine Differenz gibt in der Beurteilung des Verhältnisses der von Markion bezeugten Sammlung paulinischer Briefe und der durch das kanonische Neue Testament bewahrten Sammlung im Vergleich zu der Verhältnisbeschreibung von Markions Evangelium und dessen Beziehung zu den kanonischen Evangelien. Im Fall der Evangelien meinte man bereits früh, „ohne die Annahme weiterer Quellen nicht auszukommen: Von Gustav Volckmar bis Andrew Gregory wird für das Verhältnis zwischen dem marcio‐ nitischen Evangelium und Lk eine weitere, unbekannte Fassung angenommen - sei es, dass beide auf eine gemeinsame Quelle zurückgehen, sei es, dass §-2 Forschungsgeschichte zur Entstehung der paulinischen Briefsammlungen 35 <?page no="36"?> 26 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band-1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 23. 27 Ibid. 410-411. 28 Ibid. 410. Das Argument mag man bestreiten, denn der Verfasser könnte auch an Legionen in anderen Gegenden gedacht haben. 29 Ibid. 411. ein Bearbeitungsschritt zwischen ihnen liegt“. 26 Klinghardts Untersuchung zu *Ev hatte zwar zum Ergebnis, dass er auf eine solche vorausliegende Quelle verzichtete und *Ev selbst, wie der Titel seiner Publikation anzeigt, als das „älteste Evangelium“ erwies, allerdings postulierte er für dieses, dass es das Produkt eines Anonymus sei und dieser den Anfang des Evangeliengenres schuf. Was die Datierung von *Ev betrifft, verweist Klinghardt auf die Zerstörung des Tempels von Jerusalem, auf die *Ev bereits zurückblicke (*Ev 21,5-6. 20). 27 Hinzu komme, dass mit der Geschichte von den Legions-Dämonen von Gerasa (*Ev 8,26-37) eine Datierung „vor Ende der 80er Jahre … gar nicht denkbar“ sei, weil für Gerasa „erst nach dem Jüdischen Krieg … in Palästina und seinem weiteren Umland eine römische Militärpräsenz von Kerntruppen …, also von Legionären (auf die der Name des Dämons verweist) und nicht von berittenen Hilfstruppen, die von den Bundesgenossen gestellt wurden“, bekannt ist. 28 Aus diesen und weiteren Überlegungen kommt Klinghardt auf den Zeitrahmen der Jahre 90 bis 150 n.-Chr. für die Entstehung der vorkanonischen Evangelien. 29 Im Unterschied zur Diskussion des Verhältnisses von *Ev und den kano‐ nischen Evangelien gewann, was das Verhältnis von Markions Sammlung paulinischer Briefe und den paulinischen Briefen des kanonischen Neuen Testaments betrifft, das Narrativ, wonach beiden Sammlungen womöglich eine gemeinsame ältere Sammlung von Briefen des Paulus vorausliege, aus denen sich deren Nutzer bedient oder genährt hätten, keine durchschlagende Kraft. Das lässt sich unbeschadet der später auszuführenden Hypothesen behaupten, die von einer von Paulus selbst zusammengestellten Erstsammlung seiner Briefe oder von bald nach seinem Tod entstandenen Briefsammlungen ausgehen. Weithin Standard blieb die Vorstellung, dass zumindest mit den in der kriti‐ schen Forschung als authentisch angesehenen Paulusbriefen (Röm, 1/ 2Kor, Gal, 1Thess, Phil, Phlm), auch wenn manche Forschermeinung einige dieser Briefe als Kombinationen älterer, eigenständiger Briefe fasste, der Grundstock des schriftlichen Werks des Paulus zu greifen war. Dies stützte die apologetische Position der Zeit nach Irenäus bis ins 21. Jahrhundert, wonach die Sammlung des Markion, wie Irenäus urteilte, eine unvollständige sei, die zudem zum Teil heillos verstümmelte Paulusbriefe besaß. In der weiteren Forschungsgeschichte 36 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="37"?> 30 Einen Überblick über die jüngste Paulusforschung gibt M.J. Smith, Paul in the Twenty-First Century (2013). 31 Einzelne Ausnahmen werden im Folgenden diskutiert, zu erwähnen sind ebenfalls A.v. Harnack, Die Briefsammlung des Apostels Paulus und die anderen vorkonstan‐ tinischen christlichen Briefsammlungen. Sechs Vorlesungen aus der altkirchlichen Literaturgeschichte (1926); H.Y. Gamble, The New Testament Canon. Its Making and Meaning (1992); B. Nongbri, Pauline Letter Manuscripts (2013); G. Fewster, Archiving Paul. Manuscripts, Religion, and the Editorial Shaping of Ancient Letter Collections (2016); E.W. Scherbenske, Canonizing Paul. Ancient Editorial Practice and the Corpus Paulinum (2013); B. Nongbri, The Manuscript Tradition (2022). 32 Vgl. B. Nongbri, Pauline Letter Manuscripts (2013), 85-86; A. Standhartinger, Der Philipperbrief und die Entstehung der Paulusbriefsammlung (2021), 447. Vgl. bereits J. Murphy-O’Connor, Paul the letter-writer. His world, his options, his skills (1995), 114. 33 „To talk about the surviving manuscripts of Paul’s letters is to talk about collections of Paul’s letters“, B. Nongbri, The Manuscript Tradition (2022), 55. 34 Es ist rätselhaft, wie Tertullians Kommentar zu den Paulusbriefen übergangen werden konnte und gesagt werden kann, die Kommentare der Kirchenväter zum Corpus Paulinum hätten „angefangen“ mit „Origenes“, und „der älteste lateinische Kommentar zu den Paulusbriefen wurde von einem unbekannten Autor … zwischen 366 und 378 in Rom verfasst“, so selbst der sonst von mir sehr geschätzte P. Arzt-Grabner, A. II. Das Corpus Paulinum (2013), 9. 35 Vgl. D. Trobisch, War Paulus verheiratet? Und andere offene Fragen der Paulusexegese (2011); D. Trobisch, Die Paulusbriefe und die Anfänge der christlichen Publizistik (2010); D. Trobisch, Die Paulusbriefe und die Anfänge der christlichen Publizistik (1994); D. Trobisch, Die Entstehung der Paulusbriefsammlung: Studien zu den Anfängen christ‐ licher Publizistik (1989); A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020); T. Flemming, Die Textgeschichte des Epheserbriefes. Marcion änderte nichts: Eine grundlegend neue Perspektive auf den Laodicenerbrief (2022); U. Schmid, Das marcionitische Evangelium und die (Text-)Über‐ werden ältere Sichtweisen und Bemühungen um die Paulusbriefsammlung(en) im Detail näher vorgestellt. So wenig in der Forschung bislang das Neue Testament und seine Teilsamm‐ lungen als Sammlungen betrachtet wurden, so selten hat man die Briefsamm‐ lung(en) des Paulus 30 als solche betrachtet. 31 Das ist erstaunlich, da uns kein einziger Paulusbrief bislang einzeln überliefert wurde, sondern ausschließlich in Sammlungszusammenhängen. 32 „Über die erhaltenen Handschriften paulini‐ scher Briefe zu sprechen, heißt, über Briefsammlungen der Briefe des Paulus zu sprechen“. 33 Der älteste Kommentar zu den paulinischen Briefen, wie er in Buch V von Tertullians Adversus Marcionem vorliegt, kommentiert bereits die Briefe als Sammlung, und zwar im Zuschnitt der *10-Briefe-Sammlung des Markion von Sinope. 34 Die entscheidenden Hinweise für eine Beschäftigung mit den Paulusbriefen als Sammlung hat David Trobisch gegeben, die vor allem im Umfeld von Matthias Klinghardt aufgegriffen wurden, 35 obwohl bereits Adolf von Harnack §-2 Forschungsgeschichte zur Entstehung der paulinischen Briefsammlungen 37 <?page no="38"?> lieferung der Evangelien (2017), 94-95; U. Schmid, Marcion and the Textual History of Romans: Editorial Activity and Early Editions of the New Testament (2013), 99; J. Murphy-O’Connor, Paul the Letter-writer. His world, his Options, his Skills (1995), 114-130. Das bedeutet nicht, dass man nicht die Frage nach Umfang und Zuschnitt der Sammlung bzw. die andere nach Vorgängern zur Sammlung und deren Geschichte gestellt hätte, vgl. etwa W. Schmithals, Zur Abfassung und ältesten Sammlung der pau‐ linischen Hauptbriefe (1965). Vgl. auch T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, 1, 1-2 Das Neue Testament vor Origenes (1888); A. Deissmann, Bibelstudien Beiträge, zumeist aus den Papyri und Inschriften, zur Geschichte der Sprache, des Schrifttums und der Religion des hellenistischen Judentums und des Urchristentums (1895); W. Hartke, Die Sammlung und die ältesten Ausgaben der Paulusbriefe (1917); P.L. Couchoud, The First Edition of the Paulina. Translated by Frans-Joris Fabri and Michael Conley (2002 (1928)); H. Lietzmann, Einführung in die Textgeschichte der Paulusbriefe: An die Römer ([1906] 1971); E.J. Goodspeed, New Solutions of New Nestament Problems (1927); E.J. Goodspeed, The Meaning of Ephesians (1933). 36 A.v. Harnack, Die Briefsammlung des Apostels Paulus und die anderen vorkonstan‐ tinischen christlichen Briefsammlungen. Sechs Vorlesungen aus der altkirchlichen Literaturgeschichte (1926), 24. Ausnahmen sind mit Nennung älterer Literatur W. Schmithals, Paulus und die Gnostiker. Untersuchungen zu den kleinen Paulusbriefen (1965), 185-200; E.W. Scherbenske, Canonizing Paul. Ancient Editorial Practice and the Corpus Paulinum (2013). (1851-1930) im frühen 20. Jh. einen ersten Anlauf zur Gattungsuntersu‐ chung „der einflußreichsten Briefsammlung der Weltgeschichte“ unternommen hatte. 36 Während ich in Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2.-Jahrhundert aus dem Jahr 2022 auf die Sammlung des Neuen Testaments und am ausführlichsten auf die der Evangelien eingegangen bin, hatte ich bereits auf die hier nun vorliegende Studie verwiesen und für ein vertieftes Verständnis der ältesten paulinischen Briefsammlung geworben, und zwar sowohl, was die Untersuchung ihrer Entstehung als auch ihrer inhaltlichen Ausrichtung betrifft. Denn mir wurde bereits beim Schreiben des genannten Buches und seines Vorgängers Offener Anfang. Die Entstehung des Christentums im 2. Jahrhundert aus dem Jahr 2019 klar, dass erst eine gründliche Studie und Rekonstruktion des griechischen Textes dieser Briefsammlung weitere Aufschlüsse zum Verstehen der frühen Geschichte des Christentums und seiner Schriften geben könne. Auch wenn ich mich im Folgenden bisweilen einzelnen Briefen zuwende, soll der Blick immer auf die Sammlung als ganze gerichtet sein - und es wird sich gegen Ende der Einleitung zeigen, dass dies auch die Erweiterung des Sichtfeldes von der Sammlung paulinischer Briefe auf die größere Sammlung des Neuen Testaments bedeutet. Erst aus diesen Sammlungszusammenhängen lassen sich Teilsammlungen und innerhalb derer ihre Einzelschriften deuten. Eine solche sammlungsorientierte inhaltliche Betrachtung erscheint trotz der weit über alle 38 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="39"?> 37 T. Zahn, Einleitung in das Neue Testament (1906), 109. 38 Einen Überblick geben E.R. Richards, The Codex and the Early Collection of Paul’s Letters (1998); A.G. Patzia, The Making of the New Testament. Origin, Collection, Text & Canon (1995), 80-88. Patzia rechnet mit zwei verschiedenen Positionen, die ältere Theorie, die mit einem „langsamen Ausfließen“ („slow ooze“) der Briefe rechnet, und die jüngere, die mit einem „Big Bang“ rechnet (so ibid. 151). Dieselbe Vereinfachung findet sich bei A. Standhartinger, Der Philipperbrief und die Entstehung der Paulus‐ briefsammlung (2021), 448-455. Kritik an den Hypothesen übt J. Schröter, Sammlungen der Paulusbriefe und die Entstehung des neutestamentlichen Kanons (2018). Es fällt auf, dass P. Vielhauer auf Paulusbriefsammlungen nur kurz im Zusammenhang mit Markion eingeht („Markion war offenbar der erste, der systematisch eine vollständige Sammlung, ein Corpus Paulinum, geschaffen hat“), er rechnet aber auch mit mehreren „Sammlungen verschiedenen Umfangs“, die zur Zeit Markions „im Umlauf gewesen zu sein“ scheinen, P. Vielhauer, Geschichte der urchristlichen Literatur. Einleitung in das Neue Testament, die Apokryphen und die Apostolischen Väter (1975), 784. Ähnliches liest man bei I. Broer, der ebenfalls nur im Zusammenhang mit Markion auf die paulinische Briefsammlung zu sprechen kommt, allerdings aufgrund von 1Klem 47 von zirkulierenden Briefen im Ausgang des ersten Jahrhunderts spricht, I. Broer and H.-U. Weidemann, Einleitung in das Neue Testament (2016), 290-291. Ausführlicher mit einem Exkurs 3 „Die Sammlung der Paulusbriefe und das Werden des Kanons“, in U. Schnelle, Einleitung in das Neue Testament (2023), 507-528. 39 Gamble nennt sie die Hypothese, die mit einem „Schneeball“ vergleichbar sei, H.Y. Gamble, The New Testament Canon. Its Making and Meaning (1992). In neuerer Zeit begegnet sie als Möglichkeit formuliert etwa in I.J. Elmer, The Pauline Letters as Community Documents (2015). Gleichwohl und trotz der „inherent plausibility“, spricht Lesehorizonte hinausgehenden Fülle von Arbeiten zum Neuen Testament, auch zu Paulus, ein innovativer und vielversprechender Ansatz zu sein. Wenn man sich in der Vergangenheit mit den paulinischen Briefen im Sammlungszusammenhang beschäftigt hat, galt das Interesse am ehesten der Genese der 14-Briefe-Sammlung des Paulus, wie wir sie im kanonischen Neuen Testament vorfinden (je nachdem, ob man den Hebräerbrief mit hinzurechnet oder nicht, müsste man eigentlich von einer 14- oder 13-Briefe-Sammlung sprechen). Bereits der berühmte Erforscher des Neuen Testaments und der Patristik, Theodor Zahn (1838-1933), hatte auf die „mancherlei“ abweichenden Urteile seiner Zeitgenossen verwiesen, wie es zu der Paulusbriefsammlung ge‐ kommen sei, 37 eine Meinungsvielfalt, die inzwischen noch größer geworden ist. Im Wesentlichen wird mit folgenden verschiedenen Szenarien der Entstehung der Paulusbriefsammlung gerechnet: 38 1) Organisches Wachstum? Einer ersten Position 39 zufolge wurden die Paulusbriefe als Einzelbriefe ge‐ schrieben, von den Adressaten bewahrt, geschätzt und miteinander ausge‐ §-2 Forschungsgeschichte zur Entstehung der paulinischen Briefsammlungen 39 <?page no="40"?> sich Elmer dann doch gegen sie aus, weil erste Ansätze für eine Sammlung der Briefe erst mit dem Ersten Klemensbrief gegeben seien, einem Brief, den er allerdings vor das Ende des 1. Jh. datiert. Doch nicht einmal darin gebe es eine Spur des Zweiten Korinther‐ briefes. Außerdem zeigten die Paulusbriefe Redaktionsspuren, was gegen ein graduelles Wachstum spreche. Markion schließt er als ersten Paulusbriefsammler aus, weil vor ihm der Erste Klemensbrief, die Ignatiusbriefe und Polykarp von Paulusbriefsammlungen zeugen. Das Problem dieses Argumentes ist natürlich, dass die Frühdatierung all dieser Schriften inzwischen problematisiert, wenn nicht revidiert wurde. 40 T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, 1, 1-2 Das Neue Testament vor Origenes (1888), 830. 41 Ibid. 42 Vgl. die genannte Stelle Kol 4,16, die etwa als erstes Anzeichen für die organische Entstehung der Sammlung genommen wird von P.N. Harrison, Polycarp’s Two Epistles to the Philippians (1936). Ähnlich später G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disqui‐ sition upon the Corpus Paulinum (1953). Hingegen hielt bereits Kirsopp Lake fest, die Briefe seien aufgrund ihrer Bedeutung bereits von Anfang an kopiert und als Sammlung zusammengestellt worden, die sich zwar der Anordnung nach unterschieden, doch dieselben Briefe aufwiesen, vgl. K. Lake, The earlier epistles of St. Paul: Their motives and origin (1911), 356-358. 43 T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, 1, 1-2 Das Neue Testament vor Origenes (1888), 830. tauscht (vgl. Kol 4,16), so dass auf diesem Weg „schon zu Lebzeiten des Paulus ebensoviele kleinere oder größere, jedenfalls unvollständige Samm‐ lungen seiner Briefe entstanden sein“ könnten, „als es Gemeinden gab, welche für Paulus und seine Lehre ein Interesse hatten“; „aus den vielen kleinen Sammlungen [wäre] die eine große entstanden, welche Marcion vorfand“, wie Zahn diese Auffassung hypothetisch zusammenfasst. 40 Ihr setzt er eine zweite Position entgegen, „den äußersten Gegensatz“ zur voranstehenden, wonach „Paulus selbst wenigstens die 9 Gemeindebriefe gesammelt, geordnet und herausgegeben habe“. 41 Strenggenommen kann man nur die erste Position als die eines organischen Wachstums der Paulusbriefsammlung bezeichnen, 42 die zu einer solchen gegen Ende des 1. Jh. zusammengewachsen sein soll, weil bei der zweiten Position Paulus als der gestalterische Redakteur seiner Sammlung betrachtet wird. Erstaunlicherweise hatte Zahn bereits beide Positionen verworfen. Die zweite sah er ausgeschlossen, weil Paulus in seinem jüngsten Brief seine schwierigen Lebensumstände als Gefangener andeutet, die „es als unmöglich zu erkennen“ geben, „daß Paulus selbst die diesen Brief mitumfassende Sammlung [hätte] veranstalten“ können. 43 Noch stärker widerspricht Zahn der ersten „einer ursprünglichen Vielheit naturwüchsig und mehr oder weniger zufällig entstan‐ dener Sammlungen, welche dann wiederum auf den unbeaufsichtigten Wegen des zwischengemeindlichen Verkehrs und der ausgleichenden Sitte sich in 40 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="41"?> 44 Ibid. 830-831. 45 A.v. Harnack, Die Briefsammlung des Apostels Paulus und die anderen vorkonstan‐ tinischen christlichen Briefsammlungen. Sechs Vorlesungen aus der altkirchlichen Literaturgeschichte (1926), 6. 46 Ibid. 47 T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, 1, 1-2 Das Neue Testament vor Origenes (1888), 831. eine einzige, zuletzt alleinherrschende Sammlung verwandelt hätte“. Hiergegen spräche die Kenntnis des Polykarp nicht nur von drei „an die macedonischen Ge‐ meinden“ gerichteten Briefen, sondern etwa auch Gal und Eph und überhaupt, dass in späteren Zeiten auch Briefe in Gemeinden bekannt und gelesen wurden, die etwa nicht „der katholischen Sammlung … einverleibt worden sind, doch in der einen oder anderen Kirche, etwa in derjenigen, an welche sie gerichtet waren, beibehalten wurden.“ 44 In dem Beitrag, den Adolf von Harnack der Frage der „Sammlung der Paulusbriefe“ widmet, formuliert er ebenfalls gewichtige Argumente gegen beide genannten Positionen. Zunächst stellt er fest, „daß kein einziger echter Paulusbrief seine selbständige Überlieferung hat und daß wir auch von kleineren Teilsammlungen nichts wissen“, sondern dass „uns die Briefe sämtlich, wie die Handschriften beweisen, als gesammelte überliefert“ sind. 45 Als vormarkioniti‐ sche Briefsammlungen sieht Harnack die Existenz einer 10-Briefe-Sammlung, die erstmals durch Markion bezeugt sei und noch nicht die drei Pastoralbriefe und den Hebräerbrief umfasst habe, außerdem eine davon zu unterscheidende 13-Briefe-Sammlung, die er durch Polykarp von Smyrna in seinem Brief an die Philipper angezeigt sieht, in welchem auch die Pastoralbriefe gebraucht seien. Letztere seien „schon vor Marcion der Sammlung von 10 Briefen irgendwo hinzugefügt worden und haben die ältere Sammlung fast überall in den Kirchen sofort verdrängt.“ 46 Auch wenn man sich eine solch plötzliche Verdrängung einer älteren Sammlung historisch kaum vorstellen kann, stellen doch sowohl Zahn wie Harnack der Hypothese einer organisch gewachsenen Sammlung von Paulusbriefen gewichtige Überlegungen entgegen. Zahn hatte noch die Beobachtung hinzugefügt, dass der gleichmäßige Um‐ fang der Briefsammlung in den verschiedenen Zeugen nur den Schluss zu einer „momentane[n] Entstehung durch bewußtes Handeln und eine gleichfalls dem Zufall entnommene[n] Verbreitung derselben von dem Ort ihrer Entstehung aus“ zulasse. 47 Basierend auf der Datierung von 1Klem in die Zeit Domitians, geschah nach Zahn die Zusammenstellung der Sammlung zwischen 80 und 85 n. Chr., ohne Einschluss der Pastoralbriefe, und nach Harnack um 100 n. Chr. mit den Pastoralbriefen. 48 Schon Zahn hat mit einer gewissen Redaktion gerechnet, §-2 Forschungsgeschichte zur Entstehung der paulinischen Briefsammlungen 41 <?page no="42"?> 48 Vgl. T. Zahn, Grundriss der Geschichte des neutestamentlichen Kanons. Eine Ergänzung zu der Einleitung in das Neue Testament (1901), 811-839, 835; B.M. Metzger, The Canon of the New Testament. Its Origin, Development, and Significance (1987), 42-43; E.R. Richards, Paul and first-century letter writing. Secretaries, composition, and collection (2004), 22; A.v. Harnack, Die Briefsammlung des Apostels Paulus und die anderen vorkonstantinischen christlichen Briefsammlungen. Sechs Vorlesungen aus der altkirchlichen Literaturgeschichte (1926), 6-27, 26. Vgl. auch C.S. Stevens, History of the Pauline corpus in texts, transmissions and trajectories. A textual analysis of manuscripts from the second to the fifth century (2020), 199. 49 Lietzmann rechnet für den Anfang von Vers 9 damit, dass ἐν τῇ ἐπιστολῇ „ebenso ungenau“ ist, „wie wir zu sprechen pflegen ‚in dem Briefe‘ (= ihr wißt schon in welchem, hier wohl ‚im vorigen‘ vgl. II Cor 7,8): also ist ein Brief vorhergegangen (vgl. 7,1), in dem, wohl unter anderen allgemeinen Ermahnungen auch die sich befand μὴ συναναμίγνυσθαι πόρνοις“, d. h. Lietzmann rechnet hier mit einem verlorengegan‐ genen Brief, H. Lietzmann, An die Korinther I, II (1949), 25. Mit einem solchen Verlust rechnet auch O. Zwierlein, Der Briefwechsel der Korinther mit dem Apostel Paulus (3Kor) im Papyrus Bodmer X und die Apokryphen Paulusakten (2010), 73. 50 „15 Versteht die Langmut unseres Herrn als Heil, wie ja auch unser lieber Bruder Paulus nach der ihm verliehenen Weisheit euch geschrieben hat, 16 wie überhaupt in allen Briefen, in denen er davon spricht. Manches ist in ihnen schwer verständlich, was die Ungebildeten und Ungefestigten, wie auch bei den übrigen Schriften, zu ihrem eigenen Verderben verdrehen.“ Trotz dieser und weiterer Zeugnisse (PolPhil 3,2; IgnEph 12,2) müsse man aber eingestehen, so Dahl, dass Markions Apostolos „die einzige Edition des Paulus sei, über deren Gestalt wir einigermaßen unterrichtet sind“ („We have to bear in mind that it is the only 2nd century edition of Paul about whose shape we have fairly detailed information“), so N.A. Dahl, The Origin of the Earliest Prologues to the Pauline Letters (1978). Jetzt in N.A. Dahl, Studies in Ephesians. Introductory questions, text- & edition-critical issues, interpretation of texts and themes (2000), 193. Flemming fügt diesem Urteil hinzu, dass aus den frühen Zeugnissen „nicht auf eine fest umrissene Briefsammlung geschlossen werden“ kann, die vor Markion datiert, T. Flemming, Die Textgeschichte des Epheserbriefes. Marcion änderte nichts: Eine grundlegend neue Perspektive auf den Laodicenerbrief (2022), 54. 51 T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, 1, 1-2 Das Neue Testament vor Origenes (1888), 838. 52 D. Trobisch, Die Entstehung der Paulusbriefsammlung: Studien zu den Anfängen christlicher Publizistik (1989), 3-4. weil der Herausgeber nicht alle von Paulus geschriebenen Briefe aufgenommen habe, von denen wir etwa durch 1Kor 5,9-11 49 und 2Petr 3,15-16 50 wissen, sondern er nur solche ausgewählt habe, „welche nach Form und Inhalt geeignet schienen, der versammelten Gemeinde wiederholt zu ihrer Erbauung vorgelesen zu werden“. 51 Harnack „knüpft deutlich an Ansichten Zahns an und führt sie kri‐ tisch weiter“. 52 Mit Zahn nimmt er Korinth als Entstehungsort für die 10-Briefe-Sammlung an, wobei auch er in 1Kor den Eröffnungsbrief sieht, begründet mit der verallgemeinernden Adresse 1Kor 1,2b („an die Kirche Gottes, 42 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="43"?> 53 B.H. Streeter, The Four Gospels: A Study of Origins, Treating of the Manuscript Tradition, Sources, Authorship and Dates (1930), 526-527; B.H. Streeter, The Primitive Text of Acts (1933). Zur Datierung des Kanon Muratori vgl. J. Verheyden, The Canon Muratori: A Matter of Dispute (2003). Jüngst wurde die Kontextualisierung des Kanon Muratori ins vierte Jahrhundert mit neuen Argumenten untermauert, vgl. D. Young, The Concept of Canon in the Reception of the Epistle to the Hebrews (2022), 40-44; C.K. Rothschild, The Muratorian Fragment as Roman Fake (2018); H.A.G. Houghton, The Latin New Testament. A Guide to its Early History, Texts, and Manuscripts (2016), 17. 54 H. Lietzmann, Einführung in die Textgeschichte der Paulusbriefe. An die Römer (1933), 2. 55 Ibid. die in Korinth ist - die Geheiligten in Christus Jesus, die berufenen Heiligen -, mit allen, die den Namen unseres Herrn Jesus Christus überall anrufen, bei ihnen und bei uns“), die sich nicht nur auf diesen Brief, sondern darüberhinaus auf die gesamte Sammlung beziehe. B.H. Streeter nuanciert das Zahn-Harnacksche Modell der Entstehung der Sammlung und nimmt zunächst einen Kern einer Sammlung an (Röm, 1Kor, Eph und vielleicht Phil), weil dieser bereits 1Klem vor dem Ende des 1. Jh. bekannt gewesen sei, gefolgt sei dieser Kernsammlung die Paulusbriefsammlung des Markion um die Mitte des 2. Jh., und schließlich unter Hinzufügung der Pastoralbriefe erscheine die ausführlichere Sammlung von 13/ 14 Briefen in der Zeit vor dem Kanon Muratori, einem Kanonverzeichnis, das Streeter auf die Zeit um 200 n.-Chr. datiert, auch wenn diese Datierung heute umstritten ist. 53 Hans Lietzmann (1875-1942) nimmt für die kanonische 13-Briefe-Sammlung ein Urexemplar von 9 + 4 Briefen an, das diese Briefe in der heutigen Reihenfolge aufführte. 54 Als Ordnungsprinzip gibt Lietzmann an: „Zuerst kommen die Gemeindebriefe, dann die an Einzelpersonen gerichteten Schreiben; Briefe derselben Adresse bleiben beisammen, im übrigen wird nach der Länge geordnet: der große Römerbrief macht den Beginn, die kleinen Thessalonicher‐ briefe schließen die Reihe der Gemeindeschreiben. Zwar ist dies Prinzip nicht ganz genau befolgt, denn der Epheserbrief ist (um etwa eine Nestle-Seite) länger als Gal, aber auch diese geringfügige Variante darf als bedeutungslose Zufälligkeit außer Rechnung gestellt werden, wenn man die Absicht des Ordners erfassen will.“ 55 Lietzmann greift sodann auf die „augenscheinlich nach dem Muster des Paulus‐ corpus gesammelten Ignatianischen Briefe“ zurück und verweist auf die Notiz im Polykarpbrief 13,2, wo es heißt: „Die Briefe des Ignatius, die uns von ihm geschickt worden sind, und auch andere, so‐ weit wir welche besitzen, senden wir euch eurem Auftrag gemäß. Sie sind diesem Brief §-2 Forschungsgeschichte zur Entstehung der paulinischen Briefsammlungen 43 <?page no="44"?> 56 PolPhil 13,2, übers. J.B. Bauer, Ed. Die Polykarpbriefe (1995), 31. 57 H. Lietzmann, Einführung in die Textgeschichte der Paulusbriefe. An die Römer (1933), 4. 58 Vgl. andere Versuche, mit diesem Kapitel 13 umzugehen, in welchem Ignatius als noch lebend vorausgesetzt wird, während er nach Kapitel 9 desselben Briefes bereits das Martyrium erlitten hätte, vgl. J.B. Bauer, Ed. Die Polykarpbriefe (1995), 18-19. Bauer schließt sich der These von P.N. Harrisons an, wonach Kapitel 13 das Bruchstück eines früheren Briefes des Polykarp darstellt, vgl. P.N. Harrison, Polycarp’s Two Epistles to the Philippians (1936). 59 H. Lietzmann, Einführung in die Textgeschichte der Paulusbriefe. An die Römer (1933), 4. Zu einer hiervon abweichenden Deutung von PolPhil 13, vgl. weiter unten. angeschlossen; ihr werdet aus ihnen reichen Gewinn ziehen können, denn sie sind voll Glauben, Geduld und jeglicher Erbauung im Zusammenhang mit unserem Herrn. Laßt uns auch sichere Nachrichten über Ignatius und seine Gefährten zukommen.“ 56 Aus diesem Zeugnis leitet Lietzmann ab, dass Polykarp „nicht nur den ihm selbst von Ignatius gesandten Brief treulich aufbewahrt, sondern sich auch Kopien der an andere Gemeinden gerichteten Sendschreiben verschafft (habe), und … eine Abschrift seines gesamten Materials mit Begleitschreiben nach Philippi“ sende - und er meint, „aehnlich wird es bei der Sammlung der Paulusbriefe zugegangen sein“, wobei „besonders zu beachten (sei), daß unsere Texte also letztlich auf die in den Händen der Gemeinden befindlichen Exemplare, nicht etwa - wie es bei andern Briefsammlungen der Fall ist - auf die bei den Papieren des Apostels in seinem Kopiebuch zurückbehaltenen Konzepte zurückgehen“. 57 Aus der Annahme heraus, dass es sich bei diesem Textstück des Polykarpbriefs nicht um eine Fälschung handelt, 58 und dass, wie angegeben, die Briefe aus den Adressatgemeinden stammen, erklärt Lietzmann die „willkürliche Anordnung“ der Briefe wie auch „absichtliche Tilgung[en]“ an verschiedenen Briefstellen. 59 Dem Versuch, die Paulusbriefsammlung als eine organisch gewachsene zu betrachten, widersprechen folglich wichtige Stimmen im 19. und 20. Jh., allerdings stimmen sie überein, bereits eine vormarkionitische Sammlung von Paulusbriefen anzunehmen, die sich auf die Frühdatierung von Schriften wie dem Ersten Klemensbrief, der Ignatiusbriefe und des Polykarpbriefes an die Philipper stützt. Diesbezüglich liegt ein Parallelfall vor, mit der die Datierung der Evangelien ins erste Jahrhundert zu begründen versucht wurde. Im Fall der Paulusbriefe - bei den Evangelien war dieser Ansatz mit dem Mangel an Zeugen für die narrativen Teile der Evangelien beschwert - wurden und werden literarische Bezüge, Zitate, Parallelen, Anspielungen usw. auf mehrere Paulus‐ briefe in frühchristlichen Schriften herangezogen, um auf eine dahinter liegende Sammlung als Vorlage zu schließen. Diese Überlegungen sind jedoch wie im Fall der Datierungsversuche der kanonischen Evangelien mit der inzwischen 44 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="45"?> 60 „It is also almost certain that the original collection was made before A.D. 95. At that time Clement of Rome wrote to the Corinthians and virtually quoted from Romans (Rom. 1: 29-32 - I Clem. 35: 5-6) and I Corinthians (I Cor. 1: 11-13 - I Clem. 47: 1-3; I Cor. 12: 12-26 - I Clem. 37: 5; I Cor. 13: 4-7 - I Clem. 49: 5), as well as made probable allusions to passages in II Corinthians, Galatians, Ephesians, and Philippians. Since he prefaced his citation of I Corinthians 1: 11-13 by saying, „Take up the epistle of the blessed apostle Paul“ (I Clem. 47: 1), it seems evident that he had a copy of that letter in Rome and therefore probably also had copies of the other letters, in other words already possessed the Pauline collection“, so J. Finegan, The original form of the Pauline collection (1956), 85. Finegans Argumentation findet sich dann kritiklos wieder in K. Aland, Der Text des Neuen Testaments. Einführung in die wissenschaftlichen Ausgaben sowie in Theorie und Praxis der modernen Textkritik (1982), 57. aufgegebenen oder zumindest mit guten Gründen in Frage gestellten Früh‐ datierung der herangezogenen nichtkanonischen Schriften belastet. Erkannt wurde nämlich das zirkuläre Argument, dass eine nicht näher datierbare Schrift für die ungewisse Datierung einer anderen Schrift benutzt wird, wobei diese andere Schrift wiederum zur Datierung der Ausgangsschrift des Vergleichs herangezogen wird. Um hier ein Beispiel zu geben: wir finden etwa bezüglich der Paulusbriefe den Vergleich mit dem Ersten Klemensbrief nicht nur bei Zahn im 19. Jh., sondern wieder bei Forschern auch des 20. Jh. Jack Finegan etwa schreibt: „Es ist fast sicher, dass die ursprüngliche Sammlung [der Paulusbriefe] vor dem Jahr 95 nC. geschaffen wurde. Zu dieser Zeit schrieb Klemens von Rom an die Korinther und zitierte augenscheinlich aus dem Römerbrief (Röm 1,29-32 - 1Klem 35,5-6) und aus dem Ersten Korintherbrief (1Kor 1,11-13 - 1Klem 47,1-3; 1Kor 12,12-26 - 1Klem 37,5; 1Kor 13,4-7 - 1Klem 49,5), außerdem gibt es mögliche Anspielungen an Passagen aus dem Zweiten Korintherbrief, dem Galaterbrief, dem Epheserbrief und dem Philipperbrief. Da er das Zitat aus dem Ersten Korintherbrief 1,11-13 einleitet mit: „Nimm den Brief des seligen Apostels Paulus“ (1Klem 47,1), scheint es evident zu sein, dass er ein Exemplar dieses Briefes in Rom hatte und darum möglicherweise auch Exemplare der anderen Briefe, mit anderen Worten, dass er bereits eine Paulussammlung besaß.“ 60 Abgesehen von der Zahl der widersprüchlichen Kombinationen („fast sicher“, „scheint es evident zu sein“) und Einschränkungen („augenscheinlich“, „mög‐ liche Anspielungen“, „möglicherweise“) auf einem so engen Raum, die dann doch zu einer konzisen, faktischen Schlussfolgerung führen, muss man zu dieser Argumentation zunächst festhalten, dass die Datierung des Ersten Kle‐ mensbriefes alles andere als gesichert ist. Denn diese Datierung wird stets auf die im Brief anklingende kritische Situation gestützt, die mit einer Verfol‐ §-2 Forschungsgeschichte zur Entstehung der paulinischen Briefsammlungen 45 <?page no="46"?> 61 K. Erlemann, Die Datierung des Ersten Klemensbriefes - Anfragen an eine communis opinio (1998), 600. 606. Bereits im 19. Jh. hatte Franz Overbeck den Ersten Klemensbrief ins Ende des 2. Jh. datiert, vgl. F. Overbeck, Zur Geschichte des Kanons (1880), 4. Vgl. nun O. Zwierlein, Petrus in Rom: Die literarischen Zeugnisse. Mit einer kritischen Edition der Martyrien des Petrus und Paulus auf neuer handschriftlicher Grundlage (2010), 245-333. Zwierlein datiert den Ersten Klemensbrief um das Jahr 125. 62 Vgl. jüngst T.J. Bauer, Ignatius von Antiochia und Polykarp von Smyrna. Aporien bei der Analyse und Interpretation frühchristlicher Briefe (2021); M. Vinzent, Ignatius of Antioch through the Centuries (2021). Vgl. jetzt auch J.N. Bremmer, The Place, Date and Author of the Ignatian Letters: An Onomastic Approach (2021). 63 Vgl. zu diesen Prologen M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testa‐ ments im 2. Jahrhundert (2022); M. Vinzent, Marcion and the Dating of the Synoptic Gospels (2014); E.W. Scherbenske, Canonizing Paul. Ancient Editorial Practice and the Corpus Paulinum (2013); D. Jongkind, On the Marcionite Prologues to the Letters of gung unter dem römischen Kaiser Domitian (81-96 n. Chr.) in Verbindung gebracht wird. Inzwischen aber heißt es in der einschlägigen Forschung, dass „sich eine Christenverfolgung unter Domitian nicht nachweisen“ lässt, auch die manchmal zur Datierung von 1Klem herangezogene in diesem Brief sich findende Ämterstruktur biete keinen Anhalt, sie sei im Vergleich mit anderen Schriften „eine Gleichung mit zu vielen Unbekannten“, und überhaupt seien „sämtliche vorgetragenen Textbeobachtungen und äußeren Kriterien […] nicht zwingend“. 61 Pauluszitate und -parallelen aus 1Klem können also lediglich für eine Nutzung verschiedener Briefe des Paulus in Anspruch genommen werden, am ehesten des Ersten Korintherbriefes und des Römerbriefes (naheliegend für einen Brief, der von der Gemeinde in Rom an diejenige in Korinth adressiert ist), doch eine präzisere Datierung von 1Klem als in das 1. oder 2. Jh. n. Chr. lässt sich mit ihnen nicht gewinnen. Hinzu kommt aus der vorliegenden Untersuchung, dass die Verweise, die Finegan aus den paulinischen Briefen als Parallelen zu 1Klem anführt, allesamt auf Passagen führen, die in der vorkanonischen Sammlung der Paulusbriefe sicher oder höchstwahrscheinlich gefehlt haben. Die Datierung von 1Klem wird man also nicht mit der vorkanonischen, sondern mit der kanonischen Sammlung in Beziehung zu setzen haben. Wenig hilfreich sind auch die weiteren Hinweise Finegans auf Parallelen in den Ignatiusbriefen und im Brief des Polykarp an die Philipper, da auch die Ignatiusbriefe in ihrer Datierung umstritten sind und der Brief des Polykarp nicht näher als um die Mitte des 2.-Jh. zu bestimmen ist. 62 Eine andere Begründung, eine frühe, wenn auch nicht notwendigerweise auf Paulus selbst zurückgehende Sammlung von Paulusbriefen wahrscheinlich zu machen, hatte Nils A. Dahl (1911-2001) gewagt. Er verwies auf die soge‐ nannten markionitischen Paulusprologe, 63 die er im ersten Schritt in ihrem markionitischen Charakter bestritt 64 und sie im zweiten für einen - den einzigen 46 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="47"?> Paul (2015). Unabhängig voneinander und fast zeitgleich haben die drei hier genannten Autoren den markionitischen Ursprung dieser Prologe bekräftigt. 64 Der erste, der Kritik am markionitischen Charakter der Prologe übte, war W. Mundle, Die Herkunft der „Markionitischen“ Prologe zu den Paulusbriefen (1925). Obwohl er diese Prologe grundsätzlich dennoch für markionitisch ansehen wollte, weckte G. Bardy doch Skepsis an diesem Charakter in G. Bardy, Marcionites, Prologues (1954). Bald darauf wurde jeder Bezug dieser Prologe zu Markion bestritten durch H.J. Frede, Altlateinische Paulus-Handschriften (1964), 165-178. Stattdessen hält Frede sie für ein Produkt des Ostens, das zur Zeit entstand, als die westliche Rezension der Paulusbriefe geschaffen worden sei, und sie seien mit dieser in den Westen gekommen sei. In jüngerer Zeit wurden diese Ansätze jedoch zurückgewiesen, vgl. E. Norelli, Markion und der biblische Kanon (2016); E. Norelli, La tradizione ecclesiastica negli antichi prologhi latini alle epistole paoline (1990), 25; J.-D. Kaestli, La Place du Fragment de Muratori dans l’histoire du canon (1994), 628; M. Vinzent, Marcion and the Dating of the Synoptic Gospels (2014); E.W. Scherbenske, Canonizing Paul. Ancient Editorial Practice and the Corpus Paulinum (2013); H.A.G. Houghton, The Latin New Testament. A Guide to its Early History, Texts, and Manuscripts (2016), 5-6, 172. 65 N.A. Dahl, Studies in Ephesians. Introductory questions, text- & edition-critical issues, interpretation of texts and themes (2000); N.A. Dahl, The Origin of the Earliest Prologues to the Pauline Letters (1978). 66 U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 288. 67 E.W. Scherbenske, Canonizing Paul. Ancient Editorial Practice and the Corpus Pau‐ linum (2013), 10. So hatten bereits vor ihm geurteilt J. Knox, Marcion and the New Testament. An Essay in the Early History of the Canon (1942); E.C. Blackman, Marcion and his influence (1948), 52-54; H.J. Vogels, Der Einfluss Marcions und Tatians auf Text und Kanon des Neuen Testaments (1953). Dennoch wurde jetzt erneut in einer von M. Klinghardt betreuten Dissertation der Versuch gemacht, die These von Dahl wieder aufleben zu lassen, A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020). 68 Vgl. M. Vinzent, Marcion and the Dating of the Synoptic Gospels (2014), 111-122. 69 „It remains difficult to envisage how they would then have been later transferred into ‚mainstream‘ church tradition. On the other hand, the alternative argument that they, - vormarkionitischen Zeugen einer Paulusbriefsammlung nahm. 65 Nun hat man festgestellt, dass diese Prologe denselben Inhalt und dieselbe Reihenfolge der Briefe aufweisen, wie sie sich in der Paulusbriefsammlung des Markion finden. 66 Erst jüngst hat Eric Scherbenske die Prologe eingehend untersucht und „Markion oder seine Anhänger als deren Ursprung“ bestätigt. 67 Unabhängig von ihm war ich auf dasselbe Ergebnis gekommen. 68 Judith Lieu bekräftigte noch‐ mals, dass es zwar „schwer vorzustellen sei, wie die markionitischen Prologe später in die Mainstreamtradition der Kirche gelangt seien, doch die Alternative, dass sie und damit die Sammlung und die Abfolge, die sie voraussetzen, vor Markion datiert werden sollten und folglich die Tradition reflektieren, auf die er zurückgriff, wird durch die Abwesenheit jeglicher deutlicher Spur der Prologe in der frühen Zeit untergraben“. 69 Damit entfällt aber die Grundlage, auf der §-2 Forschungsgeschichte zur Entstehung der paulinischen Briefsammlungen 47 <?page no="48"?> and hence the collection and sequence that they presuppose, should be dated prior to Marcion, and therefore reflect the tradition on which he drew, is undermined by the absence of any clear traces of the Prologues in the early period“, J.M. Lieu, Marcion and the Making of a Heretic: God and Scripture in the Second Century (2015), 240. 70 A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 157-158. 71 P. Beatty Biblical II Inv. 6238. 72 Vgl. J.D. Quinn, P46 - The Pauline Canon? (1974). Zu P46, 03, 1739 und deren Qualifizierung als Repräsentanten eines „vor-alexandrinischen“ Textes, vgl. G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953); D.C. Parker, The Majuscule Manuscripts of the New Testament (2014), 55. 73 S.E. Porter, Paul and the Pauline Collection (2011); J.R. Royse, Scribal Habits in Early Greek New Testament Papyri (2008), 202. Die Frage, ob auf 1Thess noch 2Thess folgte und ggfls. danach noch die Pastoralbriefe folgten, ist umstritten; gegen die Hinzufügung der Pastoralbriefe spricht sich aus F.G. Kenyon, The Chester Beatty Biblical papyri. Descriptions and texts of twelve manuscripts on papyrus of the Greek Bible (1936), 273-274. Für die Hinzufügung spricht sich aus J. Duff, P46 and the Pastorals: A Misleading Consensus? (1998). Das Problem besteht, dass ohne zusätzlich dazugeklebte Blätter der Platz für die Pastoralbriefe nicht gereicht hätte. Hierauf hatten schon aufmerksam gemacht J. Finegan, The original form of the Pauline collection (1956), 93; S. Gieversen, The Pauline Epistles on Papyrus (1980), 211. Letzterer hat angenommen, dass zusätzliche Folios hinzugefügt worden sind. Für ältere Literatur zu diesem Papyrus, vgl. J.K. Elliott, A Bibliography of Greek New Testament Manuscripts (2000), 29-30. 74 Spätes 2. - erstes Drittel des 3. Jh.: M. Letteney, Toward a New Scribal Tendency: Reciprocal Corruptions and the Text of 1 Corinthians 8: 2-3 (2016), 391; B.W. Griffin, The Palaeographical Dating of P46. Paper delivered to the Society of Biblical Literature 1996 (1997). Erstes Drittel des 3. Jh.: D. Barker, The Dating of New Testament Papyri (2011), 580; C.K. Rothschild, Hebrews as Pseudepigraphon. The History and Significance of the Pauline Attribution of Hebrews (2009), 142; J.J. Clabeaux, A Lost Edition of the Letters of Paul. A Reassessment of the Text of the Pauline Corpus attested by Marcion (1989), x. Um 200: E.J. Epp, The Multivalence of the Term „Original Text“ in New Testament Textual Criticism (1999), 255. 2. Jh.: A. Lindemann, Die Sammlung der Paulusbriefe im 1. und 2. Jahrhundert (2003), 322. Abweichende Datierungen finden sich in der Erstauflage (100-150 nC.): D.P. Barrett and P.W. Comfort, The complete text of the earliest New Testament manuscripts (1999). In der zweiten Auflage (125-175): D.P. Barrett and P.W. Comfort, The text of the earliest New Testament Greek manuscripts (2001); P.W. Comfort, Encountering the Manuscripts: An Introduction to New Testament Dahl seine Hypothese einer frühen Paulusbriefsammlung erstellt hatte, auch wenn sie jüngst noch einmal von Goldmann wiederholt wurde. 70 Zieht man die papyrologische Grundlage mit heran, so gibt P 46 (University of Michigan) 71 einen fragmentarischen Bestand von Briefen, der tatsächlich eine Paulusbriefsammlung darstellt, 72 und zwar in der Reihenfolge: Röm 5-6; 8-16; Hebr, 1Kor; 2Kor; Eph; Gal; Phil; Kol; 1Thess. 73 Was die Datierung dieses Papyrus betrifft, so gibt die Mehrheitsmeinung den Zeitraum des späten zweiten Jh. - erstes Drittel des 3. Jh. an. 74 Diese Datierung beruht ausschließlich auf dem 48 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="49"?> Paleography & Textual Criticism (2005), 66-67. 131-139. In dieser späteren Studie wird vorgeschlagen: 150-175. 75 So P. Orsini and W. Clarysse, Early New Testament Manuscripts and Their Dates: A Critique of Theological Palaeography (2012), 458. 462; W. Clarysse and P. Orsini, Christian Manuscripts from Egypt to the Times of Constantine (2018). 76 Vgl. G. Cavallo, Il calamo e il papiro la scrittura greca dall’età ellenistica ai primi secoli di Bisanzio (2005), 184. 198. 77 Vgl. B. Nongbri, The Use and Abuse of P52 (2005), 46. So schon Archiv für Papyrusfor‐ schung 11 (1935), 113. 78 Y.K. Kim, Palaeographical Dating of P46 to the Later First Century (1988); K. Jaroš and J. Hintermaier, Das Neue Testament nach den ältesten griechischen Handschriften (2006). 79 Vgl. etwa auch D.P. Barrett and P.W. Comfort, The complete text of the earliest New Testament manuscripts (1999); D.P. Barrett and P.W. Comfort, The text of the earliest New Testament Greek manuscripts (2001); K. Jaroš and J. Hintermaier, Das Neue Testament nach den ältesten griechischen Handschriften (2006). Was Comfort-Barrett betrifft, wird von „impressionistischen Vorschlägen“ („impressionistic suggestions“) gesprochen, welche jede historische Herangehensweise vermissen lassen, so P. Orsini and W. Clarysse, Early New Testament Manuscripts and Their Dates: A Critique of Theological Palaeography (2012), 450. 80 D.C. Parker, Review of Philip W. Comfort and David P. Barrett, eds. The Complete Text of the Earliest New Testament Manuscripts. Grand Rapids: Baker, 1999. (1999). 81 P. Orsini and W. Clarysse, Early New Testament Manuscripts and Their Dates: A Critique of Theological Palaeography (2012). Vergleich der Schreibform (P 46 zugeordnet dem „Büro- und Kanzleitypus“, der im 2. und 3. Jh. begegnet, jedoch als eine „gelehrte Weiterentwicklung“ dieses Schrifttyps betrachtet, 75 weshalb der Papyrus auch als „alexandrinisch“ bezeichnet und gegenüber Vergleichstexten aus dem 2. Jh. als später eingeordnet wurde 76 ). Doch muss man bedenken, dass man bei rein papyrologischen Datie‐ rungen meist mit einem Fenster von etwa 100 Jahren rechnen muss. 77 Darum verwundert es nicht, dass auch das späte erste Jahrhundert als Datierung von P 46 vorgeschlagen wurde, 78 wobei dieser Versuch, wie überhaupt die Tendenz, dass Theologen gegenüber Papyrologen und Paläographen ihre eigenen Kriterien entwickeln, um solche Frühdatierungen aufzustellen, 79 von Textforschern wie meinem ehemaligen Departmentkollegen David C. Parker eher als „Apologetik“ statt als „Paläographie“ bezeichnet wird. 80 Man wird also eher das Fenster nach hinten statt nach vorne öffnen, wenn es um Datierungen von neutestamentli‐ chen Papyri geht. 81 Stuart Pickering schreibt: „Wenn mein Vergleich … mit … P.Beatty II [= P 46 ] richtig ist, und wenn man den Stil von der Mitte des 2. Jh. an angemessen verfolgt, müssen wir den Beatty Text recht nahe in chronologischer Verbindung mit seinen Verwandten des dritten und vierten Jh. halten. Das stimmt mit der Datierungsbreite insgesamt der anderen Beatty Texte überein, zu §-2 Forschungsgeschichte zur Entstehung der paulinischen Briefsammlungen 49 <?page no="50"?> 82 S. Pickering, The Dating of the Chester Beatty-Michigan Codex of the Pauline Epistles (P46) (1998), 223. Eigene Übers. 83 P. Orsini and W. Clarysse, Early New Testament Manuscripts and Their Dates: A Critique of Theological Palaeography (2012). Eigene Übers. 84 K. Aland, Neutestamentliche Entwürfe (1979), 335-336. denen dieser gehört, und unsere Betonung des 3. und 4. Jh. für die Beleuchtung der Datierung der Gruppe wird bestätigt.“ 82 Hierzu stimmt das Ergebnis der Untersuchung von P. Orsini und W. Clarysse, die feststellten (man bemerke, dass P 46 unter den frühen Papyri nicht erwähnt wird): „Unsere paläographische Untersuchung der biblischen Papyri hat gezeigt, dass die Frühdatierungen, die einige neutestamentlichen Forscher vorgeschlagen haben, auf keiner sorgfältigen Studie der entsprechenden Schrifttypen innerhalb eines größeren Kontextes der Entwicklung griechischer Schreibhände basien, sondern sie eher von dem Wunsch leiten ließen, frühe Beispiele von Evangelien unter den Papyri zu finden … Es gibt keine neutestamentlichen Papyri aus dem ersten Jahrhundert und nur ganz wenige können dem zweiten Jahrhundert zugeordnet werden (P 52 , P 90 , P 104 , vermutlich alle aus der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts) oder dem Zeitraum zwischen dem späten zweiten und dem frühen dritten Jahrhundert (P 30 , P 64+67+4 , 0171, 0212).“ 83 Einen anderen Weg ging Kurt Aland, der kritisch zu früheren Theorien der Genese des Corpus Paulinum stand (H. Lietzmann, W. Schmithals, H.J. Frede, N.A. Dahl, G. Bornkamm). Gestützt auf damals gesammelte Testdaten, die er sich im Hinblick auf die Editio Critica Maior vorbereiten ließ, entwickelte er ein datengestütztes Modell. Ihm zufolge habe es eine dreifache Entwicklung gegeben: Am Anfang standen kleine Briefsammlungen („Klein-Corpora“), aus denen sich größere Sammlungen entwickelten („Ur-Corpora“). Von diesen habe es bereits im zweiten Jahrhundert mehrere gegeben, die an die Stelle der kleinen traten, bis sie selbst wiederum in ein „Gesamt-Corpus“ Eingang gefunden hätten. Der Schritt vom zweiten zum dritten Stadium ist markiert durch die Hinzufügung von fehlenden Briefen, die in mehreren Schritten erfolgt sei. 84 Al‐ lerdings wurde inzwischen die Methode der Auswahl von Teststellen überprüft und erkannt, dass deren ungleiche Verteilung über die Briefe und innerhalb eines Briefes (vor allem Röm) das Ergebnis beeinflusst hat. Problematisiert wurde auch, dass aufgrund solcher Daten editorisch motivierte Veränderungen innerhalb der Entstehung des Corpus festzustellen, bereits eine schwierige 50 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="51"?> 85 Vgl. U.B. Schmid and B. Morrill, Editorial Activity and Textual Affiliation: The Case of the Corpus Paulinum (2019), 380. 86 In jüngerer Zeit hat sich auch A. Standhartinger für das organische Wachstum der paulinischen Briefsammlung ausgesprochen, A. Standhartinger, Der Philipperbrief und die Entstehung der Paulusbriefsammlung (2021), 450. 87 Vgl. hierzu W. Schmithals, On the Composition and Earliest Collection of the Major Epistles of Paul (1972). 88 Vgl. E.J. Goodspeed, New Solutions of New Nestament Problems (1927), 94-103; E.J. Goodspeed, An Introduction to the New Testament (1939); J. Knox, Acts and the Pauline Letter Corpus (1966), 279-287. Vgl. weiter E.J. Goodspeed, Ephesians and the First Edition of Paul (1951); E.J. Goodspeed, The Meaning of Ephesians (1933); E.J. Goodspeed, The key to Ephesians (1956); C.L. Mitton, Unsolved New Testament Problems. Goodspeed’s Theory Regarding the Origin of Ephesians (1948); C.L. Mitton, The Epistle to the Ephesians. Its Authorship, Origin and Purpose (1951); P.N. Harrison, The Author of Ephesians (1964). Vgl. aber schon J. Weiss, Das Urchristentum (1917), 543. Vgl. hierzu auch L. Mowry, The early circulation of Paul’s letters (1944), 73-74; E.E. Ellis, The making of the New Testament documents (2002), 86. Kritisch diesem Ansatz gegenüber ist S.E. Porter, Paul and the Process of Canonization (2008), 181-182. Aufgabe sei, doch eine noch komplexere sei die Rückprojektion in die frühe Entstehungsgeschichte von paulinischen Briefen. 85 Wir erkennen, dass wir mit Aland wieder zu einer der Positionen zurück‐ gekehrt sind, gegen welche sich bereits Zahn nachdrücklich ausgesprochen hatte. 86 Zahns und Harnacks Auffassung wurden schließlich weitergeführt in der nachfolgend zu beschreibenden Hypothese. 2) „Big Bang Theorie“ Nach dieser Theorie gab es kein organisches Wachstum der Sammlung, sondern diese geht auf eine bewusste, editorische Entscheidung zurück. Die Big Bang Theorie ist mit den Namen Goodspeed, Knox, Mitton und Schenke verbunden, nach denen die Einzelbriefe zunächst ihren praktischen Zweck für die Adres‐ saten erfüllt und dann mehr oder weniger in Vergessenheit geraten waren. Bei dieser Theorie geht es darum, die drei Schlüsselfragen zu beantworten: Der Zeitpunkt bzw. die Gelegenheit, wann eine solche Herausgabe erfolgte, dann den oder die Verantwortlichen für sie und drittens, das Motiv, warum eine solche Sammlung erfolgte. 87 Die Sammlung wurde erst durch einen unbekannten Apostelschüler im Nachgang der Veröffentlichung der Apostelgeschichte, die um 90 oder 95 n. Chr. datiert wird, zusammengebracht (mit dem Grundstock Kol und Phlm, darauf aufbauend dann mit dem Umfang Röm, 1/ 2Kor, Gal, Phil, Kol, 1/ 2Thess, Phlm), um die Lehre des Paulus „der Vergessenheit zu entreißen“, wobei dieser Editor kein Redaktor war. 88 §-2 Forschungsgeschichte zur Entstehung der paulinischen Briefsammlungen 51 <?page no="52"?> 89 J. Knox, Philemon among the Letters of Paul. A New View of its Place and Importance (1959). 90 H. Conzelmann, Paulus und die Weisheit (1965). 91 H.M. Schenke, Das Weiterwirken des Paulus und die Pflege seines Erbes durch die Paulusschule (1975). 92 Ibid. 508. 93 W. Schmithals, Paulus und die Gnostiker. Untersuchungen zu den kleinen Paulusbriefen (1965), 193. 94 Ibid. 191. Vgl. ähnlich K.L. Carroll, The Expansion of the Pauline Corpus (1952). 95 W. Schmithals, Paulus und die Gnostiker. Untersuchungen zu den kleinen Paulusbriefen (1965). 96 So A.G. Patzia, Canon (1993), 87; A.G. Patzia, The Making of the New Testament. Origin, Collection, Text & Canon (1995), 79-87. 97 E.R. Richards, The Codex and the Early Collection of Paul’s Letters (1998), 154-155. Vgl. auch E.R. Richards, Paul and first-century letter writing. Secretaries, composition, and collection (2004). Nach Knox lässt sich die Präsenz von Phlm nur aus dem persönlichen Interesse des Sammlers erklären, ebenfalls die von Kol, dem Rahmen von Eph, wobei er den Sammler mit dem in IgnEph erwähnten Onesimus von Ephesus identifizierte. 89 Hans-Martin Schenke hingegen sieht eine paulinische Schule, wie sie von Conzelmann vorgestellt wurde, 90 verantwortlich für das Sammeln, die Edition und die Verbreitung der Briefe des Paulus, 91 wobei der Sammlung der Epheser‐ brief als Vorwort beigegeben worden sei. 92 Auch Walter Schmithals rechnet mit einem Editor, dessen Name zwar unbe‐ kannt sei, doch dessen Motiv der antignostische Kampf war. 93 Dieser habe 16 echte Paulusbriefe zu sieben zusammengestellt, da die Zahl sieben eine „die urchristlichen Briefsammlungen zentral beherrschende Konzeption“ darstelle, 94 der Redaktor habe also der Briefsammlung ihr Gepräge gegeben, beginnend mit 1Kor und endend mit Röm. 95 Überhaupt, so urteilte man, „sei es schwierig, sich dies frühe Zirkulieren und Sammeln von Paulusbriefen vorzustellen, ohne dass es die Anleitung eines bedeutenden Individuums (oder Individuen) gegeben habe“. 96 Auch wenn Richards grundsätzlich dieser Position zuneigt und er keinen Grund sieht, eine „bewusste, rechtgestaltete, gut organisierte und theologisch getriebene Theorie“ zu leugnen, die zur Sammlung und Nutzung der Codexform geführt habe, meinte er, es müsse sich gar nicht um eine herausragende Persönlichkeit gehandelt haben, sondern man könne mit einem Sekretär des Paulus rechnen, der ohne weitere Intention sich eines Codex für die Sammlung der Paulusbriefe bedient habe. 97 Folglich sei „die erste Sammlung der Briefe des Paulus in Kodexform aus den persönlichen Kopien des Paulus entstanden, nicht aus einem 52 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="53"?> 98 E.R. Richards, The secretary in the letters of Paul (1991), 165. 99 Vgl. hierzu D. Trobisch, Die Paulusbriefe und die Anfänge der christlichen Publizistik (2010); D. Trobisch, Die Paulusbriefe und die Anfänge der christlichen Publizistik (1994); D. Trobisch, Die Entstehung der Paulusbriefsammlung: Studien zu den Anfängen christlicher Publizistik (1989). Zustimmend P. Arzt-Grabner, A. II. Das Corpus Pau‐ linum (2013), 11; S.E. Porter, Paul and the Process of Canonization (2008), 202; E.R. Richards, Paul and first-century letter writing. Secretaries, composition, and collection (2004), 118-123; P.W. Comfort, Encountering the Manuscripts: An Introduction to New Testament Paleography & Textual Criticism (2005), 57; E.R. Richards, The Codex and the Early Collection of Paul’s Letters (1998), 63; J. Murphy-O’Connor, Paul the Letter-writer. His world, his Options, his Skills (1995), 119-120. Vgl. in jüngerer Zeit auch I.J. Elmer, The Pauline Letters as Community Documents (2015). Arnal denkt eher an eine Paulusschule oder -schulen, die die Briefe gesammelt und Kompositbriefe aus Brieffragmenten geschaffen hatte(n), vgl. W. Arnal, The Collection and Synthesis of „Tradition“ and the Second-Century Invention of Christianity (2011), 208. 100 D. Trobisch, Die Entstehung der Paulusbriefsammlung: Studien zu den Anfängen christlicher Publizistik (1989), 108. Auch in seiner jüngsten Publikation vertritt er die Position, dass Markion 10 Briefe „ausgewählt“ habe, D. Trobisch, On the Origin of Christian Scripture. The Evolution of the New Testament Canon in the Second Century (2023), 56. 101 „One should not assume that any publisher would publish any letters without editorial changes just because an edition implies the use of autographs“, D. Trobisch, On the Origin of Christian Scripture. The Evolution of the New Testament Canon in the Second Century (2023), 56. 102 Ibid. Sammeln von Briefen verschiedener Empfänger“. 98 Mit der Annahme, Paulus habe vielleicht selbst bereits seine Briefe gesammelt, leitet diese Vorstellung bereits zur nächsten Theorie hin. 3) Redaktionsstufen David Trobisch entwickelte die voran aufgeführte Theorie fort, derzufolge Paulus selbst bereits eigene Kopien seiner Briefe (Röm, 1/ 2Kor, Gal) gesammelt, redaktionell bearbeitet und als Sammlung in Umlauf gebracht habe, auch wenn wir für diese Hypothese bislang keinerlei Hinweise haben. 99 Nach Trobisch sei „die Ursammlung“ „als Ergebnis einer Bearbeitung“ zu betrachten, „die an einer tendenziösen Auswahl von Paulusbriefen interessiert war“. 100 Außerdem „dürfe man nicht annehmen, dass jemand, der irgendwelche Briefe veröffentliche, diese ohne redaktionelle Veränderungen publiziert hätte, alleine deshalb, weil eine Edition die Verwendung von Autographen impliziere“. 101 Dabei ist Trobisch der Meinung, „eine erweiterte Ausgabe ist nur dann glaubwürdig, wenn sie das bereits bekannte Material so gut wie unverändert wiedergibt“. 102 Ihm zufolge teilte Markion seiner Leserschaft folgendes zu seiner Briefedition mit: „(1) dass §-2 Forschungsgeschichte zur Entstehung der paulinischen Briefsammlungen 53 <?page no="54"?> 103 „The publisher of the Marcionite Edition told readers (1) that a certain Paul was the author of the letters, (2) that the selection, titles, and arrangement of the letters reflected Paul’s intentions, and (3 that the gospel book was the one Paul had received and promoted“, ibid. 56. 104 Vgl. dazu weiter unten und M. Vinzent, Writing the History of Early Christianity: From Reception to Retrospection (2019). 105 A. Standhartinger, Der Philipperbrief und die Entstehung der Paulusbriefsammlung (2021), 460. 106 A. Taschl-Erber, Zwischen Römer- und Epheserbrief. Zur Kontextualisierung des Kolosserbriefs (2021). 107 D. Trobisch, On the Origin of Christian Scripture. The Evolution of the New Testament Canon in the Second Century (2023), 63-65. 76-77. ein gewisser Paulus der Verfasser der Briefe sei, (2) dass die Auswahl, die Titel und die Anordnung der Briefe die Absicht des Paulus reflektiere, und (3) dass das Evangelienbuch dasjenige war, das Paulus empfangen und verbreitet hatte.“ 103 Diese Position lässt sich zum Teil nachvollziehen, doch ein Vergleich mit der sich entwickelnden Sammlung der Ignatiusbriefe lehrt, dass trotz der Bewahrung des bereits bekannten Materials diejenigen, die eine Erweiterung einer Sammlung vorgenommen haben, auch erheblich das bereits Vorgelegene jeweils bearbeitet haben konnten. 104 Diese Beobachtung wird weiter gestützt durch weitere Vergleiche auch aus der paganen Briefpraxis: „Redaktionen in Sammlungs- und Überlieferungsprozessen von Briefen (sind) die Regel und nicht die Ausnahme … Die unter den antiken Papyrusfunden belegten Briefarchive bieten Auswahlen, Kürzungen und intentionale Anordnungen. Cicero‐ briefsammlungen verdanken sich in jeder Überlieferungsstufe bis in die Gegenwart vielfältigen Redaktions- und Auswahlprozessen, die von jeher sehr beherzt in Texte eingreifen und bis heute die Dokumentation von Belegstellen stark verkomplizieren … Auch für die Paulusbriefe lassen sich seit dem 2. Jahrhundert verschiedene Intentionen und Interpretationen der Editorinnen und Editoren nachweisen.“ 105 Darum fragt auch A. Taschl-Erber: „Lässt sich in Bezug auf die paulinische Briefsammlung etwa mit Sicherheit sagen, was genuin Betandteil des jeweils ursprünglichen Brieftextes gewesen ist - oder muss man vielleicht auch eine redigierende Harmonisierung miteinkalkulieren (auch im Sinne einer eventuellen Überarbeitung und Ergänzung der ‚authentischen‘ Paulinen)? “ 106 Neueste Überlegungen von Trobisch folgen dieser Logik, in denen auch er den Vergleich der Genese der Ignatiana mit den paulinischen Briefen anstellt. Hiernach wurde auch die paulinische Briefsammlung nicht nur erweitert, sondern die existierenden Briefe dabei jeweils bearbeitet. 107 54 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="55"?> 108 Ibid. 31. 109 Vgl. D. Trobisch, Die Entstehung der Paulusbriefsammlung: Studien zu den Anfängen christlicher Publizistik (1989), 106. 110 D. Trobisch, On the Origin of Christian Scripture. The Evolution of the New Testament Canon in the Second Century (2023), 78-79. 111 C.F.D. Moule, The Birth of the New Testament (1962), 264-265; E.R. Richards, The Codex and the Early Collection of Paul’s Letters (1998), 163; E.R. Richards, The secretary in the letters of Paul (1991). 112 D. Guthrie, New Testament introduction (1970), 653; P.W. Comfort, Encountering the Manuscripts: An Introduction to New Testament Paleography & Textual Criticism (2005), 35. 113 Vgl. die zuvor genannten Beiträge von Goodspeed, auch J. Knox, Philemon among the letters of Paul. A new view of its place and importance (1959), 10; D. Trobisch, Die Entstehung der Paulusbriefsammlung: Studien zu den Anfängen christlicher Publizistik (1989), 116. 114 D. Trobisch, On the Origin of Christian Scripture. The Evolution of the New Testament Canon in the Second Century (2023), 79. Da Trobisch die kanonische Edition der 14-Briefe-Sammlung für einen Teil der Redaktion des kanonischen Neuen Testaments aus der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts hielt, die in Wettbewerb mit einer Reihe anderer Sammlungen trat, sieht er diese auch als Antwort auf die *10-Briefe-Samm‐ lung. 108 Wenn Trobisch von „Auswahl“ spricht, kann nur gemeint sein, dass Markion nicht auf der Basis einer von Trobisch postulierten paulinischen 7-Briefe-Sammlung arbeitet, sondern sich einer dann ebenfalls postulierten 13- oder 14-Briefe-Sammlung des Paulus bedient hatte. Zugleich nimmt Trobisch allerdings an, dass die 14-Briefe-Sammlung erst durch eine Kombination der 13-Briefe-Sammlung mit dem Hebräerbrief entstanden ist. 109 Zudem müsse man zwischen Herausgeber, Redaktor und Autor bei einer solchen Sammlung unterscheiden. 110 Was die erste Redaktionsstufe der Paulusbriefe betrifft, nennen die ver‐ schiedenen Forschungspositionen als Erstherausgeber Paulus oder Lukas, 111 Timotheus 112 oder Onesimus 113 , wobei Trobisch neuerdings darauf verweist, dass der Herausgeber und Sponsor, der oft in Dedikationen genannt wird, nur Theophilus sein könne. Denn es sei der einzige innerhalb des Neuen Testaments, der erwähnt wird, und zwar ausgerechnet im Proöm des Lukasevangeliums, des erweiterten vorkanonischen Evangeliums. Er kehre wieder im Proöm des Praxapostolos, nämlich Apg 1,1. Und da die Sammlungen der Evangelien und des Praxapostolos nicht von der 14-Briefe-Sammlung des Paulus und der Offenba‐ rung des Johannes getrennt werden könnten, gilt Theophilus in der narrativen Welt des kanonischen Neuen Testaments auch als der implizite Sponsor und Herausgeber der interpolierten und erweiterten Paulusbriefsammlung. 114 Der §-2 Forschungsgeschichte zur Entstehung der paulinischen Briefsammlungen 55 <?page no="56"?> 115 Ibid. 131-135. 116 H. Detering, The Falsified Paul. Early Christianity in the Twilight (2003), 127-128. 117 „Although a distinction between documents that were considered sacred and docu‐ ments that were heretical or profane was taken for granted (some thought it was acceptable to hand over heretical or defective copies), the sacred documents were rarely bound all together. There is no evidence of full sets being maintained or handed over. I take this observation to be a further indication that the canon was originally mainly a theoretical notion of interest to church leaders and theologians“, D.J. Kyrtatas, Historical Aspects of the Formation of the New Testament Canon (2009), 32. historische Herausgeber jedoch ist nach Trobisch Irenäus von Lyon, der seinen Lehrer Polykarp unter dem Decknamen des Theophilus und angedeutet mit „Carpus“ (2Tim 4,13), als eigentliche Autorität vorschiebe. 115 Auch wenn die Position der Dutch Radicals eine Außenseitermeinung ist, so soll sie dennoch nicht verschwiegen werden. Der sich in diese Tradition der Dutch Radicals stellende Hermann Detering schlug vor, dass nicht Paulus, sondern Markion der Autor oder Redaktor der paulinischen Briefe sei. 116 4) Das Fehlen einer kanonischen Sammlung im 2.-Jh. In jüngerer Zeit schien die Frage nach der frühesten Briefsammlung paulinischer Briefe überflüssig zu werden. Zum einen hat man erkannt, dass der Begriff des „Kanonischen“, der zuvor und auch weiter in dieser Untersuchung nur heuristisch zur Unterscheidung der markionitischen Sammlung von der bei Irenäus aufscheinenden, erweiterten Sammlung dient, nicht anachronistisch aus dem vierten Jahrhundert oder gar aus späteren Jahrhunderten in das zweite oder dritte Jahrhundert zurückproji‐ ziert werden dürfe. D.J. Kyrtatas hat diese Erkenntnis präzis zusammengefasst: „Auch wenn die Unterscheidung zwischen Dokumenten, die als heilig, und Do‐ kumenten, die als häretisch oder profan angesehen wurden … [gemacht wurde], so waren doch die heiligen Dokumente selten alle zusammengebunden. Es gibt kein Zeugnis dafür, dass vollständige Exemplare besessen oder weitergegeben wurden. Ich verstehe diese Beobachtung als ein weiteres Indiz dafür, dass der Kanon ursprünglich im Wesentlichen ein theoretisches Konzept im Interesse der Amtsträger der Kirche und der Theologen war.“ 117 Kyrtatas ist zuzustimmen, was die Vorsicht vor Anachronismen betrifft, doch haben wir es im Vorliegenden gerade mit Amtsträgern wie Irenäus und theologisch-philosophischen Lehrern wie Markion zu tun. Und zu diesen ist zu bemerken, dass die Schlüsse, die aus Kyrtatas‘ Beobachtung bisweilen gezogen werden, sowohl diesen wie auch den Befund übersteigen. Auch wenn man D. Brakke ernst zu nehmen hat, dass wir christliche Autoren der ersten drei Jahrhunderte nicht „auf eine genealogische 56 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="57"?> 118 „And so it is simply anachronistic to ask writers of the second century which books were in their canon and which not - for the notion of a closed canon was simply not there. We must not continue to place Christian authors on a trajectory that leads inevitably to Athanasius’s definitive list of 367“, D. Brakke, Scriptural Practices in Early Christianity: Towards a New History of the New Testament Canon (2011), 266. 119 „In principle, what Christian writers of the second century defend is the variety and profusion of Christian texts, just as they also defend the continued acceptance and use of the Old Testament“, J. Barton, Marcion Revisited (2002), 343. Linie setzen sollen, die unweigerlich zu der definitiven Liste [von kanonischen Schriften] des Athanasius von 367 führt“, halte ich es umgekehrt für keinesfalls anachronistisch, Autoren des zweiten Jahrhunderts danach zu befragen „welche Bücher in ihrem Kanon waren und welche nicht“. 118 Alleine Irenäus‘ Bemühen, gegen Markion gewand, nicht ein Evangelium, sondern vier dergleichen als die von Gott gewollte Zahl zu behaupten, und zwar genau vier, nicht weniger, aber auch nicht mehr, spricht bereits gegen die Vorstellung, es sei „den christlichen Autoren im zweiten Jahrhundert um die Vielfalt und die Verbreitung christlicher Texte gegangen, gerade so wie sie auch die weitere Akzeptanz und Nutzung des Alten Testaments verteidigen wollten“. 119 Es ging um Vielfalt, aber es ging Irenäus auch um die Definition derselben, deren Ausweitung wie Beschränkung er gegen die göttliche Vorherbestimmung und gegen den göttlichen Geist gerichtet sah. 5) Wildwuchs von Texten Nun wurde mit guten Gründen nicht nur die Anzahl, sondern auch die Text‐ stabilität der in einer Sammlung aufgenommenen Werke problematisiert, was die Bedeutung einer Sammlung zumindest, was den Textbestand der verschie‐ denen Werke betrifft, relativieren würde. Auf den genannten Hans Lietzmann zurückgehend, seine Vorstellung aber ausdehnend, trug man vor, dass sich der frühe Text der Paulusbriefe, wie wir ihm etwa in P 46 als typischem Beispiel begegnen, in jedem Manuskript so unterschiedlich darstelle, dass man keine Genealogie, ja vielleicht gar keinen singulären Ausgangspunkt in Brief oder Briefsammlung annehmen dürfe. Weder die Briefe in ihrem Urzustand noch die Briefe innerhalb einer Sammlung seien rekonstruierbar, sondern aufgrund der Vielfalt der Varianten in den Handschriften sei man einem lebendigen Text ausgesetzt, der sich von Kopist zu Kopist gewandelt habe. Lietzmann schrieb: „So oder ähnlich [wie P 46 ] sahen die Handschriften aus, welche von den Vätern des 3. Jahrhunderts benutzt wurden, welche man zu jener Zeit ins Lateinische übersetzte und welche auch der sahidischen Übersetzung zugrundelagen. Verwildert waren sie §-2 Forschungsgeschichte zur Entstehung der paulinischen Briefsammlungen 57 <?page no="58"?> 120 H. Lietzmann, Kleine Schriften 2 Studien zum Neuen Testament (1958), 178. 121 B. Aland, Neutestamentliche Textforschung, eine philologische, historische und theo‐ logische Aufgabe (1995), 26-27. 122 Auf die Evangelien bezogen: D.C. Parker, The living text of the Gospels (1997). 123 So E.C. Colwell, Hort Redivivus: A Plea and a Programm (1969), 166. Ähnlich auch B.D. Ehrman, The Orthodox Corruption of Scripture. The Effect of Early Christological Controversies on the Text of the New Testament (2011), 342-343. 124 So Y.-J. Lin, The erotic life of manuscripts: New Testament textual criticism and the biological sciences (2016); F.M. Young, Ways of Reading Scripture: Collected Papers (2018), 368; J.M. Lieu, Marcion and the Making of a Heretic: God and Scripture in the Second Century (2015), 218. Vgl. auch D.A. Smith, Marcion’s Gospel and the Synoptics: Proposals and Problems (2019). alle, aber keine glich der anderen, und zahl- und regellos wie ihre Varianten waren auch ihre Übereinstimmungen. Dieser wildwachsende Typ wucherte weiter-…“ 120 Barbara Aland hat hingegen, auch auf Lietzmann sich beziehend, ausdrücklich auf die großen Übereinstimmungen innerhalb der Handschriften hingewiesen und daran festgehalten, dass man in ihnen doch „den ursprünglichen Text“ fassen könne, also „nicht eine frühe Rezension, Bearbeitung oder einen frühen Lokaltext“, sondern einen „frühe[n], auf das Original zurückgehende[n] Text“ zu greifen vermag, der nicht derart „verwildert“ gewesen sei, dass man nicht dennoch die häufigen Übereinstimmungen erkennen könne; die Varianten bildeten noch keine „Texttypen“ oder „Vorformen“. 121 Wenn D.C. Parker etwa von einem „lebendigen Text“ spricht, dann war dieser nicht derart amorph, dass man nicht doch durch die existierenden Textgestalten auf deren Genese schließen kann. 122 Nichtsdestotrotz haben postmodern inspirierte Forschende diese Überle‐ gungen und Gedanken zur Vorstellung eines undifferenzierbaren Text- und Variantendickichts aufgegriffen und die neutestamentliche Landschaft in den ersten beiden Jahrhunderten als wild, unkontrolliert, hektisch, unediert und frei sich entwickelnd gezeichnet. 123 Diese Vorstellung hat ihre Spuren bis in die jüngere Forschung hinterlassen, der zufolge die neutestamentlichen Texte erst allmählich fixiert worden seien und, solange sie in Handschriften gefasst waren, nur zu einem gewissen Maß stabil waren. 124 Kurz zusammengefasst bedeutet dies, dass sowohl die Grenzen von Samm‐ lungen diffuser zu konzeptualisieren seien wie auch das in ihnen Gefasste. Nimmt man jedoch die allerjüngsten Ansätze hinzu, findet sich in ihnen längst nicht mehr solch postmoderne Rhetorik. Sie sind vielmehr einer Perspek‐ tive verpflichtet, die ich, einem Vorschlag Jan N. Bremmers folgend, als Retro‐ moderne bezeichnet habe. 125 Dieser Sicht gemäß misst man erheblich weniger Spiel und mehr Ernst dem Arbeiten von Kopisten, Redaktoren und Schreibern 58 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="59"?> 125 M. Vinzent, Writing the History of Early Christianity: From Reception to Retrospection (2019), 38. 126 H.A.G. Houghton, Ed. Liturgy and the Living Text of the New Testament. Papers from the Tenth Birmingham Colloquium on the Textual Criticism of the New Testament (2018). 127 So die Einleitung von ibid. xvii: „He (Wassermann) offers a counterbalance to Parker’s description of the uncontrolled aspects of early Christian textual tradition by observing that some manuscripts reflect a strict approach to the transmission of the Gospels which must also go back to the earliest period.“ Der Beitrag selbst: T. Wasserman, Was there an Alexandrian recension of the living text? (2018). 128 Vgl. etwa Jeff Cate, im zweiten Beitrag derselben Publikation, H.A.G. Houghton, Ed. Liturgy and the Living Text of the New Testament. Papers from the Tenth Birmingham Colloquium on the Textual Criticism of the New Testament (2018), xvii. Der Beitrag selbst: J. Cate, The Living Text of Mark 13: 2: Western Witnesses and the Book of Daniel (2018). 129 J.N. Birdsall, Review The Living Text of the Gospels by D. C. Parker (1999), 279. 130 Ibid. 287. 131 C.S. Stevens, History of the Pauline corpus in texts, transmissions and trajectories. A textual analysis of manuscripts from the second to the fifth century (2020). Zu einem vergleichbaren Ergebnis war nach Detailstudien bereits von Soden gekommen, wenn er schreibt: „Wieder ist deutlich, dass hinter den drei Rezensionen ein in der zu. Der Perspektivenwandel lässt sich etwa gerade an dem Band ablesen, der zum 20-jährigen Jubiläum von Parkers The Living Text of the Gospels im Jahr 2018 erschien. 126 Bereits der erste Beitrag von T. Wasserman bietet ein „Gegengewicht zu Parkers Beschreibung des unkontrollierten Aspekts der frühen christlichen Texttradition, indem er beobachtet, dass einige Handschriften einen strikten Zugriff auf die Überlieferung der Evangelien ausweisen, der auch auf die frühesten Anfänge zurückgehen muss“. 127 Doch er ist nicht der einzige Autor dieses Bandes, der in kritische Distanz zum „lebendigen Text“ geht. Gefolgt wird sein Beitrag von J. Cate, der gar nach „ursprünglichen“ Lesarten sucht, 128 eine Forschungsfrage, die Parker mit seinem Buch gerade zerstreuen wollte. Schon ein Altmeister der neutestamentlichen Zunft, J. Neville Birdsall, hatte in seiner Rezension zu Parkers Buch die Frage gestellt, ob er denn „meine, dass keines der Evangelien einen bestimmbaren literarischen Beginn habe, oder dass die Vorfahren eines unserer Evangelien aus einem Bestand gemeinsamen Materials zusammengestellt wurden […], Urtexte der frühesten Textformen sind, die wir nicht ausmachen können? “ 129 Und er schließt seine Rezension mit seiner eigenen Position, wonach er den „ausgesprochenen Pessimismus, was die Möglichkeit des Zugangs zu den frühesten Stadien der Tradition betreffe, die die Handschriften uns erlauben“, nicht teile. 130 Diese Gegenposition zur überzogenen Deutung des „lebendigen Textes“ wird gerade, was die paulinische Tradition angeht, jüngst durch Chr. S. Stevens bestätigt. 131 Er nennt in seiner §-2 Forschungsgeschichte zur Entstehung der paulinischen Briefsammlungen 59 <?page no="60"?> Hauptmasse einheitlicher Text steht, den sie nur rezensiert haben“, H.v. Soden, Die Schriften des Neuen Testaments in ihrer ältesten erreichbaren Textgestalt. Hergestellt auf Grund ihrer Textgeschichte. I. Teil: Untersuchungen, III. Abteilung: Die Textformen. B. Der Apostolos mit Apokalypse (1911), 1962. Wenn auch auf anderem Weg, hatte bereits Diehl dafür argumentiert, was die lateinische Paulustradition betrifft, von einem einzigen Archetypen auszugehen, den er in die d-Tradition stellte, wenn auch nicht mit d identifizierte, vgl. E. Diehl, Zur Textgeschichte des lateinischen Paulus (1921), 106-107. 132 Das sei schon bemerkt worden von G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 272. 133 B. Aland, Neutestamentliche Textforschung und Textgeschichte: Erwägungen zu einem notwendigen Thema (1990), 187-188. Untersuchung zunächst vier Kritikpunkte an der Vorstellung, dass auf eine Zeit des Wildwuchses eine kirchliche Rezension zur Standardisierung erfolgt sei: Erstens gäbe es kein Zeugnis für einen Akt der standardisierenden Rezen‐ sion. 132 Zweitens besäßen wir keinen Hinweis auf eine Zurückweisung einer älteren redaktionell bearbeiteten Form. Drittens sei der Begriff der „Rezension“ unscharf. Viertens sei die Datierung vage, die allenfalls von verschiedenen Forschenden um das Ende des 2. Jh. angesetzt, aber von manchen bis ins Mittelalter aus‐ gedehnt werde, wenn etwa Barbara Aland schreibt, dass „in der frühesten Zeit unserer Überlieferung […] man als Schreiber mit dem Text eines Autors noch relativ frei umgehen [kann]“ und solche „frühe Freiheit“ Schreibern Gelegenheiten bot „zur Umformung und Neuformung des Stoffes“, was sich „grundlegend“ erst durch „die Verhältnisse vom 9. Jahrhundert ab“ geändert habe. 133 Wichtiger aber ist Stevens’ Beobachtung, dass entgegen der Annahme, dass frühe Zeugen wild voneinander abweichen, während spätere Zeugen einander stärker gleichen, mit Verweis auf den genannten Papyrus P 46 eine geradezu große Übereinstimmung an festem Textbestand zu erkennen sei. P 46 vergleicht er mit den frühen weiteren Zeugen, unseren ältesten großen Bibelhandschriften 01 (= Codex Sinaiticus), 02 (= Codex Alexandrinus), 03 (= Codex Vaticanus) und 04 (= Codex Ephraemi-Rescriptus), und kommt zu dem Ergebnis, dass P 46 zwar tatsächlich größere Varianzen aufzeigt gegenüber diesen Handschriften als diese Handschriften untereinander, dass jedoch P 46 dennoch durchschnitt‐ lich zu 96,9% mit den großen Handschriften 01-04 übereinstimmt, während etwa die jüngere Handschrift 06 (= Codex Claramontanus) „nur“ zu 95,2% mit diesen Handschriften übereinstimme. Auffallend sei überdies, dass gerade 06 und P 46 zwar die geringere Übereinstimmung von 94,3% aufweisen, jedoch 60 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="61"?> 134 C.S. Stevens, History of the Pauline corpus in texts, transmissions and trajectories. A textual analysis of manuscripts from the second to the fifth century (2020), 191. 135 Ibid. 192. 136 Ibid. 193. Vgl. ähnliche Ansätze in M.W. Holmes, Text and Transmission in the Second Century (2011), 60; W.L. Petersen, The Genesis of the Gospels (2002), 53-54; E.J. Epp and G.D. Fee, Studies in the theory and method of New Testament textual criticism (1993), 274. Epp spricht hier von einer „Übung in historisch-kritischer Imagination“. Vgl. zum argumentum e silentio meine Studie M. Vinzent, The Argument from Silence in Religio-Historical Research (2021). 137 C.S. Stevens, History of the Pauline corpus in texts, transmissions and trajectories. A textual analysis of manuscripts from the second to the fifth century (2020), 205. 138 Ibid. 206. „ähnliche Kategorien von Textvarianzen“ zeigten. 134 Gegen die Meinung eines verwilderten frühen Textes spricht auch der von Stevens angestellte Vergleich der bislang aufgefundenen 22 frühesten Papyri zu den Paulusbriefen, die eine „außergewöhnliche textliche Übereinstimmung und Uniformität mit den Ma‐ juskeln [also den genannten großen Bibelhandschriften 01-04.06]“ aufwiesen. 135 Nun will Stevens nicht irrigerweise behaupten, P 46 oder der Text einer der genannten Handschriften gäbe uns ein Autograph oder einen „Ausgangstext“, dazu verweist er auf die über 3.000 Textvarianten, die er aus den frühen Text‐ zeugen der ersten sechs Jahrhunderte mit fast 200 offenkundigen Fehllesarten durch seine Studie aufzeigt, doch sei „das verfügbare Material günstig und wesentlich […], um Licht auf das zu werfen, was unbekannt ist, nämlich den Textzustand in der Zeit, aus der wir bislang kein Material heben konnten“. 136 Aufgrund seiner Untersuchung der Varianten in den Handschriften bis zum 6. Jh. kommt Stevens zum Schluss, mehrere Szenarien nahezu ausschließen zu können. Hätte es, wie bereits Zahn annahm, individuelle Paulusbriefe gegeben, die bereits zu seiner Zeit von den Adressaten kopiert und verteilt worden seien, hätte es dann die Sammlung des Paulus selbst gegeben und wäre gegen das Jahr 200 n. Chr. noch eine dritte Form der Distribution hinzugekommen, dann lasse sich kaum erklären, warum die Handschriftentradition „so wenige alternative Varianten“ aufweise, nämlich präzise 177 oder 0.55% des gesamten Wortbestandes. 137 Ähnlich unwahrscheinlich sei es, dass Röm und Kol zu unterschiedlichen Zeiten in die Sammlung gelangt seien, denn auch hier fänden sich keine Varianten, die von einer Konkurrenz verschiedener Ausgaben dieser Briefe in Form der ursprünglichen Privatbriefe und der in die Sammlung aufgenommenen Briefe zeugten, und Röm und Kol unterschieden sich nicht grundlegend in der Anzahl von in den Handschriften existierenden Varianten. 138 Selbstverständlich haben sowohl Zahn wie Stevens lediglich die kanonische §-2 Forschungsgeschichte zur Entstehung der paulinischen Briefsammlungen 61 <?page no="62"?> 139 Angemerkt sei, dass eine vergleichbare Beobachtung, was „die große Konformität der Textüberlieferung“ betrifft, auch für die syrische Tradition festgestellt wurde, vgl. B. Aland and A. Juckel, Das Neue Testament in syrischer Überlieferung. 2. Die paulinischen Briefe. Teil 2. 2. Korintherbrief, Galaterbrief, Epheserbrief, Philipperbrief und Kolosserbrief (1995), 8. 140 N.A. Dahl, The Origin of the Earliest Prologues to the Pauline Letters (1978), 253.263. 141 Er war sich durchaus bewusst, dass es im 2. Jh. in der Sammlung Markions und auch im Kanon Muratori, den er ebenfalls ins 2. Jh. datiert, abweichende Briefanordnungen gab, die er selbst auflistet, so H. Lietzmann, Einführung in die Textgeschichte der Paulusbriefe. An die Römer (1933), 2. 142 Ibid. 1. 143 H.Y. Gamble, Redaction of the Pauline Letters and the Formation of the Pauline Corpus (1975). Sammlung paulinischer Briefe im Blick, anders als etwa Lietzmann, wie oben vermerkt. 139 Dass es bei einer historischen Beschreibung nicht nur, ja nicht einmal vorwiegend um Statistik geht, ja, dass man die aus diesen statistischen Beob‐ achtungen gewonnenen Einsichten in Einzelpunkten durchaus verschieden bewerten kann, werden wir bei den Detailbetrachtungen sehen, aber um einen ersten Eindruck zu gewinnen, sind solche statistisch erhobenen Zahlen aus dem Handschriftenmaterial sehr hilfreich. Insgesamt jedenfalls widerspricht Stevens der These von Niels A. Dahl, der behauptet hatte: „Auch wenn öfters angenommen worden ist, dass die gesamte Textüberlieferung der paulinischen Briefe auf einen einzigen gemeinsamen Archetyp der gesamten Sammlung zurückgeht, so ist diese Annahme doch unhaltbar [..,] eine plausible Erklärung wird dann möglich, wenn wir die Existenz von zwei ursprünglichen Editionen annehmen.“ 140 Gegen diese Theorie der zwei ursprünglichen Editionen (Privatbriefe, die einzeln in Umlauf sind und kopiert und verbreitet werden; die Sammlung dieser Briefe und ihre Reproduktion) setzt Stevens die ältere Position von Hans Lietzmann, der mit Blick auf die kanonische Sammlung 141 erklärt: „Alle uns erhaltenen Textformen der Paulusbriefe gehen auf eine einzige Sammlung zurück: kein Brief hat eine eigene Ueberlieferung. … Einzelhandschriften paulinischer Briefe gibt es nicht. … Aber noch weiter: diese Sammlung hat überall den gleichen Inhalt und auch im wesentlichen die gleiche Anordnung.“ 142 Stevens schließt sich Lietzmann an und fügt noch den Gedanken von H. Y. Gamble hinzu, wonach die Revisionen der Briefe erfolgt sein müssen, bevor die Briefe in Zirkulation gegangen seien, weshalb die Zahl der alternativen Lesarten so klein ausfallen konnte, 143 oder, fügt Stevens hinzu, sie müssen sehr 62 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="63"?> 144 T.-v. Zahn, Einleitung in das Neue Testament (1897), 114. 145 E.-M. Becker, Marcion und die Korintherbriefe nach Tertullian, Adversus Marcionem V (2002), 95. 146 B. Nongbri, Pauline Letter Manuscripts (2013), 99; C.S. Stevens, History of the Pauline corpus in texts, transmissions and trajectories. A textual analysis of manuscripts from the second to the fifth century (2020), 202. 147 Dass der Zweite Petrusbrief die Apokalypse des Petrus aus dem zweiten Jahrhundert benutzt und darum später als bisher zu datieren ist, wurde gezeigt von W. Grünstäudl, Ein apokryphes Petrusbild im Neuen Testament. Zur Konstruktion apostolischer Autorität in OffbPetr und 2 Petr (2019); W. Grünstäudl, Geschätzt und bezweifelt. Der zweite Petrusbrief im kanongeschichtlichen Paradigmenstreit (2018); W. Grünstäudl, Der zweite Brief des Petrus. Eine Herausforderung für tolerante Geister (2018); W. Grünstäudl and T. Nicklas, Searching for Evidence: The History of Reception of the Epistles of Jude and 2 Peter (2014); J.N. Bremmer, The Apocalypse of Peter as the First Christian Martyr Text: Its Date, Provenance and Relationship with 2 Peter (2019). 148 Zur Datierung des Textes durch Zwierlein auf ca. 125, vgl. weiter oben Fußnote 54. 149 Für die Datierung der Sieben-Briefe-Sammlung in die zweite Hälfte des zweiten Jahrhunderts, vgl. J.N. Bremmer, The Place, Date and Author of the Ignatian Letters: An Onomastic Approach (2021); T.J. Bauer, Ignatius von Antiochia und Polykarp von Smyrna. Aporien bei der Analyse und Interpretation frühchristlicher Briefe (2021); M. spät erfolgt sein, also nach dem Tod der Erstlesenden, um dem Problem, auf das Zahn verwiesen hat, zu entgehen, dass Menschen, die noch den originalen Brief kannten, eine revidierte Form innerhalb einer Sammlung kaum als einen Paulusbrief akzeptiert hätten. 144 Zusammenfassung Überblickt man das Feld der vorgestellten fünf Positionen, gilt, dass die Annahme einer oder mehrerer älterer Sammlungen von Paulusbriefen vor Markion, wie die Neutestamentlerin E.-M. Becker formuliert, reine „Spekula‐ tion“ ist, 145 aber auch die Bandbreite von Textvarianten in den Handschriften eher für eine schmale statt breite Briefüberlieferung spricht und damit eine Bündelung von Briefen in einer redaktionellen Sammlung als Basis für deren Überlieferung stützt. B. Nongbri stellt ernüchternd fest, dass zwar keine der älteren und jüngeren Theorien der Genese von Paulusbriefsammlungen völlig auszuschließen sei, dass jedoch das verfügbare Material weder Anlass noch Akteure oder Motive hinter den Sammlungen offenkundig mache. 146 Aus diesen Überlegungen lässt sich ableiten, dass wir erstens kein Zeugnis für eine vormarkionitische Sammlung von Paulusbriefen besitzen - die Zeugen, die von mehreren Paulusbriefen sprechen (2Petr 3,15f.) 147 oder mehrere Paulusbriefe benutzen (1Klem, 148 Ignatius, 149 PolPhil 150 ) sind in ihrer Datierung nicht gesichert §-2 Forschungsgeschichte zur Entstehung der paulinischen Briefsammlungen 63 <?page no="64"?> Vinzent, Writing the History of Early Christianity: From Reception to Retrospection (2019). 150 Vor 167/ 168, vgl. die Einleitung. 151 A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 31. 152 Von dem im zweiten Jahrhundert lebenden und in der Tradition Markions und Justins stehenden Tatian wird berichtet, er habe sowohl eine Evangelienharmonie wie auch eine Bearbeitung der Paulusbriefe vorgenommen, so Euseb. Caes., Hist. eccl. IV 29,6. -, so dass man mit Recht das Fazit unterstreichen kann, das A. Goldmann jüngst formulierte: „Im 2. Jh. existieren also (mindestens) zwei Sammlungen von Paulusbriefen. Es sind die beiden frühesten Fixpunkte, auf die sich die Forschung mit hinreichender Sicherheit berufen kann: die 10-Briefe-Sammlung und die 14-Briefe-Sammlung. Einigkeit besteht darin, dass diese beiden Textsammlungen in einem literarischen Abhängigkeitsver‐ hältnis zueinander stehen. Unklar bleibt zunächst jedoch, wie dieses literarische Abhängigkeitsverhältnis tatsächlich aussieht“. 151 Es gibt folglich nur zwei - wir können Goldmanns „mindestens“ ignorieren, weil wir von keiner weiteren Sammlung Nachricht haben, wie dargelegt - für uns fassbare Paulusbriefsammlungen aus den ersten beiden Jahrhunderten: Die ältere *10-Briefe-Sammlung, der „Apostolos“ des Markion, und die jüngere 14-Briefe-Sammlung, die uns bei Irenäus von Lyon gegen das Jahr 177 n. Chr. greifbar wird und wie sie uns schließlich in unserem kanonischen Neuen Testament vorliegt. 152 Später dürfte dann die Sammlung von P 46 als dritte Sammlung aus dem dritten Jahrhundert hinzugekommen sein. Dass die nach‐ folgende Rekonstruktion der *10-Briefe-Sammlung schließlich doch zwei ihr vorausgehende paulinische Briefsammlungen wahrscheinlich macht, sei hier nur angedeutet - diese aber sind keine Spekulation, sondern ergeben sich aus Anlage und Material der *10-Briefe-Sammlung und widersprechen nicht den Beobachtungen etwa von Stevens. Aus all dem lässt sich erkennen, wie spannend das vorliegende Thema der Entwicklung der Sammlung paulinischer Briefe ist, und welche bis in unsere Zeit ungelösten Probleme sich mit ihm verbinden. Mit der Genese der Paulusbriefsammlung soll es nicht sein Bewenden haben. Vielmehr interessiert die inhaltliche Ausrichtung der Sammlung als ganzer und von deren Bestandteilen und zwar auf den verschiedenen Stufen ihrer Entwicklung, auch, was wir durch diese Profilierung an Einsichten für die Rekonstruktion der ältesten Sammlungen paulinischer Briefe und, wie wir entdecken werden, auch von deren Sammlungsrahmen, Markions *Neuem Testament bzw. der größeren Sammlung des Irenäus, lernen können. Es gilt 64 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="65"?> 153 P. Arzt-Grabner, A. II. Das Corpus Paulinum (2013), 15. 154 Vgl. Clem. Alex., Strom. VII 106. 155 Die Literatur zu Markion ist inzwischen gewaltig gewachsen, die Forschung vor 2010 fasst kritisch zusammen E. Norelli, Markion und der biblische Kanon (2016). folglich, wie es kürzlich in einem Paulushandbuch formuliert wurde: „Die älteste nachweisbare Sammlung geht auf Markion (um 140 n. Chr.) zurück.“ 153 Auf den Sammler, Markion von Sinope (gest. vor 161 154 ), und seine mögliche Rolle in der Entstehung der Sammlung soll weiter unten näher eingegangen werden. 155 §-2 Forschungsgeschichte zur Entstehung der paulinischen Briefsammlungen 65 <?page no="66"?> §-3 Das Verhältnis der 14-Briefe-Sammlung und der *10-Briefe-Sammlung Grundlegend gibt es lediglich drei vorstellbare Verhältnisbeschreibungen: Ent‐ weder ist a von b; b von a, oder a und b von x abhängig. Das bedeutet für unseren Fall, entweder ist eine der beiden Sammlungen die Grundlage der anderen, oder aber beide sind von einer ihnen vorausliegenden Sammlung abhängig. Dass der vorliegende Fall komplexer ist und sich der einfachen Logik entzieht, wird im Laufe der Untersuchung zu zeigen sein, da sich herausstellen wird, dass für die Erstellung der *10-Briefe-Sammlung nicht nur auf ältere Briefe bzw. Briefmate‐ rialien, sondern auf zwei Sammlungen von sieben Briefen ( ˟ Röm; ˟ 1/ ˟ 2Kor; ˟ Gal; ˟ 1Thess; ˟ Phil; ˟ Phlm) und drei Briefen ( km Laod; km Kol; km 2Thess) zurückgegriffen wurde, die einer gründlichen vorkanonischen Redaktion unterzogen wurden. Wie *Ev redaktionell zu den Versionen von km Lk, km Mt, km Mk und km Joh bearbeitet wurde, so wurde auch die *10-Briefe-Sammlung in einer ersten kanonischen Redaktion zu einer km 10-Briefe-Sammlung bearbeitet. Für die Produktion der 14-Briefe-Sammlung wurde diese km 10-Briefe-Samm‐ lung genutzt, der die drei sogenannten Pastoralbriefe und danach der Heb‐ räerbrief hinzugestellt wurden. Diese Sammlung wurde mit der die Briefe einleitenden oder ergänzenden Apostelgeschichte, mit den Katholischen Briefen und den vier vorkanonischen Evangelien verbunden. Der gesamte Verbund dieser Quellen wurde in einer zweiten kanonischen Redaktion bearbeitet und im Textbestand ergänzt. An die Stelle einer schlichten Genealogie tritt demnach eine miteinander verschachtelte differenzierte Abfolge von Redaktionen, die bislang nicht im Blick waren. Betrachtet man, wie in der Forschungsgeschichte das Verhältnis der *10-Briefe- Sammlung und der 14-Briefe-Sammlung bestimmt wurde, liegen folgende ge‐ nealogisch ausgerichtete Lösungsvorschläge vor: a. „a ist von b abhängig“: Die 14-Briefe-Sammlung ist die Grundlage, die *10-Briefe-Sammlung das Resultat von deren Bearbeitung Diese erste Position ist diejenige der häresiologischen Tradition. Bereits Ire‐ näus hatte behauptet, dass die Valentinianer die „Gleichnisse des Herrn, die Sprüche der Propheten und die Worte der Apostel“ ihren eigenen Spekulationen angepasst hätten, während er den Vorwurf der Veränderung und vor allem Verwerfung bzw. Verstümmelung dieser drei Schriftteile gegenüber Markion <?page no="67"?> 1 Vgl. Iren., Adv. Haer. I 8.1. 2 Iren., Adv. Haer. I 27,4. 3 Iren., Adv. Haer. III 12,12: Marcion, et qui ab eo sunt, ad intercidendas conversi sunt Scripturas, quasdam quidem in totum non cognoscentes, secundum Lucam autem Evan‐ gelium, et Epistolas Pauli decurtantes. 4 Tert., De praescr. 38. 5 Ibid. 6 Epiph., Pan. 42,11,12. 7 A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 26. 8 Vgl. hierzu M. Vinzent, Marcion and the Dating of the Synoptic Gospels (2014). erhob. 1 Wohl weil Irenäus den verfälschenden Umgang mit der Schrift vor allem Markion anlastete, hatte er sich vorgenommen, Markion „aus dessen eigenen Schriften“ zu widerlegen, nämlich „den Reden des Herrn und der Apostel, die bei ihm Autorität besitzen“. 2 Diese Schriften waren seiner Meinung nach das Ergebnis von Markions „Verstümmelung, wobei sogar einige Bücher überhaupt nicht akzeptiert und insbesondere das Lukasevangelium und die Briefe des Paulus gekürzt wurden“. 3 Die Meinung, Markion habe sich bei seiner Redaktion auf die 14-Briefe-Sammlung gestützt, wurde nach Irenäus auch von Tertullian vertreten, wenn er ihm vorwirft, die Briefe des Paulus redigiert, geändert und gekürzt zu haben, und sich selbst dem offenkundig von Markion erhobenen Vorwurf erwehrt, „wir“, d. h. diejenigen, die die 14-Briefe-Sammlung nutzten, hätten den Text der Schriften „korrumpiert“. 4 Im Gegenzug wirft Tertullian dem Markion vor, „offen und ungeschützt sein Messer, nicht die Feder, benutzt zu haben, indem er die Schriften so zuschnitt, wie sie seinen Argumenten gepasst hätten.“ 5 Ganz in dieser häresiologischen Tradition bewegt sich auch Epiphanius von Salamis im 4. Jh., wenn er auf den „verdorbenen Verstand“ Markions die Kürzungen und Veränderungen am Text der Schriften und eben auch der paulinischen Briefe zurückführt. 6 Goldmann hat folglich richtig gesehen, dass „die Kirchenväter sich freilich mit einem Text auseinandersetzen, den sie selbst Marcion zuschreiben“. 7 Über Jahrhunderte hinweg, und zwar bis in die Zeit der Aufklärung hinein, folgte die Forschung dieser häresiologischen Auffassung und diese wurde trotz kritischer Gegenstimmen im späten 18. und frühen 19. Jh. erneut durch Hilgenfeld, Zahn, Harnack und andere verteidigt. 8 Für diese Forschung war die Abhängigkeitsrichtung klar: Ausgangspunkt bildete die 14-Briefe-Sammlung, die *10-Briefe-Sammlung bildete deren Redaktion. BeDuhn legt ausführlich dar, dass diese Position die derzeit geltende Mehr‐ heitsmeinung darstellt und den Luxus einer langen Tradition besitzt, weil sie schlicht die Standardversion der patristischen Häresiologen und Antimarkio‐ §-3 Das Verhältnis der 14-Briefe-Sammlung und der *10-Briefe-Sammlung 67 <?page no="68"?> 9 Ibid. 80. Auf ihr basieren auch die Ansätze von D.T. Roth, The Text of Marcion’s Gospel (2015); U. Schmid, Marcion and the Textual History of Romans: Editorial Activity and Early Editions of the New Testament (2013); U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012); J.J. Clabeaux, A Lost Edition of the Letters of Paul. A Reassessment of the Text of the Pauline Corpus attested by Marcion (1989); A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924); T. v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, Band 2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892), 494-529. 10 J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 80. 11 Ibid. Vgl. W. Sanday, The Gospels in the Second Century. An Examination of the Critical Part of a Work Entitled ‚Supernatural Religion‘ (1876), 223-230; J. Knox, Marcion and the New Testament. An Essay in the Early History of the Canon (1942), 90-96. Kritisch gegenüber Sanday (und Knox) ist H.J. Cadbury, Four Features of Lucan Style (1968), 88; H.J. Cadbury, Review of J. Knox, Marcion and the New Testament (1943), 126-127. 12 W.C. van Manen, Marcion’s brief van Paulus aan de Galatiërs (1887). Seine Arbeit bleibt leider in der jüngeren Markionforschung unberücksichtigt (Roth, Lieu, Klinghardt, Goldmann, Flemming), oder wird nur gestreift, U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 7; J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 208, 358-359. 13 H.U. Meyboom, Marcion en de Marcionieten (1888), 146-164. 14 T. Whittaker, The Origins of Christianity with an Outline of Van Manen’s Analysis of the Pauline Literature (1904). 15 J. Turmel, „Martyr to the Truth“. The Autobiography of Joseph Turmel (2012); H. Delafosse, Les écrits de Saint Paul I. L’épître aux Romains, traduction nouvelle avec introduction, notes et commentaires (1926); H. Delafosse, Les écrits de Saint Paul II. La première épître aux Corinthiens, traduction nouvelle avec introduction et notes (1926); H. Delafosse, Les écrits de Saint Paul III. La seconde épître aux Corinthiens, les épîtres aux Galates, aux Colossiens, aux Ephésiens, à Philémon, traduction nouvelle avec introduction et notes (1927); H. Delafosse, Les écrits de Saint Paul IV. L’épître aux niten fortschreibe. 9 Allerdings, so gibt er zu bedenken, waren diese Autoren „nicht immer in der geeigneten Lage, zu wissen, worüber sie schrieben“. 10 Was die inneren Gründe wie Inhalt, Stil, Wortschatz und dergleichen betrifft, habe zwar W. Sanday bereits vor über hundert Jahren den Versuch gemacht, die Priorität des Lukas - wenn auch nicht der *10-Briefe-Sammlung - zu erweisen, doch sei dies durch J. Knox einer vernichtenden Kritik unterzogen worden, die bis heute nicht widerlegt sei. 11 Gleichwohl hat die lebendige Diskussion zur Stellung von Markion innerhalb der literarischen Produktion der frühen Christen im 19. Jh., genauerhin im Jahr 1853, weithin ein Ende gefunden, als sich die Mehrheitsposition etablierte, sodass diese seither nur noch von Stimmen am Rande, etwa eines W.C. van Manen, 12 H. U. Meyboom, 13 Th. Wittaker, 14 J. Turmel, 15 J. Knox, 16 R. J. Hoffmann, 17 D. S. Williams, 18 A. Gregory, 19 J. Tyson, 20 68 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="69"?> Philippiens, les épîtres aux Thessaloniciens, les épîtres pastorales, l’épître aux Hébreux. Traduction nouvelle avec introduction et notes (1928). 16 J. Knox, Marcion and the New Testament. An Essay in the Early History of the Canon (1942), 79-81. 17 R.J. Hoffmann, Marcion. On the restitution of Christianity: An essay on the development of radical Paulinist theology in the second century (1984), 113-334. 18 D.S. Williams, Reconsidering Marcion’s Gospel (1989), 478. 19 A.F. Gregory, The Reception of Luke and Acts in the Period before Irenaeus: Looking for Luke in the Second Century (2003), 173-210. 20 J.B. Tyson, Marcion and Luke-Acts: a defining struggle (2006). 21 Lieus Position ist schwer zu greifen. In ihrem opus magnum findet sich, wenn ich nichts überlesen habe, keine eindeutigere Aussage als die folgende: „the narrative account of the ministry, death, and resurrection of Jesus most probably was already referred to as ‚the Gospel‘, although that title was not identified exclusively with a particular text in written form; rather, it was he [Marcion] who so labelled the authentic version that he ‚restored‘. The written text with which he was familiar bore a strong resemblance to canonical Luke, particularly as attested within some surviving textual traditions, but likely it was in several respects shorter“, J.M. Lieu, Marcion and the Making of a Heretic: God and Scripture in the Second Century (2015), 436. (p. 436). Diesem Zitat zufolge, scheint Lieu damit zu rechnen, dass Markion sich einer Grundlage bedient hat, doch es wird nicht erläutert, ob diese mündlich oder schriftlich war, und es wäre hilfreich, wenn man wüsste, was die Autorin mit ‚familiar‘ gemeint hat: Hat Markion, wie von Klinghardt und seinen Schülern angenommen, lediglich einen Text benutzt, oder hat er ihn bearbeitet, ihn geschrieben? 22 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020); M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020). M. Klinghardt, Inspiration und Fälschung. Die Transzendenzkonstitution der christlichen Bibel (2013); M. Klinghardt, The Marcionite Gospel and the Synoptic Problem: A New Suggestion (2008); M. Klinghardt, „Gesetz“ bei Markion und Lukas (2006); M. Klinghardt, Markion vs. Lukas (2006); J. Heilmann, Die These einer editio princeps des Neuen Testaments im Spiegel der Forschungsdiskussion der letzten zwei Jahrzehnte (2018); A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020); T. Flemming, Die Textgeschichte des Epheserbriefes. Marcion änderte nichts: Eine grundlegend neue Perspektive auf den Laodicenerbrief (2022). 23 Vgl. zu den älteren Forschern D.T. Roth, Marcion’s Gospel and Luke (2008); M. Vinzent, Marcion and the Dating of the Synoptic Gospels (2014), 145-158. J. Lieu, 21 M. Klinghardt, J. Heilmann, A. Goldmann und T. Flemming 22 und dem Verfasser dieses Buches hier in Frage gestellt worden ist. 23 §-3 Das Verhältnis der 14-Briefe-Sammlung und der *10-Briefe-Sammlung 69 <?page no="70"?> 24 H.U. Meyboom, Marcion en de Marcionieten (1888), 194-195. Es ist erstaunlich, dass in der neuesten Forschung diese wichtige Arbeit nicht mehr in den Bibliographien erscheint (vgl. BeDuhn, Lieu, Klinghardt, Goldmann, Flemming) oder nur kursorisch behandelt wird, D.T. Roth, The Text of Marcion’s Gospel (2015), 20-21. 25 Vgl. zuvor S.-68, Fußnote-15. 26 J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013). Vgl. auch J. BeDuhn, New Studies of Marcion’s Evangelion (2017); J. BeDuhn, The New Marcion: Rethinking the „Arch-Heretic“ (2015). 27 J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 204. 28 „If Marcion was unique in his time for the amount of authority he vested in Paul, perhaps he was the one who first collected some of Paul’s most important letters into a corpus. Adolf von Harnack explored this possibility in his classic study of Marcion, and others have endorsed it“, ibid. Er verweist auf P.L. Couchoud, La Première édition de Saint Paul (1926); R.J. Hoffmann, Marcion. On the restitution of Christianity: An essay on the development of radical Paulinist theology in the second century (1984). b. „b ist von a abhängig“: Die 14-Briefe-Sammlung ist eine Bearbeitung und Erweiterung der *10-Briefe-Sammlung Während der Fokus der Forschung in der Vergangenheit auf der Bestim‐ mung des Abhängigkeitsverhältnisses und darum der Bestimmung der Ab‐ hängigkeitsrichtung zwischen dem Evangelium der Sammlung Markions und dem Lukasevangelium lag, selten auf dem zwischen der *10-Briefe- und der 14-Briefe-Sammlung, wurde in jüngster Zeit Licht auf dieses Verhältnis ge‐ worfen und überraschenderweise gegen den langen Trend der Forschung die Abhängigkeitsrichtung umgedreht. Vorausgegangen war, dass bereits H. U. Mayboom im 19. Jh. die These, nachdem Markion das Ursprüngliche bewahrt habe, auch auf Paulus ausgedehnt hatte. 24 Es sei davon auszugehen, dass die kanonischen Schriften eine Bearbei‐ tung und Erweiterung der in Markions Sammlung vorliegenden Texte seien, eine Position, die im frühen 20. Jh. mit dem Namen J. Turmel (und seinen Pseudonymen Paul-Louis Couchoud und Henri Delafosse) verbunden ist. 25 Später im 20. Jh. griff J. D. BeDuhn die Position wieder auf. 26 Obwohl BeDuhn mit einer durch den Ersten Klemensbrief, den er gegen Ende des 1. Jh. datiert, bezeugten Zirkulation von Paulusbriefen rechnet, besteht er doch darauf, dass Markions Sammlung die erste ihrer Art ist, die wir aus den Quellen kennen. 27 Er spielt gar mit dem Gedanken: „Wenn Markion der einzige zu seiner Zeit war, der eine solche Fülle von Autorität Paulus zuschrieb, war er vielleicht derjenige, der als erster einige der wichtigsten Briefe des Paulus in eine Sammlung brachte. Adolf von Harnack hatte diese Möglichkeit bedacht … und andere hatten ihm zugestimmt.“ 28 Sodann sieht BeDuhn zwei Möglichkeiten: „Nimmt man an, dass Markions Sammlung die ursprüngliche Form der Briefe des Paulus 70 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="71"?> 29 „If one assumes that Marcion’s collection contained the original form of Paul’s letters, then the additional material found in the catholic version of the letters would be se‐ cond-century non-Pauline inventions, meant to ‚correct‘ the letters in a non-Marcionite direction. Alternatively, if one assumes that Marcion had edited the letters to suit his own purposes, then it could be that his opponents retrieved pre-Marcionite copies of the letters (and even additional letters) in their original form for their own rival collection“, J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 204. 30 „The variant readings … are not the product of Marcion’s editorial hand, but come from the comon textual tradition that Marcion shared with the ancestors of the catholic text“, ibid. 205. 31 Vgl. Ibid. 32 J.J. Clabeaux, A Lost Edition of the Letters of Paul. A Reassessment of the Text of the Pauline Corpus attested by Marcion (1989); U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012); H.Y. Gamble, The New Testament Canon: Recent Research and the Status Quaestionis (2001). Gamble allerdings stützt sich auf die inzwischen widerlegte Position Dahls bezüglich der markionitischen Prologe als Zeugen für eine vormarkionitische Paulusbriefsammlung. 33 J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 206. enthält, dann wäre das zusätzliche Material, das sich in der katholischen Version der Briefe findet nichtpaulinische Erfindung des zweiten Jahrhunderts, mit dem Ziel, die Briefe in eine nichtmarkionitische Richtung zu ‚korrigieren‘. Wenn man als Alternative annimmt, Markion habe die Briefe so editiert, dass sie seinen eigenen Zwecken gedient hätten, dann könnte es sein, dass seine Gegner vormarkionitische Briefkopien (und sogar zusätzliche Briefe) in ihrer ursprünglichen Form für ihre eigene kompetitive Sammlung gefunden haben könnten“. 29 Harnack habe für die zweite Position optiert, weil er sich nur so markionitische Lesarten in Zeugen katholischer Briefe erklären könne. Im Unterschied zu Harnack urteilt BeDuhn, dass solche Varianten „nicht das Produkt von Markions editorischer Hand sind, sondern aus der gemeinen Texttradition stammen, die Markion mit den Vorfahren des katholischen Textes teilt“. 30 Was Harnack und andere als markionitische Varianten in der hand‐ schriftlichen Tradition, vor allem im sogenannten „westlichen“ Text, betrachtet hatten, wären somit schlicht nichtideologisch begründete Varianten des katho‐ lischen Textes. 31 Schon vor BeDuhn hatten Clabeaux, Schmid und Gamble diese Einschätzung der Varianten vorgetragen. 32 BeDuhn zieht den Schluss, dass Markions Apostolos folglich nicht mehr die häretische Sackgasse für die Über‐ mittlung der Briefe des Paulus sei, sondern ein treuer und substantieller Zeuge für deren Existenz, Jahrzehnte vor ihrer weiteren Revision und Ausweitung im zweiten Jahrhundert und bevor wir irgendein handschriftliches Zeugnis derselben besitzen. 33 §-3 Das Verhältnis der 14-Briefe-Sammlung und der *10-Briefe-Sammlung 71 <?page no="72"?> 34 „We have some reason to think that he adopted the latter from an existing set compiled by some unknown collector of Paul’s letters. But Marcion put his distinctive stamp on all subsequent attempts to formalize a New Testament for the very reason that his particular ideology led him to elevate such a set of the letters of Paul to parity with an account of the life and teachings of Jesus himself.“ 35 J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 214-215. Die 14-Briefe-Sammlung sieht BeDuhn als eine Bearbeitung der ihr vorauslie‐ genden *10-Briefe-Sammlung und schließt aus den Zeugnissen zur Existenz von Paulusbriefen und deren Sammlungen, dass Markion die erste, uns bekannte und greifbare Zusammenstellung von Paulusbriefen unternommen hat und zwar als integrales Element des ältesten und ersten uns bekannten „Neuen Testaments“. Er rechnet nicht mit einer anderen, ihr vorausliegenden, vormarkionitischen Sammlung. Und auch wenn es einige Gründe gäbe, einen solchen unbekannten Sammler anzunehmen, so habe doch Markion seinen „unverkennbaren Stempel auf alle folgenden Versuche, ein Neues Testament in eine Form zu bringen, gesetzt“, und zwar dadurch, dass er „eine solche Zusammenstellung der Paulus‐ briefe auf dieselbe Ebene gehoben habe wie den Bericht des Lebens und Lehrens von Jesus selbst“. 34 Zugleich reduziert er die Bedeutung Markions, indem er die Anordnung der Briefe wie die Inhalte oder Varianten, wie gesagt, nicht auf seine Redaktionstätigkeit zurückführt, sondern Spiegel einer existierenden breiteren Tradition begreift. Dabei unterscheidet er drei Möglichkeiten, was Markions Vorlagen betrifft, denen er sich zur Erstellung dieser Paulusbriefsammlung bedient haben kann: 35 1. Die Vorlage war bereits eine „ökonomische“ Redaktion der älteren Paulus‐ briefe, die aus diesen Briefen das entfernt hatte, was als Lokales und als Zeit- und Ortsbedingtes betrachtet wurde, um daraus ein Lehrkorpus zu schaffen oder ein solches für den generellen Gebrauch. 2. Markions Sammlung entstammt alternativen Ausgaben spezifischer Briefe, die Paulus oder seine Kollegen an verschiedene Zielgruppen (Heiden, Juden) adressiert hatten, oder man muss mit verschiedenen Versionen rechnen: versandte Versionen gegenüber solchen Versionen, die niederge‐ schrieben, später aber modifiziert oder erweitert sein konnten. 3. Markions Sammlung geht auf die nicht geordnete, freie Zirkulation von Kopien von Briefen des Paulus zurück, innerhalb derer auch freie Verän‐ derungen (wie Kürzungen und Erweiterungen) möglich waren, bevor es zu einer Standardisierung gekommen war. BeDuhn ist schließlich der Meinung, dass wir die romantische Vorstellung von einem einsamen Sammler aufgeben müssen, der die Autographe dieser Briefe 72 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="73"?> 36 „We have no idea how these texts actually took shape,“ Ibid. 217. 37 „Marcion did not compose these texts (even if there remains the separate question of whether he edited them to some degree).“ ibid. 9. 38 So T. Flemming, Die Textgeschichte des Epheserbriefes. Marcion änderte nichts: Eine grundlegend neue Perspektive auf den Laodicenerbrief (2022); A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 170-174. auf einer Reise von Gemeinde zu Gemeinde gesammelt hätte, sondern wir sollten stattdessen damit rechnen, dass die Sammlung auf Kopien des Paulus ruht, die durch ihn oder andere bearbeitet und erweitert sein konnten und im Mittelmeerraum zirkulierten. Diese genannte dritte Option stellt folglich seine bevorzugte Position dar, auch wenn er offen zugibt, dass er „keine Vorstellung davon hat, wie diese Texte tatsächlich Gestalt fanden.“ 36 Jedenfalls ist er der Meinung, dass Markion „diese Texte nicht selbst verfasst habe (auch wenn die davon unabhängige Frage bleibt, ob er sie zu einem bestimmten Grad redigiert habe)“. 37 In zwei Dissertationen, die unter M. Klinghardt als Promotionsarbeiten ent‐ standen sind, sprechen sich die Verfasser ausdrücklich dafür aus, dass, vergli‐ chen mit der im kanonischen Neuen Testament erhaltenen Paulussammlung, die Sammlung Markions die ältere sei und der kanonische Paulustext eine Redaktion derselben darstelle. 38 Dabei ist die Arbeit von Flemming bereits im Untertitel explizit, indem sie urteilt: „Marcion änderte nichts“. Insofern stellt diese Hypothese einen Sonderfall der logischen Option „b ist von a abhängig“ dar. Denn wenn Markion entgegen der häresiologischen Behaup‐ tungen kein Redaktor ist und die *10-Briefe-Sammlung nicht sein Produkt, sondern lediglich sein Objekt darstellt, dessen er sich bediente, dann dürfte man genauerhin nicht von einer Abhängigkeit b von a sprechen, sondern müsste sie der nachfolgenden Position „a und b sind von x abhängig“ zuordnen. Dies steht natürlich in Spannung zu dem, was von der modernen Forschung zur Nichtexistenz irgendwelcher historischer Hinweise auf eine vormarkionitische Paulusbriefsammlung gesagt wurde. Konsequenterweise macht sich Goldmann die ältere, wenn auch inzwischen häufiger bestrittene These von Dahl zu eigen, wonach die „markionitischen Prologe“, denen er wie Dahl den markionitischen Charakter abspricht, den Hinweis auf eine solch ältere Paulusbriefsammlung böten. §-3 Das Verhältnis der 14-Briefe-Sammlung und der *10-Briefe-Sammlung 73 <?page no="74"?> c. „a und b sind von x abhängig“: Die 14-Briefe-Sammlung und die *10-Briefe-Sammlung sind abhängig von einer älteren, unbekannten Quelle Diese Position, logisch grundsätzlich möglich, hat sich bisher noch niemand zu eigen gemacht, auch wenn die zuvor beschriebene Position 2 in der Auslegung Flemmings dicht an diese herankommt. Denn wenn a die von Markion nur benutzte, ältere *10-Briefe-Sammlung darstellt, dann ist es möglich, dass auch b nicht auf die von Markion benutzte *10-Briefe-Sammlung reagiert und diese redaktionell bearbeitet, sondern beide auf vor-a oder auch x zurückgreifen, eine Konzeption, an die auch Goldmann zu denken scheint, wenn er aus Origenes herauszuarbeiten versucht, dass es zur Zeit dieses Kirchenvaters des 3. Jh. mehrere 10-Briefe-Sammlungen gegeben habe. 74 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="75"?> 1 Dies bezieht sich etwa auf H.U. Meyboom, Marcion en de Marcionieten (1888). Vgl. hierzu A.v. Harnack, Meyboom, H. U., Marcion en de Marcionieten [Rezension] (1888). Dasselbe gilt für W.C. van Manen, Die Unechtheit des Römerbriefes (1906); R. Steck, Der Galaterbrief nach seiner Echtheit untersucht nebst kritischen Bemerkungen zu den paulinischen Hauptbriefen (1888); G.A. van den Bergh van Eysinga, Marcion als Getuige voor een voor-katholiek Christendom (1955); G.A. van den Bergh van Eysinga, Radical Views about the New Testament (1912); G.L. Rylands, A Critical Analysis of the Four Chief Pauline Epistles (1929). Hingegen ist van Manens Arbeit zum Galaterbrief sehr detailliert und darum auch zu Rate zu ziehen, auch wenn er meint, Markion habe am Text nichts geändert, sondern er habe uns den Brief „in den meest oorspronkelijken vorm“ („in der ursprünglichsten Form“) bewahrt, W.C. van Manen, Marcion’s brief van Paulus aan de Galatiërs (1887), 504. Ein spezieller Fall ist J.C. O’Neill, The recovery of Paul’s letter to the Galatians (1972). O’Neill bietet einige Bemerkungen zu Textvarianten, kommt jedoch meist zu theologisch geleiteten Entscheidungen, etwa zu Gal 1,4, wo er πονηροῦ tilgen will, wobei er auf eine „chain of textual variants“ hinweist, von denen aber nur eine einzige Hs. eine Version ohne diesen Terminus bietet, ibid. 18. 2 A. Hilgenfeld, Das Apostolikon Marcion’s (1855). Zu Hilgenfeld und den paulinischen Briefen, vgl. H. Pölcher, Adolf Hilgenfeld und das Ende der Tübinger Schule. Untersu‐ chungen zur Geschichte der Religionswissenschaft im 19. Jahrhundert. Diss. Teildruck §-4 Die früheren Editionen von *Ap Von den nachfolgend aufgeführten Editoren von *Ap folgen die ersten fünf - wobei Clabeaux keine Edition selbst, sondern eher Anmerkungen zu einer Edition bietet - der Priorität der 14-Briefe-Sammlung, was zur Folge hat, dass sie lediglich die Abweichungen notieren, die die 10 parallelen Briefe der *10-Briefe-Sammlung gegenüber dem kanonischen Text aufweisen. Einzig BeDuhn ist von der umgekehrten Priorität ausgegangen und bietet darum einen Fortlauftext für die Briefe, allerdings nicht in Griechisch, sondern in englischer Übersetzung, dafür aber mit ausführlichen und sehr hilfreichen Anmerkungen. Gewiss wäre noch eine Reihe anderer Forscher zu vermerken, die sich eingehend mit dem Text der *10-Briefe-Sammlung beschäftigt haben, doch weniger noch als Clabeaux bieten sie Details, aus denen man auf einzelne Lesarten des vorkanonisch angenommenen Textes schließen kann und die über das hinausgingen, was die genannten Editoren berücksichtigt haben. 1 a. Adolf Hilgenfeld Der älteste wissenschaftliche Versuch, „den Textbestand“ der *10-Briefe-Samm‐ lung, „soweit es möglich ist, wirklich herzustellen“, wurde im Jahr 1855 von Adolf Hilgenfeld (1823-1907) unternommen; Hilgenfeld entstammt der Tübinger Schule, 1858 gründete er die „Zeitschrift für wissenschaftliche Theo‐ logie“ und fungierte danach als deren Herausgeber. 2 Wie J. Zachhuber in seiner <?page no="76"?> (1962), B45-B56. Zu Hilgenfelds Stellung in der Tübinger Schule, vgl. J. Zachhuber, The‐ ology as Science in Nineteenth-Century Germany: From F.C. Baur to Ernst Troeltsch (2013), 124-130. 3 J. Zachhuber, Theology as Science in Nineteenth-Century Germany: From F.C. Baur to Ernst Troeltsch (2013), 124-125. 4 A. Hilgenfeld, Das Urchristenthum und seine neuesten Bearbeitungen von Lechler und Ritschl (1858), 58. 5 A. Hilgenfeld, Kritische Untersuchungen über die Evangelien Justin’s, der clementini‐ schen Homilien und Marcion’s. Ein Beitrag zur Geschichte der ältesten Evangelien-Li‐ teratur (1850), iii. 6 Ibid. 395. Zum Bemühen um einen wissenschaftlichen Text für *Ev vgl. auch A. Hilgenfeld, Das marcionitische Evangelium und seine neueste Bearbeitung (1853), 192-196. 7 A. Hilgenfeld, Das Apostolikon Marcion’s (1855), 429. Studie zum Manifesto der Tübinger Orthodoxie herausarbeitet hat, war bereits der Titel der Zeitschrift Programm und als Kritik am „theologischen Zeitstrom“ gedacht, auch wenn sich Hilgenfeld als „einsame Stimme in der Wüste der zeit‐ genössischen Theologie“ empfand. 3 In den ersten beiden Ausgaben der neuen Zeitschrift setzt sich Hilgenfeld kritisch mit Albrecht Ritschls Die Entstehung der altkatholischen Kirche auseinander und bezichtigt ihn als jemand, der sich als „offener Gegner der [Tübinger] Schule, aus welcher er hervorgegangen ist, und als Verfechter der gewöhnlichen apologetischen Auffassung des Urchris‐ tenthums“ entpuppt hat. 4 Hilgenfelds Rekonstruktion der *10-Briefe-Sammlung nicht anders als die des markionitischen Evangeliums (*Ev) war Teil seines Versuchs, Schriften, die er für ebenso ursprünglich gehalten hatte wie die kanonischen, zusammenzu‐ bringen und deren „inneren Zusammenhang … darzustellen … als wesentliche Glieder dieser Literatur“ der „ältesten Kirche“. 5 Dabei zeigt sein Ansatz, dass nicht erst die jüngere Markionforschung unabhängig von einer vorausgesetzten Vorstellung einer markionitischen Theologie zu arbeiten versucht; denn schon Hilgenfeld schlug vor, abzusehen „von der dogmatischen Anstößigkeit mancher Stellen für Marcion’s System, wie von ihrer inneren Anstößigkeit und ihrer Unangemessenheit“ und zurückzugehen zum „Thatbestand, so weit er noch ermittelt werden kann,“ nämlich den „zuverlässigsten Quellen“. 6 Für seine Rekonstruktion des Paulus der markionitischen Sammlung griff Hilgenfeld auf „drei Hauptquellen“ zurück: Tert., Adv. Marc. V; Epiph., Haer. 42; und den pseud-origenianischen Dialogus de recta in Deum fide (Adamantiusdi‐ alog). 7 Die Rekonstruktionsarbeit für die paulinische Briefsammlung im Unterschied zu der des Evangeliums sah Hilgenfeld als eine leichtere an, weil Tertullian „hier und da den katholischen Text verglichen“, also „bei seiner Besprechung den 76 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="77"?> 8 Ibid. 432. 9 „However, in the latter [Tert., Adv. Marc. V] he draws attention to far more examples of Marcion’s ‚falsification‘ of the text of the Epistles than he had in the Gospel, noting both changes of single words, and extensive omissions such as the numerous ‚ditches‘ for which Marcion was responsible, particularly in Romans“, J.M. Lieu, Marcion and the Making of a Heretic: God and Scripture in the Second Century (2015), 235. 10 A. Hilgenfeld, Das Apostolikon Marcion’s (1855), 432. entsprechenden kanonischen Text bestimmter und klarer vor Augen gehabt“ habe, als bei seinem Kommentar zum Evangelium. Daraus schloss Hilgenfeld, dass man auch „diejenigen Anführungen paulinischer Stellen, welche in den vier ersten Büchern dieser Schrift vorkommen, im Allgemeinen auf das Gemeinsame des katholischen und des … Apostolikon beziehen und zur Herstellung des letztern hinzunehmen dürfe.“ 8 Dass man Hilgenfelds Optimismus und Anweisung nicht ohne Prüfung der Hinweise des Tertullian folgen darf, wird sich in der Rekonstruktion weiter unten zeigen. Kürzlich hat allerdings auch J. Lieu auf die Besonderheit von Tertullians Umgang mit den markionitischen Paulusbriefen im Unterschied zu dem mit Markions Evangelium hingewiesen. Sie schreibt, dass in Buch V von „Adversus Marcionem“ Tertullian „die Aufmerksamkeit auf erheblich mehr Beispiele von Markions ‚Verfälschungen‘ des Textes der Briefe richtet, als er dies zu dem des Evangeliums getan hat, indem er Änderungen einzelner Wörter vermerkt, auch ausführliche Auslassungen wie etwa die zahlreichen ‚Abgründe‘, für die Markion verantwortlich war, insbesondere im Römerbrief “. 9 Hilgenfelds Beobachtung ermunterte ihn jedefalls, auch Zitate aus Paulus, die in den ersten drei Büchern von „Adversus Marcionem“ zu finden sind, zu berücksichtigen, weil er der Auffassung war, sie seien „in dem marcionitischen Text des communis magister Paulus (III,14)“ gestanden. 10 Trotz dieser einleitenden Gedanken bietet Hilgenfeld keinen detaillierten griechischen Text der *10-Briefe-Sammlung, sondern geht die Briefe mit Blick auf ausdrückliche Bezeugungen von Text oder auch von Abwesenheitsnotizen der Zeugen durch und vermerkt lediglich, welche Abweichungen gegenüber dem kanonischen Textbestand durch die Zeugen angezeigt werden. Mit diesem Verfahren der Angabe nur von Abweichungen bietet Hilgenfeld das Format, in welchem bis zur Publikation von J. BeDuhns „The First New Testament“ im Jahr 2013 alle Versuche der Rekonstruktion von Markions „Apostolos“ unternommen wurden. Da auch BeDuhn keinen griechischen Text, sondern eine englische Übersetzung eines vorausgesetzten griechischen Textes bietet, sind §-4 Die früheren Editionen von *Ap 77 <?page no="78"?> 11 In Vorbereitung ist die Publikation einer elektronischen Ausgabe des griechischen Textes durch J. BeDuhn in Zusammenarbeit mit Mark Bilby, der der englischen Über‐ setzung von BeDuhn zugrunde liegt, wie beide einen solchen für *Ev vorgelegt haben, J.D. BeDuhn, Greek Edition of the First New Testament: ΕΥΑΓΓΕΛΙΟΝ“. Edited by Mark G. Bilby. v1.2 (2023); M.G. Bilby and J.D. BeDuhn, BeDuhn’s Greek Reconstruction of Marcion’s Gospel (2023). 12 T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, Band 2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892), 409-529. Für Zahns Rekonstruktion von *Ev gibt es auch eine elektronisch lesbare Form, M.G. Bilby, Normalized Datasets of Hahn’s and Zahn’s Reconstructions of Marcion’s Gospel (2021). 13 Ibid. 410. Epiph., Pan. 42 (107,13-15 Holl). wir bis heute nicht im Besitz eines griechischen Rekonstruktionsversuches, auf Grundlage dessen Schlüsse zu Form, Inhalt, Sprache und Stil der vorkanonischen paulinischen Briefe gezogen werden können. 11 Die griechische Rekonstruktion der *10-Briefe-Sammlung, die im Folgenden vorgelegt wird, ist folglich die erste, bei deren Erstellung jedoch auch die Ergebnisse Hilgenfelds und der späteren Bearbeiter berücksichtigt wurden. b. Theodor Zahn Im Anschluss an Hilgenfeld hatte sich Theodor Zahn erneut die Aufgabe gestellt, nach dem Muster von Hilgenfeld die Zeugen für Markions Paulus durchzugehen und auf die Abweichungen hinzuweisen, die sich aus diesen Zeugen für Markions Texte gegenüber dem kanonischen Paulus ergaben. 12 Er tat dies im Jahr 1892 im zweiten Teilband („Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band“) vom zweiten Band seiner „Geschichte des Neutestamentlichen Kanons“. Die Beilagen beginnen gleich mit der Beschreibung: „Marcions Neues Testament“ auf den Seiten 409-529. In der Art und Weise, wie Zahn (Hilgenfeld folgend) vorgeht, war er ein treuer Nachfolger des Epiphanius, aus dessen Vorrede zum Abschnitt über Markion Zahn auch gleich zitiert: „Aus dem bei ihm (Markion) vorhandenen Ev. haben wir das zur Widerlegung seines arglistigen Leichtsinns Dienliche hergesetzt, damit die, welche diese Arbeit lesen wollen, daran ein Übungsfeld des Scharfsinnes haben, zur Widerlegung der von ihm ersonnenen fremdartigen Lesarten.“ 13 Wie Hilgenfeld zuvor, legt auch Zahn folglich keinen fortlaufenden griechischen Text von Markions *Neuem Testament vor, sondern bietet ausschließlich die Abweichungen vom kanonischen Text, doch im Unterschied zu Hilgenfeld, der den von ihm rekonstruierten Text zu den wesentlichen Schriften der ältesten Kirche rechnet, rekonstruiert Zahn nur mehr ein Minderprodukt eines 78 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="79"?> 14 Ibid. 15 Ibid. 449. 16 Vgl. auch die eher kursorisch-kritische Rezension von A.v. Harnack, Meyboom, H. U., Marcion en de Marcionieten [Rezension] (1888). 17 H.U. Meyboom, Marcion en de Marcionieten (1888). 18 Ibid. 162-163. 19 Ibid. 195-196. 20 W.C. van Manen, Marcion’s brief van Paulus aan de Galatiërs (1887). 21 T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, Band 2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892), 450. Häretikers. Voraussetzung für diese drastische Verschiebung ist der neue Zeit‐ geschmack, der aus dem Niedergang der aufklärerischen, kritisch-wissenschaft‐ lichen Beschäftigung mit den Anfängen des Christentums hervorgegangene romantisch-biedermeiersche Ersatz. Dieser drückt sich in der unhinterfragten Annahme aus, dass Markion einen ihm vorliegenden „altkirchliche[n] Text“ besitzt, von dem er bisweilen böswillig abweicht oder dem er ansonsten folgt bzw. ihn aufnimmt. 14 Zu dem vorgenannten Versuch Hilgenfelds, die paulinischen Briefe aus Mark‐ ions Sammlung zu bearbeiten, meint Zahn, er sei nicht einmal ein „einigermaßen eindringender Herstellungsversuch“ zu nennen. 15 Zahn setzt sich auch kritisch mit H.U. Meyboom auseinander, 16 der zwar keinen Rekonstruktionsversuch von Markions Neuem Testament vorzulegen gewagt habe, aber die Abweichungen listete, die er aus Tertullian bzw. Epiphanius herauslas. 17 Im Unterschied zu Hilgenfeld und Zahn hatte Meyboom als Ergebnis vorgetragen, dass er der apologetisch-häresiologischen Tradition überhaupt widersprechen müsse und Markion nicht für einen Redaktor oder Beschneider eines vorausliegenden kanonischen Textes ansehen könne, sondern als möglichen Verfasser (evtl. mit anderen) seines Evangeliums, 18 bzw. als Bewahrer der ursprünglichen Paulus‐ briefe. 19 Zahn hält Meybooms Studie in keinem Punkt für weiterführend, und er widerspricht auch W.C. van Manen, 20 der eine Rekonstruktion des Galaterbriefes von Markions Sammlung vorlegte, aufgrund derer er „zu beweisen gesucht [habe], daß nicht M[a]rc.[ion] den von der katholischen Kirche wesentlich unversehrt überlieferten Text dieses Briefes und somit aller Briefe des Paulus gefälscht habe, sondern daß ein Katholik nach Mrc.’s Zeit den von Mrc. in seiner ursprünglichen Form erhaltenen Brief in katholischem Geist überarbeitet habe“. 21 Den Widerwillen gegen diese Studie verhehlt Zahn denn auch nicht: §-4 Die früheren Editionen von *Ap 79 <?page no="80"?> 22 Ibid. 23 U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012). 24 „Ein besonders krasses Beispiel dafür [für die historischen „Vorentscheidungen, die häufig diese Rekonstruktionsversuche belasten“, ibid.] ist die Arbeit von van Manen, der nachzuweisen versuchte, daß der marcionitische Text den ursprünglichen paulinischen Text des Gal bewahrt hätte, wohingegen der Text, den die ntl. HSS überliefern, auf eine katholische Bearbeitung zurückgehe. Die Auseinandersetzung mit van Manen hat Zahn (Geschichte II/ 2, S. 495-504) geführt und dabei die Haltlosigkeit von dessen historischen Konstruktionen anhand seines selektiven und teilweise fehlerhaften Umgangs mit den Quellen erwiesen“, U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 7. 25 T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, Band 2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892), 450. „Ich bekenne, daß es mir Überwindung gekostet hat, meinen schon vor dem Er‐ scheinen dieser Arbeit fertiggestellten Text nachträglich mit kritischen Bemerkungen gegen diese holländische Arbeit auszustatten.“ 22 Zahn kritisiert insbesondere die Skepsis oder Zurückweisung des Adamantius‐ dialogs durch van Manen - wobei van Manen in dieser Hinsicht die spätere Position von Schmid 23 vorwegnimmt, der selbst erstaunlicherweise auf diesen Vorgänger lediglich durch die polemische Brille von Zahn eingeht 24 - und hebt die Tatsache hervor, dass „der von ihm so warm verfochtene marcionitische Text an sehr vielen Stellen bis in das 6., ja bis in das 9. Jahrhundert hinein in übrigens ganz katholischen Hss. fortgepflanzt worden und Jahrhunderte lang nach Mrc. ebensogut katholisch gewesen ist, wie der so eifrig bekämpfte Textus receptus.“ 25 Zahn benutzt hier das auch bei Klinghardt begegnende Argument, dass die Tatsache vom Auftauchen „markionitischer“ Lesarten in „katholischen“ Hand‐ schriften für einen Markion vorausliegenden Text spreche, wobei Zahn die Begründung nicht gänzlich ausführt, die uns Klinghardt liefert, wonach nämlich Lesarten eines Ketzers oder Erzketzers sich nicht in einen katholischen Text hätten einschleichen können, sondern solche Lesarten für das höhere Alter derselben sprechen. Zahn begnügt sich mit der polemischen Überlegung: „Wo bleibt dann der katholische Interpolator? Oder was für eine Vorstellung sollen wir uns von der katholischen Kirche machen, welche sich von diesem Interpolator halbe Kapitel ohne Widerrede und Ausnahme hat aufbinden lassen, während ganze Kirchenprovinzen an harmlosen kleinen Eigentümlichkeiten des ursprünglichen oder marcionitischen Textes wie δολοῖ statt ζυμοῖ […] Jahrhunderte lang festgehalten haben? Wenn man fortfährt, diese Art von Behandlung ernster Fragen die kritische 80 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="81"?> 26 Ibid. 450-451. Vgl. auch die eher kursorisch-kritische Rezension von W.C. van Manen, Marcion’s brief van Paulus aan de Galatiërs (1887). 27 T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, Band 2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892), 454. 28 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 67*-127*. Auch hier liegt wie für Zahn ein Datenset im elektronischen Format für den griechischen Text vor, M.G. Bilby, Normalized Datasets of Harnack’s Reconstruction of Marcion’s Gospel (2021). 29 A. Harnack, Beiträge zur Geschichte der marcionitischen Kirchen (1876). Vgl. hierzu W. Kinzig, Harnack, Marcion und das Judentum. Nebst einer kommentierten Edition des Briefwechsels Adolf von Harnacks mit Houston Stewart Chamberlain (2004), 61-62. 30 W. Kinzig, Harnack, Marcion und das Judentum. Nebst einer kommentierten Edition des Briefwechsels Adolf von Harnacks mit Houston Stewart Chamberlain (2004), 60; A. Harnack, De Apellis gnosi monarchica: Commentatio historica (1874), 90-92. 31 W. Kinzig, Harnack, Marcion und das Judentum. Nebst einer kommentierten Edition des Briefwechsels Adolf von Harnacks mit Houston Stewart Chamberlain (2004), 60. zu nennen, so darf man sich nicht wundern, daß Andere das Wort ‚Kritik‘ als einen Euphemismus für ‚Gedankenlosigkeit‘ ansehen.“ 26 In seiner Rekonstruktion legt Zahn den Text Tischendorfs zugrunde und druckt nur „markionitische Texte, welche von Tischendorf abweichen“; 27 diesen gab er ausführliche Bemerkungen bei. Seine Ergebnisse werden bei unserer Rekonstruktion ebenso berücksichtigt wie die von Meyboom und van Manen. c. Adolf Harnack Den bislang größten Einfluss auf die Forschung nahm Adolf Harnacks Rekonst‐ ruktionsversuch in seinem opus magnum zu Markion vom Jahr 1921 (1924). 28 Mit seinen Forschungen zu Markion und dessen Schüler Apelles stellte er sich be‐ wusst in die Tradition der Tübinger Schule. Dies geht schon daraus hervor, dass Harnack seine „Beiträge zur Geschichte der marcionitischen Kirchen“ in Adolf Hilgenfelds „Zeitschrift für wissenschaftliche Theologie“ veröffentlichte. 29 Doch auch seine Arbeit zu Apelles erweist diese Selbstpositionierung. Kinzig ist der Schluss von Harnacks früher Arbeit zu Apelles (1874) aufgefallen, die „mit einer“, wie Kinzig meint, „merkwürdigen Wendung“ schließe: „Während die frühe Großkirche Apelles exkommuniziert habe, solle man ihn heute für einen echten Christen halten, ihn, ’der jeglicher Autorität entgegentrat und an der Heilsgeschichte geradezu desinteressiert war und statt dessen in mancherlei Dingen seiner eigenen, gleichwohl frommen Auffassung folgte.‘“ 30 In dieser Notiz sieht Kinzig korrekterweise eine „Spitze gegen die zu dieser Zeit noch durchaus einflußreichen Vertreter einer biblischen Heilsgeschichte …, die eine historisch-kritische Erforschung der Bibel weithin ablehnten“, 31 eine theologi‐ §-4 Die früheren Editionen von *Ap 81 <?page no="82"?> 32 Vgl. J. Zachhuber, Theology as Science in Nineteenth-Century Germany: From F.C. Baur to Ernst Troeltsch (2013), 124-130. 33 E. Kroymann, Ed. Tertullianus, De patientia, De carnis resurrectione, Adversus Her‐ mogenem, Adversus Valentinianos, Adversus omnes haereses, Adversus Praxean, Ad‐ versus Marcionem (1906); W.H.v.d. Sande Bakhuyzen, Ed. Der Dialog des Adamantius. Peri tēs eis theon orthēs pisteōs (1901). 34 H. Lietzmann, Einführung in die Textgeschichte der Paulusbriefe an die Römer (1919), 14-15. 35 A.v. Harnack, Marcion: das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1921), 48*, 161*ff; A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 149*-167*. sche Richtung, gegen die bereits Hilgenfeld seine wissenschaftliche Zeitschrift gegründet hatte. 32 Auf Hilgenfeld und Zahn aufbauend und deren Vorschläge einer gründlichen Revision unterziehend, legte auch Harnack in einer kommentierenden Abfolge entlang der Briefordnung von Markions Paulussammlung die Abweichungen vom kanonischen Text dar und kommentierte seine Rekonstruktion der markio‐ nitischen Paulusvarianten im Detail. Anders als Zahn konnte er die textkritische Ausgabe von Tertullians „Adversus Marcionem“ durch Kroymann vom Jahr 1906 seiner Arbeit zugrunde legen und ebenso die von van de Sande-Bakhuyzen veranstaltete des Adamantiusdialogs vom Jahr 1901. 33 Vom Ansatz her unterscheidet sich Harnack nicht von Zahn, indem auch er von der apologetisch-häresiologischen Tradition ausgegangen war, dass Markion sich des kanonischen Textes der paulinischen Briefe bediente und ihn lediglich seinen eigenen Vorstellungen entsprechend anpasste und insbe‐ sondere Kürzungen und Auslassungen vornahm. Der größte Dissens - neben Details, in denen Harnack anderer Auffassung als Zahn war - zwischen beiden lag wohl in der Schlussfolgerung Harnacks, Tertullian habe nicht nur einen griechischen, sondern auch einen lateinischen Text von Markions Corpus Paulinum besessen, vermutlich eine Handschriftenbilingue, da sich die Schrift‐ zitate merklich im Wortmaterial und Stil von Tertullians Zitationsweisen in seinen anderen Werken unterscheide. Die Diskussion wurde später vielfach wieder aufgegriffen, meist zugespitzt nach eine der beiden Seiten hin - die Vorlage sei lateinisch oder griechisch gewesen. Hans Lietzmann hatte zunächst angenommen, die lateinische Übersetzung des vormarkionitischen griechischen Paulustextes sei denn auch zuerst in markionitischen Kreisen zu Propaganda‐ zwecken geschaffen worden - eine Vermutung, 34 gegen die Harnack heftig argumentierte. 35 Auf die Einwände Harnacks hin, urteilte Lietzmann in der nächsten Auflage seiner „Einführung in die Textgeschichte der Paulusbriefe“, 82 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="83"?> 36 H. Lietzmann, Einführung in die Textgeschichte der Paulusbriefe: An die Römer (1928), 14-15. 37 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 150*. 38 Ibid. 39 Ibid. 150*-151*. 40 Ibid. 151*-152*. 41 Ibid. 152*. 42 Ibid. dass seine „in der vorigen Auflage dieser Einführung ausgesprochene Vermu‐ tung … unbeweisbar“ sei und mit „ernsthaften Bedenken“ bedacht wurde, völlig überzeugt schien er aber von der Gegenargumentation Harnacks nicht. 36 Tatsächlich hatte Harnack in einer ausführlichen Beilage zu seiner Textre‐ konstruktion darauf aufmerksam gemacht, der apologetisch-häresiologischen Annahme folgend, Markion habe einen älteren, bereits existierenden, katholi‐ schen Paulustext revidiert und gekürzt: 1. Markion habe „an viel zahlreicheren Stellen, als Tert.[ullian] es angibt, in den überlieferten Text der Paulusbriefe eingegriffen“. 37 2. „Die Eingriffe bestehen in großen Streichungen und in kleinen, aber oft sehr einschneidenden, ja sogar den Sinn des Textes an einigen Stellen in sein Gegenteil verkehrenden Korrekturen und Streichungen - größtenteils nachweisbar im Interesse seiner eigentümlichen Lehre“. 38 3. „Das griechische Apostolikon M.s […] stimmt mit seinem lateinischen Text […] im ganzen trefflich zusammen“. 39 4. „Der griechische und lateinische Text M.s [ist] je ein Zwillingsbruder des bilinguen Textes D [06], G [010] […] und daher ein Blutsverwandter der Itala und Vulgata … und zwar gerade dort, wo diese [D, 06, und G, 010] zusammenstimmen“, was „im höchsten Grade frappant“ sei, zumal es sich „um etwa 98 Stellen“ handele. 40 Das aber führe zu dem wichtigen Schluss, Harnack druckt ihn gesperrt, dass „der griechische und der lateinische M. Text die ältesten Zeugen für den WText der Paulusbriefe, die wir besitzen“, darstellten, „also die ehrwürdigsten Urkunden für diesen“ sind. 41 Hieraus folgerte Harnack, Markion habe seinen Apostolos wahrscheinlich erst in Rom abgefasst, außerdem seien folglich „eine sehr große Reihe von Eigentüm‐ lichkeiten der beiden M.Texte gegenüber den modernen Textrezensionen […] nicht Marcionitisch, wie man früher irrtümlich annahm, sondern der WText“. 42 Eine gewisse zirkuläre Argumentation liegt diesem Gedanken jedoch zu‐ grunde, da im Unterschied zu Zahn Harnack bereits in der Erstauflage seines Markionbuches durchaus mit einem Einfluss von Markions Text gerade auf §-4 Die früheren Editionen von *Ap 83 <?page no="84"?> 43 „[Die Bedeutung Markions] wird durch die Beobachtungen erwiesen, wie stark die Marcionitische Bibel als solche und auch durch ihren Text auf die katholische eingewirkt hat“, A.v. Harnack, Marcion: das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1921), 245. Beispiele bietet U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 12-13. 44 Dass dies für von Soden inkorrekt ist, wird gleich im Haupttext gezeigt. 45 A.v. Harnack, Neue Studien zu Marcion (1923), 27-28. 46 H.v. Soden, Die Schriften des Neuen Testaments in ihrer ältesten erreichbaren Textge‐ stalt. Hergestellt auf Grund ihrer Textgeschichte. I. Teil: Untersuchungen, III. Abteilung: Die Textformen. B. Der Apostolos mit Apokalypse (1911), 2030. den WText rechnet. 43 Beeindruckt durch Argumente von Bauer, Lagrange und Lietzmann, die „einen stärkeren Einfluß auf den Kirchentext“ annehmen, während „v. Soden […] (mit Zahn) [einen solchen] überhaupt in Abrede“ stellte, 44 verstärkte Harnack in „Neue Studien zu Marcion“ seine Position und formulierte, „daß ich den Einfluß des Marcionitischen Textes auf den Kirchentext noch etwas stärker hätte betonen, bzw. begründen können. Nicht nur erstreckt sich dieser Einfluß (wenn auch nicht sehr häufig) noch über den W-Text hinaus, sondern im W-Text selbst […] ist der Einfluß stärker nachweisbar. Dazu kommt, daß es einige Stellen im W-Text gibt, für die leider der Marcionitische Text nicht erhalten ist, bei deren Formulierung man aber fragen muß, ob sie nicht Marcionitischen Ursprungs sind“. 45 Tatsächlich hatte von Soden, nachdem er die Lesarten durchgegangen war, die er für markionitisch hielt, formuliert: „Dies alles kann unmöglich Zufall sein, wenn auch eine Anzahl Parallellesarten sich darunter finden. Aber ebenso erscheint ausgeschlossen, dass hier Μρ [Markion] und it gemeinsam aus einem alten Text schöpfen. Wie sollten dessen Lesarten, wenn er in Rom zur Zeit der Entstehung der lateinischen Übersetzung, die man nicht vor frühestens c. 220 wird ansetzen dürfen, noch bekannt war, meist in der ganzen griechischen Überlieferung spurlos verschwunden sein, zuweilen in K [eine der drei Haupttraditionen der griechischen neutestamentlichen Textüberlieferung nach von Soden], ganz selten in diesem oder jenem Codex aus den verschiedensten Lagern, einigemal auch in Ωρ [Origenes], plötzlich auftauchen? Viel einfacher jedenfalls ist die Annahme, dass diese Lesarten mit dem Marcionitismus sich in Rom erhielten und da und dort aus dessen Paulusbuch irgendwo wie Flugsamen Boden fanden.“ Doch wenig später schließt er: „Es bleibt nur eine Möglichkeit: direkte Beziehung.“ Und weiter: „Eine Durchforstung der übrigen Textzeugen nach Μρ-Lesarten lässt die eben besprochene Erscheinung in it und K nur noch auffallender erscheinen.“ 46 84 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="85"?> 47 U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 13, 21-22. 48 Zustimmung erfuhr Harnack durch H. von Soden, Der Lateinische Paulustext bei Mar‐ cion und Tertullian (1927). Er hält Harnacks Beweis für „unwiderleglich“ (ibid. 229). Mit Harnack stimmen auch überein E.C. Blackman, Marcion and his influence (1948); K.T. Schäfer, Der griechisch-lateinische Text des Galaterbriefes in der Handschriftengruppe D E F G (1935); K.T. Schaefer, Die Überlieferung des altlateinischen Galaterbriefes [T.] 1 (1939), 17; H.J. Vogels, Handbuch der Textkritik des Neuen Testaments (1955), 79; H. Zimmermann, Untersuchungen zur Geschichte der altlateinischen Überlieferung des zweiten Korintherbriefes (1960), 116-117; T.P. O’Malley, Tertullian and the Bible. Language, Imagery, Exegesis (1967), 37-63. Eine Kritik an Harnack legte Gilles Quispel mit seiner Utrechter Dissertation des Jahres 1943 vor, veröffentlicht als G. Quispel, De Bronnen van Tertullianus‘ Adversus Marcionem (1943). In ihr legte er gegen Harnack dar, Tertullian habe einen griechischen Markiontext benutzt. Dieser Kritik sind beigetreten: H.J. Frede, Epistula ad Ephesios (1962), 30*; B. Fischer, Das Neue Testament in lateinischer Sprache. Der gegenwärtige Stand der Forschung (1972), 26, 44-45. Ge‐ stützt wurde diese Position inzwischen durch U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 40-59. Eve-Marie Becker urteilt: „Ob Tertullian eine lateinische Übersetzung des marcionitischen Apostolikon benutzte oder den griechischen Text vor sich hatte, den er ad hoc übersetzt, läßt sich meines Erachtens nicht evident nachweisen“, auch wenn sie dann hinzufügt, dass sich „Indizien für die Vermutung anführen“ lassen, Tertullian sei ein lateinischer Text des Apostolikons vorgelegen, E.-M. Becker, Marcion und die Korintherbriefe nach Tertullian, Adversus Marcionem V (2002), 108. Auch wenn Lieu der Meinung ist, die Frage sei noch nicht entschieden, tendiert sie zum gegensätzlichen Urteil, J.M. Lieu, Marcion and the Making of a Heretic: God and Scripture in the Second Century (2015), 109. Wenn dem aber so wäre, wie kann man dann noch beim Vorkommen von für Markion bezeugten Lesarten, die sich auch in anderen Handschriften finden, schließen, Markion habe sie aus einem älteren Exemplar genommen? Von Soden schließt dies aufgrund der von ihm festgestellten Phänomene aus. Entschei‐ dungskriterium könnte dann lediglich noch sein, dass nur solche Lesarten als genuin markionitische genommen werden, die eine theologisch-markionitische Tendenz aufweisen. Schmid 47 und nach ihm insbesondere Roth und Klinghardt werden gerade deshalb gegen eine theologisch-orientierte Rekonstruktionsme‐ thodologie argumentieren von welcher schon Hilgenfeld Abstand nahm. Auch wenn die Forschung inzwischen feststellte, dass bezüglich der Sprache des von Tertullian genutzten Apostolos keine letzte Sicherheit zu gewinnen ist und die Tendenz der Forschung sich eher gegen Harnacks Urteil neigte, 48 sind dennoch seine Beobachtungen und Schlussfolgerungen von herausragender Be‐ deutung, zumal die nächsten Generationen sich mit ihnen intensiv beschäftigen §-4 Die früheren Editionen von *Ap 85 <?page no="86"?> 49 H. von Soden, Der Lateinische Paulustext bei Marcion und Tertullian (1927). Vgl. auch die durch diesen Aufsatz angeregte Arbeit von A.J.B. Higgins, The Latin Text of Luke in Marcion and Tertullian (1951). Von Sodens Aufsatz wird leider selten ausgewertet, er hätte die Forschung v. a. auf die Korrektur in *Gal 1,8 aufmerksam machen können. Interessant ist auch sein Urteil, dass Tertullian „eine durchaus sichere Basis für text- und übersetzungsgeschichtliche Kritik“ bietet (ibid. 239). Ein Desiderat der Forschung wäre es, die durch von Soden gegebenen lateinischen Begriffe des vorkanonischen *Paulus mit dem lateinischen Text der weiter unten zu behandelnden Bilinguenfamilie 06, 010, 012 usw. zu vergleichen, was über diese Einleitung hier weit hinausführen würde. Einen Hinweis aber gibt von Soden bereits, indem er im Vergleich des lateinischen Übersetzungsvokabulars mit der Lexik von Tertullian und Cyprian feststellt, dass der lateinische Text Markions näher bei den lateinischen Bilinguen steht als zu diesen Kirchenvätern, so ibid. 268-277. 50 J.J. Clabeaux, A Lost Edition of the Letters of Paul. A Reassessment of the Text of the Pauline Corpus attested by Marcion (1989). 51 Schmid nennt beides ein großes Ärgernis, U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 22. mussten, wie etwa Hans von Sodens langem Aufsatz „Der lateinische Paulustext bei Marcion und Tertullian“ zu entnehmen ist. 49 d. John James Clabeaux Eine gründliche Studie zur Frage der paulinischen Briefe in der Sammlung Markions legte schließlich J. J. Clabeaux im Jahr 1989 vor, die Überarbeitung seiner Harvard-Dissertation vom Jahr 1983: „A lost Edition of the Letters of Paul: A Reassessment of the Text of the Pauline Corpus attested by Marcion“. 50 In dieser versucht er zu zeigen, Markion habe einen bereits zuvor autoritativen, vormarkionitischen griechischen Paulustext benutzt, diesen nur in ganz sel‐ tenen Fällen leicht überarbeitet und erlaube damit einen Zugang zu dem von ihm bezeugten, aber eben nicht geschaffenen neutestamentlichen Text. Leider untersucht er selbst lediglich die Briefe *1Kor, *Eph/ Laod, *Phil, *Kol, *1/ *2Thess, d. h. *2Kor und *Röm bleiben außer Betracht, und auch aus den berücksichtigten Briefen bietet Clabeaux lediglich eine nicht immer durchsichtige Auswahl von Passagen, die er bespricht. 51 Was die Varianten betrifft, die von den Zeugen (Tertullian, Adamantius, Epiphanius) als Abweichungen gegenüber dem kanonischen Text aufgeführt werden, fänden sich viele auch in Handschriften, die der Vetus Latina zugeordnet werden, was den Schluss nahelege, dass sie nicht von der Hand Markions stammten, sondern direkt oder indirekt aus der römischen Tradition von ihm übernommen wurden. Sie seien folglich keine tendenziösen Korruptionen Markions. Stattdessen gehöre seine Vorlage zu dem „westlichen“ Bibeltext, 86 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="87"?> 52 J.J. Clabeaux, A Lost Edition of the Letters of Paul. A Reassessment of the Text of the Pauline Corpus attested by Marcion (1989), 5. 53 Ibid. 16-39. 54 Zu diesem Kriterium hat U. Schmid, aufbauend auf der Rezension zu Clabeaux von G.D. Fee darauf hingewiesen, dass die Kombination von „textual trivia“ und deren Wieder‐ kehr nicht nur in Hss., sondern auch bei Kirchenvätern zu einem verzerrten Gesamtbild führen kann, etwa, was Lesarten betrifft, die nicht genealogisch von Bedeutung sind, weil sie unabhängig voneinander entstehen können wie „Auslassung/ Zufügung von gliedernden Partikeln, oder Artikeln, Austausch von Singular/ Plural bei Nomina bzw. Tempora bei Verbalformen, Vertauschung von synonymen Präpositionen oder Kon‐ junktionen“, so U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 19 Anm. 80. Vgl. G.D. Fee, Review of J.J. Clabeaux, A Lost Edition of the Letters of Paul: A Reassessment of the Text of the Pauline Corpus Attested by Marcion (1991). Eine Lektüre von Fee verstärkt diese Kritik, weil „die meisten der 82 ‚sicheren‘ Lesarten“ solche Trivialitäten darstellen und außerdem 10 % derselben aus einer einzigen fraglichen Stelle, nämlich zu Eph 5,28-32 stammen. Aufgrund der wichtigen Bemerkungen von Fee sind auch diese Trivialitäten in unserer Rekonstruktion berücksichtigt. womit Clabeaux die Hauptfolgerung Harnacks bestätigt. Folgerichtig wollte Clabeaux keinen durchgehenden Rekonstruktionsversuch des markionitischen Paulustextes vorlegen, sondern vielmehr auf eine Rekonstruktion des vormar‐ kionitischen Textes der Paulusbriefe hinarbeiten. Diesbezüglich stellt er 82 „sichere“ und 47 „mögliche vormarkionitische Lesarten“ vor. Dem „Maximalismus“ Harnacks stellt er seinen eigenen „Mi‐ nimalismus“ entgegen, indem er weniger als die Hälfte von Harnacks vom kanonischen Text abweichenden Lesarten akzeptiert. 52 Die Arbeit zeichnet sich durch das Bemühen um methodologische Sorgfalt aus. Um überhaupt Textzeugen und deren Referate bzw. Zitate qualifizieren zu können, erstellt Clabeaux 11 Kriterien, und zwar fünf Positiv- und sechs Negativkriterien. 53 Wegen ihrer Bedeutung seien sie hier aufgeführt: Zunächst die Positivkriterien: 1. Ein ausdrückliches Zitat; 2. Die Vollständigkeit eines Zitats; a. Unter Bewahrung der ursprünglichen Reihenfolge der Wörter; b. Zitat vom Anfang eines Paragraphen in Adv. Marc. V, welches Tertul‐ lian anschließend auslegt (gilt also nur für den Zeugen Tertullian); 3. Einleitung als Zitat; 4. Lesarten, die auch in der Parallelüberlieferung in Hss. zu finden sind; 54 5. Lesarten, die von mehr als einem Zeugen Markion zugeschrieben werden; Sodann die Negativkriterien: §-4 Die früheren Editionen von *Ap 87 <?page no="88"?> 55 H. von Soden, Der Lateinische Paulustext bei Marcion und Tertullian (1927). 56 G.D. Fee, Review of J.J. Clabeaux, A Lost Edition of the Letters of Paul: A Reassessment of the Text of the Pauline Corpus Attested by Marcion (1991), 320. 57 U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012). 58 See J. BeDuhn, New Studies of Marcion’s Evangelion (2017), 9. 1. Bewusste polemische Veränderung durch den Textzeugen; 2. Sprachlich bedingte Variante (erneut Tertullian mit Blick auf durch Latein bedingte Varianten); 3. Inkonsistente Zitate bei ein und demselben Zeugen; 4. Inkonsistenzen zwischen mehreren Zeugen; 5. Unverlässlicher Zeuge; 6. Zitat entspricht Zitiertendenz des Zeugen. Auch wenn man diese Kriterien sinnvollerweise der eigenen Arbeit zugrunde legt, wird man kaum zu so sicheren Urteilen gelangen, wie von Clabeaux angenommen. Fee hat zu Recht auf den (mindestens) vierstufigen Prozess aufmerksam gemacht, der bei jeder Rekonstruktionsarbeit von Markions Text zu berücksichtigen ist: 1) der Blick auf die Handschriften, die den Vätertexten zugrundeliegen, aus denen wir die Kommentierung von Markions Text ziehen - hierauf hat besonders von Soden seinen Blick bezüglich Tertullians gerichtet; 55 2) der textkritische Schluss auf einen annähernd verlässlichen Text dieser Väter; 3) über diesen auf den paulinischen Text Markions; 4) der Rückschluss auf mögliche eigene Fehler, Änderungen usw. Markions. 56 Unter Berücksichtigung dieser Kritik werden Clabeaux‘ Vorschläge zu den entsprechenden Stellen in der Rekonstruktion beachtet. e. Ulrich Schmid Wenn auch kein Neuansatz, was die vorangegangene Forschung betrifft - immer noch wird unkritisch das apologetisch-häresiologische Bild des sekundären Markion gezeichnet, der sich eine kanonische Vorlage aneignet -, so legt doch U. Schmid im Jahr 2012 die bis dahin gründlichste Auseinandersetzung mit dem markionitischen Paulustext vor. 57 Sie geht zurück auf seine unter Barbara Aland angefertigte Dissertation an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seine Arbeit galt und gilt gerade wegen ihrer umsichtigen Behandlung der Textzeugen als wegweisend. 58 Zurückhaltend etwa ist Schmid gegenüber der Benutzung des Adamantiusdialogs als Quelle für die Rekonstruktion, andererseits achtet er gegenüber seinen Vorgängern systematisch auf die bereits von Clabeaux 88 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="89"?> 59 U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 26-31. 60 Ibid. 19-20. 61 Ibid. 15. angemahnten Zitiergewohnheiten der Textzeugen, woraus Schmid ein zentrales Rekonstruktionskriterium ableitet. Dieses stellt darum auch den ersten Punkt seiner methodischen Grundlegung dar. Auch wenn Zeugen behaupten - gerade Tertullian gegenüber ist er diesbezüglich kritisch -, sie würden aus Markions Text argumentieren und ihn widerlegen, sei Vorsicht angebracht. Um hier zwi‐ schen Behauptung und Tatsache unterscheiden zu können, betrachtet Schmid die Gewohnheiten, mit denen die Zeugen sonst dieselben Schriftzitate anführen, wenn auch wegen der Materialfülle nur in Auswahl. 59 Die Zitiergewohnheit ist zudem ein Kriterium, das gemessen an Handschriften noch größeres Gewicht bei Referaten und Zitaten aus Kirchenvätern besitzt: „Während man nämlich dem Abschreiber einer HS aufs Ganze gesehen von vorne‐ herein unterstellen darf, daß er nicht nur eine real existierende HS (vielleicht ein korrigiertes oder defektes Exemplar) abschreiben wollte, sondern dies auch wirklich getan hat, wissen wir im besten Fall etwas darüber zu sagen, daß ein Kirchenvater ‚den Herrn‘, ‚den Apostel‘ oder ‚die Schrift‘ zitieren wollte, wenn er ein Bibelzitat darbot. Ob und wie häufig er wirklich eine HS konsultiert hat (warum sollte er im übrigen nicht auch mehrere HSS gekannt haben? ), bzw. wie genau er den Text einer konkreten HS wirklich ‚im Kopf hatte‘, wissen wir nicht. Wir können nur immer wieder feststellen, daß sich viele seiner Lesarten in diesen oder jenen HSS finden, einige finden sich allerdings auch in keiner HS (mehr? ), so daß sie gar als Produkt seiner ‚Zitiergewohnheit‘ aufgefaßt werden müssen, und gelegentlich hat sich der Vater auch in der Zitatzuweisung geirrt.“ 60 Differenziert und kritisch betrachtet Schmid auch die Gegenüberstellung des sogenannten „markionitischen“ Texts gegenüber dem „katholischen“ Text. Als Beispiel wählt er drei Repräsentanten des „katholischen“ Texts: P 46 , B (03) und G (012). Hierzu führt er richtig aus, dass man „erst noch genauer“ beschreiben müsste, was denn „katholisch“ überhaupt bezeichne, da „abgesehen davon, daß B eine Voll-HS ist, während P 46 und G Paulus-HSS sind […] die Paulusbriefe in diesen drei HSS weder nach Anzahl, Anordnung und Umfang noch im Blick auf eine gemeinsame Vorlage oder gar Revision überein[stimmen]. Lediglich im Gegenüber zum ‚marcionitischen‘ Text gewinnen diese drei HSS ein gemein‐ sames Profil, nämlich das, daß sie nicht ‚marcionitisch‘ sind“. 61 Leider stellt Schmid nicht die Frage, welche Rückschlüsse man ziehen müsste, wenn das einzige klare Gegenprofil das des markionitischen Textes bildet, während das, §-4 Die früheren Editionen von *Ap 89 <?page no="90"?> 62 D.S. Williams, Reconsidering Marcion’s Gospel (1989); K. Tsutsui, Das Evangelium Marcions. Ein neuer Versuch der Textrekonstruktion (1992). 63 U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 11. 64 Ibid. 40-59. 65 Ibid. 58. 66 Zu Tertullian, ibid. 60-149. Zu Epiphanius, ibid. 150-196 („cum grano salis nicht so zu‐ verlässig wie das [Zeugnis] des Tertullian“, ibid. 196). Zu Adamantius, ibid. 197-236 („der Dial.-Verfasser … und/ oder einige seiner Quellen [hatten] keine authentische Kenntnis des marcionitischen Textes“, ibid. 236). Zu Origenes, ibid. 237-240, insbesondere zu Röm 15-16 und der Doxologie urteilt Schmid: „Wenn … die erste Behauptung, Marcion selbst habe die letzten beiden Kapitel gestrichen, akzeptiert wird, dann muß die zweite, jene anderen HSS [von denen Origenes spricht] seien nicht von Marcion abhängig, in letzter Konsequenz bestritten werden“, ibid. 240. Sodann folgen einige Bemerkungen zu indirekten Zeugnissen des Hieronymus, die Gal betreffen und unterschiedlich zu bewerten sind, ibid. 240-242. 67 Ibid. 243-283. was gewöhnlich unter „katholisch“ gefasst wird, ein breiter Hut ist, unter dem vielerlei verschiedengestaltige Texte zusammengefasst werden. Nach einem gründlichen und kritischen Überblick über die früheren Rekonst‐ ruktionsversuche und der hinter ihnen liegenden Methodologien von Zahn über Harnack bis Clabeaux, wobei er auch die Rekonstruktionsüberlegungen zum markionitischen Evangelium von Williams und Tsutsui einschließt, 62 widerspricht er Harnack, der markionitische Bibeltext sei einer ständigen Revision durch Markion und seine Schüler ausgesetzt gewesen, weshalb er selbst davon ausgehe, „daß sich die Quellen im großen und ganzen auf ein und denselben marcionitischen Text beziehen“. 63 Um diesen markionitischen Text der Paulusbriefe zu sichern, bietet Schmid nach seinen methodologischen Überlegungen auch noch einen Exkurs „Zum Problem einer lateinischen Über‐ setzung des marcionitischen Apostolikon bei Tertullian“, 64 wobei er ausführlich die Positionen von Harnack, von Soden und Zimmermann prüft und zum Schluss kommt, dass die „wahrscheinlichste Annahme“ ist, „daß Tertullian den marcionitischen Text ad hoc aus dem Griechischen übersetzte“, was nicht „die Existenz einer lateinischen Übersetzung der marcionitischen Bibel generell in Frage“ stelle, sondern „lediglich die Frage nach einer lateinischen Übersetzung der marcionitischen Bibel in der Hand Tertullians“ problematisiere, so dass sich eine lateinische Bibel Tertullians als „extrem unwahrscheinlich“ erweise. 65 Im Anschluss an seine methodologischen Überlegungen, die insbesondere die Zitiergewohnheiten seiner Zeugen detaillieren, wobei er auch auf eine Fülle einzelner Stellen eingeht, 66 bietet Schmid, nachdem er einen „Überblick über das erhaltene Material gibt“; 67 und eine Untersuchung der marcionitischen 90 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="91"?> 68 Ibid. 284-308. Auf diesen Teil werde ich im nächsten Kapitel näher eingehen. 69 Ibid. I/ 314-344. 70 Ibid. 308. 71 J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013). Paulusbriefsammlung und des Corpus Paulinum anfügt, 68 eine Rekonstruktion der seiner Meinung nach für Markions Sammlung bezeugten Verse mit den jeweils in den Fußnoten beigegebenen Bezeugungen. 69 Dieser Text der pau‐ linischen Briefe sei jedoch nicht das Produkt Markions, er sei nur dessen „Promotor“ gewesen, denn Markions „Heilige Schrift“ habe, „zu einem Teil in dieser distinkten Form schon längst vor Marcion […] existiert“ und sei „auch kirchlich rezipiert“ worden; „ob sie dann von Marcion […] weiter zusammen‐ gestellt und bearbeitet wurde“, sei „letztlich nicht entscheidend“. Schmid fügt hinzu: „Daß die Verbreitung einer vormarcionitischen Paulusbriefausgabe mit kämpferischem und exklusiv paulinisch-heidenchristlichem Profil ein idealer Anknüpfungspunkt für die marcionitische Propaganda war“, scheine ihm „eine plausible Hypothese zu sein, die den Erfolg der marcionitischen Kirche erklären helfen kann“. 70 f. Jason BeDuhn Ein weiteres und bislang letztes Kapitel der Rekonstruktion der paulinischen Briefe in der Sammlung Markions schrieb im Jahr 2013 Jason BeDuhn mit der Monographie „The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon“, auch wenn diese nur den englischen Übersetzungstext, nicht den griechischen Urtext rekonstruiert. 71 Auch bei diesem Werk zeigt sich, wie weiterführende Forschung einerseits auf den Ergebnissen der Vergangenheit ruht und zweitens innovative Neuansätze hinzukommen, die im Zusammenspiel einen Erkennt‐ nisgewinn bedeuten. Erstmals in der Geschichte der Rekonstruktionsversuche des markionitischen Neuen Testaments wurde es unternommen, nicht nur die Abweichungen des Textes gegenüber dem kanonischen Text aufzulisten, sondern sowohl was das Evangelium wie auch die paulinischen Briefe betrifft mit dem Umstand Ernst zu machen, dass wir es bei beiden Teilen der Sammlung ursprünglich nicht mit zusammenhanglosen Fragmenten oder Bruchstücken zu tun haben, sondern mit narrativen Zusammenhängen. Das Evangelium bot eine, wenn auch ausschnitthafte, Lebensbeschreibung des Protagonisten Jesus von Nazareth, ihm war eine paulinische Briefsammlung von zehn Briefen angefügt. BeDuhn hat aus dieser Tatsache sein neues und zugleich wichtigstes Rekonst‐ ruktionskriterium gezogen - beide Teile als narratives Ganzes zu geben, soweit die Zeugnisse es erlauben, jedoch gepaart mit der Notwendigkeit, wie bei der §-4 Die früheren Editionen von *Ap 91 <?page no="92"?> 72 „We know the name of the individual responsible for the first New Testament, the circumstances of his work in compiling it, and even a date that relates to his momentous decision to establish a textual foundation for the fledgling Christian communities of his time: 144 CE. More than that, we actually know the bulk of the content of this First New Testament.“ ibid. 3. 73 Ibid. Edition eines Papyrus, als solche gekennzeichnete hypothetische Ergänzungen vorzunehmen, wo es eine berechtigte Grundlage dafür gibt. Ausgangspunkt für ihn war, wie schon der Titel seines Buches anzeigt, die Einsicht, dass Markion das erste Neue Testament in der Geschichte des Christentums geschaffen hatte: „Wir kennen den Namen des Individuums, das verantwortlich ist für das erste Neue Testament, die Umstände seiner Arbeit, dieses zusammenzustellen, und sogar ein Datum, das mit seiner folgenreichen Entscheidung, eine textliche Grundlage für die frischgebackenen christlichen Gemeinden seiner Zeit zu schaffen, zusammenhängt: 144 n. Chr. Mehr als das, wir kennen sogar den Großteil des Inhalts dieses Ersten Neuen Testaments.“ 72 Warum Beduhn diese Sammlung das „Erste Neue Testament“ nennt, erklärt sich daraus, dass unser kanonisches Neues Testament zwar in hunderten von Handschriften und Kodizes bewahrt sei, jedoch in Zeugen begegne, die alle aus der Zeit des vierten Jahrhunderts und später stammen. Auch Auszüge und Papyri gebe es, die etwa bis zum frühen dritten Jahrhundert zurückreichen, doch darüber hinaus finde sich lediglich das eine ältere Neue Testament, das bis vor die Mitte des zweiten Jahrhunderts zurückreiche und rekonstruierbar sei, das des Markion. Allerdings verbindet BeDuhn mehr als nur die früheren Rekonstruktionsversuche, auf denen er aufbaut, mit der älteren Forschung. Er teilt mit seinen Vorgängern die Annahme, dass ein oder zwei Generationen vor diesem ersten Neuen Testament „die ursprüngliche Abfassung dieser Texte selbst“ anzusetzen sei. 73 Als autoritative Sammlung sei jedoch Markions Neues Testament die erste, der wir begegnen. Auch wenn BeDuhn der Meinung ist, 92 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="93"?> 74 Wolfram Kinzig ist hier anderer Meinung, der ich mich aufgrund eigener Studien mit weiteren Zeugnissen, die die seinen bestärkten, angeschlossen habe, W. Kinzig, Καινὴ Διαϑήκη. The Title of the New Testament in the Second and Third Centuries (1994); M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2. Jahrhundert (2022). BeDuhn kennt natürlich Kinzigs Studie, sieht sie jedoch nicht als „Beweis“. Wenn er hinzufügt, dass der Ausdruck „Neues Testament“ in den frühchristlichen Jahrhunderten eher theologisch als textorientiert gebraucht wird, so findet, wie ich gezeigt habe, der Titel bis ins frühe dritte Jahrhundert hinein doch immer nur für Markions Sammlung Verwendung, wenn es um einen Textbezug geht, J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 28. 75 „Marcion is the first known witness to explicitly identify Paul as the author of several letters now included under his name in Christian scripture, including what is known as the letters to the Ephesians (which Marcion understood to have been addressed instead to the Laodiceans) and Colossians. His New Testament provides the first certain evidence for the existence of the gospel now known as Luke (although his version was shorter, and did not bear Luke’s name). … Before Marcion there was no New Testament, with him it took its first shape, and after him it gradually developed into the form we now know“, J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 4-5. 76 Ibid. 29. 77 Ibid. 334. dass wir nicht sicher sein können, Markion habe die Sammlung selbst als „Neues Testament“ bezeichnet, 74 so führt er doch aus: „Markion ist der erste bekannte Zeuge, der ausdrücklich Paulus als Autor verschie‐ dener Briefe benennt, die jetzt unter seinem Namen in der christlichen Schrift aufgenommen sind, eingeschlossen die Schreiben, die jetzt als Brief an die Epheser (welchen Markion stattdessen als an die Laodizeer adressiert kannte) und als Brief an die Kolosser bekannt sind. Sein Neues Testament gibt uns die erste sichere Evidenz für die Existenz des Evangeliums, das wir jetzt als das des Lukas kennen (auch wenn seine eigene Version kürzer war und nicht den Namen des Lukas trug). […] Vor Markion gab es kein Neues Testament, mit ihm erhielt es seine erste Gestalt, und nach ihm entwickelte es sich allmählich zu der Form, die wir jetzt kennen.“ 75 Die Rolle Markions mit Blick auf die Paulusbriefe sieht BeDuhn ähnlich wie die meisten seiner editorischen Vorgänger: Markion hatte eine geringere Rolle, als man ihm in der apologetisch-häresiologischen Tradition zuschrieb. Selbst die Auswahl der zehn paulinischen Briefe findet BeDuhn auch anderweitig bezeugt, etwa in Syrien und im lateinischen Westen. 76 BeDuhn verweist zur Begründung auf „verschiedene Belege, etwa den altsyrischen Kanon, den Ephräm der Syrer kannte, dann die Prologe zu den Paulusbriefen in lateinischen Handschriften“, die ihm „die Existenz einer älteren 10-Briefe-Sammlung des Paulus beweisen“. 77 Dieses Argument übersieht allerdings, dass die beiden §-4 Die früheren Editionen von *Ap 93 <?page no="94"?> 78 E.W. Scherbenske, Canonizing Paul. Ancient Editorial Practice and the Corpus Pau‐ linum (2013). Unabhängig von ihm war ich auf dasselbe Ergebnis gekommen, M. Vinzent, Marcion and the Dating of the Synoptic Gospels (2014). 79 Vgl. etwa den Versuch bei T. Flemming, Die Textgeschichte des Epheserbriefes. Mar‐ cion änderte nichts: Eine grundlegend neue Perspektive auf den Laodicenerbrief (2022), 87-96. Bei einer in der Forschung bis in die jüngste Zeit derart umstrittenen Frage lassen sich die Paulusprologe gewiss nicht für eine von Markion unabhängige *10-Briefe-Sammlung als Beweismittel heranziehen. 80 J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 31. von ihm genannten Zeugen gerade solche sind, die auf Markion verweisen: Ephräm wird von BeDuhn selbst als einer der Kritiker Markions bezeichnet, weil seine Homilien verschiedentlich zur Rekonstruktion des markionitischen Neuen Testaments herangezogen wurden, er und sein Umfeld also als Zeuge für diesen gilt. Und die genannten lateinischen Prologe zu den Paulusbriefen wurden kürzlich erneut von Eric Scherbenske Markion oder seinen Schülern zugeschrieben. 78 Doch selbst wenn man sich diesem Urteil nicht anschließen möchte, können diese Prologe eine Beweislast für eine ansonsten unbezeugte, Markion vorausliegende oder von ihm unabhängige *10-Briefe-Sammlung des Paulus nicht tragen. 79 BeDuhns Zeugnisse stützen folglich den Nexus von Markion und der *10-Briefe-Sammlung, und andere Zeugnisse hat bislang niemand aufführen können, die eine vormarkionitische 10-Briefe-Sammlung des Paulus hätte erweisen können. Trotz aller Kritik an der apologetisch-häresiologischen Einschätzung Mark‐ ions nimmt BeDuhn (wie ein Großteil der älteren Forschung und auch die Klinghardt-Schule) an, dass die von den Zeugen als markionitische Lesarten bezeichneten Varianten nicht von ihm herrühren, weil sie auch in vielen „katholischen biblischen Handschriften“ zu finden sind. Ihre Verbreitung in der Tradition der 14-Briefe-Sammlung spreche dafür, dass diese in einem älteren Text standen, dessen sich Markion lediglich bedient habe. 80 Auch wenn sich BeDuhn einer philologischen Herangehensweise bei seiner Rekonstruktion verschrieben hat, vermerkt er immer wieder, sobald in seinem Text Stellen begegnen, bei denen die Zeugen auf Markion verweisen, der Text gehe nicht auf 94 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="95"?> 81 Etwa zu Lk 4,25, auch wenn er selbst diesen Vers in seine Rekonstruktion nicht aufgenommen hat (so wenig wie Klinghardt), ibid. 131. Ein paralleler Fall ist Lk 5,39, den BeDuhn ebenfalls nicht in seinen Text aufnimmt, dabei jedoch bestreitet, Markion habe ihn aus theologischem Grund gestrichen (bzw., falls *Ev der ältere Text war, dann müsste man diesen Vers als kanonische Hinzufügung lesen, wie Klinghardt es tut). Bezüglich Gal 3,1-5 ist BeDuhn zurückhaltend, was den Hinweis des Hieronymus in seinem Galaterbriefkommentar betrifft (Interrogemus ergo hoc loco Marcionem, qui prophetas repudiat, quemodo interpretur id quod sequitur), weil er meint, man könne aus dieser Angabe „nichts über den Text Markions“ entnehmen („This is a purely hypothetical question, and does not indicate anything about Marcion’s text“), was m. E. nicht den Sachverhalt trifft - Hieronymus verweist das, was er liest, an Markion, spricht von dessen Verwerfen der Propheten und fragt sich, wie Markion demzufolge das deutet, was folgt, d. h. Hieronymus muss etwas gelesen haben, was Markion im Folgenden notiert hatte. BeDuhn ist recht zu geben, dass uns Hieronymus hier keinen Wortlaut bietet, doch ist das, was er ausführt, nicht einfach nichts. BeDuhn selbst nimmt denn auch die Verse Gal 3,1-2. 5, wenn auch in Klammern, in seine Rekonstruktion auf. Gleich darauf, zu Gal 3,6-9, berichtet Hieronymus wiederum, „Markion habe die Stelle getilgt“ (Marcion de suo apostolo erasit), was auch BeDuhn der älteren Forschung folgen lässt und er diesen Passus aus seiner Rekonstruktion auslässt. Bald darauf zu Gal 3,13-14 trägt BeDuhn dann nach, dass die Tilgung von Abraham zwar zur Theologie Markions passen könnte, jedoch die nichtmarkionitische Überlieferung (er verweist auf den Zeugen 1245) bestätige, dass solches Fehlen von Abraham auch außerhalb Markions begegne. Ohne weitere Beispiele nennen zu müssen, wird das Bemühen deutlich, in der Rekonstruktion den rekonstruierten Text von der Person Markions wegzurücken und diesen als Übermittler, jedoch nicht als Editor oder Redaktor zu betrachten. Dieses Bemühen wirkt oft wie eine petitio principii. Markion und seine Theologie oder Vorstellung zurück, sondern biete vielmehr einen Ausweis für eine nichtmarkionitische, ältere Vorlage. 81 §-4 Die früheren Editionen von *Ap 95 <?page no="97"?> 1 „Each time a new work of outstanding merit is added to the gallery of surviving works by which the tradition of literature is constituted, the tradition changes. It changes not by the addition alone but by the changes which occur in the understanding of the works which are already in the tradition“, E. Shils, Tradition (1981). Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum „Jedesmal, wenn ein neues Werk von herausragender Bedeutung zur Galerie der existierenden Werke, die die Tradition der Literatur begründet, hinzugefügt wird, wandelt sich die Tradition. Sie wandelt sich nicht allein dadurch, dass etwas hinzugekommen ist, sondern durch die Veränderungen in der Deutung der bereits existierenden Werke“. 1 <?page no="99"?> 1 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band-1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 33. 2 Ibid. §-5 Die Bezeugung der altkirchlichen Häresiologen Alle bisherigen Editoren gehen davon aus, dass die Zeugnisse der altkirchlichen Häresiologen ein bzw. das entscheidende Kriterium für die Rekonstruktion der *10-Briefe-Sammlung darstellen, auch wenn, wie zuvor gezeigt, das Gewicht der handschriftlichen Zeugnisse bei den Editoren zwar immer berücksichtigt wurde, aber manchmal schwankt. Was die Hauptzeugen betrifft - Tertullian und Epiphanius - herrscht Übereinstimmung in der Forschung, selbst wenn im Ein‐ zelfall die Schlussfolgerungen verschieden ausfallen. Lediglich die Bewertung und Gewichtung weiterer Zeugen fällt bei den verschiedenen Rekonstruktions‐ versuchen unterschiedlich aus. Allen Editoren war bewusst, dass jeder der altkirchlichen Häresiologen bisweilen ungenau, und, weil an vielen Stellen auch widersprüchlich, nicht immer zuverlässig in seinem Zeugnis ist und dieses auch nicht immer treu überliefert wurde. Betont wurde, dass bei Tertullian dessen Natur als Apologet und Rhetoriker und mit zunehmender historischer Distanz die häresiologische Überformung seinen Zeugniswert und denjenigen späterer Häresiologen in ihren Aussagen schmälern. Klinghardt hat die „Struktur der Vorwürfe gegen Marcion“ herausgearbeitet, die die Argumentation und das „Vorgehen der Häresiologen“ erhellt: „Welcher Grad an Vollständigkeit und welches Maß an Zuverlässigkeit lassen die Referate erwarten“, insbesondere dann, wenn „die Hauptreferenten unterschiedliche Textgestalten“ voraussetzen? 1 Zugleich konnte er feststellen, dass „sich die altkirchlichen Häresiologen trotz aller Differenzen hinsichtlich der Beurteilung der marcionitischen Theologie und seinem Text, den sie bezeugen, erstaunlich einig“ sind. 2 Ihre Vorwürfe beziehen sich nicht nur auf eine falsche Interpreta‐ tion und Auslegung der Texte, sondern beschuldigen Markion der Auswahl, der Verstümmelung und stellenweise der Textkorruption. Auch wenn sich dieses Urteil nicht nur auf das Verhältnis des in der Sammlung enthaltenen *Evangeliums gegenüber dem kanonischen Lukastext bezieht, sondern auch auf die *10-Briefe-Sammlung gegenüber dem kanonischen Text der entsprechenden Briefe, lassen sich doch bezüglich der paulinischen Briefe Differenzierungen im Urteil der Häresiologen feststellen. <?page no="100"?> 3 Iren, Adv. haer. I 27,2: Similiter autem et apostoli Pauli epistolas abscidit, auferens quaecumque manifeste dicta sunt ab apostolo de eo deo qui mundum fecit. 4 Iren., Adv. Haer. III 12,12: Marcion, et qui ab eo sunt, ad intercidendas conversi sunt Scrip‐ turas, quasdam quidem in totum non cognoscentes, secundum Lucam autem Evangelium, et Epistolas Pauli decurtantes, haec sola legitima dicunt esse quae ipsi minoraverunt. 5 Tert., De praescr. 38: -… scripturarum et expositionum adulteratio. 6 Tert., Adv. Marc. V 4,8: Sed ut furibus solet aliquid excidere de praeda in indicium, ita credo et Marcionem novissimam Abrahae mentionem dereliquisse, nulla magis auferendam. Vgl. auch ibid. V 4,2: Erubescat spongia Marcionis! Nisi quod ex abundanti retracto quae abstulit, cum validius sit illum ex his revinci, quae servavit. 7 Vgl. Tert., Adv. Marc. V 18,1: De manibus haeretici praecidentis non miror si syllabas subtrahit, cum paginas totas plerumque subducit. 8 Tert., Adv. Marc. II 1,1: -… demolitione veritatis. 9 Tert., Adv. Marc. V 1,9: … ex ipsis utique epistolis Pauli, quas proinde mutilatas etiam de numero forma iam haeretici evangelii praeiudicasse debebit. 10 Tert., Adv. Marc. V 12,6: … Si et pseudapostolos dicit operarios dolosos transfiguratores sui per hypocrisin scilicet, conversationis non praedicationis adulteratae reos taxat. 11 Orig., Comm. in Rom. 10,43: Caput hoc Marcion, a quo scripturae evanglicae atque apostolicae interpolatae sint, de hac epistula penitus abstulit, sed et ab eo loco ubi scriptum est: Omne autem, quod non est ex fide peccatum est, usque ad finem cuncta dissecuit. a. Die Struktur der Vorwürfe gegen Markion 1. Markion hat die Paulusbriefe verstümmelt, gekürzt und verfälscht Nach Irenäus hätten Markion und die Seinen einige Schriften abgelehnt, „eben‐ falls Teile aus den Briefen des Apostels Paulus herausgeschnitten und alles weggelassen, was der Apostel eindeutig über den Gott gesagt hat, der die Welt erschuf “. 3 Er habe „die Paulusbriefe gekürzt“ und „alleine das sei zulässig, sagen sie, was sie verkürzt haben“. 4 Diese Meinung wiederholt Tertullian. Für ihn ist das, was Markion tut, eine „Fälschung der Schriften und Auslegungen“, 5 bisweilen durch „Tilgung“, 6 bisweilen durch „Streichen von Silben und ganzen Seiten“, 7 jedenfalls sei das Ergebnis eine „Zerstörung der Wahrheit“. 8 Den Beweis hierfür will er „aus den Briefen des Paulus selbst heraus führen, welche … in gleicher Weise wie das Evangelium entstellt wurden, und dies sogar betreffs ihrer Anzahl“. 9 Nach Tertullian bezieht Markion den Vorwurf von *2Kor 11,13 auf die Verfälscher der *10-Briefe-Sammlung, 10 ein Vorwurf, den Tertullian nur mit Mühe abzuwehren versucht und kaum rhetorisch fabriziert haben wird. Origenes äußert sich ähnlich wie die genannten Kritiker des Markion: „Markion hat die evangelischen und apostolischen Schriften interpoliert“, oder Passagen wie Röm 16,25-27, zu der diese Aussage im Kommentar gemacht wird, „vollständig getilgt“. 11 Auch Epiphanius wiederholt die Vorwürfe seiner häresiologischen Vor‐ gänger, und zwar mit ähnlichen Begriffen: Markion habe das Evangelium 100 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="101"?> 12 Epiph., Pan. 42,9,3. 13 Vgl. zu *Laod 4,31: Ἀποδέδεικται πολλάκις μὴ ἀλλότρια εἶναι τὰ ἐν τῷ νόμῳ τοῖς ὑπὸ τοῦ ἀποστόλου διδασκομένοις, κἄν τε σύ, ὦ Μαρκίων, παρακόψῃς τό „<τῇ> γυναικί“. ἀπὸ τοῦ γάρ „ἔσονται εἰς σάρκα μίαν“ δήλη σου ἔσται ἡ πᾶσα ῥᾳδιουργία. 14 Epiph. Pan. 42,11,3: ὁ μὲν γὰρ χαρακτὴρ τοῦ κατὰ Λουκᾶν σημαίνει τὸ εὐαγγέλιον. ὡς ἠκρωτηρίασται μήτε ἀρχὴν ἔχον μήτε μέσα μήτε τέλος, ἱματίου βεβρωμένου ὑπὸ πολλῶν σητῶν ἐπέχει τὸν τρόπον. 15 Adam., Dial. I 5. des Lukas beschnitten (ἀπέτεμνεν); er habe nicht nur lediglich zehn von den Paulusbriefen benutzt, sondern aus diesen nicht einmal „den gesamten Text“, sondern einiges von ihnen „beschnitten“ (περιτέμνων), einiges „verändert“ (ἀλλοιώσας), 12 wieder anderes „ausgelassen“ (παρακόψῃς). 13 Zwar verwendet Epiphanius nicht das Bild vom durch Markion teilweise zerstörten „Spiegel“ für das Verhältnis der *10-Briefe-Sammlung zur 14-Briefe-Sammlung, doch die par‐ allelen Urteile zum *Evangelium des Markion und seinem Verhältnis zum Lukas‐ evangelium und dem der *10-Briefe-Sammlung zur 14-Briefe-Sammlung legen es nahe, dass Epiphanius auch die *10-Briefe-Sammlung für einen getrübten Spiegel der 14-Briefe-Sammlung hielt. Wie *Ev wirkte die *10-Briefe-Sammlung auf ihn wie ein von Motten verfressenes Hemd. 14 Im Unterschied zu dem *Evangelium, das in Markions *Neuem Testament titellos und ohne Verfassernamen stand, trugen die Briefe den Namen des Paulus. Während das kanonische Evangelium den - heute zugegebenermaßen pseudonymen Verfasserhinweis auf Lukas erhielt, dessen Name zur Bestärkung auch noch in die 14-Briefe-Sammlung in Kol 4,14 eingetragen wurde und, wie man dem Dialog des Adamantius entnehmen kann, in der Debatte gegen die Markioniten auch hierfür Verwendung fand, 15 lässt sich erkennen, dass in Markions *Neuem Testament augenscheinlich keine Pseudonomysierung vorgenommen wurde. Die Texte werden gegeben, wie sie textintern mit keinem (Evangelium) oder mit einem Verfassernamen (die paulinischen Briefe) vor‐ liegen. 2. Markion hat die 14-Briefe-Sammlung aus theologischen Gründen redigiert Wie schon aus dem Voranstehenden deutlich geworden ist, behaupten die Häresiologen übereinstimmend, dass Markion die 14-Briefe-Sammlung aus theologischen Gründen gekürzt und bearbeitet habe, um sie seiner Theologie konform zu machen. Klinghardt hat richtig herausgestellt, dass Tertullian der Haupthäresie der Trennung von „Gesetz“ und „Evangelium“ auch den Vorwurf der Ablehnung der jüdischen Schriften entnommen hat. Das heißt: „Wann §-5 Die Bezeugung der altkirchlichen Häresiologen 101 <?page no="102"?> 16 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 37. Er führt an: Tert. Adv. Marc. IV 36,11: Ab illo deo descendisse Iesum ad deiectionem creatoris, ad destructionem legis et prophetarum? “ Zur destructio legis et prophetarum, vgl. auch ibid. IV 15,1; 25,7; 33,9. 17 Tert., Adv. Marc. IV 6,3 (Übers. Keller, korrigiert): Constituit Marcion alium esse Christum qui Tiberianis temporibus a deo quondam ignoto revelatus sit in salutem omnium gentium, alium qui a deo creatore in restitutionem Iudaici status sit destinatus quandoque venturus. Inter hos magnam et omnem differentiam scindit, quantam inter iustum et bonum, quantam inter legem et evangelium, quantam inter Iudaismum et Christianismum. 18 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band-1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 37. 19 Vgl. Tert., Adv. Marc. V 3,8: De cetero pergat apostolus, negans ex operibus legis iustificari hominem, sed ex fide. Ibid.: Merito non reaedificabat quae destruxit; ibid. V 2,2: Igitur et legis destructio et euangelii aedificatio pro me faciunt in ista quoque epistula ad eam Galatarum praesumptionem pertinentes qua praesumebant Christum, ut puta (utpote? Vgl. Adv. Marc. III 11,9: utpote Christus creatoris) creatoris, salva creatoris lege credendum, quod adhuc incredibile videretur legem a suo auctore deponi. Id., De pud. 14,25 (SC 394,222): qui non solet ea quae destruxit reaedificare, ne transgressor habeatur? immer Tertullian Marcion die destructio legis et prophetarum vorwirft, hat er diesen doppelten Aspekt im Blick“. 16 Diese Haupthäresie ist bereits Zentrum der weiteren Haupthäresien, wie sie Tertullian im Vorwort von Markions *Neuem Testament, den Antithesen, gelesen haben will. Tertullian berichtet: „Marcion behauptet, der Christus, welcher zur Zeit des Tiberius von einem unbe‐ kannten Gott geoffenbart wurde zum Heil aller Völker, sei ein anderer als der, welcher vom Schöpfergott zur Wiederherstellung des jüdischen Status bestimmt worden ist und welcher dereinst erst kommen soll. Zwischen diesen beiden reisst er die Kluft der Verschiedenheit so gross und so allgemein, wie zwischen gerecht und gütig, zwischen Gesetz und Evangelium, zwischen Judentum und Christentum.“ 17 Wie Klinghardt bemerkt, hat die „Trennung von Gesetz und Evangelium“ eine „kanonische Dimension“. 18 Diese wirkt sich auch auf die Einschätzung der *10-Briefe-Sammlung aus. Nun ist erstaunlich, dass Tertullian zunächst diese Position des Markion mit Blick auf die *10-Briefe-Sammlung nicht grundsätzlich ablehnt, selbst wenn von einer „Zerstörung des Gesetzes“ und im selben Atemzug von einer „Auferbauung des Evangeliums“ die Rede ist. 19 Allerdings mildert Tertullian die Schärfe dieser Antithese des Markion, indem er die Paulusstelle *Gal 2,16. 18 („16 Ein Mensch wird nicht aus dem Gesetz gemäßen Handlungen gerecht, sondern allein aus dem Glauben 18 wenn ich nämlich das, was ich niedergerissen habe, wieder aufbaue“ 20 ) nicht antithetisch, sondern theologisch und kasuistisch interpretiert: Er gesteht zu, dass das Gesetz seit 102 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="103"?> 20 Dieses und weitere Zitate sind aus der Rekonstruktion genommen, unterstrichener Fettdruck weist auf bezeugten Text hin, Fettdruck auf inhatlich bezeugten Text, auch wenn der Wortlaut nicht gesichert ist, Normaldruck ist rekonstruiert und ergänzter Text, der für die Argumentation nötig oder sinnvoll ist, auch wenn er nicht bezeugt ist. 21 Tert., Adv. Marc. V 3,8. 22 Ibid. V 3,9. 23 Vgl. Iren., Adv. Haer. I 27,4: … seorsum contradicemus, ex ejus scriptis arguentes eum, et ex iis sermonibus qui apud eum observati sunt, Domini et Apostoli, quibus ipse utitur, eversionem ejus faciemus, praestante Deo. Johannes dem Täufer niedergerissen und die Unebenheiten der Welt geebnet wurden (vgl. Lk 3,4-5; Jes 40,3-4), doch zum einen bedeute der Gegensatz nicht, dass das Gesetz auf einen anderen Gott zurückzuführen sei, als auf den, auf den das Evangelium zurückgehe, sondern beides stamme von ein und demselben Gott, zum anderen handele es sich lediglich darum, dass das, was „Beschwernisse des Gesetzes“ (legis difficultates) seien, in „Leichtigkeiten des Evangeliums“ (evangelii facilitates) verwandelt würden. Anstelle der „Sklaverei aus dem Gesetz“ (ex legis servitute) sei die „Freiheit aus dem Glauben“ (ex fidei libertate) getreten. 21 Folglich gäbe es zwar einen Unterschied zwischen den Dingen (distantia-… rerum), nicht aber einen solchen der Urheber (auctorum). 22 Tertullian legt folglich die *10-Briefe-Sammlung dahingehend aus, dass auch durch sie nicht der unbekannte Gott gegen den Schöpfergott bzw. den Gott der Gebote des Mose gestellt werden kann. Seine Deutung widerspricht der ersten Antithese aus Markions Vorwort. 3. Die Bekämpfung Markions als Nachweis von Widersprüchen zwischen seinem Text und seiner Interpretation Bereits bei Irenäus begegnet der Wunsch, Markion auf seiner eigenen Text‐ grundlage zu widerlegen, 23 doch erst Tertullian kam diesem Ansinnen nach, weil Irenäus offensichtlich seinen Plan nicht verwirklichte, zumindest ist ein solches Werk von ihm nicht erhalten. Warum, so fragt man sich, müssen sich die frühen Häresiologen mit der Schrift ihres Gesprächspartners beschäftigen, hätten sie ihm doch schlicht entgegenhalten können, dieser müsse sich an die Autorität derjenigen Schriften halten, die in der Kirche gelten. Die einzige Antwort wird wohl sein, dass es einen solchen Kanon, also eine Richtschnur, an der sich Markion hätte ausrichten können und sollen, noch nicht gab, oder vielmehr, dass die einzige Schriftbasis, die damals vielleicht über die Kreise des Markion und der Seinen hinaus in Autorität stand, diejenige war, die sich die Häresiologen als Gesprächsbasis zu eigen machen mussten, und gegenüber der sie ihre eigene erst noch zu etablieren hatten. Das aber bedeutet, dass die 14-Briefe-Sammlung §-5 Die Bezeugung der altkirchlichen Häresiologen 103 <?page no="104"?> 24 So M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evan‐ gelien Band-1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 43. 25 Ibid. 26 Vgl. Tert., Adv. Marc. V 21,1. Dass mit diesem Verschonen nicht gemeint war, er habe ihn nicht gekürzt und redigiert, lässt sich an der Rekonstruktion ablesen. Selbstverständlich könnte man diese Stelle auch als starkes Argument gegen die Rekonstruktion lesen, wenn Hieronymus behauptet, Markion habe Phlm nicht redigiert, vgl. weiter unten zur Stelle in der Rekonstruktion. nicht nur jüngeren Datums ist, sie dürfte auch für die Häresiologen selbst noch diejenige Sammlung sein, die durch die Auseinandersetzung mit Markion erst an Autorität gewinnen sollte. Das Argument, dass die Häresiologen Markion nur auf dessen Schriftbasis kontern konnten, weil es keine gemeinsame Schriftbasis gab, 24 würde voraussetzen, dass man von einer kompetitiven Schriftlandschaft ausgeht, in der die Häresiologen der Gegenseite grundsätzlich dieselbe Auto‐ rität zugestanden, die sie für ihre eigenen Schriften reklamierten. Doch falls Tertullians rhetorische Diskussion mit Markion um die größere Autorität der je eigenen Schrift auf einen historischen Kern verweist, dann scheint weder Markion, der ja die Nutzer seiner Schriften Plagiatoren und Fälscher genannt haben soll, noch Tertullian, der Markion derselben Schandtaten bezichtigt, eine solche gemeinsame Einschätzung an Autorität dem je anderen zugemessen zu haben. Auf die offenkundig notgedrungene Basis des Gegners Markion sich zu be‐ wegen ließ als zentrale Strategie, ihn „des Selbstwiderspruchs“ zu überführen 25 und darüber hinaus zu erweisen, dass Markions Bemühen - selbst auf der Basis seines Schrifttextes! -, den darin vorkommenden Christus einem unbekannten Gott zuzuordnen und ihn von dem Christus des Schöpfergottes, „der zur Wie‐ derherstellung des jüdischen Status bestimmt worden ist und welcher dereinst erst kommen soll“, zu unterscheiden, ins Leere gegangen ist. Wenn Tertullian am Ende von Buch IV sagt: „Ich bemitleide Dich, Markion, Du hast Dich vergeblich abgemüht: Denn der Christus Jesus in Deinem Evangelium ist meiner! “ gesteht er nicht nur zu, dass es sich um Markions ureigenes *Evangelium handelt, sondern auch, dass Tertullian diesen Text so lesen und deuten konnte, dass er dennoch die eigene Vorstellung von dem einen Christus darin fand, der durch die Propheten angekündigt worden war und in seiner Thora die Gesetze des Mose erneuerte. Auf diesen Gedanken kommt er schließlich am Ende von Buch V mit Blick auf die paulinischen Briefe zu sprechen. Darin tadelt Tertullian Markion, dass dieser die beiden Briefe an Timotheus und den an Titus verworfen habe und damit auf dem Weg war, auch die Zahl der Briefe zu verfälschen, und das, obwohl er, wie Tertullian meint, wegen der Kürze den Brief an eine andere Einzelperson, Philemon, verschont habe. 26 Man nehme auch die schöne 104 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="105"?> 27 Vgl. Tert., Adv. Marc. V 21,2: ea, quae praetractata sunt retro, de Apostolo quoque probaverimus. 28 Vgl. Epiph., Pan. 42,9,5-6; Übers. M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 44. Parallele zum Schluss von Buch IV, die sich in V 1,8 findet: Wie Christus, ebenso gehört auch der Apostel mir, meint Tertullian. Jedenfalls sieht Tertullian, dass durch seine Kommentierung der *Paulusbriefe das Ergebnis aus seiner Kommentierung des *Evangeliums bestätigt werde - das heißt, auch durch die *Paulusbriefe sei es Markion nicht gelungen, die Antithesen, die er in seinem Vorwort formuliert habe, durch den Schrifttext einzulösen. 27 Noch im 4. Jh. folgt Epiphanius der Widerlegungsstrategie des Tertullian, wie bereits Klinghardt herausgestellt hat: „Ausgehend von genau dem Kanon, den er behält, dem Evangelium und den paulini‐ schen Briefen, kann ich mit Gottes Hilfe beweisen, dass Marcion ein Betrüger ist und sich im Irrtum befindet, und ich kann ihn aufs wirksamste widerlegen. (6) Denn er wird aus genau denjenigen Werken widerlegt werden, die er ohne Einspruch anerkennt (ἐξ αὐτῶν γὰρ ἀναμϕιβόλως τῶν παρ’ αὐτοῦ ὁμολογουμένων ἀνατραπήσεται).“ 28 Eine erste Folge dieser Strategie ist, dass die Häresiologen offenkundig ihrer Darlegung den Text des Markion zugrundelegen wollen - ob dies immer geschieht, wird sich erweisen müssen. Da, wie die Rekonstruktion zeigen wird, eine Reihe von widersprüchlichen Zeugnissen existiert, muss man entweder davon ausgehen, dass die Häresiologen ihrer eigenen Vorstellung nicht immer nachgekommen sind, oder dass der Text der *10-Briefe-Sammlung im Laufe der Weitergabe durch Redaktoren und Kopisten verändert wurde. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, dass, wie bereits oben vermutet, die Form der zehn Briefe ähnlich, wie sich für *Ev vermuten lässt, eine redaktionelle Veränderung erfahren hat, nachdem Markion sie von Pontus nach Rom gebracht hatte, sie von den Plagiatoren gefälscht und in Reaktion auf diese Fälschungen in die Sammlung des Neuen Testaments von Markion zusammen mit dessen Vorwort aufgenommen wurden. Dies würde dann bedeuten, dass sowohl die redaktionelle Arbeit des Markion wie die der kanonischen Redaktion nicht als unabhängige Einmalakte zu denken wären, sondern man eher von einem längeren Prozess der Redaktion ausgehen müsste, der nicht ohne gegenseitige Kenntnis beider Seiten vorstellbar wäre. An dieser Stelle sei noch auf eine zweite Folge hingewiesen, die gerade einen solch kontinuierlichen Prozess nahelegt. Die Differenz der Zeugen und ihrer Zeugnisse kann auch darauf zurückgeführt werden, dass im Laufe der weiteren §-5 Die Bezeugung der altkirchlichen Häresiologen 105 <?page no="106"?> 29 Ich danke meinem Kollegen Gerhard van den Heever, der mich an die Bedeutung der Materialität auch auf der Ebene der Zeugen im Kolloquium des Institut Protestant de Paris vom 26.02.2024 erinnert hat. 30 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band-1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 45-46. schriftlichen Überlieferung ihrer Werke, von Tertullians „Adversus Marcionem“ etwa oder des „Panarion“ des Epiphanius, mit weiteren Interferenzen, sei es durch den kanonischen Text, sei es durch Redaktor- und Schreiberhände, zu rechnen ist. Bei der Rekonstruktion wird daher nicht nur auf den kritischen Text der Werke der Häresiologen rekurriert, sondern auch deren handschriftliche Basis zurate gezogen. Dies führt an manchen Stellen zu einem vom kritischen Text abweichenden Urteil, wie zur Rekonstruktion jeweils angegeben ist. 29 Eine dritte Einsicht leitet sich vom Beweisverfahren ab: Wenn es stimmen würde, dass die Häresiologen „bei ihrer Suche nach Widersprüchen zwischen Marcions falscher Theologie und dem Text“ nicht nur „des Evangeliums“, sondern auch der *10-Briefe-Sammlung „auf Schritt und Tritt fündig“ würden, bedeutete dies, wie Klinghardt annimmt, „dass die behauptete Korrelation zwischen Text und Theologie Marcions gar nicht existiert“? Ist es so, dass „die Ausgangsbehauptung - ’Marcion hat den Text … gemäß seiner Irrlehre verfälscht! ‘ - unzutreffend“ ist? Klinghardt kann den inneren Widerspruch dieser Behauptung der Häresiologen überzeugend darlegen, und er urteilt nachvollziehbar: „Wenn Marcion sein Ziel einer Übereinstimmung von Bibeltext und Lehre auch aliter interpretando hätte erreichen können, stellt sich die Frage, warum er dann überhaupt die Mühe einer redaktionellen Bearbeitung des kanonischen Lk auf sich genommen haben sollte.“ 30 Dieses Argument, gewendet gegen die Häresiologen, macht es dann aber auch unwahrscheinlich, dass eine kanonische Redaktion überhaupt vonnöten gewesen wäre, eine 27 Bücher umfassende Sammlung zu kreieren und dabei auch die *10-Briefe-Sammlung gründlichst zu überarbeiten und durch vier neue Briefe zu ergänzen, hätte man aliter interpretando Markions *Neues Testament nichtmarkionitisch lesen können, worum sich Tertullian bemühte. b. Die häresiologischen Hauptzeugen für die *10-Briefe-Sammlung 1. Tertullian Kein anderer Kirchenvater hat sich so sehr mit Markion beschäftigt wie Tertullian. Mehr als die Hälfte seines gesamten erhaltenen Werkes - und 106 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="107"?> 31 Hieron., Comm. in Osee lib. II ad 10,1. 32 Vgl. Tert., Adv. Marc. V 21,2. 33 Vgl. hierzu detailliert M. Vinzent, Tertullian’s Preface to Marcion’s Gospel (2016). 34 Vgl. Tert., De praescr. 7. 30. 33-34, vgl. hierzu ibid. 56-59. dieses ist ein sehr umfangreiches Opus dieses ersten Lateinisch schreibenden christlichen Schriftstellers - setzt sich unmittelbar oder ganz wesentlich mit dem Gelehrten aus dem Pontus auseinander, den Hieronymus mit Berufung auf Origenes als „ardens ingenii et doctissimus“ genannt hatte. 31 In drei Auflagen schuf Tertullian das überhaupt größte seiner Werke mit dem Titel „Adversus Marcionem“, das sich in fünf Büchern mit Markion auseinandersetzt. Die ersten drei Bücher sind eine systematische Auseinandersetzung Tertullians mit Markion, in den Büchern IV und V kommentiert er Markions *Neues Testament, in Buch IV das Vorwort, die Antithesen, und das *Evangelium, dann in Buch V die *10-Briefe-Sammlung des Paulus. Wie das Schlusswort zu Buch V verdeutlicht, muss es sich bei der Abfassung dieses gewaltigen Werkes um einen längeren Schreibprozess gehandelt haben, denn Tertullian entschuldigt sich gegenüber der Leserschaft für den „Verzug“ (dilatio), mit der dieser letzte Band abgeschlossen worden ist. 32 Unterstrichen wird der längere Prozess durch das Vorwort in Buch I, das auf drei verschiedene sukzessive Ausgaben des Werkes „Adversus Marcionem“ verweist. Doch waren diese fünf Bücher nicht das einzige Werk, das Tertullian zu Markion schrieb. Tertullian stellte überdies selbst den Verbund zwischen diesem Spätwerk und anderen Werken von ihm her, indem er das Werk „De praescrip‐ tione haereticorum“ mit einem 14 von überhaupt 45 Kapiteln umfassenden Vorwort ausstattete und dieses Werk als Präskript auf die weiteren antimarki‐ onitischen Werke, „De resurrectione carnis“, „De carne Christi“ und schließlich „Adversus Marcionem“ ausrichtete. 33 Der Gesamtumfang von Tertullians Publi‐ kationen gegen Markion umfasst folglich mehr als die Hälfte dessen, was von seiner literarischen Aktivität überhaupt erhalten ist. In „De praescriptione“ wendet er sich zwar nicht nur gegen Markion, sondern auch gegen dessen Schüler Apelles, gegen Valentinus und andere Häretiker, aber gegen Markion richtet er sich am deutlichsten, weil er diesen für den Lehrer der beiden anderen Genannten hält. 34 Wie bei seiner Kommentierung von Markions Vorwort, den Antithesen, und des *Evangeliums in Buch IV geht Tertullian in Buch V von „Adversus Marcionem“ auch die *10-Briefe-Sammlung des Paulus Stück für Stück oder vielmehr Brief für Brief durch, und zwar, wie die Vergleiche mit weiteren Zeugen für diese Sammlung belegen, der Reihenfolge nach, in der diese Briefe in §-5 Die Bezeugung der altkirchlichen Häresiologen 107 <?page no="108"?> 35 Vgl. Tert., Adv. Marc. V 1,1: Et ideo ex opusculi ordine ad hanc materiam devolutus apostoli quoque originem a Marcione desidero; ibid. V 2,1: Principalem adversus Iudaismum epistulam nos quoque confitemur quae Galatas docet. 36 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band-1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 48-50. 37 Ibid. 50. 38 Ibid. Markions Sammlung vorlagen. Auf die Anordnung der Briefe kommt Tertullian, etwa bereits zu *Gal, anfangs ausdrücklich zu sprechen. 35 Nun stellt sich die Frage, wieviel Text seiner Vorlage Tertullian bei diesem Kommentar referiert. Was das *Evangelium betrifft, urteilt Klinghardt, dass „der Gesamtduktus seiner Widerlegung … an der systematischen Geschlossenheit interessiert“ ist, Tertullian also nicht „an einer vollständigen Wiedergabe von Marcions Bibeltext“ gelegen war. Außerdem zeigt er an einem Beispiel, dass „seine Art, Allusionen und Paraphrasen neben gekennzeichneten und unge‐ kennzeichneten Zitaten in seine Argumentation einzubinden, … einer genauen Rekonstruktion des Textes von *Ev enge Grenzen“ setzt. 36 Diese Beobachtungen treffen auch auf Tertullians Kommentierung der *10-Briefe-Sammlung zu, allerdings gibt es genrebedingt einen gewichtigen Unterschied: Was das *Evan‐ gelium betrifft, erwähnt Tertullian öfters nur Auszüge aus den verschiedenen narrativen Stücken, wobei er in unterschiedlicher Dichte zitiert, referiert und dann über kleinere oder größere Passagen hinweggeht. Ein ähnliches Vorgehen findet sich auch etwa im Abschnitt *Gal 1,11-16, im Anfang von *Gal 4,21-26, oder *1Kor 3,10-14.16-21, doch im Unterschied zu seiner Kommentierung des Evangeliums sind dies im Kommentar der *Paulusbriefe die Ausnahmen. Wei‐ tere Beispiele könnten genannt werden. Klinghardt spricht darum die Frage der „Vollständigkeit“ als „ein besonderes Problem“ an. 37 Er kalkuliert, dass „der Anteil der unbezeugten Passagen“, gemessen an *Ev (also etwa unter Abzug von Lk 1,1-4,15), „rund ein Viertel“ betrifft. 38 Und es sind gerade die unbezeugten Passagen, die auch für die frühen Editoren der *10-Briefe-Sammlung in ihren Rekonstruktionen die größten Her‐ ausforderungen darstellten. Wie zuvor zu diesen Rekonstruktionen ausgeführt, schwanken die Antworten auf diese Herausforderung von einer gewissen Zuversicht, den rechten Umfang des Textes der *10-Briefe-Ausgabe treffen zu können (Hilgenfeld), über eine etwas vorsichtige und zurückhaltende Position bei Zahn bis zu einem größeren Optimismus bei Harnack, weil er sich unter anderem an dem für ihn wichtigen Kriterium des theologischen Profils von Markion ausgerichtet hat. Dann aber bewegte sich Schmid zur gegenteiligen Position und begnügte sich nicht nur mit dem bezeugten Text der verschiedenen 108 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="109"?> 39 E.-M. Becker, Marcion und die Korintherbriefe nach Tertullian, Adversus Marcionem V (2002), 109. 40 Ibid. 41 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band-1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 51. Zeugen, sondern maß fast ausschließlich textnahen Zitaten und Referaten des Tertullian Gewicht zu. BeDuhn korrigierte diese minimalistische Sicht, indem er aufgrund des Kriteriums der narrativen und argumentativen Logik ähnlich wie Klinghardt für das *Evangelium, wenn auch zurückhaltender als dieser, nicht attestierte Passagen aus dem kanonischen Paralleltext in den vorkanoni‐ schen Text übernahm, wenn ihm diese für die innere Argumentation als nötig erschienen. Allerdings urteilte E.-M. Becker in ihrer Studie zu den beiden *Ko‐ rintherbriefen der *10-Briefe-Sammlung, dass „Tertullians Paulus-Text in Marc. V nicht der ‚Wiederherstellung des lateinischen Paulus der Marcioniten‘ dienen“ kann, „da Tertullian ebenso gut auf einen nicht-marcionitischen altlateinischen Paulus-Text zurückgreifen konnte“. 39 Sie folgert daraus, dass „sich Tertullian kaum oder bestenfalls nur sporadisch entnehmen (lasse), nach welchen Kriterien Marcion die Paulus-Briefe sammelte und rezensierte, welche Textgestalt der Paulus-Briefe er infolgedessen edierte und welche Hermeneutik der marcioni‐ tischen Paulusinterpretation zugrunde lag“, und zwar deshalb, weil Tertullian „Marcions Paulus-Rezeption-… gerade nicht überliefern“ wollte. 40 Wenn E.-M. Beckers Sicht tragen würde, wäre es ein Todesstoß für einen jeglichen Rekonstruktionsversuch, sie würde sogar über den Minimalismus von Schmid hinausführen und dem vorliegenden Projekt die Grundlagen entziehen. Nun wird sich in den Bänden II-III (Rekonstruktion) allerdings zeigen, dass, wie bereits Hilgenfeld urteilte, die Lage für die Rekonstruktion der *10-Briefe-Sammlung besser ist als für diejenige des *Evangeliums. Dies liegt daran, dass es offenkundig für einen Kommentator, der Argumentati‐ onsgänge verfolgt und diese auf Widersprüche zwischen Schrifttext und theologisch-markionitischer Auslegung hin untersucht, weniger dienlich ist, Bruchsteine dieser Argumentation auszulassen als narrative Passagen in *Ev. Allerdings bietet die Rekonstruktion, wie zu ersehen sein wird, dennoch größere Lakunen, auf die weder Tertullian noch ein anderer Kommentator irgendeinen Hinweis gibt. Gerade für diese Passagen stellt sich die Frage desto akuter, ob Tertullian solche Partien in toto stillschweigend übergangen hat, oder ob sie im Text der *10-Briefe-Sammlung gefehlt haben. Im Unterschied zu Tertullians Kommentierung des *Evangeliums, bei der gerade „gegen Ende hin“ die Lücken in der Kommentierung „immer stärker zu‐ nehmen“, 41 lässt sich dies für Tertullians Kommentierung der *10-Briefe-Samm‐ §-5 Die Bezeugung der altkirchlichen Häresiologen 109 <?page no="110"?> 42 Tert., Adv. Marc. V 13,1: Quanto opusculum profligatur, breviter iam retractanda sunt quae rursus occurrunt, quaedam vero tramittenda, quae saepius occurrerunt. 43 Dieses hatten schon Meyboom und van Manen bemerkt, vgl. H.U. Meyboom, Marcion en de Marcionieten (1888), 174; W.C. van Manen, Die Unechtheit des Römerbriefes (1906), 98. lung nicht in dieser Weise bestätigen. Zwar kann man auf Tertullians Notiz zu Beginn seines Kommentars zum *Römerbrief verweisen, mit der er fast entschuldigend erklärt, dass er Dinge, die er früher schon kommentiert habe, nicht nochmals wiederholen will: „Je stärker dieses kleine Werk niederschmettert, desto kürzer ist dasjenige zu be‐ handeln, was erneut begegnet, weshalb gewisses zu übergehen ist, was bereits oft begegnete.“ 42 Dennoch umfasst sein Kommentar zu *Röm 48 von ihm referierte Verse, während der später von ihm kommentierte, gegenüber *Röm um mehr als die Hälfte kürzere *Laod sogar 50 referierte Verse besitzt und der Kommentar zu dem noch kürzeren *Kol immerhin noch 24 Verse bietet. Das heißt, beide späteren Kommentare sind umfangreicher in der bezeugten Verszahl als *Röm. Allerdings gilt innerhalb der Rekonstruktion zu *Röm, dass zum Ende hin andere Zeugen an die Stelle Tertullians treten, also hier durchaus von einer abnehmenden Kommentierungsintensität Tertullians gesprochen werden kann. Insgesamt für die Kommentierung der gesamten *Briefsammlung gilt allerdings die zum *Evangelium zu machende Beobachtung der abnehmenden Intensität nicht. Eine weitere Beobachtung ist von Bedeutung. Immer wieder bestätigt der Vergleich der Lexik, sowohl was einzelne Verse betrifft, oft auch nur einzelne Worte innerhalb eines von ihm bezeugten Verses wie aber auch manchmal ganze Passagen, dass Tertullian verlässlich zitiert und referiert. Sein Zeugniswert wird gerade durch die Lexik vielfach gestützt. 2. Epiphanius Epiphanius ist schon deshalb der zweite wichtige Zeuge für die Rekonstruktion der *10-Briefe-Sammlung, weil er uns eine Reihe von griechischen Zitaten aus dieser bietet, die er, anders als Tertullian, gesondert als Exzerpte seinem „Arzneikasten“ gegen die Häresien, dem Panarion, eingefügt hat, auch wenn, wie in der Rekonstruktion jeweils vermerkt, er wiederholt einen mit dem kanonischen Text kontaminierten oder auch den kanonischen Text bietet. 43 110 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="111"?> Es findet sich in der früheren Exzerptenliste die folgende Anzahl von Zitaten aus den Briefen in der angegebenen Reihenfolge: • *Röm (8): - *Röm 2,12-13 - *Röm 2,25 - *Röm 2,20b - *Röm 5,6 - *Röm 7,12 - *Röm 8,4 - *Röm 10,4 - *Röm 13,8b • *1Thess (0) • *2Thess (0) • *Eph (3): - *Eph 2,11-14 - *Eph 5,14 - *Eph 5,31 • *Kol (1): - *Kol 2,16 • *Phlm (0) • *Phil (0) • *Laod (1): - *Laod 4,5-6 • *Gal (8): - *Gal 3,11b. 10a. 12b - *Gal 3,13b; 4,23b - *Gal 5,3 - *Gal 5,9 - *Gal 5,14 - *Gal 5,19-21 - *Gal 5,24 - *Gal 6,13a • *1Kor (15): - *1Kor 1,19 - *1Kor 1,31 - *1Kor 2,6b - *1Kor 3,19b. 20 - *1Kor 5,7a - *1Kor 6,16 §-5 Die Bezeugung der altkirchlichen Häresiologen 111 <?page no="112"?> 44 U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 181. 45 Vgl. Epiph., Pan. haer. 42,8,4 (105 H.), vgl. zu *Phil und *Phlm auch ibid. (181-182 H.). - *1Kor 9,9. 8 - *1Kor 9,9 - *1Kor 10,1-9a. 11 - *1Kor 11,7 (15) - *1Kor 12,24 - *1Kor 14,19 - *1Kor 14,21 - *1Kor 14,34 - *1Kor 15,1. 17. 11. 3 f. 54f • *2Kor (3): - *2Kor 1,20 - *2Kor 4,5. 6a - *2Kor 4,13 Zunächst lässt sich feststellen, dass Exzerpte des Epiphanius aus der *10-Briefe-Sammlung öfter nicht nur einen Vers umfassen, sondern über einen solchen nach vorne oder hinten hinausgehen. Nach Schmid sind es 67 Verse aus sechs Paulusbriefen, wobei „für immerhin 28 von diesen 67 Versen oder Versteilen-… auch Tertullian Text“ bietet, wobei „in der Mehrzahl der einschlä‐ gigen Fälle … beide Zeugnisse identisch oder nahezu identisch“ sind. 44 Was die Reihenfolge des Exzerpierten betrifft, fällt auf, dass diese Liste nicht der Abfolge der Briefe in der *10-Briefe-Sammlung entspricht, sondern offenkundig eine Blattvertauschung stattgefunden hat. Epiphanius selbst war vermutlich beim Exzerpieren der Briefabfolge der *10-Briefe-Sammlung gefolgt, die mit *Gal - *1Kor - *2Kor beginnt, gefolgt von *Röm - *1Thess - *2Thess - *Laod - *Kol - *Phil - *Phlm (allerdings verkehrt er die Reihenfolg von *Phil und *Phlm und gibt *Phlm vor *Phil), klar erkennbar an den Zahlenangaben, mit denen Epiphanius die Briefe von eins bis zehn durchnummeriert. 45 In seiner Kommentierung gibt er die Zahl jeweils im Unterschied zur Stelle, wo der Brief sich in der kanonischen Ausgabe befand. Doch scheint ein Schreiber beim Übertragen des Textes ins Panarion Rück- und Vorderseite des Blattes verwechselt zu haben, so dass die zweite Hälfte der Exzerpte vor die erste zu stehen kam. Auffallend ist auch, dass beim Exzerpieren Epiphanius zunächst nicht aus *Laod Auszüge macht, sondern vermeintlich aus Eph, und dass er dann ein Zitat aus *Laod nachträglich der Liste anfügt. Warum er aus vier Briefen keine Exzerpte bietet, vermerkt er im Text und wird in der Rekonstruktion erwähnt und diskutiert. 112 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="113"?> 46 Vgl. zu einer detaillierteren Darstellung der vermuteten, Kriterien für die Auswahl an Text U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 171-175. 47 Ibid. 158-168. Vgl. insbesondere ibid. 159-161. 48 Vgl. hierzu ibid. 161-162. Mir ist schleierhaft, warum Schmid in Vers 1 nach dem Zeugnis des Epiphanius das Wort ἀδελφοί auslässt. 49 Vgl. hierzu ibid. 163. 50 Ibid. 165. 51 Ibid. 166. 52 Vgl. Ibid. 166-167. Was die Dichte der Exzerpte betrifft, zeigt sich, dass sich Epiphanius seiner Absicht gemäß an theologischen Themenbereichen orientierte, so dass er aus manchen Kapiteln mehr, aus anderen weniger oder gar nichts exzerpierte. 46 In der später nochmals gebotenen Liste dieser Exzerpte finden sich diese in der bekannten Abfolge der *10-Briefe-Sammlung. Diese zweite Präsentation der Exzerpte ist über die korrekte Briefanordnung der *10-Briefe-Sammlung hinaus nicht schlicht eine Kopie der ersten, sondern sie überrascht auch in manch anderer Hinsicht: Betrachtet man sich die beiden Listen in der kritischen Edition von K. Holl, scheint es auf den ersten Blick so zu sein, dass die Listen bis auf die Anordnung weithin identisch sind. Doch schon U. Schmid hat im Gefolge früherer Editoren der *10-Briefe-Sammlung auf die textlichen Differenzen der beiden Listen hingewiesen, die sich in den Handschriften finden und vom Herausgeber harmonisiert wurden, prominent etwa zu *1Kor 9,8-9. 47 Darüber hinaus bieten Exzerpte bisweilen mehr Textumfang in der zweiten Liste, so etwa zu *1Kor 10,1-4. 48 Andererseits scheint Epiphanius im Zuge der Wiederbenutzung seiner Liste auch Markions redaktionelle Tätigkeit ausdrücklicher hervorgehoben zu haben, etwa zu *1Kor 10,19-20. 49 Dann finden sich „Textdifferenzen zwischen den beiden Anführungen …, die sich in einzelnen Lesarten unterscheiden, die ih‐ rerseits wiederum auch noch von anderen Textzeugen der ntl. Textüberlieferung geboten werden“. 50 Diese werden in der Rekonstruktion zu den Stellen vermerkt. Schmid hat herausgestellt, dass bei „der ersten Anführung regelmäßig eine größere Nähe zum Hauptstrom der Überlieferung“ begegnet, „wohingegen die abweichenden Lesarten der zweiten Anführung meistens nur einer Minderheit von Zeugen folgen“. 51 Dass damit die zweite Liste nicht sogleich Gewähr für eine größere Verlässlichkeit, was die Lesarten der *10-Briefe-Sammlung betrifft, bedeutet, zeigen die sich gerade in der zweiten Anführung zu findenen Lapsus. 52 Gleichwohl gilt, dass die „erste Anführung deutlich sekundär zur zweiten Anführung ist“. 53 Vergleicht man die Varianten mit der Rekonstruktion, wird schnell deutlich, dass jeder Fall für sich zu betrachten ist, 54 was jedoch darauf §-5 Die Bezeugung der altkirchlichen Häresiologen 113 <?page no="114"?> 53 Ibid. 168. Schmid formuliert dies ausdrücklich gegen Zahn, den er ibid. 167 wie folgt zitiert: „Demnach haben die zweiten Anführungen marcionitischer Texte bei Ep…als bloße Abschrift der ersten…in keinem Betracht den Werth einer Geschichtsquelle… Nur für die Textkritik des Ep., hier also der Excerpte aus Marcions Bibel bei Ep., kann selbstverständlich die Wiederholung derselben an der späteren Stelle ähnliche Dienste leisten wie eine zweite Handschrift.“ 54 Weshalb Klinghardt etwa auf das Schmid entgegenlaufende Urteil kommt, wonach „die ältere Scholienliste als zuverlässiger gelten (muss)“, M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 54. hindeutet, dass die Epiphaniushandschriften in beiden Anführungen bisweilen mit kanonischen Lesarten kontaminiert wurden, die erste Liste offenkundig stärker als die zweite, was insgesamt für die Exzerpte aus Epiphanius bedeutet, dass man immer mit im Laufe der Epiphaniusüberlieferung in diese sich einschleichenden kanonischen Lesarten zu rechnen hat. Nach eigenen Angaben hat Epiphanius sich seine Exzerpte Jahre zuvor ge‐ macht, um sie dann im Laufe seiner Ausführungen im Panarion einzufügen und mit Widerlegungen, teils kürzeren, teils längeren Ausführungen, zu versehen. Dabei bietet er die Exzerptliste zunächst als solche und wiederholt sie noch einmal zusammen mit den Widerlegungen später, was allerdings - wie bereits dargestellt - an einigen Stellen zu leichten Textvarianten führt, die jedoch zumeist auf Kopistenfehler zurückzugehen scheinen. Er selbst gibt zu seinem Procedere an: „Um die lügenhafte Erfindung und die lächerliche Lehre dieses Marcion aufzuspüren, habe ich vor etlichen Jahren die Bücher des zuvor Erwähnten [, die er erworben/ ge‐ fälscht/ in Gebrauch hat,] selbst zur Hand genommen, nämlich das von ihm soge‐ nannte Evangelium und das bei ihm Apostolikon geheißene Buch. Aus den genannten zwei Büchern habe ich zusammengestellt und der Reihe nach ausgewählt, was ihn zu widerlegen in der Lage ist; so habe ich eine Art Leitfaden für eine Abhandlung (ἐδάϕιόν τι συντάξεως) angefertigt, die Abschnitte der Reihe nach geordnet und jedes einzelne Wort aufgelistet: Erstens, zweitens, drittens. [3] Und so bin ich bis zum Ende alles durchgegangen; darin macht er seine Dummheit offen kundig, denn er behält seiner eigenen Intention entgegen (καθ᾿ ἑαυτοῦ) auch die restlichen Worte des Heilands und des Apostels bei. [4] Von diesen wurden einige von ihm manipuliert (παρηλλαγμένως ὑπ᾿ αὐτοῦ ἐρρᾳδιουργήθησαν): Der Text des Lukasevangeliums enthält sie so nicht, und so ist es auch nicht die Bedeutung des apostolischen Kanons. [5] Anderes aber ist genau so, wie es das Evangelium und der Apostel ursprünglich (ϕύσει) haben: Es ist von ihm nicht verändert und kann ihn (doch) widerlegen. 114 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="115"?> 55 Epiph., Pan. haer. 42,10,2-5, Übers. Ibid. 52. 56 U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 196. 57 Ibid. 58 Hierauf weist die Abhängigkeit des Dialogs von Methodius hin, der 313 das Martyrium erlitt - die Umkehrung der Abhängigkeit, die von T. Barnes behauptet wurde, konnte Schmid widerlegen, vgl. Ibid. 203-205; T.D. Barnes, Methodius, Maximus, and Valentinus (1979). Dann weist Schmid (ibid. 206) auch darauf hin, dass in den Dialogen die kir‐ chenpolitischen Verhältnisse der 30-er Jahre vorausgesetzt sind. Ohne die Argumente Schmids zur Kenntnis zu nehmen, optiert BeDuhn für eine Abfassungszeit zwischen 290 und 310, J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 38. 59 Vgl. die eingehende Untersuchung von T. Zahn, Die Dialoge des „Adamantius“ mit den Gnostikern (1888). Zur Datierung vgl. Ibid. 236-239. Dadurch lässt sich zeigen, dass das Alte Testament mit dem Neuen übereinstimmt und das Neue mit dem Alten“. 55 In der Absicht, aufzeigen zu wollen, dass trotz Markions paulinischen Briefen Altes und Neues Testament übereinstimmen und sich nicht auseinanderreißen lassen, stimmt Epiphanius mit Tertullian überein. Bei seiner Gesamtbeurteilung von Epiphanius als Zeuge für die *10-Briefe-Sammlung heißt es bei Schmid: „Epiphanius (hat) aller Wahrschein‐ lichkeit nach wirklich eine marcionitische Bibel in Händen gehabt. Aus dieser Bibel hat er Exzerpierungen vorgenommen oder vornehmen lassen, und zwar sehr wahrscheinlich von Anfang an schon nach vorformulierten Rubriken“. 56 Da die Exzerpte „mindestens durch zwei verschiedene Hände abgeschrieben worden“ sind, und beide unterschiedlich mit dem kanonischen Text kontami‐ niert wurden, ist„trotz der vermeintlich objektiven äußeren Gestalt in Form von Scholien“ „der Wortlaut nicht in jedem Fall auf den marcionitischen Text“ zurückzuführen; gleichwohl „ist Epiphanius ein wertvoller Zeuge, da er uns einiges Material bietet, das nicht durch Tertullian abgedeckt ist“. 57 3. Adamantius Die vermutlich nach 313 und vor 358, wohl in den 30-er Jahren des 4. Jh. entstandenen 58 pseudonymen fünf Dialoge „De fide“, sind ein Werk, das Ada‐ mantius (= Origenes) zugeschrieben wird. Es enthält Meinungen von Markio‐ niten, Bardaisaniten und Valentinianern, die es zu widerlegen versucht, und bietet ein weiteres Zeugnis für die Rekonstruktion der *10-Briefe-Sammlung. 59 Diese im Stil eines Dialoges geschriebene Verteidigung der Orthodoxie, bei der Adamantius in den ersten beiden Büchern mit Markioniten (Megethius, Markus) §-5 Die Bezeugung der altkirchlichen Häresiologen 115 <?page no="116"?> 60 Eine inhaltliche Zusammenfassung der Schrift gibt U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulus‐ briefausgabe (2012), 197-198. 61 T. Zahn, Die Dialoge des „Adamantius“ mit den Gnostikern (1888), 194. Vgl. U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 200. 62 Vgl. V. Buchheit, Rufinus von Aquileja als Fälscher des Adamantiusdialogs (1958), 318. 63 Vgl. die Erwähnung dieser Schrift durch Iren., Adv. Haer. IV 6,2; vgl. hierzu T. Zahn, Die Dialoge des „Adamantius“ mit den Gnostikern (1888), 232. 64 Vgl. ibid. und Euseb., Hist. eccl. IV 24,3. Preuschen meint, sie in dem weiter unten zu besprechenden Zeugnis des (Ps.-? )Ephräm gefunden zu haben, vgl. E. Preuschen, Eine altkirchliche antimarcionitische Schrift unter dem Namen Ephräms (1911), 268. 65 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 58*-60*. 66 Ibid. 62*; U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 208. unter Beisein eines heidnischen Schiedsrichters (Eutropius) disputiert, wobei die Markioniten bis zum Ende des Dialoges als anwesend betrachtet werden, geht erwartungsgemäß mit dem Sieg der Orthodoxie zu Ende. 60 Der Zustand der griechischen Textüberlieferung, die komplett auf eine bereits reichlich verdorbene Handschrift zurückgeht, ist bedauerlich, auch wenn die Aussagen und die Struktur des Dialogs nachvollziehbar bleiben. Von Rufin stammt eine lateinische Übersetzung, die auf einer griechischen Vorlage ruht, die älter als die erhaltene griechische Texttradition ist, allerdings ihrerseits „einige kleine Lücken und unbeabsichtigte Umstellungen enthält“. 61 Außerdem trägt die lateinische Übersetzung gewohntermaßen Rufins Handschrift, ist also seine tendenzielle Bearbeitung, wie V. Buchheit in einer Untersuchung dargelegt hat. 62 Als markionitische Quellen des Dialogs könnte man wegen der Parallelen zu Iren., Adv. haer. III 7 an die weithin verloren gegangene Schrift des Justin an Markion denken, 63 doch aufgrund der Differenzen zu Justin bringt Zahn eher die Schrift des Theophilus von Antiochien gegen Markion ins Spiel, die Eusebius gelobt hat, die jedoch ebenfalls verloren ist. 64 Was die Bezeugung der *10-Briefe-Sammlung betrifft, war Zahn zuversicht‐ licher als Harnack, berief sich vor allem auf die Rufinsche Übersetzung, doch Harnack verwies darauf, dass die Dialoge „fingiert“ seien, weshalb „jedes einzelne Bibelzitat …, ob es von ‚Adamantius‘ oder von einem Häretiker vorge‐ bracht wird, für sich und im Rahmen seines Kontexts daraufhin geprüft werden (muss), ob es aus der Marcionitischen Bibel geflossen ist oder nicht“. 65 Allerdings lässt er Zahns Hinweis darauf, dass im letzten Dialogabschnitt die Paulusbriefe der Anordnung der *10-Briefe-Sammlung folgen, gelten. 66 Diesbezüglich, wie 116 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="117"?> 67 J.J. Clabeaux, A Lost Edition of the Letters of Paul. A Reassessment of the Text of the Pauline Corpus attested by Marcion (1989), 80; U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 208-209. 68 U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 210, 236. J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 39. 69 Vgl. zu Origenes als Zeugen U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 237-242. 70 So auch ibid. 32. überhaupt, was die Verlässlichkeit des Dialogs betrifft, ist Clabeaux kritischer als Zahn und Harnack, auch wenn er insgesamt den Dialog noch höher in seiner Verlässlichkeit des Zeugniswertes einschätzt als das Zeugnis des Epiphanius, ein Umstand, der Schmid verwundert hat. 67 Überhaupt hält Schmid Adamantius bis auf eine Stelle (*1Kor 15,45. 47; Dial II 19) für unzuverlässig und folglich nicht wert, berücksichtigt zu werden, während ihm gegenüber BeDuhn korrek‐ terweise darauf verweist, dass Adamantius keine Stellen anführt, die von den anderen Zeugen als von der *10-Briefe-Sammlung abwesend gekennzeichnet wurden, hingegen an einer Reihe von Stellen den besonderen Textbestand bietet, den auch andere Zeugen namhaft machen. 68 Man wird folglich nicht zu dem Optimismus Harnacks zurückkehren, jedoch gilt seine Einschätzung, wonach das Zeugnis des Adamantius jeweils eigens zu prüfen sein wird. Wegen der grundsätzlichen Unsicherheit, was das Zeugnis des Adamantius betrifft, wird in der Rekonstruktion (wie schon in der vergleichenden Kon‐ kordanz) bei Verweisen auf nur durch Adamantius bezeugte Lemmata vor Adamantius in Klammern ein Fragezeichen gesetzt (? Adamantiuszeugnis). 4. Origenes Origenes war der produktivste griechisch schreibende Kirchenvater der ersten drei Jahrhunderte n. Chr. und prägte mit seinen Werken die Geschichte des Christentums auf lange Zeit. Er kannte den Text der *10-Briefe-Sammlung, wie es direkte Zitate und auch die von Hieronymus überlieferten indirekte Zitate belegen. 69 Nach Tertullian ist er der erste, der ausführlich Briefe der 14-Briefe- Sammlung kommentiert, dabei aber offenkundig auch noch den Text der *10-Briefe-Sammlung im Blick hat. 70 Ein Blick in die früheren Editionen, auch in die Untersuchung Schmids und die Rekonstruktion weiter unten, zeigt, dass wir auch hier jede Bezeugung für sich nehmen müssen und von Fall zu Fall zu urteilen ist. Schmid meint, man dürfe §-5 Die Bezeugung der altkirchlichen Häresiologen 117 <?page no="118"?> 71 Ibid. 72 Vgl. J. Schäfers, Eine altsyrische antimarkionitische Erklärung von Parabeln des Herrn und zwei andere altsyrische Abhandlungen zu Texten des Evangeliums. Mit Beiträgen zu Tatians Diatessaron und Markions Neuem Testament (1917). - Schmid behandelt diesen Zeugen nur kurz, auch wenn er ihn nach den hier behandelten Zeugen in seiner Zeugenliste aufgeführt hat; diese Liste findet sich in U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 32. 73 Codex 452 (Version A) und Codex 312 (Version B) der Bibliothek der Mechitaristen von San Lazzaro, Venedig, eine weitere Handschrift der Schrift wird von BeDuhn angegeben als Escorial II.9, die ich bislang jedoch nicht auffinden konnte. 74 Preuschen meinte richtigerweise, dass der „mitgeteilte Titel“ dieser Schrift des Markion „sonst nicht bekannt“ ist, allerdings lässt der Inhalt Rückschlüsse zu, die Preuschen nicht mit den Antithesen in Zusammenhang gebracht hatte, vgl. E. Preuschen, Eine altkirchliche antimarcionitische Schrift unter dem Namen Ephräms (1911), 246. 75 J. Schäfers, Eine altsyrische antimarkionitische Erklärung von Parabeln des Herrn und zwei andere altsyrische Abhandlungen zu Texten des Evangeliums. Mit Beiträgen zu Tatians Diatessaron und Markions Neuem Testament (1917), 4-5. Eine griechische Rückübersetzung bietet: E. Preuschen, Eine altkirchliche antimarcionitische Schrift unter dem Namen Ephräms (1911), 245-246. 76 Die Textform, in der die Evangelienzitate vorliegen, hat Preuschen näher untersucht und stellte fest, „daß wir einen interessanten Texttypus vor uns haben, und zwar einen Typus, der nur in die Zeit der Bildung des Textes fallen kann. Er zeigt Verwandtschaft „aus der Anzahl der erhaltenen Bemerkungen keine weitreichenden Schlüsse ziehen“, „zumal dann, wenn man den Eindruck hat, daß die Bemerkungen im RömKomm manches Mal eher beiläufigen Charakter haben, also vermut‐ lich nicht auf einer systematischen Durchsicht des marcionitischen Textes beruhen.“ 71 5. (Ps.-? )Ephräm, der Syrer Ephräm, einem der überragenden christlichen Autoren syrischer Sprache, wird eine nur armenisch erhaltene Schrift „Erklärung des Evangeliums“ zuge‐ schrieben. 72 Sie ist in zwei voneinander abweichenden armenischen Versionen erhalten. 73 Diese Schrift hat offenkundig noch Markions *Neues Testament vor sich gehabt, denn sie überliefert uns die Eröffnung des „Proevangeliums“, was, wie der Inhalt zeigt, 74 sich auf die „Antithesen“, also das Vorwort Markions zu „seinem Buche“, bezieht („O Wunder über Wunder, Verzückung, Macht und Staunen ist das, daß man gar nichts über es sagen, noch über es denken, noch es mit irgend etwas vergleichen kann“). 75 Ob die Schrift im Verlauf der Diskussion auf Markions *10-Briefe-Sammlung zurückgreift? Zunächst wird deutlich, dass der Autor an Versen von *Ev entlang geht, 76 die offenkundig in den „Antithesen“ angeführt waren, um diese antimarkionitisch 118 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="119"?> mit der altsyrischen Version, weicht aber von dieser so stark ab, daß man ihn schwerlich in ihrer Nähe unterbringen kann. Spuren von Verwandtschaft mit D [05] und den alten Lateinern sind ebenfalls vorhanden; aber auch hier sind die Abweichungen viel stärker“, E. Preuschen, Eine altkirchliche antimarcionitische Schrift unter dem Namen Ephräms (1911), 255. 77 Vgl. in der Rekonstruktion z.St. Die meisten der angeführten Pauluszitate finden sich in griechischer Rückübersetzung in ibid. 257-260. 78 J. Schäfers, Eine altsyrische antimarkionitische Erklärung von Parabeln des Herrn und zwei andere altsyrische Abhandlungen zu Texten des Evangeliums. Mit Beiträgen zu Tatians Diatessaron und Markions Neuem Testament (1917). 79 Ibid. passim. 80 E. Preuschen, Eine altkirchliche antimarcionitische Schrift unter dem Namen Ephräms (1911), 262. 81 Ähnlich zurückhaltend ist auch J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 40-41. 82 Vgl. E. Syri, Commentarii in epistolas D. Pauli (1893). Vgl. hierzu V.S. Hovhanessian, Armenian Manuscripts of the Commentaries on the Letters of the Apostle Paul attributed to Saint Ephrem the Syrian (2011). auszulegen. Hierbei werden auch Pauluszitate angeführt. Die beiden ersten Pau‐ luszitate finden sich in der *10-Briefe-Sammlung: *1Kor 10,4; *Phil 3,20, wobei wegen des Zusatzes „Herrn“ in der Philipperstelle wohl die 14-Briefe-Sammlung zugrunde lag. 77 Hingegen spricht die nächste Anspielung (*Gal 5,9) für die Ver‐ wendung des Textes der *10-Briefe-Sammlung, wie z.St. angemerkt. Wiederum finden sich Zitate, 1Kor 15,54; 2Kor 11,2; 2Thess 2,3. 10. 11; Eph 2,20-21; 6,12, die in der *10-Briefe-Sammlung stehen (so vielleicht auch 1Kor 9,16; 13,12), auch wenn sie ebensogut aus der 14-Briefe-Sammlung entnommen sein können. 78 Möglich ist, dass die ebenfalls in dieser Schrift zu findende Stelle 1Kor 13,13 aus der *10-Briefe-Sammlung stammt. Allerdings finden sich auch Anspielungen, die nur aus der 14-Briefe-Sammlung entnommen sein können: Röm 6,5; 8,36. 38; 11,24; 12,1; 1Kor 3,1. 6. 8; 4,16; 14,20; 2Kor 5,16; 8,9; Gal 4,12; 5,17; 1Thess 2,19; 2Thess 2,7-8; Eph 4,30 (? ); 5,25-31; Kol 2,10. 20; 1Tim 1,17; Hebr 4,12-13; 5,14; 7,12; 10,31. 79 Gleichwohl zeigen gerade die Zitate aus dem Epheserbrief, dass dieser in einer „sehr stark abweichenden Gestalt“ gegenüber dem kanonischen Text vorliegt. 80 Insgesamt deuten die Pauluszitate daraufhin, dass man nur mit größter Zurückhaltung diese Schrift als Zeugen für die *10-Briefe-Sammlung beanspru‐ chen darf. 81 Zu der genannten (pseudo-)ephrämischen Schrift sind auch die Pauluskom‐ mentare des Ephräm zu berücksichtigen, die nur in armenischer Sprache erhalten sind und ins Lateinische übertragen wurden. 82 Doch auch hier ist damit zu rechnen, dass Ephräm neben der vorkanonischen vor allem die kanonische Ausgabe benutzt. §-5 Die Bezeugung der altkirchlichen Häresiologen 119 <?page no="120"?> 83 Vgl. die Argumente in M.J. Vermes, Ed. Hegemonius, Acta Archelai (= The Acts of Archelaus) (2001), 13-16. 84 Schmid erwähnt diese Schrift nur im Abkürzungsverzeichnis, U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), xvi. 85 A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 92-93. 86 Vgl. J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 41-42. Der lateinisch erhaltene Text (zusammen mit den wenigen griechischen Stücken aus Kyrill von Jerusalem und Epiphanius) ist kritisch ediert von C.H. Beeson, Ed. Hegemonius, Acta Archelai (1906). Eine englische Übersetzung bietet M.J. Vermes, Ed. Hegemonius, Acta Archelai (= The Acts of Archelaus) (2001). 87 M.J. Vermes, Ed. Hegemonius, Acta Archelai (= The Acts of Archelaus) (2001), 6. 88 J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 41. 89 A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 92. 6. Hegemonius, Acta Archelai Die wichtige Schrift für die Geschichte des Manichäismus, ursprünglich wohl Griechisch verfasst, 83 bietet, wie die Rekonstruktion zeigt, auch einige Zeugnisse für die *10-Briefe-Sammlung, auch wenn dieses Zeugnis nur mit Vorsicht zu benutzen ist. 84 Goldmann weist diese Quelle „klar zurück“: „Selbst wenn es sich tatsächlich um marcionitisches Gedankengut handelte, welchen sich Hegemonius hier bedient, so ist damit auf keinen Fall gewährleistet, dass er dabei auch Auszüge aus dem marcionitischen Bibeltext verwendet.“ 85 BeDuhn geht näher auf die in dieser Schrift geführte fiktive Debatte ein, die von einem gewissen Hegemonius zu Beginn des 4. Jh. verfasst sein soll, 86 vermutlich jedoch in den Jahren zwischen 330 und 348 entstanden ist. 87 Während Harnack weidlich von diesem Text für seine Rekonstruktion der *10-Briefe-Sammlung gebraucht gemacht hat, zeigt BeDuhn, dass lediglich die Kapitel 44-45 dieser Schrift auf Markions *Neues Testament Bezug nehmen. 88 Trotz des gegensätzlichen Urteils von Goldmann 89 neige ich dazu, in dieser Frage BeDuhn zu folgen und in den Kapiteln 44-45 mit Zeugnissen zu rechnen, die für die Rekonstruktion berücksichtigt werden sollten. 7. Eznik von Kolb Geboren um das Jahr 400, war Eznik von Mesrop und Sahak dem Großen dazu aufgefordert worden, griechische Väter ins Armenische zu übersetzen. Sein Werk „De Deo“, in welchem er gegen die „Heiden, die Perser, die Griechen und gegen die Markioniten“ schreibt, wird innerhalb der Widerlegung noch‐ mals unterschieden in die anfänglich bekämpfte markionitische Lehre und die 120 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="121"?> 90 Vgl. hierzu C.S.C. Williams, Eznik’s Résumé of Marcionite Doctrine (1944), 65. 91 Vgl. C.W. Mitchell, S. Ephraim’s prose refutations of Mani, Marcion, and Bardaisan of which the greater part has been transcribed from the palimpsest B.M. add. 14623 (1912), ii, cxvii. 92 L. Mariès, Le De Deo d’Eznik de Kolb connu sous le nom de „Contre les Sectes“. Etude de critique littéraire et textuelle (1924), 79-83. 93 Vgl. M.J. Blanchard and R.D. Young, Eds., Eznik. A treatise on God (1998). 94 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band-1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 63. 95 Ibid. 96 Ibid. 97 E.-M. Becker, Marcion und die Korintherbriefe nach Tertullian, Adversus Marcionem V (2002). Zu weiteren kritischen Stimmen; vgl. die Forschungsgeschichte. Markioniten und eine kurze biographische Notiz am Ende. 90 Möglicherweise war er wie auch Ephräm von einer gemeinsamen, verlorenen syrischen Quelle abhängig. 91 Dennoch schätzt L. Mariès den Quellenwert dieses Werkes, auch wenn er die Quelle für Eznik (und Ephräm) nicht angeben kann. 92 Leider ist das Werk nur in einer einzigen Handschrift erhalten. 93 Wie die Rekonstruktion zeigt, bietet Eznik durchaus einige Stellen, die durch andere Zeugen nicht gegeben sind. 8. Das methodische Problem der widersprüchlichen Bezeugungen Für die *10-Briefe-Sammlung gibt es neben diesen Hauptzeugen auch noch eine Reihe von einzelnen Hinweisen in verschiedenen Schriften der Häresiologen und Kirchenväter der ersten Jahrhunderte. Diese sind jedoch verstreut und wenig systematisch. Sie bedürfen daher der Bestätigung durch die Zeugnisse von Tertullian, Epiphanius und Adamantius, die jedoch auch selbst „zusätzlicher Kriterien … für ihre Zuverlässigkeit“ bedürfen. 94 Alle Editoren testieren diesen Hauptzeugen - mit Unterschieden und gewissen Abstrichen oft in Einzelfällen - eine gewisse Tragfähigkeit, auch „wenn ihre Bezeugungen keine vollständige Rekonstruktion“ der *10-Briefe-Sammlung erlauben. 95 Klinghardt etwa liefert gute Gründe für das Bemühen des Tertullian, aufgrund seiner argumentativen Absicht gezwungenermaßen sich eng an den Wortlaut des Markion halten zu müssen, während er für Epiphanius die Sorgfalt hervor‐ hebt, mit der dieser durch Abschrift des griechischen Textes Markions auf die Abweichungen des griechischen Wortlauts achtet. 96 Auch bei Adamantius ist wohl der Rückgriff auf ein Exemplar der *10-Briefe-Sammlung zu vermuten. Nur einzelne Stimmen (etwa Becker) melden größere Bedenken gegenüber den Hauptzeugen (hier Tertullian) an. 97 §-5 Die Bezeugung der altkirchlichen Häresiologen 121 <?page no="122"?> 98 Vgl. hierzu mehr mit Stellenangaben die Rekonstruktion von *1Thess 1,1. 99 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band-1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 64. Trotz einer gewissen Tragfähigkeit und Verlässlichkeit ist jedoch - wie bei der Rekonstruktion von *Ev - auch für *Ap auf das Problem hinzuweisen, dass Zeugen für einzelne Verse oder auch größere Passagen und ganze Briefe unterschiedliche und bisweilen auch widersprüchliche Aussagen formulieren. Um bei den großen Differenzen zu beginnen. Zum *Ersten Thessalonicherbrief etwa vermerkt Tertullian, dieser Brief sei der Fälscherhand des Markion ent‐ gangen, während Epiphanius das gerade Gegenteil behauptet, der deshalb aus diesem Brief kein Zitat liefere, weil der Brief bei Markion völlig verfälscht vorliege. 98 Doch auch in Detailfragen widersprechen sich die Angaben der Zeugen nicht selten. Bei seiner Rekonstruktion von *Ev gibt Klinghardt gar an, dass bei Abweichungen gegenüber dem kanonischen Text (als Grundlage dient ihm NA 27 ) 63 % der insgesamt 135 Mehrfachbezeugungen „widersprüchlich bezeugt“ seien. 99 Was die *10-Briefe-Sammlung betrifft, sehen die Zahlen wie folgt aus: Bei 51 Abweichungen vom kanonischen Text (Grundlage: NA 28 ) finden sich 27 widersprüchliche Bezeugungen bei Mehrfachbezeugungen, hingegen 35 Übereinstimmungen. Dass beide Zahlen zusammen nicht 51 ergeben, hängt mit der Tatsache zusammen, dass für 11 Verse sowohl Übereinstimmungen wie Widersprüche vorliegen, weil es entweder mehr als einen Zeugen für die Verse gibt oder auch innerhalb eines Zeugen verschiedene Bezeugungen zu finden sind. Letzteres ist sowohl bei Epiphanius festzustellen, der in den beiden Scholienlisten einmal den kanonischen, einmal den vorkanonischen Wortlaut bezeugt, dann aber auch bei Adamantius, wo sich manchmal der vorkanonische Text bezeugt findet (öfter, wenn ein Markionit spricht, jedoch manchmal auch, wenn Adamantius oder der Richter spricht), manchmal aber auch der kanonische Text. An diesen Beobachtungen lässt sich ablesen: Erstaunlich häufig stimmen die Zeugnisse für den Text der *10-Briefe-Sammlung überein; er wird oft auch dann bestätigt, wenn ein Zeuge mehrere Zeugnisse bietet, wovon die eine oder die andere Variante eine solche ist, die auch in der kanonischen Handschriftent‐ radition zu finden ist. Insgesamt sind die Widersprüche prozentual nahe der Zahl, die auch für die Zeugnisse für *Ev gefunden wurde. Hingegen ist die Zahl insgesamt niedriger, weil an einer Reihe von Stellen übereinstimmende Zeugnisse stehen, wo der vorkanonische Text vom kanonischen nicht abweicht, insgesamt aber auch die Zahl der Bezeugungen hoch ist, an welchen wir nur das Zeugnis eines einzigen Zeugen besitzen. Trotz der Anzahl von widersprüchli‐ 122 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="123"?> chen Bezeugungen bietet sich ein Befund, der eher Vertrauen in die Zeugen gestattet. Nur eine Stelle (*Laod 6,11) weist darauf hin, dass es möglicherweise verschie‐ dene Versionen der *10-Briefe-Sammlung gegeben hat; dies mag aber vielleicht lediglich dem ungenauen Zeugnis des Adamantius für diese Stelle geschuldet sein. Es scheint vielmehr aufgrund der hohen Zahl der Übereinstimmungen und der Widersprüche, die nur Varianten des kanonischen Textes darstellen, so zu sein, dass wir es mit einer recht homogenen Tradition des Textes der *10-Briefe-Sammlung zu tun haben. Doch wegen der verbleibenden Ungewissheit hat es sich als hilfreich er‐ wiesen, dass im Laufe der Rekonstruktionsgeschichte der narrative bzw. argu‐ mentative Zusammenhang als wichtiges Forschungskriterium herausgestellt wurde, wie dies von BeDuhn für *Ev und *Ap und von Klinghardt für *Ev durchgeführt worden ist. Die Sprache spielte für BeDuhn noch kaum eine Rolle und auch in Klinghardts Rekonstruktion von *Ev findet sie nur gelegentlich eine Berücksichtigung. §-5 Die Bezeugung der altkirchlichen Häresiologen 123 <?page no="124"?> §-6 Die Bezeugung in den Handschriften Die Frage, ob sich von dem Text der zehn paulinischen Briefe, die nach dem Vorwort („Antithesen“) und dem *Evangelium in Markions *Neuem Testament standen, handschriftliche Zeugen erhalten haben, wird man be‐ reits verschieden beantworten, je nachdem, wie man das zuvor in Teil I § 3 erörterte Verhältnis der *10-Briefe-Sammlung zur 14-Briefe-Sammlung entscheidet. Für diejenigen, die die *10-Briefe-Sammlung als redaktionelle Bearbeitung und Verkürzung der ihr vorausliegenden 14-Briefe-Sammlung betrachten, ist die Frage nach der Existenz von handschriftlichen Zeugen schnell beant‐ wortet: Solche existieren nicht oder zumindest sind solche bislang nicht aufgetaucht. Invertiert man aber das Verhältnis und betrachtet die 14-Briefe-Sammlung als erweiternde Bearbeitung der *10-Briefe-Sammlung, dann sind alle hand‐ schriftlichen Zeugen der 14-Briefe-Sammlung zumindest in gewisser Hinsicht auch Zeugen der ihr zugrunde liegenden *10-Briefe-Sammlung, insofern immer zu fragen sein wird, ob die eine oder andere Handschrift neben dem Textbe‐ stand der Bearbeitung nicht doch auch noch Spuren des der Bearbeitung vo‐ rausliegenden Textes der *10-Briefe-Sammlung bewahrt. Entsprechend nimmt etwa BeDuhn verschiedentlich gerade solche handschriftliche Textzeugen zur Kenntnis, die Varianten zeigen, welche mit den kommentierenden Hinweisen unserer Häresiologen, was den Text der *10-Briefe-Sammlung betrifft, überein‐ stimmen. Hierbei handelt es sich vor allem, aber nicht ausschließlich und nicht immer, um solche Handschriften, die in der Vergangenheit oft als Zeugen des sogenannten „Westlichen“ Texts, als „W-Text“, „D-Text“, „Alexandrinischer Text“, „A-Text“ usw. bezeichnet wurden. Hier hat schon Schmid richtig gesagt, dass diese Bezeichnungen „reine Konvention“ sind, „sie sind austauschbar und meinen immer die durch eine Reihe charakteristischer Lesarten identifizierbaren Textformen, wie sie allgemein für das 4. Jh. angenommen werden. Die in <?page no="125"?> 1 U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 271 Anm.-90. Zu diesem Thema gibt es über das, was Schmid anführt, eine längere Literaturliste, wobei Schmid darauf verweist, dass die ältere Forschung den W-Text oft „als eine recht einheitliche Größe behandelt“ hat, so ibid. 272. Hiergegen ist er der Meinung: „Weder läßt sich auch nur rudimentär ein einheitlicher Textcharakter der gesamten frühen Überlieferung erheben, noch eine irgendwie geartete Präponderanz zugunsten einer W-Textform erkennen“ (ibid. 273). Ein jüngerer Beitrag zum Thema mit Literatur der älteren Diskussion zeigt die Komplexität des Themas mit dem Ergebnis, dass es noch keine kohärente Theorie gibt, auch wenn Fortschritte im Verstehen der mit ihr verbundenen Phänomene gemacht wurden, vgl. M.W. Holmes, The „Western“ Text of Acts: A Challenge for Historians (2019), 3. Hilfreich ist sein Überblick über die Definitionen dessen, was mit „Westlich“ gemeint ist, und die Schlüsse, die hieraus gezogen werden. Sie reichen (mit Blick auf die Apostelgeschichte) von 1A: Der frü‐ heste Text; 1B: Einer der frühesten Texte; 1C: Ein früher, sekundärer Text; 2A: Eine Gruppe von Varianten, die gewöhnlich in einem bestimmten Hss.-Cluster zu finden sind; bis zu 2B: Multiple, oft unzusammenhängende, freie und idiosynkratische Varianten, hierzu werden jeweils die Forschenden mit ihren Publikationen geboten, ibid. 5. Er selbst schließt sich am ehesten der Position 2A an, weil er bemerkt, dass „viele der am stärksten charakteristischen oder typischen dieser „westlichen“ Elemente das Resultat eines absichtlichen, bewussten Handelns“ darstellen („many that are most characteristic or typical of that ‚Western‘ element are the result of intentional, mindful activity“), ibid. 19. Interessanterweise findet sich in demselben Sammelband, in welchem der Beitrag von Holmes steht, auch die Position 1A, so C.-B. Amphoux, La géographie marcienne et ses corrections ecclésiales (2019), 81, 91. Zu den Bilinguen, vgl. weiter H.A.G. Houghton, The Latin New Testament. A Guide to its Early History, Texts, and Manuscripts (2016), 27-29, 78-79. J.J. Kloha, A Textual Commentary on Paul’s First Epistle to the Corinthians. PhD Diss. (2006); D.C. Parker, Codex Bezae: An Early Christian Manuscript and its Text (1992), 59-69. E. Nellessen, Untersuchungen zur altlateinischen Überlieferung des Ersten Thessalonicherbriefes (1965); H.J. Frede, Altlateinische Paulus-Handschriften (1964). einigen dieser Bezeichnungen mitgesetzten geographischen Zuordnungen sind demgegenüber von sekundärer Bedeutung“. 1 Einige wenige Beispiele aus BeDuhn: 1. BeDuhn verweist zu *Gal 2,11-12 für die Verwendung von „Petrus“ anstelle von „Kephas“ auf Tertullian, aber auch auf 06, 010, 012, viele andere griechische Handschriften und sy - Ephräm, den Syrer. 2. Zu *Gal 5,1 verweist er auf Tertullian, aber auch Ephräm den Syrer (sub jugo servitutis legis intremus) und Kapitelangaben in griechischen Handschriften, die auf „das Gesetz“ zu sprechen kommen, womit der Zusatz τῷ νόμῳ sich nahelegt. 3. Zu Gal 5,24 fehlt der Name „Jesus“ nach Tertullian, so aber auch in P 46 , 06, 010, 012 und weiteren griechischen Handschriften. §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 125 <?page no="126"?> 2 K. Aland and B. Aland, Der Text des Neuen Testaments. Einführung in die wissenschaft‐ lichen Ausgaben sowie in Theorie und Praxis der modernen Textkritik (1989), 92. Diese und viele weitere Beispiele lassen sich BeDuhn entnehmen und zeugen dafür, dass bei einer Inversion des Abhängigkeitsverhältnisses, Handschriften‐ zeugen durchaus für den Textbestand der *10-Briefe-Sammlung herangezogen werden können. Klinghardt hat gerade solche handschriftlichen Bezeugungen zu einem eigenständigen Kriterium bei seiner Rekonstruktion von Markions *Evangelium gemacht. Auch für die *10-Briefe-Sammlung sind sie zu berück‐ sichtigen. Nun fällt auf, dass von den etwa 800 Handschriften 2 für die 14-Briefe-Samm‐ lung es gerade die kleine Zahl von 5 Handschriften ist, die zum einen eine eigene Handschriftenfamilie bilden und zum anderen häufiger als alle anderen 795 Handschriften den Text der *10-Briefe-Sammlung bestätigen, oder anders gesagt: Näher als alle anderen handschriftlichen Zeugen der 14-Briefe-Sammlung bringen uns diese fünf Zeugen an die handschriftliche Bezeugung der *10-Briefe-Sammlung heran. Da, wie wir sehen werden, diese Handschriften nicht nur einzelne textliche Varianten haben, die mit dem für die *10-Briefe-Sammlung bezeugten Text übereinstimmen, sondern auch ein wichtiges strukturelles Merkmal aufweisen, nämlich das Fehlen des Hebräer‐ briefs, bieten diese Zeugen auch einen Einblick in die redaktionelle Entwicklung von der *10-Briefe-Sammlung zur 14-Briefe-Sammlung. Dieser Einblick wird durch den weiteren Umstand noch vertieft, wonach die fünf Zeugen sich auf zwei Familienarme aufteilen, wobei beide Arme gemessen an dem für die *10-Briefe-Sammlung bezeugten Text unterschiedlich nah bzw. fern von diesem sind. Das in Schritten zu entwickelnde Stemma der fünf Handschriften wird uns folglich einen weiteren Aufschluss über die Genese der *10- und der 14-Briefe-Sammlung geben, aber auch hilfreich dafür sein, welchen textkriti‐ schen Stellenwert bzw. welches Gewicht bei Variantenentscheidungen gerade für durch die Häresiologen nicht bezeugte Textpassagen die einzelnen Vertreter dieser beiden Arme besitzen. 126 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="127"?> 3 Bereits Zuntz unterschied zwischen (1) dem griechischen Archetyp, zu finden in 06; 010/ 012; (2) dem Zeugnis des Tertullian; und (3) dem Archetyp von 75 und Nichtvulgatalesarten der lateinischen Väter, G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 85. 4 J.S. Semler, Vorbereitung zur theologischen Hermeneutik zu weiterer Beförderung des Fleisses angehender Gottesgelerten 3,2 = 4. Worin von dem griechischen Text und Handschriften der Briefe u.s.w. Beobachtungen vorkommen (1769), 46-61; A. Souter, The Original Home of Codex Claromontanus (D Paul ) (1905). Vgl. weiter zu dieser Handschrift K.v. Tischendorf, Codex Claromontanus sive Epistulae Pauli omnes Graece et Latine ex Codice Parisiensi celeberrimo nomine Claromontani plerumque dicto sexti ut videtur post Christum saeculi (1852); P. Corssen, Epistularum Paulinarum codices Graece et Latine scriptos Augiensem Boernerianum Claromontanum 2 (1889); P. Corssen, Epistularum Paulinarum codices Graece et Latine scriptos Augiensem Boernerianum Claromontanum 1 (1887); H.J. Vogels, Der Codex Claromontanus der Paulinischen Briefe (1933); K.T. Schäfer, Der griechisch-lateinische Text des Galaterbriefes in der Handschriftengruppe D E F G (1935); R.F. Schlossnikel, Der Brief an die Hebräer und das Corpus Paulinum. Eine linguistische „Bruchstelle“ im Codex Claromontanus (Paris, Bibliothèque Nationale Grec 107+107A + 107B) und ihre Bedeutung im Rahmen von Text- und Kanongeschichte (1991). 5 R.F. Schlossnikel, Der Brief an die Hebräer und das Corpus Paulinum. Eine linguistische „Bruchstelle“ im Codex Claromontanus (Paris, Bibliothèque Nationale Grec 107+107A + 107B) und ihre Bedeutung im Rahmen von Text- und Kanongeschichte (1991), 15; K.v. Tischendorf, Codex Claromontanus sive Epistulae Pauli omnes Graece et Latine ex Codice Parisiensi celeberrimo nomine Claromontani plerumque dicto sexti ut videtur post Christum saeculi (1852), xxviii. Schlossnikel gibt ibid. 17-21 eine „Rezeptionsge‐ schichte“ der Handschrift. Außerdem bietet er ibid. 23-31 eine detaillierte Beschreibung der Handschrift, ibid. 31-36 die weitere Geschichte derselben. 6 Insbesondere wird auf die Buchstabenform von b und d verwiesen, die als Minuskeln geschrieben sind und eine charakteristische Halb- oder bd-Unziale darstellen, vgl. H.J. Frede, Altlateinische Paulus-Handschriften (1964), 17-18. a. Fünf Handschriften: 3 1. Codex Claromontanus (06, D P , von Soden: 1026; Lat.: d, 75) 4 Diese Handschrift liegt heute in der Bibliothèque Nationale de Paris (Gr 107) und trägt ihren Namen durch den Herkunftsort, dem Coenobium Claromontanum (Clermont bei Beauvais), wo sie bis zum 16. Jh. aufbewahrt wurde. Sie wurde 1582 von dem Genfer Theologen Theodor Beza entdeckt und ging vor 1605 an Claude Dupuy, „der sie an seine Söhne, Bibliothekare an der Königlichen Bi‐ bliothek zu Paris, weitergab. Vor dem Tod von Jacques Dupuy (1656) erhielt der Claromontanus in der Königlichen Bibliothek Ludwig XIV. seinen endgültigen Standort“. 5 Aufgrund paläographischer Beobachtungen wird die Niederschrift auf die zweite Hälfte des 5.-Jh. datiert. 6 Sie enthält das Corpus Paulinum in Griechisch und in lateinischer Übersetzung, ist also eine sogenannte Bilingue, „kolomet‐ §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 127 <?page no="128"?> 7 K.T. Schäfer, Der griechisch-lateinische Text des Galaterbriefes in der Handschriften‐ gruppe D E F G (1935), 42. 8 Vgl. D. Trobisch, Die Paulusbriefe und die Anfänge der christlichen Publizistik (2010), 37. 9 J.D. Michaelis, Einleitung in die göttlichen Schriften des Neuen Bundes (1788), 594. 10 R.F. Schlossnikel, Der Brief an die Hebräer und das Corpus Paulinum. Eine linguistische „Bruchstelle“ im Codex Claromontanus (Paris, Bibliothèque Nationale Grec 107+107A + 107B) und ihre Bedeutung im Rahmen von Text- und Kanongeschichte (1991), 124-125. 11 Ibid. 164. 12 Vgl. A.C. Clark, The Acts of the Apostles: A critical edition with Introduction and Notes on Selected Passages (1933), 396-408. R.F. Schlossnikel, Der Brief an die Hebräer und das Corpus Paulinum. Eine linguistische „Bruchstelle“ im Codex Claromontanus (Paris, Bibliothèque Nationale Grec 107+107A + 107B) und ihre Bedeutung im Rahmen von Text- und Kanongeschichte (1991); J.N. Birdsall, Review R.F. Schlossnikel, Der Brief an die Hebräer und das Corpus Paulinum (1993). 13 M. Karrer, Von den Evangelien bis zur Apk. Die Ordnung der Schriften in der Edition des Neuen Testaments (2019), 256. 14 Ibid. 260. risch in der Weise angeordnet, daß jedesmal die linke Seite den griechischen, die rechte den lateinischen Text in genauer zeilenmäßiger Entsprechung bietet“. 7 Bei ihr steht der Hebräerbrief am Ende der Sammlung, 8 „obgleich“, wie schon Michaelis vermerkt, „in dem hinter dem Briefe an Philemon befindlichen Verzeichniß der Bücher des Neuen Testaments dieser Brief nicht genannt ist“. 9 Die Handschrift bietet folglich den Hinweis darauf, dass der Hebräerbrief ursprünglich in einer Vorlage gefehlt hatte und erst später dieser Handschrift zugefügt wurde. Was den lateinischen Text angeht, wurde bereits von A.C. Clark hervorgehoben, dass derjenige des Hebräerbriefs sich vom Rest des Corpus Paulinum unterscheidet, eine Hypothese, die R.F. Schlossnikel überprüft und bestätigt hat, wonach dieser Brief einen anderen Übersetzer hatte als den, der die übrigen Paulinen übersetzt hatte. 10 Außerdem dürfte der lateinische Text des Hebräerbriefs wohl nicht aus einer bilingualen Tradition stammen, sondern aus einem „isolierte[n] Zweig“, 11 der wohl im frühen 4. Jahrhundert entstand und nach der Mitte des Jahrhunderts dem Codex zugefügt wurde, während der andere Teil des Corpus zu einer Zeit hervorgebracht wurde, in welcher der Hebräerbrief noch nicht dem Corpus fest zugerechnet wurde. 12 Auffallend ist auch: Die neutestamentlichen Schriften folgen im „Verzeichnis der Schriften und Verszahlen im Claromontanus [06] […] ohne Unterscheidung des Neuen Testaments von den vorangehenden Schriften […] nicht einmal eine Leerzeile zwischen Tobias und Evangelien ist zu vermerken“. 13 Überhaupt fehlt das Gliederungsmerkmal häufig noch bis zum „Druck des Erasmus-Testaments 1519“. 14 128 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="129"?> 15 Vgl. hierzu W.H.P. Hatch, On the Relationship of Codex Augiensis and Codex Boerne‐ rianus of the Pauline Epistles (1951), 192. Zur Beschreibung des lateinischen Textes d, den Diehl für die Grundlage der späteren lateinischen Paulustradition hält, die jedoch schon recht bald zu einem Vulgatatyp überarbeitet wurde, vgl. E. Diehl, Zur Textgeschichte des lateinischen Paulus (1921). Dass es gerade die längeren Paulusbriefe sind, die in Richtung Vulgata überarbeitet wurden, wird aus dem Vergleich mit Lucifer von Cagliari gezeigt bei A. Souter, The Original Home of Codex Claromontanus (D Paul ) (1905). Souter meint schließlich, auch wenn dies, wie er schreibt, noch zu beweisen wäre, dass dieser Codex in Sardinien geschrieben wurde. 16 „The main correctors were more interested in the Greek than in the Latin text. Their general tendency was to eliminate singular readings and thus to normalize the text(s) according to current standards“, N.A. Dahl, 0230 (= PSI 1306) and the Fourth-Century Greek-Latin Edition of the Letters of Paul (1979), 81. 17 H. Zimmermann, Untersuchungen zur Geschichte der altlateinischen Überlieferung des zweiten Korintherbriefes (1960), 255-256. 18 J.S. Semler, Vorbereitung zur theologischen Hermeneutik zu weiterer Beförderung des Fleisses angehender Gottesgelerten 3,2 = 4. Worin von dem griechischen Text und Handschriften der Briefe u.s.w. Beobachtungen vorkommen (1769), 61-65. Vgl. K. Aland and B. Aland, Der Text des Neuen Testaments. Einführung in die wissenschaftlichen Ausgaben sowie in Theorie und Praxis der modernen Textkritik (1989), 119. 19 Eine ausführliche Beschreibung findet sich in R.F. Schlossnikel, Der Brief an die Hebräer und das Corpus Paulinum. Eine linguistische „Bruchstelle“ im Codex Claromontanus (Paris, Bibliothèque Nationale Grec 107+107A + 107B) und ihre Bedeutung im Rahmen von Text- und Kanongeschichte (1991), 34-35. Im Unterschied zur Handschrift 010, die den lateinischen Text in den je äußeren von zwei Spalten pro Seite bietet, während der griechische Text die inneren beiden Spalten eines aufgeklappten Codex einnimmt, und zu 012, wo eine lateinische Interlinearübersetzung des Griechischen vorliegt, bietet 06 (nicht anders als 05) den griechischen und lateinischen Text auf sich gegen‐ überstehenden Seiten. 15 Was die verschiedenen Korrektorenhände betrifft, zeigt sich ein höheres Interesse am griechischen als am lateinischen Text; zudem wurde die Tendenz erkannt, „Einzellesarten zu eliminieren und so den oder die Texte nach geltenden Standards zu normalisieren“. 16 Bezüglich des lateinischen Textes meint Zimmermann, eine ältere und eine jüngere Form unterscheiden zu können. 17 2. Codex Sangermanensis (0319, D abs1 , olim: E, von Soden: 1031; Lat.: 76) 18 Die Handschrift befindet sich seit dem 18. Jh. in Sankt Petersburg, Signatur Gr. 20, und stellt eine Abschrift des Codex Claromontanus 06 (D) aus dem 9. Jh. dar. 19 Da letzterer an einigen Stellen lückenhaft ist, stellt dieser Zeuge eine wichtige Ergänzung dar. 20 Überhaupt ist er nicht, wie Wettstein meinte, nur eine §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 129 <?page no="130"?> 20 Vgl. K.T. Schäfer, Der griechisch-lateinische Text des Galaterbriefes in der Handschrif‐ tengruppe D E F G (1935), 42. 21 H. von Soden, Die Schriften des Neuen Testaments in ihrer ältesten erreichbaren Textgestalt. Hergestellt auf Grund ihrer Textgeschichte. II. Teil: Text mit Apparat nebst Ergänzungen zu Teil I (1913), xv-xvi; H.v. Soden, Die Schriften des Neuen Testaments in ihrer ältesten erreichbaren Textgestalt. Hergestellt auf Grund ihrer Textgeschichte. I. Teil: Untersuchungen, III. Abteilung: Die Textformen. B. Der Apostolos mit Apoka‐ lypse (1911), 1937. 22 J.S. Semler, Vorbereitung zur theologischen Hermeneutik zu weiterer Beförderung des Fleisses angehender Gottesgelerten 3,2 = 4. Worin von dem griechischen Text und Handschriften der Briefe u.s.w. Beobachtungen vorkommen (1769), 61-62; zuvor bereits J.J. Wettstein, Hē Kainē Diathēke Tomus II. Continens Epistolas Pauli, Acta Apostolorum, Epistolas Canonicas Et Apocalypsin (1752), 547. 23 Vgl. K. Bredehorn, Aus fuldischen Handschriften: Codex Waldecensis. Fragmente einer griechisch-lateinischen Bibelhandschrift (olim Arolsen-Mengeringhausen, Stadtarchiv, s. n.; Marburg, Hessisches Staatsarchiv Best. 147 Hr 2, 2) (1999); V. Schulze, Codex Waldeccensis (Dw Paul). Unbekannte Fragmente einer Griechisch-Lateinischen Bibelhandschrift (1904). 24 Vgl. N.A. Dahl, 0230 (= PSI 1306) and the Fourth-Century Greek-Latin Edition of the Letters of Paul (1979). Dahl erwähnt an dieser Stelle noch ein Lektionarfragment mit Eph 2,19-22, das eventuell eine weitere Abschrift von 06 darstellt („the textual evidence is so slim that it remains inconclusive“, ibid. 88; er schließt aber dennoch: „the kinship between 0230 and Claromontanus is not simply due to their common descent from the fourth-century bilingual edition. They even belong to the same branch of the family of bilingual manuscripts, even though the family features in 0230 are only recognizable in the editorial design, not in the character of the text“, ibid. 92), und welches in Sankt Petersburg aufbewahrt wird. Außerdem verzeichne der Katalog von Corbie aus dem 11. Jh. noch eine Paulusbilingue, die heute verloren sei, vgl. auch H.J. Frede, Altlateinische Paulus-Handschriften (1964), 44-45. unnütze Abschrift - sie wurde auch durch von Soden ausgeschieden 21 - sondern bietet unter anderem unikale Lesarten, 22 diese finden sich jedoch ausnahmslos in Versen, die zur kanonischen Version gehören. Auch in dieser Handschrift steht der Hebräerbrief am Ende der Sammlung. 3. Codex Waldecensis (0320, D abs2 ; Lat.: 83) 23 Die Handschrift befindet sich im Stadtarchiv von Mengeringhausen und wird ins 10. Jh. datiert. Sie ist eine weitere Abschrift von 06 (D), stellt wiederum ein Bilingue dar, auch wenn von ihr lediglich Fragmente erhalten sind (Eph 1,13-19; 2,11-18 in Griechisch; Eph 1,5-13; 2,3-11 in Latein). Diese Handschrift bietet normalerweise den korrigierten Text von 06. 24 „Später wurden noch sechs Blätter im Staatsarchiv Marburg gefunden mit Fragmenten aus 2 Cor und Tt. Wahrscheinlich stammte diese Handschrift des 10. Jh. aus Korvey, 130 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="131"?> 25 R.F. Schlossnikel, Der Brief an die Hebräer und das Corpus Paulinum. Eine linguistische „Bruchstelle“ im Codex Claromontanus (Paris, Bibliothèque Nationale Grec 107+107A + 107B) und ihre Bedeutung im Rahmen von Text- und Kanongeschichte (1991), 36. Vgl. H.J. Frede, Epistulae ad Thessalonicenses, Timotheum, Titum, Philemonem, Hebraeos (1978), 29. 26 R.F. Schlossnikel, Der Brief an die Hebräer und das Corpus Paulinum. Eine linguistische „Bruchstelle“ im Codex Claromontanus (Paris, Bibliothèque Nationale Grec 107+107A + 107B) und ihre Bedeutung im Rahmen von Text- und Kanongeschichte (1991), 36. Vgl. auch H.J. Frede, Altlateinische Paulus-Handschriften (1964), 46. 27 R.F. Schlossnikel, Der Brief an die Hebräer und das Corpus Paulinum. Eine linguistische „Bruchstelle“ im Codex Claromontanus (Paris, Bibliothèque Nationale Grec 107+107A + 107B) und ihre Bedeutung im Rahmen von Text- und Kanongeschichte (1991), 36; H.J. Frede, Altlateinische Paulus-Handschriften (1964), 90. Einen Hinweis auf die Bamberger Bilingue, „48. Epistole Pauli grece et latine scripte“, in H. Bresslau, Bamberger Studien (1896), 145. wohin sie vielleicht während der Regierungszeit der Ottonen aus Corbie oder Um‐ gebung gekommen war. Die von zwei Schreibern, einer für den griechischen Text und einer für den lateinischen, abgefaßte Handschrift entspricht in Text und äußerer Anlage vollkommen dem Claromontanus: die griechische Spalte auf der Verso-Seite folgt meist D [06] der letzten Korrekturstufe, die lateinische auf der Recto-Seite 75, abgesehen von zwei Fehlern und den Verbesserungen von offenkundigen Versehen“. 25 Über den Codex Waldecensis hinaus gibt es noch weitere Hinweise auf Ab‐ schriften des Codex Claramontanus: „Die gleiche Lesung wie in Leningrad D.v. VI,3 finden wir auch in der Handschrift Laon, Bibliothèque Municipale 252 aus dem zehnten oder elften Jahrhundert“. 26 Außerdem wissen wir aus Bibliotheks‐ katalogen, „daß in Bamberg und Fulda Bilinguen lagen, die - zumindest in ihrem griechischen Text - auf eine dem Claromontanus zumindest eng verwandte Handschrift zurückgingen“. 27 Dem fragmentarischen Charakter geschuldet, wissen wir nichts über den Verbleib des Hebräerbriefs. §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 131 <?page no="132"?> 28 J.S. Semler, Vorbereitung zur theologischen Hermeneutik zu weiterer Beförderung des Fleisses angehender Gottesgelerten 3,2 = 4. Worin von dem griechischen Text und Handschriften der Briefe u.s.w. Beobachtungen vorkommen (1769). F.H. Scrivener, An exact transcript of the Codex Augiensis, a Graeco-Latin manuscript of S. Paul’s epistles deposited in the library of Trinity college, Cambridge, to which is added a full collation of 50 manuscripts containing various portions of the Greek New Testament in the libraries of Cambridge (1859); H.J. Frede, Altlateinische Paulus-Handschriften (1964), 80-87. 29 K.T. Schäfer, Der griechisch-lateinische Text des Galaterbriefes in der Handschriften‐ gruppe D E F G (1935), 42. 30 Ibid. 31 Ibid. 32 Ibid. 33 Diese und die weiteren Angaben nach W.H.P. Hatch, On the Relationship of Codex Augiensis and Codex Boernerianus of the Pauline Epistles (1951), 187. 4. Codex Augiensis (010, F, von Soden: 1029; Lat.: 78) 28 Die Handschrift befindet sich heute in der Bibliothek des Trinity College Cambridge und trägt ihren Namen nach dem Abt des Klosters Reichenau („Monasterium Augiense“). Sie wurde „gegen Ende des 9. Jahrhunderts in einem schweizerischen oder alemannischen Kloster geschrieben“. 29 Auch diese Handschrift ist eine Bilingue. Bei ihr ist der „griechische Text […] in der inneren, der lateinische in der äußeren Spalte zu lesen“. 30 „Größere Buchstaben, die scheinbar regellos durch den Text verstreut sind, lassen erkennen, daß die unmittelbare oder eine mittelbare Vorlage von F die Absätze durch neue Zeile mit großem Anfangsbuchstaben kennzeichnete und F in der Zeilenanord‐ nung sich nicht an diese Vorlage angeschlossen hat“. 31 In dieser Handschrift fehlt der Hebräerbrief. 32 Leider ist die Hs. nicht vollständig, die beiden ersten Kapitel und fast die Hälfte des dritten von Röm (Röm 1,1-3,19 ἐν τῷ νόμῳ) fehlen sowohl griechisch wie lateinisch, d. h. es scheinen 5 Folia zu fehlen. 33 Weiters fehlt der griechische Text von 1Kor 3,8 (ὁ φυτεύων) - 16 (τοῦ θεοῦ); 6,7 (ἤδη) - 14 (αὐτοῦ); Kol 2,1 (καὶ ὅσοι) - 8 (τοῦ); Phlm 1,21 (πεποιθώς) - 25 (ἀμήν). Wie zu 012 weiter unten vermerkt, fehlt dort sowohl der griechische wie der lateinische Text dieser Stellen in der Hs. Dass aber in 010 hier zumindest der lateinische Text vorhanden ist, deutet darauf hin, dass schon in der oder einer der Vorlagen von 010 und 012 der griechische und der lateinische Text an diesen Stellen ausgefallen war, oder, weil der lateinische Text in 010 für die Stellen vorhanden ist, dass dieser entweder in einer weiteren Zwischentradition zwischen 010 und 012 verloren ging oder aber von 010 aus einer anderen Vorlage ergänzt wurde. Wenn es eine 132 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="133"?> 34 So ebenderselbe Schluss bei ibid. 188. 35 So ibid. 191. 36 So ibid. Zur Forschungsgeschichte zum altlateinischen Text des Neuen Testaments vgl. mit älterer Literatur P. Burton, The Latin Version of the New Testament (2013). 37 Vgl. hierzu W.H.P. Hatch, On the Relationship of Codex Augiensis and Codex Boerne‐ rianus of the Pauline Epistles (1951), 192. Ergänzung war, würde dies bedeuten, dass dem Schreiber für den griechischen Text kein weiterer griechischer Zeuge zur Verfügung stand, aus dem er die Passagen hätte ergänzen können. Wie in 012 existiert eine weitere kleine, aber wichtige Lakune in 2Tim 2,12 (καὶ συνβασιλεύομεν) - 13 (ἀπιστοῦμεν), die ebenfalls vom Schreiber als Leerstelle angezeigt ist, wobei in dieser Hs. (nicht in 012) das Latein für εἰ ἀρνησόμεθα, κἀκεῖνος ἀρνήσεται ἡμᾶς aus diesem Vers ebenfalls fehlt. Da hier nicht ergänzt wurde, scheint das lateinische Exemplar der Vorlage tatsächlich zumindest diesen Ausfall gehabt zu haben und vielleicht der Ausfall auch der anderen Stellen im lateinischen Text ebenfalls in der Vorlage existiert zu haben. Wie auch immer, bereits die gemeinsamen Lakunen verdeutlichen, dass 010 und 012 in irgendeiner Beziehung zueinander stehen. 34 Schließlich gibt es weitere Unterschiede: Während die griechische Doxologie am Ende des Römerbriefes in 010 und 012 fehlt, steht in 010 der lateinische Text der Doxologie am Ende des Briefes und Platz ist ausgespart im Griechischen, sie fehlte also in seiner griechischen Vorlage. Im Unterschied zu 012 (und 06 wie auch 05) weist 010 keine Textgestaltung in Sinnzeilen auf. Entweder hatte seine Vorlage bereits keine solche Gestaltung oder aber der Codex hatte mit dieser Praxis gebrochen. 35 Ein weiterer Unterschied zu 012 besteht im vorhandenen lateinischen Text. In 010 finden wir i.W. einen Vulgatatext, während 012 einen altlateinischen Texttyp aufweist. 36 Auch das Layout, in welchem der lateinische zum griechischen Text steht, ist unterschiedlich. Hier in 010 befindet sich der lateinische und griechische Text in Parallelspalten, so dass bei geöffnetem Codex der griechische Text auf beiden Seiten die inneren Spalten besetzt, während die beiden äußeren den lateinischen Text bieten. 37 §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 133 <?page no="134"?> 38 J.S. Semler, Vorbereitung zur theologischen Hermeneutik zu weiterer Beförderung des Fleisses angehender Gottesgelerten 3,2 = 4. Worin von dem griechischen Text und Handschriften der Briefe u.s.w. Beobachtungen vorkommen (1769), 80-84; H.J. Frede, Altlateinische Paulus-Handschriften (1964). Vgl. M. Klinghardt, Natürlich, eine alte Handschrift! (2022); A. Fischer, Codex Boernerianus. A Textual Analysis of 1 Timothy. STM Thesis (2019). 39 Ich erinnere mich noch gerne und dankbar an die Einführung, die mir vor Ort die Kollegen David Trobisch und Matthias Klinghardt in diese herausragende Handschrift gegeben haben. 40 M. Klinghardt, Natürlich, eine alte Handschrift! (2022), 308. 41 Ibid. 42 D.C. Parker, The Majuscule Manuscripts of the New Testament (2014), 46. 5. Codex Boernerianus (012, G, von Soden: 1028; Lat.: 77) 38 Die Handschrift wird heute aufbewahrt in der Sächsischen Landesbibliothek, Staats- und Universitätsbibliothek Dresden unter der Signatur A. 145 b, datiert in die zweite Hälfte des 9.-Jh. 39 Sie „ist ein Pergamentkodex mit insgesamt 111 Blättern im Format von 25 cm x 19 cm. Auf den Blättern 2-100v enthält er, bei einem Schriftspiegel von ca. 17,5 cm x 13 cm und 20 bis 26 Langzeilen pro Seite, die Briefe des Apostels Paulus in der kanonischen Reihenfolge (Rm, 1/ 2Kor, Gal, Eph, Phil, Kol, 1/ 2Thess, 1/ 2Tim, Tit, Phlm). Von dem nur lateinisch erhaltenen, pseudepigraphen Laodizenerbrief findet sich nach dem Phlm die Überschrift, aber kein Text; der Hebräerbrief, der in allen Ausgaben zu den Paulusbriefen gezählt wird, fehlt.“ 40 „Der griechische Text ist in einer westlichen Majuskelschrift abgefasst […] Am auffälligsten ist, dass über dem griechischen Text von derselben Hand in kleiner, irischer Minuskel […] eine lateinische Interlinearübersetzung so eingetragen ist, dass sich die griechischen und lateinischen Wörter entsprechen. Von derselben Hand sind nicht nur zahlreiche Marginalglossen eingetragen, sondern auf dem ersten und den letzten Blättern auch ein […] lateinischer Kommentar zum Matthäusevangelium sowie auf der letzten Seite (fol. 111v) ein hymnisches Fragment.“ 41 Die verlorene Vorlage dieser Handschrift wurde von Bischof Marcus und seinem Neffen Moengal (später Marcellus) aus Rom in das iroschottische Kloster St. Gallen gebracht, wo diese beiden sich niederließen. Im 17. Jh. begegnet die Handschrift in den Niederlanden bei Paulus Junius, dem Leidener Rektor, dann im Jahr 1676 im Besitz von Peter Franz, und über eine Auktion gelangte sie zu dem späteren Leipziger Theologieprofessor Christian Friedrich Börner, von dem der Codex seinen heutigen Namen erhielt. Sie begegnet zum ersten Mal in Küsters Edition von Mills Greek New Testament des Jahres 1710. 42 1719 lieh sich Richard Bentley, der im Jahr zuvor den Codex 010 gekauft hatte, von Börner den 134 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="135"?> 43 W.H.P. Hatch, On the Relationship of Codex Augiensis and Codex Boernerianus of the Pauline Epistles (1951), 187. 44 So ibid. 45 M. Klinghardt, Natürlich, eine alte Handschrift! (2022), 309. 46 H.A.G. Houghton, The Latin Text of John in the Saint Gall Bilingual Gospels (Codex Sangallensis 48) (2020), 149. 47 Zu Sankt Gallen als möglichem Entstehungsort (im Unterschied zu der Forschungsmei‐ nung, wonach die Handschrift möglicherweise in Bobbio entstanden sei), vgl. weiter unten, S.-137 und ibid. 150. 48 W.H.P. Hatch, On the Relationship of Codex Augiensis and Codex Boernerianus of the Pauline Epistles (1951), 187. Codex für fünf Jahre aus, wollte ihn auch für 200 Guineen erwerben, doch Börner schlug das Angebot aus. 43 Vor der Rückgabe an seinen Besitzer ließ Bentley noch eine Kopie anfertigen, die jetzt in der Bibliothek des Trinity College Cambridge liegt (B.17.2). 44 Im Jahr 1778 „erwarb die Kurfürstliche Öffentliche Bibliothek zu Dresden den Kodex von Boerners Erben“. 45 Dieselbe Präsentation des Textes („Westliche Majuskel einer Hand des 9. Jh. mit interlinearer Übersetzung in Minuskel mit irischem Charakter“ 46 ) findet sich ebenfalls im Codex Sangallensis 48 und einem Psalter (Basel, Universitätsbibliothek, A.VII.7; VL 334). 47 Die Handschrift weist zwei Lakunen auf: Röm 1,1 (ἀφωρισμένος) - 5 (πίστεως), und 2,16 (τὰ κρυπτά) - 25 (ᾖς). 48 Weiters fehlen, vom Schreiber durch Platzaussparung angezeigt, 1Kor 3,8 (ὁ φυτεύων) - 16 (τοῦ θεοῦ); 6,7 (ἤδη) - 14 (αὐτοῦ); Kol 2,1 (καὶ ὅσοι) - 8 (τοῦ); Phlm 1,21 (πεποιθώς) - 25 (ἀμήν). Auch in 010, wie vermerkt, fehlt der griechische Text dieser Stellen, während der lateinische vorhanden ist. Wie in 010 existiert eine weitere kleine Lakune in 2Tim 2,12 (καὶ συνβασιλεύομεν) - 13 (ἀπιστοῦμεν), die ebenfalls vom Schreiber als Leerstelle angezeigt ist. Schließlich gibt es weitere Unterschiede, worauf schon bei 010 hingewiesen wurde. Während die griechische Doxologie am Ende des Römerbriefes in 010 und 012 fehlt, in 010 jedoch der lateinische Text hierfür am Ende des Briefes steht und im Griechischen Raum gelassen ist, fügt 012 unmittelbar die Subscriptio an, während Platz für die Doxologie gelassen wird am Ende von Kapitel 14. Auch wenn der Schreiber dieses Textes die Doxologie nicht zur Verfügung hatte, war er doch der Meinung, sie hätte an dieser Stelle eingeordnet sein müssen. 010 lässt keinen Raum am Ende von Kapitel 14. Auch in der Anordnung des Textbildes unterscheiden sich die beiden Hand‐ schriften 010 und 012. Hier, in 012, wird die ältere Praxis des Schreibens von Text in sinnwiedergebenden Zeilen benutzt, d. h. der Text ist in ungleich langen Zeilen arrangiert. Er entspricht damit der Praxis, die auch 06 (und 05) prägt. 49 §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 135 <?page no="136"?> 49 Vgl. hierzu ibid. 191. 50 So ibid. 191-192. 51 H. Zimmermann, Untersuchungen zur Geschichte der altlateinischen Überlieferung des zweiten Korintherbriefes (1960), 256. 52 Vgl. hierzu W.H.P. Hatch, On the Relationship of Codex Augiensis and Codex Boerne‐ rianus of the Pauline Epistles (1951), 192. 53 Vgl. hierzu ibid. 54 Bereits in Band 2 von P. Corssen, Epistularum Paulinarum codices Graece et Latine scriptos Augiensem Boernerianum Claromontanum 2 (1889); P. Corssen, Epistularum Paulinarum codices Graece et Latine scriptos Augiensem Boernerianum Claromon‐ tanum 1 (1887). 55 H. Houghton weist darauf hin, dass „offenkundig nur noch eine einzige andere inter‐ lineare Griechisch-Lateinische neutestamentliche Handschrift“ („There only appears to be one other interlinear Greek-Latin New Testament manuscript“) erhalten ist, GA 1269 aus dem 14. Jh., auch wenn „Bern Horace“ (Bern, Bürgerbibliothek MS 363) „manchmal mit den neutestamentlichen Interlinearen zusammengebracht wird“ („The 012 weist auch sehr viel häufiger große Initialen auf, die nicht den Anfang von Sinnzeilen markieren. Ein weiterer Unterschied zu 010 besteht im vorhandenen lateinischen Text. In 010 finden wir i.W. einen Vulgatatext, während 012 einen altlateinischen Texttyp aufweist, auch wenn beide Lateinversionen einen gewissen Einfluss des Griechischen durchscheinen lassen. 50 Den lateinischen Text setzt Zimmermann in die zweite Hälfte des 4. Jh. 51 Im Unterschied zu 010 bietet 012 den griechischen Text fortlaufend ohne Spalteneinteilung, während der lateinische Text weithin Wort für Wort in die darüberstehende Zeile eingetragen ist, es liegt also eine Interlinearübersetzung vor. 52 Diese Form scheint eine Weiterentwicklung gegenüber der Spaltenform von 010 darzustellen. 53 Als weiteres besonderes Phänomen bietet 012 nach Phlm noch die Super‐ scriptio des Laodizeerbriefes in Griechisch und Latein. b. Zur Familie der fünf Handschriften (06, 0319, 0320, 010, 012) 1. Gemeinsamkeiten untereinander Wie die textkritische Erforschung des Neuen Testaments herausgearbeitet hat, 54 stellen die aufgeführten Handschriften eine Familie dar, die bei aller Unterschiedlichkeit genügend Gemeinsamkeit aufweisen, die sie gerade auch, was die paulinischen Briefe auszeichnet, von den vielen übrigen Handschriften abgrenzen. Das herausragende gemeinsame Merkmal aller fünf Handschriften ist ihre Bilingualität, mit der sie sich von den meisten der anderen Paulushandschriften unterscheiden. 55 Über dieses Merkmal hinaus haben die älteren drei Hand‐ 136 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="137"?> ‚Bern Horace‘ … is also sometimes associated with the New Testament interlinears“). Er rechnet damit, dass sie „zusammen als Teil eines Projektes geschaffen wurden für eine Studienausgabe des griechischen biblischen Texts in einem der irischen Klöster auf dem europäischen Kontinent“ (“… seems to have been created together as part of a project to provide a study edition of Greek biblical texts in one of the Irish monasteries in continental Europe“), vielleicht Sankt Gallen, auch wenn derzeit der Forschungskonsens der Meinung sei, die Handschriften stammten möglicherweise aus Bobbio, so H.A.G. Houghton, The Latin Text of John in the Saint Gall Bilingual Gospels (Codex Sangallensis 48) (2020), 149. Eine Liste mit elf griechisch-lateinischen Bilinguen, 21 griechich-koptischen, zwei griechisch-arabischen und weitere Bilinguen (mit Altslavisch, Armenisch, Türkisch) führt auf D.C. Parker, Codex Bezae: An Early Christian Manuscript and its Text (1992), 60-61. Eine weitere Liste mit Griechisch-La‐ teinischen Handschriften des Neuen Testaments fügt er hinzu ibid. 63. Ergänzungen für die griechisch-koptischen Bilinguen bietet er in D.C. Parker, The Majuscule Manuscripts of the New Testament (2014), 42. 56 Vgl. ibid. 318. 57 Vgl. weiter unten. schriften 06, 010, 012 weitere Gemeinsamkeiten, worin sie sich von allen anderen Handschriften unterscheiden: 1. Es fehlt in ihnen der Hebräerbrief, oder er fehlte, wie in 06, ursprünglich, wie das Verzeichnis der Bücher des Neuen Testaments darin zeigt und die vom Rest der Briefe differierende lateinische Übersetzung von Hebr in 06 belegt. 2. Es fehlt in ihnen die Doxologie Röm 16,25-27, in 010 findet sich lediglich die lateinische Übersetzung derselben und, weil Platz ausgespart ist für den griechischen Teil, hat dieser in der Vorlage für die Handschrift gefehlt. 3. Diejenigen Zeugen, die die Passage enthalten, wonach Frauen in der Versammlung schweigen sollen, führen diese nicht wie sonst in der kano‐ nischen Version als Verse 1Kor 14,34-36 auf, sondern stellen diese Verse ans Ende dieses Kapitels. 56 4. Es gibt eine Fülle von weiteren Übereinstimmungen der drei Handschriften, die sie teilweise alleine gegenüber der restlichen Handschriftentradition bewahrt haben und welche sie mit dem für die *10-Briefe-Sammlung be‐ zeugten Text gemeinsam haben, andere solcher Übereinstimmungen mit der *10-Briefe-Sammlung teilen sie mit weiteren Handschriftenzeugen und der altkirchlichen Vätertradition. 57 Auf solche Textgemeinsamkeiten wird im weiteren einzugehen sein, zumal die drei Handschriften dieser Familie sich in der Nähe, in der sie an den Text der *10-Briefe-Sammlung herankommen, unterscheiden lassen. Diese Differenzierung wird, wie angedeutet, eine Aus‐ sagekraft über das Gewicht haben, mit dem sie bei Textentscheidungen zu Rate gezogen werden können. §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 137 <?page no="138"?> 58 Ich schließe mich hier der von Gerd Mink entwickelten „kohärenzbasierten Genea‐ logischen Methode“ an, die zunächst nicht reale Verhältnisse abbilden will, sondern „die Bildung einer Hypothese“ erlaubt, „die die Struktur der erhaltenen Überliefe‐ rung in einer Weise beschreibt, dass aus der systematischen Zusammenschau aller einzelnen lokalen Genealogien auf den generellen Textfluss in der Gesamtüberlie‐ ferung zurückgeschlossen wird“, so zusammengefasst von H. Strutwolf, Von den Kanones der Textkritik zu einer Theorie der Variantenentstehung im Rahmen der Kohärenzbasierten Genealogischen Methode. Einige vorläufige Überlegungen (2019), 277. Vgl. dazu auch den Beitrag des Erfinders selbst, G. Mink, Manuscripts, Texts, History, and the Coherence-Based Genealogical Method (CBGM): Some Thoughts and Clarifications (2019). 59 Vgl. M. Klinghardt, Natürlich, eine alte Handschrift! (2022), 317. Vgl. weiter unten S.-177-190. 60 Nach Corssen sei sie nicht vor dem Anfang des 5. Jh. geschrieben, P. Corssen, Epistularum Paulinarum codices Graece et Latine scriptos Augiensem Boernerianum Claromontanum 2 (1889); F. Zimmer, Der Codex Augiensis (F Paul ), eine Abschrift des Boernerianus (G Paul ) (1887). 61 Vgl. weiter oben zur Handschriftenbeschreibung S.-127-129. Wie ist nun das Verhältnis dieser Handschriften, insbesondere von 06, 010 und 012 zueinander und zur *10-Briefe-Sammlung zu bestimmen? 58 Weithin unbestritten ist, dass diese Handschriften sich auf zwei Arme eines „Familien‐ stammbaums“ verteilen lassen, was bereits durch das Fehlen des Hebräerbriefes im linken Arm gegenüber der späteren Ergänzung dieses Briefs im rechten Arm gestützt wird. 59 1. 06 hat eine (verlorengegangene) Vorlage W, 60 die sie mit der (ebenfalls ver‐ loren gegangenen) Handschrift X, der Vorlage von 012 und 010, gemeinsam hat. 61 2. 06 wurde ihrerseits als Vorlage für die Abschriften, 0319 und 0320, benutzt. 138 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="139"?> 62 M. Klinghardt, Natürlich, eine alte Handschrift! (2022), 317 („höchstens bis ins dritte“). 63 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 151*. 64 Von einem nur griechischen Text (des Evangeliums) des Markion, der Tertullian zur Verfügung stand, gehen aus: G. Quispel, De Bronnen van Tertullianus’ Adversus Marcionem (1943); J. Regul, Die antimarcionitischen Evangelienprologe (1969); J.N. Birdsall, The New Testament Text (1970), 345. B. Fischer, Das Neue Testament in lateinischer Sprache. Der gegenwärtige Stand der Forschung (1972), 20, 45. J.J. Clabeaux, A Lost Edition of the Letters of Paul. A Reassessment of the Text of the Pauline Corpus attested by Marcion (1989); D.T. Roth, Did Tertullian possess a Greek copy or a Latin translation of Marcion’s Gospel (2009); U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 40-59. H.A.G. Houghton, The Latin New Testament. A Guide to its Early History, Texts, and Manuscripts (2016), 6. B.D. Haupt, Tertullian’s Text of the New Testament outside the Gospels. Diss. (2019). Wie weiter unten in der Rekonstruktion zu einzelnen Stellen angemerkt, ist Haupts Urteil leider getrübt, weil er nur sehr wenige Stellen von Tertullians Bezeugung des Markiontextes berücksichtigt und an Das Stemma zeigt, dass die älteste Zeugin in das zweite bis vierte Jahrhundert hi‐ nabreicht, was weiter unten näher beleuchtet und begründet werden wird. 62 Im Folgenden bezieht sich die Untersuchung nur auf den griechischen Textbestand dieser Bilinguen, weil der lateinische Text derselben gesondert zu untersuchen wäre. Im linken Arm der Familie fehlt der Hebräerbrief. Das gilt, wie zu zeigen sein wird, auch für die *10-Briefe-Sammlung. Folglich sah Harnack zumindest teilweise das Richtige, wenn er, wie oben angeführt, schreibt, dass „der griechi‐ sche und lateinische Text“ von Markions Exemplar „je ein Zwillingsbruder des bilinguen Textes D [06], G [012] ist“. 63 Präziser müsste er in Anbetracht des nur ursprünglichen Fehlens des Hebräerbriefes in 06 sagen, dass die Handschrift 012 eine Zwillingsschwester zu Markions *Apostolos darstellt, während 06 nur mehr eine Schwester desselben ist. Wir werden weiter unten erkennen, dass die weitere Schwesterhandschrift, nämlich 010, noch enger als 012 mit der *10-Briefe-Sammlung zusammensteht. 2. Gemeinsamkeiten mit der *10-Briefe-Sammlung Nimmt man die vier Gemeinsamkeiten der vorliegenden Handschriftenfamilie der drei älteren Zeugen 06, 010, 012, so lässt sich feststellen, dass diese sich decken bzw. korrespondieren mit Charakteristiken der *10-Briefe-Sammlung: 1. Bilingualität: Bis heute war die Frage, ob Tertullian einen griechischen oder einen lateinischen Text von Markions *Apostolos vor sich hatte, nicht zu klären. 64 Die Argumente und Gegenargumente für eine der beiden §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 139 <?page no="140"?> einigen der berücksichtigten Stellen gerade auf Übereinstimmungen und Differenzen zwischen diesem Text und den Bilinguen nicht eingeht. Allerdings gab es nicht nur in der Vergangenheit Gegenstimmen, A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924); H. von Soden, Der Lateinische Paulustext bei Marcion und Tertullian (1927); A.J.B. Higgins, The Latin Text of Luke in Marcion and Tertullian (1951); A.F.J. Klijn, A Survey of the Researches into the Western Text of the Gospels and Acts (1949), 159; E.C. Blackman, Marcion and his influence (1948), 132. Lang etwa hat davor gewarnt, zu voreilig die Frage nach der einen (nur griechische Vorlage) oder der anderen Seite (nur eine lateinische) hin zu entscheiden, so T.J. Lang, Did Tertullian Read Marcion in Latin? Grammatical Evidence from the Greek of Ephesians 3: 9 in Marcion’s Apostolikon as Presented in the Latin of Tertullian’s Adversus Marcionem (2017). Auch Houghton fügt seiner Position hinzu, dass es „dennoch ab und zu Ähnlichkeiten zwischen Tertullians Zitaten und lateinischen Bibelhandschriften gibt, die darauf hinweisen, Tertullian könnte eine Übersetzung des Neuen Testaments benutzt haben“ („Nevertheless, there remain occasional similarities between Tertullian’s quotations and Latin biblical manuscripts which suggest that he might have used a translation of the New Testament“), eine Beobachtung, die sich insbesondere auf die Existenz einer lateinischen Version der Paulusbriefe bezieht, H.A.G. Houghton, The Latin New Testament. A Guide to its Early History, Texts, and Manuscripts (2016), 6. 65 Tert., De Mon. 11. Auf dieses und das nächste Beispiel verweist H.A.G. Houghton, The Latin New Testament. A Guide to its Early History, Texts, and Manuscripts (2016), 6. 66 Tert., Adv. Marc. V 4,8. 67 So B.D. Haupt, Tertullian’s Text of the New Testament outside the Gospels. Diss. (2019), 221-222. B.M. Metzger, The Early Versions of the New Testament. Their Origin, Transmission, and Limitations (1977), 44. Zu Ephräm, vgl. J. Molitor, Der Paulustext des hl. Ephräm aus seinem Armenisch erhaltenen Paulinenkommentar (1938). Lösungen könnten aber dadurch miteinander harmonisiert werden, dass wir annehmen, Tertullian habe eine Bilingue vor sich gehabt. Dann nämlich könnte man verstehen, warum an vielen Stellen der Eindruck entsteht, Tertullian habe unmittelbar aus einem griechischen Text übersetzt, an anderen hingegen, er habe eine lateinische Vorlage benutzt. Dass Tertullian sowohl einen lateinischen wie einen griechischen Text gekannt hat, erklärt er selbst in „De Monogamia“, wo er den lateinischen Text von 1Kor 7,39 mit dem vergleicht, was er „in Graeco authentico“ liest. 65 Dann sagt er bei der Behandlung von *Gal 4,24 in seinem Werk gegen Markion zu dem Vers: sicut inuenimus interpretatum, verweist also darauf, dass er den Text als lateini‐ sche Übersetzung des griechischen Verses liest. 66 Überhaupt wurde in der Forschung schon öfter vermerkt, dass Tertullians Bibelzitate (ganz ähnlich wie die des Ephräm) Ähnlichkeiten mit dem Text der Bilinguen besitzen, 67 und zwar sowohl was die griechischen wie die lateinischen Texte dieser Bilinguen betrifft. 68 Wenn Tertullian Markions Apostolos als Bilingue vor sich gehabt hätte, teilte die hier zu betrachtende Familie ein weiteres 140 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="141"?> 68 So G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 85. Dies gilt, auch wenn Zuntz bereits gesehen hat, dass Tertullian von anderen frühen Nicht-Vulgata-Handschriften unabhängig ist. 69 Daraus müsste man folgern, dass die älteste Sammlung der paulinischen Briefe korrek‐ terweise auch als Bilingue rekonstruiert und publiziert werden müsste - hierfür sind jedoch noch erheblich mehr Vorarbeiten zu leisten, als die vorliegende Untersuchung bieten kann, die Publikation der lateinischen Rekonstruktion des Apostolos soll hier folglich lediglich als Desiderat formuliert werden. 70 Die Aufstellung in Anlehnung (dort sind nur die Hypothesen 2-5 erwähnt) an W.H.P. Hatch, On the Relationship of Codex Augiensis and Codex Boernerianus of the Pauline Epistles (1951), 193. Merkmal mit Markions *Apostolos, das Harnack bereits erkannte hatte: die Bilingualität. 69 Wie Tertullians Beispiele zeigen, ist dies kein falscher Rückschluss aus dem bilingualen Charakter der vorliegenden Familie, sondern lediglich die Feststellung eines übereinstimmenden Merkmals. 2. Auch in der *10-Briefe-Sammlung fehlt die Doxologie Röm 16,25-27 (und es fehlen darüberhinaus die gesamten Kapitel 15-16, die allerdings bis auf die Doxologie in diesen Handschriften vorhanden sind). 3. Die Passage, wonach Frauen in der Versammlung schweigen sollen, be‐ findet sich auch in der *10-Briefe-Sammlung nicht an der Stelle der Verse 1Kor 14,34-36, allerdings im Unterschied zu der Handschriftenfamilie auch nicht am Ende des Kapitels, sondern nach *1Kor 14,21. 4. Wie zu zeigen sein wird, gibt es eine Fülle von Variantenübereinstim‐ mungen zwischen der *10-Briefe-Sammlung und Vertretern der Hand‐ schriftenfamilie. Aus diesen präliminaren Beobachtungen deutet sich bereits an, dass die hier zu verhandelnde Handschriftenfamilie einen gewissen Zwischenschritt bei der Entwicklung der *10-Briefe-Sammlung hin zur 14-Briefe-Sammlung darstellt, indem sie - je einzelne Hs. unterschiedlich - mehr oder weniger deutliche Spuren von Merkmalen beider Sammlungen aufweist. Hierüber gibt der fol‐ gende Überblick über Textvarianten, die die Familie mit der vorkanonischen Version teilt bzw. nicht teilt, weiteren Aufschluss. 3. Das Verhältnis der Zeugen innerhalb der Familie zueinander Ein besonderes Problem stellt die nähere Beschreibung des Verhältnisses der beiden Handschriften 010 und 012 zueinander dar. Im Wesentlichen wurden bislang fünf Hypothesen diesbezüglich aufgestellt: 70 §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 141 <?page no="142"?> 71 Animadverti autem, istum Codicem non esse nisi apographum praecedentis, d.-h. 010, J.J. Wettstein, Hē Kainē Diathēke Tomus II. Continens Epistolas Pauli, Acta Apostolorum, Epistolas Canonicas Et Apocalypsin (1752), 9. 72 Außerdem vertrat er noch Position 4, wie wir gleich sehen werden. Vgl. die Notiz in Bentleys erhaltenem Exemplar des Neuen Testaments zur Stelle Röm 1,1-3,19, die in 010 fehlt, es sei ein Apographon „aus unserem anderen Manuskript“, womit er 012 bezeichnete, das er ja ausgeliehen hatte, vgl. hierzu W.H.P. Hatch, On the Relationship of Codex Augiensis and Codex Boernerianus of the Pauline Epistles (1951), 198. 73 Sie waren „derived from the same Greek prototype“ und „the surviving representatives of a manuscript now lost, perhaps a century or two older than themselves“, F.H. Scrivener, An exact transcript of the Codex Augiensis, a Graeco-Latin manuscript of S. Paul’s epistles deposited in the library of Trinity college, Cambridge, to which is added a full collation of 50 manuscripts containing various portions of the Greek New Testament in the libraries of Cambridge (1859), xxvi, xxviii. 74 Cum cod. Boerner. Dresdensi (G) ad idem exemplar Graecum conformatus est, K.v. Tischendorf, Novum Testamentum Graece (1872), Not. int. 1. 010 und 012 sind voneinander unabhängig. 2. Beide wurden von derselben Vorlage entwickelt. 3. 012 ist eine Abschrift von 010. 4. 010 ist eine Abschrift von 012. 5. Beide gehen auf einen gemeinsamen Ahnen zurück. 1) 010 und 012 sind voneinander unabhängig Diese Position der Unabhängigkeit von 010 und 012 vertrat J.J. Wettstein, allerdings erwägt er auch, dass 012 aus 010 abgeschrieben sei. 71 2) Beide wurden von derselben Vorlage entwickelt R. Bentley vertrat ohne große weitere Ausführungen die Meinung, 010 und 012 stammten aus derselben Vorlage. 72 Auch Scrivener trat dieser Meinung bei, nachdem er beide Handschriften eingehend studiert hatte, zumindest, was den griechischen Text betrifft. Ihm zufolge stellen sie „die überlebenden Repräsentanten einer jetzt verlorenen Handschrift dar, die vielleicht ein oder zwei Jahrhunderte älter gewesen war als sie selbst“. 73 Auch Tischendorf sah die Nähe der beiden Handschriften und meinte, sie seien „auf dasselbe griechische Exemplar“ zurückzuführen. 74 Westcott und Hort schwanken zwischen Position 4 und der von Bentley hier vertretenen, wenn sie schreiben, sie halten 010 zumindest, was den griechischen Text betrifft, „sicher“ für eine „Abschrift“ („transcript“) von 012, „wenn nicht, ist es eine inferiore Kopie desselben unmittelbaren Exemplars“. 75 Und auch P. Corssen, der eine Detailuntersuchung der gesamten Familie vorgelegt hatte, kam zum Schluss, 010 und 012 seien 142 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="143"?> 75 „We believe F 2 to be as certainly in its Greek text a transcript of G 3 ; if not, it is an inferior copy of the same immediate exemplar“, F.J.A. Hort and B.F. Westcott, The New Testament in the Original Greek. Introduction. Appendix (1896), 149-150. 76 Nos non iam dubitamus statuere F et G ex eodem codice continua scriptura exarato vel, ut cautius dicam, in quo certe longe plurima verba inter se conexa fuerint, descriptos esse, P. Corssen, Epistularum Paulinarum codices Graece et Latine scriptos Augiensem Boernerianum Claromontanum 1 (1887), 4. 77 Nolim tamen pertinacius contendere cum eo, qui putaret, potius praecedentem Codicem [= 010] istius esse ἀπόγραφον, tantum dicam, consuetudinem Latina juxta Graeca ad latus apponendi videri antiquiorem illo genere, quo Latina Graecis inter lineas adscribuntur, J.J. Wettstein, Hē Kainē Diathēke Tomus II. Continens Epistolas Pauli, Acta Apostolorum, Epistolas Canonicas Et Apocalypsin (1752), 9. Zur selben Ansicht, was das höhere Alter der Seitengegenüberstellung von Griechisch und Lateinisch betrifft gegenüber der Verwendung einer Interlinearübersetzung, vgl. W.H.P. Hatch, On the Relationship of Codex Augiensis and Codex Boernerianus of the Pauline Epistles (1951), 192; W.B. Smith, The Pauline Manuscripts F and G. A Text-Critical Study (1903), 452. 78 J.S. Semler, Vorbereitung zur theologischen Hermeneutik zu weiterer Beförderung des Fleisses angehender Gottesgelerten 3,2 = 4. Worin von dem griechischen Text und Handschriften der Briefe u.s.w. Beobachtungen vorkommen (1769), 1. 79 Lorenz nimmt denn auch unmittelbar Bezug auf Semler als Gegenfolie (wenn auch kritisch) für seinen Ansatz, vgl. P. Lorenz, The Latin Version and the Greek Tradition in the Gospel of Mark (2021), 133. vom selben Codex abgeschrieben. 76 Wir werden auf seine Position kurz unter Position 4 zurückkommen. 3) 012 ist eine Abschrift von 010 Wie zu Position 1 vermerkt, hatte bereits Wettstein diese Möglichkeit für wahr‐ scheinlich gehalten, konnte sich auch die umgekehrte Abhängigkeit vorstellen, gab aber zu bedenken, dass die Interlinearübersetzung das jüngere Modell sei. 77 4) 010 ist eine Abschrift von 012 Aufgrund eingehender Studien der Handschriften 06, 010, 012 hatte Semler be‐ reits darauf hingewiesen, dass „die Gelehrten bisher so verschiedener Meinung gewesen über die sogenanten codices graecolatinos, und sie diese fast ganz und gar für unbrauchbar in der Critik erkläret haben; weil sie, wie sie meinen, nach dem latteinischen Texte vorsetzlich so verändert worden, also unächt und von keinem Ansehen seien“, 78 was nicht zufällig an den weiter unten zu bespre‐ chenden Ansatz von Lorenz aus jüngster Zeit erinnert. 79 Semler hatte angemerkt - obwohl er eine Fülle von Beobachtungen zu diesen Kodizes anstellte -, es sei „wirklich der Mühe werth, welche auf die nähere Untersuchung gewendet wird; man wird immer bessere Entdeckungen nach und nach machen; denn, wenn ich gleich die gemeine hypothesin bestreite [010 und 012 seien voneinander §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 143 <?page no="144"?> 80 J.S. Semler, Vorbereitung zur theologischen Hermeneutik zu weiterer Beförderung des Fleisses angehender Gottesgelerten 3,2 = 4. Worin von dem griechischen Text und Handschriften der Briefe u.s.w. Beobachtungen vorkommen (1769), 46. Auch Griesbach hatte auf die Verwandtschaft von 010 und 012 aufmerksam gemacht (proxima affinitate cognatus codici F), ohne jedoch deren Verhältnis näher zu bestimmen, J.J. Griesbach, Novum Testamentum Graece II (1806), xxii. 81 J.S. Semler, Vorbereitung zur theologischen Hermeneutik zu weiterer Beförderung des Fleisses angehender Gottesgelerten 3,2 = 4. Worin von dem griechischen Text und Handschriften der Briefe u.s.w. Beobachtungen vorkommen (1769), 80. 82 Ibid. 80-84. 83 Ibid. 83-84. 84 F.H. Scrivener, An exact transcript of the Codex Augiensis, a Graeco-Latin manuscript of S. Paul’s epistles deposited in the library of Trinity college, Cambridge, to which is added a full collation of 50 manuscripts containing various portions of the Greek New Testament in the libraries of Cambridge (1859). 85 F.H. Scrivener, A Plain Introduction to the Criticism of the New Testament 1 (1894), 180-181; F.H. Scrivener, An exact transcript of the Codex Augiensis, a Graeco-Latin manuscript of S. Paul’s epistles deposited in the library of Trinity college, Cambridge, to which is added a full collation of 50 manuscripts containing various portions of the Greek New Testament in the libraries of Cambridge (1859), xxvi. 86 F.H. Scrivener, A Plain Introduction to the Criticism of the New Testament 1 (1894), 180-181. 87 „Highly significant“, W.H.P. Hatch, On the Relationship of Codex Augiensis and Codex Boernerianus of the Pauline Epistles (1951), 189. unabhängig] und widerlege, so gestehe ich doch, daß noch manches räthselhaft bleibet. Es gehört mehr Zeit zur Entdeckung der Sache“. 80 Semler legte schließlich in einer detaillierten Untersuchung dar, 012 könne „keine blosse Abschrift von F [10] sein, wenn gleich wahr ist, daß eine sehr grosse Gleichförmigkeit zwischen beiden ist. G [012] hat Verschiedenheiten entweder allein eigen, oder mit D [06], oder auch einigen andern gemein“. 81 Er geht eine lange Liste von Lesarten durch, in denen 012 gegen 010 steht 82 und schließt, Wettsteins Position sei zwar „hinlänglich widerlegt“, doch wie er schon zuvor betont habe, müssten beide Handschriften noch „viel genauer angesehen und beurtheilt werden“. 83 Einen detaillierten Vergleich stellte denn auch bald darauf F.H. Scrivener an. 84 Er hielt neben vielen Gemeinsamkeiten fest, dass beide Handschriften sich an 1.984 - in einer späteren Publikation nennt er 1.982 85 - Stellen unterschieden, wobei die meisten dieser Varianten wenig bedeutend seien, also Versehen, Ita‐ zismen, Vokal- und Konsonantvarianten, orthographisch ähnliche Formen und dgl. sind. 86 Hatch hat all diese Stellen überprüft und kam zum selben Ergebnis, wies aber darauf hin, dass es dennoch Fälle gebe, die „höchst signifikant“ seien. 87 Scrivener urteilte schließlich, „dass Cod. G nicht von Cod. F genommen sein kann, was sowohl mit Dingen, die mit ihren beiden lateinischen Versionen zu tun 144 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="145"?> 88 „That Cod. G cannot have been taken from Cod. F appears both from matters connected with their respective Latin versions, and because F contains no trace of the vacant lines left in G at the end of Rom. xiv to receive ch. xvi. 25-27“, F.H. Scrivener, A Plain Introduction to the Criticism of the New Testament 1 (1894), 181. 89 P. Corssen, Epistularum Paulinarum codices Graece et Latine scriptos Augiensem Boernerianum Claromontanum 2 (1889); P. Corssen, Epistularum Paulinarum codices Graece et Latine scriptos Augiensem Boernerianum Claromontanum 1 (1887). 90 Vgl. die ausführliche Rezension F. Zimmer, Rezension zu Corssen, Petrus, Epistularum Paulinarum codices … (1890); F. Zimmer, Der Codex Augiensis (F Paul ), eine Abschrift des Boernerianus (G Paul ) (1887). 91 F. Zimmer, Rezension zu Corssen, Petrus, Epistularum Paulinarum codices-… (1890). 92 So der Vorschlag von E. Diehl, Zur Textgeschichte des lateinischen Paulus (1921), 99. 93 W.H.P. Hatch, On the Relationship of Codex Augiensis and Codex Boernerianus of the Pauline Epistles (1951), 194. haben, zusammenhängt wie auch damit, dass F keine Spur der leergelassenen Zeilen in G am Ende von Röm 14 enthält, um die Verse 16,25-27 aufzunehmen“. 88 Gegen den in Position 2 genannte Corssen, der einen Vergleich der drei Handschriften 06, 010 und 012 unternommen hatte und zum Schluss gekommen war, dass 010 und 012 aus einer gemeinsamen, verlorenen Vorlage geflossen sind, die ihrerseits mit 06 auf eine wiederum nicht mehr vorhandene Vorlage zurückgehen und dass diese erste Vorlage ebenfalls eine Bilingue gewesen ist, die nicht älter als das 5. Jh. sei und wohl in Italien geschrieben wurde, 89 meldete sich F. Zimmer zu Wort 90 und argumentierte dafür, dass 010 nicht mit 012 aus einer gemeinsamen Quelle, sondern direkt aus 012 geflossen sei. 91 In seinem Versuch, 010 als minderwertige Abschrift von 012 zu erweisen, kann er zwar aufzeigen, dass 010 offenkundig 012 zur Hand hatte und unmittelbar von 012 beeinflusst ist, doch können manche Phänomene wie Lücken auf eine andere Vorlage zurückgehen und es bleiben die unikalen Lesarten von 010, die Semler aufführt und die bei Zimmer nicht diskutiert werden. Demnach kann man von Koordination 92 oder Kontamination, nicht aber von reiner Apographie ausgehen, bei der keine weitere Handschrift zurate gezogen worden wäre, vgl. hierzu die Position 5. Hatch fügt noch den Gedanken hinzu, dass aufgrund der Tatsache, dass 010 eine geringere Textqualität aufweise als 012, die Annahme einfacher sei, dass 010 aus 012 abgeschrieben wurde als umgekehrt, weil man wohl kaum mit einer Verbesserung, sondern allenfalls mit einer Verschlechterung des Textes im Laufe der Überlieferung rechnen müsse. 93 5) Beide gehen auf einen gemeinsamen Ahnen zurück Zimmers Hypothese wurde eingehend geprüft und mit guten Gründen von W.B. Smith verworfen. 94 In seiner Antwort auf Zimmer entwickelte er den Vorschlag, §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 145 <?page no="146"?> 94 W.B. Smith, The Pauline Manuscripts F and G. A Text-Critical Study (1903). 95 H.v. Soden, Die Schriften des Neuen Testaments in ihrer ältesten erreichbaren Textge‐ stalt. Hergestellt auf Grund ihrer Textgeschichte. I. Teil: Untersuchungen, III. Abteilung: Die Textformen. B. Der Apostolos mit Apokalypse (1911), 1 § 489; W.H.P. Hatch, On the Relationship of Codex Augiensis and Codex Boernerianus of the Pauline Epistles (1951), 196. beide Handschriften 010 und 012 seien aus einem ihnen gemeinsamen Ahnen geflossen, und er betrachtete die beiden Handschriften als Cousins. Von Soden geht nochmals auf die Einwände von Smith ein und stimmt ihnen zu, wie sie später auch von Hatch akzeptiert wurden. 95 Kombiniert man die Erkenntnisse von Smith, von Soden und Hatch, kommt man auf folgendes vorläufiges Stemma: Von Soden gibt eine detaillierte Zusammenfassung der Charakteristiken für die erschlossenen Vorstufen von 010 und 012, die zeigen, dass diese nicht erst solche der vorliegenden Handschriften, sondern auch der Vorstufen waren, denen die erhaltenen Handschriften eng folgen (Layout, Textlänge auf einer Seite, Initialen, Textabschnitte), und urteilt, dass „der gemeinsame Stammkodex von 1028 [012] und 1029 [010] I al2 [= X des obigen Stemmas] … mindestens zum Teil noch continuo geschrieben [war], wie es 1026 [06] ist“, sich „der lateinische Text … in 1029 [010] über 1028 [012] hinaus der Vulgata angenähert [hat], oft völlig Vulgata geworden [ist]. Aber auch der griechische Text nicht selten 146 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="147"?> 96 Damit war schon von Soden der Meinung, der lateinische Text habe Einwirkung auf den griechischen gehabt, so jetzt auch P. Lorenz, An Examination of Six Objections to the Theory of Latin Influence on the Greek Text of Codex Bezae (2020), 175. Das Gegenargument in J.D. Michaelis, Introduction to the New Testament (1823), II 229. J.D. Michaelis, Einleitung in die göttlichen Schriften des Neuen Bundes (1788). Gleichwohl gesteht auch Michaelis ein, dass der griechische Text verschiedentlich nach dem lateinischen geändert wurde, so etwa ibid. 526, 596. Vgl. hingegen Ut enim innumeris locis manifestum sit, Latina Cantabrigiensis conformata esse ad Graeci textus typum ac normam, so D. Schultz, Disputatio de codice D Cantabrigiensi (1827), 11. 97 H.v. Soden, Die Schriften des Neuen Testaments in ihrer ältesten erreichbaren Textge‐ stalt. Hergestellt auf Grund ihrer Textgeschichte. I. Teil: Untersuchungen, III. Abteilung: Die Textformen. B. Der Apostolos mit Apokalypse (1911), 1937-1938. 98 Ibid. 1938. 99 Ibid. 1938-1939. dem neuen lateinischen [entspricht], 96 … [allerdings] „gelegentlich … auch das Lateinische dem Griechischen angepasst“ ist. 97 Zu dem Schreiber von 012 fügt von Soden hinzu: „Für den Schreiber von 1028 [012] lässt sich wohl dasselbe nachweisen. Da er offenkundige griechische Sinnlosigkeiten nicht richtig stellt, kann auch er kaum griechisch verstanden haben. Die Anordnung des lateinischen Textes über dem griechischen setzt aber Kenntnis des Griechischen voraus. Ja der Schöpfer dieses Arrangements war ein überlegter Schreiber und Kenner verschiedener lateinischer Textformen. Nicht selten schreibt er mit einem t (= aut) verbunden zwei lateinische Ausdrücke über das griechische Wort, von denen fast immer der eine in 1026 = d, der andere in vulg sich findet und meist in 1029 = f den von d ersetzt. Diese Verdoppelung des lateinischen Wortes und überhaupt die verschiedene Länge der Ausdrücke in beiden Sprachen gleicht er stets dadurch aus, dass je nach Bedürfnis bald zwischen den lateinischen bald zwischen den griechischen Worten weitere Zwischenräume gelassen werden.“ 98 Und bezüglich des Schreibers von 010 urteilt von Soden: „Freilich auch der Schöpfer der Vorlage von 1029 [010] war ein schwacher Grieche. Er hat bei der Andeutung der Grenzen der Worte häufig Fehler gemacht, meist, wenn die zu Unrecht abgetrennte Silbe ein griechisches Wort darstellte, wie z. B. του. το l τουτο. Manchmal mag er auch nur in der Hast das Trennungszeichen um einen oder zwei Buchstaben falsch gesetzt haben. Und als er den Sachumfang der lateinischen Linie genau dem der griechischen anpasste, hat er offenbar an den zahlreichen Fehlern im Griechischen sich nicht gestossen.“ 99 Und durch Vergleich von 010 und 012 urteilt von Soden über die Vorlage I al2 [= X des obigen Stemmas]: §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 147 <?page no="148"?> 100 Ibid. 1939-1040, im Anschluss an das Zitierte führt von Soden noch kurz aus, warum 06 nicht die Vorlage von X sein kann. 101 Man darf sich nicht verwirren lassen, wenn von Soden den Archetypen zuerst I l nennt, in der Folge dann aber denselben als I al oder auch I al1 bezeichnet. 102 Hier schreibt von Soden irrtümlicherweise 1028. 103 H.v. Soden, Die Schriften des Neuen Testaments in ihrer ältesten erreichbaren Textge‐ stalt. Hergestellt auf Grund ihrer Textgeschichte. I. Teil: Untersuchungen, III. Abteilung: Die Textformen. B. Der Apostolos mit Apokalypse (1911), 1041-1943. 104 „Against the consensus view that Bezae’s text represents an ancient Greek tradition that was the source of the Old Latin version“, P. Lorenz, A History of Codex Bezae’s Text in the Gospel of Mark (2022), 899. „1. Mit wenigen Ausnahmen wird der lateinische und griechische Text von I al2 [= X des obigen Stemmas] wieder herzustellen sein-… 2. Der Schreiber von I al2 [= X des obigen Stemmas] verstand kaum griechisch. Denn eine Reihe starker Schnitzer, die 1028 [012] und 1029 [010] gemeinsam sind, auch manche ihnen gemeinsame falsche Wortabtrennung …, Gemeinsamkeiten, die früher zu der Meinung verführten, einer der beiden sei Kopie des andern, muss auf ihren gemeinsamen Stammvater zurückgeführt werden. Die zahlreichen Itazismen lassen schliessen, dass I al2 [= X des obigen Stemmas] eine dictando geschriebene Reinschrift der zurechtredigirten Vorlage ist. 3. Der Schreiber von I al2 [= X des obigen Stemmas] hat zahlreiche Sprünge verbro‐ chen.-…“ 100 Was schließlich die Merkmale von W betrifft, fügt er hinzu: „1. Was zunächst die Form und Ausstattung betrifft, so war I al [= W des obigen Stemmas] 101 sicher, wie 1026 [06], continuo geschrieben, wie die verschiedenartigen fehlerhaften Worttrennungen in seinen Nachkommen beweisen. Die Übereinstim‐ mung von 1026 [06] mit 1029 102 [010] stellt auch ziemlich sicher, dass der griechische und lateinische Text in getrennten Kolumnen einander gegenüberstand; der griechi‐ sche hatte dabei den Ehrenplatz auf der linken Seite. Höchst wahrscheinlich ist es, dass der Text stichometrisch d.-h. in Sinnstichen abgesetzt war, wie in 1026 [06].-… 2. I al [= W des obigen Stemmas] muss Korrekturen aufgewiesen haben … [Er as‐ similiert] auch den lateinischen dem griechischen Text [im Unterschied von den Nachkommen]-…“ 103 In jüngeren Beiträgen, die zwar nicht das Corpus Paulinum, sondern die Evange‐ lientradition betreffen, insbesondere das Parallelstück zu 06, nämlich 05, Codex Bezae, wird, was die auch hier zu betrachtenden Bilinguen anlangt, aufzuzeigen versucht, dass „gegen die allgemeine Ansicht, dass Bezaes Text eine alte grie‐ chische Tradition repräsentiert, die die Quelle der altlateinischen Version ist“, 104 dessen griechischer Text „durch diorthosis eines griechischen Basistexts von 148 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="149"?> 105 „From the diorthosis of a Greek base text to selected renderings in the Old Latin version“, ibid. Vgl. auch P. Lorenz, An Examination of Six Objections to the Theory of Latin Influence on the Greek Text of Codex Bezae (2020). 106 P. Lorenz, The Latin Version and the Greek Tradition in the Gospel of Mark (2021), 133. 107 „W. Bousset took for granted the gospel citations of Justin Martyr, appealing to this text as a source of readings in Justin while ignoring Justin’s characteristic method of adapting gospel texts for rhetorical ends, a method that has produced certain readings that superficially resemble readings in the Old Latin gospels and 05“, ibid. 134 108 „For a study that makes similar assumptions with respect to Irenaeus’s text“, verweist Lorenz auf C.M. Tuckett, How Early is the ‚Western‘ Text of Acts? (2003). Zur Begründung heißt es bei Lorenz: „though Irenaeus’s citations were widely transmitted and resurface in continuous manuscripts of Acts, including 05“. 109 „Meanwhile, A. Harnack offered a rather optimistic reconstruction of Marcion’s gospel from hostile sources including Tertullian, in whose copious yet freely rendered citations he discovered ‚ein reiner W Text‘, while ignoring the fact that Tertullian does not even cite canonical texts reliably“, P. Lorenz, The Latin Version and the Greek Tradition in the Gospel of Mark (2021), 134. 110 „Recent work on Marcion perpetuates this theory of a ‚Western‘ text“, bezieht sich auf M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien (2015); P. Lorenz, The Latin Version and the Greek Tradition in the Gospel of Mark (2021), 134. ausgewählten Lesarten in der altlateinischen Version“ herrührt. 105 Mit dieser Ge‐ genthese zur seit der Aufklärung sich etablierenden opinio communis will Lorenz die ältere Forschung neu begründet ins Recht setzen, die „Erasmus, A. Arnauld, J. A. Bengel, F. Lucas Brugensis, W. H. Estius, H. Grotius, J. Mill, R. Simon, und J. J. Wettstein“ entwickelt hatten. 106 Dabei wird geurteilt, dass bei W. Boussets Suche nach einem hinter Justins Evangelienzitaten liegenden griechischen Text Justins „charakteristische Methode der Adaption von Evangelientexten zu rhetorischen Zwecken missachtet wird, die jedoch gewisse Lesarten produziert hat, welche oberflächlich Lesarten in den altlateinischen Evangelien und 05 ähneln“. 107 Ähnliche Annahmen lege auch C.M. Tuckett seiner Studie zu Irenäus zugrunde, auch wenn „die Zitate des Irenäus breit überliefert sind und ständig in Hand‐ schriften der Apostelgeschichte, inklusive 05, wieder auftauchen“. 108 Harnack habe „eine ziemlich optimistische Rekonstruktion des Markionevangeliums aus gegnerischen Quellen, inklusive Tertullian, geboten, in dessen reichlichen, jedoch frei wiedergegebenen Zitaten er entdeckte, dass ‚ein reiner W Text‘ vorläge, ohne die Tatsache zu berücksichtigen, dass Tertullian nicht einmal kanonische Texte verlässlich zitiert“. 109 Schließlich würden auch die jüngeren Arbeiten zu Markion „diese alte Theorie eines ‚westlichen‘ Texts aufrechter‐ halten“, wobei als Beispiel Klinghardts Rekonstruktion des Markionevangeliums angeführt wird. 110 Diese nachaufklärerische Forschung sei „der ‚Parallelomanie‘ des ‚Westlichen‘ Textes aufgesessen“, dessen „klassisches Scheitern die jetzt §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 149 <?page no="150"?> 111 „The classic failure of this ‚parallelomania‘ of the ‚Western‘ text is the now debunked theory of a Western Diatessaron“, mit Hinweis auf Petersen in der Fußnote, von dem es heißt: „for a final fruition of this theory“, die Schmid „neatly dismantles“, P. Lorenz, The Latin Version and the Greek Tradition in the Gospel of Mark (2021), 134. Die Aussage bezieht sich auf U. Schmid, The Diatessaron of Tatian (2013). D. Taylor schrieb kürzlich, nicht sehr optimistisch, dass „das gesamte Feld der Diatessaronforschung gegenwärtig in Aufruhr sei“ („the entire field of Diatessaron studies is currently in a state of turmoil“), D.G.K. Taylor, New Developments in the Textual Study of the Old Syriac Gospels (2020), 6. In seinem Beitrag, in welchem Schmid erwähnt, dass er zu Petersens Forschergruppe gehörte, wenn er auch eine neue Methodologie entwickelte, die über Petersen hinausführte, legt er dar, dass es Ausgangspunkt, um verdeckte doppelte Standards, Regeln und Umstände in der Forschung zu vermeiden, sein müsse, „offen[zu]legen und [zu] diskutieren“ („exposed and discussed“), welche Voraussetzungen man macht (ibid. 118). Auffallenderweise ist gerade der Aufweis von „weithin übereinstimmenden Einträgen“ („broadly congruent entries“) genau wie deren Vergleich („compare this revision with the one represented by …“) ein wichtiger Baustein dieser Methode. Textforschung kann nicht ohne Parallelisierung arbeiten, auch nicht ohne stemmatische Beziehungen (ibid. 129), und auch Lorenz selbst macht von beidem reichlich Gebrauch, vgl. etwa P. Lorenz, The Latin Version and the Greek Tradition in the Gospel of Mark (2021). Zum „Old African Text“ etwa schreibt er: „As the earliest surviving continuous text of the Latin version, the Old African text, represented by VL1, seems to have been in existence by the 230’s CE on the basis of parallels with Cyprian, suggesting that this text was already in existence in 250 CE“ (ibid. 135) - was nun unterscheidet diese Form der Argumentation von derjenigen, die Lorenz kritisiert? Auch der gerade zitierte Taylor spricht weiter von einer „westlichen“ Textanordnung der Evangelien (ibid. 10). Im selben Aufsatz zeigt er, dass man Lesarten nicht vorschnell als Einwirkungen des Lateinischen erklären darf, wie sich nun bei seiner Lektüre eines Palimpsestes zu Mk 1,41 herausgestellt hatte (ibid. 40-41), pace P.E. Lorenz, Counting Witnesses for the Angry Jesus in Mark 1: 41. Interdependence and Insularity in the Latin Tradition (1916), 202-208. Schmid hat schließlich, vor allem auf Tertullian (und Epiphanius) aufbauend, eine griechische Rekonstruktion von Markions Apostolos vorgelegt, die eine der wichtigen Arbeiten in der Geschichte der Rekonstruktion bietet, wie wir oben gezeigt haben. 112 Ähnlich im Stil ist I.N. Mills, The Old Syriac Gospels as a Witness to Tatian’s Diatessaron? The Text-Critical Use of a Rival Tradition (2020). 113 Dieselbe Beobachtung auch in E. Diehl, Zur Textgeschichte des lateinischen Paulus (1921), 108. als solche entlarvte Theorie eines westlichen Diatessarons“ darstelle, als deren „letztes Beispiel“ W.L. Petersen mit „Tatian’s Diatessaron“ genannt wird, der durch U. Schmid „fein demontiert“ worden sei. 111 Wenn man über die polemische Rhetorik hinweg sieht, 112 erneuert Lorenz die, wie gezeigt, bereits durch von Soden immer wieder herausgestellte, 113 wichtige Beobachtung, dass bei jeder Handschrift nicht nur der Einfluss einer Vorlage zählt, sondern auch mit vielen weiteren Einflüssen gerechnet werden muss, insbesondere von weiteren (auch verlorenen) Handschriften. Ein Beispiel bietet 150 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="151"?> 114 Mit Begründung H.A.G. Houghton, The Latin Text of John in the Saint Gall Bilingual Gospels (Codex Sangallensis 48) (2020), 157-160. 115 „I demonstrated how the addition of et occurrit ut tangeret eum to John 20: 16-17, which is considered to be the reading of the Diatessaron, in all likelihood entered the Western harmony tradition in ninth-century Fulda via an Irish gospel book from the eighth century“, U. Schmid, The Diatessaron of Tatian (2013), 134-135. 116 „Thus, how can one confidently claim that such parallels, when harvested from even later Western vernacular harmonies, got there historically via a genuine link to the Diatessaron and not via influence from local gospel texts surrounding the harmony tradition? “, ibid. 135. die Bilingue Codex Sangallensis 48, in der der lateinische Text nicht aus einer Bilinguenvorlage kopiert wurde, sondern aus vielerlei Quellen stammt. 114 In unserem Fall dürften weitere, uns weithin unbekannten Rezensionen paulini‐ scher Briefe (und zwar nicht nur aus Textzeugen der Briefe selbst, sondern auch aus Lektionaren, Homiliaren und weiteren liturgischen Quellen, die sowohl kanonischen, vorkanonischen wie außerkanonischen Ursprungs sein können) Einfluss genommen haben, dann vor allem Paratexte und, worauf gerade Schmid und andere Wert gelegt haben, Glossen. In Glossen tradieren sich oft gerade vom Standardtext abweichende Lesarten, die auf die Vätertradition zurückgehen und in denen weitere Quellen zu suchen sind. Hier von vornherein auszuschließen, dass es sich bei dem Eindringen einer solchen Fremdquelle um eine Lesart der *10-Briefe-Sammlung handeln könnte, ist ebenso problematisch wie die Annahme, eine abweichende Lesart spreche bereits für eine solche. Als Beispiel einer solchen Argumentation sei auf den von Lorenz zitierten Schmid-Bei‐ trag verwiesen. Hier führt Schmid aus, dass er „zeigen konnte, dass die Hinzufügung zu Joh 10,16-17 et occurrit ut tangeret eum, die als Lesart des Diatessarons angesehen wird, mit aller Wahrscheinlichkeit die westliche Harmonietradition im Fulda des neunten Jahrhunderts durch ein irisches Evangeliar aus dem achten Jahrhundert erreichte“. 115 Hieran schließt Schmid die rhetorische Frage an: „Also, wie kann man zuversichtlich behaupten, dass solche Parallelen, wenn sie sogar von späteren volkssprachlichen westlichen Harmonien übernommen werden, historisch durch eine genuine Verbindung zum Diatessaron dorthin gelangt sind und nicht beeinflusst durch lokale Evangelientexte, die die Harmonietradition umgaben? “ 116 Die Frage ist natürlich richtig und berechtigt. Allerdings darf man meines Erachtens nicht nur nicht „zuversichtlich“ den Rückschluss auf die Herkunft aus dem Diate‐ ssaron vortragen, sondern muss im selben Maße auch dessen Bestreitung in Frage stellen. Voraussetzung für die Bestreitung dieser Herkunft ist ja doch, dass man nachweisen müsste, dass das irische Evangeliar nicht in der Diatessarontradition hat stehen können und eine solche Lesart als ausschließlich lokal, sprachlich, konjektural, §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 151 <?page no="152"?> 117 Hier hat der von Schmid zitierte Petersen bereits das Richtige gesehen: „If modern typographical and scholarly errors could, completely at random, generate readings which researchers pronounced to be ‚Tatianisms‘, then, mutatis mutandis, could not similar errors in the past, in the long transmission history of the codices, have also, at random and without any relationship to the Diatessaron, have generated similar errors … Any dispassionate observer had to answer, ’Yes, similar random errors must have occurred in the past, and, yes, they unquestionably had generated ‚Diatessaronic‘ readings which had nothing to do with the Diatessaron“, W.L. Petersen, Tatian’s Diatessaron. Its Creation, Dissemination, Significance, and History in Scholarship (1994), 303-304. Zitiert in U. Schmid, The Diatessaron of Tatian (2013), 135. Doch diesen Ausschnitt zu zitieren, bietet allenfalls einen Teil des Ganzen, denn das Angeführte sollte zwar nicht bezweifelt werden; hinzugefügt werden muss jedoch, was oben im Haupttext ausgeführt ist, die sorgsame Pflicht, auch dann, wenn sich herausstellt, dass es sich nicht um Fehler, Zufälle und dergleichen handelt, sondern um sinnvolle Lesarten aus irgendeiner im Zusammenhang stehenden Quelle. In diesem Fall muss eine Tiefenprüfung erfolgen, auch wenn solche Forschung zu einer „never-ending story“ führt (ibid. 136). Hierfür gibt Lorenz die richtige Richtung an, was den lateinischen Text der Bilinguen bzw. in seinem Fall den Old African text betrifft: „We need to isolate readings likely to have been introduced by the translators, learn their characteristics, and use these characteristics to assess the likelihood that particular Old African readings reflect the work of the translators versus features transmitted from a Vorlage“ (ibid.). 118 Vgl. U. Schmid, „Unum ex quattuor“. Eine Geschichte der lateinischen Tatianüberliefe‐ rung (2005); U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012). tendenziös oder als simpler Schreibfehler erklärt werden muss. 117 Die Tatsache, dass ein irisches Evangeliar aus dem achten Jahrhundert eine nichtkanonische Lesart aufweist, die dann „mit aller Wahrscheinlichkeit“ in den Text von Fulda aufgenommen wurde, spricht zunächst für die Bedeutung, die diese Lesart für den Schreiber des Textes aus Fulda hatte. Dieser auf den Grund zu gehen und die genannten möglichen Gründe für die Präsenz dieser Lesart im irischen Evangeliar zu bestimmen, wäre der Ansatz, der mich überzeugen könnte. Alleine der Nachweis, dass Lesarten aus lokalen Vorgängertexten bzw. in älteren Paratexten auffindbar sind und das Eindringen sol‐ cher, auch wenn sie ins Griechische übertragen werden, als Diorthosen zu bezeichnen, führt noch nicht zu einer schlüssigen und überzeugenden Erklärung. Mit einer vielfältigen Koordination und Kontamination und einer Vielfalt von möglichen Quellen rechnen zu müssen, von denen die meisten uns für immer verschlossen sein werden, macht die Aufgabe der Erklärung einer Textgenese nicht leicht, doch hier ist wiederum Schmid ein leuchtendes Beispiel, das er durch seine Diatessaronstudien und in seiner Rekonstruktion von Markions *Apostolos gab, dass nämlich eine solche Aufgabe auch nicht völlig unmöglich ist. 118 Die methodologische Diskussion schreitet gewiss voran und die Entwick‐ lung sollte keines Hiats zwischen voraufklärerischer, aufklärerischer oder nach‐ 152 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="153"?> 119 Hatch gibt lediglich eine zufällige Auswahl aus der Gesamtheit. Doch auch Hatch ist natürlich aufgefallen, dass 010 und 012 vielfach Gemeinsamkeiten haben mit 06 und 0319, W.H.P. Hatch, On the Relationship of Codex Augiensis and Codex Boernerianus of the Pauline Epistles (1951), 188. aufklärerischer Ideologie bedürfen, sondern hat im Überdenken der logischen Grundlagen, ihrer Schlussfolgerungen und nachzuverfolgenden Ergebnisse zu geschehen. 4. Gemeinsamkeiten und Unterschiede von 06, 010, 012 und der *10-Briefe-Sammlung Hier und nachher werden nicht alle Gemeinsamkeiten und Unterschiede ge‐ listet, sondern es wird lediglich auf für die *10-Briefe-Sammlung bezeugten Verse oder Versteile eingegangen. Diese aber sind vollständig verzeichnet. 119 1) Gemeinsamkeiten Gal 1,18 liest Tertullian „Petrus“, und so wird Πέτρον bezeugt von 06, 010, 012 (wie auch 01 2 , 044, M latt, sz h ), was harmoniert mit *Gal 2,9, folglich noch einen Reflex des vorkanonischen Textes im kanonischen darstellt. *Gal 2,9 findet sich die von Tertullian bezeugte Reihenfolge der Apostel Petrus, Jakobus und Johannes, auch bezeugt in 06, 010, 012 (wie auch 629, ar, b, vg mss , Tert, Ambst, Pel), während die kanonische Anordnung mit der Form „Kephas“ als zweites Glied zu finden ist in 01, 03, 04, 016 vid , 018, 020, 025, 044, 0278, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464, M, vg, sy, co. Auffallend sind P 46 und r, wo wir zwar die kanonische Reihenfolge, jedoch die Namensform „Petrus“ lesen, alleine „Jakobus“ liest man in 02. *Gal 2,11 steht anstelle von Κηφᾶς nach Tertullian im vorkanonischen Text Petrus (Πέτρος) und so auch in 06, 010, 012 (wie auch 018, 020, 630, 1505, 2464, M, it, vg mss , sy h , Ambst). Wieder heißt es *Gal 2,14 anstelle von τῷ Κηφᾷ nach Tertullian im vorkanonischen Text Petrum (τῷ Πετρῷ), und so auch in 06, 010, 012 (wie auch 018, 19, 025, 104, 630, 1505, 2464, M, it, vg mss , sy h , Ambst). *Gal 2,14 dasselbe Petrus-Phänomen wie zuvor, bezeugt durch 06, 010, 012 (wie auch M, it, vg mss , sy h , Ambst, Pel). *Gal 4,23 liest man anstelle von δι‘ ἐπαγγελίας nach Epiphanius im vorkano‐ nischen Text διὰ τῆς ἐπαγγελίας, und so auch 06, 010, 012 (wie auch 03, 018, 020, 025, 062, 0278, 365, 630, 1175, 1505, 1739, 1881, M, Or). *Gal 4,26 liest man anstelle von μήτηρ πάντων ἡμῶν nach Tertullian im vorkanonischen Text nur μήτηρ ἡμῶν, und so auch in 06, 010, 012 (wie auch §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 153 <?page no="154"?> P 46 , 01*, 03, 04*, 044, 6, 33, 1241, 1739, 1881, 2464, 2495, lat, sy p.hmg , co, Ir arm , Or, Ambst). *Gal 5,24 fehlt nach Epiphanius im vorkanonischen Text Ἰησοῦ, und so auch in 06, 010, 012 (wie auch P 46 , 018, 020, 0122* .2 , 81, 104 c , 365, 630, 1505, 2464, M, latt, sy). *Gal 6,10 liest Tertullian das indikativische Präsens (habemus) ἔχoμεν, und so auch 06, 010, 012 (wie auch P 46 , 02, 032, 04, 018, 019, 025, 044, 81, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1739 s , 1881, 2464, M, Cl), während ἔχωμεν geboten wird von 01, 03*, 6, 33, 104, 326, 614. *Gal 6,12 fehlt nach Tertullian wieder Ἰησοῦ, und so auch 06, 010, 012 (wie auch 01, 02, 04, 018, 020, 025, 044, 0278, 33, 81, 104, 365, 630, 1241, 1505, 1739, 2464, M, latt, sy), es steht aber P 46 , 03, 1175. Gal 6,16 liest Tertullian das konjunktivische Perfekt Passiv (sint recorrecti), στοιχοῦσιν, und so auch 06, 010, 012 (wie auch 01, 04*, 1739, 1881, it, Ambst), hingegen lesen das Futur στοιχήσουσιν 01, 03, 04 2 , 018, 020, 025, 044, 0278, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 2464, M, und P 46 liest στοιχήσωσιν. *1Kor 3,17 legt sich durch Tertullian (Quodsi templum dei quis vitiaverit, vitiabitur) die Form αὐτὸν näher, die auch in 01, 06, 010, 012, sy p.hmg steht, während τοῦτον kanonisch geboten wird. *1Kor 5,2 legt Tertullian (auferri) ein ποιήσας nahe, das bezeugt wird in 06, 010, 012 (wie auch P 46.68 , 03, 020, 025, 044, 365, 630, 1241, 1505, 1739, 1881, M), während πράξας bezeugt wird durch P 11vid 01, 02, 04, 33, 81, 104, 326, 1175, 2464, Did. *1Kor 5,7 fehlt nach Epiphanius ὑπὲρ ἡμῶν im vorkanonischen Vers, so auch 06, 010, 012 (wie auch P 11vid.46vid , 01*, 02, 03, 04*, 33, 81, 1175*, 1739, latt bo, Cl, Or), während es steht in den Zeugen 01 2 , 04 3 , 020, 025, 044, 104, 365, 630, 1175 c , 1241, 1505, 1881, 2464, M, sy, sa, bo ms . *1Kor 7,10 legt Tertullian (non discedere) das Präsens nahe, μὴ χωρίζεσθαι, so auch 06, 010, 012 (wie auch 02, 1505, 1881), während der passivische Aorist μὴ χωρισθῆναι geboten wird von 01, 03, 04, 018, 020, 025, 044, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1739, 2464, M, Cl, Epiph. *1Kor 7,29 legt Tertullian in der Eröffnung (Quia) eine Konjunktion, ὅτι, nahe, so auch bezeugt in 06, 010, 012 (wie auch 044, 104). *1Kor 10,9: Wie Epiphanius verdeutlicht, habe Markion an die Stelle von κύριον den Namen Χριστόν gesetzt, dem entsprechen die Zeugen 06, 010, 012 (wie auch P 46 , 018, 020, 044, 630, 1241, 1505, 1739, 1881, M, latt, sy, co, Ir lat , Or 1739mg ), während κύριον steht in 01, 03, 04, 025, 33, 104, 326, 365, 1175, 2464, sy hmg , θεόν findet sich in 02, 81. 154 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="155"?> *1Kor 10,20 zitiert Epiphanius ohne τὰ ἔθνη, was auch fehlt in 06, 010, 012 (wie auch 03, Ambst, Spec), hingegen steht es in den Zeugen P 46vid , 01, 02, 04, 018, (020), 025, 044, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464, M, lat, sy, co. *1Kor 12,10 fehlen in Tertullian Äquivalente für zweimal stehendes δέ, so auch in den Zeugen 06, 010, 012 (wie auch P 46 , 03, 0201, 6, 630, 1739, (1881), latt, Cl), während sie beide stehen in 01, 02, 04, 018, 020, 025, 044, 33 vid , 81, 104, 365, 1175, 1241, 1505, 2464, M, sy. *1Kor 15,49 diskutiert Tertullian, wonach φορέσωμεν vorkanonisch zu lesen sei, so auch bezeugt für 06, 010, 012 (wie auch P 46 (+ δή), 01, 02, 04, 018, 020, 025, 044, 075, 0243, 33, 81, 104, 365, 945 txt , 1175, 1241, 1505, 1739, 2464, M, latt, bo, Ir lat , Cl, Or), während φορέσομεν bezeugt ist durch 03, 016, 6, 630, 945 v.l. , 1881, sa. *1Kor 15,50 legt sich nach Tertullian (enim) ein γάρ nahe, so auch bezeugt durch 06, 010, 012, b, Ir lat , Ambst, und von NA 28 als markionitische Lesart angegeben, anstelle eines δέ. *2Kor 5,10 legt sich nach Tertullian (mali) eher κακόν nahe, so auch bezeugt in 06, 010, 012 (wie auch in P 46 , 03, 018, 020, 025, 044, 104, 1175,1241, 1505, 2464, M, Cl), während sich φαῦλον findet in 01, 04, 048, 0243, 33, 81, 326, 365, 630, 1739, (1881)). *Röm 14,21 bezeugt Eznik σκανδαλίζεται, das auch steht in 06, 010, 012 (wie auch P 46vid , 01 2 , 03, 020, 025, 044, 0209, 33, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1881, M, lat, sy h , sa), während es fehlt in 01*, 02, 04, 048, 81, 945, 1506, 1739, r, sy p , bo. *Laod 1,13 liest Tertullian vos, also ὑμεῖς, so auch bezeugt in 06, 010, 012 (wie auch P 46 , 01* .2b , 03, 025, 33, 81, 104, 365, 1175, 1505, 1739; 1881, M, latt, sy, co, Ir lat ), während sich ἡμεῖς findet in den Zeugen 01 2a , 02, 018, 020, 044, 326, 629, 630, 1241, 2464. *Laod 2,20 ist der Text von Tertullian nicht gesichert. lapidem angularem hat die Handschrift R, wohingegen M nur angularem hat, was Kroymann, Harnack und von Soden bevorzugen. Das entsprechende λίθου findet sich jedoch auch in 06*, 010, 012 (wie auch 629, latt, Or pt ). *Laod 3,9 steht nach Tertullian πάντας, so auch bezeugt in 06, 010, 012 (wie auch P 46 , 01 2 , 03, 05, 018, 020, 025, 044, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241 s , 1505, 2464, M, latt, sy, co), während es fehlt in 01*, 02, 6, 1739, 1881, Ambst, Aug. *Laod 4,26 steht nach Adamantius (jedoch im Mund des Markioniten) ein τῷ, so auch bezeugt in 06, 010, 012 (wie auch 01 2 , 018, 020, 025, 044, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241 s , 1505, 1739 c , 1881, 2464, M, Cl), während es fehlt in den Zeugen P 49 , 01*, 02, 03, 1739. §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 155 <?page no="156"?> 120 Wie wichtig die Betrachtung nicht nur der Gemeinsamkeiten, sondern auch der Unterschiede ist, hat Schmid herausgestellt, U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 274. *Laod 5,19 fehlt nach Tertullian ein ἐν vor ψαλμοῖς, so auch in den Zeugen 06, 010, 012 (wie auch 01, 02, 018, 020, 044, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241 s , 1505, 1881, 2464, M, vg ms ), während es aber steht in den Zeugen P 46 , 03, 025, 0278, 6, 33, 1739, lat. *Kol 2,16 bietet Epiphanius beide Varianten, ein ἤ und ein καί, Tertullian ein et, jedoch scheint das ἤ im vorkanonischen Text gestanden zu sein, es findet sich auch in 06, 010, 012 (wie auch 01, 02, 04, 016, 018, 020, 025, 044, 075, 0278, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241 s , 1505, 2464, M, lat, sy h , Eus) und wird von NA 28 auch als Lesart Markions angegeben, während die andere Variante steht in P 46 , 03, 1739, 1881, b, vg ms . *Phil 1,23 fehlt nach Eznik ein εἰς, so auch bezeugt in 06, 010, 012 (wie auch P 46c ). 2) Unterschiede Es gibt auch einige Gegenbeispiele, in denen die Familie mit der kanonischen Tradition geht: 120 *Gal 2,5 fehlt nach Tertullian zu Anfang ein οἷς, dafür steht die Verneinung οὐδὲ, diese beiden auffälligen Varianten sind auch bezeugt durch sy p , Marius Victorinus, Iren lat , wohingegen οἷς οὐδὲ πρὸς ὥραν gelesen wird von 06 c , 010, 012 (wie auch P 46 , 01, 02, 03, 04, 018, 020, 025, 033, sy h , bo, arm, eth, OL pc); πρὸς ὥραν 06*, Tert, OL; οἷς πρὸς ὥραν Hieron, Sedulius Scottus. *Gal 4,10 bietet Tertullian die Reihenfolge verschieden, in Adv. Marc. V 6: Dies observatis et menses et tempora et annos, doch in Adv. Marc. I 20 führt er an: et observantes tempora et dies et menses et annos, während man in 06, 010, 012 findet: ἡμέρας παρατηρεῖσθε καὶ μῆνας καὶ ἐνιαυτοὺς καὶ καιρούς. *Gal 5,14 ist ein interessanter Fall. Hier lesen Tertullian (adimpleta est) und Epiphanius übereinstimmend die Perfektform πεπλήρωται, während eine Fülle von Textzeugen der kanonischen Tradition das Präsens πληροῦται bieten (06, 010, 012, 018, 020, 025, 044, 0122, 630, 1505, 1881, 2464, M, latt). NA 28 vermerkt folglich die Perfektform als Lesart Markions. *Gal 5,21 findet sich wohl ein alter Fehler, wonach Epiphanius einmal φόνοι anstelle von φθόνοι liest, auch wenn er zuvor φθόνοι selbst bezeugt hat. NA 28 vermerkt φθόνοι darum als markionitische Lesart. Doch φόνοι findet sich auch in 06, 010, 012 (wie auch 02, 04, 018, 020, 025, 044, 0122, 0278, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464, M, lat, sy h , bo, (Cyp)). 156 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="157"?> *1Kor 2,1 dürfte wieder ein alter Fehler sein. Während Tert., Adv. Marc. V 6,2 sacramenta, also μυστήρια liest, findet sich der Terminus μαρτύριον auch P 46vid , 01*, 02, 04*, ar, r, sz p , bo, Hipp, BasA, Ambst, findet sich μαρτύριον in den Zeugen 06, 010, 012 (und so auch 01 2 , 03, 020, 025, 044, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1506, 1739, 1881, 2464, M, b, vg, sy h , sa). *1Kor 10,11 legt Tertullian (haec autem) das ταῦτα δὲ nahe, so auch bezeugt in 02, 03, 33, 630, 1175, 1739, 1881, 2464, sa, während sich die kanonische Form πάντα δὲ ταῦτα findet in den Zeugen 06, 010, 012 (wie auch 01, 81, bo? , Ir arm.lat pt ), ταῦτα δὲ πάντα steht in 04, 018, 020, 025, 044, 104, 365, 1241, 1505, M, lat sy bo? *1Kor 14,34 fehlt nach Tertullian ein ὑμῶν, so auch in P 123 , 01, 02, 03, 044, 0243, 33, 81, 104, 365, 1175, 1241, 1739, 1881, 2464, lat, co, während es eingefügt wird von 06, 010, 012 (wie auch 018, 020, 630, 1505, M, ar, b, sy, Cyp, Ambst). *2Kor 4,6 fehlt nach Tertullian wieder Ἰησοῦ, so auch 02, 03, 33, hingegen steht Χριστοῦ Ἰησοῦ in 06, 010, 012 (wie auch 0243, 630, 1739*, 1881, lat, Ambst), und Ἰησοῦ Χριστοῦ in P 46 , 01, 04, 016, 018, 020, 025, 044, 0209, 81, 104, 265, 1175, 1241, 1505, 1739 c , 1881, lat, Ambst. Auch diese Varianz deutet auf eine Stellung der Handschriftenfamilie zwischen vorkanonischer und kanonischer Version hin. *2Kor 4,10 legt sich nach Tertullian (dei) θεοῦ nahe, doch dies steht in keinem Zeugen, hingegen bieten 06, 010, 012 Χριστοῦ, während NA 28 und viele kanonische Zeugen Ἰησοῦ schreiben. Wieder liegt ein Hinweis für die Zwischenstellung der Familie vor. Im selben Vers legt sich nach Tertullian Χριστοῦ nahe, während NA 28 mit vielen kanonischen Zeugen Ἰησοῦ bietet, hingegen bieten 06, 010, 012 Ἰησοῦ Χριστοῦ. Deutlich finden wir eine Kontamination von vorkanonischer und kanonischer Bezeugung. *Röm 14,10 liest Tertullian Christi, so auch bezeugt durch 01 2 , 04 2 , 020, 025, 044, 048, 0209, 33, 81, 104, 365, 1175, 1505, 1881, M, r, vg cl , sy, Polyc, Ambst und NA 28 verweist auch auf Markion, hingegen lesen θεοῦ die Zeugen 06, 010, 012 (wie auch 01*, 02, 03, 04*, 630, 1506, 1739, lat, co). *Laod 2,17 fehlt nach Tertullian εἰρήνην, so auch bezeugt in 018, 020, 044, 81, 104, 630, 1241 s , 1505, M, sy h , Tyc, und wird von NA 28 als markionitische Lesart angegeben, während es in folgenden Zeugen steht: 06, 010, 012 (wie auch in P 46 , 01, 02, 03, 025, 33, 365, 1175, 1739, 1881, 2464, l 249, latt, co, Cyp, Eus, Did). *Laod 6,11: Das von Tertullian nicht gelesene ὑμᾶς fehlt auch in P 46 und 018, statt dessen lesen wir ὑμᾶς στῆναι in 03, 010, 012, 025, 230, 1739, pm, στῆναι ὑμᾶς 04, 06. §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 157 <?page no="158"?> 121 M. Klinghardt hat bereits dargelegt, dass die Differenz zwischen „‚echten‘, semantisch relevanten, und kleineren, semantisch unwirksamen oder unerheblichen Varianten häufig unscharf ist und verschieden beurteilt werden kann“, so M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 1: Untersu‐ chung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 79-80. 3) Sonderfälle *1Kor 3,17 liest Tertullian das Futur (vitiabitur), was aber seine auf der kanoni‐ schen Form basierende, argumentative Zuspitzung zu sein scheint, wie seine Argumentation zeigt, darum ist wohl mit den Zeugen 06, 010, 012 (wie auch 020, 025, 0289, 6, 33, 81, 614, 1175, 1241, 2464, l 249, vg mss , Ir) wie zuvor φθείρει zu lesen, während das Futur φθερεῖ zu finden ist in den Zeugen P 46 , 01, 02, 03, 04, 044, 104, 365, 630, 1505, 1506, 1739, 1881, M, lat, co. *1Kor 12,10 legt Tertullians schlichtes virtutum ein δυνάμεων nahe, dies steht in keinem Zeugen, hingegen findet sich ἐνέργεια δυνάμεως in den Zeugen 06, 010, 012 (wie auch b), P 46 ἐνεργήματα δυνάμεως, während ἐνεργήματα δυνάμεων sich findet in 01, 02, 03, 04, 018, 020, 025, 044, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464, M, lat, sy h , Cl. Dies ist ein gutes Beispiel, wonach gerade die hier verhandelte Familie noch von der vorkanonischen Version kontaminiert, jedoch die weit verbreitete Form ἐνεργήματα noch nicht recht aufgenommen hat. *Kol 2,16 liegt eine widersprüchliche Bezeugung vor, Tertullian bietet ein et, während Epiphanius ἤ aufweist, die zweite Variante ist bezeugt durch 06, 010, 012 (wie auch 01, 02, 04, 016, 018, 020, 025, 044, 075, 0278, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241 s , 1505, 2464, M, lat, sy h , Eus, und wird von NA 28 auch als Lesart Markions nach Epiphanius angegeben, die erste Variante ist vertreten durch P 46 , 03, 1739, 1881, b, vg ms . Wie der Gesamtüberblick der nicht trivialen Varianten 121 zeigt, überwiegen mit 29 Fällen (69 %) gegenüber 13 (31 %) Gegenbeispielen deutlich diejenigen, in denen die hier verhandelte Familie von Handschriften als ganze auf der Seite der vorkanonischen Version steht. Umgekehrt bestätigen die 31 % Unterschiede, dass die für die vorkanonische Version bezeugten Lesarten zu einem geringeren Anteil nicht in dieser Familie, sondern in anderen Texttraditionen zu finden sind. Dass es nicht regelmäßig so ist, zeigen die doch auch zahlreichen Beispiele. Von Bedeutung sind gerade auch die zwei Fälle, in denen die Kontamination der Familie mit beiden Traditionen deutlich wird, was einmal im ersten Fall hilft, bei der nicht völlig klaren Bezeugung Tertullians eine Entscheidung zu treffen. Im zweiten Fall ist ein Beispiel für Kontamination gegeben, die zu einer Eigenlösung innerhalb der Handschriftenfamilie führte. 158 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="159"?> 122 Phlm scheidet aus der Betrachtung aus, weil wir hierfür keine Textbezeugung besitzen. Weiter ist auffallend, dass sich die Fälle nicht gleichermaßen über die pauli‐ nischen Briefe verteilen. Während *1Kor (11), *Gal (10), und *Laod (4) Fälle aufweisen, in denen die Familie mit dem vorkanonischen Text geht, bieten *2Kor, *Röm, *Kol und *Phil jeweils nur einen Fall, die Briefe *1/ *2Thess sind gar nicht vertreten. 122 Bei den Gegenbeispielen haben wir folgende Anzahl von Fällen: *Gal (4), *1Kor (3) und *2Kor (3), *Laod (2) und *Röm mit einem Fall. Was *Gal, *1Kor und *Laod betrifft, korrespondieren diese Zahlen mit den positiven Fällen, wiederum fehlen Beispiele aus *1/ *2Thess. Dieser Befund wird weiter unten noch einmal näher zu betrachten sein. Insgesamt stützt er jedenfalls die zuvor gemachten Beobachtungen, dass uns mit dieser Familie ein Scharnierstück zwischen der vorkanonischen und der kanonischen Textentwicklung gegeben ist. Ein interessantes Beispiel aus den obigen ist: *Laod 2,20 ist der Text von Tertullian nicht gesichert. lapidem angularem hat die Handschrift R, wohingegen M nur angularem hat, was Kroymann, Harnack und von Soden bevorzugen. Das entsprechende λίθου findet sich jedoch auch in 06*, 010, 012 (wie auch 629, latt, Or pt ). Hier ist nämlich eindrücklich, dass in 06 die ursprüngliche Lesart (06*) später geändert wurde, was anzeigt, dass 06 durch Kontamination mit einer kanonisch stärker überarbeiteten Version verglichen und entsprechend weiter dem kanoni‐ schen Text angepasst wurde. Dies stellt die Frage, ob nicht insgesamt der andere, zweite Arm der Familie näher an die vorkanonische Fassung heranzurücken ist als der Arm, der über 06 führt, worauf ja bereits die Präsenz des Hebräerbriefes in dem Arm von 06 hinwies, was neben weiteren Beobachtungen weiter unten, die Zweiarmigkeit der Tradition im Stammbaum begründet. Darum stellt sich die weiterführende Frage, ob es weitere Unterschiede gibt, wenn wir zu der vorangegangenen Übersicht eine vergleichende hinzustellen, bei der wir die beiden Familienarme im Vergleich zueinander betrachten, also einerseits die Handschriften 010, 012 und andererseits 06. 5. Gemeinsamkeiten und Unterschiede von 010, 012 verso 06 und der *10-Briefe-Sammlung Vorweg gilt es zu bemerken, dass im Folgenden keine Fälle wieder aufgegriffen werden, die im voranstehenden Überblick der Handschriften 06, 010, 012 bereits behandelt wurden. Hingegen wird es Fälle geben, auf die wir bei der Auswertung §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 159 <?page no="160"?> 123 Vgl. hierzu W.H.P. Hatch, On the Relationship of Codex Augiensis and Codex Boernerianus of the Pauline Epistles (1951). unten zu sprechen kommen, in denen neben 010, 012 auch 06*, 06 1 usw. begegnen. 1) Lesarten 010, 012 123 Gemeinsamkeiten *Gal 1,6 liest Tertullian ohne οὕτως, das sich in vielen kanonischen Zeugen findet, doch wie Tertullian bezeugen den Text auch 010, 012. *Gal 1,15 ὁ θεός fehlt in 010, 012 (wie auch P 46 , 03, 629, 1505, pc lat sy p , Iren lat pt, arm , Epiph), auch wenn der Vers bei Tertullian nicht im Detail bezeugt wird. Man könnte für diesen Vers verweisen auf Tert., Adv. Marc V 1,2: Denique audiens postea eum a domino allectum, dann würde man ὁ κύριος erwarten. Grammatikalisch steht jedoch im Satz zuvor ὁ θεός, es geht also nicht um eine inhaltliche Variante, sondern um eine stilistische. *Gal 3,14 liest Tertullian benedictionem, εὐλογίαν, so auch bezeugt durch 010, 012 (wie auch P 46 , 06* .c , b, vg mss , Ambst), als markionitische Lesart in NA 28 , hingegen findet sich die kanonische Variante ἐπαγγελίαν in P 99 , 01, 02, 03, 06 2 , 018, 020, 025, 044, 278, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464, M, lat, sy, co. *Gal 4,3 bietet Tertullian dum essemus parvuli, sub elementis mundi eramus positi, ad deserviendum eis. Mit deserviendum liegt, wie Harnack vorschlägt, eine Paraphrase des griechischen ἤμεθα δεδουλωμένοι vor, so auch bezeugt in 010, 012 (wie auch P 46 , 01, 06*, 0278, 33, 365, 1175), wohingegen die folgenden Zeugen ein ἦμεν lesen: 02, 03, 04, 06 1 , 018, 020, 025, 044, 81, 104, 630, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464, M, Cl. *Gal 4,6 Tertullian liest nostra, ἡμῶν bezeugen auch 010, 012 (so auch P 46 , 01, 02, 03, 04, 06*, 025, 0278, 104, 1175, 1241, 1739, 1881, lat, sa, bo pt , während ὑμῶν bezeugt ist durch 06 2 , 018, 020, 044, 33, 81, 365, 630, 1505, 2464, M, vg cl , sy, bo pt ). *Gal 4,31 liest Tertullian propter quod, vielleicht einem ἄρα οὖν entsprechend, das bezeugt ist durch 010, 012; ἄρα - schon von Harnack in Erwägung gezogen - ist belegt durch P 46vid , 062, 018, 020, 104, 630, 1505, M, sy h , hingegen wird ἡμεῖς δέ gelesen von 02, 04, 025, 81, 1241, 2464, r, bo; διό lesen 01, 03, 06*, 015, 0261, 0278, 33, 365, 1175, 1739, 1881, sa; om. 044. *Gal 5,1 bietet Tertullian: Qua libertate Christus nos manumisit, dem entspricht ein ᾗ ἐλευθερίᾳ Χριστὸς ἡμᾶς ἠλευθέρωσε. Nun sind zwar alle Elemente in den Handschriften bezeugt, jedoch nicht in exakt dieser Weise und Anordnung: τη ελευθερια η χριστος ημας ηλευθερωσεν στηκετε 06 160 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="161"?> τη ελευθερια η χριστος ημας εξηγορασεν στηκετε 1505, sy hmg τη ελευθερια ουν η χριστος ημας ηλευθερωσεν στηκετε 06 1 , 018, 020, M, τη ελευθερια η χριστος ημας ηλευθερωσεν στηκετε ουν 104, 2464 τη ελευθερια ουν η χριστος υμας ηλευθερωσεν στηκετε 630 τη ελευθερια χριστος ημας ηλευθερωσεν στηκετε ουν 01 2 , 04, 044, 81, 1241, 1739, 1881 τη ελευθερια ουν χριστος ημας ηλευθερωσεν στηκετε ουν 04 2 τη ελευθερια ουν χριστος ημας ηλευθερωσεν στηκετε 614 τη ελευθερια χριστος ημας ηλευθερωσεν στητε ουν 015, 0278, 365, 1175 η ελευθερια ημας χριστος ηλευθερωσεν στηκετε ουν 010, 012, r, Ambst τη ελευθερια ημας χριστος ηλευθερωσεν στηκετε ουν 01*, 02, 03, 025, 33, sa (bo) τη ελευθερια ημας χριστος ηλευθερωσεν στηκετε 06* Keiner der Zeugen trifft den Text präzise, doch am nächsten kommt ihm die Version, die bezeugt ist durch 010, 012 (wie auch r, Ambst). Es lässt sich leicht erklären, dass durch das spätere Hinzutreten des οὖν seine Stellung unsicher blieb, ebenso ein zweites ᾗ hinzutrat, das zwar grammatisch das Gefüge flüssiger erscheinen ließ, aber eher als Harmonisierung einzustufen ist. Die durch Tertullian nahegelegte Wortstellung von Χριστὸς ἡμᾶς ist auch handschriftlich belegt und die umgekehrte Wortstellung könnte durchaus eine Harmonisierung darstellen. Der kanonische Text hat mit der Umstellung von Χριστός und ἡμᾶς den Akteur hervorgehoben. *Gal 5,3 liegt ein textkritisch schwieriger Fall vor. Der Vers ist bei Tertullian nicht bezeugt. Trotz der Bezeugung durch Epiph., Pan. 42, sch. 3 (120. 156 Holl) scheint das πάλιν an dieser Stelle nicht dem vorkanonischen Text zuzugehören, es fehlt auch in den Zeugen 010, 012 (wie auch 06*, 1739, 1881, it, Ambst). *Gal 5,14 findet sich statt des von Epiphanius bezeugten ἐν ὑμῖν, das NA 28 als markionitische Lesart verbucht wird, auffallenderweise in den Zeugen 010, 012 (wie auch ar, b Ambst) ὑμῖν ἐν ἑνὶ λόγῳ, es liegt folglich eine Kombination des vorkanonischen mit dem kanonischen Text vor. *Gal 5,20 liest Epiphanius den Plural ἔρεις, und so auch 06 1 , 010, 012 (wie auch 04, 018, 020, 025, 044, 0122, 0278, 81, 104, 365, 1175, 1241, 2464, M, latt, sy h , co, Ir lat , Cl), von NA 28 als markionitische Lesart vermerkt, gegenüber dem Singular in vielen kanonischen Zeugen. *Gal 6,12 liest Tertullian das Präsens Indikativ Aktiv (vocat), die Zeugen 010, 012 (wie auch P 46 , 01, 04, 018, 020, 025, 0278, 6, 81, 104, 326, 629, 1175, 1241, 1505, 2464 pm ), während das konjunktivische διώκωνται geboten wird von 01, 03, 06, 044, 33, 365, 614, 630, 1739 pm . §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 161 <?page no="162"?> *Gal 6,17 bietet einen interessanten Fall: Tertullian liest Χριστοῦ, so auch bezeugt durch 024, 044, 81, 365, 1175, 2464, bo; stattdessen ist bezeugt κυρίου Ἰησοῦ in 04 3 , 06 2 , 018, 020, 104, 630, 1505, 1881, M, vg cl , sy (p) , κυρίου μου χριστοῦ 1739, schließlich κυρίου ἡμῶν (- 01, 06 1 ) Ἰησοῦ Χριστοῦ in 01, 06* .1 , 010, 012, it (sa mss ), Ambst, Pel, während alleine ἰησοῦ zu lesen ist in P 46 , 02, 03, 04*, 33, 629, 1241, f, t, vg st , sa ms . *1Kor 1,18 fehlt nach Tertullian ein ἡμῖν, so auch in den Zeugen 010, 012 (wie auch 6, it, Ptol Ir , Cyp, Ambst). *1Kor 1,22 fehlt nach Tertullian das erste καί des kanonischen Textes, so auch in den Zeugen 010, 012 (wie auch P 46 , 323, vg mss , sy p , Cyp, Ambst). *1Kor 1,28 fehlt nach Tertullian vor τὰ μὴ ὄντα ein καί, so auch in den Zeugen 010, 012 (wie auch P 46 , 01*, 02, 04*, 06*, 33, 1175, 1506, 1739, b, Or pt , Ambst), es ist aber belegt in den Zeugen 01 2 , 03, 04 3 , 06 1 , 020, 025, 044, 81, 104, 365, 630, 1241, 1505, 1881, 2464, M, f, r, vg, sy, Or pt , was an der Stelle sinnverändernd ist. *1Kor 4,5 findet sich nach Tertullian et, also die schlichte Satzeröffnung καί, so auch in den Zeugen 010, 012 (wie auch 06*), während es im kanonischen Text heißt ὃς καί, was sinnverändernd wirkt. *1Kor 5,8 bietet Tertullian fornicatione, das entsprechende πορνείας lesen die Zeugen 010, 012, die kanonische Version hat ζύμῃ κακίας καὶ πονηρίας. *1Kor 6,20 bieten als Hinzufügung am Ende καὶ ἐν τῷ πνεύματι ὑμῶν ἅτινά ἐστιν τοῦ θεοῦ die Zeugen 04 3 , 06 2 , 018, 020, 025, 044, 104, 365, 630, 1241, 1505, 1739 mg , 1881, 2464, M, vg ms , sy, während die folgenden Zeugen diesen Passus nicht kennen, der auch für die vorkanonische Version unbezeugt ist: 010, 012 (wie auch P 46 , 01, 02, 03, 04*, 06*, 33, 81, 1175, 1739 txt , lat, co, Ir lat , Meth). *1Kor 7,2: Der Passus καὶ ἑκάστη τὸν ἴδιον ἄνδρα ἐχέτω ist nicht nur bei Tertullian unerwähnt, er fehlt auch in 010, 012 mit f, g und weiteren Zeugen. *1Kor 10,4 hat Tertullian die Reihenfolge Petra autem, πέτρα δέ, in dieser Reihenfolge, so auch die Zeugen 010, 012 (wie auch 01, 03, 06* .2 , 629, 1739), die umgekehrte Reihenfolge in P 46 , 01, 04, 061, 018, 020, 025, 044, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1881, 2464, M. *1Kor 12,9 fehlt in Tertullian ein Äquivalent für δέ, so auch in den Zeugen 010, 012 (wie auch 01*, 03, 06*, 6, 1739, latt, sy p , Cl, Did). *1Kor 12,10 bietet Tertullian den Singular distinctio, dem διάκρισις entspricht, bezeugt durch 010, 012 (wie auch 01, 04, 06*, 025, 0201, 33, 1175, latt, sy p , sa, Cl), während sich der Plural findet in P 46 , 01, 02, 062, 018, 020, 044, 81, 104, 365, 630, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464, M, sy h , bo. *1Kor 14,21 bietet Tertullian den Dativ aliis, dem entspricht ἑτέροις in den Zeugen 010, 012 (wie auch P 46 , 06 s , 018, 020, 025, 365, 630, 1175, 1505, 1881, M, lat, sy (p) , co), von NA 28 als markionitische Lesart vermerkt, während sich der 162 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="163"?> Genitiv ἑτέρων findet in 01, 02, 03, 044, 0201, 0243, 6, 33, 81, 104, 326, 1241, 1739, 2464. *1Kor 15,25 fehlt nach Tertullian ein πάντας, so auch bezeugt durch 010, 012, 044, Tert, Hil, Or lat . *1Kor 15,25 bietet Tertullian eius, dem αὐτοῦ entspricht, so bezeugt durch 010, 012 (wie auch 02, 33, 104, 629, ar, r, vg mss , sy p ), wird von NA 28 als markionitische Lesart angegeben. *1Kor 15,50 bietet Tertullian non possidebunt, dem entspricht οὐ κληρονομήσουσιν, so bezeugt in 010, 012, ar, vg ms , bo, Ir lat.pt , Ophites Ir.lat , Ambst, und wird von NA 28 als die markionitische Lesart angegeben, hingegen bieten die Zeugen 02, 04, 06, 018, 020, 025, 044, 075, 0243, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464, M, lat, sy p , Ir gr.lat pt , Cl pt κληρονομῆσαι οὐ δύναται. In der kanonisch redigierten Version ist eine deutliche Abschwächung dieser definitiven, futurischen Aussage zu erkennen. *1Kor 15,52 bietet Tertullian in oculi momentaneo motu, das die Übersetzung von beiden Varianten sein könnte, doch im eschatologischen Zusammenhang hier ist das griechische Äquivalent eher ἐν ῥοπῇ ὀφθαλμοῦ, bezeugt in 010, 012 (wie auch P 46 , 06*, 0243, 6, 1739), während das allgemeinere ἐν ῥιπῇ ὀφθαλμοῦ steht in 01, 02, 03, 04, 06 1 , 018, 020, 025, 044, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1881, 2464, M, Or. *2Kor 1,20 wird διὸ καὶ δι‘ αὐτοῦ bezeugt durch Epiphanius und steht in 010, 012 (wie auch 01, 02, 03, 04, 025, 044, (δι 0223), 0243, 33, 81, 104, 365, 1175, 1739, 2464, lat, (sy p ), co). καὶ δι’ αὐτοῦ ist bezeugt in P 46 , 06*, b; auch bezeugt ist καὶ ἐν αὐτῷ in 06 1 , 018, 020, 1241, 1505, M, sy h , Ambst; 1881 stellt mit διὸ καὶ ἐν αὐτῷ eine Hybridform dar; 630 bietet eine weitere Hybridform: ἐν αὐτῷ τὸ ἀμὴν διὸ καὶ δι‘ αὐτοῦ. *2Kor 4,4 nach διαυγάσαι fügen folgende Zeugen ein αὐτοῖς ein: 06 1 , 018, 020, 025, 044, 0209, 104, 365, 1241, 1505, 2464, M, vg cl , sy, Spec, während es in der Bezeugung bei Tertullian wie bei Adamantius (im Mund des Markioniten) fehlt in 010, 012 (wie auch P 46 , 01, 02, 03, 04, 06*, 0243, 33, 81, 326, 630, 1175, 1739, 1881, lat, Ir lat , Eus, Epiph). *2Kor 4,6 bietet Adamantius (im Mund des Markioniten) den Aorist λάμψαι, auch Tertullian bietet die Vergangenheit, so auch bezeugt in 010, 012 (wie auch 01 2 , 04, 06 2 , 016, 018, 020, 025, 044, 0209, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1881, (2464), M, latt). Das Futur λάμψει ist bezeugt durch P 46 , 01*, 02, 03, 06*, 0243, 6, 1739, Cl, Epiph. *2Kor 5,2 bietet Tertullian despoliati, dem entspricht ἐκδυσάμενοι, zu finden in den Zeugen 010, 012 (wie auch 06*, ar, f c , Tert., Spec); hingegen findet sich §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 163 <?page no="164"?> 124 Vgl. zur Verschärfung als Charakteristikum der kanonischen Redaktion weiter unten, S.-555-563. ἐνδυσάμενοι in den Zeugen P 46 , 01, 03, 04, 06 2 , 018, 020, 025, 044, 0243, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464, M, lat, sy, co. *2Kor 5,4 bietet Tertullian hoc, dem τοῦτῳ entspricht, bezeugt in 010, 012, während die kanonische Version dies nicht kennt. *2Kor 5,10 bietet Tertullian quae per corpus admisit, dem ἃ διὰ τοῦ σώματος ἔπραξεν entspricht, bezeugt in 010, 012 (wie auch 06*), während die kanonische Version τὰ διὰ (ιδια in den Zeugen P 46.99 , 365, lat, Cyp) τοῦ σώματος πρὸς ἃ ἔπραξεν hat. *Röm 8,11 bietet Tertullian Christum a mortuis, dem entspricht Χριστὸν ἐκ νεκρῶν, hingegen liest man in den Zeugen 010, 012 (wie auch 03, 062, 1505, Ir lat , Spec), von NA 28 für Markion vermerkt; τὸν Χριστὸν ἐκ νεκρῶν findet sich in den Zeugen 012, 018, 020, 025, 044, 33, 1175, 1241, 2464, M; ἐκ νεκρῶν Χριστὸν Ἰησοῦν in den Zeugen 01*, 02, 630, 1506, 1739, 1881; ἐκ νεκρῶν Ἰησοῦν Χριστόν in den Zeugen 04, 81; Χριστὸν Ἰησοῦν ἐκ νεκρῶν in den Zeugen 06*, bo; Ἰησοῦν Χριστὸν (l 249) ἐκ νεκρῶν in den Zeugen 104, l 249, lat, sy p . *Röm 10,3 bietet Tertullian suam iustitiam sistere quaerentes, dem entspricht τὴν ἰδίαν δικαιοσύνην στῆσαι ζητοῦντες, weiter bezeugt in P 46 , 01, 010, 012, 018, 020, 044, 33, 104, 1175, 1241, 1505, 2464, l 249, M, (b), d*, Ir lat , während das δικαιοσύνην fehlt in 02, 03, 06, 025, 81, 365, 629, 630, 1506, 1739, 1881, ar, vg, co, Cl. *Röm 12,9 bietet Tertullian odio … habentes malum, dem entspricht μισοῦντες τὸ πονηρόν, bezeugt auch in 010, 012, lat, sy; der verschärfte Ausdruck ἀποστυγοῦντες τὸ πονηρόν findet sich auf der kanonischen Ebene. 124 *Laod 1,10 bietet Tertullian quae in caelis et quae in terris, dem entspricht τὰ ἐν τοῖς οὐρανοῖς καὶ τὰ ἐπὶ τῆς γῆς, bezeugt in 010, 012 (wie auch 02, 018, 025, 044, 33, 81, 104, 365, 1175, 1739, 1881, 2464 pm, sy h ); τε ἐν bieten 01 2 , 323, 945, Ambr; hingegen steht die kanonische Form mit ἐπί + Dativ (= „über“) in P 46 , 01*, 03, 06, 020, 6, 629, 630, 1241, 1505 pm. *Laod 1,12 steht im kanonischen Text ein αὐτοῦ, das nicht nur im Zitat des Tertullian fehlt, sondern auch in den Zeugen 010, 012 (wie auch 06*, d, g, it mss). *Laod 2,12 führt Tertullian ein et auf, welches auch in den Zeugen 010, 012, it mss begegnet. *Laod 2,20 bietet Tertullian lapidem, dem λίθου entspricht, bezeugt auch in 010, 012 (wie auch 06*, 629, latt, Or pt ). *Laod 3,9 Hier wird ein διὰ Ἰησοῦ Χριστοῦ eingefügt von den Zeugen 06 2 , 018, 020, 104, 630, 1241 s , 1881, M, syh**, ein διὰ Χριστοῦ Ἰησοῦ in 0278, während 164 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="165"?> dieser Text bei Tertullian fehlt und so auch in den Zeugen 010, 012 (wie auch P 46 , 01, 02, 03, 05, 06*, 025, 044, 33, 81, 365, 1175, 1505, 1739, 2464, latt, sy p , co). *Laod 5,29 bietet Tertullian Christus, Χριστός, auch zu finden in den Zeugen 010, 012 (wie auch P 46 , 01, 02, 03, 06*, 025, 044, 048, 0278, 0285, 33, 81, 104, 365, 1175, 1241 s , 1505, 1739, 1881, 2464, latt, sy, co), während sich κύριος findet in den Zeugen 06 2 , 018, 020, 630, M. *Laod 6,1 fehlt gegenüber dem kanonischen Text bei Tertullian ein ἐν κυρίῳ, es fehlt auch in den Zeugen 010, 012 (wie auch 03, 06*, b, Cyp, Ambst) und wird von NA 28 als markionitische Lesart vermerkt. *Laod 6,19 fehlt bei Tertullian gegenüber dem kanonischen Text τοῦ εὐαγγελίου, das auch unbezeugt ist in den Zeugen 010, 012 (wie auch 03, b, m*, MVict, Ambst), während es steht in 01, 02, 06, 016, 018, 020, 025, 044, 0278, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241 s , 1505, 1739, 1881, 2464, M, lat, sy, co. *Kol 2,17 bietet Epiphanius ὅ, auch bezeugt durch 010, 012 (wie auch 03, 614, b, d, Ambst, Spec), und es wird von NA 28 als Lesart Markions nach Epiphanius angegeben, während die kanonische Version ἅ liest. *Phil 3,21 findet sich der Zusatz εἰς τὸ γενέσθαι αὐτό in den Zeugen 06 1 , 018, 020, 025, 044, 075, 33, 104, 365, 630, 1505, 2464, M, sy, Ir, Ambr, während er fehlt in 010, 012 (wie auch 01, 02, 03, 06*, 6, 81, 323, 1175, 1241, 1739, 1881, latt, co, Ir lat , Tert). Unterschiede *Gal 2,4 führen nur die Zeugen 010, 012 ein μή ein, das den Inhalt auf den Kopf stellt. *Gal 6,9 scheint die Lesart ἐκκακῶμεν besser zu Tertullians fatigemur zu passen als die Alternativen, sie ist belegt in 04, 062, 018, 020, 024, 044, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1739 s , 1881, 2464, M, Cl pt , während ἐκκακήσωμεν geboten wird von 010, 012, hingegen bezeugt P 99 ἐκλυθῶμεν, ἐγκακῶμεν findet sich in 01, 02, 03, 06*, 33, 81, 326, co, Cl pt . *Gal 6,17 bietet Tertullian Christi, so bezeugt auch durch 024, 044, 81, 365, 1175, 2464, bo, daneben ist noch überliefert κυρίου Ἰησοῦ in 04 3 , 06 2 , 018, 020, 104, 630, 1505, 1881, M, vg cl , sy (c) , κυρίου μου χριστοῦ 1739, schließlich auch noch κυρίου ἡμῶν (- 01, 06 1 ); Ἰησοῦ Χριστοῦ in 01, 06* .1 , 010, 012, it (sa mss ), Ambst, Pel, während alleine ἰησοῦ zu lesen ist in P 46 , 02, 03, 04*, 33, 629, 1241, f, t, vg st , sa ms . *1Kor 5,5 bietet Tertullian domini. Das schlichte κυρίου begegnet in P 46 , 03, 630, 1739, Tert., Epiph. Folgende Ergänzungen werden geboten: ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ haben 02, 010, 012, 025, 33, 104, 365, 1241, 1881, ar, vg cl , sy p-h **, co, Lcf. Ἰησοῦ ist bezeugt durch P 61vid , 01, 020, 44, 81, 1175, 1505, 2464, M, vg st , Ἰησοῦ Χριστοῦ haben 06, b, Ambst. §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 165 <?page no="166"?> *1Kor 9,15 bietet Tertullian quam negavit quemquam evacuaturum, dem entspricht τὸ καύχημά μου οὐδεὶς κενώσει, so auch bezeugt in P 46 , 01*, 03, 06* .c , 33, 1739, 1881, b, Tert, Ambst, Pel. Allerdings gibt es für die beiden letzten Worte einige Varianten: τις κενώσει in 010, 012; ἵνα τις κενώσει (vel κενωση) in 01 2 , 04, 06 1 , 018, 020, 025, 044, 81, 104, 365, 630, 1241, 1505, 2464, M, lat, sy h ; οὐθεὶς μὴ καινώσει in 02, οὐδεὶς μὴ κενώση in 1175. *1Kor 14,33 fehlt nach Tertullian ὁ θεός, während θεός bezeugt wird durch 010, 012 (wie auch P 46 ) und die kanonische Version ὁ θεός hat. *1Kor 15,29 bietet Eznik „anstatt der Toten“, dem entspricht τῶν νεκρῶν, so bezeugt in 06 2 , 020, M, sy p , bo ms , während αὐτῶν bezeugt ist durch P 46 , 01, 02, 03, 06*, 010, 012, 018, 025, 044, 075, 0243, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464, latt, sy h , co, Or, Epiph), von NA 28 in den kanonischen Text genommen. *1Kor 15,47 bietet Tertullian dominus, dem entspricht ὁ κύριος, so bezeugt in 630, von NA 28 als die markionitische Lesart angezeigt, während ἄνθρωπος ὁ κύριος zu lesen ist in 01 2 , 02, 06, 018, 020, 025, 044, 075, 81, 104, 365, 1241, 1505, 1739 mg , 1881, 2464, M, sy, dann bietet P 46 ἄνθρωπος πνευματικός. Die Lesart ἄνθρωπος ὁ κύριος scheint eine Kontamination von der Vorlage ὁ κύριος und der kanonischen Korrektur ἄνθρωπος zu sein, die noch ein Stück der Genese des kanonischen Textes anzeigt. Die kanonische Lesart ἄνθρωπος steht in 01*, 03, 04, 06*, 010, 012, 0243, 6, 33, 1175, 1739*, latt, bo. *2Kor 2,17 bietet Didymus κατέναντι τοῦ, das wieder bezeugt ist in 025, 365, κατέναντι alleine findet sich in den Zeugen P 46 , 01*, 02, 03, 04, 0243, 33, 81, 630, 1175, 1739, 1881, 2464, während sich das die Schärfe mildernde κατενώπιον τοῦ in den Zeugen findet: 010, 012 (wie auch 06 1 , 012, 018, 020, 044, 104, 1241, M), das einfache κατενώπιον 06*, 1505. *2Kor 4,4 bietet Tertullian non ultro recognoverint, dem entspricht πρὸς τὸ μὴ διαυγάσαι, so bezeugt durch Adamantius aus dem Mund des Markioniten: πρὸς τὸ μὴ διαυγάσαι αὐτῶν τὸν φωτισμόν. Die Form διαυγάσαι ist auch bezeugt durch 02, 33, 104, 326, 2464. Hingegen findet sich καταυγάσαι in 04, 06, 016, 365, 1175, Epiph. Das einfache αὐγάσαι entspricht eher der Rufinübersetzung von Adamantius (fulgeat) und steht in 010, 012 (wie auch P 46 , 01, 03, 018, 020, 025, 044, 0243, 81, 630, 1241, 1505, 1739, 1881, M, Eus). *2Kor 5,4 lässt sich aus Tertullian, der gravemur bietet, nicht entscheiden, ob βαρούμενοι die vorkanonische Lesart war oder βαρυνόμενοι. βαρούμενοι ist bezeugt durch 06* .c , 010, 012, 1505, Ephr, während die erste Variante breit überliefert ist. Dass sie auch vorkanonisch gestanden zu haben scheint, lässt sich aus der erneuten Verwendung von βαρέω im vorkanonischen Text, *Ev 21,34, erschließen, während βαρύνω Hapax legomenon wäre. 166 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="167"?> *2Kor 5,6 lässt sich aus Tertullian (sumus) nicht entscheiden, ob die Lesart ἐνδημοῦντες, die breit bezeugt ist, oder ἐπιδημοῦντες, das in den Zeugen 06*, 010, 012, vg, Ambr zu finden ist, für die vorkanonische Version zu wählen ist. Jedoch begegnet das Verb ἐνδημέω gleich wieder in *2Kor 5,8 vorkanonisch, wird also auch hier wohl vorgelegen sein. *2Kor 5,6 bietet Tertullian abesse, dem entspricht ἀποδημοῦμεν, bezeugt durch 06, 010, 012, Ambr, aber auch die andere Lesart ἐκδημοῦμεν. Da nur der zweite Begriff gleich wieder in *2Kor 5,8 vorkanonisch belegt ist, wird man ihn wohl auch hier als vorkanonisch betrachten. ἀποδημέω steht noch 6 Mal im NT, jedoch nur auf der kanonischen Ebene (Mt 21,33; 25,14. 15; Mk 12,1; Lk 15,13; 20,9). *2Kor 5,17 gibt Tertullian nova facta sunt omnia, dem entspricht auch Ada‐ mantius (im Mund des Markioniten): γέγονε τὰ πάντα καινά (Rufin: facta sunt omnia noua), so auch bezeugt in den Zeugen 6, 33, 81, 365, 614, 630, 1241, 1505, 1881 pm, ar, b, vg cl , (Ambst), während sich καινὰ τὰ πάντα findet in 06 2 , 018, 020, 025, 044, 104, 326, 945, 2464 pm, sy h . Die kanonische Form steht in 010, 012 (wie auch P 46 , 01, 03, 04, 06*, 048, 0243, 629, 1175, l 249, vg st , co, Cl). *Röm 5,6 findet sich am Anfang ἔτι γάρ bei Epiphanius, bezeugt auch in 01, 02, 04, 06 *.2 , 018, 025, 044, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464, M, während εἰς τι γάρ zu lesen ist in 010, 012 (wie auch 06 1 , lat, Ir lat ); ἔτι δέ in 020; εἴ γε in 03, 945; εἰ γάρ γε in 1852, vg mss . *1Thess 2,15 verweist Tertullian auf ein ἰδίους, das er als Zusatz Markions „rügt“, bezeugt auch in 06 1 , 018, 020, 044, 104, 365, 630, 1241, 1505, 2464, M, sy, von NA 28 auch als Lesart Markions angezeigt, während es fehlt in den Zeugen 010, 012 (wie auch 01, 02, 03, 06*, 016, 025, 0208, 6, 33, 81, 629, 1739, 1881, latt, co, Or). *Laod 2,3 bietet Tertullian nos, dem ἡμεῖς entspricht, bezeugt in P 46 , 01, 02, 03, 06 1 , 018, 025, 044, 0278, 33, 81 c , 104, 630, 1175, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464, M, lat, sy, sa bo, Tert, während das Pronomen ausgelassen ist von 010, 012 (wie auch 020), während folgende Zeugen 06*, 81*, 326, 365 ὑμεῖς bieten. *Laod 2,15 bietet Tertullian novum, καινόν, breit bezeugt, jedoch wird κοινόν geboten von 010, 012 (wie auch P 46 ). *Laod 5,31 wird gegenüber dem von Tertullian bezeugten Text ein Zusatz eingefügt, der auch in den Textzeugen 6, 1739 txt , Cyp, Hier, fehlt; der Zusatz lautet καὶ κολληθήσεται τῇ γυναικὶ αὐτοῦ in 010, 012 (wie auch P 46 , 02, 06*, 0285, 33, 81, 1241 s , einige latt, einige von den genannten Zeugen haben ebenso wie der nachher genannte 01* .1 das Äquivalent für προσκολληθήσεται); καὶ προσκολληθήσεται πρὸς τὴν γυναῖκα αὐτοῦ in 01* .1 , 03, 06 2 , 018, 020, (025), 044, 0278, 104, 365, 630, 1175, 1505, 1739 mg , 1881, 2464, M, Or. §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 167 <?page no="168"?> 125 Auch wenn das vierte Buch seines armenisch verfassten Werkes „Wider die Sekten“ aus der Mitte des 5. Jh. „ausschließlich von den Marcioniten“ handelt, urteilt Harnack: „Augenscheinlich weiß er von der Bibel M.s nur das Allgemeinste, ohne sie selbst in Händen gehabt zu haben“, A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 372*; U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 33. Sonderfälle *Gal 1,6 fehlt nach Tertullian Χριστοῦ, so auch bezeugt in 010*, 012 (wie auch P 46vid , 015 vid , ar, b, Cyp, Lcf, MVict, Ephr, Ambst, Pel), hingegen findet sich Ἰησοῦ Χριστοῦ in 06, 326, 1241 c , pc sy h** , Χριστοῦ Ἰησοῦ in Sah Jer, θεοῦ bieten Orig lat , Thdt. *1Kor 8,13 bietet Eznik zwar zweimal ein „mein“, doch lassen die Zeugen 010, 012 (wie auch 06*, ar, b, Cl, Ambst) das μου aus, was vermutlich auch dem vorkanonischen Text entspricht. *1Kor 9,9 bietet Tertullian obligabis, was in den Zeugen 010, 012 (wie auch 03*, 06*, 1739) mit κημώσεις wiedergegeben wird, während φιμώσεις bezeugt ist in P 46 , 01, 02, 032, 04, 06 1 , 018, 020, 044, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1881, 2464, M, Or, Epiph. Letzteres entspricht denn auch dem zitierten Vers Deut. 25,4 LXX: Οὐ φιμώσεις βοῦν ἀλοῶντα. *1Kor 10,19 bietet Epiphanius zwar zweimal die Reihenfolge τί ἐστιν, doch die Präsenz der umgekehrten Reihenfolge der beiden Fälle von ἐστιν τί in den Zeugen 010, 012 (wie auch 06*), latt im ersten Fall und 06, 010, 012, latt im zweiten Fall scheint für diese Variante in der vorkanonischen Version zu sprechen. *1Thess 4,17 bietet Tertullian auferentur, dem entspricht ὑπάντησιν, bezeugt auch in 010, 012 (wie auch 06*), oder das vielfach belegte ἀπάντησιν. Beginnen wir hier bei den Sonderfällen, bei denen die Attestation unklar ist oder man gegen die Attestation des Tertullian optieren könnte. Auffallenderweise betreffen diese Fälle nur Gemeinsamkeiten: In *Gal 1,6 zeigt sich, dass die erste Hand von 010 noch wie Tertullian (und die anderen Zeugen) nicht Χριστοῦ schrieb, dieser Titel dann aber hinein korrigiert wurde, was darauf hindeutet, dass die Hs. in einem Prozess der Kontamination bzw. der Anpassung an die kanonische Form stand. In *1Kor 8,13 wird man wohl dieser Handschriftenfamilie folgen, da Eznik ein später Zeuge ist, dem Schmid überhaupt nicht vertraut und dem auch Harnack nicht unkritisch gegenübersteht. 125 In *1Kor 9,9 wird man ebenfalls mit dieser Familie gehen, da das tertulliansche obligabis zwar sowohl κημώσεις wie φιμώσεις wiedergeben kann, doch da das Zweite 168 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="169"?> 126 So etwa M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 599. 127 Phlm scheidet aus der Betrachtung aus, wie zuvor. 128 Dies bedeutet, dass nicht-intentionale Deutungsversuche in der Textkritik zu diesen Stellen zu kurz greifen, weil sie den Gesamtbefund nicht im Auge haben, der hier vorgeführt wird, vgl. ähnlich A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 123-124. Ein Gegenbeispiel stellt die nicht-intentionale Deutung etwa der Varianten von Röm 10,3 dar in R.J. Jewett, Romans. A Commentary (2007), 606. die Lesart von Dtn 25,4 LXX ist, wird man die Abweichung hiervon durch die Handschriften desto höher zu werten haben. In *1Kor 10,19 wird man wieder mit der Familie und gegen Tertullian optieren, auch wenn hier eine größere Unsicherheit vorliegt, weil es sich lediglich um eine Wortumstellung handelt. In *1Thess 4,17 gilt diese Unsicherheit umso mehr, als das tertulliansche auferentur sowohl mit dem durch diese Hss. gegebenen ὑπάντησιν wie auch mit ἀπάντησιν gehen kann. In diesem, wie im Fall zuvor gilt jedoch das von Klinghardt bereits zugrunde gelegte Prinzip der größeren Entfernung vom kanonischen Text. 126 Auch bei diesem Gesamtüberblick überwiegt die Anzahl der Gemeinsamkeiten (50 Fälle, 73 %) gegenüber den Unterschieden (19 Fälle, 27 %) deutlich, wobei die Prozentsätze gleich sind mit dem ersten Vergleichsfall. Deutlich stehen die beiden Handschriften 010, 012 in fast drei Viertel der Fälle auf Seiten der vorkanonischen Version. Zu den Gemeinsamkeiten von 010, 012 und der vorkanonischen Version: Wie im ersten Vergleich der drei Handschriften verteilen sich hier bei der Betrachtung der beiden Handschriften 010, 012 wiederum die Fälle ganz unter‐ schiedlich über die verschiedenen Briefe hinweg, wobei sie an Gemeinsamkeiten (48) aufweisen: *1Kor (18), *Gal (12), *2Kor (6), *Laod (8), *Röm (3), *Kol (1), *Phil (1), *1Thess (1), während *2Thess nicht vertreten ist. 127 Bei den Unterschieden haben wir folgende Häufigkeit: *2Kor (6), *1Kor (5), *Gal (3), *Röm (1), *1Thess (1). Vergleicht man nun die beiden bisherigen Gesamtüberblicke, fallen sofort Ähnlichkeiten und Unterschiede auf. Beide Male sind es dieselben drei Briefe, die die größten Gemeinsamkeiten mit der vorkanonischen Version derselben aufweisen, was auch einen Hinweis darauf gibt, dass die erhobenen Daten nicht auf zufälligen Lesarten oder Varianten beruhen, 128 sondern eine valide Aussage ermöglichen: Im 1. Überblick (06, 010, 012): *1Kor (11), *Gal (10) und *Laod (4) §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 169 <?page no="170"?> 129 Phlm scheidet aus der Betrachtung aus, wie zuvor. Im 2. Überblick (010, 012): *1Kor (18), *Gal (12), *Laod (8) Etwas differenzierter ist das Bild bei den nächsthäufigen Fällen: Im 1. Überblick (06, 010, 012): *2Kor (1), *Röm (1), *Kol (1), *Phil (1) Im 2. Überblick (010, 012): *2Kor (6), *Röm (3), *1Thess (1), *Kol (1), *Phil (1) Was die nicht vorkommenden Briefe betrifft, gibt es ebenfalls nur eine kleine Differenz: Im 1. Überblick (06, 010, 012): *1-*2Thess Im 2. Überblick (010, 012): *2Thess Anbetrachts dieser beiden Überblicke, erstens der Handschriften 06, 010, 012, und dann nochmals von 010, 012 alleine - wobei, wie angemerkt, beim zweiten Überblick keine Beispiele aus dem ersten wieder aufgegriffen wurden - ist eine verhältnismäßig große Übereinstimmung beider Überblicke festzustellen, und zwar nicht nur, was die drei Briefe mit den häufigsten Gemeinsamkeiten, sondern sogar noch, was deren gewichtete Reihenfolge betrifft: *1Kor - *Gal - *Laod. Dann ist auch bemerkenswert, dass bei beiden *2Thess fehlt. Zu den Unterschieden von 010, 012 und der vorkanonischen Version: Wie im ersten Vergleich der drei Handschriften verteilen sich hier bei der Betrachtung der beiden Handschriften 010, 012 wiederum die Fälle ganz unter‐ schiedlich über die verschiedenen Briefe hinweg, wobei sie an Unterschieden (19) aufweisen: *2Kor (6), *1Kor (5), *Gal (3), *Laod (3), *Röm (1), *1Thess (1), während *2Thess, *Kol und *Phil nicht vertreten sind. 129 Vergleicht man nun die beiden bisherigen Gesamtüberblicke, was die Unter‐ schiede betrifft, gibt es erneut Ähnlichkeiten und Unterschiede. Hier wiederholt sich zwar nicht genau dieselbe Gewichtung, und doch liegen die beiden Reihen ähnlich dicht zusammen wie bei dem Vergleich der Gemeinsamkeiten: Die Briefe mit der höchsten Anzahl von Unterschieden sind wiederum dieselben drei, zu der im 2. Überblick lediglich noch *Laod mit *Gal gleichziehend hinzugekommen ist. Im 1. Überblick: *Gal (4), *1Kor (3), *2Kor (3) Im 2. Überblick: *2Kor (6), *1Kor (5), *Gal (3) Etwas verschiedener ist das Bild bei den nächsthäufigen Fällen: Im 1. Überblick: *Laod (2), *Röm (1) Im 2. Überblick: *Laod (3), *Röm (1), *1Thess (1) Und auch, was die nicht vorkommenden Briefe betrifft, gibt es eine kleine Differenz: Im 1. Überblick: *1/ *2Thess 170 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="171"?> Im 2. Überblick: *2Thess, *Kol und *Phil Doch wie bei den Gemeinsamkeiten unterscheiden sich die beiden Über‐ blicksvergleiche auch bei den Unterschieden nicht gewaltig. Zu den Gemeinsamkeiten und Unterschieden aus beiden Vergleichen der drei Handschriften 06, 010, 012 und der beiden Handschriften 010, 012 mit der vorkanonischen Version: Addiert man die Zahlen für die in beiden Überblicken gesondert betrachteten Handschriften, ergibt sich folgendes Ergebnis: Gemeinsamkeiten (78): 1. Überblick: *Gal (10), *1Kor (11), *2Kor (1), *Röm (1), *1Thess (0), *2Thess (0), *Laod (4), *Kol (1), *Phil (1) = 29 2. Überblick: *Gal (12), *1Kor (18), *2Kor (6), *Röm (3), *1Thess (1), *2Thess (0), *Laod (8), *Kol (1), *Phil (1) = 49 Addiert: *Gal (22), *1Kor (29), *2Kor (7), *Röm (4), *1Thess (1), *2Thess (0), *Laod (12), *Kol (2), *Phil (2) = 78 Unterschiede (32): 1. Überblick: *Gal (4), *1Kor (3), *2Kor (3), *Röm (1), *1Thess (0), *2Thess (0), *Laod (2), *Kol (0), *Phil (0) = 13 2. Überblick: *Gal (3), *1Kor (5), *2Kor (6), *Röm (1), *1Thess (1), *2Thess (0), *Laod (3), *Kol (0), *Phil (0) = 19 Addiert: *Gal (7), *1Kor (8), *2Kor (9), *Röm (2), *1Thess (1), *2Thess (0), *Laod (5), *Kol (0), *Phil (0) = 32 Die Überblicke zeigen: Ohne Zweifel bieten die folgenden vier Briefe die größte Anzahl an Gemeinsamkeiten und Unterschiede: *Gal, *1/ *2Kor, *Laod. Welche Aussagekraft dieses Ergebnis hat, muss weiter unten näher betrachtet werden. Hier allerdings soll bereits der Vergleich von 010, 012 gegenüber 06 durch‐ geführt werden. Dadurch dass 010 und 012 in beiden Vergleichen, was die Gemeinsamkeiten betrifft, konsistente Zahlen aufweisen, bedeutet dies im Um‐ kehrschluss für 06, dass diese Handschrift erheblich weniger Gemeinsamkeiten mit der vorkanonischen Version aufweist als 010 und 012. Das Bild lässt sich noch differenzieren: Nehmen wir 06*, also die Handschrift prima manu, so finden wir aus beiden Vergleichen, in welchen 010 und 012 gesondert betrachtet wurden, dass von den dort vermerkten 50 + 49 Fällen an Gemeinsamkeiten mit der vorkanonischen Version, 06* immerhin 23 + 21 mal mit 010, 012 und der vorkanonischen Version §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 171 <?page no="172"?> 130 Smith hat bereits auf die Bedeutung von Korrektoren (hier für 010 und 012) hinge‐ wiesen, W.B. Smith, The Pauline Manuscripts F and G. A Text-Critical Study (1903), 453. 131 Ein komplexer Sonderfall ist *Gal 2,5, siehe oben S. 165: Hier fehlt nach Tertullian zu Anfang ein οἷς, dafür steht die Verneinung οὐδέ, diese beiden auffälligen Varianten sind auch bezeugt durch sy p , MVict, Iren lat , wohingegen οἷς οὐδὲ πρὸς ὥραν gelesen wird von 06 c , 010, 012 (wie auch P 46 , 01, 02, 03, 04, 018, 020, 025, 033, sy h , bo, arm, eth, OL pc); πρὸς ὥραν 06*, Tert, OL; οἷς πρὸς ὥραν Hieron, Sedulius Scottus. Inhaltlich bedeutet die Tilgung von οἷς οὐδέ eine Verkehrung der Textaussage: Anstelle des vormarkionitischen „wir haben uns auch nicht einen Augenblick unterworfen und nicht nachgegeben“ steht in 06* und den aufgeführten Zeugen: „wir haben uns im Augenblick unterworfen und nachgegeben“. Auffallenderweise wurde diese Lesart in 06 c durch Addition der vorkanonischen und kanonischen Form korrigiert. geht, also 44 Gemeinsamkeiten mit der vorkanonischen Version hat, und nimmt man aus der Kategorie der Unterschiede noch die Zahl hinzu, in denen zwar 010, 012 sich von der vorkanonischen Version unterscheiden, nicht aber 06 (06*: 2; 06 1 : 1, 06 2 : 2), dann erhöht sich diese Gesamtzahl auf 49. 130 Nimmt man noch die zweite Korrektur 06 2 , die die Handschrift dreimal (einmal sogar wieder zurück! ) in Richtung vorkanonische Nähe 131 rückt, dann kommen wir bei 06 auf 52 Gemeinsamkeiten mit der vorkanonischen Version, gegenüber 78 von 010, 012, das sind etwa 25 % weniger - d. h. 06 als Basis des rechten Familienarms weist folglich ein Viertel geringere Nähe zur vorkanonischen Version gegenüber dem vergleichbaren linken Arm der Handschriftenfamilie aus. Dazu passt, dass gerade im Arm von 06 auch der Hebräerbrief begegnet (wenn auch wohl erst vom 4. Jh. an), der in 010 und 012 fehlt, also die größere Nähe von 06*, vor allem von 010, 012, gegenüber 06 zur kanonischen Version untermauert. Weiterhin ist auffallend, dass 06 von der ersten Korrekturhand 12 mal und von der zweiten Korrekturhand 11 mal weg von der vorkanonischen Version hin zum kanonischen Text korrigiert wird. Aus diesem Befund ergibt sich, dass in 06 zwar noch immer häufig vorkanonische Varianten begegnen, doch gegenüber dem anderen Familienarm von 010, 012 hat sich deren Anzahl deutlich verringert. Nimmt man auch noch die Korrekturhände hinzu, lässt sich ablesen, dass wir die Handschrift 06 im Stadium ihrer Annäherung an die kanonische Fassung vor uns haben, die in diesem Arm der Handschriftenfamilie deutlich kanonischer ausfällt als die Handschriften 010, 012 im anderen Arm. Über diese Erkenntnisse hinaus lassen sich auch noch leichte Differenzierungen anbringen, die die Handschriften 06, 010 und 012 im Vergleich zueinander betreffen, wenn man sie je einzeln betrachtet: 172 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="173"?> 132 J.S. Semler, Vorbereitung zur theologischen Hermeneutik zu weiterer Beförderung des Fleisses angehender Gottesgelerten 3,2 = 4. Worin von dem griechischen Text und Handschriften der Briefe u.s.w. Beobachtungen vorkommen (1769). 133 Aufgeführt in W.H.P. Hatch, On the Relationship of Codex Augiensis and Codex Boernerianus of the Pauline Epistles (1951), 189-190. 134 Ibid. 190. 2) Lesarten 010 Wie Semler zeigen kann, besitzt 010 eine Reihe von unikalen Lesarten, jedoch keine Stelle, an der 010 eine eigene Lesart für einen Vers der vorkanonischen Version besitzt. 132 3) Lesarten 012 Auch für 012 kann Semler einige unikale Lesarten aufführen, doch für die vorkanonische Version findet sich lediglich: *1Kor 1,19 ἀσυνετῶν anstelle des sonst belegten συνετῶν. *Röm 2,13 fügt die Hs. am Ende mit der kanonischen Tradition hinzu παρὰ θεῷ. *Laod 2,12 bietet sie die Hinzufügung von τοῦτῳ am Ende des Satzes. Aus dieser kleinen Übersicht ergibt sich, dass 010 und 012 erstaunlich wenige unikale Lesarten mit der vorkanonischen Version gemeinsam haben, keine weiteren Gemeinsamkeiten, aber auch 012 ist nur in wenigen Fällen weiter von ihr abgerückt. Das spricht für den engen Zusammenhang der beiden Handschriften mit ihrer Vorlage und deren beider Treue zu ihr, für einen leicht stärkeren Kanonisierungstrend von 012 und gegen die von Zimmermann vorgetragene Behauptung, 010 sei lediglich ein Apographon von 012. 4) Stellen, an denen 010 gegen 012 zeugt An gegensätzlichen Bezeugungen dieser beiden Hss. gibt es 15 Stellen. 133 Es kann wohl kaum Zufall sein, dass von all diesen Stellen, die über die Briefe Röm (6) - 2Kor (3) - Gal (2) - Eph (1) - Phil (1) - 1Tim (2) verteilt sind, nur eine einzige sich auf eine vorkanonische Stelle (*Laod/ Eph 2,15) bezieht. Dies zeigt an, dass die vorkanonisch bezeugten Stellen in diesen beiden Handschriften eine geringere Varianz aufweisen als die kanonisch bezeugten. Außerdem wird deutlich, wie Hatch herausgearbeitet hat, dass beide Handschriften verschiedene kanonische Texttraditionen an verschiedenen Stellen repräsentieren, und zwar dass an manchen Stellen eine Handschrift mit der einen, an einer anderen mit einer anderen Texttradition zusammengeht. Er folgert auch, dass die „auseinanderge‐ henden Lesarten der beiden Hss. von verschiedenen Vorlagen“ von 010 und 012 herrühren. 134 Nimmt man die Einsichten von Schmid und Lorenz hinzu, könnten §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 173 <?page no="174"?> solche Divergenzen natürlich auch auf unterschiedliche Beeinflussungen auf‐ grund von Kontamination mit anderen Quellen zurückgeführt werden. 5) Lesarten 06 Gemeinsamkeiten *Gal 6,7 ist durch Tertullian geboten Quod … hoc, dem das ἃ … ταῦτα entspricht, das sich auch 06 (wie auch P 46 , 012, lat, Spec) findet. *Laod 2,15 Tertullian legt die Variante ἑαυτῷ nahe, sie ist auch bezeugt durch 06 (wie auch 01 2 , 012, 018, 020, 044, 81, 365, 630, 1241 s , 1505, 2464, M, latt), NA 28 gibt sie als markionitische Lesart an. Unterschiede *Gal 1,6 fehlt nach Tertullian Χριστο, so auch bezeugt in 010*, 012 (wie auch P 46vid , 015 vid , ar, b, Cyp, Lcf, MVict, Ephr, Ambst, Pel), hingegen findet sich Ἰησοῦ Χριστοῦ in 06, 326, 1241 c , pc sy h** , Χριστοῦ Ἰησοῦ in Sah Jer, θεοῦ bieten Orig lat , Thdt. *Gal 6,2 Tertullian bietet adimplebitis, wozu die futurische Form ἀναπληρώσετε passt, doch findet sich die Aoristform ἀναπληρώσατε in 06 (wie auch 01, 02, 04, 044, 0122, M, Cl). *1Kor 12,10: Für ἑρμηνεία bietet 06* (wie auch 02) διερμηνεία. Doch begegnet ἑρμηνεία vorkanonisch bezeugt wieder in *1Kor 14,26 und an beiden Stellen bietet Tertullian interpretatio. *Röm 5,6 fehlt ein von Epiphanius bezeugtes ἔτι in 06 1 (wie auch 018, 020, 025, 044, 33, 630, 1175, 1739, 1881, 2464, M). *Röm 10,4 liest 06* θεός, hingegen steht in d Christus, wie auch von Tertullian und Epiphanius vorkanonisch bezeugt. *Laod 2,11 steht die Variante χειροποιήτῳ in 06*, 012, anstelle des sonst bezeugten Genitivs χειροποιήτου, den auch Epiphanius bezeugt. Diese weitere Übersicht, die sich auf 06 konzentriert, zeigt, dass 06 selten unikale Lesarten gegenüber 010 bzw. 012 aufweist, worauf bereits die Vorbeobachtungen hindeuteten. Immerhin finden sich zwei weitere Gemeinsamkeiten mit der vor‐ kanonischen Version, die die Handschrift allerdings u. a. mit 012 teilt. Gegenüber diesen zwei Gemeinsamkeiten weist 06 jedoch sechs weitere Unterschiede zur vorkanonischen Version auf, von denen sie zwei erneut mit 012 teilt. Insgesamt erhöht sich damit die Differenz zwischen 06 und der vorkanonischen Version noch leicht. Nimmt man nun diese Übersicht zu den bereits gemachten Beobachtungen hinzu und addiert die entsprechenden Zahlen, ergibt sich folgendes Ergebnis: 174 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="175"?> 135 Vgl. G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 88. Für die Gemeinsamkeiten: Addition 1. und 2. Überblick Gemeinsamkeiten: *Gal (22), *1Kor (29), *2Kor (7), *Röm (3), *1Thess (1), *2Thess (0), *Laod (12), *Kol (2), *Phil (2) = 78 Hinzu kommen aus 010: (0) 012: (0) 06: *Gal (1), *Laod (1) Dies ergibt eine Gesamtsumme von 80 Gemeinsamkeiten mit folgender Rei‐ hung nach der Häufigkeit, wobei auffällt, dass die Reihenfolge sich gegenüber den addierten ersten beiden Überblicken nicht geändert hat. *1Kor (29), *Gal (23), *Laod (13), *2Kor (7), *Röm (3), *1Thess (1), *Kol (2), *Phil (2), *2Thess (0) = 80 Addition 1. und 2. Überblick Unterschiede (32): *Gal (7), *1Kor (8), *2Kor (9), *Röm (2), *1Thess (1), *2Thess (0), *Laod (5), *Kol (0), *Phil (0) = 32 Hinzu kommen aus 010: (0) 012: *1Kor (1), *Röm (1), *Laod (1) 06: *Gal (2), *1Kor (1), *Röm (2), *Laod (1) Dies ergibt eine Gesamtsumme von 41 Unterschieden mit folgender Reihung nach der Häufigkeit, wobei auffällt, dass die Reihenfolge sich gegenüber den addierten ersten beiden Überblicken leicht geändert hat: *1Kor (10), *Gal (9), *2Kor (9), *Laod (7), *Röm (5), *1Thess (1), *2Thess (0), *Kol (0), *Phil (0) = 41 Als Ergebnis lässt sich festhalten, dass die Handschriften 06, 010, 012 aus dieser Familie eine deutlich höhere Anzahl an Gemeinsamkeiten mit der vorkanoni‐ schen Version besitzen, als sie Unterschiede zu dieser aufweisen (67% : 33%). Das heißt, dass die Familie im Textbestand, den sie mit der vorkanonischen Version teilt, dieser näher als der kanonischen Version steht. Umgekehrt ist von Interesse, dass die meisten Differenzen, die diese Familie mit dem kanonischen Text hat, außerhalb des Textbestandes der vorkanonischen Version liegen. Von den von Zuntz untersuchten Stellen im Ersten Korintherbrief stehen von 13 Varianten 12 in solchen Versen oder Versteilen, die für die vorkanonische Version nicht bezeugt sind. Und die einzige verbleibende Variante (1Kor 12,10 ἐνέργεια 06, 010, 012, latt pler vs. ἐνεργήματα cett.) 135 bezieht sich auf einen Begriff, der ebenfalls für die vorkanonische Version unbezeugt ist. Zuntz hat §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 175 <?page no="176"?> 136 Ibid. 89. 137 So bereits ibid. 86. bezüglich einer Mehrzahl dieser Varianten festgestellt, dass sie Lateinisch beeinflusst sind. 136 Vergleicht man, was Gemeinsamkeiten vs. Unterschiede betrifft, den linken Arm (010, 012) (80 Gemeinsamkeiten: 32 Unterschiede) mit dem rechten Arm (06) (29 Gemeinsamkeiten: 53 Unterschiede), wird klar, dass, was den gemeinsamen Textbestand betrifft, der linke Arm der vorkanonischen Version erheblich näher steht als der rechte Arm, 137 differenziert man nach Handschriften, ergeben sich die folgenden Verhältnisse für Gemeinsamkeiten vs. Unterschiede: 06 (29 Gemeinsamkeiten: 53 Unterschiede), 010 (78 Gemein‐ samkeiten: 53 Unterschiede), 012 (78 Gemeinsamkeiten: 56 Unterschiede). Nach Nähe und Ferne zur vorkanonischen Version müsste man das oben angeführte Stemma leicht korrigieren: 6. Handschriftenstemma bezogen auf die Nähe der Familie zur *10-Briefe-Sammlung Wie die Ausführungen zuvor gezeigt haben, bildet die Handschriftenfa‐ milie mit ihren zwei Armen Zwischenstufen zwischen der vorkanonischen *10-Briefe-Sammlung und der kanonischen 14-Briefe-Sammlung. Es hatte sich aufgrund der Anzahl von Gemeinsamkeiten von Varianten zwischen diesen Bilinguen und der vorkanonischen Sammlung erwiesen, dass der linke Arm 176 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="177"?> 138 Schon K. Aland hatte der „Existenz“ und „Stellung des Hebr im paulinischen Korpus sozusagen Testcharakter“ zugesprochen, so K. Aland, Neutestamentliche Entwürfe (1979), 331. 139 Gut dokumentiert in D. Young, The Concept of Canon in the Reception of the Epistle to the Hebrews (2022), 56-59. und darin 010 der vorkanonischen Sammlung näher stehen als der rechte Arm. Wir müssen folglich mit einem allmählich abnehmenden Einfluss der vorkanonischen Tradition auf die kanonische Sammlung rechnen, nachdem die kanonische Redaktion einmal die 13 bzw. 14-Briefe-Sammlung geschaffen hatte. Dass es auch noch eine weitere Vorstufe bzw. Zwischenstufe zwischen der vorkanonischen *10-Briefe-Sammlung und der 14-Briefe-Sammlung gibt, wird weiter unten in §-13 dargelegt werden. 7. Der Hebräerbrief oder: Der Weg zurück von X, W zur *10-Briefe-Sammlung 138 Wie weit lässt sich das Entstehen der Bilingue dieser Familie zurückverfolgen? Haben X und 06 nicht unmittelbar auf die *10-Briefe-Sammlung zurückge‐ griffen, erübrigt sich also W? Gegen letztere Vermutung lässt sich halten, dass X und 06 zu viele Gemein‐ samkeiten haben, die sie von der *10-Briefe-Sammlung unterscheiden, was voraussetzt, dass sie auf eine gemeinsame Vorlage zurückgegriffen haben, da sie diese Gemeinsamkeiten ansonsten zufällig parallel entwickelt hätten. Es ist aber höchst unwahrscheinlich, dass X, repräsentiert durch 010 und 012, zugleich mit 06 etwa die Briefe, wie wir weiter unten sehen werden, aus der Reihenfolge, wie sie in der *10-Briefe-Sammlung vorliegen, unabhängig voneinander in die kanonische Reihenfolge gebracht hätten. Außerdem hätten sie auch noch zufällig dieselben pseudopaulinischen Briefe 1/ 2Tim und Tit mit hinzugenommen und sie auch noch an dieselbe Stelle gestellt. Damit ist aber schon erwiesen, dass zwischen der *10-Briefe-Sammlung und X bzw. 06 noch mindestens eine gemeinsame Vorlage dieser beiden Familienarme anzunehmen ist, die hier W genannt wird. Da der Hebräerbrief im linken Familienarm (010, 012) fehlt (auch im ursprünglichen Text von 06), wird er auch in W gefehlt haben, dann aber auf dem Weg von W zu 06 hinzugenommen worden sein. Um demnach von den Zeugen von X auf das Alter von W schließen zu können, wird man zunächst der Rezeptionsgeschichte des Hebräerbriefes nachzugehen haben. Dieser ist bislang erstmals nachweislich im Brief von Justin dem Märtyrer in Rom. 139 Eine Parallele findet sich im Ersten Klemensbrief, 1Klem 36,2-5 / / Hebr §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 177 <?page no="178"?> 140 Die ältere Datierung von 1Klem auf das Ende des 1. Jh. findet sich im Überblick von M. Stover, The Dating of 1 Clement. ThM diss. (2012). Wie Stover zeigt, wurde sie bereits seit Beginn des 19. Jh. regelmäßig in Frage gestellt, am deutlichsten etwa durch Franz Overbeck, der den Ersten Klemensbrief ans Ende des 2. Jh. setzt, F. Overbeck, Zur Geschichte des Kanons (1880), 4. K. Erlemann, Die Datierung des Ersten Klemensbriefes - Anfragen an eine communis opinio (1998) zeigt: „Eine Christenverfolgung unter Domitian“ lässt sich „nicht nachweisen“ (ibid. 596). Auch das zweite traditionelle Argument, die Amtsstruktur, trägt nicht: „Ein Hinweis auf einen bestimmten Entwick‐ lungsstand der frühchristlichen Hierarchiebildung ist nicht ableitbar“ (ibid. 598). Und was „die historische Einordnung des römischen Klemens seitens Eusebs auf einer Kombination von Quellen“ basierend bietet, scheint „nicht das herzugeben …, was Euseb aus ihnen herausliest“ (ibid. 604-605). Bestenfalls die textinternen Verweise deuten „bei aller Vorsicht“ auf „das letzte Drittel des ersten Jahrhunderts“ (607), doch dies könnte eine bewusste pseudepigraphische Strategie sein. Allerdings hat O. Zwierlein in seiner detaillierten Durchsicht die textinternen Verweise auf die Zeit zwischen 120-125 einzugrenzen versucht, vgl. O. Zwierlein, Petrus in Rom: Die literarischen Zeugnisse. Mit einer kritischen Edition der Martyrien des Petrus und Paulus auf neuer handschriftlicher Grundlage (2010), 251. Zwar wurden die Argumente gegen die traditionelle Datierung anerkannt, jedoch die Neudatierung mit dem Hinweis auf 1Klem. 60,4-61,2 bestritten, da diese Stelle das Doppelkaisertum von Nerva und Trajan (98 n. Chr.) voraussetze, so W.D. Lebek, Das Datum des ersten Clemensbriefes (2011). In einer ausführlichen Replik hat Zwierlein seine Argumente bekräftigt und bezweifelt, dass Lebeks Einwand haltbar sei, O. Zwierlein, Kritisches zur Römischen Petrustradition und zur Datierung des Ersten Clemensbriefes (2010), 140-154. Auch Löhr kommt zum Ergebnis, dass der Brief sehr wahrscheinlich erst „vor der zweiten Hälfte des 2. Jh.s n. Chr.“ anzusetzen ist, H. Löhr, Erster Clemensbrief (2015), 2. Vgl. zur Verwendung von Hebr in 1Klem, auch wenn 1Klem hier ins späte erste Jahrhundert datiert wird, C. Hentschel, Lebendiges Gotteswort. Die Rezeption des Hebräerbriefs im Ersten Clemensbrief und im Hirten des Hermas. Diss. (2010). 141 Vgl. zu dieser Debatte mit weiterer Literatur K. Aland, Methodische Bemerkungen zum Corpus Paulinum bei den Kirchenvätern (1979), 33-36; G. Theissen, Untersuchungen zum Hebräerbrief (1969), 34-37. 142 Vgl. Euseb. Caes., Hist. eccl. III 38,1-3, vgl. hierzu D. Young, The Concept of Canon in the Reception of the Epistle to the Hebrews (2022), 25-26. 1,3-13, doch ist erstens dessen Datierung umstritten 140 und zweitens stellt sich die Frage des Abhängigkeitsverhältnisses, nach K. Aland 1Klem von Hebr, oder ob beide Schriften auf eine ältere Tradition zurückgreifen und Hebr die spätere Bearbeitung darstellt, wie G. Theissen urteilte. 141 Alands Position findet eine Stütze in Eusebius. 142 Nur einen Hinweis darauf, dass Irenäus Hebr den Paulusbriefen annäherte, kann man aus Buch III von „Adversus haereses“ 178 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="179"?> 143 Iren, Adv. haer. III 22,4: In diesem Kapitel begegnet zunächst die Erwähnung der Nacktheit im Paradies, vgl. hierzu Hebr 4,13: „Nichts in der ganzen Schöpfung ist vor ihm verborgen. Alles ist nackt und bloß vor den Augen Gottes, dem wir für alles Rechenschaft ablegen müssen.“ Und gleich darauf wird angeführt „sie mußten nämlich erst heranwachsen“, vgl. Hebr 5,12-13: „12 Ihr seid wie Säuglinge, die nur Milch trinken, aber keine feste Nahrung essen können. 13 Ein Mensch aber, der sich von Milch ernährt, ist im Leben noch nicht sehr weit fortgeschritten und versteht nicht viel davon, was es heißt, das Richtige nach Gottes Wort zu tun.“ Vgl. M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2. Jahrhundert (2022), 79, 295. Die Paulusnähe des Briefes wird auch prosopographisch hergestellt mit der Einfügung von Timotheus in Hebr 13,23, vgl. ibid. 300. Vgl. auch zu Bezügen zwischen Irenäus und Hebr, C.K. Rothschild, Hebrews as Pseudepigraphon. The History and Significance of the Pauline Attribution of Hebrews (2009), 30-31. Vgl. diesen ganzen Abschnitt, in welchem die Frage des Verhältnisses von Hebräerbrief und Irenäus wieder aufgegriffen wird, S. 177-190; es wurde schon in der Vergangenheit darauf hingewiesen, Irenäus weise keine Bezüge zu Hebr auf, R. Grant, Irenaeus of Lyons (1996), 1, 28. D. Young, The Concept of Canon in the Reception of the Epistle to the Hebrews (2022), 13. 144 Euseb. Caes., Hist. eccl. V 26,3. Hiernach habe Irenäus in seinem inzwischen leider verlorenen Werk „Buch verschiedener Reden“ auch den Hebräerbrief „erwähnt und daraus einige Worte zitiert“. 145 Vgl. M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2. Jahrhundert (2022), 49. Zur Rezeptionsgeschichte des Hebräerbriefes vergleiche jetzt die detaillierte und methodologisch reflektierte Studie von D. Young, The Concept of Canon in the Reception of the Epistle to the Hebrews (2022). Zu älteren Arbeiten, vgl. W.H.P. Hatch, The Position of Hebrews in the Canon of the New Testament (1936). 146 Zu dieser Stelle und weiteren Stellen, an denen Tertullian Hebr nutzt bzw. auf ihn zu sprechen kommt, vgl. D. Young, The Concept of Canon in the Reception of the Epistle to the Hebrews (2022), 59-63. 147 Clem. Alex., Adumbr. ad 1Petr 5,13. erschließen, in welchem es Anklänge an den Hebräerbrief gibt. 143 Eusebius behauptet überdies, Irenäus habe den Hebräerbrief gekannt. 144 Weder in der Drei-Briefe-Sammlung des Ignatius um die Mitte des zweiten Jahrhunderts, noch in dessen Sieben-Briefe-Sammlung aus der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts begegnet allerdings der Hebräerbrief. 145 Im Kom‐ mentar zu Markions *Apostolos beschwert sich Tertullian nicht, dass der Hebräerbrief in diesem fehlt, sondern er scheint auch in seinem eigenen katholischen Apostolos diesen Brief noch nicht gelesen zu haben. In De pudicitia XX 2 etwa rückt er den Brief zwar in die Nähe des Paulus, schreibt ihn aber dessen Mitarbeiter Barnabas zu. 146 Im zeitlich umstrittenen Kanon Muratori begegnet der Hebräerbrief nicht. Etwa zeitgleich zu Tertullian ist Klemens von Alexandrien noch unsicherer, was den Ursprung des Briefes betrifft, und meint, Paulus sei lediglich der Übersetzer dieses Briefes gewesen, 147 auch wenn er den Brief „doppelt so oft zitiert wie Justin und Tertullian zusammen“ 148 . Overbeck meint deshalb, Klemens von Alexandrien spiegele mit seiner Meinung auch §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 179 <?page no="180"?> 148 D. Young, The Concept of Canon in the Reception of the Epistle to the Hebrews (2022), 63. 149 F. Overbeck, Zur Geschichte des Kanons (1880), 8. 150 D. Young, The Concept of Canon in the Reception of the Epistle to the Hebrews (2022), 66. 151 Euseb. Caes., Hist. eccl. VI 14,1-4. diejenige, auf die hin der Hebräerbrief in den Kanon aufgenommen worden sei. 149 Als Autorität gilt dieser Brief dem Alexandriner tatsächlich „mehr als griechische Philosophen oder hebräische Schrifttexte“, und doch bleibt er nur „ein Text, ein Instrument, durch das man die Stimme des Logos hören kann“. 150 Eusebius stilisiert Klemens etwas zuversichtlicher und lässt ihn Paulus zum Autor machen, während nun Lukas der Übersetzer des Briefes sei: „In den Hypotyposen gibt Klemens, um es kurz zu sagen, gedrängte Auslegungen der ganzen Bibel […] Den Hebräerbrief weist er Paulus zu, behauptet aber, er sei an die Hebräer in hebräischer Sprache geschrieben worden, Lukas habe den Brief sorgfältig übersetzt und dann an die Griechen weitergeleitet. Daher komme es, daß die Sprache dieses Briefes dieselbe Färbung zeige wie die der Apostelgeschichte. Daß dem Briefe nicht die Worte „Paulus, der Apostel“ vorgesetzt seien, habe seinen guten Grund. „Denn“ — so erklärt er — „da er an die Hebräer schrieb, die gegen ihn voreingenommen waren und ihn verdächtigten, so war es ganz begreiflich, daß er nicht schon am Anfange durch Nennung seines Namens abstieß.“ Sodann fügt Klemens bei: „Da ferner, wie der selige Presbyter sagte, der Herr als Apostel des Allmächtigen an die Hebräer gesandt worden war, so betitelt sich Paulus, als zu den Heiden gesandt, aus Bescheidenheit nicht als Apostel der Hebräer. Er unterläßt es aus Ehrfurcht vor dem Herrn und weil er, der Lehrer und Apostel der Heiden, über seinen Beruf hinaus an die Hebräer schrieb.“ 151 Die Argumentation hinterlässt beim Leser einen eigenartigen apologetischen Eindruck, scheint sie doch erklären zu wollen, warum der Brief nicht, wie bei den anderen Briefen des Paulus üblich, zu Beginn seinen Namen trägt. Sie verstärkt den aus Klemens’ Adumbrationes gewonnenen Eindruck der Unsicherheit, der bezüglich des Briefes existierte, auch wenn hier noch „der selige Presbyter“, Eusebs Lehrer Pantaenus, bemüht wird. Auch noch um die Mitte des dritten Jahrhunderts äußert sich Origenes ratlos: „Jeder, der Stile zu unterscheiden und zu beurteilen versteht, dürfte zugeben, daß der Stil des sog. Hebräerbriefes nichts von jener Ungewandtheit im Ausdruck zeigt, welche der Apostel selber eingesteht, wenn er sich als ungeschickt in der Rede, d. i. im Ausdruck, bezeichnet, daß der Brief vielmehr in seiner sprachlichen Form ein besseres Griechisch aufweist. Daß die Gedanken des Briefes Bewunderung verdienen 180 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="181"?> 152 Orig., in Euseb. Caes., Hist. eccl. VI 25,11-14 (Übers. BKV, korrigiert). 153 D. Young, The Concept of Canon in the Reception of the Epistle to the Hebrews (2022), 66-72. 154 Vgl. B.M. Metzger, The Canon of the New Testament. Its Origin, Development, and Significance (1987), 150 (Hippolytus), 162 (Cyprian). 155 Vgl. M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2. Jahrhundert (2022), 65-66. 156 Euseb. Caes., Hist. eccl. III 3,5. und hinter denen der anerkannten Briefe des Apostels nicht zurückstehen, dürfte ebenfalls jeder als richtig zugeben, der mit der Lektüre des Apostels vertraut ist.“ Später bemerkt Origenes noch: „Ich aber möchte offen erklären, daß die Gedanken vom Apostel stammen, Ausdruck und Stil dagegen einem Manne angehören, der die Worte des Apostels im Gedächtnis hatte und die Lehren des Meisters umschrieb. Wenn daher eine Gemeinde diesen Brief für paulinisch erklärt, so mag man ihr hierin zustimmen. Denn es hatte seinen Grund, wenn die älteren Leute ihn als paulinisch überliefert haben. Wer indes tatsächlich den Brief geschrieben hat, weiß Gott. Soviel wir aber erfahren haben, soll entweder Klemens, der römische Bischof, oder Lukas, der Verfasser des Evangeliums und der Apostelgeschichte, den Brief geschrieben haben.“ 152 Es fällt auf, dass Origenes hier davon berichtet, dass „die älteren Leute“ (οἱ ἀρχαῖοι ἄνδρες) den Brief „als paulinisch überliefert haben“ und dass es der Fall ist, dass „eine Gemeinde“ ihn „für paulinisch erklärt“. Doch beides spricht dagegen, dass der Brief bereits Teil des Corpus Paulinum war, zumal Origenes ausdrücklich nachschiebt, dass er nicht wisse, von wem er stamme und seine Information, er werde Klemens oder Lukas zugeschrieben, nur vom Hörensagen habe. Dennoch nutzt er die Paulusnähe des Briefes, wenn er sich des Briefes bedient. 153 Während Hippolytus von Rom den Hebräerbrief zitiert, scheint Cyprian in Karthago ihn nicht zu kennen, zumindest zitiert er ihn nicht. 154 Im Canon Sinaiticus, der noch weithin die Reihenfolge der paulinischen Briefe von Markions *Apostolos bewahrt, finden wir den Hebräerbrief nach dem Römerbrief eingeschoben, während die beiden Thessalonicherbriefe nach dem Philipperbrief zu stehen kommen und vor den beiden Pastoralbriefen 2Tim und Tit. 155 Selbst Eusebius von Cäsarea, der im vierten Jahrhundert von „vier‐ zehn“ Briefen des Paulus „sicher und bestimmt“ (πρόδηλοι καὶ σαφεῖς αἱ δεκατέσσαρες) ausgeht, also Hebräer einschließt, muss noch eingestehen, „daß manche behaupteten, der Brief an die Hebräer sei von der römischen Kirche nicht als paulinisch anerkannt worden, und denselben deshalb verwarfen“. 156 Ob uns §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 181 <?page no="182"?> 157 Vgl. Euseb. Caes., Hist. eccl. VI 20,3. 158 C.K. Rothschild, Hebrews as Pseudepigraphon. The History and Significance of the Pauline Attribution of Hebrews (2009), 43. 159 Vgl. hierzu mit weiterführender Literatur D. Young, The Concept of Canon in the Reception of the Epistle to the Hebrews (2022), 75-77. 160 So ibid. 75. dies einen Hinweis darauf gibt, dass der linke Arm unserer Familie (und 06 in der ursprünglicheren Form) ohne Hebräerbrief war, und damit auch W nach Rom zu verorten ist? Später in Buch VI seiner Kirchengeschichte kommt Eusebius zurück auf die insbesondere in Rom angesiedelte Kritik, die bis zu seinen Tagen diesen Brief als paulinisch ablehnt, indem er insbesondere auf den Dialog des „sehr gelehrten“ Gaius verweist: „In diesem Dialog, in welchem er die Gegner wegen ihrer kühnen, verwegenen Aufstellung neuer Schriften zum Schweigen bringt, erwähnt er nur dreizehn Briefe des heiligen Apostels, indem er den Brief an die Hebräer nicht den übrigen beizählt. Noch bis heute gilt er bei einigen Römern nicht als Schrift des Apostels“. 157 Wie zu sehen ist, lässt sich das ältere Bild einer weithin auf den Osten be‐ schränkten Akzeptanz des Hebräerbriefes und einer westlichen Zurückhaltung, wie schon C. K. Rothschild gezeigt hat und jüngst von D. Young erneut bestätigt wurde, nicht in seiner Schärfe halten, es lässt sich meines Erachtens aber auch nicht gänzlich bestreiten. 158 Wo der Brief genutzt wurde, war er mit einem gewissen Schatten überdeckt, wobei der Westen stärker als der Osten zögerlich in seiner Benutzung war. Zwei auffällige Zeugnisse seien hier noch erwähnt, weil Fragmente des Hebräerbriefes in zwei Papyri existieren, P. Amherst 1.3 (P 12 ) und P.Oxy. IV.657 (P 13 ). 159 Die Besonderheit besteht schon darin, dass es Fragmentstücke sind, die aus zwei Papyrusrollen stammen. Sie sind damit seltene Zeugen für nicht in Kodizes überlieferte christliche Schriften. Außerdem zeugt der erste für eine Überlieferung von Hebr außerhalb einer Sammlung von Paulusbriefen. Der Text von P 12 ist gepaart mit der Eröffnung von Gen und stellte vielleicht ein Amulett dar, wobei das Schreibmaterial wohl aus der zweiten Hälfte des dritten Jahrhunderts oder dem frühen vierten Jahrhundert stammt. Dieses war vor der Beschreibung mit Hebr durch einen Christen für einen Brief an seinen Geschäftspartner nach Ägypten genutzt worden. 160 Auch P 13 war bereits vor der Neubenutzung beschrieben, und zwar mit einem Auszug aus Livius, und darüberhinaus hebräische Buchstabenreste zu erkennen sind. Kolumnenzeichen sprechen dafür, dass dem Text von Hebr ein anderer Text voranstand, vielleicht aus der Parallele mit P 46 ableitbar, der Brief an die Römer. 161 182 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="183"?> 161 So ibid. 84-85. 162 Siehe hierzu mit der entsprechenden Literatur D. Young, The Concept of Canon in the Reception of the Epistle to the Hebrews (2022), 82-84. 163 Vgl. weiter unten die Tabelle, S. 192; zur weiteren Editionsgeschichte des Corpus Paulinum, vgl. Ibid. 85-98 (Osten) 164 Ähnlich denkt von Soden über die Stellung des Hebräerbriefes, H.v. Soden, Die Schriften des Neuen Testaments in ihrer ältesten erreichbaren Textgestalt. Hergestellt auf Grund ihrer Textgeschichte. I. Teil: Untersuchungen, III. Abteilung: Die Textformen. B. Der Apostolos mit Apokalypse (1911), 1650. Eine der ältesten uns erreichbaren Sammlungen, in denen der Hebräerbrief nachweislich enthalten ist, liegt in Papyrus P 46 vor. 162 Hier aber entspricht die Ordnung der Briefe nicht der später kanonischen. Zwar steht Röm am Anfang, nicht anders als in der hier verhandelten Familie, doch folgt hier wie im bereits erwähnten Canon Sinaiticus Hebr unmittelbar auf Röm und steht vor 1Kor. Eph steht vor Gal. Die Ordnung wurde verschieden interpretiert. Für unseren Zusammenhang ist wichtig, dass offenkundig im dritten Jahr‐ hundert der Hebräerbrief nicht nur für viele problematisch war, sondern of‐ fenkundig auch dann, wenn er in eine Paulusbriefsammlung gelangte, er an unterschiedlichen Stellen eingeordnet wurde, sei es nach Röm, nach Gal, 2Thess, 2Tim oder Phlm. 163 Dass er in 06 am Ende der Sammlung nach Phlm später angehängt wurde, deutet darauf hin, dass er eher eine Zugabe war und vielleicht noch nicht vollends als paulinisch angesehen wurde. 164 Denn in keinem unserer großen Kodizes des vierten und fünften Jahrhunderts steht der Hebräerbrief an dieser Stelle, erst der sogenannte byzantinische Mehrheitstext (M) wird ihn dann ans Ende der Paulusbriefsammlung stellen. Die fehlende Autorschaftsangabe des Paulus, aber auch Stil und Inhalt hatten die Nutzer offenkundig auf lange Zeit hin skeptisch gestimmt. Dieser Einblick stützt die Beobachtungen, die wir aus den Varianten ge‐ wonnen haben, dass die Vorlagen W und X dieser Familie ohne den Hebräerbrief der *10-Briefe-Sammlung nahestanden. Dass die Vorlage der Tradition gemäß eine Bilingue war, wird durch die Bilingualität der beiden von ihr stammenden Arme gestützt, denn ansonsten hätten sich wiederum zufällig zwei Bilinguen parallel aus einer Nichtbilingue entwickelt, was möglich, aber eher unwahr‐ scheinlich ist. Das bedeutet dann aber, dass diese Bilingue es war, in der zunächst eine erste Bearbeitung und teilweise Umgruppierung von Markions *Apostolos vorgenommen wurde. Sie weist auch, wie Dahl aus einem Vergleich des Zeilen‐ arrangements mit der Zeilenanordnung in dem Gotisch-Lateinischen Fragment des Guelferbytanus zeigen konnte, einen „hohen Standard an handwerklicher Fähigkeit auf und kann nur in einem großen Zentrum der Buchproduktion hergestellt worden sein. Ich vermute, dass sie in Rom hergestellt wurde, zu einer §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 183 <?page no="184"?> 165 „The original design for the bilingual edition presupposes a high standard of craftsman‐ ship and can only have originated at a major center of book production. I guess that it was produced in Rome, at a time when Greek was still used in the liturgy even though Latin was the common language spoken by Christians in the city“, N.A. Dahl, 0230 (= PSI 1306) and the Fourth-Century Greek-Latin Edition of the Letters of Paul (1979), 95. 166 M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2. Jahrhundert (2022), 79. Zeit, da Griechisch noch in der Liturgie benutzt wurde, auch wenn Latein die gewöhnliche Sprache war, die die Christen in der Stadt benutzten.“ 165 Doch wie alt ist sie? Weiter oben wurde bereits Irenäus, Adversus haereses III bezüglich des Heb‐ räerbriefes angeführt. Bei der Abfassung meiner früheren Publikation „Christi Thora“ war mir bereits aufgefallen, 166 dass sich aus Buch III (und auch aus den Büchern IV-V) wenigstens mit einiger Wahrscheinlich die Struktur von Irenäus‘ größerer Schriftensammlung erheben lässt. Zunächst referiert er am Anfang von Kapitel 13 Markions Argument gegen die Sonderstellung des Paulus gegenüber allen anderen Aposteln, die dieser u. a. mit Gal 1,1 („Paulus, Apostel, nicht von Menschen oder durch einen Menschen, sondern durch Jesus Christus“) begründet hatte. Dann lässt er Gal 2,7-8 folgen (Iren., Adv. Haer. III 1: „Diese widerlegt Paulus selbst, indem er sagt, ein und derselbe Gott habe dem Petrus das Apostolat der Beschneidung und ihm das der Heiden übertragen“) und auch Röm 10,15 („Wie schön sind die Füße derer, die Gutes verkünden, die den Frieden verkünden“). In Kapitel 16 hebt Irenäus an, offensichtlich entlang seiner Sammlung, seine theologischen Ansichten apologetisch zu manifestieren. Die Reihenfolge, die sich aus diesen Büchern erheben lässt, lautet wie folgt: Röm, 1Kor, 2Kor, Gal, Kol, Eph, Phil, 1Thess, 2Thess, 1Tim, 2Tim, Tit, Hebr (? ). Unsicher ist die Stellung von 1/ 2Thess, Tit und die Frage der Präsenz von Phlm, da die ersten drei Briefe nicht in der Abfolge in Buch III 13-24 zitiert werden, sondern bereits vorweg in Buch III 1-7 begegnen und Phlm bei Irenäus gar nicht erwähnt wird. Ungewiss, wie weiter oben bereits ausgeführt, ist die Präsenz von Hebr, die nur andeutungsweise zu vermuten ist. Mit größerer Gewissheit hatte Irenäus die Briefe des Paulus ( Röm, 1Kor, 2Kor, Gal, Kol, Eph, Phil) in der Ordnung vorliegen, wie sie auch in den Bilinguen unserer Familie stehen. Hatte Irenäus im Gegenargument gegen Markion dessen vorkanonische Sammlung aufgrund theologischer Gründe umgestellt und noch nicht direkt aus dem Hebräerbrief zitiert, wie er es aus den anderen Schriften zum Teil wieder‐ holt tut, dann könnte beides darauf hindeuten, dass er zwar den Hebräerbrief bereits im Blick hatte, er diesen aber nicht gleichberechtigt in seine Sammlung 184 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="185"?> 167 C.S. Stevens, History of the Pauline corpus in texts, transmissions and trajectories. A textual analysis of manuscripts from the second to the fifth century (2020). 168 G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 107. 169 „The farther you work back on the ‚Alexandrian‘ line, the more often you meet with ‚Western‘ elements; and the greater the Byzantine support for Western readings, the more often are they shared by one or other of the oldest ‚Alexandrian‘ witnesses. And the vast majority of such readings are genuine,“ ibid. aufgenommen wissen wollte - der Brief also auch bei ihm eine ähnlich unklare Stellung hatte, wie es dann ja noch bis ins vierte Jahrhundert hinein der Fall war. Damit wäre Irenäus der erste Zeuge für unsere Bilingue W. Er wird auch nicht deren Vorlage benutzt haben, weshalb er für die Notwendigkeit einer solchen zeugt, weil die unklare Stellung des Hebräerbriefes bei Irenäus am ehesten erklärt, warum in den beiden unmittel- oder wohl eher mittelbaren Kopien von W, nämlich X und 06, zum einen in X der Hebräerbrief nicht aufgenommen wurde, während er sich in 06 genau an der Stelle später finden wird - nämlich als Addendum zur Sammlung der paulinischen Briefe - wohin ihn Irenäus vielleicht gestellt hatte. Dass W und die Sammlung des Irenäus nicht parallele Entwicklungen, auch keine konkurrierenden Projekte darstellen, geht aus der Analyse der Varianten von Stevens hervor, der die große und prinzipielle Einheitlichkeit der Textüberlieferung - trotz aller Unterschiede im Detail, wie etwa zuvor gezeigt - herausgestellt hat, die sich seiner Meinung nach nur erklärt, wenn die gesamte Texttradition in genealogischer Abfolge auf einen einzigen Ursprung zurückgeht. 167 Wenn Harnack richtig gesehen hat, dass bereits die *10-Briefe-Sammlung eine Bilingue war, und da auch die Kopien von W, X und 06, Bilinguen sind, wird auch W eine Bilingue gewesen sein. Jedenfalls hatte auch schon Zuntz gesehen, dass 06, 010, 012 mit anderen Zeugen des ‚westlichen‘ Textes weiter als alle anderen Zeugen zurückreichen zu dem anzunehmenden Original, und dass ihnen P 46 und die mit diesem Papyrus verwandten Schriften nachfolgen: 168 „Je weiter man auf der ‚alexandrinischen‘ Linie zurückarbeitet, je öfter begegnet man ‚westlichen‘ Elementen; und je größer eine byzantinische Unterstützung westlicher Lesarten es gibt, desto öfter sind sie verbreitet durch die eine oder andere der ältesten ‚alexandrinischen‘ Zeugen. Und die große Mehrheit dieser Lesarten sind genuin.“ 169 Aufgrund der Perspektive, die Zuntz gewählt hat, indem er die *10-Briefe-Sammlung auf eine hypothetische Vorlage zurückführt, aus der sie sich genährt haben soll und aus der schließlich auch die Verbreitung der Lesarten, die sich sowohl in der *10-Briefe-Sammlung wie vor allem im §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 185 <?page no="186"?> 170 „Instead of supporting a rigid scheme, they bear witness to a living historical process. They intimate the ups and downs of a continuous struggle between many antagonistic forces, some making for the corruption of the primitive wording and others for its preservation … Marcion was not the critic who would notice, still less remove, these shortcomings,“ ibid. 240. 171 H. Zimmermann, Untersuchungen zur Geschichte der altlateinischen Überlieferung des zweiten Korintherbriefes (1960), 126. 172 Ibid. 127. 173 Ibid. 253. 174 E.-M. Becker, Marcion und die Korintherbriefe nach Tertullian, Adversus Marcionem V (2002), 5. ‚westlichen‘ Text, aber auch in den weiteren Texttraditionen findet, erklärt wird, kommt er zu dem Ergebnis: „Statt eine rigide schematische Verteilung zu stützen, bezeugen die Beobachtungen einen lebendigen historischen Prozess. Sie legen das Auf und Ab eines beständigen Kampfes zwischen vielen antagonistischen Kräften nahe, in dem einige für die Korruptelen des primitiven Wortlauts verantwortlich sind und andere für dessen Bewahrung. […] Markion war nicht der Kritiker, der diese Fehler bemerkt hätte, geschweige denn sie beseitigte.“ 170 Ähnlich wie Zuntz urteilt Zimmermann in seiner Detailuntersuchung zu 2Kor: „Die Übereinstimmungen zwischen dem lateinischen Paulustext des Marcion und dem der lateinischen Überlieferung (führen) auf Grund der gleichen griechi‐ schen Vorlage, der gleichen Art der Übersetzung und der gleichen Wortwahl … - wenn man sie nicht als bloßes Spiel des Zufalls erklären will - zwingend zu dem Schluß, daß irgendeine Gemeinsamkeit zwischen dem Bibeltext des Ketzers und dem der katholischen Kirche bestehen muß“, und er führt weiter aus: „Als die gemeinsame griechische Vorlage kann die durch Z [= hier: W], den Archetypus von D [06] F [010] G [012], vertretene Textgestalt angesehen werden. Der marcionitische Text steht dieser Textform sehr nahe und darf im wesentlichen als mit ihr identisch gelten“ und schließlich: „Die durch den Marciontext bekundete Art der Übersetzung und das Vokabular decken eine Grundschicht der lateinischen Übersetzung des 2 Kor auf, die in der gesamten lateinischen Überlieferung durchschimmert, in einigen Teilen überall sich erhalten hat, in anderen nur noch bei einzelnen Zeugen vorzufinden ist“. 171 Wie Zuntz nimmt auch Zimmermann eine gemeinsame Quelle für den lateinischen Text, eine versio latina des Corpus Paulinum an, 172 deren Grundstock er „in die Mitte des 2. Jahrh.“ datiert, und zwar in dieselbe Zeit, in die er den griechischen Archetyp von 06, 010, 012 ansetzt. 173 Becker nennt solche „Überlegungen zu einem sog. prä-marcionitischen Paulus-Text“ jedoch „hypothetisch“. 174 186 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="187"?> 175 Allerdings gehen die Meinungen der Forschung über die Datierung der lateinischen Übersetzung des Irenäus weit auseinander, sie reichen vom frühen fünften Jahrhundert bis zu einem recht frühen Zeitpunkt, nahe bei der Entstehung des griechischen Texts, vgl. die verschiedenen Positionen, die aufgeführt werden in H. Zimmermann, Untersu‐ chungen zur Geschichte der altlateinischen Überlieferung des zweiten Korintherbriefes (1960), 164-165. 176 H.v. Soden, Die Schriften des Neuen Testaments in ihrer ältesten erreichbaren Textge‐ stalt. Hergestellt auf Grund ihrer Textgeschichte. I. Teil: Untersuchungen, III. Abteilung: Die Textformen. B. Der Apostolos mit Apokalypse (1911), 1989. 177 Vgl. E. Diehl, Zur Textgeschichte des lateinischen Paulus (1921), 107. Allerdings urteilt Strutwolf mit Blick auf die Apostelgeschichte und Irenäus, „dass Irenäus als ein alter Zeuge auch eine große Menge an altem Text bewahrt hat, der in der späteren freien Überlieferung weiter überformt und verändert worden ist. Dabei scheint festzustehen, dass Irenäus einen Text benutzte, der einerseits eine frühe Entwicklungsphase derje‐ nigen Traditionslinie darstellt, die später in die Zeugen 05 und P 127 eingemündet ist, an‐ dererseits aber viele der typischen Lesarten dieser späteren Zeugen noch nicht kannte. […] (S. 181) Irenäus jedenfalls lässt sich m. E. nicht als Zeuge für die frühe Existenz eines wie auch immer gearteten Texttyps, sondern eher als Repräsentant einer frühen, sich relativ große Freiheit im Umgang mit ihrem Text nehmenden Überlieferungslinie des griechischen Textes anführen“, so H. Strutwolf, Der Text der Apostelgeschichte bei Irenäus von Lyon und der sogenannte ‚Westliche Text‘ (2017), 180-181. Blümer bemerkt hierzu allerdings, dass „Strutwolf … aber auch eine beeindruckende Liste von Überein‐ stimmungen zwischen dem Codex Bezae und den Irenäuszitaten vorgelegt“ habe, W. Blümer, Die Vetus Latina-Edition der Apostelgeschichte: Überlegungen zu Chronologie, Konstituierung und Disposition der „Texttypen“ (2019), 455. Daran schließt er eine Bestärkung seines eigenen Urteils aus dem Jahr 2011 an, in der es hieß: „Wir haben vor 180 in Lyon einen griechischen Text zu postulieren, der die älteste uns faßbare Stufe jener mehrfach überarbeiteten und weiterentwickelten Textform darstellt, die später vom Codex Bezae, P127 und der syrischen sowie mittelägyptisch-koptischen Überlieferung bezeugt wird“, ebenfalls mit dem Hinweis darauf „dass der Codex Bezae eben aus dem Kloster des Hl. Irenäus in Lyon stammt - ein Aspekt, der in einschlägigen Publikationen allzu oft missachtet wird“, so W. Blümer, Zur Überlieferung der Apostelgeschichte in griechisch-römischer Tradition (2011), 415. Vgl. hierzu auch die nachfolgende Fußnote. Etwas später setzen Fischer und Houghton die Sammlung der lateinischen Paulussammlung an, auch wenn sie diese auf eine einzige Vorlage zurückführen, vgl. zu Details mit Literatur H.A.G. Houghton, The Latin New Testament. A Guide to its Early History, Texts, and Manuscripts (2016), 169-176. 178 So bereits E. Diehl, Zur Textgeschichte des lateinischen Paulus (1921), 127-128. Diehl schließt, dass d bereits „zu Lebzeiten des Irenaeus“ entstanden sei, der von d abhängige Welche weitere Informationen besitzen wir? Auf die Nähe der Sprache zwischen Irenäus und den Bilinguen hatte bereits von Soden hingewiesen, 175 ins‐ besondere auf die der lateinischen Übersetzung des Irenäus und der lateinischen Übersetzungen in den Kodizes d e f g, 176 doch auch die Nähe der erhaltenen Reste seines griechischen Textes zur Sprache von 06 wurde hervorgehoben. 177 Es wäre folglich nicht verwunderlich, wenn sowohl der griechische wie der lateinische Text der 14-Briefe-Sammlung in zeitlicher Nähe zu Irenäus anzusetzen wäre, 178 §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 187 <?page no="188"?> Vulgatatyp „kurz nach des Bischofs Tode“ entstand, also vorhieronymianisch ist. Vgl. zur Kritik an der Vulgata-Autorschaft des Hieronymus und dem von Persig erneut zurückgewiesenen Vorschlag, Pseudo-Rufinus der Syrer sei der Autor gewesen, mit der älteren Diskussion und Literatur A. Persig, The Affiliation of the Quotations from the New Testament Epistles in the Liber de Fide (2020). Vgl. auch die noch unpublizierte, unter meiner Supervision entstandene Doktorarbeit von T.W. Dooley, Jerome’s text of the gospels, the ‚Vetus Latina‘, and the ‚Vulgate‘: with comparative tables of Jerome’s text of Matthew and Mark (2018). Zur umstrittenen Datierung der lateinischen Übersetzung von Irenäus’ Adversus Haereses, vgl. mit weiterer Literatur H.A.G. Houghton, The Latin New Testament. A Guide to its Early History, Texts, and Manuscripts (2016), 16. 179 Vgl. B.D. Haupt, Tertullian’s Text of the New Testament outside the Gospels. Diss. (2019), 298; G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 85. 180 Der Genfer Reformator und Nachfolger Calvins, Théodore de Bèze (1519-1605), nach dem Codex 05 auch Codex Bezae benannt ist, hatte diese Handschrift der Universität Cambridge geschenkt und gibt uns Nachricht, dass der Codex vorher im Kloster des Heiligen Irenäus in Lyon gewesen sei. Wie lange er dort lag, ist unbezeugt und unklar. Zur Heimat des Codex Bezae (05) B.M. Metzger and B.D. Ehrman, The text of the New Testament: its transmission, corruption, and restoration (2005), 70-74. Parker erarbeitet eine Reihe von Argumenten für die Produktion des Codex in Beirut im 4. Jh., doch seine Vorlage führt er zurück zum selben Ort, Beyrut, im frühen 3. Jh., vgl. D.C. Parker, Codex Bezae: An Early Christian Manuscript and its Text (1992), 280-281. 181 E. Diehl, Zur Textgeschichte des lateinischen Paulus (1921), 131; ob diese „Revisionen“ den Weg von der *10-Briefe zur 14-Briefe-Sammlung erhellen können, wäre zu unter‐ suchen. und zwar wie bereits die *10-Briefe-Sammlung als Bilingue angelegt, diese als Vorlage nehmend und zugleich eine Antwort auf sie gebend. Auch die Nähe der Sprache des Tertullian zu 06 wurde schon länger gesehen und jüngst erneut hervorgehoben. 179 Was den lateinischen Text betrifft, schließt Diehl: „Den lateinischen Text der Paulinischen Briefe überhaupt dankt die Welt einem oder dem ‚Apostolos‘-Exemplar des großen christlichen Apologeten von Lyon, der ersten Vorlage des Claromontanus, den, mit dem Evangeliar vereint, 180 als kostbarstes Kleinod einstmals das Kloster des Irenaeus zu Lyon barg. Aber nicht nur das griechi‐ sche und lateinische ‚Urbild‘ des lateinischen Paulus hat uns Irenaeus beschieden, auf ihn und seinen Namen weisen auch die gründlichsten und folgenschwersten Revisionen […] zur Urform der vg [Vulgata]: sie weisen in die Zeit und den Kreis der Männer, welche der Nachwelt das für den Westen fremdsprachige Werk des streitbaren Bischofs gerettet haben, den Irenaeus latinus.“ 181 Bonifatius Fischer wollte sogar noch vor Irenäus zurückgehen, auch noch vor Tatian, und formulierte, dass „aufgrund zahlreicher Indizien eine einzige 188 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="189"?> 182 B. Fischer, Das Neue Testament in lateinischer Sprache. Der gegenwärtige Stand der Forschung (1972), 24. 45. 183 „The earliest dated reference in Latin to the books of the New Testament is found in the proceedings of the trial of a group of Christians in Carthage, known as the Scillitan Martyrs, held on 17 July 180“, so H.A.G. Houghton, The Latin New Testament. A Guide to its Early History, Texts, and Manuscripts (2016), 3. Vgl. auch G. Bonner, The Scillitan Martyrs and the Pauline Epistles (1956); F. Ruggiero, Atti dei Martiri Scilitani. Introd., testo, traduzione, testimonianze e commento (1991). 184 Vgl. zu diesem Text J. Bremmer, Imitation of Christ in the Passion of the Scilitan Martyrs? (2020). 185 „… in each case a single Latin translation underlies all the surviving evidence for the Old Latin tradition“, H.A.G. Houghton, The Latin New Testament. A Guide to its Early History, Texts, and Manuscripts (2016), 12. 186 „Occasions when the Latin tradition agrees on a reading not or poorly attested in Greek provide evidence in favour of a single original translation. One of the best known examples is Mark 9: 15, where all pre-Vulgate Latin manuscripts have gaudentes, ‚rejoicing‘ rather than ‚running‘, apparently due to the misreading of προστρέχοντες as προσχαίροντες (as found in Codex Bezae)“, ibid. Übersetzung für die lateinischen Evangelien anzunehmen“ ist, nicht anders, als er von einer einzigen „Urübersetzung“ auch der Paulusbriefe spricht. 182 Zu dieser zeitlichen Ansetzung passt, dass auch H. Houghton seine Ge‐ schichte des lateinischen Neuen Testaments wie folgt beginnt: „Der früheste datierte Bezug in Latein auf die Bücher des Neuen Testaments findet sich in den Akten des Prozesses einer Gruppe von Christen in Karthago, bekannt als die Scillitanischen Märtyrer, der am 17. Juli 180 stattfand“, 183 in denen es heißt: „Saturninus, der Prokonsul, sagte: ’Was sind die Dinge, in Eurem Behältnis? ’ Speratus sagte: ’Bücher und Briefe des Paulus, eines gerechten Mannes.’“ 184 Auch wenn der Text im Unklaren lässt, ob sich nur „Briefe“ auf Paulus bezieht oder auch „Bücher“, wird doch deutlich, dass von Paulusbriefen hier die Rede ist. Wohlgemerkt, ältere Zeugnisse für diese Briefe in Latein gibt es nicht. Houghton stimmt mit den Herausgebern der Vetus Latina darin überein, dass aufgrund der heute verfügbaren Quellen sich der Schluss nahelege, dass „in jedem einzelnen Fall eine einzige lateinische Übersetzung all den überlebenden Zeugnissen für die altlateinische Tradition zugrundeliegt“. 185 Dass diese eine Quelle eine Bilingue gewesen ist, findet einen kleinen Hinweis in der lateini‐ schen Tradition von Mk 9,15. Nach Houghton ist dies das „bekannteste“ Beispiel, eine der „Gelegenheiten, da die lateinische Tradition übereinstimmend eine Lesart biete, die nicht oder schwach in Griechisch bezeugt ist“, hier nämlich in 05, dem Codex Bezae. Die lateinische Tradition liest gaudentes „die sich freuen“, statt „die rennen“, wohl aufgrund eines Lesefehlers von προστρέχοντες als προσχαίροντες. 186 §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 189 <?page no="190"?> 187 Das vermutet bereits W. Arnal, The Collection and Synthesis of „Tradition“ and the Second-Century Invention of Christianity (2011), 204-205. Die 14-Briefe-Sammlung scheint folglich in zeitlicher Nähe und im Umfeld des Irenäus entstanden zu sein, 187 die wie die *10-Briefe-Sammlung, zu der sie in Konkurrenz geschaffen wurde, ebenfalls als Bilingue angelegt war. Es ergibt sich folglich das detailliertere Stemma: Das Stemma, das auch die Zwischenstufen von Revisionen (hier zusammenfas‐ send als Y' und Z' bezeichnet) einschließt, verdeutlicht, dass bei der Rekonstruk‐ tion der *10-Briefe-Sammlung, insbesondere Varianten zum kanonischen Text, die sich in dieser Handschriftenfamilie finden, besonderer Berücksichtigung bedürfen. Dabei wird man Varianten von 010, 012 höher gewichten als solche, die sich ausschließlich in 06 finden. Andererseits besitzen Varianten, die sowohl in 06 als auch in 010, 012 zu finden sind, ein noch größeres Gewicht, auch wenn nicht alle solche Varianten bereits die Sicherheit bieten, im Text der *10-Briefe-Sammlung gestanden zu sein. 190 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="191"?> 1 Die Liste stützt sich auf die beiden Tabellen von D. Trobisch, Die Paulusbriefe und die Anfänge der christlichen Publizistik (2010), 37. 40. §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung innerhalb von Markions *NT im Unterschied zur 14-Briefe-Sammlung innerhalb des kanonischen NT In einem ersten Unterpunkt widmen wir uns dem äußerlich unterschiedlichen Profil der beiden Briefsammlungen. Auf diesen folgt eine eingehend kompara‐ tive Untersuchung der Sprache beider Sammlungen. Anhand dieser beiden Punkte soll das unterschiedliche Profil der beiden Briefsammlungen, auch innerhalb der jeweils größeren NT-Sammlungen erkennbar gemacht werden. Die verschiedenen Profile lassen sich nicht nur aus den textlichen Varianten der parallelen Verse, die sich in beiden Sammlungen finden, erschließen, sondern insbesondere auch anhand des Textbestandes, den die kanonische Sammlung gegenüber der vorkanonischen als Mehrtext besitzt. Da es kaum vorkanoni‐ schen Mehrtext gegenüber der kanonischen Sammlung gibt, ist die Gegenprobe nur sehr eingeschränkt möglich. Es wird sich zeigen, dass viele der sprachlichen Beobachtungen beim Ver‐ gleich der *10-Briefe-Sammlung mit der 14-Briefe-Sammlung sich vertiefen lassen, indem über diese beiden Korpora hinaus einerseits zusammen mit der *10-Briefe-Sammlung auch *Ev berücksichtigt wird, andererseits zusammen mit der 14-Briefe-Sammlung auch die weiteren Schriften des kanonischen Neuen Testaments herangezogen werden. a. Verschiedene Anzahl, Anordnung, Länge und Gewicht der paulinischen Briefe Die Bedeutung, den der Umfang der Sammlung der paulinischen Briefe wie deren Anordnung hat, erweist sich als aufschlussreich, insbesondere was die Differenz zwischen den 10 paulinischen Briefen der vorkanonischen Sammlung und den 13 (inklusive des Hebräerbriefs: 14) Briefen der kanonischen Sammlung betrifft. Gehen wir zunächst jedoch nicht von fixen Sammlungen aus, sondern werfen wir einen Blick in wichtige Zeugnisse und Handschriften und deren Bestand, den sie an paulinischen Briefen aufweisen, um weiteren Aufschluss über die Genese der beiden paulinischen Briefsammlungen zu gewinnen: 1 <?page no="192"?> 2 Vgl. hierzu S. 46-47, 94. Was die Reihenfolge der Prologe und damit die Anordnung der Briefe betrifft, sind diese lediglich aus internen Verweisen zu gewinnen, so etwa zu Beginn des Prologs zu 1Kor, wo ein similiter steht, das auf einen voranstehenden Brief mit ähnlichem Inhalt, nämlich Gal, verweist, richtig bereits erkannt von D. de Bruyne, Prologues Bibliques d’Origine Marcionite (1907). Die Gegenüberlegung, dass auch der zweite Teil von Röm gemeint sein könnte, wurde bereits von Mundle selbst, der diesen Einwand aufwarf, in Frage gestellt, vgl. W. Mundle, Die Herkunft der „Markionitischen“ Prologe zu den Paulusbriefen (1925), 24-25. Aufgefallen war mir aber auch, dass Tertullian durch Anspielungen zu erkennen gibt, dass er diese Paulusprologe gekannt hat, vgl. M. Vinzent, Marcion and the Dating of the Synoptic Gospels (2014). 3 A.L. Smith, Catalogue of the Syriac MSS in the Convent of S. Catharine on Mount Sinai (1894), 11-14. Quispel erwähnt zwar die gegenüber der markionitischen Sammlung hinzugekommenen Briefe, stellt aber heraus dass „die markionitische (wir würden sagen: ‚originale‘) Form des paulinischen Korpus bewahrt blieb“ („the ‚Marcionite‘ (we would call it: ‚original‘) shape of the Pauline corpus has been preserved“), G. Quispel, Marcion and the Text of the New Testament (1998), 354. 01 Gal 1Kor 2Kor Röm 1Thess 2Thess Laod Kol Phil Phlm 02 Gal - 1Kor 2Kor Röm 1Thess 2Thess Eph Kol Phlm Phil Laod - - - - 03 Gal - 1Kor 2Kor Röm 1Thess 2Thess Laod Kol Phil Phlm 1Tim 2Tim Tit - - 1 Röm - 1Kor 2Kor Gal Eph Phil Kol 1Thess 2Thess - 1Tim 2Tim Tit Phlm - 2 Röm - 1Kor 2Kor Gal Eph Phil Kol 1Thess 2Thess - 1Tim 2Tim Tit Phlm Laod 3 Röm - 1Kor 2Kor Gal Eph Kol Phil 1Thess 2Thess - 1Tim 2Tim Tit Phlm Hebr 4 Röm Hebr 1Kor 2Kor Eph Gal Phil Kol 1Thess ? - - - - - - 5 Röm - 1Kor 2Kor Gal Hebr Eph Phil Kol 1Thess 2Thess 1Tim 2Tim ? - - 6 Gal - 1Kor 2Kor Rom Hebr Kol Eph Phil 1Thess 2Thess - 2Tim Tit Phlm - 7 Röm - 1Kor 2Kor Gal Eph Phil Kol 1Thess 2Thess Hebr 1Tim 2Tim Tit Phlm - 8 Röm - 1Kor 2Kor Gal Eph Kol Phil 1Thess 2Thess - 1Tim 2Tim Tit Phlm Hebr 9 Röm - 1Kor 2Kor Gal Eph Kol Phil 1Thess 2Thess Hebr 1Tim 2Tim Tit Phlm - 10 Röm - 1Kor 2Kor Gal Eph Phil Kol 1Thess 2Thess Hebr 1Tim 2Tim Tit Phlm Hebr 01 = Tertullians Angaben zur *10-Briefe-Sammlung 02 = Epiphanius‘ Angaben zur *10-Briefe-Sammlung 03 = Markionitische Paulusprologe 2 1 = 010 2 = 012 3 = 06 4 = P 46 5 = Kapitel in 03 6 = Kanon Sinaiticus 3 192 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="193"?> 4 A.L. Smith, Catalogue of the Syriac MSS in the Convent of S. Catharine on Mount Sinai (1894), 11-14. 5 G. Quispel, Marcion and the Text of the New Testament (1998), 354-355. So schon der von ihm zitierte H.D. Betz, Paul in the Mani Biography (Codex Manichaicus Coloniensis) (1986). Quispel erwähnt, dass bis zum Zeitpunkt der Abfassung seines Artikels „nicht eine einzige tendenziöse Lesart markionitischen Ursprungs unter den vielen Pauluszitaten in manichäischen Quellen gefunden wurde“ („up till this date, not a single tendentious reading of Marcionite origin has been found among the many quotations from Paul in Manichaean sources“), G. Quispel, Marcion and the Text of the New Testament (1998), 355. Auf die Nähe zwischen der *10-Briefe-Sammlung und der manichäischen Tradition verweist auch Ps.-(? ), Ephräm, Erklärung des Evangeliums. 6 N.A. Dahl, Studies in Ephesians. Introductory questions, text- & edition-critical issues, interpretation of texts and themes (2000), 195. A. Souter, The Text and Canon of the New Testament (1954), 209. 7 = 01, 02, 03, 04 8 = M 9 = Minuskel 5 10 = Minuskel 794 Bereits in § 6 war die Absenz bzw. Präsenz des Hebräerbriefes von Bedeutung, weil sie ein wichtiges Element darstellt, um die dort besprochene Handschrif‐ tenfamilie in zwei Arme zu unterteilen. Wie in dieser Übersicht hier auf Anhieb zu erkennen ist, ist der Hebräerbrief, was die Anzahl seines Vorkommens und seine Anordnung in der paulinischen Briefsammlung anlangt, das volatilste Element. Gewöhnlich werden die Nummern 01 (Tertullian, Anf. 2. Jh.), 02 (Epiphanius, 4. Jh.), 6 (Kanon oder Catalogus Sinaiticus, um 400 4 ), mit der invertierten Stellung von vorangestelltem Gal und nachgestelltem Röm als Zeugen für den markionitischen *Apostolos genommen. Quispel hat jedoch darauf hingewiesen, dass auch Manichäer, die nicht den markionitischen *Apostolos benutzten, auf eine kanonische Vorlage Zugriff gehabt haben, in der ebenfalls Gal und 1/ 2Kor vor Röm standen. 5 Vergleicht man die Angaben von 01 (Tertullian), 02 (Epiphanius) mit 6 (Kanon oder Catalogus Sinaiticus), stellt man fest, dass in letzterem eine Mischung zwischen der von Tertullian und Epiphanius für die Sammlung des Markion gegebenen Angaben und deren Anordnung vorliegt und der großen Anzahl griechischer Handschriften mit ihrer Anzahl und An‐ ordnung der paulinischen Briefe. 6 Wie bereits oben zum Hebräerbrief ausgeführt wurde, stellt die Handschriftenfamilie 06 (hier: 3), 010 (hier: 1), 012 (hier: 2) ebenfalls eine Zwischenstation dar zwischen der *10-Briefe-Sammlung und der 14-Briefe-Sammlung. §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 193 <?page no="194"?> 7 Vgl. Epiph., Pan. 42,11,10; die oben angeführte Liste findet sich in ibid. 42,9,4. 8 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 65*. Ein genauerer Blick auf die Angaben zu Markions Paulusbriefsammlung gibt uns folgende Details: 01 = Tertullian Gal 1/ 2Kor Röm 1/ 2Thess Laod Kol Phil Phlm - - - - 02 = Epiphanius Gal 1/ 2Kor Röm 1/ 2Thess Eph Kol Phlm Phil Laod - - - 6 = Kanon Sinai‐ ticus Gal 1/ 2Kor Röm Hebr Kol Eph Phil Phil 1/ 2Thess 2Tim Tit Phlm Von den drei Verzeichnissen scheint Tertullian, der die Briefe auch eingehend kommentiert, uns das verlässlichste Verzeichnis überliefert zu haben. Bei Epiphanius wird sowohl der Epheserbrief wie der Laodizeerbrief genannt, wohl deshalb, weil in der kanonischen Sammlung des Neuen Testaments das von Markion als Laodizeerbrief geführte Schreiben Epheserbrief genannt wird. Da Epiphanius wiederholt die Liste der Briefe aufführt und auch aus ihnen exzerpiert, wird deutlich, dass er tatsächlich den Laodizeerbrief in der *10-Briefe-Sammlung im Anschluss an 1/ 2Thess meint, auch wenn er diesen als Epheserbrief bezeichnet. 7 Dass er am Ende nochmals den Laodizeerbrief gesondert aufführt, hängt vielleicht mit dem Umstand zusammen, dass er bei der Abfassung seiner Widerlegung des Markion in seinem „Arzneikasten“ (Panarion), bei der er auf eigene frühere Aufzeichnungen, wie bereits erwähnt, zurückgegriffen hat, „infolge der Unvollkommenheit seiner Aufzeichnung zu der Ansicht [kam], M.[arkion] habe sowohl den Epheserals auch einen Laodiceerbrief in seiner Bibel gehabt“, so dass er „den größeren Teil der Zitate unter jenem Titel, eines aber unter diesem [anführte]“. 8 Der Kanon Sinaiticus kennt schließlich den Laodizeerbrief nicht mehr. Auffallend ist auch die verschiedene Reihenfolge von Phil und Phlm bei Epi‐ phanius gegenüber Tertullian und die Platzierung des Phil ans Ende, wogegen Tertullian und der Kanon Sinaiticus darin übereinstimmen, dass sie Phlm ganz am Ende ihrer Sammlung haben, wobei im Kanon heraussticht, dass Phil gleich zweimal nacheinander gegeben wird und hierauf zunächst 1/ 2Thess folgen, dann nur zwei der bekannten drei Pastoralbriefe vor Phlm. Im Kanon Sinaiticus findet sich auch Hebr, hier zwischen Röm und Kol eingeordnet. Wenn angenommen wird, dass beide Reihenfolgen von Phil/ Phlm und Phlm/ Phil auf Markion zurückführbar seien, setzt man voraus, beide Kommentatoren von Markions *Apostolos hätten „verschiedene Ausgaben der Bibel Marcions“ vorliegen gehabt, „die neben der unterschiedlichen Anordnung der Texte teil‐ 194 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="195"?> 9 A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 25 Anm. 14. 10 Vgl. hierzu M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien (2015), 55-60; U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 9. 11 Ob dieser Kanon ursprünglich Griechisch oder bereits Lateinisch geschrieben war, ist in der Forschung umstritten, doch scheint ein östlicher Ursprung eher wahrscheinlich, vgl. hierzu A.C.J. Sundberg, Canon Muratori: A Fourth Century List (1973), 2, 34. C. Guig‐ nard, The Original Language of the Muratorian Fragment (2015); H.A.G. Houghton, The Latin New Testament. A Guide to its Early History, Texts, and Manuscripts (2016), 17. 12 Can. Murat. 76-77. Außerdem wird später gesagt, es habe noch „ein neues Buch Markions der Psalmen“ gegeben, ibid. 83. 13 Im Mittelalter begegnet dann aber eine Notiz zu Kol 4,16, in der erstens auf einen mark‐ ionitischen Laodizeerbrief verwiesen wird, verglichen mit Lightfoots Edition wird er geboten von T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, Band 2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892), 584-585. Zweitens wird auch ein Alexandrinerbrief genannt, so Herveus Dolensis (PG 181,1355). Vgl. zu Letzterem ibid. 576-577. 586. Während Zahn sich bemüht, einen im Sacramentarium et Lectionarium Bobiense, einer Handschrift des 7. Jh. (Paris BN Lat. 13246), aufbewahrten Text mit dem Titel Epistula Pauli apostoli ad Colossenses mit diesem markionitischen Alexandrinerbrief zu identifizieren, schließe ich mich dem Urteil von Norelli an, dass der Text „nichts zu tun hat“ mit diesem Markion zugeschriebenen Brief, E. Norelli, Markion und der biblische Kanon (2016), 25; T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen weise auch erhebliche Abweichungen im Wortlaut aufwiesen“. 9 Das ist möglich - man müsste wohl genauer vom „Neuen Testament“ Markions sprechen - und würde vor allem die manchmal abweichenden Angaben bei Tertullian und Epiphanius, was einzelne Verse und Worte betrifft, erklären. 10 Insgesamt hatten wir aber in § 5 festgestellt, dass sich die Differenzen, was die häresiologischen Zeugnisse betrifft, in Grenzen halten. Über diese drei Angaben zur Sammlungsanordnung der *10-Briefe-Samm‐ lung hinaus finden wir noch die leichte Variante in Ephräms Paulusbriefsamm‐ lung, die der des Markion nahesteht, wonach der von Tertullian am Schluss erwähnte Phlm durch den sogenannten Dritten Korintherbrief ersetzt ist, der ansonsten als Teil der Paulusakten überliefert wird. Eine weitere Information bietet der Kanon Muratori (2. oder 4. Jh.), 11 der zu berichten weiß: „Es soll bei der Schule des Markion auch einen an die Laodizeer geben und einen anderen an die Alexandriner, dem Namen des Paulus zugeschrieben“ („Fertur etiam ad Laudecenses alia ad alexandrinos Pauli nomine fincte ad heresem marcionis“). 12 Den Laodizeerbrief sehen wir in den Verzeichnissen des Tertullian und Epiphanius, der Alexandrinerbrief jedoch ist nur durch dieses Zeugnis des Kanon Muratori belegt. 13 §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 195 <?page no="196"?> Kanons, Band 2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892), 586-592. Vergleicht man die vorkanonische paulinische Briefsammlung, wie sie uns in den genannten Zeugen mitgeteilt wird, mit der 14-Briefe-Sammlung, wie wir sie aus der Mehrheit der griechischen Handschriften kennen, ergeben sich folgende Übereinstimmungen und Unterschiede: Die *10-Briefe-Sammlung umfasst zehn paulinische Briefe in einer von den Zeugen weithin übereinstimmend gegebenen Reihenfolge: *Gal, *1/ *2Kor, *Röm, *1/ *2Thess, *Laod (in der 14-Briefe-Sammlung Eph genannt), *Kol, *Phil, *Phlm. Die 14-Briefe-Sammlung weist folgende Schriften in einer ebenfalls weithin übereinstimmenden Reihenfolge auf, wobei i.W. lediglich die An- und Abwe‐ senheit und die Stellung des Hebräerbriefs differiert. In der Mehrzahl der Handschriften (8 = M) lautet die Reihenfolge: Röm, 1/ 2Kor, Gal, Eph, Kol, Phil, 1/ 2Thess, 1/ 2Tim, Tit, Phlm, Hebr. Nach allgemeinem Konsens sollen folgende sieben Briefe, die sich in beiden Sammlungen finden, von Paulus selbst stammen: Röm, 1/ 2Kor, Gal, Phil, 1Thess, Phlm. Ihre Anordnung vom ältesten zum jüngsten hin ist umstritten, da die Briefe selbst nicht datiert sind. Vergleicht man die beiden Sammlungen nach der Anordnung der Briefe, ergibt sich folgende Gegenüberstellung: 14-Briefe-Sammlung *10-Briefe-Sammlung Röm 1Kor 2Kor Gal Eph Phil Kol 1Thess 2Thess 1Tim 2Tim Tit Phlm Hebr *Gal *1Kor *2Kor *Röm *1Thess *2Thess *Laod *Kol *Phil *Phlm 196 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="197"?> 14 H.J. Frede, Altlateinische Paulus-Handschriften (1964), 167-168. 15 So D. Trobisch, Paul’s Letter Collection. Tracing the Origins (1994), 17. 16 D. Trobisch, Die Entstehung der Paulusbriefsammlung: Studien zu den Anfängen christlicher Publizistik (1989), 111-113. 17 Die folgende Tabelle findet sich in D. Trobisch, Die Paulusbriefe und die Anfänge der christlichen Publizistik (2010), 80. Das Ordnungskriterium der 14-Briefe-Sammlung war, wie in der Forschung herausgestellt wurde, sowohl ein biographisches wie ein geographisches. 14 Auffallenderweise stehen die drei Briefe *2Thess, *Laod, *Kol innerhalb der *10-Briefe-Sammlung unmittelbar beieinander, während ihre parallelen Pen‐ dants in der 14-Briefe-Sammlung nahe beieinander aber nicht zusammenstehen, sondern jeweils durch einen Parallelbrief der *10-Briefe-Sammlung getrennt sind. Auf 2Thess folgen dann zunächst weitere, heute als Pseudepigraphe angesehene Briefe in der kanonischen Sammlung (2Thess, 1/ 2Tim, Tit), bis dann die Sammlung mit dem parallelen Schlussbrief zu dem der *10-Briefe-Sammlung und dem angefügten Hebr beschlossen wird. Was die ersten vier Briefe in der vorkanonischen wie der kanonischen Sammlung betrifft, so stimmen diese überein, lediglich Gal und Röm stehen an vertauschten Stellen. Nach welchem Prinzip wurden die paulinischen Briefe in den beiden vergli‐ chenen Sammlungen angeordnet? Trobisch (und Lietzmann vor ihm) hatte für die kanonische Sammlung vorgeschlagen, die Editoren hätten die Briefe zunächst gegliedert nach Adres‐ saten - zuerst die Briefe an Gemeinden, dann diejenigen an Einzelpersonen, und als weiteres Kriterium dann die Länge der Briefe berücksichtigt, wobei mehrere Briefe an dieselbe Gemeinde bzw. an dieselbe Person zusammengestellt wurden, ebenfalls nach der Länge geordnet. 15 Dieses Verfahren habe Vorteile für Kopisten in der Kalkulation und der Einteilung des nötigen Beschreibraumes der Schreibgrundlage gehabt. Außerdem rechnet Trobisch damit, dass dieses Ordnungsprinzip gewählt wurde, weil die Briefe undatiert waren und damit eine chronologische Anordnung nicht möglich war. 16 Hier seine Tabelle, die die Anzahl der Buchstaben in den Briefen angibt: 17 Brief 14-Briefe-Sammlung Röm 34.410 1Kor 32.767 2Kor 22.280 Gal 11.091 §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 197 <?page no="198"?> 18 Ibid. 81-82; D. Trobisch, Die Entstehung der Paulusbriefsammlung: Studien zu den Anfängen christlicher Publizistik (1989), 57; H. Lietzmann, Einführung in die Textge‐ schichte der Paulusbriefe. An die Römer (1933), 2. Brief 14-Briefe-Sammlung Eph 12.012 Phil 8.009 Kol 7.897 1Thess 7.423 2Thess 4.055 1Tim 8.869 2Tim 6.538 Tit 3.733 Philem 1.575 Hebr 26.382 In Anbetracht der Länge der Briefe, muss Trobisch einschränken, dass die Zahlen lediglich für den zweiten Teil der Sammlung, also die Briefe an Ein‐ zelpersonen, passen, während im ersten Teil der Epheserbrief doch um fast 1.000 Zeichen länger als der ihm voranstehende Galaterbrief ist. Lietzmann hatte dafür, wie wir sahen, keine Erläuterung, aber Trobisch erklärt sich dieses Phänomen damit, dass mit Eph, der ja in der modernen Forschung als Deuteropaulinum betrachtet wird, ein Anhang beginne. 18 Auch wenn wir als Vergleich die Anordnung der Briefe in P 46 nehmen, lässt sich die Reihe nicht völlig mit der absteigenden Länge in Einklang bringen (verwendet werden dieselben Zahlen wie in der voranstehenden Tabelle): 4 Röm Hebr 1Kor 2Kor Eph Gal Phil Kol 1Thess ? - 34.410 26.382 32.767 22.280 12.012 11.091 8.009 7.897 7.423 - Auch wenn in dieser Sammlung Eph und Gal in absteigender Richtung platziert sind, sticht doch Hebr mit seinen 26.382 Zeichen heraus und steht gegen die sonst ersichtliche absteigende Tendenz der gereihten Briefe. Hier kommt man auch nicht mit dem Argument eines Anhangs weiter. Die Gründe für die 198 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="199"?> 19 Die Kalkulation erfolgte aufgrund von NA 27 und der im Anhang gegebenen Rekonstruk‐ tion des vorkanonischen *Paulus. Für die Kalkulation wurden die Buchstabenzeichen gewählt unter Ausschluss der Interpunktionszeichen und der Tituli. Die Prozentzahlen beziehen sich auf den Anteil eines Briefes, gemessen am Umfang der jeweiligen Sammlung; die letzte Spalte „Vergleich“ bietet das prozentuale Verhältnis des Umfangs zwischen vorkanonischem und kanonischem Text, z. B. *Gal besitzt 53,61 % der Buchstabenzeichen von Gal. 20 H.J. Frede, Altlateinische Paulus-Handschriften (1964), 167-168; M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2.-Jahrhundert (2022), 69. 21 So aber D. Trobisch, Die Entstehung der Paulusbriefsammlung: Studien zu den An‐ fängen christlicher Publizistik (1989), 111. Platzierung müssen zumindests mit Blick auf Hebr hier und Gal und Eph in der vorausgegangenen Anordnung andere gewesen sein. Vergleichen wir die 14-Briefe-Sammlung mit der *10-Briefe-Sammlung be‐ züglich der Reihenfolge der Briefe: 19 Brief *10-Briefe- Sammlung innere % 14-Briefe- Sammlung Trobisch innere % Ver‐ gleich Gal 5.943 14,52% 11.085 11.091 7,84% 53,61% 1Kor 14.119 34,50% 32.759 32.767 23,15% 43,10% 2Kor 5.003 12,22% 22.279 22.280 15,74% 22,46% Röm 5.347 13,06% 34.433 34.410 24,31% 15,53% 1Thess 1.063 2,60% 7.419 7.423 5,25% 14,33% 2Thess 1.220 2,98% 4.048 4.055 2,87% 30,14% Laod 4.564 11,15% 12.001 12.012 8,49% 38,03% Kol 1.723 4,21% 7.886 7.897 5,58% 21,85% Phil 1.265 3,09% 7.998 8.009 5,66% 15,82% Phlm 680 1,66% 1.562 1.575 1,11% 43,53% - - - - - - - gesamt 40.927 100,00% 141.470 141.519 100,00% 28,93% Für die *10-Briefe-Sammlung hatte bereits H.J. Frede, wie erwähnt, erkannt, 20 dass die Briefe nicht aufgrund ihrer Länge, 21 sondern geographisch und biogra‐ phisch geordnet waren - angefangen mit *Gal und *1Kor, beide aus Ephesus geschrieben, *2Kor von weiter nördlich aus Troas, auf dem Weg zwischen Ephesus und Korinth, dann *Röm, geschrieben aus Korinth, dann *1/ *2Thess §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 199 <?page no="200"?> 22 D. Trobisch, Die Paulusbriefe und die Anfänge der christlichen Publizistik (2010), 79. aus Athen, und der Rest der Briefe als Gefangener, auch wenn nicht sicher ist, von welcher Stadt diese Briefe ausgegangen sein sollen, die Angaben variieren (*Kol aus Ephesus, *Phil und *Phlm aus Rom). Hierzu kommt die biographische Angabe, Paulus habe Phlm geschrieben als „alter Mann“ (Phlm 1,9, jedoch nicht vorkanonisch bezeugt). Allerdings ist dennoch auffällig, dass diejenigen fünf Gemeindebriefe am Anfang der Sammlung stehen, die zugleich die längsten Briefe (mit Ausnahme von Phil, der länger als 1Thess ist) und von dem Redaktor offenkundig auch der biographisch frühen Phase zugerechnet wurden. Dann wurden die drei Briefe eingeschoben, die die moderne Forschung als Deutero‐ paulinen betrachtet, und zwar offenkundig deshalb nach *1Thess und vor *Phil, weil der erste der drei Briefe, *2Thess, sich an *1Thess anschloss und die drei Briefe vermutlich bereits als Sammlung vom Redaktor angetroffen wurden. Diesen und *Phil folgt dann der einzige an eine Einzelperson gerichtete Brief, den die vorkanonische Sammlung kennt, *Phlm. Die drei *Deuteropaulinen traten allerdings nicht sieben einzelnen paulinischen Briefen hinzu, sondern wurden, wie der Rückverweis in *Gal 5,21 erweist, der auf eine Stelle in einem in der Sammlung späteren Brief (*1Kor 15,50) geht, bereits in eine existierende ältere Sammlung eingeschoben, auch wenn die vorkanonische Redaktion gegenüber dieser älteren Sammlung *Gal dem *1Kor vorangestellt hat. Grundsätzlich gelten für die Frage der Umstellung der Reihenfolge von Briefen bei der Bearbeitung von Sammlungen Trobischs methodologische Über‐ legungen und vergleichende Beobachtungen zu anderen antiken Briefsamm‐ lungen. Er stellte fest: „So lange die Herstellung von Büchern nur erfolgen konnte, indem einzelne Exem‐ plare von Hand abgeschrieben wurden, war es technisch sehr aufwendig, eine ältere Sammlung von Schriften umzuordnen, und kam deshalb auch nur selten vor. Die handschriftliche Überlieferung von Sammlungen zeigt immer und immer wieder, daß die Abschreiber die Anordnung der Vorlagen mit großer Trägheit übernahmen. Wenn neue Briefe an alte Sammlungen angefügt wurden, neigten die Herausgeber dazu, neue Briefe einfach nur als Anhang an das Ende der älteren Sammlung zu stellen. Sie hatten Hemmungen, alle Briefe neu anzuordnen.“ 22 Wie zuvor gesehen, findet Trobischs Erkenntnis ihre Bestätigung aus der voran‐ stehenden Tabelle, die die *10-Briefe-Sammlung mit der 14-Briefe-Sammlung vergleicht. Die Trägheit, Briefsammlungen umzustellen, setzt dann umgekehrt wichtige Gründe voraus, wenn tatsächlich Umstrukturierungen existierender 200 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="201"?> 23 Vgl. die verschiedenen Narrationen, die sich aus der Umkehr der Reihenfolge von Gal und Röm ergeben, M. Vinzent, Resetting the Origins of Christianity. A New Theory of Sources and Beginnings (2023), 291-298, 308-309. Sammlungen vorgenommen wurden. Bildet die *10-Briefe-Sammlung die Vor‐ gängerin der 14-Briefe-Sammlung, können wir nach den Gründen für deren Umstrukturierung suchen. Angeschlossen hatte sich die kanonische Redaktion an den Grundaufriss, wonach zunächst die Gemeindebriefe vor dem Brief an eine Einzelperson standen. Innerhalb dieser Gemeindebriefe wurde jedoch der Galaterbrief mit dem Römerbrief vertauscht. Wie wir sahen, konnte hier nicht einfach nur die Brieflänge verantwortlich gewesen sein, weil sonst wie in P 46 Gal nach Eph und Hebr nach Röm eingefügt worden wären. Stattdessen scheint für die Umstellung von Gal und Röm die umstrittene Autoritätsuntermauerung des Paulus durch *Gal und die Festigung der Beziehung der Kirche zu Israel in Röm ausschlaggebend gewesen zu sein. 23 Umgekehrt gilt, da bereits der vorkanonischen *10-Briefe-Sammlung eine ältere Sammlung der sieben pauli‐ nischen Briefe vorgelegen hatte, in welcher *Gal nach *1Kor stand, dass die vorkanonische Redaktion durch die Umstellung von *Röm und *Gal gerade die Autorität des *Paulus hervorheben wollte, eine Umstellung, die dann die erste kanonische Redaktion rückgängig gemacht hat. Dass in der kanonischen Sammlung gegenüber der *10-Briefe-Sammlung, die *2Thess an *1Thess angeschlossen hatte und die beiden weiteren *Deute‐ ropaulinen *Laod und *Kol im Block folgen ließ, auf Eph und Kol jeweils einer der sieben Briefe folgt (Phil, 1Thess) und sich 2Thess anschließt, zeigt möglicherweise: Erstens wird die *10-Briefe-Sammlung kaum eine Bearbeitung der 14-Briefe-Sammlung sein. Sie hätte dann die drei auseinanderstehenden Briefe zu einem Block zusammengefügt. Das hätte aber vorausgesetzt, dass die Redaktion Kenntnis davon gehabt hätte, dass es sich bei diesen drei Briefen um von den sieben Briefen zu unterscheidende Deuteropaulinen handeln würde. Dann wäre diese Redaktion der modernen Forschung weit vorangegangen. Viel leichter lässt sich erklären, dass eine kanonische Redaktion den Block dieser drei Deuteropaulinen auflöst und mit jeweils einem der sieben Briefe durchschießt, um eine größere Integrität der Briefsammlung zu erwirken. Zweitens scheint die Reihenfolge Eph-Kol-2Thess (trotz der dazwischengeschalteten Briefe) noch die ursprüngliche Reihenfolge zu bieten, in welcher die vorkanonische Redaktion diese drei Briefe aus der vorangehenden Sammlung vorgelegen waren. Dass die vorkanonische Redaktion *2Thess nach vorne gestellt hat, lag daran, dass sie diesen Brief an *1Thess anschließen wollte. Aus demselben Grund der Integration scheinen in der 14-Briefe-Sammlung auch die Pastoralbriefe vor §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 201 <?page no="202"?> und nicht als Anhang nach Phlm gestellt worden zu sein. Zugleich mögen diese inhaltlichen Gründe das Argument der Brieflänge gestützt haben wie umgekehrt. Welche der beiden Überlegungen von größerer Bedeutung war, lässt sich nicht mehr ermitteln. Vergleichen wir noch die Länge der Briefe, wie sie in der *10-Briefe-Samm‐ lung und der 14-Briefe-Sammlung vorliegen, so fällt auf, dass die zehn Briefe in ganz unterschiedlicher Weise kanonisch erweitert wurden, und zwar, was die ersten fünf Gemeindebriefe betrifft, unmittelbar ihrer Stellung folgend: Brief *10-Briefe- Sammlung 14-Briefe- Sammlung Prozentuale Erweiterung Gal 5.943 11.085 86,52% 1Kor 14.119 32.759 132,02% 2Kor 5.003 22.279 345,31% Röm 5.347 34.433 543,97% 1Thess 1.063 7.419 597,93% 2Thess 1.220 4.048 231,80% Laod 4.564 12.001 162,95% Kol 1.723 7.886 357,69% Phil 1.265 7.998 532,25% Phlm 680 1.562 129,71% Demnach wurde der Galaterbrief mit über 86,52 % am geringsten kanonisch erweitert, gefolgt von Phlm und 1Kor, deutlich stärker dann 2Kor und nochmals deutlich stärker Röm, und wieder leicht stärker 1Thess, dann Phil nochmals etwas geringer als 1Thess und Röm. Gleichwohl sind diese drei Briefe gemessen an den anderen drei Gemeindebriefen (Gal, 1/ 2Kor) insgesamt deutlich stärker und im Vergleich zueinander etwa gleich stark erweitert worden. Phlm muss bei dieser Betrachtung nicht völlig außer Acht bleiben, auch wenn dessen vorkanonischer Bestand insgesamt unbezeugt und darum in der Rekonstruktion hypothetisch ist. Sollte allerdings die hypothetische Rekonstruktion dennoch der historischen Wirklichkeit nahe kommen, läge der Umfang der Erweiterung in der Nähe derjenigen von 1Kor und damit innerhalb des Wahrscheinlichen. Gegenüber der Erweiterung dieser sieben Briefe der vorkanonischen Samm‐ lung fällt diejenige des Blockes der drei Deuteropaulinen auf. Sie liegen mit 202 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="203"?> 2Thess (281,80%), *Laod/ Eph (162,95%) und Kol (357,69%) deutlich im geringeren Bereich der Erweiterung, nur noch geringer als sie erweitert sind 1Kor und Gal, jedoch deutlich übertroffen von Röm, 1Thess und Phil. Wie bereits zuvor angedeutet fallen diese drei heute als Deuteropaulinen angesehenen Briefe 2Thess, Laod/ Eph, Kol hiermit erneut auf. Wahrscheinlich bildeten sie bereits vor der vorkanonischen Redaktion der *10-Briefe-Sammlung einen Sammlungszusammenhang, der nach Umstellung von *Gal und *Röm in den älteren Verbund der sieben Briefe eingefügt wurde. Blicken wir noch auf die Länge der Briefe in den beiden Sammlungen in Hinsicht auf deren relatives Gewicht innerhalb der Sammlungen, indem wir auf die oben bereits gebotene Tabelle zurückkommen: Briefe *10-Briefe- Sammlung innere % 14-Briefe- Sammlung innere % Vergleich Gal 5.943 14,52% 11.085 7,84% 53,61% 1Kor 14.119 34,50% 32.759 23,15% 43,10% 2Kor 5.003 12,22% 22.279 15,74% 22,46% Röm 5.347 13,06% 34.433 24,31% 15,53% 1Thess 1.063 2,60% 7.419 5,25% 14,33% 2Thess 1.220 2,98% 4.048 2,87% 30,14% Laod 4.564 11,15% 12.001 8,49% 38,03% Kol 1.723 4,21% 7.886 5,58% 21,85% Phil 1.265 3,09% 7.998 5,66% 15,82% Phlm 680 1,66% 1.562 1,11% 43,53% - - - - - - gesamt 40.927 100,00% 141.470 100,00% 28,93% In der *10-Briefe-Sammlung ist der längste Brief *1Kor, der über die doppelte Länge der nächst längeren Briefe besitzt. Diese nächst längeren Briefe sind *Gal - *Röm - *2Kor. Ihnen stehen deutlich nach *Phil - *1Thess - *Phlm, während von den drei Deuteropaulinen *Laod über die doppelte Länge der nächsten beiden Briefe besitzt, *Kol - *2Thess. Dieses Verhältnis verändert sich grundlegend innerhalb der kanonischen Sammlung. Hier steht Röm als längster Brief vorne, gefolgt von 1Kor, 2Kor, Eph. Röm ist folglich aufgrund seiner gewaltigen Erweiterung und der gemessen §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 203 <?page no="204"?> 24 Wie eng Stil und Inhalt zusammen zu betrachten sind, zeigt M. Duncan, The Danger of Using Style to Determine Authorship: The Case of Luke and Acts (2020). daran geringen Erweiterung von Gal zum gewichtigsten Brief der kanonischen Sammlung geworden. Gefolgt wird er von 1Kor, der ebenfalls erheblich erweitert wurde und noch mehr der nachfolgende 2Kor. Wie zu ersehen ist, wurde dem‐ nach durch die vergleichsweise geringe Erweiterung von Gal dessen allein schon durch die Länge gegebene Gewichtung drastisch gegenüber den anderen Briefen reduziert. Inhaltliche und längenmäßige prozentuale Reduktion, verbunden mit der Stellung in der Briefsammlung gehen folglich Hand in Hand. Nachdem wir bisher auf die äußeren Merkmale der beiden Sammlungen eingegangen sind, sollen im Folgenden ihre sprachlichen Merkmale in den Fokus rücken. Dabei wird es von Interesse sein zu prüfen, ob sich innerhalb der vorkanonischen Sammlung nocheinmal ein spezifisches Profil der drei Deuteropaulinen feststellen lässt. b. Vorkanonische und kanonische Sprache, Lexik, Stil und Inhalt Über das, was eingangs zu § 7 bereits ausgeführt wurde, geht es in diesem Abschnitt um eine nähere Analyse des sprachlichen und inhaltlichen Profils der *10-Briefe-Sammlung im Vergleich zu demjenigen der 14-Briefe-Sammlung, und zwar jeweils im Rahmen ihres neutestamentlichen Kontexts. 24 Denn, wie zu erkennen sein wird, lassen sich nicht nur die beiden Briefsammlungen in ihren Profilen voneinander unterscheiden und näher bestimmen, sondern viele der Elemente, die sich als typisch für das Profil der *10-Briefe-Sammlung erweisen, teilt diese Sammlung auch mit dem in Markions *Neuem Testament stehenden *Evangelium, während viele der Elemente, die für die 14-Briefe-Sammlung typisch sind, auch in anderen Schriften des (später) kanonischen Neuen Testa‐ ments begegnen. Grundlage für diese Untersuchung ist die Rekonstruktion der *10-Briefe- Sammlung nur insofern, als für den Vergleich solche Textpassagen herange‐ zogen werden, die durch die Zeugen attestiert sind, während der in der Rekon‐ struktion erschlossene, in Normaldruck gegebene Text hier unberücksichtigt bleibt. Für den kanonischen Text wurde NA 28 zugrunde gelegt. Beide Texte wurden für diese Untersuchung in eine maschinenlesbare Form gebracht und mit dem gesamten Team für eine computergestützte Auswertung aufbereitet. 204 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="205"?> 1. Griechisch bzw. Lateinisch Was die Sprache der *10-Briefe-Sammlung betrifft, legen sich zwei nahe: Latein bzw. Griechisch. Tertullian kommentiert die Sammlung auf Latein, Epiphanius macht sich seine Exzerpte aus einer griechischen Sammlung, und Adamantius kreiert einen Dialog, in welchem die Kontrahenten auf Griechisch mit griechi‐ schen Schriftzitaten, auch aus der *10-Briefe-Sammlung, diskutieren. Rufin hat dann diesen Dialog ins Lateinische übertragen, ob bei den Schriftzitaten diese selbst übersetzend oder auf eine lateinische Quelle rückgreifend, müsste noch geklärt werden. Wie in § 2, § 5 und § 6 dargelegt, wurde in der Geschichte der Forschung die Frage aufgeworfen, auf welcher sprachlichen Grundlage Tertullian seinen Kommentar zu Markions *Neuem Testament abgefasst hatte, Latein oder Griechisch. Harnack hatte aufgrund von Tertullians eigenen Hinweisen, die an der einen Stelle einen griechischen Text voraussetzen, an der anderen einen lateinischen, darauf geschlossen, dass er vermutlich eine Bilingue vor sich hatte. Dieser Schluss wurde gefestigt durch die Ausführungen in § 6, die darauf hinauslaufen, dass aus den etwa 800 Handschriftenzeugen für die 14-Briefe-Sammlung es gerade 5 Bilinguen sind, die immer wieder in ihrem Textbestand der *10-Briefe-Sammlung am nächsten kommen. Es scheint folglich auch der bilinguale Charakter dieser 5 Handschriften für deren Nähe zu einer bilingualen *10-Briefe-Sammlung zu sprechen. Nun geht die nachfolgende Untersuchung i.W. auf die griechisch be‐ zeugte *10-Briefe-Sammlung und die durch NA 28 dokumentierte griechische 14-Briefe-Sammlung ein. Wenn darüber hinaus die jeweils größeren neutesta‐ mentlichen Sammlungen herangezogen werden, so werden erneut vor allem deren griechische Textgestalten betrachtet. Eine Untersuchung (und Rekon‐ struktion) der lateinischen *10-Briefe-Sammlung im Vergleich zur lateinischen 14-Briefe-Sammlung bleibt ein Desiderat, dem hier nicht nachgekommen werden kann. 2. Die Textbasis für den Sprachvergleich Was die griechische *10-Briefe-Sammlung betrifft, die für die folgende Untersu‐ chung als Basis für einen Vergleich mit der 14-Briefe-Sammlung benutzt wird, so wird nicht die im Anhang I gebotene Rekonstruktion der *10-Briefe-Sammlung gewählt, sondern lediglich die von den Zeugen attestierten Textteile, um eine Zirkularität der Argumentation zu vermeiden. §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 205 <?page no="206"?> 25 M. Vinzent, Concordance to the Precanonical and Canonical New Testament (2023). Man beachte auch die fortlaufend aktualisierte Korrekturliste zu dieser Concordance, die den weiteren Erkenntnisgewinn und die Korrektur kleinerer Druckfehler dokumen‐ tiert: Markus Vinzent’s Blog: Concordance to the precanonical and canonical New Test ament - some more details and corrections. Eine beim Druck dieser Einleitung aktuelle Korrekturliste findet sich im Anhang zur Einleitung weiter unten, S.-835-842. 26 Nur ganz wenige Lemmata fehlen wie etwa der bestimmte Artikel, für den es keine validen Daten gibt, da eine der wichtigsten Quellen für die Rekonstruktion des vorkanonischen Neuen Testaments Tertullians Werke darstellen, die in Latein und nicht Griechisch geschrieben sind. Da sprachbedingt im Lateinischen der bestimmte Artikel fehlt, lässt sich selten etwas über die Benutzung desselben in der griechischen Vorlage des Tertullian ermitteln. 27 Α α---Kata Biblon Wiki Lexicon (02.11.2022). 28 A. Schmoller, Handkonkordanz zum griechischen Neuen Testament (1949). 29 Benutzt wurde die zweite Auflage von 1985, die auf NA 26 beruht, da coronabedingt die Ausleihsituation der Bibiliotheken keinen Zugriff auf eine andere Ausgabe erlaubte. 30 Vgl. New Testament Transcripts (uni-muenster.de). Als Referenz dient die kürzlich publizierte „Concordance to the Precanonical and Canonical New Testament“. 25 Sie umfasst nicht nur die *10-Briefe-Samm‐ lung (wie oben angemerkt: lediglich die für diese ausdrücklich von mindestens einem Zeugen belegten Textteile) und die 14-Briefe-Sammlung, sondern auch den Text von *Ev (wiederum nur in dem Textbestand, der mindestens durch einen Zeugen belegt ist) und des kanonischen Neuen Testaments auf der Basis von NA 28 mit seinen über 5.500 Lemmata (die 14-Briefe-Sammlung ist darin ein‐ geschlossen). 26 In einigen wenigen Fällen werden für Lemmata, die sehr häufig in einer der Versionen des Neuen Testaments zu finden sind, auch spezifische grammatische Formen als Untereinträge gegeben, so dass wir nicht nur etwas über die erste Ebene von Lemma und Lexem, sondern auch über die zweite von Lemmaform und Lexemform aussagen können. Über die Konkordanz erlaubt die geparste computerlesbare Textgestalt auch, nach Wortkombinationen zu suchen, was für die Rekonstruktion genutzt wurde. Die Konkordanz wurde erstellt unter Nutzung von Kata Biblon, Wiki Lexicon of the Greek New Testament, 27 auch an manchen Stellen korrigiert durch die neutestamentliche Konkordanz von Schmoller 28 und die „Computer Con‐ cordance to the Novum Testamentum Graece“. 29 NA 28 wurde für textkritische Varianten benutzt, oft erweitert durch die Angaben des New Testament Trans‐ cripts Prototype. 30 Was die Lemmata des vorkanonischen Neuen Testaments betrifft, folgen die Konkordanz und die vorliegende Sprachuntersuchung folglich nicht einer der existierenden Rekonstruktionen von *Ev oder *Ap, sondern richten sich nach dem von den Zeugen als anwesend oder abwesend bezeugten Text, wie dieser 206 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="207"?> 31 D.T. Roth, The Text of Marcion’s Gospel (2015); J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013). 32 U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012); J.J. Clabeaux, A Lost Edition of the Letters of Paul. A Reassessment of the Text of the Pauline Corpus attested by Marcion (1989). Für die ältere Literatur vgl. M. Klinghardt, The Oldest Gospel and the Formation of the Canonical Gospels (2021); M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020); M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020). 33 Nach Schmid kann der Dialog des Adamantius nicht in einer methodisch kontrollierten Weise benutzt werden, vgl. U.B. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (1995), 236. 34 T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, Band 2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892); A.v. Harnack, Marcion. Das Evan‐ gelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924). 35 J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013). jüngst von M. Klinghardt in seiner Rekonstruktion von *Ev mit Fettdruck und Unterstreichung markiert wurde (geprüft gegen die Rekonstruktionen von Roth und BeDuhn), 31 und von U. Schmid für die *10-Briefe-Sammlung in einer Liste am Ende seiner Untersuchung vorgelegt wurde (geprüft gegen die Anmerkungen von Hilgenfeld, Zahn, Harnack, Clabeaux und BeDuhn). 32 Das Zeugnis des Adamantius - auch wenn es m. E. manchmal Zeugniswert hat, gerade wenn Text in markionitischem Mund erscheint (vgl. weiter oben § 5) - wurde für Nachweise zum vorkanonischen Text weder in der Konkor‐ danz noch in der folgenden Untersuchung berücksichtigt (wenn auch jeweils angegeben), um der Kritik von Schmid und Roth an diesem Zeugen Rechnung zu tragen. 33 Nicht berücksichtigt in der Konkordanz und in der folgenden Sprachuntersuchung wurden diejenigen Passagen, die die Herausgeber von *Ev oder *Ap (die eigene Rekonstruktion in Anhang I eingeschlossen) ohne Zeugenbasis etwa aus narrativer Notwendigkeit rekonstruiert haben (Zahn und Harnack für *Ev und *Ap, 34 Klinghardt für *Ev, und BeDuhn für *Ev und *Paul 35 ). Allerdings wurden die Hinweise der Zeugen auf die Abwesenheit von Text berücksichtigt und entsprechend vermerkt. Folglich berücksichtigt die Konkordanz und die folgende Untersuchung lediglich Textbestand, der durch mindestens einen Zeugen gesichert ist, auch wenn vorkanonische Termini in anderen, unbezeugten Passagen gestanden haben können. Dies untergräbt einerseits eine rein statistische Verlässlichkeit der Daten und der Vergleichser‐ gebnisse, die hierauf beruhen, andererseits bewegen wir uns im Folgenden bei unseren Angaben über Präsenz und Absenz von Termini auf nachvollziehbarer, §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 207 <?page no="208"?> 36 Vgl. mit älterer Literatur M. Reiser, Sprache und literarische Formen des Neuen Testaments. Eine Einführung (2001), 29-48. 37 Ibid. 29. 38 E. Norden, Die antike Kunstprosa vom VI. Jahrhundert v. Chr. bis in die Zeit der Renaissance. Band-2 (1918), 492-510. bezeugter und nicht hypothetischer Textbasis. Nur so ist zu vermeiden, dass die Rekonstruktion Ausgangsbasis für eine Stiluntersuchung wird, die ihrerseits ein Instrument für die Rekonstruktion darstellt. Ein besonderer Fall ist schließlich *Phlm, da von diesem Brief nicht ein einziger Vers von Zeugen vermerkt ist, auch wenn sowohl Tertullian wie Epiphanius uns mitteilen, dass dieser Brief zur *10-Briefe-Sammlung gehört habe. Da die Zeugen aber keinen Hinweis auf die Art des Textbestandes bieten, ist der Brief auch bei keinem vorkanonischen Lemma in der Vergleichskonkor‐ danz oder der folgenden Untersuchung berücksichtigt. Ein weiterer besonderer Fall ist Markions Vorwort, die „Antithesen“, zu seinem *Neuen Testament. Auch der Wortbestand dieses Vorworts wurde bei der Konkordanz und der nachfolgenden Untersuchung nicht berücksichtigt, da sich die Forschung noch nicht auf eine verlässliche Rekonstruktion dieses Vorworts verständigen konnte. Aus demselben Grund wurden auch die markionitischen Paulusprologe nicht berücksichtigt und spielen auch in der nachfolgenden lexikalischen Untersu‐ chung keine Rolle. 3. Untersuchungen zur Lexik, Stil, Semantik und Rhetorik der 14-Briefe-Sammlung Dergleichen Untersuchungen haben bereits Geschichte. Woran es allerdings mangelt ist eine Untersuchung der Sprache der Sammlung der 14 Briefe, wie auch die Studien zur Sprache der größeren Sammlung des Neuen Testaments über eine Generalisierung bzw. Fragen von Semitismen selten hinausgeht. 36 Dass sich nirgends „eine Spur von Klassizismus oder gar Attizismus“ zeigt, lässt sich in dieser Radikalität, wie zu zeigen sein wird, für die 14-Briefe-Sammlung nicht halten. 37 Zur Sprache des kanonischen Paulus hat sich eingehend und kritisch E. Norden geäußert, der seinen „Stil, als Ganzes betrachtet, (für) unhellenisch“ hielt, womit er wie viele vor und nach ihm auf die sprachlichen und stilistischen Besonderheiten hinwies, die die Sprache des Paulus vom klassischen Griechisch unterscheidet. 38 Andere, wie der von Norden gescholtene und sich gegen ihn verteidigende G. Heinrici, hielten dagegen, dass „der Wortschatz des Paulus, sein Stil, so stark er auch das Gepräge des Autodidakten trage“, so entsprächen „seine 208 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="209"?> 39 G. Heinrici, Der zweite Brief an die Korinther (1900), 436-458, 451. 40 A. Deissmann, Licht vom Osten. Das Neue Testament und die neuentdeckten Texte der hellenistisch-römischen Welt (1923), 53; A. Deissmann, Licht vom Osten. Das Neue Testament und die neuentdeckten Texte der hellenistisch-römischen Welt (1908); A. Thumb, Die griechische Sprache im Zeitalter des Hellenismus. Beiträge zur Geschichte und Beurteilung der Koinē (1901); J.H. Moulton, Einleitung in die Sprache des Neuen Testaments (1911). 41 T. Nägeli, Der Wortschatz des Apostels Paulus. Diss. (1904), 13. 42 Vgl. K.A.G.v. Zezschwitz, Profangraecitaet und biblischer Sprachgeist. Eine Vorlesung über die biblische Umbildung hellenischer Begriffe besonders der psychologischen (1859). Detailliert und auch die ältere Forschung berücksichtigend (Norden, Heinrici, Deissmann) T. Nägeli, Der Wortschatz des Apostels Paulus. Diss. (1904). Der Begriff der Sondersprache wurde erst entwickelt (für das von Christen gebrauchte Latein) von C. Mohrmann und J. Schrijnen, vgl. C. Mohrmann, Die altchristliche Sondersprache in den Sermones des hl. Augustin (1932); C. Mohrmann, Altchristliches Latein. Entstehung und Entwicklung der Theorie der altchristlichen Sondersprache (1939); C. Mohrmann, Études sur le latin des chrétiens. 1 Latin des chrétiens (1961); C. Mohrmann, Études sur le latin des chrétiens. 2 Latin chrétiens et médiéal (1961); C. Mohrmann, Études sur le latin des chrétiens. 4 Latin chrétien et latin médiéval (1977); C. Mohrmann, Études sur le latin des chrétiens. 3 Latin chrétien et liturgique (1979). Was sie an Chrakteristiken zur christlichen (lateinischen) Koine anführt, lässt sich auch auf das Griechische anwenden. Vgl. auch die Arbeiten von J. Schrijnen, Studien zur Syntax der Briefe des hl. Cyprian (1936); J. Schrijnen, Charakteristik des altchristlichen Latein (1932). 43 N. Treu, Das Sprachverständnis des Paulus im Rahmen des antiken Sprachdiskurses (2018). dialektischen Mittel … zum überwiegenden Theile den populären Formen der rhetorisch geschulten hellenischen Bildung … [und Paulus sei] von der Geistes‐ luft der hellenistischen religiös-ethischen Bewegung des ersten Jahrhunderts nicht unberührt geblieben“. 39 Verbreitert wurde das Wissen um den sprachlichen Kontext des Neuen Testaments durch Inschriften, Ostraka und Papyrusfunde, die aufgenommen wurden von A. Deißmann, A. Thumb und J.H Moulton und Deißmann zu dem Urteil führten, „dass das Neue Testament im großen und ganzen ein Denkmal der spätgriechischen Umgangssprache ist“. 40 Dieser Position schließt sich Th. Nägeli an und nuanciert sie, die „Schreibweise des Paulus“ sei „weder unhellenisch noch im eigentlichen Sinne literarisch geschult, sondern gehör[e] in den Bereich einer zwar unliterarischen, aber doch nicht eigentlich vulgären, sondern im Ausdruck gewandten Umgangssprache, die sich auch in den abstrakten Lebensgebieten zu bewegen weiss“. 41 Bisweilen wurde der christliche Glaube als Einfluss auf das Griechische herausgehoben und es wurde sogar von einer christlichen Sondersprache gesprochen. 42 Ohne die Besonderheit der Sprache zu minimieren, wurde inzwischen je‐ doch auch auf die Nähe derselben zum frühkaiserzeitlichen philosophischen Diskurs hingewiesen. 43 Die Rhetorik des Paulus im Vergleich zur antiken wurde §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 209 <?page no="210"?> 44 C.J. Classen, Philologische Bemerkungen zur Sprache des Apostels Paulus (1994/ 1995), 94. Vgl. auch C.J. Classen, St. Paul’s Epistles and Ancient Greek and Roman Rhetoric (1992); C.J. Classen, Paulus und die antike Rhetorik (1991). 45 Vgl. M. Vahrenhorst, Kultische Sprache in den Paulusbriefen (2008). 46 Er unterscheidet nochmals zwischen Semantik und Pragmatik, der „Bedeutungsnuance eines Wortes innerhalb einer sprachlichen Äußerung“ und der „konkrete(n) Situation einer sprachlichen Äußerung und deren Funktion innerhalb eines Kommunikationsge‐ schehens“, wobei er herausarbeitet, wie eng beide Sichtweisen miteinander verbunden sind. Im Folgenden wird beides berücksichtigt, jedoch, wie bereits von Schumacher aufgezeigt, der Semantik das größere Gewicht zugemessen, T. Schumacher, Zur Ent‐ stehung christlicher Sprache. Eine Untersuchung der paulinischen Idiomatik und der Verwendung des Begriffes πίστις (2012), 20. Bei seinem biographischen Zugang führt er als erstes Apg 21,39 ein und verortet Paulus nach Tarsus in Kilikien (ibid. 83-96). 47 Vgl. J.A. Libby, The Pauline Canon Sung in a Linguistic Key: Visualizing New Testament Text Proximity by Linguistic Structure, System, and Strata (2016); G.K. Barr, Scalometry and the Pauline Epistles (2004); G.K. Barr, The Impact of Scalometry on New Testament Letters (2002); G.K. Barr, Interpolations, Pseudographs, and the New Testament Epistles (2002); G.K. Barr, A Computer Model for the Pauline Epistles (2001); G.K. Barr, Scalometry and the Dating of the New Testament Epistles (2000); G.K. Barr, Literary Dependence in the New Testament Epistles (1997); K.J. Neumann, The Authenticity of the Pauline Epistles in the Light of Stylostatistical Analysis (1990). Allerdings liegt der Schwerpunkt - meist aus evangelikalem Interesse - auf den Pseudopaulinen, vgl. J.W. Aageson, Paul, the Pastoral Epistles, and the Early Church (2008); J.W. Aageson, The Pastoral Epistles, Apostolic Authority, and the Development of the Pauline Scriptures (2004); A. van Roon, The Authenticity of Ephesians (1974); G.W. Knight, The Pastoral Epistles. A Commentary on the Greek Text (1992); S.E. Porter, Paul and the Pauline Collection (2011); P.H. Towner, Pauline Theology or Pauline Tradition in the Pastoral Epistles: The Questions of Method (1995); P.H. Towner, The Letters to Timothy and Titus (2006); M. Harding, What are they saying about the Pastoral epistles? (2001). Vgl. auch E.A. Nida and J.P. Louw, Lexical Semantics of the Greek New Testament. A Supplement to the Greek-English Lexicon of the New Testament Based on Semantic Domains (1992); J. van Nes, Pauline Language and the Pastoral Epistles (2018). 48 Vgl. die posthum herausgegebene Arbeit von E.T. Mayerhoff, Der Brief an die Colosser mit vornehmlicher Berücksichtigung der drei Pastoralbriefe (1838). 49 W. Bujard, Stilanalytische Untersuchungen zum Kolosserbrief als Beitrag zur Methodik von Sprachvergleichen (1973). Vgl. zuvor bereits H.J. Holtzmann, Kritik der Epheservon C.J. Classen untersucht, der Paulus rhetorische Kenntnisse zurschreibt. 44 Die paulinische Kultsprache untersuchte jüngst M. Vahrenhorst. 45 Wichtige Überlegungen zur Semantik der paulinischen Sprache hat Th. Schumacher vorgetragen, wählt dabei allerdings einen biographischen Zugang, der sich u. a. auf die Apostelgeschichte stützt. 46 Gerade die zeitgenössische Computerlinguistik hat sich den paulinischen Briefen, vor allem den Pseudepigraphen, gewidmet. 47 Zu den Deuteropaulinen, insbesondere Kol, hatte bereits E. Th. Mayerhoff im 19. Jh. gearbeitet. 48 Die Computerlinguistik wurde wieder aufgegriffen von W. Bujard. 49 Wichtige Hin‐ 210 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="211"?> und Kolosserbriefe auf Grund einer Analyse ihres Verwandtschaftsverhältnisses (1872); E. Haupt, Die Gefangenschaftsbriefe (1902). 50 Vgl. etwa M.D. Goulder, Luke. A New Paradigm (1989). J. Jeremias, Die Sprache des Lukasevangeliums. Redaktion und Tradition im Nicht-Markusstoff des dritten Evangeliums (1980). 51 M.B. O’Donnell, Linguistic Fingerprints or Style by Numbers? The Use of Statistics in the Discussion of Authorship of New Testament Documents (1999), 207. Vgl. auch die kritische Sicht in B.L. White, The Pauline Tradition (2022), 43-45. 52 Vgl. das Literaturverzeichnis unten und die angeführte Literatur aus seiner Feder. 53 Vgl. G.K. Barr, Interpolations, Pseudographs, and the New Testament Epistles (2002), 441. 54 Vgl. G.K. Barr, A Computer Model for the Pauline Epistles (2001), 233. weise zum paulinischen Sprachgebrauch finden sich auch in den Studien zum Sprachgebrauch des Lukas. 50 Was die evidenzbasierte, oft auch computergestützte Linguistik betrifft, ist ein besonderes Phänomen zu beachten - sie wird oft benutzt, um an Inhalten sich ausrichtende Kritik an der Authentizität von paulinischen Briefen oder Briefteilen zurückzuweisen. Überhaupt hat man gerade solche stilometrische Untersuchungen als „statisticulating“ kritisiert, weil sie nicht selten „unbegrün‐ dete und statistisch ungerechtfertigte Zahlen benutzten, um eine spezifische Absicht zu verfolgen“. 51 Beispiele hierfür bieten etwa der mit einer ganzen Reihe von einschlägigen Studien hervorgetretene George K. Barr. 52 In seiner „Scalometry“ geht der als Architekt ausgebildete Barr auf „Maße“ ein, untersucht Satzlängen und zyklische Abwechslungsmuster zwischen längeren und kürzeren Sätzen, 53 die aufgrund ihres rhythmischen Charakters 54 Aufschluss darüber geben sollen, ob die verschiedenen unter dem Namen des Paulus laufenden Briefe vom selben Verfasser stammen oder unterschiedlichen Autoren zuzuordnen sind. Dabei werden mathematisch-statistische Modellierungen benutzt, um die mittlere Länge von Sätzen einzelner Briefe herauszufinden und miteinander zu verglei‐ chen. Das Problem beginnt allerdings, wie Barr richtig hervorhebt, bei dem Um‐ stand, dass die Briefe in den ältesten Zeugen in scriptio continua, also ohne Zwischenabstände zwischen Worten, und auch weithin ohne Interpunktion geschrieben wurden. Oft dienten Konjunktionen oder Satzkonstruktionen als Hinweise auf Sinneinheiten. Darum stellt er fest, dass auch in den verschie‐ denen kritischen Editionen des griechischen Textes der paulinischen Briefe die Interpunktion verschieden gesetzt wird, gerade dann, wenn es sich um Abschnitte handelt, in denen lange oder sehr lange Sätze vorhanden sind. Deshalb differieren etwa die Editionen des Epheserbriefes, in welchem die §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 211 <?page no="212"?> 55 Vgl. die graphische Darstellung in G.K. Barr, Scalometry and the Pauline Epistles (2004), 37; G.K. Barr, A Computer Model for the Pauline Epistles (2001), 234. 56 Vgl. die graphische Darstellung mit Erläuterung in G.K. Barr, Scalometry and the Pauline Epistles (2004), 39. 57 „The problem posed by short questions is at its most acute in the epistle to the Romans. Questions account for about 25 % of the sentences in the UBS3 text, and must be grouped, to obtain a text that is homogeneous in terms of scale“, ibid. 52-53. 58 Vgl. zum mathematischen Modell G.K. Barr, A Computer Model for the Pauline Epistles (2001), 236-239. 59 „To answer the other questions it is necessary to outline a scenario within which Ephesians and Colossions could have been written“, G.K. Barr, Scalometry and the Pauline Epistles (2004), 74. größte Anhäufung von langen und sehr langen Sätzen begegnet, auch am stärksten voneinander. 55 Ein zweites Phänomen stört eine statistische Erhebung, nämlich die Verknüp‐ fung von Inhalt und Satzlänge. Wie Barr behauptet, finden sich die längeren Sätze in der Regel in „doctrinal“, also theologischen, Abschnitten, die kürzeren eher in „ethischen“. 56 Ein weiteres Hindernis stellen kurze Fragen dar, die oft gerade in den theo‐ logischen Abschnitten zu finden sind. Aus diesen bildet Barr eine Gruppe, „um einen homogenen Text mit Blick auf das Maß“ zu erhalten, was m. E. allerdings ein gehöriges Maß an interpretatorischer Ungenauigkeit in die eigentlich als objektiv dargestellten Methodologie einschließt, erst recht, wenn es sich etwa wie im Römerbrief um 25 % des gesamten Textumfangs handelt. 57 Was Barr selbst gruppiert, bietet ihm dann die Ausgangsbasis für seine Betrachtung der Gliederungsstruktur, was das Merkmal einer Zirkularität darstellt. Das größte Problem erscheint mir, wenn festgestellte Unterschiede - etwa die Differenz von Röm 15-16 gegenüber Röm 1-14 oder die Differenz zwischen Eph/ Kol und den anderen Briefen des Paulus mit zusätzlichen historischen „Szenarien“ erklärt werden, die diese Differenzen erläutern und im Ergebnis minimieren sollen, d. h. wenn zur oder vielmehr anstelle von „mathematischer“ Konsistenz 58 Erläuterungen treten, in welcher Weise die Abweichungen „ent‐ standen sein könnten“. 59 In Anschlag gebracht wird die Möglichkeit, dass Briefe zu einem späteren Zeitpunkt im Leben des Paulus entstanden sein könnten, es wird auf 2Tim 4,13 verwiesen, wonach Paulus erst noch „Timotheus befragt, er solle ihm noch Bücher und Handschriften besorgen“. Damit, dass Briefe später entstanden sein können, sollen auch andere Anomalien erklärt werden: Folgt ein Brief nicht denselben Maßlängen an Sätzen, dann werden solche Teile auf die Übernahme solcher Versatzstücke zurückgeführt, die Paulus bei der (mündlichen) Abfassung 212 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="213"?> 60 Vgl. auch G.K. Barr, Interpolations, Pseudographs, and the New Testament Epistles (2002), 447. 61 G.K. Barr, Scalometry and the Pauline Epistles (2004), 74. 62 G.K. Barr, Interpolations, Pseudographs, and the New Testament Epistles (2002), 441. 63 „If one were to do so then one might be tempted to conclude … that the Synoptic Gospels had the same author, that Acts was not written by Luke (as on the graphs these two works do not overlap), that Hebrews and 1 and 2 Peter shared the same author …, and that the Pastorals were written by the same author who wrote the Petrine Epistles“, G.K. Barr, Scalometry and the Pauline Epistles (2004), 105. 64 Vgl. H. Förster, Missing the Point: Modern Punctuation Practice as Authoritative but Possibly Problematic Decision-Making (2023). 65 A. van Roon, The Authenticity of Ephesians (1974). der Briefe benutzt habe 60 und ihn spontan zu bestimmten Themen sprechen ließen, 61 oder es wird auf Interpolationen geschlossen (etwa 1Tim 3,1-16). 62 Bei der Betrachtung der Pastoralbriefe greift Barr zurück auf die Funde von Kollegen, die diese Briefe nach anderen Statistiken untersuchten und vor vor‐ schnellen Autorschaftszuschreibungen oder deren -zurückweisungen warnten, denn würde man das aufgrund gerade von Satzlängen tun, käme man zu dem Ergebnis, „dass die synoptischen Evangelien denselben Autor [wie Röm, 1/ 2Kor und Gal, die eine Gruppe bilden,] hätten, dass Apg nicht von Lukas geschrieben wäre …, dass Hebr und 1/ 2Petr denselben Verfasser hätten […] und dass die Pastoralbriefe von demselben Verfasser geschrieben wären wie die petrinischen Briefe.“ 63 Der Ansatz Barrs, mit Satzlängen zu operieren, scheint mir mit zu vielen Unwägbarkeiten verbunden zu sein, welche in der Natur des Materials liegen, 64 auch wenn trotz derselben sich eine gewisse Kohärenz der großen paulinischen Gemeindebriefe (Röm, 1/ 2Kor und Gal) und eine Differenz zwischen diesen und Eph/ Kol bzw. den Pastoralbriefen und Hebr herausstellen ließ. Dass man auch Satzlängen berücksichtigen kann, wird weiter unten verdeutlicht, jedoch mit entsprechenden Caveats. Zwar ebenfalls mit dem Ziel und Ergebnis, den Epheserbrief als genuinen Paulusbrief zu erweisen, jedoch mit größerer Präzision, wenn auch nicht com‐ putergestützt, ist die detaillierte Studie von A. van Roon angelegt. 65 Nach einigen einleitenden Überblicken zur Forschungsgeschichte und äußeren Zeugen zum Epheserbrief, die auf der damaligen Frühdatierung der zu Rate gezogenen außer‐ kanonischen Schriften beruht, besteht die Untersuchung aus vierhundert Seiten lexikalischer und stilistischer Untersuchung des Epheserbriefs im Vergleich zum Kolosserbrief und vor allem zu den sieben paulinischen Briefen, die innerhalb der Forschung Paulus meist zugesprochen werden (Röm, 1/ 2Kor, Gal, 1Thess, §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 213 <?page no="214"?> 66 Ibid. 102. 67 „The following analysis will demonstrate that the components which make up the par‐ ticular style of Eph. do occur elsewhere in the epistles of Paul but that an accumulation of them (and thus, a completely identical style) is found in no other epistle. There is one single exception; the style of Col. show[]s a[n] extraordinary affinity with that of Eph., being almost the same“, ibid. 68 „On the basis of our own research, we can affirmatively state that the style of Eph. is closely linked with that of R. 1; R. 3: 21-26 and R. 4: 11-25 and i[s] furthermore identical to that of R. 1: 1-10 and 1 C. 1: 1-9. For the rest, there are many points of contact between Eph. and R. in respect of style“, ibid. 197. 69 Ibid. 208. Vgl. A.Q. Morton, The Authorship of Greek Prose (1965); A.Q. Morton, Paul, the Man and the Myth. A study in the Authorship of Greek Prose (1966). Phil, Phlm). Auf diese Studie werden wir weiter unten in dieser Einleitung zurückkommen. Im Ergebnis beantwortet van Roon die Frage, „ob der Stil von Eph innerhalb des Rahmens an Variation, die man im Rest des Corpus Paulinum ohne Pastoralbriefe und Hebr findet, bleibt und ob der spezifische Stil des Eph entsprechend erklärt werden kann“. 66 Diese Fragen zeigen bereits, dass sich sowohl Überschneidungen wie auch Differenzen ergeben haben, und van Roon fügt hinzu: „Die nachfolgende Analyse wird zeigen, dass die Komponenten, welche den beson‐ deren Stil des Eph ausmachen, auch anderswo in den Briefen des Paulus auftauchen, aber dass eine solche Ansammlung derselben (und so, ein vollständig übereinstim‐ mender Stil) in keinem anderen Brief zu finden ist. Allerdings gibt es eine Ausnahme, der Stil von Kol zeigt eine außerordentliche Nähe zu dem von Eph, so sehr, dass er fast derselbe ist“. 67 Nach seinen Detailvergleichen zum Stil fasst van Roon zusammen: „Aufgrund unserer eigenen Untersuchungen können wir mit Bestimmtheit sagen, dass der Stil von Eph eng verwandt ist mit dem von Röm 1; 3,21-26 und 4,11-25 und überdies identisch ist mit dem von Röm 1,1-10 und 1Kor 1,1-9. Was das Übrige betrifft, so gibt es vielfältige Berührungspunkte zwischen Eph und Röm, was den Stil betrifft.“ 68 Gleichwohl muss er sich gerade gegenüber dem Vergleich, den etwa Morton auf der Basis von computergestützten Ergebnissen zur Häufigkeit von kleinen Funktionswörtern wie καί, ἐν, αὐτός, εἶναι und δέ, und aufgrund der Satzlängen (wir erinnern uns an Barr), aufgrund derer er Eph für nicht authentisch erklärt hatte, wehren, indem er darauf verweist, dass sowohl diese wie auch die Benutzung von eher ungewöhnlichen Wörtern ein Charakteristikum des Stils eines Autors oder Redners sein kann. 69 214 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="215"?> 70 A. van Roon, The Authenticity of Ephesians (1974), 208. Van Roon baut schon vor auf S.-100. 71 Mit Nachweisen und Literatur C. Gerber, Paulus und seine ‚Kinder‘. Studien zur Bezie‐ hungsmetaphorik der paulinischen Briefe (2012), 49-50. Doch wie Barr versucht auch van Roon die von ihm zugestandenen Differenzen zwischen Eph- und dem (fast) identischen Kol-Stil mit nicht objektiven, vermeint‐ lich historischen Hypothesen zu nivellieren. Er verweist auf die Möglichkeit, dass Paulus sich eines Helfers oder eines Sekretärs beim Abfassen der Briefe bedient habe, der „den Stil der Briefe des Paulus beeinflusst haben könnte“. 70 So wenig man einer solchen Hypothese widersprechen kann, zumal gerade in den Paulus‐ briefen mit der Nennung von Koautoren und Schreibern eine solche Möglichkeit unterstrichen wird - wir werden auf diese Hinweise im Detail zurückkommen -, so sehr raubt jedoch eine solche Hypothese die Schärfe und Genauigkeit der auf hunderten von Seiten aufgeführten faktischen Belege. Letztlich muss man entweder an Mortons Position einer unverwechselbaren Stilistik eines Autors festhalten oder die Bedeutung von Stil, Lexik und anderen autorenbezogenen Kriterien in Frage stellen. Ein weiteres, in sich sogar doppeltes Problem im Umgang mit dieser Briefli‐ teratur des Paulus stellt sich für unseren Zusammenhang. Denn erstens sind Briefe in der Antike kein „Gegenstand der Rhetorik“, 71 und zweitens gehen die existierenden Untersuchungen zu Sprache und Stil des Paulus nicht auf die *10-Briefe-Sammlung ein, d. h. die Ergebnisse müssen geprüft und auf die vorkanonische Sammlung im Vergleich zur 14-Briefe-Sammlung hin sondiert werden. 4. Sprachvergleich der *10-Briefe-Sammlung mit der 14-Briefe-Sammlung Dieser Teil des Projektes zielt darauf, dass, je genauer sich der Sprachgebrauch der beiden Sammlungen voneinander unterscheiden lässt, desto genauer lassen sich auch Passagen der *10-Briefe-Sammlung identifizieren und rekonstruieren, die durch die Häresiologen nicht bezeugt sind. Wenn im Folgenden Lexik, Stil, Semantik und Rhetorik der *10-Briefe-Samm‐ lung und der 14-Briefe-Sammlung miteinander verglichen werden, ist vorweg einzugestehen, dass das Nachfolgende nicht mehr als ein Versuch sein kann, an der Oberfläche beider Sammlungen zu kratzen, weil Sprachvergleiche von Textkorpora ein Feld ist, welches mit computergestütztem Textmining derzeit erst in der Entwicklung ist und mit weiteren Erkenntnissen und technologischen Fortschritten künftig mit erheblich weiteren und tieferen Forschungsergeb‐ §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 215 <?page no="216"?> 72 Die Tabelle wurde übernommen, vereinfacht und ins Deutsche übertragen aus J.A. Libby, The Pauline Canon Sung in a Linguistic Key: Visualizing New Testament Text Proximity by Linguistic Structure, System, and Strata (2016), 137. 73 „In this sort of work on language, so our research teaches us, a wealth of variables, many of which may be weak discriminators, almost always offer more tenable results than a smaller number of strong ones. Strong features, perhaps, are easily recognized and modified by an author and just as easily adopted by disciples and imitators,“ J. Burrows, ‚Delta‘: A measure of stylistic difference and likely authorship (2002), 268. Burrows bewahrt uns davor, Stilometrie als Hauptargument zu nehmen und sie zu sehr zu gewichten, um einen definitive Entscheidung über identische Autorschaft zweier Texte zu fällen, vorsichtiger urteilt darum zu recht M. Duncan: „if stylometry is qualified in that it cannot definitively claim authorship between two texts but offers probability and possible links between works, then it is useful. The tentative explorations of nissen gerechnet werden kann. Von den möglichen - hier bereits in ihrer Komplexität reduzierten - Feldern einer lexikalischen und stilistischen Unter‐ suchung, werden im Folgenden i.W. nur die ersten beiden Ebenen systematisch angegangen und die darunter liegenden Ebenen nur in Einzelfällen betrachtet werden können: 72 Objekt Definition Ziel Anzahl Lemma Ein Lexem Anzahl, Präsenz und Abwesenheit des Lemmas Gesamtzahl des Lemmas in NA 28 Bestimmtes Lemma Bestimmte Le‐ xemform Anzahl, Präsenz und Abwesenheit der Lexemform Gesamtzahl des Lemmas in NA 28 Semanti‐ sche Do‐ main Bestimmte Bedeutung Anzahl, Präsenz, Abwesenheit einer bestimmten Bedeutung - Grammatik Satzteile Anzahl, Präsenz, Abwesenheit einer grammatikalischen Konstruktion - Wort‐ gruppen Reine oder auch modif‐ zierte Wort‐ gruppen Anzahl, Präsenz, Abwesenheit - Die wichtigsten lexikalischen Elemente zur Determinierung eines Stils sind kleine und gewöhnliche Lexeme, technisch ‚Funktionsbegriffe‘ genannt, etwa Artikel, Konjunktionen, Präpositionen, Pronomina, basierend auf der Annahme, dass „deutliche Merkmale wohl leicht von einem Bearbeiter erkannt und modifi‐ ziert werden können und ebenso leicht durch einen Schüler oder Nachahmer ad‐ optiert werden können“, während „unterschwellige Unterscheidungsmerkmale fast immer stärker haltbare Aussagen liefern.“ 73 Darüber hinaus sind charakte‐ 216 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="217"?> computational linguistics in this area are more defensible, if excessively optimistic“, M. Duncan, The Danger of Using Style to Determine Authorship: The Case of Luke and Acts (2020), 216. Ich hoffe, dass das, was hier vorgelegt wird, nicht übermäßig optimistisch ist. 74 Vgl. etwa Y. Zhao and J. Zobel, Searching with style: Authorship attribution in classic literature (2007), 59. 75 ‚To characterize the unique writing style of an author‘, ibid. Zur Geschichte und verschiedenen Methoden von ‚nontraditional authorship attribution‘ vgl. E. Stamatatos, A survey of modern authorship attribution methods (2009); D.I. Holmes, The Evolution of Stylometry in Humanities Scholarship (1998). 76 Y. Zhao and J. Zobel, Searching with style: Authorship attribution in classic literature (2007), 60. ristische Merkmale bestimmte Wortformen, Wortlängen, Kombinationen von Wörtern, Satzlängen und einiges mehr. Diese und andere wurden seit langem als Hauptindikatoren, 74 zur Bestimmung des einzigartigen Stils eines Autors angesehen. 75 Eine ältere Vergleichsstudie zwischen zwei Texten von möglicherweise ver‐ schiedenen Autor: innen, die auf einer Basis von 1.000 Wörter umfassenden Texten durchgeführt wurde, konnte nur zu einer statistischen Genauigkeit der Autorschaftsbestimmung von etwa 10 % führen, während eine Untersuchung von 10.000 Wörtern bereits eine Genauigkeit von etwa 53 % erbrachte. 76 Auch wenn wir mit dem kanonischen Neuen Testament über mehr als 138.000 Wörter als Ausgangsbasis verfügen, besteht die Vergleichsbasis der *10-Briefe-Samm‐ lung und der 14-Briefe-Sammlung doch nur in folgender Wortzahl (verglichen werden auch die sieben kanonischen, allgemein als authentisch betrachteten Briefe und die 13-Briefe-Sammlung, also die kanonische 14-Briefe-Sammlung ohne Hebr): Briefe *10-Briefe- Samm‐ lung in‐ nere % Kano‐ nische 7-Briefe in‐ nere % Ver‐ gleich 13-Briefe- Samm‐ lung in‐ nere % 14-Briefe- Samm‐ lung in‐ nere % Gal 1.181 14,18% 2.230 7,71% 52,96% 2.230 6,88% 2.230 2,85% 1Kor 2.907 34,90% 6.830 23,62% 42,56% 6.830 21,07% 6.830 8,73% 2Kor 998 11,98% 4.477 15,48% 22,29% 4.477 13,81% 4.477 5,72% Rom 1.115 13,39% 7.111 24,59% 15,68% 7.111 21,93% 7.111 9,09% 1Thess 215 2,58% 1.481 5,12% 14,52% 1.481 4,57% 1.481 1,89% 2Thess 240 2,88% 823 2,85% 29,16% 823 2,54% 823 1,05% Laod 923 11,08% 2.422 8,37% 38,11% 2.422 7,47% 2.422 3,10% Kol 354 4,25% 1.582 5,47% 22,38% 1.582 4,88% 1.582 2,02% §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 217 <?page no="218"?> Briefe *10-Briefe- Samm‐ lung in‐ nere % Kano‐ nische 7-Briefe in‐ nere % Ver‐ gleich 13-Briefe- Samm‐ lung in‐ nere % 14-Briefe- Samm‐ lung in‐ nere % Phil 254 3,05% 1.629 5,63% 15,59% 1.629 5,02% 1.629 2,08% Philem 143 1,72% 335 1,16% 42,69% 335 1,03% 335 0,43% - - - - - - - - - - gesamt 8.330 100,00% 28.920 100,00% 28,80% 28.920 89,21% 28.920 36,98% 1Tim - - - - - 1.602 4,94% 1.602 2,05% 2Tim - - - - - 1.238 3,82% 1.238 1,58% Tit - - - - - 659 2,03% 659 0,84% - - - - - - - - - - gesamt 32.419 100,00% 32.419 41,45% - - Hebr - - - - - - - 13.372 17,10% - - - - - - - - - - Summe - - 78.211 100,00% Das bedeutet, uns steht für den Vergleich zwischen der *10-Briefe-Sammlung und der 14-Briefe-Sammlung nur ein Textbestand zur Verfügung, der basierend auf dem Textumfang der *10-Briefe-Sammlung (gemäß der Rekonstruktion in Anhang I) von ca. 8.330 Wörtern in (älterer) statistischer Hinsicht nicht einmal die 50 % Wahrscheinlichkeitsmarke erreichen kann. Alles, was darum im Folgenden an Vergleichsergebnissen gewonnen wird, kann lediglich kumulativ eine Tendenz beschreiben. Um jedoch gleich einem Fehlschluss vorzubeugen, sei hier bereits vermerkt, dass es in diesem Teil der Untersuchung nicht um statistische Beweise geht, auch wenn diese künftig nicht ausgeschlossen werden sollen. Denn im Laufe der Arbeit an der Rekonstruktion und ihrer Einleitung entstanden Kontakte zu Kolleg: innen der Digital Humanities, mit deren Hilfe Fragen der Autorbestim‐ mung unterstützt und künftig weiter verfeinert und gesichert werden können. Auch in dieser Hinsicht ist die vorliegende Arbeit „work in progress“ und zugleich ein Specimen, anhand dessen solche durch die Digital Humanities unterstützten Autorfragen methodologisch weiterentwickelt werden können. Die jüngere und jüngste linguistische Computerwissenschaft hat enorme Fortschritte aufzuweisen und ist inzwischen nicht mehr nur auf größere oder große Datensätze angewiesen, sondern kann auch bereits bei kleineren sta‐ tistisch relevante Ergebnisse aufzeigen. Während man vor wenigen Jahren 218 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="219"?> 77 Vgl. J. Burrows, ‚Delta‘: A measure of stylistic difference and likely authorship (2002), 267. 78 Vgl. G. Hirst and O. Feiguina, Bigrams of syntactic labels for authorship discrimination of short texts (2007). Für ältere, geschlossene Fragestellungen und deren Ergebnisse, vgl. F. Mosteller and D.L. Wallace, Inference and Disputed Authorship: The Federalist Papers (1964); D. Holmes, A widow and her soldier: stylometry and the American Civil War (2001). 79 Vgl. R. Gorman, Author identification of short texts using dependency treebanks without vocabulary (2020). 80 Vgl. G. Hirst and O. Feiguina, Bigrams of syntactic labels for authorship discrimination of short texts (2007). 81 Vgl. hierzu M.G. Bilby, J. Bull and K.L. Lotharp, Normalized Datasets of Zahn’s, van Manen’s, and Harnack’s Greek Reconstructions of Marcion’s Apostolos (2023). gerade bei kleineren Textsequenzen von 100 bis 1.500 Wörtern nur eine geringe Annäherung erreichen konnte, selbst unter der Voraussetzung, dass Texte be‐ stimmte Charakteristiken einer Autorschaft aufweisen und nicht innerhalb der Lebenskarriere einer Autorin oder eines Autors zu weit auseinander liegen, ist die Treffsicherheit inzwischen erheblich gewachsen. 77 Darüberhinaus bezogen sich ältere erfolgreichere Versuche auf eine geschlossene Auswahl von zwei oder drei Autor: innen, denen Texte zuzuordnen waren, etwa die Prosa von zwei Autorinnen wie Charlotte und Anne Brontë, wo bereits bei Passagen mit wenig mehr als 200 Wörtern eine Treffgenauigkeit von 92,4% erzielt werden konnte. 78 Neuere Versuche hingegen stellen sich auch offenen Herausforderungen 79 und versuchen, Autor: innenbestimmungen bei immer kleineren Texteinheiten durchzuführen. Hierbei stellte sich heraus, dass gerade die Syntax, also nicht nur die Anzahl von Wörtern, sondern deren Kombination zu zwei, drei oder mehr Wörtern (Bigrams, Trigrams) charakteristische Elemente eines Autor: innen‐ stiles darstellen lassen. 80 Um eine solche Untersuchung für die hier gewählten Texte zu ermöglichen, wurden die Texte von Mark Bilby geparst, jedes Wort nach der BibleWorks Greek Morphology (BGM) morphologisch getaggt, vom gesamten Team verglichen mit den älteren Editionen und entsprechend doku‐ mentiert. 81 Die Ergebnisse dieser Untersuchungen sind in die Annotierung der Rekonstruktion eingeflossen. Wie die wenigen Ergebnisse bereits anzeigen, wird die Rekonstruktion gerade der nichtbezeugten Teile des *Apostolos von weiteren Verfeinerungen profitieren. Dass die vorliegende Rekonstruktion dennoch vorab der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden soll, geschieht in der Hoffnung, den Pool der an Digital Humanities Interessierten zu erweitern und ihnen die Grundlage für eine solche Arbeit zu geben. Darum wird die vorliegende Rekonstruktion auch in Kürze in digitaler, geparster und morpho‐ logisch getaggter Form zur Verfügung gestellt werden - außerdem arbeiten wir §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 219 <?page no="220"?> 82 „Funktionswörter sind Verbindungswörter, Konjunktionen und Präpositionen, die eher mit der Syntax als mit dem Inhalt zusammenhängen, und die sich als aussagekräftig in stilometrischen Studien erwiesen haben“ („Function words are words such as connectives, conjunctions and prepositions, which are associated with syntax rather than content, and have proved effective in stylometric studies“), so D.L. Mealand, Hellenistic Greek and the New Testament: A Stylometric Perspective (2012). Eine Ge‐ schichte der stilometrischen Forschung gibt D.I. Holmes, The Evolution of Stylometry in Humanities Scholarship (1998). Ein Vorreiter zur Untersuchung von Funktionswörtern in griechischer Literatur, auch der neutestamentlichen und den Briefen des Paulus, ist A.Q. Morton, Paul, the Man and the Myth. A study in the Authorship of Greek Prose (1966); A.Q. Morton, The Authorship of Greek Prose (1965). Auf die Bedeutung insbesondere der Konjunktionen verweist W. Bujard, Stilanalytische Untersuchungen zum Kolosserbrief als Beitrag zur Methodik von Sprachvergleichen (1973), 24-26. Überhaupt wäre es ein Desiderat, wenn man wie Bujard die Untersuchung der Funk‐ tionswörter so detaillieren würde, wie er es in seiner Arbeit vorbildhaft getan hat (also Differenzierung zwischen den verschiedenen Konjunktionen - adversativ, kausal, hypothetisch/ konzessiv, komparativ, final, konsekutiv, in Aussagesätzen, temporal, Fragepartikel, sonstige, kopulativ, disjunktiv) (ibid. 24-48). Die Sonderstellung der kanonischen Deuteropaulinen gegenüber den kanonischen Paulusbriefen hat Bujard m.-E. klar erwiesen. daran, diese Texte sowohl mit einer digitalen Ausgabe der Konkordanz wie mit weiteren Datensätzen antiker Texte und Prosopographien zu verknüpfen. Da wir uns primär auf die paulinische Briefsammlung konzentrieren, werden zwar jeweils Lexik und Stil derselben untersucht, die Beobachtungen jedoch auch in den größeren Kontext des vorkanonischen *Neuen Testaments wie der größeren Sammlung, die später im Laufe des dritten Jahrhunderts als kanonisches Neues Testament bekannt wurde, gestellt. Dass wir dennoch im folgenden vom vorkanonischen und vom kanonischen Neuen Testament (*NT; NT) reden, geschieht lediglich der Einfachheit halber, um nicht immer erneut von der erweiterten Sammlung zu sprechen, die erst später als kanonisches Neues Testament bezeichnet wurde. 5. Zum weiteren Gang der Untersuchung Wie eingangs zum letzten Unterabschnitt vermerkt, geht es zunächst um einen Vergleich der Benutzung von Konjunktionen, Präpositionen, Pronomina und ähnlichen kleinen Wörtern, strukturnahe Begriffe, die oftmals mehr über den Stil eines Autors oder Redaktors aussagen als inhaltlich geladene Begriffe. 82 Im weiteren Verlauf der Sprachuntersuchung bewegen wir uns im zweiten Schritt zur Gegenprobe und betrachten Funktionsbegriffe, die in *Paulus vorhanden sind, im Vergleich zu ihrer Benutzung durch Paulus und das kanonische Neuen Testament. Es folgt im nächsten Schritt eine Zusammenfassung der Beboach‐ 220 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="221"?> 83 Vgl. zur Nutzung von Funktionsbegriffen - die ich hier etwas weiter fasse als manch andere Autoren - zur Bestimmung und Abgrenzung stilistischer Eigenarten und Differenzen vgl. D.L. Mealand, Hellenistic Greek and the New Testament: A Stylometric Perspective (2012); D.L. Mealand, The Extent of the Pauline Corpus: A Multivariate Approach (1995); D.L. Mealand, Positional Stylometry Reassessed: Testing a Seven Epistle Theory of Pauline Authorship (1989). 84 „At its heart lies an assumption that authors have an unconscious aspect to their style, an aspect which cannot consciously be manipulated but which possesses features which are quantifiable and which may be distinctive“, so D.I. Holmes, The Evolution of Stylometry in Humanities Scholarship (1998), 111. tungen zu den Funktionsbegriffen. Im weiteren Verlauf werden häufigere Begriffe betrachtet, die in *Paulus fehlen, was einen weiteren Aufschluss über Differenzen gibt, die zwischen dem sprachlichen Profil der *10-Briefe-Samm‐ lung und der 14-Briefe-Sammlung wie auch zum kanonischen Neuen Testa‐ ment bestehen. Auch hier wird in einem nächsten Schritt die Gegenprobe gemacht und es werden Begriffe untersucht, die in der *10-Briefe-Sammlung, jedoch relativ selten in der 14-Briefe-Sammlung wie überhaupt im kanonischen Neuen Testament begegnen. Es schließt sich ein Vergleich der Benutzung von Verba simplicia vs. Verba composita in der *10-Briefe-Sammlung und in der 14-Briefe-Sammlung wie im kanonischen Neuen Testament an. Zunächst schließt diese Untersuchung mit einem Vergleich der verwendeten Satzlängen in der *10-Briefe-Sammlung und in der 14-Briefe-Sammlung. Wie angedeutet, geht es bei dieser sprachlichen Vergleichsuntersuchung darum, möglichst prägnant herauszuarbeiten, in welcher Hinsicht die beiden Korpora sich unterscheiden, um hieraus für die Rekonstruktionsarbeit ein Instrument zu erhalten, bei Varianten eine Abwägung vornehmen zu können, welche eher dem zu rekonstruierenden Textprofil entspricht, und bei unbe‐ zeugten Textpassagen zunächst zu entscheiden, ob solche als von den Zeugen übersehene bzw. nicht erhaltene, aber möglicherweise zur *10-Briefe-Sammlung gehörende Textstücke zu betrachten sind, oder ob die größere Wahrschein‐ lichkeit darin besteht, dass diese Passagen der kanonischen Redaktion zuzu‐ schreiben sind. a) Funktionsbegriffe, die in *Paulus fehlen 83 Bei der Untersuchung der Funktionsbegriffe wird vorausgesetzt, dass ein Autor oder Redaktor „einen unbewussten Aspekt seines Stiles besitzt, einen Aspekt, der nicht absichtlich manipuliert werden kann, sondern solche Merkmale aufweist, die quantifizierbar sind und distinkt sein können“. 84 Jede Auswahl dessen, was als Funktionswörter bezeichnet wird, unterliegt allerdings einer §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 221 <?page no="222"?> 85 Die wenig scharfe Abgrenzung dessen, was ein Funktionsbegriff ist, lässt sich leicht erkennen, wenn man die verschiedenen Beschreibungen derselben betrachtet. Anders als oben formuliert, fordert etwa Bailey (1979), Funktionswörter müssten strukturell, häufig und leicht quantifizierbare sein. Morton zu Beginn der 90er Jahre verstand unter Funktionswörtern „kurze Worte“ von zwei oder drei Buchstaben, sodann Wörter, die mit Vokal anfangen (ibid. 114), Holmes fasst auch lexikalische, syntaktische und semantische Elemente darunter (ibid.). 86 Paulus wird in den Listen angegeben mit k-Pl, um Verwechslungen zu vermeiden, im Unterschied zum vorkanonischen *Paulus. 87 Ein Asteriskus * vor einem Lemma oder einer Schriftstelle bedeutet, dass das Lemma in der vorkanonischen Version zu finden ist. Wird ein Lemma fett gedruckt, findet es sich sowohl in der vorkanonischen paulinischen Briefsammlung (*Paulus) wie im vorkanonischen Evangelium (*Ev). bestimmten wissenschaftlichen Perspektive und solche Termini lassen sich nicht scharf gegenüber anderen abgrenzen. 85 Beginnen wir mit einer Reihe von Funktionswörtern, die ausschließlich im kanonischen Paulus zu finden sind; 86 vorangestellt sind jeweils die Fundstellen in Briefen, die auch in der vorkanonischen Sammlung enthalten sind, in denen diese Begriffe - also auf der vorkanonischen Ebene - jedoch nicht begegnen. 87 Der Untersuchung liegt eine Liste von 117 solcher Funktionswörter und Wortformen zugrunde, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene begegnen. Dabei mag überraschen, dass selbst Begriffe, die eine gewisse Häufigkeit auf der kanonischen Ebene besitzen, trotzdem für die vorkanonische Sammlung der paulinischen Briefe nicht bezeugt sind. Nehmen wir als beliebig gewählte Marke das zwanzigmalige Vorkommen, so finden sich folgende 32 Worte oder Wortformen, die trotz ihrer kanonischen Häufigkeit für die vorkanonische Sammlung der paulinischen Briefe nicht bezeugt sind. Die nachfolgende Tabelle gliedert diese Begriffe gleich nochmals nach Gesamtanzahl des Vorkommens im kanonischen Neuen Testament (letzte Spalte rechts) und gibt einen Einblick, ob und wenn ja, in welchen der kanonischen paulinischen Briefe der Begriff begegnet. Dabei gibt die Zahl in der Eröffnungsspalte links (Pl) die Anzahl des Vorkommens eines Begriffes in den sieben Paulusbriefen der kanonischen Sammlung an, die von der modernen Forschung Paulus als authentische Briefe zugeschrieben werden und deren Kurzfassung in der vorkanonischen Version zu finden ist, in der die hier angegebenen Begriffe jedoch, wie zuvor gesagt, fehlen. 222 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="223"?> 88 Inzwischen hat sich herausgestellt, dass der Begriff einmal vorkanonisch bezeugt ist für *Gal 4,25 = Eph 1,21 (zu dieser Gleichsetzung vergleiche man die Rekonstruktion). Lemma Anzahl in den kano‐ nisch-paulinischen Briefen, die auch vorkanonisch stehen Anzahl in kano‐ nisch-paulinischen Briefen, die nicht-vor‐ kanonisch sind Anzahl ge‐ samt in der ka‐ nonischen Sammlung - Pl 2Th Eph Kol 1Tim 2Tim Tit Hebr - τέ 22 - - 1 - - - 19 243 αὐτῆς 9 - 1 1 1 - - 8 159 πάλιν 28 - - - - - - 9 159 κἀγώ 24 - 1 - - - - 1 93 εὐθέως 1 - - - - 83 οὗτοι 8 - - 1 1 1 - 2 77 ἤδη 8 1 - - 1 2 - - 68 πᾶσαν 13 1 - 2 1 - 1 1 53 οὐκέτι 12 - 1 - - - - 2 51 ἅπας - - 1 - 1 - - - 49 τινα 8 1 - 1 - - - 2 46 ᾖ 14 - 1 - 1 1 1 - 42 πάντοτε 19 4 1 3 - - - 1 42 πάσης 88 4 - 5 2 4 - 2 3 41 ἄρτι 9 1 - - - 40 μήτε - 1 - - 1 - - 1 38 ταύτης 2 - - - - - - 3 36 ὁμοίως 4 - - - - - - 1 33 οἵ 2 - - - - - - 1 31 ἐπεί 10 - - - - - - 9 29 οὔπω 2 - - - - - - 3 29 τούτους 3 - - - - 1 - 1 26 χιλιάς 1 - - - - 25 §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 223 <?page no="224"?> Lemma Anzahl in den kano‐ nisch-paulinischen Briefen, die auch vorkanonisch stehen Anzahl in kano‐ nisch-paulinischen Briefen, die nicht-vor‐ kanonisch sind Anzahl ge‐ samt in der ka‐ nonischen Sammlung - Pl 2Th Eph Kol 1Tim 2Tim Tit Hebr - τινας 4 1 - - - - - 1 24 ἀντί 3 1 1 - - 23 κἀκεῖνος 2 - - - - 1 - 1 23 παντός 4 1 1 - - - - 4 23 τεσσεράκοντα 1 - - - - - - - 22 ἀληθῶς 1 - - - - 21 μέχρι 5 - 1 - 1 1 - 1 21 μήτι 5 - - - - 20 ὡσαύτως 2 - - - 4 - 2 - 20 Zunächst ist festzustellen, dass die häufigsten Funktionsbegriffe, nehmen wir hier diejenigen, die 40 Mal und öfter in der kanonischen Sammlung zu finden sind, also die ersten 14 Begriffe von τέ bis ἄρτι, sich abgesehen von zwei Ausnahmen (εὐθέως: 1; ἅπας: 2) acht Mal und öfter in der kanonischen Paulus‐ briefsammlung finden. Doch auch die übrigen Funktionswörter kommen alle bei Paulus in unterschiedlicher Häufigkeit vor. Vergleicht man das prozentuale Auftreten der Funktionswörter bei Paulus (die sieben Paulusbriefe Röm - 1/ 2Kor - Gal - Phil - 1Thess - Phlm; die drei Deuteropaulinen Eph - Kol - 2Thess; die drei Pastoralbriefe 1/ 2Tim - Tit) und Hebr gemessen an ihrem Auftreten im restlichen NT (45.791 Wörter Paulus gegenüber 91.537 Wörter restliches NT = 50,02%: 49,98%), ergibt sich folgendes Bild, geordnet ist die Tabelle nach der dritten Spalte k(anonisches)-NT ohne k(anonischen)-Pl: Lemma k-Pl k-NT ohne k-Pl k-Pl erwartet k-NT ohne k-Pl Anteil k-Pl Anteil Anteil k-Pl: k-Pl erwartet τέ 44 199 100 0,217% 0,096% 22% αὐτῆς 20 139 70 0,152% 0,044% 14% 224 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="225"?> Lemma k-Pl k-NT ohne k-Pl k-Pl erwartet k-NT ohne k-Pl Anteil k-Pl Anteil Anteil k-Pl: k-Pl erwartet πάλιν 37 122 61 0,133% 0,081% 30% εὐθέως 1 82 41 0,090% 0,002% 1% κἀγώ 26 67 34 0,073% 0,057% 39% οὗτοι 13 64 32 0,070% 0,028% 20% ἤδη 12 56 28 0,061% 0,026% 21% ἅπας 2 47 24 0,051% 0,004% 4% οὐκέτι 15 36 18 0,039% 0,033% 42% μήτε 3 35 18 0,038% 0,007% 9% πᾶσαν 19 34 17 0,037% 0,041% 56% τινα 12 34 17 0,037% 0,026% 35% ταύτης 5 31 16 0,034% 0,011% 16% ἄρτι 10 30 15 0,033% 0,022% 33% οἵ 3 28 14 0,031% 0,007% 11% ὁμοίως 5 28 14 0,031% 0,011% 18% ᾖ 18 24 12 0,026% 0,039% 75% οὔπω 5 24 12 0,026% 0,011% 21% χιλιάς 1 24 12 0,026% 0,002% 4% πάσης 20 21 11 0,023% 0,044% 95% τεσσεράκοντα 1 21 11 0,023% 0,002% 5% τούτους 5 21 11 0,023% 0,011% 24% ἀληθῶς 1 20 10 0,022% 0,002% 5% κἀκεῖνος 4 19 10 0,021% 0,009% 21% ἀντί 5 18 9 0,020% 0,011% 28% τινας 6 18 9 0,020% 0,013% 33% μήτι 5 15 8 0,016% 0,011% 33% πάντοτε 28 14 7 0,015% 0,061% 200% §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 225 <?page no="226"?> 89 Siehe unten S.-233-247. Lemma k-Pl k-NT ohne k-Pl k-Pl erwartet k-NT ohne k-Pl Anteil k-Pl Anteil Anteil k-Pl: k-Pl erwartet παντός 10 13 7 0,014% 0,022% 77% μέχρι 9 12 6 0,013% 0,020% 75% ὡσαύτως 8 12 6 0,013% 0,017% 67% ἐπεί 19 10 5 0,011% 0,041% 190% Zur Erläuterung: Die zweite Spalte „k-Pl“ gibt insgesamt an, wie häufig das Funktionswort in den 14 paulinischen kanonischen Briefen des kanonischen Neuen Testaments (k-Pl im k-NT) vorkommt. Die dritte Spalte „k-NT ohne k-Pl“ gibt insgesamt an, wie häufig das Funktionswort im gesamten Neuen Testament außerhalb der 14 paulinischen kanonischen Briefe vorkommt. Die vierte Spalte „k-Pl erwartet“ gibt an, wie häufig ein Begriff in k-Pl zu erwarten wäre, wenn er genauso häufig dort aufträte wie im restlichen k-NT. Dabei ist natürlich zu bedenken, dass k-NT selbst eine Kompositgröße darstellt von Schriften verschiedener Autoren mit unterschiedlichen Stilen, ein Thema, das weiter unten wieder aufgegriffen und detailliert werden wird. 89 Die fünfte Spalte „k-NT ohne k-Pl Anteil“ gibt an, welchen prozentualen Anteil das Lexem am gesamten Wortbestand von k-NT ohne k-Pl hat. Die sechste Spalte „k-Pl Anteil“ gibt an, welchen prozentualen Anteil das Lexem am gesamten Wortbestand von k-Pl hat. Die siebte und letzte Spalte „Anteil k-Pl: k-Pl erwartet (vierte Spalte)“ gibt den prozentualen Anteil an, den die Anzahl von Funktionswörtern in k-Pl gegenüber der erwarteten Anzahl erfüllt. Wie die Übersicht zeigt, kommen zwar alle Funktionswörter, die in k-NT ohne k-Pl stehen, auch in k-Pl vor, es ergibt sich jedoch ein recht variables Bild mit - abgesehen von besonderen Ausreißern (εὐθέως: 1 - 82 - 41; χιλιάς: 1 - 24 - 12; ἀληθῶς: 1 - 20 - 10) - mehr als vierfacher (τέ: 44 - 199 - 100) bis hin zu halb so großer Erwartung (πάντοτε: 28 - 14 - 7), wobei auch einige Begriffe fast den Erwartungen entsprechen (πάσης, παντός), wenn wir als Toleranzabweichung 30-% nehmen. Nun lässt sich das Bild noch etwas nuancieren: 226 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="227"?> Nehmen wir zunächst nur den Hebräerbrief im Vergleich gesondert und lassen diesen aus den paulinischen Briefen heraus. Dieser Brief mit seinen 13.372 griechischen Wörtern macht 9,74% des NT aus. Es ergibt sich folgender Vergleich: Lemma k-Pl ohne Hebr k-NT ohne k-Pl k-Pl ohne Hebr er‐ wartet k-NT ohne k-Pl Anteil k-Pl ohne Hebr Anteil Anteil k-Pl ohne Hebr: k-Pl ohne Hebr er‐ wartet τέ 25 199 70 0,217% 0,077% 35% αὐτῆς 12 139 49 0,152% 0,037% 24% πάλιν 28 122 43 0,133% 0,086% 65% εὐθέως 1 82 29 0,090% 0,003% 3% κἀγώ 25 67 24 0,073% 0,077% 105% οὗτοι 11 64 23 0,070% 0,034% 49% ἤδη 12 56 20 0,061% 0,037% 61% ἅπας 2 47 17 0,051% 0,006% 12% οὐκέτι 13 36 13 0,039% 0,040% 102% μήτε 2 35 12 0,038% 0,006% 16% πᾶσαν 18 34 12 0,037% 0,056% 149% τινα 10 34 12 0,037% 0,031% 83% ταύτης 2 31 11 0,034% 0,006% 18% ἄρτι 10 30 11 0,033% 0,031% 94% οἵ 2 28 10 0,031% 0,006% 20% ὁμοίως 4 28 10 0,031% 0,012% 40% ᾖ 18 24 8 0,026% 0,056% 212% οὔπω 2 24 8 0,026% 0,006% 24% χιλιάς 1 24 8 0,026% 0,003% 12% πάσης 17 21 7 0,023% 0,052% 229% τεσσεράκοντα 1 21 7 0.023% 0,003% 13% τούτους 4 21 7 0,023% 0,012% 54% §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 227 <?page no="228"?> Lemma k-Pl ohne Hebr k-NT ohne k-Pl k-Pl ohne Hebr er‐ wartet k-NT ohne k-Pl Anteil k-Pl ohne Hebr Anteil Anteil k-Pl ohne Hebr: k-Pl ohne Hebr er‐ wartet ἀληθῶς 1 20 7 0,022% 0,003% 14% κἀκεῖνος 3 19 7 0,021% 0,009% 45% ἀντί 5 18 6 0,020% 0,015% 78% τινας 5 18 6 0,020% 0,015% 78% μήτι 5 15 5 0,016% 0,015% 94% πάντοτε 27 14 5 0,015% 0,083% 545% παντός 6 13 5 0,014% 0,019% 130% μέχρι 8 12 4 0,013% 0,025% 188% ὡσαύτως 8 12 4 0,013% 0,025% 188% ἐπεί 10 10 4 0,011% 0,031% 282% Vergleicht man den prozentualen Anteil an Funktionswörtern in k-Pl ohne Hebr, fällt die große Diskrepanz zum vorhergehenden Vergleich ins Auge. Zwar gibt es immer noch einen Ausreißer (εὐθέως), doch die beiden anderen früheren Ausreißer liegen schon sehr viel näher an der Anzahl, die man in k-Pl erwarten würde (χιλιάς 1 statt 8; ἀληθῶς 1 statt 7). Zwar gibt es höhere und niedrigere erwartete Werte als zu erwarten waren, doch wieder unter Annahme einer 30 % Toleranzabweichung liegen nun 15 von 31 Funktionswörtern in oder über der erwarteten Anzahl. Überhaupt zeigt die Tabelle, dass diese Funktionswörter mehrheitlich deutlich bis gewaltig (πάντοτε 27 statt 5 = 545 %) über der erwarteten Anzahl vorkommen. Die Abweichung zum voranstehenden Vergleich ergibt sich schon aus dem Unterschied zwischen der Nutzung dieser Funktionswörter in Hebr und im restlichen NT. Von 32 Funktionswörtern in k-NT begegnen 11 überhaupt nicht in Hebr, und die, die begegnen, weisen deutlich verschiedene prozentuale Anteile auf. Bereinigt man die paulinischen Briefe von Hebr, rückt ihr Profil damit deutlich näher an das von k-NT. Bereinigen wir nun auch noch die paulinischen Briefe vom Textbestand des vorkanonischen Paulus (soweit bezeugt), so dass wir lediglich den kanonischen Textbestand von Paulus mit dem kanonischen Textbestand des restlichen NT 228 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="229"?> 90 Gut wäre es, wenn man auch noch den vorkanonischen Textbestand von *Ev aus dem kanonischen Textbestand herausnehmen könnte, doch sind die vorhandenen Rekonstruktionsversuche deutlich verschieden im Umfang. vergleichen, 90 ergibt sich folgendes Ergebnis des Vergleichs für die Funktions‐ wörter im verbleibenden paulinischen Text: Lemma Pl ohne Hebr, ohne *Pl NT ohne Pl Pl ohne Hebr, ohne *Pl erwartet NT ohne Pl Anteil Pl ohne Hebr, ohne Pl An‐ teil Anteil Pl ohne Hebr, ohne *Pl: Pl ohne Hebr, ohne *Pl er‐ wartet τέ 25 199 52 0,217% 0,104% 48% αὐτῆς 12 139 37 0,152% 0,050% 33% πάλιν 28 122 32 0,133% 0,116% 87% εὐθέως 1 82 22 0,090% 0,004% 5% κἀγώ 25 67 18 0,073% 0,104% 142% οὗτοι 11 64 17 0,070% 0,046% 65% ἤδη 12 56 15 0,061% 0,050% 81% ἅπας 2 47 12 0,051% 0,008% 16% οὐκέτι 13 36 9 0,039% 0,054% 137% μήτε 2 35 9 0,038% 0,008% 22% πᾶσαν 18 34 9 0,037% 0,075% 201% τινα 10 34 9 0,037% 0,042% 112% ταύτης 2 31 8 0,034% 0,008% 25% ἄρτι 10 30 8 0,033% 0,042% 127% οἵ 2 28 7 0,031% 0,008% 27% ὁμοίως 4 28 7 0,031% 0,017% 54% ᾖ 18 24 6 0,026% 0,075% 285% οὔπω 2 24 6 0,026% 0,008% 32% χιλιάς 1 24 6 0,026% 0,004% 16% πάσης 17 21 6 0,023% 0,071% 308% §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 229 <?page no="230"?> Lemma Pl ohne Hebr, ohne *Pl NT ohne Pl Pl ohne Hebr, ohne *Pl erwartet NT ohne Pl Anteil Pl ohne Hebr, ohne Pl An‐ teil Anteil Pl ohne Hebr, ohne *Pl: Pl ohne Hebr, ohne *Pl er‐ wartet τεσσεράκοντα 1 21 7 0.023% 0,004% 18% τούτους 4 21 6 0,023% 0,017% 72% ἀληθῶς 1 20 5 0,022% 0,004% 19% κἀκεῖνος 3 19 5 0,021% 0,012% 60% ἀντί 5 18 5 0,020% 0,021% 106% τινας 5 18 5 0,020% 0,021% 106% μήτι 5 15 4 0,016% 0,021% 127% πάντοτε 27 14 4 0,015% 0,112% 733% παντός 6 13 3 0,014% 0,025% 175% μέχρι 8 12 3 0,013% 0,033% 253% ὡσαύτως 8 12 3 0,013% 0,033% 253% ἐπεί 10 10 3 0,011% 0,042% 380% Auch wenn wir noch gewisse Abweichungen zwischen der erwarteten Anzahl an Funktionswörtern für k-Pl und denjenigen, die wir tatsächlich in k-Pl finden, feststellen, verdeutlicht sich der Hinweis darauf, dass der vorkanonische Textbe‐ stand vom kanonischen Textbestand in seinem lexikalischen Profil verschieden ist. Bei der wieder angenommenen Toleranzabweichung von 30 % liegen nun 18 von 31 Funktionswörter in oder über der erwarteten Anzahl, das ist nun erstmals mehr als die Hälfte. Auch wenn das Profil des kanonischen Paulusbrie‐ fanteils und der Rest des kanonischen Neuen Testaments nicht deckungsgleich sind, bilden diese doch ein Gesamtprofil, das mit dem vorkanonischen Profil kontrastiert. Denn nehmen wir den Befund der vorkanonischen Version des *Paulus, wonach alle diese 117 Funktionswörter zu 100 % fehlen, ergibt sich zunächst einmal, dass zwischen dem vorkanonischen *Paulus und dem kanonischen Paulus ein deutlich anderes Profil existiert, während die Differenz zwischen dem 230 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="231"?> 91 Bujard hat einen ähnlichen Vergleich angestellt, indem er Kol, Eph und 2Thess mit den sieben „echten“ paulinischen Briefen verglichen hat und, wie sich aus seiner Tabelle entnehmen lässt, was die adversativen Konjunktionen δε, μεν, μενουνγε, αλλα, πλην betrifft, eine deutliche Differenz gefunden: Während die sieben paulinischen Briefe (außer μενουνγε und πλην) die adversativen Konjunktionen häufig gebrauchen, finden sie sich in den Deuteropaulinen deutlich seltener bzw. gar nicht, vgl. W. Bujard, Stilanalytische Untersuchungen zum Kolosserbrief als Beitrag zur Methodik von Sprachvergleichen (1973), 26-27. Ein ähnliches Bild ergibt sich für die kausalen Konjunktionen (ibid. 27-28). kanonischen Paulus und dem kanonischen NT verglichen damit relativ gering ist. 91 Dieser Kontrast wird noch deutlicher, nimmt man zu den 117 gerade bespro‐ chenen Funktionswörtern die Liste der weiteren 39 Funktionswörter hinzu, die ebenfalls im vorkanonischen *Paulus fehlen, allerdings auch in keinem der kanonisch-paulinischen Briefe anzutreffen sind, die vorkanonisch stehen: Lemma Anzahl in kanonisch-paulinischen Briefen, die nicht-vorkanonisch stehen Anzahl gesamt in der kanonischen Sammlung - 1Tim 2Tim Tit Hebr Sonst NT - ἄνευ - - - - 3 3 ἄτερ - - - - 2 2 δεῦτε - - - - 13 13 δήποτε - - - - 1 1 δήπου - - - 1 0 1 ἐάνπερ - - - 3 0 3 ἑκάστοτε - - - - 1 1 ἑκατόν - - - - 17 17 ἑκατονείκοσι - - - - 1 1 ἑκατοπεντήκοντα - - - - 1 1 ἑκατονταπλασίων - - - - 3 3 ἐλωΐ - - - - 1 1 ἔνατος - - - - 11 11 §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 231 <?page no="232"?> Lemma Anzahl in kanonisch-paulinischen Briefen, die nicht-vorkanonisch stehen Anzahl gesamt in der kanonischen Sammlung ἐντεῦθεν - - - - 12 12 ἕξ - - - - 15 15 ἐξαίφνης - - - - 6 6 ἑξῆς - - - - 5 5 ἐπαύριον - - - - 18 18 εὐθύς (sofort) - - - - 53 53 καθότι - - - - 6 6 καίτοι - - - 1 1 2 καίτοιγε - - - - 2 2 κἀκεῖ - - - - 10 10 κἀκεῖθεν - - - - 12 12 κάτω - - - - 12 12 ὅδε - - - - 11 11 ὀκτώ - - - - 11 11 πρίν - - - - 14 14 πρωΐ - - - - 13 13 πρωΐα - - - - 3 3 ταχύ - - - - 13 13 τεσσαρακονταετής - - - - 2 2 τέσσαρες - - - - 43 43 τεσσαρεσκαιδέκατος - - - - 2 2 τεταρταῖος - - - - 1 1 τέταρτος - - - - 10 10 τοιόσδε - - - - 1 1 τριακόσιοι - - - - 2 2 τρισχίλιοι - - - - 1 1 232 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="233"?> Dieser Tabelle lässt sich entnehmen, dass von diesen 39 Funktionswörtern, die nicht im vorkanonischen *Paulus stehen, nur 3 im kanonischen Paulus begegnen - und zwar ausschließlich im Hebräerbrief, also in keinem der sieben Briefe (sonst wären diese Funktionswörter ja bereits in der zuvor erörterten Liste der 117 Funktionswörter begegnet), jedoch auch in keinem der Pastoralbriefe, wobei man hier argumentieren könnte, dass diese ja relativ kurz sind. Damit zeigt sich die Differenz zwischen *Paulus/ Paulus (ohne Hebr) gegenüber dem weiteren kanonischen Neuen Testament. Wenn wir nun weiter bedenken, dass dem vorkanonischen *Paulus gegenüber dem kanonischen Paulus 117 Funktionswörter fehlen, und darüberhinaus noch weitere 39 Wörter gegenüber dem kanonischen Neuen Testament, also 156 Funktionswörter, und dann die Tatsache hinzunehmen, dass der vorkanonische *Paulus diese Differenz an Funktionswörtern zum kanonischen Paulus und dem kanonischen Neuen Testament zu 100 % mit dem vorkanonischen *Ev teilt, in welchem all diese Funktionswörter ebenfalls unbezeugt sind, stellen wir fest, welch große Nähe die Profile von *Paulus und von *Ev besitzen im Unterschied zum kanonischen Neuen Testament. Wir werden auf diese Beobachtung weiter unten ausführlicher zu sprechen kommen und sie in größerer Tiefe betrachten. b) Funktionsbegriffe, die in *Paulus auch vorhanden sind Kein Vergleich kommt ohne seinen Gegenvergleich aus. Nicht alle Funktions‐ begriffe fehlen in *Pl. In unsere Überlegung werden alle in der Concordance mit Stellenangaben aufgeführten 170 einschlägigen Funktionsbegriffe einbezogen. Geordnet ist die Liste nach der Anzahl des Vorkommens der Lemmata im kanonischen NT (drittletzte Spalte; bei den Lemmata bedeutet ein Unterstrich vor dem Lemma, dass es sich um eine Wortform handelt): Nr. Lemma *Pl ohne Pseud *2Th *Laod *Kol *Pl insg. *Ev Pl NT Pl erw. *Pl erw. 1 *νή 1 0 0 0 1 0 1 1 0 0 2 _*ᾖς 1 0 0 0 1 0 1 1 0 0 3 *ἡνίκα 1 0 0 0 1 0 2 2 0 0 4 *ὑπεράνω 1 0 0 0 1 0 3 3 0 0 5 *ὑπήκοος 1 0 0 0 1 0 2 3 1 0 6 _*ἤμεθα 1 0 1 0 2 0 2 4 1 0 7 _*ὄντι 1 0 0 0 1 0 3 4 1 0 §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 233 <?page no="234"?> Nr. Lemma *Pl ohne Pseud *2Th *Laod *Kol *Pl insg. *Ev Pl NT Pl erw. *Pl erw. 8 *ὅλως 1 0 0 0 1 0 3 4 1 0 9 _*ὄντων 1 0 0 0 1 0 4 6 1 1 10 *εἴπερ 1 0 0 0 1 0 6 7 1 1 11 *κατέναντι 1 0 0 0 1 0 3 8 3 0 12 *ἴσος 1 0 0 0 1 0 1 8 4 0 13 *οὐδενὶ (neutr./ mask. Dat. Sg.) 1 0 0 0 1 0 2 9 4 0 14 _*οὖσιν 1 0 0 0 1 0 6 10 2 1 15 _*ὄντας 0 0 0 1 1 0 7 11 2 1 16 _*ἦμεν 1 0 0 0 1 0 5 11 3 1 17 *ἐπειδή 3 0 0 0 3 0 5 11 3 1 18 *πλάνη 0 1 0 0 1 0 4 13 5 1 19 _*ἔστω 1 0 0 0 1 1 4 13 5 1 20 *τρίς 1 0 0 0 1 0 4 13 5 1 21 *ἔσωθεν 1 0 0 0 1 2 1 13 6 0 22 _*ἀρά 1 0 0 0 1 1(? ) 1 5 6 0 23 _*ὄντος 0 0 1 0 1 0 3 15 6 0 24 *ἐνιαυτός 1 0 0 0 1 0 5 15 5 1 25 *Ὦ (empha‐ tisch) 2 0 0 0 2 2 7 16 5 1 26 _*ὄντα 1 0 0 0 1 0 4 17 7 1 27 _*ἦτε 1 0 1 0 2 0 7 19 6 1 28 *αὐταῖς (fem. Dat. Pl.) 1 0 0 0 1 1 5 20 8 1 29 *νυνί 1 0 1 0 2 0 18 24 3 3 30 _*ὄντες 2 0 0 0 2 0 12 26 7 2 31 _*ἔσονται 0 0 1 0 1 0 6 29 12 1 32 *ποτέ 0 0 2 1 3 1 22 31 5 3 33 *ἐγγύς 0 0 2 0 2 1 7 32 13 1 234 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="235"?> Nr. Lemma *Pl ohne Pseud *2Th *Laod *Kol *Pl insg. *Ev Pl NT Pl erw. *Pl erw. 34 *πλήν 1 0 0 0 1 7 5 32 14 1 35 *ταχύς 1 0 0 0 1 1 7 32 13 1 36 *ναί 1 0 0 0 1 1 9 37 14 1 37 *ὥσπερ 2 0 0 0 2 0 17 43 13 3 38 *πάσῃ (fem. Dat. Sg.) 0 1 0 0 1 0 32 44 6 5 39 *σεαυτοῦ 2 0 0 0 2 1 13 44 16 2 40 *οἷς (Relativ‐ pronomen, Dat. Pl.) 1 0 1 0 2 1 9 47 19 1 41 _*ὤν 1 0 0 0 1 1 16 48 16 2 42 *πρό 1 0 0 1 2 4 13 49 18 2 43 *ποῦ 1 0 0 0 1 0 11 51 20 2 44 *ἄρα 2 0 0 0 2 1 29 52 12 4 45 *οὕς (Personal‐ pronomen mask. Akk. Pl.) 1 0 0 0 1 1 13 52 20 2 46 *ἔμπροσθεν 1 0 0 0 1 0 7 52 23 1 47 *αὐτά (neutr. Nom. / Akk. Pl.) 1 0 0 0 1 3 11 53 21 2 48 _*ἐσμέν 1 0 1 0 2 0 29 54 13 4 49 *ἄχρι 2 0 0 0 2 0 17 55 19 3 50 *διό 1 0 1 0 2 0 36 56 10 5 51 *ὅπως 1 0 0 0 1 0 11 58 24 2 52 *διὰ τοῦτο 0 1 0 0 1 0 25 59 17 4 53 *παντί (neutr. / mask. Dat. Sg.) 2 0 0 1 3 2 38 59 11 6 54 *πᾶσα(ι) (fem. Nom. / Vok. Sg. / Pl.) 1 0 0 0 1 0 18 60 21 3 55 *ἔσχατος 2 0 0 0 2 1 8 60 26 1 56 *οὐχί 1 0 0 0 1 0 20 62 21 3 57 *τοιοῦτος 2 0 0 0 2 0 37 62 13 6 §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 235 <?page no="236"?> Nr. Lemma *Pl ohne Pseud *2Th *Laod *Kol *Pl insg. *Ev Pl NT Pl erw. *Pl erw. 58 *τρίτος 2 0 0 0 2 0 5 62 29 1 59 *μηδέ 1 0 0 1 2 1 23 63 20 3 60 *ποῖος 1 0 1 0 2 3 5 63 29 1 61 *πολλά (neutr. Nom. / Akk. Pl.) 2 0 0 0 2 3 12 64 26 2 62 *εἴτε 4 0 0 0 4 0 63 67 2 9 63 *ἔξω 1 0 0 0 1 2 8 69 31 1 64 *τούτου (neutr. / mask. Gen. Sg.) 4 0 2 0 6 1 17 69 26 3 65 *πρώτον / πρῶτος 2 1 0 0 3 3 18 70 26 3 66 *τούτων (neutr. / mask. Gen. Pl.) 1 0 0 0 1 5 9 72 32 1 67 *μόνον 2 0 0 0 2 0 35 73 19 5 68 *πᾶν (neutr. Nom / Akk. / Vok. Sg.) 2 0 0 1 3 0 25 73 24 4 69 *ὧν (Relativ‐ pronomen fem., mask., neutr., Gen. Pl.) 0 1 0 0 1 1 32 78 23 5 70 *τινες (mask. / fem. Nom. Pl.) 3 0 0 0 3 3 24 79 28 4 71 *μᾶλλον 3 0 0 0 3 1 50 85 18 7 72 *ὥστε 4 1 0 0 5 0 40 86 23 6 73 *αὐτοί (mask. Nom. Pl.) 2 0 0 0 2 2 25 87 31 4 74 *ἕκαστος 5 0 1 0 6 2 24 87 32 4 75 *πάντας (mask. Akk. Pl.) 1 0 1 0 2 1 35 90 28 5 76 *οὐδέν (neutr. Nom./ Akk. Sg.) 1 0 0 0 1 2 25 90 33 4 77 *πᾶσιν (neutr. / mask. Dat. Pl.) 2 0 1 0 3 1 47 91 22 7 236 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="237"?> Nr. Lemma *Pl ohne Pseud *2Th *Laod *Kol *Pl insg. *Ev Pl NT Pl erw. *Pl erw. 78 _*ἐστε 5 0 0 0 5 2 47 92 23 7 79 *μηδείς 1 0 0 0 1 3 37 93 28 6 80 *εἷς (mask. Nom.) 1 0 1 0 2 2 18 95 39 3 81 *οὐδείς (mask. Nom. Sg.) 1 0 1 0 2 2 19 96 39 3 82 *ἔτι 2 0 0 0 2 3 29 96 34 4 83 *ἦσαν 1 0 0 0 1 2 4 96 46 1 84 *τι (neutr. Nom. / Akk. Sg.) 1 0 0 0 1 1 30 99 35 4 85 *ἐνώπιον 1 0 0 0 1 5 20 100 40 3 86 *αὐτό (neutr. Nom. / Akk. Sg.) 2 0 0 0 2 0 29 100 36 4 87 *οὐχ 3 0 0 0 3 2 40 105 33 6 88 *οὔτε 1 0 0 0 1 2 33 106 37 5 89 *πῶς 1 0 0 0 1 2 28 109 41 4 90 *ἕτερος 4 0 0 0 4 4 35 109 37 5 91 *ὅτε 2 0 0 0 2 0 21 112 46 3 92 *ἅ 4 0 0 1 5 5 27 114 44 4 93 *αὐτήν (fem. Akk. Sg.) 1 0 1 0 2 1 10 120 55 1 94 *ᾧ (Relativpro‐ nomen mask. / neutr. Dat. Sg.) 2 0 1 0 3 3 51 121 35 8 95 *ὅσος 3 0 0 0 3 1 34 121 44 5 96 *ὅλος 1 0 0 0 1 1 16 123 54 2 97 *ἴδιος 3 0 0 0 3 1 48 123 38 7 98 _*εἶναι 3 0 1 0 4 1 57 126 35 8 99 *ὅταν 1 0 0 1 2 4 24 128 52 4 100 *πάντων (neutr. / mask. Gen. Pl.) 1 0 1 1 3 0 60 131 36 9 §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 237 <?page no="238"?> Nr. Lemma *Pl ohne Pseud *2Th *Laod *Kol *Pl insg. *Ev Pl NT Pl erw. *Pl erw. 101 *πάντα (neutr. Nom. / Akk. / Vok. Pl. oder mask. Akk. Sg.) 3 1 3 1 8 5 120 135 8 18 102 *σύν 3 0 0 3 6 1 39 136 49 6 103 *οὗ (Relativpro‐ nomen, neutr. / mask. Gen.) 1 0 0 0 1 3 41 145 52 6 104 *τίς (mask. / fem. Nom. Sg.) 3 0 1 0 4 8 33 146 57 5 105 _*εἰσίν 4 0 0 0 4 1 44 147 52 7 106 *δύο 3 0 2 0 5 6 12 147 68 2 107 *αὐτός (mask. Nom. Sg.) 0 0 1 1 2 5 34 153 60 5 108 *νῦν 1 0 0 0 1 2 56 157 51 8 109 *ἕως 1 0 0 0 1 1 16 159 72 2 110 *οὐδέ 4 0 0 0 4 6 41 161 60 6 111 *τότε 1 0 0 0 1 3 17 164 74 3 112 *ὅστις 5 1 0 0 6 1 50 165 58 7 113 *ὑπέρ 3 0 0 1 4 2 112 172 30 17 114 *πάντες (mask. Nom. / Vok. Pl.) 5 1 1 0 7 1 63 172 55 9 115 *ἄλλος 6 0 0 0 6 3 31 172 71 5 116 ἀμήν 1 0 0 0 1 0 16 175 80 2 117 *καθώς 5 0 1 1 7 4 96 186 45 14 118 *ἄν 1 0 0 0 1 1 27 205 89 4 119 *μέν 5 0 0 0 5 0 79 208 65 12 120 *σοι (Dat. Sg. / mask. Nom. / Vok. Pl. von σύ / σός) 0 0 1 0 1 1 29 212 92 4 121 *ὅς (Relativpro‐ nomen, mask. Nom. Sg.) 5 0 0 1 6 5 62 213 76 9 122 *παρά 5 1 0 0 6 1 51 217 83 8 238 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="239"?> Nr. Lemma *Pl ohne Pseud *2Th *Laod *Kol *Pl insg. *Ev Pl NT Pl erw. *Pl erw. 123 *οὕτως 6 0 0 0 6 2 81 221 70 12 124 *τις (mask. / fem. Nom. Sg.) 5 0 0 1 6 4 67 223 78 10 125 *ὑμεῖς (Nom. Pl.) 1 0 3 0 4 5 19 229 105 3 126 *ὅ 3 0 0 1 4 4 61 237 88 9 127 *ταῦτα (neutr. Nom. / Akk. Pl.) 4 0 0 0 4 6 39 242 102 6 128 *ὑπό 6 0 1 0 7 4 85 248 82 13 129 *ἐγώ 2 0 1 0 3 5 893 263 -315 133 130 *ἐκεῖνος 2 0 1 0 3 4 47 265 109 7 131 _*ἦν 2 0 0 0 2 1 17 301 142 3 132 *τοῦτο (neutr. Nom. / Akk. Sg.) 1 1 1 0 3 5 140 313 87 21 133 *τί 4 0 0 0 4 11 64 333 135 10 134 *αὐτούς (mask. Akk. Pl.) 0 1 0 0 1 4 29 340 156 4 135 *περί 2 0 0 0 2 2 74 354 140 11 136 *σου (Gen. Sg. von σύ / σός) 3 0 0 0 3 11 61 361 150 9 137 *ἑαυτοῦ 7 1 3 0 11 9 129 361 116 19 138 *ἐάν 6 0 0 0 6 7 103 375 136 15 139 *ἤ 5 0 0 1 6 8 127 384 129 19 140 *ἐμός 3 0 1 0 4 7 33 389 178 5 141 *ὑμᾶς (Akk. Pl.) 4 1 1 3 9 9 246 400 77 37 142 *ὑμῶν (Gen. Pl.) 6 0 2 0 8 20 259 462 102 39 143 *μετά 1 0 0 0 1 8 96 501 203 14 144 *αὐτῶν (fem. / mask. / neutr. Gen. Pl.) 4 0 0 0 4 7 94 502 204 14 145 *κατά 6 0 2 2 10 3 235 510 138 35 §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 239 <?page no="240"?> Nr. Lemma *Pl ohne Pseud *2Th *Laod *Kol *Pl insg. *Ev Pl NT Pl erw. *Pl erw. 146 *εἰ 7 0 0 0 7 18 223 529 153 33 147 *ὡς 2 0 2 0 4 1 179 543 182 27 148 *αὐτοῖς (neutr. / mask. Dat. Pl.) 1 1 0 0 2 2 39 543 252 6 149 *ὑμῖν (Dat. Pl.) 3 0 0 0 3 20 170 559 195 25 150 *οὖν 2 0 0 0 2 3 124 576 226 18 151 *ἵνα 18 1 2 0 21 6 267 691 212 40 152 *διά 29 1 3 2 35 7 348 692 172 52 153 *ἀπό 10 2 1 0 13 9 128 711 292 19 154 *ἀλλά 22 1 3 0 26 1 327 734 204 49 155 *πρός 6 0 2 0 8 1 166 753 294 25 156 *αὐτῷ (neutr. / mask. Dat. Sg.) 5 0 1 2 8 14 76 780 352 11 157 *ἡμεῖς 29 0 3 1 33 5 244 840 298 36 158 *αὐτόν (mask. Akk. Sg.) 3 1 1 1 6 11 69 841 386 10 159 _*ἔστιν 18 1 4 4 27 22 231 843 306 34 160 *ἐπί 7 1 4 0 12 20 163 965 401 24 161 *ἐκ 20 0 2 0 22 10 229 978 375 34 162 *μή 22 2 4 2 30 22 481 1091 305 72 163 *γάρ 36 0 1 0 37 11 549 1127 289 82 164 *αὐτοῦ (neutr. / mask. Gen. Sg.) 5 2 2 3 12 17 203 1197 497 30 165 *ὅτι 19 1 1 0 21 25 292 1348 528 43 166 *οὐ (nicht) 42 1 0 1 44 19 558 1725 584 83 167 *εἰς 21 2 5 2 30 28 499 1870 686 74 168 *ἐν 61 2 17 9 89 29 1071 2971 950 159 169 *δέ 25 0 2 1 28 28 730 3036 1154 109 170 *καί 59 5 16 6 86 103 1795 9651 3930 267 240 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="241"?> Zunächst lässt sich gerade im Vergleich zu dem voranstehenden Fall der Funkti‐ onsbegriffe, die in *Pl fehlen, feststellen, dass solche Begriffe wohl nicht deshalb in der Rekonstruktion von *Pl fehlen, weil die Zeugen, die der Rekonstruktion zugrunde liegen, Funktionsbegriffe gewöhnlicherweise übergangen hätten. Die vorliegende Liste belegt, dass eine ganze Fülle solcher Begriffe sehr wohl auch für *Pl bezeugt sind, was für Pronomina gilt, Konjunktionen und andere kleine Begriffe. Die Tabelle ist nach der geringsten Häufigkeit der im NT vorkommenden Funktionsbegriffe, die auch in *Pl nachweisbar sind, hin zur größten Häufigkeit geordnet. Diese Anordnung macht zunächst deutlich: 1. Die vierzehn ersten, nur einmal in *Pl stehenden Begriffe von νή bis οὖσιν stehen nicht weniger häufig (und auch nicht öfters), als man gemessen am Umfang von *Pl erwarten würde, wenn sie in derselben Häufigkeit vorkämen, wie sie in Pl begegnen. 2. Diese vierzehn Begriffe stehen mit einer Ausnahme (Nr. 6: ἤμεθα in *Laod) in keinem der *Deuteropaulinen. Sie begegnen auch nicht in *Ev. 3. Es fällt auf, wenn man das Vorkommen dieser 14 Funktionsbegriffe auf der kanonischen Ebene vergleicht, dass diese Begriffe in Pl begegnen, aber von Nr. 1-10 (νή bis εἴπερ) nur geringfügig häufiger im Rest des NT. Bis κατέναντι (Nr. 11) liegen sie auch in oder über der Anzahl, die man aufgrund des prozentualen Wortanteils in Pl erwarten würde. Das ändert sich mit ἴσος (Nr. 12), wo man 4-malige Präsenz erwarten würde, das Wort jedoch nur 1 Mal in Pl zu finden ist, und bei dem danach stehenden οὐδενὶ (Nr.-13), das 4 Mal erwartet würde, doch nur 2 Mal zu finden ist. Dennoch liegt auch hier die tatsächliche Präsenz der Begriffe in Pl im Bereich des Erwarteten. Gehen wir zu den weiteren Begriffen, findet sich erstmals eine Form, ὄντας (Nr. 15), in einem der *Deuteropaulinen, *Kol, die sonst nicht weiter vorkano‐ nisch belegt ist, auch nicht in *Ev, und die in Pl gleich 7 Mal begegnet, wenn auch nur 2 Mal erwartet. Ein ähnliches Phänomen haben wir gleich wieder mit πλάνη (Nr. 18), das 1 Mal in *2Thess steht, sonst vorkanonisch nicht vorkommt, jedoch 4 Mal in Pl begegnet bei einem Erwartungshorizont von 5. Bei den weiteren Begriffen begegnet erstmals ein Begriff, ἔσωθεν (Nr. 21), der sowohl in *Pl steht, auch im *Ev, jedoch in keinem der *Deuteropaulinen. Er wird 6 Mal in Pl erwartet, steht jedoch nur 1 Mal. Die Verbform ἄρας (Nr. 22) ähnelt diesem Begriff, steht vermutlich auch in *Ev, wird aber 6 Mal in Pl erwartet und steht wiederum nur 1 Mal. Beide Begriffe deuten darauf hin, §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 241 <?page no="242"?> dass die *Deuteropaulinen Pl nahe stehen. Die Differenz zwischen *Pl und den *Deuteropaulinen wird auch mit den nächsten Begriffen deutlich. Von Anfang bis ὅταν (Nr. 99), d. h. für die ersten 99 Funktionsbegriffe gilt folgendes Muster, das insofern auch zahlenmäßig nicht uninteressant ist, als wir es bei den Begriffen von αὐταῖς (Nr. 28) an bereits mit einer Präsenz von 20 Treffern, und danach ab ὥσπερ (Nr. 37) schon mit mehr als 40 Treffern im NT zu tun haben. Diese Häufigkeit steigert sich bis zu dem hier betrachteten ὅταν (Nr. 99) auf immerhin 128 Treffer im NT: Begriffe, die in *Pl stehen, finden sich häufig nicht in den *Deuteropaulinen (von 99 Funktionsbegriffen trifft dies auf 66 zu), bzw. wenn sie auch dort stehen, in *Laod (17 x mit 1 Eintrag, 3 x auch mit 2 Einträgen), in *Kol (8), in *2Thess (6), dann fällt auf, dass sie öfters nicht in den sieben Briefen von *Pl (8), allerdings in *Ev stehen (Nr. 33: ἐγγύς, 2 x in *Laod; Nr. 69: ὧν in *2Thess; besonders auffallend ist Nr.-32: ποτέ, das 2 x in *Laod und 1 x in *Kol steht). Wir werden später auch auf diese Beobachtung zurückkommen müssen. Zunächst aber deutet dieses Muster auf ein verschiedenes Profil der *Deutero‐ paulinen gegenüber *Pl hin, und zeigt eine leichte Nähe der *Deuteropaulinen zu *Ev an. Auch bei den weiteren, nun z.T. häufigeren Begriffen in *Pl sticht diese Differenz zwischen *Pl und *Deuteropaulinen ins Auge, so dass, fürs Ganze der 170 hier untersuchten Funktionsbegriffe gilt: In 88 Fällen sind Funktionsbegriffe, die für *Pl bezeugt sind, in keinem der *Deuteropaulinen vorhanden, selbst dann, wenn es sich wie im Fall οὖν (Nr. 150) um einen Begriff handelt, der 576 Mal im NT und 124 Mal in Pl steht. Gewiss, er ist selten in *Pl (2), steht aber auch im *Ev (3). Es gilt aber auch etwa für εἰ (Nr. 146), das immerhin 529 Mal im NT, 223 Mal in Pl, 7 Mal in *Pl, auch 18 Mal im *Ev steht, jedoch nicht in den *Deuteropaulinen. Oder, um ein weiteres Beispiel aufzuführen: ἐάν (Nr. 138) steht 375 Mal im NT, 103 Mal in Pl, 6 Mal in *Pl, 7 Mal im *Ev, nie in einem der *Deuteropaulinen. Da, wo Funktionsbegriffe in *Deuteropaulinen stehen, begegnet folgende Verteilung: Nr. - Lemma in *Pl o. *Deuterop. im *Ev *Deuterop. *2Th *Laod *Kol ≥ erw. in *Pl insg. < erw. in *Pl 6 - _*ἤμεθα 1 - - 1 - 2/ 1 - 15 - _*ὄντας - - - - 1 - 1/ 3 18 - *πλάνη - - 1 - - - 1/ 5 23 - _*ὄντος - - - 1 - - 1/ 2 242 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="243"?> Nr. - Lemma in *Pl o. *Deuterop. im *Ev *Deuterop. *2Th *Laod *Kol ≥ erw. in *Pl insg. < erw. in *Pl 27 - _*ἦτε 1 - - 1 - 2/ 1 - 29 - *νυνί 1 - - 1 - 2/ 2 - 31 - _*ἔσονται - - - 1 - - 1/ 2 32 - *ποτέ - 1 - 2 1 3/ 2 - 33 - *ἐγγύς - 1 - 2 - - 3/ 4 38 - *πάσῃ - - 1 - - - 1/ 2 40 - *οἷς 1 1 - 1 - 2/ 1 - 42 - *πρό 1 4 - - 1 2/ 2 - 48 - _*ἐσμέν 1 - - 1 - - 2/ 4 50 - *διό 1 - - 1 - - 2/ 3 52 - *διὰ τοῦτο - - 1 - - - 1/ 5 53 - *παντί 2 2 - - 1 3/ 2 - 59 - *μηδέ 1 1 - - 1 - 2/ 4 60 - *ποῖος 1 3 - 1 - - 2/ 6 64 - *τούτου 4 1 - 2 - 6/ 3 - 65 - *πρώτον 2 3 1 - - 3/ 3 - 68 - *πᾶν 2 - - - 1 3/ 3 - 69 - *ὧν - 1 1 - - - 1/ 6 72 - *ὥστε 4 - 1 - - 5/ 1 - 74 - *ἕκαστος 5 2 - 1 - 6/ 3 - 75 - *πάντας 1 1 - 1 - 2/ 1 - 77 - *πᾶσιν 2 1 - 1 - 3/ 2 - 80 - *εἷς 1 2 - 1 - - 2/ 9 81 - *οὐδείς 1 2 - 1 - 2/ 1 - 92 - *ἅ 4 5 - - 1 5/ 3 - 93 - *αὐτήν 1 1 - 1 - - 2/ 3 94 - *ᾧ 2 3 - 1 - 3/ 1 - §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 243 <?page no="244"?> Nr. - Lemma in *Pl o. *Deuterop. im *Ev *Deuterop. *2Th *Laod *Kol ≥ erw. in *Pl insg. < erw. in *Pl 98 - _*εἶναι 3 1 - 1 - - 4/ 5 99 - *ὅταν 1 4 - - 1 - 2/ 4 100 - *πάντων 1 - - 1 1 5 - 101 - *πάντα 3 5 1 3 1 8/ 4 - 102 - *σύν 3 1 - - 3 - 6/ 7 104 - *τίς 3 8 - 1 - - 4/ 6 106 - *δύο 3 6 - 2 - 5/ 4 - 107 - *αὐτός - 5 - 1 1 - 2/ 4 112 - *ὅστις 5 1 1 - - 6/ 5 - 113 - *ὑπέρ 3 2 - - 1 4/ 4 - 114 - *πάντες 5 1 1 1 - 7/ 7 - 117 - *καθώς 5 4 - 1 1 7/ 7 - 120 - *σοι - 1 - 1 - - 1/ 6 121 - *ὅς 5 5 - - 1 6/ 3 - 122 - *παρά 5 1 1 - - 6/ 3 - 124 - *τις 5 4 - - 1 6/ 4 - 125 - *ὑμεῖς 1 5 - 3 - 4/ 1 - 126 - *ὅ 3 4 - - 1 4/ 4 - 128 - *ὑπό 6 4 - 1 - 7/ 3 - 129 - *ἐγώ 2 5 - 1 - - 3/ 4 130 - *ἐκεῖνος 2 4 - 1 - - 3/ 6 132 - *τοῦτο 1 5 1 1 - - 3/ 5 134 - *αὐτούς - 4 1 - - - 1/ 4 137 - *ἑαυτοῦ 7 9 1 3 - 11/ 5 - 139 - *ἤ 5 8 - - 1 6/ 3 - 140 - *ἐμός 3 7 - 1 - 4/ 4 - 141 - *ὑμᾶς 4 9 1 1 3 9/ 1 - 244 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="245"?> Nr. - Lemma in *Pl o. *Deuterop. im *Ev *Deuterop. *2Th *Laod *Kol ≥ erw. in *Pl insg. < erw. in *Pl 142 - *ὑμῶν 6 20 - 2 - 8/ 8 - 145 - *κατά 6 3 - 2 2 10/ 5 - 147 - *ὡς 2 1 - 2 - 4/ 2 - 148 - *αὐτοῖς 1 2 1 - - - 2/ 7 151 - *ἵνα 18 6 1 2 - 21/ 8 - 152 - *διά 29 7 1 3 2 35/ 4 - 153 - *ἀπό 10 9 2 1 - 13/ 9 - 154 - *ἀλλά 22 1 1 3 - 26/ 18 - 155 - *πρός 6 1 - 2 - 8/ 6 - 156 - *αὐτῷ 5 14 - 1 2 8/ 6 - 157 - *ἡμεῖς 29 5 - 3 1 33/ 5 - 158 - *αὐτόν 3 11 1 1 1 - 6/ 7 159 - _*ἔστιν 18 22 1 4 4 27/ 2 - 160 - *ἐπί 7 20 1 4 - 12/ 5 - 161 - *ἐκ 20 10 - 2 - 22/ 8 - 162 - *μή 22 10 2 4 2 30/ 2 - 163 - *γάρ 36 11 - 1 - 37/ 6 - 164 - *αὐτοῦ 5 17 2 2 3 12/ 3 - 165 - *ὅτι 19 25 1 1 - 21/ 7 - 166 - *οὐ 42 19 1 - 1 43/ 17 - 167 - *εἰς 21 28 2 5 2 30/ 9 - 168 - *ἐν 61 29 2 17 9 89/ 5 - 169 - *δέ 25 28 - 2 1 28/ 2 - 170 - *καί 59 103 5 16 6 86/ 14 - Zunächst sticht ins Auge, dass von den 170 Funktionswörtern, die vorkanonisch zu finden sind und dann ein- oder mehrfach auch in den *Deuteropaulinen wieder begegnen, lediglich 14 nicht zugleich in *Pl und im *Ev bezeugt sind, d. h. §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 245 <?page no="246"?> wir haben es augenscheinlich - abgesehen von den weniger häufig bezeugten ersten sieben Begriffen (Nr. 6-31), dann vereinzelt (Nr. 38; 72; 100) und dem kleinen Block von drei Begriffen (Nr. 48-52) - mit einem hohen Maß an Übereinstimmung der vorkanonischen Lexik in *Pl und im *Ev zu tun. Ab Nr. 101 sind alle Funktionsbegriffe in beiden vorkanonischen Entitäten bezeugt. Nun könnte man urteilen, dass dies an der Häufigkeit der Begriffe liegen könnte. Hiergegen spricht, dass das Phänomen bereits bei relativ selten bezeugten Begriffen zu bemerken ist, etwa Nr.-40: οἷς, das in *Pl (ohne *Deuteropaulinen) nur 1 x und auch im *Ev nur 1 Mal bezeugt ist, und im NT nur 47 Mal steht. Es gilt aber auch für den gleich darauffolgenden Begriff Nr. 42: πρό, der in *Pl (ohne *Deuteropaulinen) 1 Mal und im *Ev 4 Mal bezeugt ist, und im NT 49 Mal steht, außerdem waren ja schon in der vorangegangenen Aufstellung deuteropaulinisch nicht bezeugte Begriffe und Formen, die weniger als 49 Mal im NT stehen (_ἔστω; ἔσωθεν; Ὦ; αὐταῖς; πλήν; ταχύς; ναί; σεαυτοῦ; ὤν), in Doppelbezeugung in *Pl und im *Ev begegnet. Als nächstes ist bemerkenswert, dass von den 170 auch *deuteropaulinisch bezeugten Begriffen 58 in *Laod stehen (mit insgesamt 126 Belegstellen), 32 in *Kol (mit 59 Belegstellen) und 29 in *2Thess (mit 38 Belegstellen). Verglichen miteinander weisen sie folgendes Profil im Verhältnis zu *Pl und *Ev auf: - Nicht in *Pl In *Pl Nicht im *Ev Im *Ev *Laod 6 52 8 50 *Kol 3 29 3 29 *2Thess 5 24 4 25 Aus dieser Aufschlüsselung geht hervor, dass bei allen drei *Deuteropaulinen festzustellen ist, dass sie fast im gleichen Maße Gemeinsamkeiten mit *Pl wie mit *Ev haben, wobei bei *Laod und *2Thess die zu *Pl leicht überwiegen. Umgekehrt weisen sie in ähnlicher Weise Differenzen zu diesen beiden *Entitäten auf. Bezieht man die Zahlen auf die unterschiedliche Länge der Briefe, *Laod: 923 Wörter; *Kol: 354 Wörter; *2Thess: 240 Wörter, erkennt man, dass auch die tatsächliche Anzahl der in ihnen präsenten Funktionswörter, die sie mit *Pl und *Ev teilen, für ein gemeinsames Profil der drei *Deuteropaulinen spricht, auch wenn dieses sich wiederum von dem Profil von *Pl wie *Ev, wie die entsprechenden Absenzen zeigen, deutlich weniger unterscheidet als es mit diesen übereinstimmt. Was die letzten beiden Spalten der vorigen Tabelle betrifft, in denen vermerkt wird, wie das Verhältnis der proportional erwarteten Anzahl der Funktionsbe‐ 246 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="247"?> griffe in *Pl insgesamt sich zu den tatsächlich darin zu findenden verhält, stellt man fest, dass - trotz einigen wenigen Ausreißern - i.W. die Erwartungen getroffen oder übertroffen werden (gerade bei den häufigeren Begriffen), und ab und zu eher knapp (erneut mit einigen Ausreißern) unterschritten werden. c) Zusammenfassung Funktionsbegriffe Sowohl was den negativen Befund (Funktionsbegriffe, die auf der kanonischen Ebene - z.T. sogar häufig - stehen, sind vorkanonisch abwesend) betrifft, wie auch den positiven Befund (Funktionsbegriffe, die kanonisch stehen und auch vorkanonisch begegnen), zeigt sich übereinstimmend, dass wir es, was diese Begriffe betrifft, mit einem unterschiedlichen Profil auf der vorkanonischen und auf der kanonischen Ebene zu tun haben. Dies gilt, auch wenn sich innerhalb beider Ebenen wiederum Differenzen feststellen lassen. Wie nicht anders zu erwarten ist, unterscheidet sich das Profil der kanonischen Paulus‐ briefsammlung von derjenigen des Rests des kanonischen Neuen Testaments, und wenn man die Untersuchung noch weiter ausdifferenzieren würde auf die Einzelschriften des Neuen Testaments, würde man vermutlicherweise noch weitere Unterschiede feststellen. Ähnlich gibt es auch einen Profilunterschied zwischen den vorkanonischen sieben *Paulusbriefen und den drei *Deuteropau‐ linen, die der vorkanonischen Sammlung zugehören. Und wie man auch hier noch weiter differenzieren könnte, wenn man die einzelnen sieben *Briefe untersuchen würde, zeigt die relative Profilübereinstimmung der drei vorkano‐ nischen *Deuteropaulinen gegenüber den sieben *Briefen insgesamt: Man kann von einem bestimmten Profil dieser *Deuteropaulinen gegenüber dem Rest des vorkanonischen *Paulus sprechen. Ein Fazit der Untersuchung zu den Funktionsbegriffen lautet demnach: 1. Wir haben es mit einem deutlich anderen Profil der vorkanonischen paulinischen *Briefsammlung gegenüber der kanonischen zu tun. 2. Diese Differenz besteht überhaupt zwischen der vorkanonischen paulini‐ schen *Briefsammlung und dem kanonischen Neuen Testament. 3. Dieser zweite Punkt beruht auf der deutlichen Profilnähe zwischen der vorkanonischen paulinischen *Briefsammlung und dem vorkanonischen *Evangelium. 4. Innerhalb der vorkanonischen und der kanonischen Ebene lassen sich jeweils Profildifferenzen festmachen. Was die vorkanonische Ebene be‐ trifft, liegen diese in einer gewissen eigenen Profilschärfe der drei *Deu‐ teropaulinen gegenüber den übrigen sieben paulinischen *Briefen wie dem vorkanonischen *Evangelium. Auch wenn die drei *Deuteropaulinen näher zur vorkanonischen Ebene stehen als zur kanonischen, befinden §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 247 <?page no="248"?> 92 Auffälligerweise in Röm 15,11, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. wir uns mit diesen doch auf einer gewissen Zwischenebene zwischen der vorkanonischen und der kanonischen Ebene. d) Häufigere Begriffe, die in *Paulus fehlen Wichtig für die nähere Bestimmung des sprachlichen Profils sind auch häu‐ figere, oft eher unauffällige und wenig inhaltlich geladene Begriffe, auch wenn diese Definition weit offen ist. Darum werden wir wie zuvor bei den Funktionsbegriffen zunächst auf die Wörter achten, die in der vorkanonischen *Paulusbriefsammlung fehlen und von einer gewissen Häufigkeit sind (10 Mal und öfter präsent im NT). Nimmt man den Gesamtbestand von über 4.800 verschiedenen Wörtern in der paulinischen Briefsammlung des kanonischen Neuen Testaments, fehlen in der vorkanonischen *Paulusbriefsammlung davon die zuvor besprochenen 117 Funktionswörter. Betrachtet man das ganze kano‐ nische Neue Testament, sind es bei über 5.600 verschiedenen Wörtern 156 Funktionswörter, die fehlen. 412 häufigere Wörter lassen sich aufführen, die im NT stehen, die aber in *Paulus fehlen. Aus diesen wurden 293 herausgezogen, die in Paulus mindestens 10 Mal im kanonischen Neuen Testament stehen, aber in *Paulus fehlen. Diese 293 Begriffe sollen als nächstes untersucht werden. Sie verteilen sich wie folgt: Nr. Lemma Anzahl in den ka‐ nonisch-paulinischen Briefen, die auch vor‐ kanonisch stehen Anzahl in kanonisch-pau‐ linischen Briefen, die nicht-vorkanonisch sind Anzahl ge‐ samt in der kanoni‐ schen Sammlung - - Pl 2Th Eph Kol 1Tim 2Tim Tit Hebr - 1 ἁγιάζω 5 - 1 - 1 1 - 6 30 2 ἀδελφή 9 - - - 1 - - - 50 3 ἀδικέω 7 - - 1 - - - - 32 4 ἀείδω - - 1 1 - - - - 14 5 αἰνέω 1 92 - - - - - - - 10 6 αἱρέομαι 1 1 - - - - - 1 17 7 αἰτία - - - - - 2 1 1 22 8 αἴτιος - - - - - 2 1 2 27 9 ἀκάθαρτος 2 - 1 - - - - - 33 248 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="249"?> 93 Auffälligerweise in Röm 15,21, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist (in beiden Fällen ein Zitat aus der jüdischen Schrift). 94 Alle Belegstellen in 1Kor. 95 Davon eine Belegstelle in Röm 15,31, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. Nr. Lemma Anzahl in den ka‐ nonisch-paulinischen Briefen, die auch vor‐ kanonisch stehen Anzahl in kanonisch-pau‐ linischen Briefen, die nicht-vorkanonisch sind Anzahl ge‐ samt in der kanoni‐ schen Sammlung - - Pl 2Th Eph Kol 1Tim 2Tim Tit Hebr - 10 ἄκανθα - - - - - - - 1 14 11 ἀκοή 6 - - - - 2 - 2 24 12 ἀληθής 1 - - - - - 1 - 27 13 ἀμπελών 1 - - - - - - - 23 14 ἀναγγέλλω 2 93 - - - - - - - 20 15 ἀνάγω 1 - - - - - - 1 24 16 ἀναιρέω - 1 - - - - - 1 28 17 ἀνακρίνω 8 94 - - - - - - - 16 18 ἀναλαμβάνω - - 2 - 1 2 - - 19 19 ἀναπαύω 3 - - - - - - - 15 20 ἀναστροφή 1 - 1 - 1 - - 1 13 21 ἀνατέλλω - - - - - - - 1 10 22 ἀναφέρω - - - - - - - 3 10 23 ἀνομία 3 2 - - - - 1 3 16 24 ἄνομος - 1 - - 1 - - - 10 25 ἀντιλέγω 1 - - - - - 2 - 14 26 ἀξιόω 1 1 - - 1 - - 2 11 27 ἀπειθέω 6 95 - - - - 1 2 2 22 28 ἀπιστία 3 - - - 1 - - 2 12 29 ἀποκαθίστημι - - - - - - - 1 10 30 ἀποκρίνω - - - 1 - - - - 265 31 ἀπολαμβάνω 2 - - 1 - - - - 14 32 ἀπολογέομαι 1 - - - - - - - 13 §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 249 <?page no="250"?> 96 Davon drei Belegstellen in Röm 15,1. 2. 3, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. 97 Davon eine Belegstelle in Röm 15,8, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. 98 Davon zwei Belegstellen in Röm 15,4; 16,26, in zwei Kapiteln, die von *Röm abwesend sind. Nr. Lemma Anzahl in den ka‐ nonisch-paulinischen Briefen, die auch vor‐ kanonisch stehen Anzahl in kanonisch-pau‐ linischen Briefen, die nicht-vorkanonisch sind Anzahl ge‐ samt in der kanoni‐ schen Sammlung - - Pl 2Th Eph Kol 1Tim 2Tim Tit Hebr - 33 ἀρέσκω 12 96 - - - - 1 - - 21 34 ἀριθμός 1 - - - - - - - 21 35 ἄρσην 1 - - - - - - - 12 36 αὐξάνω 4 - 2 3 - - - - 27 37 ἀφαιρέω 1 - - - - - - 1 11 38 ἄφεσις - - 1 1 - - - 2 18 39 ἀφήκω/ ἀφίημι - - - - - - - 1 22 40 ἀφίστημι - - - - 2 1 - 1 15 41 ἀφορίζω 4 - - - - - - - 11 42 βαπτίζω 10 - - - - - - - 90 43 βεβαιόω 4 97 - - 1 - - - 3 10 44 βιβλίον/ βυβλίον 1 - - - - 1 - 2 37 45 βίβλος 1 - - - - - - - 10 46 βλασφημία - - 1 1 1 - - - 22 47 βουλή 1 - 1 - - - - 1 14 48 βούλομαι 6 - - - 3 - 1 1 41 49 βρέφος - - - - - 1 - - 10 50 γεωργέω - - - - - - - 1 12 51 γεωργός - - - - - 1 - - 19 52 γραφή 10 98 - - - 1 1 - - 54 53 γρηγορέω 3 - - 1 - - - - 23 54 δειπνέω 1 - - - - - - - 11 250 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="251"?> 99 Davon eine Belegstellen in Röm 15,31, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. 100 Davon drei Belegstellen in Röm 15,8. 25; 16,1, in zwei Kapiteln, die von *Röm abwesend sind. 101 Davon eine Belegstelle in Röm 15,1, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. Nr. Lemma Anzahl in den ka‐ nonisch-paulinischen Briefen, die auch vor‐ kanonisch stehen Anzahl in kanonisch-pau‐ linischen Briefen, die nicht-vorkanonisch sind Anzahl ge‐ samt in der kanoni‐ schen Sammlung - - Pl 2Th Eph Kol 1Tim 2Tim Tit Hebr - 55 δέσμιος 2 - 2 - - 1 - 2 17 56 δεσπότης - - - - 2 1 1 - 10 57 διακονία 12 99 - - 1 1 2 - 1 35 58 διάκονος 11 100 - - 4 3 - - - 36 59 διακρίνω 6 - - - - - - - 21 60 διαλέγω - - - - - - - 1 14 61 διαμαρτύρομαι 1 - - - 1 2 - - 16 62 διατάσσω 5 - - - - - 1 - 18 63 διαφέρω 4 - - - - - - - 13 64 διηγέομαι - - - - - - - 1 10 65 διψάω 2 - - - - - - - 18 66 δυνατός 18 101 - - - 1 2 1 4 115 67 δύω/ δύνω - - - - - - - 1 20 68 δωρεά 5 1 2 - - - - 1 20 69 δωρεάν 3 1 1 - - - - - 14 70 δῶρον - - 1 - - - - 5 20 71 ἐάω 1 - - - - - - - 14 72 ἐγκαταλείπω - - - - - 2 - 2 12 73 ἔθος - - - - - - - 1 13 74 εἰσάγω - - - - - - - 1 11 75 ἐκκόπτω 2 - - - - - - - 10 76 ἐκπίπτω 2 - - - - - - - 13 77 ἐκπορεύω - - 1 - - - - - 36 §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 251 <?page no="252"?> 102 Davon eine Belegstelle in Röm 15,9, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. 103 Nach dem von mir nachgetragenen Zeugnis des Hieronymus steht dieser Begriff in *Gal 1,4 - er ist folglich in dieser Liste zu ignorieren. 104 Davon eine Belegstelle in Röm 15,9, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. 105 Der Beleg in Röm 15,3, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. Nr. Lemma Anzahl in den ka‐ nonisch-paulinischen Briefen, die auch vor‐ kanonisch stehen Anzahl in kanonisch-pau‐ linischen Briefen, die nicht-vorkanonisch sind Anzahl ge‐ samt in der kanoni‐ schen Sammlung - - Pl 2Th Eph Kol 1Tim 2Tim Tit Hebr - 78 ἐκχέω 2 - - - - - 1 - 35 79 ἔλαιον - - - - - - - 1 12 80 ἐλέγχω - - 2 - 1 2 3 1 20 81 ἔλεος 5 102 - 1 - 1 3 2 1 35 82 ἐλευθερόω 6 - - - - - - - 15 83 ἐμφανίζω - - - - - - - 2 10 84 ἐνδείκνυμι 2 - 3 - 1 1 2 2 12 85 ἔνοχος 1 - - - - - - 1 10 86 ἐντέλλω - - - - - - - 2 17 87 ἐξάγω - - - - - - - 1 14 88 ἐξαιρέω 103 1 - - - - - - - 11 89 ἔξειμι 1 - - - - 1 - - 10 90 ἐξομολογέομαι 3 104 - - - - - - - 10 91 ἐπαγγέλλω 1 - - - 2 - 1 4 15 92 ἐπέρχομαι - - 1 - - - - - 11 93 ἐπιζητέω 2 - - - - - - 2 17 94 ἐπικαλέω 4 - - - - 1 - 1 35 95 ἐπιλαμβάνω - - - - 2 - - 2 19 96 ἐπιμένω 6 - - 1 1 - - - 20 97 ἐπιπίπτω 1 105 - - - - - - - 15 98 ἐπίσταμαι - - - - 1 - - 1 16 252 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="253"?> 106 Davon eine Belegstelle in Röm 16,22, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. 107 Davon eine Belegstelle in Röm 15,28, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. 108 Davon zwei Belege in Röm 15,29; 16,18, aus zwei Kapiteln, die von *Röm abwesend sind. 109 Davon eine Belegstelle in Röm 15,10, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. 110 Davon eine Belegstelle in Röm 16,4, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. Nr. Lemma Anzahl in den ka‐ nonisch-paulinischen Briefen, die auch vor‐ kanonisch stehen Anzahl in kanonisch-pau‐ linischen Briefen, die nicht-vorkanonisch sind Anzahl ge‐ samt in der kanoni‐ schen Sammlung - - Pl 2Th Eph Kol 1Tim 2Tim Tit Hebr - 99 ἐπιστολή 9 106 4 - 1 - - - - 25 100 ἐπιτελέω 5 107 - - - - - - 2 11 101 ἐρευνάω 2 - - - - - - - 12 102 ἐρημόω 1 - - - - - - - 10 103 ἐρωτάω 3 1 - - - - - - 71 104 εὐάρεστος 5 - 1 1 - - 1 1 10 105 εὐλογία 6 108 - 1 - - - - 2 16 106 εὐσέβεια - - - - 8 1 1 - 15 107 εὐφραίνω 3 109 - - - - - - - 16 108 εὐχαριστέω 17 110 2 2 4 - - - - 43 109 εὐχαριστία 6 - 1 2 3 - - - 15 110 εὔχομαι 3 - - - - - - - 10 111 ζηλόω 10 - - - - - - - 20 112 ζῷον - - - - - - - 1 23 113 θηρίον - - - - - - 1 1 46 114 θρόνος - - - 1 - - - 4 70 115 θυσιαστήριον 3 - - - - - - 2 23 116 ἰάομαι - - - - - - - 1 31 117 ἱκανός 5 - - - - 1 - - 45 118 ἱκανόω 3 - - 1 - 1 - - 18 119 ἰσχυρός 3 - - - - - - 3 27 §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 253 <?page no="254"?> 111 Davon eine Belegstelle in Röm 15,18, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. 112 Davon eine Belegstelle in Röm 15,26, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. Nr. Lemma Anzahl in den ka‐ nonisch-paulinischen Briefen, die auch vor‐ kanonisch stehen Anzahl in kanonisch-pau‐ linischen Briefen, die nicht-vorkanonisch sind Anzahl ge‐ samt in der kanoni‐ schen Sammlung - - Pl 2Th Eph Kol 1Tim 2Tim Tit Hebr - 120 καθίημι - - - - - - - 1 18 121 καθίστημι - - - - - - 1 3 21 122 καταβολή - - 1 - - - - 3 11 123 κατάγω 1 - - - - - - - 12 124 κατακαίω 1 - - - - - - 1 13 125 κατακείω 1 - - - - - - - 12 126 καταλαμβάνω 5 - 1 - - - - - 20 127 κατανοέω 1 - - - - - - 2 14 128 καταρτίζω 4 - - - - - - 3 15 129 κατεργάζομαι 17 111 - 1 - - - - - 25 130 κατεσθίω 2 - - - - - - - 15 131 κεῖμαι 4 - - - 1 - - - 30 132 κερδαίνω 5 - - - - - - - 20 133 κλάδος 5 - - - - - - - 12 134 κλάω 2 - - - - - - - 15 135 κληρόνομος 6 - - - - - 1 3 15 136 κλῆρος - - - 1 - - - - 13 137 κλῆσις 4 1 3 - - 1 - 1 11 138 κλητός 6 - - - - - - - 12 139 κλίνω - - - - - - - 1 10 140 κοιμάω 9 - - - - - - - 20 141 κοινός 1 - - - - - 1 1 23 142 κοινόω - - - - - - - 1 15 143 κοινωνία 12 112 - - - - - - 1 21 254 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="255"?> 113 Davon zwei Belegstellen in Röm 16,6. 12, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. Nr. Lemma Anzahl in den ka‐ nonisch-paulinischen Briefen, die auch vor‐ kanonisch stehen Anzahl in kanonisch-pau‐ linischen Briefen, die nicht-vorkanonisch sind Anzahl ge‐ samt in der kanoni‐ schen Sammlung - - Pl 2Th Eph Kol 1Tim 2Tim Tit Hebr - 144 κοινωνός 5 - - - - - - 1 12 145 κοπιάω 8 113 - 1 1 2 1 - - 26 146 κόπος 10 1 - - - - - 1 21 147 κοσμέω - - - - 1 1 - - 10 148 κρείσσων 5 - - - - - - 12 23 149 κρίσις - 1 - - 1 - - 2 50 150 κύριοι 1 - 2 2 - - - - 14 151 κωλύω 3 - - - 1 - - 1 27 152 λατρεύω 3 - - - - 1 - 6 23 153 -- εἶπεν 2 - - - - - 1 1 611 154 -- εἶπον 1 - - - - - - 2 166 155 -- εἴρηκεν 1 - - - - - - 5 10 156 -- ἔλεγεν 1 - - - - - - - 74 157 -- ἔλεγον 2 1 - - - - - - 74 158 -- ἐρρέθη / ἐρρέθησαν 3 - - - - - - - 11 159 -- λέγειν 1 - 1 - - - 1 4 41 160 -- λεγόμενος - - - 1 - - - - 12 161 -- λέγοντος - - - - - - - 1 25 162 -- λέγων 3 - - - - - - 8 194 163 λῃστής 1 - - - - - - - 15 164 λῆψις 1 - - - - - - - 15 165 λιθάζω 1 - - - - - - 1 11 166 λογίζομαι 31 - - - - 1 - 1 43 167 λυπέω 9 - 1 - - - - - 30 §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 255 <?page no="256"?> 114 Davon eine Belegstelle in Röm 15,14, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. Nr. Lemma Anzahl in den ka‐ nonisch-paulinischen Briefen, die auch vor‐ kanonisch stehen Anzahl in kanonisch-pau‐ linischen Briefen, die nicht-vorkanonisch sind Anzahl ge‐ samt in der kanoni‐ schen Sammlung - - Pl 2Th Eph Kol 1Tim 2Tim Tit Hebr - 168 λύπη 6 - - - - - - 1 17 169 μακροθυμέω 2 - - - - - - 1 11 170 μακροθυμία 4 - 1 2 1 2 - 1 14 171 μάλιστα 3 - - - 3 1 1 - 12 172 μαργαρίτης - - - - 1 - - - 11 173 μαρτυρία - - - - 1 - 1 - 39 174 μαστιγόω - - - - - - - 2 10 175 μερίζω (zu‐ teilen) 5 - - - - - - 1 16 176 μεστός 2 114 - - - - - - - 10 177 μετανοέω 1 - - - - - - - 36 178 μετάνοια 3 - - - - 1 - 3 24 179 μετρέω 2 - - - - - - - 13 180 μιμέομαι 4 2 1 - - - - 2 11 181 μονογενής - - - - - - - 1 11 182 νεώτερος - - - - 3 - - - 11 183 νηστεία 3 - - - - - - - 10 184 νικάω 2 - - - - - - - 29 185 νίπτω - - - - - - 1 - 17 186 νοέω 1 - 2 - 1 1 - 1 14 187 νομίζω 1 - - - 1 - - - 18 188 νόσος - - - - 1 - - - 13 189 ξενίζω - - - - - - - 1 10 190 οἰκέω 8 - - - 2 - - 4 39 256 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="257"?> 115 Davon eine Belegstelle in Röm 16,23, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. 116 Der eine Beleg ist Röm 15,6, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. 117 Davon eine Belegstelle in Röm 15,13, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. Nr. Lemma Anzahl in den ka‐ nonisch-paulinischen Briefen, die auch vor‐ kanonisch stehen Anzahl in kanonisch-pau‐ linischen Briefen, die nicht-vorkanonisch sind Anzahl ge‐ samt in der kanoni‐ schen Sammlung - - Pl 2Th Eph Kol 1Tim 2Tim Tit Hebr - 191 οἰκόνομος 4 115 - - - - - 1 - 10 192 οἰκουμένη 1 - - - - - - 2 16 193 ὄμνυμι - - - - - - - 6 27 194 ὁμοθυμαδόν 1 116 - - - - - - - 12 195 ὁμοιόω 1 - - - - - - 1 17 196 ὁμοίως 4 - - - - - - 1 33 197 ὅρκος - - - - - - - 2 10 198 παιδεύω 2 - - - 1 1 1 3 13 199 παραγίγνομαι 1 - - - - 1 - 1 42 200 παράγω 1 - - - - - - - 11 201 παραιτέομαι - - - - 2 1 1 2 14 202 παραλαμβάνω 8 1 - 3 - - - 1 54 203 παρεμβολή - - - - - - - 3 10 204 παρέχω 1 - - 1 2 - 1 - 17 205 παρρησιάζομαι 1 - 1 - - - - - 10 206 παύω - - 1 1 - - - 1 15 207 πειράζω 6 - - - - - - 5 42 208 πειράω 2 - - - - - - 4 12 209 περισσεύω 20 117 - 1 1 - - - - 42 210 πετεινός 1 - - - - - - - 15 211 πέτρα 2 - - - - - - - 17 212 πιάζω 1 - - - - - - - 12 213 πιπράσκω 1 - - - - - - - 10 §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 257 <?page no="258"?> 118 Davon eine Belegstelle in Röm 16,2, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. 119 Davon eine Belegstelle in Röm 15,7, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. 120 Davon eine Belegstelle in Röm 15,12, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. 121 Davon eine Belegstelle in Röm 15,27, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. Nr. Lemma Anzahl in den ka‐ nonisch-paulinischen Briefen, die auch vor‐ kanonisch stehen Anzahl in kanonisch-pau‐ linischen Briefen, die nicht-vorkanonisch sind Anzahl ge‐ samt in der kanoni‐ schen Sammlung - - Pl 2Th Eph Kol 1Tim 2Tim Tit Hebr - 214 πίπτω 7 - - - - - - 3 112 215 πλεονεξία 3 - 2 1 - - - - 10 216 πλῆθος - - - - - - - 1 34 217 πληθύνω 1 - - - - - - 1 14 218 πλουτέω 5 - - - 3 - - - 18 219 ποικίλος - - - - - 1 1 2 10 220 πόρνος - - 1 - 1 - - 2 12 221 ποταμός 1 - - - - - - - 18 222 πρᾶγμα 4 118 - - - - - - 3 11 223 πραΰτης (und πραϋς) 3 - 1 1 - 1 1 - 22 224 πρεσβύτερος - - - - 4 - 1 1 74 225 προάγω - - - - 2 - - 1 21 226 προσέρχομαι - - - - 1 - - 7 97 227 προσκαρτερέω 2 - 1 1 - - - - 11 228 προσκυνέω 1 - - - - - - 2 67 229 προσλαμβάνω 5 119 - - - - - - - 15 230 πύλη - - - - - - - 1 11 231 ῥίζα 4 120 - - - 1 - - 1 17 232 σάλπιγξ 1 - - - - - - - 12 233 σαλπίζω 1 - - - - - - - 12 234 σαρκικός 8 121 - - - - - - 1 11 235 σῖτος 1 - - - - - - - 15 258 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="259"?> 122 Davon eine Belegstelle in Röm 16,25, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. 123 Davon drei Belegstellen in Röm 16,7. 11. 21, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. 124 Davon drei Belegstellen in Röm 16,3. 9. 21, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. 125 Alle Belege aus 1Kor. 126 Davon eine Belegstelle in Röm 15,21, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. 127 Davon eine Belegstelle in Röm 16,1, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. 128 Davon eine Belegstelle in Röm 16,1, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. Nr. Lemma Anzahl in den ka‐ nonisch-paulinischen Briefen, die auch vor‐ kanonisch stehen Anzahl in kanonisch-pau‐ linischen Briefen, die nicht-vorkanonisch sind Anzahl ge‐ samt in der kanoni‐ schen Sammlung - - Pl 2Th Eph Kol 1Tim 2Tim Tit Hebr - 236 σπλάγχνον 7 - - 1 - - - - 12 237 σπουδή 7 - - - - - - 1 12 238 στάσις - - - - - - - 1 10 239 στέφανος 2 - - - - 1 - - 25 240 στήκω 5 1 - - - - - - 12 241 στηρίζω 5 122 2 - - - - - - 16 242 στρατιώτης - - - - - 1 - - 27 243 συγγενής 4 123 - - - - - - - 13 244 συλλαμβάνω 1 - - - - - - - 20 245 συμφέρω 2 - - - - - - - 19 246 συνάγω 1 - - - - - - - 66 247 σύνδουλος - - - 2 - - - - 11 248 συνείδησις 10 - - - 4 1 1 5 32 249 συνεργέω 7 - - 1 - - - - 11 250 συνεργός 11 124 - - 1 - - - - 14 251 συνέρχομαι 8 125 - - - - - - - 34 252 συνίημι 3 126 - 1 - - - - - 31 253 συνίστημι („stehen mit“) 7 127 - - 1 - - - - 11 254 συνίστημι („empfehlen“) 9 128 - - - - - - - 10 255 συντρίβω 1 129 - - - - - - - 10 §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 259 <?page no="260"?> 129 Der eine Beleg in Röm 16,20, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. 130 Davon drei Belege in Röm 15,18; 16,19. 26 aus zwei Kapiteln, die von *Röm abwesend sind. Nr. Lemma Anzahl in den ka‐ nonisch-paulinischen Briefen, die auch vor‐ kanonisch stehen Anzahl in kanonisch-pau‐ linischen Briefen, die nicht-vorkanonisch sind Anzahl ge‐ samt in der kanoni‐ schen Sammlung - - Pl 2Th Eph Kol 1Tim 2Tim Tit Hebr - 256 σφραγίς 2 - - - 1 - - - 17 257 τάξις 1 - - 1 - - - 6 10 258 τάσσω 2 - - - - - - - 10 259 τεῖχος 1 - - - - - - 1 10 260 τελειόω 3 - - 1 - - - 10 32 261 τελευτάω - - - - - - - 1 14 262 τηρέω 3 - 1 - 2 1 - - 81 263 τίκτω 1 - - - - - - 2 19 264 τίμιος 1 - - - - - - 1 13 265 τράπεζα 2 - - - - - - 1 15 266 τρόπος 2 2 - - - 1 - 1 14 267 τυγχάνω 3 - - - - 1 - 2 13 268 ὕδωρ - - 1 - - - - 2 82 269 ὑμέτερος 5 - - - - - - - 11 270 ὑπακοή 11 130 - - - - - - 1 16 271 ὑπομιμνήσκω - - - - - 1 1 - 11 272 ὑστερέω 7 - - - - - - 3 19 273 ὕψιστος - - - - - - - 1 13 274 φαίνω 3 - - - - - - 1 34 275 φείδομαι 5 - - - - - - - 10 276 φέρω 1 - - - - 1 - 5 71 277 φεύγω 2 - - - 1 1 - 1 33 278 φιλέω 1 - - - - - 1 - 25 260 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="261"?> 131 Davon zwei Belege Röm15,13. 32, einem Kapitel mit Vers, das von *Röm abwesend ist. 132 Im Nachgang musste noch ergänzt werden: μαρτυρέω. Nr. Lemma Anzahl in den ka‐ nonisch-paulinischen Briefen, die auch vor‐ kanonisch stehen Anzahl in kanonisch-pau‐ linischen Briefen, die nicht-vorkanonisch sind Anzahl ge‐ samt in der kanoni‐ schen Sammlung - - Pl 2Th Eph Kol 1Tim 2Tim Tit Hebr - 279 φόβος 13 - 2 - 1 - - 1 61 280 χαρά 17 131 - - 1 - 1 - 4 62 281 χείρων - - - - 2 2 - 3 29 282 χιλιάς 1 - - - - - - - 25 283 χόρτος 1 - - - - - - - 17 284 χράω 4 - - - 2 - - - 12 285 χρηστότης 4 - 1 1 - - 1 - 11 286 χρύσεος - - - - 1 1 - 1 25 287 χρυσίον - - - - 1 - - 1 14 288 χρυσός 1 - - - 1 - - - 12 289 χρυσόω - - - - - - - 1 13 290 χωλός - - - - - - - 1 19 291 χωρέω 1 - - - - - - - 11 292 ψεύστης 1 - - - 1 - 1 - 10 293 ὠφελέω 4 - - - - - - 2 17 Diese Liste von häufigeren Wörtern im neutestamentlichen Paulus, die im vorkanonischen *Paulus fehlen, 132 führt uns, wie wir sehen werden, nahe an die Lexik nicht nur des kanonischen Paulus, sondern überhaupt zu derjenigen der kanonischen Redaktion. Beginnen wir mit der Perspektive des Hebräerbriefes aus dieser Liste: Zunächst lässt sich feststellen, dass 149 der Begriffe zum Teil recht häufig in Hebr begegnen, wobei die Werte von Nr. 148: κρείσσων mit 12 Mal bis herab zu 81 Begriffen, die 1 Mal begegnen, reichen. Dennoch nährt sich die Liste der Abwesenheit von Begriffen nicht alleine aus dem Wortüberschuss, den der Hebräerbrief alleine hätte. Wir dürfen nicht vergessen, dass hier nur §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 261 <?page no="262"?> Begriffe ausgewählt wurden, die mindestens 10 Mal im kanonischen Neuen Testament stehen. Etwa die drei häufigsten Begriffe der Liste, die in Hebr stehen (Nr.-148: 12 Mal; Nr.-260: 10 Mal; Nr.-162: 8 Mal), sind oft im Rest des Neuen Testaments belegt (Nr.-148: 23 Mal; Nr.-260: 32 Mal; Nr.-162: 194 Mal), es handelt sich also bei diesen Wörtern nicht um spezifisches Vokabular nur des Hebräerbriefes. Und doch stellt die Sprache des Hebr nicht nur gegenüber der vorkanonischen Ebene, sondern auch gegenüber dem kanonischen Paulus etwas Besonderes dar. Denn von den 149 Wörtern, die durch Hebr in der Liste belegt sind und in *Paulus fehlen, finden sich die folgenden 31 Wörter auch nicht im kanonischen Paulus: Nr.-10: ἄκανθα Nr.-79: ἔλαιον Nr.-181: μονογενής Nr.-290: χωλός Nr.-21: ἀνατέλλω Nr.-83: ἐμφανίζω Nr.-189: ξενίζω - Nr.-22: ἀναφέρω Nr.-86: ἐντέλλω Nr.-193: ὄμνυμι - Nr.-29: ἀποκαθίστημι Nr.-87: ἐξάγω Nr.-197: ὅρκος - Nr.-39: ἀφήκω/ ἀφίημι Nr.-112: ζῷον Nr.-203: παρεμβολή - Nr.-50: γεωργέω Nr.-116: ἰάομαι Nr.-216: πλῆθος - Nr.-60: διαλέγω Nr.-120: καθίημι Nr.-230: πύλη - Nr.-64: διηγέομαι Nr.-139: κλίνω Nr.-238: στάσις - Nr.-67: δύω/ δύνω Nr.-142: κοινόω Nr.-261: τελευτάω - Nr.-73: ἔθος Nr. 161: - λέγοντος Nr.-273: ὕψιστος - Nr.-74: εἰσάγω Nr.-174: μαστιγόω Nr.-289: χρυσόω - Da es sich um auch sonst häufiger im Neuen Testament begegnende Lexik handelt, lässt sich eine gewisse Nähe von Hebr und dem Rest des Neuen Testaments feststellen, zugleich aber auch eine gewisse Distanz zwischen dem kanonischen Paulus und Hebr. Eine zweite Perspektive - Röm 15-16: Ein ähnliches Phänomen begegnet bei der Betrachtung der folgenden 36 Begriffe, die in *Paulus fehlen und alle unter anderem in den beiden letzten Kapiteln von Röm begegnen. Doch wie bei Hebr ist es auch bei diesen Kapiteln des Römerbriefes so, dass es keine Sondersprache ist, die uns diese Begriffe spiegeln. Denn auch diese Begriffe stehen ja 10 Mal und öfter im Neuen Testament. Und doch stechen folgende 14 Termini heraus, die nur hier im kanonischen Paulus zu finden sind: 262 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="263"?> Nr.-5: αἰνέω Nr.-176: μεστός Nr.-14: ἀναγγέλλω Nr.-194: ὁμοθυμαδόν Nr.-17: ἀνακρίνω Nr.-229: προσλαμβάνω Nr.-90: ἐξομολογέομαι Nr.-243: συγγενής Nr.-97: ἐπιπίπτω Nr.-251: συνέρχομαι Nr.-100: ἐπιτελέω Nr.-254: συνίστημι („empfehlen“) Nr.-107: εὐφραίνω Nr.-255: συντρίβω Erneut lässt sich eine gewisse Nähe zum Rest des kanonischen Neuen Testa‐ ments feststellen, während zugleich eine Differenz gegenüber der Lexik des kanonischen Paulus, ganz zu schweigen vom vorkanonischen *Paulus, besteht. Überhaupt lässt sich eine Nähe auch zwischen der Sprache von Röm 15-16 und Hebr feststellen: Nr.-27: ἀπειθέω; Nr.-43: βεβαιόω; Nr.-57: διακονία; Nr.-66: δυνατός; Nr. 81: ἔλεος; Nr. 100: ἐπιτελέω; Nr. 105: εὐλογία; Nr. 143: κοινωνία; Nr. 222: πρᾶγμα; Nr. 231: ῥίζα; Nr. 234: σαρκικός; Nr. 270: ὑπακοή; Nr. 280: χαρά. Demnach finden sich 13 gemeinsame Begriffe, wobei innerhalb von Paulus sich 5 dieser Begriffe nicht in weiteren Deutero- oder Pseudopaulinen finden (4 in Röm 15: Nr. 100; Nr. 143; Nr. 222; Nr. 234; 1 in Röm 16: Nr. 270). Allerdings führt dieser Vergleich auf das weitere Cluster. Denn die nachfolgenden Begriffe teilen sich Röm 15-16 und Hebr mit deren Präsenz in den Pastoralbriefen (Nr. 27; Nr. 66; Nr. 232), mit den Pastoralbriefen und mit Eph (Nr. 81), mit den Pastoralbriefen und mit Kol (Nr.-57), nur mit Eph (Nr.-105) oder nur mit Kol (Nr.-43). Demnach scheint die Nähe von Röm 15-16 nicht nur zu Hebr (bzw. umge‐ kehrt) zu existieren - sondern mit einer gewissen Differenz auch zu den anderen Deutero- und Pseudopaulinen, insbesondere zu den Pastoralbriefen, zu Eph und Kol. Eine dritte Perspektive - Past: Die sprachliche Verbindung dieser Schriften (inkl. Hebr) erhärtet sich, wenn man die obige Liste von den Pastoralbriefen aus betrachtet: Alleine steht einer oder stehen mehrere der Pastoralbriefe in dieser Liste nur 13 Mal (Nr. 49; 51; 56; 106; 147; 171; 172; 173; 182; 185; 188; 241; 270). Hingegen ist mit deutlichem Abstand die häufigste Kombination diejenige, wonach die Pastoralbriefe Begriffe mit Pl und Hebr gemeinsam haben; 22 Mal (Nr. 27; 28; 44; 48; 66; 91; 94; 113; 141; 151; 152; 153; 166; 178; 190; 198; 199; 231; 248; 267; 276; 277). Auch noch sehr häufig ist 17 Mal die Kombination mit Hebr alleine (Nr. 7; 8; 11; 39; 72; 95; 98; 121; 135; 201; 219; 224; 225; 226; 281; 286; 287) und 15 §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 263 <?page no="264"?> Mal mit Pl alleine (Nr. 33; 52; 61; 62; 78; 117; 131; 187; 191; 218; 239; 278; 284; 288; 292). Dann, mit mehr als der Hälfte, 8 Mal, folgt die Kombination mit Pl + Eph + Hebr (Nr. 1; 20; 55; 81; 84; 159; 186; 279). Die Hälfte weniger, 4 Mal stehen die zwei Kombinationen mit Pl + Kol (Nr. 58; 96; 118; 204) und mit Pl + Eph + Kol (Nr. 109; 145; 223; 285). Es folgen 3 Mal die Kombinationen mit 2Thess + Hebr (Nr. 23; 26; 149); 2 Mal jeweils die Kombinationen mit Eph + Hebr (Nr. 80; 220); Pl + Kol + Hebr (Nr. 57; 280); Pl + Eph + Kol + Hebr (Nr. 104; 170), und jeweils 1 Mal die Kombinationen mit Eph (Nr. 18), mit Eph + Kol (Nr. 46), mit 2Thess (Nr. 24), mit Pl + Eph (Nr. 262); Pl + 2Thess + Hebr (Nr. 266), mit Pl + 2Thess + Kol + Hebr (Nr.-202) und mit Pl + 2Thess + Eph + Hebr (Nr.-137). Aus diesen Zahlen wird erkennbar, dass die Pastoralbriefe, die eine gewisse ei‐ gene Lexik besitzen, die sie mit dem übrigen Neuen Testament teilen, gegenüber Paulus eine ebenfalls erkennbare Distanz aufweisen, dann am häufigsten ihre Terminologie in der paulinischen Sammlung mit Paulus und Hebr gemeinsam haben, bald danach sowohl mit Hebr alleine wie mit den sieben Paulusbriefen alleine. Allerdings gibt es auch Überlappungen mit den Deuteropaulinen in unterschiedlicher Konstellation, wobei auch hier wieder auffällt, wie oft Hebr in diesen Kombinationen mit auftaucht. Eine vierte Perspektive - die Deuteropaulinen: Es ist zu bemerken, dass von den Deuteropaulinen 2Thess nie ein Wort alleine aufweist (immer mitzubedenken ist, dass es natürlich Wortbestand ist, der 10 x und häufiger im NT begegnet), während Eph 2 Mal alleine steht (Nr. 77; 92), Kol hingegen doppelt so oft, also 4 Mal (Nr. 30; 136; 160; 247). Das Alleinstehen gibt uns Aufschluss über die Selbständigkeit eines lexikalischen Profils. Die Nähe zu Paulus drückt sich durch das Teilen von Wortmaterial mit diesem aus, was in allen drei Deuteropaulinen ins Auge sticht. Am seltensten hat wiederum 2Thess Wortmaterial, das nicht mit den sieben Paulusbriefen geteilt wird, lediglich im Fall der zweimaligen Übereinstimmungen mit den Past (Nr. 24; 149) und 1 Mal Hebr (Nr.-16). Hingegen hat Eph eine Reihe von Übereinstimmungen, ohne die sieben Briefe des Paulus, nämlich 1 Mal mit Kol (Nr. 4), 1 Mal mit Kol und Past (Nr. 46), 2 Mal mit Kol und Hebr (Nr. 38; 206), 1 Mal mit Past (Nr. 18), 2 Mal mit Past und Hebr (Nr. 80; 220), und 3 Mal mit Hebr (Nr. 70; 122; 268). Etwas weniger selbständig ist Kol, der ohne Pl folgende Übereinstimmungen hat: 1 Mal mit Eph und Past (Nr. 46), 2 Mal mit Eph und Hebr (Nr. 38; 206) und 1 Mal mit Hebr (Nr.-114). Die Abhängigkeit von Paulus erweist sich an der alleinigen Übereinstimmung mit diesem, im Falle von 2Thess liegt diese 4 Mal vor (Nr. 103; 157; 240; 241), im Fall von Eph 6 Mal (Nr. 9; 126; 129; 167; 205; 252), im Fall von Kol 7 Mal (Nr. 2; 31; 53; 236; 249; 250; 253). 264 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="265"?> Aus diesen und den voranstehenden Zahlen ergibt sich eine Tendenz: Kol ist einerseits am selbständigsten und zugleich Paulus am nächsten, dann kommen in absteigender Tendenz Eph und 2Thess (aber nur, was die Nähe zu Paulus, nicht was die Selbständigkeit angeht, s. vorletzter Absatz). Was die weiteren Übereinstimmungen mit Pl, den Deuteropaulinen und Hebr betrifft, gibt sich folgende Übersicht: 2Thess: + Pl + Eph: Nr. 69; + Pl + Eph + Kol: Nr. 108; + Pl + Eph + Past + Hebr: Nr. 137; + Pl + Eph + Hebr: Nr. 68; + Pl + Kol: Nr. 99; + Pl + Kol + Hebr: Nr. 202; + Pl + Hebr: Nr. 6; 146; + Pl + Past + Hebr: Nr. 26; 266; Eph: + Pl + 2Thess: Nr. 69; + Pl + 2Thess + Kol: Nr. 108; + Pl + 2Thess + Past + Hebr: Nr.-137; + Pl + 2Thess + Hebr: Nr. 68; + Pl + Kol: Nr. 36; 150; 209; 215; 227; + Pl + Kol + Past: Nr. 109; 145; 285; + Pl + Kol + Past + Hebr: Nr. 104; 170; + Pl + Past: Nr. 262; + Pl + Past + Hebr: Nr. 1; 20; 55; 81; 84; 159; 186; 279; + Pl + Hebr: Nr. 47; 105; Kol: + Pl + 2Thess: Nr. 99; + Pl + 2Thess + Eph: Nr. 108; + Pl + Eph: Nr. 36; 150; 209; 215; 227; + Pl + Eph + Past: Nr. 109; 145; 285; + Pl + Eph + Past + Hebr: Nr. 104; 170; 280; + Pl + Past: Nr. 58; 96; 118; 204; + Pl + Past + Hebr: Nr. 57; + Pl + Hebr: Nr. 43; 257; 260; Wie schon bei der Untersuchung von Hebr aufgefallen ist, sticht die Nähe von Hebr zu den Deuteropaulinen und den Past hervor. 2Thess hat am wenigstens §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 265 <?page no="266"?> Übereinstimmungen mit den anderen Deuteropaulinen, Past und Hebr, während Eph am meisten von diesen hat, gefolgt von Kol. Bei Eph folgt nach den Übereinstimmungen mit Pl, Past und Hebr diejenige mit Pl + Kol, umgekehrt ist die häufigste Übereinstimmung von Kol direkt die mit Pl + Eph. Die Übereinstimmung von Eph und Kol mit 2Thess (und umgekehrt) ist hingegen deutlich geringer. Es verwundert folglich nicht, wenn in der Forschung immer schon Eph und Kol als eng zusammenstehend betrachtet wurden. Eine fünfte Perspektive - Paulus: Hier fällt sofort auf, dass die sieben „authentischen“ Briefe des Paulus 70 Begriffe besitzen, die sie mit keinem anderen der kanonischen paulinischen Briefe teilen (Nr. 5; 13; 14; 17; 19; 32; 34; 35; 41; 42; 45; 54; 59; 63; 65; 71; 75; 76; 82; 88; 90; 97; 101; 102; 107; 110; 111; 123; 125; 130; 132; 133; 134; 138; 140; 148; 156; 158; 163; 164; 176; 177; 179; 183; 184; 194; 200; 203; 210; 211; 212; 213; 221; 229; 232; 233; 235; 243; 244; 245; 246; 251; 254; 255; 258; 269; 275; 282; 283; 291). Auch in diesem Fall wird man dies als Alleinstellungsmerkmal betrachten, was für ein eigenständiges lexikalisches Profil spricht. Gleichwohl finden sich auch bei Pl Übereinstimmungen mit den weiteren Briefen: + 2Thess: Nr. 103; 157; 240; 241; + 2Thess + Eph: Nr. 69; + 2Thess + Eph + Kol: Nr. 108; + 2Thess + Eph + Past + Hebr: Nr. 137; + 2Thess + Eph + Hebr: Nr. 68; 180; + 2Thess + Kol: Nr. 99; + 2Thess + Kol + Hebr: Nr. 202; + 2Thess + Hebr: Nr. 6; 146; + 2Thess + Past + Hebr: Nr. 23; 26; 266; + Eph: Nr. 9; 126; 129; 167; 205; 252; + Eph + Kol: Nr. 36; 150; 209; 215; 227; + Eph + Kol + Past: Nr. 109; 145; 223; 285; + Eph + Kol + Past + Hebr: Nr. 104; 170; 279; + Eph + Hebr: Nr. 47; 105; + Eph + Past: Nr. 262; + Eph + Past + Hebr: Nr. 20; 55; 81; 84; 159; 186; + Kol: Nr. 31; 53; 236; 249; 250; 253; + Kol + Past: Nr. 58; 96; 109; 204; + Kol + Past + Hebr: Nr. 57; 280; + Kol + Hebr: Nr. 43; 257; 260; 266 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="267"?> + Past: Nr. 2; 12; 25; 27; 33; 52; 61; 62; 78; 89; 117; 131; 171; 187; 191; 218; 239; 256; 278; 284; 288; 292; + Past + Hebr: Nr. 11; 28; 44; 48; 66; 91; 94; 135; 141; 151; 152; 153; 166; 178; 190; 198; 199; 231; 248; 267; 276; 277; + Hebr: Nr. 15; 37; 87; 93; 100; 115; 119; 124; 127; 128; 143; 144; 154; 155; 162; 165; 168; 169; 175; 192; 195; 196; 207; 208; 214; 217; 222; 228; 234; 237; 259; 263; 264; 265; 270; 272; 274; 293. Eine sechste Perspektive - die Häufigkeit der Wörter: Hier folgt dieselbe Liste wie oben S. 248-261, lediglich nach Häufigkeit ge‐ ordnet und gekürzt auf die Wörter, die 40 x und häufiger in der Liste erscheinen: Nr. Lemma Anzahl in den ka‐ nonisch-paulinischen Briefen, die auch vor‐ kanonisch stehen Anzahl in kanonisch-pau‐ linischen Briefen, die nicht-vorkanonisch sind Anzahl ge‐ samt in der kanoni‐ schen Sammlung - - Pl 2Th Eph Kol 1Tim 2Tim Tit Hebr - 153 -- εἶπεν 2 - - - - - 1 1 611 30 ἀποκρίνω - - - 1 - - - - 265 162 - - λέγων 3 - - - - - - 8 194 154 -- εἶπον 1 - - - - - - 2 166, davon 36 in der gramm. Form von Pl 66 δυνατός 18 - - - 1 2 1 4 115 214 πίπτω 7 - - - - - - 3 112 226 προσέρχομαι - - - - 1 - - 7 97 42 βαπτίζω 10 - - - - - - - 90 269 ὕδωρ - - 1 - - - - 2 82 263 τηρέω 3 - 1 - 2 1 - - 81 156 -- ἔλεγεν 1 - - - - - - - 74 157 -- ἔλεγον 2 1 - - - - - - 74 224 πρεσβύτερος - - - - 4 - 1 1 74 103 ἐρωτάω 3 1 - - - - - - 71 277 φέρω 1 - - - - 1 - 5 71 114 θρόνος - - - 1 - - - 4 70 §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 267 <?page no="268"?> Nr. Lemma Anzahl in den ka‐ nonisch-paulinischen Briefen, die auch vor‐ kanonisch stehen Anzahl in kanonisch-pau‐ linischen Briefen, die nicht-vorkanonisch sind Anzahl ge‐ samt in der kanoni‐ schen Sammlung - - Pl 2Th Eph Kol 1Tim 2Tim Tit Hebr - 228 προσκυνέω 1 - - - - - - 2 67 246 συνάγω 1 - - - - - - - 66 281 χαρά 17 - - 1 - 1 - 4 62 280 φόβος 13 - 2 - 1 - - 1 61 52 γραφή 10 - - - 1 1 - - 54 202 παραλαμβάνω 8 1 - 3 - - - 1 54 2 ἀδελφή 9 - - - 1 - - - 50 149 κρίσις - 1 - - 1 - - 2 50 113 θηρίον - - - - - - 1 1 46 117 ἱκανός 5 - - - - 1 - - 45 108 εὐχαριστέω 17 2 2 4 - - - - 43 166 λογίζομαι 31 - - - - 1 - 1 43 199 παραγίγνομαι 1 - - - - 1 - 1 42 207 πειράζω 6 - - - - - - 5 42 209 περισσεύω 20 - 1 1 - - - - 42 48 βούλομαι 6 - - - 3 - 1 1 41 159 -- λέγειν 1 - 1 - - - 1 4 41 Wenn wir alleine die ersten vier Einträge und hier darunter vor allem drei Wortformen betrachten, die über 100 Mal im Neuen Testament stehen, jedoch in *Paulus fehlen, stellen wir fest, dass sie auch in Paulus sehr selten sind - ἀποκρίνω mit 265 Einträgen im NT findet sich weder in *Paulus noch in den sieben Briefen des Paulus, es steht nur ein einziges Mal auf kanonischer Ebene in Kol 4,6. Ähnlich erstaunlich erscheint die extrem seltene Nutzung von εἶπον, eine Aoristform, die im NT 166 Mal steht, jedoch in den sieben Paulusbriefen nur ein einziges Mal begegnet, Gal 2,14. Dieser Vers ist zwar vorkanonisch bezeugt, jedoch gerade dieses Wort ist es nicht, da Tertullian (reprehendit) offenkundig ein anderes Verb gelesen hat. Ansonsten findet sich die Verbform nur noch 2 Mal in Hebr. Ähnlich überrascht die verwandte Aoristform εἶπεν, die 611 Mal im 268 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="269"?> 133 M. Vinzent, Concordance to the precanonical and canonical New Testament (2023). 134 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 745. NT steht, jedoch bereits im kanonischen Paulus mit nur zwei Einträgen extrem schwach belegt ist (1Kor 11,24; 2Kor 6,16). Ansonsten steht sie noch 1 Mal in Tit (Tit 1,12) und Hebr (Hebr 1,5; 12,21). In beiden Fällen steht die Aoristform des Verbes demnach nur auf der kanonischen Ebene. Nimmt man zu *Paulus den Befund aus *Ev hinzu, ergibt sich das Folgende: ἀποκρίνω: Das Verb ist nur 3 Mal für *Ev bezeugt, jedoch ausschließlich durch Adamantius. Folgt man U. Schmid, müsste man die Zeugnisse gleich verwerfen - sie sind entsprechend auch in der „Concordance to the Precanonical and Canonical New Testament“ vermerkt. 133 *Ev 9,20: Hier gibt Tert., Adv. Marc. IV 21,6: … cum pro omnibus responderet, Tu es Christus. Klinghardt hat zurecht das responderet fett markiert, d. h. angedeutet, dass das Verb dem Sinn nach, aber nicht wörtlich gegeben ist, weil es im kanoni‐ schen Text heißt: Ὑμεῖς δὲ τίνα με λέγετε εἶναι; Πέτρος δὲ ἀποκριθεὶς εἶπεν, Τὸν Χριστὸν τοῦ θεοῦ. Außerdem stellt er richtig fest, dass „auch das Petrusbekenntnis *9,20 … widersprüchlich bezeugt [ist]. Während Adamantius, darin der kanonischen Formulierung entsprechend, nur das Objekt im Akkusativ nennt (τὸν Χριστόν), bezeugt Tertullian gleich zwei Mal einen eigenständigen Satz: tu es Christus/ σὺ εἶ ὁ Χριστός.“ 134 Obwohl Adamantius dieses Zeugnis in seinem Dialog dem Markioniten in den Mund gelegt hat (und gleich zu *Ev 9,22 angibt, das Zitierte stamme aus dem *Evangelium der Markioniten), spricht jedoch bereits die kanonische Form des Bekenntnisses dagegen, dass der Markionit hier aus dem eigenen *Evangelium vorträgt, vielmehr gibt er den Text der kanonischen Version. Damit sollte man jedoch auch bei dem genannten vorsichtigen Urteil Klinghardts bleiben. Doch dann dürfte man auch die Einleitungsformel δὲ ἀποκριθεὶς εἶπεν (oder, wie sie Klinghardt in seiner Rekonstruktion wiedergibt: ἀποκριθεὶς δὲ Πέτρος εἶπε) nicht als gesicherte Lesart des vorkanonischen Textes auszeichnen (pace Klinghardt, vgl. den nächsten zu besprechenden Vers, in welchem Klinghardt anders rekonstruiert). Weder ἀποκρίνω noch εἶπεν sind folglich für diesen Vers sicher bezeugt. *Ev 17,20: An dieser Stelle bietet Tert., Adv. Marc. IV 35,12: inquit, weshalb Klinghardt diesmal die an die zuvor verhandelte Stelle erinnernde kanonische Formulierung ἀπεκρίθη αὐτοῖς καὶ εἶπεν in seiner Rekonstruktion verkürzt auf ἀπεκρίθη und in Normaldruck anfügt αὐτοῖς καὶ εἶπεν, womit er verdeutlicht, dass hier eine möglicherweise kanonische Form vorliegt, auf jeden Fall der Wortlaut unbezeugt ist. Also auch hier ist weder ἀποκρίνω noch εἶπεν sicher bezeugt. §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 269 <?page no="270"?> 135 Mit der älteren Forschung, vgl. T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, Band-2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892), 485; A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 226*-227*; siehe auch K. Tsutsui, Das Evangelium Marcions. Ein neuer Versuch der Textrekonstruktion (1992), 117-118. 136 D.T. Roth, The Text of Marcion’s Gospel (2015), 390. *Ev 18,42: An dieser Stelle bietet Tert., Adv. Marc. IV 36,12: Qui non ita credet, non audiet ab illo, Fides tua te salvum fecit. Adamantius verweist ausdrücklich darauf, dass das Nachfolgende aus dem *Evangelium der Markioniten stamme (ἐκ τοῦ αὐτῶν εὐαγγελίου), weshalb Klinghardt 135 - im Unterschied zu Roth - weithin dem Adamantiustext vertraut und ihn als bezeugt in seine Rekonstruktion aufnimmt, eingeschlossen das ἀποκριθείς. Hier die fünf Versionen, die wir von diesem Text besitzen: Lk 18,41-42 Adam. V 14 gr. Adam. V 14 lat. Klinghardt Epiph., sch. 51 ὁ δὲ εἶπεν, Κύριε, ἵνα ἀναβλέψω. ὁ δὲ εἶπε· κύριε, ἵνα ἀναβλέψω. At ille dixit: Do‐ mine ut vi‐ deam. ὁ δὲ εἶπεν· Κύριε, ἵνα ἀναβλέψω. καὶ ὅτε ἰάθη, 42 καὶ ὁ Ἰησοῦς εἶπεν αὐτῷ, Ἀνάβλεψον· ἡ πίστις σου σέσωκέν σε. καὶ ἀποκριθεὶς εἶπεν ὁ Ἰησοῦς· Ἀνάβλεψον· ἡ πίστις σου σέσωκέ σε. Et respondens Iesus dixit: Uide! Fides tua te saluum fecit. καὶ ἀποκριθεὶς ὁ Ἰησοῦς εἶπεν αὐτῷ, Ἀνάβλεψον· ἡ πίστις σου σέσωκέ σε. φησίν· ἡ πίστις σου σέσωκέν σε. Nimmt man die weiteren Zeugen hinzu, erkennt man, dass die Wortstellung εἶπεν ὁ Ἰησοῦς in Adam. gr. unikal ist, Klinghardt sie jedoch verwirft und stattdessen die kanonische Reihenfolge übernimmt. ἀποκριθεὶς liest man auch in den Zeugen 05, 157 und zahlreichen altlateinischen Handschriften, das von Klinghardt aufgenommene αὐτῷ fehlt jedoch nicht nur in Adam. gr. und lat., sondern auch in 032, 044*, 1200 und dem persischen Diatessaron. Da Roth schon zu den voranstehenden Versen, die nach Adamantius aus dem *Evangelium der Markioniten stammen sollen, aus mehreren Stellen aufgrund der mangelnden Varianten in den Handschriften den Eindruck ge‐ wann, dass der Adamantiustext nicht notwendigerweise den Markiontext wiedergibt, hält er die Übernahme der Verse 41-42 in die Rekonstruktion des Markiontextes für „highly speculative“. 136 Es verwundert, dass bislang keiner der Rekonstrukteure auf das Epiphaniusscholion eingegangen ist. Gewiss kann hier ein verkürzendes Referat vorliegen, aber die narrativ kurze Version, die den von Klinghardt als abwesend betrachteten Vers 39, aber auch die unsicheren Verse 40-42 ersetzt, könnte durchaus den älteren Text von *Ev widerspiegeln. Der Epiphaniustext vermeidet die Doppelung 270 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="271"?> von ἀναβλέψω - Ἀνάβλεψον, wobei solche Doppelungen, wie wir sehen werden, eine typische rhetorische Figur der kanonischen Redaktion darstellen. Und anstelle der bereits zuvor beide Male für die kanonische Redaktion typischen Wendung ἀποκριθεὶς … εἶπεν - wobei NA 28 das ἀποκριθεὶς ohne Vermerk ausgelassen hat - und anstelle von εἶπεν, das hier gleich wieder doppelt steht, liest man ein schlichtes φησίν. Wie man hier auch immer entscheiden will - die Diskussion zeigt, dass auch in diesem dritten Fall weder ἀποκριθεὶς noch εἶπεν gesicherte Lesarten sind. Nimmt man jetzt noch den Gesamtbefund, der sich aus der vergleichenden „Concor‐ dance“ ergibt, hinzu, wonach bei 265 Belegen im Neuen Testament für ἀποκρίνω diese drei Fälle die einzigen möglichen Stellen für die vorkanonische Präsenz des Lexems darstellen, und der Begriff, wie die Liste oben zeigt, zum ersten im vorkanonischen *Paulus und dann auch im kanonischen Paulus der sieben Briefe fehlt, und er nur ein einziges Mal in einem Deuteropaulinum, Kol 4,6, auftaucht und sogar noch in den Pastoralbriefen und dem Hebräerbrief fehlt, wird man wohl davon ausgehen müssen, dass auch in den drei Fällen von *Ev der Begriff gefehlt haben wird, nicht anders als die Wortform εἶπεν. εἶπεν: Es verwundert nach der gerade geführten Diskussion wohl nicht, dass auch diese Aoristform für den vorkanonischen *Paulus unbezeugt ist. Über die gerade diskutierten Stellen hinaus findet sie sich in *Ev wiederum nur in einer Passage, die fast ausschließlich durch Adamantius bezeugt ist, Lk 16,24-31, und der Begriff wird mit der Ausnahme von Vers 1, wo er durch Epiphanius angezeigt wird, auch nur durch Adamantius bezeugt (so in 16,24-25). In diesem Vers 31 liegt auch noch das Zeugnis des Epiphanius vor. Während Adam. II 10 zitiert: ὁ δὲ εἶπεν· εἰ Μωυσέως καὶ τῶν προφητῶν οὐκ ἤκουσαν, gibt Epiph., Scholion 46 die Einleitung wieder: εἶπεν Ἀβραάμ. Ἔχουσι Μωυσέα καὶ τοὺς προφήτας, ἀκουσάτωσαν αὐτῶν. Wie schon die Diskrepanz beider Versionen in Formulierung und Inhalt spiegelt, scheint an diesem Text redaktionell geändert worden zu sein. Im Folgeschluss zu der voranstehenden Diskussion scheint es wenig wahrscheinlich, in einem der beiden Zeugnisse eine verlässliche Grundlage für den vorkanonischen Text zu sehen. Es legt sich eher der Schluss nahe, dass die Aoristform, die auf kanonischer Ebene mit 611 Nachweisen extrem beliebt ist, offenkundig auf der vorkanonischen Ebene nicht - oder wenn man vorsichtig formulieren will - nicht ein einziges Mal sicher bezeugt ist. εἶπον: Für diese Verbform ist keine Diskussion vonnöten. Die Form ist weder irgendwo für *Paulus noch für *Ev bezeugt. Dass sie vermutlich nicht oder nur ganz selten auch auf der vorkanonischen Ebene stand, erweist sich schon daran, dass sie sogar im kanonischen Paulus nur an einer einzigen Stelle begegnet (Gal 2,14). Allerdings taucht sie dann 2 Mal in Hebr auf und scheint für die kanonische Redaktion dann doch mit 166 Nachweisen (wobei 36 davon präzise diese grammatikalische Form darstellen, die §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 271 <?page no="272"?> sich in Mt, Mk, Joh, Apg, der genannten Gal-Stelle und Hebr findet, auffallenderweise jedoch nicht in Lk! ) überhaupt eine bedeutende Form geworden zu sein. Kommen wir zurück zur Liste der Häufigkeiten: Ohne auf alle Termini einzugehen, greife ich an dieser Stelle - weitere, eher inhaltlich geladene Begriffe wie ὕδωρ und πρεσβύτερος werden weiter unten verhandelt - nur noch einige wenige, bemerkenswerte heraus. προσέρχομαι: Dieser Begriff, der in *Paulus fehlt, auch nicht im *Ev steht, begegnet allerdings auch nicht ein einziges Mal in Paulus, inklusive der Deute‐ ropaulinen. Die einzige Fundstelle ist in den Pastoralen (1Tim 6,3) und gleich 7 Mal begegnet er in Hebr. Blickt man ins ganze Neue Testament, ist der Begriff am beliebtesten in Mt (über 50 Nachweise), während er in Lk gerade 10 Mal, allerdings noch seltener in Mk (5 Mal) und in Joh nur 1 Mal steht. ἐρωτάω: Das Verb ist weder für *Paulus noch für *Ev bezeugt, und gemessen an den häufigen Nachweisen für das restliche Neue Testament findet es sich auch selten in Paulus (3 Mal) sowie den Deuteropaulinen (1 Mal) und fehlt auch völlig in den Past und Hebr. φέρω: Wieder ein Verb, das häufig im NT begegnet, jedoch in *Paulus und *Ev fehlt, dann aber nur ein einziges Mal (Röm 9,22) bei Paulus auftaucht, 1 Mal in den Past und wieder häufiger (5 Mal) in Hebr. θρόνος: Ähnlich lässt sich für dieses Nomen festhalten, dass es weder für *Paulus noch für *Ev bezeugt ist, dann aber auch nicht in einem der sieben Briefe des Paulus steht, sondern nur in dem Deuteropaulinum Kol 1,16 und wieder häufiger (4 Mal) in Hebr. προσκυνέω: Weder für *Paulus noch für *Ev bezeugt, erfreut sich das Verb großer Beliebtheit bei Mt (13 Mal), steht bei Lk nur 3 Mal (2 Mal in der Versu‐ chungsgeschichte, die im vorkanonischen Text fehlt; und im Abschiedsbericht, Lk 24,52, wo die Verbkonstruktion ebenfalls im vorkanonischen Text fehlt). Die Zahlen erweisen diesen Begriff folglich nicht nur als redaktionelle Einmalzutat in Paulus (1Kor 14,25), der Begriff begegnet dann nicht nur wieder 2 Mal in Hebr, sondern auch in Lk. συνάγω: Weder für *Paulus noch für *Ev bezeugt, erfreut auch dieses Verb sich großer Beliebtheit bei Mt (26 Mal), während es auch bei Lk noch relativ häufig steht (11 Mal); es begegnet aber bei Paulus nur ein einziges Mal (1Kor 5,4). κρίσις: Weder für *Paulus noch für *Ev bezeugt, begegnen wir erneut einem bei Mt beliebten Begriff (12 Mal), der bei Lk nur in den Kapiteln 10-11 zu finden ist (4 Mal) und in den sieben Paulusbriefen überhaupt nicht auftaucht, sondern erst in dem Deuteropaulinum Eph, in den Past und 2 Mal in Hebr. 272 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="273"?> 137 Die Gesamtzahl übersteigt 163, weil manche Begriffe an mehr als einer Stelle stehen; wenn sie innerhalb desselben Briefes mehrmals stehen, werden sie nicht mehrfach gezählt. θηρίον: Weder für *Paulus noch für *Ev bezeugt, haben wir es hier nicht mit einem Mt-Begriff zu tun, denn er fehlt in diesem Evangelium, auch wenn er in Mk (1,13) steht. Er begegnet auch nicht in Paulus, sondern erst in den Past und Hebr. Was lässt sich aus diesen Beispielen an Gemeinsamkeiten herauslesen? Es scheint, dass die vorkanonische Ebene, und zwar insbesondere *Paulus, aber immer noch erkennbar auch *Ev mit ihrer Lexik auf die kanonischen Spiegeltexte (so der Sprachgebrauch des Epiphanius) eingewirkt haben. Das führt zumindest bei einer Reihe der Begriffe dazu, dass sie bei Paulus und in Lk relativ (im Vergleich mit anderen Briefen oder Evangelien) selten Eingang finden. Die kanonischen Evangelien erscheinen lexikalisch eher den Past und Hebr nahe zu stehen, bedingt auch den Deuteropaulinen. Wenn Paulus- und Lk-Stellen diese Terminologie überhaupt bieten, geschieht es jeweils in solchen Passagen, die gegenüber der vorkanonischen Ebene deutlich als Zusatztexte erkennbar sind. Lässt sich auch hier ein Gegenvergleich durchführen? Gibt es auf der vorka‐ nonischen Ebene beliebte Begriffe, die auf der kanonischen Ebene nicht, oder selten aufgegriffen werden? e) Begriffe in *Paulus, die nicht mehr als doppelt so häufig im NT stehen Erschwert wird ein solcher Gegenvergleich dadurch, dass eine Vorlage, die zum großen Teil spiegelbildlich in die Abschrift übernommen und hierbei lediglich überarbeitet, erweitert und selten gekürzt wird, naturgemäß, wie bereits im vorangehenden Vergleich bemerkt, ihre Spuren in den Abschriften hinterlässt. Allerdings lässt sich prüfen, ob einige der Termini dann innerhalb des kanoni‐ schen Textes nachweislich eine geringe weitere Verwendung gefunden haben. Als erstes ist festzuhalten, dass man eine Liste von 163 solcher Begriffe zusammenstellen kann, die also erstaunlich lange ist. Sie verteilen sich über die Briefe, wie folgt: 137 *1Kor: 46 *Laod: 30 *2Kor: 24 *Gal: 23 *Röm: 19 *Phil: 13 *Kol: 12 §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 273 <?page no="274"?> *2Thess: 5 *1Thess: 3 Außerdem *Ev: 8 Blicken wir zunächst auf die sieben *Paulusbriefe: *Gal weist 23 Einträge auf. Der Brief teilt sich diese Begriffe mit *1Kor (3 Mal, davon einmal einen Begriff mit *1Kor und denselben auch mit *2Kor gemeinsam), *2Kor (1 Mal), *Röm (1 Mal) und *Ev (1 Mal). *1Kor bietet die größte Anzahl mit 46 Einträgen. Der Brief teilt sich diese Begriffe mit *Gal (3 Mal), *2Kor (2 Mal), *Röm (2 Mal), *Phil (2 Mal), *2Thess (1 Mal), *Laod (2 Mal, davon 1 Mal gemeinsam mit *Ev) und *Ev (3 Mal). *2Kor weist 24 Einträge auf. Der Brief teilt sich diese Begriffe mit *Gal (2 Mal, einmal einen Begriff gemeinsam mit *1Kor, einmal einen Begriff mit *2Kor), *1Kor (3 Mal, davon einmal einen Begriff mit *Phil, einmal einen Begriff mit *Röm). *Röm hat 19 Einträge. Er teilt Begriffe mit *Gal (1 Mal), *1Kor (2 Mal, davon einmal einen Begriff mit *2Kor), *2Kor (1 Mal, denselben Begriff mit *1Kor), *2Thess (1 Mal, denselben Begriff mit *Ev), *Laod (1 Mal), und *Ev (1 Mal, denselben Begriff mit *2Thess). *Phil weist 13 Einträge auf. Der Brief teilt Begriffe mit *1Kor (2 Mal, davon einen Begriff auch mit *2Kor), *2Kor (1 Mal, denselben Begriff auch mit *1Kor) und *Ev (1 Mal). *1Thess hat die wenigsten Einträge mit 3. Er teilt einen Begriff mit *Ev. Betrachten wir die *Deuteropaulinen: *2Thess, das nur 5 dieser Begriffe aufweist, teilt sich Begriffe mit *1Kor (1 Mal), *2Kor (1 Mal), *Röm (1 Mal) und diesen selben Begriff auch mit *Ev (1 Mal). *Laod (Gesamtzahl 30) teilt sich Begriffe mit *1Kor (1 Mal), *2Kor (1 Mal), *Röm (1 Mal), *Kol (2 Mal) und *Ev (2 Mal, davon 1 Mal gemeinsam mit *1Kor). Die 12 Begriffe von *Kol tauchen nie in einem anderen Brief auf, mit Ausnahme von 2 Mal in *Laod. Wie zu ersehen ist, steht von den Deuteropaulinen *Laod bei dem hier betrachteten Wortschatz den anderen sieben Briefen der vorkanonischen Ebene am nächsten, gefolgt von *2Thess, am entferntesten ist *Kol. Schließen wir noch *Ev an: Die Liste weist 8 Einträge auf. *Ev teilt Begriffe mit *Gal (1 Mal), *1Kor (3 Mal, davon einen Begriff mit *Laod), *Röm (1 Mal, denselben Begriff mit *2Thess), *1Thess (1 Mal), *Phil (1 Mal), *2Thess (1 Mal, denselben Begriff mit *Röm), *Laod (2 Mal, davon einen Begriff mit *1Kor). 274 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="275"?> Aus dieser Betrachtung lässt sich folgern, dass es sich bei einem Großteil des Wortschatzes durchaus um Hapax legomena handeln kann, aus deren Verwen‐ dung nicht leicht weitere Schlüsse gezogen werden können, jedoch ist die Tatsache aufschlussreich, dass 20 dieser Begriffe in mehr als einem *Brief bzw. auch im *Evangelium zu finden sind. Gerade die vielfache Wiederbezeugung, die sich herausstellen ließ, spricht dafür, dass wir es tatsächlich mit Profilbegriffen der vorkanonischen Version zu tun haben - über die hinaus es gewiss eine Fülle von weiteren gibt, die jedoch aufgrund ihrer Wiederverwendung auf der kanonischen Ebene für uns lexikalisch nicht herauszufiltern sind. Umso bedeutsamer ist jedoch, dass wir es hier mit innerhalb von *Paulus wiederkeh‐ renden Begrifflichkeiten zu tun haben, die dennoch keine große Karriere auf der kanonischen Ebene gemacht haben. Die Profilnähe von *Paulus und *Ev erweist sich erneut aufgrund der Wiederkehr gerade solcher Begriffe in *Ev - fast die Hälfte dieser wiederkehrenden Begriffe finden sich eben nicht nur in *Paulus, sondern auch in *Ev, was gerade deshalb umso auffälliger ist, als diese Begriffe im gesamten kanonischen Neuen Testament nur spärlichst aufgegriffen werden. Bevor wir zu den Inhalten dieser Begriffe kommen, sei noch ein Blick darauf geworfen, ob wir einen Aufschluss aufgrund der Rezeption dieser Begriffe auf der kanonischen Ebene erhalten können. Zunächst lässt sich feststellen, dass von den 163 Begriffen die kanonische Redaktion vier Begriffe überhaupt nicht in die kanonische Redaktionsstufe übernommen hat: *Gal 2,18: ἀνοικοδομέω. Allerdings begegnet der Begriff gleich 2 Mal in der inhaltlich parallelen Stelle Apg 15,16. Die vorkanonische Version hat hier möglicherweise einen Einfluss auf den Text gehabt und es wäre die Frage zu stellen, ob bei der Abfassung von Apg die vorkanonische oder die kanonische Version des Galaterbriefes genutzt wurde, vielleicht hat sich an beiden Stellen allerdings lediglich der Sprachgebrauch der LXX ausgewirkt. *1Thess 5,23: συντηρέω. Auf der kanonischen Ebene begegnet nur das verbum simplex. Allerdings findet sich das verbum compositum nicht nur erneut auf der vorkanonischen Ebene in *Ev (1 Mal), es steht dann auf kanonischer Ebene außer in Lk (2 Mal) auch in Mt und Mk. Hier scheint die vorkanonische Sprache folglich einen Einfluss nicht auf die Redaktion des Paulus, aber auf die der Evangelien gehabt zu haben. *1Kor 9,9: κημόω. Hieraus ist nicht viel abzuleiten, auf der kanonischen Ebene ist das Synonym φιμόω verwendet, beide Begriffe sind Hapax legomena. *1Kor 15,52: ῥοπῇ. Ebensowenig lässt sich aus diesem Beispiel etwas ablesen, auf kanonischer Ebene ist das dem Begriff ähnliche Synonym ῥιπῇ verwendet, beides wiederum Hapax legomena. §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 275 <?page no="276"?> Wichtiger ist die nächste Beobachtung, dass in 26 Fällen die kanonische Redak‐ tion den ihr offensichtlich wenig eigenen Begriff wiederum im selben Brief, oft im kurz davor oder danach folgenden Vers verwendet, aber sonst gar nicht oder nicht mehr als weitere zwei Mal. Wenn Begriffe in anderen neutestamentlichen Schriften verwendet werden, sticht erwartungsgemäß die Vorlage der sieben *Paulusbriefe heraus, angeführt vom *Römerbrief, der durch die kanonische Redaktion erheblich erweitert wurde, mit 18 Wiederverwendungen, gefolgt von *2Kor mit 6, *1Kor mit 4, *1Thess und *Phil mit jeweils 3 und *Gal mit 2. Von den übrigen Schriften werden die Begriffe am stärksten von Apg benutzt (13 Mal), dann von den Past (9 Mal), von Apk (7 Mal) und von den Evangelien (Mk: 7 Mal; Mt: 6 Mal; Joh: 4 Mal; Lk: 2 Mal). In den Katholischen Briefen begegnet die Terminologie lediglich in einigen (1Petr: 3 Mal; 2Petr wie Jak und 1Joh jeweils 2 Mal). Was die Deuteropaulinen betrifft, begegnet die Terminologie spärlich, jeweils 4 Mal in Eph und Kol, wobei zwei dieser Einträge jeweils miteinander übereinstimmen, so dass sich eigentlich nur 2 Begriffe in ihnen finden, während 2Thess überhaupt nicht als Zielbrief begegnet. Besonderes Licht müssen wir auf folgende Begriffe werfen: θνητός: Dieser Begriff ist 3 Mal für *1Kor bezeugt (*1Kor 6,20; 15,53. 54), je 1 Mal für *2Kor und für *Röm. All diese Stellen werden durch die kanonische Redaktion übernommen, sogar noch eine in Röm hinzugefügt (Röm 8,11), doch der Begriff begegnet an weiteren Stellen auf der kanonischen Ebene nicht mehr. μεταμορφόω und μετασχηματίζω, die auch inhaltlich miteinander verwandt sind, begegnen auf vorkanonischer Ebene, beide Begriffe in *2Kor, der zweite auch in *1Kor und *Phil. Alle Stellen werden auf der kanonischen Ebene übernommen, der erste begegnet dann auch Röm 12,2 und gleich 2 Mal in Mt, der zweite Begriff wird auch noch in zwei weitere, unmittelbar mit 2Kor 11,14, dem Ausgangsvers, verbundene Verse eingebracht, in einen Vers davor (2Kor 11,13) und in einen Vers danach (2Kor 11,15) - aber ansonsten begegnen sie nicht mehr im kanonischen Neuen Testament. Weiter sind μορφή und μόρφωσις zu betrachten. Der erste Begriff steht in *Phil, der zweite in *Röm, und beide werden sie wieder von der kanonischen Redaktion übernommen; der zweite findet auch noch in 2Tim 3,5 Aufnahme, sonst jedoch nicht. Diese Stelle in 2Tim mag etwas Aufschluss zu dem zweiten hier aufgegriffenen Terminus geben und uns weiter führen: „5 Den Schein (μόρφωσις) der Frömmigkeit wahren sie, verleugnen aber deren Kraft. Wende dich von diesen Menschen ab! 6 Zu ihnen gehören nämlich auch die Leute, die sich in die Häuser einschleichen und dort gewisse Frauen auf ihre Seite ziehen, die von Sünden beherrscht und von Begierden aller Art umgetrieben werden, 7 Frauen, 276 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="277"?> die ständig am Lernen sind und die doch nie zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen können.“ (2Tim 3,5-7) Hier im apologetischen Kontext wird der Begriff aufgegriffen, er ist negativ konnotiert, eine Besonderheit der vorkanonischen Ebene. Eine ähnliche Kon‐ notation schwingt auch *Röm 2,20-21 mit: „20 Als jemand, der die Gestalt der Erkenntnis und der Wahrheit im Gesetz hat, 21 belehrst du andere, du lehrst dich selbst nicht, der du predigst, man soll nicht stehlen, du stiehlst? “ (*Röm 2,20-21) Auch μορφή haftet ein gewisser Schatten an. In *Phil 2,6-8 wird von der Gestalt Gottes und der Gestalt eines Sklaven gesprochen: „6 der in der Gestalt Gottes war, es aber nicht für einen Raub hielt, Gott gleich zu sein, 7-sondern sich selbst entäußerte und die Gestalt eines Sklaven annahm in der Ähnlichkeit und dem Äußeren des Menschen, erfunden als Mensch. 8 Er erniedrigte sich und wurde gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz.“ (*Phil 2,6-8) Der Begriff steht in Verbindung mit Diebesgut (ἁρπαγμός), mit dem Sich-Ent‐ ledigen (κενόω) und dem menschlichen Äußeren (σχῆμα), das Gehorsamsein (ὑπήκοος) wird erwähnt, vier Begriffe, die vorkanonisch stehen, die aber nur an dieser Stelle im kanonischen Neuen Testament wieder begegnen. Alle hier aufgeführten Begriffe gehören in einen thematischen Komplex der Gestaltwerdung und -veränderung und der Todesthematik, die offenkundig vorkanonisch in ein und demselben lexikalischen Feld verhandelt wurde, welche von der kanonischen Redaktion zwar übernommen, jedoch nicht so sich zu eigen gemacht wurde, dass sie diese Lexik in größerem Maße weiter verwendete. Eine Spur ist noch im längeren Markusschluss erhalten, Mk 16,12: „Darauf erschien er in einer anderen Gestalt (ἐφανερώθη ἐν ἑτέρᾳ μορφῇ) zweien von ihnen, als sie unterwegs waren und aufs Land gehen wollten.“ Auch an dieser Stelle geht es um eine Erscheinungsgestalt, doch es ist eine Art der Begegnung, die dazu führt, dass den Zeugen nicht geglaubt wird (Mk 16,13). Der Begriff ὑπήκοος findet sich in Apg 7,39, und zwar innerhalb der Stephanusrede, wo ausgeführt wird: „Unsere Väter wollten sich ihm [sc. Mose] nicht unterordnen“, während er in 2Kor 2,9 in die prüfende Frage eingeflochten wird: „ob ihr wirklich in allen Stücken gehorsam seid? “ Es scheint, dass diese Begriffe nicht nur vorkanonischer Lexik, sondern auch vorkanonischer Theologie verpflichtet sind und, um hier einmal zu spekulieren, §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 277 <?page no="278"?> 138 Tert., Adv. Marc. V 12,6: Si et pseudapostolos dicit operarios dolosos transfiguratores sui, per hypocrisin scilicet, conversationis non praedicationis adulteratae reos taxat. vielleicht darum auf der kanonischen Ebene zwar nicht gemieden, jedoch auch nicht multipliziert wurden. Diese Spekulation wird zur Hypothese untermauert durch die weiteren Begriffe: ψευδάδελφος und ψευδαπόστολος. Der zweite dieser Begriffe, der in *2Kor 11,13 begegnet, wird von Tertullian in seinem kritischen Kommentar aufge‐ griffen und in den nämlichen Zusammenhang der Terminologie gebracht, die wir zuvor betrachtet hatten: „Wenn er [sc. Paulus] trügerisch Handelnde, die sich selbst wandelten, nämlich aufgrund der Hypokrisie, als Pseudapostel bezeichnet, dann belastet er sie mit der Verfälschung des Umgangs, nicht mit der der Lehre.“ 138 Auf der vorkanonischen Ebene hatte dieser Titel einen Bezug zu dem ersten Begriff des ψευδάδελφος von *Gal 2,4: „… 4 wegen der falschen Brüder, jenen Eindringlingen, die sich eingeschlichen hatten, um die Freiheit, die wir in Christus haben, auszuspähen, damit wir versklavt würden. 5 Wir haben uns auch nicht einen Augenblick unterworfen, damit die Wahrheit des Evangeliums bewahrt bliebe.“ (*Gal 2,4-5) Entgegen der Beteuerung von Tertullian macht der Kontext von *Gal 2,4-5 offenkundig, dass es nicht um den Lebenswandel, sondern um den Inhalt und die Wahrheit von Pauli Botschaft oder sein Evangelium ging. Auch hier ist der Umgang bei der Wiederaufnahme dieses Begriffes des ψευδάδελφος aufschlussreich - während der andere des ψευδαπόστολος sich an keiner weiteren Stelle findet. In 2Kor 11,26, wo ψευδάδελφος wieder be‐ gegnet, ist er eingebunden in eine lange Liste von Kalamitäten, von denen Paulus berichtet und denen er in seinem Leben ausgesetzt gewesen sei. Er sei zu schwach, die Korinther zu schikanieren (V. 21), er spricht von seiner solidarischen Schwachheit (V. 29) und davon, sich dessen zu rühmen, was mit seiner Schwachheit zu tun hat (V. 30). Als „Narr“ redend, sagt er dies (2Kor 11,16-33,16). Vergleicht man diese Selbstaussage mit dem deutlichen Wort in *Gal 2,4-5, erkennt man, wie bereits Tertullian auf die Auslegung kommen konnte, *Gal 2,4-5 wie auch *2Kor 11,13 nicht im Sinne der Auseinandersetzung um die Wahrheit, sondern nur um eine Frage des Lebenswandels zu lesen; diese semantische Verschiebung war das Ergebnis der kanonischen Redaktion. 278 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="279"?> Auf diesem Hintergrund lässt sich vielleicht - hier muss man erneut speku‐ lieren - erklären, warum Wörter gerade aus diesem Zusammenhang (*Gal 1-2) kaum weitere Verwendung auf der kanonischen Ebene gefunden haben: ὀρθοποδέω, ὑπερβολή, καταγιγνώσκω, ἀνοικοδομέω, ἀνατίθημι, καταδουλόω, κατασκοπέω, παρείσακτος, παρεισέρχομαι, διχοστασία, δολιόω, δόλιος, wie auch für die Soteriologie und Theologie der vorkanonischen Ebene typische Begriffe: ἐπικατάρατος, ἐξαγοράζω, δουλεία, ὑπεράνω, φαρμακεία; das gleiche gilt auch für weitere Begriffe aus dem medizinischen Bereich ἴαμα, στίγμα, μέθη, φύραμα; weitere Begriffe, die kanonisch kaum weiter verwendet werden sind: ἀρραβών, ἀνταποδίδωμι mit ἀνταπόδομα (Letzteres nur *Ev), ἱερόθυτος, νέκρωσις, νέκρωσις, ἀθανασία, ἄρρητος, ἀγνωσία, ἄψυχος, ἑτερόγλωσσος, ἑρμηνεία, διάκρισις, νουθεσία, φανέρωσις, ἀποκρύπτω, ἀρχιτέκτων. Werfen wir noch einen Blick auf die Begrifflichkeit der *Deuteropaulinen: Wie bereits zuvor bei den Funktionsbegriffen festgestellt wurde, stehen die *Deuteropaulinen lexikalisch näher bei der vorkanonischen als bei der kanoni‐ schen Ebene. Das wird auch dadurch gestützt, dass wir es bei den hier zu betrachtenden Begriffen mit einer deutlichen Präsenz von Wörtern aus den *Deuteropaulinen zu tun haben. Zwar liegen sie jeweils etwas unterhalb der zu vergleichenden sieben *Paulusbriefe in der absoluten Zahl - setzt man das aber ins Verhältnis zur Länge der Briefe, ergibt sich folgende Aufstellung: Brief Briefumfang an Wörtern Häufigkeit der Begriffe Prozentualer Anteil *Gal 1181 23 1,95% *1Kor 2907 46 2,58% *2Kor 998 24 2,40% *Röm 1115 19 2,06% *1Thess 215 3 1,40% *2Thess 240 5 2,08% *Laod 923 30 3,25% *Kol 354 12 3,39% *Phil 254 13 5,12% *Phlm 143 0 0 §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 279 <?page no="280"?> Demnach hat den höchsten Anteil an diesen Wörtern *Phil, gefolgt von *Kol, dann *Laod, *1Kor, *2Kor, *2Thess, *Röm, *Gal, *1Thess, *Phlm. Die *Deutero‐ paulinen liegen folglich mit *Kol und *Laod im vorderen Drittel, mit *2Thess gerade zu Beginn der zweiten Hälfte der Liste, d.-h. auch hier erweisen sie sich eingebunden in das vorkanonische lexikalische Profil. Diese Nähe drückt sich auch darin aus, wie oft von den *Deuteropaulinen vor allem *Laod und bedingt auch *2Thess diese Wörter mit verschiedenen anderen vorkanonischen Briefen wie auch *Ev teilen, nur *Kol fällt hier auf, da dieser Brief lediglich gemeinsame Begriffe mit *Laod besitzt. Ziehen wir auch hier ein Gesamtfazit aus der Untersuchung sowohl zu den häufigeren Begriffen, die in *Paulus fehlen, wie zu denjenigen, die in *Paulus stehen und nicht mehr als doppelt so oft im Neuen Testament zu finden sind: 1. Wiederum stellen wir fest, dass wir es mit einem deutlich anderen Profil der vorkanonischen paulinischen Briefsammlung gegenüber der kanonischen zu tun haben. Über 400 häufigerer Begriffe des Neuen Testaments, wovon nahezu 300 in Paulus stehen, sind für *Paulus unbezeugt. 2. Da all diese Begriffe, wie für ein paar strittige Fälle gezeigt, auch nicht für das vorkanonische *Evangelium bezeugt sind, stellen wir nicht nur eine Differenz zwischen *Paulus und Paulus, sondern überhaupt eine solche zwischen dem vorkanonischen *Neuen Testament und dem kanonischen Neuen Testament fest. 3. Dieser zweite Punkt beruht wiederum auf der deutlichen Profilnähe zwi‐ schen der vorkanonischen paulinischen *Briefsammlung und dem vorka‐ nonischen *Evangelium. Bezüglich des hier untersuchten lexikalischen Materials teilen sich beide vorkanonischen Teile des *Neuen Testaments ihr lexikalisches Profil. Zu Unterschieden wird weiter unten etwas zu sagen sein. 4. Da, wie in der Untersuchung zu den Funktionsbegriffen sich zeigte, die *Deuteropaulinen näher zur vorkanonischen Ebene stehen als zur kano‐ nischen, erklärt sich auch, dass selbst noch auf der kanonischen Ebene die etwas größere Distanz zwischen den Deuteropaulinen und den sieben Paulusbriefen, vor allem gemessen an der Nähe von Past und Hebr zu diesen sieben Paulusbriefen hervorscheint: Die voranstehende Übersicht führt vor Augen, dass die größte Nähe der sieben Paulusbriefe zu Hebr existiert (bzw. umgekehrt) (38 Übereinstimmungen), gefolgt von Past (23 Übereinstimmungen) und der Kombination von Past und Hebr (22 Übereinstimmungen), woraus geschlossen werden muss, dass eine größere lexikalische Nähe zwischen den sieben Paulusbriefen, Past und Hebr exis‐ 280 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="281"?> tiert als zwischen diesen sieben Paulusbriefen und den Deuteropaulinen (bzw. wiederum umgekehrt). 5. Dieses Phänomen stützt wiederum das voranstehende, wonach offen‐ kundig die *Deuteropaulinen, die ja wie die vorkanonischen sieben *Paulusbriefe Teil der vorkanonischen Sammlung waren, aufgrund ihres eigenen lexikalischen Profils noch in ihrer kanonischen Überarbeitung in ihrer gewissen Sonderstellung erkennbar bleiben. Zugleich zeigt sich, wie die letzte Untersuchung zu den häufigeren Begriffen erwies, dass auch die kanonischen Überarbeitungsspuren an diesen Deuteropaulinen lexikalisch erkennbar sind, manchmal deutlicher als an den sieben Paulusbriefen. 6. Innerhalb der kanonischen Entitäten lassen sich Profildifferenzen festma‐ chen. Hatten wir zuvor bereits eine gewisse eigene Profilschärfe der drei *Deuteropaulinen gegenüber den übrigen sieben *paulinischen Briefen festgestellt, hat sich dieses Ergebnis auf der kanonischen Ebene erhärtet. Näher an dem übrigen Neuen Testament stehen lexikalisch Hebr und Past, was auch, jedoch nur zum Teil, für die kanonisch-redaktionellen Teile der sieben paulinischen Briefe gilt. Gerade das Fehlen von häufigeren Begriffen auf der kanonischen Ebene spricht dafür, dass aufgrund des eigenständigen Wortmaterials der vorkanonischen Ebene diese als Vorlage für die kanonische Sammlung erkennbar wurde, also die sieben vorkano‐ nischen *Briefe die Vorlage für die kanonischen sieben Paulusbriefe waren und diese wiederum die Vorlage darstellten, auf welche hin Hebr und Past geschrieben wurden und von der die übrigen kanonischen Texte Anleihen genommen haben. f) Verba simplicia vs. Verba composita Im kanonischen Neue Testament sind etwas über 1.000 verschiedene verba composita vorhanden - auch hier ist die Definition nicht haarscharf, zu Ver‐ gleichszwecken habe ich all jene ausgewählt, bei denen mehr als 5 composita von einer Vorsilbe existieren, und komme auf 1.057 solcher composita insgesamt. Von diesen sind vorkanonisch im *NT 185 bezeugt. Nimmt man im Verhältnis den Umfang an verschiedenen Wörtern des kanonischen Neuen Testaments mit etwas über 5.600 an, muss man den Umfang im vorkanonischen *NT dagegen halten, nach meiner „Concordance“ sind es etwa 1.180 verschiedene, bezeugte Wörter. Daraus ergibt sich ein Verhältnis von 19 % (NT): 15 % (*NT). In der kanonischen Sammlung der Paulinen liegen nach meiner Aufstellung 515 verba composita vor, von denen 124 in *Paulus stehen, das macht bei einem Umfang an verschiedenen Wörtern von 4.638 in der kanonischen pau‐ linischen Sammlung gegenüber 1.158 in *Paulus ein Verhältnis von 11,11% §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 281 <?page no="282"?> (Paulus) : 10,70% (*Paulus). Rein zahlenmäßig scheint demzufolge der Gebrauch von Kompositverben sowohl im kanonischen Neuen Testament gegenüber dem vorkanonischen *Neuen Testament wie dem kanonischen Paulus gegenüber dem vorkanonischen *Paulus häufiger zu sein, im Fall des paulinischen Ver‐ gleichs fällt der Unterschied geringer aus als im Neuen Testament insgesamt. Umso auffälliger ist, wenn man sich bestimmte Kompositformen betrachtet. Bemerkenswert ist etwa die Familie der συγ-, συλ-, συμ-, συν-, συσ- Gruppe: *συγκεράννυμι 2 *1Kor 12,24 1Kor 12,24; Hebr 4,2 *συγκοινωνέω 3 *Laod 5,11 Eph 5,11; Phil 4,14; Apk 18,4 *συζωοποιέω 2 *Kol 2,13 Eph 2,5; Kol 2,13 *συμβαίνω 8 *1Kor 10,11 Mk 10,32; Lk 24,14; Apg 3,10; 20,19; 21,35; 1Kor 10,11; 1Petr 4,12; 2Petr 2,22 *σύμμορφος 2 *Phil 3,21 Röm 8,29; Phil 3,21 *συναπάγω 3 *Röm 12,16 Gal 2,13; Röm 12,16; 2Petr 3,17 *συντηρέω 4 *Ev 5,38; *1Thess 5,23 etwa Lk 2,19 in einem Vers, der in *Ev fehlt, und überhaupt in Mt 9,17; Mk 6,20; Lk 2,19; 5,38 *συστέλλω 2 *1Kor 7,29 Apg 5,6; 1Kor 7,29 συγκαθίζω 2 - Lk 22,55; Eph 2,7 συγκακοπαθέω 2 - 2Tim 1,8; 2,3 συγκακουχέομαι 1 - Hebr 11,25 συγκαλέω 8 *Ev 9,1 (? Adamantius‐ zeugnis) etwa Lk 15,6. 9, in Versen oder Ver‐ steilen, die in *Ev fehlen, und über‐ haupt in Mk 15,16; Lk 9,1; 15,6. 9; 23,13; Apg 5,21; 10,24; 28,17 συγκάμπτω 1 - Röm 11,10 συγκλείω 4 - Lk 5,6; Röm 11,32; Gal 3,22. 23 συγκρίνω 2 - 1Kor 2,13; 2Kor 10,12 συγχαίρω 7 - Lk 1,58; 15,6. 9, alle drei Verse fehlen in *Ev; 1Kor 12,26; 13,6; Phil 2,17. 18 συζάω / συζῶ 3 - Röm 6,8; 2Kor 7,3; 2Tim 2,11 συλαγωγέω 1 - Kol 2,8 282 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="283"?> συλάω 1 2Kor 11,8 συλλαμβάνω 16 - etwa in Lk 1,24. 31. 36; 2,21, alle‐ samt Verse, die in *Ev nicht vor‐ handen sind, dann in Lk 5,7, wo anstelle des Begriffes vorkanonisch wohl βοηθεῖν steht, wie überhaupt ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 26,55; Mk 14,48; Lk 1,24. 31. 36; 2,21; 5,7. 9; 22,54; Joh 18,12; Apg 1,16; 12,3; 23,27; 26,21; Phil 4,3; Jak 1,5) συμβασιλεύω 2 - 1Kor 4,8; 2Tim 2,12 συμβιβάζω 7 - Apg 9,22; 16,10; 19,33; 1Kor 2,16; Eph 4,16; Kol 2,2. 19 συμμαρτυρέω 3 - Röm 2,15; 8,16; 9,1 συμμερίζω 1 - 1Kor 9,13 συμμορφίζομαι 1 - Phil 3,10 συμμορφόομαι / συμμορφίζομαι 1 - Phil 3,10 συμπαθέω 3 - Hebr 4,15; 10,34; 1Petr 3,8 συμπαραγίγνομαι 2 - Lk 23,48; 2Tim 4,16 συμπαρακαλέω 1 - Röm 1,12 συμπαραλαμβάνω 4 - Apg 12,25; 15,37. 38; Gal 2,1 συμπαραμένω 1 - Phil 1,25 συμπάσχω 2 - Röm 8,17; 1Kor 12,26 συμπέμπω 2 - 2Kor 8,18. 22 συμφέρω 15 - Mt 5,29. 30; 18,6; 19,10; Joh 11,50; 16,7; 18,14; 2Kor 8,10; 12,1 σύμφημι 1 - Röm 7,16 σύμψυχος 1 - Phil 2,2 συνάγω 59 - etwa Lk 3,17; 15,13, in Versen, die in *Ev fehlen, und überhaupt in Mt 2,4; 3,12; 6,26; 12,30; 13,2. 30. 47; 18,20; 22,10.34. 41; 24,28; 25,24. 26. 32. 35. 38. 43; 26,3. 57; 27,17. 27. 62; 28,12; Mk 2,2; 4,1; 5,21; 6,30; 7,1; Lk 3,17; 11,23; 12,17. 18; 15,13; 17,37; 22,66; §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 283 <?page no="284"?> Joh 4,36; 6,12. 13; 11,47. 52; 15,6; 18,2; 20,19; Apg 4,5. 26. 27. 31; 11,26; 13,44; 14,27; 15,6. 30; 20,7. 8; 1Kor 5,4; Apk 16,14. 16; 19,17. 19; 20,8 συναγωνίζομαι 1 - Röm 15,30 συναθλέω 2 - Phil 1,27; 4,3 συναναμείγνυμι 3 - 1Kor 5,9. 11; 2Thess 3,14 συναναπαύομαι 1 - Röm 15,32 συναντάω 6 - Lk 9,37; 22,10; Apg 10,25; 20,22; Hebr 7,1. 10 συναντιλαμβάνομαι 2 - Lk 10,40; Röm 8,26 συναποθνῄσκω 3 - Mk 14,31; 2Kor 7,3; 2Tim 2,11 συναπόλλυμι 1 - Hebr 11,31 συναποστέλλω 1 - 2Kor 12,18 συναρμολογέω 2 - Eph 2,21; 4,16 συνδέω 1 - Hebr 13,3 συνδοξάζω 1 - Röm 8,17 σύνδουλος 10 - Mt 18,28. 29. 31. 33; 24,49; Kol 1,7; 4,7; Apk 6,11; 19,10; 22,9 συνεγείρω 3 - Eph 2,6; Kol 2,12; 3,1 συνεπιμαρτυρέω 1 - Hebr 2,4 συνεργέω 11 - Mk 16,20; Röm 8,28; 1Kor 3,9; 16,16; 2Kor 1,24; 6,1; Kol 4,11; Phil 4,3; Phlm 1,24; Jak 2,22; 3Joh 1,8 συνέρχομαι 30 - etwa Lk 5,15, in einem Vers, der in *Ev fehlt, und überhaupt in Mt 1,18; Mk 3,20; 6,33; 14,53; Lk 5,15; 23,55; Joh 11,33; 18,20; Apg 1,6. 21; 2,6; 5,16; 9,39; 10,23. 27. 45; 11,12; 15,38; 16,13; 19,32; 21,16. 22; 22,30; 25,17; 28,17; 1Kor 7,5; 11,17. 18. 20. 33. 34; 14,26 συνεσθίω 5 - Lk 15,2; Apg 10,41; 11,3; 1Kor 5,11; Gal 2,12 συνήδομαι 1 - Röm 7,22 συνθάπτω 2 - Röm 6,4; Kol 2,12 284 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="285"?> συνίημι 26 etwa Lk 2,50; 18,34; 24,45, in Versen, die in *Ev fehlen, und überhaupt in Mt 13,14. 15. 23; 15,10; 16,12; 13,13. 23. 51; 17,13; Mk 4,12; 6,25; 7,14; 8,17. 21; Lk 2,50; 8,10; 9,18; 18,34; 24,45; Apg 7,25; 28,26. 27; Röm 3,11; 15,21; 2Kor 10,12; Eph 5,17 συνίστημι („empfehlen“) 9 - Röm 16,1; 2Kor 3,1; 4,2; 5,12; 6,4; 7,11; 10,12. 18; Gal 2,18 συνίστημι („zusammen‐ stellen“) 10 - etwa Lk 9,32, in einem Vers, der in *Ev fehlt, wie überhaupt in Röm 3,5; 5,8; 16,1; 2Kor 6,4; 7,11; 10,18; Gal 2,18; Kol 1,17; 2Petr 3,5. συνοικοδομέω 1 - Eph 2,22 συντελέω 7 - etwa Lk 4,2. 13, in Versen, die in *Ev fehlen, und überhaupt in Mt 7,28; 13,4; Lk 4,2. 13; Apg 21,27; Röm 9,28; Hebr 8,8 συντέμνω 1 - Röm 9,28 συντρίβω 7 - etwa Lk 4,18, in einem Vers, der in *Ev fehlt, und überhaupt in Mt 12,20; Mk 5,4; 14,3; Lk 4,18; Joh 19,36; Apg 2,27; Röm 16,20. συνυποκρίνομαι 1 - Gal 2,13 συνυπουργέω 1 - 2Kor 1,11 συνωδίνω 1 - Röm 8,22 σύσσωμος 1 - Eph 3,6 συστατικός 1 - 2Kor 3,1 συσταυρόομαι 5 - Mt 27,44; Mk 15,32; Joh 19,32; Röm 6,6; Gal 2,20 συστενάζω 1 - Röm 8,22 συστοιχέω 1 - Gal 4,25 συσχηματίζω 2 - Röm 12,2; 1Petr, 1,14 Es liegen aus dieser Gruppe im kanonischen Paulus 75 Begriffe vor, denen im vorkanonischen *Paulus 8 Begriffe gegenüberstehen, was gemessen am Umfang an verschiedenen Wörtern von 4.638 in der kanonischen paulinischen Sammlung gegenüber 1.158 in *Paulus ein Verhältnis von 1,62% : 0,69% ergibt. §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 285 <?page no="286"?> 139 Wegen der Mehrfachverwendung übersteigt die folgende Gesamtzahl die Zahl 26. Das heißt, diese Wortgruppe von verba composita begegnet mehr als doppelt so häufig im kanonischen Paulus wie im vorkanonischen *Paulus. Bemerkenswert ist auch, dass keines der Verben, das im vorkanonischen Text steht mehr als 9 Mal im kanonischen Text begegnen, während 9 der composita, die nur im kanonischen Text 10 Mal und häufiger dort stehen. Für die Differenz im Profil zwischen Paulus und *Paulus sprechen bereits diese Zahlen. Doch auch innerhalb der vorkanonischen Ebene lässt sich fest‐ stellen, dass gleich zwei der composita aus den *Deuteropaulinen stammen, was gemessen an der geringen Zahl von 8 insgesamt bereits eine deutliche Differenz im Wortanteil (0,157% : 0,096%) ausmacht, d. h. auch in Hinsicht der composita stehen die *Deuteropaulinen zwischen der vorkanonischen und der kanonischen Ebene. Eines der composita, συζωοποιέω begegnet dann auf der kanonischen Ebene nur in Eph wieder, es scheint also, dass selbst bei der kanonischen Redaktion der *Deuteropaulinen deren Lexik noch eine Spur hinterlassen hat. Ein ähnliches Phänomen begegnet mit συντηρέω welches gerade in Lk nicht nur aufgenommen wird, sondern im selben Evangelium auch in der vorkanonisch abwesenden Kindheitsgeschichte zu finden ist wie auch bei den beiden anderen Synoptikern Mt und Mk. Als weiteres ist zu bemerken, dass insbesondere die Apg, Phil, die Petrusbriefe und Röm, dann einmal auch Gal, Hebr und Apk die Rezipienten der vorkanonischen composita sind. Dies verwundert nicht allzusehr, weil auch die kanonischen composita vermehrt in diesen Schriften begegnen: Röm (26 Mal), Apg (9 Mal, und zum Teil unter häufiger Benutzung, συμβαίνω 3 Mal, συγκαλέω 3 Mal, συμβιβάζω 3 Mal, συμπαραλαμβάνω 3 Mal, συνάγω 11 Mal, συναντάω 2 Mal, συνέρχομαι 17 Mal, συνεσθίω 2 Mal, συνίημι 3 Mal), Phil (8 Mal), Petrusbriefe (4 Mal) Eph (9 Mal), Gal (9 Mal), Hebr (7 Mal), Apk (3 Mal). Nicht nur ist die hohe Zahl von 26 dieser Begriffe in Röm bemerkenswert, zum Teil mit wiederkehrender Verwendung, 139 es finden sich diese Begriffe auch quer über den Römerbrief verteilt, mit einer besonderen Häufung in Kapitel 8: Kap. 1 (1 Mal), Kap. 2 (1 Mal), Kap. 3 (2 Mal), Kap. 5 (1 Mal), Kap. 6 (3 Mal), Kap. 7 (2 Mal), Kap. 8 (8 Mal), Kap. 9-11 (5 Mal), Kap.-12 (1 Mal), Kap.-15-16 (6 Mal). Weiter ist bemerkenswert, dass nur ein einziges der vorkanonisch stehenden composita ebenfalls in *Ev begegnet. Ein Vergleich der Zahlen von kanonischer Ebene und *Ev: 286 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="287"?> *συλλαλέω 6 *Ev 9,30; 22,4 Mt 17,3; Mk 9,4; Lk 4,36; 9,30; 22,4; Apg 25,12 *συμπνίγω 5 *Ev 8,42 Mt 13,22; Mk 4,7. 19; Lk 8,14. 42 *συμπορεύομαι 4 *Ev 7,11 (nach Klinghardt eine Ei‐ gentümlichkeit von *Ev); 24,15 Mk 10,1; Lk 7,11; 14,25; 24,15 *συμφωνέω 7 *Ev 5,36 Mt 18,19; 20,2. 13; Lk 5,36; Apg 5,9; 15,15; 1Kor 7,5 *συνευδοκέω 6 *Ev 11,48 Lk 11,48; Apg 8,1; 22,20; Röm 1,32; 1Kor 7,12. 13 *συνέχω 12 *Ev 22,63 etwa Lk 4,38; 12,50; 19,43, in Versen, die in *Ev fehlen, und überhaupt in Mt 4,24; Lk 4,38; 8,37. 45; 12,50; 19,43; 22,63; Apg 7,57; 18,5; 28,8; 2Kor 5,14; Phil 1,23 *συντηρέω 4 *Ev 5,38; *1Thess 5,23 etwa Lk 2,19 in einem Vers, der in *Ev fehlt, und überhaupt in Mt 9,17; Mk 6,20; Lk 2,19; 5,38 Nachdem aus dieser Kategorie im kanonischen Neuen Testament 136 Begriffe vorliegen, von denen sieben im vorkanonischen *Ev und sieben weitere in *Paulus, also insgesamt 14 im vorkanonischen *Neuen Testament bezeugt sind, ergibt diese Zahl gemessen am Umfang an verschiedenen Wörtern von 5.437 im kanonischen Neuen Testament gegenüber 1.180 im vorkanonischen *NT ein Verhältnis von 2,5% : 0,12%. Das Ergebnis zeigt, dass wir sowohl bei einem Vergleich Paulus zu *Paulus wie auch NT zu *NT beidemale einen Anteil von we‐ niger als der Hälfte an composita-Präsenz im vorkanonischen Text besitzen, auch wenn der Anteil beim zweiten Vergleich leicht höher ist. Insgesamt allerdings erweist dies erneut, dass nicht nur das Profil der kanonischen gegenüber der vorkanonischen (und umgekehrt) Ebene sich deutlich unterscheiden, sondern es bestätigt sich, dass auch das vorkanonische Profil von *Paulus demjenigen von *Ev sehr nahe steht. Auch hier ist ein Gegenvergleich hilfreich. Denn mit Bezug auf eine andere Kompositgruppe begegnet uns ein deutlich anderes Verhältnis. Nehmen wir ὑπ-/ ὑπερ-: §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 287 <?page no="288"?> 140 Wie in der Concordance bezieht sich bei Mehrfachangaben die erste Zahl auf Kata Biblon - Wikilexicon of the Greek New Testament, die zweite Zahl bietet die Zählung der Computerkonkordanz. *ὑπάγω 84 / 79 140 *Ev 8,42 etwa Lk 4,8. 16; 19,29, in Versen, die in *Ev fehlen, und überhaupt in Mt 4,10; 5,24. 41; 8,4. 13. 32; 9,6; 13,44; 16,23; 18,15; 19,21; 20,4. 7. 14; 21,28; 26,18. 24; 27,65; 28,10; Mk 1,44; 2,11; 5,19. 34; 6,31. 33. 38; 7,29; 8,33; 10,21. 52; 11,2; 14,13. 21; 16,7; Lk 4,8. 16; 8,42; 10,3; 12,58; 17,14; 19,30; Joh 3,8; 6,21. 67; 7,3. 33; 8,14. 21; 9,7. 11; 11,8. 31. 44; 12,11. 35; 13,3. 33. 36; 14,4. 5. 28; 15,16; 16,5. 10. 16. 17; 18,8; 21,3; Jak 2,16; 1Joh 2,11; Apk 10,8; 13,10; 14,4; 16,1; 17,8. 11 *ὑπακούω 24 / 21 *Ev 8,25; *2Thess 1,8; *Laod 6,1 Mt 8,27; Mk 1,27; 4,41; Lk 8,25; 17,6; Apg 12,13; 6,7; Röm 6,7. 12. 16; 10,16; Eph 6,1. 5; Kol 3,20. 22; 2Thess 1,8; 3,14; Phil 2,12; Hebr 5,9; 11,8; 1Petr 3,6 *ὑπάρχω 66 / 60 *Ev 8,3; 11,41; 16,14 (Ada‐ mantius‐ zeugnis); *Phil 2,6 etwa Lk 12,33 und 23,50, jeweils in einem Versteil, der in *Ev fehlt, und überhaupt in Mt 19,21; 24,47; 25,15; Lk 7,25; 8,3. 41; 9,48; 11,13. 21; 12,15. 33. 44; 14,33; 16,1. 14. 32; 19,8; 23,50; Apg 2,30. 45; 3,2. 6; 4,32. 34. 37; 5,4; 7,55; 8,16; 10,12; 14,8; 16,3. 20. 37; 17,24. 27. 29; 19,36. 40; 21,20; 22,3; 27,12. 21. 34; 28,7. 18; Röm 4,19; 1Kor 7,26; 11,7. 18; 12,22; 13,3; 2Kor 8,17; 12,16; Gal 1,14; 2,14; Phil 2,6; 3,29 Hebr 10,34; Jak 2,15; 2Petr 1,8; 2,19; 3,11 *ὑπεραίρω 2 *2Kor 12,7; *2Thess 2,4 2Kor 12,7; 2Thess 2,4 *ὑπερέχω 5 *Phil 3,8 Röm 13,1; Phil 2,3; 3,8; 4,7; 1Petr 2,13 *ὑπερπερισσεύω 2 *Röm 5,20 Röm 5,20; 2Kor 7,4 *ὑποδέω 3 *Laod 6,15 Mk 6,9; Apg 12,8; Eph 6,15 *ὑπομένω 19 / 17 *Röm 12,12 etwa Lk 2,43, in einem Vers, der in *Ev fehlt, und überhaupt in Mt 10,22; 24,13; Mk 13,13; Lk 2,43; Apg 17,14; Röm 12,12; 1Kor 13,7; 2Tim 2,10. 12; Hebr 10,32; 12,2. 3. 7; 1Petr 2,20; Jak 1,12; 5,11 *ὑποστρέφω 41 / 35 *Ev 17,15; 23.56; 24,9 etwa Lk 1,56; 2,20. 39. 43. 45; 4,1. 14; 8,39, in Versen, die in *Ev fehlen, Lk 288 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="289"?> 19,12, in einem Teilvers, der in *Ev fehlt, und überhaupt in Mk 14,40; Lk 1,56; 2,20. 39. 43. 45; 4,1. 14; 7,10; 8,37. 39. 40; 9,10; 10,17; 11,24; 17,15. 18; 19,12; 23,48. 56; 24,9. 33. 52; Apg 1,12; 8,25. 28; 12,25; 13,13. 34; 20,3; 14,21; 21,6; 22,17; 23,32; 26,18; Gal 1,17; Hebr 7,1; 2Petr 2,21 *ὑποτάσσω 46 / 38 *Röm 10,3: *Laod 1,22; 5,21 etwa Lk 2,51, in einem Vers, der in *Ev fehlt, und überhaupt in Lk 2,51; 10,17. 20; Röm 8,7. 20; 10,3; 13,1. 5; 1Kor 14,32. 34; 15,27. 28; 16,16; 2Kor 9,13; Gal 2,5; Eph 1,22; 5,21. 24; Kol 3,18; Phil 3,21; 1Tim 2,11; 3,4; Tit 2,9; 3,1; Hebr 2,5. 8; 12,9; Jak 4,7; 1Petr 2,13. 18; 3,1. 5. 22; 5,5 ὑπαντάω 10 - Mt 8,28; 28,9; Mk 5,2; Lk 8,27; 14,31; Joh 4,51; 11,20. 30; 12,18; Apg 16,16 ὑπείκω 1 - Hebr 13,17 ὑπεραυξάνω 1 - 2Thess 1,3 ὑπερβαίνω 1 - 1Thess 4,6 ὑπερβάλλω 5 - 2Kor 3,10; 9,14; Eph 1,19; 2,7; 3,19 ὑπερεκτείνω 1 - 2Kor 10,14 ὑπερεκχέω 1 - Lk 6,38 (Tert., Adv. Marc. IV 17,9 scheint das verbum simplex zu lesen: pressam ac fluentem) ὑπερεντυγχάνω 1 - Röm 8,26 ὑπερνικάω 1 - Röm 8,37 ὑπεροράω 1 - Apg 17,30 ὑπερπλεονάζω 1 - 1Tim 1,14 ὑπερυψόω 1 - Phil 2,9 ὑπερφρονέω 1 - Röm 12,3 ὑπέχω 1 - Jud 1,7 ὑπηρετέω 3 - Apg 13,36; 20,34; 24,23 ὑποβάλλω 1 - Apg 6,11 §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 289 <?page no="290"?> ὑποδείκνυμι 6 etwa Lk 3,7; 6,47, in Versen, die in *Ev fehlen, und überhaupt in Mt 3,7; Lk 3,7; 6,47; 12,5 (nach Epiphanius ist das Verb in diesem Vers unbezeugt, auch wenn Tertullian es innerhalb seiner Gegen‐ argumentation im Zitieren des kano‐ nischen Textes aufweist; Klinghardt - wie vor ihm Zahn, Harnack und Roth - folgt an dieser Stelle allerdings Tertullian); Apg 9,16; 20,35 ὑποδέχομαι 4 - Lk 10,38; 19,6; Apg 17,7; Jak 2,25 ὑποζώννυμι 1 - Apg 27,17 ὑποκρίνω 1 - Lk 20,20 ὑπολαμβάνω 5 - Lk 7,43; 10,30, beide Male in Versen, die in *Ev fehlen; Apg 1,9; 2,15; 3Joh 1,8 ὑπολείπω 1 - Röm 11,3 ὑπολιμπάνω 1 - 1Petr 2,21 ὑπομιμνῄσκω 11 - Lk 22,61; Joh 14,26; 2Tim 2,14; Tit 3,1; 2Petr 1,12. 13; 3,1; 3Joh 1,10; Jud 1,5 ὑπονοέω 3 - Apg 13,25; 25,18; 27,27 ὑποπλέω 2 - Apg 27,4. 7 ὑποπνέω 1 - Apg 27,13 ὑποστέλλω 4 - Apg 20,20. 27; Gal 2,12; Hebr 10,38 ὑποστρώννυμι 1 - Lk 19,36 ὑποτίθημι 2 - Röm 16,4; 1Tim 4,6 ὑποτρέχω 1 - Apg 27,16 ὑποφέρω 3 - 1Kor 10,13; 2Tim 3,11; 1Petr 2,19 ὑποχωρέω 2 - Lk 5,16, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 9,10 Bei diesen composita liegen uns insgesamt 43 Wörter vor, zehn davon vorkano‐ nisch präsent. Hier fällt zunächst die Diskrepanz zum vorher durchgeführten Vergleich der συγ-, συλ-, συμ-, συν-, συσ- Gruppe auf. Während dort die vorkanonisch bezeugten Begriffe alle weniger als zehn Mal auf der kanonischen Ebene begegnen und auf dieser Ebene gerade solche composita, die vorkanonisch 290 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="291"?> nicht bezeugt sind, öfter 10 Mal und mehr stehen (συνάγω 66 / 59 Mal), ist es in dieser neuen Liste umgekehrt. Keiner der vorkanonisch nicht bezeugten Begriffe steht auf kanonischer Ebene mehr als 11 Mal, überhaupt gibt es nur 2 Begriffe (ὑπομιμνῄσκω 11 Mal; ὑπαντάω: 10 Mal), die etwas häufiger stehen. Hingegen finden sich mehr als die Hälfte der vorkanonisch bezeugten composita öfter als 19 Mal mit deutlich hohen Frequenzen bis zu ὑπάγω (84 / 79 Mal). Zwei dieser vorkanonisch bezeugten Begriffe sind vorkanonisch in *Ev und *Paulus bezeugt (ὑπακούω, ὑπάρχω) und auch die anteiligen Verhältnisse, gemessen am Wortbestand sind völlig anders in Bezug auf das Verhältnis des kanonischen NT zum vorkanonischen *NT: 0,79% : 0,85%. Das heißt, während wir im vorangegangenen Vergleich proportional weniger als die Hälfte an composita in der vorkanonischen Version fanden, stehen hier sogar mehr composita im vorkanonischen als im kanonischen Neuen Testament. Führen wir den Vergleich noch für die paulinischen Sammlungen durch, ergibt sich ein Verhältnis von acht vorkanonischen Belegen für *Paulus, auf kanonischer Ebene 24, was ein Verhältnis bezogen auf den Bestand an Wörtern ergibt von: 0,52 % kanonisch: 0,69 % vorkanonisch. Hiermit findet sich in der vorkanonischen Version eine stärkere Präsenz von diesen composita als in Paulus. Und auch hier teilen sich *Paulus und *Ev ihre Tendenz im Profil, wonach diese composita in ihrem Anteil den der kanonischen Version übersteigen. Nun fällt auch ins Auge, dass ausgerechnet bei dem compositum ὑπάγω zwar eine Bezeugung für *Ev gegeben ist, die kanonisch aufgegriffen, dort auch in Lk multipliziert wird und sich in allen Evangelien dann reichlich findet sowie auch in den katholischen Briefen und der Apokalypse, man jedoch fragen könnte, ob der Begriff, der immerhin gewaltige 84 / 79 Mal auf kanonischer Ebene zu finden ist, nicht einfach nur wegen unserer auswählenden Zeugen vorkanonisch bei *Paulus nicht bezeugt ist. Dem widerspricht, dass der Begriff nicht nur bei *Paulus fehlt, sondern auch nicht ein einziges Mal im kanonischen Paulus und auch nicht in der Apostelgeschichte zu finden ist. Wie bereits weiter oben tentativ festgestellt, scheint auch hier die vorkanonische Lexik auf die kanonische Redaktion der mit Paulus beschäftigen Texte einen Einfluss gehabt zu haben, was dazu führte, dass ein sonst häufig benutzter Begriff in diesen Schriften des Neuen Testaments völlig ausfällt. Gegenbeispiele sind ὑπακούω und ὑπάρχω, die sowohl in *Ev wie in *Paulus vorkanonisch bezeugt sind und entsprechend auch auf kanonischer Ebene multipliziert werden und in den Evangelien, Apg wie den paulinischen und den Katholischen Briefen stehen. Nicht ganz so deutlich wie ὑπάγω ist ὑποστρέφω, das ebenfalls häufig auf kanonischer Ebene steht (41 / 35 Mal), jedoch nicht für *Paulus bezeugt ist, und auf der kanonischen Ebene zwar neben den Evangelien Mk und Lk auch in der §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 291 <?page no="292"?> 141 T. Schumacher, Zur Entstehung christlicher Sprache. Eine Untersuchung der paulini‐ schen Idiomatik und der Verwendung des Begriffes πίστις (2012), 126. 142 Ibid. 130. Apg steht, jedoch für Paulus lediglich einmal in Gal und einmal in Hebr zu finden ist. Auch das entsprechende andere Phänomen gibt es, wonach vorkanonisch nicht für *Ev bezeugte composita sich auf der kanonischen Ebene nur in den Evangelien finden: ὑπεραίρω, ὑπερέχω, ὑπερπερισσεύω. Anders verhält sich das *Laod bezeugte ὑποδέω, das auch Mk und Apg aufgegriffen wird, ähnlich wie ὑποτάσσω, das allerdings nicht nur *Laod, sondern auch *Röm steht. Der einzige Beleg ohne *Deuteropaulinum ist das in *Röm bezeugte ὑπομένω, das in den Synoptikern, Apg, den Paulinen und den Katholischen Briefen aufgegriffen wird. Auf kanonischer Ebene stechen wieder die Kapitel 8 und 16 von Röm ins Auge, in denen sich auch diese composita finden. Wollte man eine inhaltliche Interpretation wagen, deutet der Unterschied darauf hin, dass auf der kanonischen Ebene der Gedanke, etwas zusammen zu unternehmen, deutlicher ausgeprägt ist als auf der vorkanonischen, während auf der vorkanonischen der Gedanke einer gestuften Welt, die vertikal orientiert ist, vorherrscht. Auch wenn es lohnenswert wäre, alle im vorkanonischen und kanonischen Text zu findenden verba composita zu betrachten, muss es hier für die einfüh‐ renden Untersuchungen bei Beispielen sein Bewenden haben. Bestätigt wurde durch sie die bisher wiederholt festgestellte deutliche Profildifferenz zwischen vorkanonischer und kanonischer Paulusbriefsammlung wie überhaupt die zwi‐ schen vorkanonischer und kanonischer Ebene, während zugleich die große Nähe zwischen vorkanonischem *Paulus und *Ev gesichert wurde. g) Attizismen Wenn auch die vergangene Forschung die Sprache des Paulus der Koine zugeordnet hatte, weder vulgär noch literarisch, hat man doch auch Attizismen festgestellt. Für diesen gelten Rückgriffe auf sprachliche Vorbilder der vorhel‐ lenistischen Zeit für typisch, die sich „zu einem als ‚programmatisch‘ oder ‚normativ‘ zu bezeichnenden Attizismus“ steigerten, „der im 2. Jahrhundert n. Chr. seinen Höhepunkt erreichte“. 141 Was Paulus betrifft, formuliert Schuma‐ cher vorsichtig: „Zwar ist Paulus nicht mit den strengen Attizisten vergleichbar, das steht außer Frage, doch ein entsprechender ‚attizistischer Niederschlag‘ ist bei ihm keinesfalls unwahrscheinlich.“ 142 Tatsächlich hat Th. Nägeli in seiner Untersuchung „Der Wortschatz des Apostels Paulus“, wenn auch nicht auf eine Fülle, so doch auf eine Reihe 292 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="293"?> 143 T. Nägeli, Der Wortschatz des Apostels Paulus. Diss. (1904), 16-17. von Attizismen, unter Angabe der Autoren, bei denen solche vorkommen, hingewiesen, die er bei Paulus finden konnte. Beginnen wir mit „alte[n] und in der Kaiserzeit wieder auftretende[n] Wörter[n], die zwischen 300 und Chr. Geb. in Prosa nicht zu belegen sind“, eine Liste, die für unseren Zusammenhang aufschlussreich ist, wie zu zeigen sein wird. 143 Ich führe alle Begriffe auf, die Nägeli nennt, gebe nicht die Fundstellen bei den antiken Vorbildern an - diese sind leicht bei Nägeli nachzuschlagen - sondern führe die Fundstellen aus der Concordance an: Lemma Zahl vorkanonisch kanonisch ἀγανάκτησις 1 - 2Kor 7,11 ἁγνότης 2 - 2Kor 6,6; 11,3 ἀδημονέω 3 - Mt 26,37; Mk 14,33; Phil 2,26 αἰδώς 2 - 1Tim 2,9; Hebr 12,28 ἄμετρος 2 - 2Kor 10,13. 15 ἀναψύχω 1 - 2Tim 1,16 ἀνεξερεύνητος 1 - Röm 11,33 ἀνήμερος 1 - 2Tim 3,3 ἄνοιξις 2 / 1 - Eph 6,19; Apk 3,7 ἀντίθεσις 1 - 1Tim 6,20 ἀπαρασκεύαστος 1 - 2Kor 9,4 ἀπειλή 4 / 3 - Apg 4,17. 29; 9,1; Eph 6,9 ἀπουσία 1 - Phil 2,12 ἄστοργος 2 - Röm 1,31; 2Tim 3,3 ἀφίημι γυναῖκα/ ἄνδρα 3 - 1Kor 7,11. 12. 13 ἀψευδής 1 - Tit 1,2 δεῦρο (zeitl.) 1 - Röm 1,13 διακονία 35 / 34 - Lk 10,40; Apg 6,1. 4; 11,29; 12,25; 20,24; Röm 11,13; 12,7; 15,31; 1Kor 16,15; 2Kor 3,7. 8. 9; 4,1; 5,18; 6,3; 9,12; 11,8; Kol 4,17; §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 293 <?page no="294"?> 144 Ibid. 17. 145 Ibid. 1Tim 1,12; 2Tim 4,5. 11; Hebr 1,14; Apk 2,19 ἐλαφρός 2 - Mt 11,30; 2Kor 4,17 *ἐλευθερία 11 *Gal 2,4; 5,1 Röm 8,21; 1Kor 10,29; 2Kor 3,17; Gal 2,4; 5,1. 13; Jak 1,25; 2,12; 1Petr 2,16. 19 *ἐλεύθερος 24 / 23 *Gal 4,22. 23 Mt 17,26; Joh 8,33. 36; Röm 6,20; 7,3; 1Kor 7,21. 22. 39; 9,1. 19; 12,13; Gal 4,26. 30. 31; Eph 6,8; Kol 3,11; 1Petr 2,16; Apk 6,15; 13,16; 19,18 Zu dieser Liste von Begriffen vermerkt Nägeli: „Es ist nicht zu leugnen, dass der paulinische Wortschatz eine Reihe von Ausdrücken enthält, die den Apostel an die oberste Grenze dessen zu führen scheinen, was wir einem ausserhalb der klassizistischen Schule stehenden Hellenisten zutrauen dürfen.“ 144 Nachdem nur die beiden letzten Begriffe, von denen Nägeli schreibt, dass sie „vermutlich auch von den Moralphilosophen der hellenistischen Zeit verwendet“ wurden, 145 auch vorkanonisch bezeugt sind, ist aus der Liste abzulesen, dass wir es hier nicht mit dem *paulinischen Wortschatz zu tun haben, sondern mit dem der kanonischen Redaktion, die sich durch solche Attizismen ausweist. Wir können aber noch weitere Beobachtungen zu dieser Liste machen. Nachdem, wie weiter unten in § 13 ausgeführt wird, aus der vorliegenden Liste die vorkanonisch unbezeugten attizistischen Begriffe mit ihren paulini‐ schen Versen, in denen sie stehen, bei keinem unserer vorirenäischen Autoren anklingen, erhärtet sich, dass es sich nicht nur um eine attizistischen Tendenz der kanonischen Redaktion überhaupt, sondern insbesondere mit einer solchen der zweiten kanonischen Redaktion handelt. Das erklärt, warum eine solche at‐ tizistische Tendenz gerade in den Pastoralbriefen begegnet (1/ 2Tim; Tit), auch in Hebr, und über diese hinaus an solchen Stellen in den zehn paulinischen Briefen, die demnach vermutlich auf die zweite kanonische Redaktion zurückgehen. Vor allem aufschlussreich ist dies für den Begriff der διακονία, der zusammen mit seinen Versen sich der zweiten kanonischen Redaktion zuordnen lässt. Ähnlich wichtig ist, dass auch die verschiedenen Passagen aus 2Kor offenkundig der zweiten kanonischen Redaktion zugehören und erst zu diesem Zeitpunkt in diesen Brief eingetragen wurden. 294 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="295"?> 146 Ibid. 29-33; Reiser, Sprache und lit. Formen des NT, 69. 147 T. Nägeli, Der Wortschatz des Apostels Paulus. Diss. (1904), 69. Die Belege bietet er in M. Reiser, Hat Paulus Heiden bekehrt? (1995), 79-80. Er führt an E.A. Judge, Paul’s Boasting in Relation to Contemporary Professional. Practice (1968); M.F. Wiles, The Divine Apostle. The Interpretation of St. Paul’s Epistles in the Early Church (1967). 148 T. Nägeli, Der Wortschatz des Apostels Paulus. Diss. (1904), 69. 149 Vgl. weiter oben, S.-211-214. 150 Vgl. A. van Roon, The Authenticity of Ephesians (1974), 105-135. Es sei etwa nur auf die Passage 2Kor 11,16-30 verwiesen, welcher M. Reiser eine „grandiose Eloquenz“ bescheinigt, die auch der „bemerkt …, wer schnarcht“, eine Bemerkung des Augustinus, die Reiser zitiert. 146 Er hebt „die ungekünstelte Frische dieser Rede“ hervor, die „Klassische Philologen immer wieder als ‚Rhetorik des Herzens‘ gerühmt“ hätten. 147 Doch auch diese rhetorische Passage gehört zur kanonischen Redaktion, auch wenn sie nach Ausweis der Zeugen des zweiten Jahrhunderts bereits zur ersten kanonischen Redaktion gehört hat. Auch diese Beispiele können nur einen Fingerzeig für künftige Forschung sein, die verdeutlichen, dass es sich lohnen wird, weitere Text- und Wort‐ vergleiche anzustellen (man vgl. etwa die von Nägeli aufgelisteten „nachklas‐ sische[n] Wörter“ der „höheren Κοινή“, von denen ein Großteil dieselben attizistischen Merkmale aufweist wie die vorgezeigte Liste), 148 um ein noch detaillierteres Bild der kanonischen Redaktionen und auch der Genese der paulinischen Briefsammlung zu gewinnen. Für diese Einleitung muss ich mich des Umfangs wegen auf diese Beispiele beschränken. h) Satzlängen Auch wenn die Diskussion weiter oben zu Barr eine gewisse Zurückhaltung gegenüber dem Kriterium von Satzlängen zur Bestimmung von Autorschafts‐ fragen empfohlen hat, 149 führt van Roon mit Blick auf textimmanente Satzstruk‐ turmerkmale wie Konjunktionen und andere einige bemerkenswerte Phäno‐ mene auch bezüglich Satzlängen vor Augen, die zu berücksichtigen sind. 150 Dabei blickt er nicht nur auf die Satzlänge, begrenzt durch Interpunktionen, sondern bestimmt diese vielmehr historisch adäquat durch die textimmanente Benutzung der oratio perpetua, verbunden mit gliedernden adverbialen Verbin‐ dungen mit Präpositionseinleitungen, konsekutiven Genitiven und Paralleli‐ smen. Widmen wir uns zunächst dieser Art von Satzlängenbestimmung. Als Ausgangspunkt wählt van Roon den Umfang von Sätzen, gemessen an der Zahl von Zeilen, die diese Sätze in der Ausgabe von Nestle (17. Aufl. von 1941) einnehmen, und nimmt als äußere Bestimmung Nestles Gliederung, die zumindest eine gewisse Konsistenz biete. 151 §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 295 <?page no="296"?> 151 Ibid. 106. 152 Ibid. 153 Ibid. 106-107. 154 Vgl. ibid. 107. 155 Zu berücksichtigen ist auch die Vorliebe für Partizipialkonstruktionen, die gemessen an den sieben paulinischen Briefen in Kol am häufigsten ist, jedoch auch für Eph gemessen an den sieben Briefen nur von 2Kor übertroffen wird. Bujard formuliert in seinem Fazit: „Die Fortführung des Satzes mit Hilfe eines im Nominativ stehenden Partizips im Kol (und im Eph) (begegnet) unverhältnismäßig häufiger“, so W. Bujard, Stilanalytische Untersuchungen zum Kolosserbrief als Beitrag zur Methodik von Sprachvergleichen (1973), 63. Sätze, die acht oder mehr Zeilen in der Nestleausgabe umfassen, bezeichnet van Roon als lange Sätze, von welchen Eph die meisten aller paulinischen Briefe aufweist. Gewichtet man allerdings die Länge der Briefe, dann kommt 2Thess proportional Eph sogar gleich, oder übertrifft diesen Brief sogar noch an langen Sätzen. 152 Sodann lässt sich feststellen, dass auch andere Briefe, nämlich Röm, 1Kor und Phil proportional ähnlich viele lange Sätze beinhalten, auch Kol. 153 Nimmt man als Länge 14 Zeilen von Nestle oder mehr, so lassen sich solche Sätze als „überdurchschnittlich“ („exceedingly“) lang bezeichnen. Von diesen allerdings hat Eph tatsächlich mehr als alle anderen Briefe, nämlich insgesamt sechs, allerdings besitzt auch 2Thess einen solchen, womit dieser Brief wiederum längenproportional gesehen Eph gleichkommt. Kol besitzt drei solcher Sätze, was längenproportional Eph und 2Thess gleichkommt. Überhaupt ist einer dieser Sätze mit 29 Zeilen bei Nestle überhaupt der längste, der sogar den nächst überlangen Satz mit 28 Zeilen von Eph noch übertrifft. Allerdings gibt es auch in Röm eine Passage, in denen ein solch überlanger Satz begegnet, Röm 4,11-5,21. 154 Aus van Roon lässt sich eine Liste von 14 langen bzw. überlangen Sätzen aus Eph herausziehen, jedoch verweist er auch auf 50 ähnlich lange Sätze aus Röm, 1/ 2Kor, Gal, Phil, 1/ 2Thess, Kol und Phlm. Es lohnt sich, diese langen Sätze mit der vorkanonischen *Paulussammlung zu vergleichen. Im Appendix 1 findet sich dieser Textvergleich, den es an dieser Stelle zu besprechen gilt. Zunächst betrachten wir eine Gegenüberstellung der 14 langen bzw. über‐ langen Sätze aus *Laod und Eph. 155 Ihr ist zu entnehmen, dass von den 14 Passagen für 5 derselben kein vorkanonischer Text bezeugt ist, und das, obwohl der Epheserbrief (vorkanonisch: *Laodizeerbrief) recht gut bezeugt ist - gerade in den Passagen, die nicht zu denjenigen mit langen Passagen gehören (also etwa *Laod 2,10-13; 4,8. 10. 25-26; 5,2. 14. 16. 18-19. 22-23. 25. 28-32; 6,1-4. 11-12). Die Kapitel 5 und 6 sind geradezu erhellend: In den Passagen der langen Sätze von Eph bietet *Laod entweder lediglich einen kurzen Satz (*Laod 5,8. 296 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="297"?> 156 Hier sind auch die einschlägigen Beobachtungen zur Verwendung des „lose ange‐ hängten Infinitiv(s)“ zu beachten, vgl. hierzu ibid. 57-58. 11), oder weniger lange Sätze (*Laod 6,14-16; 19-20), oder gar keinen Text (für Eph 6,5-8), und da, wo *Laod außerhalb dieser Passagen eine rechte Textfülle besitzt, finden wir keine langen Sätze. Nach der apologetischen Perspektive, die mit einer Kürzung des Eph durch Markion rechnet, hätte Markion folglich einen Teil der langen Sätze gekürzt, andere lange Sätze übersprungen und nur einen langen Satz aus Eph 2,14-18 weitgehend übernommen. Die umgekehrte Bearbeitungsrichtung ist auch hier einleuchtender, wonach der vorkanonische Text mit einem langen, mehreren immer noch recht langen, und der Mehrzahl der kurzen Sätze die Vorlage gebildet hat, die eine Redaktion im Stil vor allem der längeren Sätze bearbeitet und den Brief mit weiteren langen Sätzen angereichert hat. Allerdings lässt sich das Phänomen des einen langen und mehrerer immer noch recht langer Sätze noch leichter erklären, wenn - wie wir sehen werden, wird sich diese Hypothese bei der Betrachtung der Lexik weiter erhärten - *Laod selbst wiederum auf eine Vorlage zurückgeht, die aus dem km Milieu stammt. D.h. man müsste in diesem Fall folgende Bearbeitungsstufen annehmen: Werfen wir einen Blick auf den Kolosserbrief: 156 Auch bei diesem Brief begegnet uns ein ähnliches Phänomen. Aus den sieben Passagen mit langen oder längeren Sätzen, bietet *Kol für einen davon einen kürzeren Text (Kol 2,1-3), bei allen anderen begegnen z.T. sogar drastisch kürzere Versionen. Auch der längere Satz von Kol 3,5-11 liegt nur als zwei kurze Verse in *Kol 3,9-10 vor. Auch für Kol wird man dieselbe Doppelstruktur der Bearbeitung annehmen dürfen, wie sie uns bei Eph begegnet ist: Gestützt wird diese Struktur durch die ebenfalls bei diesem Brief begegnende Beobachtung, dass Text für *Kol gerade für diejenigen Passagen gut bezeugt sind, in denen kurze Sätze begegnen (*Kol 1,21-22; 2,4. 16-23; 3,3-4). Folglich scheint auch hier die Bearbeitungsrichtung von km Kol nach *Kol zu Kol gelaufen §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 297 <?page no="298"?> 157 Auf diesen Passus auf kanonischer Ebene verweisen als Beispiel für eine assoziative Denkweise S. Alkier and T. Paulsen, Philologisch-kritische Beobachtungen zur sprach‐ lichen Gestaltung des Römerbriefes (2024), 39. Auf der vorkanonischen Ebene ist er allerdings um Vers 15 kürzer, wird also erst auf der kanonischen Ebene zu einem langen Satz. Das zweite Beispiel, das sie geben ist Röm 11,17-24, eine Passage, die nur auf der kanonischen Ebene begegnet. 158 Ibid. 40. 159 Ibid. 41. zu sein und es wurden auch hier von der kanonischen Redaktion lange Sätze in dem Brief hinzugesetzt. Nehmen wir das dritte deuteropaulinische Schreiben, 2Thess: Dieser Brief bietet nur eingangs 2Thess 1,3-12 einen langen Satz, der in *2Thess diesem gegenüber erheblich kürzer ist, und dann einen weiteren in Kapitel 2,8-10, der ebenfalls verkürzt vorkanonisch bezeugt ist. Nachdem für *2Thess jedoch einige weitere Textstücke bezeugt sind, gibt es auch hier einen zu den beiden voranstehenden Fällen ähnlichen Befund. Es liegen beide längere Sätze in kürzerer Form vorkanonisch vor, dann aber gibt es vor allem Parallelen zu den Briefteilen mit kurzen Sätzen (*2Thess 2,1. 3-4; 3,10). Man wird vielleicht auch hier mit einer doppelten Bearbeitungsstruktur rechnen, auch wenn der Befund wegen der Kürze des Briefes weniger deutlich ist. Begeben wir uns zu den sieben Paulusbriefen: Der Römerbrief bietet ein besonderes Beispiel. Von zehn Passagen längerer Sätze bietet *Röm für sieben keinen Text, bei den drei weiteren begegnen zwei kurze und nur ein längerer Satz, der jedoch kürzer als der zu vergleichende kanonische ist (*Röm 2,14. 16). 157 Drei der zehn Passagen stehen in den beiden Kapiteln von Röm 15-16, die für die vorkanonische Version als abwesend bezeugt sind. Die von S. Alkier und T. Paulsen als „bestes Beispiel“ für „eine asyndetische Aufzählung“ genannte Passage, in der „oft assoziative Aneinanderreihung herrscht (und) in der die Glieder oft nur teilweise zueinander passen“, ist Röm 1,29-31, die nur auf der kanonischen Ebene zu finden ist. 158 Ein von ihnen vorgestelltes „markantes Beispiel für eine polysyndetische Aufzählung“ ist Röm 8,38f., das eine „zehngliedrige Aufzählung“ bietet, bestehend „zum Teil aus Gegensatzpaaren-…, zum Teil aber auch aus einer locker assoziativ wirkenden Reihung“, erneut nur auf der kanonischen Ebene anzutreffen. 159 Außerdem 298 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="299"?> 160 Ibid. 161 Ibid. 41-42. 162 Ibid. 43-44. begegnen Beispiele für eine nachdrückliche „Betonung einzelner Wörter“ als „Anadiplose (unmittelbare Wiederholung eines Wortes vom Ende eines Satzes oder Teilsatzes am Beginn des Folgenden) und Epanalepse (Wiederholung eines Wortes mit einem oder mehreren Wörtern dazwischen)“ in Röm 9,30 und „die Repetitio (unmittelbare Wiederholung einer Wortgruppe …) und die Anapher (Wiederholung eines Wortes jeweils am Beginn des folgenden Satzes oder Teil‐ satzes-…) in Röm 13,7“ - beides Verse, die nur kanonisch stehen. 160 Polyptoton („die Aufeinanderfolge verschiedener Formen desselben Wortes“) findet sich z. B. Röm 2,12-14 (doch nur verkürzt vorkanonisch in den Versen *Röm 2,12-13) und ausschließlich kanonisch in Röm 2,1-3, ebenso mit „staccato-artige[r] Klangwirkung“ in Röm 12,3 auf der kanonischen Ebene. 161 Schließlich braucht man nur die kanonische Passage Röm 12,9-15 mit der vorkanonischen *Röm 12,9. 10. 12. 14 zu vergleichen, um zu erkennen, dass die kanonische Redaktion den Text zu einem „Stilmittelcluster“ erweitert. 162 Auch beim Römerbrief begegnet das Phänomen, dass diejenigen Passagen, die für *Röm bezeugt sind, durchweg kurze oder nicht besonders lange Sätze umfassen (*Röm 1,16-18. 21-23; 2,2. 12-13. 20-21. 24-25. 27-29; 3,19-20; 4,2; 5,1. 6. 10. 20-21; 7,4-5. 6? -7. 11-14. 18-19? 23-24; 8,3-5. 6-7. 9-11; 10,1-4; 11,33-35; 12,9. 10. 12. 14. 16-19; 13,8-10; 14,1? 2-3? 10. 21. 23). Beim 1. Korintherbrief begegnen wir ebenfalls neun Passagen mit längeren Sätzen, von denen allerdings nur für eine Passage kein vorkanonischer Text bezeugt ist. Für die übrigen Passagen liegen nur verkürzte Sätze vor, wenn auch für vier dieser Passagen die Kürzungen eher gering ausfallen. Beim 2. Korintherbrief sind es wieder zehn Passagen mit längeren Sätzen. Hier ist es ganz anders als im 1. Korintherbrief. Denn für diese zehn Passagen liegt vorkanonisch gesicherter Text nur für eine Passage vor, vielleicht auch noch Text für eine weitere, der jedoch unbezeugt ist. Für die drei Passagen mit den längsten Sätzen (2Kor 6,1-10; 8,1-7; 9,10-14) gibt es keine Textbezeugung für die vorkanonische Version. Damit wird deutlich, auch die vorkanonische Ebene bietet einen längeren Satz, solche Sätze und dann noch längere sind jedoch ein typisches Merkmal der kanonischen Ebene, die sich durch die Vielzahl der längeren Sätze auszeichnet, für die keine vorkanonischen Paralleltexte aufzuweisen sind. Auch hier liegen gerade für die Passagen mit kürzeren Sätzen wieder vorkanonische Paralleltexte vor (*2Kor 1,1-3. 20; 2,17; 3,3. 6-7. 11. 13-16. 18; 4,4-6. 13. 16. 18; 5,1-6. 8. 10. 17; 7,1; 11,2. 13-14; 12,2. 4. 7-9; 13,1. 2. 10). §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 299 <?page no="300"?> Was den Galaterbrief betrifft, so begegnen drei Passagen mit längeren Sätzen, zu denen jeweils paralleler vorkanonischer Text existiert, der jedoch alle drei Sätze in verkürzter Form bietet. Außerhalb dieser längeren Sätze findet sich wiederum reichlich Text, der parallel zu kurzen Satzpassagen steht (*Gal 1,6-8. 13-14; 2,1-5. 11-12. 14. 16. 18; 3,10-14; 4,3-6. 8-9. 22-26. 31; 5,1. 3. 6. 9-10. 14. 19-21. 24; 6,2. 6-10. 12-14. 17). Im 1. Thessalonicherbrief begegnen 9 Passagen mit längeren Sätzen, von denen es für nur 2 vorkanonische Passagen parallelen Text gibt. In diesen beiden Passagen sind die Sätze kürzer. Gleichwohl ergibt sich erneut, dass außerhalb dieser Passagen Text für diesen Brief vorkanonisch bezeugt ist (*1Thess 1,1; 3,1; 4,7. 15-17; 5,19-23). Im Philipperbrief finden sich acht Passagen mit längeren Sätzen, von denen für vier Passagen paralleler vorkanonischer Text existiert, wiederum mit jeweils kürzeren Sätzen. Und wiederum begegnet außerhalb dieser Passagen vorkano‐ nischer Text mit kürzeren Sätzen (*Phil 1,1; 1,15-17. 23; 3,3. 5. 7. 20-21). Der Gesamtüberblick zu den sieben Paulusbriefen ergibt demnach, dass in allen diesen Briefen auf der vorkanonischen Ebene die Anzahl längerer Sätze kleiner als die auf der kanonischen Ebene ist. *1Kor hat dabei mit acht die meisten solcher längeren Sätze, gefolgt von *Phil mit vier, *Gal, der für alle drei längeren Sätze der kanonischen Version parallelen Text besitzt, dann *Röm mit drei, *1Thess mit zwei und *2Kor mit einem. Gemeinsam aber ist allen vorkanonischen Briefen, dass auch da, wo sie längere Sätze bieten, diese immer kürzer sind als die der kanonischen Version. Aus all dem lässt sich schließen, dass es zwar längere Sätze in der vorkano‐ nischen Version gibt, ausgedehnte Sätze jedoch ein typisches Merkmal der kanonischen Version darstellen, die in allen zehn Briefen zu finden sind. Dabei ist vor allem die Diskrepanz erkennbar, dass die vorkanonischen Briefe gerade in solchen Passagen parallelen Text aufweisen, die auch in den kanonischen Briefen solche mit kurzen Sätzen sind. Will man daraus einen Schluss auf die Bearbeitungsrichtung ziehen, so ist es wenig wahrscheinlich, dass eine Redaktion zwar eine Reihe von längeren Sätzen stehengelassen hätte, wenn auch ein wenig verkürzt, dann aber all die anderen Passagen nur deshalb gekürzt hätte, weil sie lange Sätze aufweisen, und vorwiegend solche mit kurzen Sätzen stehen ließ. Viel leichter erklärbar ist, wenn die vorkanonische Version die ursprünglichere gewesen wäre, die sich gewöhnlicherweise kurzer Sätze bedient, an einzelnen Stellen etwas längere Sätze verwendet, die durch die kanonische Redaktion sogar noch verlängert und gepaart wurden mit gerade von der kanonischen Redaktion bevorzugten langen und längeren Sätzen. Norelli hatte schon erkannt, dass, was hier die 300 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="301"?> 163 Auch wenn er dies auf den Inhalt bezieht, darf man es wohl auch auf den Stil beziehen, ohne Norelli überzuinterpretieren, E. Norelli, Marcione lettore dell’ epistola ai Romani (1994), 670. 164 A. van Roon, The Authenticity of Ephesians (1974), 108. 165 „It is unthinkable that this striking correspondence between Eph. and the HP schould be the result of a painstaking pseudographical imitation of the long sentences from authentic epistles. For, particularly there, where we found a strong affinity between the long sentences of Eph. and those of the other epistles, even Goodspeed and Mitton who discern a copying from other epistles throughout practically the whole of Eph., could find almost nothing derivative“, ibid. 110. 166 Ibid. 112. 167 K.G. Kuhn, Der Epheserbrief im Lichte der Qumrantexte (1961), 335. vorkanonische Version genannt wird, sich „einfacher und erheblich kompakter“ darstellt im Vergleich zur kanonischen. 163 Umgekehrt spricht für eine durchge‐ hend redaktionelle Nutzung längerer Sätze deren strukturelle und inhaltliche Platzierung. Van Roon hat festgestellt - was durch unsere Liste im Anhang leicht nachzuvollziehen ist -, dass solch längere Sätze nie am Ende eines Briefes begegnen, sich dafür aber in Passagen finden, bei denen es um Eucharistie geht, um Gebete, Segnungen, Doxologien, theologische Ausführungen, paränetische Stücke und in Sätzen, die in Digressionen stehen, auch bisweilen in solchen, die direkt an die Adressaten gerichtet sind (1Thess; Eph). 164 Van Roon urteilt zu Recht, dass „es undenkbar ist, dass diese ins Auge stechenden Korrespondenzen zwischen Eph und den sieben Paulusbriefen das Ergebnis einer peniblen pseu‐ depigraphischen Imitation der langen Satzform authentischer Briefe sein sollte“, zumal die ältere Forschung, die Eph abhängig von diesen Briefen gesehen hat, gerade für diese Passagen fast keine Indizien für irgendwelche Abhängigkeit gefunden hatte. 165 Doch stellt dieses Ergebnis, wie der Vergleich mit der vorkanonischen Version der Briefe zeigt, kein Argument für die Authentizität von Eph und Kol (für den van Roon dieselben Auffälligkeiten wie für Eph feststellte) dar, sondern erweist sich vielmehr als ein typisches Merkmal der kanonischen Redaktion, welche sich sowohl in den sieben Paulusbriefen wie auch in den drei Deuteropaulinen findet. Van Roon mag auch richtig liegen, wenn er die langen Sätze als Hinweis darauf betrachtet, dass den Schreibern eine formale, literarisch-rhetorische, griechische Bildung fehlte, während der Satzbau jüdisch-literarischen Gewohnheiten ent‐ spricht, die etwa auch in den Schriften von Qumran festgestellt wurden, 166 nämlich „unendlich sich hinziehende[] locker gereihte[] Bandwurmsätze“. 167 Eine besondere Form längerer Satzstrukturierung stellt die adverbiale Ad‐ junktion dar, die durch eine Präposition eingeführt wird. Van Roon sieht sie als Charakteristikum des Stils von Eph, doch er findet sie auch etwa in 2Kor. Ein §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 301 <?page no="302"?> teils asyndetischer, teils subordinierender Anschluss steht in Eph 1,5; 2,2 und 4,12: Paulus Kanonisch Vorkanonisch Eph 1,5-6 5 ἐν ἀγάπῃ προορίσας ἡμᾶς εἰς υἱοθεσίαν διὰ Ἰησοῦ Χριστοῦ εἰς αὐτόν, κατὰ τὴν εὐδοκίαν τοῦ θελήματος αὐτοῦ, 6 εἰς ἔπαινον δόξης τῆς χάριτος αὐτοῦ ἧς ἐχαρίτωσεν ἡμᾶς ἐν τῷ ἠγαπημένῳ. 5 εἰς υἱοθεσίαν ἐλήμφθημεν διὰ Ἰησοῦ Χριστοῦ, κατὰ τὴν εὐδοκίαν τοῦ θελήματος αὐτοῦ, Eph 2,2 ἐν αἷς ποτε περιεπατήσατε κατὰ τὸν αἰῶνα τοῦ κόσμου τούτου, κατὰ τὸν ἄρχοντα τῆς ἐξουσίας τοῦ ἀέρος, τοῦ πνεύματος τοῦ νῦν ἐνεργοῦντος ἐν τοῖς υἱοῖς τῆς ἀπειθείας. ἐν αἷς περιεπατήσατε κατὰ τὸν αἰῶνα τοῦ κόσμου τούτου, κατὰ τὸν ἄρχοντα τῆς ἐξουσίας τοῦ ἀέρος, τοῦ ἐνεργοῦντος ἐν τοῖς υἱοῖς τῆς ἀπειθείας Eph 4,12-13 12 πρὸς τὸν καταρτισμὸν τῶν ἁγίων εἰς ἔργον διακονίας, εἰς οἰκοδομὴν τοῦ σώματος τοῦ Χριστοῦ, 13 μέχρι καταντήσωμεν οἱ πάντες εἰς τὴν ἑνότητα τῆς πίστεως καὶ τῆς ἐπιγνώσεως τοῦ υἱοῦ τοῦ θεοῦ, εἰς ἄνδρα τέλειον, εἰς μέτρον ἡλικίας τοῦ πληρώματος τοῦ Χριστοῦ, - Während Eph/ *Laod 1,5(-6) wegen der schwachen Bezeugung nicht aussage‐ kräftig ist, lässt sich an Eph/ *Laod 2,2 ablesen, dass diese typisch für Eph gehaltene Konstruktion auch für die vorkanonische Version dieses Briefes, also *Laod bezeugt ist. Dies lässt sich am ehesten erklären, wenn, wie oben bereits vermutet, es eine doppelte Bearbeitung gegeben hat. Es wäre sonst kaum erklärlich, wie die Redaktion der vorkanonischen Ebene eine solche adverbiale Adjunktion ausgerechnet in einen Brief geschrieben hätte, der dann auf der kanonischen Ebene genau diese Konstruktion als typisches Merkmal ausweist. Es scheint vielmehr so zu sein, dass wir mit *Laod 2,2 auf einen Vers stoßen, der bereits in der Vorlage der vorkanonischen Redaktion vorhanden war, was wiederum auch erläutert, warum dieser Vers kaum weiter von der kanonischen Redaktion bearbeitet wurde. Das könnte auch für *Laod 1,5 zutreffen, denn dieser Satz scheint lediglich durch eine kleine Einleitung (ἐν ἀγάπῃ) und durch Vers 6 kanonisch erweitert worden zu sein. Dass die längere Konstruktion für Eph typisch, für die vorka‐ nonische Redaktion untypisch ist, erweist zum einen Eph 4,12-13, zu dem es 302 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="303"?> 168 Vgl. A. van Roon, The Authenticity of Ephesians (1974), 114. 169 Ibid. 116-117. 170 Van Roon verweist auch auf Röm 3,21-26 als dem Ort mit den meisten präpositionalen Adjunktverbindungen, doch diese beginnen genau dort, wo der kanonische Text keine Parallele im vorkanonischen Text besitzt! kein vorkanonisches Gegenstück gibt, zum anderen die weitere Verwendung der Konstruktion auf der kanonischen Ebene, wenn van Roon etwa Verknüpfungen mit der Präposition ἐν in Eph 1,17; 4,19; 5,26; 6,24 vergleicht mit Röm 5,15, alles Wendungen auf der kanonischen Ebene. 168 Man braucht sich nur die Liste der Präpositionalverbindungen zu betrachten, die van Roon aufführt, um zu erkennen, wie zentral diese Konstruktion für Eph 1,1-14 ist, doch sie begegnet eben auch in Röm 1,1-10. 169 Setzt man den vorkanonischen Text daneben, sieht der Befund wie folgt aus: Paulus Kanonisch Vorkanonisch Eph 1,1-14 1-… διὰ-… [ἐν] καὶ-… ἐν 2-… ἀπὸ 3-… ἐν-… ἐν-… ἐν 4-… ἐν-… πρὸ-… κατενώπιον-… ἐν 5 ἐν-… εἰς-… διὰ-… εἰς-… κατὰ 6 εἰς-… ἐν 7 ἐν ᾧ-… διὰ-… κατὰ 8-… εἰς-… ἐν 9-… κατὰ-… ἐν 10 εἰς-… ἐν-… ἐν 11 ἐν ᾧ καὶ-… κατὰ-… κατὰ 12 εἰς-… εἰς-… ἐν 13 ἐν ᾧ καὶ-… ἐν ᾧ καὶ 14-… εἰς-… εἰς 1-… ἐν 2-… ἀπὸ 3-… ἐν-… ἐν-… ἐν -5-… εἰς-… διὰ-… κατὰ 6 εἰς-… ἐν 7 ἐν ᾧ-… διὰ -9-… κατὰ 10 εἰς-… ἐν-… ἐν -12 εἰς-… εἰς-… ἐν 13 ἐν ᾧ καὶ-… ἐν ᾧ - Röm 1,1-10 1-… εἰς 2-… διὰ-… ἐν 3 περὶ-… ἐκ-… κατὰ 4-… ἐν-… κατὰ-… ἐξ 5 δι’-… εἰς-… ἐν-… ὑπὲρ 6 ἐν 7-… ἐν-… ἀπὸ 8-… διὰ-… περὶ-… ἐν 9-… ἐν-… ἐν 10-… ἐπὶ-… ἐν-… πρὸς ----5-… ἐν -7-… ἐν-… ἀπὸ Dieser Vergleich 170 bestätigt, dass auch für das erste Kapitel von *Laod es wohl bereits eine kanonisch orientierte Vorlage km Laod für *Laod gegeben hat, in der bereits präpositionale Adjunktionen standen, auch wenn diese Art der Konstruktion bei der kanonischen Überarbeitung erheblich erweitert worden §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 303 <?page no="304"?> 171 Vgl. hierzu A. van Roon, The Authenticity of Ephesians (1974), 119. 172 So ibid. 120. 173 Außer Acht gelassen sind solche Genitive, die von einem Personalpronomen im Genitiv gefolgt sind, vgl. für weitere Details ibid. 121. ist. Die Duplikation von ἐν ᾧ καὶ in Vers 11 (gegenüber dem bereits existierenden Vers 13) auf dieser Überarbeitungsstufe ist erneut Ausdruck einer kanonischen Charakteristik. Im Gegensatz dazu scheint der *Römerbrief ohne eine Vorlage mit Adjunk‐ tionen bearbeitet worden zu sein. Hier ist die präpositionale Adjunktkonstruk‐ tion erst bei der kanonischen Bearbeitung eingeführt worden. Der Effekt dieser Konstruktion besteht nicht nur in der internen Gliederung eines Satzes, sondern gerade durch die Verwendung von präpositionalen Adjunktionen am Ende eines Gedankens auch in der Unterbrechung eines Gefüges und der Markierung eines Endes, d. h. sie dienen inhaltlichen wie ästhetischen Zwecken. 171 Wie die Passagen mit den längeren Sätzen sich vorwiegend auf den kanonischen Textbestand beziehen, so begegnet auch dieses Phänomen der präpositionalen Adjunktverbindungen in den paulinischen Briefen an den Stellen, an denen der kanonische Text keine oder ganz wenig vorkanonische Korrespondenzen hat. Dieses Stilmerkmal ist darum desto auffallender, als weder in der christlichen älteren Literatur der ersten beiden Jahrhunderte noch in der nichtchristlichen Literatur sich nämliche Elemente finden mit Ausnahme von älteren jüdisch-christlichen liturgischen Texten. 172 Eine weitere Form von Satzverlängerungen sind konsekutive Genitive, die sich bisweilen auch reimen. Von diesen gibt es im Epheserbrief 15 Fälle, 173 wobei in zwei Fällen drei unmittelbar aufeinander folgende stehen, und zwar im selben Vers: Eph 4,13 (… εἰς τὴν ἑνότητα τῆς πίστεως καὶ τῆς ἐπιγνώσεως τοῦ υἱοῦ τοῦ θεοῦ, εἰς ἄνδρα τέλειον, εἰς μέτρον ἡλικίας τοῦ πληρώματος τοῦ Χριστοῦ). Der Vers hat keine Parallele im vorkanonischen Text. Diese Kumulation von Genitiven begegnet jedoch auch in Röm 2,5 (… ἐν ἡμέρᾳ ὀργῆς καὶ ἀποκαλύψεως δικαιοκρισίας τοῦ θεοῦ); 8,21 (… ἀπὸ τῆς δουλείας τῆς φθορᾶς εἰς τὴν ἐλευθερίαν τῆς δόξης τῶν τέκνων τοῦ θεοῦ); 11,17 (… ἐν αὐτοῖς καὶ συγκοινωνὸς τῆς ῥίζης τῆς πιότητος τῆς ἐλαίας ἐγένου). Keiner dieser drei Verse hat eine Parallele im vorkanonischen Text. Während die Kumulation von Genitiven auch in Kol zu finden ist und hier und da auch in anderen Briefen, spricht der Befund hier deutlich für eine kanonische stilistische Präferenz, die der vorkanonische Text nicht mit ihr teilt. Ein hiermit verwandtes Stilphänomen ist die Genitivkonstruktion von Synonymbegriffen, die 12 Mal in Eph begegnet: 304 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="305"?> 174 Ibid. 123; E. Percy, Die Probleme der Kolosser- und Epheserbriefe (1946), 62, 214-215. 175 Vgl. A. van Roon, The Authenticity of Ephesians (1974), 124. Paulus Kanonisch Vorkanonisch Eph 1,5 κατὰ τὴν εὐδοκίαν τοῦ θελήματος αὐτοῦ - Eph 1,6 εἰς ἔπαινον δόξης τῆς χάριτος αὐτοῦ - Eph 1,11 κατὰ τὴν βουλὴν τοῦ θελήματος αὐτοῦ - Eph 1,12 εἰς ἔπαινον δόξης αὐτοῦ εἰς ἔπαινον δόξης Eph 1,19 κατὰ τὴν ἐνέργειαν τοῦ κράτους τῆς ἰσχύος αὐτοῦ - Eph 2,2 κατὰ τὸν αἰῶνα τοῦ κόσμου τούτου, κατὰ τὸν ἄρχοντα τῆς ἐξουσίας τοῦ ἀέρος κατὰ τὸν αἰῶνα τοῦ κόσμου τούτου, κατὰ τὸν ἄρχοντα τῆς ἐξουσίας τοῦ ἀέρος Eph 2,14 τὸ μεσότοιχον τοῦ φραγμοῦ - Eph 2,15 τὸν νόμον τῶν ἐντολῶν τὸν νόμον τῶν ἐντολῶν Eph 3,7 κατὰ τὴν δωρεὰν τῆς χάριτος τοῦ θεοῦ τῆς δοθείσης μοι κατὰ τὴν ἐνέργειαν τῆς δυνάμεως αὐτοῦ - Eph 3,21 εἰς πάσας τὰς γενεὰς τοῦ αἰῶνος τῶν αἰώνων - Eph 4,23 τῷ πνεύματι τοῦ νοὸς ὑμῶν - Eph 5,2 εἰς ὀσμὴν εὐωδίας - Aus dieser Aufstellung wird erkennbar, dass die Vorliebe für die synonymen Genitive auch in drei vorkanonischen Versen in diesem Brief vorhanden ist, jedoch die Mehrzahl auf der kanonischen Ebene begegnet. Erneut spricht dies für eine doppelte Bearbeitung, wonach bereits die vorkanonische Redaktion eine km Briefvorlage mit solchen Merkmalen besaß, die dann bei einer weiteren Bearbeitung gehäuft wurden. Nachdem solche Genitive auch in Kol begegnen, während sie sich außerhalb von Paulus nur in LXX, hingegen selten in nichtjüdischer und -christlicher Literatur finden, hat man sie als ein paulinisches Stilmerkmal bezeichnet, 174 doch sie stellen sich insbesondere als ein solches der kanonischen Redaktion heraus, mit der diese sich an den Stil der LXX anlehnt. 175 §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 305 <?page no="306"?> 6. Inhaltlich bedeutende Begriffe, die in *Paulus fehlen, aber im NT stehen Anders als die reine Lexik und Fragen des Stils wie Satzlängen geben benutztes und nichtbenutztes Vokabular von inhaltlich gewichtigen Begriffen Auskunft über Autor: innenschaft, soziales Umfeld, Argumentationsrichtungen und ähnli‐ ches. Desto mehr dürfen wir uns Informationen erwarten, die uns das Verhältnis der *10-Briefe-Sammlung zur 14-Briefe-Sammlung näher aufschließen, und zwar was die relative Chronologie und die sich in ihnen spiegelnde gesell‐ schaftlichen, kulturellen und religiösen Welten betrifft. Solche Hinweise sind erneut von Bedeutung, wenn es um Entscheidungen bezüglich der Auswahl von Varianten bei der Rekonstruktion geht, oder um Aufnahme oder Zurückweisung von durch Zeugen für die *10-Briefe-Sammlung nicht bezeugten Textpassagen. Was inhaltlich bedeutende Begriffe sind, ist naturgemäß am wenigstens klar abgrenzbar, es kann darum nur eine begrenzte Auswahl aufgeführt und nur ein Bruchteil davon näher betrachtet werden. Ausgewählt werden im Folgenden ganz unterschiedliche Termini, die historiographisch, sprachlich, ethisch, lit‐ urgisch, theologisch oder philosophisch von einer gewissen Tragweite sind und zumeist mit einer gewissen Häufigkeit im kanonischen Neuen Testament vorkommen. Gewiss hätte man die Auswahl noch leicht ausweiten können, doch bereits das Gebotene soll einen ersten Einblick in die inhaltliche Profildifferenz zwischen der *10-Briefe-Sammlung einerseits und der 14-Briefe-Sammlung und dem kanonischen Neuen Testament andererseits bzw. die Nähe zwischen *Paulus und *Ev verdeutlichen. Anders als bei den Vergleichen zuvor ist es hier dienlich, zwar vornehmlich auf Begriffe einzugehen, die in *Paulus fehlen, aber auch verwandte Begriffe zu berücksichtigen, die für *Paulus entweder bezeugt oder nicht bezeugt sind. Die Begriffe werden zunächst nach Sachgebieten geordnet und innerhalb dieser in alphabetischer Reihenfolge betrachtet, es sei denn, Begriffe, die inhaltlich zusammengehören, werden zusammengezogen. a) Historiographisch Zunächst fällt auf, dass eine Reihe von Termini, die die Schreibkultur betreffen, im vorkanonischen *Paulus nicht begegnen (βιβλαρίδιον, βιβλίον/ βυβλίον, βίβλος, βίος, γραφή, διερμηνεύω, διηγέομαι, διήγησις, ἐπιστολή, ἑρμηνεύω, μεθερμηνεύω, μνημεῖον, μνήμη), aber auch andere wie βάρβαρος und weitere historisch relevante Begriffe. Während βασιλεύς etwa im *Ev nur negativ bewertet steht, in *Paulus gar nicht, begegnen weder im *Ev noch in *Paulus die zur Wortgruppe gehörigen βασιλικός, βασίλισσα. Dann fehlen auch βουλή, 306 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="307"?> 176 Sowohl διατάσσω wie διαταγή werden gebraucht, um militärische oder rechtliche Dinge zu regeln, doch diese Sprache begegnet erst auf der kanonischen Ebene; zum Sprachgebrauch vgl. T. Morgan, Being ‚in Christ‘ in the Letters of Paul (2020), 174. 177 Ein typischer Begriff der Antike, der das Zerstören von Städten oder Siedlungen betrifft, ibid. 175. 178 Zum absolut stehenden Nomen vgl. ThWNT I 583-584. 179 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 557. διατάσσω, διαταγή, 176 δεσπότης, διωγμός, ἔθος, ζηλωτής, ἡγεμών, θρόνος, μαρτυρέω, νικάω, νίκη, οἰκουμένη, πολεμέω, πορθέω, 177 στάσις, στρατεία, στράτευμα, στρατηγός, στρατιά, στρατιώτης, συγγενής, σχίσμα, ὑβρίζω, χώρα, χωρέω. Βασιλεύς und das gesamte Wortfeld dieses Begriffes ist von Interesse. In *Paulus steht auffallenderweise lediglich das Nomen βασιλεία und zwar sowohl bezeugt für *Gal wie für *1Kor, 178 und zwar nur im Sinne der βασιλεία θεοῦ, also des Reiches Gottes, so auch mehrfach im *Ev, wo jedoch entweder von βασιλεία τοῦ θεοῦ die Rede ist oder von βασιλεία τῶν οὐρανῶν. Nachdem die Bezeugungen für *Ev bei Tertullian immer regnum dei lauten, lässt sich allerdings nicht entscheiden, ob im *Ev ebenfalls wie in *Paulus βασιλεία ohne Artikel stand oder wie auf der kanonischen Ebene mit Artikel. Dass wir an den verschiedenen Stellen vom *Ev keine Handschriftenvarianten besitzen, spricht eher dafür, dass auch im *Ev der Artikel stand. Grundsätzlich allerdings ist die Wendung βασιλεία τοῦ θεοῦ eine gerade auf der kanonischen Ebene sehr beliebte, wobei, wie Klinghardt betont, „damit zu rechnen [sei], dass das inhaltliche Interesse eines Redaktors durch Elemente seines Prätextes angeregt sein kann, die er dann durch Weiterentwicklung und Verstärkung akzentuieren und zu einem deutlich profilierten redaktionellen Konzept ausarbeiten kann“. 179 Blicken wir auf Paulus. Dort begegnet etwa in Eph 5,5 eine widersprüchliche Bezeugung, bei der nach βασιλεία P 46 τοῦ θεοῦ bietet, 010, 012, bo ms , Ambst bieten τοῦ θεοῦ καὶ Χριστοῦ, 1739*, vg ms hingegen Χριστοῦ τοῦ θεοῦ, wobei NA 28 keiner dieser Lesarten folgt, sondern schwer nachvollziehbar offenkundig eine eigene Emendation vornimmt und τοῦ Χριστοῦ καὶ θεοῦ schreibt. Wie diese Varianten zeigen, muss es bei der näheren Bestimmung der Zuschreibung des Reiches Unstimmigkeiten gegeben haben, wobei τοῦ θεοῦ jedoch in allen Varianten zu finden ist. Kol 1,13 findet sich schließlich τὴν βασιλείαν τοῦ υἱοῦ τῆς ἀγάπης αὐτοῦ, aber ebenda 4,11 wieder τὴν βασιλείαν τοῦ θεοῦ, so auch 2Thess 1,5, nicht anders in den Briefen des Paulus, Röm 14,17 und 1Kor 4,20, und übereinstimmend hiermit Apg 1,3; 8,12; 14,22; 19,8; 28,23. 31. Apg 20,25 §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 307 <?page no="308"?> 180 Vgl. auch EvHebr, frg. 11: regnum coelorum. ist bemerkenswert, weil es hier folgende Varianten gibt: 06, gig, sa, Lcf lesen τὴν βασιλείαν τοῦ (+ κυρίου gig) Ἰησοῦ, hingegen haben 08, 019, 614, 1175, 1241, 1505, M, vg, bo pt τὴν βασιλείαν τοῦ θεοῦ, dann 323, 945, 1739, 1891 τὸ εὐαγγέλιον τοῦ θεοῦ, und P 74 , 01, 02, 03, 04, 044, 33, 453, 2818, sy, bo pt schlicht τὴν βασιλείαν. In den weiteren neutestamentlichen Schriften begegnet diese Formulierung βασιλεία τοῦ θεοῦ nur noch in Apk 12,10. Nimmt man die kanonischen Evangelien hinzu, so steht in Mt 3,2; 4,17; 5,3. 10. 19. 20; 6,33 (etliche Hss.); 7,21; 8,11; 10,7; 11,11. 12; 13,11. 24. 31. 33. 43 (in 038, f 13 , 700). 44. 45. 47. 52; 16,19; 18,1. 3. 4; 19,12. 14. 23. 24 (in 035, f 1 , 33, ff 1 , sy s.c , bo ms ); 20,1; 22,2; 23,13; 25,1 βασιλεία τῶν οὐρανῶν, allerdings findet sich Mt 12,28; 21,31. 43 auch βασιλεία τοῦ θεοῦ und Mt 26,29 βασιλεία τοῦ πατρός. In Mk 1,15; 4,11. 26. 30; 9,1. 47; 10,14. 15. 23. 24. 25; 12,34; 14,25; 15,43 lesen wir βασιλεία τοῦ θεοῦ, aber Mk 11,10 auch βασιλεία τοῦ πατρός, in Joh 3,3. 5 βασιλεία τοῦ θεοῦ. In Joh 3,5 bieten allerdings die Zeugen 01*, 0141, pc e βασιλεία τῶν οὐρανῶν, während die restlichen Zeugen βασιλεία τοῦ θεοῦ bieten. 180 Dieser Überblick lehrt zum einen, dass es ganz unterschiedliche und für die einzelnen Schriften typische Profilmerkmale gibt, zum anderen, dass die vorkanonische Formulierung βασιλεία θεοῦ in *Paulus, wie gerade die weiteren Schriften des Neuen Testaments zeigen, gar nicht gewöhnlich ist, sondern offenkundig erst für die kanonische Redaktion der Evangelien von Mk und Lk wie auch Apg und die Deuteropaulinen die typische Wendung ist, während Mt vielmehr βασιλεία τῶν οὐρανῶν, die auch im *Ev begegnet, bevorzugt. Joh fällt aus dieser Aufstellung fast vollständig heraus, da bei ihm der Terminus βασιλεία offenkundig nicht unbekannt, aber so fremd wie für *Paulus ist, auch wenn er häufiger im *Ev begegnet. Auf die Differenz zwischen *Paulus und *Ev werden wir weiter unten beim Vergleich der beiden vorkanonischen Textteile noch zu sprechen kommen. Wenn es in 1Kor 6,9 ohne Artikel vor θεοῦ heißt: θεοῦ βασιλείαν οὐ κληρονομήσουσιν und gleich darauf in 1Kor 6,10 dann ebenfalls οὐχ ἅρπαγες βασιλείαν θεοῦ κληρονομήσουσιν, und wieder im Parallelvers zum vorkano‐ nischen in 1Kor 15,50 steht βασιλείαν θεοῦ κληρονομῆσαι οὐ δύναται, dann weicht dieser Sprachgebrauch merklich von der sonst im kanonischen Paulus begegnenden Form mit Artikel βασιλεία τοῦ θεοῦ ab. Die Fälle scheinen Hinweise darauf zu sein, dass diese abweichende Formulierung durch die vorkanonische in *Gal 5,21 und *1Kor 15,50 provoziert wurde, wo es beidemale identisch heißt: βασιλείαν θεοῦ οὐ κληρονομήσουσιν, Formulierungen, die sonst an keiner weiteren Stelle im Neuen Testament begegnen. 308 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="309"?> 181 Dies scheint ein Reflex des herodianischen Selbstverständnisses zu sein, wie es her‐ ausgearbeitet wurde von A. Shaliṭ, Hurdus ha-melekh, ha-isch u poalo (1960), 234. Herodes nannte sich auf Münzen ΒΑΣΙΛΕΥ[Σ ΜΕΓΑΣ] ΑΓΡΙΠΠΑΣ ΦΙΛΟ[ΚΑΙΣ]ΑΡ, König Agrippa der Große, Freund des Kaisers, A. Kindler, R. Grafman and G.A. Sivan, Coins of the Land of Israel Collection of the Bank of Israel. A Catalogue (1974), 41-43, 43 coin 54. Und sein Messiasanspruch lässt sich ebenfalls aus seinen Münzen ableiten, vgl. W. Wirgin, Two Notes (1961), 153-154. Vgl. hierzu mit weiterer Lit. E. Hammerschmidt, Königsideologie im spätantiken Judentum (1963), 506-507; J.H. Charlesworth, Who claimed Herod was the Christ? (2015). Schon Tertullian weiß zu berichten, dass auch die Herodianer Herodes als Christus ansahen, Ps.-Tert., Adv. om. Haer. I 1: … cum his etiam Herodianos, qui Christum Herodem esse dixerunt. Vgl. auch Epiph., haer. 19 (Holl 224,10-12): Ἡρῴδην δὲ οὗτοι ἡγοῦντο Χριστόν, Χριστὸν τὸν έν πάσαις γραφαῖς νόμου τε καὶ προφητῶν προσδοκώμενον νομίσαντες αὐτὸν εἶναι τὸν Ἡρῴην. Dasselbe weiß auch Hieronymus, Comm. in Matth. 3,1755 (CChrSL 77, 203): Quidam Latinorum ridicule Herodianos putant qui Herodem Christum esse crederent, und id., Adv. Luciferam 23: Quod Herodiani Herodem regem suscepere pro Christo (PL 23, 187). 182 In der Tradition der Lehre von den zwei Messiassen, die schon in Sach 4,14 begegnet, auch in Qumran, heißt es in Test. Sim. VII 2: ἀναστήσει γὰρ κύριος ἐκ τοῦ Λευὶ ὡς ἀρχιερέα καὶ ἐκ τοῦ Ἰούδα ὡς βασιλέα, und in Test. Rub. VI liest man von einem βασιλεὺς αἰώνιος und einem ἀρχιερεὺς χριστός. 183 Vgl. W. Horbury, Jewish Messianism and the Cult of Christ (1998), 47. 184 So M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evange‐ lien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 1206. Es geht bei diesem Wortfeld jedoch nicht nur um die Herrschaft, das Reich, die βασιλεία, sondern auch um weitere zugehörige Begriffe, allen voran um den des Herrschers, des βασιλεύς, der im damaligen Verstehen zunächst mit dem römischen Kaiser, *Ev/ Lk 23,2 (so auch 1Petr 2,13. 17), oder, wie in Lk 1,5 mit Lokalherrschern wie Herodes 181 assoziiert wurde. Dass der Titel „Kaiser“, „König“ oder „Herrscher“ auch mit dem Titel „Christus“ und „Messias“ gleichgesetzt werden konnte, sehen wir aus der damals zeitnahen jüdischen Literatur, etwa dem Testamentum Simeon (VII 2), 182 und wurde befördert durch die jüdisch-hellenistische Verbindung von Königtum und Messianismus. 183 Die Assoziation auf vorkanonischer Ebene von Kaiser und Christus, die Jesus vom Volk dediziert (*Ev 23,2) - Klinghardt sieht sie auch für *Ev 19,38 möglich, auch wenn sie dort nicht bezeugt ist -, dann aber nach *Ev 23,2-3 gar keine Rolle für Pilatus spielt, erhöht nur die Spannung, dass der Anlass, den die Leute den Hohenpriestern und Sanhedristen durch diese Dedikation geben, für die Römer kein Anklagegrund ist. Ob damit allerdings alle an dieser Stelle vorgebrachten Vorwürfe gegenüber Jesus - wie etwa die Auflösung von Gesetz und Propheten - er sich „nicht hat zuschulden kommen lassen“, weil sie „ausgerechnet in einer Reihe von erkennbar falschen Anklagen der Gegner“ erwähnt werden, 184 geht m. E. aus dieser Stelle schon deshalb nicht hervor, weil Pilatus dem Text nach ja §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 309 <?page no="310"?> 185 2Kor 11,32-33: „32 In Damaskus ließ der Statthalter des Königs Aretas die Stadt der Damaszener bewachen, um mich festzunehmen. 33 Aber durch ein Fenster wurde ich in einem Korb die Stadtmauer hinuntergelassen und so entkam ich ihm“; Apg 9,23-25: „23 So verging einige Zeit; da beschlossen die Juden, ihn zu töten. 24 Doch ihr Plan wurde dem Saulus bekannt. Sie bewachten sogar Tag und Nacht die Stadttore, um ihn zu beseitigen. 25 Aber seine Jünger nahmen ihn und ließen ihn bei Nacht in einem Korb die Stadtmauer hinab“. 186 Vgl. D.A. Campbell, An Anchor for Pauline Chronology: Paul’s Flight from „The Ethnarch of King Aretas“ (2 Corinthians 11: 32-33) (2002); E.A. Knauf, Zum Ethnarchen des Aretas 2 Kor 11: 32 (1983). Wegen der Unterschiedlichkeit der Perspektiven und Narrative in Apg und Paulus hat die Forschung die historiographische Verlässlichkeit von Apg gegenüber Paulus heruntergesetzt und vorgeschlagen, dem kurzen Bericht von Paulus zu folgen, so M. Harding, On the Historicity of Acts. Comparing Acts 9.23-5 with 2 Corinthians 11.32-3 (1993). Eine bessere Erklärung ist, dass dieselbe Geschichte z.T. mit literarischen Parallelen als solche kenntlich gemacht, der literarisch-narrativen Funktion der Kohärenz zweier Schriften im selben Korpus des Neuen Testaments gedient hat, vgl. zu diesem Konzept J.N. Lüke, Über die narrative Kohärenz zwischen Apostelgeschichte und Paulusbriefen (2019). 187 „There is in fact no direct evidence for Nabataean control of Damascus at any point in the period we are considering outside 2 Cor 11,32-33, and the question would not even be raised if it were not for the Pauline text“, J. Taylor, The Ethnarch of King Aretas at Damascus: A Note on 2 Cor 11, 32-33 (1992), 724. gerade einen gewichtigen Vorwurf der genannten herausgreift - auf die anderen geht er nicht ein - und fragt: „Bist Du der Christus? “, worauf Jesus diesen Vorwurf nicht zurückweist, sondern antwortet: „Du sagst es“. Gleichwohl wird aus diesem Dialog auch deutlich, dass zumindest die Königstitulatur für Christus im *Ev allein als Volkszuweisung an Jesus und damit kritisch betrachtet wird (*Ev 23,2). Dem entspricht, dass auch in *Paulus diese Titulatur überhaupt nicht erwähnt wird, und sie nur ein einziges Mal in einem der sieben kanonischen Paulusbriefe steht. Dort, in 2Kor 11,32 wird der Ethnarch des Königs Aretas erwähnt im Zusammenhang der kuriosen Flucht des Paulus aus der Stadt Damaskus durch ein Fenster in der Stadtmauer, die er vermittels eines Korbes verlässt, eine Geschichte, die auch aus Apg 9,23-24 bekannt ist und deren historische Hintergründe nicht völlig klar sind. 185 Die Forschung hat diese Angaben zur Flucht miteinander zu harmonisieren und historisch zu lesen versucht, 186 doch wie bereits die vielfachen gegenseitigen Bezüge in dieser Diskussion von Apg und 2Kor zeigen, scheint die Geschichte eine weitere kanonisch-redaktionelle Fiktion zu sein - zumal wir von einer irgendgearteten Kon‐ trolle des Nabatäers Aretas IV über Syrien keine historische Information besitzen 187 - , die sowohl in 2Kor 11 wie Apg 9 eingetragen wurde, auch um die Apg mit den Katholischen Briefen und den Paulusbriefen zu verknüpfen. Ihr Zweck war zum einen, 310 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="311"?> 188 Lk 1,32-33. 189 Vgl. so auch M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 1075; D.T. Roth, The Text of Marcion’s Gospel (2015), 430; A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 227*-228*. Ähnlich, auch wenn er in Vers 12 die Königsherrschaft mit aufnimmt, J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 120-121. Zahn hingegen rechnet mit der Präsenz des kanonischen Texts, T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, Band-2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892), 485. die Biographie des Paulus anschaulicher zu machen, zum anderen, eine literarische Kohärenz zwischen Apg und Paulusbriefen herzustellen. Gleichwohl entwickelt die kanonische Redaktion schon zu Beginn von Lk 1,32-33 eine ganz andere Christologie, die sich bis in die Apokalypse, wie wir sehen werden, noch steigern wird. Im Anfang des Lukasevangeliums wird von Christus verheißen, dass „32 er groß sein und Sohn des Höchsten (ἔσται μέγας καὶ υἱὸς ὑψίστου) genannt werden wird. Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben (δώσει αὐτῷ κύριος ὁ θεὸς τὸν θρόνον Δαυὶδ). 33 Er wird über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen (βασιλεύσει ἐπὶ τὸν οἶκον Ἰακὼβ) und seine Herrschaft wird kein Ende haben (τῆς βασιλείας αὐτοῦ οὐκ ἔσται τέλος).“ 188 Diese Königschristologie wird dann auch bei der Überarbeitung des Gleichnisses von den anvertrauten Minen (*Ev 19,11-28) in dieses eingetragen, eine Passage, die nach Tertullian vorkanonisch vorhanden war, jedoch der „politischen“ wie insbesondere der königlichen Elemente entbehrt hatte (die Rückkehr Jesu als König erfolgt bei der Parusie). 189 Überhaupt findet sich das Thema des Herrschens dann auch im kanonischen Paulus, etwa in der Stelle 1Kor 4,7-8: „Wenn du es aber empfangen hast, warum rühmst du dich, als hättest du es nicht empfangen? 8 Ihr seid schon satt, ihr seid schon reich geworden, ohne uns seid ihr zur Herrschaft gelangt (ἐβασιλεύσατε). Wäret ihr doch nur zur Herrschaft gelangt (ἐβασιλεύσατε)! Dann könnten auch wir mit euch zusammen herrschen (συμβασιλεύσωμεν).“ Mit Ausnahme der einen Paulusstelle 2Kor 11,32 begegnet das Nomen βασιλεύς nur mehr in den Pastoralbriefen (1Tim 1,17: τῷ δὲ βασιλεῖ τῶν αἰώνων; 2,2; 6,15), im Hebräerbrief (Hebr 7,1. 2; 11,23. 27) und in den katholischen Briefen §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 311 <?page no="312"?> 190 Vgl. Mal 1,14 LXX: καὶ ἐπικατάρατος ὃς ἦν δυνατὸς καὶ ὑπῆρχεν ἐν τῷ ποιμνίῳ αὐτοῦ ἄρσεν καὶ εὐχὴ αὐτοῦ ἐπ᾽ αὐτῷ καὶ θύει διεφθαρμένον τῷ κυρίῳ· διότι βασιλεὺς μέγας ἐγώ εἰμι, λέγει κύριος παντοκράτωρ, καὶ τὸ ὄνομά μου ἐπιφανὲς ἐν τοῖς ἔθνεσιν. Vgl. auch MartPol. 9,3; 17,3. Zu weiteren Stellen ThWNT I 579. 191 Vgl. 1Klem 61,2. Zu Recht trennen die Kommentatoren diese beiden Verse (man beachte das δὲ zu Beginn von Vers 17), vgl. G. Wohlenberg, Die Pastoralbriefe (der erste Timotheus-, der Titus- und der zweite Timotheusbrief); mit einem Anhang: Unechte Paulusbriefe (1923), 99-100; D. Guthrie, The Pastoral Epistles. An Introduction and Commentary (1990), 76-77. 192 Apk 1,5: ὁ ἄρχων τῶν βασιλέων τῆς γῆς; 15,3: ᾄδουσιν τὴν ᾠδὴν Μωϋσέως τοῦ δούλου τοῦ θεοῦ καὶ τὴν ᾠδὴν τοῦ ἀρνίου λέγοντες, Μεγάλα καὶ θαυμαστὰ τὰ ἔργα σου, κύριε ὁ θεὸς ὁ παντοκράτωρ: δίκαιαι καὶ ἀληθιναὶ αἱ ὁδοί σου, ὁ βασιλεὺς τῶν ἐθνῶν. Eine kleine Unsicherheit in die monarchianische Interpretation bringt der Genitiv τοῦ ἀρνίου, doch im Licht der voran angeführten Stelle Apk 1,5 wird man diesen Genitiv wohl entsprechend interpretieren müssen (so auch die Einheitsübersetzung, 2016: „Sie sangen das Lied des Mose, des Knechtes Gottes, und das Lied zu Ehren des Lammes und sprachen: Groß und wunderbar sind deine Taten, / Herr und Gott, du Herrscher über die ganze Schöpfung. Gerecht und zuverlässig sind deine Wege, / du König der Völker“). Anders lesen manche Kommentatoren diesen Genitiv, setzen Mose und Jesus nebeneinander und beziehen den Hymnus auf den von Jesus unterschiedenen Gott, J. Roloff, Die Offenbarung des Johannes (1984), 158-159; E. Lohse, Die Offenbarung des Johannes (1960), 81-82; A. Wikenhauser, Die Offenbarung des Johannes (1959), 118-119. Anders deutet Lohmeyer, der zwar parallel übersetzt, doch in seinem Kommentar zum ersten auf die schon vor ihm bemerkte Schwierigkeit des doppelten Genitivs (Mose, das Lamm) hinweist, und dann vermerkt, dass er in der Formulierung, dass die Überwinder auf dem himmlischen Meer „stehen“, „eine Steigerung gegenüber dem (1Petr 2,13. 17). Hierzu stimmt auch, dass Christus in Did 14,3; Herm. vis. 3, 9, 8 als βασιλεὺς μέγας bezeichnet wird. 190 Die erste Stelle in 1Tim 1,16-17 ist Teil eines Bekenntnisses zu Christus Jesus, das jedoch in eine Doxologie mündet an den einzigen Gott, den König der Äonen, 191 eine Aussage, die an den Lobpreis im Buch Tobit 13,2. 7 erinnert: „2 Gelobt sei der Gott, der bis in die Äonen lebt und seine Herrschaft (βασιλεία) … 7 und erhebt den König der Äonen (ὑψώσατε τὸν βασιλέα τῶν αἰώνων)“. Diese Doxologie entspricht sowohl in der Struktur wie teilweise (der Bezug zu Christus fehlt in Tobit) im Inhalt derjenigen von 1Tim 6,14-16 (Christus wird gelobt, doch der einzige Gott, der Christus sendet, gilt als einziger König, und zwar als König der Könige). Die zweite Stelle ist Teil eines Aufrufs, für die Könige zu beten (1Tim 2,2). Historisierend wird der Titel im Hebräerbrief genutzt, wo er u. a. den Pharao bezeichnet. Auf ein ganz neues Niveau hebt die Apokalypse den Titel, die Schrift, mit der das Neue Testament schließt. In ihr wird Christus zu demjenigen, der über alle Kaiser oder Könige der Erde herrscht, und wohl monarchianisch geglaubt wird als der „König der Völker“, „Herr und Gott“, „Herrscher über die ganze Schöpfung“. 192 Die Heiligen gelten 312 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="313"?> Durchzug durch das Rote Meer“ erkennt, weshalb das Moselied nicht nur deren eigenen Sieg preist, „sondern ebenso den [Sieg] des Lammes“, d. h. er sieht das Lied als einen Preis über das Lamm, wie es in der Einheitsübersetzung aufgefasst wird, E. Lohmeyer, Die Offenbarung des Johannes (1953), 131. Zu dieser Interpretation passt auch, dass in Apk 17,14 das Lamm als „der Herr der Herren und der König der Könige“ bezeichnet wird (κύριος κυρίων ἐστὶν καὶ βασιλεὺς βασιλέων), was wiederholt wird in Apk 19,13-16 und ausdrücklich als Name des „Wortes Gottes“ bezeichnet wird. 193 Apk 5,10. 194 Apk 6,15. Ähnlich auch die Verwendung des Königstitels in Apk 16,12. 14 und Apk 17; 18,3. 9; 21,24. 195 „Das gebräuchlichste Wort für Buchrolle, Buch, Schrift in der Koine“, ThWNT I 615. Vgl. zu diesem Begriff, den Gramaglia für einen typisch lukanisch-redaktionellen hält, P. A. Gramaglia, Ed. Marcione e il Vangelo (di Luca) (2017), 6. Einen detaillierten Überblick gibt J.N. Bremmer, From Holy Books to Holy Bible: An Itinerary from Ancient Greece to Modern Islam via Second Temple Judaism and Early Christianity (2010). 196 Schon Zahn rechnet mit dem Fehlen dieses Passus, und zwar wegen der Angabe von Tert., Adv. Marc. IV 8,2, dass Christus deshalb verworfen wurde nicht wegen der Predigt, sondern wegen „eines einzigen Spruches“, der in Vers 4,23 steht, so T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, Band 2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892), 457. Ihm folgt mit weiteren Argumenten Harnack, der ebenfalls die Perikope nur gekürzt in *Ev sieht, so dass sie „wahrscheinlich nur die als diejenigen, die zu einem Königreich (und zu Priestern darin; vgl. auch 1Petr 2,9) gemacht wurden, die „auf Erden herrschen werden“ (βασιλείαν καὶ ἱερεῖς, καὶ βασιλεύσουσιν ἐπὶ τῆς γῆς), 193 während alle Könige, von denen auch Apk 10,11 die Rede ist, und Herrschenden als furchtsam geschildert werden. 194 Gegen sie führt der oberste König, also der Kaiser, das Lamm und Wort Gottes, den entscheidenden Krieg. Es ist wohl kein Zufall, dass das Neue Testament mit dieser gesteigerten Titulaturdeutung im letzten Buch endet, stellt sie doch geradezu auf den Kopf, was auf der vorkanonischen Ebene mit dem Weg zur βασιλεία θεοῦ, dem Reich Gottes, beschrieben wurde, der darin besteht, „19 die Wirkungen des Fleisches … 20 … Feindschaften, Streitigkeiten … Fälle von Eigennutzen, Spaltungen, Parteiungen“ (*Gal 5,19-20) zu meiden, d. h. einen friedvollen Weg zu gehen, zumal es in *1Kor 15,50 heißt: „das Verwesliche erbt nicht das Unverwesliche“. Was die Nomenklatur der Schreibkultur betrifft, findet sich βιβλίον 195 nur drei Mal in Lk, und zwar in zwei Versen, die zu der Nazarethperikope gehören, in denen Jesus aus der Jesajarolle vorliest (Lk 4,17. 20). Doch in diesem Teil wird in Lk 4,18 mit der Geistsalbung auf Lk 3,16. 22 (Geisttaufe, Geistbegabung Jesu) verwiesen, auf Verse, die nachweislich im vorkanonischen *Ev gefehlt haben, woraus Klinghardt wie die früheren Rekonstrukteure des vorkanonischen *Evangeliums schließt, dass auch die Passage Lk 4,17-21 im vorkanonischen *Ev fehlte. 196 Nicht anders steht es mit βίβλος. Auch dieser Begriff begegnet nur zwei §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 313 <?page no="314"?> Mitteilung [enthielt], daß Jesus dort durch eine Predigt die Juden erzürnt habe, sowie den Parabelspruch (v. 23)“, so A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 186*. Roth übergeht diese Argumente und ist darum zurückhaltender, wenn er die Passage als „unbezeugt“ bezeichnet und „possibly not present“ qualifiziert, D.T. Roth, The Text of Marcion’s Gospel (2015), 412. BeDuhn verweist denn auch korrekt auf Tert., Adv. Marc. IV 7,4, wonach ausdrücklich die Passage in Lk, bei der Jesus „bei seinem ersten Auftreten“ verdeutlicht habe, „er sei nicht gekommen, um das Gesetz und die Propheten zu zerstören“, gestrichen sei, entsprechend lässt er diese Passage denn auch aus seiner Rekonstruktion bis auf Vers 23 aus, so J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 130. Klinghardts Urteil ist demnach sowohl von der Textgrundlage wie der vorangegangenen Forschung wohl begründet, M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 543-546. 197 Der Singulargebrauch nimmt „entwicklungsgeschichtlich“ seinen „Ausgang … von der Bezeichnung der Tora als βίβλος“, ThWNT I 615. 198 Zum Sprachgebrauch in Apk vgl. ThWNT I 617-620. 199 Vgl. ThWNT II 749-754. 200 διερμηνεύω findet sich in Lk 24,27, in einem Vers, der in *Ev fehlt, dann wieder in Apg und 1Kor; ἑρμηνεύω nur im Joh und Hebr; μεθερμηνεύω nur Mt, Mk, Joh und Apg; μνημεῖον steht im selben Zusammenhang wie διερμηνεύω in Lk 24, ebenfalls in Mt, Mk, Joh, Apg; μνήμη nur 2Petr. Mal in Lk, an einer ersten Stelle, Lk 3,4, von der wir wissen, dass sie nicht in *Ev stand, dann in Lk 20,42, wo der Begriff in dem möglichen parallelen Vers von *Ev fehlt. 197 Beide Begriffe, der erste noch dreimal häufiger als der zweite, sind reichlich belegt in den kanonischen Evangelien (der zweite fehlt nur in Joh), auch wenn beide jeweils nur ein Mal bei Paulus belegt sind (der erste Gal 3,10; der zweite Phil 4,3), auch wenn der erste noch in den Pastoralbriefen (2Tim 4,13) und gleich zweimal in Hebr steht; der erste findet sich gleich dreimal in Apg und beide Begriffe finden sich wiederholt in der Apokalypse. 198 Ähnlich verhält es sich mit γραφή, 199 was reichlich in den Evangelien belegt ist, auch bei Paulus - man bemerke wieder die Präsenz in den Zusatzkapiteln Röm 15 und 16 -, auch in Gal 3,8. 22, also nahe an Gal 3,10, wo uns βιβλίον entgegentrat, und dann vor allem in den Pastoralbriefen und den Katholischen Briefen (man vgl. vor allem zu den letzten beiden Briefsets auch βίος). Diese Belegstellen mit dem Auftauchen der Begriffe 200 in den Evangelien, der kanoni‐ schen Schicht auch der Paulusbriefe, dann in den Pastoralbriefen, Hebr, Apk und Apg, auch in den Katholischen Briefen spricht dafür, dass wir es mit einer Nomenklatur zu tun haben, die erst in der zweiten kanonischen Redaktion eine Relevanz gewonnen hat, wo die Schriftlichkeit und das Format derselben von Bedeutung geworden sind. Dies wird unterstützt von der Präsenz der weiteren, oben gelisteten Termini, die auf die Schriftlichkeit und den Umgang 314 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="315"?> 201 Vor allem, weil schon Origenes das voranstehende ἐπιχειρέω negativ qualifizierte und damit auch die διήγησις nicht wertfrei verstanden wird, sondern als ein Schriftwerk, von dem sich Lk absetzen will - es ist mir übrigens unverständlich, wie neutestament‐ liche Exegeten dieses Zeugnis des Origenes zur Seite schieben können, wo doch auch die einzigen beiden anderen Belegstellen für ἐπιχειρέω im Neuen Testament, Apg 9,29 und 19,13, den überaus negativen Ton dieses Verbs bestätigen (vor allem dann, wenn man noch von derselben Autorschaft an Lk und Apg ausgehen möchte), die eher neutrale Verwendung in einer Widmung an Nero ist doch weniger naheliegend, vgl. zu Thessalos und seiner Widmung an Nero M.-J. Lagrange, Évangile selon Saint Luc (1927), 2. Zur positiven Bewertung H.J. Cadbury, Commentary on the Preface of Luke (1922), 493-494; I.H. Marshall, The Gospel of Luke. A Commentary on the Greek Text (1978), 41; G. Schneider, Das Evangelium nach Lukas 1 Kapitel 1 - 10 (1977), 38; J. Ernst, Das Evangelium nach Lukas (1977), 47. Zustimmend auch J.R. Dillon, Previewing Luke’s Project from His Prologue (Luke 1: 1-4) (1981), 206-207; M. Wolter, Die Proömien des lukanischen Doppelwerks (Lk 1,1-4 und Apg 1,1-2) (2009), 486. Hingegen argumentierte für eine Kritik G. Klein, Lukas 1,1-4 als theologisches Programm (1964). Ihm schließt sich an F. Bovon, Das Evangelium nach Lukas Teilband 1: Lk 1,1---9,50 (1989), 34. 202 ThWNT VII 570. mit Schriftprodukten verweisen. Auf die Ebene dieser Redaktion verweist dann insbesondere die Verwendung auch von ἐπιστολή, die sich etwa in Röm nur in dem Zusatzkapitel 16 findet, auch in 1Kor 16 in einem Kapitel, das sich als kanonisch-redaktionelles herausstellen wird. Es wurde schon viel über διήγησις in Lk 1,1 gerätselt, 201 einem Vers, der vor‐ kanonisch fehlt, doch wenn man feststellt, dass das zugehörige Verb διηγέομαι noch zwei Mal in Lk wiederholt wird, dann auch zwei Mal in Mk steht, drei Mal in Apg und ein Mal in Hebr auftaucht, aber weder in *Paulus noch in Paulus, wird man diese Wortgruppe auf die Ebene der zweiten kanonischen Redaktion verweisen. Was die weiteren für die historiographischen Elemente bedeutenden Begriffe betrifft, greife ich lediglich noch πολεμέω, στάσις, στρατεία, στράτευμα, στρατηγός, στρατιά, στρατιώτης und σχίσμα heraus. Insgesamt fällt auf, dass im vorkanonischen *Paulus diese ganze Reihe an Begriffen zu den Themen Zwiespalt, Aufstand und Militär unbezeugt ist und sie erst durch die (wohl zweite) kanonische Redaktion in die Texte geschrieben werden. Dass dies z.T. eher verhalten geschieht, lässt sich bereits an στάσις ablesen, das in den Evangelien nur ein Mal in Mk zu finden ist (Mk 15,7) und zwei Mal in Lk, während es für Paulus überhaupt nur in Hebr nachweisbar ist (Hebr 9,8; hier im Sinn von „Bestand“ 202 ). Betrachten wir die Einträge in Lk 23,19. 25, stellen wir fest, dass dies in einer Perikope geschieht, die nach Tertullians Angaben nachweislich in *Ev vorhanden war, auch wenn die sprachliche Gestalt nicht mehr präzise rekonstruierbar ist. Doch gerade die Lesart von §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 315 <?page no="316"?> 203 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 1222. 204 Letzteres findet sich auch in der Sieben-Briefe-Sammlung des Ignatius (IgnEph 8,1). 205 H. Paulsen, Schisma und Häresie: Untersuchungen zu 1Kor 11, 18. 19 (1982), 206. Vgl. hierzu auch A. Brent, Luke-Acts and the Imperial Cult in Asia Minor (1997), 419. *Ev 23,25, wo nach 05 Barabbas nicht διὰ στάσιν καὶ φόνον ins Gefängnis geworfen worden war, sondern nur ἕνεκα φόνου, scheint den vorkanonischen Text wiederzugeben, dem die kanonisch-redaktionelle Tendenz der Steigerung durch die Hinzufügung von στάσις entspricht, „die lk Redaktion hat dadurch den Gegensatz zwischen Barabbas und Jesus noch gesteigert“. 203 War Klinghardt noch unsicher, ob folglich auch in *Ev 23,18 der Passus στάσιν τινὰ γενομένην ἐν τῇ πόλει καὶ eine kanonisch-redaktionelle Zugabe darstellt, deutet der lexikalische Befund darauf hin, dass auch dieser Teil im vorkanonischen Text gefehlt hat. Auch in Mk 15,7 wurde eine entsprechende Passage eingefügt: ἦν δὲ ὁ λεγόμενος Βαραββᾶς μετὰ τῶν στασιαστῶν δεδεμένος οἵτινες ἐν τῇ στάσει φόνον πεποιήκεισαν, hier noch leicht weiter gesteigert, dass nicht nur Barabbas, sondern mit ihm auch noch weitere Aufständische bei dem Mord „während des Aufstandes“ beteiligt waren. Der Begriff selbst begegnet wohl nicht zufällig wieder in Apg 15,2 bei der Begründung des Beschlusses, wonach sich Paulus und Barnabas zu den Aposteln und den Ältesten nach Jerusalem zu begeben hätten, es sei nämlich zwischen ihnen und den Leuten von Judäa wegen der Frage der Beschneidung eine στάσις entstanden. Wenig später in Apg 19,40 wird „Aufruhr“, στάσις, dann auch als Drohgebärden eingeführt, sollten die Ankläger des Paulus bzw. seiner Gefährten nicht den Rechtsweg einschlagen. Und es ist genau dieser Vorwurf, mit dem der Hohepriester Hananias mit einigen Ältesten und sogar einem Anwalt namens Tertullus Paulus vor den Statthalter Felix gebracht hatten (Apg 24,1-5). Zuvor wurde in Apg 23,7. 10 noch von einer στάσις zwischen Pharisäern und Sadduzäern im Dissenz um die Auferstehung berichtet. Im Kontext der Evangelien las man diese Hinweise auf στάσις mit derselben Schärfe, die sich hier in Apg niedergeschlagen hat und die verdeutlichen sollte, wie schwerwiegend der Streitfall war, der es notwendig gemacht hatte, dass sich Paulus und Barnabas der Beratung und Entscheidung der Apostel zu stellen hatten. Schließlich dient der Terminus auch in 1Klem (9 Mal) zusammen mit σχίσμα neben ζῆλος und ἔρις 204 als „Kennzeichnung der Störung der gottgewollten Ordnung“. 205 Dieser Gebrauch erklärt auch, warum der Begriff σχίσμα auf der vorkanoni‐ schen Ebene in *Paulus fehlt. Im *Ev kann er begegnet sein, wie Epiphanius bezeugt, doch werden wir gleich bei στρατηγός weiter unten sehen, dass 316 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="317"?> 206 Tert., Adv. Marc. IV 11,10: … ut ostenderet se evangelii novitatem separare a legis vetustate, suam demonstrabat et illam a qua separabat alienorum separatione non fuisse notandam, quia nemo alienis sua adiungit ut ab alienis separare possit. 207 Klinghardt folgt hier Epiphanius und übernimmt μειζον γαρ σχισμα γενησεται für *Ev 5,36b, M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 584. BeDuhn folgt ebenfalls Epiphanius, J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 101. Roth und Harnack sehen die Perikope bezeugt, sind jedoch der Meinung, dass der Wortlaut nicht mehr zu rekon‐ struieren sei, D.T. Roth, The Text of Marcion’s Gospel (2015), 414; A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 189*-190*. Zahn folgt ebenfalls Epiphanius, T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, Band 2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892), 459. 208 Vgl. zu ihr auch MartPol 2; 4,6; 7. 209 Vgl. ThWNT VI 512-515. man bisweilen auch seinem Zeugnis misstrauen muss, weil, wie auch andere Stellen in der Rekonstruktion des *Paulus zeigen, sein Text nicht unkontaminiert von der kanonischen Version ist. Das Beispiel vom neuen Stück Stoff auf einem alten Gewand und dem neuen Wein in alten Weinschläuchen stellt nach Tertullian eines der herausfordernden Gleichnisse dar, mit welchem Markion die Inkompatibilität von Christentum und Judentum und die Unmöglichkeit, das Neue Testament mit dem Alten Testament zu verbinden, veranschaulichte. 206 Trotz dem Herausstellen der Antithese hält *Ev aber daran fest, dass man darum keinen neuen Flicken auf ein altes Gewand nähen kann, wie man auch keinen neuen Wein in alte Schläuche gießen dürfe, weil man sonst beides zerstöre. Es geht *Ev folglich um den Erhalt sowohl des Neuen wie auch um den „Nutzen für das Alte“ (*Ev 5,36-38). 207 Was Epiphanius bietet, könnte durch Mt/ Mk kontaminiert sein, in Lk 5 fehlt der Begriff. Im Mt ist das Szenario unter Nutzung von σχίσμα scharf formuliert, während dem Beispiel im Lk eine andere Wende gegeben wird, wenn es am Ende in Lk 5,39 heißt: „Niemand, der alten Wein trinkt, will jungen; denn er sagt: Der alte ist bekömmlich.“ Zu der Gruppe πολεμέω, στρατεία, στράτευμα, στρατηγός, στρατιά, στρατιώτης: 208 Die Bedeutung von „kämpfen“ (πολεμέω) 209 kommt den zuvor betrachteten Termini στάσις und σχίσμα am nächsten in Jak 4,1-2, wo sich über die internen Kämpfe der Adressaten beklagt wird: „1 Woher kommen Kriege (πόλεμοι) bei euch, woher Streitigkeiten (μάχαι)? Etwa nicht von den Leidenschaften, die in euren Gliedern streiten? 2 Ihr begehrt und erhaltet §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 317 <?page no="318"?> 210 Jak 4,1-2. doch nichts. Ihr mordet und seid eifersüchtig und könnt dennoch nichts erreichen. Ihr streitet und führt Krieg (μάχεσθε καὶ πολεμεῖτε).“ 210 Nun begegnet πόλεμος bereits im *Ev, auch in *Paulus (wenn auch nur in *Laod 6,16). Im *Ev steht es im Kontext der Endzeitrede (vgl. auch Mt 24,6-7 / / Mk 13,7-8 / / Lk 21,9-10), für die Kämpfe „Königreich gegen Königreich und Volk gegen Volk“, die als Vorboten der Endzeit verstanden werden. Einen wichtigen Hinweis für den möglichen Werdegang der redaktionellen Arbeit sowohl an *Paulus wie Paulus gibt uns in diesem Kontext *Laod/ Eph 6,14-16: *Laod 6,14-16 Eph 6,14-16 14 στῆτε οὖν περιζωσάμενοι τὴν ὀσφὺν ὑμῶν ἐν ἀληθείᾳ καὶ ἐνδυσάμενοι τὸν θώρακα τῆς δικαιοσύνης 15 καὶ ὑποδησάμενοι τοὺς πόδας ἐν ἑτοιμασίᾳ τοῦ εὐαγγελίου τῆς εἰρήνης, 14 στῆτε οὖν περιζωσάμενοι τὴν ὀσφὺν ὑμῶν ἐν ἀληθείᾳ καὶ ἐνδυσάμενοι τὸν θώρακα τῆς δικαιοσύνης 15 καὶ ὑποδησάμενοι τοὺς πόδας ἐν ἑτοιμασίᾳ τοῦ εὐαγγελίου τῆς εἰρήνης, 16 οὐ τοῦ πολέμου ἐν ᾧ πάντα τὰ βέλη τοῦ πονηροῦ τὰ πεπυρωμένα σβέσαι· 16 ἐν πᾶσιν ἀναλαβόντες τὸν θυρεὸν τῆς πίστεως, ἐν ᾧ δυνήσεσθε πάντα τὰ βέλη τοῦ πονηροῦ [τὰ] πεπυρωμένα σβέσαι· *Laod 6,14-16 Eph 6,14-16 14-So steht nun, eure Lenden umgürtet mit der Wahrheit und angetan mit dem Brustpanzer der Gerechtigkeit, 15-die Füße beschuht mit der Bereitschaft für das Evangelium des Friedens, 14-So steht nun, eure Lenden umgürtet mit Wahrheit und angetan mit dem Brust‐ panzer der Gerechtigkeit, 15 und beschuht an den Füßen mit Bereitschaft für das Evangelium des Friedens; 16 nicht des Krieges, um darin alle feu‐ rigen Geschosse des Bösen auszulö‐ schen. 16-bei allem ergreift den Schild des Glau‐ bens, mit dem ihr alle feurigen Pfeile des Bösen auslöschen könnt Zunächst lässt sich feststellen, dass zwar militärische Sprache verwendet wird, doch wird auf der vorkanonischen Ebene ausdrücklich die Qualifizierung „des Evangeliums“ als ein solches „des Friedens“ dadurch unterstrichen, dass es kein solches „des Krieges“ sei, also dass es trotz der militärischen Sprache nicht einmal um Verteidigung gehe. Wenn auf der kanonischen Ebene das Greifen „zum Schild des Glaubens“ hinzugefügt wird, tritt ein entscheidender Interpre‐ 318 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="319"?> 211 In Euseb. Caes., Hist. eccl. V 16,21: οἱ ἀπὸ τῆς Μαρκίωνος αἱρέσεως Μαρκιανισταὶ καλούμενοι πλείστους ὅσους ἔχειν Χριστοῦ μάρτυρας λέγουσιν. 212 Vgl. hierzu weiter unten die Zusammenfassung. tationswandel zu Tage. Während auf der vorkanonischen Ebene derjenige, der den Weg des Friedensevangeliums geht und nur mit dem „Brustpanzer der Gerechtigkeit“ ausgerüstet seine Bereitschaft für dieses Friedensevangelium lebt, den feurigen Geschossen des Bösen ausgesetzt, aber dadurch diese aus‐ löscht - eine Umschreibung für die Martyriumsbereitschaft -, wird durch die kanonisch-redaktionelle Einführung des Schildes des Glaubens der Gedanke des Selbstschutzes eingeführt. Nun wissen wir, dass Markioniten nach Ausweis eines anonymen Antimontanisten stolz auf ihre Martyriumsbereitschaft waren, dass diese aber zugleich von ihren Gegnern kritisiert wurde: „Diejenigen, die von der Häresie des Markion kommen und Markioniten heißen, sagen, sie be‐ säßen die meisten Märtyrer Christi“, heißt es bereits im zweiten Jahrhundert. 211 Auch im Licht dessen, was im Anschluss hier angeführt wird, stellt sich die Frage, wie diese militärische Sprache auf die vorkanonische Ebene gelangt, der, wie wir sehen werden, eine solche weithin fremd ist und, wenn überhaupt, dann nur im eschatologischen Zusammenhang begegnet. Es liegt ein Hinweis darauf vor, dass die km Deuteropaulinen - mit dieser Kennzeichnung wird, wie früher dargelegt, hier wieder ausgezeichnet, was an Material der vorkanonischen *Redaktion durch die kanonische Redaktion zugekommen zu sein scheint - möglicherweise den übrigen *Paulusbriefen, die selbst bereits als Sammlung vor der vorkanonischen existiert zu haben scheinen, hinzugestellt und vermittels Bearbeitung durch die vorkanonische *Redaktion in die *7-Briefe-Sammlung eingegliedert wurden. Ob der Text der km Deuteropaulinen bereits den Hinweis auf den Schild des Glaubens enthalten hatte und er dann durch die *Redaktion getilgt worden war, oder ob dieser Passus erst durch die kanonische Redaktion Vers 16 zugewachsen ist, lässt sich nicht mehr sicher bestimmen, allerdings sind spätere Zuwächse eher wahrscheinlich als Kürzungen. Folgt man diesem Prinzip, scheint es jedoch so zu sein, dass vermutlich der vorkanonische Text der km Deuteropaulinen bereits die Verse 14-16 mit der militärischen Sprache lieferte, jedoch noch ohne den Zusatz „nicht des Krieges“. Diesen Zusatz scheint erst die vorkanonische *Redaktion den km Versen hinzugefügt zu haben, um diese im eigenen Sinne zu verdeutlichen. Im Gegenzug dazu scheint die kanonische Redaktion wiederum diese Verdeutlichung durch den Hinweis auf den „Schild des Glaubens“ korrigiert und den Zusatz wieder gestrichen zu haben. Die Bearbeitung scheint also Stufen gehabt zu haben. 212 Wie weit die kanonische Sammlung zur Steigerung bereit ist, lässt sich am Hebräerbrief ablesen. Hier geht es nicht nur um Selbstverteidigung, §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 319 <?page no="320"?> 213 Zu diesem Terminus und der Wortgruppe um ihn vgl. ThWNT VII 701-713. 214 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 1187. BeDuhn hat die Verse 22,49-53 in seine Rekonstruktion nicht aufgenommen, Verse 49-51 aufgrund des Auslassungsvermerks bei Epiphanius, Verse 52-54a wegen der Nähe von Versen 53-54a zu johanneischer Terminologie, J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 188. Er verweist hierbei auf M. A. Matson, In Dialogue with Another Gospel? The Influence of the Fourth Gospel on the Passion Narrative of the Gospel of Luke (2001), 127; J.A. Fitzmyer, The Gospel according to Luke. Introd., transl., and notes. 2. (X - XXIV) (1985), 1452. Roth und Harnack sehen die Stelle ebenfalls als unbezeugt, D.T. Roth, The Text of Marcion’s Gospel (2015), 433; A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 234*. Zahn sieht den kanonischen Text präsent, T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, Band 2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892), 491. sondern Glaube wird über die Tradition der Vergangenheit definiert als Er‐ probtwerden und Standhaftigkeit (Hebr 11,27), aber auch als Besiegen von Königreichen (οἳ διὰ πίστεως κατηγωνίσαντο βασιλείας), Stopfen von Löwen‐ mäulern (ἔφραξαν στόματα λεόντων) (Hebr 11,33), Stark-Werden im Krieg und In-die-Flucht-Schlagen feindlicher Heere (ἐγενήθησαν ἰσχυροὶ ἐν πολέμῳ, παρεμβολὰς ἔκλιναν ἀλλοτρίων) (Hebr 11,34). Und im letzten Buch der kanoni‐ schen Sammlung, in der Apokalypse, heißt es, dass „der rettende Sieg, die Macht und die Königsherrschaft unseres Gottes und die Vollmacht seines Gesalbten“ deshalb da ist, weil zuvor „im Himmel ein Kampf “ entbrannt war und „Michael und seine Engel […] den großen Drachen, die alte Schlange, die Teufel oder Satan heißt […], auf die Erde gestürzt […] und hinabgeworfen“ haben (Apk 12,7-10). Das Kriegsgeschehen gipfelt in Gottes Kampf, in welchem er „die große Hure gerichtet“ hat, wodurch er „König geworden ist, der Herr, unser Gott, der Herrscher über die ganze Schöpfung“ (Apk 19,2. 6). Von dem „Treuen und Wahrhaftigen“ wird dann in der Schau berichtet, dass er „Krieg führt, seine Augen waren wie Feuerflammen […] bekleidet mit einem blutgetränkten Gewand, und sein Name heißt: Das Wort Gottes“ (Apk 19,11-13). στρατηγός steht in den neutestamentlichen Evangelien nur in Lk 22,4. 52. 213 Auch wenn Epiphanius den Begriff für *Ev bezeugt, sieht Klinghardt hier wohl richtig, wenn er in *Ev 22,4 der Lesart von 05, it sy s.c folgt, welche ἀρχιερεῦσι bezeugen. Für *Ev 22,52 macht er plausibel, dass in diesem unbezeugten Vers, wo im parallelen Vers nur Lk die Adressaten spezifiziert, diese nicht aufgeführt waren und sie in Lk eine „redaktionelle Einfügung“ darstellen, „die gezielt auf Lk 22,4 zurückweist“. 214 Ein στρατηγός ist für keinen der vorkanonischen oder kanonischen paulinischen oder katholischen Briefe bekannt, findet sich jedoch 320 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="321"?> 215 *1Kor 9,7: τίς στρατεύεται; τίς φυτεύει ἀμπελῶνα καὶ ἐκ τοῦ καρποῦ αὐτοῦ οὐκ ἐσθίει καὶ πίνει; τίς ποιμαίνει ποίμνην καὶ ἐκ τοῦ γάλακτος οὐκ ἐσθίει; 216 2Kor 10,3-6. 217 1Tim 1,18: -… ἵνα στρατεύῃ ἐν αὐταῖς τὴν καλὴν στρατείαν. 218 2Tim 2,3-6. Vgl. auch IgnPol 6,2 - ein Vers, der auch in der Drei-Briefe-Sammlung des Ignatius präsent ist. wiederholt in der Apostelgeschichte, was desto auffälliger ist, als das Dienen als Soldat sowohl vorkanonisch bezeugt ist (*1Kor 9,7 215 ) wie auch kanonisch wiederholt begegnet (Lk 3,14, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 1Kor 9,7; 2Kor 10,3; 1Tim 1,18; 2Tim 2,4; Jak 4,1; 1Petr 2,11). Hierbei ist zu bemerken, dass an der vorkanonischen Stelle der Militärdienst (neben dem Weinbau und dem Weiden der Herde) lediglich als Beispiel dafür genommen wird, dass man nicht aus sich heraus, sondern immer aus den Leistungen oder von Früchten seinen Lohn erhält, während auf der kanonischen Ebene von einem geistlich-militärischen Kampf die Rede ist. So schreibt etwa der kanonische Paulus in 2Kor 10,3-6: „3 Denn obwohl wir im Fleisch wandeln, kämpfen wir nicht nach dem Fleisch (οὐ κατὰ σάρκα στρατευόμεθα). 4 Denn die Waffen (ὅπλα) unseres Kampfes (στρατείας) sind nicht fleischlich (οὐ σαρκικὰ), sondern mächtig vor Gott (δυνατὰ τῷ θεῷ) zur Zerstörung von Festungen. Wir zerstören Gedankengebäude 5 und jede Höhe, die sich gegen die Erkenntnis Gottes erhebt, und nehmen jeden Gedanken gefangen (αἰχμαλωτίζοντες) zum Gehorsam gegen Christus. 6 Und wir sind bereit, allen Ungehorsam zu bestrafen, sobald euer Gehorsam vollkommen geworden ist.“ 216 Diese Vorstellung vom Glauben als einem Kampf entspricht der Auffassung, die in den Pastoralbriefen wiederkehrt, wenn es in 1Tim 1,18 heißt: „… durch diese Worte gestärkt, kämpfe den guten Kampf “. 217 In 2Tim 2,3-6 wird sichtlich die Stelle ( * ) 1Kor 9,7 aufgegriffen, jedoch mit der kanonischen Vorstellung vom Glaubenskampf eingeführt und erweitert: „3 Leide mit mir als guter Soldat (στρατιώτης) Christi Jesu! 4 Keiner, der in den Krieg zieht (στρατευόμενος), lässt sich in Alltagsgeschäfte verwickeln, denn er will, dass sein Heerführer (στρατολογήσαντι) mit ihm zufrieden ist. 5 Und wer an einem Wettkampf teilnimmt, erhält den Siegeskranz nicht, wenn er nicht nach den Regeln kämpft. 6 Der Bauer, der die ganze Arbeit tut, soll als Erster seinen Teil von der Ernte erhalten.“ 218 Während aus ( * ) 1Kor 9,7 noch der Lohngedanke erscheint, überlagert doch der geistige Kampf die Stelle. Nimmt man dann die weitere Steigerung hinzu, die uns vorhin zunächst aus dem Hebräerbrief und schließlich der Apokalypse entgegen getreten ist, so fügt sich das Bild einer Entwicklung von einem vorkanonischen „Evangelium des Friedens, nicht des Krieges“ hin zu einer §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 321 <?page no="322"?> 219 Vgl. hierzu auch meine Ausführungen zu Gewalt im frühen Christentum in M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2. Jahrhundert (2022), 307-320. 220 Es ist überhaupt ein Merkmal der kanonischen Redaktion, die Biographie des Paulus auszuweiten - etwa die Selbstbezeichnung, er sei ein Israelit, findet sich nur auf der kanonischen Ebene (2Kor 11,22; Röm 11,1; besonders markant ist Phil 3,5, ein Vers, der vorkanonisch bezeugt ist, jedoch gerade diese Selbstbezeichnung nicht), vgl. A. Standhartinger, Philippians and Philemon (2022). 221 „Punitive encounters with local and Roman magistrates feature in every stratum of the ancient Pauline tradition, from the undisputed letters to the deutero-Pauline material, and the canonical Acts to the apocryphal Acts of Paul“, R.S. Schellenberg, Beatings and Imprisonments (2022), 123. 222 Vgl. hierzu etwa mit Blick auf den Streit zwischen Rufin und Hieronymus, ibid. 138-139. immer kampfeswilligeren Auffassung in der kanonischen Sammlung des Neuen Testaments. 219 Damit ergibt sich aber aus der Betrachtung der historiographischen Termini, die allesamt in *Paulus fehlen und fast vollständig auch in *Ev zu fehlen scheinen, dass wir es erneut mit einer deutlichen Differenz zwischen der vorkanonischen und der kanonischen Ebene zu tun haben, eine Differenz, die sowohl lexikalisch wie inhaltlich fassbar ist. Dieser Differenz gegenüber steht eine große Kohärenz von *Paulus und *Ev was ebenfalls Lexik und Inhalt betrifft. Und ihr gegenüber steht eine andere Kohärenz der kanonischen Redaktionsebene, auch wenn innerhalb derselben es eine Steigerungslogik gerade der kriegerischen Ideologie gibt, die sich in den jüngeren Schriften findet, welche später in die Sammlung aufgenommen wurden. Damit taucht wieder der Hinweis darauf auf, dass wir es mit zwei kanoni‐ schen Redaktionen zu tun haben, wobei sich die vorkanonische *Redaktion bereits an Quellensammlungen bedient, die gewisse Nähen zum kanonischen Milieu aufweisen. Auf all diese Aspekte wird auch in den nachfolgenden Untersuchungen zu achten sein. Eine für die Biographie des kanonischen Paulus zentrale Vorstellung 220 ist die seiner Bestrafung durch lokale und römische Magistrate, die nach Schel‐ lenberg „auf jeder Ebene der alten paulinischen Tradition begegnet, von den unbestrittenen Briefen um deuteropaulinischen Material und von der kanoni‐ schen Apostelgeschichte zu den apokryphen Paulusakten“. 221 Zugleich lässt sich an der späteren Rezeption ablesen, dass der Topos der Gefängnishaft zur Authentifizierung der eigenen Position des kanonischen Paulus diente. 222 Nun fällt auf, dass ein Kernbegriff, der des Misshandeltwerdens (ὑβρίζω) zwei Mal in Lukas begegnet (Lk 11,45; 18,32), an einer Stelle in Mt (Mt 22,6), auch in einem der sieben Paulusbriefe (1Thess 2,2) und schließlich auch Apg 14,5, doch all diese Stellen befinden sich auf der kanonischen Ebene. 322 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="323"?> Lk 11,45 („Darauf erwiderte ihm ein Gesetzeslehrer: Meister, mit diesen Worten beleidigst du auch uns“), ein Vers, in welchem das Verb begegnet, ist vorkanonisch unbezeugt, auch wenn die nächsten beiden Verse und auch Verse davor bezeugt sind. Lk 18,32 („Denn er wird den Heiden ausgeliefert, wird verspottet, misshandelt und angespuckt werden“), wo das Verb erneut begegnet, steht innerhalb einer Perikope, die nach Epiphanius im vorkanonischen Text abwesend ist. Im Gleichnis vom königlichen Hochzeitsmahl schildert Matthäus (Mt 22,6), dass die Geladenen sich nicht um die Einladung kümmerten, sondern ihrer Arbeit auf dem Acker oder im eigenen Laden nachgingen, während „andere über seine Diener herfielen, sie misshandelten und umbrachten“, drastische Reaktionen, wie Menschen mit der gewährten Chance und den sie überbringenden Boten umgehen. Als Antwort, so schildert Matthäus, wurde der einladende König zornig, „schickte seine Heere, ließ die Mörder töten und ihre Stadt in Schutt und Asche legen“. Blicken wir in das Zeugnis des Paulus, so führt 1Thess 2,2 eine Liste der Bedrängnisse auf, in die er geraten war: „Obwohl wir zuvor gelitten hatten und misshandelt (ὑβρισθέντες) worden waren in Philippi, wie ihr wisst, haben wir im Vertrauen auf unseren Gott Freimütigkeit gehabt, bei euch das Evangelium Gottes zu verkündigen in vielem Kampf “. Die Apostelgeschichte berichtet: „5 Als die Apostel merkten, dass die Heiden und die Juden zusammen mit ihren Führern entschlossen waren, sie zu misshandeln (ὑβρίσαι) und zu steinigen, 6-flohen sie in die Städte von Lykaonien, Lystra und Derbe und in deren Umgebung“ (Apg 14,5-6). Was die Gesetzeslehrer gegenüber Jesus kritisieren, dass sie durch seine Worte beleidigt werden, gilt umgekehrt als Vorwurf gegenüber den Feinden Jesu, zunächst den Heiden, dass sie den Herrn verspotten und misshandeln, gerade so, wie es das Gleichnis bei Matthäus von den Juden ausführt, dort verbunden mit der Kapitalstrafe. Die kanonische Redaktion appliziert diese Form des Bedrängnisses auf Paulus, wobei es hier nicht mehr Heiden, sondern nicht gläubig gewordene Juden waren, die Paulus misshandelt hatten, während in der Apostelgeschichte diese Bedrängnis überhaupt auf „die Apostel“ ausgeweitet wurde und ausdrücklich nun „Heiden und Juden“ als Bedränger benannt werden. Damit jedoch nicht genug, in 2Kor 11 weitet die kanonische Redaktion diese Ansätze zu einer Selbstapologie des kanonischen Paulus aus: „23 Sie sind Diener Christi? Ich rede unsinnig - ich bin es mehr: in viel größerer Mühe, in viel mehr Gefängnissen, weit mehr Schlägen, oft in Todesgefahr. 24 Von den Juden habe ich fünfmal die vierzig Geißelhiebe weniger einen empfangen. 25 Dreimal bin ich mit Ruten geschlagen, einmal gesteinigt worden, dreimal habe ich Schiffbruch §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 323 <?page no="324"?> 223 Ibid. 126 224 Ibid. 127. Grundsätzlicher zur Abhängigkeit der Apostelgeschichte von den Paulus‐ briefen: R.S. Schellenberg, The First Pauline Chronologist? Paul’s Itinerary in the Letters and in Acts (2015); R.I. Pervo, Dating Acts. Between the Evangelists and the Apologists (2006). 225 *Phil 1,13; *Phlm 1,9. 13; vgl. *2Kor 1,8; *Gal 6,17. erlitten, einen Tag und eine Nacht trieb ich auf dem tiefen Meer. 26 Oft auf Reisen, in Gefahren durch Flüsse, in Gefahren durch Räuber, in Gefahren durch mein eigenes Volk, in Gefahren durch Heiden, in Gefahren in der Stadt, in Gefahren in der Wüste, in Gefahren auf dem Meer, in Gefahren unter falschen Brüdern; 27 in Mühe und Arbeit, oft in Nachtwachen, in Hunger und Durst, oft in Fasten, in Kälte und Blöße. 28 Und außer all dem das tägliche Andringen auf mich, die Sorge um alle Kirchen. 29 Wer ist schwach, und ich bin nicht schwach? Wer wird zu Fall gebracht, und ich brenne nicht? 30 Wenn gerühmt werden muss, so will ich mich meiner Schwachheit rühmen. 31 Der Gott und Vater des Herrn Jesus, der gepriesen sei in Ewigkeit, weiß, dass ich nicht lüge.“ (2Kor 11,23-31). Bereits der letzte Satz lässt die kritische Leserschaft aufmerken - wenn in der literarischen Fiktion betont werden muss, dass der Vortragende nicht lügt, ist doppelte Skepsis angebracht. In diesem Fall ist es ein Hinweis auf den literarisch-fiktiven Charakter dieser Passage, die gerade wegen ihrer Detailverliebtheit und Drastik sich gegenüber dem vorkanonischen *Paulus deutlich in Stil und Inhalt abhebt. Es wurde bereits die sprachliche Nähe zwischen dieser Passage und Apg 16 gesehen, 223 doch als „einfachste Erklärung“ wurde angenommen, die Apostelgeschichte habe den Paulusbrief benutzt. 224 Schellenberg etwa verweist darauf, dass ῥαβδίζω im Neuen Testament nur an unserer Stelle hier, 2Kor 11,25, und ein weiteres Mal in Apg 16,22 steht. Dann findet sich das verwandte ῥαβδοῦχος nur Apg 16,35. 38. Dann führt er πληγή an, das ebenfalls an beiden Vergleichsstellen zu finden ist (2Kor 11,23; Apg 16,23), und auch φυλακή, das wieder in 2Kor 11,23 und Apg 16,23. 27. 37 steht. Nimmt man allerdings die weiteren Fundstellen von πληγή und φυλακή hinzu, erkennt man, dass die einfachste Erklärung nicht die der Abhängigkeit der Apg 16 von 2Kor 11 darstellt, sondern dass es sich um die zweite kanoni‐ sche Redaktion handelt, deren Sprachgebrauch und Intentionalität sich darin niedergeschlagen hat. Denn πληγή und φυλακή begegnen zunächst gemeinsam auf der vorkanonischen Ebene in *Ev 12,35-59 (πληγή: *Ev 12,48; φυλακή: *Ev 12,38. 58) in einem eschatologischen Zusammenhang, während die Begriffe im vorkanonischen *Paulus fehlen, obwohl *Paulus sich an verschiedenen Stellen als in Gefangenschaft geraten zu erkennen gibt. 225 Die kanonische Redaktion führt diese eschatologisch besetzte Terminologie jedoch über in einen 324 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="325"?> 226 Für diese literarische Konstruktion spricht auch, dass in späteren kanonischen (etwa den Pastoralbriefen) und nichtkanonischen paulinischen Pseudepigraphen sich die Tendenz fortpflanzt, also etwa in 3Kor, Ps.-Laod usw., vgl. auch 1Klem 5,6; vgl. R.S. Schellenberg, Beatings and Imprisonments (2022), 127-128. Man vgl. auch die Hindeutung auf den bevorstehenden Tod auf der kanonischen Ebene, etwa Phil 1,20-24, vgl. hierzu D.L. Eastman, Death (2022), 250-251. Jetztbezug. Im Gleichnis vom Barmherzigen Samariter, das in *Ev fehlt, heißt es Lk 10,30: „Darauf antwortete ihm Jesus: Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und wurde von Räubern überfallen. Sie plünderten ihn aus und schlugen ihn nieder (πληγὰς ἐπιθέντες); dann gingen sie weg und ließen ihn halbtot liegen“. Bereits in 2Kor 6,4-8 wird die Terminologie (πληγή und φυλακή im selben Vers 5! ) eingesetzt, um Paulus sein eigenes Lob singen zu lassen: „4 In allem empfehlen wir uns als Diener Gottes: in vielem Ausharren, in Bedräng‐ nissen, in Nöten, in Ängsten, 5 in Schlägen, in Gefängnissen (ἐν πληγαῖς, ἐν φυλακαῖς), in Zeiten der Unruhe, in Mühen, in Wachen, in Fasten, 6 in Reinheit, in Erkenntnis, in Langmut, in Güte, im Heiligen Geist, in ungeheuchelter Liebe, 7 im Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, durch die Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken, 8 in Ehre und Unehre, in übler und guter Nachrede, als Betrüger und Wahrhafte“ (2Kor 6,4-8). Ansonsten begegnet πληγή nur noch wiederholt in der Apokalypse. Deutlicher ist φυλακή, das ca. 50 Mal im Neuen Testament steht, gleich zwei Mal in den Anfangskapiteln von Lukas, die in *Ev fehlen, dann aber auch wiederholt in Mt, Mk, Lk, ein Mal in Joh und 18 Mal in der Apostelgeschichte, auch in 1Petr 3,19; Hebr 11,36 und drei Mal in der Apokalypse. Wie bedeutsam die Gefangenenterminologie für den Praxapostolos ist, lässt sich an der Stelle des Ersten Petrusbriefes ablesen, 1Petr 3,19, nach der Christus nach seiner Auferstehung als Geist „auch zu den Geistern gegangen ist, die im Gefängnis waren, und ihnen gepredigt hat“. In Hebr 11,36 gilt das Gefangenwerden als Zeugnis und Ausweis des Glaubens: „Andere haben Spott und Schläge erduldet, ja sogar Ketten und Kerker.“ Hiermit schließt sich der Kreis, denn Schläge und Gefangengenommenwerden sind Authentifizierungsstrategien, mit denen die kanonische Redaktion sprachlich und inhaltlich arbeitet, um Paulus auszuweisen, ebenso die Apostel und Heiden und Juden für diese Bedrängnisse als Urheber zu stilisieren. Was zunächst wie eine literarische Abhängigkeit der Apostelgeschichte vom kanonischen Paulus erscheint, erweist sich als Tendenz der zweiten kanonischen Redaktion. 226 §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 325 <?page no="326"?> 227 Es erstaunt, wenn Kommentatoren zum Johannesevangelium nicht auf die Verbindung zum synoptischen Gleichnis von den Weinbauern verweisen, vgl. A. Wikenhauser, Das Evangelium nach Johannes (1961), 282-284. Einen Verweis bietet wenigstens W. Bauer, Das Johannesevangelium (1933), 189. b) Ökonomisch Auch was die ökonomischen Termini betrifft, ist es nur möglich, auf eine Auswahl hinzuweisen. Auf den ersten Blick fällt auf, dass die Termini ἁδρότης, γεωργέω, γεώργιον, γεωργός, δηνάριον, διακονία, διάκονος, ἐργασία vorkanonisch unbezeugt sind. Auch wenn κληρονομέω und κληρονομία vorkanonisch zu finden sind, fehlt κληρονόμος, auch κλῆρος. Und auch wenn κοινωνέω bezeugt ist, fehlen doch die Begriffe κοινός, κοινόω, κοινωνία, κοινωνικός, κοινωνός, κοπιάω, κτῆμα, λατρεία, λατρεύω, λῃστής, οἰκετεία, οἰκέτης, οἰκέω, οἴκημα, οἰκητήριον, οἰκοδεσποτέω. Οἰκονομία steht in *Laod, es fehlen aber οἰκονομέω und οἰκόνομος. Weiterhin begegnen ebenfalls nicht οἰκουμένη, πλοιάριον, πλοῖον, πλουσίως, πλουτέω, πλουτίζω, συνεργέω, συνεργός und ὑπηρέτης. Will man alphabetisch vorgehen, fehlt zunächst die ganze folgende Gruppe im vorkanonischen Text: γεωργέω 12 / 1 - etwa Lk 20,9. 10. 14, in Versen, die in *Ev fehlen, und überhaupt in Mt 21,33. 35. 38. 40. 41; Mk 12,1. 2. 7; Lk 20,9. 10. 14; Hebr 6,7 γεώργιον 1 - 1Kor 3,9 γεωργός 19 - etwa Lk 20,9. 10. 14. 16, in Versen, die in *Ev fehlen, und überhaupt in Mt 21,33. 34. 35. 38. 40. 41; Mk 12,1. 2. 7. 9; Lk 20,9. 10. 14. 16; Joh 15,1; 2Tim 2,6; Jak 5,7 Was die zentrale Perikope in Lk 20,9-18 betrifft, besitzen wir einen präzisen Aus‐ lassungsvermerk des Epiphanius in seinem Scholion 55. Doch dieses Gleichnis von den Weinbauern fehlt nicht nur im *Ev, es fehlt auch jeder Hinweis auf γεωργέω in *Paulus. Auch von einem γεωργός ist weder bei *Paulus noch im *Ev die Rede, während etwa Joh ihn kennt, und zwar sogar als Vater Jesu (ὁ πατήρ μου ὁ γεωργός ἐστιν), wie wenn Joh auf die Pointe des Gleichnisses anspielen wollte, das gar nicht in diesem Evangelium aufgeführt ist ( Joh 15,1). 227 Auch der kanonische Paulus hilft nach, indem die kanonische Redaktion in 1Kor 3,9 Paulus schreiben lässt: „Wir sind nämlich Gottes Mitarbeiter: Gottes Ackerfeld (γεώργιον), Gottes Bau (οἰκοδομή)“. Dass damit eine Verbindung 326 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="327"?> 228 M. Wolter, Das Lukasevangelium (2008), 394; M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 831. existiert mit dem Gleichnis von den Weinbauern zeigt die Präsenz der beiden auch dort beieinander stehenden Begriffe γεώργιον und οἰκοδομή und zwar insbesondere in der Matthäusfassung (Mt 21,33: Ἄνθρωπος ἦν οἰκοδεσπότης ὅστις … ᾠκοδόμησεν πύργον, καὶ ἐξέδετο αὐτὸν γεωργοῖς; 40-41: γεωργοῖς 42: οἱ οἰκοδομοῦντες). In den Pastoralbriefen heißt es 2Tim 2,6 in Anlehnung an 1Kor 9,7, jedoch in der Diktion der synoptischen Evangelien: „Der Bauer (γεωργός), der die ganze Arbeit tut, soll als Erster seinen Teil von der Ernte erhalten“. Ganz ähnlich spielt Jak 5,7 auf 1Kor 9,7 an, wiederum in der Diktion der kanonischen Redaktion: „Siehe, auch der Bauer (γεωργός) wartet auf die kostbare Frucht der Erde“. Und Hebr 6,7 liest man: „Wenn ein Boden den häufig herabströmenden Regen trinkt und denen, für die er bebaut wird (γεωργεῖται), nützliche Gewächse hervorbringt, empfängt er Segen von Gott“. Es ist zu erkennen, wie eng sowohl sprachlich und inhaltlich die Texte der kanonischen Redaktion aufeinander hin gearbeitet sind. δηνάριον steht in Lk 7,41, ausgerechnet innerhalb des Zusatzgleichnisses von den beiden Schuldnern, das, wie Klinghardt darlegt, schon länger in der Forschung Anlass zur Spekulation gab und inhaltliche Inkonsistenzen zum Kontext aufweist. Während Letzterer in Teilen für *Ev bezeugt ist, ist es das Zusatzgleichnis nicht. Es ist folglich nachvollziehbar, dass die Verse Lk 7,41-43 in *Ev gefehlt haben. Auch beim weiteren Vers, in welchem δηνάριον begegnet, Lk 10,35, stößt man auf das Phänomen, dass keiner unserer Zeugen für *Ev die Verse Lk 10,29-37 erwähnt oder streift. Was in diesen Versen und ihrem vorderen Kon‐ text verhandelt wird, setzt, wie bereits Wolter gesehen hat, den „Zusammenhang der jüdisch-christlichen Trennungsprozesse“ voraus, und Klinghardt attestiert, dass „die gesamte Thematik … unstrittig einen wesentlichen Schwerpunkt des redaktionellen Gesamtkonzepts von Lk-Act, der sich in der literarischen Anlage des Doppelwerkes zeigt“, bildet. 228 Wiederum steht der Begriff in Lk 20,24, er wird auch - allerdings in seiner antimarkionitischen Argumentation - bei Tertullian erwähnt (denario Caesaris), doch 05 und d bieten hier τὸ νόμισμα bzw. figuram. An dieser Stelle schwankt Klinghardt und optiert eher für δηνάριον, doch erneut hilft für die Entscheidung der lexikalische Vergleich. Es ist wohl kein Zufall, dass δηνάριον an keiner Stelle in *Ev gesichert ist, eher sogar die Abwesenheit des Begriffes naheliegt, und zugleich der Begriff auch bei *Paulus fehlt. νόμισμα ist der neutestamentlich weniger geläufige Begriff, der nur ein Mal in Mt 22,19 in der Parallelstelle begegnet, hingegen ist Mt δηνάριον ganz §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 327 <?page no="328"?> geläufig, ja begegnet sogar noch im selben Vers, dann auch kurz zuvor in Mt 20 gleich vier Mal in dem Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20,1-16), und weiter in Mt 18,28. Dieser Gebrauch weist νόμισμα als den ihm eher ungebräuchlichen Begriff aus, der sich am ehesten erklärt, wenn er aus der vorkanonischen Vorlage, aus *Ev, genommen und mit dem geläufigeren δηνάριον ergänzt wurde, von wo dieser Begriff seinen Weg zu Lk fand. Auch Mk ist nur δηνάριον geläufig (Mk 6,37; 12,15 im Paralleltext zu Lk 20,24; Mk 14,5), und so steht er auch zwei Mal in Joh ( Joh 6,7; 12,5), und wieder, gleich zwei Mal im selben Vers, in Apk 6,6. Auch für diesen Terminus δηνάριον ist auffallend, dass er nicht nur in *Paulus fehlt, sondern trotz der Geläufigkeit in allen vier neutestamentlichen Evange‐ lien, auch in der Apg und in der kanonischen Briefliteratur fehlt. Nun kann man daraus nicht zu viel ableiten, denn hier könnte die narrative Gelegenheit gefehlt haben, sich dieses Begriffes zu bedienen. Doch der Gedanke von Geld lag etwa dem kanonischen Paulus nicht fern, denn er verwendet den in Geld gezahlten Sold, ὀψώνιον, gleich drei Mal: Röm 6,23 innerhalb einer längeren Passage, die für *Paulus unbezeugt ist, jedoch viele Merkmale der kanonischen Redaktion aufweist; 1Kor 9,7 in einem Versteil, der vorkanonisch nicht bezeugt ist; 2Kor 11,8 in einem Vers, der innerhalb einer unbezeugten Passage (2Kor 11,3-12) steht, und in welchem gleich zwei ökonomisch bedeutende Begriffe kombiniert sind: ἄλλας ἐκκλησίας ἐσύλησα λαβὼν ὀψώνιον πρὸς τὴν ὑμῶν διακονίαν, die vorkanonisch nicht bezeugt sind. Auch hier ist es wenig wahrscheinlich, dass der Zufall herrscht, sondern die Lexik bestätigt die Nichtbezeugung und spricht für die vorkanonische Abwesenheit dieser Verse, wie dies vielfach weiter unten in der Rekonstruktion wieder begegnen wird. Dazu kommt, dass der Terminus ὀψώνιον ausgerechnet wieder in einem Vers in der Johanneserzählung von Lk (Lk 3,14) auftaucht, die bezeugtermaßen in *Ev gefehlt hat. Daraus folgt: Wahrscheinlich stand in *Ev 20,24 τὸ νόμισμα, während die beiden anderen Termini, das konkretere δηνάριον und τὸ ὀψώνιον kanonische Begriffe sind, die in den Evangelien zu finden sind und von denen der zweite auch beim kanonischen Paulus begegnet. Im Gegenüber zu diesem lexikalischen Befund steht die vorkanonische Ebene, wo einmal der eher weniger spezifische Begriff τὸ νόμισμα in *Ev begegnet, während weder im *Ev noch in *Paulus einer der kanonischen Begriffe stand. Auch in diesem Fall erweist sich die Profildifferenz zwischen der vorkanonischen und der kanonischen Ebene und die relative Kohärenz innerhalb der beiden Ebenen als Hilfe für die Frage der Rekonstruktion. 328 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="329"?> 229 Vgl. hierzu B.J. Koet, E. Murphy and E. Ryökäs, Eds., Deacons and Diakonia in Early Christianity. The First Two Centuries (2018). Vgl. ThWNT II 87-88. 230 Vgl. hierzu ThWNT II 88-93. 231 So M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evange‐ lien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 837; D.T. Roth, The Text of Marcion’s Gospel (2015), 421; T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, Band 2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892), 471. 232 Röm 12,7: εἴτε διακονίαν ἐν τῇ διακονίᾳ („hat einer die Gabe des Dienens, dann diene er“). 233 Röm 15,31: ἵνα-… ἡ διακονία μου-… 234 Vgl. auch weiter unten unsere Beobachtungen zu διακονέω. Der Begriff διακονία ist gerade zuvor bereits angeklungen, 229 wir können auch den weiteren verwandten des διάκονος dazunehmen. 230 Οbwohl beide Begriffe um die 30 Mal im kanonischen Neuen Testament stehen, finden sie sich weder bei *Paulus noch im *Ev. Was διακονία betrifft, steht der Begriff in den synop‐ tischen Evangelien nur an einer Stelle, Lk 10,40. Auch wenn die kleine Erzählung von Maria und Martha unbezeugt ist, 231 Harnack und Tsutsui sie schlicht übergehen, sind die von Klinghardt geltend gemachten Argumente gewichtig, die eine Präsenz der Perikope im *Ev wahrscheinlich machen. Doch stellt sich die Frage der Lexik, insofern die kanonische Handschriftenüberlieferung eine gründliche Bearbeitung der Stelle durch die kanonische Redaktion nahelegt. Dies gilt auch für Lk 10,40, zumal der sich darin befindliche Begriff διακονία gerade auf der kanonischen Ebene als ein sehr beliebter erweist. Er steht wiederholt in der Apostelgeschichte, in sieben der 14 Briefe des kanonischen Paulus, wovon nur drei zu den sieben „authentischen“ Paulusbriefen gehören. Der Begriff gibt sich also allen Anschein, dass er ein wichtiger Begriff für die kanonische Bearbeitung gerade des Pauluskorpus war. In Röm 11,13 lobt sich Paulus selbst: „Insofern ich Apostel der Heiden bin, rühme ich meinen Dienst,“ offensichtlich, weil er sich selbst als jemanden ansah, der „die Gabe des Dienens“ besaß. 232 In dem für *Röm als abwesend bezeugten Kapitel 15 stellt er erneut sich selbstlobend heraus: „… damit ich von den Ungläubigen in Judäa errettet werde und mein Dienst für Jerusalem den Heiligen angenehm sei“ (Röm 15,31). 233 Die Kombination von „Dienst“ und „Heiligen“ begegnet wieder in dem für den vorkanonischen *Paulus unbezeugten Kapitel 1Kor 16 (1Kor 16,15): „Sie haben sich in den Dienst für die Heiligen gestellt“. 234 Sprechend ist die gleich zweimalige Wiederbezeugung in 2Kor 3,7-8, in Versen, die für *Paulus bezeugt sind, doch gerade die Verwendung von διακονία ausgespart ist. Dass der Begriff tatsächlich an diesen Stellen vorkanonisch nicht stand, leitet sich zudem aus der Inkonsistenz ab, die der Begriff in den beiden Versen erzeugt - der Sinn dieser Verse ohne diese Begriffe ist viel §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 329 <?page no="330"?> 235 2Kor 4,1: -… ἔχοντες τὴν διακονίαν ταύτην-… 236 2Kor 6,4-10: 4 …ὡς θεοῦ διάκονοι … 5 ἐν πληγαῖς, ἐν φυλακαῖς … 7 ἐν λόγῳ ἀληθείας, ἐν δυνάμει θεοῦ: διὰ τῶν ὅπλων τῆς δικαιοσύνης τῶν δεξιῶν καὶ ἀριστερῶν-… grundsätzlicher angesiedelt, weshalb auch in den Folgeversen der vorkanonischen Version überhaupt nicht mehr von einer διακονία die Rede ist. Offensichtlich war dies auch den Redaktoren schon bewusst, weshalb sie einen neuen Vers 9 hinzugefügt haben: „Denn wenn schon im Dienst der Verurteilung eine Herrlichkeit war, übertrifft die Herrlichkeit des Dienstes der Gerechtigkeit.“ (2Kor 3,9). Abgesehen davon, dass sich Tertullian eine solche Steigerung, bei der der neue Dienst auf den alten aufbaut, wohl kaum hätte entgehen lassen, steht der Vers quer zur Argumentation, obwohl er lediglich den Inhalt des Kontextes zusammenzufassen scheint. Denn in den Versen 10-11 wird ausdrücklich davon gesprochen, dass die frühere Herrlichkeit vergänglich war, es also keine auf sie aufbauende Steigerung gibt, sondern eine Antithetik zwischen einer vergehenden und einer bleibenden Herrlichkeit, so dass man mit Vers 10 den Schluss zu ziehen hat, dass die vergehende Herrlichkeit gar keine solche war. Es wird deutlich, die kanonische Redaktion hatte nicht nur den Begriff der διακονία in diese Verse eingebracht, sondern auch versucht, die Antithetik zu unterlaufen. Schließlich greift der kanonische Paulus das Thema des Dienstes in 2Kor 4 gleich zu Anfang in einem Passus, der für *Paulus unbezeugt ist, wieder auf und bezieht ihn wiederum auf sich, Paulus: „Deshalb erlahmen wir nicht, die wir diesen Dienst ausüben, der uns durch Gottes Erbarmen übertragen wurde.“ 235 In 2Kor 5,18, wiederum eine für *Paulus unbezeugte Passage, wird dieser Dienstauftrag auf Gott selbst zurückgeführt. In 2Kor 6,4-10, wiederum unbezeugt für *Paulus, folgt die längste Selbstbelobigung, in welcher der kanonische Paulus seinen Dienst detailliert beschreibt: „4 In allem empfehlen wir uns als Diener Gottes: in vielem Ausharren, in Bedräng‐ nissen, in Nöten, in Ängsten, 5 in Schlägen, in Gefängnissen, in Zeiten der Unruhe, in Mühen, in Wachen, in Fasten, 6 in Reinheit, in Erkenntnis, in Langmut, in Güte, im Heiligen Geist, in ungeheuchelter Liebe, 7 im Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, durch die Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken, 8 in Ehre und Unehre, in übler und guter Nachrede, als Betrüger und Wahrhafte; 9 als Verkannte und Anerkannte, als Sterbende und siehe, wir leben; als Gezüchtigte und doch nicht Getötete; 10 als Traurige, aber jederzeit fröhlich; als Arme und viele reich machend; als nichts Besitzende und doch alles Besitzende.“ 236 Man vergleiche mit diesen an asianische Rhetorik des zweiten Jahrhunderts erin‐ nernden Worte auch das mit einer rhetorischen Selbsterniedrigung verbundene Selbstlob in Apg 20,24: „Aber ich will mit keinem Wort mein Leben wichtig nehmen, wenn ich nur meinen Lauf vollende und den Dienst erfülle, der mir von Jesus, dem Herrn, übertragen wurde: das Evangelium von der Gnade Gottes zu bezeugen“. 237 Um 330 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="331"?> 237 Apg 20,24: -… τὴν διακονίαν ἣν ἔλαβον παρὰ τοῦ κυρίου Ἰησοῦ-… 238 Schon Zahn sieht diesen Dienst als Hinweis auf die Kollektenreise, von der ja zuvor in Apg 11,29 die Rede war (τῶν δὲ μαθητῶν καθὼς εὐπορεῖτό τις ὥρισαν ἕκαστος αὐτῶν εἰς διακονίαν πέμψαι τοῖς κατοικοῦσιν ἐν τῇ Ἰουδαίᾳ ἀδελφοῖς, „Sie beschlossen, jeder von den Jüngern solle nach seinem Vermögen den Brüdern, die in Judäa wohnen, etwas zur Unterstützung senden“), vgl. T.v. Zahn, Die Apostelgeschichte des Lucas. Zweite Hälfte Kap.-13-28 (1921), 395. 239 2Kor 9,12: ὅτι ἡ διακονία τῆς λειτουργίας ταύτης … διὰ πολλῶν εὐχαριστιῶν τῷ θεῷ. welchen Dienst geht es? In 2Kor 9,12 wird dieser Dienst erläutert: 238 es geht um die Fundraisingaktion des Paulus, den er als den „Dienst“ bezeichnet, der „nicht nur den Mangel der Heiligen“ füllt, sondern „reichlich vielen Dank zu Gott“ bringt. 239 Auch in den Deuteropaulinen findet sich die Rede vom „Dienst“, etwa im Gruß von Kol 4,17. Dann auch in den Pastoralbriefen. Hier singt Paulus ähnlich der Selbsterniedrigung in 2Kor 6 sein Lob: „12 Ich danke dem, der mir Kraft gegeben hat: Christus Jesus, unserem Herrn. Er hat mich für treu gehalten und in seinen Dienst genommen, 13 obwohl ich früher ein Lästerer, Verfolger und Frevler war“ (1Tim 1,12-13). In 2Tim 4, 5. 11 werden die Mitarbeiter in denselben Dienst einbezogen, der Adressat Timotheus, dann Lukas und Markus. In Hebr 1,14 sind es die Engel, von denen dieser Dienst ausgesagt wird, „denen zu helfen, die das Heil erben sollen“. Der Engel der Gemeinde in Thyatira wird in Apk 2,19 gelobt: „Ich kenne deine Taten, deine Liebe und deinen Glauben, dein Dienen und deine Geduld und ich weiß, dass du in letzter Zeit mehr getan hast als am Anfang“. Demnach ist der Begriff insbesondere für die kanonische Redaktion der kanoni‐ schen Paulusbriefe von herausragender Bedeutung, sowohl, was die Selbststili‐ sierung des Paulus betrifft wie die Verknüpfung mit seinen Mitarbeitern. Der Hebräerbrief und die Apokalypse überhöhen die Terminologie in den Bereich der Engel. Während διακονία auf Lk beschränkt war, begegnet διάκονος in allen vier kanonischen Evangelien. In Mt 20,26 (/ / Mk 10,43) gibt der Herr die Anweisung: „Wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein“, ähnlich wiederholt in Mt 23,11: „Der Größte von euch soll euer Diener sein“. Dazwischen wird auf die Diener des Königs verwiesen (Mt 22,13). Mk 9,35 formuliert leicht anders: „Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein“. Auch Joh kennt „Diener“, etwa die im Haus tätigen bei der Hochzeit in Kana ( Joh 2,5. 9), und auch er kennt das „Dienen“ in Jesu Nachfolge, wenn er ihn Joh 12,26 sprechen lässt: „Wenn einer mir dienen will, folge er mir nach; und wo ich bin, dort wird auch mein Diener sein. Wenn einer mir dient, wird der Vater ihn ehren“. §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 331 <?page no="332"?> 240 Tert., Adv. Marc. IV 41,1-2. Vgl. M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entste‐ hung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 1169. BeDuhn, Roth, Harnack und Zahn sehen sie als unbezeugt und fügen sie nicht in ihre Rekonstruktion ein, J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 186; D.T. Roth, The Text of Marcion’s Gospel (2015), 433; A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 233; T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, Band 2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892), 491. 241 Tert., Adv. Marc. IV 41,1: Vae, ait, per quem traditur filius hominis; Lk 22,22: … πλὴν οὐαὶ τῷ ἀνθρώπῳ ἐκείνῳ δι’ οὗ παραδίδοται. 242 Tert., Adv. Marc. IV 41,1: Ergo iam Vae constat imprecationis et comminationis inclama‐ tionem intellegendam et irato et offenso deputandam. 243 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 1171. Für *Ev ist auch dieser Begriff nicht bezeugt. Es lohnt sich, einen Blick auf die Parallelstelle Lk 22,26-27 zum „Dienen und Herrschen“ zu werfen. Die Verse gehören nämlich zu einer Perikope, die durch einen Hinweis des Tertullian für *Ev als darin präsent markiert wird. 240 Übersehen wurde bislang, dass Tertullian mit dem Anführen des „Wehe“ zwar klar auf Vers *Ev 22,22 anspielt, 241 doch wird der darauf folgende Hinweis auf „denjenigen, der irritiert (iratus) und verletzt (offensus)“ reagiert, 242 sich nicht nur diesen oder auf Vers 23 beziehen, sondern auch auf die darauf folgenden Verse *Ev 22,24-27. Gemeinsam ist dem Verrat des Judas und dem Wettstreit zwischen den Aposteln, dass sie „nicht so“ sein sollen: „24 Es gab aber einen Wettstreit unter ihnen, wer der Größte sei. 25 Er aber sprach zu ihnen: Die Könige der Völker herrschen über sie; und die Macht über sie ausüben, werden Wohltäter genannt. 26 Aber ihr nicht so! Vielmehr soll der Größte unter euch wie der Kleinste sein, und der Anführer soll eher wie der Diener sein als der, 27 der zu Tisch liegt. Denn ich kam in eure Mitte nicht wie einer, der zu Tisch liegt, sondern wie ein Diener. 28 Ihr aber, die ihr in meinen Prüfungen bei mir geblieben seid, seid in meinem Dienst gewachsen wie ein Diener. 29 Und ich bestimme für euch die Herrschaft, wie sie mein Vater für mich bestimmt hat, 30 damit ihr essen und trinken werdet an meinem Tisch in meiner Herrschaft, und ihr werdet euch auf zwölf Thronen niederlassen und die zwölf Stämme Israels richten.“ (*Ev 22,24-30). Klinghardt sieht den Text „geringfügig bearbeitet“ durch die kanonische Redak‐ tion. 243 Auch wenn er richtig beobachtet, dass „Tertullians Zeugnis“ zu dieser ganzen Perikope „sehr großzügig ist“ und seine „eher flächige als genaue Bezeugung … bis zum Ende des Evangeliums an[hält]“ und damit deutlich 332 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="333"?> 244 BeDuhn hat die gesamte Perikope als möglicherweise fehlend vermerkt, J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 124. von der engmaschigeren Lektüre von *Ev zuvor Abstand nimmt, so würde es doch erstaunen, wenn er sich eine Aussage wie die von Vers 30, wonach die Jünger „auf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten werden“, hätte entgehen lassen. Der Vers wird folglich vorkanonisch gefehlt haben. 244 Auch die Übertragung des Reiches durch den Sohn, der es seinerseits vom Vater vermacht bekommen hat, wäre eine Stütze dieses Argumentes aus Vers 30 gewesen, womit er Markions Antithese von Christentum und Judentum hätte widerlegen können. Diese Verheißung bzw. Vererbung des Reiches (διατίθεμαι ὑμῖν καθὼς διέθετο) wird als Erblassung auch aufgefasst in Hebr 9,16-17: „16 Wo nämlich ein Testament (διαθήκη) vorliegt, muss der Tod des Erblassers (διαθεμένου) nachgewiesen werden; 17 denn ein Testament (διαθήκη) wird erst im Todesfall rechtskräftig und gilt nicht, solange der Erblasser (ὁ διαθέμενος) noch lebt“. In diesem Sinne werden die beiden Begriffe διαθήκη und διατίθημι auch in der Apostelgeschichte verstanden: „Ihr seid die Söhne der Propheten und des Testaments (τῶν προφητῶν καὶ τῆς διαθήκης), das Gott euren Vätern vermacht hat (διέθετο), als er zu Abraham sagte: Durch deine Nachkommenschaft sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen“ (Apg 3,25). Noch an weiteren Stellen im Hebräerbrief lesen wir diese Erblasservorstellung: „Denn das wird das Testament (ἡ διαθήκη) sein, das ich nach diesen Tagen dem Haus Israel überlasse (διαθήσομαι) - spricht der Herr: Ich lege meine Gesetze in ihr Denken hinein und schreibe sie ihnen in ihr Herz. Ich werde ihr Gott sein und sie werden mein Volk sein“ (Hebr 8,10), eine Aussage, die Hebr 10,16 wiederholt wird: „Dies ist das Testament (ἡ διαθήκη), das ich nach diesen Tagen ihnen überlassen werde (διαθήσομαι) - spricht der Herr: Ich lege meine Gesetze in ihr Herz und schreibe sie in ihr Denken hinein“. Nun begegnet διατίθημι, das sieben Mal im Neuen Testament steht, überhaupt nur auf der kanonischen Ebene; es ist deshalb sehr wahrscheinlich, dass wir es zumindest in den Versen Lk 22,29-30 mit einem kanonisch-redaktionellen Text zu tun haben. Da diese Verse argumentativ den Gedanken fortsetzen, der sich aus der Selbstbeschreibung des „zu Tisch Liegenden“ nährt, also voraussetzen, dass der zum Tisch des Vaters gehörende Sohn der erste Erbe des Vaters ist, der wiederum das von ihm Geerbte denjenigen, die die Tischgäste bedienen, weitervererben kann, scheinen auch die voranstehenden Verse zumindest kano‐ nisch-redaktionell bearbeitet worden zu sein. Dass in ihnen aber im Unterschied zu den Parallelen in Mt, Mk und Joh gerade nicht das Nomen διάκονος begegnet, §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 333 <?page no="334"?> sondern ausschließlich das Verb διακονέω, welches auch *Ev 8,3 vorkanonisch bezeugt ist, scheint ein Hinweis darauf zu sein, dass in den Versen 22,24-27 vorkanonischer Textbestand vorhanden zu sein scheint. Gleichwohl findet sich das Verb διακονέω nicht im vorkanonischen *Paulus, sondern wird zu einem Schlüsselbegriff der kanonischen Redaktion, wie über‐ haupt die Wortfamilie zentral für die kanonische Ebene wird. Allerdings lässt sich diese Aussage verfeinern, worauf die eher punktuelle und die Apostel kritisierende Anwesenheit im *Ev und das Fehlen in *Paulus hindeutet: So steht das Verb an keiner anderen Stelle in den sieben Briefen des kanonischen Paulus außer Röm und zwar gerade in einem der beiden letzten, für die vorkanonische Ebene als abwesend markierten Kapitel, in Röm 15,25: „Jetzt aber reise ich nach Jerusalem, um den Heiligen zu dienen (διακονῶν τοῖς ἁγίοις)“, und in Phlm 1,13: „Ich wollte ihn bei mir behalten, damit er mir an deiner Stelle diene in den Fesseln des Evangeliums (διακονῇ ἐν τοῖς δεσμοῖς τοῦ εὐαγγελίου)“. Schon bei unseren Beobachtungen zuvor zu διακονία ist uns auf der kanonischen Ebene die Kombination von „Heiligen“ und „Dienst“ aufgefallen. Während in 1Kor 3,5 und Phil 1,1 jeweils ein Partizip von διακονέω stehen könnte, liest man dort jedoch jeweils das Nomen, d. h. das Verb fehlt in diesen beiden Briefen genauso wie im Galaterbrief, dem ersten Thesalonicherbrief, allerdings auch in den Deuteropaulinen 2Thess, Eph und Kol. Wie zuvor vermerkt, stützt die wiederholte Benutzung des Verbs - im Unterschied zur vorkanonischen Ebene - die wachsende Bedeutung des Dienens in der kanonischen Fassung. Diese Beobachtung findet ihre Bestätigung in den Pastoralbriefen. In 1Tim 3,10-13 finden wir die enge Verzahnung von Verb und Nomen: „10 Auch sie soll man vorher prüfen, und nur wenn sie unbescholten sind, sollen sie dienen (διακονείτωσαν). 11 Ebenso müssen Frauen ehrbar sein, nicht verleumderisch, sondern nüchtern und in allem zuverlässig. 12 Diakone (διάκονοι) sollen Männer einer einzigen Frau sein und ihren Kindern und ihrem eigenen Haus gut vorstehen. 13 Denn wer gut dient (διακονήσαντες), erlangt einen hohen Rang und große Zuversicht im Glauben an Christus Jesus.“. In 2Tim 1,18 begegnet das Verb: „Der Herr gebe ihm, dass er beim Herrn Erbarmen findet an jenem Tag, und was er in Ephesus dient (διηκόνησεν), weißt du selbst am besten“. Auch in Hebr 6,10 begegnet das Verb und zwar gleich 2 Mal: „Denn Gott ist nicht so ungerecht, euer Tun zu vergessen und die Liebe, die ihr seinem Namen bewiesen habt, indem ihr den Heiligen gedient habt und noch dient (διακονήσαντες τοῖς ἁγίοις καὶ διακονοῦντες)“. Wie zuvor in Röm 15,25 wird hier der Gedanke vom „den Heiligen dienen“ aufgegriffen. 334 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="335"?> 245 Vgl. R.M. Hübner, Die Anfänge von Diakonat, Presbyterat und Episkopat in der frühen Kirche (1986); R.P. Symonds, Deacons in the Early Church (1955). 246 Zu dieser Bezeichnung vgl. R.M. Hübner, Die Anfänge von Diakonat, Presbyterat und Episkopat in der frühen Kirche (1986). Betrachten wir noch das Nomen διάκονος näher. 245 Wie schon zuvor zu Lk 22,24-27 vermerkt, begegnet das Nomen lediglich in drei der kanonischen Evangelien, Mt, Mk und Joh. Es findet sich allerdings nicht nur nicht in *Paulus und *Ev, sondern ist auch relativ spärlich bei Paulus belegt. Allen voran findet es sich gleich zwei Mal allerdings in den im vorkanonischen *Paulus fehlenden zwei letzten Kapiteln des Römerbriefs, ein Mal in Röm 15 (Röm 15,8), dann in Röm 16,1. An der ersten Stelle wird Christus selbst „Diener der Beschnittenen“ genannt (was an die Genitivverbindung in Gal 2,17 erinnert, wo gefragt wird, ob Christus etwa „Diener der Sünde“ sei), an der zweiten wird Phöbe, die „Dienerin der Gemeinde von Kenchreä“ gegrüßt. In 1Kor 3,5 bezeichnet sich Paulus zusammen mit Apollos selbst als „Diener“, so auch 2Kor 6,4. Offenkundig gilt zur Zeit der kanonischen Redaktion von 2Kor 11,15 der Titel „Diener“ bereits als Ehrentitel, denn man kann sich damit schmücken, wie Paulus seinen Gegnern vorwirft, wenn diese „Diener sich als Diener der Gerechtigkeit verkleiden (ὡς διάκονοι δικαιοσύνης)“. Zwar gesteht der kanonische Paulus den Korinthern zu, dass sie „Diener Christi (διάκονοι Χριστοῦ)“ sind, doch er hält sich selbst für einen „größeren“ Diener (2Kor 11,23). Dazu passt, dass in Phil 1,1 die „Diener“ zusammen mit den „Aufsehern“, wenn auch an zweiter Stelle, gegrüsst werden (ἐπισκόποις καὶ διακόνοις). 246 In 1Thess 3,2 gibt es eine Reihe von Varianten. NA 28 wählt die Lesart von 06*, 33, b, Ambst, die nur καὶ συνεργὸν τοῦ θεοῦ bieten, noch kürzer sind die Zeugen 03, vg mss , die καὶ συνεργόν haben, hingegen findet sich καὶ διάκονον τοῦ θεοῦ in 01, 02, 025, 044, 0278, 6, 81, 1241, 1739, 1881, 2464, lat, co, Bas; καὶ διάκονον τοῦ θεοῦ καὶ συνεργὸν ἡμῶν in 06 2 , 018, 020, 104, 365, 630, 1505, M, vg mss , sy p.h **, διάκονον καὶ συνεργὸν τοῦ θεοῦ 010, 012. Hier lässt sich schwer ermessen, was die ältere Lesart sein könnte. Die Tendenz allerdings, dass in den sieben Briefen des Paulus der Begriff „Diener“ eher spärlich benutzt wird, spricht für die von NA 28 gewählte Variante, vielleicht auch für die noch kürzere. Überhaupt geben diese Varianten uns einen Hinweis darauf, dass wir bei der kanonischen Redaktion ebenfalls mit gewissen Stufen zu rechnen haben. Nimmt man die Deuteropaulinen, findet sich folgender Befund: Eph 3,7 lobt sich Paulus: „dessen [Christi Jesu] Diener (διάκονος) ich geworden bin durch die Gabe der Gnade Gottes, die mir nach der Wirkung seiner Kraft gegeben wurde“, was an das Selbstlob seines „Dienstes“ erinnert, das uns in den kanonischen Briefen und Apg weiter oben begegnet ist. Im selben Brief wird im Schlussteil §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 335 <?page no="336"?> auf den „treuen Diener“ Tychikus verwiesen (Eph 6,21) und im Schlussteil des Kolosserbriefes kommt der Redaktor wieder auf ihn mit diesem Titel zurück (Kol 4,7). Ganz ähnlich wird in der Eröffnung von Kol 1,7 der „treue Diener Christi“ Epaphras, der auch als „geliebter Mitsklave“ bezeichnet wird, eingeführt, und der wieder in der Grußliste Kol 4,12 begegnet („Es grüßt euch Epaphras, der einer der euren ist“), auch in Phlm 1,23 („Es grüßt dich Epaphras, mein Mitgefangener in Christus Jesus“), beidemale hier, ohne als διάκονος bezeichnet zu werden, und sich selbst stellt Paulus in Kol 1,23. 25 gleich zwei Mal als „Diener“ des Evangeliums bzw. der Gemeinde heraus. In den Pastoralbriefen wird für „Diakone“ eine Liste von ethischen Bedin‐ gungen aufgestellt (1Tim 3,8-13): „8 Ebenso müssen Diakone (Διακόνους) sein: achtbar, nicht doppelzüngig, nicht dem Wein ergeben und nicht gewinnsüchtig; 9 sie sollen mit reinem Gewissen am Geheimnis des Glaubens festhalten. 10 Auch sie soll man vorher prüfen, und nur wenn sie unbescholten sind, sollen sie ihren Dienst ausüben (διακονείτωσαν). 11 Ebenso müssen Frauen ehrbar sein, nicht verleumderisch, sondern nüchtern und in allem zuverlässig. 12-Diakone (διάκονοι) sollen Männer einer einzigen Frau sein und ihren Kindern und ihrem eigenen Haus gut vorstehen (προϊστάμενοι). 13 Denn wer seinen Dienst gut versieht (διακονήσαντες), erlangt einen hohen Rang und große Zuversicht im Glauben an Christus Jesus.“ Diesem Katalog wird in 1Tim 4,6 noch hinzugefügt: „ein guter Diener Christi Jesu“ ist, wer „erzogen [ist] in den Worten des Glaubens und der guten Lehre, der du gefolgt bist“. Blickt man auf die Untersuchung dieser Wortfamilie zum Thema „Dienen, Dienst, Diener“ zurück, wird erneut offenkundig, dass wir es mit einer weit‐ gehenden Übereinstimmung von *Paulus und *Ev zu tun haben. Es wird auch erneut die Diskrepanz deutlich zwischen der vorkanonischen und der kanonischen Ebene. Wiederum scheint Letztere sich in zwei unterscheidbaren Redaktionen entwickelt zu haben. Es stehen die sieben Paulusbriefe der vorka‐ nonischen Ebene näher, dann auch bisweilen die Deuteropaulinen, was auf die Wirkung der vorkanonischen redaktionellen Bearbeitung und deren lexi‐ kalischen Einfluss zurückzuführen ist. Außerdem scheinen die beiden letzten Kapitel des Römerbriefes in einer gewissen Nähe zu den Pastoralbriefen zu stehen, in welchen eine stärkere Institutionalisierung zu bemerken ist. Die zweigeteilte kanonische Redaktion wird dadurch gestützt, dass auch ein Blick in die frühe Kirche für eine wachsende Bedeutung und Sicherung des διάκονος als Amt und der διακονία als System spricht. Der Begriff begegnet in 1Klem 42,5: „Denn die Schrift sagt irgendwo: Ich will ihre Episkopen in Gerech‐ 336 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="337"?> 247 1Klem 42,5: οὕτως γάρ που λέγει ἡ γραφή· Καταστήσω τοὺς ἐπισκόπους αὐτῶν ἐν δικαιοσύνῃ καὶ τοὺς διακόνους αὐτῶν ἐν πίστει; vgl. Jes 60,17 LXX: … καὶ δώσω τοὺς ἄρχοντάς σου ἐν εἰρήνῃ καὶ τοὺς ἐπισκόπους σου ἐν δικαιοσύνῃ. 248 Vgl. hierzu mit weiterer Literatur B.J. Koet, Isaiah 60: 17 as a Key for Understanding the Two-fold Ministry of Ἐπισκόποι and Διάκονοι according to First Clement (1 Clem. 42: 5) (2018). 249 Justin, 1Apol 65,5; 67,5. 250 „The manner in which Justin introduces the term, οἱ καλούμενοι παρ᾽ ἡμιν διάκονοι, ’the ones called among us „deacons”‘ (1Apol. 65.5), suggests that even if the term itself was not a neologism, then the way he was using the term could not be assumed to be familiar to his implied non-Christian readers“, P. Foster, Deacons (διάκονος) and διακονία in the Writings of Justin and Irenaeus (2018). 251 Vgl. Iren., Adv. Haer. I 13,5; entsprechend liest er Apg 6,5 in Adv. Haer. III 12,10. 252 Vgl. zur Wortgruppe ThWNT III 766-786. tigkeit aufstellen und ihre Diakone im Glauben“. 247 Auffälligerweise ist der etwas vage formulierte Schriftbezug kein solcher, der auf die zuvor besprochenen Schriften der erweiterten Sammlung geht, sondern einen Jesajavers ( Jes 60,17 LXX) aufruft, den 1Klem jedoch deutlich anpasst. Zwar werden auch bei Jesaja Episkopen erwähnt, doch sind diese den Archonten untergeordnet, während hier Diakone eingeführt werden, die bei Jesaja fehlen, und die Episkopen treten an die Stelle der Archonten, denn die Diakone sind den Episkopen nun zum Dienst verpflichtet. Dass nach 1Klem Episkopen und Diakone deshalb nichts Neues seien, weil sie schon bei Jesaja genannt würden, ist folglich nicht nur ein etwas weit hergeholtes Argument, es unterstreicht auch, dass die Kritiker, gegen welche sich 1Klem richtet, die die Presbyter (welche 1Klem wohl mit den Episkopen gleichsetzt) abgesetzt hatten und möglicherweise diese Art der Hierarchie in der Gemeinde ablehnten, nicht unrecht hatten. 248 Bei Justin ist im erhaltenen Werk διακονία gar nicht belegt, und διάκονος begegnet nur zwei Mal im Zusammenhang mit dem Verteilen der Eucharistie (unter den Anwesenden und unter den Abwesenden), und zwar im Plural. 249 Beim ersten Mal führt er die „Diener“ jedoch ein als „die von uns sogenannten Diener“, was darauf hindeutet: „selbst wenn es kein Neologismus war, dann zeigt doch die Art und Weise, wie er den Begriff benutzt, dass er nicht damit rechnen konnte, dass der implizierten nichtchristlichen Leserschaft der Begriff vertraut gewesen war“. 250 Irenäus hingegen kennt den Begriff bereits offenkundig als Amtsbezeichnung. 251 Kommen wir zu κληρονομέω und κληρονομία, die vorkanonisch bezeugt sind, wobei allerdings κληρονόμος unbezeugt ist. 252 Als erstes lässt sich festhalten: Diese Begriffsfamilie ist den johanneischen Schriften gänzlich fremd, κληρονομέω begegnet aber zwei Mal in *Paulus (*Gal §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 337 <?page no="338"?> 253 *Ev 12,13-14: 13 Εἶπεν δέ τις αὐτῷ ἐκ τοῦ ὄχλου, Διδάσκαλε, εἰπὲ τῷ ἀδελϕῷ μου μερίσασθαι μετ‘ ἐμοῦ τὴν κληρονομίαν. 14 ὁ δὲ εἶπεν αὐτῷ, Ἄνθρωπε, τίς με κατέστησεν κριτὴν [ἢ μεριστὴν] ἐϕ’ ὑμᾶς. 254 EvThom 72. 255 Tert., Adv. Marc. IV 28,10: Denique probavit malam vocem. 256 Tert., Adv. Marc. IV 28,9: Christus vero postulatus a quodam ut inter illum et fratrem ipsius de dividunda haereditate componeret, operam suam, et quidem tam probae causae, denegavit. Iam ergo melior Moyses meus Christo tuo, fratrum paci studens, iniuriae occurrens. Vgl. hierzu weiter unten. 5,21; *1Kor 15,50) und κληρονομία steht sowohl im *Ev wie in *Paulus (*Ev 12,13; *Laod 1,18). Beginnen wir mit dem Verb. In *Gal 5,21 folgt auf einen langen Lasterkatalog die Schlussfolgerung, dass Menschen, die solchen Lastern erliegen, das „Reich nicht erben werden“. Dasselbe gilt nach *1Kor 15,50 auch für „Fleisch und Blut“. Bereits zuvor anlässlich der Besprechung der βασιλεία wurde darauf hingewiesen, dass sowohl in *Gal 5,21 wie *1Kor 15,50 es beide Male identisch heißt: βασιλείαν θεοῦ οὐ κληρονομήσουσιν, und dass diese Formulierung sonst an keiner weiteren Stelle im Neuen Testament begegnet. Statt von „Erben“ ist vorkanonisch vielmehr von Nichterben die Rede. Dazu passt nahtlos, dass das Nomen im *Ev ebenfalls in einen negativen Kontext gestellt wird. In *Ev 12,13 heißt es: „13 Einer aus der Menge sprach zu ihm: Lehrer, sprich mit meinem Bruder, dass er mit mir das Erbe teilt! 14 Er aber sprach zu ihm: Mensch, wer hat mich zum Richter eingesetzt über euch? “ 253 Tertullian führt diese Stelle aus Markions *Evangelium an, die sich in keinem anderen der kanonischen Evangelien außer in Lk findet - der Spruch begegnet noch im Thomasevangelium 254 -, weil die darin zu lesende Botschaft Tertullian zutiefst widersprach, und er den Vers darum als einen „üblen Spruch“ bezeich‐ nete. Schon dadurch, dass Markion diesen Spruch anführe, scheine dessen Mes‐ sias ihm auch zuzustimmen. 255 Dabei widerspreche eine solche Auffassung, sich einer „rechten Sache“ (proba causa) wie der eines Erbstreits zwischen Brüdern zu schlichten, jedem Anstand, während etwa Mose zwischen zwei streitende Brüder getreten sei, weil er um den Frieden zwischen diesen besorgt gewesen sei (Ex 2,13; vgl. Apg 7,27-29). 256 Dass es bei dieser Stelle nicht um ein Beispiel aus dem Leben ging, sondern die Stelle im übertragenen Sinne gemeint sei, nämlich um die Frage des Erbes zwischen Juden und Christen, verdeutlicht Tertullian im Anschluss. Denn das Anliegen Markions sei es gewesen, Christus nicht zum Richter für die Wiederherstellung des Friedens zwischen diesen Brüdern zu machen, weil er die Trennung zwischen Mose und Christus herausstellen 338 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="339"?> 257 Tert., Adv. Marc. IV 28,10: Sed enim optimi et non iudicis dei Christus … Aut numquid indigne tulerit hoc dicto fugatum Moysen, ideoque in causa pari disceptantium fratrum voluit illos commemoratione eiusdem dicti confudisse? 258 Die Mehrheit der Altlateiner bietet possidebo, während nur d, e hereditabo haben. 259 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 831. wollte, die Verwerfung des Mose und seiner Richtertätigkeit einerseits und die Herausstellung von Markions „Christus des besten und nicht richtenden Gottes“ andererseits. 257 Was nun das Erbe betrifft, verschweigt Tertullian allerdings, wie die Geschichte sich fortsetzt, denn im Folgenden wird verdeutlicht, dass es gerade nicht um „Habgier, Besitz und Überfluss“ geht (*Ev 12,15), unterstützt mit dem nachfolgenden Gleichnis vom reichen Kornbauern (*Ev 12,16-20), d. h. der (christlichen) Leserschaft wird gesagt: Das, was ihnen gegeben ist, gehört ihnen überhaupt nicht, ein Streit darum ist also eitles Bemühen. Wir finden folglich sowohl bei *Paulus wie im *Ev dieselbe kritisch-negative Haltung mit Blick auf das Erbe. In der kanonischen Redaktion hat man sich offensichtlich schwer getan mit dieser Botschaft, darum fehlt wohl das Beispiel in den anderen Evangelien. Im Lk, wo der Text beibehalten wurde, fügte die Redaktion die Frage der Erbschaft bereits kurz zuvor in Lk 10,25 ein, eine Passage, die auch in Mt und Mk erhalten ist, wo sich der Erbschaftsgedanke jedoch nicht findet. Er scheint auch in der vorkanonischen Fassung gefehlt zu haben, denn dort gibt Tertullian den entscheidenden Begriff mit consequar wieder, das auch in c steht, 258 was vielleicht σχήσω voraussetzt, jedoch wohl kaum κληρονομήσω, das wir in Lk 10,25 lesen: „Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben? “ Doch auch wenn man hier (und im ähnlichen Fall in *Ev/ Lk 18,18, hier bietet Tertullian possidebo und e consequar) κληρονομήσω vorkanonisch lesen würde, erhielten beide Szenen, die erste mit dem Hinweis auf das Liebesgebot, das in der kanonischen Fassung ausdrücklich auf das Gesetz bezogen wird, und die zweite, bei der die Frage um das Gewinnen oder Erben des ewigen Lebens wieder aufgegriffen wird, durch die Hinzufügung des für *Ev unbezeugten Gleichnisses vom guten Samaritaner eine inhaltlich andere Ausrichtung: „Die lk Redaktion ist nicht so sehr am Gebot der Gottesliebe interessiert oder an der Frage, welches Verhalten genau ‚Leben‘ zur Folge hat, sondern zielt vordringlich“ darauf ab, ihren Lesern zu „demonstrieren, dass die Annahme von Nichtjuden durch Juden aufgrund des Erweises tätiger Liebe durch das jüdische Gesetz geboten ist“. 259 Dieser Beobachtung Klinghardts lässt sich noch hinzufügen, womit der Text in *Ev 18,22 fortgeführt wird: „Als Jesus das aber hörte, sprach er zu ihm: ’Eines §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 339 <?page no="340"?> 260 M. Vinzent, „Inheritance of Land - The Origin of Property“ (2024). 261 Vgl. Ibid. fehlt dir: Verkaufe alles, was du hast, und gib es den Armen, dann wirst du einen Schatz im Himmel haben. Und dann: Auf, und folge mir nach! ‘ Es geht also nicht um Erbschaft, und nur bedingt um den Schatz im Himmel, denn dessen Bedingung ist das Gegenteil von Gewinnen, es geht, wie zuvor im Gleichnis vom reichen Kornbauern (*Ev 12,16-20) und im vorkanonischen *Paulus darum, den Armen zu geben (*Gal 2,10). Folglich findet sich auch in den Seligpreisungen in *Ev keine solche Stelle, die von einem Erbe von Weltlichem spricht. An diesem Punkt lässt sich am deutlichsten die Differenz aufzeigen, die die kanonische Redaktion einbringt. Denn in Mt wird eine Seligpreisung eingefügt, die weder im *Ev steht noch im Lk: „Selig die Sanftmütigen; denn sie werden das Land erben“ (Mt 5,5; wieder aufgegriffen in Jak 2,5: „Erben des Reiches“). Hier ist das Thema der Erbschaft, das weiter oben bei der Betrachtung von „Dienen und Herrschen“ aus dem Hebräerbrief bereits begegnet war, prominent. Vor allem geht es nicht nur um ein finanzielles Erbe, sondern sogar um ein Landerbe, also nicht nur um eine Vermögensübertragung, sondern um eine solche von Eigentum. Anders als bei den Begriffen zuvor, brauche ich nicht die gesamte kanonische Vorstellung des Erbgedankens hier zu entfalten, sondern kann auf eine eigene Studie zu dem Thema Erbschaft und Eigentum verweisen. 260 In ihr wird unter Rückgriff auf die Zeugnisse des kanonischen Neuen Testaments und auf weitere Zeugnisse der frühen Kirche dargelegt, dass es eine grundsätz‐ liche Differenz zwischen dem auf göttliches Erbe, insbesondere auf Landerbe, ausgerichteten kanonischen Interesses gibt und einer jeglichen Erbgedanken übersteigenden Testamentsvorstellung der vorkanonischen Ebene. 261 Die Testa‐ mentsvorstellung der vorkanonischen Ebene schreibt sich auch in den Titel „Neues Testament“ ein, welches nicht mehr ein Testament bezüglich Erblassung an Land oder Dingen wie in der Thora, bedeutet, sondern eine antithetische Erbvorstellung - also eher eine Erbverweigerung -, in welcher das alte Erbe zurückgewiesen und an die Stelle von Ansprüchen ein Lassen und Hergeben von allem des Himmelreiches wegen tritt. Dieser Neuansatz führt wohl auch dazu, dass weder in *Paulus noch im *Ev eine Erwähnung eines Erben (κληρονόμος) zu finden ist, während sich der Begriff in den synoptischen Evangelien, wiederholt bei Paulus und auch im Jakobusbrief findet. Eines der sprechendsten Beispiele, das in der genannten Studie ausführlich behandelt wird, ist das in *Ev als fehlend bezeugte Gleichnis von den Weingärtnern (Lk 20,9-18 / / Mt 21,33-46 / / Mk 12,1-12), in welchem der Erbstreit vorgeführt wird. 340 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="341"?> 262 Röm 15,27: … εἰ γὰρ τοῖς πνευματικοῖς αὐτῶν ἐκοινώνησαν τὰ ἔθνη, ὀφείλουσιν καὶ ἐν τοῖς σαρκικοῖς λειτουργῆσαι αὐτοῖς. 263 Vgl. hierzu T.R. Blanton IV, Manual Labor and Sustenance (2022), 104. 264 Vgl. hierzu T.R. Blanton IV, A Spiritual Economy. Gift exchange in the Letters of Paul of Tarsus (2017); G.W. Peterman, Paul’s Gift from Philippi. Conventions of Gift-Exchange and Christian Giving (1997); P. Marshall, Enmity in Corinth: Social Conventions in Paul’s Relations with the Corinthians (1987). 265 T.R. Blanton IV, Manual Labor and Sustenance (2022), 104-105. Mit Verweis auf J. Thiessen, Les lettres de l’apôtre Paul et la rhétorique du discours figuré: Fondements méthodologiques et études de cas. PhD diss. (2020), 535-541. Zusammenfassend lässt sich für diese Wortgruppe sagen, dass erneut eine hohe Übereinstimmung an Lexik und inhaltlicher Konzeption von *Paulus und *Ev festzustellen ist, die in diesem Fall antithetisch derjenigen der kanonischen Ebene gegenübersteht. Wie bereits zuvor zu „Dienen und Herrschen“ deutlich wurde, gibt es ebenfalls eine gewisse Kohärenz innerhalb der kanonischen Ebene, in der allerdings Steigerungsstufen zu bemerken sind, die offenkundig mit zunehmend jüngeren Schrift- und Redaktionsphasen einhergehen. Kommen wir zu dem Begriff κοινωνέω, der vorkanonisch bezeugt ist, während die Begriffe κοινός, κοινόω, κοινωνία, κοινωνικός, κοινωνός gänzlich fehlen. In *Gal 6,6, der einzigen vorkanonischen Bezeugung des Verbs κοινωνέω, hat dieses einen deutlich finanziellen Sinn: „6 Wer aber im Wort des Evangeliums unterwiesen wird, lasse den, der ihn unterweist, an allen Gütern teil‐ haben.“ In Röm 12,13 begegnet das Verb auf kanonischer Ebene („Nehmt Anteil an den Nöten der Heiligen; gewährt jederzeit Gastfreundschaft! “) und scheint ebenfalls finanziell gemeint zu sein. Die Erwähnung der Heiligen erinnert erneut an Röm 15,25, zumal auch in Röm 15,27 das Verb wieder begegnet: „Wenn die Heiden an ihren geistlichen Gütern Anteil bekommen haben, so sind sie auch verpflichtet, ihnen in den leiblichen zu dienen.“ 262 Wie wichtig Gastfreundschaft und das Empfangen von Gästen für den kanonischen Paulus ist, lässt sich an Stellen wie Röm 16,1-2 und Phlm 1,22 ablesen. 263 Auch das „Geben und Nehmen“ von Phil 4,15 spricht für eine u. a. monetäre Interpretation, und zwar im Sinne der Donation und des Gabentauschs, in welchen der kanonische Paulus involviert war. 264 Auch eher „euphemistische“ Aussagen, wie die des kanonischen Paulus, dass er von Gemeinden „auf seinen Weg geleitet“ würde (Röm 15,16), fallen in diese Kategorie, sind jedoch alleine auf der kanonischen Ebene zu finden (1Kor 16,6; 2Kor 1,16). 265 Allerdings konnte die kanonische Ebene auf dem vorkanonischen Paulus aufbauen (wo allerdings die hier ver‐ handelte Terminologie fehlt), denn in *1Kor 9 erklärt *Paulus ausführlich, dass die Gemeinde eine Gegengabepflicht dafür habe, dass er ihr das Evangelium §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 341 <?page no="342"?> 266 Blanton, der zuvor wie Schellenberg die Position bezog, wonach Paulus in diesem Kapitel eher die Gabe zurückgewiesen habe, betont inzwischen, Paulus habe doch auf dem Gabenaustausch bestanden, wie dies auch Thiessen darlegt, vgl. hierzu T.R. Blanton IV, A Spiritual Economy. Gift exchange in the Letters of Paul of Tarsus (2017), 61-75; R.S. Schellenberg, Did Paul Refuse an Offer of Support from the Corinthians? (2018); T.R. Blanton IV, Manual Labor and Sustenance (2022), 155; J. Thiessen, Les lettres de l’apôtre Paul et la rhétorique du discours figuré: Fondements méthodologiques et études de cas. PhD diss. (2020), 544-545. 267 Vgl. P. Robertson, Literacy and Education (2022); J.C. Poirier, Paul and Literacy (2016). 268 B.W. Longenecker, Remember the Poor. Paul, Poverty, and the Greco-Roman World (2010), 307. geschenkt hat, 266 doch Gegengabe, so *Paulus, ist keine Entlohnung (*1Kor 9,18: ἀδάπανον). Die Apostelgeschichte spinnt daraus die Information, Paulus habe sich durch eigene Arbeit in Ephesus finanziert. Apg 20,34: „Ihr wisst selbst, dass für meinen Unterhalt und den meiner Begleiter diese Hände hier gearbeitet haben (ὑπηρέτησαν αἱ χεῖρες αὗται).“ Diese Aussage stimmt teilweise wörtlich überein mit der kanonischen Formulierung in 1Kor 4,12: „und als Arbeiter mühen wir uns mit den eigenen Händen (ἐργαζόμενοι ταῖς ἰδίαις χερσίν).“ Auffallenderweise erweckt die kanonische Redaktion der Paulusbriefe den Eindruck, dass Paulus, dem als Briefschreiber oder -diktierer eine entsprechende Ausbildung und damit auch ein gewisser Sozialstatus zugeschrieben wird, 267 als „Apostel Jesus Christi-… in seinem ökonomischen Profil-… abgesunken war“. 268 In ganz anderem Sinn fasst 1Tim 5,22 den Begriff κοινωνέω auf, nämlich als gemeinsames Sich-Schuldigmachen (was an Mt 23,30 erinnert: „Hätten wir in den Tagen unserer Väter gelebt, wir hätten uns nicht mitschuldig gemacht am Blut der Propheten“). Im Hebräerbrief meint es eigentlich das Verbinden mit bzw. das Anteilhaben an zwei Teilen (Hebr 2,14; vgl. Hebr 10,33). In 1Petr 4,13 findet es sich als Teilhabe am Leiden Christi und ebenfalls theologisch gewendet steht es als Nomen in 2Petr 1,4 für die Teilhabe an der göttlichen Natur. 2Joh 1,11 fasst den Begriff als Mitschuldig-Werden, erinnert folglich wieder an 1Tim 5,22 und auch an Mt 23,30. κοινωνός in 1Kor 10,18 spricht vom Anteil haben am Altar und kommt erneut Mt 23,30 nahe, wo es um eine Gemeinschaft am Blut der Propheten geht. Lk 5,10 hingegen versteht das Wort schlicht als Mitarbeiter, ähnlich wie κοινωνία in Gal 2,9, wo es um Zusammenarbeit geht. In Hebr 10,33 bezeichnet κοινωνοί die Teilhaber (ähnlich wie das Verb in Hebr 2,14). κοινός/ κοινόω: κοινός steht gleich drei Mal auf kanonischer Ebene in Röm 14,14, und scheint denselben negativen Beigeschmack zu haben wie in Mt 15,11. 18. 20 / / Mk 7,2. 5. 20. 23 („Nicht das, was in den Mund hineinkommt, macht den Menschen unrein, sondern was aus dem Mund herauskommt, das macht den 342 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="343"?> Menschen unrein“, Mt 15,11), allerdings ist es der einzige Vers, der den Begriff in den sieben Paulusbriefen bezeugt. Ähnlich negativ liest man ihn auch in Apg 10,14. 15. 28 (πᾶν κοινὸν καὶ ἀκάθαρτον, Apg 10,14); 11,8. 9; 21,28; und in Apk 21,27 (πᾶν κοινὸν καὶ [ὁ] ποιῶν βδέλυγμα καὶ ψεῦδος). Ganz im Gegensatz dazu wird er hochgeschätzt als das Gemeinsame in Apg 4,32, ähnlich wie Phlm 1,17 κοινωνός gebraucht. In Tit 1,4 steht κοινός in Verbindung mit „Glaube“ und so ist der Begriff auch positiv aufgefasst in Jud 1,3 (περὶ τῆς κοινῆς ἡμῶν σωτηρίας). Hingegen benutzt ihn der Hebräerbrief im Sinne von „für gemein halten“, sei es in negativem Zusammenhang in Hebr 10,29 (τὸ αἷμα τῆς διαθήκης κοινὸν ἡγησάμενος), sei es im positiven in Hebr 9,13 (τὸ αἷμα … τοὺς κεκοινωμένους ἁγιάζει). κοινωνία bringt uns zurück zu Röm 15, wo es wie zuvor in finanziellem Zusammenhang steht, und zwar spezifisch für die Sammlung für die Heiligen (εὐδόκησαν γὰρ Μακεδονία καὶ Ἀχαΐα κοινωνίαν τινὰ ποιήσασθαι εἰς τοὺς πτωχοὺς τῶν ἁγίων τῶν ἐν Ἰερουσαλήμ, Röm 15,26). Hierum geht es auch in 2Kor 8,4 (τὴν χάριν καὶ τὴν κοινωνίαν τῆς διακονίας τῆς εἰς τοὺς ἁγίους); 9,13; um das Spenden auch in 1Tim 6,18 (κοινωνικός) und Hebr 13,16. In 1Kor 1,9 ist es gar die Gemeinschaft mit Christus (εἰς κοινωνίαν τοῦ υἱοῦ αὐτοῦ Ἰησοῦ Χριστοῦ τοῦ κυρίου ἡμῶν), und im selben Brief die mit Christi Blut (κοινωνία ἐστὶν τοῦ αἵματος τοῦ Χριστοῦ), in Phil 3,10 mit seinen Leiden ([τὴν] κοινωνίαν [τῶν] παθημάτων). In 2Kor 13,13 wird die Gemeinschaft mit dem Heiligen Geist (ἡ κοινωνία τοῦ ἁγίου πνεύματος) angezeigt, die sich auch Phil 2,1 findet (κοινωνία πνεύματος), zuvor in Phil 1,5 als Gemeinschaft auf das Evangelium hin bezeichnet (ἐπὶ τῇ κοινωνίᾳ ὑμῶν εἰς τὸ εὐαγγέλιον ἀπὸ τῆς πρώτης ἡμέρας ἄχρι τοῦ νῦν), in Phlm 1,6 als solche des Glaubens (ἡ κοινωνία τῆς πίστεώς); vgl. auch 1Joh 1,3, wo diese Vorstellung noch im selben Vers rückgebunden wird an diejenige mit dem Vater und dem Sohn, Jesus Christus (ἡ κοινωνία δὲ ἡ ἡμετέρα μετὰ τοῦ πατρὸς καὶ μετὰ τοῦ υἱοῦ αὐτοῦ Ἰησοῦ Χριστοῦ), und zwar ist es eine Gemeinschaft des Lichtes, nicht der Dunkelheit (1Joh 1,6-7), was sofort an 2Kor 6,14 als Abgrenzungsbeschreibung der eigenen Identität anschließt (τίς κοινωνία φωτὶ πρὸς σκότος). Überblicken wir das gesamte Wortfeld von κοινο/ ωergibt sich, dass dieses Feld der vorkanonischen Ebene bis auf den verhaltenen Hinweis in *Gal 6,6 fremd ist. An dieser einen Stelle geht es um den Hinweis darauf, dass der Mensch, dem das Evangelium gelehrt wird, den Lehrenden entlohnen soll. Auf der kanonischen Ebene wird dieser Gedanke fortgeführt, und zwar ausgeweitet zu einer großangelegten Spendenaktion, von der vor allem Röm 15, 1Kor 16, §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 343 <?page no="344"?> 269 Vgl. hierzu weiter unten die Ausführungen über die Kollektensammlung in §-12 b. 1. 270 Vgl. zur Auflistung dieser Begriffe und deren Übersetzung C. Böttrich, Jerusalemkol‐ lekte (2013). 271 Zur „Agrartheologie“ des kanonischen Paulus vgl. H.D. Betz, H. D., 2. Korinther 8 und 9 (1993), 179-183. 2Kor 8-9 und Apg 16. 20-21. 24 die Rede ist, allesamt Passagen, die vorkanonisch unbezeugt sind bzw. fehlen. 269 Wie weiter unten ausgeführt, hat die kanonische Redaktion dieses groß angelegte Projekt über mehrere Schriften, und zwar - wie der Vergleich mit der vorkanonischen Version erweist - ausschließlich auf dieser Ebene verteilt. Als Terminologie verwendete man die Begriffe 270 κοινωνία, „Gemeinschaftsaktion“ (2Kor 8,4; Röm 15,26-27; vgl. Gal 2,10; 6,6; Phil 4,15; 2Kor 9,12-14); λογεία, „Sammlung“ (1Kor 16,1. 2), εὐλογία „Segensgabe“ (Röm 15,29; 16,18; 1Kor 10,16; 2Kor 9,5. 6; Gal 3,14; Eph 1,3; Hebr 6,7; 12,17; Jak 3,10; 1Petr 3,9; Apk 5,12. 13; 7,12), χάρις, „Liebesgabe“ (1Kor 16,3; 2Kor 8,4. 6. 7. 19), διακονία, „Dienst“ (2Kor 8,4; 9,12; Röm 15,25; 1Kor 12,5; 16,15; 2Kor 4,1; 5,18; 11,8; Röm 11,13; 12,7), καρπός (Röm 15,28; 2Kor 9 271 ), ἁδρότης, „Ertrag“ (2Kor 8,20; vgl. 2Kor 8,2-4), ἐλεημοσύναι, „Almosen“ (Apg 24,17; vgl. Mt 6,2. 3. 4; Lk 11,41; 12,33; Apg 3,2. 3. 10; 9,36; 10,2. 4. 31). Die einzigen Begriffe, die von all diesen vorkanonisch begegnen, sind fol‐ gende: übereinstimmend in *Ev und *Paulus findet sich χάρις, jedoch in der ganz anderen Bedeutung als „Dank“ oder „Gnade“ (*Ev 6,34; *1Kor 15,57; *Röm 5,21; *Laod 3,8). Dann steht alleine in *Ev 6,43; 21,30 καρπός, jedoch in Gleichniszusammenhängen und nichtmetaphorischem Gebrauch. ἐλεημοσύνη begegnet einmal im Singular in *Ev 11,41 in der Rede gegen die Pharisäer, sie sollten ihren „Besitz als Almosen hergeben“, dann sei „für sie alles rein“. Aus diesem Vergleich lässt sich der Schluss ziehen, dass dem vorkanonischen *Paulus jegliche Kollektensammlung fremd ist. Von daher wäre es erstaunlich, wenn diese eine historische Gegebenheit und keine Erfindung der kanonischen Redaktion wäre. Als letztere ist sie erklärbar, denn sie spricht Paulus nicht nur ein organisatorisches Talent zu, sie fügt ihn auch ein in die sich institutio‐ nalisierende Kirche aus sich gegenseitig finanziell unterstützenden Gemeinden, deren ideal vorgestelltes Zentrum Jerusalem bildet mit den drei Säulen Jakobus, Kephas (Petrus) und Johannes, denen Paulus sich unterordnet, deren Beschlüsse er umsetzt und deren Auftrag der Heidenmission er als gesetzesfrommer Jude mit Erfolg erfüllt. Auch der innergemeindliche Güterausgleich der idealen Urgemeinde würde gut dazu passen (Apg 2; 4,32-37). Neben dieser inhaltli‐ chen Konstruktion und Konturierung dient die Kollektensammlung über die verschiedenen Schriften hinweg auch der literarischen Verknüpfung durchaus 344 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="345"?> 272 Vgl. hierzu J.N. Lüke, Über die narrative Kohärenz zwischen Apostelgeschichte und Paulusbriefen (2019). 273 Vgl. etwa J.A. Quigley, Divine accounting theo-economics in early Christianity (2021). diverser Schriften, um sie zu einem kohärenten Metanarrativ zusammenzu‐ schließen. 272 Was das Thema der Kollektensammlung betrifft, hat die kanonische Redak‐ tion zu einer erheblich ökonomisierten Sicht des Paulus beigetragen, 273 wobei erneut auffällt, wie sich nicht nur die beiden Porträts des vorkanonischen *Paulus und des kanonischen unterscheiden, sondern wie sehr auch die Lexik von *Ev und *Paulus einander nahe stehen. κοπιάω ist kein zu vernachlässigender Begriff, denn er beschreibt zentral die eigene Aktivität des Paulus, vor allem in 1Kor 15,10: „Mehr als sie alle habe ich mich bemüht (ἐκοπίασα), nicht ich aber, sondern die Gnade Gottes, die mit mir war“, indem er sich gegenüber allen anderen herausstellt. Überdies begegnet dieses Verb häufiger in der Selbstbeschreibung, vor allem Gal 4,11: „Ich fürchte mit Blick auf euch, dass ich mich vergeblich um euch bemüht habe (κεκοπίακα)“; Phil 2,16: „Indem ihr das Wort des Lebens festhaltet, mir zum Ruhm auf den Tag Christi, dass ich nicht vergeblich gelaufen bin noch vergeblich mich bemüht habe (ἐκοπίασα)! “ In Kol 1,29 wird die Verbindung zwischen dem Bemühen des Paulus und der Kraft Christi hergestellt: „Dafür mühe ich mich (κοπιῶ) und kämpfe ich mit Hilfe seiner Kraft, die machtvoll in mir wirkt“. Auch die Pastoralbriefe kennen das Bemühen des Paulus: „Dafür mühen wir uns (κοπιῶμεν) und kämpfen wir, denn wir haben unsere Hoffnung auf den leben‐ digen Gott gesetzt, den Retter aller Menschen, besonders der Gläubigen“ (1Tim 4,10). Außerdem führt die Benutzung des Verbs zur finanziellen Belohnung und zur Agrartheologie des Paulus zurück, wenn es 2Tim 2,6 heißt: „Der Bauer, der sich bemüht (κοπιῶντα), soll als Erster seinen Teil von der Ernte erhalten.“ Der Hinweis von 1Kor 4,12, wonach Paulus aus eigener Kraft und aus eigenen Mitteln sich unterhält („Wir mühen uns ab (κοπιῶμεν), indem wir mit eigenen Händen arbeiten“), der in gewisser Weise dem gerade angeführten 2Tim 2,6 entspricht, wird noch deutlicher von den Ausführungen in Apg 20,33-35 gestützt: „33 Silber oder Gold oder Kleider habe ich von keinem verlangt; 34 ihr wisst selbst, dass für meinen Unterhalt und den meiner Begleiter diese Hände hier gearbeitet haben. 35 In allem habe ich euch gezeigt, dass man sich auf diese Weise abmühen und sich der Schwachen annehmen soll, in Erinnerung an die Worte Jesu, des Herrn, der selbst gesagt hat: Geben ist seliger als nehmen.“ §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 345 <?page no="346"?> 274 Mit Verweis auf den Herrn Epiph., Pan. Haer. 74,5; Const. Ap. IV 3; fast wortgleich wieder Anast. Sin., Quaest. 14 (PG 89, 468). Ohne auf einen Spruch Jesu zu verweisen, liegt das Agraphon möglicherweise hinter 1Klem 2,1, vielleicht auch Did 4,5, was darauf hindeuten könnte, dass es eine von Apg unabhängige Tradition gegeben hat, so zumindest der Kommentar zu Agraphon 69 in A. Resch, Agrapha: Aussercanonische Schriftfragmente (1906), 90-91. 275 U. Mell, Die Entstehungsgeschichte der Trias „Glaube Hoffnung Liebe“ (1.Kor 13,13) (2009), 214. 276 Dieser Vers (zusammen mit den Versen 13-22) wird allerdings als eine spätere Interpo‐ lation angesehen von K.G. Eckart, Der zweite echte Brief des Apostels Paulus an die Thessalonicher (1961). 277 Eph 4,28: ὁ κλέπτων μηκέτι κλεπτέτω, μᾶλλον δὲ κοπιάτω ἐργαζόμενος ταῖς [ἰδίαις] χερσὶν τὸ ἀγαθόν, ἵνα ἔχῃ μεταδιδόναι τῷ χρείαν ἔχοντι („Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern arbeite und schaffe mit eigenen Händen das nützliche Gut, damit er dem Bedürftigen abgeben kann“). Mit diesem uns auch aus anderen, wenn auch nicht kanonischen Quellen, 274 bekannten Jesuslogion (offenkundig aus einer größeren Sammlung von Worten) begründet Paulus seine Position. Der Spruch erinnert an Jesus Sirach 4,31 LXX („Deine Hand sei nicht offen zum Nehmen / und verschlossen beim Geben“; μὴ ἔστω ἡ χείρ σου ἐκτεταμένη εἰς τὸ λαβεῖν καὶ ἐν τῷ ἀποδιδόναι συνεσταλμένη). Hieraus leitet sich dann ab, dass man sich denjenigen unterordnen soll, die sich „im Kontext der Gemeindeleitung“ wie Paulus abmühen. 275 1Kor 16,16: „Solchen ordnet euch unter, ebenso jedem, der mitarbeitet und sich abmüht (κοπιῶντι)! “; 1Thess 5,12: „Erkennt die an, die sich unter euch mühen (κοπιῶντας) und euch vorstehen im Herrn und euch zurechtweisen! “; 276 Röm 16,6: „Grüßt Maria, die für euch viel Mühe auf sich genommen hat (ἐκοπίασεν)! “; Röm 16,12: „Grüßt Tryphäna und Tryphosa, die sich im Herrn gemüht haben (τὰς κοπιώσας)! Grüßt die geliebte Persis; sie hat im Herrn große Mühe auf sich genommen (ἐκοπίασεν)! “ Weiter geht noch die Ansage in den Pastoralbriefen, wenn es in 1Tim 5,17 heißt: „Älteste, die das Amt des Vorstehers gut versehen, verdienen doppelte Anerkennung, besonders solche, die sich mit ganzer Kraft um das Wort und die Lehre bemühen (οἱ κοπιῶντες).“ Gelobt wird das Bemühen um das Wort des Herrn auch in der Apokalypse: „Du legst Geduld an den Tag und hast um meines Namens willen Schweres ertragen und bist nicht müde geworden (κεκοπίακες)“ (Apk 2,3). In dem vorkanonisch nicht bezeugten Vers Eph 4,28 begegnet das Verb als „Bemühen“ im Sinne von „etwas Verdienen“, um davon „dem Notleidenden abzugeben“. 277 Auch in den Evangelien begegnet κοπιάω. Sowohl das Matthäusevangelium wie das Lukasevangelium haben eine etwas widersprüchliche Position. Einer‐ seits verweist das Beispiel mit den Lilien auf dem Feld darauf, dass diese 346 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="347"?> 278 Vgl. Mi 6,15 LXX: σὺ σπερεῖς καὶ οὐ μὴ ἀμήσῃς; Ijob 31,8 LXX: σπείραιμι ἄρα καὶ ἄλλοι φάγοισαν; Dtn 20,6 LXX: καὶ τίς ὁ ἄνθρωπος, ὅστις ἐφύτευσεν ἀμπελῶνα καὶ οὐκ εὐφράνθη ἐξ αὐτοῦ; Dtn 28,30 LXX: ἀμπελῶνα φυτεύσεις καὶ οὐ τρυγήσεις αὐτόν; Hag 1,6 LXX: ἐσπείρατε πολλὰ καὶ εἰσηνέγκατε ὀλίγα, ἐφάγετε καὶ οὐκ εἰς πλησμονήν, ἐπίετε καὶ οὐκ εἰς μέθην, περιεβάλεσθε καὶ οὐκ ἐθερμάνθητε ἐν αὐτοῖς, καὶ ὁ τοὺς μισθοὺς συνάγων συνήγαγεν εἰς δεσμὸν τετρυπημένον. 279 Ob der Plural „andere“ auf Jesus zu beziehen ist, ist m. E. fraglich, pace G. Maier, Jo‐ hannes-Evangelium 1 (1984), 175. Auch Schnackenburg liest Vers 37 (Sing.! ) generisch, R. Schnackenburg, Das Johannesevangelium 1 Einleitung und Kommentar zu Kap.-1-4 (1965), 485-487. 280 R. Schnackenburg, Das Johannesevangelium 1 Einleitung und Kommentar zu Kap. 1 - 4 (1965), 486. Vgl. zur narrativen Kohärenz erneut J.N. Lüke, Über die narrative Kohärenz zwischen Apostelgeschichte und Paulusbriefen (2019). „wachsen, ohne sich zu mühen“ (αὐξάνουσιν: οὐ κοπιῶσιν, Mt 6,28 / / Lk 12,27), während in Mt 11,28 Jesus diejenigen zu sich ruft, die sich bemühen, und in Lk 5,5 erklärt Simon gegenüber Jesus, dass sie sich die ganze Nacht über vergeblich gemüht hätten, aber auf sein Wort hin diese Mühe fortsetzen wollten. In Joh 4,6 wird gar von Jesus selbst berichtet, dass er sich „gemüht“ hatte und kurz darauf heißt es: „37 Denn hier hat das Sprichwort recht: Einer sät und ein anderer erntet. 38 Ich habe euch gesandt zu ernten, wofür ihr euch nicht abgemüht habt (κεκοπιάκατε); andere haben sich abgemüht (κεκοπιάκασιν) und euch ist ihre Mühe (κόπον) zugute‐ gekommen“ ( Joh 4,37-38). Der Hinweis auf das Sprichwort in Vers 37, 278 der auffallenderweise in P 75 fehlt, mit der Auslegung in Vers 38 ist eine andere Weise das auszudrücken, was mit dem Lilienbeispiel gesagt wurde, dass nämlich der Lohn demjenigen gegeben wird, der sich nicht selbst bemüht hat. 279 Schnackenburg rechnet mit einer Übernahme des κοπιάω aus Paulus, doch vielmehr spricht die wiederholte Wahl dieses Terminus „für die Missionsarbeit“ und zwar „im missionstechni‐ schen Sinn“ dafür, 280 dass diese Begrifflichkeit eine solche der kanonischen Redaktion ist, mit der erneut genau solche hermeneutischen Kohärenzverbin‐ dungen hergestellt werden sollen, wie sie von Schnackenburg an dieser Stelle wahrgenommen werden. Für *Ev ist das Beispiel von den Lilien bezeugt, wenn auch der Wortlaut unklar ist, doch macht Tertullian übereinstimmend mit 05, d, sys.c, Clem deutlich, dass er anstelle von κοπιάω ein νήθω oder ὑφαίνω gelesen hat, das zweite ein Hapax legomenon im Neuen Testament. Zwar ist auch die Perikope vom wunderbaren Fischzug und der Berufung des Petrus für *Ev bezeugt, jedoch wiederum nicht §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 347 <?page no="348"?> 281 *1Thess 4,4: εἰδέναι ἕκαστον ὑμῶν τὸ ἑαυτοῦ σκεῦος κτᾶσθαι ἐν τιμῇ. 282 Mt 10,9: Μὴ κτήσησθε χρυσὸν μηδὲ ἄργυρον μηδὲ χαλκὸν εἰς τὰς ζώνας ὑμῶν. 283 Vgl. Tert., Adv. Marc. IV 39,8; vgl. auch Mk 13,13: … ὁ δὲ ὑπομείνας εἰς τέλος οὗτος σωθήσεται; Mt 24,13: ὁ δὲ ὑπομείνας εἰς τέλος οὗτος σωθήσεται; M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekon‐ struktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 1128-1129; T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, Band 2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892), 488; A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 231*; J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 183. 284 Apg 8,20: -… ὅτι τὴν δωρεὰν τοῦ θεοῦ ἐνόμισας διὰ χρημάτων κτᾶσθαι. der genaue Wortlaut, so dass nicht geurteilt werden kann, ob darin κοπιάω zu lesen war oder nicht. Wir begegnen erneut dem Phänomen, dass ein zentraler Begriff auf der kanonischen Ebene weder für *Paulus noch für *Ev sicher bezeugt ist. Bevor wir uns κτῆμα zuwenden, werfen wir erst einen Blick auf κτάομαι. Hier besitzen wir ein Verb, das auch vorkanonisch bezeugt ist für *1Thess 4,4, im Sinne von „halten“, „bewahren“. 281 Bei Mt hingegen bedeutet das Verb ex negativo das, was man „sich nicht einstecken soll“ (Mt 10,9). 282 Der Sinn des Verbs im Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner im Tempel (Lk 18,9-14) schließt dem an, wenn es darum geht, dass der Pharisäer alles, was er erwirbt, verzehntet. Ob das Verb hier auch vorkanonisch vorhanden war, ist unklar, denn das Gleichnis ist zwar für *Ev bezeugt, jedoch nicht dessen genauer Wortlaut. Lk 21,19 bietet jedoch eine Vergleichsmöglichkeit zwischen Lk und *Ev. In Lk heißt es: ἐν τῇ ὑπομονῇ ὑμῶν κτήσασθε τὰς ψυχὰς ὑμῶν („Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das Leben gewinnen“). Interessanterweise formuliert an dieser Stelle jedoch *Ev, wie Tertullian bezeugt („salvos facietis vosmetipsos“), unter Benutzung eines anderen Verbs. Klinghardt, Zahn folgend, notiert: σώσετε ἑαυτούς, eine Lesart, die schon Harnack und BeDuhn von Zahn übernommen hatten. 283 Nun fällt auf, dass das Verb κτάομαι kein weiteres Mal bei Paulus begegnet und nur noch in Apg auftaucht, dort im Sinn von „kaufen“, was eher an Mt und Lk anschließt. An der ersten Stelle, Apg 1,18 steht es im Kontext von Judas, dem Verräter, der sich für seinen Lohn „ein Grundstück kaufte (κτᾶσθαι)“. In ähnlich negativem Kontext, der Petrusschelte des Simon in Samaria, begegnet das Verb erneut in Apg 8,20. 284 Und ein drittes Mal findet sich der Begriff in Apg 22,28, wo der Oberst darauf hinweist, er habe für das Bürgerrecht „ein Vermögen bezahlt (ἐκτησάμην)“, worauf Paulus erwidert, er hingegen sei sogar „als Römer geboren“. 348 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="349"?> Der Vergleich zeigt, dass das Verb auf vorkanonischer Ebene in positivem Sinn verwendet wird, und zwar nicht im Sinne eines Erwerbens oder Gewin‐ nens, sondern im Sinn von „in Ehre Halten“, während es auf kanonischer Ebene eher den gewöhnlicheren Sinn von „Kaufen“, „Erwerben“, „Gewinnen“ besitzt, zum Teil auch in negativer Bedeutung, die vor allem durchgehend in der Apostelgeschichte präsent ist. Auch wenn bei diesem Verb nicht viel für die Nähe von *Paulus und *Ev festzustellen ist, zeigt sich doch eine Differenz zwischen vorkanonischem und kanonischem Sinngehalt des Verbes. Offenkundig hat die schwache vorkanoni‐ sche Bezeugung eine Auswirkung auch auf die Redaktion des Paulus gehabt, wo dieser Begriff nicht weiter Eingang gefunden hat. Hingegen hat ihn die kanonische Redaktion in vor allem negativem Sinn in die Evangelien Mt, Lk und in die Apg einfließen lassen. Wenden wir uns nun κτῆμα zu. Bereits Mt 19,22 / / Mk 10,22 wird verdeutlicht, dass der junge Mensch, der „ein großes Vermögen“ hat, von Jesus „traurig weg geht“. Dieses Beispiel begegnet auch in *Ev/ Lk 18,18-30 (wenn auch 18,25 in *Ev zu fehlen scheint), doch begegnet der Begriff „Vermögen“ in Vers 23 nicht (jedoch χρήματα in Vers 24 / / Mk 10,23). Hingegen findet er sich in Apg 2,45, was sich wie eine Gegengeschichte zu dem Beispiel mit dem jungen Menschen mit großem Vermögen liest. Denn hier heißt es: „Sie verkauften Vermögen (κτήματα… ἐπίπρασκον) und Güter und teilten davon allen zu, jedem so viel, wie er nötig hatte.“ Allerdings schiebt Apg 5,1 gleich das Gegenbeispiel von Hana‐ nias und Saphira nach, welche zwar ihr Vermögen verkauft hatten, jedoch von dem Erlös etwas für sich abgezweigt hatten (νοσφίζω). Nun findet sich νοσφίζω nurmehr wieder in Tit 2,10 bei der Aufforderung an die „Sklaven“, diese sollten nichts für sich abzweigen, auch wenn an dieser Stelle verständlicherweise nicht von κτῆμα die Rede ist. Was folglich κτῆμα betrifft, zeigt sich übereinstimmend in *Paulus und *Ev das Fehlen dieses Begriffes, welches auch in Lk bemerkbar ist, und erst durch die kanonische Redaktion hat der Begriff in Mk, Mt und Apg Eingang gefunden hat. λατρεία wie λατρεύω sind Termini technici, die ein Dienstverhältnis ausdrü‐ cken, jedoch ausschließlich auf der kanonischen Ebene begegnen. Das Nomen steht nur ein einziges Mal in einem der vier Evangelien, nämlich in Joh 16,2, und zwar in einem hochaufgeladenen Zusammenhang: „Sie werden euch aus der Synagoge ausstoßen, ja es kommt die Stunde, in der jeder, der euch tötet, meint, Gott einen heiligen Dienst zu leisten (λατρείαν προσφέρειν τῷ θεῷ)“. Nicht minder aufgeladen und ebenfalls in der Auseinandersetzung und Näher‐ §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 349 <?page no="350"?> 285 So überschreibt Otto Michel seinen Kommentarabschnitt zu Röm 12,1-2 mit „Der neue Gottesdienst“, O. Michel, Der Brief an die Römer (1957), 258. 286 Diese Anrede, auch wenn sie vorkanonisch bezeugt ist für *Gal 4,31; *1Kor 10,1; 15,1. 50, findet sich im Römerbrief nur auf der kanonischen Ebene. 287 O. Michel, Der Brief an die Römer (1957), 260. bestimmung des Verhältnisses zu seinen „Brüdern“, den „Israeliten“, formuliert Paulus unter Benutzung dieses Begriffes in Röm 9,1-5: „1 Ich sage die Wahrheit in Christus, ich lüge nicht, wie mir mein Gewissen bezeugt im Heiligen Geist, 2 dass ich große Traurigkeit und unablässigen Schmerz in meinem Herzen habe. 3 Denn ich selbst, ich wünschte, verflucht zu sein, weg von Christus um meiner Brüder willen, meiner Verwandten nach dem Fleisch, 4 die Israeliten sind, denen die Sohnschaft gehört und die Herrlichkeit und die Bündnisse und die Gesetzgebung und der Gottesdienst (λατρεία) und die Verheißungen; 5 denen die Väter gehören und aus denen Christus dem Fleisch nach stammt, der über allem ist, Gott gepriesen in Ewigkeit. Amen.“ Es folgen auf diese Zeilen die drei Kapitel Ausführungen zu diesem Verhältnis - wobei Paulus an keiner einzigen Stelle den Terminus „Synagoge“ benutzt, der wie überhaupt diese drei Kapitel bis auf wenige Sätze in *Paulus fehlt. Zum Schluss seiner Darlegungen kehrt Paulus bei der zusammenfassenden Überleitung in Röm 12,1 zu dem Begriff λατρεία zurück, einem Zentralbegriff für die Verhältnisbestimmung: 285 „Ich ermahne euch nun, Brüder, 286 durch die Barmherzigkeiten Gottes, eure Leiber darzustellen als ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer, das sei euer vernünftiger Gottesdienst (λογικὴν λατρείαν).“ Mit diesem Begriff verdeutlicht der kanonische Paulus den Unterschied zwi‐ schen dem, was seinen israelitischen Brüdern gegeben ist, ein physischer Gottesdienst, gegenüber dem „vernünftigen Gottesdienst“, den er von seinen Adressatenbrüdern erwartet. Diesen Ausdruck hat man auch mit 1Petr 2,5 in Zusammenhang gebracht: πνευματικὰς θυσίας εὐπροσδέκτους [τῷ] θεῷ διὰ Ἰησοῦ Χριστοῦ, 287 er steht aber auch Hebr 9,1.6-11 nahe, wenn es dort zur Verhältnisbestimmung heißt: „1 Der erste Bund hatte zwar gottesdienstliche Vorschriften (δικαιώματα λατρείας) und ein irdisches Heiligtum … 6 So also ist das alles geordnet. In das erste Zelt gehen die Priester das ganze Jahr hinein, um die heiligen Dienste (λατρείας) zu verrichten. 7 In das zweite Zelt aber geht nur einmal im Jahr der Hohepriester allein hinein, und zwar mit dem Blut, das er für sich und für die unwissentlich begangenen 350 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="351"?> Vergehen des Volkes darbringt. 8 Damit macht der Heilige Geist deutlich, dass der Weg in das Heiligtum noch nicht offensteht, solange das erste Zelt noch Bestand hat. 9 Das ist ein Gleichnis, das auf die gegenwärtige Zeit hinweist, in der Gaben und Opfer dargebracht werden, die das Gewissen des Opfernden (λατρεύοντα) nicht zur Vollkommenheit führen können; 10 es handelt sich nur um Speisen und Getränke und allerlei Waschungen, äußerliche Vorschriften, die bis zu der Zeit einer besseren Ordnung auferlegt worden sind. 11 Christus aber ist gekommen als Hohepriester der künftigen Güter durch das größere und vollkommenere Zelt, das nicht von Menschenhand gemacht, das heißt nicht von dieser Schöpfung ist.“ Wie durch diesen Text deutlich wird, steigert Hebr die Verhältnisbestimmung und führt sie zu einer klaren Hierarchie zwischen dem Gottesdienst im irdi‐ schen Heiligtum, was ein Dienen (λατρεύουσιν) gegenüber „einem Abbild und Schatten der himmlischen Dinge“ heißt (Hebr 8,5), und dem künftigen Heiligtum mit Christus als dem „Hohepriester der künftigen Güter“, welches ein vollkommenerer Gottesdienst in einem Zelt, „das nicht von Menschenhand gemacht“ ist, oder, wie es dann Hebr 12,28 heißt: „Darum wollen wir dankbar sein, weil wir ein unerschütterliches Reich empfangen, und wollen Gott so dienen (λατρεύωμεν), wie es ihm gefällt, in ehrfürchtiger Scheu“. Dieser Altar ist jedoch für die „Diener des [ersten, irdischen] Zeltes“ verschlossen (Hebr 13,10). Auch wenn das Nomen λατρεία sonst nicht weiter im kanonischen Neuen Testament begegnet, findet sich doch das Verb λατρεύω noch an einigen Stellen. Es steht zunächst an drei Stellen in Lk, die allesamt zu den Eingangskapiteln gehören und im *Ev fehlen, nämlich in der prophetischen Rede des Zacharias (Lk 1,74), bei der Beschreibung der Prophetin Hanna (2,37), und in Jesu Widerrede gegen den Teufel (4,8 / / Mt 4,10). Als Selbstbeschreibung des apostolischen Dienstes steht es dann gleich zu Anfang des Römerbriefes (Röm 1,9), und zwar in Absetzung von dem Götzendienst der Menschen (Röm 1,25) und nach Phil 3,3 auch in Unterscheidung zu anderen Beschnittenen, deren Beschneidung Paulus als irdischen Vorzug bezeichnet und für einen Verlust im Licht der Erkenntnis Christi hält (Phil 3,7-8), wobei die Philipperpassagen auch vorkanonisch stehen, auffälligerweise aber ohne die Bezeugung von λατρεύω. Den Gedanken vom geistigen Dienst (λατρεύω ἀπὸ προγόνων ἐν καθαρᾷ συνειδήσει) greift dann auch 2Tim 1,3 auf. Apg 7,7 spricht vom Dienen Abrahams und seiner Nachkommen als Sklaven (δουλεύσουσιν; auch gegenüber Gott (λατρεύσουσίν μοι) und von ihrem Ster‐ nenkult (Apg 7,42), dann aber tritt Paulus vor dem Statthalter Felix auf und spricht davon, dass er „dem Weg entsprechend, den sie eine Sekte nennen,“ dem Gott seiner Väter „dient“ (Apg 24,14), auch „einem Engel dieses Gottes“ (Apg 27,23), und auch „die Juden“ dienen diesem „Gott unablässig“ (Apg 26,7). §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 351 <?page no="352"?> 288 Tert., Adv. Marc. IV 33,1. 289 Allerdings begegnet auch θεραπεία ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Wie diese Übersicht ergibt, handelt es sich bei „Dienst“ und „Dienen“ um Zentralbegriffe der kanonischen Redaktion, insbesondere in der Abgrenzung zwischen Synagoge und Kirche, zwischen dem ersten und dem neuen Zelt und in der Definition des Weges, der als „Häresie“ von „den Juden“ bezeichnet werde. Dieses Bemühen um eine Definition des Verhältnisses und damit um eine Selbstbestimmung über die verschiedenen Schriften hinweg ist auf der kanonischen Ebene von herausragender Bedeutung, doch die Terminologie fehlt übereinstimmend in *Ev und *Paulus und eine Identitätsbestimmung, wie man weiter ausführen müsste, gibt es vorkanonisch erst in Ansätzen, wie man etwa an *Phil 3 sehen konnte. Die Wortgruppe οἰκετεία, οἰκέτης, οἰκέω, οἴκημα, οἰκητήριον, οἰκοδεσποτέω ist bemerkenswert, und so ist die seltene vorkanonische Bezeugung von οἰκία (nur in *Ev 10,5) und οἰκεῖος (*Laod 2,19) auffällig. Ohne hier alle Stellen durchgehen zu können - alleine οἰκία steht schon etwa 100 Mal im Neuen Testament -, sei doch darauf verwiesen, dass wir es mit einer auf der kanonischen Ebene höchst beliebten Terminologie zu tun haben. Ich greife darum nur die etwas seltener stehenden Termini heraus und beginne mit οἰκέτης. Während der Vers Lk 16,13, wo dieser Terminus begegnet, auch vorkanonisch bezeugt ist, gibt Tertullian diesen Begriff nicht, sondern nur das verallgemeinernde: „Quibus duobus dominis neget posse serviri …“ 288 Dass dies kein Zufall ist, zeigt Röm 14,4. *Röm 14,2 ist bezeugt, aufgrund der Lexik und des argumentativen Zusammenhangs kann auch der nächste Vers vorkanonisch gestanden sein, doch spricht nicht nur die Unbezeugtheit, sondern auch die weitere Lexik (στήκω, das 12 Mal im NT steht, ausschließlich auf der kanonischen Ebene; πίπτω, das insgesamt 112 Mal im NT steht, ebenfalls ausschließlich auf der kanonischen Ebene) von Vers 4 dafür, dass dieser Vers auf die kanonische Redaktion zurückgeht. Hier ergibt sich aus dem Befund zu Lk 16,13 und Röm 14,4, dass auch der Begriff οἰκέτης auf diese Redaktion zurückzuführen ist. Dazu passt, dass das Nomen οἰκετεία in Mt 24,45 (… ὁ πιστὸς δοῦλος καὶ φρόνιμος ὃν κατέστησεν ὁ κύριος ἐπὶ τῆς οἰκετείας αὐτοῦ τοῦ δοῦναι αὐτοῖς τὴν τροφὴν ἐν καιρῷ) begegnet, während im Parallelvers Lk 12,42 zu lesen ist: … ὁ πιστὸς οἰκονόμος ὁ φρόνιμος, ὃν καταστήσει ὁ κύριος ἐπὶ τῆς θεραπείας αὐτοῦ τοῦ διδόναι ἐν καιρῷ [τὸ] σιτομέτριον. Erst in Lk 12,45 ist vom Sklaven die Rede, der in Mt 24 durch die kanonische Redaktion bereits in Vers 45 eingetragen wurde und entsprechend wurde die θεραπεία zur οἰκετεία dieser Redaktion gemäß verändert. 289 352 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="353"?> 290 *Gal 6,10: ἄρα ὡς καιρὸν ἔχομεν, ἐργαζώμεθα τὸ ἀγαθόν. οἰκεῖος steht drei Mal auf der kanonischen Ebene (Gal 6,10; Eph 2,19; 1Tim 5,8). Der erste Fall, Gal 6,10, ist besonders sprechend, weil der Anfang des Verses vorkanonisch bezeugt ist, jedoch gerade dort, wo kanonische Sprache einsetzt, die Bezeugung nicht mehr von Tertullian weitergeführt wird, obwohl er die Passage zuvor, *Gal 6,2. 6-10 detailliert kommentiert hat. Im ersten Halbvers, der vorkanonisch bezeugt ist, heißt es *Gal 6,10: „Deshalb lasst uns, solange wir Zeit haben, Gutes tun.“ 290 Hingegen heißt es in der kanonischen Version Gal 6,10: „Deshalb also lasst uns, solange wir Zeit haben mögen, allen gegenüber Gutes tun, besonders aber denen, die zu den Unseren des Glaubens gehören! (οἰκείους)! “ Wie bereits zuvor festgestellt wurde, bietet auch diese Erweiterung des Verses eine Verengung des Gesichtsfelds auf die eigene Gruppe, dient also der Identitätsbestimmung. Solche Abgrenzung, verbunden mit dem Aufruf für die eigenen Glaubensgenossen zu sorgen, begegnet dann 1Tim 5,8: „Wenn aber jemand für die Seinen, besonders für die eigenen Genossen (οἰκείων), nicht vorsorgt, der verleugnet damit den Glauben und ist schlimmer als ein Ungläubiger“. In *Laod/ Eph 2,19 lesen wir: *Laod 2,19: „Ihr seid folglich nicht mehr Fremde und ohne Bürgerrecht, sondern Mitbürger der Heiligen, nämlich Hausgenossen Gottes.“ Eph 2,19: „Ihr seid also jetzt nicht mehr Fremde und ohne Bürgerrecht, sondern Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes (οἰκεῖοι τοῦ θεοῦ).“ Mit der Eröffnung Ἄρα οὖν verdeutlicht Eph den präsentischen Sinn und damit die Hinordnung auf die Zuhörer. Nun ist nicht nur der Begriff οἰκεῖος ein auf der kanonischen Ebene stehender Begriff, der ausschließlich in *Laod vorkanonisch bezeugt ist, dasselbe Phänomen bietet das hier stehende ξένος, das 15 Mal im NT steht und vorkanonisch nur für *Laod 2,12. 19 bezeugt ist. Auch πάροικος, das vier Mal im NT steht, ist nur an dieser Stelle vorkanonisch bezeugt und steht ansonsten auf der kanonischen Ebene (Apg 7,6. 29; Eph 2,19; 1Petr 2,11). Das zugehörige Verb παροικέω steht zwei Mal im NT, jeweils auf kanonischer Ebene (Lk 24,18; Hebr 11,9). Und auch das Nomen παροικία steht zwei Mal, ebenfalls jeweils auf der kanonischen Ebene (Apg 13,17; 1Petr 1,17). συμπολίτης ist Hapax legomenon im NT. Da die einzige vorkanonische Bezeugung für οἰκεῖος wie auch der anderen hier aufgeführten Begriffe *Laod bietet, ist ein weiterer Hinweis darauf ge‐ wonnen, dass wir es mit einer doppelten Bearbeitungsstruktur bei *Laod/ Eph zu tun haben. Die vorkanonische Redaktion hatte eine aus dem Umkreis, aus der später die kanonische Redaktion hervorgehen wird, stammende Vorlage km Laod §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 353 <?page no="354"?> 291 Jes 53,1 LXX: κύριε, τίς ἐπίστευσεν τῇ ἀκοῇ ἡμῶν …, vgl. O. Michel, Der Brief an die Römer (1957), 231. zur Hand, in welche diese einschlägige kanonische Lexik vorhanden war, die sie weiter bearbeitet hat zu *Laod; dann wiederum hat die kanonische Redaktion das Produkt der vorkanonischen Redaktion erhalten und dieses bei der Einbindung des Briefs in die größere Sammlung weiter redaktionell bearbeitet zu Eph. Wie bereits zu den historiographischen Begriffen in der Zusammenfassung vermerkt wurde, lassen sich folglich auch bei den ökonomischen Termini dieselben Beobachtungen anstellen. Zum ersten gibt es eine große Differenz zwischen der vorkanonischen und der kanonischen redaktionellen Ebene, wobei auf der kanonischen Ebene es durchaus verschiedene Nuancen gibt, die näher zu verfolgen wären. Auf der vorkanonischen Ebene, wo all die aufgeführten Begriffe schlichtweg fehlen, sowohl in *Paulus wie im *Ev, lässt sich aber an den mitbetrachteten Begriffen, die auf der vorkanonischen Ebene zu finden sind, erkennen, dass sowohl ein terminologisches wie inhaltlich eng verschränktes Profil derselben existiert. c) Sprachlich Gerade, wo es um Sprache und sprachliche Profile geht, sind Begriffe, die sich auf literarische, rhetorische und narrative Prozesse beziehen, von Bedeutung. Wie zuvor auch, greife ich wiederum nur einige Begriffe heraus, die ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt sind. Beginnen wir mit ἀκοή. Der Begriff begegnet recht häufig im kanonischen Paulus. In gewisser Hinsicht schließt er an das Thema der Identitätsbestimmung bzw. -abgrenzung an, ein wichtiges Thema auf der kanonischen Ebene, das bereits zuvor verhandelt wurde, wenn es in Röm 10,16-17 heißt: „16 Aber nicht alle haben dem Evangelium gehorcht (ὑπήκουσαν); denn Jesaja sagt: Herr, wer hat unserer Verkündigung geglaubt? 17 So kommt der Glaube aus der Verkündigung (τῇ ἀκοῇ), die Verkündigung (ἐξ ἀκοῆς) aber durch das Wort Christi.“ In diesen zwei Versen steht erstens die From ὑπήκουσαν, dann gleich drei Mal mit der Steigerung das Nomen „Verkündigung/ Kunde“ (ἀκοή), wonach niemand der Verkündigung glaubt, wo doch Glaube aus der Verkündigung stammt und diese wieder auf Christus selbst zurückzuführen ist. Als Teil der Auseinandersetzung mit seinen Brüdern, den Israeliten, verweist Paulus zunächst auf den Jesajavers, dem er diesen Begriff entnimmt, und zwar in der LXX Fassung, die anders als der masoretische Text mit der Anrede an den Herrn, Gott, eröffnet. 291 Gott, der Herr, wird hier mit Christus gleichgesetzt, der durch 354 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="355"?> 292 Ibid. 293 Dtn 23,21 LXX: αὐτοὶ παρεζήλωσάν με ἐπ᾽ οὐ θεῷ, παρώργισάν με ἐν τοῖς εἰδώλοις αὐτῶν· κἀγὼ παραζηλώσω αὐτοὺς ἐπ᾽ οὐκ ἔθνει, ἐπ᾽ ἔθνει ἀσυνέτῳ παροργιῶ αὐτούς. 294 Jes 65,1-2 LXX: ἐξεπέτασα τὰς χεῖράς μου ὅλην τὴν ἡμέραν πρὸς λαὸν ἀπειθοῦντα καὶ ἀντιλέγοντα οἳ οὐκ ἐπορεύθησαν ὁδῷ ἀληθινῇ ἀλλ᾽ ὀπίσω τῶν ἁμαρτιῶν αὐτῶν. sein Wort validiert, was zu hören ist, die oral verkündete Botschaft. Schon kurz zuvor in Röm 10,14 wurde auf die Bedeutsamkeit dieser Kunde hingewiesen: „Wie sollen sie aber den anrufen, an den sie nicht geglaubt haben? Und wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben (ἤκουσαν)? Und wie sollen sie hören (ἀκούσωσιν) ohne einen Verkündiger? “ Wegen seiner dreigliedrigen, bündigen Form wurde gefragt, ob es sich bei Vers 17 nicht um eine Glosse handelt. 292 In den nachfolgenden Versen verschärft sich die Auseinandersetzung mit Israel durch weitere Fragen: „Haben sie es nicht gehört? “ (Röm 10,18), „Hat Israel es nicht verstanden? “ (Röm 10,19) mit der harschen Hinzufügung, die Mose in den Mund gelegt wird: „Ich will euch zur Eifersucht reizen durch das, was kein Volk ist, durch ein unverständiges Volk will ich euch erzürnen (ἐπ‘ οὐκ ἔθνει, ἐπ’ ἔθνει ἀσυνέτῳ παροργιῶ ὑμᾶς)“ (ibid.; Dtn 32,21 293 ), und mit einem weiteren Zitat aus Jesaja verdeutlicht Paulus, dass es nicht an Gott lag, denn dieser hatte sich nach Israel ausgestreckt, sondern dass die Schuld bei Israel liegt ( Jes 65,2 294 ). In derselben Art formuliert Paulus auch Gal 3,2 gegenüber den Galatern: „Habt ihr den Geist aus dem Gesetz gemäßen Handlungen oder vom Hören (ἐξ ἀκοῆς) des Glaubens erhalten? “ und fast gleichlautend - man bemerke die Duplikation als Merkmal der kanonischen Redaktion - in Gal 3,5: „Der euch folglich den Geist vermittelt hat und Kräfte unter euch bewirkte, geschah dies aus dem Gesetz gemäßen Handlungen oder vom Hören (ἐξ ἀκοῆς) des Glaubens? “ Im Ersten Thessalonicherbrief wird die Bedeutung der Kunde personalisiert auf Paulus und seine Adressaten: „Deshalb danken wir auch Gott unablässig dafür, dass ihr, als ihr das von uns verkündigte (ἀκοῆς) Wort Gottes empfingt, es nicht als Menschenwort aufnahmt, sondern als das, was es in Wahrheit ist: als das Wort Gottes, das in euch wirkt, die ihr glaubt“ (1Thess 2,13). Die Bedeutung der Kunde findet sich auch in den kanonischen Evangelien. Mt 4,24 formuliert, dass sich „die Kunde (ἀκοή) von ihm (oder seine Kunde) in ganz Syrien verbreitete“. Mk 1,28 schreibt von „der Kunde (ἀκοή) von ihm (oder seiner Kunde), die sich rasch im ganzen Gebiet von Galiläa verbreitete“. Außerdem kennt er ein Gleichnis der Taubstummenheilung (Mk 7,31-37; in der Mt-Parallele Mt 15,29-31 werden Stumme, Lahme und Blinde geheilt, doch von Tauben ist nicht die Rede). Wichtiger aber ist, dass der Terminus im selben Zusammenhang der Identi‐ tätsbeschreibung und -abgrenzung zu finden ist, wieder mit Bezug zu Jesaja, und §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 355 <?page no="356"?> 295 Vgl. auch Jes 6,10 LXX: ἐπαχύνθη γὰρ ἡ καρδία τοῦ λαοῦ τούτου, καὶ τοῖς ὠσὶν αὐτῶν βαρέως ἤκουσαν καὶ τοὺς ὀφθαλμοὺς αὐτῶν ἐκάμμυσαν, μήποτε ἴδωσιν τοῖς ὀφθαλμοῖς καὶ τοῖς ὠσὶν ἀκούσωσιν καὶ τῇ καρδίᾳ συνῶσιν καὶ ἐπιστρέψωσιν καὶ ἰάσομαι αὐτούς. Vgl. auch Fußnote 1042. 296 Vgl. Jes 6,9-10 LXX: 9 καὶ εἶπεν Πορεύθητι καὶ εἰπὸν τῷ λαῷ τούτῳ ᾿Ακοῇ ἀκούσετε καὶ οὐ μὴ συνῆτε καὶ βλέποντες βλέψετε καὶ οὐ μὴ ἴδητε· 10 ἐπαχύνθη γὰρ ἡ καρδία τοῦ λαοῦ τούτου, καὶ τοῖς ὠσὶν αὐτῶν βαρέως ἤκουσαν καὶ τοὺς ὀφθαλμοὺς αὐτῶν ἐκάμμυσαν, μήποτε ἴδωσιν τοῖς ὀφθαλμοῖς καὶ τοῖς ὠσὶν ἀκούσωσιν καὶ τῇ καρδίᾳ συνῶσιν καὶ ἐπιστρέψωσιν καὶ ἰάσομαι αὐτούς. zwar im Johannesevangelium mit Bezug zur selben Jesajastelle, die uns bereits aus dem Römerbrief bekannt ist, Jes 53,1: „37 Obwohl Jesus so viele Zeichen vor ihren Augen getan hatte, glaubten sie nicht an ihn. 38 So sollte sich das Wort erfüllen, das der Prophet Jesaja gesprochen hat: Herr, wer hat unserer Kunde geglaubt? Und der Arm des Herrn - wem wurde seine Macht offenbar? 39 Denn sie konnten nicht glauben, weil Jesaja an einer anderen Stelle gesagt hat: 40 Er hat ihre Augen blind gemacht und ihr Herz hart, damit sie mit ihren Augen nicht sehen und mit ihrem Herzen nicht zur Einsicht kommen, damit sie sich nicht bekehren und ich sie nicht heile“ ( Joh 12,37-40). 295 In dieser Auseinandersetzung mit Juden führt Johannes dasselbe Zitat wie Paulus an, allerdings mit der bemerkenswerten Betonung nicht der Kunde oder des Gehörs, sondern, indem er ein weiteres Zitat aus demselben Buch Jesaja ( Jes 6,10) hinzufügt, verschiebt er das Gewicht hin zu den Augen, dem Sehen und zur Einsicht. Darin unterscheidet sich Johannes von Matthäus, der in Hinsicht auf die Gewichtung des Gehörs näher bei Paulus bleibt: „Deshalb rede ich zu ihnen in Gleichnissen, weil sie sehen und doch nicht sehen und hören und doch nicht hören und nicht verstehen. 14 An ihnen erfüllt sich das Prophe‐ tenwort Jesajas: Hören sollt ihr, hören und doch nicht verstehen; / sehen sollt ihr, sehen und doch nicht einsehen. 15 Denn das Herz dieses Volkes ist hart geworden. / Mit ihren Ohren hören sie schwer / und ihre Augen verschließen sie, / damit sie mit ihren Augen nicht sehen / und mit ihren Ohren nicht hören / und mit ihrem Herzen / nicht zur Einsicht kommen / und sich bekehren und ich sie heile. 16-Eure Augen aber sind selig, weil sie sehen, und eure Ohren, weil sie hören. 17 Denn, amen, ich sage euch: Viele Propheten und Gerechte haben sich danach gesehnt zu sehen, was ihr seht, und haben es nicht gesehen, und zu hören, was ihr hört, und haben es nicht gehört.“ (Mt 13,13-17) 296 Kurz darauf berichtet Mt 14,1, dass auch Herodes die Kunde von Jesus ver‐ nommen hatte. Auch von den endzeitlichen Dingen wird man Kunde erhalten (Mt 24,5-6 / / Mk 13,7). In der Apostelgeschichte wird von den Menschen in 356 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="357"?> 297 Vgl. hierzu wieder J.N. Lüke, Über die narrative Kohärenz zwischen Apostelgeschichte und Paulusbriefen (2019), 199. 298 Vgl. auch wenig später die Kritik in Hebr 5,1: Περὶ οὗ πολὺς ἡμῖν ὁ λόγος καὶ δυσερμήνευτος λέγειν, ἐπεὶ νωθροὶ γεγόνατε ταῖς ἀκοαῖς. 299 Nachdem, was zuvor in Röm gesagt war, erstaunt dies, auch im Kontext dessen, dass in der Antike „der Hand und dem Auge besonderer Wert beigemessen wurde“, A. Lindemann, Der Erste Korintherbrief (2000), 273. 300 Vgl. hierzu M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 823. Athen berichtet, denen die neue Lehre zu Gehör gebracht wurde (Apg 17,20) und wenig später, Apg 28,25-27, begegnen wir wieder dem Jesajavers, den wir gerade bei Johannes gelesen hatten, Jes 6,9-10, der hier Paulus in den Mund gelegt wird. Offenkundig dient diese Apg-Stelle wie überhaupt der wiederholt zitierte Jesajavers der Verstärkung der narrativen Verknüpfung, die bereits Johannes mit seinem Rückbezug zum Römerbrief hergestellt hatte. 297 Aufgrund dieser herausgehobenen Bedeutung, die Gehör und Kunde haben, formuliert 2Tim 4,3-4, dass diejenigen, die die gesunde Lehre nicht ertragen und sich Fabeleien zuwenden, sich „das Ohr kitzeln lassen“ oder gar „das Ohr abwenden“. Hierzu passt auch die Kritik in Hebr 4,2, wenn es heißt, dass „auch uns das Evangelium verkündet worden ist wie jenen, doch hat ihnen das Wort der Kunde (ἀκοῆς) nichts genützt, weil es sich nicht durch den Glauben mit den Hörern (ἀκοαῖς) verband“. 298 Dass das Gehör zum Leib gehört - allerdings ohne größere Gewichtung als andere Sinne, 299 erfährt man aus 1Kor 12,16-17, einer Passage, die vielleicht auch in *Paulus gestanden war und etwas in Spannung steht zu der herausgehobenen Bedeutung gerade des Gehörs in Röm. Dazu würde passen, dass im *Ev, anders etwa als in den zitierten Passagen aus Mt, das Sehen und Gesehene von größerer Bedeutung ist als das Hören und die Kunde, wenn etwa in *Ev 10,23 zunächst das Sehen seliggepriesen wird und in *Ev 10,24 vom Hören und der Kunde gar nicht mehr die Rede ist. 300 Auch wenn Lk 10,24b das Hören ergänzt, bleiben Hören und Kunde in diesem Evangelium verglichen mit Mt und Mk weniger beleuchtet. Überblickt man diese Ausführungen zu ἀκοή, wird deutlich, dass die Kunde und das Hören für die vorkanonische Ebene, und zwar sowohl für *Paulus wie auch *Ev, von geringerer Bedeutung als das Sehen ist. Hierin unterscheidet sich die kanonische Redaktion, die durch die Synoptiker, die Apostelgeschichte und die Paulinen hindurch das Hören und die Kunde aufwertetet, auch wenn das Johannesevangelium trotz Bezug zu Paulus mit der Herausstellung des Sehens §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 357 <?page no="358"?> der vorkanonischen Ebene näher steht als den anderen kanonischen Schriften - auch später werden wir sehen, dass Joh öfter als die Synoptiker Elemente der vorkanonischen Ebene nutzt. Vielleicht wurde darum durch die Apg eine stärkere Verbindung von Joh mit den übrigen kanonischen Schriften hergestellt. ἀπογραφή ist ein seltenes Wort, nur Lk 2,2 und Apg 5,37 kennen es, weder (*) Paulus noch *Ev. Das damit verwandte Verb ἀπογράφω steht in Lk 2,1. 3. 5, nur in einer Passage, die im *Ev fehlt, dann wieder in Hebr 12,23, in einem Brief, der in *Paulus fehlt. Insofern mag man nicht allzuviel aus dem Fehlen des Terminus auf der vorkanonischen Ebene schließen. Häufiger begegnen ἀπολογέομαι und ἀπολογία, etwa Röm 2,15, wo von den Heiden die Rede ist, in deren Gewissen sowohl Selbstanklage wie Selbst‐ verteidigung zu finden sind. Auf das Gewissen spielt Paulus auch 2Kor 7,11 an. Davon zu unterscheiden ist Phil 1,7, wo Paulus von der Verteidigung des Evangeliums spricht. Auffallenderweise ist gerade der zweite Halbsatz von Phil 1,16, in welchem diese Rede von Paulus, der das Evangelium verteidigt, vorkommt, in diesem ansonsten vorkanonisch bezeugten Vers unbezeugt. In 2Tim 4,16 wird schließlich von der „ersten Verteidigung“ des Paulus gesprochen, bei der niemand für ihn eingetreten sei. Diesen Sinn der Selbstverteidigung des Paulus greift auch Apg 22,1; 24,10; 25,8 und 26,1. 2. 24 auf. Überhaupt versteht Apg 19,33 den Begriff formal als „Verteidigungsrede“, hier vor der Volksversammlung. 1Petr 3,15 weitet den Gedanken aus, dass man stets bereit sein soll, sich gegenüber allen zu verteidigen (ἕτοιμοι ἀεὶ πρὸς ἀπολογίαν παντὶ …). Dieser Gedanke der Selbstverteidigung vor Autoritäten ist auch Lukas bekannt und er lässt Jesus mahnen, dass man sich darüber nicht besorgen solle (Lk 12,11), ein Vers, der im Wortlaut vorkanonisch nicht bezeugt ist, auch wenn die Perikope im *Ev vorhanden war. Ähnlich in der Endzeitrede kommt Lk 21,14 auf die Verteidigung zu sprechen und Tertullian erwähnt in seinem Kommentar zu *Ev, dass man „im Tribunal antworten müsse“ (Adv. Marc. IV 39,6). *Ev wird folglich das Verb im eschatologischen Zusammenhang gekannt haben. Wenn dem so war, dann scheint die kanonische Redaktion diese Vorstellung in die Gegenwart versetzt und zu einer Abgrenzungsstrategie entwickelt zu haben, die sich gerade für Paulus geeignet hatte. Es fällt auf, dass die gesamte folgende Wortgruppe vorkanonisch fehlt: 358 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="359"?> αὐλέω 6 / 3 Mt 11,17; 14,66; 26,69; Lk 7,32; 1Kor 14,7 αὐλή 13 / 12 - Mt 26,3. 58. 69; Mk 14,54. 66; 15,16; Lk 11,21; 22,55; Joh 10,1. 16; 18,15; Apk 11,2 αὐλητής 2 - Mt 9,23; Apk 18,22 αὐλίζομαι 2 - Mt 21,17; Lk 21,37 αὐλός 1 - 1Kor 14,7 Die Wörter dieser Gruppe stehen in den kanonischen Evangelien, wohingegen es nur einen einzigen Beleg in der paulinischen Literatur gibt, 1Kor 14,7 - und dieser Vers ist nur für die kanonische Ebene bezeugt. Vielleicht war es gerade der Mangel an vorkanonischen Vorgaben, die zu der spärlichen Bezeugung in Paulus führte. Jedenfalls finden wir erneut eine Übereinstimmung zwischen *Paulus und *Ev, denen ein anderes sprachliches Profil der kanonischen Ebene gegenübersteht. Erstaunlicher noch ist das Fehlen von ἐρωτάω sowohl in *Paulus wie in *Ev: Bei einem Terminus, der über 60 Mal im kanonischen Neuen Testament steht, auch in Apg und 1/ 2Joh. Doch begegnet uns vielleicht ein ähnliches Phänomen wie in der zuvor betrachteten Gruppe: Durch den Ausfall auf der vorkanonischen Ebene hat sich der Begriff per kanonische Redaktion nur bedingt eingetragen, wobei die relative Häufigkeit in Joh auffällt, dann auch Lk und Apg, während er innerhalb der sieben Paulusbriefe nur drei Mal begegnet, 1 Mal in 2Thess. κάλαμος ist ebenfalls für die vorkanonische Ebene unbezeugt, weder für *Paulus noch für *Ev. Der Begriff begegnet auch nur an einer Parallelstelle zu einer der drei Stellen, in denen er für die anderen synoptischen Evangelien bezeugt ist (Mt 11,7), nämlich im Abschnitt über den Täufer, Lk 7,24 - die Perikope ist in *Ev vorhanden, doch gerade dieser Versteil ist unbezeugt. Die zweite Episode der Verspottung Jesu unter Verwendung eines Stocks findet sich nicht in Lk (Mt 27,29-30 / / Mk 15,19), schließlich auch nicht das Reichen von Essig am Kreuz (Mt 27,48 / / Mk 15,36). Einen Schlüssel liefert vielleicht Mt 12,18-21, wo der Begriff Mt 12,20 aus Jes 42,3 genommen ist: „18 Siehe, mein Knecht, den ich erwählt habe, / mein Geliebter, an dem ich Gefallen gefunden habe. Ich werde meinen Geist auf ihn legen / und er wird den Völkern das Recht verkünden. 19 Er wird nicht streiten und nicht schreien / und man wird seine Stimme nicht auf den Straßen hören. 20-Das geknickte Rohr (κάλαμον) wird er nicht zerbrechen / und den glimmenden Docht nicht auslöschen, / bis er dem Recht zum §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 359 <?page no="360"?> 301 Vgl. Jes 42,3 LXX: κάλαμον τεθλασμένον οὐ συντρίψει καὶ λίνον καπνιζόμενον οὐ σβέσει, ἀλλὰ εἰς ἀλήθειαν ἐξοίσει κρίσιν. Sieg verholfen hat. 21 Und auf seinen Namen werden die Völker ihre Hoffnung setzen“ (Mt 12,18-21). 301 Warum in 05* der Passus „Das geknickte Rohr“ fehlt? Auch wenn die anderen beiden Synoptiker Mk und Lk die Perikope der Heilung besitzen, bietet nur Mt diesen Jesajaverweis, und selbst darin hat es noch eine Tradition gegeben, bei der gerade der Begriff des „Rohres“ fehlt. Er scheint also erst durch die kanonische Redaktion überhaupt in den Text der größeren Sammlung gekommen zu sein und wurde theologisch als prophetisches Erfüllungszeichen gewichtet, eine Vorstellung, die derjenigen Markions widersprach. Auf diese Ebene gehört auch 3Joh 1,13, wo das Rohr dann zum Schreibrohr wird: „Vieles hätte ich dir noch zu schreiben; ich will aber nicht mit Tinte und Rohr (καλάμου) schreiben.“ Als Messstab dient es ihn Apk 11,1; 21,15-16. Wiederum ist auf eine ganze Wortgruppe zu verweisen, die vorkanonisch gefehlt hat, auch wenn der Begriff λόγος sowohl in *Paulus wie *Ev steht: λογεία 8 / 2 - Apg 7,38; Röm 3,2; 1Kor 16,1. 2; Hebr 5,12; 1Petr 4,11 λογίζομαι 43 / 41 - Mk 11,31; 15,28; Lk 22,37; Joh 11,50; Apg 19,27; Röm 2,3. 26; 3,28; 4,3. 4. 5. 6. 8. 9. 10. 11. 22. 23. 24; 6,11; 8,18. 36; 9,8; 14,14; 1Kor 4,1; 13,5; 2Kor 3,5; 5,19; 10,2. 7. 11; 11,5; 12,6; Gal 3,6; Phil 3,13; 4,8; 2Tim 4,16; Hebr 11,19; 1Petr 5,12; Jak 2,23 λογικός 2 - Röm 12,1; 1Petr 2,2 λόγιον 4 - Apg 7,38; Röm 3,2; Hebr 5,12; 1Petr 4,11 λόγιος 7 / 1 - Apg 7,38; Röm 3,2; 1Kor 16,1. 2; Hebr 5,12; 1Petr 4,11 λογισμός 2 - Röm 2,15; 2Kor 10,5 λογομαχέω 1 - 2Tim 2,14 λογομαχία 1 - 1Tim 6,4 Die einzige Passage (Lk 22,35-38), in der einer dieser Begriffe (λογίζομαι) in Lk steht, fehlt nach Epiphanius’ explizitem Hinweis im *Ev. 302 Doch auch in *Paulus finden sich diese Begriffe nicht, obwohl sie in Paulus überaus gebräuchlich sind 360 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="361"?> 302 Vgl. Epiph., Pan. 42, sch. 64; M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 1177. 303 Verwiesen wird auf Gal 5,2. 11 (beide Male kritisch gegenüber Beschneidung); Röm 2,25 (ist nützlich, wenn man das Gesetz befolgt); 3,1-2 (Was ist der Nutzen der Beschneidung, und in fünf der sieben Paulusbriefe wie auch in den Pastoralbriefen, Hebr, dann auch in den Katholischen Briefen 1Petr und Jak begegnen. Mit Ausnahme von Mt, das hier der vorkanonischen Ebene näher steht, begegnet gerade λογίζομαι in den anderen kanonischen Evangelien, auch in Apg. In Apg 7,38 sind „die Worte des Lebens“ gemeint, die Mose auf dem Sinai empfangen hat. Im selben Sinn wird Röm 3,2 von den „Worten“ gesprochen, die Gott „den Juden“ anvertraut hat (ἐπιστεύθησαν τὰ λόγια τοῦ θεοῦ). Der ausführlichste Passus, in dem gleich zwei Begriffe dieser Wortgruppe zu finden sind, ist 2Kor 10,2-5: „2 Ich [sc. Paulus]bitte euch, dass ich, wenn ich anwesend bin, nicht mutig auftreten muss mit jener Zuversicht, mit der ich beabsichtige, gegen einige vorzugehen, die uns vorwerfen (λογίζομαι τολμῆσαι ἐπί τινας τοὺς λογιζομένους ἡμᾶς), wir würden nach dem Fleisch wandeln. 3 Denn obwohl wir im Fleisch wandeln, kämpfen wir nicht nach dem Fleisch. 4 Denn die Waffen unseres Kampfes sind nicht fleischlich, sondern mächtig vor Gott zur Zerstörung von Festungen. Wir zerstören Gedankengebäude 5 und jede Höhe, die sich gegen die Erkenntnis Gottes erhebt, und nehmen jeden Gedanken gefangen zum Gehorsam gegen Christus.“ Erneut beschreibt das Wortfeld eine Situation der Auseinandersetzung, bei der es um Identitätsfindung und Abgrenzung geht. Verständlicherweise greift der Paulus der Pastoralbriefe diese Semantik auf und spricht von „Wortgefechten“ in 1Tim 6,4 und brandmarkt Streitereien um Worte in 2Tim 2,14. In Hebr 5,12 wird den Adressaten vorgehalten, sie müssten noch in den Anfängen „der Worte Gottes“ Unterrichtete werden, während in 1Petr 4,11 die Angesprochenen mit dem Auftrag versehen werden, die „Worte“ auszusprechen, „die Gott … gibt“. Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass in 1Kor 16,1. 2 „die Geldsammlung für die Heiligen“ gemeint ist. Auch dieser Überblick zeigt eine gewisse Konsistenz der kanonischen Se‐ mantik von Begriffen, die vorkanonisch fehlen. d) Ethisch Es ist schon längst aufgefallen, dass die Ethik des Paulus voller Inkonsistenzen zu sein scheint. „Paulus kann lautstark gegen Beschneidung argumentieren, sie dann aber auch einen Vorzug nennen. 303 Er kritisiert Petrus, den Heiden §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 361 <?page no="362"?> groß in jeder Hinsicht); Phil 3,3 („Die Beschnittenen sind wir“); 1Kor 7,18 („Wenn einer als Beschnittener berufen wurde, soll er beschnitten bleiben. Wenn einer als Unbeschnittener berufen wurde, soll er sich nicht beschneiden lassen“). 304 „Paul can argue vociferously against circumcision but also call it a benefit. He criticises Peter for mandating Jewish practices of gentiles but later he is himself advising gentile Jesus-believers to adopt Jewish practices“, A. Phillips Wilson, Paul and the Jewish Law. A Stoic Ethical Perspective on His Inconsistency (2022), 1. jüdische Lebensweise zu empfehlen, doch später empfiehlt er selbst heidni‐ schen Jesusgläubigen, jüdische Lebensweise zu übernehmen …“ 304 Doch wir werden erkennen, dass Inkonsistenzen - nicht nur in der Ethik - ein Merkmal der kanonischen Redaktion darstellen, wohl ein Hinweis darauf, dass diese Redaktion nicht nur auf eine einzige Person zurückzuführen ist. Hingegen wird deutlich, dass sich die vorkanonische Fassung auch in ethischer Hinsicht deutlich konsistenter darstellt. ἀδικία steht vorkanonisch, sowohl in *Ev wie in *Paulus: *ἀδικία 27 / 25 *Ev 16,9; *Röm 1,18; *2Thess 2,12 Mt 23,25; Lk 13,27; 16,8. 9; 18,6; Joh 7,18; Apg 1,18; 8,23; Röm 1,18. 29; 2,8; 3,5; 6,13; 9,14; 1Kor 13,6; 2Kor 12,13; 2Thess 2,10. 12; 2Tim 2,19; Hebr 8,12; Jak 3,6; 2Petr 2,13. 15; 1Joh 1,9; 5,17 *ἄδικος 12 *Ev 16,11 Mt 5,45; Lk 16,10. 11; 18,11; Apg 24,15; Röm 3,5; 1Kor 6,1. 9; Hebr 6,10; 1Petr 3,18; 2Petr 2,9 Doch man wundert sich über die Unbezeugtheit von ἀδικέω und ἀδίκημα sowohl für *Ev wie für *Paulus: ἀδικέω 32/ 28 - Mt 20,13; Lk 10,19; 18,11; Apg 7,24. 26. 27; 25,10. 11; 1Kor 6,7. 8. 9; 2Kor 7,2. 12; Gal 4,12; Kol 3,25; Phlm 1,18; 2Petr 2,13; Apk 2,11; 6,6; 7,2. 3; 9,4. 10. 19; 11,5; 22,11 ἀδίκημα 3 - Apg 18,14; 24,20; Apk 18,5 Dass es bei diesen beiden Begriffen durchaus um finanzielle Dinge geht, erweist Phlm 1,18: „Wenn er dir aber Schaden zugefügt (ἠδίκησέν) hat oder dir etwas schuldet, so setze das auf meine Rechnung! “ Dies wird auch durch *Ev 16,11; Lk 16,10-11; 18,11; Mt 20,13; Apk 6,6 gestützt, es kann aber auch im Sinn von Schaden überhaupt gemeint sein (Apk 7,2-3; 9,4. 10. 19; 11,5). Apg 7,24-27 ist drastisch, weil die Stelle von Mose berichtet, dass er einen Ägypter dafür 362 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="363"?> 305 Vgl. die nachfolgende Fußnote, zuvor auch S.-338. erschlagen hatte, weil er einem Israeliten „Unrecht“ getan hatte, doch solches „Unrecht“ geschah dann auch unter den Brüdern, eine Situation, bei der Mose dazwischengeht. Der Unrechttuende stößt Mose zur Seite und fragt: „Wer hat dich zum Anführer und Schiedsrichter über uns bestellt? Willst Du mich etwa umbringen? “ (Apg 7,27-28). Diese Geschichte ist uns bereits zuvor begegnet, weil sie Tertullian benutzt hat, um gegen Markions Auslegung in *Ev 12,13-14 zu eifern. An dieser Stelle in *Ev heißt es nämlich: „13 Einer aus der Menge sprach zu ihm: Lehrer, sprich mit meinem Bruder, dass er mit mir das Erbe teilt! 14 Er aber sprach zu ihm: Mensch, wer hat mich zum Richter eingesetzt über euch! “ 305 Die Geschichte in Apg liest sich wie eine Gegengeschichte zu *Ev/ Lk 12,13-14 und eine kanonische Korrektur derselben. Während im *Ev/ Lk Christus sich nicht zum Richter macht, greift Mose hart durch, richtet und ahndet Unrecht mit Tötung des Unrechttuers. Allerdings trägt Apg 7,24 gegenüber Ex 2,12 Begrifflichkeiten ein (beistehen, Recht verschaffen), die das Verhalten Moses als durchweg positiv und „gerecht“ erscheinen lassen. Dem stimmt Kol 3,25 zu: „Denn der Unrecht tut (ἀδικῶν), wird empfangen, was er Unrechtes getan hat (ἠδίκησεν), und da gibt es kein Ansehen der Person.“ Und auch 2Petr 2,13 wiederholt: „als Lohn für ihr Unrecht (ἀδικίας) werden sie Unrecht erleiden (ἀδικούμενοι).“ Dieses Beispiel gibt uns einen Einblick dafür, worin eine redaktionelle Korrektur bestehen konnte: Offensichtlich aus Hochachtung vor dem geschrie‐ benen Wort wurden Textvorlagen zwar überarbeitet, auch inhaltlich korrigiert, in einen anderen Kontext geschoben oder, wie in diesem Fall, mit einer anderen Geschichte konterkariert, nicht notwendigerweise aber gestrichen (auch wenn Streichungen ebenfalls bei einer Redaktion vorkamen). Die Passage, in der der Begriff bei Paulus gleich mehrfach begegnet, ist 1Kor 6,7-9: „7 Ist es folglich nicht gänzlich euer Versagen, dass ihr miteinander Prozesse führt? Warum leidet ihr nicht lieber Unrecht (ἀδικεῖσθε)? Weswegen lasst ihr euch nicht eher übervorteilen, 8 stattdessen begeht ihr selber Unrecht (ἀδικεῖτε) und übervorteilt, und zwar Brüder. 9 Oder wisst ihr nicht, dass Ungerechte (ἄδικοι) Gottes Reich nicht erben werden? “ Von Unrechttun, insbesondere der Übervorteilung von Brüdern, setzt sich Paulus in 2Kor 7,2 selbst deutlich ab (was aufgenommen wird in Apg 25,10-11). §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 363 <?page no="364"?> 306 E. Norelli, Marcione lettore dell’ epistola ai Romani (1994). Die Relativierung des Gesetzes in dieser Hinsicht drückt sich auch in *Röm 2,12 aus: „So viele haben ohne Gesetz gesündigt, sie werden auch ohne Gesetz zugrunde gehen, und so viele unter einem Gesetz gesündigt haben, werden durch ein Gesetz gerichtet werden“ (ὅσοι γὰρ ἀνόμως ἥμαρτον, ἀνόμως καὶ ἀπολοῦνται: καὶ ὅσοι ἐν νόμῳ ἥμαρτον, διὰ νόμου κριθήσονται). Er hatte in Gal 4,12 seine Adressaten gelobt, dass sie ihm kein Unrecht angetan hätten, und nimmt auch seine kritischen Worte an die Adressaten etwas zurück: „Wenn ich euch also auch geschrieben habe, nicht, um den zu treffen, der Unrecht getan hatte (ἠδικήσαμεν), auch nicht, um dem Recht zu verschaffen, der Unrecht erlitten hatte (ἀδικηθέντος), sondern um euern Eifer um uns vor euch und vor Gott offenbar zu machen.“ (2Kor 7,12) Doch auch der Gedanke vom Unrechttun ist nicht nur, wie in den vorangegan‐ genen Zitaten, innerhalb der eigenen Gruppe thematisiert, sondern dient, wie man aus Apk 22,11 entnehmen kann, auch zur Abgrenzung gegenüber den Unheiligen: „Wer Unrecht tut, tue weiter Unrecht (ἀδικῶν ἀδικησάτω), der Unreine bleibe unrein, der Gerechte handle weiter gerecht und der Heilige strebe weiter nach Heiligkeit.“ Im nächsten Vers wird dann ausgeführt, dass beim Kommen des Herrn jeder den Lohn erhalten wird, der „seinem Werk entspricht“. Die Thematik von Unrecht und der Begegnung dieses Unrechts ist, wie das Beispiel des Mose auf der kanonischen Ebene verdeutlicht, grundsätzlich auf beiden Ebenen unterschiedlich gelöst. Während die vorkanonische Ebene das Unrecht gewähren lässt (*Ev 16,11) und nicht gegen es richtend einschreitet (*Ev 12,13-14), sondern davon ausgeht, dass sich der Unrechte selber richtet, 306 ist es auf der kanonischen Ebene Christus, der wie Mose dem Unrecht begegnet, eine Position, die schließlich auch Tertullian vertritt. Erneut stehen nicht nur sprachlich, sondern hier vor allem inhaltlich-theo‐ logisch und ethisch zwei verschiedene Profile vor uns, wobei die Nähe von *Ev und *Paulus wiederum deutlich wird. Zwei weitere Begriffe, die vorkanonisch nicht begegnen sind ἀνομία und ἄνομος. Sie führen uns erneut zu Lk 22,35-38, was durch Epiphanius’ Vermerk als abwesend von *Ev notiert ist. Hingegen verweist Jesus diejenigen, die in seinem Namen Dämonen austreiben als „Gesetzlose“ von sich (Mt 7,23). Die Begriffe sind auch für die paulinischen Briefe gut belegt. In Röm 4,7-8 sind sie sogar Teil von Seligpreisungen, die die kanonische Redaktion aus Ps 31,1-2 LXX gezogen hat: 364 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="365"?> 307 Tert., Adv. Marc. IV 6,3: magnam et omnem differentiam scindit, quantam inter iustum et bonum, quantam inter legem et evangelium, quantam inter Iudaismum et Christia‐ nismum. „7 Selig sind sie, deren Gesetzlosigkeiten (ἀνομίαι) vergeben und deren Sünden bedeckt sind. 8 Selig ist der Mann, dem der Herr die Sünde nicht zurechnet.“ Man bemerke die Verwendung des kurz zuvor diskutierten λογίζομαι. ἀνομία meint wörtlich Ungesetzlichkeit oder widergesetzliches Verhalten. So formu‐ liert es denn auch Paulus in Röm 6,19: „Ich rede menschlich wegen der Schwachheit eures Fleisches. Denn wie ihr eure Glieder der Unreinigkeit und der Gesetzlosigkeit (ἀνομίᾳ) zur Ungebundenheit (ἀνομίαν) gestellt habt, so stellt jetzt eure Glieder zur Gerechtigkeit zur Heiligung! “ Gleich zwei Mal steht hier der Begriff, der der Gerechtigkeit entgegengesetzt wird - womit ein Stichwort fällt, das Markions Kritik am Gott der Gerechtigkeit aufgreift, man denke etwa an eine der zentralen Antithesen aus Markions Vorwort, des großen Unterschieds, wie Tertullian anführt: „zwischen Gerech‐ tigkeit und Güte, zwischen Gesetz und Evangelium, zwischen Judentum und Christentum“. 307 Wie diese Antithese von Gerechtigkeit und Güte eine Identitätsbildung und zugleich Abgrenzung bedeutet, gefasst in dem erstmals in der Geschichte des frühen Christentums greifbaren Konzept von „Christentum“ gerade im Gegen‐ über zu dem von Markion als Antithese formulierten „Judentum“, verschärft die kanonische Redaktion diesen Begriff, wenn es 2Kor 6,14 heißt: „Ordnet euch keinem fremden Joch mit Ungläubigen unter! Was teilen sich denn Gerechtigkeit und Ungesetzlichkeit? Oder was ist Licht gegenüber Finsternis gemeinsam? “ Anders als bei Markion geht es hier nicht um die Abgrenzung gegenüber dem Judentum, sondern um eine solche des Lichtes gegenüber einer zur Finsternis radikalisierten Welt, die der Gesetzlosigkeit unterliegt. Es verwundert folglich nicht, wenn beide Begriffe (ἀνομία und ἄνομος) auf der vorkanonischen Ebene nicht vorkommen, jedoch auf der kanonischen Ebene ein besonderes Gewicht besitzen. Denn gerade in den Deuteropaulinen, Pastoralbriefen, Hebr und den katholischen Briefen begegnen die Begriffe wieder. 2Thess 2,3 ist ein eindrückliches Beispiel: §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 365 <?page no="366"?> 308 Dies hat schon Willi Marxsen gesehen, die Anspielung dennoch auf 1Thess bezogen, W. Marxsen, Der zweite Thessalonicherbrief (1982), 79-81. *2Thess 2,3 2Thess 2,3 3 πρῶτον ἀποκαλυφθῇ ὁ ἄνθρωπος τῆς ἀμαρτίας, ὁ υἱὸς τῆς ἀπωλείας, 4 ὁ ὑπεραιρόμενος ἐπὶ πάντα λεγόμενον θεὸν ἢ σέβασμα, ὥστε αὐτὸν εἰς τὸν ναὸν τοῦ θεοῦ καθίσαι, ἀποδεικνύντα ἑαυτὸν ὅτι ἔστιν θεός. 3 μή τις ὑμᾶς ἐξαπατήσῃ κατὰ μηδένα τρόπον: ὅτι ἐὰν μὴ ἔλθῃ ἡ ἀποστασία πρῶτον καὶ ἀποκαλυφθῇ ὁ ἄνθρωπος τῆς ἀνομίας, ὁ υἱὸς τῆς ἀπωλείας, 4 ὁ ἀντικείμενος καὶ ὑπεραιρόμενος ἐπὶ πάντα λεγόμενον θεὸν ἢ σέβασμα, ὥστε αὐτὸν εἰς τὸν ναὸν τοῦ θεοῦ καθίσαι, ἀποδεικνύντα ἑαυτὸν ὅτι ἔστιν θεός. *2Thess 2,3 2Thess 2,3 3- Zuerst muss der Mensch der Sünde offenbar werden, der Sohn des Verderbens, 4-der sich über alles, was Gott oder Heiligtum heißt, so sehr erhebt, dass er sich sogar in den Tempel Gottes setzt und sich als Gott ausgibt. 3-Lasst niemanden euch in irgendeiner Weise betrügen! Denn zuerst muss der Abfall kommen und der Mensch der Un‐ gesetzlichkeit offenbart werden, der Sohn des Verderbens, 4 der sich widersetzt und erhebt über alles, was Gott oder Heiligtum heißt, sodass er sich in den Tempel Gottes setzt und sich selbst für Gott ausgibt. Entweder hat die kanonische Redaktion in diesem Vers eine wesentliche Kor‐ rektur vorgenommen, oder die vorkanonische Redaktion, die, wie sich verschie‐ dentlich bereits herausgestellt hat, womöglich eine kanonisch beheimatete Vorlage für die eigene Redaktion benutzt hatte, korrigierte diese entsprechend. Dass die kanonische Redaktion den Satz „Lasst … betrügen! “ voransetzt (was eher wahrscheinlich ist, als dass die vorkanonische Redaktion diesen ausge‐ lassen hätte), spricht eher dafür, dass tatsächlich die Korrektur von „Ungesetz‐ lichkeit“ zur „Sünde“ durch die vorkanonische Redaktion vorgenommen wurde, die kanonische Redaktion diese Änderung aber wieder rückgängig gemacht hatte. Abgrenzend gegenüber der vorkanonischen Version (in der ja auch *1Thess vorhanden war, obwohl das, was hier verhandelt wird, dort thematisch nicht begegnet 308 ) formuliert die kanonische Redaktion, dass man sich „durch niemanden“ in „irgendeiner Weise“, also auch nicht durch einen alternativen Thessalonicherbrief, täuschen lassen soll. Die kanonische Redaktion fügt dann 366 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="367"?> 309 Vgl. etwa die von NA 28 angegebene Stellen Jes 57,3-4 LXX: 3 ὑμεῖς δὲ προσαγάγετε ὧδε, υἱοὶ ἄνομοι, σπέρμα μοιχῶν καὶ πόρνης. 4ἐν τίνι ἐνετρυφήσατε; καὶ ἐπὶ τίνα ἠνοίξατε τὸ στόμα ὑμῶν; καὶ ἐπὶ τίνα ἐχαλάσατε τὴν γλῶσσαν ὑμῶν; οὐχ ὑμεῖς ἐστε τέκνα ἀπωλείας, σπέρμα ἄνομον; Ps 88,23 LXX: οὐκ ὠφελήσει ἐχθρὸς ἐν αὐτῷ, καὶ υἱὸς ἀνομίας οὐ προσθήσει τοῦ κακῶσαι αὐτόν. 310 Tert., Adv. Marc. V 16,4: secundum vero Marcionem nescio ne sit Christus creatoris. 311 So W. Marxsen, Der zweite Thessalonicherbrief (1982), 84. 312 Jes 11,4 LXX: ἀλλὰ κρινεῖ ταπεινῷ κρίσιν καὶ ἐλέγξει τοὺς ταπεινοὺς τῆς γῆς· καὶ πατάξει γῆν τῷ λόγῳ τοῦ στόματος αὐτοῦ καὶ ἐν πνεύματι διὰ χειλέων ἀνελεῖ ἀσεβῆ. 313 Vgl. auch Mt 24,12. den Verweis auf den wohl alttestamentlich zu beziehenden „Abfall von Gott“ ein. 309 Vorkanonisch richtet sich der Spruch nicht gegen den gesetzwidrigen Men‐ schen, sondern den sündigen, der in *2Thess 2,9 als „mit der Kraft des Satans“ ausgestattete bezeichnet wird. Auch wenn sich Tertullian ungewiss ist, wen Markion als diesen Menschen bezeichnet, so unterstellt er ihm, dass er damit den Messias und Christus des Schöpfergottes gemeint habe. 310 Tertullians Unsicherheit spricht eher dafür, dass Markion diese Gleichsetzung nicht voll‐ zogen, sondern vielmehr an den satanischen Widersacher selbst gedacht hatte. Wichtiger aber ist, dass die kanonische Redaktion wie Tertullian sicherstellen wollte, dass der Text nicht missverstanden würde und weder auf Christus noch auf eine bereits eingetretene oder nahe anstehende Wiederkehr zu beziehen sei, und setzt hinzu: „7 Denn das Geheimnis der Gesetzlosigkeit (ἀνομίας) ist bereits am Werk; nur wer ihn jetzt aufhält, wird ihn aufhalten, bis er aus dem Weg ist. 8 Dann wird der Gesetzlose offenbart werden, den der Herr Jesus durch den Hauch seines Mundes vernichten wird und den er durch das Erscheinen seiner Ankunft beseitigen wird“ (2Thess 2,7-8). Der Text ist zugegebenermaßen dunkel, 311 greift jedoch wieder auf Jesaja ( Jes 11,4b) zurück, 312 indem er die Richterfunktion, die mit dem Mund und den Lippen tötend wirkt, auf Jesus überträgt. Nicht anders denkt Mt 13,41-42, wo es heißt: „41 Der Menschensohn wird seine Engel aussenden und sie werden aus seinem Reich alle zusammenholen, die andere verführt und Gesetzloses (ἀνομίαν) getan haben, 42-und werden sie in den Feuerofen werfen.“ 313 In Mt 23,28 werden gar die Schriftgelehrten und Pharisäer als Menschen voll Heuchelei und Gesetzlosigkeit bezeichnet. Auch diese kanonische Vorstellung des richtenden Jesus, der die Menschen von der Gesetzlosigkeit erlöst, widerspricht derjenigen Markions diametral, wie sie uns zuvor bereits begegnet ist. Sie wird wieder aufgegriffen im Titusbrief §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 367 <?page no="368"?> 314 In 1Tim 1,9 wird dann auch betont, dass das Gesetz gut ist, wenn es recht eingesetzt wird, weil es sich eben gegen Gesetzlose richtet. 315 Hebr 1,8-9: 8 πρὸς δὲ τὸν υἱόν, Ὁ θρόνος σου, ὁ θεός, εἰς τὸν αἰῶνα τοῦ αἰῶνος, καὶ ἡ ῥάβδος τῆς εὐθύτητος ῥάβδος τῆς βασιλείας σου. 9 ἠγάπησας δικαιοσύνην καὶ ἐμίσησας ἀνομίαν: διὰ τοῦτο ἔχρισέν σε ὁ θεός, ὁ θεός σου, ἔλαιον ἀγαλλιάσεως παρὰ τοὺς μετόχους σου. 316 Vgl. hierzu weiter unten S.-406. 317 Es wird nur das Verb ἐλεέω an einer Stelle für *Ev 18,38 bezeugt, doch auch das Verb ist reichlich auf der kanonischen Ebene vorhanden. 2,14: „Er hat sich für uns hingegeben, damit er uns von aller Gesetzlosigkeit (ἀνομίας) erlöse und für sich ein auserlesenes Volk schaffe, das voll Eifer danach strebt, das Gute zu tun.“ 314 Diesen Gedanken verficht auch der Zweite Petrusbrief (2Petr 2,8-9) und schließlich auch der Hebräerbrief, wenn man in Hebr 1,8-9 315 den Ps 44,7-8 LXX auf den Sohn hin liest, 316 wo es unter anderem in Vers 9 heißt: „… der die Gerechtigkeit liebt und die Gesetzlosigkeit (ἀνομίαν) hasst.“ Durch den neuen Bund wird nach Hebr 8,12 und 10,17 die Gesetzlosigkeit vergeben. Ob Hebr wie 1Joh beide Versionen des Zweiten Thessalonicherbriefes kannten? Hebr 8,12 heißt es in einer Fülle von Zeugen: ἁμαρτιῶν αὐτῶν καὶ τῶν ἀνομιῶν; 1Joh 3,4: Πᾶς ὁ ποιῶν τὴν ἁμαρτίαν καὶ τὴν ἀνομίαν ποιεῖ, καὶ ἡ ἁμαρτία ἐστὶν ἡ ἀνομία. Ein wichtiger Begriff der kanonischen Ebene ist ἔλεος, der sowohl in *Paulus wie im *Ev unbezeugt ist. 317 Er begegnet in Röm 9-12. 15, genau in den Kapiteln, die weithin oder ganz in *Röm fehlen. Wieder geht es um Identitätsbestimmung und um Abgrenzung von den Juden: „22 Wenn aber Gott, da er seinen Zorn erzeigen und seine Macht kundtun wollte, mit großer Geduld die Gefäße des Zorns, die zum Verderben zubereitet sind, getragen hat, 23 damit er den Reichtum seiner Herrlichkeit an den Gefäßen der Barmherzigkeit (ἐλέους), die er zuvor zur Herrlichkeit bereitet hat, kundtue? 24 Die er auch berufen hat, uns nicht allein aus den Juden, sondern auch aus den Heiden.“ (Röm 9,22-24) In Kapitel 11 schließen folgende Verse an: „30 Denn wie auch ihr einst Gott ungehorsam wart, nun aber Barmherzigkeit gefunden habt (ἠλεήθητε) durch ihren Unglauben, 31 so haben auch jene jetzt nicht gehorcht wegen der euch erwiesenen Barmherzigkeit (ἐλέει), damit auch sie nun Barmherzigkeit finden (ἐλεηθῶσιν).“ (Röm 11,30-31) Mit Berufung auf Ps 17,50 LXX schreibt die Redaktion in Röm 15,9: 368 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="369"?> 318 Vgl. Ps 17,50 LXX: διὰ τοῦτο ἐξομολογήσομαί σοι ἐν ἔθνεσιν, κύριε, καὶ τῷ ὀνόματί σου ψαλῶ. 319 Man vgl. hierzu auch Jak 2,12-13: „12 Darum redet und handelt wie solche, die nach dem Gesetz der Freiheit gerichtet werden! 13 Denn das Gericht ist erbarmungslos gegen den, der nicht mit Erbarmen gehandelt hat. Erbarmen triumphiert über das Gericht.“ Vgl. auch Jak 3,17. „die Heiden aber sollen Gott verherrlichen um der Barmherzigkeit (ἐλέους) willen, wie geschrieben steht: Darum will ich dich preisen unter den Heiden und deinem Namen lobsingen.“ 318 Als „Gefäße der Barmherzigkeit“ (σκεύη ἐλέους) bezeichnet dieser Paulus die eigene Gruppe nicht nur aus Juden, sondern auch aus Heiden, und es ist diese Gruppe, dank derer und nach Einschluss aller Heiden Gott sich auch dem verstockten Teil Israels erbarmen wird. Erbarmen ist folglich ein Kippbegriff, an dem die Heilszukunft hängt, doch die eigene Gruppe wird durch diesen zum Dreh- und Angelpunkt erhoben. Was in Röm 9-11 ausgeführt wird, ist gleichsam Trost und Ermahnung, gerade das, was in Röm 12,8 zum Ausdruck gebracht wird als Auftrag an die Adressaten: Wer zum Trösten und Ermahnen berufen ist, der gebe in „Ermahnung; der gibt, gebe in Einfalt; der vorsteht, sei mit Fleiß; der Barmherzigkeit übt (ἐλεῶν), sei mit Freudigkeit.“ Im selben Zusammenhang von Identität und Abgrenzung heißt es in Gal 6,15-16: „15 Denn weder ist die Beschneidung etwas noch das Unbeschnitten‐ sein, sondern: neue Schöpfung. 16 Und die dieser Vorgabe folgen, über ihnen sei Friede und Erbarmen komme, und über das Israel Gottes.“ Die Verse verdeutlichen, dass weder Beschneidung noch Unbeschnittensein von Relevanz sind, weil es um etwas völlig Neues, um eine neue Schöpfung geht, die ihre eigene ethische und gesetzliche Grundlage besitzt. Auf der kanonischen Ebene wird eine in Röm prophetisch begründete und dem Erbarmensgrundsatz folgende friedliche Verhältnisbestimmung zwischen Kirche und Israel projek‐ tiert. Während diese Thematik des göttlichen Erbarmens für Israel an keiner weiteren Stelle in den sieben Paulusbriefen aufgegriffen wird - 1Kor 7,25 findet sich, dass Paulus durch Gottes Erbarmen vertrauenswürdig gemacht sei; in 2Kor 4,1 dass dieses Erbarmen ihm seinen Dienst übertragen habe; von Gottes Erbarmen für ihn und seinen Mitarbeiter Epaphroditus spricht Phil 2,27 319 - kommt Paulus gerade in den Deuteropaulinen auf dieses Thema zurück. In der folgenden Parallelstelle heißt es: §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 369 <?page no="370"?> *Laod 2,11-16 Eph 2,4. 11-16 - 4-Aber Gott, der reich ist an Barmherzig‐ keit, hat um seiner großen Liebe willen, mit der er uns liebte, und obwohl wir tot waren in unseren Übertretungen, uns mit Christus lebendig gemacht — aus Gnade seid ihr gerettet! 11 Erinnert euch daran, dass ihr einst als Heiden im Fleisch, die ihr Unbeschnittenheit genannt wurdet von denen, die sich Beschnittenheit nennen, die mit Händen am Fleische vorgenommen wird, 11-Darum denkt daran, dass ihr einst als Heiden im Fleisch, die ihr Unbeschnitten‐ heit genannt wurdet von denen, die sich Beschnittenheit nennen, die mit Händen am Fleische vorgenommen wird, 12 dass ihr zu jener Zeit ohne Christus wart, ausgeschlossen vom Bürger‐ recht Israels und Fremde gegenüber den Bündnissen und der Verheißung, ohne Hoffnung und ohne Gott in dieser Welt. 12-dass ihr zu jener Zeit ohne Christus wart, ausgeschlossen vom Bürgerrecht Is‐ raels und Fremde gegenüber den Bünd‐ nissen der Verheißung, ohne Hoffnung und ohne Gott in der Welt. 13-Jetzt aber, in Christus, seid ihr, die ihr einst fern wart, durch sein Blut nahe geworden. 13 Jetzt aber, in Christus Jesus, seid ihr, die ihr einst fern wart, durch das Blut Christi nahe geworden. 14-Denn er ist unser Friede, der aus beiden eins gemacht hat und die Zwi‐ schenwand der Feindschaft im Fleisch niedergerissen hat, 14 Denn er ist unser Friede, der aus beiden eins gemacht hat und die Zwischenwand des Zauns abgebrochen hat, die Feind‐ schaft in seinem Fleisch, 15-der das Gesetz der Gebote in seine Edikte aufgehoben hat, um die zwei in sich selbst zu einem neuen Menschen zu machen, indem er Frieden stiftet. 16 Er versöhnte die beiden mit Gott in einem einzigen Leib durch das Kreuz, nachdem er die Feindschaft in ihm getötet hat. 15-nachdem er das Gesetz mit seinen Geboten durch seine Edikte aufgehoben hat, um die zwei in sich zu einem neuen Menschen zu machen. Er stiftete Frieden 16-und versöhnte die beiden durch das Kreuz mit Gott in einem einzigen Leib. Er hat in seiner Person die Feindschaft getötet. Während die Ausführungen zu der Differenzierung zwischen Israel und den Adressaten, zwischen denen, die von den Beschnittenen Unbeschnittenheit ge‐ nannt wurden, weithin identisch vorkanonisch und kanonisch stehen, ist gerade die Passage zu Gottes Erbarmen (Eph 2,4) unbezeugt für die vorkanonische Version. Allerdings gibt es auch inhaltlich nicht unbedeutende unterschiedliche Nu‐ ancen im Folgetext, wie ich zur Stelle *Laod 2,15 in der Rekonstruktion ausführe. Hier sei nur soviel bemerkt, dass das Friedensthema aufgenommen ist, jedoch das Thema des Erbarmens an Israel fehlt. Gerade im Licht dessen, was in der 370 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="371"?> 320 1Tim 1,2; 2Tim 1,2; hier auch im Gebetswunsch 2Tim 1,16. 18; ferner in Tit 1,4, jedoch nur in den Zeugen 02, 04 2 , 018, 020, 81, 104, 630, 1241, 1505, M, sy h , bo ms , während es fehlt in 01, 04*, 06, 010, 012, 025, 044, 088, 365, 629, 1175, latt, sy p , co, Chr, NA 28 ; vgl. auch 1Petr 1,3; 2Joh 1,3; Jud 1,2. 21. Fußnote zur Rekonstruktion von *Laod 2,15 ausgeführt wird, spricht vieles dafür, dass dies eine typische Passage ist, die zeigt, dass die vorkanonische Redaktion eine Briefvorlage erhalten hatte, die offenkundig aus dem Kreis derer stammte, in welchem in der Folge auch die vorkanonische *10-Briefe-Sammlung und damit auch die aus ihm stammenden drei Briefe km Laod, km Kol, km 2Thess, redaktionell (weiter-)bearbeitet wurden. Das Thema des „Erbarmens“ wird von den Pastoralbriefen in die Grußadresse aufgenommen. 320 Die Variante in Tit 1,4 unterstreicht, dass wir es mit keinem unbedeutenden und unumstrittenen Begriff zu tun haben, und das Fehlen im Arm mit den Zeugen 06, 010, 012 stützt, dass dieser Terminus in der vorkanonischen Version nicht vorhanden war. Auch in einer Mahnung in Hebr 4,16 begegnet der Terminus. Umgekehrt belegt gerade die Übereinstimmung der Pastoralbriefe mit den Katholischen Briefen in der Aufnahme des Terminus in die Grußformel, dass wir es mit einer kanonischen Redaktionszutat zu tun haben - was darauf hindeutet, dass der Terminus erst in der zweiten kanonischen Redaktion in die Texte eingetragen wurde, wobei eine gewisse Inkonsistenz in der Bearbeitung der von der vorkanonischen Sammlung übernommenen Briefe und solcher, die diesen hinzugestellt wurden, zutage tritt. In der vorkanonischen Version fehlt jegliche Bezeugung für die komplette Wortfamilie von μακροθυμέω, μακροθυμία, μακρόθυμος, μακροθύμως. Das Nomen begegnet prominent früh im Römerbrief innerhalb der Anrede zum Thema von Gottes Gericht (Röm 2,3-5): „3 Denkst du aber dies, o Mensch, der du richtest, die solches tun, und verübst dasselbe, dass du dem Gericht Gottes entfliehen wirst? 4 Oder verachtest du den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmut (μακροθυμίας) und weißt nicht, dass die Güte Gottes dich zur Umkehr leitet? 5 Aber nach deiner Verstocktheit und deinem unbußfertigen Herzen häufst du dir selbst Zorn auf für den Tag des Zorns und der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes.“ An späterer Stelle im selben Brief, Röm 9,22, spricht Paulus von den „Gefäßen des Zorns“, nachdem wir weiter oben bereits vom Gefäß des Erbarmens gelesen hatten, welches im daran anschließenden Vers zu finden ist: §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 371 <?page no="372"?> 321 Als Epithet Gottes auch 1Petr 3,20. 322 Vgl. auch Eph 4,2: μετὰ πάσης ταπεινοφροσύνης καὶ πραΰτητος, μετὰ μακροθυμίας, ἀνεχόμενοι ἀλλήλων ἐν ἀγάπῃ (“… mit aller Demut und Sanftmut, mit Geduld, indem ihr einander in Liebe ertragt“). „Wenn aber Gott, da er seinen Zorn erzeigen und seine Macht kundtun wollte, mit großer Geduld (μακροθυμίᾳ) die Gefäße des Zorns, die zum Verderben zubereitet sind, getragen hat.“ Langmut und Erbarmen gehören folglich als Gottesepithete zusammen und gehören beide zur kanonischen Ebene. 321 Während allerdings Erbarmen aus‐ schließlich von Gott ausgesagt wird, durch das Paulus seinen Dienst erhielt und in seiner Autorität gestützt wird, bezieht sich die Langmut auch auf ihn persönlich (2Kor 6,6). Paulus empfiehlt sie auch seinen Adressaten (1Thess 5,14; vgl. auch Kol 1,11), und sie gilt nach Gal 5,22 als eine der Früchte des Geistes, nach 1Kor 13,4 als erstes Epithet der Liebe. Der Begriff spielt auch in deutero- und pseudopaulinischen Briefen eine wichtige Rolle. Unmittelbar an das anschließend, was wir gerade zur persönli‐ chen Ausrichtung der Langmut gesagt haben, heißt es in Kol 3,12: „Zieht nun an als Gottes Auserwählte, Heilige und Geliebte herzliches Erbarmen, Güte, Demut, Sanftmut, Geduld (μακροθυμίαν)“, 322 und in 1Tim 1,16 liest man von Erbarmen und Langmut: „Ich habe gerade darum Erbarmen gefunden, damit Christus Jesus an mir als Erstem seine ganze Geduld (μακροθυμίαν) erweisen konnte, zum Vorbild für alle, die in Zukunft an ihn glauben, um das ewige Leben zu erlangen“. In 2Tim 3,10 ist Geduld oder Langmut einer der Charakterzüge, die Paulus zugeschrieben werden, und so wird sie auch seinem Adressaten empfohlen (so auch 2Tim 4,2; begründet mit der Langmut der Propheten wird sie empfohlen in Jak 5,7-10). Nach Hebr 6,15 war es die Geduld oder Langmut, durch die Abraham seine Verheißung erlangt hatte und durch die auch die Adressaten dieses Briefes „Erben der Verheißungen sind“ (Hebr 6,12). In 1 Petr 3,20 und 2Petr 3,9. 15 gilt sie als Epithet Gottes. Während das Nomen den Evangelien fremd ist, steht das Verb an einer Stelle im Gleichnis von der bittenden Witwe, das zwar vorkanonisch bezeugt ist, dessen Wortlaut wir jedoch nicht genau kennen (Lk 18,7). Bei Mt findet sich das Verb zwei Mal bei der Frage, wie oft man dem Bruder vergeben muss (Mt 18,26. 29), beides Perikopen, die singulär in Lk bzw. Mt stehen und keine synoptischen Parallelen haben. Zu prüfen wäre, ob die Möglichkeit sich erhärtet, dass bei entsprechendem Begriffsvorkommen in solchem Sondergut eine größere Wahrscheinlichkeit besteht, dass dieses komplett nachgetragen ist. Das Adverb steht einmal in Apg 26,3 in der Bitte des Paulus an König Agrippa. 372 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="373"?> 323 Vgl. hierzu weiter unten S.-661-673. 324 Zu diesem Kernbegriff des kanonischen Neuen Testaments, auch des kanonischen Paulus, gibt es selbstverständlich eine Legion von Literatur, vgl. z. B. W. Willis, Conscience in the New Testament (2021); J.A. McGuckin, Conscience in Early Christian Thought (2021); P.G. Kirchschläger, Gewissen aus moraltheologischer Sicht (2017), 158-163; H.-J. Eckstein, Der Begriff „Gewissen“ bei Paulus und in seinem Umfeld (2003); C. Heil, Die Ablehnung der Speisegebote durch Paulus. Zur Frage nach der Stellung des Apostels zum Gesetz (1994); K. Stendahl, The Apostle Paul and the Introspective Conscience of the West (1963). 325 Vergleiche das Papiasfragment bei Vardan Vardapet, Erläuterungen aus der Heiligen Schrift (Papias, frg. 25 Hübner). Die Perikope begegnet weder in den frühen Papyri aus dem 3. Jh. (P 66 und P 75 ), auch nicht in den beiden großen, schon genannten Kodizes, dem Codex Sinaiticus und dem Codex Vaticanus aus dem 4. Jh., sondern findet sich erst in der lateinisch-griechischen Handschrift, dem Codex Bezae, der gerade für das Lk eine Version bietet, die *Ev sehr nahesteht, und in der Apg, aber auch in anderen Texten, die die Handschrift bietet, eine Fülle kleinerer und auch größerer Änderungen, Mehrtexte und Auslassungen aufweist. Vergleiche hierzu und zur Diskussion der Perikope, was ihre Herkunft betrifft, M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2.-Jahrhundert (2022), 39-42. Ähnlich wie beim Begriff „Erbarmen“ überrascht es, dass auch der Begriff „Langmut“ offenkundig einen Terminus darstellt, der sich erst in der kanoni‐ schen Redaktion findet, jedoch stärker präsent wird in der pseudopaulinischen Literatur und den Katholischen Briefen als deren Präsenz etwa in den Evangelien festzustellen ist. Es scheint auch hier die Differenz der beiden kanonischen Re‐ daktionen hindurch - wobei die Evangelien wesentlich auf die erste kanonische Redaktion zurückgehen, ebenso die wesentlichen Teile der Paulusbriefe, die jedoch (wie vermutlich der späte Markusschluss) in der zweiten kanonischen Redaktion erneut bearbeitet und erweitert wurden, als die weiteren Briefe wie die Pastoralbriefe, Hebr und die Katholischen Briefe der Sammlung hinzu‐ traten. 323 Vorkanonisch fehlt auch der kanonisch wichtige Begriff συνείδησις. 324 Ähnlich wie bei dem gerade besprochenen μακροθυμία ist dieser Begriff mit einer Ausnahme abwesend von den kanonischen Evangelien, oder um es präziser zu sagen, er steht nur an einer Stelle in Joh 8,9, und zwar ausgerechnet in der in vielen frühen Handschriften fehlenden Perikope von Jesus und der Ehebrecherin ( Joh 7,53-8,11), die nach gegenwärtiger Forschung nicht vor Papias von Hierapolis, der offenkundig diese Perikope kannte und überlieferte, zu lesen ist, sondern erst später ins Johannesevangelium gelangte. 325 Wieder begegnet uns ein Hinweis darauf, dass wie beim späten Markusschluss auch das Johannesevangelium wohl in der zweiten kanonischen Redaktion erweitert und bearbeitet wurde. Hier kann man weiter präzisieren, denn der Begriff §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 373 <?page no="374"?> συνείδησις findet sich nicht einmal in der Mehrzahl der Handschriftenzeugen, die wir für diese Perikope besitzen, sondern lediglich in den wenigen Zeugen 017, 579 pm, bo pt , wo es heißt: καὶ ὑπὸ τῆς συνειδήσεως ἐλεγχόμενοι ἐξήρχοντο εἷς καθ‘ εἷς anstelle des von NA 28 bevorzugten ἐξήρχοντο εἷς καθ’ εἷς, bezeugt durch 036, 700, 892 pm (lat). Wie der Begriff *Ev fremd ist, so begegnet er in Röm 2,15 innerhalb einer Passage, die für *Röm gut bezeugt ist, allerdings steht er im zweiten Vers, der vorkanonisch unbezeugt ist. Nun könnte man wie Theodor Zahn der Auffassung sein, Tertullian habe in seinem Kommentar den zweiten Teil dieses Verses stillschweigend übergangen. Doch muss man dann erklären, warum der Begriff an weiteren Stellen in den sieben Paulusbriefen (Röm 9,1; 13,5; 1Kor 8,7, 10. 12; 10,25. 27. 28. 29; 2Kor 1,12; 4,2; 5,11) zu finden ist, die Tertullian dann ebenfalls alle übergangen hätte - das systematische Fehlen des Begriffes auf der vorkanonischen Ebene spricht also eher dafür, dass es sich bei diesem Begriff wie bei diesen Versen oder Versteilen um typisch kanonisch-redaktionelles Gut handelt, welches erst im Laufe des zweiten Jahrhunderts, und, wie das Johannesevangelium andeutet, vermutlich erst in der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts bei der zweiten kanonischen Redaktion in die Texte aufgenommen wurde. Dieser Schluss wird gestützt, dass auch bei Paulus der Begriff als Variante offenkundig später eingetragen wurde in 1Kor 8,7a, wo man anstelle von συνηθείᾳ in den Zeugen 01 2 , 06, 010, 012, 020, 104, 365, 1175, 1241, 1505, 2464, M, lat, sy, Ambst συνειδήσει liest. συνείδησις ist demnach eine Zutat, die im Zusam‐ menhang nicht mit der Entstehung der Evangelien in der ersten kanonischen Re‐ daktion, sondern erst im Zusammenhang der Zusammenstellung derselben mit weiteren Schriften in der größeren Sammlung des späteren kanonischen Neuen Testaments durch die zweite kanonische Redaktion aufgenommen wurde. Das wird dadurch gestützt, dass der Begriff noch nicht in den Deuteropaulinen begegnet und zeugt dafür, dass die zweite kanonische Redaktion Protopaulinen und Deuteropaulinen verschieden redaktionell behandelt, möglicherweise, weil ihnen der Textbestand der Deuteropaulinen vertrauter war. Da die beiden ka‐ nonischen Redaktionen wohl mehrere Dekaden auseinander liegen, erklärt sich auch, dass ein Begriff wie συνείδησις eine veränderte Sprache, aber auch einen geschärften ethischen Kontext voraussetzt, innerhalb dessen Schüler derer, die die erste kanonische Redaktion durchführten, ihre eigenen Vorstellungen in die Texte eintrugen. Oder anders gesagt, man muss zwischen der Bearbeitung der *10-Briefe-Sammlung (und *Ev) in der ersten kanonischen Redaktion und der neuerlichen Bearbeitung dieser Materialien in der zweiten kanonischen Redaktion bei Hinzunahme der Pastoralbriefe, Hebr, Apg und der Katholischen Briefe und Apk unterscheiden. Hierauf deutet die Präsenz des Begriffes gerade 374 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="375"?> 326 Diesen Schlussgedanken verdanke ich Jan Bremmer als Anmerkung bei der Lektüre des Manuskripts. in den Pastoralbriefen, Hebr, Apg und 1Petr hin. Darauf, dass etwa auch der Römerbrief nochmals bearbeitet wurde, deutet auch Röm 2,15 hin: „Sie zeigen, dass das Werk des Gesetzes in ihre Herzen geschrieben ist, indem ihr Gewissen mitzeugt und ihre Überlegungen einander anklagen oder auch entschuldigen.“ Dieser Vers, der, wie gesagt, in der sonst vorkanonisch gut bezeugten Passage fehlt, spricht davon, dass das Werk des Gesetzes wohl in die Herzen geschrieben ist, dass aber die entscheidende Instanz das Gewissen ist, welches zwischen Klage und Entschuldigung unterscheidet. Röm 9,1 nimmt dann Bezug auf das eigene Gewissen des Paulus. Schließlich spricht Röm 13,5 davon, dass man sich der staatlichen Gewalt nicht nur wegen der Strafe, sondern auch wegen des Gewissens unterzuordnen habe (weiter unten wird sich zeigen, dass Röm 13,1-7 eine Passage ist, die wohl erst durch die zweite kanonische Redaktion in diesen Brief gekommen ist). Dies spricht dafür, dass die Verinnerlichung des christlich moralischen Denkens ein größeres Gewicht erhält, was eher zu einem späteren Entwicklungsstadium der Ethik passt 326 und wohl erst in der zweiten kanonischen Redaktion hervortrat. Bezüglich des Götzenopfers können wir erneut den Vergleich von vorkano‐ nischer und kanonischer Version anstellen: *1Kor 10,25. 28. 31 1Kor 10,25-31 25 Πᾶν τὸ πωλούμενον ἐσθίετε. - 25 Πᾶν τὸ ἐν μακέλλῳ πωλούμενον ἐσθίετε μηδὲν ἀνακρίνοντες διὰ τὴν συνείδησιν, - 26 τοῦ κυρίου γὰρ ἡ γῆ καὶ τὸ πλήρωμα αὐτῆς. 27 εἴ τις καλεῖ ὑμᾶς τῶν ἀπίστων καὶ θέλετε πορεύεσθαι, πᾶν τὸ παρατιθέμενον ὑμῖν ἐσθίετε μηδὲν ἀνακρίνοντες διὰ τὴν συνείδησιν. 28 ἐὰν δέ τις ὑμῖν εἴπῃ, Τοῦτο εἰδωλόθυτόν ἐστιν, μὴ ἐσθίετε. - 28 ἐὰν δέ τις ὑμῖν εἴπῃ, Τοῦτο ἱερόθυτόν ἐστιν, μὴ ἐσθίετε δι’ ἐκεῖνον τὸν μηνύσαντα καὶ τὴν συνείδησιν - 29 συνείδησιν δὲ λέγω οὐχὶ τὴν ἑαυτοῦ ἀλλὰ τὴν τοῦ ἑτέρου. ἱνατί γὰρ ἡ ἐλευθερία μου κρίνεται ὑπὸ ἄλλης συνειδήσεως; 30 εἰ ἐγὼ χάριτι μετέχω, τί βλασφημοῦμαι ὑπὲρ οὗ ἐγὼ εὐχαριστῶ; 31 εἴτε οὖν ἐσθίετε εἴτε πίνετε εἴτε τι ποιεῖτε, πάντα εἰς δόξαν θεοῦ. 31 εἴτε οὖν ἐσθίετε εἴτε πίνετε εἴτε τι ποιεῖτε, πάντα εἰς δόξαν θεοῦ ποιεῖτε. §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 375 <?page no="376"?> *1Kor 10,25. 28. 31 1Kor 10,25-31 25-Alles, was verkauft wird, das esst. 25-Alles, was auf dem Fleischmarkt ver‐ kauft wird, das esst, ohne aus Gewissens‐ gründen nachzuforschen. - 26-Denn dem Herrn gehört die Erde und was sie erfüllt. 27-Wenn ein Ungläubiger euch einlädt und ihr hingehen möchtet, dann esst, was euch vorgesetzt wird, ohne aus Gewissensgründen nachzuforschen! 28-Wenn euch aber jemand darauf hin‐ weist: Das ist Götzenopfer! , dann esst nicht davon; 28-Wenn euch aber jemand darauf hin‐ weist: Das ist Opferfleisch! , dann esst nicht davon mit Rücksicht auf den, der euch aufmerksam gemacht hat, und auf das Gewissen; - 29-ich meine aber nicht das eigene Ge‐ wissen, sondern das des anderen; denn warum soll meine Freiheit vom Gewissen eines anderen abhängig sein? 30 Wenn ich in Dankbarkeit mitesse, soll ich dann ge‐ tadelt werden, dass ich etwas esse, wofür ich Dank sage? 31-Ob ihr esst oder trinkt oder etwas an‐ deres tut: alles zur Verherrlichung Gottes! 31-Ob ihr also esst oder trinkt oder etwas anderes tut: Tut alles zur Verherrlichung Gottes! Auch wenn die Bezeugung dieser Passage dürftig ist, so wird doch so viel deutlich, dass in der vorkanonischen Version eine klare Ansage zum Umgang mit dem Essen oder Nichtessen von Opferfleisch gegeben wird. Wird einem Gast bei einer Einladung Opferfleisch vorgesetzt, soll man so lange davon essen, als nicht ausdrücklich der Opferfleischcharakter verdeutlicht wird. Doch ob man das Opferfleisch isst oder nicht, ist nicht entscheidend, letztlich geschehe alles zur Verherrlichung Gottes. Die kanonische Version führt, ähnlich wie bei der zuvor diskutierten Stelle, erhebliche Nuancierungen und weitere Reflexionsstufen ein. Sie führt das Thema des Gewissens ein, das sich wie ein Refrain durch die Passage zieht, und zwar nicht nur auf die Adressaten, sondern sogar auf den Gastgeber bezogen. Schließlich wird die Verherrlichung Gottes am Ende mit einer liturgischen Nuance des Danksagens verbunden, worauf wir im nächsten Abschnitt zur liturgischen Lexik zurückkommen werden. Was die Bearbeitungsrichtung be‐ trifft, macht diese zusätzliche Komplexität und die Institutionalisierung auf der kanonischen Ebene deutlich, dass wir es bei ihr erneut viel eher mit einer Fortentwicklung zu tun haben, als dass ein vorkanonischer Abbreviator eine 376 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="377"?> inhaltliche und lexikale Reduktion vorgenommen hätte. Liturgie und Institutio‐ nalisierung deuten darauf hin, dass auch diese Überarbeitung ein Produkt der zweiten kanonischen Redaktion ist. In 2Kor 1,12 rühmt sich Paulus schließlich mit Hinweis auf Gottes Gnade, bezeugt durch sein „Gewissen“, und so empfiehlt er sich nicht nur dem Ange‐ sicht Gottes, sondern auch jedem menschlichen Gewissen in 2Kor 4,2. Auch an dieser Stelle ist auffallend, dass die vorkanonisch recht gut bezeugten Partien aus diesem Kapitel erst mit *2Kor 4,4 einsetzen. Umgekehrt endet die gute vorkanonische Bezeugung des ganzen Anfangs von *2Kor 5 just mit Vers 10, während sich der Verweis auf die Gewissen der Adressaten in Vers 11 findet. Konsequenterweise wird wohl auch diese kanonische Bearbeitung der zweiten kanonischen Redaktion zuzuweisen sein. Gestützt wird dies durch die Tatsache, dass das Gewissen auffallenderweise nicht in den Deuteropaulinen thematisiert wird. Hingegen spielt die Bedeutung des Gewissens in allen Pastoralbriefen, Hebr, Apg und in 1Petr aus den Katholischen Briefen wiederum eine Rolle - wir begegnen folglich einem Befund, der die Gewissensthematik der zweiten kano‐ nischen Redaktion zuordnen lässt. Ob die Gewissensthematik den genannten Schriften (die dann selbst Teil der zweiten kanonischen Redaktion wären) entstammt und aufgrund der Präsenz dieser Thematik dann in die Protopaulinen eingetragen wurde, oder ob sie durch die zweite kanonische Redaktion erst in die Pseudopaulinen, in Apg und 1Petr eingetragen wurde, lässt sich derzeit noch nicht klären und stellt ein künftiges Forschungsdesiderat dar. 1Tim 1,5 verweist auf die Unterweisung, die unter anderem aus „gutem Gewissen“ zu erfolgen hat. Von dem „guten Gewissen (ἀγαθὴν συνείδησιν)“ wird kurz später gesagt, dass man mit ihm den guten Kampf kämpfen soll, dass jedoch „manche es missachtet und so im Glauben Schiffbruch erlitten“ hätten (1Tim 1,8-19). Wir erkennen, dass zur Zeit der Pastoralbriefe die Frage des Gewissens an Fahrt gewinnt. Das reine Gewissen wird ausdrücklich bei den Qualifikationen der Diakone genannt mit Bezug auf „das Geheimnis des Glau‐ bens“ (1Tim 3,9) und es spielt eine Rolle bei der Zurückweisung überzogener asketischer Forderungen wie dem Verbot der Heirat und bestimmter Speisen (1Tim 4,2-3), Themen die durchaus auf eine antimarkionitische Ausrichtung hin gelesen werden können. In 2Tim 1,3 dankt Paulus Gott, er und sogar schon seine „Vorfahren“ hätten Gott „mit reinem Gewissen“ gedient. Und in Tit 1,15 hilft die Frage des Gewissens für die Unterscheidung zwischen Reinen und Unreinen, Gläubigen und Ungläubigen, denn Letztere seien sogar, was „ihr Denken und ihr Gewissen“ betrifft, unrein. §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 377 <?page no="378"?> 327 Vgl. Justin, 1Apol 29,3 wird das eigene Gewissen genannt; Dial. 93,2 spricht vom üblen Gewissen; IgnTrall 7 nennt das „Reinsein im Gewissen“ (καθαρός ἐστιν τῇ συνειδήσει); IgnPhilad 6 erwähnt, dass man „guten Gewissens ist“ (εὐσυνείδητός εἰμι); IgnMagn 4 das Gegenteil („kein gutes Gewissen haben“) - man beachte, dass diese drei Stellen aus den Ignatianen aus drei Briefen stammen, die erst um die Zeit des Irenäus den älteren drei Ignatiusbriefen hinzugestellt wurden; Iren., Adv. Haer. I 13,7; II 21,2; IV 18,3; IV 26,4 (von Moses und Paulus und ihrem guten Gewissen); IV 36,6. Interessant ist auch, dass in dem erhaltenen Brief des Kaisers Mark Aurel an den Senat, der dem Eusebius von Cäsarea noch unbekannt war, aber in derselben Handschrift, dem Codex Parisinus Graecus 450, nach den Werken des Justin zu finden ist, zwei Mal vom Gewissen die Rede ist - auch wenn uns der Brief nur in einer späteren Überarbeitung vorliegt, geht er dennoch auf ein früheres, womöglich echtes Schreiben des Kaisers zurück, vgl. R. Freudenberger, Ein angeblicher Christenbrief Mark Aurels (1968). Der Text steht in Hebr 9,9 stellt fest, dass „Gaben und Opfer“, die gegenwärtig dargebracht würden „das Gewissen (συνείδησιν) des Opfernden nicht zur Vollkommenheit führen können“, um den Kontrast herauszustellen, „um wie viel mehr das Blut Christi … unser Gewissen (συνείδησιν) von toten Werken reinigen könne, damit wir dem lebendigen Gott dienen“ (Hebr 9,14). Im Kapitel 10 wird vom Sündengewissen gesprochen (Hebr 10,22) und dazu aufgefordert: „lasst uns mit aufrichtigem Herzen und in voller Gewissheit des Glaubens hinzutreten, die Herzen durch Besprengung gereinigt vom schlechten Gewissen (συνειδήσεως πονηρᾶς) und den Leib gewaschen mit reinem Wasser! “ (Hebr 10,22). Im Gebetswunsch am Ende des Briefes (Hebr 13) wird die Nachdrücklichkeit des Gewissens nochmals verdeutlicht: „18 Betet für uns! Wir sind nämlich überzeugt, ein gutes Gewissen (καλὴν συνείδησιν) zu haben, weil wir in allem recht zu leben suchen. 19 Eindringlich bitte ich euch, dies zu tun, damit ich euch möglichst bald zurückgegeben werde.“ Den Sklaven empfiehlt 1Petr 2,18-19 sich auch launenhaften Herren unterzu‐ ordnen, weil es „eine Gnade sei“, Kränkungen und Unrecht aus „einem auf Gott hin ausgerichteten Gewissen“ zu erleiden. Bescheiden und ehrfürchtig soll man aufgrund „eines reinen Gewissens“ schließlich denen gegenüber sein, die einen in Verruf bringen (1Petr 3,16). Dann erinnert der Brief an die Taufe, die nicht den Körper von Schmutz reinige, sondern „eine Bitte an Gott um ein reines Gewissen“ darstelle (1Petr 3,21). Wie dieser Überblick erweist, gewinnt nicht nur das Thema des reinen Gewis‐ sens im Zuge der späteren Pseudepigraphen eine wachsende Bedeutung, es wird auch in liturgische Bahnen gelenkt, ein weiterer Hinweis darauf, dass wir es bei diesen kanonisch-redaktionellen Zutaten mit Elementen zu tun haben, die sich am ehesten historisch in die Zeit von Justin, der Sieben-Briefe-Sammlung des Ignatius und Irenäus einfügen, 327 womit erneut die Zeit der zweiten kanonischen 378 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="379"?> J. Otto, Ed. Corpus Apologetarum Christianorum saeculi secundi (1879), I 246-253. Vgl. auch A. Harnack, Die Quelle der Berichte über das Regenwunder im Feldzuge Marc Aurels gegen die Quaden (1894), 878-879. 328 *Ev 11,9-11: 9 κἀγὼ ὑμῖν λέγω, αἰτεῖτε, καὶ δοθήσεται ζητεῖτε, καὶ εὑρήσετε· κρούετε, καὶ ἀνοιχθήσεται ὑμῖν. 10 πᾶς γὰρ ὁ αἰτῶν λαμβάνει [καὶ ὁ ζητῶν εὑρίσκει] καὶ τῷ κρούοντι ἀνοίγεται. 11 ἐάν τινα ἐξ ὑμῶν αἰτήσῃ ὁ υἱὸς αὐτοῦ ἄρτον, μὴ λίθον ἐπιδώσει αὐτῷ; ἢ ἐὰν αἰτήσῃ ἰχθύν, μὴ ὄϕιν ἐπιδώσει αὐτῷ; auch wenn Vers 12 (mit αἰτέω) bei Klinghardt als bezeugt ausgewiesen ist, besteht das Zeugnis doch nur in dem wenig verlässlichen Adamantius und ist darum im Vorliegenden ausgelassen. Redaktion aufgerufen wird. Betrachtet man die Texte insgesamt im Vergleich, scheint die Differenz zwischen der vorkanonischen und der kanonischen Ebene auf. Zugleich belegen die Ausführungen aber auch den Unterschied zwischen der ersten kanonischen Redaktion von *Ev hin zu den vier Evangelien bzw. der anfänglichen Bearbeitung der vorkanonischen *10-Briefe-Sammlung hin zur km 10-Briefe-Sammlung und der zweiten kanonischen Redaktion mit der Erweiterung der Sammlung, die eine erneute Bearbeitung der vorhandenen Texte und deren Erweiterung hin zur größeren Sammlung bedeutete. Diese zweite kanonische Redaktion findet in einem fortgeschrittenen theologischen, liturgischen und institutionellen Kontext statt. e) Philosophisch-juristisch Eine Reihe von Begriffen, die der philosophisch-juristischen Sprache zugehören, sind unbezeugt für die vorkanonische Ebene, sowohl für *Ev wie für *Paulus, bzw. sie fehlen auf dieser Ebene. Beginnen wir mit einer Wortgruppe, die vorkanonisch unbezeugt ist, obwohl das Verb - wie schon öfter vermerkt, begegnen vorkanonisch Verben eher als Nomina oder Adjektive - vorkanonisch steht, und zwar sowohl im *Ev wie in *Paulus: αἰτέω. Auch wenn der Begriff rechtliche Nuancen enthält, soll er hier unter den philosophischen Begriffen abgehandelt werden. Das Verb αἰτέω findet sich in *Ev 11,9-11: „9 Und ich sage Euch: Bittet, dann wird (euch) gegeben! Sucht, dann werdet ihr finden! Klopft, dann wird euch geöffnet! 10 Denn jeder, der bittet, empfängt und dem Klopfenden wird geöffnet. 11 Wenn einen von euch sein Sohn um Brot bittet, wird er ihm etwa einen Stein geben? Oder wenn er einen Fisch erbittet, wird er ihm etwa eine Schlange geben? “ 328 §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 379 <?page no="380"?> 329 *1Kor 1,22: ἐπειδὴ Ἰουδαῖοι σημεῖα αἰτοῦσιν καὶ Ἕλληνες σοφίαν ζητοῦσιν. 330 Vgl. S.-391, 437, 568. Auch im vorkanonischen *Paulus begegnet das Verb, und zwar in *1Kor 1,22: „denn Juden fordern Zeichen, Griechen suchen Weisheit.“ 329 Nicht nur stimmt die Lexik der vorkanonischen Ebene, was das Verb betrifft, überein, für die vorkanonische Ebene ist auch übereinstimmend die folgende, verwandte Sprachgruppe unbezeugt: αἴτημα 3 - Lk 23,24; Phil 4,6; 1Joh 5,15 αἰτία 22 / 20 - Mt 19,3. 10; 27,37; Mk 15,26; Lk 8,47; Joh 18,38; 19,4. 6; Apg 10,21; 13,28; 22,24; 23,28; 25,18. 27; 28,18. 20; 2Tim 1,6. 12; Tit 1,13; Hebr 2,11 αἴτιος 27 / 5 - Mt 19,3. 10; 27,37; Mk 15,26; Lk 8,47; 23,4. 14. 22; Joh 18,38; 19,4. 6; Apg 10,21; 13,28; 19,40; 22,24; 23,28; 25,18. 27; 28,18. 20; 2Tim 1,6; 1,12; Tit 1,13; Hebr 2,11; 5,9 αἰτίωμα 1 - Apg 25,7 Schon auf den ersten Blick erkennt man, dass nur ein einziger Beleg aus einem der sieben Paulusbriefe stammt, Phil 4,6: „Seid um nichts besorgt, sondern in allem lasst durch Gebet und Flehen mit Danksagung eure Anliegen vor Gott kundwerden.“ 330 Desto häufiger sind die Begriffe auf der Ebene der zweiten kanonischen Redaktion vertreten, also im Praxapostolos, wobei vor allem die Apg hervorsticht, dann auch in den Pastoralbriefen und Hebr. Im Gleichnis von der blutflüssigen Frau begegnet ein Terminus der Wort‐ gruppe in einem Vers, der für *Ev unbezeugt ist (Lk 8,47: αἰτία), auch wenn das Gleichnis als solches vorkanonisch bezeugt ist. Wieder ist ein solcher zu finden bei der Überstellung Jesu zu Pilatus, eine Passage, die gut bezeugt ist, doch endet diese Bezeugung just vor dem Teilvers, in welchem der Terminus begegnet, im zweiten Teil von Lk 23,4: „Da sagte Pilatus zu den Hohepriestern und zur Volksmenge: Ich finde keine Schuld (αἴτιον) an diesem Menschen.“ Eine ähnliche Formulierung mit εὑρίσκω + αἴτιον steht bald wieder in Lk 23,14: „und sagte zu ihnen: Ihr habt mir diesen Menschen gebracht, der ein Volksaufwiegler sein soll. Ich habe ihn in euerer Gegenwart verhört, aber an ihm keinen Grund (αἴτιον) für euere Anklagen gefunden“. Diese Passage ist unbezeugt, auch wenn danach Stücke aus den Versen 18-19 vorkanonisch bezeugt sind. Eine ähnliche Formulierung, bei der lediglich die umgekehrte Reihenfolge gegeben ist, steht im selben Kapitel in Vers 22: „Zum dritten Mal sagte er zu ihnen: Was für ein Verbrechen hat er denn begangen? Ich habe 380 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="381"?> keinen Grund (αἴτιον) feststellen können, wofür er den Tod verdient. Daher will ich ihn auspeitschen lassen und dann werde ich ihn freilassen“ - wiederum ist dieser Passus nicht mehr bezeugt. Gewiss könnten die vier Stellen zufällig von unseren Zeugen übergangen worden sein, doch wahrscheinlicher ist es, dass es sich bei ihnen um kanonisch-redaktionelle Formulierungen handelt, die in den vorkanonischen Text eingetragen wurden. Hinzu kommt der Vergleich mit den weiteren Evangelien. Joh 18,38 schließt nah an Lk 23 an: „Pilatus sagte zu ihm: Was ist Wahrheit? Nachdem er das gesagt hatte, ging er wieder zu den Juden hinaus und sagte zu ihnen: Ich finde keine Schuld an ihm (οὐδεμίαν εὑρίσκω ἐν αὐτῷ αἰτίαν).“ Ebenfalls in Joh 19,4-6: „4 Pilatus ging wieder hinaus und sagte zu ihnen: Seht, ich bringe ihn zu euch heraus; ihr sollt wissen, dass ich keine Schuld an ihm finde. 5 Jesus kam heraus; er trug die Dornenkrone und den purpurroten Mantel. Pilatus sagte zu ihnen: Seht, der Mensch! 6 Als die Hohepriester und die Diener ihn sahen, schrien sie: Kreuzige ihn, kreuzige ihn! Pilatus sagte zu ihnen: Nehmt ihr ihn und kreuzigt ihn! Denn ich finde keine Schuld an ihm.“ In Mt 19,3. 10 begegnet der Terminus: „3 Da kamen Pharisäer zu ihm, um ihn zu versuchen, und fragten: Darf man seine Frau aus jedem beliebigen Grund (αἰτίαν) aus der Ehe entlassen? -… 10-Da sagten seine Jünger zu ihm: Wenn das Verhältnis des Mannes zur Frau so ist, dann ist es nicht gut zu heiraten.“ Prominent heißt es in Mt 27,37 (/ / Mk 15,26): „Über seinem Kopf hatten sie eine Aufschrift angebracht, die seine Schuld (αἰτίαν) angab: Das ist Jesus, der König der Juden.“ An Lk 23 erinnert ebenfalls Apg 13,28: „Obwohl sie keinen Grund fanden, wofür er den Tod verdient hätte (μηδεμίαν αἰτίαν θανάτου εὑρόντες), forderten sie von Pilatus seine Hinrichtung.“ Zu vergleichen sind auch folgende Stellen, an denen in Apg vom „Grund“ die Rede ist: Apg 10,21 heißt es: „Petrus stieg zu den Männern hinab und sagte: Siehe, ich bin der, den ihr sucht. Aus welchem Grund (αἰτία) seid ihr hier? “ Apg 22,24: „Da befahl der Oberst, ihn in die Kaserne zu führen, und ordnete an, ihn unter Geißelschlägen zu verhören. Auf diese Weise wollte er herausfinden, aus welchem Grund (αἰτίαν) sie derart gegen ihn tobten.“ Apg 23,28: „Und weil ich den Grund (αἰτίαν) ermitteln wollte, wessen sie ihn beschuldigten, brachte ich ihn vor ihren Hohen Rat.“ Apg 25,7: „Als dieser erschien, umringten ihn die Juden, die von Jerusalem herabgekommen waren, und brachten viele schwere Beschuldigungen (αἰτιώματα) vor, konnten sie aber nicht beweisen.“ Apg 25,18: „Bei der Gegenüberstellung brachten die Kläger keinen Anklagegrund (αἰτίαν) wegen solcher Verbrechen vor, die ich vermutet §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 381 <?page no="382"?> 331 Lk 1,3: ἔδοξε κἀμοὶ παρηκολουθηκότι ἄνωθεν πᾶσιν ἀκριβῶς καθεξῆς σοι γράψαι, κράτιστε Θεόφιλε („Nun habe auch ich mich entschlossen, nachdem ich allem von Beginn hatte.“ Apg 25,27: „Denn es scheint mir unsinnig, einen Gefangenen zu schicken, ohne Gründe (αἰτίας) anzugeben, dem man ihm vorwirft.“ Apg 28,18: „Diese haben mich verhört und wollten mich freilassen, da kein Todesgrund (αἰτίαν θανάτου) gegen mich vorlag.“ Apg 28,20: „Aus diesem Grund (αἰτίαν) habe ich darum gebeten, euch sehen und sprechen zu dürfen. Denn um der Hoffnung Israels willen trage ich diese Fesseln.“ Fast alle Einträge in Apg stammen folglich aus einem Verfahrens- oder Prozesskontext. Nicht fern hiervon ist 1Joh 5,15, einem Vers, in welchem Termini aus der Wortgruppe gleich drei Mal stehen: „Wenn wir wissen, dass er uns bei allem hört, was wir erbitten (αἰτώμεθα), dann wissen wir auch, dass er unsere Bitten schon erfüllt hat, die wir von ihm erbeten haben (τὰ αἰτήματα ἃ ᾐτήκαμεν ἀπ’ αὐτοῦ).“ Wie eng die beiden Pastoralbriefe 2Tim und Tit zusammengehören, erkennt man an ihrer übereinstimmenden Verwendung von δι’ ἣν αἰτίαν: 2Tim 1,6: „Aus diesem Grund (αἰτίαν) rufe ich dir ins Gedächtnis: Entfache die Gnade Gottes wieder, die dir durch die Auflegung meiner Hände zuteilgeworden ist! “ 2Tim 1,12: „Aus diesem Grund (αἰτίαν) muss ich auch dies alles erdulden; aber ich schäme mich nicht, denn ich weiß, wem ich Glauben geschenkt habe, und ich bin überzeugt, dass er die Macht hat, das mir anvertraute Gut bis zu jenem Tag zu bewahren.“ Tit 1,13: „Unser Zeugnis ist wahr. Aus diesem Grund (αἰτίαν) weise sie streng zurecht, damit sie im Glauben gesund werden.“ Über die Zusammengehörigkeit dieser beiden Briefe hinaus verbindet die Verwendung von δι‘ ἣν αἰτίαν diese Briefe mit der zweiten kanonischen Redaktion, Lk 8,47; Apg 22,24 und hier Hebr 2,11: „Denn er, der heiligt, und sie, die geheiligt werden, stammen alle aus Einem; aus diesem Grund (δι’ ἣν αἰτίαν) schämt er sich nicht, sie Brüder zu nennen.“ Hebr 5,9 kennt aber auch die nicht konjunktionelle Verwendung und besitzt damit eine Verknüpfung sowohl zu den Pastoralbriefen wie auch zu den vorge‐ nannten Schriften: „Zur Vollendung gelangt, ist er für alle, die ihm gehorchen, der Urheber (αἴτιος) des ewigen Heils geworden.“ Die Vergleiche zeigen, dass die Rede vom „Grund“ gerade auf der Ebene der zweiten kanonischen Redaktion eine gewisse Bedeutung hat, die inhaltlich und teilweise auch formal Schriften auf dieser Ebene miteinander verbindet. Weiter von Interesse ist ἀκριβής und ἀκριβόω. Vorkanonisch ist beides nicht belegt und dort wohl auch fehlend, sowohl in *Ev wie in *Paulus. ἀκριβής steht in Lk nur in dessen Prolog, Lk 1,3, 331 und findet sich überhaupt auf kanonischer Ebene sonst 382 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="383"?> an sorgfältig nachgegangen bin, es für dich, hochverehrter Theophilus, der Reihe nach aufzuschreiben“). 332 Vgl. zur Emphatisierung als Charakteristikum der kanonischen Redaktion weiter unten, S.-555-563. 333 Vgl. S.-314, auch 660. nur noch einmal in einem der sieben Paulusbriefe, 1Thess 5,2, an einer weiteren Stelle im Deuteropaulinum Eph 5,15 und an einer Stelle in der Apg 18,25. In dem vorkanonisch nicht bezeugten Vers 1Thess 5,2 lesen wir die emphati‐ sche Redeweise: „denn ihr selbst wisst genau (ἀκριβῶς), dass der Tag des Herrn so kommt wie ein Dieb in der Nacht.“ Während der Verse 14 vorkanonisch bezeugt ist, liest man ähnlich emphatisch in dem sich anschließenden, nicht mehr bezeugten Vers Eph 5,15: „So seht nun genau (ἀκριβῶς) darauf, wie ihr vorsichtig wandelt, nicht als Unweise, sondern als Weise! “ Auch dieser Vers ist vorkanonisch nicht bezeugt, wenn auch danach die Verse 18-19 wieder bezeugt sind. Erneut ist es wahrscheinlicher, dass die Zeugen nicht beide Male die Begrifflichkeit übergangen haben, sondern dass die erste kanonische Redaktion emphatisierend in den Text eingegriffen hat, wie sie dem Lukasevangelium eine solche Emphase auch schon in den Prolog hineingeschrieben hatte. 332 Außerdem sind die Begriffe ἀληθής und ἀληθῶς zu beleuchten. Was ἀληθής betrifft, so fällt auf, dass der Terminus nicht nur in *Ev und *Paulus fehlt, er begegnet auch nicht in Lk und steht nur an einer Stelle in einem der sieben Paulusbriefe, nämlich im vierten Kapitel des Philipperbriefes, das bereits kurz zuvor für kanonisch-redaktionelle Lexik aufgefallen ist. 333 Phil 4,8 ermahnt: „Übrigens, Brüder, was wahrhaftig (ἀληθῆ) ist, was ehrbar ist, was gerecht ist, was rein ist, was liebenswert ist, was wohllautend ist, wenn es irgendeine Tugend und wenn es irgendein Lob gibt, darauf seid bedacht! “ In Mk begegnet ἀληθής nur an einer Stelle, bezogen auf den Herrn selbst (Mk 12,14): „Sie kamen zu ihm und sagten: Meister, wir wissen, dass du wahrhaftig (ἀληθής) bist und auf niemanden Rücksicht nimmst; denn du siehst nicht auf die Person, sondern lehrst wahrhaftig den Weg Gottes. Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen, oder nicht? Sollen wir sie zahlen oder nicht zahlen? “ Ähnlich wird an der parallelen, ebenfalls der einzigen Stelle, an der der Terminus bei Mt begegnet, in Mt 22,16 ausgeführt: „Sie veranlassten ihre Jünger, zusammen mit den Anhängern des Herodes zu ihm zu gehen und zu sagen: Meister, wir wissen, dass du wahrhaftig (ἀληθής) bist und den Weg Gottes in Wahrheit (ἐν ἀληθείᾳ) lehrst und auf niemanden Rücksicht nimmst, denn du siehst nicht auf die Person.“ Im Unterschied zu dem Fehlen des Begriffes in Lk und dem unikalen Beleg in Mk und in Mt begegnet er häufig in Joh. In Joh 3,33: „Wer sein Zeugnis annimmt, §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 383 <?page no="384"?> 334 Joh 6,55: 5 ἡ γὰρ σάρξ μου ἀληθής ἐστιν βρῶσις, καὶ τὸ αἷμά μου ἀληθής ἐστιν πόσις. hat besiegelt, dass Gott wahrhaftig (ἀληθής) ist.“ Joh 4,18 urteilt Jesus über die Frau aus Samaria am Brunnen: „Fünf Männer hast du gehabt und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann. Damit hast du wahrhaft (ἀληθές) gesprochen.“ Als wahrhaft bezeichnet Jesus auch das Zeugnis des Johannes ( Joh 5,32): „Ein anderer ist es, der über mich Zeugnis ablegt, und ich weiß: Das Zeugnis, das er über mich ablegt, ist wahrhaft (ἀληθής).“ Dies wird wieder aufgegriffen in Joh 10,41: „Viele kamen zu ihm. Sie sagten: Johannes hat kein Zeichen getan; aber alles, was Johannes über diesen gesagt hat, erwies sich als wahr (ἀληθῆ).“ Auch sein eigenes Fleisch und Blut bezeichnet Jesus als wahrhafte Speise und wahrhaften Trank ( Joh 6,55). 334 In Joh 7,18 wird eine Begründung gegeben, indem zwischen eigener und göttlicher Autorität unterschieden wird: „Wer von sich aus spricht, sucht seine eigene Ehre; wer aber die Ehre dessen sucht, der ihn gesandt hat, der ist wahrhaftig (ἀληθής) und in ihm ist keine Ungerechtigkeit.“ Dieser Satz dient als Hinleitung zu einem kleinen Wahrheitsexkurs ein Kapitel später, Joh 8,13-26, bei dem die Pharisäer Jesus auf sein eigenes Prinzip hin zu widerlegen versuchen, er sich aber gerade auf dieses Prinzip hin verteidigt: „13 Da sagten die Pharisäer zu ihm: Du legst über dich selbst Zeugnis ab; dein Zeugnis ist nicht wahrhaft. 14 Jesus erwiderte ihnen: Auch wenn ich über mich selbst Zeugnis ablege, ist mein Zeugnis wahrhaft. Denn ich weiß, woher ich gekommen bin und wohin ich gehe. Ihr aber wisst nicht, woher ich komme und wohin ich gehe. 15 Ihr urteilt, wie Menschen urteilen, ich urteile über niemanden. 16 Wenn ich aber urteile, ist mein Urteil wahr; denn ich bin nicht allein, sondern ich und der Vater, der mich gesandt hat. 17 Und in eurem Gesetz steht geschrieben: Das Zeugnis von zwei Menschen ist wahrhaft. 18 Ich bin es, der über mich Zeugnis ablegt, und auch der Vater, der mich gesandt hat, legt über mich Zeugnis ab. 19 Da fragten sie ihn: Wo ist dein Vater? Jesus antwortete: Ihr kennt weder mich noch meinen Vater; würdet ihr mich kennen, dann würdet ihr auch meinen Vater kennen. 20 Diese Worte sagte er, als er im Tempel bei der Schatzkammer lehrte. Aber niemand nahm ihn fest; denn seine Stunde war noch nicht gekommen. 21 Ein andermal sagte Jesus zu ihnen: Ich gehe fort und ihr werdet mich suchen und ihr werdet in eurer Sünde sterben. Wohin ich gehe, dorthin könnt ihr nicht gelangen. 22 Da sagten die Juden: Will er sich etwa umbringen? Warum sagt er sonst: Wohin ich gehe, dorthin könnt ihr nicht gelangen? 23 Er sagte zu ihnen: Ihr stammt von unten, ich stamme von oben; ihr seid aus dieser Welt, ich bin nicht aus dieser Welt. 24 Ich habe euch gesagt: Ihr werdet in euren Sünden sterben; denn wenn ihr nicht glaubt, dass ich es bin, werdet ihr in euren Sünden sterben. 25 Da fragten sie ihn: Wer bist du denn? Jesus antwortete: Warum rede ich überhaupt noch mit euch? 384 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="385"?> 335 D. Trobisch, The Gospel according to John in the Light of Marcion’s Gospelbook (2018). 26 Ich hätte noch viel über euch zu sagen und viel zu richten, aber er, der mich gesandt hat, ist wahrhaftig, und was ich von ihm gehört habe, das sage ich der Welt.“ Nach dem Lanzenstich am Kreuz heißt es Joh 19,35: „Und der es gesehen hat, hat es bezeugt und sein Zeugnis ist wahr (ἀληθινή). Und er weiß, dass er wahrhaft (ἀληθῆ) redet, damit auch ihr glaubt.“ Schließlich legt der Schreiber des Evangeliums für sich selbst Zeugnis ab ( Joh 21,24): „Dies ist der Jünger, der all das bezeugt und der es aufgeschrieben hat; und wir wissen, dass sein Zeugnis wahrhaft (ἀληθής) ist.“ Mit diesem Vers werden nicht nur die vorigen Kapitel, insbesondere der Diskurs der Kapitel 7-8, aufgenommen, diese Redaktionsbemerkung sichert auch die eigene Zeugniskraft des Textes ab. Wie David Trobisch herausgearbeitet hat, 335 wird durch das „wir“, das dem „Jünger“ gegenübergestellt ist, eine neue Instanz eingeführt, die von diesem Zeugnis gebenden Jünger unterschieden ist, und ihrerseits bezeugt, dass das Zeugnis des Jüngers wahrhaftig ist. Dass dieses Urteil selbst wahrhaftig ist, beruht auf der im Evangelium entwickelten Argumentationskette: Die Leser, das „wir“, hinter denen, wie Trobisch richtig sah, sich die Redaktoren von Joh zu erkennen geben, urteilen nicht aus sich heraus, sondern aufgrund des Zeugnisses des Jüngertextes, dieser hat den Text nicht aus sich heraus geschrieben hat, sondern als Offenbarungsträger der Wahrheit dessen, über den er berichtet, Jesus Christus. Christus wiederum sprach nicht aus sich heraus, sondern als Offenbarungsträger für den, von dem er beauftragt wurde und von dem er stammt, seinem Vater. So verleiht das Argument Joh göttliche Wahrhaftigkeit. Es lässt sich erkennen, wie der Begriff des Wahrhaften in diesem Evangelium ein zentraler Redaktionsgedanke geworden ist. Nach Apg 12,9 vertraut Petrus aufgrund einer Vision, die hier gleichgesetzt wird mit einem Nichtwissen um die Wahrhaftigkeit des Geschauten: „Und Petrus ging hinaus und folgte ihm, ohne zu wissen, dass es wahrhaft (ἀληθές) war, was durch den Engel geschah; es kam ihm vor, als habe er eine Vision.“ Wie wichtig die Wahrhaftigkeit des Zeugnisses gerade in in ihrer Autorität bestrittenen Schriften - nicht anders als für die Redaktion, wie in Joh 21,24 selbst - ist, wird auch aus der Notiz in 1Petr 5,12 deutlich: „Durch Silvanus, den ich für einen vertrauenswürdigen Bruder halte, habe ich euch kurz geschrieben: Ich habe euch ermahnt und habe bezeugt, dass dies die wahrhafte (ἀληθῆ) Gnade Gottes ist, in der ihr stehen sollt.“ Der Zeugniswert wird gleich mehrfach abgesichert: durch einen „vertrauenswürdigen Bruder“, durch das Zeugnis des Schreibers (angeblich Petrus), durch die Wahrhaftigkeit und die Erläuterung, dass die „wahrhafte Gnade“ eine solche von Gott ist. Wer soviel Wahrheits‐ §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 385 <?page no="386"?> 336 Vgl. S.-382, auch 531. 337 Die Verbindung zu Joh 21,24 wurde bereits gesehen von F. Vouga, Die Johannesbriefe (1990), 92, auch wenn Vouga auf die Zeugenschaft des Jüngers und nicht auf diejenige der Wir-Gruppe abhebt. bekundung am Ende seines Briefes braucht, dem wird die heutige kritische Leserschaft desto weniger vertrauen. Auf der Wahrhaftigkeit des Zeugnisses besteht Tit 1,13, ein Vers, den wir bereits kurz zuvor betrachtet hatten: „Unser Zeugnis ist wahr. Darum weise sie streng zurecht, damit sie im Glauben gesund werden.“ 336 Mit dem Mittel von Sprichwörtern, die schon aus sich heraus als wahrhaft bezeichnet werden, heißt es 2Petr 2,22: „Auf sie [die Irrlehrer] trifft das wahre (ἀληθοῦς) Sprichwort zu: Der Hund kehrt zurück zu dem, was er erbrochen hat, und: Die gewaschene Sau wälzt sich wieder im Dreck.“ Die eigene Wahrhaftigkeit betont auch 1Joh 2,8: „Wiederum schreibe ich euch ein neues Gebot, was wahrhaft (ἀληθές) ist in ihm und in euch, weil die Finsternis vergeht und das wahre Licht schon leuchtet.“ Sie wird am Ende des Abschnitts in 1Joh 2,27 wieder aufgegriffen und wie in Tit 1,12-13 und 2Petr von der Lüge abgesetzt: „Was euch betrifft, so bleibt die Salbung, die ihr von ihm empfangen habt, in euch und ihr braucht euch von niemandem belehren zu lassen; wie euch vielmehr seine Salbung über alles belehrt, so ist es auch wahrhaft (ἀληθές) und nicht lügenhaft. Und wie er euch belehrt hat, so bleibt ihr in ihm.“ Man vergleiche hiermit auch, was die kanonische Redaktion in Gal 4,16 an Kontrast einträgt, wo Paulus mahnend fragt: „Bin ich also euer Feind geworden, weil ich euch die Wahrheit sage (ἀληθεύων)? “ Schließlich begegnet in 3Joh am Ende eine ähnlich multiplizierte Bewahrhei‐ tung wie in Joh 21 und in 1Petr 5: „Für Demetrius legen alle und die Wahrheit (ἀληθείας) selbst Zeugnis ab; auch wir legen Zeugnis ab und du weißt, dass unser Zeugnis wahrhaft (ἀληθής) ist (3Joh 1,12).“ Erneut begegnen verschiedene Wahrheits- und Zeugnisinstanzen, und in dem „wir“ stecken erkennbar 337 wie in Joh 21 die Redaktionsverantwortlichen. Schauen wir noch auf das verwandte ἀληθῶς. In Lk dient das Adverb an drei Stellen formelhaft (λέγω δὲ ὑμῖν ἀληθῶς ein Mal, ἀληθῶς λέγω ὑμῖν ein Mal, λέγω ὑμῖν ἀληθῶς ein Mal) zur Betonung der Aussage. In Lk 9,27 („Wahrhaftig, das sage ich euch: Von denen, die hier stehen, werden einige den Tod nicht schmecken, bis sie das Reich Gottes gesehen haben“) ist das Adverb vorkanonisch unbezeugt, auch wenn der voranstehende Vers und Teile des Verses selbst bezeugt sind. Lk 12,44 („Wahrhaftig, ich sage euch: Er wird ihn über sein ganzes Vermögen einsetzen“) ist der Vers erneut nicht als Ganzer für *Ev bezeugt, doch kann der Vers vorkanonisch gestanden sein, worauf die Variante 386 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="387"?> αμην hinweist, die sich in den Zeugen 05, 1215, 1229, 2487, c, d, georg, MacarAeg findet. Lk 21,3 („Da sagte er: Wahrhaftig, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr hineingeworfen als alle anderen“) ist das Adverb erneut unbezeugt für *Ev, so hier auch die gesamte Passage der „Gabe der Witwe“. Sollte es wiederum nur Zufall sein, dass die Zeugen all diese Nennungen übergangen haben? In Mt 14,33 begegnet das Adverb in einem Bekenntnis als emphatischer Aus‐ druck: „Die Jünger im Boot aber fielen vor Jesus nieder und sagten: Wahrhaftig, Gottes Sohn bist du.“ So auch in Mt 27,54 (/ / Mk 15,39): „Als der Hauptmann und die Männer, die mit ihm zusammen Jesus bewachten, das Erdbeben bemerkten und sahen, was geschah, erschraken sie sehr und sagten: Wahrhaftig, Gottes Sohn war dieser! “ Zuvor schon begegnete das Adverb als Verstärkung der Aussage in Mt 26,73 (/ / Mk 14,70): „Wenig später kamen die Leute, die dort standen, und sagten zu Petrus: Wahrhaftig, auch du gehörst zu ihnen, deine Mundart verrät dich.“ Auch in Joh begegnet das Adverb, und zwar als Gegenüberstellung zur Unwahr‐ heit: Joh 1,47: „Jesus sah Natanaël auf sich zukommen und sagte über ihn: Sieh, ein wahrhafter Israelit, an dem kein Falsch ist.“ Wieder bei der Frau aus Samaria heißt es zur Bestärkung eines Bekenntnisses (Joh 4,42): „Und zu der Frau sagten sie: Nicht mehr aufgrund deiner Rede glauben wir, denn wir haben selbst gehört und wissen: Er ist wahrhaft der Retter der Welt.“ Eine ähnliche Bekenntnisverstärkung steht Joh 6,14: „Als die Menschen das Zeichen sahen, das er getan hatte, sagten sie: Das ist wahrhaft der Prophet, der in die Welt kommen soll.“ Und wiederholt in Joh 7,40: „Einige aus dem Volk sagten, als sie diese Worte hörten: Dieser ist wahrhaft der Prophet.“ Auch im Bekenntniszusammenhang stand kurz zuvor in Joh 7,26: „Und doch redet er in aller Öffentlichkeit und man lässt ihn gewähren. Sollten die Oberen wahrhaft erkannt haben, dass er der Christus ist? “ Wieder um die Frage des Bekennens geht es in Joh 8,31: „Da sagte er zu den Juden, die zum Glauben an ihn gekommen waren: Wenn ihr in meinem Wort bleibt, seid ihr wahrhaft meine Jünger.“ Im Zwiegespräch mit dem Vater sagt Jesus schließlich (Joh 17,8): „Denn die Worte, die du mir gabst, habe ich ihnen gegeben und sie haben sie angenommen. Sie haben wahrhaft erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie sind zu dem Glauben gekommen, dass du mich gesandt hast.“ Auch dieser Terminus steht nur noch an einer Stelle in einem der sieben Paulusbriefe (1Thess 2,13) und an zwei im Praxapostolos (Apg 12,11; 1Joh 2,5). In 1Thess 2,13 heißt es: „Deshalb danken wir auch Gott unablässig dafür, dass ihr, als ihr das von uns verkündigte Wort Gottes empfingt, es nicht als Menschenwort aufnahmt, sondern als das, was es in Wahrheit ist: als das Wort Gottes, das in euch wirkt, die ihr glaubt.“ In Apg 12,11 wird bestätigend gesagt: „ Da kam Petrus zu sich und sagte: Nun weiß ich wahrhaft, dass der Herr seinen Engel gesandt und mich §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 387 <?page no="388"?> 338 Vgl. zur Emphatisierung als Charakteristikum der kanonischen Redaktion weiter unten, S.-555-563. 339 Epiph., Pan. haer. 42, sch. 29. 340 Vgl. Hos 2,1: Καὶ ἦν ὁ ἀριθμὸς τῶν υἱῶν Ισραηλ ὡς ἡ ἄμμος τῆς θαλάσσης, ἣ οὐκ ἐκμετρηθήσεται οὐδὲ ἐξαριθμηθήσεται …; Jes 10,22: καὶ ἐὰν γένηται ὁ λαὸς Ισραηλ ὡς ἡ ἄμμος τῆς θαλάσσης, τὸ κατάλειμμα αὐτῶν σωθήσεται· λόγον γὰρ συντελῶν καὶ συντέμνων ἐν δικαιοσύνῃ. der Hand des Herodes entrissen hat und all dem, was das Volk der Juden erwartet hat.“ Und in 1Joh 2,5: „Wer sich aber an sein Wort hält, in dem ist die Gottesliebe wahrhaft vollendet; daran erkennen wir, dass wir in ihm sind.“ Auffallend ist, dass das Adverb ἀληθῶς formelhaft in Lk steht im Unterschied zu seiner Nutzung in den anderen drei Evangelien. Hier wiederum finden sich Parallelverse, aber auch unterschiedliche Perikopen, in denen es steht. Deutlich jedoch wie beim Terminus zuvor ist, dass auch das Adverb der Emphase entspricht, die für die kanonische Redaktion charakteristisch ist und erwartungsgemäß gerade im Praxapostolos wieder zu finden ist. 338 Von ganz anderer Semantik sind die Begriffe ἀριθμέω und ἀριθμός, wobei gerade der letzte mit ca. 20 Einträgen nicht wenig bedeutend ist. Vorkanonisch sind beide Begriffe weder für *Ev noch für *Paulus bezeugt, doch sie geben uns, wie wir sehen werden, einen möglichen Einblick in den redaktionellen Status der Apokalypse. Das Verb steht Lk 12,6-7: „6 Verkauft man nicht fünf Spatzen für zwei Pfennige? Und doch ist nicht einer von ihnen vor Gott vergessen. 7 Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt (ἠρίθμηνται). Fürchtet euch nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen“; / / Mt 10,30. Dies ist eine Passage, die Epiphanius ausdrücklich als fehlend in Markions Evangelium vermerkt. 339 Das nächste Mal begegnet die Rede von der Zahl in Lk 22,3, diesmal vermerkt Tertullian, dass dieser Vers in Markions Text gefehlt habe. Wir sehen, die Präsenz oder Absenz von bestimmten Worten und damit einer spezifischen Lexik ist kein Zufall, sie entspricht einem bestimmten redaktionellen Profil. Während das Verb nur noch an der Parallelstelle in Mt 10,30 steht, findet sich das Nomen noch in Joh 6,10: „Jesus sagte: Lasst die Leute sich setzen! Es gab dort nämlich viel Gras. Da setzten sie sich; es waren der Zahl nach (τὸν ἀριθμόν) etwa fünftausend Männer“. Auch im gesamten Paulus findet sich das Nomen nur an einer einzigen Stelle, Röm 9,27, hier in einem Zitat aus Jesaja, wie es heißt. Tatsächlich stellt der Vers allerdings ein Mischzitat dar aus Hos 2,1 und Jes 10,22, wobei der Terminus „Zahl“ aus dem teilweise parallelen Hoseavers entnommen ist: „Und Jesaja ruft über Israel aus: Wenn auch die Israeliten so zahlreich wären wie der Sand am Meer---nur der Rest wird gerettet werden.“ 340 388 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="389"?> Weiter lassen sich Verb und Nomen nur noch in der Apokalypse belegen: Apk 5,11 wird die „Zahl der Engel“ genannt, dann wird Apk 7,4 „die Zahl derer, die mit dem Siegel gekennzeichnet waren,“ aufgezählt: „Es waren hundertvierund‐ vierzigtausend aus allen Stämmen der Söhne Israels, die das Siegel trugen“, und Apk 7,9 einer „großen Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen“ gegenübergestellt, die „niemand zählen (ἀριθμῆσαι) konnte“. Bei der Beschreibung der „sechsten Posaune“ wird zweifach auf die Zahl der Reiter des Heeres gepocht (Apk 9,16). In einer merkwürdigen Schau eines Tieres, das aus der Erde aufstieg, heißt es Apk 13,17-18: „17 Kaufen oder verkaufen konnte nur, wer das Kennzeichen trug: den Namen des Tieres oder die Zahl (ἀριθμὸν) seines Namens. 18 Hier ist die Weisheit. Wer Verstand hat, berechne den Zahlenwert (ἀριθμὸν) des Tieres. Denn es ist die Zahl (ἀριθμὸς) eines Menschennamens; und seine Zahl (ἀριθμὸς) ist sechshundertsechsundsechzig.“ Die Zeugen P 47 , 01, sy ph , sa lassen „und seine Zahl“ (καὶ ὁ ἀριθμὸς αὐτοῦ) aus. Dann heißt es gleich weiter (Apk 14,1): „Und ich sah und siehe, das Lamm stand auf dem Berg Zion und bei ihm waren hundertvierundvierzigtausend; auf ihrer Stirn trugen sie seinen Namen und den Namen seines Vaters geschrieben.“ Hier fällt wieder auf, dass eine große Zahl von Handschriftenzeugen gerade unseren Terminus nicht aufweist, und er nur geboten wird von 046, 2377, M k , sy h . Bei der Schau der sieben letzten Plagen wird erneut auf die Bedeutung der Zahl hingewiesen (Apk 15,2): „Dann sah ich etwas, das einem gläsernen Meer glich und mit Feuer durchsetzt war. Und die Sieger über das Tier, über sein Standbild und über die Zahl (ἀριθμοῦ) seines Namens standen auf dem gläsernen Meer und trugen die Harfen Gottes.“ Schließlich geht es beim endgültigen Sieg über den Satan um eine unzählbare Zahl: „Er wird ausziehen, um die Völker an den vier Ecken der Erde, den Gog und den Magog, zu verführen und sie zusammenzuholen für den Kampf; sie sind so zahlreich (ἀριθμός) wie die Sandkörner am Meer.“ Das Zitat erweist sich als eine Wiederaufnahme von Hos 2,1, das in Röm 9,27 als vermeintliches Jesajazitat ausgegeben wurde: ὁ ἀριθμὸς αὐτῶν ὡς ἡ ἄμμος τῆς θαλάσσης - Hos 2,1: ὁ ἀριθμὸς τῶν υἱῶν Ισραηλ ὡς ἡ ἄμμος τῆς θαλάσσης. Bereits die Verteilung des Zahlgedankens über die Schriften - abwesend auf der vorkanonischen Ebene, selten auf der Ebene der vier Evangelien, dann nur an einer Stelle in den Paulinen und diese ist es gerade, die in Apk als letzte zitiert wird, spricht dafür, dass bei der Eingliederung der Apk zu deren Sicherung auch ein Anker in Röm gesetzt wurde und das Zahlenthema in Lk und Mt erst in dieser Redaktion in Lk und Mt erst Eingang fand. Dass es weder in Apg noch in den katholischen Briefen noch in den Pastoralbriefen begegnet, zeigt deren redaktionell §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 389 <?page no="390"?> 341 Vgl. S.-476-479. enge Nähe. Wann genau die Apk in die Sammlung gekommen ist, ist nicht völlig klar, vielleicht erst im Anschluss an die zweite kanonische Redaktion. Obwohl γνωρίζω und γνῶσις zumindest bei *Paulus vorkanonisch bezeugt sind, fehlt irgendeine vorkanonische Bezeugung für γνώμη, γνώστης und γνωστός. Das Verb γνωρίζω steht in *1Kor 15,1: „Über die Auferstehung der Toten. Ich lasse euch wissen, Brüder und Schwestern, das Evangelium, das ich euch verkündet habe: “ und in *Laod 3,10: „So soll den Hoheiten und Herrschaften des himmlischen Bereichs durch die Kirche die vielfältige Weisheit Gottes bekannt werden.“ Auf kanonischer Ebene findet sich das Verb in den Evangelien lediglich in Lk 2,15. 17 („15 Und es geschah, als die Engel von ihnen in den Himmel zurückgekehrt waren, sagten die Hirten zueinander: Lasst uns nach Betlehem gehen, um das Ereignis zu sehen, das uns der Herr bekannt gemacht hat! “ … 17 Als sie es sahen, machten sie das Wort bekannt, das ihnen über dieses Kind gesagt worden war“), Teil der Kindheitsgeschichte, die in *Ev fehlt. Das Verb taucht dann nur noch in Joh auf. Joh 15,15 („Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles bekannt gemacht, was ich von meinem Vater gehört habe“). Noch deutlichter ist die Formulierung in Joh 17,26, die das Verb gleich zwei Mal benutzt: „Ich habe ihnen deinen Namen bekannt gemacht und werde ihn bekannt machen, damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen ist und ich in ihnen bin.“ In den vorkanonisch abwesenden Versen Röm 9,22-23 heißt es: „22 Wenn aber Gott, da er seinen Zorn erzeigen und seine Macht kundtun (γνωρίσαι) wollte, mit großer Geduld die Gefäße des Zorns, die zum Verderben zubereitet sind, getragen hat, 23 damit er den Reichtum seiner Herrlichkeit an den Gefäßen der Barmherzigkeit, die er zuvor zur Herrlichkeit bereitet hat, kundtue (γνωρίσῃ)? “ Erneut findet sich das Verb in der in *Röm fehlenden Schlusspassage, Röm 16,26: „Jetzt aber offenbart / und durch prophetische Schriften nach dem Willen des ewigen Gottes bekannt gemacht (γνωρισθέντος), / um alle Heiden zum Gehorsam des Glaubens zu führen …“ Wie die Diskussion von σωτήρ zeigen wird, 341 verrät gerade diese Schlusspassage mit dem Hinweis auf das Bekanntmachen durch die prophetischen Schriften einen antimarkionitischen Zug der Redaktion. Auch 1Kor 12,3 begegnet das Verb, doch gerade dieser Vers ist unbezeugt für die vorkanonische Version, nachdem zuvor Vers 1 und danach ein Stück aus Vers 4 vorkanonisch bezeugt sind. In 1Kor 12,3 lesen wir: „Darum lasse ich euch wissen, dass keiner, der aus dem Geist Gottes redet, sagt: Jesus sei verflucht, und 390 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="391"?> 342 Siehe zuvor S.-390, auch 542. 343 Der Passus scheint eine kanonisch-redaktionelle Duplikation der Aussage von Kol 1,26 zu sein (τὸ μυστήριον τὸ ἀποκεκρυμμένον ἀπὸ τῶν αἰώνων καὶ ἀπὸ τῶν γενεῶν- νῦν δὲ ἐφανερώθη τοῖς ἁγίοις αὐτοῦ), die zwar auch auf der kanonischen Ebene nur bezeugt ist, jedoch inhaltlich spannungsfrei sich noch im markionitischen Denkmodell befindet. Bei dessen Einpassung in Eph wurde die Spannung jedoch kanonisch-redaktionell geschaffen, indem der Text von der markionitischen Aussage weggerückt werden sollte. Dies belegt einmal mehr die manchmal inkonsistente Vorgehensweise der kanonischen Redaktion; vgl. auch S.-568-572. keiner kann sagen: Jesus ist der Herr, wenn nicht aus dem Heiligen Geist.“ Die Formulierung ist fast identisch mit der vorkanonisch bezeugten von *1Kor 15,1, wie zuvor angeführt, scheint aber erst durch die kanonische Redaktion in 1Kor 12,3 eingetragen worden zu sein in Anlehnung an *1Kor 15,1. Dieselbe Imitation gilt wohl auch für den vorkanonisch unbezeugten Vers 2Kor 8,1: „Wir geben euch jetzt, Brüder, Kenntnis (Γνωρίζομεν δὲ ὑμῖν) von der Gnade Gottes, die in den Kirchen Mazedoniens gegeben worden ist.“ Auch in Gal 1,11 steht eine ähnliche Formulierung, die, auch wenn sie hier nicht vorkanonisch bezeugt ist, wegen des narrativ-logischen Zusammenhangs an dieser Stelle aber möglicherweise gestanden war: „Ich gebe euch bekannt (Γνωρίζω δὲ γὰρ ὑμῖν), Brüder: Das Evan‐ gelium, das ich verkündet habe, stammt nicht von Menschen.“ Auf kanonischer Ebene ist das Verb wiederzufinden in Phil 1,22: „Wenn aber das Leben im Fleisch mir Gelegenheit gibt zu fruchtbarer Arbeit, so weiß ich nicht (οὐ γνωρίζω), was ich wählen soll.“ Dieser Vers ist nicht bezeugt, während voran die Verse 14-18 und nachfolgend gleich Vers 23 bezeugt sind. Schließlich ist das gesamte Kapitel 4 von Phil unbezeugt und der Lexik nach auch von *Phil abwesend. In Phil 4,6 liest man: „Seid um nichts besorgt, sondern in allem lasst durch Gebet und Flehen mit Danksagung eure Anliegen vor Gott kundwerden (γνωριζέσθω)! “ In *Laod 1,9 („uns das Geheimnis seines Willens kundtat, nach seinem Wohlgefallen, das er vorgenommen hat“) kann man angesichts der Nicht‐ bezeugung des Verbs an dieser Stelle, jedoch bezeugt für *Laod 3,10 342 und *Laod 6,19, schwanken, ob man es nicht auch für 1,9 annehmen darf, zumal es auch grammatisch in diesen Zusammenhang passen würde. Im Zusammenhang von Eph 3,3. 5, wo das Verb noch zwei Mal begegnet, ist jedoch auffallend, dass die Verse Eph 3,1-7 unbezeugt sind. Außerdem begegnet in dieser Passage, vor allem im letzten Halbvers 5, erneut dieselbe Vorstellung der prophetischen Vorausbekanntgabe (hier allerdings gemildert, wenn nicht in Spannung mit dem „jetzt“ 343 ), die Eph 1,9 und 3,9 eine Widerrede zu Markion enthält (Eph 3,3-5): „3 dass mir durch Offenbarung das Geheimnis kundgetan wurde, wie ich oben kurz geschrieben habe. 4 Dadurch könnt ihr beim Lesen meine Einsicht in das Geheimnis §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 391 <?page no="392"?> 344 Ps 15,11 LXX: ἐγνώρισάς μοι ὁδοὺς ζωῆς· πληρώσεις με εὐφροσύνης μετὰ τοῦ προσώπου σου, τερπνότητες ἐν τῇ δεξιᾷ σου εἰς τέλος. des Christus erkennen, 5 das in anderen Generationen den Menschenkindern nicht kundgetan wurde (ἐγνωρίσθη), wie es nun seinen heiligen Aposteln und Propheten durch den Geist offenbart wurde.“ Das Verb steht auch in Kol 1,27, und zwar in einer Passage (Kol 1,25-29), die durchaus der markionitischen Vorstellung von der früheren Verborgenheit von Gottes Heilsplan entspricht. Die Verse sind jedoch für *Kol nicht bezeugt. In Kol 1,27 heißt es: Ihnen wollte „Gott kundtun (γνωρίσαι)…, was der Reichtum der Herrlichkeit dieses Geheimnisses unter den Heiden ist, nämlich Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit.“ Als emphatische Zeugnissicherung steht das Verb dann in Kol 4,7-9: „7 Tychikus, der geliebte Bruder und treue Diener und Mitknecht im Herrn, wird euch alles kundtun (γνωρίσει), was mich betrifft. 8 Ich habe ihn eben darum zu euch gesandt, damit ihr erfahrt, wie es um uns steht, und er eure Herzen tröste. 9 Mit ihm kommt Onesimus, der treue und geliebte Bruder, der einer der euren ist. Sie werden euch alles berichten (γνωρίσουσιν), was hier vorgeht.“ Auch im Praxapostolos begegnet das Verb, zunächst Apg 2,28: „Du hast mir die Wege zum Leben gezeigt (ἐγνώρισας), / du wirst mich erfüllen mit Freude vor deinem Angesicht“, und zwar als Zitat aus Ps 15,11 LXX: „Du hast mir die Wege zum Leben gezeigt, / du wirst mich erfüllen mit Freude vor deinem Angesicht.“ 344 In 2Petr 1,16 wird das Verb aufgegriffen und die unmittelbare Offenbarung für Petrus reklamiert: „Denn wir sind nicht klug ausgedachten Geschichten gefolgt, als wir euch die machtvolle Ankunft unseres Herrn Jesus Christus bekannt machten (ἐγνωρίσαμεν), sondern wir waren Augenzeugen seiner Macht und Größe.“ Der Überblick zur vorkanonischen und kanonischen Verwendung von γνωρίζω führt vor Augen, dass vorkanonisch das Verb benutzt wird, um das präsentische „bekannt machen“ des Evangeliums und der Weisheit Gottes durch den Offenbarungsträger Paulus bzw. die Kirche vor Augen zu führen, während die kanonische Redaktion diesen Präsentismus unterläuft und ihn in die Tradition zurückzuverlegen versucht. Das geschieht mit der Behauptung einer alternativen Offenbarung in Lk 2 (durch die Engel) oder durch den Herrn selbst ( Joh 15; 17 - hier auch Vergangenheit und Zukunft betont; Gal 3,8; Röm 1,2), oder durch Gott, der im Voraus bekannt gab (Röm 8,29) durch die „prophetischen Schriften“ (Röm 16). *Laod/ Eph ist ein spannendes Konglomerat, weil hier vorkanonische Gedanken (präsentisches Kundgeben: Jetzt) mit antimarkionitischen Vorstel‐ 392 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="393"?> 345 Vgl. zur Verschärfung als Charakteristikum der kanonischen Redaktion weiter unten, S.-555-563. lungen (Bekanntgabe im Voraus) verknüpft vorliegen, die dann auf kanonischer Ebene teilweise antimarkionitisch verschärft werden. 345 Diese Tendenz der antimarkionitischen Ausrichtung wirkt sich noch deutlicher auf der Ebene der kanonischen Redaktion im Praxapostolos aus. Hier wird das Bekanntgeben ausdrücklich auf den Psalter zurückgeführt und apologetisch gerade gegen „klug ausgedachte Geschichten“ gerichtet, denen die eigene Augenzeugenschaft des Petrus entgegengestellt wird. Auch das Nomen, γνῶσις, ist vorkanonisch bezeugt, wenn auch nur für *Paulus, *1Kor 12,8: „Den einen wird durch den Geist die Fähigkeit der Weisheit gegeben, anderen, gemäß demselben Geist, die Fähigkeit der Erkenntnis“, auch *2Kor 4,6: „Aufgrund von Gott, der sprach: Aus Fins‐ ternis wird Licht aufleuchten, der in unseren Herzen aufgeleuchtet ist, damit die Erkenntnis seines Glanzes im Antlitz Christi erstrahlt,“ für *Röm 2,20: „Als jemand, der die Gestalt der Erkenntnis und der Wahrheit im Gesetz hat …“ und *Phil 3,8: … „um der Erkenntnis Christi, die alles überragt.“ Wie bereits das Verb, so begegnet in Lk das Nomen in der Kindheitsgeschichte Lk 1,77, und zwar wiederum in der Prophetie des Zacharias: „Du wirst seinem Volk Kenntnnis (γνῶσιν) vom Heil geben/ in der Vergebung seiner Sünden.“ Allerdings begegnet das Nomen auch noch Lk 11,52 in einer Scheltrede gegen die Gesetzesgelehrten: „Weh euch Gesetzeslehrern! Ihr habt den Schlüssel zur Erkenntnis (γνώσεως) weggenommen. Ihr selbst seid nicht hineingegangen und die, die hineingehen wollten, habt ihr daran gehindert.“ Auffallenderweise begegnet das Nomen in keinem anderen der vier Evangelien. Wie bereits das Verb, so erfreut sich allerdings auch das Nomen einer gehäuften Benutzung im kanonischen Paulus. Röm 11,33 etwa steht: „O Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis (γνώσεως) Gottes! Wie unergründlich sind seine Entschei‐ dungen, wie unerforschlich seine Wege! “ Obwohl dieser Vers vorkanonisch gut bezeugt ist, fehlt bei dieser Bezeugung gerade der Teil „und der Erkenntnis“ (καὶ γνώσεως). Die Bedeutung des Nomens wird auch aus Röm 15,14 ersichtlich, ein Vers aus einem der beiden Schlusskapitel, die in *Röm fehlen: „Ich bin aber selbst überzeugt, meine Brüder, dass auch ihr selbst voller Güte seid, erfüllt von aller Erkenntnis (γνώσεως) und fähig, einander zu ermahnen.“ Ähnlich zuversichtlich für „alle Erkenntnis“ ist der Dank in der Eröffnung von 1Kor 1,5 dafür, „dass ihr an allem reich geworden seid in ihm, in jeglichem Gedanken und jeglicher Erkenntnis (γνώσει)“, und die Wiederholung des Opti‐ §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 393 <?page no="394"?> mismus in 1Kor 8,1, nicht ohne Kritik an Erkenntnis zu üben: „Wir wissen, dass wir alle Kenntnis (γνῶσιν) besitzen. Die Kenntnis (γνῶσις) macht aufgeblasen, während die Liebe aufbaut.“ Und im selben Kapitel äußert sich Paulus nicht weniger kritisch: „10 Wenn dich, der Du Kenntnis (γνῶσιν) hast, nämlich einer beim Götzenbild zum Essen sitzen sieht, wird sein Gewissen, da er schwach ist, nicht dazu auferbaut, Götzenopferfleisch zu essen? 11 Denn der Schwache, wird von deiner Kenntnis (γνώσει) verdorben, der Bruder, für den Christus gestorben ist.“ (1Kor 8,10-11) Ähnlich erkenntniskritisch äußert sich Paulus wieder in 1Kor 13,2, wiederum auf „alle Erkenntnis“ blickend: „Und wenn ich Prophetie besäße, alle Geheim‐ nisse wüsste und alle Erkenntnis (γνῶσιν), und wenn ich allen Glauben hätte, so dass ich Berge versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, ich wäre nichts.“ Weniger kritisch - Teile des Verses sind vorkanonisch bezeugt, doch nicht der Gedanke der Erkenntnis - schreibt Paulus in 1Kor 14,6: „Nun aber, Brüder, wenn ich zu euch komme und in Zungen rede, was nütze ich euch, wenn ich nicht zu euch sprechen werde, sei es in einer Offenbarung oder in einer Erkenntnis (γνώσει) oder in einer Prophetie oder im Unterricht? “ Auch in 2Kor 2,14 kommt Paulus auf Erkenntnis zu sprechen, speziell auf Christi Erkenntnis: „Dank sei Gott, der uns stets im Triumphzug Christi mitführt und durch uns den Geruch seiner Erkenntnis (γνώσεως) an allen Orten verbreitet! “ In seiner Selbstempfehlung verweist Paulus 2Kor 6,6 auch auf seinen apostolischen Dienst „in Reinheit, in Erkenntnis (γνώσει), in Langmut, in Güte, im Heiligen Geist, in ungeheuchelter Liebe.“ Und ähnlich in 2Kor 11,6 schreibt er von sich in einer Art captatio: „Auch wenn ich ungeschickt in der Rede bin, so doch nicht in der Erkenntnis (γνώσει); vielmehr haben wir sie euch in allem und in allen Dingen kundgetan.“ Dann schlägt er in 2Kor 8,7 den Bogen von der Erkenntnis zum Spenden: „Aber so wie ihr an allem reich seid, an Glauben, Rede und Erkenntnis (γνώσει), und an jedem Eifer und an der Liebe, die von uns in euch ist, so sollt ihr auch an dieser Gnade überströmend sein.“ 2Kor 10,5 erläutert er den Unterschied zwischen einer zu kritisierenden Erkenntnis und derjenigen, die verfolgt werden soll: „(Wir reißen) jede Höhe (nieder), die sich gegen die Erkenntnis (γνώσεως) Gottes erhebt, und nehmen jeden Gedanken gefangen zum Gehorsam gegen Christus.“ Die erkenntniskritische Tendenz setzt sich in den Deuteropaulinen fort. Eph 3,19 spielt Erkennen gegen Erkenntnis aus, wenn es heißt, man solle „die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übertrifft.“ Anders wendet dieselbe Einsicht Kol 2,3: „in dem [sc. Christus] alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis verborgen sind.“ 394 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="395"?> 346 M. Janssen, ‚Wider die Antithesen der fälschlich sogenannten Gnosis‘ - 1 Tim 6,20 und die Antithesen Markions (2011); J. Herzer, Juden - Christen - Gnostiker. Zur Gegnerproblematik der Pastoralbriefe (2008). Abgelehnt wird dieser Bezug von S. Schreiber (mit weiteren älteren und jüngeren Stimmen) in S. Schreiber, Orientierungs‐ marken? Im Irrgarten „klassischer“ und neuerer Datierungen der neutestamentlichen Pseudepigraphen (2021). 347 So G. Quispel, Marcion and the Text of the New Testament (1998), 357-358; H.O. Maier, Marcion the Circumsizer (2019); R.W. Wall and R.B. Steele, 1 and 2 Timothy and Titus (2012), 25. Etwas vorsichtiger äußert sich Harnack, weil er den antimarkioni‐ tischen Charakter der Pastoralbriefe insgesamt für widerlegt hält, allerdings, was 1Tim 6,17-21 betrifft, doch urteilt, dies sei „höchstwahrscheinlich ein Zusatz“, der auf die „Antithesen“ anspielen und „antimarcionitisch sein“ könne, so A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 3*. Das Argument, das ihn verunsichert, wonach die „Antitheses“ hier mit der ψευδώνυμος γνῶσις zusammengebunden sind, was, wie er meint „schwerlich … in so früher Zeit“ denkbar ist, beruht auf dem Zirkelschluss, wonach er die Pastoralbriefe früh datiert und diese Frühdatierung wiederum gegen die Anspielung auf Markions „Antitheses“ benutzt. Datiert man die Pastoralbriefe hingegen um oder nach der Mitte des 2. Jh., versteht man, dass sie genau wie Irenäus die Theologie des Markion in einem Zug mit der des Valentin bzw. der Valentinianer bestreiten. Zur Spätdatierung der Pastoralbriefe vgl. jetzt M. Theobald, Israel-Vergessenheit in den Pastoralbriefen. Ein neuer Vorschlag zu ihrer historisch-theologischen Verortung im 2. Jahrhundert n. Chr. unter besonderer Berücksichtigung der Ignatius-Briefe (2016). Vgl. mit weiterer Literatur, die die Pastoralbriefe ins 2 Jh. datieren S. Schreiber, Orientierungsmarken? Im Irrgarten „klassischer“ und neuerer Datierungen der neutes‐ tamentlichen Pseudepigraphen (2021), 13-23. Diese Erkenntniskritik wird weiter verstärkt in den Pastoralbriefen, wenn es 1Tim 6,20 heißt: „Timotheus, bewahre, was dir anvertraut ist! Halte dich fern von dem gottlosen Geschwätz und den Widersprüchen der fälschlich sogenannten Erkenntnis (ψευδωνύμου γνώσεως)! “ Weil in diesem Vers mit „den Widersprü‐ chen“ (ἀντιθέσεις) der Titel von Markions Vorwort zu seinem Evangelium und damit seinem *Neuen Testament anzuklingen scheint (ἀντιθέσεις), 346 hat man in der Forschung bereits wiederholt auf das antimarkionitische Profil dieses Verses hingewiesen, selbst dann, wenn die Pastoralbriefe früh datiert wurden. 347 Hingegen wird im Praxapostolos positiv von Erkenntnis und Erkennen gesprochen, etwa in Apg 21,24 im Zusammenhang der Verteidigung des Paulus: „Nimm sie mit und weihe dich zusammen mit ihnen; trag die Kosten für sie, damit sie sich das Haar abscheren lassen können! So wird jeder erkennen (γνώσονται), dass an dem, was man von dir erzählt hat, nichts ist, sondern dass auch du das Gesetz genau beachtest.“ Ein besonderes Zeugnis für diese positive Einschätzung der Erkenntnis liefert 2Petr 1,5-6: „5 Darum setzt allen Eifer daran, mit eurem Glauben die Tugend zu verbinden, mit der Tugend die Erkenntnis (γνῶσιν), 6 mit der Erkenntnis (γνώσει) die Selbst‐ §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 395 <?page no="396"?> beherrschung, mit der Selbstbeherrschung die Ausdauer, mit der Ausdauer die Frömmigkeit.“ So wird denn auch am Ende des Briefes auf die Erkenntnis, die Christus selbst zugeschrieben wird, verwiesen (3,18): „Wachset in der Gnade und Erkenntnis (γνώσει) unseres Herrn und Retters Jesus Christus! Ihm gebührt die Herrlich‐ keit, jetzt und bis zum Tag der Ewigkeit. Amen.“ Die Erkenntnis klingt auch an im Rat für den Umgang der Männer mit Frauen in 1Petr 3,7: „Ebenso sollt ihr Männer im Umgang mit den Frauen kenntnisvoll (γνῶσιν) sein, denn sie sind der schwächere Teil; ehrt sie, denn auch sie sind Erben der Gnade des Lebens. So wird euren Gebeten nichts mehr im Weg stehen.“ Wie im Praxapostolos begegnet eine positive Einschätzung von Erkenntnis auch in Apk 3,9, und zwar in scharfem Kontrast zu Schein und „Lüge“, mit denen der Text sich von den Mitgliedern der „Synagoge des Satans, die sich als Juden ausgeben,“ abgrenzt. Der kleine Überblick belegt, dass Erkennen und Erkenntnis im vorkanoni‐ schen *Paulus positiv als seine Bekanntgabe für den Inhalt von seinem Evan‐ gelium, der Weisheit bzw. des Willens Gottes benutzt wird, und so begegnet Erkenntnis auch auf kanonischer Ebene in den Evangelien bei Lk und Joh wie auch in den sieben Briefen des Paulus und in den Deuteropaulinen. Allerdings wird auf der kanonischen Ebene die vorkanonisch präsentisch verstandene Erkenntnis an die jüdische Tradition gebunden. Auch im Praxapostolos ist Erkenntnis noch weiterhin positiv konnotiert. Und doch begegnet auf der kanonischen Ebene bereits bei Paulus eine erkenntniskritische Tendenz, die sich in den Deuteropaulinen manifestiert und in 1Tim noch weiter verstärkt. Blicken wir auf die vorkanonisch nichtbezeugten Begriffe dieses Wortfeldes: γνώμη, γνώστης und γνωστός: Vorkanonisch unbezeugt, steht der Begriff γνώμη in 1Kor 1,10: „Ich bitte euch aber, Brüder, durch den Namen unseres Herrn Jesus Christus, dass ihr alle einmütig seid und es keine Spaltungen unter euch gibt, sondern seid eines Sinnes und derselben Meinung (γνώμῃ)! “ 1Kor 7,25: „Über die Unverheirateten aber habe ich kein Gebot vom Herrn. Ich gebe euch aber eine Meinung (γνώμην)als einer, den der Herr durch sein Erbarmen vertrauenswürdig gemacht hat.“ 1Kor 7,40: „Seliger aber ist sie, meiner Meinung (γνώμην) nach, wenn sie unverheiratet bleibt, mir scheint aber, dass auch ich Gottes Geist habe.“ Phlm 1,14: „aber ohne dein Einverständnis (γνώμης)wollte ich nichts tun, damit deine Wohltat nicht etwa erzwungen, sondern freiwillig sei.“ Apg 20,3 finden wir: „Dort blieb er drei Monate. Als er mit dem Schiff nach Syrien fahren wollte, planten die Juden einen Anschlag auf ihn. So kam er zu der Meinung (γνώμης), den Rückweg über 396 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="397"?> Mazedonien zu nehmen.“ Und in der Apk lesen wir: „13-Sie sind einer Meinung (γνώμην) und übertragen ihre Macht und Gewalt dem Tier. … 17 Denn Gott lenkt ihr Herz so, dass sie seine Meinung (γνώμην) umsetzen: Sie sollen einen Willen (γνώμην) ausführen und ihre Herrschaft dem Tier übertragen, bis die Worte Gottes erfüllt sind“ (Apk 17,13. 17). Erkennbar ist, dass an allen Stellen, in denen auf kanonischer Ebene der Terminus γνώμη begegnet, es sich um eine individuelle Meinung handelt, sei es von Gott, von Paulus oder von Menschen allgemein. Es liegt folglich eine recht geschlossene Semantik des Begriffes vor, sowohl im kanonischen Paulus, der Apg und der Apk. γνώστης begegnet nur in der Apg. In Apg 26,3 spricht Paulus und nennt König Agrippa einen „Kenner“: „… besonders, da du ein Kenner (γνώστην) aller jüdischen Bräuche und Streitfragen bist. Deshalb bitte ich, mich großmütig anzuhören.“ γνωστός ist etwas häufiger im Neuen Testament zu finden, erstmals in Lk 2,44 als Teil der Kindheitsgeschichte, die in *Ev fehlt. Jesus war in Jerusalem zurückgeblieben, während seine Eltern abgereist waren: „Sie meinten, er sei in der Pilgergruppe, und reisten eine Tagesstrecke weit; dann suchten sie ihn bei den Verwandten und Bekannten (γνωστοῖς).“ Der Terminus begegnet dann wieder in Lk 23,49, innerhalb einer Passage (Lk 23,47-49), die für *Ev unbezeugt ist: „Alle seine Bekannten (γνωστοί) aber standen in einiger Entfernung, auch die Frauen, die ihm von Galiläa aus nachgefolgt waren und die dies mit ansahen.“ Nun begegnet der Terminus auch in Joh 18,15.16: „15 Simon Petrus und ein anderer Jünger folgten Jesus. Dieser Jünger war mit dem Hohepriester bekannt (γνωστός) und ging mit Jesus in den Hof des Hohepriesters. 16 Petrus aber blieb draußen am Tor stehen. Da kam der andere Jünger, der Bekannte (γνωστὸς) des Hohepriesters, heraus; er sprach mit der Pförtnerin und führte Petrus hinein.“ Und der Terminus findet sich reichlich wieder in der Apostelgeschichte. In Apg 15,18 steht er in der Rede des Jakobus, der von dem berichtet, was Gott prophetisch vorausverkündigt hat, „was ihm [sc. dem Herrn] seit Ewigkeit bekannt ist (γνωστὰ ἀπ’ αἰῶνος).“ Zuvor stand er bereits in Apg 1,19: „Das wurde allen Einwohnern von Jerusalem bekannt (γνωστόν); deshalb nannten sie jenes Grundstück in ihrer Sprache Hakeldamach, das heißt Blutacker“; 2,14: „Da trat Petrus auf, zusammen mit den Elf; er erhob seine Stimme und begann zu reden: Ihr Juden und alle Bewohner von Jerusalem! Dies §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 397 <?page no="398"?> 348 J. Weiss, Der erste Korintherbrief (1910), 291. soll Euch bekannt sein (γνωστόν), achtet auf meine Worte! “; 4,10. 16: „10. Bekannt soll (γνωστόν) Euch und dem ganzen Volk Israel sein: im Namen Jesu Christi, des Nazoräers, den ihr gekreuzigt habt und den Gott von den Toten auferweckt hat. Durch ihn steht dieser Mann gesund vor euch … 16. und sagten: Was sollen wir mit diesen Leuten anfangen? Dass ein bekanntes (γνωστόν) Zeichen durch sie geschehen ist, das ist allen Einwohnern von Jerusalem bekannt; wir können es nicht abstreiten“; 9,42: „Bekannt (γνωστόν) wurde das wurde in ganz Joppe und viele kamen zum Glauben an den Herrn“; 13,38: „Bekannt soll (γνωστόν) Euch sein, meine Brüder: Durch diesen wird euch die Vergebung der Sünden verkündet und in allem, worin euch das Gesetz des Mose nicht gerecht machen konnte“; 19,17: „Das wurde allen Juden und Griechen, die in Ephesus wohnten, bekannt (γνωστόν); alle wurden von Furcht gepackt und der Name Jesu, des Herrn, wurde hoch gepriesen“; 28,22. 28-29: „22 Wir wünschen aber von dir zu hören, was du denkst; denn von dieser Sekte ist uns bekannt (γνωστόν), dass sie überall auf Widerspruch stößt. … 28 Darum soll Euch bekannt sein (γνωστόν): Den Heiden ist dieses Heil Gottes gesandt worden. Und sie werden hören! “. Wie ein typisches Kennwort und öfters formelhaft zieht sich das γνωστός durch den Text der Apg. Es geht nicht nur um Annahmen und Meinungen, sondern um sich einzuprägende Gewissheiten, die hier erzählt werden. Vergleicht man im Überblick die für die vorkanonische Ebene unbezeugten drei Begriffe γνώμη, γνώστης und γνωστός, erkennt man eine jeweils kohärente Semantik auf der kanonischen Ebene. Da die Begriffe teilweise für die vorkano‐ nische Ebene als abwesend bezeugt sind, auf der kanonischen Ebene zumindest für einige Stellen und Schriften aber als zentral, spricht viel dafür, dass sie auch an den anderen unbezeugten Stellen vorkanonisch abwesend waren und zu dem differenzierten Profil der vorkanonischen gegenüber der kanonischen Ebene beitragen. διακρίνω ist wiederum vorkanonisch nicht bezeugt, steht jedoch in Mt 16,3; 21,21; Mk 11,23 und im kanonischen Paulus und Praxapostolos. Johannes Weiss hat aus der Septuaginta als semantischen Hintergrund herausgear‐ beitet, dass das Verb „nicht bloß den Sinn hat: von andern unterscheiden, sondern: eine Sache in dem ihr eigentümlichen Wert richtig erkennen und behandeln.“ 348 398 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="399"?> Röm 4,20 heißt es: „Er zweifelte (διεκρίθη) nicht im Unglauben an der Verheißung Gottes, sondern wurde stark im Glauben, indem er Gott die Ehre erwies.“ Zu dieser Semantik passt 1Kor 6,5, wo es heißt: „Zur Beschämung sage ich das euch. So ist denn nicht ein weiser unter euch, der die Fähigkeit hat, zwischen Brüdern zu richten (διακρῖναι)? “ Im Sinne von „zweifeln“ findet sich das Verb in Röm 14,23, einem Vers, dessen letzter Teil vorkanonisch bezeugt ist, doch dessen Eröffnung, wo der Terminus begegnet, vorkanonisch unbezeugt ist: *Röm 14,23 Röm 14,23 πᾶν δὲ ὃ οὐκ ἐκ πίστεως ἁμαρτία ἐστίν. ὁ δὲ διακρινόμενος ἐὰν φάγῃ κατακέκριται, ὅτι οὐκ ἐκ πίστεως: πᾶν δὲ ὃ οὐκ ἐκ πίστεως ἁμαρτία ἐστίν. *Röm 14,23 Röm 14,23 --Alles aber, was nicht aus Glauben ist, ist Sünde. Wer aber zweifelt, ist verurteilt, wenn er isst, weil es nicht aus Glauben geschieht; alles aber, was nicht aus Glauben ist, ist Sünde. In ähnlicher Weise sind die Verse 1Kor 11,29-31 auffällig: *1Kor 11,29 1Kor 11,29-32 29 κρίμα ἑαυτῷ - 29 ὁ γὰρ ἐσθίων καὶ πίνων κρίμα ἑαυτῷ ἐσθίει καὶ πίνει μὴ διακρίνων τὸ σῶμα. - 30 διὰ τοῦτο ἐν ὑμῖν πολλοὶ ἀσθενεῖς καὶ ἄρρωστοι καὶ κοιμῶνται ἱκανοί. - 31 εἰ γὰρ ἑαυτοὺς διεκρίνομεν, οὐκ ἂν ἐκρινόμεθα: - 32 κρινόμενοι δὲ ὑπὸ τοῦ κυρίου παιδευόμεθα, ἵνα μὴ σὺν τῷ κόσμῳ κατακριθῶμεν. §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 399 <?page no="400"?> *1Kor 11,29 1Kor 11,29-32 29 als Urteil über sich. 29-Denn wer davon isst und trinkt, ohne den Leib des Herrn zu unterscheiden, der zieht sich das Gericht zu, indem er isst und trinkt. - 30-Deswegen sind unter euch viele schwach und krank und nicht wenige sind schon entschlafen. - 31 Würden wir uns nämlich selbst prüfen, dann würden wir nicht gerichtet. 32 Wenn wir aber von dem Herrn gerichtet werden, ist es zur Erziehung, damit wir nicht zu‐ sammen mit der Welt verurteilt werden. Liest man den vorkanonisch bezeugten Versteil, so sprechen sie nicht einmal von einem Selbstrichten, sondern das Urteil wird verstanden im Sinne von „Selbsterziehung“. Die kanonische Ebene verdreht den Sinn, stellt ihn gar auf den Kopf - denn, wenn man unterscheiden würde, „würden wir nicht gerichtet“, da aber viele dies nicht zu tun scheinen, sind sie zur Verdammung durch ein Fremdgericht verurteilt. Der nur kanonisch begegnende Terminus „prüfen“ hat also zentrale Bedeutung für diesen Abschnitt und wird sicherlich nicht zufällig übergangen, sondern vielmehr redaktionell eingefügt worden zu sein. διαλέγω ist ein Begriff, der weder vorkanonisch bezeugt ist noch in Lk begegnet. Hingegen findet er sich unter allen vier Evangelien alleine in Mk 9,34, obwohl es synoptische Parallelen zur Perikope gibt in *Ev 9,46-48 / / Lk 9,46-48 / / Mt 18,1-5: „Sie schwiegen, denn sie hatten auf dem Weg miteinander darüber gesprochen (διελέχθησαν), wer der Größte sei.“ Ansonsten steht das Verb nur noch reichlich im Praxapostolos, insbesondere in Apg, dann auch in Hebr. In Apg 17,2. 17: „2 Nach seiner Gewohnheit ging Paulus zu ihnen und redete (διελέξατο) an drei Sabbaten zu ihnen, wobei er von den Schriften ausging. … 17 Er redete (διελέγετο) in der Synagoge mit den Juden und Gottesfürchtigen und auf dem Markt sprach er täglich mit denen, die er gerade antraf “; 18,4. 19: „4 An jedem Sabbat redete (διελέγετο) er in der Synagoge und suchte Juden und Griechen zu überzeugen. … 19 Sie gelangten nach Ephesus. Dort trennte er sich von den beiden; er selbst ging in die Synagoge und redete (διελέξατο) zu den Juden“; 19,8.9: „8 Er ging in die Synagoge und redete (διαλεγόμενος) drei Monate lang freimütig und suchte sie vom Reich Gottes zu überzeugen. 9 Da aber einige verstockt waren, sich widersetzten und vor allen Leuten den Weg Jesu verspotteten, trennte er sich mit den Jüngern von ihnen und redete (διαλεγόμενος) täglich im Lehrsaal des Tyrannus“; 20,7.9: „7 400 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="401"?> Als wir am ersten Tag der Woche versammelt waren, um das Brot zu brechen, redete (διελέγετο) Paulus zu ihnen, denn er wollte am folgenden Tag abreisen; und er dehnte seine Rede bis Mitternacht aus. … 9 Ein junger Mann namens Eutychus saß im offenen Fenster und sank in tiefen Schlaf, als Paulus immer länger redete (διαλεγομένου); überwältigt vom Schlaf, fiel er aus dem dritten Stock hinunter; als man ihn aufhob, war er tot“; 24,12.25: „12 Sie haben mich weder im Tempel noch in den Synagogen noch anderswo in der Stadt dabei angetroffen, dass ich mit jemandem redete (διαλεγόμενον) oder einen Aufruhr im Volk erregt hätte. … 25 Als er aber über Gerechtigkeit, Enthaltsamkeit und das bevorstehende Gericht redete (διαλεγομένου), geriet Felix in Furcht und unterbrach ihn: Für jetzt kannst du gehen; wenn ich Zeit finde, werde ich dich wieder rufen.“ Wie die Stellen zeigen, verwendet die Apg wiederholt für den Vortrag des Paulus das Verb διαλέγω, auch wenn es weder vorkanonisch noch kanonisch bei Paulus Verwendung findet. Solches Reden war kein schlichtes Predigen, sondern wie bereits der Sprachgebrauch in Mk aber auch an den meisten Stellen in Apg erweist, eine Streitpredigt oder zumindest eine emphatische Rede. So ist das Verb auch konnotiert in Jud 1,9: „Als der Erzengel Michael mit dem Teufel rechtete und über den Leichnam des Mose redete (διελέγετο), wagte er es nicht, ein lästerndes Urteil zu fällen, sondern sagte: Der Herr weise dich in die Schranken.“ Ähnlich emphatisch auffordernd steht das Verb auch in Hebr 12,5: „Und ihr habt die Mahnung vergessen, die euch als Söhne anredet (διαλέγεται): Mein Sohn, verachte nicht die Erziehung des Herrn / und verzage nicht, wenn er dich zurechtweist! “ Bei diesem Verb handelt es sich folglich um einen für Apg typischen Begriff zur Beschreibung der Redeweise des Paulus, der sich in Spuren auch in dem zum Praxapostolos gehörenden Jud findet, dann auch in Hebr und offenkundig während der kanonischen Redaktion auch in Mk eingetragen wurde. Etwas verbreiteter, jedoch auf die vier Evangelien begrenzt, ist das Verb διαλογίζομαι. Es steht gleich an zwei Stellen im Anfang von Lk, der in *Ev fehlt, Lk 1,29: „Sie erschrak über die Anrede und überlegte (διελογίζετο), was dieser Gruß zu bedeuten habe“; 3,15: „Das Volk war voll Erwartung und alle überlegten (διαλογιζομένων) im Herzen, ob Johannes nicht vielleicht selbst der Christus sei.“ Dann steht es in Lk 5,21-22 (/ / Mk 2,6. 8), wobei Vers 21b für die vorkanonische Ebene bezeugt ist, jedoch nicht die Passagen, in denen das Verb steht: §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 401 <?page no="402"?> *Ev 5,21 Lk 5,21-22 21 καὶ ἤρξαντο διαλογίζεσθαι οἱ γραμματεῖς καὶ οἱ Φαρισαῖοι (ἐν ταῖς καρδίαις αὐτῶν) λέγοντες, τίς ἀϕήσει ἁμαρτίας εἰ μὴ μόνος ὁ θεός; 21 καὶ ἤρξαντο διαλογίζεσθαι οἱ γραμματεῖς καὶ οἱ Φαρισαῖοι λέγοντες, Τίς ἐστιν οὗτος ὃς λαλεῖ βλασφημίας; τίς δύναται ἁμαρτίας ἀφεῖναι εἰ μὴ μόνος ὁ θεός; - 22 ἐπιγνοὺς δὲ ὁ Ἰησοῦς τοὺς διαλογισμοὺς αὐτῶν ἀποκριθεὶς εἶπεν πρὸς αὐτούς, Τί διαλογίζεσθε ἐν ταῖς καρδίαις ὑμῶν; *Ev 5,21 Lk 5,21-22 Und die Schriftgelehrten und die Phari‐ säer fingen an (in ihren Herzen) zu über‐ legen und sagten: Wer vergibt Sünden außer Gott allein? 21 Und die Schriftgelehrten und die Phari‐ säer fingen an zu überlegen: Wer ist dieser, der Lästerungen ausspricht? Wer kann Sünden vergeben außer Gott allein? - 22 Jesus aber erkannte ihre Gedanken und erwiderte ihnen: Was überlegt ihr in euren Herzen? Klinghardt hat zwar den nichtbezeugten Teil von Vers 21 und auch Vers 22 in seine Rekonstruktion von *Ev aufgenommen, doch ist die Verwendung des Verbs vorkanonisch unbezeugt. An der nächsten Stelle, Lk 12,17, ist die Perikope vorkanonisch vorhanden, jedoch der Wortlaut für diesen Vers ist ungewiss. Ein weiteres Mal steht das Verb im Gleichnis von den Weingärtnern, Lk 20,14, für das Epiphanius jedoch ausdrücklich vermerkt, dass es in *Ev gefehlt hat. Weiters begegnet das Verb nur in Mt 16,7. 8: „Sie aber überlegten untereinander (διελογίζοντο) und sagten: Wir haben kein Brot mitgenommen. 8 Als Jesus das merkte, sagte er: Ihr Kleingläubigen, was überlegt ihr (διαλογίζεσθε), dass ihr kein Brot habt? “ (vgl. Mk 8,16. 17); 21,25: „Woher stammte die Taufe des Jo‐ hannes? Vom Himmel oder von den Menschen? Da überlegten sie (διελογίζοντο) und sagten zueinander: Wenn wir antworten: Vom Himmel! , so wird er zu uns sagen: Warum habt ihr ihm dann nicht geglaubt? “ (vgl. Mk 11,31); dann auch Mk 9,33: „Sie kamen nach Kafarnaum. Als er dann im Haus war, fragte er sie: Was habt ihr auf dem Weg überlegt (διελογίζεσθε)? “ und Joh 11,50: „Ihr überlegt (λογίζεσθε) nicht, dass es besser für euch ist, wenn ein einziger Mensch für das Volk stirbt, als wenn das ganze Volk zugrunde geht.“ An letzter Stelle ist zu bemerken, dass διαλογίζεσθε als Variante in den Zeugen 05, M zu finden ist, auch wenn sie als solche nicht in NA 28 vermerkt ist. 402 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="403"?> 349 Man bemerke „das für Lk so typische ἐπιστάτης im Vokativ - Vielleicht ist auch interessant, dass Lk das Verb an der Parallelstelle zu Mk 14,68 getilgt hat (22,57) - weil es nicht Jesus zum Objekt haben sollte (vgl. Apg 19,15)“, so eine Anregung von G. Röhser zum Textentwurf. Der Auslassungsvermerk für Lk 20,9-18, aber auch die variierende Lesart in Joh 11 stützen, dass es weniger wahrscheinlich ist, dass unsere Quellen just diejenigen Verse in *Ev übergangen hätten, in denen das Verb begegnet, sondern es ist viel eher wahrscheinlich, dass das Verb erst auf der kanonischen Ebene der Harmonisierung der Evangelien in diese eingetragen wurden und, wie gerade Joh zeigt, zuvor wohl eine größere Verschiedenheit an Ausdrücken existiert hatte. Vorkanonisch fehlt die gesamte Gruppe: ἐπίσταμαι 16 / 14 - Mk 14,68; Apg 10,28; 15,7; 18,25; 19,15. 25; 20,18; 22,19; 24,10; 26,26; 1Tim 6,4; Hebr 11,8; Jak 4,4; Jud 1,10 ἐπίστασις 2 - Apg 24,12; 2Kor 11,28 ἐπιστάτης 8 / 7 - Lk 5,5; 8,24. 45; 9,33. 49; 17,13; Apg 26,26 Beginnen wir mit dem Verb ἐπίσταμαι, das nicht nur vorkanonisch unbezeugt ist, sondern auch in Lukas wie auch im kanonischen Paulus und sogar den Deuteropaulinen fehlt, hingegen steht es lediglich im Pastoralbrief 1Tim, dann in Hebr und im Praxapostolos (Apg, Jak, Jud). Von allen Evangelien kennt es nur Mk. 349 Beginnen wir mit Mk 14,68, wo das Verb in den Mund des Petrus gelegt wird: „Doch er leugnete und sagte: Ich weiß nicht und verstehe (ἐπίσταμαι) nicht, wovon du redest. Dann ging er in den Vorhof hinaus.“ Im Praxapostolos begegnet das Verb an folgenden Stellen, zunächst Apg 10,28: „Da sagte er zu ihnen: Ihr wisst (ἐπίστασθε), dass es einem Juden nicht erlaubt ist, mit einem Nichtjuden zu verkehren oder sein Haus zu betreten; mir aber hat Gott gezeigt, dass man keinen Menschen unheilig oder unrein nennen darf “; 15,7: „Als ein heftiger Streit entstand, erhob sich Petrus und sagte zu ihnen: Brüder, wie ihr wisst (ἐπίστασθε), hat Gott schon längst hier bei euch die Entscheidung getroffen, dass die Heiden durch meinen Mund das Wort des Evangeliums hören und zum Glauben gelangen sollen“; 18,25: „Er war unterwiesen im Weg des Herrn. Er sprach mit glühendem Geist und trug die Lehre von Jesus genau vor; doch kannte er (ἐπιστάμενος) nur die Taufe des Johannes“; 19,15. 25: „15 Aber der böse Geist antwortete ihnen: Jesus kenne ich und auch Paulus ist mir bekannt (ἐπίσταμαι). Doch wer seid §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 403 <?page no="404"?> ihr? … 25 er rief diese und die anderen damit beschäftigten Arbeiter zusammen und sagte: Männer, ihr wisst (ἐπίστασθε), dass wir unseren Wohlstand diesem Gewerbe verdanken“; 20,18: „Als sie bei ihm eingetroffen waren, sagte er: Ihr wisst (ἐπίστασθε), wie ich vom ersten Tag an, seit ich die Provinz Asien betreten habe, die ganze Zeit in eurer Mitte war“; 22,19: „Da sagte ich: Herr, sie wissen (ἐπίστανται) doch, dass ich es war, der jene, die an dich glauben, ins Gefängnis werfen und in den Synagogen auspeitschen ließ“; 24,10: „Auf einen Wink des Statthalters erwiderte Paulus: Da ich dich seit vielen Jahren als Richter für dieses Volk kenne (ἐπιστάμενος), verteidige ich meine Sache voll Zuversicht“; 26,26: „Der König kennt (ἐπίσταται) diese Dinge; deshalb spreche ich auch freimütig zu ihm. Ich bin überzeugt, dass ihm nichts davon entgangen ist; das alles hat sich ja nicht in irgendeinem Winkel zugetragen“. In Jak 4,14 heißt es: „Ihr wisst (ἐπίστασθε) doch nicht, was morgen mit eurem Leben sein wird. Rauch seid ihr, den man eine Weile sieht; dann verschwindet er.“ Dann steht in Jud 1,10: „Diese jedoch lästern, was sie nicht kennen; was sie aber wie die unvernünftigen Tiere von Natur aus verstehen (ἐπίστανται), daran gehen sie zugrunde.“ 1Tim 6,4: „Der ist verblendet; er versteht (ἐπιστάμενος) nichts, sondern ist krank vor lauter Auseinandersetzungen und Wortgefechten. Diese führen zu Neid, Streit, Verleumdungen, üblen Verdächtigungen.“ Hebr 11,8: „Aufgrund des Glaubens gehorchte Abraham dem Ruf, wegzuziehen in ein Land, das er zum Erbe erhalten sollte; und er zog weg, ohne zu wissen (ἐπιστάμενος), wohin er kommen würde.“ Wie der Vergleich zwischen diesem Verb und dem zuvor besprochenen διαλέγω zeigt, ähneln sich die Befunde auf erstaunliche Weise - lediglich zu 1Tim und Jak differieren sie, ansonsten begegnet das Verb hier wie dort bei Mk als einzigem Evangelium, dann reichlich in Apg und Jud und dann in Hebr. Wie dort, so findet sich auch hier eine einheitliche Semantik, die auch teilweise formelhaft wirkt. Erneut erweckt dieser Befund den Eindruck, dass dieser Terminus in die weiteren Schriften kam, als der Praxapostolos in die Sammlung aufgenommen wurde, das heißt, wir dürfen diese Präsenz der zweiten kanonischen Redaktion zuordnen. Weitere Begriffe fehlen vorkanonisch und weisen teilweise ähnliche Merkmale auf wie die bereits besprochenen: ἑρμηνεύω, ἐρωτάω, ζηλόω, ζήτημα, ζήτησις, λογίζομαι, λογικός, λόγιον, λόγιος, λογισμός, λογομαχέω, λογομαχία. Aus dieser Liste sei nur noch ζήτησις herausgegriffen, weil der Begriff die Nähe von Apg und den Pastoralbriefen erneut unterstreicht. ζήτησις steht nur an einer Stelle in den vier Evangelien: Joh 3,25: „Da kam es zwischen den Jüngern des Johannes und einem Juden zum Streit (ζήτησις) über die Frage der Reinigung“. Weiters finden wir das Nomen nur noch in Apg 15,2. 7: 404 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="405"?> 350 In M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2. Jahrhundert (2022), 184-212. „2 Da nun nicht geringer Zwist und Streit (ζητήσεως) zwischen ihnen und Paulus und Barnabas entstand, beschloss man, Paulus und Barnabas und einige andere von ihnen sollten wegen dieser Streitfrage zu den Aposteln und den Ältesten nach Jerusalem hinaufgehen. … 7 Als ein heftiger Streit (ζητήσεως) entstand, erhob sich Petrus und sagte zu ihnen: Brüder, wie ihr wisst, hat Gott schon längst hier bei euch die Entscheidung getroffen, dass die Heiden durch meinen Mund das Wort des Evangeliums hören und zum Glauben gelangen sollen“; 25,20: „Da ich mich auf den Streit (ζήτησιν) über diese Dinge nicht verstand, fragte ich, ob er nach Jerusalem gehen wolle, um sich dort deswegen richten zu lassen“. Bei allen Belegen handelt es sich um interne jüdische bzw. innergemeindliche Streitigkeiten. In den Pastoralbriefen, und zwar in allen drei, begegnet der Terminus wieder, hier vor allem in dem Appell, sich nicht auf Diskussionen und Streitereien mit Gegnern einzulassen: 1Tim 1,4: „… und sich mit Fabeleien und endlosen Geschlechterreihen abzugeben, die nur Streitereien (ζητήσεις) mit sich bringen, statt dem Heilsplan Gottes zu dienen, der sich im Glauben verwirklicht“; 6,4: „Der ist verblendet; er versteht nichts, sondern ist krank vor lauter Streitereien (ζητήσεις) und Wortgefechten. Diese führen zu Neid, Streit, Verleumdungen, üblen Verdächtigungen“; 2Tim 2,23: „Lass dich nicht auf törichte und unsinnige Streitereien (ζητήσεις) ein; du weißt, dass sie nur Auseinandersetzungen her‐ vorbringen“; Tit 3,9: „Lass dich nicht ein auf törichte Streitereien (ζητήσεις) und Erörterungen über Geschlechterreihen, auf Auseinandersetzungen und Gezänk über das Gesetz; sie sind nutzlos und vergeblich“. Wie der Hinweis auf die Fabeleien und Geschlechterreihen andeutet, scheint es sich um markionitische und valentinianische Gegner zu handeln. Gegenüber der Apg ist das gegnerische Profil zugespitzter, wenn sich auch die Semantik des Begriffes deckt. Die Belege zeigen, dass es sich um eine Terminologie handelt, die für die zweite kanonische Redaktion von Bedeutung war. f) Liturgisch Auch wenn die Begriffe oft nicht deutlich von ethischen zu unterscheiden sind, seien hier einige aufgeführt und diskutiert, die auf der kanonischen Ebene begegnen, aber auf der vorkanonischen fehlen. Wir beginnen mit ἀγαλλίασις und ἀγαλλιάω. Auf die Nähe zwischen Apg und der Kindheitsgeschichte von Lk habe ich bereits an anderer Stelle ausführlich hingewiesen. 350 Darüberhinaus wird hier deutlich, wie nah diese beiden Texte §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 405 <?page no="406"?> 351 Hab 3,18 LXX: ἐγὼ δὲ ἐν τῷ κυρίῳ ἀγαλλιάσομαι, χαρήσομαι ἐπὶ τῷ θεῷ τῷ σωτῆρί μου. Vgl. auch Jes 61,10 LXX: καὶ εὐφροσύνῃ εὐφρανθήσονται ἐπὶ κύριον. ἀγαλλιάσθω ἡ ψυχή μου ἐπὶ τῷ κυρίῳ. 352 Apg 16,34: ἀναγαγών τε αὐτοὺς εἰς τὸν οἶκον παρέθηκεν τράπεζαν, καὶ ἠγαλλιάσατο πανοικεὶ πεπιστευκὼς τῷ θεῷ. 353 Apg 2,26: διὰ τοῦτο ηὐφράνθη ἡ καρδία μου καὶ ἠγαλλιάσατο ἡ γλῶσσά μου, ἔτι δὲ καὶ ἡ σάρξ μου κατασκηνώσει ἐπ’ ἐλπίδι; vgl. Ps 15,9 LXX: διὰ τοῦτο ηὐφράνθη ἡ καρδία μου, καὶ ἠγαλλιάσατο ἡ γλῶσσά μου, ἔτι δὲ καὶ ἡ σάρξ μου κατασκηνώσει ἐπ᾽ ἐλπίδι. Hebr, den Katholischen Briefen und Apk stehen. Denn weder vorkanonisch in *Ev oder *Paulus, noch auf kanonischer Ebene anderswo in einem der Evangelien begegnet ἀγαλλίασις, und ἀγαλλιάω findet sich nur ein weiteres Mal in Lk, ein Mal in Mt und zwei Mal in Joh. In der Engelsbotschaft an Elisabet heißt es Lk 1,14: „Du wirst dich freuen und jubeln (ἀγαλλίασις) und viele werden sich über seine Geburt freuen“, was Elisabet in ihrer Begrüßung von Maria aufgreift (Lk 1,44): „Denn siehe, in dem Augenblick, als ich deinen Gruß hörte, hüpfte das Kind vor Jubel (ἀγαλλιάσει) in meinem Leib“ und sich in Marias Lobpreis fortsetzt (Lk 1,47): „mein Geist jubelt (ἠγαλλίασεν) über Gott, meinen Retter“. Es klingt Hab 3,18 an. 351 Diese Rede vom Jubel begegnet in der Apg bei der Beschreibung des Brechens des Brotes (Apg 2,46): „Tag für Tag verharrten sie einmütig im Tempel, brachen in ihren Häusern das Brot und hielten miteinander Mahl in Jubel (ἀγαλλιάσει) und Lauterkeit des Herzens.“ Und erneut bei gedecktem Tisch im Haus des Gefängniswärters von Philippi (Apg 16,34) 352 . Hiermit wird eine narrative Verbindung zwischen den Anfängen des Lebens Jesu und dem der Kirche hergestellt. Dass dies keine überzogene Interpretation ist belegt Hebr 1, wo ebenfalls gleich zu Beginn auf die Diener, die Engel und „Liturgen“ hingewiesen wird. Die von Gott bereits den Vorvätern durch die Propheten gegebene Botschaft vom Sohn, „den er als Erbe von allem eingesetzt hat“, wird mit den Worten der jüdischen Schrift, vor allem Ps 44,7-8 LXX, bekräftigt (Hebr 1,9): „Du liebst das Recht und hasst das Unrecht, / darum, o Gott, hat dein Gott dich gesalbt / mit dem Öl des Jubels wie keinen deiner Gefährten.“ In Jud 1,24-25 führt dies zum Lobpreis ( Jud 1,24-25): „24 Dem einen Gott aber, der die Macht hat, euch vor jedem Fehltritt zu bewahren und euch untadelig und voll Jubel (ἀγαλλιάσει) vor seine Herrlichkeit treten zu lassen, 25 ihm, der uns durch Jesus Christus, unseren Herrn, rettet, gebührt die Herrlichkeit, Hoheit, Macht und Gewalt vor aller Zeit und jetzt und für alle Zeiten. Amen.“ Das Verb ἀγαλλιάω kennt Lk auch später und beschreibt damit Jesu eigene Rede (Lk 10,21): „In dieser Stunde rief Jesus, vom Heiligen Geist erfüllt, voll Jubel (ἠγαλλιάσατο).“ Johannes wendet es auf die Juden ( Joh 5,35) und Abraham ( Joh 8,56), die Apostelgeschichte unter Nutzung von Ps 15 LXX auf Jesus (Apg 2,26) 353 406 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="407"?> 354 Man notiere in Lk 7,21 noch die Lesartenvarianten, denn Ἐν αὐτῇ τῇ ὥρᾳ steht in 044, 33, 1424, dann Ἐν αὐτῇ δὲ τῇ ὥρᾳ bieten 02, 05, 017, 037, 038, 040, 565, M, lat, sy h , und Ἐν ἐκείνῃ τῇ ὥρᾳ findet sich in P 75 , 01, 03, 019, 032, f 1.13 , 579, 700, 892, 1241, 2542, c, (e, q), co, Cyr. 355 Vgl. hierzu M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 1101. Man vgl. auch Lk 2,38 zur Eröffnung: καὶ αὐτῇ τῇ ὥρᾳ. 356 So die übereinstimmende Rekonstruktion in ibid. 622; J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 102; A.v. Harnack, Marcion. Das Evan‐ gelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 192*. 357 Vgl. Tert., Adv. Marc. IV 21,10-11. an. Auch wenn im Abschnitt Lk 10,17-24 der Text vor Vers 21 und auch danach vorkanonisch bezeugt ist, ist es gerade diese Einleitung des neuen Gedankens nicht. Zwar hat Klinghardt sie in seine Rekonstruktion aufgenommen (auch wenn Klinghardt anstelle von αὐτῇ τῇ ὥρᾳ für die Version aus Mt 11,25 optiert, könnte man doch eher für die Präsenz des ersten Teils des Verses argumentieren, weil der Wortlaut ἐν αὐτῇ τῇ ὥρᾳ in *Ev 12,12 bezeugt ist), doch als Perikopeneröffnung steht die Wendung αὐτῇ τῇ ὥρᾳ kurz später Lk 13,31 am Anfang einer Passage, die ausdrücklich durch Epiphanius als fehlend in Markions *Evangelium bezeugt wird. Außerdem findet sie sich als Eröffnung in Lk 7,21, in einem für *Ev unbezeugten Vers, obwohl die Perikope wieder belegt ist. 354 Schließlich wird sie auch erst durch die kanonische Redaktion in 20,19 eingeschoben, wie Epiphanius zeigt. 355 Als Eröffnungsformulierung gehört sie folglich eher zur kanonischen Ebene, und so gehört auch dieser für *Ev unbezeugte Versteil Lk 10,21a zu ihr. Das Verb begegnet auch in Mt 5,12 am Ende der Seligpreisungen: „Freut euch und jubelt (ἀγαλλιᾶσθε): Denn euer Lohn wird groß sein im Himmel. So wurden nämlich schon vor euch die Propheten verfolgt.“ Der parallele Vers in Lk 6,23 wird mit einem anderen Verb (σκιρτήσατε) gebildet: „Freut euch und jauchzt an jenem Tag; denn siehe, euer Lohn im Himmel wird groß sein. Denn ebenso haben es ihre Väter mit den Propheten gemacht.“ Hinzu kommt, dass gerade dieser Teil von Vers 23 für *Ev unbezeugt ist und wohl auch im Text gefehlt hat. 356 Als Eröffnungsjubel kennt 1Petr 1,6. 8 und dann später noch einmal 4,13 das Verb. In Apk 19,7 ist das Jubeln schließlich Teil der himmlischen Freude über die Ankunft der Hochzeit des Lammes. Der vorliegende Vergleich zu den beiden Begriffen, die auf der vorkanoni‐ schen Ebene übereinstimmend in *Ev und *Paulus fehlen, jedoch auf der kano‐ nischen Ebene begegnen, lässt sie uns näher verorten. Auch wenn Tertullian den Eindruck erweckt, Markion habe bereits die Kindheitsgeschichte kritisiert, 357 §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 407 <?page no="408"?> 358 Vgl. hierzu die erhellenden Ausführungen von A. Brent, Can There Be Degrees of Docetism? (2018), 23-25. scheint diese Behauptung, die in weitere Ausführungen gegen Häretiker einge‐ bunden ist, welche die Leiblichkeit Jesu bestreiten, eher Tertullians Rhetorik geschuldet zu sein. Aus der Tatsache, dass *Ev keine Kindheitsgeschichte Jesu aufweist, zog Tertullian den Schluss, unter anderen Häretikern habe Markion die lukanische Erzählung zurückgewiesen. Diese lukanische Kindheitsgeschichte muss nicht bereits in der ersten kanonischen Redaktion bei der Erweiterung von *Ev zu km Lk in dieses Evangelium gekommen sein, sondern scheint, wie die Lexik nahelegt, erst in der weiteren Bearbeitung von km Lk zum kanonischen Lukasevangelium durch die zweite kanonische Redaktion in dieses Evangelium gelangt zu sein. Darum besteht die große Nähe zwischen dieser Kindheitsge‐ schichte, dem Praxapostolos, Hebr und Apk. Obwohl ἅγιος vorkanonisch sowohl in *Ev wie *Paulus belegt ist und ἁγιασμός an einer Stelle für *1Thess 4,3 bezeugt ist, fehlen umso auffallender die Termini ἁγιάζω, ἁγιότης, ἁγιωσύνη, ἁγιώτατος auf der vorkanonischen Ebene. ἁγιωσύνη wird gleich anfangs in Röm 1,4 eingeführt in der Wendung „Geist der Heiligkeit“ zur Auszeichnung Jesu: „1 … berufen zum Apostel, ausgesondert für das Evangelium Gottes, 2 das er durch seine Propheten in heiligen Schriften vorher verheißen hat, 3 betreffs seines Sohnes, der aus der Nachkommenschaft Davids geboren ist dem Fleisch nach, 4 und kraft seines Geistes der Heiligkeit (πνεῦμα ἁγιωσύνης) eingesetzt ist als Sohn Gottes in Macht durch die Auferstehung von den Toten, Jesus Christus, unseres Herrn.“ (Röm 1,1-4) Dieser in *Röm fehlende Passus unterläuft Markions Antithesen. Im kanoni‐ schen Römerbrief wird das Evangelium Gottes auf die Propheten und jüdischen Heiligen Schriften bezogen, indem Letztere als Vorausverheißende vorgestellt werden - exakt die Vorstellung, die Markion mit seinen Antithesen abgelehnt hatte. Auch der nächste Gedanke, dass der Sohn dem Fleisch nach geboren sei (Markion spricht von einer himmlischen Herabkunft des Sohnes) und dass er Nachkomme Davids sei (ebenfalls von Markion abgelehnt), und dass dieser erst „seit der Auferstehung von den Toten“ „als Sohn Gottes in Macht“ eingesetzt sei, widerspricht Markions Vorstellung, nach welcher der Sohn bereits seit seiner Herabkunft mit Macht auftrat, auch wenn er damit weder seine Leiblichkeit oder Fleischlichkeit bestreiten wollte - doch er meinte, der Sohn besitze einen engelhaften oder, wie Valentinus sagen würde, psychischen Leib. 358 408 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="409"?> 359 Am eindrücklichsten für den gesamten Komplex der hier verhandelten Terminologie und Inhalte ist S. Whittle, Covenant Renewal and the Consecration of the Gentiles in Romans (2015). Die Studie bezieht sich in ihrer Abhandlung auf genau diejenigen einschlägigen Kapitel von Röm, die in *Röm fehlen (Röm 9,24-25; 10,6-8; 11,26-27; 12,1-2; 15,7-13. 15-16; die einzige Ausnahme ist Röm 13,8-10, was jedoch ein Abschnitt ist, der eher mit dem auch vorkanonisch bezeugten Abschnitt in *Röm 2,27-29 in Verbindung gebracht wird als mit den übrigen Kapiteln). Wenn sie folglich die Passagen für authentisch hält, verweist sie vielmehr auf den kanonischen Paulus. An 2Kor 7,1 können wir eine ähnliche Ergänzung durch die kanonische Redaktion feststellen: *2Kor 7,1 2Kor 7,1 Reinigen wir uns also von der Unrein‐ heit des Leibes und des Blutes. Das sind die Verheißungen, Geliebte, die wir haben. Reinigen wir uns also von aller Unreinheit des Leibes und des Geistes und streben wir in Gottesfurcht nach vollkom‐ mener Heiligung. Während die vorkanonische Version von Reinigung spricht, was die Unreinheit des Leibes und des Blutes betrifft, also sie ausschließlich auf das Körperliche bezieht, korrigiert die kanonische Redaktion und ersetzt „des Blutes“ mit „des Geistes“ und fügt das Streben hinzu, welches Änderung voraussetzt. Wie bereits zuvor zur συνείδησις vermerkt, geht es auch hier um eine geistige Ausrichtung, die an dieser Stelle mit der „vollkommenen Heiligung“ verbunden wird. Hierzu passt, wenn es 1Thess 3,13 heißt: „… damit er eure Herzen festige und untadelig mache in Heiligkeit (ἁγιωσύνῃ) vor unserem Gott und Vater bei der Ankunft unseres Herrn Jesus mit allen seinen Heiligen (τῶν ἁγίων).“ ἁγιότης begegnet als Hapax legomenon in Hebr 12,10, wo die harte Zucht dazu dient, dass man „Anteil an der Heiligkeit“ des Vaters gewinnt. Und mit Jud 1,20 begegnet die Terminologie auch in einem Brief aus dem Praxapostolos: „Ihr aber, Geliebte, baut weiter auf eurem heiligsten (ἁγιωτάτῃ) Glauben, betet im Heiligen Geist.“ Das Verb ἁγιάζω steht hervorstechend in der Vaterunserbitte Lk 11,2, doch gerade diese Bitte fehlt in der vorkanonischen Parallelversion des Vaterunsers. Es spielt auf der kanonischen Ebene auch für Paulus eine bedeutende Rolle, was uns zurück zum Römerbrief führt, jedoch wiederum zu einem gerade für die vorkanonische Version als abwesend bezeugten Kapitel, Röm 15 (Röm 15,15-16): 359 „15 Ich habe euch aber zum Teil etwas kühn geschrieben, um euch zu erinnern, wegen der Gnade, die mir von Gott gegeben ist, 16 dass ich ein Diener Christi Jesu für die §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 409 <?page no="410"?> 360 O. Michel, Der Brief an die Römer (1957), 325. 361 So etwa W.B. Smith, Unto Romans: XV. and XVI. (1901), 133. „The ground-note of this section (Röm 15,14-29, MV) is apologetic, and that in so far it is entierly discordant with the introduction, 1,8-15. There the writer’s spirit was as far as possible from apology for visiting the Romans, much less for writing to them; on the contrary, he excuses himself for not coming to them, on the ground that he had indeed often planned a visit, but his plans had miscarried; and he cannot find a single expression quite strong enough to voice adequately his yearning, and prayer, and purpose to visit them, but he piles up intensives one upon another. There is no possibility of mistake here.“ 362 Vgl. hierzu J.P. Mathur und M. Vinzent, Pre-canonical Paul. His Views Towards Sexual Immorality (2018). 363 O. Michel, Der Brief an die Römer (1957), 327. Heiden sein soll, der das Evangelium Gottes priesterlich verwaltet, damit das Opfer der Heiden wohlgefällig wird, geheiligt (ἡγιασμένη) durch den Heiligen Geist.“ Dieser Passus ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Zunächst erinnert er Kommentatoren an den Eingang, Röm 1,8-17, 360 wobei gerade Röm 1,8-15 im vorkanonischen Text gefehlt hat. Andere haben jedoch wegen dieses Bezugs auf die inhaltliche Widersprüchlichkeit der Passagen im Römerbrief hingewiesen. 361 Paulus ruft einiges in Erinnerung, bezeichnet das Schreiben als teilweise „etwas kühn“, verweist dann aber gleich auf Gottes Gnade, aus der heraus er dies gesagt habe. Schließlich bezeichnet er sich als Priester, damit die Heiden eine Opfergabe werden, „geheiligt durch Heiligen Geist“. Das Erinnern wird zurecht auf 1Kor 4,17 bezogen: „Deswegen habe ich euch Timotheus geschickt, der mein geliebtes und verlässliches Kind im Herrn ist, der euch erinnern wird an meine Wege in Christus Jesus, wie ich sie überall in allen Kirchen lehre.“ Auch diese Stelle findet sich nur auf der kanonischen Ebene und, wie der Name Timotheus zeigt, stellt dieser Passus den Bezug zu den Pastoralbriefen her. 362 Der Ausdruck διὰ τὴν χάριν τὴν δοθεῖσάν μοι „klingt bei Pls formelhaft“, als Belege lassen sich anführen: Röm 12,3: διὰ τῆς χάριτος τῆς δοθείσης μοι. 6: κατὰ τὴν χάριν τὴν δοθεῖσαν ἡμῖν; 1Kor 3,10: Κατὰ τὴν χάριν τοῦ θεοῦ τὴν δοθεῖσάν μοι; Gal 2,9: τὴν χάριν τὴν δοθεῖσάν μοι; Eph 3,2: τῆς χάριτος τοῦ θεοῦ τῆς δοθείσης μοι. 7: τῆς χάριτος τοῦ θεοῦ τῆς δοθείσης μοι. 8: ἐδόθη ἡ χάρις αὕτη. 363 Auch diese Belege stehen ebenfalls ausnahmslos auf der kanonischen Ebene. Die einzige, nicht mehr formelhafte Aussage, dass Paulus Gnade gegeben wurde, begegnet vorkanonisch in *Laod 3,8, wo es heißt: „Mir, dem Geringsten unter allen, wurde diese Gnade zuteil“ (Ἐμοὶ τῷ ἐλαχιστοτέρῳ πάντων ἐδόθη ἡ χάρις αὕτη), und sie fällt aus der Reihe heraus. Demnach scheint dieser letzte Vers vermutlich eine Formulierung zu sein, die die vorkanonische Redaktion kreiert oder selbst bereits vorgefunden hat, auf deren Basis dann aber 410 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="411"?> 364 So ihre Charakterisierung in ibid. 365 Auf die Besonderheit der Sprache in Röm 15-16, insbesondere der vorliegenden Passage, wurde in der Vergangenheits bereits wiederholt hingewiesen, allerdings ohne großen Einfluss auf die generelle Meinung. Hart urteilt etwa Smith zu Röm 15,16: „If the Author ad Galatas or ad Romanos wrote such words“, es werden zuvor aufgezählt λειτουργός, προσφορά, ἱερουργοῦντα, „to these same Romans, then nothing is impossible; Coke may have written Hamlet, we may believe anything of anybody“, W.B. Smith, Unto Romans: XV. and XVI. (1901), 135. Smith setzt die Abfassung von Röm 15-16 „almost certainly … after the struggle against Marcion“, ibid. 155. Auch Ryder verweist gerade auf die unpaulinische Sprache in Röm 15,16, W.H. Ryder, The Authorship of Romans XV, XVI (1898), 188. die kanonische Redaktion die Formel geschaffen und sie in die verschiedenen Briefe als „feierlich[e]“ 364 eingefügt hat. Wegen der Selbstbezeichnung an der zitierten Stelle Röm 15,16 als „Priester“ (λειτουργός) sei hier als kleiner Exkurs auf die gesamte Wortfamilie einge‐ gangen: 365 λειτουργέω 2 - Apg 13,2; Röm 15,27, in einem Vers, der in *Röm fehlt λειτουργία 6 - Lk 1,23, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 2Kor 9,12; Phil 2,17. 30; Hebr 8,6; 9,21 λειτουργικός 1 - Hebr 1,14 λειτουργός 6 / 5 - etwa Röm 15,16, in einem Vers, der in *Röm fehlt, und überhaupt in Röm 13,6; 15,16; Phil 2,25; Hebr 1,7; 8,2; 10,11 Zwar steht λειτουργός noch zwei weitere Male in den sieben Paulusbriefen (Röm 13,6; Phil 2,25), jedoch immer nur auf der kanonischen Ebene. Auch wenn die beiden Stellen nicht unmittelbar im Kontext von Opfer oder Priestertum stehen, deutet doch die erste Stelle auf die Verbindung zwischen Dienst und fi‐ nanziellen Leistungen hin, es geht nämlich um Steuerabgaben, wobei von denen die Steuern einzuziehen haben gesagt wird, dass sie „Leiturgoi Gottes sind“. An der zweiten Stelle spricht Paulus von Epaphroditus, der ihm ein Leiturgos ist. Wie tief der „heilige Dienst“ mit einer finanziellen Gabe verbunden ist, erläutert 2Kor 9,12: „Denn der Dienst dieses Werkes (ἡ διακονία τῆς λειτουργίας ταύτης) erfüllt nicht nur den Mangel der Heiligen, sondern bringt auch reichlich vielen Dank zu Gott.“ In Röm 15,16 hat der Begriff eine deutlicher kult-liturgische Bedeutung. Daran erinnert nun der Gebrauch dieses Begriffes in Hebr 1,7, 366 eine Stelle, die uns bereits im Zusammenhang mit dem liturgisch verorteten §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 411 <?page no="412"?> 366 Vgl. auch den Gebrauch des Hapax legomenon im NT, λειτουργικός, in Hebr 1,14; vgl. zur kultischen Sprache von Hebr E.W. Stegemann und W. Stegemann, „Does the Cultic Language in Hebrews Represent Sacrificial Metaphors? “ (2005). Jubel begegnet war. In Hebr 8,2 wird der Hohepriester, Christus, „als Diener des Heiligtums (τῶν ἁγίων λειτουργός) und des wahren Zeltes, das der Herr selbst aufgeschlagen hat,“ bezeichnet. Und gleich im Anschluss heißt es in Hebr 8,3-6: „3 Denn jeder Hohepriester wird eingesetzt, um Gaben und Opfer darzubringen; deshalb muss auch dieser etwas haben, was er darbringt. 4 Wäre er nun auf Erden, so wäre er nicht einmal Priester, da es hier schon Priester gibt, die nach dem Gesetz die Gaben darbringen. 5 Sie dienen (λατρεύουσιν) einem Abbild und Schatten der himmlischen Dinge (λατρεύουσιν), nach der Anweisung, die Mose erhielt, als er daranging, das Zelt zu errichten: Sieh zu, heißt es, dass du alles nach dem Urbild ausführst, das dir auf dem Berg gezeigt wurde. 6 Jetzt aber ist ihm ein umso erhabenerer Priesterdienst (λειτουργίας) übertragen worden, weil er auch Mittler eines besseren Bundes ist, der auf bessere Verheißungen gegründet ist.“ Im selben Zusammenhang begegnet der Begriff λειτουργός in Hebr 10,11 (vgl. auch 9,21): „Und jeder Priester steht Tag für Tag da, versieht seinen Dienst (λειτουργῶν) und bringt viele Male die gleichen Opfer dar, die doch niemals Sünden wegnehmen können.“ Allerdings erinnert Röm 15,27 dann auch wie‐ derum an den finanziellen Aspekt des Dienstes. Nachdem er im Vers zuvor von der Sammlung Mazedoniens und Achaias für die Armen unter den Heiligen in Jerusalem gesprochen hat, fügt der Verfasser hinzu: „Ja, sie haben es beschlossen, und sie sind es ihnen auch schuldig; denn wenn die Heiden an ihren geistlichen Gütern Anteil bekommen haben, so sind sie auch verpflichtet, ihnen in den leiblichen zu dienen (λειτουργῆσαι).“ Im Kontext eines geistigen Gottesdienstes finden wir das Verb in Phil 2,17: „Doch wenn auch mein Leben dargebracht wird zusammen mit dem Opfer und Dienst eures Glaubens (λειτουργίᾳ τῆς πίστεως ὑμῶν), so freue ich mich und freue mich mit euch allen.“ Kurz darauf stellt Paulus Epaphroditus ein Quasi-Märtyrerzeugnis aus, Phil 2,30: „Denn um des Werkes Christi willen ist er dem Tod nahegekommen, indem er sein Leben wagte, um den Dienst (λειτουργίας), den ihr mir nicht erweisen konntet, zu erfüllen.“ Schließlich begegnet der liturgische Gebrauch von λειτουργέω in der Apg 13,2 im Rahmen einer Gottesdienstfeier, in der Barnabas mit Paulus von den Verantwortlichen in Antiochien ausgewählt wurden: „Als sie zu Ehren des Herrn Gottesdienst feierten (λειτουργούντων) und fasteten, sprach der Heilige Geist: Wählt mir Barnabas und Saulus zu dem Werk aus, zu dem ich sie berufen habe! “ Im Rahmen des Tempeldienstes kennt auch die Kindheitsgeschichte des Lk den Terminus λειτουργία (Lk 1,23). 412 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="413"?> Wir werden auf denselben Befund, der schon zuvor festgestellt wurde, zurückverwiesen. Die vorkanonische Ebene kennt die Terminologie gänzlich nicht, weder *Ev noch *Paulus, sie begegnet auch nicht in den vier Evangelien, mit Ausnahme der Kindheitsgeschichte des Lk, auch nicht in den Deuteropau‐ linen, sondern prominent nur in Röm 15, Hebr, dann auch Apg und vereinzelt in zwei weiteren der sieben Paulusbriefe. Damit erhärtet sich die Feststellung, dass diese Terminologie einen Eintrag der zweiten kanonischen Redaktion darstellt. Wieder begegnen wir einem miteinander übereinstimmenden vorkanonischen Profil von *Ev und *Ap und können dieses Profil vor allem von demjenigen der zweiten kanonischen Redaktion unterscheiden. Innerhalb der kanonischen Ebene scheinen erneut die vier Evangelien und Deuteropaulinen in ihrem wesentlichen Bestand der ersten kanonischen Redaktionsstufe anzugehören, während die lukanische Kindheitsgeschichte, Apg und Hebr zur zweiten zu rechnen sind. Bei dieser weiteren Redaktion scheinen dann auch insbesondere mit dem Hinweis auf Timotheus die Pastoralbriefe im Hintergrund gestanden zu haben. Die komplette Wortfamilie ἀμώμητος, ἄμωμον, ἄμωμος ist unbezeugt für die vorkanonische Ebene, fehlt aber auch in den vier Evangelien, Apg, und von den sieben Paulusbriefen finden wir nur ein Zeugnis in Phil 2,15, dafür ist die Familie aber präsent in den Deuteropaulinen, Hebr, den Katholischen Briefen und Apk. ἀμώμητος 2 / 1 - Phil 2,15; 2Petr 3,14 ἄμωμος 9 / 8 - Eph 1,4; 5,27; Kol 1,22; Phil 2,15; Hebr 9,14; Jud 1,24; 1Petr 1,19; Apk 14,5; 18,13 In Phil 2,15 steht die Aufforderung, „damit ihr untadelig und lauter seid, Kinder Gottes ohne Makel (ἄμωμα), mitten unter einem verdrehten und verkehrten Geschlecht, unter dem ihr leuchtet wie Lichter in der Welt.“ So findet man sie auch in 2Petr 3,14: „Deswegen, Geliebte, die ihr dies erwartet, bemüht euch darum, von ihm ohne Makel (ἀμώμητοι, var. lect. ἄμωμοι) und Fehler in Frieden angetroffen zu werden! “ Auch Eph 1,4: „Wie er uns in ihm erwählt hat vor der Grundlegung der Welt, damit wir heilig und untadelig (ἀμώμους) seien vor ihm in Liebe.“ Das „wir“ bezieht sich auf die ganze Kirche, wie Eph 5,27 ausführt: „damit er die Kirche sich selbst verherrlicht darstellte, die nicht Flecken oder Runzel oder etwas dergleichen hat, sondern dass sie heilig und untadelig (ἄμωμος) sei.“ Christologisch wie in Eph wird diese Heiligkeit und Makellosigkeit (auch in dieser direkten Zusammenstellung) in Kol 1,22 §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 413 <?page no="414"?> 367 Vgl. S.-378. 368 Man vgl. noch Jud 1,24 - und dort liegt keine Opferterminologie vor. Die Stelle gehört eher in die Nähe der Deuteropaulinen, war aber oben schon einmal im Zusammenhang mit dem „Jubel“ erwähnt worden (beides zweite kanonische Redaktion). begründet, „… um euch heilig und untadelig (ἀμώμους) und unverklagbar vor sich hinzustellen.“ Wie schon vorweg auf die enge Verbindung zur Ritualsprache im Hebr hingewiesen wurde, so begegnen wir ihr erneut Hebr 9,14: 367 „um wie viel mehr wird das Blut Christi, der sich selbst als makelloses (ἄμωμον) Opfer kraft des ewigen Geistes Gott dargebracht hat, unser Gewissen von toten Werken reinigen, damit wir dem lebendigen Gott dienen.“ Auch in 1Petr 1,19 bezieht sich die Makellosigkeit auf das Opferlamm Christus: „… mit dem kostbaren Blut Christi, des Lammes ohne Makel (ἀμώμου) und Flecken.“ Weil diejenigen, die dem Lamm folgen, von diesem freigekauft sind, sind auch sie, Apk 14,5 zufolge, „ohne Fehl: sie sind makellos (ἄμωμοί).“ Bei dieser Wortgruppe gibt es einen engen Zusammenhang zwischen den Deuteropaulinen Eph und Kol, Hebr und den Katholischen Briefen und Apk. Ob hierfür Phil 2,15 den Ausschlag gab? Wäre Phil 2,15 erst später redaktionell bearbeitet, würde man sich wohl eine weitere Übereinstimmung mit zusammen‐ hängenden Begriffen - wie etwa „heilig und makellos“ der Deuteropaulinen, „ohne Flecken“ und makellos aus Eph und 1Petr und 2Petr, oder eine Opferter‐ minologie von Hebr und den Katholischen Briefen erwartet haben. 368 Demnach war wohl Phil 2,15 der erste Eintrag dieser Terminologie in einen der sieben Briefe durch die kanonische Redaktion erfolgt, was auch bedeutet, dass die Deuteropaulinen Eph und Kol vermutlich erst danach bei der Zusammenstel‐ lung mit Hebr, den Katholischen Briefen und Apk - ebenso wie diese selbst - in dieser Hinsicht weiter redaktionell bearbeitet wurden. Umgekehrt deutet die Verwendung von ἄζυμος als Bezeichnung für das Pascha‐ fest darauf hin, dass dieser Begriff bereits bei der Bearbeitung der Evangelien kanonisch-redaktionell aufgenommen wurde. Er begegnet in den drei synopti‐ schen Evangelien, wo anstelle des in *Ev 22,8 stehenden τοῦ πάσχα jeweils τῶν ἀζύμων zu finden ist. Auch in Mt 26,17 heißt das Fest so wie in Lk, während Mk 14,1 beide Begriffe aufnimmt: τὸ πάσχα καὶ τὰ ἄζυμα, auch in Mk 14,12, was zeigt, dass wir es bei der Doppelbegrifflichkeit mit einer bewussten Entscheidung zu tun haben, wobei zu bemerken ist, dass in Mk 14,1 das καὶ τὰ ἄζυμα in den Zeugen 05, a, ff 2 fehlt, was noch eine Spur bietet für die Bearbeitungsrichtung *Ev > kanonische Redaktion. Da auch in der Apg das Fest wie in Lk und Mt heißt, spricht dies für die kanonisch-redaktionelle Sprache. 414 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="415"?> 369 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 650-651. In Paulus begegnet das Fest nicht, wobei besonders auffällig ist, dass an der einen Stelle, wo das Adjektiv sich findet, 1Kor 5,7.8, nicht von tatsächlichen ungesäuerten Broten die Rede ist, sondern von der Ethik und davon, dass Christus unser Pascha ist, und zwar vorkanonisch belegt, was erklärt, warum auch das Fest in *Ev τὸ πάσχα heißt. Bis in solche Details hinein geht bisweilen die Übereinstimmung der Sprache von *Ev und *Paulus einerseits und der deutlich davon sich abgrenzenden der kanonischen Redaktion andererseits, auch wenn wir wie in Mk noch Spuren der älteren Version finden. Auch wenn ἄξιος vorkanonisch belegt ist für *Ev 12,48, sind ἀξιόω und ἀξίως vorkanonisch unbezeugt. Das Verb steht in Lk 7,7 gerade in einem Versteil, den Klinghardt zurecht als fehlend markiert hat 369 , und das Adjektiv begegnet in einem weiteren Evangelium nur noch in Mt 22,8. Desto bedeutender ist, dass die Terminologie auch in keinem der sieben Paulusbriefe steht, sondern erst im Deuteropaulinum 2Thess 1,11 innerhalb eines Gebetes auftaucht: „Deshalb beten wir auch ohne Unterlass für euch, dass unser Gott euch für würdig mache (ἀξιώσῃ) und in seiner Macht allen Willen zum Guten und das Werk des Glaubens vollende.“ In 1Tim 5,17 wird das Verb im Kontext von Ämtern gebraucht: „Älteste, die das Amt des Vorstehers gut versehen, sind doppelter Anerkennung würdig (ἀξιούσθωσαν), besonders solche, die sich mit ganzer Kraft dem Wort und der Lehre widmen.“ In negativer Wendung nach Apg 15,38 „hielt aber Paulus es für wert (ἠξίου), ihn [sc. Barnabas] nicht mitzunehmen, weil er sie in Pamphylien im Stich gelassen hatte, nicht mit ihnen gezogen war und an ihrer Arbeit nicht mehr teilgenommen hatte.“ Im Gespräch zwischen „den führenden Männern der Juden“ und Paulus sagen jene nach Apg 28,22: „Wir halten es aber für wert (ἀξιοῦμεν), von dir zu hören, was du denkst; denn von dieser Sekte ist uns bekannt, dass sie überall auf Widerspruch stößt.“ Hebr 3,3 bezieht das Würdigen auf Jesus: „Denn er [sc. der gerade zuvor in Vers 1 genannte Jesus] ist größerer Herrlichkeit gewürdigt worden (ἠξίωται) als Mose, so wie der, der ein Haus erbaut, größere Ehre hat als das Haus selbst.“ In Apk 3,4 geht es um die Würdigkeit von bestimmten Menschen in Sardes: „Du hast aber einige Leute in Sardes, die ihre Kleider nicht befleckt haben; sie werden mit mir in weißen Gewändern gehen, denn sie sind es wert (ἄξιοί εἰσιν).“ §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 415 <?page no="416"?> Und wiederum negativ gewandt findet sich das Adjektiv in Apk 16,6: „Sie haben das Blut von Heiligen und Propheten vergossen; deshalb hast du ihnen Blut zu trinken gegeben, so haben sie es verdient (ἄξιοί εἰσιν).“ Im selben Sinn und nicht ohne inhaltliche Anklänge steht das Verb auch in Hebr 10,29: „Meint ihr nicht, dass eine noch viel härtere Strafe der verdient (ἀξιωθήσεται), der den Sohn Gottes mit Füßen getreten, das Blut des Bundes, durch das er geheiligt wurde, verachtet und den Geist der Gnade geschmäht hat? “ Werfen wir noch einen Blick auf das Adverb ἀξίως: Zunächst begegnet es in keinem der vier Evangelien, hingegen in einem der beiden Kapitel von Röm, die nachweislich in *Röm fehlen: Röm 16,2, wo es in der Empfehlung für Phöbe heißt: „Nehmt sie im Namen des Herrn auf, würdig (ἀξίως) den Heiligen, und steht ihr in jeder Sache bei, in der sie euch braucht; denn für viele war sie ein Beistand, auch für mich selbst.“ Zu Anfang von Phil 1,27 wird diese Art des Wandels auf die Adressaten bezogen: „Alleine: Lebt als Gemeinde so, wie es dem Evangelium Christi würdig ist (ἀξίως)! “ Und in 1Thess 2,11-12: „11 Wie ihr wisst, so haben wir jeden einzelnen von euch, wie ein Vater seine Kinder ermahnt, getröstet und aufgerufen, 12 damit ihr in einer Weise wandelt, die Gott würdig ist (ἀξίως), der euch in sein Reich und in seine Herrlichkeit beruft.“ Eine ähnliche Anrede macht Paulus in den Deuteropaulinen, Eph 4,1: „So ermahne ich euch nun, ich, der Gefangene im Herrn, dass ihr der Berufung würdig (ἀξίως) lebt, mit der ihr berufen worden seid.“ Und in ähnlichem Wortlaut liest man in Kol 1,10: „damit ihr des Herrn würdig (ἀξίως) wandelt, ihm in allem wohlgefällig seid, Frucht bringt in jedem guten Werk und wachst in der Erkenntnis Gottes.“ Auch in 3Joh 1,6 wird der Adressat aufgefordert, diesmal aber darum gebeten, Brüder und Fremde entsprechend auszustatten: „Sie haben vor der Gemeinde für deine Liebe Zeugnis abgelegt. Du wirst gut daran tun, wenn du sie für ihre Reise so ausrüstest, wie es Gottes würdig ist (ἀξίως).“ Überblickt man die Belege für diese beiden Begriffe, stellt man zunächst fest, dass sie weder vorkanonisch bei *Ev noch *Paulus und auch nicht in den vier Evangelien auf der kanonischen Ebene zu finden sind. Bei Paulus erscheint ἀξίως innerhalb eines der vorkanonisch abwesenden Schlusskapitel von Röm (Röm 16,2), die bereits zuvor für die zweite kanonische Redaktion notiert wurden, zusammen mit Apg und den Katholischen Briefen, also dem Praxapostolos, und Hebr, so auch hier. Allerdings begegnet ἀξίως auch in den Deuteropaulinen und gelegentlich hier und da in zwei weiteren der sieben Paulusbriefe, gerade so wie auch an einzelnen Stellen in Lk und Mt und in Apk. Trotz dieses Befundes spricht die Präsenz in den einschlägigen Stellen der zweiten kanonischen Redaktion dafür, dass diese Begriffe wohl erst durch 416 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="417"?> 370 Vgl. hierzu die Ausführungen, die aufgrund des Missverständnisses der Stelle in der For‐ schung vorgetragen wurden und sogar Steck dazu veranlassen, einen Anachronismus in *1Kor 15,29, was das erste Jahrhundert betrifft, zu sehen, vgl. R. Steck, Der Galaterbrief nach seiner Echtheit untersucht nebst kritischen Bemerkungen zu den paulinischen Hauptbriefen (1888), 266-268. 371 Vgl. U. Volp, Tod und Ritual in den christlichen Gemeinden der Antike (2002), 39. 372 Tert., Adv. Marc. V 10,1: Viderit institutio ista. Kalendae, si forte, Februariae respondebunt illi, pro mortuis petere. Noli ergo apostolum novum statim auctorem aut confirmatorem eius denotare. sie bei der Hinzunahme des Praxapostolos en vogue kamen, hier vielleicht bedingt durch die Präsenz in den Deuteropaulinen. Jedenfalls stellen auch sie eine Verbindung zwischen den verschiedenen Schriften auf dieser kanonischen Redaktionsebene dar. Den geradezu kontrastierenden Befund bietet ἀρχισυνάγωγος. Der Begriff ist vorkanonisch unbezeugt, fehlt jedoch auch im kanonischen Paulus, in den Katholischen Briefen und in Apk. Hingegen findet er sich in Lk 8,49; 13,14, auch in Mk 5,22 (im Plural). 35. 36. 38, allerdings nicht in Mt und Joh. In Apg 13,15 finden wir den Terminus wieder im Plural und in Apg 18,8 erfahren wir den Namen eines solchen, Krispus, und in 18,17 den eines anderen, Sosthenes. Letz‐ terer begegnet als Mitabsender des Ersten Korintherbriefs in der kanonischen Fassung. In einer Detailuntersuchung wäre zu prüfen, ob der Begriff eher zur ersten oder zur zweiten kanonischen Redaktion gehört. βαπτίζω steht vorkanonisch nur einmal in *Ev (*Ev 11,38) im Sinne von „vor dem Essen reinigen“, nie auf die Taufe der Menschen bezogen, und einmal bei *Paulus in der Wendung οἱ βαπτιζόμενοι ὑπὲρ τῶν νεκρῶν; εἰ ὅλως νεκροὶ οὐκ ἐγείρονται, τί καὶ βαπτίζονται ὑπὲρ αὐτῶν (*1Kor 15,29). Kanonisch gelesen, und so wird es immer übersetzt, geht es um eine „Taufe für die Toten“. Doch was soll eine „Taufe für die Toten“ sein? 370 Vorkanonisch gesehen, wo der Taufbegriff weder einen Bezug zu einer christlichen Initiation noch zu einem sakralen Verständnis hat, scheint der Begriff hingegen ein „Reinigen für die Toten“ zu bedeuten. Das allerdings hat reichlich Hintergrund in jüdischen Rein‐ heitsvorschriften, denn die Berührung eines toten Körpers bedeutete kultische Unreinheit (Num 5,2; 19,11-22), auch Gräber galten als Orte der Unreinheit. 371 Tertullian gibt uns noch den Hintergrund hierzu in seinem Kommentar zur Stelle, wenn er meint, Markion beziehe diese Stelle auf „die Kalenden des Februar“, doch solle er sich dessen „enthalten, den Apostel dafür zu schelten, er habe entweder dieses [Ritual] jüngst erfunden oder ihm seine Zustimmung erteilt“. 372 Wie man aus Ovid erfährt, diente der Februar, insbesondere der 21. des Monats dafür, den Gräbern der Vorfahren die Ehre zu erweisen und ihren §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 417 <?page no="418"?> 373 Vgl. Ovid, Fasti II 19 („Februa Romani dixere piamina patres“; „Die Römer nannten die Reinigungen ‚Februa‘, sagten die Ahnen“), vgl. auch 533-536. 374 Es ist deshalb inkorrekt zu behaupten, Tertullian habe „seine Unwissenheit dessen gestanden, was mit dieser Aktivität [der Totentaufe bei Markion] gemeint sei“, so N.H. Taylor, Baptism for the Dead (1 COR 15: 29)? (2002), 111. Bereits der Herausgeber und englische Übersetzer von Tertullian, Adversus Marcionem I-V, Evans, hatte auf Ovid verwiesen, vgl. zur Stelle. 375 Der Sinn erschließt sich auf der vorkanonischen Ebene nicht mit Sicherheit, während die kanonische Redaktion den Sinn in Eph 4,7 klar als Taufe der Menschen verdeutlicht: Ἑνὶ δὲ ἑκάστῳ ἡμῶν ἐδόθη ἡ χάρις κατὰ τὸ μέτρον τῆς δωρεᾶς τοῦ Χριστοῦ („Jedem einzelnen von uns aber ist die Gnade gegeben worden nach dem Maß der Gabe Christi“). Nichtsdestotrotz berichtet Tertullian von der Existenz der Taufe in Markions Gemeinde: „Denn Du erlaubst weder die Verbindung von Mann und Frau noch lässt Du Personen zum Sakrament der Taufe und der Eucharistie zu, die sich sonstwo vermählt hatten, es sei denn, sie hatten miteinander vereinbart, sich vom Geschlechtsverkehr zu enthalten,“ so Tert., Adv. Marc. IV 34,5; vgl. auch ibid. I 14,3; 28,2-3. An anderer Stelle schreibt Tertullian: „Kein Fleisch wird eingetaucht, es sei denn es ist jungfräulich oder verwitwet oder unverheiratet oder hat die Taufe durch Trennung erkauft,“ so Tert., Adv. Marc. I 29,1; ähnlich Ephräm, der Syrer in seinen Hymnen gegen Häresien, 22, 21,5; 27, 2-3; 42, 6-9; vgl. M. Vinzent, Marcion’s Roman Liturgical Traditions, Innovations and Counter-Rites: Fasting and Baptism (2014). Hier muss ich jedoch ein Wort der Vorsicht hinzusetzen, da dieser Artikel noch vor der Rekonstruktion von *Paulus geschrieben wurde. Legt man die neue Textbasis zugrunde, erscheint es vielmehr, dass Markion vielleicht noch keine Taufe in seiner Gemeinde übte und erst spätere Markioniten diese Praxis einführten und Tertullian eine zu seiner Zeit in markionitischen Gemeinden geübte Praxis in die Zeit des Markion nach Rom zurückprojiziert oder diese schlicht annimmt. Die Alternative wäre, dass Markion, wie ich in diesem Artikel annahm, die Taufe möglicherweise als Innovation in seiner Gemeinde einführte, aber noch keine Taufterminologie für diese Praxis entwickelt hatte und auch nicht in *Paulus vorfand. 376 Vgl. zu dieser Thematik ausführlich M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2.-Jahrhundert (2022), 130-132. 158. manes zu opfern. 373 Aus Ovid erfährt man denn auch, dass die römischen Väter den Namen ‚Februa‘ Instrumenten der Reinigung gegeben haben. 374 Wenn vorkanonisch βάπτισμα in *Ev (*Ev 20,4: Das Taufen des Johannes) wie *Paulus (*Laod 4,5: der einzige vorkanonische Hinweis auf die Taufe des Herrn, der in Eph 4,5 zur Taufe von Menschen semantisch verschoben wird 375 ) begegnet, dann findet sich die Johannestaufe und ein nicht näher erläuterter Taufbegriff in *Laod. Es fehlten dann wieder βαπτισμός und βαπτιστής in *Ev und *Paulus. Der Befund ist für die Bearbeitungsrichtung wichtig. Beginnen wir bei dem vorkanonisch bezeugten βάπτισμα. Der Begriff fällt in *Ev/ Lk 20,4 im Zusammenhang der Frage, ob die Taufe des Johannes aus dem Himmel stammt oder von Menschen. 376 Dann steht er in Lk 12,50, wo er sich jedoch nicht auf die Johannestaufe bezieht, sondern offenkundig auf Jesu künftigen Tod: 377 „Ich 418 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="419"?> 377 Klostermann spricht von einer „Gethsemanestimmung“, E. Klostermann, Das Lukas‐ evangelium (1929), 141. Ernst meint: „ein verhüllter Hinweis auf sein [sc. Jesu] eigenes Martyrium (vgl. Mk 10,38)“, J. Ernst, Das Evangelium nach Lukas (1977), 413. Auf den Tod Jesu hin liest den Vers auch M. Wolter, Das Lukasevangelium (2008), 469. 378 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 926-927. muss mit einer Taufe getauft werden und wie bin ich bedrängt, bis sie vollzogen ist.“ Klinghardt hat wahrscheinlich gemacht, dass sowohl dieser Vers, wie der voranstehende Lk 12,49b „Wie froh wäre ich, es würde schon brennen! “ aus Gründen des Fehlens in Zeuge e (Evangelium Palatinum) und der narrativen Logik im vorkanonischen Text gefehlt haben. 378 Nachdem Mt 3,6-16 von der Johannestaufe und der Taufe Jesu durch Johannes berichtet hat (/ / Mk 1,4. 5. 8. 9 / / Lk 3,7. 12. 16. 21.; vgl. auch Mk 6,14. 24 und Lk 7,29-30), wird in Mt 20,22-23 folgendes ausgeführt: „Jesus erwiderte: Ihr wisst nicht, um was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde? Sie sagten zu ihm: Wir können es. 23 Da antwortete er ihnen: Meinen Kelch werdet ihr trinken; doch den Platz zu meiner Rechten und zu meiner Linken habe nicht ich zu vergeben; dort werden die sitzen, für die es mein Vater bestimmt hat.“ Nun bieten die Zeugen 04, 017, 022, 032, 036, 037, 33, 565, 579, 700, 892, 1241, 1424, l 844, M, (f), h, q, sy p.h , bo pt , (Mar Ir ) folgenden Zusatz nach „den ich trinken werde“ (ὃ ἐγὼ μέλλω πίνειν): ἢ (καὶ 892) τὸ βάπτισμα ὃ ἐγὼ βαπτίζομαι βαπτισθῆναι. Auch in Vers 23 gibt es einen Zusatz, nach „werdet ihr trinken“ (πίεσθε), der geboten wird von folgenden Zeugen: 04, 017, 022, 032, 036, 037, 33, 565, 579, 700, 1241, (1424), l 844, M, f, h, q, sy p.h , bo pt , (Mar Ir ), er lautet: καὶ τὸ βάπτισμα ὃ ἐγὼ βαπτίζομαι βαπτισθήσεσθε, 892 bietet: καὶ τὸ βάπτισμα βαπτισθήσεσθε. Zu vergleichen ist insbesondere die Parallelstelle Mk 10,38: „Jesus erwiderte: Ihr wisst nicht, worum ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder die Taufe auf euch nehmen, mit der ich getauft werde? “ Die Zusätze in Mt deuten darauf hin, dass sie wahrscheinlich erst durch die kanonische Redaktion in den Text genommen wurden, und zwar im Zuge der Bearbeitung und Teilharmonisierung der vier Evangelien, bei der dann diese Thematik der Taufe im Hinblick auf Jesu Tod in die synoptischen Evangelien Eingang fand, und, wie wir sehen werden, im Zusammenhang der Bearbeitung der sieben Paulusbriefe und der Hinzufügung des Praxapostolos zur Sammlung. Schließlich begegnet bei Mk gegen Ende des Evangeliums, Mk 16,15-16, und zwar in dem von vielen für später gehaltenen langen Markusschluss 379 , auch §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 419 <?page no="420"?> 379 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 344-345 rechnet den langen Markusschluss zur kanonischen Ausgabe. 380 Vgl. H.C. Brennecke, Ecclesia est in re publica, id est in imperio romano (Optatus III 3). Das Christentum in der Gesellschaft an der Wende zum „konstantinischen Zeitalter“ (2007), 72-88, 83. 381 Just., 1Apol. 61. 382 Iren., Adv. Haer. III 17,1; Epid., 41. 383 Did. 7,1,3. 384 Acta Thomae 27. 49. 121 u.ö. 385 Apoc.Joh., R. Kasser, Le livre secret de Jean (versets 1-124) (1965), 136. 386 Tert., De bapt. 18,6 (Übers. Kellner): si qui pondus intellegant baptismi magis timebunt consecutionem quam dilationem. 387 „(Tertullian) suggests that the practice was not commonly employed at the beginning of the third century“, C.N. Jefford, How Shaky a Foundation: The Apostolic Fathers (2024), 5. noch eine dritte Verwendung von Taufe, nämlich die missionarische im Hinblick auf die zu taufenden Menschen: „15 Dann sagte er zu ihnen: Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium der ganzen Schöpfung! 16 Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet; wer aber nicht glaubt, wird verurteilt werden“. Mt gipfelt sogar in dem Taufauftrag, Mt 28,19: „Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Hanns Christof Brennecke hat allerdings herausgearbeitet, dass trotz der bedeutenden Stellung dieses Auftrags am Ende des Matthäusevangeliums (wie ähnlich auch bei Mk), er offenkundig nur be‐ scheidene Spuren in der frühchristlichen Literatur hinterlassen hat. 380 Schriften, in denen er begegnet, gerade mit dem Schwerpunkt auf die missionarische Taufe, sind etwa Justins 1. Apologie, 381 Irenäus, Adv. haer. und Epid., 382 die Didache, 383 die Acta Thomae, 384 oder auf die Gegenwart Christi hin gerichtete wie etwa das Apocryphon des Johannes. 385 Auch diese Vergleichstexte sprechen dafür, dass wir es mit einer kanonisch redaktionellen Vorstellung zu tun haben, die aus der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts stammt. Gestützt wird diese zeitliche Kontextualisierung durch Tertullian, der in seiner Schrift über die Taufe schreibt: „Wenn manche einsähen, daß die Taufe eine schwere Bürde ist, so würden sie sich vor deren Erteilung mehr fürchten, als vor dem Aufschub derselben.“ 386 Wie C.N. Jefford in seiner „Presidential Address“ für NAPS im Jahr 2022 richtig gesehen hat, zeigt diese Aussage, dass die Taufpraxis „zu Beginn des dritten Jahrhunderts noch nicht allgemein üblich war“. 387 420 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="421"?> Die Apostelgeschichte (Apg 1,22; 10,37; 13,24; 18,25 und 19,3. 4) benutzt βάπτισμα ausschließlich für die Johannestaufe, das ist besonders an der letzten Stelle eindrücklich, wo sowohl von der Johannestaufe wie von dem Taufen „auf den Namen Jesu“ die Rede ist. Doch nur bei der Johannestaufe steht das Nomen, im Falle der Taufe „auf den Namen Jesu“ nur das Verb „taufen“. Während im vorkanonischen Paulus - mit Ausnahme von *Laod 4,5, ein Vers, auf den wir gleich zu sprechen kommen - βάπτισμα unbezeugt ist, finden wir den Terminus in Röm 6,4, wo Paulus von dem Begrabensein mit Jesus Christus durch die Taufe auf den Tod spricht, hier verknüpft die kanonische Redaktion folglich die zweite und dritte Deutung von βάπτισμα, die auf den Tod Jesu und die missionarische Taufe der Menschen. Es ist dies allerdings die einzige Stelle in den sieben Paulusbriefen, die das Nomen bietet, neben der auch vorkanonisch bezeugten Stelle *Laod/ Eph 4,5. In ihr ist das Nomen in die folgende Formel eingereiht: *Laod 4,5 Eph 4,5 5 εἷς κύριος, μία πίστις, ἓν βάπτισμα, - 5 εἷς κύριος, μία πίστις, ἓν βάπτισμα, 6 εἷς Χριστός, εἷς θεὸς καὶ πατὴρ πάντων, ὁ ἐπὶ πάντων καὶ διὰ πάντων καὶ ἐν πᾶσιν ἡμῖν 6 εἷς θεὸς καὶ πατὴρ πάντων, ὁ ἐπὶ πάντων καὶ διὰ πάντων καὶ ἐν πᾶσιν. *Laod 4,5 Eph 4,5 Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, - 5-ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, 6 ein Christus, ein Gott und Vater aller, der über uns allen und durch alle und in allen ist. 6-ein Gott und Vater aller, der über allem und durch alles und in allem ist. Man bemerke, dass im vorkanonischen Text Christus in der Formel steht und ein ἡμῖν am Ende. Die Formel mit Christus ist insofern sprachlich vollendeter, als dadurch drei mal drei Glieder vorliegen (Herr - Glaube - Taufe; Christus - Gott - Vater aller; über uns allen - durch alle - in allen). Sie könnte, wie in Eph vorliegend vielleicht schon der vorkanonischen Redaktion als Vorlage durch km Laod überliefert worden sein, die sie dann komplettiert hätte. Und auch wenn es eher wahrscheinlich ist, dass eine stilistisch vollkommene Form im Laufe eines Redaktionsprozesses verstümmelt wird, als dass eine unvollkommene Formel in einem solchen Prozess vervollkommnet wird, ist es doch wenig §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 421 <?page no="422"?> wahrscheinlich, dass eine kanonische Redaktion den Christusbegriff gestrichen hätte, wäre er ihr in *Laod begegnet. Es ist jedoch denkbar, dass selbst die ursprüngliche Formel ohne Christus und ohne ἡμῖν am Ende geschaffen war und die ursprünglichen Redaktoren von km Laod beim Rückerhalt des vorkanonisch bearbeiteten Briefes die Korrektur in *Laod verwarfen. Wir dürfen darum davon ausgehen, dass die Formel in der Vorlage km Laod für *Laod so vorlag, wie sie in Eph heute auf uns gekommen ist, und erst die vorkanonische Redaktion sowohl Christus wie ἡμῖν eingefügt hat. Damit hat sie der Formel eine deutlicher christologische Ausrichtung gegeben, bei der es nicht mehr nur um den Herrn geht, der mit Glaube und Taufe gereiht wird, sondern auch um Christus, der als Gott und Vater aller geglaubt wird und der ausdrücklich der absolut transzendente ist und der - personalisiert - über allen, nicht einfach über allem, durch alle und in allen ist. Diese Änderungen können Ausschlag dafür gewesen sein, dass die kanonische Redaktion bei der weiteren Überarbeitung von *Laod zum kanonischen Epheserbrief diese Änderungen nicht übernommen hat. Der Ausdruck „Taufe“ in der Formel lässt offen, um welches Taufverständnis es sich handelt, auch der Kontext ist nicht eindeutig. Zuvor geht es vorkanonisch in *Laod 3 um die Paulus zuteil gewordene Gnade, die zur Enthüllung von Gottes geheimem Ratschluss dienen sollte - wir befinden uns folglich nicht im Zusam‐ menhang von Jesu Tod, doch man kann fragen, ob es um ein missionarisches Verständnis geht. Dafür könnte zunächst der Anschluss der Psalmstelle (Ps 67,19 LXX) in *Laod 4,8 mit „er erbeutete Gefangene“ sprechen, der nach Tertullians Hinweis allegorisch auszulegen war. Doch diese Auslegung rekurriert nicht auf einer mit der Taufe verbundenen missionarischen Tätigkeit der Kirche, sondern mit dem Aufstieg und Abstieg des Herrn. Das aber heißt, dass Taufe in diesem Zusammenhang tatsächlich eher mit der Johannestaufe, auch der Taufe auf den Tod und vielleicht nur verhalten mit der missionarischen Taufe in Verbindung steht. Ganz anders, selbstverständlich, kontextualisiert die kanonische Redaktion. Hier wird die Formel in einen liturgisch-institutionellen Rahmen gestellt und die Formel als Ausdruck der „Hoffnung“ und „Berufung“ der Adressaten ausgelegt (Eph 4,4). Diese redaktionelle Deutung von Taufe begegnet denn auch im weiteren Deuteropaulinum: In Kol 2,12, eine Stelle, die sich eng an Röm 6,3-4 anlehnt, lesen wir: „Indem ihr mit ihm begraben wurdet in der Taufe, in der ihr auch mit ihm auferweckt worden seid durch den Glauben an das Wirken Gottes, der ihn aus den Toten auferweckt hat.“ Diese Taufe findet sich auch in 1Petr 3,21: „Dem entspricht die Taufe, die jetzt euch rettet. Sie dient nicht dazu, den Körper von Schmutz zu reinigen, sondern sie ist eine Bitte an Gott um ein reines Gewissen aufgrund der Auferstehung Jesu Christi.“ Beide Verse 422 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="423"?> zeigen Kombinationsvorstellungen von Taufe. Beide Male ist Jesu Todestaufe angedeutet, beim ersten Mal mit dem Begrabensein und der Auferweckung, beim zweiten Mal durch die Auferstehung. Beide Male geht es auch um die Taufe von Menschen, und zwar als missionarische Taufe. Wie sich aus diesem Überblick ergibt, haben wir es mit einer Entwicklung der Semantik zu tun. Auf der vorkanonischen Ebene in *Ev geht es ausschließlich um die Johannestaufe. In *Paulus ist nicht einmal von ihr die Rede. Es verwundert darum auch nicht, dass die Begriffe βαπτισμός und βαπτιστής auf dieser Ebene nicht begegnen. Selbst in den drei synoptischen km Evangelien und in der Apostelgeschichte ist das Nomen βάπτισμα noch fast oder ausschließlich an die Johannestaufe gebunden, ausschließlich dann, wenn man annimmt, dass erst bei der zweiten kanonischen Redaktion dieser Texte das Thema Taufe auf den Tod Jesu in die nun in die Sammlung integrierten vier Evangelien, den Praxapostolos, die Paulinen usw. eingetragen wurde (eben auch nur für Röm 6 in den sieben Paulusbriefen). Hierauf deuten die Zusätze in Mt, die Texte in Mk, die noch nicht in *Ev vorhandenen Stellen in Lk und vor allem ein Komposit wie Apg 19,3-5 hin. Dass auch das missionarische Taufthema dieser redaktionellen Bearbeitungs‐ stufe zugehört, legt sich durch das Auftauchen im längeren Markusschluss und am Ende von Mt nahe, vor allem, wenn man diese Texte in die zeitgenössische Literatur hineinstellt. Dass in der Apostelgeschichte das Nomen βάπτισμα ausschließlich für die Johannestaufe Verwendung findet, deutet darauf hin, dass Apg nicht erst von und ausschließlich für die zweite kanonische Redaktion geschaffen wurde, sondern zumindest auf eine Vorlage km Apg zurückzugehen scheint, die noch eine eigene Zielrichtung verfolgte. Allerdings wird man gerade aus der Passage Apg 19,3-5 schließen dürfen, dass sie die zweite kanonische Redaktion spiegelt, in der Apg ihren Zielen dienlich gemacht wurde. Aufgrund dieser Redaktion stellt diese Passage den engen Zusammenhang zwischen Johannestaufe und dem Taufen auf Jesus und damit der missionarischen Taufe her, während im Praxapostolosschreiben 1Petr 3,21 dann wie bei Röm 6 auch das Nomen für die Taufe auf Jesus Verwendung findet. Die Verwendung des Nomens für die Taufe in *Ev und *Laod stützt die Kohä‐ renz der vorkanonischen Lexik. Dass in *Laod sich zum Teil einer Formel bedient wird, in der - aus der Perspektive der kanonischen Redaktion - „Taufe“ im missionarischen und liturgisch-institutionellen Sinne verstanden wurde, weist darauf hin, dass dieser Brief (wie *Kol und *2Thess) in Nähe der kanonischen Re‐ daktion entstanden ist, auch wenn die naheliegenden kanonischen Deutungen nur bedingt Eingang in die vorkanonische Redaktion gefunden haben. Vielmehr §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 423 <?page no="424"?> werden die aus dem Milieu der kanonischen Redaktion ererbten Vorlagen im Sinne der vorkanonischen Sprache und Inhalte bearbeitet. Und dennoch, wie oben gezeigt, scheint die typisch vorkanonische Lexik und Semantik von βαπτισμός und βαπτιστής nicht im gleichen Maße in diesen Deuteropaulinen auf wie in den übrigen vorkanonischen Texten. Betrachten wir noch die weiteren Begriffe aus dieser Wortfamilie: Es wurde bereits eingangs darauf hingewiesen, dass βαπτίζω vorkanonisch nur einmal in *Ev (*Ev 11,38) im Sinne von Reinigen vor dem Essen (so auch Mk 7,4; Lk 11,38; vgl. auch Hebr 9,10) steht und nie auf die Taufe von Menschen bezogen wird, bei *Paulus fehlt das Verb überhaupt. Hingegen begegnet das Verb auf kanonischer Ebene in Röm 6,3 für die Taufe auf Jesus, wie schon gezeigt wurde, wobei vorausgesetzt wird, dass Paulus selbst auch auf Christus Jesus getauft wurde: „Oder wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, auf seinen Tod getauft sind? “ Von seinen Adressaten als Getaufte spricht auch Gal 3,27: „Denn ihr seid alle in Christus getauft, habt Christus angezogen.“ Häufiger steht das Verb dann im Ersten Korintherbrief. Zunächst in einer längeren Passage, die vorkanonisch fehlt: „13 Ist denn Christus zerteilt? Wurde etwa Paulus für euch gekreuzigt? Oder seid ihr auf den Namen des Paulus getauft worden? 14 Ich danke Gott, dass ich niemanden von euch getauft habe, außer Krispus und Gaius, 15 damit keiner sagen kann, ihr seiet auf meinen Namen getauft worden. 16 Doch habe ich auch das Haus des Stephanas getauft. Das übrige weiß ich nicht mehr, ob ich jemand anderes getauft habe. 17-Christus hat mich nämlich nicht gesandt zu taufen, sondern das Evangelium zu verkünden, nicht in der Weisheit des Wortes, damit das Kreuz Christi nicht entleert wird.“ (1Kor 1,13-17) Zwar wird an dieser Stelle nicht explizit von Taufen auf den Namen Jesu Christi gesprochen, doch lässt sich dies aus der Ablehnung, es sei kein Taufen auf den Namen des Paulus, aus dem Vers ableiten. 1Kor 10,2 spricht dann von Taufen „auf Mose … in der Wolke und im Meer“. 1Kor 12,13 scheint davon auszugehen, dass auch Paulus wie seine Adressaten getauft ist: „Durch einen Geist wurden wir alle in einen Leib getauft, Juden wie Griechen, Sklaven wie Freie; und alle wurden wir mit dem einen Geist getränkt.“ In 1Kor 15,29 wird dann auch noch erwähnt, dass sich „einige für die Toten taufen“ lassen. Reichlich verwendet wird schließlich das Verb auch in den vier Evangelien, dann auch in der Apg. Wie bereits zuvor notiert, begegnet das Verb, außer mit der Konnotation für Reinigung (*Ev 11,38; so auch Mk 7,4; *Ev/ Lk 11,38), vorkanonisch nicht, kanonisch zunächst im Zusammenhang mit der Johannestaufe (Mt 3,6. 11. 13. 14. 16 / / Mk 1,4. 5. 8. 9; 6,14. 24 / / Lk 3,7. 12. 16. 21.; 7,29-30), dann innerhalb der 424 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="425"?> 388 Vgl. zu diesem Befund bereits M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2. Jahrhundert (2022), 261. Schnackenburg meint, „daß auf die Taufe Jesu nur angespielt wird“, was bereits ein Euphemismus ist, doch einige Seiten später spricht der Kommentator schlicht und ohne Einschränkung von „der Taufe Jesu“, was sich nur aus der Querlektüre des Johannesevangeliums aus dem Blickwinkel der Synoptiker ergibt - so liest man Texte innerhalb einer Sammlung -, R. Schnackenburg, Das Johannesevangelium 1 Einleitung und Kommentar zu Kap. 1-4 (1965), 284. 303. Schärfer sieht Walter Bauer, der feststellt, dass Joh „die Erzählung, daß und wie Jesus getauft worden sei … entbehr[t]“, W. Bauer, Das Johannesevangelium (1933), 39. Weiss nennt es ein „blosses Schweigen von der Taufe Jesu“ und erklärt dies damit, dass Joh nicht „eine in der Gemeinde überall angenommene Thatsache wegleugnen“ wollte, sondern „wie in der Versuchungsgeschichte ein Moment der Herrlichkeitsoffenbarung des Logos“ nicht darin sehen konnte, B. Weiss, Das Johannes-Evangelium (1902), 73. Zusätze Mt 20,22-23 bzw. in Mk 10,38-39 und Lk 12,50 mit der Taufe auf den Tod, und dem missionarischen Taufauftrag (Mt 28,19 / / Mk 16,16). Im Unterschied zum Nomen finden wir das Verb auch im Johannesevangelium - und hier gleich eingangs, um die Verbindung zwischen dem Taufen des Johannes (wobei nirgends gesagt wird, Johannes habe Jesus getauft) und dem Taufen mit Heiligem Geist durch Jesus miteinander hierarchisch zu verknüpfen ( Joh 1,25-33): „25 Sie fragten ihn: Warum taufst du denn, wenn du weder der Messias noch Elija noch der Prophet bist? 26 Johannes antwortete ihnen: Ich taufe mit Wasser. Mitten unter euch steht der, den ihr nicht kennt, 27 der nach mir kommt, dessen Schuhriemen aufzuknüpfen ich nicht würdig bin. 28 Das geschah in Betanien jenseits des Jordan, wo Johannes taufte. 29 Am folgenden Tag sah er Jesus auf sich zukommen und sagte: Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt. 30 Er ist es, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, der mir voraus ist, weil er vor mir war. 31 Auch ich kannte ihn nicht. Aber um Israel mit ihm bekannt zu machen, deshalb bin ich gekommen und taufe mit Wasser. 32 Und Johannes bezeugte: Ich sah den Geist wie eine Taube vom Himmel herabsteigen und er blieb auf ihm. 33 Auch ich kannte ihn nicht. Aber er, der mich gesandt hat, um mit Wasser zu taufen, hat zu mir gesagt: Auf wen du den Geist herabsteigen und auf ihm bleiben siehst, der ist es, der mit Heiligem Geist tauft.“ Diesem Bericht zufolge wurde Johannes beauftragt, mit Wasser zu taufen, auch den zu offenbaren, auf den er den Geist herabkommen sieht, doch dass er selbst Jesus getauft habe, wird nicht gesagt. 388 Es fehlt entsprechend auch der Titel „Täufer“ in Joh. Dieselbe Kombination des Taufens durch Jesus und dem Taufen durch Johannes, allerdings zum ausdrücklichen Zweck, dass Jesu Taufen von Johannes gestützt wird, begegnet in Joh 3,22-27: §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 425 <?page no="426"?> 389 Zu diesem Thema vgl. weiter unten, nächste Seite. „22 Danach begab sich Jesus mit seinen Jüngern in die Landschaft Judäa. Dort hielt er sich mit ihnen auf und taufte. 23 Aber auch Johannes taufte, nämlich in Änon bei Salim, weil es dort viel Wasser gab. Und die Leute kamen und ließen sich taufen. 24 Johannes war nämlich noch nicht ins Gefängnis geworfen worden. 25 Da kam es zwischen den Jüngern des Johannes und einem Juden zum Streit über die Reinigung. 26 Sie gingen zu Johannes und sagten zu ihm: Rabbi, der bei dir war jenseits des Jordan und für den du Zeugnis abgelegt hast, siehe, der tauft, und alle kommen zu ihm. 27 Johannes antwortete: Kein Mensch kann sich etwas nehmen, wenn es ihm nicht vom Himmel gegeben ist.“ Etwas eigentümlich ist die in Joh 4,1-2 nachgeschobene Information, wonach nicht Jesus selbst, sondern seine Jünger es seien, die taufen, außerdem sei den Pharisäern zu Ohren gekommen, Jesus sei erfolgreicher in seiner Taufmission als Johannes: „1 Als Jesus erfuhr, dass den Pharisäern zu Ohren gekommen war, er gewinne und taufe mehr Jünger als Johannes, 2 doch taufte Jesus nicht selbst, sondern seine Jünger.“ Ohne wirkliche Erklärung wird schließlich in Joh 10,40 berichtet: „Dann ging er wieder auf die andere Jordanseite an den Ort, wo Johannes zuerst getauft hatte, und blieb dort.“ Im Johannesevangelium lesen wir demnach nichts von einem Taufen auf Jesus oder auf Jesu Tod, überhaupt ist das Taufen des Johannes kein Akt der Umkehr, die Bußpredigt wird vielmehr Jesus selbst in den Mund gelegt ( Joh 8,33. 37-39. 56). Taufen ist Offenbaren Jesu für Israel, eine Art Vorstufe zum eigentlichen Taufen, das Jesus zugesprochen wird, der nicht mit Wasser, sondern mit Heiligem Geist taufe ( Joh 1,31. 33). Dass Taufen mit Wasser geschieht und eine Reinigung bedeutet, wird nur bezüglich der Johannestaufe erwähnt ( Joh 3,23-25). 389 Apg 1,5 liest sich zunächst wie eine Fortsetzung von Joh: „Denn Johannes hat mit Wasser (ὕδατι) getauft (ἐβάπτισεν), ihr aber werdet schon in wenigen Tagen mit dem Heiligen Geist getauft werden.“ Wenig später aber ergänzt die Apg die Angaben des Joh mit synoptischen Stücken. Wie bereits zuvor vermerkt, benutzt sie das Nomen für die Johannestaufe (ab Apg 1,22) und dann folgt die Erwähnung der missionarischen (Massen-)Taufe, die als Umkehr und Vergebung der Sünden zur Vorbereitung für die Gabe des Heiligen Geistes verstanden wird (Apg 2,38), vor allem aber als das Aufnahmeritual für die Zugehörigkeit zur Gemeinde - eine Deutung, die Apg in den Mund des Petrus legt und aus Apg 2,41 hervorgeht. 390 In Apg 8 dient diese missionarische Taufe 426 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="427"?> 390 Vgl. Apg 2,38: Πέτρος δὲ πρὸς αὐτούς, Μετανοήσατε, [φησίν,] καὶ βαπτισθήτω ἕκαστος ὑμῶν ἐπὶ τῷ ὀνόματι Ἰησοῦ Χριστοῦ εἰς ἄφεσιν τῶν ἁμαρτιῶν ὑμῶν, καὶ λήμψεσθε τὴν δωρεὰν τοῦ ἁγίου πνεύματος. Apg 2,41 spricht von 3.000 Neumitgliedern an einem Tag. 391 Vgl. die formelhaften Wendungen in Hebr 6,2: βαπτισμῶν διδαχῆς ἐπιθέσεώς τε χειρῶν, ἀναστάσεώς τε νεκρῶν, καὶ κρίματος αἰωνίου. gar zur Abwerbung von Menschen, die dem samaritanischen Zauberer Simon zuneigten, doch dann der Predigt des Philippus vertrauten und sich samt Simon taufen ließen (Apg 8,5-13). Doch weil sie „nur getauft auf den Namen Jesu, des Herrn“ waren, bedurften sie noch des Eingreifens des Petrus und Johannes, die den Getauften die Hände auflegten für den Geistempfang (Apg 8,14-25). Unmittelbar im Anschluss wird dann die Taufe des äthiopischen Kämmerers berichtet (Apg 8,26-40). Schließlich wird die Taufe des Saulus durch Hananias erzählt (Apg 9,1-18), dann die Taufe des heidnischen Hauptmanns Cornelius und der anwesenden Heiden (Apg 10,23-47; wiederholt in Apg 11,1-18), die der gottesfürchtigen Purpurhändlerin Lydia aus Thyatira und ihres Hauses (Apg 16,14-15), des Gefängniswärters und seinese Hauses (Apg 16,23-33), des Synagogenvorstehers Krispus, seines ganzen Hauses und vieler Korinther (Apg 18,8), etwa die von zwölf Männern in Ephesus (Apg 19,1-7), und wiederholt zum Schluss der geradezu atemberaubenden Tauftour wird wiederholt, wie es dazu kam, dass Saulus durch Hananias getauft wurde (Apg 22,2-21). Was an missionarischer Taufkonzeption durch die kanonische Redaktion in die synoptischen Evangelien eingetragen wurde, das exemplifiziert die Apostel‐ geschichte in höchst lebendiger, wenn nicht sogar in überzogener Weise. Desto erstaunlicher ist, dass diese Fülle von Taufberichten einer völligen Abwesenheit des Verbs in den Katholischen Briefen, Hebr, den Deuteropaulinen und Apk gegenübersteht. Selbstverständlich wurde schon zuvor zum Nomen vermerkt, dass dieses in den Deuteropaulinen Eph und Kol und auch in 1Petr begegnet, von Taufen ist dann ebenfalls in Hebr 6,2 die Rede, und im letzten Fall geradezu formelhaft-liturgisch. 391 Aus all dem ergibt sich, dass die oben zum Nomen angestellten Überlegungen sich durch die Beobachtungen zum Verb zum Teil stützen und auch ergänzen lassen. Hatte etwa die Verwendung des Nomens vorkanonisch den Bezug zur Johannestaufe, ohne dass sich die Taufterminologie (Nomen, Verb oder verwandte Begriffe) auf dieser Ebene finden lässt, schlägt sich zunächst einmal diese Terminologie bei der Überarbeitung von *Ev hin zu den vier km Evangelien nieder - allerdings setzt zusätzlich der kanonische Sinn einer Taufe auf den Tod Jesu und auch der der missionarischen Taufe von Menschen ein. Auch die Apg spiegelt noch wie die km Evangelien die Abhängigkeit von *Ev, indem §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 427 <?page no="428"?> 392 Zum Nomen mit weiterer Literatur vgl. A. MacGowan, The Myth of the „Lord’s Supper“: Paul’s Eucharistic Meal: Terminology and Its Ancient Reception (2015), 506-509; M. Klinghardt, Gemeinschaftsmahl und Mahlgemeinschaft. Soziologie und Liturgie frühchristlicher Mahlfeiern (1994), 269-371. 393 Joh bezeichnet das Abschiedsmahl folgerichtig nicht als Passamahl. Die Hinweise, die wir besitzen, deuten lediglich darauf hin, dass das Mahl in der zeitlichen Nähe von Pessach stattfand. Zum Zeitpunkt, da Jesus stirbt, werden die Lämmer für das Passamahl das Nomen ausschließlich für die Johannestaufe benutzt wird, darum die ausgesprochene Vermutung, dass ähnlich wie die vier km Evangelien auch Apg zunächst eigenständig war, bevor sie mit den weiteren Schriften harmonisiert wurde. Wie die Beschränktheit der Taufterminologie auf dieser Ebene belegt, scheint erst die Überarbeitung von km Apg, d. h. die aus dem kanonischen Milieu stammende Apg vor ihrer Integration in die größere Sammlung durch die zweite kanonische Redaktion, bei deren Integration in die größere Sammlung die intensive Verwendung der missionarischen Taufterminologie veranlasst zu haben, was aus der Verwendung des Verbs deutlich wird, das die Apg zur Fanfare des missionarischen Taufgedankens macht - dieses Verb in diesem Sinn zieht sich wie ein roter Faden durch diese Schrift und scheint, wie die Zusätze in Mt zeigen, wohl zum selben Zeitpunkt auch in die vier km Evangelien eingetragen worden zu sein, als diese mit der Apg in der Sammlung vereint wurden, d. h. zum Zeitpunkt der zweiten kanonischen Redaktion. Dass die Verwendung dieser Terminologie ein typischer Gedanke kanonischer Redaktoren ist, lässt sich an der Verwendung des Nomens nicht für die Johannestaufe, sondern für die missionarische Taufe auf den Tod Jesu in Eph und Kol ablesen, wie man dieses dann auch in Röm 6 und nicht nur in Apg, sondern auch im Praxapostolos (1Petr) findet. Es lässt sich an dieser Wortfamilie folglich die Entwicklung von der vorkanonischen *Ebene über die erste kanonische Redaktion mit den vier km Evangelien hin zur zweiten kanonischen Redaktion mit der Apg verfolgen. Kommen wir zu δειπνέω und δεῖπνον. Das Verb fehlt auf der vorkanonischen Ebene. Das Nomen steht hingegen vorkanonisch bezeugt für *Ev 14,12. 16. 17. 24, vielleicht auch 20,46, jedoch nie im Zusammenhang mit dem Abschiedsmahl des Herrn. 392 Für dieses verwendet *Ev den Namen τὸ πάσχα (*Ev 22,8. 15), worauf auch *1Kor 5,7 anspielt („Christus ist als unser Pascha geopfert worden“). Der Sprachgebrauch, wonach δεῖπνον nicht für dieses Paschamahl Verwen‐ dung findet, begegnet auch in den synoptischen Evangelien (Mt 23,6; Mk 6,21; 12,39; Lk 14,12. 16. 17. 24; 20,46) und selbst in Joh, wo es wie in den synoptischen Evangelien auch für ein normales Mahl stehen kann ( Joh 12,2) und wiederholt für das Abschiedsmahl mit Jesus Verwendung findet, meint es nicht das Pascha‐ mahl ( Joh 13,2. 4; 21,20). 393 Mk, Mt und Lk schließen sich für dieses Mahl *Ev 428 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="429"?> geschlachtet. In Joh liegt der Todestag Jesu vor dem Passafest, in den Synoptikern ist es der erste Festtag. Das ist der eine - der einzige - Unterschied zwischen den Synoptikern und Joh, der sich nicht ausgleichen lässt. Des Weiteren wird in Joh 18,28 erwähnt, dass die jüdischen Führer vor dem Passahfest nicht in das Prätorium gehen wollten, um sich nicht zu verunreinigen. Dies deutet darauf hin, dass das Passahfest bevorstand (s. auch Joh 11,55; 12,1; 13,1; 18,39; 19,14: τὸ πάσχα), vgl. P.F. Bradshaw, Reconstructing Early Christian Worship (2009), 3-4. 394 Vgl. Mk 14,12-16: 12 Καὶ τῇ πρώτῃ ἡμέρᾳ τῶν ἀζύμων, ὅτε τὸ πάσχα ἔθυον, λέγουσιν αὐτῷ οἱ μαθηταὶ αὐτοῦ, Ποῦ θέλεις ἀπελθόντες ἑτοιμάσωμεν ἵνα φάγῃς τὸ πάσχα; 13 καὶ ἀποστέλλει δύο τῶν μαθητῶν αὐτοῦ καὶ λέγει αὐτοῖς, Ὑπάγετε εἰς τὴν πόλιν, καὶ ἀπαντήσει ὑμῖν ἄνθρωπος κεράμιον ὕδατος βαστάζων: ἀκολουθήσατε αὐτῷ, 14 καὶ ὅπου ἐὰν εἰσέλθῃ εἴπατε τῷ οἰκοδεσπότῃ ὅτι Ὁ διδάσκαλος λέγει, Ποῦ ἐστιν τὸ κατάλυμά μου ὅπου τὸ πάσχα μετὰ τῶν μαθητῶν μου φάγω; 15 καὶ αὐτὸς ὑμῖν δείξει ἀνάγαιον μέγα ἐστρωμένον ἕτοιμον· καὶ ἐκεῖ ἑτοιμάσατε ἡμῖν. 16 καὶ ἐξῆλθον οἱ μαθηταὶ καὶ ἦλθον εἰς τὴν πόλιν καὶ εὗρον καθὼς εἶπεν αὐτοῖς, καὶ ἡτοίμασαν τὸ πάσχα. Mt 26,17-19: 17 Τῇ δὲ πρώτῃ τῶν ἀζύμων προσῆλθον οἱ μαθηταὶ τῷ Ἰησοῦ λέγοντες, Ποῦ θέλεις ἑτοιμάσωμέν σοι φαγεῖν τὸ πάσχα; 18 ὁ δὲ εἶπεν, Ὑπάγετε εἰς τὴν πόλιν πρὸς τὸν δεῖνα καὶ εἴπατε αὐτῷ, Ὁ διδάσκαλος λέγει, Ὁ καιρός μου ἐγγύς ἐστιν: πρὸς σὲ ποιῶ τὸ πάσχα μετὰ τῶν μαθητῶν μου. 19 καὶ ἐποίησαν οἱ μαθηταὶ ὡς συνέταξεν αὐτοῖς ὁ Ἰησοῦς, καὶ ἡτοίμασαν τὸ πάσχα; Lk 22,7-14: 7 Ἦλθεν δὲ ἡ ἡμέρα τῶν ἀζύμων, [ἐν] ᾗ ἔδει θύεσθαι τὸ πάσχα. 8 καὶ ἀπέστειλεν Πέτρον καὶ Ἰωάννην εἰπών, Πορευθέντες ἑτοιμάσατε ἡμῖν τὸ πάσχα ἵνα φάγωμεν. 9 οἱ δὲ εἶπαν αὐτῷ, Ποῦ θέλεις ἑτοιμάσωμεν; 10 ὁ δὲ εἶπεν αὐτοῖς, Ἰδοὺ εἰσελθόντων ὑμῶν εἰς τὴν πόλιν συναντήσει ὑμῖν ἄνθρωπος κεράμιον ὕδατος βαστάζων· ἀκολουθήσατε αὐτῷ εἰς τὴν οἰκίαν εἰς ἣν εἰσπορεύεται. 11 καὶ ἐρεῖτε τῷ οἰκοδεσπότῃ τῆς οἰκίας, Λέγει σοι ὁ διδάσκαλος, Ποῦ ἐστιν τὸ κατάλυμα ὅπου τὸ πάσχα μετὰ τῶν μαθητῶν μου φάγω; 12 κἀκεῖνος ὑμῖν δείξει ἀνάγαιον μέγα ἐστρωμένον· ἐκεῖ ἑτοιμάσατε. 13 ἀπελθόντες δὲ εὗρον καθὼς εἰρήκει αὐτοῖς, καὶ ἡτοίμασαν τὸ πάσχα. 14 Καὶ ὅτε ἐγένετο ἡ ὥρα, ἀνέπεσεν καὶ οἱ ἀπόστολοι σὺν αὐτῷ. an und nennen es τὸ πάσχα. 394 Joh hat auffallenderweise keinen besonderen Namen für das Mahl. Bedeutend ist auch, dass Paulus erst auf der kanonischen Ebene von diesem Mahl als δεῖπνον (1Kor 11,20-21) spricht, was anzeigt, dass vorkanonisch dieses Nomen noch nicht auf das Herrenmahl Anwendung fand und auch in 1Kor ausdrücklich als solches adjektivisch qualifiziert werden muss (1Kor 11,20: κυριακὸν δεῖπνον). Die Passagen in Joh und 1Kor spiegeln folglich die kanonische Redaktionsgewohnheit wider. Apk 19,9. 17 überhöht die Vorstellung, indem sie vom eschatologischen „Hochzeitsmahl des Lammes“ und vom „großen Mahl Gottes“ spricht. Zu diesem Befund passt die Benutzung des Verbs δειπνέω. Dieses begegnet in Lk 22,20 im Zusammenhang des letzten Paschamahls, und zwar in einem Vers, für den Klinghardt aufgrund der Nichtbezeugung in Tertullian und den Lk-Handschriftenzeugen plausibel machen konnte, dass er (wie 22,19b) im vorkanonischen Text gefehlt hat und erst durch die kanonische Redaktion auf‐ genommen wurde. Vielleicht stand es im Zusammenhang mit einem normalen §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 429 <?page no="430"?> 395 J. Roloff, Die Offenbarung des Johannes (1984), 64. 396 Vgl. Epiph., Pan. 42, sch. 42. So bereits T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, Band 2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892), 479; A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Mono‐ graphie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 219*; K. Tsutsui, Das Evangelium Marcions. Ein neuer Versuch der Textrekonstruktion (1992), 110; J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 172; M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 986-987. 397 Röm 15,10: καὶ πάλιν λέγει, Εὐφράνθητε, ἔθνη, μετὰ τοῦ λαοῦ αὐτοῦ; vgl. Dtn 32,43 LXX: εὐφράνθητε, οὐρανοί, ἅμα αὐτῷ, καὶ προσκυνησάτωσαν αὐτῷ πάντες υἱοὶ θεοῦ· εὐφράνθητε, ἔθνη, μετὰ τοῦ λαοῦ αὐτοῦ-… Mahl in *Ev 14,24 wie das Nomen auch. Wie in Lk, so begegnet das Verb erneut in 1Kor 11,25 im selben Zusammenhang des Herrenmahls. Apk 3,20, wie zuvor zum Nomen angedeutete, überhöht die Vorstellung erneut, indem der Vers einen „Hinweis auf das baldige Kommen des Herrn und Vorwegnahme der zukünftigen Mahlgemeinschaft mit ihm in der Vollendung“ gibt, 395 ein Mahlhalten (des Herrn) mit den Menschen, die ihn einlassen. Bei diesem kleinen Einblick in die Verwendung dieser beiden Termini ergibt sich erneut eine kohärente Lexik und Semantik der vorkanonischen Ebene in *Ev und *Paulus, es zeigt sich aber interessanterweise auch - wie beim vorangegangenen Vergleich zu Taufe und Taufen, dass sich diese Lexik und Semantik, was das Nomen betrifft, auch noch in den synoptischen Evangelien bemerkbar macht, jedoch auf der Ebene des Verbs ändert. Als Verb trägt es die kanonische Redaktion auch hier gerade in Lk, dann auch in 1Kor ein, während in Joh auch das Nomen für das Abschiedsmahl Verwendung findet, auch bedingt durch die verschiedene zeitliche Verortung dieses Mahls im Vergleich zu den Synoptikern. εὐφραίνω ist ein recht beliebter Begriff auf der kanonischen Ebene, doch er begegnet vorkanonisch weder in *Ev noch in *Paulus. Insbesondere steht er gleich vier Mal in einer Perikope, die in *Ev nach Epiphanius als fehlend bezeugt ist, im Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15,11-32), 396 und es wird auch in Lk 16,19 gefehlt haben, wo nur Adamantius der Zeuge ist. Auch in keinem anderen der vier Evangelien taucht der Begriff auf, dafür steht er aber wieder in einem der beiden Kapitel im Römerbrief, die für *Röm als abwesend gelten (Röm 15,10). Hier an dieser Stelle, die ein Zitat aus Dtn 32,43 darstellt, 397 und überhaupt auf der kanonischen Ebene von Paulus erfreut sich das Verb einiger Beliebtheit. Es geht um das Erfreuen von Paulus selbst (2Kor 2,2), in Gal 4,27 steht es wieder in einem Zitat aus der jüdischen Schrift, 430 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="431"?> 398 Gal 4,27: γέγραπται γάρ, Εὐφράνθητι, στεῖρα ἡ οὐ τίκτουσα: ῥῆξον καὶ βόησον, ἡ οὐκ ὠδίνουσα: ὅτι πολλὰ τὰ τέκνα τῆς ἐρήμου μᾶλλον ἢ τῆς ἐχούσης τὸν ἄνδρα; vgl. Is 54,1 LXX: Εὐφράνθητι, στεῖρα ἡ οὐ τίκτουσα, ῥῆξον καὶ βόησον, ἡ οὐκ ὠδίνουσα, ὅτι πολλὰ τὰ τέκνα τῆς ἐρήμου μᾶλλον ἢ τῆς ἐχούσης τὸν ἄνδρα, εἶπεν γὰρ κύριος. 399 Apg 2,26: διὰ τοῦτο ηὐφράνθη ἡ καρδία μου καὶ ἠγαλλιάσατο ἡ γλῶσσά μου, ἔτι δὲ καὶ ἡ σάρξ μου κατασκηνώσει ἐπ’ ἐλπίδι; vgl. Ps 15,9 LXX: διὰ τοῦτο ηὐφράνθη ἡ καρδία μου, καὶ ἠγαλλιάσατο ἡ γλῶσσά μου, ἔτι δὲ καὶ ἡ σάρξ μου κατασκηνώσει ἐπ᾽ ἐλπίδι. 400 Vgl. S.-406. Jes 54,1. 398 Auch in Apg 2,26 steht es wieder in einem solchen Zitat, dieses Mal aus Ps 15 genommen, 399 der uns bereits zuvor beim Verb ἀγαλλιάω begegnet ist. 400 Und in Apg 7,41 findet es sich erneut in der Beschreibung Israels, das sich dem selbstgeschaffenen Götzenwerk erfreut. Auch in Apk begegnet εὐφραίνω (Apk 11,10; 12,12; 18,20), wobei auch hier, in Apk 12,12, es aus den jüdischen Schriften gezogen ist, und zwar wie in Röm 15,10 aus Dtn 32,43. Auch Apk 18,20 lässt die jüdische Schrift anklingen, allerdings ist dieser Vers Jer 51,48 in der Septuaginta nicht erhalten. Eindrucksvoll zeigt sich nicht nur neuerlich die Konsistenz der vorkanoni‐ schen Ebene, sondern auch die der kanonischen Redaktion, wobei sich wie‐ derum nahelegt, dass auch die zu dieser Redaktion gehörenden Evangelien km Mt, km Mk, km Lk, km Joh diesen Begriff entbehrten, und er erst auf der Ebene der er‐ weiterten Sammlung mit der Hinzunahme von und in Überarbeitung von km Apg, der Abfassung von Röm 15-16, der Überarbeitung der sieben *Paulusbriefe und dem Zuschluss von Apk diese redaktionellen Elemente aufgenommen wurden, wiederholt als Rückbindung des Textes an die jüdischen Schriften. Es ist diese Rückbindung an jüdische Schriften, die Markion in seiner Präfatio kritisiert hatte, was aber vermutlich gerade deshalb eine Motivation bildete, um diesen Zug der Rückbindung an die Schrift innerhalb der erweiterten Sammlung noch erheblich deutlicher zu machen. Einen teilweise parallelen Fall bildet die Wortgruppe πρεσβεία, πρεσβεύω, πρεσβυτέριον, πρεσβύτερος, denn sie begegnet in Lk 15,25 und Lk 22,52, beide Male in explizit als vorkanonisch abwesend markierten Perikopen, und weist weitere Elemente auf, wie sie im voran besprochenen Vergleich begegneten. Man vergleiche auch πρεσβύτης, das sich in Lk 1,18 findet, in der Ankündigung der Geburt des Johannes, die in *Ev fehlt, dann wieder in Phlm 1,9 und Tit 2,2. Ebenso betrachte man πρεσβῦτις, das nur in Tit 2,3 steht. Trotz der reichen Bezeugung allein von πρεσβύτερος (66 Belege im Neuen Testament) ist die Wortgruppe weder für *Ev noch für *Paulus bezeugt. §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 431 <?page no="432"?> 401 Vgl. M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 1162. 402 E. Lohmeyer, Das Evangelium des Markus (1967), 153. Im Folgenden geht es um eine zentrale Gruppe für die frühchristliche Liturgie, die bis auf eine Ausnahme auf der vorkanonischen Ebene, sowohl für *Ev wie *Paulus, unbezeugt ist: εὐχαριστέω, εὐχαριστία, εὐχάριστος. Die Ausnahme am Anfang. Zwar haben wir eine unterschiedliche Bezeugung für *Ev 10,21, insofern Tertullian „Gratias enim, inquit, ago et confiteor“ bietet, während Epiphanius lediglich εὐχαριστῶ σοι anführt, doch auch wenn Tertullian zusätzlich das für Lk bezeugte ἐξομολογοῦμαί σοι zu lesen scheint, bestätigen doch beide, Tertullian und Epiphanius, die Benutzung von εὐχαριστῶ σοι als Teil der Worte Jesu. In Lk 17,16 könnte das Verb vielleicht ebenfalls gestanden sein, und zwar im Zusammenhang des Samariters, der Gott dankt (Tert.: „deo gratiam reddidit Samarites“), wenn man aber Lk 22,17. 19 hinzunimmt - Lk 18,11 ist unbezeugt für *Ev - und sieht, dass Klinghardt mit Recht auf die Lesart für Lk 22,17 in d verweist, die sich von 05 unterscheidet und benedixit bietet, was zurecht mit εὐλογήσας von ihm wiedergegeben wird, und dass dann für Vers Lk 22,19 in d wiederum benedixit steht und durch Adamantius das εὐλογήσας bestätigt wird, 401 ist wohl auch damit zu rechnen, dass wir auch für Lk 17,16 in der Vorlage *Ev mit εὐλογέω („segnen“) anstelle von εὐχαριστέω („danken“) zu rechnen haben. Andererseits könnte man auf *Ev 10,21 verweisen, wo Tertullian εὐχαριστῶ σοι mit „gratias ago“ wiedergegeben hat. Der Einstieg in die Diskussion ist mit Hypothesen belastet, erst die weiteren Vergleiche werden den Einblick vertiefen. Mk 8,6 bietet bei der Erzählung von der Speisung der Viertausend folgenden Text: „Da forderte er die Leute auf, sich auf den Boden zu setzen. Dann nahm er die sieben Brote, sprach das Dankgebet (εὐχαριστήσας), brach die Brote und gab sie seinen Jüngern zum Verteilen; und die Jünger teilten sie an die Leute aus.“ Mk bietet folglich einen „Dank“ zum Brot, der einen „Anklang an den Wortlaut des Abendmahlberichtes“ hören lässt. 402 Im Bericht zum Abendmahl heißt es dann in Mk 14,22-24: „22 Während des Mahls nahm er das Brot und sprach den Segen; dann brach er das Brot, reichte es ihnen und sagte: Nehmt, das ist mein Leib. 23 Dann nahm er den Kelch, sprach das Dankgebet (εὐχαριστήσας), gab ihn den Jüngern und sie tranken alle daraus. 24 Und er sagte zu ihnen: Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird.“ 432 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="433"?> 403 Lohmeyer unterscheidet nicht, sondern übersetzt mit „danken“, im zugehörigen Kom‐ mentar spricht er jedoch vom „Segen“, ibid. 302-303 Hier ist Schmid präziser, der zwischen beidem unterscheidet, vgl. J. Schmid, Das Evangelium nach Markus (1938), 165-167. Auch Grundmann macht einen Unterschied, reflektiert aber nicht darüber, W. Grundmann, Das Evangelium nach Markus (1971), 284-285. McGowan hat darauf hinge‐ wiesen, dass die Terminologie „unterbewertet ist bei der Interpretation frühchristlicher Mähler“ („Names thus remain underutilized in interpreting early Christian meals“), A. MacGowan, The Myth of the „Lord’s Supper“: Paul’s Eucharistic Meal: Terminology and Its Ancient Reception (2015), 504. Es erstaunt, dass Mk hier - im Unterschied zu Mk 8,6 - mit dem Brot nicht das „Dankgebet“ verbindet, sondern den „Segen“. 403 Auch in Mt 14,19 bei der Speisung der Fünftausend (vgl. die Parallele in Mk 6,41) heißt es εὐλόγησεν καὶ κλάσας ἔδωκεν τοῖς μαθηταῖς τοὺς ἄρτους. Hingegen in Mt 15,36 bei der Speisung der Viertausend lesen wir: „Und er nahm die sieben Brote und die Fische, sprach das Dankgebet (εὐχαριστήσας), brach sie und gab sie den Jüngern und die Jünger gaben sie den Menschen.“ Deutlich steht auch dieser Text in Nähe zum Bericht über das Abendmahl, Mt 26,26-28 (vgl. zuvor Mk 14,22-24): „26 Während des Mahls nahm Jesus das Brot und sprach den Segen (εὐλογήσας); dann brach er das Brot, reichte es den Jüngern und sagte: Nehmt und esst; das ist mein Leib. 27 Dann nahm er den Kelch, sprach das Dankgebet (εὐχαριστήσας), gab ihn den Jüngern und sagte: Trinkt alle daraus; 28 das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.“ Wie im Bericht von Mk unterscheidet auch Mt im Abendmahlbericht zwischen dem Segen über das Brot und dem Dank über den Kelch. Auch wenn zu Lk bereits etwas gesagt wurde, seien die Stellen hier detail‐ lierter aufgeführt. In Lk gibt es keine Parallelstelle zur Speisung der Viertausend, wohl aber der Fünftausend, Lk 9,16: „Jesus aber nahm die fünf Brote und die zwei Fische, blickte zum Himmel auf, segnete sie (εὐλόγησεν) und brach sie; dann gab er sie den Jüngern, damit sie diese an die Leute austeilten.“ Ein Dank begegnet in Lk 17,16 im Mund des Samariters. Erneut findet sich der Dank im Mund des Pharisäers: „Gott, ich danke (εὐχαριστῶ) dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner dort“ (Lk 18,11). Schließlich kehrt der Dank wieder im Abendmahlsbericht: „17 Und er nahm einen Kelch, sprach das Dankgebet (εὐχαριστήσας) und sagte: Nehmt diesen und teilt ihn untereinander! 18 Denn ich sage euch: Von nun an werde ich nicht mehr von der Frucht des Weinstocks trinken, bis das Reich Gottes kommt. 19-Und er nahm Brot, sprach das Dankgebet (εὐχαριστήσας), brach es und reichte es ihnen mit §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 433 <?page no="434"?> den Worten: Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Tut dies zu meinem Gedächtnis! 20 Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sagte: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird.“ (Lk 22,17-20) In diesem Bericht in Lk fällt für unseren Zusammenhang zweierlei auf: Lk kennt einen Mahleingangskelch, aus dem alle trinken. Auf ihn folgt das Brot, dann ein weiterer Kelch „nach dem Mahl“; von einem Segensgebet ist nicht die Rede, obwohl es in der Speisung der Fünftausend stand, stattdessen wird zwei Mal von einem Dankgebet gesprochen. Auch Joh kennt eine Speisung der Fünftausend mit einem Gebet Joh 6,11 (vgl. auch Joh 6,23): „Dann nahm Jesus die Brote, sprach das Dankgebet (εὐχαριστήσας) und teilte an die Leute aus, so viel sie wollten; ebenso machte er es mit den Fischen.“ Joh spricht wieder vom Dank im Zusammenhang mit der Erweckung des Lazarus ( Joh 11,41): „Da nahmen sie den Stein weg. Jesus aber erhob seine Augen und sprach: Vater, ich danke (εὐχαριστῶ) dir, dass du mich erhört hast.“ Allerdings berichtet Joh nicht von den Worten Jesu beim Abschiedsmahl. Während das Nomen in keinem der Evangelien begegnet, werden Verb und Nomen geradezu inflationär bei Paulus benutzt. Zunächst begegnet das Verb in allen Brieferöffnungen mit Ausnahme von Gal: Röm 1,8: „Zuerst danke ich meinem Gott durch Jesus Christus für euch alle, dass euer Glaube verkündet wird in der ganzen Welt.“ 1Kor 1,4-5: „4 Ich danke meinem Gott jederzeit euretwegen für die Gnade Gottes, die euch in Christus Jesus geschenkt wurde, 5 dass ihr an allem reich geworden seid in ihm, in jeglichem Gedanken und jeglicher Erkenntnis.“ 2Kor 1,11: „wobei auch ihr durch das Gebet für uns mithelft, damit von vielen Personen für die uns gegebene Gnade durch viele für uns gedankt wird.“ Phil 1,3-5: „3 Ich danke meinem Gott bei jeder Erinnerung an euch, 4 allezeit in jedem meiner Gebete für euch alle, indem ich mein Gebet mit Freuden darbringe, 5 wegen eurer Teilnahme am Evangelium vom ersten Tag an bis jetzt.“ 1Thess 1,2: „Wir danken Gott allezeit für euch alle, indem wir euch in unseren Gebeten erwähnen“ (vgl. auch 1Thess 2,13: „Deshalb danken wir auch Gott unablässig dafür, dass ihr, als ihr das von uns verkündigte Wort Gottes empfingt, es nicht als Menschenwort aufnahmt, sondern als das, was es in Wahrheit ist: als das Wort Gottes, das in euch wirkt, die ihr glaubt“). Phlm 1,4: „Ich danke meinem Gott jedes Mal, wenn ich bei meinen Gebeten deiner gedenke.“ Auch in den Deuteropaulinen: 434 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="435"?> Eph 1,15-16: „Darum höre ich nicht auf, für euch zu danken, wenn ich in meinen Gebeten an euch denke; denn ich habe von eurem Glauben an Jesus, den Herrn, und von eurer Liebe zu allen Heiligen gehört.“ Kol 1,3: „Wir danken Gott, dem Vater unseres Herrn Jesus Christus, und beten allezeit für euch“ (vgl. auch Kol 1,12: „und dem Vater Dank sagt, der euch tüchtig gemacht hat zum Anteil am Erbe der Heiligen im Licht“). 2Thess 1,3: „Wir müssen Gott immer für euch danken, Brüder, wie es recht ist, weil euer Glaube außerordentlich wächst und die Liebe jedes Einzelnen von euch allen gegenüber den anderen zunimmt“ (vgl. auch 2Thess 2,13: „Wir aber müssen Gott immer für euch danken, Brüder, die vom Herrn geliebten, dass Gott euch von Anfang an erwählte zur Rettung durch die Heiligung des Geistes und Glauben an die Wahrheit“). Dann findet sich der Dank auch in den Schlussgrüßen von Röm 16,3-4: „3 Grüßt Prisca und Aquila, meine Mitarbeiter in Christus Jesus, 4 die für mein Leben ihren eigenen Hals hingehalten haben, denen nicht allein ich danke, sondern auch alle Gemeinden der Heiden.“ Ähnlich auch in 1Thess 5,18: „Dankt in allem; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus für euch.“ Nachdem keine dieser Danksagungen vorkanonisch bezeugt ist, aber auch sonst lexikalisch Danksagungen der kanonischen Redaktion zuzuweisen sind, zeigt sich in diesen Eingangsformulierungen der Versuch, eine stilistische Kohärenz über die meisten der paulinischen Briefe zu legen und den Eindruck zu erwe‐ cken, sie bildeten ein einheitliches Korpus. Dass *Ev 10,21 das εὐχαριστῶ σοι in Jesu Mund legt, könnte vielleicht den Ausschlag für die kanonische Redaktion gebildet haben, auch in den konstruierten Evangelienberichten dieses Wort zu benutzen, das dann, wie gezeigt, immer stärker eine liturgisch-eucharistische Färbung bekam. Das Nichtdanken wird in Röm 1,21 (vielleicht auch vorkanonisch präsent) zur Abgrenzung gegenüber den Völkern und zur eigenen Identitätsbeschreibung ex negativo: „Denn obwohl sie Gott kannten, haben sie ihn doch nicht als Gott verherrlicht oder ihm gedankt (ηὐχαρίστησαν), sondern sind in ihren Gedanken in nichtigen Wahn verfallen, und ihr unverständiges Herz wurde verfinstert.“ Diesen gegenüber ist der Dank für den kanonischen Paulus von Bedeutung: In Röm 7,25 dankt Paulus Gott für sein rettendes Handeln an ihm, in 1Kor 1,14 dafür, dass er „niemanden“ seiner Adressaten „getauft habe, außer Krispus und Gaius.“ Röm 14,6-7: „6 …wer isst, isst für den Herrn und dankt Gott; wer nicht isst, enthält sich für den Herrn und dankt Gott. 7 Denn keiner von uns lebt sich selbst, und keiner stirbt §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 435 <?page no="436"?> sich selbst“ In ähnlichem Zusammenhang steht 1Kor 10,30: „Wenn ich in Dankbarkeit mitesse, warum soll ich für das verunglimpft werden, wofür ich gedankt habe? “ Im Kontext des Abendmahls steht 1Kor 11,24: „… den Dank sprach, es brach und sagte: Das ist mein Leib für euch. Tut dies zu meinem Gedächtnis! “ Eine inhaltliche Bestimmung, wie man danken soll, gibt Paulus in 1Kor 14,16-18: „16 Wenn du nur im Geist den Lobpreis sprächst (εὐλογῇς) und ein Unkundiger anwesend ist, wie kann er zu deinem Dankgebet (εὐχαριστίᾳ) das Amen sprechen; er versteht ja nicht, was du sagst. 17-Dein Dankgebet (εὐχαριστεῖς) mag noch so gut sein, aber der andere wird nicht auferbaut. 18 Ich danke (εὐχαριστῶ) Gott, dass ich mehr als ihr alle in Zungen rede.“ An dieser Stelle scheinen εὐλογεῖν und εὐχαριστεῖν synonym verstanden zu sein. Eph 5,20: … „und sagt allezeit Gott, dem Vater, Dank (εὐχαριστοῦντες) für alles in dem Namen unseres Herrn Jesus Christus.“ Ähnlich wie hier fügt Kol 3,15-17 einen solchen Aufruf in den Text ein: „15 Und der Friede Christi regiere in euren Herzen, zu dem ihr auch in einem Leib berufen seid; und seid dankbar (εὐχάριστοι). 16 Lasst das Wort Christi reichlich in euch wohnen in aller Weisheit; lehrt und ermahnt einander mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern, singt Gott dankbar in euren Herzen. 17 Und alles, was ihr tut in Wort oder Werk, tut alles im Namen des Herrn Jesus, und dankt (εὐχαριστοῦντες) Gott, dem Vater, durch ihn.“ Zwar geht es in Apg 27,35 um Nahrungsaufnahme, aber der Bezug zum Abendmahl bzw. zur Eucharistie, wie zuvor bei Paulus (1Kor 11,24), ist unverkennbar: „Nach diesen Worten nahm er Brot, dankte Gott vor den Augen aller, brach es und begann zu essen.“ Paulus, der Gott dankt, steht auch in Apg 28,15. Ein Dankgebet formuliert Apk 11,17: „Wir danken dir, Herr und Gott, / du Herrscher über die ganze Schöpfung, / der du bist und der du warst; denn du nahmst deine große Macht in Anspruch / und tratest die Herrschaft an.“ Das Nomen εὐχαριστία begegnet nicht vorkanonisch, weder in *Ev noch in *Paulus, und findet sich auch nicht in einem der vier Evangelien. Dafür steht es desto öfter auf der kanonischen Stufe in den Paulinen, auch in Apg 24,3 und zwei Mal in Apk: Zunächst in 1Kor 14,16, einer Stelle, die gerade schon angeführt wurde. 2Kor 4,15: „Denn alles tun wir euretwegen, damit die Gnade, die überreich geworden ist, durch immer mehr den Dank vervielfachen mögen zur Herrlichkeit Gottes.“ Ähnlich formuliert Paulus 1Thess 3,9: „Denn was können wir Gott für euch als Dank geben für all die Freude, mit der wir uns wegen euch vor unserem Gott freuen? “ 2Kor 9,11-12: „11 sodass ihr in allem reich werdet zu aller Freigebigkeit, die durch uns Dank zu Gott bewirkt. 12 Denn der Dienst dieses Werkes erfüllt nicht nur den Mangel der Heiligen, sondern bringt auch reichlich vielen Dank zu Gott.“ Die Stelle 436 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="437"?> 404 Vgl. zu den Lemmata in M. Vinzent, Concordance to the Precanonical and Canonical New Testament (2023), 222-223. Es ist deshalb bemerkenswert, wenn in der Studie wurde weiter oben (zu λειτουργία) bereits behandelt, da in ihr der finanzielle Aspekt der Spendensammlung anklingt. Phil 4,6: „Seid um nichts besorgt, sondern in allem lasst durch Gebet und Flehen mit Danksagung eure Anliegen vor Gott kundwerden.“ Dann findet sich εὐχαριστία auch in den Deuteropaulinen: Eph 5,4 in der Ermahnung: … „auch nicht schändliches und närrisches oder loses Reden, was unanständig ist, sondern vielmehr Danksagung.“ Kol 2,7: … „verwurzelt und aufgebaut in ihm und gefestigt im Glauben, wie ihr gelehrt worden seid, und überfließend in Danksagung.“ Kol 4,2: „Seid beharrlich im Gebet und wacht darin mit Danksagung.“ Auch in 1Tim: 1Tim 2,1: „Vor allem fordere ich zu Bitten und Gebeten, zu Fürbitte und Danksagung auf, und zwar für alle Menschen.“ 1Tim 4,3-4: „3 Sie verbieten die Heirat und fordern den Verzicht auf bestimmte Speisen, die Gott doch dazu geschaffen hat, dass die, die zum Glauben und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangt sind, sie mit Danksagung zu sich nehmen. 4 Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut und nichts ist verwerflich, wenn es mit Dank genossen wird.“ Apg 24,1-3: „1 Nach fünf Tagen kam der Hohepriester Hananias mit einigen Ältesten und dem Anwalt Tertullus herab und sie brachten beim Statthalter ihre Klage gegen Paulus vor. 2 Er wurde herbeigeholt und Tertullus erhob Anklage mit folgenden Worten: Tiefen Frieden genießen wir durch dich und durch deine Umsicht hat sich für dieses Volk vieles gebessert. 3 Das erkennen wir immer und überall mit großer Dankbarkeit an, erlauchter Felix.“ Auch in der Apokalypse: Apk 4,9: „Und wenn die Lebewesen dem, der auf dem Thron sitzt und in alle Ewigkeit lebt, Herrlichkeit und Ehre und Dank erweisen.“ Apk 7,12 in einer Gebetsform: „Amen, Lob und Herrlichkeit, Weisheit und Dank, Ehre und Macht und Stärke unserem Gott in alle Ewigkeit. Amen.“ Überschauen wir die Belege, konstatieren wir, dass das Verb sicher in *Ev 10,21 und allenfalls nochmals in *Ev 17,16 stand, beide Male allerdings in einem nichtliturgischen und nicht mit dem Abschiedsmahl oder dem Abendmahl verbundenen Kontext. An Stellen, an denen vom Abschiedsmahl des Herrn die Rede ist oder auf dieses angespielt wird, begegnet der andere Begriff von „Segen/ Segnen“ oder „Lobpreis/ Lobpreisen“ (εὐλογία/ εὐλογέω), der vorkano‐ nisch sowohl in *Ev wie *Paulus, und dann auch in allen vier Evangelien zu finden ist. 404 Dieser hat sich auch im Kontext der Eucharistie in den beiden §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 437 <?page no="438"?> von Lies nach einer Durchsicht der damals aktuellen Forschungsliteratur festgestellt wird, dass die „Eulogia als Grundgestalt der Eucharistie“ zu betrachten sei, L. Lies, Eulogia---Überlegungen zur formalen Sinngestalt der Eucharistie (1978), 93-97. 405 Zur Differenzierung zwischen der ersten und der zweiten kanonischen Redaktion vgl. man v.-a. §-13. 406 Vgl. M. Vinzent, Die Auferstehung Christi im frühen Christentum (2014), 265-302. Zum Vergleich von Paulus und der Didache (wobei er die Form der Didache für die ältere hält) vgl. V.A. Alikin, The Earliest History of the Christian Gathering: Origin, Development and Content of the Christian Gathering in the First to Third Centuries (2010), 103-114. synoptischen Evangelien Mt und Mk erhalten, doch bemerkenswert ist, dass er im Unterschied zu Lk 24,30 in Lk 22,17. 19 εὐχαριστεῖν gewichen ist. Überhaupt lässt sich die wachsende Bedeutung dieses Verbs - das Nomen ist in keinem der vier Evangelien anzutreffen - auf der kanonischen Ebene feststellen. Das kann man nicht nur an seiner Präsenz in Joh ablesen, sondern vor allem an seinem fest markierten Einsatz in den Eröffnungen von neun paulinischen Briefen, wie auch an dem Einsatz des Verbes innerhalb einiger dieser Briefe, und zwar sowohl außerhalb des Eucharistiebezugs wie innerhalb desselben. Auch die Apg bildet mit ihren zwei Belegen einen Link zu den beiden wichtigsten semantischen Feldern, die im kanonischen Paulus präsent sind: Eucharistie und Dank des Paulus. Auch das Nomen begegnet schließlich auf der kanonischen Ebene in den Paulinen, inklusive der Deuteropaulinen und der Pastoralbriefe, Verb und Nomen begegnen in der Apk. Ergänzend sei darauf hingewiesen, dass auch einige wenige weitere Termini für Mähler im Neuen Testament zu finden sind, vom „Brechen des Brotes“ war oben (zu ἀγαλλίασις) die Rede (Apg 2,42. 46; vgl. Lk 24,35), dann etwa von ἀγάπη (Jud 1,12). All dies deutet darauf hin, dass im Unterschied zur vorkanonischen Ebene die Wortgruppe vor allem Einzug gehalten hat, als die zweite kanonische Redaktion 405 die größere Sammlung zusammengestellt hat und in diesem Zuge die Texte überarbeitete. Gerade der Eucharistie- und Liturgiebezug spricht für ein stärker institutionalisiertes und ritualisiertes Umfeld. Wollte man zeitgenössische Vergleichsliteratur hinzuziehen, wird man wieder auf die zweite Hälfte des zweiten Jahrhundertkommen. 406 Das Nomen findet sich in der Sieben-Briefe-Sammlung des Ignatius (IgnEph 13: συνέρχεσθαι εἰς εὐχαριστίαν θεοῦ καὶ εἰς δόξαν), fehlt jedoch noch in der vorangegangenen Drei-Briefe-Sammlung, es findet sich in Justin, 1Apol 66,1 als Terminus, der offenkundig noch nicht gut eingeführt ist (ἡ τροφὴ αὕτη καλεῖται παρ‘ ἡμῖν εὐχαριστία), in Iren, Adv. haer. IV 18,5 und in der leider nicht näher als auf das zweite Jahrhundert datierbaren Didache (Did 9,1). 407 438 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="439"?> 407 Vgl. J. Bremmer, Eucharist and Agapê in the Later Second Century: The Case of the Older Apocryphal Acts and the Pagan Novel (2020). 408 Epiph., Pan., Scholion 28; vgl. M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 891; J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 162. Eine wichtige Wortgruppe ist die folgende mit θυμίαμα, θυμιατήριον, θυμιάω und dem häufiger stehenden θυσιαστήριον. Zunächst gilt es festzuhalten - all diese Termini begegnen ausschließlich auf der kanonischen Ebene und sind für die vorkanonische Ebene, was *Ev betrifft, als fehlend bezeugt. Sie stehen nämlich gehäuft in der Kindheitsgeschichte des Lk, die nachweislich in *Ev fehlt, dann aber auch nur einmal inmitten von Lk (Lk 11,51), doch gerade für die Passage Lk 11,49-51 liegt uns ein expliziter Auslassungsvermerk des Epiphanius vor. 408 Schauen wir uns zunächst das häufigere θυσιαστήριον näher an. Von Zacharias berichtet Lk im ersten Kapitel: „10 Während er nun zur festgelegten Zeit das Rauchopfer darbrachte, stand das ganze Volk draußen und betete. 11 Da erschien dem Zacharias ein Engel des Herrn; er stand auf der rechten Seite des Rauchopferaltars (θυσιαστηρίου τοῦ θυμιάματος).“ (Lk 1,10-11) Auf Zacharias kommt Lk 11,51 zurück, wenn damit auch ein anderer Zacharias gemeint ist als in der Kindheitsgeschichte - doch gerade die Namensgleichheit, verbunden mit der wiederauftauchenden Terminologie bestätigt, dass es hier nicht um historische Personen geht, sondern um narrative Verbindungen: „… vom Blut Abels bis zum Blut des Zacharias, der zwischen Altar und Tempelhaus umgebracht wurde. Ja, das sage ich euch: An dieser Generation wird es gerächt werden.“ Auch Mt kennt die Terminologie (Mt 5,23-24): „23 Wenn du deine Opfergabe zum Altar (θυσιαστήριον) bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, 24 so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe! “ Und wie in Lk verknüpft Mt mit derselben Phantomgestalt des Zacharias, der hier sogar näher bestimmt wird mit einem Vaternamen, für den wir keine weitere Information besitzen, nochmals die Terminologie in Mt 23,18-20. 35: „18 Auch sagt ihr: Wenn einer beim Altar schwört, gilt es nicht, wenn er aber bei dem Opfer schwört, das auf dem Altar liegt, gilt es. 19 Ihr Blinden! Was ist wichtiger: das Opfer oder der Altar, der das Opfer erst heilig macht? 20 Wer beim Altar schwört, §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 439 <?page no="440"?> 409 Vgl. 1Kg 19,10. 14: 10 καὶ εἶπεν Ηλιου Ζηλῶν ἐζήλωκα τῷ κυρίῳ παντοκράτορι, ὅτι ἐγκατέλιπόν σε οἱ υἱοὶ Ισραηλ· τὰ θυσιαστήριά σου κατέσκαψαν καὶ τοὺς προφήτας σου ἀπέκτειναν ἐν ῥομφαίᾳ, καὶ ὑπολέλειμμαι ἐγὼ μονώτατος, καὶ ζητοῦσι τὴν ψυχήν μου λαβεῖν αὐτήν. … 14 καὶ εἶπεν Ηλιου Ζηλῶν ἐζήλωκα τῷ κυρίῳ παντοκράτορι, ὅτι ἐγκατέλιπον τὴν διαθήκην σου οἱ υἱοὶ Ισραηλ· τὰ θυσιαστήριά σου καθεῖλαν καὶ τοὺς προφήτας σου ἀπέκτειναν ἐν ῥομφαίᾳ, καὶ ὑπολέλειμμαι ἐγὼ μονώτατος, καὶ ζητοῦσι τὴν ψυχήν μου λαβεῖν αὐτήν. 410 Hebr 13,10: ἔχομεν θυσιαστήριον ἐξ οὗ φαγεῖν οὐκ ἔχουσιν ἐξουσίαν οἱ τῇ σκηνῇ λατρεύοντες („Wir haben einen Altar, von dem zu essen die Diener des Zeltes keine Erlaubnis haben“). der schwört bei ihm und bei allem, was darauf liegt. … 35 So wird all das unschuldige Blut über euch kommen, das auf Erden vergossen worden ist, vom Blut Abels, des Gerechten, bis zum Blut des Zacharias, Barachias Sohn, den ihr zwischen dem Tempelgebäude und dem Altar ermordet habt.“ Während in Lk, Zacharias und die Altar- und Opferterminologie die innere narrative Kohärenz stärkten, führt diese Notiz zu einer Kohärenzverstärkung zwischen Lk und Mt. Doch diese beschränkt sich nicht nur auf die beiden synoptischen Evangelien, sondern die kanonische Redaktion nimmt auch in Röm wieder Bezug auf dieses Thema, wenn Röm 11,3 dem Jesaja in den Mund gelegt wird, aus 1Kg 19,10. 14 gezogen: „Herr, sie haben deine Propheten getötet, deine Altäre niedergerissen, und ich bin übriggeblieben, ich allein, und sie trachten mir nach dem Leben.“ 409 Das Töten wird in Apk 6,9 jedoch nicht mehr auf die Propheten bezogen, sondern auf die „unter dem Opferaltar“ geschauten „Seelen derer, die hingeschlachtet worden waren wegen des Wortes Gottes und wegen des Zeugnisses, das sie abgelegt hatten.“ Bei einem Vergleich der Verkündigung des Evangeliums mit dem Altardienst plädiert Paulus dafür, dass das erste auch entlohnt werden soll, so wie das zweite entlohnt wird (1Kor 9,13). Dieselbe Position wird kurz später, 1Kor 10,18, wiederholt: „Seht das Israel dem Fleisch nach, sind nicht die, die die Opfer essen, Teilhaber am Opferaltar (θυσιαστηρίου)? “ Erneut begegnet diese Terminologie lediglich in Hebr, in Jak und der Apk, etwa Hebr 13,10, wo der Altar als unzugänglich für die Diener des Zeltes, also die Israeliten, genannt wird. 410 In Jak 2,21 wird an Abraham und Isaak erinnert: „Abraham, unser Vater, wurde er nicht aus den Werken als gerecht anerkannt, als er seinen Sohn Isaak auf den Opferaltar (θυσιαστήριον) legte? “ Die Apk schließlich spiritualisiert diese Termini und nennt etwa Apk 5,8 die „Gebete der Heiligen“ „Opfer“, um nur eine Stelle herauszugreifen. Dieser Überblick zeigt erneut, dass wir es nicht nur mit einer übereinstim‐ menden Abwesenheit der gesamten Terminologie auf der vorkanonischen 440 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="441"?> 411 Epiph., Pan., Scholion 41; vgl. M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 953; J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 170. Ebene zu tun haben, sondern auch mit unterscheidbaren kanonischen Redak‐ tionen. Auf der Ebene der km Evangelien scheinen diese Einträge noch gefehlt zu haben, sie hätten ansonsten wohl ein Echo in anderen Schriften hinterlassen - was dafür spricht, dass auch die Kindheitsgeschichte des Lk zu großen Teilen zur zweiten kanonischen Redaktion gehört. Das erklärt, warum die bei dieser Wort‐ gruppe verhandelte Terminologie insbesondere zur Kohärenzbildung innerhalb von Lk dient, dann auch zu der von Lk und Mt, was erst notwendig wurde, als die km Evangelien zur größeren Sammlung zusammengestellt und miteinander teilweise harmonisiert wurden. Bei dieser Gelegenheit wurden gerade auch die in ihrer Zugehörigkeit zur Sammlung umstrittenen Schriften Hebr, Jak und Apk durch diese terminologischen Verbindungen in der Zuordnung und in ihrer Zugehörigkeit zu ihr gestärkt. Zwar begegnet ἰατρός an einer Stelle vorkanonisch (*Ev 5,31), doch fehlen ἰάομαι und ἴασις. Für die Perikope Lk 13,31-35 liegt eine ausdrückliche Auslas‐ sungsnotiz von Epiphanius vor. 411 Der Vers Lk 13,32 lautet: „Er antwortete ihnen: Geht und sagt diesem Fuchs: Siehe, ich treibe Dämonen aus und vollbringe Heilungen (ἰάσεις), heute und morgen, und am dritten Tag werde ich vollendet.“ Das Nomen steht sonst nur noch in der Apostelgeschichte, Apg 4,22: „Denn der Mann, an dem das Zeichen der Heilung (ἰάσεως) geschah, war über vierzig Jahre alt“, und kurz darauf Apg 4,30 innerhalb eines Gebetes: „Streck deine Hand aus, damit Heilungen (ἴασιν) und Zeichen und Wunder geschehen durch den Namen deines heiligen Knechtes Jesus! “ Zum Verb ἰάομαι ist zu bemerken, dass es vorkanonisch nicht bezeugt ist, weder für *Ev noch für *Paulus, und es fehlt überhaupt jeder Eintrag auch für den kanonischen Paulus (mit Ausnahme des Hebräerbriefes). Gleichwohl steht es häufiger als das Nomen, etwa Lk 4,18; 6,19; 9,2; 22,51, in Versen oder Versteilen, die in *Ev fehlen. Erstmals bei Lk - in *Ev fehlt diese Passage, darum wird hier der Versuch gemacht, eine aus den Zeugen, die unten angegeben sind, hypothetisch erschlos‐ sene km Fassung von Lk, die allerings die in NA 28 gewählt ist, mit dem wohl kanonischen Text von Lk zu vergleichen - steht der Begriff ausgerechnet in der Antrittsrede, die Jesus in Nazareth hält, indem er aus der Jesajarolle vorliest: §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 441 <?page no="442"?> km Lk 4,18 Lk 4,18 Πνεῦμα κυρίου ἐπ’ ἐμέ, οὗ εἵνεκεν ἔχρισέν με εὐαγγελίσασθαι πτωχοῖς, ἀπέσταλκέν με -κηρύξαι αἰχμαλώτοις ἄφεσιν καὶ τυφλοῖς ἀνάβλεψιν, ἀποστεῖλαι τεθραυσμένους ἐν ἀφέσει. Πνεῦμα κυρίου ἐπ’ ἐμέ, οὗ εἵνεκεν ἔχρισέν με εὐαγγελίσασθαι πτωχοῖς, ἀπέσταλκέν με, ἰάσασθαι τοὺς συντετριμμένους τὴν καρδίαν, κηρύξαι αἰχμαλώτοις ἄφεσιν καὶ τυφλοῖς ἀνάβλεψιν, ἀποστεῖλαι τεθραυσμένους ἐν ἀφέσει. km Lk 4,18 Lk 4,18 Der Geist des Herrn ruht auf mir; / denn er hat mich gesalbt. Er hat mich ge‐ sandt, / damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe; -um den Gefangenen die Entlassung zu verkünden / und den Blinden das Augen‐ licht; damit ich die Zerschlagenen in Frei‐ heit setze. Der Geist des Herrn ruht auf mir; / denn er hat mich gesalbt. Er hat mich ge‐ sandt, / damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe; / um die zu heilen, die gebrochenen Herzens sind, um den Gefan‐ genen die Entlassung zu verkünden / und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze. Nach den folgenden Zeugen ist der Passus aus Jes 61,1 (ἰάσασθαι τοὺς συντετριμμένους τῇ καρδίᾳ), in welchem unser Terminus steht, ausgelassen: 01, 03, 05, 019, 032, 040, f 13 , 33,579, 700, 892*, lat sy s , co, Or, Eus, Did, hingegen wird der Passus unter Verwendung des Akkusativs τὴν καρδίαν geboten in 02, 017, 036, 037, 038, 044, 0102, f 1 , 565, 892 c , 1241, 1424, 2542, M, f, vg cl , sy p.h , bo mss , Ir lat . Wichtig ist hier die Bezeugung des Fehlens vor allem in 05, weil Codex Bezae darauf hinweist, dass wir hier den älteren Text zu fassen bekommen. Das aber eröffnet die Möglichkeit, dass wir es mit dem Text von km Lk 4,18 zu tun haben, der unseren Terminus noch nicht bot, und dass dieser Passus erst im Zuge der kanonischen Redaktion der größeren Sammlung einer noch größeren Annähe‐ rung an Jes 61,1 wegen ergänzt wurde. Wenn NA 28 hier durch die Auslassung den älteren Text wiedergibt, folgt die Edition an dieser Stelle der Intention, möglichst autornahe Texte zu bieten - doch sie tut dies im Widerspruch zu der Tatsache, dass der Text im Sammlungszusammenhang der kanonischen Sammlung des kanonischen Neuen Testaments geboten wird. Auf diesen inneren Widerspruch von NA hat bereits Klinghardt hingewiesen, er kann jedoch detailliert werden, indem NA nicht nur „in ungezählten textkritischen Einzelentscheidungen nicht die Formulierungen des Lk als Teil der Kanonischen Ausgabe“ bietet, auch 442 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="443"?> 412 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band-1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 25. 413 Vgl. D.T. Roth, The Text of Marcion’s Gospel (2015), 414; A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 191*. 414 Gegen Harnack, vgl. M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 618-619. 415 Lk 9,2: καὶ ἀπέστειλεν αὐτοὺς κηρύσσειν τὴν βασιλείαν τοῦ θεοῦ καὶ ἰᾶσθαι [τοὺς ἀσθενεῖς]. 416 Vgl. M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 726. nicht als alternative „Lesarten“ des „ältesten vorkanonischen Evangeliums“, 412 sondern, wie hier, den Text des km Lk. Der Terminus kehrt wieder in Lk 5,17/ 6,18-19, wo Lk von der großen heilenden Kraft spricht, die von Jesus ausgehe. Allerdings erwähnt Tertullian das Verb nicht und nur der erste Teil des Verses 19 ist für *Ev bezeugt. 413 Klinghardt macht wahrscheinlich, dass der zweite Teil, der den Passus mit dem Heilen umfasst, nicht von Epiphanius übergangen wurde, sondern in *Ev abwesend war. 414 Das Parallelphänomen begegnet in Lk 9,2, wo der Vers in diesem Fall durch Tertullian bezeugt wird. Lk 9,2 heißt es, dass Jesus die Zwölf „aussandte, das Reich Gottes zu verkünden und die Kranken zu heilen“, 415 doch gerade das Verb „heilen“ ist durch Tertullian, der den Vers anführt, unbezeugt. 416 In Lk 7,7; 8,47; 14,4 steht der Begriff, doch die erste und dritte Passage sind insgesamt für *Ev schwach bezeugt, so dass man hieraus nicht viel ableiten kann, in der zweiten ist dieser Vers nicht bezeugt, auch wenn der Vers davor und zumindest teilweise der Vers danach bezeugt sind. Dennoch lässt sich vermerken, dass auch in der Parallelperikope zu Lk 7,7, in Mt 8, das Verb an zwei Stellen bezeugt ist, und zwar parallel zu Lk 7,7 in Mt 8,8, jedoch zusätzlich noch in Mt 8,13, wo an der Lukasstelle anstelle von ἰάομαι ein ὑγιαίνω benutzt wird. Lk 9,11 ist unbezeugt, jedoch auffallender ist wieder Lk 9,42, wo wir erneut zwei Versionen finden: km Lk 9,42 Lk 9,42 ἔτι δὲ προσερχομένου αὐτοῦ ἔρρηξεν αὐτὸν τὸ δαιμόνιον καὶ συνεσπάραξεν: ἐπετίμησεν δὲ ὁ Ἰησοῦς τῷ πνεύματι τῷ ἀκαθάρτῳ, καὶ ἀφήκεν αὐτὸν καὶ ἀπέδωκεν τὸν παῖδα τῷ πατρὶ αὐτοῦ. ἔτι δὲ προσερχομένου αὐτοῦ ἔρρηξεν αὐτὸν τὸ δαιμόνιον καὶ συνεσπάραξεν: ἐπετίμησεν δὲ ὁ Ἰησοῦς τῷ πνεύματι τῷ ἀκαθάρτῳ, καὶ ἰάσατο τὸν παῖδα καὶ ἀπέδωκεν αὐτὸν τῷ πατρὶ αὐτοῦ. §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 443 <?page no="444"?> 417 Vgl. Jes 6,10 LXX: ἐπαχύνθη γὰρ ἡ καρδία τοῦ λαοῦ τούτου, καὶ τοῖς ὠσὶν αὐτῶν βαρέως ἤκουσαν καὶ τοὺς ὀφθαλμοὺς αὐτῶν ἐκάμμυσαν, μήποτε ἴδωσιν τοῖς ὀφθαλμοῖς καὶ τοῖς ὠσὶν ἀκούσωσιν καὶ τῇ καρδίᾳ συνῶσιν καὶ ἐπιστρέψωσιν καὶ ἰάσομαι αὐτούς. Vgl. auch Fußnote 703. km Lk 9,42 Lk 9,42 Aber noch während er ihn herbrachte, brach der Dämon los und riss ihn zu‐ sammen. Aber Jesus herrschte den un‐ reinen Geist an, so dass er ihn losließ, und er gab den Knaben seinem Vater. Aber noch während er ihn herbrachte, brach der Dämon los und riss ihn zu‐ sammen. Aber Jesus herrschte den un‐ reinen Geist an, heilte den Knaben und gab ihn seinem Vater. Wie bereits in Lk 4,18 liegt auch gerade für die Bezugnahme auf das „Heilen“ wiederum eine Doppelbezeugung vor. Die km Version wird durch die Zeugen 05, e repräsentiert, die hier gegenüber der Mehrheitsbezeugung den oben angegebenen alternativen Text lesen. Da es kaum zufällig sein kann, dass wir gerade bei diesem Begriff „heilen“ erneut auf einen Alternativtext stoßen, wird auch der Befund zur ersten Stelle in seiner Bedeutung verstärkt und die dort angestellte Überlegung, dass wir es nicht mit einer willkürlichen Änderung, sondern mit einer redaktionellen Korrektur zu tun haben, gewinnt an Wahrscheinlichkeit. Das inhaltsstärkere „Heilen“, das, wie Mt 13,15 zeigt, auf Jes 6,10 zurückführt, 417 wird wohl kaum durch ein „ihn Loslassen“ verflacht worden sein, so dass erneut die Version aus Codex Bezae sich als die ältere herausstellt, die konsequenterweise auf der kanonischen Ebene durch „Heilen“ geschärft und alttestamentlich ausgerichtet wurde. Daraus darf man jedoch auch schließen, dass die sonst nur für die kanonische Version bezeugten Stellen, wo „Heilen“ vorkommt, auf dieselbe kanonische Redaktion zurückzuführen sind. Diese Schlussfolgerung wird weiter bestärkt. In Lk 17,15 finden wir erneut eine variante Bezeugung: km Lk 17,15 Lk 17,15 εἷς δὲ ἐξ αὐτῶν, ἰδὼν ὅτι ἐκαθαρίσθη, ὑπέστρεψεν μετὰ φωνῆς μεγάλης δοξάζων τὸν θεόν. εἷς δὲ ἐξ αὐτῶν, ἰδὼν ὅτι ἰάθη, ὑπέστρεψεν μετὰ φωνῆς μεγάλης δοξάζων τὸν θεόν. km Lk 17,15 Lk 17,15 Einer von ihnen aber kehrte um, als er sah, dass er gereinigt war; und er lobte Gott mit lauter Stimme. Einer von ihnen aber kehrte um, als er sah, dass er geheilt war; und er lobte Gott mit lauter Stimme. 444 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="445"?> 418 Epiph., Pan. haer. 42, Scholion 67; M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 1184. 419 Ibid. 1185 Klinghardt verweist ibid. Auf Lk 5,17; 6,19; 9,2. 42, während die Stellen Lk 9,11; 14,4 für *Ev unbezeugt sind. Die Zeugen 05, 124, 157, 892, 954, 1424, 1675, 2643, l253, l547, aur, b, d, f, g 1 , gat, 1, λ, r 1 , vg, sy s.c.p , Tat arab.pers , sa, got, aeth bieten alle εκαθαρισθη, 1319 kombiniert εκαθαρισθη και ιαθη, doch alleine ιαθη wird geboten von den Zeugen a, c, e, ff 2 , q, M und NA 28 . Auch an dieser Stelle dürfte wieder die vom Codex Bezae angeführte Zeugenreihe den älteren Text wiedergeben, der an dieser Stelle vielleicht auch den vorkanonischen Text von *Ev darstellt, da der Vers, wenn auch nicht der Terminus, für *Ev bezeugt ist. Das würde dann auch wieder bestätigen, dass die erste kanonische Redaktion etwa von km Lk 17,15, die bisweilen im Codex Bezae aufleuchtet, sich von der zweiten kanonischen Redaktion abheben lässt. Schließlich liegt für die Passage Lk 22,49-51 (Vers 51: „Da sagte Jesus: Lasst es! Nicht weiter! Und er berührte das Ohr und heilte den Mann“) ein expliziter Auslassungsvermerk des Epiphanius vor. 418 Lk berichtet, dass Jesus das abgeschlagene Ohr des hohepriesterlichen Sklaven sogleich heilt, eine Information, die kein anderes neutestamentliches Evangelium bietet. „Diese hoheitlich-messianische Geste wirkt stark theologisierend: Jesus heilt sogar seine Feinde. Darüber hinaus deutet auch der Sprachgebrauch auf Lk als Urheber von V. 51 hin: ἰάομαι ist ein lk Vorzugswort, mit dem er wiederholt *Ev ergänzt.“ 419 Wir können nach dem Notierten das Urteil von Klinghardt noch detaillieren - die zweite kanonische Redaktion hat öfter den Text von km Lk mit diesem Begriff theologisch geschärft, ihr einen prophetischen Klang gegeben und sie damit stärker von der vorkanonischen Vorlage geschieden. Auch die anderen beiden synoptischen Evangelien kennen das Verb, wenn auch Mk nur an einer Stelle, Mk 5,29, wo er von einer Frau spricht, die geheilt wurde: „Und sofort versiegte die Quelle des Blutes und sie spürte in ihrem Leib, dass sie von ihrem Leiden geheilt war (ἴαται).“ Mt 8,8 bietet den Spruch: „Und der Hauptmann antwortete: Herr, ich bin es nicht wert, dass du unter mein Dach einkehrst; aber sprich nur ein Wort, dann wird mein Diener geheilt (ἰαθήσεται)! “ Die Aktion ist erfolgreich (Mt 8,13): „Und zum Hauptmann sagte Jesus: Geh! Es soll dir geschehen, wie du geglaubt hast. Und in derselben Stunde wurde sein Diener gesund (ἰάθη).“ In Mt 13,15 wird Jes 6,9-10 zitiert, eine Passage, die in Vers 10 im Heilen gipfelt: „Denn das Herz dieses Volkes ist hart geworden. / Mit ihren Ohren hören sie schwer / und ihre Augen verschließen sie, / damit sie mit ihren Augen nicht sehen / und mit ihren Ohren nicht hören / und mit §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 445 <?page no="446"?> ihrem Herzen / nicht zur Einsicht kommen / und sich bekehren und ich sie heile (ἰάσομαι).“ In Mt 15,28 schließt die Erzählung der kranken Tochter einer heidnischen Frau mit den Worten Jesu: „Es soll dir geschehen, wie du willst. Und von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt (ἰάθη).“ Auch Johannes kennt dieses Verb. Von einem königlichen Beamten berichtet Joh 4,47: „Als er hörte, dass Jesus von Judäa nach Galiläa gekommen war, suchte er ihn auf und bat ihn, herabzukommen und seinen Sohn zu heilen (ἰάσηται); denn er lag im Sterben.“ Joh 5,13 spricht von einem Geheilten (ἰαθεὶς). Joh 12,40 wird wiederum Jesaja, und zwar aus derselben Passage, die uns gerade bereits begegnet war, Jes 6,10, zitiert: „Er hat ihre Augen blind gemacht und ihr Herz hart, damit sie mit ihren Augen nicht sehen und mit ihrem Herzen nicht zur Einsicht kommen, damit sie sich nicht bekehren und ich sie nicht heile.“ Zu Apg 3,11 fällt auf, dass nur der byzantinische Mehrheitstext die Eröffnung von Apg 3,11 bietet (Κρατοῦντος δὲ τοῦ ἰαθέντος χωλοῦ; „nachdem aber der Gelähmte, der geheilt war“), während NA 28 anführt: Κρατοῦντος δὲ αὐτοῦ und im Apparat verschiedene Varianten hierzu angibt, jedoch nicht die des Mehrheitstextes. Apg 9,34 berichtet von einer Heilung durch Petrus: „Petrus sagte zu ihm: Äneas, Jesus Christus heilt (ἰᾶται) dich. Steh auf und richte dir dein Bett! Sogleich stand er auf.“ Dann predigt Petrus von Jesus in Apg 10,38: „wie Gott Jesus von Nazareth gesalbt hat mit dem Heiligen Geist und mit Kraft, wie dieser umherzog, Gutes tat und alle heilte (ἰώμενος), die in der Gewalt des Teufels waren; denn Gott war mit ihm.“ Auch von Paulus wird eine Heilung berichtet, Apg 28,8: „Der Vater des Publius lag gerade mit Fieber und Ruhr im Bett. Paulus ging zu ihm hinein und betete; dann legte er ihm die Hände auf und heilte (ἰάσατο) ihn.“ Und zum glorreichen Abschluss begegnet uns zum dritten Mal dasselbe Zitat aus Jes 6,10 in Apg 28,27. Hebr 12,13 schreibt über die Erziehung des Herrn (Vers 5), indem wohl auf Mt 8 und gerade auf den sich nur im Mehrheitstext von Apg 3,11 erhaltenen Lahmen Bezug genommen wird: „Schafft ebene Wege für eure Füße, damit die lahmen Glieder nicht ausgerenkt, sondern vielmehr geheilt werden (ἰαθῇ)! “ Für Heilung (ἰαθῆτε) sollen die Adressaten nach Jak 5,16 beten. Schließlich bezieht 1Petr 2,24 die Heilung eindrücklich auf die Kreuzeswunden Christi: „Er hat unsere Sünden mit seinem eigenen Leib auf das Holz des Kreuzes getragen, damit wir tot sind für die Sünden und leben für die Gerechtigkeit. Durch seine Wunden seid ihr geheilt (ἰάθητε).“ Auch wenn die Erwähnungen des Heilens in den vier Evangelien eher selten sind, entsprechen sie doch einer zugrundeliegenden, auf Jes 6,10 zurück‐ geführten Vorstellung, die gerade wegen des nur punktuellen Einsatzes und ihrer bündigen Art auf die zweite kanonische Redaktion zurückzuführen sein 446 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="447"?> 420 Vgl. zu dieser Funktion der Apostelgeschichte C. Mount, Acts (2022); D.P. Moessner, „The ‚Strange New Dish‘ Called Acts! “ (2017). wird, also vermutlich in den km Evangelien wie km Lukas zeigt, vermutlich noch nicht gestanden war. Dafür spricht, dass diese Vorstellung auch im kanonischen Paulus fehlt und erst im Hebr und im Praxapostolos (Apg; Jak; 1Petr) zu finden ist. Wie diese Zeugnisse wiederum bestätigen, schafft die zweite kanonische Redaktion mit Thema, Lexik und Wiederholung desselben Jesajazitats ein Kohärenzband, das die Synoptiker, Johannes und die Apostelgeschichte umfasst und auch den Bezug zur Ankündigung des Jesaja herstellt. Diese Operation wird erst durch die zweite kanonische Redaktion entstanden sein, als die vier Evangelien zu einer Sammlung miteinander, mit dem Praxapostolos und den um Hebr erweiterten Paulus verbunden worden sind. Nicht nur diese Beobachtung, sondern auch die verschiedensten Zeugen aus der Zeit vor Irenäus legen nahe, dass es vor Irenäus, also auf der Stufe der ersten kanonischen Redaktion, noch keine Sammlungseinheit dieser bearbeiteten km Evangelien und der km 10-Briefe-Sammlung der Paulinen gegeben hat, sondern lediglich einzelne km Evangelien einerseits und eine km 10-Briefe-Sammlung der Paulinen anderer‐ seits. Bis Irenäus kennen Autoren darüberhinaus lediglich Markions *Neues Testament. Im vorliegenden Fall scheint dieser Redaktion gereicht zu haben, dieses Thema in Hebr als Teil des kanonischen Paulus zu haben, ohne es in weitere Briefe von Paulus einzutragen, vielleicht um so die gerade umstrittenen Schriften wie Hebr als notwendige Bestandteile der Sammlung zu erweisen. Analoges lässt sich für die Hinzunahme von Apg, Jak und 1Petr erwägen. Um mich hier nicht wiederholen zu müssen und die Darstellung zu straffen, führe ich lediglich die folgenden Stellen an, an welchen die Wortgruppe um ἱερατεύω steht. Wir begegnen dem unmittelbar wenigstens teilweise parallelen Phänomen wie bei der vorangegangenen Wortgruppe. Die Termini begegnen in der Kindheitsgeschichte des Lk, die nachweislich in *Ev gefehlt hat, stehen sodann in Apg, auch in einem der beiden Kapitel vom Ende des Römerbriefes, die in *Röm gefehlt haben, sodann in Hebr und 1Petr - sie gehören damit zur Lexik derselben zweiten kanonischen Redaktion und und erfüllen denselben Zweck wie die Wortgruppe zuvor, indem sie gerade die umstrittenen Schriftteile zueinander binden, zum einen die Kindheitsgeschichte, dann die beiden zusätz‐ lichen Kapitel Röm 15-16, wobei das Scharnier wieder die Apostelgeschichte darstellt, 420 und es werden auch die umstrittenen Schriften Hebr und 1Petr zugebunden. Wie zuvor wird diese Inklusion und Vernetzung bei der zweiten kanonischen Redaktion zur Erstellung der größeren Sammlung erfolgt sein: §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 447 <?page no="448"?> 421 06* hat in Vers 24 ἱερατεία. In Vers 14 steht wieder der kanonische Text im NA 28 -Apparat. 422 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 569. 423 Vgl. S.-404, 425. ἱερατεία 1 Lk 1,9, in einem Vers, der in *Ev fehlt; Hebr 7,5 ἱεράτευμα 2 1Petr 2,5. 9 ἱερατεύω 1 Lk 1,8, in einem Vers, der in *Ev fehlt ἱεροσυλέω 1 Röm 2,22 ἱερόσυλος 1 Apg 19,37 ἱερουργέω 1 Röm 15,16, in einem Vers, der in *Röm fehlt ἱερωσύνη 4 Hebr 7,11. 12. 14. 24 421 Einen weiteren Parallelfall bietet der Begriff καθαρισμός. Wiederum steht er in der Kindheitsgeschichte von Lk 2,22, dann nochmals in Lk 5,14, wo auch Epiphanius diesen Begriff für *Ev bezeugt, doch haben wir das widersprechende Zeugnis von Tertullian, der an dieser Stelle einen anderen Text bietet (munus quod; τὸ δῶρον ὅ), der sich dann auch in Mt 8,4 findet, „während Mk die Bedeutung des Opfers als Reinigungsopfer herausstellt“. 422 Ansonsten begegnet der Terminus in der Parallelstelle in Mk 1,44: „Er sagte zu ihm: Sieh, dass du niemandem etwas sagst, sondern geh, zeig dich dem Priester und bring für deine Reinigung (καθαρισμοῦ) dar, was Mose festgesetzt hat - ihnen zum Zeugnis.“ Joh verweist auf ihn bei seiner Erzählung von der Hochzeit zu Kana ( Joh 2,6): „Es standen dort sechs steinerne Wasserkrüge, wie es der Reinigungssitte (καθαρισμὸν) der Juden entsprach; jeder fasste ungefähr hundert Liter.“ Ein Kapitel weiter, das uns weiter oben bereits beschäftigt hat (bei ζήτησις und βαπτίζω), 423 Joh 3,25, begegnet er wieder in der Auseinandersetzung mit den Jüngern des Johannes und der Frage der Abgrenzung von Jesus: „Da kam es zwischen den Jüngern des Johannes und einem Juden zum Streit über die Frage der Reinigung (καθαρισμοῦ).“ Ansonsten steht er nurmehr in Hebr 1,3, also gleich zu Beginn, und zwar in einer Bekenntnisformel: „Er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Abbild seines Wesens; er trägt das All durch sein machtvolles Wort, hat die Reinigung (καθαρισμόν) von den Sünden bewirkt und sich dann zur Rechten der Majestät in der Höhe gesetzt“, und 2Petr 1,9 ergänzt er ex negativo aus der Verfehlung des Aufrufs zur rechten Lebensführung: „Wem dies nämlich fehlt, der ist blind 448 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="449"?> und kurzsichtig; er hat vergessen, dass er gereinigt worden ist (καθαρισμοῦ) von seinen früheren Sünden.“ Dieser Vergleich verknüpft die Schriften, in denen die beiden vorangegan‐ genen Wortgruppen vorkommen, da hier über diesen Begriff sowohl die lexika‐ lisch-narrative Kohärenz zwischen Kindheitsgeschichte des Lk und dem Rest des Evangeliums hergestellt wird, wie auch diejenige zwischen Mk, Lk und Joh, dann aber auch wiederum mit zwei der umstrittenen Schriften, Hebr und dieses Mal 2Petr, die mit eingebunden werden. Als weiteres Beispiel, das an die voranstehenden drei Vergleiche anknüpft, könnte man τίκτω untersuchen, an dieser Stelle sei jedoch nur darauf hinge‐ wiesen. Bei κοσμέω, κοσμικός, κόσμιος liegt der Fall etwas anders. Diese Begriffe sind vorkanonisch nicht bezeugt, stehen jedoch in Lk 11,25 (/ / Mt 12,44) und 21,5. An der ersten Stelle geht es um den unreinen Geist, der zurückkehrt und sein Haus „sauber und geschmückt (κεκοσμημένον)“ findet. An der zweiten Stelle wird vom Tempel in Jerusalem gesagt, er sei „mit schön bearbeiteten Steinen und Weihegeschenken geschmückt (κεκόσμηται)“, was Jesus zu seinem Drohwort verleitet. Unter den Droh- und Scheltworten begegnen wir der Wortgruppe wieder in Mt 23,29: „Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr errichtet den Propheten Grabstätten und schmückt (κοσμεῖτε) die Denkmäler der Gerechten.“ Auch im Gleichnis von den klugen und den törichten Jungfrauen, Mt 25,7 ist sie vertreten: „Da standen die Jungfrauen alle auf und machten ihre Lampen zurecht (ἐκόσμησαν).“ Weiter stehen Begriffe aus dieser Gruppe nur noch in einem Katholischen Brief (1Petr 3,5), dann Apk 21,2.19 und in den Pastoralbriefen: 1Petr 3,5 liest man: „So haben sich einst auch die heiligen Frauen geschmückt, die ihre Hoffnung auf Gott setzten: Sie ordneten sich ihren Männern unter.“ In Apk 21,2. 19 heißt es: „2 Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen; sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat. 19 Die Grundsteine der Stadtmauer sind mit edlen Steinen aller Art geschmückt; der erste Grundstein ist ein Jaspis, der zweite ein Saphir, der dritte ein Chalzedon, der vierte ein Smaragd.“ 1Tim 2,9-11 über Frauen: §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 449 <?page no="450"?> „9 A Auch sollen die Frauen sich mit Anstand würdig (κοσμίῳ) und besonnen kleiden; nicht Haartracht, Gold, Perlen oder kostbare Kleider seien ihr Schmuck, 10 sondern gute Werke; so gehört es sich für Frauen, die gottesfürchtig sein wollen. 11 Eine Frau soll sich still und in voller Unterordnung belehren lassen.“ Im nächsten Kapitel, 1Tim 3,2, heißt es ganz ähnlich über die Episkopoi: „Deshalb soll der Episkopos untadelig, Mann einer einzigen Frau, nüchtern, besonnen sein, von würdiger Haltung (κόσμιον), gastfreundlich, fähig zu lehren.“ Tit 2,10-12 dehnt dies auf die Sklaven und alle Menschen aus: „[Die Sklaven sollen …] nichts veruntreuen; sie sollen zuverlässig und treu sein, damit sie in allem der Lehre Gottes, unseres Retters, würdig seien (κοσμῶσιν). 11 Denn die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten. 12 Sie erzieht uns dazu, uns von der Gottlosigkeit und den irdischen (κοσμικὰς) Begierden loszusagen und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt zu leben.“ Dieser Text spielt mit dem Kontrast von κοσμέω („würdig sein“) und κόσμιος („irdisch“). Entsprechend qualifiziert Hebr 9,1 das Heiligtum des ersten Bundes als „irdisches (κοσμικόν)“. Es lässt sich erkennen, dass wir auch hier eine lexikalische Klammer besitzen, welche auf der kanonischen Sammlungsebene der zweiten kanonischen Redak‐ tion alte und neue Texte zusammenhält. Aus den eher negativ konnotierten Begriffen in den kanonischen Evangelien gewinnt man die Mahnungsworte zur Unterordnung der Frau im Ersten Petrusbrief und in den Pastoralbriefen und die Abgrenzungsidentität im Hebräerbrief. In der Apk begegnet beides - hier schmückt sich die Braut für den Mann, zugleich wird mit dem Begriff die besondere Schönheit der neuen Stadt herausgehoben, die sie vom vergangenen ersten Himmel und der vergangenen ersten Erde absetzen. Aber so wichtig die Inhalte sind, so sind es auch die semantisch-narrativen Vebindungsfunktionen, die diese Begriffe eher auf der unbewussten Ebene der Leserschaft ausüben. Ich könnte jetzt weitere Begriffe analysieren, die zu dieser Subsektion ge‐ hören wie λίβανος, λιβανωτός, μαρτυρία (letzteres nicht bezeugt für Paulus), προσήλυτος, προσκυνέω (das immerhin 60 Mal im Neuen Testament steht), ῥαββί, σέβομαι (mit 10 Einträgen für das Neue Testament, aber abwesend von den paulinischen Texten), σφραγίς, ὑγιής, die alle weder für *Ev noch für *Paulus bezeugt sind, jedoch zum Sprachgebrauch der kanonischen Redaktion gehören, doch will ich mich aus Raumgründen nur noch mit dem Begriff ὕδωρ im Rahmen der liturgischen Begriffe beschäftigen. ὕδωρ steht ca. 80 Mal im Neuen Testament, in Lk begegnet es sechs Mal, doch es ist weder bezeugt für *Ev noch für *Paulus. In Lk 3,16 und 7,44 steht der 450 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="451"?> 424 Lk 3,16 ist als abwesend bezeugt, zu Lk 7,44 vgl. die Ausführungen in M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 681-694. 425 Klinghardt (2020) gibt zur Stelle an: (8,24) τη θαλασση/ maris: Epiph f ¦ τω κλυδωνι/ undae: D d ¦ τω υδατι/ aquae: a aur b c e ff 2 l q r 1 ¦ τω κλυδωνι του υδατος: M ● (8,25) τη θαλασση/ mari: Tert 1424 aur b c f ff 2 g 1 gat l q r 1 vg sy s .c Tat arab ¦ τω υδατι/ aquae: a d e M. Begriff in Versen oder Versteilen, die in *Ev fehlen. 424 Entscheidender für unseren Zusammenhang sind die Verse Lk 8,24. 25, wo anstelle dieses Begriffes in den Parallelversen in *Ev nach Epiphanius, f, slav 1ms θαλάσσῃ steht, während 05, d τῷ κλυδῶνι; undae bieten. 425 In Lk 16,24 ist der Parallelvers in *Ev nur durch Adamantius bezeugt, der ὕδωρ bietet, was jedoch eher auf die kanonische Ebene verweist. Lk 22,10 ist unbezeugt für *Ev. Nicht weniger auffallend ist, dass der vorkanonische *Paulus den Begriff ebensowenig wie *Ev kennt, auch nicht der kanonische Paulus der sieben Briefe, sondern dass der Begriff nur an einer Stelle in dem Deuteropaulinum Eph 5,26 und an zwei Stellen in Hebr steht. Steigen wir bei dieser Stelle des Epheserbriefes ein, Eph 5,26: *Laod 5,22-23. 25-32 Eph 5,22-33 22 αἱ γυναῖκες τοῖς ἀνδράσιν ὑποτάσσεσθε, 23 ὅτι ἀνήρ ἐστιν κεφαλὴ τῆς γυναικὸς ὡς καὶ ὁ Χριστὸς κεφαλὴ τῆς ἐκκλησίας· - … 22 αἱ γυναῖκες τοῖς ἰδίοις ἀνδράσιν ὡς τῷ κυρίῳ, 23 ὅτι ἀνήρ ἐστιν κεφαλὴ τῆς γυναικὸς ὡς καὶ ὁ Χριστὸς κεφαλὴ τῆς ἐκκλησίας, αὐτὸς σωτὴρ τοῦ σώματος· 24 ἀλλ‘ ὡς ἡ ἐκκλησία ὑποτάσσεται τῷ Χριστῷ, οὕτως καὶ αἱ γυναῖκες τοῖς ἀνδράσιν ἐν παντί. 25 καθὼς καὶ ὁ Χριστὸς ἠγάπησεν τὴν ἐκκλησίαν, - 25 Οἱ ἄνδρες, ἀγαπᾶτε τὰς γυναῖκας, καθὼς καὶ ὁ Χριστὸς ἠγάπησεν τὴν ἐκκλησίαν καὶ ἑαυτὸν παρέδωκεν ὑπὲρ αὐτῆς, 26 ἵνα αὐτὴν ἁγιάσῃ καθαρίσας τῷ λουτρῷ τοῦ ὕδατος ἐν ῥήματι, - 27 ἵνα παραστήσῃ αὐτὸς ἑαυτῷ ἔνδοξον τὴν ἐκκλησίαν, μὴ ἔχουσαν σπίλον ἢ ῥυτίδα ἤ τι τῶν τοιούτων, ἀλλ’ ἵνα ᾖ ἁγία καὶ ἄμωμος. 28 καὶ οἱ ἄνδρες ἀγαπᾶν τὰς ἑαυτῶν γυναῖκας. ὁ ἀγαπῶν τὴν ἑαυτοῦ γυναῖκα τὴν ἑαυτοῦ σάρκα ἀγαπᾷ. 28 οὕτως ὀφείλουσιν καὶ οἱ ἄνδρες ἀγαπᾶν τὰς ἑαυτῶν γυναῖκας ὡς τὰ ἑαυτῶν σώματα. ὁ ἀγαπῶν τὴν ἑαυτοῦ γυναῖκα ἑαυτὸν ἀγαπᾷ. §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 451 <?page no="452"?> 29 Οὐδεὶς γάρ ποτε τὴν ἑαυτοῦ σάρκα μισεῖ ἀλλ’ ἐκτρέφει καὶ θάλπει αὐτήν, καθὼς καὶ ὁ Χριστὸς τὴν ἐκκλησίαν. 29 Οὐδεὶς γάρ ποτε τὴν ἑαυτοῦ σάρκα ἐμίσησεν ἀλλ’ ἐκτρέφει καὶ θάλπει αὐτήν, καθὼς καὶ ὁ Χριστὸς τὴν ἐκκλησίαν, 30 ὅτι μέλη ἐσμὲν τοῦ σώματος αὐτοῦ ἐκ τὴς σαρκὸς αὐτοῦ καὶ ἐκ τῶν ὀστέων αὐτοῦ, 30 ὅτι μέλη ἐσμὲν τοῦ σώματος αὐτοῦ. 31 ἀντὶ τοῦ καταλείψει ἄνθρωπος πατέρα καὶ μητέρα, καὶ ἔσονται οἱ δύο εἰς σάρκα μίαν. 31 ἀντὶ τούτου καταλείψει ἄνθρωπος τὸν πατέρα καὶ τὴν μητέρα καὶ προσκολληθήσεται πρὸς τὴν γυναῖκα αὐτοῦ, καὶ ἔσονται οἱ δύο εἰς σάρκα μίαν. 32 τὸ μυστήριον τοῦτο μέγα ἐστίν· ἐγὼ δὲ λέγω εἰς Χριστὸν καὶ ἐκκλησίαν. 32 τὸ μυστήριον τοῦτο μέγα ἐστίν· ἐγὼ δὲ λέγω εἰς Χριστὸν καὶ εἰς τὴν ἐκκλησίαν - 33 πλὴν καὶ ὑμεῖς οἱ καθ’ ἕνα, ἕκαστος τὴν ἑαυτοῦ γυναῖκα οὕτως ἀγαπάτω ὡς ἑαυτόν, ἡ δὲ γυνὴ ἵνα φοβῆται τὸν ἄνδρα. *Laod 5,22-23. 25. 28-32 Eph 5,22-33 22-Ihr Frauen ordnet Euch den Män‐ nern unter; … 22-Die Frauen ihren eigenen Männern als dem Herrn, 23-denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Kirche ist. - 23 denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Kirche ist, die er als seinen Leib erlöst hat. - 24-Wie nun die Kirche sich Christus un‐ terordnet, so sollen sich auch die Frauen ihren Männern unterordnen in allem. 25- Wie auch Christus die Kirche geliebt hat, - 25 Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie auch Christus die Kirche geliebt hat und sich selbst für sie hingegeben hat, - 26 um sie zu heiligen, nachdem er sie ge‐ reinigt hat durch das Wasserbad im Wort; - 27 damit er die Kirche sich selbst verherr‐ licht darstellte, die nicht Flecken oder Runzel oder etwas dergleichen hat, son‐ dern dass sie heilig und untadelig sei. 28-liebten die Männer ihre Frauen. Wer seine Frau liebt, liebt sein eigenes Fleisch. - 28-So sollen auch die Männer ihre Frauen lieben wie ihre eigenen Leiber. Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst. 452 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="453"?> 426 Vgl. weiter unten ausführlicher. 29- Denn niemand hat je sein eigenes Fleisch gehasst, sondern er nährt und zieht es auf, wie auch Christus die Kirche. 29-Denn niemand hat je sein eigenes Fleisch gehasst, sondern er nährt und zieht es auf, wie auch Christus die Kirche. 30-Denn wir sind Glieder seines Leibes, aus seinem Fleisch und aus seinen Kno‐ chen, 30 Denn wir sind Glieder seines Leibes. 31-statt dass der Mann Vater und Mutter verlassen und sich binden wird, und die zwei ein Fleisch sein werden. 31-Deshalb wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhängen, und die zwei werden ein Fleisch sein. 32-Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich deute es auf Christus und die Kirche. 32 Dieses Geheimnis ist groß; ich aber deute es auf Christus und die Kirche. - - 33-Doch auch ihr---jeder von euch liebe seine Frau so wie sich selbst, die Frau aber ehre den Mann. Diese Passage verstärkt die bereits früher gemachen Beobachtungen zum Prozess des Gebens und Nehmens zwischen dem kanonischen Milieu auf der einen Seite und auf der anderen Seite der vorkanonischen Redaktion. Es ist kaum anzunehmen, dass die vorkanonische Redaktion Passagen entfernt hätte, in denen Christus genannt wurde, zumal von ihm bereits in Vers 23 die Rede war. Vers 24 wirkt wie eine Duplikation - ein für die kanonische Redaktion vielfach festgestelltes Stilmerkmal. 426 Das „Wasser“ im Ausdruck „Wasserbad“ begegnet in dem nicht bezeugten Textteil. Dass Tertullian hier nicht stillschweigend über vorhandenen Text hinweggegangen ist, belegt die weitere Lexik. Der Ausdruck τῷ λουτρῷ ist ein Hinweis auf die zweite kanonische Redaktion, denn λουτρόν begegnet ausschließlich im Neuen Testament, und zwar wieder in den Pastoralbriefen in liturgischem Kontext: Tit 3,5 („hat er uns gerettet - nicht aufgrund von Werken der Gerechtigkeit, die wir vollbracht haben, sondern nach seinem Erbarmen - durch das Bad der Wiedergeburt und die Erneuerung im Heiligen Geist“). ὕδωρ, wie vermerkt, steht außer Eph und Hebr überhaupt nicht anderswo in Paulus, so dass wir mit folgender möglicher Genese zu rechnen haben: Die vorkanonische Redaktion erhielt aus dem kanonischen Milieu ihre Vorlage für *Laod, in welchem die oben bezeugten oder (weil unbezeugt, aber argumentativ und narrativ notwendig) vorhandenen Textteile standen. In der §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 453 <?page no="454"?> 427 Vgl. T. Flemming, Die Textgeschichte des Epheserbriefes. Marcion änderte nichts: Eine grundlegend neue Perspektive auf den Laodicenerbrief (2022). Passage wird eine Unterordnung der Frauen unter die Männer vertreten, wobei eine gewisse Reziprozität der Beziehung durch Vers 25 angedeutet wird. Es fehlte in dieser Vorlage die Aussage über die Makellosigkeit der Kirche, die sich weder Markion noch Tertullian als sein Kommentator hätte entgehen lassen, wenn sie in der Vorlage bereits enthalten gewesen wäre. Die Verpflichtung der Männer von Vers 28 bezieht sich folglich in der Vorlage, die vorkanonisch über‐ nommen wurde, nicht auf die Makellosigkeit der Frau oder gar des weiblichen Körpers, sondern es wird von den Männern verlangt, dass der Mann seine Frau so liebt, wie Christus die Kirche geliebt hat und wie die Männer ihren eigenen Leib lieben, d. h. genauerhin wie das eigene Fleisch - eine Konkretisierung, die mit dem nächsten Argument in Vers 29 zu tun hat, wo es darum geht, dass kein Mensch das eigene Fleisch hasst, sondern es „nährt und pflegt“ - die kanonische Einfügung in Vers 28 („wie ihre eigenen Leiber“, eine abändernde Duplizierung von *Laod 5,28) und die Auslassung in Vers 30 („aus seinem Fleisch und aus seinen Knochen“), die auf die zweite kanonische Redaktion zurückzuführen sind, verwässern eher das Argument. Was von Vers 31 an folgt, ist höchst interessant. Auch wenn man zunächst meinen könnte, dass der heute in der kanonischen Version gegebene Text die ältere Vorlage gewesen sein könnte, die dann die vorkanonische Redaktion zu einer asketischen Umkehrung des Sinnes veranlasst hat - in *Laod ist das „tiefe Geheimnis“ ein solches von Christus und Kirche, das darin besteht, dass wie Christus die Kirche, auch der Mann die Frau liebt und sie als solche Glieder von Christi Leib, seiner Kirche sind, eine Gliedschaft, die an die Stelle der sexuellen Gemeinschaft der Ehe tritt. Mehr noch, auch wenn es eine Hierarchie zwischen Mann und Frau gibt, so führt diese zu einer Verpflichtung des Mannes gegenüber der Frau, der die Unterordnung der Frau unter den Mann. Vers 33 ist weithin eine Duplikation dessen, was zuvor in *Laod ausge‐ führt wurde, auffallenderweise, ohne die kanonische Erweiterung „wie ihre eigenen Leiber“ aufzugreifen. Das spricht dafür, dass in der älteren Vorlage zunächst die asketische Aussage enthalten war. In diesem Punkt wird man Flemming bei seiner Betrachtung der Textgeschichte des Epheserbriefes Recht geben, wenn er seinem Buch den Untertitel gibt: „Marcion änderte nichts“. 427 Wenn wir diesen Hinweis generalisieren könnten, kämen wir m. E. zwar noch nicht ohne Weiteres zu dem „authentischen“ Brieftext des Paulus, jedoch zu dem „älteren“ Text dieses Briefes, der dennoch, wie die Lexik weiter oben gezeigt hat, eher im kanonischen Milieu als im vorkanonischen zu verorten 454 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="455"?> 428 Ibid. 210. 429 Dionysius, in Euseb. Caes., Hist. eccl. IV 23,2-13; vgl. hierzu ausführlich M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2.-Jahrhundert (2022), 49-53. ist. Flemming urteilt in der Zusammenfassung seiner Studie: „Es bedeutet …, den Epheserbrief - und das darin gezeichnete Paulusbild - als ein redaktionell hergestelltes Produkt des 2. Jahrhunderts zu lesen.“ 428 Unsere Beobachtungen hier lassen dies sogar noch präzisieren. Der Epheserbrief war ursprünglich in einem kanonischen Milieu entstanden, wie seine Sprache verrät, stand jedoch in einer ersten Form km Laod, die dem asketisch ausgerichteten *Laodizeerbrief als Vorlage diente, nahe. Erst durch die Integration in die erweiterte Sammlung und im Zuge der zweiten kanonischen Redaktion des Briefes wurde er nicht nur zum an die Epheser adressierten Brief, wie wir ihn heute kennen, sondern erhielt auch eine asketische Entschärfung, was durch die Berührung gerade mit den Pastoralbriefen bestärkt wird. Will man parallele historische Diskurse hinzunehmen, braucht man lediglich in den zumindest summarisch erhaltenen Briefwechsel des Dionysius von Korinth mit Pinytus von Knossos auf Kreta wie überhaupt in die Briefe des Dionysius zu schauen, der „die Häresie des Markion“ bekämpft. Dem Pinytus legt Dionysius nahe, er solle „den Brüdern bezüglich der Enthaltsamkeit keine schweren Lasten als unerlässliche Pflichten auferlegen“, doch Pinytus antwortet Dionysius abschlägig und ganz im Sinne Markions, man solle „kräftigere Nahrung verabreichen und die eigenen Leute mit höheren Lehren bedenken, damit sie schließlich nicht immer nur mit geistiger Milch wie Kinder verzogen unvermerkt erschlaffen“. 429 Wie Pinytus von Knossos bezeugt, gab es folglich nach dem Jahr 170 n. Chr. ein kanonisch orientiertes Milieu, zu dem Dionysius gehört - überhaupt unser erster Zeuge, der die kanonische Apostelgeschichte zitiert - und der sich brüderlich in Abgrenzung zu Markion mit Pinytus austauscht, doch offenkundig gerade markionitische Tendenzen dieses Pinytus zu korrigieren versucht, eine Korrektur, gegen die sich Pinytus ausspricht. Dieser Diskurskontext bildet wohl auch das Umfeld, in welchem man sich die zweite kanonische Redaktion vorzustellen hat. Kommen wir noch zum Hebräerbrief. Hier findet sich ὕδωρ in Hebr 9,19, einer Ritualfeier des Mose, innerhalb eines Kapitels, das uns in den vorangegangenen Vergleichen bereits mehrmals begegnet ist: „19 Nachdem Mose jedes Gebot dem Gesetz gemäß dem ganzen Volk vorgelesen hatte, nahm er das Blut der jungen Stiere und der Böcke, dazu Wasser (ὕδατος), rote Wolle und Ysop, besprengte das Buch selbst und das ganze Volk 20 und sagte: Das ist das Blut des Bundes, den Gott geboten hat für euch. 21 Dann besprengte er auch das Zelt und alle gottesdienstlichen Geräte auf gleiche Weise mit dem Blut.“ §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 455 <?page no="456"?> 430 Vgl. zuvor zum Gewissen, S.-358, 375-378. Und wenig weiter, in Hebr 10,22, wird es in Bezug auf die Adressaten gesetzt, erneut in einem Vers, den wir bereits besprochen hatten: 430 „Lasst uns mit aufrichtigem Herzen und in voller Gewissheit des Glaubens hinzutreten, die Herzen durch Besprengung gereinigt vom schlechten Gewissen und den Leib gewaschen mit reinem Wasser (ὕδατι)! “ Was bei Mose die Besprengung war, wird im Hebräerbrief ein auf das Gewissen bezogenes spirituelles Ritual, dem dieser Brief jedoch noch nicht den Namen „Taufe“ gibt. Schließlich finden wir ὕδωρ wiederholt auch in den Katholischen Briefen, Jak 3,12 steht es für „Süßwasser“, in 1Petr 3,20-21 wird das rettende Wasser verglichen mit dem „Vorbild“ Noah und wird mit der Taufe (sowie dem Thema „Gewissen“) verknüpft: „20 Diese waren einst ungehorsam, als Gott in den Tagen Noachs geduldig wartete, während die Arche gebaut wurde; in ihr wurden nur wenige, nämlich acht Menschen, durch das Wasser (ὕδατος) gerettet. 21 Dem entspricht die Taufe, die jetzt euch rettet. Sie dient nicht dazu, den Körper von Schmutz zu reinigen, sondern sie ist eine Bitte an Gott um ein reines Gewissen aufgrund der Auferstehung Jesu Christi.“ An die Sintflut erinnert auch 2Petr 3,5-6, hebt jedoch nur den negativen Aspekt des Wassers hervor: „5 Wer das behauptet, übersieht, dass es einst die Himmel gab und eine Erde, die aus dem Wasser entstand und durch das Wasser (ὕδατος) Bestand hatte auf das Wort Gottes hin. 6 Durch dieses wurde die damalige Welt vom Wasser (ὕδατι) überflutet und ging zugrunde.“ Vom Glauben spricht 1Joh 5,5-8: „5 Wer sonst besiegt die Welt, außer dem, der glaubt, dass Jesus der Sohn Gottes ist? 6-Dieser ist es, der durch Wasser (ὕδατος) und Blut gekommen ist: Jesus Christus. Er ist nicht nur im Wasser gekommen, sondern im Wasser (ὕδατι) und im Blut. Und der Geist ist es, der Zeugnis ablegt; denn der Geist ist die Wahrheit. 7 Denn drei sind es, die Zeugnis ablegen: 8-der Geist, das Wasser (ὕδωρ) und das Blut; und diese drei sind eins.“ Wie der Hebräerbrief, spricht auch 1Joh von Wasser und Blut, ohne auf die Taufe zu sprechen zu kommen, auch wenn es um das Zeugnis des Glaubens und das Zeugnisgeben geht. Reichlich begegnet ὕδωρ auch in der Apokalypse. Von dem Wasser des Eufrat ist die Rede (Apk 16,12); die Stimme des Menschensohngleichen klingt wie 456 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="457"?> „das Rauschen von Wassermassen“ (Apk 1,15: ἡ φωνὴ αὐτοῦ ὡς φωνὴ ὑδάτων πολλῶν; vgl. auch Apk 14,2; 19,6); von Wasserquellen, die Gott geschaffen hat (Apk 8,10; 14,7; 16,4) und Wasser, das bitter geworden ist, spricht Apk 8,10-11; die Schlange kann verderbendes Wasser speien (Apk 12,15); die große Hure sitzt an den vielen Gewässern (Apk 17,1. 15); Wasser kann in Blut verwandelt werden (Apk 11,6). Vor allem steht „Wasser“ aber auch für das „Neue“: die Zukunft wird in diesen Zügen in Apk 7,17 beschrieben: „Das Lamm in der Mitte vor dem Thron wird sie weiden und zu den Quellen führen, aus denen das Wasser (ὑδάτων) des Lebens strömt, und Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwischen.“ Vom „neuen Himmel und der neuen Erde“ heißt es Apk 21,6: „Wer durstig ist, den werde ich unentgeltlich aus der Quelle trinken lassen, aus der das Wasser (ὕδατος) des Lebens strömt.“ Und in Apk 22,1: „Und er zeigte mir einen Strom, das Wasser (ὕδατος) des Lebens, klar wie Kristall; er geht vom Thron Gottes und des Lammes aus.“ Gegen Ende des Buches wird verheißen (Apk 22,17): „Der Geist und die Braut aber sagen: Komm! Wer hört, der rufe: Komm! Wer durstig ist, der komme! Wer will, empfange unentgeltlich das Wasser (ὕδωρ) des Lebens! “ Wie wir gleich sehen werden, finden sich in diesen Versen Anklänge an Joh 7,37-38. Nehmen wir noch die vier Evangelien und die Apg hinzu: Bei Lk ist es zunächst das Thema der Johannestaufe (vgl. auch Lk 3,12. 16 / / Mt 3,11 / / Mk 1,8. 10; vgl. Joh 1,26-33); ὕδωρ begegnet wieder in Lk 7,44 bei Jesus und der Sünderin; beim Sturmstillen (Lk 8,24-25; vgl. Mt 14,28-29); bei Lazarus, der mit der „Spitze seines Fingers in Wasser (ὕδατος) tauchen“ und dem reichen Mann „die Zunge kühlen“ soll (Lk 16,24); und schließlich auf dem Weg zur Vorbereitung des Paschamahls (Lk 22,10 / / Mk 14,13). Bei Matthäus findet sich ὕδωρ noch in eigentümlichen Erzählungen: den Schweinen von Gerasa (Mt 8,32); dem Mann mit dem mondsüchtigen Sohn (Mt 17,15); beim Waschen der Hände des Pilatus (Mt 27,24). Mk kennt noch den Spruch (Mk 9,41): „Wer euch auch nur einen Becher Wasser (ὕδατος) zu trinken gibt, weil ihr zu Christus gehört - Amen, ich sage euch: Er wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen.“ Joh kommt darauf zu sprechen bei der Hochzeit zu Kana ( Joh 2,7. 9; 4,46); er überliefert den Jesusspruch ( Joh 3,5): „Amen, amen, ich sage dir: Wenn jemand nicht aus dem Wasser (ὕδατος) und dem Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen.“ Von Jesus wird gesagt, er habe getauft in Judäa, während auch Johannes taufte in Änon, „weil viele Gewässer (ὕδατα) dort waren“ ( Joh 3,22-23). Wasser spielt eine zentrale Rolle bei der Begegnung mit der Samaritanerin am Brunnen ( Joh 4,6-42); auch am Betesdateich ( Joh 5,3. 4. 7); am letzten Tag des Laubhüttenfestes ruft Jesus ( Joh 7,37-38): §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 457 <?page no="458"?> 431 Vgl. M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2. Jahrhundert (2022), 132-272. „37 … Wer Durst hat, komme zu mir und es trinke, 38 wer an mich glaubt! Wie die Schrift sagt: Aus seinem Inneren werden Ströme von lebendigem Wasser (ὕδατος) fließen.“ Dieser Spruch ist eng verwandt mit den Aussagen aus den letzten beiden Kapiteln der Apk, die zuvor aufgeführt wurden. Schließlich begegnet Wasser bei der Fußwaschung der Jünger ( Joh 13,5), und nach dem Lanzenstich in Jesu Seite, aus der „sogleich Blut und Wasser herausflossen“ ( Joh 19,34), womit ein weiteres Thema aufklingt, das zuvor in Hebr, 1Joh und Apk bereits begegnete. Auch für die Apg ist ὕδωρ von Bedeutung. Wie in den kanonischen Evange‐ lien begegnet das Nomen zunächst bei der Johannestaufe (Apg 1,5) und auch bei der letzten Erwähnung von ὕδωρ (Apg 11,16), dazwischen bei der Taufe des Kämmerers durch Philippus (Apg 8,36-39), und Petrus sagt Apg 10,47: „Kann jemand denen das Wasser (ὕδωρ) zur Taufe verweigern, die ebenso wie wir den Heiligen Geist empfangen haben? “ Im Konspexus ist zu sehen, dass ὕδωρ insbesondere durch die zweite kanoni‐ sche Redaktion theologisch, rituell, liturgisch und spirituell aufgeladen wird. Zunächst ist der Begriff völlig abwesend auf der vorkanonischen Ebene, und dort begegnet die Alternative θαλάσσῃ. Einzug gehalten hat ὕδωρ, wie an Lk abzulesen ist, auf der Ebene der ersten kanonischen Redaktion und zwar in Reaktion auf die vorkanonische Kritik an Johannes dem Täufer. 431 Folglich begegnet ὕδωρ zuallererst in den vier km Evangelien. Im Gefolge der zweiten kanonischen Redaktion finden wir es dann in der Apostelgeschichte sogar bei der ersten und letzten Erwähnung im Kontext der Johannestaufe. Desto auffälliger ist, dass ὕδωρ nicht im kanonischen Paulus der sieben Briefe und der Pastoralbriefe steht, was am ehesten dadurch erklärbar ist, dass sich hier das vorkanonische Narrativ noch durchgesetzt hat (vgl. auch weiter oben zu der nur an einer Stelle begegnenden Taufe, Röm 6). Selbst noch im Deute‐ ropaulinum km Laod erscheint der Begriff noch nicht, sondern erst während der zweiten kanonischen Redaktion bei der Zusammenstellung der größeren Sammlung scheint er hineingekommen zu sein. Insofern müssen wir auch unterscheiden zwischen der Schaffung der vier km Evangelien in Antwort auf *Ev und der Redaktion der *Deuteropaulinen hin zu ihrer kanonischen Form in der km 10-Briefe-Sammlung und derjenigen Form, die die Deuteropaulinen erhielten, als sie durch die zweite kanonische Redaktion bearbeitet wurden und die km 10-Briefe-Sammlung zur 14-Briefe-Sammlung erweitert wurde. Diese Unter‐ 458 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="459"?> 432 Vgl. wiederum die Konkordanz. 433 Die Perikope, in welcher dieser Vers steht, war schon kurz zuvor Gegenstand der Betrachtung, vgl. S.-449. 434 Roth vermerkt, dass der Vers zwar bezeugt ist, jedoch der Wortlaut unklar sei, D.T. Roth, The Text of Marcion’s Gospel (2015), 423. BeDuhn lässt dieselbe Passage aus mit Verweis auf dieselben handschriftlichen Zeugen wie Klinghardt, beide stimmen in diesem Urteil scheidung fügt sich zur Differenzierung, die bereits Klinghardt vorgenommen hatte, was die Entstehung der vier Evangelien unter Benutzung von *Ev betrifft. Dabei bezeichnete er nicht nur *Ev als das vorkanonische Stadium von Lk, sondern nahm auch „vorkanonische“ Versionen der übrigen drei Evangelien an. Wie zur Nomenklatur bemerkt, bezieht sich der in unserer Rekonstruktion und dieser Einleitung hierzu benutzte Begriff „vorkanonisch“ ausschließlich auf *Ev und *Ap. Klinghardt hatte richtigerweise angenommen, dass diese Evangelien (auch wenn er Lk ausgenommen hatte) dann einer kanonischen Redaktion unterzogen wurden, als sie in die größere Sammlung aufgenommen wurden, eine Redaktion, die hier die zweite kanonische Redaktion genannt wird. Deutlich wird diese Entwicklung durch die immer größere Präsenz von ὕδωρ in der Apg, Hebr, den Katholischen Briefen und der Apk, selbstverständlich angeregt durch die vielfache Präsenz des Begriffes in den vier Evangelien. Auch hier gilt, was bereits mehrfach zuvor bemerkt worden ist, dass durch die Präsenz des Begriffes in den kanonischen Evangelien, vor allem in Johannes, der Jesus selbst taufen lässt, und in den weiteren Schriften, der Apg, die ὕδωρ im Zusammenhang der Johannestaufe, der Philippustaufe und der Petrustaufe benutzt, und dann wiederum in solchen Schriften, die in ihrer Authentizität umstritten waren, Hebr, den Katholischen Briefen und Apk, von der zweiten kanonischen Redaktion eine Klammer für deren integrale Notwendigkeit für die Sammlung geschaffen wurde. g) Theologisch Wieder gibt es eine Reihe von recht häufigen Begriffen, die auf der vorkano‐ nischen Ebene fehlen und hier nicht im Einzelnen alle behandelt werden können. 432 Ich greife zunächst ἀνάπαυσις und ἀναπαύω heraus. Während das Nomen lediglich in Mt, Lk und Apk steht, findet sich das Verb auch noch bei Mk, in drei der sieben Paulusbriefe, auch 1Petr und Apk. In Lk 11,24 (/ / Mt 12,43) ist das Nomen für *Ev nicht bezeugt, 433 doch sprechender ist Lk 12,19, wo die Zeugen 05, a, b, c, d, e, (ff 2 ) folgende Passage des Verses auslassen: κειμενα εις ετη πολλα αναπαυου φαγε πιε, während dieser Passus zu finden ist in aur, f, q, M, NA 28 . Klinghardt vermerkt diesen Passus zurecht als abwesend. 434 Hinter *Ev 12,19 (wie auch *Ev 12,20) liegt Sir 11,19, §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 459 <?page no="460"?> also überein, J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 112. 164; M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 904-907. 435 Vgl. Sir 11,19 LXX: ἐν τῷ εἰπεῖν αὐτόν Εὗρον ἀνάπαυσιν καὶ νῦν φάγομαι ἐκ τῶν ἀγαθῶν μου, καὶ οὐκ οἶδεν τίς καιρὸς παρελεύσεται καὶ καταλείψει αὐτὰ ἑτέροις καὶ ἀποθανεῖται. worin Klinghardt den Grund sieht, dass in der Revision dieser Schriftbezug verdeutlicht wurde. 435 Mt überliefert den Jesusspruch Mt 11,29, der den einschlägigen Teil des Verses aus einer Kombination von Jer 6,16 und Sir 6,28, wo er das Verb findet, gewinnt: „Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; und ihr werdet Ruhe finden (ἀνάπαυσιν) für eure Seele.“ Die Tendenz ist dieselbe wie die von Lk - sie verdeutlicht, dass der Jesusspruch nicht nur jüdische Prophetie atmet, sondern auch aus dieser herzuleiten ist, dasselbe Verfahren, das Tertullian bei seiner Kommentierung des Markionevangeliums verwendet. Dass die Ruhe aufgegeben werden soll, weil „die Stunde gekommen ist“, findet sich in der Gethsemaneerzählung Mt 26,45 (/ / Mk 14,41). Auch in Lk 12,19 war das Ausruhen bereits als Charakterisierung des Narren genutzt, dem gesagt wird, dass man noch „in dieser Nacht“ sein Leben zurückfordern wird (Lk 12,20). In Mk 6,31 fordert Jesus die Apostel auf, an einem einsamen Ort ein wenig auszuruhen (ἀναπαύσασθε). Auf kanonischer Ebene verweist 2Kor 7,13 auf das Ruhen des Geistes: „Deswegen sind wir getröstet worden. Über unseren Trost hinaus erfreut uns vielmehr die Freude des Titus, dessen Geist durch euch alle neue Kraft gefunden hat (ἀναπέπαυται).“ Zu Titus, der bereits in Vers 6 erwähnt wird, wird weiter unten zu den Namensnennungen mehr zu sagen sein. Der Vers greift 1Kor 16,18 auf: „Sie haben nämlich meinen und euren Geist beruhigt (ἀνέπαυσαν). Erkennt diese folglich an! “ Während von dieser Erquickung hier vor der Grußadresse am Ende des Briefes die Rede ist, findet sie sich am Anfang und gegen Ende in Phlm 1,7: „Denn ich habe viel Freude und Trost durch deine Liebe, weil die Herzen der Heiligen durch dich, Bruder, erquickt worden sind (ἀναπέπαυται)“, und Phlm 1,20: „Ja, Bruder, lass mich von dir Nutzen haben im Herrn; erquicke (ἀνάπαυσόν) mein Herz in Christus! “ 1Petr 4,14 greift (mit den Worten von Jes 11,2) die Seligpreisung von Lk 6,22 auf: „Wenn ihr wegen des Namens Christi beschimpft werdet, seid ihr seligzu‐ preisen; denn der Geist der Herrlichkeit, der Geist Gottes, erquickt (ἀναπαύεται) euch.“ 460 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="461"?> 436 Vgl. Iren., Adv. Haer. III 11,8; vgl. den synoptischen Vergleich, der *Ev mit einschließt in Iren., Adv. Haer. IV 6 und hierzu Text und Diskussion in M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2. Jahrhundert (2022), 266-270. Vgl. auch weiter unten, S.-585. 437 Vgl. Apk 6,11, wo vom vorläufigen Ruhen der bereits mit weißem Gewand Ausgestat‐ teten bis zur Vollzahl der Märtyrer berichtet wird, vgl. in ähnlichem Zusammenhang die eingeforderte Standhaftigkeit, nicht Idololatrie zu betreiben in Apk 14,10-11. Weiter liest man von „Ruhe“ und „Ruhen“ nur noch in der Apokalypse. Gleich an der ersten Stelle (Apk 4,8) wird von den vier Tieren berichtet, die bereits Irenäus mit den vier Evangelisten gleichgesetzt hat unter Berufung auf diese Stelle (die ihrerseits wieder auf Ez 1,4-14 zurückgreift), und von denen gilt, dass sie „nicht ruhen (ἀνάπαυσιν οὐκ ἔχουσιν)“, sondern „bei Tag und Nacht rufen“ und den Herrn, Gott, als „Herrscher über die ganze Schöpfung“ preisen - vergessen wir nicht, dass Irenäus auf diese vier Evangelien verweist und sie von dem fünften absetzt, das er danach zitiert, dem *Evangelium Markions. 436 Die beiden letzten Bezeugungen in Apk (6,11; 14,11.13) stehen im Rahmen der Diskussion der Standfestigkeit und Bereitschaft zum Martyrium und erinnern demnach an 1Petr. 437 Bei der Verwendung der beiden Begriffe ἀνάπαυσις und ἀναπαύω stellt sich die große Bedeutung der alttestamentlichen Bezüge heraus - Jesus Sirach, Jesaja, Jeremias, Ezechiel. Zusätzlich zur Funktion der narrativen Kohärenz spielt also auch die Rückbindung der Texte an die jüdischen Schriften eine herausragende Rolle. Aufschlussreich ist eine Durchsicht der Verwendungen von βλασφημία und βλάσφημος. Wie schon öfter bemerkt, sind wiederum Nomen und Adjektiv dieser Gruppe vorkanonisch nicht bezeugt, während das Verb βλασφημέω an einer Stelle für *Paulus belegt ist: *Röm 2,24: *Röm 2,24 Röm 2,24 Τὸ ὄνομα τοῦ θεοῦ δι’ ὑμᾶς βλασφημεῖται. τὸ γὰρ ὄνομα τοῦ θεοῦ δι’ ὑμᾶς βλασφημεῖται ἐν τοῖς ἔθνεσιν, καθὼς γέγραπται. *Röm 2,24 Röm 2,24 Euretwegen wird der Name Gottes ge‐ lästert. Denn der Name Gottes wird euretwegen unter den Nationen gelästert, wie ge‐ schrieben steht. §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 461 <?page no="462"?> 438 Vgl. Jes 52,5 LXX: τάδε λέγει κύριος. δι᾽ ὑμᾶς διὰ παντὸς τὸ ὄνομά μου βλασφημεῖται ἐν τοῖς ἔθνεσιν. 439 Vgl. G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 130. Der Vers steht in der kritischen Gegenüberstellung von dem, was das jüdische Gesetz gebietet, und dem, was entgegen diesem Gesetz gelebt wird: „Denn euretwegen wird der Name Gottes gelästert.“ 438 Ganz ähnlich wie bei der Diskussion von ἀνάπαυσις und ἀναπαύω verdeut‐ licht die kanonische Redaktion den Rückbezug des Textes auf die jüdische Schrift, hier auf Jes 52,5 LXX (“…Spruch des Herrn, alle Tage wird mein Name gelästert unter den Nationen“; τάδε λέγει κύριος. δι᾽ ὑμᾶς διὰ παντὸς τὸ ὄνομά μου βλασφημεῖται ἐν τοῖς ἔθνεσιν). In Selbstverteidigung spricht Paulus davon, „Und gilt am Ende das, womit man uns verleumdet und was einige uns in den Mund legen“ (Röm 3,8) und in Ablehnung von Speisegeboten begegnet das Verb auf der kanonischen Ebene wieder in Röm 14,16: „So soll nun euer Gutes nicht verlästert werden (βλασφημείσθω).“ 1Kor 4,13 ist vorkanonisch nicht bezeugt, doch es begegnet die Variante βλασφημούμενοι. Diese steht in den Zeugen P 68 , 01 2 , 03, 06, 010, 012, 020, 044, 0289, 630, 1881 c , 1881, 2464, M während die Variante δυσφημούμενοι zu finden ist in P 46 , 01*, 02, 04, 025, 33, 81, 1175, 1506, l 249, l 846, Cl, Eus. Wie die einschlägigen Zeugen 06, 010, 012 nahelegen, scheint βλασφημούμενοι von der vorkanonischen Sprache beeinflusst zu sein. 439 In den sieben Briefen des Paulus begegnet der Begriff nämlich nur an den beiden Stellen Röm 3,8 und 14,16 und als Variante in 1Kor 4,13. Erst auf der Ebene der Pastoralbriefe, des Praxapostolos, und zwar sowohl in Apg wie in mehreren Katholischen Briefen und in der Apk begegnet das Verb wiederholt. Nicht das Verb, jedoch das Nomen liest man in den beiden Deuteropaulinen Eph und Kol. Ähnlich wie wir es gleich in den Pastoralbriefen lesen werden, steht es in Eph 4,31 innerhalb einer innergemeindlichen Mahnung: „Alle Bitter‐ keit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung (βλασφημία) seien von euch weggetan samt aller Bosheit! “ In einem solchen Kontext und teilweise wörtlich parallel begegnet das Nomen auch in Kol 3,8: „Jetzt aber legt auch ihr das alles ab: Zorn, Grimm, Bosheit, Lästerung (βλασφημίαν), hässliche Redensarten aus eurem Mund.“ In einer Mahnung an Timotheus wegen des rechten Glaubens, heißt es 1Tim 1,20: „Zu ihnen gehören Hymenäus und Alexander, die ich dem Satan übergeben habe, damit sie in Zucht genommen werden und nicht mehr lästern (βλασφημεῖν).“ In 1Tim 6,1 steht das Verb erneut in einer Mahnung: „Alle, die das Joch der Sklaverei zu tragen haben, sollen ihren Herren alle Ehre erweisen, damit 462 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="463"?> 440 Vgl. Ez 33,4 LXX: καὶ ἀκούσῃ ὁ ἀκούσας τὴν φωνὴν τῆς σάλπιγγος καὶ μὴ φυλάξηται, καὶ ἐπέλθῃ ἡ ῥομφαία καὶ καταλάβῃ αὐτόν, τὸ αἷμα αὐτοῦ ἐπὶ τῆς κεφαλῆς αὐτοῦ ἔσται· der Name Gottes und die Lehre nicht in Verruf kommen (βλασφημῆται).“ In Tit 2,5 werden die älteren Frauen ermahnt, die jüngeren Frauen dazu anzuhalten, „besonnen zu sein, ehrbar, häuslich, tüchtig und ihren Männern gehorsam, damit das Wort Gottes nicht in Verruf kommt (βλασφημῆται).“ Nach Tit 3,2 soll man sich der Obrigkeit gegenüber entsprechend verhalten, „niemanden zu schmähen (βλασφημεῖν), friedfertig zu sein, gütig und alle Freundlichkeit allen Menschen gegenüber zu zeigen! “ Die Mahnungen passen zu dem Menschenbild, wonach „die Menschen selbstsüchtig sein werden, habgierig, prahlerisch, überheblich, lästerlich (βλάσφημοι), ungehorsam gegen die Eltern, undankbar, gottlos …“ (2Tim 3,2). In Apg 13,45 werden „die Juden“ mit dieser Charakteristik überzogen: „Als die Juden die Scharen sahen, wurden sie eifersüchtig, widersprachen den Worten des Paulus und stießen Lästerungen (βλασφημοῦντες) aus.“ Sie sind auch das Ziel der folgenden historisch verheerend wirkenden Kritik in Apg 18,6 mit einem Zitat aus Ez 33,4: „Als sie sich dagegen auflehnten und Lästerungen (βλασφημούντων) ausstießen, schüttelte er seine Kleider aus und sagte zu ihnen: Euer Blut komme über euer Haupt! Ich bin daran unschuldig. Von jetzt an werde ich zu den Heiden gehen.“ 440 Ein Kapitel weiter wird Paulus in Schutz genommen, er sei kein „Tempelräuber und kein Lästerer“ der Artemis von Ephesus (Apg 19,37). Als Verfolger des anderen „Weges“ wird Paulus über sich selbst sagen gelassen (Apg 26,11): „Und in allen Synagogen habe ich oft versucht, sie durch Strafen zur Lästerung (βλασφημεῖν) zu zwingen; in maßloser Wut habe ich sie sogar bis in Städte außerhalb des Landes verfolgt.“ In Jak 2,7 wird, die Reichen betreffend, die Frage gestellt: „Sind nicht sie es, die den guten Namen lästern (βλασφημοῦσιν), der über euch ausgerufen worden ist? “ Die Seligpreisung von 1Petr 4,14, hatten wir bereits zuvor erwähnt (vgl. auch 1Petr 4,4), doch das Verb hier steht in einer Ergänzung des Verses, die nur durch die Zeugen 025, 044, 1448, 1611, Byz, it, vg ww , sy h** , sa mss , bo ms , Cyp geboten wird: κατα μεν αυτους βλασφημειται κατα δε υμας (ημας 1448, Cyp) δοξαζεται: „Wenn ihr wegen des Namens Christi beschimpft werdet, seid ihr seligzupreisen; denn der Geist der Herrlichkeit, der Geist Gottes, ruht auf euch, wird auch wenn er einerseits wegen ihnen, andererseits wegen Euch gelästert, wird andererseits wegen euch verherrlicht.“ Von falschen Propheten ist in 2Petr 2,2 die Rede: „Und ihren Ausschweifungen werden sich viele anschließen und ihretwegen wird der Weg der Wahrheit in Verruf kommen (βλασφημηθήσεται).“ Kurz darauf (2Petr 2,10) werden die §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 463 <?page no="464"?> Ungerechten beschrieben, „besonders jene, die sich von der schmutzigen Be‐ gierde ihres Körpers beherrschen lassen und die Macht des Herrn verachten. Diese frechen und anmaßenden Menschen schrecken nicht davor zurück, die überirdischen Mächte zu lästern (βλασφημοῦντες).“ Und in 2Petr 2,12 wird ergänzt: „Diese Menschen aber sind wie unvernünftige Tiere, die von Natur aus dazu geboren sind, gefangen zu werden und umzukommen. Sie lästern (βλασφημοῦντες) über Dinge, die sie nicht verstehen. In ihrer Verderbtheit werden auch sie verderben.“ An diese Klagen über die körperlich Unzüchtigen erinnert Jud 1,8: „Genauso beflecken auch diese Träumer das Fleisch, sie erkennen die Macht des Herrn nicht an und lästern (βλασφημοῦσιν) die über‐ irdischen Mächte.“ Und Jud 1,10: „Diese jedoch lästern (βλασφημοῦσιν), was sie nicht kennen; was sie aber wie die unvernünftigen Tiere von Natur aus verstehen, daran gehen sie zugrunde.“ „Lästern“ begegnet auch in der Apk - vom Tier aus dem Meer heißt es Apk 13,6: „Das Tier öffnete sein Maul, um Gott und seinen Namen zu lästern (βλασφημίας … βλασφημῆσαι), seine Wohnung und alle, die im Himmel wohnen.“ Vom vierten der sieben Engel mit den Schalen des Zorns wird Apk 16,9 berichtet: „Und die Menschen verbrannten in der großen Hitze. Dennoch lästerten (ἐβλασφήμησαν) sie den Namen Gottes, der die Macht über diese Plagen hat. Sie bekehrten sich nicht dazu, ihm die Ehre zu geben.“ Vom fünften in Apk 16,11: „Dennoch lästerten (ἐβλασφήμησαν) sie den Gott des Himmels wegen ihrer Schmerzen und ihrer Geschwüre; und sie ließen nicht ab von ihrem Treiben.“ Am Ende des Kapitels, Apk 16,21, wird ein apokalyptisches Szenario gezeichnet: „Und gewaltige Hagelbrocken, zentnerschwer, stürzten vom Himmel auf die Menschen herab. Dennoch lästerten (ἐβλασφήμησαν) die Menschen Gott wegen dieser Hagelplage; denn die Plage war über die Maßen groß.“ Das Nomen (βλασφημία) steht schließlich in 1Tim 6,4; Jud 1,9 und Apk 2,9; 13,1. 5. 6; 17,3. Vergegenwärtigt man sich, dass das Verb trotz vorkanonischer Vorgabe durch *Paulus beim kanonischen Paulus selten ist, Nomen und Adjektiv gar nicht begegnen, wird der Abstand zwischen dem kanonischen Paulus zu den Deuteropaulinen, insbesondere aber zu den Pastoralbriefen, zum Praxapostolos und zur Apk desto deutlicher. Wir haben es in diesen Schriften und Korpora mit Situationen zu tun, in denen „Lästern“ zu einem wichtigen Begriff von Mahnung und Abgrenzung benutzt wird. Verb und Nomen begegnen auch auf der Ebene der vier Evangelien. Zunächst das Verb: In Lk 12,10b sind handschriftlich im Wesentlichen zwei verschiedene Versionen bezeugt, die eine von 05, c, d, e, die mit Tertullian übereinstimmt 464 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="465"?> 441 Vgl. M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 894-896. 901. und anstelle des Verbs βλασφημέω schlicht λέγω bietet, während NA 28 mit dem Mehrheitstext folgende Version dieses Halbsatzes hat: „Wer aber den Heiligen Geist lästert (βλασφημήσαντι), dem wird nicht vergeben werden.“ 441 An der nächsten Stelle ist zwar Lk 22,63-64 für *Ev bezeugt, doch nicht Lk 22,65, wo wir dem Verb wieder begegnen: „Und noch viele andere Lästerungen (βλασφημοῦντες) stießen sie gegen ihn aus.“ Lk 23,39 steht in einer Passage, die für *Ev unbezeugt ist, auch wenn sie vielleicht in *Ev gestanden war. Nimmt man noch das Nomen hinzu, begegnet es an einer Stelle in Lk 5,21 (/ / Mt 9,3 / / Mk 2,7), bei der Heilung des Gelähmten: „Und die Schriftgelehrten und die Pharisäer fingen an zu überlegen: Wer ist dieser, der Lästerungen (βλασφημίας) ausspricht? Wer kann Sünden vergeben außer Gott allein? “ Mt 26,65 berichtet, dass beim Verhör vor dem Hohen Rat „der Hohepriester sein Gewand zerriss und rief: Er hat Gott gelästert (ἐβλασφήμησεν)! Wozu brauchen wir noch Zeugen? Jetzt habt ihr die Gotteslästerung (βλασφημίαν) gehört.“ Auch die Leute, die am Kreuz vorbeigingen, „lästerten (ἐβλασφήμουν) ihn, schüttelten den Kopf “ (Mt 27,39 / / Mk 15,29). Eine deutliche Ansage macht Mk 3,28-29 (/ / Mt 12,31-32): „28 Amen, ich sage euch: Alle Vergehen und Lästerungen (βλασφημίαι) werden den Menschen vergeben werden, so viel sie auch lästern (βλασφημήσωσιν) mögen; 29 wer aber den Heiligen Geist lästert (βλασφημήσῃ), der findet in Ewigkeit keine Vergebung, sondern seine Sünde wird ewig an ihm haften.“ Das Thema „Lästerung“, insbesondere „Gotteslästerung“, besitzt auch einen Ort bei Joh, in einer Auseinandersetzung mit „den Juden“ ( Joh 10,33-36): „33-Die Juden antworteten ihm: Wir steinigen dich nicht wegen eines guten Werkes, sondern wegen Gotteslästerung (βλασφημίας); denn du bist nur ein Mensch und machst dich selbst zu Gott. 34 Jesus erwiderte ihnen: Steht nicht geschrieben in eurem Gesetz: Ich habe gesagt: Ihr seid Götter? 35 Wenn er jene Menschen Götter genannt hat, an die das Wort Gottes ergangen ist, und wenn die Schrift nicht aufgehoben werden kann, 36 dürft ihr dann von dem, den der Vater geheiligt und in die Welt gesandt hat, sagen: Du lästerst (βλασφημεῖς) Gott - weil ich gesagt habe: Ich bin Gottes Sohn? “ Trotz dieser prononcierten, allerdings nur sehr vereinzelten Verwendungen von Verb und Nomen in den vier Evangelien, stellt sich die Frage, ob diese Ausführungen, die es nur auf kanonischer Ebene gibt, auf die erste kanonische §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 465 <?page no="466"?> 442 Vgl. M. Böhm, Zum Glaubensverständnis des Philo von Alexandrien. Weisheitliche Theologie in der 1. Hälfte des 1.-Jahrhunderts n.-Chr. (2017), 162-163. Redaktion dieser Texte zurückgehen oder vielmehr erst auf die zweite kanoni‐ sche Redaktion, als die km Evangelien in die größere Sammlung eingegangen sind. Hier wird künftige Forschung vielleicht mehr herausfinden können, vor allem etwa die Frage beantworten, ob synoptisch parallele Verwendungen wie etwa Lk 5,21 / / Mt 9,3 / / Mk 2,7, dann Mk 3,28-29 / / Mt 12,31-32; Mk 14,64 / / Mt 26,65 und Mt 27,39 / / Mk 15,29 eher ein Zeichen für die erste oder zweite kanonische Redaktion darstellen. Die Tatsache, dass an den synoptisch parallelen Stellen jeweils das Nomen (z.T. auch mit dem häufiger zu findenden Verb) begegnet, stellt nach den bisherigen Beobachtungen, wonach die nominale Abstrahierung eher auf der zweiten kanonischen Redaktionsebene begegnet, einen Hinweis dafür bereit, dass möglicherweise auch manche synoptische Harmonisierung erst auf der zweiten kanonisch-redaktionellen Ebene stattgefunden hat. Dafür spricht, dass die Häufung des Begriffes erst in den Schriften zu finden ist, die zur letzten Ergänzung der Paulinen gehören, nämlich (einmal von Hebr abgesehen) den Pastoralbriefen und dann auch im Praxapostolos und Apk. Vielleicht wird man darum auch die Mahnlisten in Eph und Kol dieser kanonischen Redaktion zuschreiben, die nicht nur eine innere Klammer zwischen diesen beiden eh einander nahestehenden Briefen verstärken, sondern auch diese beiden Briefe mit den Pastoralbriefen und insbesondere mit dem Praxapostolos und Apk verbinden wollten und sollten. Folgende Gruppe ist vorkanonisch unbezeugt, sowohl für *Ev wie für *Paulus: εὐσέβεια 15 - Apg 3,12; 1Tim 2,2; 3,16; 4,7. 8; 6,3. 5. 6. 11; 2Tim 3,5; Tit 1,1; 2Petr 1,3. 6. 7; 3,11 εὐσεβέω 3 / 2 - Apg 17,23; 1Tim 5,4; 2Petr 2,9 εὐσεβής 4 / 3 - Apg 10,2. 7; 22,12; 2Petr 2,9 εὐσεβῶς 2 - 2Tim 3,12; Tit 2,12 Wie die Belegstellen zeigen, bewegen wir uns innerhalb der zweiten kanoni‐ schen Redaktion, bei der die größere Sammlung zusammengebracht wurde, denn es stehen zusammen die Apg, die Pastoralbriefe und 2Petr aus den Katho‐ lischen Briefen. Die Begrifflichkeit steht der „jüdischen Weisheitstradition“ und auch Philo nahe. 442 466 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="467"?> 443 Er erinnert an 4Makk 6,31: ῾Ομολογουμένως οὖν δεσπότης τῶν παθῶν ἐστιν ὁ εὐσεβὴς λογισμός. In Apg 3,12 bezieht sich εὐσέβεια auf Petrus selbst: „Als Petrus das sah, wandte er sich an das Volk: Israeliten, was wundert ihr euch darüber? Was starrt ihr uns an, als hätten wir aus eigener Kraft oder Frömmigkeit (εὐσεβείᾳ) bewirkt, dass dieser gehen kann? “ Etwas später in Apg 10,2 wird von dem Hauptmann Cornelius berichtet, er und sein ganzes Haus seien „fromm (εὐσεβής) und gottesfürchtig, er gab dem Volk reichlich Almosen und betete beständig zu Gott.“ Auch einer seiner Soldaten gilt als „fromm“ (Apg 10,7). Vom Areopag berichtet Paulus: „Denn als ich umherging und mir eure Heiligtümer ansah, fand ich auch einen Altar mit der Aufschrift: EINEM UNBEKANNTEN GOTT. Was ihr verehrt (εὐσεβεῖτε), ohne es zu kennen, das verkünde ich euch.“ Obwohl an der ersten Stelle Frömmigkeit auf Petrus bezogen wird - allerdings mit einer negativen semantischen Nuance, da es um ein abwehrendes Argument geht, wird deutlich, dass der Begriff im Zusammenhang heidnischer Frömmigkeit gebraucht wird bei Beispielen, die den Übergang zwischen Fremdidentität und Eigenidentität markieren. Diese Schwelle greift auch 1Tim 2,2 auf, wenn es um die Bitte geht „für die Herrscher und für alle, die Macht ausüben, damit wir in aller Frömmigkeit (εὐσεβείᾳ) und Rechtschaffenheit ungestört und ruhig leben können.“ Allerdings wird stärker als in Apg deutlich, dass der Begriff zur Selbstbeschreibung avan‐ ciert ist. Dies bestätigt auch 1Tim 3,16 mit dem Bekenntnissatz: 443 „Wahrhaftig, groß ist das Geheimnis unserer Frömmigkeit (εὐσεβείας): Er wurde offenbart im Fleisch, / gerechtfertigt durch den Geist, geschaut von den Engeln, / verkündet unter den Völkern, geglaubt in der Welt, / aufgenommen in die Herrlichkeit.“ Auch die Begriffe δυναμόω, δυνάστης, δυνατέω, δυνατός sind vorkanonisch nicht bezeugt, und zwar weder in *Ev noch in *Paulus, und das, obwohl der Begriff δύναμαι in *Ev und δύναμις sowohl in *Ev wie in *Paulus zu finden sind. δυναμόω steht nur an einer Stelle in Kol 1,11 (vgl. die v.l. in Eph 6,10: „Schließlich: Werdet stark durch die Kraft und Macht des Herrn! “) und an einer in Hebr 11,34. In der Eröffnung von Kol findet sich die Bitte für die Gemeinde: „…mit aller Kraft gestärkt werdet (δυναμούμενοι) nach der Macht seiner Herrlichkeit zu allem standhaften Ausharren und Geduld mit Freuden.“ Im lobenden Rückblick auf „alle, die aufgrund des Glaubens besonders anerkannt wurden, jedoch das Verheißene nicht erlangten“ (Hebr 11,39), im Unterschied zu „uns“, „für die Gott etwas Besseres vorgesehen hatte“, heißt es dann: §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 467 <?page no="468"?> 444 Vgl. Ps 111,9 LXX: ἐσκόρπισεν, ἔδωκεν τοῖς πένησιν· ἡ δικαιοσύνη αὐτοῦ μένει εἰς τὸν αἰῶνα τοῦ αἰῶνος, τὸ κέρας αὐτοῦ ὑψωθήσεται ἐν δόξῃ. „33 Sie haben aufgrund des Glaubens Königreiche besiegt, Gerechtigkeit geübt, Verheißungen erlangt, Löwen den Rachen gestopft, 34 Feuersglut gelöscht; sie sind der Schärfe des Schwertes entgangen; sie kamen zu Kraft (ἐδυναμώθησαν), als sie schwach waren; sie wurden stark im Kampf und haben feindliche Heere in die Flucht geschlagen.“ (Hebr 11,33-34) Während *Röm 14,2 bezeugt ist und vom narrativen Zusammenhang und aus dem Vergleich der Lexik auch Vers 3 noch vorkanonisch gestanden zu sein schien, auch wenn dieser Vers nicht mehr bezeugt ist, dürfte dies nicht für Vers 4 gelten. Dort heißt es: „Wer bist du, dass du den Hausknecht eines anderen richtest? Er steht oder fällt seinem eigenen Herrn. Er wird aber aufrecht gehalten werden, denn der Herr vermag (δυνατεῖ), ihn aufrecht zu halten.“ Dann steht im nächsten Kapitel, das in *Röm fehlt, gleich zu Anfang, Röm 15,1: „Wir aber, die Starken (οἱ δυνατοὶ), sind verpflichtet, die Schwächen der Schwachen zu tragen und nicht uns selbst zu gefallen.“ Während die Verse *1Kor 1,19-25. 27-29. 31 vorkanonisch gut bezeugt sind, ist es gerade Vers 26 nicht, wo wir lesen: „Seht nämlich auf eure Berufung, Brüder, da sind nicht viele Weise dem Fleisch nach, nicht viele Mächtige (δυνατοί), nicht viele Vornehme.“ In 2Kor 9,8-9, innerhalb eines Kapitels, das im Ganzen für die vorkanonische Ebene unbezeugt ist und durch die Lexik auch als abwesend bekräftigt wird, liest man: „8 Gott aber kann (δυνατεῖ) euch jede Gnade überreichlich geben, sodass ihr in allem allezeit volle Genüge habt und noch überreich seid zu jedem guten Werk, 9 wie geschrieben steht: Er hat ausgestreut, er hat den Armen gegeben; seine Gerechtigkeit bleibt in Ewigkeit.“ 444 Während in *2Kor 13 die Verse 2 und 10 vorkanonisch bezeugt sind, heißt es gerade in den Versen 3 und 9: „3 Ihr sucht ja einen Beweis dafür, dass Christus in mir spricht, der euch gegenüber nicht schwach ist, sondern mächtig (δυνατεῖ) unter euch … 9 Denn wir freuen uns, wenn wir schwach sind, ihr aber stark seid (δυνατοὶ ἦτε); dies auch erbitten wir, euer Vollkommenwerden.“ Die Mächtigen - als Gegenspieler des Paulus - kennt auch Apg 25,5: „Die Mächtigen (δυνατοὶ) unter euch, sagte er, können mit hinabkommen, und wenn gegen den Mann etwas vorliegt, sollen sie gegen ihn Anklage erheben.“ 468 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="469"?> 445 Vgl. Ps 44,6 LXX: τὰ βέλη σου ἠκονημένα, δυνατέ,—λαοὶ ὑποκάτω σου πεσοῦνται—ἐν καρδίᾳ τῶν ἐχθρῶν τοῦ βασιλέως. 446 Vergleiche zu diesem Vers auch S.-401-402. Wie dieser erste Überblick zu den Verben (und einigen ausgewählten Belegen zum Adjektiv) zeigt, gilt für die kanonische Redaktion der Paulinen nicht nur die Terminologie von „Stärken“ als Spezifikum Gottes, das aus seiner Kraft oder Macht heraus dann auf die Seinen übertragen wird, sondern auch die Gegenfigur von Stärke und Schwäche. Mächtigsein ist ein spezifisches Charakteristikum für ausgewählte Führungsfiguren. Nachdem die beiden Verben weder vorkanonisch noch in den vier Evangelien begegnen, es jedoch eine Affinität von Apg und Paulus gibt, spricht dies dafür, dass diese Vorstellungen erst durch die zweite kanonische Redaktion in die paulinischen Briefe kamen, als sie in die größere Sammlung eingepasst wurden. Diese Beobachtung wird gestärkt, nimmt man den Terminus δυνάστης hinzu. Denn dieser begegnet nur an einer Stelle in der Kindheitsgeschichte des Lk 1,52 und dann erneut in Apg 8,27 und 1Tim 6,15. Die Lukasstelle ist ein Vers aus dem Lied der Maria, genährt aus Job 12,18-19. 21: „Er stürzt die Mächtigen (δυνάστας) vom Thron / und erhöht die Niedrigen,“ bei dem uns gerade dieses Gegenüber von Stärke und Schwäche wieder be‐ gegnet. Die Apg 8,27 kennt „den Mächtigen (δυνάστης)“, den äthiopischen Kämmerer. 1Tim 6,15 führt den Begriff an als Epithet Gottes: „… das zur vorherbestimmten Zeit herbeiführen wird der selige und einzige Mächtige (δυνάστης), der König der Könige und Herr der Herren.“ Erneut legt es sich nahe, dass die Kindheitsgeschichte durch die zweite kanonische Redaktion in km Lk eingefügt wurde, als Lk zusammen mit der Apg und den Pastoralbriefen in die größere Sammlung eingebracht wurde. Das unterstreicht weiter die Verwendung von δυνατός. Auch dieser Terminus steht im Lied der Maria, kurz zuvor in Lk 1,49 als Aussage über Maria selbst, wobei die Gottesanrede „Mächtiger (δυνατός)“ aus Ps 44,6 genommen ist: „Denn der Mächtige hat Großes an mir getan / und sein Name ist heilig.“ 445 Auch in der Täuferpredigt, die in *Ev fehlt, wird auf die Macht Gottes verwiesen (Lk 3,8). Dann taucht das Verb wieder auf in Lk 5,21: 446 *Ev 5,21 Lk 5,21 καὶ ἤρξαντο διαλογίζεσθαι οἱ γραμματεῖς καὶ οἱ Φαρισαῖοι (ἐν ταῖς καρδίαις αὐτῶν) λέγοντες, τίς ἀϕήσει ἁμαρτίας εἰ μὴ μόνος ὁ θεός; καὶ ἤρξαντο διαλογίζεσθαι οἱ γραμματεῖς καὶ οἱ Φαρισαῖοι λέγοντες, Τίς ἐστιν οὗτος ὃς λαλεῖ βλασφημίας; τίς δύναται ἁμαρτίας ἀφεῖναι εἰ μὴ μόνος ὁ θεός §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 469 <?page no="470"?> 447 Hier würde ich darum die Rekonstruktion Klinghardts um diesen Teil Τὶ οὗτος λαλεῖ βλασϕημίας verkürzen. *Ev 5,21 Lk 5,21 Und die Schriftgelehrten und die Phari‐ säer fingen an (in ihren Herzen) zu über‐ legen und sagten: Wer vergibt Sünden außer Gott allein? Und die Schriftgelehrten und die Phari‐ säer fingen an zu überlegen: Wer ist dieser, der Lästerungen ausspricht? Wer hat die Macht, Sünden zu vergeben außer Gott allein? Da in diesem Vers gerade der wichtigste Teil für unsere Untersuchung hier gut bezeugt ist durch Tert., Adv. Marc. IV 10,1, wird deutlich, dass im kanonischen Text zwei wichtige Änderungen vorgenommen wurden. In dem Passus, der uns hier interessiert, ist es der Hinweis auf das Können oder die Macht Gottes, Sünden zu vergeben, er aus dem Futur ἀφήσει heraus entwickelt und gegenüber *Ev hinzugefügt wurde, dann wird durch die kanonische Redaktion auch der voranstehende Hinweis auf die Lästerung aufgenommen worden sein, der schon zuvor besprochen wurde. 447 Ohne hier alle Stellen in Lk und den weiteren drei Evangelien durchzugehen, sei nur darauf verwiesen, dass das Verb auch an den weiteren Stellen vorkanonisch nicht bezeugt und wohl auch abwesend gewesen ist (vgl. die Concordance mit den dort genannten Ausnahmen *Ev 9,40; 16,13. 26, wo es aber nicht um die Macht Gottes geht). Wie man der Concordance ebenfalls entnehmen kann, begegnet gerade δυνατός in einer Häufigkeit auf der kanonischen Ebene in den vier Evangelien, Paulus (inkl. Pastoralbriefen, jedoch nicht in den Deuteropaulinen), Hebr, dem Praxapostolos (mit Apg, Jak, 1Joh) und Apk - wobei die Abwesenheit in den Deuteropaulinen uns einen Hinweis darauf bietet, dass es vor allem ein Terminus der zweiten kanonischen Redaktion ist, der offenkundig zuvor noch nicht in den Deuteropaulinen Verwendung fand, folglich die kanonische Ebene, die aus der zweiten kanonischen Redaktion hervorgegangen ist, als dessen eigentlichen Verwendungskontext stärkt. ἐπιφαίνω, ἐπιφάνεια und ἐπιφανής bilden eine weitere Gruppe theologischer Begriffe, die vorkanonisch sowohl für *Ev wie für *Paulus unbezeugt ist. Das Verb begegnet wiederum in Lk nur in der in *Ev abwesenden Kindheitsge‐ schichte und diese gehört wiederum zu dem Ensemble von Apg und Pastoral‐ briefen, wo es weiter steht. In der hymnenartigen Prophetie des Zacharias heißt es (Lk 1,79), dass „das Licht aus der Höhe“ kommen wird „um allen zu erscheinen (ἐπιφᾶναι), / die in 470 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="471"?> 448 Tert., Adv. Marc. IV 7,2: Viderit enim sicubi apparuisse positum est. Apparere subitum ex inopinato sapit conspectum, qui semel impegerit oculos in id quod sine mora apparuit. Descendisse autem dum fit, videtur et subit oculos de facto. Finsternis sitzen und im Schatten des Todes, / und unsre Schritte zu lenken auf den Weg des Friedens.“ Dass hier von „Erscheinen“ die Rede ist, erinnert an Tertullians Kritik an Markions Eröffnung seines *Evangeliums. Denn Markion sprach von einer Herabkunft Christi, doch Tertullian meint, eine solche, die nicht körperlich zu denken sei, dürfe man nicht mit dem Begriff der „Herabkunft“ beschreiben, sondern müsse den der „Erscheinung“ wählen. 448 Auch „der Weg des Friedens“ lässt an Markions zeitlichen Kontext vom Ende des zweiten jüdischen Krieges denken. Wenn Lk 1,79 von „Erscheinung“ spricht, dann aber in Lk 1,80 vom „Kind“, das „heranwuchs“ und davon, dass „es in der Wüste lebte bis zu dem Tag, an dem es seinen Auftrag für Israel erhielt“, verfolgt die Redaktion eine ähnliche Tendenz wie Tertullian, der mit seiner Kritik gegen die seines Erachtens Entkörperlichung oder Entmaterialisierung Christi durch Markion argumentiert. An einer Stelle in dem Deuteropaulinum 2Thess 2,8 begegnet das Nomen in einschlägigem Zusammenhang: „Dann wird der Gesetzlose offenbart werden, den der Herr Jesus durch den Hauch seines Mundes vernichten wird und den er durch das Erscheinen (ἐπιφανείᾳ) seiner Ankunft beseitigen wird.“ Dass auch der tötende Jesus und, wie die Pastoralbriefe gleich hinzusetzen werden, der rich‐ tende Retter ein deutlich antimarkionitisches Profil besitzt, wird offenkundig. In 1Tim 6,14 wird „Erscheinen“ auf die künftige Ankunft des Herrn hin gelesen, allerdings in der Selbstvorstellung des Paulus in 2Tim 1,10 auf das jetzige „Erscheinen (ἐπιφανείας) unseres Retters Christus Jesus. Er hat den Tod vernichtet und uns das Licht des unvergänglichen Lebens gebracht durch das Evangelium,“ wie auch drei Kapitel weiter in 2Tim 4,1 auf das künftige Erscheinen als Richter: „Ich beschwöre dich bei Gott und bei Christus Jesus, dem kommenden Richter der Lebenden und der Toten, bei seinem Erscheinen (ἐπιφάνειαν) und bei seinem Reich.“ Im selben Kapitel heißt es in 2Tim 4,8: „Schon jetzt liegt für mich der Kranz der Gerechtigkeit bereit, den mir der Herr, der gerechte Richter, an jenem Tag geben wird, aber nicht nur mir, sondern allen, die sein Erscheinen (ἐπιφάνειαν) ersehnen.“ Tit 2,11-13 spricht von beiden Erscheinungen in einem Zug, wenn auch hier die Richterfunktion unerwähnt bleibt: „11 Denn die Gnade Gottes ist erschienen (Ἐπεφάνη), um alle Menschen zu retten. 12 Sie erzieht uns dazu, uns von der Gottlosigkeit und den irdischen Begierden §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 471 <?page no="472"?> 449 Vgl. Job 12,18-19 LXX: 18 καθιζάνων βασιλεῖς ἐπὶ θρόνους καὶ περιέδησεν ζώνῃ ὀσφύας αὐτῶν. 19 ἐξαποστέλλων ἱερεῖς αἰχμαλώτους, δυνάστας δὲ γῆς κατέστρεψεν. loszusagen und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt zu leben, 13 während wir auf die selige Erfüllung unserer Hoffnung warten: auf das Erscheinen (ἐπιφάνειαν) der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Retters Christus Jesus.“ Ein Kapitel weiter, Tit 3,4-5 wird nochmals ausgeführt: „4 Als aber die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes, unseres Retters, erschien (ἐπεφάνη), 5 hat er uns gerettet - nicht aufgrund von Werken der Gerechtigkeit, die wir vollbracht haben, sondern nach seinem Erbarmen - durch das Bad der Wiedergeburt und die Erneuerung im Heiligen Geist.“ Von einem epiphanen Tag spricht auch die Apg 2,20 (= Joel 3,4): „Die Sonne wird sich in Finsternis verwandeln / und der Mond in Blut, / ehe der Tag des Herrn kommt, / der große und herrliche (ἐπιφανείας) Tag.“ Allerdings ist zu bemerken, dass gerade dieser Zusatz καὶ ἐπιφανῆ in den Zeugen 01, 06, gig, r fehlt. Es kann dies ein Hinweis darauf sein, dass er noch nicht in km Apg stand, als die Textvorlage bearbeitet wurde, um sie der von der zweiten kanonischen Redaktion veranstalteten Sammlung einzufügen. Nur in einem narrativen Zusammenhang begegnet dann das Verb Apg 27,20: „Mehrere Tage hindurch zeigten sich (ἐπιφαινόντων) weder Sonne noch Sterne und der heftige Sturm hielt an. Schließlich schwand uns alle Hoffnung auf Rettung.“ Überblickt man die Gruppe, wird nicht nur das vorkanonische Fehlen der Terminologie, sondern auch das auf der Ebene der sieben Paulusbriefe und der vier Evangelien - mit Ausnahme des Eintrags in der Kindheitsgeschichte - deutlich. Die Gruppe scheint, vermutlich auch in 2Thess und Apg, erst im Zuge der Zusammenstellung der größeren Sammlung durch die zweite kanonische Redaktion in die älteren Texte gelangt zu sein mit einer antimarkionitischen Ausrichtung. θρόνος begegnet mit über 60 Einträgen reichlich im kanonischen Neuen Testa‐ ment. Ähnlich wie bei der vorbesprochenen Gruppe, steht das Nomen in der Kindheitsgeschichte (Lk 1,32. 52) und nur noch ein weiteres Mal in Lk 22,30, wo es für die vorkanonische Ebene unbezeugt ist. In Lk 1,32 spricht der Engel über den künftigen Sohn Marias: „Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. Gott, der Herr, wird ihm den Thron (θρόνον) seines Vaters David geben.“ Lk 1,52 ist uns bereits zuvor bei der Diskussion von δυνάστης begegnet, wo es, genährt aus Job 12,18-19, um den Sturz der „Mächtigen von den Thronen (θρόνων)“ und um die Erhöhung der Niedrigen ging. 449 In Lk 22,30 geht 472 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="473"?> 450 Vgl. auch Mt 19,28: ὁ δὲ Ἰησοῦς εἶπεν αὐτοῖς, Ἀμὴν λέγω ὑμῖν ὅτι ὑμεῖς οἱ ἀκολουθήσαντές μοι, ἐν τῇ παλιγγενεσίᾳ, ὅταν καθίσῃ ὁ υἱὸς τοῦ ἀνθρώπου ἐπὶ θρόνου δόξης αὐτοῦ, καθήσεσθε καὶ ὑμεῖς ἐπὶ δώδεκα θρόνους κρίνοντες τὰς δώδεκα φυλὰς τοῦ Ἰσραήλ. 451 Vgl. Jes 66,1 LXX: Οὕτως λέγει κύριος ῾Ο οὐρανός μοι θρόνος, ἡ δὲ γῆ ὑποπόδιον τῶν ποδῶν μου· ποῖον οἶκον οἰκοδομήσετέ μοι; ἢ ποῖος τόπος τῆς καταπαύσεώς μου; es um die künftige Richtertätigkeit Jesu, der seinen Jüngern gegenüber ausführt: „Ihr sollt in meinem Reich an meinem Tisch essen und trinken und ihr sollt auf Thronen (θρόνων) sitzen und die zwölf Stämme Israels richten.“ 450 Die Rede vom „Thron“ begegnet auch bei Mt. In Mt 5,34; 23,22 wird der Himmel „Gottes Thron“ genannt. Dass es der Thron des Menschensohnes für das Gericht ist, bestätigt Mt 25,31: „Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron (θρόνου) seiner Herrlichkeit setzen.“ Nun gilt, dass der Terminus weder in *Ev noch in *Paulus steht, doch auch im kanonischen Paulus der sieben Briefe begegnet er nicht. Erst im Deuteropaulinum Kol innerhalb der Ausführungen über Christus liest man: „15 Er ist Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene aller Schöpfung. 16 Denn in ihm ist alles erschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, seien es Throne (θρόνοι) oder Herrschaften oder Mächte oder Gewalten; alles ist durch ihn und für ihn geschaffen.“ (Kol 1,15-16) War es zuvor das antimarkionitische Moment der Richtertätigkeit Christi, wird hier die Schöpfertätigkeit hervorgehoben, die Markion bestritten hatte. Apg 2,30 verdeutlicht ein drittes antimarkionitisches Argument, nämlich das der göttlichen Vorhersage des Kommens Christi, was Markion ebenfalls ausdrück‐ lich verneint hatte: „Da er ein Prophet war und wusste, dass Gott ihm einen Eid geschworen hatte, einer von seinen Nachkommen werde auf seinem Thron (θρόνον) sitzen“ (Apg 2,30). Diese Ansage wird durch die Predigt des Stephanus aufgegriffen, der aus Jes 66,1 zitiert: „Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel für meine Füße. Was für ein Haus könnt ihr mir bauen? , spricht der Herr. Oder welcher Ort kann mir als Ruhestätte dienen? “ (Apg 7,49) 451 Auch der Hebräerbrief kennt den richtenden Sohn auf dem Thron (Hebr 1,8): „Zum Sohn: Dein Thron (θρόνος), o Gott, steht für immer und ewig, und: Das Zepter deiner Herrschaft ist ein gerechtes Zepter.“ Vom „Thron der Gnade“ spricht Hebr 4,16. Dann heißt es in Hebr 8,1: „Die Hauptsache bei dem Gesagten aber ist: Wir haben einen solchen Hohepriester, der sich zur Rechten des Thrones (θρόνου) der Majestät im Himmel gesetzt hat.“ Dieser ist der Jesus, auf den man blicken soll, „den Urheber und Vollender des Glaubens; er hat angesichts der vor §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 473 <?page no="474"?> 452 Vgl. zuvor zu S.-461. ihm liegenden Freude das Kreuz auf sich genommen, ohne auf die Schande zu achten, und sich zur Rechten von Gottes Thron (θρόνου) gesetzt“ (Hebr 12,2). Ansonsten begegnet die Rede vom Thron nurmehr in der Apokalypse. Gleich in der Selbstvorstellung des Johannes (Apk 1,4-5) kommt die Apk auf den Thron zu sprechen: „4 … Gnade sei mit euch und Friede von Ihm, der ist und der war und der kommt, und von den sieben Geistern vor seinem Thron (θρόνου) 5 und von Jesus Christus; er ist der treue Zeuge, der Erstgeborene der Toten, der Herrscher über die Könige der Erde.“ Es gilt die Verheißung Apk 3,21: „Wer siegt, der darf mit mir auf meinem Thron (θρόνῳ) sitzen, so wie auch ich gesiegt habe und mich mit meinem Vater auf seinen Thron (θρόνῳ) gesetzt habe.“ Die Kapitel 4-5. 7-8 (vgl. auch 11,16; 14,3; 19,4-5; 20,4; 21,3-5; 22,1-3) von Apk sind eine große richtende Thronschau (vgl. Apk 20,11-12) mit dem einen Thron in der Mitte und 24 Thronen um diesen, genauso wie ihn die vier Tiere umringen, die Irenäus mit den vier Evangelisten identifizierte, worüber bereits weiter oben gehandelt wurde. 452 Apk 5,5 heißt es dann: „Gesiegt hat der Löwe aus dem Stamm Juda, der Spross aus der Wurzel Davids“. Mit dieser Genealogie nimmt die Apk ein weiteres antimarkionitisches Element auf, da Markion die Davidssohnschaft des Christus abgelehnt hatte. Dieses antimarkionitische Profil wird noch deutlicher in Apk 6,16-17, wo nun auch vom „Zorn des Lammes“ die Rede ist: „16 Sie sagten zu den Bergen und Felsen: Fallt auf uns und verbergt uns vor dem Blick dessen, der auf dem Thron (θρόνου) sitzt, und vor dem Zorn des Lammes; 17 denn der große Tag ihres Zorns ist gekommen.“ Apk 2,13 kennt auch einen „Thron des Satans“. Es wird kaum Zufall sein, dass gerade in der Kindheitsgeschichte des Lukas, dann in Mt, Lk und Apg, in einem Deuteropaulinum und in den umstrittenen Schriften Hebr und Apk eine Reihe von antimarkionitischen Positionen in Verbindung mit dem Terminus θρόνος stehen, der - nachdem er auf der vorkanonischen Ebene fehlt und auch in den sieben kanonischen Paulusbriefen nicht begegnet - auf der Ebene der kanonischen zweiten Redaktion in die Texte eingetragen, oder wie in der Apk zu einem ganzen Szenario entwickelt wurde. Diese Texte werden folglich zusammengehalten aufgrund ihrer gemeinsamen antimarkionitischen Gegenpositionen und lexikalisch über den Thronbegriff untereinander redaktionell verknüpft. 474 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="475"?> Auch die Termini λύτρον, λύτρωσις und λυτρωτής sind vorkanonisch unbe‐ zeugt, obwohl das Verb λυτρόω an einer Stelle, *Ev/ Lk 24,21 im Dialog der Emmausjünger zu finden ist: „Und wir hatten Hoffnung, dass er der sei, der kommen werde, um Israel zu erlösen (λυτροῦσθαι).“ Wie öfter bereits festgestellt, fehlen auch dann, wenn Verben einer be‐ stimmten Wortgruppe vorkanonisch bezeugt sind, die entsprechenden Nomina auf der vorkanonischen Ebene. Das Nomen λύτρωσις aus der hier zu betrachtenden Wortgruppe begegnet bei Lk lediglich an zwei Stellen in der Kindheitsgeschichte, die in *Ev fehlt. Zunächst im Lobpreis des Zacharias (Lk 1,68): „Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels! / Denn er hat sein Volk besucht und ihm Erlösung (λύτρωσιν) geschaffen.“ Und bald darauf (Lk 2,38) äußert sich die Prophetin Hanna: „Zu derselben Stunde trat sie hinzu, pries Gott und sprach über das Kind zu allen, die auf die Erlösung (λύτρωσιν) Jerusalems warteten.“ Auf die jüdische Vorgabe verweist ausdrücklich Apg 7,35: „Diesen Mose, den sie verleugnet hatten mit den Worten: Wer hat dich zum Anführer und Schiedsrichter bestellt? , ihn hat Gott als Anführer und Erlöser (λυτρωτὴν) gesandt durch die Hand des Engels, der ihm im Dornbusch erschien.“ Es wird folglich an beiden Stellen in Lk die Erlösung als prophetisch vorangekündigte eingeführt, gestützt durch Apg - ein Gedanke, den Markion ausdrücklich abgelehnt hatte. Zwar nicht von Erlösung oder Erlöser, doch von Lösegeld spricht Mt 20,28 (/ / Mk 10,45): „Wie der Menschensohn nicht gekommen ist, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld (λύτρον) für viele.“ Hebr 9,12 sieht diese Vorankündigung eingelöst, indem der Brief ausdrücklich auf den Unterschied zwischen dem früheren und dem jetzigen Erlösungsweg im Blut Christi hinweist: „Nicht mit dem Blut von Böcken und jungen Stieren, sondern mit seinem eigenen Blut ist er ein für alle Mal in das Heiligtum hineingegangen und so hat er eine ewige Erlösung (λύτρωσιν) bewirkt.“ Auch Tit 2,14 - unter Nutzung des Verbs - legt diese Erlösung auf Christi Tod aus: „Er hat sich für uns hingegeben, damit er uns von aller Ungerechtigkeit erlöse (λυτρώσηται) und für sich ein auserlesenes Volk schaffe, das voll Eifer danach strebt, das Gute zu tun.“ In 1Petr 1,18-19 wird auf die durch Christi Blut herbeigeführte Erlösung aus der früheren Lebensweise hingewiesen: „18 Ihr wisst, dass ihr aus eurer nichtigen, von den Vätern ererbten Lebensweise nicht um einen vergänglichen Preis losgekauft (ἐλυτρώθητε) wurdet, nicht um Silber oder Gold, 19 sondern mit dem kostbaren Blut Christi, des Lammes ohne Fehl und Makel.“ §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 475 <?page no="476"?> Auch wenn vorkanonisch von der Hoffnung der Jünger Jesu und dessen „Er‐ lösen“ Israels die Rede ist, scheint dieses Thema erst bei der zweiten kanonischen Redaktion innerhalb der erweiterten Sammlung aufgegriffen und redaktionell bei der Überarbeitung der entsprechenden Stellen in den drei Evangelien, den neuen Paulinen und dem Praxapostolos eingetragen worden zu sein. Daran schließt sinnvollerweise die Diskussion zu dem Erlösungstitel Christi, σωτήρ, an. Denn, obwohl σωτηρία vorkanonisch bezeugt ist, und zwar in *Ev wie in *Paulus, begegnet σωτήρ als Bezeichnung Christi vorkanonisch nur an einer Stelle: *1Thess 5,23. An dieser Stelle wird Christus als der künftig erwartete Herr und „Retter“ bezeichnet. Der Befund ähnelt dem der gerade besprochenen Wortgruppe, weil hier σωτήρ wie dort λύτρωσις kanonisch ausschließlich in der Kindheitsgeschichte von Lk zu finden ist, wiederum an zwei Stellen, und hier auf den bereits gekom‐ menen „Retter“ verweist. Wir stellen folglich einen deutlichen semantischen Unterschied zur vorkanonischen Verwendung fest. Lk 1,47 fällt der Titel im Lobpreis der Maria: „… und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.“ Während der Titel an der ersten Stelle noch als Gottestitulatur gelesen werden kann, nicht als ein solcher Christi, ist Lk 2,11 deutlicher, wenn der Engel verkündet: „Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Christus, der Herr.“ Obwohl der Titel 24 Mal im Neuen Testament steht, findet er sich weder in Mk noch in Mt, auch nur einmal in Joh 4,42 (im Mund der Samariter): „Und zu der Frau sagten sie: Nicht mehr aufgrund deiner Rede glauben wir, denn wir haben selbst gehört und wissen: Er ist wirklich der Retter (σωτήρ) der Welt.“ Selbst im kanonischen Paulus begegnet der Begriff nur an einer weiteren Stelle in einem der sieben Paulusbriefe, Phil 3,20: *Phil 3,20 Phil 3,20 ἡμῶν γὰρ τὸ πολίτευμα ἐν οὐρανοῖς ὑπάρχει, ἐξ οὗ ἀπεκδεχόμεθα Χριστόν ἡμῶν γὰρ τὸ πολίτευμα ἐν οὐρανοῖς ὑπάρχει, ἐξ οὗ καὶ σωτῆρα ἀπεκδεχόμεθα κύριον Ἰησοῦν Χριστόν *Phil 3,20 Phil 3,20 Denn unsere Bürgerrecht ist in den Himmeln, von woher wir Christus er‐ warten Denn unsere Heimat ist in den Himmeln, von woher wir Jesus Christus, den Herrn, erwarten, auch als Retter. 476 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="477"?> Wie der Vergleich zu dem gut bezeugten Vers erweist, fehlt vorkanonisch gerade das vorausstehende und hervorgehobene „auch als Retter“ des kanonischen Texts. Gleichwohl stimmt an dieser Stelle die Semantik mit der vorkanonischen Version überein - der Retter ist hier der künftig Erwartete. „Retter“ steht noch an einer Stelle in dem Deuteropaulinum Eph 5,23: *Laod 5,23 Eph 5,23 ὅτι ἀνήρ ἐστιν κεφαλὴ τῆς γυναικὸς ὡς καὶ ὁ Χριστὸς κεφαλὴ τῆς ἐκκλησίας. ὅτι ἀνήρ ἐστιν κεφαλὴ τῆς γυναικὸς ὡς καὶ ὁ Χριστὸς κεφαλὴ τῆς ἐκκλησίας, αὐτὸς σωτὴρ τοῦ σώματος. *Laod 5,23 Eph 5,23 denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Kirche ist. denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Kirche ist, er, Retter seines Leibes. Auch an dieser Stelle wirkt der Teil, der nicht für den vorkanonischen Vers bezeugt ist („er, Retter seines Leibes“), wie eine spätere Hinzufügung. Und an dieser Stelle findet sich bereits die heilsgeschichtlich präsentische, also kanonische Semantik des Begriffes. Ein Blick auf die Häufung dieses Titels innerhalb der Pastoralbriefe und auch des Praxapostolos bestätigt, dass wir es bei ihm mit einer kanonisch-redaktio‐ nellen Bezeichnung der zweiten kanonischen Redaktion zu tun haben, die im Zuge der Zusammenstellung der größeren Sammlung in diese eingeschrieben wurde. In 1Tim 1,1 ist der Titel in der Grußadresse präsent, hier als Epithet Gottes selbst: „Paulus, Apostel Christi Jesu gemäß dem Auftrag Gottes, unseres Retters, und Christi Jesu, unserer Hoffnung.“ Als solches kehrt es wieder in 1Tim 2,3: „Das ist recht und wohlgefällig vor Gott, unserem Retter.“ Und nochmals in 1Tim 4,10: „Dafür arbeiten und kämpfen wir, denn wir haben unsere Hoffnung auf den lebendigen Gott gesetzt, den Retter aller Menschen, besonders der Gläubigen.“ In 2Tim 1,10 wird der Titel auf Christus verwendet, und zwar auf den, der bereits erschienen ist: „Jetzt aber wurde sie durch das Erscheinen unseres Retters Christus Jesus offenbart.“ Auf Gott und auf Christus liest Tit in der Eröffnung (Tit 1,3-4) den Titel: „3 Zur vorherbestimmten Zeit aber hat er sein Wort offenbart durch die Verkündigung, mit der ich durch den Auftrag Gottes, unseres Retters, betraut worden bin. 4 An Titus, §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 477 <?page no="478"?> 453 2Petr 2,20: … τοῦ κυρίου [ἡμῶν] καὶ σωτῆρος Ἰησοῦ Χριστοῦ …; 2Petr 3,2: … τοῦ κυρίου καὶ σωτῆρος; 2Petr 3,18: -… τοῦ κυρίου ἡμῶν καὶ σωτῆρος Ἰησοῦ Χριστοῦ-… sein rechtmäßiges Kind, aufgrund des gemeinsamen Glaubens: Gnade und Friede von Gott, dem Vater, und Christus Jesus, unserem Retter.“ Für Gott findet er nochmals Verwendung in Tit 2,10, um ihn gleich drei Verse weiter auf Christus zu beziehen, und zwar als den zu Erwartenden: „Während wir auf die selige Erfüllung unserer Hoffnung warten: auf das Erscheinen der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Retters Christus Jesus.“ In dieser Verbindung begegnet er wieder in Tit 3,4-6, hier allerdings sowohl als Titel für Gott wie für Christus: „4 Als aber die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes, unseres Retters, erschien, 5 hat er uns gerettet - nicht aufgrund von Werken der Gerechtigkeit, die wir vollbracht haben, sondern nach seinem Erbarmen - durch das Bad der Wiedergeburt und die Erneuerung im Heiligen Geist. 6 Ihn hat er in reichem Maß über uns ausgegossen durch Jesus Christus, unseren Retter.“ Auch die Apg kennt den Titel, an der ersten Stelle wird er auf die Autorität Gottes zurückgeführt, jedoch gelesen auf Christus hin (Apg 5,31): „Ihn [scil. Jesus] hat Gott als Anführer und Retter an seine rechte Seite erhoben, um Israel die Umkehr und Vergebung der Sünden zu schenken.“ Ausdrücklich betont - entgegen der Bestreitung der prophetischen Ankündigung - die Apg (Apg 13,23): „Aus seinem Geschlecht hat Gott dem Volk Israel, der Verheißung gemäß, Jesus als Retter geschickt.“ Insgesamt sieben Mal steht der Titel schließlich in den Katholischen Briefen des Praxapostolos: Im Lobpreis am Ende ( Jud 1,25): „Ihm, der uns durch Jesus Christus, unseren Herrn, rettet, gebührt die Herrlichkeit, Hoheit, Macht und Gewalt vor aller Zeit und jetzt und für alle Zeiten. Amen.“ Wie bei 1Tim gleich in der Eröffnung liest man auch in 2Petr 1,1. 11: „1 Simon Petrus, Knecht und Apostel Jesu Christi, an jene, die durch die Gerechtigkeit unseres Gottes und Retters Jesus Christus den gleichen kostbaren Glauben erlangt haben wie wir. … 11 So wird euch in reichem Maß gewährt, in das ewige Reich unseres Herrn und Retters Jesus Christus einzutreten.“ „Herr und Retter“ sind Christi Titel auch in 2Petr 2,20; 3,2. 18. 453 In 1Joh 4,14 liest man: „Wir haben geschaut und bezeugen, dass der Vater den Sohn gesandt hat als Retter der Welt (vgl. oben Joh 4,42).“ Wie bereits verschiedentlich zuvor bemerkt, gruppieren sich die Pastoral‐ briefe mit dem Praxapostolos und fügen sich in die zweite kanonische Redaktion, die zur größeren Sammlung führte. Der vorkanonisch für den künftigen Retter 478 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="479"?> 454 Auch wenn Klinghardt *Ev 16,30 mit diesem Terminus aufnimmt, ist der einzige Zeuge der gerade für diese Perikope den kanonischen Text wiedergebende Adamantius. 455 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 582. reservierte Begriff wird immer stärker im Laufe des Redaktionsprozesses zu einem zentralen Begriff, bei dem immer wieder auf den bereits Erschienenen Bezug genommen wird, wenn auch die vorkanonische Semantik nicht völlig verschwindet. Beide Begriffe, μετανοέω, μετάνοια, Verb bzw. Nomen, sind vorkanonisch sowohl in *Ev wie *Paulus unbezeugt, 454 begegnen allerdings gerade im Täufer‐ zusammenhang, jedoch nicht nur in den synoptischen Evangelien, sondern auch in dem kanonischen Paulus, im Praxapostolos und in der Apk. Auch hier stößt zunächst ins Auge, dass das Nomen gleich an zwei Stellen im dritten Kapitel des Lk steht, das in *Ev fehlt. Lk 3,3. 8 (vgl. Mk 1,4 / / Mt 3,8-9. 11) findet man es bei der Beschreibung des Täufers: „3 Und er zog in die Gegend am Jordan und verkündete dort überall die Taufe der Umkehr (μετανοίας) zur Vergebung der Sünden. … 8 Bringt Früchte hervor, die eure Umkehr (μετανοίας) zeigen, und fangt nicht an, bei euch zu sagen: Wir haben Abraham zum Vater! Denn ich sage euch: Gott kann aus diesen Steinen dem Abraham Kinder erwecken.“ In Lk 5,32 wird folgender Spruch Jesus in den Mund gelegt: „Ich bin nicht gekommen, um Gerechte, sondern Sünder zur Umkehr (μετάνοιαν) zu rufen.“ Während der Vers zuvor durch Tertullian vorkanonisch bezeugt ist, ist es dieser Spruch nicht - außerdem weisen die Handschriften Varianten auf, die darauf hindeuten, dass wir es hier möglicherweise gerade bei der Formulierung εἰς μετάνοιαν mit einer Variante zu tun haben, die weder in *Ev stand, weil sie „die synoptischen Parallelen Mk 2,17 / / Mt 9,13“ nicht enthalten, 455 noch in den noch nicht von der kanonischen Redaktion redigierten Evangelien, worauf die Varianten in Mt verweisen. Die Formulierung fehlt dort nämlich in den Zeugen 01, 03, 05, 022, 032, 036*, 037, 0233, f 1 , 33, 565 al lat, sy p.h. , bo pt , welche bieten: οὐ γὰρ ἦλθον καλέσαι δικαίους ἀλλαὰ ἁμαρτωλούς, hingegen bieten die Formulierung die Zeugen 04, 020, 038, 0281, f 13 , c, g 1 , sy s.hmg , mae, bo pt . Die Varianten zeigen die mögliche Genese dieses Verses an: Während in der vorkanonischen Fassung von *Ev nur der bezeugte Teil stand („Ich bin nicht gekommen, um Gerechte zu rufen“), fügt mk Mt wohl hinzu: „sondern Sünder“, während auf der Ebene der zweiten kanonischen Redaktion hieraus wurde: „Sünder zur Umkehr“. §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 479 <?page no="480"?> 456 Ibid. 982. 457 Ibid. 1304. Was Lk 15,7 betrifft, einem Vers, in welchem „Umkehr“ wieder begegnet, hat Klinghardt im Detail herausgearbeitet, dass - auch wenn Unsicherheiten, was die „genaue sprachliche Gestalt“ betrifft, bestehen - „das Gleichnis“ in *Ev „mit der betont herausgehobenen Schlussfolgerung Jesu über die Freude“ schloss. 456 Die Verse Lk 24,47-48 führen den Begriff im Vers 47 auf: „47 Und in seinem Namen wird man allen Völkern Umkehr (μετάνοιαν) verkünden, damit ihre Sünden vergeben werden. Angefangen in Jerusalem, 48 seid ihr Zeugen dafür“. Die Verse stehen innerhalb des Passus von Lk 24,44-49, der, wie Klinghardt plausibel macht, „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in *Ev gefehlt“ hat. 457 In Joh begegnet weder das Nomen noch das Verb. Beim kanonischen Paulus stößt man gleich in Röm 2,4 auf das Nomen: „Oder verachtest du den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmut und weißt nicht, dass die Güte Gottes dich zur Buße (μετάνοιαν) leitet? “ Während der Vers Röm 2,2 vorkanonisch bezeugt ist, sind es die nachfolgenden Verse bis inklusive Vers 11 nicht - und die Lexik spricht, wie die Rekonstruktion zeigt, dafür, dass dieser Teil im vorkanonischen Text gefehlt hat. Das gilt auch für den nächsten Beleg in 2Kor 7,9-10: „9 jetzt freue ich mich, nicht weil ihr betrübt worden seid, sondern weil ihr zur Umkehr (μετάνοιαν) geführt worden seid. Denn ihr seid Gott gemäß betrübt worden, damit ihr durch uns keinen Schaden erlitten habt. 10 Denn die Gott gemäße Betrübtheit bewirkt nämlich Umkehr (μετάνοιαν) zum Heil, die nicht bereut zu werden braucht; die Betrübnis der Welt hingegen bewirkt den Tod.“ Obwohl mit dieser Aussage einer von Gott gewollten Sinnesänderung zum Heil hin der Umkehr ein großes theologisches Gewicht beigemessen scheint, ist es desto erstaunlicher, von dieser Umkehr sonst kaum etwas in den sieben Briefen des Paulus zu lesen. Ergänzt wird das Aufgeführte lediglich noch durch die Benutzung des Verbs in 2Kor 12,21, innerhalb einer ebenfalls vorkanonisch unbezeugten und nicht vorhandenen Passage (2Kor 12,10-21): „dass, wenn ich wiederkomme, mein Gott mich demütigen wird bei euch und ich trauern muss über viele, die früher gesündigt haben und nicht Buße getan haben (μὴ μετανοησάντων) für die Unreinheit und Unzucht und Ausschweifung, die sie begangen haben.“ (2Kor 12,21). Mit der Seltenheit der Vorstellung im kanonischen Paulus der sieben Briefe und der völligen Abwesenheit in den drei Deuteropaulinen kontrastiert die 480 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="481"?> Häufigkeit, in der Nomen und Verb auf der Ebene der kanonischen Redaktion begegnen, also im Praxapostolos, in einem der Pastoralbriefe, Hebr und Apk. Die Apg 2,38 lässt Petrus mahnen: „… Kehrt um (Μετανοήσατε) und jeder von euch lasse sich auf den Namen Jesu Christi taufen zur Vergebung eurer Sünden; dann werdet ihr die Gabe des Heiligen Geistes empfangen.“ Ein Kapitel weiter predigt Petrus im Stil des Johannes: „Also kehrt um (μετανοήσατε) und tut Buße, damit eure Sünden getilgt werden.“ Die nachfolgende Stelle klang bereits weiter oben beim Begriff „Retter“ an (Apg 5,31): „Ihn hat Gott als Anführer und Retter an seine rechte Seite erhoben, um Israel die Umkehr und Vergebung der Sünden zu schenken.“ Wieder ermahnt Petrus in Apg 8,22: „Kehre dich (μετανόησον) von deiner Bosheit ab und bitte den Herrn, dass dir das Ansinnen deines Herzens vergeben werde! “ Als Reaktion auf eine Petruspredigt wird Apg 11,18 berichtet: „Als sie das hörten, beruhigten sie sich, priesen Gott und sagten: Gott hat also auch den Heiden die Umkehr (μετάνοιαν) zum Leben geschenkt.“ Dann nimmt Apg 13,24 ausdrücklich Bezug auf den Täufer: „Vor dessen Auftreten hat Johannes dem ganzen Volk Israel eine Taufe der Umkehr (μετανοίας) verkündet.“ In Apg 17,30 wird auch Paulus zum Umkehrprediger: „Gott, der über die Zeiten der Unwissenheit hinweggesehen hat, gebietet jetzt den Menschen, dass überall alle umkehren (μετανοεῖν) sollen.“ Er verweist ausdrücklich auf den Täufer in Apg 19,4: „Paulus sagte: Johannes hat mit der Taufe der Umkehr (μετανοίας) getauft und das Volk gelehrt, sie sollten an den glauben, der nach ihm komme: an Jesus.“ Umkehr wird gar zu einem zentralen Element seiner Selbstbeschreibung und Selbstzeugnis in Apg 20,21: „Ich habe vor Juden und Griechen Zeugnis abgelegt für die Umkehr (μετάνοιαν) zu Gott und den Glauben an Jesus, unseren Herrn.“ So heißt es gleich zwei Mal im letzten Eintrag Apg 26,20, dass Paulus „… zuerst denen in Damaskus und in Jerusalem, dann im ganzen Land Judäa und bei den Heiden verkündete, sie sollten umkehren (μετανοεῖν), sich Gott zuwenden und der Umkehr (μετανοίας) entsprechende Taten tun.“ In 2Tim 2,25 wird beschrieben, was einen guten „Knecht des Herrn“ auszeichnen soll: „der auch die mit Güte zurechtweist, die sich hartnäckig widersetzen, damit Gott ihnen vielleicht Umkehr (μετάνοιαν) zur Erkenntnis der Wahrheit schenkt.“ Um Umkehr geht es auch in 2Petr 3,9: „Der Herr der Verheißung zögert nicht, wie einige meinen, die von Verzögerung reden, sondern er ist geduldig mit euch, weil er nicht will, dass jemand zugrunde geht, sondern dass alle zur Umkehr (μετάνοιαν) gelangen.“ Aus Hebr 6 lässt sich entnehmen, dass der Text bereits einen gewissen ritualisierten und institutionaliserten Kontext voraussetzt, bei dem die Umkehr Teil eines Initiationsprozesses darstellt, dem eine höhere Stufe des „Vollkomme‐ neren“ gegenübersteht: §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 481 <?page no="482"?> „1 Darum wollen wir beiseitelassen, was man zuerst von Christus verkünden muss, und uns dem Vollkommeneren zuwenden; wir wollen nicht noch einmal den Grund legen mit der Abkehr (μετανοίας) von toten Werken und dem Glauben an Gott, 2 mit der Lehre über die Taufen und die Handauflegung, über die Auferstehung der Toten und das ewige Gericht; 3 das wollen wir dann tun, wenn Gott es zulässt. 4 Denn es ist unmöglich, jene, die einmal erleuchtet worden sind, die von der himmlischen Gabe genossen und Anteil am Heiligen Geist empfangen haben, 5 die das gute Wort Gottes und die Kräfte der kommenden Weltzeit gekostet haben, 6 dann aber abgefallen sind, erneut zur Umkehr (μετάνοιαν) zu bringen; da sie den Sohn Gottes noch einmal für sich ans Kreuz schlagen und zum Gespött machen.“ Nach Hebr 12,17 ist Esau ein Beispiel für denjenigen, dem keine Umkehr (μετανοίας) möglich war. In Apk 2,5 wird Ephesus gerügt: „Bedenke, aus welcher Höhe du gefallen bist! Kehr zurück (μετανόησον) zu deinen ersten Taten! Wenn du nicht umkehrst (μετανοήσῃς), werde ich zu dir kommen und deinen Leuchter von seiner Stelle wegrücken.“ Anschließend wird in Apk 2,16 Pergamon gedroht: „Kehr also um (μετανόησον)! Sonst komme ich bald und werde sie mit dem Schwert in meinem Mund bekämpfen.“ Und dann heißt es zu Thyatira in Apk 2,21-22: „21 Ich habe ihr Zeit gelassen umzukehren (μετανοήσῃ); sie aber will nicht umkehren (μετανοῆσαι) und von ihrer Unzucht ablassen. 22 Siehe, ich werfe sie auf das Krankenbett und alle, die mit ihr Ehebruch treiben, bringe ich in große Bedrängnis, wenn sie sich nicht abkehren (μετανοήσωσιν) vom Treiben dieser Frau.“ Auch Sardes wird ermahnt (Apk 3,3): „Denk also daran, wie du die Lehre empfangen und gehört hast! Halte daran fest und kehr um (μετανόησον)! Wenn du aber nicht aufwachst, werde ich kommen wie ein Dieb und du wirst bestimmt nicht wissen, zu welcher Stunde ich zu dir komme.“ Nach Laodikea lässt Jesus schreiben (Apk 3,19): „Wen ich liebe, den weise ich zurecht und nehme ihn in Zucht. Mach also Ernst und kehr um (μετανόησον)! “ Später, Apk 9,20-21, werden die Menschen geschildert, die nicht umkehrten vom Götzendienst. Vom Zorn der Engel gegenüber Menschen, die nicht um‐ kehren berichtet Apk 16,9-11. Der Überblick zeigt, dass eine Terminologie und die mit ihr verbundene Vorstellung, die vorkanonisch unbezeugt ist und auch kanonisch zunächst nur verhalten begegnet (mit fast der Hälfte der Stellen bei den Synoptikern, bei Johannes nicht, zwei Stellen in den sieben Briefen des Paulus, in den Deuteropaulinen nicht), vermutlich erst durch die zweite kanonische Redaktion nachgetragen und auf der kanonisch-redaktionellen Ebene bei der Zusammen‐ 482 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="483"?> führung der größeren Sammlung zu einem zentralen theologischen Topos wird. Es überrascht inzwischen kaum mehr, dass sich gerade zu dieser, öfter an den Täufer geknüpften, Umkehrmahnung wieder die einschlägigen späten und zum Teil umstrittenen Schriften um die Apostelgeschichte herum gruppieren. Wenden wir uns noch einigen Christusbezeichnungen zu: μονογενής ist vorkanonisch unbezeugt, findet sich auch weder in Mt noch Mk. In Lk 7,12 steht der Begriff in einem nicht christologischen Zusammenhang, ist jedoch für den Vers nicht vorkanonisch bezeugt, auch wenn der Vers selbst durch Tertullian für *Ev bezeugt ist. Ähnlich wird in Lk 8,42 von Jairus, dem Synagogenvorsteher, berichtet, er habe nur eine einzige Tochter (θυγάτηρ μονογενής) gehabt, doch davon zeugen weder Epiphanius noch Tertullian für *Ev. In Lk 9,38 heißt es: „Und siehe, ein Mann aus der Menge schrie: Meister, ich bitte dich, schau auf meinen Sohn! Es ist mein einziger (μονογενής μοί ἐστιν).“ Wiederum berichten uns von dieser dramatischen Zuspitzung weder Epiphanius noch Tertullian etwas für *Ev. Es ist nur schwer anzunehmen, dass ihnen angesichts des einziggeborenen Sohnes Gottes eine solche Terminologie durchgegangen wäre, wenn sie diese vorkanonisch gelesen hätten. Vor allem spricht auch gegen die Präsenz dieser Verse in *Ev, dass kein anderes synopti‐ sches Evangelium den Begriff aufgegriffen hat. Eine ähnliche Dramatisierung begegnet nur in Hebr 11,17: „Aufgrund des Glaubens hat Abraham den Isaak hingegeben, als er auf die Probe gestellt wurde; er gab den einzigen Sohn (τὸν μονογενῆ) dahin, er, der die Verheißungen empfangen hatte.“ Im ersten Kapitel von Joh lesen wir: „14 Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes (ὡς μονογενοῦς) vom Vater, voll Gnade und Wahrheit. 15 Johannes legt Zeugnis für ihn ab und ruft: Dieser war es, über den ich gesagt habe: Er, der nach mir kommt, ist mir voraus, weil er vor mir war. 16 Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade. 17 Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben, die Gnade und die Wahrheit kamen durch Jesus Christus. 18 Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige (μονογενής), der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.“ War in Vers 14 der Titel noch Adjektiv zu Sohn, mutiert er vier Verse weiter zu einem Adjektiv, das die Übersetzer der Einheitsübersetzung zu einem Substantiv verselbständigen. Joh 3,16-18 wiederholt das auf den Sohn bezogene Adjektiv: „16 Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn (τὸν υἱὸν τὸν μονογενῆ) hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 483 <?page no="484"?> 458 M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2. Jh. (2022), 260: „Joh zeigt sich … eher als Mittelweg zwischen den Synoptikern und Markion.“ 459 Diese Unterscheidung setzt erst im 4.-Jh. ein. 460 Zur frühchristlichen und patristischen Verwendung des Titels mit Stellenangaben vgl. J.B. Lightfoot, Saint Paul’s Epistles to the Colossians and to Philemon. A Revised Text with Introductions, Notes, and Dissertations (1890), 144-148; J.R. Strawbridge, The Pauline Effect. The Use of the Pauline Epistles by Early Christian Writers (2015), 139. Leben hat. 17 Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird. 18 Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er nicht an den Namen des einzigen Sohnes Gottes (τὸ ὄνομα τοῦ μονογενοῦς υἱοῦ τοῦ θεοῦ) geglaubt hat.“ Es begegnet nicht das erste Mal das Phänomen, dass ein zwischen Markion und seinen synoptischen Redaktoren umstrittenes Thema wie hier das Richten oder Nichtrichten Jesu von Joh aufgegriffen und eher in Anlehnung an Markion beantwortet wird. 458 Zugleich aber rückt Joh auch wiederum von Markion ab, indem er die Weltliebe Gottes betont, zumal der Logos nicht wie bei Markion in eine ihm fremde, sondern in die von ihm geschaffene Welt, in sein Eigentum, gekommen war ( Joh 1,11). Der Titel besagt demnach zugleich die Einzigkeit des Sohnes, aber auch, dass der Sohn ein Einziggewordener oder Einziggeborener ist. 459 Dieses johanneische Thema wird dann auch innerhalb des Praxapostolos in 1Joh 4,9 aufgegriffen: „Darin offenbarte sich die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen einzigen Sohn (τὸν υἱὸν τὸν μονογενῆ) in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben.“ Vielleicht durch die Vorgabe in Joh, was die Spur in 1Joh erklären würde, hat die kanonische Redaktion die Dramatisierung mit Blick auf die mitgehörte christologische Titulatur in Lk eingetragen und und damit Lk mit Joh ein wenig konsonant gemacht, was wegen 1Joh 4,9 dafür spräche, dass diese Harmonisierung erst durch die zweite kanonische Redaktion erfolgte. Ein weiterer, in der späteren Theologiegeschichte wichtiger Titel Christi liegt in πρωτότοκος vor. 460 Auch er ist vorkanonisch unbezeugt, begegnet jedoch in der in *Ev fehlenden Kindheitsgeschichte des Lk 2,7: „Und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen (πρωτότοκον). Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war.“ Zu bemerken ist, dass gerade der Titel „Erstgeborener“ im Zeugen 032 fehlt. Dass es sich hierbei möglicherweise nicht um eine schlichte Auslassung handelt, verdeutlicht die Bezeugung der Parallelstelle Mt 1,25. Hier bieten lediglich die Zeugen 01, 03, 035 vid , 071 vid , f 1.13 , 33, it, mae, sy s.c (sa, bo) das von NA 28 gebotene schlichte υἱόν, hingegen schreiben die Zeugen 04, 05, 017, 019, 022, 032, 036, 037, 087, 565, 579, 484 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="485"?> 700, 892, 1241, l 844, l 2211, M, aur, d, f, ff 1 , q, vg, sy p.h τον υιον αυτης (- Dc, 019, d, q) τον πρωτοτοκον. Auf kanonischer Ebene begegnet der Titel in Röm 8,29: „Denn die er auser‐ sehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dass sie gleich sein sollen dem Bild seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene (πρωτότοκον) sei unter vielen Brüdern.“ Wieder begegnet der Begriff auf kanonischer Ebene in Kol 1,15. 18: *Kol 1,15. 17 Kol 1,15-18 15 ὅς ἐστιν εἰκὼν τοῦ θεοῦ τοῦ ἀοράτου, 15 ὅς ἐστιν εἰκὼν τοῦ θεοῦ τοῦ ἀοράτου, πρωτότοκος πάσης κτίσεως, - 16 ὅτι ἐν αὐτῷ ἐκτίσθη τὰ πάντα ἐν τοῖς οὐρανοῖς καὶ ἐπὶ τῆς γῆς, τὰ ὁρατὰ καὶ τὰ ἀόρατα, εἴτε θρόνοι εἴτε κυριότητες εἴτε ἀρχαὶ εἴτε ἐξουσίαι· τὰ πάντα δι‘ αὐτοῦ καὶ εἰς αὐτὸν ἔκτισται· 17 καὶ αὐτός ἐστιν πρὸ πάντων, 17 καὶ αὐτός ἐστιν πρὸ πάντων καὶ τὰ πάντα ἐν αὐτῷ συνέστηκεν, - 18 καὶ αὐτός ἐστιν ἡ κεφαλὴ τοῦ σώματος τῆς ἐκκλησίας· ὅς ἐστιν ἀρχή, πρωτότοκος ἐκ τῶν νεκρῶν, ἵνα γένηται ἐν πᾶσιν αὐτὸς πρωτεύων, *Kol 1,15. 17 Kol 1,15-18 15-Es (scil. das Wort) ist Bild des un‐ sichtbaren Gottes, 15-Er ist Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene aller Schöpfung. - 16 Denn in ihm ist alles erschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, seien es Throne oder Herrschaften oder Mächte oder Gewalten; alles ist durch ihn und für ihn geschaffen. 17-und es ist vor allem. 17 Und er ist vor allem, und alles hat seinen Bestand in ihm. - 18 Und er ist das Haupt des Leibes, der Kirche. Er ist der Anfang, der Erstgeborene von den Toten, damit er in allem der Erste sei. §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 485 <?page no="486"?> 461 Vgl. Justin, 1Apol. 63; Tat., Or. 5,2 (τὸ ἔργον πρωτότοκον τοῦ πατρός); vgl. M.R. Crawford, The „Problemata“ of Tatian: Recovering the Fragments of a Second-Century Christian Intellectual (2016), 554. Der Vergleich zeigt, dass aus dieser Sequenz nur zwei Hauptstücke vorkanonisch bezeugt sind, an deren erste sich auf der kanonischen Ebene unmittelbar der hier verhandelte Titel „der Erstgeborene“ anschließt, ein Titel, der allerdings mit Blick auf die Toten in Vers 18 wieder aufgegriffen wird, beide Male jeweils in den vorkanonisch nicht bezeugten Versen. Auch Hebr 1,6 findet sich der Titel, um Christus als den Thronenden vor‐ zustellen: „Wenn er aber den Erstgeborenen (πρωτότοκον) wieder in die Welt einführt, sagt er: Alle Engel Gottes sollen sich vor ihm niederwerfen.“ Später im selben Brief wird „der Erstgeborene“ bereits zum festen Titel, auf den hin auch die ihm Zugehörigen als „Erstgeborene“ tituliert werden (Hebr 12,23): „… und zur Gemeinschaft der Erstgeborenen (πρωτοτόκων), die im Himmel verzeichnet sind, und zu Gott, dem Richter aller, und zu den Geistern der schon vollendeten Gerechten.“ Ein weiteres Mal finden wir den Titel in der Eröffnung von Apk 1,5, wo Jesus nicht nur zeitliche Priorität, sondern auch hierarchischer Vorrang über die Autoritäten dieser Erde eingeräumt wird: „Jesus Christus; er ist der treue Zeuge, der Erstgeborene der Toten (ὁ πρωτότοκος τῶν νεκρῶν), der Herrscher über die Könige der Erde-…“ Die Einschätzung der Genese dieses Titels und seiner Verwendung lässt sich am ehesten daraus gewinnen, dass er in der Kindheitsgeschichte des Lk zu finden ist, wenn auch von einem Zeugen (032) nicht belegt, während wir in der Kindheitsgeschichte des Mt divergierende Bezeugung vorliegen haben. Dies spricht in diesem Fall, auch wenn Codex Bezae den Titel bietet, dafür, dass die ältere Form die schlichte war, in der der Titel noch gefehlt hatte, genau so, wie wir auch in *Ev und *Paulus diesem Titel noch nicht begegnen, auch nicht in km Kol. Es spricht viel dafür, dass der Terminus erst bei der Teil‐ harmonisierung in der zweiten kanonischen Redaktion in die Matthäuszeugen, vielleicht sogar, wenn man den einen Zeugen von Lk gewichten möchte, in die breite Lukasüberlieferung Eingang gefunden hat. Das würde erklären, warum er auch in der weiteren Sammlung so spärlich begegnet, in Kol erst auf derselben kanonisch-redaktionellen Ebene wie in Röm, Hebr und Apk. Dass er in Apg wie überhaupt im Praxapostolos und den Pastoralbriefen fehlt, rückt diese Schriften wiederum näher zusammen. Ein Blick in die Literatur des zweiten Jahrhunderts unterstreicht den zeitlichen Kontext des späteren zweiten Jahrhunderts. Der Terminus begegnet etwa bei Justin und in Abwandlung dann bei Tatian. 461 486 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="487"?> 462 2Sam 7,8. 14: 8 καὶ νῦν τάδε ἐρεῖς τῷ δούλῳ μου Δαυιδ Τάδε λέγει κύριος παντοκράτωρ-… 14 ἐγὼ ἔσομαι αὐτῷ εἰς πατέρα, καὶ αὐτὸς ἔσται μοι εἰς υἱόν· παντοκράτωρ ist eine im Neuen Testament seltene Bezeichnung und beschränkt sich auf die kanonische Ebene, und dort lediglich auf den kanonischen Paulus und die Apk. Bei Paulus steht der Titel 2Kor 6,18, einer Stelle, an der es heißt: „17 … Und ich werde euch aufnehmen 18 und euch Vater sein und ihr sollt für mich zu Söhnen und Töchtern werden, sagt der Herr, der Allherrscher (παντοκράτωρ).“ Die Vater-Sohn-Beziehung zwischen Gott, dem Allmächtigen, und seinem Sohn bzw. seinen Söhnen, erinnert an die Nathansweissagung von 2Sam 7,13-14 über David und die Errichtung des Tempels. 462 Das Thema von Gottes Allmacht spielt denn auch gleich zu Beginn der Apokalypse eine wichtige Rolle (Apk 1,8): „Ich bin das Alpha und das Omega, spricht Gott, der Herr, der ist und der war und der kommt, der Allmächtige (ὁ παντοκράτωρ).“ Auch in der Beschreibung der vier Tiere wird Gott, der Herr, als der Allmächtige bezeichnet (Apk 4,8), eine Bezeichnung, die insgesamt 9 Mal in Apk steht. Was die Präsenz mit Blick auf Apk und 2Kor betrifft, liegen zwei Möglich‐ keiten nahe. Entweder die Apk war von 2Kor inspiriert oder die zweite kano‐ nische Redaktion hat eine Verknüpfung zwischen Apk und Paulus herstellen wollen. Für die zweite Lösung spricht, dass der Allmachtsgedanken weder vorkanonisch noch kanonisch in den Evangelien oder bei Paulus sonst begegnet, die letzte Benutzung in Apk 21,22 aber den Gedanken von Gottes Allmacht mit dem verheißenen Tempel verknüpft und sich damit an die Nathansweissagung anschließt. Die Stelle in 2Kor dient folglich über die inhaltliche Aussage hinaus als Anker für die umstrittene Apk, die die kanonische Redaktion hiermit befestigt. Der Anker dürfte von der zweiten kanonischen Redaktion in 2Kor positioniert worden zu sein. 7. Inhaltlich bedeutende Begriffe, die in *Paulus stehen, aber im NT nicht häufig sind Auch was inhaltlich gewichtige Begriffe betrifft, ist es sinnvoll die Gegenseite zur voranstehenden Nr.-6 zu prüfen. Darum ist zu fragen, ob es auch Begriffe gibt, die in der *10-Briefe-Sammlung stehen und kaum eine Karriere in der 14-Briefe-Sammlung und im kanonischen Neuen Testament gehabt haben. Zu solchen zähle ich hier Begriffe, die nicht erheblich mehr als doppelt so häufig auf der kanonischen Ebene im Vergleich §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 487 <?page no="488"?> 463 Einige wenige Ausnahmen mache ich dort, wo ein Begriff mehrmals in derselben kanonischen Schrift bzw. im unmittelbaren Zusammenhang aufgegriffen wird. 464 Auf ein paar weitere wurde bereits weiter oben verwiesen unter der Überschrift § 7 5.e „Begriffe in *Paulus, die nicht mehr als doppelt so häufig im NT stehen“. 465 *Ev 12,36: … ὑμεῖς ὅμοιοι ἀνθρώποις προσδεχομένοις τὸν κύριον ἑαυτῶν πότε ἀναλύσῃ ἐκ τῶν γάμων, ἵνα ἐλθόντος καὶ κρούσαντος εὐθέως ἀνοίξωσιν αὐτῷ. 466 Vgl. Phil 1,23: συνέχομαι δὲ ἐκ τῶν δύο, τὴν ἐπιθυμίαν ἔχων εἰς τὸ ἀναλῦσαι καὶ σὺν Χριστῷ εἶναι, πολλῷ [γὰρ] μᾶλλον κρεῖσσον. 467 *Ev 14,14 / / Lk 14,14: καὶ μακάριος ἔσῃ, ὅτι οὐκ ἔχουσιν ἀνταποδοῦναί σοι, ἀνταποδοθήσεται γάρ σοι ἐν τῇ ἀναστάσει τῶν δικαίων. zur vorkanonischen stehen. 463 Es gibt etwa 130 von diesen, von denen hier nur eine kleine Auswahl diskutiert werden kann. 464 Betrachten wir uns zunächst die drei Begriffe, die sowohl für *Ev wie für *Paulus bezeugt sind, aber dennoch kaum weiters auf der kanonischen Ebene belegt sind: ἀναλύω steht *Ev 12,36 (/ / Lk 12,36): „… ihr sollt Menschen gleichen, die ihren Herrn erwarten, wenn er von der Hochzeit zurückkommt, damit sie, wenn er kommt und klopft, ihm sofort öffnen.“ 465 In *Phil 1,23 (/ / Phil 1,23) heißt es: „Ich habe das Verlangen, zurückzukommen und bei Christus zu sein.“ 466 Nachdem das Verb nur an den beiden vorkanonischen Stellen und an deren Parallelstellen auf der kanonischen Ebene steht, scheint es zur genuinen Lexik der vorkanonischen Ebene zu gehören. Auch in der Semantik stimmen beide Stellen überein und sogar inhaltlich berühren diese sich. An der ersten Stelle kehrt der Herr zurück, an der zweiten ist es derjenige, der sich nach dessen Nähe bei seiner Rückkehr sehnt, beide Male geht es um Aufbruch und Rückkehr zur Begegnung zwischen dem Herrn und dem Menschen, der ihm begegnen will. Aufgegriffen wird die Terminologie als Nomen in 2Tim 4,6. Auch der nächste Begriff hat theologische Relevanz: ἀνταποδίδωμι. Er findet sich vorkanonisch in *Ev 14,14; *Röm 11,35; *2Thess 1,6 und auf der kanonischen Ebene an den Parallelstellen dieser Verse und zusätzlich in Röm 12,19 (dasselbe Zitat wie Hebr 10,30), 1Thess 3,9 und Hebr 10,30. *Ev 14,14 / / Lk 14,14 heißt es: „Dann wirst du selig sein, denn weil sie nichts haben, um es dir zurückzugeben, wird dir bei der Auferstehung der Gerechten zurückgegeben werden.“ 467 Zunächst fällt auf, dass wie in *Ev 10,16 (vgl. weiter unten zu ἀθετέω) das eher seltene Verb ἀνταποδίδωμι im selben Satz wiederholt wird. *Röm 11,35 / / Röm 11,35 steht: „Wer hat ihm vorher etwas gegeben, so dass es ihm zurückvergolten werde? “ *2Thess 1,6: „Gerecht ist es vom Herrn, denen, die euch bedrängen, Bedrängnis zurückzuvergelten.“ 488 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="489"?> Zunächst ist zu bemerken, dass sowohl in *Ev 14,14 wie in *Röm 11,35 zwar von „Vergelten“ die Rede ist, jedoch beide Male dies ex negativo formuliert wird, d. h. es geht mehr um Nichtvergelten als um Vergelten. Anders jedoch steht es in *2Thess 1,6, wo es um eine tatsächliche Vergeltung an denen geht, die andere bedrängen. Vergleichen wir mit dieser Semantik diejenige der kanonischen Ebene: 1Thess 3,9: „Denn was können wir Gott für euch als Dank geben (ἀνταποδοῦναι) für all die Freude, mit der wir uns wegen euch vor unserem Gott freuen? “ Hebr 10,30: „Wir kennen doch den, der gesagt hat: Mein ist die Rache, ich werde vergelten (ἀνταποδώσω), und ferner: Der Herr wird sein Volk richten.“ Wie in *2Thess wird auch in Hebr von einem „Vergelten“, nicht von einem „Nichtvergelten“ gesprochen. Dieser Befund des Begriffes in dieser Semantik stützt die zuvor geäußerte Vermutung, wonach wir mit einer Vorlage km 2Thess rechnen können, die der vorkanonischen Redaktion aus dem Kreis der kanoni‐ schen Redaktion zugekommen ist. Vielleicht war es diese Stelle aus km 2Thess, gegen welche die vorkanonische Redaktion zur Rede vom „Nichtvergelten“ gebracht wurde, da, wie Tertullian in seinem Kommentar erklärt, Markion den Vers von *2Thess 1,6 nicht auf Christus, sondern auf den Schöpfergott gelesen hatte, dem er dieses Vergelten zuschrieb. Hebr 10,30 unterstreicht hingegen die Vorstellung, wonach Gott tatsächlich aus seiner Rache heraus vergelten wird. Hieraus folgt für die Genese der Redaktion: Gegen die Verwendung von „Vergeltung“ in km 2Thess formuliert die vorkanonische Redaktion den Text, wie er für *2Thess bezeugt ist. Die kanonische Redaktion in Hebr hingegen schreibt die ursprüngliche Semantik fort. Neben diesen beiden Begriffen, die sowohl für *Ev wie für *Paulus bezeugt sind, gibt es noch eine Reihe weiterer Begriffe, die nur für *Paulus bezeugt sind (diejenigen, die nur für *Ev bezeugt sind, werden hier nicht eigens aufgeführt, sondern müssten in einer eigenen Studie untersucht werden), aus denen nur einige wenige Beispiele noch betrachtet werden sollen. Ein auffälliger Begriff ist ἄγαμος. Er steht vorkanonisch nur in *1Kor 7 und kanonisch nur im selben parallelen Kapitel 1Kor 7: §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 489 <?page no="490"?> *1Kor 7,1-2. 7-8. 10-11 1Kor 7,1-11 1 Περὶ τῶν γάμων, καλὸν ἀνθρώπῳ γυναικὸς μὴ ἅπτεσθαι 1 Περὶ δὲ ὧν ἐγράψατε μοι, καλὸν ἀνθρώπῳ γυναικὸς μὴ ἅπτεσθαι: 2 διὰ τὴν πορνείαν · ἕκαστος τὴν ἑαυτοῦ γυναῖκα μὴ ἐχέτω. 2 διὰ δὲ τὰς πορνείας ἕκαστος τὴν ἑαυτοῦ γυναῖκα ἐχέτω, καὶ ἑκάστη τὸν ἴδιον ἄνδρα ἐχέτω - 3 τῇ γυναικὶ ὁ ἀνὴρ τὴν ὀφειλὴν ἀποδιδότω, ὁμοίως δὲ καὶ ἡ γυνὴ τῷ ἀνδρί. - 4 ἡ γυνὴ τοῦ ἰδίου σώματος οὐκ ἐξουσιάζει ἀλλὰ ὁ ἀνήρ: ὁμοίως δὲ καὶ ὁ ἀνὴρ τοῦ ἰδίου σώματος οὐκ ἐξουσιάζει ἀλλὰ ἡ γυνή. - 5 μὴ ἀποστερεῖτε ἀλλήλους, εἰ μήτι ἂν ἐκ συμφώνου πρὸς καιρὸν ἵνα σχολάσητε τῇ προσευχῇ καὶ πάλιν ἐπὶ τὸ αὐτὸ ἦτε, ἵνα μὴ πειράζῃ ὑμᾶς ὁ Σατανᾶς διὰ τὴν ἀκρασίαν ὑμῶν. 6 τοῦτο δὲ λέγω κατὰ συγγνώμην, οὐ κατ’ ἐπιταγήν. 7 θέλω γὰρ ἀνθρώπους εἶναι ὡς καὶ ἐμαυτόν: ἀλλὰ ἕκαστος ἴδιον ἔχει χάρισμα, ὅς μὲν οὕτως, ὅς δὲ οὕτως. 7 θέλω δὲ πάντας ἀνθρώπους εἶναι ὡς καὶ ἐμαυτόν: ἀλλὰ ἕκαστος ἴδιον ἔχει χάρισμα ἐκ θεοῦ, ὁ μὲν οὕτως, ὁ δὲ οὕτως. - 8 Λέγω δὲ τοῖς ἀγάμοις καὶ ταῖς χήραις, καλὸν αὐτοῖς ἐὰν μείνωσιν ὡς κἀγώ: - 9 εἰ δὲ οὐκ ἐγκρατεύονται γαμησάτωσαν, κρεῖττον γάρ ἐστιν γαμῆσαι ἢ πυροῦσθαι. 10 τοῖς γεγαμηκόσιν παραγγέλλω, οὐκ ἐγὼ ἀλλὰ ὁ Χριστός, γυναῖκα ἀπὸ ἀνδρὸς μὴ χωρίζεσθαι 10 τοῖς δὲ γεγαμηκόσιν παραγγέλλω, οὐκ ἐγὼ ἀλλὰ ὁ κύριος, γυναῖκα ἀπὸ ἀνδρὸς μὴ χωρισθῆναι 11 ἐὰν χωρισθῇ, μενέτω ἄγαμος ἢ τῷ ἀνδρὶ καταλλαγήτω. 11 ἐὰν δὲ καὶ χωρισθῇ, μενέτω ἄγαμος ἢ τῷ ἀνδρὶ καταλλαγήτω καὶ ἄνδρα γυναῖκα μὴ ἀφιέναι. *1Kor 7,1-2. 7-8. 10-11 1Kor 7,1-11 7,1 Über die Ehe: Ein Mann tut gut daran, keine Frau zu berühren 7,1 Über das, was ihr mir geschrieben habt: Ein Mann tut gut daran, keine Frau zu berühren. 2-wegen der Unzucht, es soll keiner eine eigene Frau haben. 2 Wegen der Gefahr der Unzuchtsünden soll aber jeder seine Frau haben und jede soll ihren Mann haben. 490 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="491"?> 3 Der Frau gegenüber soll der Mann seine Pflicht erfüllen, ebenso aber auch die Frau gegenüber dem Mann. - 4 Die Frau verfügt nicht über ihren Leib, sondern der Mann, ebenso aber verfügt auch der Mann nicht über seinen Leib, sondern die Frau. - 5 Entzieht euch einander nicht, außer in Übereinstimmung für eine Zeit, um dem Gebet Raum zu geben, und kommt wieder zusammen, damit euch der Satan wegen eurer Unenthaltsamkeit nicht in Versuchung führt. - 6 Das sage ich als Zugeständnis, nicht als Gebot. 7-Ich will nämlich, dass die Menschen so wie ich sind. Doch jeder hat seine eigene Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so. 7 Ich will aber, dass alle Menschen wie ich sind. Doch jeder hat seine eigene Gnaden‐ gabe von Gott, der eine so, der andere so. - 8 Ich sage aber den Unverheirateten und den Witwen: Es ist gut für sie, wenn sie auch so blieben wie ich. - 9 Wenn sie aber nicht enthaltsam leben können, sollen sie heiraten. Es ist nämlich besser zu heiraten, als sich zu verzehren. 10-Den Verheirateten gebiete nicht ich, sondern Christus: Die Frau soll sich vom Mann nicht trennen, 10 Den Verheirateten gebiete nicht ich, sondern der Herr: Die Frau soll sich vom Mann nicht trennen, 11-wenn sie sich trennt, so bleibe sie unverheiratet oder versöhne sich wieder mit dem Mann. 11 wenn sie sich aber auch trennt, so bleibe sie unverheiratet oder versöhne sich wieder mit dem Mann, und der Mann darf die Frau nicht entlassen. Mit der vorliegenden Passage liegt ein Text vor, in welchem die kanonische Redaktion der vorkanonischen Vorlage diametral widerspricht. Während die erste Aussage in Vers 1, wonach es „gut für den Mann“ sei, „keine Frau zu berühren“, von der kanonischen Redaktion den Briefadressaten zugeschrieben wird, antwortet der kanonische Paulus in Vers 2 mit dem Hinweis auf die „Gefahr der Unzuchstsünden“ - so muss man das schlichte τὰς πορνείας wegen der sonst entstehenden narrativen Disjunktion inter‐ pretierend übersetzen, bereits ein Zeichen der nicht vollständig konsistenten Redaktion -, dass „jeder seine Frau haben und jede … ihren Mann haben“ §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 491 <?page no="492"?> 468 Auf den Widerspruch zwischen dem *Paulus des Markion und dem seinen weist bereits Tertullian hin: Tert., Adv. Marc. V 7,6: Sequitur de nuptiis congredi, quas Marcion constantior apostolo prohibet. Etenim apostolus, etsi bonum continentiae praefert, tamen coniugium et contrahi permittit et usui esse, et magis retineri quam disiungi suadet. … Marcion totum concubitum auferens fidelibus (viderint enim catechumeni eius), repudium ante nuptias iubens-… sollen. Narrativ konsistenter ist hier die vorkanonische Ebene, wenn *Paulus seine Meinung äußert, dass keiner eine eigene Frau haben soll. Nur die kanonische Ebene muss denn auch eine Erläuterung nachschieben, wie die of‐ fenkundige Spannung zwischen der Anfrage der Adressaten und der Antwort des Paulus zu differenzieren ist. In den Versen 3-6 wird von den gegenseitigen Ehepflichten gesprochen, auch, dass sich die beiden Ehepartner einander sexuell nicht entziehen sollen. Nicht erst der Tertulliankommentar zu dieser Stelle verdeutlicht, dass diese Verse gegen die Position des Markion gerichtet sind, der von Ehepartnern, die sich seiner Gemeinde angeschlossen hatten, verlangte, dass sie sich einander sexuell enthielten. 468 Wie die Verse 10-11 ausführen, hatte *Paulus, sich ausdrücklich auf ein Herrenwort berufend, der Frau keine Ehescheidung oder Trennung erlaubt, doch auch mit einer solchen gerechnet und in diesem Fall von ihr verlangt, „unverheiratet“ zu bleiben oder sich wieder mit ihrem Mann zu versöhnen - selbstverständlich auf der Basis der sexuellen Enthaltsamkeit. Die kanonische Redaktion erweitert das Gebot, indem sie dem Mann verbietet, eine Frau, die sich mit ihm ver‐ söhnt (oder versöhnen will? ), zu verstoßen. Zusätzlich setzt die kanonische Redaktion mit der Einfügung von Vers 9 eine andere Voraussetzung, indem sie Unverheirateten die Ehe in Aussicht stellt, wenn sie „nicht enthaltsam leben können“. Die Differenz zwischen beiden Ebenen ist folglich eine solche zwischen radikaler Askese des vorkanonischen *Paulus und einer Ehe mit sexueller Intimität, die auf der kanonischen Ebene toleriert wird. Die verschiedenen Gnadengaben (*1Kor 7,7), die ein jeder hat, beziehen sich vorkanonisch auf das Unverheiratetsein und das Verheiratetsein, auch wenn beide Lebensweisen von sexueller Enthaltsamkeit geprägt sind. Dass der Begriff ἄγαμος an keiner weiteren Stelle des kanonischen Neuen Testaments aufgegriffen wird, ist folglich kaum verwunderlich. Der Begriff ἁγνῶς ist nur *Phil 1,17 / / Phil 1,17 bezeugt und belegt. Man liest in *Phil 1,16-17 / / Phil 1,16-17: 492 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="493"?> *Phil 1,16-17 Phil 1,16-17 16 οἱ ἐξ ἀγάπης, . 16 οἱ μὲν ἐξ ἀγάπης, εἰδότες ὅτι εἰς ἀπολογίαν τοῦ εὐαγγελίου κεῖμαι, 17 οἱ δὲ ἐξ ἐριθείας τὸν Χριστὸν καταγγέλλουσιν, οὐχ ἁγνῶς 17 οἱ δὲ ἐξ ἐριθείας τὸν Χριστὸν καταγγέλλουσιν, οὐχ ἁγνῶς, οἰόμενοι θλῖψιν ἐγείρειν τοῖς δεσμοῖς μου. *Phil 1,16-17 Phil 1,16-17 16-Die einen verkünden Christus aus Liebe, - 16 Die einen aus Liebe, weil sie wissen, dass ich zur Verteidigung des Evange‐ liums eingesetzt bin; 17-die andern aber aus Eigennutz, nicht lauter. 17 die anderen aber verkündigen Christus aus Eigennutz, nicht lauter, indem sie meinen Fesseln Bedrängnis hinzufügen wollen. Zur selben Wortfamilie gehört auch das ebenfalls vorkanonisch bezeugte ἁγνός, das *2Kor 11,2 zu finden ist: „… um eine reine Jungfrau zu Christus zu stellen.“ Im Unterschied zum Adverb begegnet das Adjektiv jedoch häufig auf der kanonischen Ebene (8 Mal), auch das Verb ἁγνίζω (7 Mal); an zwei Stellen in 1Tim findet sich das Nomen ἁγνεῖα, an einer Stelle in Apg steht ἁγνισμός und an zwei Stellen in 2Kor das Nomen ἁγνότης, jeweils ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Bei der Selbstempfehlung der „Diener Gottes“ heißt es in 2Kor 6,6: „… in Reinheit (ἐν ἁγνότητι), in Erkenntnis, in Langmut, in Güte, im Heiligen Geist, in ungeheuchelter Liebe“. In 2Kor 11,3 liest man: „Ich fürchte aber, dass wie die Schlange Eva durch ihre List verführte, so auch eure Gedanken von der aufrichtigen und reinen Hingabe (τῆς ἁγνότητος) an Christus abgelenkt werden könnten.“ Wie ein Blick in die Varianten zeigt, ist gerade das Element der Reinheit nur in folgenden Zeugen zu lesen: P 46.124 , 01*, 03, 010, 012, 33, 81, 104, (06. 326), ar, r, sy h** , co, Pel, während diese Worte fehlen in den Zeugen 01 2 , 015, 018, 020, 025, 044, 0121, 0243, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464, M, (b), f*, vg, sy p , Jul. In 2Kor 7,11 heißt es: „Denn siehe, wie groß war doch der Eifer, zu dem euch diese Gott gemäße Betrübnis geführt hat, wie Entschuldigung, sogar Bedauern, dann Furcht, Sehnsucht, dann Eifer und sogar Bestrafung! In allem habt ihr gezeigt, dass ihr in dieser Sache unschuldig (ἁγνοὺς) seid.“ In Phil 4,8: „Übrigens, Brüder, was wahrhaftig ist, was ehrbar ist, was gerecht ist, was rein (ἁγνά) ist, was liebenswert ist, was wohllautend ist, wenn es irgendeine Tugend und wenn es irgendein Lob gibt, darauf seid bedacht.“ §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 493 <?page no="494"?> Eng an Phil schließen sich die Pastoralbriefe an, wenn in 1Tim 4,12 dem Adressaten zugesagt wird: „Niemand soll dich wegen deiner Jugend gering schätzen. Sei vielmehr den Gläubigen ein Vorbild in deinen Worten, in deinem Lebenswandel, in der Liebe, im Glauben, in der Reinheit (ἁγνείᾳ)! “ Ein Kapitel später wird er in 1Tim 5,22 angemahnt: „Lege keinem vorschnell die Hände auf und mach dich nicht mitschuldig an fremden Sünden; bewahre dich rein (ἁγνὸν)! “ Ähnlich soll er im Umgang mit Frauen seine Reinheit bewahren, wie es in 1Tim 5,2 heißt: „… mit älteren Frauen wie mit Müttern, mit jüngeren wie mit Schwestern, in aller Reinheit (ἁγνείᾳ)! “ In Tit 2,5 wird den Frauen geraten: „… besonnen zu sein, rein (ἁγνάς), häuslich, tüchtig und ihren Männern gehorsam, damit das Wort Gottes nicht in Verruf kommt.“ Daran knüpft wiederum 1Petr 3,2 an, wo den Frauen gesagt wird, sie sollen sich den Männern unterordnen und wie bedeutend ihr reines Leben für ihre Männer sei, gerade dann, wenn diese nicht dem Wort gehorchen: „Sie (die Männer) sehen, wie ihr in Gottesfurcht ein reines (ἁγνήν) Leben führt.“ Zuvor in 1Petr 1,22 wurde bereits gesagt: „Der Wahrheit gehorsam, habt ihr euer Herz rein gemacht (ἡγνικότες) für eine aufrichtige geschwisterliche Liebe; darum hört nicht auf, einander von Herzen zu lieben.“ 1Joh 3,3 generalisiert die Bedeutung von Reinheit für alle Gläubigen: „Jeder, der diese Hoffnung auf ihn setzt, reinigt sich (ἁγνίζει), so wie er rein (ἁγνός) ist.“ In diesen Katholischen Briefen wird die Bedeutung von „rein“ insbesondere aus der hervorgehobenen Ersterwähnung innerhalb der Liste von Jak 3,17 offenkundig: „Doch die Weisheit von oben ist erstens rein (ἁγνή), sodann friedfertig, freundlich, gehorsam, reich an Erbarmen und guten Früchten, sie ist unparteiisch, sie heuchelt nicht.“ Bald darauf heißt es in Jak 4,8: „Naht euch Gott, dann wird er sich euch nahen! Reinigt die Hände, ihr Sünder, reinigt (ἁγνίσατε) eure Herzen, ihr Menschen mit zwei Seelen! “ Auch in der Apg spielt Reinheit eine Rolle, womit die Konsistenz innerhalb des Praxapostolos wieder zum Vorschein kommt. Apg 24,18-19 wird Paulus in den Mund gelegt: „18 Als ich mich zu diesem Zweck im Tempel hatte reinigen lassen (ἡγνισμένον), fanden mich - nicht mit einer Volksmenge und nicht bei einem Tumult---19-einige Juden aus der Provinz Asien; sie müssten vor dir erscheinen und Anklage erheben, wenn sie etwas gegen mich vorzubringen haben.“ Zuvor in Apg 21,24. 26 liest man bereits: „24 Nimm sie mit und reinige (ἁγνίσθητι) dich zusammen mit ihnen; trag die Kosten für sie, damit sie sich das Haar abscheren lassen können! So wird jeder einsehen, dass an dem, was man von dir erzählt hat, nichts ist, sondern dass auch du das Gesetz genau beachtest. … 26 Da nahm Paulus die Männer mit und reinigte (ἁγνισθεὶς) sich am nächsten Tag zusammen mit ihnen, ging dann in den Tempel und meldete das Ende der Reinigungstage (ἁγνισμοῦ) an, damit für jeden von ihnen das Opfer dargebracht werde.“ Von einer Reinigung berichtet auch Joh 11,55: „Das 494 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="495"?> Paschafest der Juden war nahe und viele zogen schon vor dem Paschafest aus dem ganzen Land nach Jerusalem hinauf, um sich zu reinigen (ἁγνίσωσιν).“ Aus dem Überblick geht hervor, dass Reinheit bereits vorkanonisch begegnet, auf der kanonischen Ebene jedoch ein größeres Gewicht erhält. Reinheit wird auf die jüdische Ritualpraxis zurückgeführt, findet Eingang in Tugendlisten und Umgangsregeln, wobei die große Nähe zwischen Praxapostolos und Pasto‐ ralbriefen erneut deutlich wird, während umgekehrt die Wortfamilie in den drei synoptischen Evangelien gar nicht begegnet und in Joh nur an einer Stelle. Es scheint also erst die zweite kanonische Redaktion in Aufnahme der vorkanonischen Terminologie der Wortfamilie eine größere Bedeutung gegeben zu haben, als die größere Sammlung zusammengestellt wurde. αἵρεσις steht im kanonischen Paulus lediglich an den beiden Parallelstellen, an denen es bereits vorkanonisch bezeugt ist (*Gal 5,20; *1Kor 11,19), darüberhinaus steht der Terminus lediglich noch im Praxapostolos (Apg und 2Petr). Im Lasterkatalog von *Gal 5,20 heißt es: „… 20 Götzendienste, Zaubereien, Feindschaften, Streitigkeiten, Eifersüchte, Jähzornigkeiten, Fälle von Eigennutzen, Spaltungen, Parteiungen.“ In *1Kor 11,19 wird festgestellt: „Es muss Parteiungen geben, damit die Bewährten offenkundig werden.“ Nun ist verwunderlich, dass an keinen weiteren Stellen im kanonischen Paulus, auch nicht in den Deuteropaulinen oder den Pastoralbriefen, auf diese Parteiungen zurückgekommen wird. Hingegen findet sich der Terminus mehrmals in Apg und in 2Petr. Er steht in Apg 15,5 zur Bezeichnung der Gruppe der Pharisäer: „Da erhoben sich einige aus der Partei (αἱρέσεως) der Pharisäer, die gläubig geworden waren, und sagten: Man muss sie beschneiden und von ihnen fordern, am Gesetz des Mose festzuhalten.“ Deutlich negativer wird er wieder verwendet in Apg 24,5: „Wir finden nämlich, dieser Mann ist eine Pest, ein Unruhestifter bei allen Juden in der Welt und ein Rädelsführer der Partei (αἱρέσεως) der Nazoräer.“ Wichtig ist die Verteidigung des Paulus in Apg 24,14, wonach man seine Gruppe, die er als „Weg“, seine Kritiker aber als eine „Partei“ bezeichneten, nicht als Gruppe außerhalb der jüdischen Tradition betrachten dürfe, weil er sich an „das Gesetz und die Propheten“ halte, genau die beiden Größen, die Markion verworfen hatte: „Das allerdings bekenne ich dir: Dem Weg (ὁδὸν) entsprechend, den sie eine Partei (αἵρεσιν) nennen, diene ich dem Gott meiner Väter. Ich glaube an alles, was im Gesetz und in den Propheten steht.“ Und in Apg 26,5 bestärkt Paulus: „Ich bin ihnen von früher her bekannt, und wenn sie wollen, können sie bezeugen, dass ich nach der strengsten Partei (αἵρεσιν) unserer Religion gelebt habe, nämlich als Pharisäer.“ Andererseits berichtet Apg 28,22, die Partei, die Paulus nun vertrete, sei „überall auf Widerspruch“ gestoßen. §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 495 <?page no="496"?> 469 Vgl. zu diesem Tugendkatalog E.-M. Becker, Σοφία ἄνωθεν versus ἄνω κλῆσις? Jas 3: 15, 17 and Phil 3: 14 (2022). In 2Petr 2,1 wird der Begriff „Partei“ schließlich zur Bezeichnung einer ab‐ weichlerischen Gruppe innerhalb der eigenen Kultgemeinschaft verwendet: „Es gab aber auch falsche Propheten im Volk, wie es auch unter euch falsche Lehrer geben wird. Sie werden Verderben bringende Parteien (αἱρέσεις) einschleusen und den Herrn, der sie freigekauft hat, verleugnen. Doch dadurch bringen sie über sich selbst rasches Verderben.“ Der Begriff ἅιρεσις bedeutet hier wie bei Irenäus eine „häretische Partei“ und belegt damit seine späte Eintragung durch die zweite kanonische Redaktion (hier allerdings in Differenz zur Apg). Dieser Vergleich zeigt, wie begrenzt die Verwendung des Terminus αἵρεσις ist. Vorkanonisch bereits negativ bewertet und als Möglichkeit der Bedrohung der eigenen Gruppe hervorgehoben, belegt die Apg eine Situation, in der der Begriff als Fremdbezeichnung für den eigenen Weg betrachtet wird, um auch wiederum auf die Pharisäer wie auch auf die Sadduzäer verwendet zu werden. Doch in 2Petr zielt er deutlich im irenäischen Sinn auf Dissidentengruppen. Im selben Lasterkatalog von *Gal 5,20 steht auch ἐριθεία, das die Einheitsüber‐ setzung mit „Eigennutzen“ wiedergibt. Der Begriff steht nochmals vorkanonisch in *Phil 1,17: „… die andern aber aus Eigennutzen, nicht lauter.“ Auf kanonischer Ebene tritt zu diesen beiden Stellen noch der Lasterkatalog in 2Kor 12,20: „Denn ich fürchte, dass ich euch nicht so finde, wie ich will, und dass auch ich von euch so gefunden werde, wie ihr nicht wollt; dass Streit, Eifersucht, Zorn, Fälle von Eigennutz (ἐριθείαι), Verleumdungen, Klatsch, Überheblichkeiten und Unruhen vorhanden sind.“ Hinzu kommen zwei Verse des Jakobusbriefes, Jak 3,14. 16: „14 Wenn ihr aber bittere Eifersucht und Eigennutzen (ἐριθείαν) in eurem Herzen tragt, dann prahlt nicht und verfälscht nicht die Wahrheit! … 16 Wo nämlich Eifersucht und Eigennutzen (ἐριθεία) herrschen, da gibt es Unordnung und böse Taten jeder Art.“ 469 Dieser Terminus unterstreicht die begrenzte Verwendung, die auf kanoni‐ scher Ebene lediglich auf eine Übernahme aus dem vorkanonischen Laster‐ katalog *Gal 5,20 bzw. aus *Phil 1,17 beschränkt ist - in den unmittelbar parallelen Versen, dann in einer fast wörtlichen Duplikation in 2Kor und durch Wiederaufnahme in Phil 2,3 und Röm 2,8. Die kanonische Redaktion hat dann den Terminus nochmals in Jak aufgenommen, womit dieser Brief mit den Paulusbriefen lexikalisch verknüpft wurde. ἀλληγορέω steht alleine in *Gal 4,24 / / Gal 4,24: „Das ist bildlich gesprochen.“ Der Begriff ist nicht unbedeutend für die Auslegung der jüdischen Schrift, 496 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="497"?> 470 Vgl. hierzu Hier., Ad Gal. II 4,26; J.M. Lieu, Marcion and the Making of a Heretic: God and Scripture in the Second Century (2015), 232. 249-250. 365. 471 Vgl. zu dieser Frage mit älterer Literatur C.J.P. Friesen, Reading Dionysius: Euripides’ Bacchae and the Cultural Contestations of Greeks, Jews, Romans, and Christians (2015); E. Haenchen, Die Apostelgeschichte (1961), 611; J. Hackett, Echoes of Euripides in Acts of the Apostles? (1956); J. Hackett, Echoes of the Bacchae in Acts of the Apostles? (1956). begegnet aber nur an dieser Stelle im Neuen Testament. Während Origenes von Markions Ablehnung allegorischer Auslegung spricht, weist Tertullian hingegen darauf hin, dass Markion gelegentlich durchaus eine allegorische Interpretation vorträgt, die Frage von Markions Verwendung der bzw. Zurück‐ haltung gegenüber der Allegorie war also seinen Kritikern bereits ein hervorzu‐ hebendes Thema gewesen. 470 Auf kanonischer Ebene hat das Verb keine weitere Verwendung gefunden. ἐξαγοράζω steht an zwei Stellen vorkanonisch, in *Gal 3,13; („Christus hat uns aus dem Fluch des Gesetzes herausgekauft, indem er für uns zum Fluch geworden ist; Verflucht ist jeder, der am Holz hängt“); 4,5 („damit er die unter dem Gesetz herauskaufe, und damit wir in die Sohnschaft aufgenommen würden“), und kanonisch an deren Parallelstellen und zusätz‐ lich in den Deuteropaulinen Eph 5,16: „Kauft (ἐξαγοραζόμενοι) die Zeit aus, denn die Tage sind böse“ und mit fast identischer, lediglich in der Wortstellung verschiedener Wendung in Kol 4,5: „Wandelt in Weisheit gegenüber denen, die außerhalb sind, und kauft (ἐξαγοραζόμενοι) die Zeit aus! “ Wie sich aus dem Vergleich des vorkanonischen Gebrauchs ergibt, liegt beide Male eine zentrale soteriologische Formulierung vor. So wurde sie auch in die kanonische Version übernommen. Vergleicht man hiermit jedoch die Nutzung in den Deuteropaulinen, begegnet eine völlig andere Semantik des Begriffes, die dem soteriologischen Feld enthoben ist. Damit ergibt sich eine semantische Übereinstimmung auf der vorkanonischen, jedoch eine semantische Differenz auf der kanonischen Ebene. Letztere lässt sich wiederum nur erklären, wenn die Bearbeitungsrichtung von der vorkanonischen zur kanonischen Ebene verläuft. Ein weiterer Terminus aus dem soteriologischen Bereich ist κέντρον. Er steht vorkanonisch in *1Kor 15,55: „55 Wo ist dein Sieg, Tod? / Wo ist dein Stachel, Tod? “ Trotz dieser bemerkenswerten Metapher begegnet der Begriff „Stachel“ auf der kanonischen Ebene nur im Parallelvers und dem sich anschließenden Vers 1Kor 15,56 (eine typisch kanonische Duplikation), dann in Apg und Apk. In Apg 26,14 findet sich der Begriff zwar im Umfeld des Paulus, doch ist „Stachel“ hier eher aus einem Sprichwort, vielleicht über Umwegen auf Euripides zurückgehend, 471 genommen im Sinn von „Widerstand“: „Wir alle §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 497 <?page no="498"?> 472 Iren., Adv. Haer. I 27,2. 473 Tert., Adv. Marc. V 11,9 (vgl. auch Adv. Marc. V 18,12): Hanc Marcion captavit sic legendo: In quibus deus aevi huius, ut creatorem ostendens deum huius aevi alium suggerat deum alterius aevi. Vgl. hierzu J.M. Lieu, Marcion and the Making of a Heretic: God and Scripture in the Second Century (2015), 36. stürzten zu Boden und ich hörte eine Stimme auf Hebräisch zu mir sagen: Saul, Saul, warum verfolgst du mich? Es wird dir schwerfallen, gegen den Stachel (κέντρα) auszuschlagen.“ Schließlich begegnet der Begriff auch im Bericht über die fünfte Posaune von Apk 9,10: „Sie haben Schwänze und Stacheln (κέντρα) wie Skorpione und in ihren Schwänzen ist die Kraft, mit der sie den Menschen schaden, fünf Monate lang.“ Wie bereits zuvor bei ἐξαγοράζω festgestellt, spricht die differierende Semantik der Benutzung in der Parallelstelle 1Kor 15 auf der einen Seite und den ganz anders gelagerten Verwendungsweisen in Apg und Apk dafür, dass die kanonische Redaktion in 1Kor 15 die Semantik der vorkanonischen Ebene übernommen hat, bei der Wiederverwendung des Begriffes in anderen Schriften jedoch andere Traditionen vorlagen. κέρδος ist auf vorkanonischer Ebene nur bezeugt für *Phil 3,7. Auf kanonischer Ebene kommt zum Parallelvers noch eine weitere Stelle in Phil 1,21 und eine weitere im Pastoralbrief Tit 1,11 hinzu. *Phil 3,7 heißt es: „Was mir ein Gewinn war, das habe ich um Christus willen für Verlust gehalten.“ In Phil 1,21 liest man ähnlich, nur in umgekehrter Logik: „Denn für mich ist Christus das Leben und das Sterben Gewinn (κέρδος).“ Tit 1,11 bietet: „Ihnen muss man den Mund stopfen, denn aus übler Gewinnsucht (κέρδους) zerstören sie ganze Familien mit ihren falschen Lehren.“ Aus diesem kleinen Vergleich ergibt sich, dass der im Neuen Testament sel‐ tene Begriff κέρδος in gleicher Semantik innerhalb von Phil wieder aufgegriffen wird, doch zwischen Phil und Tit eine semantische Differenz besteht. κοσμοκράτωρ gilt nach Irenäus als ein Titel, den Markion dem jüdischen Gott gegeben hat. 472 Der Begriff begegnet tatsächlich vorkanonisch in *Laod 6,12 (/ / Eph 6,12), wo es heißt: „… denn unser Kampf richtet sich gegen die Mächte, gegen die Weltherrscher dieser Finsternis, gegen die geistlichen Mächte der Bosheit in den himmlischen Regionen.“ Tertullian berichtet später, dass Markion den „Gott dieser Weltzeit“ (ὁ θεὸς τοῦ αἰῶνος τούτου, *2Kor 4,4) mit den „Weltherrschern dieser Finsternis“ gleichgesetzt habe. 473 Markion kann κοσμοκράτωρ kaum aus dem km Deuteropaulinum gewonnen haben, da er sonst auf der kanonischen Ebene nicht begegnet, sondern die ka‐ nonische Redaktion wird ihn wohl nur an dieser Stelle aus der vorkanonischen Redaktion in Eph 6,12 mitübernommen haben. 498 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="499"?> Ein weiterer theologisch interessanter Begriff ist μορφή. Auch er steht vorka‐ nonisch in *Phil 2,6. 7 und findet sich dann in der Parallelstelle in Phil 2,6. 7 und noch einmal im längeren Markusschluss, Mk 16,12. Dann ist vorkanonisch auch von einer μόρφωσις in *Röm 2,20 die Rede, was kanonisch in der Parallelstelle aufgegriffen, aber auch in 2Tim 3,5 zu finden ist, während nur auf der kanoni‐ schen Ebene noch an einer Stelle, Gal 4,19, das Verb μορφόω steht. Betrachten wir uns die Parallelstellen: *Phil 2,6. 7 Phil 2,6. 7 6 ὃς ἐν μορφῇ θεοῦ ὑπάρχων οὐχ ἁρπαγμὸν ἡγήσατο τὸ εἶναι ἴσα θεῷ, 6 ὃς ἐν μορφῇ θεοῦ ὑπάρχων οὐχ ἁρπαγμὸν ἡγήσατο τὸ εἶναι ἴσα θεῷ, 7 ἀλλὰ ἑαυτὸν ἐκένωσεν μορφὴν δούλου λαβών, ἐν ὁμοιώματι ἀνθρώπου καὶ σχήματι εὑρεθεὶς ἄνθρωπος. 7 ἀλλὰ ἑαυτὸν ἐκένωσεν μορφὴν δούλου λαβών, ἐν ὁμοιώματι ἀνθρώπων γενόμενος: καὶ σχήματι εὑρεθεὶς ὡς ἄνθρωπος *Phil 2,6. 7 Phil 2,6. 7 6 der in der Gestalt Gottes war, es aber nicht für einen Raub hielt, Gott gleich zu sein, 6 der in der Gestalt Gottes war, es aber nicht für einen Raub hielt, Gott gleich zu sein, 7-sondern sich selbst entäußerte und die Gestalt eines Sklaven annahm in der Ähnlichkeit und dem Äußeren des Menschen, erfunden ein Mensch. 7-sondern sich selbst entäußerte, die Gestalt eines Sklaven annahm und den Menschen ähnlich wurde; und in seiner äußeren Erscheinung wie ein Mensch er‐ funden. Und die folgende Stelle: *Röm 2,20 Röm 2,20 20 ἔχοντα τὴν μόρφωσιν τῆς γνώσεως καὶ τῆς ἀληθείας ἐν τῷ νόμῳ 20 παιδευτὴν ἀφρόνων, διδάσκαλον νηπίων, ἔχοντα τὴν μόρφωσιν τῆς γνώσεως καὶ τῆς ἀληθείας ἐν τῷ νόμῳ *Röm 2,20 Röm 2,20 20 Als jemand, der die Gestalt der Er‐ kenntnis und der Wahrheit im Gesetz hat, 20 ein Erzieher der Unverständigen, ein Lehrer der Unmündigen, der die Form der Erkenntnis und der Wahrheit im Gesetz hat §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 499 <?page no="500"?> In 2Tim 3,5 lesen wir: „Die äußere Form (μόρφωσιν) der Frömmigkeit wahren sie, verleugnen aber deren Kraft. Wende dich von diesen Menschen ab! “ Während die vorkanonische Verwendung von μορφή eine inkarnato‐ risch-theologische ist, die offenkundig keine substantielle, sondern eher eine äußerliche Erscheinung markiert, wie dies auch bei μόρφωσις zum Ausdruck kommt, avanciert der Begriff auf der kanonischen Ebene zu einem eher sub‐ stantiellen Verständnis, weshalb in Phil 2,7 das ὡς eingefügt wird, und wie man ihn dann in Gal 4,19 annehmen darf: „meine Kinder, für die ich wieder Geburtswehen leide, bis Christus in euch verwandelt wird (μορφωθῇ).“ Wie Mk 16,12 zu verstehen ist, wird erst durch den Kontext klar: „Darauf erschien er in einer anderen Gestalt (μορφῇ) zweien von ihnen, als sie unterwegs waren und aufs Land gehen wollten.“ Nachdem die beiden, denen Jesus erschienen war, von ihrem Erleben berichten und ihnen nicht geglaubt wird, „erschien Jesus den Elf selbst, als sie bei Tisch waren; er tadelte ihren Unglauben und ihre Verstocktheit, weil sie denen nicht glaubten, die ihn nach seiner Auferstehung gesehen hatten“ (Mk 16,14) - die Stelle demonstriert folglich den Realismus, den die zweite kanonische Redaktion hinter Mk 16,12 legen will. Das Zeugnis unterstreicht, dass wir von einer Semantik des äußeren Scheins auf vorkanonischer Ebene zu einer solchen des Realismus auf der kanonischen Ebene geführt werden, was an Tertullians antimarkionitische Argumentation in seinen Schriften De resurrectione mortuorum und in De carne Christi erinnert. ὄλεθρος steht *1Kor 5,5 und *2Thess 1,9 vorkanonisch, während es nicht nur an den kanonischen Parallelstellen begegnet, sondern zusätzlich noch 1Thess 5,3 und 1Tim 6,9. *1Kor 5,5 (/ / 1Kor 5,5) heißt es: „… diesen Menschen dem Satan zu übergeben zum Verderben seines Fleisches, damit sein Geist am Tag des Herrn gerettet wird.“ In *2Thess 1,9: „Sie werden mit ewigem Verderben bestraft. Sie sind fern vom Angesicht des Herrn und seiner Macht.“ Wie zuvor zu *2Thess 1,6 bei ἀνταποδίδωμι (dort ging es allerdings um die Alternative Christus oder Schöpfergott) bereits festgehalten wurde, gibt Tertullian an, dass Markion diese Verse nicht auf den transzendenten, guten, sondern auf den jüdischen Schöpfergott hin ausgelegt habe. Der vorkanonische *Paulus unterscheidet folglich zwischen einer Übergabe nur des Fleisches in das Verderben zur Rettung des Geistes und dem ewigen Verderben des ganzen Menschen, das für die ältere jüdische Tradition gehalten wird. Auf kanonischer Ebene hingegen, für die Tertullian selbst mit seiner Inter‐ pretation steht, bezieht sich 2Thess 1,6 auf den christlichen Gott, d. h. auch er rechnet mit einem völligen Verderben derer, „die Gott nicht kennen“ (2Thess 1,8). Ähnlich formuliert die kanonische Ebene auch 1Thess 5,3: „Wenn sie 500 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="501"?> nämlich sagen: Frieden und Sicherheit, dann wird sie das Verderben (ὄλεθρος) plötzlich überfallen wie die Geburtswehen eine schwangere Frau, und sie werden nicht entfliehen.“ In 1Tim 6,9 lesen wir: „Die aber reich sein wollen, geraten in Versuchung und Verstrickung und in viele sinnlose und schädliche Begierden, welche die Menschen ins Verderben (ὄλεθρον) und in den Untergang stürzen.“ Im selben Kapitel warnt Paulus vor denen, die „Antithesen“ vortragen (1Tim 6,20) - was bereits als Anspielung auf Markions Vorwort zu seinem *Evangelium und *Neuen Testament bezeichnet wurde, es ist also durchaus möglich, dass auch 1Tim 6,9 formuliert wurde, mit Markions Reichtum als Schiffseigner vor Augen. Gleichwie, der kleine Überblick zum Begriff ὄλεθρος verdeutlicht erneut die semantische Differenz zwischen der vorkanonischen und der kanonischen Ebene. Möglicherweise deutet die semantische Verschie‐ bung auch noch eine antimarkionitische Tendenz der Redaktion hier an. Ein weiterer vorkanonisch präsenter Begriff ist ὁμοίωμα. Er findet sich *Röm 8,3 und *Phil 2,7, dann auf kanonischer Ebene noch öfter in Röm 1,23; 5,14; 6,5; auch an den Parallelstellen Röm 8,3 und Phil 2,7 und ein weiteres Mal in Apk 9,7. Man vergleiche: *Röm 8,3 Röm 8,3 -ὁ θεὸς υἱὸν πέμψας ἐν ὁμοιώματι σαρκὸς ἁμαρτίας. τὸ γὰρ ἀδύνατον τοῦ νόμου, ἐν ᾧ ἠσθένει διὰ τῆς σαρκός, ὁ θεὸς τὸν ἑαυτοῦ υἱὸν πέμψας ἐν ὁμοιώματι σαρκὸς ἁμαρτίας καὶ περὶ ἁμαρτίας κατέκρινεν τὴν ἁμαρτίαν ἐν τῇ σαρκί. *Röm 8,3 Röm 8,3 -Gott sandte den Sohn in der Ähnlich‐ keit des Fleisches der Sünde. Denn was dem Gesetz unmöglich war, weil es durch das Fleisch geschwächt war, das tat Gott, indem er seinen eigenen Sohn in der Ähnlichkeit des Fleisches der Sünde und für die Sünde sandte; so verurteilte er die Sünde im Fleisch. Der Vers war deutlich kürzer in der vorkanonischen Fassung, vor allem dürfte wie beim zuvor betrachteten Begriff μόρφωσις auch hier auf vorkanonischer Ebene eher von „Ähnlichkeit“ die Rede gewesen sein. Auf kanonischer Ebene hingegen bestand die Gefahr, den Begriff als „Gestalt“ zu lesen, weshalb die weiteren Ausführungen hinzugesetzt werden, um an dieser Stelle ein substan‐ tielles Missverständnis zu vermeiden: Der Sohn hat - wie vorkanonisch - nur §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 501 <?page no="502"?> 474 Darum pochen Interpreten der kanonischen Form auf den nichtdoketischen Charakter der Formulierung, vgl. etwa F. Watson, Pauline Reception and the Problem of Docetism (2018), 66; M.N.A. Bockmuehl, The Epistle to the Philippians (1997), 137; C.E.B. Cran‐ field, A critical and exegetical commentary on the Epistle to the Romans. 1 Introduction and commentary on Romans I-VIII (1975), 379. eine „Ähnlichkeit des Fleisches“ der Sünde, ist aber selbst sündlos. 474 Diese Vermutung wird gestützt durch die Verwendung des Begriffes ὁμοίωμα in der Formulierung ἐν ὁμοιώματι ἀνθρώπου καὶ σχήματι εὑρεθεὶς ἄνθρωπος in *Phil 2,7, wie weiter oben bereits aufgeführt wurde. Es geht nur um eine Ähnlichkeit und Äußerlichkeit, die Jesus in der Gestalt eines Menschen bzw. des Fleisches angenommen hat, während auf der kanonischen Ebene erneut der Realismus unterstrichen wird. Auch wenn das aus den unmittelbar mit der vorkanonischen Ebene parallelen Stellen nicht deutlich hervorgeht, bestätigen die weiteren kanonischen Fund‐ stellen diese Beobachtung. Röm 1,23 lesen wir: „… und haben die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes vertauscht mit der Gestalt (ὁμοιώματι) des Bildes, das dem vergänglichen Menschen, Vögeln, vierfüßigen und kriechenden Tieren entspricht.“ Die Gestalt des Bildes ist real, auch wenn der dargestellte Mensch und die Tiere vergänglich und ephemer sind. Röm 5,14 heißt es: „Dennoch herrschte der Tod von Adam bis Mose, auch über die, die nicht gesündigt hatten nach der Gleichgestalt der Übertretung Adams, der ein Vorbild des Kommenden ist.“ Noch deutlicher als zuvor ist die Realität Adams als (Ur-)Ge‐ stalt des Künftigen eine reale Figur, und als solche begegnet „Gestalt“ auch in Röm 6,5: „Denn wenn wir mit ihm verbunden worden sind in der Gestalt (ὁμοιώματι) seines Todes, so werden wir es auch in der seiner Auferstehung sein.“ Apk 9,7: „Und die Gestalten (ὁμοιώματα) der Heuschrecken sehen aus wie Rosse, die zur Schlacht gerüstet sind; auf ihren Köpfen tragen sie etwas, das goldschimmernden Kränzen gleicht, und ihre Gesichter sind wie Gesichter von Menschen.“ Wie zuvor auf der kanonischen Ebene des Paulus ist auch hier von tatsächlichen Gestalten von Heuschrecken die Rede, die mit dem Aussehen vergleichbarer Dinge wie Rosse verglichen werden. Erneut lässt sich eine semantische Verschiebung von der vorkanonischen zur kanonischen Ebene, von „Ähnlichkeit“ zu „Gestalt“ hin feststellen. Übergangen wurden bislang solche Begriffe, die ausschließlich in den Deutero‐ paulinen stehen, aber dennoch kaum weitere Verwendung auf der kanonischen Ebene gefunden haben. Es handelt sich um folgende Anzahl solcher Begriffe: *2Thess: 2 *Laod: 21 502 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="503"?> 475 Tert., Adv. Marc. V 16,4: Quis est autem homo delicti, filius perditionis, quem revelari prius oportet ante domini adventum, extollens se super omne quod deus dicitur et omnem religionem, consessurus in templo dei et deum se iactaturus? Secundum nos quidem anti‐ christus, ut docent veteres ac novae prophetiae, ut Ioannes apostolus, qui iam antichristos dicit processisse in mundum praecursores antichristi spiritus, negantes Christum in carne venisse, et solventes Iesum, scilicet in deo creatore: secundum vero Marcionem nescio ne sit Christus creatoris. Nondum venit apud illum. *Kol: 7 Betrachten wir uns die beiden in *2Thess bezeugten Termini. Der erste ist ἐνέργεια, der gleich an zwei Stellen in diesem Brief vorkanonisch steht. Zu den kanonischen Parallelstellen kommen dann noch Stellen in Eph, Kol und Phil. *2Thess 2,9-12 (/ / 2Thess 2,9-12) lesen wir: „9 Er wird bei seiner Ankunft die Kraft des Satans haben mit aller Macht und Zeichen und Wundern der Lüge 10 und mit allem Trug der Ungerechtigkeit bei denen, die verloren gehen, weil sie die Liebe zur Wahrheit nicht annahmen, um gerettet zu werden. 11-Darum lässt er sie der Macht des Irrtums verfallen, dass sie der Lüge glauben, 12 damit alle gerichtet werden, die der Wahrheit nicht geglaubt, sondern Gefallen fanden an der Ungerechtigkeit.“ Auch wenn sich Tertullian in Markions Auslegung dieser Stelle nicht ganz sicher ist, schließt er doch wohl richtig aus Markions Lektüre von Kapitel 1 von *2Thess, dass dieser diese Stelle nicht wie Tertullian die Verse 9-10 auf den Antichristen, sondern auf den richtenden Gesalbten des Schöpfergottes bezieht. 475 Ganz anders lesen wir in Eph 1,19, einem Vers, von dem nur die letzten Worte „seiner Stärke“ (τῆς ἰσχύος αὐτοῦ) vorkanonisch bezeugt sind, vom Wirken Christi: „… und wie überragend groß seine Macht sich an uns, den Gläubigen, erweist durch das Wirken (ἐνέργειαν) seiner Kraft und Stärke.“ In Eph 3,7, einem Vers, der nicht vorkanonisch bezeugt ist, auch wenn direkt im Anschluss daran dann die Verse 8-10 bezeugt sind, sagt Paulus von sich selbst und dem Evangelium: „Dessen Diener ich geworden bin durch die Gabe der Gnade Gottes, die mir nach der Wirkung (ἐνέργειαν) seiner Kraft gegeben wurde.“ Wiederum von Christus spricht Paulus in Eph 4,16: „Aus dem der ganze Leib zusammengefügt ist und zusammengehalten durch jedes Band der Unterstützung, entsprechend der Wirkung (ἐνέργειαν) jedes einzelnen Teils, indem es das Wachstum des Leibes bewirkt zur Erbauung seiner selbst in Liebe.“ Und wieder ist es die Kraft Christi, auf die sich auch Kol 1,29 bezieht: „Dafür arbeite und ringe ich auch, gemäß seiner wirksamen Kraft (ἐνέργειαν), die in mir wirkt in Macht.“ Kol 2,12 spricht zwar von Christus, schreibt die Kraft aber §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 503 <?page no="504"?> Gott zu: „indem ihr mit ihm begraben wurdet in der Taufe, in der ihr auch mit ihm auferweckt worden seid durch den Glauben an die Wirkung (ἐνέργειαν) Gottes, der ihn aus den Toten auferweckt hat.“ Wenn wir von den Deuteropaulinen zu den sieben Paulusbriefen gehen, begegnet uns der Terminus nur Phil 3,21. Man vergleiche: *Phil 3,21 Phil 3,21 ὃς μετασχηματίσει τὸ σῶμα τῆς ταπεινώσεως ἡμῶν σύμμορφον τῷ σώματι τῆς δόξης αὐτοῦ. ὃς μετασχηματίσει τὸ σῶμα τῆς ταπεινώσεως ἡμῶν σύμμορφον τῷ σώματι τῆς δόξης αὐτοῦ κατὰ τὴν ἐνέργειαν τοῦ δύνασθαι αὐτὸν καὶ ὑποτάξαι αὐτῷ τὰ πάντα. *Phil 3,21 Phil 3,21 der den Leib unserer Niedrigkeit um‐ gestalten wird in die Gleichgestalt seines verherrlichten Leibes. der den Leib unserer Niedrigkeit umge‐ stalten wird in die Gleichgestalt seines verherrlichten Leibes, in der Kraft, mit der er sich auch alles unterwerfen kann. Wie zu erkennen ist, ist gerade der letzte Teil von Phil 3,21 mit dem Terminus „Kraft“, der auf Christus bezogen ist, unbezeugt. Aus diesem Überblick ergibt sich, dass für die vorkanonische Version lediglich eine negative Semantik von ἐνέργεια bezeugt ist, während die kanonische Ebene den Begriff fast immer auf Christus und zweimal auf Gott (Eph 3,7; Kol 2,12) hin liest. Das deutet darauf hin, dass der Begriff in *2Thess wohl bereits aus der km Vorlage stammt, der dann in anderem Kontext nicht mehr auf den richtenden Christus, sondern den Antichristen bezogen wurde und als solcher auch in der kanonischen Version von 2Thess stehenblieb. Trotz der veränderten Semantik auf der kanonischen Ebene erfolgte auf ihr nur eine bescheidene Rezeption der vorkanonischen Terminologie. Der zweite, vorkanonisch ausschließlich in *2Thess begegnende Begriff, der auf der kanonischen Ebene wenig rezipiert wurde, ist σέβασμα. Er findet sich in *2Thess 2,4 im Bericht über den „Sohn des Verderbens“ (*2Thess 2,3): „Der sich über alles, was Gott oder Heiligtum heißt, so sehr erhebt, dass er sich sogar in den Tempel Gottes setzt und sich für Gott ausgibt.“ Der Teminus σέβασμα („Heiligtum“) findet sich kanonisch nur in der Parallelstelle und in Apg 17,23: „Denn als ich umherging und mir eure Heiligtümer (σεβάσματα) ansah, fand ich auch einen Altar mit der Aufschrift: Einem unbekannten Gott. Was ihr verehrt, ohne es zu kennen, das verkünde ich euch.“ 504 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="505"?> 476 Diesen Gedanken und die Frage verdanke ich G. Röhser. Selbst bei diesem Begriff wird trotz der wenigen Belege die semantische Differenz zwischen vorkanonischer und kanonischer Ebene deutlich und die einhergehende semantische Spannung zwischen *2Thess 2,4 und Apg 17,23. Während an erster Stelle „Heiligtum“ positiv besetzt ist und mit dem „Tempel Gottes“ gleichgesetzt wird, bildet der Begriff in Apg einen Ausdruck für die heidnischen Tempel. Die Spannung besteht aber auch auf der kanonischen Ebene selbst: zwischen 2Thess 2,4 und Apg 17,23. Gehört Apg 17,23 zur zweiten kanonischen Redaktion und hat die Spannung erst später eingebracht? 476 Wenden wir uns einigen Belegen aus den beiden anderen Deuteropaulinen zu und nehmen zunächst die Begriffe, die sowohl in *Kol wie in *Laod bezeugt sind. ἀπαλλοτριόω steht vorkanonisch in *Laod 2,12 und *Kol 1,21, zu den kanoni‐ schen Parallelen hierzu findet sich noch ein weiterer Beleg in Eph 4,18. *Kol 1,21 (/ / Kol 1,21) ist bezeugt: „Auch euch, die ihr einst entfremdet und feindlich gesinnt wart in bösen Werken.“ *Laod 2,12 (/ / Eph 2,12) heißt es: „Dass ihr zu jener Zeit ohne Christus wart, ausgeschlossen vom Bürgerrecht Israels und Fremde gegenüber den Bündnissen und der Verheißung, ohne Hoffnung und ohne Gott in dieser Welt.“ Das Verb wird neu aufgenommen in Eph 4,18: „… die verfinstert sind in ihrem Verstand, entfremdet (ἀπηλλοτριωμένοι) dem Leben Gottes wegen der Unwissenheit, die in ihnen ist, wegen der Verhärtung ihres Herzens.“ Zwar findet sich hier das Verb, doch klingt mit dem verfinsterten Sinn die Semantik des Kolosserverses an. ἀποκαταλλάσσω ist ein weiteres Verb, das sowohl in *Laod wie in *Kol bezeugt ist. *Laod 2,16 (/ / Eph 2,16 ohne τούτῳ am Ende) heißt es: „Er versöhnte die beiden mit Gott in einem einzigen Leib durch das Kreuz, nachdem er die Feindschaft in ihm getötet hat.“ Zu *Kol 1,20. 22 / / Kol 1,20. 22 vergleiche: *Kol 1,20. 22 Kol 1,20. 22 20 καὶ ἀποκαταλλάξαι τὰ πάντα εἰς αὐτόν, εἰρηνοποιήσας διὰ τοῦ αἵματος τοῦ σταυροῦ αὐτοῦ.-… 20 καὶ δι’ αὐτοῦ ἀποκαταλλάξαι τὰ πάντα εἰς αὐτόν, εἰρηνοποιήσας διὰ τοῦ αἵματος τοῦ σταυροῦ αὐτοῦ, [δι‘ αὐτοῦ] εἴτε τὰ ἐπὶ τῆς γῆς εἴτε τὰ ἐν τοῖς οὐρανοῖς.-… 22 νυνὶ δὲ ἀποκατήλλαξεν ἐν τῷ σώματι αὐτοῦ διὰ τοῦ θανάτου. 22 νυνὶ δὲ ἀποκατήλλαξεν ἐν τῷ σώματι τῆς σαρκὸς αὐτοῦ διὰ τοῦ θανάτου παραστῆσαι ὑμᾶς ἁγίους καὶ ἀμώμους καὶ ἀνεγκλήτους κατενώπιον αὐτοῦ, §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 505 <?page no="506"?> *Kol 1,20. 22 Kol 1,20. 22 20 und alles mit sich versöhnen, indem es Frieden machte durch das Blut seines Kreuzes-… - und durch ihn alles mit sich zu versöhnen, sei es, was auf Erden oder was im Himmel ist, indem er Frieden machte durch das Blut seines Kreuzes.-… 22-hat es nun aber versöhnt in seinem Leib durch den Tod. 22-hat er nun aber versöhnt in dem Leib seines Fleisches durch den Tod, um euch heilig und untadelig und unverklagbar vor sich hinzustellen. Übereinstimmend ist auf der vorkanonischen Ebene das Thema der Versöhnung angesprochen, welches verknüpft ist mit dem Kreuz. Die kanonische Redaktion fügt jedoch in beiden Versen von Kol 1 Ergänzungen (alles auf Erden und im Himmel, Thema des Hinstellens, in Eph 5,27) hinzu, die sowohl im *Laod/ Eph-Vers wie vorkanonisch in *Kol fehlten. Nehmen wir noch Beispiele von Termini, die im *Kolosserbrief stehen und selten auf der kanonischen Ebene wieder auftauchen. συζωοποιέω ist aufschlussreich, denn es steht vorkanonisch in *Kol 2,13, auch im Parallelvers auf der kanonischen Ebene, dann auch in Eph 2,5, ist jedoch nicht vorkanonisch für *Laod bezeugt. *Kol 2,13 liest man: „Gott hat euch mit Christus zusammen lebendig gemacht und verzeihte uns die Übertretungen.“ In Kol 2,13 heißt es etwas umfangreicher in Vers 2,13: „Und euch, die ihr tot wart in euren Übertretungen und dem unbeschnittenen Zustand eures Fleisches, hat er zusammen mit ihm lebendig gemacht, indem er uns alle Übertretungen verzeihte.“ Nun fällt auf, dass Eph 2,4-6 nicht an die vorkanonische, sondern an die kanonische Form von Kol 2,13 anschließt: „4 Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat uns geliebt mit seiner großen Liebe, 5 und obwohl wir tot waren in unseren Übertretungen, hat er uns mit Christus lebendig gemacht — aus Gnade seid ihr gerettet! 6 und hat uns mit ihm auferweckt und mit ihm in den himmlischen Regionen gesetzt in Christus Jesus.“ (Eph 2,4-6) Dieser Passus lässt den ersten Teil von Kol 2,13, der für die vorkanonische Fas‐ sung unbezeugt ist, in dem Kursivierten aufscheinen. Die kanonische Redaktion hat folglich sowohl das Verb wie auch den ersten Teil parallel zum kanonischen Kol 2,13 in Eph eingetragen, was die Übereinstimmung auf der kanonischen Ebene bestätigt, jedoch auch die Differenz zwischen der vorkanonischen und der kanonischen Ebene unterstreicht. 506 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="507"?> 477 Zu Inkonsistenzen der kanonischen Redaktion vgl. S.-568-572. ἀπεκδύομαι steht vorkanonisch in *Kol 3,9 (/ / Kol 3,9): *Kol 3,9 Kol 3,9 -ἀπεκδυσάμενοι τὸν παλαιὸν ἄνθρωπον. μὴ ψεύδεσθε εἰς ἀλλήλους, ἀπεκδυσάμενοι τὸν παλαιὸν ἄνθρωπον σὺν ταῖς πράξεσιν αὐτοῦ. *Kol 3,9 Kol 3,9 -denn ihr habt den alten Menschen ausgezogen. Belügt einander nicht, da ihr den alten Menschen mit seinen Handlungen ausge‐ zogen habt. Auf kanonischer Ebene findet sich zuvor in Kol 2,15: „Er hat die Mächte und Gewalten entwaffnet und sie öffentlich zur Schau gestellt, indem er in ihm über sie triumphierte.“ Die verschiedene Übersetzung desselben Verbs zeigt die semantische Diffe‐ renz an, die den Gebrauch des Verbs auf der kanonischen Ebene in Kol 2,15 von derjenigen unterscheidet, die sich vorkanonisch und kanonisch in *Kol 3,9 / / Kol 3,9 findet. Diese Diskrepanz untermauert die Inkonsistenz der kanonischen Redaktion, die bereits wiederholt festgestellt wurde. 477 εἰρηνοποιέω ist ein weiterer Begriff, der in *Kol 1,20 steht, auch im Parallelvers auf der kanonischen Ebene, und im Nomen εἰρηνοποιοί in Mt 5,9 anklingt. *Kol 1,20 war uns gerade begegnet: „… und alles mit sich versöhnen, indem es Frieden machte durch das Blut seines Kreuzes“ (Kol 1,20: „… und durch ihn alles mit sich zu versöhnen, sei es, was auf Erden oder was im Himmel ist, indem er Frieden machte durch das Blut seines Kreuzes“). In Mt 5,9 liest man: „Selig, die Frieden stiften; / denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.“ Da man diese Seligpreisung weder in *Ev noch in Lk liest, scheint das Verb der Vorlage km Kol anzugehören und von dort in *Kol das Nomen in Mt gekommen zu sein, doch es erstaunt, dass es nicht weiter auf der vorkanonischen oder kanonischen Ebene rezipiert wurde. In *Laod begegnen drei Mal so viele dieser Wörter wie in *Kol, was womöglich dafür spricht, dass dieser Brief, wie sich schon angedeutet hat, zwar in einem kanonnahen Milieu entstanden ist, sich jedoch einer Lexik bedient, die etwas weiter von der kanonischen entfernt ist als diejenige von *Kol. Insbesondere §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 507 <?page no="508"?> 478 Tert., Adv. Marc. V 17,11: Ipsius, inquit, sumus factura, conditi in Christo. Aliud est facere, aliud condere. Sed utrumque uni dedit. Homo autem factura creatoris est. Idem ergo condidit in Christo qui et fecit. Quantum enim ad substantiam, fecit; quantum ad gratiam, condidit. fällt auf, dass der Brief eine Reihe von Hapax legomena (ἄθεος; ἐλαχιστότερος; ἑτοιμασία; κοσμοκράτωρ; πολυποίκιλος; προελπίζω; συμπολίτης) aufweist und Termini, die aus den Pastoralbriefen (αἰχμαλωτεύω, als v.l. in 2Tim 3,6), im Praxapostolos (ἀκρογωνιαῖος; πολιτεία; πυρόω) und der Apk (αἰχμαλωσία; ἐκτρέφω; πυρόω) bekannt sind. θάλπω steht *Laod 5,29 („Denn niemand hat je sein eigenes Fleisch gehasst, sondern er nährt und zieht es auf, wie auch Christus die Kirche“) und begegnet außer im kanonischen Parallelvers noch in 1Thess 2,7 („Sondern wir waren sanft unter euch, wie eine stillende Mutter ihre Kinder pflegt“). ποίημα steht *Laod 2,10 / / Eph 2,10: *Laod 2,10 Eph 2,10 αὐτοῦ ἐσμεν ποίημα, κτισθέντες ἐν Χριστῷ. αὐτοῦ γάρ ἐσμεν ποίημα, κτισθέντες ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ ἐπὶ ἔργοις ἀγαθοῖς οἷς προητοίμασεν ὁ θεός, ἵνα ἐν αὐτοῖς περιπατήσωμεν. *Laod 2,10 Eph 2,10 Dessen Werk sind wir, die wir in Christus geschaffen wurden. Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, damit wir in ihnen wandeln sollen. Der Teminus findet sich kanonisch erneut in Röm 1,20: „Denn seine unsichtbare Wesensart, nämlich seine ewige Kraft und Gottheit, wird seit der Schöpfung der Welt in den Werken durch Nachdenken wahrgenommen, sodass sie keine Entschuldigung haben.“ Nach Tertullians Kommentar zu *Laod 2,10 scheint Markion das Schaffen nicht dem transzendenten Gott, sondern dem Schöpfer zugeschrieben zu haben, den er von dem Transzendenten unterschieden hatte, was den Anlass dafür bietet, warum Tertullian heftig gegen diese Unterscheidung argumentiert. 478 Die Begrifflichkeit selbst scheint jedoch durch die Vorlage km Laod in den Text gekommen zu sein und von dort zu *Laod und durch die kanonische Redaktion den Weg zu Röm gefunden zu haben, allerdings war die Vorstellung vom 508 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="509"?> 479 C.W. Concannon, Assembling early Christianity: Trade, networks, and the letters of Dionysios of Corinth (2017); C.W. Concannon, In the Great City of the Ephesians: Contestations over Apostolic Memory and Ecclesial Power in the Acts of Timothy (2016). 480 Zur Namensnennung von Orten vgl. die Ausführungen in der Einleitung zur englischen Übersetzung der hier vorgelegten Rekonstruktion des Apostolos, M.G. Bilby, Paul’s Literary Metamorphosis. Translations of Marcion’s Apostolos and Canonical Counter‐ parts (2024). Schaffen Gottes durch Christus wohl zwischen beiden Seiten umstritten, dass keine weitere Rezeption derselben stattfand. προτίθημι steht außer in *Laod 1,9 / / Eph 1,9 („damit er uns das Geheimnis seines Willens kundtat, nach seinem Wohlgefallen, das er vorgenommen hatte“), dann erneut auf der kanonischen Ebene in Röm 1,13: „Ich will euch aber nicht verschweigen, Brüder, dass ich mir oft vorgenommen habe (προεθέμην), zu euch zu kommen - bin aber bisher verhindert worden - damit ich auch unter euch etwas Frucht wirke, wie unter den übrigen Heiden; “ 3,25: „Ihn hat Gott zum Sühnopfer für den Glauben hingestellt (προέθετο) in seinem Blut, um seine Gerechtigkeit zu zeigen wegen der Nachsicht mit den Sünden, die zuvor geschehen waren unter Gottes Geduld.“ Semantisch an die vorkanonische Ebene schließt sich Röm 1,13 an, während Röm 3,25 eine etwas andere Semantik bietet. ὕμνος steht *Laod 5,19 („Wenn ihr Gott Psalmen und Hymnen singt! “), während Eph 5,19 ausführlicher ist: „Redet zueinander in Psalmen und Lobge‐ sängen und geistlichen Liedern, singt und spielt dem Herrn in eurem Herzen.“ Dann taucht der Begriff wieder auf kanonischer Ebene auf in Kol 3,16 („Lasst das Wort Christi reichlich in euch wohnen in aller Weisheit; lehrt und ermahnt einander mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern, singt Gott dankbar in euren Herzen.“ Wie die Zusätze gegenüber der vorkanonischen Version („geistliche Lieder“, „Herzen“) erweisen, gehen die Kolosserstelle und die erweiterte Epheserstelle parallel und unterscheiden sich gemeinsam von der vorkanonischen Version. 8. Namensnennungen von Personen Namen haben nicht nur eine historische Bedeutung (Autor: innen, Adressat: innen, Grußlisten), sie geben auch Aufschluss über ein reales oder auch literarisch-fiktives Netzwerk, das eine Sammlung von Texten über dieselben ausspannt. 479 Das Personennetz, das uns in der *10-Briefe-Sammlung begegnet, ist be‐ grenzt. 480 In ihr finden sich nur 9 Namen, 5 derselben hat sie mit *Ev gemeinsam (fettgedruckt; in *Ev finden sich 15 weitere Namen). §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 509 <?page no="510"?> 481 Die Untersuchung erscheint 2025 bei Herder und ist Teil von M. Vinzent, Von Paulus zu Saulus. Zwei Paulusbriefsammlungen im 2. Jh. An Namen v.-Chr. begegnen: Ἀβραάμ, Ἀδάμ, Μωϋσῆς n. Chr. finden sich: Ἰάκωβος, Ἰησοῦς, Ἰωάν(ν)ης, Παῦλος, Πέτρος, Τίτος. Die über die fettgedruckten Namen hinaus begegnenden Namen in *Ev lauten, v. Chr.: Δαυίδ, Ἠλίας, Λώτ, Νῶε, Σολομών; n. Chr.: Ζακχαῖος, Ζεβεδαῖος, Ἡρῴδης, Ἰούδας, Ἰωσήφ, Κλεοπᾶς, Λάζαρος, Νεεμάν, Πιλᾶτος, Σίμων. Hingegen finden sich in der 14-Briefe-Sammlung und überhaupt dem kanoni‐ schen Neuen Testament erstaunliche 328 Personennamen. Auch wenn man den größeren Umfang der kanonischen Sammlung in Anschlag bringen würde, läge die Anzahl der genannten Personen prozentual deutlich höher als auf der vorkanonischen Ebene. Hinzu kommt, dass die Personennamen, die in der *10-Briefe-Sammlung und in *Ev stehen, erheblich öfter auf der kanonischen Ebene wiederkehren. Eine Untersuchung und ein Vergleich der beiden Personennetzwerke wird dem Umfang wegen in einer gesonderten Publikation vorgenommen. 481 c. Zusammenfassung Wie sich aus den Einzeluntersuchungen zur Anzahl, Anordnung und Länge der Briefe in der *10-Briefe-Sammlung im Vergleich zu der der 14-Briefe-Sammlung, dann auch zur Sprache, Lexik und zum Stil ergeben hat, weisen beide Samm‐ lungen einen je spezifischen und eigenen Charakter auf. Beiden Sammlungen liegen zwei verschiedene Profile zugrunde, die als solche erkennbar sind, auch wenn die kanonische selbst nochmals unterschieden werden kann in eine erste und eine zweite Redaktion. Die Einzelbriefe beider Sammlungen können nur gelesen und verstanden werden, wenn sie als Sammlungsteile aufgefasst werden, das gilt auch dann, wenn man anerkennt, dass verschiedene Komponenten der beiden Sammlungen wiederum aus verschiedenen Quellen stammen. So hat es sich nahegelegt, dass die drei Deuteropaulinen (*Laod, *Kol, *2Thess) einen anderen Ursprung haben als die sieben Briefe (*Gal, *1/ *2Kor, *Röm, *1Thess, *Phil, *Phlm), bevor sie vorkanonisch redaktionell einheitlich bearbeitet und zur *10-Briefe-Samm‐ lung miteinander verbunden wurden. Nachdem im Rahmen der ersten kano‐ nischen Redaktion *Ev hin zu km Lk, km Mk, km Mt und km Joh und *Ap hin zur km 10-Briefe-Sammlung entwickelt wurden, fasste Markion *Ev und *Ap zu einer 510 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="511"?> Sammlung zusammen, die er mit einem Vorwort versah, in welcher er auf die vorangegangene Bearbeitung seiner Schriften im kanonischen Milieu kritisch Stellung bezog. Das heißt: Markions *Neues Testament (mit dessen Präfatio, den Antithesen) liest sich als dessen Antwort auf die Bearbeitung von *Ev und *Ap. Eine Antwort auf Markions *Neues Testament stellt dann die Erweiterung und Überarbeitung der kanonisch bereits bearbeiteten Texte dar, so dass wir aufgrund einer zweiten kanonischen Redaktion zu der erweiterten Sammlung kommen, die Irenäus propagiert und im dritten Jahrhundert den Titel „Neues Testament“ erhalten wird und später zum allgemein anerkannten kanonischen Neuen Testament avanciert. §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 511 <?page no="512"?> §-8 Charakteristika von *Ap und *Ev. Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich Wie gerade in der Zusammenfasssung zu § 7 hervorgehoben, ließ sich auch für die *10-Briefe-Sammlung und über diese hinaus für das *Neue Testament des Markion eine einheitliche Bearbeitung feststellen. Dies gilt, auch wenn wegen der verschiedenen literarischen Genera eines Evangeliums und einer Briefsammlung, keine vollständige Übereinstimmung von Sprache, Lexik und Stil anzunehmen ist. Desto erstaunlicher aber muss es erscheinen, dass trotz der unterschiedlichen Genera und der mit ihnen verbundenen Inhalte - hier eine biographisierernde Narration des Auftretens Jesu, des Christus, bis hin zu seinem Tod und seinen Erscheinungen als Auferstandener, da die Briefe an 8 verschiedene Adressaten - Sprache, Lexik und Stil von *Paulus und *Ev so nahe beieinander stehen. Um Nähe und Ferne, Gemeinsamkeiten und Unterschiede besser fassen zu können, wird in diesem Paragraphen auf dieses besondere Verhältnis näher eingegangen. Denn je besser mit dieser Untersuchung das Profil der vorkanonischen Redak‐ tion verstanden wird, desto deutlicher kann im nächsten Paragraphen (§ 9) dann auch dasjenige der kanonischen Redaktion mit einigen Charakteristika hervortreten. Wie aus der Concordance zu ersehen ist, sind von den 1.277 vorkanonisch bezeugten Wörtern bzw. Wortformen, 359 sowohl für *Ev wie für *Paulus bezeugt, also etwa 28 %. Der unikate Wortbestand für *Paulus beläuft sich auf 466 Wörter, derjenige von *Ev auf 452 Wörter, womit der jeweilige Eigenanteil fast gleich groß ist. Vergleicht man, wie weiter oben geschehen, zunächst die Funktionsbegriffe aus der Perspektive des *Paulus, stellt man fest, dass bereits bei einer Gesamtprä‐ senz solcher Funktionsbegriffe von 13 und mehr Vorkommen im gesamten *NT die Übereinstimmungen von *Paulus und *Ev beginnen. Von einer Gesamtprä‐ senz von 31 an gibt es nur noch wenige *paulinische Funktionsbegriffe, die sich nicht in *Ev finden. Ab einer Gesamtpräsenz von 212 stehen alle verbleibenden 50 Funktionsbegriffe von *Paulus auch in *Ev. Geht man den Vergleich von *Ev an, ist zunächst bemerkenswert, dass in *Ev nur wenige Funktionsbegriffe stehen, die sich nicht in *Paulus finden. Während von den 170 in *Paulus stehenden Funktionsbegriffen 120 mit *Ev geteilt werden, d. h. *Paulus besitzt einen Eigenbestand von 50 solcher Begriffe, kommt man in *Ev noch nicht einmal auf diese Anzahl, da sich nur 43 solcher Begriffe unikal dort finden. Wie bei der Gesamtzahl der unikalen Begriffe, liegen *Paulus und *Ev jedoch wiederum nahe beieinander, besitzen aus allen Funktionsbegriffen <?page no="513"?> 1 F. Bovon, Das Evangelium nach Lukas Teilband 1: Lk 1,1---9,50 (1989), 379. 2 *Ev 10,16: Ὁ ἀκούων ὑμῶν ἐμοῦ ἀκούει, καὶ ὁ ἀθετῶν ὑμᾶς ἐμὲ ἀθετεῖ· ὁ δὲ ἐμοῦ ἀκούων ἀκούει τοῦ ἀποστείλαντός με. 3 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 679. (170 + 43 = 213) jedoch etwa 56 % gemeinsam, d. h. sie haben einen hohen Anteil an gemeinsamen Funktionsbegriffen. Wenn weiter oben von der deutlichen Profilnähe zwischen der vorkano‐ nischen paulinischen Briefsammlung und dem vorkanonischen Evangelium gesprochen wurde, sollen hier allerdings auch die Unterschiede beleuchtet werden. Wie gerade festgestellt wurde, bestehen diese mehr im spezifischen allgemeinen Wortbestand als in dem der Funktionsbegriffe, was man sich auch bei einer gemeinsamen redaktionellen Grundlage für beide Textsammlungen nicht anders erwarten würde, betrachtet man etwa die unterschiedlichen Gat‐ tungen und verschiedenen Vorlagen (hier: Briefe oder Briefsammlungen, dort: ein Evangelium). Gibt es Beispiele, die einen weiteren Aufschluss über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede dieser beiden Textsammlungen geben können? a. Gemeinsamkeiten Gemeinsame Begriffe, die in beiden Textsammlungen häufig stehen, sind we‐ niger aussagekräftig als solche, die sowohl vorkanonisch wie kanonisch selten stehen. Ich greife hier lediglich solche Begriffe heraus, die nicht häufiger als 20 Mal im kanonischen Neuen Testament zu finden sind. Von diesen gibt es 50, so dass auch hier eine Auswahl der zu besprechenden Wörter zu treffen ist. Gewählt werden diejenigen, deren Lemma mit α beginnen: ἀθετέω begegnet nur 16 Mal im kanonischen Neuen Testament und ist nach Bovon „schwierig zu übersetzen“. 1 In *Ev 10,16 lesen wir: „Wer euch hört, hört mich. Und wer euch abweist, weist mich ab. Wer aber mich hört, hört den, der mich gesandt hat.“ 2 In *1Kor 1,19 heißt es: „Es steht nämlich geschrieben: Ich werde die Weisheit der Weisen vernichten und die Klugheit der Klugen abweisen.“ Der eher ungewöhnliche Begriff steht auf kanonischer Ebene innerhalb eines Passus, der für *Ev unbezeugt ist, der jedoch „hervorragend zu Tertullians Argumentation in 4,18 gepasst hätte“, so dass „kaum ein Zweifel daran bestehen“ kann, „dass *Ev diesen Text nicht enthielt.“ 3 Hier heißt es an der Stelle Lk 7,30: „Doch die Pharisäer und die Gesetzeslehrer haben den Willen Gottes für sich §-8 Charakteristika von *Ap und *Ev. Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich 513 <?page no="514"?> selbst abgewiesen (ἠθέτησαν) und sich von Johannes nicht taufen lassen.“ An *Ev und die beiden Lukasstellen erinnert Joh 12,48: „Wer mich abweist (ἀθετῶν) und meine Worte nicht annimmt, der hat schon seinen Richter: Das Wort, das ich gesprochen habe, wird ihn richten am Jüngsten Tag.“ In ähnlicher Semantik, wenn auch in anderem Kontext begegnet das Verb in Mk 6,26: „Da wurde der König sehr traurig, aber wegen der Eide und der Gäste wollte er ihren Wunsch nicht abweisen (ἀθετῆσαι).“ Ein Kapitel später wird Mk 7,9 Jesus auf die Zunge gelegt: „Und weiter sagte Jesus: Sehr geschickt weist ihr Gottes Gebot ab (ἀθετῶν), um eure eigene Überlieferung aufzurichten.“ Bei Mt findet sich das Verb nicht. Ganz im Sinn der vorkanonischen Verwendung und wie in *Ev unter zweifa‐ cher Benutzung des Wortes im selben Satz spricht Paulus in dem vorkanonisch zwar nicht bezeugten, möglicherweise aber doch vorkanonisch gestandenen Vers 1Thess 4,8: „Daher, wer dies (scil. nicht unrein zu leben) verachtet (ἀθετεῖ), verachtet (ἀθετεῖ) nicht einen Menschen, sondern Gott, der uns seinen Heiligen Geist gegeben hat.“ Auf kanonischer Ebene verteidigt sich Paulus in Gal 2,21: „Ich setze die Gnade Gottes nicht beiseite (ἀθετῶ); käme nämlich durch das Gesetz die Gerechtigkeit, wäre folglich Christus umsonst gestorben.“ Im juristischen Sinn argumentiert der kanonische Paulus in Gal 3,15: „Brüder, ich spreche als Mensch: Niemand setzt das rechtsgültig festgelegte Testament eines Menschen außer Kraft (ἀθετεῖ) oder fügt etwas hinzu.“ Von Witwen, die wieder heiraten, heißt es in 1Tim 5,12: „und ziehen sich das Urteil zu, das erste Versprechen, das sie Christus gegeben haben, abzuweisen (ἠθέτησαν).“ Im Sinne des eher rechtlichen Aufgebens und Abweisens heißt es auch Hebr 10,28: „Wer das Gesetz des Mose verwirft (ἀθετήσας), muss ohne Erbarmen auf die Aussage von zwei oder drei Zeugen hin sterben.“ Und schließlich tadelt Jud 1,8 die Irrlehrer: „Genauso beflecken auch diese Träumer das Fleisch, sie weisen die Macht des Herrn ab (ἀθετοῦσιν) und lästern die überirdischen Mächte.“ Lexik und Semantik von *Ev ist in Mk, Lk, Joh und 1Thess greifbar und klingt auch Gal 2 noch nach, während der Pastoralbrief und der Hebräerbrief eher die juristische Deutung von Gal 3 verfolgen. Jud steht wiederum der vorkanonischen Ebene näher. Wie der Überblick zeigt, hat das Verb keine große Präsenz, es spricht jedoch für die Nähe von *Ev und *Paulus und dafür, dass wir es mit einer zusammenge‐ hörigen Semantik zu tun haben, von der sich einige der kanonischen Verwen‐ dungen deutlich abheben, die an nichtparallelen Stellen zur vorkanonischen Version stehen. 514 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="515"?> ἀμφότερος steht 14 oder 15 Mal im kanonischen Neuen Testament und begegnet in dem zentralen vorkanonischen Beispiel vom neuen Wein, den man nicht in alte Schläuche gießen soll, *Ev 5,38: *Ev 5,38 Lk 5,38 ἀλλὰ οἶνον νέον εἰς ἀσκοὺς καινοὺς βάλλουσιν, καὶ ἀμϕότεροι συντηροῦνται. ἀλλὰ οἶνον νέον εἰς ἀσκοὺς καινοὺς βλητέον. *Ev 5,38 Lk 5,38 Sondern man gießt jungen Wein in neue Schläuche. Und beide bleiben erhalten. Sondern man gießt jungen Wein in neue Schläuche. Wie leicht zu erkennen ist, weist gerade die kanonische Ebene unseren Begriff nicht auf. In einer nicht weniger gewichtigen, ebenfalls das Thema der Identität und das Verhältnis zum Gesetz behandelnden Stelle, findet sich der Terminus gleich drei Mal wieder in *Laod 2,14. 16. 18, eine Stelle, die bereits weiter oben angeklungen ist: *Laod 2,14-18 Eph 2,14-18 14 Αὐτὸς γάρ ἐστιν ἡ εἰρήνη ἡμῶν, ὁ ποιήσας τὰ ἀμφότερα ἓν καὶ τὸ μεσότοιχον λύσας τὴς ἔχθρας ἐν τῇ σαρκὶ, 14 Αὐτὸς γάρ ἐστιν ἡ εἰρήνη ἡμῶν, ὁ ποιήσας τὰ ἀμφότερα ἓν καὶ τὸ μεσότοιχον τοῦ φραγμοῦ λύσας, τὴν ἔχθραν ἐν τῇ σαρκὶ αὐτοῦ, 15 τὸν νόμον τῶν ἐντολῶν δόγμασιν καταργήσας, ἵνα τοὺς δύο κτίσῃ ἐν ἑαυτῷ εἰς ἕνα καινὸν ἄνθρωπον ποιῶν εἰρήνην 15 τὸν νόμον τῶν ἐντολῶν ἐν δόγμασιν καταργήσας, ἵνα τοὺς δύο κτίσῃ ἐν αὐτῷ εἰς ἕνα καινὸν ἄνθρωπον ποιῶν εἰρήνην 16 ἀποκαταλλάξῃ τοὺς ἀμφοτέρους τῷ θεῷ ἐν ἑνὶ σώματι διὰ τοῦ σταυροῦ, ἀποκτείνας τὴν ἔχθραν ἐν αὐτῷ. 16 καὶ ἀποκαταλλάξῃ τοὺς ἀμφοτέρους ἐν ἑνὶ σώματι τῷ θεῷ διὰ τοῦ σταυροῦ, ἀποκτείνας τὴν ἔχθραν ἐν αὐτῷ. 17 εὐηγγελίσατο εἰρήνην τοῖς μακρὰν καὶ τοῖς ἐγγύς· 17 καὶ ἐλθὼν εὐηγγελίσατο εἰρήνην ὑμῖν τοῖς μακρὰν καὶ εἰρήνην τοῖς ἐγγύς· 18 τὴν προσαγωγὴν οἱ ἀμφότεροι πρὸς τὸν πατέρα. 18 ὅτι δι’ αὐτοῦ ἔχομεν τὴν προσαγωγὴν οἱ ἀμφότεροι ἐν ἑνὶ πνεύματι πρὸς τὸν πατέρα. §-8 Charakteristika von *Ap und *Ev. Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich 515 <?page no="516"?> 4 H. Schlier, Der Brief an die Epheser. Ein Kommentar (1958), 123. 5 Schon Schlier hat gemeint, diese Passage verrate sprachlich und formal „eine relative Eigenheit und Geschlossenheit“, die ihn an „gnostisierendes Judentum“ erinnere, so *Laod 2,14-18 Eph 2,14-18 14-Denn er ist unser Friede, der die beiden Teile vereinigt hat und die trennende Wand der Feindschaft im Fleisch niedergerissen hat, 14 Denn er ist unser Friede, der aus beiden eins gemacht hat und die Zwischenwand des Zauns abgebrochen hat, die Feind‐ schaft in seinem Fleisch, 15-der das Gesetz der Gebote in seine Edikte aufgehoben hat, um die zwei in sich selbst zu einem neuen Menschen zu machen, indem er Frieden stiftet. 15 nachdem er das Gesetz mit seinen Ge‐ boten durch seine Edikte aufgehoben hat, um die zwei in sich zu einem neuen Men‐ schen zu machen. Er stiftete Frieden 16-Er versöhnte die beiden mit Gott in einem einzigen Leib durch das Kreuz, nachdem er die Feindschaft in ihm getötet hat. 16 und versöhnte die beiden durch das Kreuz mit Gott in einem einzigen Leib. Er hat in seiner Person die Feindschaft getötet. 17-Er verkündete Frieden den Fernen und den Nahen, 17 Und er kam und verkündete den Frieden: euch, den Fernen, und Frieden den Nahen. 18-den beiden Zugang zum Vater. 18 Denn durch ihn haben wir beide in dem einen Geist Zugang zum Vater. Die Passage ist rhetorisch gefeilt und es wurden in ihr nicht unberechtigterweise eine Stilisierung und Rhythmisierung und damit eine bewusste Komposition festgestellt, ja sogar an ein Stück eines Hymnus gedacht, das hier integriert worden ist. 4 Mit dem kleinen zusätzlichen Wort αὐτοῦ am Ende von Vers 14 und der Veränderung des Genitives τὴς ἔχθρας in einen etwas ungewöhnlichen appo‐ sitionellen Akkusativ verschiebt die kanonische Redaktion den vorkanonischen Sinn der Vorlage. Während in *Laod die „trennende Wand der Feindschaft“ zwischen Juden und Heiden bzw. Judentum und Christentum „im Fleisch“ bestand, die der Retter „niedergerissen hat“, ist es auf der kanonischen Ebene die generalisiert verstandene „Zwischenwand des Zauns“, die als „Feindschaft“ interpretiert wird und die der Retter in seinem heilbringenden eigenen Fleisch niederriss. Aus dem typisch markionitisch als feindlich betrachteten Fleisch wurde auf kanonischer Ebene das Erlöserfleisch. Es ist kaum vorstellbar, dass die Vorlage von *Laod bereits diese markionitische Formulierung erhielt, was es wahrscheinlich macht, dass sie von der vorkanonischen Redaktion geschaffen und sie von der kanonischen Redaktion korrigiert wurde. 5 Bereits weiter 516 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="517"?> ibid. 122. 128. Als Nähe zum Gedanken vom trennenden und zu überwindenden Zaun führt Schlier Beispiele für den Gedanken des Gesetzes als Zaun aus der rabbinischen Literatur an, dann fügt er auch an ActThadd (bei Euseb. Caes., Hist. eccl. I 13,20), außerdem aus der 7-Briefe-Sammlung des Ignatius: IgnEph 13,2. 6 So auch verstanden von Schlier, der als Angesprochene das „wir“ sieht, aus „Juden und Heiden“, ibid. 138. 7 Zu Inkonsistenzen der kanonischen Redaktion, vgl. die Fußnoten 1268, 1372, 1618, 1810, 1813. 8 Wenn Schlier, vom kanonischen Text geleitet, den Gegensatz zwischen „Juden“ und „Heiden“ sieht, gibt er doch zugleich zu, dass das „beide“ (τὰ ἀμφότερα) unbestimmt und rätselhaft ist, H. Schlier, Der Brief an die Epheser. Ein Kommentar (1958), 213-216. Dibelius hingegen liest den Gegensatz als den zwischen „Juden und Heidenchristen“ und sieht hinter dem Text Jes 57,14-21 LXX: 14 καὶ ἐροῦσιν Καθαρίσατε ἀπὸ προσώπου αὐτοῦ ὁδοὺς καὶ ἄρατε σκῶλα ἀπὸ τῆς ὁδοῦ τοῦ λαοῦ μου. 15 Τάδε λέγει κύριος ὁ ὕψιστος ὁ ἐν ὑψηλοῖς κατοικῶν τὸν αἰῶνα, ἅγιος ἐν ἁγίοις ὄνομα αὐτῷ, κύριος ὕψιστος ἐν ἁγίοις ἀναπαυόμενος καὶ ὀλιγοψύχοις διδοὺς μακροθυμίαν καὶ διδοὺς ζωὴν τοῖς συντετριμμένοις τὴν καρδίαν 16 Οὐκ εἰς τὸν αἰῶνα ἐκδικήσω ὑμᾶς οὐδὲ διὰ παντὸς ὀργισθήσομαι ὑμῖν· πνεῦμα γὰρ παρ᾽ ἐμοῦ ἐξελεύσεται, καὶ πνοὴν πᾶσαν ἐγὼ ἐποίησα. 17 δι᾽ ἁμαρτίαν βραχύ τι ἐλύπησα αὐτὸν καὶ ἐπάταξα αὐτὸν καὶ ἀπέστρεψα τὸ πρόσωπόν μου ἀπ᾽ αὐτοῦ, καὶ ἐλυπήθη καὶ ἐπορεύθη στυγνὸς ἐν ταῖς ὁδοῖς αὐτοῦ. 18 τὰς ὁδοὺς αὐτοῦ ἑώρακα καὶ ἰασάμην αὐτὸν καὶ παρεκάλεσα αὐτὸν καὶ ἔδωκα αὐτῷ παράκλησιν ἀληθινήν, 19 εἰρήνην ἐπ᾽ εἰρήνην τοῖς μακρὰν καὶ τοῖς ἐγγὺς οὖσιν· καὶ εἶπεν κύριος ᾿Ιάσομαι αὐτούς. 20 οἱ δὲ ἄδικοι οὕτως κλυδωνισθήσονται καὶ ἀναπαύσασθαι οὐ δυνήσονται. 21 οὐκ ἔστιν χαίρειν τοῖς ἀσεβέσιν, εἶπεν κύριος ὁ θεός oben wurde auf die Zentralität des Friedensthemas im Verhältnis Alt-Neu, Judentum-Christentum, für die vorkanonische Ebene hingewiesen, und zwar gerade in der Zusammenschau von *Ev 5,38 und *Laod 2,14-18. Für die Bearbeitungsrichtung vorkanonisch > kanonisch spricht, dass der wichtige Begriff ἀμφότερος, der die Garantie darstellt, dass der Friede ein solcher für beide Seiten darstellt, in *Ev 5,38 auf der kanonischen Ebene fehlt, hier aber erneut in *Laod begegnet, und zwar gleich drei Mal. Zwar betont die vorkanonische Ebene, dass Juden und Heiden, Judentum und Christentum zwei Größen sind, doch hat Christus nach der vorkanonischen Lesart diese beiden miteinander vereinigt, in sich selbst (hier auf der vorkanonischen Ebene das reflexive ἑαυτῷ) zu einem neuen Menschen gemacht und sie beide „mit Gott in einem einzigen Leib durch das Kreuz“ versöhnt. Damit verkündet der vorkanonische *Paulus, wie Vers 17 ausführt, nicht nur den Frieden den Christen (ὑμῖν), seien sie Ferne oder Nahe, wie es von der kanonischen Redaktion behauptet wird, 6 sondern „Ferne“ bezieht sich vorkanonisch auf Heiden, Nähe auf Juden, doch beiden ist der Zugang zum Vater eröffnet und Friede ist zwischen ihnen hergestellt, ein Friede, der auch zwischen Judentum und Christentum gilt. Folgt man der kanonischen Fassung, wird die logische Inkonsistenz offen‐ kundig 7 - es geht um die trennende Wand, die im „Gesetz“ bestand, d. h. es geht zunächst um die Trennung von Juden und Christen, 8 während die kanonische §-8 Charakteristika von *Ap und *Ev. Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich 517 <?page no="518"?> („14 Und er spricht: Bahnt, bahnt, ebnet den Weg, / räumt die Hindernisse aus dem Weg meines Volkes! 15 Denn so spricht der Hohe und Erhabene, / er wohnt in Ewigkeit, sein Name ist Der Heilige: Als Heiliger wohne ich in der Höhe, / aber ich bin auch bei dem Zerschlagenen und dem im Geist Niedrigen, um den Geist der Niedrigen wieder aufleben zu lassen / und das Herz der Zerschlagenen neu zu beleben. 16 Denn nicht auf ewig will ich streiten / und nicht für immer zürnen. Sonst würde der Geist vor mir verschmachten / und der Lebensatem, den ich gemacht habe. 17 Über die Schuld seiner Gewinnsucht zürnte ich, / schlug mein Volk, verbarg mich und war zornig. Aber es ging abtrünnig auf dem Weg seines eigenen Herzens. / 18 Seine Wege habe ich gesehen und will es heilen und führen, ihm und seinen Trauernden wieder Trost schenken. / 19-Ich erschaffe Frucht der Lippen. Friede, Friede dem Fernen und dem Nahen, spricht der Herr, / ich werde ihn heilen. 20 Aber die Frevler sind wie das aufgewühlte Meer, / das nicht zur Ruhe kommen kann / und dessen Wasser Schmutz aufwühlt und Schlamm. 21 Kein Friede den Frevlern, / spricht mein Gott! “), vgl. M. Dibelius and H. Greeven, An die Kolosser, Epheser, an Philemon (1953), 68-69. Redaktion zwischen dieser Trennung und derjenigen zwischen dem Gesetz anerkennenden Christen (oder Heidenchristen? ) und denen, die das Gesetz überwunden sehen, hin- und herspringt. Will man, wie Dibelius eine Anspielung auf Jes 57,14-21 annehmen, so for‐ muliert die vorkanonische Version geradezu ein Gegenstück zu diesem Prophe‐ tentext: Während die Jesajaprophetie eine exklusive Friedensvorstellung für die Angesprochenen vorträgt, geht es in der vorkanonischen Version um die Schaffung eines völlig neuen Menschen, der aus „beiden“, derjenigen unter dem Gesetz und derjenigen, die nicht unter diesem Gesetz stehen, geformt ist. Mit der Aufhebung des Gesetzes sind damit alle im Frieden des neuen Menschen, womit auch denen unter dem Gesetz nicht deren Existenzberechtigung verneint wird. Gewiss steckt in dem Begriff τὰ ἀμφότερα eine gewisse Unbestimmtheit und Rätselhaftigkeit, weil man ja fragen kann, wie man noch von einer solchen Existenzberechtigung des Judentums sprechen kann, wenn man zugleich eine Aufhebung des Gesetzes in Christus und der Gebote „in seine Edikte“ propagiert. In dieser Hinsicht verdeutlicht die kanonische Redaktion und macht die Christen nicht nur zu Alleinhörenden, sondern auch zu Alleinangeredeten dieser Botschaft. Das findet sich auch in Apg 8,38 und verbindet wohl nicht zufällig den Apostel Philipp und den ersten, nach der Apg in der Geschichte der Kirche zu taufenden Heiden, den äthiopischen Kämmerer: „Er ließ den Wagen halten und beide (ἀμφότεροι), Philippus und der Kämmerer, stiegen in das Wasser hinab und er taufte ihn.“ An einer weiteren Stelle, Apg 19,16 bezieht sich der Begriff auf die Söhne „eines gewissen Skeuas, eines jüdischen Oberpriesters“, die im Namen Jesu, „den Paulus verkündet“, einen bösen Geist auszutreiben versuchen: „Und der Mensch, in dem der böse Geist hauste, stürzte sich auf sie beide (ἀμφοτέρων), überwältigte sie und setzte ihnen so zu, dass sie nackt und zerschunden aus 518 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="519"?> 9 *Ev 12,36: καὶ ὑμεῖς ὅμοιοι ἀνθρώποις προσδεχομένοις τὸν κύριον ἑαυτῶν πότε ἀναλύσῃ ἐκ τῶν γάμων, ἵνα ἐλθόντος καὶ κρούσαντος εὐθέως ἀνοίξωσιν αὐτῷ. 10 Dieser ist auch etwa belegt in Sap 2,1: εἶπον γὰρ ἐν ἑαυτοῖς λογισάμενοι οὐκ ὀρθῶς ᾿Ολίγος ἐστὶν καὶ λυπηρὸς ὁ βίος ἡμῶν, καὶ οὐκ ἔστιν ἴασις ἐν τελευτῇ ἀνθρώπου, καὶ οὐκ ἐγνώσθη ὁ ἀναλύσας ἐξ ᾅδου („Sie tauschen ihre verkehrten Gedanken aus und sagen: / Kurz und traurig ist unser Leben; für das Ende des Menschen gibt es keine Heilung / und man kennt keinen, der aus der Unterwelt zurückkehrt“). Epigr. Graec. 340 (2./ 3. Jh.): ἐς δὲ θεοὺς ἀνέλυσα [κ]αὶ ἀθανάτοισι μέτειμι … („Zu den Göttern aber bin ich zurückgekehrt und bin zusammen mit den Unsterblichen“), G. Kaibel, Epigrammata graeca ex lapidibus conlecta (1878), 133. dem Haus fliehen mussten.“ (Apg 16,13-16) In Apg 23,8 begegnet der Begriff als Ausdruck für zwei Themen (Auferstehung; Engel/ Geist): „Die Sadduzäer behaupten nämlich, es gebe weder Auferstehung noch Engel noch Geist, die Pharisäer dagegen bekennen sich zu beidem (τὰ ἀμφότερα).“ Wie die spärliche Verwendung des Begriffes auf der kanonischen Ebene belegt, dem hier auch eine gewisse Unschärfe beigegeben ist, so scheint er doch gerade vorkanonisch eine wichtige Funktion zu besitzen, indem er das Verhältnis von Juden und Heiden, Judentum und Christentum so zu beschreiben versucht, dass in Christus, und zwar in seiner Neufassung des Gesetz mit seinen Edikten, die auf dem Gesetz als Zaun basierende Feindschaft zwischen Juden und Heiden und zwischen Judentum und Christentum in die Erschaffung eines neuen Menschen und zu einem Frieden gebracht hat und diese scheinbaren Gegensatzpaare versöhnt wurden. Der Begriff ἀμφότερος stellt gewissermaßen die markionitische Ergänzung zur Antithese dar. ἀναλύω ist der im Alphabet nächste Begriff, der sogar nur zwei Mal in der kanonischen Sammlung steht, und zwar nur an den Parallelstellen zu den Fundstellen des Begriffes auf der vorkanonischen Ebene: *Ev 12,36; *Phil 1,23. *Ev 12,36 lesen wir: „Und ihr sollt Menschen gleichen, die ihren Herrn erwarten, wenn er von der Hochzeit zurückkommt, damit sie, wenn er kommt und klopft, ihm sofort öffnen.“ 9 In *Phil 1,23 steht: „Ich habe das Verlangen, zurückzukommen und bei Christus zu sein.“ Die beiden Stellen weisen nicht nur dieselbe Lexik auf, auch inhaltlich stimmen sie zueinander, weil es um die Vereinigung mit dem Herrn geht - in *Ev eine Bewegung des Herrn zu den Wartenden, in *Paulus eine solche des Menschen zum Herrn. Gerade angesichts der inhaltlichen und theologischen Aufladung dieses Begriffes 10 ist es desto erstaunlicher, dass er auf der kanoni‐ schen Ebene nur an diesen beiden Stellen aufgegriffen wurde, jedoch nicht weiter Verwendung gefunden hat. Er dürfte demzufolge zum sprachlichen Urgestein der vorkanonischen Redaktion gehören. §-8 Charakteristika von *Ap und *Ev. Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich 519 <?page no="520"?> 11 *Ev 21,15: ἐγὼ γὰρ δώσω ὑμῖν στόμα καὶ σοϕίαν ᾗ οὐ δυνήσονται ἀντιστῆναι ἢ ἀντειπεῖν ἅπαντες οἱ ἀντικείμενοι ὑμῖν. ἀνθίστημι steht 14 im Neuen Testament, an folgenden zwei vorkanonischen Stellen: *Ev 21,15; *Gal 2,11 und deren kanonischen Parallelstellen. *Ev 21,15 heißt es: „Ich selbst nämlich werde euch Mund und Weisheit geben, der alle eure Widersacher nicht widerstehen und widersprechen werden können.“ 11 *Gal 2,11 lesen wir: „Petrus habe ich ins Angesicht widerstanden, weil er geheuchelt hatte.“ Erneut haben wir es mit einem inhaltlich gewichtigen Begriff zu tun. Im Fall von *Ev geht es um ein Zitat aus der endzeitlichen Rede, die den Hörenden auffordert, offen und mutig von der Wahrheit Kunde zu geben, so dass auch die Widersacher nichts dagegen tun können, bei *Paulus wird genau diese offene Rede praktiziert, und hier ist gerade Petrus der Widersacher, der auch tatsächlich nicht widerspricht. Die Verwendung des Begriffes innerhalb des vorkanonischen *Neuen Testaments in *Gal hat folglich eine scharfe, auch endzeitliche Richtung. Auf kanonischer Ebene wird der Begriff an manchen Stellen aufgegriffen. Mt 5,39 bietet gewissermaßen die Gegenbotschaft zu Gal 2,11, wenn es hier heißt: „Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand (ἀντιστῆναι), sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin! “ Zwar kann der Vers für sich und in seinem unmittelbaren Kontext als Mahnung zur Duldung und Ertragung von Leid gelesen werden, doch die Benutzung gerade dieses Begriffes, der aus Gal 2,11 bekannt ist, deutet eine Paulus gegenüber kritische Position an. Auch Röm 9,19 wird von Widerstand abgeraten: „Du wirst nun zu mir sagen: Warum tadelt er dann noch? Denn wer hat seinem Willen widerstanden (ἀνθέστηκεν)? “ Nicht weniger kritisch ist die Aufforderung in Röm 13,2: „Wer sich daher der Obrigkeit widersetzt (ἀνθέστηκεν), widersteht der Anordnung Gottes; die aber widerstehen, werden ein Urteil über sich bringen.“ Auch in den Pastoralbriefen wird die Kritik am Widerstand vorgetragen. In 2Tim 3,8 lesen wir: „Wie sich Jannes und Jambres dem Mose widersetzt haben (ἀντέστησαν), so widersetzen sich (ἀνθίστανται) auch diese Leute der Wahrheit: Menschen, verdorben im Denken, nicht bewährt im Glauben.“ Ein Kapitel weiter heißt es 2Tim 4,15: „Nimm auch du dich vor ihm in Acht, denn er hat sich unseren Worten heftig widersetzt (ἀντέστη)! “ Im Praxapostolos begegnet das Verb Apg 6,10, wo von den Widersachern des Stephanus gesagt wird: „… aber sie konnten der Weisheit und dem Geist, mit dem er sprach, nicht widerstehen (ἀντιστῆναι).“ Die Formulierung lässt vermuten, 520 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="521"?> dass dies nicht ohne Kenntnis von *Ev 21,15 / / Lk 21,15 niedergeschrieben wurde. Erneut begegnet das Verb in Apg 13,8: „Aber Elymas, der Zauberer - so wird nämlich sein Name übersetzt -, trat gegen (ἀνθίστατο) sie auf und suchte den Prokonsul vom Glauben abzuhalten.“ Wie zuvor auf der kanonischen Ebene auch, ist an beiden Stellen in der Apg das Verb negativ besetzt. Anders lesen wir in Jak 4,7, dass dem Teufel Widerstand zu leisten ist: „Ordnet euch also Gott unter, leistet dem Teufel Widerstand (ἀντίστητε) und er wird vor euch fliehen.“ Dieselbe Position vertritt auch 1Petr 5,9: „Leistet ihm [scil. dem Teufel] Widerstand (ἀντίστητε) in der Kraft des Glaubens! Wisst, dass eure Brüder und Schwestern in der Welt die gleichen Leiden ertragen.“ Was die Deuteropaulinen angeht, so finden sich in *Laod 6 die Verse 12 und 14 bezeugt, doch nicht Vers 13, in welchem es heißt: „Deshalb ergreift die ganze Waffenrüstung Gottes, damit ihr an dem bösen Tag widerstehen (ἀντιστῆναι) und, wenn ihr alles ausgerichtet habt, stehen bleiben könnt.“ Nachdem, wie in der Rekonstruktion zur Stelle vermerkt ist, der weitere Wortbestand des Verses deutlich kanonisch gefärbt ist, wird dieser Vers vorka‐ nonisch wohl gefehlt haben, auch wenn die Semantik von ἀνθίστημι an dieser Stelle auf die vorkanonische Ebene verweist. Der Verweis darauf, am Tag des Unheils zu widerstehen, reiht sich in die kanonische Deutung ein, dass man zwar weder Feinden noch der Regierung noch sonst widerstehen, sondern vielmehr dulden soll, jedoch nicht den Teufel. Vergleicht man die Semantik des Verbs, wird erneut eine Differenz zwischen der vorkanonischen und der kanonischen Ebene deutlich, die für die unter‐ schiedlichen Profile der beiden Ebenen spricht. ἀνταποδίδωμι ist ein weiterer Begriff, der eher selten in der kanonischen Sammlung zu finden ist, gerade sieben Mal. Dennoch begegnet er gleich drei Mal vorkanonisch: *Ev 14,14; *Röm 11,35; *2Thess 1,6. Er wurde weiter oben bereits näher besprochen (p. 488, 500). ἀπέχω steht 19 Mal in der kanonischen Sammlung und findet sich vorkanonisch in *Ev 6,24 und *1Thess 4,3. Vergleiche: *Ev 6,24 Lk 6,24 Πλὴν οὐαὶ τοῖς πλουσίοις, ὅτι ἀπέχετε τὴν παράκλησιν. Πλὴν οὐαὶ ὑμῖν τοῖς πλουσίοις, ὅτι ἀπέχετε τὴν παράκλησιν ὑμῶν. §-8 Charakteristika von *Ap und *Ev. Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich 521 <?page no="522"?> 12 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 625. 13 Nicht zu der vorliegenden Stelle, aber etwa vermerkt von Klinghardt für *Ev 6,6, vgl. Ibid. 609. Als Beispiel aus *Paulus / Paulus könnte man auch auf *Röm 12,9 und andere Stellen verweisen, wie oben vermerkt. *Ev 6,24 Lk 6,24 Aber wehe den Reichen, denn ihr habt euren Trost empfangen. Aber wehe Euch, den Reichen, denn ihr habt euren Trost empfangen. Der Vergleich weist eine minimal erscheinende Änderung der kanonischen Ebene auf - die allerdings, wie man zeigen könnte, charakteristisch für diese ist, bzw. im Unterschied zu ihr ein Charakteristikum der vorkanonischen Ebene verdeutlicht - die Redaktion fügt ein „Euch“ (ὑμῖν) ein, was eine direkte Ansprache der Hörerschaft bedeutet und damit zu einer Emphatisierung des Ausdruckes beiträgt. Diese Hinzufügung erfolgt in den Weherufen gleich „an drei Stellen“ und bedeutet auch, dass im weiteren Text „syntaktische Änderungen“ vorgenommen werden 12 müssen - es handelt sich also nicht nur um einen kosmetischen Texteingriff. Wie man auch an anderen Stellen zeigen könnte, ist es ein Cha‐ rakteristikum der kanonischen Redaktion, dass sie Sachverhalte emphatisiert oder verschärft, während die vorkanonische Ebene im Vergleich nüchterner und distanzierter formuliert. 13 In *1Thess 4,3 (/ / 1Thess 4,3) liest man: „Das ist der Wille Gottes: eure Heiligung, dass ihr euch der Unzucht enthaltet.“ Zwar liegt ein konträrer Sinn des Verbes vor gegenüber *Ev, der in diesem Zitat mit der Präposition ἀπό erreicht wird, doch an beiden Stellen geht es um Heilsrelevanz. Während *1Thess 5,19-20 vorkanonisch bezeugt ist und ebenso ein Großteil von Vers 23, fehlt die Bezeugung für die Verse 21-22, und man liest in Vers 22: „Enthaltet Euch (ἀπέχεσθε) von dem Bösen in jeder Gestalt! “ Wie zur Stelle in der Rekonstruktion ausgeführt wird, spricht die parallele Verwendung des Verbes, wieder mit ἀπό dafür, dass dieser Vers (und so auch Vers 21) trotz Unbezeugtheit zu einem Teil auf die vorkanonische Ebene zurückgehen könnte. Wenn auch im untheologischen Sinn, jedoch in der Bedeutung von „erhalten“ wie in *Ev findet sich das Verb in Phil 4,18 in einem langen unbezeugten und wohl auch vorkanonisch nicht enthaltenen Passus: „Ich habe aber alles empfangen (ἀπέχω) und habe Überfluss; ich bin völlig versorgt, nachdem ich 522 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="523"?> von Epaphroditus das von euch Gesandte empfangen habe, einen duftenden Wohlgeruch, ein annehmbares Opfer, Gott wohlgefällig.“ Phlm 1,15 liest man: „Vielleicht wurde er nämlich deshalb eine Zeit von dir getrennt, damit du ihn auf ewig zurückhättest (ἀπέχῃς).“ Auch wenn für Phlm kein Textbestand vorkanonisch bezeugt ist, wir aber wissen, dass der Brief vorkanonisch vorhanden ist, kann es durchaus sein, dass auch dieser Vers vorkanonisch gestanden war, es wäre wiederum eine heilsbezogene Deutung des Verbes. In gänzlich untheologischem Zusammenhang steht der Begriff im vorkano‐ nisch unbezeugten Vers Lk 7,6, im als abwesend bezeugten Vers Lk 15,20 und in dem wiederum unbezeugten Teil von Vers Lk 24,13. An allen drei Stellen bezeichnet das Verb „entfernt sein von“ im räumlichen Sinn. Hingegen wird das Verb wie in *Ev 6,24 / / Lk 6,24 auch in Mt 6,2 (/ / Mk 7,6) genutzt (so auch Mt 6,5. 16): „5 Wenn du Almosen gibst, posaune es nicht vor dir her, wie es die Heuchler in den Synagogen und auf den Gassen tun, um von den Leuten gelobt zu werden! Amen, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten (ἀπέχουσιν) … 16 Wenn ihr fastet, macht kein finsteres Gesicht wie die Heuchler! Sie geben sich ein trübseliges Aussehen, damit die Leute merken, dass sie fasten. Amen, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten (ἀπέχουσιν).“ Theologisch steht er im Sinne von *1Thess 4,3 / / 1Thess 4,3 mit ἀπό in Mt 15,8: „Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, / sein Herz aber ist weit weg (ἀπέχει) von mir.“ Mt kennt aber auch den untheologisch räumlichen Sinn (Mt 14,24), so wie Mk den formelhaften Sinn (ἀπέχει: „es ist genug“) (Mk 14,41) benutzt. Im Praxapostolos wird direkt Bezug genommen auf *1Thess 4,3 / / 1Thess 4,3, wenn es Apg 15,20 heißt: „… man weise sie nur an, sich von Verunreinigung durch Götzenopferfleisch und Unzucht zu enthalten (ἀπέχεσθαι) und weder Ersticktes noch Blut zu essen.“ Wiederholt wird die Information in Apg 15,29: „Götzenopferfleisch, Blut, Ersticktes und Unzucht sich zu enthalten (ἀπέχεσθαι). Wenn ihr euch davor hütet, handelt ihr richtig. Lebt wohl! “ In beiden Fällen wird „enthalten“ jedoch mit ἀπέχω + Gen. gebildet. Dieselbe Konstruktion wird auch im weiteren zum Praxapostolos gehörenden Schreiben, 1Petr 2,11 formuliert: „Geliebte, da ihr Fremde und Gäste seid in dieser Welt, er‐ mahne ich euch: Enthaltet (ἀπέχεσθαι) Euch der irdischen Begierden, die gegen die Seele kämpfen! “ Dass auch im Pastoralbrief 1Tim 4,3 dieselbe Konstruktion Verwendung findet, spricht wiederum dafür, dass wir es mit Praxapostolos und Pastoralbriefen mit derselben, der zweiten kanonischen Redaktion, zu tun haben: „Sie verbieten die Heirat und fordern, sich von bestimmten Speisen zu enthalten (ἀπέχεσθαι), die Gott doch dazu geschaffen hat, dass die, die zum §-8 Charakteristika von *Ap und *Ev. Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich 523 <?page no="524"?> Glauben und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangt sind, sie mit Danksagung zu sich nehmen.“ Die Durchsicht der Belege zeigt, dass sich die vorkanonische Ebene durch eine theologische Deutung des Verbs auszeichnet, die an manchen Parallelstellen bzw. auf sie bezugnehmenden Stellen auf der kanonischen Ebene ebenfalls durchscheint, doch auf der kanonischen Ebene wird das Verb häufiger an von diesen unabhängigen Stellen im gewöhnlichen (räumlichen) Sinn verwendet, was zum einen für eine Nähe von *Ev und *Paulus und für eine Verschiedenheit der Profile der beiden Ebenen spricht. ἀπιστέω wie ἄπιστος steht sowohl in *Ev wie in *Paulus, begegnet aber auch auf der kanonischen Ebene an den Parallelstellen und an weiteren Stellen. Das erste Mal, dass man einem Begriff dieser Wortfamilie begegnet, geschieht in *Ev 9,41, innerhalb der Perikope, in welcher ein Mensch aus der Menge die Jünger gebeten hatte, seinen von einem Geist besessenen Sohn zu heilen, doch die Jünger erwiesen sich als unfähig, den Geist auszutreiben. Hierauf heißt es: *Ev 9,41 Lk 9,41 Mt 17,17. 19-20 Mk 9,19. 24 Καὶ (εἶπεν? ) πρὸς αὐτούς Ὦ γενεὰ ἄπιστος, ἕως πότε -ἀνέξομαι ὑμῶν; προσάγαγε τὸν υἱόν σου. ἀποκριθεὶς δὲ ὁ Ἰησοῦς εἶπεν· ὦ γενεὰ ἄπιστος καὶ διεστραμμένη, ἕως πότε ἔσομαι πρὸς ὑμᾶς καὶ ἀνέξομαι ὑμῶν; προσάγαγε ὧδε τὸν υἱόν σου. 17 ἀποκριθεὶς δὲ ὁ Ἰησοῦς εἶπεν, ὦ γενεὰ ἄπιστος καὶ διεστραμμένη, ἕως πότε μεθ’ ὑμῶν ἔσομαι; ἕως πότε ἀνέξομαι ὑμῶν; φέρετέ μοι αὐτὸν ὧδε. 19 … Διὰ τί ἡμεῖς οὐκ ἠδυνήθημεν ἐκβαλεῖν αὐτό; 20 ὁ δὲ λέγει αὐτοῖς, Διὰ τὴν ὀλιγοπιστίαν ὑμῶν: ἀμὴν γὰρ λέγω ὑμῖν, ἐὰν ἔχητε πίστιν ὡς κόκκον σινάπεως, ἐρεῖτε τῷ ὄρει τούτῳ, Μετάβα ἔνθεν ἐκεῖ, καὶ μεταβήσεται: καὶ οὐδὲν ἀδυνατήσει ὑμῖν. 19 ὁ δὲ ἀποκριθεὶς αὐτοῖς λέγει· ὦ γενεὰ ἄπιστος, ἕως πότε πρὸς ὑμᾶς ἔσομαι; ἕως πότε ἀνέξομαι ὑμῶν; φέρετε αὐτὸν πρός με. ----------24 εὐθὺς κράξας ὁ πατὴρ τοῦ παιδίου ἔλεγεν, Πιστεύω: βοήθει μου τῇ ἀπιστίᾳ. 524 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="525"?> 14 Auf kanonischer Ebene wird der Exkurs aufgenommen in Lk 17,5-6, falls die Passage nicht bereits in *Ev stand. *Ev 9,41 Lk 9,41 Mt 17,17. 19-20 Mk 9,19. 24 Und er sprach zu ihnen: „Ungläubiges Ge‐ schlecht! Wie lange muss ich euch ertragen? Bring deinen Sohn! “ Aber indem er ant‐ wortete, sprach Jesus: Ungläubiges und verführtes Ge‐ schlecht! Wie lange muss ich noch bei euch sein und euch ertragen? Bring deinen Sohn her! 17 Aber indem er antwortete, sprach Jesus: Ungläubiges und verführtes Ge‐ schlecht! Wie lange muss ich noch mit euch sein? Wie lange muss ich euch noch ertragen? Bringt ihn her zu mir! … 19 … Warum konnten denn wir den Dämon nicht austreiben? 20 Er antwortete: Wegen eures Kleinglau‐ bens. Denn, amen, ich sage euch: Wenn ihr Glauben habt wie ein Senf‐ korn, dann werdet ihr zu diesem Berg sagen: Rück von hier nach dort! und er wird wegrücken. Nichts wird euch unmöglich sein 19 Indem er aber antwortete, sagt er zu ihnen: Ungläubiges Ge‐ schlecht! Wie lange muss ich noch bei euch sein? Wie lange muss ich euch noch ertragen? Bringt ihn zu mir! ------------24 Da rief der Vater des Knaben: Ich glaube; hilf meinem Unglauben! Der synoptische Vergleich macht augenkundig, dass die schlichteste Fassung in *Ev vorliegt. Wie in Mk bewahrt, werden die Jünger auch in Lk als „ungläubiges Geschlecht“ bezeichnet, während Lk und Mt noch hinzusetzen: „verführt“ (διεστραμμένη; vgl. *Ev 23,2 / / Lk 23,2), was eine gewisse Entschuldung der Angesprochenen andeutet. Schon Mk setzt hinzu, dass Jesus bei ihnen, den Jüngern, ist und, auch wenn er mit den Jüngern nicht einverstanden ist, sie dennoch erträgt. Außerdem bezieht er den Unglauben auf den Vater. Wir sehen folglich, wenn man hier *Ev als Ausgangspunkt des synoptischen Vergleichs nimmt, wie von dieser Vorlage ausgehend, die Entschuldungsstra‐ tegie von Mk hin zu Lk und schließlich zu dem exkursartigen Dialog 14 in Mt ständig gesteigert wird. Nun wissen wir jedoch, wie schon verschiedentlich angedeutet, dass bei Markion nur Paulus der Apostel par excellence war, während alle anderen §-8 Charakteristika von *Ap und *Ev. Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich 525 <?page no="526"?> 15 Vgl. weiter unten S.-533. 16 *Ev 12,46: ἥξει ὁ κύριος τοῦ δούλου ἐκείνου ἐν ἡμέρᾳ ᾗ οὐ προσδοκᾷ καὶ ἐν ὥρᾳ ᾗ οὐ γινώσκει, καὶ διχοτομήσει αὐτὸν καὶ τὸ μέρος αὐτοῦ μετὰ τῶν ἀπίστων θήσει. Apostel heftig kritisiert wurden. Dieser Kritik an den Jüngern und Aposteln entgegen zu treten, diente wohl auch die vorliegende Passage, die in der kanonischen Revision der Vorlage in den vier Evangelien in ihrer Schärfe gemindert wurde. Bei Matthäus sieht man es insbesondere an der variierenden Lesart. Denn anstelle des Terminus „Unglaubens“ (ἀπιστίαν), der von 04, 05, 017, 032, 036, 037, 565, 1241, 1424, M, latt, sy s.p.h bezeugt ist, liegt in den Zeugen 01, 03, 038, 0281, f 1.13 , 33, 579, 700, 892, l 2211, sy c , co, Or die Variante ὀλιγοπιστίαν vor, die NA 28 übernommen hat, doch spricht die innere Logik (das Senfkorn ist ja bereits klein - und würde demnach ja einem Kleinglauben entsprechen) eher für die erste Variante als die ursprünglichere, während die zweite bereits eine Weichzeichnung des ansonsten drastischen Spruches darstellt, eine Minderung der Schärfe in der Kritik an den Jüngern, die zur kanonischen Redaktion passen würde. Ein Gutteil derselben Zeugen, die ὀλιγοπιστίαν bieten, besitzen, wie weiter unten zu zeigen sein wird, in Mt 25,18 eine variierende Lesart, die erneut eine Reaktion auf *Ev darstellt. 15 An der nächsten Stelle *Ev 12,46 heißt es: „Dann wird der Herr jenes Sklaven an einem Tag kommen, an dem er ihn nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt, und er wird ihn in Stücke hauen und ihm seinen Anteil bei den Ungläubigen zuweisen.“ 16 Das Nomen könnte auch in *1Kor 14,22 (/ / 1Kor 14,22) gestanden haben, worauf Tertullians Kommentar zur Stelle hindeutet, wenn der Begriff auch nicht gesichert ist: „So ist Zungenreden ein Zeichen nicht für die Glaubenden, sondern für die Ungläubigen, prophetisches Reden aber ein Zeichen nicht für die Ungläubigen, sondern für die Glaubenden.“ Auf der kanonischen Ebene wird dasselbe Nomen im nächsten Vers zunächst wohl aufgrund einer Übernahme gleich wiederholt und im übernächsten Vers mit dem Adjektiv ergänzt, einer Passage, an der man die kanonisch-redaktio‐ nelle semantische Verschiebung ablesen kann: 526 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="527"?> *1Kor 14,24-25 1Kor 14,23-25 - 23 Ἐὰν οὖν συνέλθῃ ἡ ἐκκλησία ὅλη ἐπὶ τὸ αὐτὸ καὶ πάντες λαλῶσιν γλώσσαις, εἰσέλθωσιν δὲ ἰδιῶται ἢ ἄπιστοι, οὐκ ἐροῦσιν ὅτι μαίνεσθε; 24 ἐὰν δὲ πάντες προφητεύωσιν, εἰσέλθῃ δέ τις ἄπιστος, 24 ἐὰν δὲ πάντες προφητεύωσιν, εἰσέλθῃ δέ τις ἄπιστος ἢ ἰδιώτης, ἐλέγχεται ὑπὸ πάντων, ἀνακρίνεται ὑπὸ πάντων, 25 καὶ οὕτως τὰ κρυπτὰ τῆς καρδίας αὐτοῦ φανερὰ γίνεται. 25 τὰ κρυπτὰ τῆς καρδίας αὐτοῦ φανερὰ γίνεται, καὶ οὕτως πεσὼν ἐπὶ πρόσωπον προσκυνήσει τῷ θεῷ, ἀπαγγέλλων ὅτι Ὄντως ὁ θεὸς ἐν ὑμῖν ἐστιν. *1Kor 14,24-25 1Kor 14,23-25 - Wenn also die ganze Gemeinde sich ver‐ sammelt und alle in Zungen reden und es kommen Unkundige oder Ungläubige herein, werden sie dann nicht sagen: Ihr seid verrückt? 24-Wenn aber alle prophezeien und ein Ungläubiger kommt herein, 24 Wenn aber alle prophezeien und ein Ungläubiger oder Unkundiger kommt herein, dann wird er von allen widerlegt, von allen geprüft; 25-so wird auch das in seinem Herzen Verborgene, aufgedeckt. 25 das in seinem Herzen Verborgene, wird offenbar. Und so wird er auf sein Ange‐ sicht niederfallen, Gott anbeten und be‐ kennen: Wahrhaftig, Gott ist unter euch! Es ist ersichtlich, dass sich die kanonische Redaktion derselben Strategie wie im Vergleich von *Ev 9,41 par. bedient. Gegenüber dem ersten, für die vorkanoni‐ sche Fassung unbezeugten Vers 23 erfolgt eine semantische Verschiebung durch die kanonische Redaktion. Der Ungläubige ist nicht mehr Heide, sondern ihm wird eine weitere Bestimmung hinzugestellt und er wird damit ausdrücklich als der Unkundige (ἰδιώτης) bezeichnet, womit ein Gemeindebezug hergestellt wird. Dass wir hier nicht überinterpretieren, können wir aus Vers 24 ablesen, wo erneut vorkanonisch vom Ungläubigen die Rede ist und wiederum auf kanonischer Ebene ergänzt wird: „oder Unkundiger“ (ἰδιώτης). Dem dient auch der Hinweis auf die gemeindliche Prüfung in Vers 24 und auf das Bekenntnis des offenkundig Gemachten in Vers 25. In *2Kor 4,4 (vgl. 2Kor 4,4) steht: §-8 Charakteristika von *Ap und *Ev. Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich 527 <?page no="528"?> *2Kor 4,4 2Kor 4,4 ἐν οἷς ὁ θεὸς τοῦ αἰῶνος τούτου ἐτύφλωσεν τὰ νοήματα τῶν ἀπίστων πρὸς τὸ μὴ διαυγάσαι τὸν φωτισμὸν τοῦ εὐαγγελίου τῆς δόξης τοῦ Χριστοῦ, ὅς ἐστιν εἰκὼν τοῦ θεοῦ. ἐν οἷς ὁ θεός τοῦ αἰῶνος τούτου ἐτύφλωσεν τὰ νοήματα τῶν ἀπίστων εἰς τὸ μὴ αὐγάσαι τὸν φωτισμὸν τοῦ εὐαγγελίου τῆς δόξης τοῦ Χριστοῦ, ὅς ἐστιν εἰκὼν τοῦ θεοῦ. *2Kor 4,4 2Kor 4,4 In ihnen, der Gott dieser Weltzeit, das Denken der Ungläubigen verblendet, so dass der Glanz des Evangeliums der Herrlichkeit Christi, der Gottes Bild ist, nicht aufstrahlt. in denen der Gott dieser Weltzeit das Denken der Ungläubigen verblendet hat, auf dass der Glanz des Evangeliums der Herrlichkeit Christi, der Gottes Bild ist, nicht aufstrahlt. Die Differenzen an dieser Stelle sind eher minimal. Vergleicht man *1Kor, *2Kor mit *Ev 12,46, wo man jedes Mal das Nomen findet, erkennt man schnell den ähnlichen Gebrauch: Ungläubige sind Heiden, was selbstverständlich den Vor‐ wurf von *Ev 9,41 noch drastischer klingen lässt. An den zwei Stellen *2Kor und *Ev 12,46 ist von der harschen Aktion Gottes gegenüber Ungläubigen die Rede, jedoch, wie Tertullian beide Male mitteilt, sei hier nicht vom transzendenten Gott die Rede, sondern von dem jüdischen Schöpfergott, der die Ungläubigen verurteile und sie verblende. Demgegenüber ist *Ev eine interne Kritik Jesu an den Jüngern, die offenkundig vorkanonisch vertreten und kanonisch nur gemildert übernommen wird. In einer längeren Passage kommt der kanonische Paulus auf Ungläubige, Heiden, zurück, nachdem er eine lange Selbstapologie in 2Kor 6 zuvor formuliert hatte, schreibt er dann: „14 Ordnet euch keinem fremden Joch mit Ungläubigen unter! Was teilen sich denn Gerechtigkeit und Ungesetzlichkeit? Oder was ist Licht gegenüber Finsternis gemeinsam? 15 Was ist der Zusammenklang von Christus gegenüber Beliar? Oder was teilt ein Gläubiger mit einem Ungläubigen (ἀπίστου)? “ (2Kor 6,14-15) Im Unterschied zur vorkanonischen Fassung von *2Kor 4,4, wo das harsche göttliche Urteil über den Ungläubigen und seine Aktion gegen ihn auf den jüdischen Schöpfergott, nicht auf den Gott der Christen, zurückgeführt wird, finden wir an dieser Stelle eine Aussage über den Christus der Gläubigen, der mit dem Ungläubigen, der Finsternis, Beliar, nichts gemein haben kann. Anders, versöhnlicher im Umgang mit Ungläubigen, liest sich 1Kor 10,27: „Wenn euch einer der Ungläubigen (ἀπίστων) einlädt und ihr wollt hingehen, dann esst, alles, was euch bereitet wird, ohne das Gewissen zu befragen! “ Es 528 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="529"?> 17 *Ev 24,11: καὶ ἐϕάνησαν ἐνώπιον αὐτῶν ὡσεὶ λῆρος τὰ ῥήματα ταῦτα, καὶ ἠπίστουν αὐταῖς. könnte sein, dass dieser Vers, auch wenn er nicht für die vorkanonische Version bezeugt ist, möglicherweise doch darin gestanden war, auch wenn andere Elemente darauf hinweisen, dass er auf die kanonische Redaktion zurückgeht. Deutlich abgrenzender ist 1Kor 6,6: „Stattdessen wird ein Bruder mit dem andern gerichtet, und dies vor Ungläubigen (ἀπίστων).“ Hier wird kritisiert, dass Streitigkeiten nicht innergemeindlich geklärt werden, und es wird eine Abgrenzung formuliert, wie wir sie zuvor nur auf der kanonischen Ebene gelesen haben. Mt 13,57-58 bezieht „Unglaube“ allerdings auf das jüdische Umfeld, ja gar auf die Familie Jesu selbst (/ / Mk 6,4-6), wenn Jesus spricht: „57 Nirgends ist ein Prophet ohne Ansehen außer in seiner Heimat und in seiner Familie. 58 Und er wirkte dort nicht viele Machttaten wegen ihres Unglaubens (ἀπιστίαν).“ Das Verb steht in *Ev 24,11: „Aber wie Geschwätz schienen diese Worte vor ihnen, und sie glaubten ihnen nicht.“ 17 Und wenig später lesen wir es wieder in: *Ev 24,41 Lk 24,41 ἔτι δὲ ἀπιστούντων αὐτῶν εἶπεν αὐτοῖς, ῎Εχετέ τι βρώσιμον ἐνθάδε; ἔτι δὲ ἀπιστούντων αὐτῶν ἀπὸ τῆς χαρᾶς καὶ θαυμαζόντων εἶπεν αὐτοῖς, Ἔχετέ τι βρώσιμον ἐνθάδε; *Ev 24,41 Lk 24,41 Als sie aber noch ungläubig waren, sprach er zu ihnen: „Habt Ihr etwas zu essen hier? “ Als sie es aber vor Freude immer noch nicht glauben konnten und sich verwun‐ derten, sagte er zu ihnen: Habt ihr etwas zu essen hier? An den beiden Stellen, an denen das Verb verwendet wird, erfahren wir: trotz des Unglaubens der Apostel (der auf der kanonischen Ebene allerdings zu einem „vor Freude immer noch nicht glauben“ Können in der Schärfe gemindert wird) erscheint der Herr den Emmausjüngern, und obwohl auch sie nicht glaubten, offenbart er sich ihnen. Erstaunlicherweise begegnen Verb und Nomen an keiner weiteren Stelle in Lk, außer an den Parallelstellen der Verse von *Ev. Das Verb findet sich noch in zwei Versen in Mk, jedoch lediglich in dem längeren Markusschluss (Mk 16,11. 16), was einen Hinweis dafür bietet, dass wir es hier §-8 Charakteristika von *Ap und *Ev. Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich 529 <?page no="530"?> bereits mit der Harmonisierungstendenz der zweiten kanonischen Redaktion bei der Überarbeitung der Evangelien für die größere Sammlung zu tun haben. Mk 16,11 erinnert an *Ev 24,11 / / Lk 24,11 (*Ev 24,11, vgl. kurz zuvor; Lk 24,11: „Doch die Apostel hielten diese Reden für Geschwätz und glaubten ihnen nicht.“): „Als sie hörten, er lebe und sei von ihr gesehen worden, glaubten sie es nicht (ἠπίστησαν).“ Dazu passt auch die Verwendung des Nomens in Mk 16,14: „Später erschien Jesus den Elf selbst, als sie bei Tisch waren; er tadelte ihren Unglauben (ἀπιστίαν) und ihre Verstocktheit, weil sie denen nicht glaubten, die ihn nach seiner Auferstehung gesehen hatten.“ Dem schließt sich wenig später mit dem Missionsauftrag Jesu dessen Drohwort an in Mk 16,16: „Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet; wer aber nicht glaubt (ἀπιστήσας), wird verurteilt werden.“ Sowohl der längere Markusschluss wie die Rede vom sich Taufen lassen deuten auf die Zeit um Irenäus hin und sprechen für Änderungen der zweiten kanonischen Redaktion. Beim kanonischen Paulus begegnet das Verb Röm 3,3 in der Thematisierung des Schicksals der Juden: „Denn was ist, wenn einige nicht gläubig waren (ἠπίστησάν)? Wird ihre Untreue die Treue Gottes aufheben? “ Diesen Juden hält Paulus das Beispiel Abrahams entgegen (Röm 4,20): „Er zweifelte aber nicht im Unglauben (ἀπιστίᾳ) an der Verheißung Gottes, sondern wurde stark im Glauben, indem er Gott die Ehre erwies.“ In seiner grundlegenden Reflexion zum Schicksal der Juden gehört dieser Begriff zum zentralen Inventar (Röm 11,20-23): „20 Richtig! Um ihres Unglaubens willen sind sie ausgebrochen worden, du aber stehst durch den Glauben. Sei nicht hochmütig, sondern fürchte dich! 21 Denn wenn Gott die natürlichen Zweige nicht verschont hat, wird er auch dich nicht verschonen. 22 Sieh nun die Güte und die Strenge Gottes: Gegen die Gefallenen Strenge, gegen dich aber Gottes Güte, wenn du an der Güte bleibst; sonst wirst auch du abgehauen werden. 23 Aber auch jene, wenn sie nicht im Unglauben verharren, werden eingepfropft werden; denn Gott vermag, sie wiederum einzupfropfen.“ Auch wenn hier von Güte Gottes die Rede ist, bezieht diese sich doch auf die angeredeten Christen, während sich die Strenge, wie zuvor schon für die kanonische Version als Charakteristikum vermerkt, gegenüber den Juden geäußert wird. In diesen kanonischen Diskurs passt auch der Praxapostolos. Zunächst liest man von der Differenz derer, die glauben und denen die ungläubig blieben in Apg 28,24, wo von den Juden, die intensiv von Paulus unterrichtet wurden gegen Ende der Apg gesagt wird: „Die einen ließen sich durch seine Worte überzeugen, die andern blieben ungläubig (ἠπίστουν).“ Dann macht 1Petr 2,6-8 den Unterschied deutlich zwischen denen, die glauben und 530 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="531"?> denen die Ehre gilt, einen auserwählten Stein zu besitzen, und den anderen, „die nicht glauben“ und die sich nicht nur an diesem Stein stoßen, ja durch ihn sogar „zu Fall“ kommen - ja, dieser Fall sei sogar deren Bestimmung: „6 Denn es heißt in der Schrift: Siehe, ich lege in Zion einen auserwählten Stein, einen Eckstein, den ich in Ehren halte; wer an ihn glaubt, der geht nicht zugrunde. 7-Euch, die ihr glaubt, gilt diese Ehre. Für jene aber, die nicht glauben, ist dieser Stein, den die Bauleute verworfen haben, zum Eckstein geworden, 8 zum Stein, an den man anstößt, und zum Felsen, an dem man zu Fall kommt. Sie stoßen sich an ihm, weil sie dem Wort nicht gehorchen; doch dazu sind sie bestimmt.“ In den Pastoralbriefen wird Paulus selbst zum Beispiel für den jüdischen Unglauben, aus dem er allerdings befreit wurde (1Tim 1,13): „Obwohl ich früher ein Lästerer, Verfolger und Frevler war. Aber ich habe Erbarmen gefunden, denn ich wusste in meinem Unglauben (ἀπιστίᾳ) nicht, was ich tat.“ Wer mit den Ungläubigen in 1Tim 5,8 gemeint ist, ist nicht sofort klar, doch in Folge des zuvor Zitierten und des nachfolgenden Zitats können wiederum am ehesten Gemeindemitglieder gemeint sein: „Wenn aber jemand für seine Ange‐ hörigen, besonders für die eigenen Hausgenossen, nicht sorgt, der verleugnet damit den Glauben und ist schlimmer als ein Ungläubiger (ἀπίστου).“ Auch 2Tim 2,13 kommt auf Unglauben (im Sinne von Untreue) zu sprechen und bezieht diesen auf die eigene Haltung und die der Angeredeten: „Wenn wir untreu (ἀπιστοῦμεν) sind, bleibt er doch treu, / denn er kann sich selbst nicht verleugnen.“ Die klare Abgrenzung von Juden und Gemeindemitgliedern, die sich „an jüdische Fabeleien … und an Gebote von Menschen“ halten, nimmt Tit 1,13-14 vor: „13 Unser Zeugnis ist wahr. Darum weise sie streng zurecht, damit sie im Glauben gesund werden 14 und sich nicht mehr an jüdische Fabeleien halten und an Gebote von Menschen, die sich von der Wahrheit abwenden! 15 Für die Reinen ist alles rein; für die Unreinen und Ungläubigen (ἀπίστοις) aber ist nichts rein, sogar ihr Denken und ihr Gewissen sind unrein.“ Herauszustellen ist, dass wie bereits zuvor auf der kanonischen Ebene in 1Kor 14,23-25 die kanonische Redaktion den Ungläubigen nicht als Heide, sondern innergemeindlich konnotiert hat, so wird er auch hier zusätzlich als Unreiner spezifiziert. Im Kontext der Abgrenzung gegenüber dem untreuen Israel, das „in die Irre geht“ und nicht in „das Land der Ruhe“ gelangen kann, formuliert Hebr 3,12: „Gebt Acht, Brüder und Schwestern, dass keiner von euch ein böses, ungläubiges (ἀπιστίας) Herz hat, dass keiner vom lebendigen Gott abfällt.“ Für §-8 Charakteristika von *Ap und *Ev. Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich 531 <?page no="532"?> Israel hingegen gilt (Hebr 3,19): „Und wir sehen, dass sie nicht hineinkommen konnten wegen ihres Unglaubens (ἀπιστίαν).“ Die Apk (Apk 21,8) ist nicht auf Juden und Christen fokussiert, sondern auf Gläubige und Ungläubige überhaupt, zwischen denen die Differenz von Heil und Fluch, von Leben und zweitem Tod steht: „Aber die Feiglinge und Ungläu‐ bigen (ἀπίστοις), die Befleckten, die Mörder und Unzüchtigen, die Zauberer, Götzendiener und alle Lügner - ihr Los wird der See von brennendem Schwefel sein. Dies ist der zweite Tod.“ Auch wenn die semantische Breite auf der kanonischen Ebene größer als auf der vorkanonischen ist, lassen sich doch wiederum einerseits deutliche Über‐ einstimmungen auf vorkanonischer Ebene zwischen *Ev und *Paulus erkennen und eine Veränderung der Semantik von der vorkanonischen zur kanonischen Ebene nachzeichnen. ἀποκρύπτω ist gleich drei Mal für die vorkanonische Ebene bezeugt, es steht nur vier Mal im Neuen Testament (Lk 10,21; 1Kor 2,7; Eph 3,9; Kol 1,26): *Ev 10,21; *1Kor 2,7 und *Laod 3,9. An der ersten Stelle besteht folgender Befund: *Ev 10,21 Lk 10,21 1 Ἐν ἐκείνῳ τῷ καιρῷ ἠγαλλιάσατο ἐν τῷ πνεύματι καὶ εἶπεν, Εὐχαριστῶ σοι, κύριε τοῦ οὐρανοῦ, ὅτι ἀπέκρυψας ταῦτα ἀπὸ σοϕῶν καὶ συνετῶν, καὶ ἀπεκάλυψας αὐτὰ νηπίοις· ναί, ὁ πατήρ, ὅτι οὕτως εὐδοκία ἐγένετο ἔμπροσθέν σου. Ἐν αὐτῇ τῇ ὥρᾳ ἠγαλλιάσατο [ἐν] τῷ πνεύματι τῷ ἁγίῳ καὶ εἶπεν, Ἐξομολογοῦμαί σοι, πάτερ, κύριε τοῦ οὐρανοῦ καὶ τῆς γῆς, ὅτι ἀπέκρυψας ταῦτα ἀπὸ σοφῶν καὶ συνετῶν, καὶ ἀπεκάλυψας αὐτὰ νηπίοις: ναί, ὁ πατήρ, ὅτι οὕτως εὐδοκία ἐγένετο ἔμπροσθέν σου. *Ev 10,21 Lk 10,21 In jener Zeit jubelte er über den Geist und sprach: „Ich danke dir, Herr des Him‐ mels, denn du hast das, was vor den Weisen und Verständigen verborgen war, den Unmündigen offenbart. Ja, Vater, denn so hat es Dir wohlgefallen. In dieser Stunde rief Jesus, vom Heiligen Geist erfüllt, voll Freude aus: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, denn du hast das, was vor den Weisen und Klugen verborgen war, den Unmündigen offenbart. Ja, Vater, denn so hat es Dir wohlgefallen. In diesem Vers sind mehrere Abweichungen festzustellen. Für unseren Zusam‐ menhang von Bedeutung ist die Hinzufügung „und der Erde“, hatte doch Markion diese Erde nicht als das Eigentum des vor der Erscheinung Christi 532 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="533"?> 18 Vgl. weiter oben S.-526. verborgenen und transzendenten Gottes, sondern als Produkt und Eigentum des jüdischen Schöpfergottes betrachtet. Dem entgegen hielt Tertullian wie vor ihm schon die kanonische Redaktion an der Identität des Schöpfergottes und Vaters des von Christen verehrten Messias Jesus Christus fest. Das Thema Verborgenheit war folglich ein zentrales für Markion und die vorkanonische Redaktion, denn es erläuterte, dass vor Christi Erscheinung und Offenbarung niemand von Gott noch von seinem Messias noch von seinem Heilsplan etwas wissen konnte. Darum waren für Markion auch weder Thora noch Propheten irgendwelche Offenbarungsträger. Die Menschen, die die Offenbarung empfangen, sind allesamt „Unmündige“ - es gibt also keine Auserwählten, die irgendeinen Vorteil gegenüber anderen Menschen hätten. Die kleine Änderung, dass der Vater auch Herr der Erde ist, besitzt also mehr als nur ein kleines Gewicht. In der Parallelstelle Mt 11,25-26 wird die obige Aussage wiederholt, allerdings begegnet nicht mehr das durch ἀπό verstärkte Kompositum, sondern das schlichte κρύπτω: „25 In jener Zeit sprach Jesus: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du das vor den Weisen und Klugen verborgen (ἔκρυψας) und es den Unmündigen offenbart hast. 26-Ja, Vater, so hat es dir gefallen.“ Mt übernimmt fast wörtlich den Vers aus *Ev, wobei er lediglich ἐξομολογοῦμαί σοι anstelle von εὐχαριστῶ σοι schreibt, doch auch er nimmt „und der Erde“ auf wie die kanonische Redaktion in Lukas. Wir dürfen also davon ausgehen, dass dieser Zusatz in der zweiten kanonischen Redaktion aufgenommen wurde, als die vier Evangelien, wie die synoptische Anlage zeigt, zu einer Teilsammlung zusammengebracht und damit teilharmonisiert wurden. Im selben Evangelium erhält das Verb, erneut als einfaches κρύπτω, dann noch eine negative Konnotation, es gilt als Ausdruck des faulen und untreuen Dieners, der seine Talente nicht wachsen lässt, sondern sie in einen Acker vergräbt, Mt 25,18: „Der aber, der das eine Talent erhalten hatte, ging und grub ein Loch in die Erde und versteckte (ἔκρυψεν) das Geld seines Herrn.“ Zu dem Verb gibt es eine Variante, denn ἀποκρύπτω findet sich in den Zeugen 017, 032, 036, 038, f1.13, 565, 579, 1241, 1424, M, während das verbum simplex bezeugt wird durch 01, 02, 03, 04, 05, 019, 33, 700, 892, l 844, l 2211. Wie bereits weiter oben zu ὀλιγοπιστίαν 18 vermerkt, bietet ein Gutteil derselben Zeugen, die hier ἀποκρύπτω bieten, auch dort eine Variante (ἀπιστίαν), die eine vorkanonische Nähe darstellen. Sowohl hier wie dort dürften die Korrekturen erst durch die §-8 Charakteristika von *Ap und *Ev. Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich 533 <?page no="534"?> 19 Vgl. zu diesem Thema die Rekonstruktion in Teil II, S. 389, 393. 20 Vgl. auch die Parallelstelle Kol 1,25-26, die ähnlich Eph 3,9 eine inhaltliche Korrektur an der vorkanonischen Version darstellt, indem sie das strittige (ἐν) τῷ θεῷ auslässt. zweite kanonische Redaktion in den Text gelangt sein, als die größere Sammlung des Irenäus als Gegensammlung zur vorkanonischen zusammengebracht wurde. NA 28 folgt an beiden Stellen der Handschriftentradition, welche die ältere Variante bietet - und das, obwohl in NA 28 ein Neues Testament als Sammlung geboten und keine Einzelschriften reproduziert werden. 19 Auch im vorkanonischen Paulus begegnet das Verb: *1Kor 2,7 1Kor 2,7 ἀλλὰ λαλῶ θεοῦ σοφίαν ἐν μυστηρίῳ, τὴν ἀποκεκρυμμένην, ἣν προώρισεν ὁ θεὸς πρὸ τῶν αἰώνων εἰς δόξαν ἡμῶν: ἀλλὰ λαλοῦμεν θεοῦ σοφίαν ἐν μυστηρίῳ, τὴν ἀποκεκρυμμένην, ἣν προώρισεν ὁ θεὸς πρὸ τῶν αἰώνων εἰς δόξαν ἡμῶν: *1Kor 2,7 1Kor 2,7 Doch spreche ich von der Weisheit Gottes im Geheimnis, die verborgene, die Gott vor allen Zeiten voraus‐ bestimmt hat zu unserer Verherrli‐ chung. Vielmehr verkünden wir die Weisheit Gottes im Geheimnis, die verborgene, die Gott vor allen Zeiten vorausbestimmt hat zu unserer Verherrlichung. Die kanonische Redaktion hat bei diesem Vers die vorkanonische Vorlage fast vollständig übernommen, und wie bereits in *Ev wird auf die Verborgenheit von Gottes Plan und Weisheit hingewiesen. Die Weisheit war von Gott voraus‐ bestimmt, doch sie war niemandem offenkundig. Und selbst jetzt noch heißt es, dass die Weisheit als eine solche „im Geheimnis“ verkündet wird. An keiner weiteren Stelle in einem der sieben Paulusbriefe ist von dieser Verborgenheit die Rede. Sie findet sich erst wieder in zwei Deuteropaulinen, *Laod/ Eph und Kol. *Laod 3,9 (/ / Eph 3,9) heißt es, dass Paulus die Gnade zuteil geworden sei: 20 *Laod 3,9 Eph 3,9 καὶ φωτίσαι πάντας τίς ἡ οἰκονομία τοῦ μυστηρίου τοῦ ἀποκεκρυμμένου ἀπὸ τῶν αἰώνων τῷ θεῷ τῷ τὰ πάντα κτίσαντι. καὶ φωτίσαι [πάντας] τίς ἡ οἰκονομία τοῦ μυστηρίου τοῦ ἀποκεκρυμμένου ἀπὸ τῶν αἰώνων ἐν τῷ θεῷ τῷ τὰ πάντα κτίσαντι 534 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="535"?> 21 Vgl. Tert., Adv. Marc. V 18,1-2. 22 *Ev 12,20: εἶπεν δὲ αὐτῷ ὁ θεός, Ἄϕρων, ταύτῃ τῇ νυκτὶ τὴν ψυχήν σου ἀπαιτήσουσιν ἀπὸ σοῦ· ἃ δὲ ἡτοίμασας, τινὸς ἔσται. *Laod 3,9 Eph 3,9 Und allen (zu) entbergen, was die Verwirklichung des geheimen Rat‐ schlusses beinhaltet, der von Ewigkeit her dem Gott, dem Schöpfer des Alls, verborgen war. (zu) enthüllen, was die Verwirklichung des geheimen Ratschlusses beinhaltet, der von Ewigkeit her in Gott, dem Schöpfer des Alls, verborgen war. Tertullian weist zur *Laod-Stelle ausdrücklich darauf hin, 21 dass Markion die Präposition „in“ kassiert und damit dem ganzen Vers einen völlig anderen Sinn gegeben habe. Drehen wir die Bearbeitungsrichtung um, erkennen wir in Tertullians Angabe das Vorgehen der kanonischen Redaktion. Diese hat an diesem Vers wiederum nur eine winzige Änderung vorgenommen, doch dadurch diesem eine nicht- oder vielmehr antimarkionitische Ausrichtung gegeben. Während die vorkanonische Version wie auch in *Ev von der grundsätzli‐ chen Verborgenheit von Gottes Ratschluss ausgeht, welcher dem jüdischen Schöpfergott, dem Schöpfer des Alls, verborgen war (und damit auch in dessen Thora und seinen Propheten nicht zur Offenbarung gelangen konnte), bietet die kanonische Redaktion die Korrektur durch die Hinzufügung des „in“, so dass der Ratschluss nun gerade in diesem jüdischen Schöpfergott verborgen war. Dass wir es jedoch mit einer kanonischen Redaktion und nicht mit einem ursprünglichen Gedanken derselben zu tun haben, erweist gerade das Verb ἀποκρύπτω. Wäre es nicht ein typisches Lexem der vorkanonischen Version, wieso ist es dann gleich drei Mal auf dieser Ebene bezeugt, während es sich nur an den Parallelstellen (und jeweils mit inhaltlich bedingten Textkorrekturen) an den kanonischen Parallelstellen begegnet, sonst jedoch nicht auf dieser Ebene. Der verborgene Ratschluss Gottes ist eben kein typisch kanonischer Gedanke, sondern ein adoptierter und dann auch nur adaptierter, der nolens volens auf kanonischer Ebene mitgenommen wird. Diese Beobachtung stützt erneut eine Bearbeitungsrichtung vorkanonisch > kanonisch. ἄϕρων ist ein in der kanonischen Sammlung rarer Begriff (er begegnet 11 Mal im Neuen Testament), doch er ist sowohl für *Ev wie *Paulus bezeugt. *Ev 12,20 lesen wir: „Gott aber sprach zu ihm: „Du Narr! In dieser Nacht wird man deine Seele von dir fordern. Was du angehäuft hast - wem wird es gehören? “ 22 §-8 Charakteristika von *Ap und *Ev. Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich 535 <?page no="536"?> 23 Ob das auf der kanonischen Ebene in Lk 9,39 begegnende ἀφρός mit dem Nomen verwandt ist, ist unklar, das Adjektiv könnte vielleicht auch vorkanonisch in *Ev gestanden sein: λαμβάνει γὰρ αὐτὸν ἐξαίϕνης πνεῦμα καὶ ρήσσει καὶ σπαράσσει μετὰ ἀϕροῦ καὶ μόγις ἀποχωρεῖ ἀπ‘ αὐτοῦ συντρῖβον αὐτόν („Es packt ihn nämlich plötzlich ein Geist und reißt ihn und lässt ihn zucken mit Schaum; fast nie lässt er von ihm ab und schlägt ihn in Stücke“), so M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 765. 24 Vgl. hierzu M. Klinghardt, Abraham als Element der Kanonischen Redaktion (2018). Interessanterweise findet sich dasselbe Schimpfwort auch in *1Kor 15,36: „Du Narr! Auch das, was du säst, wird nicht lebendig, wenn es nicht vorher stirbt.“ Nun ist nicht nur das Schimpfwort als Anrede parallel zu *Ev, es steht auch noch in einem semantisch parallelen Kontext von Loslassen von Besitz. 23 In ganz anderem Kontext und nicht in Anrede, sondern in einer Selbstverteidigung verwendet der kanonische Paulus in zwei Versen von 2Kor 12 den Begriff, um abzuweisen, er sei ein „Narr“: „Denn wenn ich mich rühmen wollte, so wäre ich kein Narr (ἄφρων), denn ich würde die Wahrheit sagen. Ich enthalte mich dessen aber, damit niemand höher von mir denke, als was er an mir sieht oder von mir hört“ (2Kor 12,6). Wenig später, 2Kor 12,11 sagt er: „Ich bin ein Narr (ἄφρων) geworden; ihr habt mich dazu gezwungen. Denn ich hätte von euch empfohlen werden sollen. Denn ich bin in nichts geringer gewesen als die überragenden Apostel, obwohl ich nichts bin.“ Hieraus lässt sich schließen, dass wir erneut einer konsistenten Lexik und Semantik auf der vorkanonischen Ebene von *Ev und *Paulus begegnen, die sich deutlich von derjenigen der kanonischen Ebene unterscheidet. Nun ließen sich noch weitere Charakteristika in dieser Hinsicht anführen, doch ich verweise nur noch auf einige wenige: Gemeinsam ist *Ev und *Paulus etwa die spärlichere Verwendung und Bezugnahme auf Ἀβραάμ, die auf der kanonischen Ebene häufig erfolgt. Wie Tertullian ausdrück‐ lich herausstellt, ist dies nicht nur ein Merkmal von *Ev, sondern auch von *Paulus und Klinghardt hat dieses Phänomen als Merkmal der kanonischen Redaktion näher behandelt. 24 οὐαί steht 46 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,24. 25. 26; 11,42. 43. 46. 47; 17,1; 22,22, ansonsten auf der kanonischen Ebene stehend in Mt 11,21; 18,7; 23,13. 14. 15. 16. 23. 25. 27. 29; 24,19; 26,24; Mk 13,17; 14,21; Lk 6,24. 25. 26; 10,13; 11,42. 43. 44. 46. 47. 52; 17,1; 21,23; 22,22; 1Kor 9,16; Jud 1,11; Apk 8,13; 9,12; 11,14; 12,12; 18,10. 16. 19. Der Befund zeigt: das οὐαί, das nur an einer Stelle im kanonischen Paulus steht, ist kaum typisch für die kanonische Redaktion der Paulusbriefe, sondern 536 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="537"?> 25 Zur herausragenden Bedeutung von „Wahrheit“ in den markionitischen Prologen der *Briefe, vgl. die Rekonstruktion. von dieser aus der vorkanonischen Vorlage von *Ev übernommen und an einigen wenigen weiteren Stellen, insbesondere an Parallelstellen bei Mt und Mk, eingepflegt worden. Dass es 1Kor 9,16 steht, ist eher ein Hinweis darauf, dass dieser Vers, der für die vorkanonische Fassung unbezeugt ist, möglicherweise im vorkanonischen Text gestanden war. Eigentümlich ist auch die Konstruktion οὐαί + γάρ, die überhaupt nur an dieser Stelle im Neuen Testament begegnet und erneut auf eine vorkanonische Präsenz derselben hindeutet. Eine Reihe weiterer Charakteristika der vorkanonischen Redaktion ergeben sich ex negativo aus den weiter unten aufzuführenden Charakteristika der kanonischen Redaktion. b. Unterschiede An dieser Stelle soll jedoch zunächst die Gegenprobe gemacht werden und nach den lexikalischen und semantischen Differenzen zwischen *Ev und *Paulus gefragt werden. Wie wir eingangs zu diesem Paragraphen vermerkt haben, be‐ sitzen *Ev und *Paulus je etwa zu gleichen Anteilen auch einen Eigenwortschatz, den sie nicht miteinander teilen. Nachdem Funktionsbegriffe bereits weiter oben behandelt wurden, geht es im Folgenden um den weiteren Wortschatz. Anders als bei den Gemeinsamkeiten ist hier vor allem auf solche Begriffe zu achten, die eher häufig im Neuen Testament stehen (etwa mit einer Häufigkeit von 50+) und auch mehr als an einer Stelle vorkanonisch vorkommen, weil deren Absenz in *Ev bzw. *Paulus uns möglicherweise einen Aufschluss über unterschiedliche Sprache und Lexik derselben gibt. Erneut beschränken wir uns auf Begriffe, die mit α beginnen, zugegeben, eine kleine Auswahl, die jedoch leicht verbreitert werden kann. Beginnen wir mit *Paulus: ἀλήθεια steht über 100 Mal auf der kanonischen Ebene, ist hingegen vorkano‐ nisch nur für *Paulus bezeugt. 25 In *Gal 2,14 ist der Begriff Teil der Kritik an Petrus und den Leuten, die von Jakobus kamen: „Aber dass sie nicht geradlinig auf die Wahrheit des Evangeliums zugingen, warf ich dem Petrus vor.“ Zu *Kol 1,5-6 vergleiche: §-8 Charakteristika von *Ap und *Ev. Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich 537 <?page no="538"?> *Kol 1,5-6 Kol 1,5-6 διὰ τὴν ἐλπίδα τὴν ἀποκειμένην ἐν τοῖς οὐρανοῖς, ἣν ἠκούσατε ἐν τῷ λόγῳ τῆς ἀληθείας τοῦ εὐαγγελίου 6 τοῦ παρόντος εἰς ὑμᾶς, καθὼς καὶ ἐν παντὶ τῷ κόσμῳ ἐστὶν· διὰ τὴν ἐλπίδα τὴν ἀποκειμένην ὑμῖν ἐν τοῖς οὐρανοῖς, ἣν προηκούσατε ἐν τῷ λόγῳ τῆς ἀληθείας τοῦ εὐαγγελίου 6 τοῦ παρόντος εἰς ὑμᾶς, καθὼς καὶ ἐν παντὶ τῷ κόσμῳ ἐστὶν καρποφορούμενον καὶ αὐξανόμενον καθὼς καὶ ἐν ὑμῖν, ἀφ’ ἧς ἡμέρας ἠκούσατε καὶ ἐπέγνωτε τὴν χάριν τοῦ θεοῦ ἐν ἀληθείᾳ· *Kol 1,5-6 Kol 1,5-6 5-wegen der Hoffnung, die bereitliegt im Himmel, von der ihr gehört habt durch das Wort der Wahrheit des Evangeliums, 5 wegen der Hoffnung, die für euch bereit‐ liegt im Himmel, von der ihr zuvor gehört habt durch das Wort der Wahrheit des Evangeliums, 6-das zu euch gekommen ist, wie es auch in der ganzen Welt ist. 6 das zu euch gekommen ist, wie es auch in der ganzen Welt Frucht bringt und wächst, so auch unter euch, von dem Tag an, da ihr es gehört und die Gnade Gottes in Wahrheit erkannt habt. Der Vergleich unterstreicht die Hinordnung der Wahrheit auf die Adressaten durch die kanonische Redaktion (Zusatz: „für euch“ und der Zusatz am Ende von Vers 6), während vorkanonisch zwar die Adressaten angeredet werden, doch gerade die Tatsache, dass das Wort der Wahrheit „in der ganzen Welt ist“, die Hauptaussage darstellt. *Laod 1,13 (/ / Eph 1,13) lautet: „In ihm seid auch ihr, als ihr das Wort der Wahrheit gehört, das Evangelium eures Heils, gehört habt und geglaubt habt, versiegelt worden mit dem Heiligen Geist der Verheißung.“ In *Laod 6,14 (/ / Eph 6,14) finden wir auch: „Steht nun, eure Lenden umgürtet mit Wahrheit und angetan mit dem Brustpanzer der Gerechtigkeit.“ Trotz der klaren Trennung zwischen den Aposteln, die nicht auf die Wahrheit zusteuern bzw. solchen, die nicht die Wahrheit, sondern Täuschung verkünden, erklärt *Paulus zwischen Resignation und Zuversicht in *Phil 1,18 (/ / Phil 1,18): „Jedenfalls wird Christus verkündigt, sei es aus Vorwand oder in Wahrheit, und darüber freue ich mich.“ Dies steht in starkem Kontrast zu der Haltung, die die vorkanonische Version dem Messias des jüdischen Gottes zuschreibt (*2Thess 2,9-12; / / 2Thess 2,9-12): „9 Er wird bei seiner Ankunft die Kraft des Satans haben mit aller Macht und Zeichen und Wundern der Lüge 10 und mit allem Trug der Ungerechtigkeit bei 538 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="539"?> denen, die verloren gehen, weil sie die Liebe zur Wahrheit nicht annahmen, um gerettet zu werden. 11 Darum lässt er sie der Macht des Irrtums verfallen, dass sie der Lüge glauben, 12 damit alle gerichtet werden, die der Wahrheit nicht geglaubt, sondern Gefallen fanden an der Ungerechtigkeit.“ Diesen Versen setzt die kanonische Redaktion die vorkanonisch unbezeugten Verse hinzu: „13 Wir aber sind Gott allezeit zu dank verpflichtet, Brüder, die vom Herrn geliebten, dass Gott euch von Anfang an erwählte zur Rettung durch die Heiligung des Geistes und Glauben an die Wahrheit, 14 wozu er euch durch unser Evangelium berief, um den Ruhm unseres Herrn Jesus Christus zu erlangen.“ (2Thess 2,13-14) Wie Tertullian bezieht die kanonische Redaktion die zitierten Verse 9-12 auf den Christus des jüdischen Schöpfergottes, den sie mit dem von den Christen verehrten Gott identifiziert. Damit wird diesem das Richten und Urteilen über diejenigen anheimgegeben, die der Wahrheit nicht geglaubt haben. Die Nähe der Stellen *Gal 2,14; *Kol 1,5-6; *Laod 1,13; *Phil 1,18 und an letztere sich anschließend *2Thess 2,9-12 ist unübersehbar, denn in ihnen wird Wahrheit unmittelbar auf das Evangelium und die wahre Lehre bezogen. Es fällt lediglich *Laod 6,14 aus diesen Stellen heraus, ein Vers, der mit der Abgrenzungsintention eher auf die kanonischen Verse 2Thess 2,13-14 verweist. Dieser Befund deutet an, dass der Sprachgebrauch hier auf km Laod 6,14 zurückzuführen ist und der vorkanonischen Redaktion bereits als Vorlage diente. Die Kombination von Wahrheit und Evangeliumsverkündigung wie in den anderen genannten Stellen begegnet nicht in Lk, wo an drei Stellen, an denen das Nomen steht, es jeweils in eine andere formelhafte Wendung eingebunden ist, die wiederum in *Paulus nicht anzutreffen ist: ἐπ' ἀληθείας (Lk 4,25; 20,21; 22,59). Nachdem diese drei Stellen für *Ev unbezeugt sind, scheint diese Formulierung auf die kanonische Redaktion zurückzugehen, das Nomen also tatsächlich in *Ev abwesend zu sein. Für Lk hingegen ist es von Bedeutung, dass Jesus darauf besteht, dass er „bei der Wahrheit“ spricht. Auch in Mt hat Wahrheit für die Rede Jesu eine große Bedeutung. In Mt 22,16 lesen wir: „Sie veranlassten ihre Jünger, zusammen mit den Anhängern des Herodes zu ihm zu gehen und zu sagen: Meister, wir wissen, dass du wahr bist (ἀληθὴς εἶ) und in Wahrheit (ἀληθείᾳ) den Weg Gottes lehrst und auf niemanden Rücksicht nimmst, denn du siehst nicht auf die Person.“ Gleich doppelt wird hier von wahrhaft sein bzw. in der Wahrheit lehren herausgestellt, auch wenn es die einzige Stelle in Mt ist, wo von Wahrheit gehandelt wird. Teilweise wörtlich identisch liest man in der Parallelstelle Mk 12,14: „Sie kamen zu ihm und sagten: §-8 Charakteristika von *Ap und *Ev. Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich 539 <?page no="540"?> 26 Joh 1,17: ὅτι ὁ νόμος διὰ Μωϋσέως ἐδόθη, ἡ χάρις καὶ ἡ ἀλήθεια διὰ Ἰησοῦ Χριστοῦ ἐγένετο. 27 Röm 9,1: Ἀλήθειαν λέγω ἐν Χριστῷ, οὐ ψεύδομαι, συμμαρτυρούσης μοι τῆς συνειδήσεώς μου ἐν πνεύματι ἁγίῳ („Ich sage die Wahrheit in Christus, ich lüge nicht, wie mir mein Gewissen bezeugt im Heiligen Geist“). Meister, wir wissen, dass du wahr bist (ἀληθὴς εἶ) und auf niemanden Rücksicht nimmst; denn du siehst nicht auf die Person, sondern lehrst bei der Wahrheit (ἐπ’ ἀληθείας) den Weg Gottes …“ Diese letzte Formulierung (ἐπ’ ἀληθείας) verrät bereits den formelhaften Gebrauch, der uns in Lk begegnet ist. Mk lässt dann auch die Schriftgelehrten das wahre Reden Jesu bestätigen, Mk 12,32: „Da sagte der Schriftgelehrte zu ihm: Sehr gut, Meister! Bei der Wahrheit (ἐπ’ ἀληθείας) hast du gesagt: Er allein ist der Herr und es gibt keinen anderen außer ihm.“ Es geschieht erneut mit der Formel ἐπ’ ἀληθείας. Eher beläufig fällt der Begriff in Mk 5,33 steht: „Da kam die Frau, zitternd vor Furcht, weil sie wusste, was mit ihr geschehen war; sie fiel vor ihm nieder und sagte ihm die ganze Wahrheit (ἀλήθειαν).“ Bei Johannes avanciert das Nomen zu einem Zentralbegriff. Er steht bereits Joh 1,14: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit (ἀληθείας).“ „Wahrheit“ zieht sich schließlich durch einen Gutteil dieses Evangeliums und dient zunächst auch zur Antithese von Gesetz/ Mose gegenüber Gnade/ Wahrheit/ Jesus Christus ( Joh 1,17), 26 man vgl. weiter Joh 3,21; 4,23. 24; 5,33; 8,32. 40. 44. 45. 46; 14,6. 17; 15,26; 16,7. 13; 17,17. 19; 18,37. 38. Eine große Bedeutung besitzt der Wahrheitsbegriff auch in den drei johan‐ neischen Briefen wie überhaupt, wie unten zu sehen, im Praxapostolos. Denn die Formel ἐπ’ ἀληθείας findet sich wieder in Apg 4,27 zum Nachdruck des Gesagten: „Bei der Wahrheit, verbündet haben sich in dieser Stadt gegen deinen heiligen Knecht Jesus, den du gesalbt hast, Herodes und Pontius Pilatus mit den Heiden und den Stämmen Israels.“ So auch im Petrusbekenntnis, Apg 10,34: „Da begann Petrus zu reden und sagte: Bei der Wahrheit (Ἐπ' ἀληθείας), jetzt begreife ich, dass Gott nicht auf die Person sieht.“ Nur an einer Stelle findet sich das Nomen außerhalb der Formel, und zwar in der Selbstapologie des Paulus, der von sich behauptet, dass er Worte der Wahrheit und Besonnenheit spricht: „Paulus erwiderte: Ich bin nicht von Sinnen, erlauchter Festus; was ich sage, ist wahr (ἀληθείας) und vernünftig“ (Apg 26,25), was an Röm 9,1 erinnert. 27 Auch in den Petrusbriefen hat der Terminus Konjunktur. 1Petr 1,22: „Der Wahrheit (ἀληθείας) gehorsam, habt ihr euer Herz rein gemacht für eine aufrichtige geschwisterliche Liebe; darum hört nicht auf, einander von Herzen 540 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="541"?> zu lieben“, 2Petr 1,12: „Darum will ich euch immer daran erinnern, auch wenn ihr es schon wisst und in der Wahrheit (ἀληθείᾳ) gefestigt seid, die jetzt gegenwärtig ist“. Ähnlich wie in Mt, Mk liest man in Joh 14,6: „Jesus sagte zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit (ἀλήθεια) und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.“ „Der Weg der Wahrheit“ wird zu einer Selbstbeschreibung der eigenen Identität in 2Petr 2,2: „Und ihren Ausschweifungen werden sich viele anschließen und ihretwegen wird der Weg der Wahrheit (ἀληθείας) in Verruf kommen.“ Innerhalb der sieben Briefe des Paulus steht der Begriff in den Gemeinde‐ briefen Röm, 1/ 2Kor, Gal und Phil, dann auch in den drei Deuteropaulinen, in den drei Pastoralbriefen und Hebr. Ohne auf all diese Stellen hier eingehen zu müssen, findet sich ein Bezug zur vorkanonischen Verwendung an folgenden Stellen, zunächst 2Kor 4,2: „sondern wir haben die Verborgenheit der Schande abgetan, indem wir nicht in einer List umherwandeln und das Wort Gottes nicht leiden lassen, sondern in der Offenkundigkeit der Wahrheit (ἀληθείας). So empfehlen wir uns jedem Gewissen der Menschen vor dem Angesicht Gottes.“ An dieser Stelle wird der kanonische Paulus zum Advokaten des in der kanonischen Sammlung vorgelegten Evangeliums wie auch der überarbeiteten Form der paulinischen Briefe, für die er selbstbestätigend „vor dem Angesicht Gottes“ und vor „jedem Gewissen der Menschen“ die Wahrheitsbestätigung abgibt. Diese liefert er auch für seinen Mitarbeiter Titus, 2Kor 7,14: „Denn wenn ich euch vor ihm gerühmt hatte, so brauchte ich mich nicht zu schämen, sondern, wie wir alles in Wahrheit (ἀληθείᾳ) zu euch geredet haben, so erwies sich auch unser Rühmen vor Titus als Wahrheit (ἀλήθεια).“ Auch wenn der Begriff an der nachfolgenden Stelle (1Kor 4,17), an der Paulus für Timotheus eintritt, nicht fällt, ist man doch unmittelbar an 2Kor 7,14 erinnert: „Deswegen habe ich euch Timotheus geschickt, der mein geliebtes und verlässliches Kind im Herrn ist, der euch erinnern wird an meine Wege in Christus Jesus, wie ich sie überall in allen Kirchen lehre.“ Mit diesen Zeugnissen werden nicht nur die Mitarbeiter gestärkt, es werden zugleich die an diese beiden Mitarbeiter adressierten sogenanten Postoralbriefe salviert. Was soviel Zeugniskraft vonnöten hat, verrät die Hand des Fälschers, und wer soviel Zeugnis aufführen muss, scheint noch höchst kritisch betrachtet worden zu sein. Nimmt man die hier versammelten Beispiele, ergibt sich eine deutliche Botschaft des *Paulus, die offenkundig in *Ev keinen gleichsprachigen Ausdruck gefunden hat. Das lässt sich - wie bei *Laod 6,14 in anderer Richtung - am ehesten als Übernahme der vorkanonischen Redaktion auf eine ihre zugrun‐ §-8 Charakteristika von *Ap und *Ev. Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich 541 <?page no="542"?> 28 Für den griechischen Text, vgl. die Rekonstruktion in Teil II. deliegende Vorlage zurückführen, sei es mündlich, sei es schriftlich. Die z.T. wörtlichen Wiederholungen über verschiedene Briefe hinweg sprechen eher für eine schriftliche Vorlage, was ein Hinweis darauf böte, dass der vorkanonischen Redaktion nicht nur die drei Briefe km Laod, km Kol und km 2Thess in einer Vorfas‐ sung vorlagen, sondern auch die sieben Briefe des Paulus. Dass diese Briefe als Sammlung der vorkanonischen Redaktion vorlagen (wenn auch nicht aus dem kanonischen Milieu), hat sich aufgrund der Beobachtungen zum Rückverweis in *Gal 5,21 nahegelegt. Ein weiterer Begriff ist ἀρχή. Dieser steht über 50 Mal im kanonischen Neuen Testament. Auf der vorkanonischen Ebene ist er bezeugt für *Gal und *Laod. Eine bereits auffallende Stelle ist *Gal 4,25-26. Was *Gal 4,25/ Gal 4,25 (und ein Stück aus *Gal 4,26/ Gal 4,26) betrifft, hat die kanonische Redaktion einen Tausch mit *Laod 1,21/ Eph 1,21 (und einem Stück von *Laod 1,22/ Eph 1,22) vorgenommen. In *Gal 4,25-26 heißt es: „25 das andere [scil. Testament] zeugt hoch über jegliche Hoheit, Macht und Herrschaft und (über) jeden Namen, der nicht nur in dieser Weltzeit, sondern auch in der künftigen genannt wird, 26 - in welche heilige Kirche wir uns begeben haben, die unsere Mutter ist.“ 28 Die nächste vorkanonische Bezeugung findet sich dann tatsächlich in *Laod 3,10: „So soll den Hoheiten und Herrschaften des himmlischen Bereichs durch die Kirche die vielfältige Weisheit Gottes bekannt werden.“ Nur auf der kanonischen Ebene steht die teilweise parallele Formulierung Kol 1,16: „Denn in ihm ist alles erschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, seien es Throne oder Herrschaften oder Mächte oder Gewalten; alles ist durch ihn und für ihn geschaffen.“ Was die vorkanonische Redaktion in *Gal formuliert, nämlich dass das Tes‐ tament über alle Hoheit hinaus zur Kirche führt, wird auf der kanonischen Ebene aus dem Zusammenhang in *Gal gelöst. Dort nämlich steht es als Antithese zwischen dem einen Testament, das in die Sklaverei führt, und dem anderen, das zur Offenbarung der Weisheit Gottes durch die Kirche führt. Im neuen Zusammenhang von Eph 1,21 ist die Antithese aufgelöst und die Aussage von *Gal wird zu einer christologischen Formulierung (Eph 1,20-21): „20 Er ließ sie wirksam werden in Christus, den er von den Toten auferweckt und im Himmel zu seiner Rechten erhoben hat, 21 hoch über jegliche Hoheit und Gewalt, Macht und Herrschaft und über jeden Namen, der nicht nur in dieser Weltzeit, sondern auch in der künftigen genannt wird.“ 542 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="543"?> Man vergleiche hingegen den neuen Text, den die kanonische Redaktion in Gal 4,25-26 formuliert: *Gal 4,24-26 Gal 4,24-26 24 ἅτινά ἐστιν ἀλληγορούμενα: αὗται γάρ εἰσιν δύο διαθῆκαι, μία μὲν ἀπὸ ὄρους Σινᾶ, εἰς τὴν συναγωγὴν τῶν Ἰουδαίων κατὰ τὸν νόμον γεννῶσα εἰς δουλείαν, 24 ἅτινά ἐστιν ἀλληγορούμενα: αὗται γάρ εἰσιν δύο διαθῆκαι, μία μὲν ἀπὸ ὄρους Σινᾶ, εἰς δουλείαν γεννῶσα, ἥτις ἐστὶν Ἁγάρ. - 25 ἄλλη δὲ ὑπεράνω πάσης ἀρχῆς γεννῶσα καὶ δυνάμεως καὶ ἐξουσίας καὶ παντὸς ὀνόματος ὀνομαζομένου οὐ μόνον ἐν τῷ αἰῶνι τούτῳ, ἀλλὰ καὶ ἐν τῷ μέλλοντι, 25 τὸ δὲ Ἁγὰρ Σινᾶ ὄρος ἐστὶν ἐν τῇ Ἀραβίᾳ, συστοιχεῖ δὲ τῇ νῦν Ἰερουσαλήμ, δουλεύει γὰρ μετὰ τῶν τέκνων αὐτῆς. - 26 εἰς ἣν ἐπηγγειλάμεθα ἁγίαν ἐκκλησίαν, ἥτις ἐστὶν μήτηρ ἡμῶν. 26 ἡ δὲ ἄνω Ἰερουσαλὴμ ἐλευθέρα ἐστίν, ἥτις ἐστὶν μήτηρ ἡμῶν: *Gal 4,24-26 Gal 4,24-26 24-Das ist bildlich gesprochen: Diese (Frauen) bedeuten zwei Testamente. Das eine vom Berg Sinai, das in die Synagoge der Juden zeugt gemäß dem Gesetz, in die Sklaverei, 24-Das ist bildlich gesprochen: Diese (Frauen) bedeuten zwei Bundesschlüsse, der eine vom Berg Sinai, der zur Sklaverei gebiert; das ist Hagar, 25 das andere zeugt hoch über jegliche Hoheit, Macht und Herrschaft und (über) jeden Namen, der nicht nur in dieser Weltzeit, sondern auch in der künftigen genannt wird, 25-doch Hagar steht für den Berg Sinai in Arabien, der aber das jetzige Jerusalem entspricht, denn es dient mit seinen Kin‐ dern als Sklaven, 26-in welche heilige Kirche wir uns begeben haben, die unsere Mutter ist. 26-doch das obere Jerusalem ist frei; das die Mutter von uns allen ist. Hier tritt auf der kanonischen Ebene eine neue Antithese anstelle der vorkano‐ nischen. Es dreht sich immer noch um Synagoge und Kirche, auch wenn Letztere nicht ausdrücklich mit Namen genannt wird, auch um Sklaverei und Freiheit, doch geht es jetzt um zwei Städte - „das jetzige Jerusalem“ und „das Jerusalem oben“. Was auf der kanonischen Ebene als christologische Aussage formuliert wird, beschreibt auf der vorkanonischen das Wesen der Kirche, nämlich eine Existenz jenseits aller Hoheit, aller religiösen (vgl. Lk 8,41, ein vorkanonisch unbezeugter Vers) oder weltlichen Autorität und politischen Herrschaft. Dem‐ gegenüber ist die kanonische Existenzweise mit dem Geborenwerden in das obere Jerusalem ausschließlich auf die Alternative zum irdischen Jerusalem §-8 Charakteristika von *Ap und *Ev. Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich 543 <?page no="544"?> 29 Vgl. M. Vinzent, Effectless Prophecy, Hatred between Shepherds and Elders, and Sacrifice to Beliar - The Great Despair of The Ascension of Isaiah (2021). 30 Lk 8,41: οὗτος ἄρχων τῆς συναγωγῆς ὑπῆρχεν. 31 Lk 18,18: Καὶ ἐπηρώτησέν τις αὐτὸν ἄρχων λέγων, Διδάσκαλε ἀγαθέ, τί ποιήσας ζωὴν αἰώνιον κληρονομήσω („Einer von den führenden Männern fragte ihn: Guter Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben? “). bezogen. Dass von diesem Jerusalem gesagt wird, es diene „mit seinen Kindern als Sklaven“, wird sich nicht nur auf die Versklavung durch das Gesetz beziehen, es wird auch nicht nur die Bildadaption der alttestamentlichen Hagar sein, sondern könnte auch die Tatsache reflektieren, dass in der Zeit nach 135 n. Chr. Juden nicht mehr die Macht über die eigene Stadt hatten, sondern aus ihrer eigenen Stadt verbannt waren und die Römer die eigentliche Herrschaft über Jerusalem übernommen hatten. Wie wir auch an der Hechalotliteratur ablesen können, entwickelte sich als Reaktion auf die jüdischen Kriege und die Okkupation Palästinas durch die Römer die sich ausbreitende Idee vom himmlischen Jerusalem und einem spirituellen Tempel. 29 Auf der kanonischen Ebene begegnet das Nomen in Lk 8,41 als Synagogen‐ vorsteher, 30 und zu vergleichen gilt: *Ev 12,11 Lk 12,11 ὅταν δὲ εἰσϕέρωσιν ὑμᾶς εἰς τὰς ἐξουσίας, μὴ προμεριμνᾶτε πῶς ἀπολογήσησθε ἢ τί εἴπητε ὅταν δὲ εἰσφέρωσιν ὑμᾶς ἐπὶ τὰς συναγωγὰς καὶ τὰς ἀρχὰς καὶ τὰς ἐξουσίας, μὴ μεριμνήσητε πῶς ἢ τί ἀπολογήσησθε ἢ τί εἴπητε: *Ev 12,11 Lk 12,11 Und wenn sie Euch vor die Machthaber führen, sorgt nicht im Voraus, wie ihr antworten sollt oder was ihr sprechen sollt. Und wenn sie Euch vor die Gerichte der Synagogen und vor die Herrscher und Machthaber führen, dann sorgt euch nicht, wie ihr euch verteidigen oder was ihr antworten oder was ihr sprechen sollt. Wie Tertullian bezeugt, spricht diese Stelle vorkanonisch lediglich von den Herrschaften, während die kanonische Redaktion unser Nomen wie in Lk 8,41 (/ / Mt 9,18; vgl. auch Joh 3,1) auch schon im Sinne der synagogalen Institution als Leitung einbringt. Ähnlich dürfte der Fall in Lk 18,18 liegen, auch wenn dort nicht angegeben wird, welche Art Leitung der fragende Mann hat - erneut fehlt diese Angabe in Tertullian und damit im ansonsten vorkanonisch bezeugten Vers. 31 544 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="545"?> 32 Joh 12,31: νῦν κρίσις ἐστὶν τοῦ κόσμου τούτου, νῦν ὁ ἄρχων τοῦ κόσμου τούτου ἐκβληθήσεται ἔξω („Jetzt wird Gericht gehalten über diese Welt; jetzt wird die Hoheit dieser Welt hinausgeworfen werden“); 14,30: οὐκέτι πολλὰ λαλήσω μεθ’ ὑμῶν, ἔρχεται γὰρ ὁ τοῦ κόσμου ἄρχων: καὶ ἐν ἐμοὶ οὐκ ἔχει οὐδέν („Ich werde nicht mehr viel zu euch sagen; denn es kommt die Hoheit der Welt. Über mich hat er keine Macht“); 16,11: περὶ δὲ κρίσεως, ὅτι ὁ ἄρχων τοῦ κόσμου τούτου κέκριται (“… des Gerichts, weil die Hoheit dieser Welt gerichtet ist“). Zu vergleichen ist auch der zwar unbezeugte, aber möglicherweise doch vorkanonisch vorhandene Vers: *Ev 20,20 Lk 20,20 Καὶ ἀποχωρήσαντες ἀπέστειλαν ἐγκαθέτους ὑποκρινομένους ἑαυτοὺς δικαίους εἶναι, ἵνα ἐπιλάβωνται αὐτοῦ λόγου ὥστε παραδοῦναι αὐτὸν τῷ ἡγεμόνι. Καὶ παρατηρήσαντες ἀπέστειλαν ἐγκαθέτους ὑποκρινομένους ἑαυτοὺς δικαίους εἶναι, ἵνα ἐπιλάβωνται αὐτοῦ λόγου, ὥστε παραδοῦναι αὐτὸν τῇ ἀρχῇ καὶ τῇ ἐξουσίᾳ τοῦ ἡγεμόνος. *Ev 20,20 Lk 20,20 Und sie gingen fort und schickten Spitzel, die sich selbst verstellten, als ob sie ehrlich seien, um ihn bei seiner Rede zu ertappen, so dass sie ihn dem Statthalter übergeben könnten. Daher lauerten sie ihm auf und schickten Spitzel, die sich selbst verstellten, als ob sie ehrlich seien, um ihn bei seiner Rede zu ertappen, so dass sie ihn der Hoheit und der Herrschaft des Statthalters übergeben. Die vorkanonisch bereits vorhandene Kombination „Hoheit und Herrschaft“ wird auf der kanonischen Ebene häufiger verwendet, wie zu ersehen ist, scheint aber nicht der Sprache von *Ev zu entsprechen (so wenig wie der des Mk, der das Nomen nur im zeitlichen Sinn kennt). Erneut finden wir einen Hinweis darauf, dass ein vorkanonisch für *Paulus spezifischer Sprachgebrauch erst auf der kanonischen Ebene Nachwirkungen hinterlässt. Nachdem er noch nicht in *Ev stand, scheint er in den Deuteropau‐ linen auch erst über die Parallelstellen hinaus durch die kanonische Redaktion dort eingetragen worden zu sein. Als „Hoheit/ Herrscher dieser Welt“ ist das Nomen bekannt in Joh 12,31; 14,30 und 16,11. 32 Auch der kanonische Paulus benutzt das Nomen, so in Röm 8,38-39: „38 Denn ich bin überzeugt, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Hoheiten (ἀρχαί), weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, 39 weder Hohes noch Tiefes noch irgendein anderes Geschöpf uns wird scheiden können von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.“ §-8 Charakteristika von *Ap und *Ev. Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich 545 <?page no="546"?> 33 Vgl. S.-498. 34 Jud 1,6: ἀγγέλους τε τοὺς μὴ τηρήσαντας τὴν ἑαυτῶν ἀρχὴν ἀλλὰ ἀπολιπόντας τὸ ἴδιον οἰκητήριον εἰς κρίσιν μεγάλης ἡμέρας δεσμοῖς ἀϊδίοις ὑπὸ ζόφον τετήρηκεν. Ähnlich liest man die Kombination von „Hoheit und Herrschaft“ wieder in 1Kor 15,24, einem unbezeugten, vielleicht aber vorkanonisch vorhandenen Vers, während die Verse 21-22 davor und Vers 25 vorkanonisch bezeugt sind: „dann das Ende, wenn er jede Hoheit, Herrschaft und Kraft entmachtet hat und seine Herrschaft Gott, dem Vater, übergibt.“ Man vergleiche eine Stelle, die wir bereits weiter oben angeführt hatten: 33 *Laod 6,12 Eph 6,12 Denn unser Kampf richtet sich gegen die Mächte, gegen die Weltherrscher dieser Finsternis, gegen die geistli‐ chen Mächte der Bosheit in den himmlischen Regionen. Denn unser Kampf richtet sich nicht gegen Fleisch und Blut, sondern gegen die Mächte, gegen die Gewalten, gegen die Weltherrscher dieser Finsternis, gegen die geistlichen Mächte der Bosheit in den himmlischen Regionen. Dieser Vergleichsvers unterstreicht, dass die vorkanonische Version wenig an der physischen Herrschaft, sondern vielmehr am Kampf gegen die spirituellen kosmischen Kräfte interessiert ist, während die kanonische Redaktion vom Kampf „gegen Menschen aus Fleisch und Blut“ spricht und die Hoheiten in diesen Bereich einordnet. Um diese geht es auch mit der bekannten hier zwei Mal benutzten Formel von „Hoheiten und Herrschaften“ in Kol 2,10. 15: „10 und ihr seid in ihm zur Fülle gebracht, der das Haupt jeder Herrschaft (ἀρχῆς) und Gewalt ist. … 15 Er hat die Mächte und Gewalten entwaffnet und sie öffentlich zur Schau gestellt, indem er in ihm über sie triumphierte.“ Auch in Tit 3,1 geht es mit derselben Formel um die realen Hoheiten: „Erinnere sie daran, sich den Hoheiten (ἀρχαῖς) und Herrschaften unterzuordnen und ihnen zu gehorchen und zu jedem guten Werk bereit zu sein.“ Im Praxapostolos ist „Hoheit“ an einer Stelle bekannt als engelhafte Macht, das Nomen wird aber ansonsten nur im zeitlichen Sinn gebraucht. 34 Hingegen kennt die Apk 1,5 die Hoheit Christi: „… und von Jesus Christus; er ist der treue Zeuge, der Erstgeborene der Toten, die Hoheit (ἄρχων) über die Könige der Erde. Ihm, der uns liebt und uns von unseren Sünden erlöst hat durch sein Blut.“ Die Durchsicht der Stellen lässt erkennen, dass ein vorkanonisch gebrauchter Begriff und sogar eine Formulierung in *Paulus, die semantisch geistige Mächte bezeichnet, auf kanonischer Ebene zu einer öfter wiederholten Formel erstarren, 546 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="547"?> 35 Bemerke die Korrektur zur Konkordanz im Appendix der Einleitung. allerdings mit einer semantischen Verschiebung hin zu den Realkräften dieser Welt, ähnlich wie die kanonische Redaktion bereits beim ersten Auftreten in *Gal die spiritualisierte Lesart verändert. Dass im gesamten Praxapostolos nicht die Formel begegnet und das Nomen mit einer Ausnahme - Jud, hier aber im spirituellen Sinn - eine andere Semantik als sonst auf dieser kanonischen Ebene aufweist, spricht dafür, dass dieser Textkomplex auf einen eigenen älteren Bestand zurückgeht, der dann kanonisch aufgenommen wurde, ohne dass es hier zu einer vollständigen Harmonisierung gekommen war, zumindest nicht, was den vorliegenden Begriff betrifft. Mit Blick auf die vorkanonische Ebene bestätigt sich der Befund, dass mit diesem Terminus ein eigenständiges Sprachelement des *Paulus vorliegt, das vermutlich aus einer Vorlage für die vorkanonische Redaktion stammt. Wechseln wir die Perspektive und gehen über zu *Ev: ἀπέρχομαι steht über 100 Mal in der kanonischen Sammlung. 35 Vorkanonisch bezeugt ist das Verb für *Ev 5,14; 22,7, für *Paulus ist es unbezeugt, und überhaupt findet sich das Verb auf der kanonischen Ebene nur zwei Mal belegt für Paulus: Gal 1,17 - wo im parallelen, wenn auch unbezeugten, Vers *Gal 1,17 vermutlich das verbum simplex stand; Röm 15,28, in einem Vers, der in der vorkanonischen Sammlung gefehlt hat. Für *Ev 5,14 vergleiche man: *Ev 5,14 Lk 5,14 καὶ αὐτὸς παρήγγειλεν αὐτῷ μηδενὶ εἰπεῖν, ἀλλὰ ἄπελθε, δεῖξον σεαυτὸν τῷ ἱερεῖ, καὶ προσένεγκε τὸ δῶρον ὃ προσέταξεν Μωϋσῆς, ἵνα εἰς μαρτύριον ᾖ τοῦτο ὑμῖν. καὶ αὐτὸς παρήγγειλεν αὐτῷ μηδενὶ εἰπεῖν, ἀλλὰ ἀπελθὼν δεῖξον σεαυτὸν τῷ ἱερεῖ, καὶ προσένεγκε περὶ τοῦ καθαρισμοῦ σου καθὼς προσέταξεν Μωϋσῆς, εἰς μαρτύριον αὐτοῖς. *Ev 5,14 Lk 5,14 Und er trug ihm auf, niemandem etwas zu sagen; vielmehr: „Geh weg! Zeige dich dem Priester und bring die Gabe dar, die Mose aufgetragen hat, damit dies für euch zum Zeugnis ist! “ Und er trug ihm auf, niemandem etwas zu sagen, sondern, indem er wegging: zeige dich dem Priester und bring das Reini‐ gungsopfer dar, wie es Mose angeordnet hat, zum Zeugnis für sie! Die kanonische Redaktion hat Eingriffe in diesem Vers vorgenommen. Was das Verb betrifft, wurde die Aufforderung in ein Partizip Aorist verändert, womit das §-8 Charakteristika von *Ap und *Ev. Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich 547 <?page no="548"?> 36 F. Bovon, Das Evangelium nach Lukas Teilband 1: Lk 1,1---9,50 (1989), 241. 37 Auf den stehengebliebenen falschen Rückverweis von Lk 4,23 wurde bereits verwiesen, vgl. M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 160. Der Erklärungsversuch, dies auf eine „komplizierte rhetorische Gestaltung“ zurückzu‐ führen, die „fiktiv auf eine Situation“ in der Zukunft verweist, erscheint mir schwieriger als der Vorschlag von früheren Auslegern wie Klostermann, Johnson und jetzt auch Klinghardt, die von einer „Unachtsamkeit bei der Umstellung“ der Kapharnaum- und Nazarethperikope ausgehen, vgl. mit Lit. M. Wolter, Das Lukasevangelium (2008), 196. Subjekt im Satz geändert wurde. Denn vorkanonisch sollte der geheilte Aussät‐ zige weggehen, auf der kanonischen Ebene spricht Jesus, indem er wegging. Der Unterschied liegt darin, dass vorkanonisch die Distanz zwischen dem heilenden Jesus und dem Geheilten, der der jüdischen Seite zugerechnet wird (darum auch am Ende das „für euch“), darum also auch die Distanz zwischen Jesus und der jüdischen Seite, auf der kanonischen Ebene verringert wird. Folglich ändert die Redaktion auch das die Gegenüberstellung betonende vorkanonische „für euch“ in ein „für sie“, auch wenn Letzteres wegen der Bezugslosigkeit im Kontext in der Luft hängt und, wie Bovon zugesteht, „bekanntlich schwer zu verstehen“ ist. 36 Nicht nur an dieser Stelle erkennt man die oft wenig sorgsame Redaktionsarbeit am Text, die ein Charakteristikum der kanonischen Redaktion darstellt. 37 Auch für *Ev 22,8 ist das Verb bezeugt, man vergleiche: *Ev 22,8 Lk 22,8 καὶ ἀπέστειλεν δύο τῶν μαθητῶν αὐτοῦ εἰπών, Ἀπελθόντες ἑτοιμάσατε ἵνα ϕάγωμεν τὸ πάσχα. καὶ ἀπέστειλεν Πέτρον καὶ Ἰωάννην εἰπών, Πορευθέντες ἑτοιμάσατε ἡμῖν τὸ πάσχα ἵνα φάγωμεν. *Ev 22,8 Lk 22,8 Und er sandte zwei seiner Jünger und sprach: „Geht weg und trefft Vorberei‐ tungen, damit wir das Passa essen! “ Jesus sandte Petrus und Johannes aus und sprach: Geht voran und bereitet das Pa‐ schamahl für uns vor, damit wir es essen! “ Der erste Teil des Verses ist zwar nicht vorkanonisch bezeugt, doch Klinghardt hat gute Argumente vorgebracht, wonach die verschiedene Bezeugung am ehesten für eine namenlose Anführung zweier Jünger hier spricht, die dann im Zuge der kanonischen Redaktion mit Petrus und Johannes identifiziert wurden, wobei er gerade auf die Parallele in Apg hinweist, in denen diese beiden öfter als Paar auftauchen (Apg 3,1-11; 4,13. 19; 8,14). 38 Wie zuvor dargelegt, besteht ein Charakteristikum der kanonischen Redaktion darin, Sachverhalte 548 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="549"?> 38 Vgl. M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 1153. 39 Nicht zu der vorliegenden Stelle, aber etwa vermerkt von Klinghardt zu *Ev 6,6, vgl. Ibid. 609. Als Beispiel aus *Paulus / Paulus könnte man auch auf *Röm 12,9 und andere Stellen verweisen, wie oben vermerkt, vgl. S.-712-713. und Positionen zu emphatisieren bzw. zu verschärfen. 39 Hierin spiegelt sich überhaupt eine Tendenz, gerade in der zweiten kanonischen Redaktion bei der Einbeziehung des Praxapostolos und der Pastoralbriefe, solche Konkretisie‐ rungen vorzunehmen. Für den vorliegenden Zusammenhang ist außerdem von Belang, dass das Verb ἀπέρχομαι durch die kanonische Redaktion ersetzt wird mit πορεύομαι, was sicher die Autorität der beiden mit Namen genannten, Petrus und Johannes, stärkte, dass sie zu Vorboten und Wegbereitern des Paschamahls werden. Die Bedeutung wird noch größer, wenn man betrachtet, dass das Verb ἀπέρχομαι auf der kanonischen Ebene durchaus beliebt ist, auch wenn es trotz zweimaliger Bezeugung in *Ev dann in *Paulus gar nicht bezeugt ist und folglich auch nur an zwei Stellen - eine, die sicher von *Paulus abwesend ist, Röm 15,28, und eine, die hochwahrscheinlich vorkanonisch gefehlt hat, Gal 1,17 - in Paulus Eingang fand. Dieser Befund unterstreicht, dass es nicht nur unsere Zeugen sind, die eventuell Verse mit diesem Verb übergangen hätten, sondern dass das Verb tatsächlich auch nicht im vorkanonischen *Paulus stand. Desto wichtiger ist, dass es zu finden ist in einem der beiden letzten Kapitel des Römerbriefes. Es ist eben ein Verb der zweiten kanonischen Redaktion, welches auf der Stufe des Praxapostels zu finden ist. Während es nämlich etwa bei den Deuteropaulinen völlig fehlt, steht es gleich sechs Mal in Apg, dann auch in Jak und Jud und acht Mal in Apk. Mit dem Fehlen des Verbs in *Paulus erweist sich das Verb als ein Hinweis darauf, dass auch *Ev eine gewisse eigenständige Lexik besitzt, die am ehesten auf eine Vorlage hindeutet, da ein sonst so häufiger Begriff kaum vom Korpus des vorkanonischen *Paulus inklusive der *Deuteropaulinen abwesend sein würde. Doch bewegen wir uns noch auf einer hypothetischen Basis, darum folgen noch Betrachtungen weiterer Begriffe. ἀποστέλλω steht 127 Mal im Neuen Testament, ist aber für *Paulus unbezeugt, steht jedoch drei Mal in *Ev. Das erste Mal begegnet das Verb in *Ev 7,27: „Der ist es, über den ge‐ schrieben steht: Siehe, ich sende meinen Boten vor deinem Angesicht, der dir den Weg bereiten wird.“ 40 Während die kanonische Redaktion einige kleinere Änderungen in Lk 7,27 vorgenommen hat, ist der Vers jedoch weithin §-8 Charakteristika von *Ap und *Ev. Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich 549 <?page no="550"?> 40 *Ev 7,27: αὐτός ἐστιν περὶ οὗ γέγραπται, Ἰδοὺ ἀποστέλλω τὸν ἄγγελόν μου πρὸ προσώπου σου, ὃς κατασκευάσει τὴν ὁδόν σου. 41 Für einen detaillierten Vergleich vgl. M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 676-677. 42 *Ev 14,17 (/ / Lk 14,17): καὶ ἀπέστειλεν τὸν δοῦλον αὐτοῦ τῇ ὥρᾳ τοῦ δείπνου εἰπεῖν τοῖς κεκλημένοις, ῎Ερχεσθε, ὅτι ἤδη ἕτοιμά ἐστιν. 43 *Ev 24,50: Ἐξήγαγεν δὲ αὐτοὺς ἔξω πρὸς Βηθανίαν, καὶ ἐπάρας τὰς χεῖρας αὐτοῦ εὐλόγησεν αὐτούς. καὶ αὐτὸς ἀπέστειλεν τοὺς ἀποστόλους εἰς τὸ κηρυχθῆναι πᾶσιν τοῖς ἔθνεσιν. 44 Vgl. Jes 52,7 LXX: ὡς ὥρα ἐπὶ τῶν ὀρέων, ὡς πόδες εὐαγγελιζομένου ἀκοὴν εἰρήνης, ὡς εὐαγγελιζόμενος ἀγαθά („Wie willkommen sind auf den Bergen / die Schritte des Freudenboten, der Frieden ankündigt, / der eine frohe Botschaft bringt und Heil verheißt“). übernommen, der sich auch mit wenigen Abwandlungen in Mk 1,2 und Mt 11,10 findet. 41 Die nächste Bezeugung ist *Ev 14,17 (/ / Lk 14,17): „Und er schickte seinen Sklaven zur Stunde des Mahls und ließ ihn zu den Eingeladenen sagen: Kommt, denn es ist schon angerichtet! “ 42 Eine dritte Bezeugung findet sich in *Ev 24,50: „Er führte sie hinaus nach Bethanien. Und er erhob seine Hände und segnete sie. Und er sandte die Abgesandten aus, um allen Heidenvölkern zu verkündigen.“ 43 Beim Vergleich der drei Stellen fällt als Gemeinsamkeit auf, dass das Verb jeweils ein Aussenden zur Vorbereitung einer künftigen Handlung oder eines künftigen Geschehens bezeichnet. Die Ausgesandten jedoch unterscheiden sich an allen drei Stellen, einmal ist es Johannes, einmal ein Sklave und am Ende sind es die Apostel. Das Verb ist folglich noch nicht eingegrenzt auf den Apostelbegriff, wie gerade die Doppelung von Aussenden und Ausgesandten (Aposteln) am Ende erweist. Das ändert sich auf der kanonischen Ebene, wo die Benutzung des Begriffs multipliziert wird - alleine in Lk steht das Verb 22 Mal an Stellen, die in *Ev fehlen oder unbezeugt sind. Bei *Paulus ist das Verb unbezeugt, doch die schwache Bezeugung im kanonischen Paulus (Röm 10,15; 1Kor 1,17; 2Kor 12,17) unterstreicht wie bei dem zuvor betrachteten Begriff, dass das Verb tatsächlich auf vorkanonischer Ebene in *Paulus abwesend war und wiederum relativ spärlich in Paulus eingetragen wurde. Es begegnet in Röm 10,15, einer Passage, die in *Röm höchstwahrscheinlich fehlt: „Und wie sollen sie verkündigen, wenn sie nicht gesandt werden (ἀποσταλῶσιν)? Wie geschrieben steht: Wie lieblich sind die Füße derer, die Gutes verkündigen! “ 44 Hier wird die in *Ev 24,50 sich anbahnende Verbindung zwischen Verkündi‐ gung und Abgesandtsein fortentwickelt und - antimarkionitisch - mit einem 550 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="551"?> 45 Vgl. auch Apg 3,26. 46 Vgl. Ex 2,14 LXX: ὁ δὲ εἶπεν Τίς σε κατέστησεν ἄρχοντα καὶ δικαστὴν ἐφ᾽ ἡμῶν;-… Zitat aus dem Propheten Jesaja begründet. Ebenfalls verknüpft mit Verkündi‐ gung begegnet das Verb in 1Kor 1,17, einem unbezeugten Vers, während der darauffolgende Vers vorkanonisch bezeugt ist: „Christus hat mich nämlich nicht gesandt (ἀπέστειλεν) zu taufen, sondern das Evangelium zu verkünden, nicht in der Weisheit des Wortes, damit das Kreuz Christi nicht entlehrt wird.“ Schließlich steht es in 2Kor 12,17 mit Blick auf seinen Mitarbeiter Titus: „Habe ich etwa jemanden von denen, die ich zu euch gesandt habe (ἀπέσταλκα), durch ihn übervorteilt? “ Aus allen drei Stellen ist zu entnehmen, dass es um Autorisierung, insbeson‐ dere für die Verkündigung geht. Doch wieder begegnet das Phänomen, dass sich das Verb weder vorkanonisch bei *Paulus noch in den Deuteropaulinen findet, dann aber 24 Mal in der Apostelgeschichte, vier Mal in den Katholischen Briefen (1Petr; 1Joh) und drei Mal in der Apokalypse, wir haben es also erneut mit einer Begrifflichkeit zu tun, die erst durch die zweite kanonische Redaktion im Zusammenhang in die Texte aufgenommen wurde. Man braucht nur 1Petr 1,12 zu lesen, um die enge Verbindung von Verkün‐ digung und Abgesandtsein auf dieser Ebene vor Augen zu haben: „Ihnen wurde offenbart, dass sie damit nicht sich selbst, sondern euch dienten; und jetzt ist euch dies alles von denen verkündet worden, die euch in der Kraft des vom Himmel gesandten (ἀποστείλῃ) Heiligen Geistes das Evangelium gebracht haben. Das alles zu sehen ist sogar das Verlangen der Engel.“ In 2Tim 4,12 ist Tychikus der von Paulus Gesandte. Nach Apg 3,20 ist Jesus der von Gott gesandte Christus, 45 nach Apg 7,34-35 ist Mose der von Gott Gesandte: „34 Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen und seine Klage gehört. Ich bin herabgestiegen, um sie zu retten. Und jetzt geh, ich sende dich nach Ägypten. 35 Diesen Mose, den sie verleugnet hatten mit den Worten: Wer hat dich zum Anführer und Schiedsrichter bestellt? , ihn hat Gott als Anführer und Befreier gesandt (ἀπέσταλκεν) durch die Hand des Engels, der ihm im Dornbusch erschien.“ 46 Die Absendung wird durch Schriftzitate, hier aus Ex 2,14, zum Autoritätserweis. Wie in Lk 7,27 wird nach Apg 8,14 „Petrus und Johannes“ von den Aposteln nach Samarien gesandt. Hananias ist von Jesus „gesandt“, dem Saulus die Hand aufzulegen (Apg 9,17). Auch der Geist sendet (Apg 10,20), Judas und Silas werden abgesandt (Apg 15,27) usw. Mit der Sendung des Engels eröffnet die Apk 1,1. Ohne hier alle Belege vorzuführen wird bereits deutlich, dass das Senden, gerade mit Blick auf Verkündigung, Offenbarung und Autorität der Gesandten §-8 Charakteristika von *Ap und *Ev. Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich 551 <?page no="552"?> eine zentrale Stellung innerhalb der zweiten kanonischen Redaktion erhält, und zwar gerade durch die Hinzunahme des Praxapostolos, auch der Pastoralbriefe, Hebr und Apk. Es wäre ein eigenes Forschungsdesiderat, die hier nur beispielhaft angeführte Untersuchung fortzusetzen, doch für die vorliegende Einführung sollen die Bei‐ spiele genügen. Sie zeigen, dass *Ev nicht anders als *Paulus auf Quellmaterial, und, wie nahegelegt, auf bereits existierende schriftliche Vorlagen zurückgreift. Die eigene Lexik der Quellen scheint hier und da noch durch, auch wenn, wie zuvor wiederholt festgestellt wurde, das vorkanonische *Neue Testament insgesamt über ein hohes Maß an lexikalischer, semantischer und inhaltlicher Übereinstimmung aufweist, die durch die vorkanonische Redaktion geprägt ist. 552 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="553"?> 1 Vgl. hierzu weiter unten mehr. §-9 Weitere Charakteristika der kanonischen Redaktion insgesamt Hier sollen noch einige weitere Charakteristika der kanonischen Redaktion hinzugefügt werden, die über die Lexik hinausgehen und nicht nur Unterschiede zwischen der 14-Briefe-Sammlung und der *10-Briefe-Sammlung betreffen, wenn auch auf diese der Schwerpunkt gelegt wird. 1 In der folgenden Liste von Charakteristika ist die Apg gesondert mit hinzugenommen (zu ergänzen wären künftig auch der Rest des Praxapostolos, nämlich die Katholischen Briefe, dann auch die Apk, und zu detaillieren wäre innerhalb der vorkanonischen Sammlung zwischen den sieben Briefen und den Deuteropaulinen): Charakteristikum *Paulus Paulus Apg Persönliches Netz‐ werk Gering Wiederholt, detail‐ liert Wiederholt, detail‐ liert Gruppe der Apostel Gering Wiederholt, detail‐ liert Wiederholt, detail‐ liert Politische Verbin‐ dungen Gering Wiederholt, detail‐ liert Wiederholt, detail‐ liert Auseinandersetzung Christentum - Ju‐ dentum Gering Explizit Explizit, apologetisch Hinweise auf andere Texte Gering Wiederholt Gering Familienverhältnisse des Paulus Gering Wiederholt, detail‐ liert Gering Autobiographische Details Gering Wiederholt, detail‐ liert Wiederholt, detail‐ liert Reisebeschreibungen Gering Wiederholt, detail‐ liert Wiederholt, detail‐ liert Geographische Be‐ züge Gering Wiederholt, detail‐ liert Wiederholt, detail‐ liert Chronologische Be‐ züge Gering Wiederholt, detail‐ liert Wiederholt, detail‐ liert Wunder der Apostel Gering Wiederholt Wiederholt, detail‐ liert <?page no="554"?> Emphase, Verstär‐ kung Gering Wiederholt, detail‐ liert Wiederholt, detail‐ liert Dramatisierung Gering Wiederholt, implizit Wiederholt, implizit Theatralik Gering Wiederholt, implizit Wiederholt implizit Autorschaftsbezeu‐ gung Keine Wiederholt, detail‐ liert Gering Fundraising Gering Wiederholt, detail‐ liert Gering Finanzielle Unabhän‐ gigkeit Gering Wiederholt, detail‐ liert Wiederholt Traditionsbetonung Gering Wiederholt, formel‐ haft Ausdrücklich, im‐ plizit Athletische Bilder Gering Wiederholt, detail‐ liert Wiederholt, detail‐ liert Askese Wiederholt Gering Gering Apostel als Vorbilder Nur Paulus V.a. Petrus, Johannes, Jakobus, die Zwölf V.a. Petrus, Johannes, Jaobus, die Zwölf Stoische Philosophie Gering Wiederholt, implizit Wiederholt, implizit Ehre/ Schande Tropoi Gering Wiederholt, nach‐ drücklich Wiederholt, nach‐ drücklich Tugendkataloge Gering Wiederholt, nach‐ drücklich Wiederholt, nach‐ drücklich Vergleiche/ Parallelen Gering Häufig, detailliert Häufig, apologetisch Wörter mit Präfix συ- Gelegentlich Häufig Häufig Doxologische, liturgi‐ sche Sprache Gelegentlich Häufig Häufig Rhetorik Gelegentlich Häufig Häufig Verweise auf die jüdi‐ sche Schrift Gelegentlich Häufig, LXX Katenen Häufig, LXX Katenen Duplikationen Selten Häufig Selten Inkonsistenzen Selten Häufig Selten Die Liste selbst führt bereits ein deutlich unterschiedliches Profil der beiden Ebenen vor Augen. Viele der Elemente haben sich bereits aus den zuvor 554 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="555"?> 2 Vgl. M. Vinzent, Von Paulus zu Saulus. Zwei Paulusbriefsammlungen im 2. Jh. (2025). 3 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 546. 4 Ibid. 557. 5 Ibid. angestellten Beobachtungen ergeben, weitere muss die künftige Forschung explizieren. Eine Einführung wie diese kann nur einen ersten Einblick geben. In der Einführung zur englischen Übersetzung wird sie ergänzt mit dem geographischen Netzwerk der beiden paulinischen Versionen, in einer geson‐ derten Publikation zu *Paulus/ Paulus wird das Personen-Netzwerk im Vergleich vorgestellt. 2 Im Folgenden sollen nur einige wenige der hier gelisteten Punkte beleuchtet werden. a. Emphase und Verstärkung Verschiedenste Elemente zeigen die emphatische Natur der kanonischen Redak‐ tion. Ihr dient etwa die verschiedene, das Argument verstärkende Bezugnahme zur jüdischen Schrift, einzelne Zufügungen, manchmal Duplikationen, narrative Ergänzungen und Details usw., auf die für *Ev z.T. bereits Klinghardt hinge‐ wiesen hat. Zu Lk 4,25-27 vermerkt Klinghardt, „dass Lk das ganz analoge Beispiel von der Witwe im phönizischen Sarepta aus 1Kön 17,7-24 sucht, findet und als Verstärkung dazustellt.“ 3 Bezüglich des „Syntagmas βασιλείαν τοῦ θεοῦ + Verb des Verkündigens ist diese Akzentuierung in der Tat zu beobachten,“ die eine „Weiterentwicklung und Verstärkung“ der vorkanonischen Vorlage bedeutet. 4 Die „Ersetzung von ἀπαγγελίσασθαι durch εὐαγγελίσασθαι erweist“ sich als Verdeutlichung, „Jesus zum Urheber des Evangeliums zu machen, dessen zentralter Inhalt er selbst ist.“ 5 Die „Einleitung der kanonischen Fassung des Bildwortes [Lk] 5,36a ἔλεγεν δὲ καὶ παραβολὴν πρὸς αὐτοὺς ὅτι ist für *Ev unbezeugt. Vergleichbare Einleitungen gibt es als lk Eigentümlichkeiten noch öfter: 6,39: εἶπεν δὲ καὶ παραβολὴν αὐτοῖς. 12,16: εἶπεν δὲ παραβολὴν πρὸς αὐτοὺς λέγων. 13,6: ἔλεγεν δὲ ταύτην τὴν παραβολήν. 14,7: ἔλεγεν δὲ πρὸς τοὺς κεκλημένους παραβολήν-… λέγων πρὸς αὐτούς. 15,3: εἶπεν δὲ πρὸς αὐτοὺς τὴν παραβολὴν ταύτην λέγων. 21,29: καὶ εἶπεν παραβολὴν αὐτοῖς. §-9 Weitere Charakteristika der kanonischen Redaktion insgesamt 555 <?page no="556"?> 6 Ibid. 590-591. 7 Ibid. 639. 8 Ibid. 642. 9 Ibid. 645. 10 Ibid. 1214. 11 Ibid. 1229. 12 Ibid. 655. 13 Ibid. 754. 14 Ibid. 771-772. … Die genannten Einleitungen zu den Gleichnissen bzw. Bildworten sind daher typisch für die lk Redaktion. Auch wenn dies nicht bedeutet, dass sie in allen Fällen zwingend in *Ev gefehlt haben müssen, spricht doch vieles dafür, dass die lk Redaktion die Kontextverklammerungen der Gleichnisse entweder eingefügt oder doch zumindest verstärkt hat.“ 6 Angesichts von Lk 6,30b lässt sich feststellen, dass „Lk die Besitzethik … redaktionell“ herausarbeitet (zu erkennen an Lk 3,10-14) „und in dieser Ausfor‐ mung der Besitzethik einen redaktionellen Schwerpunkt gesetzt“ hat, der die deutliche Ausprägung in *Ev noch intensiviert. 7 Zu Lk 6,34b heißt es: „Die unbezeugte (auch in EvThom 95 fehlende) Aussage von V. 34b geht … davon aus, dass man denen borgen soll, von denen man nicht erwarten kann, das Geborgte zurückzuerhalten - das ist gegenüber dem Zinsverbot eine deutliche Steigerung.“ 8 Obwohl die narrative Kohärenz der kanonischen Ebene manchmal zu wünschen übrig lässt - vermerkt unter dem Punkt Inkonsistenz, auf die bereits verwiesen wurde, bemüht sie sich bisweilen dennoch, eine solche zu verdeutlichen, wie man etwa Lk 6,39a an der Einleitung ersehen kann. „Die lk Redaktion macht aus den drei relativ unverbunden nebeneinander stehenden Sentenzen und Bildworten eine »Gleichnisrede.«“ 9 Das gilt auch für Lk 23,8b 10 und Lk 23,28 (welche die Verknüpfung mit Lk 19,41 hervorhebt). 11 Bei Lk 7,7a hat „der vorkanonische Text … dem Centurio hier eine soziale Selbst‐ einschätzung in den Mund gelegt, die erst durch das Votum der Ältesten mit dem Hinweis auf den Bau der Synagoge den religiösen Aspekt der Würdigkeit erhält,“ also auch hier erfolgt erst auf der redaktionellen Ebene der Nachdruck. 12 In Lk 9,23 steht über *Ev hinausgehend ein emphatisierendes καθ‘ ἡμέραν. 13 Auch die längere Fassung von Lk 9,45 gegenüber *Ev ist eine Stärkung der Aussage. 14 556 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="557"?> 15 Ibid. 855. 16 Ibid. 940. 17 Ibid. 941. 18 Ibid. 1059. 19 Ibid. 1123. 20 Ibid. 1076. 21 Ibid. 1088. 22 Ibid. 1150. 23 Ibid. 1200. Im Vaterunser fügt die lk Fassung der Brotbitte Lk 11,3 τὸ καθʼ ἡμέραν hinzu, womit „der iterative Sinn“ eingeführt wird, so dass das Brot „Tag für Tag erbeten“ wird, was eine markante Intensivierung der Aussage darstellt. 15 Lk 13,10 steht anstelle des Singulars der Plural „ἐν τοῖς σάββασιν im Mehrheits‐ text,“ der den Aspekt unterstreicht, „der auch durch die Coniugatio periphrastica (ἦν δὲ διδάσκων) hervorgehoben wird, dass nämlich Jesus immer (noch) am Sabbat in den Synagogen lehrte.“ 16 Erneut begegnen wir einer Hervorhebung. Bezüglich Lk 13,16 stellt Klinghardt fest, dass Lk „das Konzept der Abrahams‐ kindschaft nicht ‚erfunden‘, sondern es aufgegriffen und ausgebaut hat.“ 17 *Ev 18,30: „In diesem Fall ist das ursprüngliche ‚siebenfach‘ in *Ev zunächst durch Mk (und in seiner Folge durch Mt) in ‚hundertfach‘ gesteigert worden, die lk Redaktion hat die abweichenden Formulierungen seiner Prätexte - ‚siebenfach‘ in *Ev, ‚hundertfach‘ in Mk und Mt - vereinheitlicht (‚vielfach‘).“ 18 Lk 18,39 wird der Bittruf, anders als im *Ev, wiederholt und damit die Aussage emphatisch gesteigert. 19 „Lk 19,25 ist ein Zusatz der lk Redaktion, der die Pointe von *19,26 (wer hat, dem wird gegeben werden) vorbereitet und verstärkt.“ 20 Lk 19,47f. gilt, dass „die lk Redaktion … Einfügungen“ vornimmt, die „die schrittweise Annäherung Jesu an Jerusalem bzw. an den Tempel sehr deutlich verstärkt … die Erzählzeit gegenüber der erzählten Zeit zu[nehmen lässt], die Etappen werden immer kürzer,“ und das Geschehen wirkt immer dramatischer. 21 Lk 22,3 (wie Mt 4,3. 6) untermauert „die Beweiskraft“ durch den Schriftbezug und „die rahmenden Referenzen auf die eigene, kanonische Schriftgrundlage“, die zugleich „die genaue Differenzierung zwischen der kanonischen und der marcionitischen Schriftgrundlage“ herausstellt. 22 *Ev 22,70 wird von der lk Redaktion gesagt, dass sie „die Sinnrichtung von *Ev an dieser Stelle nicht verändert, sondern nur verstärkt“ hat. 23 §-9 Weitere Charakteristika der kanonischen Redaktion insgesamt 557 <?page no="558"?> 24 Ibid. 1224. 25 Ibid. 1222. 26 Ibid. 1241. 27 Ibid. 1248. 28 Ibid. 1252. 29 Ibid. 1279. 30 Ibid. 1285. *Ev 23,13ff zerlegen Mk und Mt „die Geminatio des Kreuzigungsrufs-… in zwei Einzelsätze“ „als Ausdruck der Steigerung.“ 24 *Ev 23,22-25 steigert die „lk Redaktion … den Gegensatz zwischen Barrabas und Jesus noch.“ 25 *Ev 23,36 intensiviert Mk 15,23 die Narration, indem er vorträgt, dass „die Soldaten tatsächlich einen besonders guten Wein anbieten.“ 26 Bezüglich *Ev 23,48 gilt, dass Lk den Gedanken, dass Jerusalems „Verwüstung nahe ist“ „an anderen Stellen deutlich“ unterstreicht. 27 Lk 23,52 betrifft „die Charakterisierung Josephs, die Lk durch seine redaktio‐ nellen Zusätze an *Ev profilierte“, denn sie „passen durchweg zu seiner auch sonst zu beobachtenden theologischen Intention. So hat der Hinweis, dass Joseph »die Herrschaft Gottes erwartete« (23,51: ὃς προσεδέχετο τὴν βασιλείαν τοῦ θεοῦ), Entsprechungen in weiteren redaktionellen Texten: Lk 2,25 wird Analoges von Simon gesagt, der ebenfalls »gerecht und fromm war und die παράκλησις τοῦ Ἰσραήλ erwartete.« In Lk 2,38 spricht Hanna zu πᾶσιν τοῖς προσδεχομένοις λύτρωσιν Ἰερουσαλήμ. Hier und in *24,21 wird durch diese Herrschaftserwartung eine spezifisch jüdische Hoffnung ausgedrückt. Lk 23,51 hat sie aus Mk übernommen.“ Diese Profilierung gilt auch für „die entsprechende Erwartung der ‚Emmausjünger‘, Jesus sei ὁ μέλλων λυτροῦσθαι τὸν Ἰσραήλ, bereits für *Ev bezeugt … (s. zu *24,21; Tert. 4,43,3): Lk hat dieses Element also bereits in *Ev vorgefunden, es dann aber durch die redaktionellen Zusätzen“ verschärft. 28 Zu *Ev 24,13 finden sich, wie auch zu anderen Stellen, wiederholte „Aktualisie‐ rungen der Zeitangaben“, die „ein wichtiges - aber offensichtlich redaktionell verstärktes - Element darstellen.“ 29 Bei der Bearbeitung von *Ev 24,21 führt die lk Redaktion eine „überladene Erweiterung der Datierung“ ein, sie präzisiert „erheblich“. 30 Lk 24,24 hebt die lk Redaktion „sehr deutlich hervor“, „dass der Glaube an die Auferstehung nicht schon durch das Nicht-Sehen des Leichnams im leeren 558 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="559"?> 31 Ibid. 1285-1286. 32 Ibid. 1289. 33 Ibid. 600. 34 Ibid. 1018. 35 Ibid. 756. Grab, sondern erst das Sehen des Auferstandenen begründet wird. Dieses Element könnte eine Weiterführung der synoptischen Parallelen Mk 16,1-8 || Mt 28,1-8 (die Frauen sehen das leere Grab und den jungen Mann, aber nicht den Auferstandenen) sowie Mt 28,9f (Erscheinung des Auferstandenen vor den Frauen) sein bzw. auf die Tradition vom Diebstahl des Leichnams (Mt 28,11-15) reagieren: Das Nicht-Sehen des Leichnams erzeugt keinen Glauben. Dass dieses Element von den beiden Jüngern betont wird, die gerade mit dem Auferstandenen sprechen, ist natürlich eine besondere Verstärkung der Ironie, die schon die vorkanonische Erzählung ausgezeichnet hat.“ 31 Lk 24,30 werden durch die Einfügung des Artikels „vor ἄρτον und das Partizip κλάσας vor ἐπεδίδου αὐτοῖς,“ also durch relativ kleine „Zusätze“ der „Anklang an die eucharistische Terminologie“ verdeutlicht. 32 Was bislang als Merkmal der lk Redaktion bezeichnet wurde, wird jedoch auch für Mk festgestellt. Anlässlich der Parallele zu *Ev 6,1-5, ein Text, der weithin von Mk 2,23-26 übernommen wird, lässt sich beobachten: „Mk verstand das Ährenraufen der Jünger als einen ‚Gang durch die Saatfelder‘: Sie bahnen Jesus einen Weg (ὁδὸν ποιεῖν) durch das Korn und nehmen damit für ihn ein königliches Privileg in Anspruch; der Vorwurf wird dadurch verstärkt, dass dies noch dazu an einem Sabbat geschah.“ 33 Zu *Ev 17,6 lässt Mk den sich selbst versetzenden Berg „nicht nur von einer Stelle an eine andere gehen … (μεταβαίνω), sondern [er lässt] ihn sich ins Meer stürzen … (βλήθητι εἰς τὴν θάλασσαν),“ malt folglich die Szene weiter dramatisierend aus. 34 Es gibt auch Beispiele für die Emphatisierung gegenüber *Ev bei Mt. So findet man in der Parallele zu *Ev 9,26, dass Mt „diese beiden Aussagen über das ‚Kommen‘ aus Mk übernommen“ hat, doch dabei „den Gerichtsaspekt von Mk 8,38 || Mt 16,27 verstärkt und hinzugesetzt (hat): καὶ τότε ἀποδώσει ἑκάστῳ κατὰ τὴν πρᾶξιν αὐτοῦ.“ 35 §-9 Weitere Charakteristika der kanonischen Redaktion insgesamt 559 <?page no="560"?> 36 Vgl. Ibid. 1000-1001. 37 Ibid. 1189. Gegenüber *Ev 16,16 identifiziert Mt 11,14 den Täufer mit Elia, verdeutlicht also nicht nur die Verbindung zur alttestamentlichen Prophetie, sondern fügt auch noch mit Mt 11,12 den Anfang des βιάζεσθαι hinzu, er dramatisiert also deutlich. 36 Auch for Joh vermerkt Klinghardt diese Tendenz. Zur Passage *Ev 22,47-53 verweist Klinghardt auf den Schwertstreich des Petrus aus Joh 18,10, wobei es „das rechte Ohr“ sein musste, das von Petrus abgehauen wird, was eine „Steigerung des Verisimile“ und eine Anreicherung desselben darstelle. 37 Die Emphatisierung und Detaillierung ist also nicht nur ein Merkmal der lk Redaktion, sondern bezieht sich auch auf die Gestaltung von Mk, Mt und Joh, sie wird darum wohl eher auf die zweite kanonische Redaktion zurückgehen, bei der die vier Evangelien in der kanonischen Sammlung zusammengebracht und teilharmonisiert wurden. Bezüglich Lk 18,25 und den Parallelen in Mk 10,23 und Mt 19,23 entwickelt Klinghardt bereits eine Differenzierung innerhalb der kanonischen Redaktion, die gerade aus der ständig erweiterten Emphatisierung und Verstärkung der Aussage heraus gewonnen wird: „Die kanonische Redaktion hat in alle Fassungen eingegriffen. Am geringfügigsten sind die Änderungen an *Mt [hier: km Mt] 10,24: Sie betreffen nur einzelne Worte. Deutlicher sind die redaktionellen Spuren in Mk: Hier ist in Anlehnung an Mt 19,24 das Kamellogion als eine zweite Antwort Jesu verstanden (π ά λ ι ν δὲ λέγω ὑμῖν Mt 19,24 || ὁ δὲ Ἰησοῦς π ά λ ι ν ἀποκριθεὶς λέγει αὐτοῖς Mk 10,24). Diese Änderung ist sinnvoll, wenn der kanonische Redaktor die Größe des Erschreckens deutlich machen wollte, die durch Mt 19,25b οἱ μαθηταὶ ἐ ξ ε π λ ή σ σ ο ν τ ο σ ϕ ό δ ρ α- λέγοντες vorgegeben war. Die kanonische Bearbeitung von Mk ist darüber hinaus erkennbar an der Einfügung von 10,24 mit der ersten Notiz über das Erschrecken der Jünger (οἱ δὲ μαθηταὶ ἐθαμβοῦντο …), der Wiederholung von 10,23 und der dadurch herausgestellten Zuspitzung des Kamellogions, jetzt in der Form, die i. W. in die kritischen Ausgaben aufgenommen wurde, also vor allem mit der Verdoppelung des Verbs, die schon deswegen sinnvoll ist, weil das vorkanonische διελθεῖν zwar zur Bildhälfte passt, nicht aber für die Sachhälfte: Durch ein Nadelöhr kann man hindurchgehen, in die Basileia geht man aber hinein. Außerdem hat Mk 10,26 die zweite Jüngerreaktion gesteigert (οἱ δὲ π ε ρ ι σ σ ῶ ς ἐξεπλήσσοντο …).-… Auf diese letzte Ebene der kanonischen Redaktion gehört dann auch die kanonische Fassung von 560 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="561"?> 38 Ibid. 1057-1058. 39 Ibid. 1141. Lk 18,25: Lk übernimmt zwar die »kanonischen« Formulierungen von Mt 19,14 und Mk 10,24 (εὐκοπώτερον anstelle von τάχιον), folgt ansonsten aber der *Ev-Struktur, der Fortgang des Gesprächs zeigt keine Spuren der mk Erweiterungen: Die Jünger werden an keiner Stelle als solche erwähnt (erst in Lk 18,28 spricht Petrus); da es nur eine Reaktion der Hörer (18,26: οἱ ἀκούσαντες) gibt, ist diese auch nicht durch gesteigertes Erschrecken o. ä. hervorgehoben: Die Hörer fragen einfach, wie dann jemand gerettet werden kann.“ 38 Ein ähnliches Stufungsmodell, bei dem bereits Mk, dann Mt und schließlich Lk eine steigernde Tendenz zum Vorschein kommen lässt, wird für die Bearbeitung von *Ev 21,30b gezeigt. 39 Was Klinghardt für *Ev und die vier von *Ev abhängigen Evangelien gezeigt hat, lässt sich aber ebenso für *Paulus und die auf ihm aufbauende kanonische Re‐ daktion erweisen, es werden nur ein paar verschiedene, ausgewählte Beispiele aufgeführt. πᾶς ist trotz der relativ geringen Bezeugung in *Ev und den von der Forschung für genuin gehaltenen (vorkanonischen) Briefen des *Paulus präsent in *Laod und *2Thess, dann aber häufig auf der kanonischen Ebene, wo es oft als emphatische Verstärkung steht wie etwa in Gal 1,2. Gal 1,3. 6; 3,28; 1Kor 6,20; Phil 1,3 wird auf kanonischer Ebene das adressierende Pronomen aufgenommen zur direkteren, emphatisierten Ansprache. Gal 1,17 hat das kanonisch hinzugefügte πολύς dieselbe emphatisierende Funktion. Gal 1,18 steht zusätzlich ein πρός auf kanonischer Ebene, das gerade auf ihr, oft sogar in Serie, zur Verstärkung dient. Gal 5,7 steht auf kanonischer Ebene Ἐτρέχετε καλῶς: τίς ὑμᾶς ἐνέκοψεν, eine typisch der Verlebendigung dienende emphatisierende direkte Anrede. Gal 6,13 wird im nur noch kanonische bezeugten Versteil das ὑμέτερος ähnlich emphatisch benutzt. 1Kor 1,20 der Emphase dienen auch (rhetorische) Fragen wie hier auf kanonischer Ebene. 1Kor 4,9 besitzt das eröffnende nachdrückliche δοκῶ γάρ auf der kanonischen Ebene diese Funktion. 1Kor 4,16 finden wir auf der kanonischen Ebene die Satzeröffnung παρακαλῶ οὖν ὑμᾶς in gleicher Funktion. 1Kor 6,5 nimmt diese Funktion die Wendung wahr: πρὸς ἐντροπὴν ὑμῖν λέγω. §-9 Weitere Charakteristika der kanonischen Redaktion insgesamt 561 <?page no="562"?> 40 G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 112. 41 Dies bezieht sich bereits auf die vorkanonisch präsenten Aussagen von 2Thess 3, „the entire section is framed in this rather authoritarian way“, R.S. Ascough, 1 & 2 Thessalonians (2022), 374. Überhaupt sieht Ascough den größten Unterschied zwischen dem Ersten und dem Zweiten Thessalonicherbrief in der Autoritätsbehauptung des Zweiten, der nur auf die eigenen Worte poche (ibid. 378). 42 „The Paul of Colossians and Ephesians is a man of decisive action and confident directives. As the apostle to the gentiles, he is a revealer of divine mystery who will go to the ends of earth to lead others to share in this divine knowledge“, M.Y. Macdonald, Colossians and Ephesians (2022), 379. 1Kor 9,16 spricht Zuntz davon, dass eine Lesart - die zur kanonischen Ebene gehört - einen „sehr persönlichen Eindruck“ vermittelt. 40 Dies bringt jedoch eine typische Eigenschaft der kanonischen Redaktion zum Vorschein, nämlich den Briefen einen emphatisch-persönlicheren und historisierenden Ausdruck zu verleihen. Röm 9,1 bietet die kanonische Ebene wiederum eine emphatische Eröffnung: Ἀλήθειαν λέγω ἐν Χριστῷ, οὐ ψεύδομαι, συμμαρτυρούσης-… Phil 1,23 begegnet die Steigerungsform κρείσσων oder κρείττων, die 23 Mal im NT steht, ausschließlich jedoch auf der kanonischen Ebene anzutreffen ist und deren emphatische Steigerungscharakteristik anzeigt. Phlm 1,9 - die kanonische Ebene kennt, wie hier, detaillierte, zum Teil emphatische Selbstdarstellungen des Paulus mit manchmal minutiöser biographischer Information, ebenfalls zur Dramatisierung und Emphatisierung des Textes. Wir sehen, dass *Paulus gegenüber Paulus erheblich nüchterner schreibt, während die kanonische Redaktion nicht anders als in den Evangelien den Vorlagentext aufpeppt. Dem entspricht dann auch, dass gerade die Deuteropau‐ linen in der kanonischen Version wie auch die Apg und die Pastoralbriefe diese Tendenz weiter steigern. Als eine wesentliche Erweiterung, Emphatisierung und Verstärkung kann auch die größere historische Detaillierung der Biographie des Paulus angesehen werden. Auf sie wurde verschiedentlich hingewiesen, das Thema kehrt auch immer wieder in den Anmerkungen der Rekonstruktion auf. Hier sei nur soviel zusätzlich bemerkt, dass bereits die Schaffung der Deute‐ ropaulinen 2Thess, Eph und Kol diese Tendenz verstärkt, wenn etwa zu 2Thess festgestellt wurde, dass der Brief „recht autoritär gerahmt ist“ 41 und zu den beiden letzten Briefen bemerkt wird, dass diese Briefe vor allem das Bild des „Mannes schildern, der entschieden handelt und selbstbewusst Anweisungen gibt, der der Apostel der Heiden ist, ein Offenbarer der göttlichen Geheimnisse, der bis zu den Enden der Welt gehen wird, um andere an diesem göttlichen Wissen teilhaben zu lassen.“ 42 Das vergleichbare Phänomen kennzeichnet auch 562 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="563"?> 43 Vgl. S. Butticaz, The Pastoral Epistles (2022), 402-404. 44 „The author of the Pastoral Epistles aims to clarify and ‚canonize‘ what Pauline lessons and images ought to be retained for the future, and, in doing so, to foreclose any competing interpretations“, ibid. 45 Bereits Weisse erkannte in solchen Duplikationen das Merkmal einer späteren Hand, vgl. C. Weisse, Beiträge zur Kritik der Paulinischen Briefe an die Galater, Römer, Philipper und Kolosser (1867), 16. 46 „… the recognition that what we imagine in terms of a pristine and absolute original is in fact an act of repetition or doubleness; that pointing to moments of origination actually involves acts of endless and imperfect duplication and repetition, in which there is no real original, or in which what is original is constructed as such by the very act of duplicating it“, W. Arnal, The Collection and Synthesis of „Tradition“ and the Second-Century Invention of Christianity (2011), 201. Vgl. auch T. Masuzawa, In Search of Dreamtime. The Quest for the Origin of Religion (1993), 25. die Pastoralbriefe, in denen gerade die gesteigerte Selbstautorisierung und Multiplizierung der sich zugeschriebenen Epithete bemerkt wurde. 43 Zweck derselben war es „zu verdeutlichen und zu ‚kanonisieren‘, welche paulinischen Lehren und Bilder in der Zukunft bewahrt werden sollten, und in dieser Hinsicht jegliche wettstreitende Interpretation auszuschließen“. 44 b. Duplikation Die kanonische Redaktion hat eine auffallende Tendenz zur Duplizierung von Aussagen, Satzteilen und dergleichen, 45 auch wenn es einige Doppelungen bereits auf vorkanonischer Ebene gibt (etwa *Ev 7,19-20; 8,45; *1Kor 15,21), doch solche Doppelungen sind auf kanonischer Ebene derart häufig, oft zudem ungeschickt, dass sie ein Merkmal der kanonischen Redaktion darstellen. Dies geht natürlich mit der voran beschriebenen Tendenz der Emphase einher, ein Moment, das ebenfalls bereits Klinghardt nicht entgangen ist. Bereits T. Masuzawa hat solche Duplizierung als generelles Merkmal für die konstruktive Konzeptualisierung von Ätiologien und Ursprungsfiktionen im Feld der Religionswissenschaft benannt, was W. Arnal für die Geschichte des frühen Christentums fruchtbar machte. Es ist die „Erkenntnis, dass das, was wir uns als ehrwürdig und absolut ursprünglich vorstellen tatsächlich ein Akt der Wiederholung und Duplikation darstellt; dass nämlich der Verweis auf Augenblicke der Ursprünglichkeit einen Akt endloser und unvollkommener Duplikationen und Repetitionen darstellt, in welchem es nichts wirklich Ur‐ sprüngliches gibt, oder in welchem das, was ursprünglich ist, als solches gerade durch den Akt der Duplikation selbst konstruiert ist.“ 46 Bereits im 19. Jh. hatte Mayerhoff auf die Duplikationen, die für ihn noch ein Zeichen von „Gedankenarmuth“ darstellte, gerade im Kolosserbrief aufmerksam §-9 Weitere Charakteristika der kanonischen Redaktion insgesamt 563 <?page no="564"?> 47 E.T. Mayerhoff, Der Brief an die Colosser mit vornehmlicher Berücksichtigung der drei Pastoralbriefe (1838), 46-48. 48 Vgl. W. Bujard, Stilanalytische Untersuchungen zum Kolosserbrief als Beitrag zur Methodik von Sprachvergleichen (1973), 91-95. 49 Ibid. 96. 50 Ibid. 100. 51 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 579. 52 Ibid. 611-612. 53 Ibid. 619. 54 Ibid. 713. gemacht, 47 doch Bujard hat hier differenziert und auch Passagen aus Paulus angeführt, in denen ebenfalls ähnliche Duplikationen zu finden sind, wobei eine Durchsicht seiner Beispiele schnell vor Augen führt, dass es insbesondere solche Verse und Passagen sind, die vorkanonisch unbezeugt und der Lexik entsprechend in der vorliegenden Rekonstruktion der kanonischen Ebene zugeordnet sind (z. B. Röm 13,1-7; Phil 3,10-19). 48 Gleichwohl unterscheidet er zwischen Kol und den angeführten Stellen, weil in Kol die Duplikationen „im Blick auf die Gedankenführung zwar nicht schlechthin irrelevant sind, … doch keine sachlich tragende Funktion haben“, 49 dabei merkt er auch die Verse und Stellen an, in denen solches auch in den beiden Vergleichspassagen aus Röm und Phil geschieht. Schließlich bescheinigt Bujard dem Verfasser von Kol „einen Mangel … an Beweglichkeit im Denken und Formulieren“. 50 Allerdings finden sich die dem ähnlichen Niveau zugeordneten Vergleichsstellen aus den beiden Passagen ausnahmslos in vorkanonisch unbezeugten Stellen der kanonischen Redaktion, so dass das Urteil Bujards auch eine Reflexion des Textbestandes der kanonischen Redaktion darstellt. Zu Lk 5,26 vermerkt Klinghardt als typisch für die kanonische Redaktion „die eigenartige und eher unglückliche Doppelung der Wendung“ δοξάζειν τὸν θεόν. 51 Zu Lk 6,12 heißt es: „Dass Lk 6,12 redaktionell bearbeitet ist, lässt sich an der unglück‐ lichen Doppelung der Erwähnung des Gebets Jesu (ἐξελθεῖν αὐτὸν … προσεύξασθαι … ἐν τῇ προσευχῇ) zeigen.“ 52 Zu Lk 6,18-19: „Zusammen mit der abschließenden Heilungsnotiz 6,19c hat Lk mit diesen Ergänzungen eine etwas ungeschickte Doppelung zu *6,18 geschaffen - ein weiterer Hinweis für eine redaktionelle Ergänzung von 6,19bc.“ 53 *Ev 8,27: „Aus Tertullians Referat geht hervor, dass *Ev - wie Mk 5,2 und Lk 8,27 - nur von einem Besessenen sprach (in uno homine-…), nicht von zwei, wie Mt 8,28. Diese »Verdoppelung« geht, wie Mt 9,27-31; 20,29-34 zeigt, mit großer Wahrscheinlichkeit auf das Konto der mt Redaktion.“ 54 564 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="565"?> 55 Ibid. 892. 56 Ibid. 1123. 57 Ibid. 1268-1269. 58 Ibid. 1285. 59 Ibid. 1291. 60 Ibid. 1310. 61 Ibid. 553. 62 Ibid. 735. Lk 11,49-51: „Lk 11,49-51 liefert eine Begründung für das fünfte Wehe in *11,47 und verdoppelt damit die Begründung, die bereits der vorkanonische Text in *11,48b gegeben hatte. Aus dieser Verdoppelung resultiert eine inhaltliche Spannung.“ 55 Lk 18,39 bietet, anders als in *Ev, eine Wiederholung des Bittrufs und damit die Steigerung der Aussage. 56 Zu *Ev 24,9f.: „Denn dass die Frauen »dies alles« (ταῦτα πάντα) »den Elfen und allen übrigen« (τοῖς ἕνδεκα καὶ πᾶσιν τοῖς λοιποῖς) berichteten, wird in Lk 24,10b auf ungeschickte Weise wiederholt: ἔλεγον πρὸς τοὺς ἀποστόλους ταῦτα. Diese nicht sehr glückliche Doppelung ist offensichtlich die Folge einer Bearbeitung von *24,9f, die der ausgesprochen disparaten Textüberlieferung zugrunde liegt.“ 57 Lk 24,21 wird „der Ausgangspunkt der Zählung mit den Ereignissen seit dem voran‐ gegangenen Freitag doppelt erwähnt.“ 58 Lk 24,24. 27: „Die eigenartige Doppelung der ὡς-Sätze (ὡς ἐλάλει ἡμῖν ἐν τῇ ὁδῷ - ὡς διήνοιγεν ἡμῖν τὰς γραϕάς) zeigt dabei deutlich, an welcher Stelle die redaktionelle Erweiterung einsetzt.“ 59 Lk 24,39: „Die Doppelung, die Joh durch Abfolge von zwei Erscheinungen vor den Jüngern geschaffen hatte ( Joh 20,19-23.26-29), hat Lk durch die Verdoppelung der Aufforderung Jesu an die Jünger aufgegriffen (24,39: ἴδετε τὰς χεῖράς μου καὶ τοὺς πόδας μου, ὅτι …; ψηλαϕήσατέ με καὶ ἴδετε, ὅτι …), und er hat durch die Einfügung von ἐγὼ αὐτός εἰμι auch den (zuerst bei Joh begegnenden) Identitätserweis, dass der Erscheinende der auferstandene Gekreuzigte sei, hier mit eingefügt - allerdings in umgekehrter Abfolge. Dadurch wird sein Text nicht eben glatter.“ 60 Das gilt auch für Mk: Mk 1,16-34 gestaltete er eine Passage, wo er im Summarium die Gegenüberstellung von Exorzismus und Heilung nicht nur ein Mal, sondern gleich doppelt erwähnt: Mk 1,32: πάντας τοὺς κακῶς ἔχοντας καὶ τοὺς δαιμονιζομένους; 1,34: ἐθεράπευσεν πολλοὺς κακῶς ἔχοντας ποικίλαις νόσοις, καὶ δαιμόνια πολλὰ ἐξέβαλεν. 61 Mk 6,16 / / *Ev 9,9: „Mk hat“ die vorkanonische Notiz Ἰωάννην ἐγὼ ἀπεκεϕάλισα „übernommen, sie durch den nachgeschobenen Bericht untersetzt und auf diese Weise die etwas unschöne Doppelung geschaffen.“ 62 Mk 12,32f. (vgl. *Ev 10, 25. 27): „Es gibt nicht eine ἐντολὴ πρώτη πάντων, sondern zwei. Neu gegenüber *Ev ist die Replik, die Mk dem Schriftgelehrten in den Mund legt §-9 Weitere Charakteristika der kanonischen Redaktion insgesamt 565 <?page no="566"?> 63 Ibid. 64 Ibid. 834. 65 Ibid. 876-877. 66 Ibid. 1309. und die Jesu Antwort noch einmal wiederholt (Mk 12,32f). Diese Doppelung klingt nicht sehr geschickt, aber sie markiert deutlich die große Übereinstimmung zwischen Jesus und dem Schriftgelehrten.“ 63 Auch für Mt lässt sich die Doppelungstendenz zeigen. Zu *Ev 8,21 vermerkt Klinghardt: „Da Mt der mk Vorlage folgt (wie 12,49 || Mk 3,34 zeigt), hat er die entsprechende Formulierung in der Exposition (12,46: εἱστήκεισαν ἔξω || Mk 3,31: ἔξω στήκοντες) von dort übernommen; im Unterschied zu Mk, der die Wiederholung dieser Formulierung in der Botenrede vermeidet, folgt Mt hier *Ev und hat auf diese Weise eine stilistisch unglückliche Doppelung geschaffen.“ 64 Zu *Ev 11,14-29: „Wie schon zu *11,14f || Mt 9,32f und 12,22-24 hat Mt auch an dieser Stelle durch die Verdoppelung der Rezeption (*6,43f || Mt 12,31f und 7,17ff) eine Dublette geschaffen.“ 65 Und auch in Joh finden sich diese: „Den Aspekt des (vorläufig noch anhaltenden) Unglaubens der Jünger (*24,41a) behandelt Joh 20,24-29 in der eigenständigen Tho‐ masperikope und gibt ihm auf diese Weise Gewicht. Die Erscheinung vor Thomas (20,26-29) verdoppelt die Erscheinung von 20,19-23.“ 66 Die Tendenz zur Duplikation von Aussagen, Worten und Versen findet sich ebenso ausgeprägt in der Bearbeitung von *Paulus zum kanonischen Paulus: Gal 2,6-9a wirkt wie eine glättende Doppelung zu dem, was in 2,9b-10 folgt. Gal 2,16: … ἐὰν μὴ διὰ πίστεως Ἰησοῦ Χριστοῦ, καὶ ἡμεῖς εἰς Χριστὸν Ἰησοῦν ἐπιστεύσαμεν, ἵνα δικαιωθῶμεν ἐκ πίστεως Χριστοῦ … Die Duplikation bzw. Tripli‐ kation der Namen entspricht der Tendenz der kanonischen Redaktion. Gal 3,2 bietet inhaltlich eine Duplikation zu den Ausführungen von Vers 5. 1Kor 3,18: Wie schon öfter fügt die kanonische Redaktion auch an dieser Stelle eine gewisse redundante Doppelung hinzu, wenn sie auf den Äon verweist, der dann gleich im nächsten Vers mit „diesem Kosmos“ wieder anklingt. 1Kor 4,16-21: Hier fällt das zweimalige φυσιοῦν auf, ein Begriff, der sonst für die vorkanonische Fassung spricht, doch dessen Duplikation hier ein Zeichen für dessen Adaption in die kanonische Fassung darstellt. 1Kor 5,13: Dieser Vers ist eine Duplikation mit leichter Variation von Vers *1Kor 5,2. 1Kor 7,20: Dieser Vers (ἕκαστος ἐν τῇ κλήσει ἧ ἐκλήθη ἐν ταύτῃ μενέτω) findet seine Teilduplikation in 1Kor 7,24 (ἕκαστος ἐν ᾧ ἐκλήθη, ἀδελφοί, ἐν τούτῳ μενέτω παρὰ θεῷ). 566 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="567"?> 67 M. Wolter, Der Brief an die Römer. Teilband 1: Röm 1-8 (2014), 411-412. 68 Ibid. 438. 1Kor 7,23: Dieser Vers (τιμῆς ἠγοράσθητε: μὴ γίνεσθε δοῦλοι ἀνθρώπων) ist eine Teilduplikation des vorkanonisch stehenden Verses *1Kor 6,20 (ἠγοράσθητε γὰρ τιμῆς: δοξάσατε τὸν θεὸν ἐν τῷ θνητῷ σώματι). 1Kor 8,4: Περὶ τῆς βρώσεως οὖν τῶν εἰδωλοθύτων stellt eine typische kanonische Duplikation dar. 1Kor 9,15-16: Typisch für die kanonische Form ist die Duplikation des καύχημα. 1Kor 9,16: Dieser Vers behauptet das nochmals, was bereits auf der kanonischen Ebene in Vers 12 gesagt wurde. 1Kor 10,1: Die Wiederholung des πάντες geht auf das Konto der kanonischen Redaktion zurück. 1Kor 10,1-2: Vers 2 ist eine typische kanonische Duplikation dessen, was zuvor vorkanonisch bereits in Vers 1 gesagt wurde (Vers 1: ὑπὸ τὴν νεφέλην ἦσαν καὶ πάντες διὰ τῆς θαλάσσης διῆλθον, Vers 2: ἐν τῇ νεφέλῃ καὶ ἐν τῇ θαλάσσῃ). 1Kor 12,11: Hier scheint wieder eine typisch kanonische Duplikation vorzuliegen, indem das Ende von Vers 4 der kanonischen Ebene wieder aufgenommen wird. 1Kor 12,28: Der unbezeugte zweite Teil von Vers 28 entspricht einer kanonischen Duplikation dessen, was in den Versen 8-10 bereits geschrieben wurde. 1Kor 13,4: Das auf der kanonischen Ebene eingefügte ἡ ἀγάπη scheint das Result der kanonischen Duplikationstendenz zu sein. 1Kor 15,16: Dieser Vers ist eine wortnahe Duplikation von Vers 14a. 1Kor 15,17: Wie der Vers zuvor ist dieser eine wortnahe Duplikation von Vers 14b. 1Kor 15,22: πάντες begegnet auf der kanonischen Ebene gleich zwei Mal. 1Kor 15,46: τὸ πνευματικόν steht auf kanonischer Ebene gleich zwei Mal im selben Vers. 1Kor 15,53-54: Der unbezeugte Anfangsteil von Vers 54 τὸ φθαρτὸν τοῦτο ἐνδύσηται ἀφθαρσίαν καί scheint wieder eine typische Duplikation der kanonischen Redaktion zu sein. 2Kor 3,2: Im Licht des nächstbezeugten Verses 3 nimmt sich der unbezeugte Vers 2 wie eine typische Duplikation der kanonischen Redaktion aus. Röm 6,21-23: Die Nähe zu Röm 7,5-6 zeigt eine gewisse Duplikationstendenz. Röm 7,1-3: Der „Rückgriff auf 1Kor 7,39“ 67 zeigt die Duplikationstendenz. Röm 7,9-10: Auffallend ist die Duplikation, vergleicht man die Teilübereinstimmung der Verse 8-10 und 11. 68 Röm 12,14: Beachte das zwei Mal in einem Vers stehende εὐλογεῖτε. Röm 13,14: Die enge Parallele zu *Gal 5,19-21 erweist sich als eine gewisse Duplikation. §-9 Weitere Charakteristika der kanonischen Redaktion insgesamt 567 <?page no="568"?> 69 Zur Inkonsistenz im Umgang mit dem Gesetz bei Paulus, vgl. A. Phillips Wilson, Paul and the Jewish Law. A Stoic Ethical Perspective on His Inconsistency (2022). 70 Vgl. S.-548. Eph 1,14: Das εἰς ἔπαινον τῆς δόξης αὐτοῦ ist eine Wiederholung desselben Ausdrucks aus dem vorkanonischen Vers 12. Eph 5,24: Der Vers fasst zusammen, was gerade in den Versen 22-23 gesagt wurde. Eph 6,13: Wiederum steht δύναμαι auf der kanonischen Ebene, in Duplikation zum voranstehenden Vers. Eph 6,18: Zur Kombination von προσευχή und δέησις bemerke man, dass sie auf kanonischer Ebene in Phil 4,6 zu finden ist, was einen Hinweis darauf bietet, dass das hier unbezeugte προσευχή ein kanonischer Zusatz ist, was auch die Duplikation zu dem gleich nachfolgenden verwandten προσευχόμενοι erklären würde. Kol 1,17 klingt wie eine Redundanz bzw. Duplikation der Verse 15b-16. Kol 3,8: die hier gebotene zweite Liste bildet eine gewisse Duplikation der in Vers 5 voranstehenden Liste. Kol 3,11: Zu diesem Vers führe ich weiter unten in der Fußnote zur Rekonstruktion folgendes aus: „Zunächst ist zu diesem Vers die Dublette zu dem ebenfalls für die vorkanonische Fassung unbezeugten Vers Gal 3,28 zu vermerken: οὐκ ἔνι Ἰουδαῖος οὐδὲ Ελλην, οὐκ ἔνι δοῦλος οὐδὲ ἐλεύθερος, οὐκ ἔνι ἄρσεν καὶ θῆλυ: πάντες γὰρ ὑμεῖς εἷς ἐστε ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ. Auch die Parallele zu dem ebenfalls auf der kanonischen Ebene stehenden Vers Röm 1,14: Ελλησίν τε καὶ βαρβάροις, σοφοῖς τε καὶ ἀνοήτοις ὀφειλέτης εἰμί. Nimmt man die Ergänzung in Kol 3,11 nach dem anfänglichen οὐκ ἔνι aus den Zeugen 06*, 010, 012, 629, it, vg s , Hil, Ambr hinzu, die hier αρσεν και θηλυ einfügen, ist der komplette Vers aus Gal 3,28 aufgenommen und ergänzt mit vier weiteren Stücken, das erste auch als Paar gestaltet, welches Röm 1,14 mit Gal 3,28 und dieser Kolosserstelle hier verknüpft. Nicht nur die Duplikation, sondern auch die Herstellung solcher intertextueller Verknüpfung ist ein Merkmal der kanonischen Redaktion.“ c. Inkonsistenzen und Inkohärenzen Weiter oben ist, etwa bei der Behandlung der ethischen Lexik, die Inkonsistenz des kanonischen Paulus aufgefallen, während die vorkanonische Ebene deutlich konsistenter wirkt, auch wenn sie, wie *Gal 5,21 zeigte, nicht frei von solchen ist. 69 Auf Inkonsistenzen in der (hier müsste man ggfls. unterscheiden zwischen erster und zweiter kanonischer) Redaktion hat auch bereits Klinghardt hinge‐ wiesen: Lk 4,23 ist das herausragendste Beispiel, das weiter oben bereits angeführt wurde. 70 568 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="569"?> 71 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 553. 72 Ibid. 593. 73 Ibid. 1211. 74 Zu weiteren Inkonsistenzen der kanonischen Redaktion, vgl. die S.-568-572. Lk 4,38: „Die Erwähnung des Simon an dieser Stelle des lk Erzählfadens [bedeutet] eine weitere narrative Inkohärenz …, da Simon erst in *5,3-11 in die Erzählung eingeführt wird.“ 71 Inkonsistenzen lassen sich auch bei Mk feststellen: *Ev 5,33-39 / / Mk 2,18-22: Hier hat Mk „die Exposition dadurch »verbessert«, dass er den Hinweis auf die Gebetspraxis, die im Weiteren keine Rolle spielt, gestrichen und das Ganze auf das Problem des Fastens konzentriert hat. In der Exposition ist auch die Frage durch den Hinweis auf die Fastenpraxis der Johannesjünger und der Pharisäer plausibilisiert, die dann als Fragesteller identifiziert werden. Dadurch entstand jedoch die Inkohärenz, dass die Frager über sich selbst in der 3. Pers. sprechen.“ 72 *Ev 23,4 wird bei der Redaktion in Mk gestrichen, so dass „die neuerliche und verstärkte Klage der Hohenpriester in der Luft hängt und unvermittelt erscheint.“ 73 Fälle der Inkonsistenz oder Inkohärenz finden sich auch beim kanonischen Paulus in der Revision von *Paulus: 74 Gal 2,2: Hier wird aus der vorkanonischen Vorlage das singuläre „Ich“ übernommen, obwohl auf der kanonischen Ebene Paulus nicht alleine auftritt, sondern im Gespann zu dritt reist. 2Kor 3,7: Hier fügt die kanonische Redaktion ein ἡ διακονία ein, was inkonsistent ist, da im Folgetext überhaupt nicht auf eine διακονία eingegangen wird. Vergleicht man Eph 3,1-7 mit Kol 1,26-27 werden Parallelen und Inkonsistenzen augenscheinlich. Der schon länger gesehene herausragendste Fall von Inkonsistenz oder Inkohä‐ renz bildet der Zweite Korintherbrief. Folgt man der Teilungstheorie, die Blanton kurz zusammenfasst und in der Rekonstruktion an den entsprechenden Stellen berücksichtigt ist, ergibt sich folgende Aufteilung von 2Kor: 1. Brief: 2Kor 1,1-2,13; 7,5-16; 13,11-13 2. Brief: 2Kor 2,14-6,13; 7,1-4 3. Brief: 2Kor 8,1-24 4. Brief: 2Kor 9,1-15 5. Brief: 2Kor 10,1-13,10 §-9 Weitere Charakteristika der kanonischen Redaktion insgesamt 569 <?page no="570"?> 75 T.R. Blanton IV, Paul’s Covenantal Theology in 2 Corinthians 2.14-7.4 (2012), 61. 76 Auffallenderweise sind es genau diese „beiden Briefe“, die Blanton im Konspexus betrachtet, vgl. Ibid. 62. 77 H.D. Betz, 2. Korinther 8 und 9. Ein Kommentar zu zwei Verwaltungsbriefen des Apostels Paulus (1993). 78 R. Bieringer, Love as that which Binds Everything Together? The Unity of 2 Corinthians Revisited in Light of Αγαπ- Terminology (2014), 24; B. Nongbri, 2 Corinthians and possible material evidence for composite letters in antiquity (2015). Und ein Fragment: 2Kor 6,14-7,1 75 Wie aus *2Kor erkennbar wird, besitzen wir aus dem 8., 9. und 10. Kapitel, verglichen mit dem kanonischen Brief, keinen vorkanonischen Text, auch 13,11-13 ist vorkanonisch nicht vorhanden. Hierbei fällt auf, dass bereits die bisherige Forschung zur Teilungstheorie diese vier Bereiche als irgendwie teileigenständige oder eigenständige Passagen aufgefasst hat. Nimmt man als Bearbeitungsrichtung jedoch *2Kor > 2Kor an, erweist sich die Sinnhaftigkeit einer Aufteilung von 2Kor durch die Forschung als Hinweis auf die Inkonsistenz oder Inkohärenz der kanonischen Redaktion. Sie hat den älteren *2Kor an so vielen Stellen in der Argumentation unterbrochen, dass der Eindruck verschie‐ dener Briefe entstehen musste, der, wie etwa der erste oben angenommene, fast ausschließlich kanonisches Textmaterial umfasst, während der angenommene zweite am getreuesten der Vorlage von *2Kor folgt und zusammen mit dem angenommenen fünften, der sich ebenfalls noch eng an *2Kor anlehnt, 76 diesen weithin umfassen. Die sich daran anschließenden sogenannten „zwei adminis‐ trativen Briefe des Apostel Paulus“, wie sie Betz nennt, 77 gehen wie die vielen Digressionen und Ergänzungen gänzlich auf die kanonische Redaktion zurück. Aufschlussreich ist auch die Sonderuntersuchung zum Stamm αγαπ-, die R. Bieringer zu 2Kor durchführt, zunächst einmal basierend auf der Annahme einer Einheit von 2Kor. Dabei stellt er fest, dass Paulus in diesem Brief diesen Stamm drei Mal für die Menschenliebe Gottes verwendet (9,7; 13,11. 13), ein Mal für die Liebe der Korinther für jemanden, der fehltrat (2,8), sechs Mal für Paulus, der seine Liebe gegenüber den Korinthern ausdrückt (2,4; 7,1; 8,7; 11,11; 12,15. 19) und noch weitere drei Male, wo Objekt (6,6; 6,6. 24) oder Subjekt (12,15) nicht klar sind. In einem Fall drückt Paulus Christi Liebe für uns aus (5,14). Vergleicht man diese Liste mit *2Kor, so fällt auf, dass nur der alleinstehende letzte Fall vorkanonisch möglicherweise gestanden war, alle anderen Fälle jedoch zum Text der kanonischen Redaktion gehört. Wenn Bieringer nach seiner Untersuchung der verschiedenen Stellen, die nach der Teilungstheorie auf verschiedene Briefe verteilt wären, zum Schluss kommt, dass es sich um eine kohä‐ rente Vorstellung in 2Kor handelt, die ein Netzwerk über den gesamten Brief darstellt, wo „alles mit allem in Beziehung steht“, 78 und wo insbesondere die liebende Beziehung 570 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="571"?> 79 Z. Safrai and P.J. Tomson, Paul’s ‚Collection for the Saints‘ (2 Cor 8-9) and Financial Support of Leaders in Early Christianity and Judaism (2014), 219. 80 R. Bieringer, Love as that which Binds Everything Together? The Unity of 2 Corinthians Revisited in Light of Αγαπ- Terminology (2014), 11. des Paulus zu den Korinthern wie auch die Gottes zu den Menschen im Vordergrund steht, dann bringt er im Vergleich zu *2Kor ein weiteres Merkmal der kanonischen Redaktion zum Ausdruck - der Versuch, einen Kohärenzeindruck über einen Brief hin zu schaffen, auch wenn, wie Bieringer zeigt, damit gewisse Spannungen zu anderen (vorkanonischen wie kanonischen) Paulusbriefen entstanden, und durch die Redaktion, wie die Teilungstheorie betont, eben auch zu nicht überwindbaren Spannungen innerhalb des einen Briefes führten. Nimmt man die Untersuchung zu 2Kor 8 und 9 von Safrai und Tomson hinzu, die herausheben, dass Paulus mit der Kollektensammlung ein völlig neues, zwar jüdische Motive integrierendes Modell der Finanzierung geschaffen hatte, das jedoch einen erheblich größeren Entwicklungsstand an Organisationsstruktur voraussetzt, als man ihn aus den anderen Briefen gewohnt ist, 79 dann spricht auch diese Abnormalität für eine der weiteren Inkonsistenzen innerhalb dieses Briefes - eben ein Grund, warum Kapitel 8 und Kapitel 9 für gesonderte Briefe durch die Teilungstheorie gehalten werden. Während Safrai und Tomson jedoch noch mit der traditionellen Datierung der Paulusbriefe operieren und diesen Brief folglich für ein „revolutionäres“ Produkt halten, verglichen mit den Schriften der Tannaiten, die darin ein weit vorausschauendes Organisationstalent des Paulus sehen, dem die Tannaiten erst nach drei-, vier Generationen später an Entlohnungsmodellen nachgekommen wären, führt die hier vorgelegte Platzierung des kanonischen Texts dazu, die kanonische Redaktion passgenau zu kontextualisieren. Der Vergleich von *2Kor und 2Kor und die Annahme der Bearbeitungsrichtung *2Kor > 2Kor löst demnach eine crux der bisherigen Paulusforschung - Bieringer spricht von einer über 200-jährigen Trennung der Forschung in Lager, zwischen denen ein „stalemate“ herrsche 80 - und ist ein hervorragendes Beispiel für das, was hier unter Inkonsistenz und Inkohärenz verhandelt wird. Zu einer weiteren Inkonsistenz: Die Kombination Περὶ δέ steht 14 Mal im NT, und zwar immer als Satzanfang und ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 22,31; 24,36; Mk 12,26; 13,32; Joh 16,11; Apg 21,25; 1Kor 7,1. 25; 8,1; 12,1; 16,1. 12; 1Thess 4,9; 5,1). Sie steht jedoch nicht ein Mal im Lukasevangelium, während sie in allen anderen kanonischen Evangelien, auch in der Apostelgeschichte begegnet. Offenkundig hatte die kanonische Redaktion das Lukasevangelium, das diese Kombination durch die vorkanonische Vorlage, die diese Kombination nicht enthielt, auch nicht mit ihr ausgestattet, was, wie wiederholt bemerkbar §-9 Weitere Charakteristika der kanonischen Redaktion insgesamt 571 <?page no="572"?> 81 S. Alkier and T. Paulsen, Philologisch-kritische Beobachtungen zur sprachlichen Ge‐ staltung des Römerbriefes (2024), 40. Mit Verweis auf M. Reiser, Sprache und literarische Formen des Neuen Testaments. Eine Einführung (2001), 76. 82 R. Barthes, Am Nullpunkt der Literatur. Literatur oder Geschichte. Kritik und Wahrheit (2006), 17-18. Vgl. S. Alkier and T. Paulsen, Philologisch-kritische Beobachtungen zur sprachlichen Gestaltung des Römerbriefes (2024), 46-47. 83 S. Alkier and T. Paulsen, Philologisch-kritische Beobachtungen zur sprachlichen Ge‐ staltung des Römerbriefes (2024), 47. ist, auf eine gewisse Autorität des vorkanonischen Textes und eine Inkonsistenz innerhalb der kanonischen Redaktion schließen lässt. Wenn auch nicht zu den Inkonsistenzen zu zählen, sei doch erwähnt, dass der kanonische Paulus sich auch als „Gleichniserzähler“ versucht, wobei ihm diese nach Reiser „meist misslingen: Töpfergleichnis (Röm 9,21f.); Gleichnis vom gepfropften Ölbaum (Röm 11,17-24); Glieder des Körpers (Röm 12,4-8)“, 81 Passagen, die allesamt vorkanonisch fehlen. d. Intertextualität R. Barthes hat auf das gestuarium eines Textes verwiesen, das zwischen dem „Horizont der Sprache“ und der „Vertikalität des Stils“ liegt und einen „Raum für eine andere formale Realität: für die ‚Schreibweise‘“ bildet. 82 S. Alkier verweist bezüglich des kanonischen Paulus auf die intertextuelle Bezugnahme auf die griechische Fassung der jüdischen Schrift: „Die notwendig eklektisch verfahrende intertextuelle Schreibweise wird … als positionelle und damit auch als machtförmig kontingente Auswahl möglicher Schriften und Schriftbezüge sichtbar. Der Machtaspekt der paulinischen intertextuellen Schreibweise gerät vollends in den Blick, wenn ihr monologischer Charakter in Betracht gezogen wird“; verdeutlicht wird diese Schreibweise anhand von Röm 4, einem Kapitel, das vorkanonisch gefehlt hat. Es ist genau der Unterschied des kanonischen Paulus und des vorkanonischen *Paulus, der diesen Bezug auf die griechische jüdische Bibel in dieser Weise nicht kennt, welcher die Differenz zwischen beiden Textversionen verdeutlicht. 83 572 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="573"?> Teil III: Das literarische Verhältnis zwischen der *10-Briefe-Sammlung und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="575"?> 1 A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020); T. Flemming, Die Textgeschichte des Epheserbriefes. Marcion änderte nichts: Eine grundlegend neue Perspektive auf den Laodicenerbrief (2022). 2 D. Trobisch, Die Entstehung der Paulusbriefsammlung: Studien zu den Anfängen christlicher Publizistik (1989), 102-103. §-10 Die Aporien der Priorität der 14-Briefe-Sammlung Auf einige der Aporien haben kürzlich A. Goldmann und T. Flemming auf‐ merksam gemacht. 1 Ihre Beobachtungen werden zu berücksichtigen sein. a. Die Inkonsistenz der angeblichen Redaktion Markions Vorweg gilt es im Blick auf die vorangegangenen Überlegungen aus den Teilen I und II festzustellen: Die älteren Editoren von Hilgenfeld bis zu Schmid, mit Ausnahme einiger kritischer Stimmen wie van Manen, gingen von der Priorität der 14-Briefe-Sammlung aus und sahen die Bearbeitungsrichtung 14-Briefe-Sammlung > *10-Briefe-Sammlung. Für diese Auffassung war es notwendig, dem Herausgeber der *10-Briefe-Sammlung ein Bearbeitungskon‐ zept zuzuschreiben, es sei denn, man hätte davon ausgehen wollen, dass die *10-Briefe-Sammlung inhaltlich/ mechanisch zufällig (Blatt-/ Briefverlust) oder aus anderen Umständen, finanzieller, kommerzieller, pädagogischer Art verkleinert worden war gegenüber ihrer vermutlichen Vorlage, der größeren Sammlung mit überdies durchaus längeren Briefen. Gewiss lassen sich in der Überlieferungsgeschichte antiker Werke und Brief‐ sammlungen Verkürzungen und Reduktionen benennen, eine Epitome stellt jedoch eher die Ausnahme innerhalb der Überlieferungsgeschichte antiker Texte dar, während gerade Briefsammlungen dazu tendieren, im Laufe der Geschichte zu wachsen, sowohl, was die Anzahl der inkludierten Briefe betrifft wie auch deren Länge. D. Trobisch vermerkt hierzu, dass nach einer womöglichen Autorenedition „in einem weiteren Stadium“ diese oder andere „Ursammlungen um zusätzliche Briefe ergänzt (werden). Vorherrschende Eingriffe sind Erweite‐ rungen und Einfügungen, Konflationen bei der Textgestaltung, Interpolationen und Aufnahme gefälschter Schriften sind typisch.“ 2 Dieselbe Forderung nach einem klaren Bearbeitungskonzept ist nicht un‐ bedingt für die Zusammenstellung einer ersten Sammlung erforderlich. Für eine solche kann es eine Fülle von Begründungen und Absichten geben. Sie reichen von einem persönlichen Wunsch nach Bewahrung und Verbreitung der eigenen Gedanken über eine antiquarische Sammlerleidenschaft all dessen, was an Briefmaterial von einer bestimmten Persönlichkeit überliefert ist, hin <?page no="576"?> 3 K. Berger, Hellenistische Gattungen im Neuen Testament (1984), 1327; K. Berger, Apostelbrief und apostolische Rede: Zum Formular frühchristlicher Briefe (1974). D. Trobisch, Die Entstehung der Paulusbriefsammlung: Studien zu den Anfängen christlicher Publizistik (1989), 102-103. 4 Vgl. die Paralleldiskussion zu *Ev und Lk in M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 127. zu einer bestimmten Materialauswahl, um ein erwünschtes Profil einer solchen Persönlichkeit mit einer entsprechenden Sammlung zu schaffen. Dass Briefsammlungen nicht unbedingt redigiert oder ediert werden, lässt sich an vielen als Papyri erhaltenen Briefsammlungen ablesen, die aus unter‐ schiedlichen Interessen zusammengebunden zu sein scheinen, doch hat die Diskussion, die A. Deissmann im Jahr 1901 anstieß, gezeigt, dass hier zu nuancieren ist. Als Privatbriefe bezeichnete K. Berger die paulinischen Briefe, doch ist zu unterscheiden zwischen privaten Briefen und nichtliterarischen oder „vorlite‐ rarischen Briefe(n)“. 3 Ein erheblicher Unterschied besteht darin, ob wir es, wie in vielen Papyri mit Einzelbriefen oder - was uns auch bei Papyribriefen begegnet - mit Bündelungen oder Briefsammlungen zu tun haben, die für einen weiteren Kreis als den der unmittelbaren Adressaten bestimmt waren. Auch wenn solche, wie die Paulusbriefsammlungen, Briefe enthalten, die als Privatbriefe angesehen werden könnten und vielleicht an einen bestimmten Adressatenkreis gerichtet waren, sobald Briefe in Briefsammlungen Eingang fanden, die für eine literarische Öffentlichkeit bestimmt sind, muss man mit deren literarischen Bearbeitungen rechnen. Unabhängig davon, ob wie etwa Goldmann und Flemming vorschlagen, die Bearbeitungsrichtung umgekehrt wird von der *10-Briefe-Sammlung > 14-Briefe-Sammlung wird man nach einem Bearbeitungskonzept auch nach der 14-Briefe-Sammlung zu fragen haben. Diese Einsicht hat ein Gewicht für die Bestimmung der Aporien für die Priorität der 14-Briefe-Sammlung. Denn da alle Häresiologen von einer Priorität der 14-Briefe-Sammlung ausgegangen waren, fragten sie lediglich nach dem Bearbeitungskonzept der *10-Briefe-Sammlung. Ihnen zufolge hatte Markion aufgrund von seinen theologischen Vorstellungen die Sammlung bearbeitet, d. h. „verfälscht“, „beschnitten“ und „verstümmelt“. 4 Wenn Klinghardt als eine Aporie darauf rekurriert, dass für die eigene Beweisführung der Häresiologen „die dafür anzunehmende Korrelation von Text und Theologie Marcions gar nicht zu erweisen ist“, und Irenaeus, Tertullian und Epiphanius vielmehr 576 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="577"?> 5 Iren, Adv. haer. I 27,4, der lateinische Text auf S.-100. pointiert feststellen, dass Marcions Text „geeignet sei, seine eigene Theologie zu widerlegen“, bin ich der Meinung, man müsse diese Aussage relativieren. Alleine das fünfbändige Werk des Irenäus zeigt, welche Mühe er aufbringen muss, um sich mit der theologischen Interpretation seiner Hauptgegner Valen‐ tinus und Markion auseinanderzusetzen. Auch wenn er für die Beschäftigung mit Markion in Aussicht stellt, dass er diesen aus seinen eigenen Werken („seorsum contradicemus, ex iis sermonibus“), womit er ausdrücklich dessen Schrift meint („Domini et Apostoli“), zu widerlegen beabsichtigt, 5 so argumen‐ tiert er doch durchweg aus seiner eigenen, womöglich 27 Bücher umfassenden Sammlung neutestamentlicher Schriften. Anders Tertullian, der den Wunsch des Irenäus aufgreift und in seinem ebenfalls fünfbändigen Werk „Gegen Markion“ in den beiden letzten Büchern detailliert in Buch IV Markions Vorwort, die Antithesen, und dann von Anfang bis Ende dessen Evangelium kommentiert und aus diesem heraus diesen zu überführen versucht. Dasselbe Vorgehen prägt auch seine Kommentierung in Buch V von Markions *10-Briefe-Sammlung. Dabei wird auf Schritt und Tritt deutlich, dass es für ihn gar nicht so einfach ist, den Text dieser Sammlung dafür zu nutzen, Markions „eigene Theologie zu widerlegen“. Gewiss finden sich eine Reihe von Stellen, die Tertullian genüsslich heraushebt und Markion des Selbstwiderspruches bezichtigt. Doch die Ausführ‐ lichkeit seiner Kommentierung ist der beste Beweis dafür, dass er auf weite Stre‐ cken hin gehörige Mühe hat, solche Selbstwidersprüche aufzudecken. Vielmehr bemüht er sich, auf dessen Textbasis seiner Interpretation zu widersprechen, indem er wieder und wieder, für die Leserschaft bisweilen bis zur Ermüdung, Zitate aus dem alten Testament heranzieht. Mit diesen versucht er darzulegen, dass einerseits die Novitäten, die Markion mit seinem paulinischen Text gegen‐ über der alttestamentlichen Botschaft herausstellt, längst von Mose und den Propheten vorausverkündigt waren. Dabei bestreitet er gerade nicht die Neuheit dessen, was mit Christus gekommen ist, sondern lediglich, dass diese Neuheiten nicht solche eines vom Gott des alten Testaments unterschiedenen bis zu Christi Ankunft unbekannten Gottes gewesen sind. Sie seien deshalb auch in der Schrift des alten Bundes zu finden. Die Erweisung von Markions Selbstwiderspruchs stellt folglich nicht das Zentrum der häresiologischen Widerlegung dar. Es lässt sich vermuten, dass die Häresiologen darum wussten, dass eine solche Argumentationsstrategie argumentativ nur funktioniert hätte, wäre Markion tatsächlich der Bearbeiter der seiner *10-Briefe-Sammlung vorausliegenden 14-Briefe-Sammlung gewesen. Da dies, wie zu zeigen sein wird, jedoch gar nicht der Fall war, ein Umstand, den zumindest Irenäus und Tertullian noch kennen §-10 Die Aporien der Priorität der 14-Briefe-Sammlung 577 <?page no="578"?> 6 Es bedarf darum keiner parallelen Ausführungen zur „Inkonsistenz der angeblichen Re‐ daktion Marcions“, wie sie von Klinghardt für das Verhältnis von *Ev und Lk angestellt werden, M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 127-133. mussten, wäre es geradezu selbstzerstörerisch gewesen, hätten sie sich auf diese Strategie konzentriert. Nimmt man die starken Affinitäten zwischen der *10-Briefe-Sammlung und dem „Westlichen Text“, wie in § 6 gezeigt, ins Auge, so sehe ich keine Aporie und schon gar kein unlösbares Problem darin, dass bei der Annahme einer markionitischen Redaktion der 14-Briefe-Sammlung in so vielen Fällen die „katholische“ Textüberlieferung von Markions Redaktion beeinflusst wurde. Da Markion zu Lebzeiten nie als Häretiker galt, auch wenn er und sein *Neues Testament nicht unwidersprochen blieben, wäre es doch durchaus möglich gewesen, dass bei einer konkurrierenden Situation der kanonischen und vorkanonischen Briefsammlungen durch Kontamination Lesartvarianten der vorkanonischen Sammlung in die kanonische Sammlung eingedrungen wären. Allerdings ist zuzugestehen, dass die umgekehrte Bearbeitungsrichtung eine Präsenz dieser Lesarten um vieles leichter erklären lässt. Sollte, wie sich in dieser Untersuchung herausstellt, die 14-Briefe-Sammlung eine Bearbeitung der bereits existierenden *10-Briefe-Sammlung sein, erklärt sich fast von selbst, warum eine Fülle von älteren Lesarten sich in den Handschriften der 13- (ohne Hebr) oder 14-Briefe-Sammlung erhalten haben, und zwar, je stärker diese Handschriften, wie etwa die in § 6 diskutierten Bilinguen, auch andere Eigenschaften mit der *10-Briefe-Sammlung teilen und damit die größere Nähe zu dieser aufweisen. Aus zweierlei Gründen (ein Erstbearbeiter hat nicht notwendigerweise ein festes Konzept; Varianten einer nicht häretischen, nur konkurrierenden Samm‐ lung können in die andere Sammlung eindringen) fällt folglich die Aporetik für die Priorität der 14-Briefe-Sammlung weg, und an deren Stelle tritt die größere historische Wahrscheinlichkeit, dass die *10-Briefe-Sammlung die Grundlage der 14-Briefe-Sammlung darstellt. 6 b. Der Umfang der *10-Briefe-Sammlung Was das Verhältnis der *10-Briefe-Sammlung zur 14-Briefe-Sammlung betrifft, gilt dieselbe Beobachtung, die Klinghardt für dasjenige zwischen *Ev und Lk gemacht hat. Es finden sich so gut wie keine Texte in der *10-Briefe-Sammlung, die sich nicht auch in der 14-Briefe-Sammlung finden - trotz aller Differenzen 578 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="579"?> 7 Ibid. 134. 8 Ibid. 9 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 61. 10 Ibid. 61-62. Nicht aufgeführt werden Wortersetzungen oder Umformulierungen, es sei denn, es liegt eine wesentliche Sinnänderung vor. 11 Korrekt müsste man angeben: καὶ σοφία. 12 Harnack gibt versehentlich „I Thess. 5,13“. 13 Wie bereits im vorausgehenden Teil des Kommentars, Tert., Adv. Marc. V 20,1: quod alii ex fiducia vinculorum eius audentius sermonem enuntiarent, alii per invidiam et conten‐ tionem, quidam vero et per sermonis existimationem, scheint das, was Zahn und Harnack hier als Mehrtext annehmen, auf die Explikation des Tertullian zurückzugehen, jedoch nicht auf den vorkanonischen Text. in den parallelen Texten. Deshalb gilt auch derselbe Einwand gegen die Priorität der 14-Briefe-Sammlung, den Klinghardt formuliert hat: Bei einer solchen Prio‐ rität „wäre zu erwarten, dass eine inhaltliche Redaktion, wie sie die Häresiologen Marcion unterstellen, ihren Ausdruck in klärenden und vereindeutigenden Zusätzen gefunden hätte.“ 7 Dies ist nicht nur „nicht der Fall“, 8 sondern das Phänomen von klärenden und vereindeutigenden Zusätzen, vor allem aber eines relativ konsistenten redaktionellen Bearbeitungskonzepts findet sich in der 14-Briefe-Sammlung, sowohl was die erste wie auch die zweite kanonische Redaktion betrifft. 1. Texte der *10-Briefe-Sammlung, die sich nicht in der 14-Briefe-Sammlung finden Die wenigen Texte, die die *10-Briefe-Sammlung als Mehrtext gegenüber der 14-Briefe-Sammlung besitzt, wurden von der Forschung, die eine Priorität der letzteren annimmt, als „schwindend gering(e)“ „Zusätze“ gewertet. 9 Harnack gibt folgende Mehrtexte: 10 *Gal 1,7: κατὰ τὸ εὐαγγέλιόν μου; nicht nur bezeugt durch Tertullian, sondern auch durch Adamantius. *1Kor 1,18: σοφία 11 *1Thess 2,15: ἰδίους, auch in in 06 1 , 018, 020, 044, 104, 365, 630, 1241, 1505, 2464, M, sy *1Thess 5,23: 12 καὶ σωτῆρος *Phil 1,16: ἤδη καί τινες ἐξ ἀγῶνος 13 Zu dieser Liste, aus der, wie angemerkt der letzte Eintrag zu streichen ist, muss man noch folgende Mehrtexte hinzufügen: §-10 Die Aporien der Priorität der 14-Briefe-Sammlung 579 <?page no="580"?> *Gal 1,7: πάντως εἰς ἕτερον *Gal 2,10: ἵνα *Gal 2,11: Πρὸς Πέτρον; Der Name des Petrus als Πέτρος findet sich auch in 06, 010, 012, 018, 020, 630, 1505, 2464, M, it, vg mss , sy h , MVict, Ambst, ebenfalls in der altlateinischen Tradition in 61, 64, 75, 76, 77, 78, 89. *Gal 2,14: ὠνείδισεν τῷ Πέτρῳ; Πέτρῳ ist bezeugt durch 06, 010, 012, 018, 19, 025, 104, 630, 1505, 2464, M, it, vg mss , sy h , MVict, Hier, Ambst, Pel und durch die altlateinische Tradition: 58, 61, 75, 76, 77, 78, 89, 135. *Gal 4,6: τοῦ θεοῦ *Gal 4,8: οὖν-… τῇ *Gal 4,24: εἰς τὴν συναγωγὴν τῶν Ἰουδαίων κατὰ τὸν νόμον ↑*Laod 1,21: ἄλλη δὲ γεννῶσα *Gal 4,26: εἰς ἣν ἐπηγγειλάμεθα ἁγίαν ἐκκλησίαν *Gal 5,1: τῷ νόμῳ *Gal 5,14: ὑμῖν; ὑμῖν ἐν ἑνὶ λόγῳ in den Zeugen 06*, 010, 012, ar, b, d, g, go, MVict, Ambst, Aug, Pel, Cass und in der altlateinischen Tradition in 61, 75, 76, 89, 135. *1Kor 1,18: τοῦ Χριστοῦ *1Kor 1,28: τοῦ κόσμου] καὶ τὰ ἐλάχιστα *1Kor 2,16: καὶ τίς αὐτοῦ σύμβουλος ἐγένετο *1Kor 6,13: ὡς ὁ ναὸς τῷ θεῷ καὶ ὁ θεὸς τῷ ναῷ *1Kor 7,1: τῶν γάμων *1Kor 8,4: ἐστιν; auch bezeugt durch add ἐστιν Iren. (Adv. haer. III 6,5) und Ambrosi‐ aster. *1Kor 8,6: ἡμῖν *1Kor 9,8: εἰ Μωϋσέως *1Kor 10,11: τυπικῶς] καθῶς *1Kor 14,35: δέ τι] μὴ *1Kor 15,1: Περὶ ἀναστάσεως νεκρῶν *1Kor 15,25: αὐτοῦ 1 *1Kor 15,29: αὐτῶν] τῶν νεκρῶν; auch bezeugt durch 062, 020, M, sy p , bo ms . *1Kor 15,36: πρῶτον; auch bezeugt durch Adamantius und die lateinischen Zeugen Ambst adr , CypTes var . *1Kor 15,45: Ἀδὰμ] κύριος; κύριος oder Ἀδὰμ fehlt in P 46 . *1Kor 15,47: ἄνθρωπος] ὁ κύριος; findet sich auch in dem Zeugen 630, während ανθρωπος ο κυριος zu lesen ist in 01 2 , 02, 06, 018, 020, 025, 044, 075, 81, 104, 365, 1241, 1505, 1739 mg , 1881, 2464, M, sy, hingegen bietet P 46 ανθρωπος πνεθματικος; in der altlateinnischen Tradition lässt Pel var das homo aus. ὁ οὐράνιος; so auch bezeugt durch 010, 012, latt. 580 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="581"?> *1Kor 15,50: δέ] γάρ; so auch bezeugt durch 06, 010, 012, Ir lat , Ambst, und in der altlateinischen Tradition in 75, 76, 77, 89. *1Kor 15,51: οὐ κοιμηθησόμεθα] μὲν ἀναστησόμεθα *1Kor 15,52: ἐν ἀτόμῳ, ἐν ῥοπῇ ὀφθαλμοῦ *2Kor 1,20: ὅσαι] πᾶσαι αἱ *2Kor 2,17: κατένωπιον θεοῦ ἐν Χριστῷ λαλοῦμεν] ἐν Χριστῷ διδάσκοντες κατέναντι τοῦ θεοῦ; κατέναντι τοῦ steht in 025, 365, κατέναντι alleine findet sich in den Zeugen P 46 , 01*, 02, 03, 04, 0243, 33, 81, 630, 1175, 1739, 1881, 2464. *2Kor 3,3: ἐπιστολὴ] ἡ καινὴ διαθήκη *2Kor 3,14: αὐτῶν] τοῦ κόσμου *2Kor 3,18: δὲ πάντες] ἤδη; auch bezeugt durch Pel var ; itaque, das sich findet in der altlateinischen Tradition in 61, Ambstr, Pel b . *2Kor 4,6: τοῦ θεοῦ] αὐτοῦ; auch bezeugt durch P 46 , 04*, 06*, 010, 012, b, d, g, r, Adam, Cyr, Pel var , und eius in der altlateinischen Tradition in 64, 76, 76, 77, 89, suae Ambst ed . *2Kor 4,10: Ἰησοῦ 1 ] θεοῦ; Die Zeugen 06, 010, 012 bieten hingegen Χριστοῦ, und so auch die altlateinische Tradition in 75, 76, 77, 78, 89, während domini iesu in Ambst r steht, domini nostri iesu christi in Spec ed , domini iesu christi in Spec var und der Begriff ausgelassen ist in Pel var . Ἰησοῦ 2 ] Χριστοῦ; Tertullian bietet nur Christus, doch die Zeugen 06, 010, 012 Ἰησοῦ Χριστοῦ, so auch die altlateinische Tradition in 75, 76, 77, 89, Pel b , Spm var , und christi iesu in 61, Spm ed . *2Kor 4,11: Ἰησοῦ] Χριστοῦ *2Kor 5,4: τοῦτῳ; 06, 010, 012, 81, (104), 1505, it, vg cl , sy, bo, go, Ambst, Spec und in der altlateinischen Tradition in 51, 89 hoc habitaculo, dann 58 tabernaculo isto, dann corpore isto 61, Pel b , dann hoc corpore 67, Ambst r , Pel a , habitaculo isto 75,76, dann habitaculo hoc 77, Spm, dann tabernaculo hoc 78, dann hoc tabernaculo isto 88*, dann hoc tabernaculo 88 c , Pel var , dann isto corpore Ambst ed , dann hoc sumus corpore Pel var . τοῦ σώματος; vgl. zu τοῦτῳ zuvor. *2Kor 5,17: καινά] τὰ πάντα; καινὰ τὰ πάντα durch Tertullian nahe, die auch zu finden ist in 06 2 , 018, 020, 025, 044, 104, 326, 945, 2464 pm, sy h ; τὰ πάντα καινά steht in Adamantius und in den Zeugen 6, 33, 81, 365, 614, 630, 1241, 1505, 1881 pm, ar, b, vg cl , Ambst ed , Pel b und in der altlateinischen Tradition in 54, 58, 61, 89: omnia nova. *2Kor 7,1: πνεύματος] ἅιματος *Röm 3,20: τότε *Röm 3,22: οὐ γάρ] Τίς *Röm 5,1: Χριστοῦ, οὐκ ἐκ νόμου *Röm 7,7: ὅτι *Röm 7,23: ἔστιν §-10 Die Aporien der Priorität der 14-Briefe-Sammlung 581 <?page no="582"?> *Röm 8,10: ἐστιν; legt sich nahe aufgrund von Tert. und wir auch geboten von 010, 012 lat, Ambst., Spec. *Röm 13,8: ἕτερον] πλησίον; geboten von Epiphanius, gestützt von Tertullian, und zu finden in 1735. *Röm 14,21: σκανδαλίζεται; geboten durch Eznik, wobei sich ἢ σκανδαλίζεται ἢ ἀσθενεῖ in den Zeugen findet P 46vid , 012, 03, 06, 010, 012, 020, 025, 044, 0209, 33, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1881, M, lat, sy h , sa. *1Thess 4,15: κυρίου] Χριστοῦ; in 03 findet sich Ἰησοῦ. *2Thess 1,6: θεῷ] κυρίῳ *2Thess 2,3: ἀνομίας] ἀμαρτίας; das von Tertullian sich nahelegt, findet sich auch in 02, 06, 010, 012, 018, 020, 025, 044, 630, 1175, 1241, 1505, M, lat, sy, Ir lat , Eus. *Laod 1,1: Ἐφέσῳ] Λαοδικείᾳ; nahegelegt durch Tertullian und Epiphanius, es findet sich keine Adresse in P 46 , 01*, 03*, 6, 1739. *Laod 1,5: ἐλήφθημεν ἡμᾶς *Laod 2,12: καὶ 2 ; legt sich nahe durch Tertullian und Rufin, begegnet auch in 010, 012, it mss. *Laod 2,13: τοῦ Χριστοῦ] αὐτοῦ; geboten von Tertullian und Epiphanius, während 0278 Ἰησοῦ bietet, om. P 46 , 03. *Laod 2,19: καὶ] ἀλλ‘ *Laod 4,6: εἷς Χριστός *Laod 5,19: κυρίῳ] θεῷ *Laod 5,22: ὑποτάσσεσθε; von Tertullian nahegelegt, findet sich in (06, 010, 012), 018, 020, 630, M, sy, υποτασσεσθωσαν in 01, 02, 016, 025, (044), 0278, 6, 33, 81, 104, 365, 1175, 1241 s , 1505, 1739, 1881, 2464, lat, sy hmg , co, om. P 46 , 03, Cl, Hier mss . *Laod 5,28: ἑαυτὸν] τὴν ἑαυτοῦ σάρκα *Laod 6,4: αὐτὰ] τὰ τέκνα *Laod 6,16: οὐ τοῦ πολέμου *Kol 2,13: Θεὸς *Kol 2,16: καὶ ἐν] ἢ; legt sich durch Epiphanius an einer Stelle nahe, während Tertullian et bietet, aber bezeugt durch 01, 02, 04, 06, 010, 012, 016, 018, 020, 025, 044, 075, 0278, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241 s , 1505, 2464, M, lat, sy h , Eus. *Kol 2,17: ἅ] ὅ; durch Epiphanius geboten, auch bezeugt durch 03, 010, 012, 614, b, d, g, go, Aug, Ambst, Spec. *Kol 2,18: μὴ; auch bezeugt durch 01 2 , 04, 061, 018, 020, 026, 044, 075, 0278, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241 s , 1505, 1881, 2464, M, Hier mss , *Kol 3,3: ὑμῶν] ἡμῶν *Phil 1,23: Χριστῷ] τῷ κύριῳ *Phil 3,9: μὴ ἔχων] ἔχων μὴ δι‘ αὐτοῦ τὴν 582 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="583"?> 14 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band-1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 137. 15 Ibid. 143. Ähnlich, wenn auch nicht ganz so deutlich wie beim Vergleich von *Ev und Lk, das Klinghardt bezüglich solcher Mehrtexte angestellt hat, lassen sich hier von diesen 82 Stellen immerhin 31 aufzeigen, die eine Spur in der Hand‐ schriftentradition der 14-Briefe-Sammlung hinterlassen haben. Was Harnack für vernachlässigungswerte Zusätze hielt, ist jedoch eine Stütze für die Um‐ kehrung der Bearbeitungsrichtung, wonach nicht die 14-Briefe-Sammlung der *10-Briefe-Sammlung vorausging, sondern die *10-Briefe-Sammlung Grundlage für die 14-Briefe-Sammlung war. Denn es wäre auch hier nur schwer erklär‐ lich, wieso die *10-Briefe-Sammlung bei oft theologisch nicht relevanten Vari‐ anten einen so nachdrücklichen Einfluss auf die Überlieferung des Textes der 14-Briefe-Sammlung genommen hätte. Nimmt man die *10-Briefe-Sammlung als Grundlage, dann erklären sich die Varianten als Spuren der älteren Textform, die sich trotz des wachsenden Einflusses des Textes der 14-Briefe-Sammlung in den Zeugen letzterer finden. Wie oben in § 6 dargelegt, sind sie Indikatoren für die entstehende Distanz, die der Text der 14-Briefe-Sammlung gegenüber der *10-Briefe-Sammlung im Laufe der Zeit aufbaut. Betrachtet man sich die voranstehende Liste näher, fällt auf, dass die kano‐ nische Redaktion an vielen Stellen (die Liste wäre noch erheblich zu vermehren, wären alle Textänderungen, nicht nur die Textüberschüsse bzw. inhaltlichen Änderungen berücksichtigt) nicht nur Mehrtext geliefert, sondern an vielen Stellen „gestrichen und umformuliert“ hat, wir sehen dieselbe Redaktion am Werk, auf die Klinghardt für die Bearbeitung von *Ev zu Lk hingewiesen hat. 14 Es gilt darum auch, dass das „Fehlen ‚redaktioneller Verstärkungen‘“, die Klinghardt ebenfalls bemerkt hatte, auch im Fall des Verhältnisses der beiden Briefsammlung für die *10-Briefe-Sammlung gilt. Während Redaktionen und Bearbeitungen der Verdeutlichung dienen und mit Korrekturen und Zusätzen arbeiten, lassen sich solche bei einem Vergleich der beiden Briefsammlungen nur für die 14-Briefe-Sammlung gegenüber der *10-Briefe-Sammlung verbuchen. Hieraus ist ein weiteres Argument gegeben für die Priorität der letzteren. Um‐ gekehrt wäre „eine Redaktion, die keinerlei Zusätze macht, um ihr redaktionelles Konzept positiv zum Ausdruck zu bringen, … völlig singulär und ist von daher höchst unwahrscheinlich“. 15 §-10 Die Aporien der Priorität der 14-Briefe-Sammlung 583 <?page no="584"?> 16 Vgl. hierzu weiter oben Teil I §-2 b. 17 N. Lüke, Über die narrative Kohärenz zwischen Apostelgeschichte und Paulusbriefen (2019). Auch Klinghardt urteilt, dass die Apg „nicht nur nicht in Marcions Bibelausgabe enthalten war, sondern der marcionitischen Theologie auch deutlich widersprochen haben würde: Neben der zentralen Bedeutung Jerusalems und des Tempels sind vor allem der Apostelbegriff, die Bedeutung der Jerusalemer Apostel in Act 1-15 sowie die insgesamt positive Zeichnung des Judentums kaum mit der für Marcion bezeugten Theologie vereinbar“, M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 145. 2. Die beiden Briefsammlungen und die Apostelgeschichte Die Fragestellung nach diesem Verhältnis ist nicht unbedeutend für die Frage der Bearbeitungsrichtung der beiden Briefsammlungen. Geht man von der häresi‐ ologischen Behauptung aus, die 14-Briefe-Sammlung sei der *10-Briefe-Samm‐ lung vorausgegangen, und nimmt man noch die inzwischen vertretene Position hinzu, wonach selbst bei einer Priorität der *10-Briefe-Sammlung diese von Markion lediglich aufgefunden, ihm aber bereits vorausgelegen existiert habe, 16 dann stellt sich sogleich die Frage, warum die Apostelgeschichte auf die Briefe des Paulus nicht eingeht. Da Paulus in ihr eine wichtige Person darstellt, jedoch seine Briefe in ihr keine Rolle spielen - auf sie wird zumindest nicht ausdrücklich angespielt -, wäre dies desto verwunderlicher, wenn die 14-Briefe-Sammlung Grundlage für die redaktionelle Verkürzung und Bearbeitung derselben durch Markion gewesen wäre. Eine kanonische Redaktion, die eine Apostelgeschichte in ihre Sammlung aufnimmt, hätte die 14-Briefe-Sammlung desto besser gegen eine häretische Distortion derselben schützen können, wenn sie die Briefe des Paulus fest in die Biographie der Apostelgeschichte verankert hätte. Umgekehrt erklärt sich viel leichter, dass der Nichtbezug auf Briefe, die entweder noch jung, noch umstritten und vor allem die Spuren der Redaktion einer konkurrierenden Redaktion zeigten, in ihrer Autorität nicht weiter herausgekehrt wurden, son‐ dern inhaltlich durch die in der Apostelgeschichte gegebenen Reden und Taten des Paulus konterkarriert oder zumindest inhaltlich korrigiert werden sollten. In einer jüngeren Untersuchung versucht N. Lücke in diese Richtung zu argumentieren und liest die Apostelgeschichte als einen Versuch derselben, eine narrative Kohärenz zu den paulinischen Briefen herzustellen, die diese einer markionitischen Interpretation entziehen soll, um so der 14-Briefe-Sammlung Raum zu verschaffen. 17 Die 14-Briefe-Sammlung teilt ein Stück Schicksal mit dem Lukasevangelium. Liest man Irenäus und Tertullian, dann ist offenkundig, dass die wichtigsten Evangelien für sie diejenigen sind, die auch die Namen zweier Apostel tragen: 584 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="585"?> 18 Vgl. Iren., Adv. Haer. III 11,8 (Reihenfolge: Joh - Lk - Mt - Mk), vgl. hierzu und zu anderen Reihenfolgen in Irenäus: M. Vinzent, Offener Anfang. Die Entstehung des Christentums im 2. Jahrhundert (2019), 155-157. Tert., Adv. Marc. IV 2,2: „Unser Glaube wird angeleitet aus den Aposteln Johannes und Matthäus, aufgerichtet aus den Apostelschülern Lukas und Markus“ (nobis fidem ex apostolis Ioannes et Matthaeus insinuant, ex apostolicis Lucas et Marcus instaurant); ibid. 2,4: „Von den Kommentatoren, die wir besitzen … ist Lukas jedoch kein Apostel, sondern ein Apostelschüler, kein Lehrer, sondern ein Schüler, jedenfalls geringer als der Meister, gewiss desto später, als Nachfolger des späteren Apostles, zweifelsohne des Paulus, so dass, selbst wenn Markion das Evangelium unter dem Namen des Paulus vorgestellt hätte, hätte die Alleinstellung des Werks nicht für den Glauben ausgereicht ohne die Stütze der vorangegangenen“ (Nam ex iis commentatoribus quos habemus … Lucas non apostolus sed apostolicus, non magister sed discipulus, utique magistro minor, certe tanto posterior quanto posterioris apostoli sectator, Pauli sine dubio, ut et si sub ipsius Pauli nomine evangelium Marcion intulisset, non sufficeret ad fidem singularitas instrumenti destituta patrocinio antecessorum); Tert., De praescr. 3,6. 8; 4,1-4 (Mt); 3,10; 7,10 ( Joh), vgl. hierzu M. Vinzent, Tertullian’s Preface to Marcion’s Gospel (2016), 45. 61. 96-97. 19 Vgl. Tert., Adv. Marc. V 1,1-3. 20 Tert., Adv. Marc. V 2,7: Quodsi et ex hoc congruunt Paulo Apostolorum Acta, cur ea respuatis iam apparet. Matthäus und Johannes. 18 Das Lukasevangelium ist hingegen, wie Tertullian ausdrücklich argumentiert, lediglich dasjenige eines Apostelschülers, nicht eines Apostels. Zudem ist Lukas nicht der Schüler eines in den Apostellisten der Evangelien zu findenden Apostels, sondern lediglich der Mitarbeiter des Paulus, der sich bekanntermaßen selbst als der „letzte“ der Apostel bezeichnet hat, und dem Tertullian in seinem Werk gegen Markion das Recht abspricht, sich selbst als Apostel zu autorisieren. 19 Es ist darum nur folgerichtig, dass die Apostelgeschichte zusammen mit den Katholischen Briefen zum Praxapostolos gebündelt wurde und im Codex Alexandrinus wie im Codex Vaticanus aus dem vierten und fünften Jahrhundert nach den Evangelien der 14-Briefe-Sammlung vor die paulinischen Briefe eingeordnet wurde. Wie das Lukasevangelium - ausgedrückt in der Bezeich‐ nung desselben mit dem Namen des Apostelschülers Paulus - zeigte auch die 14-Briefe-Sammlung noch eine zu große Nähe zum *Neuen Testament des Markion, ein Umstand, der möglicherweise erklärt, warum auch Justin auf diese Briefe nicht ausdrücklich zurückgreift. Erst Tertullian weist auf die Kongruenz zwischen den Paulusbriefen und der Apostelgeschichte hin. 20 Die etwa von Harnack angenommene Priorität der 14-Briefe-Sammlung, die einherging mit seiner Annahme der Priorität des Doppelwerks von Lk/ Apg stößt gleich auf mehrere Hindernisse. Sie widerspricht dem Schweigen der Apg (wie auch Justins) über die 14-Briefe-Sammlung. Sie erklärt auch nicht, warum Texte, die gegen Markion gerichtet sind, die Paulusbriefe völlig übergehen, §-10 Die Aporien der Priorität der 14-Briefe-Sammlung 585 <?page no="586"?> 21 H.F.v. Campenhausen, Die Entstehung der christlichen Bibel (1968), 383. 22 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 172. 23 Vgl. hierzu die Zusammenfassung der Argumente bei M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 167-173. 24 Dafür, „daß die beiden - höchst unterschiedlichen - Teile der christl. Bibel überhaupt zu einer literarischen Einheit werden konnten … (ist) darin zu suchen, daß ,die Weis‐ sagungen des Alten Testaments (…) erst durch „das Evangelium“ erfüllt und enthüllt‘ wurden,“ J. Wehnert, Die Wir-Passagen der Apostelgeschichte ein lukanisches Stilmittel aus jüdischer Tradition (1989), 201. Zitiert ist H.v. Campenhausen, Die Entstehung der christlichen Bibel (1968), 383. 25 Jan Bremmer in einer handschriftlichen Notiz an mich. statt die 14-Briefe-Sammlung gegen Markion und die *10-Briefe-Sammlung zu benutzen, wie es schließlich Irenäus tut. Hinzu kommt, dass Harnack auch von einer Priorität von Markions *Neuen Testament gegenüber der kanonischen Sammlung ausgeht, weil er, wie nach ihm v. Campenhausen, 21 Markions *Neues Testament als Stimulus und Vorlage für die kanonische Sammlung herausge‐ stellt hat, zugleich aber der Meinung ist, Markion habe die Apostelgeschichte bewusst aus seinem *Neuen Testament ausgeschieden. 22 Das aber zwingt zu der Annahme, dass Markion zwar das Doppelwerk Lk/ Apg kannte, Lk redaktionell zu *Ev bearbeitete, jedoch die Apg bewusst ignorierte, während er noch nicht die gesamte größere Sammlung kannte, die Irenäus vorliegt. Nun gibt es jedoch gute Gründe dafür, dass das Doppelwerk Lk/ Apg auf lange Zeit hin nicht existierte, sondern deren Bezug aufeinander nur durch die in der kanonischen Sammlung redaktionell eingebrachten Vorwörter von Lk und Apg und weiterer Passagen wie der Himmelfahrt erfolgte. 23 Darüberhinaus lässt sich auch das Argument von Wehnert, was die Funktion der Apostelgeschichte zusammen mit der des Lukasevangeliums betrifft, nicht nachvollziehen, wonach dieses „lukanische Doppelwerk“ „schon wegen seines Umfangs (Lk/ Apg nehmen zusammen mehr als ein Viertel des NT ein) wahrscheinlich eine entscheidende Rolle“ im Prozess der Zusammenführung von Altem und Neuem Testament gespielt hat. 24 Mit Jan Bremmer bin ich gegenüber der Position von Wehnert skeptisch, da, wie die Quellen ausweisen, die Apostelgeschichte viel zu wenig im frühen Christentum bekannt gewesen war und offenkundig auch nur selten gelesen und gedeutet wurde. 25 Richtig an Wehnerts Beobachtung hingegen ist, dass die Präsenz von beiden Werken in der später kanonischen Sammlung zum Zwecke dieser Brückenbildung des Neuen Testaments zum Alten Testament dient. 586 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="587"?> 3. Der Ausweg aus den Aporien: Die Priorität der *10-Briefe-Sammlung Aus den vorangenannten zwei Punkten ergibt sich bereits die Aporetik einer Priorität der 14-Briefe-Sammlung, die anhand der Einzelbefunde in vielerlei Hinsicht erneut vor Augen geführt werden kann. Dieser Nachweis ist der Interpretation der Häresiologen gegenüber zu bevorzugen, da diese seit Irenäus unisono die 14-Briefe-Sammlung für die ältere halten und die *10-Briefe-Samm‐ lung als eine Verstümmelung derselben behandeln. Doch stellt sich die Frage, ob im Vergleich der *10-Briefe-Sammlung und der 14-Briefe-Sammlung die Erweiterungen und Korrekturen von letzterer einem konsistenten redaktionellen Konzept folgen. Wie verhält es sich mit den vielen Textüberschüssen und dem Verhältnis zwischen der 14-Briefe-Sammlung, der Apostelgeschichte wie überhaupt mit dem Praxapostolos. Dabei gilt auch hier - wie im Verhältnis *Ev/ Lk - die Annahme einer direkten literarischen Abhängigkeit als die einfachste Hypothese. §-10 Die Aporien der Priorität der 14-Briefe-Sammlung 587 <?page no="588"?> §-11 Die *10-Briefe-Sammlung und ihre kanonisch redaktionelle Bearbeitung zur 14-Briefe-Sammlung In diesem Paragraphen können nur ausgewählte Stellen betrachtet werden, die die *10-Briefe-Sammlung in ihrer Priorität gegenüber der 14-Briefe-Sammlung stützen. Wir greifen als Beispiele den Eröffnungsbrief der *10-Briefe-Sammlung, *Gal, heraus, und einen der Deuteropaulinen, *Laod. Es wäre ein Desiderat der Forschung, weitere Stellen in Gegenüberstellung der beiden Sammlungen zu bearbeiten und die vorliegende Hypothese zu kritisieren, zu korrigieren oder auch zu präzisieren. a. Das redaktionelle Interesse der kanonischen Redaktion Ausgangspunkt für die vorliegende Untersuchung ist die Beobachtung des Tertullian, dass der *Galaterbrief die *10-Briefe-Sammlung angeführt hat, wäh‐ rend, wie dann Epiphanius dezidiert herausstellt, dieser Brief seine Stellung mit dem Römerbrief im kanonischen Neuen Testament getauscht hat. Gibt es einen inneren und redaktionell-konzeptionellen Zusammenhang zwischen der Stellung dieser beiden Briefe in den beiden Sammlungen und deren Textgestalt? Wir beginnen bei der Gegenüberstellung der beiden verschiedenen Selbst‐ vorstellungen des Briefschreibers: *Gal Gal 1,1-Παῦλος ἀπόστολος, οὐκ ἀπ’ ἀνθρώπων οὐδὲ δι‘ ἀνθρώπου ἀλλὰ διὰ Ἰησοῦ Χριστοῦ τοῦ ἐγείραντος αὑτὸν ἐκ νεκρῶν, 1,1-Παῦλος ἀπόστολος, οὐκ ἀπ’ ἀνθρώπων οὐδὲ δι‘ ἀνθρώπου ἀλλὰ διὰ Ἰησοῦ Χριστοῦ καὶ θεοῦ πατρὸς τοῦ ἐγείραντος αὐτὸν ἐκ νεκρῶν, 2- [¿ταῖς ἐκκλησίαις? ] ἐν Γαλατίᾳ: 2 καὶ οἱ σὺν ἐμοὶ πάντες ἀδελφοί, ταῖς ἐκκλησίαις τῆς Γαλατίας: 3 χάρις καὶ εἰρήνη ἀπὸ θεοῦ πατρὸς καὶ κυρίου Ἰησοῦ, 3 χάρις ὑμῖν καὶ εἰρήνη ἀπὸ θεοῦ πατρὸς ἡμῶν καὶ κυρίου Ἰησοῦ Χριστοῦ, *1Kor 1Kor 1,1 Παῦλος ἀπόστολος Ἰησοῦ Χριστοῦ - 1,1 Παῦλος κλητὸς ἀπόστολος Χριστοῦ Ἰησοῦ διὰ θελήματος θεοῦ, καὶ Σωσθένης ὁ ἀδελφός, 2 τῇ ἐκκλησίᾳ ἐν Κορίνθῳ: 2 τῇ ἐκκλησίᾳ τοῦ θεοῦ τῇ οὔσῃ ἐν Κορίνθῳ, ἡγιασμένοις ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ, κλητοῖς ἁγίοις, σὺν πᾶσιν τοῖς <?page no="589"?> ἐπικαλουμένοις τὸ ὄνομα τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ ἐν παντὶ τόπῳ, αὐτῶν καὶ ἡμῶν: 3 χάρις καὶ εἰρήνη ἀπὸ θεοῦ πατρὸς ἡμῶν καὶ κυρίου Ἰησοῦ. 3 χάρις ὑμῖν καὶ εἰρήνη ἀπὸ θεοῦ πατρὸς ἡμῶν καὶ κυρίου Ἰησοῦ Χριστοῦ. *2Kor 2Kor 1 Παῦλος ἀπόστολος Ἰησοῦ Χριστοῦ τῇ ἐκκλησίᾳ τῇ ἐν Κορίνθῳ, τῇ Ἀχαΐᾳ: 1 Παῦλος ἀπόστολος Χριστοῦ Ἰησοῦ διὰ θελήματος θεοῦ, καὶ Τιμόθεος ὁ ἀδελφός, τῇ ἐκκλησίᾳ τοῦ θεοῦ τῇ οὔσῃ ἐν Κορίνθῳ, σὺν τοῖς ἁγίοις πᾶσιν τοῖς οὖσιν ἐν ὅλῃ τῇ Ἀχαΐᾳ: 2 χάρις καὶ εἰρήνη ἀπὸ θεοῦ πατρὸς ἡμῶν καὶ κυρίου Ἰησοῦ. 2 χάρις ὑμῖν καὶ εἰρήνη ἀπὸ θεοῦ πατρὸς ἡμῶν καὶ κυρίου Ἰησοῦ Χριστοῦ. 3 Εὐλογητὸς ὁ θεὸς τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ, ὁ πατὴρ τῶν οἰκτιρμῶν, 3 Εὐλογητὸς ὁ θεὸς καὶ πατὴρ τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ, ὁ πατὴρ τῶν οἰκτιρμῶν καὶ θεὸς πάσης παρακλήσεως, *Röm Röm 1,1 Παῦλος, ἀπόστολος Ἰησοῦ Χριστοῦ 1,1 Παῦλος δοῦλος Χριστοῦ Ἰησοῦ, κλητὸς ἀπόστολος, ἀφωρισμένος εἰς εὐαγγέλιον θεοῦ, - 2 ὃ προεπηγγείλατο διὰ τῶν προφητῶν αὐτοῦ ἐν γραφαῖς ἁγίαις, - 3 περὶ τοῦ υἱοῦ αὐτοῦ τοῦ γενομένου ἐκ σπέρματος Δαυὶδ κατὰ σάρκα, - 4 τοῦ ὁρισθέντος υἱοῦ θεοῦ ἐν δυνάμει κατὰ πνεῦμα ἁγιωσύνης ἐξ ἀναστάσεως νεκρῶν, Ἰησοῦ Χριστοῦ τοῦ κυρίου ἡμῶν, 5ἐν τοῖς ἔθνεσιν, 5 δι’ οὗ ἐλάβομεν χάριν καὶ ἀποστολὴν εἰς ὑπακοὴν πίστεως ἐν πᾶσιν τοῖς ἔθνεσιν ὑπὲρ τοῦ ὀνόματος αὐτοῦ, - 6 ἐν οἷς ἐστε καὶ ὑμεῖς κλητοὶ Ἰησοῦ Χριστοῦ, Stellen wir zunächst eine banal erscheinende, jedoch zugleich fundamentale Frage, unter Annahme einer Priorität der 14-Briefe-Sammlung: Welcher christ‐ liche Redaktor würde mit der Wendung θεοῦ πατρός einen Hinweis auf den höchsten Gott, den Vater, aus einer Vorlage streichen? Vielleicht ließe sich dies §-11 Die *10-Briefe-Sammlung und ihre Bearbeitung zur 14-Briefe-Sammlung 589 <?page no="590"?> 1 Tert., Adv. Marc. V 5,1-2: [1] … Quod non utique salutem praescribit eis quibus scribit, sed gratiam et pacem, non dico … [2] Haec cum a deo patre nostro et domino Iesu annuntians communibus nominibus utatur, competentibus nostro quoque sacramento, non puto dispici posse quis deus pater et dominus Iesus praedicetur, nisi ex accedentibus cui magis competant. Außerdem lässt sich leicht zeigen, dass Markion kein monarchianisch denkender Theologe war, vgl. hierzu M. Vinzent, Von Paulus zu Saulus. Zwei Paulus‐ briefsammlungen im 2.-Jh. (2025), 244-255. 2 §-9 b. mit dem Hinweis auf die Selbsterweckung Jesu Christi erklären, wenn mit ihr die monarchianische Identifikation von Jesus Christus mit dem höchsten Gott ausgesagt wäre. Dann hätte der Redaktor eine Doppelung der Gottestitulatur an dieser Stellung vermeiden wollen, vielleicht aus Angst vor einer möglichen ditheistischen Interpretation. Sollte dies plausibel sein, dann stößt diese Erklä‐ rung jedoch an ihre Grenze bei der Beobachtung einer Inkonsistenz in *1Kor 1,3. Für diese Stelle wird von Tertullian ausdrücklich bezeugt, dass in Markions Text θεοῦ πατρός zu lesen war. 1 Ändern wir die Bearbeitungsrichtung *10-Briefe-Sammlung > 14-Briefe- Sammlung erklären sich die Änderungen widerspruchsfrei. Zum ersten wird das καὶ θεοῦ πατρός von der kanonischen Redaktion in den Text eingeschoben, um erstens die Selbsterweckung zu einer Erweckung Jesu Christi durch Gott, den Vater, umzuformulieren, zweitens um eine größere Konsistenz zwischen Vers 1 und Vers 3 herzustellen, in denen auf der kanonischen Ebene das θεοῦ πατρός wiederholt wird und - nach *1Kor 1,3, wo dieses Element ebenfalls steht mit dem zusätzlichen Hinweis, dass die Brieferöffnungen eher ähnlich bei Markion formuliert wurden - wohl auch für *Gal 1,3 vorausgesetzt werden darf. Als redaktionelle Motive und Merkmale lässt sich festhalten: • Harmonisierung, die einher geht mit Duplikation • Theologische Hervorhebung von Gott, Vater. Das erste Merkmal wurde wegen seiner Charakteristik für die kanonische Redaktion bereits eigens behandelt. 2 Die theologische Hervorhebung von Gott, Vater, in der Wendung θεοῦ πατρός begegnet 18 Mal im kanonischen Neuen Testament und gemäß *1Kor 1,3 wurde sie auch 11 Mal in der *10-Briefe-Sammlung verwendet, wenn auch nur an einer Stelle bezeugt: *Gal 1,3; *2Kor 1,2; *Röm 1,7; *1Thess 1,1; *2Thess 1,2; *Laod 1,2; 6,23; *Kol 1,2; *Phil 1,2; *Phlm 1,2 und zwar immer in der Wendung χάρις καὶ εἰρήνη ἀπὸ θεοῦ πατρός bzw. an einer Stelle (*Laod 6,23) in der Wendung Εἰρήνη καὶ ἀγάπη μετὰ πίστεως ἀπὸ θεοῦ πατρός. Aufgrund der vorkanonischen Vorgabe findet sich die Formulierung auch in der kanonischen Ausgabe: Röm 1,7; 1Kor, 1,3; 2Kor 1,2; Gal 1,1. 3; Eph 1,2; 590 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="591"?> 6,23; Phil 1,2; 2,11; Kol 1,2; 1Thess 1,1; 2Thess 1,2; 1Tim 1,2; 2Tim 1,2; Tit 1,4; Phlm 1,3; 1Petr 1,2; 2Petr 1,17; 2Joh 1,3. Hierbei fällt allerdings auf, dass die kanonische Redaktion die Formulierung nicht nur in alle paulinischen Briefe - bis auf den Hebräerbrief! - aufgenommen hat, inklusive der Pastoralbriefe, sondern sie auch in drei der katholischen Briefe eingetragen hat. Das zeigt, dass wir nicht nur von einer Redaktion der paulinischen 14-Briefe-Sammlung sprechen können, sondern dass wir auch von einer übergreifenden kanonischen Redaktion reden. Da jedoch einige Briefe (Hebr, Jak, 1Joh, 3Joh, Jud) ohne diese Wendung auskommen, zeigt sich als weiteres Merkmal der kanonischen Redaktion eine gewisse Inkonsistenz. Dass sich die Inkonsistenz nicht nur auf die Anzahl der Briefe bezieht, sondern auch auf den Wortlaut, zeigen Gal 1,1; Phil 2,11 und 1Thess 1,1. Denn während die kanonische Redaktion überall dort, wo vorkanonisch das θεοῦ πατρός nach ἀπό in der Wendung ἀπὸ θεοῦ πατρός bezeugt bzw. berechtigterweise vermutet werden kann und in den kanonischen Parallelversen ebenso das ἀπὸ θεοῦ πατρός geboten wird, fehlt in der 14-Briefe-Sammlung in den drei genannten Versen, an denen θεοῦ πατρός steht, jeweils das ἀπό: - *10-Briefe-Sammlung 14-Briefe-Sammlung *Gal 1,1/ Gal 1,1 διὰ Ἰησοῦ Χριστοῦ διὰ Ἰησοῦ Χριστοῦ καὶ θεοῦ πατρὸς *1Thess 1,1/ 1Thess 1,1 χάρις ὑμῖν καὶ εἰρήνη ἀπὸ θεοῦ πατρὸς ἡμῶν καὶ κυρίου Ἰησοῦ ἐν θεῷ πατρὶ καὶ κυρίῳ Ἰησοῦ Χριστῷ: χάρις ὑμῖν καὶ εἰρήνη *Phil 2,11/ Phil 2,11 - κύριος Ἰησοῦς Χριστὸς εἰς δόξαν θεοῦ πατρός Bei der ersten Stelle, Gal 1,1, liegt der Fall einfach: das καὶ θεοῦ πατρός ist vorkanonisch nicht bezeugt und wird wohl auch gefehlt haben, während es kanonisch ohne bekannte Varianten steht. In *1Thess 1,1 wird man aufgrund der Notiz des Tertullian zu *1Kor 1 an‐ nehmen dürfen, dass vorkanonisch ἀπὸ θεοῦ πατρός stand, während kanonisch in 1Thess 1,1 die Dativkonstruktion ἐν θεῷ πατρί gewählt ist. Dabei sind folgende Varianten zu verzeichnen: Post πατρί add. ἡμῶν die Zeugen 02, 81, (629), ar, r, vg s , sa mss . ♦ Post Χριστῷ add. ἀπὸ θεοῦ πατρὸς ἡμῶν (- 06) καὶ κυρίου Ἰησοῦ Χριστοῦ die Zeugen 01, 02, 06, 016, 018, 020, 025, 33, 81, 104, (365), 630, 1175, 1241, 1505, 2464, M, (m), vg mss , sy h** , bo, om. in 03, 010, 012, 044, 0278, 629, 1739, 1881, lat, sy p , sa, NA 28 . §-11 Die *10-Briefe-Sammlung und ihre Bearbeitung zur 14-Briefe-Sammlung 591 <?page no="592"?> Die Varianten zeigen an, dass es in den Handschriften Harmonisierungen mit 2Thess 1,1-2 gegeben hat, wo es heißt: ἐν θεῷ πατρὶ ἡμῶν καὶ κυρίῳ Ἰησοῦ Χριστῷ: 2 χάρις ὑμῖν καὶ εἰρήνη ἀπὸ θεοῦ πατρὸς [ἡμῶν] καὶ κυρίου Ἰησοῦ Χριστοῦ. Es liegen folgende Varianten vor: Post πατρός om ἡμῶν in 03, 06, 025, 0111 vid , 33, 1739, 1881, m, bo pt , add 01, 02, 010, 012, 016, 018, 020, 0278, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 2464, M, lat, sy, sa, bo pt . Zu sehen ist, dass bei beiden Thessalonicherbriefen die von den übrigen Briefen abweichende dativische Konstruktion ἐν θεῷ πατρί steht, die offenkundig die vorkanonische und auch sonst kanonisch gebrauchte Wendung ἀπὸ θεοῦ πατρός ersetzt hatte. Letztere fehlt in einigen Handschriften, die öfter der vorkanonischen Version näher stehen. Doch auch hier scheint dies kein Hinweis darauf zu sein, dass die vorkanonische Version den Vers wie 2Thess 1,1-2 bot, sondern wohl eher, dass in diesen Handschriften weiter zu harmonisieren versucht wurde. Das wird auch durch 2Thess 1,2 gestützt, ein Vers, der sich näher an die sonstige vorkanonische Fassung anlehnt. Außerdem spricht für kanonische Harmonisierung, dass in 1Thess 1,1 das ἀπὸ θεοῦ πατρὸς [ἡμῶν] καὶ κυρίου Ἰησοῦ Χριστοῦ nicht an εἰρήνη, sondern an Ἰησοῦ Χριστῷ angeschlossen wurde, was zu einer Verdoppelung der Nennung Jesu Christi führt. Daraus folgt, dass das Fehlen des ἀπὸ θεοῦ πατρός in 1Thess 1,1 wohl die ältere, oder zumindest eine der kanonischen Varianten darstellt. Dass wir es mit der nicht das ἀπό beinhaltenden Wendung θεοῦ πατρός mit einer kanonisch-redaktionellen Wendung zu tun haben, belegt auch Phil 2,11. Hier ist es die Erweiterung des εἰς δόξαν, das im vorkanonischen Text keine Korrespondenz besitzt. Wir können folglich zusammenfassen, dass θεοῦ πατρός, welches an drei Stellen im kanonischen Text steht, jeweils ohne Korrespondenz im vorkanoni‐ schen Text, eine Wendung darstellt, die die kanonische Redaktion in den Text eingetragen hat. Hiermit aber führt die kanonische Redaktion eine gewisse Inkonsistenz im Gebrauch dieser Wendung ein (meistens mit, drei Mal ohne ἀπό) und, wie die Varianten zeigen, nimmt sie eine Duplikation in Kauf, die in den der vorkanonischen Version näher stehenden Handschriften fehlt. Ein weiteres Element, das die kanonische Version von Gal 1,1-3 auszeichnet, ist die Verwendung der Pronomen ἐμοί in Vers 2, ὑμῖν und ἡμῶν in Vers 3, die jeweils vorkanonisch unbezeugt sind. Betrachten wir uns die Selbstvorstellung in *1Kor/ 1Kor. Erneut stellt sich sofort die schlichte Frage, warum bei Annahme einer Priorität der 14-Briefe-Sammlung ein Abbreviator das Lob des Adressaten, der Kirche von Korinth, von Vers 2 herausgeschnitten hätte, dann auch das Pronomen der Anrede ὑμῖν in Vers 3. 592 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="593"?> Noch weniger wahrscheinlich ist, dass die ausdrückliche Bezugnahme, wonach die Berufung des Paulus als Apostel auf den Willen Gottes zurückgeht, irgendein Redaktor ausgelassen hätte, es sei denn, er habe Paulus in seiner Autorität reduzieren wollen. Hier spräche schon eher dafür, dass ein Markionit das zwie‐ spältige κλητός von Vers 1 getilgt hätte, auch die Nennung eines Mitschreibers, Σωσθένης ὁ ἀδελφός, weil beides die wesentliche Alleinstellung, die Paulus für sich in *Gal/ Gal gerade betont hatte, gefährdet haben könnte. Aus den genannten Gründen ist es wiederum eher wahrscheinlich, dass wir es mit einer Bearbeitungsrichtung *10-Briefe-Sammlung > 14-Briefe-Sammlung zu tun haben. Denn aus den gerade geschilderten inhaltlichen Gründen legt sich eine antimarkionitische Erweiterung dieser Verse nahe. Darüberhinaus bietet die Nennung des Σωσθένης eine Verknüpfung zwischen dem Ersten Korintherbrief und der Apostelgeschichte (Apg 18,17). Zunächst aber sticht gleich ins Auge, dass die in der vorkanonischen Fassung fehlenden Elemente innerhalb der kanonischen Fassung miteinander verknüpft werden. Das κλητός aus Vers 1 kehrt wieder im κλητοῖς von Vers 2 und klingt an im danach stehenden ἐπικαλουμένοις. Der Verweis auf Christus, der vorkanonisch nur einmal steht, kehrt gleich drei weitere Male in der kanonischen Version wieder auf. Pronomen werden eingeführt (ὑμῖν, Vers 3) oder wiederholt (ἡμῶν, Vers 2), der Text folglich personalisiert. Auch bei dem Vergleich der Selbstvorstellung in *2Kor/ 2Kor scheint es wenig wahrscheinlich, dass ein Abbreviator wiederum den Hinweis auf den Willen Gottes aus dem Text entfernt hätte - ebenfalls wäre es wenig erklärlich, warum erneut das Lob der Adressaten herausgefallen wäre, während eine redaktionelle Erweiterung für die 14-Briefe-Sammlung schnell einsichtig ist: Der Text wird durch die Hinzufügung von Pronomen (ὑμῖν, Vers 2) wiederum personalisiert. Mit der erneuten Einfügung eines Mitabsenders, dieses Mal Τιμόθεος ὁ ἀδελφός, wird Paulus wieder aus seiner Alleinstellung gebracht, außerdem die Verbin‐ dung zu der kanonischen Ergänzung der Kapitel Röm 15-16 (Röm 16,21), den Pastoralbriefen (1Tim 1,2. 18; 6,20; 2Tim 1,2), den Deuteropaulinen (Kol 1,1), dem Hebräerbrief (Hebr 13,23) und der Apostelgeschichte (Apg 16,1; 17,14. 15; 18,5; 19,22; 20,4) geschaffen und die kirchliche Reichweite verbreitert (ἐν ὅλῃ τῇ Ἀχαΐᾳ). Zu dieser Intensivierung durch die kanonische Redaktion gehört auch die Verwendung von πᾶσιν, die bereits in 1Kor 1,2 auffällt (auch ebd. ἐν παντὶ τόπῳ), hier aber wiederholt wird (2Kor 1,1; auch πάσης in Vers 3). Kommen wir zu der Selbstvorstellung in *Röm/ Röm. Auch hier wäre die Annahme einer Priorität der 14-Briefe-Sammlung nur schwer verständlich, denn sie bedarf der Erklärung, warum ein Abbreviator die Erwähnung des §-11 Die *10-Briefe-Sammlung und ihre Bearbeitung zur 14-Briefe-Sammlung 593 <?page no="594"?> „Evangeliums Gottes“ ausgelassen hätte, während es der typischen Tendenz von Redaktionen entspricht, Erweiterungen vorzunehmen, was für die Priorität der *10-Briefe-Sammlung vor der 14-Briefe-Sammlung spricht. Denn in den für die vorkanonische Version unbezeugten Versen 2-4 wird mit dem ὁρίζω von Vers 4 das ἀφορίζω aus Vers 1 wieder aufgegriffen, ebenso mit προεπαγγέλλομαι aus Vers 2 das εὐαγγέλιον aus Vers 1, mit dem θεοῦ aus Vers 4 das θεοῦ aus Vers 1. In dem vorkanonisch unbezeugten Vers 5 wird mit ὑπακοή auf den vorkanonisch unbezeugten δοῦλος angespielt. Schließlich greift das κλητός in Vers 6 das κλητός von Vers 1 auf. Ein weiteres Element fällt auf - die Verwendung der Pronomen ἡμῶν - ὑμεῖς. Und die für die Korintherbriefe festgestellte Erweiterung der Reichweite der Kirche führt im Römerbrief zu deren Universalisierung (ἐν πᾶσιν τοῖς ἔθνεσιν) gegenüber der vorkanonischen Version. Es zeigt sich eine enge Verknüpfung zwischen den Versen 2-6 mit den kanonischen Ergänzungen in Vers 1, womit insgesamt eine kanonische Verbun‐ denheit der Verse 1-6 aufleuchtet. Hätte hier ein Abbreviator gearbeitet, wäre ein solch präzises Herausschneiden viel schwerer als für einen Redaktor, der einen gegebenen Text so ergänzt, dass er in den Folgeversen gerade die ergänzten Elemente erläuternd ausführt. Ähnliche Verknüpfungen wurden auch bereits für 1Kor festgestellt. Nimmt man die Vergleichsstellen aus Gal, 1/ 2Kor und Röm zusammen, fällt auf, dass die Selbstvorstellungen eher Erweiterungen der kanonischen Redaktion für die 14-Briefe-Sammlung nahelegen als Abbreviationen einer vorkanonischen für die *10-Briefe-Sammlung. Die kanonische Redaktion der 14-Briefe-Samm‐ lung zeigt das Bemühen, den Text zu personalisieren, erklärend zu erweitern, es werden redaktionell-literarische Bezüge zwischen den Erweiterungen einge‐ bracht und über diese hinaus Verknüpfungen der Selbstvorstellungen mit der größeren kanonischen Sammlung hergestellt, die eine vernetzte Konsistenz ge‐ rade mit den auf Paulus bezogenen kanonischen Hinzufügungen zu insinuieren versuchen (Röm 15-16; Apg; Deuteropaulinen, Pastoralbriefe, Hebräerbrief). In Kauf genommen werden Duplikationen und Inkonsistenzen innerhalb der 14-Briefe-Sammlung. Ohne bereits an dieser Stelle generalisieren zu wollen, also lediglich be‐ zogen auf die kleine Stichprobenuntersuchung der vier Selbstvorstellungen des Paulus, die zuvor unternommen wurde, lässt sich ähnlich parallel, wie Klinghardt es für den Vergleich der Eröffnung von *Ev und Lk/ Apg getan hat, feststellen, dass das redaktionelle Interesse eine Anti-Tendenz aufweist, d. h. die 14-Briefe-Sammlung ist als Korrektur der *10-Briefe-Sammlung, insbesondere von dessen Paulusbild, angelegt. Es gilt auch hier, dass diese Tendenz zunächst 594 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="595"?> 3 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band-1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 172. 4 Tert., Adv. Marc. IV 4,4. 5 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band-1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 173. 6 Dieser Vergleich wurde angeregt durch Fragen, die Harry O. Maier in einer Email an mich vom 21.7.23 aufgeworfen hatte und dem ich darum sehr zu Dank verpflichtet bin. Vgl. auch B.S. McAdon, Rhetorical Mimesis and the Mitigation of Early Christian Conflicts. Examining the Influence that Greco-Roman Mimesis may have in the Composition of Matthew, Luke, and Acts (2018). vorwiegend „eher formal zu verstehen und auf die literarische Diskreditierung des älteren“ Textes zu beziehen ist, „der durch den redaktionell erweiterten (und kanonisch gewordenen) ersetzt werden soll.“ 3 Betrachtet man sich insbesondere die Zusätze der Verse Röm 1,1b-4, wird man sogar inhaltlich hinzufügen dürfen, dass dieser Passus mit dem Hinweis darauf, dass das „Evangelium Gottes“ bereits „durch seine Propheten … vorher verheißen“ worden ist „in heiligen Schriften“ und dass der „Sohn … aus der der Nachkommenschaft Davids“ ist, durchaus von einem Kritiker als Interpolation ad concorporationem legis et prophetarum 4 hatte bezeichnet werden können, und dieser nicht nur, wie etwa Lk 1, „auf eindrückliche Weise“ nahekommt. 5 b. Die kanonische Redaktion von (*) Gal 2,11-21 Um für die Frage der Bearbeitungsrichtung ein weiteres Beispiel anzufügen, soll hier auf Kapitel 2 von *Gal/ Gal eingegangen werden. 6 *Gal 1,11-17; 2,1↓1,18. ↓1,19. 2,2-5. 6. 9-12. 13. 14. 16. 18 Gal 1,11-24; 2,1-21 Apg Weitere Zeugnisse 11-Ich gebe euch aber zu verstehen, Brüder und Schwestern, dass das Evangelium, das von mir verkündet wurde, nicht von Men‐ schen stammt; 11-Ich gebe euch aber zu verstehen, Brüder, dass das Evangelium, das von mir verkündet wurde, nicht von Men‐ schen stammt; - - 12 doch-ich habe es nicht von einem Men‐ schen übernommen, aber auch nicht gelernt, sondern durch eine Of‐ fenbarung Jesu Christi. 12 doch-ich habe es nicht von einem Men‐ schen übernommen und auch nicht gelernt, sondern durch eine Of‐ fenbarung Jesu Christi. - - §-11 Die *10-Briefe-Sammlung und ihre Bearbeitung zur 14-Briefe-Sammlung 595 <?page no="596"?> *Gal 1,11-17; 2,1↓1,18. ↓1,19. 2,2-5. 6. 9-12. 13. 14. 16. 18 Gal 1,11-24; 2,1-21 Apg Weitere Zeugnisse 13-Als ich damals zum Judentum ge‐ hörte, verfolgte ich die Kirche maßlos und bekämpfte sie - 13-Ihr habt nämlich mein Benehmen damals im Judentum zu Ohren bekommen, dass ich über die Maßen die Kirche Gottes verfolgte und sie vernichtete - - 14-und im Judentum war ich über die Maßen ein Eiferer, was die Überlieferungen meiner Väter betraf. - 14 und im Judentum viele Gleichaltrigen in meinem Geschlecht übertraf und micht mit dem größten Eifer für die Überlieferungen meiner Väter einsetzte. - - 15-Dann aber gefiel es ihm, der mich ausersehen hatte, 15-Als es Gott aber ge‐ fiel, der mich schon im Mutterleib ausersehen und durch seine Gnade berufen hat, - - 16-Christus in mir zu offenbaren, damit ich unter den Völkern ihn im Evangelium verkünde. 16- seinen Sohn in mir zu offenbaren, damit ich unter den Völkern ihn im Evangelium ver‐ künde, sofort zog ich nicht Fleisch und Blut hinzu; - - - 17-ich ging auch nicht nach Jerusalem hinauf zu den Aposteln, die vor mir waren, sondern ging weg nach Arabien und kehrte wieder um nach Damaskus. - - - 18-Dann, nach drei Jahren ging ich nach Jerusalem hinauf, um mich mit Kephas zu treffen, und blieb bei ihm, fünfzehn Tage. - - - 19-Allerdings einen an‐ deren der Apostel sah ich nicht als nur Ja‐ kobus, den Bruder des Herrn. - - 596 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="597"?> *Gal 1,11-17; 2,1↓1,18. ↓1,19. 2,2-5. 6. 9-12. 13. 14. 16. 18 Gal 1,11-24; 2,1-21 Apg Weitere Zeugnisse - 20-Was ich euch schreibe - beim Angesicht Gottes, siehe, dass ich nicht lüge. - - - 21-Im Anschluss ging ich in die Gegend Sy‐ riens und Kilikiens. - - - 22 Dem Angesicht nach blieb ich den Kirchen Judäas, und zwar denje‐ nigen in Christus, unbe‐ kannt. - - - 23-Allein aber hatten sie vernommen, dass derjenige, der uns da‐ mals verfolgte, jetzt den Glauben im Evan‐ gelium verkündet, den er früher vernichtete. - - - 24-Und mit Bezug auf mich priesen sie Gott. - - 2,1-Und, vierzehn Jahre später, ging ich nach Jerusalem hinauf, (↓1,18-…) um Petrus kennenzu‐ lernen (↓1,19)-und die übrigen Apostel. 2,1-Dann, vierzehn Jahre danach, ging ich wieder nach Jerusalem hinauf, mit Barnabas; indem ich auch Titus mitnahm. Barnabas ist (Apg 11,22) Ge‐ währsmann von Je‐ rusalem, um die Missionserfolge des Paulus in Antiochia zu prüfen, ein „treff‐ licher Mann, erfüllt vom Heiligen Geist und Glauben“ (Apg 11,24). Apg führt nur Paulus und Barnabas „und einige“ an. Barnabas ist be‐ schnitten, sein Vetter ist Markus (Kol 4,10) 2-Ich ging hinauf auf‐ grund einer Offenba‐ rung, legte ihnen das Evangelium vor, das ich unter den Völ‐ kern verkünde, ich wollte sicher sein, dass ich nicht ins Leere gelaufen bin oder laufe, 2-Ich ging aber hinauf aufgrund einer Offen‐ barung und legte ihnen das Evangelium vor, das ich unter den Völ‐ kern verkünde, jedoch denen, die etwas gelten, je einzel, ich wollte nicht ins Leere laufen oder gelaufen sein. Sie reisen als Ge‐ sandte der Gemeinde von Antiochien. Sie werden „von der Gemeinde, den Aposteln und Äl‐ testen empfangen“ (Apg 15,4), also of‐ fensichtlich erfolgt die Unterredung nicht einzeln - §-11 Die *10-Briefe-Sammlung und ihre Bearbeitung zur 14-Briefe-Sammlung 597 <?page no="598"?> *Gal 1,11-17; 2,1↓1,18. ↓1,19. 2,2-5. 6. 9-12. 13. 14. 16. 18 Gal 1,11-24; 2,1-21 Apg Weitere Zeugnisse 3-doch nicht einmal Titus, der bei mir war, ein Grieche, wurde zur Beschnei‐ dung gezwungen, 3-Doch nicht einmal Titus, der bei mir war, ein Grieche, wurde zur Beschneidung ge‐ zwungen, „Man muss sie (die Unbeschnittenen) be‐ schneiden und von ihnen fordern, am Gesetz des Mose fest‐ zuhalten.“ (Apg 15,5) - 4-wegen der fal‐ schen Brüder, jenen Eindringlingen, die sich eingeschlichen hatten, um die Frei‐ heit, die wir in Christus haben, aus‐ zuspähen, damit wir versklavt würden. 4-wegen der falschen Brüder, jenen Eindring‐ lingen, die sich einge‐ schlichen hatten, um die Freiheit, die wir in Christus Jesus haben, auszuspähen, damit wir versklavt würden. „einige aus der Partei der Pharisäer“ (Apg 15,5) - 5 Wir haben uns auch nicht einen Augen‐ blick unterworfen, damit die Wahrheit des Evangeliums be‐ wahrt bliebe. 5-ihnen haben wir uns keinen Augenblick un‐ terworfen, damit die Wahrheit des Evange‐ liums bei euch erhalten bliebe. „ein heftiger Streit“ (Apg 15,7) - --6 Es macht für mich keinen Unterschied. 6 Aber auch von denen, die etwas gelten - das, was sie früher waren, macht für mich keinen Unterschied, das Ge‐ sicht eines Menschen nimmt Gott nicht -, auch von denen, die etwas gelten, wurde mir nichts auferlegt. 7-Sondern im Gegen‐ teil, sie sahen, dass mir das Evangelium für die Unbeschnittenen anvertraut ist wie dem Petrus für die Beschnit‐ tenen---8-denn derje‐ nige, der Petrus zum Aposteldienst unter den Beschnittenen be‐ fähigt hat, befähigte auch mich zum Dienst unter den Völkern - Petrus spricht gegen den Zwang eines Jo‐ ches auf dem Na‐ cken (Apg 15,10); Ja‐ kobus mit Verweis auf die Propheten Amos und Jesaja schließt sich Petrus an (Apg 15,13-19). „Man weise sie nur an, Verunreinigung durch Götzenopfer‐ fleisch und Unzucht zu meiden und weder Ersticktes noch Blut zu essen“ (Apg 15,20; „Götzenopferfleisch, Blut, Ersticktes und Unzucht zu meiden“, Apg 15,29). Geben dies als Schreiben mit und senden Paulus, Bar‐ nabas zusammen mit Judas und Silas nach Antiochia - 598 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="599"?> *Gal 1,11-17; 2,1↓1,18. ↓1,19. 2,2-5. 6. 9-12. 13. 14. 16. 18 Gal 1,11-24; 2,1-21 Apg Weitere Zeugnisse 9- Petrus, Jakobus und Johannes gaben mir die rechte Hand, damit ich zu den Heiden gehe, sie zu den Beschnittenen, 9-und sie erkannten die mir gegebene Gnade. Jakobus, Kephas und Johannes, die dafür gelten, die Säulen zu sein, gaben mir und Barnabas die Rechte zum Zeichen der Ge‐ meinschaft, damit wir zu den Heiden, sie aber zu den Beschnittenen gingen. - - 10 auf dass wir an die Armen denken. 10-Alleine der Armen sollten wir uns erin‐ nern; und das zu tun, dessen habe ich mich eifrig bemüht. - - - - Judas und Silas kehren zurück, Paulus trennt sich von Barnabas, der mit Markus nach Zypern reist, Paulus wählt sich Silas - eine der Inkonsis‐ tenzen, da er nach Apg 15,34 ja zurück‐ gekehrt war - - 11-Petrus habe ich ins Angesicht wider‐ standen, weil er ge‐ heuchelt hatte, 11-Als aber Kephas nach Antiochia ge‐ kommen war, habe ich ihm ins Angesicht wi‐ derstanden, weil er ge‐ heuchelt hatte. Das Folgende bleibt unerwähnt. - 12 er hatte mit den Heiden gegessen, als er aber kam, enthielt er sich, denn er fürch‐ tete die aus der Be‐ schneidung. 12 Bevor nämlich einige von Jakobus kamen, hatte er mit den Heiden gemeinsam gegessen. Nach sie aber kamen, duckte er sich und ent‐ hielt sich, weil er die aus der Beschneidung fürchtete. - - 13-Und mit ihm heu‐ chelten die anderen. 13-Und mit ihm zu‐ sammen heuchelten die - - §-11 Die *10-Briefe-Sammlung und ihre Bearbeitung zur 14-Briefe-Sammlung 599 <?page no="600"?> *Gal 1,11-17; 2,1↓1,18. ↓1,19. 2,2-5. 6. 9-12. 13. 14. 16. 18 Gal 1,11-24; 2,1-21 Apg Weitere Zeugnisse anderen Juden, sodass auch Barnabas sich mit ihm entzog aufgrund ihrer Heuchelei. 14 Aber dass sie nicht geradlinig auf die Wahrheit des Evan‐ geliums zugingen, warf ich dem Petrus vor: 14 Als ich aber sah, dass sie nicht geradlinig auf die Wahrheit des Evan‐ geliums zugingen, sagte ich zu Kephas in Gegen‐ wart aller: Wenn du, ein Jude, dich als Heide be‐ nimmst und nicht als Juden lebst, wie kannst du die Heiden zwingen, zu Judaisieren? - - - 15-Wir, die wir der Natur nach Juden sind und nicht aus den Heiden Sünder, - - 16-Ein Mensch wird nicht aus dem Ge‐ setz gemäßen Hand‐ lungen gerecht, son‐ dern allein aus dem Glauben, 16-wissen, dass der Mensch nicht aus dem Gesetz gemäßen Hand‐ lungen gerecht wird, es sei denn durch den Glauben Jesu Christi; und auch wir glaubten an Christus Jesus ge‐ langt, damit wir ge‐ recht würden aus dem Glauben Christi und nicht aus dem Gesetz gemäßen Handlungen; weil aus dem Gesetz gemäßen Handlungen wird kein Fleisch ge‐ recht. - - - 17-Wenn aber wie in Chrisuts gerecht zu werden suchen und auch als Sünder er‐ funden werden, ist Christus folglich ein Sklave der Sünde? Das sei ferne! - - 600 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="601"?> 7 Gegen zu schnelle Harmonisierung der Berichte argumentieren G. Tatum, Galatians 2: 1-14 / Acts 15 and Paul’s Ministry in 1 Thessalonians and 1 Corinthians (2009); P.J. Achtemeier, An Elusive Unity: Paul, Acts, and the Early Church (1986). Sie dennoch (zumindest chronologisch) zu harmonisieren versucht P. Parker, Once More, Acts and Galatians (1967). Andere Versuche sind zahlreich, hier nur eine Studie, über die weitere, ältere Literatur zu finden ist: W.O. Walker, Why Paul Went to Jerusalem: The Interpretation of Galatians 2: 1-5 (1992). *Gal 1,11-17; 2,1↓1,18. ↓1,19. 2,2-5. 6. 9-12. 13. 14. 16. 18 Gal 1,11-24; 2,1-21 Apg Weitere Zeugnisse 18-wenn ich näm‐ lich das, was ich niedergerissen habe, wieder aufbaue. 18-Denn wenn ich das, was ich niedergerissen habe, wieder aufbaue, dann stelle ich mich auch selbst als Über‐ treter hin. - - - 19-Ich bin nämlich durch das Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich für Gott lebe. Mit Christus bin ich gekreu‐ zigt worden. - - - 20-Doch nicht mehr ich lebe, sondern es lebt in mir Christus. Was ich aber nun im Fleische lebe, lebe ich im Glauben des Sohnes Gottes, der mich geliebt und sich für mich hin‐ gegeben hat. - - - 21-Ich setze die Gnade Gottes nicht beiseite; käme nämlich durch das Gesetz die Gerech‐ tigkeit, wäre folglich Christus umsonst ge‐ storben. - - Liest man, wie bisher in der Forschung geschehen, nur die Berichte von Gal und Apg nebeneinander, muss man den Eindruck gewinnen, dass es sich anfangs um zwei deutlich unterschiedliche Berichte desselben Geschehens handelt, die nur teilweise miteinander harmonieren, 7 während der zweite Teil dessen, was §-11 Die *10-Briefe-Sammlung und ihre Bearbeitung zur 14-Briefe-Sammlung 601 <?page no="602"?> 8 T. Söding, Das Apostelkonzil als Paradebeispiel kirchlicher Konfliktlösung. Anspruch, Wirklichkeit und Wirkung (2012), 28. Gal 2 berichtet, nicht in Apg zu finden ist, anstelle dessen findet sich hier die Erzählung von den Missionsreisen. Die Differenzen zwischen den Berichten fasst Th. Söding prägnant zu‐ sammen: „Paulus stellt die Sache so dar, dass er mit Barnabas und anderen Antiochenern nach Jerusalem gezogen sei, aufgrund göttlicher Eingebung, um die Apostel dort und die Urgemeinde zu zwingen, Farbe zu bekennen (Gal 2,1f.), Lukas hingegen spricht von einem Beschluss der Kirche von Antiochia, eine Delegation mit Paulus und Barnabas an der Spitze nach Jerusalem zu schicken, damit dort der Streit über die Beschneidung geschlichtet werde, der durch eine judaistische Delegation vor Ort ausgelöst worden war (Apg 15,1f.). Nach dem Galaterbrief nimmt Paulus - ein geschickter Schachzug - den unbeschnittenen Heidenchristen Titus sozusagen als Demonstrationsobjekt für die Früchte der Heidenmission mit; die Apostelgeschichte erwähnt ihn mit keiner Silbe. Paulus schreibt, er habe mit der Vollversammlung der Urgemeinde und besonders mit den „Säulen“, Jakobus, Kephas und Johannes, geredet (Gal 2,2), Lukas hingegen, dass nach der Begrüßung durch die Gemeinde (Apg 15,4) die „Apostel und Presbyter“ die Angelegenheit geprüft haben (Apg 15,5). Paulus stellt es so dar, dass seinem Plädoyer in eigener Sache niemand etwas entgegenzusetzen hatte; Lukas so, dass zwar die Berichte von Paulus und Barnabas wichtig, entscheidend aber die Reden und Reflexionen von Petrus und Jakobus waren (Apg 15,6-21). Nach dem Galaterbrief haben die „Säulen“ Paulus als Apostel anerkannt, indem sie per Handschlag die Gemeinschaft mit ihm besiegelt haben (Gal 2,7ff.), nach Lukas sind nur die Zwölf Apostel im eigentlichen Sinne. Paulus sagt, ihm sei rein gar nichts „auferlegt“ worden (Gal 2,6); nach dem Aposteldekret werden die Heidenchristen aber verpflichtet, die Minimalvorschriften aus Lev 17-18 für den Umgang mit Juden, eine Vorform der „noachitischen Gebote“, zu halten (Apg 15,19f.22-28; vgl. 21,25). Nach dem Galaterbrief ist eine Kollekte der heidenchristlichen Gemeinden für Jerusalem vereinbart worden (Gal 2,10; vgl. Röm 15,26; 1Kor 16,1; 2Kor 8-9), während Lukas zwar eine antiochenische Kollekte für die Urgemeinde kennt (Apg 11,29f.), aber nicht mit dem Apostelkonzil in Zusammenhang bringt. Schließlich berichtet Paulus im Anschluss an das Konzil von einem handfesten Krach in Antiochia mit Petrus und Barnabas (Gal 2,11-14,11), während Lukas nur ein persönliches Zerwürfnis zwischen Paulus und Barnabas zu kennen scheint (Apg 15,36-41).“ 8 Im Angesicht der Unterschiede zwischen den beiden Berichten lassen sich kaum irgendwelche Versöhungen ausmachen, sondern vielmehr erhebliche 602 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="603"?> 9 „The pressing problem typically has been to make the two canonical ‚sources‘ for ‚a life of Paul‘ agree enough with each other so as to render their obvious disagreements with each other less significant“, L.E. Vaage, The Corpus Paulinum (2022), 13. 10 Vgl. hierzu die reiche Forschung zu diesen beiden Passagen aus Gal 1-2 und Apg 15: H. Zeigan, Aposteltreffen in Jerusalem. Eine forschungsgeschichtliche Studie zu Galater 2,1-10 und den möglichen lukanischen Parallelen (2005); R. Schäfer, Paulus bis zum Apostelkonzil. Ein Beitrag zur Einleitung in den Galaterbrief, zur Geschichte der Jesusbewegung und zur Pauluschronologie (2004); R. Pesch, Das Jerusalemer Abkommen und die Lösung des Antiochenischen Konfliktes. Ein Versuch über Gal 2, Apg 10,1-11,18; Apg 11,27-30; 12,25 und Apg 15,1-34 (1983). Differenzen, wie die Spalten 2 und 3 oben im Vergleich erweisen und Söding in seiner Zusammenfassung verdeutlicht, und man wundert sich nicht, dass es das „wiederkehrende, drückende Problem gab, die beiden kanonischen ‚Quellen‘ für eine ‚Lebensbeschreibung des Paulus‘ soweit miteinander übereinstimmen zu lassen, so dass die augenscheinlichen gegenseitigen Widersprüche weniger bedeutsam erschienen“. 9 Da man Gal für das ältere Zeugnis hielt, bewegte sich die Diskussion zu den Parallelen und Unterschieden im Wesentlichen um die Frage, wie die Apostelgeschichte versucht hatte, das Zeugnis des Paulus zu korrigieren. 10 Geht man von der Priorität der 14-Briefe-Sammlung aus, müsste man er‐ klären, warum die historischen Details des paulinischen Aufenthalts in Arabien und Damaskus den Abbreviator gestört hatte, so dass er diese tilgte. Vor allem ist schwer zu erläutern, warum der ausführliche Bericht der ersten Reise nach Jerusalem mit dem Aufenthalt bei Petrus, der Begegnung mit Jakobus und der weiteren Reise nach Syrien und Kilikien gelöscht wurde. Warum interessierte sich der Abbreviator nicht dafür, dass *Paulus von den Gemeinden in Judäa gelobt wurde? Ebenfalls ist unerklärlich, dass er die Anerkenntnis der Gnade für Paulus getilgt hatte. Und warum sollte Paulus den Petrus nicht entschuldigen? Die sich einschleichenden Brüder werden nicht auf Jakobus zurückgeführt - und Petrus ist der Alleinschuldige, während die anderen mit ihm heucheln. Ebenso inkonsistent mit der Intentionsrichtung des Berichtes in *Gal wäre die Löschung der Begründung, die in Gal 2,14-15 gegeben wird, wobei es sich nicht um eine literarische Inkonsistenz handelt, wie man sie öfter auf der kanonischen Ebene findet, sondern mit einem redaktionellen Widerspruch, der dem Redaktor ein widersinniges Verfahren unterlegen würde. Am schwerwiegendsten ist, warum der Abbreviator Barnabas eliminiert, und zwar nicht nur an dieser Stelle, sondern gleich zwei weitere Male in *Gal (2,9. 13), auch in *1Kor 9,6. Hingegen erklärt sich bei einer umgekehrten Bearbeitungsrichtung von der *10-Briefe-Sammlung zur 14-Briefe-Sammlung viel leichter die Funktion der Einfügung des Barnabas in diesen Bericht. Sie dient §-11 Die *10-Briefe-Sammlung und ihre Bearbeitung zur 14-Briefe-Sammlung 603 <?page no="604"?> 11 Zu Inkonsistenzen der kanonischen Redaktion vgl. S.-568-572. nicht nur inhaltlich, sondern auch literarisch der Vernetzung des Galaterberichts mit den Deuteropaulinen (Kol 4,10) und insbesondere der Apostelgeschichte, wo Barnabas häufig erscheint (Apg 4,36; 9,27; 11,22. 25. 30; 12,25; 13,1. 2. 7. 43. 46. 50; 14,12. 14. 20; 15,2. 12. 22. 25. 35. 36. 37. 39) und als Begleiter des Paulus fungiert. Dreht man die Bearbeitungsrichtung um und geht von der *10-Briefe -Sammlung hin zur 14-Briefe-Sammlung und dient die *10-Briefe-Sammlung als Vorlage für die 14-Briefe-Sammlung und die Apostelgeschichte, wird plötzlich deutlich, dass die kanonische Revision von *Gal zu Gal eine erste harmonisie‐ rende Relektüre von *Gal darstellt, die einen ersten Schritt der Weichzeichnung von *Gal versucht und Apg als eine konsequente Fortführung dieser Tendenz zu verstehen ist. Inwieweit die Erstellung von Gal bereits bei der ersten kanonischen Redaktion erfolgte, und welche mögliche Korrektur der Text bei der Hinzufügung von Apg in der zweiten kanonischen Redaktion erfuhr ist eine spannende Frage für künftige Forschung, die hier nur erwähnt werden kann. Während *Gal, wie gesagt, mit keinem Wort Barnabas erwähnt, wird Bar‐ nabas von Apg bereits vorweg eingeführt als der vom Heiligen Geist begabte Kontrolleur des Paulus. Barnabas gilt nach Kol 4,10 als Vetter des Markus, eines Mitarbeiters des Paulus. Dass im kanonischen Gal an dritter Stelle auch Titus erwähnt wird, reiht dessen Autorität hinter diejenige des Barnabas. Da vorkanonisch von keiner ersten Reise die Rede ist und die Verse 1,18-19 nur kanonisch stehen, wird in *Gal 2,1 sogleich auf *Paulus vs. Petrus und die übrigen Apostel verwiesen. Ganz anders in Gal. Hier wird eine erste Reise, drei Jahre nach dem ebenfalls nur in Gal und Apg berichteten Aufenthalt des Paulus in Damaskus, berichtet, bei der Paulus Kephas kennenlernt, 15 Tage bei ihm bleibt und Jakobus, den Bruder des Herrn, sieht, auch wenn er keinen „von den anderen Aposteln“ sah (Gal 1,19). Titus ist eingangs von *Gal nicht erwähnt, d. h. die Autorität liegt alleine bei *Paulus. Konsequenterweise wird in *Gal 2,1 auch nur von „ich“ gesprochen, was auch Gal 2,1 stehen blieb, auch wenn Paulus der kanonischen Version nach im Gespann zu dritt reist. Selbst in Gal 2,2 erhält sich der Singular „ich“, wohl aufgrund seiner vorkanonischen Vorlage, auch wenn Paulus eigentlich von „wir“ sprechen müsste. 11 Nur in Gal erhalten die Ansprechpartner des Paulus (dort mit Barnabas und Titus) den Titel „die etwas gelten“. Nach *Gal wird erst in Vers 3 von einem Begleiter des *Paulus gesprochen, „Titus“, der „ein Grieche“ und der unbeschnitten ist. 604 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="605"?> Gewiss ist die deutliche Position des *Paulus (*Gal 2,4-5) auch in Gal bewahrt, doch spätestens in Gal 2,8 wird Petrus die Kraft zum Aposteldienst beschieden, bevor Paulus auf die seine „unter den Völkern“ verweist. Diese Anerkennung seiner Gnade durch seine Ansprechpartner sind Gal wichtig, denn die Angese‐ henen werden auf der kanonischen Ebene nun sogar zu „den Säulen“ befördert. Auch beim sich anschließenden Streit zwischen Paulus und Petrus lassen sich die Weichzeichnungen erkennen. Wiederum fehlt Barnabas im Bericht von *Gal, während er in Gal erneut auftaucht (Gal 2,13). Dann wird, was vorkanonisch eine simple Kritik an Petrus ist - dass er nämlich nur dann gerecht wird, wenn er wieder gutmacht, was er durch seine Wankelmütigkeit oder des Gesetzes wegen zerstört hat, auf der kanonischen Ebene zu einer theologischen Betrachtung von Gesetz und Sünde ausgeweitet. Diese Ausweitung, angeregt durch die kurze vorkanonische Andeutung in *Gal 2,20, überdeckt die vorausliegende Petrusexhortation. In *Gal war es gar nicht nur eine Ermahnung und Zurückweisung des Petrus, sondern, weil hier das Geschehen ohne Zeitdehnung und Ortsveränderung von Jerusalem nach Antiochien in Jerusalem stattfindet, zugleich eine solche der gesamten Kirche in Jerusalem. Das heißt, mitermahnt wurden auch Jakobus und Johannes („die anderen), *Gal 2,13. Es erklärt sich demnach, warum die kanonische Redaktion den Streit nach Antiochien verschiebt, aus ihm eine Auseinandersetzung vor allem des Paulus mit Petrus macht, und als Gegenreaktion nicht nur die Apostelgeschichte, sondern auch die auf Jakobus, Petrus und Johannes zurück‐ geführten Briefe mit der Apostelgeschichte zur Teilsammlung des Praxapostolos zusammen und in die eigene größere Sammlung einbindet. Dies verändert die Narration weiter und verleiht der Kirche in Jerusalem noch mehr Gewicht gegenüber Paulus. Paulus gilt dann als (finanzieller) Unterstützer, nicht als Kritiker, der Kirche von Jerusalem, d. h. auch die Geschichte von der Jerusalem‐ kollekte, die in die Überarbeitung der paulinischen Briefe in der kanonischen Sammlung aufgenommen wird und auch von der Apostelgeschichte angedeutet wird, hilft, den Dissenz zwischen Paulus und Jerusalem zu minimieren. Nun stellt sich die Frage, wie viele Hände haben an diesen Texten gearbeitet? Ist dieselbe Hand, die den vorkanonischen Text von *Gal zu Gal revidiert hat, diejenige, die die Apg schrieb bzw. die Apg überarbeitete. Aufgrund unseres kleinen Beispiels ist diese Frage nicht abschließend zu behandeln. Methodologisch ist aber soviel zu sagen, dass die Einführung einer zusätzlichen Redaktionsstufe und damit einer höheren Komplexität der Erklärung nach Ockhams Razor einer stärkeren Begründung bedarf als der Verzicht auf sie. Dann aber gilt: Gal markiert deutlich einen Schritt weg von der gegenüber Petrus und den weiteren Aposteln antagonistischen Position des *Paulus in §-11 Die *10-Briefe-Sammlung und ihre Bearbeitung zur 14-Briefe-Sammlung 605 <?page no="606"?> 12 Um hier weiterzuforschen, müsste man sich im Detail die Varianten der Handschriftent‐ radition der Apg betrachten, insbesondere die zahlreichen Varianten die etwa Codex Bezae aufweist. *Gal und hin zu der diesen Antagonismus reduzierenden Version der Apg. Kann dieselbe Hand klare Widersprüche produziert oder stehen gelassen haben? Auch hier eröffnet die umgekehrte Bearbeitungsrichtung *10-Briefe-Sammlung > 14-Briefe-Sammlung weiteren Forschungsbedarf. Wäre die Apg von derselben Hand geschrieben worden, die die Redaktion zu Gal hervorgebracht hat, würde man wohl mit weniger Spannungen zwischen Gal und Apg rechnen müssen, es sei denn, diese Hand hätte einerseits den Vorgängertext *Gal berücksichtigen wollen oder berücksichtigen müssen. Eher wahrscheinlich ist, dass *Gal nur in Maßen zu Gal zu bearbeiten war, weil wohl mit jedem weiteren und größeren Eingriff in *Gal auch die Gefahr bestand, dass der als *Gal bekannte Brief nicht mehr in der Bearbeitung als authentisch erkannt worden wäre und man die Bearbeitung als Travestie abgelehnt haben könnte. Es war wohl eher angebracht, *Gal subtil zu Gal zu verändern und diesem Ergebnis eine ausführlichere, eigenständige Narration, die Apostelge‐ schichte, an die Seite zu geben, die in gleicher Intention die Bearbeitung zu einem noch deutlicheren Harmoniebild zwischen Paulus, Petrus, Jakobus, Johannes und Jerusalem schuf. Differenziert man, wie sich aus der bisherigen Untersu‐ chung nahegelegt hat, zwischen einer ersten und einer zweiten kanonischen Redaktion, könnte man auch eine erste, vielleicht behutsame Redaktion für die km 10-Briefe-Sammlung annehmen, der eine gründlichere Redaktion von Gal bei der Integration der Apostelgeschichte und dieser Sammlung bei der zweiten kanonischen Redaktion gefolgt ist. Denn wie bereits Irenäus beweist, werden die kanonischen Paulusbriefe tatsächlich aus und durch die Brille der Apg, der Deuteropaulinen und der Pastoralbriefe gelesen. Wenn man sich zum anderen von der weit verbreiteten, aber nicht unproblematischen Annahme einer zum Zeitpunkt der Redaktion bereits unwidersprochenen Autorität des Paulus frei‐ macht - die vorliegende Passage ist ja gerade eine Auseinandersetzung um die Stellung des Paulus und trägt somit die Zeichen des Widerspruchs dieser Autorität und deren rechten Einordnung - dann erkennt man, wie bedeutsam die Apostelgeschichte war, um überhaupt die Paulusbriefe in der kanonischen Sammlung belassen zu können. Auf sie konnte man nicht verzichten, wobei die Lexik und die vielfachen Verbindungen zwischen ihr und anderen Texten des kanonischen Neuen Testaments dafür sprechen, dass auch der Text der Apg erheblich bearbeitet wurde, um sie innerhalb der neutestamentlichen Sammlung zu platzieren. 12 606 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="607"?> c. Die kanonische Redaktion von *Laod nach Eph Es folgen hier nur wenige Beispiel für die Frage der Bearbeitungsrichtung, auf welche Flemming u. a. hingewiesen haben, vor allem auch deshalb, weil weitergehende Überlegungen zu den bislang in der Forschung angestellten möglich sind. *Laod 5,28-29 Eph 5,28-29 28 καὶ οἱ ἄνδρες ὀφείλουσιν ἀγαπᾶν τὰς ἑαυτῶν γυναῖκας. ὁ ἀγαπῶν τὴν ἑαυτοῦ γυναῖκα τὴν ἑαυτοῦ σάρκα ἀγαπᾷ. 28 οὕτως ὀφείλουσιν καὶ οἱ ἄνδρες ἀγαπᾶν τὰς ἑαυτῶν γυναῖκας ὡς τὰ ἑαυτῶν σώματα. ὁ ἀγαπῶν τὴν ἑαυτοῦ γυναῖκα ἑαυτὸν ἀγαπᾷ. 29 Οὐδεὶς γάρ ποτε τὴν ἑαυτοῦ σάρκα μισεῖ ἀλλ’ ἐκτρέφει καὶ θάλπει αὐτήν, καθὼς καὶ ὁ Χριστὸς τὴν ἐκκλησίαν. 29 Οὐδεὶς γάρ ποτε τὴν ἑαυτοῦ σάρκα ἐμίσησεν ἀλλ’ ἐκτρέφει καὶ θάλπει αὐτήν, καθὼς καὶ ὁ Χριστὸς τὴν ἐκκλησίαν, *Laod 5,28-29 Eph 5,28-29 28-sollen auch die Männer ihre Frauen lieben. Wer seine Frau liebt, liebt sein eigenes Fleisch. 28-Darum sind die Männer verpflichtet, ihre Frauen so zu lieben wie ihren eigenen Leib. Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst. 29-Denn niemand hat je sein eigenes Fleisch gehasst, sondern er nährt und zieht es auf, wie auch der Christus die Kirche. 29 Denn keiner hat je sein eigenes Fleisch gehasst, sondern er nährt und pflegt es, wie auch Christus die Kirche. Flemming zeigt, dass die Erklärungsmodelle von Clabeaux und Schmid auf der Basis der Priorität der 14-Briefe-Sammlung komplex, ja zu komplex sind, als dass sie überzeugen könnten: „Um eine sekundäre Entstehung der Lesart in Laod 5,28 zu erklären, müsste man … Clabeaux zufolge“ einen doppelten Zeilensprung, „der jedoch eine ganz bestimmte Aufteilung der Worte auf einer Zeile voraussetzt“, annehmen, was Schmid „für viel zu hypothetisch“ hält, ihm zufolge handele es sich vielmehr um „einen Schreibfehler durch den Ausfall von ὡς nach γυναῖκας, der eine intensive grammatische Neujustierung des Satzes zur Folge gehabt habe“, was nicht minder hypothetisch erscheint. Geht man von der Priorität der 14-Briefe-Sammlung aus, wäre kaum zu verstehen, warum die Erklärung in Eph, man solle seine eigene Frau wie den eigenen „Leib“ lieben in eine zumindest zweideutige Rede von der Liebe des eigenen „Fleisches“ hätte geändert werden sollen. Unabhängig davon, ob man das „Fleisch“ in *Laod 5,28 als „die eigenen Kinder“ verstehen will oder unbedarft im Sinn der „irdischen Begierden“ liest (*Gal 5,24: „Die zu Christus §-11 Die *10-Briefe-Sammlung und ihre Bearbeitung zur 14-Briefe-Sammlung 607 <?page no="608"?> 13 Vgl. diese und weitere Hinweise in T. Flemming, Die Textgeschichte des Epheserbriefes. Marcion änderte nichts: Eine grundlegend neue Perspektive auf den Laodicenerbrief (2022), 126-127. 132; W.v. Heyden, Doketismus und Inkarnation. Die Entstehung zweier gegensätzlicher Modelle von Christologie (2014), 262. gehören, haben das Fleisch mit den Leidenschaften und den Begierden gekreuzigt“, / / Gal 5,24; *Röm 7,18: „in mir, das heißt, in meinem Fleisch wohnt nichts Gutes“, / / Röm 7,18; Röm 8,6: „Denn das Trachten des Fleisches führt zum Tod“; *Laod 2,3: „Unter ihnen haben auch wir alle gelebt in den Begierden unseres Fleisches, / / Eph 2,3), passt die asketische Ausrichtung zur *10-Briefe-Sammlung. Während die Bearbeitung von der *10-Briefe-Sammlung zur 14-Briefe-Samm‐ lung wenig überzeugend ist, erklärt sich die umgekehrte Bearbeitungsrichtung leichter. Der kanonische Text von Eph 5,28-29 verdeutlicht und vereindeutigt die Rede durch den Wechsel von „Fleisch“ nach „Leib“. Kleine Änderungen haben folglich kein unbedeutendes Gewicht für die Platzierung der Texte in der Überlieferungsgeschichte. Ähnlich etwa hatte man in *Laod/ Eph 2,14 auf das nur im kanonischen Text zu findende αὐτοῦ verwiesen, das wiederum nicht leicht als Tilgung, sondern viel eher als kanonische Hinzufügung zu deuten ist und als Teil der Diskussion verstanden werden kann, die im zweiten Jahrhundert zunehmend bezüglich der Positionen, die dem Doketismus gegen Ende des zweiten Jahrhunderts zugeordnet wurden, verhandelt worden sind. Man vergleiche etwa die dem Doketismus gegenüber geäußerte Kritik in der 7-Briefe-Sammlung des Ignatius, aber auch durch Irenäus in Adversus Haereses und in 1Tim 3,16. 13 Eine eher unscheinbare Differenz findet sich in folgendem Vers *Laod/ Eph 2,3: *Laod 2,3 Eph 2,3 (nicht NA 28 ) ἐν οἷς καὶ ἡμεῖς πάντες ἀνεστράφημέν ἐν ταῖς ἐπιθυμίαις τῆς σαρκὸς ἡμῶν ποιοῦντες τὰ θελήματα τῆς σαρκὸς, καὶ ἤμεθα φύσει τέκνα ὀργῆς ὡς καὶ οἱ λοιποί· ἐν οἷς καὶ ὑμεῖς πάντες ἀνεστράφημέν ποτε ἐν ταῖς ἐπιθυμίαις τῆς σαρκὸς ἡμῶν ποιοῦντες τὰ θελήματα τῆς σαρκὸς καὶ τῶν διανοιῶν, καὶ ἤμεθα τέκνα φύσει ὀργῆς ὡς καὶ οἱ λοιποί· Unter ihnen haben auch wir alle ge‐ lebt in den Begierden unseres Flei‐ sches, indem wir den Willen des Flei‐ sches taten, und von Natur Kinder des Zorns waren wie auch die anderen. 3-unter ihnen haben auch wir alle einst gelebt in den Begierden unseres Fleisches, indem wir den Willen des Fleisches und der Gedanken taten und von Natur Kinder des Zorns waren wie auch die anderen. - 608 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="609"?> 14 Auf die erste geht bereits Flemming ein, T. Flemming, Die Textgeschichte des Epheser‐ briefes. Marcion änderte nichts: Eine grundlegend neue Perspektive auf den Laodice‐ nerbrief (2022), 133-135. 15 Ibid. 134. Wie Tertullians Referat und Kommentar und die Varianten in der Rekonstruk‐ tion zeigen, liegen folgende Differenzen vor, auch wenn diese NA 28 nicht zu entnehmen sind - der griechische kanonische Text und die Übersetzung sind darum für diesen Vergleich hier geändert worden: 14 *Laod 2,3 Eph 2,3 auch wir P 46 , 01, 03, 06 1 , 018, 025, 044, 0278, 33, 81 c , 104, 630, 1175, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464, M, lat, sy, sa bo, Tert., om 010, 012, 020. auch Ihr 02, 06*, 81*, 326, 365 einmal Tert Alle anderen Zeugen - und der böse Sinn Tert Alle anderen Zeugen Die in den wenigen Textzeugen vorhandene Lesart „auch Ihr“ ist grammatika‐ lisch schwierig, aber sie verändert wegen des Verbs ἀνεστράφημεν in der 1. Pers. Pl. die Satzkonstruktion, d. h. der erste Teil gehört noch zur Konstruktion des voranstehenden Verses: „2 in denen ihr einst gelebt habt nach dem Zeitlauf dieser Welt, unter dem Fürsten der Macht der Luft, der am Werk ist in den Söhnen des Ungehorsams. 3 Unter ihnen haben auch wir alle gelebt“. Vers 3 setzt dann erst ein mit dem Verb ἀνεστράφημεν, was unterstrichen wird mit dem nachgeschobenen ποτε/ „einmal“, das, wie Tertullian anzeigt, in *Laod gefehlt hat, auch wenn dies keine Spuren in den Handschriften hinterlassen hat. Inhaltlich rückt der Text von Eph 2,3 Paulus von den in Vers 2 genannten Söhnen des Ungehorsams ab, während *Laod ihn zu diesen zählt. Flemming ist hier in der Deutung zuzustimmen: „Tendenziell ist es leichter zu erklären, dass Paulus nachträglich in gewisser Weise ‚sakralisiert‘ wurde, indem nur ‚die Anderen‘ (καὶ ὑμεῖς) zu den vormaligen ‚Söhnen des Ungehorsams‘ gerechnet werden.“ 15 Um Paulus diesen zu entheben, nahm es die kanonische Redaktion in Kauf, eine aufwendigere und nicht ganz überzeugende Konstruktion zu Beginn von Vers Eph 2,3 einzuführen. Gewonnen wurde wenig, weil aus *Laod doch das Eingeständnis übernommen wurde, wonach Paulus zu denen gerechnet wird, §-11 Die *10-Briefe-Sammlung und ihre Bearbeitung zur 14-Briefe-Sammlung 609 <?page no="610"?> 16 Ibid. 135-136. die „von Natur Kinder des Zorns waren wie auch die anderen“. Die kanonische Redaktion mindert lediglich dadurch den Schluss, dass die bösen Gedanken als Versuchungen eingeführt werden, um nicht das Fleisch allein verantwortlich für diese natürliche Zugehörigkeit zu machen - erneut ein von Tertullian für den vorkanonischen nicht bezeugtes Element, das als nicht völlig konsistente Hinzufügung (Gedanken unterliegen dem freien Willen, sind nicht schlicht Ausfluss der Natur) gewertet werden muss. Was diese beiden Beispiele aufzeigen - obwohl, wie aus den lexikalischen Vergleichen deutlich wurde, *Laod nahe bei den Texten der kanonischen Redak‐ tion steht und sich vermuten lässt, dass der Redaktor der *10-Briefe-Sammlung bereits auf eine Sammlung von 3 Briefen ( km Laod, km Kol, km 2Thess) zurückgreift, die aus dem Umfeld der kanonischen Redaktion stammt, liegt dieser Brief doch in einer Form in der *10-Briefe-Sammlung vor, die sich von Eph der kanonischen Redaktion nicht nur dadurch unterscheidet, dass die kanonische Redaktion zu Eph eine Reihe von Mehrtext bietet, sondern trotz Übernahme des meisten Textes aus *Laod doch auch Änderungen darin vornahm. Die beiden hier gegebenen Beispiele deuten darauf hin, dass diese Ände‐ rungen keine Rückbesserungen der möglicherweise durch den Redaktor der *10-Briefe-Sammlungen vorgenommenen Korrekturen an seiner Vorlage ge‐ wesen sein können, sondern dass wir es mit Verdeutlichungen der kanonischen Auffassung in Eph gegenüber *Laod bzw. dem kanonisch bearbeiteten Brief der km 10-Briefe-Sammlung zu tun haben. Eine weitere Stelle mit einer signifikanten Differenz findet sich in *Laod/ Eph 2,20: *Laod 2,20 Eph 2,20 ἐποικοδομηθέντες ἐπὶ τῷ θεμελίῳ τῶν ἀποστόλων, ὄντος ἀκρογωνιαίου λίθου αὐτοῦ Χριστοῦ. ἐποικοδομηθέντες ἐπὶ τῷ θεμελίῳ τῶν ἀποστόλων καὶ προφητῶν, ὄντος ἀκρογωνιαίου αὐτοῦ Χριστοῦ Ἰησοῦ. aufgebaut auf dem Fundament der Apostel; der Eckstein ist Christus selbst. aufgebaut auf dem Fundament der Apostel und Propheten; die Ecke ist Christus Jesus selbst. Nur wenn man diesen Vers aus dem Zusammenhang reißt, kann man Tertullians Vorwurf, Markion habe hier die „alten Propheten“ aus dem Text gestrichen, „völlig ins Leere“ laufen sehen. 16 Denn in den voranstehenden Versen wird davon gesprochen, dass Christus „das Gesetz der Gebote in seine Edikte 610 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="611"?> 17 Die beiden, von Flemming ibid. gegebenen Belegverse für „Aposteln und Propheten“ in Gemeinden, Eph 3,5; 4,11, stehen, entgegen seiner Annahme, nicht in *Laod, können also nicht als Gegenbeispiele herangezogen werden, sondern unterstreichen lediglich, welch gewachsene Bedeutung solche Propheten in Eph gewonnen haben, auch wenn, wie in der Rekonstruktion zu *1Kor 12,18 und weiteren Stellen von *1Kor die Prophetie (im Gegensatz zur Zungenrede) eine wichtige Rolle spielt. 18 T. Flemming, Die Textgeschichte des Epheserbriefes. Marcion änderte nichts: Eine grundlegend neue Perspektive auf den Laodicenerbrief (2022), 136. 19 Ibid. 137. aufgehoben hat, um die zwei in sich selbst zu einem neuen Menschen zu machen, indem er Frieden stiftet“ (*Laod 2,15). Dass die Angeredeten „nicht mehr Fremde und ohne Bürgerrecht, sondern Mitbürger der Heiligen, nämlich Hausgenossen Gottes“ (*Laod 2,19) sind, greift zurück in die Ge‐ schichte, wenn folglich in Vers 2,20 auf der kanonischen Ebene nicht nur wie in *Laod von „Aposteln“, sondern von „Aposteln und Propheten“ gesprochen wird, kann sich dies kaum auf die in der Gemeinde wirkenden Propheten beziehen, sondern Tertullian liest richtig, dass diese Stelle die jüdischen Propheten meint. 17 Dass die Auslassung von καὶ προφητῶν dann auch in der Minuskelhand‐ schrift 112 und in l 1 +a zu finden ist, deutet Flemming wohl zurecht als möglichen überlieferungsgeschichtlichen Zusammenhang zu *Laod und ist m. E. am leichtesten zu verstehen als eine intentionale Erweiterung der kanonischen Redaktion. Wie Flemming ebenfalls schreibt, weist dies darauf hin, dass diese Worte „und Propheten“ „eingefügt wurden, sodass die Adressaten nun als ‚auf das Fundament der Apostel und Propheten gebaut‘ bezeichnet werden“, und zwar „als Hinweis auf und als Anschluss an das Alte Testament (und seine Propheten) … andererseits kann es auch als eine Angleichung an die Aussagen in Eph 3,5 und 4,11 verstanden werden“, 18 zwei Verse, die nur auf der kanonischen Ebene von Eph anzutreffen sind. Die Auslassung oder Hinzufügung im selben Vers *Laod/ Eph 2,20 von λίθου bedarf auch noch einer weiteren Überlegung. Flemming führt diese Variante auf, um darzulegen, dass es sich „am einfachsten um eine sekundäre Hinzufü‐ gung“ handelt, die auf die kanonische Redaktion zurückgehe, und zwar in „Angleichung an 1Petr 2,6“, wo vom „Eckstein“ die Rede ist, und zwar mit ausdrücklichem Verweis auf die jüdische Schrift ( Jes 28,16 LXX). 19 Hiergegen ist einzuwenden, dass der Terminus λίθου gerade in solchen Handschriften begegnet, die sonst näher bei der vorkanonischen Version stehen, unter anderen in 06, 010, 012 - außerdem ist er durch Tertullian und weitere Väter bezeugt, d. h. man wird diesen Terminus für *Laod annehmen müssen. Warum er dennoch - mit Schriftbeweis - in 1Petr 2,6 zu finden ist, von der kanonischen Redaktion jedoch in Eph 2,20 ausgelassen wurde, findet §-11 Die *10-Briefe-Sammlung und ihre Bearbeitung zur 14-Briefe-Sammlung 611 <?page no="612"?> seine Erklärung wohl in der Konkurrenzstellung zu „Petrus“. Während die vorkanonische Version nicht von Christus als ἀκρογωνιαίου spricht, sondern von ἀκρογωνιαίου λίθου hat die kanonische Redaktion eine Doppelstrategie, um Petrus (= der Stein/ Fels) nicht um seine Sonderstellung als „Fels“ zu bringen. Sie schreibt anstelle des Bekenntnisses von *Ev 9,18-22 des Petrus: „Du bist der Christus“ in Mt 16,18 das Bekenntnis Christi gegenüber Petrus auf: „Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen“ (κἀγὼ δέ σοι λέγω ὅτι σὺ εἶ Πέτρος, καὶ ἐπὶ ταύτῃ τῇ πέτρᾳ οἰκοδομήσω μου τὴν ἐκκλησίαν, καὶ πύλαι ᾅδου οὐ κατισχύσουσιν αὐτῆς), welches bereits Jes 28,16 anführt („Darum - so spricht Gott, der Herr: Siehe, ich lege in Zion einen Grundstein, einen harten und kostbaren Eckstein, ein fest gegründetes Fundament: Wer glaubt, treibt nicht zur Eile“), und in 1Petr 2,6 lässt sie Petrus dieses Bekenntnis selbst Christus gegenüber wiederholen: „Denn es heißt in der Schrift: Siehe, ich lege in Zion einen auserwählten Stein, einen kostbaren Eckstein, den ich in Ehren halte; wer an ihn glaubt, der geht nicht zugrunde.“ Auf zweierlei Weise wird folglich aus einem paulinischen Bekenntnis zu Christus ein wahrhaft petrinisches Bekenntnis. Während im kanonischen Eph Paulus nicht mehr vom „Stein“ spricht, wird Petrus, der Stein bzw. Fels heißt, von Christus ausdrücklich zum „Felsen“ gemacht, während dieser Fels wiederum Christus als Eckstein bekennt. Λίθου gehört folglich in den vorkanonischen Text von *Laod, wie von Tertullian bezeugt, die kanonische Redaktion hat ihn in Eph getilgt und ihn stattdessen nach Mt und 1Petr verschoben, was die Priorität des vorkanonischen Briefes stützt, aber auch die intentionale Bearbeitung desselben durch die kanonische Redaktion erläutert. 612 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="613"?> 1 So etwa anlässlich seines Kommentars zu *Laod 3 in Tert. Adv. Marc. V 18,1. 2 So in einer Email an mich vom 7.11.2023. §-12 Die großen Lücken in der *10-Briefe-Sammlung a. Makroebene: 14-Briefe-Sammlung vs. *10-Briefe-Sammlung: Die zusätzlichen vier Briefe Ausgehend von der Prämisse der Priorität der 14-Briefe-Sammlung, urteilt Tertullian, dass Markion „ganze und sehr viele Seiten auslässt“. 1 Nun scheinen die großen Lücken in der vorkanonischen *10-Briefe-Sammlung, verglichen mit der 14-Briefe-Sammlung, wie Günter Röhser schrieb „das Hauptproblem“ der vorliegenden Rekonstruktion „zu sein“; auch stellt er die Frage, „auf welche methodisch nachvollziehbare Weise“ man „zu dermaßen umfangreichen ‚Kürzungen‘ der kanonischen Paulustexte“ für die vorkanonische Sammlung kommt, gilt doch: „fehlende Bezeugung bedeutet nicht automatisch fehlendes Vorhandensein.“ 2 Meines Erachtens wirkt hier zunächst die Lesegewohnheit des kanonischen Paulus und die Priorität der 14-Briefe-Sammlung nach, denn dreht man das Bearbeitungsverhältnis um, wäre zu fragen, ob es denn methodisch nachvoll‐ ziehbar ist, wie man zu solch umfangreichen Erweiterungen gelangt, und ob und wann trotz fehlender Bezeugung Zusatztext anzunehmen ist. Um erneut mit einer recht einfach wirkenden Beobachtung zu beginnen. Durch die Zeugen wird bestätigt, dass die *10-Briefe-Sammlung, wie ihr Name bereits besagt, nicht nur ganze und viele Seiten Text, sondern, unter Annahme der 14-Briefe-Priorität sogar gleich vier vollständige Briefe der 14-Briefe-Samm‐ lung ausgelassen hat. Auch hierfür müsste man eine redaktionelle Begründung suchen. Warum hätte man die Pastoralbriefe und den Hebräerbrief weglassen sollen? Irenäus macht von ihnen Gebrauch, zumindest die Pastoralbriefe sind jahrhundertelang in ihrer Authentizität unangefochten. Hätte der Redaktor der *10-Briefe-Sammlung keine Briefe an Einzelpersonen aufnehmen wollen, hätte er auch den Philemonbrief streichen müssen. Warum sollte er den Hebräerbrief abgelehnt haben? Gewiss könnte man inhaltliche Gründe anführen, doch dazu müsste man ein theologisches Profil der *10-Briefe-Sammlung herausstellen, das die jüngere Forschung gerade ablehnt, indem sie der älteren Forschung, etwa Harnack, widerspricht, und in diesen Briefen keine markionitische Theologie sehen will. Nimmt man die Priorität der *10-Briefe-Sammlung an, lösen sich diese Probleme und finden wir überdies eine Antwort auf Röhsers Frage. Die zweite kanonische Redaktion fügte der in der ersten kanonischen Redaktion überarbei‐ <?page no="614"?> 3 „The Pastoral Epistles are …, in the view of a scholarly consensus which this commen‐ tary accepts, pseudepigraphal. That is, they are post-Pauline documents“, J. Twomey, The Pastoral Epistles through the Centuries (2009), 2. 4 Vgl. mit Belegen und älterer Literatur, „virtually all modern scholars have abandoned the notion of Pauline authorship and wisely recognize the futility of identifying the author with a specific person known from the pages of history“, P.M. Eisenbaum, Locating Hebrews within the Literary Landscape of Christian Origins (2005), 217. 5 Tert., De praescr. 33,6: Timotheum instruens (1Tim. 4,3) nuptiarum quoque interdictores suggillat. Ita instituunt Marcion et Apelles eius secutor („Indem er Timotheus unterweist, rügt er diejenigen, die auch die Eheschließungen verbieten. So lehren Markion und sein Nachfolger Apelles“, eigene Übers.). 6 Dennoch ist erstaunlich, dass diese Überlegung meist nicht angestellt wird, vgl. etwa in dem Klassiker des 17. Jh. A. Hunwick, Ed. Richard Simon, Critical History of the Text of the New Testament. Wherein is Established the Truth of the Acts on which the Christian Religion is Based (2013), 137-146. teten km 10-Briefe-Sammlung vier neue und volle Briefe hinzu, als sie die größere Sammlung mit den vier Evangelien, dem Praxapostolos von Apostelgeschichte und Katholischen Briefen, der 14-Briefe-Sammlung des Paulus und der Offenba‐ rung zusammenstellte. 1/ 2Tim, Tit, Hebr ergänzten die km 10-Briefe-Sammlung. Nun sind diese vier Briefe allerdings, verglichen mit den anderen zehn Briefen gerade diejenigen, die die moderne Forschung am weitesten von Paulus wegge‐ rückt hat. Die Pastoralbriefe sind „im Blick des wissenschaftlichen Konsensus pseudepigraphisch, d. h., sie sind nachpaulinische Dokumente“. 3 Der Hebräer‐ brief nimmt nicht einmal selbst in Anspruch, von Paulus zu stammen, und zuvor wurde bereits dargelegt, wie lange der Hebräerbrief in seiner Zugehö‐ rigkeit zum paulinischen Schrifttum im frühen Christentum umstritten war. 4 Auffallenderweise liest Tertullian die Pastoralbriefe als Kritik an Markion und dessen Schüler Apelles, wegen der von diesen abgelehnten Ehe und der positiven Haltung gegenüber der Ehe in diesen Briefen. 5 Dies könnte ein historischer Reflex sein, der die Ursprungsabsicht für deren Eingliederung in die paulinische Briefsammlung erhellt. Hinzu kommt, dass 1Tim 6,20, wie oben dargelegt, am ehesten als Zitat und Kritik an Markions Titel seiner Präfatio zu seinem *Neuen Testament zu lesen ist. Geht man von der Priorität der 14-Briefe-Sammlung aus, dann müsste man den vier Briefen eine deutliche nicht- oder gar antimarkionitische Position zuschreiben und sie gegegn Markion gerichtet verstehen, oder man hätte dem Abbreviator ein solch feines Gespür für den ursprünglichen Paulus zuzuge‐ stehen, dass er gerade solche Briefe aus der 14-Briefe-Sammlung herausfilterte, die auch die moderne Forschung dem Paulus abspricht. 6 Hieraus folgt die eigentliche Frage, die zur Lösung des von Röhser angeschnit‐ tenen Problems der großen Lücken hinführt: Wieso sollte ausgerechnet die, was 614 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="615"?> 7 So die Position („very slightly“; „do not reveal heavy editing or revision“) von E.P. Sanders, Paul. The Apostle’s Life, Letters, and Thought (2015), xix-xx. den paulinischen Textbestand betrifft, weniger verlässliche 14-Briefe-Samm‐ lung die ältere sein, aus der ein Abbreviator die paulinischere *10-Briefe-Samm‐ lung herausgeschnitten hätte? Und wenn die *10-Briefe-Sammlung die verläss‐ licheren Briefe bewahrt, wieso kann man dann den größeren Textbestand dieser zehn Briefe - verglichen mit dem Bestand der *10-Briefe-Sammlung - innerhalb der unzuverlässigeren 14-Briefe-Sammlung ungefragt und selbstver‐ ständlich für den verlässlicheren Text halten, den ein Abbreviator reduziert hätte? Wäre es methodologisch nicht a priori naheliegender, dass diejenige Sammlung, die von vornherein lediglich paulusnähere Briefe enthält erstens die ältere ist als die um Pseudepigraphen erweiterte, und dass man die Brieftexte dieser ältere Sammlung auch für die paulusnäheren Texte betrachten müsste? Wenn Redaktoren fähig sind, vier vollständig neue, pseudopaulinische Briefe ihrer Paulussammlung hinzuzustellen, liegt es dann nicht auf der Hand, dass dieselben Redaktoren auch existierende paulinische Texte mit neuen Kapiteln und Versen ausstatten? Die Tatsache der zusätzlichen vier Pseudepigraphen der 14-Briefe-Sammlung spricht folglich für die Priorität der *10-Briefe-Sammlung und auch für die größere Paulusnähe der Briefzuschnitte dieser zehn Briefe. Aus dem Problem der großen Lücken wird die Frage nach dem Grund für die zusätzlichen Briefe und die Mehrtexte, was die zehn Briefe betrifft. Wir sehen, schon bevor man sich der Frage der Textüberlieferung und der Textzuschnitte nähert, spricht bereits die Markoebene gegen die größere Verlässlichkeit und Priorität der 14-Briefe-Sammlung. Eine zweite Überlegung oder vielmehr ein Vergleich mit einem Parallelfall aus dem zweiten Jahrhundert ist erhellend: Die Entwicklung der Briefsammlungen der Ignatiana. Die Wahrscheinlichkeit, dass nicht die 14-Brief-Sammlung reduziert, sondern die *10-Brief-Sammlung um vier Briefe erweitert und in diesem Zusammenhang alle zuvor existierenden zehn Briefe nicht nur „sehr leicht“, sondern erheb‐ lich überarbeitet und erweitert editiert wurden, 7 ist kein isoliertes Phänomen innerhalb frühchristlicher Briefsammlungsgenesen. Vergleicht man diese Ent‐ wicklungsgeschichte mit derjenigen der Ignatiusbriefe, so erkennt man die Ähnlichkeit des redaktionellen Umfangs. §-12 Die großen Lücken in der *10-Briefe-Sammlung 615 <?page no="616"?> 8 Die Zahlen für die Ignatiusbriefe sind Näherungswerte, da wir es mit verschiedenen Sprachen zu tun haben, in denen die Sammlungen bewahrt sind. Um eine bessere Vergleichbarkeit zu besitzen, wird jeweils die Wortzahl gegeben von Lightfoots engli‐ scher Übersetzung der drei Versionen, weil dadurch auch Artikel und Konjunktionen mitgerechnet werden, die in der syrischen Übersetzung der 3-Briefe-Sammlung sonst fehlen. Paulinische Briefe Wörter Faktor Ignatiusbriefe Wörter 8 Faktor *10-Briefe- Sammlung 8330 - 3-Briefe- Sammlung 3102 - 14-Briefe- Sammlung 45791 + 449.52% 7-Briefe-Sammlung 13175 + 324.72% darin die 10 Briefe 23758 + 185.18% darin die 3 Briefe 6243 + 101.33% - - - 13-Briefe-Sammlung im Verhältnis zur 7-Briefe-Sammlung 29390 + 123.02% - - - darin die 3 Briefe 7738 + 23,92% - - - darin die 7 Briefe 19800 + 50.27% Bei diesem Vergleich wird deutlich, dass die von G. Röhser als Hauptproblem erachtete substantielle Erweiterung im vergleichbaren Rahmen der Bearbeitung der Ignatiusbriefe liegt. Zunächst stimmt dies für die Makroebene: Die ältere 3-Briefe-Sammlung des Ignatius wurde einige Jahrzehnte später innerhalb des zweiten Jahrhunderts um weitere vier Briefe erweitert. Gleichzeitig unterzog man die älteren drei Briefe der Sammlung einer gründlichen Bearbeitung unter Verbreiterung des Textbe‐ standes. So wuchs die Sammlung insgesamt über das Dreifache an Wörtern und die drei älteren Briefe wurden um mehr als das Doppelte ausgeweitet. Verglei‐ chen wir hiermit unter Annahme einer Priorität der *10-Briefe-Sammlung die Entwicklung der Paulusbriefe, so stellen wir vielleicht nicht zufällig denselben Anstieg betreffs der Anzahl der zusätzlichen Briefe fest und auch ein vergleichbares Verhältnis der Erweiterung des existierenden Wortbestands der Briefe. Auch die *10-Briefe-Sammlung des *Paulus wuchs (wie die Ignatiusbriefsammlung von drei zu sieben Briefen) um vier Briefe zur 14-Briefe-Sammlung, und zwar um mehr als das Vierfache im Wortbestand (während die Ignatiusbriefe um mehr als das Dreifache im Wortbestand wuchs). 616 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="617"?> 9 IgnRöm 6 (Übers. BKV). Dass dieses redaktionelle Vorgehen sogar noch im vierten Jahrhundert bei den Ignatianen grosso modo gilt, zeigt die zweite Redaktion der Sammlung von der 7-Briefe-Sammlung hin zur 13-Briefe-Sammlung. Erneut wuchs nicht nur die Sammlung der Ignatianen durch Vermehrung an Briefen, jetzt um sechs Briefe, also fast mehr als das Doppelte, sondern auch die älteren drei Briefe der Ausgangssammlung wurden nochmals erweitert um fast ein Drittel, und die sieben Briefe der Zwischensammlung wurden um fast die Hälfte erweitert. Dieses letzte Ergebnis zeigt, dass die offenkundig größere Autorität besitzenden älteren drei Briefe der Ausgangssammlung weniger erweitert wurden als die für die 7-Briefe-Sammlung hinzugekommenen vier Briefe. Beide Briefsamm‐ lungsredaktionen belegen aber, dass das, was Röhser ein „Hauptproblem“ nennt, geradezu der Normalfall zu sein scheint bei der Genese von christlichen Briefsammlungen durch deren frühchristliche Redaktionen. Der Vergleich der Paulusbriefredaktion mit der des Ignatius bestätigt, dass die kanonische Redaktionsarbeit innerhalb derselben Parameter liegt wie sie an den Ignatianen ablesbar sind. Ein Detailvergleich der beiden Redaktionen auf der Mikroebene wäre eine eigene Forschungsarbeit wert. Hier soll jedoch nur auf zwei parallele Aspekte hingewiesen werden. Bei der Redaktion der drei Briefe unter Hinzunahme von vier Briefen für die 7-Briefe-Sammlung wurden in die existierenden drei Briefe Digressionen hinein gestellt, die von den modernen Editoren als eigenständige Kapitel gezählt werden. So etwa IgnRöm 6: In diesem Kapitel wird eine lebendige Selbstvorstellung des Verfassers gegeben: „1. Mir werden nichts nützen die Enden der Erde noch die Königreiche dieser Welt. Für mich ist es besser, durch den Tod zu Christus Jesus zu kommen, als König zu sein über die Grenzen der Erde. Ihn suche ich, der für uns gestorben ist; ihn will ich, der unseretwegen auferstanden ist. Mir steht die Geburt bevor. 2. Verzeihet mir, Brüder; hindert mich nicht, das Leben zu gewinnen, wollet nicht meinen Tod, gönnet mich, da ich Gottes eigen sein will, nicht der Welt und täuschet (mich) nicht mit Irdischem; lasset mich reines Licht empfangen. Wenn ich dort angelangt bin, werde ich ein Mensch sein. 3. Gönnet mir, ein Nachahmer zu sein des Leidens meines Gottes. Wenn ihn jemand in sich hat, so bedenke er, was ich will, und leide mit mir, da er meine Bedrängnis kennt.“ 9 Auch drei Kapitel weiter begegnen wir einem solchen Einschub, dieses Mal ist es eine captatio benevolentiae und zugleich eine Aufforderung zum Gedenken an die „Kirche von Syrien“ und ein persönlicher Gruß des Verfassers, IgnRöm 9: §-12 Die großen Lücken in der *10-Briefe-Sammlung 617 <?page no="618"?> 10 Vgl. zu diesen Namen J.N. Bremmer, The Place, Date and Author of the Ignatian Letters: An Onomastic Approach (2021). „1. Gedenket in eurem Gebete der Kirche von Syrien, deren Hirte an meiner Statt Gott ist. Jesus Christus allein wird ihr Bischof sein und - eure Liebe. 2. Ich aber muss mich schämen, zu ihren Mitgliedern zu zählen; denn ich verdiene es nicht, da ich der letzte unter ihnen bin und eine Fehlgeburt; aber durch (Gottes) Erbarmung bin ich etwas, wenn ich zu Gott gelangt bin. 3. Meine Seele grüßt euch und die Liebe der Kirchen, die mich aufgenommen haben im Namen Jesu Christi, nicht wie einen (gewöhnlichen) Durchreisenden. Denn auch die, die nicht an meinem Wege - den ich dem Fleische nach mache---liegen, haben mir von Stadt zu Stadt das Geleite gegeben.“ Außerdem wird dem Brief eine Schlusspassage angehängt, bei der der Ort angegeben wird, von dem aus der Brief verfasst wurde, es wird sein Mitarbeiter Crocus eingeführt und auf weitere namenlose Gefährten verwiesen, schließlich wird noch das Datum der Abfassung gegeben. Ähnlich erfolgen solche Einschlüsse und Zusätze in IgnEph. Nach der Eröffnung fügt die Redaktion eine Erweiterung der Eingangsgrüße ein, das zweite Kapitel, IgnEph 2 - und es verwundert nicht, dass hier gleich wieder Namen fallen, der Mitarbeiter Burrhus und erneut begegnet Crocus! Dann werden noch Onesimus, Euplus und Fronto erwähnt. 10 Nach diesem neuen Kapitel folgen noch weitere zusätzliche Kapitel (IgnEph 3-5: Aufruf zur Einheit; IgnEph 6: Achtung vor dem Bischof; IgnEph 7: Warnung vor Falschlehrern; IgnEph 11: Aufforderung zur Furcht Gottes; IgnEph 14: Aufforderung zu Glaube und Liebe; IgnEph 16: Das Schicksal der Falschlehrer; IgnEph 17: Warnung vor falschen Lehren; IgnEph 18: Die Herrlichkeit des Kreuzes und Christus, der Samen Davids. Wiederum begegnen wir einem zugefügten Schlusskapitel, IgnEph 21, bei dem Polykarp erwähnt wird. Diese Einfügungen nehmen nicht nur Bezug auf offensichtlich aktuelle Themen zur Zeit der Redaktion, sie dienen auch dazu, über Namensnennungen die überarbeiteten alten Briefe mit den neugeschaffenen zu einem Gefüge zu verbinden, indem diese Namen wie Brücken zu den neuen Briefen dienen und umgekehrt. Denn in den neuen Briefen findet sich die gerade eingefügte Person des Burrhus etwa, der auch in dem neuen Brief, IgnSm (IgnSm 12), und in dem wieder neuen Brief, IgnPhilad (IgnPhilad 11), gegrüßt wird. Vergleicht man diesen Befund mit der kanonischen Redaktion der Paulinen, stellen wir exakt dieselben Phänomene fest. In den neu hinzugefügten Kapiteln Röm 15-16 (wie in Ignatius sind es Grußkapitel) werden Namen (etwa Priska und Aquila) eingefügt, die dann wieder in der Apg begegnen. Nicht anders ist in die Eröffnungen Timotheus 618 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="619"?> eingefügt, der wieder im Ersten Korintherbrief auftaucht und der die Verbindung zu den Pastoralbriefen herstellt. Nicht anders wie bei den Ignatianen, wo wir im Epheserbrief des Ignatius ganze Kapitel finden, die eingeschoben werden, entdecken wir neben Personenbrücken auch in der 14-Briefe-Sammlung der Paulinen ganze Kapitel, die die kanonische Redaktion verfasst und einfügt - man denke an 2Kor 8-10 u.-a. zur Kollekte. Ohne dass der Vergleich hier im Detail geführt werden kann, zeigen bereits die wenigen Beobachtungen, wie sehr die kanonische Redaktion in Umfang und Inhalt Parallelen zu derjenigen der Ignatiusredaktion hin zur 7-Briefe-Samm‐ lung (und man könnte dieselben Beispiele erneut für die Redaktion von der 7-Briefe-Sammlung hin zur 13-Briefe-Sammlung aufzeigen) aufweist. Das aber bedeutet zweierlei: Die Priorität der *10-Briefe-Sammlung gegenüber der 14-Briefe-Sammlung und ihre Erweiterung, was die Anzahl der Briefe und die Überarbeitung der zehn Briefe für die 14-Briefe-Sammlung betrifft, entspricht dem zeitlichen Kontext des zweiten Jahrhunderts. Beides sollte uns nicht verwundern, sondern entspricht dem, was man erwarten würde. Was die Frage der Authentizität betrifft, bewegen wir uns noch nicht auf sicherem Fundament. Wie auch die 3-Briefe-Sammlung nicht notwendi‐ gerweise in ihrem Textbestand, wie er uns vorliegt, auf einen historischen Ignatius des zweiten Jahrhunderts zurückzuführen ist, werden wir auch die *10-Briefe-Sammlung nicht ungefragt als Ausdruck des historischen Paulus lesen dürfen. Positiv ausgedrückt: Will man - zunächst hypothetisch - an einem Autor „Paulus“ festhalten, wird man die vorkanonische Version der in der vorliegenden Rekonstruktion gegebenen Form für autornäher betrachten dürfen als die kanonische Form der Briefe innerhalb der 14-Briefe-Sammlung, doch sind wir mit diesen Briefen noch weit davon entfernt zu wissen, welche Elemente möglicherweise auf Paulus selbst zurückgehen dürften. Dass sich die vorkanonische Redaktion bereits zweier Briefsammlungen bedient hat, mag uns einen Weg aufzeigen, auf welchem die künftige Forschung über die hier vorgelegte Rekonstruktion der *10-Briefe-Sammlung weiter zurück in deren Vorgeschichte dringen könnte. §-12 Die großen Lücken in der *10-Briefe-Sammlung 619 <?page no="620"?> 11 C. Böttrich, Jerusalemkollekte (2013). 12 Vgl. weiter oben in §-7 6. b. 13 Vgl. K.F. Nickle, The Collection. A Study in the Strategy of Paul (1966); V.D. Verbrugge, Paul’s Style of Church Leadership illustrated by His Instructions to the Corinthians on the Collection (1992); D. Georgi, Der Armen zu gedenken. Die Geschichte der Kollekte des Paulus für Jerusalem (1994); B. Beckheuer, Paulus und Jerusalem: Kollekte und Mission im theologischen Denken des Heidenapostels (1997); S. Joubert, Paul as Benefactor: Reciprocity, Strategy and Theological Reflection in Paul’s Collection (2000); K.J. O’Mahony, Pauline Persuasion: A Sounding in 2 Corinthians 8-9 (2000); B.-M. Kim, Die paulinische Kollekte (2002); D.J. Downs, The Offering of the Gentiles Paul’s Collection for Jerusalem in Its Chronological, Cultural, and Cultic Contexts (2008); Z. Safrai and P.J. Tomson, Paul’s ‚Collection for the Saints‘ (2 Cor 8-9) and Financial Support of Leaders in Early Christianity and Judaism (2014). Das Werk von Georgi ist eine Neuausgabe mit einem neuen Vorwort seiner heidelberger Habilitationsschrift b. Mikroebene: Einige Beispiele 1. Die Kollektensammlung (Röm 15, 1Kor 16, 2Kor 7-10, Gal 2 und Apg 11. 16. 20-21. 24) C. Böttrich gibt den Stellenwert an, den die Aktion für Paulus besitzt: „Die Kollektensammlung der paulinischen Gemeinden für ihre bedürftigen Schwes‐ tern und Brüder in Jerusalem stellt eine der faszinierendsten finanziellen Transaktionen dar, die aus der Zeit der Antike überliefert sind. Sie steht auch nicht etwa isoliert am Rande der paulinischen Verkündigungstätigkeit, sondern führt mitten in das Zentrum seiner Rechtfertigungstheologie hinein.“ 11 Die Kollektensammlung ist verankert in einer Reihe seiner Briefe wie auch der Apostelgeschichte. Allerdings finden sich ausnahmslos alle Hinweise auf diese Kollektensammlung auf der kanonischen Ebene, nicht auf der vorkanoni‐ schen. 12 So heißt es etwa in Röm 15,25-32, einem Kapitel, das nachweislich im vorkanonischen *Röm gefehlt hat, dass Paulus im Rahmen der Reiseplanung nach Spanien auf die Kollektensammlung zu sprechen kommt: „25 Jetzt aber reise ich nach Jerusalem, um den Heiligen zu dienen. 26 Denn Maze‐ donien und Achaia haben beschlossen, eine gewisse Gabe für die Armen unter den Heiligen in Jerusalem zu leisten. 27 Ja, sie haben es beschlossen, und sie sind es ihnen auch schuldig; denn wenn die Heiden an ihren geistlichen Gütern Anteil bekommen haben, so sind sie auch verpflichtet, ihnen in den leiblichen zu dienen. 28 Wenn ich nun dies vollbracht und diese Frucht ihnen versiegelt habe, will ich über euch nach Spanien reisen. 29 Ich weiß aber, dass ich, wenn ich zu euch komme, in der Fülle des Segens Christi kommen werde.“ Bevor wir auf einige Details dieser Kollektensammlung oder Spendenaktion 13 zu sprechen kommen, muss man sich wieder die schlichte Frage stellen: Welcher 620 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="621"?> des Jahres 1965. Vgl. auch W. Schmithals, Die Kollekten des Paulus für Jerusalem (2004). Schmithals (ibid. 79) nennt Georgis Ausführungen „eine komplexe und zugleich phantasievolle Geschichte der Kollekte“ (Betonung im Original). Downs theologische Betrachtung der Kollektensammlung, die allerdings auch chronologische, historische und paulinisch-rhetorische Elemente detailliert, gibt einen guten Einblick in die theo‐ logische Ausrichtung der kanonischen Sammlung. 14 Vgl. B.W. Longenecker, Remember the Poor. Paul, Poverty, and the Greco-Roman World (2010); C. Heil, „Die Armen nicht vergessen“. Die Kollekte des Apostels Paulus für die Armen in Jerusalem (2008). 15 Auffallenderweise ist gerade die neuere Forschung skeptisch gegenüber dieser Ein‐ führung in Gal 2,10 und versucht, diese Notiz von der Kollekte zu trennen, vgl. hierzu D.J. Downs, The Offering of the Gentiles Paul’s Collection for Jerusalem in Its Chronological, Cultural, and Cultic Contexts (2008). Er verweist auf die antiochenische Ausrichtung der Stelle auf V. Weber, Die antiochenische Kollekte, die übersehene Hauptorientierung für die Paulusforschung: Grundlegende Radikalkur zur Geschichte des Urchristentums. Friedensgabe zum Jubiläumsjahr 1917 (1917). 16 C. Böttrich, Jerusalemkollekte (2013). 17 Bezüglich der historischen Verwertbarkeit für die Spezifizierung der Kollekte ist Downs kritisch: D.J. Downs, The Offering of the Gentiles Paul’s Collection for Jerusalem in Its Chronological, Cultural, and Cultic Contexts (2008), 28. Abbreviator, der in *Gal 2,10 formuliert sah („auf dass wir an die Armen denken“), 14 hätte diese fundamentale Sozialaktion des Paulus an all den angege‐ benen Stellen getilgt und jedes Andenken an diese „Zeichen“ der „Gemeinschaft für die Armen unter den Heiligen in Jerusalem“ willentlich beseitigt? Dies ist desto unerklärlicher, als der Abbreviator seine Redaktion mit einer solchen Akribie und, ohne irgendein Überbleibsel in seiner *10-Briefe-Sammlung zu lassen, umgesetzt hätte, zumal, wie Böttrich anfangs formulierte, diese Kollekte im Zentrum der paulinischen Rechtfertigungstheologie stand. Die Kollektensammlung wird bereits Gal 2,10 kurz eingeführt als Beschluss, 15 ihr Beginn wird in 1Kor 16,1-4 als konzertierte Aktion beschrieben, und ihr widmen sich zwei ganze Kapitel von 2Kor 8,1-9,15, wobei man auch Kapitel 10 noch als Bekräftigung derselben mit hinzunehmen kann. In 2Kor 8 werden zunächst die Makedonier den Korinthern als leuchtende Vorbilder vorgestellt, anschließend umgekehrt die Korinther den Makedoniern - eine Spannung, die die Forschung zur Annahme einer Zusammenstellung mehrerer Briefe oder „unabhängiger Verwaltungsschreiben des Paulus“ geführt hat 16 -, dann ergänzt Apg 20,4, 17 nachdem zuvor von einem geplanten Anschlag „der Juden“ auf Paulus berichtet war, dass dieser, um dem Anschlag zu entgehen, den „Rückweg über Mazedonien“ nehmen wollte, wobei er von „Sopater, dem Sohn des Pyrrhus, aus Beröa, Aristarch und Secundus aus Thessalonich, Gaius aus Derbe und Timotheus sowie Tychikus und Trophimus aus der Provinz Asien“ begleitet wurde. Dieser Hinweis führt wohl zurück auf die in 1Kor §-12 Die großen Lücken in der *10-Briefe-Sammlung 621 <?page no="622"?> 18 Das muss wohl mit dem Ausdruck τοὺς κατὰ τὰ ἔθνη πάντας Ἰουδαίους (Einheits‐ übersetzung: „unter den Heiden lebenden Juden“) gemeint sein, so jedenfalls auch E. Haenchen, Die Apostelgeschichte (1961), 540; H.H. Wendt, Die Apostelgeschichte (1913), 301. 19 Zu Apg 21,25 als spätere redaktionelle Überarbeitung (Wendt) oder Interpolation (Harnack), auch zu den textkritischen Varianten, gerade etwa in 05, vgl. H.H. Wendt, Die Apostelgeschichte (1913), 302-303. 20 J. Roloff, Die Apostelgeschichte (1981), 312. 16,3 angekündigte Delegation („Vertrauensleute mit Briefen“), die Paulus of‐ fenkundig zur Ablieferung der Kollekte in Jerusalem begleitete. Ausführlich schildert dann Apg 21,15-40 die Kollektenübergabe in Jerusalem, ohne je konkret auf sie einzugehen. Stattdessen wird auch Paulus als gesetzeskonformer Jude geschildert (καὶ αὐτὸς φυλάσσων τὸν νόμον) im Gegensatz zu dem Gerücht, das über ihn berichtet worden sei - Apg 21,27-28 erläutert, dass Urheber des Vorwurfs „die Juden aus der Provinz Asien“ seien -, er sei ein Bekehrer, der die gesetzestreuen Juden zur „Apostasie von Mose“ gebracht habe, indem er die Juden der Diaspora 18 aufgefordert hätte, ihre Kinder nicht beschneiden zu lassen und nicht ihren Gewohnheiten gemäß zu leben. Nichts sei an diesen Gerüchten jedoch wahr, betont Apg 21,24. Was die „gläubig gewordenen Heiden“ betrifft, verweist Apg 21,25 auf den früheren Beschluss, wohl das Aposteldekret aus Apg 15,21-27, das hier allerdings auf einen größeren Adressatenkreis hingeordnet wird. 19 Die Erzählung endet in der Gefangennahme des Paulus durch den Obersten der Kohorte, der ihn dem Volksauflauf entzog, dann jedoch zum Volk sprechen ließ. Weder in diesem Bericht, noch in der nachfolgenden Predigt über seine Herkunft aus der Diaspora, seine Ausbildung bei Gamaliel „genau nach dem Gesetz“, seine Verfolgung der Menschen, die „diesen Weg“ gewählt hatten, seine Beauftragung durch „den Hohepriester und den ganzen Rat der Ältesten“ und seine Bekehrung von Saulus zu Paulus erwähnt er die Kollekte (Apg 22,1-21). Doch die Nichterwähnung war wohl weniger eine ausgesparte „melodiefüh‐ rende Stimme“, 20 sondern eher eine Suspension, die den Bogen erlauben sollte, der zu Apg 24,17 führt, wo in einer weiteren Verteidigungsrede Paulus vor dem römischen Prokurator Felix darauf verweist, dass er „Almosen für sein Volk“ nach Jerusalem hatte bringen wollen (δι‘ ἐτῶν δὲ πλειόνων ἐλεημοσύνας ποιήσων εἰς τὸ ἔθνος μου παρεγενόμην καὶ προσφοράς). Obwohl es ausführliche Kapitel in den Paulusbriefen zur Kollekte gibt, vor allem 2Kor 8,1-9,15, wird nirgends, weder bei Paulus noch in der Apostelge‐ schichte, die gesamte Geschichte dieser Aktion erzählt. Der bei Annahme einer Priorität der 14-Briefe-Sammlung vermuteten sorgfältigen Resektion aller Hinweise auf die Kollekte durch den Abbreviator steht eine filigrane Verteilung 622 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="623"?> 21 Vgl. M.L. Frettlöh, Der Charme der gerechten Gabe. Motive einer Theologie und Ethik am Beispiel der paulinischen Kollekte für Jerusalem (2001). 22 Vgl. J. Gnilka, Die Kollekte der paulinischen Gemeinden für Jerusalem als Ausdruck ekklesialer Gemeinschaft (1996). der Informationen zu dieser Kollekte in verschiedenen paulinischen Schriften und der Apostelgeschichte gegenüber. Während kaum vorstellbar ist, dass ein Abbreviator, zumindest ohne erkennbaren Grund, sich die Mühe gemacht hätte, diese Information aus der 14-Briefe-Sammlung herauszulösen, spricht die redak‐ tionell leichtere Möglichkeit dafür, eine solche Aktion über die verschiedenen Schriften zu verteilen, für die Priorität der *10-Briefe-Sammlung. Allerdings bleibt die Frage, warum die kanonische Redaktion eine solche historische Fiktion in die 14-Briefe-Sammlung wie auch in die Apostelgeschichte eingefügt hat. Böttrich gibt einen Hinweis, denn er verweist, wie gesehen, auf die Rechtfer‐ tigungstheologie, in welche diese Kollekte eingebunden ist, und die ebenfalls mit den vorkanonisch fehlenden Abschnitten von Röm 4,3-25; 5,11-19 und 6,1-7,3 verbunden ist, während in der vorkanonischen Version von *Röm der Brief auf die Gesetzesproblematik beschränkt bleibt. Nach *Röm gibt es lediglich die Antithese zwischen „gerecht“ gemacht „aus dem Glauben Christi“ versus Handeln und Leben „aus dem Gesetz“ (*Röm 5,1). Das Dazwischentreten des Gesetzes führte dazu, dass die „Übertretung überfließe“ (*Röm 5,20), damit die Gnade übergroß werde. Doch die Adressaten seien tot für das Gesetz, auch wenn, wie in *Paulus selbst, das Gesetz in den Gliedern herrsche. Auf der kanonischen Ebene hingegen besitzt die Kollekte den Charme der gerechten Gabe 21 und ist zugleich Ausdruck ekklesialer Gemeinschaft. 22 Sie ist gewisser‐ maßen ein Handeln, ein Werk, das trotz aller Werkkritik auf der vorkanonischen Ebene praktisch begründete Rechtfertigung einführt und damit die Antithesen entschärft. Auch dieses Thema hat neben einer inhaltlich-theologischen eine redaktio‐ nelle Funktion auf der literarischen Ebene. Diese lässt sich bereits an der Bedeutung des Titus ablesen, der eine zentrale Rolle innerhalb der Kollekte besitzt. Titus wird bereits in 2Kor 7,6-7 in einer personalisierten Notiz des Paulus zur Vorbereitung des Berichts über die Kollekte eingeführt: „6 Aber der die Geringen tröstet, Gott, hat uns getröstet durch das Auftauchen des Titus, 7 doch nicht nur durch sein Auftauchen, sondern auch durch den Trost, den er bei euch erfahren hatte, denn er berichtete uns von eurer Sehnsucht, eurer Klage, eurem Eifer für mich, sodass ich mich noch mehr freute.“ Daran schließt Paulus den Hinweis auf einen Brief an, welchen er an die Korin‐ ther geschrieben und in welchen er diese getadelt habe, was seine Adressaten §-12 Die großen Lücken in der *10-Briefe-Sammlung 623 <?page no="624"?> 23 Vgl. H.v. Lips, Timotheus und Titus. Unterwegs für Paulus (2008). 24 Vgl. weiter oben §-7 b. 8. 25 Vgl. zu beiden weiter oben §-7 b. 8. betroffen machte (2Kor 7,8-12). Letztlich dient dieser Hinweis jedoch lediglich dazu, um auf die Freude des Titus zuzusteuern, „dessen Geist durch euch neue Kraft gefunden hat“ (2Kor 7,13). Grund hierfür ist, dass Paulus die Adressaten vor Titus gerühmt hat und dieser den Korinthern deshalb zugetan sei. Dann folgt das Beispiel der Makedonier, die nach ganzen Kräften spendeten, ganz von sich aus (2Kor 8,3). Paulus fügt hinzu, dass er Titus ermutigt habe, dieses Liebeswerk, das er früher bei den Korinthern begonnen hatte, „nun auch [zu] vollenden“ (2Kor 8,6). Titus wird folglich zur zentralen Figur innerhalb der Kollekte. 23 Er ist der Gefährte und Mitarbeiter des Paulus, der für die Korinther tätig ist (2Kor 8,23), ist voller Enthusiasmus (2Kor 8,16-17) und vermittelt zwischen Paulus und den Korinthern (2Kor 2,12-13; 7,5-7. 14-16). Titus gehört zu den Brüdern, die Paulus an die Gemeinden schickt (2Kor 8,16-23). Wie oben zu Titus vermerkt, 24 verweist der Name auf die Pastoralbriefe, insbesondere auf den Brief des kanonischen Paulus an Titus, in welchem er ihn sein „rechtmäßiges Kind“, also als Erben, bezeichnet (Tit 1,4). Als Beauftragter des Paulus setzt er „in den einzelnen Städten“ Kretas „Älteste“ ein (Tit 1,5), Bischöfe als „Haushalter Gottes“ (Tit 1,7). Die Kollekte mit Titus in einer zentralen Rolle sichert folglich auch die Einbindung der Pastoralbriefe in die 14-Briefe-Sammlung, zumal sich Titus „an das zuverlässige Wort hält, das der Lehre entspricht“, d. h. das, was die Leserschaft im Titusbrief liest, entspricht „der gesunden Lehre“ und überführt „die Widersprechenden“ (Tit 1,9). Neben der theologisch-ethischen Bedeutung besitzt die Kollekte folglich, wie bereits betont, auch eine literarische Funktion für die narrative Kohärenz der 14-Briefe-Sammlung, insbesondere für die neu in sie hineingenommenen Pastoralbriefe. Diese widerum stützen die Bedeutsamkeit der Werke für die Rechtfertigung, wenn etwa Tit 3,8 herausstellt, dass „gute Werke … gut und für die Menschen nützlich“ sind und, nach Tit 3,9 man sich nicht „auf Streit und Gezänk über das Gesetz“ einlassen soll. Schließlich finden sich in diesem Brief wieder Personen, die diesen Text rückbinden an die Apostelgeschichte (z. B. Apollos) und die Deuteropaulinen (Tychikus). 25 Die Beobachtungen und Überlegungen verdeutlichen, dass die kanonisch redaktionelle Entwicklung einer aus *Gal 2,10 herausgesponnenen fiktiven Kollekte eher wahrscheinlich ist als die Löschung einer historischen Reflexion durch einen Abbreviator. 624 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="625"?> 2. Große Lücken in *Röm oder Mehrtext in Röm Für die Bestimmung der Bearbeitungsrichtung sind auch die Stellen im Rö‐ merbrief von Bedeutung, in denen sich die 14-Briefe-Sammlung von der *10-Briefe-Sammlung signifikant unterscheiden. Es handelt sich vor allem um Röm 1,8-15. 24-31; 2,3-11; 3,1-18. 23-31; 4,3-25; 5,11-19; 6,1-7,3; 8,12-9,33; 10,5-11,32; 12,1-8; 13,1-7. 11-14; 15-16. Auf ersten Anhieb wird deutlich, dass der Römerbrief in beiden Versionen sich erheblich unterscheidet. Geht man von der Priorität der 14-Briefe-Sammlung aus, wirkt *Röm wie eine drastische Verstümmelung der kanonischen Vorlage. Systematisiert man die Liste der größeren „Lücken“ bzw. des kanonischen Mehrtexts, ergibt sich folgende Aufstellung, die nacheinander kommentiert werden soll: a. Dankanrede an die Adressaten (Röm 1,8-15) b. Gott liefert die Heiden aus und richtet alle Menschen, Juden und Griechen (Röm 1,24-31; 2,3-11; 3,1-18. 23-31; 13,11-14) c. Abraham: Glaube und Gesetz (Röm 4,1-25; 5,11-19; 6,1-7,3) d. Geist, nicht Fleisch (Röm 8,12-9,33) e. Die Israeliten und die Kirche (Röm 10,5-11,32) f. Der Leib und die vielen Glieder (Röm 12,1-8) g. Unterordnung unter die staatliche Gewalt (Röm 13,1-7) h. Paränese und Grüße (Röm 15-16) a) Dankanrede an die Adressaten (Röm 1,8-15) Geht man von der Priorität der 14-Briefe-Sammlung aus, wird man sich wieder fragen müssen, warum der Abbreviator auch in diesem Brief Dank und Lob die Adressaten betreffend getilgt hatte. Denn das parallele Phänomen begegnet auch bezüglich der folgenden Briefe, in denen jeweils die auf den Eröffnungsgruß folgende Anrede an die Adressaten im vorkanonischen Brief fehlt: 1Kor 1,4-17; 2Kor 1,9-19; 1Thess 1,2-2,13; 2Thess 1,3-5; Kol 1,7-14; Phil 1,3-13; Phlm 1,4-7; Gal und Eph, die dann Ausnahmen wären, bieten jedoch solche Dankadressen nicht einmal auf kanonischer Ebene - eine weitere der vielen kanonischen Inkonsistenzen. Was hätte einen Abbreviator bewegen können, in all diesen Briefen die Dank‐ adressen zu löschen? Dreht man die Bearbeitungsrichtung um, ist zu fragen, welche Motivation gab es für die kanonische Redaktion, solche Dankadressen §-12 Die großen Lücken in der *10-Briefe-Sammlung 625 <?page no="626"?> 26 Es wurde die Meinung vertreten, dass 2Kor weder nach Intention noch Form eine Dankpassage bietet, so P. Arzt-Grabner, Paul’s Letter Thanksgiving (2010), 131. 27 So A. Nygren, Der Römerbrief (1951), 50. 28 O. Michel, Der Brief an die Römer (1957), 36. 29 Ibid. 37. 30 Ibid. 31 Ibid. 43. an den aufgeführten Stellen in sieben oder acht 26 der zehn Briefe einzufügen, dabei jedoch Gal und Eph auszusparen? Nehmen wir den Ausgangspunkt bei Röm 1,8-15. Diese Dankadresse gilt als zweiter, weniger wichtiger Teil der Einleitung, 27 mit welcher Paulus sich bemüht, „eine persönliche Beziehung“ zwischen ihm „und der Gemeinde herzustellen“. 28 Schließlich klingt ein persönliches Bekenntnis an (Röm 1,14-16a), er beschreibt „deklarativ und feierlich“ „den Inhalt seines Evangeliums“ (Röm 1,16b-17). 29 Dies deutet darauf hin, dass Paulus sich „gegen Mißtrauen und Verdächtigungen zu wehren (hat), die in der Gemeinde selbst entstanden oder von außen in sie hineingetragen wurden“. 30 Aufgrund dieser inhaltlichen Skizze verschärft sich die Frage, warum ein Abbreviator, der Paulus ein solches Gewicht zumisst, dass er eine Paulusbrief‐ sammlung veranstaltet, gerade dessen Vorstellung seines persönlichen Bekennt‐ nisses und damit seine Verteidigung gegen Anwürfe eines Kernstücks berauben sollte? Bei Umkehrung der Bearbeitungsrichtung ist die Erklärung einsichtiger. Die kanonische Redaktion, die als ein Charakteristikum eine Personalisierung und als ein weiteres eine gewisse Zwiespältigkeit in das Porträt des Paulus einbringt, fügt eine solche Dankadresse in den Römerbrief ein. In ihr wird zunächst die bereits angeklungene Universalisierung der Reichweite christlicher Botschaft verdeutlicht - „euer Glaube … wird in der ganzen Welt“ bekannt gemacht (Röm 1,8). Paulus lässt sich durch Gott selbst autorisieren (Röm 1,9), er macht ihn zum Zeugen, nachdem Gal 1,1 nicht Menschen, sondern nur Jesus Christus sein Zeuge ist, zu welchem nur die kanonische Redaktion das θεοῦ πατρός hinzusetzt. Er bittet für denselben Zuspruch wie seine Adressaten (Röm 1,12), muss sich aber bescheiden, weil er „ein Schuldner“ gegenüber seinen Adressaten ist (Röm 1,14). 31 Hierin drückt sich die Ambivalenz aus, mit der die kanonische Redaktion Paulus sich einerseits als Autorität vorstellen lässt, andererseits seine Autorität zugleich untergräbt und in ein gewisses Zwielicht stellt. Ähnlich etwa lesen wir in der Dankadresse in 1Kor, dass den Korinthern „keinerlei Gnadengabe fehlt“ (1Kor 1,7), zugleich aber muss der kanonische Paulus vor Spaltungen warnen und die Adressaten anhalten, „eines Sinnes und 626 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="627"?> derselben Meinung“ zu sein (1Kor 1,10), wobei sich „die Streitereien“ gerade auf das Verhältnis ihm gegenüber richten (1Kor 1,12). Wenn er an dieser Stelle zugibt, dass er Gegenspieler hat, Apollos, dass er Krispus und Gaius nicht getauft hat, sondern nur „das Haus des Stephanas“ (1Kor 1,12-16) und er mit einer captatio betont, er verkünde das Evangelium „nicht in der Weisheit des Wortes“ (1Kor 1,17) wirft die kanonische Redaktion erneut Licht und Schatten auf den Protagonisten. Mehr noch als die Dankadresse im Römerbrief verdeutlicht diejenige von 1Kor auch die literarisch-redaktionelle Funktion dieses Abschnittes. Durch die Erwähnung des Apollos wird dieser kanonische Mehrtext verknüpft mit der Apostelgeschichte (Apg 18,24; 19,1) und den Pastoralbriefen (Tit 3,13), Krispus verbindet ebenfalls mit der Apostelgeschichte (Apg 18,8); Gaius darüberhinaus (Apg 19,29; 20,4) bindet Röm 16 ein (Röm 16,23), aber auch die Katholischen Briefe (3Joh 1,1), Stephanas begegnet nochmals im letzten Kapitel von 1Kor (1Kor 16,15. 17), wo nach dem Bericht zur Kollekte Stephanas vor Fortunatus und Achaikus genannt werden, Namen, die nur an dieser Stelle (1Kor 16,17) im Neuen Testament begegnen. Erneut wird deutlich, Namen dienen der kano‐ nischen Redaktion zur Herstellung einer literarischen Kohärenz verschiedener Schriftkorpora und deren Schriften. Auch die Dankadresse von 2Kor verweist auf die eigene Schwäche des Paulus, wobei er auf die eigene Aufrichtigkeit und „Einfachheit“ hinweisen muss, die er „fleischlicher Weisheit“ gegenüberstellt (2Kor 1,12). Er spricht auch von dem eigenen Leichtsinn und von seinem fleischlichen Willen (2Kor 1,17) und ruft Gott an, dass er nicht diesen unterworfen wird (2Kor 1,18). Er betont auch, dass er „nichts anderes“ schreibe, „als was ihr lest oder was ihr wisst“ (2Kor 1,13) - eine deutliche Autorisierung gerade dieser kanonischen Fassung des Briefes, mit der sich die Redaktion offenkundig gegenüber konkurrierenden paulinischen Schriften, vielleicht gar gegenüber *2Kor absetzen will. Genannt werden auch als seine Mitverkünder Silvanus und Timotheus (2Kor 1,19). Erneut bilden diese Namen Kohärenzverbindungen, Silvanus hin zu den beiden Thessalonicherbriefen (1Thess 1,1; 2Thess 1,1) und zu den Katholischen Briefen (1Petr 5,12), das Netz, das mit Timotheus gespannt wird, ist noch weiter und umfasst wiederum die beiden Thessalonicherbriefe (1Thess 1,1; 3,2. 6; 2Thess 1,1); Phlm 1,1; Röm 16 (Röm 16,10), die Apostelgeschichte (Apg 16,1; 17,14. 15; 18,5; 19,22; 20,4), die Deuteropaulinen (Kol 1,1), die Pastoralbriefe (1Tim 1,2. 18; 6,20; 2Tim 1,2) und den Hebräerbrief (Hebr 13,23), dient folglich als Scharnier für die 14-Briefe-Sammlung und deren Zusammenhalt mit der kanonischen Sammlung des Praxapostolos. §-12 Die großen Lücken in der *10-Briefe-Sammlung 627 <?page no="628"?> 32 Wegen des nicht ganz durchsichtigen griechischen Textes, vgl. man die alternativen Übersetzungsmöglichkeiten in W. Marxsen, Der zweite Thessalonicherbrief (1982), 42. In der Dankadresse von 1Thess 1,2-10; 2,1-13 wird das Netz bestärkt, die Rede ist von großer Bedrängnis (1Thess 1,6) und von der Aufnahme, die Paulus bei den Adressaten gefunden hat, eine Botschaft, die überall erzählt wurde. Dann aber wird wiederum vom Leiden und gar von Misshandlungen des Paulus in Philippi berichtet und auch davon, dass Paulus das Evangelium bei den Adressaten freimütig, doch „in vielem Kampf “ verkündigte (1Thess 2,2). Er muss sich verteidigen, dass er nicht predigte, um die Adressaten irrezuführen, nicht in „Unreinheit noch mit List“, „verborgener Habgier“ und Ehrsucht (1Thess 2,3-6) - also auch in dieser Dankadresse fällt Schatten auf seine Botschaft, von der er sich freischreiben muss, indem er sich wie zuvor auf Gott als Zeugen beruft (1Thess 2,5), dann auch die Adressaten als Zeugen nennt (1Thess 2,10). Die kanonische Redaktion verfolgt dieselbe Strategie wie zuvor in den genannten Dankadressen - es ist ein merkwürdig schillerndes Bild, das der kanonische Paulus von sich zeichnet und welches den Widerspruch durchblicken lässt, den seine Botschaft hinterlassen hat. Nicht anders klingt die Dankadresse von 2Thess 1,3-5. Während zunächst von den Adressaten und deren „Ausdauer“ und „Glauben“ gesprochen wird (2Thess 1,4), auch vom „gerechten“ Gericht Gottes, schiebt der kanonische Paulus in 2Thess 2,2 nach, die Adressaten sollen sich „nicht so schnell“ in ihrem „Verstand erschüttert oder erschreckt“ sein lassen, „weder durch eine Geistererscheinung noch durch eine Rede noch durch einen Brief, der von uns sein soll, als ob der Tag des Herrn schon gekommen wäre.“ 32 Damit gibt die kanonische Redaktion zu er‐ kennen, dass sie der Leserschaft von einem anderen Brief an die Thessalonicher Kenntnis geben will - innerhalb der kanonischen Sammlung kann sich dies nur auf den voranstehenden Ersten Thessalonicherbrief beziehen, insbesondere auf 1Thess 4,15-17, auch wenn man grundsätzlich auch an *2Thess denken könnte - und es klingt, wie eine gewisse Distanzierung des Paulus von demselben, doch es geht um eine Distanzierung gegenüber dessen Missinterpretation (wie auch von der prophetischen und mündlichen Botschaft des Paulus), wonach der Tag des Herrn bereits gekommen sei. Nimmt man wahr, dass die dubiose Stelle eine solche ist, die bereits vorkanonisch *1Thess 4,15-17 steht, dann erklärt sich die Reaktion der kanonischen Redaktion. Sie hatte die problematische Stelle in ihren 1Thess übernommen, allerdings versucht, mit 1Thess 5,1-11 bereits die Interpretation zu steuern und zu korrigieren. Denn hier wird gegen eine präsentische Deutung der Stelle argumentiert: 628 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="629"?> „1 Von den Zeiten und Gelegenheiten, Brüder, habt ihr nicht nötig, dass man euch etwas schreibe; 2 denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn so kommt wie ein Dieb in der Nacht. 3 Wenn sie nämlich sagen: Frieden und Sicherheit, dann wird sie das Verderben plötzlich überfallen wie die Geburtswehen eine schwangere Frau, und sie werden nicht entfliehen. 4 Ihr aber, Brüder, seid nicht in Finsternis, dass euch der Tag wie ein Dieb überraschen sollte.“ (1Thess 5,1-4) Gemäß dieser Deutung ist der Tag des Herrn nicht bereits gekommen, sondern er steht noch aus, wenn auch erwartet in einer bedrohlich nahen Zukunft. Um diese kanonische Deutung weiter zu bestärken, fügt 2Thess 2,2 die Skepsis gegenüber einer Fehldeutung ein, die sich sinnvollerweise auf die vorkanonische Version *1Thess 4,15-17 bezieht, einen Brief, in welcher die kanonische Deutung von 1Thess 5 eben fehlt. Entsprechend kann die kanonische Deutung in 2Thess 2,5-6 hinzufügen: „5 Erinnert ihr euch nicht daran, dass ich euch dies sagte, als ich noch bei euch war? 6 Und jetzt wisst ihr, was ihn aufhält, damit er zu seiner Zeit offenbart wird“. Die Stelle stützt die kanonische Version von 1Thess, insbesondere das von der kanonischen Redaktion hinzugesetzte Kapitel 5 mit der entsprechenden Deutung und Kritik an der vorkanonischen und von ihr übernommenen Verse in 1Thess 4,15-17. Verhält es sich mit der Genese der beiden Briefe in der vorgeschlagenen Weise, wird auch redaktionsgeschichtlich deutlich, dass der vorkanonischen Version der Briefe ein gewisser Respekt bei der kanonischen Redaktion entge‐ gengebracht wird, sei es, dass die vorkanonischen Briefe bereits eine gewisse Autorität besaßen - darauf weist bereits der Umstand hin, dass sie als Grundlage für die eigene Rezension genommen wurden, und auch, dass über diese Briefe hinaus nur vier weitere pseudepigraphe Briefe zur 14-Briefe-Sammlung hinzu‐ gefügt wurden. Zugleich kann man an diesem Fall ablesen, dass die kanonische Redaktion vorwiegend durch ergänzende und korrigierende Erweiterungen mit dem vorkanonisch existierenden Text umgegangen ist, nicht aber vorkanonisch erhaltenen Text schlichtweg eliminiert hätte. In der Dankadresse von Kol 1,7-14 stoßen wir gleich zu Beginn auf die Nennung des „geliebten Mitknecht“ Epaphras. Mit dieser Nennung (Kol 1,7; 4,12) wird der Brief an die sieben Briefe des Paulus über den Philemonbrief angeschlossen (Phlm 1,23). Auch das zweite Element, des Schattens über Paulus, begegnet in der Kolosserdankadresse. Zunächst lobt Paulus die Adressaten, dass der Vater sie befähigt hat, „am Erbe der Heiligen im Licht“ teilzuhaben (Kol 1,12), sofort aber schließt er sich selbst mit ein, wenn er fortführt, dass der Vater „uns-… der Gewalt der Finsternis“ entrissen hat (Kol 1,13). Die Dankadresse in Phil 1,3-13 beginnt hingegen nach dem Lob der Adres‐ saten gleich mit diesem Schatten über der eigenen Person des Paulus, er spricht §-12 Die großen Lücken in der *10-Briefe-Sammlung 629 <?page no="630"?> von seiner Gefangenschaft, „Verteidigung und Bekräftigung des Evangeliums“ (Phil 1,7) und wiederum davon, dass Gott sein Zeuge sei. Schließlich betet er dafür, dass seine Adressaten an „Erkenntnis“ und „Einsicht“ reicher werden, um beurteilen zu können, „was das Beste ist“ (Phil 1,9-10). Wie dieser Blick durch die kanonischen Dankadressen zeigt, begegnen wiederholt vor allem zwei Elemente, zum einen die literarische Kohärenz, die im Wesentlichen über die Nennung von Namen erreicht wird, zum anderen das Selbstporträt des Paulus, der seine Adressaten lobt, zugleich aber eine Unbestimmtheit und Zwiespältigkeit äußert, was die eigene Person und seine eigene Redlichkeit betrifft - wiederholt wird Gott zum Zeugen angerufen, was nicht unbedingt das Vertrauen der Leserschaft in die Selbsteinschätzung des Paulus stärkt. Aus beiden Elementen ergibt sich ein redaktionelles Profil dieser Dankadressen. Während die Ambiguität, was die Charakterbeschreibung des Paulus betrifft, noch dazu hätte dienen können, einen möglichen Abbreviator, der Paulus aus den anderen Aposteln herausheben möchte, dazu zu veranlassen, die Dankadressen zu tilgen, spricht das erste Element der literarischen Kohärenz dafür, dass dem Abbreviator weder die 14-Briefe-Sammlung vorgelegen war noch die kanonische Sammlung, die später den Titel Neues Testament erhielt. Da diese Sammlung nicht vor dem letzten Drittel des zweiten Jahrhunderts entstanden sein kann, müsste man eh mit einem Abbreviator rechnen, der erst zu dieser Zeit gewirkt hätte. Chronologisch widerspricht dieser Ansatz jedoch den Zeugen, die die *10-Briefe-Sammlung bereits vor die Mitte des 2. Jh. setzen und Markion von Sinope zuschreiben. Hieraus lässt sich lediglich der Schluss ziehen, dass gerade das Element der literarischen Kohärenz dafür spricht, dass wir mit einer Bearbeitungsrichtung *10-Briefe-Sammlung > 14-Briefe-Sammlung konfrontiert werden und die beiden Elemente der persönlichen Charakteristiken des Paulus der kanonischen Redaktion zuzuordnen haben. b) Gott liefert die Heiden aus und richtet alle Menschen, Juden und Griechen (Röm 1,24-31; 2,3-11; 3,1-18. 23-31; 13,11-14) Die nur auf der kanonischen Ebene bezeugten Verse Röm 1,24-31 sprechen von einer aktiven Auslieferung der heidnischen Menschen an die Unreinheit des Leibes, und zwar durch deren eigenes Tun, das in der Verehrung der Geschöpfe anstelle des Schöpfers besteht (Röm 1,24-25). Als Folge dessen werden sexuelle Fehlverhalten genannt: Frauen haben widernatürlichen Verkehr, offenkundig, wie der nächste Vers nahelegt, in Liebe zueinander, wie auch Männer homose‐ xuellen Verkehr haben (Röm 1,26-27). Dies führt zu weiteren Haltlosigkeiten, von der eine ganze Liste geboten wird (Röm 1,29-31). Die Konsequenz ist das „Gericht Gottes“ (Röm 2,3), der „Tag des Zorns“ (Röm 2,5). Diesem wird die 630 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="631"?> Gabe des ewigen Lebens für diejenigen entgegengesetzt, die beharrlich Gutes tun (Röm 2,7). Erstmals werden in Vers 11 Juden genannt, die die Bedrängnis als erste treffen soll, dann auch die Griechen. Den Gedanken des Vorzugs, auch wenn dieser zu einer größeren Bedrohung führt, entwickelt Kapitel 3 weiter, und zwar erneut mit Blick auf die Juden (Röm 3,1). Die Zentralfrage ist die nach dem Zorn Gottes, ob dieser nicht „ungerecht“ sei (Röm 3,5). Dies bestreitet Paulus mit dem Argument, dass nur aufgrund desselben Gottes derselbe die Welt richten kann (Röm 3,6). Wenn es nun die Juden härter trifft, haben die Adressaten einen Vorteil? Auch dies bestreitet Paulus, indem er auf die Schrift verweist, die Juden wie Griechen stünden unter der Herrschaft der Sünde (Ps 13,1-3 LXX). Ohne dass man den Eindruck eines Bruches hat, obwohl mit den Versen Röm 3,19-22 Parallelverse zu den vorkanonischen Versen stehen, fährt der kanonische Text in Röm 3,23 fort, dass es zwischen Juden und Griechen keinen Unterschied gäbe, weil nicht das entscheide, was jemand tue, sondern allein das Gesetz des Glaubens (Röm 3,27-28). Gott sei nämlich ein Gott der Juden wie der Heiden (Röm 3,29). Auch wenn dieses Thema anhand des Beispiels von Abraham weiter entwickelt wird, insbesondere auf der kanonischen Ebene, worauf wir im nächsten Unterpunkt eingehen werden, sei hier auf Röm 13,11-14 verwiesen. In paränetischer Weise spricht Paulus die Adressaten an und fordert sie auf, die leiblichen Begierden und überhaupt die Werke der Finsternis abzulegen („Schmausereien und Trinkgelage“, „Unzucht und Ausschweifungen“, „Streit und Eifersucht“). Die Abschnitte verdeutlichen, dass einerseits den Juden gegenüber den Griechen die größere Bedrängnis für den Tag des Zornes und das göttliche Gericht droht, andererseits (gläubige) Griechen hieraus sich jedoch nicht im Vorteil sehen sollen. Insgesamt geht es bei der Paränese vor allem, wenn auch nicht ausschließlich, um leibliche und sexuelle Fehlverhalten. Bei Annahme einer Priorität der 14-Briefe-Sammlung müsste man mit einem Abbreviator rechnen, der den göttlichen Zorn und sein Richten zurückweist und - unverständlicherweise - hiermit zugleich die moralische Botschaft insbesondere gegen leibliche und sexuelle Fehlverhalten verwirft und beides tilgt. Nun ist keine andere Position aus dem ersten oder zweiten Jahrhundert bekannt, als die des Markion von Sinope, nach welcher der Schöpfergott als ein zorniger abgelehnt und überhaupt das Gericht Gottes bestritten wird. Will man folglich von einer Priorität der 14-Briefe-Sammlung ausgehen, könnte man keinen anderen als ihn mit dem Abbreviator für diese Passagen benennen. Dies verunmöglicht jedoch das zweite Element, da Markion nach allem, was §-12 Die großen Lücken in der *10-Briefe-Sammlung 631 <?page no="632"?> 33 Vgl. Tert., Adv. Marc. V 13,2-3: [2] … Quoniam et iram dicit revelari de caelo super impietatem et iniustitiam hominum qui veritatem in iniustitia detineant. [3] Cuius dei ira? Utique creatoris. Ergo et veritas eius erit cuius et ira quae revelari habet in ultionem veritatis. 34 Dass Homosexualität, die an drei Stellen in den paulinischen Schriften verworfen wird, ausschließlich auf der kanonischen Ebene bekämpft wird, wurde an anderer Stelle gezeigt, vgl. J.P. Mathur und M. Vinzent, Pre-canonical Paul. His Views Towards Sexual Immorality (2018). 35 Auf den Parallelfall, wonach der lukanische Prolog eine antimarkionitische Stoßrich‐ tung besitzt, hat Klinghardt aufmerksam gemacht, wie oben vermerkt, M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 172. die Häresiologen berichten, gerade für seine strenge Askese und Sexualmoral bekannt war, die noch weiter ging als die Vorstellungen etwa des Tertullian und vieler anderer, indem er sogar den innerehelichen Sexualverkehr abgelehnt haben soll. Ihm das Tilgen von Passagen zuzuschreiben, in welchen gegen sexuelle Fehlverhalten geschrieben wird, wäre widersinnig. So bleibt die nicht weiter begründbare Annahme eines Abbreviators, der sowohl Gottes Gericht wie sexuelles Fehlverhalten aus dem paulinischen Text löschen wollte. Dreht man das Bearbeitungsverhältnis um (*10-Briefe-Sammlung > 14-Briefe-Sammlung) löst sich der Widerspruch: Die kanonische Redaktion macht sich zum einen gegen Markion der vorkanonischen Erwähnung vom „Zorn“, der „vom Himmel her offenbart“ wird „über Gottlosigkeit und Unge‐ rechtigkeit der Menschen“ (*Röm 1,18) dienlich, allerdings in einer eigenen In‐ terpretation, die der Markions nach Aussagen Tertullians widerspricht. Markion nämlich, so Tertullian, habe als Urheber dieses Zornes auf den Schöpfer ver‐ wiesen - während die kanonische Redaktion ausdrücklich vom „Zorn Gottes“ an dieser Stelle spricht 33 und die Stelle entsprechend interpretiert. Gegen Markion folglich setzt die kanonische Redaktion einerseits die Behauptung vom Zorn Gottes und der Bedrohung der Menschen durch das kommende Gericht Gottes, andererseits weist sie die sexuell-asketische Rigorosität Markions zurück, indem sie lediglich - neben anderen Übeln - Homosexualität und andere fleischliche Begierden zurückweist. 34 Durch diese Beobachtungen und Überlegungen wird nicht nur die umge‐ kehrte Bearbeitungsrichtung gestützt, sie weisen auch darauf hin, dass die kanonische Redaktion mit ihrer Korrektur an der *10-Briefe-Sammlung eine solche an zwei zentralen Positionen des Markion vorzunehmen versucht. 35 632 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="633"?> 36 A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 90. 37 Vgl. Tert., Adv. Marc. V 4,8: … ita eius dei esse utramque dispositionem apud quem invenimus utriusque dispositionis delineationem. 38 Vgl. zu beidem A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspek‐ tiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 90. 39 Ibid. 90-91. 40 Pace Klinghardt, Goldmann und Flemming, vgl. Ibid. 91. 41 Auf den historischen Paulus führt Klinghardt die von Markion lediglich verwendeten Briefe zurück, vgl. M. Klinghardt, Abraham als Element der Kanonischen Redaktion (2018), 229. 243. 246. 248. 252-254. 257. c) Abraham: Glaube und Gesetz (Röm 4,1-25; 5,11-19; 6,1-7,3. 8. 25) Röm 4 gilt als „ein Paradebeispiel für das Problem der ‚redaktionellen Inkonsis‐ tenz‘, das für die Bestimmung des Bearbeitungsverhältnisses zwischen dem Bi‐ beltext Marcions und dem kanonischen Bibeltext von grundlegender Bedeutung ist“. 36 Wie im Kommentar zu *Gal 4,22 vermerkt, macht Tertullian Markion den Vorwurf, eine Erwähnung Abrahams stehengelassen zu haben, die er hätte tilgen müssen, ja, gerade diese. Denn die Spur über Abraham führe dazu, dass in der allegorischen Botschaft von den zwei Söhnen die beiden göttlichen Ordnungen die Hand des einzigen Gottes aufscheinen ließen. 37 Tertullian wirft seinem Gegner folglich Unachtsamkeit vor und eine redaktionelle Inkonsistenz. 38 Goldmann hat seinem Lehrer Klinghardt folgend diesen Vorwurf als „leicht durchschaubares Hilfsargument“ erkannt, das nicht nur Tertullian, sondern auch der älteren Forschung „dazu dient, das Axiom der theologisch motivierten Streichungstätigkeit des Marcion aufrecht zu erhalten“, auch wenn es „metho‐ disch nicht als Grundlage eines Arguments verwendet werden darf “, weil es der „eigenen Argumentation den Boden“ entziehe. 39 Allerdings folgt meines Erachtens daraus nicht zwingendermaßen, dass man Markion „schlicht als Tradent“ und „nicht als Redaktor“ verstehen muss. 40 Denn ob Markion oder ein anderer die *10-Briefe-Sammlung zusammengestellt hat, die Markion dann nur benutzt hätte - jemand musste diese Sammlung zusam‐ mengebracht haben -, lässt uns methodisch nur eine Alternative: Entweder dieser jemand, gleich ob Markion oder jemand anderes, hat die älteren beiden Sammlungen redaktionell unbearbeitet verwendet (und dann wären auch die Vorlagensammlungen der sieben Briefe und der drei Briefe wohl Zusammen‐ stellungen unbearbeiteter Briefe gewesen), sei es dass es Briefe des historischen Paulus waren, 41 sei es, dass der Redaktor bereits Pseudepigraphen aufgesessen war; oder aber dieser jemand hat die *10-Briefe-Sammlung erstellt, geordnet und redaktionell bearbeitet, wohl ähnlich wie die beiden Vorlagensammlungen erstellt wurden, denen er sich bediente. §-12 Die großen Lücken in der *10-Briefe-Sammlung 633 <?page no="634"?> 42 Hiermit rechnet auch Klinghardt, ibid. 224. 227; vgl. auch M.S. Goodacre, Fatigue in the Synoptics (1998). Will man Markion grundsätzlich von jeglichem Einfluss auf die *10-Briefe-Sammlung fernhalten, kann man auch nicht an dem „Hilfsargument“ des Tertullian und der älteren Forschung festhalten und dann dürfte man auch nicht den Vorwurf erheben, der Text weise Passagen wie die eine des Abraham auf, die angeblich seinen theologischen Positionen widersprechen bzw. gegen die Trennung von Evangelium einerseits, Gesetz und Propheten andererseits stünden. Zu bedenken ist auch, dass ein Redaktor, der zwei ältere Sammlungen nutzt, dennoch Inkonsistenzen produziert, sei es aus redaktio‐ neller Erschöpfung oder anderen widrigen Umständen, 42 außerdem scheint eine integrierende Sammlung wie die *10-Briefe-Sammlung, die zwei unterschied‐ liche Sammlungen aufnimmt, offenkundig nicht auf Konkurrenz angelegt war, dessen Redaktor folglich auch nicht unter Zwang zur Kohärenz gestellt zu haben, wie dies von einer konkurrierenden Gegensammlung zu erwarten wäre. Dass dennoch die spätere kanonische Redaktion, die eine Gegensammlung erstellt, erheblich mehr „Nachlässigkeiten und Inkonsistenzen“ aufweist, ist darum desto bemerkenswerter. In dieser Hinsicht hatte bereits der scharfsichtige Rhetor Tertullian Recht gehabt, wenn er auf Inkonsequenzen hinwies, auch wenn man davon ausgehen darf, dass derjenige, der die Sammlung zusammengebracht hat, sich bemüht haben wird, die älteren Materialien entsprechend einem möglichst kohärenten Redaktionskonzept zu bearbeiten. Dass die *10-Briefe-Sammlung keine willkür‐ liche bzw. zufällige Tradition älterer, unbearbeiteter Einzelbriefe bzw. einer Sammlung derselben darstellt, ist durch die voranstehenden Überlegungen aus‐ zuschließen. Dass nur deshalb, weil „Inkonsequenzen naturgemäß kontingent sind … eine historische Rekonstruktion darauf verzichten“ muss, weil eine Rekonstruktion „auf Regelhaftigkeit angewiesen“ sei, ist eine petitio principii, der ich nicht folgen kann. Eine Rekonstruktion eines Textes, bei dem man naturgemäß mit Inkonsequenzen rechnen muss und solche auch aufweist, kann und darf in einer Rekonstruktion nicht systematisch kohärenter hergestellt werden, als er vermutlich war. Gleich wer die Sammlung veranstaltet hat, wird gelegentlich Inkonsistenzen produzieren. Das bedeutet noch nicht, dass die Erwähnung Abrahams notwendigerweise eine solche sein muss, wie die nachfolgenden Beobachtungen lehren. Tertullian zufolge hat Markion den Namen Abrahams nur selten erwähnt. Etwa zu Gal 3,6-9 vermerkt er ausdrücklich, dass Markion diese Abraham-Pas‐ 634 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="635"?> 43 Vgl. Tert., Adv. Marc. V 3,11: Sed et cum adicit: Omnes enim filii estis fidei, ostenditur quid supra haeretica industria eraserit, mentionem scilicet Abrahae, qua nos apostolus filios Abrahae per fidem affirmat, secundum quam mentionem hic quoque filios fidei notavit. Vgl. hierzu M. Klinghardt, Abraham als Element der Kanonischen Redaktion (2018). 44 Wie A. Laato bemerkt hat, sind sich in dieser heilsgeschichtlichen Sicht die Lösungs‐ ansätze der Apostelgeschichte, des kanonischen Paulus und des Justin, des Märtyrers, recht nahe, vgl. A. Laato, Abraham in Justin Martyr’s Dialogue (2022); S. Wendel, Interpreting the Descendant of the Spirit: A Comparison of Justin’s Dialogue with Trypho and Luke-Acts (2007); J.S. Siker, Disinheriting the Jews. Abraham in Early Christian Controversy (1991). Die Nähe wird desto deutlicher, wenn man die ganz andere Position des Josephus daneben stellt, der etwa „alle Passagen ausließ, in denen Genesis von Gottes Verheißung, die Nationen zu segnen, spricht“, so E. Koskenniemi, Excellent, but How? Abraham in Josephus (2022), 39. sage und insbesondere die Aussage, dass die Adressaten „Söhne Abrahams“ sind, gestrichen habe. 43 Vielleicht begegnet Abraham nur drei Mal in Markions *Neuem Testament, während er 73 Mal auf der kanonischen Ebene begegnet, davon alleine 29 Mal in der 14-Briefe-Sammlung. Selbst wenn man davon die zehn Erwähnungen in Hebr abzieht, bleiben 19 kanonische Erwähnungen des Abraham. Bei der Annahme der Priorität der 14-Briefe-Sammlung müsste man davon ausgehen, dass der Abbreviator 15 Mal den Namen des Abraham gelöscht, ihn erstaunlicherweise aber 1 Mal im Text belassen hätte (*Gal 4,22). Das würde die zuvor genannte und von Tertullian gescholtene Inkonsistenz des Markion erhärten, falls dieser Vorwurf der Wirklichkeit entspräche, doch fragt es sich, ob Tertullian hier recht gesehen hat, da der Vorwurf auf der Priorität der kanonischen Texte ruht. Betrachten wir uns die Texte näher. In *Gal 4,21-26 wird unterschieden zwischen den Kindern der Sklavin, die „in die Synagoge der Juden“ gezeugt werden, und denjenigen der Freien, die „hoch über jegliche Hoheit, Macht und Herrschaft und (über) jeden Namen, der nicht nur in dieser Weltzeit, sondern auch in der künftigen genannt wird,“ gezeugt werden (*Gal 4,24-25 ↑Laod 1,21). Zwischen diesen beiden Arten von Kindern gibt es nichts Gemeinsames. Die Allegorie enthebt Abraham der Vaterschaft, die über Sarah geführt hätte, weil es um eine göttliche Zeugung der Freien geht. Ganz anders argumentiert die Redaktion der 14-Briefe-Sammlung. Hier wird mit Gen 16,15; 21,2 LXX auf das Wort der „Verheißung“ abgehoben und eine heilsgeschichtliche Allegorie geboten. 44 In diesem Sinne fragt der kanonische Text Röm 4,3: „Was sagt die Schrift? “ Auch wenn der Text fortfährt, dass Abraham der Lohn, von dem Röm 4,2 die Rede ist, „nicht nach Gnade“ ange‐ rechnet wird, so steht er ihm doch zu (Röm 4,4), ja sein Glaube wird ihm sogar „als Gerechtigkeit angerechnet“ (Röm 4,9; wiederholt in 4,22-23). Der Kunstgriff, §-12 Die großen Lücken in der *10-Briefe-Sammlung 635 <?page no="636"?> 45 Auffallenderweise wird dem Mann gegenüber nicht von derselben Verpflichtung gesprochen. mit dem die positive Bewertung Abrahams auf kanonischer Ebene gelingt, führt über das Argument, dass er bereits als Unbeschnittener geglaubt habe (Röm 4,10), weshalb er zum Vater aller, nicht nur der Beschnittenen, geworden sei, sondern auch der Unbeschnittenen, und einschränkend: nur der Beschnittenen, insofern diese „dem Beispiel des Glaubens“ im Sinne der Nachfolge Jesu folgen (Röm 4,10-12). Verheißung wird so an diesen Glauben gebunden (Röm 4,13) und der Anspruch auf Alleinerbschaft erhoben (Röm 4,14). Verbunden mit der Antithese von Gesetz und Gnade wird diejenige zwischen dem Gericht und der Gerechtsprechung (Röm 4,16. 18). In einer längeren Ausführung wird in Röm 6 auf die Taufe „auf Christus Jesus“ eingegangen (Röm 6,3), die einen Wandel „in einem neuen Leben“ bedeutet (Röm 6,4) und verdeutlicht, dass die Adressaten „nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade“ stehen (Röm 6,14). Sich unter die Gnade zu stellen, heißt gehorsam zu sein, „Sklaven der Gerechtigkeit“, Sklaven Gottes zu werden (Röm 6,18. 22). Wie im Abschnitt zuvor, wird dieses Bemühen dem Dienst „der Unreinigkeit und der Gesetzlosigkeit“ entgegen gestellt (Röm 6,19). Wie konkret dies auf Sexualität und Ehe ausgelegt wird, entwickelt die kanonische Redaktion: Eine Frau darf zur Lebenszeit ihres Ehemannes keinem anderen gehören (Röm 7,3). 45 Allerdings ergriff die Sünde die „Gelegenheit und verursachte … jede Art von Begierde“ (Röm 7,8), der nur durch die Vernunft begegnet werden kann (Röm 7,25). Fragt man sich auf der Basis der Priorität der 14-Briefe-Sammlung, wen diese Abrahamsinterpretation so gestört haben mag, dass zwar Abraham im Text *Gal 4,22 der *10-Briefe-Sammlung stehen blieb, wenn auch von dieser kritisiert, er dann aber an allen anderen Stellen gelöscht wurde und mit ihm die Ausführungen zur christlichen Taufe - obwohl die Taufe an einer Stelle in *Laod 4,5 in einer Bekenntnisformel erwähnt wird (wenn auch möglicherweise hier die Johannestaufe gemeint ist) - dann müsste man einen Abbreviator finden, der die christliche Taufe ablehnt, ein äußerst kritisches Verhältnis zu Abraham aufweist und eine Antithese entwickelt hatte zwischen Gesetz und Freiheit, zwischen Irdischem und Himmlischem und zugleich die Akzeptanz der sexuellen Ehegemeinschaft zusammen mit der Kritik gegenüber sexuellen Fehlverhaltens löschte. Auch hier wird man im frühen Christentum nicht fündig werden können. Stattdessen bietet sich Markion erneut als die Zielscheibe der kanonischen Redaktion an. Während, wie oben zur Terminologie gezeigt, im gesamten 636 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="637"?> 46 Etwa zeitgleich zur kanonischen Redaktion oder ihr wenig vorauslaufend finden sich diese Gedanken auch in Justins Dialog mit Trypho. 47 Zu diesem Supersessionismus vgl. M. Klinghardt, Abraham als Element der Kanoni‐ schen Redaktion (2018), 257. Der Supersessionismus ist m. E. auch nicht mit A. Laato dadurch zu minimieren - er sieht in Justin keinen „reinen Supersessionismus“, indem vorkanonischen Text kein sicherer Hinweis auf die christliche Taufe zu finden ist, sondern allenfalls von der Taufe durch Johannes die Rede ist, hat die kanonische Redaktion die Ausführungen zur christlichen Taufe in den Text von Röm 6 aufgenommen. Zugleich wurde die Kritik an Abraham reduziert und Abraham über die genannten Argumente zu einem Vater von Beschnittenen und Unbeschnittenen eingeführt und zwar dergestalt, dass nur solche Beschnittenen unter die „Kinder der Verheißung“ gerechnet werden, die Jesus Christus nach‐ folgen. 46 Entgegen der sexuellen Askese Markions, die auch Eheleute betraf, nimmt die kanonische Redaktion die Rigorosität zurück, womit sie Frauen in die Pflicht nimmt, ihren Männern „anzugehören“, so lange diese leben, um nicht Ehebrecherinnen zu werden. d) Geist, nicht Fleisch (Röm 8,12-9,33) Ähnlich deutlich wie bei den vorangegangenen Passagen ist das Profil dieser großen „Lücke“ bzw. dieses Mehrtextes. Man muss nicht „nach dem Fleisch“ leben (Röm 8,12), sondern soll „die Taten des Leibes“ töten (Röm 8,13). Solche Lebensweise macht den Gläubigen zum „Erben Gottes und Miterben Christi“ (Röm 8,17). Diese Bestimmung wurde bereits „im Voraus“ bestimmt, wie der Sohn „Erstgeborene sei unter vielen Brüdern“ (Röm 8,29), und folglich wurden die Gläubigen auch von Gott und Christus gerecht gemacht und „verherrlicht“ (Röm 8,30). Dies gilt im Unterschied zu den „Israeliten“ (Röm 9,4), weil „nicht alle, die aus Israel sind“, „Israel“ sind (Röm 9,6). Folglich sind auch nicht alle Nachkommen Abrahams erbberechtigte Kinder - diese Nachkommenschaft führt nur über Isaak und Sarah und gilt nur für deren „Kinder der Verheißung“, eine Aussage, die bereits zuvor auf kanonischer Ebene begegnet ist (Röm 9,8; Gal 4,28). Da der Töpfer Herr über den Ton ist, kann er auch „Gefäße des Zorns“ herstellen und diese „zur Vernichtung“ bereiten (Röm 9,21-22). Wie nicht alle Heiden, so werden auch die Israeliten, so zahlreich sie wären, nicht alle gerettet, sondern „nur der Überrest“ (Röm 9,27 mit Berufung auf Jes 10,22 LXX). Schließlich heißt es, dass Gott „in Zion einen Stein des Anstoßes“ aufrichtet, an dem zuschanden kommt und zugrunde geht, wer nicht glaubt (Röm 9,33). Erneut müsste man nach einem Abbreviator Ausschau halten, der die 14-Briefe-Sammlung um diesen Supersessionismus und Exklusivitätsanspruch der Kirche gebracht hätte. 47 Selbst Markion, von dem Tertullian berichtet, dass §-12 Die großen Lücken in der *10-Briefe-Sammlung 637 <?page no="638"?> man auf die Möglichkeit verweist, dass es innerhalb der Christen auch solche aus dem jüdischen Volk gibt, die die Gesetze des Mose weiterhin praktizieren, jedoch an Christus glauben, vgl. A. Laato, Abraham in Justin Martyr’s Dialogue (2022), 23. 48 A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 122. 49 Vgl. zu Röm 9-11 auch ibid. 115-145. er die Antithese zwischen Christentum und Judentum formuliert habe, käme hierfür nicht in Frage, weil trotz aller antithetischen Formulierung niemand von ihm behauptet, er habe eine Form des Supersessionismus gelehrt und Israel beerben wollen, wie beides etwa aus dem Barnabasbrief oder Justin bekannt ist. Solche Vorstellungen scheinen um die Mitte des zweiten Jahrunderts in Reaktion auf den Zweiten jüdischen Krieg geäußert worden zu sein, doch Markion gehört nicht zu diesen Lehrern. Kehrt man die Bearbeitungsrichtung wieder um, lässt sich leicht verstehen, wie eine kanonische Redaktion in der genannten zweiten Jahrhunderthälfte in Abwandlung von Markions Antithese und in Fortschreibung des Barnabas‐ briefes und Justins die Haltung des Christentums gegenüber dem Judentum verhärtet und verschärft hat, auch wenn, wie der weitere Diskurs des nächsten Unterpunkts, eine eschatologische Perspektive auch für ganz Israel eingeräumt wurde. e) Die Israeliten und die Kirche (Röm 10,5-11,32) Nachdem die vorkanonisch vorhandene Eröffnung von Kapitel 10 bereits ka‐ nonische Überarbeitungsspuren zeigt, die der kanonischen Redaktion zum „Wahrheitsbeweis“ dienten, „die Zuverlässigkeit der jüdischen Traditionen und Verheißungen (zu) belegen“ und damit den „Erweis der Kohärenz zwischen Altem und Neuem Testament“ aufzuzeigen, 48 erweitert sie die ersten vier Verse mit einer großen Digression (Röm 10,5-11,32). 49 Nimmt man wieder die Priorität der 14-Briefe-Sammlung an, handelt es sich um weitere Überlegungen zum Verhältnis von Israel und Kirche. Sie schließen an die Verse an, die mit der *10-Briefe-Sammlung geteilt sind (Röm 10,1-4) und in welchen um eine Rettung Israels gebetet und davon gesprochen wird, dass „Christus zur Gerechtigkeit für jeden, der glaubt“, geworden ist. Im Rückgriff auf alttestamentliche Verse fährt die kanonische Redaktion fort, Christus weder vom Himmel herabzuholen oder „von den Toten herauf‐ zuführen“ (Röm 10,6-7). Dabei greift Paulus ausdrücklich auf den letzten Vers zurück, den er mit *Paulus gemeinsam hat, dass „das Ende des Gesetzes … Christus [ist] für jeden, der glaubt“ (Röm 10,4), und deutet diesen nun. Glauben heißt dem Evangelium gehorchen (Röm 10,16), dessen Kunde in 638 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="639"?> 50 A. Laato, Abraham in Justin Martyr’s Dialogue (2022), 22-23. die ganze Welt gedrungen ist (Röm 10,18). Israel ist jedoch unverständig, „ungehorsam“, widerspenstig (Röm 10,20-21). Doch obwohl die Israeliten Gottes Propheten getötet haben, „gibt es auch in der jetzigen Zeit ein[en] Überrest … gemäß der Gnadenwahl“ (Röm 11,5), während die Übrigen „verhärtet wurden“ (Röm 11,7). Gleichwohl kann sie Gott wieder einpropfen (Röm 11,23), und zwar aufgrund der prophetischen Verheißung sogar „ganz Israel“, wenn „die Vollzahl der Heiden eingegangen ist“ (Röm 11,25-26). Auch wenn die Israeliten „hinsichtlich des Evangeliums“ „Feinde“ sind, sind sie doch „hinsichtlich der Erwählung-… Geliebte um der Väter willen“ (Röm 11,28). Folgt man den Überlegungen zu den voranstehenden Unterpunkten und kehrt das Bearbeitungsverhältnis um, lässt sich das verhandelte Thema hier auf der Basis der Priorität der *10-Briefe-Sammlung angehen. Die kanonische Redaktion versucht zunächst, die Exklusivität der Kirche gegenüber Israel an die Stelle einer Antithese Markions, wonach jede dieser beiden messianischen Bewegungen ihre eigene Kultpraxis besitzt, zu setzen. Dann aber fügt sie eine Eschatologie hinzu, dergemäß ein universalistischer Sieg der Kirche innerhalb der heidnischen Welt zu einem Szenario führt, in welchem Gott auch die Verheißungen an die Väter aufgrund jener Zusage wirklich machen wird. Das räumt der Kirche in der Zeit die unhinterfragbare Vorrangstellung, Überordnung und Direktive gegenüber den Verstockten ein, es erlaubt ihr auch das Beerben Israels in dieser Zeit, auch wenn es das Hoffnungstor auf das Eschaton für Israel offen hält. Ob irgendjemand diese Ausführungen im zweiten Jahrhundert gelöscht hätte? Für den Barnabasbrief und Justin waren sie zu israelfreundlich, hatte sie doch nur denjenigen das jüdische Gesetz Praktizierenden Rettung in Aussicht gestellt, die an Christus glaubten. 50 Für Markion war die Position zu israelfeindlich - für beide Positionen hätte wohl kein Grund bestanden, diese Ausführungen zu tilgen, aber sie deutlich zu überarbeiten. f) Der Leib und die vielen Glieder (Röm 12,1-8) Auf der Grundlage der Priorität der 14-Briefe-Sammlung lässt sich eine Tilgung dieses Abschnittes kaum erklären. Welcher Redaktor des ersten oder zweiten Jahrhunderts hätte die „Barmherzigkeit Gottes“ abgelehnt oder für anstößig gehalten? Wer hätte nicht gewollt, dass man sich dieser Welt nicht angleicht? Wer wollte nicht die Erneuerung des Denkens, besonnen sein, wer bestritt die §-12 Die großen Lücken in der *10-Briefe-Sammlung 639 <?page no="640"?> 51 Justin, 1. Apol. 17; 1Klem 61, die Texte finden sich weiter unten. Vielgestalt der Aufgaben und die Einheit des Leibes? Wer bestritt die Gabe prophetischer Rede? Nur wenn man die Bearbeitungsrichtung umkehrt und die Priorität der *10-Briefe-Sammlung annimmt, löst sich das Rätsel. Ihr gemäß steht die Auffor‐ derung „in der Bruderliebe … herzlich zueinander“ zu sein (*Röm 12,10). Diese Auffassung wird von der kanonischen Redaktion zu eingang des Kapitels 12 in einer Konkretisierung auf die liturgische Praxis („vernünftiger Gottesdienst“, „Erneuerung des Sinnes“ „Dienen“, „Lehren“, „Ermahnen“, auch mit Blick auf die Vorsteher) hin fortentwickelt, Elemente, die in der vorkanonischen Version noch nicht greifbar sind. g) Unterordnung unter die staatliche Gewalt (Röm 13,1-7) Wollte man für diesen Abschnitt an der Priorität der 14-Briefe-Sammlung fest‐ halten, müsste man mit einem Abbreviator rechnen, der zälotischen Charakters wäre und die staatliche Gewalt ablehnte. Hingegen kennen wir im zweiten Jahrhundert keinen Christen, der sich dahingehend geäußert hat - Tit 3,1 heißt es: „Erinnere sie daran, sich den Obrigkeiten und Machthabern unterzuordnen und ihnen zu gehorchen“; im Ersten Klemensbrief wie auch bei Justin 51 wird für die staatliche Obrigkeit gebetet, Aristides setzt sich in seiner Apologie ab von Ägyptern, Barbaren, Griechen und Juden, aber nicht von Römern usw. Wer sollte der Abbreviator sein? Hält man an der Priorität der *10-Briefe-Sammlung fest, lässt sich der Abschnitt leicht in den Trend der gerade genannten Lehrmeinungen des zweiten Jahrhunderts einfügen, welche insbesondere nach dem desaströsen Zweiten jü‐ dischen Aufstand unter Bar Kokhba dafür warben, sich der staatlichen Ordnung zu unterwerfen und die Christen als treue Gefolgsleute zu erweisen. h) Paränese und Grüße (Röm 15-16) Die beiden Kapitel, die nachweislich in der *10-Briefe-Sammlung gefehlt haben, setzen zunächst die Paränese, die in Röm 12,1-8 begegnete, fort. Es geht um die gegenseitige Auferbauung der Leserschaft. Welche Schriften in Röm 15,4 auch immer gemeint sind - sei es der vorangegangene Brief, dann wäre es eine Selbstautorisierung, sei es die 14-Briefe-Sammlung, dann wäre es eine Autorisierung dieser Sammlung, seien es die jüdischen Schriften, dann wäre es eine bewusste Verknüpfung der erweiterten kanonischen Sammlung mit diesen -, es geht um das gegenseitige sich Annehmen. 640 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="641"?> 52 Vgl. M. Vinzent, Von Paulus zu Saulus. Zu zwei Paulusbriefsammlungen im 2. Jh. (2025); vgl. auch C.W. Concannon, Assembling early Christianity: Trade, networks, and the letters of Dionysios of Corinth (2017); C.W. Concannon, In the Great City of the Ephesians: Contestations over Apostolic Memory and Ecclesial Power in the Acts of Timothy (2016). Welcher Abbreviator sollte daran Anstoß nehmen? Nachdem an Röm 11 angeknüpft wird, gilt das dort Ausgeführte auch hier. Dass es sich um eine kanonische Texterweiterung gegenüber *Röm handelt, deutet der Hinweis auf die Kühnheit des Briefes von Röm 15,15-16 an. Zum einen muss die Redaktion gegenüber dem konkurrierenden älteren *Röm die Überarbeitung mit den Mehrtexten und auch die oft kühne Neuinterpretation des erweiterten Textes verteidigen, zum anderen dienen diese Verse der göttli‐ chen Autorisierung der kanonischen Revision, die sich der Stimme von Paulus, eines Priesters versichert, der „das Evangelium Gottes“ verwaltet und damit nicht nur die Bearbeitung der *10-Briefe-Sammlung, sondern zugleich auch von *Ev zu Lk hin rechtfertigt. Wenn sich hier Paulus in Röm 15,17-19 rühmt, rühmt sich die kanonische Redaktion durch seine Worte: „18 Denn ich werde nicht wagen, von etwas zu reden, was Christus nicht durch mich gewirkt hat, um die Heiden zum Gehorsam zu bringen, durch Wort und Tat, 19 in der Kraft von Zeichen und Wundern, in der Kraft des Geistes Gottes.“ Die kanonische Redaktion könnte sich kaum einer höheren Rhetorik be‐ dienen, um ihr literarisches Produkt abzusichern. Mit der Erwähnung all der Gegenden, in welche diese Botschaft getragen wurde und werden soll, macht die Redaktion den universalen Anspruch der neuen Edition deutlich (Röm 15,19-26). Das ganze mündet zugleich in eine finanzielle Zusage der bereits genannten Kollekte - mit der neuen Ausgabe der Briefe kommt auch ein finanzieller Anreiz, diese anzunehmen (Röm 15,28-29): „28 Wenn ich nun dies vollbracht und diese Frucht ihnen versiegelt habe, will ich über euch nach Spanien reisen. 29 Ich weiß aber, dass ich, wenn ich zu euch komme, in der Fülle des Segens Christi kommen werde.“ Kapitel 16 dient vor allem dem möglichst weiten Ausspannens des vermeint‐ lichen Unterstützernetzwerks, der dieser Edition die Autorität und den Einfluss verschaffen soll, den der Hinweis auf die Zeugenschaft Gottes nicht zu erbringen vermag. An dieser Stelle verweise ich auf die Ausführungen zu den Namen, die hier nicht neu aufgegriffen und auch nicht erweitert werden soll, auch wenn es lohnenswert wäre, die vielen Namen unter diesem Aspekt neu zu lesen und das so geschaffene Netzwerk zu visualisieren. 52 §-12 Die großen Lücken in der *10-Briefe-Sammlung 641 <?page no="642"?> 53 Orig., Comm. in Rom. 10,43. 54 A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020). 55 Siehe oben §-7 b. 8. t. Es sei noch auf die Interpretation des Zeugnisses des Origenes zur Doxologie Röm 16,25-27 hingewiesen, denn in ihm erwähnt Origenes die verschiedenen, ihm zugänglichen Handschriften zum Römerbrief: Caput hoc Marcion, a quo scripturae evang‐ licae atque apostolicae interpolatae sint, de hac epistula penitus abstulit, sed et ab eo loco ubi scriptum est: Omne autem, quod non est ex fide peccatum est, usque ad finem cuncta dissecuit. Diesen Abschnitt hat Markion, von dem die evangelischen und apostolischen Schriften interpoliert wurden, von diesem Brief völlig getilgt, und nicht nur dies, sondern bereits von der Stelle, wo ge‐ schrieben steht: „Alles aber, was nicht aus Glauben geschieht, ist Sünde“ (Röm 14,23), hat er bis zum Ende alles weggeschnitten. In aliis vero exemplaribus, id est in his, quae non sunt a Marcione temerata, hoc ipsum caput diverse positum invenimus. In anderen Exemplaren jedoch, und zwar in denen, die nicht von Markion korrum‐ piert wurden, finden wir diesen Abschnitt unterschiedlich platziert. In nonnullis etenim codicibus post eum locum, quem supra diximus, hoc est Omne autem, quod non est ex fide, peccatum est, statim cohaerens habetur: Ei autem, qui potens est vos confirmare. Denn in manchen Kodizes findet er sich an derjenigen Stelle, die wir oben angeführt haben, das heißt nach dem Wort: „Alles aber, was nicht aus Glauben geschieht, ist Sünde“, sofort zusammenstehend mit „Dem aber, der die Macht hat, euch Kraft zu geben“ (Röm 16,25a). Alii vero codices in fine id, ut nunc est positum, continent. Andere Kodizes beinhalten diesen am Ende, wo er jetzt steht. Bezüglich Markion spricht Origenes von nur einer einzigen Briefvorlage, auf die er sich bezieht, während dieser gegenüber er von mehreren Handschriften spricht, „die von Markion nicht korrumpiert wurden“ (quae non sunt a Marcione temerata) und die die Doxologie nach Röm 14,23 aufweisen. Diesen fügt er die Erwähnung weiterer Kodizes an, die offenkundig auch nicht von Markion berührt wurden und die den Abschnitt der Doxologie dort stehen haben, „wo er jetzt steht“ (ut nunc est positum). 53 Goldmann hebt rechtens das „et nunc“ hervor und leitet daraus ab, dass diese Stellung der Doxologie am Ende von Kapitel 16 wohl noch kein hohes Alter besitzt. 54 Auf die verschiedenen Zeugnisse für die Existenz eines nur 14 Kapitel umfassenden *Römerbriefes wurde bereits weiter oben hingewiesen. 55 642 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="643"?> 56 Vgl. zu den vorgebrachten vermeintlichen Gründen, aus denen Markion die beiden Kapitel getilgt haben soll, K. Aland, Der Schluss und die ursprüngliche Gestalt des Römerbriefes (1979), 294; H.J. Vogels, Der Einfluss Marcions und Tatians auf Text und Kanon des Neuen Testaments (1953), 282; E. Käsemann, An die Römer (1974), 367; A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 163. 57 „Daß Markion die 14-Kapitel-Form geschaffen hätte, ist wohl schon bei Origenes eine Konstruktion“, D. Trobisch, Die Entstehung der Paulusbriefsammlung: Studien zu den Anfängen christlicher Publizistik (1989), 74. 58 A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 109-110. 59 Vgl. auch die Diskussion dieses Themas in der Rekonstruktion zu *Röm 14,23. Auch in diesem Fall scheint die Priorität der *10-Briefe-Sammlung einen Schlüssel für die Lektüre dieser beiden Kapitel des Römerbriefes in die Hand zu geben. Während in der älteren Forschung Markion verantwortlich gemacht wurde für die Streichung der beiden Kapitel 15-16 des Römerbriefes der 14-Briefe-Sammlung, 56 wurde von Goldmann, Trobisch folgend, 57 versucht, aus dem Text des Origenes Folgendes herauszulesen: „Handelt es sich nun bei den Handschriften, in denen die Doxologie nach 14,23 positioniert ist, tatsächlich um von Marcion unbeeinflusste, also ‚katholische‘ Kodizes, so kann auch der kurze Römerbrief nicht auf Marcion zurückgeführt werden, sondern muss auf andere Weise zustande gekommen sein.“ Auch wenn ich die Prämisse dieses Argu‐ mentes akzeptiere, kann ich mich doch der Schlussfolgerung nicht anschließen. Denn dann hätte die deutliche Unterscheidung, die Origenes zwischen Hand‐ schriften, die von Markion korrumpiert wurden, und solchen, die von ihm nicht beschnitten wurden, keinen Sinn. Oder, wie kann man von der Angabe, dass es auch „katholische“ Kodizes gibt, in denen Röm nur 14 Kapitel umfasst, darauf schließen, dass diese zusätzlich all die Lücken aufweisen, von denen Goldmann zuvor gehandelt hat (etwa Röm 4; Teile von Röm 9-11 usw.), und wieso wäre ein solcher kurzer Paulusbrief ein „katholisches“ Produkt, hat Goldmann doch zu den darin enthaltenen Lücken notiert, dass in Reaktion auf diesen lückenhaften Text die kanonische Redaktion eine „antimarkionitische“ Textversion gesetzt hatte, wenn er zu Röm 4 formuliert: Es „wird eine offensichtliche Gegenfront zu den theologischen Ansichten der Marcioniten aufgebaut, v. a. aber gegen deren Textkorpus, das bekanntlich ja ohne AT auskommt“. 58 Hätte der „katholische“ 14-Kapitel umfassende Römerbrief auch die Lücke von Röm 4 enthalten, warum fügt die kanonische Redaktion ein Kapitel 4 in „Gegenfront“ zu Markion ein? Nur weil Markion einen kurzen kanonischen Paulusbrief genutzt hatte? 59 Über‐ zeugender scheint mir, dass die *10-Briefe-Sammlung die Grundlage für beide „katholische“ Handschriftenfamilien bildete, die von der kanonischen Redaktion §-12 Die großen Lücken in der *10-Briefe-Sammlung 643 <?page no="644"?> 60 Schon F. Chr. Baur meinte, dass Röm 15-16 „im Geiste des Verfassers der Apostelge‐ schichte“ abgefasst waren, F.C. Baur, Paulus, der Apostel Jesu Christi. Sein Leben und Wirken, seine Briefe und seine Lehre; ein Beitrag zu einer kritischen Geschichte des Urchristenthums (1845), 408-409. in den genannten Kapiteln mit Mehrtext ausgestattet wurde. Die eine Familie bot Röm mit 14 Kapiteln (ob ebenfalls ohne Röm 4 und mit den Lücken in Röm 9-11 lässt sich nicht mehr erweisen), doch deuten die Varianten etwa unserer Bilinguenfamilie und weitere, bereits notierte Beobachtungen darauf hin, dass es zwei kanonische Redaktionen gab, die von *Röm zum kanonischen Röm innerhalb der 14-Briefe-Sammlung geführt hatten. Eine erste Redaktion zeichnet sich aus, dass von dieser Redaktion *Röm mit 14 Kapiteln überarbeitet wurde, ohne die Kapitel 15 und 16 hinzuzufügen. Die zweite kanonische Redaktion fügt dann die beiden Kapitel Röm 15-16 hinzu, was wegen der vielen Parallelen von Röm 15-16 zur Apg 60 zum Zeitpunkt geschah, als die 14-Briefe-Sammlung mit dem Praxapostolos und den weiteren Schriften zur kanonischen Sammlung zusammengestellt worden ist. 644 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="645"?> 1 T. Flemming, Die Textgeschichte des Epheserbriefes. Marcion änderte nichts: Eine grundlegend neue Perspektive auf den Laodicenerbrief (2022), 208. §-13 Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung und die beiden kanonischen Redaktionen Folgt man den voranstehenden Überlegungen und akzeptiert die Priorität der *10-Briefe-Sammlung gegenüber der 14-Briefe-Sammlung, „besitzt dies wesent‐ liche Konsequenzen für das Bild der Überlieferungsgeschichte“ der Paulusbriefe. Es verbietet sich, die sieben kanonischen Briefe (Röm, 1/ 2Kor, Gal, 1Thess, Phil, Phlm) auf Paulus direkt zurückzuführen. Selbst wenn Paulus selbst diese sieben Briefe zusammengestellt hätte, liegen sie uns doch nur in redaktionellen Bearbeitungen vor. In einem ersten Schritt soll gefragt werden, welche der beiden Sammlungen, die *10-Briefe-Sammlung oder die 14-Briefe-Sammlung, sich in den Werken der Autoren, die vor Irenäus schrieben - auch wenn man den näheren Zeitpunkt der Abfassung ihrer Werke kaum präzise fassen kann - niedergeschlagen hat. Dies wird uns Aufschluss geben für die Frage der frühen Überlieferung, aber auch einen ersten Einblick geben in die Genese der 14-Briefe-Sammlung, die sich als eine in zwei kanonischen Redaktionen zeigen wird. In einem zweiten Schritt soll über den Weg der drei Deuteropaulinen (*Laod, *Kol, *2Thess), die in der *10-Briefe-Sammlung vorhanden sind, jedoch, wie in § 7 gezeigt, gegenüber der Sammlung der sieben paulinischen Briefe ein eigenes Gepräge aufweisen, auch die Genese der *10-Briefe-Sammlung näher erschlossen werden. a. Die erste kanonische Redaktion Jüngst wurde vorgeschlagen, „dass die neutestamentliche 14-Briefe-Sammlung am einfachsten als Überarbeitung der bei Marcion bezeugten 10-Briefe-Samm‐ lung … zu erklären“ sei, wobei punktuelle Konflationen zwischen Handschriften der älteren *10-Briefe-Sammlung mit denen der 14-Briefe-Sammlung stattge‐ funden hätten; hierdurch müsse man „mit wenigen, konkreten Eingriffen in die Textüberlieferung“ rechnen unter „Annahme eines redaktionellen Schrittes bei der Herausgabe der 14-Briefe-Sammlung, bei dem [etwa, MV] die Laodicenerdurch die Epheseradresse ersetzt wurde“. 1 Im vorliegenden Unterpunkt (a) wird hingegen deutlich werden, dass unabhängig von der Frage der Priorität einer der beiden Sammlungen, die 14-Briefe-Sammlung der Genese nach aus zwei kanonischen Redak‐ tionen hervorgeht. Ähnlich wird sich im nächsten Unterpunkt (b) auch die <?page no="646"?> 2 Für einen guten Überblick zu dieser Forschung vgl. J.R. Strawbridge, The Pauline Effect. The Use of the Pauline Epistles by Early Christian Writers (2015), 4-12. 3 W. Schneemelcher, Paulus in der griechischen Kirche des zweiten Jahrhunderts (1964), 4-13. 4 „In support of Schneemelcher’s scepticism, it might be noted that no writer before Irenaeus cites any Pauline passage with clear ascription of authorship with the exception of Clement of Rome’s citation of 1 Cor 1: 11-13 (see 1 Clem 47.1-3)“ (eigene Übers.), M. Harding, Disputed and Undisputed Letters of Paul (2004), 131. 5 A.E. Barnett, Paul Becomes a Literary Influence (1941), x. 6 Die Fundstellen der in der Liste angegebenen biblischen Stellen lassen sich leicht anhand des unten aufgeführten Barnett auffinden, die nur leicht ergänzt wurden. Aufschlussreich wäre auch die Frage, welche Briefe die kanonischen Evangelien evtl. gekannt haben. Für Mk wurde eine solche Kenntnis ausgeschlossen, vgl. M. Werner, Der Einfluss paulinischer Theologie im Markusevangelium. Eine Studie zur neutesta‐ mentlichen Theologie (1923), 209. Doch Joh wird attestiert, er habe die kanonischen 10 Briefe des Paulus gekannt, so E. Dassmann, Der Stachel im Fleisch. Paulus in der frühchristlichen Literatur bis Irenäus (1979), 39. Dassmann verweist auf die wenig spezifische Angabe bei B.H. Streeter, The Four Gospels: A Study of Origins, Treating of the Manuscript Tradition, Sources, Authorship and Dates (1930), 371; B.W. Bacon, Pauline Elements in the Fourth Gospel: Parables of the Shepherd, John X.l-39 (1929), 202. Der Kenntnis von Paulus in Joh wurde jedoch deutlich widersprochen: „auch nicht die leiseste Spur“, so H. Thyen, Studien zum Corpus Iohanneum (2007), 603. Allerdings gibt es nach Durchsicht von Barnett doch eine Reihe von Parallelen, die zumindest die *10-Briefe-Sammlung ihrer Genese nach detaillieren lassen. Geht man von der Priorität der *10-Briefe-Sammlung aus, lassen sich beide Genesen chronologisch beschreiben. Fragt man, ob und wenn ja, welche Briefe des Paulus in der Zeit vor Irenäus von Lyon zitiert werden, stößt man auf widersprüchliche Angaben in der Forschung. 2 W. Schneemelcher führt aus, dass kein einziger Zeuge vor Irenäus ein unzweideutiges Pauluszitat liefere, allenfalls Formeln, die Traditionen an‐ klingen lassen, welche auch in den paulinischen Briefen anzutreffen seien, ohne dass diese eine literarische Abhängigkeit bedeuten könnten. 3 M. Harding fügt hinzu, dass Schneemelchers Skepsis dadurch gestützt würde, dass „kein Autor vor Irenäus irgendeine paulinische Passage mit einer deutlichen Autorzuschrei‐ bung zitiere mit Ausnahme des Zitats von 1Kor 1,11-13 in Klemens von Rom“, 4 das zuvor angeführt wurde. Hingegen hat A.E. Barnett bereits im Jahr 1941 eine Fülle von Parallelen aufgeführt und diskutiert, die er mit den Kategorien A-C qualifizierte („high decree of probability“; „a reasonable degree of probability“; „and a reasonable degree of probability of literary indebtedness on the part of the passages quoted“ 5 ). Seiner Studie zufolge kennen die frühchristlichen Werke folgende Paulusbriefe (wobei im Folgenden nicht zwischen A-C unterschieden wird): 6 646 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="647"?> Kenntnis von Paulustraditionen in Joh wahrscheinlich macht, um nur eine Auswahl zu geben: Gal 3,7 (Γινώσκετε ἄρα ὅτι οἱ ἐκ πίστεως, οὗτοι υἱοί εἰσιν Ἀβραάμ); Röm 4,12 (καὶ πατέρα περιτομῆς τοῖς οὐκ ἐκ περιτομῆς μόνον ἀλλὰ καὶ τοῖς στοιχοῦσιν τοῖς ἴχνεσιν τῆς ἐν ἀκροβυστίᾳ πίστεως τοῦ πατρὸς ἡμῶν Ἀβραάμ); Röm 9,7-8 (7 οὐδ‘ ὅτι εἰσὶν σπέρμα Ἀβραάμ, πάντες τέκνα, ἀλλ’, Ἐν Ἰσαὰκ κληθήσεταί σοι σπέρμα. 8 τοῦτ‘ ἔστιν, οὐ τὰ τέκνα τῆς σαρκὸς ταῦτα τέκνα τοῦ θεοῦ, ἀλλὰ τὰ τέκνα τῆς ἐπαγγελίας λογίζεται εἰς σπέρμα) und Joh 8,39 (Ἀπεκρίθησαν καὶ εἶπαν αὐτῷ, Ὁ πατὴρ ἡμῶν Ἀβραάμ ἐστιν. λέγει αὐτοῖς ὁ Ἰησοῦς, Εἰ τέκνα τοῦ Ἀβραάμ ἐστε, τὰ ἔργα τοῦ Ἀβραὰμ ἐποιεῖτε); 1Thess 4,17 (ἔπειτα ἡμεῖς οἱ ζῶντες οἱ περιλειπόμενοι ἅμα σὺν αὐτοῖς ἁρπαγησόμεθα ἐν νεφέλαις εἰς ἀπάντησιν τοῦ κυρίου εἰς ἀέρα· καὶ οὕτως πάντοτε σὺν κυρίῳ ἐσόμεθα) und Joh 14,3 (καὶ ἐὰν πορευθῶ καὶ ἑτοιμάσω τόπον ὑμῖν, πάλιν ἔρχομαι καὶ παραλήμψομαι ὑμᾶς πρὸς ἐμαυτόν, ἵνα ὅπου εἰμὶ ἐγὼ καὶ ὑμεῖς ἦτε); 2Thess 2,3 (ὁ υἱὸς τῆς ἀπωλείας) und Joh 17,12 (ὁ υἱὸς τῆς ἀπωλείας). Wie Barnett richtig erkannt hatte, gehen die Bezüge zu neun der zehn paulinischen Briefe, d. h. mit Ausnahme von Phlm, zu der kanonisch bearbeiteten km 10-Briefe-Sammlung, A.E. Barnett, Paul Becomes a Literary Influence (1941), 142. Zu weiteren Übereinstimmungen und Unterschieden zwischen Paulus und Johannes, vgl. E. Dassmann, Der Stachel im Fleisch. Paulus in der frühchristlichen Literatur bis Irenäus (1979), 43. 7 Der Vers ist nicht für die vorkanonische Version bezeugt, könnte dort aber gestanden sein, vermutlich dann aber ohne den letzten, hier parallelen Teil (εἰς τὸ εἶναι αὐτοὺς ἀναπολογήτους). 8 Nachdem Vers 5 nur auf der kanonischen Ebene steht, geht die Parallele auf diese Version. 9 Das πρωτότοκος findet sich nur im kanonischen Versteil. Autoren/ Werke *10-Briefe-Sammlung 14-Briefe-Sammlung Justin - - Apologie - Röm 1,20 7 1Kor 2,4-5 8 1Kor 15,33 Kol 1,15 9 Dialog mit Trypho --------*1Kor 12,12 ------- Röm 2,4 Röm 2,26-29 11 Röm 3,12 Röm 4,3 Röm 4,9-11 Röm 11,2-5 1Kor 5,7-9 12 1Kor 12,7-10 13 1Kor 12,12 14 Gal 3,6-9 Gal 3,10 15 Gal 3,13 16 Gal 3,16 Gal 3,27-28 Gal 4,22-23. 29 17 2Thess 2,4 18 §-13 Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung u. d. beiden kanonischen Redaktionen 647 <?page no="648"?> 10 Hier zeigt das λίθου, dass Justin wenn nicht die vorkanonische Version, zumindest diese Variante des kanonischen Verses kannte. 11 Vers 26 steht nicht vorkanonisch, die Parallele geht also zur kanonischen Version. 12 Vers 9 steht nicht vorkanonisch, die Parallele geht also auf die kanonische Version. 13 Wie der Einschluss des vorkanonisch nicht vorhandenen Verses 7 bestätigt, geht die Parallele zur kanonischen Version. 14 Auch wenn *1Kor 12,12 vorkanonisch bezeugt ist, wird, nachdem bereits die beiden voranstehenden Verse auf die kanonische Version gegangen sind, auch diese zur kanonischen Version gehen. 15 Der ausdrückliche Hinweis in Justin, Dial. 95,1, dass er hier aus der Schrift zitiert, spricht dafür, dass er die kanonische Version des Verses verwendet. 16 Der ausdrückliche Hinweis in Justin, Dial. 89,2, wonach er hier ein (Schrift)zitat bietet, spricht dafür, dass er die kanonische Version des Verses verwendet. 17 Die Erwähnung des Isaak von Vers 29 zeigt, dass die Parallele auf die kanonische Version geht. 18 Die Parallele ὁ ἄνθρωπος τῆς ἀνομίας zeigt, dass sie auf die kanonische Version geht. 19 Die Verse 11-12 stehen nicht vorkanonisch, die Parallele geht also auf die kanonische Version. 20 Während Vers 7 vorkanonisch unbezeugt ist, auch wenn er dort gestanden sein mag, ist für Vers 8 genau das Parallelstück (ἀναβὰς εἰς ὕψος) unbezeugt und wird auch vorkanonisch gefehlt haben. 21 Auszuscheiden sind: die angegebene B-Parallele 1Klem 24,4-5 zu 1Kor 15,36-37, da sie eher, wie angegeben, an Mk 4,3. 8 erinnert; die C-Parallele 1Klem 33,1 zu Röm 6,1, die, wie angegeben, eher den typischen Diatribenstil wiedergibt; die C-Parallele 1Klem 36,2 zu 2Kor 3,18, die sich nur auf ein Verb mit verschiedenen Präfixen bezieht; und die C-Parallele 1Klem 42,4. Auszuscheiden ist auch die behauptete Parallele zwischen 1Klem 61 und Röm 13,1-7: Aus den wenigen gemeinsam anklingenden Worten (ἐξουσία; ὑποτάσσεσθαι; ἀγαθόν; τιμή) auf eine literarische Abhängigkeit zu schließen und zu behaupten, „viele Vokabeln dieses Gebetes erinnern unmittelbar an die Formulierung der Römerbriefstelle“ und „dieser Abschnitt des großen Kirchengebetes [von 1Klem 61] ist jedenfalls ohne Römer 13 kaum zustande gekommen“, scheint mir eine gewagte Position zu sein. Die spezifische Argumentation beider Stellen ist eine verschiedene. Die hier zitierte Position findet sich in F.H. Keienburg, Die Geschichte der Auslegung von Römer 13, 1-7 (1952), 25. Ihr folgt V.M. Morales Vásquez, Contours of a Biblical Reception Theory. Studies in the Rezeptionsgeschichte of Romans 13.1-7 (2012), 161. Allerdings verweist auch Morales Vásquez auf den „signifikanten Unterschied“ zwischen beiden Texten, weil in 1Klem „die politischen Autoritäten nicht dafür bestellt wurden, die Gerechtigkeit zu bewahren und das Böse zu bestrafen“, wie dies in Röm 13,1-7 der Fall ist (ibid. 163). Schneider führt Autoren/ Werke *10-Briefe-Sammlung 14-Briefe-Sammlung ---*Laod 2,20 10 Kol 2,11-13 19 Kol 3,11 Eph 1,21 -Eph 4,7-8 20 1Klem 21 - Röm 1,29-32 648 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="649"?> das Gebet bei 1Klem nicht auf Röm 13, sondern auf die „Gebetspraxis der Synagoge“ zurück, N. Brox und G. Schneider, Eds., Clemens von Rom, Epistola ad Corinthios (1994), 50. Eine hellenistisch-jüdische und griechisch-römische Tradition hinter 1Klem 61 sieht A. Lindemann, Die Clemensbriefe (1992), 175. Es sei nur bemerkt, dass Morales Vásquez auch MartPol für ein Zeugnis der Rezeption von Röm 13,1-7 hält, doch dieser Text bietet noch eine geringere Nähe zum kanonischen Paulustext (ibid. 164-166). 22 Auch hier fällt auf, dass gerade die vorkanonisch bezeugten Verse *1Kor 1,18-19. 24 ausgespart sind. 23 Der Bezug geht wegen des zuvor in 1Klem 13,1 erwähnten μὴ καυχάσθω ὁ σοφὸς ἐν τῆ σοφίᾳ nicht auf *1Kor 1,31, sondern auf die kanonische Version. 24 Diese Parallele ist auffällig, weil sie nur den kanonischen Text nimmt unter Aussparung der dazwischen auch vorkanonisch stehenden Verse *1Kor 15,21-22. 25 Hier ist zu bemerken, dass mit ἕνα Χριστόν ein Element begegnet, das nur im vorkanonischen Vers steht. 26 Hier ist darauf hinzuweisen, dass PolPhil 4,1 den Stellen 1Tim 6,7. 10 und PolPhil 9,2 der Stelle 2Tim 4,10 nahestehen, was aus dem gemeinsamen Milieu von Polykarp und den Pastoralbriefen herrühren kann, worauf ausdrücklich von Campenhausen aufmerksam gemacht hatte, vgl. H.v. Campenhausen, Polykarp von Smyrna und die Pastoralbriefe (1951); H.v. Campenhausen, Aus der Frühzeit des Christentums. Studien zur Kirchengeschichte des ersten und zweiten Jahrhunderts (1963), 197-252; K. Berding, Polycarp and Paul. An analysis of their literary & theological relationship in light of Polycarp’s use of biblical & extra-biblical literature (2002), 67-68. 100. Wichtig ist auch, dass Polykarps meistbenutzte Quelle der Katholische Brief 1Petr ist, er auch 1Joh kennt und in der Eröffnung seines Philipperbriefs eine Parallele zu Apg 2,24 zu verzeichnen ist, vgl. hierzu M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2.-Jahrhundert (2022), 28-29. Autoren/ Werke *10-Briefe-Sammlung 14-Briefe-Sammlung --------*1Kor 12,8-9 ----*Gal 3,1 Röm 4,7-9 Röm 9,4 Röm 12,4-6 1Kor 1,2. 3 1Kor 1,11-13 1Kor 1,17. 21-22. 26 22 1Kor 1,30-31 23 1Kor 2,9 1Kor 12,8-9 1Kor 13,4-5 1Kor 15,20. 23 24 2Kor 11,23-27 Gal 2,9 Gal 3,1 Gal 6,1 Eph 4,4-6 25 Phil 4,15 PolPhil 26 --- Röm 12,10 27 Röm 13,8-10 28 Röm 14,10. 12 29 (mit 2Kor 5,10) §-13 Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung u. d. beiden kanonischen Redaktionen 649 <?page no="650"?> 27 Die Parallele zu Röm 12,10b zeigt, dass die Parallele im kanonischen, nicht im vorka‐ nonischen Vers zu finden ist. 28 Der vorkanonisch nicht bezeugte Versteil Röm 13,8a zeigt, dass die Parallele zur kanonischen Version geht. 29 Vers 12 zeigt, dass die Parallele zur kanonischen Version führt. 30 Auch wenn der Vers in die Rekonstruktion aufgenommen ist, ist doch der Wortlaut nicht gesichert (falls man den Vers überhaupt vorkanonisch stehen lassen will). 31 Der Einschluss des πάντων zeigt, dass die Parallele zur kanonischen Version geht. 32 Nicht überzeugend sind die angezeigten Parallelen zu IgnEph 12,2. Eine etwas vorsichti‐ gere Zählung gibt M.P. Brown, The Authentic Writings of Ignatius. A Study of Linguistic Criteria (1963), 136. Auf einige Parallelen habe ich aufmerksam gemacht in M. Vinzent, Writing the History of Early Christianity: From Reception to Retrospection (2019), 308. 33 J. Bull zeigt, dass zwischen 3 IgnPol 1,2 und Eph 4,2-3 keine Parallele besteht, J. Bull, Ignatius’ Letters to Polycarp, the Ephesians and the Romans. A Textual Analysis and Comparison (2025). 34 Geht auf die 7-Briefe-Sammlung des Ignatius. Autoren/ Werke *10-Briefe-Sammlung 14-Briefe-Sammlung ------*Gal 6,7. 10 ----*Laod 4,26 (Ps 4,5 LXX) 1Kor 6,2 1Kor 6,9-10 1Kor 13,13 30 1Kor 15,28a 2Kor 4,14 Gal 4,26 31 Gal 6,7. 10 1Thess 1,8 2Thess 1,3-4 2Thess 3,15 Eph 2,5. 8. 9 Eph 4,26 (Ps 4,5 LXX) Phil 2,10 Phil 2,16 Phil 2,17 Phil 3,1 Phil 3,18 Phil 3,21b Phil 4,10 Ignatius 32 - - IgnEph 33 --------*Laod 2,15 Röm 1,3-4 34 Röm 6,4 35 Röm 8,5. 8 36 1Kor 1,18-23 37 1Kor 3,16-17 38 1Kor 6,9-10 39 Gal 5,11 Eph 1,3-12 40 Eph 2,15 41 650 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="651"?> 34 Geht auf die 7-Briefe-Sammlung des Ignatius. 35 Da die entscheidende Parallele von IgnEph 19,3 (εἰς καινότητα αἰδίου ζωῆς) in der 3-Briefe-Sammlung nicht enthalten ist, geht die Parallele auf die 7-Briefe-Sammlung. 36 Wie Röm 8,8 anzeigt, besteht die Parallele zur kanonischen Version. Bei Ignatius geht sie zur 3-Briefe- und 7-Briefe-Sammlung. Auch hier stellt J. Bull die Nähe beider Texte in Frage, J. Bull, Ignatius’ Letters to Polycarp, the Ephesians and the Romans. A Textual Analysis and Comparison (2025). 37 Wie die Fragen in IgnEph 18,1 ποῦ σοφός; ποῦ συζητητής; anzeigen, geht die Parallele zur kanonischen Version. Bei Ignatius geht sie zur 7-Briefe-Sammlung. 38 Die nähere Parallele aufgrund des ἐν ὑμῖν besteht zur kanonischen Version. Bei Ignatius geht sie nur zur 7-Briefe-Sammlung. 39 Geht nur zur 7-Briefe-Sammlung des Ignatius. 40 Wie die vielen Parallelen gerade zu den in *Laod fehlenden Versen und Versteilen zeigen, besteht die Beziehung zu Eph, nicht zu *Laod. Und wie das προορίσας von Eph 1,5 / / IgnEph Inscr. zeigt, handelt es sich um die 7-Briefe-Sammlung der Ignatianen, nicht um die 3-Briefe-Sammlung. J. Bull ist skeptisch, dass es sich überhaupt um eine Abhängigkeit hier handelt, vgl. J. Bull, Ignatius‘ Letters to Polycarp, the Ephesians and the Romans. A Textual Analysis and Comparison (2025). 41 Geht zur 7-Briefe-Sammlung des Ignatius. 42 Parallele zur 3-Briefe- und 7-Briefe-Sammlung des Ignatius. 43 Parallele nur zur 7-Briefe-Sammlung des Ignatius. 44 IgnEph 14,1: τέλος δὲ ἀγάπη. Parallele nur zur 7-Briefe-Sammlung des Ignatius, nicht vermerkt in Barnett, jedoch in M. Vinzent, Writing the History of Early Christianity: From Reception to Retrospection (2019), 308. 45 IgnEph 10,3: ἐν πάσῃ ἁγνείᾳ. Parallele nur zur 7-Briefe-Sammlung des Ignatius, nicht vermerkt in Barnett, jedoch in ibid. 46 Dieser Brief ist nur enthalten in der 7-Briefe-Sammlung des Ignatius. 47 Dieser Brief ist nur enthalten in der 7-Briefe-Sammlung des Ignatius. 48 Wie die Verse 1Kor 15,15. 32 zeigen, handelt es sich hier um eine Parallele mit der kanonischen Version. Autoren/ Werke *10-Briefe-Sammlung 14-Briefe-Sammlung *Laod 5,1 Eph 5,1 42 Kol 1,7 43 1Tim 1,5 44 1Tim 5,2 45 IgnMagn 46 *1Kor 5,7 1Kor 5,7 Kol 1,7 IgnTrall 47 - 1Kor 3,1-3 1Kor 4,1 1Kor 9,27 1Kor 10,32.33 1Kor 15,14-15. 32 48 Kol 1,16 1Tim 6,1 49 Tit 2,5 50 §-13 Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung u. d. beiden kanonischen Redaktionen 651 <?page no="652"?> 49 IgnTrall 8,2: τὸ ὄνομά μου … βλασφημεῖται. Parallele nur zur 7-Briefe-Sammlung des Ignatius, nicht vermerkt in Barnett, jedoch in M. Vinzent, Writing the History of Early Christianity: From Reception to Retrospection (2019), 308. 50 Vgl. zur voranstehenden S.-44. 51 Geht zur 7-Briefe-Sammlung des Ignatius. 52 Kann auf beide Sammlungen des Ignatius gehen. 53 Kann auf beide Sammlungen des Ignatius gehen. 54 Der parallele Teil des Verses (καλὸν γάρ μοι μᾶλλον ἀποθανεῖν) befindet sich nur im kanonischen Vers. Die Parallele geht zur 7-Briefe-Sammlung des Ignatius. 55 Geht zur 7-Briefe-Sammlung des Ignatius. 56 Geht auf die 7-Briefe-Sammlung des Ignatius. 57 Dieser Brief ist nur enthalten in der 7-Briefe-Sammlung des Ignatius. 58 Schon zuvor in IgnEph ging diese Parallele zur kanonischen Version. 59 Wie der Begriff διακονία in IgnPhilad 1,1 erweist, ist dieser Vers mit der kanonischen Sprache vertraut. 60 IgnPhilad 11,2: τῇ κοινῇ ἐλπίδι ἡμῶν. Parallele nur zur 7-Briefe-Sammlung des Ignatius, nicht vermerkt in Barnett, jedoch in M. Vinzent, Writing the History of Early Christi‐ anity: From Reception to Retrospection (2019), 308. 61 Dieser Brief ist nur enthalten in der 7-Briefe-Sammlung des Ignatius. 62 Wie 1Kor 1,7 erweist, geht diese Parallele zur kanonischen Version. 63 IgnSm 1,1: ἐκ γένους Δαυὶδ κατὰ σάρκα. Parallele nur zur 7-Briefe-Sammlung des Ignatius, nicht vermerkt in Barnett, jedoch in M. Vinzent, Writing the History of Early Christianity: From Reception to Retrospection (2019), 308. 64 Kann auf beide Sammlungen des Ignatius gehen. Autoren/ Werke *10-Briefe-Sammlung 14-Briefe-Sammlung IgnRöm - Röm 1,3 51 1Kor 4,4 52 1Kor 7,22 53 1Kor 9,15 54 1Kor 15,8-9 55 1Thess 2,4 56 IgnPhilad 57 -(*1Kor 3,16) 1Kor 2,10 1Kor 3,16 58 1Kor 6,9-10 1Kor 10,16-17 2Kor 1,12 Gal 1,1 59 1Tim 1,1 60 IgnSm 61 --*Eph 2,16 Röm 1,3-4 1Kor 1,1. 7 62 Eph 2,16 Phil 3,15 Phil 4,13 2Tim 2,8 63 IgnPol - Eph 4,2-4 64 652 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="653"?> 65 Wie der parallele Teil von Eph 5,25 (Οἱ ἄνδρες, ἀγαπᾶτε τὰς γυναῖκας) erweist, geht die Parallele zur kanonischen Version. Die Parallele kann auf beide Sammlungen des Ignatius gehen. 66 Kann auf beide Sammlungen des Ignatius gehen. 67 Wie die Parallele zu 1Kor 7,39 (ἐὰν δὲ κοιμηθῇ ὁ ἀνήρ) erweist, handelt es sich um eine solche zur kanonischen Version. 68 „There are no direct citations of the Pauline letters, nor are there any references to Paul. The writer probably knew Paul’s letters, but their literary influence on him was negligible beyond the general consideration that he adopted the epistle as a literary medium for religious instruction“, A.E. Barnett, Paul Becomes a Literary Influence (1941), 204. Allerdings beachte man Barn 2,6, eine Stelle, die sehr nah zu *2Kor 3,3. 6 steht, was nahelegt, dass Barn vielleicht Kenntnis vom *Neuen Testament hatte. 69 Bezüglich der Didache gilt, dass alle möglichen Ähnlichkeiten „extremely vague“ sind, ibid. 208. 70 „There are no formal quotations of the Pauline letters. The allusions to these letters are so general and free that in no instance is there certainty of literary dependence“, ibid. 213. Zwischen 2Klem 9,3-4 und 1Kor 6,19 ist die einzige Beziehung der Gedanke von der Reinhaltung des Tempels Gottes, nämlich des Leibes. 71 Auffallend ist, dass die Parallele zu dem vorkanonisch nicht mehr bezeugten Teil dieses Verses geht (καὶ αὐτὸν ἔδωκεν κεφαλὴν ὑπὲρ πάντα τῇ ἐκκλησίᾳ). 72 Dieser für die vorkanonische Version unbezeugte Vers könnte in Arist., Apol. 4,1 durchscheinen, vielleicht auch Röm 1,24-25. Aristides wird sich möglicherweise der kanonischen Version bedient haben. 73 Auch hier gilt, dass wohl die kanonische Version, wenn überhaupt, zugrunde liegt, da zwar Vers 12 vorkanonisch bezeugt ist, Vers 8 jedoch nicht. 74 Der parallele Versteil findet sich auf der kanonischen Ebene (καὶ τὰ πάντα ἐν αὐτῷ συνέστηκεν). Autoren/ Werke *10-Briefe-Sammlung 14-Briefe-Sammlung Eph 5,25. 29 65 Eph 6,13 66 Hermas - 1Kor 7,18. 39. 40 67 Eph 4,4 Barn 68 - Röm 4,3. 10 Did 69 - - 2Klem 70 - 1Kor 2,9 1Kor 9,24-25 Eph 1,4-5 Eph 1,22 71 Aristides, Apologia - Röm 1,23 72 Röm 1,25 Röm 7,8. 12 73 Kol 1,17 74 Kol 3,12 §-13 Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung u. d. beiden kanonischen Redaktionen 653 <?page no="654"?> 75 Dieser für die vorkanonische Version nicht bezeugte Vers könnte aber dort gestanden sein. 76 Die weiters angeführten Stellen Kol 2,20 und Kol 3,1 scheinen zu weit entfernt zu sein, um Schlüsse daraus zu ziehen. 77 Der parallele Versteil findet sich nur in der kanonischen Version (πεπραμένος ὑπὸ τὴν ἁμαρτίαν). 78 Das πρωτότοκος findet sich nur im kanonischen Versteil. 79 Auffallenderweise werden die von Strawbridge als meistrezipierte Passagen des Paulus in den ersten drei Jahrhunderten bezeichneten Perikopen (1Kor 2,6-16; Eph 6,10-7,1; 1Kor 15,50-58 und Kol 1,15-20) in der Liste nur gestreift - wir haben es folglich mit einer anderen Form der Rezeption in der Zeit vor Irenäus als derjenigen der Zeit nach Irenäus zu tun, vgl. J.R. Strawbridge, The Pauline Effect. The Use of the Pauline Epistles by Early Christian Writers (2015), 22. Autoren/ Werke *10-Briefe-Sammlung 14-Briefe-Sammlung Tatian, Ad Graecos - Röm 1,20 75 Röm 6,10 76 Röm 7,14 77 Kol 1,15 78 Selbst wenn man mit Schneemelcher skeptisch sein und eine direkte Abhängig‐ keit der von Barnett behandelten Autoren und ihrer Werke bestreiten möchte, muss man Barnett doch zugestehen, dass er erstens umsichtig argumentiert und zweitens ein kumulatives Argument vorbringt. 79 Viele der einzelnen Wortparallelen oder parallelen Wendungen und Kon‐ strukte mögen für sich genommen als nicht tragfähig für die Behauptung einer literarischen Abhängigkeit betrachtet werden, aber insgesamt gelingt es Barnett m. E. zu verdeutlichen, dass - um Schneemelcher noch einmal zu bemühen - diese Autoren und ihre Schriften mit den verglichenen paulinischen Briefen zumindest gemeinsame Traditionen besitzen. Alle Belege wurden, wie in der Tabelle vorgeführt, mit der *10-Briefe-Sammlung unserer Rekonstruktion (wobei nicht bezeugte Teile ausdrücklich benannt werden) verglichen. Aus diesem Vergleich ergeben sich einige wichtige, für die Überlieferung der Texte und die Frage der Genese der 14-Briefe-Sammlung (und abgeleitet auch für die der *10-Briefe-Sammlung) wichtige Ergebnisse: 1. Um bei den gewöhnlich in die hadrianische Zeit, also vor Ende des Zweiten jüdischen Krieges datierten Autoren oder Werken zu beginnen: Für den Barnabasbrief konnte Barnett keinerlei Zitat oder eine zu klassifzierende Parallele vermerken, mit großer Vorsicht verweist er auf Röm 4,3. 10 als einzige mögliche Vergleichsstelle. Allerdings wurde oben vermerkt, dass Barn 2,6 mit der Rede vom „neuen Gesetz unseres Herrn Jesus Christus“ 654 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="655"?> 80 Vgl. Tert., Adv. Marc. IV 14,1. 81 Vgl. M. Vinzent, Ertragen und Ausharren - die Lebenslehre des Barnabasbriefes (1995). 82 Vgl. M. Vinzent, The Argument from Silence in Religio-Historical Research (2021). *2Kor 3,3. 6 und *Ev mit der Feldrede sehr nahe kommt. Tertullian hatte von Markions „neuem Edikt Christi“, der neuen Thora gesprochen. 80 Sollte der Verfasser des Barnabasbriefes das vorkanonische *Neue Testament gekannt haben? Er will bewusst nicht als Lehrer sprechen (Barn 1,7; 4,9) - was ein oben erwähntes Thema aus *Ap aufnimmt. Barn 15,8 kennt die Auferstehung Christi, auch wenn sie keine Spur innerhalb der Soteriologie des Briefes hinterlassen hat. 81 2. Ebenfalls keine klassifizierbare Parallele gibt Barnett für die nicht näher datierbare Didache. Einen wichtigen Befund liefern die Ignatianen. Denn in der vermutlich um die Mitte des zweiten Jahrhunderts entstandenen 3-Briefe-Sammlung des Ignatius finden sich nur fünf mögliche Vergleichs‐ stellen. Obwohl Barnett 39 Bezüge der Ignatianen zu paulinischen Briefen vorstellt, darunter sechs der sieben Briefe des Paulus - die Ausnahme bildet der kurze Phlm - und zwei der drei Deuteropaulinen (Eph, Kol, hier ist 2Thess die Ausnahme), finden sich nur wenige Stellen, die aus der 3-Briefe-Sammlung hätten entnommen sein können. Doch bis auf diese gehen alle Parallelen zu Textteilen, die in der 3-Briefe-Sammlung gefehlt haben und Teile der 7-Briefe-Sammlung sind. Diese 7-Briefe-Sammlung wird jedoch von einer zunehmenden Anzahl von Forschungsmeinungen später als die 3-Briefe-Sammlung, möglicherweise in die Zeit des Irenäus oder kurz zuvor gesetzt. Auch hier fällt auf, dass es keine Bezüge zu einem der vier Briefe gibt, die die 14-Briefe-Sammlung über die *10-Briefe-Samm‐ lung hinaus beinhaltet. Dieser Befund der Abwesenheit dieser vier Briefe stellt für diejenigen ein Problem dar, die von einer vormarkionitischen 10-Briefe-Sammlung von Paulusbriefen ausgehen, die Markion nur benutzt habe. Für diese Annahme kann man sich nur auf das argumentum e silentio berufen und denjenigen, die auf dieses Schweigen der Zeugen hinweisen, den Vorwurf machen, dass sie aus einem Schweigen ein Argument schmieden. Dieses Gegenargument ist jedoch nicht weniger problematisch als das argumentum e silentio. Denn wer trotz Schweigen von Zeugen die Existenz einer Sammlung postuliert, muss zumindest auf die Hypothetik dieses Postulats verweisen. 82 Historisch leichter wäre das Schweigen der Zeugen zu erklären, wenn sie nicht reichlich aus der km 10-Briefe-Sammlung zitieren würden. 3. Nehmen wir die nächste, gegen Ende der Zeit des Hadrian oder in der Zeit des Antoninus Pius, also nach dem Ende des Zweiten jüdischen §-13 Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung u. d. beiden kanonischen Redaktionen 655 <?page no="656"?> 83 Dass 1Kor der meistgenutzte paulinische Brief der ersten Jahrhunderte ist, wurde schon früher erkannt, L.L. Welborn, „Take up the Epistle of the Blessed Paul the Apostle“. The Contrasting Fates of Paul’s Letters to Corinth in the Patristic Period (2002), 345; J.R. Strawbridge, The Pauline Effect. The Use of the Pauline Epistles by Early Christian Writers (2015), 24. 84 Vgl. hierzu die Vergleichszahlen weiter oben §-7 a. Krieges, zu datierende Quelle: die Apologie des Aristides. Hier begegnen drei Parallelen aus dem Römerbrief und zwei aus dem Kolosserbrief. Was vielleicht eher zufällig wirkt, nämlich Zeugnisse aus einem der sieben Briefe des Paulus und Zeugnisse aus einem der drei Deuteropaulinen (Eph, Kol, 2Thess), wird, wie alle weiteren zu betrachtenden Zeugen aus dieser Tabelle erweisen, zum typischen Modell: zitiert wird in der Zeit vor Justin aus den zehn Briefen, die in der *10-Briefe-Sammlung begegnen, jedoch nach der Textform, die sich erst in der 14-Briefe-Sammlung vor‐ findet. Allerdings findet sich auch hier aus der 14-Briefe-Sammlung nicht eine einzige Parallele zu den vier Briefen, die die 14-Briefe-Sammlung über die Briefe der *10-Briefe-Sammlung hinaus hat. Würde man der 14-Briefe-Sammlung Priorität gewähren, könnte man dieses Schweigen kaum erklären, die bessere historische Erklärung ist hingegen, dass die *10-Briefe-Sammlung Priorität besitzt und eine erste kanonische Redak‐ tion diese zu einer km 10-Briefe-Sammlung überarbeitete, ohne noch die vier Briefe der Sammlung hinzugefügt zu haben. Das Schweigen der bisherigen vorirenäischen Zeugen zu diesen vier Briefen verdeutlicht, dass die *10-Briefe-Sammlung auf der Basis genau dieser zehn Briefe von der kanonischen Redaktion übernommen wurde und sie nur diese Briefe redaktionell bearbeitet und mit einer Reihe von Mehrtexten ausgestattet hat. Noch eine weitere Beobachtung lässt sich anhand von Aristides und den an‐ deren Zeugen machen: Die herausragendere Bedeutung des Römerbriefes gegenüber dem Galaterbrief. 26 von 111 Bezügen zur 14-Briefe-Sammlung sind solche zu Röm, während nur die Hälfte davon, nämlich dreizehn Bezüge, zu Gal gehen. Nur 1Kor mit 39 Bezügen ist häufiger als Röm verzeichnet. 83 Hier die Zahlen für die weiteren Briefe: Eph (14), Phil (11), Kol (10), 2Thess (3), 2Kor (3), 1Thess (1), Phlm (0). Daraus ergibt sich zweierlei: Erstens harmonieren die Zahlen mit der Neugewichtung, die der Römer‐ brief in der 14-Briefe-Sammlung gegenüber der *10-Briefe-Sammlung gewinnt, das betrifft seine Umstellung, durch die er zum Eröffnungsbrief avancierte, und auch seine deutliche Textausweitung. 84 Dann gewinnen die Deuteropaulinen dasselbe Gewicht, das die sieben Paulusbriefe besitzen, 656 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="657"?> 85 Vgl. zuvor Fußnote 26. 86 A.v. Harnack, Lightfoot on the Ignatian Epistles. II. Genuineness and Date of the Epistles (1986), 186. 87 Vgl. zur Forschungsgeschichte mit Angaben der verschiedenen Datierungsvorschlägen und einer begründeten Widerlegung des von T. Barnes vorgeschlagenen Jahres 157 O. Zwierlein, Die Urfassungen der Martyria Polycarpi et Pionii und das Corpus Polycarpianum (2014), II 1-5. Vgl. T.D. Barnes, A Note on Polycarp (1967); T.D. Barnes, Pre-Decian Acta Martyrum (1968), 510-514. sie ordnen sich harmonisch in diese ein. Es ist also gar nicht auffällig, dass wir bei Aristides zwei Bezüge zu Röm und zwei zu Kol finden, auch in Justin etwa finden wir sowohl in seiner Apologie wie in seinem Dialog mit Typho Bezüge zu einigen der kanonischen sieben Briefe wie zu den Deuteropaulinen. Dasselbe gilt für 1Klem, PolPhil, 7 Ign, Herm, 2Klem. 4. Bei den 22 parallelen Passagen zwischen Polykarps Brief an die Philipper und Paulus besitzen wir weithin vergleichbare Ergebnisse: Es stehen 20 Mal Verse parallel, und zwar immer entweder solche, für die es keinen korrespondierenden Vers vorkanonisch gibt, oder solche, deren Parallelen nicht auf die Version des vorkanonischen, sondern des kanonischen Verses hinweisen. Nur einmal steht ein vorkanonisch-kanonisch identischer Vers parallel und einmal der in beiden Versionen begegnende Psalmvers. Auch hier spricht der Befund dafür, dass Polykarp eine Nähe zur kanonischen Version der Paulusbriefe aufweist und, wie 1Klem, sogar mit einer Vorliebe gerade für die kanonischen Verse und Versteile, während er wie 1Klem mehr als zurückhaltend ist, vorkanonische Textmaterialien zu verwenden. Dass in seinem Brief an die Philipper der Philipperbrief des Paulus von besonderer Bedeutung ist, verwundert nicht, dass es aber gerade die kanonische Version ist, ist besonders wichtig. Zu diesen Beobachtungen ist hinzuzunehmen, dass, wie in der Anmerkung oben vermerkt, 85 die wichtigste Quelle für Polykarp der Katholische Brief 1Petr ist, er auch 1Joh kennt und seine Brieferöffnung eine Parallele zur Apg aufweist. Mit Poly‐ karps Philipperbrief lässt sich folglich die zweite kanonische Redaktion, die gerade auf den Praxapostolos zurückgreift, gut datieren, sie muss etwa um oder nach seiner Abfassung des Philipperbriefs angesetzt werden. Diesen Brief zu datieren ist nicht völlig klar, Harnack gibt an, dass er während des gesamten erwachsenen Lebens von Polykarp geschrieben sein kann. 86 Doch scheint er nach Irenäus’ Brief an Florinus nicht zur Zeit zu gehören, in der Polykarp Lehrer war am Hof des künftigen Antoninus Pius in Ephesus. Wann Polykarp das Martyrium ereilte? Hierüber wurde in der Forschung vielfach verhandelt. 87 Aus dem „Martyrium des Polykarp“ lernen wir nur den 23. Februar, jedoch nicht das Jahr. Lange wurde als Todesjahr das Jahr §-13 Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung u. d. beiden kanonischen Redaktionen 657 <?page no="658"?> 88 Vgl. W. Telfer, The Date of the Martyrdom of Polycarp (1952). Hier findet sich auch die Auseinandersetzung mit anderen Datierungsvorschlägen. 89 Vgl. Euseb. Caes., Hist. eccl. IV 15,1 (Chron. ad ann. 2183 ab Abr.). 90 O. Zwierlein, Die Urfassungen der Martyria Polycarpi et Pionii und das Corpus Polycarpianum (2014), II 36. 155 oder 157 angenommen, doch ruht dies auf der Frühdatierung der Igna‐ tianen und den als unzuverlässig erwiesenen Anhängen zum „Martyrium des Poykarp“, während in jüngerer Zeit das Jahr 168 vorgeschlagen wurde. 88 Dieser Vorschlag ruht auf der Angabe bei Eusebius, wonach Polykarp unter Mark Aurel (161-180) das Martyrium erlitt (zwischen 161 und 168), und zwar nach Eusebs „Chronik“, dass dieses im Jahr 167 stattgefunden habe. 89 Umsichtig schlägt O. Zwierlein die Jahre 161-167/ 168 als mögliche Todesjahre vor. 90 Diese Datierung und die Wahrscheinlichkeit, dass der Philipperbrief nicht in die Zeit Polykarps als Lehrer fällt, bringen uns für dessen Abfassung in die späten fünfziger bzw. sechziger Jahre, also näher an Irenäus, der in seinem Brief an Florinus stolz von seiner Schülerschaft bei Polykarp berichtet. Die zweite kanonische Redaktion scheint hiermit in die späten sechziger oder anfangs der siebziger Jahre gefallen zu sein. 5. Justin, der auf Markion ausdrücklich Bezug nimmt und sogar eine leider bis auf ein Fragment verlorene Schrift an diesen richtet, ist wohl mit 24 Parallelfällen nicht zufällig ein außerordentlich wichtiger Zeuge. Er stützt, was als mögliche Erklärung der Genese der 14-Briefe-Sammlung dargelegt wurde. Denn wie Aristides bietet er Parallelen zu - bis auf den kurzen Philemonbrief - allen sieben Briefen des Paulus und zu den drei Deute‐ ropaulinen (Eph, Kol, 2Thess), d. h. er kennt eine 10-Briefe-Sammlung, allerdings, wie bereits Aristides und wie die Parallelen mit Nachdruck belegen, in der Form, die die kanonische Redaktion diesen zehn Briefen gegeben hat. 6. Die Durchsicht der 18 parallelen Passagen zwischen 1Klem und Paulus, die Barnett aufführt und die gewiss unterschiedliches Gewicht haben, gibt das bereits gewohnte Ergebnis: bis auf eine Parallelstelle *1Kor/ 1Kor 12,8-9 führen die Parallelen ausschließlich auf Passagen, die nur auf der kanoni‐ schen Ebene zu finden sind. Dabei fällt mehreres auf: Zweimal begegnen Parallelpassagen, bei denen ausgerechnet die Verse in diesen Passagen keine Parallelen aufweisen, welche auch vorkanonisch vorhanden sind. Dann gibt es eine Parallelstelle, diejenige zu Eph, die noch ein Element von *Laod besitzt, das nicht in Eph vorhanden ist. Das könnte auf die Kenntnis der vorkanonischen *10-Briefe-Sammlung hindeuten oder auf eine vorkanonische Variante, die sich in 1Klem erhalten hat. Zu fünf von 658 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="659"?> 91 Auch J. Bull sieht die möglichen Parallelen zur 7-Briefe-Sammlung des Ignatius gehen, J. Bull, Ignatius’ Letters to Polycarp, the Ephesians and the Romans. A Textual Analysis and Comparison (2025). den sieben paulinischen Briefen gibt es Parallelen, auch zu einem der drei Deuteropaulinen. Dass Phlm hier nicht begegnet ist von geringem Gewicht, da der Brief auch sonst nicht begegnet. Aber erneut findet sich auch keiner der drei Pastoralbriefe, auch nicht der Hebräerbrief in der Liste. Wichtig ist die Beobachtung, dass weder in 1Klem noch in einem der anderen Zeugen ein Bezug zu Kapitel 16 des Ersten Korintherbriefs existiert. 7. Dann fällt auf, dass aus zwei Briefen der 3-Briefe-Sammlung des Ignatius überhaupt keine Parallelen von Barnett vermerkt sind ( 3 IgnRom; 3 IgnPol). Die beiden Parallelen aus 3 IgnEph können auch aus der 7-Briefe-Samm‐ lung gezogen sein, was sich aufgrund der 39 Parallelen, die alle auf die kanonische 14-Briefe-Sammlung gehen, nahelegt. 91 Von den 14 Briefen dieser Sammlung begegnen Parallelen zu sechs dieser Briefe, nur Philemon bleibt wieder unerwähnt, was wegen dessen Kürze kaum verwundert. An Deuteropaulinen werden Eph und Kol aufgeführt, 2Thess fehlt. Auch hier findet sich keine Parallele zu einem der vier zusätzlichen Briefe, die in der 14-Briefe-Sammlung gegenüber der *10-Briefe-Sammlung hinzugetreten sind. Einer der häufigsten Briefe mit Parallelen ist 1Kor, allerdings fällt auch die Häufigkeit von Eph auf. Überhaupt ist Eph der einzige Brief, zu welchem Parallelen in IgnPol existieren. Aus eigenen Beobachtungen und Vergleichen habe ich noch sechs Parallelen aus den Pastoralbriefen zu den Parallelen hinzugefügt, die Barnett vermerkt. Doch wiederum gehen diese Parallelen alle zur späteren 7-Briefe-Sammlung aus der Zeit des Irenäus, nicht zur älteren 3-Briefe-Sammlung aus der Zeit des Markion, und überhaupt zu zwei der vier Briefe, die zu den drei hinzugekommen waren. Erneut spiegeln also auch die Parallelen in den Ignatianen die Präsenz der km 10-Briefe-Sammlung. Nur sehr verhalten gibt es Anklänge in der 3-Briefe-Sammlung des Ignatius, dann allerdings erstmals auch an die um die Pastoralbriefe erweiterte Sammlung paulinischer Briefe in der späteren 7-Briefe-Sammlung des Ignatius. 8. Betrachtet man Hermas, bestätigt die Bezugnahme zu 1Kor und Eph das Muster, dass diese Zeugen Parallelen zu zwei Komponenten der 14-Briefe-Sammlung aufweisen: Einmal zu einem der sieben Briefe des Paulus und dann zu einem der drei Deuteropaulinen. Dass bei einem Schreiben, das sich nach Rom verortet, kein Bezug zu Röm begegnet, ist bemerkenswert. §-13 Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung u. d. beiden kanonischen Redaktionen 659 <?page no="660"?> 92 Barnett meint denn auch - wegen des Fehlens eines Hinweises auf Phlm - dass die vor‐ irenäischen Autoren eine 9-Briefe-Sammlung bezeugen, A.E. Barnett, Paul Becomes a Literary Influence (1941), 2-3. 277. Unwahrscheinlich halten dies A. Lindemann, Paulus, Apostel und Lehrer der Kirche. Studien zu Paulus und zum frühen Paulusverständnis (1999), 30; M. Harding, Disputed and Undisputed Letters of Paul (2004), 131. 9. Hingegen spielt Röm gerade bei Aristides und Tatian die größte Rolle, bei beiden gefolgt von Kol. 10. Alle diese Autoren und ihre Werke stehen zumindest in der kanonischen Tradition (Schneemelcher), wenn sie nicht sogar die Kenntnis der kanoni‐ schen Briefversion in einer km 10-Briefe-Sammlung besitzen. 11. Da alle Zeugen - mit Ausnahme der späten 7-Briefe-Sammlung des Ignatius aus der Zeit des Irenäus - ausschließlich Parallelen zur kanonischen Briefversion einer km 10-Briefe-Sammlung aufweisen, legt sich nahe, dass in der Zeit vor Irenäus die kanonisch-redaktionelle Briefe-Sammlung noch keine 14, sondern nur 10 Briefe umfasst hatte. 92 12. Nimmt man aufgrund der zuvor gemachten Beobachtungen eine Priorität der vorkanonischen *10-Briefe-Sammlung an, muss man von zwei kanoni‐ schen Redaktionen zur Genese der 14-Briefe-Sammlung ausgehen. In einem frühen Schritt, den Zeugen nach zu urteilen, spätestens nach dem Ende des Zweiten jüdischen Krieges, wurde die vorkanonische *10-Briefe-Sammlung zur km 10-Briefe-Sammlung umgearbeitet, und zwar, wie die Zeugen hier nahelegen, auch mit der Umgruppierung von Röm und Gal. Diese km 10-Briefe-Sammlung wurde zu einem späteren Stadium, vermut‐ lich erst zur Zeit des Irenäus, zur 13/ 14-Briefe-Sammlung erweitert. Dies scheint wohl im Zusammenhang der Eingliederung der kanonischen Brief‐ sammlung in die kanonisch erweiterte Sammlung geschehen zu sein, die später Neues Testament genannt wurde. Da keiner der oben aufgeführten Zeugen 1Kor 16; 2Kor 8-10; Röm 13,1-7; 15-16 und Kol 4 berührt, scheinen diese Abschnitte bzw. Kapitel erst bei der zweiten Redaktion den Briefen hinzugefügt worden zu sein, während andere Texterweiterungen (etwa Röm 4-6; 9-11; Phil 4) bereits bei der ersten Redaktion erfolgt waren. Da weder Eph 1,1 noch Kol 4,16 irgendwo anklingt, bildete die fehlende Ortsangabe bzw. der Charakter dieses Briefes als Laodizeerbrief kein Problem, d. h. die Veränderung des Laodizeerbriefes zu einem Epheserbrief scheint ebenfalls erst das Ergebnis der zweiten kanonischen Redaktionsstufe zu sein. 660 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="661"?> 93 Zur möglichen „Entstehung der Pastoralbriefe“ und zum Verhältnis von Hebr und Apg und zur narrativen Kohärenzfunktion derselben vgl. J.N. Lüke, Über die narrative Kohärenz zwischen Apostelgeschichte und Paulusbriefen (2019), 242-259. 236-241. 94 Zur Apg und deren Kohärenzverhalten innerhalb der kanonischen Sammlung, vgl. Ibid. 65-108. 121-170. 264-265. Man vgl. die Bemerkung zu Lükes Gesamtbild des Verhältnisses von Apg zur *10-Briefe-Sammlung weiter unten, auch zur Erläuterung, warum die Apg in der vorliegenden Studie auf die zweite Redaktionsstufe gesetzt wird. 95 Vgl. weiter unten gegen Ende dieses Unterpunktes. 96 A.E. Barnett, Paul Becomes a Literary Influence (1941), 2-3. 277. b. Die zweite kanonische Redaktion Einen Schritt über die erste kanonische Redaktion hinaus führen uns die Pastoralbriefe (1/ 2Tim; Tit), der Hebräerbrief 93 und die Apostelgeschichte, 94 angedeutet durch Hinweise auf einige Passagen aus den Pastoralbriefen und der Apostelgeschichte in Polykarps Brief an die Philipper und in der 7-Briefe-Samm‐ lung des Ignatius. 1. Da es eine Verbindung zwischen den Pastoralbriefen und dem Hebräerbrief gibt, 95 zeugen die Pastoralbriefe für eine 14-Briefe-Sammlung (auch sie kennen die Deuteropaulinen Eph, Kol und 2Thess), und zwar in deren kanonischen Version, wie schon die Bedeutung des Timotheus in den Pastoralbriefen belegt. 96 Doch über diese Kenntnis hinaus zeugen sie auch dafür, dass zu dem Zeitpunkt, als die Pastoralbriefe der kanonischen Sammlung hinzugefügt wurden, auch die kanonischen Briefe nochmals überarbeitet und Stellen, auf die die Zeugen zuvor keinen Bezug genommen haben, eingefügt wurden. Hier fallen vor allem die folgenden wichtigen Passagen des Ersten und Zweiten Korintherbriefes und des Römerbriefes auf: 1Kor 16; 2Kor 8-10 (Titus, der große Fundraiser); Röm 13,1-7 und Röm 15-16. Zu Röm 13,1-7 vergleiche man: 1Tim 2,1-5 Röm 13,1-7 1 Παρακαλῶ οὖν πρῶτον πάντων ποιεῖσθαι δεήσεις, προσευχάς, ἐντεύξεις, εὐχαριστίας, ὑπὲρ πάντων ἀνθρώπων, 1 Πᾶσα ψυχὴ ἐξουσίαις ὑπερεχούσαις ὑποτασσέσθω. οὐ γὰρ ἔστιν ἐξουσία εἰ μὴ ὑπὸ θεοῦ, αἱ δὲ οὖσαι ὑπὸ θεοῦ τεταγμέναι εἰσίν· 2 ὑπὲρ βασιλέων καὶ πάντων τῶν ἐν ὑπεροχῇ ὄντων, ἵνα ἤρεμον καὶ ἡσύχιον βίον διάγωμεν ἐν πάσῃ εὐσεβείᾳ καὶ σεμνότητι. 2 ὥστε ὁ ἀντιτασσόμενος τῇ ἐξουσίᾳ τῇ τοῦ θεοῦ διαταγῇ ἀνθέστηκεν, οἱ δὲ ἀνθεστηκότες ἑαυτοῖς κρίμα λήμψονται. §-13 Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung u. d. beiden kanonischen Redaktionen 661 <?page no="662"?> 3 τοῦτο καλὸν καὶ ἀπόδεκτον ἐνώπιον τοῦ σωτῆρος ἡμῶν θεοῦ, 3 οἱ γὰρ ἄρχοντες οὐκ εἰσὶν φόβος τῷ ἀγαθῷ ἔργῳ ἀλλὰ τῷ κακῷ. θέλεις δὲ μὴ φοβεῖσθαι τὴν ἐξουσίαν; τὸ ἀγαθὸν ποίει, καὶ ἕξεις ἔπαινον ἐξ αὐτῆς· 4 ὃς πάντας ἀνθρώπους θέλει σωθῆναι καὶ εἰς ἐπίγνωσιν ἀληθείας ἐλθεῖν. 4 θεοῦ γὰρ διάκονός ἐστιν σοὶ εἰς τὸ ἀγαθόν. ἐὰν δὲ τὸ κακὸν ποιῇς, φοβοῦ· οὐ γὰρ εἰκῇ τὴν μάχαιραν φορεῖ· θεοῦ γὰρ διάκονός ἐστιν, ἔκδικος εἰς ὀργὴν τῷ τὸ κακὸν πράσσοντι. 5 εἷς γὰρ θεός, εἷς καὶ μεσίτης θεοῦ καὶ ἀνθρώπων, ἄνθρωπος Χριστὸς Ἰησοῦς. 5 διὸ ἀνάγκη ὑποτάσσεσθαι, οὐ μόνον διὰ τὴν ὀργὴν ἀλλὰ καὶ διὰ τὴν συνείδησιν. - 6 διὰ τοῦτο γὰρ καὶ φόρους τελεῖτε, λειτουργοὶ γὰρ θεοῦ εἰσιν εἰς αὐτὸ τοῦτο προσκαρτεροῦντες. 7 ἀπόδοτε πᾶσιν τὰς ὀφειλάς, τῷ τὸν φόρον τὸν φόρον, τῷ τὸ τέλος τὸ τέλος, τῷ τὸν φόβον τὸν φόβον, τῷ τὴν τιμὴν τὴν τιμήν. 1Tim 2,1-5 Röm 13,1-7 1-Vor allem fordere ich zu Bitten und Gebeten, zu Fürbitte und Danksagung auf, und zwar für alle Menschen, 1 Jede Seele unterwerfe sich den obrigkeit‐ lichen Gewalten; denn es gibt keine Obrig‐ keit außer von Gott, und die bestehenden sind von Gott verordnet. 2-für die Herrscher und für alle, die Macht ausüben, damit wir in aller Fröm‐ migkeit und Rechtschaffenheit ungestört und ruhig leben können. 2 Wer sich daher der Obrigkeit widersetzt, widersteht der Anordnung Gottes; die aber widerstehen, werden ein Urteil über sich bringen. 3-Das ist recht und wohlgefällig vor Gott, unserem Retter; 3-Denn die Regierenden sind nicht ein Schrecken für die guten Werke, sondern für die bösen. Willst du dich aber vor der Obrigkeit nicht fürchten, so tue das Gute, und du wirst Lob von ihr haben; 4-er will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen. 4-denn sie ist Gottes Dienerin, dir zum Guten. Wenn du aber das Böse tust, so fürchte dich; denn sie trägt das Schwert nicht umsonst; sie ist Gottes Dienerin, eine Rächerin zum Zorngericht an dem, der das Böse tut. 5 Denn: Einer ist Gott, / Einer auch Mittler zwischen Gott und Menschen: / der Mensch Christus Jesus. 5-Darum ist es notwendig, sich unterzu‐ ordnen, nicht allein um des Zorns willen, sondern auch um des Gewissens willen. 662 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="663"?> 97 1Klem 61 (Übers. BKV). 1Tim 2,1-5 Röm 13,1-7 - 6-Deshalb entrichtet ihr auch Steuern; denn sie sind Gottes Diener, die eben dazu beständig tätig sind. - 7 So gebt nun jedem, was ihr schuldig seid: Steuer, dem die Steuer gebührt; Zoll, dem der Zoll; Furcht, dem die Furcht; Ehre, dem die Ehre gebührt. Dass man sich den Machthabern unterordnen soll, findet sich an beiden Stellen. Dass diese Aufforderung, sogar zum Gebet, wie in 1Tim 2,1-5 formuliert, im zweiten Jahrhundert eine Bedeutung gewinnt, erweisen der Erste Klemensbrief und Justin. Bei 1Klem 61 heißt es: „1. Du, o Herr, hast ihnen die Vollmacht zu herrschen gegeben durch Deine übergroße und unbeschreibliche Stärke, damit wir die von Dir ihnen verliehene Herrlichkeit und Ehre anerkennend ihnen gehorchen, ohne irgendwie Deinem Willen zu widerspre‐ chen; schenke ihnen, Herr, Gesundheit, Frieden, Einigkeit und Stärke, damit sie ohne Anstoß ihre von Dir verliehene Herrschaft führen. 2. Denn Du, o Herr, himmlischer König der Ewigkeiten, verleihest den Menschenkindern Ehre und Ansehen und Macht über das, was auf Erden ist; leite Du, o Herr, ihren Sinn so wie es gut und Dir wohlgefällig ist (vgl. Dtn 12,25. 28; 13,18), damit sie gottesfürchtigen Sinnes in Frieden und Milde ihre von Dir verliehene Gewalt ausüben und so Deiner Gnade teilhaftig werden. 3. Der Du allein imstande bist, diese und noch größere Wohltaten unter uns zu wirken, Dich preisen wir durch den obersten Priester und Führer unserer Seelen Jesus Christus; durch ihn sei Dir die Ehre und die Verherrlichung jetzt und von Geschlecht zu Geschlecht und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“ 97 Nach der Mitte des zweiten Jahrhunderts formuliert Justin in seiner Ersten Apologie: „Abgaben und Steuern suchen wir überall vor allen anderen euren Beamten zu entrichten, wie wir von ihm angeleitet worden sind. Denn in jener Zeit kamen einige und fragten, ob man dem Kaiser Steuern entrichten solle. Und er antwortete: Saget mir: Wessen Bild trägt die Münze? Sie sprachen: Des Kaisers. Und da entgegnete er ihnen: Gebet denn, was des Kaisers ist, ist dem Kaiser und was Gottes ist, Gott (vgl. Mt 22,17: „17 Sage uns nun: Was meinst du, ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen oder nicht? 18 Jesus aber kannte ihre Bosheit und sagte: Was stellt ihr mir eine Falle, ihr Heuchler? 19 Zeigt mir die Steuermünze! Da reichten sie ihm einen Denar. 20 Er §-13 Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung u. d. beiden kanonischen Redaktionen 663 <?page no="664"?> 98 Justin, Apol. I 17 (Übers. BKV). fragte sie: Wessen Bild und Aufschrift ist dies? 21 Sie antworteten: Des Kaisers. Da sagte er zu ihnen: So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist! “). Darum beten wir zwar Gott allein an, euch aber leisten wir im übrigen freudigen Gehorsam, indem wir euch als Könige und Herrscher der Menschen anerkennen und beten, daß ihr nebst eurer Herrschermacht auch im Besitze vernünftiger Einsicht erfunden werdet.“ 98 Die Pastoralbriefe sprechen jedoch nicht nur dafür, dass mit ihnen zusammen auch Röm 13,1-7 in die Briefsammlung gelangt ist, sie zeugen auch für die Präsenz der Kapitel Röm 15-16: 1Tim 3,7 Röm 15,3 … μὴ εἰς ὀνειδισμὸν ἐμπέσῃ καὶ παγίδα τοῦ διαβόλου. καθὼς γέγραπται, Οἱ ὀνειδισμοὶ τῶν ὀνειδιζόντων σε ἐπέπεσαν ἐπ’ ἐμέ; vgl. Ps 69,9 LXX: -… οἱ ὀνειδισμοὶ τῶν ὀνειδιζόντων σε ἐπέπεσαν ἐπ᾽ ἐμέ. 1Tim 2,1-5 Röm 15,3 damit er nicht in üble Nachrede fällt und in die Falle des Teufels. Die üblen Nachreden derer, die dich schmähen, sind auf mich gefallen 2Tim 3,16 Röm 15,4 πᾶσα γραφὴ θεόπνευστος καὶ ὠφέλιμος πρὸς διδασκαλίαν, πρὸς ἐλεγμόν, πρὸς ἐπανόρθωσιν, πρὸς παιδείαν τὴν ἐν δικαιοσύνῃ. ὅσα γὰρ προεγράφη, εἰς τὴν ἡμετέραν διδασκαλίαν ἐγράφη, ἵνα διὰ τῆς ὑπομονῆς καὶ διὰ τῆς παρακλήσεως τῶν γραφῶν τὴν ἐλπίδα ἔχωμεν. 2Tim 3,16 Röm 15,4 Jede Schrift ist, als von Gott eingegeben, auch nützlich zur Belehrung, zur Wider‐ legung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit. Denn was früher geschrieben wurde, wurde zu unserer Belehrung geschrieben, damit wir durch die Geduld und den Trost der Schriften Hoffnung haben. 2Tim 1,9-10 Röm 16,25-26 9-… τοῦ σώσαντος ἡμᾶς καὶ καλέσαντος κλήσει ἁγίᾳ, οὐ κατὰ τὰ ἔργα ἡμῶν ἀλλὰ κατὰ ἰδίαν πρόθεσιν καὶ χάριν, Τῷ δὲ δυναμένῳ ὑμᾶς στηρίξαι κατὰ τὸ εὐαγγέλιόν μου καὶ τὸ κήρυγμα Ἰησοῦ Χριστοῦ, κατὰ ἀποκάλυψιν 664 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="665"?> 99 Vgl. zu mehr Details weiter oben §-7 b. 8. S. τὴν δοθεῖσαν ἡμῖν ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ πρὸ χρόνων αἰωνίων, 10 φανερωθεῖσαν δὲ νῦν διὰ τῆς ἐπιφανείας τοῦ σωτῆρος ἡμῶν Χριστοῦ Ἰησοῦ, καταργήσαντος μὲν τὸν θάνατον φωτίσαντος δὲ ζωὴν καὶ ἀφθαρσίαν διὰ τοῦ εὐαγγελίου. μυστηρίου χρόνοις αἰωνίοις σεσιγημένου 26 φανερωθέντος δὲ νῦν διά τε γραφῶν προφητικῶν κατ’ ἐπιταγὴν τοῦ αἰωνίου θεοῦ εἰς ὑπακοὴν πίστεως εἰς πάντα τὰ ἔθνη γνωρισθέντος. 2Tim 1,9-10 Röm 16,25-26 9-Er hat uns gerettet; mit einem heiligen Ruf hat er uns gerufen, nicht aufgrund unserer Taten, sondern aus eigenem Ent‐ schluss und aus Gnade, die uns schon vor ewigen Zeiten in Christus Jesus geschenkt wurde; 10-jetzt aber wurde sie durch das Erscheinen unseres Retters Christus Jesus offenbart. Er hat den Tod vernichtet und uns das Licht des unvergänglichen Lebens gebracht durch das Evangelium. 25 Dem aber, der euch stärken kann nach meinem Evangelium und der Predigt von Jesus Christus, gemäß der Offenbarung des Geheimnisses, das von ewigen Zeiten her verschwiegen war, 26 jetzt aber of‐ fenbart und durch prophetische Schriften nach Befehl des ewigen Gottes zum Glau‐ bensgehorsam an alle Nationen bekannt gemacht worden ist. Die drei Stellen aus dem Ersten und dem Zweiten Timotheusbrief kommen den beiden Versen Röm 15,3-4 und 16,25-26 nahe, auch wenn sie nicht mit ihnen identisch sind. Gleichwohl gibt es keine Stelle in der obigen Zeugenliste, die solche Nähe zu Röm 15-16 aufweist. Zu Röm 16 gibt es weitere Parallelen in den Pastoralbriefen. Hier handelt es sich zunächst um die Erwähnung des Ehepaars Priska und Aquila. 99 Dieses Paar begegnet nur in 2Tim 4,19, 1Kor 16,19 und Röm 16,3 und in Apg 18,2. 18. 26. Mit diesen Stellen gewinnen wir einen Einblick in die zweite kanonische Re‐ daktionsstufe. Zum Zeitpunkt, als die Pastoralbriefe und die Apostelgeschichte der größeren Sammlung hinzugefügt werden, werden die Bezugskapitel 1Kor 16,19 und Röm 16,3 in diese kanonischen Briefe eingefügt, um die literarische Kohärenz zwischen diesen Schriften herzustellen. Man bedenke, dass die Apos‐ telgeschichte erstmals überhaupt zeitgleich von Dionysius von Korinth (man bemerke den Bischofssitz), dem Lehrer des Irenäus, Polykarp von Smyrna, und Irenäus von Lyon erwähnt wird, d.-h. etwa um das Jahr 177. Dies wird gestützt durch die Erwähnung des Erastos, der nur in 2Tim 4,20, ebenfalls mit Bezug zu Korinth erwähnt wird (Ἔραστος ἔμεινεν ἐν Κορίνθῳ, Τρόφιμον δὲ ἀπέλιπον ἐν Μιλήτῳ ἀσθενοῦντα). Er begegnet wieder in Röm 16,23 als Ökonom der Stadt Korinth (… ἀσπάζεται ὑμᾶς Ἔραστος ὁ οἰκονόμος τῆς πόλεως) und wird in Apg 19,22 gar verbunden mit Timotheus (ἀποστείλας §-13 Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung u. d. beiden kanonischen Redaktionen 665 <?page no="666"?> 100 Zu Hebr folgen gleich im nächsten Unterabschnitt noch weitere Bemerkungen. δὲ εἰς τὴν Μακεδονίαν δύο τῶν διακονούντων αὐτῷ, Τιμόθεον καὶ Ἔραστον, αὐτὸς ἐπέσχεν χρόνον εἰς τὴν Ἀσίαν). Da Erastos aus Korinth stammt, wird er in 1Kor 16 nicht erwähnt, doch wir befinden uns in derselben Kohärenzfiktion wie zuvor: 2Tim - Röm 16 - Apg. Ein weiterer Hinweis auf diese redaktionelle Tätigkeit der zweiten kano‐ nischen Redaktion begegnet im Zweiten Timotheusbrief. Erwähnt wird das Gefangenensein des Paulus. In 2Tim 1,8 heißt es: μηδὲ ἐμὲ τὸν δέσμιον αὐτοῦ, hierzu finden wir eine Parallele in Eph 3,1: ἐγὼ Παῦλος ὁ δέσμιος τοῦ Χριστοῦ [Ἰησοῦ]; in Eph 4,1 (ἐγὼ ὁ δέσμιος ἐν κυρίῳ), in Phlm 1,1. 9: Παῦλος δέσμιος Χριστοῦ Ἰησοῦ; Παῦλος πρεσβύτης, νυνὶ δὲ καὶ δέσμιος Χριστοῦ Ἰησοῦ und in Apg 23,18: Ὁ δέσμιος Παῦλος. Es könnte folglich durchaus sein, dass auch Phlm in der Grussadresse durch die zweite kanonische Redaktion überarbeitet wurde und mit der Ortsangabe auch noch Eph 3 und 4. Schließlich stützt 2Tim 4,10-12 die bereits weiter oben diskutierte Autorisie‐ rung von Mk und Lk, wenn es hier heißt: „10 Demas hat mich nämlich aus Liebe zu dieser Welt verlassen und ist nach Thessalonich gereist, Kreszens nach Galatien, Titus nach Dalmatien. 11 Nur Lukas ist noch bei mir. Bring Markus mit; denn er kann mir gute Dienste leisten. 12 Tychikus habe ich nach Ephesus gesandt.“ (2Tim 4,10-12) Man vergleiche die Parallelen: Kol 4,14 („Es grüßt euch Lukas, der geliebte Arzt, und Demas“) und Phlm 1,24 („Markus, Aristarchus, Demas und Lukas, meine Mitarbeiter“). Ebenso ist Tit 1,1 der Titel „Sklave“ für Paulus zu bemerken, der wohl ebenfalls erst auf dieser Stufe in den Römer- und den Philipperbrief aufgenommen wurde und dessen Verwendung durch Tit 1,1 ausdrücklich gestützt wird: Tit 1,1: Παῦλος δοῦλος θεοῦ, ἀπόστολος δὲ Ἰησοῦ Χριστοῦ / / Röm 1,1: Παῦλος δοῦλος Χριστοῦ Ἰησοῦ, κλητὸς ἀπόστολος / / Phil 1,1: Παῦλος καὶ Τιμόθεος δοῦλοι Χριστοῦ Ἰησοῦ. Einen letzten, wichtigen Hinweis bietet Hebr 11,26: … θησαυρῶν τὸν ὀνειδισμὸν τοῦ Χριστοῦ … mit der Parallele in 1Tim 3,7 (… μὴ εἰς ὀνειδισμὸν ἐμπέσῃ καὶ παγίδα τοῦ διαβόλου) und Röm 15,3 (… ἀλλὰ καθὼς γέγραπται, Οἱ ὀνειδισμοὶ τῶν ὀνειδιζόντων σε ἐπέπεσαν ἐπ’ ἐμέ), eine Stelle, die bereits eingangs zu diesem Unterpunkt aufgeführt wurde. Dieser zufolge legt sich nahe, dass zum selben Zeitpunkt, als Röm 15,3 formuliert wurde, auch die Pastoralbriefe und der Hebräerbrief zur Briefsammlung hinzugefügt wurden. 100 666 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="667"?> 101 Auf die Nähe der Pastoralbriefe zur Apostelgeschichte verweist auch J. Schröter, Sammlungen der Paulusbriefe und die Entstehung des neutestamentlichen Kanons (2018), 808. 102 Vgl. eine vorläufige Studie J.P. Mathur und M. Vinzent, Pre-canonical Paul. His Views Towards Sexual Immorality (2018) und die Parallelpublikation zur vorliegenden Rekonstruktion: M. Vinzent, Von Paulus zu Saulus. Zwei Paulusbriefsammlungen im 2.-Jh. (2025). 103 Vgl. zur narrativen Kohärenzfunktion der Apg J.N. Lüke, Über die narrative Kohärenz zwischen Apostelgeschichte und Paulusbriefen (2019), 264. 104 Ibid. 26. Wir können schlussfolgern: Die zweite kanonische Redaktion zeichnet sich aus durch die Hinzufügung der drei Pastoralbriefe und des Hebräerbriefes zur km 10-Briefe-Sammlung und deren Zusammenfügung mit dem Praxapostolos zur größeren Sammlung des Irenäus. 101 Zu diesem Zeitpunkt wurden die Schlusska‐ pitel 1Kor 16 und Röm 15-16 und weitere Kapitel und Mehrtexte diesen Briefen hinzugefügt, dann die Ortsangabe in Eph eingefügt und der Brief von einem Laodizeerbrief zu einem Epheserbrief verändert, außerdem hat man vielleicht noch die Eröffnungen nicht nur von Eph, sondern auch von Röm 1,1 und Phil 1,1 leicht korrigiert. Dass auf dieser Stufe weitere Anpassungen vorgenommen wurden, wurde bereits gezeigt und ist überhaupt anzunehmen, wäre jedoch eine eigene Studie wert. 102 Bleibt noch die Frage nach der Stellung der Apostelgeschichte und des Hebräerbriefs. 2. Lüke hat zu plausibilisieren versucht, dass die Apg eine 10-Briefe-Sammlung kennt, in der jedoch Röm 15-16 bereits vorhanden war. 103 Allerdings hatte ihm bei der Abfassung seiner Studie „noch keine Rekonstruktion des markioni‐ tischen Apostolos“ vorgelegen, die nicht auf der älteren Hilgenfeld - Schmid Vorstellung von einer Revision des Markion basierte. Da Lüke der Meinung ist, dass „Markion seine Paulusbriefsammlung (k)einer umfassenden Redaktion unterzog“, benutzte er zur „Untersuchung der intertextuellen Abhängigkeit“ den kanonischen „neutestamentlichen Text dieser Briefe“, wobei er „die von den Häresiologen explizit verzeichneten Unterschiede … beachtet“. 104 Vergleicht man seine oft scharfen Beobachtungen mit ihrem insgesamt tragfähigen Kon‐ zept der literarischen Kohärenz, ist lediglich mit Blick auf die nachstehende Rekonstruktion zu korrigieren, dass, wie zu zeigen sein wird, Apg zwar auf eine 10-Briefe-Sammlung zurückverweist, diese jedoch nicht die vorkanonische Version ist, sondern die bereits durch die erste kanonische Redaktion gegangene Sammlung. §-13 Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung u. d. beiden kanonischen Redaktionen 667 <?page no="668"?> 105 Vgl. zu diesen weiter oben §-7 b. 8. i. und q. 106 Zu dieser vgl. §-11 b. 107 Zur Debatte mit weiterführender Literatur vgl. J.N. Lüke, Über die narrative Kohärenz zwischen Apostelgeschichte und Paulusbriefen (2019), 242-243. Am einfachsten lässt sich dies bereits an den Personen aufzeigen, die in der vorkanonischen *10-Briefe-Sammlung fehlen, sowohl in Apg wie in der km 10-Briefe-Sammlung jedoch eine herausragende Rolle spielen: Barnabas und Timotheus - ohne dass an dieser Stelle nochmals die Nachweise geführt werden müssten. 105 Eine weitere Stütze dafür, dass Apg die km 10-Briefe-Sammlung kennt, findet sich bei der Gegenüberstellung von *Gal 1-2, Gal 1-2 und Apg 15 weiter oben. 106 Wichtig sind auch Verweise, die auch zum Teil bei Lüke zu finden sind, wonach deutlich wird, dass die Apg zusammen mit den Pastoralbriefen und dem Hebräerbrief in dieser zweiten kanonischen Redaktion zur km 10-Briefe-Samm‐ lung hinzugekommen sind. Dabei scheinen den Briefen (was uns nach dem bisher Gesagten wenig überraschen wird) vorausliegende Versionen zugrunde gelegen zu haben. Dies erklärt, weshalb sich die Forschung immer noch darüber streitet, ob die drei Pastoralbriefe als Corpus oder als Einzelbriefe geschaffen wurden, und wenn als Corpus wie eine solche Sammlung verstanden werden muss. 107 Auffallendes Kohärenzmerkmal, das nach Ausweis der oben aufgeführten Zeugen erst in der zweiten kanonischen Redaktion erstellt wurde, ist die wiederholt uns beschäftigende Kollektensammlung, und dabei insbesondere die Rolle des Titus. Er gilt nämlich, wie oben zu seiner Person ausgeführt, der (zweiten) kanonischen Redaktion nicht nur als der große Fundraiser nach 2Kor 8,6-7. 10. 16-22; 12,18; als solcher erscheint er in Apg 20,4 als Mitglied der Kollektendelegation. Auf Titus verweist wenig überraschend auch der Titusbrief, denn er soll zu Paulus nach Nikopolis im Nordwesten Griechenlands kommen, weil Paulus dort überwintern wolle (Tit 3,12). Noch etwas Dramatik fügt 2Tim 4,9-11 hinzu, wo Paulus den Timotheus auffordert, zu ihm zu kommen, denn, wie Demas „aus Liebe zu dieser Welt“ ihn verlassen und sich nach Thes‐ salonich abgesetzt habe, sei Crescens nach Galatien und Titus nach Dalmatien gegangen, einzig Lukas sei ihm verblieben. Darum solle Timotheus auch Markus mitbringen. Liest man solche Informationen nicht gleich historisch, sondern fragt nach deren literarischen Funktion, wird erkennbar, dass der Leserschaft Historie suggeriert wird, nicht anders als mit der Bitte an Timotheus, zwei Verse weiter: „Wenn du kommst, bring den Mantel mit, den ich in Troas bei Karpus gelassen habe, auch die Bücher, vor allem die Pergamente! “ (2Tim 4,13) 668 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="669"?> 108 Ibid. 257-258. 109 Ibid. 258. Es geht bei diesen Namen nicht um Realhistorie, es geht um literarische Fingerzeige: Paulus verweist auf Lukas (und wer das liest, denkt im Zusammen‐ hang mit Büchern und Pergamenten an das Evangelium), dann soll Timotheus Markus mitbringen (es steht einem das Markusevangelium vor Augen). Die Pastoralbriefe sind so tief in die Teppichkette der kanonischen Sammlung geschossen, dass demjenigen, der sich auf diesem Teppich bewegt, kaum mehr auffällt, dass es sich um ganz verschiedene Lagen und Ebenen handelt. Lüke schließt aus seinen Beobachtungen auf eine „Theorie zur Entstehung der Pastoralbriefe“, die einleuchtet: „1Tim stiftet die narrative Kohärenz zwischen Tit und 2Tim, wobei die Kohärenz zwischen Tit und 1Tim besonders auf der Ebene der thematischen Kohärenz ausge‐ prägt ist (Inhalt und formale Gestaltung) und die Kohärenz zwischen 2Tim und 1Tim v. a. mittels narrativer Elemente auf der Ebene der narrativen Kontinuität hergestellt wird-… 1Tim und 2Tim [scheinen] den Gesamttext Zehnbriefesammlung-Tit-Act zu‐ sammen zu binden, wobei 1Tim dem Tit gleichsam Schützenhilfe für die Anerkennung als Teil der Paulusbriefsammlung gewährt“. 108 Allerdings würde ich aus diesem dichten Gewebe nicht die weitere Folgerung von Lüke ziehen, dass Apg und Pastoralbriefe „sich … unabhängig voneinander in die Erzählwelt der Zehnbriefesammlung einschreiben“, um eine „Authen‐ tizitätsfiktion“ zu erzeugen. 109 Diesen Texten kann man ein eigenes Agens zuschreiben, sie werden gewiss, das erweist schon die Lexik, aus verschiedenen Händen stammen, aber Texte wachsen nicht eigenständig, noch fallen sie zufällig aus, sondern sie werden sehr kunstvoll von einer Redaktion zueinander gefügt, nicht ohne Brüche und Inkonsistenzen, wie vermerkt, jedoch mit der nachhaltigen Kraft der Erzeugung eines Gesamteindrucks, der mit Paulus asso‐ ziiert werden soll. Die 10-Briefe-Sammlung, von der hier die Rede ist, ist deutlich das kanonische Ergebnis der ersten kanonischen Redaktion, während die zweite kanonische Redaktion die Apg und die Pastoralbriefe in die Erzählwelt der 10-Briefe-Sammlung eingeschrieben hat. 3. Hebr wurde bereits weiter oben in diesem Unterpunkt unter 1. kurz gestreift. C.K. Rothschild hat zeigen können, dass es viele Bezüge durch den gesamten Hebräerbrief zu den Paulusbriefen gibt, ja dieser Brief habe überhaupt keine eigene Zirkulation besessen, sondern sei aus paulinischem Material gefertigt, damit er das Corpus Paulinum erweitere und als Teil desselben gelesen würde. 110 §-13 Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung u. d. beiden kanonischen Redaktionen 669 <?page no="670"?> 110 C.K. Rothschild, Hebrews as Pseudepigraphon. The History and Significance of the Pauline Attribution of Hebrews (2009). 111 Ibid. 12-13. 112 Vgl. Ibid. 155-161. 113 Vgl. J.N. Lüke, Über die narrative Kohärenz zwischen Apostelgeschichte und Paulus‐ briefen (2019), 240. 114 Vgl. Apg 28,25: ἀσύμφωνοι δὲ ὄντες πρὸς ἀλλήλους ἀπελύοντο, εἰπόντος τοῦ Παύλου ῥῆμα ἓν ὅτι Καλῶς τὸ πνεῦμα τὸ ἅγιον ἐλάλησεν διὰ Ἠσαΐου τοῦ προφήτου πρὸς τοὺς πατέρας ὑμῶν; Hebr 1,1: Πολυμερῶς καὶ πολυτρόπως πάλαι ὁ θεὸς λαλήσας τοῖς πατράσιν ἐν τοῖς προφήταις. Außerdem sieht Rothschild gerade eine Aufgabe von Hebr darin, die Paulus‐ briefe und Apg zu harmonisieren. 111 Während Rothschild Hebr abhängig von der Apg hält, 112 meint Lüke, der Befund spräche eher für die Umkehrung der Abhängigkeit. 113 M.E. lässt sich diese Frage deshalb nicht entscheiden - und sie braucht auch nicht entschieden zu werden - weil wir es bei beiden Texten nicht mit den ursprünglichen Versionen zu tun haben, sondern mit deren für die Sammlung von der Redaktion bearbeiteten Fassungen. Für die Redaktion aber war entscheidend, dass etwa der Schlussabschnitt von Apg (Apg 28,25) und der Anfang von Hebr (Hebr 1,1) aufeinander anspielen. 114 Vergleicht man die beiden, wird man Rothschild Recht geben in der Meinung, dass sich der Anfang von Hebr wie eine Ausweitung der Aussage der Stelle aus der Apg liest. Denn hier wird nicht nur darauf abgehoben, dass Gott durch die Propheten zu den Vätern sprach, sondern auch, dass er dies auf vielfältige und vielerlei Weise getan hat - was sich wie eine Erläuterung für die Unterschiedlichkeit auch der Rezeption dieser Propheten in den verschie‐ denen kanonischen Schriften liest, zu denen Apg und Hebr hinzugenommen worden sind. Diese beiden Stellen zeigen folglich nicht nur die Signatur einer Redaktion, sie geben auch das Programm dieser Redaktion zu erkennen, das in der Verknüpfung der jüdischen prophetischen Vätertradition mit derjenigen der christlichen Schriften besteht - eine Verbindung, die Markion in seinen Antithesen bereits kritisierte, die die kanonische Redaktion jedoch in ihrer Korrektur der markionitischen Sammlung des vorkanonischen *Paulus gerade intensivieren wollte und die durch die zweite kanonische Redaktion weiter verstärkt wird. Fassen wir die Zwischenergebnisse anhand folgender Grafik zusammen: 670 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="671"?> Zwischen der vorkanonischen *10-Briefe-Sammlung des Markion muss es, wie die Zeugen der Zeit vor Justin und Irenäus erweisen, eine erste kanonische Redaktion dieser *10-Briefe-Sammlung gegeben haben, in der durchgehend die Sammlung des Markion kanonisch zu einer km 10-Briefe-Sammlung überar‐ beitet wurde. Diese kanonisch überarbeitete Sammlung ist bei den Zeugen, die offenkundig dem kanonischen Milieu nahestehen, überliefert, wenn sie auch keiner dieser Zeugen ausdrücklich zitiert oder auch nur erwähnt (man denke etwa an das vollständige Schweigen über sie bei Justin). Dies deutet darauf hin, dass sie zwar verfügbar, offenkundig jedoch noch nicht die Autorität des von Markion publizierten *Neuen Testaments und der darin enthaltenen *10-Briefe-Sammlung besaß. Außerdem spricht der Befund dafür, dass die überarbeitete km 10-Briefe-Sammlung noch nicht mit den vier km Evangelien in einer Sammlung zusammengebunden war. Dieses Phänomen mag auch erklären, warum das kanonische Milieu eine zweite kanonische Redaktion dieser Sammlung (und mit ihr wohl auch der vier Evangelien) in Angriff nahm, um auf der einen Seite mit der kanonischen Sammlung eine Alternative zu Markions *Neuem Testament zu schaffen und der eigenen Sammlung eine Autorisierung und ein größeres Gewicht zu verleihen, auf der anderen Seite, der paulinischen Briefsammlung dadurch im kanoni‐ schen Milieu Akzeptanz zu verschaffen, indem sie ihre Bedeutung innerhalb des kanonischen erweiterten Sammlungskontextes reduzierte. Die Skepsis im zweiten Jahrhundert gegenüber einer paulinischen Briefsammlung, gerade im kanonischen Milieu, war genährt aus ihrer Vorgängerin, der vorkanonischen *10-Briefe-Sammlung, die Markion von Sinope zugeschrieben wurde. Da die Auseinandersetzungen um seine Position in den sechziger und siebziger Jahren des zweiten Jahrhunderts zunahmen, bemühten sich seine Gegner, die in §-13 Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung u. d. beiden kanonischen Redaktionen 671 <?page no="672"?> der *10-Briefe-Sammlung gelehrte, allen anderen Aposteln gegenüber heraus‐ ragende Autorität des Paulus, dessen asketisches Profil und seine Insistenz auf der Neuheit der christlichen Thora, die in Antithese zur jüdischen Thora stand, zu mindern. Außerdem sollten die mit dem vorkanonischen *Neuen Testament konkurrierenden und durch Markions „Antithesen“ kritisierten Schriften im Ansehen gehoben werden. Beidem diente die zweite kanonische Redaktion. Sie ging diese Aufgaben auf zweierlei Weise an: 1. Durch den Einschub bzw. die Aufnahme der Apostelgeschichte mit den Ka‐ tholischen Briefen (der spätere Praxapostolos). Diese bildeten die leitende Erzählung mit der Nachordnung des Paulus, der mit seiner Briefsammlung hinter den Briefen der drei Säulen Jerusalems, des Jakobus, Petrus und Johannes mit ihren Briefen zu stehen kam. 2. Durch die Bearbeitung und Erweiterung der km 10-Briefe-Sammlung. Die Briefe erhielten an vielen Stellen, insbesondere in den Eröffnungen und in den Grußsequenzen am Ende Mehrtext, die Sammlung wurde überhaupt durch die Hinzunahme von den drei Pastoralbriefen und schließlich dem Hebräerbrief ergänzt. Diente die Aufnahme der Apostelgeschichte und der Katholischen Briefe der Aufwertung der zwölf Apostel, insbesondere der drei Säulen, und damit der Herabstufung des Paulus, half die Hinzufügung der Pastoralbriefe der antiaske‐ tischen Tendenz. Der Hebräerbrief verdeutlichte, dass das Christentum tief in die Geschichte der jüdischen Tradition eingeschrieben ist und aus dieser heraus lebt, wie es Hebr 1,1-2 bereits antimarkionitisch formuliert: „Vielmals und auf vielerlei Weise hatte Gott von alters her zu den Vätern gesprochen durch die Propheten. 2 Am Ende dieser Tage hat er zu uns gesprochen durch den Sohn, den er zum Erben des Alls eingesetzt, durch den er auch die Welt erschaffen hat.“ In vierfacher Weise widersprechen diese Verse der aus *Paulus abgeleiteten Vorstellung Markions: Dass Gott durch die Väter und Propheten gesprochen habe, hatte Markion bestritten, ebenso, dass der, der durch Väter und Propheten gesprochen hat, derselbe Gott sei, der durch seinen Sohn sprach, dann auch, dass der Sohn zum Erben des Alls eingesetzt sei und schließlich, dass dieser Gott die Welt geschaffen habe. Die Mehrtexte zusammen mit der durchgehenden Bearbeitung aller Texte stellten sicher, dass die 13/ 14-Briefe-Sammlung eingepasst wurde in den grö‐ ßeren Zusammenhang, der durch die vier Evangelien, den Praxapostolos und 672 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="673"?> 115 H.W. Hoehner, Ephesians. An Exegetical Commentary (2002), 1. 116 PolPhil 12,1. 117 Vgl. die verschiedenen Stellen, die verzeichnet sind bei J.R. Strawbridge, The Pauline Effect. The Use of the Pauline Epistles by Early Christian Writers (2015), 58. die Apokalypse vorgegeben wurde. Folglich sollten die Paulusbriefe im Licht dieser anderen Texte gelesen und verstanden werden. Nun lassen sich durch die Zeugen und Beobachtungen auch Datierungen in die Genese einbringen. Während die vorkanonische *10-Briefe-Sammlung des Markion um 138 anzusetzen ist, der bereits zwei Vorlagensammlungen vorausgehen, die noch nicht datierbar sind, wird die km 10-Briefe-Sammlung zwischen 138 und 144 hergestellt worden sein, denn Markion blickt bereits kritisch auf sie in seinem Vorwort zurück, das er seinem *Neuen Testament voranstellt. Diese Datierung wird durch die Zeugen gestützt, die vor Justin und Irenäus geschrieben haben und diese km 10-Briefe-Sammlung zu kennen scheinen. Die zweite kanonische Redaktion scheint dem Philipperbrief des Polykarp zufolge in den späten sechziger Jahren entstanden zu sein, zeitgleich etwa mit Justin, gewiss vor Irenäus und damit vor dem Jahr 177. Zunächst als 13-Briefe-Sammlung in den sechziger Jahren angelegt, wurde sie bald danach ergänzt mit dem Hebräerbrief, der bereits bei Irenäus mit in die Sammlung gerechnet wird. Die 13-Briefe-Sammlung stellt den bilingualen Archetyp dieser kanonischen Sammlung dar, aus der sich die Handschriftenfamilie der Bilin‐ guen entwickelt, die allerdings noch vielfach Affinitäten zur vorkanonischen *10-Briefe-Sammlung des Markion bietet. c. Zur Überlieferung der Deuteropaulinen (*Laod/ Eph, *Kol/ Kol, *2Thess/ 2Thess) und zur Vorgeschichte der *10-Briefe-Sammlung 1. *Kol/ Kol---*Laod/ Eph Der Epheserbrief, der in der *10-Briefe-Sammlung als Laodizeerbrief läuft, gilt als „eines der einflussreichsten Dokumente in der christlichen Kirche“ 115 und wird von Poykarp in seinem Brief an die Philipper zu den „Schriften“ gerechnet. 116 Tertullian und Epiphanius sprechen, wie in der Rekonstruktion vermerkt, ausdrücklich von den verschiedenen Adressaten (Laodizeer, Epheser) in der *10-Briefebzw. der 14-Briefe-Sammlung, doch, was die Autorschaft betrifft, waren sie, wie überhaupt die frühe Christenheit, einer Meinung, dass es sich um einen genuinen Brief des Paulus handelt. 117 §-13 Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung u. d. beiden kanonischen Redaktionen 673 <?page no="674"?> 118 M. Barth, Ephesians 1. Introduction, Translation, and Commentary on Chapters 1-3 (1974), 4. 119 H. Hübner, An Philemon, an die Kolosser, an die Epheser (1997), 17. 120 Ibid. 9. 121 M. Barth, Ephesians 1. Introduction, Translation, and Commentary on Chapters 1-3 (1974), 22. 122 Vgl. zu den Positionen mit Literatur J.R. Strawbridge, The Pauline Effect. The Use of the Pauline Epistles by Early Christian Writers (2015), 58. 123 M. Harding, Disputed and Undisputed Letters of Paul (2004), 156. 124 Vgl. die Beispiele bei J.R. Strawbridge, The Pauline Effect. The Use of the Pauline Epistles by Early Christian Writers (2015), 136. 125 A. Standhartinger, Studien zur Entstehungsgeschichte und Intention des Kolosserbriefs (1999), 91. Nach Sprache und Stil allerdings erwecke der Epheserbrief den Eindruck, er sei „in der nachapostolischen Zeit geschrieben worden“, weil „unter den 80 Begriffen, die in keinem anderen Paulusbrief zu finden seien“, jedoch im Epheserbrief begegneten, befänden sich „viele“, die z.T. weder in der Septuaginta noch im Neuen Testament noch in einem Text der vorchristlichen Periode zu finden seien, die jedoch bei den sogenannten Apostolischen Vätern begegnen. 118 Schließlich wird er in der neutestamentlichen Forschung als vom Kolosserbrief abhängig gesehen, „eine sozusagen editio secunda des Kol“, meint H. Hübner, 119 zumal es unmittelbare literarische Parallelen zwischen beiden Briefen gibt. Der Kolosserbrief wiederum wurde in die Nähe des Philemonbriefes gestellt, weil „allein die in ihnen genannten Personen … zum größeren Teil identisch“ sind. 120 Dann wurde auf die vielen Parallelen (wie auch Unterschiede) zum Ersten Petrusbrief, zum Hebräerbrief und zum Johannesevangelium hingewiesen, die drei neutestamentlichen Schriften, die nach dem Kolosserbrief die „meisten substantiellen, extensiven und beeindruckendsten Parallelen“ zum Epheserbrief aufwiesen. 121 In der modernen Forschung sind die Meinungen gespalten zwischen denen, die an einer Autorschaft des Paulus festhalten, und anderen, die diesen Text für ein Deuteropaulinum halten, und weiteren, die den Brief als eine Erweiterung eines ursprünglichen Paulusbriefes durch einen Paulusschüler sehen. 122 Aller‐ dings wurde auch bemerkt, dass der Epheserbrief weniger einen Briefcharakter besitzt und sich viel eher wie „ein reflektierter, spekulativer Traktat“ liest. 123 Wie der Laodizeer-/ Epheserbrief galt auch der Kolosserbrief für die frühen christlichen Autoren als authentischer Brief des Paulus. 124 Was den Kolosserbrief betrifft, wurde festgestellt, dass er zwar „mit großer Wahrscheinlichkeit den Phlm gekannt hat, daß jedoch eine literarische Ab‐ hängigkeit von einem bestimmten anderen erhaltenen Paulusbrief … nicht nachgewiesen werden konnte.“ 125 Das hat Auswirkungen für die Frage nach 674 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="675"?> 126 Ibid. 127 Ibid. 128 G. Röhser, Der Schluss als Schlüssel: Zu den Epistolaria des Kolosserbriefes (2009), 132. 129 Ibid. 133. 130 Ibid. 134. 131 T. Flemming, Die Textgeschichte des Epheserbriefes. Marcion änderte nichts: Eine grundlegend neue Perspektive auf den Laodicenerbrief (2022), 67. 132 G. Röhser, Der Schluss als Schlüssel: Zu den Epistolaria des Kolosserbriefes (2009), 135. 133 Ibid. 134 Ibid. 135-136. der Autorschaft und der Beziehung zu den anderen paulinischen Briefen. „Seit Beginn der Kolosserbriefforschung gilt, daß die Verf. des Kol eine Reihe von Formulierungen aufnehmen, die auch in den Paulusbriefen zu belegen sind,“ 126 dass aber offenkundig keine direkte literarische Abhängigkeit nachzuweisen ist. A. Standhartinger postulierte eine mündliche paulinische Tradition, die Einfluss auf die Formulierung von Kol als Pseudepigraph genommen habe. 127 G. Röhser entwickelte ein anderes Szenario, um die „möglicherweise fiktive Gesamtsituation“ zu erklären, „die der Verfasser des Kol entwirft, bzw. um das Bild von den realen Abläufen und Umständen, das sich aus einer Zusammen‐ schau der Epistolaria von Kol und Phlm ergibt“, aufzuzeigen. 128 Entscheidend ist, dass in Kol Onesimus „nicht mehr - wie im zuvor verfassten Phlm - als Sklave des Philemon, sondern - dem dortigen Wunsche des Paulus entsprechend (Phlm 13.21) - als geschätzter Mitarbeiter des Apostels mit umfassendem Informationsauftrag (Kol 4,9)“ erscheint. 129 Röhser liest die „intendierte Selbigkeit der Haftsituation mit dem Philipper- und dem Philemonbrief “ als „Hinweise auf eine Situation gegen Ende des Lebens von Paulus und auf die begonnene oder beginnende Formierung einer ‚Paulusschule‘“. 130 In diese setzt er dann die Entstehung sowohl von Kol wie Eph, bei denen es sich aufgrund der „Übereinstimmungen“, insbesondere „zwischen Kol 4,7-8 und Eph 6,21-22 sowie der in beiden Briefen aufgezeigten Gefangenschaftssi‐ tuation“, 131 „um die mündlich gezielt abgesprochene oder literarisch gezielt hergestellte Einzeichnung der beiden Briefe in denselben Entstehungszusam‐ menhang handelt“. 132 Sollte es sich um eine mündliche Tradition handeln, meint Röhser, müsse man mit der Entstehung von Kol und Eph „in engem zeitlichen Zusammenhang rechnen“, 133 wobei Eph ursprünglich der in Kol 4,16 genannte Laodizeerbrief sei. 134 Was Flemming als „Entstehungshintergrund“ aufführt, qualifiziert Röhser allerdings ausdrücklich nicht als Darstellung von „tatsächlichen Relationen der §-13 Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung u. d. beiden kanonischen Redaktionen 675 <?page no="676"?> 135 T. Flemming, Die Textgeschichte des Epheserbriefes. Marcion änderte nichts: Eine grundlegend neue Perspektive auf den Laodicenerbrief (2022), 67; G. Röhser, Der Schluss als Schlüssel: Zu den Epistolaria des Kolosserbriefes (2009), 136. 136 G. Röhser, Der Schluss als Schlüssel: Zu den Epistolaria des Kolosserbriefes (2009), 142. 137 Ibid. 143. 138 Ibid. 144. 139 Eine nähere Identifikation des oder der Verfasser schließt er aus, damit sieht er auch Kol 4,7-8 nicht als Hinweis auf einen Verfasser, etwa Tychikus, ibid. 145. 147, gegen O. Leppä, The Making of Colossians. A Study on the Formation and Purpose of a Deutero-Pauline Letter (2003), 263-264. 140 G. Röhser, Der Schluss als Schlüssel: Zu den Epistolaria des Kolosserbriefes (2009), 147. 141 Vgl. Ibid. 148. 142 Vgl. Euseb. Caes., Hist. eccl. I 13,3; M. Vinzent, Offener Anfang. Die Entstehung des Christentums im 2. Jahrhundert (2019), 84-85; J. Corke-Webster, A Man for the Times: Jesus and the Abgar Correspondence in Eusebius of Caesarea’s Ecclesiastical History (2017). Paulusmitarbeiter“, sondern als literarische Produkte, wie sie der „implizite“ Verfasser „erscheinen“ lässt. 135 Nach einer Durchsicht der „Darstellung der Paulusmitarbeiter in ihren Rela‐ tionen“ kommt Röhser zum Schluss, dass diese „sich als Antwort des Verfassers auf eine nachpaulinische Situation gut verständlich machen“ lässt. 136 Es geht in ihr um die Form der „pseudepistolographischen Fiktion des Kol“, die „am noch lebenden Paulus festgemacht“ wird, wie umgekehrt um „die aktuelle Sprechsituation des Kol“, die in einer „fiktiven verankert und begründet“ wird. 137 Die Autorfiktion, meint Röhser, lasse sich wegen der Vielfalt pseudepigraphi‐ scher Phänomene in der Antike nur induktiv angehen, also vom vorliegenden Text aus. 138 Er verortet die Verfasser im Kreis „der Missionare um bzw. nach Paulus“, der „eine Fiktion zu schaffen und aufrecht zu erhalten sucht, die in der Regel nur von ihresgleichen durchschaut werden kann und soll“. 139 Eine der Voraussetzungen hierfür sei „die Realexistenz der im Kol genannten Personen“, 140 und eine möglichst große Nähe zwischen fiktiver und tatsächlicher Abfassungszeit. 141 Gegen diese beiden Argumente gibt es jedoch gerade aus der Pseudepigraphie gewichtige Gegenbeispiele. Man braucht nur an den Briefwechsel zwischen Jesus und Abgar zu denken, der nicht vor Eusebius auftaucht und wohl auch nicht älter ist. 142 Wenn Kol folglich in großer Nähe zur Abfassung von Eph steht, Zeit und Ort jedoch offen sind, weil es sich bei beiden Schreiben um Entwürfe literarischer Fiktionen handelt, wie stehen diese zueinander und zu den anderen Paulusbriefen? Flemming schlägt vor, dass der in Kol 4,16 genannte „Laodicenerbrief “ am ehesten der *Laodizeerbrief der *10-Briefe-Sammlung sei. 143 Beide Briefe 676 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="677"?> 143 T. Flemming, Die Textgeschichte des Epheserbriefes. Marcion änderte nichts: Eine grundlegend neue Perspektive auf den Laodicenerbrief (2022), 71-87. 144 Ibid. 82. 84. 145 Ibid. 84-85. Flemming verweist auf Glaser, der die fiktionale Narrativität der Pastoral‐ briefe herausgestellt hat, T. Glaser, Paulus als Briefroman erzählt. Studien zum antiken Briefroman und seiner christlichen Rezeption in den Pastoralbriefen (2009). seien möglicherweise „von einem Autor … in gegenseitiger Kenntnis verfasst“, und zwar als „Zwillingsfälschung“, sinnvollerweise „bei der Herausgabe einer Paulusbriefsammlung“. 144 Er rückt beide Briefe in die Nähe der Pastoralbriefe, die ebenfalls „eine Geschichte von Paulus“ erzählen, „die durch ein aufmerksames ‚kanonisches‘ Lesen eruiert werden kann“. 145 Allerdings haben wir im voranstehenden Unterabschnitt a. gesehen, dass die Pastoralbriefe vermutlich erst zusammen mit dem Hebräerbrief in der zweiten kanonischen Redaktion zur Sammlung hinzugekommen sind. Da Kol 4,16 in der vorkanonischen Version der Briefe nicht vorhanden ist und auch nicht von den vorirenäischen Zeugen erwähnt wird (wie überhaupt das gesamte Kapitel vier des Kolosserbriefes), spricht dies dafür, dass dieser Vers erst bei der zweiten kanonisch-redaktionellen Bearbeitung und Erweiterung hinzugefügt wurde, zu einem Zeitpunkt also, als der Laodizeerbrief zum Epheserbrief wurde. Dieser Vers bietet dann aber auch einen Hinweis darauf, dass die zweite kanonische Redaktion die km 10-Briefe-Sammlung zu der größeren Sammlung mit dem Praxapostolos und den vier kanonischen Evangelien (Mt, Mk, Lk, Joh) hinzugestellt hat. Denn Kol 4,16 steht in einem größeren Zusammenhang - er fehlt vorkanonisch und er wird von den Zeugen vor Justin und Irenäus auch nicht erwähnt. Der Vers steht in folgender Passage: „7 Tychikus, der geliebte Bruder und treue Diener und Mitknecht im Herrn, wird euch alles kundtun, was mich betrifft. 8 Ich habe ihn eben darum zu euch gesandt, damit ihr erfahrt, wie es um uns steht, und er eure Herzen tröste. 9 Mit ihm kommt Onesimus, der treue und geliebte Bruder, der einer der euren ist. Sie werden euch alles berichten, was hier vorgeht. 10 Es grüßt euch Aristarchus, mein Mitgefangener, und Markus, der Vetter des Barnabas, über den ihr Weisungen erhalten habt; wenn er zu euch kommt, nehmt ihn auf. 11 Und Jesus, der Justus genannt wird. Diese allein sind aus der Beschneidung meine Mitarbeiter am Reich Gottes, die mir ein Trost geworden sind. 12 Es grüßt euch Epaphras, der einer der euren ist, ein Knecht Christi Jesu, der allezeit in den Gebeten für euch ringt, dass ihr vollkommen und zur Fülle gebracht, in allem Willen Gottes steht. 13 Denn ich bezeuge ihm, dass er viel Mühe hat um euch und um die in Laodizea und in Hierapolis. 14 Es grüßt euch Lukas, der geliebte Arzt, und Demas. 15 Grüßt die Brüder in Laodizea und Nymphas und die Gemeinde in seinem Haus. 16 Und wenn der Brief bei euch gelesen ist, so sorgt dafür, dass er auch §-13 Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung u. d. beiden kanonischen Redaktionen 677 <?page no="678"?> in der Gemeinde der Laodizeer gelesen wird, und dass ihr auch den aus Laodizea lest. 17 Und sagt Archippus: Sieh auf den Dienst, den du im Herrn empfangen hast, dass du ihn erfüllst. 18 Der Gruß mit meiner, des Paulus, Hand. Gedenkt meiner Fesseln! Die Gnade sei mit euch.“ (Kol 4,7-18) Tychikus ist uns schon verschiedentlich begegnet. Er ist nach dem Epheserbrief der einzige Gewährsmann des Paulus (Eph 6,21), er gilt auch in Kol hier als geliebter Bruder und treuer „Diener und Mitknecht“ und bietet auch hier als Gesandter des Paulus die Stütze für die Wahrheit der Botschaft - eine literarische Selbstautorisierung. Dass gleich anfangs auch Onesimus eingeführt wird, verknüpft den Kolos‐ serbrief und den Epheserbrief mit dem Philemonbrief (Phlm 1,10), außerdem verbindet das Thema der Gefangenschaft des Paulus diesen Brief mit ihm (und dem Philipperbrief). Kol verortet Onesimus in Kolossä. Wie oben zu diesen beiden Namen ausgeführt wurde, scheint es, dass die kanonische Redaktion, und zwar, wie wir jetzt annehmen dürfen, die zweite derselben, die einander verknüpfenden Namen und Knotenpunktinformationen in den Kolosserbrief eingefügt hat (mit den entsprechenden Erweiterungen des Phlm), um diese Verbindung zu ermöglichen. Die nächsten Verse des Zitierten geben weitere Aufschlüsse zur zweiten kanonischen Redaktion, auch wenn sie in pseudepigraphisch verklausulierter Form geschrieben sind, um die Paulusfiktion aufrecht zu erhalten. Mit Aristarch wird erneut die Verbindung zu Phlm (Phlm 1,24) hergestellt, auch zu Markus, der an dieser Phlm-Stelle noch vor Aristarch erwähnt wird. Dass Markus der Vetter des Barnabas sein soll, setzt Markus in unmittelbare Nähe zu dem engen Mitarbeiter des Paulus und damit zu Paulus selbst. Dass über Barnabas hinaus auch noch Timotheus mit zur Partie gehört, wissen nur die Apostelgeschichte und der Zweite Timotheusbrief (2Tim 4,11), wo Markus Mitarbeiter des Timo‐ theus ist, der ihn zu Paulus mitnehmen soll. Nach 1Petr 5,13 gilt er dann als Mitarbeiter des Petrus. Auch diese Namen verweisen auf die zweite kanonische Redaktion. Die Zusatzangabe, wonach die Adressaten schon Anweisungen erhalten haben, Markus (? ) aufzunehmen (Kol 4,10), bietet uns eine weitere Informa‐ tion, auch wenn sie nicht sofort einsehbar ist. Denn diese Angabe hat keine Korrespondenz in irgendeinem Paulusbrief und bringt darum diejenigen, die 678 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="679"?> 146 So A. Lindemann, Der Kolosserbrief (1983), 73. Lindemann spekuliert an dieser Stelle auch darüber, ob die Aussagen sich nicht auf Markus, sondern auf Barnabas beziehen sollen, schließt dann aber: „Sprachlich wäre dies möglich, aber doch wohl weniger wahrscheinlich“. 147 J. Gnilka, Der Kolosserbrief (1980), 238. diese „dunklen Aussagen“ 146 nicht in ihrer literarischen Kompositionsfunktion, sondern als Historie lesen, zum Grübeln: „Es sind Aufträge, Anweisungen - in mündlicher oder schriftlicher Form - ergangen. Aber von wem und welchen Inhalts? Aus der Luft gegriffen ist die Meinung, Markus sei mit der Organisation der Gemeinde beauftragt. Am besten sieht man den Inhalt kurz wiedergegeben, die Aufnahme des Gesendeten. Der Übergang in die oratio recta könnte dies nahelegen. Dann handelte es sich um Empfehlungen oder Empfehlungs‐ briefe, wie sie in der frühesten Christenheit verbreitet waren (Apg 18,27; 2 Kor 3,1).“ 147 Der hier erwähnte Markus, den sie aufnehmen sollen, wenn er zu ihnen kommt, gilt der kanonischen Redaktion zufolge als Verfasser des Markusevangeliums, der seit Papias von Hierapolis als Dolmetscher und Mitarbeiter des Petrus angesprochen wird. Hier jedoch wird er zunächst in die Nähe des Paulus gerückt. Wer von der Priorität der *10-Briefe-Sammlung und auch von *Ev ausgeht, dem erschließt sich die möglicherweise dahinter liegende Geschichte. Im Zuge der ersten kanonischen Redaktion wird *Ev überarbeitet zu den Evangelien, die später kanonisch werden. Wie wir sahen, fügt erst die zweite kanonische Redaktion Kol 4,1-18 in den Kolosserbrief ein, um u. a. Markus und Lukas herauszustellen. Dass erst um die Aufnahme des Markus geworben wird (Kol 4,10), deutet an, dass weder Markus noch das angeblich von Markus verfasste Evangelium bereits die nötige Autorität besitzt. Nachdem das vorka‐ nonische Evangelium (*Ev) und die *10-Briefe-Sammlung vor allen anderen die Autorität des Paulus herausgestellt hat, oft in Antithese zu Petrus (und Jakobus), wird durch die zweite kanonische Redaktion die Kompatibilität von Mk mit der inzwischen vorliegenden km 10-Briefe-Sammlung hergestellt. Durch diese Redaktion, bei der die Apostelgeschichte mit den Katholischen Briefen und die Pastoralbriefe (mit Hebr) dazukommen, wird sowohl die Paulusbeziehung des Markus (2Tim 4,11) wie auch die Petrusbeziehung desselben (1Petr 5,13) betont - was die vorkanonische Antithese von Paulus und Petrus unterläuft. Zugleich schwächt die Apostelgeschichte das intime Verhältnis zwischen Markus und Paulus ab (Markus begleitet Barnabas und Paulus bei der sogenannten ersten Missionsreise nur bis Perge, Apg 13,13; zwischen Barnabas und Paulus entsteht ein Konflikt, der zur Trennung der beiden führt, Apg 15,37. 39). §-13 Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung u. d. beiden kanonischen Redaktionen 679 <?page no="680"?> 148 Vgl. Tert., Adv. Marc. IV 2,1. Dass Markus auf das Markusevangelium hin zu lesen ist, zeigt nach der Erwäh‐ nung von Justus und Epaphras diejenige des Lukas (Kol 4,11-12. 14). Denn Lukas gilt der kanonischen Redaktion als der Verfasser des Lukasevangeliums - gerade jenes Evangeliums, das nach Angaben der Häresiologen von Markion benutzt, verfälscht und gekürzt worden sei. Da Mk mit der fehlenden Kindheitsgeschichte dem *Ev gleich im Anfang ähnelt und Lk die größte Nähe der vier später kanonischen Evangelien zu *Ev besitzt, leuchtet ein, warum in diesem Deuteropaulinum Paulus in die Nähe von Markus und Lukas und umgekehrt gesetzt werden. Es dient dazu, diese drei im Verbund zu lesen und, gemessen an den in der Sammlung der zweiten kanonischen Redaktion stehenden anderen Schriften, vor allem Mt, Joh, Apg mit den Katholischen Briefen als nachrangig zu betrachten. Aufgrund der Antithese, die Markion nach Tertullian zwischen Judentum und Christentum setzte, versteht man auch, warum zunächst Aristarch, Markus und Barnabas zusammen mit Jesus Justus als die einzigen Juden bezeichnet werden, die mit Paulus „für das Reich Gottes arbeiten“. Wiederum ist es der Versuch, eine markionitische Antithese aufzuheben. Als Orte werden Laodizea und Hierapolis genannt, auch, dass der Kolosserbrief in Laodizea und der Laodizeerbrief in Kolossä gelesen werden sollen (Kol 4,13. 16). Es geht folglich nicht nur um die Anweisung, Menschen aufzunehmen, sondern (auch) darum, deren vermeintliche literarische Produkte zu akzeptieren. Dass nur die zwei Evangelien von Apostelschülern der Autorisierung bedürfen, ergibt sich daraus, dass in der ersten kanonischen Redaktion die vier Evangelien mit den vier Namen Matthäus und Johannes, Markus und Lukas ausgestattet wurden. Hierbei wurden den beiden Evangelien, die am weitesten von *Ev entfernt sind, die Namen von Aposteln zugeschrieben, den beiden, die *Ev stärker als diese beiden ähneln, lediglich solche von Apostelschülern. Dass diese Zuschreibung bei der ersten kanonischen Redaktion erfolgte, ergibt sich daraus, dass Markions Antithesen bereits eine Kritik an dieser Zuschreibung formulieren, wenn wir Tertullian diesbezüglich vertrauen dürfen. 148 Gleichwohl wollte die kanonische Redaktion auch Mk und Lk, die zusammen mit Mt und Joh von Markion im Vorwort zu seinem *Neuen Testament kritisiert wurden, nicht dieser Kritik preisgeben. Sie ergänzte folglich in der zweiten kanonischen Redaktion den Kolosserbrief mit einem vierten Kapitel, um so auch diese Evangelien der Leserschaft zu empfehlen, allerdings, wie die Namen an‐ zeigen und der ersten kanonischen Redaktion folgend, mit weniger Nachdruck. Liest man diese Passage aus Kol, wie hier vorgeschlagen, lässt sich in ihr eine Durchsetzungsstrategie erkennen. Die zweite kanonische Redaktion hat 680 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="681"?> gegenüber dem *Neuen Testament Markions ihre konkurrierende Sammlung in den Gemeinden als Referenzlektüre verortet. Wie die Liste der Zeugen im voranstehenden Unterpunkt a. belegt, hatte bereits die erste kanonische Redaktion diesen Weg eingeschlagen, wenn auch nur mit bedingtem Erfolg, vielleicht dadurch, dass sie Markions *Neuem Testament keine (überlegene) kompakte Sammlung, sondern nur eine Briefsammlung ( km 10-Briefe-Sammlung) und die Evangelien als Einzelschriften entgegengesetzt hatte. Erst durch die zweite kanonische Redaktion und dem propagandistischen antihäretischen Werk des Irenäus war es offenkundig gelungen, der größeren Sammlung zum Durchbruch zu verhelfen. Doch auch dies geschah nicht über Nacht. Denn kein Autor des zweiten Jahrhunderts und beginnenden dritten Jahrhunderts nannte jemals die kanonische Sammlung „Neues Testament“. Zugleich zeigen die Zeugen vor Polykarp und Irenäus mit ihrem Ver‐ schweigen der Schriften der ersten kanonischen Redaktion, dass diese die Au‐ torität dieser Schriften noch nicht in dem gewünschten Maße hatte durchsetzen können. Zwar klingt die km 10-Briefe-Sammlung in diesen Zeugen an, doch zu sehr scheint das *Neue Testament des Markion die konkurrierenden Schriften überschattet zu haben und vielleicht überhaupt als grundsätzlich problematisch erscheinen lassen. Dies lässt sich vielleicht aus der Nähe und dem gegenseitigen Austausch erklären, der zwischen den beiden Milieus existierte und im Laufe der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts immer stärker in Frage gestellt wurde. Im Zuge der Verhärtung der Fronten entstand offenkundig das Bedürfnis nach der weitergehenden kanonisch-redaktionellen Anstrengung der zweiten kanonischen Redaktion zur Verdrängung der vorkanonischen Sammlung. Diese scheint zur Zeit des älteren Polykarp begonnen und im Umkreis des Irenäus zum Abschluss gekommen zu sein. Irenäus ist dann auch der erste Zeuge für eine 14-Briefe-Sammlung des Paulus und für eine Sammlung, die zusätzlich die vier Evangelien, die Apostelgeschichte mit den Katholischen Briefen wie auch die Apokalypse des Johannes umfasste. Dass wir trotz der zwei kanonischen Redaktionen von einem kanonischen Milieu und, wenn wir keinen Anhalt für eine Differenzierung haben, von einer kanonischen Redaktion sprechen können, hängt mit der durchgehenden kano‐ nischen Theologie zusammen. Es ist ein weiteres anzugehendes Forschungsfeld, lexikalisch und semantisch noch stärker zwischen erster und zweiter Redaktion zu differenzieren. Grundsätzlich wird man mit einer solchen Differenzierung rechnen dürfen, da zwischen der ersten und zweiten kanonischen Redaktion mindestens eine Gelehrtengeneration liegt. Die Unterschiede werden nicht geringer ausfallen als diejenigen zwischen der 3-Briefe-Sammlung und der 7-Briefe-Sammlung des Ignatius. §-13 Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung u. d. beiden kanonischen Redaktionen 681 <?page no="682"?> Nun begegnen sowohl in Eph wie in Kol christliche Haustafeln (Eph 5,22-6,9; Kol 3,18-4,1). Sie besitzen kein Äquivalent in einem der sieben pauli‐ nischen Briefe, dagegen klingen sie insbesondere in 1Petr 2,18-3,7 und in der 7-Briefe-Sammlung des Ignatius (IgnPol) an. *Laod 5,22. 25. 28-31; 6,1-2. 4 Eph 5,21-6,9 Kol 3,18-4,1 Weitere Paral‐ lelen - 5,21-Ordnet euch ein‐ ander unter in der Furcht Christi: - Sodann, ihr Jün‐ geren: Ordnet euch den Ältesten unter! Alle aber begegnet einander in Demut! (1Petr 5,5) 5,22-Ihr Frauen, ordnet Euch den Männern unter; 23-denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Kirche ist. 22 Die Frauen ihren eigenen Männern als dem Herrn, 23 denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Kirche ist, er, Retter seines Leibes. 3,18 Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter, wie es sich im Herrn geziemt. - So haben sich einst auch die hei‐ ligen Frauen ge‐ schmückt, die ihre Hoffnung auf Gott setzten: Sie ordneten sich ihren Männern unter. (1Petr 3,5) - 24 Wie nun die Kirche sich Christus unter‐ ordnet, so sollen sich auch die Frauen ihren Männern unterordnen in allem. - - 25- Wie auch Christus die Kirche geliebt hat, 25 Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie auch Christus die Kirche geliebt hat und sich selbst für sie hinge‐ geben hat, - - - 26 um sie zu hei‐ ligen, nachdem er sie gereinigt hat durch das Wasserbad im Wort; 27 damit er die Kirche sich selbst verherrlicht darstellte, die nicht Flecken oder Runzel oder etwas dergleichen hat, son‐ dern dass sie heilig und untadelig sei. - - 682 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="683"?> *Laod 5,22. 25. 28-31; 6,1-2. 4 Eph 5,21-6,9 Kol 3,18-4,1 Weitere Paral‐ lelen 28-lieben auch die Männer ihre Frauen. Wer seine Frau liebt, liebt sein eigenes Fleisch. 28-So sollen auch die Männer ihre Frauen lieben wie ihre ei‐ genen Leiber. Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst. 19-Ihr Männer, liebt eure Frauen und seid nicht bitter gegen sie. Ebenso sollt ihr Männer im Um‐ gang mit den Frauen rücksichts‐ voll sein, denn sie sind der schwä‐ chere Teil; ehrt sie, denn auch sie sind Erben der Gnade des Lebens (1Petr 3,7) 29-Denn niemand hat je sein eigenes Fleisch gehasst, sondern er nährt und zieht es auf, wie auch Christus die Kirche. 29-Denn niemand hat je sein eigenes Fleisch gehasst, sondern er nährt und zieht es auf, wie auch Christus die Kirche. - - 30-Denn wir sind Glieder seines Leibes, aus seinem Fleisch und aus seinen Knochen, 30-Denn wir sind Glieder seines Leibes. - - 31-statt dass der Mann Vater und Mutter verlassen und sich binden wird, und die zwei ein Fleisch sein werden. 32-Dies ist ein tiefes Ge‐ heimnis; ich deute es auf Christus und die Kirche. 31-Deshalb wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter ver‐ lassen und seiner Frau anhängen, und die zwei werden ein Fleisch sein. 32 Dieses Geheimnis ist groß; ich aber deute es auf Christus und die Kirche. - - - 33-Doch auch ihr-- -jeder von euch liebe seine Frau so wie sich selbst, die Frau aber ehre den Mann. - - 6,1-Ihr Kinder, ge‐ horcht euren El‐ tern, denn das ist recht! 2-Ehre deinen Vater und deine Mutter. 6,1-Ihr Kinder, ge‐ horcht euren Eltern im Herrn, denn das ist recht. 2 Ehre deinen Vater und deine Mutter---das ist das 20-Ihr Kinder, ge‐ horcht euren El‐ tern in allem, denn das ist wohlge‐ fällig im Herrn. - ------ §-13 Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung u. d. beiden kanonischen Redaktionen 683 <?page no="684"?> *Laod 5,22. 25. 28-31; 6,1-2. 4 Eph 5,21-6,9 Kol 3,18-4,1 Weitere Paral‐ lelen -4-Und ihr Väter, erzieht die Kinder in der Zucht und Ermahnung des Herrn! erste Gebot mit Ver‐ heißung -, 3 damit es dir wohl ergehe und du lange lebst auf der Erde. 4 Und ihr Väter, reizt eure Kinder nicht zum Zorn, son‐ dern zieht sie auf in der Zucht und Ermahnung des Herrn. -----21-Ihr Väter, reizt eure Kinder nicht, damit sie nicht mutlos werden. - -- - 5-Ihr Sklaven, ge‐ horcht euren irdi‐ schen Herren mit Furcht und Zittern, in Einfalt eures Her‐ zens, als dem Christus; 6 nicht mit Augendie‐ nerei, als Menschen‐ gefällige, sondern als Sklaven Christi, die den Willen Gottes von Herzen tun; 7 dient mit gutem Willen dem Herrn und nicht den Menschen, 8 da ihr wisst, dass jeder, was er Gutes tut, das‐ selbe vom Herrn emp‐ fangen wird, sei er ein Sklave oder ein Freier. 9 Und ihr Herren, tut dasselbe gegen sie und lasst das Drohen, da ihr wisst, dass auch euer Herr im Himmel ist und bei ihm kein Ansehen der Person gilt. 10 Zuletzt, seid stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke. 22 Ihr Sklaven, ge‐ horcht in allem euren irdischen Herren, nicht in Augendienerei als Menschengefäl‐ lige, sondern in Einfalt des Her‐ zens, den Herrn fürchtend. ----23 Alles, was ihr tut, arbeitet von Herzen, als für den Herrn und nicht für Menschen, 24 da ihr wisst, dass ihr vom Herrn das Erbe als Lohn emp‐ fangen werdet. Ihr dient dem Herrn Christus. 25 Denn der Unrecht tut, wird empfangen, was er Unrechtes getan hat, und da gibt es kein An‐ sehen der Person. 4,1-Ihr Herren, ge‐ währt euren Sklaven das, was recht und gerecht ist, da ihr wisst, dass auch ihr einen Herrn im Himmel habt. - 684 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="685"?> Es brauchen hier nicht die Einzelbeobachtungen wiederholt zu werden, die in der Rekonstruktion anlässlich von Kol 3,18-4,1 vorgeführt werden und wo sich zeigt, dass Eph wie Kol auf *Laod zurückgreifen, wenn sie diese Vorlage teilweise auch eigenständig fortentwickeln. Man könnte sogar daran denken, dass in Kol 3,18-21 die Vorlage für *Laod zu finden ist, da sie die Themen in derselben Reihenfolge jeweils kurz anreißt wie dort. Dagegen spricht allerdings, dass die Passage Kol 3,18-21 gerade keine Parallele in *Kol besitzt. Sie scheint nur ein Summarium dessen zu sein, was in *Laod ausgeführt ist. An Kol 3,22-4,1 ist dann abzulesen, dass im Ergebnis Kol und Eph parallel gehen, ohne an dieser Stelle eine Vorlage in *Laod zu besitzen. Dies spricht dafür, dass ein direktes Verhältnis auch zwischen Kol und Eph besteht. Wichtig ist, dass da, wo es eine Vorlage, *Laod, gibt, Kol ebenfalls Text besitzt; ja sogar 1Petr folgt diesem Muster insoweit, als die parallelen Passagen bis auf den Beginn solche sind, für die *Laod Text bietet. Dennoch bestätigt gerade die Eröffnungsparallele (/ / 1Petr 5,5), dass dieser Katholische Brief auf die kanonische Version von km Laod/ Eph zugreift, nicht unmittelbar oder allein auf *Laod. Auch 1Petr entwickelt den Text teilweise eigenständig fort. Umgekehrt wäre es erstaunlich, wenn Eph die Grundlage für *Laod und Kol wäre: Wie sollte man erklären, dass *Laod und Kol immer dann parallel gleich Text auslassen, der in Eph vorhanden ist: Vers 21. 24. 26-27. 33. Wenn weder Eph (wegen dieser parallelen Nichtbezeugung dieser Verse in *Laod und Kol) noch Kol (wegen des Fehlens des Textes in *Kol) die Grundlage für die vorkanonische Sammlung bieten, dann kann nur *Laod diese Grundlage bilden. Sie wurde in Eph übernommen und erweitert, in Kol (wegen des Fehlens in *Kol) summarisch übernommen. Ob Eph von Kol oder Kol von Eph in der nur ihnen parallelen Passage zu den Sklaven am Ende abhängig ist, müsste eigens untersucht werden. Doch ist auffällig, dass Kol nur im Abschnitt zu den Sklaven längere Ausführungen hat, wo es keine kurze Ausführung zu diesem Thema in *Laod gibt. Wenn man von einer Priorität der 14-Briefe-Sammlung ausginge, ließe sich kaum erklären, warum ein Abbreviator diese Passage von Kol wegschneidet, da sie in *Kol fehlt, während er in *Laod gerade diejenigen Passagen bietet, die wir in Eph und Kol parallel lesen und die dann teilweise auch in 1Petr aufgegriffen werden. Dreht man die Bearbeitungsrichtung um und nimmt die Priorität der *10-Briefe-Sammlung an, dann lässt sich leicht verstehen, dass Kol und Eph den Text von *Laod aufgegriffen haben. Das Hauptinteresse lag in Kol und Eph bei der Sklavenfrage, bei Eph wie bei 1Petr auch bei dem Thema der Hierarchie. Die Parallelen in 1Petr deuten auf eine neuerliche Bearbeitung von Eph und Kol durch die zweite kanonische Redaktion hin. §-13 Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung u. d. beiden kanonischen Redaktionen 685 <?page no="686"?> 2. *2Thess/ 2Thess Auch der Zweite Thessalonicherbrief stellt für die Paulusforschung eine Heraus‐ forderung dar, solange man von der Priorität der 14-Briefe-Sammlung ausgeht. Zunächst geht es um die Spannung zwischen Erstem und Zweitem Thessa‐ lonicherbrief: In 1Thess 4,13-18 spricht Paulus von der unmittelbaren Wiederkunft Christi und ermutigt die Gläubigen, in Erwartung dieses Ereignisses zu leben. Die Kerngedanken stehen in *1Thess, ihr Inhalt wird jedoch bereits nach dem, was 2Thess formuliert, verschoben: *1Thess 4,15-17 1Thess 4,13-18 - 13 Οὐ θέλομεν δὲ ὑμᾶς ἀγνοεῖν, ἀδελφοί, περὶ τῶν κοιμωμένων, ἵνα μὴ λυπῆσθε καθὼς καὶ οἱ λοιποὶ οἱ μὴ ἔχοντες ἐλπίδα. 14 εἰ γὰρ πιστεύομεν ὅτι Ἰησοῦς ἀπέθανεν καὶ ἀνέστη, οὕτως καὶ ὁ θεὸς τοὺς κοιμηθέντας διὰ τοῦ Ἰησοῦ ἄξει σὺν αὐτῷ. 15 οἱ περιλειπόμενοι εἰς τὴν παρουσίαν τοῦ Χριστοῦ, ---16 καὶ οἱ νεκροὶ ἐν Χριστῷ ἀναστήσονται πρῶτοι, 17 ἁρπαγησόμεθα ἐν νεφέλαις εἰς ὑπάντησιν τοῦ κυρίου εἰς ἀέρα. 15 τοῦτο γὰρ ὑμῖν λέγομεν ἐν λόγῳ κυρίου, ὅτι ἡμεῖς οἱ ζῶντες οἱ περιλειπόμενοι εἰς τὴν παρουσίαν τοῦ κυρίου οὐ μὴ φθάσωμεν τοὺς κοιμηθέντας· 16 ὅτι αὐτὸς ὁ κύριος ἐν κελεύσματι, ἐν φωνῇ ἀρχαγγέλου καὶ ἐν σάλπιγγι θεοῦ, καταβήσεται ἀπʼ οὐρανοῦ, καὶ οἱ νεκροὶ ἐν Χριστῷ ἀναστήσονται πρῶτον, 17 ἔπειτα ἡμεῖς οἱ ζῶντες οἱ περιλειπόμενοι ἅμα σὺν αὐτοῖς ἁρπαγησόμεθα ἐν νεφέλαις εἰς ἀπάντησιν τοῦ κυρίου εἰς ἀέρα· καὶ οὕτως πάντοτε σὺν κυρίῳ ἐσόμεθα. 18 ὥστε παρακαλεῖτε ἀλλήλους ἐν τοῖς λόγοις τούτοις. *1Thess 4,15-17 1Thess 4,13-18 - 13-Wir wollen euch aber, Brüder, nicht in Unwissenheit lassen über die, die ent‐ schlafen sind, damit ihr nicht traurig seid wie die anderen, die keine Hoffnung haben. 14 Denn wenn wir glauben, dass Jesus gestorben und auferstanden ist, so wird Gott auch die Entschlafenen durch Jesus mit ihm bringen. 686 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="687"?> *1Thess 4,15-17 1Thess 4,13-18 15- Wir, die Lebenden, die übrig bleiben bis zur Ankunft Christi, -16- ---und die in Christus Entschlafenen, werden als erste auferstehen, --17 wir werden in Wolken entrückt zur Begegnung mit dem Herrn in der Luft. 15-Denn das sagen wir euch als Wort des Herrn: Wir, die Lebenden, die übrig bleiben bis zur Ankunft des Herrn, werden den Entschlafenen keineswegs zuvorkommen. 16 Denn der Herr selbst wird vom Himmel herabkommen mit einem Ruf, mit der Stimme eines Erzengels und mit der Posaune Gottes, und die Toten in Christus werden zuerst auferstehen. 17 Danach werden wir, die Lebenden, die übrig bleiben, zugleich mit ihnen entrückt werden in Wolken, um dem Herrn in der Luft entgegenzutreten; und so werden wir immer beim Herrn sein. 18 So tröstet euch nun gegenseitig mit diesen Worten. In der vorkanonischen Version der Passage wird klar formuliert, dass die „Ankunft Christi“ stattfinden wird, während von den vom Brief Adressierten noch einige am Leben sein werden. Diese übrig Gebliebenen werden zusammen mit den bereits verstorbenen Gläubigen, „als erste auferstehen … (und) zur Begegnung mit dem Herrn“ entrückt. Auf der kanonischen Ebene wird zunächst ein Vorspann hinzugefügt, der die bereits Verstorbenen heraushebt und im Rückgriff auf den vorkanonisch nicht existierenden Vers 14 deren Schicksal erhellen will. Von ihnen wird gesagt, dass bei der Ankunft des Herrn auch diese emporgeführt würden. Diese historisierende Aussage bereitet den nächsten kanonischen Vers 15 vor, scheint aber aus dem vorkanonischen heraus entwickelt worden zu sein. Während es in Vers 15 vorkanonisch heißt, dass die Entschlafenen mit den noch übrig gebliebenen Lebenden bei Christi Ankunft auferstehen und entrückt werden, folgert die kanonische Redaktion daraus in den Versen 14-15 (Paulus unter die möglicherweise noch Lebenden eingeschlossen), dass die noch Lebenden den Verstorbenen nichts voraus haben werden - was die Sorge und Trauer von Vers 13 erklärt, so, als hätten die verstorbenen Vorfahren gegenüber den noch Lebenden bei der Parousie einen Nachteil. Die Überlegung erinnert an einen Einwand, der in 4Esra 5,41 begegnet: „Aber ich sagte: Doch siehe, Herr, Du bist bereit, (mit Segen) denen zu begegnen, die §-13 Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung u. d. beiden kanonischen Redaktionen 687 <?page no="688"?> 149 4Esra 5,41: Et dixi: Sed ecce, Domine, tu praees his qui in fine sunt, et quid facient qui ante nos sunt aut nos aut hi, qui post nos? (eigene Übers.), Text in: A.F. Klijn, Der lateinische Text der Apokalypse des Esra (1983), 36-37. Zu vergleichen sind auch die Psalmen Salomos 18,6-7: „Der Herr reinigt Israel für den Tag, da er Erbarmen haben wird über es und er wird seinen Gesalbten zurückbringen. Gesegnet sind diejenigen, die an diesen Tagen sein werden: Denn sie werden die Güte des Herrn sehen, die er der Generation, die kommen wird, übermitteln wird“ (eigene Übers.), nach: M.E. Stone and F.M. Cross, Fourth Ezra. A Commentary on the Book of Fourth Ezra (1990), 148. Diese und weitere Anklänge sind zu finden in E. Owusu, The Fate of the Dead and the Living at the Lord’s Parousia (2021), 177-179. 150 Eher wie eine Verlegenheit („alles paßt nur ungefähr“, so Dobschütz siehe unten, er denkt darum an ein „Agraphon“) klingen Versuche, dieses Herrenwort in Mt 13,27 („Er wird die Engel aussenden und die Auserwählten sammeln aus allen vier Windrichtungen, vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels“) zu sehen. Die Verlegenheit zeigt sich auch in den exkursartigen Ausführungen in E. Owusu, The Fate of the Dead and the Living at the Lord’s Parousia (2021), 158-170. Solche ältere Positionen von Pelagius an und viele weitere Vorschläge werden gelistet in E.v. Dobschütz, Die Thessalonicher-Briefe (1909), 193; E. Best, A commentary on the first and second Epistles to the Thessalonians (1986), 189-190. Übrigens fällt auf, dass die kanonische Redaktion Vers 15 mit einem ausdrücklichen Verweis auf ein Herrenwort eröffnet - sie sagt damit, dass sie den von der vorkanonischen Version nicht gebotenen Text von Vers 14 als „Herrenwort“ und damit als autoritativen Text begreift. das Ende überlebt haben, aber was sollen unsere Vorfahren tun, oder wir selbst und unsere Nachkommen? “ 149 In perspektivischer Verschiebung der vorkanonischen Position, die davon ausgeht, dass die bereits Verstorbenen und die noch übrigen Lebenden gleich‐ zeitig auferstehen, was als Entrückung gedeutet wird, geht es der kanonischen Version nicht mehr primär um die Gleichzeitigkeit von Auferstehung und Entrückung von bereits Verstorbenen und noch Lebenden - auch wenn diese Vorstellung kanonisch übernommen wird unter Trennung und zeitlicher Stu‐ fung von Auferstehung der Gestorbenen und Entrückung aller - sondern darum, dass Gott auch die Verstorbenen durch Jesus zu ihm führt. Der Blick wird folglich weniger nach vorne gerichtet, sondern in die Vergangenheit, auf die Verstorbenen hin. 150 Diese Verschiebung hat eine ablenkende Bedeutung, denn in 1Thess 5,1-11 setzt die kanonische Redaktion bereits die Ermutigung des Paulus an die Gemeinde hinzu, wachsam und vorbereitet zu sein, da der Tag des Herrn unerwartet kommen wird, womit wiederum von der Unmittelbarkeit der Pa‐ 688 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="689"?> 151 Zwar klingt 1Thess 5,1-11 nach Mahnung zur Wachsamkeit, doch zugleich werden die Angesprochenen nicht als Kinder der Nacht bezeichnet (in der sie überrascht werden könnten), sondern als solche des Tages, als Söhne des Lichts, vgl. so auch A.L. Moore, The Parousia in the New Testament (1966), 110. Da Moore nur den kanonischen Text des Paulus und des NTs liest, kommt er zum Schluss, dass man zwar im NT von einer gewissen Naherwartung ausging, dass diese jedoch keine auf eine bestimmte Zeit hin angelegte war (ibid. 160). 152 So auch A. Steinmann, Briefe an die Thessalonicher und Galater (1923), 50; E.v. Dobschütz, Die Thessalonicher-Briefe (1909), 267. 153 Vgl. E.v. Dobschütz, Die Thessalonicher-Briefe (1909), 265-267, 267. 154 Vgl. Ibid. 266. rousie, die nach dem zuvor Geschriebenen in das Leben zumindest einiger der Adressaten fallen soll, deflektiert. 151 In 2Thess versucht die kanonische Redaktion noch deutlicher, der unmittel‐ baren Erwartung der Parousie entgegenzutreten. Mit der bis auf einen Vers vorkanonisch unbezeugten Stelle 2Thess 3,6-15 betont sie die Notwendigkeit, ein geordnetes und produktives Leben zu führen, anstatt in Erwartung der unmittelbaren Wiederkunft Christi in Untätigkeit zu verfallen. Es wird sogar davor gewarnt, dass einige Menschen die bevorstehende Wiederkunft Christi als Entschuldigung für Faulheit nutzen. In 2Thess 2,1-12 heißt es, dass bestimmte Ereignisse, wie das Auftreten des „Menschen der Sünde“, des „Sohns des Verderbens“ (*2Thess 2,3 / / 2Thess 2,3), vor der Wiederkunft Christi geschehen müssen. Dies kann man wie *1Thess auf eine nahe Wiederkunft Christi hin lesen, doch gegen diese Lektüre schreitet erneut die kanonische Redaktion ein und setzt verdeutli‐ chende Worte hinzu, um weder diese Stelle in 2Thess noch 1Thess im Sinn der unmittelbaren Wiederkunft Christi zu verstehen, 152 wenn es heißt: „… dass ihr nicht so schnell in eurem Verstand erschüttert oder erschreckt werdet, weder durch eine Geisterscheinung noch durch eine Rede noch durch einen Brief, wie wenn es von uns sein soll, als ob der Tag des Herrn schon gekommen wäre.“ Die Skepsis, was den vermeintlichen Brief betrifft, und die Frage, ob sich „wie wenn es von uns sein soll“ nur auf den Brief oder auch auf die beiden oder eines der beiden zuvor genannten Elemente bezieht (Geisterscheinung, Rede), ist im Laufe der Geschichte vielfach diskutiert worden, doch Dobschütz hat gute Argumente vorgebracht, die es wahrscheinlich machen, dass alle drei Elemente gemeint sind. 153 Er hat auch richtig bemerkt, dass der Nebensatz „nicht von vornherein die paulinische Herkunft solcher Äußerungen“ negiert, nur dass Paulus sagen will: „seine Autorität soll in keiner Weise dazu mißbraucht werden, so verkehrte Anschauungen zu decken“. 154 §-13 Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung u. d. beiden kanonischen Redaktionen 689 <?page no="690"?> Die Abwehr einer unmittelbar bevorstehend gedachten Parousie entspricht auch sonst dem kanonischen Paulus. So liest man etwa in Röm 3,4 von der Rechtfertigung, die in eine unbestimmte Zukunft gesetzt wird („Auf keinen Fall! Gott sei wahrhaftig, auch wenn jeder Mensch ein Lügner ist; wie geschrieben steht: Damit du gerechtfertigt wirst in deinen Worten und obsiegst, wenn man mit dir rechten wird“), ebenfalls von der Auferstehung in Röm 6,5. 8 („5 Denn wenn wir mit ihm verbunden worden sind in der Ähnlichkeit seines Todes, so werden wir ihm auch in der Ähnlichkeit seiner Auferstehung sein; 8 Sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden“). In Eph 2,4-6 wird die in *1/ *2Thess vertretene unmittelbar erwartete Parousie, die Auferweckung von den Toten und die Entrückung, als vergangenes Ge‐ schehen umgedeutet, dem ein weiteres, künftiges in Aussicht gestellt wird: „4 Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat uns geliebt, und obwohl wir tot waren in unseren Übertretungen, hat er uns mit Christus lebendig gemacht — aus Gnade seid ihr gerettet! 5 und hat uns mit ihm auferweckt und mit ihm in den himmlischen Regionen gesetzt in Christus Jesus, 6 um in den kommenden Zeitaltern den überschwänglichen Reichtum seiner Gnade zu zeigen durch seine Güte gegenüber uns in Christus Jesus.“ (Eph 2,4-6) Hierzu ist zu vergleichen, dass in Joh 5,24 ebenfalls gesagt wird, dass man „den Tod schon hinter sich gelassen und das unvergängliche Leben erreicht“ habe. Der Unterschied zwischen einem vorkanonisch geglaubten nahen Ende der Zeit und einem kanonischen Einräumen einer noch unbestimmten Zukunft begegnet man auch in anderen Texten. In *Ev 12,45-48 (/ / Lk 12,45-48; Mt 24,48-50) wird gegen die Position, dass der „Herr noch lange nicht kommt“, gelehrt, dass der „Herr an einem Tag kommen wird, an dem er nicht erwartet wird“ (*Ev 12,45-46). Diese vorkanonische Position hat sich im Sinne eines absehbaren Endes auch in Mk 13,30 eingeschrieben: „Amen, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschieht.“ Die Gegen‐ position findet sich in Mt 24,14: „Aber dieses Evangelium vom Reich wird in der ganzen Welt verkündet werden, allen Völkern zum Zeugnis. Und dann wird das Ende kommen.“ *Paulus formuliert, dass die „Zeit kurz ist“ (*1Kor 7,29), während die kanonische Redaktion eine Dehnung der Zeit hinzufügt: „In der Zukunft soll …, denn die Gestalt dieser Welt vergeht“ (1Kor 7,29. 31). Auf eine unbestimmte Zeit verlegt der kanonische Paulus diese Parousie in 1Tim 6,14-15: „14 Bewahre den Auftrag makellos und untadelig bis zum Erscheinen unseres Herrn Jesus Christus, 15 das zur rechten Zeit herbeiführen 690 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="691"?> 155 E. Grässer, Das Problem der Parusieverzögerung in den synoptischen Evangelien und in der Apostelgeschichte (2020), 214. wird der selige und alleinige Herrscher.“ Noch drastischer thematisiert 2Petr 3,3-4 das Thema, indem die Infragestellung der Parousieverzögerung in den Mund von Spöttern gelegt wird und ihnen gegenüber erklärt wird, dass der Herr die Zeit anders misst als die Menschen, was eine Verschiebung hin zu einer ferneren Erwartung darstellt. Eine theologische Erläuterung bietet dann derselbe Brief, 2Petr 3,8-9, wonach der Herr nicht langsam ist, sein Versprechen zu erfüllen, sondern geduldig mit den Menschen umgeht, um diesen Zeit zur Umkehr zu geben. Ähnlich werden die Adressierten in 1Joh 2,28 ermahnt, in Christus zu bleiben, damit sie bei seiner Erscheinung zuversichtlich sein können. Die Betonung liegt mehr auf der Vorbereitung durch ein rechtschaffenes Leben als auf einer unmittelbaren Erwartung. Passend zu den hier aufgeführten Katholischen Briefen ist der Befund der Apostelgeschichte. Wie festgestellt wurde, denkt ihr Verfasser „in langen Zeiträumen“ (etwa Apg 26,29), und er ist „nicht durch die Naherwartung“ motiviert. 155 Es wird deutlich, dass auf vorkanonischer Ebene die Parousie als eine nah bevorstehende gesehen wird, eine Vorstellung, die auch noch in synoptischen Evangelien begegnet, dann aber durch die zweite kanonische Redaktion durch eine Streckung der Zeit angepasst und verändert wurde. Der Erläuterung dieser Zeitdehnung dient etwa der Mehrtext in 2Thess 2,5-8: „5-Erinnert ihr euch nicht daran, dass ich euch dies sagte, als ich noch bei euch war? 6 Und jetzt wisst ihr, was ihn aufhält, damit er zu seiner Zeit offenbart wird. 7 Denn das Geheimnis der Gesetzlosigkeit ist bereits am Werk; nur wer ihn jetzt aufhält, wird ihn aufhalten, bis er aus dem Weg ist. 8 Dann wird der Gesetzlose offenbart werden, den der Herr Jesus durch den Hauch seines Mundes vernichten wird und den er durch das Erscheinen seiner Ankunft beseitigen wird.“ (2Thess 2,5-8) Nimmt man an, dass die *10-Briefe-Sammlung Priorität gegenüber der 14-Briefe-Sammlung hat, lassen sich wichtige Beobachtungen machen: In diesem Passus wird von einem Parousieverzug gesprochen: „Jetzt wisst ihr, was ihn aufhält“, auch davon, dass „er zu seiner Zeit offenbart wird“. Das räumt eine nicht näher bemessbare Zeit ein. 1. Die kanonische Redaktion nimmt Text und Angaben der vorkanonischen Version ernst und geht - wie Redaktionen üblicherweise - mit ihren Vorlagen sorgsam um. Auch wenn Inhalte, wie im vorliegenden Fall die unmittelbar bevorstehend geglaubte Parousie, nicht der eigenen Vorstel‐ §-13 Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung u. d. beiden kanonischen Redaktionen 691 <?page no="692"?> 156 Vgl. S. 695. Smith meint, dass zwar *Ev dem Lukasevangelium vorausgeht, man dennoch aber an Q und Mk als den zwei Quellen, die *Ev vorausliegen sollen, festhalten soll, D.A. Smith, Marcion’s Gospel and the Synoptics: Proposals and Problems (2019). lung entsprechen, werden solche nicht einfach getilgt, sondern durch redaktionelle Vorspanne, Zwischentexte oder zusätzliche Inhalte in ihrer Bedeutung verändert, der Blick der Lesenden neu orientiert und die Inhalte damit relativiert. 2. Dabei nimmt die kanonische Redaktion - wie schon die vorkanonische, wenn diese auch in geringerem Maß - Inkonsistenzen in Kauf. 3. Zusammenfassung: Die km Sammlung von km Kol, km Eph, km 2Thess als eine vorkanonische Vorlage Eines hat sich weiter oben aus dem sprachlichen Vergleich nahegelegt, was durch die voranstehenden Überlegungen bestärkt wird: Die drei kanonischen Deuteropaulinen (Eph, Kol, 2Thess) haben vielerlei sprachliche, syntaktische (Satzlängen) und theologische Elemente gemeinsam, mit denen sie sich von den sieben paulinischen Briefen unterscheiden. Allerdings teilen sie auch eine Reihe von sprachlichen Merkmalen, die sie wiederum mit der kanonischen Redaktion verbinden. Sie scheinen der vorkanonischen Redaktion bereits als km Sammlung vorgelegen zu sein, die diese mit der zweiten, ebenfalls ihr zur Verfügung stehenden Quellsammlung von sieben Briefen zusammenband und teilweise zu harmonisieren versuchte. Das Gesamtpaket der *10-Briefe-Sammlung scheint dann wieder (zusammen mit *Ev) in das km Milieu zurückgekehrt zu sein, aus welchem die vorkanonische Redaktion die km 3-Briefe-Sammlung erhalten hatte. Im Kreis der kanonischen Redaktion scheinen diese Briefe dann, wie die übrigen Schriften auch, einer doppelten Redaktion unterzogen worden zu sein, zunächst als Überarbeitung der *10-Briefe-Sammlung zur km 10-Briefe-Sammlung nach dem Ende des Zweiten jüdischen Krieges und noch bevor Markion sein *Neues Testament veröffentlicht hatte, und dann in einer zweiten kanonischen Redak‐ tion um die Zeit des Irenäus. Bereits Klinghardt kam zum Ergebnis, dass wir innerhalb der kanonischen Redaktion zu differenzieren haben. 156 Dieses wird durch die vorliegenden Untersuchungen gestützt. Fassen wir die bisherigen Ergebnisse in der folgenden Grafik zusammen: 692 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="693"?> a. Die vorkanonische *Redaktion besitzt vorhandenes Material: Zwei ihr zur Verfügung stehende paulinische Briefsammlungen, eine ˟ Sammlung mit sieben paulinischen Briefen ( ˟ Röm; ˟ 1/ ˟ 2Kor; ˟ Gal; ˟ 1Thess; ˟ Phil; ˟ Phlm) und eine km Sammlung von drei deuteropaulinischen Briefen ( km Laod; km Kol; km 2Thess). Letztere entstammt dem Milieu, aus dem auch die späteren kano‐ nischen Redaktionen hervorgehen. Ein Grund für die Unsicherheit in einer näheren Bestimmung dieser Quellensammlungen in ihrem Textbestand besteht darin, dass die vorkanonische Redaktion die beiden Sammlungen durchgehend, gründlich, inhaltlich und sprachlich bearbeitet hat, nicht ohne ein paar Inkonsequenzen. Sie hat die Briefe umgestellt, *Gal an den Anfang vor *1Kor gesetzt, auch wenn in *Gal 5,21 noch ein jetzt falscher Rückverweis auf *1Kor 15,50 stehen geblieben ist. *2Thess wurde an *1Thess angeschlossen. Wie grundlegend die inhaltliche und sprachliche Redaktion ausfiel, lässt sich an der relativ einheitlichen Lexik der sieben *Briefe des Paulus erkennen, die sich gerade im Vergleich zu den *Deute‐ ropaulinen wie auch zum kanonischen Profil herausstellen lässt, aber auch an den sprachlichen Anpassungen, die in den drei *Deuteropaulinen zu finden sind. Da bei der Untersuchung der Funktionsbegriffe weiter oben festgestellt wurde, dass die Lexik der in der *10-Briefe-Sammlung vorhandenen *Deu‐ teropaulinen öfter mit denen von *Ev als mit *Ap übereinstimmt, deutet dies daraufhin, dass bei der vorkanonischen Bearbeitung der km Deutero‐ §-13 Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung u. d. beiden kanonischen Redaktionen 693 <?page no="694"?> 157 Vgl. M. Vinzent, Methodological Assumptions in the Reconstruction of Marcion’s Gospel (Mcn). The Example of the Lord’s Prayer (2018), 208-209. 158 Wie weiter oben wiederholt festgestellt, gibt es eine Nähe der Pastoralbriefe und der Apostelgeschichte (dazu könnte man auch noch andere Acta nehmen), vgl. mit älterer Lit. C. Mount, Acts (2022), 28. Mount verweist etwa auf 2Tim, einen Abschiedsbrief, der wie Apg 20 das Martyrium des Paulus voraussetzt, das dann in den Paulusakten (ActPl 14) narrativ ausgestaltet wird. Es verwundert folglich nicht, wenn er (ibid. 36) die Apostelgeschichte für das „latest stratum of the New Testament“ hält. paulinen *Ev bereits bekannt war und die Bearbeitung durch die Sprache von *Ev beeinflusst worden ist. b. Die vorkanonische *10-Briefe-Sammlung, die in das Milieu der kanoni‐ schen Redaktion zurückgewandert ist, lässt sich nicht mehr wiederher‐ stellen (so wenig wie *Ev als Grundlage von km Mt, km Joh, km Mk und km Lk, weshalb man m.E. *Ev nur in der Fassung rekonstruieren kann, in welcher es in Markions *Neuem Testament vorgelegen war) und wird darum auch in der vorliegenden Rekonstruktion nicht weiter thematisiert (man hätte ihr darum an dieser Stelle auch eine andere Auszeichnung als mit einem * geben können, vielleicht sogar müssen). Hingegen bietet die untenstehende Rekonstruktion die *10-Briefe-Sammlung, von der zuvor in a. die Rede war und wie sie in Markions *Neuem Testament zu finden ist, das als Antwort auf die kanonische Bearbeitung von *Ev und der *10-Briefe-Sammlung mit seiner Präfatio veröffentlicht wurde. Es ist zumindest anzunehmen - und es gibt m. E. auch einige Hinweise dafür 157 - dass der Textbestand von *Ev und der *10-Briefe-Sammlung durch die erste kanonische Redaktion kontaminiert wurde. c. Dieses *Neue Testament kam wieder in die Hände des kanonischen Milieus, das der vorkanonischen Redaktion die drei km Deuteropaulinen zur Verfügung gestellt hatte. In diesem Milieu erfolgte dann die Zusam‐ menstellung der größeren Sammlung, angefangen zur Zeit Polykarps in den späten sechziger Jahren und vollendet in der Zeit des Irenäus vor dem Jahr 177. Markions Präfatio, die Antithesen, und sein *Evangelium wurden ersetzt durch die vier (später kanonischen) Evangelien, gefolgt vom Praxapostolos (Apostelgeschichte mit den Katholischen Briefen), 158 einer durch die Pastoralbriefe auf 13 Briefe erweiterten Sammlung paulinischer Briefe und der Apokalypse des Johannes. Vermutlich in einem zweiten Schritt wurde bei dieser Redaktion dann der Hebräerbrief zur Paulusbrief‐ sammlung hinzugefügt, so dass wir zur bekannten 14-Briefe-Sammlung des Paulus gelangen. Diese zweite kanonische Redaktion hat offenkundig nicht nur alle ihr verfügbaren Texte gründlich revidiert, sie hat auch in die km 10-Briefe-Sammlung nicht nur die vier neuen Briefe hineingestellt, 694 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="695"?> 159 Nach wie vor die detaillierteste Untersuchung der Frage bietet W.B. Smith, Unto Romans: XV. and XVI (1902); W.B. Smith, Unto Romans: XV. and XVI. (1901). Auch wenn man nicht allen seinen Schlussfolgerungen folgen möchte, sind sie dennoch zur Kenntnis zu nehmen. Unter Absehung des zweiten Artikels von Smith, vgl. jetzt auch A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020). sondern auch die älteren zehn Briefe selbst erheblich überarbeitet und an Textbestand bereichert. Stellen wie 1Kor 16; 2Kor 8-10; Röm 13,1-7 und Röm 15-16, 159 Kol 4 und Teile von Eph 5,22-6,10 sind auf diese zweite kanonische Redaktion zurückzuführen, zu weiteren Passagen oder Versen werden im Kommentar der Rekonstruktion Beobachtungen angestellt. d. Weil die Texte der Pastoralbriefe, Hebr, 1/ 2Petr, 2/ 3Joh und Apk erst zum Zeitpunkt der zweiten kanonischen Redaktion in die breite Sammlung des künftigen Neuen Testaments gelangten, waren sie noch längere Zeit im frühen Christentum in ihrer Zugehörigkeit zum Neuen Testament um‐ stritten. Gerade sie bezüglich, hatte sich die zweite kanonische Redaktion bemüht, sie miteinander und mit den älteren Texten der Sammlung durch verschiedene Verweise redaktionell zu verknüpfen. e. Doch darf nicht vergessen werden, dass auch die breite Sammlung aus der Zeit des Polykarp und Irenäus noch Jahrzehnte brauchte, bis sie im frühen Christentum zum Referenzpunkt wurde, auch wenn Irenäus den Eindruck erwecken will, dass sie die Grundlage des Glaubens bilde und die traditionell angestammte Sammlung sei. Weder Justin noch Irenäus gibt ihr den Titel „Neues Testament“, auch Tertullian kennt sie noch nicht unter diesem Titel, Irenäus und Tertullian verweisen mit diesem Titel einzig auf Markions *Neues Testament. Daraus ergibt sich: Anstelle eines Modells, wonach es ein organisches Wachstum oder einen einzigen Ausgangspunkt für die Genese der paulinischen Briefe gegeben hätte - etwa eine Autorenedition durch Paulus - zeigen die vorangehenden Beobachtungen und die nachfolgende Rekonstruktion, dass wir uns zunächst bei der Erklärung der Frühgeschichte noch zu bescheiden haben. Über die allerersten Anfänge dieser Briefe und ihre Authentizität haben wir keine Erkenntnisse. Zu erschließen sind zwei Briefsammlungen: eine aus einem kanonischen Milieu stammende drei km Deuteropaulinen umfassende und eine aus dem vorkanonischen Milieu stammende ˟ 7-Briefe-Sammlung. Über diese Stufe ist noch wenig bekannt, da die Briefe lediglich aus der bereits kräftigen Über‐ arbeitung erschlossen werden können, wie sie in der hier rekonstruierten §-13 Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung u. d. beiden kanonischen Redaktionen 695 <?page no="696"?> *10-Briefe-Sammlung vorliegen. Die *10-Briefe-Sammlung stellt sich also als der eigentliche Untersuchungsgegenstand heraus, von dem auszugehen ist, sowohl für die Vorgeschichte derselben wie für deren Rezeption, auch wenn die Sammlung bereits eine Rekonstruktion bildet. Ihre Rezeption und die weitere Genese der paulinischen Briefsammlung lässt sich besser greifen als die Vorgeschichte. In zwei kanonischen Redak‐ tionen wurde die *10-Briefe-Sammlung weiter entwickelt, zunächst hin zur km 10-Briefe-Sammlung, schließlich zur 13dann 14-Briefe-Sammlung. Das wichtigste Ergebnis von allem ist vermutlich, dass die beiden Milieus, kanonisch und vorkanonisch, nicht unabhängig voneinander und schon gar nicht ohne gegenseitige Wertschätzung und Beeinflussung gearbeitet haben. Sie haben ihre Ergebnisse miteinander ausgetauscht und scheinen diese in jeder Hinsicht ernst genommen zu haben. Beide Milieus scheinen ihre Ein‐ flussbereiche besessen zu haben, die es in der künftigen Forschung noch näher zu bestimmen gilt, und es mag wenig überraschen, dass die Zeugen für das kanonische Milieu heute zahlreicher sind als diejenigen, die für das vorkanonische Milieu erschließbar sind. Denn im Verlauf der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts laufen die Wege beider Milieus auseinander und mit Polykarp und Irenäus entwickeln sich eine Verhärtung und eine Konfrontation gegenüber dem vorkanonischen Milieu und dessen Häretisierung. Sieger in der Geschichte hinterlassen in der Regel mehr Spuren als die von ihnen Besiegten. Diese sich anbahnende Häretisierung darf jedoch nicht anachronistisch bereits in die Frühphase der Genese der paulinischen Briefsammlung zurückverlegt werden. 696 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="697"?> Teil IV: Ausblick <?page no="699"?> a. Fragen und Antworten Im Folgenden werden die wichtigsten Erkenntnisse kurz zusammengefasst, insbesondere die verwendeten Methoden und die aus ihnen resultierenden Schlussfolgerungen. Da diese deutlich abweichen von der früheren Forschung bei der Behandlung der Genese der paulinischen Briefsammlung, wird desto umsichtiger methodisch zu argumentieren sein. Wie bereits gegen Ende des vo‐ ranstehenden Paragraphen deutlich wurde, wirft die vorliegende Untersuchung eine ganze Reihe neuer Forschungsdesiderate auf, die zugleich die Vorläufigkeit des hier Vorgenommenen verdeutlichen. 1. Die Priorität der *10-Briefe-Sammlung gegenüber der 14-Briefe-Sammlung Wie sich im Laufe der Untersuchung herausgestellt hat, steht die *10-Briefe-Sammlung des Markion nicht am Anfang oder am Ursprung der paulinischen Briefe, ja nicht einmal der paulinischen Briefsammlungen, eine erste und grundlegende Erkenntnis. Dies hatte die frühere Forschung zwar auch bereits gesehen, hing jedoch dem positivistischen und historisierenden Versuch an, auf der Grundlage der Priorität der 14-Briefe-Sammlung diese zum Ausgangspunkt zu nehmen, um die Frühgeschichte der paulinischen Briefe zu schreiben. Die *10-Briefe-Sammlung wurde als Verkürzung der 14-Briefe-Sammlung betrachtet. Was die 14-Briefe-Sammlung betrifft, wurden zunächst die Pseudopaulinen (Pastoralbriefe, Hebräerbrief) und die die paulinischen Briefe nicht erwähnende Apostelgeschichte in der kritischen Forschung außen vor gelassen, um vorwie‐ gend aus den sieben der Mehrheit der Forschung für authentisch geltenden Briefe (bei F. Baur waren es nurmehr die vier großen Gemeindebriefe Röm, 1/ 2Kor, Gal) den historischen Paulus zu gewinnen. Von diesen sieben Briefen unterschied man die drei Deuteropaulinen (Eph, Kol, 2Thess), die eine große Anzahl von Forschenden Paulus absprachen und -sprechen (oder ihm lediglich eine Grundsubstanz derselben zuschrieben bzw. zuschreiben) und sie in eine frühe Paulusschule einreihten. Sodann wurden in der Datierung umstrittene Zeugnisse des ersten und zweiten Jahrhunderts hinzugenommen (2Petr 3,15-16; PolPhil 3,2; 7 IgnEph 12,2), die von Paulusbriefen berichten, um entweder ein organisches Wachsen von Einzelbriefen hin zu einer Sammlung oder zu meh‐ reren Sammlungen zu beschreiben, den Ausgang bei Paulus selbst zu suchen bzw. verschiedene Redaktionsstufen der Paulusbriefsammlung zu fassen. All diese Versuche stießen und stoßen sich an dem historisch greifbaren Phänomen in unseren Zeugen, die lediglich zwei Paulusbriefsammlungen aus der Zeit vor <?page no="700"?> 1 A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 31. 2 Orig., Hom. Jos. 7,1, Text und Übersetzung in ibid. 28. 3 Ibid. 31. 4 Ibid. 26. 5 Hierzu zählen drei Elemente: 1. Die syrische Bezeugung, die zu Ephräm führt, der Markion kennt und auf der Basis seines Textes gegen diesen predigt; 2. Der ebenfalls syrische Catalogus Sinaiticus, dessen Paulusbriefsammlung wie die des Markion mit Gal beginnt; 3. Die markionitischen lateinischen Paulusprologe - das Argument, dass Scherbenske und dem vorliegenden Verfasser der markionitische Charakter dieser Prologe lediglich „als Hilfsargument für andere Kontexte“ gedient habe (Flemming), greift zu kurz. Sowohl Scherbenske wie der Verfasser hier haben sich eingehend mit diesen Prologen befasst, sie mit Kollegen wie etwa Zwierlein diskutiert, und auch D. Jongkind kam kürzlich zu dem mit unseren Positionen übereinstimmenden Urteil, wonach diese Prologe „nur zu Marcions Paulusbriefsammlung passen würden“, so der Bericht von Flemming selbst, T. Flemming, Die Textgeschichte des Epheserbriefes. Marcion änderte nichts: Eine grundlegend neue Perspektive auf den Laodicenerbrief (2022), 93; D. Jongkind, On the Marcionite Prologues to the Letters of Paul (2015), 406-407. Betrachtungen wie die des markionitischen oder nichtmarkionitischen Cha‐ rakters dieser Prologe können und dürfen nicht interessegeleitet entschieden, sondern müssen auf der Sachbasis argumentiert werden. dem Ende des zweiten Jahrhunderts kennen, „zwei Fixpunkte“, wie sie genannt wurden: 1 Die von vielen Zeugen Markion zugeschriebene *10-Briefe-Sammlung, die hier auch vorkanonische Sammlung genannt wird, und die den Schriften des Irenäus zugrundeliegende, in der vorliegenden Untersuchung als kanonisch bezeichnete 14-Briefe-Sammlung, die ausdrücklich erst von Origenes bezeugt wird. 2 Außerdem besteht „Einigkeit“ darin, „dass diese beiden Textsammlungen in einem literarischen Abhängigkeitsverhältnis zueinander stehen“. 3 Wie dieses sich gestaltet und wie die Genese der beiden Sammlungen auch in ihrer gegenseitigen Abhängigkeit zu beschreiben ist, waren die Ausgangsfragen der voranstehenden Untersuchungen. Vertreter, die die Priorität der 14-Briefe-Sammlung zugunsten der *10-Briefe-Sammlung verkehrten, plädierten dafür, dass die dem Markion von den Zeugen zugeordnete Sammlung keine wirklich solche des Markion sei - also nicht von ihm bearbeitet, redigiert oder dergleichen - sondern von ihm lediglich tradiert und durch seinen Namen desavouiert wurde, „selbst wenn die Kirchenväter sich freilich mit einem Text auseinandersetzen, den sie selbst Marcion zuschreiben“. 4 Dass Markion sich lediglich einer ihm bereits vorausliegenden *10-Briefe-Sammlung bediente, konnte nicht durch historische Zeugnisse belegt werden - die einzigen drei Zeugen, die für dieses Postulat benutzt wurden, sind ausgerechnet solche, die auf Markion verweisen 5 -, sondern wurde durch folgende Überlegungen zu plausibilisieren versucht. 700 Teil IV: Ausblick <?page no="701"?> 6 A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 35. 7 „Undenkbar“: T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons 1,2 Das Neue Testament vor Origenes (1889), 638. „Halsbrecherisch“: M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 82. 8 A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 35. 9 Ibid. 36. Festgestellt wurde, dass „der Text des marcionitischen Apostolos zahlreiche Spuren in allen Bereichen der handschriftlichen (kanonischen, MV) Überlie‐ ferung hinterlassen“ hat, 6 auch wenn, wie oben gezeigt, es eine Handschrif‐ tengruppe von Bilinguen gibt, die diese Spuren deutlicher zeigen als andere Handschriften. Ein solch weitreichender Einfluss eines Textes auf die katholi‐ sche und orthodoxe Tradition des kanonischen Textes verwunderte, wurde als „undenkbar“ bzw. „halsbrecherisch“ eingeschätzt, 7 da die Häresiologen die Sammlung Markions als „Ketzerwerk“ gebrandmarkt hätten. 8 Harnack versuchte, dieses Problem mit dem Hinweis auf die Benutzung des „Westlichen“ Textes durch Markion zu lösen, ohne jedoch sich dessen gewahr zu sein, dass gerade die traditionell mit diesem Label verbundenen Handschriften die Mark‐ ionnähe aufweisen - wir stehen hier folglich einem Zirkelschluss gegenüber, abgesehen davon, dass inzwischen dieses Label des „Westlichen Textes“ höchst umstritten ist. Die von Goldmann vorgeschlagene „plausiblere Antwort“ als diejenige der Kirchenväter, die dem Ketzer Markion eine Textsammlung zuschrieben, lautet: „Es handelt sich gar nicht um einen Ketzertext, der die neutestamentliche Überlieferung so stark beeinflusst hat. Die 10-Briefe-Sammlung ist also nicht das Werk eines Häretikers. Sie ist keine Verkürzung bzw. Verstümmelung der 14-Briefe-Sammlung, sondern eine ältere Textsammlung der Paulusbriefe, die spätestens ab der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts im Umlauf war und die handschriftliche Textüberlieferung der Paulusbriefe maßgeblich beeinflusste“. 9 Aus Harnacks biblischem Philologen Markion wurde ein Tradent, und der Tradent wurde zum Zeugen für eine ältere Textsammlung. Der von Goldmann zuvor genannte erste „Fixpunkt“ wurde weiter zurück in die Vorgeschichte der Sammlung Markions geschoben. Auf das „Ketzer“-Problem wird weiter unten eigens eingegangen. a. Fragen und Antworten 701 <?page no="702"?> 10 D. Trobisch, On the Origin of Christian Scripture. The Evolution of the New Testament Canon in the Second Century (2023), 146-147. 2. Datierung und Lokalisierung der Redaktionen Der Schritt von dem Handschriftenmaterial, der Textvergleichung und Lexik hin zur Rekonstruktion einer Schiene historischer Zeit- und Entstehungsräume ist einerseits hypothetisch, andererseits notwendig. Auch bei diesem Schritt geht es wie bei jeder guten wissenschaftlichen Hypothese nicht um dogmatische Wahrheiten oder um Entscheidungen zwischen richtig und falsch, sondern vielmehr um solche der größeren und kleineren Wahrscheinlichkeiten. Wie bereits zuvor angeklungen, legt sich aufgrund der in dieser Untersu‐ chung festgestellten handschriftlichen Basis mit der insgesamt geringen Abwei‐ chung an Textvarianten bei gleichzeitig hoher Konsistenz von Sammlungsein‐ heiten und der von den Handschriften geforderten, unbezeugten Vorstufen und den historischen Bezeugungen für die *10-Briefe-Sammlung und der erweiterten 14-Briefe-Sammlung zur Zeit des Irenäus nahe, dass wir zunächst von diesen beiden Zeiträumen und geographischen Orten auszugehen haben: Die vorkanonische *10-Briefe-Sammlung ist zu Lebzeiten Markions (Markion stirbt vor 161), vermutlich in Rom, bekannt geworden. Man wird sie noch etwas näher an das Ende des Zweiten jüdischen Krieges rücken dürfen, auch wenn das von Harnack vorgeschlagene Jahr 144 für die Publikation von Markions *Evangelium strittig ist. 10 Die kanonische 14-Briefe-Sammlung wird von Irenäus um das Jahr 177 bezeugt, doch mit dem Hinweis auf den Ersten Korintherbrief und dem in ihm enthaltenen Apollos durch 1Klem 47,1-3 legt sich nahe, dass *Ev bereits zu Lebzeiten des Markion zu den vier später kanonischen Evange‐ lien km Mt, km Joh, km Mk und km Lk weiterbearbeitet wurde - nach Ausweis des Tertullian hatte Markion bereits Kenntnis von diesen vier Evangelien -, so auch die *10-Briefe-Sammlung im selben Zusammenhang einer ersten kanonischen Redaktion unterzogen wurde, von der Markion vermutlich ebenso Kenntnis erhalten hatte, wie er sie von den vier Evangelien hatte. Es wird also methodologisch deutlich - die Frage der Genese der Paulusbrief‐ sammlungen lässt sich nicht von der Genese des „Neuen Testaments“ loslösen. Aufgrund der hohen lexikalischen, semantischen und auch sprachlich-in‐ haltlichen wie theologischen Übereinstimmungen des vorkanonischen *Neuen Testaments gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder dieses *Neue Testament setzt eine vormarkionitische Redaktion voraus, die beide Teile der Sammlung, *Ev und *Ap, in hohem Maße redigiert und in diese Sammlung gebracht hat, eine Sammlung, die Markion dann ohne weitere (große) Eingriffe schlicht benutzt hat 702 Teil IV: Ausblick <?page no="703"?> (man erinnere sich an die Klinghardt-Goldmann-Flemming Hypothese), oder die Sammlung wurde von Markion in diese Fassung und Form gebracht. Nehmen wir zunächst einmal mit Klinghardt-Goldmann-Flemming an, die vorkanonische Sammlung sei vormarkionitisch entstanden, dann gibt es m. E. nur drei mögliche Hypothesen, wie man sich die Genese dieser Sammlung bezüglich Datierung und Lokalisierung vorstellen kann: 1. Paulus hat, wie Trobisch angenommen hatte, seine eigenen Briefe gesam‐ melt, zumindest die sieben, die ihm heute noch als authentische Briefe zugeschrieben werden, allerdings in der Fassung, wie sie weiter unten rekonstruktiv vorgelegt werden. Dann müsste Paulus aufgrund der großen genannten Übereinstimmungen auch *Ev geschrieben haben. Seine Aus‐ sage, *Gal 1,7 von τὸ εὐαγγέλιόν μου bezöge sich folglich nicht auf seine Botschaft, sondern auf den von ihm geschriebenen Evangelientext. Als Ort der Abfassung käme nur Rom in Frage, weil zu dieser Sammlung auch der Philemonbrief gehört, den Paulus diesem Brief nach als alter Mann im Gefängnis geschrieben hat. Demnach wäre die vorkanonische Sammlung kurz vor dem Tod des Paulus, also spätestens um 61 n. Chr. in Rom zusammengestellt worden. Diese Hypothese stößt auf einige Probleme: a. Wie kann es sein, dass Paulus bei seiner eigenen Briefsammlung auch drei Briefe mit aufnimmt, die in ihrer Lexik, ihrer Semantik und auch wegen ihres Inhalts sich als Deuteropaulinen erweisen, die der späteren kanonischen Lexik, Semantik und deren Inhalt nahestehen? b. Wieso zeigen sich in den *Paulusbriefen so wenig biographische Züge und so wenige inhaltliche Bezüge zu *Ev? c. Warum gibt es eine Rezeption von paulinischem Material in einer Reihe von Schriften aus der Zeit vor Irenäus, jedoch keine solche der narrativen Details von *Ev, sondern allenfalls einige Logia des Herrn mit z.T. deutlicher Diskrepanz der Worte, die dem Herrn in dieser Literatur zugeschrieben werden, verglichen mit dem Bestand an Logia, die sich in *Ev und den später kanonischen Evangelien findet? d. Warum, wenn eine solche Sammlung als Ganze von Paulus stammen würde, gibt es weder für eine Sammlung seiner Briefe noch für die Gesamtsammlung des paulinischen *Neuen Testaments bei einer so hohen Authentifizierung und Autorisierung wie der des Paulus kein einziges altkirchliches Zeugnis für deren Existenz? e. Warum wurde bei solcher Autorität der Sammlung eine kanonische Alter‐ nativausgabe geschaffen? a. Fragen und Antworten 703 <?page no="704"?> 11 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band-1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 408-410. 12 Wenn Klinghardt meint, dass einer der Unterschiede zwischen seiner und meiner Po‐ sition „am wichtigsten die Existenz der vorkanonischen Fassungen der Evangelien“ sei, so erweist schon die vorliegende Studie, dass wir in der Annahme ihrer Existenz einer Meinung sind (und ich lediglich auch noch für Lk eine solche Stufe annehmen möchte), vgl. ibid. 421. Wenn er hingegen kritisiert, dass nach meinem Ansatz die Entstehung der vorkanonischen Evangelien in „einem Jahrzehnt“ anzunehmen sei, unterscheidet sich dies nicht von dem engen Zeitraum, den er selbst für diese Entwicklung angenommen hat, wie oben im Haupttext zitiert. 13 Ibid. 411. 14 Ibid. f. Wieso besitzt diese Alternativausgabe antimarkionitische Charakteris‐ tiken? g. Wieso verbinden alle bekannten altkirchlichen Zeugen, die wir besitzen, die vorkanonische Sammlung ausschließlich mit dem Namen des Markion, und warum macht Tertullian gegenüber Markion den Vorwurf, er hätte eigentlich seinen eigenen Namen *Ev zuschreiben sollen, und ist der Meinung, Markions Vorwort der Antithesen beziehe sich sowohl auf *Ev wie auf die *paulinische Briefsammlung? 2. Die zweite Möglichkeit wäre, wie von Klinghardt-Goldmann-Flemming angenommen, dass ein Anonymus entweder gegen Ende des ersten Jahr‐ hunderts oder spätestens nach dem Zweiten jüdischen Krieg eine vorka‐ nonische Sammlung zusammengestellt hätte. Matthias Klinghardt beschäftigt sich mit der Datierung der kanonischen Redaktion, die er aufgrund von einigen Parallelen (Lk 5,32 / / Justin, 1Apol. 15,8; Lk 6,29 / / Justin, 1Apol. 16,1; Lk 23,46 / / Justin, Dial. 105,5) für Justin voraussetzt. Ebenso sei Justins Kenntnis der Himmelfahrt entweder auf Lk 24,51 oder Apg 1 zurückzuführen. Nicht bedacht wird, dass die Abhängig‐ keit möglicherweise auch umgekehrt sein könnte, und dass die kanonische Redaktion auf römisches Traditionsgut, das auch Justin bekannt war, oder auf Justin zurückgegriffen hatte, als sie die vorkanonischen Texte bearbeitete. 11 Was die vorkanonische Sammlung betrifft, nimmt Klinghardt als mögli‐ chen Zeitraum für die Abfassung der vorkanonischen Evangelien km Mk, km Mt und km Joh 12 (er nimmt *Ev als die vorkanonische Form von Lk) die Jahre 90-150 an. 13 Die traditionellen Datierungen der kanonischen Evangelien (Mk um 70; Mt zwischen 80 und 90; Lk um oder nach 90) hält er für „nicht nur ungenau, sie sind auch abhängig von problematischen Vorentscheidungen“. 14 Aufgrund des „enge[n] literarische[n] Rückgriff[s] 704 Teil IV: Ausblick <?page no="705"?> 15 Ibid. 412. 16 Vgl. E.-M. Becker and M. Vinzent, Marcion and the Dating of Mark and the Synoptic Gospels (2018), 10-11; M. Vinzent, Marcion and the Dating of the Synoptic Gospels (2014), chapter 4. 17 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evan‐ gelien Band-1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 413. der einzelnen Überlieferungsstufen auf alle jeweiligen Prätexte“ meint Klinghardt, „dass der Prozess der Entstehung der vorkanonischen Über‐ lieferung zwischen *Ev und *Joh [hier: km Joh] sich keineswegs über die ganze Zeitspanne zwischen 90 und etwa 144 n. Chr. erstreckt haben muss“, sondern ist der Meinung: „Zwischen den einzelnen vorkanonischen Über‐ lieferungsstadien liegen möglicherweise eher Monate oder wenige Jahre als Jahrzehnte.“ 15 Derselben Meinung war ich ebenfalls bereits gewesen, wonach die enge synoptische Verzahnung für einen eher zeitlich (wie räumlich) begrenzten Rahmen spricht. 16 Klinghardt gibt schließlich drei mögliche Szenarien an: „Bei einer gleich‐ mäßigen Verteilung käme man für *Ev auf die Zeit ab 90, für *Mk [hier: km Mk] auf das erste Jahrzehnt des 2. Jh., für *Mt [hier: km Mt] auf die Mitte der 120er Jahre und für *Joh [hier: km Joh] auf die Zeit kurz vor 144“. Klinghardt meint weiter, es wäre auch möglich, „dass die gesamte schriftliche Evangelienüberlieferung in nur wenigen Jahren ganz am Anfang des Zeitraumes (zwischen 90 und 100) oder aber auch erst ganz an seinem Ende (130 bis 144) entstanden wäre. Und schließlich ist es auch möglich, dass *Ev etwa seit den 90-er Jahren eine längere Zeit als einziges Evangelium existierte, dass aber die vorkanonische Fortschreibung von *Mk [hier: km Mk] bis *Joh [hier: km Joh] nur wenige Jahre in Anspruch nahm; eine solche Fortschreibung ließe sich bis zur Jahrhundertwende vorstellen, aber sie könnte genauso gut auch erst in den 130er Jahren stattgefunden haben.“ 17 Auffallenderweise geht Klinghardt nicht auf die vorkanonische Sammlung als ganze ein. Der Entstehungsort einer solchen Sammlung wäre nicht näher bestimmbar, könnte aber eine der großen intellektuellen Zentren des römischen Reiches sein. Aufgrund der genannten Übereinstimmungen kann dieser Anonymus jedoch nicht nur *Ev verfasst oder redigiert haben, sondern er muss auch der Verfasser oder Redaktor der *Paulusbriefe gewesen sein. Dieser muss dann auch die km Deuteropaulinen integriert und bearbeitet haben. Diese Sammlung wurde dann von Markion unberührt genutzt und lediglich mit einem tendenziös markionitischen Vorwort versehen. a. Fragen und Antworten 705 <?page no="706"?> An Problemen stellen sich die beiden erstgenannten (a - b) nicht, während das dritte (c) bestehen bleibt. Das vierte (d) stellt sich nicht, weil man davon ausgehen darf, dass eine anonyme Sammlung wohl geringere Auf‐ merksamkeit erfahren haben dürfte als eine durch Paulus autorisierte. Gleichwohl bleibt es erstaunlich, wenn eine solche Sammlung gänzlich unerwähnt geblieben wäre. Da die Sammlung nicht authentifiziert war und zudem noch mit einem Vorwort des Markion versehen, von diesem für seine Zwecke benutzt und als solche vielleicht erst bekannt wurde, wären zumindest einige der Kritiken an dieser anonymen Sammlung bzw. eine kanonische Alternativsammlung verständlich, was das Problem (e) minimieren, wenn auch nicht völlig beseitigen würde. Weiterhin ein Stein des Anstoßes bleiben die textinternen und externen Hinweise auf den antimarkionitischen Charakter der kanonischen Sammlung (f), die ja auch von Klinghardt vorgeführt werden. Das stärkste, äußere Problem ist die Attestierung der Zuordnung der Texte zu Markion und seinem *Neuen Testament (g). 3. Eine dritte Möglichkeit wäre, dass der Anonymus entweder Lukas war oder ein Anonymus, der von der frühen Rezeption mit Lukas identifiziert wurde. Letztere Variante erscheint dann wahrscheinlicher, weil es gerade die kanonische Redaktion ist, die nach Ausweis der oben genannten Zeugen, Lukas als engsten Mitarbeiter des Paulus porträtiert. Lukas, einige Jahre jünger angesetzt als Paulus, hätte folglich das literarische Werk seines Leh‐ rers zusammengebracht, die sieben *Paulusbriefe in der vorkanonischen Version zusammengestellt, z.T. aus dessen schriftlichen Zeugnissen, z.T. aus dessen mündlichen Vorträgen, Material, das er dann gründlich redigiert hätte. Schließlich hätte Lukas auch das Lukasevangelium in Form von *Ev geschrieben, das er mit den sieben *Paulusbriefen verbunden hat. Die drei *Deuteropaulinen müsste er dann in einer Vorversion aus einem Milieu genommen haben, in welchem ebenfalls Paulusbriefe gesammelt und redaktionell bearbeitet worden sind. Diese drei Briefe hätte Lukas überar‐ beitet in seine Sammlung aufgenommen. Seine *10-Briefe-Sammlung wäre dann später weiter zur kanonischen 14-Briefe-Sammlung erweitert und die zehn Briefe weiter bearbeitet worden. Nachdem die ersten kirchlichen Zeugen für das Wirken des Paulus in Rom plädieren, könnte die Sammlung einige Jahre nach dem Tod des Paulus in Rom entstanden sein. Mit den kanonischen Vorworten zu Lk und Apg hat die kanonische Redaktion bewusst an diese vorkanonische Sammlung angeknüpft und, wie das Vorwort zu Apg insbesondere ausweist, die vorkanonische Sammlung zur kanonischen erweitert. Damit hätte die kanonische Redaktion kein 706 Teil IV: Ausblick <?page no="707"?> pseudonymes Evangelium, sondern das erste, auf Lukas zurückgeführte Evangelium (*Ev) benutzt, das zu Unrecht dem Markion angedichtet wurde. Dieser ersten Version des Lk (*Ev) wurden später die pseudonymen drei Evangelien hinzugestellt. An Problemen fallen bei dieser Lösung einige der zuvor genannten weg, neue kommen hinzu: Das erste Problem (a) stellt sich so nicht. Denn Lukas hätte eben wei‐ teres Paulusmaterial gesucht und dieses integriert. Aus der Herkunft der *Deuteropaulinen ergibt sich deren lexikalische, semantische und inhaltliche Sonderstellung gegenüber den sieben *Briefen, aufgrund der redaktionellen Tätigkeit des Lukas ihre insgesamt doch immer noch große Übereinstimmung in diesen Charakteristiken mit *Ev. Auch das zweite Problem (b) stellt sich wie bei der zweiten Möglichkeit nicht, weil Lukas zwar Information aus dem Paulusmaterial in *Ev und Material aus *Ev in *Paulus hätte eintragen können, doch weil er seinen Quellen hatte treu bleiben wollen, hatte er sich an deren Inhalt ausgerichtet und lediglich die literarische Form, Lexik, Semantik und theologischen Inhalt eigenständig redigiert. Schwerwiegender ist das dritte Problem (c), weil bei einer so frühen Zusam‐ menstellung des vorkanonischen *Neuen Testaments es wenig erklärlich wäre, warum nur Elemente des *Paulusbriefteils und Paulusmaterialien sich in der frühchristlichen Literatur vor Irenäus finden, aber kein solches der narrativen Elemente von *Ev. Mit diesem Problem verbindet sich das nur leicht verschobene vierte Pro‐ blem (d). Zwar ist Lukas gewiss weniger gewichtig an Autorität als Paulus, gleichwohl wäre es kaum erklärlich, dass eine so frühe Sammlung, die zudem noch von einem Evangelisten zusammengestellt wurde, von allen frühkirchlichen Zeugen ungenannt geblieben wäre. Tertullian behauptet lediglich, Markion habe auf Lk zurückgegriffen und dieses Evangelium ver‐ dorben und gekürzt, getrennt von dieser Aussage meint er auch, Markion habe die Paulusbriefsammlung bearbeitet und gekürzt, aber von einer Bear‐ beitung einer Sammlung des Lukas weiß er so wenig wie von einer solchen des Paulus. Wieso hätte man bei einer solchen Authentifizierung wie eines lukanischen Neuen Testaments, nicht diese vorkanonische Sammlung als ganze dem Lukas in den Quellen zugeschrieben und, stattdessen, nur von einer markionitischen Verderbnis des Lk und, gesondert hiervon, der Paulusbriefe gesprochen? Und warum, wenn Lukas der Begründer des „Neuen Testaments“ war, waren Autoren wie Justin, Irenäus und Tertullian der Benutzung des Titels dieser Sammlung so abgeneigt und verwendeten a. Fragen und Antworten 707 <?page no="708"?> diesen Titel „Neues Testament“ ausschließlich, wenn sie mit Blick auf Markions Sammlung argumentieren? Hatte Markion auch den Titel „Neues Testament“ desavouiert? Auch die nächste Frage (e) bleibt ohne Antwort, ja, das Problem erhärtet sich gar noch. Denn wieso hätte es einer kanonischen Ausgabe bedurft, wenn die vorkanonische bereits aus der Hand eines Evangelisten gestammt hätte? Wie Irenäus von Evangelien berichtet, die von den verschiedenen Häretikern genutzt und missbraucht wurden, so hätte man auch von einem markionitischen Missbrauch der Lukassammlung sprechen können. Auch die Frage (f) wäre desto rätselhafter. Wenn die vorkanonische Aus‐ gabe von Lukas gestammt hätte, wieso stellt man ihr eine antimarkionitisch ausgerichtete kanonische Ausgabe gegenüber? Und die weitere Frage (g) bleibt ebenfalls unbeantwortbar - alleine die Tatsache, dass Markion, ohne Eingriffe, eine lukanische Sammlung benutzt hätte, macht weder diese Ausgabe zum Angriffspunkt noch erhebt sie deren Nutzer zum Ziel von so viel Invektiven, wie sie vor allem nach Markions Tod, und insbesondere nach den Ausführungen des Irenäus und Tertullian geäußert werden. 4. Eine letzte, vierte Möglichkeit - soweit ich sehe, gibt es keine weitere - besteht darin, dass Markion selbst derjenige war, der sowohl *Ev entweder verfasst oder gründlich die ihm vorliegenden Sammlungen von Logia und Narrativen (Q; Proto-*Ev? ) redigiert hatte, dann auch die Sammlung der km Deuteropaulinen, die Sammlung der sieben ˟Briefe. Nun stellt sich natürlich zunächst die Frage, die Klinghardt neben dem Häresieverdacht Markions aufgeworfen hat: wieso finden sich nichtmarki‐ onitische Vorstellungen zumindest in *Ev, und folgen wir BeDuhn, sowohl in *Ev wie in *Ap? Auch in dieser Frage lässt sich die Frage nach der Charakteristik der *10-Briefe-Sammlung nicht von der von *Ev abtrennen. Sollte Markion aber, was sich durch die Benutzung von zwei Briefsamm‐ lungen nahelegt, auch bereits auf eine Sammlung von Herrenlogia und -narrationen zurückgegriffen haben, lässt sich die Frage beantworten: Die drei Vorlagen brachten gewisse Vorstellungen ein, die Markion unpassend waren, die er aber nicht konsequent redaktionell bearbeitet hat. Wie ihm der falsche Rückverweis in *Gal 5,21 (auf *1Kor 15,50) stehen blieb, finden sich auch einige weitere Inkonsistenzen und auch solche Elemente, die wirklich oder vermeintlich Markions von den Häresiologen zuschriebenen Positionen widersprechen. 708 Teil IV: Ausblick <?page no="709"?> 18 Ibid. 45. Klinghardt verweist hier auf Tert., Adv. Marc. IV 43,7: Et Marcion quaedam contraria sibi illa, credo industria, eradere de evangelio suo noluit, ut ex his quae eradere potuit nec erasit, illa quae erasit aut negetur erasisse aut merito erasisse dicatur. Nec parcit nisi eis quae non minus aliter interpretando quam delendo subvertit. 19 Ibid. 129. 20 T. Flemming, Die Textgeschichte des Epheserbriefes. Marcion änderte nichts: Eine grundlegend neue Perspektive auf den Laodicenerbrief (2022). 21 Vgl. M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 130. 22 Zu dieser Stelle vermerkt BeDuhn: „In apparent disjunction with Marcionite ideology, Jesus advocates or affirms Torah law repeatedly in the Evangelion. When asked the way to ‚inherit life,‘ Jesus invokes Torah law (10.26), and specifically affirms Deut 6.5 (10.27-28). Likewise, when asked the means to obtain ‚eternal life,‘ Jesus affirms the good start effected by following the core commandments of Exod 20.12-16 (or Deut 5.16-20) from one’s youth, to which one need only add one thing more to ‚have a treasure in the sky‘: dispose of possessions and follow Jesus (18.20-22),“ so J. BeDuhn, The First New Testment (2013), 75. 3. Zu vermeintlichen Antimarkionismen in *Ev und *Ap Beginnen wir mit den Überlegungen Klinghardts: Klinghardt hebt zunächst auf den häresiologischen Widerspruch ab, wonach Markion vorgeworfen wird, er habe „den Text des Evangeliums gemäß seiner Irrlehre ver‐ fälscht“, dann aber auch, dass ihm derselbe Tertullian etwa vorwerfe, er sei bei seiner Redaktion inkonsequent gewesen und habe Aussagen stehen lassen, die seiner Vor‐ stellung widersprächen. Allerdings habe er hiermit seine eigene Argumentation gegen Markion gefährdet, weshalb überhaupt die These einer markionitischen Verfälschung des Evangelientextes „unzutreffend“ sei. 18 An späterer Stelle führt er den Gedanken fort: „Wenn *Ev das redaktionelle Konzept nicht erkennen lässt, das überhaupt erst zu seiner Herstellung geführt haben soll, dann ist die Annahme einer entsprechenden redaktionellen Bearbeitung insgesamt obsolet: Es gibt keinen Grund mehr, überhaupt eine Bearbeitung des kanonischen Lk-Evangeliums durch Marcion zu postulieren - abgesehen natürlich von den diesbezüglichen Beteuerungen der Häresiologen.“ 19 Ent‐ sprechend titelt die bei Klinghardt abgefasste Dissertation „Marcion änderte nichts“. 20 Harnack hatte mit einer inkonsistenten Redaktion des Markion gerechnet, doch da er gerade die theologischen Positionen des Markion als Kriterium für seine eigene Rekonstruktion von Markions Texten herangezogen hat, hatte er sich selbst, wie Klinghardt scharfsinnig erkannte, ein wichtiges Fundament für die Rekonstruktion entzogen. 21 Nach Klinghardt gibt es zwei deutliche Fälle, die der für Marcion angenom‐ menen Theologie widersprechen. 1. Eine erste Zentralstelle ist *Ev 18,18-22: 22 a. Fragen und Antworten 709 <?page no="710"?> *Ev 18,18-22 Lk 18,18-22 18 Καὶ ἐπηρώτησέν τις αὐτὸν λέγων, Διδάσκαλε ἀγαθέ, τί ποιήσας ζωὴν αἰώνιον †σχήσω†; 18 Καὶ ἐπηρώτησέν τις αὐτὸν ἄρχων λέγων, Διδάσκαλε ἀγαθέ, τί ποιήσας ζωὴν αἰώνιον κληρονομήσω; 19 †ὁ δὲ†, †μή με λέγε† ἀγαθόν. εἷς ἐστιν ἀγαθός (†ὁ πατήρ†). 19 εἶπεν δὲ αὐτῷ ὁ Ἰησοῦς, Τί με λέγεις ἀγαθόν; οὐδεὶς ἀγαθὸς εἰ μὴ εἷς ὁ θεός. 20 ὁ δὲ εἶπεν Τὰς ἐντολὰς †οἶδα†·Μὴ ϕονεύσῃς, Μὴ μοιχεύσῃς, Μὴ κλέψῃς, Μὴ ψευδομαρτυρήσῃς, Τίμα τὸν πατέρα σου καὶ τὴν μητέρα. 20 τὰς ἐντολὰς οἶδας: Μὴ μοιχεύσῃς, Μὴ φονεύσῃς, Μὴ κλέψῃς, Μὴ ψευδομαρτυρήσῃς, Τίμα τὸν πατέρα σου καὶ τὴν μητέρα. 21 Ταῦτα πάντα ἐϕύλαξα ἐκ νεότητος. 21 ὁ δὲ εἶπεν, Ταῦτα πάντα ἐφύλαξα ἐκ νεότητος. 22 ἀκούσας δὲ ὁ Ἰησοῦς εἶπεν αὐτῷ, ἕν σοι λείπει· πάντα ὅσα ἔχεις πώλησον καὶ διάδος πτωχοῖς, καὶ ἕξεις θησαυρὸν ἐν τοῖς οὐρανοῖς, καὶ δεῦρο ἀκολούθει μοι. 22 ἀκούσας δὲ ὁ Ἰησοῦς εἶπεν αὐτῷ, Ἔτι ἕν σοι λείπει: πάντα ὅσα ἔχεις πώλησον καὶ διάδος πτωχοῖς, καὶ ἕξεις θησαυρὸν ἐν [τοῖς] οὐρανοῖς, καὶ δεῦρο ἀκολούθει μοι. *Ev 18,18-22 Lk 18,18-22 18 Und einer fragte ihn und sprach: „Guter Lehrer, was muss ich tun, um ewiges Leben zu erhalten? “ 18 Und einer von den führenden Männern fragte ihn: „Guter Lehrer, was muss ich tun, um ewiges Leben zu erben? “ 19 Darauf aber er: „Nenne mich nicht gut! Ein einziger ist gut, der Vater. 19 Ihm aber sagte Jesus: „Was nennst Du mich gut, keiner ist gut außer dem Ein‐ zigen, Gott. 20 Darauf aber sagte der: „Ich kenne die Gebote: Du sollst nicht töten. Du sollst nicht ehebrechen. Du sollst nicht stehlen. Du sollst kein falsches Zeugnis ablegen. Ehre Deinen Vater und Deine Mutter. 20 Du kennst doch die Gebote: Du sollst ehebrechen. Du sollst nicht töten. Du sollst nicht stehlen. Du sollst kein falsches Zeugnis ablegen. Ehre Deinen Vater und Deine Mutter.“ 21 Das alles habe ich seit meiner Ju‐ gend beachtet.“ 21 Der aber sagte: „Das alles habe ich seit meiner Jugend beachtet.“ 22 Als Jesus das aber hörte, sprach er zu ihm: „Eines fehlt Dir: Verkaufe alles, was Du hast, und gib es den Armen, dann wirst Du einen Schatz im Himmel haben. Und dann: Auf, und folge mir nach! “ 22 Als Jesus das aber hörte, sprach er zu ihm: „Eines fehlt Dir noch: Verkaufe alles, was Du hast, und gib es den Armen, dann wirst Du einen Schatz im Himmel haben. Und dann: Auf, und folge mir nach! “ 710 Teil IV: Ausblick <?page no="711"?> 23 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 1047. 24 Klinghardt zitiert sie irrtümlich als Röm 13,19a, vgl. M. Klinghardt, Das älteste Evan‐ gelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 139; K. Tsutsui, Das Evangelium Marcions. Ein neuer Versuch der Textrekonstruktion (1992), 116. Klinghardt kommentiert: „Denn in diesem *Ev-Text erklärt Jesus eindeutig, dass es erstens nur einen Gott gibt (was Marcions Annahme von zwei oder drei göttlichen Prinzipien diametral wider‐ spricht), dass zweitens dieser eine Gott gut ist (was der marcionitischen Gotteslehre mit der Unterscheidung von creator und deus bonus widerspricht) und dass drittens dieser eine, gute Gott der Gott der Gebote ist (was nicht zu dem angenommenen mar‐ cionitischen Antinomismus passt). *18,19 belegt daher für *Ev gleich drei der zentralen theologischen Aussagen, deren Beseitigung Marcions angebliche Bearbeitung des kanonischen Lk motiviert haben sollte; sie erlauben den Häresiologen die problemlose Widerlegung seiner Theologie aus dem Text seines Evangeliums. Deutlicher als hier lässt sich kaum zeigen, dass der angenommenen marcionitischen Redaktion des kanonischen Lk das dafür notwendige redaktionelle Konzept fehlt.“ 23 Zwar verweist Klinghardt auch auf Tsutsui, der bereits die Parallele in *Röm 13,9 herangezogen hatte, 24 betrachtet diese Stelle aber zur Erläuterung nicht weiter: *Röm 13,8-10 Röm 13,8-10 8 ὁ γὰρ ἀγαπῶν τὸν πλησίον νόμον πεπλήρωκε. 8 Μηδενὶ μηδὲν ὀφείλετε, εἰ μὴ τὸ ἀλλήλους ἀγαπᾶν: ὁ γὰρ ἀγαπῶν τὸν ἕτερον νόμον πεπλήρωκεν. 9 τὸ γὰρ οὐ φονεύσεις, οὐ μοιχεύσεις, οὐ κλέψεις, οὐ ψευδομαρτυρήσεις - ἀνακεφαλαιοῦται, ἐν τῷ Ἀγαπήσεις τὸν πλησίον ὡς σεαυτόν. 9 τὸ γὰρ Οὐ μοιχεύσεις, Οὐ φονεύσεις, Οὐ κλέψεις, Οὐκ ἐπιθυμήσεις, καὶ εἴ τις ἑτέρα ἐντολή, ἐν τῷ λόγῳ τούτῳ ἀνακεφαλαιοῦται, [ἐν τῷ] Ἀγαπήσεις τὸν πλησίον σου ὡς σεαυτόν. 10 ἡ ἀγάπη τῷ πλησίον κακὸν οὐκ ἐργάζεται: πλήρωμα οὖν νόμου ἡ ἀγάπη. 10 ἡ ἀγάπη τῷ πλησίον κακὸν οὐκ ἐργάζεται: πλήρωμα οὖν νόμου ἡ ἀγάπη. a. Fragen und Antworten 711 <?page no="712"?> 25 Tert., Adv. Marc. V 14,9: Haec si Marcion de industria erasit, quid apostolus eius exclamat, nullas intuens divitias dei, tam pauperis et egeni quam qui nihil condidit, nihil praedicavit, nihil denique habuit, ut qui in aliena descendit? („Wenn Markion aus Fleiß dies gelöscht hatte, was ruft sein Apostel, der keine Reichtümer Gottes zu betrachten hat, so arm und bedürftig wie derjenige, der nichts geschaffen hat, nichts angekündigt hat, schließlich nichts besitzt, der wie in ein Fremdes herabsteigt? “) 26 Tert., Adv. Marc. V 14,10: Inde ergo exclamatum est: O profundum divitiarum et sapientiae dei! cuius iam thesauri patebant. … Qui tanta de scripturis ademisti, quid ista servasti, quasi non et haec creatoris? *Röm 13,8-10 Röm 13,8-10 8- Wer den anderen liebt, hat das Gesetz erfüllt. 8 Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr einander liebt; denn wer den an‐ deren liebt, hat das Gesetz erfüllt. 9-Denn das: Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht fal‐ sches Zeugnis ablegen! sind zusammen‐ gefasst: Du sollst den Nächsten lieben wie dich selbst. 9 Denn das: Du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht begehren, und wenn es ein anderes Gebot gibt, es ist in diesem Wort zusammengefasst: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. 10-Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe die Erfül‐ lung des Gesetzes. 10 Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses; so ist nun die Liebe die Erfüllung des Gesetzes. Wie eng die beiden Texte gerade auf der vorkanonischen Ebene zusammen‐ stehen, ergibt sich bereits aus derselben Reihenfolge der Gebote vom Nichttöten, Nicht-die-Ehe-Brechen und Nicht-Stehlen, während die kanonische Ebene hier die ersten beiden Gebote in umgekehrter Reihenfolge bietet. Möglicherweise stand sogar das Nicht-Falsches-Zeugnis-Ablegen in der vorkanonischen Fas‐ sung von *Röm, was die Nähe der beiden Stellen noch stärker zum Ausdruck kommen ließe, während das Nicht-Begehren der kanonischen Fassung offen‐ kundig im vorkanonischen Text von *Röm gefehlt hat. Von diesem ist auch in *Ev und Lk nicht die Rede. Zunächst ist folglich wiederum eine Nähe von *Ev und *Paulus festzustellen. Nun stellt sich die Frage der Interpretation: stehen beide Stellen im dreifachen Widerspruch zur Theologie des Markion, wie Klinghardt meint, oder nicht? Tertullians Kommentar zu *Röm 11,33 („O Tiefe des Reichtums und der Weisheit Gottes! Und wie unerforschlich seine Wege! “) führt aus, dass Markion in diesem Gott nicht den Schöpfer, sondern den fremden, un‐ bekannten Gott liest, 25 der erst jetzt diese Reichtümer offenlege. 26 Auf diese Reichtümer kommt Tertullian schließlich zu sprechen, es seien „die Gebote des neuen Gottes, die wir betrachten“. 27 Zitiert wird zunächst *Röm 12,9-10: 712 Teil IV: Ausblick <?page no="713"?> 27 Tert., Adv. Marc. V 14,11: Plane novi dei praecepta videamus. 28 Tert., Adv. Marc. V 14,13: Merito itaque totam creatoris disciplinam principali praecepto eius conclusit, Diliges proximum tanquam te. 29 Tert., Adv. Marc. V 14,13: quis sit deus legis iam ignoro. Metuo ne deus Marcionis. 30 Tert., Adv. Marc. IV 36,4: de praeceptis creatoris an ea sciret. 31 Tert., Adv. Marc. IV 36,5: Resciditne Christus priora praecepta, non occidendi, non adulterandi, non furandi, non falsum testandi, diligendi patrem et matrem? an et illa servavit et quod deerat adiecit? 32 In Ps.-Hipp., Contra Noetum 11 wird Markion als Prediger „des Einen“ bezeichnet. Vgl. das abwägende Urteil „Marcion apparently took the separation between supreme and Creator deities much further than any of his contemporaries might have envisaged, until it becomes an unfathomable gulf, a gulf that can only be conceptualised in spatial language. Others, the so-called gnostics, did something similar, but they qualified it by a cosmological myth that would ultimately derive the Demiurge back from the transcendent deity. Marcion did not follow this path nor apparently did he have any alternative myth of origins; either this was not the inspiration of his thought or, more probably, it was unnecessary for his explanatory or soteriological purposes. It is therefore difficult to decide whether Marcion was ultimately a Monist, as might be claimed for Valentinus and as is asserted by Hippolytus, or a dualist; in part this is „9 Verabscheut das Böse, haltet fest am Guten! 10 In der Bruderliebe seid herzlich zueinander! “ Es folgen *Röm 12,12. 14. 16-19 („12 Freut euch in der Hoffnung, seid geduldig in der Bedrängnis! 14 Segnet, verflucht nicht! 16 Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch zu den Niedrigen! Haltet euch nicht selbst für klug! 17 Vergeltet niemand Böses mit Bösem! ↑19 Rechtfertigt Euch nicht selbst ↑, ↓18 Haltet mit den Menschen Frieden↓! “). An diese neuen Gebote schließt sich unmittelbar die zitierte Passage aus *Röm 13,8-10 an. Tertullian versucht nachzuweisen, dass Markion mit diesen Geboten „des neuen Gottes“ „das gesamte Gesetz des Schöpfers mit dessen Hauptgebot beschlossen habe“, nämlich dem Nächstenliebegebot aus *Röm 13,8. 28 Und doch gesteht er ein: Wenn man diese Gebote nicht dem Schöpfer zuschreibe, dann gehörten sie „Markions Gott“. 29 In ähnlicher Weise versucht Tertullian auch in seinem Kommentar zu *Ev 18,8-10 die dort angeführten Gebote ausdrücklich als solche des Schöpfers herauszustellen, 30 und dass Christus diese „früheren“ Gebote, wie Tertullian sie bezeichnet, nicht zurückgenommen, sondern lediglich ergänzt habe, was fehlte. 31 Tertullians Argumentation verdeutlicht demnach, entgegen der Interpretation Klinghardts: a. Markion liest den *Ev- und *Röm-Text tatsächlich so, dass es nur einen Gott, den Vater, gibt - Klinghardts Annahme, Markion habe zwei oder drei Prinzipien gelehrt, ist eine anachronistische Verzerrung und Retrojektion der Häresiologen. 32 Auch wenn Markion die Schöpfung auf einen Demi‐ a. Fragen und Antworten 713 <?page no="714"?> because, as will be seen below, it is not philosophical principles but scriptural imagery that shapes his account of the Demiurge“, so J.M. Lieu, Marcion and the Making of a Heretic: God and Scripture in the Second Century (2015), 336-337. urgen zurückgeführt hatte, hatte er gerade an einem einzigen unbekannten, fremden und guten Gott festgehalten. Darin unterscheidet er sich nicht wesentlich von einem jüdischen Vorgänger wie Philo von Alexandrien. b. Dieser Gott ist in der Tat der einzige, gute Gott, der Schöpfer hingegen ist Richter, wankelmütig usw., d. h. die Lehre von dem einzigen, guten Gott widerspricht gerade nicht der Unterscheidung von creator und deus bonus, diese Unterscheidung ist die Voraussetzung der Lehre vom einzigen, guten Gott, dem Vater. c. Dieser einzige, gute Gott ist in der Tat der Gott der Gebote, aber nicht, wie Klinghardt, der Argumentation Tertullians folgend, meint, der Gott der jüdischen Gebote, sondern der „neue Gott“ der neuen Gebote von Christi Thora, d. h. der Gebote, die mit denen übereinstimmen, welche in *Ev und *Ap zu finden sind. Dass sich ein Teil dieser Gebote auch in der jüdischen Thora findet, bestreitet Markion nicht - auch wenn dies für Tertullian das Hauptargument gegen ihn begründet -, auch wenn er mit *Ev 18,22 diese Gebote nochmals durch den Armutsaufruf in der Nachfolge Christi überbietet, ganz ähnlich wie er in *Röm 13,8 der Erfüllung des Gesetzes mit seinen Geboten das Liebesgebot voranstellt, das alle Gebote zusammenfasst (Röm 13,9). Wie zu sehen ist, bleibt von den von Klinghardt hervorgehobenen Widersprü‐ chen zwischen dieser Stelle in *Ev (und *Röm) und Markions theologischer Auffassung nichts. Tertullian hatte dies bereits scharf erkannt und darum sich auch so heftig darum bemüht, die Gebote und das Gesetz mit der „früheren“ Tradition zu identifizieren, doch dies war Teil seiner rhetorischen antimarkio‐ nitischen Strategie. Da BeDuhn bezüglich dieser Textstelle noch die weitere aus *Ev 10,26-28 hinzufügt, soll auch diese betrachtet werden: 714 Teil IV: Ausblick <?page no="715"?> 33 Tert., Adv. Marc. IV 25,15: In evangelio veritatis legis doctor dominum aggressus, Quid faciens, inquit, vitam aeternam consequar? In haeretico vita solummodo posita est, sine aeternae mentione. *Ev 10,25-28 Lk 10,25-28 25 ἰδοὺ νομοδιδάσκαλός τις ἀνέστη ἐκπειράζων αὐτὸν λέγων, τί ποιήσας ζωὴν σχήσω; 25 Καὶ ἰδοὺ νομικός τις ἀνέστη ἐκπειράζων αὐτὸν λέγων, Διδάσκαλε, τί ποιήσας ζωὴν αἰώνιον κληρονομήσω; 26 ὁ δὲ ἀποκριθεὶς εἶπεν 26 ὁ δὲ εἶπεν πρὸς αὐτόν, Ἐν τῷ νόμῳ τί γέγραπται; πῶς ἀναγινώσκεις; 27 Ἀγαπήσεις κύριον τὸν θεόν σου ἐξ ὅλης τῆς καρδίας σου καὶ ἐν ὅλῃ τῇ ψυχῇ σου καὶ ἐν ὅλῃ τῇ ἰσχύϊ σου 27 ὁ δὲ ἀποκριθεὶς εἶπεν, Ἀγαπήσεις κύριον τὸν θεόν σου ἐξ ὅλης [τῆς] καρδίας σου καὶ ἐν ὅλῃ τῇ ψυχῇ σου καὶ ἐν ὅλῃ τῇ ἰσχύϊ σου καὶ ἐν ὅλῃ τῇ διανοίᾳ σου, καὶ τὸν πλησίον σου ὡς σεαυτόν. 28 εἶπεν δὲ αὐτῷ, Ὀρθῶς εἶπες 28 εἶπεν δὲ αὐτῷ, Ὀρθῶς ἀπεκρίθης: τοῦτο ποίει καὶ ζήσῃ. *Ev 10,25-28 Lk 10,25-28 25 Siehe, ein Gesetzeslehrer stellte sich hin; er stellte ihn auf die Probe und sagte: „Was muss ich tun, um Leben zu erhalten? “ 25 Und siehe, ein Gesetzeskundiger stand auf, um ihn auf die Probe zu stellen, und fragte ihn: „Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben? “ 26 Er aber antwortete und sprach: 26-Er aber sprach zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? 27 „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen und mit deinem ganzen Leben und mit deiner ganzen Kraft! “ 27-Er aber antwortete und sprach: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und deinem ganzen Leben, mit deiner ganzen Kraft und deinem ganzen Denken, und deinen Nächsten wie dich selbst. 28 Er aber sprach zu ihm: „Du hast recht gesprochen.“ 28-Er aber sprach zu ihm: Du hast richtig geantwortet. Handle danach und du wirst leben! In Tertullians Kommentar, der das „Evangelium der Wahrheit“ dem „Häreti‐ schen“, also Markions, entgegensetzt, wird hervorgehoben, dass in diesem nicht vom „ewigen Leben“ die Rede sei, sondern schlicht vom „Leben“. 33 Tertullian stellt ausdrücklich heraus, dass Vers 27 sich auf die Thora beziehe, eben deshalb, weil dieser Bezug in Markions Text gefehlt habe. Tertullian wundert sich darum, wieso Jesus einem Gesetzeslehrer vorträgt, was dieser gewiss selbst bereits a. Fragen und Antworten 715 <?page no="716"?> 34 Eine erste Interpretation dieser Stelle habe ich gegeben in M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2. Jahrhundert (2022), 336-338. Man vergleiche *2Kor 3,3. 6 („3 Erkennbar seid ihr das Neue Testament Christi, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des Lebendigen, nicht auf Tafeln aus Stein, sondern auf fleischliche Tafeln des Herzens 6 des Neuen Testaments, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes. Denn der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig“) und auch die Position des Barnabasbriefs, wo es heißt (Barn 2,6): ταῦτα οὖν κατήργησεν, ἵνα ὁ καινὸς νόμος τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ, ἄνευ ζυγοῦ ἀνάγκης ὤν, μὴ ἀνθρωποποίητον ἔχῃ τὴν προσφοράν („Das also hat er abgeschafft, damit das neue Gesetz unseres Herrn Jesus Christus, das kein Zwangsjoch ist, nicht ein Opfer habe, das Menschenwerk ist“; Übers. BKV). Möglicherweise hatte Barn. Kenntnis vom vorkanonischen *Neuen Testament. gewusst hatte, wenn er sich denn auf das Leben, und nicht auf das künftige, das ewige und damit das nur Christen vorbehaltene Wissen bezöge. Sodann gibt Tertullian zu erkennen, dass Markions Text Vers 27 als „neues Gebot“ vorgestellt hatte (novum inferens praeceptum), was ja nur dann gelte, wenn es sich nicht auf die tägliche Gesetzespraxis des „Lebens“, sondern auf das „ewige Leben“ richte. Für unseren Zusammenhang ist wichtig, dass Tertullian durch seinen Kommentar kenntlich macht, dass *Ev gerade nicht als Referenz zur jüdischen Thora gelesen wurde, sondern als Verweis auf das „neue Gebot“ der Thora Christi. 34 Auf diesem Hintergrund versteht man darum auch die Differenz zwischen der vorkanonischen und der kanonischen Version dieser Passage. Die kanonische Redaktion reduziert die Autorität des Fragenden, indem sie ihn nur zum „Gesetzeskundigen“ (νομικός) macht, Jesus den Meistertitel verleiht und ihn zur eigentlichen Autorität erhebt. Mit dem Zusatz „ewiges“ zu „Leben“ verschiebt sie zudem den Inhalt in den spirituell-theologischen Raum. Und sie fügt hinzu, dass Jesus ausdrücklich auf die jüdische Thora verweist („Er aber sprach zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? “). Es handelt sich folglich nicht mehr, wie Tertullian den Vers noch gelesen hat, um ein neues Gebot, das Jesus anführt, sondern um das Gebot der jüdischen Schrift, das der Gesetzeskundige selbst in dieser Schrift liest! Betrachtet man sich diesen Text eingehend, erkennt man, dass er nachgerade das Gegenteil von dem verdeutlicht, was BeDuhn aus ihm herauslesen will. Er führt keinen Widerspruch, nicht einmal eine Inkonsistenz zur Vorstellung des Markion ein, sondern stellt eine markante These Markions vor Augen, die sowohl Tertullian wie die Redaktoren des kanonischen Textes erkannt und in ihr Gegenteil zu verkehren versucht haben. 2. Klinghardt führt ein weiteres Beispiel für einen angeblichen Widerspruch von *Ev und Markions Theologie an. Es handelt sich um *Ev 23,2: 716 Teil IV: Ausblick <?page no="717"?> 35 Klinghardt fügt hier in den vorkanonischen Text kursiv ein, d. h. ohne größere Gewissheit, dass der Text vorkanonisch gestanden oder abwesend war: „von uns, weil sie nicht getauft sind wie wir und nicht gereinigt“ (ἀπὸ ἡμῶν, οὐ γὰρ βαπτίζονται ὡς καὶ ἡμεῖς οὐδὲ καθαρίζονται καὶ λέγοντα). Nach der lexikalischen Untersuchung wird der Text jedoch eher abwesend gewesen sein. *Ev 23,1-5 Lk 23,1-5 1 Καὶ ἀναστάντες ἤγαγον αὐτὸν ἐπὶ τὸν Πιλᾶτον. 1 Καὶ ἀναστὰν ἅπαν τὸ πλῆθος αὐτῶν ἤγαγον αὐτὸν ἐπὶ τὸν Πιλᾶτον. 2 ἤρξαντο δὲ κατηγορεῖν αὐτοῦ λέγοντες, Τοῦτον εὕραμεν διαστρέϕοντα τὸ ἔθνος καὶ καταλύοντα τὸν νόμον καὶ τοὺς προϕήτας καὶ κελεύοντα ϕόρους μὴ δοῦναι καὶ ἀποστρέϕοντα τὰς γυναῖκας καὶ τὰ τέκνα καὶ λέγοντα ἑαυτὸν βασιλέα Χριστὸν εἶναι. 2 ἤρξαντο δὲ κατηγορεῖν αὐτοῦ λέγοντες, Τοῦτον εὕραμεν διαστρέφοντα τὸ ἔθνος ἡμῶν καὶ κωλύοντα φόρους Καίσαρι διδόναι -καὶ λέγοντα ἑαυτὸν Χριστὸν βασιλέα εἶναι. 3 ὁ δὲ Πιλᾶτος ἠρώτησεν αὐτὸν λέγων, Σὺ εἶ ὁ Χριστός; ὁ δὲ ἀποκριθεὶς αὐτῷ ἔϕη, Σὺ λέγεις. 3 ὁ δὲ Πιλᾶτος ἠρώτησεν αὐτὸν λέγων, Σὺ εἶ ὁ βασιλεὺς τῶν Ἰουδαίων; ὁ δὲ ἀποκριθεὶς αὐτῷ ἔφη, Σὺ λέγεις. 4 ὁ δὲ Πιλᾶτος εἶπεν πρὸς τοὺς ἀρχιερεῖς καὶ τοὺς ὄχλους, Οὐδὲν εὑρίσκω αἴτιον ἐν τῷ ἀνθρώπῳ τούτῳ. 5 οἱ δὲ ἐπίσχυον λέγοντες ὅτι Ἀνασείει τὸν λαὸν διδάσκων καθ’ ὅλης τῆς Ἰουδαίας, καὶ ἀρξάμενος ἀπὸ τῆς Γαλιλαίας ἕως ὧδε. 4 ὁ δὲ Πιλᾶτος εἶπεν πρὸς τοὺς ἀρχιερεῖς καὶ τοὺς ὄχλους, Οὐδὲν εὑρίσκω αἴτιον ἐν τῷ ἀνθρώπῳ τούτῳ. 5 οἱ δὲ ἐπίσχυον λέγοντες ὅτι Ἀνασείει τὸν λαὸν διδάσκων καθ’ ὅλης τῆς Ἰουδαίας, καὶ ἀρξάμενος ἀπὸ τῆς Γαλιλαίας ἕως ὧδε. *Ev 23,1-5 Lk 23,1-5 1 Und sie erhoben sich und führten ihn zu Pilatus. 1 Und es erhob sich die ganze Menge von ihnen und sie führten ihn zu Pilatus. 2 Sie fingen an, ihn anzuklagen, indem sie sagten: „Wir haben gefunden, dass dieser das Volk verhetzt; und das Ge‐ setz und die Propheten auflöst; und befiehlt, keine Steuern zu zahlen; und die Frauen und Kinder abspenstig macht 35 und sagt, er selbst sei der König Christus.“ 2 Sie fingen aber an, ihn anzuklagen, indem sie sagten: Wir haben gefunden, dass dieser unser Volk verhetzt und verhindert, keine Steuern dem Kaiser zu zahlen und sagt, er selbst sei der König Christus. 3 Aber Pilatus fragte ihn und sagte: „Bist du der Christus? “ Er aber antwor‐ tete ihm und sprach: „Du sagst es.“ 3 Aber Pilatus fragte ihn und sagte: „Bist du der König der Juden? “ Er aber antwor‐ tete ihm und sprach: „Du sagst es.“ a. Fragen und Antworten 717 <?page no="718"?> 36 Klinghardt zitiert hier J.E.C. Schmidt, Ueber das ächte Evangelium des Lucas, eine Vermuthung (1796), 483. 37 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band-1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 141-142. 38 Tert., Adv. Marc. IV 42,1: Vos dicitis, sic pronuntiasset, hoc se esse quod dicerent. 39 So bereits E. Klostermann, Das Lukasevangelium (1929), 223. *Ev 23,1-5 Lk 23,1-5 4 Pilatus aber sprach zu den Hohenprie‐ stern und zu der Menge: „Ich finde keinen Schuldgrund an diesem Menschen.“ 4 Pilatus aber sprach zu den Hohenprie‐ stern und zu der Menge: „Ich finde keinen Schuldgrund an diesem Menschen.“ 5 Aber sie blieben hartnäckig und sagten: „Er wiegelt das Volk auf in ganz Judäa und angefangen von Galiläa bis hierher.“ 5 Aber sie blieben hartnäckig und sagten: „Er wiegelt das Volk auf in ganz Judäa und angefangen von Galiläa bis hierher.“ Deutlich erkennbar ist der für *Ev bezeugte Text erheblich länger als der kanonische Text. Wir haben es an dieser Stelle folglich mit einer Textreduktion durch die kanonische Redaktion zu tun. Klinghardt kommentiert: „Sehr viel schwerer als die überlieferungsgeschichtlichen Beobachtungen wiegt aber der unübersehbare Umstand, dass der - aus Sicht von *Ev eindeutig falsche - Vorwurf der Auflösung von Gesetz und Propheten der für Marcion angenommenen Theologie diametral widerspricht: Wenn Marcion eine theologisch induzierte Bearbeitung des Lk vorgenommen haben sollte, dann hätte er an dieser Stelle in der Tat »seinem Zwecke entgegen« geändert! 36 Im Horizont des altkirchlichen Verstümmelungsvorwurfs ist es schlechterdings undenkbar, dass Marcion diese Art von Sympathie für »Gesetz und Propheten« an den Tag gelegt haben soll. Aufschlussreich ist dabei nicht nur das Phänomen selbst, sondern auch seine Behandlung durch die Vertreter der Lk-Priorität: Sie haben diesen redaktionellen Unterschied nur nebenhin zur Kenntnis genommen, die gravierenden Folgen, die er für ihre eigene Theorie aufwarf, aber weder vermerkt noch gar zu lösen versucht.“ 37 Wieder ist es hilfreich, Tertullians Kommentar zur Kenntnis zu nehmen. Er liest im Text, dass Christus durch das zweimalige „Du sagst es“ die Anschuldigungen nicht von sich gewiesen hat. 38 Damit trifft er den Sinn der Stelle genauer als Klinghardt. Denn nicht alle der vom Volk vorgetragenen Anschuldigungen sind „eindeutig falsch“, wenn Jesus nach dem vorliegenden Text den Beschuldi‐ gungen auch „keine unbedingte Bejahung“ zollt. 39 Ganz zu leugnen sind die Vorwürfe wiederum nicht - in Markions Version von *Paulus heißt es etwa *Röm 10,4, Christus sei „das Ende des Gesetzes“ und in *Laod 2,15: „… der 718 Teil IV: Ausblick <?page no="719"?> 40 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 715. 41 Klinghardt verweist hier auf diese bereits von Bovon vorgetragene These, F.o. Bovon, Das Evangelium nach Lukas Teilband 2 Lk 9,51-14,35 (1996), 25. 42 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 788-789. 43 Klinghardt verweist hier auf A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 239*; K. Tsutsui, Das Evangelium Marcions. Ein neuer Versuch der Textrekon‐ struktion (1992), 129. das Gesetz der Gebote in seine Edikte aufgehoben hat“ -, auch wenn der Text Pilatus gewissermaßen entschuldigt, da Pilatus Jesus für unschuldig hält. Eine gewisse Volksverhetzung lässt sich nicht leugnen, wie denn auch die Hartnäckigkeit der Hohenpriester und der Menge unterstreicht, die auf Jesu Wirktätigkeit von Galiläa bis nach Jerusalem verweisen. Aus diesem Text jedoch eine antimarkionitische Position zu lesen, erscheint mir eine Überinterpretation zu sein, insbesondere, wenn wir den Text mit dem der kanonischen Redaktion vergleichen. Überdies meint Klinghardt, die kanonische Redaktion zeichne sich durch eine antimarkionitische Tendenz aus. Diese macht er etwa fest an: Lk 8,28: „Die Dämonen erkennen Jesus in der Tat als Sohn des höchsten Gottes an. Wenigstens für Lk 8,28 liegt die Vermutung nahe, dass diese Präzisierung auch eine antimarcionitische Intention verfolgt hat.“ 40 Lk 9,55-56: „… die lk Redaktion Elemente des vorkanonischen Textes gestrichen hat, um auf diese Weise ein theologisches Problem aus der Welt zu schaffen: Die theologische Begründung der Kritik Jesu an den Jüngern für ihren Eifer. … Wenn der implizierte Gegensatz zwischen dem alttestamentlichen Vorbild und dem Verhalten des Menschensohns für den redaktionellen Eingriff verantwortlich ist, dann lässt sich dies am ehesten als eine antimarcionitische Maßnahme verstehen. 41 Sie macht die generelle Bearbeitungsabsicht der lk Redaktion deutlich, ohne dass diese sich darauf reduzieren lässt.“ 42 Lk 24,27: „Die Unvereinbarkeit der Aussage von 24,27 mit der für Marcion angenom‐ menen Theologie bildet dann auch den Hintergrund des einhelligen Urteils der Vertreter der Lk-Priorität, dass dieser Vers (durch Marcion) »sicher gestrichen« sei. 43 Allerdings muss das Fehlen von V. 27 genau anders herum erklärt werden: Nicht Marcion hat ihn aus Lk gestrichen, sondern Lk hat ihn zu *Ev ergänzt. An dieser Stelle lässt sich einmal mehr das Problem der »redaktionellen Plausibilität« demonstrieren: a. Fragen und Antworten 719 <?page no="720"?> 44 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 1289. Wäre Marcion daran interessiert gewesen, die theologische Bedeutung von »Gesetz und Propheten« für das Verständnis Jesu durch die Streichung einzelner Aussagen in seinem Evangelientext zu eliminieren, hätte sich dieses Interesse noch an anderer Stelle (z. B. in *6,27; *16,31 usw.; s. jeweils dort) niederschlagen müssen: Eine gezielte Beseitigung der Aussagen über Gesetz und Propheten lässt sich für *Ev eben nicht wahrscheinlich machen. Dagegen ist eine (ebenso gezielte! ) Ergänzung von *Ev um die prophetische Funktion der Schrift in Lk 24,27 ohne weiteres plausibel: Sie konstituiert das hermeneutische Konzept, das die lk Redaktion vor allem in Kap. 24 entfaltet hat und erweist sich durchgängig in den entsprechenden Zusätzen.“ 44 Wenn folglich die kanonische Redaktion sich durch eine antimarkionitische Tendenz auszeichnet, die Vorwürfe, wie Klinghardt sie interpretiert, jedoch „eindeutig falsch“ wären, die in *Ev 23,2 stehen, warum hätte dann die kanoni‐ sche Redaktion etwa den Vorwurf, Jesus habe „das Gesetz und die Propheten auf[ge]löst“ und „die Frauen und Kinder abspenstig gemacht“, gestrichen, und ihn damit noch stärker entschuldet, als dies Pilatus tut? Liest man den Text hingegen wie Tertullian und Klostermann, dann greift Pi‐ latus lediglich den letzten Vorwurf auf, nach *Ev einen theologisch gewendeten Vorwurf, der von der Menge politisch gemeint war, nach Lk den messianisch-jü‐ disch-politischen Vorwurf („König der Juden“), eine ethnische Interpretation der Messianität, die Markion in seinen Antithesen gerade abgelehnt hatte. Die Auflösung von Gesetz und Propheten und das Abspenstig machen von Frauen und Kindern waren folglich keine ganz falschen Behauptungen, die gegen Markions Vorstellung sprächen, sondern sie waren ganz im Gegenteil der markionitischen Position so nahe stehend, dass sie die kanonische Redaktion aus dem Text entfernt hatte, wie sie auch die rein theologische Frage des Pilatus in eine messianisch-jüdisch-politische verändert hatte. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass keine der Belegstellen für eine antimarkionitische Position von *Ev stichhaltig ist, hingegen der markionitische Charakter dieser Stellen, gerade im Licht der Reaktion Tertullians und der kanonischen Redaktion mehr als wahrscheinlich ist. Methodologisch ist außerdem anzumerken, dass Klinghardt insoweit der älteren apologetischen Tradition folgt, indem von einem redaktionellen Kon‐ zept Markions gesprochen wird, das man dem häretischen Redaktor, der eine orthodoxe Vorlage zurechtzimmert, zuschreibt. Auch wenn Klinghardt gegen die Vertreter der Lukaspriorität einwendet, dass man Markion ein solches 720 Teil IV: Ausblick <?page no="721"?> 45 T. Flemming, Die Textgeschichte des Epheserbriefes. Marcion änderte nichts: Eine grundlegend neue Perspektive auf den Laodicenerbrief (2022). redaktionelles Konzept gerade nicht nachsagen könne, weil der Text - auch wenn, wie hier gezeigt, zu Unrecht - Inkonsistenzen zu Markions Theologie aufweise, so stimmt doch die Logik des Arguments in dreierlei Hinsicht nicht. 1. Wenn *Ev nicht von Markion stammt, „Marcion änderte nichts“, 45 und Markion den Text lediglich benutzt hätte, dann testiert man Markion, dass er einen nicht oder nur teilweise mit seiner Theologie übereinstimmenden Grundlagentext benutzt hatte und benutzen konnte. Wenn für Markion solche Inkonsistenzen bei der Benutzung möglich waren, wieso schließt man aus, dass er solche Inkonsistenzen nicht selbst hätte herstellen oder stehen lassen können? 2. Inkonsistenzen, sollte es sie denn gegeben haben, treten schärfer hervor, wenn man einen Text bearbeitet, als wenn man einen Text abfasst. Nur wenn man bereits von einem häretischen Profil des Markion ausgeht, wird man ein scharfes, konsistentes Profil eines markionitischen Textes erwarten. Sollte aber nach Klinghardt *Ev die Priorität vor Lk und allen anderen Evangelien haben, dann handelt es sich um einen Ersttext, der, wie oben gezeigt, Jahrzehnte vor irgendeiner Häretisierung Markions liegt. Bei einem solchen Frühtext in einer erst entstehenden Diskussion würden gewisse Inkonsistenzen, die sich erst aus einem später von Häresiologen gezeichneten Bild ergeben, nicht verwundern. Dies gilt erst recht, wenn, wie angenommen, Markion auf eine noch nicht näher bestimmbare, aber sich wohl von *Ev unterscheidbare Vorlage oder Vorlagen zurückgegriffen und diese redaktionell bearbeitet hätte. 3. Stimmen die oben gemachten Beobachtungen und handelt es sich gar nicht um Inkonsistenzen, sondern bestenfalls um Unschärfen, passen diese sehr wohl zur Positionierung von *Ev gegenüber den anderen Evangelien und sprechen nicht gegen Markions redaktionelle Tätigkeit mit Blick auf *Ev. Hatte er die beiden Briefvorlagen bearbeitet, wird er auch möglicherweise ihm zur Verfügung gestandene Vorlage(n) von *Ev bearbeitet haben. Kommen wir zu den Inkonsistenzargumenten BeDuhns, soweit sie sich nicht bereits mit den von Klinghardt genannten überschneiden: Wie Klinghardt stellt auch BeDuhn die Frage „Warum beinhalten seine [Mark‐ ions] Textversionen soviel Material, das in offenem Konflikt mit seinen eigenen Ideen steht? “ 46 In der Schlussfolgerung geht BeDuhn bei seiner englischspra‐ chigen Rekonstruktion von *Ev und *Ap „nicht davon aus, dass Markion die a. Fragen und Antworten 721 <?page no="722"?> 46 „Why do his versions of the texts contain so much material in direct conflict with his own ideas? “, J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 32. 47 „… does not assume that Marcion edited the texts; neither does it accept uncritically Marcion’s own implicit claims for the authenticity of the form of the texts he canonized“, ibid. 33. 48 „Marcion did not edit a single exemplar of the Evangelion from which all copies of the Marcionite New Testament were made. Perhaps, then, he did not edit the Evangelion at all, and possibly the same was true of the Apostolikon. Definitive conclusions about these possibilities await further research“, ibid. 58. 49 „Jesus repeatedly presumes a judgment to which people will be subject (6.24-25; 11.4; 12.5; 12.8-10; 12.47-48; 13.27-28; 16.22ff.; 17.2; 21.34-35; 22.22), even though the Marcionites refused to associate God or Jesus with any sort of judgment.“ ibid. 73 50 Vgl. hierzu das ausführliche Kapitel M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2.-Jahrhundert (2022), 305-351. Texte redaktionell bearbeitet hat, auch werden die impliziten eigenen Behaup‐ tungen Markions nicht unkritisch zugrundegelegt, wonach die Texte, die er kanonisierte, die authentische Form böten.“ 47 Wenig später formuliert BeDuhn noch deutlicher: „Markion bearbeitete nicht ein einziges Exemplar des Evangeliums, von dem alle Abschriften des markionitischen Neuen Testaments gemacht wurden. Vielleicht also bearbeitete er das Evangelium überhaupt nicht, und möglicherweise gilt dasselbe für das Apostolikon. Endgültige Schlüsse über diese Möglichkeiten bleiben künftiger Forschung vorbehalten.“ 48 *Ev 6,24-25 (und so auch *Ev 11,4; 12,5. 8-10; 12,47-48; 13,27-28; 16,22ff.; 17,2; 21,34-35; 22,22): „Jesus nimmt wiederholt ein Urteil an, dem Menschen unterworfen sein werden …, auch wenn die Markioniten Gott oder Jesus mit keinem Urteil in Verbindung bringen wollten.“ 49 Zu den Weherufen, die im Zusammenhang der Makarismen der Feldpredigt stehen, und zu den weiteren hier vermerkten Weherufen habe ich ausführlich in meinem Buch „Christi Thora“ Stellung genommen und gezeigt, dass die Weherufe zum einen in einem direkt reziproken Verhältnis zu den Makarismen stehen, sie sind folglich keine Verfluchungen, sondern Einladungen zu Makarismen, wie umgekehrt die Makarismen keine solchen zur Privilegierung oder Überheblichkeit darstellen, sondern in die Dynamik von Zuspruch und Verpflichtung führen. Hinzu kommt, dass es für Markion nicht um eine Absenz von Urteil oder gar Drohung geht, sondern - wogegen Tertullian bereits argumentiert - um eine Selbstverurteilung des Menschen. Nicht Gott oder Christus droht und urteilt, sondern Gott und Christus weisen lediglich darauf hin, dass die Menschen sich selbst verstricken und verderben, wovor sie Gott und Christus gerade bewahren wollen. 50 722 Teil IV: Ausblick <?page no="723"?> 51 „Only one God is mentioned in the Evangelion; nothing is said of a distinct demiurge responsible for this world, as found in Marcionite belief. Contrary to the latter, God plays a direct role in managing the earth. He feeds the ravens (12.24) and clothes the grass (12.28) gratuitously, and so can be relied upon to feed and clothe human beings, too“, J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 72. 52 Vgl. Ibid. 73. 53 Tert., Adv. Marc. IV 6,3: Constituit Marcion alium esse Christum qui Tiberianis temporibus a deo quondam ignoto revelatus sit in salutem omnium gentium, alium qui a deo creatore in restitutionem Iudaici status sit destinatus quandoque venturus. Inter hos magnam et omnem differentiam scindit, quantam inter iustum et bonum, quantam inter legem et evangelium, quantam inter Iudaismum et Christianismum. 54 „Although Jesus at times disassociates himself from the role of punisher (9.54-55), at other times his words sound threatening (e.g., 12.49, 51) in a manner not in accord with Marcionite Christology“, J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 71. *Ev 12,24. 28: „Nur ein Gott wird im Evangelium erwähnt, ein davon unterschiedener Demiurg, der für die Welt verantwortlich wäre, wie man ihn im markionitischen Glauben findet, bleibt unerwähnt. Im Gegensatz dazu spielt Gott eine direkte Rolle bei der Bemühung um die Erde. Er füttert die Raben (*Ev 12,24) und kleidet das Gras (*Ev 12,28).“ 51 Allerdings beobachtet BeDuhn, dass zwar vom „Gott, der ‚Herr des Himmels‘“ (*Ev 10,21), die Rede ist, doch nicht, wie in der kanonischen Parallele, von „und der Erde“, 52 was folglich Raum für einen Demiurgen lässt oder zumindest einer kanonisch-redaktionellen Verdeutlichung bedurfte. Hier handelt es sich m. E., wie gerade das letzte Argument erweist, nicht um eine Spannung, schon gar nicht um eine Inkonsistenz, sondern um ein eher typisches Phänomen, das zu Markion passt. Da sein theologischer Fokus gerade nicht die „Erde“, sondern die Transzendenz, also der „Himmel“, ist, wird man auch nicht erwarten dürfen, dass die Botschaft Jesu sich auf diese Welt oder deren Demiurgen bezieht. Mehr zum Demiurgen sei weiter unten zu *Paulus ausgeführt. Dass sich der Gott des Himmels nicht nur um das Heil des Menschen besorgt, sondern auch Tier- und Pflanzenbeispiele herangezogen werden, unterstreicht lediglich, dass sich der Gott von *Ev um ein universales Heil kümmert, worauf bereits Markions Antithesen einen Hinweis geben, wenn Markion sich von einem partikularen Gottes- und Messiasbegriff absetzt, der sich lediglich um die Wiederherstellung des jüdischen Status kümmert. 53 *Ev 12,49. 51: „Auch wenn Jesus sich bisweilen von der Rolle des Bestrafenden absetzt (*Ev 9,54-55), klingen seine Worte an anderen Stellen bedrohlich (*Ev 12,49. 51), in einer Weise, die nicht mit markionitischer Christologie übereinstimmt.“ 54 Dieses Thema klang bereits zuvor zu den Weherufen an. Ebenfalls in meinem Buch „Christi Thora“ wird auf diese Passage detailliert eingegangen. 55 Für Tertullian war dieser Passus von Bedeutung, denn er konnte an ihm zeigen, wie schwer sich a. Fragen und Antworten 723 <?page no="724"?> 55 M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2. Jahrhundert (2022), 312-316. 56 Ibid. 315. Markion mit diesem Text getan hat. In „Christi Thora“ habe ich ausgeführt: „Tertullian informiert uns, dass Markion das Feuer, das Jesus auf die Erde werfen will, als emphatische Ausdrucksweise deutet, die den erbitterten Kampf zwischen einem nicht verurteilenden und einem verurteilenden Gott anzeigt. In der Konsequenz führt dies zwar nicht zu Verbrennungen von Menschen, aber zum Schwert als Metapher der Spaltung. Markion ist sich demnach bewusst, dass sein Christusbild wie überhaupt dieses Evangelium zu einer Hausspaltung führt, wörtlich genommen zu einer Spaltung von Familien, und zwar sowohl der engsten Bande zwischen Vater und Sohn und Mutter und Tochter wie zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter, im übertragenen Sinn zu einer Spaltung des einen jüdischen Kults zwischen Alt und Jung, zwischen Tradition und Innovation. Verständlich ist darum auch an dieser Stelle das Bemühen seiner Leserschaft, mit diesem provokanten Text umzugehen. Mk wie Joh lassen ihn beiseite, Mt und Lk ändern die Stoßrichtung. Mt lässt das Feuerbeispiel aus und bewahrt lediglich die Entzweiung der Jüngeren und Älteren, von untereinander verfeindeten Hausgenossen, Lk verbindet das Feuerbeispiel mit dem Topos der Taufe als Vorausschau auf Jesu Tod, er historisiert und spiritualisiert also den Text und nimmt ihm die antithetische Schärfe zwischen gütigem und gerechtem Gott. Doch gleich ob Tertullian Markion korrekt las, und wie sehr Markion mit dieser Passage sich bemühte umzugehen, so erkennen wir zunächst einmal, dass sich Markion offenkundig nicht nur für seine eigene Vorstellung leichtgängige Texte aus der mündlichen Tradition ausgewählt hatte, sondern einem Schatz an Vorgaben folgte, die auch ihn und seine eigene Vorstellung von Christus und Gott infrage stellen konnten. Dies spricht für eine gewisse Quellentreue, die er vermutlich nicht anders als im Fall der Paulusbriefe an den Tag legt.“ 56 Selbst wenn man hier nicht überzogen von Widerspruch zu oder Inkonsistenz in Markions Vorstellung sprechen kann, so haben doch Tertullian und wie er BeDuhn den Finger in eine Wunde gelegt - *Ev bietet Texte, mit denen offenkundig auch Markion Probleme hatte. Löst man sich jedoch von dem Erklärungsmuster, dass ein Häretiker einen orthodoxen Text verstümmelt und zurechtgestutzt hat, und geht man hingegen davon aus, dass hier ein Autor oder Redaktor Materialien (vielleicht bereits eine Sammlung) verarbeitet, denen gegenüber er sich verpflichtet sieht und sie trotz redaktionellem Interesse möglichst umfassend bietet, dann wird man gerade die Präsenz von Texten, mit denen auch Markion interpretatorische Mühe hatte, zur Verlässlichkeit von Markion und nicht gegen dessen Autoren- oder Redaktortätigkeit rechnen. *Ev 19,10: „Jesus sieht seine Rolle darin, zu retten, ‚was verloren gegangen war‘ (*Ev 19,10; vgl. *Ev 15,4ff), was nicht mit markionitischen Ansichten des neuen und 724 Teil IV: Ausblick <?page no="725"?> 57 „Jesus sees his role as rescuing ‚that which had been lost‘ (19.10; cf. 15.4ff.), which does not correspond with Marcionite views of the novel and gratuitous nature of God’s intervention on behalf of the people of this world.“ J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 71. 58 „Jesus implies that he and John derive their authority from the same source (20.3-8), an idea sharply at odds with Marcionite views.“ ibid. 76. 59 M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2. Jahrhundert (2022), 235. 60 „Jesus discusses the resurrection from the dead (20.35), and his own resurrection has a physical character (24.39, 41-42), in contrast to Marcionite rejection of the idea gnadenvollen Wesens von Gottes Eingreifen für die Menschen dieser Welt korrespon‐ diert.“ 57 Ich muss gestehen, dass ich dieses Argument BeDuhns nicht verstehe. Das einzige Problem, das Tertullian näher ausführt, ist die Beschränkung der Errettung dessen, „was verloren gegangen war“, und er impliziert, Markion meine damit nicht den ganzen Menschen, sondern lediglich die Seele - diese nämlich sei das Verlorene und nur dieses werde nach Markion gerrettet. Das entspricht natürlich dem, was Markion in *1Kor 5,3. 5 gelesen hatte („3 Ich urteile, 5 diesen Menschen dem Satan zu übergeben zum Verderben seines Fleisches, damit sein Geist am Tag des Herrn gerettet wird“), und noch deutlicher *1Kor 15,50 („denn dies sage ich, Brüder und Schwestern, dass Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht erben werden; das Verwesliche erbt nicht das Unverwesliche“). *Ev 20,3-8: „Jesus impliziert, dass er und Johannes ihre Autorität aus derselben Quelle erhalten (*Ev 20,3-8), eine Vorstellung die in scharfem Widerspruch zu markioniti‐ schen Ansichten steht.“ 58 Wie ich ebenfalls in meinem Buch „Christi Thora“ ausgeführt habe, sehe ich diesen scharfen Widerspruch nicht, sondern lese die Stelle anders als BeDuhn: „Sowohl nach *Ev wie nach Lk verweigert Jesus, Auskunft über den Ursprung seiner eigenen Vollmacht zu geben, weil die Pharisäer aus Furcht vor dem Volk keine Stellung beziehen. Dennoch legt die Geschichte nahe, dass sie aus eigenen Stücken sehr wohl Johannes für nichts anderes als einen Menschen hätten halten wollen. Hieran schließt sich jedoch die Kritik an dem Prophetenglauben des Volkes an, womit *Ev die Antithese verbindet zwischen Jesus, dessen Vollmacht tatsächlich einen himmlischen Ursprung hat, und Johannes, dem diese himmlische Vollmacht nur von den Menschen zugeschrieben wird, sei es aus Unkenntnis des Volkes oder aus Furcht der Pharisäer. Aus derselben Furcht heraus wollen die Pharisäer schließlich Hand an Jesus legen.“ 59 *Ev 24,39. 41-42: „Jesus diskutiert die Auferstehung von den Toten (*Ev 20,35), und seine eigene Auferstehung besitzt eine physische Natur (*Ev 24,39. 41-42), was im Kontrast zur markionitischen Verwerfung des Gedankens einer physischen Auferste‐ hung steht.“ 60 Anders als BeDuhn lese ich auch diese Stelle, wie ich bereits vor langer Zeit dargelegt habe. 61 Während die Parallelperikope in Lk gerade die Physikalität und a. Fragen und Antworten 725 <?page no="726"?> of physical resurrection“, J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 72. 61 M. Vinzent, Der Schluß des Lukasevangeliums bei Markion (2002). 62 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 1297-1298. 63 Ibid. 1298. 64 M. Vinzent, ‚Ich bin kein körperloses Geistwesen‘. Zum Verhältnis von Kerygma Petri, „Doctrina Petri“ und IgnSm III (1999). 65 Vgl. auch H.E. Lona, Über die Auferstehung des Fleisches. Studien zur frühchristlichen Eschatologie (1993). Fleischlichkeit an dieser Stelle unterstreicht (Lk fügt hinzu: ψηλαφήσατέ με καὶ ἴδετε, ὅτι; „Fasst mich doch an und begreift“), versuchte bereits Tertullian „die Marcioniten in sarkastischem Ton des Selbstwiderspruchs zu überführen“ und „es überrascht nicht, dass seine gewundene Erklärung über die tortuositas und Inkonsequenz der vermeint‐ lichen Redaktion Marcions gerade in diesem Kontext begegnet.“ 62 Wie Klinghardt richtig hervorhebt, findet sich nämlich in Vers *Ev 24,37 das Stichwort φάντασμα, während in *Ev 24,39 das synonym verwendete πνεῦμα steht. Klinghardt kommentiert richtig: „unabhängig von Tertullians Argumentation bleibt das Problem bestehen, dass *Ev in *24,37. 39 zwei unterschiedliche, aber offensichtlich synonym verwendete Begriffe enthielt (ϕάντασμα; πνεῦμα), während die kanonische Fassung in beiden Fällen πνεῦμα bietet. Im Rahmen der Lk-Priorität erscheint dieser Wechsel als beab‐ sichtigte begriffliche Differenzierung; für diese gibt es jedoch nicht den geringsten Anhaltspunkt. Unter der umgekehrten Annahme der *Ev-Priorität löst sich dieses Problem jedoch in Wohlgefallen auf, denn in diesem Fall hat die lk Redaktion genau das getan, was man von einer Redaktion erwartet: Sie beseitigt Unklarheiten und vereinheitlicht die unterschiedliche, aber offensichtlich synonyme Begrifflichkeit. Der viel diskutierte Wortlaut von *24,37. 39 bestätigt auf diese Weise noch einmal die An‐ nahme der *Ev-Priorität.“ 63 Darüber hinaus zeugt aber auch die kanonische Redaktion erneut dafür, wie *Ev gelesen wurde, und wo die Redaktion Nachbesserungsbedarf sah. Offenkundig verstand sie den Text (ähnlich der Kritik des Tertullian und wiederum wie BeDuhn) nicht als Erweis einer physischen Auferstehungsbehauptung, sondern störte sich am Begriff des Phantasmas, strich diesen und ersetzte ihn mit πνεῦμα, fügte aber auch noch zwei deutliche Zusätze hinzu: ψηλαϕήσατέ με καὶ ἴδετε und σάρκα καί. Wie sehr gerade diese Aussagen innerhalb einer antimarkionitischen und antidoketischen Debatte des späten zweiten Jahrhunderts auch in weiteren Schriften (IgnSm; Doctrina Petri; Origenes, De principiis) eine Rolle spielten, habe ich bereits an früherer Stelle ausgeführt. 64 Diese Debatte und die kanonische Redaktion belegen, dass der Text in *Ev von Antidoketen als anstößig empfunden wurde und man ihn für ein physisches Verständnis der Auferstehung zu verdeutlichen suchte. 65 BeDuhns 726 Teil IV: Ausblick <?page no="727"?> 66 Ich biete seine Liste bereinigt um solche Zitate, die in der untenstehenden Rekonstruk‐ tion nicht begegnen, und umgestellt auf LXX. Behauptung von einem antimarkionitischen Sinn dieser Stelle in *Ev fehlt demnach die Grundlage. BeDuhns Schlussfolgerung, dass *Ev „weder mehr noch weniger mit markio‐ nitischer Theologie wie mit ‚orthodoxer‘ Theologie übereinstimmt“ und dass folglich „nichts spezifisch ‚Markionitisches‘ hinzugefügt wurde“, steht in deut‐ lichem Kontrast zu den bereits zu Klinghardt und nochmals zu den obigen Ausführungen hinzugefügten Beobachtungen. Während BeDuhn nicht anders als Klinghardt an verschiedenen Stellen korrekt auf die Übereinstimmung zwischen markionitischer Theologie und *Ev hinweist, führen bei beiden die Gegenbeispiele, die einen Widerspruch oder auch nur eine Inkonsistenz zwi‐ schen *Ev und Markion aufzeigen sollen, zum Gegenteil und erweisen desto stärker den markionitischen Charakter von *Ev. Fügen wir noch BeDuhns parallel gelagerte Ausführungen zu *Paulus hinzu. Zunächst bietet BeDuhn eine lange Liste von Zitaten aus der jüdischen Schrift, die auch bei *Paulus begegnen: 66 *Gal 3,11 (Hab 2,4) *Gal 3,13 (Dtn 21,23) *Gal 4,22 (Gen 16,15; 21,2) *Gal 5,14 (Lev 19,18; vgl. *Ev 10,27; Lk 10,27) *1Kor 1,19 ( Jes 29,14) *1Kor 1,31 ( Jer 9,23) *1Kor 2,16 ( Jes 40,13) *1Kor 3,19 ( Job 5,12) *1Kor 3,20 (Ps 93,11) *1Kor 9,9 (Dtn 25,4) *1Kor 10,7 (Ex 32,6) *1Kor 14,21 ( Jes 28,11-12) *1Kor 15,45 (Gen 2,7) *1Kor 15,54-55 (Hos 3,14; Jes 13,14) *2Kor 4,6 (vgl. Gen 1,3-4; Ijob 35,17) *2Kor 13,1 (Dtn 19,15) *Röm 2,24 ( Jes 52,5) *Röm 11,34-35 ( Jes 40,13-14) *Röm 12,17 (Lev 19,18) *Röm 12.19 (Dtn 32,35) *Laod 4,8 (Ps 67,19) a. Fragen und Antworten 727 <?page no="728"?> 67 Liste und Kommentar in J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 212. 68 „It simply is not plausible to propose ideological motives for the differences between the Apostolikon and the catholic text of Paul’s letters,“ ibid. *Laod 5,14 ( Jes 26,19; 51,17 oder 60,1) *Laod 5.31 (Gen 2.24) *Laod 6,2 (Ex 20,12) Hierzu kommentiert BeDuhn, 67 Markion habe all diese Verse der jüdischen Schrift in *Ap stehen lassen, auch ihren Kontext nicht verändert und sie weder kritisch noch negativ behandelt. Am auffallendsten sei etwa die Passage in *1Kor 10,1-10 mit den Ausfüh‐ rungen entlang Ex und Num. Dann bediene sich *1Kor 5,7 dem Gedanken des Paschalammes. *1Kor 8,6 werde Gott, wie BeDuhn meint, als „Schöpfer“ bezeichnet, doch es heißt: „so gibt es für uns nur einen Gott, den Vater, aus dem alles für uns ist“. Er wird auch nicht der „Hersteller“ (fashioner) des menschlichen Leibes in *1Kor 12,24 genannt, sondern es heißt: „Gott aber hat den Leib zusammengefügt.“ Gott ist auch nicht Hersteller von Tieren und Pflanzen, sondern es heißt in *1Kor 15,38-41: „38 Gott gibt ihm den Leib, wie er will, und zwar jedem Samen einen eigenen Leib. 39-Nicht alles Fleisch ist dasselbe: Das Fleisch der Menschen ist anders als das des Viehs, das Fleisch der Vögel ist anders als das der Fische. 40-Auch gibt es Himmelskörper und irdische Körpe. 41 Ein anderer ist der Glanz der Sonne als der Glanz des Mondes, anders als der Glanz der Sterne.“ Es geht in dieser Passage also um die Verschiedenheit der Leiber, die Gott für verschiedene Dinge in der Welt vorgesehen hat. Gleichwohl findet sich in *2Kor 4,6 die bemerkenswerte Aussage: „Aufgrund von Gott, der sprach: Aus Finsternis wird Licht aufleuchten, der in unseren Herzen aufgeleuchtet ist, damit die Erkenntnis seines Glanzes im Antlitz Christi erstrahlt! “ Gerade letzte Stelle war den Zeugen so wichtig, dass die Stelle sowohl bei Tertullian wie auch bei Epiphanius (auch bei Adamantius) bezeugt ist. Aus diesen Zeugnissen ziehe ich jedoch nicht den Schluss, den BeDuhn hieraus ableitet. Ihm zufolge sei es „einfach nicht plausibel, ideologische Motive für die Unterschiede zwischen dem Apostolikon und dem katholischen Text der Paulusbriefe“ anzunehmen. 68 Aus den voranstehenden lexikalischen, semanti‐ schen und inhaltlichen Untersuchungen hat sich gerade das Gegenteil dieses Schlusses ergeben. Worauf BeDuhn aber zurecht hinwies, hatte ich bereits in einem Aufsatz zur jüdischen Positionierung Markions einmal vorgetragen. 69 Wir 728 Teil IV: Ausblick <?page no="729"?> 69 M. Vinzent, Marcion the Jew (2013). 70 Tert., Adv. Marc. III 6,2: atque ita coacta est cum Iudaico errore sociari et ab eo argumentationem sibi struere, quasi Iudaei certi et ipsi alium fuisse qui venit, non modo respuerint eum ut extraneum verum et interfecerint eum ut adversarium, agnituri sine dubio et omni officio religionis prosecuturi, si ipsorum fuisset. “ (Übers. BKV). 71 Vgl. hierzu weiter M. Vinzent, Marcion the Jew (2013), 180-181. 72 „It suited Tertullian’s purpose admirably to associate Marcion and the Jews (against whom he also wrote a tract) to their mutual disadvantage, but there is no reason to doubt his report. Marcion apparently believed, with the Jews, that the creator did not prophesy the Messiah’s death and would not at any rate have subjected him to that cursed form, crucifixion,“ S.G. Wilson, Marcion and the Jews (1986), 53-54. kennen keinen Autor der ersten beiden Jahrhunderte unserer Zeitrechnung, der so genährt ist aus jüdischer Schrift und Tradition, wie hier von BeDuhn vorgeführt, und nicht aus einem jüdischen Kontext stammt. Hinzu kommt, worauf bereits Tertullian in seiner Kritik an Markion hinwies, dass Markion die von der kanonischen Redaktion wie auch von Tertullian vertretene Auffassung der Schuld „der Juden“ an Jesu Tod minimiert. Nach Tertullian lautete das Argument, dass Markions Annahme, der Christus des unbekannten Gottes sei prophetisch nicht vorherverkündet worden, zum Schluss führe, „sich dem Irrtum der Juden anzuschließen und sich der Beweisführung derselben zu bedienen in dem Sinn, als wären die Juden ihrerseits auch vollständig überzeugt gewesen, der Erschienene sei ein anderer und als hätten sie ihn nicht bloss als ihnen fremdartig verworfen, sondern auch als Feind getötet. Denn sie würden ihn ohne Zweifel anerkannt und mit ehrfurchtsvollen Diensten jeder Art beehrt haben, wenn er der ihre gewesen wäre.“ 70 In weniger apologetischer Rhetorik bedeutet dies - „die Juden“ haben Christus lediglich aus Irrtum verworfen und getötet, weil sie ihn, der nicht von ihren Propheten vorverkündigt worden ist, nicht hatten erkennen können und er ihnen schlicht fremd war, denn, hätten sie ihn erkannt, dann hätten sie ihn anerkannt und verehrt. Tertullian hält dem Argument entgegen, dass durch die Propheten nicht nur Christus vorhergesagt worden sei, sondern auch die Tötung dieses Christus, d. h. er akzeptiert weder eine Entschuldung der Juden noch deren Voraussetzung, dass nach Markion der Christus des unbekannten Gottes selbst unbekannt und fremd sei. 71 Bereits S.G. Wilson hatte erkannt, dass Tertullian, der einen eigenen Traktat „Gegen die Juden“ geschrieben hatte, „Markion mit den Juden assoziierte zu deren gegenseitigem Nachteil“, weil „offensichtlich Markion mit den Juden glaubte, dass der Schöpfer nicht den Tod des [nach Markion wahren] Messias prophezeite und ihn keinesfalls der verfluchten Form der Kreuzigung unter‐ worfen hätte“. 72 Während Tertullian folglich Markion zu einem Verteidiger a. Fragen und Antworten 729 <?page no="730"?> 73 Tert., Adv. Marc. III 6,10: … ut et ipsum hominem qua suum, id est Iudaeum, sed Iudaismi exorbitatorem et destructorum. 74 Tert., Adv. Marc. V 11,11: Ero similis altissimi, ponam in nubibus thronum meum; sicut et tota huius aevi superstitio illi mancipata est qui excaecet infidelium corda et inprimis apostatae Marcionis. An dieser Stelle ist nicht von der Apostasie Markions von der Kirche die Rede, sondern von der gegenüber dem jüdischen Gott. 75 Tert., Adv. Marc. IV 33,8: Quasi non et nos limitein quendam agnoscamus Ioannem consti‐ tutum inter vetera et nova, ad quem desineret Iudaismus et a quo inciperet Christianismus. 76 Tert., Adv. Marc. V 13,2: sine dubio et evangelium et salutem iusto deo deputat, non bono, ut ita dixerim secundum haeretici distinctionem, transferenti ex fide legis in fidem evangelii, suae utique legis et sui evangelii. Gleich anschließend erläutert Tertullian, dass er im Unterschied zu Markion diese Verse auf den Schöpfer bezieht, Markion sie folglich auf den unbekannten Gott bezogen hatte. der Juden macht, in deren Nähe er ihn stellt, vertritt er selbst die Position, Christus sei zwar als Mensch ein Jude gewesen, „habe sich vom Judentum jedoch abgewandt und das Judentum vernichtet.“ 73 Auch wenn Tertullian sonst Markion kritisch gegenübersteht, so zeichnet er ihn doch wie Christus als jemanden, der einst ein frommer Jude war, dann aber ein Apostat des Judentums wurde, 74 und er überbietet noch Markions Vorstellung von der Gültigkeit des Gesetzes und der Prophetie bis zum Täufer, indem er sogar von einem Verlöschen des Judentums zu Beginn des Christentums spricht. 75 Markion sah Thora, Prophetie und Judentum nicht durch die Thora Christi verändert, verbessert, übertroffen und abgetan, wie Tertullian dies annahm, sondern er verstand das neue Gesetz als Fülle des gesamten Gesetzes, als ein völlig unvergleichliches, als Alternative und Antithese zum alten Gesetz, das er zwar mit *2Kor 3,13 für ephemer hielt, das aber weiter bestand und bis zum Ende auch bestehen wird (*2Kor 3,16). Das neue Gesetz war anders, unvergänglich, nicht mündlich gegeben oder in Stein gehauen wie die Gebote des Mose, sondern ein ius scriptum, das wie im römischen Recht als Neues von dem neuen Magistrat promulgiert wurde, es war auch materiell und konzeptuell ein anderes Recht unter Ausschluss von zentralen Elementen wie Verfolgung, Zwang, Urteil, Vollstreckung und Schuldtitel. Christi Thora war neudefiniert als Rettung aller. In der Diskussion zur Stellung des jüdischen Proselytismus bei Tertullian in seinem Werk gegen Markion wird erstens deutlich, dass Markion - entgegen der Auffassung Tertullians - noch keinen Unterschied zwischen christlicher und jüdischer Gemeinde vorfand, sondern mit seinem *Neuen Testament erst für eine solche Unterscheidung plädierte, andererseits wollte Markion, dass Prosel‐ yten nicht zu solchen des Schöpfergottes würden, sondern einen Gott verehrten, „der Menschen vom Gesetzesglauben zum Evangeliumsglauben hinüberträgt, nämlich zu seinem eigenen Gesetz und seinem eigenen Evangelium.“ 76 730 Teil IV: Ausblick <?page no="731"?> 77 Vgl. Tert., Adv. Marc. III 21,2-4, und zu diesem Text M. Vinzent, Marcion the Jew (2013), 187-188. Zweitens sagt Tertullian ausdrücklich, dass Markion die Proselytenfrage aufgeworfen und an die Schrift herangetragen habe, was sich wohl nur auf die Antithesen beziehen kann. Das Proselytenthema wurde also von Markion eingebracht (interpoliert, sagt Tertullian), nicht etwa, weil es durch den Text vorgegeben war. Diskutiert wird zwischen Tertullian und Markion Jes 42,4 („Und in seinem Namen, sagt er, sollen die Heiden hoffen“). 77 Dies legt nahe, dass sich das Thema aus dem soziohistorischen Kontext heraus stellte, aus welchem Markion stammte und in welchem er lehrte, einer jüdischen Gemeinde mit proselytischem Anteil. Selbst wenn Markion mit keinem Finger die Sammlung des *Neuen Testa‐ ments berührt und sie lediglich in seinem Unterricht benutzt hätte, kämen wir zum selben Ergebnis: Ein Lehrer des zweiten Jahrhunderts, der sich in seinem Unterricht der Briefe eines griechischschreibenden Juden bedient, in welchen, wie die Liste der jüdischen Schriftzitate zeigt, wiederholt auf die jüdischen Schriften verwiesen wird, auch auf den Gott, der sagte: „Aus Finsternis wird Licht aufleuchten! “, und der jüdische Vorstellungen wie die des Messias, der Propheten und vieler anderer verwendet, auch wenn er eine antithetische Vor‐ stellung zu allem Jüdischen entwickelt, ist wohl viel eher einem jüdischen Milieu zuzuordnen als einem paganen. Doch wie man auch diese Frage entscheiden möchte, das Vorhandensein der jüdischen Schriftverweise, die BeDuhn auflistet, spricht nicht gegen eine mögliche Redaktionstätigkeit Markions an diesen Texten, denn dann müsste man Markion auch vorwerfen, er habe gar nicht erst von einem Messias, von Jesus und von allen anderen jüdischen Themen sprechen dürfen, also auch gar nicht *Ev und *Ap benützen können. Wenden wir uns einzelnen Beispielfällen BeDuhns zu: Eine erste herausragende Stelle mit einem Zitat aus der jüdischen Schrift (Dtn 25,4) ist *1Kor 9,7-9: a. Fragen und Antworten 731 <?page no="732"?> *1Kor 9,7-10 1Kor 9,7-10 7 τίς στρατεύεται, τίς φυτεύει ἀμπελῶνα καὶ ἐκ τοῦ καρποῦ αὐτοῦ οὐκ ἐσθίει καὶ πίνει; τίς ποιμαίνει ποίμνην καὶ ἐκ τοῦ γάλακτος οὐκ ἐσθίει; 7 τίς στρατεύεται ἰδίοις ὀψωνίοις ποτέ; τίς φυτεύει ἀμπελῶνα καὶ τὸν καρπὸν αὐτοῦ οὐκ ἐσθίει; ἢ τίς ποιμαίνει ποίμνην καὶ ἐκ τοῦ γάλακτος τῆς ποίμνης οὐκ ἐσθίει; 8 Μὴ κατὰ ἄνθρωπον λέγω, ἢ εἰ καὶ ὁ νόμος Μωϋσέως ταῦτα λέγει. 8 Μὴ κατὰ ἄνθρωπον ταῦτα λαλῶ, ἢ καὶ ὁ νόμος ταῦτα οὐ λέγει; 9 γέγραπται γὰρ, Οὐ κημώσεις βοῦν ἀλοῶντα. μὴ τῶν βοῶν μέλει τῷ θεῷ; 10 δι’ ἡμᾶς γὰρ ἐγράφη. 9 ἐν γὰρ τῷ Μωϋσέως νόμῳ γέγραπται, Οὐ φιμώσεις βοῦν ἀλοῶντα. μὴ τῶν βοῶν μέλει τῷ θεῷ; 10 ἢ δι’ ἡμᾶς πάντως λέγει; δι‘ ἡμᾶς γὰρ ἐγράφη, ὅτι ὀφείλει ἐπ’ ἐλπίδι ὁ ἀροτριῶν ἀροτριᾶν, καὶ ὁ ἀλοῶν ἐπ‘ ἐλπίδι τοῦ μετέχειν. *1Kor 9,7-10 1Kor 9,7-10 7 Wer leistet Kriegsdienst, wer pflanzt einen Weinberg und isst und trinkt nicht aus seinem Ertrag? Wer weidet eine Herde und trinkt nicht von der Milch? 7-Wer leistet denn Kriegsdienst und be‐ zahlt sich selber den Sold? Wer pflanzt einen Weinberg und isst nicht von seinem Ertrag? Oder wer weidet eine Herde und trinkt nicht von der Milch der Herde? 8-Sage ich das nicht den Menschen ent‐ sprechend, selbst wenn das Gesetz des Mose das sagt? 8-Sage ich das nur als Mensch? Sagt das nicht auch das Gesetz? 9-Es steht nämlich geschrieben: Du sollst dem Ochsen beim Dreschen keinen Maulkorb anlegen. Liegt Gott etwas an den Ochsen? 9-Im Gesetz des Mose steht doch: Du sollst dem Ochsen beim Dreschen keinen Maulkorb anlegen. Liegt denn Gott etwas an den Ochsen? 10-Unseretwegen wurde es ge‐ schrieben. 10-Spricht er nicht allenthalben unse‐ retwegen? Ja, unseretwegen wurde ge‐ schrieben: Der Pflüger wie der Drescher sollen ihre Arbeit in der Erwartung tun, ihren Teil zu erhalten. Zu dieser Passage kommentiert BeDuhn: „Das Zitat in Vers 9 stammt aus Dtn 25,4, und es ist bemerkenswert, dass Markion nicht, wie seine Kritiker es erwarten würden, ein direktes Zitat aus dem Gesetz des Mose, das Paulus autoritativ zitiert, wegschneidet, es vielmehr Gott zuschreibt und allegorisch interpretiert, was alles diametral den Ansichten des Markion widerspricht, wie 732 Teil IV: Ausblick <?page no="733"?> 78 „The quotation in v. 9 is from Deut 25.4, and it is noteworthy that Marcion did not excise (as his critics would expect) a direct quote of the Law of Moses, which Paul cites authoritatively, attributes to God, and interprets allegorically - all of which would appear to be diametrically opposed to the views of Marcion as our sources (and modern scholarship) represent them“, J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 278. 79 „8 [I am not speaking these things in a human way,] even if the Law does not say these things (explicitly)“, ibid. 237. sie uns unsere Quellen (und die moderne Forschung) präsentieren.“ 78 Sieht BeDuhn hier richtig? BeDuhns Einwand hängt an seiner, m. E. inkorrekten, Interpretation der Stelle, die aus seiner Übersetzung von Vers 8 erkennbar wird: „8 [Ich sage das nicht nur als Mensch,] auch wenn das Gesetz das nicht (ausdrücklich) sagt.“ 79 Die Hinzufügung des im Text nicht vorhandenen und darum von BeDuhn auch in Klammern gesetzten „ausdrücklich“ (explicitly) zeigt, dass er den im Text formulierten Gegensatz zwischen dem, was *Paulus „nicht nur als Mensch“ sagen will, und dem Gesetz, das dies „sagt,“ entschärft und mindert. *Paulus nennt zunächst Beispiele aus dem beruflichen Alltag, Militär, Weinbau und Hirtentätigkeit, Arbeiten, für die die Arbeit Leistenden jeweils aus ihrem Ertrag entlohnt werden. Wenn man das, was im Gesetz steht, hinzunimmt, gewinnt man zunächst den Eindruck, das Gesetz sage dasselbe, und tatsächlich fasst es so auch die kanonische Redaktion auf, indem sie im zweiten Teil von Vers 8 die Konjunktion sinnverdrehend verändert. Die vorkanonische Fassung lässt den Gegensatz deutlicher hervortreten. Doch worin besteht dieser Gegensatz? Denn auch im Gesetz heißt es ja, man solle dem Ochsen beim Dreschen keinen Maulkorb anlegen, was ja bedeutet, dass auch das arbeitende Tier die Möglichkeit hat, aus seiner Arbeit eine Entlohnung zu erhalten. Der Duktus der weiteren Perikope zeigt, dass es um *Paulus selbst, den Apostel geht, der sich auf das Recht beruft, für die Arbeit, die er leistet, entlohnt zu werden. Von Zweierlei spricht das Gesetz nach diesen Versen nicht: Dass es ein menschlicher Arbeiter ist, der seinen Lohn verdient, und dass es nicht darum geht, einen Ochsen am Essen zu hindern, sondern den Arbeitenden aktiv von dem sich nähren zu lassen, das er selbst schafft. Auch wenn die beiden Nuancen vielleicht spitzfindig wirken, mit denen *Paulus hier einen Unterschied zwischen seinen Ausführungen und denen des Gesetzes konstruiert, so scheint doch auch der zweite Versteil von Vers 9 nochmals beide Elemente zu unterstreichen. Auf die Frage von Vers 9 lassen sich zwei Antworten denken: Dem Gott des Gesetzes geht es wohl wirklich nur um den Ochsen - darum die Differenz zu dem, was *Paulus beabsichtigt. Dann müsste Vers 10 sich auf Vers 7 beziehen, was möglich, aber nicht zwingend ist. Wenn dem nicht so wäre, lautet die Antwort: Gott geht a. Fragen und Antworten 733 <?page no="734"?> 80 Tert., Adv. Marc. V 7,11: Ergo et legem allegoricam secundum nos probavit, et de evangelio viventibus patrocinantem. 81 Vgl. Clem. Alex., Strom. III 5,38-39; vgl. hierzu J.M. Lieu, Marcion and the Making of a Heretic: God and Scripture in the Second Century (2015), 133. 82 Tert., Adv. Marc.V 7,10: sed divina illi auctoritas deerat. Legem igitur opponit creatoris ingratis, quam destruebat; sui enim dei nullam talem habebat. es gar nicht um den Ochsen, sondern der Spruch aus Dtn 25,4 muss auf den Menschen hin ausgelegt werden, denn des Menschen, oder vielmehr *Paulus wegen, wurde Dtn 25,4 geschrieben. Der Prediger des Evangeliums ist für diese Tätigkeit zu entlohnen. In letzterem Sinn hat wohl auch Tertullian die vorkanonische Version gelesen. Denn er spießt die Verse erstens als Verweis dafür auf, wonach Markion hier eine allegorische Interpretation fordert. Nun wissen wir, dass in Markions *Paulus ausdrücklich von allegorischer Interpretation gesprochen und von ihr Gebrauch gemacht wird, man denke an *Gal 4,24 (ἅτινά ἐστιν ἀλληγορούμενα), 80 aber es ist ein häresiologischer Topos, den wir nicht nur bei Tertullian finden, sondern der auch bei Klemens von Alexandrien begegnet, wonach Markion das, was in den Schriften bei den Propheten allegorisch zu verstehen sei, immer wörtlich auslege. 81 Außerdem unterschiebt Tertullian Markions Vers 7, sein *Paulus könne für diese Aussage keine göttliche Autorität, also kein Logion seines Christus, vorweisen, sondern müsse sich stattdessen des jüdischen Gesetzes bedienen. 82 Auch diese Überlegungen widerlegen, dass wir es mit einer Spannung oder Inkonsistenz zu markionitischen Auffassungen zu tun haben. Die nächste Passage ist *1Kor 10,7-11: *1Kor 10,7. 9-11 1Kor 10,7-11 7 μηδὲ εἰδωλολάτραι γίνεσθε, καθώς τινες αὐτῶν: ὥς γέγραπται, Ἐκάθισεν ὁ λαὸς φαγεῖν καὶ πιεῖν, καὶ ἀνέστησαν παίζειν. 7 μηδὲ εἰδωλολάτραι γίνεσθε, καθώς τινες αὐτῶν: ὥσπερ γέγραπται, Ἐκάθισεν ὁ λαὸς φαγεῖν καὶ πεῖν, καὶ ἀνέστησαν παίζειν. - 8 μηδὲ πορνεύωμεν, καθώς τινες αὐτῶν ἐπόρνευσαν, καὶ ἔπεσαν μιᾷ ἡμέρᾳ εἴκοσι τρεῖς χιλιάδες. 9 μηδὲ ἐκπειράζωμεν τὸν Χριστόν, καθώς τινες αὐτῶν ἐξεπείρασαν, καὶ ὑπὸ τῶν ὄφεων ἀπώλοντο. 9 μηδὲ ἐκπειράζωμεν τὸν κύριον, καθώς τινες αὐτῶν ἐπείρασαν, καὶ ὑπὸ τῶν ὄφεων ἀπώλλυντο. 10 μηδὲ γογγύζετε, καθάπερ τινὲς αὐτῶν ἐγόγγυσαν, καὶ ἀπώλοντο ὑπὸ τοῦ ὀλοθρευτοῦ. 734 Teil IV: Ausblick <?page no="735"?> 83 „This entire passage is at odds with Marcion’s ideology as it has been traditionally understood, saying as it does that Christ accompanied the Israelites out of Egypt, and punished them for wrongdoing, and that these incidents, as reported in Jewish scripture, serve as examples for Christians. Either our understanding of Marcion’s beliefs is totally wrong, or Marcion did not touch a passage even as problematic for him as this one is, and found some way to interpret it away“, J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 280. 11 ταῦτα δὲ καθῶς συνέβαινεν ἐκείνοις, ἐγράφη δὲ πρὸς νουθεσίαν ἡμῶν, εἰς οὓς τὰ τέλη τῶν αἰώνων κατήντησεν 11 πάντα δὲ ταῦτα τυπικῶς συνέβαινον ἐκείνοις, ἐγράφη δὲ πρὸς νουθεσίαν ἡμῶν, εἰς οὓς τὰ τέλη τῶν αἰώνων κατήντηκεν. *1Kor 10,7. 9-11 1Kor 10,7-11 7 Werdet nicht Götzenverehrer wie ei‐ nige von ihnen, wie geschrieben steht: Das Volk setzte sich zum Essen und Trinken; dann standen sie auf, um sich zu vergnügen. 7 Werdet nicht Götzenverehrer wie einige von ihnen, wie geschrieben steht: Das Volk setzte sich zum Essen und Trinken; dann standen sie auf, um sich zu ver‐ gnügen. - 8-Lasst uns nicht Unzucht treiben, wie einige von ihnen Unzucht trieben! Da‐ mals fielen an einem einzigen Tag drei‐ undzwanzigtausend Menschen. 9-Lasst uns auch nicht Christus her‐ ausfordern. 9-Lasst uns auch nicht den Herrn heraus‐ fordern, wie es einige von ihnen taten, und die von Schlangen getötet wurden! - 10 Murrt auch nicht, gerade wie einige von ihnen murrten; sie wurden vom Ver‐ derber umgebracht! 11 Wie das aber ihnen geschah, ist uns zur Warnung aufgeschrieben worden, uns, die das Ende der Zeiten erreicht. 11 All die Dinge aber stießen ihnen als Beispiele zu, uns zur Warnung wurde es aufgeschrieben, uns, die das Ende der Zeiten erreicht. BeDuhn schreibt zur Stelle: „Diese gesamte Passage widerspricht Markions Ideologie, wie sie traditionell verstanden wurde, indem sie sagt, wie es hier heißt, dass Christus die Israeliten aus Ägypten begleitet hat und sie für ihr Fehlverhalten bestraft hat, und dass diese Vorkommnisse, wie sie in der jüdi‐ schen Schrift geschildert werden, als Beispiele für Christen dienen. Entweder verstehen wir Markions Glaubensauffassungen völlig falsch, oder Markion berührte selbst eine Passage nicht, die so problematisch für ihn war wie diese, und fand irgendeinen Weg, sie weg zu interpretieren.“ 83 a. Fragen und Antworten 735 <?page no="736"?> 84 Zum griechischen Textvergleich, vgl. die Rekonstruktion. Der vorkanonische Text bietet deutlich das Schriftzitat Ex 32,6 („Das Volk setzte sich zum Essen und Trinken, dann standen sie auf, um sich zu ver‐ gnügen“). Im Zuschnitt des bezeugten vorkanonischen Textes (wobei BeDuhn auch Vers 8, allerdings in Klammern, in seine Übersetzung mit aufnimmt, im Text bei ihm stehen auch die Verse 9-11) wird jedoch eine deutliche Differenz zwischen denen, die als Götzenverehrer bezeichnet werden und auf die das Schriftzitat hinzielt, worauf sich dann auch der Anfang von Vers 11 bezieht, und den Adressaten des *Paulus gemacht. BeDuhns Interpretation und die Anwendung von Ex 32,6 auf Christen, die seines Erachtens Markions Auffassung widerspricht, leitet sich jedoch ausschließlich aus dem für die vorkanonische Fassung unbezeugten Text ab. Damit aber dient diese Passage nicht für den Erweis der Spannung mit Markions Inhalt, sondern im Gegenteil dafür, dass die kanonische Redaktion den Text so umgestaltet hat, dass er zu einer christologischen Deutung und zu einem Widerspruch zu Markions Auffassung geführt hat. Von einem Begleiten Christi und einer Bestrafung ist im bezeugten vorkanonischen Text nicht die Rede - der Hinweis auf Ex zeigt lediglich, dass einige derjenigen, die in der jüdischen Schrift gemahnt wurden, diese Mahnung nicht ernstgenommen haben, eine Warnung für die Adressaten des *Paulus, Christus nicht zu versuchen. Und wir erinnern uns, dass es bei Markion Warnungen und auch Urteile gibt, doch sind es Urteile, die die Menschen über sich selbst fällen - möglicherweise allerdings war dieser Vers ein Anstoß zur Entwicklung der in *Ev fehlenden Versuchungsgeschichten Jesu. Der nächste von BeDuhn herausgehobene Vers ist *1Kor 10,25. Man ver‐ gleiche ihn im Zusammenhang: 84 *1Kor 10,25. 28. 31 1Kor 10,25-31 25-Alles, was verkauft wird, das esst. 25 Alles, was auf dem Fleischmarkt ver‐ kauft wird, das esst, ohne das Gewissen zu befragen. - 26 Denn dem Herrn gehört die Erde und ihre Fülle. - 27 Wenn euch einer der Ungläubigen ein‐ lädt und ihr wollt hingehen, dann esst, alles, was euch bereitet wird, ohne das Gewissen zu befragen! 736 Teil IV: Ausblick <?page no="737"?> 28-Wenn euch aber jemand darauf hin‐ weist: Das ist Götzenopfer! , dann esst nicht davon; 28 Wenn euch aber jemand sagt: Dies ist Opferfleisch, dann esst nicht davon wegen dem, der auch auf das Gewissen hingezeigt hat; - 29 das heißt, nicht das eigene Gewissen, sondern das des anderen; warum nämlich wird meine Freiheit vom Gewissen eines anderen gerichtet? - 30 Wenn ich in Dankbarkeit mitesse, warum soll ich für das verunglimpft werden, wofür ich gedankt habe? 31-Ob ihr esst oder trinkt oder etwas an‐ deres tut: alles zur Verherrlichung Gottes! 31 Ob ihr also esst oder trinkt oder etwas tut, tut alles zur Verherrlichung Gottes! BeDuhn meint, dass dieser Vers, der auf der kanonischen Ebene vom Fleisch‐ markt spricht, für einen vegetarischen Asketen wie Markion nicht duldbar ge‐ wesen wäre, der Vers beweise also, dass Markion nicht den Finger an diesen Vers rührte und ihn ideologisch auch nicht korrigierte. Doch auch hier ist BeDuhns Urteil von seiner Rekonstruktion und der darauf aufbauenden Übersetzung geleitet. Denn er sieht den ersten Teil von Vers 25 bezeugt und übersetzt in Klammern auch den zweiten Teil, wobei er mit angefügten Auslassungszeichen annimmt, dass noch weiterer Text des Verses vorhanden war. Diese Zuversicht kann leicht aus der englischen Tendenzübersetzung herrühren, wenn der Herausgeber und Übersetzer Evans von Tertullians „Adversus Marcionem“ das permissio omnium obsoniorum adversus legem mit „permission to use meats contrary to the law“ überträgt. Denn das dem Griechischen ὀψώνιον entliehene obsonium meint zunächst einmal alles, was mit Brot gegessen werden kann, wie Saucen, Fisch, Fleisch und Früchte, nicht aber gezwungenermaßen Fleisch alleine. Von hier sofort vorkanonisch zurückzuschließen auf μάκελλον, den (Fleisch-)markt, ist gewagt. Schmid sieht überhaupt die Verse 25-28 als unbe‐ zeugt, und, will man Tertullians Kommentar auf einen vorkanonischen Text hin lesen und auch im Hinblick auf den narrativen Zusammenhang Text für die vorkanonische Fassung reklamieren, wird man wohl nicht mehr als den obigen Text annehmen. Noch ein weiterer Aspekt ist hierbei von Bedeutung. Dass es sich bei dem „Götzenopfer“ notwendigerweise um Fleisch handelt, gibt das Wort selbst nicht her, denn geopfert werden konnten in der Antike auch andere Dinge, auch anderes Essen. „εἰδωλόθυτος selbst beinhaltet keinen spezifischen Bezug zu Nahrungsmittel, geschweige denn Fleisch, es bedeutet a. Fragen und Antworten 737 <?page no="738"?> 85 „εἰδωλόθυτος itself does not contain specific reference to food, let alone meat; it is simply things offered to idols“, so A. Phillips Wilson, Paul and the Jewish Law. A Stoic Ethical Perspective on His Inconsistency (2022), 125. schlicht Dinge, die Idolen geopfert werden“. 85 Zur Verdeutlichung verbindet die kanonische Redaktion diese Begrifflichkeit folglich mit „Blut“, etwa in Apg 15,29 und 21,25, während der Begriff in *1Kor und 1Kor unbestimmt die Opfer für Götter (ἱερόθυτος, Hapax legomenon im NT, aber zwei Mal vorhanden auf der vorkanonischen Ebene: *1Kor 10,19. 28, auf der kanonischen Ebene nur im Parallelvers 1Kor 10,28 benutzt) oder Idole (εἰδωλόθυτος, *1Kor 8,4; 10,19 und den kanonischen Parallelversen, auf kanonischer Ebene dann auch in Apg 15,29; 21,25; 1Kor 8,4. 7. 10; 10,19. 28; Apk 2,14. 20) meint. In der vorkanonischen Fassung der obigen Passage *1Kor 10,25. 28. 31 ist folglich überhaupt nicht von „Fleisch“ die Rede - anders als in der kanonischen Fassung! - bietet folglich keinen Widerspruch, sondern geradezu eine Stütze für den vegetarischen Asketen, desto stärker, wenn man vergleicht, dass die kanonische Redaktion eine antivegetarische Fassung des Textes bietet. Die einzige, mit dieser Passage verbundene vorkanonische Stelle, in welcher von „Fleisch“ in diesem Zusammenhang die Rede ist, begegnet in *1Kor 8,13, wo es heißt: „Wenn eine Speise meinem Bruder oder meiner Schwester zum Anstoß wird, will ich bis in Ewigkeit kein Fleisch mehr essen, um meinem Bruder oder meiner Schwester keinen Anstoß zu geben“. Dem entspricht der ebenfalls vorkanonisch bezeugte Vers in *Röm 14,21: „Es ist nicht gut, Fleisch zu essen oder Wein zu trinken und auch etwas zu tun, woran dein Bruder oder deine Schwester Anstoß nimmt oder geschwächt wird“. Beide Male finden wir eine Übereinstimmung von *Paulus mit dem vegetarisch orientierten Markion und es sind überhaupt die einzigen zwei Stellen, an denen auch kanonisch von κρέας die Rede ist - Fleisch gehört folglich nicht zur Nahrung im vorkanonischen *Paulus, während der kanonische Paulus eine gewisse Inkonsistenz aufweist, der unter gewissen Bedingungen auch Fleischgenuss akzeptiert. Wenn ich nichts überlesen habe, lässt sich aus den vorgenannten Überle‐ gungen ableiten, dass weder Klinghardts Einwände noch diejenigen BeDuhns irgendeine Passage als inkonsistent mit Markions Auffassungen oder diesen widersprechend erweisen konnten. Hingegen konnte in diesen Fällen der markionitische Charakter sowohl von *Ev wie von *Paulus belegt werden, und zwar insbesondere erkennbar an der antimarkionitischen Neufassung, die diese Texte durch die kanonische Redaktion erhalten hatten. 738 Teil IV: Ausblick <?page no="739"?> 86 J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 6. 87 Vgl. S.-701. 88 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien (2015), 75. M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band-1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 82. 4. Vorkanonische Lesarten in der orthodoxen Tradition Ein weiteres für Klinghardt wie für BeDuhn zentrales Argument gegen den markionitischen Ursprung vieler Lesarten, die aufgrund der Bezeugungen für den vorkanonischen Text anzunehmen sind, stellt deren Präsenz in Schrift‐ zeugen des kanonischen Neuen Testaments (Handschriften, Väterzitaten usw.) dar. Diese Übereinstimmungen beschränken sich nicht nur auf die Hand‐ schriften und Traditionen, die in der Vergangenheit mit dem irreführenden Begriff des „Westlichen“ Textes bezeichnet wurden (06, it, sy), sondern umfassen auch weitere handschriftliche Zeugen, also etwa koptische, äthiopische, arme‐ nische, georgische, gotische usw. Klinghardt ist der Überzeugung, dass die Übereinstimmungen nur durch den Einfluss eines älteren, Markion bereits vorausliegenden Texts von *Ev (wie auch *Ap) haben zustande kommen können, und BeDuhn rechnet ebenfalls mit älteren „autoritativen christlichen Schriften“, 86 die Markion lediglich gesammelt und in sein *Neues Testament aufgenommen habe. Wie bereits weiter oben angedeutet, 87 ist Klinghardt der Meinung, die „Vorstellung, dass der von Marcion emendierte Text einen nennenswerten Einfluss auf die kanonische Textüberlieferung ausgeübt haben soll, nachgerade halsbrecherisch (ist). Denn sie setzt voraus, dass ausgerechnet die »tendenziösen« Änderungen des Erzketzers den kanonischen Text beeinflusst haben sollen, obwohl doch von Justin und Irenaeus an nicht nur die Theologie, sondern vor allem der Text Marcions im Fokus der Häresiologen stand und Marcion wie kein zweiter wegen der »Verstümme‐ lung« und »Verfälschung« seines Textes auf das heftigste bekämpft wurde! Wie schon Theodor Zahn sehr richtig gesehen hatte, ist dies völlig undenkbar. Dass Harnack sich überhaupt auf eine derartig gewagte These eingelassen hat, ist nur aus seinem Interesse an den theologischen Emendationen Marcions zu erklären.“ 88 Trotz dieser emphatisch vorgetragenen Position halte ich dennoch Harnacks Meinung für die berechtigtere. Denn Voraussetzung von Zahn-Klinghardt ist, wie hier ausdrücklich formuliert, die Ketzerpositionierung Markions. Dabei hätte bereits der Hinweis auf „Justin und Irenaeus“ vor einer solchen warnen müssen. Denn mit Justin befinden wir uns am Lebensende von Markion, der vor 161 n. Chr. verstorben war, und mit Irenäus stehen wir bereits über eine a. Fragen und Antworten 739 <?page no="740"?> 89 Tert., De praescr. 30,2: In catholicae primo doctrinam credidisse apud ecclesiam Roma‐ nensem sub episcopatu Eleutherii benedicti, donec ob inquietam semper eorum curiosi‐ tatem, qua fratres quoque uitabant, semel et iterum eiecti. Vgl. M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2.-Jahrhundert (2022), 117-118. Dekade nach Markions Tod. Wie an anderer Stelle erwähnt, datiert Tertullian den wiederholten Ausschluss Markions - die erste Notiz dieser Art, von der wir wissen, wobei selbst diese schon aufgrund der biographischen Unmöglichkeit des Ausschlusses eines längst Verstorbenen höchst unwahrscheinlich ist - in die Zeit des römischen Bischofs Eleutherius, womit die Jahre (174? -189? ), also die Zeit des Irenäus, aufgerufen wird. 89 Da die vermeintlichen Einflüsse eines vor‐ kanonischen Textes auf die kanonische Tradition erheblich früher anzusetzen sind - nach der hier vorgetragenen Meinung in die Jahre nach 135, kommt ein Ausschluss eines solchen Einflusses aufgrund häresiologischer Überlegungen gar nicht infrage. Die große Aufmerksamkeit der Intellektuellen, die Markion im zweiten Jahrhundert widerfahren ist, spricht vielmehr dafür, dass der Text, den er entweder benutzte, wie Klinghardt und BeDuhn meinen, oder der von ihm redigiert worden ist, zusammen mit seiner Person präsent war. Sollte der Text tatsächlich die Evangelientradition und die der Sammlung paulinischer Briefe erstmals in einem „Neuen Testament“ in die Öffentlichkeit gebracht haben, war diese Sammlung der Bezugstext, auf den die weitere Tradition zurückgegriffen hatte. Dabei geht es nicht nur um solche Varianten, die in der späteren Diskussion als „tendenziöse“ bezeichnet wurden, sondern überhaupt um das weite Feld der Varianten innerhalb der kanonischen Tradition, die mit dem vorkanonischen Text übereinstimmen. Sollten die obigen Überlegungen zum bilingualen Charakter des vorkanonischen Textes überzeugen, legt sich schon von daher eine Einflussmöglichkeit gerade auf die lateinische und griechische kanonische Tradition nahe. Dass der Einfluss darüber hinaus auch in weiteren Sprachen nachweislich ist, hängt wohl damit zusammen, dass, wie gezeigt, sich ein Neues Testament aus einem einzigen Evangelium und der paulinischen Briefliteratur offenkundig noch lange gegenüber einem solchen der vier Evangelien, der 13 paulinischen Briefe, dann auch unter Einschluss des Hebräerbriefes, des Praxapostolos und der Apokalypse gehalten hat. Zusammenfassend schließe ich, dass zwar die Möglichkeit, dass das vorkano‐ nische *Neue Testament auf einen Anonymus zurückzuführen ist, der dann vielleicht mit Lukas identifiziert wurde, nicht ausgeschlossen werden kann, doch lässt sich die redaktionelle Tätigkeit Markions auf der Basis der bisher in der Forschung vorgetragenen Argumente nicht bestreiten, sie ist vielmehr die wahrscheinlichere Option. 740 Teil IV: Ausblick <?page no="741"?> 90 A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 35. 91 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 247*. 92 T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons 1,2 Das Neue Testament vor Origenes, zweite Hälfte (1889), 638. So auch M.-J. Lagrange, Introduction a l’étude du Nouveau Testament P. 2. Critique textuelle 2: La critique rationnelle (1935), 514-515. Hiergegen hat Vogels wiederholt auf Markions Einfluss auf die Texttradition des NTs bestanden, vgl. H.J. Vogels, Handbuch der Textkritik des Neuen Testaments (1955), 140-144; H.J. Vogels, Der Einfluss Marcions und Tatians auf Text und Kanon des Neuen Testaments (1953); H.J. Vogels, Der Codex Claromontanus der Paulinischen Briefe (1933), 299. 93 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien (2015), 75. M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band-1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 82. 94 U. Schmid, Marcion und sein Apostolos (1995), 294. 95 A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 35. 5. Markion, der Erzketzer? Das Argument, das Goldmann mit Verweis auf Zahn und Klinghardt vorge‐ tragen hat, wonach es verwundern würde, wenn der Text eines Erzketzers die kanonische Textüberlieferung beeinflusst hätte, basiert, wie ich hier zeigen möchte, auf falschen Voraussetzungen. So sehr die jüngere Forschung der häresiologischen Tradition gegenüber kritisch geworden ist, folgt sie dieser doch in einem wesentlichen Punkt, nämlich in der Vorstellung, Markion sei spätestens nach dem „Ausschluss“ aus der katholischen Kirche im Jahr 144 als Erzketzer und „Gebrandmarkter“ betrachtet worden. 90 In diesem Punkt schließt man sich der älteren Forschung von Zahn und Harnack an, die aus dieser Voraussetzung geschlossen hatten, Markion habe sich eines bereits existierenden, (früher) als „westlich“ bezeichneten Textes als Vorlage bedient, so Harnack, 91 bzw. es sei „angesichts der unversöhnlichen Feindschaft der Kirche gegen Marcion … undenkbar“, dass Markion den or‐ thodox-katholischen Text des Neuen Testaments hätte beeinflussen können, so Zahn. 92 Klinghardt steigert dies zur Emphase, wie kurz zuvor zitiert. 93 Ähnlich urteilt Schmid, ihm zufolge gilt für die Paulusbriefe, wenn er bezüglich des Römerbriefes schreibt: „Es scheint mir … vollkommen undenkbar, daß ausgerechnet der von Marcion stark bearbeitete Röm überhaupt Einfluß auf die Textüberlieferung genommen haben kann“. 94 Auch Goldmann ist dieser Annahme gefolgt. 95 Nun gilt es aber zu beachten, dass Markion zeitlebens von niemandem als Häretiker bezeichnet oder betrachtet wurde, und es auch nach seinem Tode eine a. Fragen und Antworten 741 <?page no="742"?> 96 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 82. U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcio‐ nitischen Paulusbriefausgabe (2012), 294; M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien (2015), 75; S. Moll, The arch-heretic Marcion (2010); J.M. Lieu, Marcion and the Making of a Heretic: God and Scripture in the Second Century (2015); A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 23-24.36. 97 J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 29. 98 A. Le Boulluec, La notion d’hérésie dans la littérature grecque IIe-IIIe siecle (1985). 99 Vgl. hierzu etwa S. Yli-Karjanmaa, Illusory Polemics: Clement and Irenaeus on the Gnostics (2022), 50. geraume Zeit gedauert hat, bis man ihn zu dem Ketzer verzeichnen konnte, als der er heute selbst in der kritischen Wissenschaft noch wahrgenommen wird. Ketzerhüte sind leider dunkel, sie sind auch breit und haben Marktwert, doch wenig historische Höhe oder Tiefe. Auch wenn die jüngere Markionforschung (A. Goldmann, M. Klinghardt, U. Schmid, J. Lieu, S. Moll und andere) 96 Markion als Erzketzer sieht, den vielleicht schon Polykarp als Satan und Irenäus als Häretiker bezeichneten, so hebt sich doch J. BeDuhn gegenüber dieser Profilierung deutlich ab. Ihm zufolge ist es zu „einfach, der traditionell-polemischen Verdächtigung von Markions ‚häretischen‘ Beweggründen und Methoden zu glauben, um Markions schmäleren Kanon des Neuen Testaments und die kürzeren Bücher darin zu erklären“, und er fährt fort: „Tertullian, der drei Generationen nach Markion schreibt, meinte, dass dieser eine bereits existierende Sammlung von christlichen Schriften benutzt hatte, die universal als autoritativ angesehen worden war, und er habe einige zurückgewiesen, andere bearbeitet. Doch können wir sofort den Anachronismus in Tertullians Annahmen erkennen. Er kannte keine solche autoritative Sammlung christlicher Schriften, wo auch immer, aus der Zeit vor Markion, und selbst zu Tertullians Zeiten war eine Über‐ einstimmung, was eine solche Sammlung betraf, jenseits universeller Akzeptanz“. 97 Markion war nicht schon immer, und schon gar nicht zu seinen Lebzeiten, als Häretiker oder Erzketzer bekannt, abgesehen davon, dass A. Le Boulluec vor Jahren bereits herausgearbeitet hat, dass wir von einer Häretisierung im späteren Sinne vor Irenäus überhaupt nicht sprechen können. 98 Selbst nach Irenäus hatte der Häretisierungsprozess nicht alle Autoren, die wir kennen, affiziert, wie wir etwa an Klemens von Alexandrien ablesen können. 99 742 Teil IV: Ausblick <?page no="743"?> 100 Tert., De praescr. 30,2: In catholicae primo doctrinam credidisse apud ecclesiam Roma‐ nensem sub episcopatu Eleutherii benedicti, donec ob inquietam semper eorum curiosi‐ tatem, qua fratres-quoque uitabant, semel et iterum eiecti. 101 So Iren., Adv. Haer. III 3,3. Vgl. hierzu D. Trobisch, On the Origin of Christian Scripture. The Evolution of the New Testament Canon in the Second Century (2023), 23-24. 102 Vgl. Cyprian, Ep. 73,4. Selbst, nachdem Markion seine eigene römische Gemeinde gegründet hatte, war es vermutlich weder vor seinem Tod noch danach zu einem völligen Bruch gekommen. Denn wenn wir Tertullian vertrauen dürfen, gab es keine einmalige Trennung von der früheren römischen Gemeinde, die Markion finanziell mit einer Stiftung ausgestattet hatte, sondern vermutlich eher eine sich allmählich entwickelnde Loslösung von dieser Gemeinde ohne jeglichen Eklat. Tertullian schreibt von Markion und Valentinus, dass die beiden nicht nur einmal, sondern „mehr als einmal“ verworfen worden seien, und dass diese Verwerfungen in der Amtszeit des römischen Bischofs Eleutherius (174? -189? ) stattgefunden hätten. 100 Diese Zeitangabe beschreibt jedoch eine Situation, die geraume Zeit nach Markions Tod liegt. Dass sie sich vermutlich nicht auf Schüler Markions bezieht, sondern auf Markion selbst, erklärt sich wie folgt: Eleutherius ist nicht irgendein Bischof von Rom, sondern nach Irenäus derjenige Bischof, der genau zu der Zeit in Rom den Bischofssitz innehat, zu der Irenäus schreibt, 101 in der also auch die kanonische Redaktion der verbreiterten Sammlung, die später Neues Testament genannt wird, entsteht. Wenn Tertullian folglich die „Verwerfung“ des Markion in die Zeit dieses Bischofs datiert, dann steht hinter der Behauptung dieser Verwerfung wohl der von Tertullian gestützte Versuch des Irenäus, die verbreiterte Sammlung gegenüber der markionitischen, vorkanonischen Sammlung mit Autorität auszustatten. Dass beides, die mehrfache Verwerfung wie auch der Besitz der verbreiterten Sammlung einer römischen Autorität, eine tertulliansche Fiktion und Apolo‐ getik darstellt, erhellt sich daraus, dass Irenäus selbst weder von einer Verwer‐ fung des Markion noch von einer existierenden römischen Autorisierung der von ihm propagierten Sammlung berichtet. Außerdem spricht gegen irgendeine Verwerfung des Markion, dass wir aus der Zeit des Bischofs Stephanus von Rom wissen, dass man gerade in Rom noch auf Jahrzehnte kein schlechtes Verhältnis mit der Geschwistergemeinde der Markioniten hatte, wenn in einem Schreiben römischer Bekenner aus der Mitte des 3. Jh. an Cyprian von Karthago ausgeführt wird, dass zu dieser Zeit die katholische und die markionitische Gemeinde (wie auch andere, etwa die Novatianer und Valentinianer) in Rom in gegenseitiger Sakramentengemeinschaft standen. 102 a. Fragen und Antworten 743 <?page no="744"?> 103 Vgl. M. Vinzent, Marcion and the Dating of the Synoptic Gospels (2014), 8-9. 104 Epiph., Haer. 42,1,3-6. 105 Vgl. G. May, Markion und der Gnostiker Kerdon (1984). Dass allerdings Justin und Irenäus offenkundig mit ihrer expliziten Kritik an Markion Einfluss gehabt hatten, zeigen erste Schreiben, die „Gegen Markion“ gerichtet sind. Diese stammen jedoch erst von Autoren, die zur Zeit des Irenäus und später schreiben, man denke etwa an Theophilus von Antiochien, Philippus von Gortyna, Modestus und Irenäus von Lyon, der selbst ein Werk gegen Markion geplant hatte. Vor der Amtszeit des Eleutherius allerdings richten sich alle einschlägige Schreiben, die sich mit Markion - durchaus kritisch! - beschäftigen, direkt an ihn, nicht gegen ihn, was etwa an dem leider nur als kleines Fragment erhaltenen Werk des Justin ablesbar ist oder an dem des Rhodo, und später noch an denen des Bardesanes und des Hippolyt von Rom. 103 Gerade römische Schreiben, wie man an Hippolyt ablesen kann, scheinen, noch länger als an anderen Orten, nicht gegen Markion gerichtet zu sein. Also, auch wenn es Scharfmacher gab wie Polykarp, Irenäus und Tertullian, scheint Markion zu Lebzeiten und gerade in Rom noch Jahrzehnte danach nicht als Häretiker oder Ketzer gegolten zu haben. Gewiss gab es, wie es unter Akademikern heute auch bisweilen üblich ist, sachliche Kritik, die man bei Justin und anderen greifen kann. Irenäus, wie vor ihm Justin in der ersten Apologie, bemühte sich nach Kräften, aus Markion (wie aus Valentinus) einen Häretiker neuen Verständnisses zu machen, also nicht mehr Häretiker im Sinne eines Schulhauptes und Häresie als gewöhnliche Schulmeinung genommen. Irenäus’ Werk „Gegen die Häresien“ war der Versuch, seine Gegner zu Unortho‐ doxen abzustempeln, während Justin in seiner ersten Apologie darauf abzielte, aus Markion einen dämonenbesessenen, von Staats wegen zu verfolgenden Abtrünnling zu machen. Doch es ist anachronistisch, zu Lebzeiten Markions bereits einen fundamentalen „Bruch“, eine „öffentliche Konfrontation“ oder gar eine „Exkommunikation“ Markions anzunehmen. Dies sind Szenarien, für die wir in der Mitte des 2. Jh. noch keine kirchlichen Institutionen kennen, geboren aus Vorstellungen, die uns erst nach der Mitte des 4. Jh. bei dem Ketzerfeind Epiphanius von Salamis in seinem „Arzneikasten“ gegen die Häretiker mit Blick auf Markion begegnen. In ihnen avanciert der Asket Markion zu einem Sohn eines christlichen Bischofs, der eine Gott geweihte Jungfrau missbraucht, was zu Markions Exkommunikation geführt habe. 104 Als Reaktion darauf, so lernen wir von Epiphanius, habe sich Markion der Irrlehre eines Kerdo zugewandt, über den wir sonst keine verlässlichen historischen Informationen besitzen. 105 Der Markionfoscher Gerhard May, der sich auf den älteren Kenner Jürgen Regul beruft, hat darauf hingewiesen, dass es die antihäretischen Versuche des 744 Teil IV: Ausblick <?page no="745"?> 106 G. May and K. Greschat, Markion. Gesammelte Aufsätze (2005), 77. 107 Vgl. A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 84-85; S. Moll, The arch-heretic Marcion (2010); J.M. Lieu, Marcion and the Making of a Heretic: God and Scripture in the Second Century (2015). 108 Tert., Adv. Marc. IV 4,4. Irenäus, des Tertullian und anderer waren, die Spannung zwischen Markion und der römischen Gemeinde zu dramatisieren und sie zu einem radikalen Bruch oder gar zu einem Ausschluss Markions zu stilisieren, um die Inkompatibilität zwischen Alt und Neu herauszustellen, die Markion vertrat, und damit seine Theologie und mit ihr den Urheber derselben zu diskreditieren. 106 Wie aus einigen Zeugen des 2. und 3. Jh. zu entnehmen ist, war die Strategie nicht überall gleich erfolgreich, gerade nicht in Rom, während durch die Einflüsse von Origenes, Eusebius, Epiphanius und viele andere spätere Ketzer‐ verfolger die Forschungsmeinung sich bis heute durchgesetzt hatte, Markion als Ketzer oder gar Erzketzer zu titulieren. 107 Wie man aus Goldmann und Flemming entnehmen kann, übertragen sie die Position ihres Lehrers zum Markionevangelium auf die Sammlung der Paulusbriefe, eine Übertragung, die ich schon vom Ansatz her für problematisch halte. Die Nichtparallelität lässt sich bereits daran erkennen, dass Markion zwar an etlichen Stellen - nicht anders als seine akademischen Kollegen - davon spricht, dass es sich bei dem Evangelium um das ihm eigene handele, ein Evangelium, das von ihm als „Evangelienschreiber“ (Tertullian nennt ihn „Evangelizator“ 108 ) verfasst worden sei und, wenn auch nicht konsequent, aber dennoch weithin seine eigene Theologie widerspiegele, er jedoch die Paulusbriefsammlung anders zu behandeln scheint. Hier wird von Tertullian behauptet, Markion habe die Briefe dem Paulus zugeschrieben, während er selbst hinter die Sammlung zurücktrete. Das bedeutet nun natürlich nicht, dass ihm grundsätzlich andere Materialien vorlagen, als er sie für das Evangelium zur Verfügung hatte. Doch legt er das Evangelium ohne Autorzuschreibung vor, während er die Briefsammlung „Paulus“ zuschreibt. Welchen Unterschied dies macht und inwieweit Markion für beide Teile seines *Neuen Testaments Herausgeber oder auch Redaktor war, wird eine der Fragen sein, die es zu beantworten gilt, nicht anders als die andere, ob wir es mit authentischen a. Fragen und Antworten 745 <?page no="746"?> 109 Zu Markion als Redaktor vgl. E.-M. Becker, Marcion und die Korintherbriefe nach Tertullian, Adversus Marcionem V (2002), 103-104. Zur Frage der Pseudonymität, vgl. bereits K. Aland, Noch einmal: Das Problem der Anonymität und Pseudonymität in der christlichen Literatur der ersten beiden Jahrhunderte (1980); K. Aland, Das Problem der Anonymität und Pseudonymität in der christlichen Literatur der ersten beiden Jahrhunderte (1967). Paulusbriefen oder mit Pseudepigraphen zu tun haben, oder ob eine solch polarisierte Differenz überhaupt dem Befund entspricht. 109 Was jedenfalls nach der vorliegenden Untersuchung nicht ausgeschlossen werden sollte, ist die Möglichkeit, dass Markion eine substantielle Redaktion der *10-Briefe-Sammlung durchgeführt hat. Dass er sich dabei zweier ihm vorlie‐ gender Briefsammlungen, einer 7-Briefe-Sammlung und einer 3-Briefe-Samm‐ lung von paulinischen Briefen bedient hatte, ergab sich aus dem Material. 746 Teil IV: Ausblick <?page no="747"?> 1 E. Armstrong, Robert Estienne. Royal Printer. An Historical Study of the Elder Ste‐ phanus (1986), xx. 33-34. b. Die kanonische und die vorkanonische Redaktion und ihre stereotypen Verseröffnungen Die vorliegende Untersuchung zusammen mit der Rekonstruktion der *10-Briefe-Sammlung stützt die von D. Trobisch und M. Klinghardt angenom‐ mene kanonische Redaktion, die zu einer kanonischen Ausgabe einer 27 Einzel‐ schriften umfassenden Sammlung führte, welche im dritten Jahrhundert den Titel „Neues Testament“ erhielt. Es hat sich herausgestellt, dass wir es bei der *10-Briefe-Sammlung zusammen mit *Ev nicht nur mit einem ausgeprägten sprachlichen und theologischen Profil zu tun haben, sondern dass sich dieses Profil auch markant von demjenigen abheben lässt, das die kanonische Redaktion mit ihrer 14-Briefe-Sammlung und den weiteren Schriften des späteren „Neuen Testaments“ auszeichnet. Dass die kanonische Redaktion sich des vorkanonischen „Neuen Testaments“ als Grundlage bedient hatte, und darüberhinaus die weiteren der 27 Einzelschriften, die die breitere Sammlung bildeten, aufgrund ihrer Eigensprache und Eigenvor‐ stellungen aus teilweise unterschiedlichen Milieus stammen, kann dennoch nicht über die gemeinsamen Elemente hinwegsehen lassen, die Merkmale einer, wenn auch zweifachen kanonischen Redaktion sind. Über das bereits vorweg Verhandelte hinaus soll an dieser Stelle zum Schluss lediglich auf ein weiteres dieser Merkmale hingewiesen werden, die Besonder‐ heit der vielfach stereotypen Verseröffnungen gerade auf der kanonischen Ebene. Nun könnte man einwenden, dass es in den frühchristlichen Handschriften und Kodizes bei einer scriptio continua weder Verse noch Kapitel gab. Das stimmt natürlich, aber dennoch bildeten gewisse Satzanfänge Sinneinschnitte, die schließlich die Voraussetzung bildeten, damit im 16. Jh. Robert Estienne eine Verszählung in seine gedruckten Bibelausgaben einführen konnte. 1 Würde man von der Priorität der 14-Briefe-Sammlung ausgehen und auch noch davon, dass wir es bei den übrigen Schriften des kanonischen Neuen Testa‐ ments nur mit Einzelschriften zu tun hätten, dann lässt sich kaum erklären, dass wir es über viele der 27 Schriften hinweg mit denselben, oft stereotyp wirkenden Versanfängen zu tun haben, die auffälligerweise in der *10-Briefe-Sammlung keine oder nur sehr spärlich Verwendung finden. <?page no="748"?> Ich nenne hier nur einige Beispiele: 1. εἰ δέ (ohne εἰ δὲ μή γε) steht 65 Mal als Verseröffnung im kanonischen NT, nicht ein Mal auf der vorkanonischen Ebene. Insgesamt findet sich die Kombination εἰ δέ 90 Mal im NT (mit Ausnahme der Wendung εἰ δὲ μή γε in *Ev 5,36) ausschließlich auf der kanonischen Ebene, davon 65 Mal als Verseröffnung und zwar in Mt (5 x); Lk (5 x); Joh (2 x); Apg (3 x); Röm (15 x); 1Kor (18 x); Gal (4 x); Phil (1 x); 2Thess (1 x); 1Tim (3 x); Phlm (1 x); Hebr (1 x); Jak (4 x); 1Petr (1 x). Wie zu erkennen ist, begegnet sie in drei der kanonischen Evangelien, im Praxapostolos und in acht von 14 paulinischen Briefen, davon in fünf der sieben Paulusbriefe, auch im Deuteropaulinum 2Thess, auch in einem Pastoralbrief und in Hebr. Das heißt, diese Verseröffnung weist auf die zweite kanonische Redaktion hin. 2. διὰ τοῦτο steht 38 Mal als Verseröffnung im kanonischen NT und, während sie ein Mal im Vers vorkanonisch im Deuteropaulinum 2Thess belegt ist, findet sie sich sonst nicht vorkanonisch. διὰ τοῦτο steht 64 Mal im NT, davon 38 Mal als Verseröffnung und zwar in Mt (7 x); Mk (1 x); Lk 11,49; Joh (6 x); Apg (1 x); Röm (4 x); 1Kor (3 x); 2Kor (3 x); Eph (3 x); Kol (1 x); 1Thess (2 x); 2Tim (1 x); Hebr (1 x); 3Joh (1 x); Apk (3 x), während es vorkanonisch nur im Vers für *2Thess 2,11 bezeugt ist. Diese Verseröffnung steht in allen kanonischen Evangelien, in vier der sieben Paulusbriefe, in zwei der drei Deuteropaulinen, in der Apg, in einem der Pastoralbriefe, Hebr und der Apk - also über alle vier Teilsamm‐ lungen des kanonischen Neuen Testaments und auch über alle Teile der 14-Briefe-Sammlung hinweg, ist folglich eine typische Verseröffnung, die auf die zweite kanonische Redaktion hinweist. 3. εἰ γάρ steht 39 Mal als Verseröffnung im kanonischen NT und, obwohl sie ein Mal in *1Kor im Vers vorkanonisch bezeugt ist, steht sie nie vorkanonisch als Verseröffnung. Die Kombination εἰ γάρ findet sich 37 Mal im NT, davon 29 Mal als Verseröffnung und zwar in Joh (1 x); Röm (10 x); 1Kor (2 x); 2Kor (4 x); Gal (3 x); Kol (1 x); 1Thess (1 x); Hebr (4 x); 2Petr (2 x); im Vers ist sie vorkanonisch bezeugt für *1Kor 2,8. Diese Verseröffnung begegnet in einem der kanonischen Evangelien, in fünf der sieben Paulusbriefe, im Hebr und in einem der katholischen Briefe, sie verweist damit auf die zweite kanonische Redaktion. 4. Τοῦτο δέ steht 28 Mal als Verseröffnung im kanonischen NT, nicht ein Mal auf der vorkanonischen Ebene. 748 Teil IV: Ausblick <?page no="749"?> Insgesamt findet sich die Kombination Τοῦτο δέ 32 Mal im NT, davon 28 Mal als Verseröffnung und zwar in Mt (3 x); Lk (1 x); Joh (9 x); Apg (6 x); Röm (1 x); 1Kor (5 x); 2Kor (1 x); Gal (1 x); 2Tim (1 x). Diese beliebte Verseröffnung findet sich in drei der kanonischen Evan‐ gelien, in der Apg, in vier der 14 paulinischen Briefe und in einem Pastoralbrief. Auch diese Verseröffnung weist auf die zweite kanonische Redaktion hin. 5. ἐγὼ δέ steht 21 Mal als Verseröffnung im kanonischen NT und, obwohl sie ein Mal im Vers in einem der drei Deuteropaulinen (*Laod) zu finden ist, steht sie nie vorkanonisch als Verseröffnung. Die Kombination ἐγὼ δέ steht 33 Mal im NT, davon 21 Mal als Verseröff‐ nung und zwar in Mt (6 x); Lk (1 x, in einem Vers, der in *Ev fehlt); Joh (4 x); Apg (3 x); Röm (2 x); 1Kor (1 x); 2Kor (2 x); Gal (1 x); im Vers vorkanonisch bezeugt für *Laod 5,32. Diese Verseröffnung findet sich in drei der kanonischen Evangelien, in der Apg, in vier der sieben Paulusbriefe und weist mit dieser Verteilung eher auf die erste kanonische Redaktion hin. 6. ὑμεῖς δέ steht 18 Mal als Verseröffnung im kanonischen NT, nicht ein Mal auf der vorkanonischen Ebene. Insgesamt findet sich die Kombination ὑμεῖς δέ 37 Mal im NT, davon 18 Mal als Verseröffnung und zwar in Mt (2 x) Mk (2 x); Lk (2 x); Apg (1 x); Röm (1 x); 1Kor (2 x); Gal (1 x); Eph (1 x); 1Thess (1 x); 2Thess (1 x); Jak (1 x); 1Petr (1 x); Jud (2 x). Die Liste zeigt, dass diese Verseröffnung in drei der kanonischen Evange‐ lien steht, im Praxapostolos und in zwei der drei Deuteropaulinen. Diese Verteilung spricht für die zweite kanonische Redaktion. 7. καὶ μή steht 17 Mal als Verseröffnung. Während sie im Vers vorkanonisch drei Mal bezeugt ist, findet sie sich als Verseröffnung ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Die Kombination καὶ μή steht 86 Mal im NT, davon 17 Mal als Verseröff‐ nung und zwar in Mt (3 x); Mk (1 x); Lk (5 x); Röm (3 x). In diesem Fall begegnet dieselbe Verseröffnung in drei der kanonischen Evangelien und im Römerbrief. Sie verweist mit dieser Verteilung deutlich auf die erste kanonische Redaktion. 8. οἶδα steht 14 Mal als Verseröffnung im kanonischen NT und ist vorkano‐ nisch lediglich zwei Mal im Vers bezeugt. Die Form οἶδα steht 56 Mal im NT, davon 14 Mal als Verseröffnung und zwar Joh (1 x); Röm (3 x); 2Kor (2 x); Phil (2 x); Apk (6 x), vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,25; 18,20 (jeweils im Vers). b. Die kanonische und die vorkanonische Redaktion und ihre stereotypen Verseröffnungen 749 <?page no="750"?> Diese Verseröffnung steht folglich in einem kanonischen Evangelium, in drei der sieben Paulusbriefe und in der Apk, was auf die erste oder zweite kanonische Redaktion hindeutet. 9. Περὶ δέ steht 14 Mal als Verseröffnung im kanonischen NT, nicht ein Mal auf der vorkanonischen Ebene. Die Kombination Περὶ δέ steht 14 Mal im NT, immer als Verseröffnung und zwar Mt (2 x); Mk (2 x); Joh (1 x); Apg (1 x); 1Kor (6 x); 1Thess (2 x). Diese Verseröffnung steht in drei der kanonischen Evangelien, in zwei der sieben Paulusbriefe und in Apg, was eher auf die erste kanonische Redaktion hinweist. 10. ὁ δὲ θεός steht 16 Mal als Verseröffnung im kanonischen NT und ist vorkanonisch nur ein Mal im Vers bezeugt. Die Kombination ὁ δὲ θεός steht 16 Mal im NT, davon 13 Mal als Verser‐ öffnung und zwar Lk (1 x); (Apg 2 x); Röm (4 x, nur in den Kapiteln 15-16); 1Kor (2 x); Eph (1 x); Phil (1 x); Hebr (1 x); 1Petr (1 x), vorkanonisch bezeugt für *Ev 16,15 (im Vers). Diese Verseröffnung steht in einem kanonischen Evangelium, im Praxa‐ postolos (Apg und 1Petr), in zwei der sieben Paulusbriefe (man bemerke bei Röm nur in den Kapiteln 15-16! ), in einem der drei Deuteropaulinen und in Hebr. Die Verteilung weist deutlich auf die zweite kanonische Redaktion hin. Auch wenn wir noch weitere Verseröffnungen anführen könnten, wird deut‐ lich, dass die typisch-kanonischen Verseröffnungen über die verschiedenen Teilsammlungen des kanonischen NT und über die unterschiedlichsten Ein‐ zelschriften hinweg stehen. Sie lassen sich sogar einordnen nach einer der beiden kanonischen Redaktionen. Ohne durchgehende kanonische Redak‐ tion(en) wären solch durchgehende Merkmale, gerade auch im Kontrast zur vorkanonischen Ebene, schwer erklärlich. Nimmt man noch die Priorität der 14-Briefe-Sammlung an, wäre völlig unerklärlich, warum und wie ein Abbre‐ viator diese Verseröffnungen so klinisch hätte eliminieren oder verändern können. Die Gegenprobe ist weniger eindeutig, da der Sprachgebrauch einer Vorlage sich immer auch punktuell in denjenigen des Sekundärtextes einträgt. Dennoch sei auf einige Verseröffnungen hingewiesen, die vorkanonisch stehen und öfter nur oder vor allem in den unmittelbaren kanonischen Parallelversen zu finden sind. 750 Teil IV: Ausblick <?page no="751"?> 1. ἐπειδή findet sich drei Mal bezeugt als vorkanonische Verseröffnung, kann jedoch möglicherweise ein weiteres Mal darin gestanden sein, auch wenn diese Stellen nicht bezeugt sind. Hingegen bevorzugt die kanonische Redaktion eine Erweiterung derselben (ἐπειδὴ γάρ; ἐπειδὴ καί), oder es folgt auf ἐπειδή direkt ein Verb. ἐπειδή steht zehn Mal im kanonischen NT, davon sieben Mal als Verseröff‐ nung und zwar: vorkanonisch kanonisch - Lk 7,1: ἐπειδὴ + Verb *Ev 11,6, wenn auch unbezeugt: ἐπειδὴ Lk 11,6: ἐπειδὴ - Apg 15,24: ἐπειδὴ + Verb *1Kor 1,21: ἐπειδὴ 1Kor 1,21: ἐπειδὴ γάρ *1Kor 1,22: ἐπειδὴ 1Kor 1,22: ἐπειδὴ καί *1Kor 15,21: ἐπειδὴ 1Kor 15,21: ἐπειδὴ γάρ - Phil 2,26: ἐπειδὴ + Verb Zwar ist *Ev 11,6 unbezeugt, doch die Parallelstelle Lk 11,6 ist die einzige Stelle im kanonischen NT, wo diese Verseröffnung unverstärkt oder ohne unmittelbar folgendes Verb steht. Gerade dann, wenn man diesen Vers wegen der Unbezeugtheit nicht gelten lassen möchte, wird doch deutlich, wie die kanonische Redaktion diese für sie eher seltene Verseröffnung behandelt. Sie begegnet bei Paulus nur an Stellen, an denen sie vorkano‐ nisch nicht steht, verstärkt oder erweitert durch ein Verb, gerade so, wie es ein Mal zusätzlich in Lk und in einem der sieben Paulusbriefe steht. Die vorkanonische Redaktion verwendet konsistent nur das einfache ἐπειδή. Die Verteilung auf der kanonischen Ebene spricht für eine Bearbeitung bei der zweiten kanonischen Redaktion. 2. Οὐκ οἴδατε ὅτι steht zwölf Mal im kanonischen NT, davon sechs Mal als Verseröffnung, wobei es zusätzlich mit einem vorangestellten ἤ vier wei‐ tere Male als Verseröffnung steht. Vorkanonisch steht die Verseröffnung fünf Mal: b. Die kanonische und die vorkanonische Redaktion und ihre stereotypen Verseröffnungen 751 <?page no="752"?> vorkanonisch kanonisch - Röm 6,16: οὐκ οἴδατε ὅτι ᾧ παριστάνετε *1Kor 3,16: οὐκ οἴδατε ὅτι ναὸς θεοῦ ἐστε 1Kor 3,16: οὐκ οἴδατε ὅτι ναὸς θεοῦ ἐστε - 1Kor 6,2: ἢ οὐκ οἴδατε ὅτι οἱ ἅγιοι *1Kor 6,3: οὐκ οἴδατε ὅτι ἀγγέλους κρινοῦμεν; 1Kor 6,3: οὐκ οἴδατε ὅτι ἀγγέλους κρινοῦμεν - 1Kor 6,9: ἢ οὐκ οἴδατε ὅτι ἄδικοι θεοῦ *1Kor 6,15: οὐκ οἴδατε ὅτι τὰ σώματα ὑμῶν 1Kor 6,15: οὐκ οἴδατε ὅτι τὰ σώματα ὑμῶν *1Kor 6,16: οὐκ οἴδατε ὅτι ὁ κολλώμενος 1Kor 6,16: ἢ οὐκ οἴδατε ὅτι ὁ κολλώμενος *1Kor 6,19: οὐκ οἴδατε ὅτι τὰ σώματα ὑμῶν 1Kor 6,19: ἢ οὐκ οἴδατε ὅτι τὸ σῶμα ὑμῶν ναὸς - 1Kor 9,13: οὐκ οἴδατε ὅτι οἱ τὰ ἱερὰ ἐργαζόμενοι - 1Kor 9,24: οὐκ οἴδατε ὅτι οἱ ἐν σταδίῳ τρέχοντες Zunächst ist zu bemerken, dass die Verseröffnung bis auf einen ka‐ nonischen Beleg in Röm nur in ( * ) 1Kor steht. Bei einer Priorität der 14-Briefe-Sammlung wäre wiederum wenig erklärlich, warum ein Abbre‐ viator diese Eröffnung aus Röm und 1Kor und vor allem das ἤ aus drei Versen getilgt hätte. Bei Umkehrung der Bearbeitungsrichtung ist es einfacher zu erläutern, dass die Formel mit ἤ die der kanonischen Redaktion gemäßere Formel darstellt. Sie verwendet sie in zwei Versen, die für die *10-Briefe-Sammlung nicht bezeugt sind und wohl auch abwesend waren, außerdem fügt sie das ἤ an zwei Stellen hinzu, wo es in der Vorlage fehlt. Dass sie es an zwei Stellen nicht hinzugefügt hat, wo es auch vorkanonisch nicht steht, zeigt, dass sie hier der Vorlage folgt, was zu einer gewissen Inkonsistenz auf der kanonischen Ebene führt. An zwei Stellen übernimmt sie die Verseröffnung, wo wohl kein vorkanonischer Vers vorliegt. Auch der Anschluss an die Verseröffnung unterscheidet sich leicht. Vorkanonisch folgt jeweils ein Substantiv mit oder ohne Artikel, im Singular oder Plural. Auf der kanonischen Ebene folgen auch komplexere Strukturen: ᾧ …; οἱ τά …; οἱ ἐν. Lediglich in den Parallelversen steht die einfache substantivische Weiterung, die dann an zwei weiteren Stellen 752 Teil IV: Ausblick <?page no="753"?> kanonisch noch zu finden ist. Auch hier findet sich eine Variation, die man wohl keine Inkonsistenz nennen muss. Gleichwohl begegnen zwei verschiedene Profile im Umgang mit dieser Verseröffnung, die kanonisch wohl auf die erste kanonische Redaktion verweist. 3. Περί wurde bereits weiter oben unter Nr. 9 der Verseröffnungen als Περὶ δέ behandelt. Wie dort gezeigt, steht Περὶ δέ 14 Mal, und zwar immer als Verseröffnung und immer auf der kanonischen Ebene, aber nicht ein Mal vorkanonisch: vorkanonisch kanonisch *1Kor 7,1: Περὶ τῶν γάμων 1Kor 7,1: Περὶ δὲ ὧν ἐγράψατε μοι - 1Kor 7,25: Περὶ δὲ τῶν παρθένων - 1Kor 8,1: Περὶ δὲ τῶν εἰδωλοθύτων *1Kor 12,1: Περὶ τῶν πνευματικῶν 1Kor 12,1: Περὶ δὲ τῶν πνευματικῶν - 1Kor 16,1: Περὶ δὲ τῆς λογείας τῆς εἰς τοὺς ἁγίους - 1Kor 16,12: Περὶ δὲ Ἀπολλῶ τοῦ ἀδελφοῦ - 1Thess 4,9: Περὶ δὲ τῆς φιλαδελφίας - 1Thess 5,1: Περὶ δὲ τῶν χρόνων καὶ τῶν καιρῶν Zunächst fällt auf, dass die kanonische Version mit angeschlossenem δέ 14 Mal steht, zusätzlich in drei der kanonischen Evangelien, aber gerade nicht in Lk, wobei zu bemerken ist, dass das einfache Περί auch nicht als Verser‐ öffnung in *Ev begegnet. Es begegnet aber in Apg. Vorkanonisch steht die Verseröffnung schlicht mit dem Genetivartikel und daran anschließend ein Nomen im Genetiv, worüber zu handeln ist. Auf der kanonischen Ebene wird sie nicht nur durch das stereotype δέ erweitert, auch der Anschluss variiert (öfter mit dem pluralischen Genetivartikel wie vorkanonisch, dann aber auch mit dem Pronomen im Genitiv und einem Nomen (so auch in Joh). Auch hier besteht ein deutlicher Profilunterschied im Umgang mit dieser Verseröffnung. Erneut wäre bei Annahme einer Priorität der 14-Briefe-Sammlung schwer zu erklären, warum ein Abbreviator zwei Mal δέ tilgt, hingegen die durchgehend über drei der kanonischen Teilsamm‐ lungen hinweg gebrauchte Verseröffnung Περὶ δέ eine stereotype Floskel b. Die kanonische und die vorkanonische Redaktion und ihre stereotypen Verseröffnungen 753 <?page no="754"?> ist, mit der wohl die zweite kanonische Redaktion den Text redigiert und harmonisiert hat. 4. τίς γὰρ ἔγνω steht auf vorkanonischer Ebene an zwei Stellen: *1Kor 2,16; *Röm 11,34 (so auch in den parallelen kanonischen Stellen). 5. ἵνα καθώς steht ein Mal vorkanonisch als Verseröffnung (*1Kor 1,31) und auf kanonischer Ebene nur im Parallelvers. Auch an dieser Stelle wäre es lohnenswert, weitere Beispiele des unterschied‐ lichen Profils zu untersuchen und vorzuführen. Für diese einleitende Untersu‐ chung hier begnüge man sich mit dieser Auswahl. Sie zeigt erstens ein unterschiedliches Profil der vorkanonischen und der kanonischen Verseröffnungen. Letztere sind einerseits stereotyp und ziehen sich über verschiedene Schriften und verschiedene Teilsammlungen des kano‐ nischen NT, während die untersuchten vorkanonischen Verseröffnungen von diesen differieren, auch wenn sie ebenfalls zum Teil sowohl in *Ev wie in *Ap zu finden sind. Zweitens zeigt sich, dass unter Annahme einer Priorität der 14-Briefe-Samm‐ lung nur schwer erklärlich ist, wie ein Abbreviator die kanonischen Verseröff‐ nungen hätte konsistent kürzen können. Drittens ist es leichter ersichtlich bei Annahme der Priorität der *10-Briefe-Sammlung, dass die kanonischen Redaktionen die vorkanonischen Verseröffnungen entweder übernehmen - auch wenn sie diese nicht zu ihren stereotypen Verseröffnungen zählen und sie nicht häufig weiter verwenden - oder sie leicht erweitern und als solche multiplizieren, ebenfalls über verschie‐ dene Schriften und Teilsammlungen hinweg. 754 Teil IV: Ausblick <?page no="755"?> 1 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band-1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 402. 2 Ibid. 422. 3 „Diese Datierungen [bleiben] nicht nur ungenau, sie sind auch abhängig von proble‐ matischen Vorentscheidungen“, ibid. 411. 4 Ibid. 412. c. Nochmals zu Markion: Rezipient oder Redaktor Klinghardt sprach tentativ von einer „protokanonischen Sammlung“ von *Ev, km Mt, km Mk, km Joh. 1 Nimmt man noch die Bearbeitung der *10-Briefe-Sammlung hin zur km 10-Briefe-Sammlung in den Blick, wird eine „protokanonische Samm‐ lung“ eher fraglich, zu der ja auch die Sammlung der paulinischen Briefe gehört hätte. Zu verschieden scheinen die km Ergebnisse zu sein. Doch auch hier wird erst die künftige Forschung nähere Auskünfte dazu geben können, wie nah und ferne sich die km Schriften standen. Geht man einen Schritt zurück, wissen wir aus den Zeugen, dass die vorka‐ nonische *10-Briefe-Sammlung zusammen mit *Ev (und Markions Vorwort) im Sammlungskontext von Markions *Neuem Testament vorlag. Gilt nun für diese Sammlung, was Klinghardt für *Ev herauszuarbeiten versucht hat und was „als heuristische Annahme der gesamten Untersuchung“ Klinghardts zu *Ev „zugrunde liegt,“ auch für die *10-Briefe-Sammlung, dass nämlich Markion „nicht schriftstellerisch oder redigierend tätig geworden“ ist, sondern dieses *Neue Testament „nur einfach benutzt“ hat? 2 Widerspricht dieser Annahme nicht bereits die Tatsache, dass Markion der Sammlung ein eigenes Vorwort gegeben hat? Klinghardt dachte an zwei Modelle: 1. Das von Klinghardt präferierte Modell geht von Markion als Rezipienten aus. In Folge dieses Ansatzes wird die protokanonische Sammlung des „Neuen Testaments“ in die Zeit vor Markion platziert. Der traditionellen Datierung der vier kanonischen Evangelien in das letzte Drittel des ersten Jahrhunderts steht er skeptisch gegenüber: 3 Es „ist in der Regel nicht wirklich ersichtlich, wie sich eine Datierung noch vor der Wende zum 2. Jh. begründen lässt. Denn die inneren Kriterien, die dafür in der Regel angegeben werden, erlauben diese Einschränkungen nicht wirklich“. 4 Schließlich denkt er sich vier Zeitfenster, in denen seiner Meinung nach die vier Protoevangelien entstanden sein können: <?page no="756"?> 5 Ibid. 413. 6 Ibid. 422. 7 Mit Berufung auf B. Aland, art. Marcion/ Marcioniten (1992), 93. 1. „für *Ev auf die Zeit ab 90, für *Mk [hier: km Mk] auf das erste Jahrzehnt des 2.-Jh., für *Mt [hier: km Mt] auf die Mitte der 120er Jahre und für *Joh [hier: km Joh] auf die Zeit kurz vor 144“; 2. „die gesamte schriftliche Evangelienüberlieferung [wurde] in nur wenigen Jahren-… zwischen 90 und 100“ geschaffen; 3. diese vier Evangelien sind von „130 bis 144“ entstanden; oder 4. *Ev war „seit den 90-er Jahren eine längere Zeit als einziges Evangelium“ vorhanden, dessen „Fortschreibung von *Mk [hier: km Mk] bis *Joh [hier: km Joh] nur wenige Jahre in Anspruch nahm“, und zwar entweder „bis zur Jahrhundertwende“ oder „erst in den 130er Jahren“. 5 Zieht man diese Zeitangaben analog aus für die paulinische Briefsammlung, müsste man von einer Existenz derselben von den 90-er Jahren ausgehen und die protokanonische Bearbeitung derselben in der Zeit danach ansetzen entsprechend den Optionen, die zuvor für die Evangelien angegeben sind. Diesem zeitlichen Ansatz ist kein Zeugnis entgegenzuhalten, auch wenn die letzte Zeitangabe („erst in den 130er Jahren“) eher zu dem Befund passt, dass ein gewichtiger Zeuge wie Justin in seinen Schriften noch keinen expliziten Bezug zu dieser Sammlung herstellt, auch wenn die oben aufgeführten Zeugen nachweislich eine kanonische Bearbeitung der *10-Briefe-Sammlung kennen und Polykarp und Irenäus zwischen den späten sechziger Jahren und 177 n. Chr. die Texte der größeren Sammlung kennen. Eine spätere Datierung ist darum wohl eher wahrscheinlich als eine der früheren Optionen. In diesem Modell avanciert Markion zum ersten Zeugen des protokano‐ nischen „Neuen Testaments“. Dieses wurde mit Markion assoziiert, weil er diese Sammlung rezipiert hatte. Dabei kann sich Klinghardt zwei verschiedene Szenarien vorstellen: Das Erste: Markion hätte die Sammlung, die er aus dem Pontus nach Rom gebracht hatte, „weder erstellt noch bearbeitet, sondern sie einfach als die Grundlage ak‐ zeptiert, die ihm überkommen und die im Pontus im Gebrauch war.“ 6 Der „nicht schriftstellerisch oder redigierend“ tätig Gewesene, ausgestattet mit einer Lehre, die „schlicht“ war, 7 stieß, wen wundert es, nicht sofort in Rom auf Widerspruch. „Seine theologischen Vorstellungen müssen nicht grundsätzlich auf Ablehnung ge‐ troffen sein, und seine Schriftensammlung bot noch weniger Anstoß“. 8 Allerdings habe es zu dieser Zeit konkurrierende neutestamentliche Sammlungen gegeben, die 756 Teil IV: Ausblick <?page no="757"?> 8 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band-1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 422. 9 Ibid. 423. 10 Ibid. 423-425. 11 So die Überschrift zu seiner Diskussion in seinem Ausblick in ibid. 416. „umfangreicher“ waren, und, nachdem Markion vielleicht aus der „Verbindung zu Kerdon“ sich „theologisch weiterentwickelt“ hatte, sei „ein exklusiver Gegensatz“ zwischen Markion und der römischen Gemeinde entstanden. „In diesem Fall wäre die Kanonische Ausgabe der Versuch, in einer sich verschärfenden Debatte gegenüber der von Marcion vertretenen Theologie die jüdischen Wurzeln des Christentums und seine heilsgeschichtliche Dimension nicht nur theologisch zu behaupten, sondern sie auch durch eine erweiterte Schriftgrundlage zu begründen.“ 9 Das Zweite: Angenommen (angeregt durch einen Hinweis des Tertullian), Markion sei „erst in Rom Christ“ geworden, dann wäre die Auseinandersetzung nicht durch „das Zusammentreffen regional unterschiedlicher Schriftsammlungen“ entstanden, sondern wäre „ein Phänomen innerhalb der römischen Gemeinde(n)“ gewesen. Dabei wären *Ev und die *10-Briefe-Sammlung in Rom „gelesen“ worden. „Aus einer pluralen Evangelienüberlieferung“ sei „zunehmend eine Konkurrenz zwischen dem einen Evangelium und einer protokanonischen Sammlung“ entstanden. Markion wäre folglich lediglich ein „(besonders prominenter) Repräsentant in einer kontroversen Entwicklung“ gewesen, wobei er „die Unvereinbarkeit des einen wahren Evangeliums gegenüber anderen“ vertrat, vielleicht „in Parteinahme in einer weiter gefassten Auseinandersetzung“. „In diesem Verständnis erscheint Marcion als Katalysator einer Entwicklung, die schon vor und unabhängig von ihm eingesetzt hatte“, „ein konservativer Bewahrer, der die Geltung des althergebrachten Evangeliums einfor‐ derte“. Allerdings lasse sich nicht bestreiten, dass es eine „Korrelation“ zwischen Markions „theologischen Optionen“ und der Schriftgrundlage des von ihm bezeugten „Neuen Testaments“ gibt, so dass „die Häresiologen die von Marcion verwendete Schriftensammlung so exklusiv mit ihm in Verbindung bringen, dass sie immer wieder von ‚seinem‘ Evangelium sprechen können.“ Und es sei „diese Korrelation zwischen Theologie und Schrift“ gewesen, die „für die Erstellung einer Konkurrenzausgabe verantwortlich gewesen“ sei, nämlich der kanonischen Ausgabe. 10 Dieses zweite Szenario, das Klinghardt sich auch vorstellen konnte, korrespondiert enger mit meiner eigenen Vorstellung, die ich darum hier gleich im Licht der Untersuchungen in diesem Band und der Rekonstruktion der *10-Briefe-Sammlung darlege: Auch wenn ich Markion nicht für den „Begründer der Jesusüberlieferung“ gehalten hatte oder halte, 11 so hatte ich ihn zumindest als Autor oder gründlichen Redaktor der ihm vorausgegangenen eher mündlichen als schriftlichen Jesus- und schriftlichen c. Nochmals zu Markion: Rezipient oder Redaktor 757 <?page no="758"?> Paulustraditionen gehalten. Die später kanonischen Evangelien waren in Reaktion auf das erste Evangelium, *Ev, entstanden und Markion hat mit der Herausgabe seines „Neuen Testaments“ unter Hinzufügung der *10-Briefe-Sammlung und seiner Präfatio, den Antithesen, auf diese Evangelien reagiert. Aufgrund der vorliegenden Untersuchung muss ich dieses Modell korrigieren, präzi‐ sieren und erweitern. Markion erwies sich als gründlicher Redaktor, der angeregt war durch zwei Sammlungen von Paulusbriefen, auf die er gestoßen war. Er hatte sich sowohl für *Ap wie für *Ev bereits gesammelten Materials bedient, für *Ev anonymes, da er *Ev keinem Autor zuschreibt, für *Ap zweier Sammlungen, die Paulus als Absender aufwiesen. Diese älteren Sammlungen redigierte er zu *Ev und *Ap. Welche der beiden Redak‐ tionen zuerst erfolgte, müsste gesondert untersucht werden in einem sorgsamen Vergleich von *Ev und *Ap. Was *Ap betrifft, hatte Markion die beiden älteren Sammlungen in eine einzige *10-Briefe-Sammlung zusammengebracht, deren Briefordnung er eigenständig struk‐ turiert hatte, indem er *Gal an den Anfang stellte und die km 3-Briefe-Sammlung von km Laod, km Kol, km 2Thess en bloc in die restrukturierte ˟ 7-Briefe-Sammlung einfügte, wobei er alle paulinischen Briefen für die *10-Briefe-Sammlung redigierte. *Ev und *Ap dienten ihm vermutlich als Studienmaterialien in seinem Schulhaus, nachdem er im Anschluss an das Ende des Zweiten jüdischen Krieges in den Jahren nach 135/ 138 nach Rom gekommen war, sich dort der Gemeinde angeschlossen und ein Schulhaus gegründet hatte. Die von ihm redaktionell erstellte *10-Briefe-Sammlung war an diejenigen seiner Kolleg: innen gelangt, von denen er die km 3-Briefe-Sammlung erhalten hatte. Dieses Milieu nenne ich das kanonische, weil nach Erhalt der *10-Briefe-Sammlung dort die erste kanonische Redaktion hin zur km 10-Briefe-Sammlung erfolgt war wie auch diejenige von *Ev hin zu den vier protokanonischen Evangelien, die sprachliche Spuren aufweisen welche sich bereits in der km 3-Briefe-Sammlung von km Laod, km Kol, km 2Thess finden lassen. In Reaktion auf diese erste kanonische Redaktion, bei der die vier Evangelien und die km 10-Briefe-Sammlung noch keine Sammlung darstellten, hat Markion *Ev und die *10-Briefe-Sammlung zu einer eigenen Sammlung redaktionell zusammengestellt und in die Öffentlichkeit gebracht, nun versehen mit einem provokativen Vorwort, den „Antithesen“, die seine *Neues Testament genannte Sammlung von den protoka‐ nonischen Texten absetzen sollte. Während Markion sein *Neues Testament dem „Alten Testament“ gegenüber kon‐ trastierte, waren die Texte des kanonischen Milieus bemüht, die neuen Texte den jüdischen Schriften zu inkorporieren. Markions neuer Kult mit einer neuen Kultle‐ gende und neuen Kultschriften stand in Wettbewerb mit der Rückbindung dieses 758 Teil IV: Ausblick <?page no="759"?> 12 Da Klinghardt bei der Datierungsfrage annimmt, dass das Lukasevangelium im proto‐ kanonischen Stadium mit *Ev gleichzusetzen ist, während km Mt, km Mk, km Joh eine von *Ev verschiedene vorkanonische Existenz besäßen, liest er die Bezüge von Justin auf Lk als Beleg für die „kanonische Ausgabe“, ibid. 406-411. Die „Identifizierung von Lk mit der kanonischen Redaktion“ ist m. E. jedoch problematisch, stattdessen wird in dem hier zur Debatte stehenden Modell ebenfalls von zwei Stufen der Entwicklung von Lk ausgegangen, also km Lk und Lk, wie dies für die drei anderen Evangelien und auch für die paulinische Briefsammlung angenommen wird. 13 Vgl. P. Pilhofer, Presbyteron kreitton. Der Altersbeweis der jüdischen und christlichen Apologeten und seine Vorgeschichte (1990). 14 Vgl. zu den ersten beiden Einwänden gegen Innovationen und deren Promotoren den Beitrag von B. Godin, Innovation. A Study in the Rehabilitation of a Concept (2015), 46. Kultes in die jüdische Kulttradition. Dieser Wettbewerb war aber keiner auf Biegen und Brechen, auch wenn er sich zunehmend verhärtete und mit Justin, wohl nach dem Tod Markions, auch der Wunsch an den Kaiser herangetragen wurde, die Vertreter des neuen Kultgedankens zu verfolgen. Dennoch fanden die literarischen Austauschpro‐ zesse vor solcher Verhärtung etwa zwanzig Jahre zuvor, in den Jahren von 135/ 138 bis in die vierziger und fünfziger Jahre auf akademischem Niveau und offenkundig im Versuch der gegenseitigen Verständigung statt. Der Ort des Austauschs war Rom, vielleicht mit einer Reichweite bis nach Ephesus und Kleinasien, wo Papias von Hierapolis von ihnen berichtet und Polykarp involviert ist bis hin zu einem Besuch bei Bischof Aniket in Rom im Jahr 155. Jedenfalls wird man eine dichte Zusammenarbeit, die zeitliche, wenn nicht unbedingt räumliche Nähe voraussetzt, annehmen müssen. Diesem Modell zufolge sind Justins „Erinnerungen der Apostel“ Reflexionen der als Reaktion auf *Ev entstandenen Evangelien, die in der ersten kanonischen Redaktion überarbeitet wurden. Dies würde die Datierung dieser km Evangelien in die Zeit vor Justin setzen, d. h. in die vierziger Jahre des 2. Jh. 12 Zu Justin gesellen sich die übrigen, weiter oben aufgeführten Zeugen, die alle dafür sprechen, dass auch die km 10-Briefe-Sammlung in dieser Zeit bekannt war. Diese Zeugen - man muss einschränkend sagen, Zeugen, die die katholische und orthodoxe Tradition überlieferte - sprechen dafür, dass die km Sammlung bei weitem erfolgreicher war als das *Neue Testament des Markion. Das dürfte aus zwei Gründen wenig überraschen. In einer Zeit, in der galt, dass das Ältere das Bessere sei (presby‐ teron kreitton), 13 hatte sich Markion vielfach exponiert: 14 1. Zunächst stand Markion gegen die grundlegende Vorstellung, der zufolge sein aus‐ drücklich als „Neues“ bezeichnetes Projekt sich der Kritik derer wie Justin auslieferte, die die Traditionen (und zwar nicht nur jüdische) hinter sich wussten und aufgrund von Ordnung, Autoritäten und Standesbewusstsein einer jeden Radikalneuerung skeptisch, wenn nicht feindlich gegenüber standen. c. Nochmals zu Markion: Rezipient oder Redaktor 759 <?page no="760"?> 15 Vgl. B.S. Easton, Early Christianity. The Purpose of Acts and Other Papers (1955), 43. 16 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band-1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 425. 2. Markion lieferte sich der emotionalen Kritik aus, die Neuerung mit einer Aufgabe des Hergebrachten und Gewohnten verband und die Aufforderung zu solchem Verzicht mit „Häresie“ im negativen Sinne zu verknüpfen begann, wie wir es vor allem bei Irenäus und Tertullian lesen. 3. Dann hatte der wohlhabende Markion erstaunlicherweise die ökonomischen Einwände unterschätzt, die mit der Antithese von Christentum und Judentum ver‐ bunden waren. Wenn die christlichen Gemeindemitglieder nach der Verbannung der Beschnittenen aus Jerusalem die Verbindung zur jüdischen Gemeinde kappten, kam das einem Verzicht auf angestammte Versammlungsräume, Synagogen, Grabstätten, Wohngebäude von befreundeten und befeindeten Gemeindegliedern gleich. Sie hatten sich freiwillig und ohne äußeren Zwang erheblicher Ressourcen beraubt. 4. Außerdem setzte sich Markions Projekt dem Vorwurf der superstitio aus, denn, wer sich in Antithese zum Judentum begab, befand sich bereits auf dem schlüpfrig-steilen Abhang in die religio illicita, einer politischen Gefahr, der gerade die Apg entgegen‐ zutreten versucht. 15 Es gab folglich viele Gründe, warum sich Markions *Neues Testament lediglich in der modifizierten und moderateren Form der kanonischen Redaktion(en) erhielt und durchsetzte. Ein weiteres Moment liegt in der auch sonst festzustellenden Überlieferungserfahrung, dass öfters erweiterte Sammlungen - ablesbar etwa an der Überlieferungsgeschichte der Ignatianen - eine größere Verbreitung gewannen als kürzere Wettbewerberinnen und letztere schließlich verdrängten. Gleichwohl zeigt das Schweigen der genannten Zeugen, vor allem auch des Justin, was die paulinische Briefsammlung betrifft, und das Bemühen des Irenäus, die breitere Sammlung hoffähig zu machen, welchen Einsatzes es bedurfte, um selbst das kanonisch bearbeitete *Neue Testament des Markion als Referenztext des jungen Christentums einzuführen. Nach der ersten kanonischen Redaktion bedurfte es einer zweiten, die mit zusätzlichen Schriften arbeitete und erst aufgrund dieser Pseudepi‐ graphen zur Durchsetzung der Sammlung führte, wie sie in Polykarps Brief an die Philipper im Ausgang der sechziger Jahre des zweiten Jahrhunderts anklingt und von Irenäus in den siebziger Jahren propagiert wurde. Betrachtet man sich beide Modelle, wird man Klinghardt zustimmen können: „Auch, wenn anderes denkbar ist: So könnte es gewesen sein.“ 16 Er selbst optiert für das erste Modell, auch wenn er das zweite Modell - in der früheren, von mir entworfenen Form, jedoch ohne Markions Autorschaft - für „gut denkbar“ hielt, wonach „die vorkanonischen Evangelien erst seit der zweiten Hälfte der 130er 760 Teil IV: Ausblick <?page no="761"?> 17 Ibid. 18 Ibid. 423. Jahre (auch) als Reaktion auf den (zweiten) Jüdischen Aufstand entstanden“ wären. Dabei stellt er fest, dass dies „eine Frageperspektive“ ist, „die so bislang nur ganz gelegentlich … aufgeworfen wurde, die aber im methodischen Horizont“ dessen, was er selbst im Zusammenhang mit der Rekonstruktion von *Ev erarbeitet hat, „möglich ist“ und „für die Interpretation der Evangelien ungeahnte Perspektiven eröffnen“ würde. 17 Mir selbst scheint, gerade nach der Erarbeitung der Rekonstruktion der *10-Briefe-Sammlung, das zweite Modell eher der historischen Wirklichkeit näher zu kommen, auch wenn wir es mit vielen Unbekannten zu tun haben. Problematisch erscheint mir am ersten Modell, dass man sich gegen die Wolke der Zeugen stemmen muss, die alle dieses *Neue Testament und nicht nur *Ev Markion zuschreiben und mit seinem Namen assoziieren. Von all den im ersten Modell genannten konkurrierenden Sammlungen finden wir kein Sterbenswörtchen in irgendeinem unserer Zeugen. Sie sind so hypothetisch wie die vor Jahrzehnten postulierte Quelle Q. Ausgenommen sind die zwei sich aus den Zeugen für *Ap ergebenden paulinischen Briefsammlungen, die darauf schließen lassen, dass auch für *Ev möglicherweise eine schriftliche oder mehrere solcher Vorlagen vorhanden war(en) - doch, Letzteres ist eine Hypothese, weil für sie keine Daten vorliegen, sondern sie sich lediglich aus dem Profil eines Redaktors ergibt, der sich für seine paulinische Sammlung älterer Sammlungen bedient. Dann scheint mir fraglich, wie man Markion als literarisch oder redaktionell Untätigen und reinen Rezipienten konzipieren kann, sich ihn dann aber als theologisch denkenden, gar von Kerdon beeinflussten Schriftleser - ohne sich schriftlich über diese Lektüre geäußert zu haben - vorstellt, so dass der „von Marcion vertretenen Theologie“ mit einer konkurrierenden Schriftensammlung entgegengetreten werden musste, und die „Offenlegung der jeweiligen theolo‐ gischen Implikationen“ - immer noch schriftlos - „zu der Kontroverse geführt“ habe, „in der materiale theologische Differenzen mit einem Streit über die rich‐ tige Schriftgrundlage verbunden waren“. 18 Gewiss, möglich ist dieses Szenarium, es scheint mir nach dem jetzigen Stand dieser Untersuchung jedoch weniger wahrscheinlich als das zweite Modell, bei dem eine gesunde Skepsis gegenüber den Häresiologen aufgrund der heute durchsichtigen Argumentationsabsichten derselben existiert. Die antimarkionitischen Häresiologen versuchten, den Status quo der orthodoxen Schriftenbasis apostolisch abzusichern, was noch deren fragilen Stand durchscheinen lässt. c. Nochmals zu Markion: Rezipient oder Redaktor 761 <?page no="762"?> Doch auch hier gilt: Ein abschließendes Urteil, was die beiden Modelle betrifft, lässt sich bei einem Bild, aus welchem zu viele Teile herausgebrochen sind, nicht fällen. Näher kommen wir ihm durch die enge, vertrauensvolle und zugleich kritische gemeinsame Arbeit in der Erforschung des Neuen Testaments und der Patristik. 762 Teil IV: Ausblick <?page no="763"?> 1 Ibid. 425. 2 M. Vinzent, Writing the History of Early Christianity: From Reception to Retrospection (2019), 266-464. 3 M. Klinghardt an mich vom 29.3.2024. d. *Paulus vs. Paulus In seinem Ausblick meint Klinghardt, dass die neue, von ihm und die hier weiter verfolgte Frageperspektive „wegen der Geltung der Zwei-Quellenthe‐ orie“ „ohne Aussicht auf breitere Rezeption“ sei. 1 Diesbezüglich bin ich einer optimistischeren Auffassung. Zunächst deshalb, weil durch die vorliegende Untersuchung sich ergibt, dass die *10-Briefe-Sammlung zwei ältere paulinische Sammlungen voraussetzt. Das ergibt für das Profil der Redaktion, dass sie eher auf existierenden Sammlungen und nicht auf einzelnen Briefen oder gar - wie ich früher annahm - eher auf mündlicher Tradition beruht. Diese neue Einsicht bietet auf ganz anderem Weg die Möglichkeit, dass die Redaktion sich auch für *Ev möglicherweise einer älteren Sammlung, sei es einer wie auch immer gearteten Form von Q, Prä-*Ev oder Prä-Lk bedient hat. Damit schließt die neue Perspektive also durchaus an die ältere Forschung an und ersetzt diese nicht. Außerdem entstehen wissenschaftliche Werke in der historischen Zunft nicht kurzatmig. Damit haben sie den Vorteil, dass Inhalt und Durchsetzungs‐ vermögen von längerem Atem sein können. Vor einigen Jahren las ich die Arbeiten von William Cureton (1808-1864) zu Ignatius von Antiochien, die durch den wissenschaftlichen Opponenten Joseph Barber Lightfoot (1828-1889) fast völlig in Vergessenheit geraten waren. Dabei entdeckte ich, dass Cureton schärfer gesehen hatte als der ihn überstrahlende Lightfoot. 2 Mir wurde klar, dass wissenschaftliche Erkenntnisse im Gebiet der Geschichte von Religion und Konfession bisweilen etwas länger brauchen sich durchzusetzen als in anderen Wissenschaftsbereichen. Letztlich ist Markion auch in diesem Punkt ein Lehrbeispiel - „neue“ Perspektiven haben es selten leicht, gegen etablierte Sichtweisen anzukommen, weil sie das Gewicht der Gewohnheit, die Sorge vor der Unbequemlichkeit, sich neu zu positionieren, und letztlich die Ökonomie (was würde es kosten, wenn man all die Einleitungen zum Neuen Testament und all die Kirchengeschichten neu schreiben, drucken und verkaufen müsste) gegen sich haben. Dabei hat Klinghardt Recht, wenn er mir in einer Email schreibt: Wir müssen „das (hist.) Paulus-Bild komplett neu denken“, „genauer: [wir können es] überhaupt nicht rekonstruieren“. 3 <?page no="764"?> 4 J. Murphy-O’Connor, St. Paul’s Corinth. Texts and Archaeology (2002). 5 Die aus vier Fragmenten rekonstruierte Inschrift findet sich abgedruckt in É. Bourguet, De rebus Delphicis imperatoriae aetatis, capita duo (1905), 63. 6 Mit Quellen und Literatur: A. Plassart, L’inscription de Delphes mentionnant le proconsul Gallion (1967), 374. Dem ersten Teil dieses Zitates stimme ich zu, was den zweiten Teil betrifft, möchte ich differenzieren. Zwar liegt die Vorgeschichte der *10-Briefe-Samm‐ lung stärker im Dunkel der Geschichte als ihre Rezeption, aber dennoch gibt sie uns einige Auskünfte, wie sie die Person des *Paulus sieht. Inwieweit wir hier ein literarisches Konstrukt oder Historie vor uns haben, müsste als Frage im Anschluss gestellt werden, denn wir haben es mit einer Sammlung zu tun, die vom Tod ihres vermeintlichen Autors etwa 80 Jahre getrennt ist. 1. Chronologie und Geographie des Wirkens von *Paulus a) Die absolute Chronologie In der bisherigen Paulusforschung wird die „absolute Chronologie“ an drei Elementen fest gemacht, wobei nach der vorliegenden Untersuchung und Rekonstruktion der *10-Briefe-Sammlung zwei davon ausschließlich auf die zweite kanonische Redaktion zurückgehen, ebenso das dritte, wenn auch nur mittelbar. Als „wichtigster“ Anhalt „für die paulinische Chronologie“ gilt der Hinweis der Apostelgeschichte auf das Wirken des Paulus in Korinth zur Zeit des Prokonsuls Gallio (Apg 18,12. 14. 17). 4 Denn Gallio ist inschriftlich bezeugt. Bereits der erste, der auf die Gallioinschrift hingewiesen hat und sie publizierte, Émile Bourguet in seiner Sorbonner Doktorarbeit vom Jahr 1905, 5 wurde von einem seiner Prüfer darauf hingewiesen, wie wichtig diese Inschrift für die Chronologie des Paulus sei. 6 William M. Ramsay (1851-1939), der berühmte schottische Altertumswissenschaftler, klassischer Archäologe und Erforscher insbesondere kleinasiatischer Inschriften, wies denn auch ausdrücklich auf diesen wichtigen Fund hin: „Der Text ist unglücklicherweise erheblich verstümmelt, und der volle Sinn kann nicht mehr erschlossen werden, aber die wichtigsten Punkte für die paulinische Chronologie sind im Grunde sicher, (1) das Dokument war ein Brief, den der Kaiser 764 Teil IV: Ausblick <?page no="765"?> 7 „The text is unfortunately much mutilated, and the full meaning cannot be recovered; but the most important points for Pauline chronology are practically certain, (1) the document was a letter sent by the Emperor Claudius when he bore the title Imperator XXVI, i.e. A.D. 52, to the city of Delphi, (2) he mentions Junius Gallio his friend and proconsul of Achaia“, W.M. Ramsay, Luke’s Authorities in Acts I-XII (1909), 467-468. 8 Ibid. 468. 9 Vgl. mit Dokumenten und Literatur A. Plassart, L’inscription de Delphes mentionnant le proconsul Gallion (1967), 377-378. Ihm zustimmend J. Reynolds, Roman Inscriptions 1966-1970 (1971), 144. 10 Vgl. E. Haenchen, Die Apostelgeschichte (1977), 78-79. Klaudius … im Jahr 52 an die Stadt Delphi geschickt hatte, (2) es erwähnt Junius Gallio, seinen Freund und Prokonsul von Achaia.“ 7 Ramsay gesteht allerdings in einer Fußnote, dass - wie man aus der Rekon‐ struktion Bourguets entnehmen kann - sowohl die Angaben „Freund“ und „von Achaia“ in der Inschrift fehlen und Ergänzungen von Bourguet sind. 8 Fünf Jahre nach der Publikation der Inschrift konnte Bourguet noch drei weitere Fragmente den bereits bekannten vier hinzufügen, außerdem entdeckte man, dass der Brief nicht an die Stadt Delphi, sondern vermutlich an den Nachfolger von Gallio geschickt worden war. Das Datum des Jahres 52 wurde aufgrund anderer Informationen zu Klaudius bestätigt, was, nimmt man die Angabe der Apostelgeschichte hinzu, zu einer Datierung der Anwesenheit des Paulus in Korinth für die Zeit Winter 49/ 50 bis Sommer 51 sprechen würde. 9 Die Nachricht von diesem Fund machte bald die Runde und wurde von der neutestamentlichen Wissenschaft als Anker für die Chronologie des Wirkens des Paulus genommen. Haenchen etwa gibt die Inschrift ohne Verweis auf die weiteren drei Fragmente und ohne Hinweis auf die hypothetischen Ergän‐ zungen und nennt sie „das wichtigste chronologische Datum“, das durch diese Inschrift für Paulus geliefert werde. 10 Die Apostelgeschichte berichtet: „11 So blieb er [Paulus] ein Jahr und sechs Monate und lehrte bei ihnen das Wort Gottes.12 Als aber Gallio Prokonsul von Achaia war, traten die Juden einmütig gegen Paulus auf, führten ihn vor den Richterstuhl 13 und sprachen: Dieser Mann verführt die Leute zu einer gesetzwidrigen Art der Gottesverehrung. 14 Als Paulus etwas erwidern wollte, sagte Gallio zu den Juden: Wenn es sich um ein Unrecht oder Verbrechen handelte, so würde ich euere Klage ordnungsgemäß behandeln. 15 Wenn es sich aber um Streitfragen über Lehre, Namen oder euer Gesetz handelt, da seht selbst zu; denn über solche Dinge will ich nicht Richter sein. 16 Damit wies er sie von seinem Richterstuhl weg. 17 Da fielen alle Griechen über den Synagogenvorsteher Sosthenes her und verprügelten ihn vor dem Richterstuhl. Gallio aber kümmerte sich nicht darum.“ (Apg 18,11-17) d. *Paulus vs. Paulus 765 <?page no="766"?> 11 Ibid. 80. 12 D. Slingerland, Acts 18: 1-18, the Gallio Inscription, and Absolute Pauline Chronology (1991), 441. 13 Ibid. 443. 14 Vgl. hierzu M. Vinzent, Writing the History of Early Christianity: From Reception to Retrospection (2019), 77-161. Haenchen leitet aus der Inschrift und diesem Text ab: „Wahrscheinlich haben die Juden bei dem neuen Statthalter ihre Klage gegen Paulus anzubringen versucht - vielleicht noch im Mai 51. Paulus würde dann Korinth im Frühsommer 51 verlassen haben. Da er nach Apg 18,11 sich 18 Monate dort aufgehalten hat, würde er im Winter 49/ 50 nach Korinth gekommen sein.“ 11 Nun wurde allerdings inzwischen darauf hingewiesen, dass es die Tendenz der Apostelgeschichte ist, „durchgehend das Material so zu bearbeiten, zu formen und zu organisieren, dass die jüdische Bevölkerung im römischen Reich herabgewürdigt wird, nirgends deutlicher als in der vorliegenden Diskussion.“ 12 Slingerland schließt darum, dass gerade Apg 18 „sehr problematisch ist, was die chronologische Rekonstruk‐ tion betrifft“. 13 Gallio, bekannt als Marcus Annaeus Novatus, war der ältere Bruder Senecas. Der Vater war Marcus Annaeus Seneca. Adoptiert durch Lucius Iunius Gallio hatte er dessen Namen angenommen. Es ist folglich nicht ausgeschlossen, dass bei der Abfassung der Apostelgeschichte Gallios Prokonsulschaft noch bekannt war und dafür genutzt wurde, dem Text einen historischen Bezug zu geben. Nicht anders verfuhr etwa der Vitenschreiber des Abercius von Hierapolis, der einen Briefauszug des Kaisers Mark Aurel und Inschriftenfragmente nutzte, um eine Lebensgeschichte eines fiktiven christlichen Bischofs Abercius vom Ende des zweiten Jahrhunderts zu entwerfen, der angeblich den kaiserlichen Haushalt zum Christentum bekehrt habe. 14 Am Beispiel des Abercius lässt sich ablesen, dass gerade Hagiographie mit historischen Namen und durch Inschriften und Spolien beglaubigte Personen arbeitet, um ihren Fiktionen historische Glaubwürdigkeit zu verleihen. Es verwundert darum nicht, in der Apostelgeschichte den Verweis auf den Pro‐ konsul Gallio zu finden, der als historischer Zeuge für die antipaulinische Verfolgertätigkeit der Juden dient. Nachdem diese Information erst durch die zweite kanonische Redaktion vorgetragen wird, dürfte deren historische Verlässlichkeit noch geringer einzuschätzen sein, als Slingerland angenommen hatte. Sie gehört in die Requisitenkammer der zweiten kanonischen Redaktion, auf der kaum das Gebäude der paulinischen Chronologie errichtet werden sollte. Besser scheint es mit der bei Sueton (ca. 70 - ca. 122) erhaltenen Notiz (Claudius 25,4) zu stehen, wonach dieser Kaiser „die Juden aus Rom vertrieb, 766 Teil IV: Ausblick <?page no="767"?> 15 Vgl. Sueton, Nero 33,1. 16 Orosius, Hist. VII 6,15. 17 So schon mit wichtigen Detaildiskussionen in J.N. Lüke, Über die narrative Kohärenz zwischen Apostelgeschichte und Paulusbriefen (2019), 139-144. 18 J. Murphy-O’Connor, St. Paul’s Corinth. Texts and Archaeology (2002), 151. 19 Vgl. S.-310-313. weil sie, von Chrestus aufgehetzt, fortwährend Unruhe stifteten“, ein Erlass, der bis zu seiner Außerkraftsetzung durch Nero, seinem Nachfolger, in Kraft war. 15 Nicht erst Orosius, der die Vertreibung auf das 9. Regierungsjahr des Kaisers Claudius datiert (= 49 n. Chr.), 16 deutet diese Geschichte christlich, sie wird auch in der Apg so vorgestellt, und zwar im selben Kapitel, in welchem auch Gallio begegnet: „2 Dort [in Korinth] traf Paulus einen aus Pontus stammenden Juden namens Aquila, der vor Kurzem aus Italien gekommen war, und dessen Frau Priscilla. Claudius hatte nämlich angeordnet, dass alle Juden Rom verlassen müssten. Diesen beiden schloss er sich an, 3 und da sie das gleiche Handwerk betrieben, blieb er bei ihnen und arbeitete dort. Sie waren Zeltmacher von Beruf “ (Apg 18,2-3). Mit dieser Information hat sich die zweite kanonische Redaktion einen mehr als fünfzig Jahre zuvor schreibenden römischen Autor zu Nutze gemacht. Auf ihr aufbauend erzählt sie die Geschichte des jüdischen Zeltmacher-Ehepaars Aquila und Priscilla, das bei dieser Vertreibung aus Rom nach Korinth kam, und mit dem sich Paulus traf. Da, wie oben gezeigt, alle Informationen zu diesem Ehepaar allein auf der zweiten kanonischen Redaktionsebene angesiedelt sind (Apg, Röm 16, 1Kor 16 und 2Tim), wird man auch sie als fiktives Element zur Kohärenzherstellung ansehen müssen, 17 deren historischer Wert so fraglich ist wie der Bezug zu Gallio. Ein dritter historischer Anhalt wird im Hinweis des kanonischen Paulus auf Aretas IV, den König der Nabatäer, in 2Kor 11,32-33 gesehen. 18 Dass auch dies vermutlich eine literarische Fiktion darstellt, wurde bereits zuvor angesprochen. 19 Im Ergebnis lässt sich festhalten: Die sogenannte „absolute Chronologie“ ist ein Produkt der kanonischen Redaktion. Für den vorkanonischen *Paulus fällt sie aus. b) Die relative Chronologie Mit der relativen Chronologie ist es besser bestellt, auch wenn die in der Paulusforschung aus der „absoluten Chronologie“ genommenen Daten fehlen. d. *Paulus vs. Paulus 767 <?page no="768"?> 20 H.J. Frede, Altlateinische Paulus-Handschriften (1964), 167-168. 21 An keiner Stelle stellt sich *Paulus als Auferstehungszeuge heraus. 22 In *1Kor 7,7 wird angedeutet, dass *Paulus unverheiratet ist; ebd. 9,18 und *2Kor 2,17, dass er unentgeltlich lehrt. Doch das ist eher hilfreich. Denn wie schon früher von H. J. Frede festgestellt wurde, waren die Briefe des *Paulus in der *10-Briefe-Sammlung biographisch angeordnet, 20 außerdem waren sie geographisch gegliedert: *Gal und *1Kor sind von Ephesus aus geschrieben; *2Kor von dem weiter nördlich gelegenen Troja, welches auf dem Weg zwischen Ephesus und Korinth liegt. Von wo *Röm geschrieben ist, ist unklar, aber man könnte wie die kanonische Redaktion darauf schließen, dass er noch in Korinth entstanden ist. *1/ *2Thess stammen aus dem nahegelegenen Athen. *Kol soll von Ephesus, *Phil und *Phlm von Rom aus geschrieben sein. Diese Angaben, die weithin aus den Prologen stammen, harmonieren weithin mit der Anordnung der Briefe, führen aber auch über das hinaus, was Paulus selbst in seinen Briefen an rudimentären Angaben macht: „wir beschlossen, in Athen zurückzubleiben“ (*1Thess 3,1) „9 Um der Liebe willen, will ich vielmehr eine Bitte aussprechen. 10 Ich bitte dich für mein Kind, das ich gezeugt habe in meinen Fesseln, Onesimus, 11 der dir einst unnütz war, jetzt aber ist er mir nützlich, 12 den ich wieder zurückschicke. 13 Ich wollte ihn bei mir behalten, damit er mir an deiner Stelle diene in den Fesseln des Evangeliums“ (*Phlm 1,9-13). Die vorkanonischen Briefe geben der Leserschaft der Sammlung einen wenn auch dürftigen Blick in die Lebensstationen des *Paulus. Sein Leben wird beleuchtet von seinen Anfängen als durch eine Offenbarung Christi Affizierten, der sich von Galatien - ob es Zufall ist, dass Galatien die Gegend ist, die an Markions Heimat im Pontus südlich angrenzt? - aus nach Rom bewegt und über die genannten Stationen nach Rom in Gefangenschaft gelangt. Wir erfahren folglich mehr zu den Stationen von *Paulus als zu seiner biographischen Entwicklung. c) Zur Geographie Auf der Basis der Anordnung der Briefe in der Sammlung ist von *Gal aus‐ zugehen. In diesem Brief berichtet *Paulus auch über seine Zeit vor seiner Offenbarung (vgl. auch *2Kor 12,2. 4. 7-9). 21 Er gehörte „zum Judentum“, eine der wenigen biographischen Notizen in den vorkanonischen Briefen. 22 Sie wird ergänzt durch *1Kor 10,1, wo er von „unsere(n) Väter(n)“ spricht, 768 Teil IV: Ausblick <?page no="769"?> 23 A. Standhartinger, Der Philipperbrief (2021), 221. 24 Vgl. 2Makk 2,21; 8,1; 14,38; 4Makk 4,26; vgl. C.A. Barton und D. Boyarin, Imagine No Religion. How Modern Abstractions Hide Ancient Realities (2016); D. Boyarin, Judaism. The Genealogy of a Modern Notion (2018). dabei auf den Exodus anspielt, und letztlich diesen Hinweis als Beispiel gegen Götzenopfer nimmt (*1Kor 10,19). Dann stößt man in *Phil 3,3. 7-9 auf eine gewisse Selbstkritik des *Paulus: „Wir sind die Beschnittenen, die sich rühmen im Fleisch, beschnitten, vom Stamm Benjamin, ein Hebräer von Hebräern, ein Pharisäer“ (*Phil 3,3). Der kanonische Text dieser Philipperstelle unterscheidet sich deutlich vom vorkanonischen (Phil 3,3: „Denn die Beschneidung sind wir, die wir im Geist Gottes dienen und uns in Christus Jesus rühmen und nicht auf irdische Vor‐ züge vertrauen“). Fast alle Auslegungen dieser kanonischen Stelle fassen die Beschneidung metaphorisch als Herzensbeschneidung oder nicht von Händen gemachte Beschneidung auf. Dies ist gewiss dem Wortlaut des kanonischen Textes geschuldet, während der vorkanonische klar von einer fleischlichen Beschneidung berichtet. A. Standhartinger liest den kanonischen Vers so, dass Paulus „hier und in Röm 4,11 Beschneidung als Ehrennamen hervor[hebt]“, wozu sie auch auf Röm 15,8 verweist. 23 Deutlicher als im kanonischen Text wird vorkanonisch jedoch der Kontrast deutlich zwischen der physisch verstandenen Beschneidung als selbstrühmender Ehrenname und der bereitwilligen Aufgabe bzw. dem Verlust dieses physischen Vorzugs um Christi willen und dessen Erkenntnis, „die alles überragt“, wie *Phil 3,8 ausführt. Die physische Beschneidung erklärt *Paulus gar für „Dreck“, verteidigt hingegen die Beschneidung des Herzens (*Röm 2,29) und setzt „aus dem Gesetz“ antithetisch „aus Gott“ entgegen (*Phil 3,8-9). Trotz all dem relativiert *Paulus in *1Kor 9,20 jegliche Kultzugehörigkeit, indem er formuliert: „Den Juden bin ich ein Jude geworden, um Juden zu gewinnen; denen, die unter dem Gesetz stehen, bin ich einer unter dem Gesetz geworden, um die zu gewinnen, die unter dem Gesetz stehen“. Die Selbstbeschreibung, ein Jude zu sein, ist bemerkenswert. Desto mehr, als das Nomen „Judentum“, das in Markions Vorwort, den Antithesen, zu finden ist als Gegenüber von „Christentum“, sich nach D. Boyarin außerhalb christlicher Schriften in der damaligen Zeit sehr selten findet. 24 In der christlichen Literatur des zweiten Jahrhunderts begegnet es wieder in der 7-Briefe-Sammlung des Ignatius, die wohl aus der Zeit um Irenäus stammt (IgnMagn 8,1; 10,3; IgnPhilad 6,1), nicht aber in dessen 3-Briefe-Sammlung. Zum allerersten Mal in jüdischen Schriften findet sich das Nomen „Judentum“ im Zweiten und im Vierten d. *Paulus vs. Paulus 769 <?page no="770"?> 25 Es ist typisch für die neutestamentliche Exegese, den Hinweis auf das Gedenken der Armen ausschließlich auf Paulus zu beziehen, so schon T.v. Zahn, Der Brief des Paulus an die Galater (1922), 105. Aus der Kollektennarration heraus wird der Vers gelesen von H. Schlier, Der Brief an die Galater (1971), 80-81. Hingegen zeigt die Grammatik des Texts sowohl vorkanonisch wie kanonisch, dass die Verpflichtung zur Sorge für Buch der Makkabäer, in einem christlichen Text erstmals in Markions gerade erwähnten Präfatio, was zum hier Vorgetragen in *Gal 1,13 passt. *Paulus gesteht, dass er sich für die Tradition seiner Väter über die Maßen eingesetzt hatte, doch er stellt sich als „Auserwählten“ vor, dem sich Christus of‐ fenbart habe (*Gal 1,14-16), der für ihn diese jüdische Vergangenheit relativierte. Wie man sich diese Offenbarung vorzustellen hat, ob sie zu einem bestimmten Zeitpunkt geschah, an einem bestimmten Ort, wird nicht gesagt. Als nächtes hören wir, dass *Paulus 14 Jahre nach der Offenbarung hinauf nach Jerusalem gegangen ist (*Gal 2,1). Das setzt voraus, dass mit der Offenbarung zumindest ein datierbares Ereignis in der Biographie des *Paulus gemeint sein soll, auch wenn wir keine näheren Angaben hierzu besitzen. Wenn *Paulus in *Phil 3,7 meint, er habe das, was ihm „ein Gewinn war-… um Christi willen für Verlust gehalten“, so hat er sich doch nicht als Nichtjude gesehen, sondern vielmehr als eigentlicher, als geistlicher Jude, „denn nicht der ist Jude, der es äußerlich ist … sondern der ist Jude, der es im Verborgenen ist, und Beschneidung ist die des Herzens, im Geist, nicht im Buchstaben“ (*Röm 2,28-29). Zugleich setzt sich *Paulus auch von Griechen (*1Kor 1,18-31) und auch vom Kaiser und der römischen Obrigkeit ab, von „den Vollkommenen der Machthaber dieser Zeit, die einst entmachtet werden“ (*1Kor 2,6). Ob die Information, *Paulus schreibe von Athen an die Thessalonicher (*1Thess 3,1; Prolog zu *1Thess) sich auf einen Zeitpunkt innerhalb dieser 14 Jahre beziehen soll oder auf die Zeit nach seinem Aufenthalt in Jerusalem, ist auf den ersten Blick nicht klar. Doch muss man den Text wohl so lesen, dass *Paulus bereits in diesen 14 Jahren seine Botschaft verkündet hat, wenn er bei seinem - wiederum auf einer Offenbarung beruhenden - Besuch in Jerusalem, bei dem er Petrus traf und die übrigen Apostel, berichtet, dass er bereits für das Evangelium unterwegs war (*Gal 2,2). Außerdem scheint der Besuch eine Auseinandersetzung mit Falschbrüdern vorausgesetzt zu haben, die das Wirken des Paulus auszuspähen versucht hatten und ihn vermutlich wieder zur Observanz des Gesetzes zurückzubringen bemüht waren (*Gal 2,4). Nachdem er von Petrus, Jakobus und Johannes „die rechte Hand“ erhalten hatte (*Gal 2,9), auf dass er „zu den Heiden gehe, sie zu den Beschnittenen“, wobei beide Seiten „an die Armen denken“ (*Gal 2,10) wollten, 25 kam es 770 Teil IV: Ausblick <?page no="771"?> die Armen auch auf Petrus, Jakobus und Johannes zu beziehen ist. Grund für die ausschließliche Interpretation auf Paulus hin ist die von der kanonischen Redaktion in die Texte eingeschriebene große Kollektenaktion des Paulus für Jerusalem, die ihn zum großen Spendensammler und Organisator macht, was sich auf die Interpretation dieser Stelle hier auswirkt. Zur Kollekte vgl. B.W. Longenecker, Remember the Poor. Paul, Poverty, and the Greco-Roman World (2010); C. Heil, „Die Armen nicht vergessen“. Die Kollekte des Apostels Paulus für die Armen in Jerusalem (2008). Vgl. auch zuvor Fußnote 1363. 26 U. Schnelle, Paulus. Leben und Denken (2013), 32. 27 Vgl. J.N. Lüke, Über die narrative Kohärenz zwischen Apostelgeschichte und Paulus‐ briefen (2019), 136-139. 28 M. Vinzent, Marcion and the Dating of the Synoptic Gospels (2014), 14-19. Vgl. auch O. Zwierlein, Die antihäretischen Evangelienprologe und die Entstehung des Neuen Testaments (2015), 7, 23-30. doch zu einer Auseinandersetzung zwischen ihm und Petrus. Im Unterschied zu *Paulus hatte dieser sich vor denen „aus der Beschneidung“ gefürchtet und die Mahlgemeinschaft mit Unbeschnittenen beendet (*Gal 2,11-12). Kommen wir zurück auf *1Thess. Dass der Brief erst später in der Sammlung steht, deutet darauf hin, dass er erst zu einem späteren Zeitpunkt in der Biographie des *Paulus angesetzt werden soll. Damit dürfte die aus der Paulusforschung bekannte „erste Missionsreise“ sich eben‐ falls als ein Produkt der zweiten kanonischen Redaktion herausstellen, da die Infor‐ mation, Paulus habe von Philippi kommend die Gemeinde in Thessalonich begründet (1Thess 2,1-13), auf die zweite kanonische Redaktion zurückgeht. Das gilt auch für die korrespondierende Angabe, wonach Paulus von Philippi (Apg 16,11-12a) „beim Beginn der Verkündigung des Evangeliums … aus Mazedonien aufbrach“ (Phil 4,15), „nach Thessalonich“ (Apg 17,1) kam und über Beröa nach Athen (Apg 17,10. 15) und von dort nach Korinth (Apg 18,1) reiste. Das heißt, was die Forschung als Bestätigung des Berichts der Apg „in seinen Grundzügen“ durch die Paulusbriefe nennt, 26 ist eine Fiktion der zweiten kanonischen Redaktion, die mit ihr eine literarische Kohärenz zwischen den hier genannten Schriften 1Thess, Phil und Apg herstellte. 27 Nun stellt sich die Frage, warum *Paulus seinen Brief nach Galatien aus Ephesus geschrieben haben soll. Lokalisiert die Briefsammlung ihre Gegenspieler in dieser Stadt? Das würde zu dem antimarkionitischen Prolog passen, der uns den Bericht des Papias von Hierapolis überliefert, in welchem der Versuch Markions, mit Johannes ins Gespäch zu kommen, dokumentiert ist; wegen Markions Präfatio, den Antithesen, hat ihn Johannes zurückgewiesen, dabei hatte Markion Schriften oder Briefe zu ihm gebracht. 28 Dies klingt, als habe Markion sein *Neues Testament Johannes zur Kenntnis gebracht. Möglicher‐ weise ist die Erwähnung von Ephesus aber vielmehr ein literarischer Hinweis d. *Paulus vs. Paulus 771 <?page no="772"?> 29 Aus Justin geht dies nicht hervor, doch Eusebius berichtet uns dies in Hist. eccl. IV 18,6: καὶ διάλογον δὲ πρὸς Ἰουδαίους συνέταξεν, ὃν ἐπὶ τῆς Ἐφεσίων πόλεως πρὸς Τρύφωνα τῶν τότε Ἑβραίων ἐπισημότατον πεποίηται. Dass Trypho sich auf *Ev bezieht, lässt sich aus Justin herauslesen, der sich gegenüber Trypho dadurch verteidigt, indem er die antimarkionitischen Argumente des Trypho als nicht ihn, Justin, selbst betreffend zu entlarven versucht, vgl. Justin, Dial. 11. 30 J.N. Bremmer, The Place, Date and Author of the Ignatian Letters: An Onomastic Approach (2021). darauf, dass Ephesus als Knotenpunkt und Ort markiert wird, wo Markion einerseits die km 3-Briefe-Sammlung ( km Laod, km Kol, km 2Thess) gefunden hatte und wohin Markion sein *Ev und seine *10-Briefe-Sammlung gebracht hatte. Neben Polykarp und Irenäus als Personen, die mit dem kanonischen Milieu verbunden sind, bietet uns dies vielleicht einen Hinweis darauf, dass auch die km 3-Briefe-Sammlung in Kleinasien entstanden ist. Nicht zufällig ist Ephesus der Ort, an welchem Justin, der im Austausch mit Markion stand, zumindest nach Eusebius von Cäsarea, seinen Dialog mit Tryphon stattfinden lässt. 29 Polykarp ist Gemeindevorsteher von Smyrna, sein Schüler Irenäus wurde von ihm in Ephesus unterrichtet. Unlängst hat J. Bremmer die Redaktion der 7-Briefe-Sammlung des Ignatius in die Nähe von Smyrna gesetzt. 30 Auch *1Kor soll von Ephesus aus geschrieben sein. Wenn es in *1Kor heißt, *Paulus „lege wie ein weiser Baumeister den Grund, der gelegt ist: Christus“ (*1Kor 3,10-11), und wenn dies von Ephesus geschrieben ist, dann könnte dies ein weiterer Hinweis darauf sein, dass die vorkanonische Redaktion die Entstehung der Sammlung (literarisch? ) in Ephesus verortet. Dafür spricht auch, dass Paulus von den Korinthern als dem „Neuen Testament“ spricht, das „mit dem Geist des Lebendigen … auf fleischliche Tafeln des Herzens“ geschrieben ist (*2Kor 3,3). Das Werk sollte erst noch „durch Feuer“ geprüft werden (*1Kor 3,13), was vielleicht das Szenarium andeutet, von dem Papias berichtet. Das *Neue Testament war nicht als der Weisheit letzter Schluss gedacht, es war nicht „auf Tafeln aus Stein“ gemeißelt. Es war ihm offenkundig gar nicht so sehr der Wortlaut - die „Buchstaben“ (*2Kor 3,6) - von Bedeutung, sondern der Sinngehalt, der zwischen verschiedenen Orten, mit verschiedenen Gruppierungen und in verschiedenen Milieus zu verhandeln war. Wenn den Korinthern „Paulus, Kephas“ gehören (*1Kor 3,22), ist das eine Kurzformel für *Ap und *Ev? *Paulus (und damit der Redaktor der Sammlung) nimmt sich zurück, indem er vom „letzten Platz“ von „uns Aposteln“ spricht, und stattdessen auf seine Botschaft, „das Evangelium“, verweist, durch das er seine „Kinder-… gezeugt“ hat (*1Kor 4,9. 14-15). 772 Teil IV: Ausblick <?page no="773"?> 31 Von einem möglicherweise zweiten Besuch in Korinth wissen lediglich die Interpreta‐ tionen des kanonischen Textes (2Kor 2,1), vgl. hierzu kritisch C.C. Stephen, On Paul’s Second Visit to Corinth: Πάλιν, Parsing, and Presupposition in 2 Corinthians 2: 1 (2016). 32 Vgl. mit Verweis auf ältere Literatur J.M. Glessner, Ethnomedical Anthropology and Paul’s „Thorn“ (2 Corinthians 12: 7) (2017); L. Hagel, The Angel of Satan: 2 Corinthians 12: 7 Within a Social-Scientific Framework (2019), 202-203. *2Kor ist schließlich von Troja aus geschrieben, d. h. *Paulus befand sich auf der Reise in Richtung Rom, 31 wobei er von eigener Not in der Provinz Asien Andeutungen macht bis hin zu Verzweiflung und der Auslieferung zum Tod (*2Kor 1,8-9; 4,8-11). Dass dies keine äußere Verfolgung darstellte, wird durch den Hinweis auf die „Lügenapostel“ verdeutlicht, die *Paulus als „unehrliche Arbeiter“ und solche kritisiert, die sich „freilich tarnen als Apostel“ (*2Kor 11,13). Andererseits verweist er auf eine eigene Schwäche (*2Kor 12,7), über die in der Forschung bereits viel gerätselt wurde. 32 Von welcher Stelle aus der *Römerbrief verfasst wurde? Der Prolog erwähnt, er sei „von Athen“ geschrieben, was einen Hinweis darauf bietet, dass dieser Prolog nicht auf den kanonischen Römerbrief gemünzt ist, der mit der Erwäh‐ nung des Gaius in Röm 16,23 zumindest nahelegt, der Brief sei noch in Korinth verfasst worden. Da der nächste Brief in der Sammlung *1Thess ist, der nach Angaben des Prologs und nach *1Thess 3,1 von Athen aus geschrieben wurde, versteht man, dass die kanonische Redaktion darauf schließen konnte, dass der Römerbrief in Korinth abgefasst wurde, was man sich als mögliche Station zwischen Troja und Athen erschließen konnte. Auch *2Thess ist nach dem Prolog noch von Athen aus geschrieben. In welchem Ort der nächste Brief, *Laod, verfasst ist, lässt der Prolog offen, und der Prolog zum *Kol scheint bereits die geographische Anomalie bemerkt zu haben, wenn zwar Ephesus angegeben wird, zugleich aber auf die Gefangenensituation des *Paulus verwiesen wird („darum schreibt ihnen der Apostel, obwohl er bereits gefangen war, von Ephesus aus“). Die letzten biographischen Informationen, die wir erhalten, sind die Bestärkungen durch die Prologe zu *Phil und *Phlm, wonach *Paulus in Rom vom Gefängnis aus schreibt. Offen bleibt, wie diese Reise chronologisch zu fassen ist. Viel ist es nach alldem nicht, was wir aus den Prologen und Briefen der *10-Briefe-Sammlung über das Wirken des *Paulus erfahren. Daran schließen sich Fragen an: Sind diese Angaben so spärlich, weil die Redaktion in der Mitte des 2. Jh. keine weiteren Informationen mehr besaß, oder wird nicht mehr geboten, um eine pseudonyme Autorenfiktion aufrecht zu erhalten? Letzteres ist eher zu verneinen angesichts der Tatsache, dass die kanonische Redaktion ein gutes Beispiel dafür ist, dass sie die vorkanonische *10-Briefe-Sammlung mit d. *Paulus vs. Paulus 773 <?page no="774"?> einer Fülle von historischen Datenmaterialien und Erzählungen ausstattet, was die Autorenfiktion tatsächlich gestärkt und nicht geschwächt hatte. 2. Die kanonische Redaktion: Von *Paulus zu Paulus Um auf Klinghardts zweiten Teil seines Zitates seiner oben angeführten Email an mich kurz zurückzukommen. Auch wenn ich zuvor die Aussage, dass man „überhaupt nicht“ das Paulus-Bild rekonstruieren könne, zu relativieren und detaillieren versucht habe, muss ich mich letztlich doch wieder Klinghardt anschließen. Denn bereits die wenigen Andeutungen, die in den voranstehenden Ab‐ sätzen zum *Paulus-Bild, seiner Chronologie und Geographie, gemacht wurden, beruhten auf der *10-Briefe-Sammlung, wie sie uns aus der Sammlung des Markion, vermittelt über die Häresiologen und die Rekonstruktion, zugänglich sind. Uns tritt in vielen, wenn wohl auch nicht in allen Punkten, ein markioniti‐ scher *Paulus in diesen Briefen entgegen. Inwieweit wir damit einem histori‐ schen Paulus begegnen, und ob dieser überhaupt zugänglich ist, lässt sich aus einer Briefsammlung, die nach dem Zweiten jüdischen Krieg entstanden ist, noch nicht entscheiden. Dass sich Markion gerade einer km 3-Briefe-Sammlung bedient hatte, die bereits nach heutigem Verständnis nur Deuteropaulinen enthielt, stärkt weder das Vertrauen in seine Quellen, noch dasjenige in das Produkt seiner Sammlung. Dass er sich aber älterer Quellen bedient hatte und zwar offenkundig der besten, die damals erhältlich waren, und dass er diese in eine Form gegossen hatte, die noch die heutige Forschung Paulus selbst oder zumindest im Fall der drei Briefe seiner Schule zuschreibt, spricht sowohl für seine Spürnase beim Sammeln wie für seine sorgfältige Hand bei der Redaktion. Es darf ihm wohl etwas mehr Vertrauen entgegengebracht werden, als verschattet durch die dunklen Wolken der Häresiologen es überlicherweise der Fall ist. 774 Teil IV: Ausblick <?page no="775"?> 1 Zu diesem inzwischen geflügelten Wort, das uns bereits als solches überliefert wird von Johannes von Salisbury, vgl. mit Quellenangabe und Text M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), v. M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien (2015), v. Die Notwendigkeit einer fundamentalen Neukonzeptionierung der gesamten frühchristlichen Geschichte hat zuletzt angemahnt W. Arnal, The Collection and Synthesis of „Tradition“ and the Second-Century Invention of Christianity (2011). 2 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), vi. M. Kling‐ hardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien (2015), vi. 3 M. Vinzent, Concordance to the Precanonical and Canonical New Testament (2023). Nachwort Wir sind keine Zwerge und sitzen auch nicht auf Schultern von Riesen, 1 das hat Matthias Klinghardt mit seinem bewusst mutigen Schritt in seinem Werk „Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien“ von 2015 bewiesen. Auf dem von ihm eingeschlagenen Weg entstand die vorliegende kritische Edition der ältesten rekonstruierbaren Sammlung paulinischer Briefe. Sie teilt mit Klinghardts Unternehmen, dass die Rekonstruktion vor allem aus antihäretischen Zeugen geschöpft ist. Darum gilt auch für sie, dass „nicht nur etliche unsichere Urteile [gefällt werden mussten], die man mit Gründen auch anders fällen könnte, sondern mit großer Wahrscheinlichkeit auch manche Fehler und Versehen“ stehen geblieben sind. 2 Doch Fortschritt gibt es nicht ohne Wagnis und Mut, wenn diese gebündelt sind mit Vorsicht, Bescheidenheit, Selbstkritik und Weitsicht. Um diese vier Bedingungen zu erfüllen, ging der Rekonstruktion die bereits erwähnte Erstellung der „Concordance to the preca‐ nonical and canonical New Testament“ mit ihren über 5.500 Lemmata voraus. 3 Aus diesem Vergleich der Lexik des vorkanonischen *Neuen Testaments und des kanonischen erwuchs die Zugewinnung eines weiteren Kriteriums für die Rekonstruktion, die vor allem für die unbezeugten Verse bzw. Passagen sich als hilfreich herausstellte. Wie gerade die Rekonstruktion des vorkanonischen *Philemonbriefes zeigt, bietet das Kriterium von Sprache, Lexik und Syntax für sich genommen keinen sicheren Hinweis für die Entscheidung, ob ein unbezeugter Vers im vorkanonischen Text gefehlt hat oder präsent war, und wenn präsent, in welcher Form er vorkanonisch anzunehmen ist. Allerdings im Zusammenspiel mit weiteren Rekonstruktionskriterien, auf die im Band der Rekonstruktion eingangs eingegangen wird, ist die Lexik eine gewichtige <?page no="776"?> 4 „Es liegt im Wesen aller Kanonisation ihre Objecte unkenntlich zu machen, und so kann man denn auch von allen Schriften unseres neuen Testaments sagen, dass sie im Augenblick ihrer Kanonisierung aufgehört haben verstanden zu werden“, F. Overbeck, Zur Geschichte des Kanons (1880), 1. Rekonstruktionsstütze. Lexik, Sprache und Syntax ergänzen und sichern die methodischen Perspektiven, die BeDuhn und Klinghardt gewählt haben, indem sie von einem fortlaufenden vorkanonischen Text von *Ev bzw. der Briefe des *Paulus ausgingen. Auch mit einem erweiterten Kriterienspektrum gelangen wir noch nicht zu völlig abgesicherten Ergebnissen, zu sehr überlagern die später kanonisierten Texte die ihnen vorausliegenden, haben sie überformt und vielfach unkenntlich gemacht. Überhaupt verändert, wie schon Overbeck erkannte, eine Kanonisie‐ rung das Wesen eines Texts und erschwert einen Zugang zu ihm und erst recht zu den ihm vorausliegenden Quellen. 4 Diese kanonische Belastung gilt jedoch nicht nur für die kanonischen Texte und ihre Quellen, sie gilt auch für die Paratexte des Kanonischen, die vom Augenblick einer Kanonisierung an apokry‐ phisiert werden und dadurch in einen neuen hermeneutischen Rahmen gestellt werden, durch dessen Überblendung sie in noch größeres Dunkel geraten. Trotz neuer und zusätzlicher Methoden lassen sich folglich keine statistischen Gewissheiten erreichen, und doch ruht die nachfolgende Rekonstruktion auf einem stärkeren Fundament als die früheren Versuche. Die Gesamtverantwortung für das Projekt liegt bei dem internationalen Digital Humanities Team, das mich zu unterstützen begann, nachdem ich zunächst händisch und alleine mit diesem Projekt begonnen hatte. Was die Einzelentscheidungen betrifft, wurden diese mit dem Team diskutiert, im Falle von Fehlern übernehme ich selbst die Verantwortung. 776 Nachwort <?page no="777"?> Appendix 1: Beispiele langer Sätze im Vergleich Paulus Kanonisch Vorkanonisch Eph 1,3-14 3 Εὐλογητὸς ὁ θεὸς καὶ πατὴρ τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ, ὁ εὐλογήσας ἡμᾶς ἐν πάσῃ εὐλογίᾳ πνευματικῇ ἐν τοῖς ἐπουρανίοις ἐν Χριστῷ, - 4 καθὼς ἐξελέξατο ἡμᾶς ἐν αὐτῷ πρὸ καταβολῆς κόσμου, εἶναι ἡμᾶς ἁγίους καὶ ἀμώμους κατενώπιον αὐτοῦ ἐν ἀγάπῃ, - 5 προορίσας ἡμᾶς εἰς υἱοθεσίαν διὰ Ἰησοῦ Χριστοῦ εἰς αὐτόν, κατὰ τὴν εὐδοκίαν τοῦ θελήματος αὐτοῦ, 5 εἰς υἱοθεσίαν διὰ Ἰησοῦ Χριστοῦ, κατὰ τὴν εὐδοκίαν τοῦ θελήματος αὐτοῦ, 6 εἰς ἔπαινον δόξης τῆς χάριτος αὐτοῦ ἧς ἐχαρίτωσεν ἡμᾶς ἐν τῷ ἠγαπημένῳ, 6 εἰς ἔπαινον δόξης τῆς χάριτος αὐτοῦ ἧς ἐχαρίτωσεν ἡμᾶς ἐν τῷ ἠγαπημένῳ, 7 ἐν ᾧ ἔχομεν τὴν ἀπολύτρωσιν διὰ τοῦ αἵματος αὐτοῦ, τὴν ἄφεσιν τῶν παραπτωμάτων, κατὰ τὸ πλοῦτος τῆς χάριτος αὐτοῦ, 7 ἐν ᾧ ἔχομεν τὴν ἀπολύτρωσιν διὰ τοῦ αἵματος αὐτοῦ. - 8 ἧς ἐπερίσσευσεν εἰς ἡμᾶς ἐν πάσῃ σοφίᾳ καὶ φρονήσει - 9 γνωρίσας ἡμῖν τὸ μυστήριον τοῦ θελήματος αὐτοῦ, κατὰ τὴν εὐδοκίαν αὐτοῦ ἣν προέθετο ἐν αὐτῷ 9 γνωρίσαι ἡμῖν τὸ μυστήριον τοῦ θελήματος αὐτοῦ, κατὰ τὴν εὐδοκίαν ἣν προέθετο 10 εἰς οἰκονομίαν τοῦ πληρώματος τῶν καιρῶν, ἀνακεφαλαιώσασθαι τὰ πάντα ἐν τῷ Χριστῷ, τὰ ἐπὶ τοῖς οὐρανοῖς καὶ τὰ ἐπὶ τῆς γῆς: ἐν αὐτῷ, 10 εἰς οἰκονομίαν τοῦ πληρώματος τῶν καιρῶν, ἀνακεφαλαιώσασθαι τὰ πάντα ἐν τῷ Χριστῷ, τὰ ἐν τοῖς οὐρανοῖς καὶ τὰ ἐπὶ τῆς γῆς 11 ἐν ᾧ καὶ ἐκληρώθημεν προορισθέντες κατὰ πρόθεσιν τοῦ τὰ πάντα ἐνεργοῦντος κατὰ τὴν βουλὴν τοῦ θελήματος αὐτοῦ, - <?page no="778"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch 12 εἰς τὸ εἶναι ἡμᾶς εἰς ἔπαινον δόξης αὐτοῦ τοὺς προηλπικότας ἐν τῷ Χριστῷ: 12 εἰς τὸ εἶναι ἡμᾶς εἰς ἔπαινον δόξης τοὺς προηλπικότας ἐν τῷ Χριστῷ. 13 ἐν ᾧ καὶ ὑμεῖς ἀκούσαντες τὸν λόγον τῆς ἀληθείας, τὸ εὐαγγέλιον τῆς σωτηρίας ὑμῶν, ἐν ᾧ καὶ πιστεύσαντες ἐσφραγίσθητε τῷ πνεύματι τῆς ἐπαγγελίας τῷ ἁγίῳ, 13 Ἐν ᾧ καὶ ὑμεῖς ἀκούσαντες τὸν λόγον τῆς ἀληθείας, τὸ εὐαγγέλιον, ἐν ᾧ πιστεύσαντες ἐσφραγίσθητε τῷ πνεύματι τῆς ἐπαγγελίας τῷ ἁγίῳ. 14 ὅ ἐστιν ἀρραβὼν τῆς κληρονομίας ἡμῶν, εἰς ἀπολύτρωσιν τῆς περιποιήσεως, εἰς ἔπαινον τῆς δόξης αὐτοῦ. -- Eph 1,15-23 15 Διὰ τοῦτο κἀγώ, ἀκούσας τὴν καθ’ ὑμᾶς πίστιν ἐν τῷ κυρίῳ Ἰησοῦ καὶ τὴν ἀγάπην τὴν εἰς πάντας τοὺς ἁγίους, - 16 οὐ παύομαι εὐχαριστῶν ὑπὲρ ὑμῶν μνείαν ποιούμενος ἐπὶ τῶν προσευχῶν μου, - 17 ἵνα ὁ θεὸς τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ, ὁ πατὴρ τῆς δόξης, δώῃ ὑμῖν πνεῦμα σοφίας καὶ ἀποκαλύψεως ἐν ἐπιγνώσει αὐτοῦ, 17 ἵνα ὁ θεὸς τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ, ὁ πατὴρ τῆς δόξης, δώῃ ὑμῖν πνεῦμα σοφίας καὶ ἀποκαλύψεως ἐν ἐπιγνώσει αὐτοῦ, 18 πεφωτισμένους τοὺς ὀφθαλμοὺς τῆς καρδίας [ὑμῶν] εἰς τὸ εἰδέναι ὑμᾶς τίς ἐστιν ἡ ἐλπὶς τῆς κλήσεως αὐτοῦ, τίς ὁ πλοῦτος τῆς δόξης τῆς κληρονομίας αὐτοῦ ἐν τοῖς ἁγίοις, 18 πεφωτισμένους τοὺς ὀφθαλμοὺς τῆς καρδίας εἰς τὸ εἰδέναι ὑμᾶς τίς ἐστιν ἡ ἐλπὶς τῆς κλήσεως, τίς ὁ πλοῦτος τῆς κληρονομίας ἐν τοῖς ἁγίοις, 19 καὶ τί τὸ ὑπερβάλλον μέγεθος τῆς δυνάμεως αὐτοῦ εἰς ἡμᾶς τοὺς πιστεύοντας κατὰ τὴν ἐνέργειαν τοῦ κράτους τῆς ἰσχύος αὐτοῦ 19 τῆς ἰσχύος αὐτοῦ. - 20 ἣν ἐνήργησεν ἐν τῷ Χριστῷ ἐγείρας αὐτὸν ἐκ νεκρῶν, καὶ καθίσας ἐν δεξιᾷ αὐτοῦ ἐν τοῖς ἐπουρανίοις 20 Ἣν ἐνήργησεν ἐν τῷ Χριστῷ ἐγείρας αὐτὸν ἐκ νεκρῶν καὶ καθίσας ἐν δεξιᾷ αὐτοῦ ἐν τοῖς ἐπουρανίοις. 21 ὑπεράνω πάσης ἀρχῆς καὶ ἐξουσίας καὶ δυνάμεως καὶ κυριότητος καὶ παντὸς ὀνόματος ὀνομαζομένου οὐ μόνον ἐν τῷ αἰῶνι τούτῳ ἀλλὰ καὶ ἐν τῷ μέλλοντι: - 778 Appendix 1 <?page no="779"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch 22 καὶ πάντα ὑπέταξεν ὑπὸ τοὺς πόδας αὐτοῦ, καὶ αὐτὸν ἔδωκεν κεφαλὴν ὑπὲρ πάντα τῇ ἐκκλησίᾳ, 22 πάντα ὑπέταξεν ὑπὸ τοὺς πόδας αὐτοῦ. 23 ἥτις ἐστὶν τὸ σῶμα αὐτοῦ, τὸ πλήρωμα τοῦ τὰ πάντα ἐν πᾶσιν πληρουμένου. - Eph 2,1-7 1 Καὶ ὑμᾶς ὄντας νεκροὺς τοῖς παραπτώμασιν καὶ ταῖς ἁμαρτίαις ὑμῶν, 2,1 Καὶ ὑμᾶς ὄντας νεκροὺς τοῖς παραπτώμασιν καὶ ταῖς ἁμαρτίαις ὑμῶν, 2 ἐν αἷς ποτε περιεπατήσατε κατὰ τὸν αἰῶνα τοῦ κόσμου τούτου, κατὰ τὸν ἄρχοντα τῆς ἐξουσίας τοῦ ἀέρος, τοῦ πνεύματος τοῦ νῦν ἐνεργοῦντος ἐν τοῖς υἱοῖς τῆς ἀπειθείας: 2 ἐν αἷς περιεπατήσατε κατὰ τὸν αἰῶνα τοῦ κόσμου τούτου, κατὰ τὸν ἄρχοντα τῆς ἐξουσίας τοῦ ἀέρος, τοῦ ἐνεργοῦντος ἐν τοῖς υἱοῖς τῆς ἀπειθείας 3 ἐν οἷς καὶ ἡμεῖς πάντες ἀνεστράφημέν ποτε ἐν ταῖς ἐπιθυμίαις τῆς σαρκὸς ἡμῶν, ποιοῦντες τὰ θελήματα τῆς σαρκὸς καὶ τῶν διανοιῶν, καὶ ἤμεθα τέκνα φύσει ὀργῆς ὡς καὶ οἱ λοιποί: 3 ἐν οἷς καὶ ἡμεῖς πάντες ἀνεστράφημέν ἐν ταῖς ἐπιθυμίαις τῆς σαρκὸς ἡμῶν ποιοῦντες τὰ θελήματα τῆς σαρκὸς καὶ ἤμεθα φύσει τέκνα ὀργῆς ὡς καὶ οἱ λοιποί· 4 ὁ δὲ θεὸς πλούσιος ὢν ἐν ἐλέει, διὰ τὴν πολλὴν ἀγάπην αὐτοῦ ἣν ἠγάπησεν ἡμᾶς, - 5 καὶ ὄντας ἡμᾶς νεκροὺς τοῖς παραπτώμασιν συνεζωοποίησεν τῷ Χριστῷ χάριτί ἐστε σεσῳσμένοι - 6 καὶ συνήγειρεν καὶ συνεκάθισεν ἐν τοῖς ἐπουρανίοις ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ, 7 ἵνα ἐνδείξηται ἐν τοῖς αἰῶσιν τοῖς ἐπερχομένοις τὸ ὑπερβάλλον πλοῦτος τῆς χάριτος αὐτοῦ ἐν χρηστότητι ἐφ’ ἡμᾶς ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ. - Eph 2,14-18 14 Αὐτὸς γάρ ἐστιν ἡ εἰρήνη ἡμῶν, ὁ ποιήσας τὰ ἀμφότερα ἓν καὶ τὸ μεσότοιχον τοῦ φραγμοῦ λύσας, τὴν ἔχθραν, ἐν τῇ σαρκὶ αὐτοῦ, 14 Αὐτὸς γάρ ἐστιν ἡ εἰρήνη ἡμῶν, ὁ ποιήσας τὰ ἀμφότερα ἓν καὶ τὸ μεσότοιχον λύσας τὴς ἔχθρας ἐν τῇ σαρκὶ, 15 τὸν νόμον τῶν ἐντολῶν ἐν δόγμασιν καταργήσας, ἵνα τοὺς δύο κτίσῃ ἐν αὐτῷ εἰς ἕνα καινὸν ἄνθρωπον ποιῶν εἰρήνην, 15 τὸν νόμον τῶν ἐντολῶν δόγμασιν καταργήσας, ἵνα τοὺς δύο κτίσῃ ἐν ἑαυτῷ εἰς ἕνα καινὸν ἄνθρωπον ποιῶν εἰρήνην Appendix 1 779 <?page no="780"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch 16 καὶ ἀποκαταλλάξῃ τοὺς ἀμφοτέρους ἐν ἑνὶ σώματι τῷ θεῷ διὰ τοῦ σταυροῦ, ἀποκτείνας τὴν ἔχθραν ἐν αὐτῷ. 16 ἀποκαταλλάξῃ τοὺς ἀμφοτέρους τῷ θεῷ ἐν ἑνὶ σώματι διὰ τοῦ σταυροῦ, ἀποκτείνας τὴν ἔχθραν ἐν αὐτῷ. 17 καὶ ἐλθὼν εὐηγγελίσατο εἰρήνην ὑμῖν τοῖς μακρὰν καὶ εἰρήνην τοῖς ἐγγύς: 17 εὐηγγελίσατο εἰρήνην τοῖς μακρὰν καὶ τοῖς ἐγγύς· 18 ὅτι δι’ αὐτοῦ ἔχομεν τὴν προσαγωγὴν οἱ ἀμφότεροι ἐν ἑνὶ πνεύματι πρὸς τὸν πατέρα. 18 τὴν προσαγωγὴν οἱ ἀμφότεροι πρὸς τὸν πατέρα. Eph 2,19-22 19 ἄρα οὖν οὐκέτι ἐστὲ ξένοι καὶ πάροικοι, ἀλλὰ ἐστὲ συμπολῖται τῶν ἁγίων καὶ οἰκεῖοι τοῦ θεοῦ, 19 Ἄρα οὐκ ἐστὲ ξένοι καὶ πάροικοι ἀλλὰ συμπολῖται τῶν ἁγίων, ἀλλ’ οἰκεῖοι τοῦ θεοῦ, 20 ἐποικοδομηθέντες ἐπὶ τῷ θεμελίῳ τῶν ἀποστόλων καὶ προφητῶν, ὄντος ἀκρογωνιαίου αὐτοῦ Χριστοῦ Ἰησοῦ, 20 ἐποικοδομηθέντες ἐπὶ τῷ θεμελίῳ τῶν ἀποστόλων, ὄντος ἀκρογωνιαίου λίθου αὐτοῦ Χριστοῦ, 21 ἐν ᾧ πᾶσα οἰκοδομὴ συναρμολογουμένη αὔξει εἰς ναὸν ἅγιον ἐν κυρίῳ, 21 ἐν ᾧ πᾶσα οἰκοδομὴ συναρμολογουμένη. 22ἐν ᾧ καὶ ὑμεῖς συνοικοδομεῖσθε εἰς κατοικητήριον τοῦ θεοῦ ἐν πνεύματι. - Eph 3,1-7 1 Τούτου χάριν ἐγὼ Παῦλος ὁ δέσμιος τοῦ Χριστοῦ [Ἰησοῦ] ὑπὲρ ὑμῶν τῶν ἐθνῶν - 2 εἴ γε ἠκούσατε τὴν οἰκονομίαν τῆς χάριτος τοῦ θεοῦ τῆς δοθείσης μοι εἰς ὑμᾶς, - 3 [ὅτι] κατὰ ἀποκάλυψιν ἐγνωρίσθη μοι τὸ μυστήριον, καθὼς προέγραψα ἐν ὀλίγῳ, - 4 πρὸς ὃ δύνασθε ἀναγινώσκοντες νοῆσαι τὴν σύνεσίν μου ἐν τῷ μυστηρίῳ τοῦ Χριστοῦ, - 5 ὃ ἑτέραις γενεαῖς οὐκ ἐγνωρίσθη τοῖς υἱοῖς τῶν ἀνθρώπων ὡς νῦν ἀπεκαλύφθη τοῖς ἁγίοις ἀποστόλοις αὐτοῦ καὶ προφήταις ἐν πνεύματι, - 780 Appendix 1 <?page no="781"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch 6 εἶναι τὰ ἔθνη συγκληρονόμα καὶ σύσσωμα καὶ συμμέτοχα τῆς ἐπαγγελίας ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ διὰ τοῦ εὐαγγελίου, - 7 οὗ ἐγενήθην διάκονος κατὰ τὴν δωρεὰν τῆς χάριτος τοῦ θεοῦ τῆς δοθείσης μοι κατὰ τὴν ἐνέργειαν τῆς δυνάμεως αὐτοῦ. - Eph 3,8-12 8 ἐμοὶ τῷ ἐλαχιστοτέρῳ πάντων ἁγίων ἐδόθη ἡ χάρις αὕτη, τοῖς ἔθνεσιν εὐαγγελίσασθαι τὸ ἀνεξιχνίαστον πλοῦτος τοῦ Χριστοῦ, 8 Ἐμοὶ τῷ ἐλαχιστοτέρῳ πάντων ἐδόθη ἡ χάρις αὕτη, τοῖς ἔθνεσιν εὐαγγελίσασθαι τὸν ἀνεξιχνίαστον πλοῦτον τοῦ Χριστοῦ 9 καὶ φωτίσαι [πάντας] τίς ἡ οἰκονομία τοῦ μυστηρίου τοῦ ἀποκεκρυμμένου ἀπὸ τῶν αἰώνων ἐν τῷ θεῷ τῷ τὰ πάντα κτίσαντι, 9 καὶ φωτίσαι πάντας τίς ἡ οἰκονομία τοῦ μυστηρίου τοῦ ἀποκεκρυμμένου ἀπὸ τῶν αἰώνων τῷ θεῷ τῷ τὰ πάντα κτίσαντι, 10 ἵνα γνωρισθῇ νῦν ταῖς ἀρχαῖς καὶ ταῖς ἐξουσίαις ἐν τοῖς ἐπουρανίοις διὰ τῆς ἐκκλησίας ἡ πολυποίκιλος σοφία τοῦ θεοῦ, 10 ἵνα γνωρισθῇ ταῖς ἀρχαῖς καὶ ταῖς ἐξουσίαις ἐν τοῖς ἐπουρανίοις διὰ τῆς ἐκκλησίας ἡ πολυποίκιλος σοφία τοῦ θεοῦ, 11 κατὰ πρόθεσιν τῶν αἰώνων ἣν ἐποίησεν ἐν τῷ Χριστῷ Ἰησοῦ τῷ κυρίῳ ἡμῶν, - 12 ἐν ᾧ ἔχομεν τὴν παρρησίαν καὶ προσαγωγὴν ἐν πεποιθήσει διὰ τῆς πίστεως αὐτοῦ. - Eph 3,14-19 14 Τούτου χάριν κάμπτω τὰ γόνατά μου πρὸς τὸν πατέρα, - 15 ἐξ οὗ πᾶσα πατριὰ ἐν οὐρανοῖς καὶ ἐπὶ γῆς ὀνομάζεται, - 16 ἵνα δῷ ὑμῖν κατὰ τὸ πλοῦτος τῆς δόξης αὐτοῦ δυνάμει κραταιωθῆναι διὰ τοῦ πνεύματος αὐτοῦ εἰς τὸν ἔσω ἄνθρωπον, - 17 κατοικῆσαι τὸν Χριστὸν διὰ τῆς πίστεως ἐν ταῖς καρδίαις ὑμῶν, ἐν ἀγάπῃ ἐρριζωμένοι καὶ τεθεμελιωμένοι, - Appendix 1 781 <?page no="782"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch 18 ἵνα ἐξισχύσητε καταλαβέσθαι σὺν πᾶσιν τοῖς ἁγίοις τί τὸ πλάτος καὶ μῆκος καὶ ὕψος καὶ βάθος, - 19 γνῶναί τε τὴν ὑπερβάλλουσαν τῆς γνώσεως ἀγάπην τοῦ Χριστοῦ, ἵνα πληρωθῆτε εἰς πᾶν τὸ πλήρωμα τοῦ θεοῦ. - Eph 4,1-6 1 Παρακαλῶ οὖν ὑμᾶς ἐγὼ ὁ δέσμιος ἐν κυρίῳ ἀξίως περιπατῆσαι τῆς κλήσεως ἧς ἐκλήθητε, - 2 μετὰ πάσης ταπεινοφροσύνης καὶ πραΰτητος, μετὰ μακροθυμίας, ἀνεχόμενοι ἀλλήλων ἐν ἀγάπῃ, - 3 σπουδάζοντες τηρεῖν τὴν ἑνότητα τοῦ πνεύματος ἐν τῷ συνδέσμῳ τῆς εἰρήνης: - 4 ἓν σῶμα καὶ ἓν πνεῦμα, καθὼς καὶ ἐκλήθητε ἐν μιᾷ ἐλπίδι τῆς κλήσεως ὑμῶν: - 5 εἷς κύριος, μία πίστις, ἓν βάπτισμα: 5 εἷς κύριος, μία πίστις, ἓν βάπτισμα, 6 εἷς θεὸς καὶ πατὴρ πάντων, ὁ ἐπὶ πάντων καὶ διὰ πάντων καὶ ἐν πᾶσιν. 6 εἷς Χριστός, εἷς θεὸς καὶ πατὴρ πάντων, ὁ ἐπὶ πάντων καὶ διὰ πάντων καὶ ἐν πᾶσιν ἡμῖν. Eph 4,11-16 11 καὶ αὐτὸς ἔδωκεν τοὺς μὲν ἀποστόλους, τοὺς δὲ προφήτας, τοὺς δὲ εὐαγγελιστάς, τοὺς δὲ ποιμένας καὶ διδασκάλους, - 12 πρὸς τὸν καταρτισμὸν τῶν ἁγίων εἰς ἔργον διακονίας, εἰς οἰκοδομὴν τοῦ σώματος τοῦ Χριστοῦ, - 13 μέχρι καταντήσωμεν οἱ πάντες εἰς τὴν ἑνότητα τῆς πίστεως καὶ τῆς ἐπιγνώσεως τοῦ υἱοῦ τοῦ θεοῦ, εἰς ἄνδρα τέλειον, εἰς μέτρον ἡλικίας τοῦ πληρώματος τοῦ Χριστοῦ, - 14 ἵνα μηκέτι ὦμεν νήπιοι, κλυδωνιζόμενοι καὶ - 782 Appendix 1 <?page no="783"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch περιφερόμενοι παντὶ ἀνέμῳ τῆς διδασκαλίας ἐν τῇ κυβείᾳ τῶν ἀνθρώπων ἐν πανουργίᾳ πρὸς τὴν μεθοδείαν τῆς πλάνης, 15 ἀληθεύοντες δὲ ἐν ἀγάπῃ αὐξήσωμεν εἰς αὐτὸν τὰ πάντα, ὅς ἐστιν ἡ κεφαλή, Χριστός, - 16 ἐξ οὗ πᾶν τὸ σῶμα συναρμολογούμενον καὶ συμβιβαζόμενον διὰ πάσης ἁφῆς τῆς ἐπιχορηγίας κατ’ ἐνέργειαν ἐν μέτρῳ ἑνὸς ἑκάστου μέρους τὴν αὔξησιν τοῦ σώματος ποιεῖται εἰς οἰκοδομὴν ἑαυτοῦ ἐν ἀγάπῃ. - Eph 4,20-24 20 ὑμεῖς δὲ οὐχ οὕτως ἐμάθετε τὸν Χριστόν, - 21 εἴ γε αὐτὸν ἠκούσατε καὶ ἐν αὐτῷ ἐδιδάχθητε, καθώς ἐστιν ἀλήθεια ἐν τῷ Ἰησοῦ, - 22 ἀποθέσθαι ὑμᾶς κατὰ τὴν προτέραν ἀναστροφὴν τὸν παλαιὸν ἄνθρωπον τὸν φθειρόμενον κατὰ τὰς ἐπιθυμίας τῆς ἀπάτης, - 23 ἀνανεοῦσθαι δὲ τῷ πνεύματι τοῦ νοὸς ὑμῶν, - 24 καὶ ἐνδύσασθαι τὸν καινὸν ἄνθρωπον τὸν κατὰ θεὸν κτισθέντα ἐν δικαιοσύνῃ καὶ ὁσιότητι τῆς ἀληθείας. - Eph 5,7-13 7 μὴ οὖν γίνεσθε συμμέτοχοι αὐτῶν: - 8 ἦτε γάρ ποτε σκότος, νῦν δὲ φῶς ἐν κυρίῳ: ὡς τέκνα φωτὸς περιπατεῖτε 8 ἦτε γάρ ποτε σκότος, νῦν δὲ φῶς 9 ὁ γὰρ καρπὸς τοῦ φωτὸς ἐν πάσῃ ἀγαθωσύνῃ καὶ δικαιοσύνῃ καὶ ἀληθείᾳ - 10 δοκιμάζοντες τί ἐστιν εὐάρεστον τῷ κυρίῳ: - Appendix 1 783 <?page no="784"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch 11 καὶ μὴ συγκοινωνεῖτε τοῖς ἔργοις τοῖς ἀκάρποις τοῦ σκότους, μᾶλλον δὲ καὶ ἐλέγχετε, 11 μὴ συγκοινωνεῖτε τοῖς ἔργοις τοῦ σκότους. 12 τὰ γὰρ κρυφῇ γινόμενα ὑπ’ αὐτῶν αἰσχρόν ἐστιν καὶ λέγειν: - 13 τὰ δὲ πάντα ἐλεγχόμενα ὑπὸ τοῦ φωτὸς φανεροῦται. - Eph 6,5-8 5 Οἱ δοῦλοι, ὑπακούετε τοῖς κατὰ σάρκα κυρίοις μετὰ φόβου καὶ τρόμου ἐν ἁπλότητι τῆς καρδίας ὑμῶν ὡς τῷ Χριστῷ, - 6 μὴ κατ’ ὀφθαλμοδουλίαν ὡς ἀνθρωπάρεσκοι ἀλλ‘ ὡς δοῦλοι Χριστοῦ ποιοῦντες τὸ θέλημα τοῦ θεοῦ ἐκ ψυχῆς, - 7 μετ’ εὐνοίας δουλεύοντες, ὡς τῷ κυρίῳ καὶ οὐκ ἀνθρώποις, 8 εἰδότες ὅτι ἕκαστος, ἐάν τι ποιήσῃ ἀγαθόν, τοῦτο κομίσεται παρὰ κυρίου, εἴτε δοῦλος εἴτε ἐλεύθερος. - Eph 6,14-20 14 στῆτε οὖν περιζωσάμενοι τὴν ὀσφὺν ὑμῶν ἐν ἀληθείᾳ, καὶ ἐνδυσάμενοι τὸν θώρακα τῆς δικαιοσύνης, 14 στῆτε οὖν περιζωσάμενοι τὴν ὀσφὺν ὑμῶν ἐν ἀληθείᾳ καὶ ἐνδυσάμενοι τὸν θώρακα τῆς δικαιοσύνης 15 καὶ ὑποδησάμενοι τοὺς πόδας ἐν ἑτοιμασίᾳ τοῦ εὐαγγελίου τῆς εἰρήνης, 15 καὶ ὑποδησάμενοι τοὺς πόδας ἐν ἑτοιμασίᾳ τοῦ εὐαγγελίου τῆς εἰρήνης, 16 ἐν πᾶσιν ἀναλαβόντες τὸν θυρεὸν τῆς πίστεως, ἐν ᾧ δυνήσεσθε πάντα τὰ βέλη τοῦ πονηροῦ [τὰ] πεπυρωμένα σβέσαι: 16 οὐ τοῦ πολέμου ἐν ᾧ πάντα τὰ βέλη τοῦ πονηροῦ τὰ πεπυρωμένα σβέσαι· 17 καὶ τὴν περικεφαλαίαν τοῦ σωτηρίου δέξασθε, καὶ τὴν μάχαιραν τοῦ πνεύματος, ὅ ἐστιν ῥῆμα θεοῦ, - 18 διὰ πάσης προσευχῆς καὶ δεήσεως προσευχόμενοι ἐν παντὶ καιρῷ ἐν πνεύματι, καὶ εἰς αὐτὸ ἀγρυπνοῦντες ἐν πάσῃ προσκαρτερήσει καὶ δεήσει περὶ πάντων τῶν ἁγίων, 18 Διὰ δεήσεως ἐν καιρῷ, - 784 Appendix 1 <?page no="785"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch 19 καὶ ὑπὲρ ἐμοῦ, ἵνα μοι δοθῇ λόγος ἐν ἀνοίξει τοῦ στόματός μου, ἐν παρρησίᾳ γνωρίσαι τὸ μυστήριον τοῦ εὐαγγελίου 19 ἵνα δοθῇ λόγος ἐν ἀνοίξει τοῦ στόματός, ἐν παρρησίᾳ γνωρίσαι τὸ μυστήριον 20 ὑπὲρ οὗ πρεσβεύω ἐν ἁλύσει, ἵνα ἐν αὐτῷ παρρησιάσωμαι ὡς δεῖ με λαλῆσαι. 20 ἐν ἁλύσει, ἵνα ἐν αὐτῷ παρρησιάσωμαι. Paulus Kanonisch Vorkanonisch Kol 1,3-8 1,1 Παῦλος ἀπόστολος Χριστοῦ Ἰησοῦ διὰ θελήματος θεοῦ καὶ Τιμόθεος ὁ ἀδελφὸς 1,1 Παῦλος ἀπόστολος Χριστοῦ Ἰησοῦ διὰ θελήματος θεοῦ 2 τοῖς ἐν Κολοσσαῖς ἁγίοις καὶ πιστοῖς ἀδελφοῖς ἐν Χριστῷ· χάρις ὑμῖν καὶ εἰρήνη ἀπὸ θεοῦ πατρὸς ἡμῶν. 2 τοῖς ἐν Κολοσσαῖς, χάρις καὶ εἰρήνη ἀπὸ θεοῦ πατρὸς ἡμῶν. 3 Εὐχαριστοῦμεν τῷ θεῷ πατρὶ τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ πάντοτε περὶ ὑμῶν προσευχόμενοι, - 4 ἀκούσαντες τὴν πίστιν ὑμῶν ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ καὶ τὴν ἀγάπην ἣν ἔχετε εἰς πάντας τοὺς ἁγίους - 5 διὰ τὴν ἐλπίδα τὴν ἀποκειμένην ὑμῖν ἐν τοῖς οὐρανοῖς, ἣν προηκούσατε ἐν τῷ λόγῳ τῆς ἀληθείας τοῦ εὐαγγελίου 5 διὰ τὴν ἐλπίδα τὴν ἀποκειμένην ἐν τοῖς οὐρανοῖς, ἣν ἠκούσατε ἐν τῷ λόγῳ τῆς ἀληθείας τοῦ εὐαγγελίου 6 τοῦ παρόντος εἰς ὑμᾶς, καθὼς καὶ ἐν παντὶ τῷ κόσμῳ ἐστὶν καρποφορούμενον καὶ αὐξανόμενον καθὼς καὶ ἐν ὑμῖν, ἀφ’ ἧς ἡμέρας ἠκούσατε καὶ ἐπέγνωτε τὴν χάριν τοῦ θεοῦ ἐν ἀληθείᾳ: 6 τοῦ παρόντος εἰς ὑμᾶς, καθὼς καὶ ἐν παντὶ τῷ κόσμῳ ἐστὶν· 7 καθὼς ἐμάθετε ἀπὸ Ἐπαφρᾶ τοῦ ἀγαπητοῦ συνδούλου ἡμῶν, ὅς ἐστιν πιστὸς ὑπὲρ ὑμῶν διάκονος τοῦ Χριστοῦ, - 8 ὁ καὶ δηλώσας ἡμῖν τὴν ὑμῶν ἀγάπην ἐν πνεύματι. - Appendix 1 785 <?page no="786"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch Kol 1,9-20 9 Διὰ τοῦτο καὶ ἡμεῖς, ἀφ’ ἧς ἡμέρας ἠκούσαμεν, οὐ παυόμεθα ὑπὲρ ὑμῶν προσευχόμενοι καὶ αἰτούμενοι ἵνα πληρωθῆτε τὴν ἐπίγνωσιν τοῦ θελήματος αὐτοῦ ἐν πάσῃ σοφίᾳ καὶ συνέσει πνευματικῇ, - 10 περιπατῆσαι ἀξίως τοῦ κυρίου εἰς πᾶσαν ἀρεσκείαν, ἐν παντὶ ἔργῳ ἀγαθῷ καρποφοροῦντες καὶ αὐξανόμενοι τῇ ἐπιγνώσει τοῦ θεοῦ, - 11 ἐν πάσῃ δυνάμει δυναμούμενοι κατὰ τὸ κράτος τῆς δόξης αὐτοῦ εἰς πᾶσαν ὑπομονὴν καὶ μακροθυμίαν, μετὰ χαρᾶς - 12 εὐχαριστοῦντες τῷ πατρὶ τῷ ἱκανώσαντι ὑμᾶς εἰς τὴν μερίδα τοῦ κλήρου τῶν ἁγίων ἐν τῷ φωτί: - 13 ὃς ἐρρύσατο ἡμᾶς ἐκ τῆς ἐξουσίας τοῦ σκότους καὶ μετέστησεν εἰς τὴν βασιλείαν τοῦ υἱοῦ τῆς ἀγάπης αὐτοῦ, - 14 ἐν ᾧ ἔχομεν τὴν ἀπολύτρωσιν, τὴν ἄφεσιν τῶν ἁμαρτιῶν: - 15 ὅς ἐστιν εἰκὼν τοῦ θεοῦ τοῦ ἀοράτου, πρωτότοκος πάσης κτίσεως, 15 ὅς ἐστιν εἰκὼν τοῦ θεοῦ τοῦ ἀοράτου, 16 ὅτι ἐν αὐτῷ ἐκτίσθη τὰ πάντα ἐν τοῖς οὐρανοῖς καὶ ἐπὶ τῆς γῆς, τὰ ὁρατὰ καὶ τὰ ἀόρατα, εἴτε θρόνοι εἴτε κυριότητες εἴτε ἀρχαὶ εἴτε ἐξουσίαι: τὰ πάντα δι’ αὐτοῦ καὶ εἰς αὐτὸν ἔκτισται, - 17 καὶ αὐτός ἐστιν πρὸ πάντων καὶ τὰ πάντα ἐν αὐτῷ συνέστηκεν. 17 καὶ αὐτός ἐστιν πρὸ πάντων, 18 καὶ αὐτός ἐστιν ἡ κεφαλὴ τοῦ σώματος, τῆς ἐκκλησίας: ὅς ἐστιν ἀρχή, πρωτότοκος ἐκ τῶν νεκρῶν, ἵνα γένηται ἐν πᾶσιν αὐτὸς πρωτεύων, - 19 ὅτι ἐν αὐτῷ εὐδόκησεν πᾶν τὸ πλήρωμα κατοικῆσαι 19 ἐν ἑαυτῷ εὐδόκησεν πᾶν τὸ πλήρωμα κατοικῆσαι 786 Appendix 1 <?page no="787"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch 20 καὶ δι’ αὐτοῦ ἀποκαταλλάξαι τὰ πάντα εἰς αὐτόν, εἰρηνοποιήσας διὰ τοῦ αἵματος τοῦ σταυροῦ αὐτοῦ, [δι‘ αὐτοῦ] εἴτε τὰ ἐπὶ τῆς γῆς εἴτε τὰ ἐν τοῖς οὐρανοῖς. 20 καὶ ἀποκαταλλάξαι τὰ πάντα εἰς ἑαυτόν, εἰρηνοποιήσας διὰ τοῦ αἵματος τοῦ σταυροῦ αὐτοῦ, Kol 1,24-29 24 Νῦν χαίρω ἐν τοῖς παθήμασιν ὑπὲρ ὑμῶν, καὶ ἀνταναπληρῶ τὰ ὑστερήματα τῶν θλίψεων τοῦ Χριστοῦ ἐν τῇ σαρκί μου ὑπὲρ τοῦ σώματος αὐτοῦ, ὅ ἐστιν ἡ ἐκκλησία, 24 ἀνταναπληρῶ τὰ ὑστερήματα τῶν θλίψεων τοῦ Χριστοῦ ἐν τῇ σαρκί ὑπὲρ τοῦ σώματος αὐτοῦ, ὅ ἐστιν ἡ ἐκκλησία. 25 ἧς ἐγενόμην ἐγὼ διάκονος κατὰ τὴν οἰκονομίαν τοῦ θεοῦ τὴν δοθεῖσάν μοι εἰς ὑμᾶς πληρῶσαι τὸν λόγον τοῦ θεοῦ, - 26 τὸ μυστήριον τὸ ἀποκεκρυμμένον ἀπὸ τῶν αἰώνων καὶ ἀπὸ τῶν γενεῶν νῦν δὲ ἐφανερώθη τοῖς ἁγίοις αὐτοῦ, - 27 οἷς ἠθέλησεν ὁ θεὸς γνωρίσαι τί τὸ πλοῦτος τῆς δόξης τοῦ μυστηρίου τούτου ἐν τοῖς ἔθνεσιν, ὅ ἐστιν Χριστὸς ἐν ὑμῖν, ἡ ἐλπὶς τῆς δόξης: - 28 ὃν ἡμεῖς καταγγέλλομεν νουθετοῦντες πάντα ἄνθρωπον καὶ διδάσκοντες πάντα ἄνθρωπον ἐν πάσῃ σοφίᾳ, ἵνα παραστήσωμεν πάντα ἄνθρωπον τέλειον ἐν Χριστῷ: - 29 εἰς ὃ καὶ κοπιῶ ἀγωνιζόμενος κατὰ τὴν ἐνέργειαν αὐτοῦ τὴν ἐνεργουμένην ἐν ἐμοὶ ἐν δυνάμει. - Kol 2,1-3 1 Θέλω γὰρ ὑμᾶς εἰδέναι ἡλίκον ἀγῶνα ἔχω ὑπὲρ ὑμῶν καὶ τῶν ἐν Λαοδικείᾳ καὶ ὅσοι οὐχ ἑόρακαν τὸ πρόσωπόν μου ἐν σαρκί, - 2 ἵνα παρακληθῶσιν αἱ καρδίαι αὐτῶν, συμβιβασθέντες ἐν ἀγάπῃ καὶ εἰς πᾶν πλοῦτος τῆς πληροφορίας τῆς συνέσεως, εἰς ἐπίγνωσιν τοῦ μυστηρίου τοῦ θεοῦ, Χριστοῦ, - Appendix 1 787 <?page no="788"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch 3 ἐν ᾧ εἰσιν πάντες οἱ θησαυροὶ τῆς σοφίας καὶ γνώσεως ἀπόκρυφοι. - Kol 2,8-15 8 βλέπετε μή τις ὑμᾶς ἔσται ὁ συλαγωγῶν διὰ τῆς φιλοσοφίας καὶ κενῆς ἀπάτης κατὰ τὴν παράδοσιν τῶν ἀνθρώπων, κατὰ τὰ στοιχεῖα τοῦ κόσμου καὶ οὐ κατὰ Χριστόν: 8 τῆς φιλοσοφίας καὶ κενῆς ἀπάτης κατὰ τὴν παράδοσιν τῶν ἀνθρώπων, κατὰ τὰ στοιχεῖα τοῦ κόσμου· 9 ὅτι ἐν αὐτῷ κατοικεῖ πᾶν τὸ πλήρωμα τῆς θεότητος σωματικῶς, - 10 καὶ ἐστὲ ἐν αὐτῷ πεπληρωμένοι, ὅς ἐστιν ἡ κεφαλὴ πάσης ἀρχῆς καὶ ἐξουσίας, - 11 ἐν ᾧ καὶ περιετμήθητε περιτομῇ ἀχειροποιήτῳ ἐν τῇ ἀπεκδύσει τοῦ σώματος τῆς σαρκός, ἐν τῇ περιτομῇ τοῦ Χριστοῦ, - 12 συνταφέντες αὐτῷ ἐν τῷ βαπτισμῷ, ἐν ᾧ καὶ συνηγέρθητε διὰ τῆς πίστεως τῆς ἐνεργείας τοῦ θεοῦ τοῦ ἐγείραντος αὐτὸν ἐκ νεκρῶν: - 13 καὶ ὑμᾶς νεκροὺς ὄντας [ἐν] τοῖς παραπτώμασιν καὶ τῇ ἀκροβυστίᾳ τῆς σαρκὸς ὑμῶν, συνεζωοποίησεν ὑμᾶς σὺν αὐτῷ, χαρισάμενος ἡμῖν πάντα τὰ παραπτώματα, 13 Θεὸς συνεζωοποίησεν ὑμᾶς σὺν αὐτῷ, χαρισάμενος ἡμῖν τὰ παραπτώματα. 14 ἐξαλείψας τὸ καθ’ ἡμῶν χειρόγραφον τοῖς δόγμασιν ὃ ἦν ὑπεναντίον ἡμῖν, καὶ αὐτὸ ἦρκεν ἐκ τοῦ μέσου προσηλώσας αὐτὸ τῷ σταυρῷ: - 15 ἀπεκδυσάμενος τὰς ἀρχὰς καὶ τὰς ἐξουσίας ἐδειγμάτισεν ἐν παρρησίᾳ, θριαμβεύσας αὐτοὺς ἐν αὐτῷ. - Kol 3,5-11 5 Νεκρώσατε οὖν τὰ μέλη τὰ ἐπὶ τῆς γῆς, πορνείαν, ἀκαθαρσίαν, πάθος, ἐπιθυμίαν κακήν, καὶ τὴν πλεονεξίαν ἥτις ἐστὶν εἰδωλολατρία, 6 δι’ ἃ - 788 Appendix 1 <?page no="789"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch ἔρχεται ἡ ὀργὴ τοῦ θεοῦ [ἐπὶ τοὺς υἱοὺς τῆς ἀπειθείας]: - - 7 ἐν οἷς καὶ ὑμεῖς περιεπατήσατέ ποτε ὅτε ἐζῆτε ἐν τούτοις. - 8 νυνὶ δὲ ἀπόθεσθε καὶ ὑμεῖς τὰ πάντα, ὀργήν, θυμόν, κακίαν, βλασφημίαν, αἰσχρολογίαν ἐκ τοῦ στόματος ὑμῶν: - 9 μὴ ψεύδεσθε εἰς ἀλλήλους, ἀπεκδυσάμενοι τὸν παλαιὸν ἄνθρωπον σὺν ταῖς πράξεσιν αὐτοῦ, ἀπεκδυσάμενοι τὸν παλαιὸν ἄνθρωπον 10 καὶ ἐνδυσάμενοι τὸν νέον τὸν ἀνακαινούμενον εἰς ἐπίγνωσιν κατ’ εἰκόνα τοῦ κτίσαντος αὐτόν, 10 καὶ ἐνδυσάμενοι τὸν νέον τὸν ἀνακαινούμενον. 11 ὅπου οὐκ ἔνι Ελλην καὶ Ἰουδαῖος, περιτομὴ καὶ ἀκροβυστία, βάρβαρος, Σκύθης, δοῦλος, ἐλεύθερος, ἀλλὰ [τὰ] πάντα καὶ ἐν πᾶσιν Χριστός. - Paulus Kanonisch Vorkanonisch 2Thess 1,3-12 3 Εὐχαριστεῖν ὀφείλομεν τῷ θεῷ πάντοτε περὶ ὑμῶν, ἀδελφοί, καθὼς ἄξιόν ἐστιν, ὅτι ὑπεραυξάνει ἡ πίστις ὑμῶν καὶ πλεονάζει ἡ ἀγάπη ἑνὸς ἑκάστου πάντων ὑμῶν εἰς ἀλλήλους, - 4 ὥστε αὐτοὺς ἡμᾶς ἐν ὑμῖν ἐγκαυχᾶσθαι ἐν ταῖς ἐκκλησίαις τοῦ θεοῦ ὑπὲρ τῆς ὑπομονῆς ὑμῶν καὶ πίστεως ἐν πᾶσιν τοῖς διωγμοῖς ὑμῶν καὶ ταῖς θλίψεσιν αἷς ἀνέχεσθε, - 5 ἔνδειγμα τῆς δικαίας κρίσεως τοῦ θεοῦ, εἰς τὸ καταξιωθῆναι ὑμᾶς τῆς βασιλείας τοῦ θεοῦ, ὑπὲρ ἧς καὶ πάσχετε, - Appendix 1 789 <?page no="790"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch 6 εἴπερ δίκαιον παρὰ θεῷ ἀνταποδοῦναι τοῖς θλίβουσιν ὑμᾶς θλῖψιν 6 δίκαιον παρὰ κυρίῷ ἀποδοῦναι τοῖς θλίβουσιν ὑμᾶς θλῖψιν 7 καὶ ὑμῖν τοῖς θλιβομένοις ἄνεσιν μεθ’ ἡμῶν ἐν τῇ ἀποκαλύψει τοῦ κυρίου Ἰησοῦ ἀπ‘ οὐρανοῦ μετ’ ἀγγέλων δυνάμεως αὐτοῦ 7 καὶ τοῖς θλιβομένοις ἄνεσιν ἐν τῇ ἀποκαλύψει τοῦ κυρίου Ἰησοῦ ἀπ’ οὐρανοῦ μετ‘ ἀγγέλων δυνάμεως αὐτοῦ 8 ἐν πυρὶ φλογός, διδόντος ἐκδίκησιν τοῖς μὴ εἰδόσιν θεὸν καὶ τοῖς μὴ ὑπακούουσιν τῷ εὐαγγελίῳ τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ, 8 διδοῦς ἐκδίκησιν τοῖς μὴ εἰδόσιν θεὸν καὶ τοῖς μὴ ὑπακούουσιν τῷ εὐαγγελίῳ, 9 οἵτινες δίκην τίσουσιν ὄλεθρον αἰώνιον ἀπὸ προσώπου τοῦ κυρίου καὶ ἀπὸ τῆς δόξης τῆς ἰσχύος αὐτοῦ, 9 οἵτινες δίκην τίσουσιν ὄλεθρον αἰώνιον ἀπὸ προσώπου τοῦ κυρίου καὶ ἀπὸ τῆς δόξης τῆς ἰσχύος αὐτοῦ, 10 ὅταν ἔλθῃ ἐνδοξασθῆναι ἐν τοῖς ἁγίοις αὐτοῦ καὶ θαυμασθῆναι ἐν πᾶσιν τοῖς πιστεύσασιν, ὅτι ἐπιστεύθη τὸ μαρτύριον ἡμῶν ἐφ’ ὑμᾶς, ἐν τῇ ἡμέρᾳ ἐκείνῃ· - 11 εἰς ὃ καὶ προσευχόμεθα πάντοτε περὶ ὑμῶν, ἵνα ὑμᾶς ἀξιώσῃ τῆς κλήσεως ὁ θεὸς ἡμῶν καὶ πληρώσῃ πᾶσαν εὐδοκίαν ἀγαθωσύνης καὶ ἔργον πίστεως ἐν δυνάμει, - 12 ὅπως ἐνδοξασθῇ τὸ ὄνομα τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ ἐν ὑμῖν, καὶ ὑμεῖς ἐν αὐτῷ, κατὰ τὴν χάριν τοῦ θεοῦ ἡμῶν καὶ κυρίου Ἰησοῦ Χριστοῦ. - 2Thess 2,8-10 8 καὶ τότε ἀποκαλυφθήσεται ὁ ἄνομος, ὃν ὁ κύριος [Ἰησοῦς] ἀνελεῖ τῷ πνεύματι τοῦ στόματος αὐτοῦ καὶ καταργήσει τῇ ἐπιφανείᾳ τῆς παρουσίας αὐτοῦ, - 9 οὗ ἐστιν ἡ παρουσία κατ’ ἐνέργειαν τοῦ Σατανᾶ ἐν πάσῃ δυνάμει καὶ σημείοις καὶ τέρασιν ψεύδους 9 οὗ ἐστιν ἡ παρουσία κατ’ ἐνέργειαν τοῦ Σατανᾶ ἐν πάσῃ δυνάμει καὶ σημείοις καὶ τέρασιν ψεύδους 10 καὶ ἐν πάσῃ ἀπάτῃ ἀδικίας τοῖς ἀπολλυμένοις, ἀνθ’ ὧν τὴν ἀγάπην τῆς ἀληθείας οὐκ ἐδέξαντο εἰς τὸ σωθῆναι αὐτούς. 10 καὶ ἐν πάσῃ ἀπάτῃ ἀδικίας τοῖς ἀπολλυμένοις, ἀνθ’ ὧν τὴν ἀγάπην τῆς ἀληθείας οὐκ ἐδέξαντο εἰς τὸ σωθῆναι αὐτούς. 790 Appendix 1 <?page no="791"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch Röm 1,1-7 1 Παῦλος δοῦλος Χριστοῦ Ἰησοῦ, κλητὸς ἀπόστολος, ἀφωρισμένος εἰς εὐαγγέλιον θεοῦ, 1,1 Παῦλος ἀπόστολος Ἰησοῦ Χριστοῦ - 2 ὃ προεπηγγείλατο διὰ τῶν προφητῶν αὐτοῦ ἐν γραφαῖς ἁγίαις, - 3 περὶ τοῦ υἱοῦ αὐτοῦ τοῦ γενομένου ἐκ σπέρματος Δαυὶδ κατὰ σάρκα, - 4 τοῦ ὁρισθέντος υἱοῦ θεοῦ ἐν δυνάμει κατὰ πνεῦμα ἁγιωσύνης ἐξ ἀναστάσεως νεκρῶν, Ἰησοῦ Χριστοῦ τοῦ κυρίου ἡμῶν, - 5 δι’ οὗ ἐλάβομεν χάριν καὶ ἀποστολὴν εἰς ὑπακοὴν πίστεως ἐν πᾶσιν τοῖς ἔθνεσιν ὑπὲρ τοῦ ὀνόματος αὐτοῦ, 6 ἐν οἷς ἐστε καὶ ὑμεῖς κλητοὶ Ἰησοῦ Χριστοῦ, 5 ἐν τοῖς ἔθνεσιν, 7 πᾶσιν τοῖς οὖσιν ἐν Ῥώμῃ ἀγαπητοῖς θεοῦ, κλητοῖς ἁγίοις: χάρις ὑμῖν καὶ εἰρήνη ἀπὸ θεοῦ πατρὸς ἡμῶν καὶ κυρίου Ἰησοῦ Χριστοῦ. 7 πᾶσιν ἐν-ἀγάπῃ θεοῦ, χάρις καὶ εἰρήνη ἀπὸ θεοῦ πατρὸς ἡμῶν καὶ κυρίου Ἰησοῦ. Röm 1,26-27 26 διὰ τοῦτο παρέδωκεν αὐτοὺς ὁ θεὸς εἰς πάθη ἀτιμίας: αἵ τε γὰρ θήλειαι αὐτῶν μετήλλαξαν τὴν φυσικὴν χρῆσιν εἰς τὴν παρὰ φύσιν, - 27 ὁμοίως τε καὶ οἱ ἄρσενες ἀφέντες τὴν φυσικὴν χρῆσιν τῆς θηλείας ἐξεκαύθησαν ἐν τῇ ὀρέξει αὐτῶν εἰς ἀλλήλους, ἄρσενες ἐν ἄρσεσιν τὴν ἀσχημοσύνην κατεργαζόμενοι καὶ τὴν ἀντιμισθίαν ἣν ἔδει τῆς πλάνης αὐτῶν ἐν ἑαυτοῖς ἀπολαμβάνοντες. - Röm 1,28-32 28 καὶ καθὼς οὐκ ἐδοκίμασαν τὸν θεὸν ἔχειν ἐν ἐπιγνώσει, παρέδωκεν αὐτοὺς ὁ θεὸς εἰς ἀδόκιμον νοῦν, ποιεῖν τὰ μὴ καθήκοντα, - 29 πεπληρωμένους πάσῃ ἀδικίᾳ πονηρίᾳ πλεονεξίᾳ κακίᾳ, μεστοὺς - Appendix 1 791 <?page no="792"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch φθόνου φόνου ἔριδος δόλου κακοηθείας, ψιθυριστάς, - 30 καταλάλους, θεοστυγεῖς, ὑβριστάς, ὑπερηφάνους, ἀλαζόνας, ἐφευρετὰς κακῶν, γονεῦσιν ἀπειθεῖς, - 31 ἀσυνέτους, ἀσυνθέτους, ἀστόργους, ἀνελεήμονας: - 32 οἵτινες τὸ δικαίωμα τοῦ θεοῦ ἐπιγνόντες, ὅτι οἱ τὰ τοιαῦτα πράσσοντες ἄξιοι θανάτου εἰσίν, οὐ μόνον αὐτὰ ποιοῦσιν ἀλλὰ καὶ συνευδοκοῦσιν τοῖς πράσσουσιν. - Röm 2,14-17 14 ὅταν γὰρ ἔθνη τὰ μὴ νόμον ἔχοντα φύσει τὰ τοῦ νόμου ποιῶσιν, οὗτοι νόμον μὴ ἔχοντες ἑαυτοῖς εἰσιν νόμος: 14 ὅταν τὰ μὴ νόμον ἔχοντα φύσει τὰ τοῦ νόμου ποιῶσιν, οἱ τοιοῦτοι νόμον μὴ ἔχοντες ἑαυτοῖς εἰσιν νόμος: - 15 οἵτινες ἐνδείκνυνται τὸ ἔργον τοῦ νόμου γραπτὸν ἐν ταῖς καρδίαις αὐτῶν, συμμαρτυρούσης αὐτῶν τῆς συνειδήσεως καὶ μεταξὺ ἀλλήλων τῶν λογισμῶν κατηγορούντων ἢ καὶ ἀπολογουμένων, - 16 ἐν ἡμέρᾳ ὅτε κρίνει ὁ θεὸς τὰ κρυπτὰ τῶν ἀνθρώπων κατὰ τὸ εὐαγγέλιόν μου διὰ Χριστοῦ Ἰησοῦ. 16 ἐν ἡμέρᾳ ὅτε κρίνει ὁ θεὸς τὰ κρυπτὰ τῶν ἀνθρώπων κατὰ τὸ εὐαγγέλιόν μου διὰ Χριστοῦ. 17 Εἰ δὲ σὺ Ἰουδαῖος ἐπονομάζῃ καὶ ἐπαναπαύῃ νόμῳ καὶ καυχᾶσαι ἐν θεῷ - Röm 3,21-26 21 Νυνὶ δὲ χωρὶς νόμου δικαιοσύνη θεοῦ πεφανέρωται, μαρτυρουμένη ὑπὸ τοῦ νόμου καὶ τῶν προφητῶν, 21 Νυνὶ δὲ χωρὶς νόμου δικαιοσύνη θεοῦ πεφανέρωται, 22 διὰ πίστεως Χριστοῦ. Τίς ἐστιν διαστολή; 22 δικαιοσύνη δὲ θεοῦ διὰ πίστεως Ἰησοῦ Χριστοῦ, εἰς πάντας τοὺς πιστεύοντας: οὐ γάρ ἐστιν διαστολή: - 23 πάντες γὰρ ἥμαρτον καὶ ὑστεροῦνται τῆς δόξης τοῦ θεοῦ, - 792 Appendix 1 <?page no="793"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch 24 δικαιούμενοι δωρεὰν τῇ αὐτοῦ χάριτι διὰ τῆς ἀπολυτρώσεως τῆς ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ: - 25 ὃν προέθετο ὁ θεὸς ἱλαστήριον διὰ [τῆς] πίστεως ἐν τῷ αὐτοῦ αἵματι εἰς ἔνδειξιν τῆς δικαιοσύνης αὐτοῦ διὰ τὴν πάρεσιν τῶν προγεγονότων ἁμαρτημάτων - 26 ἐν τῇ ἀνοχῇ τοῦ θεοῦ, πρὸς τὴν ἔνδειξιν τῆς δικαιοσύνης αὐτοῦ ἐν τῷ νῦν καιρῷ, εἰς τὸ εἶναι αὐτὸν δίκαιον καὶ δικαιοῦντα τὸν ἐκ πίστεως Ἰησοῦ. - Röm 4,16-21 16 διὰ τοῦτο ἐκ πίστεως, ἵνα κατὰ χάριν, εἰς τὸ εἶναι βεβαίαν τὴν ἐπαγγελίαν παντὶ τῷ σπέρματι, οὐ τῷ ἐκ τοῦ νόμου μόνον ἀλλὰ καὶ τῷ ἐκ πίστεως Ἀβραάμ (ὅς ἐστιν πατὴρ πάντων ἡμῶν, - 17 καθὼς γέγραπται ὅτι Πατέρα πολλῶν ἐθνῶν τέθεικά σε) κατέναντι οὗ ἐπίστευσεν θεοῦ τοῦ ζῳοποιοῦντος τοὺς νεκροὺς καὶ καλοῦντος τὰ μὴ ὄντα ὡς ὄντα: - 18 ὃς παρ’ ἐλπίδα ἐπ‘ ἐλπίδι ἐπίστευσεν εἰς τὸ γενέσθαι αὐτὸν πατέρα πολλῶν ἐθνῶν κατὰ τὸ εἰρημένον, Οὕτως ἔσται τὸ σπέρμα σου: - 19 καὶ μὴ ἀσθενήσας τῇ πίστει κατενόησεν τὸ ἑαυτοῦ σῶμα [ἤδη] νενεκρωμένον, ἑκατονταετής που ὑπάρχων, καὶ τὴν νέκρωσιν τῆς μήτρας Σάρρας, - 20 εἰς δὲ τὴν ἐπαγγελίαν τοῦ θεοῦ οὐ διεκρίθη τῇ ἀπιστίᾳ ἀλλ’ ἐνεδυναμώθη τῇ πίστει, δοὺς δόξαν τῷ θεῷ - 21 καὶ πληροφορηθεὶς ὅτι ὃ ἐπήγγελται δυνατός ἐστιν καὶ ποιῆσαι. - Röm 5,12-14 12 Διὰ τοῦτο ὥσπερ δι’ ἑνὸς ἀνθρώπου ἡ ἁμαρτία εἰς τὸν - Appendix 1 793 <?page no="794"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch κόσμον εἰσῆλθεν καὶ διὰ τῆς ἁμαρτίας ὁ θάνατος, καὶ οὕτως εἰς πάντας ἀνθρώπους ὁ θάνατος διῆλθεν, ἐφ‘ ᾧ πάντες ἥμαρτον 13 ἄχρι γὰρ νόμου ἁμαρτία ἦν ἐν κόσμῳ, ἁμαρτία δὲ οὐκ ἐλλογεῖται μὴ ὄντος νόμου: - 14 ἀλλὰ ἐβασίλευσεν ὁ θάνατος ἀπὸ Ἀδὰμ μέχρι Μωϋσέως καὶ ἐπὶ τοὺς μὴ ἁμαρτήσαντας ἐπὶ τῷ ὁμοιώματι τῆς παραβάσεως Ἀδάμ, ὅς ἐστιν τύπος τοῦ μέλλοντος. - Röm 15,22-25 22 Διὸ καὶ ἐνεκοπτόμην τὰ πολλὰ τοῦ ἐλθεῖν πρὸς ὑμᾶς: - 23 νυνὶ δὲ μηκέτι τόπον ἔχων ἐν τοῖς κλίμασι τούτοις, ἐπιποθίαν δὲ ἔχων τοῦ ἐλθεῖν πρὸς ὑμᾶς ἀπὸ πολλῶν ἐτῶν, - 24 ὡς ἂν πορεύωμαι εἰς τὴν Σπανίαν: ἐλπίζω γὰρ διαπορευόμενος θεάσασθαι ὑμᾶς καὶ ὑφ’ ὑμῶν προπεμφθῆναι ἐκεῖ ἐὰν ὑμῶν πρῶτον ἀπὸ μέρους ἐμπλησθῶ - 25 νυνὶ δὲ πορεύομαι εἰς Ἰερουσαλὴμ διακονῶν τοῖς ἁγίοις. - Röm 15,30-32 30 Παρακαλῶ δὲ ὑμᾶς [,ἀδελφοί,] διὰ τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ καὶ διὰ τῆς ἀγάπης τοῦ πνεύματος, συναγωνίσασθαί μοι ἐν ταῖς προσευχαῖς ὑπὲρ ἐμοῦ πρὸς τὸν θεόν, - 31 ἵνα ῥυσθῶ ἀπὸ τῶν ἀπειθούντων ἐν τῇ Ἰουδαίᾳ καὶ ἡ διακονία μου ἡ εἰς Ἰερουσαλὴμ εὐπρόσδεκτος τοῖς ἁγίοις γένηται, - 32 ἵνα ἐν χαρᾷ ἐλθὼν πρὸς ὑμᾶς διὰ θελήματος θεοῦ συναναπαύσωμαι ὑμῖν. - Röm 16,25-27 [Τῷ 25 δὲ δυναμένῳ ὑμᾶς στηρίξαι κατὰ τὸ εὐαγγέλιόν μου καὶ τὸ κήρυγμα Ἰησοῦ Χριστοῦ, κατὰ - 794 Appendix 1 <?page no="795"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch ἀποκάλυψιν μυστηρίου χρόνοις αἰωνίοις σεσιγημένου 26 φανερωθέντος δὲ νῦν διά τε γραφῶν προφητικῶν κατ’ ἐπιταγὴν τοῦ αἰωνίου θεοῦ εἰς ὑπακοὴν πίστεως εἰς πάντα τὰ ἔθνη γνωρισθέντος, - 27 μόνῳ σοφῷ θεῷ διὰ Ἰησοῦ Χριστοῦ ᾧ ἡ δόξα εἰς τοὺς αἰῶνας: ἀμήν.] - Paulus Kanonisch Vorkanonisch 1Kor 1,1-3 1 Παῦλος κλητὸς ἀπόστολος Χριστοῦ Ἰησοῦ διὰ θελήματος θεοῦ, καὶ Σωσθένης ὁ ἀδελφός, 1,1 Παῦλος ἀπόστολος Ἰησοῦ Χριστοῦ 2 τῇ ἐκκλησίᾳ τοῦ θεοῦ τῇ οὔσῃ ἐν Κορίνθῳ, ἡγιασμένοις ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ, κλητοῖς ἁγίοις, σὺν πᾶσιν τοῖς ἐπικαλουμένοις τὸ ὄνομα τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ ἐν παντὶ τόπῳ, αὐτῶν καὶ ἡμῶν: 2 τῇ ἐκκλησίᾳ ἐν Κορίνθῳ: 3 χάρις ὑμῖν καὶ εἰρήνη ἀπὸ θεοῦ πατρὸς ἡμῶν καὶ κυρίου Ἰησοῦ Χριστοῦ. 3 χάρις καὶ εἰρήνη ἀπὸ θεοῦ πατρὸς ἡμῶν καὶ κυρίου Ἰησοῦ. 1Kor 1,4-8 4 Εὐχαριστῶ τῷ θεῷ μου πάντοτε περὶ ὑμῶν ἐπὶ τῇ χάριτι τοῦ θεοῦ τῇ δοθείσῃ ὑμῖν ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ, - 5 ὅτι ἐν παντὶ ἐπλουτίσθητε ἐν αὐτῷ, ἐν παντὶ λόγῳ καὶ πάσῃ γνώσει, - 6 καθὼς τὸ μαρτύριον τοῦ Χριστοῦ ἐβεβαιώθη ἐν ὑμῖν, - 7 ὥστε ὑμᾶς μὴ ὑστερεῖσθαι ἐν μηδενὶ χαρίσματι, ἀπεκδεχομένους τὴν ἀποκάλυψιν τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ: - 8 ὃς καὶ βεβαιώσει ὑμᾶς ἕως τέλους ἀνεγκλήτους ἐν τῇ ἡμέρᾳ τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ [Χριστοῦ]. - Appendix 1 795 <?page no="796"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch 1Kor 1,26-29 26 Βλέπετε γὰρ τὴν κλῆσιν ὑμῶν, ἀδελφοί, ὅτι οὐ πολλοὶ σοφοὶ κατὰ σάρκα, οὐ πολλοὶ δυνατοί, οὐ πολλοὶ εὐγενεῖς: - 27 ἀλλὰ τὰ μωρὰ τοῦ κόσμου ἐξελέξατο ὁ θεὸς ἵνα καταισχύνῃ τοὺς σοφούς, καὶ τὰ ἀσθενῆ τοῦ κόσμου ἐξελέξατο ὁ θεὸς ἵνα καταισχύνῃ τὰ ἰσχυρά, 27 ἀλλὰ τὰ μωρὰ τοῦ κόσμου ἐξελέξατο ὁ θεὸς ἵνα καταισχύνῃ τὰ σοφά, καὶ τὰ ἀσθενῆ τοῦ κόσμου ἐξελέξατο ὁ θεὸς ἵνα καταισχύνῃ τὰ ἰσχυρά, 28 καὶ τὰ ἀγενῆ τοῦ κόσμου καὶ τὰ ἐξουθενημένα ἐξελέξατο ὁ θεός, τὰ μὴ ὄντα, ἵνα τὰ ὄντα καταργήσῃ, 28 καὶ τὰ ἀγενῆ καὶ τὰ ἐλάχιστα καὶ τὰ ἐξουθενημένα ἐξελέξατο ὁ θεός, τὰ μὴ ὄντα, ἵνα τὰ ὄντα καταργήσῃ, 29 ὅπως μὴ καυχήσηται πᾶσα σὰρξ ἐνώπιον τοῦ θεοῦ. 29 ὅπως μὴ καυχήσηται πᾶσα σὰρξ, 1Kor 2,6-9 6 Σοφίαν δὲ λαλοῦμεν ἐν τοῖς τελείοις, σοφίαν δὲ οὐ τοῦ αἰῶνος τούτου οὐδὲ τῶν ἀρχόντων τοῦ αἰῶνος τούτου τῶν καταργουμένων: 6 σοφίαν λαλοῦμεν ἐν τοῖς τελείοις τῶν ἀρχόντων τοῦ αἰῶνος τούτου τῶν καταργουμένων. 7 ἀλλὰ λαλοῦμεν θεοῦ σοφίαν ἐν μυστηρίῳ, τὴν ἀποκεκρυμμένην, ἣν προώρισεν ὁ θεὸς πρὸ τῶν αἰώνων εἰς δόξαν ἡμῶν: 7 ἀλλὰ λαλοῦμεν θεοῦ σοφίαν ἐν μυστηρίῳ, τὴν ἀποκεκρυμμένην, ἣν προώρισεν ὁ θεὸς πρὸ τῶν αἰώνων εἰς δόξαν ἡμῶν: - 8 ἣν οὐδεὶς τῶν ἀρχόντων τοῦ αἰῶνος τούτου ἔγνωκεν, εἰ γὰρ ἔγνωσαν, οὐκ ἂν τὸν κύριον τῆς δόξης ἐσταύρωσαν. 8 ἣν οὐδεὶς τῶν ἀρχόντων τοῦ αἰῶνος τούτου ἔγνωκεν, εἰ γὰρ ἔγνωσαν, οὐκ ἂν τὸν κύριον τῆς δόξης ἐσταύρωσαν. 9 ἀλλὰ καθὼς γέγραπται, Ἃ ὀφθαλμὸς οὐκ εἶδεν καὶ οὖς οὐκ ἤκουσεν καὶ ἐπὶ καρδίαν ἀνθρώπου οὐκ ἀνέβη, ἃ ἡτοίμασεν ὁ θεὸς τοῖς ἀγαπῶσιν αὐτόν. - 1Kor 9,19-23 19 Ἐλεύθερος γὰρ ὢν ἐκ πάντων πᾶσιν ἐμαυτὸν ἐδούλωσα, ἵνα τοὺς πλείονας κερδήσω: - 796 Appendix 1 <?page no="797"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch 20 καὶ ἐγενόμην τοῖς Ἰουδαίοις ὡς Ἰουδαῖος, ἵνα Ἰουδαίους κερδήσω: τοῖς ὑπὸ νόμον ὡς ὑπὸ νόμον, μὴ ὢν αὐτὸς ὑπὸ νόμον, ἵνα τοὺς ὑπὸ νόμον κερδήσω: 20 Ἐγενόμην τοῖς Ἰουδαίοις ὡς Ἰουδαῖος, ἵνα Ἰουδαίους κερδήσω: τοῖς ὑπὸ νόμον ὡς ὑπὸ νόμον, ἵνα τοὺς ὑπὸ νόμον κερδήσω: - 21 τοῖς ἀνόμοις ὡς ἄνομος, μὴ ὢν ἄνομος θεοῦ ἀλλ’ ἔννομος Χριστοῦ, ἵνα κερδάνω τοὺς ἀνόμους: - 22 ἐγενόμην τοῖς ἀσθενέσιν ἀσθενής, ἵνα τοὺς ἀσθενεῖς κερδήσω: τοῖς πᾶσιν γέγονα πάντα, ἵνα πάντως τινὰς σώσω. 22 ἐγενόμην τοῖς πᾶσιν γέγονα πάντα, ἵνα πάντας σώσω. 23 πάντα δὲ ποιῶ διὰ τὸ εὐαγγέλιον, ἵνα συγκοινωνὸς αὐτοῦ γένωμαι. - 1Kor 10,1-4 1 Οὐ θέλω γὰρ ὑμᾶς ἀγνοεῖν, ἀδελφοί, ὅτι οἱ πατέρες ἡμῶν πάντες ὑπὸ τὴν νεφέλην ἦσαν καὶ πάντες διὰ τῆς θαλάσσης διῆλθον, 1 Οὐ θέλω γὰρ ὑμᾶς ἀγνοεῖν, ἀδελφοί, ὅτι οἱ πατέρες ἡμῶν ὑπὸ τὴν νεφέλην ἦσαν καὶ πάντες διὰ τῆς θαλάσσης διῆλθον, - 2 καὶ πάντες εἰς τὸν Μωϋσῆν ἐβαπτίσθησαν ἐν τῇ νεφέλῃ καὶ ἐν τῇ θαλάσσῃ, - 3 καὶ πάντες τὸ αὐτὸ πνευματικὸν βρῶμα ἔφαγον, 3 καὶ πάντες τὸ πνευματικὸν βρῶμα ἔφαγον, 4 καὶ πάντες τὸ αὐτὸ πνευματικὸν ἔπιον πόμα: ἔπινον γὰρ ἐκ πνευματικῆς ἀκολουθούσης πέτρας: ἡ πέτρα δὲ ἦν ὁ Χριστός. 4 καὶ πάντες τὸ πνευματικὸν ἔπιον πόμα: ἔπιον γὰρ ἐκ πνευματικῆς ἀκολουθούσης πέτρας: ἡ πέτρα δὲ ἦν ὁ Χριστός. 1Kor 12,8-11 8 ᾧ μὲν γὰρ διὰ τοῦ πνεύματος δίδοται λόγος σοφίας, ἄλλῳ δὲ λόγος γνώσεως κατὰ τὸ αὐτὸ πνεῦμα, 8 ᾧ διὰ τοῦ πνεύματος δίδοται λόγος σοφίας, ἄλλῳ λόγος γνώσεως κατὰ τὸ αὐτὸ πνεῦμα 9 ἑτέρῳ πίστις ἐν τῷ αὐτῷ πνεύματι, ἄλλῳ δὲ χαρίσματα ἰαμάτων ἐν τῷ ἑνὶ πνεύματι, 9 ἑτέρῳ πίστις ἐν τῷ αὐτῷ πνεύματι, ἄλλῳ χαρίσμα ἰαμάτων, 10 ἄλλῳ δὲ ἐνεργήματα δυνάμεων, ἄλλῳ [δὲ] προφητεία, ἄλλῳ [δὲ] διακρίσεις πνευμάτων, ἑτέρῳ γένη 10 ἄλλῳ δυνάμεων, ἄλλῳ προφητεία, ἄλλῳ διάκρισις πνευμάτων, ἑτέρῳ γένη Appendix 1 797 <?page no="798"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch γλωσσῶν, ἄλλῳ δὲ ἑρμηνεία γλωσσῶν: γλωσσῶν, ἄλλῳ ἑρμηνεία γλωσσῶν: 11 πάντα δὲ ταῦτα ἐνεργεῖ τὸ ἓν καὶ τὸ αὐτὸ πνεῦμα, διαιροῦν ἰδίᾳ ἑκάστῳ καθὼς βούλεται. - 1Kor 12,21-24 21 οὐ δύναται δὲ ὁ ὀφθαλμὸς εἰπεῖν τῇ χειρί, Χρείαν σου οὐκ ἔχω, ἢ πάλιν ἡ κεφαλὴ τοῖς ποσίν, Χρείαν ὑμῶν οὐκ ἔχω: - 22 ἀλλὰ πολλῷ μᾶλλον τὰ δοκοῦντα μέλη τοῦ σώματος ἀσθενέστερα ὑπάρχειν ἀναγκαῖά ἐστιν, - 23 καὶ ἃ δοκοῦμεν ἀτιμότερα εἶναι τοῦ σώματος, τούτοις τιμὴν περισσοτέραν περιτίθεμεν, καὶ τὰ ἀσχήμονα ἡμῶν εὐσχημοσύνην περισσοτέραν ἔχει, - 24 τὰ δὲ εὐσχήμονα ἡμῶν οὐ χρείαν ἔχει. ἀλλὰ ὁ θεὸς συνεκέρασεν τὸ σῶμα, τῷ ὑστερουμένῳ περισσοτέραν δοὺς τιμήν, 24 ἀλλὰ ὁ θεὸς συνεκέρασεν τὸ σῶμα. 1Kor 15,3-8 3 διὸ γνωρίζω ὑμῖν ὅτι οὐδεὶς ἐν πνεύματι θεοῦ λαλῶν λέγει, Ἀνάθεμα Ἰησοῦς, καὶ οὐδεὶς δύναται εἰπεῖν, Κύριος Ἰησοῦς, εἰ μὴ ἐν πνεύματι ἁγίῳ. 3ὅτι Χριστὸς ἀπέθανεν, 4 καὶ ἐτάφη καὶ ἐγήγερται τῇ τρίτῃ ἡμέρᾳ, 4 Διαιρέσεις δὲ χαρισμάτων εἰσίν, τὸ δὲ αὐτὸ πνεῦμα: - 5 καὶ διαιρέσεις διακονιῶν εἰσιν, καὶ ὁ αὐτὸς κύριος: - 6 καὶ διαιρέσεις ἐνεργημάτων εἰσίν, ὁ δὲ αὐτὸς θεός, ὁ ἐνεργῶν τὰ πάντα ἐν πᾶσιν. - 7 ἑκάστῳ δὲ δίδοται ἡ φανέρωσις τοῦ πνεύματος πρὸς τὸ συμφέρον. - 8 ᾧ μὲν γὰρ διὰ τοῦ πνεύματος δίδοται λόγος σοφίας, ἄλλῳ δὲ λόγος γνώσεως κατὰ τὸ αὐτὸ πνεῦμα, - 798 Appendix 1 <?page no="799"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch 2Kor 1,8-11 8 Οὐ γὰρ θέλομεν ὑμᾶς ἀγνοεῖν, ἀδελφοί, ὑπὲρ τῆς θλίψεως ἡμῶν τῆς γενομένης ἐν τῇ Ἀσίᾳ, ὅτι καθ’ ὑπερβολὴν ὑπὲρ δύναμιν ἐβαρήθημεν, ὥστε ἐξαπορηθῆναι ἡμᾶς καὶ τοῦ ζῆν: 8 Οὐ γὰρ θέλομεν ὑμᾶς ἀγνοεῖν, ἀδελφοί, ὑπὲρ τῆς θλίψεως ἡμῶν τῆς γενομένης ἐν τῇ Ἀσίᾳ, ὅτι καθ’ ὑπερβολὴν ὑπὲρ δύναμιν ἐβαρήθημεν, ὥστε ἐξαπορηθῆναι ἡμᾶς καὶ τοῦ ζῆν: 9 ἀλλὰ αὐτοὶ ἐν ἑαυτοῖς τὸ ἀπόκριμα τοῦ θανάτου ἐσχήκαμεν, ἵνα μὴ πεποιθότες ὦμεν ἐφ’ ἑαυτοῖς ἀλλ‘ ἐπὶ τῷ θεῷ τῷ ἐγείροντι τοὺς νεκρούς: - 10 ὃς ἐκ τηλικούτου θανάτου ἐρρύσατο ἡμᾶς καὶ ῥύσεται, εἰς ὃν ἠλπίκαμεν [ὅτι] καὶ ἔτι ῥύσεται, - 11 συνυπουργούντων καὶ ὑμῶν ὑπὲρ ἡμῶν τῇ δεήσει, ἵνα ἐκ πολλῶν προσώπων τὸ εἰς ἡμᾶς χάρισμα διὰ πολλῶν εὐχαριστηθῇ ὑπὲρ ἡμῶν. - 2Kor 4,7-11 7 Ἔχομεν δὲ τὸν θησαυρὸν τοῦτον ἐν ὀστρακίνοις σκεύεσιν, ἵνα ἡ ὑπερβολὴ τῆς δυνάμεως ᾖ τοῦ θεοῦ καὶ μὴ ἐξ ἡμῶν: 7 Ἔχομεν τὸν θησαυρὸν ἐν ὀστρακίνοις σκεύεσιν, ἵνα ἡ ὑπερβολὴ τοῦ θεοῦ καὶ οὐχ ἡμῶν: 8 ἐν παντὶ θλιβόμενοι ἀλλ’ οὐ στενοχωρούμενοι, ἀπορούμενοι ἀλλ‘ οὐκ ἐξαπορούμενοι, 8 θλιβόμενοι ἀλλ’ οὐ στενοχωρούμενοι, ἀπορούμενοι ἀλλ‘ οὐκ ἐξαπορούμενοι, 9 διωκόμενοι ἀλλ’ οὐκ ἐγκαταλειπόμενοι, καταβαλλόμενοι ἀλλ‘ οὐκ ἀπολλύμενοι, 9 διωκόμενοι ἀλλ’ οὐκ ἐγκαταλειπόμενοι, καταβαλλόμενοι ἀλλ‘ οὐκ ἀπολλύμενοι, 10 πάντοτε τὴν νέκρωσιν τοῦ Ἰησοῦ ἐν τῷ σώματι περιφέροντες, ἵνα καὶ ἡ ζωὴ τοῦ Ἰησοῦ ἐν τῷ σώματι ἡμῶν φανερωθῇ. 10 τὴν νέκρωσιν τοῦ θεοῦ ἐν τῷ σώματι περιφέροντες, ἵνα καὶ ἡ ζωὴ τοῦ Χριστοῦ ἐν τῷ σώματι ἡμῶν φανερωθῇ. 11 ἀεὶ γὰρ ἡμεῖς οἱ ζῶντες εἰς θάνατον παραδιδόμεθα διὰ Ἰησοῦν, ἵνα καὶ ἡ ζωὴ τοῦ Ἰησοῦ φανερωθῇ ἐν τῇ θνητῇ σαρκὶ ἡμῶν. 11 εἰς θάνατον παραδιδόμεθα, ἵνα καὶ ἡ ζωὴ τοῦ Χριστοῦ φανερωθῇ ἐν ἡμῶν σαρκί. 2Kor 6,1-10 1 Συνεργοῦντες δὲ καὶ παρακαλοῦμεν μὴ εἰς κενὸν τὴν χάριν τοῦ θεοῦ δέξασθαι ὑμᾶς - Appendix 1 799 <?page no="800"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch 2 λέγει γάρ, Καιρῷ δεκτῷ ἐπήκουσά σου καὶ ἐν ἡμέρᾳ σωτηρίας ἐβοήθησά σοι: ἰδοὺ νῦν καιρὸς εὐπρόσδεκτος, ἰδοὺ νῦν ἡμέρα σωτηρίας - 3 μηδεμίαν ἐν μηδενὶ διδόντες προσκοπήν, ἵνα μὴ μωμηθῇ ἡ διακονία, - 4 ἀλλ’ ἐν παντὶ συνίσταντες ἑαυτοὺς ὡς θεοῦ διάκονοι, ἐν ὑπομονῇ πολλῇ, ἐν θλίψεσιν, ἐν ἀνάγκαις, ἐν στενοχωρίαις, - 5 ἐν πληγαῖς, ἐν φυλακαῖς, ἐν ἀκαταστασίαις, ἐν κόποις, ἐν ἀγρυπνίαις, ἐν νηστείαις, - 6 ἐν ἁγνότητι, ἐν γνώσει, ἐν μακροθυμίᾳ, ἐν χρηστότητι, ἐν πνεύματι ἁγίῳ, ἐν ἀγάπῃ ἀνυποκρίτῳ, - 7 ἐν λόγῳ ἀληθείας, ἐν δυνάμει θεοῦ: διὰ τῶν ὅπλων τῆς δικαιοσύνης τῶν δεξιῶν καὶ ἀριστερῶν, - 8 διὰ δόξης καὶ ἀτιμίας, διὰ δυσφημίας καὶ εὐφημίας: ὡς πλάνοι καὶ ἀληθεῖς, - 9 ὡς ἀγνοούμενοι καὶ ἐπιγινωσκόμενοι, ὡς ἀποθνῄσκοντες καὶ ἰδοὺ ζῶμεν, ὡς παιδευόμενοι καὶ μὴ θανατούμενοι, - 10 ὡς λυπούμενοι ἀεὶ δὲ χαίροντες, ὡς πτωχοὶ πολλοὺς δὲ πλουτίζοντες, ὡς μηδὲν ἔχοντες καὶ πάντα κατέχοντες. - 2Kor 8,1-7 1 Γνωρίζομεν δὲ ὑμῖν, ἀδελφοί, τὴν χάριν τοῦ θεοῦ τὴν δεδομένην ἐν ταῖς ἐκκλησίαις τῆς Μακεδονίας, - 2 ὅτι ἐν πολλῇ δοκιμῇ θλίψεως ἡ περισσεία τῆς χαρᾶς αὐτῶν καὶ ἡ κατὰ βάθους πτωχεία αὐτῶν ἐπερίσσευσεν εἰς τὸ πλοῦτος τῆς ἁπλότητος αὐτῶν: - 800 Appendix 1 <?page no="801"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch 3 ὅτι κατὰ δύναμιν, μαρτυρῶ, καὶ παρὰ δύναμιν, αὐθαίρετοι - 4 μετὰ πολλῆς παρακλήσεως δεόμενοι ἡμῶν τὴν χάριν καὶ τὴν κοινωνίαν τῆς διακονίας τῆς εἰς τοὺς ἁγίους - 5 καὶ οὐ καθὼς ἠλπίσαμεν ἀλλὰ ἑαυτοὺς ἔδωκαν πρῶτον τῷ κυρίῳ καὶ ἡμῖν διὰ θελήματος θεοῦ, - 6 εἰς τὸ παρακαλέσαι ἡμᾶς Τίτον ἵνα καθὼς προενήρξατο οὕτως καὶ ἐπιτελέσῃ εἰς ὑμᾶς καὶ τὴν χάριν ταύτην. - 7 ἀλλ’ ὥσπερ ἐν παντὶ περισσεύετε, πίστει καὶ λόγῳ καὶ γνώσει καὶ πάσῃ σπουδῇ καὶ τῇ ἐξ ἡμῶν ἐν ὑμῖν ἀγάπῃ, ἵνα καὶ ἐν ταύτῃ τῇ χάριτι περισσεύητε. - 2Kor 8,18-21 18 συνεπέμψαμεν δὲ μετ’ αὐτοῦ τὸν ἀδελφὸν οὗ ὁ ἔπαινος ἐν τῷ εὐαγγελίῳ διὰ πασῶν τῶν ἐκκλησιῶν - 19 οὐ μόνον δὲ ἀλλὰ καὶ χειροτονηθεὶς ὑπὸ τῶν ἐκκλησιῶν συνέκδημος ἡμῶν σὺν τῇ χάριτι ταύτῃ τῇ διακονουμένῃ ὑφ’ ἡμῶν πρὸς τὴν [αὐτοῦ] τοῦ κυρίου δόξαν καὶ προθυμίαν ἡμῶν - 20 στελλόμενοι τοῦτο μή τις ἡμᾶς μωμήσηται ἐν τῇ ἁδρότητι ταύτῃ τῇ διακονουμένῃ ὑφ’ ἡμῶν: - 21 προνοοῦμεν γὰρ καλὰ οὐ μόνον ἐνώπιον κυρίου ἀλλὰ καὶ ἐνώπιον ἀνθρώπων. - 2Kor 9,10-14 10 ὁ δὲ ἐπιχορηγῶν σπόρον τῷ σπείροντι καὶ ἄρτον εἰς βρῶσιν χορηγήσει καὶ πληθυνεῖ τὸν σπόρον ὑμῶν καὶ αὐξήσει τὰ γενήματα τῆς δικαιοσύνης ὑμῶν: - 11 ἐν παντὶ πλουτιζόμενοι εἰς πᾶσαν ἁπλότητα, ἥτις κατεργάζεται δι’ ἡμῶν εὐχαριστίαν τῷ θεῷ - Appendix 1 801 <?page no="802"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch 12 ὅτι ἡ διακονία τῆς λειτουργίας ταύτης οὐ μόνον ἐστὶν προσαναπληροῦσα τὰ ὑστερήματα τῶν ἁγίων, ἀλλὰ καὶ περισσεύουσα διὰ πολλῶν εὐχαριστιῶν τῷ θεῷ - 13 διὰ τῆς δοκιμῆς τῆς διακονίας ταύτης δοξάζοντες τὸν θεὸν ἐπὶ τῇ ὑποταγῇ τῆς ὁμολογίας ὑμῶν εἰς τὸ εὐαγγέλιον τοῦ Χριστοῦ καὶ ἁπλότητι τῆς κοινωνίας εἰς αὐτοὺς καὶ εἰς πάντας, - 14 καὶ αὐτῶν δεήσει ὑπὲρ ὑμῶν ἐπιποθούντων ὑμᾶς διὰ τὴν ὑπερβάλλουσαν χάριν τοῦ θεοῦ ἐφ’ ὑμῖν. - 2Kor 10,3-6 3 ἐν σαρκὶ γὰρ περιπατοῦντες οὐ κατὰ σάρκα στρατευόμεθα - 4 τὰ γὰρ ὅπλα τῆς στρατείας ἡμῶν οὐ σαρκικὰ ἀλλὰ δυνατὰ τῷ θεῷ πρὸς καθαίρεσιν ὀχυρωμάτων λογισμοὺς καθαιροῦντες - 5 καὶ πᾶν ὕψωμα ἐπαιρόμενον κατὰ τῆς γνώσεως τοῦ θεοῦ, καὶ αἰχμαλωτίζοντες πᾶν νόημα εἰς τὴν ὑπακοὴν τοῦ Χριστοῦ, - 6 καὶ ἐν ἑτοίμῳ ἔχοντες ἐκδικῆσαι πᾶσαν παρακοήν, ὅταν πληρωθῇ ὑμῶν ἡ ὑπακοή. - 2Kor 10,14-16 14 οὐ γὰρ ὡς μὴ ἐφικνούμενοι εἰς ὑμᾶς ὑπερεκτείνομεν ἑαυτούς, ἄχρι γὰρ καὶ ὑμῶν ἐφθάσαμεν ἐν τῷ εὐαγγελίῳ τοῦ Χριστοῦ: - 15 οὐκ εἰς τὰ ἄμετρα καυχώμενοι ἐν ἀλλοτρίοις κόποις, ἐλπίδα δὲ ἔχοντες αὐξανομένης τῆς πίστεως ὑμῶν ἐν ὑμῖν μεγαλυνθῆναι κατὰ τὸν κανόνα ἡμῶν εἰς περισσείαν, - 16 εἰς τὰ ὑπερέκεινα ὑμῶν εὐαγγελίσασθαι, οὐκ ἐν ἀλλοτρίῳ κανόνι εἰς τὰ ἕτοιμα καυχήσασθαι. - 802 Appendix 1 <?page no="803"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch 2Kor 11,24-28 24 ὑπὸ Ἰουδαίων πεντάκις τεσσεράκοντα παρὰ μίαν ἔλαβον, - 25 τρὶς ἐρραβδίσθην, ἅπαξ ἐλιθάσθην, τρὶς ἐναυάγησα, νυχθήμερον ἐν τῷ βυθῷ πεποίηκα: - 26 ὁδοιπορίαις πολλάκις, κινδύνοις ποταμῶν, κινδύνοις λῃστῶν, κινδύνοις ἐκ γένους, κινδύνοις ἐξ ἐθνῶν, κινδύνοις ἐν πόλει, κινδύνοις ἐν ἐρημίᾳ, κινδύνοις ἐν θαλάσσῃ, κινδύνοις ἐν ψευδαδέλφοις, - 27 κόπῳ καὶ μόχθῳ, ἐν ἀγρυπνίαις πολλάκις, ἐν λιμῷ καὶ δίψει, ἐν νηστείαις πολλάκις, ἐν ψύχει καὶ γυμνότητι: - 28 χωρὶς τῶν παρεκτὸς ἡ ἐπίστασίς μοι ἡ καθ’ ἡμέραν, ἡ μέριμνα πασῶν τῶν ἐκκλησιῶν. - 2Kor 12,20-21 20 φοβοῦμαι γὰρ μή πως ἐλθὼν οὐχ οἵους θέλω εὕρω ὑμᾶς, κἀγὼ εὑρεθῶ ὑμῖν οἷον οὐ θέλετε, μή πως ἔρις, ζῆλος, θυμοί, ἐριθείαι, καταλαλιαί, ψιθυρισμοί, φυσιώσεις, ἀκαταστασίαι: - 21 μὴ πάλιν ἐλθόντος μου ταπεινώσῃ με ὁ θεός μου πρὸς ὑμᾶς, καὶ πενθήσω πολλοὺς τῶν προημαρτηκότων καὶ μὴ μετανοησάντων ἐπὶ τῇ ἀκαθαρσίᾳ καὶ πορνείᾳ καὶ ἀσελγείᾳ ἧ ἔπραξαν. - Paulus Kanonisch Vorkanonisch Gal 1,1-5 1 Παῦλος ἀπόστολος, οὐκ ἀπ’ ἀνθρώπων οὐδὲ δι‘ ἀνθρώπου ἀλλὰ διὰ Ἰησοῦ Χριστοῦ καὶ θεοῦ πατρὸς τοῦ ἐγείραντος αὐτὸν ἐκ νεκρῶν, 1,1-Παῦλος ἀπόστολος, οὐκ ἀπ’ ἀνθρώπων οὐδὲ δι‘ ἀνθρώπου ἀλλὰ διὰ Ἰησοῦ Χριστοῦ τοῦ ἐγείραντος αὑτὸν ἐκ νεκρῶν, 2 καὶ οἱ σὺν ἐμοὶ πάντες ἀδελφοί, ταῖς ἐκκλησίαις τῆς Γαλατίας: 2- [¿ταῖς ἐκκλησίαις? ] ἐν Γαλατίᾳ: 3 χάρις καὶ εἰρήνη ἀπὸ θεοῦ πατρὸς καὶ κυρίου Ἰησοῦ, Appendix 1 803 <?page no="804"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch 3 χάρις ὑμῖν καὶ εἰρήνη ἀπὸ θεοῦ πατρὸς ἡμῶν καὶ κυρίου Ἰησοῦ Χριστοῦ, - 4 τοῦ δόντος ἑαυτὸν ὑπὲρ τῶν ἁμαρτιῶν ἡμῶν ὅπως ἐξέληται ἡμᾶς ἐκ τοῦ αἰῶνος τοῦ ἐνεστῶτος πονηροῦ κατὰ τὸ θέλημα τοῦ θεοῦ καὶ πατρὸς ἡμῶν, 4 τοῦ δόντος ἑαυτὸν ὑπὲρ τῶν ἁμαρτιῶν ἡμῶν ὅπως ἐξέληται ἡμᾶς ἐκ τοῦ αἰῶνος τοῦ ἐνεστῶτος πονηροῦ. 5 ᾧ ἡ δόξα εἰς τοὺς αἰῶνας τῶν αἰώνων: ἀμήν. - Gal 1,15-17 15 ὅτε δὲ εὐδόκησεν [ὁ θεὸς] ὁ ἀφορίσας με ἐκ κοιλίας μητρός μου καὶ καλέσας διὰ τῆς χάριτος αὐτοῦ 15 ὅτε δὲ εὐδόκησεν ὁ ἀφορίσας με ἐκ κοιλίας μητρός μου. - 16 ἀποκαλύψαι τὸν υἱὸν αὐτοῦ ἐν ἐμοὶ ἵνα εὐαγγελίζωμαι αὐτὸν ἐν τοῖς ἔθνεσιν, εὐθέως οὐ προσανεθέμην σαρκὶ καὶ αἵματι, 16 ἀποκαλύψαι τὸν Χριστὸν ἐν ἐμοὶ ἵνα εὐαγγελίσωμαι αὐτὸν ἐν τοῖς ἔθνεσιν. 17 οὐδὲ ἀνῆλθον εἰς Ἱεροσόλυμα πρὸς τοὺς πρὸ ἐμοῦ ἀποστόλους, ἀλλὰ ἀπῆλθον εἰς Ἀραβίαν, καὶ πάλιν ὑπέστρεψα εἰς Δαμασκόν. - Gal 2,6-10 6 ἀπὸ δὲ τῶν δοκούντων εἶναί τι ὁποῖοί ποτε ἦσαν οὐδέν μοι διαφέρει: πρόσωπον [ὁ] θεὸς ἀνθρώπου οὐ λαμβάνει ἐμοὶ γὰρ οἱ δοκοῦντες οὐδὲν προσανέθεντο, 6 οὐδέν μοι διαφέρει, - 7 ἀλλὰ τοὐναντίον ἰδόντες ὅτι πεπίστευμαι τὸ εὐαγγέλιον τῆς ἀκροβυστίας καθὼς Πέτρος τῆς περιτομῆς, - 8 ὁ γὰρ ἐνεργήσας Πέτρῳ εἰς ἀποστολὴν τῆς περιτομῆς ἐνήργησεν καὶ ἐμοὶ εἰς τὰ ἔθνη, - 9 καὶ γνόντες τὴν χάριν τὴν δοθεῖσάν μοι, Ἰάκωβος καὶ Κηφᾶς καὶ Ἰωάννης, οἱ δοκοῦντες στῦλοι εἶναι, δεξιὰς ἔδωκαν ἐμοὶ καὶ Βαρναβᾷ κοινωνίας, ἵνα ἡμεῖς εἰς τὰ ἔθνη, αὐτοὶ δὲ εἰς τὴν περιτομήν: 9Πέτρος καὶ Ἰάκωβος καὶ Ἰωάννης δεξιὰς ἔδωκαν ἐμοὶ ἵνα ἐγὼ εἰς τὰ ἔθνη, αὐτοὶ εἰς τὴν περιτομήν 804 Appendix 1 <?page no="805"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch 10 μόνον τῶν πτωχῶν ἵνα μνημονεύωμεν, ὃ καὶ ἐσπούδασα αὐτὸ τοῦτο ποιῆσαι. - Paulus Kanonisch Vorkanonisch 1Thess 1,2-5 2 Εὐχαριστοῦμεν τῷ θεῷ πάντοτε περὶ πάντων ὑμῶν, μνείαν ποιούμενοι ἐπὶ τῶν προσευχῶν ἡμῶν, ἀδιαλείπτως - 3 μνημονεύοντες ὑμῶν τοῦ ἔργου τῆς πίστεως καὶ τοῦ κόπου τῆς ἀγάπης καὶ τῆς ὑπομονῆς τῆς ἐλπίδος τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ ἔμπροσθεν τοῦ θεοῦ καὶ πατρὸς ἡμῶν, - 4 εἰδότες, ἀδελφοὶ ἠγαπημένοι ὑπὸ [τοῦ] θεοῦ, τὴν ἐκλογὴν ὑμῶν, - 5 ὅτι τὸ εὐαγγέλιον ἡμῶν οὐκ ἐγενήθη εἰς ὑμᾶς ἐν λόγῳ μόνον ἀλλὰ καὶ ἐν δυνάμει καὶ ἐν πνεύματι ἁγίῳ καὶ [ἐν] πληροφορίᾳ πολλῇ, καθὼς οἴδατε οἷοι ἐγενήθημεν [ἐν] ὑμῖν δι’ ὑμᾶς. - 1Thess 1,8-10 8 ἀφ’ ὑμῶν γὰρ ἐξήχηται ὁ λόγος τοῦ κυρίου οὐ μόνον ἐν τῇ Μακεδονίᾳ καὶ [ἐν τῇ] Ἀχαΐᾳ, ἀλλ‘ ἐν παντὶ τόπῳ ἡ πίστις ὑμῶν ἡ πρὸς τὸν θεὸν ἐξελήλυθεν, ὥστε μὴ χρείαν ἔχειν ἡμᾶς λαλεῖν τι: - 9 αὐτοὶ γὰρ περὶ ἡμῶν ἀπαγγέλλουσιν ὁποίαν εἴσοδον ἔσχομεν πρὸς ὑμᾶς, καὶ πῶς ἐπεστρέψατε πρὸς τὸν θεὸν ἀπὸ τῶν εἰδώλων δουλεύειν θεῷ ζῶντι καὶ ἀληθινῷ, - 10 καὶ ἀναμένειν τὸν υἱὸν αὐτοῦ ἐκ τῶν οὐρανῶν, ὃν ἤγειρεν ἐκ [τῶν] νεκρῶν, Ἰησοῦν τὸν ῥυόμενον ἡμᾶς ἐκ τῆς ὀργῆς τῆς ἐρχομένης. - 1Thess 2,4-8 4 ἀλλὰ καθὼς δεδοκιμάσμεθα ὑπὸ τοῦ θεοῦ πιστευθῆναι τὸ εὐαγγέλιον οὕτως λαλοῦμεν, οὐχ ὡς ἀνθρώποις ἀρέσκοντες ἀλλὰ - Appendix 1 805 <?page no="806"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch θεῷ τῷ δοκιμάζοντι τὰς καρδίας ἡμῶν. 5 οὔτε γάρ ποτε ἐν λόγῳ κολακείας ἐγενήθημεν, καθὼς οἴδατε, οὔτε ἐν προφάσει πλεονεξίας, θεὸς μάρτυς, - 6 οὔτε ζητοῦντες ἐξ ἀνθρώπων δόξαν, οὔτε ἀφ’ ὑμῶν οὔτε ἀπ‘ ἄλλων, - 7 δυνάμενοι ἐν βάρει εἶναι ὡς Χριστοῦ ἀπόστολοι, ἀλλὰ ἐγενήθημεν νήπιοι ἐν μέσῳ ὑμῶν. ὡς ἐὰν τροφὸς θάλπῃ τὰ ἑαυτῆς τέκνα, - 8 οὕτως ὁμειρόμενοι ὑμῶν εὐδοκοῦμεν μεταδοῦναι ὑμῖν οὐ μόνον τὸ εὐαγγέλιον τοῦ θεοῦ ἀλλὰ καὶ τὰς ἑαυτῶν ψυχάς, διότι ἀγαπητοὶ ἡμῖν ἐγενήθητε. - 1Thess 2,14-16 14 ὑμεῖς γὰρ μιμηταὶ ἐγενήθητε, ἀδελφοί, τῶν ἐκκλησιῶν τοῦ θεοῦ τῶν οὐσῶν ἐν τῇ Ἰουδαίᾳ ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ, ὅτι τὰ αὐτὰ ἐπάθετε καὶ ὑμεῖς ὑπὸ τῶν ἰδίων συμφυλετῶν καθὼς καὶ αὐτοὶ ὑπὸ τῶν Ἰουδαίων, 14 τὰ αὐτὰ ἐπάθετε καὶ ὑμεῖς ὑπὸ τῶν ἰδίων συμφυλετῶν καθὼς καὶ αὐτοὶ ὑπὸ τῶν Ἰουδαίων, 15 τῶν καὶ τὸν κύριον ἀποκτεινάντων Ἰησοῦν καὶ τοὺς προφήτας, καὶ ἡμᾶς ἐκδιωξάντων, καὶ θεῷ μὴ ἀρεσκόντων, καὶ πᾶσιν ἀνθρώποις ἐναντίων,. 15 τῶν καὶ τὸν κύριον ἀποκτεινάντων Ἰησοῦν καὶ τοὺς ἰδίους προφήτας. 16 κωλυόντων ἡμᾶς τοῖς ἔθνεσιν λαλῆσαι ἵνα σωθῶσιν, εἰς τὸ ἀναπληρῶσαι αὐτῶν τὰς ἁμαρτίας πάντοτε. ἔφθασεν δὲ ἐπ’ αὐτοὺς ἡ ὀργὴ εἰς τέλος - 1Thess 3,6-8 6 Ἄρτι δὲ ἐλθόντος Τιμοθέου πρὸς ἡμᾶς ἀφ’ ὑμῶν καὶ εὐαγγελισαμένου ἡμῖν τὴν πίστιν καὶ τὴν ἀγάπην ὑμῶν, καὶ ὅτι ἔχετε μνείαν ἡμῶν ἀγαθὴν πάντοτε, ἐπιποθοῦντες ἡμᾶς ἰδεῖν καθάπερ καὶ ἡμεῖς ὑμᾶς, - 806 Appendix 1 <?page no="807"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch 7 διὰ τοῦτο παρεκλήθημεν, ἀδελφοί, ἐφ’ ὑμῖν ἐπὶ πάσῃ τῇ ἀνάγκῃ καὶ θλίψει ἡμῶν διὰ τῆς ὑμῶν πίστεως, - 8 ὅτι νῦν ζῶμεν ἐὰν ὑμεῖς στήκετε ἐν κυρίῳ. - 1Thess 3,11-13 11 Αὐτὸς δὲ ὁ θεὸς καὶ πατὴρ ἡμῶν καὶ ὁ κύριος ἡμῶν Ἰησοῦς κατευθύναι τὴν ὁδὸν ἡμῶν πρὸς ὑμᾶς: - 12 ὑμᾶς δὲ ὁ κύριος πλεονάσαι καὶ περισσεύσαι τῇ ἀγάπῃ εἰς ἀλλήλους καὶ εἰς πάντας, καθάπερ καὶ ἡμεῖς εἰς ὑμᾶς, - 13 εἰς τὸ στηρίξαι ὑμῶν τὰς καρδίας ἀμέμπτους ἐν ἁγιωσύνῃ ἔμπροσθεν τοῦ θεοῦ καὶ πατρὸς ἡμῶν ἐν τῇ παρουσίᾳ τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ μετὰ πάντων τῶν ἁγίων αὐτοῦ. [ἀμήν.] - 1Thess 4,3-6 3 τοῦτο γάρ ἐστιν θέλημα τοῦ θεοῦ, ὁ ἁγιασμὸς ὑμῶν, ἀπέχεσθαι ὑμᾶς ἀπὸ τῆς πορνείας, 3 τοῦτο ἐστιν θέλημα τοῦ θεοῦ, ὁ ἁγιασμὸς ὑμῶν, ἀπέχεσθαι ὑμᾶς ἀπὸ τῆς πορνείας, 4 εἰδέναι ἕκαστον ὑμῶν τὸ ἑαυτοῦ σκεῦος κτᾶσθαι ἐν ἁγιασμῷ καὶ τιμῇ, 4 εἰδέναι ἕκαστον τὸ ἑαυτοῦ σκεῦος κτᾶσθαι ἐν τιμῇ, 5 μὴ ἐν πάθει ἐπιθυμίας καθάπερ καὶ τὰ ἔθνη τὰ μὴ εἰδότα τὸν θεόν, 5 μὴ ἐν ἐπιθυμίᾳ καθάπερ καὶ τὰ ἔθνη. 6 τὸ μὴ ὑπερβαίνειν καὶ πλεονεκτεῖν ἐν τῷ πράγματι τὸν ἀδελφὸν αὐτοῦ, διότι ἔκδικος κύριος περὶ πάντων τούτων, καθὼς καὶ προείπαμεν ὑμῖν καὶ διεμαρτυράμεθα. - 1Thess 5,7-10 7 οἱ γὰρ καθεύδοντες νυκτὸς καθεύδουσιν, καὶ οἱ μεθυσκόμενοι νυκτὸς μεθύουσιν: - 8 ἡμεῖς δὲ ἡμέρας ὄντες νήφωμεν, ἐνδυσάμενοι θώρακα πίστεως καὶ ἀγάπης καὶ περικεφαλαίαν ἐλπίδα σωτηρίας: - Appendix 1 807 <?page no="808"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch 9 ὅτι οὐκ ἔθετο ἡμᾶς ὁ θεὸς εἰς ὀργὴν ἀλλὰ εἰς περιποίησιν σωτηρίας διὰ τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ, - 10 τοῦ ἀποθανόντος ὑπὲρ ἡμῶν ἵνα εἴτε γρηγορῶμεν εἴτε καθεύδωμεν ἅμα σὺν αὐτῷ ζήσωμεν. - 1Thess 5,15-18 15 ὁρᾶτε μή τις κακὸν ἀντὶ κακοῦ τινι ἀποδῷ, ἀλλὰ πάντοτε τὸ ἀγαθὸν διώκετε [καὶ] εἰς ἀλλήλους καὶ εἰς πάντας. - 16 Πάντοτε χαίρετε, - 17 ἀδιαλείπτως προσεύχεσθε, - 18 ἐν παντὶ εὐχαριστεῖτε: τοῦτο γὰρ θέλημα θεοῦ ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ εἰς ὑμᾶς. - Paulus Kanonisch Vorkanonisch Phil 1,3-8 3 Εὐχαριστῶ τῷ θεῷ μου ἐπὶ πάσῃ τῇ μνείᾳ ὑμῶν, - 4 πάντοτε ἐν πάσῃ δεήσει μου ὑπὲρ πάντων ὑμῶν μετὰ χαρᾶς τὴν δέησιν ποιούμενος, - 5 ἐπὶ τῇ κοινωνίᾳ ὑμῶν εἰς τὸ εὐαγγέλιον ἀπὸ τῆς πρώτης ἡμέρας ἄχρι τοῦ νῦν, - 6 πεποιθὼς αὐτὸ τοῦτο, ὅτι ὁ ἐναρξάμενος ἐν ὑμῖν ἔργον ἀγαθὸν ἐπιτελέσει ἄχρι ἡμέρας Χριστοῦ Ἰησοῦ: - 7 καθώς ἐστιν δίκαιον ἐμοὶ τοῦτο φρονεῖν ὑπὲρ πάντων ὑμῶν, διὰ τὸ ἔχειν με ἐν τῇ καρδίᾳ ὑμᾶς, ἔν τε τοῖς δεσμοῖς μου καὶ ἐν τῇ ἀπολογίᾳ καὶ βεβαιώσει τοῦ εὐαγγελίου συγκοινωνούς μου τῆς χάριτος πάντας ὑμᾶς ὄντας. 8 μάρτυς γάρ μου ὁ θεός, ὡς ἐπιποθῶ πάντας ὑμᾶς ἐν σπλάγχνοις Χριστοῦ Ἰησοῦ. - 808 Appendix 1 <?page no="809"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch Phil 1,12-14 12 Γινώσκειν δὲ ὑμᾶς βούλομαι, ἀδελφοί, ὅτι τὰ κατ’ ἐμὲ μᾶλλον εἰς προκοπὴν τοῦ εὐαγγελίου ἐλήλυθεν, - 13 ὥστε τοὺς δεσμούς μου φανεροὺς ἐν Χριστῷ γενέσθαι ἐν ὅλῳ τῷ πραιτωρίῳ καὶ τοῖς λοιποῖς πάσιν, - 14 καὶ τοὺς πλείονας τῶν ἀδελφῶν ἐν κυρίῳ πεποιθότας τοῖς δεσμοῖς μου περισσοτέρως τολμᾶν ἀφόβως τὸν λόγον λαλεῖν. 14 τοὺς πεποιθότας τοῖς δεσμοῖς μου περισσοτέρως τολμᾶν ἀφόβως τὸν λόγον λαλεῖν. Phil 1,18-20 18 τί γάρ; πλὴν ὅτι παντὶ τρόπῳ, εἴτε προφάσει εἴτε ἀληθείᾳ, Χριστὸς καταγγέλλεται, καὶ ἐν τούτῳ χαίρω: ἀλλὰ καὶ χαρήσομαι, 18 πλὴν ὅτι παντὶ τρόπῳ, εἴτε προφάσει εἴτε ἀληθείᾳ, Χριστὸς καταγγέλλεται. 19 οἶδα γὰρ ὅτι τοῦτό μοι ἀποβήσεται εἰς σωτηρίαν διὰ τῆς ὑμῶν δεήσεως καὶ ἐπιχορηγίας τοῦ πνεύματος Ἰησοῦ Χριστοῦ, - 20 κατὰ τὴν ἀποκαραδοκίαν καὶ ἐλπίδα μου ὅτι ἐν οὐδενὶ αἰσχυνθήσομαι, ἀλλ’ ἐν πάσῃ παρρησίᾳ ὡς πάντοτε καὶ νῦν μεγαλυνθήσεται Χριστὸς ἐν τῷ σώματί μου, εἴτε διὰ ζωῆς εἴτε διὰ θανάτου. - Phil 1,27-30 27 Μόνον ἀξίως τοῦ εὐαγγελίου τοῦ Χριστοῦ πολιτεύεσθε, ἵνα εἴτε ἐλθὼν καὶ ἰδὼν ὑμᾶς εἴτε ἀπὼν ἀκούω τὰ περὶ ὑμῶν, ὅτι στήκετε ἐν ἑνὶ πνεύματι, μιᾷ ψυχῇ συναθλοῦντες τῇ πίστει τοῦ εὐαγγελίου, - 28 καὶ μὴ πτυρόμενοι ἐν μηδενὶ ὑπὸ τῶν ἀντικειμένων, ἥτις ἐστὶν αὐτοῖς ἔνδειξις ἀπωλείας, ὑμῶν δὲ σωτηρίας, καὶ τοῦτο ἀπὸ θεοῦ: - 29 ὅτι ὑμῖν ἐχαρίσθη τὸ ὑπὲρ Χριστοῦ, οὐ μόνον τὸ εἰς αὐτὸν πιστεύειν ἀλλὰ καὶ τὸ ὑπὲρ αὐτοῦ πάσχειν, 30 τὸν αὐτὸν ἀγῶνα ἔχοντες οἷον εἴδετε ἐν ἐμοὶ καὶ νῦν ἀκούετε ἐν ἐμοί. - Appendix 1 809 <?page no="810"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch Phil 2,1-5 1 Εἴ τις οὖν παράκλησις ἐν Χριστῷ, εἴ τι παραμύθιον ἀγάπης, εἴ τις κοινωνία πνεύματος, εἴ τις σπλάγχνα καὶ οἰκτιρμοί, - 2 πληρώσατέ μου τὴν χαρὰν ἵνα τὸ αὐτὸ φρονῆτε, τὴν αὐτὴν ἀγάπην ἔχοντες, σύμψυχοι, τὸ ἓν φρονοῦντες, - 3 μηδὲν κατ’ ἐριθείαν μηδὲ κατὰ κενοδοξίαν, ἀλλὰ τῇ ταπεινοφροσύνῃ ἀλλήλους ἡγούμενοι ὑπερέχοντας ἑαυτῶν, - 4 μὴ τὰ ἑαυτῶν ἕκαστος σκοποῦντες, ἀλλὰ [καὶ] τὰ ἑτέρων ἕκαστοι. - 5 τοῦτο φρονεῖτε ἐν ὑμῖν ὃ καὶ ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ, - Phil 2,5-8 5 τοῦτο φρονεῖτε ἐν ὑμῖν ὃ καὶ ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ, - 6 ὃς ἐν μορφῇ θεοῦ ὑπάρχων οὐχ ἁρπαγμὸν ἡγήσατο τὸ εἶναι ἴσα θεῷ, 6 ὃς ἐν μορφῇ θεοῦ ὑπάρχων οὐχ ἁρπαγμὸν ἡγήσατο τὸ εἶναι ἴσα θεῷ, 7 ἀλλὰ ἑαυτὸν ἐκένωσεν μορφὴν δούλου λαβών, ἐν ὁμοιώματι ἀνθρώπων γενόμενος: καὶ σχήματι εὑρεθεὶς ὡς ἄνθρωπος 7 ἀλλὰ ἑαυτὸν ἐκένωσεν μορφὴν δούλου λαβών, ἐν ὁμοιώματι ἀνθρώπου καὶ σχήματι εὑρεθεὶς ἄνθρωπος 8 ἐταπείνωσεν ἑαυτὸν γενόμενος ὑπήκοος μέχρι θανάτου, θανάτου δὲ σταυροῦ. 8 ἐταπείνωσεν ἑαυτὸν γενόμενος ὑπήκοος θανάτου, θανάτου σταυροῦ. Phil 2,9-11 9 διὸ καὶ ὁ θεὸς αὐτὸν ὑπερύψωσεν καὶ ἐχαρίσατο αὐτῷ τὸ ὄνομα τὸ ὑπὲρ πᾶν ὄνομα, - 10 ἵνα ἐν τῷ ὀνόματι Ἰησοῦ πᾶν γόνυ κάμψῃ ἐπουρανίων καὶ ἐπιγείων καὶ καταχθονίων, - 11 καὶ πᾶσα γλῶσσα ἐξομολογήσηται ὅτι κύριος Ἰησοῦς Χριστὸς εἰς δόξαν θεοῦ πατρός. - 810 Appendix 1 <?page no="811"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch Phil 3,8-11 8 ἀλλὰ μενοῦνγε καὶ ἡγοῦμαι πάντα ζημίαν εἶναι διὰ τὸ ὑπερέχον τῆς γνώσεως Χριστοῦ Ἰησοῦ τοῦ κυρίου μου, δι’ ὃν τὰ πάντα ἐζημιώθην, καὶ ἡγοῦμαι σκύβαλα ἵνα Χριστὸν κερδήσω 8 διὰ τὸ ὑπερέχον τῆς γνώσεως Χριστοῦ, καὶ ἡγοῦμαι σκύβαλα 9 καὶ εὑρεθῶ ἐν αὐτῷ, μὴ ἔχων ἐμὴν δικαιοσύνην τὴν ἐκ νόμου ἀλλὰ τὴν διὰ πίστεως Χριστοῦ, τὴν ἐκ θεοῦ δικαιοσύνην ἐπὶ τῇ πίστει, 9 ἔχων μὴ ἐμὴν δικαιοσύνην τὴν ἐκ νόμου ἀλλὰ τὴν δι’ αὐτοῦ τὴν ἐκ θεοῦ. 10 τοῦ γνῶναι αὐτὸν καὶ τὴν δύναμιν τῆς ἀναστάσεως αὐτοῦ καὶ [τὴν] κοινωνίαν [τῶν] παθημάτων αὐτοῦ, συμμορφιζόμενος τῷ θανάτῳ αὐτοῦ, - 11 εἴ πως καταντήσω εἰς τὴν ἐξανάστασιν τὴν ἐκ νεκρῶν. - Appendix 1 811 <?page no="813"?> Appendix 2: Die Übersetzung der ältesten Sammlung paulinischer Briefe Um den narrativen Zusammenhang der Briefe leichter als in der sich anschlie‐ ßenden Rekonstruktion wahrnehmen zu können, wird hier eine Übersetzung der zehn Briefe geboten. Ihr liegen die Rekonstruktionsentscheidungen zu grunde, die im nachfolgenden Teil im Einzelnen begründet werden. Im Unter‐ schied zur Rekonstruktion sind die verschiedenen Grade der Textsicherheit typographisch nicht kenntlich gemacht. Diese sind leicht der Rekonstruktion zu entnehmen. Hier aber geht es darum, die rekonstruierten Briefe für sich sprechen zu lassen. An die Galater Die Galater sind Griechen. Zunächst hatten sie das Wort der Wahrheit von dem Apostel angenommen, doch nach seiner Abreise wurden sie durch Falschapostel versucht, so dass sie zum Gesetz und zur Beschneidung konvertierten. Diese ruft der Apostel zurück zum Glauben der Wahrheit, indem er ihnen von Ephesus aus schreibt. 1,1 Paulus, Apostel, nicht von Menschen oder durch einen Menschen, son‐ dern durch Jesus Christus, der sich von den Toten erweckt hat, 2 [¿an die Gemeinden? ] in Galatien. 3 Gnade und Friede von Gott, Vater, und dem Herrn Jesus, 4 der sich selbst für unsere Sünden hingegeben hat, um uns aus der gegenwärtigen bösen Weltzeit zu befreien. 6 Ich bin erstaunt, dass ihr euch schnell hinwendet zu einem anderen Evangelium, 7 das gegenüber meinem Evangelium überhaupt kein anderes ist, es gibt bestenfalls einige Leute, die euch aufwiegeln und das Evangelium von Christus zu einem anderen verfälschen wollen. 8 Jedoch, auch wenn ein Engel aus dem Himmel euch ein anderes Evangelium verkündet hätte als das, das wir verkündet haben - der sei Gott überantwortet. 11 Ich gebe euch aber zu verstehen, Brüder und Schwestern, dass das Evangelium, das von mir verkündet wurde, nicht von Menschen stammt; 12 ich habe es ja nicht von einem Menschen übernommen, aber auch nicht gelernt, sondern durch eine Offenbarung Gottes. 13 Als ich damals zum Judentum gehörte, verfolgte ich die Kirche maßlos und bekämpfte sie, 14 und im Judentum war ich über die Maßen ein Eiferer, was <?page no="814"?> die Überlieferungen meiner Väter betraf. 15 Dann aber gefiel es ihm, der mich ausersehen hatte, 16 Christus in mir zu offenbaren, damit ich unter den Völkern ihn im Evangelium verkünde. 2,1 Und, vierzehn Jahre später, ging ich nach Jerusalem hinauf, (↓1,18 …) um Petrus kennenzulernen (↓1,19) und die übrigen Apostel. 2 Ich ging hinauf aufgrund einer Offenbarung, legte ihnen das Evangelium vor, das ich unter den Völkern verkünde, ich wollte sicher sein, dass ich nicht ins Leere gelaufen bin oder laufe, 3 doch nicht einmal Titus, der bei mir war, ein Grieche, wurde zur Beschneidung gezwungen, 4 wegen der falschen Brüder, jenen Eindringlingen, die sich eingeschlichen hatten, um die Freiheit, die wir in Christus haben, auszuspähen, damit wir versklavt würden. 5 Wir haben uns auch nicht einen Augenblick unterworfen, damit die Wahrheit des Evangeliums bewahrt bliebe. 6 Es macht für mich keinen Unterschied. 9 Petrus, Jakobus und Johannes gaben mir die rechte Hand, damit ich zu den Heiden gehe, sie zu den Beschnittenen, 10 auf dass wir an die Armen denken. 11 Petrus habe ich ins Angesicht widerstanden, weil er geheuchelt hatte, 12 er hatte mit den Heiden gegessen, als er aber kam, enthielt er sich, denn er fürchtete die aus der Beschneidung. 13 Und mit ihm heuchelten die anderen. 14 Aber dass sie nicht geradlinig auf die Wahrheit des Evangeliums zugingen, warf ich dem Petrus vor: 16 Ein Mensch wird nicht aus dem Gesetz gemäßen Handlungen gerecht, sondern allein aus dem Glauben, 18 wenn ich nämlich das, was ich niedergerissen habe, wieder aufbaue, 10-11 dass der Gerechte aus dem Glauben leben soll. Diejenigen nämlich, die unter dem Gesetz sind, sind unter einem Fluch. 12 Wer sie (die Gebote des Gesetzes) aber tut, wird in ihnen leben. 13 Christus hat uns aus dem Fluch des Gesetzes herausgekauft, indem er für uns zum Fluch geworden ist; verflucht ist jeder, der am Holz hängt, 14 auf dass wir so das Lob des Geistes durch den Glauben empfangen. 26 Denn alle seid ihr Söhne des Glaubens. 4,1 Ich spreche aber noch nach Menschenart. 3 Solange wir Unmündige waren, waren wir Sklaven der Elementarmächte dieser Welt. 4 Als aber die Fülle der Zeit gekommen war, sandte Gott seinen Sohn aus, 5 damit er die unter dem Gesetz herauskaufe, und damit wir in die Sohnschaft aufgenommen würden. 6 Dass ihr aber Söhne Gottes seid, sandte er seinen Geist heraus in unsre Herzen, der ruft: Abba, Vater. 8 Wenn ihr dann den Naturgöttern dient, 9 wie könnt ihr als Gott Erkennende wieder zu den schwachen und armseligen Elementarmächten zurückkehren, 10 die ihr so ängstlich auf bestimmte Zeiten achtet, auf Tage, Monate und Jahre? 814 Appendix 2: Die Übersetzung der ältesten Sammlung paulinischer Briefe <?page no="815"?> 21 Sagt mir, die ihr unter einem Gesetz sein wollt, lest ihr das Gesetz nicht? 22 Es steht geschrieben: Abraham hatte zwei Söhne, einen von der Sklavin und einen von der Freien, 23 einerseits den von der Sklavin dem Fleisch nach Ge‐ zeugten, andererseits den von der Freien aufgrund der Verheißung Gezeugten. 24 Das ist bildlich gesprochen: Diese (Frauen) bedeuten zwei Testamente. Das eine vom Berg Sinai, das in die Synagoge der Juden zeugt gemäß dem Gesetz, in die Sklaverei, 25 ↑Eph 1,21 das andere zeugt hoch über jegliche Hoheit, Macht und Herrschaft und (über) jeden Namen, der nicht nur in dieser Weltzeit, sondern auch in der künftigen genannt wird, 26 in welche heilige Kirche wir uns begeben haben, die unsere Mutter ist. 31 Daraus folgt, Brüder und Schwestern, dass wir nicht Kinder einer Sklavin, sondern der Freien sind. 5,1 Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Lasst euch nicht wieder ein Joch der Knechtschaft durch das Gesetz auflegen! 3 Ich verweise aber darauf, dass der Mensch, der sich beschneiden lässt, verpflichtet ist, das ganze Gesetz zu halten. 6 In Christus vermag weder die Beschneidung noch die Unbeschnittenheit etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe erfüllt. 9 Ein wenig Sauerteig verdirbt den ganzen Teig. 10 Wer euch verstört, wird die Folge tragen. 14 Denn das ganze Gesetz ist in Euch erfüllt: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! 19 Of‐ fenkundig sind die Wirkungen des Fleisches, die da sind: Ehebruch, Unreinheit, Ausschweifung, 20 Götzendienste, Zaubereien, Feindschaften, Streitigkeiten, Eifersüchte, Jähzornigkeiten, Fälle von Eigennutzen, Spaltungen, Parteiungen, 21 Neidereien, maßlose Trinksucht und Gelage, wie ich es vorausgesagt habe: Wer so etwas tut, wird das Reich Gottes nicht erben. 24 Die zu Christus gehören, haben das Fleisch mit den Leidenschaften und den Begierden gekreuzigt. 6,2 Tragt die Last der anderen und so werdet ihr Christi Thora erfüllen. 6 Wer aber im Wort des Evangeliums unterwiesen wird, lasse den, der ihn unterweist, an allen Gütern teilhaben. 7 Ihr irrt, Gott lässt seiner nicht spotten; denn was der Mensch sät, wird er auch ernten. 8 Wer auf das eigene Verderben sät, wird aus dem Verderben Verderben ernten; wer aber auf das Leben sät, wird vom Leben Leben ernten. 9 Lasst uns aber nicht müde werden, das Gute zu tun; wir werden ernten, sobald die Zeit dafür gekommen ist. 10 Deshalb lasst uns, solange wir Zeit haben, Gutes tun. 12 Jene Leute, die im Fleisch nach Anerkennung streben, nötigen euch nur deshalb zur Beschneidung, damit sie wegen des Kreuzes Christi nicht verfolgt werden. 13 Doch die Beschnittenen halten nicht einmal selbst das Gesetz, sondern wollen, dass ihr euch beschneiden lasst, damit sie sich eures Fleisches rühmen können. 14 Die Welt ist mir gekreuzigt und ich der Welt, 17 ich nämlich trage die Leidensmerkmale Christi an meinem Leib. An die Galater 815 <?page no="816"?> An die Korinther I Die Korinther sind Achäer. Gleichsam hatten sie vom Apostel das Wort der Wahrheit gehört, doch auf vielfache Weise wurden sie durch Falschapostel un‐ tergraben, manche verführt durch wortreiche philosophische Rhetorik, andere irregeführt durch eine Sekte des jüdischen Gesetzes. Diese ruft der Apostel zurück zur wahren und evangelischen Weisheit, indem er ihnen von Ephesus schreibt. 1,1 Paulus, Apostel Jesu Christi, 2 an die Kirche, die in Korinth ist. 3 Gnade und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus! 18 Das Kreuz Christi ist denen, die verloren gehen, Torheit; denen aber, die gerettet werden, ist es Gottes Kraft und Weisheit. 19 Es steht nämlich geschrieben: Ich werde die Weisheit der Weisen vernichten und die Klugheit der Klugen abweisen. 20 Gott hat nämlich alle Weisheit der Welt als Torheit entlarvt, 21 denn die Welt erkannte Gott nicht angesichts der Weisheit Gottes auf dem Weg der Weisheit. Gott beschloss, durch die Torheit der Verkündigung die Glaubenden zu retten, 22 denn Juden fordern Zeichen, Griechen suchen Weisheit. 23 Wir verkünden Christus, das Kreuz, Juden ein Ärgernis, Griechen eine Torheit, 24 für die Juden und Griechen Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit. 25 Denn das Törichte Gottes ist weiser als die Menschen und das Schwache an Gott ist stärker als die Menschen. 27 Aber das Törichte in der Welt hat Gott erwählt, um die Weisen zuschanden zu machen, und das Schwache in der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zuschanden zu machen. 28 Und das Niedrige und das Letzte und das Verachtete hat Gott erwählt: das, was nichts ist, um das, was etwas ist, zu vernichten, 29 damit kein Fleisch sich rühmen kann, 31 damit, wie geschrieben steht, wer sich also rühmen will, der rühme sich in Gott. 2,1 Ich verkünde das Geheimnis Gottes 4 nicht durch Überzeugendes der Weisheit. 6 Ich spreche von der Weisheit unter den Vollkommenen der Macht‐ haber dieser Zeit, die einst entmachtet werden. 7 Doch spreche ich von der Weisheit Gottes im Geheimnis, die verborgene, die Gott vor allen Zeiten vorausbestimmt hat zu unserer Verherrlichung, 8 die keiner der Machthaber dieser Zeit erkannt hat; denn hätten sie die erkannt, so hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt. 16 Denn wer begreift den Verstand des Herrn und wer kann ihn belehren? 3,10 Ich lege wie ein weiser Baumeister den Grund, 11 der gelegt ist: Christus. 12 Wer baut auf diesem Grund mit kostbaren Steinen, mit Holz weiter? 13 Der dieses Werk geschaffen hat, wird offenbar werden; durch Feuer wird er offenbart, und wie das Werk beschaffen ist, wird das Feuer prüfen. 14 Hält das 816 Appendix 2: Die Übersetzung der ältesten Sammlung paulinischer Briefe <?page no="817"?> Werk stand, das er aufgebaut hat, so empfängt er Lohn. 16 Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch einwohnt? 17 Wer den Tempel Gottes zerstört, den zerstört es. 18 Werdet töricht, um weise zu werden. 19 Denn die Weisheit dieser Welt ist Torheit vor Gott. Es steht nämlich geschrieben: Er fängt die Weisen in ihrer eigenen List. 20 Und wiederum: Der Herr kennt die Gedanken der Weisen; er weiß, sie sind nichtig. 21 Daher soll sich niemand eines Menschen rühmen. Denn alles gehört euch; 22 Paulus, Kephas, Welt, Leben, Tod, Gegenwart und Zukunft: Alles gehört euch. 4,5 Er bringt sowohl Licht in das Verborgene des Dunklen wie er auch die Absichten der Herzen aufdecken wird, und dann wird jeder sein Lob von Gott erhalten. 9 Gott hat uns, die Apostel*innen, als die Letzten abgestellt, als Todgeweihte; denn wir sind zum Schauspiel geworden für die Welt, für Engel und Menschen. 14 Dies schreibe ich euch als meine geliebten Kinder. 15 Ich habe euch durch das Evangelium gezeugt. 5,1 Allgemein heißt es unter den Heiden, dass einer mit einer Frau seines Vaters lebt, 2 doch er möge aus eurer Mitte gestoßen werden, der so etwas getan hat. 3 Ich urteile, 5 diesen Menschen dem Satan zu übergeben zum Verderben seines Fleisches, damit sein Geist am Tag des Herrn gerettet wird. 7 Beseitigt den alten Sauerteig, damit ihr neuer Teig seid, wie ihr ungesäuertes Brot seid; denn auch Christus ist als unser Pascha geopfert worden. 8 Lasst uns also das Fest nicht mit dem alten Sauerteig feiern, auch nicht mit dem Sauerteig der Unzucht, sondern mit den ungesäuerten Broten der Aufrichtigkeit und Wahrheit 11 zusammen essen. 6,3 Wisst ihr nicht, dass wir über Engel richten werden? 13 Der Leib ist nicht für die Unzucht da, sondern für den Herrn und der Herr für den Leib, wie der Tempel für Gott und Gott für den Tempel, 14 der den Herrn auferweckt und der auch uns auferweckt hat. 15 Wisst ihr nicht, dass eure Leiber Glieder Christi sind? Darf ich nun die Glieder Christi nehmen und zu Gliedern einer Dirne machen? Das sei ferne! 16 Wisst ihr nicht: Wer mit einer Dirne schläft, ist ein Leib mit ihr? Denn, es heißt, die zwei werden ein Fleisch sein. 18 Flieht die Unzucht! 19 Wisst ihr nicht, dass euer Leib nicht euch selbst gehört; 20 denn um einen Preis seid ihr erkauft worden. Drum verherrlicht also Gott im sterblichen Leib! 7,1 Über die Ehe: Ein Mann tut gut daran, keine Frau zu berühren 2 wegen der Unzucht; es soll keiner eine eigene Frau haben. 7 Ich will nämlich, dass die Menschen so wie ich sind. Doch jeder hat seine eigene Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so. 10 Den Verheirateten gebiete nicht ich, sondern Christus: Die Frau soll sich vom Mann nicht trennen, 11 wenn sie sich trennt, so bleibe sie unverheiratet oder versöhne sich wieder mit dem Mann, 29 - denn die Zeit ist kurz -, 39 und sich nur im Herrn zu verhüllen. An die Korinther I 817 <?page no="818"?> 8,4 Über die Götzenopfer nun. Wir wissen, dass ein Götze nichts ist, 5 und nämlich, selbst wenn es im Himmel oder auf der Erde die, die Götter heißen, gibt, 6 so gibt es für uns nur einen Gott, den Vater, aus dem alles für uns ist. 13 Wenn eine Speise meinem Bruder oder meiner Schwester zum Anstoß wird, will ich bis in Ewigkeit kein Fleisch mehr essen, um meinem Bruder oder meiner Schwester keinen Anstoß zu geben. 7 Wer wird Soldat, wer pflanzt einen Weinberg und isst nicht aus seinem Ertrag? Wer weidet eine Herde und trinkt nicht von der Milch? 8 Sage ich das nicht dem Menschen entsprechend, selbst wenn das Gesetz des Mose das sagt? 9 Es steht nämlich geschrieben: Du sollst dem Ochsen beim Dreschen keinen Maulkorb anlegen. Liegt Gott etwas an den Ochsen? 10 Unseretwegen wurde es geschrieben. 14 So hat auch der Herr angeordnet, dass diejenigen, die das Evangelium verkünden, vom Evangelium leben. 15 Ich habe nichts von dem in Anspruch genommen. Mir wird niemand diesen Ruhm entleeren. 16 Wenn ich das Evangelium verkünde, gebührt mir nämlich kein Dank. Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde! 18 Was wird nun mein Lohn sein? Dass ich unentgeltlich verkünde und so das Evangelium Christi bringe? 20 Den Juden bin ich ein Jude geworden, um Juden zu gewinnen; denen, die unter dem Gesetz stehen, bin ich einer unter dem Gesetz geworden, um die zu gewinnen, die unter dem Gesetz stehen. 22 Allen bin ich alles geworden, um alle zu retten. 10,1 Ich will Euch nicht im Unwissen lassen, Brüder und Schwestern, dass unsere Väter unter der Wolke waren und alle durch das Meer zogen 3 und alle die geistige Speise aßen 4 und alle den geistigen Trank tranken; denn sie tranken aus dem geistigen Felsen, der mit ihnen zog. Und dieser Fels war Christus. 5 Er aber hatte an den meisten von ihnen in der Wüste kein Gefallen. 6 Das aber waren Beispiele für uns: damit wir uns nicht von der Gier nach bösen Dingen beherrschen lassen, wie auch jene sich von der Gier beherrschen ließen. 7 Werdet nicht Götzenverehrer wie einige von ihnen, wie geschrieben steht: Das Volk setzte sich zum Essen und Trinken; dann standen sie auf, um sich zu vergnügen. 9 Lasst uns auch nicht Christus herausfordern. 11 Wie das aber ihnen geschah, ist uns zur Warnung aufgeschrieben worden, uns, die das Ende der Zeiten erreicht. 14 Darum also, meine Geliebten, flieht den Götzendienst! 19 Was sage ich nun? Dass Göttergaben wirklich etwas sind, oder Götzenopfer wirklich etwas ist? 20 Nein, aber was man dort opfert, opfert man den Dämonen und nicht Gott. 25 Alles, was verkauft wird, das esst. 28 Wenn euch aber jemand darauf hinweist: Das ist Götzenopfer! , dann esst nicht davon; 31 Ob ihr esst oder trinkt oder etwas anderes tut: alles zur Verherrlichung Gottes! 818 Appendix 2: Die Übersetzung der ältesten Sammlung paulinischer Briefe <?page no="819"?> 11,3 Christus ist das Haupt eines Mannes. 4 Jeder Mann, der betet oder prophetisch redet und dabei sein Haupt bedeckt hat, entehrt sein Haupt. 5 Jede Frau aber, die betet oder prophetisch redet und dabei ihr Haupt nicht verhüllt, entehrt ihr Haupt. 7 Ein Mann darf sein Haupt nicht verhüllen, weil er Bild Gottes ist. 10 Die Frau soll Acht haben auf ihr Haupt um der Engel willen. 11 Doch gibt es weder die Frau ohne den Mann noch den Mann ohne die Frau im Herrn. 12 Wie die Frau vom Mann stammt, so auch der Mann durch die Frau. 19 Es muss nämlich Parteiungen geben, damit die Bewährten offenkundig werden. 23 Ich nämlich habe von Gott empfangen, dass der Herr Jesus, in der Nacht, in der er ausgeliefert wurde, nachdem er den Kelch genommen, gedankt hatte, und sagte: Nehmt diesen und teilt ihn unter euch. 24 Und indem er das Brot nahm, nachdem er gedankt hatte, gab er es seinen Jüngern und sagte: Das ist mein Leib. 28 Ein Mensch soll sich selbst prüfen und dann soll er von dem Brot essen und aus dem Kelch trinken 29 als Urteil über sich. 12,1 Über die Gaben des Geistes möchte ich euch nicht in Unkenntnis lassen, Brüder und Schwestern. 2 Wisst, dass es 4 verschiedene Gnadengaben gibt. 8 Den einen wird durch den Geist die Fähigkeit der Weisheit gegeben, anderen, gemäß demselben Geist, die Fähigkeit der Erkenntnis, 9 anderen in demselben Geist Glaube, anderen, die Gnadengabe der Krankheitsheilung, 10 anderen Kräfte, anderen prophetisches Reden, anderen die Unterscheidung der Geister, anderen Arten der Zungenrede, anderen schließlich, sie zu übersetzen. 12 Denn wie der Leib einer ist und viele Glieder hat, alle Glieder aber des einen Leibes, obgleich es viele sind, ein Leib sind: So ist es auch mit Christus. 14 Auch der Leib ist nicht nur ein Glied, sondern viele. 18 Nun aber hat Gott die Glieder so in den Leib eingefügt, wie es seiner Absicht entsprach. 19 Wären alle zusammen nur ein Glied, wo bliebe dann der Leib? 20 So aber gibt es viele Glieder und doch nur einen Leib. 24 Gott aber hat den Leib zusammengefügt. 27 Ihr seid Leib und Glied Christi aus Teilen. 28 Der Herr hat in der Kirche Apostel, Propheten, eingesetzt. 29 Sind etwa alle Apostel, alle Propheten? 31 Zu den höheren Gnadengaben zeige ich euch einen überragenden Weg: 13,1 Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich tönendes Erz oder eine lärmende Zimbel. 2 Und wenn ich Prophetie besäße, alle Geheimnisse wüsste und alle Erkenntnis, 3 und wenn ich meinen Leib opferte, damit ich verbrannt werde, hätte aber die Liebe nicht, nützte es nichts. 4 Die Liebe ist langmütig, ereifert sich nicht, prahlt nicht. 6 Sie freut sich nicht über das Unrecht. 7 Sie glaubt alles, hofft alles, erträgt alles. 13 Für jetzt bleiben diese drei: Glaube, Hoffnung, Liebe; doch am größten unter ihnen ist die Liebe. An die Korinther I 819 <?page no="820"?> 14,1 Folgt der Liebe! Strebt aber nach den Geistesgaben, vor allem aber dass ihr prophezeit! 2 Denn wer in Zungen redet, redet nicht zu Menschen, sondern zu dem Gott; keiner hört ihn: Der Geist redet geheimnisvolle Dinge. 3 Wer aber prophezeit, redet zu Menschen. Er baut auf, ermutigt, spendet Trost. 4 Wer in Zungen redet, erbaut sich selbst; wer aber prophezeit, baut die Kirche Gottes auf. 6 Wenn ich nicht zu euch sprechen werde in einer Offenbarung, in einer Prophetie oder im Unterricht, 7 (sondern) leblose Musikinstrumente nicht deutlich unterschiedene Töne hervorbringen, wie soll man dann erkennen? 9 So ist es auch mit euch, wenn ihr beim Reden in Zungen kein verständliches Wort hervorbringt. Wer soll dann das Gesprochene verstehen? Ihr redet nur in den Wind. 15 Was folgt daraus? Ich soll im Geist beten, aber ich soll mit dem Verstand beten. Ich soll im Geist lobsingen, aber ich soll mit dem Verstand lobsingen. 17 Dein Lobpreis mag noch so gut sein, aber der andere wird nicht auferbaut, 19 doch vor der Gemeinde will ich lieber fünf Worte durch das Gesetz reden, um auch andere zu unterweisen, als zehntausend Worte in Zungen stammeln: 21 Im Gesetz steht geschrieben: In anderen Sprachen und in anderen Lippen werde ich dieses Volk ansprechen. 21b-c↑34 Die Frauen sollen in der Versammlung schweigen; es ist ihnen nicht gestattet zu reden, sondern haben sich unterzuordnen, wie auch das Gesetz sagt, 35 es sei denn sie wollen etwas lernen. 22 So ist Zungenreden ein Zeichen nicht für die Glaubenden, sondern für die Ungläubigen, prophetisches Reden aber ein Zeichen nicht für die Ungläubigen, sondern für die Glaubenden. 24 Wenn aber alle prophezeien und ein Ungläubiger kommt herein, 25 so wird auch das in seinem Herzen Verborgene aufgedeckt. 30 Wenn aber noch einem andern Anwesenden eine Offenbarung zuteil wird, soll der erste schweigen. 31 ihr könnt nämlich einer nach dem andern prophezeien. So lernen alle etwas und alle werden ermutigt. 32 Auch der Geist der Prophet: innen ist den Prophet: innen unterworfen, 33 denn er ist keiner der Unordnung, sondern des Friedens. 15,1 Über die Auferstehung der Toten. Ich lasse euch wissen, Brüder und Schwestern, das Evangelium, das ich euch verkündet habe: 3 Christus ist gestorben, 4 wurde begraben und auferweckt nach drei Tagen, 11 so verkünden wir und so glaubt ihr. 12 Wie können dann einige von euch sagen: Eine Auferstehung der Toten gibt es nicht? 14 Ist Christus nicht auferweckt worden, dann ist auch die Verkündigung von uns leer. 21 Da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. 22 Wie sie in Adam sterben, so werden auch in Christus alle lebendig gemacht werden, 24 wenn er Macht, Gewalt und Kraft entmachtet hat und seine Herrschaft Gott übergibt. 25 Denn er muss herrschen, bis er ihm seine Feinde unter seine Füße gelegt hat. 26 Der 820 Appendix 2: Die Übersetzung der ältesten Sammlung paulinischer Briefe <?page no="821"?> letzte Feind, der entmachtet wird, ist der Tod. 28 Dann unterwirft sich auch der Sohn, damit Gott alles in allem sei. 29 Was werden die tun, die sich für die Toten reinigen zu lassen? Wenn Tote überhaupt nicht auferweckt werden, warum lässt man sich dann für sie reinigen? 35 Nun könnte einer fragen: Wie werden die Toten auferweckt, was für einen Leib werden sie haben? 36 Du Narr! Auch das, was du säst, wird nicht lebendig, wenn es nicht vorher stirbt. 37 Und was du säst, ist nicht der Leib, der entstehen wird, sondern nur ein Samenkorn eines Weizenkorns oder eines anderen. 38 Gott gibt ihm den Leib, wie er will, und zwar jedem Samen einen eigenen Leib. 39 Nicht alles Fleisch ist dasselbe: Das Fleisch der Menschen ist anders als das des Viehs, das Fleisch der Vögel ist anders als das der Fische. 40 Auch gibt es Himmelskörper und irdische Körper. 41 Ein anderer ist der Glanz der Sonne als der Glanz des Mondes, anders als der Glanz der Sterne. 42 So ist es auch mit der Auferstehung der Toten. Gesät wird in Verweslichkeit, auferweckt wird in Unverweslichkeit. 43 Gesät wird in Unschamhaftigkeit, auferweckt in Glanz. Gesät wird in Schwäche, auferweckt wird in Stärke. 44 Gesät wird ein psychischer Leib, auferweckt ein geistiger Leib. 45 So steht es auch geschrieben: Adam, der erste Mensch, wurde ein psychisches Lebewesen. Der letzte Herr wurde lebendig machender Geist. 46 Aber zuerst kommt nicht das Geistige. 47 Der erste Mensch stammt von der Erde und ist irdisch; der zweite Herr, der himmlische, stammt vom Himmel. 48 Wie der von der Erde irdisch war, so sind es auch die Irdischen. Und wie der vom Himmel himmlisch ist, so sind es auch die Himmlischen. 49 Und wie wir nach dem Bild des Irdischen gestaltet wurden, so werden wir auch nach dem Bild des Himmlischen gestaltet. 50 Denn dies sage ich, Brüder und Schwestern, dass Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht erben werden; das Verwesliche erbt nicht das Unverwesliche. 51 Seht, ich nenne euch ein Geheimnis: nicht alle werden wir entschlafen, aber wir werden alle verwandelt werden, 52 die Toten werden als Unverwesliche auferweckt und wir werden verwandelt, in einem Nu, in einem Augenblick. 53 Denn dieses Verwesliche muss sich mit Unverweslichkeit bekleiden und dieses Sterbliche mit Unsterblichkeit bekleiden. 54 Wenn sich aber dieses Verwesliche mit Unverweslichkeit bekleidet und dieses Sterbliche mit Unsterblichkeit be‐ kleidet, dann geschieht das Wort der Schrift: Verschlungen ist der Tod zum Sieg. 55 Wo ist dein Sieg, Tod? Wo ist dein Stachel, Tod? 57 Gott sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat. An die Korinther I 821 <?page no="822"?> An die Korinther II Nachdem Buße getan war, schreibt er ihnen versöhnliche Worte von Troja, und, indem er sie auch lobt, ermahnt er sie zu besseren Dingen. 1,1 Paulus, Apostel Jesu Christi, an die Kirche, die in Korinth, in Achaia, ist. 2 Gnade und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus! 3 Gepriesen sei der Gott unseres Herrn Jesu Christi, der Vater des Erbarmens. 6 Sind wir aber in Not, so ist es zu eurem Trost und Heil. Werden wir getröstet, so ist es zu eurem Trost, der wirksam wird durch Geduld in den gleichen Leiden, von denen auch wir leiden. 8 Denn wir wollen euch über die Not nicht in Unkenntnis lassen, Brüder und Schwestern, die in der Provinz Asien über uns kam, weil sie uns über alles Maß bedrückte; unsere Kraft war so sehr erschöpft, dass wir am Leben zweifelten. 20 Denn alle Verheißungen Gottes sind in ihm das Ja, und darum ergeht auch durch ihn das Amen zu Gottes Lobpreis, 2,15 unter denen, die gerettet werden, wie unter denen, die verloren gehen, 16 den einen aus dem Tod in den Tod; den anderen aus dem Leben in das Leben. 17 Wir sind nicht wie die übrigen, die mit dem Wort Gottes Geschäfte machen, sie lehren in Christus aus Gott gegen den Gott. 3,2 Das Testament des Lebens seid ihr; eingeschrieben in unsere Herzen und von den Menschen anerkannt und gelesen. 3 Erkennbar seid ihr das Neue Testament Christi, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des Lebendigen, nicht auf Tafeln aus Stein, sondern auf fleischliche Tafeln des Herzens 6 das Neue Testament, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes. Denn der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig. 7 Wenn das Testament des Todes, das in Buchstaben in Steine gemeißelt war, so herrlich war, dass die Israeliten das Gesicht des Mose nicht anschauen konnten, weil es eine Herrlichkeit ausstrahlte, die doch vergänglich war, 11 um wieviel mehr dasjenige, das in Herrlichkeit bleibt und nicht vergänglich ist, 13 doch nicht das des Mose. Er legte über sein Gesicht eine Hülle, damit die Israeliten nicht in das Ende des Vergänglichen sahen. 14 Doch das Denken der Welt wurde verhärtet. Bis zum heutigen Tag bleibt die gleiche Hülle, wenn aus dem Alten Testament vorgelesen wird, weil sie nicht aufgedeckt wird, so dass sie in Christus beseitigt wird. 15 Bis heute liegt die Hülle auf ihrem Herzen, wenn Mose vorgelesen wird. 16 Sobald er aber zu dem Gott zurückkehrt, wird die Hülle entfernt. 18 Wir spiegeln darum schon mit enthülltem Angesicht Christus, indem wir in dasselbe Bild verwandelt werden, von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, gerade wie durch den Herrn der Geister 4,4 in ihnen, der Gott dieser Weltzeit, das Denken der Ungläubigen verblendet, so dass der Glanz des Evangeliums der Herrlichkeit Christi, der Gottes Bild ist, nicht aufstrahlt. 822 Appendix 2: Die Übersetzung der ältesten Sammlung paulinischer Briefe <?page no="823"?> 5 Denn wir verkünden nämlich nicht uns selbst, sondern Christus Jesus als Herrn, uns aber als eure Sklaven durch Jesus, 6 aufgrund von Gott, der sprach: Aus Finsternis wird Licht aufleuchten, der in unseren Herzen aufgeleuchtet ist, damit die Erkenntnis seines Glanzes im Antlitz Christi erstrahlt. 7 Wir tragen den Schatz in zerbrechlichem Geschirr, so dass das Übermaß von Gott und nicht von uns ist. 8 Wir werden in die Enge getrieben und werden doch nicht beengt; wir wissen weder aus noch ein und verzweifeln dennoch nicht; 9 wir werden verfolgt und sind doch nicht verlassen; wir werden niedergeworfen, aber nicht vernichtet. 10 Wir tragen das Sterben Gottes an unserem Leib, damit auch das Leben Christi an unserem Leib sichtbar wird. 11 Wir werden immer dem Tod übergeben, damit auch das Leben Jesu an unserem sterblichen Fleisch offenbar wird. 13 Doch haben wir den gleichen Geist des Glaubens, und wir glauben und darum reden wir. 16 Darum werden wir nicht müde, sogar, wenn auch unser äußerer Mensch verdirbt, doch der uns innere wird Tag für Tag erneuert. 17 Denn die jetzige kleine Vergänglichkeit und Last unserer Not schafft uns in maßlosem Übermaß ein ewiges Gewicht an Herrlichkeit, 18 uns, die wir nicht auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare blicken; denn das Sichtbare ist vergänglich, das Unsichtbare ist ewig. 5,1 Wenn unser irdisches Haus abgebrochen wird, dann haben wir eine Wohnung von Gott, ein nicht von Menschenhand errichtetes ewiges Haus im Himmel. 2 Denn wir seufzen auch und sehnen uns danach, mit dem himmlischen Haus überkleidet zu werden. 3 Wenn wir sodann wirklich bekleidet werden, werden wir nicht nackt erscheinen. 4 Solange wir nämlich in diesem Zelt des Leibes leben, seufzen wir unter schwerer Last, weil wir nicht entkleidet, sondern überkleidet werden möchten, damit so dieses Sterbliche verschlungen wird vom Leben, 5 Gott, der uns den Anteil des Geist gegeben hat. 6 Wir leben fern vom Herrn in der Fremde, solange wir in diesem Leib zu Hause sind. 8 Wir ziehen es vor, aus dem Leib auszuwandern und daheim beim Herrn zu sein. 10 Wir alle müssen vor dem Richterstuhl Christi erscheinen, damit jeder seinen Lohn empfängt für das Gute oder Böse, das er im Leib getan hat, 17 sodass, wenn daher in Christus eine neue Schöpfung ist, das Alte vergangen ist, siehe, Neues ist geworden. 7,1 Reinigen wir uns also von der Befleckung des Leibes und des Blutes, 11,2 um eine reine Jungfrau zu Christus zu stellen, 13 hingegen sind die Pseudoapostel, betrügerische Arbeiter, indem sie sich freilich verkleiden als Apostel, 14 denn er, der Satan, verkleidet sich als Engel des Lichts. 12,2 Gott kennt einen Mensch in Christus, der bis in den dritten Himmel 4 in das Paradies entrückt wurde. Er hörte unaussprechliche Worte, die ein Mensch nicht sagen darf, 7 selbst wegen der außerordentlichen Offenbarungen. Damit ich mich nicht überhebe, wurde mir ein Dorn ins Fleisch gegeben: ein Engel des An die Korinther II 823 <?page no="824"?> Satans, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe. 8 Dreimal habe ich den Herrn gebeten, dass er von mir ablassen möge, 9 doch die Kraft wird in der Schwachheit vollbracht. 13,1 Von drei Zeugen soll jede Sache bestätigt werden. 2 Ich habe es vorhergesagt und sage es voraus, ich werde nicht mehr verschonen, 8 Denn wir können nichts gegen die Wahrheit tun, sondern nur für die Wahrheit. 10 Ich schreibe diese Dinge abwesend, damit ich nicht, anwesend, streng handeln muss nach der Autorität, die mir der Herr gegeben hat. An die Römer Die Römer leben in Gegenden von Italien. Sie wurden von Falschaposteln erreicht und im Namen unseres Herrn Jesus Christus wurden sie zum Gesetz und den Propheten irregeführt. Diese ruft der Apostel zurück zum wahren evangelischen Glauben, indem er von Athen schreibt. 1,1 Paulus, Apostel Jesu Christi, 5 unter den Heiden, 7 an alle in Gottes Liebe, Gnade und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus! 16 Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht: Denn es ist Gottes Kraft zur Rettung für jeden, der glaubt, für den Juden und Griechen. 17 Denn Gerech‐ tigkeit Gottes wird in ihm offenbart aus Glauben zum Glauben. 18 Denn der Zorn wird vom Himmel her offenbart über Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit in Ungerechtigkeit unterdrücken. 21 Denn obwohl sie Gott kannten, haben sie ihn doch nicht als Gott verherrlicht oder ihm gedankt, sondern sind in ihren Gedanken in nichtigen Wahn verfallen, und ihr unverständiges Herz wurde verfinstert. 22 Da sie sich für weise hielten, sind sie zu Narren geworden 23 und haben die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes vertauscht mit einem Bild, das des vergänglichen Menschen. 2,2 Wir wissen aber, dass Gottes Urteil der Wahrheit entsprechend ist über alle die, die so etwas tun. 12 So viele haben ohne Gesetz gesündigt, sie werden auch ohne Gesetz zugrunde gehen, und so viele unter einem Gesetz gesündigt haben, werden durch ein Gesetz gerichtet werden. 13 Denn nicht die Hörer eines Gesetzes sind vor einem Gott gerecht, sondern die Täter eines Gesetzes werden für gerecht erklärt werden. 14 Denn wenn die, die kein Gesetz haben, von Natur aus tun, was das Gesetz verlangt, so sind diese, die kein Gesetz haben, sich selbst ein Gesetz 16 an dem Tag, an dem Gott das Verborgene der Menschen durch Christus prüfen wird nach meinem Evangelium, 20 als das, das die Gestalt der Erkenntnis und der Wahrheit im Gesetz hat. 21 Belehrst du andere, du 824 Appendix 2: Die Übersetzung der ältesten Sammlung paulinischer Briefe <?page no="825"?> lehrst dich selbst nicht, der du predigst, man soll nicht stehlen, du stiehlst? 24 Euretwegen wird der Name Gottes gelästert. 25 Denn die Beschneidung ist wohl nützlich, wenn du das Gesetz hälst; wenn du aber ein Übertreter des Gesetzes bist, ist deine Beschneidung zur Unbeschnittenheit geworden, 27 und der von Natur Unbeschnittene, der das Gesetz erfüllt, wird dich richten, der du mit Buchstaben und Beschneidung ein Übertreter des Gesetzes bist. 28 Denn nicht der ist Jude, der es äußerlich ist, noch ist das die Beschneidung, die äußerlich sichtbar am Fleisch geschieht, 29 sondern der ist Jude, der es im Verborgenen ist, und Beschneidung ist die des Herzens, im Geist, nicht im Buchstaben, dessen Lob kommt nicht von Menschen. 3,19 Wir wissen aber, dass alles, was das Gesetz sagt, es denjenigen sagt, die unter dem Gesetz sind, damit alle Münder gestopft werden und die ganze Welt schuldig sei. 20 Damals war das Gesetz, 21 jetzt aber ist die Gerechtigkeit Gottes ohne Gesetz offenbar geworden 22 durch Glauben an Christus. Was ist der Unterschied? 5,1 Da wir nun gerecht worden sind aus dem Glauben Christi, nicht aus dem Gesetz, lasst uns Frieden haben mit Gott. 6 Denn hierfür ist Christus schon zu der Zeit, als wir noch schwach waren, für die Gottlosen gestorben, 10 als wir Gottes Feinde waren. 20 Das Gesetz aber ist dazwischen hineingekommen, damit die Übertretung überfließe. Überfließend ist die Gnade geworden, 21 damit, wie die Sünde geherrscht hat im Tod, so auch die Gnade herrsche durch Gerechtigkeit zum Leben durch Jesus Christus. 7,4 Auch ihr seid durch den Leib Christi dem Gesetz getötet worden, damit ihr einem anderen angehört, nämlich dem, der von den Toten auferweckt worden ist. 5 Im Fleisch wirkten die affektiven Triebe der Sünden, die durch das Gesetz waren, in den Gliedern. 6 Jetzt aber sind wir vom Gesetz frei gemacht worden, indem wir dem gestorben sind, unter dem wir festgehalten wurden, sodass wir im neuen Dienst des Geistes dienen, nicht im alten Dienst des Buchstabens. 7 Was sollen wir also sagen? Ist das Gesetz Sünde? Auf keinen Fall! Aber ich hätte die Sünde nicht erkannt außer durch das Gesetz, 11 weil die Sünde durch das Gebot Gelegenheit genommen hatte und mich betrog, 12 so ist das Gesetz heilig, und das Gebot ist heilig und gerecht und gut, 13 damit sie als Sünde erkannt würde; denn die Sünde sollte durch das Gebot über alle Maßen sündig werden. 14 Das Gesetz selbst ist geistlich. 18 In mir, das heißt, in meinem Fleisch wohnt nichts Gutes. 19 Denn das Gute, das ich will, tue ich nicht, sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. 23 Ein anderes Gesetz herrscht in meinen Gliedern, das dem Gesetz meines Verstandes widerstreitet und mich gefangen nimmt unter das Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist. 24 Ich elender Mensch! Wer wird mich erretten von diesem Leib des Todes? 8,3 Gott sandte den Sohn in der Gestalt des Fleisches der Sünde, 4 damit die An die Römer 825 <?page no="826"?> Forderung des Gesetzes erfüllt werde in uns, die wir nicht nach dem Fleisch, sondern nach dem Geist leben. 5 Denn diejenigen, die dem Fleisch nach sind, sinnen auf das, was dem Fleisch entspricht; diejenigen aber, die dem Geist angehören, sinnen auf das, was dem Geist entspricht. 6 Denn die Denkweise des Fleisches ist der Tod, aber die Denkweise des Geistes ist Leben und Frieden; 7 weil die Denkweise des Fleisches feindselig gegen Gott ist; denn sie unterwirft sich dem Gesetz Gottes nicht, denn sie kann es auch nicht. 8 Diejenigen aber, die im Fleisch sind, können Gott nicht gefallen. 9 Ihr seid nicht im Fleisch, sondern im Geist. 10 Der Leib ist zwar tot wegen der Sünde, der Geist aber ist Leben wegen der Gerechtigkeit. 11 Derjenige, der Christus von den Toten auferweckt hat, der wird auch eure sterblichen Leiber lebendig machen. 10,1 Das Wohlgefallen meines Herzens und mein Gebet zu Gott für Israel ist, dass sie gerrettet werden. 2 Denn ich bezeuge ihnen, dass sie Eifer für Gott haben, aber nicht nach Erkenntnis. 3 Denn da sie Gott nicht kannten und ihre eigene Gerechtigkeit aufzurichten suchten, haben sie sich der Gerechtigkeit Gottes nicht unterworfen. 4 Denn das Ende des Gesetzes ist Christus zur Gerechtigkeit für jeden, der glaubt. 11,33 O Tiefe des Reichtums und der Weisheit Gottes! Und wie unerforschlich seine Wege! 34 Wer nämlich hat den Sinn des Herrn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen? 35 Wer hat ihm vorher etwas gegeben, so dass es ihm zurückvergolten werde? 12,9 Verabscheut das Böse, haltet fest am Guten! 10 In der Bruderliebe seid herzlich zueinander! 12 Freut euch in der Hoffnung, seid geduldig in der Bedrängnis! 14 Segnet, verflucht nicht! 16 Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch zu den Niedrigen! Haltet euch nicht selbst für klug! 17 Vergeltet niemand Böses mit Bösem! ↑19 Rechtfertigt Euch nicht selbst↑, ↓18 Haltet mit den Menschen Frieden↓! 13,8 Wer den anderen liebt, hat das Gesetz erfüllt. 9 Denn das: Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsches Zeugnis ablegen! sind zusammengefasst: Du sollst den Nächsten lieben wie dich selbst. 10 Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe die Erfüllung des Gesetzes, 14,1 nicht zur Entscheidung strittiger Fragen. 2 Der eine glaubt, er dürfe alles essen, der Schwache aber isst Gemüse. 3 Wer isst, verachte den nicht, der nicht isst; und wer nicht isst, richte den nicht, der isst. 10 Du aber, warum richtest du deinen Bruder? Oder auch du, warum verachtest du deinen Bruder? Denn wir werden alle vor dem Richterstuhl Gottes stehen, 17 denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede. 826 Appendix 2: Die Übersetzung der ältesten Sammlung paulinischer Briefe <?page no="827"?> 21 Es ist gut, nicht Fleisch zu essen und nicht Wein zu trinken und auch nichts zu tun, woran dein Bruder Anstoß nimmt oder geschwächt wird. 23 Alles aber, was nicht aus Glauben ist, ist Sünde. An die Thessalonicher I Die Thessalonicher sind Makedonier in Christus Jesus, die, nachdem das Wort der Wahrheit angenommen war, selbst in der Verfolgung ihrer eigenen Stadt am Glauben festhielten; darüber hinaus nahmen sie nicht die Dinge entgegen, die ihnen von den Falschaposteln gesagt wurden. Diese lobt der Apostel, indem er ihnen von Athen aus schreibt. 1,1 Paulus, Apostel Jesu Christi, an die Kirche der Thessalonicher. Gnade und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus! 2,14 Ihr habt von euren Landsleuten gelitten wie auch sie von den Juden. 15 Diese haben den Herrn, Jesus, als auch die eigenen Propheten getötet. 3,1 Weil wir beschlossen, in Athen zurückzubleiben, 3 niemand durch diese Bedrängnisse erschüttert werde, 4 haben wir euch im Voraus gesagt, dass wir Bedrängnis haben würden, wie es auch eingetroffen ist. 4,3 Das ist der Wille Gottes: eure Heiligung, dass ihr euch der Unzucht enthaltet, 4 dass jeder von euch lernt, sein eigenes Gefäß in Ehre zu halten, 5 nicht in Leidenschaft der Begierde wie die Heiden. 7 Denn Gott hat uns nicht zur Unreinheit berufen, sondern zur Heiligkeit. 10 Tut dies auch gegenüber den Brüdern und Schwestern in Mazedonien. 15 Wir, die Lebenden, die übrig bleiben bis zur Ankunft Christi, 16 und die in Christus Entschlafenen, werden als Erste auferstehen, 17 wir werden in Wolken entrückt zur Begegnung mit dem Herrn in der Luft. 5,19 Den Geist löscht nicht aus! 20 Prophetische Reden verachtet nicht! 21 Prüft alles, 22 meidet jedes Böse in jeder Gestalt! 23 Er selbst bewahre euren Geist, eure Seele und euren Leib zusammen untadelig bei der Ankunft des Herrn und unseres Retters Christus. An die Thessalonicher II An die Thessalonicher schreibt er und weist sie auf die neueste Zeit hin und auf die Entlarvung der Gegner. Er schreibt von Athen. 1,1 Paulus, Apostel Jesu Christi, an die Kirche der Thessalonicher. 2 Gnade und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus! An die Thessalonicher I 827 <?page no="828"?> 6 Gerecht ist es vom Herrn, denen, die euch bedrängen, Bedrängnis zurück zu geben, 7 und den Bedrängten Ruhe zu schenken, wenn Jesus, der Herr, sich vom Himmel her offenbart mit seinen mächtigen Engeln, 8 indem er an denen Vergeltung übt, die Gott nicht kennen und dem Evangelium unseres Herrn Jesus nicht gehorchen. 9 Sie werden mit ewigem Verderben bestraft. Sie sind fern vom Angesicht des Herrn und seiner Macht. 2,1 Hinsichtlich der Ankunft des Herrn: 3 Zuerst muss der Mensch der Sünde offenbart werden, der Sohn des Verderbens, 4 der sich über alles, was Gott oder Heiligtum heißt, so sehr erhebt, dass er sich sogar in den Tempel Gottes setzt und sich für Gott ausgibt. 9 Er wird bei seiner Ankunft die Kraft des Satans haben mit aller Macht und Zeichen und Wundern der Lüge 10 und mit allem Trug der Ungerechtigkeit bei denen, die verloren gehen, weil sie die Liebe zur Wahrheit nicht annahmen, um gerettet zu werden. 11 Darum lässt er sie der Macht des Irrtums verfallen, dass sie der Lüge glauben, 12 damit alle gerichtet werden, die der Wahrheit nicht geglaubt, sondern Gefallen fanden an der Ungerechtigkeit. 3,10 Wir gebieten dies: wenn jemand nicht arbeiten will, so soll er auch nicht essen. An die Laodizäer Die Laodizäer sind Asiaten. Auch diese lobt der Apostel Paulus dass sie, nachdem sie einst den Glauben angenommen hatten, im Wort der Wahrheit verblieben, als er ihnen schrieb. 1,1 Paulus, Apostel Jesu Christi, an alle in Laodizea. 2 Gnade und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus. 3 Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Regionen in Christus, 5 der uns zur Sohnschaft aufgenommen hat durch Jesus Christus, nach dem Wohlgefallen seines Willens, 6 der sie uns geschenkt hat in seinem Geliebten. 7 In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, nach dem Reichtum seiner Gnade, 9 damit er uns das Geheimnis seines Willens kundtat, nach seinem Wohlgefallen, das er vorgenommen hatte. 10 um die Verwaltung der Vollendung der Zeiten zusammenzufassen, nämlich alles in Christus, das im Himmel und auf der Erde ist, 12 damit wir zum Lob der Herrlichkeit dienen, die wir zuvor auf Christus gehofft haben. 13 In ihm seid auch ihr, als ihr das Wort der Wahrheit gehört, das Evangelium eures Heils, gehört habt und geglaubt habt, versiegelt worden mit dem Heiligen Geist der Verheißung, 17 auf dass der Gott Jesu Christi, unseres Herrn, der Vater der Herrlichkeit, euch den Geist der Weisheit und der Offenbarung gebe, damit 828 Appendix 2: Die Übersetzung der ältesten Sammlung paulinischer Briefe <?page no="829"?> 1 Der Satz, würde man der Grammatik folgen, ist weiterhin von Satz 14 und dem „um“ (ἵνα) abhängig, würde aber im Deutschen zu einer ungebührlich komplexen Übersetzung führen. ihr ihn erkennt. 18 Er erleuchte die Augen des Herzens, damit ihr versteht, zu welcher Hoffnung ihr durch ihn berufen seid, zu welchem Reichtum des Erbes in den Heiligen, 20 das er wirksam werden ließ in Christus, den er von den Toten auferweckt und im Himmel zu seiner Rechten erhoben hat. 22 Alles hat er ihm zu Füßen gelegt. 2,1 Ihr wart tot durch eure Übertretungen und Sünden, 2 in denen ihr einst gelebt habt nach dem Zeitlauf dieser Welt, unter dem Fürsten der Macht der Luft, der am Werk ist in den Söhnen des Ungehorsams. 3 Unter ihnen haben auch wir alle gelebt in den Begierden unseres Fleisches, indem wir den Willen des Fleisches taten und von Natur Kinder des Zorns waren wie auch die anderen, 10 dessen Werk sind wir, die wir in Christus geschaffen wurden. 11 Erinnert euch daran, dass ihr einst als Heiden im Fleisch, die ihr Unbe‐ schnittenheit genannt wurdet von denen, die sich Beschnittenheit nennen, die mit Händen am Fleisch vorgenommen wird, 12 dass ihr zu jener Zeit ohne Christus wart, ausgeschlossen vom Bürgerrecht Israels und Fremde gegenüber den Bündnissen und der Verheißung, ohne Hoffnung und ohne Gott in dieser Welt. 13 Jetzt aber, in Christus, seid ihr, die ihr einst fern wart, durch sein Blut nahe geworden. 14 Denn er ist unser Friede, der aus beiden eins gemacht hat und die trennende Wand der Feindschaft im Fleisch niedergerissen hat, 15 der das Gesetz der Gebote durch seine Edikte aufgehoben hat, um die zwei in sich selbst zu einem neuen Menschen zu machen, indem er Frieden stiftet. 16 Er 1 versöhnte die beiden mit Gott in einem einzigen Leib durch das Kreuz, nachdem er die Feindschaft in ihm getötet hat. 17 Er verkündete Frieden den Fernen und den Nahen, 18 den beiden Zugang zum Vater. 19 Ihr seid folglich nicht mehr Fremde und ohne Bürgerrecht, sondern Mitbürger der Heiligen, nämlich Hausgenossen Gottes, 20 aufgebaut auf das Fundament der Apostel; der Eckstein ist Christus selbst, 21 in ihm ist der ganze Bau zusammengehalten. 3,3 Durch eine Offenbarung wurde mir das Geheimnis mitgeteilt. 8 Mir, dem Geringsten unter allen, wurde diese Gnade zuteil: Ich soll den Heiden mit dem Evangelium den unergründlichen Reichtum Christi verkünden 9 und allen entbergen, was die Verwirklichung des geheimen Ratschlusses beinhaltet, der von Ewigkeit her dem Gott, dem Schöpfer des Alls, verborgen war. 10 So soll den Hoheiten und Herrschaften des himmlischen Bereichs durch die Kirche die vielfältige Weisheit Gottes bekannt werden, 4,5 ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, 6 ein Christus, ein Gott und Vater aller, der über uns allen und durch alle und in allen ist. 8 Darum heißt es: Er erbeutete Gefangene. 10 Derselbe, der An die Laodizäer 829 <?page no="830"?> hinabgestiegen ist, ist auch hinaufgestiegen über alle Himmel, damit er alles erfülle. 22 Legt den alten Menschen des früheren Wandels ab, der durch die betrüge‐ rischen Begierden zugrunde geht, 23 und lasst euch erneuern in eurem Geist und Sinn 24 und zieht den neuen Menschen an! 25 Legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, jeder mit dem Nächsten, denn wir sind untereinander Glieder. 26 Zürnt, sündigt nicht! Die Sonne gehe nicht unter über eurem Zorn, 27 und gebt nicht Raum dem Teufel, 5,2 und wandelt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt und sich selbst für uns hingegeben hat als Gabe und Opfer, Gott zu einem duftenden Wohlgeruch! 8 Denn ihr wart einst Finsternis, jetzt aber seid ihr Licht im Herrn. 11 Habt keine Gemeinschaft mit den Werken der Finsternis! 14 Denn alles, was offenbar wird, das ist Licht. Darum heißt es: Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten. 16 Kauft die Zeit aus, denn die Tage sind böse. 18 Und berauscht euch nicht mit Wein, 19 wenn ihr Gott Psalmen und Hymnen singt! 22 Ihr Frauen, ordnet Euch den Männern unter; 23 denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Kirche ist. 25 Wie auch Christus die Kirche geliebt hat, 28 lieben auch die Männer ihre Frauen. Wer seine Frau liebt, liebt sein eigenes Fleisch. 29 Denn niemand hat je sein eigenes Fleisch gehasst, sondern er nährt und zieht es auf, wie auch Christus die Kirche. 30 Denn wir sind Glieder seines Leibes, aus seinem Fleisch und aus seinen Knochen, 31 statt dass der Mann Vater und Mutter verlassen und sich binden wird, und die zwei ein Fleisch sein werden. 32 Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich deute es auf Christus und die Kirche. 6,1 Ihr Kinder, gehorcht euren Eltern, denn das ist recht! 2 Ehre deinen Vater und deine Mutter. 4 Und ihr Väter, erzieht die Kinder in der Zucht und Ermahnung des Herrn! 11 Zieht die ganze Waffenrüstung Gottes an, damit ihr standhalten könnte gegen die listigen Anschläge des Teufels, 12 denn unser Kampf richtet sich gegen die Mächte, gegen die Weltherrscher dieser Finsternis, gegen die geistlichen Mächte der Bosheit in den himmlischen Regionen. 14 So steht nun, eure Lenden umgürtet mit der Wahrheit und angetan mit dem Brustpanzer der Gerechtigkeit, 15 die Füße beschuht mit der Bereitschaft für das Evangelium des Friedens, 16 nicht des Krieges, um darin alle feurigen Geschosse des Bösen auszulöschen, 18 durch Gebet zum rechten Zeitpunkt, 19 dass das rechte Wort gegeben werde, sooft sich der Mund auftue, freimütig das Geheimnis des Evangeliums bekannt zu machen, 20 in Ketten, damit ich in ihm freimütig rede. 830 Appendix 2: Die Übersetzung der ältesten Sammlung paulinischer Briefe <?page no="831"?> An die Kolosser Die Kolosser sind ebenfalls Asiaten, genau wie die Laodizäer. Doch auch wenn sie von Falschaposteln erreicht worden sind, während der Apostel sie selbst noch nicht erreicht hatte, auch diese korrigiert er durch einen Brief. Denn sie hatten das Wort von Archippus gehört, der auch den Dienst für sie übernommen hatte. Darum schreibt ihnen der Apostel, obwohl er bereits gefangen war, von Ephesus aus. 1,1 Paulus, Apostel Christi Jesu, 2 an die in Kolossä, Gnade und Friede von Gott, unserm Vater, 5 wegen der Hoffnung, die bereitliegt im Himmel, von der ihr gehört habt durch das Wort der Wahrheit des Evangeliums, 6 das zu euch gekommen ist, wie es auch in der ganzen Welt ist. 15 Es ist Bild des unsichtbaren Gottes, 17 und es ist vor allem. 19 In sich wollte es die ganze Fülle wohnen lassen, 20 und alles mit sich versöhnen, indem es Frieden machte durch das Blut seines Kreuzes. 21 Auch euch, die ihr einst entfremdet und feindlich gesinnt wart in bösen Werken 22 hat es nun aber versöhnt in seinem Leib durch den Tod. 24 Ich erfülle, was noch fehlt von den Bedrängnissen Christi im Fleisch für seinen Leib, der die Kirche ist. 2,4 Dies sage ich, damit euch niemand betrüge mit verführerischen Reden 8 der Philosophie und mit leerem Betrug einfängt gemäß der Überlieferung der Menschen, gemäß den Grundsätzen der Elementarmächte der Welt! 13 Gott hat euch mit ihm zusammen lebendig gemacht und verzeiht uns die Übertretungen. 16 So lasst euch von niemand richten sei es wegen Speise sei es wegen Trank oder wegen eines Festes, ob Neumond oder Sabbate, 17 die nur ein Schatten der künftigen Dinge sind, der Körper aber ist Christus. 18 Lasst euch von niemand um den Kampfpreis bringen, indem er Demut und Engelverehrung vorgibt, sich in das vertieft, was er nicht gesehen hat. 19 Er hält nicht fest am Haupt. 20 Warum lasst ihr euch auferlegen: 21 Rühre nicht an, koste nicht! 22 Gebote und Lehren der Menschen sind es. 23 Diese Dinge haben zwar einen Anschein von Weisheit in selbstgewähltem Gottesdienst und Demut und Nichtschonen des Leibes, sind aber von keinem Wert zur Befriedigung des Fleisches. 3,3 Unser Leben ist nämlich verborgen mit Christus in Gott. 4 Wenn aber Christus, unser Leben, offenbar wird, dann werden auch wir mit Christus in Gott offenbar werden in Herrlichkeit, 9 denn ihr habt den alten Menschen ausgezogen 10 und habt den neuen Menschen angezogen. An die Kolosser 831 <?page no="832"?> An die Philipper Die Philipper selbst sind Makedonier. Nachdem sie einst das Wort der Wahr‐ heit angenommen hatten, verharrten sie im Glauben und empfingen keine Falschapostel. Dies lobt der Apostel, indem er ihnen durch Epaphroditus vom Gefängnis in Rom aus schreibt. 1,1 Paulus, Apostel Christi Jesu, an alle in Philippi. 2 Gnade und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus! 12 Brüder und Schwestern, ich will euch wissen lassen, dass meine Lage sich weiter zum Fortschritt des Evangeliums entwickelt hat, 14 sodass die durch meine Fesseln Ermutigten es desto kühner wagen, das Wort ohne Furcht zu reden. 15 Einige zwar predigen Christus auch aus Neid und Streit, andere aber aus guter Gesinnung. 16 Viele verkünden Christus aus Liebe, 17 andere aber aus Eigennutz, nicht lauter. 18 Jedenfalls wird Christus verkündigt, sei es aus Vorwand oder in Wahrheit, und darüber freue ich mich. 23 Ich habe das Verlangen, zurückzukommen und bei Christus zu sein, 2,6 der in der Gestalt Gottes war, es aber nicht für einen Raub hielt, Gott gleich zu sein, 7 sondern sich selbst entäußerte und die Gestalt eines Sklaven annahm in der Ähnlichkeit und dem Äußeren des Menschen, erfunden ein Mensch. 8 Er erniedrigte sich und wurde gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. 3,3 Wir sind die Beschneidung, die sich rühmen im Fleisch, 5 beschnitten, vom Stamm Benjamin, Hebräer von Hebräern, ein Pharisäer. 7 Was mir ein Gewinn war, das habe ich um Christus willen für Verlust gehalten 8 um der Erkenntnis Christi, die alles überragt, und halte es für Dreck, 9 indem ich nicht meine eigene Gerechtigkeit haben will, die aus dem Gesetz kommt, sondern die durch ihn, diejenige, die aus Gott hervorgeht. 20 Denn unser Bürgerrecht ist in den Himmeln, von woher wir Christus erwarten, 21 der den Leib unserer Niedrigkeit umgestalten wird in die Gleichgestalt seines verherrlichten Leibes. An Philemon Er verfasst freundschaftliche Worte an Philemon bezüglich seines Dieners Onesimus. Doch er schreibt ihm von Rom aus dem Gefängnis. 1,1 Paulus, Gefangener Christi Jesu, an Philemon. 3 Gnade und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus! 9 Um der Liebe willen 10 bitte ich dich für mein Kind, das ich gezeugt habe in meinen Fesseln, Onesimus, 11 der dir einst unnütz war, jetzt aber ist er mir nützlich, 12 den ich wieder zurückschicke. 13 Ich wollte ihn bei mir behalten, 832 Appendix 2: Die Übersetzung der ältesten Sammlung paulinischer Briefe <?page no="833"?> damit er mir an deiner Stelle diene in den Fesseln des Evangeliums. 15 Vielleicht wurde er nämlich deshalb eine Zeit von dir getrennt, damit du ihn auf ewig zurückhättest. 22 Bereite eine Herberge für mich, denn ich hoffe, dass ich durch eure Gebete euch geschenkt werde. An Philemon 833 <?page no="835"?> Appendix 3: Addenda et Corrigenda Concordance of the Precanonical and Canonical New Testament Aufgrund der vorliegenden Rekonstruktion sich ergebende Änderungen, Er‐ gänzungen und Korrekturen der in TANZ veröffentlichten Concordance of the Precanonical and Canonical New Testament: Ἀαρών In row four instead of Heb 5: 14 read: Heb 5: 4 *ἀγαπάω Third row, add: *Laod 1: 6 *ἁγιασμός In third row, add: *1 Thes 4: 7 *ἀγνοέω In third row, add: *Rom 10: 3 ἄζυμος (as the feast) Differentiate between the feast and the adjective, for the feast in the second row: 7; in the fourth row: for example in Lk 22: 7, where we find in the parallel verse in *Ev τοῦ πάσχα, and overall in Mt 26: 17; Mk 14: 1, 12; Lk 22: 1, 7; Acts 12: 3; 20: 6 *ἄζυμος (as adjective) For the adjective in the second row: 2, in the third row: *1 Cor 5: 7, 8; in the fourth row: 1 Cor 5: 7, 8 αἰνέω In row four instead of Acts 2: 47; 38: 9 read: Acts 2: 47; 3: 8, 9 αἰτία In row four after Lk 8: 47; insert: Joh αἰτίωμα This entry ended up in the Concordance twice - delete the first one *αἰών Third row, add: *Gal 1: 4 *ἀκούω Third row, add: *Col 1: 5 ἀλαλάζω Add this lemma; second row, add: 2; fourth row add: Mk 5: 38; 1 Cor 13: 1 ἀναλαμβάνω Fourth row, change Mt for Mk *ἀλήθεια Third row instead of *Gal 2: 15 write: *Gal 2: 14; to *Laod 1: 13 and add; *6: 14; *Phil 1: 18; *Col 1: 5; *2 Thes 2: 10, 11, 12 *ἀλληγορέω Should be noted with * and also noted in the third row for *Gal 4: 24 *ἁμαρτία In third row, add: *Gal 1: 4 *ἀναβαίνω Add to the third row: *Laod 4: 10 <?page no="836"?> ἀναπαύω Fourth row instead of 2 Cor 7: 13; 16: 18 read: 1 Cor 16: 18; 2 Cor 7: 13 *ἀνάστασις In third row, add: *1 Cor 15: 1 *ἀνόητος This lemma should be bold; third row, add: *Gal 3: 1 *ἀπείθεια This lemma should carry a *; third row, add: *Laod 2: 2 *ἀπέρχομαι Row three instead of 22: 7 read 22: 8; fourth row after „and in“ add: Gal 1: 17 and; and at the end add: and overall Mt 2: 22; 4: 24; 5: 30; 8: 18, 19, 21, 31, 32, 33; 9: 7; 10: 5; 13: 25, 28, 46; 14: 15, 16, 25; 16: 4, 21; 18: 30; 19: 22; 20: 5; 21: 29, 30; 22: 5, 22; 25: 10, 18, 25, 46; 26: 36, 42, 44; 27: 5, 60; 28: 8, 10; Mk 1: 20, 35, 42; 3: 13; 5: 17, 20, 24; 6: 28, 32, 36, 37, 46; 7: 24, 30; 8: 13; 9: 43; 10: 22; 11: 4; 12: 12; 14: 10, 12, 39; 16: 13; Lk 1: 23, 38; 2: 15; 5: 13, 14, 25; 7: 24; 8: 31, 37, 39; 9: 12, 57, 59, 60; 10: 30; 17: 23; 19: 32; 22: 4, 13; 23: 33; 24: 12, 24; Jn 4: 3, 8, 28, 43, 47; 5: 15; 6: 1, 22, 66, 68; 7: 53; 9: 7, 11; 10: 40; 11: 28, 46, 54; 12: 19, 36; 16: 7; 18: 6; 20: 10; Acts 4: 15; 5: 26; 9: 17; 10: 7; 16: 39; 23: 32; 28: 29; Rom 15: 28; Gal 1: 17; Jas 1: 24; Jud 1: 17; Rev 9: 12; 10: 9; 11: 14; 12: 17; 16: 2; 18: 14; 21: 1, 4 ἀποδείκνυμι Should be noted without *, third row take off: *2 Cor 2: 4 ἀποκαταλλάσσω Third row instead of Col 1: 20 read: Col 1: 20, 22 and fourth row instead of Col 1: 20, 21 read: Col 1: 20, 22 *ἀπολαμβάνω The lemma should carry an *, third row, add: *1 Cor 15: 38 Ἀπολλῶς The lemma should not carry an * and the third row should be empty *ἀπολογέομαι Should be noted with * and add to the third row: -*Ev 21: 14 (Tertullian: responderi) *ἀπόστολος Third row, take off *Gal 1: 17, but add *1 Cor 12: 28 *ἄρα Third row, add: *Gal 6: 10 *ἀρχή Row three delete: *Col 1: 16; fourth row instead of Lk 1: 21 read: Lk 1: 2 Ἄρχιππος Fourth row, instead of Phlm 4: 2, write Phlm 1: 2 *ἄφοβος This lemma should carry an *; third row, add: *Phil 1: 14 *ἀφορίζω Should be noted with * and add to the third row: *Gal 1: 15 *βαπτίζω The lemma should be bold; third row add: *1 Cor 15: 29 (in the sense of cleansing) *βάπτισμα Fourth row, instead of Col 2: 2 read: Col 2: 12 *βασιλεύω Third row add: *Rom 5: 21 836 Appendix 3 <?page no="837"?> *βασκαίνω This lemma should carry an *; third row, add: *Gal 3,1 *βρῶμα The lemma should not be bold, third row take off: *Ev 9: 13 *Γαλάται This lemma should carry an *; third row, add: *Gal 1: 2; 3: 1 *γάμος This lemma should be bold, third row add: *1Kor 7: 1 *γνωρίζω Third row to *Laod 3: 10 add: ; 6: 19 γογγύζω Should not be noted with * and take off in the third row: * 1 Cor 10: 10 *δέομαι Add this lemma, in third row, write: *Ev 9: 40, in fourth row, write: in Lk 5: 12, where this part of the verse in *Ev is missing; 8,38; 22,32, in verses that are missing in *Ev; and overall in Mt 9: 38; Lk 5: 12; 8: 28; 8: 38; 9: 38, 40; 10: 2; 21: 36; 22: 32; Acts 4: 31; 8: 22, 24, 34; 10: 2; 17: 25; 21: 39; 26: 3; Rom 1: 10; 2 Cor 5: 20; 8: 4; 10: 2; Gal 4: 12; 1 Thes 3: 10 Δημᾶς Fourth row, instead of Col 4: 4, write: Col 4: 14 δειπνέω Fourth row, instead of Lk-… 22: 20, 46, write: Lk-… 22: 20 *δεσμός Third row, take off: *Phil 1: 13 διαλέγω Fourth row, instead of Acts 17: 2, 7, write: Acts 17: 2, 17 *διαθήκη In row three, add: *2 Cor 3: 3 *διδάσκω In third row, delete: *Ev 4: 31; 20: 1, 21 διδαχή Should not be noted with *; third row take off the entry *δίδωμι In third row, add: *Gal 1: 4 *δικαιοσύνη Third row, add: *Laod 6: 14 διακρίνω Fourth row, add: Mt 16,3; 21,21; Mk 11,23 *διώκω Third row, instead of *Gal 6: 21, write: *Gal 6: 12 *ἑαυτοῦ In third row, add: *Gal 1: 4 *ἔθνος Third row, instead of *Gal 2: 9, write: *Gal 1: 16; 2: 9 *εἰδωλόθυτος Third row, instead of *1 Cor 8: 1, write: *1 Cor 8: 4 • ἐστε/ ἔστε Third row, add: 1 Cor 10: 7; Rom 12: 16 *ἐκ Third row, add: *Gal 1: 4 *ἕκαστος Third row, take off: *1 Cor 3: 13 *ἐκγαμίζω The lemma should not be bold; in row three take off: *1 Cor 7: 38 Appendix 3 837 <?page no="838"?> *ἐκμυκτηρίζω Third row, instead of * Lk, write: *Ev *ἐκδίκησις Third row, take off: *Rom 12,19 *ἐλευθερόω The lemma should carry an *; in row three add: *Gal 5: 1; in row four add: Gal 5: 1 *ἐνδύω Third row, add: *Col 3: 10 *ἐνέργεια Third row, take off: *Laod 1: 19 *ἐνίστημι Third row, add: *Gal 1: 4 *ἐνοικέω Should be noted with * and add to the third row: *1 Cor 3: 16 ἐντροπή The lemma should not carry an *; third row take off: *1 Cor 15: 34 *ἐνώπιος The lemma should not be bold, in third row take off: *1 Cor 1: 29; *Ev 16: 15 *ἐξαιρέω The lemma should carry an *, third row add: *Gal 1: 4 *ἐξαπατάω The lemma should carry an *, third row add: *Rom 7: 11 *ἐξεγείρω The lemma should carry an *, third row add: *1 Cor 6: 13 *ἔξειμι The lemma should carry an *, third row add: *2 Cor 12: 4, fourth row add: 2 Cor 12: 4 *ἐπίγειος Add this lemma; second row: 7; third row: *1 Cor 15: 40; *2 Cor 5: 1; fourth row: Jn 3: 12; 1 Cor 15: 40; 2 Cor 5: 1; Phil 2: 10; 3: 19; Jam 3: 15 ἐπίσταμαι Fourth row in Acts, instead of 2: 26, write: 26: 26; instead of Jas 4: 4, write: Jas 4: 14 *ἐριθεία Add in fourth row: Rom 2,8; Phil 2: 3 *ἔστω In row two write: 14 instead of 13; in row three, write: *Gal 1: 9 instead of *Gal 1: 8 *ἔσχατος In row three, take off: *1 Cor 4: 9 *εὐαγγελίζομαι In row three instead of *Gal 1: 9 write: *Gal 1: 9, 16 *εὐδοκέω In row three add: *Gal 1: 15 *εὐλογία The lemma should carry an *; third row, add: *Gal 3: 14 *εὐχαριστέω The lemma should carry an *; third row, add: *Ev 10,21; fourth row instead of Phil 1: 3, 4Col 1: 3, write: Phil 1: 3, 4; Col 1: 3 *εὐωδία This lemma should carry an *; third row, add: *Laod 5: 2 *ζάω Third row, add: *Gal 3: 12 838 Appendix 3 <?page no="839"?> *ζωοποιέω Third row, add: *1 Cor 15: 36 *ἤ Third row, delete: *1 Cor 9: 8; Rom 11: 34 *θώραξ This lemma should carry an *; third row, add: *Laod 6: 14 ἰάομαι Fourth row amongst Lk delete: 12: 40 and change Lk 6: 17 to Lk 6: 18 *ἱερόθυτος Add in third row: *1 Cor 10: 19 Ἰλλυρικόν Instead of the lemma Ἰλλυριοί, write: Ἰλλυρικόν *Ἰουδαῖος Add to third row: *1 Cor 15: 20; *Rom 2: 29 *Ἰουδαϊσμός Should be noted with * and add to the third row: *Gal 1: 13, 14 *καθίζω In third row, delete: *1 Cor 6: 4 *καινός In third row, add: *2 Cor 3: 3 *καιρός In third row, add: *Laod 1: 10 *κακός Add to third row: *2 Cor 5: 10 *καλέω No longer bold, as in row 3 one has to take off: *Gal 1: 6 *καρδία Add to the third row: *1 Cor 4: 5; *Rom 2: 29; *Laod 1: 18 *καταβαίνω This lemma should be bold, third row, add: *Laod 4: 10 *κέντρον In third row, delete: *1Cor 15: 56 *κερδαίνω Should be noted with * and add in third row: *1 Cor 9: 20 *κηρύσσω In third row, delete: *Rom 2: 21, but add: *Phil 1: 15 κινδυνεύω This lemma should not be noted with *. Third row take off both entries *κλέπτω This lemma should be bold, third row, add: *Rom 13: 9 *κληρονομέω Add to the third row: *Ev 10: 25 (? ); 18: 18 (? ); *κληρονομία Fourth row, add: Rom 11: 1 *κλῆσις This lemma should carry a *; third row, add: *Laod 1: 18 κοινωνία Change 2 Cor 13: 14 to: 2 Cor 13: 13 *κρίνω Third row: correct *1 Cor 11: 31 to: *1 Cor 11: 32 *κρύπτω This lemma should be printed in bold. Third row, add: *Kol 3: 3 *κτάομαι Add to the fourth row: 1 Thes 4: 4 *κύριος In third row, take off: *1 Cor 1: 31; 11: 23; *1 Thes 4: 15 Appendix 3 839 <?page no="840"?> *λαλέω In third row, add: *Laod 5: 19 μακροθυμία In fourth row instead of 2 Pet 3: 15. 20, read: 1 Pet 3: 20; 2 Pet 3: 15 *μανθάνω Add to third row: 1 Cor 14: 35 μαρτυρέω This lemma should not be noted with *; third row, take off: *Rom 10: 2 μάχαιρα This lemma should not be noted with *; third row, take off: *Laod 6: 17 *μέσος This lemma should be printed in bold. Third row, add: *1 Cor 5: 2 μετάνοια In fourth row, first line, delete the entry of Lk 2: 17 *μετατίθημι This lemma should carry an *; third row, add: *Gal 1: 6 μήν (really) Add this lemma, in two add: 1, in fourth row: Heb 6: 14 *μήν (month) Replace the old lemma μήν with this one; in row two add: 18; in row three, add: *Gal 4,10; in row four add: Lk 1: 24, 26, 36, 56; 4: 25, in verses that are missing in *Ev, and overall in Lk 1: 24, 26, 36, 56; 4: 25; Acts 7: 20; 18: 11; 19: 8; 20: 3; 28: 11; Gal 4: 10; Jas 5: 17; Rev 9: 5, 10, 15; 11: 2; 13: 5; 22: 2 *μισέω Third row, add: *Rom 12: 9 *μνημονεύω Third row, add: *Laod 2: 11 *μοιχεύω This lemma should be bold: Third row, add: *Rom 13: 9 *μυστήριον Third row, add: *Laod 6: 19 *ναός Third row, add: *1 Cor 6: 13 *νῖκος Third row, add: *1 Cor 15: 54 *ὀλέθριος Add this lemma, third row, add: *2 Thes 1: 9 *ὄλεθρος Third row, delete: *2 Thes 1: 9 *ὅπως In third row, add: *Gal 1: 4 *ὀσμή This lemma should carry an *, third row, add: *Laod 5: 2 *οὐράνιος This lemma should carry an *, third row, add: *1 Cor 15: 47 *οὐρανός this entry ended up in the Concordance twice - the second is the correct one, though one-might never have enough „heavens“ in any project *ὀφθαλμός Third row, add: *Laod 1: 18 *παιδίσκη In third row, instead of *Gal 4: 22. 30 write: *Gal 4: 22. 23. 30 840 Appendix 3 <?page no="841"?> *πάλιν This lemma should carry an *, third row, add: *1 Cor 3: 20 παντός (neut. Gen. Sg.) Should be noted with *. In first row, take off: mask.; add to third row: *Laod 1: 21; fourth row, take off: Mt 13: 19; Lk 8: 47; 20: 45; 24: 19; Acts 13: 10; 1 Cor 11: 3; 2 Cor 7: 1; 2 Thes 3: 6; Jud 1: 25 παντός (mask. Gen. Sg.) Add this new lemma; fourth row, add: Mt 13: 19; Lk 8: 47; 20: 45; 24: 19; Acts 13: 10; 1 Cor 11: 3; 2 Cor 7: 1; 2 Thes 3: 6; Jud 1: 25 περικεφάλαιος This lemma should not carry an *; third row, delete: *Laod 6: 17 * πληρόω In third row, take off: *Gal 5: 3 *πλήσιος In third row, add: *Rom 13: 9 *ποιέω In third row, add: *Gal 5: 3 *πόλεμος In fourth row, add: Lk 21: 9 *πονηρός In third row, add: *Gal 1: 4; *Laod 6: 16 πορθέω In fourth row, write instead of Gal 1: 23 write: Gal 1: 13, 23 προορίζω Should not be noted with *, third row, take off: *1 Cor 2: 7 *προφήτης Fourth row, instead of Mt 1: 2, write: Mk 1: 2 *πυρόω Third row, instead of *Laod 6: 15, write: *Laod 6: 16 *ῥῆμα Third row, take off: *Laod 6: 17 *ῥύομαι This lemma should be bold, third row, add: *Rom 7: 24 *Σατάν Third row, add: *2 Thes 2: 9 *σῖτος Schould be noted with *, third row, add: *1 Cor 15: 37 *σοφία In third row, add: *1 Cor 12: 8 *σύμβουλος In third row, add: *1 Cor 2: 16 συνείδησις In fourth row, add: 1 Cor 8: 7 *σῴζω In third row, add: * 1 Cor 9: 22 *σωτήρ This lemma should carry an *; third row, add: *1Thes 5: 23 σωτήριος This lemma should not carry an *; third row, delete: *Laod 6: 17 *τέκνον In third row, add: *1 Cor 4: 14 *τούτῳ Should be noted with * and add to the third row: *Gal 4: 25 *ὑπάρχω In third row, add: *1 Cor 11: 7 *ὑπέρ In third row, add: *Gal 1: 4 Appendix 3 841 <?page no="842"?> *ὑποτάσσω In third row, add: *1 Cor 14: 34 *φεύγω Should be noted with * and add to the third row: *1 Cor 6: 18 *φονεύω This lemma should be bold, third row, add: Rom 13: 9 *φραγμός This lemma should not be bold, third row, delete: *Laod 2: 14. In fourth row, instead of Mk 21: 1, read: Mk 12: 1 *χάρισμα In third row, add: *1 Cor 12: 9 *χαριτόω This lemma should carry a *, third row, add: *Laod 1: 6 *χράω Should be noted with * and add to the third row: *1 Cor 9: 15 *ψαλμός In third row, take off: *1 Cor 14: 26 *ψεύδομαι In third row, instead of *1 Thes 2: 11 write: *2 Thes 2: 11 842 Appendix 3 <?page no="843"?> Bibliographie Aageson, J. W. (2004). “The Pastoral Epistles, Apostolic Authority, and the Development of the Pauline Scriptures.” In: The Pauline Canon. S. E. Porter (ed.) (Leiden): 5-26. Aageson, J. W. (2008). Paul, the Pastoral Epistles, and the Early Church (Peabody, Mass). Achtemeier, P. J. (1986). “An Elusive Unity: Paul, Acts, and the Early Church.” In: The Catholic Biblical Quarterly 48(1), 1-26. Agamben, G. (2015). Die Zeit, die bleibt. Ein Kommentar zum Römerbrief (Frankfurt am Main). Aland, B. 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Bartholomä The Johannine Discourses and the Teaching of Jesus in the Synoptics A Contribution to the Discussion Concerning the Authenticity of Jesus` Words in the Fourth Gospel 2012, 505 Seiten €[D] 78,- ISBN 978-3-7720-8457-7 <?page no="882"?> 58 Wichard von Heyden Doketismus und Inkarnation Die Entstehung zweier gegensätzlicher Modelle von Christologie 2014, 567 Seiten €[D] 88,- ISBN 978-3-7720-8524-6 59 Julian Petkov Altslavische Eschatologie Texte und Studien zur apokalyptischen Literatur in kirchenslavischer Überlieferung 2016, 495 Seiten €[D] 78,- ISBN 978-3-7720-8531-4 60 Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 1: Untersuchung || Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten 2020, 1480 Seiten €[D] 218,- ISBN 978-3-7720-8742-4 60/ 1 | 60/ 2 Matthias Klinghardt Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band I: Untersuchung | Band II: Rekonstruktion, Übersetzung, Varianten 2015, 1296 Seiten €[D] 198,- ISBN 978-3-7720-8549-9 60/ 1 Matthias Klinghardt Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 1: Untersuchung 2020, 543 Seiten €[D] 109,- ISBN 978-3-7720-8737-0 60/ 2 Matthias Klinghardt Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten 2020, 937 Seiten €[D] 149,- ISBN 978-3-7720-8741-7 61 Jan Heilmann, Matthias Klinghardt (Hrsg.) Das Neue Testament und sein Text im 2. Jahrhundert 2018, 322 Seiten €[D] 118,- ISBN 978-3-7720-8640-3 62 Nathanael Lüke Über die narrative Kohärenz zwischen Apostelgeschichte und Paulusbriefen 2019, 302 Seiten €[D] 98,- ISBN 978-3-7720-8677-9 63 Alexander Goldmann Über die Textgeschichte des Römerbriefs Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund 2020, 254 Seiten €[D] 98,- ISBN 978-3-7720-8709-7 64 Viktor Löwen Die zwölf Jünger Jesu Exegetische Untersuchungen zum Kreis der zwölf Jünger im Matthäusevangelium 2021, 656 Seiten €[D] 128,- ISBN 978-3-7720-8724-0 65 Jan-A. Bühner Jesus und die himmlische Welt Das Motiv der kultischen Mittlung zwischen Himmel und Erde im frühen Judentum und in der von Jesus ausgehenden Christologie 2020, 490 Seiten €[D] 98,- ISBN 978-3-7720-8725-7 66 Jan Heilmann Lesen in Antike und frühem Christentum Kulturgeschichtliche, philologische sowie kognitionswissenschaftliche Perspektiven und deren Bedeutung für die neutestamentliche Exegese 2021, 707 Seiten €[D] 128,- ISBN 978-3-7720-8729-5 <?page no="883"?> 67 Tobias Flemming Die Textgeschichte des Epheserbriefes Marcion änderte nichts: Eine grundlegend neue Perspektive auf den Laodicenerbrief 2022, 236 Seiten €[D] 88,- ISBN 978-3-7720-8738-7 68 Manuel Vogel (Hrsg.) Heiliger Krieg Religiöse Konzeptionen und Kontexte des Krieges im Alten Testament, im antiken Judentum und im frühen Christentum 2023, 300 Seiten €[D] 98,- ISBN 978-3-7720-8787-5 69 Matthias Klinghardt Mahl und Kanon Gesammelte Aufsätze zum 65. Geburtstag. Herausgegeben von Jan Heilmann und Kevin Künzl 2022, 508 Seiten €[D] 128,- ISBN 978-3-7720-8779-0 70 Markus Vinzent (Hrsg.) Concordance to the Precanonical and Canonical New Testament 2023, 320 Seiten €[D] 118,- ISBN 978-3-381-10601-1 71 Aaron Graser Das Fremdzeugnis für Jesus Untersuchung der narrativen Darstellung des Zeugnisgebens für Jesus im Johannesevangelium 2024, 429 Seiten €[D] 118,- ISBN 978-3-381-11001-8 72/ 1 | 72/ 2 | 72/ 3 Markus Vinzent Die älteste Sammlung paulinischer Briefe und die Entstehung der kanonischen Paulusbriefsammlung Teil I: Untersuchung | Teil II: Rekonstruktion-- Übersetzung | Teil III: Rekonstruktion - Übersetzung 2025, 2296 Seiten €[D] 420,- ISBN 978-3-381-12691-0 72/ 1 Markus Vinzent Die älteste Sammlung paulinischer Briefe und die Entstehung der kanonischen Paulusbriefsammlung Teil I: Untersuchung 2025, 880 Seiten €[D] 209,- ISBN 978-3-381-12561-6 72/ 2 Markus Vinzent Die älteste Sammlung paulinischer Briefe und die Entstehung der kanonischen Paulusbriefsammlung Teil II: Rekonstruktion - Übersetzung 2025, 734 Seiten €[D] 139,- ISBN 978-3-381-12571-5 72/ 3 Markus Vinzent Die älteste Sammlung paulinischer Briefe und die Entstehung der kanonischen Paulusbriefsammlung Teil III: Rekonstruktion - Übersetzung 2025, 682 Seiten €[D] 129,- ISBN 978-3-381-14211-8 <?page no="884"?> ISBN 978-3-381-12561-6 www.narr.de T A N Z T A N Z T A N Z TEXTE UND ARBEITEN ZUM NEUTESTAMENTLICHEN ZEITALTER Für die Anfänge des Christentums sind lediglich zwei Sammlungen christlicher Texte bekannt, die als „Neues Testament“ bezeichnet wurden - eine vor der Mi e des 2. Jh.s entstandene, die von Markion von Sinope veranstaltet wurde, und die uns bekannte des später kanonischen Neuen Testaments, die aus der Zeit um Irenäus von Lyon gegen Ende des 2. Jh.s zusammengebracht wurde. Der griechische Text der 10-Briefe Sammlung des Paulus, die von den Kirchenvätern dem „Neuen Testament“ des Markion von Sinope zugeordnet wird, wird hier erstmals rekonstruiert. In Teil I der detaillierten Einleitung wird diese Sammlung gegenüber der 14-Briefe-Sammlung des Paulus, die sich im kanonischen Neuen Testament findet, als die ältere erwiesen und in ihrer Sprache und ihrem Inhalt mit der jüngeren verglichen. Markus Vinzent Die älteste Sammlung paulinischer Briefe und die Entstehung der kanonischen Paulusbriefsammlung Teil I Markus Vinzent Die älteste Sammlung paulinischer Briefe und die Entstehung der kanonischen Paulusbriefsammlung Teil I: Untersuchung
